eJournals ZNT – Zeitschrift für Neues Testament28/55

ZNT – Zeitschrift für Neues Testament
znt
1435-2249
2941-0924
Francke Verlag Tübingen
10.24053/ZNT-2025-0003
znt2855/znt2855.pdf1215
2025
2855 Dronsch Strecker Vogel

Der Paradigma des Urtextes in der neutestamentlichen Forschung

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Jan Heilmann
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1 Holger Strutwolf, Art. Bibeltext/ Textkritik (NT), in WiBiLex 2024 (https: / / bibelwissen schaft.de/ stichwort/ 49996/ ; letzter Zugriff am 20.1.2025). 2 DWDS-Verlaufskurve für „Grundtext“, erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deut‐ schen Sprache, https: / / www.dwds.de/ r/ plot/ ? view=1&corpus=dta%2Bdwds&norm=dat e%2Bclass&smooth=spline&genres=0&grand=1&slice=10&prune=0&window=3&wba se=0&logavg=0&logscale=0&xrange=1600%3A1999&q1=Grundtext (letzter Zugriff am 23.1.2025); DWDS-Verlaufskurve für „Urtext“, erstellt durch das Digitale Wörter‐ buch der deutschen Sprache, https: / / www.dwds.de/ r/ plot/ ? view=1&corpus=dta%2B dwds&norm=date%2Bclass&smooth=spline&genres=0&grand=1&slice=10&prune=0& window=3&wbase=0&logavg=0&logscale=0&xrange=1600%3A1999&q1=Urtext (letz‐ ter Zugriff am 23.1.2025). Das Paradigma des Urtextes in der neutestamentlichen Forschung Jan Heilmann Die traditionelle Aufgabe der Textkritik ist es, den Urtext zu rekonstruieren - oder präziser formuliert: die älteste erreichbare Textstufe des griechi‐ schen Neuen Testaments aus der auf uns gekommenen Überlieferung zu erschließen. 1 Das Ziel der Rekonstruktion des Urtextes ist im wahrsten Sinne des Wortes das grundlegendste Paradigma in der ntl. Wissenschaft - es leitet die Methodik, die den Gegenstand des Fachs konstituiert. Der Begriff des Urtextes entsteht mit dem Beginn der Romantik und löst über den Verlauf des 19. Jh. den Begriff des Grundtextes ab, wie eine Frequenzanalyse der beiden Lexeme im DWDS anschaulich zeigt. 2 Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 3 Vgl. Art. „Grundtext, m.“, Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Huma‐ nities, Version 01/ 23 (https: / / www.woerterbuchnetz.de/ DWB? lemid=G31297; letzter Zugriff am 25.01.2025). 4 Johann Wolfgang Goethe, Faust. Der Tragödie erster und zweiter Teil. Urfaust, hg.-u.-kommentiert v.-Erich Trunz, München- 16 1996, 44. 5 Gottfried Herder, VI. Homer, ein Günstling der Zeit, in: Die Horen 9 (1795), 53-88, hier-62. Hervorhebung im Original. Abb. 1: DWDS-Verlaufskurve für „Grundtext · Urtext Als Grundtext wird seit dem 16. Jh v. a. der Text bezeichnet, der einer Überset‐ zung zugrunde lag, also das „Original“, das z. B. nicht richtig übersetzt worden wäre oder das aus Interesse konsultiert wird, um sich einem Text nicht nur über die Übersetzung zu nähern; 3 in letzterem Sinne auch Goethes Faust, den es drängt „den Grundtext aufzuschlagen | Mit redlichem Gefühl einmal | Das heilige Original | In mein geliebtes Deutsch zu übertragen“ (Vv. 1220-1123). 4 Das Lexem Urtext ist dagegen erstmals-1795 in einem Beitrag Herders mit dem Titel „Homer, ein Günstling der Zeit“ belegt. Ausgehend von seinem Modell zur Entstehung der homerischen Epen im Kontext mündlicher Performanz formuliert er dort „wer also an einen Urtext Homers, wie er aus seinem Munde floß, glauben kann, der glaubt viel“ 5 und fasst damit seine Argumentation gegen die Auffassung zusammen, es habe einen Urtext gegeben, der auf einen Dichter Homer zurückginge. Im Gegensatz zum Grundtext wird hier deutlich, dass Herder „Urtext“ hier nicht primär in Relation zu Übersetzungen verwendet, sondern in Relation zur griechischen Textüberlieferung, freilich im negativ abgrenzenden Sinne als eine ideale Größe, die es nie gegeben hätte. Im 19. Jh. wird das Lexem dann sowohl synonym zum Grundtext als „ursprachliche“ Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 48 Jan Heilmann 6 Vgl. Art. „Urtext, m.“, Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/ 23, (https: / / www.woerterbuchnetz.de/ DWB? lemid=U14790; letzter Zugriff am 25.01.2025). 7 Vgl. Oliver Primavesi/ Anna Kathrin Bleuler, Einleitung. Lachmanns Programm einer historischen Textkritik und seine Wirkung, in: Anna Kathrin Bleuler/ Oliver Primavesi (Hg.), Lachmanns Erbe. Editionsmethoden in klassischer Philologie und germanisti‐ scher Mediävistik, Berlin-2022, 9-107, hier-9-16. 8 Vgl. Primavesi/ Bleuler, Lachmanns Programm (s. Anm. 7), 11-14, mit Verweis auf Sebastiano Timpanaro, The Genesis of Lachmann’s Method, hg. u. übers. v. Glenn W.-Most, Chicago/ London 2005 und Warnung vor der älteren deutschen Übersetzung von 1971, und auf Giovanni Fiesoli, La genesi del Lachmannismo (Millenio Medie‐ vale-19), Florenz-2000. 9 Primavesi/ Bleuler, Lachmanns Programm (s.-Anm.-7), 13. Vorlage der Übersetzung verwendet als auch, analog zur Verwendung bei Herder, in den Diskurs der entstehenden Textkritik aufgenommen. 6 1. Das Urtextparadigma und die Textkritik des 19.-Jahrhunderts Zentral für die Ausbildung der klassischen textkritischen Methode sind die Arbeiten von Karl Lachmann in der ersten Hälfte des 19. Jh. Auch wenn häufig von der „Lachmannschen Methode“ gesprochen wird, um das klassische textkritische Verfahren der Rekonstruktion eines Archetyps auf der Basis der stemmatologischen Methode zu beschreiben, gibt es von Lachmann selbst keine systematische Beschreibung seines textkritischen Ansatzes. Vielmehr hat sich der systematisch-methodische Ansatz der klassischen Textkritik erst in der Rezeption Lachmanns entwickelt. 7 Die neuere Forschung hat gezeigt, dass Lachmann die sog. „Lachmann’sche Methode“ im strengen Sinne selbst gar nicht angewendet hat und er deshalb auch nicht als Erfinder derselben gelten kann. 8 Unbestritten stammt von Lachmann aber „die programmatische Forderung nach einer konsequent historisch verfahrenden Textkritik,“ einer „strenghistori‐ sche[n] Kritik,“ wie er selbst formuliert. 9 Sein textkritisches Programm geht aus seiner Editionstechnik und vereinzelten Ausführungen in den Vorworten seiner Editionen und seinen Schriften hervor. Lachmanns Programm enthält aber eindeutig die Zielstellung der Rekonstruktion eines Archetyps, von dem alle anderen Handschriften abstammen. Allerdings lässt Lachmann große methodi‐ sche Vorsicht walten in Bezug auf das Verhältnis zwischen dem Archetyp und den ursprünglichen und verlorenen Autographen der jeweiligen zu edierenden antiken Texte. Das wird z. B. deutlich im Vorwort zu seiner Ausgabe von Lukrez, in der er das Ziel definiert, den Archetyp aus dem 4./ 5. Jh. als älteste erreichbare Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 Das Paradigma des Urtextes in der neutestamentlichen Forschung 49 10 Karl Lachmann, In T. Lucretii Cari. De Rerum Natura. Libros Commentarius, Berlin 4 1882, 4-14. 11 Vgl. Karl Lachmann, Rechenschaft über seine Ausgabe des Neuen Testaments, in: ThStKr 3, (1830), 817-845, insb. 818-820. Zur Relativierung der Leistung Lachmanns in Bezug auf die neutestamentliche Textkritik, der eigentlich nur eine Forderung Richard Bentleys aufnahm, die dann erst mit Tischendorf verwirklicht wurde, vgl. Kurt Aland/ Barbara Aland, Der Text des Neuen Testaments. Einführung in die wissenschaftlichen Ausgaben sowie in Theorie und Praxis der modernen Textkritik, Stuttgart 2 1989, 21; Primavesi/ Bleuler, Lachmanns Programm (s.-Anm.-7), 27-41. 12 … ea librorum apostolicorum ratio, quae secundo saeculo vel maxime in usu erat, ple‐ rumque probabiliter restitui potest (Constantin von Tischendorf, Novum Testamentum Graece. Editio octava critica maior, Bd.-1, Leipzig-1896,-VII). 13 … ipsis primis rei Christianae temporibus a sincera apostolorum scriptura multifariam discessum sit … Tischendorf, Novum Testamentum Graece (s.-Anm.-12),-VII. Textfassung zu rekonstruieren. 10 Auch in seinem Rechenschaftsbericht über die Rekonstruktion des NT wird dies deutlich. Dieser Rechenschaftsbericht von 1830 ist sowohl dem Kampf gegen den textus receptus gewidmet als auch gegen Versuche, sich dem ursprünglichen Wortlaut der Autographen mittels philologischer Verbesserungen des Textes anzunähern. Auf der Grundlage sei‐ ner Skepsis gegenüber Versuchen, zu den Autographen vorzudringen, definiert er als methodisch sicheres Ziel, den ältesten erreichbaren Text im 4./ 5. Jh. zu rekonstruieren. 11 Optimistischer äußert sich Constantin von Tischendorf im Vorwort zum ers‐ ten Band der Editio octava critica maior von 1869. Er geht davon aus, dass auf der Grundlage der erhaltenen ältesten Textzeugen „jene Textform der apostolischen Bücher, die im zweiten Jahrhundert besonders in Gebrauch war, meistens mit Wahrscheinlichkeit wiederhergestellt werden“ 12 könnte. Dass diese jedoch für ihn nicht den ursprünglichen Text der Autographen repräsentiere wird deutlich, wenn er formuliert, „dass schon in den allerersten Zeiten des Christentums vielfach von der ursprünglichen Schrift der Apostel abgewichen wurde.“ 13 Wenn Tischendorf in diesem Zusammenhang formuliert, dass diese anzunehmenden Textveränderungen aber nicht mit Unredlichkeit (improbitas) oder List (dolus) verbunden gewesen sein wird, denkt er mutmaßlich an Schreibversehen und Korrekturen, nicht aber an (größere) redaktionelle Eingriffe in den Text. Brooke F.-Westcott und Fenton J.-A.-Hort gehen mit ihrer Ausgabe von-1881 noch einen Schritt weiter, die beansprucht, eine größtmögliche Annäherung an den Text der Autographen darzustellen. Dies wird schon aus dem Titel „The New Testament in the Original Greek“ deutlich. Das Ziel der Edition sei, „exactly the original words of the New Testament“ zu präsentieren, unter Verweis auf den methodischen Vorbehalt „so far as they can now be determinded Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 50 Jan Heilmann 14 Beide Zitate Brooke F. Westcott/ Fenton J. A. Hort (Hg.), The New Testament in the Original Greek, New York-1882,-1. 15 Vgl. Westcott/ Hort, New Testament (s.-Anm.-14), 66-70. 16 Vgl. Westcott/ Hort, New Testament, (s.-Anm.-14), 39-65. 17 Vgl. Westcott/ Hort, New Testament, (s.-Anm.-14), 271-290. 18 Vgl. z. B. Udo Schnelle, Einführung in die neutestamentliche Exegese, Göttingen 7 2008, 34 f.; Wilhelm Egger/ Peter Wick, Methodenlehre zum Neuen Testament. Biblische Texte selbständig auslegen, Freiburg 7 2011, 68-79. S. aber Stefan Schreiber, Der Text des Neuen Testaments, in: Martin Ebner/ Stefan Schreiber (Hg.), Einleitung in das Neue Testament, Stuttgart 3 2020, 54-69, die das unten zu besprechende Modell des Ausgangstextes über‐ nehmen; Sönke Finnern/ Jan Rüggemeier, Methoden der neutestamentlichen Exegese. Ein Lehr- und Arbeitsbuch, Tübingen 2016, 14, weisen auf die differenzierten Positionen in den Editionswissenschaften hin und konstatieren: „Innerhalb der Exegese zeigt sich hingegen ein weitgehend ungebrochenes Interesse am Urtext“, ohne dies weiter zu kommentieren. 19 Vgl. Eldon Jay Epp, The Multivalence of the Term „Original Text“ in New Testament Textual Criticism, in: HTR-92 (1999), 248-254. from surviving documents“. 14 In ihrer methodischen Reflexion unterscheiden sie zwischen einer „relativen“ und „absoluten“ Ursprünglichkeit und betonen, dass die textkritische Methode nur zu approximativen Antworten führen könne, deren Sicherheitsgrad je nach dokumentarischer Beweislage stark variiere. Eine absolute Sicherheit wäre nur dann möglich, wenn das Autographon selbst erhalten sei. Die Textkritik könne daher nur durch die Beseitigung von Fehlern den relativen Ursprung des Textes herstellen. Denn grundsätzlich könnten alle Handschriften an einer Stelle korrupt sein durch Fehler, die auf frühe Kopisten zurückgingen. 15 Trotz dieser methodischen Zurückhaltung sind sie wegen der guten Bezeugung des ntl. Textes, die durch Reinheitsmetaphorik hervorgeho‐ ben wird, und der Überzeugung der Leistungsfähigkeit ihrer genealogischen Methode 16 zuletzt aber sehr optimistisch, dass ihr rekonstruierter Text sich dem ursprünglichen Text der Apostel weitgehend annähert. 17 Diese differenzierten Positionen machen das breite Spektrum der Verhältnis‐ bestimmung des rekonstruierten Textes und der Autographen im 19. Jh. deutlich. Daneben gibt es aber gerade in der älteren textkritischen Handbuchliteratur die Tendenz, relativ unreflektiert die Rekonstruktion des Urtextes als Ziel der Textkritik zu definieren. (Auch in der ntl. Methoden- und Einleitungsliteratur wird zuweilen noch die Rekonstruktion des Urtextes als Ziel der Textkritik angegeben.) 18 In zahlreichen Handbüchern wird das Problem des Verhältnisses zwischen rekonstruiertem Text und Autographen allerdings gar nicht thema‐ tisiert. Diese Tendenz zieht sich bis in das 20. Jh. durch. 19 Im klassischen textkritischen Handbuch von Kurt und Barbara Aland findet sich lediglich die Einschätzung, dass die größere Fülle an auswertbaren Handschriften es möglich Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 Das Paradigma des Urtextes in der neutestamentlichen Forschung 51 20 Aland/ Aland, Text (s.-Anm.-11), 34. 21 Gleiches gilt schon für Bruce M. Metzger, The Text of the New Testament. Its Trans‐ mission, Corruption, and Restauration, Oxford 2 1968, der das Ziel der Rekonstruktion eines original text voraussetzt. 22 Vgl. ECM-IV,1, 11*. 23 Vgl. Gerd Mink, Problems of a Highly Contaminated Tradition: The New Testament. Stemmata of Variants as a Source of a Genealogy for Witnesses, in: Pieter van Reenen/ August den Hollander/ Margot van Mulken (Hg.), Studies in Stemmatology II. Amsterdam/ Philadelphia 2004,-13-85. 24 Mink, Problems (s.-Anm.-23), 25. gemacht habe, „daß wir heute im neuen Text dem Urtext des Neuen Testaments sehr viel näher gekommen sind“, 20 eine Definition, was unter „Urtext“ zu verstehen ist, fehlt jedoch. 21 2. Vom Urtext zum Ausgangstext („initial text“) - ein Paradigmenwechsel in der neutestamentlichen Textkritik? In den vergangenen Jahrzehnten hat es eine intensive Diskussion um die Kategorie des Urtextes/ original text gegeben. Diese Diskussion zeichnet sich durch eine Abkehr vom Urtext aus, der durch den Ausgangstext/ initial text als Ziel der Textkritik ersetzt wird. Diesem Ziel ist auch das große Editionsprojekt der Editio Critica Maior verpflichtet. 22 Die Kategorie des Ausgangstextes wurde maßgeblich von Gerd Mink im Zuge der Entwicklung der Coherence-Based Genealogical Method (CBGM) geprägt. 23 Mink definiert den Ausgangstext als hypothetischen Text, der am Beginn der handschriftlichen Überlieferung gestanden hat. Im Rahmen der CBMG fungiert er als hypothetischer Textzeuge A, von dem sich die erhaltene Überlieferung ableitet und die für jede Stelle mit Varianten als lokales Stemma dargestellt wird. Dabei betont Mink: The initial text is not identical with the original, the text of the author. Between the autograph and the initial text considerable changes may have taken place which may not have left a single trace in the surviving textual tradition. Even if this is not the case, differences between the original and the initial text must be taken into account. 24 D. h. Mink konzediert, dass zwischen den Autographen und dem Ausgangstext durchaus substantielle Veränderungen am Text vorgenommen worden sein könnten, die in der erhaltenen Überlieferung keine Spuren hinterlassen haben. Der Ausgangstext repräsentiert damit die älteste rekonstruierbare Textform und nicht notwendigerweise den Text des Autors. Mink diskutiert drei mögliche Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 52 Jan Heilmann 25 Vgl. Mink, Problems (s.-Anm.-23), 25-27. 26 Vgl. Michael William Holmes, From „Original Text“ to „Initial Text“. The Traditional Goal of New Testament Textual Criticism in Contemporary Discussion, in: Bart D. Ehr‐ man/ Michael William Holmes (Hg.), The Text of the New Testament in Contemporary Research. Essays on the Status Quaestionis (NTTSD-42), Leiden-2013, 637-688. 27 Holmes, „Original Text“ (s.-Anm.-26), 659. S.-v.-a.-Anm.-85. 28 Holger Strutwolf, Original Text and Textual History, in: Klaus Wachtel/ Michael William Holmes (Hg.), The Textual History of the Greek New Testament. Changing Views in Contemporary Research (SBLTCS-8), Leiden-2011, 41. Szenarien für das Verhältnis von Autographen und Ausgangstext: Die einfachste Arbeitshypothese wäre die a) weitgehende Identität von Autograph und Aus‐ gangstext, wobei lediglich mit unvermeidlichen Schreibfehlern zu rechnen sei. Eine zweite Möglichkeit bestünde b) in der Annahme einer Redaktion zwischen dem Autographen und dem Ausgangstext, bei dem etwa mehrere Schriften zu einem Werk zusammengefügt worden sein könnten. Als dritte Option erwägt Mink c) die Existenz mehrerer Ausgangstexte, die sogar auf verschiedene Auto‐ graphen zurückgingen, etwa wenn ein Autor mehrere Versionen seines Werkes herausgegeben habe. 25 In der weiteren Diskussion wird deutlich, dass sich die Mehrheit der ntl. Textkritik für die erste Hypothese entscheidet und von einer weitgehenden Identität des Ausgangstextes mit den Autographen ausgeht. So kritisiert Michael Holmes zwar die Idee eines idealen Originals und weist die Möglichkeit zurück, den Urtext vollständig im Sinne der Autographen zu rekonstruieren. Das Ziel der Textkritik sollte stattdessen die Rekonstruktion des earliest transmitted text (Ausgangstext) sein, der als empirisch fundiertes und methodisch reflek‐ tiertes Konzept aufzufassen sei, das die Realitäten antiker Buchproduktion und -distribution berücksichtige. 26 Sein Beispiel verdeutlicht dann aber, dass er dabei zuletzt doch an das konkrete Schriftstück denkt, das - im Falle der Briefliteratur - an die jeweilige Gemeinde geschickt wurde: „it is logical and appropriate to speak of the text of that specific material object (the letter in the form in which it was sent to Rome) as the ‚earliest transmitted text‘ of the letter Paul sent to Rome.“ 27 Auch Holger Strutwolf geht davon aus, dass der in Münster rekonstruierte Ausgangstext überwiegend „a valid and stable hypothesis about the original text“ 28 sei. Solange es keine Hinweise auf einen radikalen Bruch in der Textüberlieferung zwischen den Autographen und dem Ausgangstext gäbe, sei der auf der Basis der ntl. Handschriftenüberlieferung rekonstruierte Archetyp die beste Hypothese über den Urtext. In diesem Zusammenhang betont er explizit das theologische und historische Interesse: „we want to know what Paul really wrote to the Romans and what was the original form of the Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 Das Paradigma des Urtextes in der neutestamentlichen Forschung 53 29 Strutwolf, Original Text (s.-Anm.-28), 41 30 Vgl. Strutwolf, Original Text (s.-Anm.-28), 41. 31 Barbara Aland, Die Münsteraner Arbeit am Text des Neuen Testaments und ihr Beitrag für die frühe Überlieferung des 2. Jahrhunderts. Eine methodologische Betrachtung, in: William L. Petersen (Hg.), Gospel Traditions in the Second Century. Origins, Recensions, Text, and Transmission (CJAn 3), Notre Dame/ London 1989, 55-70, hier: 68. Siehe aber genau die gegenteilige Formulierung in Barbara Aland, Neutestamentliche Textforschung, eine philologische, historische und theologische Aufgabe, in: Friedrich Wilhelm Horn (Hg.), Bilanz und Perspektiven gegenwärtiger Auslegung des Neuen Testaments, Berlin-1995, 7-29, hier: -26. Gospel of Luke.” 29 Auch wenn es mit Schwierigkeiten behaftet sei, solle daher das Ziel der Textkritik darin bestehen, soweit zu den Wurzeln zurückzugehen wie möglich. 30 Vergleicht man diese Positionen mit den differenzierten textkritischen Positi‐ onen im 19. Jh. wird deutlich, dass hier keinesfalls von einem Paradigmenwech‐ sel gesprochen werden kann. Vielmehr grenzt man sich von einer einseitigen Position zum Urtext ab, die v. a. in Handbüchern zu finden ist. Man ist zudem (ähnlich wie Westcott/ Hort) sehr viel optimistischer in Bezug auf die Repräsen‐ tation des rekonstruierbaren Textes als es z. B. Lachmann und Tischendorf waren, die als frühe Vertreter einer Ausgangstexthypothese zu sehen sind, und zwar eines Ausgangstextes, der nicht mit den Autographen übereinstimmt. Die Diskussion um die Frage nach der Rekonstruktion eines Urtextes oder Ausgangstextes erscheint aus dieser Perspektive eine müßige Diskussion um die Semantik der wissenschaftlichen Metasprache. Nicht geändert hat sich in der konkreten textkritischen Arbeit an der Rekonstruktion des Textes des NT für die gängigen historisch-kritischen Ausgaben die Suche nach dem einen Ursprung der Textüberlieferung und die daraus resultierende Logik der binären Unterscheidung zwischen der einen primären, d. h. ältesten, Lesart und der daraus erwachsenden sekundären Lesarten. An dieser Stelle ist jedoch noch einmal in Erinnerung zu rufen, dass Mink durchaus mit den Möglichkeiten rechnet, dass man auf der Grundlage des materiellen Befundes und mit den Methoden der CBMG gerade nicht zum Text der Autographen, d. h. der Einzelschriften zurückkommt, sondern am Beginn der Textüberlieferung b) redaktionell überarbeitete Sammlungen oder c) verschiedene Versionen der Texte stehen könnten. Und schon Barbara Aland hatte 1989 noch völlig zu Recht formuliert, „daß unsere Handschriften auf eine sehr frühe Ausgabe oder autorisierte Abschrift […] zurückgehen.“ 31 Denn der materielle Befund weist genau darauf hin. Am Anfang der Handschriftentransmission stehen edierte und redaktionell überarbeitete Sammlungseinheiten Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 54 Jan Heilmann 32 Vgl. grundlegend David Trobisch, Die Endredaktion des Neuen Testaments. Eine Un‐ tersuchung zur Entstehung der christlichen Bibel (NTOA 31), Freiburg (Schweiz) 1996. Auch wenn Trobischs Position in Bezug auf die Sammlungseinheit Praxapostolos kontrovers diskutiert wird (vgl. Wolfgang Grünstäudl, Was lange währt… Die Katho‐ lischen Briefe und die Formung des neutestamentlichen Kanons, in: EC 7 (2016), 71-94; Wolfgang Grünstäudl, Geschätzt und bezweifelt. Der zweite Petrusbrief im kanongeschichtlichen Paradigmenstreit, in: Jan Heilmann/ Matthias Klinghardt (Hg.), Der Text des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (TANZ 61), Tübingen 2018, 57-88), ist der Befund für die Vierevangeliensammlung und die Paulusbriefsammlung eindeutig. Vgl. Jan Heilmann, Die These einer editio princeps des Neuen Testaments im Spiegel der Forschungsdiskussion der letzten zwei Jahrzehnte, in: Jan Heilmann/ Matthias Kling‐ hardt (Hg.), Text (s. o.), 21-56. Entgegen seiner eigenen vorsichtigen Schlussfolgerung belegt die Auswertung von Michael Dormandy, How the Books Became the Bible. The Evidence for Canon Formation from Work-Combinations in Manuscripts, in: TC 23 (2018), 1-39, eindrücklich die frühe Existenz der drei Teilsammlungen. Keine der auf‐ geführten Handschriften belegen eine frühe Einzelzirkulation der neutestamentlichen Schriften. 33 Vgl. zur weiteren Entwicklung der Diskussion um Parkers Modell H. A. G. Houghton (Hg.), Liturgy and the Living Text of the New Testament, Piscataway, NJ 2018. Für diesen Hinweis danke ich Markus Vinzent. 34 Vgl. David C. Parker, The Living Text of the Gospels. Cambridge/ New York 1997, 49-174. (Vierevangeliensammlung, 14-Briefe-Apostolos und „Praxapostolos“).  32 Daraus ergibt sich für die aktuellen textkritischen Editionsprojekte mit der leitenden Hypothese, der rekonstruierte Ausgangstext sei die beste Hypothese über den Text der von den jeweiligen Verfassern verantworteten Individualschriften, eine unauflösbare Spannung. Darauf wird unten zurückzukommen sein. 3. Das Paradigma des „living text“ und die New Philology In der textkritischen Diskussion ist daneben aber auch noch eine andere Perspektive auf die Textgeschichte zu finden. Diese wird prominent vertreten durch David Parker, der das Modell eines „lebendigen Textes“ prägt und die Rekonstruierbarkeit eines Urtextes in Frage stellt. 33 Ausgangspunkt seines Modells sind klassische textkritische Phänomene wie z. B. die Varianz des Markusschlusses, Varianten im Vater Unser und in den letzten drei Kapiteln des Lukasevangeliums, die pericope adulterae ( Joh 7,53-8,11) und die Textphä‐ nomene, die üblicherweise als „westlich“ bezeichnet werden. 34 Aus diesen Phä‐ nomenen größerer Textabweichungen, die die Handschriften zeigen, schließt Parker, dass die Textüberlieferung der Evangelien von einer erheblichen Freiheit und Dynamik geprägt ist. Er versteht die Varianz nicht als Abweichung von einem ursprünglichen Text, sondern als Ausdruck eines lebendigen Überliefe‐ Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 Das Paradigma des Urtextes in der neutestamentlichen Forschung 55 35 Vgl. Parker, Living Text (s.-Anm.-34), 209f. 36 Parker, Living text (s.-Anm.-34), 208. 37 Vgl. Parker, Living Text (s.-Anm.-34), 189-196. 38 Vgl. Parker, Living Text (s.-Anm.-34), 74.185-190. 39 Vgl. David C. Parker, Codex Bezae. An Early Christian Manuscript and its Text, Cambridge/ New York-1992. 40 Vgl. Parker, Living Text (s.-Anm.-34), 186f. 41 Parker, Living Text (s.-Anm.-34), 204. rungsprozesses. Für Parker sind die Handschriften daher nicht nur Träger einer dahinterliegenden Tradition, sondern sie konstituieren diese Tradition selbst. 35 In der Suche nach dem Urtext sieht Parker das gleiche problematische Erkenntnisinteresse, das in dem nicht erreichbaren Vorhaben steckt, hinter den vier Evangelien die ipsissima vox zu erschließen. 36 Parker versteht die Evangelien als Teil eines dynamischen Traditionsstroms aus mündlicher und schriftlicher Überlieferung, die sich gegenseitig beeinflusste. Die Idee eines fixierbaren, definitiven Textes, die hinter dem klassischen Ziel der Rekonstruk‐ tion eines einzigen Urtextes stehe, sei dagegen durch die medialen Bedingungen des Buchdrucks geprägt. 37 Er sieht darin angesichts der antiken medialen Bedingungen des chirographischen Zeitalters einen Anachronismus. Parker betont, dass die materiellen Bedingungen der antiken Schreibkultur konstitutiv sind für das Verständnis der Abweichungen in den Handschriften. In der Antike sei jede Handschrift ein Unikat und notwendigerweise unvollkommen gewesen. 38 Dies zeige sich etwa besonders deutlich am Codex Bezae, der auf jedem Folio einzigartige Lesarten aufweise. 39 Zudem zeige die Wahl des Kodex, dass das frühe Christentum Wert auf den Textvergleich gelegt habe, der wiederum Varianz in der Textüberlieferung erzeugt hätte. Große textkritisch identifizierbare Textabweichungen sind für Parker daher nicht Ausdruck einer mangelhaften Überlieferung, sondern der normalen Bedingungen chirographi‐ scher Textproduktion. 40 Daher formuliert er programmatisch: „The fact that the recovery of the original text is a task that remains beyond all of us sets a question mark against any claim that we can in any sense ‘possess’ the text - literally or metaphorically.“ 41 Parkers Position korrespondiert mit einer Tendenz in den Editionswissen‐ schaften, die mit dem Stichwort New Philology verknüpft ist und sich unter dem Einfluss des Poststrukturalismus entwickelt hat. Die New Philology ist maßgeblich von dem französischen Linguisten Bernard Cerquiglini geprägt Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 56 Jan Heilmann 42 Vgl. Bernard Cerquiglini, Éloge de la variante, in: Langages 69 (1983), 25-35; Bernard Cerquiglini, Éloge de la variante. Histoire critique de la philologie, Paris-1989. 43 Vgl. Stephen G. Nichols, Introduction. Philology in a Manuscript Culture, in: Specu‐ lum 65 (1990), 1-10; Joachim Bumke, Der unfeste Text. Überlegungen zur Überliefe‐ rungsgeschichte und Textkritik der höfischen Epik im 13. Jahrhundert, in: Jan-Dirk Mül‐ ler (Hg.), ‚Aufführung‘ und ‚Schrift‘ in Mittelalter und Früher Neuzeit. Stuttgart 1996, 118-129; Karl Stackmann, Neue Philologie, in: Joachim Heinzle (Hg.), Modernes Mittelalter. Neue Bilder einer populären Epoche. Frankfurt am Main, Leipzig 1999, 398-427; Susan Yager, New Philology, in: Albrecht Classen (Hg.), Handbook of Medieval Studies. Terms - Methods - Trends. Berlin-2010, 999-1006. 44 https: / / www.homermultitext.org/ (letzter Zugriff am 13.05.2025). Vgl. Casey Dué/ Mary Ebbott, The Homer Multitext within the History of Access to Homeric Epic, in: Monica Berti (Hg.), Digital Classical Philology, Berlin-2019, 239-256. 45 Vgl. Bumke, Text (s. Anm. 43), 122-126; Stackmann, Neue Philologie (s. Anm. 43), 399-405. 46 Vgl. Stackmann, Neue Philologie (s.-Anm.-43), 405-409. worden 42 und v. a. prominent in der Mediävistik vertreten, 43 von dort aus aber auch auf die Editionsphilologie der Antike übertragen worden. Ein bekanntes al‐ tertumswissenschaftliches Editionsprojekt ist „The Homer Multitext project“. 44 Die New Philology formuliert eine grundlegende Kritik am Paradigma eines rekonstruierbaren Urtextes und den darauf basierenden editorischen Methoden. An die Stelle der Vorstellung eines fixierten, autoritativen Textes tritt die These, dass Varianz das zentrale Merkmal mittelalterlicher Textualität darstelle. Die in der Überlieferung beobachtbare Vielfalt der Textfassungen wird nicht mehr als Abweichung von einem idealen Original interpretiert, sondern als Ausdruck einer Schriftkultur, die durch permanente Umformung und produktive Aneig‐ nung gekennzeichnet ist. Die New Philology argumentiert, dass die traditionelle Textkritik anachronistisch moderne Konzepte wie Werkeinheit und Autorschaft auf die mittelalterliche Literatur übertragen und damit deren spezifische mediale und kulturelle Bedingungen verfehlt habe. 45 Methodisch resultiert daraus die Forderung, die mittelalterliche Handschrift in ihrer Gesamtheit als Zeugnis einer dynamischen Textkultur ernst zu nehmen. Das bedeutet, nicht nur den Text selbst, sondern auch Layout, Illuminationen, Marginalien und andere paratextuelle Elemente in ihrer Bedeutung für die Sinn‐ konstitution zu berücksichtigen. 46 Diese als „manuscript matrix“ bezeichnete komplexe Interaktion verschiedener Repräsentationssysteme in der Handschrift - vom Text über die individuelle Schreiberhand bis zu Illuminationen, Rubriken und Glossen - erfordere neue editorische Konzepte, die nicht mehr auf die Rekonstruktion eines Urtextes zielten. Vielmehr müssten die Repräsentations‐ systeme die dynamischen Beziehungen zwischen den verschiedenen Elementen der Handschriftenseite und die dadurch entstehenden Bedeutungsebenen erfas‐ Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 Das Paradigma des Urtextes in der neutestamentlichen Forschung 57 47 Vgl. Bumke, Text (s.-Anm.-43), 126-128. 48 Vgl. Nichols, Introduction (s. Anm. 43), 7 f; Stackmann, Neue Philologie (s. Anm. 43), 418 f.; Yager, New Philology (s. Anm. 43), 999.1006, die zusätzlich auf die Ironie hinweist, dass die frühen Vertreter der New Philology große Hoffnungen in die computationell gestützte Erschließung gesteckt haben, aber gerade Neo-Lachmann’sche stemmatische Ansätze durch kladistische Analyseansätzen ebenfalls einen neuen Schub durch com‐ putationelle Analysemöglichkeiten erhalten haben. 49 Vgl. Stackmann, Neue Philologie (s.-Anm.-43), 423f. sen können. 47 Die Vertreter der New Philology sehen in den Möglichkeiten der digitalen Erfassung und Präsentation zurecht einen vielversprechenden Weg, um der Komplexität mittelalterlicher Handschriften gerecht zu werden. Die computergestützte Erschließung erlaubt es, verschiedene Textfassungen parallel zu dokumentieren, Varianten in ihren größeren Zusammenhängen darzustellen und die visuellen sowie paratextuellen Elemente der Handschriften umfassend zu berücksichtigen. 48 Die New Philology hat mit ihrer Kritik am Konzept des einen rekonstru‐ ierbaren Urtextes und ihrer Aufwertung der Handschriften als eigenständige Zeugnisse mittelalterlicher Textkultur wichtige Impulse für ein differenzierteres Verständnis mittelalterlicher Textualität geliefert. 49 Ihr Ansatz erweist sich be‐ sonders dort als fruchtbar, wo die Überlieferung von einer stetigen Umformung der Texte in unterschiedlichen Gebrauchskontexten geprägt ist. Allerdings lässt sich das Paradigma der prinzipiellen Gleichwertigkeit aller Überlieferungszeu‐ gen nicht unbesehen auf jede vormoderne Überlieferungssituation übertragen. Die spezifischen Produktions- und Überlieferungsbedingungen des jeweiligen Genres, der jeweiligen Epoche und des jeweiligen kulturellen Kontextes müssen berücksichtigt werden. Für die Überlieferung antiker und spätantiker Texte, die unter anderen medialen und kulturellen Bedingungen entstanden sind als im Mittelalter, können, ggf. zusätzlich differenziert nach Genre, daher durchaus andere editorische Konzepte angemessen sein. 4. Paradigmenkritik am textkritischen und überlieferungsgeschichtlichen Befund Nach der Gegenüberstellung des Paradigmas der Rekonstruktion des Ausgangs‐ textes, das in der konkreten Umsetzung im Rahmen der ECM faktisch ur‐ text-einzelschrift-orientiert bleibt, und dem Ansatz der New Philology analogen Paradigmas des living text sind im Folgenden beide Paradigmen vor dem Hintergrund des textkritischen und überlieferungsgeschichtlichen Befundes zu diskutieren. Dabei ist zunächst zu fragen, ob der materielle Befund und die medialen und kulturellen Bedingungen der Antike eine Übertragung der Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 58 Jan Heilmann 50 Vgl. Parker, Living Text (s. Anm. 34), 203-213; David C. Parker, Is „Living Text“ Compatible with „Initial Text“? Editing the Gospel of John, in: Wachtel/ Holmes (Hg.), Textual History (s.-Anm.-28), 16-18. 51 Parker, Living Text (s.-Anm.-34), 204. 52 Vgl. Adolf Deissmann, Licht vom Osten. Das Neue Testament und die neuentdeckten Texte der hellenistisch-römischen Welt, Tübingen- 4 1923. 53 Dies wird in der neutestamentlichen Wissenschaft mittlerweile breit vertreten, auch wenn das Gemeindeparadigma nach wie vor (und in Spannung zur Einsicht in die literarische Kompetenz der Autoren der neutestamentlichen Texte) in der Kommentar‐ literatur dominiert. Perspektive der New Philology auf die Überlieferungsgeschichte der ntl. Texte zulassen und das Paradigma des living text als Alternative zum Urtextbzw. Ausgangstextparadigma tragfähig ist. Das Paradigma des living text setzt einen spezifischen Produktions- und Ge‐ brauchskontext der ntl. Texte in frühchristlichen Gemeinden voraus, in dem sie nicht als Autorenliteratur, sondern gleichsam als Gemeindeliteratur entstanden sind, abgeschrieben und - auch durch den Einfluss mündlicher Tradition oder durch liturgische Einflüsse - umgestaltet wurden. 50 Parker postuliert sogar ganz explizit: „The texts did not have an existence independent of scribal activity, and their use in the churches.“ 51 Bei diesem Kontextualisierungsmodell der frühchristlichen Schriften in den Gemeinden handelt es sich um ein gängiges Paradigma der Einleitungsliteratur, das in der jüngsten Zeit in mehrfacher Hinsicht in der Forschung unter Druck geraten ist. a) So hat Robyn Walsh grundlegend das Gemeindeparadigma als ein von der deutschen Romantik geprägtes Deutungsmuster dekonstruiert. Die Vorstellung von Gemeinden als Produktionsort der frühchristlichen Schriften gehe auf eine romantische Idee des „Volkes“ als Schöpfer von Literatur zurück und sei (auch in einer antikatholischen Stoßrichtung, besonders im Protestantismus) unreflek‐ tiert in die ntl. Forschung übernommen worden (exemplarisch hervorzuheben wäre die vor allem von Adolf Deissmann einflussreich vertretene Unterschei‐ dung zwischen griechisch-römischer Hochliteratur und Volksliteratur, zu der die frühchristliche Literatur gezählt hätte). 52 Walsh kritisiert, dass die ntl. For‐ schung einen Sonderfall konstruiert, indem sie das Gemeindemodell exklusiv für frühchristliche Schriften verwendet, während die Altertumswissenschaften bei vergleichbarer antiker Literatur von gebildeten Autoren und deren literarischen Netzwerken als Entstehungskontext ausgehen. Die Annahme einer idealisier‐ tem einheitlichen Gemeinde als unmittelbar formativer sozialer Rahmen sei historisch nicht plausibel. Stattdessen seien die Evangelien als Produkte gebil‐ deter Autoren zu verstehen, 53 die in literarischen Netzwerken agierten. Diese Autoren seien eigenständig handelnde (und man müsste ergänzen: räumlich Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 Das Paradigma des Urtextes in der neutestamentlichen Forschung 59 54 Vgl. Robyn Faith Walsh, The Origins of Early Christian Literature. Contextualizing the New Testament within Greco-Roman Literary Culture. Cambridge/ New York 2021. S. auch schon Stanley Stowers, The Concept of „Community“ and the History of Early Christianity, in: Method and Theory in the Study of Religion-23 (2011), 238-256. 55 Vgl. Jan Heilmann, Lesen in Antike und frühem Christentum. Kulturgeschichtliche, philologische sowie kognitionswissenschaftliche Perspektiven und deren Bedeutung für die neutestamentliche Exegese (TANZ 66), Tübingen 2021; Jan Heilmann, Art. Lesen, in: -WiBiLex (erstellt: August 2019), https: / / bibelwissenschaft.de/ stichwort/ 5195 9/ (letzter Zugriff am-13.05.2025). 56 Vgl. zu letzterem Jan Heilmann, Ancient Literary Culture and Meals in the Greco-Ro‐ man World. The Role of Reading During Ancient Symposia and its Relevance for the New Testament, in: JTS-73 (2022), 104-125. 57 Vgl. Heilmann, Lesen (s.-Anm.-55), 95-214; 291-310. 58 Vgl. Jan Heilmann, Reading Early New Testament Manuscripts. Scriptio continua, „Re‐ ading Aids“, and Other Characteristic Features, in: Anna Krauß/ Jonas Leipziger/ Frie‐ derike Schücking-Jungblut (Hg.), Material Aspects of Reading in Ancient and Me‐ dieval Cultures. Materiality, Presence and Performance (Materiale Textkulturen 26), Berlin/ Boston 2020, 177-196; Jan Heilmann, The Function of ‘Reading Aids’ in Early New Testament Manuscripts, in: Studia Patristica-125 (2021), 239-248. mobile) Akteure mit komplexen Motiven gewesen und nicht lediglich Sprach‐ rohre ihrer jeweiligen Gemeinden. Die literarische Qualität der Texte setze eine entsprechende Ausbildung voraus, die über die Kompetenzen einfacher Schreiber hinausgehe. Walsh plädiert dafür, die frühchristlichen Schriften im Kontext der antiken Literaturproduktion und Buchkultur zu verorten, statt sie als Ausdruck kollektiver Gemeindeerfahrungen zu interpretieren. 54 b) In dieses Forschungsergebnis von Walsh fügen sich die Ergebnisse meiner eigenen Forschung zum Lesen in Antike und frühem Christentum komplemen‐ tär. 55 Diese hat gezeigt: Die Vorstellung eines vermeintlichen Wortgottesdienstes als anvisierter sozialer Ort der Rezeption frühchristlicher Schriften ist genauso zurückzuweisen wie die These, dass das frühchristliche Gemeinschaftsmahl als Lesekontext anzunehmen wäre. 56 Dies zeigt eine breit aufgestellte Unter‐ suchung antiker Leseterminologie 57 und der materiellen Hinterlassenschaften der antiken und frühchristlichen Lesekultur, sowie die Dekonstruktion der These, scriptio continua sei als vermeintlich defizitäres Schriftsystem nur durch vokalisierendes Lesen zu dekodieren gewesen. 58 Zudem ist auch die These in Frage zu stellen, dass es sich bei Büchern um Luxusprodukte gehandelt habe, die sich nur die obersten Eliten in der Antike hätten leisten können. Die überlieferten Marktpreise aus der frühen Kaiserzeit deuten auf das Gegenteil hin: Antike Bücher waren Handwerksprodukte, erschwinglich für verschieden‐ ste Gruppen, die oberhalb des Existenzminimums lebten. Die Gesamtevidenz deutet vielmehr darauf hin, individuelle Lektüre, die in breiteren Schichten der antiken Gesellschaften (und eben auch solchen, in denen sich das frühe Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 60 Jan Heilmann 59 Vgl. Helmut Krasser, „sine fine lecturias“. Zu Leseszenen und literarischen Wahrneh‐ mungsgewohnheiten zwischen Cicero und Gellius (unveröffentlichte Habilitations‐ schrift), Tübingen 1996; Helmut Krasser, Lesekultur als Voraussetzung für die Rezeption von Geschichtsschreibung in der Hohen Kaiserzeit, in: Martin Zimmermann (Hg.), Geschichtsschreibung und politischer Wandel im 3. Jh. n. Chr. Kolloquium zu Ehren von Karl-Ernst Petzold ( Juni 1998) anlässlich seines 80. Geburtstags (Hist.E 127), Stuttgart-1999, 57-69. 60 Vgl. Jan Heilmann, New Perspectives on the „Living Voice“ in the Fragments of Papias of Hierapolis. Challenging the Concept of Oral Tradition in Early Christianity, in Begutachtung zur Publikation in Studia Patristica. 61 Vgl. Holt N. Parker, Books and Reading Latin Poetry, in: William A. Johnson/ Holt N. Parker (Hg.), Ancient Literacies. The Culture of Reading in Greece and Rome, Oxford-2009, 186-229. 62 Vgl. Monika Amsler, The Babylonian Talmud and Late Antique Book Culture. Cam‐ bridge-2023. Christentum etablierte) vorauszusetzen ist, als primären Rezeptionskontext der frühchristlichen Schriften anzunehmen, und zwar in einer Zeit, in der sich im Römischen Reich ein breiteres anonymes Lesepublikum etablierte. 59 c) Eine weitere fundamentale Kritik am Paradigma des „living text“ ergibt sich aus der Dekonstruktion der Vorstellung von mündlicher Tradition als relevanter Faktor bei der Überlieferung frühchristlicher Texte. Die Analyse des Motivs der ipsissima vox, das im Diskurs um mündliche Tradition unter Verweis auf Papias üblicherweise angeführt wird, zeigt, dass die übliche Interpretation dieses Mo‐ tivs als Beleg für eine mündliche Tradition und eine generelle Skepsis gegenüber schriftlicher Überlieferung nicht haltbar ist. Vielmehr verweist die ipsissima vox auf den direkten Unterrichtskontext und die Bedeutung der persönlichen Interaktion im Bildungsprozess. Bereits die Memorierung und Rezitation von Texten, die oft als Beleg für eine mündliche Überlieferungskultur angeführt werden, basierten fundamental auf schriftlichen Hilfsmitteln. Dies belegen nicht nur die Aussagen antiker Autoren wie Quintilian zur Überlegenheit der visuellen und haptischen Vorzüge der Schriftlichkeit für die kognitiven Prozesse beim Memorieren (vgl. insb. Instutio oratoria 11,2,28-34), sondern auch die dokumentierte Praxis der Rhapsoden, die für ihre Rezitationen auf umfangreiche schriftliche Vorlagen zurückgriffen (vgl. Xenophon memorabilia 10). Die These einer rein mündlichen Komposition „im Kurzzeitgedächtnis“ verkennt die mate‐ riellen Bedingungen der antiken Schreib- und Lesekultur. 60 Diese grundlegende Infragestellung der These mündlicher Überlieferung wird auch durch neuere Forschungen zur römischen Poesie 61 und zum Babylonischen Talmud 62 bestätigt, die jeweils die fundamentale Textbasiertheit der vermeintlich mündlichen Überlieferungsprozesse nachweisen konnten. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 Das Paradigma des Urtextes in der neutestamentlichen Forschung 61 63 Vgl. G. Funaioli, Art. Recitationes, in: PRE 1,A1 (1914), 435-446; Krasser, „sine fine lecturias“ (s. Anm. 59), 177-182; Heilmann, Lesen (s. Anm. 55), 271-289. Weiterführend Katharina Schickert, Der Schutz literarischer Urheberschaft im Rom der klassischen Antike, Tübingen-2005. 64 Strutwolf, Original Text (s.-Anm.-28), 41. d) Das living text-Paradigma verkennt sodann antike Produktions- und Distri‐ butionsmechanismen und entspricht damit einer primitivistischen Perspektive auf den antiken Buchmarkt, die davon geprägt ist, die Zirkulation von Büchern über private Netzwerke überzubetonen und in der recitatio fälschlicherweise den eigentlichen Publikationsakt von Büchern zu verstehen sowie die Strukturen des antiken (kommerziellen) Buchmarktes zu vernachlässigen. Dagegen ist zu betonen: Bei der recitatio handelt es sich um das Vorlesen eines Textes vor einem begrenzten und bekannten Publikum vor dem eigentlichen Akt der Publikation, um Rückmeldungen für den weiteren Redaktionsprozess zu erhalten. Die antiken Quellen lassen eindeutig erkennen, dass die Herausgabe eines Buches in materieller Form, häufig über Buchhändler, den eigentlichen Akt der Publikation darstellte und somit ein autorenseitiges Verständnis für einen final autorisierten, publizierten Text in der Antike existierte. 63 Aus dieser Perspektive erscheint zunächst das Paradigma des Ausgangstextes zur Rekonstruktion und Analyse der ntl. Überlieferung angemessener zu sein. Allerdings ist die derzeit die Rekonstruktion der kritischen Ausgaben leitende Hypothese, dass der rekonstruierte Ausgangstext, die beste Hypothese über den Text der Autographen (also doch wiederum den „Urtext“) darstellt ebenfalls nicht zu halten: und zwar angesichts des textkritischen Befundes und des überlieferungsgeschichtlichen Befundes, der zwingend edierte Sammlungen als Grundlage der Textüberlieferung voraussetzt (s. o.). An dieser Stelle ist noch einmal in Erinnerung zu rufen, dass Strutwolf diese These mit dem Vorbehalt versehen hatte, „as long as we have no evidence that suggests a radical break in the textual transmission between the author’s text and the initial text of our tradition“. 64 Gute Gründe, einen solchen Bruch in der Textüberlieferung anzunehmen, liegen jedoch vor. Die Evidenz für diesen Bruch in der Textüberlieferung liefern maßgeblich redaktionelle Varianten, also solche Textabweichungen in den Handschriften, die nicht auf Abschreibfehler oder unbewusste kleine Veränderungen am Text zurückgehen, sondern solche, die mit einer klaren Intention entstanden sind. Auffällig ist nun, dass diese Varianten nicht völlig willkürlich und verstreut über die unterschiedlichen Texte verteilt sind, sondern in einer gewissen Regel‐ haftigkeit in den Handschriften vorkommen. Dies ist im Übrigen ein weiteres Argument gegen die These eines „living text“, bei dem der Variantenbefund in Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 62 Jan Heilmann 65 Dazu auch Chris S. Stevens, History of the Pauline Corpus in Texts, Transmissions and Trajectories. A Textual Analysis of Manuscripts from the Second to the Fifth Century (TENT 14), Leiden/ Boston 2020, insb. 185-211. Diesen Hinweis verdanke ich Markus Vinzent. 66 Vgl. Ulrich Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (ANTF 25), Berlin/ New York 1995, passim; Matthias Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanoni‐ schen Evangelien (TANZ 60), Tübingen 2 2020, 31-123 sowie die Apparatangaben in Bd 2; demnächst Markus Vinzent/ Mark G. Bilby/ Jack Bull/ K. Lance Lotharp. Die älteste Sammlung paulinischer Briefe und die Entstehung der kanonischen Paulusbriefsamm‐ lung. Unter Mitarbeit von Günter Röhser Band I: Untersuchung, passim; Band II, 1/ 2: Rekonstruktion - Übersetzung (TANZ-72-1/ 2), Tübingen-2025 (im Druck). 67 Vgl. Kurt Aland, Die Entstehung des Corpus Paulinum, in: Kurt Aland, Neutesta‐ mentliche Entwürfe (TB 63), München 1979, 302-350; rezipiert z. B. von Angela Standhartinger, Reading between Two Worlds. Philippians and the Formation of Pauline Letter Collections, in: Jaimie Gunderson/ Anthony Keddie/ Douglas Boin (Hg.), The Social Worlds of Ancient Jews and Christians. Essays in Honor of L. Michael White (NovTSup-189), Leiden Boston-2023, 105-130. 68 Vgl. dazu Jan Heilmann, Kanonischer Text und historischer Paulus. Zur Überlieferungs‐ geschichte der Paulusbriefe, in: ThLZ-149 (2024), 876-878. den Handschriften sehr viel diverser sein müsste. 65 Die redaktionellen Varianten können angesichts der relativen Konstanz der Verteilung nicht an vielen Orten von vielen Schreibern zu unterschiedlichen Zeiten in die Textüberlieferung gekommen sein. Gemeint sind hier solche Varianten, die mehrheitlich in den Textzeugen und Versionen vorkommen, die früher als „westlich“ klassifiziert worden sind. Spannend ist nun daran, dass diese vorwiegend in „westlichen“ Handschriften des (kanonischen) NT vorkommenden Lesarten im Lukasevan‐ gelium und in der Paulusbriefsammlung in einem auffälligen Korrespondenz‐ verhältnis stehen zur metatextuellen Bezeugung des für Marcion bezeugten NT, das aus zehn Paulusbriefen und einem anonymen und bekanntlich dem LkEv sehr ähnlichen Evangelium bestand. 66 Diese Korrespondenz kann in Bezug auf die Paulusbriefe z. B. nicht im Rah‐ men des weit verbreiteten dynamischen Zirkulations- und Wachstumsmodell zur Beschreibung der Entstehung der Paulusbriefsammlung von Kurt Aland erklärt werden, 67 das noch aus anderen Gründen zurückzuweisen ist. 68 Die Korrespondenz setzt vielmehr zwingend eine Überlieferung in größeren Samm‐ lungszusammenhängen auch vor der Entstehung des Textes der in den Hand‐ schriften überlieferten Sammlungen voraus. So ging Adolf von Harnack davon aus, dass die für Marcion bezeugte Briefsammlung bereits im letzten Viertel des 1.-Jahrhunderts entstanden sei, gefolgt von einer-13bzw.-14-Briefe-Sammlung kurz danach. Während in die zehn ursprünglichen Briefe nur geringfügig redaktionell eingegriffen worden sei, habe Marcion diese 10-Briefe-Sammlung Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 Das Paradigma des Urtextes in der neutestamentlichen Forschung 63 69 Vgl. Adolf von Harnack, Die Briefsammlung des Apostels Paulus und die anderen vorkonstantinischen christlichen Briefsammlungen. Sechs Vorlesungen aus der alt‐ kirchlichen Literaturgeschichte. Leipzig-1926, 6-27. 70 Vgl. Schmid, Apostolos (s.-Anm.-66). 71 Vgl. zur These einer Zusammenfügung von Sieben- und Drei-Briefe-Sammlung Vin‐ zent/ Bilby/ Bull/ Lotharp, Sammlung Bd.-1 (s.-Anm.-66), insb. 650.687f.786. 72 Vinzent/ Bilby/ Bull/ Lotharp, Sammlung Bd. 1 (s. Anm. 66), 640-691, schlägt insb. auf der Grundlage des Rezeptionsbefundes in der frühen patristischen Literatur, also gestützt durch externe Evidenz, eine zweistufige Redaktionsprozess vor. 73 Vgl. dazu mit konkreten Textbeispielen Heilmann, Text (s. Anm. 68), 878-884. S. außer‐ dem Alexander Goldmann, Über die Textgeschichte des Römerbriefs. Neue Perspekti‐ ven aus dem paratextuellen Befund (TANZ 63), Tübingen 2020; Tobias Flemming, Die Textgeschichte des Epheserbriefes. Marcion änderte nichts: Eine grundlegend neue Perspektive auf den Laodicenerbrief (TANZ 67), Tübingen 2022. Zur Priorität der für Marcion bezeugten 10-Briefe-Sammlung gegenüber der kanonischen 14-Briefe-Samm‐ lung vgl. z. B. auch Jason BeDuhn, The First New Testament. Marcion's Scriptural Canon. Salem, Oregon 2013, 213-228; Markus Vinzent, Pre-canonical Paul. His Views towards Sexual Immorality, in: Markus Vinzent (Hg.), Marcion of Sinope as Religious seiner Theologie entsprechend überarbeitet und gekürzt. Diese marcionitische Fassung habe sich dann auch in katholischen Kreisen verbreitet und die Texte der 14-Briefe-Sammlung beeinflusst. 69 Diese These wurde von Ulrich Schmid in seiner maßgeblichen Studie zum für Marcion bezeugten Apostolos grundlegend in Frage gestellt. Schmid argumentierte, dass die meisten Marcion vorgeworfe‐ nen Textveränderungen nicht auf ihn zurückgehen könnten, sondern auf eine sehr frühe, vormarcionitische Textüberarbeitung an der Wende vom 1. zum 2. Jh. zu datieren seien. Aus dieser vormarcionitischen Textform sei dann unter Hinzuziehung weiterer Handschriften der sogenannte „westliche Text“ entstan‐ den. 70 Beide Erklärungsmodelle sind jedoch nicht in der Lage, die Korrespondenz der Varianten mit dem für Marcion bezeugten Text zufriedenstellend und ohne extern plausibilisierbare Zwischenstufen zu erklären Das folgende Modell zur Entstehung der kanonischen Paulusbriefsammlung erklärt die Korrespondenz der Varianten mit dem für Marcion bezeugten Text plausibler und einfacher: Marcion hat den kanonischen Text der zehn Paulusbriefe nicht tendenziös bearbeitet und gekürzt, sondern lediglich eine bereits existierende 10-Briefe-Sammlung verwendet bzw. eine vorkanonischen Sieben-Briefe-Sammlung und Drei-Briefe-Sammlung zusammengesetzt. 71 Bei der späteren kanonischen Überarbeitung zur 13/ 14-Briefe-Sammlung wurde der Text dieser ursprünglichen Sammlung redaktionell grundlegend überarbeitet und vor allem erweitert. 72 Die textuellen Differenzen, die in der patristischen Polemik als bewusste häretische Manipulationen Marcions interpretiert wur‐ den, sind somit auf die spätere Redaktion zurückzuführen, nicht auf Eingriffe Marcions in den Text. 73 Dass Analoges für das kanonische Lukasevangelium in Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 64 Jan Heilmann Entrepreneur (StPatr 99), Leuven/ Paris/ Bristol 2018, 157-175; Markus Vinzent, Offener Anfang. Die Entstehung des Christentums im 2. Jahrhundert, Freiburg i. B. 2019, 251-283; Vinzent/ Bilby/ Bull/ Lotharp, Sammlung, Bd-1/ 2 (s.-Anm.-66). 74 Vgl. Klinghardt, Evangelium (s. Anm. 66). Siehe auch Jason BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon. Salem 2013; Markus Vinzent, Marcion and the Dating of the Synoptic Gospels (StPatr.S 2), Leuven 2014; Pier Angelo Gramaglia, Marcione e il Vangelo (di Luca). Un confronto con Matthias Klinghardt, Turin-2017. 75 Vgl. exemplarisch zu den Varianten im JohEv Jan Heilmann/ Peter Wick, Varianten in der Textüberlieferung des Johannesevangeliums. Zur Frage nach deren redaktionsge‐ schichtlicher und narrativer Relevanz, in: Jan Heilmann/ Matthias Klinghardt (Hg.), Text (s.-Anm.-32), 147-170. 76 Vgl. Heilmann, Kanonischer Text (s. Anm. 68), 880; anders Klinghardt, Evangelium (s.-Anm.-66), 90. 77 Vgl. zum pseudepigraphen Charakter und zur Datierung in die 2. Hälfte des 2. Jh. Rein‐ hard M. Hübner, Thesen zur Echtheit und Datierung der sieben Briefe des Ignatius von Antiochien, in: ZAC 1 (1997), 44-72; Thomas Lechner, Ignatius adversus Valentinianos? seinem Verhältnis zum für Marcion bezeugten Evangelium anzunehmen ist, hat Matthias Klinghardt ausführlich gezeigt. 74 Für die Erklärung des Vorkommens von für Marcion bezeugten Les‐ arten in Handschriften der kanonischen Vierevangeliensammlung und der 14-Briefe-Sammlung ist ein Blick auf die antike Editionspraxis erhellend: Antike Autoren brachten vor der Publikation Überarbeitungsnotizen interlinear oder am Rand an. Die so entstehende Mastercopy mit Korrekturen letzter Hand diente als Grundlage für die Publikation. Eine solche konkrete Textfassung einer Ausgabe kann (entsprechend Minks zweiter Option zum Verhältnis von Ausgangstext und „Autograph“) als historisch plausible Hypothese über die Handschriftentransmission verstanden werden. Diese redigierte „Mastercopy“ enthielt an manchen Stellen zwei Lesarten nebeneinander - die Korrektur und die ursprüngliche Lesart; in einem (kleineren) Teil der Handschriftent‐ ransmission, insb. in den sog. „westlichen“ sind dann die korrigierten Text‐ fassungen zurück in den Text „gerutscht“. Dadurch ist erklärbar, warum die auffälligen, üblicherweise als „westlich“ charakterisierten Lesarten nicht nur im Lukasevangelium und in den Paulusbriefen, die auch für Marcion bezeugt sind, vorkommen, sondern auch in den übrigen Evangelien 75 und Briefen der Paulusbriefsammlung. 76 Die Entwicklung von einer kürzeren zu einer erweiterten Briefsammlung entspricht im Übrigen dem in der Antike üblichen Verlauf, wie sich etwa am Beispiel der Ignatiusbriefe zeigt. Deren Überlieferungsgeschichte belegt explizit mehrere Editionsstufen und einen kontinuierlichen Wachstumsprozess, wobei am Anfang vermutlich eine in der syrischen Überlieferung bezeugte Drei-Briefe-Sammlung stand, während die gängige Sieben-Briefe-Sammlung 77 Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 Das Paradigma des Urtextes in der neutestamentlichen Forschung 65 Chronologische und theologiegeschichtliche Studien zu den Briefen des Ignatius von Antiochien (SVigChr 47), Leiden 1999; Thomas Lechner, Ignatios von Antiochia und die Zweite Sophistik, in: Thomas Johann Bauer/ Peter von Möllendorff (Hg.), Die Briefe des Ignatios von Antiochia. Motive, Strategien, Kontexte (Millennium-Studien/ Millennium Studies-72), Berlin/ Boston-2018, 19-68. 78 Vgl. Markus Vinzent, Writing the History of Early Christianity. From Reception to Retrospection. Cambridge/ New York 2019, 266-464; Markus Vinzent, Ignatius of Antioch on Judaism and Christianity, in: Claudia Kampmann/ Ulrich Volp/ Martin Wall‐ raff/ Julia Winnebeck (Hg.), Kirchengeschichte. Historisches Spezialgebiet und/ oder theologische Disziplin (Theologie - Kultur - Hermeneutik 28), Leipzig 2020, 61-80; Markus Vinzent, Ignatius of Antioch through the Centuries, in: CrSt 42 (2021), 291- 314, der die weitgehend in Vergessenheit geratene These William Curetons aus dem 19. Jh. aufnimmt. Weiterführend Jack Bull, Ignatius’ Letters to Polycarp, the Ephesians and the Romans. A Textual Analysis and Comparison, erscheint in: Studia Patristica Supplements, Leuven-2025. 79 Vgl. weiterführend Matthias Klinghardt, Die Schrift und die hellen Gründe der textkri‐ tischen Vernunft. Zur Textgeschichte der neutestamentlichen Handschriftenüberliefe‐ rung, in: ZNT-39/ 40 (2017), 87-104. 80 Vgl. dazu den umfassenden Rekonstruktionsversuch Vinzent/ Bilby/ Bull/ Lotharp, Sammlung, Bd.-1/ 2 (s.-Anm.-66), der ausgiebig zu diskutieren sein wird. 81 Die Teilrekonstruktionen sind allerdings so substantiell, dass sie valide Schlussfolge‐ rungen im Hinblick auf redaktionsgeschichtliche Untersuchungen ermöglicht. bereits eine stark überarbeitete Fassung darstellt und außerdem noch eine redak‐ tionell umfangreich Edition der Briefe aus dem vierten Jahrhundert belegt ist. 78 Im Falle der Ignatiusbriefe sind auf der Grundlage der erhaltenen Handschriften also mindestens drei unterschiedliche Ausgangstexte unterschiedlicher Ausga‐ ben rekonstruierbar. Das Paradigma des Urtextes ist dagegen sowohl für die ntl. Texte als auch für die Ignatiusbriefe methodisch unzureichend, da es die historisch nachweisbaren Editions- und Redaktionsstufen nicht angemessen berücksichtigen kann und zudem ein grundsätzlich unsicheres Verhältnis zwi‐ schen den auf der Grundlage der Handschriften rekonstruierbaren Ausgangs‐ texten und den tatsächlichen Autographen bestehen bleibt. Für die ntl.-Textkritik hat diese Einsicht zur Folge, dass anstatt des hybriden Textkonstrukts der kritischen Ausgaben, die z. T. Varianten der für Marcion bezeugten ntl. Texte in den Obertext aufnehmen und damit einen Mischtext der beiden Ausgaben darstellen, eigentlich nur der Text der 14-Briefe-Samm‐ lung bzw. die Vierevangeliensammlung sicher rekonstruiert werden kann. 79 Die 10-Briefe-Sammlung 80 bzw. das für Marcion bezeugte Evangelium können zum Teil rekonstruiert werden. 81 Wie hoch z. B. der Übereinstimmungsgrad des Textes der 10-Briefe-Sammlung mit den Autographen der historischen Paulusbriefe, also dem „Urtext“ ist, bleibt aus Mangel an Zeugnissen schwer einzuschätzen. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 66 Jan Heilmann 82 Vgl. dazu als ersten weiterführenden Impuls Günter Röhser, Kanonische Ausgabe und neutestamentliche Theologie. Mögliche Konsequenzen einer textgeschichtlichen These, in: Jan Heilmann/ Matthias Klinghardt (Hg.), Text (s.-Anm.-32), 259-284. Das Paradigma des Urtextes erweist sich angesichts der komplexen Überlie‐ ferungsgeschichte ntl. Schriften als methodisch unzureichend, da es weder die historisch nachweisbaren Editions- und Redaktionsstufen angemessen be‐ rücksichtigen kann noch das grundsätzlich unsichere Verhältnis zwischen rekonstruierbaren Ausgangstexten und tatsächlichen Autographen reflektiert. Wenn die Textkritik nur einen Text des 2. Jh. zur Verfügung stellen kann, steht die ntl. Wissenschaft vor der fundamentalen Herausforderung, über ihren Gegenstand neu nachzudenken und zu reflektieren, welche methodischen Konsequenzen sich daraus für die Einleitungsfragen sowie die Auslegung und die theologische Arbeit mit diesen Texten ergeben. 82 Jan Heilmann, *1984, Dr. theol., studierte Ev. Theologie, Geschichte und Germanistik in Bochum und Wien. Nach Tätigkeiten als Wissenschaftlicher Mitarbeiter in Bochum, Münster und Dresden war er von 2020-2023 Professor für Neues Testament mit dem Schwerpunkt griechisch-rö‐ mische Kultur an der Evangelisch-Theologischen Fakultät der LMU München. 2023 nahm er einen Ruf auf die Pro‐ fessur für Biblische Theologie am Institut für Evangelische Theologie an der TU Dresden an. In seiner Forschung beschäftigt er sich u. a. mit dem Johannesevangelium, der antiken Mahlkultur, der neutestamentlichen Text- und Kanongeschichte sowie den Kulturtechniken Lesen und Schreiben in Antike und frühem Christentum. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0003 Das Paradigma des Urtextes in der neutestamentlichen Forschung 67