eJournals lendemains48/192

lendemains
ldm
0170-3803
2941-0843
Narr Verlag Tübingen
10.24053/ldm-2023-0033
Es handelt sich um einen Open-Access-Artikel, der unter den Bedingungen der Lizenz CC by 4.0 veröffentlicht wurde.http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ldm48192/ldm48192.pdf0922
2025
48192

Enfants de la honte – enfants de l’amour. Textes littéraires et témoignages / Kinder der Schande – Kinder der Liebe. Literarische Bearbeitungen und Zeitzeugenberichte

0922
2025
Alina Fritz
Marina Ortrud M. Hertrampf
ldm481920004
4 DOI 10.24053/ ldm-2023-0033 Dossier Alina Fritz / Marina Ortrud M. Hertrampf (ed.) Enfants de la honte - enfants de l’amour. Textes littéraires et témoignages / Kinder der Schande - Kinder der Liebe. Literarische Bearbeitungen und Zeitzeugenberichte Einleitung Kinder sind bei jedem Krieg die größten Opfer. Dies zeigt gegenwärtig der Ukraine- Krieg auf hässlichste Weise. Im Sommer 2024 wiesen amerikanische Investigativjournalisten nach, dass russische Behörden von Russland entführten ukrainischen Kindern neue Geburtsurkunden und Pässe ausstellen, bevor sie in Russland zur Adoption freigegeben werden (Glas 2024). Dass diese Praxis der Kindsentführung und „Staatsadoption“ in nationalem Interesse einer Kriegspartei leider keine neue ist, illustriert Anja Unger in ihrem Dokumentarfilm Frankreichs deutsche Kinder (2022) mit Blick auf die deutsch-französische Besatzungszeit, die auch im Fokus dieses Dossiers steht. Am Beispiel zweier betroffener Frauen legt Anja Unger in ihrem Film ein politisch bewusst verheimlichtes und gesellschaftlich verdrängtes Kapitel der deutsch-französischen Nachkriegsjahre offen: zwischen 1946 und 1951 verbrachten die französischen Besatzungsbehörden rund 1 500 Kinder deutscher Mütter und französischer Besatzungssoldaten in das vom Krieg demografisch massiv geschwächte Frankreich. Auch diese Kinder erhielten französische Namen, neue Ausweisdokumente und wurden zur Adoption freigegeben. Das Leid der Kriege wiederholt sich auf traurige Weise - ein Grund mehr, die größtenteils bis heute kaum aufgearbeitete Geschichte der Kriegskinder des Zweiten Weltkriegs weiter zu erforschen, um daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen. „Mit den Besatzungs- und Soldatenkindern gebar der Krieg Menschen, die allein durch ihre Existenz die Paradigmen des Kriegerischen dementieren und bis heute ad absurdum führen. […] Im Krieg und aus dem Geist des Krieges gezeugt und geboren, tragen gerade sie die Potentiale und die Potenzen in sich, das Kriegerische langfristig aufzuheben und zu verwandeln“ (Satjukow/ Gries 2015: 365). Die deutschfranzösischen Nachkommen der Besatzung, die sogenannten ‚Kinder der Schande‘ (enfants de la honte) und ‚Kinder der Liebe‘ (enfants de l’amour), fungieren als Evidenz für die komplexen Dynamiken von Krieg und Frieden, Identität und Fremdheit. Ob aus Liebesverbindungen oder Vergewaltigungen entstanden, litten sie vor allem in den Nachkriegsjahren unter gesellschaftlicher Stigmatisierung und oft auch nur latent artikulierten kollektiven Schuldzuweisungen. Ihre individuellen Geschichten bilden bis heute ein häufig übersehenes Kapitel der Geschichtsaufarbeitung deutschwie französischsprachiger Länder. Sie veranschaulichen, wie Konflikte DOI 10.24053/ ldm-2023-0033 5 Dossier nicht nur Länder formen, sondern neben den nationalen Narrativen auch die Lebensgeschichten zahlloser Individuen prägen. Der Ausschluss der Besatzungskinder als marginalisierte Gruppe aus kollektiven Gedächtnis- und Erinnerungsstrukturen basierte auf strategischen Verdrängungsmechanismen, die auf politisch initiierten Gründungsmythen fußten. Diese Mythologien, die eine symbolische Rekonstruktion nationaler Identität anstrebten, führten dazu, dass Erinnerungen an Minderheiten und nicht-mythifizierte Gruppen aus kollektiven Bewusstseinsstrukturen systematisch isoliert wurden. Innerfamiliäres Verschweigen identitärer Hintergründe der Besatzungskinder verstärkte die Stabilisierung nationaler Tabus und schürte die Entwicklung zu Randfiguren sowohl in Diskursstrukturen als auch im kollektiven Erinnerungsvermögen und historischen Bewusstsein. Trotz der wegweisenden Pionierarbeiten namhafter Forscher*innen aus dem deutsch- und französischsprachigen Raum (cf. Drolshagen 2005; Drolshagen 1998; Gries 2015; Heidenreich 2017; Kleinau/ Mochmann 2016; Picaper/ Norz 2005; Satjukow/ Gries 2015; Satjukow/ Stelzl-Marx 2015; Swillen 2018; Swillen 2019; Virgili 2009) ist die Thematik in der Forschung weiterhin stark unterbelichtet. Gerade vor dem Hintergrund des bevorstehenden Ablebens der Generation der Zeitzeug*innen erweist sich der Gedächtnisaustausch, die Konsolidierung von Erinnerungen in kollektiven Gedächtnismatrizen und die Intensivierung deutsch-französischer gesellschaftlicher Diskurse ebenso wie deren kulturwissenschaftliche Aufarbeitung als hochgradig relevant - nicht zuletzt, um dem gänzlichen Vergessen der komplexen wie sensiblen Thematik entgegenzuwirken. In einem globalisierten Kontext unterstreicht die kulturwissenschaftlich ausgerichtete Auseinandersetzung mit dem vergessenen Thema der Besatzungskinder zudem die Bedeutung von kulturellem Austausch, Identitätspolitik und der Förderung des interkulturellen Verständnisses in den beteiligten Ländern. Mit dem Ziel, einen Beitrag zur weiteren Aufarbeitung zu leisten, präsentiert das vorliegende Dossier unterschiedliche faktuale und fiktionale Narrationen aus dem deutsch- und französischsprachigen Raum, arbeitet mit Hilfe derselben die Ambivalenzen des Erinnerns und Vergessens heraus und diskutiert dabei die verschiedenen individuellen Identitätsnarrative in qualitativer und reziproker Weise. Ana M. Alves beschäftigt sich in ihrem „Dernière bataille des enfants maudits franco-allemands“ betitelten Aufsatz mit den Berichten und Erinnerungen Betroffener und stellt dies in den Kontext der medialen Aufarbeitung des Themas in den französischen Medien. In ihrer komparatisischen Studie „La représentation du sort des enfants francoallemands nés d’unions interdites pendant la Seconde Guerre mondiale dans la littérature française et allemande du 21ème siècle“ arbeitet Elsa Berton am Beispiel von Valentine Gobys L’échappée (2005) und Heinrich Thies’ Alma und der Gesang der Wolken (2022) Gemeinsamkeiten und Unterschiede semi-fiktionaler literarischer Bearbeitungen der Thematik der Besatzungskinder heraus. 6 DOI 10.24053/ ldm-2023-0033 Dossier Marina Ortrud M. Hertrampf beschäftigt sich in „Enfants de la honte (et de l’amour) au premier et au second degré: Des étoiles sombres dans le ciel (2011) de Nadia Salmi“ mit der auto(bio)fiktionalen Aufarbeitung einer Autorin, die sich in Deutschland auf Spurensuche nach dem unbekannten Vater ihrer Mutter macht und dabei zugleich auch die Unkenntnis ihres eigenen Vaters zu verarbeiten sucht. Mit einem gänzlich fiktionalen Text setzt sich Kirsten von Hagen in ihrem Beitrag „Zwischen Verdrängen und Ermitteln: Zur Inszenierung und Rekonstruktion eines Falls bei Fred Vargas, Un peu plus loin sur la droite (1996)“ auseinander und zeigt dabei, dass die latente Präsenz der schambehafteten Herkunft des Protagonisten letztlich den realen Umgang mit der Thematik spiegelt. Drolshagen, Ebba D., Wehrmachtskinder. Auf der Suche nach dem nie gekannten Vater, München, Droemer, 2005. —, Nicht ungeschoren davonkommen. Das Schicksal der Frauen in den besetzen Ländern, die Wehrmachtssoldaten liebten, Hamburg, Hoffmann und Campe, 1998. Glas, Othmara, „Wie Russland ukrainische Kinder russifiziert“, in: Frankfurter Allgemeine, 13.06.2024, www.faz.net/ aktuell/ politik/ ukraine/ im-ukraine-krieg-entfuehrt-wie-russlandverschleppte-kinder-russifiziert-19785894.html (8.10.2024). Gries, Rainer, „Les enfants d’Etat. Französische Besatzungskinder in Deutschland“, in: Silke Satjukow / Barbara Stelzl-Marx (ed.), Besatzungskinder. Die Nachkommen alliierter Soldaten in Österreich und Deutschland, Wien, Böhlau, 2015, 380-407. Heidenreich, Gisela (ed.), Born of war - vom Krieg geboren. Europas verleugnete Kinder, Berlin, Ch. Links, 2017. Kleinau, Elke / Mochmann, Ingvill C. (ed.), Kinder des Zweiten Weltkrieges. Stigmatisierung, Ausgrenzung, Bewältigungsstrategien, Frankfurt am Main, Campus, 2016. Picaper, Jean-Paul / Norz, Ludwig, Die Kinder der Schande. Das tragische Schicksal deutscher Besatzungskinder in Frankreich, München, Piper, 2005. Satjukow, Silke / Gries, Rainer, „Bankerte! “ Besatzungskinder in Deutschland nach 1945, Frankfurt am Main, Campus, 2015. Satjukow, Silke / Stelzl-Marx, Barbara (ed.), Besatzungskinder. Die Nachkommen alliierter Soldaten in Österreich und Deutschland, Wien, Böhlau, 2015. Swillen, Gerlinda, Der Zweite Weltkrieg ist unsere Wiege. Eine ostbelgische Geschichte (mit Zeitzeugenberichten von Wehrmachts- und GI-Kriegskindern), Eupen, Grenz Echo Verlag, 2019. —, La valise oubliée. Enfants de guerre (1940-1945), Bruxelles, ASBL Mémoire d’Auschwitz, 2018. Unger, Anja, Frankreichs deutsche Kinder, SWR Doku, 2022. Virgili, Fabrice, Naître ennemi. Les enfants de couples franco-allemands nés pendant la Seconde Guerre mondiale, Paris, Payot & Rivages, 2009.