ZNT – Zeitschrift für Neues Testament
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1435-2249
2941-0924
Francke Verlag Tübingen
10.24053/ZNT-2025-0013
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Dronsch Strecker VogelLukanische Dubletten im Evangelium Markions
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Wolfgang Grünstäudl
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1 Gemeint ist die Plausibilisierung des redaktionellen Neuarrangaments von Mt durch Lk (in der Farrer-Hypothese) bzw. die kürzende und das Umfeld Jesu verdunkelnde Redaktion von Mt und Lk durch Mk (in der Griesbach-Hypothese). Für kritische Hinweise danke ich Julia Pape. 2 John S. Kloppenborg Verbin, Excavating Q. The History and Setting of the Sayings Gospel, Minneapolis 2000, 43. So nicht anders vermerkt, stammen alle Übersetzungen aus dem Englischen vom Autor. Lukanische Dubletten im Evangelium Markions Ein Anstoß zum interparadigmatischen Austausch in der Evangelienexegese Wolfgang Grünstäudl In der vermutlich bis heute detailliertesten und umfassendsten Einführung in Synoptische Frage, Zwei-Quellen-Hypothese und Erforschung der Logienquelle (Q) formulierte John S. Kloppenborg bereits im Jahr 2000 einen ebenso lapidaren wie wichtigen Satz: „Verteidiger anderer Hypothesen, allesamt unparteiische und sorgsame Wissenschaftler: innen, empfinden diese Schwierigkeiten 1 offen‐ sichtlich nicht als so drängend und deshalb bleibt das Synoptische Problem ein Problem“ 2 . Diese respektvolle Verbeugung vor der wissenschaftlichen Konkur‐ renz, d. h. vor Vertreter: innen alternativer Lösungsansätze in der Synoptiker‐ forschung, war weder reines Lippenbekenntnis noch fauler Kompromiss: Wer Kloppenborgs Œuvre überblickt, weiß, dass der kanadische Neutestamentler nie gezögert hat, im wissenschaftlichen Disput klare Kante zu zeigen und die Plausibilität und Leistungsfähigkeit der von ihm favorisierten Lösung, eben der Zwei-Quellen-Hypothese, mit Verve gegen kritische Anfragen zu verteidigen. Dennoch zwingt das Wissen um die Komplexität der Herausforderung wie auch der Kompetenz der Kolleg: innen zur Kooperation - auch und gerade dann, wenn sie nicht anders als im wissenschaftstypischen Modus der kritischen Auseinandersetzung zu verwirklichen ist. Noch einmal Kloppenborg: Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0013 3 John S. Kloppenborg, Conceptual Stakes in the Synoptic Problem, in: Mogens Müller / Heike Omerzu (Hg.), Gospel Interpretation and the Q-Hypothesis (LNTS 573), London u.-a. 2018, 13-42, hier: -13. 4 Vgl. hierzu Jens Schröter, Key Issues Concerning the Q Hypothesis. Synoptic Problem, Verbal Reconstruction, and the Message of Jesus, in: Markus Tiwald (Hg.), The Q Hypothesis Unveiled. Theological, Sociological, and Hermeneutical Issues Behind the Sayings Source, Stuttgart 2020, 18-40. 5 Die Vielfalt der Forschungslandschaft spiegelt sich im Spektrum der Beiträge in z. B. Müller / Omerzu (Hg.), Gospel Interpretation (s. Anm. 3) und Oleg Andrejevs u. a. (Hg.), The Synoptic Problem 2022. Proceedings of the Loyola University Conference (BiTS 44), Leuven-2023. Ich bin nicht der Meinung, dass entscheidende Argumente für oder gegen irgendeine dieser Hypothesen oder ihren Varianten wirklich möglich sind. Im besten Fall gelingt es uns, kompositorische Szenarien vorzuschlagen, die in den meisten Fällen den meisten Daten unter Berücksichtigung dessen, was wir für die ‚wahrscheinlichste‘ Erklärung halten, gerecht werden. 3 Es ist wichtig, an diese wissenschaftliche Grundhaltung, die Paradigmenplu‐ ralität zunächst positiv wertet, dennoch nicht auf die eigene Positionierung verzichtet und vor allem stets bereit ist, von Kolleg: innen „im anderen Lager“ zu lernen, mit Nachdruck zu erinnern - nicht nur angesichts einer geopoliti‐ schen Lage, die dem gemeinsamen, differenzierten Streben nach Erkenntnis zunehmend feindlich gegenübersteht, sondern auch im wesentlich kleineren Rahmen der Synoptikerforschung, die in den letzten Jahrzehnten wesentliche Veränderungen durchlaufen hat. Während die Griesbach-Hypothese nach dem Tod von William R. Farmer (1921-2000) signifikant an Bedeutung verlor, entwickelte sich die Farrer-Hypothese zur Hauptalternative gegenüber der Zwei-Quellen-Hypothese, die ihrerseits durch eine größere Zurückhaltung hinsichtlich der Rekonstruierbarkeit der Logienquelle (Stichwort: „soft Q“ 4 ) ihre Gestalt veränderte. Schließlich trat mit der Hypothese der Matthäus-Posteriori‐ tät eine neue Herausforderin auf den Plan, die in kürzester Zeit eine ansehnliche Gefolgschaft gewann. 5 1. Lukas, Markion und die Synoptische Frage Noch einschneidender ist die Veränderung des Diskurses durch ein neu entfach‐ tes Interesse am Evangelium Markions, ohne das die Diskussion der Synopti‐ schen Frage aktuell nicht mehr zu denken ist. Illustrativ ist hier die von Wilfried Eisele vorgelegte Kurzgefasste Einleitung in das Neue Testament, eine pointierte Darstellung der klassischen Einleitungsfragen, die ganz besonders den Erfor‐ dernissen des Lehramtsstudiums gerecht werden möchte. In der Erörterung Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0013 68 Wolfgang Grünstäudl 6 Vgl. Wilfried Eisele, Kurzgefasste Einleitung in das Neue Testament. Ein Lehr- und Studienbuch, Freiburg-/ -Basel-/ -Wien 2021, 66. 7 - Vgl. Eisele, Einleitung (s.-Anm.-6), 69. 8 - Eisele, Einleitung (s.-Anm.-6). 9 Als möglichen Startpunkt für erste Explorationen im Mkn-Kosmos empfehlen sich die Beiträge von Judith Lieu, Marcion and the Synoptic Problem, in: Judith Lieu, Explorations in the Second Christian Century. Texts, Groups, Ideas, Voices (Ancient Judaism and Early Christianity 120), Leiden / Boston 2024, 300-322, Jason D. BeDuhn, The First New Testament. Marcion’s Scriptural Canon, Salem 2013, 65-97, Matthias Klinghardt, Das älteste Evangelium und die Entstehung der kanonischen Evangelien. 2., überarbeitete und erweiterte Auflage (TANZ 60/ 1 und 2), Tübingen 2020, 429-465, und Dieter T. Roth, Rez. zu Klinghardt, Das älteste Evangelium, in: TC 27 (2022), 93-103 (h ttps: / / www.jbtc.org/ v27/ TC-2022-Klinghardt-Roth.pdf; letzter Zugriff am 24.10.2025). der Synoptischen Frage bietet Eisele zwar noch das traditionelle Panoptikum alter und aktueller Lösungshypothesen von Augustinus über Herder bis zur Gegenwart, beschränkt sich bei der grafischen Darstellung aber auf genau zwei Modelle: Die Zwei-Quellen-Hypothese in ihrer klassischen Form 6 und Matthias Klinghardts Hypothese der Priorität des für Markion bezeugten Evangeliums gegenüber allen Synoptischen Evangelien (und Joh) in ihrer Endgestalt. 7 Wenn‐ gleich Eisele kein Geheimnis daraus macht, dass jene Hypothese ihm wesentlich plausibler erscheint als diese, 8 so spiegelt bereits die getroffene Auswahl deutlich die oben benannte Diskurstransformation. Spannend ist zu sehen, dass sich klassische Muster der Synoptischen Frage nun ebenso unter markionitischen Vorzeichen abbilden. Dies gilt zunächst natürlich für die Pluralität der Entwürfe, in der die Diskussion um Markion und dem für ihn bezeugten Evangelium dem klassischen Feld der Synoptischen Frage in nichts nachsteht: Sowohl für die Textrekonstruktion des Evangeliums Markions selbst als auch für dessen Beziehungen zu den später kanonisch gewordenen Evangelien liegen mittlerweile eine Reihe von gut begründeten, aber sehr unterschiedlichen Entwürfen vor. Wie bereits bei der Synoptischen Frage im engeren Sinn stellt sich für die Mehrzahl der Neutestamentler: innen, die keine Markion-Spezialist: innen sind, die Herausforderung, diese diskursive Unübersichtlichkeit - etwa im Rahmen von Einleitungsvorlesungen - mit der eigenen Metatheorie des frühen Christentums in eine konstruktive Beziehung zu setzen. 9 Dabei ist es meines Erachtens hilfreich, solchen Textphänomenen besondere Aufmerksamkeit zu schenken, die sich unter verschiedenen Paradigmen be‐ obachten lassen und zu versuchen, sie durch die Etablierung einer möglichst neutralen Terminologie zu Austauschplattformen auszugestalten, auf denen sich in ansonsten differenten Diskursen gewonnene Einsichten miteinander in ein Gespräch bringen lassen. Ein prominentes Textphänomen, dessen Auffäl‐ Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0013 Lukanische Dubletten im Evangelium Markions 69 10 Vgl. Wolfgang Grünstäudl, Luke’s Doublets and the Synoptic Problem, in: NTS 68 (2022), 13-25. 11 Vgl. Kenji Tsutsui, Das Evangelium Marcions. Ein neuer Versuch der Textrekonstruk‐ tion, in: AJBI-18 (1992), 67-132. 12 - Vgl. BeDuhn, The First New Testament (s.-Anm.-9). 13 - Vgl. Dieter T.-Roth, The Text of Marcion’s Gospel (NTTS-49), Leiden/ Boston 2015. 14 - Vgl. Klinghardt, Das älteste Evangelium (s.-Anm.-9). 15 Vgl. dazu umfassend Wolfgang Grünstäudl, Wie viele Dubletten finden sich im Lukas‐ evangelium? Forschungsgeschichtliche und methodologische Klärungen, in: EThL 97 (2021), 191-222. ligkeiten ins Auge springen, gleich welches Paradigma der Synoptikerlektüre man zugrunde legt, sind die sogenannten Dubletten - Sprüche, Reden und Er‐ zählungen, die in ein und demselben Evangelium in gleicher oder sehr ähnlicher Form zweimal begegnen. Traditionell wurden sie vor allem im Rahmen der Zwei-Quellen-Hypothese erforscht und wiederholt als starkes Argument für diese ins Feld geführt, doch lassen sie sich auch mit anderen Zugängen zur Synoptischen Frage konstruktiv in Beziehung setzen. 10 Im Folgenden möchte ich der Frage nachgehen, wie sich die Dubletten des Lukasevangeliums zu dem für Markion bezeugten Evangelium verhalten. Dazu ziehe ich vier sehr unterschied‐ liche Rekonstruktionen dieses Evangeliums, und zwar diejenigen von Kenji Tsutsui, 11 Jason D.-BeDuhn, 12 Dieter T.-Roth 13 und Matthias Klinghardt 14 , heran und untersuche, ob und wie sich jene Dubletten, die die Forschung bisher im Lukasevangelium benannt hat, sich in diesen Rekonstruktionen wiederfinden. Zweifellos kann es sich dabei nur um eine erste Probebohrung zu einer Thematik handeln, die eine sehr viel umfassendere Behandlung verdiente - und im Folgenden werden auch nur zwei ausgewählte Einzelfälle besprochen werden können. Dennoch hoffe ich, dass diese Verknüpfung zweier bislang weitgehend unverbundener Forschungsdiskurse dazu dient, die gegenwärtige Vielfalt an Zugängen zu Markion und seinem Evangelium in der neutestamentlichen Forschung, und insbesondere der Lukasexegese, weniger als Hindernis, denn als erfreuliche Ressource zu begreifen. Einige wenige terminologische Klärungen seien vorangestellt: Wie an ande‐ rer Stelle ausführlich erläutert, handelt es sich bei Dubletten um synchrone Wiederholungsphänomene innerhalb ein- und desselben Evangeliums. 15 Das heißt, das Logion Lk 18,14/ 14,11 („Denn jeder, der sich erhöht, wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“) ist eine Dublette, das Senfkorngleichnis Lk 13,18f.parr nicht (sondern im Rahmen der Zwei-Quel‐ len-Hypothese eine Doppelüberlieferung in Mk und Q). Dieser Zugang schließt nicht aus, sondern ein, dass Dubletten als Indizien diachroner Transformati‐ onsprozesse (Redaktionsschichten, Verwendung unterschiedlicher Quellen etc.) Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0013 70 Wolfgang Grünstäudl 16 Vgl. Geert Van Oyen, The Doublets in 19th-Century Gospel Study, in: EThL 73 (1997), 277-306. Diese Liste ist für die lk Dubletten fortgeführt und erweitert in Grünstäudl, Wie viele Dubletten (s.-Anm.-15), 218-221. 17 - Klinghardt, Das älteste Evangelium (s.-Anm.-9), 392. 18 Klinghardt, Das älteste Evangelium (s. Anm. 9), 392.872, bietet jeweils „11,27“. Zum Dublettencharakter vgl. Wolfgang Grünstäudl, Repetition and Narrative Progress. On the Arrangement of Doublets in the Gospel of Luke, in: Robert Matthew Calhoun u. a. (Hg.), Narrative Hermeneutics, History, and Rhetoric. FS David P. Moessner (NTSupp-194), Leiden/ Boston 103-130, hier: -110f. 19 Klinghardt, Das älteste Evangelium (s. Anm. 9), 392, bietet „12,28f.“, vgl. jedoch ebd.-757.900. ausgewertet werden können. Um ihren Charakter als Wiederholungsphänomen unmittelbar sichtbar zu machen, stelle ich bei Stellenangaben zu Dubletten stets die zweite Dublettenhälfte voran (z. B. Lk 10,4/ 9,3), was zudem erleichtert, das Arrangement von Dubletten und anderen Wiederholungen innerhalb eines Erzähltextes im Blick zu behalten. Einen Gesamtüberblick aller in der Forschung bislang diskutierten Dubletten im Lukasevangelium gibt die entsprechende Liste von Geert Van Oyen. 16 Als Kürzel für das für Markion bezeugte Evangelium verwende ich „Mkn“, belasse aber in den Zitaten die jeweils verwendeten Sigla und Bezeichnungen wie „Evangelion“ (DeBuhn) oder „*Ev“ (Klinghardt, früher „Mcn“). Nun aber zu den Texten. 2. Dubletten in dem für Markion bezeugten Evangelium „Einigermaßen auffällig ist der Umstand, dass *Ev eine Reihe von Dubletten enthielt“ 17 , hält Klinghardt fest und listet folgende neun Dubletten für Mkn auf (hier gereiht nach der zweiten Dublettenhälfte und ergänzt um ihre jeweilige Van Oyen-Nummer, sofern vorhanden): lfd. Nr. Van Oyen Mkn Wiederholungsmotiv 1 41 10,4-/ -9,3 Aussendungsregel 2 58 11,28 18 -/ -8,21 Die das Wort Gottes tun 3 39 11,33-/ -8,16 Licht und Leuchter 4 5 12,8f 19 -/ -9,26 Bekenntnis zum Menschensohn 5 (57) 14,1-6-/ -6,6-10 Sabbatheilung-(verdorrte Hand-/ -Was‐ sersucht) 6 4 17,33-/ -9,24 Leben gewinnen-/ -verlieren Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0013 Lukanische Dubletten im Evangelium Markions 71 20 Klinghardt, Das älteste Evangelium (s. Anm. 9), 392, bietet „16,16“, vgl. jedoch ebd. 1001. 21 - Klinghardt, Das älteste Evangelium (s.-Anm.-9), 392. 22 Hier überschneiden sich die Textbereiche von VO 6 (Lk 21,12-19 / 12,11f.) und VO 43 (Lk-21,14f.-/ -11f.), wobei letztere als einhellig anerkannte Dublette gelten darf. 23 - Unter VO-57 ist konkret Lk-14,3-/ -6,9 verzeichnet. 24 Unter VO 37 ist stattdessen Lk 19,10 / 5,32 verzeichnet. Zu Begründung der Inklusion von Lk-9,56 in Mkn vgl. Klinghardt, Das älteste Evangelium (s.-Anm.-9), 787. 7 - 19,10-/ -9,56 Menschensohn sucht Verlorenes 8 6 (43) 21,12ff-/ -12,11f Beistand vor Gericht 9 59 21,33-/ -16,17 20 Meine Worte vergehen nicht Tabelle 1: Dubletten in Mkn nach Klinghardt Klinghardt erläutert den von ihm erhobenen Befund: Auch hier ist ein generelles Urteil wenig aussagekräftig, weil nicht alle Beispiele in gleicher Weise als Dubletten erkennbar sind. (…) Welchen Aufschluss diese Dubletten zu geben vermögen, ist unklar. Auf der einen Seite könnten sie als Hinweise darauf verstanden werden, dass bereits *Ev auf eine literarische Wachstumsgeschichte zurückblickt: Das war die These von Gustav Volckmar in der Auseinandersetzung mit Albrecht Ritschl, auch wenn die Dubletten dabei nicht im Vordergrund seiner Argumentation standen. Allerdings müsste sich ein solches Urteil auf sehr viel konkretere Hinweise stützen können als auf die bloße Existenz von Dubletten. Denn andererseits ist es ohne weiteres möglich, dass diese Dubletten Ausdruck des literarischen Gestaltungswillens von *Ev sind. 21 Die hier mit Blick auf Mkn gestellte Frage - „Diachrone Wachstumsspur oder synchrones Gestaltungselement? “ - ist zugleich eine der Grundfragen der Dublettenforschung überhaupt und lässt sich vermutlich nicht in jedem einzelnen Fall abschließend beantworten. Ganz grundsätzlich ist sich die einschlägige Forschung in zehn Fällen (von 28 Lk-Einträgen in die Van Oyen-Liste) einig, dass im Lk eine Dublette vorliegt. Von diesen zehn „sicheren“ lk Dubletten finden sich fünf in Tabelle 1 wieder: Nr. 1, 3, 4, 6 und 8 22 . Auch Nr. 2, 5 23 und 9 wurden, wenngleich nicht in derselben Einmütigkeit, als lk Dubletten vorgeschlagen, einzig Nr. 7 findet sich nicht in der Van Oyen-Liste, da sich der entscheidende Teil der Dublettenhälfte Lk 9,56 nicht in allen Texteditionen findet und die Dublette deshalb nur dann auftritt, wenn die Textrekonstruktion für Lk oder Mkn dieser (intensiv diskutierten) Variante folgt. 24 Anders formuliert: In Tabelle 1 findet sich mit der textkritisch Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0013 72 Wolfgang Grünstäudl 25 Die Diskussion um die Anzahl der lk Dubletten ist mit dem Verweis auf die Statistik der bisherigen Forschungsgeschichte natürlich nicht abgeschlossen. Im Lichte der oben vorgestellten Dubletten-Definition bedürfte etwa das Ps 118-Zitat in Lk 13,35 / 19,38, das nicht Teil der Van Oyen-Liste ist, (trotz unterschiedlicher Sprecher) besondere Aufmerksamkeit. unsicheren Ausnahme von Nr. 7 keine Dublette, die nur in Mkn, nicht aber auch in Lk beobachtet werden könnte. Fragt man umgekehrt nach den noch fehlenden fünf „sicheren“ Dubletten in Lk, 25 so ergibt sich folgendes Bild: lfd. Nr. Van Oyen Lk Wiederholungsmotiv Mkn (Kling‐ hardt) 10 40 12,2-/ -8,17 Verborgenes wird offenbar 12,2-/ -8,17 11 3 14,27-/ -9,23 Nachfolge und Kreuz tra‐ gen --/ -- 12 45 18,14b-/ -14,11 Erhöht und erniedrigt wer‐ den ? -/ -? 13 1 19,26-/ -8,18 Wer hat, dem wird gegeben 19,26-/ -8,18 14 42 20,46f.-/ -11,43 Gruß und erste Plätze --/ -11,43 Tabelle 2: Weitere „sichere“ lk Dubletten Nr. 10 und 13 finden sich auch in Klinghardts Mkn-Rekonstruktion, können also in Tabelle 1 ergänzt werden. Bei Nr. 14 ist eine, bei Nr. 11 sind beide Dub‐ lettenhälften nicht in dieser Rekonstruktion vorhanden; Nr. 12 ist ein Spezialfall, da Klinghardt hier für beide Hälften die Frage als letztlich nicht entscheidbar offenlässt. Insgesamt treten in der hinsichtlich des Textbestands besonders umfassenden Klinghardt-Rekonstruktion also sieben von zehn „sicheren“ lk Dubletten wieder auf. Aus dieser globalen Beobachtung ergibt sich, dass Mkn (in dieser Rekonstruktion) in einem besonderen Näheverhältnis zu Lk steht - doch das ist wenig überraschend. Spannender und sofort auch komplexer wird es beim Blick auf zwei Einzelbeispiele. Einmal handelt es sich um eine Dublette, die Forschungsgeschichte geschrieben hat, das andere Mal um eine Dublette, die in Lk als Triplette erscheint und besonders unterstreicht, dass es sich bei Dubletten um keine isolierten Wiederholungsphänomene handelt. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0013 Lukanische Dubletten im Evangelium Markions 73 26 -Harry T.-Fleddermann, The Doublets in Luke, in: EThL-84 (2008), 409-444, hier: -419. 27 - Diese Worte inkludiert Fleddermann nicht. 2.1. Ein Klassiker der Dublettenforschung (Lk-11,33-/ -8,16) Der Spruch von Lampe und Leuchter (Lk 11,33 / 8,16) stellt nach Harry Fleddermann ein Lehrbuchbeispiel für die lukanische Angleichung der Markus-Hälfte und der Q-Hälfte einer Dublette dar, da Lukas markinische Elemente in seine Redaktion der Q-Version einträgt und ebenso Q-Elemente in seine Redaktion der Markus-Hälfte. 26 Die von Fleddermann hinter Lk 11,33 / 8,16 angenommenen wechselseitigen Anpassungen basieren auf folgendem Schema, das die Zwei-Quellen-Hypothese voraussetzt: Mt Mk Lk Q-(Fleddermann) - mēti erchetai ho lychnos hina hypo ton modion tethēi ē hypo tēn klinēn; ouch hina epi tēn lychnian tethē; (4,21bc) oudeis de lychnon hapsas kalyptei auton skeuei ē hypokatō klinēs tithēsin, all epi lychnias tithēsin, hina hoi eisporeuomenoi blepōsin to phōs (8,16) - oude kaiousin lychnon kai titheasin auton hypo ton modion all epi tēn lychnian kai lampei pasin tois en tē oikia (5,15) - oudeis lychnon hapsas eis kryptēn tithēsin [oude hypo ton modion] 27 all epi tēn lychnian, hina hoi eisporeuomenoi to phōs blepōsin (11,33) oudeis kaiei lychnon kai tithēsin auton hypo ton modion all epi tēn lychnian, kai lampei pasin tois en tē oikia (11,33) Tabelle 3: Lk-11,33-/ -8,16 bei Fleddermann Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0013 74 Wolfgang Grünstäudl 28 Vgl. Fleddermann, Doublets (s. Anm. 26), 420 mit Anm. 32 und Verweis auf Lk 4,42 (diff. Mk 1,35), 9,12 (diff. Mk-6,36) und 22,39 (diff. Mk-14,32). 29 Der Artikel hai ist nicht zu eisporeuomenai, sondern zu epithumiai zu ziehen, pace Fledderman, Doublets (s.-Anm.-26), 421. 30 - Fledderman, Doublets (s.-Anm.-26), 421. 31 Vgl. Anton van Dulmen, De doubletten in het evangelie van Lucas. Inleiding tot een redaktionsgeschichtliche studie, Katholische Universität Leuven (unveröff. Lizentiats‐ schrift), 1966, 74-80; Fleddermann, Doublets (s.-Anm.-26), 422. Auf den ersten Blick springen die Unterschiede zwischen der in Frageform formulierten Markus-Version und der nahe an Matthäus liegenden Q-Version ins Auge. Ebenso auffällig sind die bis auf die Wortstellung identen Anfänge und Abschlüsse der beiden Dublettenhälften in Lukas. Aus der detaillierten Rekonstruktion Fleddermanns, die genau anzugeben vermag, welche Überle‐ gungen Lukas bewogen haben, einerseits Mk 4,21 unter Berücksichtigung von Q 11,33 - einem wiederum aus Lk 11,33 und Mt 5,15 erhobenen Text - zu Lk 8,16 und andererseits Q 11,33 unter Berücksichtigung von Mk 4,21 zu Lk 11,33 zu transformieren, soll hier nur ein Element wiedergegeben werden, nämlich seine Begründung der Partizipialwendung hina hoi eisporeuomenoi to phōs blepōsin („damit die Hineingehenden das Licht sehen“). Fleddermann erkennt drei redaktionelle Motive oder Impulse, die zu dieser lukanischen Formulierung geführt hätten: Zunächst die metaphorische markinische Rede von der „kommenden“ Lampe (mēti erchetai ho lychnos), wobei Lukas an anderer Stelle markinisches erchomai („kommen“) durch poreuomai („gehen“) ersetze, 28 dann begegne dieses Partizip im unmittelbaren Kontext von Mk 4,21 (nämlich in Mk 4,19 in Bezug auf Sorgen, Reichtum und die übrigen Begierden 29 ) und schließlich sei die markinische Gleichnisrede vom Kontrast zwischen denen, die draußen sind (vgl. Mk 4,11) und den Jüngern Jesu geprägt - ein Kontrast, der in Lukas nachwirke, denn, so Fleddermann, „für Lukas sind diejenigen um Jesus ‚in das Licht gekommen.‘ Das Thema des Begründungssatzes spiegelt auch ein lukanisches Anliegen wider, denn Lukas setzt Gott und Rettung in Lk / Apg fortwährend mit Licht gleich.“ 30 Unabhängig davon, ob mit diesen optimistischen redaktionskritischen Über‐ legungen das Richtige getroffen ist, bleibt die Beobachtung bestehen, dass die beiden Hälften der lukanischen Dublette eine größere Nähe zueinander aufweisen, als zu ihren Parallelen in Mk und Mt. Wie schon Anton van Dulmen vor ihm, betont Fleddermann deshalb zu Recht, dass durch die an Lk 11,33 / 8,16 erkennbaren Phänomene innerhalb der Zwei-Quellen-Hypothese und auf Basis des lk „Standardtextes“ die radikale These Heinz Schürmanns von einer lukanischen „Dublettenfurcht“, die nur aus Versehen Dubletten im Text belassen habe, deutlich in Frage zu stellen ist. 31 Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0013 Lukanische Dubletten im Evangelium Markions 75 32 - Vgl. Roth, Text (s.-Anm.-13), 58. 33 - Tsutsui, Evangelium (s.-Anm.-11), 88. 34 - BeDuhn, The First New Testament (s.-Anm.-9), 145. 35 - BeDuhn, The First New Testament (s.-Anm.-9), 145. 36 - Roth, Text (s.-Anm.-13), 207. 37 - Klinghardt, Das älteste Evangelium (s.-Anm.-9), 106. Wie verhält sich diese forschungsgeschichtlich so bedeutsame lukanische Dublette nun aber im markionitischen Kosmos? Zunächst gibt es keinen Zwei‐ fel, dass Tertullian in seinem Referat der Differenzen zwischen Mkn und Lk sowohl im Zusammenhang mit Lk 8,16 (Adversus marcionem 4,19,5: lucernam negat abscondit solere) als auch im Zusammenhang mit Lk 11,33 (Adversus mar‐ cionem 4,27,1: negat lucernam abstrudendam sed confirmat super candelabrum proponendam ut omnibus luceat) auf einen Text verweist, der festhält, was mit einer lucerna zu tun ist bzw. nicht zu tun ist. In Anbetracht fehlender Gegen‐ zeugnisse etwa bei Adamatius und Epiphanius 32 darf es damit als relativ sicher gelten, dass Mkn-11,33-/ -8,16 (bereits oder noch) eine Lk-11,33-/ -8,16 zumindest ähnliche Dublette bot. Wie diese aussah und wie sicher ihre Rekonstruktion erfolgen kann, darüber gehen die Voten der Markion-Forschung auseinander. Für Mkn 8,16 notiert Tsutsui nur die Referenz Tertullians ohne weiteren Kommentar, ergänzt aber zu Mkn 8,18 - einen Vers, den Tertullian zwischen Mkn 8,8 und Mkn 8,16 (! ) anführt -, dass „der Vers hierher verlegt worden zu sein [scheint]“ 33 . Ähnlich verzeichnet BeDuhn zu Mkn 8,16f. den Beleg sowie die Umstellung von Mkn 8,18 bei Tertullian, die Tsutsui „für die wahrscheinliche Reihenfolge in Marcion’s Text“ 34 halte. BeDuhn kommentiert trocken: „Eine Bestätigung durch eine andere Quelle wäre willkommen.“ 35 Ähnlich knapp bleibt Dieter Roth: Tertullian macht in 4,19,5 im Vorübergehen eine Anspielung an Lk 8,16, wobei der allgemeine Inhalt des Verses, dass jemand eine Lampe (luchnon) versteckt (kaluptei), evident ist. Weitere Einsichten in den Wortlaut des Textes können allerdings nicht gewonnen werden. 36 Ganz anders Matthias Klinghardt. Aufgrund seines methodischen Ansatzes, der die Analyse der patristischen Bezeugung des Mkn mit der Textüberlieferung des Lk verknüpft, erlaubt ihm letztere dort weitere Überlegungen, wo die Informationen aus ersterer enden. Im konkreten Fall verweist Klinghardt auf die Varianz der Textüberlieferung jenseits des ersten Teils von Lk 8,16a (oudeis de lychnon hapsas kalyptei auton): Das Ende von Lk 8,16a (skeuei ē hypokatō klinēs tithēsin), „das jeweils in b und e in (verschiedenen) Teilen ergänzt wurde“ 37 , habe in Mkn ebenso gefehlt wie Lk 8,16b (all epi lychnias tithēsin, „fehlt in 472 903* Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0013 76 Wolfgang Grünstäudl 38 - Klinghardt, Das älteste Evangelium (s.-Anm.-9), 106. 39 - Klinghardt, Das älteste Evangelium (s.-Anm.-9), 106. 40 - Vgl. Tsutsui, Evangelium (s.-Anm.-11), 101. 41 - BeDuhn, The First New Testament (s.-Anm.-9), 161. 42 Vgl. BeDuhn, The First New Testament (s. Anm. 9), 161. BeDuhn gibt die Wendung ut omnibus luceat mit „so that everything is illuminated“ wieder. Sie entspricht aber „damit sie [sc. die Lampe] allen leuchtet“ (cf. Mt-5,15: kai lampei pasin). 43 - Roth, Text (s.-Anm.-13), 146. 44 - Roth, Text (s.-Anm.-13), 146. 1009 1229 1355 1542* ℓ 253“ 38 ) und vor allem die so auffällige Schlusswendung Lk 8,16c (hina hoi eisporeuomenoi blepōsin to phōs, fehlt u. a. in P 75 und Codex Vaticanus). Daraus folge, so Klinghardt, im Umkehrschluss, dass die über Lk 8,16a* hinausgehenden Teile des Verses der lukanischen Überarbeitung von Mkn zuzuschreiben seien. Das konkrete Szenario beschreibt Klinghardt folgendermaßen: Das (für die Logik von *8,16 verzichtbare) Ende von Lk 8,16a und der Anfang von V. 16b (hypokatō klinēs tithēsin all epi lychnias tithēsin) stammen aus *11,33 (s. die Rekonstr.); der abschließende Finalsatz ist, wie die entsprechende und ebenfalls redaktionelle Formulierung in Lk-11,33 zeigt, eine lk Bildung auf der Grundlage von Mt-5,15. 39 Wie für Fleddermann verdankt also die Dublette Lk 11,33 / 8,16 auch für Klinghardt ihre Existenz der redaktionellen Arbeit des Lukas - allerdings nicht so wie bei Fleddermann auf der Basis von Mk und Q, sondern auf der Basis einer bereits in Mkn bestehenden Dublette. Das bringt uns zur zweiten Dublettenhälfte in Mkn 11,33, die wie schon Mkn 8,16 durchaus unterschiedlich rekonstruiert und kommentiert wird. Tstut‐ sui notiert den Beleg bei Tertullian (Adversus marcionem 4,27,1), übergeht den Vers aber ansonsten mit Schweigen. 40 BeDuhn nennt die Ortsangabe hypo ton modion, die sich in Mk 4,21 und Mt 5,15 findet, jedoch in Lk 11,33 schlecht bezeugt ist (u. a. fehlend in P 45 und P 75 ), „unsicher für das Evangelion“ 41 und erwägt, dass Tertullians Formulierung ut omnibus luceat „einen an Mt 5,15 angepassten Text [sc. des Mkn] repräsentieren könnte“ 42 . Roth vermerkt, dass „Tertullians Verwendung dieses Verses innerhalb seiner Argumentation nur ge‐ ringe Einsicht in den tatsächlichen Text von Markions Evangelium erlaubt“ 43 . Es sei zumindest „klar, dass es eine Erwähnung des Versteckens eines lychnos und die Idee des epi tēn lychnian enthalten hat“ 44 . Hinsichtlich Harnacks Vermutung, dass entsprechend Tertullians Referenz (ut omnibus luceat) in Mkn 11,33 der abschließende Finalsatz in der matthäischen Version (Mt 5,15: kai lampei pasin [tois en tēi oikiai]) enthalten gewesen sei, zeigt sich Roth zurückhaltend und führt aus, dass „Tertullian einmal mehr einfach in den für ihn vertrauteren Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0013 Lukanische Dubletten im Evangelium Markions 77 45 Roth, Text (s. Anm. 13), 146. Zu den auffälligen Matthäismen in Mkn-Referenzen und deren Bedeutung vgl. die Kontroverse von Klinghardt und Roth in den in Anm. 9 genannten Beiträgen. 46 - Klinghardt, Das älteste Evangelium (s.-Anm.-9), 878. 47 Vgl. hierzu Wolfgang Grünstäudl, „Greater Then They“ (Luke 9: 46). On the Reception of a Markan Doublet in Luke, in: Sacra Scripta-19 (2021), 40-57. Matthäus-Text (zitiert in De praescriptione haereticorum 26,4) gerutscht sein könnte, zumal dieser ebenso gut dem Anliegen seiner Argumentation dient.“ 45 Anders als Roth rechnet Klinghardt ut omnibus luceat nicht Tertullians Zitierpraxis, sondern - wie Harnack und BeDuhn - dem Text des Mkn zu: Die von Tertullian und einer Minuskel [sc. 579] bezeugte Lesart hina pasi lampēi ist dem hina hoi eisporeuomenoi to phōs blepōsin der Mehrheit der Handschriften vorzuziehen. Diese Wendung ist auch in-*8,16 fin. redaktionell ergänzt worden …, so dass die beiden Bildworte nahezu die gleiche Gestalt erhalten haben. 46 Wie oben schon festgestellt, ist es in diesem Szenario die redaktionelle Arbeit des Lukas, die eine ihm vorliegende Dublette verstärkt. Die von Lukas vorge‐ nommene Angleichung der beiden Dublettenhälften ist bei Klinghardt sogar noch umfassender als bei Fleddermann, da ersterer die Ortsangabe oude hypo ton modion in Lk 11,33 nicht als sekundäre Angleichung an Mt 5,15 (resp. Mk 4,21), sondern als ursprüngliches Element von Mkn begreift und - wie oben gezeigt - auch skeuei in Lk 8,16a der lukanischen Redaktion zuschreibt. Damit ist in dieser Perspektive das Motiv des Verbergens in / unter einem skeuos / modios eine weitere, redaktionell angefertigte Brücke zwischen den beiden lukanischen Dublettenhälften. Bereits aufgrund dieser wenigen Beobachtungen wird deutlich, dass sich die lukanischen Dubletten als interparadigmatische Transferschienen nahele‐ gen: Eine klassische, an der Zwei-Quellen-Hypothese orientierte Perspektive kann durch die Markion-Diskussion zumindest zu größerer Aufmerksamkeit für die Pluralität und Komplexität der Textüberlieferung angehalten werden, im konkreten Fall aber auch an den Umstand erinnert werden, dass Lukas bereits Dubletten vorgelegen haben (wie auch Mk 9,35 / 10,43f. zeigt 47 ). Die Perspektive der Markion-Priorität könnte von dem Umstand profitieren, dass Lukas in jedem Fall Dubletten schafft und verstärkt, wodurch nicht nur das angenommene Redaktionsverfahren Plausibilität gewinnen könnte, sondern vor allem Beobachtungen zur lukanischen Dublettenverwendung, die unter an‐ deren heuristischen Voraussetzungen gewonnen wurden, leichter integrierbar wären. Diese Dynamik zeichnet sich auch in dem zweiten Beispiel ab, das hier Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0013 78 Wolfgang Grünstäudl 48 Vgl. u. a. Hans Conzelmann, Die Mitte der Zeit. Studien zur Theologie des Lukas (BHTh-17), Tübingen 7 1993, 44.74.94 Anm.-1. besprochen werden soll, der Aussendungsregel, die in Lk 22,35 / 10,4 / 9,3 sogar als Triplette begegnet. 2.2. Die Aussendungsregel (Lk 22,35-/ -10,4-/ -9,3) Von den drei Stellen in Lk, an denen die „Aussendungsregel“ begegnet, erfahren die ersten beiden - Lk 9,3 und 10,4 - regelmäßig hohe Aufmerksamkeit in der Diskussion um die Rekonstruktion von Q und die Anfänge der Jesus-Bewegung. In ähnlicher Weise ist das Neben- und Miteinander von zwei Aussendungsre‐ den in Lk 9 und 10 ein klassischer Topos der Synoptischen Frage, der im Rahmen der Zwei-Quellen-Hypothese, stark vereinfacht formuliert, durch die Zuordnung von Lk 9 zu Markus und von Lk 10 zu Q eingeordnet wird. Das dritte Auftreten der Aussendungsregel wird dagegen weniger intensiv beachtet, oder vielleicht besser: im Zusammenhang mit anderen Diskursen untersucht. So stellte Lk 22,35-38 einen zentralen Ankerpunkt eines Klassikers der Lukasexegese, Hans Conzelmanns Mitte der Zeit, dar 48 und begegnet aktuell immer wieder im Rahmen der Frage nach dem Verhältnis des sogenannten historischen Jesus zu politischer Gewalt. Mit Harry Fleddermanns Studie und damit im Rahmen der Zwei-Quellen-Hy‐ pothese lässt sich der Befund folgendermaßen darstellen: Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0013 Lukanische Dubletten im Evangelium Markions 79 Mt Mk Lk Q (Fleddermann) - kai parēngeilen autois hina mēden airōsin eis hodon ei mē rhabdon monon, mē arton, mē pēran, mē eis tēn zōnēn chalkon, all hypodedemenous sandalia, kai mē endysēsthe dyo chitōnas (6,8f.) kai eipen pros autous mēden airete eis tēn hodon, mēte rhabdon mēte pēran mēte arton mēte argyrion mēte [ana] dyo chitōnas echein (9,3) - mē ktēsēsthe chryson mēde argyron mēde chalkon eis tas zōnas hymōn, mē pēran eis hodon mēde dyo chitōnas mēde hypodēmata mēde rhabdon (10,9-10a) - mē bastazete ballantion, mē pēran, mē hypodēmata, kai mēdena kata tēn hodon aspasēsthe (10,4) mē lambanete argyrion, mē pēran, mē hypodēmata mēde rhabdon kai mēdena kata tēn hodon aspasēsthe (10,4) - - kai eipen autois· hote apesteila hy‐ mas ater ballantiou kai pēras kai hypodēmatōn, mē tinos hysterēsate; hoi de eipan outhenos (22,35) - Tabelle 4: Lk 22,35-/ -10,4-/ -9,3 nach Fleddermann Die deutliche Differenz zwischen Markus (Erlaubnis eines Stabes und von Sandalen) und Q (Verbot von Stab und Sandalen) ist auf den ersten Blick zu erkennen. Nach Fleddermann „re-radikalisiert Lukas die markinische Aus‐ rüstungsregel durch die Wiedereinfügung des strikten Verbots eines Stabs Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0013 80 Wolfgang Grünstäudl 49 - Fleddermann, Doublets (s.-Anm.-26), 426. 50 - Vgl. Roth, Text (s.-Anm.-13), 76.334. 51 - Tsutsui, Evangelium (s.-Anm.-11), 124 (meine Hervorhebung). 52 - Klinghardt, Das älteste Evangelium (s.-Anm.-9), 1178. 53 - Roth, Text (s.-Anm.-13), 334. 54 - BeDuhn, The First New Testament (s.-Anm.-9), 187. 55 - Vgl. grundsätzlich Roth, Text (s.-Anm.-13), 47, Anm.-10. (Lk 9,3)“ 49 . Den Grund dafür findet er in Lk 22,35-38: Lukas stelle die apostolische Zeit als eine ideale, d. h. radikale Zeit dar, die nach der Passion Jesu durch eine neue Phase mit anderen ethischen Regeln abgelöst worden sei. Warum das Verbot des Stabes dann in Lk 10,4 fehlt, wo doch Lk 22,35f. in Bezug auf die Ausrüstungsgegenstände (hypodēmata! ) explizit auf Lk 10,4 zurückverweist, bleibt dabei offen. Verfolgt man nun diese Triplette im Raum der Mkn-Rekonstruktion weiter, dann wartet zunächst ein selten klarer Befund: Mit Epiphanius’ eindeutiger Auslassungsnotiz darf es als sicher gelten, dass Lk 22,35-37 in Mkn gefehlt hat. 50 Ebenso selten ist die Einmütigkeit, mit der die unterschiedlichen Rekonstruk‐ tionsansätze aus der Epiphaniusnotiz schließen, auch Lk 22,38 hätte in Mkn gefehlt. Bei Tstutsui lautet der einzige Kommentar zu Mkn 22,38: „Aus der Auslassung von VV.35-37 folgt notwendig, daß auch dieser Vers gestrichen ist.“ 51 Mit Bezug auf Tsutsui (und Harnack) stimmt Klinghardt zu: „Wie schon die Vertreter der Lk-Priorität zu Recht feststellten, kann V. 38 nicht allein gestanden haben; er hat demnach auch gefehlt.“ 52 Ähnlich Roth: „Da vv. 35-38 deutlich miteinander verbunden sind, ist es am wahrscheinlichsten [most likely], dass in Epiphanius’ Kommentar die gesamte Perikope im Blick ist.“ 53 Und auch BeDuhn urteilt nur etwas vorsichtiger (und unter Angabe eines weiteren Grundes): „V. 38 hat wahrscheinlich [probably] ebenso gefehlt, insbesondere da bewaffnete Jünger als Zitat gegen Markions Pazifismus von Nutzen gewesen wären.“ 54 Trotz dieser Einmütigkeit sollte meines Erachtens die Möglichkeit, dass Lk 22,38 in Mkn vorhanden war, aus mindestens drei Gründen nicht ganz außer Acht gelassen werden. Der erste besteht in der - zugegeben banalen - Feststellung, dass Epiphanius’ Auslassungsnotiz nur Material aus Lk 22,35.37 enthält. Dass der dazwischen liegende V. 36 darin inkludiert ist, ist ohne Weiteres schlüssig, 55 jedoch nicht in gleicher Weise, dass auch der danach liegende Lk 22,38 eingeschlossen ist. So wird im sehr ähnlichen Fall der Auslassungsnotiz des Epiphanius für Lk 21,21f. durchaus kontrovers diskutiert, ob damit die rest‐ lichen Verse der „Jerusalem-Perikope“ Lk 21,20-24 ebenfalls als in Mkn fehlend verbucht werden sollten. Roth urteilt an dieser Stelle wohl zu Recht vorsichtig: „Es scheint deshalb [sc. weil Epiphanius als Begründung der Auslassung auf Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0013 Lukanische Dubletten im Evangelium Markions 81 56 - Roth, Text (s.-Anm.-13), 331. 57 - Pace Klinghardt, Das älteste Evangelium (s.-Anm.-9), 1178. 58 Vgl. Klinghardt, Das älteste Evangelium (s. Anm. 9), 798, und Roth, Text (s. Anm. 13), 420. 59 - Vgl. Roth, Text (s. Anm. 13), 216. 60 - Vgl. Klinghardt, Das älteste Evangelium (s.-Anm.-9), 806. Lk 21,22 verweist], dass Epiphanius’ kai ta hexēs hier nicht über diese beiden Verse [sc.-21,21f.] hinausgeht“ 56 . Darüber hinaus würde Lk / Mkn 22,38 bei einem Fehlen von Lk / Mkn 22,35-37 nicht alleinstehen, 57 sondern an Mkn 22,31-34 anschließen - und das durchaus stimmig: Auf die Zurückweisung der Todesbereitschaft des Petrus folgte dann der protestierend-steigernde Einwurf der (übrigen) Jünger, bereits Waffen zur Hand zu haben, worauf wiederum Jesu „Genug! “ einen pointierten Schluss‐ punkt setzte. Nimmt man Markion-Priorität an, lässt sich an diesem Punkt mindestens noch eine weitere Überlegung anschließen. Die beiden Schwerter in Mkn (! ) 22,38 wären dann als semantischer Anker der redaktionellen Einfügung Lk 22,35-37 in Lk 22,36 aufgegriffen worden. Sicherlich bereitet Lk 22,23-38 nun im lukanischen Standardtext den - ebenfalls nicht in Mkn enthaltenden - Schwerthieb Lk 22,49-51 narrativ vor, doch wäre umgekehrt Mkn 22,38 allein ein stimmiger und endgültiger Abschluss der Gewaltdebatte, auf die keine weitere Erwähnung von Schwertern zu folgen brauchte. Damit ist auch die oben genannte Begründung BeDuhns entkräftet, denn nur mit Mkn 22,38, also ohne Lk 22,35-37.49-51, spräche Mkn gerade nicht von „bewaffneten Jüngern“ als einem gegen Markion verwendbarem Skandalon, sondern als einem weiteren, und zudem von Jesus deutlich zurückgewiesenen, Zeichen des Unverständnisses der Jünger. Darf man für die hier interessierende Aussendungsregel festhalten, dass ihre dritte Erwähnung in Lk 22,35f. in Mkn gefehlt hat, so ist die Situation in Bezug auf Lk 10,4 ungleich unübersichtlicher. Besondere Aufmerksamkeit verdient der bereits oben im Zuge von Fleddermanns Re-Radikalisierungs-Hypothese erwähnte Stock (rhabdos), der in Lk 9,3 (als verbotener) Erwähnung findet, jedoch in Lk 10,4 weder positiv noch negativ genannt wird. Sowohl Roth (mit Vorbehalt) als auch Klinghardt nehmen rhabdos in ihre Rekonstruktion von Mkn auf, 58 wobei Roth in seiner Analyse doch eher dazu neigt, dass es sich hier um einen Eintrag aus Lk 9,3 durch Tertullian handelt, 59 während Klinghardt dies explizit ausschließt. 60 Gegenüber den Alternativen einer Eintragung bzw. Harmonisierung durch Tertullian einerseits und der Präsenz des Stockes in Mkn andererseits erscheint mir eine dritte Möglichkeit als wahrscheinlicher: Tertulli‐ ans Referenz auf eine Mkn 9,3 verwendende Antithese Markions. Zu beachten ist Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0013 82 Wolfgang Grünstäudl 61 Zu „unseren Antithesen“ vgl. die hermeneutischen Vorüberlegungen in Adversus marcionem 4,1,1-11. Warum Tertullian die Antithese zu Mkn 9,3 in die Besprechung von Mkn 10,4 einflicht, bleibt sein Geheimnis, doch ist der Grund vielleicht in der Passgenauigkeit der Elischa-Analogie zu suchen. 62 - Tsutsui, Evangelium (s.-Anm.-11), 95. 63 - Tsutsui, Evangelium (s.-Anm.-11), 95. dabei insbesondere der argumentative Aufbau in Adversus marcionem-4,24,1-3, der sich dadurch auszeichnet, dass auf das Lemma zu Mkn 10,4 (adlegit et alios septuaginta apostolos super duodecim) zunächst eine alttestamentliche Plausi‐ bilisierung des Gegenübers von 12 zu 70 Ausgesandten folgt (zwölf Quellen und 70 Palmen in Elim [Ex 15,27; Num 33,9]), dann aber eine Grundsatzaussage zu den Antithesen anschließt: antithesis plurimum causarum diversitatis fecit, non potestatum. Hierauf folgt in Adversus marcionem 4,24,2 eine Sentenz, die in ihrer programmatischen Gegenüberstellung der Beraubung der Ägypter (vgl. Ex 12,34-36) mit den ohne Stock ausziehenden Jüngern unschwer als markionitische Antithese erkennbar ist. Mit dieser - und nicht mit dem Text von Mkn 10,4! - setzt sich Tertullian sodann unter Zuhilfenahme des zuvor postulier‐ ten Grundsatzes auseinander. Erst in Adversus marcionem 4,24,3 greift Tertullian mit den Schuhen (calciamenta) zum ersten Mal ein Motiv auf, das nicht in Lk 9, sondern nur in Lk 10 begegnet. Mit der kühnen Assoziation zu Dtn 29,4 (keine abgenutzten Schuhe nach 40 Jahren! ) findet er zu einer Argumentationsfigur, die die zitierte Antithese umkehrt: Die Gebote der Aussendungsrede entsprechen den Anordnungen Elischas an Gehasi (vgl. 2 Kön 4). Diese Umkehrung wird als solche abschließend am Ende von Adversus marcionem 4,24,3 auch entsprechend markiert: Haec erunt nostrae potius antithesis, quae comparant, non quae separant Christum. 61 Eng verbunden mit der Frage nach dem Text von Mkn 10,4 ist die nach dem Text von Mkn 10,1, denn dort wird definiert, welche Gruppe von Jesus in der dritten Sendung nach Lk / Mkn 9,2 und Lk / Mkn 9,52 ausgesandt wird. Insbesondere Tsutsui unterstreicht die Bedeutung von Mkn 10,1: „Eine der auffallendsten Textänderungen Marcions findet sich hier.“ 62 Für Tsutsui ist es „[g]anz sicher, daß ‚apostolos‘ (= ‚apostolous‘) nach ‚hebdomēkonta‘ eingefügt worden ist und ebenso „[scheint] ‚super duodecim‘ (= ‚epi tois dōdeka‘? ) … im Text Marcions gestanden zu haben.“ 63 Für den auf der Basis der Lk-Priorität arbeitenden Tsustsui hat der Redaktor Markion an dieser Stelle gewissermaßen die Grundlage seiner eigenen Theologie geschaffen: „Marcion hat die ‚zwölf Apostel‘ einer ‚potestas (= Autorität)‘, nämlich dem Schöpfergott, und die ‚siebzig Apostel‘ dagegen anderer [sic], nämlich dem Gott Marcions, unterstellt, und Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0013 Lukanische Dubletten im Evangelium Markions 83 64 - Tsutsui, Evangelium (s.-Anm.-11), 95. Ausführlicher hierzu ebd., 71-74. 65 Roth, Text (s. Anm. 13), 216 Anm. 160. Zu beachten ist, dass Adversus marcionem 4,24,8 noch einmal auf die Nennung der Siebzig als „Apostel“ zurückkommt. 66 - Vgl. Klinghardt, Das älteste Evangelium (s.-Anm.-9), 801. 67 - Vgl. Klinghardt, Das älteste Evangelium (s.-Anm.-9), 804. 68 Zum dabei vorausgesetzten Verhältnis der Zwölf zu den 70 / 72 vgl. Wolfgang Grünstäudl, Companions, Hairs, and Swords. Preliminary Remarks on Dys/ functional Variation in Luke’s Story of Christ, in: Pedrag Dragutinovic u. a. (Hg.), Christ of the Sacred Stories (WUNT-II/ 453), Tübingen 2017, 77-100, hier: -85-98. 69 Robert C. Tannhill, Luke (Abingdon New Testament Commentaries), Nashville 1996, 173. Pace Klinghardt, Das älteste Evangelium (s. Anm. 9), 801 („dass die Zweiundsiebzig nicht in der Weise positiv herausgestellt werden, dass sie als Repräsentanten der marcionitischen Kirche plausibel werden“). somit die beiden Apostelgruppen einander exklusiv entgegengesetzt.“ 64 Doch bezieht sich, wie oben gezeigt, Tertullians potestas-Grundsatz nicht unmittelbar auf Mkn 10,4, sondern auf eine Antithese Markions, die Mkn 9,3 und Ex 12,34- 36 in Gegensatz zu einander brachte, das heißt auf den Gegensatz zwischen einer in den Schriften Israels und einer im Evangelium bezeugten potestas. Roth beurteilt Tsutsuis Votum für apostolous und epi tois dōdeka in Mkn als „fragwürdig“, da es durch die falsche Zuordnung der genannten Antithese (zu 70 vs. 12 Emissären anstatt zu mit [geraubten] Gütern vs. ohne Stock) „beeinflusst scheint“. 65 Sicherlich hängt für Tsutsui beides - Textrekonstruktion des Mkn und für dieses vermutete theologische Interesse Markions - eng miteinander zusammen. Doch mit dem Verweis auf die fehlerhafte Zuordnung der beiden potestates durch Tsutsui ist gerade noch nicht geklärt, ob apostolous und epi tois dōdeka nun Tertullian oder seinem Mkn-Text zuzuschreiben sind. Klinghardt nimmt apostolous (und epi tois dōdeka) für Mkn an, 66 schließt daraus aber zu schnell, dass diese Textversion keine theologische Relevanz für Markion gehabt habe. Gerade in der Perspektive der Mkn-Priorität fallen die starken Reaktionen auf die doppelte Aussendung auf: Klinghardt selbst be‐ schreibt die lk Redaktion von Mkn 10,1 als Angleichung der 70 / 72 Apostel an die Quartiermeister in Mkn / Lk 9,52 (und damit als Degradierung), 67 darüber hinaus fügt die lk Redaktion in diesem Szenario mindestens den korrigierenden Rück‐ blick Lk 22,35f. ein - als explizite Beschränkung einer jesuanischen Anweisung durch Jesus selbst (einmalig in Lk / Mkn 68 ) -, während sowohl Mk wie Mt die zweite Aussendung in die eine und einzige Aussendung der Zwölf integrieren. Übersehen werden sollte auch nicht, dass sich die Sendung der 70 / 72 v. a. durch den Erfolgsbericht der Ausgesandten (Lk 10,17), die euphorische Reaktion Jesu (Lk / Mkn 10,21) als auch das in Lk / Mkn 9,37-43 erzählte exorzistische Scheitern der Jünger als „grander version of the first“ 69 von der ersten Sendung (der Zwölf) abhebt. Alle diese Beobachtungen ließen sich - wieder: im Rahmen Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0013 84 Wolfgang Grünstäudl 70 BeDuhn, The First New Testament (s. Anm. 9), 153 bringt die Möglichkeit ins Spiel, dass Tertullian „auf der Basis des im Text enthaltenen Verbs ‚aussenden‘ paraphrasiere“. Analoges wäre auch für Markion zumindest denkbar, wenn apostolous nicht Teil des Mkn gewesen sein sollte. Eigens zu diskutieren wäre die Frage nach dem Geschlecht der „zwei und zwei“ Ausgesandten, vgl. dazu etwa Joan E. Taylor, „Two by Two“. The Ark-etypal Language of Mark’s Apostolic Pairings, in: Joan E. Taylor (Hg.), The Body in Biblical, Jewish and Christian Texts (Library of Second Temple Studies 85), London 2014, 58-82. 71 - Vgl. dazu oben Tabelle-1 und Grünstäudl, Repetition (s.-Anm.-18), passim. der Mkn-Priorität - schlüssig mit der Annahme erklären, dass Markion in Mkn 10,1 die Beschreibung der 70 / 72 als apostolous epi tois dōdeka vorfand, 70 als wichtige Belegstelle seiner Theologie auswertete und deshalb lk Redaktion, Mk und Mt in unterschiedlicher Weise (Lk: Anpassung an Lk 9,52; chronologische Beschränkung durch Lk 22,35f.; Mk und Mt: Eliminierung und Integration in die Sendung der Zwölf) versuchten, diese zweite, überaus erfolgreiche Sendung zu zähmen. Auffällig ist in jedem Fall, dass die beiden Aussendungsreden sowohl in Mkn als auch in Lk jenes Portal bilden, durch das die Lesenden den literarischen Raum der lk / mkn Wiederholungen betreten. 71 Sichtbar wird dies freilich erst dort, wo Dubletten konsequent als synchrone Wiederholungsphänomene wahrgenommen und beschrieben werden - und erst auf dieser Basis wird es möglich, ihren potentiellen Wert als diachrone Indizien zur Bestimmung der Quellen des Lukasevangeliums ergebnisoffen zu erörtern. 3. Fazit Selbst wenn man sehr zurückhaltend rekonstruiert, so sind im Mkn zumindest die Umrisse einiger lk Dubletten deutlich zu erkennen. Um nur die beiden oben besprochenen Beispiele zu nennen: Sowohl in Mkn 8,16 als auch in Mkn 11,33 spricht Jesus vom Verstecken einer Lampe, sowohl in Mkn 9,3 als auch in Mkn 10,4 werden Jünger Jesu ausgesandt. Je nach Rekonstruktionsansatz lässt sich einerseits zu diesen beiden Dubletten noch wesentlich mehr sagen und anderseits ihre Anzahl (in Mkn) noch deutlich vermehren. Doch bereits mit dem Minimalbestand eines bloßen „Dass“ von Dubletten in dem für Markion bezeug‐ ten Evangelium ist die Aufgabe verbunden, klassische Dublettenforschung am Lk (und im Kontext der Synoptischen Frage) im Kontext der gegenwärtigen Paradigmenpluralität mit der Forschung zum Mkn in Verbindung zu setzen. Damit soll keiner seichten Irenik - „Irgendwie haben ja alle recht! “ - das Wort geredet werden, denn der Wettbewerb der Lösungsvorschläge zur Entstehung der Evangelien soll und wird in all seiner Komplexität weitergehen. Dieser Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0013 Lukanische Dubletten im Evangelium Markions 85 72 François Jullien, Es gibt keine kulturelle Identität. Wir verteidigen die Ressourcen einer Kultur (Edition Suhrkamp 2718), Frankfurt a. M. 5 2019, 91 (im Original zum Teil kursiv). Wettbewerb hindert allerdings nicht, zugleich die vorhandenen Transferschie‐ nen zum interparadigmatischen Austausch, wie eben die lk Dubletten, produktiv zu nutzen, um die „Isolation des solitären Offensichtlichen“ 72 zu überwinden und gemeinsam die faszinierende Dynamik der Evangelienüberlieferung Stück für Stück besser zu begreifen. Wolfgang Grünstäudl, Jahrgang 1977, studierte Katho‐ lische Theologie und Religionspädagogik in Wien und Regensburg und wurde 2012 in Regensburg promoviert. Nach beruflichen Stationen im Schuldienst war er 2008 bis 2013 Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Koblenz-Landau und von 2013 bis 2022 Akademischer Rat bzw. Oberrat an der Bergischen Universität Wuppertal. Seit 2022 ist er Professor für Theologie des Neuen Testaments und Biblische Didaktik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster. Aktuelle Forschungsschwerpunkte sind das Lukasevangelium, die Katho‐ lischen Briefe, Exegesegeschichte sowie Grundfragen neutestamentlicher Theologie und Hermeneutik. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0013 86 Wolfgang Grünstäudl
