ZNT – Zeitschrift für Neues Testament
znt
1435-2249
2941-0924
Francke Verlag Tübingen
10.24053/ZNT-2025-0015
znt2856/znt2856.pdf0601
2026
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Dronsch Strecker VogelBegründete Zweifel
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Stefan Alkier
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1 Siehe zur Begründung: Stefan Alkier/ Thomas Paulsen, Das Evangelium nach Lukas und die Taten der Abgesandten. Neu übersetzt (FNT-4), Paderborn 2023. Begründete Zweifel Warum es nicht sicher ist, dass der Verfasser der Taten der Abgesandten und der des Evangeliums nach Lukas ein und dieselbe Person waren Stefan Alkier 1. Die suggestive Irreführung des Terminus „Einleitungswissenschaft“ und die philologische Alternative einer Kompetenzanalyse Die Idee der historisch-kritischen Hermeneutik klingt auf einen ersten Blick ganz einleuchtend: Man stellt vor der Interpretation der jeweiligen Schrift vor, wer sie, wann, wo, an wen, zu welchem Anlass geschrieben hat. Die Beantwortung dieser Fragen kombiniert mit einer knappen Inhaltsangabe, einer Gliederung des Textes und einer Skizze der theologischen Hauptaussagen bilden die so genannte Einleitung in eine Schrift, die vor der je eigenen Interpreta‐ tion sozusagen als Sehhilfe ein angemesseneres Verständnis ermöglichen soll. Allerdings sind diese Angaben gerade keine „Einleitungen“, sondern hypothe‐ tisches Ergebnis langwieriger Textinterpretationen, denn nicht nur bei der so genannten Apostelgeschichte - ihr Titel im Griechischen ist angemessener zu übersetzen mit dem Plural „Taten der Abgesandten“ 1 - wissen wir keineswegs, wer der Verfasser war, wann und wo sie aus welchem Anlass geschrieben wurde. Dass die Gliederung des Textes und die Formulierung ihrer Hauptaussagen Interpretationsergebnisse sind, braucht nicht eigens begründet zu werden. Der Terminus „Einleitung“ weckt Erwartungen, die unerfüllbar sind, und den Benutzerinnen und Benutzern solcher Lehrbücher eine vermeintliche Sicherheit suggeriert. Es wäre an der Zeit, ihn aus dem terminologischen Vokabular einer Exegese, die Wissenschaft sein will, zu streichen. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0015 2 Stefan Alkier, Die fantastischen Vier. Was kann man über die Evangelisten Wissen? , in: -WUB-72/ 2 (2014), 7-11. Die Neugier der historisch-kritischen Einleitungswissenschaft ist verständ‐ lich. Man würde schon gern wissen, wer, wann, wo die Evangelien, 2 die sogenannte Apostelgeschichte, die Johannesapokalypse oder den Hebräerbrief geschrieben hat. Um es gleich vorweg in Erinnerung zu rufen: Wir wissen nicht und wir können nicht wissen, wann und wo diese neutestamentlichen Schriften abgefasst wurden. Und mit Ausnahme von sieben Paulusbriefen - Röm, 1 und 2Kor, Gal, 1Thess, Phil, Phlm - wissen wir auch nicht, wer die Verfasser waren. Alles, was darüber zu lesen ist, bewegt sich im Rahmen von Interpretationen, begründeten Vermutungen und auch bloßen Spekulationen, die im besten Fall den Status begründeter Hypothesen erreichen können. Qua‐ sifaktische Formulierungen von Hypothesen bzw. Mutmaßungen, wie sie sich so oft in Lehrbüchern finden, sind bezüglich der so genannten „Einleitungsfragen“ um der wissenschaftlichen Redlichkeit willen zu vermeiden. Sie sollten gerade nicht der philologisch-kritischen intratextuellen Analyse vorangestellt werden, sondern mit aller Bescheidenheit und Behutsamkeit am Ende der jeweiligen In‐ terpretation bedacht werden. Vom Text zur Geschichte lautet deshalb das Motto einer semiotisch informierten Exegese, die das historisch-kritische Vorgehen kritisiert, das erst ein hypothetisches Geschichtsbild vorstellt und dann den Text von da aus interpretiert. An Stelle der Einleitungsfragen sollte daher eine Kompetenzanalyse treten, die danach fragt, was derbzw. diejenige(n), die einen solchen Text schreiben konnten, wissen und können mussten. Und ergänzend dazu die Frage, was der Autor oder die Autoren an Kompetenzen bei ihren Leserinnen und Lesern voraussetzen. Damit lassen sich philologisch begründete Verfasserprofile erstellen, die in Kombination mit der Textinterpretation dann auch als Hypothesen oder auch als Vermutungen gekennzeichnete historische Schlussfolgerungen intersubjektiv nachvollziehbar ermöglichen. 2. Ein forschungsgeschichtlicher Hinweis Sieht man auf die Entstehung der Kontroverse, ob der Verfasser des so be‐ nannten Evangeliums nach Lukas mit dem der Taten der Abgesandten iden‐ tisch ist, fällt gleich ins Auge, dass die ersten Zweifler daran mit derselben historisch-kritischen Grundüberzeugung arbeiteten, wie diejenigen, die die an‐ gefochtene Verfassereinheit verteidigten. Es war insbesondere Ferdinand Chris‐ tian Baur (1792-1860), der die Auffassung vertrat, dass zur „Apostelgeschichte“ nicht die Situation des ersten Jahrhunderts passe, in der das Evangelium nach Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0015 90 Stefan Alkier 3 Ferdinand Christian Baur, Paulus, der Apostel Jesu Christi. Sein Leben und Wirken, seine Briefe und seine Lehre. Ein Beitrag zu einer Kritischen Geschichte des Urchris‐ tentums, Erster Theil, 2. Aufl. nach dem Tode des Verfassers besorgt durch Eduard Zeller, Leipzig 1866, 8 f. Ausgearbeitet und flankiert wurde diese Sicht auf die Apostel‐ geschichte von Baurs Schüler Eduard Zeller, Die Apostelgeschichte nach ihrem Inhalt und Ursprung kritisch untersucht, Stuttgart 1854. Schon im Inhaltsverzeichnis, ebd. XI, wird diese Sicht thetisch kenntlich gemacht: „Die Tendenz der Apostelgeschichte ist nicht petrinisch-jüdisch […], sondern paulinisch […], aber auch nicht rein paulinisch, sondern vom paulinischen Standpunkt aus conciliatorisch“. 4 Vgl. dazu: -Johann J. Griesbach, Synoptic and Text-Critical Studies 1776-1976, Bernard Orchard/ Thomas R.-W.-Longstaff (Hg.), (SNTS-MS-34), Cambridge u.-a. 1978. Lukas abgefasst sei. Es ging also um die Frage, in welches Bild der Geschichte des frühen Christentums die beiden Texte am besten passen und Baur vertrat vehement die These, dass Evangelium und Apostelgeschichte zu verschiedenen Zeitpunkten der Geschichte des Christentums verfasst worden sein müssen. In seinem Paulusbuch schreibt er: Den beiden Haupttheilen, in welche die Schrift zerfällt (Kap. 1-12 und 13-fin.), liegt die durch das ganze sich hindurchziehende Idee einer Parallelisierung der beiden Apostel Petrus und Paulus zu Grunde. In dieser Idee hat die Schrift ihre Einheit, ihre Haupttendenz ist, die Differenz zwischen Paulus und Petrus als eine unwesentliche und unanstössige darzustellen. Für diesen Zweck muss im zweiten Theile Paulus soviel möglich wie Petrus erscheinen, und ebenso im ersten Theil Petrus soviel möglich wie Paulus. Beide sollen also einander so nahe als möglich gerückt werden, damit der Eine für den Andern gleichsam einstehe, was von dem unläugbar paulinischen Verfasser der Apostelgeschichte nur im Interesse des Paulus geschehen sein kann. 3 Dieser Verfasser ist Baur zufolge aber ein anderer als der des Evangeliums nach Lukas. Baur übernahm von Johann Salomo Semler die Idee einer anta‐ gonistischen Differenz in den Anfängen des Christentums, aber er bewertet diese nicht nur anders, sondern interpretierte sie entwicklungsgeschichtlich. Für Semler waren die Evangelien judenchristlich, Paulus heidenchristlich und die katholischen Briefe ein Ausgleichsversuch, der aber die beiden anderen kei‐ neswegs verdrängte oder „aufhob“. Baur hingegen begreift den Katholizismus entwicklungsgeschichtlich als Synthese aus der Spannung von These - das Judenchristentum mit seinem Ausgangspunkt bei Jesus von Nazareth - und An‐ tithese - die paulinische „heidenchristliche“ Theologie. Alles also, was als Syn‐ these interpretiert werden konnte, musste jünger sein als die vorausgehenden Entwicklungsstadien. Da Baur zudem ein Vertreter der Griesbach-Hypothese 4 war, der zufolge das Markusevangelium eine rezeptionsorientiert motivierte Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0015 Begründete Zweifel 91 5 Stefan Alkier, Sola Scriptura als epistemologisches, hermeneutisches, methodologisches und theologisches Konzept der Schriftauslegung. 20 Thesen und ihre Erläuterung, in: Stefan Alkier (Hg.), unter Mitarbeit v. Dominik Blauth/ Max Botner, Sola Scrip‐ tura 1517-2017. Rekonstruktionen - Kritiken - Transformationen - Performanzen (CHT-7), Tübingen 2019, 429-477. gekürzte Neufassung der ihm vorliegenden Evangelien des Matthäus und Lukas war, musste die Apg deutlich später datiert werden als das Evangelium nach Lukas. So begreift Baur die Apg als eine wie Mk auf Ausgleich bedachte katholisierende Schrift des 2.-Jahrhunderts. Meine Argumente bauen dagegen nicht auf einem Bild der Entwicklungsge‐ schichte des entstehenden Christentums auf. Sie sind dagegen einer philologi‐ schen Kompetenzanalyse verpflichtet, die den Weg vom Text zur Geschichte und nicht anders herum gehen möchte, um damit der wissenschaftstheoretischen These Rechnung zu tragen, dass derjenigen These eine höhere Plausibilität zuzusprechen sei, die mit weniger Hypothesen, Vermutungen und Vorausset‐ zungen argumentiert. Dass ich darin zugleich die reformatorische Hermeneutik im Zeichen des Slogans sola scriptura verwirklicht sehe, die ich für deutlich leistungsfähiger halte als die historisch-kritische Hermeneutik, habe ich an anderer Stelle dargelegt. 5 3. Die Überschriften geben keinen Aufschluss über die Verfasser Die Titel der neutestamentlichen Schriften gehören nicht zu ihrem ursprüngli‐ chen Bestand. Doch selbst wenn die nachträgliche Überschrift des Evangeliums den Namen des Verfassers triftig überliefert haben sollte, können wir nicht mehr als das sagen, dass der Name Lukas ein griechischer Name ist. Wie aber nicht alle Kevins Engländer und nicht alle Chantals Französinnen sind, waren auch nicht alle Personen, die in der Antike lebten und den Namen Lukas trugen, gebürtige Griechen. Und dass der stilistisch im 2. Jh. n. Chr. wohl das beste Griechisch schreibende Autor, Lukian von Samosata, aus Syrien stammte und erst im Jugendalter Griechisch gelernt hat, sollte davor bewahren, zu schnelle Rückschlüsse von Namen und Sprachniveau auf die geographische Herkunft oder den Wohnsitz von Autoren zu ziehen. Die Überschrift der so genannten „Apostelgeschichte“, die aus einem Plural - Taten der Abgesandten - einen Singular macht - Geschichte - und damit irreführende Leseerwartungen provoziert, nennt keinen Verfassernamen, und so können wir am Anfang dieser Überlegungen festhalten, dass uns die Überschriften der beiden fragli‐ chen Werke nichts darüber sagen, ob sie von einem oder von verschiedenen Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0015 92 Stefan Alkier Verfassern stammen - und in beiden Büchern stellen sie sich namentlich auch nicht vor. Das Evangelium nach Lukas und die Taten der Abgesandten geben keine expliziten Hinweise auf die Person, die Namen, die Herkunft oder den Aufenthaltsort ihrer Verfasser. 4. Warum die Interpretation der Gemeinsamkeiten beider Schriften die Frage nicht beantworten kann Vergleicht man nun die Anfänge der beiden Schriften, scheint es auf den ersten Blick klar zu sein, dass sie beide von demselben gelehrten Autor abgefasst wurden. Nur diese beiden neutestamentlichen Schriften werden mit einem Proö‐ mium eingeleitet, das sie in die Tradition der griechischen Geschichtsschreibung stellt. Und beide Proömien richten sich an „Theophilos“, der entweder ein realer Mensch war, oder aber mit dem gewählten Namen des „Gottesfreunds“ - so die Übersetzung von „Theophilos“ - der Anspruch an die Leserinnen und Leser beider Schriften gestellt wird, sich durch die vertrauensvolle Lektüre als Freund Gottes zu erweisen. Damit käme die hermeneutische Beachtung dieses Namens einem Lektürevertrag gleich. Für die Frage nach der Verfasserschaft spielt der Befund, dass sich beide Proömien an denselben realen oder idealen Leser richten, eine gewichtige Rolle. Es wird damit zwar keineswegs die literaturgeschichtliche Frage beantwortet, ob es sich um einen oder aber um zwei Verfasser handelte, aber immerhin wird damit gleich zu Beginn der Schriften klar, dass sie entweder von einem Verfasser geschrieben wurden, oder aber der Autor des späteren Werks das frühere kannte, sich darauf bezieht und den Eindruck erwecken wollte, dass beide Werke von ein und demselben Verfasser geschrieben wurden. Um den hier zur Verfügung stehenden Raum hauptsächlich für die Formulierung meiner Zweifel an der Ein-Verfasser-Hypothese zu nutzen, führe ich das Theophilos Beispiel pars pro toto für alle Übereinstimmungen zwischen den beiden Werken an, um zu verdeutlichen, dass keine Übereinstimmung beweisen kann, dass es sich um nur einen Verfasser handelt, weil in allen Fällen die Übereinstimmung eben damit erklärt werden kann, dass der spätere Verfasser den früheren nachgeahmt hat, um den Eindruck zu erwecken, es handele sich beim späteren Werk um die Ergänzung oder Fortführung des früheren. Kurzum: Die Übereinstimmun‐ gen zwischen dem Evangelium nach Lukas und den Taten der Abgesandten beweisen, dass aus der Perspektive der späteren Schrift beide Texte zusammen gelesen werden sollen. Die Übereinstimmungen sagen aber nichts darüber aus, ob es sich um einen oder um zwei Verfasser handelte. Diese Frage kann nämlich nur durch die Herausarbeitung der Unterschiede und ihre interpretative Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0015 Begründete Zweifel 93 6 Siehe zur syntaktischen, semantischen und stilistischen Analyse beider Proömien Stefan Alkier/ Thomas Paulsen, Einleitung: Sprache und Stil im Evangelium nach Lukas und in den Taten der Abgesandten. Ein philologisch-kritischer Vergleich, in: Alkier/ Paulsen, Evangelium und Taten (s.-Anm.-1), 1-32, insbes.-17-20. Gewichtung bearbeitet werden. Diese Einsicht bietet den Vorteil, sich nicht auf voreilige Schlüsse, auf scheinbar selbstverständliches Lehrbuchwissen oder gar auf das eigene subjektive Bauchgefühl zu verlassen, sondern sich vielmehr auf eine philologisch objektivere Basis von für alle geschulten Exegetinnen und Exegeten nachvollziehbaren Differenzen zwischen beiden Texte zu stützen. Dass aber auch diese Herangehensweise die Frage nicht eindeutig entscheiden kann, weil die Differenzen ja interpretiert und gewichtet werden müssen, sei hier ausdrücklich festgehalten. Ich behaupte also nicht, dass es sicher ist, dass die in Frage stehenden Texte von zwei Autoren stammen, sondern möchte nur die abgeschwächte Hypothese begründen, dass es berechtigte Zweifel daran gibt, dass sie von ein und demselben Verfasser geschrieben wurden. 5. Die stilistische Verschiedenheit der Proömien spricht für zwei Verfasser In der Einleitung des vierten Bandes unseres Frankfurter Neuen Testaments haben Thomas Paulsen und ich die Proömien der beiden Werke analysiert und miteinander verglichen und erhebliche Differenzen festgestellt. 6 Das Proömium des Evangeliums ist als Vorrede mit einer besonders gesuchten, feierlichen Wortwahl klar von der erst danach einsetzenden Erzählung abgegrenzt. Diesen gekonnten Unterschied in der Stilhöhe bietet das Proömium der Taten der Abgesandten gerade nicht. Schon im zweiten Vers wechselt es mitten im Satz in den Modus der Erzählung und verwischt dadurch die Funktion des Proömiums. Während der Verfasser des Evangeliums also das Proömium nutzt, um sein besonderes stilistisches und semantisches Können vorab aufblitzen zu lassen, um dann in einen eher schlichten Erzählmodus zu wechseln, vermengt der Verfasser der Taten der Abgesandten Proömium und Erzählung und bleibt auf einer Stilhöhe. Dass aber auch er sich darum bemüht, sein sprachliches Können zu zeigen, wird ersichtlich, wenn man die Verse 1,1-5 als einen syntaktischen Zusammenhang analysiert, der die syntaktische Komplexität gegenüber dem Proömium des Evangeliums noch erhöht und auch schon direkte Rede darin einbaut, allerdings zu dem Preis, dass das ganze Gebilde unübersichtlich wird und stilistisch nicht wirklich gelingt. Das dürfte auch der Grund dafür sein, warum die meisten Übersetzungen den syntaktischen Zusammenhang von Apg 1,1-5 nicht nachahmen, sondern mehrere Sätze daraus gestalten. Ich Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0015 94 Stefan Alkier gebe hier die Übersetzungen von FNT 4 wieder, um meine Argumentation zu veranschaulichen: Die erste Schilderung habe ich von allem gemacht, Theophilos, was Jesus begann zu tun und zu lehren, bis zu dem Tag, an dem er, nachdem er die Abgesandten, die er für sich ausgewählt hatte, durch den heiligen Geist unterwiesen hatte, hinaufgenommen wurde, denen er sich auch zur Seite stellte, lebend, nach dem Erleiden, in vielen Erweisen vierzig Tage hindurch sich ihnen immer wieder sehen lassend und sagend das über die Königsherrschaft Gottes, und gemeinsam Salz essend trug er ihnen auf, sich nicht von Jerusalem zu entfernen, sondern die Ankündigung des Vaters abzuwarten, „die ihr von mir gehört habt, weil Johannes zwar in Wasser eingetaucht hat, ihr aber in Geist eingetaucht werden werdet, in heiligen, nicht nach vielen dieser Tage“ (Apg-1,1-5, FNT-4). Vergleicht man dieses ungestüme Ineinander von expliziter Autorenrede, Er‐ zählung und direkter Rede einer Erzählfigur mit der Kunst der Autorenrede im Proömium des Evangeliums, wird man berechtigte Zweifel ins Feld führen können, dass sie von ein und demselben Autor abgefasst wurden: Nachdem nun ja schon viele Hand angelegt haben, eine Erzählung aufzusetzen über die unter uns vollbrachten Taten, wie uns überliefert haben die, welche von Anfang an Augenzeugen und Diener des Wortes geworden sind, schien es auch mir gut, allem von Beginn an nachgegangen, dir exakt der Reihe nach zu schreiben, trefflichster Theophilos, damit du genau erkennst die Sicherheit der Worte, über die du unterrichtet wurdest (Lk-1,1-4, FNT-4). Erst nach diesem feierlichen und in sich abgerundeten Proömium setzt der Verfasser des Evangeliums im Unterschied zu dem der Taten der Abgesandten mit der Erzählung auf einer ihr angemessenen Stilhöhe ein. 6. Stilistische Differenzen der Reisebeschreibungen Sowohl das Evangelium nach Lukas als auch die Taten der Abgesandten weisen Reisebeschreibungen auf. Sie sind aber stilistisch sehr verschieden. Die lange Passage, die den Weg Jesu nach Jerusalem schildert (Lk 9,51-62), ist ganz auf die Figurenzeichnung Jesu und insbesondere auf seine Lehre, seine Konflikte und seiner Wundertaten fokussiert, um die Erzählung schnörkellos voranzutreiben. An den Umständen der Reise, an Wegbeschreibungen oder gar Fachtermini der Reisetechnik, die vom Eigentlichen der Erzählung ablenken könnten, ist das Evangelium nicht interessiert. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0015 Begründete Zweifel 95 7 Wir verwenden auch hier die narratologische Terminologie von Gérard Genette, hier mit Bezug auf Gérard Genette, Die Erzählung, München 1994, 174-181. 8 Apg-16,10-17; 20,5-15; 21,1-18; 27,1-28,16. 9 Michael Wolter, Das Lukasevangelium (HNT 5), Tübingen 2008, 7, mit weiterer Litera‐ tur. 10 Eckhard Plümacher, Wirklichkeitserfahrung und Geschichtsschreibung bei Lukas. Erwägungen zu den Wir-Stücken in der Apostelgeschichte, in: Eckhard Plümacher, Geschichte und Geschichten. Aufsätze zur Apostelgeschichte und zu den Johannesak‐ ten, Jens Schröter/ Ralph Brucker (Hg.) (WUNT I/ 170), Tübingen 2004, 85-108, hier 98. Ein ganz anderes Bild aber liefert die Darstellung der Schiffsreise des Gefan‐ genen Paulus nach Rom. Hier werden nicht nur umständlich Details und für die Erzählung gänzlich unnötige Fachtermini eingebracht, sondern auch die Erzähl‐ perspektive wird gewechselt. Der Verfasser des Evangeliums arbeitet nach dem Proömium konsequent mit einem heterodiegetischen Erzähler. 7 In den Taten der Abgesandten aber wechselt der Erzähler in 16,10 aus der 3. in die 1. Person und wird damit als Teilnehmer der paulinischen Reise, mithin als homodiegetischer Erzähler in den Text eingeschrieben. Diese Wir-Perspektive wird insgesamt in vier Passagen eingenommen, die allesamt im Kontext von Seereisen stehen. 8 Dieser auffällige Wechsel von hetero- und homodiegetischer Erzählperspektive führte zu der Annahme, dass hier vom Verfasser der Taten der Abgesandten eine von einem Teilnehmer der Paulus-Reise stammende Quelle eingearbeitet worden sei. Jedoch konnte gezeigt werden, dass die einheitliche sprachliche Gestaltung beider Erzählteile die Annahme einer Einfügung von Material anderer Provenienz ausschließt. 9 Der Verfasser der Taten der Abgesandten war also entweder tatsächlich ein Begleiter des Paulus, oder - wahrscheinlicher - es handelt sich um eine kunstvoll gestaltete fiktive Reiseschilderung, die mit der 1. Person Plural Zeugenschaft als authentisches Beglaubigungsmittel einsetzt, so dass sich „der Verfasser der Apostelgeschichte, als weitgereisten, vor allem aber als see-erfahrenen Mann […] präsentieren“ 10 kann, was ganz im Einklang mit der historiographischen Intention der Proömien steht. Wir haben es hier also mit einem Verfasser zu tun, der die Schiffsrouten nach Nordgriechenland (16,10-17) entlang der kleinasiatischen West- und Südküste bis nach Jerusalem (20,5-21,18) und nach Rom (27,1-28,16) kannte und seine geographische und fachliche Kompetenz im Unterschied zum Verfasser des Evangeliums mit dem Gebrauch der 1. Person Plural auch zur Sprache bringen wollte auf Kosten der Einheitlichkeit seiner Erzählperspektive und der Erzählspannung. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0015 96 Stefan Alkier 11 Vgl. Alkier/ Paulsen, Einleitung (s.-Anm.-6), 29. 12 Vgl. zu den diversen „Identitäten“ oder besser gesagt zu den Zugehörigkeiten des Saul, Saulos, Saulus, Paulos, Paulus, Stefan Alkier, Terminologien kollektiver Identitäten in der Apostelgeschichte des Lukas, in: Stefan Alkier/ Hartmut Leppin (Hg.), Juden - Heiden - Christen? Religiöse Inklusionen und Exklusionen im Römischen Kleinasien bis Decius (WUNT-I/ 400), Tübingen 2018, 301-331. 13 Vgl. die unsere Synopse der drei Varianten in Alkier/ Paulsen, Einleitung (s. Anm. 6), 30. 14 Vgl. Dennis R.-MacDonald, Does the New Testament imitate Homer? Four Cases from the Acts of the Apostles, New Haven 2003; Dennis R. MacDonald, The Gospels and Homer. Imitation of Greek Epics in Mark and Luke-Acts, Lanham 2014. 15 Vgl. Alkier/ Paulsen, Einleitung (s.-Anm.-6), 27-31. 7. Wiederholungen Mehrfach arbeitet der Verfasser der Taten der Abgesandten mit dem drama‐ turgischen Gestaltungsmittel von Wiederholungen. 11 Die Episode, die vom Umdenken des Petrus bzgl. der Mahlgemeinschaft zwischen Israeliten und den Menschen der anderen Völkerschaften in Cäsarea erzählt (Apg 10,1-11,18), nutzt diese Erzähltechnik gleich doppelt. Nicht nur das, was der Hundertschaftsführer Cornelius im Dialog mit einem Engel Gottes erfährt, wird nahezu wörtlich zweimal erzählt (vgl. 10,3-6 und 10,30-32), sondern auch der komplexe Traum des Petrus (10,10-16 und 11,5-10), der ihn zunächst ratlos macht, dann aber in Cäsarea angekommen ihn und dann auch „die Abgesandten und Geschwister in Judäa“ (11,1) verstehen lässt, dass alle Völkerschaften am „Umdenken hin zum Leben“ (11,18) partizipieren. Ein besonders markantes Beispiel der Wiederholung ist das Damaskuserleb‐ nis des Saul - so sein hebräischer Name, gräzisiert Saulos, latinisiert Saulus, bzw. des Paulos, so sein griechischer Name, latinisiert Paulus 12 -, das gleich dreimal erzählt wird, das erste Mal vom auktorialen Erzähler der Taten der Abgesandten an der Stelle, an der es sich ereignet, (9,3-8), das zweite Mal vom intradiegetischen Erzähler Paulus in autobiographischer Perspektive vor der Bevölkerung von Jerusalem (22,6-10), das dritte Mal wiederum von Paulus, nun aber vor König Herodes Agrippa (26,12-18). Trotz einiger Varianten bleibt nicht nur deutlich, dass es sich um dieselbe Episode handelt, sondern es finden sich auch wörtliche Wiederholungen, wie z. B. die markante Frage Jesu: „Saul, Saul, was verfolgst du mich? “ 13 Mit Dennis R. MacDonald 14 verstehen wir diese ausgeprägte Erzähltechnik der Wiederholung in den Taten der Abgesandten als homerische Erzählweise. 15 Freilich finden sich für wörtliche Wiederholungen in erzählenden Texten auch alttestamentliche Beispiele. Zieht man aber in Betracht, dass der Verfasser der Taten der Abgesandten der einzige Erzähler in der Schriftensammlung des Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0015 Begründete Zweifel 97 16 Vgl. Alkier/ Paulsen, Einleitung (s.-Anm.-6), 23-26. 17 Alle folgenden statistischen Angaben sind der Worttabelle von Robert Morgenthaler, Statistik des neutestamentlichen Wortschatzes, Zürich 1958, 67-157 unter den jewei‐ ligen Lemmata entnommen. 18 Vgl. z.-B. Morgenthaler, Statistik (s.-Anm.-17), 50. Neuen Testaments ist, der griechische Schriftsteller zitiert, nämlich Aratus in Apg 17,28 und Euripides in Apg 26,14, so wird sein Bemühen offensichtlich, nicht nur als griechischer Historiker, sondern eben auch als literarisch gebilde‐ ter, ästhetisch anspruchsvoller Erzähler wahrgenommen zu werden. Anders geht der Verfasser des Evangeliums nach Lukas mit der Darstellungs‐ technik der Wiederholung um. So erzählt er z. B. nur eine Speisungsgeschichte (Lk 9,10b-17). Die Speisung der Viertausend, von der die beiden anderen Synoptiker erzählen (Mt 15,32-39; Mk 8,1-10), findet sich im Evangelium nach Lukas nicht. Der Verfasser der Taten der Abgesandten hätte sie aber wohl gebracht, wäre er auch der Erzähler des Evangeliums gewesen. 8. Einige semantische Auffälligkeiten 16 Im Wortschatz weisen das Evangelium nach Lukas und die Taten der Abge‐ sandten einige Gemeinsamkeiten auf. Zu den auffälligsten gehört das Adjektiv hikanos, von dessen 33 Gesamtbelegen 27 auf Apg (18) und Lk (9) entfallen. 17 Auch das Verb hyparchein, das über seine Grundbedeutung „vorhanden sein“ hinaus eine große Bedeutungsvielfalt aufweist - etwa „sich erweisen“, „vorlie‐ gen“ oder manchmal auch kaum mehr als „sein“ - verbindet beide Texte. Obwohl es sich um ein Allerweltswort handelt, erscheint es in den narrativen Texten sonst nur dreimal bei Mt, bei Lk hingegen 15- und in der Apg sogar 25mal. Solche Gemeinsamkeiten im Wortschatz werden zuweilen als quasifaktischer Beweis für eine gemeinsame Autorschaft gewertet. 18 Jedoch kann derselbe Befund mit Hilfe der Zwei-Verfasser-Hypothese auch mit der Nachahmung des Schreibstils und der Semantik des früheren durch den späteren Autor erklärt werden. Schwieriger ist es jedoch, im Rahmen der Ein-Verfasser-Hypothese die so markanten semantischen Differenzen zu erklären, auf die in der Forschung eher selten eingegangen wird. Es gibt nämlich recht auffallende Unterschiede im Wortschatz, die bei einem einzigen Autor kaum zu erwarten wären. Ich beschränke mich auf wenige Beispiele, die nur in einem der beiden Texte vorkommen und im anderen fehlen, ohne dass sich ein inhaltlicher Grund dafür erkennen ließe. Beginnen wir mit dem Substantiv elpis, „Hoffnung“, ein in der gesamten griechischen Literatur verbreitetes Allerweltswort. Während es im Corpus Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0015 98 Stefan Alkier 19 Damit entfallen auf Lk allein mehr Belege als auf die drei anderen Evangelien zusam‐ men: Mt: -5, Mk: -6; Joh: -4. 20 Mt: -19, Mk: -10, Joh: -10 Belege. 21 Außer bei Lk nur einmal bei Mt. Paulinum mit 36 Belegen häufig vorkommt, fehlt es in allen Evangelien und der Apk. In den Taten der Abgesandten aber wird es achtmal verwendet. Zudem sei das Wort ekklesia angeführt, das in den Taten der Abgesandten 23mal zu finden ist. Dass dieses Wort häufiger als im Evangelium in den Taten der Abgesandten erschiene, ließe sich thematisch erklären. Dass es aber im Evangelium nach Lukas gar nicht zu finden ist, kann mit der Zwei-Verfasser-Hy‐ pothese plausibler erklärt werden, als mit der Ein-Verfasser-Hypothese, denn dass auch der Stoff eines Evangeliums die Verwendung dieses Vorzugswortes der Taten der Abgesandten erlaubt hätte, zeigt das Matthäusevangelium. Kontexte, in denen von Übeltätern die Rede ist, gibt es in den Evangelien und der Apg viele. Diese werden von Lk insgesamt 18mal als hamartōloi bezeichnet 19 , in der Apg kommt dieses Substantiv hingegen überhaupt nicht vor. Zwei Verben aus dem Bereich des Tötens und Sterbens, apollynai, „verderben, vernichten“ und sein Mediopassivum apollysthai, „zugrunde gehen“ sind bei allen Evangelisten recht häufig, 20 doch zeigt Lk mit 27 Stellen die größte Vorliebe für dieses Wort; in den Taten der Abgesandten erscheint es hingegen ganze zweimal. Umgekehrt verwendet ihr Verfasser sehr gerne anhairein, „umbrin‐ gen“, „beseitigen“ (19mal), das sich in den Evangelien so gut wie gar nicht findet 21 und bei Lk gerade auf zwei Belegstellen kommt. Ebenso auffällig ist der Befund beim Verb agapan, das „lieben“ im nicht-ero‐ tischen Sinn bedeutet: Dieses Wort kommt im ganzen NT insgesamt 141mal vor. Auch das Evangelium nach Lukas enthält 13 Belege; die Apg ist dagegen der einzige der narrativen Texte des NT, in dem das Wort überhaupt nicht vorkommt! Der Verfasser der Taten der Abgesandten verwendet gern das Adverb homo‐ thymadon, „einmütig“, das bei ihm zehnmal, im ganzen sonstigen NT dagegen nur noch einmal in Röm 15,6 vorkommt. Ein Wort solch allgemeiner Bedeutung müsste sich doch bei identischer Verfasserschaft auch im Evangelium nach Lukas finden, was aber nicht der Fall ist. Abschließend sei noch ein Beispiel angeführt, das Thomas Paulsen und ich für besonders wichtig halten, um die Zweifel an der Identität der beiden Autoren aufgrund des sprachlichen Befundes zu untermauern, nämlich die Partikel μέν (mén, „zwar“), die meist in Verbindung mit δέ (dé, „aber“) eine in der Regel schwache Antithese generiert. Während dieses Wort Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0015 Begründete Zweifel 99 22 Hier ist men zwar nicht ganz selten, aber doch deutlich weniger verwendet als in den meisten paganen Texten. So kommt es z. B. im Pentateuch nur 20mal auf gut 350-Textseiten (in der Ausgabe von Rahlfs [1979]) vor. 23 Alkier/ Paulsen, Einleitung (s.-Anm.-6), 26. in griechischen Texten außerhalb der Septuaginta 22 und des-NT ungemein häufig ist, da solche schwachen Antithesen besonders charakteristisch für das antike griechische Denken zu sein scheinen, werden sie von den Autoren des NT zum größeren Teil sparsam gebraucht, in der Apk fehlt das Wörtchen sogar völlig. Von den Evangelisten fällt nur Mt mit 20 Stellen ein wenig aus dem Rahmen, Mk bietet 6, Joh 8 und Lk 10 Belege. Dem stehen 63 Belege im Corpus Paulinum gegenüber, was natürlich dadurch gut zu erklären ist, dass in Texten mit großem argumentativen und appellativen Anteil Antithesen eher zu erwarten sind als in vorwiegend narrativen Texten. Von diesen bietet aber die Apg eine markante Ausnahme mit 47 Belegen für μέν, also fast fünfmal so viel wie bei Lk. Es lässt sich also konstatieren, dass der Verfasser der Apg deutlich stärker antithetisch denkt als der Evangelist Lukas. Auch dieses Faktum ist unterhalb der Ebene eines Beweises für verschiedene Autorschaft, aber es bietet zusammen mit den anderen genannten Belegen ein nicht zu ignorierendes gewichtiges Indiz dafür. 23 9. Fazit: Zweifel an der Ein-Verfasser Hypothese sind angebracht Keines der hier von mir angeführten Argumente ist so stark belastbar, dass es die Zwei-Verfasser-Hypothese beweisen könnte. In der Summe aber sind die Beobachtungen doch so stark zu gewichten, dass sie berechtigte Zweifel an der Ein-Verfasser-Hypothese anmelden. Mein Fazit ist klar: Wir wissen nicht und wir können nicht wissen, ob das Evangelium nach Lukas und die Taten der Abgesandten von ein und demselben Autor stammen und wir können auch nicht bestimmen, wann und wo diese Texte abgefasst wurden. Gerade in Zeiten von Populismus und fake news sollten sich wissenschaftliche Aussagen darauf be‐ schränken, was redlich ermittelt werden kann und was eben nicht. Vermutungen und Hypothesen sind keine Fakten und dürfen deshalb auch nicht quasifaktisch formuliert und behauptet werden. Ich appelliere an alle Autorinnen und Autoren künftiger Lehrbücher oder Neuauflagen bestehender Lehrbücher hier aufrichtig zu sein und die wissbegierigen Leserinnen und Leser nicht länger mit quasi‐ faktischen Formulierungen zu blenden. Wir müssen es angesichts der Komple‐ xität unserer Welt lernen, mit Unsicherheiten und Unentscheidbarem besser umzugehen. Eindeutige Behauptungen, wo alles auf mehrdeutige Indizien und Vermutungen aufbaut, sind unredlich. Hermeneutisch heißt das aber für mich mit Blick auf das Evangelium nach Lukas und die Taten der Abgesandten, dass Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0015 100 Stefan Alkier 24 Auch mit Blick auf das Corpus Johanneum haben wir eine solche intertextuelle Lösung vorgeschlagen und begründet, vgl. Stefan Alkier/ Thomas Paulsen, Das Evangelium nach Johannes und die drei Johannesbriefe. Neu übersetzt und mit Überlegungen zu Sprache, Kosmologie und Theologie im Corpus Johanneum sowie einem Glossar (FNT-3), Paderborn 2022, 137-156. sie nicht unter der Voraussetzung der Ein-Verfasser-Vermutung als „lukanisches Doppelwerk“ bezeichnet und interpretiert werden können. Eine intertextuelle Verhältnisbestimmung wäre eine intersubjektiv kontrollierbare Alternative, die mit weit weniger Voraussetzungen und größerer Textnähe begründet werden kann. 24 Prof. Dr. Stefan Alkier ist seit 2001 Professor für Neues Testament und Geschichte der Alten Kirche am Fach‐ bereich Evangelische Theologie der Goethe-Universität Frankfurt/ Main. Er gibt den neutestamentlichen Teil des bibelwissenschaftlichen Internetlexikons www.wibilex.de heraus. Zusammen mit dem Gräzisten Thomas Paulsen fertigt er eine philologisch-kritische Übersetzung aller neutestamentlichen Texte an; die Bände 1-5 des „Frankfur‐ ter Neuen Testaments“ sind bereits erschienen. In der von ihm begründeten Buchreihe „Biblische Argumente in öffentlichen Debatten“ hat er zuletzt zwei Bände zum Thema „Zuversichtsargumente - Biblische Perspektiven in Krisen und Ängsten unserer Zeit“ herausgegeben. Sein semiotisch-kritischer Ansatz vereint kritische philologische und historische Forschung mit Fragen der Gegenwartsrelevanz biblischer Texte. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0015 Begründete Zweifel 101
