ZNT – Zeitschrift für Neues Testament
znt
1435-2249
2941-0924
Francke Verlag Tübingen
10.24053/ZNT-2025-0017
znt2856/znt2856.pdf0601
2026
2856
Dronsch Strecker VogelAlternativlose Freude – freudlose Alternative
0601
2026
Johannes Woyke
znt28560115
1 Vgl. Wolfgang Klafki, Die didaktischen Prinzipien des Elementaren, Fundamentalen und Exemplarischen, in: Alfred Blumenthal u. a. (Hg.), Handbuch für Lehrer, Bd 2: Die Praxis der Unterrichtsgestaltung, Gütersloh 1961, 120-139, 128: „Im Elementaren erschließt sich dem jungen Menschen ein kleinerer oder größerer Ausschnitt seiner Wirklichkeit. Aber zugleich erschließt sich derjenige, der elementares Wissen und Können, elementare ästhetische oder sittliche Erfahrung gewinnt, damit selbst der ihn umgebenden dinglichen und geistigen Wirklichkeit […] Diese Einheit von Welt- und Selbsterschließung ist der wesentliche Inhalt des Begriffs ‚kategoriale Bildung‘ […] Das Elementare […] ist das doppelseitige Erschließende“ (kursiv im Original). Hermeneutik und Vermittlung Alternativlose Freude - freudlose Alternative Die Parabel Lk-15,11-32 im Raum exegetischer Kontroversen erschließen * Michael Bachmann zum 80. Geburtstag * Johannes Woyke 1. Herausforderungen einer elementaren, lebensrelevanten Erschließung 1.1. Eine grundsätzliche bibeldidaktische Überzeugung besteht darin, dass die Erschließung eines Bibeltexts dazu anregt, Impulse der biblischen Passage zur Selbsterschließung zu nutzen, also eine reflektierende Auseinandersetzung in Bezug auf mich selbst und in Beziehung zu meinen Mitmenschen, meiner Umwelt und zu Gott zu initiieren. Das Unterrichtsarrangement soll die Bühne dafür bereiten, dass eine solche wechselseitige Erschließung 1 eigenständig und selbstbestimmt, ergebnisoffen und persönlich erfolgen kann. Wenn „pädago‐ gisch elementare - also von den Inhalten ebenso wie von den Kindern und Jugendlichen (oder Erwachsenen) her grundlegend bedeutsame und für sie zugängliche - Lernvollzüge“ gefördert werden und sich biblische Texte „für die Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0017 2 Friedrich Schweitzer/ Sara Haen/ Evelyn Krimmer, Das Modell der Elementarisierung, in: Schweitzer/ Haen/ Krimmer, Elementarisierung 2.0. Religionsunterricht vorbereiten nach dem Elementarisierungsmodell, Göttingen 2019, 12-33, hier: 12. 3 Zu den elementaren Zugängen vgl. Schweitzer/ Haen/ Krimmer, Modell der Elementa‐ risierung (s.-Anm.-2), 13-15. 4 Schweitzer/ Haen/ Krimmer, Modell der Elementarisierung (s.-Anm.-2), 13. 5 Helmut Hanisch, Das Konzept der Elementarisierung, Kapitel 4 in: Helmut Hanisch, Unterrichtsplanung im Fach Religion. Theorie und Praxis. Mit 4 Grafiken im Text und 34 Kopiervorlagen (UTB 2921), Göttingen 2 2011, 143-172, hier: 146, so bereits zum Arbeitsschritt der elementaren Strukturen, während diese „existenzielle Auseinander‐ setzung“ mit Fragen des Lebens und Glaubens methodisch sinnvoll im Arbeitsschritt der elementaren Wahrheiten erfolgt (so Schweitzer/ Haen/ Krimmer, Elementarisierung [s.-Anm.-2], 17). 6 Ruben Zimmermann, Die Gleichnisse Jesu, in: Ruben Zimmermann (Hg.), Kompendium der Gleichnisse Jesu. In Zusammenarbeit mit Detlev Dormeyer u. a., Gütersloh 2 2015, 3-46, 23. Fragen, Interessen und Orientierungsbedürfnisse von Kindern und Jugendlichen erschließen“ können sollen, 2 müssen solche Bibeltexte ausgewählt werden, die in diesem qualifizierten didaktischen Sinne als elementar gelten können und exemplarisch geeignet sind. In welcher Weise sie für die sie Erschließenden zugänglich sind, wird nicht zuletzt beeinflusst durch persönliche Erfahrungen und Werte, die wiederum geprägt sind von der kognitiven und psychosozialen Entwicklung, dem sozio-ökonomischen Kontext und den individuellen Persön‐ lichkeitsmerkmalen. 3 Im Rahmen des Bildungsprozesses muss zudem geklärt werden, inwiefern ein Bibeltext, dem aus fachwissenschaftlicher Perspektive theologische Zentralität wie Lebensrelevanz zugeschrieben wird, zugleich ein gesellschaftliches Schlüsselproblem mit entsprechender Gegenwarts- und Zu‐ kunftsbedeutung betrifft beziehungsweise zu wesentlichem Orientierungswis‐ sen gehört. Das Gleichnis aus Lk 15,11-32 gilt gemeinhin als ein solcher auf Elementa‐ res bezogener exemplarischer Inhalt und regt, basierend auf der sorgfältigen exegetischen „Sachklärung“, 4 dazu an, sich vom Text „ansprechen, herausfor‐ dern, trösten, ermahnen oder zu einer kritischen Auseinandersetzung und Stellungnahme provozieren [zu] lassen“. 5 Als besondere Herausforderung für die Zugänglichkeit für Kinder und Jugendliche kann zunächst die Textgattung der Parabel, der „von dem Gattungsbewusstsein und Terminusgebrauch der ntl. Autoren“ her alle Gleichnisse der synoptischen Evangelien zuzuordnen sind, 6 genannt werden: Als ein „auf die bekannte Realität […] bezogen[er]“, „kurzer narrativer […] fiktionaler […] Text“ ist ein Gleichnis gekennzeichnet durch „implizite oder explizite Transfersignale“, die darauf hinweisen, „dass die Bedeutung des Erzählten vom Wortlaut des Textes zu unterscheiden ist“, so dass Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0017 116 Johannes Woyke 7 Zimmermann, Gleichnisse Jesu (s.-Anm.-6), 25. 8 Gerhard Büttner/ Veit-Jakobus Dieterich, Entwicklungspsychologie in der Religionspä‐ dagogik, Göttingen 2 2016, 23 (dort teilweise kursiv). 9 Peter Müller, Art. Gleichnisse, bibeldidaktisch, in: WiReLex 2016 (https: / / bibelwissens chaft.de/ stichwort/ 100143/ , 2.2; letzter Zugriff am 28.04.2025). 10 Büttner/ Dieterich, Entwicklungspsychologie in der Religionspädagogik (s. Anm. 8), 31: Vorausgesetzt ist, „dass das Kind am kollektiven Wissen einer konkreten Religion Anteil hat bzw. bekommt.“ Vgl. 36: „Wer sich mit religiöser Sprache und Symbolik nicht auskennt, kann komplexe Sachverhalte im Religionsunterricht nicht verstehen“. 11 Louise Schottroff, Das Gleichnis vom verlorenen Sohn, in: ZThK 68 (1971), 27-52, hier: -38f. (kursiv JW). 12 Schottroff, Gleichnis vom verlorenen Sohn (s.-Anm.-11), 23. 13 Müller, Gleichnisse (s.-Anm.-9), 3.2. 14 Zimmermann, Gleichnisse Jesu (s.-Anm.-6), 27. seine Leser: innen aufgefordert sind, „einen metaphorischen Bedeutungstransfer zu vollziehen“. 7 Die kognitiv-strukturelle Fähigkeit für eine solche formale Ope‐ ration entwickelt sich freilich erst im Laufe der Kindheit und des Jugendalters, auch wenn die moderne entwicklungspsychologische Forschung nicht mehr wie Jean Piaget von einer starren Stufenstruktur ausgeht, 8 als könnte man angemes‐ senes Gleichnisverstehen generell erst in der Adoleszenz voraussetzen; vielmehr ist „das Verstehen von Metaphern“ ein „kontinuierlicher Entwicklungsprozess“, für den „Einübung und Sozialisation“ wichtig sind. 9 Ein wesentlicher Faktor der Zugänglichkeit besteht dabei im Grad der Vertrautheit mit der Domäne religiös-symbolischer Sprache. 10 Auf das Gleichnis aus Lk 15,11-32 bezogen wäre die Durchlässigkeit der Erzählung vom Vater und den beiden ungleichen Söhnen bzw. von dem „berichteten zwischenmenschlichen Geschehen“, „von Vaterliebe und Bruderneid“ „auf etwas anderes - Theologisches -“, 11 nämlich auf Gottes Zuwendung zu den Menschen und die Umkehr des Menschen zu Gott, umso stärker gegeben, je vertrauter Kinder und Jugendliche mit solchen Theologumena sind. Zudem ist davon auszugehen, „dass das Niveau der [kognitiven] Operation auch davon abhängt, wie viel der Einzelne von der gerade verhandelten Sache versteht“, 12 was auch die im Gleichnis erzählte Situation und ihre lebensweltliche Nähe oder Distanz zu uns und unseren Schüler: innen betrifft, etwa Elemente antiken Erbrechts oder auf häuslich-fami‐ liäre Verhältnisse bezogener antiker Ökonomik oder aber mögliche symbolische Bedeutungsgehalte von Schwein, Ring, Gewand und Mastkalb (Lk 15,16.22f.). Gerade in Hinsicht auf die Behandlung von biblischen Gleichnissen allgemein und von Lk 15,11ff. im Besonderen gilt: „Gleichnisse als Geschichten zu lesen ist kein defizitärer Zugang.“ 13 Und weil Bild- und Sachhälfte eines Gleichnisses sich nicht streng voneinander trennen lassen, sondern in ihnen „eine Wechsel‐ wirkung zwischen zwei oder mehreren semantischen Bereichen erzeugt wird“ 14 Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0017 Alternativlose Freude - freudlose Alternative 117 15 Vgl. Müller, Gleichnisse (s.-Anm.-9), 3.2. 16 Vgl. etwa für eine 4. Klasse Carmen Schmitt, Ein Vater hatte zwei Söhne … Über Ungerechtigkeit im Gleichnis vom verlorenen Sohn, in: Grundschule Religion 67 (2019), https: / / www.friedrich-verlag.de/ friedrich-plus/ grundschule/ religion/ biblische-geschic hten/ ein-vater-hatte-zwei-soehne-6960 (letzter Zugriff am 28.04.2025). Bemerkenswert ist auch das impulsgesteuerte Gruppengespräch mit vier Kindern im Alter von 9-10 Jahren in einem außerschulischen Setting bei Christina Hoegen-Rohls, „Das hat eine Bedeutung! “ - Viertklässler finden den verlorenen Sohn (Lk 15,11-32), in: Gerhard Büttner/ Martin Scheiner (Hg.), „Man hat immer ein Stück Gott in sich“. Mit Kindern biblische Geschichten deuten. Bd 2: Neues Testament ( Jahrbuch für Kindertheologie, Sonderband), Stuttgart 2006, 106-121, bes. 112-118. 17 Alexander Weihs, Aktualisierendes Erzählen als Provokation zur Selbstaneignung biblischer Narrationen: Eine bibeldidaktische Konkretion, in: Theo-Web 20 (2021), 208-222 (https: / / doi.org/ 10.23770/ tw0187; letzter Zugriff am 28.04.2025), hier: 214 (samt Anm. 8; das dort angeführte Zitat des Karlsruher Bibeldidaktikers Peter Müller lässt sich indes in der angegebenen Referenz [Schlüssel zur Bibel. Eine Einführung in die Bibeldidaktik, Stuttgart-2009,-80] nicht verifizieren). 18 Schottroff, Gleichnis vom verlorenen Sohn (s.-Anm.-11), 42. 19 Bernd Kollmann, Neutestamentliche Schlüsseltexte für den Religionsunterricht, Stutt‐ gart 2019, 174. - Konnotationen der narrativen Fiktion strahlen auf das von ihr hintergründig Bezeichnete aus wie auch umgekehrt vom darin bezeichneten Theologischen her in die erzählte Begebenheit hinein -, kann mit Gleichnissen auch schon ab dem späten Grundschulalter sinnvoll theologisiert werden, 15 auch mit der Erzählung aus Lk 15,11-32. 16 1.2. Als für die Behandlung des Gleichnisses im schulischen Religionsunter‐ richt relevant gilt zuletzt auch die Frage nach dem Gerechtigkeitsverständnis von Kindern und Jugendlichen, ob sie nämlich vom Entwicklungsstand ihres Moralverständnisses her nicht eher „den Beschwerden und Klagen des älteren Sohnes Recht […] geben und damit den Vater als ungerecht, willkürlich und nur den einen Sohn (nämlich den jüngeren) liebend [auffassen]“, was nach Alexander Weihs zur religionsdidaktischen Notwendigkeit führt, „im Gesamt der Lernlandschaft auch Raum für (textgemäßere und theologisch suffizien‐ tere) alternative Auslegungen zu schaffen“. 17 Mit Blick auf die exegetische Fachliteratur ließe sich eine solche textgemäßere und theologisch suffizientere Interpretation pointiert ausdrücken als auf das Verhältnis von Gott und den Menschen bezogene „Rückkehr in die nie unterbrochene Liebe des Vaters“, 18 als „Ereignis der Liebe und Vergebung“: 19 Es wird der Überzeugung Ausdruck verliehen, dass bei Gott über solche Sünder, die in Erkenntnis ihrer Schuld umkehren und auf den rechten Weg zurückfinden, besondere Freude herrscht. Durch die Vergebungsbereitschaft Gottes steht dem umkehrwilligen Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0017 118 Johannes Woyke 20 Kollmann, Neutestamentliche Schlüsseltexte (s.-Anm.-19), 174f. 21 Schottroff, Gleichnis vom verlorenen Sohn (s.-Anm.-11), 47. 22 Kollmann, Neutestamentliche Schlüsseltexte (s.-Anm.-19), 175. 23 Kollmann, Neutestamentliche Schlüsseltexte (s.-Anm.-19), 175. 24 So eine gliedernde Randnotiz bei Kollmann, Neutestamentliche Schlüsseltexte (s.-Anm.-19),-174. 25 So lässt sich tendenziell Weihs, Aktualisierendes Erzählen (s. Anm. 17), 214, verstehen. 26 Schweitzer/ Haen/ Krimmer, Modell der Elementarisierung (s.-Anm.-2), 17. 27 So der Titel eines für den Ansatz der Kindertheologie wegweisenden Aufsatzes von Klaus Wegenast/ Philipp Wegenast, Biblische Geschichten dürfen auch „unrichtig“ verstanden werden. Zum Erzählen und Verstehen neutestamentlicher Erzählungen, in: Desmond Bell u. a. (Hg.), Menschen suchen - Zugänge finden. Auf dem Weg zu einem religionspädagogisch verantworteten Umgang mit der Bibel. FS Christine Reents, Wuppertal 1999, 246-263. 28 Weihs, Aktualisierendes Erzählen (s.-Anm.-17), 210. Sünder immer der Zugang zum Vater offen, ohne dass diese für den Gerechten, der niemals vom Pfad der väterlichen Weisung abgewichen ist, eine Benachteiligung bedeutet oder ihn gar von der Liebe Gottes ausschlösse. 20 Der im Gleichnis erzählte „Protest des Leistungs- und Vergeltungsdenkens gegen die Liebe“, 21 der „Widerspruch“ gegen Art und „Ausmaß der väterlichen Freude“ 22 mündet in den werbenden Appell, „in die Freude über die Bewahrung eines Menschen vor der Verlorenheit mit einzustimmen“. 23 Wenn so die „Botschaft des Gleichnisses“ 24 aus exegetischer, biblisch-theolo‐ gischer Perspektive als klar gilt und das Einverständnis darein aus religionsdi‐ daktischem Blickwinkel auch Zielhorizont des Verstehens sein soll, 25 wie kann dann eigentlich noch eine nichtangepasste, selbstbestimmte, ergebnisoffene und persönliche, „existenzielle Auseinandersetzung“ 26 mit dem Bibeltext erfolgen? Sollte nicht im kinder- und jugendtheologischen Paradigma gelten, dass „[b]ibli‐ sche Geschichten […] auch ‚unrichtig‘ verstanden werden [dürfen]“, 27 ungeach‐ tet des Anliegens „didaktische[r] Pünktlichkeit“ 28 ? Verbergen sich nicht zudem in vermeintlich allein sachbezogenen exegetischen Kontroversen vielleicht auch verborgene persönliche Überzeugungen, unter welchen Verstehensbedingun‐ gen die Pointe des Gleichnisses auf der existenziellen Ebene für mich akzeptabel, ja, bedeutsam ist? So scheint es mir im Rahmen der didaktischen Erschließung der elementaren Strukturen des Gleichnisses sinnvoll zu sein, die maßgeblichen exegetischen Kontroversen als offene hermeneutische wie didaktische Räume zu verstehen, innerhalb deren ein Ringen um persönliche Gewissheiten im Sinne elementarer Wahrheiten geschehen kann. Und der Fokus hierbei sollte nicht sofort im schulischen Setting auf Kindern und Jugendlichen liegen, sondern zunächst die auslegende und lehrende Person dazu herausfordern, „zu einer für Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0017 Alternativlose Freude - freudlose Alternative 119 29 Schweitzer/ Haen/ Krimmer, Modell der Elementarisierung (s. Anm. 2), 13. Mit etwas anderem Akzent betont auch Michael Bachmann, dass sich biblische Didaktik auf sorg‐ fältige Exegese zu beziehen habe (Biblische Didaktik ohne historische Rechenschaft? Einige Notizen und das Beispiel der [paulinischen] Rechtfertigungsbotschaft, in: M. Bachmann/ J. Woyke [Hgg.], Erstaunlich lebendig und bestürzend verständlich? Studien und Impulse zur Bibeldidaktik [Ingo Baldermann zum 2. Mai 2009], Neukirchen-Vluyn 2009, 1-25). 30 Schottroff, Gleichnis vom verlorenen Sohn (s. Anm. 11); Wolfgang Pöhlmann, Der Verlorene Sohn und das Haus. Studien zu Lukas 15,11-32 im Horizont der antiken Lehre von Haus, Erziehung und Ackerbau (WUNT-I/ 68), Tübingen 1993. 31 So auch die Einschätzung Pöhlmanns, Der Verlorene Sohn und das Haus (s. Anm. 30), 156. 32 Schottroff, Gleichnis vom verlorenen Sohn (s.-Anm.-11), 32.34f. 33 Vgl. maßgeblich Gerd Theißen/ Anette Merz, Wer war Jesus? Der erinnerte Jesus in historischer Sicht. Ein Lehrbuch (UTB-6108), Göttingen 2023, 113-119. 34 Pöhlmann, Der Verlorene Sohn und das Haus (s. Anm. 30), 183, erkennt hinter der lu‐ kanischen Redaktionsschicht „eine vorlukanische Parabelerzählung […], die in Sprache, sie selbst persönlich tragfähigen Sicht zu gelangen“. 29 Dieser in exegetischen Kontroversen und der ihnen zugrunde liegenden existenziellen Tiefendimen‐ sion sich öffnende hermeneutische und didaktische Raum von Lk 15,11-32 soll im Folgenden exemplarisch aufgespannt werden mit den in vielerlei Hinsicht grundlegenden, gegensätzlichen Auslegungen von Luise Schottroff einerseits und Wolfgang Pöhlmann andererseits 30 als Achsen. 2. Exegetische Kontroversen und das Ringen um existenzielle Relevanz 2.1. Beginnen wir mit den Fragen zur Authentizität und zur Integrität von Lk 15,11-32, also zu den Fragen, ob die Gleichniserzählung auf Jesus selbst zurückgeht und inwiefern die im Lukasevangelium vorliegende Fassung sprach‐ lich ursprünglich ist! Aus einer konsequenten redaktionsgeschichtlichen Me‐ thodologie heraus bestreitet Luise Schottroff die Möglichkeit, das Gleichnis auf Jesus zurückzuführen, 31 sofern und weil es mit der sonstigen lukanischen Soteriologie in Einklang steht, die Schottroff mit „Heil durch Buße“, „Heilsweg der Buße“ „Buße als Heilsgeschehen“ gegenüber einer „unbußfertige[n] Gerech‐ tigkeit“ beschreibt. 32 Arbeitet man hingegen mit einer stärker auf Kontext- und Wirkungsplausibilität hin ausgelegten Methodik, 33 können sowohl sprachliche Indizien als auch Merkmale eines ländlich-bäuerlichen Settings, wie sie das Gleichnis mit dem Familienbetrieb des Vaters und seiner beiden Söhne sowie den Lohnarbeitern und Sklaven beschreibt, auf einen palästinischen Ursprung hin gewertet werden. 34 Für eine Herkunft in Eretz Jisrael könnte zudem die Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0017 120 Johannes Woyke Stil und Vorstellungswelt aus der hellenistischen Gemeinde in den Lebensbereich der palästinischen Überlieferung zurückweist.“ 35 So Pöhlmann, Der Verlorene Sohn und das Haus, 186 f. (anders Kollmann, Neutes‐ tamentliche Schlüsseltexte [s. Anm. 19], 173), und jüngst Christfried Böttrich, Das Evangelium nach Lukas [ThHK 3], Leipzig 2024, 308). 36 Schottroff, Gleichnis vom verlorenen Sohn (s. Anm. 11), 40 (mit Bezug auf David Daube). 37 Schottroff, Gleichnis vom verlorenen Sohn (s. Anm. 11), 41 (mit Bezug auf Karl Hein‐ rich-Rengstorf). 38 Schottroff, Gleichnis vom verlorenen Sohn (s.-Anm.-11), 42. 39 Schottroff, Gleichnis vom verlorenen Sohn (s.-Anm.-11), 45. 40 Schottroff, Gleichnis vom verlorenen Sohn (s.-Anm.-11), 46 (kursiv JW). 41 Schottroff, Gleichnis vom verlorenen Sohn (s. Anm. 11), 44-47. Demgegenüber spricht Pöhlmann, Der Verlorene Sohn und das Haus (s. Anm. 30), 149, von einem „traditio‐ nelle[n] Erzählelement vieler palästinischer Gleichniserzählungen“. 42 Vgl. im Detail Pöhlmann, Der Verlorene Sohn und das Haus (s.-Anm.-30), 153-183. klischeehafte Beschreibung der von Verschwendung, fehlender Solidarität und Unheil geprägten Diasporaexistenz des Jüngeren sprechen, sofern jedenfalls zur Zeit Jesu, „ungeachtet der wirtschaftlichen Notwendigkeiten, die Emigration von bestimmten frommen Kreisen abgelehnt [wurde]“ mit Hinweis auf „eine Theologie des Landes, die den im Lande Wohnenden die Fülle des Segens ver‐ hieß“. 35 Dieser Hintergrund würde untermauert, falls man für die im Gleichnis Lk 15,12.31 beschriebene Erbpraxis die sog. Abschichtung als „eine populäre Rechtspraxis im jüdischen Bereich“ 36 oder aber „die jüdische Rechtspraxis einer q e sasah - Abtrennung von der Familie“ 37 annimmt. Sollten demgegenüber aber die erbrechtlichen Angaben der Erzählung letztlich inkohärent sein und zeigte das Gleichnis also letztlich eine „Nonchalance gegenüber den rechtlichen Aspekten“, weil es ihm eher um die „moralischen Verpflichtungen“ 38 geht und also nicht so sehr um „die [Ebene] des Rechts, sondern die der Menschlichkeit“, 39 um aequa pietas gegenüber beiden Söhnen, 40 und wenn zudem Analogien dazu in der hellenistisch-römischen Rhetorik zu finden sind, 41 dann spräche das wiederum eher dafür, dass das Gleichnis insgesamt lukanisch ist. Aber selbst diejenigen Forschenden, die eine wie auch immer geartete jesuanische Urheberschaft annehmen, konzedieren, dass die vorliegende Sprachgestalt sich so eng an die lukanische Darstellung anlehnt, dass eine vorlukanische Fassung kaum zu rekonstruieren ist. Lösen wir das Gleichnis einmal versuchsweise aus der lukanischen Einbet‐ tung, und zwar nicht nach strenger literarkritischer Methodik, 42 sondern aus heuristischem Interesse in didaktischer Perspektive, so beträfe das zuvörderst die Metaphorik von Verloren-Gehen und Gefunden-Werden (vgl. Lk 15,3-6.8f.) sowie den Aspekt des umkehrenden Sünders (vgl. Lk 15,7.10). Tilgt man diese, würde es für die Plausibilität der kurzen Erzählung und für die provokative Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0017 Alternativlose Freude - freudlose Alternative 121 43 Das Bild mit einem erschließenden meditativen Text von Wolfgang Tripp findet sich in: Gertrud Widmann (Hg.), Die Bilder der Bibel von Sieger Köder. Erschließende und meditative Texte, Ostfildern 2004, 146 f.; dort auch das folgende Zitat. Ein Hinweis auf Sieger Köders Illustration findet sich bei Schmitt, Ein Vater hatte zwei Söhne (s. Anm. 16). 44 Vgl. Michael Wolter, Das Lukasevangelium (HNT-5), Tübingen 2008, 537. 45 So Wolter, Lukasevangelium (s. Anm. 44), 534 (kursiv im Original), der allerdings betont, dass damit „ganz offensichtlich bereits die Sachhälfte in die erzählte Welt des Gleichnisses hinein[spielt]“. 46 Schottroff, Gleichnis vom verlorenen Sohn (s.-Anm.-11), 48. Wirkung als Parabel dann ausreichen, dass der jüngere Sohn allein aufgrund seiner misslichen wirtschaftlichen und sozialen Situation den Entschluss zur Rückkehr an den väterlichen Hof fasst (Lk 15,17-18a) und dass der Vater das Mastkalb schlachtet, weil er seinen Sohn wohlbehalten wiederbekommen hat (vgl. Lk-15,27)? Die eindrückliche Illustration von Sieger Köder 43 zeigt im Jüngeren in den Armen und an der Brust seines Vaters „das ganze Elend eines gebrochenen Menschen und einer gescheiterten Existenz“ - braucht es dieses vollständige Scheitern, um das Handeln des Vaters nachvollziehen und positiv würdigen zu können? Daraus folgend: Ist, wenn ich die Erzählung als Parabel für Gottes Handeln mit uns Menschen verstehe, das aufrichtig gemeinte Sündenbekenntnis des Jüngeren für mich wesentliche Voraussetzung für die überbordende Freude des Vaters? Und: Brauche ich für meine Positionierung hinsichtlich der Gleich‐ nisaussage den theologischen Überschuss der konversionssymbolischen Rede vom Tot-Sein und Lebendig-Werden 44 und, diese begründend, die Vorstellung der vorherigen rechtlichen familiären Abtrennung des Sohnes? Oder genügt mir für das Muss der überbordenden Freude (Lk 15,32) die bloße Rückkehr des Sohnes (Lk 15,24) und Bruders (Lk 15,32), nachdem dieser sich den Kontrast seiner akuten Notsituation zum Hof seines Vaters ins Bewusstsein gerufen und also erkannt hat, dass allein „Nähe oder Distanz im Verhältnis zum Vater über Wohl oder Wehe entscheiden“? 45 Geht in meiner Wertvorstellung das die Rückkehr zum väterlichen Hof motivierende Zu-sich-Kommen (Lk 15,17) einher mit einer dezidierten Sündenerkenntnis und einem konkreten Bekenntnis, worin man am Vater und Gott schuldig geworden ist, sowie der Bereitschaft zur Veränderung und Wiedergutmachung? Oder reicht mir der „Verzicht […] auf Anspruch dem Vater gegenüber“ als Modus des „Sich-schenken-Lassens“ 46 aus? 2.2. Ist das Gleichnis primär eschatologisch zu verstehen oder hat es eine in der Hauptsache soteriologische Stoßrichtung? Stellt es, wie Schottroff unterstreicht, als Impuls zur „Spannung zwischen Liebe und Leistungsdenken“ das Handeln Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0017 122 Johannes Woyke 47 Schottroff, Gleichnis vom verlorenen Sohn (s.-Anm.-11), 47. 48 Schottroff, Gleichnis vom verlorenen Sohn (s.-Anm.-11), 48. 49 Vgl. etwa Jens Schröter, Jesus, in: Mirjam Zimmermann/ Ruben Zimmermann (Hgg.), Handbuch Bibeldidaktik. Unter Mitarbeit von Susanne Luther und Julian Enners (UTB-3996), Tübingen 2 2018, 362-374, bes. 370. 50 Pöhlmann, Der Verlorene Sohn und das Haus (s.-Anm.-30), 130. 51 Pöhlmann, Der Verlorene Sohn und das Haus (s. Anm. 30), 130 (übernommen von Paul-Ricœur). 52 Pöhlmann, Der Verlorene Sohn und das Haus (s. Anm. 30), 188 f. Pöhlmann registriert durchaus, dass „die väterliche Liebe, die alle Vorwürfe vergißt“, auch in rabbinischen Gleichnissen zu finden ist (123 f.). Maßgeblich ist aber für ihn die formgeschichtliche Einordnung in die bei Sirach vorfindliche weisheitlich-jüdische Oikos-Tradition, die seine Interpretation leitet. 53 Pöhlmann, Der Verlorene Sohn und das Haus (s.-Anm.-30), 156. des Vaters als „für den Erzähler und seine Hörer und Leser gerade typische Vaterliebe“ und den Einwand des älteren Sohnes als „den typischen Protest des Leistungs- und Vergeltungsdenkens gegen die Liebe“ dar? 47 Dann lautet seine allgemeingültige, soteriologische Botschaft: „Will ich mit Gott zurechtkommen, muß es so sein wie beim verlorenen Sohn“, nämlich mit dem Empfang der Liebe Gottes „als ein[em] Geschenk“ und eben nicht als einklagbarer „Leistung“ nach den „Maßstäbe[n] der Angemessenheit“. 48 Die Wirkung des Gleichnisses besteht dann darin, diese eigentlich aller Vernunft und Erfahrung eingeschriebene weisheitliche Regel gegen Missverständnisse und Einwände zu bekräftigen. Und das müsste hier gelten, auch wenn man das Wirken Jesu insgesamt 49 oder zumindest dessen lukanische Darstellung von Lk 4,14-21; 10,18; 11,20 her als eschatologisch begreift. Oder handelt es sich demgegenüber, wie Pöhlmann grundsätzlich über die Verkündigung Jesu urteilt, um „paradoxe, eschatologische Weisheit“, die nicht bloße „Lebensregeln vermittelt“ oder von „jederzeit vorhandene[n] Möglich‐ keit[en]“ handelt, sondern „an die Stelle der gültigen Erfahrung als das Neue die jetzt offenbar werdende basileia“ setzt und darin „selbst eschatologisches Geschehen“ ist? 50 Und müsste daher in den konkreten Logien und Parabeln eine provozierende „Neuorientierung durch Desorientierung“ 51 erkennbar sein? Löst die „bedingungslose Wiederaufnahme desjenigen, der sich von der Lebens‐ ordnung der Weisheit losgesagt hat, sich ihr gegenüber als unzugänglich und unbelehrbar erwiesen hat“, tatsächlich „äußerste Befremdung“ aus, weil sie „die Ordnung und Gerechtigkeit des Hauses durchbricht und ihr widerspricht“, 52 weil die dargestellte Güte und Liebe des Vaters in ihrer Maßlosigkeit und Außergewöhnlichkeit „das Herkommen sprengt“ und „die Regeln der Erfahrung außer acht läßt“? 53 Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0017 Alternativlose Freude - freudlose Alternative 123 54 So andeutungsweise Pöhlmann, Der Verlorene Sohn und das Haus (s. Anm. 30), 116. Vgl. 156: „Jesus verfremdet gerade die im Judentum und in den rabbinischen Gleichnissen feststehende Gleichsetzung der Vatergestalt mit Gott“. 55 So die theologische Deutung bei Kollmann, Neutestamentliche Schlüsseltexte (s. Anm. 19), 174, freilich ohne Abgrenzung gegenüber der jüdischen Glaubenspraxis. Überhaupt müsste auch hinsichtlich des Topos der Königsherrschaft Gottes gesagt werden, dass neben der klaren eschatologischen Konnotation etwa von DtJes 52,7 auch eine nicht-eschatologische Prägung möglich ist, wie Ps-146 zeigt. 56 So Kollmann, Neutestamentliche Schlüsseltexte (s.-Anm.-19), 174. 57 Vgl. Angelika Strotmann, Der historische Jesus. Eine Einführung (UTB 3553), Paderborn 3 2019, 117 f., welche die eschatologische Reich-Gottes-Verkündigung Jesu in den Kon‐ text des „Modell[s] des JHWH-Königtums“ stellt. 58 Schottroff, Gleichnis vom verlorenen Sohn (s.-Anm.-11), 51. Mir scheint als gewichtiges Movens hinter dem Bestreiten des Eschatologi‐ schen in der Gleichnisdeutung die Vermeidung eines christlichen Antijudaismus zu liegen, als sei „die Vergebungsbereitschaft Gottes“ und das tatsächliche „Er‐ eignis der Liebe und Vergebung“ - und man könnte auch die emotionale Regung des Mitgefühls, des Erbarmens (Lk 15,20) hinzunehmen 54 - ein exklusives Merk‐ mal der in Jesus Christus endlich Wirklichkeit werdenden „Gottesherrschaft“ 55 und nicht schon in der Theologie des Tanach angelegt und präsent. Hier könnte man in Hinblick auf den in seiner ganzen Existenz gescheiterten jüngeren Sohn des Gleichnisses (s. o.) das Psalmwort Ps 34,19 nennen, dass Jhwh denen nahe ist, die zerbrochenen Herzens sind, und denen hilft, die zerschlagenen Geistes sind (vgl. Ps 25,16 u. ö.), dass er aus dem Staub den Geringen aufrichtet, um ihn neben Edle zu setzen (Ps 113,7f.). Und der Zuspruch der Vergebung durch Gott ist nicht nur fest verankert im Opferwesen der Tora, sondern in Gottes Selbstoffenbarung (Ex 34,6f. u. ö.). In dem Sinne ließe sich das Gleichnis Lk 15,11-32 ganz plausibel im jüdischen Kontext lesen, sei es jesuanischen Ursprungs oder lukanischer Herkunft. Und es fällt in der Tat schwer, die „Überzeugung […], dass bei Gott über solche Sünder, die in Erkenntnis ihrer Schuld umkehren und auf den rechten Weg zurückfinden, besondere Freude herrscht“, 56 als gegenüber den im Judentum zur Zeit Jesu und des Lukasevangeliums gängigen Überzeugungen disruptiv und neu zu bezeichnen. 57 Entsprechend lehnt Schottroff auch die Situierung des Gleichnisses in Jesu Praxis der Gemeinschaft mit „Zöllnern und Sündern“ und der Kritik durch „Pharisäer und Schriftgelehrte“ (vgl. Lk 15,1-3) ab, wenn denn mit der Charakterisierung des älteren Sohnes bzw. Bruders „ein Zerrbild, eine Karikatur des Judentums angegriffen“ werde; Lukas aber nutze im Pharisäer einen allgemeinen „religiösen Negativtypos“, nämlich das „abschreckende […] Bild des Selbstgerechten“, „mit dem sich niemand identi‐ fizieren kann“. 58 Für die eschatologische Deutung ist es demgegenüber von grundlegender Bedeutung, dass sich diejenigen, die das Gleichnis lesen oder Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0017 124 Johannes Woyke 59 Pöhlmann, Der Verlorene Sohn und das Haus (s.-Anm.-30), 188f. 60 Pöhlmann, Der Verlorene Sohn und das Haus (s.-Anm.-30), 11. 61 Pöhlmann, Der Verlorene Sohn und das Haus (s.-Anm.-30), 189; vgl. 14f. 62 Pöhlmann, Der Verlorene Sohn und das Haus (s. Anm. 30), 102, spricht vom „verlo‐ rene[n] Sohnesrecht des Freien“ und übertragen von einem „Menschen, der seine Lebensmöglichkeit verwirkt hat“. Gegenüber Schottroffs Interpretation der hellenis‐ tisch-römischen rhetorischen Tradition weist Pöhlmann darauf hin, dass auch dort das Verprassen des väterlichen Vermögens als „übliche Sanktion […] die Verstoßung aus dem väterlichen Haus (abdicatio)“ als Sanktion nach sich zog, „die auch zur Enterbung führen konnte“ (105) - nur ist im Unterschied davon in Lk 15,11-32 eben nicht die Rede. Vgl. die kritische Diskussion der These Rengstorfs bei Schottroff, Gleichnis vom verlorenen Sohn (s.-Anm.-11), 41. 63 Vgl. den Hinweis bei Wolter, Lukasevangelium (s. Anm. 44), 536, dass von der „Über‐ tragung einer bestimmten Aufgabe“ oder der „Einsetzung in ein Amt“ in Lk 15,22 „weit und breit nichts zu erkennen ist“. 64 Pöhlmann, Der Verlorene Sohn und das Haus (s.-Anm.-30), 15. 65 Allerdings vermag Pöhlmann exegetisch nicht zu zeigen, inwiefern ein Investi‐ tur-Rechtsakt notwendig und möglich ist, wenn er zugleich einräumt, dass „Rengstorfs These von einer Re-Investitur nicht zu halten ist“ (Der Verlorene Sohn und das Haus [s. Anm. 30], 14). Pöhlmann sieht freilich große Übereinstimmungen des weisheitlichen Ethos des Hauses mit dem aus der Schule des Aristoteles stammenden Peripatos (37-39), muss aber an einer für seine Deutung von Lk 15,11-32 entscheidenden Stelle vage bleiben, wenn nämlich derjenige, der sich aus der Ordnung des Hauses verabschiedet, hören, allesamt zunächst mit dem Älteren identifizieren, der „die Welt des Vorfindlichen und der Erfahrung“ repräsentiere. 59 Hier soll offenkundig das Proprium und das Spezifikum des Evangeliums, dessen Verkünder und Verkün‐ digter Jesus Christus ist, herausgestellt werden. 2.3. Handelt es sich bei den Handlungen des Vaters gegenüber seinem zurückge‐ kommenen Sohn in Lk 15,22 um eine „Investitur“ 60 , mithin um einen formellen „Rechtsakt, der die Ordnung und Gerechtigkeit des Hauses durchbricht und ihr widerspricht“, 61 dann muss auf der Erzählebene der jüngere Sohn den rechtlichen Status der Sohnschaft zuvor verspielt und verloren haben. 62 Nur dann kann dessen Wiederannahme ein disruptives Element darstellen, und der „Zorn des Älteren entzündet sich“ - anders als im Wortlaut des Texts 63 - „nur vordergründig an dem Fest, das der Vater bei der Rückkehr veranstaltet“, sondern „ist vielmehr Ausdruck des Protests gegen die Wiederaufnahme des Bruders, der sich durch seinen Aufbruch und durch seinen Umgang mit dem Erbe gegenüber den Lehren des Vaters als unzugänglich erwiesen“ und zudem „die Solidarität der Brüder verletzt hat“. 64 Für Pöhlmann ist diese Interpretation zwingend, weil für ihn der traditionsgeschichtliche Hintergrund des bei Jesus Sirach zutage tretenden Ideals des weisheitlich-jüdischen Oikos-Ethos interpre‐ tationsleitend ist. 65 Und nach den Regeln dieses Ethos hätte der Vater dem Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0017 Alternativlose Freude - freudlose Alternative 125 im bloßen „Verdacht der Gesetzlosigkeit“ stehe (39). Inkonsequent scheint mir Koll‐ mann, Neutestamentliche Schlüsseltexte (s. Anm. 19), 173 f., zu sein, der einerseits vorsichtig davon spricht, dass „der Sohn wieder in die Stellung eines Ehrenmannes eingesetzt [wird], ohne dass er allerdings erneut erbberechtigt würde“, dann aber als orientierendes Stichwort am Rand „Wiedereinsetzung in die Sohnschaft“ notiert. 66 Pöhlmann, Der Verlorene Sohn und das Haus (s.-Anm.-30), 189. 67 Pöhlmann, Der Verlorene Sohn und das Haus (s.-Anm.-30), 189. 68 Schottroff, Gleichnis vom verlorenen Sohn (s.-Anm.-11), 45. 69 Schottroff, Gleichnis vom verlorenen Sohn (s. Anm. 11), 42. Vgl. auch Böttrich, Evan‐ gelium nach Lukas (s. Anm. 35), 310f.: „[E]in Kind bleibt immer ein Kind! [...] Derjenige, der weniger als ein Sohn sein wollte, wird mehr als ein Sohn ausgezeichnet und wie ein Ehrengast behandelt.“ 70 Vgl. Schottroff, Gleichnis vom verlorenen Sohn (s.-Anm.-11), 40. 71 Schottroff, Gleichnis vom verlorenen Sohn (s.-Anm.-11), 41. jüngeren Sohn Auflagen machen müssen, unter denen er wieder in den Oikos aufgenommen und in die Sohnesvollmacht eingesetzt werden könne. Nun aber, da er „den jüngeren Sohn und Bruder in einem Akt analogieloser Rechtssetzung ohne Bewährung und Bußleistung aufnimmt“, werde ein „radikale[r] Wandel“ vollzogen und die Oikos-Ordnung grundlegend geändert. 66 „Der Vater, der den Zurückkehrenden mit einem Freudenfest feiert, ist kein anderer, als der, der bisher in der bewährten weisheitlichen Ordnung im Haus waltete. Aber er handelt nun anders.“ 67 Demgegenüber würde Schottroff starkmachen, dass hier das durch den älteren Sohn repräsentierte Ideal des Oikos-Ethos nicht durchbrochen, sondern korrigiert wird von der gegenüber allen Regeln der Angemessenheit quer stehenden Liebe des Vaters zu seinen Kindern, der in der hellenistisch-römi‐ schen Rhetorik zum Ausdruck kommt, bei der der „Ebene […] des Rechtes“ die „der Menschlichkeit“ gegenübergestellt wird. 68 Dann sind Gewand, Ring und Schuhe in der Erzählung Symbole nicht der Wiedereinsetzung sondern der Rückversicherung der nach wie vor bestehenden und nie verlorenen Sohnschaft, deren der Jüngere subjektiv nicht mehr wert zu sein glaubt. Es geht dann um die Bekräftigung der „nie unterbrochenen Liebe des Vaters“. 69 Und die gilt uneingeschränkt, 70 wobei sich dann die sich in erbrechtlicher Perspektive ergebende Frage, ob der jüngere Sohn wieder als Erbe eingesetzt wird oder nicht, erübrigt, da „die Vorgänge auf zwischenmenschlicher Ebene nicht konsequent an Rechtsverhältnissen orientiert sind“ und die Pointe des Gleichnisses davon unberührt bleibt. 71 Welche Rolle spielt es also für meine persönliche Positionierung zum Gleich‐ nis, ob der Jüngere durch sein Weggehen und seinen vergeudenden Lebensstil seine Sohnschaft juristisch und sein Erbe ökonomisch verspielt hat und durch den Vater per Rechtsakt erneut in die uneingeschränkte Sohnesvollmacht ein‐ Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0017 126 Johannes Woyke 72 Pöhlmann, Der Verlorene Sohn und das Haus (s.-Anm.-30), 102. 73 Pöhlmann, Der Verlorene Sohn und das Haus (s. Anm. 30), 130. Nochmals sei daran erinnert, dass dies laut Pöhlmann eine in der hellenistisch-römischen Kultur durchaus verbreitete Sicht ist (vgl. 37-39). gesetzt wird, es also in der metaphorischen Tiefendimension um ein geistliches Lebendig-Werden eines Menschen geht, der zuvor „seine Lebensmöglichkeit verwirkt“ 72 hatte? Inwiefern berührt es meine Gewissheit über Gottes Handeln in Christus, wenn im Gleichnis die Sohnschaft des Jüngeren selbst nie zur Dis‐ position steht, wohl aber der Anspruch aufkommt, sich der Sohnschaft würdig zu erweisen, und dann im Scheitern, dem Selbstzweifel bzw. der negativen Selbsterkenntnis zum Trotz, mit der überbordenden Freude des Vaters wieder die Gewissheit der Sohnschaft erfahrbar gemacht wird? 2.4.-Welche affektive Wirkung soll und kann das Gleichnis bei den Hörer: innen und Leser: innen erzielen? Nach Pöhlmann würde das Gleichnis in seiner metaphorisch-eschatologischen Tiefendimension nur dann korrekt - und das meint vermutlich in kerygmatischem Sinne: zum Heil - verstanden, wenn das Handeln des Vaters gegenüber seinem jüngsten Sohn ein „Durchbrechen der weisheitlichen Erfahrungsordnung“ als gerade „keine jederzeit vorhandene Möglichkeit“ darstellt. 73 Dann müsste die ideale Leserin oder der intendierte Hörer sich über den Weggang des jüngeren Sohnes empören, seinen tiefen Fall mit Genugtuung und wohligem Schrecken als erwartbaren Zusammenhang von Tun und Ergehen aufnehmen und den reuevollen Selbstverzicht auf die Annehmlichkeiten des Sohn-Seins, wenn er nur wieder in den häuslichen Betrieb aufgenommen wird, als angemessen würdigen. Das sich erbarmende Willkommen-Heißen des gescheiterten Rückkehrers durch den Vater und des‐ sen auf jedwede Kritik verzichtende, überbordend freudvolle Instandsetzung des zurückgekehrten gescheiterten Sohnes müsste demgegenüber als zutiefst anstößig - bei Adressat: innen des Gleichnisses, die mit dem bestehenden weisheitlichen Ethos dauerhaft in Konflikt geraten sind und daher in schlechtem Ansehen stehen, freilich mit ungläubigem Staunen - empfunden werden. Die im Protest des älteren Sohnes artikulierte Anstößigkeit des väterlichen Handelns würde erleichtert - oder eben resignativ - zur Kenntnis genommen werden, und das abschließende Votum des Vaters zur Alternativlosigkeit seines Handelns müsste irritiertes Kopfschütteln - und bei den Antipoden große Erleichterung und Freude - hervorrufen. Wenn demgegenüber mit Schottroff die Reaktion des Vaters gegenüber dem gescheiterten Rückkehrer als „gerade typische Vaterliebe“ aufzufassen ist und der zornige Einspruch des älteren Sohnes und Bruders „den typischen Protest Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0017 Alternativlose Freude - freudlose Alternative 127 74 Schottroff, Gleichnis vom verlorenen Sohn (s.-Anm.-11), 47. 75 Vgl. dazu u. a. Johannes Woyke, Die neutestamentlichen Haustafeln. Ein kritischer und konstruktiver Forschungsüberblick (SBS-184), Stuttgart 2000, bes. 27-39. 76 Philo von Alexandria, Die Werke in deutscher Übersetzung, Leopold Cohn u. a. (Hg.), Band-II, Berlin 2 1962, 170-176. 77 Pöhlmann, Der Verlorene Sohn und das Haus (s. Anm. 30), 113-116, bespricht fragmen‐ tarische Texte Philo von Alexandriens zur Erzählfigur zweier ungleicher Söhne und schätzt dessen Anliegen als ein primär Pädagogisches ein; der missratene Sohn sei stärker auf die Geduld und Güte des Vaters angewiesen als der tugendhafte. Unter der Prämisse, dass das „Grundanliegen der Parabel Jesu“ die „alle Erwartungen und Ordnungen sprengende […] Liebe des Vaters“ ist, sieht er zu Philo „nur eine formale Gemeinsamkeit“ (116). des Leistungs- und Vergeltungsdenkens gegen die Liebe [darstellt]“ 74 , denn würde der ideale Leser und die ideale Hörerin das väterliche Handeln gegenüber beiden Söhnen mit die eigenen Familienwerte bestätigendem Wohlwollen auf‐ nehmen und die Kritik des Älteren als die ökonomischen Notwendigkeiten des bäuerlichen Familienbetriebs mit dem Ethos der Humanität verwechselnd und vermischend zurückweisen. Nehmen wir noch einen allgemeineren Blickwinkel des antiken Oikos hinzu, nämlich das Verhältnis von Eltern und Kindern 75 , das im jüdischen Kontext bei Philo im Zusammenhang der Auslegung des Dekaloggebots, die Eltern zu ehren, besprochen wird (De specialibus legibus II, 224-241), 76 dann zeigt sich hinsichtlich der Erwartungen an die elterliche Liebe in Hinsicht auf missratene Kinder ein letztlich stimmiges Bild. 77 Eltern und Kinder finden sich nach Philo in mehreren Rollen (227): als Ältere gegenüber Jüngeren, als Lehrer gegenüber Schülern, als Wohltäter gegenüber Wohltatenempfängern, als Herrscher und Herren (archontes kai despotai) gegenüber Untergebenen und Dienern (hupēkooi kai douloi). Als Wohltäter sind die Eltern getrieben von einem naturgegebenen Wohlwollen (eunoia, 232) bzw. einer übermäßigen Liebe (huperballousē filostor‐ gia, 240). Manche Kinder, so beklagt der Alexandriner, nutzen diese übermäßige Elternliebe aber aus, „leben in Saus und Braus, geben sich einem lockeren Leben (ton hurgon bion) hin […], ohne sich irgendwie festigen zu lassen durch die häuslichen Einflüsse“; sie „geben sich zügellos den eigenen Begierden hin (tais idiais epithumiais)“, „weil ihnen eben die Furcht vor ihren Mahnern, vor Vater und Mutter, fehlt“ (240). „Bedenken tragen, Unrecht zu tun (adikein oknēsousi)“, werden sie nur, wenn sie der Mahnung aus Lev 19,3 an die Kinder, „Scheu zu hegen vor ihren Eltern und in diesen ihre Vorgesetzten und die von der Natur ihnen gegebenen Herren (hōs argontas kai ōs fusei despotas) zu fürchten“, Folge leisten. Entsprechend sind die Eltern dazu aufgerufen, solchen Kindern schärf‐ ere und empfindlichere Ermahnungen bzw. Warnungen zukommen zu lassen Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0017 128 Johannes Woyke 78 Kollmann, Neutestamentliche Schlüsseltexte (s.-Anm.-19), 173. 79 Vgl. Wolter, Lukasevangelium (s. Anm. 44), 536: „Die Anweisungen zur Neueinkleidung bringen zum Ausdruck, dass der Vater den Rückkehrer mit besonderen Ehrungen versehen wissen will.“ 80 Eine Analogie fände sich in diesem Zusammenhang in der Argumentation des Paulus in Gal-4,1f. 81 Dies wäre etwa über die so genannten „Big Five“ der Persönlichkeitspsychologie (vgl. Jens B. Asendorp, Persönlichkeitspsychologie für Bachelor, Berlin 5 2024, 71-79) oder den Ansatz von Fritz Riemann, Grundformen der Angst. Eine tiefenpsychologi‐ sche Studie, München/ Basel, 39 2009, zu vertiefen; hilfreich sind zudem die SINUS-Ju‐ gend-Milieus (https: / / www.sinus-institut.de/ sinus-milieus-deutschland [letzter Zugriff am 28.04.2025]). (241). Unter einem solchen Blickwinkel würde das Willkommen-Heißen des zurückkehrenden Sohnes durch seinen Vater als Ausdruck der von Natur ein‐ gepflanzten Elternliebe bei den Adressat: innen der Gleichnisses aus Lk 15,11-32 große Zustimmung finden. Und selbst das Überbordende der Freude 78 und das Einkleiden des heruntergekommenen Sohnes als Vornehmem 79 sollte aus pädagogischer Perspektive kein Stirnrunzeln hervorrufen, weil Ermahnungen ja nicht mehr notwendig sind, da der jüngere Sohn durch sein In-sich-Gehen und seine Rückkehr ja eine grundlegende Wandlung gezeigt hätte, der man als Vater nur und nicht anders als mit Freude begegnen kann, die sich in einem Fest manifestiert und darin erfahrbar wird. Die grundlegende Stimmung am Ende wäre also das Einverständnis in die Handlung und Rechtfertigung des Vaters gegenüber dem zornigen Einwand seines älteren Sohnes. Bei diesem wiederum könnte man dann sogar noch sagen, dass ihm der Blick auf den Vater als den ihn über alle Maßen liebenden Wohltäter getrübt ist, weil er im Vater primär den Herrscher und Herrn und sich als Untergebenen und Diener sieht. 80 2.5. Nicht zu vernachlässigen ist aus rezeptionsästhetischer Sicht die psycholo‐ gische Typologie der beiden Söhne und der dementsprechenden möglichen Iden‐ tifikation mit ihnen. Die gattungstypische Gegenüberstellung zweier ungleicher Söhne bzw. Brüder - nämlich einem als luxuriosus bzw. asōtos gegenüber einem als frugi bezeichneten, also einem Genusssüchtigen, Verschwenderischen, des‐ sen Lebensstil primär an der Erfüllung seiner Leidenschaften ausgerichtet ist, und einem, der von Sparsamkeit, Ordnungsliebe und die eigenen Bedürfnisse zurückstellenden Verantwortungsbewusstsein geprägt ist - setzt auf eine ge‐ wollte Bewertung beider Stereotypen als negativ bzw. positiv. Zumindest für uns moderne Leser: innen des Gleichnisses ist aber zu berücksichtigen, dass neben solchen gesellschaftlich propagierten Werten auch persönliche Sympathien hin‐ sichtlich gewisser Wesenszüge Auswirkungen auf die persönliche Interaktion mit dem Gleichnis und der ihm zugewiesenen Bedeutung haben, 81 selbst wenn Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0017 Alternativlose Freude - freudlose Alternative 129 82 Wie man in Lk-15,16 sieht, kann das geäußerte Begehren auch abgelehnt werden! 83 Vgl. die auf das Gebet bezogenen lukanischen Gleichnisse Lk-11,1-13; -18,1-8. 84 Vgl. Wolter, Lukasevangelium (s. Anm. 44), 541, der betont, dass das Gleichnis einerseits „gerade nicht offen endet“ und also keine Einladung an den älteren Sohn impliziert, dass andererseits aber von einer „ausdrücklichen ‚Verurteilung‘ der Pharisäer und Schriftgelehrten durch Lukas oder den lk Jesus […] keine Rede sein [kann]“. Ähnlich auch Böttrich, Evangelium nach Lukas (s. Anm. 35), 312. solche Konnotationen jenseits des ursprünglichen Deutungshorizonts liegen sollten. Betrachtet man die Söhne bzw. Brüder im Gleichnis, so wird der jüngere als aktiv und initiativ seine Wünsche äußernd beschrieben, während der ältere an entscheidender Stelle passiv bleibt und sich über nicht erfüllte, aber eben auch nicht geäußerte Wünsche beschwert. Der Jüngere bittet um seinen Vermögensanteil und erhält ihn 82 und verwendet ihn nach eigenem Gutdünken, er fällt den Entschluss, fortzugehen, und später entscheidet er sich für die Rückkehr; er demütigt sich aktiv und empfängt am Ende, wenn man so will, weit über sein Bitten und Verstehen hinaus 83 . Demgegenüber ist der Ältere zunächst nur latent gegenwärtig (Lk 15,11f.) und tritt erst spät als Akteur auf den Plan (Lk 15,25), als er sich nach vollendeter landwirtschaftlicher Arbeit dem Haus nähert und bemerkt, dass dort eine Feier im Gange ist, zu der er offenkundig nicht von der Arbeit gerufen worden war. Selbst aktiv wird er in der Negation, nämlich der Verweigerung, sich zum für seinen zurückgekehrten Bruder gegebenen Fest dazuzugesellen, und er begründet dies damit, dass ihm zuvor trotz seines hohen Arbeitsethos und seiner nur geringen Ansprüche an persönliche Annehmlichkeiten ein geselliges Zusammensein mit seinen Freunden verweigert worden sei. Aus der Entgegnung des Vaters, dass sein älterer Sohn im Unterschied zu dessen Bruder doch allezeit in der Fülle der Gegenwart des Vaters lebt und uneingeschränkten Anteil an dieser Fülle hat (Lk 15,31), lässt sich im Umkehrschluss sagen, dass die Tragik und die innere Not des Älteren im passiven Nicht-in-Anspruch-Nehmen dieser Fülle liegt und er, solange er in diesem nicht-notwendigen, subjektiv empfundenen Mangel verharrt, nicht frei ist zur angemessenen Freude über die Rückkehr des Bruders. Auffällig ist auch, dass am Ende des Gleichnisses eben keine persönliche Einladung an den Älteren ergeht - „komm, freue dich doch mit und feiere mit uns zusammen“ o. ä. -, sondern lediglich konstatiert wird, dass es eine Selbstverständlichkeit, ja, eine Notwendigkeit war, sich zum genannten Anlass zu freuen und eine besondere Feier auszurichten. Und in dieser im Imperfekt edei ausgedrückten Unabdingbarkeit 84 - „man hat unbedingt feiern müssen“ - Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0017 130 Johannes Woyke 85 Vgl. Hartmut Lenhard/ Gabriele Obst, Bibeldidaktik im kompetenzorientierten RU, in: Zimmermann/ Zimmermann, Handbuch Bibeldidaktik (s. Anm. 49), 469-476, zu „Bibel und Anforderungssituationen“ bes. 472 f. 86 Vgl. Wolter, Lukasevangelium (s.-Anm.-44), 541. 87 Wolter, Lukasevangelium (s. Anm. 44), 541. Es sei daran erinnert, dass Luise Schottroff das Setting von Lk 15,1f. für lukanisches Framing hält (Das Gleichnis vom verlorenen Sohn [s.-Anm.-11],-51). ist damit letztlich auch ein Grundsatz, eine Pflicht formuliert, auf die hin die Erzähldynamik abzielt. 2.6. Fragen wir abschließend nach lebensweltlichen Bezügen, so verbinden sich der ursprüngliche Sitz im Leben des Wirkens Jesu und der literarische Kontext im Lukasevangelium mit der Suche nach modernen, für die kompe‐ tenzorientierte didaktische Verwendung sinnvollen Anforderungssituationen. 85 Das Lukasevangelium präsentiert als Erzählanlass der Parabel den Unmut der Pharisäer und Schriftgelehrten darüber, dass die eschatologische Botschaft Jesu vom Heil- und Befreitwerden (Lk 4,16-18) auch, ja, vor allem den sprichwörtlichen Zöllnern und Sünder: innen gilt und dass Jesus deren Nähe geradezu programmatisch zulässt (Lk 15,1f.; vgl. 5,30-32). In der Rezeption der lukanischen Gesamterzählung werden damit auch andere Episoden als Bezugstexte aktiviert, 86 von der Berufung des Zöllners Levi (Lk 5,27-32) über Jesu Salbung durch eine in der Stadt als Sünderin geltende Frau beim Gast‐ mahl des Pharisäers Simon (Lk 7,36-50) bis zum Gleichnis von Pharisäer und Zöllner im Tempel (Lk 18,10-14) und der transformierenden Begegnung Jesu mit Zachäus (Lk 19,1-10), dazu auch Charakterisierungen der Pharisäer als solchen, die am Geld hängen und sich gegenüber anderen Menschen als gerecht präsentieren (Lk 16,14f.; 18,9). Im Jesus-Narrativ des Lukas wären in Lk 15,22ff. die beiden ungleichen Söhne auf die literarischen Rollen „Zöllner und Sünder“ und „Pharisäer und Schriftgelehrte“ hin „transparent“ 87 , und die Parabel könnte dann angewandt werden auf die Frage nach den Bedingungen und den Konsequenzen der Zugehörigkeit zum Gottesvolk Israel, zu den „Kindern Abrahams“ (Lk 19,9; 13,16; 3,8) und insbesondere darüber, wie oben diskutiert, ob Jesus damit einen eschatologischen Bruch zu bislang gültigen soteriologischen Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0017 Alternativlose Freude - freudlose Alternative 131 88 Vgl. Strotmann, Der historische Jesus (s. Anm. 57), 135-137. Strotmann sieht in der „offene[n] Tischgemeinschaft mit den ‚Verlorenen‘ Israels“ (133) ein Merkmal des historischen Wirkens Jesu von Nazareth. Gleichzeitig mutmaßt sie als Grund dafür, dass sich Jesus „bevorzugt den Abgabepächtern zuwandte“, dass er dabei „zunächst einmal [solche] zu Unrecht ausgegrenzten Menschen im Blick hatte“, die „weder ihre Mitmenschen betrogen und ausbeuteten noch mit der Besatzungsmacht kollaborierten“ (136) und dennoch mit denen, die dies taten, „ausgegrenzt [wurden] und [darunter] litten“ (135), was erhebliche Auswirkungen für die Interpretation auch von Lk 15,11- 32 hat. Strotmann diskutiert freilich nicht, inwiefern die Darstellung in den neutesta‐ mentlichen Evangelien klischeehafte, literarische Rollenzuschreibungen sind (vgl. etwa Aliyah El Mansy, Art. Zöllner, in: WiBiLex 2024 (https: / / bibelwissenschaft.de/ stichwor t/ 56011/ ; letzter Zugriff am 18.04.2025). 89 Zu dieser ethnisch-allegorischen Auslegung in der frühen Kirche siehe François Bovon, Das Evangelium nach Lukas, 3. Teilband Lk 15,1-19,27 (EKK III/ 3), Zürich/ Neukir‐ chen-Vluyn-2001, 54. 90 Vgl. dazu Johannes Woyke, Galut und Diaspora, Kain und Ahasver. Historische und theologische Einordnung eines christlich-antijüdischen Migrationsnarrativs, in: Bene‐ dikt Hensel/ Christian Wetz (Hgg.), Migration und Theologie. Historische Reflexionen, theologische Grundelemente und hermeneutische Perspektiven aus der alt- und neu‐ testamentlichen Wissenschaft (ABIG 74), Leipzig 2023, 179-216 (195 mit Bezug auf Lk-19,11-27). Überzeugungen propagiert oder ob er eine durch die theologischen Autoritäten verfehlte Auslegung und Praxis der Bundestheologie Israels korrigiert. 88 Sofern man im Freudenfest von Lk 15,22-24.32 eine Anspielung an das Gleichnis von den Einladungen zum großen Gastmahl (Lk 14,15-24) und entsprechend den älteren Sohn und Bruder als sich vom Fest selbst Ausschließ‐ enden erblicken möchte und entsprechend in ihm das jüdische Volk und im Jüngeren die nichtjüdischen Völker durchscheinen sieht, 89 könnte man die im Laufe der Kirchengeschichte prominent gewordene antijüdische Theologie von der Verwerfung Israels als Anforderungssituation nehmen, 90 die an der Parabel - insbesondere den Versen Lk 15,31f. - und der Frage nach ihrem traditionsgeschichtlichen Hintergrund und ihrem eschatologischen Charakter kritisch zu prüfen wäre. Hierbei kann und soll es nicht darum gehen, zu erschließen und zu vermitteln, was das Gleichnis im Lukasevangelium aussagt, sondern mithilfe des Gleichnisses soll eine Thematik kritisch und konstruktiv erschlossen werden. Jenseits solcher unmittelbaren, expliziten theologischen Kontexte kann die Parabel genutzt werden für konkrete Themen wie die Spannung zwischen gerechter und ungerechter Behandlung und dem Empfinden, gerecht oder ungerecht behandelt zu werden, oder auch wie das Verhältnis von Selbstwert um meiner selbst willen und Selbstwirksamkeit aus dem eigenen Tun heraus. Familiendynamiken mit elterlichem Erziehungshandeln und geschwisterlichen Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0017 132 Johannes Woyke 91 Weihs, Aktualisierendes Erzählen (s.-Anm.-17), 215-218. 92 Jan Rüggemeier/ Simon.-M. Schäfer, Lukas 15,11-32 - Das Gleichnis vom liebenden Vater, in: Exegese für die Religionspädagogik (ohne Datum; https: / / www.die-bibel.d e/ ressourcen/ efr/ efr-nt/ lukas-15-11-32, 3.2; letzter Zugriff am 28.04.2025). Vgl. auch Weihs, Aktualisierendes Erzählen (s. Anm. 17), 211 f. Zur Herausforderung bei der Zugänglichkeit des Gleichnisses für heutige Jugendliche, wenn das Verlassen des Vaterhauses als Trennung vom Vater problematisiert wird - sei es aus der inneren Logik der Bildseite des bäuerlichen Hofs heraus (Pöhlmann, Der Verlorene Sohn und das Haus [s. Anm. 30], 77 f. u. ö.), sei es, weil die darin bezeichnete Sache es erfordert, dass an der Gemeinschaft mit dem Vater und der Trennung von ihm Wohl und Wehe hängt (Wolter, Lukasevangelium [s. Anm. 44], 534; Karl-Heinrich Ostmeyer, Dabeisein ist alles [Der verlorene Sohn]. Lk 15,11-32, in: Zimmermann, Kompendium der Gleichnisse Jesu (s. Anm. 9), 618-633, 628 f.), siehe u. a. Kollmann, Neutestamentliche Schlüsseltexte (s. Anm. 19), 176, dessen Einwand indes auch exegetisch untermauert wird (173), während etwa Pöhlmann, Der Verlorene Sohn und das Haus (s. Anm. 30), 187, aus hermeneutischem Blickwinkel heraus betont, dass das Gleichnis „beim Aufbruch des jüngeren Sohnes weder an die Identitätssuche durch die Lösung vom Vaterhaus noch an einen unternehmerischen Aufbruch in die neue Welt [denkt]“. 93 So Carsten Gennerich, Empirische Dogmatik des Jugendalters. Werte und Einstellungen Heranwachsender als Bezugsgrößen für religionsdidaktische Reflexionen (Praktische Theologie heute 108), Stuttgart 2009, 80, freilich, ohne die Kluft zur wissenschaftlichen Exegese transparent zu machen; auch wenn „der didaktisch relevante theologische Diskurs zum Rechtfertigungsmotiv in erster Linie unterschiedliche lebensdienliche Anwendungsperspektiven bearbeitet“ und es „dabei immer wieder um eine sinnvolle Konstitution von Selbstakzeptanz“ geht (181), muss doch die biblische Erzählung ihren Eigensinn behalten dürfen (nochmals sei diesbezüglich auf Bachmann, Biblische Didak‐ tik [s. Anm. 29], verwiesen); und nur, wenn solche dem Text nicht immanenten Deu‐ tungen als solche erkennbar sind, können auch didaktische Freiräume für eigenständige und eigenwillige Zugänge von Jugendlichen und Kindern entstehen! Ähnliches wäre zu sagen, wenn Gennerich für die Geschichte vom verlorenen Sohn reklamiert, „dass nicht Gerichtsangst, sondern Gottes Freude, Zuwendung und Vergebungsbereitschaft Umkehr motiviert“ (269), wenn man das von Lk-15,17-19 her beleuchtet. Konflikten lassen sich von der Erzählung aus Lk 15 her erschließen, sei es mit dem lukanischen Text selbst oder einer aktualisierten Geschichte. 91 Die psychosoziale Herausforderung, sich in der Adoleszenz vom Elternhaus zu lösen und Eigenverantwortung zu übernehmen, wie auch Migrationserfahrungen bilden „notwendigerweise den Resonanzraum für eine heutige Thematisierung des Gleichnisses“, wenngleich diese Realitäten „in deutlicher Spannung zur erzählten Welt des Gleichnisses“ stehen. 92 Hier kann die Parabel durchaus „als eine Rechtfertigungsgeschichte“ erschlossen werden, „die Schritte in die Selbständigkeit riskierbar macht, weil bei Irrwegen auch [sic! gemeint ist wohl: auf] die Möglichkeit eines neuen Anfangs vertraut werden kann“. 93 Nicht zuletzt für die Positionierung in gesellschaftlichen Verteilungsfragen angesichts der vermeintlichen Konkurrenz von Armut, Flucht und Zuwanderung kann die Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0017 Alternativlose Freude - freudlose Alternative 133 94 Siehe die vielfältigen schulartspezifischen Angebote auf https: / / material.rpi-virtuell.de / schlagwort/ verlorener-sohn/ (letzter Zugriff am 28.04.2025). 95 Die Predigt ist abrufbar unter https: / / www.youtube.com/ watch? v=7g-2CB7QxbM (letz‐ ter Zugriff am 28.04.2025). 96 Thorsten Dietz, Ist Gott queer? Kommentar, in: meine kirchenzeitung vom 16.06.2023 (https: / / www.meine-kirchenzeitung.de/ c-aktuell/ ist-gott-queer_a41301; letzter Zugriff am 28.04.2025, kursiv JW). Beschäftigung mit der Parabel vom Vater und seinen ungleichen Söhnen ein gutes Instrument der Erschließung sein. Neben der Gerechtigkeitsthematik und dem Einüben von Mitgefühl und Perspektivwechsel 94 scheint mir die Frage danach, ob ich mich selbst an bedin‐ gungsloser, vergebender Annahme freuen und mich mit der voraussetzungslo‐ sen Aufnahme anderer in die Gemeinschaft mitfreuen kann und, falls nicht, was mich daran hindert und wie solche Freude und Mitfreude freigesetzt werden kann, nicht der schlechteste Fokus für die Beschäftigung mit Lk 15,11-32 zu sein: alternativlose Freude oder freudlose Alternative! Konkret, wie es Thorsten Dietz in einem Kommentar zur laut und lieblos geführten Kontroverse um die Predigt von Quinton Caesar beim Kirchentag in Nürnberg 2023 95 in Hinsicht auf Kirchengemeinden als (un)sichere Orte für nichtweiße, nichtbinäre, nicht-hete‐ ronormative Menschen formuliert: Sind wir bereit für eine Kirche, in der nicht nur alle willkommen sind, sondern in der ausdrücklich auch einmal die in die Mitte gestellt werden, die so oft übersehen werden? Können wir uns mit ihnen freuen? Oder wenigstens respektvoll darüber diskutieren? 96 Dr. Johannes Woyke studierte Evangelische Theologie in Tü‐ bingen, Vancouver/ Kanada und Heidelberg. Seit 2011 ist er Pro‐ fessor für Biblische Theologie und Religionspädagogik an der Europa-Universität Flensburg. Gegenwärtig bildet die Problematik des christlichen Antijudaismus einen Hauptfokus seiner Arbeit in Forschung und Lehre. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0017 134 Johannes Woyke
