lendemains
ldm
0170-3803
2941-0843
Narr Verlag Tübingen
10.24053/ldm-2024-0015
Es handelt sich um einen Open-Access-Artikel, der unter den Bedingungen der Lizenz CC by 4.0 veröffentlicht wurde.http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ldm49194-195/ldm49194-195.pdf0824
2026
49194-195
Von der postmigrantischen Generation zur postmigrantischen Gesellschaft: Coming-of-age in Kaoutar Harchis Comme nous existons und Necati Öziris Vatermal
0824
2026
Martina Kopf
ldm49194-1950051
DOI 10.24053/ ldm-2024-0015 51 Dossier Martina Kopf Von der postmigrantischen Generation zur postmigrantischen Gesellschaft: Coming-of-age in Kaoutar Harchis Comme nous existons und Necati Öziris Vatermal 1. Coming-of-age als Genre postmigrantischer Literatur Ein Blick auf aktuelle deutschsprachige und frankophone Literaturen der Postmigration zeigt, dass es sich häufig um autofiktionale Coming-of-age-Erzählungen einer postmigrantischen Generation 1 handelt. Die Romane von Fatma Aydemir, Hengameh Yaghoobifarah, Deniz Ohde, Faïza Guène, Alice Zeniter, Mabrouck Rachedi oder Habiba Mahany, um nur ein paar Beispiele zu nennen, fokussieren auf die Entwicklung postmigrantischer Individuen von der Kindheit bis zum Eintritt ins Erwachsenenalter. Im Mittelpunkt steht die Identitätssuche als Postmigrant*innen, die sich von einer migrantischen Elterngeneration emanzipieren. Die postmigrantische Coming-of-age-Erzählung ist verknüpft mit den Migrations-Geschichten der Eltern und den Konflikten zwischen den Generationen, so dass nicht selten polyphone Familienporträts entstehen. Gleichzeitig handelt es sich häufig um Bildungsaufsteigernarrative: Am Ende der Adoleszenz steht der Übergang vom Arbeitermilieu der Eltern zur Universität. Die in den Coming-of-age-Erzählungen porträtierten Individuen repräsentieren gesellschaftliche Erfahrung in verdichteter Form und sind somit für aktuelle soziale Tendenzen symptomatisch. Nicht selten steht in diesen Erzählungen ein sozialpolitisches Anliegen im Mittelpunkt, das nicht nur die Probleme und die Marginalisierung einer postmigrantischen Generation anprangert, sondern Postmigration zu einer gesamtgesellschaftlichen Angelegenheit macht, den Blick also auf eine Gesellschaft wirft, die als postmigrantisch bezeichnet wird (Foroutan 2019). Sowohl in Kaoutar Harchis Comme nous existons (2021) als auch in Necati Öziris Vatermal (2023) trotzt ein postmigrantisches Ich sozialen Hürden wie Marginalisierung und Rassismus und entwickelt sich zum Bildungsaufsteiger. Dem Aufwachsen in einem ruralen Arbeitermilieu und der Emanzipation von den migrantischen Eltern folgt schließlich der Umzug in die Metropole, der mit einem Entdecken des Schreibens und dem Eintritt in die Universität verbunden ist. Durch diesen intersektionalen Aufstieg und eine damit verbundene autosoziofiktionale Schreibweise gelingt es den beiden Autor*innen, Postmigration als Problem einer Generation zu transzendieren und die Gesellschaft als Ganzes in den Blick zu nehmen. 52 DOI 10.24053/ ldm-2024-0015 Dossier 2. Coming-of-age postmigrantisch: Vom Individuum zur Gesellschaft Coming-of-age-Erzählung und Bildungsroman werden bisweilen synonym verwendet. Ersterer scheint den etwas verstaubten Begriff des Bildungsromans vor allem im Hinblick auf internationale Gegenwartsliteratur abzulösen. Steht im Bildungsroman „die Entwicklungsgeschichte einer zentralen Figur durch Konflikte und Krisen bis zur Selbstfindung und zu einem Ausgleich zwischen Subjekt und Welt“ (Jacobs 2009: 56) im Mittelpunkt, so mag dies ebenso auf Coming-of-age-Erzählungen zutreffen. Allerdings lässt sich dieser Ausgleich „nur unter Vorbehalten“ realisieren, ein Scheitern ist also ebenso möglich und geht häufig mit einer ironischen Schilderung einher wie auch mit einem spielerischen Umgang mit dem „expliziten Wissen des Protagonisten um seine Wahlmöglichkeiten im Entwicklungsprozess“ (Dennerlein/ Böhm 2016: 2). Da eine Gattung im Laufe ihrer Geschichte immer wieder Wandel ausgesetzt ist (Lamping 2009: XVI), stellt sich die Frage, was die postmigrantische Coming-of-age-Erzählung auszeichnet. 2 Konnte der Bildungsroman im 18. Jahrhundert nur in einer bestimmten geistes- und sozialgeschichtlichen Situation entstehen, in der eine „Abschwächung der religiösen Bindungen und die Freisetzung der einzelnen Existenz von den Festlegungen durch die soziale Herkunft“ eine permanente Selbstreflexion und Selbstsuche förderten (Jacobs 2009: 58), so scheint diese Freisetzung von den Festlegungen durch die (soziale) Herkunft ebenso auf die postmigrantische Generation zuzutreffen und damit die Beliebtheit des Genres bei Autor*innen zu begründen. Herkunft erweist sich in der postmigrantischen Comingof-age-Erzählung als intersektionale Herausforderung: Zum einen geht es darum, den Migrantenstatus der Eltern zu überwinden, zum anderen handelt es sich um (Bildungs-)Aufsteigernarrative, deren Protagonist*innen sich vom Arbeitermilieu der Eltern lösen und häufig als Erste in der Familie ein Studium beginnen. Die Philosophin und Philosophiehistorikerin Chantal Jaquet hat für diesen Wechsel zwischen den sozialen Milieus den Typus transclasse definiert: [C]’est-à-dire des individus qui, seuls ou en groupe, franchissent les barrières sociales, passent d’une classe à l’autre, que ce soit dans le sens d’un milieu ouvrier employé défavorisé vers la classe moyenne ou la bourgeoisie ou, inversement, de la bourgeoisie à la classe ouvrière et employée. (Jaquet 2023: 14) Jaquet setzt sich von Bourdieus Idee der sozialen Reproduktion ab und wirft den Blick auf Beispiele für eine soziale Nicht-Reproduktion. Diese Herausforderung der transclasses ist zwar individuell, aber ebenso kollektiv, denn sie wird von einer postmigrantischen Generation geteilt, die über vergleichbare Erfahrungen mit der Elterngeneration, aber auch mit der Gesellschaft verfügen. Es kommt damit zur Wiederholung individueller sozialer Schicksale durch die Reproduktion von Ungleichheit als zentralem strukturellen Element der Klassengesellschaft (Butterwegge 2020). Insofern geht es also vor allem um eine Reflexion der sozialen Voraussetzungen (Bourdieu 2001) und um die „soziale Wirklichkeit, die überall ihre Urteile spricht und ihre Markierungen hinterlässt“ (Eribon 2017: 10). DOI 10.24053/ ldm-2024-0015 53 Dossier Die postmigrantische Coming-of-age-Erzählung als Hybrid zwischen autobiografischer bzw. autofiktionaler 3 Literatur und soziologischen Beobachtungen nähert sich damit dem „emergenten Genre der Autosoziobiographie“ (Spoerhase 2022: 67) an, 4 also den „Darstellungen individueller Lebensgeschichten, die von einem Klassenwechsel qua Bildung und dessen Hindernissen erzählen und sich zugleich als Analysen der Mechanismen von Reproduktion und Nicht-Reproduktion bestehender Sozialverhältnisse zu erkennen geben“ (Blome 2000: 542). Es geht darum, „nicht nur Deutungshoheit über das eigene Leben [zu beanspruchen], sondern auch gegenüber der sozialen Gegenwart, an der sie als Akteur: innen aktiv mitwirken und der sie sich gleichermaßen ausgesetzt fühlen“ (Blome/ Lammers/ Seidel 2022: 3). Diese Verbindung zwischen individueller Entwicklung und sozialer Gegenwart wird vor allem plausibel, wenn man den politischen Aktivismus der postmigrantischen Generation berücksichtigt, wie er beispielsweise in einigen Manifesten zum Ausdruck kommt. 5 Auf einer performativen Ebene steht das Persönliche des Protagonisten häufig für etwas ‚größeres‘ Gesellschaftliches oder Politisches, das individuelle Schicksal der Figur gibt also eine soziale Figuration wieder (Spoerhase 2022: 68). Mit Hilfe dieser autosoziofiktionalen Schreibweise wird die Angelegenheit des postmigrantischen Individuums also zu einer sozialen Angelegenheit. Das vor allem von der Sozialwissenschaftlerin Naika Foroutan entwickelte Konzept der postmigrantischen Gesellschaft verlagert den Fokus von einer postmigrantischen Generation auf die gesamtgesellschaftliche Ebene und betont Konflikte um Repräsentation, Rassismus und strukturelle Ausgrenzung, nachdem Migration stattgefunden hat. Das Adjektiv ‚postmigrantisch‘ zielt nicht darauf ab, die Tatsache der Migration zu historisieren, sondern beschreibt vielmehr eine Gesellschaft, die durch die Erfahrung der Migration strukturiert ist (Karakayalı/ Tsianos 2014: 34). Im Mittelpunkt stehen die politischen, kulturellen und sozialen Transformationen von Gesellschaften mit einer Geschichte von postkolonialer und Gastarbeiter-Migration (Foroutan 2019). Postmigrantische Gesellschaften werden als konfliktive Räume betrachtet, die sich durch Polarisierung, Ambivalenz, Antagonismen und neue Allianzen auszeichnen. Damit verbunden ist auch der stellenweise utopische Anspruch, Binaritäten zu überwinden: Eine Gesellschaft, die normativ die Hierarchisierung in Etablierte und Außenseiter nicht nur ächtet, sondern aktiv in Frage stellt und angreift - indem sie Anerkennungspolitiken zum zentralen Ausgangspunkt ihrer Selbstbeschreibung macht und die binäre Codierung in ‚Migranten und Einheimische‘ für aufgelöst erklärt, kann als postmigrantische Gesellschaft bezeichnet werden. Sie stellt die große Frage danach, wie wir über die gesellschaftliche Trennlinie der Migration hinausgelangen können, wenn wir in immer pluraler werdenden Gesellschaften zusammenleben wollen. (Foroutan 2019: 18) 6 Die postmigrantische Gesellschaft ist damit als Prozess zu betrachten: Wichtig ist, dass Binaritäten bewusst wahrgenommen und problematisiert werden, um sie allmählich aufweichen und irgendwann überwinden zu können. Sie sollte nicht als „utopische Friedensgemeinschaft imaginiert werden, sondern als konfliktive Aus- 54 DOI 10.24053/ ldm-2024-0015 Dossier handlungsgesellschaft - jedoch mit einer radikalen, über das Migrantische hinausweisenden Utopie der Gleichheit, die außerhalb der Herkunft verhandelt wird“ (ibid.: 246-247). Postmigrantische Coming-of-age-Erzählungen verschreiben sich nicht nur einer Gesellschaftskritik, sondern imaginieren die Möglichkeit einer Gesellschaft, die sich allmählich von dieser binären Denkweise löst. Die Möglichkeit des postmigrantischen Bildungsaufstiegs ist dafür symptomatisch. Die postmigrantische Coming-ofage-Erzählung spannt damit den Bogen von den Herausforderungen heranwachsender postmigrantischer Individuen zu postmigrantischen Gesellschaftsentwürfen. Dabei sind zwei Phasen in den Texten von Harchi und Öziri zu beobachten: Erstens die Emanzipation von den migrantischen Eltern während der Adoleszenz und zweitens der damit realisierbare soziale Bildungsaufstieg trotz sozialer Hürden. Migration bedeute laut Öziri „fast immer sozialen Abstieg“ (Ayaz 2024). Dieser problematischen Verbindung begegnen die zwei Autor*innen mit einem postmigrantischen Gegenentwurf. 3. Von Migrant*innen zu Postmigrant*innen: Emanzipation von den Eltern Die Coming-of-age-Erzählungen von Harchi und Öziri sind zugleich Familienerzählungen. Auf der Suche nach einer postmigrantischen Identität dienen die Migrationsgeschichten der Eltern, auf die sich der/ die Erzähler*in immer wieder bezieht, als Kontrastfolie bei der Konstitution einer postmigrantischen Identität. Während die Eltern als Migrant*innen Flucht und Migrationserfahrungen direkt erlebt haben, unterscheidet sich die Situation ihrer Kinder: Als Postmigrant*innen teilen sie einerseits nicht mehr die Probleme ihrer Eltern wie zum Beispiel die Ankunft in einer anderen Gesellschaft und damit verbundene Sprachprobleme, andererseits bleiben bestimmte Probleme wie Rassismus und Marginalisierung, wenn auch in anderer Form, über die Generationen hinweg bestehen und verweisen so auf die Reproduktion sozialer Ungleichheit. Öziri beginnt seinen Roman mit einer „Abrechnung“ mit seinem abwesenden Vater, der die Familie nach Vorfällen häuslicher Gewalt kurz nach der Geburt des Protagonisten Arda verlassen hat und nun in der Türkei eine Familie mit einer anderen Frau gegründet hat. Dem Protagonisten fehlen die Worte für eine Ansprache, wie er dem Vater in einem Brief erklärt: „Wie sagt man ‚Papa‘, ohne dass ein Fragezeichen zu hören ist? Bis ich eine Antwort habe, bleibe ich bei Metin. Also: Wenn du das hier liest, Metin, werde ich wahrscheinlich tot sein“ (Öziri 2023: 9). Nur durch einen schwarzen Fleck unter dem linken Auge, das „Vatermal“, das Arda auf den Familienfotos erkennt, wird eine Ähnlichkeit und damit eine Beziehung zwischen Vater und Sohn sichtbar. Die direkte Ansprache des Vaters mit einem „du“ 7 durch den Erzähler setzt in dem Augenblick ein, als der Protagonist mit einem Nierenleiden im Krankenhaus liegt. Er ist krank in seinen Heimatort zurückgekehrt und erzählt dem Vater in Rückblicken vom Zusammenbruch der Familie: Von einer überforderten Mut- DOI 10.24053/ ldm-2024-0015 55 Dossier ter, die ihre Ausbildung abgebrochen hat, bei McDonald’s arbeitet und sich mit Alkohol betäubt, von einem schwierigen Verhältnis zwischen Schwester und Mutter und der Entscheidung der Schwester, in einer Pflegefamilie zu leben. Entsprechend der Umkehrung des normalen Vermächtnis-Verhältnisses (der Sohn hinterlässt dem Vater ein ‚Testament‘ im Angesicht seines bevorstehenden Todes) werden die klassischen Rollen in transgenerationalen Gesprächen hier vertauscht: Nicht die Elterngeneration erzählt ihre Migrationsgeschichte, sondern der Sohn erzählt dem Vater seine postmigrantische Geschichte. Dies geschieht allerdings unter Rückgriff auf die Migrationsgeschichten der Eltern. Die Mutter migrierte als Kind nach einem Erdbeben in der Türkei mit ihren Eltern nach Deutschland, während der Vater „den Weg der sogenannten politischen Flucht“ (Ayaz 2024) gegangen ist. Diese Flucht- Geschichten werden parallel zur Geschichte des Erzählers erzählt und funktionieren als Gegennarrativ zur Aufstiegsgeschichte des Sohns: Während die Mutter privat und beruflich scheitert, erhält der Sohn die Hochschulreife, einen Studienplatz in Berlin und distanziert sich somit von seinem bildungsarmen migrantischen Umfeld. Auch in Harchis Erzählung spielt die Abgrenzung von den Eltern bei der Entwicklung der Erzählerin zur jungen Erwachsenen eine zentrale Rolle: Während die Eltern als Reinigungskräfte arbeiten, verlässt die Tochter am Ende der Erzählung die rurale Gegend um Strasbourg, wo sie mit ihren Eltern in einem von Migration geprägten Viertel lebt, um an der Sorbonne Soziologie zu studieren. Eine Möglichkeit, die ihre Mutter nicht hatte: Mit 16 Jahren verließ sie die Schule, „à faire autre chose, mais j’ignore précisément quoi“ (Harchi 2021a: 19). Die Protagonistin reagiert mit Unverständnis auf diese Entscheidung, da die ausbeuterische Situation der Arbeiter*innen die Eltern belastet. Während der Vater sich beispielsweise über die prekäre Situation beschwert, wählt er immer wieder automatisch das Arabische, womit er seine intersektionale Identität, als Arbeiter und Migrant, unbewusst betont: Les forts, ce qu’ils font aux faibles, c’est insupportable. Il répétait: le patron, si tu savais tout cet argent qu’il gagne, que nous nous ne gagnons pas, et ce patron, comme il nous insulte, comme il nous exploite, si tu savais. Dès cet instant, je me savais perdre le père et retrouver le travailleur. Mohamed prononçait quelques paroles en français, en arabe, puis finissait par ne plus s’exprimer qu’en arabe. (Ibid.: 62) Jaquet hat den Bildungsaufstieg der Kinder mit dieser von Harchi beschriebenen Frustration der Elterngeneration in Verbindung gesetzt und als Revanche interpretiert: „Autrement dit, les enfants expriment la revanche des parents, leur désir d’une vie meilleure, leurs frustrations“ (Jaquet 2023: 26). Während der Ferien in Marokko tritt die Distanz zwischen den Eltern als Migrant*innen und der Tochter als Postmigrantin besonders deutlich hervor: Bedeutet der Urlaub für die als Kinder bzw. Jugendliche nach Frankreich emigrierten Eltern eine Rückkehr in die Heimat, wartet die Tochter ungeduldig darauf, in ihre Heimat Frankreich zurückkehren zu können: „[…] j’attendais qu’ils me reviennent, qu’ils reviennent chez nous, que nous rentrions à la maison“ (Harchi 2021a: 73). 56 DOI 10.24053/ ldm-2024-0015 Dossier Im Unterschied zu Ardas zerrütteter Familie bilden Tochter und Eltern in Comme nous existons eine harmonische Einheit, die der Tochter aber gleichzeitig einen Entwicklungsspielraum lässt: Die Erzählung beginnt mit dem Hochzeitsvideo der Eltern, das sich diese immer wieder ritualartig anschauen, als wollten sie ihre Beziehung als Paar damit lebendig halten. Die Tochter erkennt allerdings, dass diese Beziehung exklusiv ist: „Hania et Mohamed éprouvèrent un enjouement, je pensai, et moi, je n’étais pas là“ (ibid.: 10). Diese Erkenntnis trifft sie wie ein Pfeil („une flèche“), der die Erzählung leitmotivisch vom Anfang zum Ende begleitet: Trägt das erste Kapitel den Titel „Une flèche“, so ist das letzte mit „Car la flèche“ betitelt. Die Tochter reagiert auf diese Erkenntnis allerdings nicht mit einem Gefühl der Exklusion, sondern nutzt die Situation vielmehr, um autonom zu werden und ihre Identität als Soziologin und Schriftstellerin zu verwirklichen. Dabei kämpft sie immer wieder mit den für die transclasses charakteristischen Gefühlen wie Scham („honte“) und Verrat („trahison“) (Jaquet 2023: 9) gegenüber ihrer Familie. Als Vertreterin der transclasses verlässt sie Milieu und Habitus, allerdings ohne die Eltern zu ‚verraten‘, sondern mit einem neuen Selbstbewusstsein, das das Gefühl der Scham in Stolz verwandelt: „Et au bout de ma honte, la honte d’être une fille qui pensait à écrire, je me figurais leur fierté de voir ce que j’avais fait de leur nom“ (Harchi 2021a: 126). In Öziris Roman spielen die von Harchi beschriebenen Gefühle kaum eine Rolle - dies kann auf die brüchige Familienstruktur und ein Scheitern der Eltern als migrantische Individuen, als Paar und Familie zurückgeführt werden, was dem Protagonisten wenig Identifikationsspielraum lässt. Doch plagt Arda ein ebenso für die transclasses charakteristisches Gefühl, nämlich die Angst davor, an der Universität „aufzufliegen“ (Öziri 2023: 272). Dass er den Übergang zum Bildungsmilieu zwar geschafft, aber ihn psychisch nicht verarbeitet hat, zeigt schließlich ein Zusammenbruch in einem Berliner Theater, wo der Protagonist mit der Inszenierung kaum etwas anfangen zu weiß. Krank tritt er eine Rückkehr in die Heimat an. In der letzten Szene liegt er dort in einem Krankenhaus, wird abwechselnd von Schwester und Mutter besucht, die immer noch zerstritten sind, und nimmt die Erzählung und Ansprache („du“) zu seinem Vater auf. Erst die Rückkehr als Bildungsaufsteiger ermöglicht ihm also die Aussprache mit dem Vater, den er für seine schwierige Adoleszenz verantwortlich macht. Die Verarbeitung der (migrantischen) Familiengeschichte setzt in dem Moment ein, als der Protagonist zu schreiben beginnt. 4. Bildungsaufstieg postmigrantisch: Die Hürden des Othering Vatermal und Comme nous existons sind Bildungsaufsteigernarrative und erzählen von der Entwicklung zum bzw. zur Akademiker*in und Schriftsteller*in trotz sozialer Hürden wie Diskriminierung, Marginalisierung oder Rassismus, die sich auf die postmigrantische Identitätskonstruktion der jugendlichen Protagonist*innen zweifellos auswirken. Immer wieder sind sie einem Othering ausgesetzt, also einer Form der sozialen Kategorisierung, bei der eine Gruppe als ‚normale‘ oder ‚dominante‘ Gruppe DOI 10.24053/ ldm-2024-0015 57 Dossier verstanden wird, während andere als Abweichung oder ‚die Anderen‘ dargestellt werden. Durch bestimmte Diskurse, Handlungen und Verfahren werden ‚Andere‘ in ihrer Alterität erst erzeugt und stehen im Gegensatz zum Eigenen. 8 Ein rassifizierendes und ethnisierendes, aber auch binär-vergeschlechtlichendes und heteronormatives Othering hat sich in der postmigrantischen Gesellschaft (noch) nicht aufgelöst (Siouti et al. 2022: 15), doch wird es zunehmend problematisiert und durch den Versuch abgelöst, binäre Konstruktionen allmählich aufzubrechen. Der postmigrantische Bildungsaufstieg unterscheidet sich vom nicht-migrantischen Bildungsaufstieg durch eine intersektionale Dimension: Er bedeutet nicht nur den sozialen Aufstieg vom Arbeitermilieu der Eltern ins akademische Milieu, sondern die Überwindung des Migrantenstatus zu Gunsten einer postmigrantischen Identität. Harchi hat dem Konzept des transfuge, das mit dem der transclasses vergleichbar ist, eine Missachtung dieser intersektionalen Dimension vorgeworfen. Es handle sich um ein „weißes“ Konzept, da es die Problematik von race ignoriere: Un jeune footballeur racisé qui s’achèterait un appartement sur les Champs-Élysées serait toujours perçu par la police, en se baladant dans la rue, comme un jeune qui n’a rien à faire là - il risquerait donc de subir un contrôle d’identité. Ce concept nie les rapports sociaux de race. (Andras/ Harchi 2023a) Harchis Protagonistin hat ihren Aufstieg einer Entscheidung ihrer Eltern zu verdanken, die sie aus Angst vor den Aggressionen „arabischer“ Mitschüler auf eine katholische Privatschule schicken: „Le garçon arabe qui aurait pu faire du mal à sa fille arabe hantait ma mère“ (Harchi 2021a: 27). Diese Entscheidung betrachtet die Protagonistin als bewusste Strategie ihrer Mutter, um ihr einen Aufstieg zu ermöglichen: Dès mon plus jeune âge, mes parents s’acharnèrent à me placer. Je dis placer. C’est l’image qui, instinctivement, me vient à l’esprit - excessive ou non, je l’ignore: l’image du placement d’une enfant en institution. Mes parents cherchèrent à me placer à l’école comme au sein d’une famille qui s’occuperait de moi, me ferait un avenir. (Ibid.: 23-24) Die Institution Schule wird damit zu einer Art Mentorin, die ihr das Fundament für den Bildungsaufstieg ermöglicht. Die Rolle von Mentor*innen ist bei der Herausbildung der transclasses grundlegend: „Si on n’est pas épaulé par des liens affectifs, notamment par des relations d’amitié ou d’amour, les passages [d’une classe à l’autre] sont beaucoup plus difficiles“ (Jaquet 2023: 9). Allerdings zeigt sich in Harchis Erzählung, dass es nicht unbedingt einer affektiven beidseitigen Beziehung bedarf, sondern dass Institutionen und Lektüre ebenso eine Mentorenfunktion übernehmen können. Obwohl die Protagonistin von der Bildungseinrichtung profitiert, ist die Schule ebenso ein „espace mortifère“ (Harchi 2021a: 51), der ihr immer wieder ihre Andersartigkeit und Nicht-Zugehörigkeit vor Augen führt. Im Schulbus werden sie und ihre Freundin Khadija aufgrund ihrer Haarstruktur und des „öligen Geruchs“ ihrer Haare durch Mitschülerinnen mit „peau blanche“ (ibid.: 32) diskriminiert, eine Erfahrung mit race, die sie als prägend für ihre Entwicklung beschreibt: „Et ce que produisit cette 58 DOI 10.24053/ ldm-2024-0015 Dossier expérience enfantine et primordiale de la race, je dirais, fut une forme de parenté par l’apparence. Une forme précoce et déterminante“ (ibid.: 35). Sie reagiert erneut mit dem Gefühl der Scham, von dem sie sich erst im Laufe ihrer Entwicklung zur jungen Erwachsenen löst, und dessen Überwindung ihren erfolgreichen Übergang als transclasse dokumentiert. Diese rassistische Erfahrung in der Schule wird ergänzt durch eine Respektlosigkeit gegenüber ihrer Religion, als ein Lehrer ihr einen kleinen Koran entwendet, und gipfelt schließlich in einem Erlebnis mit einer Lehrerin, die ihr ein Buch mit der Widmung „à ma petite arabe qui doit connaître son histoire“ (ibid.: 75) und den Worten „c’est l’histoire des tiens“ (ibid.: 77) schenkt. Dazu aufgefordert, ihre Lektüre mit der Klasse zu teilen, indem sie über ‚ihre‘ Herkunft, Religion, Kultur und Sprache spricht, reagiert die Protagonistin mit Gefühlen der Exklusion und Exotisierung: Dans ce face-à-face inégal, je me sentis, un bref instant, être faite exception tel un corps, isolé, minoré, mon corps en jeu, un corps en soi, face aux clones, aux majoritaires. Et j’éprouvai cela: qu’on m’exposait, qu’on m’exotisait. (Ibid.: 79) Diese Formen des Othering durch eine „majorité blanche“ (ibid.: 78) hat Harchi als „Maßnahmen der Reduzierung“ interpretiert (Harchi 2021b: 12: 09). Zu einem selbstreflexiven Wendepunkt in der Entwicklung der Protagonistin zur Postmigrantin, aber auch zur Soziologin, kommt es schließlich durch die Lektüre von Abdelmalek Sayads La double absence. Des illusions de l’émigré aux souffrances de l’immigré (1999), einer soziologischen Analyse der Probleme prekär lebender Immigrant*innen in Frankreich. Die Lektüre hilft ihr dabei, ihre individuellen Erfahrungen als kollektives Problem der Exklusion zu erkennen, das Sayad mit einer binären Denkweise erklärt und das sie auf ihre familiäre Situation bezieht: „[C]ette communion magnifique et redoutable à la fois qui, à travers les moments les plus difficiles de l’existence minoritaire, nous donna le sentiment que, bien que vivant chez les autres, entre nous, nous étions chez nous“ (Harchi 2021a: 89-90). Sayad wird zu einem Mentor, der ihr bei der Entwicklung ihrer postmigrantischen Existenz, aber auch bei der Überwindung ihrer Gefühle wie Scham und Verrat hilft: Mais je voudrais ne pas m’arrêter là, au seuil du constat de cette peur de trahir qui fut, une fois, la mienne, mais dire le plus important: que ce sentiment de trahison n’avait, au vrai, rien de naturel, d’inéluctable, d’obligé. Que jamais la trahison et la honte qui est son ombre n’ont été le destin propre d’un groupe, d’une classe. (Ibid.: 98) Es ist schließlich die Lektüre, die sie zu einem Soziologie-Studium motiviert. Ihr Wunsch aus dem migrantischen Arbeitermilieu-Elternhaus auszubrechen, schafft nicht zuletzt die Voraussetzung für eine schriftstellerische Existenz: Si la nécessité de partir grandit de jour en jour, celle de justifier moralement le départ s’accrut plus encore. À cette époque-là, je ne désirais pas écrire. Je souhaitais partir. Et ce n’est qu’au regard des conséquences que l’acte d’écrire était susceptible d’avoir sur ma vie que l’écriture m’apparut intéressante, utile, productive. (Ibid.: 127) DOI 10.24053/ ldm-2024-0015 59 Dossier Die geschriebene Sprache wird zu ihrem „capital“ (ibid.: 125), den Akt des Schreibens betrachtet sie als „revanche“ und erweitert den von Annie Ernaux geprägten Ausdruck „venger ma race“ (ibid.: 128): Dans mon cas, je ne pouvais pas dire ‚venger ma race’ sans que l’on puisse croire que j’en aie vraiment une, moi, puisque je ne suis pas une femme blanche. Cela aurait conduit à instaurer une situation étrange… Ça a été un des enjeux de ce texte-là [Comme nous existons]: véritablement rompre avec cette ‚vengeance de la race‘ telle que posée par Annie Ernaux de manière métaphorique pour parler de l’exploitation de classe, et ainsi ramener la question de la race à la question raciale - qui n’est évidemment pas déliée de l’exploitation économique et des rapports sociaux de genre. (Harchi 2023) Befreit von Schuldgefühlen wie Scham und Verrat kann die Protagonistin am Ende ihrer Coming-of-age-Erzählung eine neue Existenz an der Sorbonne beginnen, wo ein weiterer Mentor sie unterstützt. Die Ankunft in Paris schließt den Reifeprozess ab: Sie ist von einer Jugendlichen mit Migrationshintergrund aus der Provinz und dem Arbeitermilieu zu einer unabhängigen Studentin gereift. Auch die Entfaltung von Öziris Protagonisten vom Kind zum Erwachsenen wird begleitet von Erfahrungen des Othering in seinem unmittelbaren sozialen Umfeld. In der Schule nennen ihn die anderen Kinder „Asylanten-Arda“ und behaupten, er stinke und wohne im Müll (Öziri 2023: 89), der Nachbar fordert mit dem Spruch „Wir sind hier nicht auf dem Basar“ (ibid.: 125) Ruhe ein und als Jugendlicher muss er als Mitglied einer postmigrantischen Clique diverse Polizeikontrollen erdulden. Gleichzeitig verwendet der Erzähler die Begriffe „Kanake“ versus „Kartoffel“ (ibid.: 142), eine postmigrantische Strategie, 9 die wie in einem postkolonialen Zusammenhang als strategischer Essentialismus 10 betrachtet werden kann: Essentialisierende Zuschreibungen wie ‚Kanake‘ werden von der postmigrantischen Generation bewusst als ironische (Selbst)beschreibung verwendet und adaptiert, um die Kenntnis der Termini der ‚herrschenden‘ Gesellschaftsgruppe zu demonstrieren. Gleichzeitig dient der Begriff der ‚Kartoffel‘ für diese Gesellschaftsgruppe als ironische Revanche, die die Essentialisierung als solche entlarvt. Trotz seines bildungsfernen Umfeldes entwickelt Arda den Wunsch „was mit Literatur zu machen“ (Öziri 2023: 140), was in seinem postmigrantischen Freundeskreis auf Unverständnis stößt. Im Unterschied zu Harchis Erzählung wird diese Entfaltung und Motivation des Protagonisten nicht begründet und lässt sich vielmehr als Maßnahme interpretieren, um sich von seinem Umfeld gezielt abzusetzen und sich eine eigene Identität als Gegenentwurf aufzubauen. Das Erzählen wird für ihn zu einem „ermächtigenden Akt“ (Ayaz 2024), der seinen Entwicklungsprozess - wie auch im Fall von Harchis Protagonistin - abschließt: Erst der Bildungsaufstieg ermöglicht ihm eine kritische Auseinandersetzung und Verarbeitung seiner Familiengeschichte in Form des Briefes an den Vater und eine Entwicklung zum Autor. Der Wunsch, ein Literaturstudium zu beginnen, konkretisiert sich bezeichnenderweise in dem Moment, als er volljährig wird und seine Einbürgerungsurkunde erhält. 60 DOI 10.24053/ ldm-2024-0015 Dossier Dieses institutionalisierte Ereignis der Aufnahme und des Übergangs vom ‚Anderen‘ zum ‚Deutschen‘ und gleichzeitig vom Jugendlichen zum Erwachsenen wird von einer Erkenntnis begleitet: Arda bemerkt bei dem für ihn und seine Familie seit Jahren zuständigen Beamten, der ihn „offiziell“ zum „Deutschen“ macht (Öziri 2023: 243), zum ersten Mal einen „leichten polnischen Akzent“ (ibid.: 245). Das „Ausländeramt“ (ibid.: 27), das Migrant*innen durch die Hürden des langwierigen Einbürgerungsprozesses ein permanentes Gefühl der Exklusion vermittelt und damit Binaritäten aufrechterhält, wird in diesem Moment zum Beispiel für die Konstruiertheit nationaler Identität und Zugehörigkeit. Der als Pole entlarvte Beamte verweist auf ein brüchiges homogenes System und damit auf eine postmigrantische Gesellschaft, in der Binaritäten zwar einerseits erhalten bleiben, sich aber auch auflösen können, so dass die Einbürgerung der ‚Anderen‘ paradoxerweise von ‚Anderen‘ übernommen wird. Im Unterschied zu Harchis Protagonistin fühlt sich Arda im neuen Akademikermilieu fremd, was sich in Dialogen mit seinen neuen Kommiliton*innen zwischen Mensa und Theater am Ende des Romans manifestiert: „Und lesen deine Eltern auch deutsche Literatur? “, fragt Sophia, während sie ihr weißes Nicki- Tuch vom Hals nimmt und ans Tischende legt, damit es keine Balsamico-Spritzer abbekommt. „Natürlich“, sagt Reza, und obwohl er erst eine Paprika gegessen hat, tupft er sich schon jetzt mit einer Serviette die Mundwinkel ab. Erst den einen, dann den anderen. Jede seiner Bewegungen zeigt, dass er nicht sein halbes Leben in einer Dönerbude verbracht hat. (Ibid.: 270-271) Auch im betont internationalen Berliner Studentenmilieu bleibt er der ‚Andere‘ gegenüber den „Bio-Deutschen“ (ibid.: 271) und dem iranischen Postmigranten aus einem Akademikerhaushalt. Diskriminierung wandert nun auf die Diskursebene, d. h. es wird zwar kritisch darüber diskutiert, allerdings bleibt sie bruchstückartig immer noch erhalten. So werden Reza, dessen Eltern aus dem Iran stammen, und Arda durch den Blick der ‚Bio-Deutschen‘ erneut zu ‚Anderen‘ stigmatisiert: „Dass wir immer Maschinenbau oder so studieren müssen, das stimmt einfach nicht.“ [sagte Reza] Ich frag mich, wen er mit wir meint, aber Sophia und Simon verraten es mir sofort, indem sie ihre Köpfe gleichzeitig zu mir drehen. (Ibid.: 271) Gleichzeitig schafft Reza es in seiner Kritik allerdings nicht, die binäre Konstellation zu überwinden. Um diese zu kritisieren, muss er auf sie zurückgreifen und bestätigt damit seine Funktion als ‚Anderer‘. Diese Szene demonstriert die Ambivalenz einer postmigrantischen Gesellschaft: Obwohl Diskriminierung nun bewusst wahrgenommen wird, sogar die Diskursebene erreicht hat und kritisch diskutiert wird, demonstriert der Blick der ‚Bio-Deutschen‘ einen Rückfall in eine binäre Denkweise: Arda und Reza werden wieder zu Migranten, wenigstens phasenweise. Die Mechanismen einer postmigrantischen Gesellschaft kommen hier zum Ausdruck. Einerseits werden Binaritäten brüchig und lösen sich sogar auf, andererseits DOI 10.24053/ ldm-2024-0015 61 Dossier erweisen sie sich in bestimmten Situationen als resistent. Eine postmigrantische Gesellschaft muss also in dieser Prozesshaftigkeit gedacht und wahrgenommen werden, denn es handelt sich um eine Gesellschaft im Umbruch. 5. Auf dem Weg zu einer postmigrantischen Gesellschaft Die Coming-of-age-Erzählungen von Harchi und Öziri fokussieren einerseits auf die individuellen Schicksale ihrer Protagonist*innen, andererseits stehen sie stellvertretend für die Probleme und Herausforderungen einer postmigrantischen Generation und ihr sozialpolitisches Anliegen, die Gesellschaft zu verändern, wie Öziri erklärt: „Ich schreibe Texte, die einem mitgeben sollen: So darf die Welt nicht sein. Solche Gefühle kann die Literatur anstoßen und daraus resultieren dann Fragen. Etwa: Was kann ich tun, damit die Welt nicht so bleibt? “ (Ayaz 2024). Auch die Soziologin Harchi hat poetologische Überlegungen in ihre Erzählung integriert, die der Literatur eine soziale Funktion zuschreiben: Qu’il y ait entre l’acte d’écrire et l’acte de vivre, une forme de confusion volontaire. Que l’écriture serve la vie plus que l’inverse. Que par l’écriture, d’une certaine manière, je devienne mon propre objet. Sujet et objet. (Harchi 2023: 129-130) Durch das Schreiben entwickle man ein Bewusstsein für seine politischen Bedingungen und die Schreibpraxis werde unwiderruflich mit einer dominierten Position verknüpft (Andras/ Harchi 2023b). Harchi teilt die Idee des marokkanischen Schriftstellers Mohammed Khaïr-Eddine, der Literatur als politisches Instrument betrachtet, das dazu berufen sei, an der Auflösung einer bestimmten Gesellschaft teilzunehmen (ibid.). Damit nehmen Harchi und Öziri eine Perspektive ein, die auf die Gesellschaft als ganze fokussiert. Harchi hat die französische Gesellschaft als eine postkoloniale bezeichnet, die sich auf individuelle und kollektive Erlebnisse gleichermaßen auswirke (Harchi 2021b: 21: 06-21: 20). 11 Diese Herausforderungen einer postkolonialen Gesellschaft sind mit denen einer postmigrantischen Gesellschaft vergleichbar. Eine postmigrantische Gesellschaft beginnt laut Foroutan, wenn eine politische Anerkennung als Einwanderungsland stattgefunden hat, wie in Deutschland 2001 in der Vorlage des Zuwanderungsgesetzes auf Basis des Berichts der Süssmuth- Kommission (Foroutan 2019: 239). Öziri hat sich auf diese Akzeptanz als Einwanderungsland berufen und eine mangelnde Akzeptanz kritisiert (Marshall 2023). Doch sind damit verbundene soziale, kulturelle, strukturelle und emotionale Aushandlungsprozesse um Anerkennung ein zentrales Merkmal postmigrantischer Gesellschaften (Foroutan 2019: 240-241). Auch wenn die Protagonist*innen immer wieder diesen Aushandlungsprozessen ausgesetzt sind, verweist ihr Bildungsaufstieg auf eine elastische Gesellschaftsstruktur: Zwar haben die Protagonist*innen mit sozialen Ungleichheiten und Hürden zu kämpfen, doch schaffen sie es letztendlich, diese zu überwinden. 62 DOI 10.24053/ ldm-2024-0015 Dossier Harchi und Öziri porträtieren in ihren Texten Gesellschaftsentwürfe, in denen Migration zum zentralen Charakteristikum geworden ist. So beziehen sich die zwei Autor*innen zum einen explizit auf historische Ereignisse um Migration. Harchi verweist auf die Migrationswelle aus Marokko nach Frankreich (und eine Bevorzugung marokkanischer Migranten gegenüber algerischen, Harchi 2021a: 16) in den 1960er Jahren, als ihr Großvater nach Frankreich kam. Öziri verknüpft in seinem Roman die Geschichte der Eltern und ihrer Flucht aus der Türkei mit dem Gastarbeiter-Abkommen der Bundesrepublik Deutschland zur gleichen Zeit. Dieser Verweis auf die historischen Ereignisse verleiht den individuellen Schicksalen eine gesamtgesellschaftliche Dimension: Migration wird damit zum bedeutsamen Bestandteil deutscher bzw. französischer Geschichte und Gesellschaft und bleibt nicht nur die Angelegenheit (post)migrantischer Individuen oder einer (post)migrantischen Generation. Diese Verlagerung auf die gesellschaftliche Ebene ist zum anderen auch zu beobachten, wenn die zwei Autor*innen Rassismus nicht nur als individuelles Problem beschreiben, sondern als einen der Gesellschaft zu Grunde liegenden strukturellen Rassismus, wie Harchi ihn beschreibt: Cette expérience, l’expérience d’être visée par une insulte raciale, l’expérience d’être agressée, n’était pas qu’une expérience contingente, hasardeuse, accidentelle ou encore isolée. C’était une expérience vécue par nombre de femmes, nombre d’hommes qui nous avaient précédées. (Harchi 2021a: 107-108) Ein gesellschaftliches Ereignis, das in diesem Zusammenhang besonders bedeutsam ist, ist der Tod zweier Jugendlicher mit Migrationshintergrund, die auf der Flucht vor der Polizei Schutz in einem Stromhaus suchten und dabei ums Leben kamen. Der Tod von Bouna Traoré und Zyed Benna im Jahr 2005 löste massive Aufstände gegen die Brutalität der Polizei aus und antizipiert die sich 2013 formierende Black- Lives-matter-Bewegung. In Comme nous existons erfährt die Protagonistin von diesem Vorfall durch die Nachrichten. Durch eine kursive Schreibweise setzt Harchi die Worte der Fernsehsprecherin vom restlichen Text ab und markiert das Ereignis als historisches (ibid.: 110). Der Vorfall im Stromhaus wird außerdem verknüpft mit dem 2004 erlassenen Gesetz zum Verbot des Kopftuchs in Schulen in Frankreich, aber auch mit dem (fiktiven) Schicksal von Ahmed, einem Jugendlichen aus der Nachbarschaft, der ebenso Opfer polizeilicher Gewalt wird. Diskriminierung, Geringschätzung und Rassismus schildert Öziri ebenfalls als strukturelles Problem der deutschen Gesellschaft. So hat der Vater eines Schulfreundes des Protagonisten in seiner Dönerbude seine türkischen Ingenieurdiplome aufgehängt, die in Deutschland nicht anerkannt werden. Nach dem Selbstmord der Mutter des Schulfreundes begreift er, dass „wir alle auf dieser Welt nur beschissene Gastarbeiter sind“ (Öziri 2023: 258). „Wir alle auf dieser Welt“ - diese betont inklusive Formulierung findet sich ebenso in einer der vielleicht ersten postmigrantischen Coming-of-age-Erzählungen The DOI 10.24053/ ldm-2024-0015 63 Dossier Buddha of Suburbia von Hanif Kureishi: „The immigrant is the Everyman of the twentieth century“ (Kureishi 1990: 141). Hier kommt bereits der Kerngedanke einer postmigrantischen Gesellschaft zum Ausdruck: Es geht darum, Migration nicht länger als Ausnahme, sondern als Normalität zu betrachten. Um diese Normalität von Migration zu betonen, greifen die zwei Autor*innen bei der Darstellung der Entwicklung ihrer Protagonist*innen auf eine autosoziofiktionale Schreibweise zurück, die den Bogen von der Entwicklung eines postmigrantischen Individuums als Vertreter*in einer postmigrantischen Generation zur Entwicklung einer postmigrantischen Gesellschaft spannt und damit Deutungshoheit gegenüber der sozialen Situation beansprucht. Die Coming-of-age-Erzählungen von Harchi und Öziri beschränken sich also nicht auf die Entwicklung ihrer Protagonist*innen, sondern entwerfen eine Gesellschaft im Umbruch, in der binäre Konstellationen wie ‚wir‘ versus ‚die Anderen‘ langsam aufweichen und Migration immer weniger als Ausnahme betrachtet wird. Der Vergleich der zwei Texte zeigt nicht zuletzt, dass es sich bei der postmigrantischen Coming-of-Age-Erzählung nicht um ein Genre handelt, das sich auf einen nationalen Rahmen beschränkt, sondern dass diese Tendenz in deutschsprachigen, aber ebenso in franko- und anglophonen Texten vertreten ist. Eine komparatistische Perspektive auf Postmigration, die verschiedensprachige Literaturen berücksichtigt, bietet sich für weitere Forschungsprojekte zu diesem Thema also nachdrücklich an. Daran anschließend soll abschließend noch ein Forschungsdesiderat formuliert werden: Während sich das Thema Postmigration in der interdisziplinären deutschsprachigen, aber auch anglophonen (Gaonkar et al. 2021) Forschung in dem letzten Jahrzehnt fest etabliert hat, wird der Begriff in der frankophonen Forschung bisher kaum verwendet, obwohl sich Reflexionen dazu sowohl auf ästhetischer als auch theoretischer Ebene finden. 12 Dies lässt sich damit begründen, dass das Thema immer noch unter dem Stichwort ‚postkolonial‘ verhandelt wird, was sich im Hinblick auf die spezifische historische Situation Frankreichs und die damit verbundenen Migrationen aus ehemaligen Kolonien zweifellos anbietet. Trotzdem könnten postmigrantische Konzepte auch hier gewinnbringend vermehrt zum Einsatz kommen und die Überkreuzungen postkolonialer und postmigrantischer Ideen, Konzepte und ästhetischer Entwürfe in den Blick genommen werden. Agier, Michel, Les migrants et nous. 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Cf. auch Geiser 2015. 2 Im Zusammenhang mit der sogenannten ‚Migrationsliteratur‘ wurden vor allem die Romane von Emine Sevgi Özdamar als „interkultureller Bildungsroman“ (Jacobs 2009: 59) bezeichnet. 3 Für die ausgewählten Texte ziehe ich den Begriff Autosoziofiktion vor, da sie fiktionale Elemente aufweisen. 4 Autosoziobiografisches Schreiben und Postmigration wurden bereits in Zusammenhang gebracht, allerdings steht eine „umfängliche Forschung zum Zusammendenken von Autosoziobiografie und neuerer Literatur der Postmigration derzeit noch weitestgehend aus“ (Thiemann 2022: 552). 5 Cf. die Manifeste und die aktivistischen Autor*innen (Collectif 2007; Aydemir/ Yaghoobifarah 2019; Czollek 2020 und 2023). 66 DOI 10.24053/ ldm-2024-0015 Dossier 6 Cf. dazu auch: „Das Postmigrantische ist eine Denkfigur, die utopisch ist, weil sie die etablierten hegemonialen Wir-Sie-Konstruktionen radikal infrage stellt und irritiert und eine andere Kartografie des Möglichen entwirft“ (Yıldız 2022: 93). 7 Die direkte Ansprache einer Vaterfigur mit „du“ scheint in postmigrantischer Literatur ein beliebtes Stilmittel zu sein (cf. Aydemir 2022; Güngör 2021). 8 Othering ist nur ein Beispiel für die Parallelen zwischen postmigrantischen und postkolonialen Strategien. Weitere Beispiele für herrschaftskritische Widerstandspraktiken, die auch in einem postmigrantischen Kontext zu analysieren wären, sind Mimikry, Hybridität, strategischer Essentialismus und kontrapunktische Lesarten (Alkin/ Geuer 2022). 9 Cf. zur Verwendung des Begriffs ‚Kartoffel‘ als postmigrantische Strategie die Kolumne Habibitus in der taz von Hengameh Yaghoobifarah (https: / / taz.de/ Kolumne-Habibitus/ ! t5279733) und zu ‚Kanake‘ Feridun Zaimoglus Kanak Sprak. 10 Der von Gayatri Chakravorty Spivak geprägte Begriff bezeichnet die bewusste oder unbewusste Anpassung ausgebeuteter oder diskriminierter Gruppen an die essentialisierenden und homogenisierenden Zuschreibungen durch die jeweilige kolonisierende Kultur mit dem Zweck, historische und moralische Anerkennung zu erhalten. Die Widerstands- und Handlungsfähigkeit von marginalisierten Gruppen in vermachteten politischen Feldern können so in den Blick genommen werden. In kolonialen Gesellschaften beruhen solche Zuschreibungen auf stereotypen Annahmen über die Identität und die kulturellen Merkmale einer Gruppe. Da diese neuen Kollektividentitäten sich teilweise an den stereotypen Zuschreibungen der kolonisierenden Gesellschaften orientierten, trugen sie selbst manchmal essenzialisierende Züge (Mackenthun 2017). 11 Harchi nimmt verschiedene Rollen ein: Sie ist Autorin, Aktivistin und Soziologin und hat sich auch in ihrer Funktion als Wissenschaftlerin mit dem Thema Postmigration auseinandergesetzt (Harchi 2018). 12 Eine Ausnahme bieten hier die Bände von Coste/ Kopf, Kleppinger/ Reeck (allerdings auf Englisch) oder Geiser (allerdings auf Deutsch), die frankophone Literatur unter dem Aspekt ‚Postmigration‘ in den Blick nehmen. Dass das Thema auch aus sozialwissenschaftlicher Perspektive in der frankophonen Forschung schon längst eine Rolle spielt, aber nicht unter dem Begriff ‚Postmigration‘ verhandelt wird, zeigen zum Beispiel die Arbeiten des Anthropologen Michel Agier.
