ZNT – Zeitschrift für Neues Testament
znt
1435-2249
2941-0924
Francke Verlag Tübingen
10.24053/ZNT-2025-0018
znt2856/znt2856.pdf0601
2026
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Dronsch Strecker VogelStefan Alkier/Thomas Paulsen Das Evangelium nach Lukas und die Taten der Abgesandten. Neu übersetzt Leiden u. a., Brill/Schöningh, 2023 (Frankfurter Neues Testament 4) X+298 S. , ISBN: 978-3506704375
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Marco Frenschkowski
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Buchreport Marco Frenschkowski Stefan Alkier/ Thomas Paulsen Das Evangelium nach Lukas und die Taten der Abgesandten. Neu übersetzt Leiden u.-a., Brill/ Schöningh, 2023 (Frankfurter Neues Testament-4) X+298-S. , ISBN: 978-3506704375 Das Frankfurter Neues Testament, dessen vierter Band nun vorliegt (Bd. 1 zur Apokalypse erschien 2020), ist ein ambitioniertes Projekt. Erstmals in der Geschichte der deutschen Bibelübersetzungen (so das Pathos des Unter‐ nehmens) solle eine Übersetzung ohne Rücksicht auf kirchliche Traditionen, Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0018 ausschließlich verpflichtet unserem Wissen um die Koine-Gräzität des 1. Jahr‐ hunderts vorgelegt werden. Das zieht natürlich beträchtliche Aufmerksamkeit auf sich. Der vorliegende Band bietet dazu eine deutsche Version des Lk und der „Taten der Abgesandten“ (die präferierte Übersetzung) in zwei Fassungen, einer Lesefassung ohne Vers- und Kapitelzahlen, und einer Studienfassung mit diesen traditionellen, aber nicht antiken Gliederungen, in der jeder Vers einen eigenen Absatz darstellt. Eine ausführliche Einleitung versucht einen Vergleich (d. h. eine Kontrastierung) von Sprache und Stil des Lk mit denjenigen der Apg, beginnend mit den üblichen einleitungswissenschaftlichen Fragen. Eine Wir-Quelle der Apg wird ausgeschlossen, auch die Datierung beider Texte wird zwischen Früh- und (extremen) Spätdatierungen (knapp vor Justin) durchaus offengehalten. Das Augenmerk der Diskussion richtet sich eher auf die Frage, ob beide Schriften vom gleichen Autor stammen: darüber wird die Diskussion neu eröffnet. Die Autoren erwägen ernstlich eine Abfassung durch zwei verschiedene Autoren (eine Idee, die antiken Lesern offenbar nicht gekommen ist). Nach diesen einführenden Erwägungen ist man durchaus auf die Übersetzung gespannt. In regelmäßigen Abständen tritt in der Vielzahl an NT-Übersetzungen eine mit dem Pathos auf, es nun aber wirklich viel besser zu machen, dem Text und seinen Aussageabsichten endlich gerecht zu werden, die Einsichten der historisch-philologischen Forschung nun endlich in eine deutsche Textfassung umzusetzen. In meiner Jugend sammelte ich die diversen „konkordanten“ (wörtlichen, ein griechisches Wort durch ein deutsches Wort wiedergebenden) Übersetzungen, bis ich ihre Wertlosigkeit begriff. Immerhin, das Pathos, „kir‐ chenfern“, nur dem Geist des NT verpflichtet zu übersetzen, teilen zahlreiche Übersetzungen aus spezifischen Milieus. Dieses Bemühen tritt auch in anderen Projekten auf den Plan: Im Bereich der Koranübersetzungen war es etwa Hans Zirker, der 2003 eine Übersetzung vorlegte, die christlich konnotierte Vokabeln konsequent vermeidet (6. überarbeitete Aufl. 2018) und sich damit dem Eindruck entgegenstellt, der Koran sei ein irgendwie christliches Buch. Das ist eine auch für die Bibel immer einmal wieder notwendige „defamiliarization“. In diesem Sinn scheint mir das hier angezeigte Projekt in hohem Maße diskussionswürdig, aber auch problematisch. Beginnen wir mit einem auf der Hand liegenden kritischen Punkt: Das Bemühen, auch die griechischen syntaktischen Strukturen nachzuahmen, führt zu vielfach sprachwidrigen, ja unverständlichen Sätzen: „in eine Stadt Galiläas, welcher der Name Nazareth war, zu einer Jungfrau, umworben von einem Mann, dem der Name Joseph war (…)“ (34); „Und es befragte ihn irgendein Führender, sprechend: Guter Lehrer, was tuend werde ich andauerndes Leben erben? “ (69); Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0018 136 Marco Frenschkowski „(…) und als ungefähr eine Stunde dazwischengetreten war (…)“ (77); „(…) diesen haben wir gefunden, unsere Völkerschaft verdrehend und hindernd, dem Caesar Abgaben zu entrichten (…)“ (78), usw. Damit wird ein Grundanspruch jeder zielsprachenorientierten Übersetzung unterlaufen, in der Zielsprache korrekte Sätze zu liefern. Es ist etwas anderes, wenn die zu übersetzende Sprache Sprachwidrigkeiten, Asyndeta u. ä. ausweist: dann sind auch im Deutschen Verfremdungen zu erwägen. Aber hier wird die Aufgabe eines Kommentars in die Übersetzung verlagert, und kein deutscher Text produziert. Wer nicht sehr gut Griechisch kann, kommt dem Text damit kein Stück näher: und wer es kann, braucht diese Übersetzung nicht. Geradezu gefährlich ist die zwischen den Zeilen liegende Suggestion, es könne eine „eigentliche“, „wörtliche“, sozusagen „identische“ Übersetzung ge‐ ben. Das ist sicher nicht die Meinung der Übersetzer, aber Laien können es leicht so aufnehmen. Tatsächlich habe ich das Werk so schon vor Studieren‐ den beworben gehört: das wäre nun „endlich“ eine „korrekte Übersetzung“. Damit werden aber die kulturellen Abstände unterschätzt, die eine Übersetzung als solche nicht überwinden kann, sondern eben nur ein Kommentar. Ein Gegensatz „NT-Griechisch“ (wie man früher meinte) vs. Koine und „populäre Sprache“ kann die linguistische Vielfalt der Phänomene, um die es hier geht, nicht beschreiben. Unberücksichtigt bleiben weitgehend die Forschungen zur Entstehung kultureller Soziolekte und Idiolekte in anderen Bewegungen. Für die Antike ist die Beschreibung solcher Soziolekte schwierig: für Phänomene wie die Hermetik oder die graeco-ägyptische Magie ist das aber durchaus möglich, und mit den Problemen, z. B. die philosophischen Sondersprachen ins Lateinische zu übertragen, ringt schon Cicero in De natura deorum und öfter. Recht gut bekannt sind auch priesterlich-rituelle Soziolekte in einer ganzen Reihe von antiken Sprachen. Für neutestamentliche Soziolekte kommen dabei nicht nur Begriffsverschiebungen, Begriffsverengungen (sehr häufig), syntaktische Phänomene und spezielle technisch-religiöse Wendungen in Frage, sondern v. a. auch Begriffsvermeidungen (ein zentrales Phänomen) und diverse kuriose Entwicklungen, die eigener Analyse bedürfen (etwa die Vorliebe für Diminutiva für Tiere). Natürlich kreiert die Christus-Bewegung keine eigene Sprache, aber eben doch mehrere beschreibbare Soziolekte. Interessant ist z. B., was alles das NT aus der religiösen Umgangssprache nicht übernimmt, oder wo sich Wortbedeutungen drastisch verengen und spezialisieren, oder Paulus und andere zwar vereinzelt vorkommenden, aber extrem seltenen Vokabeln zu einer breiteren Karriere verhelfen. Vokabeln der Umgangssprache werden in beträchtlichem Umfang „technisch“ (wie pneuma). Das gilt auch dann, wenn Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0018 Buchreport 137 1 Vgl. Marco Frenschowski, Linguistic Aspects of the Sayings Source Q. Sociolect and Idiolect, in: Louis C. Jonker/ Angelika Berlejung/ Izak Cornelius (Hg.), Multilingualism in Ancient Contexts. Perspectives from Ancient Near Eastern and Early Christian Contexts, Stellenbosch-2021, 224-260. die Bedeutung von „Semitismen“ in der Tat ehemals überschätzt wurde (Marius Reiser). Aber auch das ist ja nun schon lange bekannt. Die Autoren lehnen rigide die Idee eines „Neutestamentlichen Griechisch“ ab, das es (so wenig wie ein „Judengriechisch“) nie gegeben habe. Das NT wandte sich in „weitgehend allgemeinverständlichem Griechisch an alle Welt“ (VII). Da‐ mit wird aber das Thema der entstehenden diffizilen (keineswegs nur sakralen) Soziolekte, der Gruppen- und Milieusprachen im Christentum m. E. unzulässig vereinfacht. Allerdings sind nicht nur Phänomene der Soziolekt-Bildung, son‐ dern auch Idiolekte zu berücksichtigen. Ich habe denjenigen der Logienquelle (sprachlich eines der kuriosesten Gebilde der gesamten frühchristlichen Litera‐ tur) versucht präziser zu fassen. 1 Auch zu anderen Idiolekten ist die Forschung hier weiter als FNT suggeriert. Dass das NT in einem „allgemeinverständlichen Griechisch” abgefasst sei, wird durch die zahlreichen, z. T. grotesken Missvers‐ tändnisse selbst bei christlichen Autoren schon des 2. Jahrhunderts fragwürdig gemacht (selbst Wendungen wie Christus und Menschensohn wurden nicht verstanden). Man wird m. E. ernster nehmen müssen, wie radikal anders diese Fragen von älteren Forschern wie Ceslas Spicq, Nigel Turner und etwa auch klassischen Philologen wie Reinhold Merkelbach und Papyrologen wie Herbert C. Youtie beurteilt wurden (von diesen beiden z. B. Der griechische Wortschatz und die Christen, Bonn 1975, wo gerade die drastischen semantischen Verschiebungen herausgestellt werden), um von den noch älteren unersetzten Studien A. D. Nocks zu schweigen (merkwürdig ist auch, dass die Autoren die posthume Studie von Joachim Jeremias zur Sprache des Lukas an keiner Stelle auch nur erwähnen; von ihm wäre z. B. zum Problem Jerusalem/ Hierosolyma vieles zu lernen gewesen). Auch die Erforschung der sozialen Sprachmilieus, für die Antike sehr schwierig, hat ja etwa für das Lateinische letzthin beträchtliche Fortschritte gemacht, und wäre für die jüdische und christliche griechische Literatur ganz neu in Angriff zu nehmen. Das Projekt FNT fällt hinter den Forschungsstand zur Genese und Gestalt kultureller Soziolekte zurück, mit einem Pathos der „Allgemeinverständlichkeit“ der christlichen Literatur, das m. E. gegenwärtige Interessen bedient, aber die komplexen, oft kuriosen Sprach‐ phänomene des NT nicht einfängt. Das geschieht v. a. durch Scheingegensätze. Das NT bezeuge keinen „reli‐ giösen Separatismus“ oder „theologisch aufgeladenen Kirchen- und Liturgiejar‐ gon“ (VII). Letzteres ist natürlich richtig: aber das hat auch niemand je behauptet. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0018 138 Marco Frenschkowski 2 Vgl. Marco Frenschowski, Homeward Bound. Die Normativität des Ursprungs und die Ethiken der Umkehr, in: Ulrich Volp (Hg.), Die Buße in der Alten Kirche, Leuven 2023, 23-62. Ersteres scheint mir so falsch zu sein, wie eine linguistische Aussage nur falsch sein kann. Grenzziehung v.-a. gegenüber der paganen Welt ist ein Hauptthema des NT, was dem missionarischen Offenheitspathos natürlich nicht entgegensteht, das aber gerade keine kulturelle Offenheit darstellt. Gelegentlich wird Unverständlichkeit in den Christusgemeinden geradezu inszeniert (1Kor 16, 22), wie ähnlich in allen ethnisch profilierten Kultgemeinden. Das ehemals von dem großen Altphilologen Günther Zuntz (mit freilich im Einzelnen fragwürdigen Thesen) für das Markusevangelium gestellte Frage, was ein Heide aus dem Buch verstehen konnte, wird immer noch viel zu wenig gestellt, obwohl sie eine notwendige Gegenprobe gegen die Thesen der Autoren darstellt. Lehrreich ist (wenn auch erst aus späterer Zeit) das Befremden gebildeter paganer Autoren über die frühchristlichen Bücher. Nur wenige Beispiele für spezielle Übersetzungsprobleme können hier ge‐ nannt werden. Johannes verkündet ein „Tauchbad des Umdenkens zur Ablas‐ sung von Verfehlungen“ (89). Er wird aus dem Täufer zum „Tauchbadspen‐ der“ (107). Ich haben andernorts begründet, warum „Umdenken“ die Bedeutung von metanoia im Kontext m. E. verfehlt, wo es ja gerade um die Rückkehr zu einem Ursprung geht. 2 Davon abgesehen ist das interessant und erzeugt den notwendigen Verfremdungseffekt, doch müsste der divergierende Sprachge‐ brauch des Josephus erklärt werden. Auf S. 282 wird begründet, warum diabolos nicht „Teufel“, sondern „Zerwerfer“ übersetzt werden solle, für Nichtexperten praktisch unverständlich. Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter beginnt nun: „Irgend ein Mensch stieg hinab von Jerusalem (…)“ (111), wobei der des‐ pektierliche Ton dieser Wendung übersehen wird. Was könnte es bedeuten, dass Salomo nicht „bekleidet“, sondern „umkleidet“ war (117)? Welchen Sinn haben Sprachungetüme wie „Einen Acker habe ich gekauft und habe Notwendigkeit, hinausgehend nach ihm zu sehen (…)“ (122)? Wenn zu Lk 15,23 der Vater das Kalb „opfert“ (124) und nicht „schlachtet“ (was thyo sehr wohl heißen kann), wird im jüdischen Kontext Unsinn erzeugt. Und wie bitte leuchtet ein Blitz „aus dem unter dem Himmel in das unter dem Himmel“ (128)? An manchen Stellen wären andere Verfremdungseffekte erforderlich: Wenn Lk 19,23 vom „Geld auf eine Bank geben“ gesprochen wird, weckt das finanztechnisch leicht anachronisti‐ sche Vorstellungen. Wenn aus der Vollmacht (exusia) eine „Befugnis“ wird (93), ist das doch wohl zu schwach und verfehlt die religiösen Konnotationen. Die Makarismen werden eingeleitet mit „Reich: die Bettelarmen“ (97). Aus der eschatologischen Zusage in der Tradition atl. (durchaus formelhafter und Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0018 Buchreport 139 3 Vgl. aber auch Thomas Paulsen, Identitätswahrung durch Abgrenzung oder warum kaiserzeitliche Griechen kein Latein lernten, in: Florian Wilk (Hg.), Identität und Sprache. Prozesse jüdischer und christlicher Identitätsbildung im Rahmen der Antike, Göttingen-2018, 63-87. insofern erkennbarer) Sprache wird eine irreale Fantasie. Man schlägt auch nicht mehr auf die Wange, sondern auf den „Kieferknochen“ (98). Soll das nun wirklich genauer sein? Die Form euangelizontai wird nicht wie üblich als Passiv verstanden, sondern als Medium: „Bettelarme verkünden Frohes“ (101). Darüber lässt sich immerhin diskutieren. Aber warum sollen aus Maria Magdalena keine Dämonen, sondern „Dämonische“ herausgekommen sein (102)? (Und was bitte ist das? ) Und was sollen sich lesende Menschen vorstellen, wenn „ein Wirbel von Wind in den See steigt“ (104). Mathētēs wird nicht „Jünger“, sondern „Schüler“ übersetzt (289), was im Deutschen völlig andere Konnotationen evoziert. Ich muss mit der Auflistung idiosynkratischer, ja unverständlicher Sätze hier zu Ende kommen. Nur wenige Einzelheiten können noch angesprochen werden. Für von der Forschung überholt halte ich die vergleichgültigenden Aussagen zu den Lati‐ nismen und latein. Lehnwörtern in griechischen Texten (schon FNT 2, 25f.), die im Gegenteil ein wichtiger Indikator der Spannung zwischen imperialem System und griechischer Kulturattitüde sind und viel über das soziale Milieu sagen (auch gerade da, wo sie vermieden werden); vgl. die Arbeiten von Eleanor Dickey, I.-M. Cervenka-Ehrenstrasser oder angrenzend J. N. Adams (und in ganz bescheidenem Umfang auch mir selbst). 3 Die Autoren haben eine Neigung, Konsense in Frage zu stellen, ohne ausformulierte Alternativen wirk‐ lich zu begründen. Selbst die Markuspriorität wird (behutsam) problematisiert (FNT 2, 27 A. 61; 4, 6): ein besonders drastischer Fall, den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen zu wollen. Dazu passte es, dass der Konsens über die gemeinsame Verfasserschaft von Lk und Apg in Frage gestellt wird (4, 7-27), gegen die gesamte Überlieferung und mit Argumenten, von denen jedes einzelne bei Licht besehen kein Argument ist (vgl. auch die Autoren selbst, 4, 27). Die Rede vom lukanischen Doppelwerk möchten sie gerne durch eine solche vom „Corpus Lucanum“ (32) ersetzen. Die Datierungsfrage bleibt ganz offen, mit erkennbarer Sympathie für extreme Spätdatierungen (die aber schon am vollständig fehlen‐ den Reflex z. B. einer frühen Gnosis und auch der sich ab 115 n. Chr. dramatisch zuspitzenden Konflikte zwischen Imperium und jüdischer Diaspora scheitern, während Apg doch wohl auf eine frühere Zeit etwas beruhigterer Zustände führt). Auch anderes sticht ins Auge: Johann Salomo Semler wird einseitig „der Begründer der historisch-kritischen Exegese“ (4, 7) genannt. Mit Dennis MacDonald werden Homerreflexe für plausibel gehalten (28 f.), von denen mir Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0018 140 Marco Frenschkowski kein einziger einleuchtet (Paulus sei ein „zweiter Odysseus“), vor allem wenn man sie mit der tatsächlichen und radikal anders gelagerten Homerrezeption paganer Autoren (und auch jüdischer Referenzweisen wie bei Philon) vergleicht. Ich muss es mir versagen, die überaus reiche Literatur über die literarische Homerrezeption hier einzubringen. Ein ergänzender Epilog über Terminologien kollektiver Identitätsbil‐ dung (263-273) bietet wichtige Beobachtungen, steigert sich aber zu einem Generalangriff auf die in der Forschung üblichen (immer vereinfachenden) metasprachlichen Leitbegriffe wie Christen, Juden und Heiden, und bedürfte daher einer Diskussion in Aufsatzlänge. Dass die Autoren dazu teilweise die Sprachform der Satire gegen die Forschung wählen, wird das Gespräch nicht einfacher machen. Ein Glossar zu den gewählten Übersetzungsweisen schließt den Band ab (blasphemia soll nun nicht „Lästerung“, sondern „Schadensrede“ heißen.) Ob eine sprachlich so anspruchsvolle Übersetzung die Bibel als Buch nicht allein für die Kirchen, sondern als „Weltliteratur für die Menschheit“ (so die Einleitung zu Bd. 1 des Projektes) sichtbar machen kann, halte ich für fragwürdig. Wenn die Übersetzung dann geradezu „allen an unserer Kultur und menschlichem Leben interessierten Leserinnen und Lesern in deutscher Sprache“ (ebd.) anempfohlen wird, wirkt das bemerkenswert selbstbewusst. Ich bin mit den Übersetzern sehr einig im Bemühen um philologische Präzision und Vermeidung ideologischer Umschreibungen nach gegenwärtigen Sensibilitäten. Aber die (für eine auf Breitenwirkung zielende Fassung zudem vergleichsweise teuren) Bände fordern hier mehr als sie einlösen können. Gebildeten Nichtchris‐ ten und interessierten religiösen Analphabeten würde ich jedenfalls nicht diese Übersetzung in die Hand geben (die dazu auch viel zu teuer wäre), sondern (ja wirklich) Luther 2017, oder (besser, weil mit Kommentar) „Das Neue Testament - jüdisch erklärt“-(2021). Der Rezensent stößt sich am Überlegenheitspathos gegenüber den heute Mitforschenden (4,-16-und sehr oft). Höchster Respekt wird immerhin Eckhard Plümacher entgegengebracht, der die Arbeit an Apg „wieder auf das wissen‐ schaftliche Niveau“ gehoben habe, das sie ehemals etwa bei F. C. Baur gehabt habe (4, 16). Das gelte vor allem, wenn man Apg konsequent im Kontext antiker Geschichtsschreibung lese; die Autoren meinen sogar einen Bezug zur „attischen Klassik“ plausibilisieren zu können und bestätigen Apg einen starken literarischen Gestaltungswillen (21 f.). Das wird um die Polemik ergänzt, „von literarisch ungebildeten und kulturell uninformierten ‚Hirten und Fischern‘ konnten solche Texte jedenfalls sicher nicht abgefasst werden“ (31): als ob auch nur ein einziger Neutestamentler der letzten hundert Jahre das für Lk je behaup‐ Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0018 Buchreport 141 tet hätte. Dazu werden andererseits viele interessante Einzelbeobachtungen zu Sprache und Stil zusammengetragen. Das ergibt ein ambivalentes Gesamtbild des Buches. Insgesamt ist FNT ein mutiges und interessantes Projekt, das aber bei allem Respekt an manchen Punkten über das Ziel hinausschießt und in seinem „Wir machen es jetzt ganz anders“- und „authentischer als bisher“-Pathos (32) nicht immer zu überzeugen vermag. Zeitschrift für Neues Testament 28/ 56 (2025) DOI 10.24053/ ZNT-2025-0018 142 Marco Frenschkowski
