eJournals ZNT – Zeitschrift für Neues Testament28/55

ZNT – Zeitschrift für Neues Testament
znt
1435-2249
2941-0924
Francke Verlag Tübingen
10.24053/ZNT-2025-0006
znt2855/znt2855.pdf1215
2025
2855 Dronsch Strecker Vogel

Einleitung als kritisch-konstruktive Basiswissenschaft

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Udo Schnelle
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1 Vgl. dazu nach wie vor: Kurt Aland/ Barbara Aland, Der Text des Neuen Testaments, Stuttgart 2 1989; Larry W. Hurtado, The Earliest Christian Artifacts, Manuscripts and Christian Origins, Grand Rapids 2006; David C. Parker, New Testament Manuscripts and their Texts, Cambridge 2008; Tommy Wassermann/ Peter J. Gurry, A New Approach to Textual Criticism, Stuttgart 2017. Jede Theorie zur Einleitungswissenschaft ist auf quellenbasierte kritische Textrekonstruktionen angewiesen (einschließlich der damit verbundenen Hypothesen); sei es bei den einzelnen Schriften, die ins Neue Testament aufgenommen wurden, sei es bei außerkanonischen Schriften oder einzelnen Kirchen‐ vätern, die relevante Informationen zum Thema überliefern. Einleitung als kritisch-konstruktive Basiswissenschaft Udo Schnelle Historische Phänomene können ohne ihren Ort und ihre Zeit nicht verstanden und angemessen interpretiert werden. Deshalb ist es die erste Aufgabe der Theologie, die Schriften ihres Basisdokumentes in ihrer historischen Situie‐ rung zu erfassen. Gegenstand der ntl. Einleitungswissenschaft sind primär die einzelnen Schriften des Neuen Testaments, nicht aber das Folgephänomen ‚Neues Testament‘. Beides hängt natürlich zusammen und interagiert, muss aber zugleich aus historischer Perspektive unterschieden werden. Von den einzelnen neutestamentlichen Schriften besitzen wir keine Originale mehr, wohl aber sehr frühe und zahlreiche Abschriften, die eine ‒ für die antike Überlieferung ‒ zu‐ verlässige Textrekonstruktion und Textinterpretation ermöglichen. 1 Dabei sind allein die Standards der Geschichtswissenschaften anzuwenden, wie sie sich seit der Mitte des 19. Jh. herausgebildet haben: Eine allgemein zugängliche, nach‐ vollziehbare und nachprüfbare, d. h. an der Vernunft orientierte Argumentation und Beurteilung, Quellenkunde, Quellengeschichte und Quellenkritik, kritische Prüfung von Verfasser- und Situationsangaben, Bestimmung des vermutlichen historischen Ortes, Erhebung der sprachlichen und literarischen Struktur sowie der Form und der Entstehungsgeschichte eines Textes, religionsgeschichtliche Einordnung, Ermittlung der theologischen Aussageabsichten eines Dokumen‐ tes, Einordnung in übergeordnete historische, soziologische und institutionelle Kontexte. Diese Methodenschritte sind nie allein wissenschaftlich ‚neutrale‘ Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0006 2 Vgl. Johann Gustav Droysen, Historik, hg. v. Peter Leyh, Stuttgart/ Bad Cannstatt 1977 (= 1857/ 1882), 69, der über geschichtliche Sachverhalte sagt: „Sie sind nur historisch, weil wir sie historisch auffassen, nicht an sich und objektiv, sondern in unserer Betrachtung und durch sie. Wir müssen sie sozusagen transponieren.“ 3 Droysen, Historik (s.-Anm.-2), 69. 4 Zur Begründung vgl. Udo Schnelle, Einleitung in das Neue Testament, Göttingen 10 2024, 79-219. Ältestes textliches Zeugnis großer Abschnitte der Paulusbriefe ist P 46 (um 200-n.-Chr.). Vorgänge, sondern immer auch Interpretationen und Konstruktionen, in die sich unausweichlich die Interpretierenden mit ihrer Lebensgeschichte, ihrer Weltsicht und ihren Bewertungen einbringen und einschreiben. Geschichte ist auch nicht einfach identisch mit Vergangenheit, denn sie hat immer zuerst den Charakter einer gegenwärtigen Stellungnahme, wie man Vergangenes sehen könnte. Deshalb gibt es keine ‚Fakten‘ im ‚objektiven‘ Sinn, vielmehr innerhalb historischer Konstruktionen bauen Deutungen auf Deutungen auf. 2 Es gilt: „es wird Geschichte, aber es ist nicht Geschichte.“ 3 Interpretation von Ereignissen und Texten ist immer beides: Das Finden und das Einlegen von Sinn! Dies bedeutet aber nicht Willkür, denn der Bezug auf das Geschehene wird damit keinesfalls aufgegeben, sondern die Bedingungen seiner Realisierung werden reflektiert. Nicht die Welt, das Leben und das in der Vergangenheit Geschehene sind eine Konstruktion, wohl aber unsere Anschauungen über sie. Gelungene Konstruktion ist dabei immer an Realitätsvorgaben und Methoden gebunden; die Sachgehalte von Quellen müssen in einen sinn- und bedeutungsvollen Zu‐ sammenhang gebracht werden und innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses diskutier- und rezipierbar bleiben. Es müssen Plausibilitäts-Modelle entwickelt werden, die historische Vorgänge mit einer Vielzahl von Argumenten beschrei‐ ben und Menschen damit überzeugen. Dabei ist aufgrund der Quellenlage beim Neuen Testament keine Einigkeit zu erwarten und es verwundert nicht, dass innerhalb der aktuellen (wie auch der älteren) Einleitungswissenschaft unterschiedliche bis entgegengesetzte Positionen vertreten werden, die vor allem drei Schriftengruppen betreffen. 1. Theorien zur Datierung und zu den Abhängigkeitsverhältnissen der ntl. Schriften a) Eine relative Einigkeit herrscht erstaunlicherweise nach wie vor bezüglich der Abfassungszeit der sieben unbestritten echten Paulusbriefe zwischen ca. 50-62 n. Chr. 4 Diese Briefe sind zugleich situationsbedingte und grundsätzliche, normative Schreiben, die nicht irgendetwas zur Disposition stellen, sondern Paulus betreibt mit seinen Briefen eine aktive und erfolgreiche Werkpolitik Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0006 90 Udo Schnelle 5 Vgl. Friedrich Wilhelm Horn, Wollte Paulus ‚kanonisch‘ wirken? , in: Eve-Marie Becker/ Stefan Scholz (Hg.), Kanon in Konstruktion und Dekonstruktion, Berlin 2011, 400-422. 6 Zur Begründung vgl. Udo Schnelle, Die ersten 100 Jahre des Christentums, Göttin‐ gen- 3 2019, 509‒526. 7 Vgl. zuletzt Jacob Thiessen, Einleitung in das Neue Testament, Leipzig-2024, 224‒287. 8 Hier nicht zu wiederholende Einzelbegründungen für alle in diesem Aufsatz von mir vertretenen Thesen finden sich mit ausführlicher Argumentation in: Schnelle, Einleitung in das Neue Testament (s.-Anm.-4), 423‒507. 9 Vgl. David Trobisch, Die Endredaktion des Neuen Testaments (NTOA 31), Freiburg/ Göt‐ tingen-1996. (vgl. 2Kor 10,10): Er verleiht bewusst seinem Wirken und ‚seinem‘ Evangelium einen autoritativen Status (vgl. Gal 1,6‒9). 5 Die Autoritätsfrage wird somit nicht sekundär und spät von einem Kanonsbegriff an die Texte herangetra‐ gen, vielmehr stellen sie die Texte selbst! Dass Paulus mit seinem Anspruch Erfolg hatte, zeigen die Deuteropaulinen und die Apostelgeschichte als Pau‐ lusbiographie mit langer Einleitung. Die Hälfte aller kanonischen Schriften ist unmittelbar oder mittelbar mit dem Völkerapostel verbunden, die andere Hälfte reagiert versteckt oder offen auf Paulus. 6 Eine andere Konstruktion ergibt sich, wenn einzelne oder die gesamten Deuteropaulinen dem Apostel zugeschrieben werden, wie dies in Teilen der englischsprachigen und auch der deutschsprachigen Exegese geschieht. 7 Dagegen sprechen allerdings nach wie vor beim Kolosser- und Epheserbrief die umfassende präsentische Eschatologie (von der Zukunft wird in der Vergangenheit gesprochen) und das Apostelbild; beim 2Thess das eschatologische Konzept und bei den Pastoralbriefen das Amts- und Glaubensverständnis. 8 b) Die synoptischen Evangelien sind die nächste Schriftengruppe, bei der verschiedene Erklärungsmodelle möglich sind. Trotz zahlreicher neuer Theo‐ rien dominiert hier weiterhin mit guten Gründen die Zwei-Quellen-Theorie. Sie erklärt nach wie vor die meisten Phänomene mit dem geringsten Schwie‐ rigkeitsgrad! Die Existenz der Logienquelle lässt sich an den Texten ebenso plausibel machen und für die unabhängige Rezeption des Markusevangeliums durch Matthäus und Lukas spricht vor allem die Perikopenreihenfolge. Sollte Lukas Matthäus oder umgekehrt Matthäus Lukas gekannt und rezipiert haben, dann ergibt z. B. die Zerschlagung der Bergpredigt durch Lukas ebenso wenig Sinn wie das Auslassen zahlreicher lukanischer Sondergut-Texte (z. B Lk 10,25‒ 36; 15,8‒32) durch Matthäus. Nicht überzeugend sind auch die Versuche, die Evangelien als Resultat einer bewussten Herausgeberentscheidung zu verste‐ hen, 9 sie ins 2. Jh. zu datieren und Markion zur Schlüsselgestalt frühchristlicher Theologie- und Literaturgeschichte zu stilisieren. Gegen die Hypothese einer Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0006 Einleitung als kritisch-konstruktive Basiswissenschaft 91 10 Ulrich Schmid, Die Buchwerdung des Neuen Testaments, in: WuD 27 (2003), 217-232, hier: -231. 11 Vgl. dazu Matthias Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kano‐ nischen Evangelien I.II (TANZ-60), Tübingen- 2 2020. 12 Vgl. Matthias Klinghardt, Überlieferungsgeschichte der kanonischen Überlieferungen, in: ZNT 43/ 44 (2019), 41: „Das überlieferungsgeschichtliche Modell, das sich unter Berücksichtigung der Mcn-Priorität ergibt, geht in vier Überlieferungsschritten von Mcn zu Mk zu Mt zu Joh zu Lk: Mcn repräsentiert die älteste, Lk die jüngste Stufe der Überlieferung. … Die Überlieferung der kanonischen Evangelien ist aus einer Wurzel hervorgegangen, die für alle späteren Stadien als gemeinsamer Bezugspunkt dient, gleichsam als Baum, um den sich die weitere Überlieferung rankt.“ 13 Zu der Frage, wer Markion war und wozu er - möglicherweise - gemacht wurde, vgl. Judith M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic, Cambridge 2015. Auf jeden Fall war Markion ein überzeugter Pauliner, der den anhaltenden Einfluss des Völkerapostels auch im 2.-Jh. bezeugt. 14 So fallen schon die Rekonstruktionen der für Markion vermuteten Textvorlagen nicht zufällig völlig unterschiedlich aus; vgl. Ulrich Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einordnung der marcionitischen Paulusbriefausgabe (ANTT 25), Berlin 1995; Dieter T. Roth, The Text of Marcion’s Gospel (NTT 49), Leiden 2015; Klinghardt, Das älteste Evangelium II (s.-Anm.-11), 533-1317. 15 Hauptquelle für Markion ist Tertullians Schrift Adversus Marcionem (um 203 n. Chr.), die textgeschichtlich vor allem durch den Codex Montepessulanus (11. Jh.) bezeugt ist. Weshalb diese Konstellation authentischer sein soll als die ntl. Textüberlieferung, erschließt sich mir nicht! Im Prinzip arbeitet auch das ‚retrospektive‘ Modell wie alle bewussten Veröffentlichung der Evangelien spricht vor allem, dass es in der altkirchlichen Überlieferung „keine gesicherten Nachrichten über eine kirchen‐ amtliche Propagierung oder gar Durchsetzung eines Bibelkanons im zweiten und dritten Jahrhundert gibt.“ 10 Niemand weiß davon, vor allem nicht Justin, der um 150 in Rom über alle Entwicklungen bestens informiert war. Auch die These, vor Markion sei kein Evangelium nachzuweisen 11 und dass dieser ein altes Evangelium bezeuge, das wiederum die Vorlage aller kanonischen Evangelien bilde, 12 überzeugt nicht. Methodisch ist hier vor allem zu kritisieren, dass das gesamte Modell nicht auf separat vorhandenen, sondern konstruierten Texten beruht und Personen eine Schlüsselstellung zugeschrieben wird, über die wir entweder gar nichts (Herausgeber-Hypothese) oder nur durch tendenziöse Nachrichten anderer etwas wissen (Markion). 13 Es handelt sich dabei um ‒ nicht kontrollierbare ‒ Konstruktionen 2. oder sogar 3. Grades, bei denen auf der Grundlage umstrittener Präferierungen einzelner Textzeugen die hypothetische Bearbeitung und Rezeption zuvor postulierter, aber nicht wirklich (auch nicht als einzelne Abschrift) materiell vorhandener Quellen angenommen wird! 14 Die von M. Vinzent aufgestellte Forderung der Materialität als Ausgangspunkt aller Überlegungen liegt bei Markion gerade nicht vor, weil wir keine Originalüber‐ lieferungen haben, die Kirchenväter tendenziös berichten 15 und jede aktuelle Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0006 92 Udo Schnelle anderen auch: Man schließt auf der Basis jüngerer Text- und Überlieferungszeugen auf ältere geschichtliche Abläufe. 16 Vgl. zuletzt Armin D. Baum, Einleitung in das Neue Testament I, Gießen 2017, 914; Thiessen, Einleitung (s.-Anm.-7), 47 (Mt: -Anfang der 40er-Jahre; Lk: -57‒60; Mk: -64‒68). 17 Nachweis bei Klaus Wengst, Schriften des Urchristentums-II, Darmstadt-1984, 24-32. 18 Vgl. hier zuletzt Eve-Marie Becker/ Helen K. Bond/ Catrin H. Williams (Hg.), John’s Transformation of Mark, London 2021. Zur Textüberlieferung vgl. Lonnie D. Bell, The Early Textual Transmission of John. Stability and Fluidity in Its Second and Third Century Greek Manuscripts (NTT 54), Leiden 2018 (betont die Stabilität der frühen Textüberlieferung). P 52 als ältestes Textzeugnis wird heute zumeist um 150 n. Chr. da‐ tiert; vgl. David C. Parker, New Testament Manuscripts and their Texts, Cambridge 2008, 324. 19 Einzelnachweise bei Jörg Ulrich, Justin. Apologien (KfA 4/ 5), Freiburg 2019, 24, der feststellt: „Dass er die Evangelien … gekannt hat und auch von ihrer gottesdienstlichen Verwendung wusste, steht außer Frage. Gleichfalls benutzt er die Johannesoffenbarung (Dialog-81,4) und die Briefe des Paulus.“ 20 Plinius der Jüngere, Epistulae X 96,9: „Nicht nur über Städte, sondern auch über Dörfer und das flache Land hat sich die Seuche dieses Aberglaubens ausgebreitet.“ Die Textrekonstruktion natürlich die Interessen des jeweiligen Exegeten abbildet. Neben der Spätdatierung gibt es aber auch Tendenzen in der aktuellen Einlei‐ tungswissenschaft, die Evangelien sehr früh anzusetzen; also die Synoptiker in die späten 60er Jahre oder noch früher. 16 Abgesehen von der berechtigten Kritik an der Papias-Überlieferung und zahlreichen Einzelargumenten spricht vor allem dagegen, dass die Synoptiker bei zahlreichen Themen eine Perspektive einnehmen (z. B. Parusieverzögerung, Ämter, Rechtsregeln, Reich und Arm, Verhältnis zu den Römern), die deutlich in eine Zeit nach-70 weist. Nach wie vor ist bei der Datierung der Synoptiker der Bezug von Mk 13,2 auf die gerade zurückliegende Tempelzerstörung plausibel (Mk also kurz nach 70). Die Didache meint mit ‚dem Evangelium‘ in Kap. 8,2; 11,3; 15,3.4 eindeutig das Matthäusevangelium, so dass diese um 110 n. Chr. entstandene Schrift die einsetzende Autorität des einen, um 90 abgefassten Großevangeliums bezeugt. 17 Matthäus rezipierte ebenso wie Lukas das Markusevangelium, das auch dem um 100‒110 n. Chr. abgefassten Johannesevangelium bekannt war. 18 Als erste sichere Bezeugung des Lukasevangeliums muss Markion gelten; die Apostelgeschichte wird zumeist zu Beginn des 2. Jh. datiert. Justin kennt nicht nur die Paulusbriefe und alle vier Evangelien, 19 er setzt auch selbstverständlich ihren gottesdienstlichen Gebrauch voraus (vgl. bereits Mk 13,14/ Mt 24,15: Vorlesen der Evangelien). Diese werkinternen Angaben sind durch plausible historische Erwägungen zu ergänzen. Für das Ende des 1. Jh. n. Chr. bezeugen die Apostelgeschichte, 1Petr 1,1, die johanneische Literatur und davon unab‐ hängig auch rückblickend der um 110 n. Chr. abgefasste Briefwechsel zwischen dem Statthalter Plinius und Kaiser Trajan 20 eine erhebliche Ausbreitung des Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0006 Einleitung als kritisch-konstruktive Basiswissenschaft 93 Ausbreitung des Christentums im Römischen Reich vollzog sich wahrscheinlich sehr viel schneller als vielfach bisher angenommen. Darauf verweist z. B. das Ende 2024 veröffentlichte ‚Frankfurter Silberamulett‘; ein Grabfund aus der römischen Stadt Nida (heute: Frankfurt a. M.), das um 250 n. Chr. zu datieren ist und nun das älteste Zeugnis des Christentums nördlich der Alpen darstellt. Es enthält (auf einer Silberfolie) einen rein christlichen Text in lateinischer Sprache einschließlich eines Zitates aus Phil 2,10f. 21 So die These von Markus Vinzent, Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2.-Jahrhundert, Freiburg-2022, 103. 22 Gegen Markus Vinzent, Offener Anfang. Die Entstehung des Christentums im 2.-Jahr‐ hundert, Freiburg 2019, 288, der einfach behauptet: „Der historische Jesus von Nazareth, weder sein Leben, noch seine Taten, auch nicht seine später behauptete Auferstehung scheinen für die Bewegung im 1. Jh. eine größere Rolle gespielt zu haben, zumindest nicht außerhalb der Lektüre des Paulus und pharisäischer Kreise.“ 23 Richard A. Burridge, What Are the Gospels? , Grand Rapids 2 2004, 340; vgl. auch Helen K. Bond, The First Biography of Jesus, Grand Rapids 2020, 5: „Mark’s bios, therefore, takes its place not only within an emerging and still-embryonic Christian ‚book culture‘, but also as an attempt to formulate a distinctive Christian identity based on the countercultural way of life (and death) of its founding figure.“ werdenden Christentums in weiten Teilen Kleinasiens, die eine schon länger anhaltende Vorgeschichte zwingend voraussetzt. Hinzu kommen die Gemein‐ den in Griechenland und in Rom, was bereits die Paulusbriefe bestätigen. Diese anhaltenden Missionserfolge sind nur erklärbar, wenn die Gemeinden in Kleinasien, Griechenland und Italien über diesen Jesus Christus im fernen Palästina auch Informationen, d. h. Einzel-Überlieferungen, Apostel-Briefe, Sammlungen (vgl. Lk 1,1), und ganze Evangelien besaßen, also ihre eigenen ‚heiligen‘ Schriften hatten, wozu sicherlich auch die überlieferten Evangelien als stabile schriftliche Überlieferungsträger zählten. Allein die Annahme von unbestimmten mündlichen Traditionen reicht dafür nicht aus, 21 denn mit den Paulusbriefen war die schriftliche Überlieferung bereits ein dominierendes Medium (vgl. 2Kor 10,10) im entstehenden Christentum. Dass 40 Jahre nach dem Tod Jesu und damit zu Beginn der 3. Generation mit dem Markusevangelium eine erste Geschichte des Lebens und Sterbens des Gottessohnes Jesus Chris‐ tus erschien und die zwei Großevangelien mit unterschiedlicher Ausrichtung folgten, ist ein völlig natürlicher und zugleich notwendiger Vorgang, der sich aus den Anforderungen der reichsweit expandierenden frühchristlichen Gemeinden ergab. 22 Hauptziel aller Evangelien ist die Klärung der Identität des Jesus von Nazareth als Christus, die ihrerseits zur Identitätsbildung der Gemeinde führen soll. Mit den Evangelien erhielt die neue Bewegung ihre eigene Basis-Geschichte, deren Funktion darin bestand, „to move out from the Jewish tradition of stories and anecdotes to use a Greek genre of continuous biographical narrative.“ 23 Die Evangelien definieren den Standort der frühen Christen im Hinblick auf das Judentum und die pagane Umwelt; sie bestimmen Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0006 94 Udo Schnelle 24 Vgl. hier zuletzt Udo Schnelle, Das Johannesevangelium als autonome Erzählung, in: Udo Schnelle, Die Entstehung des frühen Christentums. Neue Studien, Leipzig 2024, 98‒137. 25 Auch die Rekonstruktion von-Q erfolgt auf der Basis vorliegender Texte! und plausibilisieren das Gottes- und Christusbild und formulieren einen eigenen ethischen Kodex. c) Bei den weiteren Schriften besteht eine relativ große Einigkeit beim Johannesevangelium; es wird zumeist um 100‒110 n. Chr. datiert und in Ephesus lokalisiert. 24 Bei den Johannesbriefen wird eine Platzierung nach, vor oder gleichzeitig mit dem Evangelium erwogen. Immer mehr setzt sich die Einstufung der Johannesoffenbarung als einer bewusst gestalteten theolo‐ gisch-politischen Schrift durch, die entweder Bezüge auf Domitian oder Hadrian enthält. Der Jakobusbrief wird vereinzelt als authentisch angesehen und früh datiert (zwischen 45‒50), mehrheitlich hingegen gegen Ende des 1. Jh. (so auch der Hebräerbrief). Der Judas- und der 2Petrusbrief gelten schon seit langem als jüngste Schriften des Neuen Testaments, wobei allerdings der 2Petr nun teilweise nach-150 angesetzt wird. Das hier in seinen Grundzügen vorgestellte ‚mittlere‘ Modell hat gegenüber extremen Spät- oder Frühdatierungen drei große Vorteile: 1.) Es erklärt auf der Basis der vorliegenden Textzeugnisse 25 die meisten Phänomene mit dem geringsten Schwierigkeitsgrad und 2.) weist deshalb die größte Nachprüfbarkeit und Plausibilität auf; zumal es 3.) seit Ende des 19. Jh. ununterbrochen einer kritischen Prüfung unterzogen wird und dabei natürlich auch Veränderungen erfährt. 2. Einleitung in ihren Kontexten: Geschichte des frühen Christentums, Bildung und Kanon In jeden Entwurf der Entstehung der neutestamentlichen Schriften fließen aber weitere historische und hermeneutische Faktoren ein, von denen wiederum drei Bereiche von grundlegender Bedeutung sind: a) Jeder Exeget/ jede Exegetin hat eine bestimmte Sicht der Geschichte des frühen Christentums; sowohl im Hinblick auf die innere Dynamik und Entwicklung als auch mit Blick auf die jüdische bzw. griechisch-römische Umwelt. Zuallererst ist hier die Frage nach den getrennten oder (über lange Zeit) gemeinsamen Wegen von entstehendem Christentum und Judentum im Kontext römischer Religionspolitik zu nennen. Wer diesen Trennungsprozess mit Paulus einsetzen sieht, entwirft natürlich ein anderes Modell als derjenige, der für eine Zeit bis weit in das 2. Jh. hinein schon die Frage für unangemessen Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0006 Einleitung als kritisch-konstruktive Basiswissenschaft 95 26 Vgl. Udo Schnelle, Der Galaterbrief als Dokument einer beginnenden Trennung, in: Schnelle, Entstehung (s.-Anm.-24), 65‒97. 27 Vgl. dazu Udo Schnelle, Die getrennten Wege von Römern, Juden und Christen, Tübingen-2019. 28 Bestätigt durch 11QTa 64,19f und Justin, Dialog 90,1, wo Tryphon sagt: „Beweisen musst du uns jedoch, ob er gekreuzigt werden und eines so schmachvollen und ehrlosen, im Gesetz verfluchten Todes sterben musste; denn so etwas können wir uns nicht einmal denken.“ 29 Vinzent, Offener Anfang (s. Anm. 22), 288, spricht im Hinblick auf den Plinius-Trajan Briefwechsel von „lokalen Verunglimpfungsfällen“. 30 Vgl. Udo Schnelle, Das frühe Christentum und die Bildung, in: NTS 61 (2015), 113‒143; Thomas Söding, Das Christentum als Bildungsreligion, Freiburg 2016; Samuel Vollenweider, Bildungsfreunde oder Bildungsverächter? , in: Peter Gemeinhardt (Hg.), Was ist Bildung in der Vormoderne, Tübingen 2019, 283‒304; Benjamin Schließer, Innovation und Distinktion im frühen Christentum, in: EC 13 (2022), 393‒432; Udo Schnelle, Das frühe Christentum als Bildungsreligion, in: Schnelle, Entstehung (s. Anm. 24), 138‒171. hält. Für die Annahme, dass das frühe Christentum als eine charismatisch-in‐ tellektuelle Bewegung relativ früh (ab Paulus) 26 eine eigenständige Identität, eine neue Theologie und selbständige Organisationsformen innerhalb der es umgebenden Religions- und Kulturwelten entwickelte und ausbaute und so eine Trennung vom Judentum einleitete, 27 sprechen vor allem drei Beobachtungen: 1) Die christologisch-staurologische Ausrichtung der Theologie (vgl. 1Kor 1,23; Gal 2,19; Röm 6,6; Mk 8,34; 15,39), die für Juden aufgrund von Dtn 21,23LXX unannehmbar war. 28 2) Deshalb verwundert es nicht, dass es keine einzige genuin jüdische Stimme gibt, die das entstehende Christentum als legitime Form des Judentums akzeptierte. 3) Auch die Römer unterschieden seit den 60er Jahren des 1. Jh. zwischen Juden und Christen, d. h. sie wussten um den gemeinsamen Ursprung, nahmen aber ebenso die Trennungsprozesse wahr und werteten die Christen als eigenständige Bewegung! Ein weiteres Beispiel sind die frühen Verfolgungen: Wer die neronische Verfolgung für unhistorisch hält und die späteren Verfolgungen unter Domitian und Trajan zu sozialge‐ schichtlich erklärbaren Kleinstereignissen herabstuft, 29 entwirft natürlich ein anderes Bild von der Formierungs- und Ausbreitungsgeschichte des frühen Christentums als derjenige, der die Quellenaussagen für zutreffend einstuft. b) Ein wesentliches Element des Trennungsprozesses vom Judentum war die Literaturproduktion des frühen Christentums. Keine Gestalt der Antike wurde so schnell und umfassend literalisiert und denkerisch durchdrungen wie Jesus Christus! Bereits in den ersten 60 Jahren seines Bestehens schuf das frühe Christentum so viele Schriften und neue Gattungen wie keine andere Religion in ihrer Entstehungsphase. Hier zeigt sich eine deutliche Forschungs‐ wende: 30 Die frühen Christen waren keine weltabgewandte Kleinstgruppe, Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0006 96 Udo Schnelle 31 Vgl. Jan Heilmann, Lesen in Antike und frühem Christentum (TANT 66), Tübingen 2021, 538: „Das Christentum war von früher Zeit an auch eine Buch-, aber vor allem eine Lesereligion. … Aus der Einsicht, dass die neutestamentlichen Schriften nicht nur für einen einmaligen Kommunikationsakt, sondern auch für die dauerhafte Lektüre eines größeren Lesepublikums gedacht waren, folgt, über das Lesen als eine, in seiner theologischen Relevanz nicht zu unterschätzenden Art und Weise, wie Menschen sich Gott und Gottes Handeln in der Welt im frühen Christentum erschließen konnten, aber auch in der Gegenwart erschließen können, nachzudenken.“ die nur einfache Konventikel-Literatur verfasste. Im Gegenteil, sie traten als eine kreative literarische und denkerische Bewegung auf, die mündliche und schriftliche Überlieferungen in Literatur überführte und neue Gattungen schuf (Apostelbrief, Evangelium). In den Gemeinden wurde niveauvolle Literatur (LXX, Apostelbriefe, Evangelien) vorgelesen und gelesen 31 und es wurden anspruchsvolle theologische, philosophische und ethische Themen behandelt und diskutiert. Der Römerbrief kann es denkerisch mit jedem philosophischen Traktat der Antike aufnehmen und 1Kor 13 ist Weltliteratur! Als Buch- und Lesereligion weist das frühe Christentum deshalb eindeutig die Konturen einer eigenständigen Bildungsreligion auf und die bewusste Textproduktion und -ver‐ breitung setzte schon früh ein (Lk 1,1; Paulus) und war kein Spätphänomen. All diese Befunde sprechen eindeutig gegen die These, zentrale Schriften des Neuen Testaments seien als rein innerjüdische Literatur aufzufassen. c) Der Kanon ist auch eine Reaktion auf die anhaltende Literaturproduktion im frühen Christentum, zuallererst aber ein natürlicher Formierungs- und Selektionsprozess, der zur notwendigen und folgerichtigen Selbstdefinition der neuen Bewegung gehörte. Die Intention der sich durchsetzenden Anordnung ist offenkundig: Auf die viergestaltige Darstellung der Jesus-Christus-Geschichte folgt die Apostelgeschichte als Übergang und Lektüreanweisung für die Paulus‐ briefe, die durch die Schriften der anderen Apostel ergänzt werden; die Lektüre mündet schließlich in den eschatologischen Ausblick der Offenbarung. Damit widerstand die Alte Kirche sowohl der Versuchung der Reduktion (Markion, Tatian) als auch der Gefahr einer Inflation (Gnosis) maßgeblicher Schriften. Die Anzahl und die Reihenfolge der Schriften im Kanon ist allerdings nicht das Werk der ntl. Autoren, sondern hier zeigt sich das spätere Theologieverständnis anderer. Deshalb ist der Kanon gegenüber den einzelnen Schriften eine sekun‐ däre Meta-Ebene, die weder den besonderen historischen Standort noch das spezifische theologische Profil einer ntl. Schrift wirklich erfassen kann und auch nicht die entscheidende Frage beantwortet, welchen Beitrag ein Autor für die frühchristliche Identitätsbildung liefert. Literaturhistorisch arbeitende Modelle überschreiten daher die Kanongrenzen und betrachten ihren Gegenstand in einem offenen Prozess, bei dem alle vergleichbaren Phänomene herangezogen Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0006 Einleitung als kritisch-konstruktive Basiswissenschaft 97 32 Vgl. dazu Cilliers Breytenbach, Historisch-kritische Einleitung in das Neue Testament? Randbemerkungen zu einer hybriden Disziplin, in: Michael Labahn (Hg.) Spurensuche zur Einleitung in das Neue Testament. FS Udo Schnelle (FRLANT 271), Göttingen 2017, 17-29. werden müssen. Als natürliches und historisch wie theologisch überaus sachge‐ mäßes Ergebnis eines jahrhundertlangen Formierungs- und Selektionsprozesses ist der ntl. Kanon aber zugleich eine geschichtliche Realität, die den Umfang des zu behandelnden Stoffes bestimmt. Diesem Spannungsverhältnis zwischen einem historisch-theologisch grundsätzlich offenen Feld und normativen bzw. rezeptionsgeschichtlichen Ansprüchen kann sich keine Einleitung entziehen. Es zeigt sich: Die Geschichte des frühen Christentums mit ihren zahlrei‐ chen Trennungs- und Formierungsprozessen spiegelt sich unmittelbar in den ntl. Schriften wider und bestimmt natürlich wesentlich deren Verständnis und jede Konzeption von Einleitung in das Neue Testament. Deshalb müssen die auf diesem Gebiet einfließenden Vorentscheidungen auch kenntlich gemacht und begründet werden; vor allem, welche modernen Anforderungen an antike Texte hinsichtlich der Textproduktion, der Textrezeption, des Textnachweises und des Textinhaltes gestellt werden. 3. Einleitung als kritisch-konstruktive Disziplin Neutestamentliche Einleitungswissenschaft arbeitet nie voraussetzungslos, sie ist immer eingebunden in persönliche Standpunkte und gesellschaftliche Ent‐ wicklungen und kommt ohne plausible Modelle nicht aus. Dabei ist herme‐ neutische, historische und theologische Kompetenz gefordert, um Einflüsse und Anforderungen von außen sachgemäß aufzunehmen und ihnen zugleich zu widerstehen, wenn sie ideologische Formen annehmen. Früher wurden die methodischen Standards von kirchlichen bzw. dogmatischen Ansprüchen infrage gestellt. Heute üben gesellschaftspolitisch relevante Trends mit moral‐ ischem Unterton einen nicht zu übersehenden Einfluss auf den Diskurs aus: Dekonstruktion, Pluralität, Hybridität, Diversität, Parteinahme für die (schein‐ bar) Unterdrückten, Ideologieverdacht (vorwiegend bei anderen), Reduzierung normativer Ansprüche. Auch hier gilt es, historisch-kritisch zu bleiben, auch ge‐ genüber sich selbst, denn jede De-Konstruktion ist auch eine Konstruktion! Eine ‚rein‘ historische Einleitung ohne die Einbindung theologisch-dogmatischer und hermeneutischer Fragen kann es nicht geben, 32 zugleich ist es aber von entscheidender Bedeutung, die expliziten und impliziten Voraussetzungen der eigenen Konstruktion nachvollziehbar offenzulegen. Letztlich entscheidet die Schwarmintelligenz der Studierenden, Lehrenden und Forschenden darüber, Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0006 98 Udo Schnelle welches Modell am meisten überzeugt und sich durchsetzt. Ein Irrtum kann dabei nicht ausgeschlossen werden, aber er ist sehr unwahrscheinlich! Udo Schnelle, geb. 1952, studierte Theologie in Göttingen; dort auch Promotion und Habilitation. Er war von 1986-1992 Professor für Neues Testament in Erlangen, von 1992-2017 in Halle. Er ist Autor zahlreicher Fach- und Lehrbücher, darunter auch: Einleitung in das Neue Testament, 10. Auflage, Göttingen 2024. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0006 Einleitung als kritisch-konstruktive Basiswissenschaft 99