eJournals ZNT – Zeitschrift für Neues Testament28/55

ZNT – Zeitschrift für Neues Testament
znt
1435-2249
2941-0924
Francke Verlag Tübingen
10.24053/ZNT-2025-0007
znt2855/znt2855.pdf1215
2025
2855 Dronsch Strecker Vogel

Konstruktivität der neutestamentlichen Einleitungswissenschaft

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2025
Markus Vinzent
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1 Markus Vinzent, Offener Anfang. Die Entstehung des Christentums im 2. Jahrhundert, Freiburg i. B. 2019, 52. So auch in der englischen Fassung Markus Vinzent, Resetting the Origins of Christianity. A New Theory of Sources and Beginnings, Cambridge 2023, 46. Konstruktivität der neutestamentlichen Einleitungswissenschaft Markus Vinzent Bezüglich der „historiographischen … Überlegungen zur Konstruktivität jeder geschichtlichen Darstellung“, was natürlich auch für die neutestamentliche Ein‐ leitungswissenschaft gilt, hatte ich bereits in „Offener Anfang. Die Entstehung des Christentums im 2. Jahrhundert“ auf „die anregenden, geschichtstheoreti‐ schen Überlegungen“ meines Gesprächspartners für den vorliegenden Beitrag hingewiesen, 1 die mich mitinspiriert haben. Es war deshalb eine glückliche Entscheidung der Redaktion dieser Zeitschrift, uns beide zusammenzubringen, und uns zu diesem Thema zu einer kontroversen Auseinandersetzung einzula‐ den. Doch bevor es um Differenzen in unseren Positionen geht, die ich gerne bedenken will, möchte ich zunächst auf die Gemeinsamkeit hinweisen, vor allem auch auf meine Hochschätzung Herrn Schnelle gegenüber, dem ich für seine vielfältigen Forschungen gerade zur Methodik und dann zu Wirken und Werk des Paulus, von denen ich in besonderem Maße über die vergangenen Jahre profitiert habe, außerordentlich danke. Um mit den Gemeinsamkeiten zu beginnen, auf die Herr Schnelle im Voraustausch mit Blick auf meine nachfolgenden Thesen hingewiesen hat: Er schrieb mir, dass auch er „den konstruktiven Charakter der Einleitungswissenschaft betonen“ wird und fügte hinzu, dass „natürlich auch jede Form von De-konstruktion eine Konstruktion ist. Auch alte Erklärungsmuster können nach wie vor plausibel sein! “ Dem kann ich nur beipflichten, öfter bin ich bei meinen eigenen Untersuchungen, etwa zu den Briefcorpora des Ignatius von Antiochien, darauf gestoßen, dass gerade ältere Forschungen (z. B. die von William Cureton), die aus verschie‐ denen Gründen marginalisiert oder übersehen wurden, uns auch heute noch wichtige Anregungen für eine Korrektur unserer inzwischen liebgewonnenen Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0007 2 Brent Nongbri, Pauline Letter Manuscripts, in: Mark Harding/ Alanna Nobbs (Hg.), All Things to All Cultures. Paul among Jews, Greeks, and Romans, Grand Rapids 2013, 84-103, hier: -85 3 „To talk about the surviving manuscripts of Paul’s letters is to talk about collections of Paul’s letters,“ Brent Nongbri, The Manuscript Tradition, in: Ryan S. Schnellen‐ berg/ Heidi Wendt (Hg.), T&T Clark Handbook to the Historical Paul, London/ New York / Dublin 2022, 55-67. 4 Julia Seeberger/ Sabine Schmolinsky/ Markus Vinzent, Beyond the Timeline. Resetting Historiography, Berlin/ Boston 2024; Markus Vinzent, Writing the History of Early Christianity. From Reception to Retrospection, Cambridge-2019. Deutungsmuster zur Entstehung des frühen Christentums bieten können. Wenn Herr Schnelle meint, dass wir uns beide erst ab „These 7“ der untenstehenden Thesen „grundlegend unterscheiden“, setzen wir offenkundig nicht ab ovo bei verschiedenen Prämissen an, was das Gespräch erleichtert. In Betrachtung seiner Ausführungen hier zur „Einleitung“ als „Basiswissenschaft“ kann ich weitergehen als er: So, wie er diese „Einleitung“ versteht, kann man es tun und wird es in der NT-Wissenschaft getan: Sie setzt „primär“ bei den „einzelnen Schriften des Neuen Testaments“ an und begreift die Sammlung des „Neuen Tes‐ taments“ als „Folgephänomen“. Warum ich kontrovers hierzu die Gegenposition stelle, von Sammlungen und nicht von einzelnen Schriften auszugehen, hängt - gerade mit Blick auf Paulus, auf den ich mich konzentriere - damit zusammen, dass unsere frühesten Zeugnisse, Papyri und Handschriften, fast ausnahmslos (aus) Kodizes stammen, und zwar frühestens „aus dem dritten Jh.“, 2 vor allem keine Einzelbriefe bieten, sondern Zeugen von Paulusbriefsammlungen sind. 3 Von einzelnen Schriften auszugehen, heißt demnach, das Pferd von hinten aufzuzäumen, also nicht von der Basis auszugehen, sondern von redaktionell bearbeiteten Produkten. Meine methodologischen Überlegungen Es folgen grundlegende Thesen, die nachfolgend anhand von wenigen Beispie‐ len näher erläutert werden. 1. Dem retrospektiven Ansatz gemäß, den ich an anderer Stelle ausführli‐ cher reflektiert habe, 4 beginnt jede methodologische Überlegung mit der Erkenntnis, dass Anfang und Ansatz eines Forschungsprojektes eine, wenn nicht die ausschlaggebende Weichenstellung für die zu machenden Beobachtungen sind. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0007 102 Markus Vinzent 5 Ich schlage deshalb in einer demnächst erscheinenden Untersuchung eine autobiogra‐ phische Historiographie vor, die ich wie folgt einleite: „Die Herausforderung (die Geschichte des frühen Christentums zu schreiben) ist weniger der Mangel an Evidenz, was ein natürliches Problem jeglicher Geschichtsschreibung zu Themen der Spätantike und Antike darstellt, sie besteht vielmehr aufgrund der ideologischen Tendenzen und (anti-)religiösen Neigungen; d. h. diejenigen, die Geschichte schreiben, bilden das Haupthindernis, nicht das Thema, über das sie schreiben. Die erste Herausforderung besteht folglich in der kritischen Selbstkonfrontation“ („The challenge does not come with the sparsity of evidence - a natural problem with most history writing of late antique or antique subject matters; it comes rather with ideological tendencies or (anti-)religious inclinations. This said, the writer of this history is the prime obstacle, not the topic they are writing about. Hence, the first challenge is critical self-confrontation“), Markus Vinzent, Early Christianity and the Challenge of Writing History, Cambridge 2025. Das Zwillingswerk zu dieser methodologischen Reflexion stellt ein autobiographisch gefärbter Roman dar, Markus Vinzent, Nicht alle Tage, Göttingen-2025. 2. Zu diesem Ansatz gehören die kritische Reflexion über die eigenen Voraus‐ setzungen und eine mögliche Transparenz der expliziten und wichtiger noch impliziten Annahmen. 5 3. Voraussetzungen für das, was an Rekonstruktion zu unternehmen versucht wird, ist die eigene Geschichte und die Tradition, aus der heraus diese Arbeit geschieht, sie wird in der Forschungsgeschichte dargelegt. Ebenso gehört zu diesen Voraussetzungen der gegenwärtige intellektuelle Diskurs, deren Teil sie ist und über welche sich die Forschung so gut als möglich gewahr werden muss, auch die projektive Zukunft, mit der sie Geschichte, Tradition, Diskurs und soziale Zukunft gestalten will. 4. Im Sinne einer offenen, fairen, multikulturellen und interreligiösen Zu‐ kunft auf unserer kleinen Erde besteht das Ziel der Untersuchung darin, Voraussetzungen für historisch oder traditionell gewachsene Erklärungs‐ muster zu erkennen und darzulegen, sie auf ihre rationale Verlässlichkeit hin zu überprüfen und gegebenenfalls zu (de-)konstruieren, um das Ge‐ spräch über Disziplinen, Konfessionen, Religionen und jegliche Weltan‐ schauungen hinaus zu ermöglichen. 5. Gegenüber historisch oder traditionell gewachsenen Erklärungsmustern und ererbten Konstrukten gilt nicht weniger als gegenüber den eigenen hypothetischen Vorstellungen eine grundlegende Skepsis, die das Ziel hat, eine transparente Konstruktion von Erläuterungen zu bieten, die nachvollziehbar, korrekturfähig oder falsifizierbar sein soll. 6. Mit Blick auf den vorliegenden Untersuchungsgegenstand beginnt dieser dekonstruktiv-konstruktive Ansatz bei der Infragestellung aller überkom‐ Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0007 Konstruktivität der neutestamentlichen Einleitungswissenschaft 103 6 Meine folgenden Beispiele, die Paulus betreffen, basieren auf meinen Forschungen zur Rekonstruktion der paulinischen 10-Briefe-Sammlung, die von den Häresiologen dem Markion von Sinope zugeschrieben wurden. Markus Vinzent, Die älteste Sammlung paulinischer Briefe und die Entstehung der kanonischen Paulusbriefsammlung. Bd. 1: Untersuchung, Tübingen 2025; Markus Vinzent, Die älteste Sammlung paulinischer Briefe und die Entstehung der kanonischen Paulusbriefsammlung, Bd. 2/ 3: Rekonstruk‐ tion - Übersetzung, Tübingen 2025; Markus Vinzent, Von Paulus zu Saulus. Zwei Paulusbriefsammlungen im 2.-Jahrhundert, Freiburg-i.-Br.-2025. 7 So sein Hinweis in seiner Email an mich vom-14.05.2024. menen Datierungen und Lokalisierungen von Zeugnissen, mit denen wir uns beschäftigen, es sei denn, sie lassen sich historisch verorten. 7. Solche Verortung (zeitlich und lokal) beginnt bei der im gegenwärtigen Diskurs zentral verhandelten Materialität, also bei Handschriften, Papyri und Zeugnissen aller Art und der von ihnen bezeugten Sammlungen als älteste erreichbare Schicht der Bezeugung für neutestamentliche Schriften, nicht bei kritischen Editionen, Archiven oder Datenbanken, auch wenn die Benutzung/ Herstellung solcher wegen der Breite des Untersuchungs‐ gegenstandes unerlässlich ist. 8. Das bedeutet nicht, dass Zeugnisse nur so alt sein können, wie ihr erstes, für uns greifbares in Erscheinungtreten anzeigt. Jegliche Annahme über deren größeres Alter über dieses Erscheinen hinweg, muss jedoch als Hypothese betrachtet werden, die desto stärkere Begründungslast besitzt, je weiter zeitlich zurück sie das Zeugnis über sein Erscheinen hinaus historisch verorten will. 9. Um diese methodischen Überlegungen an unserem Beobachtungsgegen‐ stand zu konkretisieren: Die Untersuchung beginnt nicht im chronologi‐ schen Zeitstrahl mit dem historischen Paulus, seinen Briefen (oder mit den einzelnen Evangelien, der Apostelgeschichte und anderen frühchristlichen Schriftstücken), auch nicht mit diversen außerkanonischen Schriften und Zeugnissen, sie beginnt mit den beiden ältesten Sammlungsverbünden, die historisch in Erscheinung treten, dem größeren Verbund, der Irenäus und seinem Werk Adversus haereses zugrunde zu liegen scheint, und dem „Neuen Testament“, das die patristischen Autoren dem Markion von Sinope zuschreiben. 6 Wie angedeutet und meinem retrospektiven Ansatz folgend (Thesen 1-3; 9) setze ich nicht, wie U. Schnelle bei „den vermuteten Anfängen ein“ und versuche nicht, wie er, „die Entwicklung in ihren Grundzügen nachzuzeichnen (Datierung und Abhängigkeitsverhältnisse der ntl. Schriften).“ 7 Ich gehe also nicht chronologisch vor, sondern nähere mich dem Untersuchungsgegenstand Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0007 104 Markus Vinzent 8 Vgl. meine Ausführungen hierzu in Vinzent, Writing the History (s.-Anm.-4), 5-21. 9 Bruno Latour, Laboratory Life. The Social Construction of Scientific Facts, Beverly Hills-1979. 10 Bruno Latour, On the Modern Cult of the Factish Gods, Durham 2010, 61; Vgl. auch Bruno Latour, Why has Critique Run Out of Steam? From Matters of Fact to Matters of Concern, in: Critical Inquiry 30/ 2 (2004), 224-248; Bruno Latour, Progress or Entang‐ lement? Two Models for the Long Term Evolution of Human Civilization, in: H. Tien/ C. Lo, Challenges of Civilization in the 21 st Century, Taiwan 2001, 311-334; Bruno La‐ tour, Pandora’s Hope. Essays on the Reality of Science Studies, Cambridge/ London 1999. Vgl. jedoch Karl Popper, der sich bereits nach dem Ersten Weltkrieg mit dem Problem auseinandersetzte, dass die Wissenschaft oft irrt und dass die Pseudowissenschaft zufällig auf die Wahrheit stößt, so dass es schwierig ist, zwischen Wissenschaft und Pseudowissenschaft zu unterscheiden, vgl. Karl R. Popper, Conjectures and Refutations. The Growth of Scientific Knowledge, London-1969, 33. 11 „The latter [d. h. das Subjekt] receives its autonomy by giving the autonomy it does not possess to entities hat come to life thanks to this conferral,“ Latour, Cult (s. Anm. 10), 62. aus der Gegenwart heraus, aus einem (retro-)modernen Diskurs des 21. Jh., dessen Teil ich als Patristiker bin. Nicht zuletzt aufgrund der sozialen und politisch-kulturellen Entwicklungen des 21. Jh., angefangen mit 9/ 11, Verschwörungstheorien und Fake-News wurde der postmoderne und dekonstruktive Ansatz des letzten Viertels des 20. Jh. von einer erneuten Suche nach Evidenz und „harten Fakten“ abgelöst. 8 Ein herausragendes Beispiel hierfür ist die Entwicklung, die das Denken Bruno Latours aufweist. Während er im Jahr 1979 „Fakten“ als soziale Konstrukte begriff, 9 musste er später feststellen, dass seine Position politisch missbraucht wurde, weshalb er seinen Ansatz fortentwickelte und diejenigen Aufgeklärten kritisierte, die den Fakten kein Eigenleben zumessen. 10 Mehr noch, er gibt weder die Vorstellung von „Fakten“ auf noch die des handelnden Subjekts und hebt hervor, dass jedes Subjekt „seine Autonomie dadurch erhält, indem es seine Autonomie, die es nicht besitzt, denjenigen Dingen gibt, die dadurch zum Leben geweckt werden, dank dieser Gabe.“ 11 Beides folglich, Subjekt und Objekt, sind Ko-kreationen von Autonomie, sie sind weder zufällig noch inexistent. Historische Konstruktionen wie Dekonstruktionen sind folglich sowohl von den Geschichtsschreibenden wie von deren Geschichten bestimmt, sowohl von denen, die Beobachten, wie von dem, was beobachtet wird. Wenn ich Retrospektion in Ergänzung zu Rezeption, Anachronologie kom‐ plementär zu Chronologie vorgeschlagen und jeweils Ersteres stark zu machen versucht habe, hängt dies mit der bisherigen Dominanz des jeweils Letzteren zusammen. Auch wenn in den vielfachen rezeptionsgeschichtlichen Methodolo‐ gien und Untersuchungen die Bedeutung der Leserschaft hervorgehoben wurde, Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0007 Konstruktivität der neutestamentlichen Einleitungswissenschaft 105 12 Vgl. Peter Pilhofer, Presbyteron Kreitton. Der Altersbeweis der jüdischen und christli‐ chen Apologeten und seine Vorgeschichte (WUNT-II/ 39), Tübingen-1990. 13 Vgl. Bernard Knox, The Oldest Dead White European Males and Other Reflections on the Classics, New York u. a. 1993. Für eine differenzierte Kritik an der Bezeichnung „alte, weiße Männer“, vgl. Sophie Passmann, Alte weisse Männer. Ein Schlichtungsversuch, Köln 2019. Dennoch kritisiert sie die unbewusste Nutzung von Privilegien, die mit den Merkmalen alt, weiß und männlich einhergehen. Siehe auch für eine Verteidigung der „alten, weißen Männer“ Nena Brockhaus/ Franca Lehfeldt, Alte weise Männer. Hommage an eine bedrohte Spezies, München 2023; Norbert Bolz, Der alte weisse Mann. Sündenbock der Nation, München-2023. so zeigen doch die vielfältigen rezeptionsgeschichtlichen Studien und Reihen, dass in Begriff und Konzept von „Rezeption“ ein implizites Gefälle existiert zwischen dem Anfang und dem, was folgt, zwischen etwas Kanonischem und dem Apokryphen. Rezeption gibt dem Vorangegangenen, der Quelle, größeres Gewicht als dem, der aus ihr empfängt, dem alten Prinzip folgend, presbyteron kreitton. 12 Es ist, als wenn die Anfänge den Grundstock bildeten und die sich daraus entwickelnde Geschichte den ersten Stock eines Gebäudes bewohne, während ihre Interpreten in den Hochhausetagen darüber schwebten. Kein Wunder darum, dass unsere vielfältigen rezeptionsgeschichtlichen Reihen fast ausschließlich solche von „alten, weißen Männern“ sind 13 (etwa von Homer, Xenophon, Plato, Aristoteles, Vitruv, Philo, Romulus, die Bibel, Petrus, Paulus, Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0007 106 Markus Vinzent 14 Christina-Panagiota Manolea, Brill’s Companion to the Reception of Homer from the Hellenistic Age to Late Antiquity, Leiden/ Boston 2022; Mark Humphries, Romulus and Peter. Remembering and Reconfiguring Rome’s Foundation in Late Antiquity, in: Robert Dijkstra (Hg.), The Early Reception and Appropriation of the Apostle Peter (60-800 CE). The Anchors of the Fisherman (Euhormos: Greco-Roman Studies in Anchoring Innovation 1), Leiden/ Boston 2020, 172-187; Richard Sorabji (Hg.), Aristotle Re-Interpreted. New Findings on Seven Hundred Years of the Ancient commentators, London 2016; Nicholas de Lange/ Julia G. Krivoruchko/ Cameron Boyd-Taylor, Jewish Reception of Greek Bible Versions. Studies in Their Use in Late Antiquity and the Middle Ages (TSMJ 23), Tübingen 2009; Benjamin A. Edsall, The Reception of Paul and Early Christian Initiation History and Hermeneutics, Cambridge 2019; Jens Schröter/ Simon Butticaz/ Andreas Dettwiler, Receptions of Paul in Early Christianity. The Person of Paul and His Writing Through the Eyes of His Early Interpreters (BZNW 234), Berlin/ Boston 2018; Wolfgang Grünstäudl/ Tobias Nicklas, Searching for Evidence. The History of Reception of the Epistles of Jude and 2 Peter, in: Eric F. Mason/ Troy W. Martin (Hg.), Reading 1-2 Peter and Jude. A Resource for Students, Atlanta 2014, 215-228; John Riches, Paul and Reception History, in: Matthew V. Novenson/ R. Barry Matlock (Hg.), The Oxford Handbook of Pauline Studies, Oxford 2014, 688-702; Karl Shuve, The Patristic Reception of Luke and Acts. Scholarship, Theology, and Moral Exhortation in the Homilies of Origen and Chrysostom, in: Sean A. Adam/ Michael Pahl, Issues in Luke-Acts. Selected Essays, Piscataway 2012; Marie-Anne Vannier, La reception d’Augustin par Eckhard, in : Nicole Bériou u. a. (Hg.), Les réceptions des Pères de l’Église au Moyen Âge. Le devenir de la tradition ecclésiale, Münster-2013. 15 Es gibt natürlich einige wenige Ausnahmen (meist Monographien, keine Reihen), vgl. z. B. Amy C. Smith/ Sadie Pickup (Hg.), Brill’s Companion to Aphrodite, Leiden/ Bos‐ ton 2010; Agnethe Siquans/ Markus Vinzent (Hg.), Biblische Frauenfiguren in der Spätantike (Die Bibel und die Frauen 5/ 2), Stuttgart 2022; Thea S. Thorsen/ Stephen Harrison (Hg.), Roman Receptions of Sappho (Classical Presences), Oxford 2019; Dawn LaValle Norman/ Alex Petkas (Hg.), Hypatia of Alexandria. Her Context and Legacy (STAC-119), Tübingen-2020. Augustinus …), 14 und sich kaum ähnliche Reihen zu Frauen finden. 15 Mit Rezep‐ tion ist nicht nur eine typische Auswahl verbunden, mit ihr verknüpft sich auch der romantische Gedanke der chronologischen Kontinuität von Geschichte. Retrospektion geht hingegen davon aus, dass die Geschichtsschreibenden sich aus dem Heute wendend, Schritt für Schritt, oder besser - wie die Archä‐ ologie - Schnitt für Schnitt von der heutigen, oberen Schicht in von ihnen gewählte, tiefere, frühere Schichten graben. Dieses Vorgehen setzt Diskontinui‐ täten voraus. Retrospektiv ist anzunehmen, dass auf jeder möglichen Schicht sich die Geschichte in ganz andere Richtungen hätte entwickeln können, und dass der tatsächliche Ausgang kein notwendiges Ergebnis darstellt, dessen Gründe die Geschichtsschreibung zu eruieren hat. Vielmehr ist es ihre kritische Aufgabenstellung, auf Kontingenzen der Geschichte hinzuweisen und neben Wirkmächtigem, etwa des Kanonischen, gerade das durch dieses Marginalisierte bzw. Verhinderte herauszuarbeiten. Mit diesen wenigen Skizzen soll es hier ein Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0007 Konstruktivität der neutestamentlichen Einleitungswissenschaft 107 16 Weiterführende Gedanken finden sich in Vinzent, Writing the History (s. Anm. 4) Seeberger/ Schmolinsky/ Vinzent, Beyond the Timeline (s. Anm. 4); Vinzent, Early Christianity (s.-Anm.-3). 17 Udo Schnelle, The First One Hundred Years of Christianity. An Introduction to Its History, Literature, and Development, Grand Rapids 2020; Udo Schnelle, Die ersten 100-Jahre des Christentums, Göttingen- 3 2019 18 Das älteste Zeugnis, wenn ich nichts übersehen habe, das Hurtado aufführt, ist ein chi-rho in P.Mur. 164a, das in die Zeit des sog. Bar Kokhba Krieges datiert wird (132-135 n. Chr.), Larry W. Hurtado, The Earliest Christian Artifacts. Manuscripts and Christian Origins, Grand Rapids 2006, 137. Vgl. Markus Vinzent, Earliest ‚Christian‘ Art is Jewish Art, in: Uzi Leibner/ Catherine Hezser, Jewish Art in its Late Antique Context (TSAJ-163), Tübingen-2016. 19 Udo Schnelle, Einleitung in das Neue Testament, Göttingen- 10 2024, 471. Bewenden haben, doch sie sollen andeuten, warum ich vom gegenwärtigen Diskurs ausgehe, intensiv forschungsgeschichtlich frage, wie wir zu den uns be‐ stimmenden Erklärungsmustern gekommen sind, die heute vorherrschen, und kritisch rückfrage, ob sie in ihren Ausgangsfragen und Positionsbegründungen verlässlich oder nicht vielmehr korrigierenswert sind. 16 Darum meine Beschäftigung mit Forschungsansätzen nicht nur des 21., 20. und bestenfalls noch 19. Jh., auf die sich die meisten Forschungsgeschichten heute beschränken, sondern auch der Frühmoderne, der Reformation, des Mittelalters und der Patristik. Als Forschender zu Meister Eckhart und seiner Zeit - über den ich kaum weniger publiziert habe als zum frühen Christentum - ist mir nur zu bewusst, dass der Großteil der Zeugnisse für die Zeit der Patristik aus dem Mittelalter stammt, ein Grund, der mich vom anfänglichen Patristiker zu einem Forscher auch des Mittelalters machte. Und als Patristiker steht mir nur zu gut vor Augen, dass die größte Anzahl neutestamentlicher Zeugnisse patristischer und mittelalterlicher Natur sind. Will man die Zeit des Neuen Testaments, wie U. Schnelle auf „die ersten 100 Jahre des Christentums. 30-130 n. Chr.“ beschränken, 17 besitzen wir nicht einen einzigen materiellen Zeugen - keinen Papyrus, keine Handschrift, keine Inschrift, keine ikonographische Dar‐ stellung. 18 Alles, was wir besitzen, gewinnen wir aus Zeugen und Zeugnissen, die jenseits dieser Schwelle, also frühestens aus der Zeit der Patristik, stammen, inklusive all der Zeugnisse für Schriften, die U. Schnelle (und mit ihm fast die gesamte neutestamentliche Wissenschaft) in „die ersten hundert Jahre des Christentums“ setzen möchte. Mit dem chronologischen und rezeptionsgeschichtlich orientierten Ansatz verbindet sich, wie angedeutet, auch der der Kanonizität. In U. Schnelles „Einleitung in das Neue Testament“ (5. Aufl.) werden alle kanonischen Schrif‐ ten in den von ihm gewählten Zeitraum der ersten hundert Jahre, also vor 130 n. Chr. datiert, wobei bis auf 2Petr, den er „um 110 n. Chr.“, 19 und Joh, Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0007 108 Markus Vinzent 20 Schnelle, Einleitung (s.-Anm.-19), 521. 21 Schnelle, Einleitung (s.-Anm.-19), 219-240. 22 Schnelle, 100 Jahre (s.-Anm.-17), 219-222. 23 Schnelle, 100 Jahre (s.-Anm.-17), 220. 24 Schnelle, Einleitung (s.-Anm.-19), 285. 25 Schnelle, Einleitung (s.-Anm.-19), 406. 26 Ulrich Schmid, Marcion und sein Apostolos. Rekonstruktion und historische Einord‐ nung der marcionitischen Paulusbriefausgabe, Berlin-1995, 294. das er auf „zwischen 100 und 110 n. Chr.“ 20 ansetzt, alle anderen Schriften vor oder um 100 n. Chr. geschrieben sein sollen. Der einzige nichtkanonische Text, der in seiner „Einleitung in das Neue Testament“ behandelt wird, ist die „Logienquelle“ 21 - seine Einleitung ist folglich nicht nur eine solche kanonischer Texte, doch aus der Limitierung auf die außerkanonische Logienquelle entsteht der Eindruck, dass außer diesem einen nichtkanonischen Text sich keine anderen frühchristlichen Texte aus dieser Zeit erhalten haben und das, was erhalten ist, spätere Texte darstellen. Den Eindruck stützt sein Exkurs, der „alternative Modelle zur Jesusinterpretation und zur frühesten Geschichte des Christentums“ behandelt. 22 Auch wenn ich mit ihm im Ergebnis übereinstimme, dass die von ihm behandelten Texte, insbesondere das Thomasevangelium in der Form, in der es uns in den frühesten Textzeugen überliefert ist, frühes‐ tens in die Mitte des 2. Jh. zu datieren ist, 23 wäre ich skeptisch gegenüber der Demarkationsgrenze des magischen Jahres 100 (oder 110), die zwischen Kanonischem und Apokryphem trennt. Was Markions „Neues Testament“ mit seiner Präfatio, seinem Evangelium und der paulinischen 10-Briefe Sammlung betrifft, wiederholt Schnelle das Urteil der Häresiologen, wonach Markion sein Evangelium „durch Streichungen und Korrekturen des Lukasevangeliums gewonnen habe.“ 24 Bezüglich Paulus schließt er sich dem Urteil von U. Schmid an, dass es bereits eine „vormarcionitische“ 10-Briefe Sammlung gegeben haben muss. 25 Schmid hatte dies aus der Beobachtung begründet, dass es eine „14-Kapi‐ tel-Form“ von Röm „im Bereich ntl. Textüberlieferung gibt, jedoch keine einzige Spur von den sicher marcionitischen großen Auslassungen in diesem Brief (Röm 2,3-11; 4; große Teile von 9-11).“ 26 Hier ist aber für Schmid der Wunsch die Mutter/ der Vater des Gedankens - oder, anders gesagt, das Argument ist zirkulär. Voraussetzung ist, wie von ihm deutlich gemacht, die Annahme - die er mit den Häresiologen teilt -, dass Markion Textteile auslässt, streicht oder korrigiert. Dass es eine lange Forschungstradition gibt, die seit der Aufklärung dieser Behauptung der Häresiologen entgegentritt und mit guten Gründen die Bearbeitungsrichtung, wie kurz angedeutet werden wird, umkehrt, bleibt bei Schnelle unberücksichtigt. Die diesbezüglichen Forschungen von Jason BeDuhn Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0007 Konstruktivität der neutestamentlichen Einleitungswissenschaft 109 27 Jason D. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon, Salem 2013; Jason D. BeDuhn, The New Marcion. Rethinking the „Arch-Heretic“, in: Forum Westar’s Academic Journal 4/ 2 (2015), 163-179; Jason D. BeDuhn, New Studies of Marcion’s Evangelion, in: ZAC 21/ 1 (2017), 8-24. Vgl. jetzt auch Matthias Klinghardt, Abraham als Element der Kanonischen Redaktion, in: Jan Heilmann/ Matthias Klinghardt (Hg.), Der Text des Neuen Testaments im 2. Jahrhundert (TANZ 61), Tübingen 2018, 223-258; Matthias Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien, Bd. 1: Untersuchung (TANZ 60/ 1), Tübingen 2 2020; Matthias Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien, Bd. 2: Rekon‐ struktion - Übersetzung - Varianten (TANZ 60/ 2), Tübingen 2 2020; Jan Heilmann, Die These einer editio princeps des Neuen Testaments im Spiegel der Forschungsdiskussion der letzten zwei Jahrzehnte, in: Heilmann/ Klinghardt (Hg.), Text (s.-o.), 21-56. 28 So sein Hinweis in seiner Email an mich vom-14.05.2024. 29 Nachweise in Markus Vinzent, Marcion and the Dating of the Synoptic Gospels (StPatr.S 2), Leuven 2014. Auch wenn Markion Zeit seines Lebens nicht als Häretiker betrachtet wurde, auch nicht aus der kirchlichen Gemeinde ausgeschlossen war (einen wiederholten Ausschluss des Markion behauptet Tertulllian lediglich für die Zeit des römischen Bischofs Eleutherus, der jedoch zwanzig Jahre nach Markions Tod wirkte), und Markioniten noch im 3. Jh. in Rom in sakramentaler Gemeinschaft mit der römischen Gemeinde standen, ist dennoch lesenswert Sebastian Moll, The Arch-Heretic oder Matthias Klinghardt begegnen weder in Schnelles „Einleitung in das Neue Testament“ noch in „Die ersten 100-Jahre des Christentums“. 27 Dies führt uns zu meiner These 7, von der an Herr Schnelle den Dissenz anmeldet. Sein Einwand zu meiner These lautet: Ihre Forderung nach „Materialität“ kann ich gut nachvollziehen, meine aber, dass sie z. B. bei Markion gerade nicht vorliegt, weil wir keine Originalüberlieferungen haben, die Kirchenväter tendenziös berichten und jede aktuelle Textrekonstruktion natürlich die Interessen des jeweiligen Exegeten wiedergibt. 28 Wenn man „Materialität“ physisch fasst, ist dem Einwand natürlich zuzustim‐ men, doch dann gilt er ebenfalls, wie zuvor ausgeführt, für alle Schriften des kanonischen Neuen Testaments. Fasst man ihn weiter, dann zählen hierzu auch die ausdrücklichen Hinweise der Häresiologen und Kirchenväter. Und diesbe‐ züglich fällt auf, dass überhaupt die erste Kommentierung einer Paulusbrief‐ sammlung im frühen Christentum keine solche der kanonischen Briefsammlung ist, sondern der paulinischen 10-Briefe-Sammlung, die in Markions „Neuem Testament“ zu finden war. Mehr noch, Tertullian kommentiert über diese hinaus auch Markions Präfatio, die Antithesen, und sein Evangelium. Er und nach ihm eine Reihe von Zeugen, weisen dieses „Neue Testament“ dem Reeder von Sinope zu, der nach dem sog. Bar Kokhba Krieg als erster und ältester christlicher Lehrer nach Rom ging und dort eine Schule eröffnete. 29 Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0007 110 Markus Vinzent Marcion (WUNT II/ 250), 2010; Judith M. Lieu, Marcion and the Making of a Heretic. God and Scripture in the Second Century, Cambridge-2015. 30 Vermutlich, weil der Philemonbrief nicht aufgeführt wird, wohl aber dem Irenäus nicht unbekannt war, da er sich ausdrücklich mit Markion beschäftigt. 31 Adolf von Harnack, Marcion. Das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche, Berlin 1924, 78*; Schmidt, Marcion (s.-Anm.-26), I/ 318. Überhaupt kennen die Zeugen und Zeugnisse, die wir besitzen, lediglich zwei Sammlungen paulinischer Briefe: Diese, dem Markion zugeschriebene 10-Briefe-Sammlung und eine weitere, die sich im ausgehenden 2. Jh. aus den Büchern III-V von Irenäus, „Adversus haereses“, herauslesen lässt und die vermutlich 14 Briefe umfasst. 30 In diesen Büchern argumentiert und zitiert Irenäus aus Texten, die eine erheblich erweiterte Sammlung gegenüber Mark‐ ions „Neuem Testament“ nahelegt, nämlich eine von vier Evangelien, der Apostelgeschichte, vermutlich 14 paulinischen Briefen, katholischen Briefen und der Apokalypse des Johannes. Irenäus schreibt um das Jahr 177 n. Chr. in Lyon, stammt jedoch aus Syrien, bezeichnet Polykarp von Smyrna als seinen Lehrer und hat Kontakte nach Rom. Das bedeutet, dass Markions 10-Briefe-Sammlung für die Zeit um 140 n. Chr. bezeugt ist, die 14-Briefe-Sammlung des Irenäus für die Zeit um 177-n.-Chr. Es ist und bleibt zunächst offen, wann, wo und von wem irgendeines der in diesen beiden Sammlungen enthaltenen Schriftstücke abgefasst wurde, wie diese Briefe zu Sammlungen vereinigt wurden, und ob sie und, falls ja, wer sie wie redaktionell für diese Sammlungen bearbeitet hat, es sei denn, es lassen sich weitere äußere Zeugnisse oder innere Gründe für nähere historische Bestim‐ mungen anführen. Meine philologische Rekonstruktion des griechischen Texts hat ergeben, dass aufgrund des Rückverweises in Gal 5,21 (auf 1Kor 15,50), der für Markions 10-Briefe-Sammlung bezeugt ist (so auch Harnack und Schmid, 31 auch wenn sie die Implikationen nicht gesehen haben) Markion sich mindestens zwei älterer Quellsammlungen bedient hat: Einer, die sieben Briefe umfasste und wohl in der kanonischen Ordnung gereiht war (in der 1Kor vor Gal steht) und einer, die drei Deuteropaulinen beinhaltete. Denn diese drei Briefe stehen in Markions Sammlung zusammen (weisen auch viele sprachliche und inhaltliche Merkmale auf, die sie mit den kanonischen Ergänzungen der sieben Briefe gemeinsam haben), während sie in der kanonischen Briefsammlung jeweils durch einen der sieben Briefe getrennt stehen - vielleicht hätte ein Bearbeiter der 14-Briefe-Sammlung vier Briefe weglassen können, doch wie hätte er gerade die drei Briefe gruppieren können, die sich als Deuteropaulinen herausstellten? Dem schließt sich zudem die Überlegung an: Wieso hatte dieser Bearbeiter Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0007 Konstruktivität der neutestamentlichen Einleitungswissenschaft 111 32 Zu dieser Formel vgl. Teresa Morgan, Being ‚in Christ‘ in the Letters of Paul (WUNT II/ 449), Tübingen-2020. genau die vier Briefe ignoriert, die heute als Pseudopaulinen gelten? Nach der geltenden Meinung liegt mit den 14 Briefen eine kanonische Sammlung vor, die zu über ein Viertel Pseudopaulinisches enthält, während die 10-Briefe-Samm‐ lung nur paulinische Briefe besitzt. Wäre es folglich nicht wahrscheinlicher, dass auch der Textbestand der 10-Briefe-Sammlung näher bei Paulus anzusetzen wäre als der der Sammlung mit 4 pseudopaulinischen Briefen? Dass die Frage zu bejahen ist, soll nur durch zwei Beispiele - es gibt, wie meine Rekonstruktion zeigen wird, eine Fülle solcher Beispiele - angedeutet werden. Ein Brief der Pseudopaulinen ist an Titus gerichtet, was wenig wundert, weil Titus in der 10-Briefe-Sammlung in Gal 2,3 begegnet. Jedoch ist Timo‐ theus der Adressat von zwei der vier oder (wenn man Hebr ausblenden will) drei Pseudopaulinen. Von Timotheus ist aber in der 10-Briefe-Sammlung nie die Rede. Wer einer Sammlung zwei pseudopaulinische Briefe an diesen Adressaten hinzustellt, der wird sich bemühen, den Namen des Timotheus häufig in die bestehenden zehn Briefe einzustreuen - Timotheus avanciert zum verlässlichen Mitarbeiter und sogar Mitautor des Paulus, gestützt durch die Apostelgeschichte, die Teil des später kanonischen Neuen Testaments ist. Auch hier wäre es wenig verständlich, wieso ein Bearbeiter einer 14-Briefe-Sammlung Timotheus an all diesen Stellen gestrichen hätte, nur weil er 1/ 2Tim ignoriert, dann aber Titus beibehält trotz Auslassens von Tit. Teresa Morgan hat in einer Monographie gezeigt, dass es in der Antike und vor Paulus drei Verwendungsarten von en + Person im Dativ gibt: Instrumental (vermittels …) und autoritativ (auf Geheiß/ im Namen von …), dass aber bei Paulus es einen innovativen und einzigartigen Gebrauch gibt, den sie als „encheiristisch“ (also im ontologisch-soteriologischen Sinne von „aufgehoben in der Hand Christi“) bezeichnet. 32 Nun begegnen, wie sie zeigt, im kanonischen Paulus der 14 Briefe alle drei Verwendungen. Hingegen zeigt meine Rekon‐ struktion, dass in Markions 10-Briefe-Sammlung ausschließlich der einzigartige paulinische Gebrauch (Gal 2,4; 2Kor 2,17; 3,14; 5,17; 1Thess 4,15; Laod 2,10.13; Phil 1,13) zu finden ist. Wie hätte ein Bearbeiter der 14 Briefe das typisch Paulinische extrahieren und jeden anderen Gebrauch eliminieren können? Phi‐ lologisch und historisch ist nur die umgekehrte Bearbeitungsrichtung denkbar. Die 10-Briefe-Sammlung des Markion wurde nicht nur pseudopaulinisiert, sie wurde auch sprachlich verwässert. Der Schluss: Die Paulusforschung heute ruht auf der paulusfernsten Sammlung. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0007 112 Markus Vinzent © Bernhard Raspels Markus Vinzent studierte Philosophie, Theologie, Juda‐ istik und Vorderasiatische Archäologie in Eichstätt, Paris, München und Heidelberg. Er war Professor für die Ge‐ schichte der Theologie (1996-1999 Uni Köln; 1999-2010 Uni Birmingham; 2010-2022 King’s College London), Gast‐ professor der Korea University Seoul (2009-2016) und Fellow an verschiedenen Institutionen, darunter seit 2011 am Max-Weber-Kolleg der Universität Erfurt. Er ist einer der Direktoren der International Conference on Patristic Studies Oxford, Editor-in-chief von Studia Patristica und Eckhart: Texts and Studies. Jüngst publizierte er Christi Thora. Die Entstehung des Neuen Testaments im 2. Jh. (2022), Von Paulus zu Saulus. Zwei Paulusbriefsammlungen im 2. Jh. (2025); er ist Mitautor von Die älteste Sammlung paulinischer Briefe und die Entstehung der kanonischen Paulusbriefsammlung (3 Bde) (2025). Zeitschrift für Neues Testament 28/ 55 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0007 Konstruktivität der neutestamentlichen Einleitungswissenschaft 113