eJournals lendemains49/194-195

lendemains
ldm
0170-3803
2941-0843
Narr Verlag Tübingen
10.24053/ldm-2024-0025
Es handelt sich um einen Open-Access-Artikel, der unter den Bedingungen der Lizenz CC by 4.0 veröffentlicht wurde.http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/ldm49194-195/ldm49194-195.pdf0824
2026
49194-195

Naviguer dans le Franco-Allemand: Wenn die eigene Disziplin fremd erscheint

0824
2026
Kira Renée Kurz
Guillaume Placide-Breitenbucher
ldm49194-1950195
DOI 10.24053/ ldm-2024-0025 195 Dossier Kira Renée Kurz / Guillaume Placide-Breitenbucher Naviguer dans le Franco-Allemand: Wenn die eigene Disziplin fremd erscheint 1. Einleitung Auslandsaufenthalte sind eine gängige Praxis unter Forschenden, um sich mit den Arbeits- und Forschungsmethoden von internationalen Kolleg*innen in der eigenen Disziplin vertraut zu machen. Insbesondere im deutsch-französischen Kontext, in welchem Forschungskooperationen institutionell und politisch stark gefördert werden, wird immer wieder die Erfahrung von großen disziplinären Unterschieden (methodologisch, epistemologisch…) gemacht, die als länderspezifisch erscheinen. Manchmal entstehen bei als besonders wesentlich wahrgenommenen Unterschieden sogar Zweifel, ob es sich noch immer um die gleiche Disziplin handelt. Ein Beispiel ist der in Frankreich lange Weg zur Forschungsfrage, die Wichtigkeit der problématique. Für in Deutschland sozialisierte Wissenschaftler*innen bleibt trotz eingehendem Nachdenken oft unklar, was damit gemeint sein soll. Wiederum erscheint die deutsche Politikwissenschaft in Frankreich sozialisierten Forschenden oft sehr normativ, mit einem Fokus auf der Erarbeitung von Empfehlungen und Lösungen für die Politik. Diese Beobachtung mitunter großer Unterschiede innerhalb einer Disziplin wurde auf unserer deutsch-französischen Nachwuchskonferenz von Teilnehmenden aus unterschiedlichen Disziplinen geteilt. So ergab sich insbesondere in den Pausen ein angeregter informeller Erfahrungsaustausch. Hierbei wurde klar, dass die Schwierigkeiten interdisziplinärer Zusammenarbeit zwar immer wieder analysiert und diskutiert werden, demgegenüber kulturelle, sprachliche oder organisatorische Unterschiede und Gemeinsamkeiten innerhalb einer Disziplin, die sich aus unterschiedlichen historischen Gegebenheiten in verschiedenen Ländern ergeben, jedoch weit seltener Beachtung finden. Mit Blick auf die engen wissenschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und Frankreich, insbesondere in den Geistes- und Sozialwissenschaften, erscheint uns daher auch ein Fokus auf die Herausforderungen ‚intradisziplinärer‘ transnationaler Zusammenarbeit von Bedeutung - insbesondere für Nachwuchswissenschaftler*innen im Franco-Allemand. Wir blicken exemplarisch auf die Disziplin der Politikwissenschaft in Deutschland und Frankreich und versuchen uns an einer vergleichenden Einordnung. Darüber hinaus leiten wir Empfehlungen ab, insbesondere für Nachwuchswissenschaftler*innen, die im Rahmen ihrer Forschung selbst mit unterschiedlichen Wissenschaftskulturen zu tun haben. Unser Artikel basiert einerseits auf bereits existierender Literatur, andererseits auf eigenen Erfahrungen und dem Austausch mit Wissenschaftler*innen in der deutschen und französischen Politikwissenschaft. Dafür wurde ein Online-Fragebogen 196 DOI 10.24053/ ldm-2024-0025 Dossier gezielt an uns bekannte, im deutsch-französischen Kontext agierende Fachvertreter*innen gesendet. Dieser beinhaltete Fragen zu wahrgenommenen Gemeinsamkeiten und Unterschieden der Politikwissenschaft in Deutschland und Frankreich in Bezug auf epistemologische, methodologische und strukturelle Aspekte. Dies erlaubt uns, die Eigen- und Fremdwahrnehmung der Disziplin im jeweiligen Land miteinander zu kontrastieren. Im ersten Abschnitt wird die geschichtliche Entwicklung der Politikwissenschaft in beiden Ländern erläutert. Aufbauend auf diesen Überlegungen werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede der heutigen Politikwissenschaft in Deutschland und Frankreich erörtert, insbesondere in Bezug auf prägende Figuren, Methoden, Textgestaltung und Internationalisierungspraktiken. Abschließend werden einige Empfehlungen präsentiert, die sich für Nachwuchswissenschaftler*innen als nützlich erweisen könnten, um Lost-in-Translation-Momente zu vermeiden oder zu überwinden. 2. Die historische Entwicklung der Disziplin Uns geht es in diesem Essay nicht darum, das Bild einer deutschen und einer französischen Politikwissenschaft zu konstruieren. Vielmehr möchten wir differenzierter vorgehen und darstellen, wie unterschiedliche Traditionen und epistemologische Strömungen Forschung und Lehre in beiden Ländern geprägt haben. Im nachfolgenden Abschnitt blicken wir daher vergleichend auf die historische Entwicklung der Politikwissenschaft. 2.1. Frankreich In Frankreich ist die Institutionalisierung der Politikwissenschaft als akademische Disziplin eng mit dem Aufbau des demokratischen republikanischen Staates verbunden. Als erster wichtiger Anstoß wird hierbei die militärische Niederlage 1870 gegen Deutschland gesehen, nach welcher sich die junge III. Republik mit der Frage nach der Ausbildung neuer (republikanisch gesinnter) staatlicher Eliten befassen musste (Cohen et al. 2024). Als Nachweis dieser Neuausrichtung gilt die Gründung einer neuen École libre des sciences politiques durch den Intellektuellen Émile Boutmy. Diese war explizit dem Ziel gewidmet, „auf die politische und moralische Krise“ der Zeit zu reagieren, „neue Eliten auszubilden“ und „modernes Wissen für ein neues Frankreich zu produzieren“ (Garrigou 2016). Die sich zu dieser Zeit herausbildende moderne Politikwissenschaft entwickelte sich zunächst als Teil der bzw. angrenzend an die Rechtswissenschaften, zumeist an juristischen Fakultäten. Es gab nur wenig Bezug zu den sich ebenfalls herausbildenden Sozialwissenschaften (vor allem die Soziologie unter Einfluss von Émile Durkheim). Stattdessen lag der Fokus der jungen Politikwissenschaft auf der Produktion regierungspraktischen Wissens, mit einem frühen Interesse für politische Parteien und Wahlverhalten. Hier gilt André Siegfrieds 1913 erschienene Wahlstudie als Grundstein, da es sich um eine der ersten Arbeiten DOI 10.24053/ ldm-2024-0025 197 Dossier handelt, die Wahlergebnisse durch sozioökonomische Faktoren erklären (Blondiaux/ Veitl 1999; Siegfried 1913). Die Institutionalisierung der Politikwissenschaft, in der heutigen Form der Forschung und Lehre, erfolgt größtenteils im 20. Jahrhundert, nach Ende des Zweiten Weltkriegs. Diese Institutionalisierung wird stark von der jungen IV. Republik gesteuert, die neue Hochschulen für die Ausbildung staatlicher Eliten und Hochbeamten schafft. So wird Émile Boutmys École libre 1945 zum Institut d’Études Politiques de Paris („Sciences Po“) und dient überwiegend der Grundausbildung von Höheren Beamten (hauts fonctionnaires), die in der im Jahr 1949 gegründeten École Nationale d’Administration (ENA) weiter ausgebildet werden. Schrittweise werden weitere Instituts d’Études Politiques in regionalen Metropolen gegründet, z. B. in Straßburg (1945), Lyon (1948) und Aix-en-Provence (1956). Parallel dazu erfolgt die Gründung weiterer Forschungseinrichtungen, die sich der Politikwissenschaft widmen, außerhalb dieser neuen Hochschulen, wie beispielsweise an der École Pratique des Hautes Études (EPHE). Obwohl der republikanische Staat also wesentliche Grundlagen für die Entwicklung der Politikwissenschaft schafft, ist die Disziplin zu diesem Zeitpunkt noch nicht als akademisches Fach etabliert. So beschreiben Gaïti und Scot die Politikwissenschaft in den 1950er Jahren als eine „science sans savants“ (Gaïti/ Scot 2017). Anders als in Deutschland, wo die Politikwissenschaft sich an den Universitäten neben anderen Fächern entwickelt, stützt sich die Institutionalisierung der Politikwissenschaft in Frankreich also auf Hochschulen, die sich ausschließlich diesem einen Fach widmen und die Verbindung zur Ausbildung der staatlichen Eliten explizit machen. Die Nachkriegszeit war zudem durch eine signifikante Zunahme an Hochschulen und Institutionen gekennzeichnet, was wiederum die Schaffung einer Vielzahl neuer Professuren zur Folge hatte. Zu Beginn wurden diese Positionen häufig mit Forschern aus den Bereichen Philosophie, Geschichte und Rechtswissenschaften besetzt (ibid.). Neben der staatlichen Steuerung stützt sich die weitere Institutionalisierung der Politikwissenschaft auf Fördergelder von US-amerikanischen Stiftungen (wie der Ford Foundation). Diese tragen dazu bei, die französische Politikwissenschaft im Kontext des Kalten Krieges neu zu definieren und vor allem stärker empirisch auszurichten (Heilbron et al. 2009; Defrance/ Kwaschik 2016). In den 1950er Jahren werden aus den USA zudem Methoden der Umfrage- und Meinungsforschung übernommen (Gründung des Institut français d’opinion publique [IFOP] schon 1938), welche insbesondere von Seiten der Politik auf eine stetig wachsende Nachfrage stoßen. Mit der Verbreitung von Umfragestudien erlangt die Politikwissenschaft zudem mediale Präsenz, vor allem im Kontext von Wahlabenden und -veranstaltungen. Zugleich entwickelt sich die Bezeichnung des politologue, für Politikwissenschaftler*innen, die in Medien auftreten und sich ein sogenanntes capital médiatique aufbauen (Cohen et al. 2024). Diese Entwicklungen tragen zur beginnenden Abgrenzung der Politikwissenschaft von den Rechtswissenschaften bei. 198 DOI 10.24053/ ldm-2024-0025 Dossier In den 1970er Jahren findet dann eine epistemologische Erneuerung statt, die diese Abgrenzung fortführt. Eine neue Generation von Forschenden stellt in der Dekade neue Verbindungen zur Soziologie her. Zunehmend wird Bezug auf Durkheim, Weber, Elias und vor allem Bourdieu genommen, was manchmal zur Vorstellung führt, dass die Politikwissenschaft von soziologischen Ansätzen „kannibalisiert“ wurde (Legavre 2004). Eindeutig ist, dass die französische Politikwissenschaft ab den 1970er Jahren sehr interdisziplinär ausgerichtet ist, nicht nur in Richtung Soziologie, sondern auch in Richtung Anthropologie (Abélès 2000) oder Geschichtswissenschaften (Buton 2009; Noiriel 2006). Diese Interdisziplinarität und insbesondere die Nähe zur Soziologie sind heute prägend für den Großteil der französischen Politikwissenschaft. Dies zeigt sich auch beim Blick in Fachzeitschriften: Die Revue Française de Science Politique (RFSP) publiziert eine Vielzahl von Artikeln, die soziologische Ansätze aufweisen, und einige Kernzeitschriften des Faches, wie etwa Politix, haben sich gar der Interdisziplinarität als Leitbild verschrieben. Bis zum heutigen Tage stellen die IEP ‚Hochburgen‘ der französischen Politikwissenschaft dar, insbesondere die Sciences Po Paris, neben dem Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS). Und auch an Universitäten, an denen die juristischen Fakultäten anfänglich die Schaffung von Räumlichkeiten für die Politikwissenschaft verweigert hatten, wird mittlerweile Politikwissenschaft betrieben, wobei dies zu neuen Hierarchien in akademischen Karrieren geführt hat (die Lehre und Forschung an einem IEP ist mit mehr Prestige verbunden). 2.2. Deutschland Für Deutschland liegt der Fokus auf der Zeit ab 1945, da die Politikwissenschaft in ihrer heutigen Prägung vor allem mit der Geschichte der Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg verbunden ist (Bleek/ Gawrich 2021). Nach dem Ende des Nationalsozialismus wurde die Politikwissenschaft als Demokratiewissenschaft neu gegründet, geprägt von „deutsch-amerikanischen Kulturtransfers“ (Bleek 2001: 267) und als Teil „eines umfassenderen Programms, mit dem die Amerikaner die Deutschen zur Demokratie erziehen wollten“ (ibid.: 275). Dass die politische Bildung und die Politikdidaktik heute häufig als Teilbereich der Politikwissenschaft oder zumindest als eng mit ihr verbunden verstanden wird, lässt sich also bis zum „volkspädagogischen Interesse“ (Falter 2003: 221) während der Neuanfänge Mitte des 20.Jahrhunderts zurückverfolgen. Darüber hinaus war der amerikanische Einfluss aus den Anfangsjahren langfristig prägend: Mehrere der ersten Professuren für ‚Politische Wissenschaft‘ in der neuen Bundesrepublik wurden mit Wissenschaftlern besetzt, die während der NS-Zeit in die USA emigriert oder geflohen waren (Bleek 2001: 265-271). So fanden Fragen und Methoden einer als modern verstandenen Sozialwissenschaft den Weg nach Westdeutschland. Insgesamt gilt, dass die heutige deutsche Politikwissenschaft viele Wurzeln hat. Nur wenige der Wissenschaftler, die in den Anfangsjahren der Bundesrepublik das Fach vertraten, hatten eine sozialwissenschaftliche Ausbildung. Sie stammten z. B. DOI 10.24053/ ldm-2024-0025 199 Dossier aus den Rechts- und Geschichtswissenschaften oder der Philosophie (Hartmann 2003: 133). Thematisch lag der Fokus in den 1950er und frühen 1960er Jahren auf der deutschen Zeitgeschichte, insbesondere auf dem Untergang der Weimarer Republik und dem Dritten Reich. Als zweites Teilgebiet etablierte sich die Auseinandersetzung mit dem kommunistischen System, insbesondere der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR. Ein dritter Schwerpunkt lag auf der Theorie und Empirie der Demokratie mit einem Fokus auf der Entwicklung eines „sowohl normativ gehaltvollen als auch unter den Bedingungen der modernen Massengesellschaft realistischen Modells der Demokratie“ (Bleek 2001: 293). Daneben entstanden Arbeiten zur Wahlforschung, zum Parlamentarismus, zu politischen Parteien und zu Interessengruppen. Gegen Ende der 1960er Jahre schließlich hatten sich zwei konkurrierende Ansätze herausgebildet: Da ist zum einen die kapitalismuskritische, sich auf Marx und manchmal auch auf Freud berufende Bewegung […]. Auf der anderen Seite rühren sich, zunächst noch vereinzelt und in einer klaren Minderheitenposition, die Verfechter einer empirisch-analytisch orientierten, nach dem Muster der amerikanischen Political Science verfahrenden Vorgehensweise (Falter 2003: 223). Dieser von einem klaren Fokus auf empirischem Arbeiten geprägte Ansatz setzte sich schließlich als Hauptströmung durch. Hartmann (2003) beschreibt jedoch, dass sich die deutsche Politikwissenschaft von der starken Methodenorientierung der amerikanischen Disziplin fernhielt und mit ihren Themen eigene Akzente setzte. Im Zuge dessen wanderte die politische Philosophie an die Peripherie des Fachs (ibid.) und die Internationale Politik etablierte sich (Bleek 2001: 327), mit Ausdifferenzierungen wie der Europa- oder Entwicklungsforschung. Ab den späten 1960er Jahren erlebte die Politikwissenschaft zudem eine Expansion, getragen einerseits von der Neugründung vieler Universitäten und andererseits von einer Erhöhung der Professuren an bereits existierenden Standorten (Bleek 2001: 309; Mayer 2019) mit dem Ziel, jeweils drei Bereiche abzudecken: Politische Theorie und Ideengeschichte, Innenpolitik und vergleichende Lehre sowie Internationale Beziehungen. An den Pädagogischen Hochschulen wurden zudem Professuren für Politische Bildung oder Politikdidaktik geschaffen. Diese Einteilung ist auch heute noch prägend und zeigt sich zum Beispiel in der Konzeption politikwissenschaftlicher Studiengänge. Bis in die späten 1970er Jahre war das Fach geprägt von innerer Zerrissenheit und einer „rigiden“ Orientierung an verschiedenen Strömungen (Bleek 2001: 360). Inhaltlich waren die 1970er und 1980er gekennzeichnet von Forschung über Bundesstaats- und Bundesratsprobleme, über Policies und über Parteien. Gleichzeitig entwickelte sich in den 1980ern eine Diskussion über die „Geschichtsvergessenheit“ des Fachs, mit dem Vorwurf, die Rolle der Disziplin im Nationalsozialismus sei nicht ausreichend aufgearbeitet worden (Weyer 1985). Die von Weyer aufgestellte These einer Institutionalisierung der Politikwissenschaft insbesondere in der NS-Zeit war 200 DOI 10.24053/ ldm-2024-0025 Dossier jedoch schon damals umstritten (Lenk 1986). Insgesamt waren die 1980er also eine Zeit der Reflexion (cf. z. B. Mohr 1989). Darüber hinaus kam es zwischen 1975 und 1990 zu einer sozialwissenschaftlichen Konsolidierung des Faches - auf Grundlage des von Karl Poppers Thesen ausgelösten Positivismusstreites der Soziologie in den 1960ern und 1970ern (Bleek 2001). Getragen von dieser Entwicklung etablierte sich, beeinflusst von US-amerikanischen Ansätzen, die Politikfeldanalyse (Policy-Analyse) als weiterer großer Teilbereich, eng verbunden mit der Intensivierung der Politikberatung. In den 1990er Jahren kam es dann zur Einrichtung politikwissenschaftlicher Professuren in den neuen Bundesländern - hierbei handelte es sich weitestgehend um einen Neuaufbau mit dem Ziel der Abdeckung von nun vier Teilbereichen: Politische Theorie und Ideengeschichte, Deutsches Regierungssystem, Vergleichende Regierungslehre (im Sinne von Comparative Politics) sowie Internationale Politik und deutsche Außenpolitik (Bleek 2001: 439). Inhaltlich waren die Jahre geprägt von Forschung zum Bundestag und zu Politiknetzwerken sowie zu Europa und Nordamerika. Forschung zur Europäischen Union hat sich in dieser Zeit als Querschnittsbereich herausgebildet (Hartmann 2003). Die ab Mitte der 2010er Jahre sowohl in den Medien als auch in Fachzeitschriften und bei Tagungen geführte Debatte zur Relevanz der Politikwissenschaft (für einen Überblick cf. Schöne/ Bergem 2022) illustriert den in Deutschland immer noch zentralen Anspruch der Disziplin, gesellschaftlich zu wirken - sei es durch die Hochschullehre, die politische Bildung, die öffentliche Kommunikation oder die Kommunikation mit politischen Akteur*innen inner- und außerhalb staatlicher Institutionen und politischer Parteien (cf. ibid.: 3). 2.3. Im Vergleich Der Blick auf die historische Entwicklung der Disziplin hat sowohl Parallelen und Divergenzen als auch wechselseitige Einflüsse aufgezeigt. Ein Aspekt, der noch nicht genannt wurde, ist die Größe der Disziplin, die natürlich auch beeinflusst, wie vielfältig sie sein kann. Anfang der 2000er Jahre beschrieb Hartmann (2003) die französische Politikwissenschaft als im Vergleich mit der britischen und deutschen recht klein. Auf Grundlage der heutigen Anzahl der Professuren scheinen beide Länder allerdings auf gleichem Niveau zu sein (ca. 600 Professor*innen). 1 Ebenfalls argumentierte Hartmann (2003: 235), dass sowohl für Deutschland als auch Frankreich gelte, dass „was heute als Politikwissenschaft betrieben wird, von Entwicklungen in den USA bestimmt“ ist. Dies lässt sich unter anderem auf die historischen Strategien deutscher und französischer Wissenschaftsakteur*innen zurückführen. So hat sich Sciences Po Paris in der Nachkriegszeit zum Beispiel Ansätze und Methoden aus den USA angeeignet, um in den Augen US-Amerikanischer Stiftungen als ‚fördergeldwürdig‘ zu gelten (Gaïti/ Scot 2017). Unter anderem durch die Etablierung international sehr präsenter großer politikwissenschaftlicher DOI 10.24053/ ldm-2024-0025 201 Dossier Einrichtungen in Europa wie an der Universität Aarhus oder der Universiteit van Amsterdam hat sich der US-amerikanische Einfluss heute sicherlich ein wenig relativiert. Und mit Blick auf die aktuelle US-amerikanische Wissenschaftspolitik ist davon auszugehen, dass sich dieser Trend fortsetzen wird. Abschließend möchten wir noch kurz auf die Fremd- und Eigenwahrnehmung der Disziplin eingehen - ein Aspekt, der im Folgenden immer wieder thematisiert werden soll. Die heutige Wahrnehmung der deutschen Politikwissenschaft in Frankreich erscheint weiterhin stark von den historischen Umständen ihrer Neugründung Mitte des 20. Jahrhunderts beeinflusst: Sie wird charakterisiert als Wissenschaft für die Gesellschaft und Politik mit starkem Fokus auf Demokratiebildung und Politikberatung, dadurch normativ und geprägt durch die Teilung in zwei Staaten sowie die Ablehnung des Kommunismus in der Bundesrepublik. Und auch die deutsche Wahrnehmung der französischen Politikwissenschaft scheint stark geschichtlich geprägt. Insbesondere die Grandes Écoles wie die ENA oder die Sciences Po sind bekannt. Anfang der 2000er Jahre konstatierte Hartmann jedoch, dass die französische Politikwissenschaft mit ihrer Nähe zum Staatsrecht zwar immer noch ein besonderes Profil aufweise, sich sonst aber kaum anders ausnehme als in Deutschland und Großbritannien (Hartmann 2003). Gilt dies über 20 Jahre später immer noch? Dieser Frage gehen wir im folgenden Abschnitt nach. 3. Gemeinsamkeiten und Unterschiede Basierend auf der zuvor dargestellten historischen Entwicklung der Politikwissenschaft soll nun ein Blick auf heutige Gemeinsamkeiten und Unterschiede geworfen werden. Hierbei stützen wir uns sowohl auf Literatur als auch auf Einschätzungen von Wissenschaftler*innen aller Karrierestufen mit zumeist langjähriger Erfahrung in beiden Systemen. Die Einschätzungen wurden sowohl über einen kurzen anonymisierten Fragebogen erfasst (im Folgenden nachgewiesen durch nummerierte Verweise) als auch im Rahmen von persönlichen und informellen Gesprächen. 3.1. Prägende Figuren Einsteigen wollen wir mit der Frage nach prägenden Figuren; nach Wissenschaftler*innen, die innerhalb der Disziplin eine zentrale Rolle spielen und das wissenschaftliche Denken und Arbeiten prägen. Für Frankreich ist insbesondere der Einfluss Pierre Bourdieus hervorzuheben. Bourdieus bekannteste Studien (z. B. Bourdieu/ Passeron 1970; Bourdieu 1979) befassen sich zwar wenig mit Politik, im Rahmen seiner Elitentheorie hat er sich jedoch grundlegend mit der Funktionsweise des politischen Felds (2000), der Rekrutierung von Staatseliten (1989) sowie mit Repräsentationsmechanismen (1984; 1981) auseinandergesetzt. Darüber hinaus hat er umfassende, tiefgreifende Überlegungen zum Verhältnis zwischen Soziologie und Politik hinterlassen (2002). Unterschiedliche Aspekte seines Werkes wurden später aufgegriffen. Seine Arbeit zu kulturellen Praktiken bildete zum Beispiel die Grundlage für Untersuchungen zum individuellen Verhältnis zur Politik (Gaxie 1978). 202 DOI 10.24053/ ldm-2024-0025 Dossier Insbesondere seine Arbeiten zu Sozialisierungsprozessen als Basis eines sogenannten Habitus (Bourdieu 1979) 2 führten dazu, dass sich die Politikwissenschaft mit Politisierungsprozessen (als Prozesse einer politischen Sozialisierung, die als Erwerb politischer Kenntnisse und Vorstellungen verstanden wird) auseinandersetzte. Diese Zentralität von Bourdieu passt zur Beschreibung der französischen Politikwissenschaft als „auto-référentielle“ (#9), in dem Sinne, dass sie sich hauptsächlich auf französischsprachige Literatur beziehe und wenig im Austausch mit internationalen Diskussionen oder Kontroversen stehe. Dieser Eindruck scheint zwar von einigen Praktiken bestätigt zu werden (in Bewerbungsverfahren für Professuren wird z. B. immer noch Wert auf Publikationen in hochrangigen französischsprachigen Zeitschriften gelegt), muss aber auch nuanciert werden. So werden fremdsprachige Autor*innen sehr häufig zitiert - unter den deutschsprachigen Autor*innen sind unter anderen Habermas und Arendt auch in Frankreich sehr präsent. In Deutschland gibt es keine im gleichen Maße prägende Figur wie Bourdieu in Frankreich. Vielmehr verfügt jedes Forschungsfeld über seinen eigenen Kanon. So bezieht sich zum Beispiel die Forschung zu politischer Repräsentation immer wieder auf Fraenkel; Arbeiten zur vergleichenden Regierungsforschung auf von Beyme (#9 und #8) und die Politische Theorie auf Ansätze der Kritischen Theorie sowie der Radikalen Demokratietheorie, dort interessanterweise auch stark auf französische Autoren wie Rancière und Castoriadis (#1). 3.2. Untersuchungsgegenstand und Forschungsfragen Nachdem sich der vorangegangene Abschnitt mit prägenden Figuren auseinandergesetzt hat, widmen sich dieser und die nachfolgenden Abschnitte verschiedenen Etappen des Forschungsprozesses. Grundlegend ist festzuhalten, dass sich die Untersuchungsgegenstände der Politikwissenschaft kaum zwischen Frankreich und Deutschland unterscheiden - in beiden Ländern beschäftigt sich die Disziplin zum Beispiel mit Parteien, Wahlverhalten oder politischen Eliten. Man widmet sich diesen jedoch auf unterschiedliche Art und formuliert andere Fragen. In Frankreich führt die enge Verflechtung mit der Soziologie vor allem zu erklärenden Ansätzen (approches compréhensives). Der Fokus liegt häufig auf der Genese soziopolitischer Prozesse wie z. B. der Entstehung des modernen Rechtsstaats oder darauf, die Entwicklung eines bestimmten Politikfeldes anhand akteurszentrierter Analysen zu rekonstruieren (für ein Beispiel aus der Migrationspolitik cf. Laurens 2009). Basierend auf Bourdieu geht es zudem oft darum, eine Soziologie der Staatseliten zu erstellen, auf nationaler (Eymeri 2001; Beauvallet / Michon 2017) oder europäischer Ebene (Georgakakis 2012). Dieses Muster zeigt sich auch mit Blick auf die Analyse bestimmter politischer Maßnahmen (Policies). Französische Studien untersuchen vor allem ihren Ursprung, ihre genèse, und die soziologischen Prozesse, die zum Beispiel zur Verabschiedung einer Reform geführt haben. Deutsche Studien hingegen widmen sich verstärkt der DOI 10.24053/ ldm-2024-0025 203 Dossier Evaluation von Policies und fokussieren auf die Wirkung (Output). Ergebnis sind häufig konkrete Empfehlungen an die Politik, wodurch die Wissenschaft eine normative Dimension erhält, die sich auch in der französischen Wahrnehmung widerspiegelt (#9). Ein Beispiel, welches im Rahmen unserer Konferenz aufkam, war die Forschung zur Situation unbegleiteter minderjähriger Flüchtlinge. Während sich deutsche Arbeiten mit der Frage nach einer Verbesserung der Unterstützung Minderjähriger auseinandersetzten, lag der Fokus in Frankreich auf dem Versuch, den Begriff unbegleiteter Minderjähriger zu dekonstruieren (Käckmeister 2021). 3.3. Methoden Basierend auf unseren eigenen Erfahrungen, persönlichen Gesprächen und unserer kurzen Online-Umfrage zeigen sich bei den verwendeten Methoden die größten Unterschiede, und es scheint, als ergäben sich hier für Nachwuchswissenschaftler*innen auch die größten Herausforderungen. Insgesamt ist der prägende Eindruck, dass in Deutschland häufiger quantitative Methoden verwendet werden (#1, #3, #4, #8), was in Gesprächen und in unserer Umfrage auch immer wieder mit einer wahrgenommenen stärkeren Internationalisierung in Verbindung gebracht wird. In Frankreich ist die Methodologie hingegen stark soziologisch geprägt und es dominieren qualitative und ethnografische Ansätze (#2, #5, #7). So ist zum Beispiel die teilnehmende Beobachtung in der französischen Politikwissenschaft weit verbreitet, in Deutschland hingegen wird man ihr eher nicht oder nur sehr selten begegnen (#4, #9). Roux (2025) spricht hier im europäischen Vergleich auch vom methodologischen „Exzeptionalismus“ der französischen Politikwissenschaft. Dies zeigt sich auch in der Lehre. So schrieb eine*r der Wissenschaftler*innen in unserer Umfrage: Französische Lehre ist auf die politische Theorie der ‚großen‘ Denker des letzten Jahrhunderts ausgelegt. Eine gründliche quantitative Ausbildung ist sehr rar in Frankreich. Im [...] Spannungsfeld zwischen Theorie und Empirie stellt Frankreich das theoretische Extrem dar und ist deutlich skeptischer gegenüber positivistischen, quantitativen Ansätzen (Teilnehmer*in #3). Insgesamt lässt sich ein spannender Widerspruch zwischen der jeweiligen Eigen- und Fremdwahrnehmung beobachten. Während die französische Lehre aus deutscher Sicht als sehr theorielastig wahrgenommen wird, zeigte sich im vorigen Zitat, dass die deutsche Forschung aus französischer Sicht als weniger empirisch wahrgenommen wird. Diese sich auf beiden Seiten zeigende Wahrnehmung einer stärkeren Empirie-Ausrichtung im eigenen Land ist zumindest eine interessante Beobachtung und verweist auf ein eventuell divergierendes Empirie-Verständnis. Neben den Unterschieden bei Ausbildung und Methodenwahl ergeben sich manchmal auch interessante Beobachtungen in Bezug auf Methoden, die in beiden Ländern weit verbreitet sind. Ein Beispiel sind hier Interviews als Methode zur Datenerhebung. Während in Deutschland das Expert*inneninterview dominiert, sind in 204 DOI 10.24053/ ldm-2024-0025 Dossier Frankreich biographisch orientierte Interviews deutlich verbreiteter. Valérie Lozac’h sprach hier im Rahmen unserer Konferenz vom piège du nominalisme: Es gilt, sich zu fragen, ob Begriffe im anderen Kontext die gleiche Bedeutung haben. Denkt man zum Beispiel bei der Methode des Interviews an völlig andere Praktiken? 3.4. Textgestaltung Internationale Zeitschriften und peer-reviewing-Verfahren haben wesentlich zur Standardisierung des Schreibens in den Sozialwissenschaften beigetragen. Die wissenschaftliche Darstellung in Fachartikeln soll neue Erkenntnisse und ihren Mehrwert gegenüber dem bisherigen Forschungsstand klar herausarbeiten; die Erkenntnisse sollen sich auf klar identifizierbare empirische Methoden stützen; und sie sollen reflektiert diskutiert werden. In beiden Ländern wurden diese Standards aufgenommen, wobei jedoch Unterschiede zu erkennen sind. Mehrere Teilnehmer*innen unserer Umfrage weisen darauf hin, dass in Frankreich großer Wert auf die Fragestellung (la problématique oder problématisation) gelegt wird. Zentral ist hierbei das Formulieren einer oder mehrerer Fragen, die nicht nur den Forschungsprozess leiten, sondern auch eine gewisse Spannung deutlich machen („un dilemme“, „une enigme“, #1, #4, #6), für deren Lösung wissenschaftliche Erklärungsmuster und -methoden ins Spiel gebracht werden. Insbesondere in Monografien und Dissertationen soll diese Spannung das wissenschaftliche Schreiben leiten und - bis zu einem gewissen Maß und zumeist auf Französisch - Narration erlauben. Dadurch wird die französische Politikwissenschaft oft als literarischer bewertet als die Deutsche: Je trouve qu’en France on garde l’importance du „dilemme“ et de la „problématique“ dans l’écriture, avec une plus forte tendance au récit qu’en Allemagne, où on traite davantage les aspects du problème „bloc par bloc“ en élargissant parfois la question de recherche (Teilnehmer*in #4) Aufgrund der Zentralität der problématisation beim französischen wissenschaftlichen Schreiben hat sich inzwischen ein ganzer Literaturzweig herausgebildet, der sich der Erarbeitung von guten problématiques widmet und fester Bestandteil von Forschungsseminaren ist (Lemieux 2012). Diese Wichtigkeit der problématique in Frankreich kommt den im Ausland sozialisierten Forschenden manchmal fremd vor. Forschende, die in Deutschland sozialisiert wurden, sind an ein eher technisches und methodologisches Schreiben gewöhnt (#2, #8), das sich häufig stark an den Standards internationaler, englischsprachiger Zeitschriften orientiert. 3.5. Internationalisierung Der letzte Aspekt, auf den wir vergleichend blicken, ist die Internationalisierung. Zwar schwang das Thema bereits bei Fragen der Textgestaltung und auch bei der Diskussion zur Methodik mit, es lohnt jedoch eine explizite Betrachtung. Ganz grundlegend stellt sich zum Beispiel die Frage, in welcher Sprache publiziert wird oder an welchen Konferenzen Politikwissenschaftler*innen teilnehmen. Anfang der 2000er DOI 10.24053/ ldm-2024-0025 205 Dossier stellte Hartmann (2003) fest, die französische Disziplin stehe der deutschen und britischen an Internationalität nicht nach. Die deutsche Politikwissenschaft hat sich in den letzten 20 Jahren jedoch stark über den deutschsprachigen Raum hinaus internationalisiert und mehrere große Standorte sind europaweit sichtbar in Bezug auf quantitative methodische Innovationen (z. B. Computational Social Science) und Datenmanagement (z. B. Mannheim mit dem GESIS, Konstanz mit dem Exzellenzcluster InEquality). So hat sich auch die Möglichkeit der kumulativen Promotion, welche in anderen Ländern und den Naturwissenschaften schon länger verbreitet war, als Alternative zur Monographie an vielen Standorten fest etabliert. Die Publikationssprache innerhalb der empirisch-analytisch ausgerichteten Bereiche wie zum Beispiel der Wahl- oder Einstellungsforschung ist inzwischen häufig englisch und viele der ursprünglich auf Deutsch publizierenden Fachzeitschriften nehmen heute sowohl Beiträge auf Deutsch als auch auf Englisch an. Zwar gilt der Befund der starken Internationalisierung sicherlich nicht für alle Standorte und Teilbereiche, der globale Trend ist jedoch klar erkennbar und passt zur historischen Entwicklung der Disziplin. Diese war durchlaufend stark von amerikanischen Einflüssen geprägt und die deutsche Politikwissenschaft war immer wieder Teil europäischer Vernetzung. So gehörte Rudolf Wildenmann neben Stein Rokkan (Norwegen), Jean Blondel (ein Franzose, der jedoch in England lehrte) und Hans Daalder (Niederlande) zu den Gründern des European Consortium of Political Research (Bleek 2001: 408), der noch heute bestehenden größten europäischen Fachvereinigung. Die französische Politikwissenschaft hat sich in den vergangenen zwanzig Jahren weniger stark internationalisiert. So ist zum Beispiel die französischsprachige Monographie immer noch der Standard für Promovierende und das Schreiben in anderen Sprachen bleibt eine Ausnahme und findet beispielsweise im Rahmen binationaler Cotutelle-Promotionen statt. Nach Boncourt et al. (2022) lässt sich in Bezug auf Internationalisierungsbestrebungen eine interne Spaltung der Disziplin beobachten - ein Eindruck, der sich auch in einzelnen Antworten unserer Umfrage zeigt (#3). Boncourt et al. (2022) beschreiben, dass französische Institutionen bei der Einstellung neuer Mitarbeiter*innen im Hinblick auf die Internationalisierung unterschiedliche Strategien verfolgen. Während eine internationale Ausrichtung bei den Einstellungen von Sciences Po Paris und, in geringerem Maße, auch bei anderen Sciences Po und beim CNRS eine zentrale Rolle spielt, wird sie an den Universitäten weniger verfolgt. Dies bedeutet zwar, dass die französische Politikwissenschaft relativ inklusiv ist, verschiedene (Nicht-)Internationalisierungsstrategien können den Weg zu einer festen akademischen Stelle ebnen. Aber es führt nach Boncourt et al. (2022) auch zu relativ unscharfen Bewertungskriterien. Insbesondere für Nachwuchswissenschaftler*innen ergibt sich hieraus „ein Minenfeld“ (Teilnehmer*in #3). Die Uneinigkeit innerhalb des Faches zwinge zu Trade-Off-Entscheidungen zwischen dem französischen und internationalen Markt: Englisch oder Französisch, Teilnahme an einer europäischen oder einer französischen Konferenz. 206 DOI 10.24053/ ldm-2024-0025 Dossier 4. Lost in Translation? Wie der vorangegangene Vergleich gezeigt hat, gibt es zwischen den Ländern innerhalb der Disziplin kleinere und größere Unterschiede - manche sehr offensichtlich, andere deutlich subtiler. Nachwuchswissenschaftler*innen, die in beiden Ländern arbeiten, stehen also vor der Herausforderung, einen konstruktiven Umgang mit diesen Unterschieden zu finden, der Missverständnissen vorbeugt und ein ‚Lost in Translation‘ vermeidet. In diesem Abschnitt wollen wir daher sowohl Einblicke geben, wie wir selbst im Franco-Allemand navigieren, als auch Tipps von anderen Wissenschaftler*innen teilen. In der Eröffnungsrede des binationalen Colloque Junior, das die Grundlage dieses Dossiers bildet, stellte Valérie Lozac’h fest, dass man als Wissenschaftler*in häufig als Expert*in für das Land wahrgenommen wird, zu welchem man forscht. Dieser Status sei jedoch reduktionistisch, da die gewonnenen Erkenntnisse ja auch über das untersuchte Land hinaus gelten können. Um auch unter denjenigen, die sich nicht für das jeweils andere Land interessieren, Interesse an der eigenen Forschung zu wecken, schlägt sie daher folgende Strategie vor: Verbindungen zum Vertrauten herzustellen, zum Beobachtbaren im Herkunftsland. Neben dieser recht breit angelegten Empfehlung folgen nun ein paar konkrete Tipps: Schreibt man im ‚französischen Stil‘ mit umfangreicher Problématique, so empfehlen wir, für den deutschen Kontext eine einfache Version der Forschungsfrage vorzubereiten. Zudem wird empfohlen, sich klar zu machen, an wen man sich mit welcher Präsentation/ Publikation wendet und die Rückmeldungen entsprechend zu filtern: Il y a nécessairement des points intéressants dans les retours de ‚l’autre‘ pays, mais tous ne seront pas possibles à intégrer, et c’est OK, et ne remet pas en cause la valeur du travail effectué. Avoir conscience du caractère positionné de l’évaluation aide à la gérer (Teilnehmer*in #9). Bei deutsch-französischen Cotutelle-Promotionen sollte man zudem die Erwartungen vorher klar absprechen, „denn sie können sich krass unterscheiden“ (Teilnehmer*in #5). Aus unserer eigenen Erfahrung bietet es sich an, hierbei nicht nur zu klären, ob die Arbeit auf Deutsch oder Französisch verfasst wird, sondern sich mit den Betreuer*innen auch über Stil, Länge und Methodik auszutauschen - und gegebenenfalls auch darüber, in welchem der beiden Länder man eher eine akademische Zukunft sieht. Auch zwei unserer Umfrage-Teilnehmer*innen empfehlen, sich möglichst früh zu entscheiden, in welchem der beiden Länder man langfristig tätig sein möchte („Irgendwann scheint es geboten, eine Wahl des Kontextes zu treffen“, Teilnehmer*in #1) und danach müsse man „dann auch (leider oftmals) seine Forschung anpassen: sei das hinsichtlich des Forschungsgegenstandes, der Methoden, der Form der Dissertation [...] oder der Menschen, mit denen man kollaboriert“ (Teilnehmer*in #2). DOI 10.24053/ ldm-2024-0025 207 Dossier Abschließend möchten wir darauf hinweisen, dass es von Nachwuchswissenschaftler*innen immer wieder als große Herausforderung wahrgenommen wird, „deutsch-französisch zu fahren“ (Teilnehmer*in #1). Dies liegt jedoch nicht nur an Unterschieden zwischen wissenschaftlichen Kulturen, sondern auch an den Strukturen. Diese werden in beiden Ländern als undurchsichtig beschrieben, insbesondere für im Ausland sozialisierte Wissenschaftler*innen. In Frankreich wurde zum Beispiel die Unterscheidung von CNRS und Universitäten genannt und in Deutschland das häufig als veraltet und hierarchisch kritisierte Lehrstuhlprinzip (#2). 5. Fazit Der Vergleich zwischen der deutschen und der französischen Politikwissenschaft hat gezeigt, wie sehr die eigene Disziplin in einem anderen akademischen Kontext fremd erscheinen kann. Gleichzeitig lässt sich diese Fremdheit natürlich auch produktiv nutzen. Wer sich im Franco-Allemand bewegt, lernt nicht nur neue theoretische Zugänge, methodische Traditionen und akademische Routinen kennen, sondern entwickelt auch einen reflexiven Blick auf das eigene wissenschaftliche Selbstverständnis. Die Entwicklung dieses reflexiven Blicks wäre ohne die Erfahrung des Perspektivwechsels kaum möglich. Gleichzeitig darf nicht unterschätzt werden, dass unterschiedliche Publikationslogiken, divergierende Erwartungshorizonte oder sprachliche Unsicherheiten insbesondere für Promovierende zu Stolpersteinen werden können. Doch unsere Erfahrung zeigt, dass gerade unter Nachwuchswissenschaftler*innen im deutschfranzösischen Raum ein stark ausgeprägtes Klima gegenseitiger Unterstützung herrscht. Netzwerke und Förderinstitutionen wie die DFH, das CIERA oder das CMB bieten nicht nur finanzielle Ressourcen, sondern auch konkrete Gelegenheiten zum Austausch, zur kollegialen Beratung und zur gemeinsamen Weiterentwicklung von Projekten. Für Promovierende gilt daher, sich die beschriebenen Unterschiede bewusst zu machen und aktiv mit diesen umzugehen, um ein ‚Lost in Translation‘ zu vermeiden. Aufgrund unseres interdisziplinären Austauschs während der Nachwuchskonferenz sind wir zuversichtlich, dass sich unsere auf der Politikwissenschaft basierenden Reflexionen zum Navigieren im Franco-Allemand auch auf andere Geistes- und Sozialwissenschaften übertragen lassen. Abélès, Marc, Un ethnologue à l’Assemblée, Paris, Odile Jacob, 2000. Bleek, Wilhelm, Geschichte der Politikwissenschaft in Deutschland, München, C. H. Beck, 2001. Bleek, Wilhelm / Gawrich, Andrea, „Politikwissenschaft“, www.bpb.de/ kurz-knapp/ lexika/ handwoerterbuch-politisches-system/ 202090/ politikwissenschaft (publiziert 2021, abgerufen am 15. September 2025) Blondiaux, Loïc / Veitl, Philippe, „La carrière symbolique d’un père fondateur. 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In Frankreich waren 407 Professoren (Maîtres de Conférence und Professeurs des universités) an Universitäten und IEP im Jahre 2021 tätig (AFSP 2021). Hinzu kommen ca. 240 CNRS-Forschende (Sections 36 und 40) (CNRS, Berechnung von ANCMSP 2021). 2 Bourdieu definiert den Habitus als System „dauerhafter Dispositionen, strukturierte Strukturen, die geeignet sind, als strukturierende Strukturen zu wirken“ (Bourdieu 1979; Übersetzung von Rehbein/ Saalmann 2014: 112).