eJournals Internationales Verkehrswesen 63/1

Internationales Verkehrswesen
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0020-9511
expert verlag Tübingen
10.24053/iv-2011-0016
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2011
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»Komplexe Gegenwart, spannende Zukunft«

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2011
Kerstin Zapp
Michael Schenk
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Internationales Verkehrswesen (63) 1 | 2011 58 TECHNOLOGIE Interview Michael Schenk »Komplexe Gegenwart, spannende Zukunft« Über den Stand der RFID-Technik und künftige Möglichkeiten sprach Professor Michael Schenk mit Kerstin Zapp, Redaktion „Internationales Verkehrswesen“. Herr Professor Schenk, die einen loben RFID in den höchsten Tönen, die anderen bezeichnen die Technik allenfalls als Nischenlösung. Warum? RFID ist sicher kein Allheilmittel für alle Probleme in der Logistik. Aber die Technologie birgt immense Vorteile und verschaft uns eine ganze Reihe neuer Möglichkeiten für wesentlich mehr Eizienz, Transparenz und damit auch Sicherheit in logistischen Prozessen. Allerdings ist sie nur dann erfolgreich und nutzbringend, wenn man sie auch richtig einsetzt. Das ist heute leider nicht immer der Fall. Nicht jede Anwendung ist für diese kontaktlose Informationstechnologie geeignet. Dazu kommt, dass es auf dem Anbietermarkt Integratoren gibt, die mit falschem Equipment nicht die optimale Anpassung an den Einsatzfall erzielen. So sind unterschiedliche Einschätzungen der Technologie nicht ungewöhnlich. Was kann RFID? Mit RFID können Objekte identifiziert und lokalisiert werden. Zudem lassen sich in gewissem Maß Zusatzinformationen auf den Chips speichern. In der Ableitung daraus kann eine Steuerung dieser Objekte in logistischen Prozessen und ggf. eine Optimierung der dortigen Abläufe erfolgen. Warum gibt es bisher nicht mehr Anwendungen? Das ist schwer zu beurteilen. Sicher aber spielen die große Heterogenität des Anbietermarkts und die verschiedenen Technologien mit ihren unterschiedlichen Eizienzgraden eine Rolle. Möglicherweise auch der Preis. Obwohl der am Ende des Tages durch den erzielten Mehrwert weniger ins Gewicht fällt. Vielen fehlt aber ofenbar auch eine kompetente Beratung und Begleitung bei der Umstellung auf RFID-gestützte Prozesse, die gelegentlich grundlegend verändert werden müssen, um einen adäquaten Nutzen zu erzielen. Welche Arten von RFID-Einsätzen halten Sie heute für umsetzbar? Prinzipiell ist sehr vieles möglich, von Anwendungen im Niedrigfrequenzbereich, also kHz, bis hin zu Einsätzen im GHz-Bereich, bei denen Entfernungen von mehreren hundert Metern überwunden werden. Wir setzen heute Verfahren ein, mit denen wir auch passive Transponder mit einer sehr hohen Zuverlässigkeit lokalisieren. Welche Einsätze sind praxiserprobt? Anwendungen im Niedrigfrequenzbereich sind als Ladendiebstahlschutz in jedem Bekleidungsladen im Einsatz. Auch im industriellen Rahmen gibt es eine Reihe erfolgreicher Anwendungen im Bereich der Supply-Chain-Optimierung. Derzeit entwickeln wir am Fraunhofer IFF sehr erfolgreich Anwendungen für den Bereich um 868 MHz. Nennen lässt sich hier beispielsweise die kartonbezogene Inventarisierung von RFID-markierter Bekleidung. Hierfür wird ein von uns neu entwickeltes und patentiertes RFID-Gate eingesetzt, mit dem bereits am Produktionsstandort per sicherer Pulk-Auslesung eine genaue Wareninventur durchgeführt wird. Der Hersteller Gerry Weber etwa bekommt damit in Echtzeit den genauen Lagerbestand nun bereits beim ersten Umschlag noch im Herstellerland übermittelt. Welcher Mehrwert lässt sich erzielen? Der Mehrwert hängt von der einzelnen Anwendung, der eingesetzten Technologie und der richtigen Einbindung in den Prozess ab. Generell kann man aber sagen, dass wir bei korrekter Integration immer eine deutliche Zunahme der Prozesstransparenz erreichen. Daran schließen sich die unterschiedlichsten Erfolge an, je nach dem, was der Anwender bezweckt. Zum Beispiel lassen sich Durchlaufzeiten in der Produktion optimieren. Die Prozesssicherheit nimmt erheblich zu, etwa bei der durchgängigen Warenverfolgung von Produktion über Distribution bis zum Verkauf an der Kasse oder dem Moment, wenn der Kunde den Laden verlässt. Auch die Arbeitssicherheit profitiert. Beispielsweise, wenn für alle Prozessbeteiligten, wie den Spediteur, den Lageristen oder den Instandhalter, neben den Ortungsinformationen auch Detailinformationen zum Umgang mit dem entsprechenden Objekt oder ähnlichem auf den Chips stehen. Bei der Einbindung weiterer Sensoren lassen sich zusätzlich warenzustandsbezogene Informationen wie die Temperatur via Satellit übermitteln. Das ist ein riesiger Vorteil etwa für die Qualitätskontrolle in der Lebensmittel- und Frischelogistik. Internationales Verkehrswesen (63) 1 | 2011 59 Wie sieht die Konkurrenz zwischen Barcode und RFID, auch kostenmäßig, aus? Wenn Sie allein die Anschafungskosten für Papier und Chips betrachten, ist Barcode derzeit ganz klar immer noch das preiswertere System auf der Seite der Ware. RFID-Chips sind teurer, aufgrund ihrer Vorteile für viele Anwendungen aber sicher die Lösung der Zukunft. Überall dort, wo es auf Sicherheit, Prozessoptimierung und Zustandsüberwachung ankommt, ist RFID vorteilhafter. RFID ist zudem robuster. Anders als Barcode lassen sich die Chips auch in verschmutztem Zustand oder nach mechanischer Einwirkung immer noch sicher lesen. Zudem können sie neu beschrieben werden und sind damit wiederverwendbar. Anders als mit Barcode können mit RFID auch große Warenmengen gleichzeitig und - mit der richtigen Technologie - auch sicher ausgelesen werden. So wird immens viel Zeit gespart. Viele Prozesse lassen sich damit weitgehend automatisieren, wie etwa die Kommissionierung, Warenannahme oder Inventuren. Durch die bessere Warenverfolgung steigt auch der Diebstahlschutz. Die Organisationskosten für die Einführung der Technik sind ebenfalls zu relativieren. Denn im Optimalfall handelt es sich dabei um einen begleiteten Prozess, bei dem es auch um eine logistische Optimierung der Unternehmensabläufe geht. Das führen Sie in der Regel nicht ohne entsprechende vorherige Prüfung durch. Eine angemessene Amortisierung der Kosten nach Ihren Vorstellungen sollte daher schon vor Einführung gewährleistet sein. Gibt es eine 100%ige Datenlesequote? Nein. Wie es bei Barcode keine 100%ige Sicherheit gibt, wird es die auch bei RFID nicht geben. Aber wir arbeiten daran. Das derzeit größte Problem bei vielen Anwendern ist die Falsch-Gut-Lesung. Noch allzu häufig identifizieren nämlich RFID-Reader Am Fraunhofer IFF wird derzeit intensiv an neuen Anwendungen des selbst entwickelten intelligenten Wechselbehälters und des RFID-Tunnelgates geforscht. Zudem bietet das Institut unter anderem das LogmotionLab und das Anfang 2010 eingeweihte Galileo- Testfeld an. Beide gehören zu den europaweit modernsten Einrichtungen für die Entwicklung von RFID- und Telematiktechnologien. auch Transponder, die sich außerhalb des beabsichtigten Lesebereichs befinden. Hier helfen spezielle Abschirmungen und natürlich ausgefeilte Logistikkonzepte. Unser neuentwickeltes RFID-Gate arbeitet nach dem Prinzip der Modenverwirbelungskammer. Damit erreichen wir nun in der Regel eine sichere 100%-Lesequote. Wie steht es um die Sicherheit der Daten auf den Transpondern? Es gibt verschiedene Ansätze, Unbefugten die Verwendung der Daten auf den Transpondern nicht zu ermöglichen. Entweder Sie verschlüsseln die Daten auf dem Transponder oder Sie schützen den kritischen Speicherbereich. Wie viel RFID-Know-how muss ein Unternehmen mitbringen, das prüfen möchte, ob sich ein Prozess mit Hilfe der RFID-Technik optimieren lässt? Das Wichtigste ist das physikalische Verständnis für RFID-Technik. Wir haben bisher immer nur allgemein über RFID gesprochen. Doch RFID im LF-Bereich etwa funktioniert komplett anders als im UHF-Bereich oder darüber. Sie müssen also die Eigenschaften dieser vielfältigen Technologie kennen und können dann nach einer genauen Untersuchung besonderer Anwendungsfälle entscheiden, wie und mit welcher RFID-Technologie der Prozess optimiert werden kann. Sollen Standardanwendungen mit RFID-Technik ausgestattet werden, muss natürlich kein Test mehr durchgeführt werden. Darüber hinaus: Schalten Sie einen unabhängigen, versierten Berater wie ein Fraunhofer-Institut ein. Er kennt den Stand der Technik und hilft auch bei der Partnersuche. Wie schätzen Sie die RFID-Zukunft ein? Spannend. Ich bin sicher, dass RFID-Technologien in Zukunft einen weit größeren Anteil an Logistikprozessen haben werden, als es heute absehbar ist. Prof. Dr.-Ing. habil. Prof. E.h. Dr. h.c. mult. Michael Schenk ist Leiter des Fraunhofer-Instituts für Fabrikbetrieb und -automatisierung IFF in Magdeburg. ZUR PERSON ZUM FRAUNHOFER IFF ɷ Fotos: Fraunhofer IFF