eJournals ZNT – Zeitschrift für Neues Testament28/56

ZNT – Zeitschrift für Neues Testament
znt
1435-2249
2941-0924
Francke Verlag Tübingen
10.24053/ZNT-2025-0016
znt2856/znt2856.pdf0601
2026
2856 Dronsch Strecker Vogel

Ein Autor oder ein Konzept

0601
2026
Bart J. Koet
znt28560103
1 * Mit Dank für die sprachliche Überarbeitung an Jan Heilmann. Die übliche deutsche Bezeichnung für Acta ist Apostelgeschichte. Stefan Alkier/ Thomas Paulsen (Das Evangelium nach Lukas und die Taten der Abgesandten. Neu übersetzt [FNT 4], Paderborn 2023) übersetzen „Taten der Abgesandten“. „Taten“ ist näher an der Art und Weise, wie die meisten anderen Sprachen dieses Buch bezeichnen. Sie benutzten nicht ein Wort wie „Geschichte“, sondern eines, das tatsächlich von Taten spricht (cf.Acts of the Apostles und Actes des Apôtres). Alkier/ Paulsen unternehmen auch einen Versuch, das Wort Apostel zu „übersetzen“ und sprechen deshalb von „Abgesandten“. Ich begrüße diesen Versuch, Begriffe, die in der normalen Sprache mehr oder weniger versteinert sind, neu zu prägen. Aus Verlegenheit verwende ich in diesem Artikel eine latinisierte Bezeichnung: Lucas-Acta. Eine andere lateinische Bezeichnung/ Übersetzung lautet Actus Apostolorum (z. B.: Vulgata und Nova Vulgata). 2 Bart J. Koet, Five Studies on the Interpretation of Scripture in Luke-Acts (SNTA 14), Leuven 1989, 141 f., siehe auch 29 f. und 58-62. 3 Er war zum Beispiel der einzige Bischof, der violette Socken trug und alle möglichen altmodischen römisch-katholischen Begriffe verwendete. Ein Autor oder ein Konzept Über die Einheit der Lucas-Acta 1 Bart J.-Koet Eine der Schlussfolgerungen meines ersten Buches über Lucas-Acta war, dass Lukas ein Interesse an systematischer Schriftauslegung hatte und dass er sogar bestimmte Begriffe und Strategien der Schriftauslegung verwendete, die mit denen der späteren Rabbiner vergleichbar waren. 2 Ein befreundeter Kollege schloss daraus, dass Lukas damals Jude gewesen sein müsse. Das war genau nicht die Schlussfolgerung, die ich ziehen wollte, und zwar nicht nur, weil auch andere Erklärungen möglich sind, sondern vor allem, weil wir es letztlich nicht sicher wissen können. Das schnelle Urteil meines Kollegen erinnerte mich da‐ mals an einen niederländischen Bischof von vor ein paar Jahrzehnten. Er profi‐ lierte sich als so katholisch, dass jeder merkte, dass er früher Protestant gewesen war. 3 Mit anderen Worten: Aus den beiden Lukas zugeschriebenen Schriften können wir nur erschließen, welches Wissen er besaß, wie er seine Texte Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0016 4 Die Überlieferung sagt, dass Lukas ein Syrer war, aber was genau bedeutet das? Wir haben nur die Texte der beiden Bücher und können anhand dieser Daten nur ein bescheidenes Bildungsprofil des Autors zeichnen. Wir sind uns also nicht sicher über den Namen, die Herkunft, seinen Status als Verfasser des Evangeliums. In jedem Fall stellt sich der textinterne Autor sowohl in Lk 1,3 als auch in Apg 1,1 als derselbe textinterne Autor dar. Obwohl ich offen lasse, ob es einen Autor dieser Bücher gab oder zwei oder sogar ein Kollektiv oder vielleicht eine Frau, spreche ich aufgrund einer ehr‐ würdigen Tradition und der praktischen Machbarkeit weiterhin von Lukas als Autor der Lucas-Acta. Im Übrigen sind der Begriff Autor und das Konzept Buch kontextabhängig und die in den letzten Jahrhunderten für diese Phänomene verwendeten Konzepte funktionieren nicht immer in den ersten Jahrhunderten unserer Zeitrechnung. 5 Ich entlehne das Wort Bildungsprofil von Stefan Alkier/ Thomas Paulsen, Einleitung: Sprache und Stil im Evangelium nach Lukas und in den Taten der Abgesandten. Ein philologisch-kritischer Vergleich, in: Alkier/ Paulsen, Evangelium und Taten (s. Anm. 2), 31. 6 Ein starkes Plädoyer für die Ansicht, dass Lukas ein Jude war, findet sich in: Joshua Paul Smith, Luke was not a Christian. Reading the Third Gospel and Acts Within Judaism (BibInS 218), Leiden/ Boston 2024. Der Ausgangspunkt für seine Suche nach der Identität des Lukas ist, dass Lukas Jude war, weil die Autoren zur Zeit der Entstehung des Neuen Testaments höchstwahrscheinlich jüdisch waren. So ist auch Lukas Jude, bis das Gegenteil bewiesen ist. Ich stimme im Großen und Ganzen mit dem überein, was Smith darüber sagt, wie Lucas-Acta zum Judentum der damaligen Zeit passen. Ich wäre vielleicht etwas vorsichtiger damit, daraus Rückschlüsse auf den Autor selbst zu ziehen. Siehe dazu demnächst meine Rezension in Biblische Notizen. 7 Alkier/ Paulsen, Einleitung (s.-Anm.-5). strukturierte und welche Ereignisse er für überlieferungswürdig hielt. 4 Meine Schlussfolgerung stellte nur einen Beitrag zur Erstellung des Bildungsprofils des Autors des Lukasevangeliums dar. 5 M. E. können wir nie den letzten Schritt zu einer zweifelsfreien Identifizierung seiner Herkunft und seiner „Zugehörigkeit“ zu einer der verschiedenen Parteien im damaligen Judentum oder der Nachbarsynagoge-/ -ekklesia gehen. 6 Stefan Alkier bezweifelt ebenfalls, dass wir Gewissheit über den Autoren der Lucas-Acta haben können, argumentiert aber, dass es wahrscheinlicher ist, dass wir es mit zwei Autoren zu tun haben. Ich wurde gebeten, seiner Position zu widersprechen. Ich möchte im Folgenden zunächst zeigen, worin ich Alkiers Beitrag schätze und mit ihm übereinstimme, dann seine These nuancieren und mit einigen Kommentaren kritisieren. 1. Meine Würdigung der Arbeit von Stefan Alkier In Vorbereitung auf diesen Beitrag, noch bevor ich Alkiers Artikel Ende 2024 erhielt, habe ich mir FNT-4 genauer angesehen. 7 Ich war angenehm überrascht von der Frische, die von dieser Übersetzung ausgehen kann. Es gibt viele Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0016 104 Bart J.-Koet 8 Für eine Erklärung und Kontextualisierung der vorgeschlagenen Übersetzung, siehe Alkier/ Paulsen, Evangelium und Taten (s.-Anm.-2), VIII. 9 Bei der Veröffentlichung der Übersetzung (FNT 4) gibt es zwei Autoren. In dem Artikel, den ich kommentieren darf, ist nur Alkier der Autor. Die Einleitung in FNT 4 und dieser Artikel entwickeln denselben Gedanken und manchmal gibt es sogar wörtliche Übereinstimmungen und ähnliche Literaturhinweise. Ich antworte jedoch nur auf Alkier. 10 Siehe auch Alkier/ Paulsen, Einleitung (s.-Anm.-5) 27. Wörter im Neuen Testament und in anderen biblischen Schriften, die so sehr zu lexikalisierter Bibelsprache geworden sind, dass sie abgenutzt und weit entfernt von dem sind, was die Menschen in unserem Jahrhundert (oder sogar in unserem Jahrzehnt) verstehen können. Ein gutes Beispiel ist das Wort metanoia, das oft mit „Bekehrung“ übersetzt wird. 8 „Bekehrung“ ist ein Wort, das im Deutschen, wie ich vermute, aber im ähnlichen Wort (bekering) im Niederländischen sicherlich in einem religiösen Kontext höchstens hier und da Kirchenaffine anspricht (und auch nicht alle! ), aber ziemlich viele Menschen haben wenig positive Assoziationen mit dem Wort „bekehren/ Bekehrung“. Das FNT übersetzt dagegen mit „umdenken“. Texte im NT, in denen dieses Wort vorkommt, erhalten sofort eine neue und für viele Menschen unserer Zeit ansprechende Assoziation. Diese Übersetzung selbst ist ein sehr schönes Beispiel für dieses Umdenken. Das Thema der Kontroverse Rubrik ist Alkiers Idee über die Autorschaft des lukanischen Doppelwerkes. Stefan Alkier und Thomas Paulsen zeigen nicht nur in ihrer Übersetzung, sondern auch in ihre Vorstellungen über die Urheberschaft von Lucas-Acta, dass der Verfasser ein „Umdenker“ ist. In einem großen Teil der Einleitung zu FNT 4 kritisieren die Übersetzer die Idee, dass das lukanische Doppelwerk einen Autor hat. Im vorhergehenden Beitrag wiederholt Alkier die Idee. 9 Ausgehend vom Titel von Alkiers Beitrag (Begründete Zweifel - Warum es nicht sicher ist, dass der Verfasser der Taten der Abgesandten und der des Evan‐ geliums nach Lukas ein und dieselbe Person waren), wird es noch schwieriger, ihm zu widersprechen, weil der Titel seine These letztlich nuanciert: Begründete Zweifel. 10 Er bietet Argumente, warum es nicht sicher ist, dass der Verfasser der Lucas-Acta und der des LkEv ein und dieselbe Person waren. So formuliert kann ich nicht viel gegen seine These einwenden, weil wir uns in der Tat nicht sicher sein können. Auch dem, was er im ersten Teil seines Artikels schreibt, kann ich nur zustimmen. Darin kommentiert er, dass einige Publikationen, wie verschiedene Kommentare, schon vor der Diskussion der lukanischen Texte und vielleicht sogar vor dem Studium davon ausgehen, dass diese Bücher von ein Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0016 Ein Autor oder ein Konzept 105 11 Ich denke, dass die Art und Weise, wie Alkier ziemlich massiv behauptet, dass die Kommentatoren ihre Interpretationen der sogenannten einleitenden Fragen zu leicht als vermeintliche Gewissheiten darstellen, hinter der sicherlich nuancierten Darstel‐ lung dieser Daten zurückbleibt. Alkier geht auch nicht auf die Tatsache ein, dass einige Charakterisierungen in der vorhandenen Literatur auf Daten aus der frühen Kirche bezogen sind. Für eine nuancierte Darstellung der Autorschaft des Verfassers der Apostelgeschichte des Lukas, siehe den ohnehin schon veralteten Kommentar von Joseph A. Fitzmyer, The Gospel according to Luke I-IX (AB 28), New York 1981, 35-47. 12 Zum Beispiel David L. Balch. Er hat sich in seiner langen Karriere auf den griechisch-rö‐ mischen Kontext des Neuen Testaments konzentriert. In seinem neuesten Buch ( Jesus, Paulus, Luke-Acts, and 1 Clement. Studies in Class, Ethnicity, Gender, and Orientation, Eugene OR 2023]) geht er nicht auf die methodischen Implikationen der Gegenüber‐ stellung von klassischen Quellen und neutestamentlichen Schriften ein. Auch die Beziehung zwischen dem griechisch-römischen und dem jüdischen Kontext im NT wird nicht eingehend analysiert. Für die Tendenz, die Notwendigkeit zu übersehen, Lukas‘ Verwendung von biblischen Traditionen neben griechischen historiografischen Konventionen zu untersuchen, siehe Loveday Alexander, On a Roman Bookstall. Reading Acts in its Ancient Literary Context, in: Loveday Alexander, Acts in its Ancient Literary Context. A Classicist Looks at the Acts of the Apostles, London 2006, 1-20, hier 14f. 13 Mit dieser etwas einseitigen Wahl knüpft er in keiner Weise an die Diskussionen über die mit der Frage nach dem Autor verbundene Frage nach der Einheit von Lucas-Acta an, die in den letzten Jahrzehnten stattgefunden haben. Wo ist zum Beispiel ein wichtiger und demselben Autor geschrieben wurden, der ein Nicht-Jude war und für ein nicht-jüdisches Publikum schrieb. Alkier fordert, dass sogenannten „Einleitungsfragen“ (wer diese Bücher, wann, wo, an wen, zu welchem Anlass geschrieben hat) nicht der philolo‐ gisch-kritischen intratextuellen Analyse vorangestellt, sondern mit aller Be‐ scheidenheit und Behutsamkeit am Ende der jeweiligen Interpretation bedacht werden sollten. 11 Ich stimme völlig zu. Ein konkretes Beispiel dafür, wie eine solche in der Einleitung dargelegte Meinung über Lukas die weitere Forschung beeinflussen kann, ist, dass das literarische Profil des LkEv mit der Annahme erklärt wird, dass er ein Nicht-Jude war. Diese Annahme führt dann dazu, dass man nach einem griechisch-römischen Kontext dieses Autors sucht. Diese Annahme spielt dann so sehr hinein, dass man es versäumt, auch die Elemente in den lukanischen Doppelschriften zu betrachten, die genau zeigen, dass Lukas sich vor allem den Schriften Israels anschließt. 12 2. Alkiers Argumente für begründete Zweifel Bevor Alkier Argumente für seine Zweifel an der gemeinsamen Autorschaft vorbringt, beginnt er mit einem forschungsgeschichtlichen Hinweis, der bis zu Ferdinand Christian Baur und Johann Salomo Semler zurückreicht. 13 Dann Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0016 106 Bart J.-Koet Artikel wie der von Joseph Verheyden, The Unity of Luke-Acts. What are we up to? , in: Joseph Verheyden, (Hg.), The Unity of Luke-Acts (BETL-142) Leuven 1999, 3-56? 14 „Deutlich wird jedenfalls die sprachliche Kompetenz, die literarische Bildung über die Schriften Israels hinaus, die Anknüpfung an griechisch-römische Historiographie und teilweise auch an homerische Erzählweise sowie ein theopoetischer Gestaltungswille“. FNT 4, 31. 15 Loveday Alexander, The Preface to Acts and the Historians, in: Alexander, Acts in its Ancient Literary Context (s. Anm. 12), 21-42, hier 25f. Sie schlussfolgert (42), dass die beiden Proömien trotz gewisser Unterschiede und auch wenn es zwei verschiedene Autoren gab, letztlich zum selben literarischen Code gehören. erwähnt er kurz, dass die Titel der neutestamentlichen Schriften nicht zu ihrem ursprünglichen Bestand gehören. Nach diesen doch recht weit verbreiteten Angelegenheiten kommt er kurz zu seinen eigenen Argumenten für seine Zweifel an einem Autor als Verfasser von Lucas-Acta. Dann formuliert er ein heuristisches Prinzip: Die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Werken sagen nichts (sic! BJK) über die Frage nach dem Autor der Werke aus, sondern nur eine Untersuchung der Unterschiede kann diese Frage bearbeiten. In den Unterschieden der Kompetenzanalyse eines möglichen Autors sucht er dann nach dem, was der Autor dieser beiden Bücher wissen kann. Ein erstes wichtiges Argument findet er in den Unterschieden zwischen den Proömien in Lk 1 und Apg 1. Er bringt dann auch stilistische Differenzen der Reisebeschreibungen als Argument gegen diese Position. Schließlich spricht er die Tatsache an, dass es im Evangelium keine Wiederholungen eines Ereignisses gibt, in den Taten der Abgesandten aber schon. Als letztes Argument werden einige Unterschiede im Wortschatz angeführt. Letztlich kommt Alkier dann zu einem Bildungsprofil, in dem die Unterschiede, die er zu sehen glaubt, so entscheidend sind, dass er weniger an zwei Autoren als an einem zweifelt. 14 3. Kommentare zu den Argumenten von Alkier Im Folgenden werde ich zunächst auf zwei Argumente von Alkier eingehen und einen Absatz hinzufügen, in dem ich zu zeigen versuche, dass Lucas-Acta dennoch eine prinzipielle Einheit aufweisen und dass dies dazu passt, dass es einen textinternen Autor gibt. Für Alkier ist ein wichtiges Argument, dass es klare Unterscheidungen zwischen den Proömien gibt. Zu diesen Proömien ist viel geschrieben worden, zum Beispiel im Zusammenhang mit der Bestimmung der Gattung der Acta. Eine der wichtigsten Autorinnen ist Loveday Alexander. Sie zeigt anhand vieler Beispiele, dass die Verbindung zwischen zwei aufeinan‐ derfolgenden Werken eines corpus a Recapitulatio (wie sie in der Vorrede der Taten zu finden ist) nicht so eng ist, wie man es erwarten könnte. 15 Ihre Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0016 Ein Autor oder ein Konzept 107 16 MacDonald’ Beitrag ist der einzigen nicht-deutsche, den Alkier in seinem Artikel erwähnt. Ich habe mehrere Vorträge von ihm gehört, seine Veröffentlichungen studiert und fand seine Parallelen zu allgemein, denn er macht nicht viele Versuche, den alttestamentlichen Hintergrund der Lucas-Acta ernst zu nehmen. Alkier ist ebenfalls kritisch gegenüber MacDonald (Alkier/ Paulsen, Evangelium und Taten [s. Anm. 1], 28). 17 Als Argument für die Verwendung einer homerischen Erzählweise durch Lukas führt Alkier an, dass er der einzige Autor im Neuen Testament ist, der griechische Autoren zitiert. Übrigens sehen viele Gelehrte in 1 Kor 15,33 eine Anspielung auf Thais, einem Stück von Menander von Athen. Die Verwendung klassischer Quellen in Acta steht in keinem Verhältnis zu Lukas’ Verwendung alttestamentlicher Traditionen. 18 In der Fachliteratur wird diese Wiederholung als eine typische Szene charakterisiert. Zur Funktion verschiedener Wiederholungsarten im Alten Testament siehe Robert Alter, The Art of Biblical Narrative, New York 1981. Untersuchungen zeigen, dass auch eine andere Erklärung für die Unterschiede zwischen den beiden Vorreden möglich ist. Wenn es sich bei Lk 1,1-4 um ein Proömium und bei Apg 1,1f. um eine Recapitulatio handelt, dann müssen die beiden Texte nicht auf demselben literarischen Niveau stehen und somit ist Alkiers Schlussfolgerung, dass sie deshalb nicht vom selben Autor stammen können, zu oberflächlich. Ein weiterer Unterschied besteht darin, dass es in den Acta Wiederholungen gibt, wie in der Geschichte über die Doppelvision von Petrus und Kornelius und den Erzählungen über die Berufung des Paulus, denn im Lukasevangelium gibt es keine Dubletten, wie bei Markus. Alkier versteht die Erzähltechnik der Wiederholung in den Acta als einen homerischen Erzählstil. Er bezieht sich hier auf Dennis MacDonald. 16 Das setzt voraus, dass Lukas Homer kennen würde. 17 Allerdings lassen sich die Wiederholungen in der Apostelgeschichte auch mit Biblischen Traditionen erklären. Wiederholungen sind in den hebräischen Schriften üblich (z. B. in Gen 12,11-20, 20,1-22 und 26,6-11, wo die Erfahrungen von Abraham und Isaak und ihren Frauen auf ähnliche Weise erzählt werden; siehe auch die Brunnenerzählung in Gen 24; 29,1-30 und Ex 2,15-21 sowie eine Variante davon in Joh 4,4-42) und werden oft verwendet, um wichtige Punkte zu unterstreichen. 18 Lukas, als ein mit den Biblischen Schriften vertrauter Schriftsteller, könnte diese Technik eingesetzt haben, um die Bedeutung der göttlichen Mission des Paulus hervorzuheben. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0016 108 Bart J.-Koet 19 Ein weiteres Argument ist die unterschiedliche Verwendung des Wortes men. Das sieht überzeugend aus, aber für einen etwas nuancierteren Überblick über die Unterschiede und Ähnlichkeiten in der Verwendung, siehe Adelbert Denaux/ Rita Corstjens (Hg.) unter Mitarbeit von Hellen Mardaga, The Vocabulary of Luke. An Alphabetical Presen‐ tation and Survey of Characteristics and Noteworthy Words and Word Groups in the Gospel of Luke, (BToSt-10) Leuven 2009, 393. 20 Hat Alkier einen bestimmten Grund, so wenig relevante nicht-deutsche Literatur zu verwenden? Übrigens gibt es auch in der deutschen Fachliteratur einschlägige Veröf‐ fentlichungen darüber, wie Lukas das Alte Testament (siehe nur das ausgezeichnete Buch von Dietrich R. Rusam, Das Alte Testament bei Lukas [BZNW 112] Berlin/ New York 2003), oder zeitgenössische vergleichbare jüdische Traditionen nutzt (siehe z. B. Eckart Reinmuth, Pseudo-Philo und Lukas. Studien zum Liber Antiquitatum Biblicarum und seiner Bedeutung für die Interpretation des lukanischen Doppelwerks [WUNT I/ 74] Tübingen 1994). 21 Siehe meinen Aufsatz Isaiah 53 as a Landmark for Which Reader? An Assessment of the Quotations in Luke 22: 37 and Acts 8: 32-33, in: Archibald L. H. M van Wieringen/ Schoon Jang (Hg.), The Role of the Reader in the Formation and the Reception of the Book of Isaiah. (Studies in the Cultural Context of the Bible 9), Leiden/ Boston 2024, 267-283, hier-279-281. 4. Hinweise auf eine konzeptionelle Einheit der beiden lukanischen Bücher Obwohl ich auch Alkiers andere Argumente nicht immer überzeugend finde, 19 zwingt mich die Beschränkung eines Kontroverse-Artikels nun dazu, meine Hauptargumente für die konzeptionelle Einheit der Lucas-Acta kurz darzulegen. Der merkwürdige Platz, der MacDonald in Alkiers Werk eingeräumt wird, steht vielleicht im Einklang mit einem anderen bemerkenswerten Merkmal seines Werkes: Der Vernachlässigung jüdischer Elemente und der jüdischen Schriften in Lucas-Acta. 20 In Anbetracht der Beschränkungen eines Kontroverse-Artikels kann ich nur einige Aspekte ansprechen. Der erste Aspekt ist Lukas’ Verwen‐ dung des AT, auch, weil ich behaupte, dass gerade die Art und Weise, wie der Autor in beiden Büchern Bezug auf die Schriften Israels nimmt, zeigt, dass ihnen ein Konzept zugrunde liegt. Genau dieses Element fehlt in der von Alkier und in ihrer Einleitung erwähnten Liste der Kenntnisse und Fähigkeiten. Damit fehlt auch ein entscheidender Aspekt dessen, was das Bildungsprofil des Autors von Lucas-Acta ist. Außerdem ist es genau dieser Aspekt, den der textinterne Autor vom textinternen Leser zu lesen erwartet und so gehört es auch zum erhofften Bildungsmuster der LeserInnen. 21 Um zu zeigen, dass die Kenntnis von Jesaja ausdrücklich sowohl zum Bil‐ dungsprofil des Autors als auch zu dem des textinternen Lesers gehört, gebe ich zwei Beispiele wie der Autor Anspielungen und Zitate aus Jesaja auf seine Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0016 Ein Autor oder ein Konzept 109 22 Zu der Art und Weise, wie Lukas Jesaja an entscheidenden Stellen in seinem Doppel‐ werk verwendet, siehe auch Bart J. Koet, Isaiah in Luke-Acts, in: Bart J. Koet, Dreams and Scripture in Luke-Acts. Collected Essays (CBET-42) Leuven 2006, 51-79. 23 Lukas zeigt oft, dass er mit impliziten und expliziten Verweisen auf die Schrift spielt. Ein Vergleich der bestimmte Anspielungen auf Schrifttexte in den Schriften des Paulus mit der Art und Weise, wie dieselben Texte in Lucas-Acta eine Rolle spielen, zeigt, dass Lukas diese Anspielungen zu expliziten Zitaten macht: siehe nur Bart J. Koet, Paul, a Light for the Gentiles? Paulus als Schriftausleger in Galater 1,13-16 und in der Apostelgeschichte, in: Florian Wilk/ Markus Öhler (Hg.), Paulinische Schriftrezeption. Grundlagen - Ausprägungen - Wirkungen - Wertungen (FRLANT 268), Göttingen 2017, 249-274. beiden Werke verteilt und damit zeigt, dass sein Konzept beide Werke trägt. 22 Wenn Lukas auf einen Text anspielt, den er auch zitiert, haben wir Grund zur Annahme, diese Anspielungen als beabsichtigt zu erkennen. Insbesondere dann, wenn er auf einen Text anspielt, den er später zitiert. Wir werden kurz zwei Beispiele dafür diskutieren: Jes 49,6 in Lk 2,28-32 und in Apg 13,47; Jes 6,9 in Lk-8,10 und in Apg-28,26f. 23 Jes 49,6 findet sich in einer Anspielung in Simeons Aussage in Lk 2,28-32 und als Zitat in Apg 13,47. Lukas verwendet Jesaja 49,1-6 als Plan für sein Doppelwerk. Als programmatische Äußerungen bildet es einen Höhepunkt innerhalb der Vorgeschichte. Wie das Magnifikat z. B. eine lukanische Vorschau auf sein zentrales Thema „arm und reich“ ist, so geben Lk 2,29-32 einen Schlüssel für die Auffassung des Autors zur universalen Mission und deren Auswirkung auf das Verhältnis Israels zu den Völkern an die Hand. Der wegen seiner prophetischen Begabung und Frömmigkeit ehrwürdige Simeon offenbart den Eltern und damit auch den LeserInnen die besondere Aufgabe Jesu, den Völkern das Heil anzubieten und so die „Gewichtigkeit“ Israels zu offenbaren. Die Aussagen hinsichtlich des universalen Heilsangebots Gottes an die Heiden sind vom Autor in einen streng toratreuen Rahmen gestellt (Lk 2,22.23.24.39). In gewissem Maße wird damit die Heidenmission von vorn‐ herein als gesetzeskonform dargestellt. Wie in Jes 49,1-6 ist die prophetische Botschaft von Simeon eine universale. Die LeserInnen, die die Vorgeschichte und ihre Programmatik recht gelesen und verstanden haben, erhalten damit auch einen Schlüssel zur Beziehung zwischen dem ersten und zweiten Buch zu Theophilus. In zwei Teilen beschreibt Lukas den doppelten Auftrag Jesu: Licht für die Heiden und „Herrlichkeit“ für Israel zu sein. Am Evangelium werden sie ablesen können, dass Jesus vor allem zu Israel gesandt ist, während die Apostelgeschichte ihnen zeigt, dass die Jünger, die Heilsbotschaft als Licht zu den Völkern bringen. So scheint es kein Zufall zu sein, dass Lukas hier die Erleuchtung der Heiden zuerst nennt. Jesu Auftrag in Hinsicht auf Israel scheint Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0016 110 Bart J.-Koet 24 Ein weiteres Beispiel dafür, wie Lukas auf verwandte Texte aus Jesaja zurückgreift, finden Sie in meinem Aufsatz Isaiah 53 as a Landmark (s. Anm. 21), 267-283. In Apg 8,32-34 zitiert Lukas Jes 53,7f. und macht damit deutlich, was durch die Anspielung auf Jes 53,12d in Lk 22,37 angedeutet wird: Jesus ist dem leidenden Gottesknecht nachempfunden. im ersten Versuch zu missglücken (vgl. Lk 24,21). Dieser vorläufige und teilweise Misserfolg hat jedoch eine positive Wirkung hinsichtlich der Erleuchtung der Heiden durch Paulus und seine Mitarbeiter (Apg-13,46f.) Ein zweites Beispiel ist die Art und Weise, wie Lukas Jes 6,9 präsentiert. Wie Markus führt auch Lukas Jes 6,9 in Bezug auf das Gleichnis vom gesäten Samen (Lk 8,10) ein. Im Gegensatz zu Markus spielt er nur auf Jes 6,9 an und lässt die letzte Zeile aus. Dies scheint die Aussage abzuschwächen. Allerdings zitiert Paulus laut Lukas Jes 6,9f. am Ende der Acta (28,26f.). Es scheint also, dass der Autor in seiner Bearbeitung von Markus die Anspielung auf Jes 6,9 herunterspielt, sie nicht beachtet und sie in ein Zitat verwandelt, wenn er sie braucht. 24 Dieses Beispiel zeigt, dass Lukas Markus so bearbeitet, dass er Material aus Markus in der Acta verwendet. Es gibt ein weiteres Beispiel für eine solche Bearbeitung. Diesmal handelt es sich nicht um ein Schriftzitat, sondern um eine Bearbeitung von Aussagen, die im Prozess gegen Jesus zu finden sind. In Mk 14,55-64 wird Jesus von falschen Zeugen (14,57) beschuldigt, den Tempel abzureißen und in drei Tagen einen neuen zu bauen (14,58). In Lk 22,66-71, einer Passage, die teilweise parallel zu Mk 14,55-64 verläuft, ist weder von falschen Zeugen noch vom Abriss des Tempels die Rede und auch nicht von Vorwürfen der Blasphemie. Auffallend ist, dass Stephanus sich in einer ähnlichen Situation wie Jesus befindet, und zwar in einem Prozess vor dem Sanhedrin (Apg 6,12; vgl. Mk 14,55/ Lk 22,66). Stephanus wird von falschen Zeugen beschuldigt, blasphe‐ misch gesprochen zu haben, nämlich darüber, dass Jesus angeblich den Tempel abreißen wollte. Wo in seinem Evangelium diese Elemente verschwunden sind, führt Lukas sie hier ein und gleicht damit den Prozess gegen Stephanus mit dem gegen Jesus ab (wie er bei Mk, der möglichen Quelle des Lukas, beschrieben wird). 5. Schlussbemerkung Wenn Alkier in diesem Artikel den griechisch-römischen Hintergrund betont, heißt das nicht, dass er den jüdischen oder alttestamentlichen Hintergrund grundsätzlich ignorieren würde. Dennoch denke ich, dass man gerade dann, Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0016 Ein Autor oder ein Konzept 111 25 James Joyces Meisterwerk Ulysses ist ein Roman mit einer unglaublichen Fülle an Sprachspielen, Textregistern, Soundeffekten, Anspielungen, Stilen und Dialekten. Zur Vielseitigkeit von Joyces’ Sprache vgl. Tim Conley, Language and Languages, in: John McCourt, (Hg), Joyce in Context, Cambridge 2009, 309-319. 26 Ein Beispiel dafür, wie Lukas auf die Aeneas-Tradition anspielt, findet man in: Bart J. Koet, Im Schatten des Aeneas. Paulus in Troas (Apg 16,8-10), in: Reimund Bierin‐ ger/ Gilbert van Belle/ Joseph Verheyden (Hg.), Luke and his Readers. FS Adelbert Denaux (BETL-182), Leuven 2005, 415-439. wenn man beginnt, die Beziehung zwischen dem Evangelium und den Acta zu untersuchen, diesen Aspekt nicht unberücksichtigt lassen sollte. Ich denke, es ist naheliegender, Lukas als den James Joyce des NTs zu sehen. Joyce war sehr gut darin, das Englische so zu verwenden, dass es zu den von ihm beschriebenen Milieus passte. 25 Der Autor der Lucas-Acta war in der Lage, das Fortschreiten des Wortes Gottes und des Reiches Gottes so zu erörtern, dass er die verschiedenen Kontexte Schritt für Schritt in dieses Fortschreiten einbezieht. So konnte er ein Werk schaffen, das eine logische Entwicklung von der Begegnung mit Zacharias im Tempel in Jerusalem bis hin zu einem Paulus zeigt, der vor einem römischen Beamten vor Gericht steht. Aber so schön er auch in Anspielungen und im Wortgebrauch an die eher griechisch-römische Seite seiner Zeit anknüpfen kann, 26 am Ende kehrt er mit seinem Verweis auf Jes 6,9f. zu Jesajas prophetischen Konzepten zurück, die einer der Hauptbausteine seines gesamten Gebäudes sind. Ich hake in diesem Beitrag zur Rubrik Kontroverse nicht bei der meiner Meinung nach weniger wichtigen Frage ein, ob es zwei oder einen Autor für die Lucas-Acta gibt. Vielmehr finde ich es problematisch, dass ein Bildungsprofil des oder der Autoren skizziert wird, in dem die wichtige Kompetenz, die Kenntnis der prophetischen Traditionen, schlichtweg unerwähnt bleibt. Übrigens ist es genau diese Kompetenz, die zeigt, dass es sich bei Evangelium und Lucas-Acta um eine konzeptionelle Einheit handelt. Genau diese Kompetenz verdeutlicht: Auch wenn wir nie erfahren werden, ob sich hinter dem Namen Lukas ein einzelner Autor, mehrere Autoren oder ein Kollektiv verbirgt - es geschieht nicht ohne Grund, dass sich der textinterne Autor der Acta als derselbe wie der des Evangeliums zu erkennen gibt. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0016 112 Bart J.-Koet Bart J. Koet studierte Theologie/ Bibelwissenschaft und Philosophie in Amsterdam und Bibelwissenschaft in Rom. Nach vielen Jahren als Dozent an verschiedenen Fakultä‐ ten in den Niederlanden und Deutschland hatte er zwei Lehrstühle an der Universität Tilburg inne, einen für Neues Testament und einen für frühchristliche Literatur. Seine Abschiedsvorlesung hielt er am 30. September 2023. Er hat sich intensiv mit der Auslegung von Schrift und Träumen befasst, z. B. in Lucas-Acta. Er koordiniert ein Projekt zur Führung in biblischen Traditionen und in der frühen Kirche und hat in diesem Kontext einige Bücher über Diakon*innen publiziert. Er hat zahlreiche Publikationen in verschiedenen Sprachen veröffentlich, u. a. zusammen mit Archibald van Wieringen fünf Bücher über Pädagogik im Alten und Neuen Testament. Seit einigen Jahren ist er Vorsitzender der Vereinigung niederländischsprachiger Neutestamentler. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0016 Ein Autor oder ein Konzept 113