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Ältere deutsche Literatur

Eine Einführung

0619
2023
978-3-8385-5942-1
978-3-8252-5942-6
UTB 
Gert Hübner
10.36198/9783838559421

Dieser Band erläutert auf anschauliche Weise die historischen Grundbedingungen der Älteren deutschen Literatur vom 9. bis zum 16. Jahrhundert. Er stellt die Orte der Produktion und Rezeption deutschsprachiger Texte vor und zeichnet die Ausbreitung der Schriftlichkeit, die Entwicklung des Dichtungsbegriffs und wichtige Aspekte der Geschichte von Versdichtung und Prosaliteratur nach. Verfahren des Bedeutungsaufbaus in poetischen Texten werden anhand von konkreten Beispielen vorgestellt und es wird gezeigt, wie diese als Teil der mittelalterlichen Kulturen analysiert und interpretiert werden können. Tipps zur Informations- und Literaturrecherche sowie Hinweise auf weiterführende Lektüre runden den Band ab. Die dritte Auflage wurde durchgesehen und um jüngste Forschungsergebnisse und -tendenzen erweitert.

Gert Hübner Ältere deutsche Literatur 3. Auflage Dieser Band erläutert auf anschauliche Weise die historischen Grundbedingungen der Älteren deutschen Literatur vom 9. bis zum 16. Jahrhundert. Er stellt die Orte der Produktion und Rezeption deutschsprachiger Texte vor und zeichnet die Ausbreitung der Schriftlichkeit, die Entwicklung des Dichtungsbegriffs und wichtige Aspekte der Geschichte von Versdichtung und Prosaliteratur nach. Verfahren des Bedeutungsaufbaus in poetischen Texten werden anhand von konkreten Beispielen vorgestellt und es wird gezeigt, wie diese als Teil der mittelalterlichen Kulturen analysiert und interpretiert werden können. Tipps zur Informations- und Literaturrecherche sowie Hinweise auf weiterführende Lektüre runden den Band ab. Die dritte Auflage wurde durchgesehen und um jüngste Forschungsergebnisse und -tendenzen erweitert. Literaturwissenschaft Ältere deutsche Literatur 3. A. Hübner Dies ist ein utb-Band aus dem Narr Francke Attempto Verlag. utb ist eine Kooperation von Verlagen mit einem gemeinsamen Ziel: Lehr- und Lernmedien für das erfolgreiche Studium zu veröffentlichen. utb.de QR-Code für mehr Infos und Bewertungen zu diesem Titel ISBN 978-3-8252-5942-6 2023-05-03_5942-6_Hübner_M_2766_PRINT.indd Alle Seiten 2023-05-03_5942-6_Hübner_M_2766_PRINT.indd Alle Seiten 03.05.23 10: 28 03.05.23 10: 28 utb 2766 Eine Arbeitsgemeinschaft der Verlage Brill | Schöningh - Fink · Paderborn Brill | Vandenhoeck & Ruprecht · Göttingen - Böhlau · Wien · Köln Verlag Barbara Budrich · Opladen · Toronto facultas · Wien Haupt Verlag · Bern Verlag Julius Klinkhardt · Bad Heilbrunn Mohr Siebeck · Tübingen Narr Francke Attempto Verlag - expert verlag · Tübingen Psychiatrie Verlag · Köln Ernst Reinhardt Verlag · München transcript Verlag · Bielefeld Verlag Eugen Ulmer · Stuttgart UVK Verlag · München Waxmann · Münster · New York wbv Publikation · Bielefeld Wochenschau Verlag · Frankfurt am Main UTB (M) Impressum_03_22.indd 1 UTB (M) Impressum_03_22.indd 1 23.03.2022 10: 23: 51 23.03.2022 10: 23: 51 Prof. Dr. Gert Hübner (†) war bis 2016 Extraordinarius für Germanistische Mediävistik im Europäischen Kontext an der Universität Basel. Prof. Dr. Cordula Kropik hat den Lehrstuhl für Germanistische Mediävis‐ tik an der Universität Bayreuth inne. Dr. Stefan Rosmer ist Postdoc für Germanistische Mediävistik an der Universität Basel. Lysander Büchli ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Germanistische Mediävistik an der Universität Bayreuth. Gert Hübner Ältere deutsche Literatur Eine Einführung 3., durchgesehene und aktualisierte Auflage bearbeitet von Cordula Kropik, Stefan Rosmer und Lysander Büchli Narr Francke Attempto Verlag · Tübingen 3., durchgesehene und aktualisierte Auflage 2023 2., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage 2015 1. Auflage 2006 DOI: https: / / www.doi.org/ 10.36198/ 9783838559421 © 2023 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Ver‐ vielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Einbandgestaltung: siegel konzeption | gestaltung CPI books GmbH, Leck utb-Nr. 2766 ISBN 978-3-8252-5942-6 (Print) ISBN 978-3-8385-5942-1 (ePDF) ISBN 978-3-8463-5942-6 (ePub) Umschlagabbildung: Meister Gottfried von Straßburg aus der Großen Heidelberger Liederhandschrift (Codex Manesse, Heidelberg, Universitätsbibliothek, Cod. Pal. Germ. 848, fol. 364r), Ausschnitt. Die Schreibtafel war in Darstellungen der Sieben Freien Künste das Kennzeichen der Rhetorik (vgl. S. 304). Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. www.fsc.org MIX Papier aus verantwortungsvollen Quellen FSC ® C083411 ® 9 1 11 1.1 11 1.2 18 1.3 22 2 25 2.1 25 2.2 26 2.3 32 2.4 38 3 47 3.1 47 3.2 49 3.3 67 3.4 72 4 81 4.1 81 4.2 88 4.3 97 4.4 104 4.5 111 Inhalt Vorwort zur 3. Auflage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wozu ältere Literatur? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Epochenbegriffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Aufbau des Buchs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ältere deutsche Literatur - der Zeitraum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literatur, Sprache, Kultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Frühes Mittelalter: Althochdeutsche und altniederdeutsche Literatur (um 750 bis um 1050) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Hohes Mittelalter: Mittelhochdeutsche Literatur (um 1050 bis um 1350) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Spätes Mittelalter und frühe Neuzeit: Frühneuhochdeutsche Literatur (um 1350 bis um 1600) und mittelniederdeutsche Literatur (13. bis 16.-Jahrhundert) . . Ältere deutsche Literatur - die Ausbreitung der Schriftlichkeit . . Was ist ›deutsche‹ Literatur? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Deutsche Schriftlichkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Lateinisch-deutsche Literaturbeziehungen . . . . . . . . . . . . . . Romanisch-deutsche Literaturbeziehungen . . . . . . . . . . . . . Ältere deutsche Literatur - ›Literatur‹ und ›Dichtung‹ . . . . . . . . Die Begriffe ›Literatur‹ und ›Dichtung‹ . . . . . . . . . . . . . . . . Die Tradition des antiken lateinischen Dichtungsbegriffs . Die mündliche Tradition . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Begriffe ›Autor‹ und ›Text‹ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Prosa und Roman . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 115 5.1 118 5.2 118 5.3 119 5.4 120 5.5 120 5.6 121 5.7 123 5.8 125 5.9 126 5.10 127 5.11 128 5.12 130 5.13 131 5.14 132 5.15 134 5.16 136 5.17 137 5.18 138 5.19 139 5.20 141 5.21 143 6 145 6.1 145 6.2 146 6.3 157 6.4 165 7 177 7.1 177 7.2 182 7.3 188 7.4 196 Was lesen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ›Hildebrandslied‹ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Otfrid von Weißenburg: ›Evangelienbuch‹ . . . . . . . . . . . . . ›König Rother‹ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Pfaffe Konrad: ›Rolandslied‹ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Heinrich von Veldeke: ›Eneasroman‹ . . . . . . . . . . . . . . . . . . Minnesang und Sangspruchdichtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . Walther von der Vogelweide: Lieder . . . . . . . . . . . . . . . . . . Hartmann von Aue: ›Erec‹ und ›Iwein‹ . . . . . . . . . . . . . . . ›Nibelungenlied‹ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gottfried von Straßburg: ›Tristan‹ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wolfram von Eschenbach: ›Parzival‹ . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wolfram von Eschenbach: ›Willehalm‹ . . . . . . . . . . . . . . . . Märendichtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Heinrich Wittenwiler: ›Der Ring‹ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Johannes von Tepl: ›Der Ackermann‹ . . . . . . . . . . . . . . . . . Oswald von Wolkenstein: Lieder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Thüring von Ringoltingen: ›Melusine‹ . . . . . . . . . . . . . . . . . ›Fortunatus‹ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ›Ein kurtzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel‹ . . . . . . . . . . . . ›Historia von D. Johann Fausten‹ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ›Das Lalebuch‹ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Handschriften, Drucke, Editionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Schriftliche Textüberlieferung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Handschriften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Buchdruck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Editionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Verse und Strophen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Bedeutung der Verse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Versformen im frühen Mittelalter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vers- und Strophenformen im hohen Mittelalter . . . . . . . . Vers- und Strophenformen in Spätmittelalter und früher Neuzeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 Inhalt 8 203 8.1 206 8.2 208 8.3 210 8.4 211 8.5 213 8.6 215 9 219 9.1 219 9.2 220 9.3 231 9.4 239 10 247 10.1 247 10.2 248 10.3 251 10.4 255 10.5 257 10.6 259 11 277 11.1 277 11.2 277 11.3 281 11.4 287 11.5 293 12 299 12.1 299 12.2 302 12.3 308 12.4 313 Argumentativer Bedeutungsaufbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Argumentation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Textuelle Sequenzierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Begriffsbeziehungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Metaphorische Analogien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kulturelles Wissen: Lebensziele und Herrschaftsordnung . Pathos und Ethos . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Narrativer Bedeutungsaufbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was sind Erzählungen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ›Geschichte‹ und ›erzählerische Vermittlung‹ . . . . . . . . . . . ›Engelhard‹: Die Geschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ›Engelhard‹: Die erzählerische Vermittlung . . . . . . . . . . . . . Kulturelle Wissensordnungen I: Diskurse und Diskursanalyse . . Praktisches und begrifflich-diskursives kulturelles Wissen Kultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was ist ein Diskurs? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Historische Diskursanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Diskurs, ›schöne Literatur‹, Dichtung . . . . . . . . . . . . . . . . . ›Geschlechtsverkehr‹ in Diskursen des 12. und 13.-Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kulturelle Wissensordnungen II: Praktiken und Praxeologie . . . . Diskurse und Praktiken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fastnachtspiel und Fastnacht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Fastnachtspiel vom Eggenziehen . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kulturelle Praktiken und Handlungswissen . . . . . . . . . . . . . Praktisches Wissen und moralisches Wissen . . . . . . . . . . . . Theologische und rhetorische Wirklichkeitskonstruktionen . . . . Kulturelle Wirklichkeitskonstruktionen und textuelle Bedeutungspraktiken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Rhetorik und Plausibilität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Theologie und Wahrheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Topik und Wahrheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inhalt 7 13 325 13.1 325 13.2 326 13.3 327 13.4 329 13.5 330 13.6 331 13.7 332 13.8 333 13.9 335 13.10 337 363 366 Informationsmöglichkeiten und Literaturhinweise . . . . . . . . . . . . Für die Studienpraxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Informationen im Internet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sprachgeschichte, Wörterbücher und Grammatiken . . . . . Einführungen in die ältere deutsche Literaturwissenschaft Einführungen in mediävistische Nachbarfächer . . . . . . . . . Literaturgeschichten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Autoren- und Werklexika . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sach- und Personenlexika . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Begriffsgeschichtliche Lexika . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literatur zu den einzelnen Kapiteln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bildnachweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Inhalt Vorwort zur 3. Auflage Vor einiger Zeit trat der Verlag Narr Francke Attempto mit dem Wunsch an uns heran, die dritte Auflage von Gert Hübners Einführung zur Älteren deutschen Literatur zu betreuen. Wir waren schnell davon überzeugt, dass dies sinnvoll und nützlich wäre, weil wir die Einführung in der Lehre gern verwenden und es bedauern würden, wenn sie vom Markt verschwände. Gert Hübners Konzept, nicht nur Einführungswissen zu vermitteln, sondern dies von Beginn an mit begrifflicher Reflexion sowie der Vermittlung eigenständiger Analyse- und Interpretationskompetenz zu verbinden, hat sich bewährt und scheint uns eine wichtige Handreichung auch für fortge‐ schrittenere Studierende zu sein. Nicht ganz so einfach war es, die Frage zu beantworten, wie stark wir den Text bearbeiten wollten und sollten. Ange‐ sichts der umfangreichen Ergänzungen und Bearbeitungen in der 2. Auflage und der geschlossenen Konzeption und Komposition des Buchs haben wir nach längeren Überlegungen und intensiven Diskussionen beschlossen, Aufbau und Inhalt für die 3. Auflage weitestgehend beizubehalten. Wir haben den Text geringfügig überarbeitet, die Literaturangaben aktualisiert und an einigen Stellen notwendige Ergänzungen vorgenommen. Wir hoffen, dass auch die dritte Auflage vielen Studierenden den Einstieg in die mittelalterliche Literatur und die germanistische Mediävistik erleich‐ tert. Tillmann Bub vom Verlag Narr Francke Attempto danken wir herzlich für die effiziente und freundliche Zusammenarbeit und die verlegerische Betreuung. Wir danken Noemi Grieder und Martha Holmer für ihre Unter‐ stützung bei der redaktionellen Arbeit. Bayreuth und Basel, im April 2023 Cordula Kropik Stefan Rosmer Lysander Büchli 1 Wozu ältere Literatur? 1.1 Einführung Der Himmel - Der Himmel liegt seit heute Nacht in einem Ellenbogen darein hatt’ ich gesmôgen das kin und ein mîn wange viel lange Zeit. - Der Himmel ist einsachtzig groß und hat die blauen Augen zum Frühstück aufgeschlagen all so ist auch sein Magen von dieser Welt. - (Ulla Hahn: Herz über Kopf. Gedichte. Stuttgart 1981, S.-12.) Die böse Antwort auf die Frage ›Wozu ältere Literatur? ‹ lautet: Zur intel‐ lektuellen Selbstbefriedigung. Welchen Gewinn bringt einem beispielsweise die Erkenntnis, dass Ulla Hahn in diesem Liebesgedicht ein paar Brocken aus einem Lied Walthers von der Vogelweide zitiert, außer der Lust an der Überlegenheit der eigenen Bildung? »Ach - Sie wussten nicht, dass das Mittelhochdeutsch ist und aus dem bekanntesten Text des bekanntesten deutschen Dichters des Mittelalters stammt? « »Ach was«, könnten Sie darauf erwidern, »ich weiß, dass Frau Dr. Hahn in Germanistik promoviert hat - Literatur für Literaturwissenschaftler: innen.« Meine Antwort auf die Frage ›Wozu ältere Literatur? ‹ setzt ein wenig hinterlistig bei der Unterstellung an, dass Sie ein Interesse an zeitgenössi‐ scher Literatur haben. Auf dieser Basis will ich versuchen zu erklären, aus welchen Gründen Sie Ihr Interesse auf ältere Literatur ausdehnen könnten. Beginnen wir also zunächst damit, dass wir uns auf das Bedeutungsspiel in Ulla Hahns Gedicht einlassen. Um das Bedeutungsangebot aufgreifen und das Spiel mitspielen zu können, müssen Rezipient: innen allerdings über Wissen verfügen. So braucht es beispielsweise sprachliches Wissen: Man muss die Bedeutungen der Wörter, die Satzkonstruktionen und die Zusammenhänge zwischen den Sätzen verstehen können. Und da lässt uns Frau Hahn schon stolpern, weil sie teilweise mittelhochdeutsch redet. Was nützt uns das Wissen, dass sie Formulierungen aus einem berühmten Lied Walthers von der Vogelweide zitiert? In Walthers Text (er ist auf S. 171 vollständig abgedruckt) erzählt einer, wie er einmal allein auf einem Stein saß, ein Bein über das andere geschlagen, den Ellenbogen aufs Knie gestützt und das Kinn in die Hand geschmiegt: Ich saz ûf eime steine und dahte bein mit beine. dar ûf sazte ich den ellenbogen, ich hete in mîne hant gesmogen mîn kinne und ein mîn wange. In Ulla Hahns Reim »viel lange« auf »wange« klingt Walther noch nach, weil sein Text mit dô dâht ich mir vil ange (›da dachte ich sehr eingehend darüber nach‹) fortfährt. Vil lange hätte man auf Mittelhochdeutsch für ›sehr lange‹ gesagt. Der Gegenstand des Nachdenkens ist bei Walther dann, dass die drei wichtigsten Lebensziele - Besitz, gesellschaftliches Ansehen und die göttliche Gnade, die zur ewigen Glückseligkeit führt - nur schwer miteinander zu vereinbaren sind. Wir müssen ein wenig enttäuscht sein und den Verdacht bestärkt sehen, dass das nicht viel mit Ulla Hahns Thema zu tun hat und das Zitat bloß Bildungsgetue ist. Oder sind es vielleicht gerade die Unterschiede zu Walther, die dem Zitat in Ulla Hahns Bedeutungsaufbau einen Sinn geben? Einmal ist einer allein und hat Kinn und Wange in die eigene Hand geschmiegt, die auf den eigenen Ellenbogen gestützt ist. In dieser Körperhaltung klagt er darüber, wie schwer es ist, die wichtigsten Lebensziele zu erreichen. Unter ihnen kommt die Liebe nicht vor, aber in Gestalt der göttlichen Gnade die ewige Glückseligkeit, die man im Himmel erreicht. Aha - der Himmel. Das andere Mal ist eine (oder einer, je nach Identifikationsvermögen) nicht allein und hat Kinn und Wange in einen anderen Ellenbogen geschmiegt. Hier gibt es nichts zu klagen, weil dieser Ellenbogen als Zeichen für ein erotisches Objekt den Himmel als Zeichen für die Glückseligkeit bedeutet. Wer Walthers Text kennt, kann der Metapher ›der Himmel‹ eine Bedeutung ablesen, die auf dem Unterschied 12 1 Wozu ältere Literatur? zwischen beiden Texten beruht: Ulla Hahn setzt die Liebe an die Stelle, an der bei Walther die Gnade Gottes als Weg zur Glückseligkeit steht. Nun versteht man besser, weshalb manche Formulierungen des Gedichts witzig wirken. Wenn der Himmel, wie bei Walther, im Jenseits liegt, ist die Glückseligkeit eine ewige und bleibt sich deshalb immer gleich. Wenn sich der Himmel dagegen beim diesseitigen Geliebten finden lässt, ist die Glückseligkeit zwangsläufig endlich - und womöglich auch nicht mehr stets dieselbe. Der alte Bedeutungsumfang der himmlischen Ewigkeit ist uns aber immer noch nicht ganz fremd geworden; deshalb lächeln wir darüber, dass das früher einmal zeitlose Glück »seit heute Nacht« einen neuen Ort und einen neuen Anfang hat. Und wir verstehen, dass die Dauer des Glücks unter diesen Umständen bloß noch eine Angelegenheit des subjektiven Erlebens sein kann: Wenn der Himmel erst seit heute Nacht in jenem Ellenbogen liegt, kann die »viel lange Zeit« des Schmiegens nach dem objektiven Stundenmaß nicht sehr lange gedauert haben. Zu Walthers Zeit war die himmlische Glückseligkeit objektiv ewig; in der subjektiv empfundenen Dauer klingt das immer noch nach. Und nun versteht man auch, weshalb das Gedicht, das die Verweltlichung der Vorstellung vom Glück anklingen lässt, zwangsläufig profan endet. Heutzutage muss auch der Himmel essen; freundlicherweise deutet Frau Dr. Hahn nur dezent an, dass er folglich auch verdauen wird. Der Magen macht deutlich, wie sehr der in Rede stehende Himmel »von dieser Welt« ist, und damit sind wir wieder beim Unterschied zu Walthers Glückseligkeit, die nicht von dieser Welt war. So lässt das Ende des Gedichts verhältnismäßig offensichtlich werden, worum es geht. Das Walther-Zitat signalisiert, dass wir seinen Text kennen müssen, um Ulla Hahn verstehen zu können. So weit, so gut; wir haben das Spiel mitge‐ spielt und das Bedeutungsangebot des Gedichts dabei aufgegriffen, jeden‐ falls auf eine mögliche Weise, und uns so einen Sinn zusammengereimt. Aber wozu das komplizierte Verfahren? Warum sagt Frau Hahn nicht einfach, dass die gelungene erotische Beziehung im Diesseits heute den Stellenwert hat, den früher die ewige Glückseligkeit im Jenseits hatte, dass das Glück dabei aber vergänglich und profan wurde? Welches Bedeutungsangebot spielt sie uns mit ihrer Verfahrensweise zu? Sie führt uns, leichthändig und ein wenig kokett, den Zusammenhang zwischen der Geschichtlichkeit der Literatur und ihrer Funktion vor, indem sie die Literaturgeschichte im Text aufscheinen lässt. Aus diesem Grund steht ihr Gedicht am Anfang dieses Buches. Was wir erleben und was 1.1 Einführung 13 wir sprachlich zum Ausdruck bringen, signalisiert das Gedicht, ist von Bedeutungsmustern geprägt, die im Lauf der Geschichte entstanden sind. Wahrscheinlich werden in der Tat nur Germanist: innen einen gelungenen erotischen Kontakt in den Worten Walthers von der Vogelweide erleben und beschreiben - als Schmiegen von Kinn und Wange in einen Ellenbo‐ gen, der den Gedanken an den Begriff der Glückseligkeit herbeiruft. Aber auf irgendwelche Formulierungsmuster, irgendwelche Ausdrucksformen, irgendwelche Bedeutungskonstruktionen ist jedes Wahrnehmen und Füh‐ len, jedes Denken und Sprechen angewiesen, auch wenn wir es für intim, persönlich und individuell halten. Indem wir etwas erleben und zum Ausdruck bringen, ordnen wir ihm Bedeutungen zu, die auf geschichtlich entstandenen Konventionen beruhen. Schon die Wörter und die Satzmuster, die wir benutzen, sortieren die Welt in einer bestimmten Art und Weise, die wir als Sprachbenutzer: innen vorfinden. Metaphern wie ›der Himmel‹ für ›das Glück‹, signalisiert Ulla Hahn, bringen zum Ausdruck, wie wir die Welt erleben. Ihre Funktion, Modelle für das Welterleben und für das Reden über die Welt zu liefern, beruht auf den Bedeutungskonventionen, die in der Geschichte der Meta‐ pher entstanden sind: Der Geliebte kann den Himmel bedeuten, weil der Himmel einmal eine religiöse Bedeutung hatte. Indem wir einen Geliebten als Himmel erleben und bezeichnen, nehmen wir die alte Bedeutung auf, aber wir verändern sie zugleich: Denn der Himmel ist nun von dieser Welt, einsachtzig groß und morgens hungrig. Vielleicht wird dieses Gedicht in Ihr eigenes Bedeutungsuniversum eingehen und die Muster bereichern, nach denen Sie erotische Beziehungen erleben und zur Sprache bringen - beim nächsten Ellenbogenkontakt, oder wenn Sie am Frühstückstisch in blaue Augen schauen. Genau das ist der Gedanke, den uns Ulla Hahn mit ihrem Verfahren zuspielt: Wenn sie mit ihren Texten unser Bedeutungsuniversum bereichert, beruht das immer schon auf Bedeutungskonstruktionen, mit denen frühere Texte ihr eigenes Bedeutungsuniversum bereicherten. Der Zusammenhang zwischen der Geschichtlichkeit der Literatur und ihrer Funktion besteht darin, dass jede Bedeutungskonstruktion ihre Geschichte mit sich trägt, das Fortbestehen von Altem und die Unterschiede zu ihm. Das gilt für jeden Text, aber dieser macht es zum Thema. Ich knüpfe an diese Beobachtungen einige abstraktere Aussagen über die Zusammenhänge zwischen den Begriffen ›Bedeutung‹, ›Geschichte‹, 14 1 Wozu ältere Literatur? Bedeutung Geschichte Kontinuität Alterität ›Kultur‹ und ›Literatur‹, die schrittweise eine Antwort auf die Frage ›Wozu ältere Literatur? ‹ ansteuern. 1. ›Bedeutungen‹ sind Formen oder Muster, in denen wir die Wirklichkeit erleben und zum Ausdruck bringen. Dabei hängen ›Erleben‹ und ›Ausdrü‐ cken‹ eng zusammen: Das ganze Wahrnehmungsmuster, das das Gedicht aufbaut, beruht auf den Ausdrucksformen, die es benutzt. Nur weil es die metaphorische Bedeutung von ›Himmel‹ samt ihrer Geschichte gibt, können wir das Glück als Himmel auffassen. Unsere Lebenswelt ist eine Welt der Bedeutungen: Das, wovon das Gedicht handelt, erleben und besprechen wir, wie alles andere, immer in irgendwelchen Formen oder Mustern, das heißt als eine interpretierte Wirklichkeit. Die Bedeutungsmuster unserer Lebenswelt sind das Ergebnis von Geschichte. 2. ›Geschichte‹ hat zwei Aspekte: Zum einen die Traditionen, in denen wir stehen, einschließlich der Änderungen, die wir an ihnen vornehmen; zum anderen unser Wissen um die Traditionen und ihren Wandel. Unabhängig davon, ob wir es wissen oder nicht, ist unsere Lebenswelt das Ergebnis von Geschichte. So greift jeder Text Bedeutungsmuster auf, die eine lange Geschichte haben, auch wenn wir es nicht wissen. Das Besondere an Ulla Hahns Gedicht besteht darin, dass es beide Aspekte ins Spiel bringt: Das Zitat eines Textes aus der Vergangenheit steht nicht nur für die Traditionen selbst, sondern auch für das Wissen um sie. Ebenso stehen die Unterschiede zwischen der Bedeutungskonstruktion des modernen und des zitierten Textes für den Wandel und das Wissen um ihn. Weshalb wollen wir wissen, dass und in welcher Weise unsere Lebenswelt das Ergebnis von Geschichte ist? Geschichtliches Wissen dient zwei Er‐ kenntniszielen: Es soll zeigen, wie die Gegenwart aus der Vergangenheit geworden ist; und es soll zeigen, was in der Vergangenheit anders war. Das erste Ziel verfolgen wir, um zu verstehen, wieso heute alles so ist, wie es ist; das zweite Ziel verfolgen wir um der Einsicht willen, dass nicht immer alles so war, wie es heute ist, und dass deshalb nicht zwangsläufig alles so sein muss, wie es heute ist. Diese beiden Erkenntnisziele bringt man gern mit den Begriffen ›Kontinuität‹ (›Fortdauer‹) und ›Alterität‹ (›Andersheit‹) in Verbindung: Wenn wir uns unter dem Aspekt der Kontinuität für Geschichte interessieren, interessiert sie uns als Vorgeschichte der Gegenwart. Unter dem Aspekt der Alterität interessiert uns das Verlorengegangene, das uns mehr oder weniger fremd ist. Geschichte ist dann eine Übung im Umgang mit Ungewohntem. Beide Erkenntnisziele dienen nicht der intellektuellen Selbstbefriedigung: Wir erwarten uns davon ein überlegteres Verhältnis zu 1.1 Einführung 15 Kultur Literatur Literaturgeschichte Kulturgeschichte unserer eigenen Gegenwart, das vor allem darin besteht, sie für weniger selbstverständlich zu halten. 3. Die Bedeutungsmuster unserer Lebenswelt, die das Ergebnis von Geschichte sind, und die Lebenspraktiken, in denen diese Bedeutungsmuster hervorgebracht, überliefert, benutzt und verändert werden, nennen wir, wenn wir sie in ihrer Gesamtheit bezeichnen wollen, ›Kultur‹. Wenn wir uns mit der Geschichte von Bedeutungsmustern und ihrer praktischen Verwendung beschäftigen, beschäftigen wir uns mit der Geschichte der Kultur. 4. Literatur versorgt uns mit Bedeutungsmustern: Sie ist eines unserer kulturellen Mittel (eines unter anderen), die Welt wahrnehmbar, begreifbar, bewertbar und ausdrückbar zu machen. Alle Bedeutungskonstruktionen, die sie uns zur Verfügung stellt, haben ihre Geschichte, ebenso wie die Verfahrensweisen, mit denen Bedeutung aufgebaut wird. Die Vorstellungen von der Liebe oder von der Glückseligkeit waren nicht immer dieselben; Metaphern haben nicht immer auf dieselbe Weise funktioniert; Erzählver‐ fahren haben sich verändert. Literaturgeschichte verfolgt dieselben Erkenntnisziele wie jede Art von Geschichte: Sie soll uns mit geschichtlichem Wissen über Traditionen und ihre Veränderungen, über Kontinuitäten und Alteritäten ausstatten, damit wir ein überlegteres Verhältnis zu unserer Gegenwart einnehmen können. Insofern es dabei um Bedeutungsmuster und die Praktiken ihrer Verwen‐ dung geht, ist die Literaturgeschichte ein Teil der Kulturgeschichte. Zur Ge‐ schichte der Vorstellungen vom Glück oder von der Liebe beispielsweise haben Dichter: innen Beiträge geleistet, aber auch Philosoph: innen, Theo‐ log: innen, Maler: innen, Bildhauer: innen und wer nicht noch alles. Das kul‐ turelle Bedeutungsuniversum reicht in die Werke der Dichter: innen hinein, aber es erstreckt sich viel weiter. Ebenso sind die Verfahrensweisen des Bedeutungsaufbaus kulturge‐ schichtliche Angelegenheiten. Metaphern kommen nicht nur in der Dich‐ tung vor, sondern in nahezu jeder Art von Text; auf Erzählverfahren trifft man auch in der Alltagskommunikation oder in der Geschichtsschreibung. Allerdings sind Literaturwissenschaftler: innen in besonderem Maß für die Verfahrensweisen des Bedeutungsaufbaus und ihre Geschichte zuständig. Eine kulturgeschichtliche Angelegenheit ist zudem die Frage, was mit ›Literatur‹ eigentlich gemeint sein soll. Unseren modernen Begriff von ›Literatur‹ gab es nicht zu allen Zeiten, und auch unter ›Dichtung‹ hat man nicht immer dasselbe verstanden. 16 1 Wozu ältere Literatur? Wozu ältere Literatur? literaturgeschichtliches Inter‐ esse Kulturgeschichtliches Interesse 5. Die Antwort auf die Frage ›Wozu ältere Literatur? ‹ könnte also fol‐ gendermaßen lauten: Mit älterer Literatur beschäftigt man sich, weil die Literatur unserer eigenen Zeit das Ergebnis von Geschichte ist und weil man hofft, das Gegenwärtige umso besser verstehen und beurteilen zu können, je mehr man von dieser Geschichte weiß. Dazu gehört das Wissen um Kontinuitäten genauso wie das Wissen um Alteritäten. Dieses Wissen bezieht sich zum einen auf die Literatur selbst, andererseits auf die Literatur als Teil der Kultur. Man kann beides nicht voneinander trennen, sondern nur den Interessenschwerpunkt mehr auf den einen oder mehr auf den anderen Aspekt legen. Eher auf die Literatur selbst zielen, jedenfalls dem ersten Anschein nach, Fragen wie die folgenden: Woran liegt es, dass man in der älteren Zeit häufig auf Verse stößt, und wie ist es gekommen, dass das heute nicht mehr so ist? Woran liegt es, dass Figuren in alten Erzählungen einen typenhaften Eindruck machen und sich im Verlauf der Handlung kaum verändern, und weshalb hat sich das gewandelt? Aber selbst solche Fragen lassen sich nur in einem kulturgeschichtlichen Rahmen beantworten: Die Häufigkeit des Verses hängt vom jeweiligen Dichtungsbegriff ab, und der ist eine Ange‐ legenheit der jeweiligen kulturellen Vorstellungen. Die Individualität von Figuren und ihre Entwicklungsfähigkeit im Lauf der Erzählung hängt vom jeweiligen Begriff vom Menschen und damit ebenfalls von den jeweiligen kulturellen Vorstellungen ab. Eher auf kulturgeschichtliche Zusammenhänge zielt beispielsweise die Frage, die das Gedicht von Ulla Hahn aufwirft: Wie kommt es, dass bei Walt‐ her von der Vogelweide Besitz, gesellschaftliches Ansehen und Gottes Gnade als wichtigste Lebensziele gelten, während bei Ulla Hahn das Glück in einer gelungenen erotischen Beziehung liegt? Zur Beantwortung dieser Frage müsste man die jeweiligen kulturellen Bedeutungsordnungen beschreiben, die in die beiden Texte hineinreichen. Solange man diese zur Texterklärung heranzieht, richtet man sein Interesse aber trotzdem in erster Linie auf die Literatur. Die Fragerichtung lässt sich allerdings umdrehen: Man kann den Text Walthers von der Vogelweide zusammen mit anderen Texten auch als Quelle heranziehen, um die historischen Bedeutungsordnungen auf dem Feld der Glücksvorstellungen zu erforschen. Dann benutzt man die Literatur eher als Mittel, um zu Erkenntnissen zu gelangen, die über sie hinausreichen. Mit älterer Literatur beschäftigt man sich also einerseits, um etwas über die geschichtlichen Traditionen zu erfahren, in denen die Literatur unserer Gegenwart als Bestandteil unserer gegenwärtigen Kultur steht. Andererseits 1.1 Einführung 17 Geschichts‐ bilder Was ist ›ältere Literatur‹? beschäftigt man sich mit älterer Literatur, um etwas darüber zu erfahren, wie sich ältere Literatur in ihrem jeweiligen kulturellen Umfeld von den Verhältnissen unterscheidet, die heute herrschen. In der konkreten Praxis zielt die Beschäftigung mit älterer Literatur, wie jede Art von historischer Wissenschaft, gewöhnlich darauf, falsche oder zu einfache Geschichtsbilder zu korrigieren. Bei meiner Interpretation des Gedichts von Ulla Hahn habe ich mich beispielsweise auf ein weit verbreitetes Geschichtsbild eingelassen, nämlich dass die Werteordnung ›im Mittelalter‹ auf die ewige Glückseligkeit im Jenseits ausgerichtet war, während sie bei uns auf das diesseitige Glück ausgerichtet ist. Zur Aufgabe der Literaturgeschichte gehört in diesem Fall der Hinweis darauf, dass zur Zeit Walthers von der Vogelweide, also zu Beginn des 13. Jahrhunderts, schon die Metaphorik auftaucht, die Ulla Hahn benutzt. Bei Walther selbst kommt der Himmel in einem Liebeslied, im Zusammenhang mit der ero‐ tischen Beziehung, in der verweltlichten Bedeutung vor: Ir houbet ist sô wunnenrîch / alse ez mîn himel welle sîn - ihr Gesicht ist so beglückend schön, gerade wie wenn es mein Himmel sein wollte. Wir beschäftigen uns mit älterer Literatur, wie mit allen Phänomenen früherer Zeiten, also nicht zuletzt, um einen differenzierteren Zugang zur Geschichte zu gewinnen. 1.2 Epochenbegriffe Wenn ich bisher von ›älterer Literatur‹ gesprochen habe, bezog sich das einerseits auf das Beispiel Walther von der Vogelweide, andererseits auf al‐ les, was nicht Literatur unserer eigenen Zeit ist. In der Tat hätte ich meine Überlegungen genauso gut an ein Gedicht anknüpfen können, das Heine, Goethe, Lessing oder Gryphius zitiert, denn im Verhältnis zur Gegenwart ist das alles ›ältere Literatur‹. Freilich sind wir es gewohnt, die deutsche Lite‐ raturgeschichte in eine ›neuere‹ und eine ›ältere‹ aufzuteilen, wobei die äl‐ tere vom 8. bis zum 15. oder 16. Jahrhundert reicht und die neuere mit dem 16. oder 17. Jahrhundert anfängt. In der gegenwärtigen wissenschaftlichen Praxis ist das 16. Jahrhundert sowohl Gegenstand der Neueren als auch der Älteren deutschen Literaturwissenschaft. Mit dem Anfang im 8. Jahrhundert verhält es sich relativ einfach, weil seit dieser Zeit deutschsprachige Schrift‐ texte aufgezeichnet wurden. Die Entscheidung, die ältere deutsche Literatur mit dem 15. Jahrhundert enden und die neuere mit dem 16. Jahrhundert beginnen zu lassen, ist eine Konsequenz der Epochenbegriffe ›Mittelalter‹ 18 1 Wozu ältere Literatur? Historische Sprachstufen Zeiteinteilung im Mittelalter 6 Weltalter und ›Neuzeit‹; ältere deutsche Literatur ist dann deutsche Literatur des Mit‐ telalters. Für die Entscheidung, das 16. Jahrhundert noch zur älteren Litera‐ tur zu zählen, gibt es zwei Gründe. Der erste ist der Zweifel am Erkennt‐ niswert der Epochenbegriffe ›Mittelalter‹ und ›Neuzeit‹; das will ich gleich noch erläutern. Der zweite Grund ist ein eher pragmatischer: Dass innerhalb der deutschen Literaturwissenschaft eine ältere und eine neuere Abteilung entstanden, hängt nämlich nicht zuletzt mit den praktischen Sprachkompe‐ tenzen zusammen, die für die Beschäftigung mit ›älterer‹ deutscher Literatur nötig sind. Unter diesen Umständen bestimmen vor allem die historischen Sprachstufen, was ›ältere‹ deutsche Literatur ist - nämlich Literatur, die auf Althochdeutsch, Mittelhochdeutsch, Frühneuhochdeutsch oder in den je‐ weiligen niederdeutschen Entsprechungen verfasst ist. Die ›neuere‹ deut‐ sche Literatur beginnt dann mit der Herausbildung des Neuhochdeutschen in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, während die frühneuhochdeutsche des 16.-Jahrhunderts noch zur ›älteren‹ gehört. Die Unterscheidung zwischen Mittelalter und Neuzeit, die im italienischen Humanismus entstand, ist ein Ergebnis unserer Kulturgeschichte und ihrer Bedeutungsordnungen. Nach und nach hat sie eine ältere, seit der Spätantike in ganz Europa verbreitete Zeiteinteilung abgelöst. Diese liegt beispielsweise noch der ›Schedelschen Weltchronik‹ zugrunde, die im Jahr 1493, kurz vor dem Ende unseres ›Mittelalters‹, in Nürnberg gedruckt wurde (vgl. dazu Kapitel 6.3). Sie war das Gemeinschaftsunternehmen eines Nürnberger Humanistenkreises, zu dem auch der Stadtarzt Hartmann Schedel gehörte, ein hochgebildeter Mann auf der intellektuellen Höhe seiner Zeit. Weltchroniken sind ein Texttyp mit einer langen mittelalterlichen Tradi‐ tion auf Latein wie auf Deutsch. Sie benutzen stets dasselbe Epochenschema für die Weltgeschichte, das auf den Kirchenvater Augustinus (354-430) zurückgeht. In Analogie zu den sechs Schöpfungstagen gibt es sechs Welt‐ alter nach dem Gang der biblischen Geschichte: 1. von Adam bis zur Sintflut die Frühgeschichte der Menschheit; 2. von Noah bis Abraham die Vorgeschichte Israels; 3. von Abraham bis König David und 4. von David bis zur babylonischen Gefangenschaft die Geschichte des Bundes zwischen Gott und Israel; 5. von der babylonischen Gefangenschaft bis Christus die Zeit der Propheten als Vorgeschichte des Bundes Gottes mit der Christenheit; 6. von Christus bis zur jeweiligen Gegenwart und darüber hinaus bis zum Ende der Welt, das die Offenbarung des Johannes beschreibt, die Geschichte der Christenheit. 1.2 Epochenbegriffe 19 4 Weltreiche Antike - Mittelalter - Neuzeit Mittelalter‐ bild der Aufklärung Der Gang der Dinge ist nach diesem Schema zur Zukunft hin nicht offen. Wer es im Kopf hatte, lebte der eigenen Vorstellung nach im letzten Zeitalter der Welt. Wie lange es noch dauern würde, wusste man nicht, wohl aber, was danach kommen und dass es bis dahin keine prinzipiellen Veränderungen mehr geben würde. Dieses Modell der sechs Weltalter benutzte auch Schedel für seine Welt‐ chronik. Von einer ›Antike‹ oder einem ›Mittelalter‹ wusste er ebenso wenig wie die Verfasser älterer Weltchroniken. Ein Begriff war ihm das Römische Reich, denn darin lebte er gemäß der herrschenden Überzeugung: Es war nie untergegangen, sondern von Karl dem Großen und den auf ihn folgenden Kaisern - römischen, nicht fränkischen oder deutschen Kaisern - übernom‐ men worden. Es galt Schedel nach alter Tradition als das letzte in einer Reihe von vier Weltreichen - babylonisches, persisches, griechisches, römisches - und würde Bestand haben bis zum Weltende. In Italien entstanden unterdessen die Ansätze für ein anderes Geschichts‐ bild. Francesco Petrarca (1304-1374), der als Begründer des Humanismus gilt, wandte sich als erster von der Idee des ungebrochenen Fortbestands des Römischen Reichs ab. In den antiken Ruinen in Rom sah er vielmehr die Zeichen einer untergegangenen Herrlichkeit Italiens, die es wiederherzu‐ stellen galt. Zwischen der antiken Glanzzeit und seiner eigenen Gegenwart lag seiner Ansicht nach eine dunkle Ära, eine mittlere Zeit, in der die Völker des Nordens die Glorie der italienischen Kultur zerstört hatten. Mit der Rückbesinnung auf das römische Altertum sollte das Elend ein Ende finden. Das Mittelalter ist eine Erfindung der italienischen Humanisten. Es war ursprünglich nicht so sehr als europäische Epoche gedacht, sondern hatte eher die Funktion eines kulturpolitischen Kampfbegriffs: Italien sollte tausend Jahre germanischer Barbarei hinter sich lassen. Erst im späten 17.-Jahrhundert machte der deutsche Gelehrte Christoph Cellerarius das Schema zu einem universalgeschichtlichen. Seitdem glauben wir daran, wie Schedel an die sechs Weltalter glaubte: Zwischen dem Untergang des Römischen Reichs in den Wir‐ ren der Völkerwanderung und der ›Renaissance‹ der Antike liegt das medium aevum, das mittlere Zeitalter. Nach und nach sicherte man die obere Grenze breiter ab: Neben Renaissance und Humanismus dienen u.-a. die Erfindung des Buchdrucks, die geographischen Entdeckungen des 15. und 16. Jahrhunderts, die Reformation und die Entwicklung der modernen Naturwissenschaften seit Kopernikus und Galilei als Epochenschwellen der Neuzeit. Die Kernbestände der bis heute gängigen Mittelalter-Klischees gehen auf die Zeit der Aufklärung im 18. Jahrhundert und der Romantik um 1800 20 1 Wozu ältere Literatur? Mittelalter‐ bild der Romantik Epochenbegriffe zurück. Aus der Aufklärung stammt die Idee vom ›finsteren Mittelalter‹, in dem die Vernunft, die die antiken Philosophen stark gemacht hatten, tausend Jahre lang unter Knechtschaft des Glaubens stand. Es endete, als die Humanisten der Renaissance-Zeit im 15. und 16. Jahrhundert die römische und griechische Antike zum kulturellen Vorbild erhoben und die Reformatoren im 16. Jahrhundert die kulturelle Hegemonie der katholischen Kirche brachen. Indem die Aufklärer einen großen Kontinuitätsbruch zwischen Mittelalter und Neuzeit behaupteten, konnten sie ihre eigene Erneuerungskraft betonen und brauchten sich selbst nur in die Traditionen von Renaissance-Humanisten und Reformatoren zu stellen. ›Neuzeit‹ bedeutet in diesem Konzept Dynamik und Fortschritt, ›Mittelalter‹ Stagnation und Stillstand. Genauso wie das Mittelalter der Aufklärung war auch das Mittelalter der Romantik ein Gegenentwurf zur eigenen Zeit, in der die Romantiker eine wachsende Kluft zwischen Einzelnem und Gesellschaft sowie eine zunehmende Ausdifferenzierung einzelner kultureller Felder wie Politik, Re‐ ligion, Wissenschaft und Kunst wahrnahmen. Als Kontrastmodell zu diesem negativ bewerteten Auseinanderfallen der eigenen Lebenswelt diente das Mittelalter, das man sich nun als eine Zeit umfassender kultureller Einheit vorstellte, in der sich alles harmonisch zusammengefügt hatte. Modern gesagt, konstruierten Aufklärer wie Romantiker eine grundsätzliche und generelle Alterität des Mittelalters gegenüber ihrer eigenen Zeit. Beide stellten sich zu diesem Zweck das Mittelalter als eine in sich sehr homogene kulturelle Epoche vor, die sie allerdings ganz unterschiedlich bewerteten. Epochen ›gibt‹ es selbstverständlich nicht. Epochenbegriffe sind kulturelle Bedeutungskonstruktionen, die einen Erkenntniswert haben, wenn sie Ver‐ änderungen identifizieren und dadurch wichtige Unterschiede zwischen Zeit‐ räumen erfassen. Das schließt freilich die Notwendigkeit ein, den Zeitraum, den man von einem anderen unterscheidet, zugleich als eine innere Einheit begreifen zu können. In dieser Hinsicht haben die Epochenbegriffe ›Mittelal‐ ter‹ und ›Neuzeit‹ erhebliche Schwächen, denn sie erfassen viel zu große Zeiträume. Unvermeidlich verdecken sie dabei die Vielfalt und die gravieren‐ den Veränderungen innerhalb der jeweiligen Epoche. Zugleich konstruieren sie einen scharfen Bruch zwischen den Epochen, statt die Komplexität und Langwierigkeit historischer Prozesse in den Blick zu rücken. So gibt es einerseits kaum etwas, von dem man behaupten könnte, es sei für das ganze Mittelalter typisch, nicht dagegen für die Antike und die Neuzeit. Andererseits lassen sich die Ursprünge mancher ›neuzeitlicher‹ Phänomene - etwa der kapitalistischen Wirtschaft, des modernen Staats 1.2 Epochenbegriffe 21 Epochen der älteren deutschen Literatur Historische Bedingungen oder der Trennung von Religion und Wissenschaft - bis ins 12. und 13. Jahr‐ hundert zurückverfolgen. Wichtige Innovationen des 15. und 16. Jahrhun‐ derts wie der Buchdruck oder die modernen Naturwissenschaften gewannen ihrerseits nur langsam an Wirkungsmacht und veränderten die kulturelle Lebenswelt erst im 18. Jahrhundert tiefgreifend und breitenwirksam. Die alte Vorstellung, dass sich Mittelalter und Neuzeit fast schon wie zwei unterschiedliche Kulturen gegenüberstehen, ist deshalb viel zu einfach; statt mit einem klaren Bruch hat man es mit einem vielfältigen Geflecht langfristiger Kontinuitäten und Veränderungen zu tun. Ich benutze im Folgenden weniger großräumige Epochenbegriffe, die auf den historischen Sprachstufen des Deutschen beruhen: Als frühmittel‐ alterliche Literatur bezeichne ich die althochdeutsche und altniederdeut‐ sche, als hochmittelalterliche die mittelhochdeutsche, als spätmittelalter‐ lich-frühneuzeitliche die frühneuhochdeutsche und mittelniederdeutsche (Genaueres dazu im nächsten Kapitel). Die Bezeichnung ›spätmittelalter‐ lich-frühneuzeitlich‹ verweist in ihrer Zusammensetzung einerseits auf die literaturgeschichtlichen Kontinuitäten, die von der Mitte des 14. Jahrhun‐ derts bis zum 16. Jahrhundert reichen, also die Grenze zwischen Spätmittel‐ alter und früher Neuzeit überspannen, andererseits auf die Innovationen in den Jahrzehnten um 1500, die mit Buchdruck, Humanismus und Reforma‐ tion zusammenhängen. 1.3 Aufbau des Buchs Es geht in diesem Buch also um die ältere deutsche Literatur vom 8. bis zum 16. Jahrhundert. Die Kapitel 2 bis 7 skizzieren historische Bedingungen älterer Literatur: Kapitel 2 bietet einen Überblick über die literar- und kulturhistorischen Grundkoordinaten des Zeitraums. Kapitel 3 verfolgt die Ausbreitung deutschsprachiger Schrifttexte und informiert über die Bedeu‐ tung, die lateinische und romanische Texte für die Entwicklung hatten. Kapitel 4 behandelt die Vorstellungen, die an den Begriffen ›Literatur‹ und ›Dichtung‹ hängen. Kapitel 5 stellt eine Reihe von Texten vor, die aus verschiedenen Gründen besonders große literaturgeschichtliche Bedeutung haben. In Kapitel 6 geht es um die Überlieferungsbedingungen der älteren deutschen Literatur, also darum, wie die Texte auf uns gekommen sind und welche Erkenntnismöglichkeiten die Textüberlieferung eröffnet. Kapitel 7 22 1 Wozu ältere Literatur? Bedeutungsaufbau skizziert die wichtigsten Stationen der Geschichte des Verses, weil ›Dich‐ tung‹ in der älteren Zeit vor allem als Rede in Versen galt. Die Kapitel 8 bis 12 behandeln unterschiedliche, aber miteinander zusam‐ menhängende Aspekte des Bedeutungsaufbaus in Texten: Kapitel 8 führt am Beispiel der von Ulla Hahn zitierten Strophe Walthers von der Vogelweide in die Beschreibung begrifflicher Bedeutungsbeziehungen und des argumen‐ tativen Bedeutungsaufbaus in Texten ein. Kapitel 9 erläutert an Konrads von Würzburg Versroman ›Engelhard‹ Verfahrensweisen des narrativen Bedeutungsaufbaus. Kapitel 10 beschäftigt sich mit Diskursen als kulturellen Ordnungen begrifflichen Wissens, die den Bedeutungsaufbau in Texten beeinflussen; als Beispiel dient die Thematisierung des Geschlechtsverkehrs im ›Engelhard‹. In Kapitel 11 geht es anhand eines Fastnachtspiels um den Zusammenhang zwischen dem Bedeutungsaufbau in Texten und kulturellen Praktiken, die nicht in erster Linie auf begrifflich-diskursivem Wissen be‐ ruhen. Kapitel 12 stellt zwei Modelle kultureller Wirklichkeitskonstruktion vor, die zwischen dem 8. und 16. Jahrhundert - teils in Verbindung miteinan‐ der, teils in Konkurrenz zueinander - als Grundlagen für den Bedeutungsauf‐ bau in Texten dienten: das theologische Modell der Offenbarungswahrheit und das rhetorische Modell der glaubhaften Wahrscheinlichkeit. Kapitel-13 enthält eine Auswahl ein- und weiterführender wissenschaftlicher Literatur, wichtiger Nachschlagewerke und digitaler Informationsangebote. Die neuhochdeutschen Übersetzungen zu den in diesem Buch angeführ‐ ten Textbeispielen stammen entweder aus den zitierten Ausgaben oder - wenn es dort keine Übersetzungen gibt bzw. es angemessener schien - vom Verfasser. 1.3 Aufbau des Buchs 23 2 Ältere deutsche Literatur - der Zeitraum 2.1 Literatur, Sprache, Kultur Dieses Kapitel und die beiden folgenden behandeln die Frage nach den Gegenständen der älteren deutschen Literaturwissenschaft: Was ist mit ›älter‹, was mit ›deutsch‹ und was mit ›Literatur‹ gemeint? Am Anfang steht ein Überblick über sprachgeschichtliche und kulturgeschichtliche Bedingungen der deutschen Literatur in der ›älteren‹ Zeit. In Vorlesungen und Seminaren zur älteren deutschen Literatur geht es zumeist um deutschsprachige Texte, die in handschriftlicher oder gedruckter Form aus der Zeit vom 8. bis zum 16. Jahrhundert erhalten geblieben sind. Die Verhältnisse sind allerdings komplizierter, als der erste Blick verrät. Recht häufig wird man nämlich mit weiteren Texten konfrontiert, die in einem engen Zusammenhang mit den deutschsprachigen stehen: Mit Texten aus derselben Zeit, die auf Latein oder in verschiedenen romanischen Sprachen abgefasst sind, ebenso wie mit erheblich älteren Texten, vor allem biblischen und solchen aus der römischen Antike. Das liegt daran, dass der Gegenstand Literatur sowohl eine sprachliche als auch eine kulturelle Angelegenheit ist. Einerseits wird jeder Text in einer bestimmten Sprache zu einer bestimmten Zeit produziert (formuliert, vorgetragen, aufgeschrieben, gedruckt) und rezipiert (gehört, gelesen, abge‐ schrieben). Weil jeder Text eine Sprache hat, ohne deren Kenntnis er nicht zu verstehen ist, sind Literaturwissenschaften nach Sprachen eingeteilt. Gegenstand der älteren deutschen Literaturwissenschaft sind in diesem Sinn Texte der älteren deutschen Sprachstufen vor dem Neuhochdeutschen. Andererseits steht jeder Text in geschichtlichen Zusammenhängen, die oft weit vor seine Entstehungszeit zurückreichen und die nicht an die Sprache gebunden sind, in der er verfasst ist. In diesem Sinn sind die europäischen Kulturtraditionen, zu denen die Texte der älteren deutschen Sprachstufen gehören, Gegenstand der älteren deutschen Literaturwissen‐ schaft. Diese beiden Aspekte, den sprachgeschichtlichen und den kultur‐ geschichtlichen, verfolgt der Überblick über den Zeitraum der älteren deutschen Literatur. Schriftlich‐ keit Althoch‐ deutsch 2.2 Frühes Mittelalter: Althochdeutsche und altniederdeutsche Literatur (um 750 bis um 1050) Sowohl für die Geschichte der Sprache als auch für die der Literatur ist es von großer Bedeutung, wer Texte herstellt, an wen diese Texte gerichtet sind und welchem Zweck sie dienen. Im engen Zusammenhang damit stehen die kulturellen - die wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und bildungsge‐ schichtlichen-- Bedingungen der Literatur. Aus der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts, der Zeit Karls des Großen, stammen die ältesten deutschen Schrifttexte. Vorher wurde Deutsch nicht geschrieben, sondern ausschließlich gesprochen. Da gesprochene Texte nicht erhalten bleiben, wenn es keine dafür geeigneten Aufzeichnungstech‐ niken gibt, werden sowohl die deutsche Sprachgeschichte als auch die deutsche Literaturgeschichte erst mit dem Einsetzen der Schriftlichkeit greifbar. Außer in Gestalt von ganzen Texten ist das älteste Deutsch auch in Form von Glossen überliefert. Dabei handelt es sich um einzelne Wörter und Satzteile, die in lateinischen Handschriften als Verständnis- und Lernhilfen eingetragen sind. ›Althochdeutsch‹ meint keine Standardsprache in unserem modernen Sinn. Eine solche Sprache, die jenseits der Dialekte im gesamten deutschen Sprachraum weitgehend einheitlichen Regeln folgt, hat sich erst in der neu‐ hochdeutschen Zeit seit dem 17. Jahrhundert entwickelt. ›Althochdeutsch‹ ist lediglich eine nachträgliche Sammelbezeichnung für die Volkssprachen der Franken, Thüringer, Alemannen und Baiern. Althochdeutsch (Alemannisch): Vaterunser aus einer Handschrift des Klosters St. Gallen, 8. Jh. (Frühe deutsche und lateinische Literatur in Deutschland 800-1150. Hg. v. Walter Haug u. Benedikt Konrad Vollmann. Frankfurt a.-M. 1991, S. 24) (vgl. Abb. 1). Fater unseer, thu pist in himile, wihi namun dinan, qhueme rihhi din. werde willo diin, so in himile sosa in erdu. prooth unseer emezzihic kip uns hiutu, oblaz uns sculdi unseero, so uuir oblazem uns sculdikem, enti ni unsih firleiti in khorunka, uzzer losi unsih fona ubile. emmezihic (unser Wort ›emsig‹) bedeutet ›fortwährend‹; das Substantiv khorunka für ›Versuchung‹ kommt vom Verb koron, das ›versuchen‹ im Sinn von ›auf die Probe stellen‹ bedeutet. 26 2 Ältere deutsche Literatur - der Zeitraum Altnieder‐ deutsch Germani‐ sche und romanische Sprachen Latein Deutsch Die althochdeutschen Sprachen hatten Gemeinsamkeiten, die sie vom Alt‐ niederdeutschen der Sachsen (deshalb auch ›Altsächsisch‹) im Norden un‐ terschieden. Während Niederdeutsch (›Plattdeutsch‹) heute überwiegend als gesprochene Sprache existiert, entstand im 8. und 9. Jahrhundert außer der althochdeutschen auch eine altniederdeutsche Schriftliteratur. Die Sprecher: innen der althochdeutschen Sprachen lebten in der Zeit der ersten deutschen Glossen und Schrifttexte in einem Vielvölkerreich, über das das fränkische Königshaus der Karolinger herrschte. Die Sachsen wurden dem Karolingerreich zu dieser Zeit gerade gewaltsam einverleibt. Im Westen und im Süden herrschten die Karolinger über Menschen, die roma‐ nische Sprachen benutzten. Von ihnen unterschieden sich Althochdeutsch und Altniederdeutsch gemeinsam als germanische Volkssprachen. Die gängige Schriftsprache war im gesamten Karolingerreich das Latei‐ nische, das die Gelehrten zur Verständigung untereinander gebrauchten. In der lateinischen Gelehrtensprache wurde der Unterschied zwischen den germanischen und den romanischen Volkssprachen mit den Begriffen lingua theodisca und lingua romana erfasst. Dem lateinischen Adjektiv theodiscus entspricht im Althochdeutschen diutisk, auf das unser neuhochdeutsches Wort ›deutsch‹ zurückgeht; diutisk gehört zum althochdeutschen Substantiv diot für ›Volk, Leute‹. Während das Frankenreich Karls des Großen ein ro‐ manisch- und germanischsprachiger Herrschaftsverband war, entwickelte sich nach dem Tod seines Sohns Ludwigs des Frommen (840) seit der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts im östlichen Teil des Frankenreichs ein weitge‐ hend diutisk-sprachiger, ostfränkischer Herrschaftsverband. Die althochdeutsche und die altniederdeutsche Literaturproduktion en‐ den recht abrupt um 900. Aus den anschließenden 150 Jahren sind zwar Glossen überliefert, aber kaum noch althochdeutsche Texte. Eine wichtige Ausnahme davon ist der St. Galler Mönch Notker (genannt ›der Deutsche‹), der um die Jahrtausendwende umfangreiche Übersetzungen aus dem La‐ teinischen anfertigte. Um 1050 setzt eine neue, nun mittelhochdeutsche Schriftliteratur ein; seit dem frühen 13. Jahrhundert sind Texte auch in Mittelniederdeutsch aufgeschrieben worden. Die Produzenten und die Pro‐ duzentinnen - im Fall der frühmittelalterlichen Literatur ist erstmals eine Autorin namentlich bekannt, Frau Ava - wussten von den althochdeutschen bzw. altniederdeutschen Texten fast nichts mehr. Zwischen der alt- und der mittelhochdeutschen Literatur gibt es deshalb nahezu keine geschichtliche Kontinuität, ebenso wenig zwischen der alt- und der mittelniederdeutschen. 2.2 Frühes Mittelalter 27 Wirtschaft Gesellschaft Familie Grundherr‐ schaft Vasallität und Lehen Kirche In der Karolingerzeit, in der die schriftliche Überlieferung deutscher Texte einsetzt, bestand der deutsche Sprachraum aus kleinen Siedlungsinseln inmitten unzugänglicher Urwälder und Sumpflandschaften. Die Menschen lebten vorzugsweise entlang der Flusstäler und betrieben Landwirtschaft. Von einer arbeitsteiligen Gesellschaft mit unterschiedlichen Berufen kann kaum die Rede sein: Was man zum Leben benötigte, stellte man weitgehend selbst her. Handel gab es, gemessen an unseren Gewohnheiten, nur in geringem Ausmaß. Die sozialen Beziehungen zwischen den Menschen waren vor allem durch Verwandtschaft, Grundherrschaft und Vasallität geregelt. Der Familienver‐ band war zugleich eine Wirtschaftsgemeinschaft und, wegen der patriar‐ chalen Rechte des Hausherrn, eine Herrschaftsordnung. Denselben Doppelcharakter hatte die Grundherrschaft. Das bewirtschaf‐ tete Land gehörte wenigen Adeligen. Aufgrund ihrer Geburtsrechte und ihres Familienbesitzes, die ihnen eine militärische Ausrüstung ermöglichten, stellten sie eine privilegierte Kriegerelite dar. Die weitaus meisten Menschen besaßen nicht nur kein Land, sondern waren selbst Eigentum. Als Leibeigene gehörten sie zum Grundbesitz eines adeligen Herrn, dessen Land sie gegen Abgaben bestellten und der über sie herrschte. Vasallität regelte, zusammen mit Ehe und Verwandtschaft, die Beziehun‐ gen der adeligen Grundherren untereinander. Sie beruhte auf der persönli‐ chen Schwurverbindung, die den mächtigeren ›Herrn‹ zu Schutzleistungen, den ›Mann‹ (oder Vasallen) zu Beistandsleistungen verpflichtete. Von der Karolingerzeit bis ins hohe Mittelalter setzte sich immer mehr die Gewohn‐ heit durch, das Vasallitätsverhältnis mit der Verleihung von Grundbesitz (›Lehen‹) zu verbinden, so dass lehensrechtliche Beziehungen zur Grundlage des adeligen Herrschaftsverbandes wurden. Auf der Basis persönlicher Verwandtschafts- und Vasallitätsbeziehungen fand in der Karolingerzeit ›Politik‹ statt. Nichts von dem, was wir mit insti‐ tutioneller Staatlichkeit verbinden, existierte: Keine Ministerialbürokratie, keine Finanzverwaltung, keine Polizei, kein Amtsgericht, kein öffentliches Schulwesen. Herrschaft wurde nicht von Institutionen, sondern von Per‐ sonen ausgeübt und setzte Reichtum und die Fähigkeit zur gewaltsamen Durchsetzung der eigenen Interessen voraus. Auch der König war in diese Ordnung eingebunden: Seine Macht gründete auf seinem Landbesitz und auf seinem Status als Herr von Vasallen. Eigenschaften einer Institution hatte in der Karolingerzeit am ehesten die Kirche. Mit unseren modernen Amtskirchen hat sie freilich wenig 28 2 Ältere deutsche Literatur - der Zeitraum Kleriker und Laien Klöster und Literatur gemeinsam. Unter der karolingischen Kirche muss man sich in erster Linie Benediktinerklöster und Domstifte (Bischofssitze mit einem Bischof und in klosterähnlicher Gemeinschaft lebenden Domherren) vorstellen. Klöster und Bischofskirchen waren Grundherren; Landbesitz und Leibeigene sicher‐ ten ihre wirtschaftliche Basis. Äbte und Mönche, Bischöfe und Domherren waren in aller Regel Adelige, die von ihren Familien gewöhnlich schon als Kinder für die kirchliche Lebensform bestimmt wurden. Alle Kirchen waren über königliche oder adelige Besitz- und Herrschaftsrechte in den adeligen Personenverband eingebunden; sie gehörten entweder dem König oder einem Adeligen. Bischöfe und Äbte übten ihrerseits selbst weltliche Herrschaft aus. Eine päpstlich-römische Hierarchie, der sie hätten unterstehen können, gab es noch nicht. Lesen und Schreiben lernte in der Karolingerzeit nur, wer für die kirch‐ liche Lebensform bestimmt war - die Kleriker. Nicht-Kleriker - von den Leibeigenen bis zum König - hießen ›Laien‹ und waren der Schrift unkun‐ dig. Weil die Kirchensprache Latein war, lernten die Kleriker nicht Deutsch, sondern Latein lesen und schreiben. Die Orte dieses Unterrichts waren die Klosterschulen, die Träger der lateinischen Schriftkultur des frühen Mittelalters. Alle erhaltenen althochdeutschen und altniederdeutschen Texte wurden in karolingischen Klöstern aufgeschrieben, und bis auf wenige Einzelfälle wurden sie auch von Mönchen verfasst. Zum Teil dienten sie dem Latein‐ unterricht in der Klosterschule, indem sie durch vorlagennahe Übersetzung das Verständnis lateinischer Texte erleichterten - beispielsweise der bene‐ diktinischen Ordensregel. Zum Teil stellten sie die für Seelsorge und Mission wichtigsten Texte, wie das Vaterunser (Abb. 1) oder das Glaubensbekenntnis, in der Volkssprache zur Verfügung. Zum Teil dienten sie dazu, die in den Evangelien erzählte Geschichte auf Deutsch zu vermitteln; dies konnte sich an weniger lateingeübte Kleriker oder an adelige Laien richten. 2.2 Frühes Mittelalter 29 Abb. 1: Vaterunser in althochdeutscher Sprache, eingetragen am Schluss der ›Abro‐ gans‹-Handschrift aus der Stiftsbibliothek St. Gallen. Die am Ende des 8.-Jahrhunderts entstandene Handschrift gilt als ältestes Buch in deutscher Sprache. Ein Beispiel für den dritten Typus ist das ›Evangelienbuch‹, das der Mönch Otfrid im Kloster Weißenburg (heute Elsass) im 9. Jahrhundert verfasste. Es dokumentiert die adeligen Denkweisen auch der Kleriker des frühen Mittelalters. Wenn Otfrid die Lebensgeschichte Jesu erzählt, überträgt er sie nicht nur in seine Muttersprache, sondern auch in eine frühmittelalterliche Adelswelt. Bei der Verkündigungsszene (nach Lu‐ kas 1,26) beispielsweise trifft der Engel nicht auf die Frau eines jüdischen Zimmermanns, sondern auf die zukünftige Königinmutter in ihrer Pfalz. (Otfrid von Weißenburg: Evangelienbuch. Auswahl. Althochdeutsch / Neuhochdeutsch. Hg., übers. u. komm. v. Gisela Vollmann-Profe. Stutt‐ gart 2010, S.-56, I,5, V. 3-14). 30 2 Ältere deutsche Literatur - der Zeitraum Tho quam bóto fona góte,---éngil ir hímile, - bráht er therera wórolti---diuri árunti. Floug er súnnun pad,---stérrono stráza, - wega wólkono---zi theru ítis frono; Zị édiles fróuun,---sélbun sancta Máriun, - thie fórdoron bi bárne---warun chúningạ alle. Gíang er in thia pálinza,---fand sia drúrenta, - mit sálteru in hénti,---then sáng sị unz in énti; Wáhero dúacho---werk wírkento - díurero gárno,---thaz déda siụ io gérno. Tho sprach er érlicho ubar ál,---so man zi frówun scal, - so bóto scal io gúater,---zi drúhtines muater […]. Da kam ein Bote von Gott, ein Engel aus dem Himmel; er brachte der Welt kostbare Botschaft. Er flog den Sonnenpfad, die Sternenstraße, den Wolkenweg zu der Gottesfrau, zu der adeligen Herrin, der heiligen Maria. Ihre Vorfahren, Kind für Kind, waren alle Könige. Er ging in die Pfalz, fand sie traurig, mit dem Psalter in Händen, den sang sie bis zum Ende. Feine Tuche wirkte sie aus kostbarem Garn, das tat sie stets eifrig. Da sprach er höchst ehrerbietig, wie man es einer Herrin schuldig ist, wie es ein guter Bote schuldig ist, zur Mutter des Herrn […]. Druhtin ist das Wort für den Herrscher; die Jünger bezeichnet Otfrid später mit dem Wort für Vasallen und Krieger als thegana. Die Mutter des größten aller Könige ist (anders als in der Bibel) Nachkomme einer lückenlosen Reihe königlicher Ahnen. Der Engel verhält sich ihr gegenüber, wie es sich für einen karolingischen Königsboten gehört. Otfrid kann sein Evangelienbuch sowohl für die adeligen Mönche seines Klosters als auch für adelige Laien gedichtet haben. In jedem Fall handelte es sich um ein Publikum, das weder willens noch in der Lage war, sich Jesus von Nazareth als jüdischen Zimmermannssohn und Wanderprediger vor‐ zustellen. Seine Erhebung zum frühmittelalterlichen König ist freilich kein didaktischer Kniff des Autors. Ein historisches Bewusstsein grundsätzli‐ cher Unterschiede zwischen der eigenen Gegenwart und anderen Zeiten gab es in Mittelalter und früher Neuzeit nur vereinzelt und ansatzweise. Gewöhnlich trifft man auf die Überzeugung, dass die Verhältnisse immer schon so ähnlich waren wie in der jeweiligen Gegenwart. 2.2 Frühes Mittelalter 31 Mittelhoch‐ deutsch Dichtersprache Die althochdeutsche und altniederdeutsche Literatur besteht wegen ihrer kulturellen Bedingungen, von wenigen Ausnahmen abgesehen, aus religiö‐ sen Texten, die mehr oder weniger eng von lateinischen Vorbildtexten abhängig sind. Dass es diese volkssprachlichen Texte überhaupt gibt, ist eine Folge königlicher Reformbestrebungen: Karl der Große und seine Nachfolger versuchten recht zielstrebig, das Bildungsniveau der Klöster anzuheben und die elementare Seelsorge zu verbessern. Beiden Zwecken dienten die Rückgriffe auf die Volkssprache: Zum einen, um denjenigen, die Latein lernen mussten, Hilfe in der Muttersprache zu leisten; zum andern, um in der Volkssprache die wichtigsten Glaubenswahrheiten zugänglich zu machen. Dass die deutsche Schriftlichkeit zu Beginn des 10. Jahrhunderts wieder aufhörte, liegt am Untergang der Karolinger, der das Ende ihres Bildungsprogramms bedeutete. 2.3 Hohes Mittelalter: Mittelhochdeutsche Literatur (um 1050 bis um 1350) ›Mittelhochdeutsch‹ ist ebenfalls nur eine Sammelbezeichnung für die süd- und mitteldeutschen Dialekte im Unterschied zum nördlichen Mittelnieder‐ deutsch. Während wir mit ›Dialekt‹ heute vor allem Mündlichkeit verbinden, ist das Alemannische, Ostfränkische, Bairische, West und Ostmitteldeutsche der mittelhochdeutschen Zeit zwischen 1050 und 1350 ausschließlich in Ge‐ stalt von geschriebener Sprache, das heißt als Schreibdialekt überliefert. Eine einheitliche Sprache für den gesamten hochdeutschen, geschweige denn für den gesamten deutschen Sprachraum - einschließlich des nieder‐ deutschen - gab es weiterhin nicht. Die Verfasser der höfischen Dichtung (wie des Minnesangs und der Artusromane) allerdings hatten im 12. und 13. Jahrhundert ein Interesse daran, dass ihre Texte an möglichst vielen Adelshöfen verstanden wurden. Sie benutzten deshalb eine Sprache, die ei‐ nen Ausgleich zwischen den mittelhochdeutschen Dialekten anstrebte und Dialektmerkmale sowohl in der Lautgestalt wie im Wortschatz möglichst vermied. Mittelhochdeutsch (mittelhochdeutsche Dichtersprache): Vaterunser in Versen des Dichters Reinmar von Zweter, 13. Jh. (Die Gedichte Reinmars von Zweter. Hg. v. Gustav Roethe. Leipzig 1887, S. 417). 32 2 Ältere deutsche Literatur - der Zeitraum Aufbruch des 12. Jahr‐ hunderts Got vater unser, dâ dû bist in dem himelrîche, gewaltic alles des dir ist. geheiligt sô werde dîn nam. zuo müeze uns komen daz rîche dîn. Dîn wille werde dem gelîch hie ûf der erde als in den himeln, des gewer unsich. nû gip uns unser tegelich brôt, unt swes wir dar nâch dürftic sîn. Vergip uns allen sament unser schulde, als dû wilt, daz wir durch dîne hulde vergeben, der wir ie genâmen deheinen schaden, swie grôz er sî. vor sünden kor sô mache uns vri unt lœse uns ouch von allem übele. Amen. gewaltic alles des dir ist: alles steht in deiner Macht; des gewer unsich: das gewähre uns; swes wir dar nâch dürftic sîn: was wir außerdem brauchen; sament: zusammen; als du wilt …: so wie du willst, dass wir um deiner Gnade willen denen vergeben, durch die wir Schaden erlitten haben, wie groß er auch sei; kor: Versuchung. Diese Ausgleichssprache, die vermutlich nur die Dichter verwendeten, ist heute als ›klassisches‹ Mittelhochdeutsch Gegenstand des germanistischen Unterrichts (vgl. S.-168). Sie ging im 14.-Jahrhundert wieder verloren. Die mittelhochdeutschen Schrifttexte, die seit der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts entstanden, waren zunächst ebenfalls ausschließlich Kle‐ rikerprodukte religiösen Inhalts. Die neue volkssprachliche Schriftlichkeit hing jedoch nicht mehr am Herrschaftsprogramm eines Königshauses, sondern erhielt schnell eine weniger enge gesellschaftliche Grundlage. Die historische Kontinuität, die nach 1050 begründet wurde, riss deshalb auch nicht mehr ab, sondern reicht bis heute. Die wichtigste Entwicklung der hochmittelalterlichen Literaturgeschichte besteht darin, dass die adeligen Laien im 12. Jahrhundert zunehmenden Einfluss auf die Textproduktion gewannen und für eine Dichtung sorgten, in der auch weltliche Themen behandelt wurden. Der literarische Neubeginn steht in einem kulturgeschichtlichen Zusam‐ menhang, den man als den ›Aufbruch des 12. Jahrhunderts‹ bezeichnet. Dieser Aufbruch hatte eine Anlaufzeit schon im späteren 11. Jahrhundert 2.3 Hohes Mittelalter 33 Wirtschaft Städte Adelige Hofkultur und höfische Literatur und erreichte im 12. eine enorme Dynamik, die erst im späteren 13. Jahr‐ hundert nachließ; um 1350 fand er sein Ende. Er hat die europäische Welt grundlegend verändert. Nicht zufällig umfasst er ziemlich genau die Epoche der mittelhochdeutschen Literatur. Das ökonomische Fundament der Entwicklung war ein erhebliches Be‐ völkerungswachstum, das mit Fortschritten in der landwirtschaftlichen Technik einherging und zur Ausweitung der Siedlungsfläche führte. Durch die Rodung der Urwälder und die Trockenlegung der Sümpfe entstand die Kulturlandschaft, die unsere ländlichen Regionen bis heute prägt. Die Gesellschaft wurde zunehmend arbeitsteilig. Handwerker und Kauf‐ leute siedelten sich zunächst bei Bischofssitzen an, die oft in den Über‐ resten alter Römerstädte lagen. Die Ansätze zu einer neuen Stadtkultur setzten sich in einer breiten Welle von Stadtneugründungen fort. Auch wenn die meisten Städte klein blieben und viele ihrer Bewohner weiterhin Landwirtschaft trieben: In den Städten wurde Markt für den lokalen und regionalen Handel gehalten, Handwerker produzierten und verkauften ihre Waren, Fernhändler ließen sich nieder. Langsam löste die Geldwirtschaft den Naturalientausch ab. Bei den adeligen Grundherren konzentrierten sich Besitz und Herr‐ schaftsrechte immer mehr in der Hand weniger Familien. Herrschaft bezog sich in wachsendem Maß nicht mehr allein auf einen Personenverband, sondern auf ein Territorium. Mit Hilfe des Lehensrechts entwickelten sich einige Lehensherren in einem langen und komplizierten Prozess, der bis ins Spätmittelalter reicht, zu Landesherren. Die Konzentration von Reichtum und Macht ermöglichte diesen hochadeligen Fürsten einen neuen, repräsentativen Lebensstil. Man legte Burgen an; es entstand eine Hofgesellschaft, die ihren Reichtum und ihren Machtanspruch durch Waffen und Rüstung, Kleidung, Essen und Trinken, zeremonielle Umgangsformen und prachtvolle Feste zur Schau stellte. Dieser höfische Hochadel trug die neue, höfische Literatur, die in erster Linie sein Selbstbewusstsein, seine Wertorientierungen, seine Welt und Lebenshaltung zum Ausdruck brachte - allem voran im Minnesang und im höfischen Roman. Kernbegriff dieser Lebenshaltung ist die vröude, die eine weltzuge‐ wandte, auf kultivierte Weise genussfreudige, auch der Sexualität zugeneigte, gesellige Hochstimmung meint. Gottfried von Straßburg beschreibt zu Beginn des 13. Jahrhunderts im Tristanroman das Hoffest 34 2 Ältere deutsche Literatur - der Zeitraum König Markes mit einer Sprachkunst, die ebenso viel Genuss bereiten soll wie ein höfisches Fest selbst (Gottfried von Straßburg: Tristan und Isold. Hg. v. Walter Haug u. Manfred Günter Scholz. 2 Bde. Berlin 2011, Bd.-1, S.-42-44, V. 587-626). Dâ hæte diu geselleschaft vrô unde sêre vröudehaft gehütet ûf daz grüene gras, als iegelîches wille was. dâ nâch als iegelîches ger ze vröuden stuont, dâ nâch lac er: die rîchen lâgen rîche, die höfschen hovelîche; dise lâgen under sîden dâ, jene under bluomen anderswâ; diu linde was genuoger dach; genuoge man gehütet sach mit loupgrüenen esten. von gesinde noch von gesten wart geherberget nie sô wunneclîchen alse hie. ouch vant man dâ rât über rât, als man ze hôhgezîten hât, an spîse und edeler wæte, des iegelîcher hæte ze wunsche sich gewarnet dar. dar zuo sô nam ir Marke war sô grôze und alsô rîche, daz s’alle rîlîche lebeten unde wâren vrô. sus huop diu hôhgezît sich dô; und swes der gerne sehende man ze sehene guoten muot gewan, daz lie diu state dâ wol geschehen; man sach dâ, swaz man wolte sehen: dise vuoren sehen vrouwen, jene ander tanzen schouwen; dise sâhen bûhurdieren, jene ander justieren. swâ zuo den man sîn wille truoc, des alles vant er dâ genuoc. wan alle, die dâ wâren von vröudebæren jâren, die vlizzen sich inwiderstrît ze vröuden an der hôhgezît. Da hatte die Gesellschaft, froh und voller Freude, Hütten im grünen Gras aufgeschlagen, ein jeder, wo er wollte. Danach lagerte jeder so, wie ihm der Sinn nach Freude stand: Die Reichen lagerten reich, die Höfischen höfisch. Die einen lagerten unter Seide, die andern anderswo unter Blumen. Die Linde war vielen ein Dach, viele sah man in Hütten aus laubgrünen Ästen. Weder Hofangehörige noch Gäste waren jemals so prachtvoll untergebracht gewesen wie hier. Auch gab es da Fülle über Fülle, wie es sich bei Festen gehört, an Speisen und vornehmen Gewän‐ dern, womit sich jeder wunschgemäß versehen hatte. Zudem sorgte Marke für sie, so großartig und prächtig, dass sie alle in Reichtum lebten und fröhlich waren. So begann das Fest. Und was ein schaulustiger Mann anzuschauen Lust bekam, das erlaubte die Gelegenheit. Man sah dort, 2.3 Hohes Mittelalter 35 Kirche Bildung und Wissen‐ schaft Scholastik was man sehen wollte. Die einen gingen adelige Damen anschauen, die andern dem Tanz zusehen; die einen schauten beim Turnier zu, die andern beim Lanzenkampf. Was immer ein Mann auch wollte, das fand er dort in Fülle, denn alle, die in einem frohen Lebensalter dort waren, strebten auf dem Fest um die Wette nach Freude. Die Kirche unternahm seit der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts An‐ stalten, größere Unabhängigkeit von den adeligen Herrschaftsverbänden zu gewinnen, ohne ihre eigenen Herrschaftsansprüche aufzugeben. Eine Reformbewegung strebte mit Erfolg den Aufbau einer hierarchischen Orga‐ nisation mit dem Papst an der Spitze an, um den Einfluss der weltlichen Mächte zurückzudrängen. Deren Widerstand führte zum Konflikt, der im ›Investiturstreit‹ anlässlich der Frage eskalierte, ob der König oder der Papst die Bischöfe einsetzen darf. Es waren diese kirchlichen Freiheitsbestrebungen, die in West- und Mitteleuropa, dem Raum der römischen Kirche, die Entwicklung zu einer Trennung von Weltlichem und Geistlichem einleiteten. Wenn auch die Ver‐ weltlichung der Gesellschaft ein langer Prozess war, der erst im 18. Jahrhun‐ dert Breitenwirkung entfaltete - angestoßen wurde er im hohen Mittelalter, und schon einige Intellektuelle des 13. und 14. Jahrhunderts vertraten recht säkularisierte Ansichten. Weder im Raum der orthodoxen Ostkirche noch im islamischen Raum kam es zu einer ähnlichen Entwicklung, so dass man hier eine der entscheidenden Weichenstellungen erkennen kann, die zu dem führten, was wir heute als ›westliche Welt‹ bezeichnen. Gleichwohl blieb die Kirche im 12. und 13. Jahrhundert Trägerin von Bildung und Wissenschaft, die Bildungssprache folglich Latein. Vor allem in bischöflichen Domschulen beschäftigte man sich in zunehmendem Maß mit römischer Dichtung, neben der spätantiken christlichen nun auch mit der ›klassischen‹ heidnischen - Vergil und Ovid vor allem. Hier lernte man im Grammatik- und Rhetorikunterricht, selbst lateinische Prosa und Verstexte zu verfassen. Viele höfische Dichter verfügten über eine solche Ausbildung und benutzten die poetisch-rhetorischen Techniken, die sie im Lateinunterricht erworben hatten, für ihre deutschsprachigen Texte. Die höfische Dichtung ist ohne die klerikale Tradition der Schulen deshalb genauso wenig denkbar wie ohne die neue adelige Laienkultur. Die hoch- und spätmittelalterlichen Wissenschaften bezeichnet man zusammenfassend als ›Scholastik‹ (von lateinisch scola für ›Schule‹). Die 36 2 Ältere deutsche Literatur - der Zeitraum Laienfrömmigkeit und religiöse Literatur Studien nahmen nach einer langen Zeit, in der man sich eher auf die Bearbei‐ tung des aus der römischen Spätantike Erhaltenen konzentriert hatte, einen enormen Aufschwung. Durch die Kreuzzüge gegen die arabischen Herrscher in Spanien und Palästina kamen die Europäer mit einer entschieden höher entwickelten arabischen Kultur in Berührung. Der Islam hatte Wissensbe‐ stände vor allem der griechischen Antike bewahrt und fortentwickelt, die nicht ins westliche Mittelalter gelangt waren. Manche arabische Gelehrte schätzten Beobachtung und Vernunft als Erkenntnisinstrumente in einem dem Westen unbekannten Ausmaß. Medizin, Astronomie, Mathematik, Logik, allem voran die Philosophie des Aristoteles - das waren die Gebiete, auf denen die europäischen Gelehrten griechisch-arabische Wissenschaft übernahmen. Als Kaderschmieden dienten die ersten Universitäten: In Paris und Oxford versuchte man, mit Hilfe der aristotelischen Philosophie zu einer rationalen Begründung des christlichen Glaubens zu kommen; in Salerno studierte man Medizin, in Bologna römisches Recht und Kirchenrecht. Eine äußerst nachhaltige Erscheinung, die im Aufbruch des 12.-Jahrhun‐ derts ihren Anfang nahm, ist die Laienfrömmigkeit. Sie trug erheblich zur Ablösung der frühmittelalterlichen Religiosität bei, die einen für unsere Be‐ griffe durchaus fremdartigen Charakter hatte: Eine kleine geistliche Elite aus Mönchen und Weltklerikern war dafür zuständig, stellvertretend für alle das Heil zu erwirken. Zu diesem Zweck musste ein richtender und strafender Gott, den man sich als obersten Gefolgsherrn vorstellte, durch rituelle Sak‐ ralhandlungen, Gebets- und Bußleistungen versöhnt werden. Der Anteil der Laien an dieser Heilssicherung war gering. Wenn sie über Reichtum ver‐ fügten, hatten sie damit Auskommen und Leistungen der Geistlichen zu er‐ möglichen. Sonst verlangte die frühmittelalterliche Kirche von den Laien nicht viel: Taufe, Wortlaut von Vaterunser und Glaubensbekenntnis, jährli‐ che Beichte mit Abendmahl. Eine genauere Vorstellung von den Glaubens‐ inhalten mussten Laien nicht haben, solange Religiosität vor allem in Ritu‐ alhandlungen von Klerikern bestand. Seit dem 12. Jahrhundert entwickelten sich dagegen jene Formen eines verinnerlichten, die Gefühle ansprechenden und mit religiösen Wissensin‐ halten gefüllten Glaubens, die bis heute die christliche Religiosität bestim‐ men. Zwar gab es weiterhin kein Seelenheil ohne priesterliche Vermitt‐ lung, aber Laienbewegungen brachten immer weiter um sich greifende Bedürfnisse nach religiöser Belehrung, religiöser Erfahrung und religiöser Lebensweise zum Ausdruck. Vor allem in den Städten breiteten sich religiöse Bruderschaften und Frauengemeinschaften aus, so dass es zu einer engen 2.3 Hohes Mittelalter 37 Mittelniederdeutsch Verbindung zwischen Laienfrömmigkeit und entstehender Stadtkultur kam. Die Kirche hatte zunächst Schwierigkeiten, die Entwicklung unter Kontrolle zu halten, kanalisierte sie aber vom 13. Jahrhundert an durch die neuen ›Bettelorden‹, deren wirtschaftliche Existenz nicht mehr auf von Leibei‐ genen bewirtschaftetem Grundbesitz beruhte. Franziskaner, Dominikaner, Augustinereremiten und Karmeliter gründeten ihre Konvente in den Städten und beschäftigten sich vornehmlich mit Predigt und Laienseelsorge. In diesem Zusammenhang entstanden in den Städten vermehrt Frauenklöster, auch in den älteren Orden nahm die Zahl weiblicher Ordensangehöriger zu. Im Zusammenhang mit der Laienfrömmigkeit und den neuen Orden kam es seit dem 13. Jahrhundert zu einer breiten Produktion religiöser Texte auf Deutsch. Wie ein großer Strom wälzt sich diese Literatur durch das Spätmittelalter und mündet in die Reformation und die Gegenreformation. Auch diese literarische Tradition begann mit dem hochmittelalterlichen Aufschwung; anders als die höfische Dichtung wurde sie durch die Krisen des 14. Jahrhunderts aber eher gestärkt als beeinträchtigt. Eine bedeutsame Entwicklung, die im Zusammenhang mit der neuen intensivierten Religio‐ sität von Frauen steht, ist die Frauenmystik. In mystischen Texten - die es bereits seit der Spätantike gab - bringen religiös lebende Menschen ihre Erfahrungen von Begegnungen mit Gott in Visionen, ekstatischer Entrückung oder Kontemplation zur Sprache. Die Texte von Frauen wurden teils von ihnen selbst verfasst, teils wurden die Berichte über mystische Gotteserfahrungen von Geistlichen aufgezeichnet, denen die religiöse Für‐ sorge und Kontrolle der Frauen aufgetragen war. Einer der bekanntesten volkssprachlichen Texte der Frauenmystik ist das ›Fließende Licht der Gottheit‹ Mechthilds von Magdeburg. 2.4 Spätes Mittelalter und frühe Neuzeit: Frühneuhochdeutsche Literatur (um 1350 bis um 1600) und mittelniederdeutsche Literatur (13. bis 16.-Jahrhundert) Auch an den Adelshöfen im niederdeutschen Sprachraum wurde für poeti‐ sche Texte im 12. und 13. Jahrhundert zumeist die mittelhochdeutsche Dich‐ tersprache benutzt. Zum ersten Mal wurde das Niederdeutsche in dieser Zeit, begrenzt noch auf einen eingeschränkten Gebrauchszusammenhang, auf seinem eigenen Sprachgebiet vom Hochdeutschen überlagert. Da die Dich‐ 38 2 Ältere deutsche Literatur - der Zeitraum Frühneu‐ hoch‐ deutsch Gemeines Deutsch Kursächsi‐ sche Kanz‐ leisprache Krise des 14.-Jahrhunderts tung fast völlig an die Adelshöfe gebunden war, gibt es nicht viele mittel‐ niederdeutsche poetische Texte, aber allerhand Sachliteratur vom 13. bis zum 16. Jahrhundert - also eher parallel zur Zeit des Frühneuhochdeutschen als zu der des Mittelhochdeutschen. Danach wurde das Niederdeutsche auf allen Gebieten der Schriftlichkeit vom Frühneuhochdeutschen verdrängt, so dass es seinen Status als Schriftsprache verlor. Im Süden setzten sich im Lauf des 14. Jahrhunderts diejenigen Lautver‐ änderungen durch, die das Mittelhochdeutsche vom Neuhochdeutschen un‐ terscheiden. Erst im 17. Jahrhundert erlangte jedoch die Standardsprache im ganzen deutschen Sprachraum Geltung, die wir ›Neuhochdeutsch‹ nennen. In der Zeit dazwischen gab es eine große Vielfalt von Schreibdialekten, die man mit dem Begriff ›Frühneuhochdeutsch‹ zusammenfasst. Ein Gegen‐ stück zur mittelhochdeutschen Dichtersprache existierte in der frühneu‐ hochdeutschen Zeit nicht. Unter den regionalen Schreibsprachen erreichten jedoch zwei eine besondere Bedeutung: Das ›gemeine (das heißt ›allge‐ meine‹) Deutsch‹, das die kaiserliche Kanzlei für den Schriftverkehr ver‐ wendete, wurde vor allem im süddeutschen Sprachraum viel benutzt; im mitteldeutschen Raum spielte die Sprache der kurfürstlich-sächsischen Kanzlei eine Vorbildrolle. Vor allem an der Sächsischen Kanzleisprache, da‐ neben aber auch am Gemeinen Deutsch orientierte sich Martin Luther bei seiner Bibelübersetzung (1522-1534, vgl. S. 63-67). Wegen ihrer Verbreitung gewann die Lutherbibel erheblichen Einfluss auf die Entwicklung des Neu‐ hochdeutschen. Frühneuhochdeutsch (Lutherdeutsch): Vaterunser (Matthäus 6,9-13) in der Bibelübersetzung Martin Luthers nach dem Druck von 1545 (Das Neue Testament in der deutschen Übersetzung von Martin Luther. Hg. v. Hans-Gert Roloff. 2 Bde. Stuttgart 1989, Bd.-1, S.-24 f.). VNser Vater in dem Himel. Dein Name werde geheiliget. Dein Reich kome. Dein Wille geschehe / auff Erden / wie im Himel. Vnser teglich Brot gib vns heute. Vnd vergib vns vnsere Schulde / wie wir vnsern Schüldigern vergeben. Vnd füre vns nicht in versuchung. Sondern erlöse vns von dem vbel. Denn dein ist das Reich / vnd die Krafft / vnd die Herrligkeit in ewigkeit Amen. In der Mitte des 14. Jahrhunderts schlug die seit längerem kriselnde Wirt‐ schaftslage in ein Katastrophenszenario um, als die große Pest durch Europa 2.4 Spätes Mittelalter und frühe Neuzeit 39 Fürstenstaaten und Adelsliteratur Stadtkultur und städtische Literatur zog. Die Bevölkerungszahl sank in kurzer Zeit rapide. Wer die zeitgenössi‐ sche Beschreibung der Pest in Florenz am Beginn von Giovanni Boccaccios Novellensammlung ›Dekameron‹ liest, bekommt noch heute vor Augen ge‐ führt, wie die Erfahrungswirklichkeit der Menschen von Tod, Verarmung und vom Untergang jeder Ordnung erfüllt war. Die Zeit der Seuchen- und der Klimakatastrophen, der Missernten und des Hungers zog sich bis weit ins 15. Jahrhundert hinein, ehe es wieder zu einer Verbesserung der mate‐ riellen Lebensbedingungen kam. Die Landesherrschaft in den deutschen Territorien festigte sich im spä‐ teren Mittelalter durch den Aufbau einer institutionellen Verwaltungstätig‐ keit. An den Fürstenhöfen entstanden behördenähnliche Strukturen und ein Beamtenapparat, die die persönliche Herrschaft durch institutionelle Staat‐ lichkeit ergänzten. Die Fürstenhöfe blieben Orte der Literatur. Allerdings ging die Produktion höfischer Dichtung in der Krisenzeit des 14. Jahrhunderts erheblich zurück. An den Höfen gab es weiterhin ein kultiviertes und gebildetes Publikum, aus dem auch die Textproduzenten kamen: In der fürstlichen Regierung und Diplomatie arbeiteten Adelige, die sich in den Hofdienst begeben hatten, und in wachsendem Maß studierte Juristen aus dem Stadtbürgertum. Unter den literarischen Interessen, die die Höfe vom 15. bis ins 16. Jahrhundert pflegten, fallen die rückwärtsgewandten auf: In erster Linie schätzte man die epischen Stoffe der hochmittelalterlichen Dichtung; alte Texte wurden weiter abgeschrieben wie auch neu bearbeitet. Nach den Krisenjahrzehnten wurden das 15. und das 16. Jahrhundert zu einer wirtschaftlichen und kulturellen Blütezeit der Städte. Besonders die größeren süddeutschen Reichsstädte - Nürnberg, Augsburg, Basel, Straß‐ burg - spielen in der Literaturgeschichte dieser Zeit eine herausragende Rolle. Wenn die höchst vielfältige städtische Literatur ein auffälliges Cha‐ rakteristikum hat, so ist es ihre Konzentration auf das Thema ›Ordnung‹. Das hat seinen Grund: Nirgendwo sonst gab es so viel Ordnung wie in der Stadt. Harte Sanktionen sorgten für die Einhaltung einer Unzahl von Hygiene-, Kleider-, Markt-, Hochzeits- und allen nur erdenklichen anderen Vorschriften. Mit der detaillierten Regelung des Zusammenlebens begegneten die Stadträte nicht zuletzt den erheblichen sozialen Unterschieden auf engem Raum. In den großen Städten lebten die wenigen reichen Grundbesitzer und Kaufleute wie Adelige, in Einzelfällen fürstengleich; als Patrizierfami‐ lien pflegten sie ein ausgeprägtes Standesbewusstsein. Am Stadtregiment 40 2 Ältere deutsche Literatur - der Zeitraum Abb. 2: Nürnberg-Holzschnitt aus der ›Schedelschen Weltchronik‹, Nürnberg 1493 beteiligt war außer ihnen, je nach Stadt in unterschiedlichem Ausmaß, die größere Gruppe der Handwerker und Händler. Zusammen mit einem Bestand an Akademikern - Juristen, Theologen, Ärzten - waren Patrizier und Handwerker diejenigen städtischen Gruppen, die Zugang zur Schul‐ bildung und damit zur Schriftkultur hatten. Die übergroße Mehrzahl der Stadtbewohner: innen lebte ohne Bürgerrecht in Verhältnissen, die vom bescheidenen Auskommen der Knechte, Mägde und Tagelöhner bis zur extremen Armut der Bettler reichten. ›Ein lobspruch der statt Nürnberg‹, 1530 von Hans Sachs gedichtet, zeigt das Verhältnis des Stadtbürgers zu seinem Gemeinwesen - meynem vat‐ terland, wie es am Ende heißt. Nach einer Beschreibung von Bausubstanz und Stadtanlage wendet sich das Gedicht den Bewohnern zu. Stadtbür‐ gerlicher Kaufmanns- und Handwerkerstolz, Kulturbewusstsein - auch die Künste werden erwähnt, besonders das Musizieren - und Lob der städtischen Ordnung gehen Hand in Hand (Hans Sachs: Ein lobspruch 2.4 Spätes Mittelalter und frühe Neuzeit 41 der statt Nürnberg. In: Hans Sachs. Hg. v. Adelbert von Keller u. Edmund Goetze. Bd.-4. Tübingen 1870, S.-189-199, hier S.-193-195). […] Inn der stat umb und umb Des volckes ist on zal und sumb, Ein embsig volck, reich und sehr mechtig, Gescheyd, geschicket und fürtrechtig. Ein grosser thayl treybt kauffmanns-handel, In alle landt hat es sein wandel Mit specerey und aller wahr. Alda ist jarmarckt uber jar Von aller war, wes man begert. Der maist thail sich mit hand-werck nert, Allerley handwerck ungenandt, Was ye erfunden menschen-hand. […] Auch seind da gar sinreich werckleut mit trucken, malen und bild-hawen, Mit schmeltzen, giessen, zimmern, pawen, Der-gleich man find in keynen reichen, Die ihrer arbeyt thun geleichen, Als da manch köstlich werck anzeyget. Wer dann zu künsten ist geneyget, Der find alda den rechten keren; Und wellicher kurtzweyl will leren, Fechten, singen und saytenspil, Die find er künstlich und subtil. […] Ir gsetz unnd reformation Ist fürgeschrieben yedermon. Darinn ist angezeiget wol, Was man thun oder lassen sol; Und wer sich darinn ubergafft, Der wirt nach gstalt der sach gestrafft. Auch ist verordnet ein gericht, Daran nyemand unrecht geschicht, Der-gleich ein malefitzen-recht, Geleich dem herren wie dem knecht. Also ein ersam weyser rat Selbs ein fleissig auff-sehen hat Auff seine burger aller stend Mit ordenlichem regiment, Guter statut und policey, Gütig on alle tyranney. […] Also ein rat und die gemein Einhellig und einmütig sein Und halten da ein ander schutz, Darauß erwechst gemeiner nutz. Aus dem so hat die stat bestand. […] Überall in der Stadt gibt es unzählige Menschen, fleißige Leute, reich und sehr mächtig, klug, geschickt und vorausblickend. Viele treiben als Kaufleute Handel in alle Länder mit Gewürzen und allen möglichen Waren. Jahrmarkt wird dort gehalten mit jeder Ware, die man haben will. Die meisten Leute leben vom Handwerk, ungezählte Arten von Hand‐ werk, was des Menschen Hand jemals erfunden hat. […] Es gibt sehr kunstfertige Handwerker wie Drucker, Maler, Bildhauer, Metallgießer, Zimmerer, Bauleute, wie man sie nirgendwo sonst findet, die so gut sind wie ihre Arbeit, was so manches kunstvolle Werk beweist. Wer die Künste schätzt, findet dort ihren wahren Kern, und wem der Sinn nach Vergnügungen wie Fechten, Singen und Musizieren steht, der findet sie auf kunstvollem und gelehrtem Niveau. […] Gesetz und Stadtrecht ist 42 2 Ältere deutsche Literatur - der Zeitraum Kirche Reformation jedermann vorgeschrieben. Darin wird aufgezeigt, was man tun oder lassen soll, und wer es übertritt, wird je nach Sachlage bestraft. Auch ist ein Gericht eingesetzt, vor dem niemandem Unrecht widerfährt, ebenso ein Strafrecht, das für den Herrn und den Knecht gleichermaßen gilt. Auf diese Weise übt ein ehrbarer, weiser Stadtrat unablässig die Aufsicht über seine Bürger aller Stände aus, mit ordnungsgemäßer Herrschaft, guten Gesetzen und Verordnungen, gütig und ohne jede Willkürherrschaft. Wenn der Rat und die Kommune auf diese Weise einig und einmütig sind und zueinander stehen, erwächst daraus der Gemeinnutz. Der gewährleistet das Fortbestehen der Stadt. […] Darauf folgt noch ein Lob der vier wichtigsten städtischen Leitnormen Weisheit, Gerechtigkeit, Ehrlichkeit und Wehrhaftigkeit. Aus Arbeit, Ordnung und Moral entsteht gemeiner nutz, das Gemeinwohl der Stadt, das ihre Existenz sichert. Das Wohl jedes Einzelnen ist von ihm gar nicht zu unterscheiden. Für die Kirche war das 14. Jahrhundert eine Krisenzeit, die auch im 15. nicht endete. Eine von vielen als reformbedürftig empfundene Institution und das nicht immer vorbildliche Verhalten ihrer Amtsträger erregten wachsenden Missmut. Dass beispielsweise Kleriker nicht vor weltliche Gerichte gestellt und keinen weltlichen Steuern unterworfen werden konnten, wurde in den Städten zu einem Dauerärgernis, weil die Angehörigen der Bettelorden dort einen erheblichen Anteil der Bevölkerung ausmachten. Freilich ging es bei der Kritik an der Kirche nicht nur um Politik. Da das Seelenheil allein durch die Vermittlung der Kleriker zu erhalten war, sorgten sich viele angesichts der institutionellen und moralischen Mängel um die zuverlässige Sicherung ihrer Glückseligkeit nach dem Tod. Zwei großen, langen Konzilien in Konstanz (1414-1418) und in Basel (1431-1449) gelang es nicht, den Reformstau in überzeugender Weise auf‐ zulösen. In England und in Böhmen sorgten Protestbewegungen für Auf‐ ruhr. Unter den zahlreichen inhaltlichen und organisatorischen Reformvor‐ schlägen fanden schließlich diejenigen besondere Beachtung, die der Wittenberger Theologieprofessor Martin Luther von 1517 an verbreitete. Allerdings waren manche seiner Standpunkte so radikal, dass die römische Kirche sie zurückweisen musste, wollte sie nicht ihre gesamte innere Ord‐ nung und ihre Stellung in der Welt aufgeben. Luther schloss daraufhin ein 2.4 Spätes Mittelalter und frühe Neuzeit 43 Wissen‐ schaft Humanis‐ mus Bündnis mit der weltlichen Obrigkeit, das heißt mit reformatorisch gesinn‐ ten Landesherren und Stadträten der Reichsstädte. Auch der Zürcher Re‐ formator Huldrych Zwingli arbeitete eng mit dem Rat der Stadt zusammen. Statt die alte Kirche zu reformieren, begann man mit dem Aufbau einer neuen. Die Reformation hatte auch eine Reihe literaturgeschichtlicher Konse‐ quenzen. Beispielsweise waren die von Klerikern gesungenen liturgischen Lieder der katholischen Messe lateinisch wie die ganze Messe. Weil nach Luthers Lehre nicht der Priester den Gottesdienst vollzieht, sondern die Gemeinde unter Anleitung des Pfarrers, fand der protestantische Gottes‐ dienst bald auf Deutsch statt. Für die Einbeziehung der Gemeinde schien Luther der gemeinsame Gesang die beste Form. So fing er an, Kirchenlieder zu produzieren, und begründete damit eine mächtige Tradition. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein hatte jedes lutherische Schulkind (darunter auch so mancher spätere Dichter) einen Grundbestand an Kirchenliedern auswendig zu lernen, die den ganzen weiteren Lebensweg begleiteten. Keine andere Gattung der deutschen Lyrikgeschichte entfaltete jemals eine auch nur annähernd vergleichbare Wirkung mit Texten, die über Jahrhunderte unverändert im Gebrauch blieben. Weniger spektakulär als die Reformation, aber langfristig mit erheblichen Folgen für die Lebenswirklichkeit, entwickelte sich vom 14. Jahrhundert an die zunehmende Ablösung der Wissenschaft von der Kirche. Bis zum 13. Jahrhundert waren die Gelehrten dem Rechtsstand nach Kleriker, der Ausbildung nach zumeist Theologen, seltener Juristen oder Mediziner ge‐ wesen. Wenn sich die Verhältnisse bis zum 16. Jahrhundert immer mehr zugunsten von Laien verschoben, die vorzugsweise Jura oder Medizin studiert hatten, so steht dahinter zum einen der Bedarf der fürstlichen Verwaltungsstaaten und der Stadtgemeinden an Juristen und Ärzten, zum andern das neue Bildungsprogramm des Humanismus. Der Humanismus entstand im 14. Jahrhundert in Italien, wo die Stadtre‐ publiken in den Schriften des römischen Republikaners Cicero aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. die Rechtfertigung ihrer politischen Ordnung fanden. Das Interesse erweiterte sich schnell auf die gesamte ›klassische‹ römische Antike, die man von einem patriotischen Standpunkt aus als Blütezeit Ita‐ liens wahrnahm. Die Rückbesinnung darauf sollte ein neues glanzvolles Zeitalter herbeiführen, eine Renaissance (›Wiedergeburt‹) der Antike. Deshalb stand das Studium der klassischen lateinischen Sprache und Lite‐ ratur, in geringerem Maß auch der griechischen, im Zentrum des humanis‐ 44 2 Ältere deutsche Literatur - der Zeitraum Neulateinische Literatur Buchdruck tischen Bildungsprogramms. Man verstand es als ein studium humanitatis: ein Studium des Menschlichen als Methode sprachlicher und moralischer Bildung, als Training im richtigen Reden, Denken und Handeln, orientiert an den antiken Vorbildern. Damit war keine Abwendung von der christlichen Religion verbunden; die meisten Humanisten wollten sie ganz im Gegenteil stärken. In ihrem Bildungsprogramm erhielten vorchristliche antike Texte denselben Stellenwert wie die spätantiken Schriften der Kirchenväter. An den Universitäten erfuhr das humanistische Interesse für antike Literatur in Gestalt von Lehrstühlen für Rhetorik und Poetik eine eigenständige Institutionalisierung. In den deutschen Sprachraum kam der Humanismus im 15. Jahrhundert einerseits durch italienische Gelehrte, andererseits durch Studenten, die zum Jura- oder Medizinstudium nach Italien gingen und dort auch Vorlesungen von Humanisten besuchten. Der Typus des humanistisch gebildeten Juristen oder Arztes im fürstlichen oder städtischen Dienst blieb noch weit über das 16. Jahrhundert hinaus von großer kulturgeschichtlicher Bedeutung. Ein zweiter Typus des Humanisten war auch im deutschen Sprachraum der Universitätslehrer für lateinische, in geringerem Maß zusätzlich für griechische Sprache und Literatur. Die deutschen Humanisten brachten im 16. Jahrhundert eine breite und anspruchsvolle Literatur hervor. Sie blieben dabei jedoch ihren Prinzipien treu und bedienten sich der lateinischen Sprache. Der Einfluss des Huma‐ nismus auf die deutschsprachige Literatur fiel zunächst gering aus und setzte sich erst im 17. Jahrhundert, in der Barockdichtung, auf breiter Front durch. Alle genannten gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen im 15. und 16. Jahrhundert - der Aufbau des fürstlichen Verwaltungsstaats, die Stadtkultur, die Reformation, der Humanismus - profitierten in erheblichem Ausmaß von der bedeutendsten technischen Innovation der Zeit: Um 1450 erfand Johannes Gutenberg den Buchdruck mit beweglichen Lettern. Mit ihm ging das Zeitalter der handschriftlichen Textverbreitung zu Ende und er zog im Verlauf der folgenden Jahrhunderte tiefgreifende kulturgeschicht‐ liche Veränderungen nach sich. 2.4 Spätes Mittelalter und frühe Neuzeit 45 Nationalliteratur 3 Ältere deutsche Literatur - die Ausbreitung der Schriftlichkeit 3.1 Was ist ›deutsche‹ Literatur? Wer Texte als sprachliche Phänomene versteht, wird mit ›deutscher Litera‐ tur‹ nichts weiter meinen als ›Literatur auf Deutsch‹. Als zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Wissenschaft von der Geschichte der deutschen Spra‐ che und Literatur entstand, beruhte das jedoch nicht auf der pragmatischen Überlegung, dass jedes Textverstehen Sprachkenntnis voraussetzt. Vielmehr galten Sprache und Literatur als Ausdruck nationaler Eigenschaften, und die Beschäftigung mit ihrer Geschichte sollte das Nationalbewusstsein der Deutschen fördern. So war es das Verständnis von Texten als Phänomenen einer nationalen Kultur, das der Germanistik ins Dasein verhalf. Die Idee der ›Nationalliteratur‹ stammt aus dem 18. Jahrhundert. In der Zeit der Aufklärung wurde sie als ein kulturpolitisches Konzept entwickelt, mit dem eine nationale literarische Öffentlichkeit geschaffen werden sollte. Solange es eine Vielzahl deutscher Staaten gab, sollte sich die zeitgenössi‐ sche Literatur über territoriale Zersplitterung, konfessionelle Gegensätze und Standesunterschiede hinweg an die Gesamtheit eines nationalen Publi‐ kums wenden. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts wurde die Vorstellung von der Existenz einer Nationalliteratur auf die Vergangenheit ausgedehnt. Die entstehende Germanistik knüpfte hier an und verstand die Literaturgeschichte als einen Beitrag zur Entwicklung der Nation. Die Vorstellung, dass es immer schon eine Nationalliteratur im Sinn des 18. Jahrhunderts gab, erwies sich freilich als falsch. In der Zeit vom 8. bis zum 16. Jahrhundert gab es Geistliche und ihre Klerikerliteratur, Adelshöfe und ihre Hofliteratur, Stadtbürger und ihre Stadtliteratur, Humanisten und ihre Gelehrtenliteratur. Sie existierten zwar nicht verbindungslos nebeneinander, aber ein nationales Literaturpublikum entstand erst seit dem 18.-Jahrhundert. Ältere Literatur hatte engere Grenzen: Sie war oft an die unterschiedlichen Lebensbereiche der geburtsständischen Gesellschaftsordnung gebunden. Sie war häufig begrenzter in ihrer geographi‐ schen Reichweite, denn sie konnte vor dem Buchdruck nur durch mündlichen Europäische Literatur im lateinischen Mittelalter Vortrag oder durch handschriftliche Aufzeichnung verbreitet werden. Auch gedruckte Bücher wurden, von wenigen Ausnahmen abgesehen, erst seit dem 18.-Jahrhundert massenhaft aufgelegt. Weil die ältere deutsche Literatur nicht im Sinn einer nationalen Literatur ›deutsch‹ war, ist das kulturelle Bestimmungskriterium der frühen Germa‐ nistik unangemessen. Ebenso wenig taugt jedoch das Sprachkriterium dazu festzulegen, was zur älteren deutschen Literatur gehört. Es schließt nämlich die zahlreichen lateinischen Texte ›deutscher‹ Verfasser aus, von den karo‐ lingischen Mönchen bis zu den Humanisten. Auch das Ausmaß, in dem ältere deutsche Texte nicht nur von lateinischen, sondern zudem von romanischen Vorbildtexten abhängig sein können, macht es schwierig, den Gegenstands‐ bereich mit dem Sprachkriterium abzugrenzen. Vielleicht wäre es deshalb angemessener, für das Mittelalter und die frühe Neuzeit überhaupt nur von einer europäischen Literatur zu sprechen und von vornherein die Zusam‐ menhänge zwischen den lateinischen und den volkssprachlichen Texten in den Vordergrund zu stellen. Diese Idee liegt dem 1948 erschienenen Buch ›Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter‹ des Romanisten Ernst Robert Curtius zugrunde. Die Idee ist erneut eine kulturgeschichtliche: Das ›lateinische‹ Mittelalter, das bei Curtius übrigens erst im 18. Jahrhundert endet, war eine kulturelle Einheit, an der alle Texte in den verschiedenen Sprachen Anteil haben. Das Konzept der ›europäischen Literatur im lateinischen Mittelalter‹ trifft die historischen Verhältnisse jedoch nur teilweise. Denn obwohl die latei‐ nisch-volkssprachlichen Literaturbeziehungen stets großes Gewicht hatten, gab es immer auch Eigenständigkeiten volkssprachlicher Traditionen ge‐ genüber der lateinischen Literatur. Und obwohl die Beziehungen zwischen Texten in verschiedenen Volkssprachen eine enorme Rolle spielten, gab es spätestens seit dem 13. Jahrhundert erhebliche Unterschiede zwischen den volkssprachlichen Literaturen. Es verhält sich also kompliziert mit dem ›Deutschen‹ in der älteren deutschen Literatur. Das Nationale ist als Kriterium unbrauchbar; auf das Sprachliche kann man sich nicht beschränken. Die historischen Eigenheiten der verschiedenen Literaturen lassen sich aber auch nicht auf eine abendlän‐ dische Einheitskultur zurückführen. Es braucht einen anderen Aspekt, unter dem das ›Deutsche‹ in der älteren Literatur behandelt werden kann und der es erlaubt, Einzelphänomene in einen übergreifenden Zusammenhang zu bringen. Denn die Modelle der Nationalliteratur und der europäischen 48 3 Ältere deutsche Literatur - die Ausbreitung der Schriftlichkeit Ausbreitung deutscher Schriftlich‐ keit Otfrid: ›Evangeli‐ enbuch‹ Literatur im lateinischen Mittelalter lieferten vor allem Möglichkeiten, Zusammenhänge herzustellen. Einen solchen Aspekt eröffnet die Frage nach den Umständen für die Ent‐ stehung deutschsprachiger Schrifttexte, denn ältere deutsche Literatur ist überall dort greifbar, wo Schrifttexte auf Deutsch erhalten geblieben sind. Wenn man von ihnen ausgeht, lassen sich ihre vielfältigen kulturellen Ver‐ flechtungen mit anderssprachigen Texten in den Blick nehmen, auch ohne dass es dafür eine Geschichte sämtlicher europäischer Literaturen braucht. Es geht deshalb in diesem Kapitel um die Ausbreitung der deutschen Schriftlich‐ keit. Dieser Zugriff macht es möglich, vom Interesse für deutschsprachige Texte auszugehen, zugleich aber ihre vielfältigen kulturellen Verflechtungen mit lateinischen und romanischen Texttraditionen in den Blick zu nehmen. 3.2 Deutsche Schriftlichkeit a. Frühes Mittelalter Die ausführlichste überlieferte Reflexion über althochdeutsche Schriftlich‐ keit stammt von Otfrid von Weißenburg. Otfrid stellte seinem ›Evangelien‐ buch‹ mehrere Widmungsbriefe voran, darunter einen lateinischen an Erz‐ bischof Liutbert von Mainz, dem er erklärt, warum er das ›Evangelienbuch‹ verfasste. Die Anregung hätten einige Mönche und eine adelige Dame gegeben, als man sich einmal durch den »anstößigen Gesang der Laien« (cantus obscenus laicorum) gestört fühlte. Man habe ihn, Otfrid, gebeten, die Evangelien in der Volkssprache (theodisce) aufzuschreiben, damit ihr Gesangsvortrag (cantus) das Vergnügen an den weltlichen Liedern und ihrem nutzlosen Inhalt zurückdränge. Die Klage ist kein Einzelfall: Aus dem frühen und hohen Mittelalter sind manche Beschwerden darüber erhalten, dass selbst Kleriker größere Freude an weltlichen als an geistlichen Texten hätten. Anstößig und nutzlos waren weltliche Lieder vom geistlichen Standpunkt aus, weil sie ihres Inhalts wegen nichts zum Seelenheil beitragen konnten. Um welche Art von Texten es sich genau handelt, sagt Otfrid nicht. Jedenfalls soll seine eigene Erzählung vom Leben Jesu anstelle der weltlichen Lieder ebenfalls gesungen vorgetragen werden. 3.2 Deutsche Schriftlichkeit 49 Deutsche Schrifttexte und Münd‐ lichkeit ›Hilde‐ brandslied‹ Otfrid bringt nun außer den anstößigen Liedern der Laien noch zwei weitere Arten von Dichtung ins Spiel, nämlich die der heidnischen und der christlichen römischen Dichter. Damit greift er als Kleriker auf seine lateinische Bildungstradition zurück. Die Werke der heidnischen römischen Dichter sind als kunstvolle Schriftdichtung wegen ihrer Form vorbildlich, aber wegen des unchristlichen Inhalts problematisch. Die spätantike christ‐ liche Schriftdichtung ist sowohl technisch als auch inhaltlich vorbildlich, weil sie das Leben und die Lehre Jesu in kunstvoller Form verarbeitet. Eben dies will Otfrid jetzt auf Deutsch machen. Den ›anstößigen Gesängen der Laien‹, heißt das, fehlt außer dem ak‐ zeptablen Inhalt wegen ihrer volkssprachlichen Mündlichkeit auch eine ordentliche Form, wie Otfrid sie aus der lateinischen Schriftdichtung kannte. Diesen Aspekt rückt er in den Vordergrund, wenn er sich den Schwierig‐ keiten seiner Arbeit zuwendet und über die ungepflegte und ungeregelte Volkssprache (lingua inculta et indisciplinabilis) klagt. Die Franken würden sich größte Mühe mit einem fehlerfreien Latein geben, aber ihre eigene Sprache nicht durch Schriftlichkeit und grammatisch-rhetorische Regelung kultivieren. Otfrid ging es bei seinem Projekt einerseits um diese Kultivie‐ rung der Volkssprache, andererseits um die Verdrängung heilshinderlicher Texte durch heilsförderliche. Es war der lateinkundige Kleriker, der die volkssprachliche Schriftlichkeit wollte. Was bedeutet in diesem Fall ›Verschriftlichung‹? Die Volkssprache wird auf einem Gebiet benutzt, für das zuvor das Lateinische zuständig war: Deutsche Schrifttexte übernehmen den Inhalt lateinischer Schrifttexte. Dieser Typus von Verschriftlichung wurde von den Zeitgenossen selbst reflektiert, und heute können wir ihn wegen der greifbaren lateinischen Vorbilder gut beschreiben. Ihm steht als zweiter Typus ein Verschriftlichungsvorgang innerhalb der Volkssprache gegenüber, nämlich die Aufzeichnung von Texten, die es zuvor nur in mündlicher Gestalt gab. Dieser Fall ist wesentlich seltener; er ist prinzipiell schlecht beschreibbar, weil die mündliche Tradition vor der schriftlichen Aufzeichnung unzugänglich ist; und er wurde von den Zeit‐ genossen selbst nicht reflektiert. Das herausragende althochdeutsche Beispiel ist das ›Hildebrandslied‹, das im 9. Jahrhundert im Kloster Fulda auf das erste und letzte Blatt einer Handschrift mit lateinischen Texten eingetragen wurde. Das ›Hildebrands‐ lied‹ gehört zur Gattung der Heldenlieder, die auch in anderen germanischen Regionen wie Skandinavien und England gepflegt wurde. Die Fuldaer Hand‐ 50 3 Ältere deutsche Literatur - die Ausbreitung der Schriftlichkeit Heldenlieder schrift ist die einzige erhaltene frühmittelalterliche deutsche Helden‐ lied-Verschriftlichung. Abb. 3: Das ›Hildebrandslied‹ im Fuldaer Codex. Der Text bricht am Ende der zweiten Seite unvermittelt ab. Heldenlieder haben Stoffe mit einem historischen Kern, und zwar zumeist aus der Völkerwanderungszeit. Was sie erzählen, hat aber nur entfernte Ähnlichkeit mit den uns bekannten historischen Vorgängen. Der Dietrich der Heldenlieder entspricht dem Ostgotenkönig Theoderich der lateinischen Geschichtsschreibung, der 493 als Eroberer eine Königsherrschaft in Italien begründete. In der Heldenliedtradition ist Dietrich jedoch der rechtmäßige Herrscher über Italien und wird von einem Usurpator vertrieben; er flieht ins Exil zum Hunnenkönig Etzel, um nach vielen Jahren mit seinen Gefolgs‐ leuten zurückzukehren. Hildebrand ist einer dieser treuen Männer Dietrichs. Dem Heldenlied-Etzel entspricht in der lateinischen Geschichtsschreibung der Hunnenkönig Attila, der 453 starb; der historische Theoderich konnte ihn deshalb kaum treffen. Heldenlieder gehören ursprünglich in eine schriftlose Kultur. Sie dienen der gemeinschaftlichen Erinnerung an große Männer und Ereignisse der Vergangenheit. Diese Erinnerung gewinnt ihre kulturelle Bedeutung weni‐ ger durch die Einmaligkeit des historischen Vorgangs, sondern eher durch 3.2 Deutsche Schriftlichkeit 51 Mündlich‐ keit und Schriftlich‐ keit Verschrift‐ lichungstypen Produktion und Rezeption modellhafte Handlungsmuster, die dauerhaft gültige Einsichten ermögli‐ chen. Bei der Dietrich-Geschichte beispielsweise geht es um das Handlungs‐ muster von Flucht, Exil und Heimkehr des rechtmäßigen Herrschers. In der mündlichen Kultur sind Heldenlieder weder ›Geschichte‹ noch ›Dichtung‹ in unserem Sinn, sondern kollektives Gedenken in feierlicher Form: Was sie erzählen, gilt als wahr, weil sie mit dem Geschehen aus der Vorzeit das dauerhaft Gültige darstellen. Wo Heldenlieder und Schriftlichkeit zusammentreffen, prallen zwei Kul‐ turen aufeinander. In mündlichen Kulturen gibt es keine alten Dokumente, anhand derer sich die historische Richtigkeit der Erinnerung überprüfen ließe; das Erinnerte verändert sich mit seiner mündlichen Überlieferung und bleibt dabei stets wahr. Schriftkulturen bewahren dagegen alte Texte, an denen sich die Aussagen der späteren Geschichtsschreibung kontrollieren lassen. Die Schriftkultur, die von der römischen Antike an die lateinische Kirche vererbt worden war, verfügte anstelle der mündlich weitergegebenen Erinnerung über Textarchive in Gestalt von Bibliotheken: Die Kleriker des frühen Mittelalters konnten wissen, dass Theoderich nicht bei Attila war; sie konnten Heldenlieder deshalb für nutzlosen Unsinn halten, auch wenn manche von ihnen offenbar denselben Gefallen daran fanden wie die Laien. Die Vermutung, dass Otfrid mit dem ›anstößigen Gesang der Laien‹ Heldenlieder meinte, ist nicht von der Hand zu weisen. Aus den beiden Fallbeispielen lassen sich einige Unterscheidungen ablei‐ ten, die im Zusammenhang mit Mündlichkeit und Schriftlichkeit Beachtung verdienen: Erstens sollte man unterscheiden zwischen demjenigen Typus von Ver‐ schriftlichung, bei dem das Deutsche anstelle lateinischer Schriftlichkeit sowie nach dem Vorbild lateinischer Schriftlichkeit benutzt wird, und demje‐ nigen Typus von Verschriftlichung, bei dem volkssprachliche Mündlichkeit in volkssprachliche Schriftlichkeit überführt wird. Der erste Typus ist im Frühmittelalter wie auch danach der bei weitem häufigere. Zweitens sollte man zwischen Produktion und Rezeption unterscheiden. Otfrids ›Evangelienbuch‹ ist produktionsseitig schriftlich, aber rezeptions‐ seitig ist es für das Anhören eines gesungenen Vortrags gedacht. Das schließt nicht aus, dass es auch gelesen wurde, aber in erster Linie stellt sich Otfrid sein Publikum als Zuhörende vor. Dies äußert sich auch in seinem ausdrücklichen Bemühen um einen guten Klang, und es spielt für die Textform eine Rolle in Gestalt des Verses. Solange rezeptionsseitige Mündlichkeit herrscht, herrscht der Vers, denn Verse sind zum Hören da. 52 3 Ältere deutsche Literatur - die Ausbreitung der Schriftlichkeit Medial und konzeptio‐ nell Text und Kultur Heldenlieder waren dagegen produktionswie rezeptionsseitig mündlich. Sie sind uns nur in Gestalt von Verschriftlichungen zugänglich, deren Verhält‐ nis zur mündlichen Tradition man prinzipiell nicht genau kontrollieren kann. Drittens sollte man zwischen medialer und konzeptioneller Mündlichkeit oder Schriftlichkeit unterscheiden. ›Medial‹ bezieht sich darauf, dass ein Text im konkreten Kommunikationsfall tatsächlich gesprochen und gehört oder geschrieben und gelesen wird. ›Konzeptionell‹ bezieht sich darauf, dass er typische Merkmale mündlicher oder schriftlicher Sprache zeigt. Konzeptionelle Schriftlichkeit bedeutet beispielsweise ein hohes Maß an durchdachter Geregeltheit auf allen Ebenen der Textproduktion. Die Schrift ermöglicht weiträumige Planung und dadurch eine hohe Komplexi‐ tät vom Satzbau bis zum Handlungsaufbau von Erzählungen. Mündlicher Sprachgebrauch neigt dagegen, von der lexikalisch-syntaktischen Ebene bis zum Handlungsaufbau von Erzählungen, eher zu Reihenbildung als zu Komplexität sowie zur Verwendung von formelhaften Mustern, die bekannt sind und deshalb die Textproduktion und -rezeption erleichtern. Wer schreibt, rechnet außerdem nicht damit, Informationen auch durch nichtsprachliche Mittel wie Gestik oder Mimik weitergeben zu können; deshalb wird alles, was mitgeteilt werden soll, mit sprachlichen Mitteln ausgedrückt. Mündliche Kommunikation setzt dagegen gewöhnlich das Wissen um die Situation, in der sie stattfindet, voraus. Nur ein Teil der Information wird versprachlicht, weil noch andere Mittel wie Mimik oder Gestik zur Verfügung stehen. Bei einer Verschriftlichung können deshalb Informationslücken und Verständnisschwierigkeiten entstehen. Konzeptionelle Schriftlichkeit kann nur in Texten auftreten, die produk‐ tionsseitig auch medial schriftlich sind, also schriftlich verfasst wurden. Solche Texte kann man allerdings vorlesen; dann werden sie rezeptionsseitig medial mündlich. Ihre Merkmale konzeptioneller Schriftlichkeit verlieren sie dadurch nicht, wie man etwa bei vorgelesenen Reden oft bemerken kann. Eine Rede lässt sich aber auch so schreiben, dass sie beim Vorlesen nicht nach Schriftlichkeit klingt: Merkmale konzeptioneller Mündlichkeit können in produktionsseitig medialer Schriftlichkeit simuliert werden. Eine solche in Schrifttexten ›fingierte Mündlichkeit‹ ist nicht immer leicht von den Merkmalen ›echter‹ konzeptioneller Mündlichkeit zu unterscheiden, wie sie bei der nachträglichen Verschriftlichung ursprünglich mündlicher Texte erhalten bleibt, beispielsweise bei der Aufzeichnung eines Heldenlieds. Viertens sollte man von der Mündlichkeit oder Schriftlichkeit einzelner Texte die kulturellen Voraussetzungen und Konsequenzen von Mündlichkeit 3.2 Deutsche Schriftlichkeit 53 Schriftlich‐ keit am Hof und Schriftlichkeit unterscheiden. Auf der kulturellen Ebene geht es bei‐ spielsweise um folgende Fragen: Wer setzte wann auf welchen Gebieten und zu welchen Zwecken lateinische und volkssprachliche Schriftlichkeit ein? In welchem Ausmaß und auf welche Weise war volkssprachliche Schrift‐ lichkeit von Mündlichkeit beeinflusst? Welche Eigenheiten haben mündli‐ che und schriftliche Kulturen, etwa beim Umgang mit der Vergangenheit? Unter den geschichtlichen Bedingungen, unter denen das Deutsche im 8. und 9. Jahrhundert mit vorübergehendem Erfolg und dann noch einmal seit dem 11. Jahrhundert mit dauerhaftem Erfolg als Schriftsprache antrat, ergab sich ein komplexes Verhältnis sowohl zur lateinischen Schriftlichkeit, die die Kleriker von der römischen Antike geerbt hatten, als auch zur Mündlichkeit, die die meisten Bereiche der gesellschaftlichen Kommunikation beherrschte. Im frühen Mittelalter war auch die lateinische Schriftlichkeit eine auf klerikale Heilssicherung und königliche Herrschaftsausübung begrenzte Erscheinung, die volkssprachliche war eine Erscheinung am Rand der latei‐ nischen Schriftlichkeitsinseln. Die ältere deutsche Literaturgeschichte unter dem Aspekt der Entstehung und Ausbreitung volkssprachlicher Schriftlich‐ keit zu betrachten, bedeutet zugleich, die zunehmende Verschriftlichung einer anfangs noch weitgehend mündlichen Kultur zu verfolgen. Zum einen erscheint die lateinische Schriftlichkeit dabei über Jahrhunderte als Grundlage, am Ende als Opfer der Entwicklung. Zum anderen muss man stets damit rechnen, dass sich die Traditionen der Mündlichkeit in der volkssprachlichen Schriftlichkeit bemerkbar machen. b. Hohes Mittelalter Auch der zweite Anlauf zu einer volkssprachlichen Schriftlichkeit im 11. Jahrhundert wurde von Klerikern angestoßen, um den weniger Latein‐ kundigen heilsförderliche Texte nahe zu bringen (vgl. S. 148). Inhalt und Gebrauchsfunktion blieben deshalb zunächst erneut auf ein enges Feld begrenzt. Die Produktionsorte volkssprachlicher Texte waren dieselben wie die lateinischer, nämlich Klöster und Domschulen. Vom 12. Jahrhundert an drang die Schriftlichkeit mit der Einrichtung von Hofkanzleien dann jedoch in die weltlichen Fürstenhöfe ein. Der Grund da‐ für ist die zunehmende Verschriftlichung der Herrschaftsausübung mittels Urkunden, wie es seit längerem an der päpstlichen Kurie und am Kaiserhof üblich war. Für den Urkundenverkehr benutzten die deutschen Fürstenhöfe zunächst das Lateinische; vom späten 13. Jahrhundert an wurde nach und 54 3 Ältere deutsche Literatur - die Ausbreitung der Schriftlichkeit pragmatische und literarische Schriftlich‐ keit Hofkleriker und Ministeriale Höfische Dichtung Höfischer Roman nach auf Deutsch umgestellt. Weil Textarten wie Urkunden praktische Zwe‐ cke verfolgen, fasst man sie unter den Begriff der ›pragmatischen Schrift‐ lichkeit‹ und unterscheidet davon die ›literarische Schriftlichkeit‹, zu der längere wissensvermittelnde Sachtexte und Dichtung gehören. In den Hofkanzleien arbeiteten Kleriker, die die übliche Ausbildung an einer Kloster- oder Domschule absolviert hatten, aber zur Hofgesellschaft gehörten. Daneben gab es in Gestalt der Ministerialen, die im Fürstendienst Militär- und Verwaltungsaufgaben ausübten, nun auch schriftkundige Laien, die eine Kloster- oder Domschule besucht hatten, ohne in den Stand der Kleriker eingetreten zu sein. Hofkleriker und Ministeriale spielten eine wichtige Rolle für die neue literarische Schriftlichkeit in der Volkssprache. Ihre Kompetenz ermöglichte die Produktion höfischer Literatur, deren Pu‐ blikum die Hofgesellschaft insgesamt war und die von den Fürsten als Mä‐ zenen gefördert wurde. Die mittelhochdeutsche höfische Literatur ist zum größten Teil Versdich‐ tung. An anderen Arten volkssprachlicher Schrifttexte, insbesondere an solchen, die wir heute als Sachliteratur klassifizieren, herrschte geringerer Bedarf. So hielt das neue laienadelige Literaturinteresse die volkssprachliche Schriftlichkeit zunächst, von einzelnen Ausnahmen abgesehen, wieder in einem engen Rahmen. Das begründet ein ähnlich klares Profil wie bei den frühmittelalterlichen Texten: Dort die religiöse Klosterliteratur, hier die zwar umfangreichere, aber immer noch überschaubare laikale Hofdichtung. Das klare Profil ist nun aber ein deutlich anderes, nämlich ein recht weltliches: Liebe und Kampf waren die Themen, die die Höfe von ihren Dichtern vorzugsweise behandelt haben wollten. Ein Ministerialer war beispielsweise Hartmann von Aue, der sich im Pro‐ log seines zu Beginn des 13. Jahrhunderts entstandenen Artusromans ›Iwein‹ folgendermaßen vorstellt: Hartmann von Aue: Gregorius. Der arme Heinrich. Iwein. 3. Aufl. Hg. u. übers. v. Volker Mertens. Frankfurt a.-M. 2014, S.-318, V. 21-30. Ein rîter, der gelêrt was unde ez an den buochen las, swenner sîne stunde niht baz bewenden kunde: daz er ouch tihtens pflac. daz man gerne hœren mac, 3.2 Deutsche Schriftlichkeit 55 dâ kêrt er sînen vlîz an. er was genant Hartman unde was ein Ouwære der tihte diz mære. Ein Ritter, der gebildet war und diese Geschichte in den Büchern las, wenn er mit seiner Zeit nichts Besseres anzufangen wusste, so dass er sich dem Dichten widmete - was man gern hört, darauf verwandte er seine Mühe, er hieß Hartmann und war aus Aue -, der dichtete diese Geschichte. Artusromane gehören zum Typus des höfischen Romans, der neben dem Minnesang wichtigsten Gattung der höfischen Dichtung im 12. und 13. Jahr‐ hundert. Hartmanns Formulierungen zeigen, wie es um die Schriftlichkeit des höfischen Romans steht: Der Produzent ist ein Ritter, das heißt ein Laie, der aber gelêrt ist; zu Hartmanns Zeit kann sich das nur auf eine lateinische Schulbildung beziehen. In einem anderen Werk, dem ›Armen Heinrich‹, bezeichnet Hartmann sich mit dem deutschen Wort für Ministerialer als dienestman. Der gelehrte und damit schriftkundige Laie, der als Ritter zur höfischen Welt gehört, verfasst schriftlich (tihten bedeutet wie die lateinische Entsprechung dictare ›schriftlich verfassen‹) eine Geschichte (mære), für die er eine schriftliche Vorlage hat (buoch). Hartmanns Vorlage war, wie beim höfischen Roman zu dieser Zeit üblich, ein altfranzösischer Text. Dessen Bearbeitung unternimmt Hartmann nicht als Berufsdichter, sondern als Ritter dann, wenn er nichts Besseres zu tun hat. Das Ergebnis seiner auf Lesen und Schreiben gegründeten Bemühungen ist jedoch zum Hören gedacht: Sein Publikum stellt sich Hartmann hier ausdrücklich und auch sonst vornehmlich nicht als Lesende, sondern als Zuhörende vor. Höfische Romane wurden vorgelesen. Schon im 13. Jahr‐ hundert gibt es jedoch Hinweise darauf, dass neben dem Vortrag auch die Privatlektüre eine Möglichkeit der Rezeption war. Unter den Adeligen am Hof konnten eher die Frauen lesen als die Männer, die alles Schriftliche von ihren Klerikern und Ministerialen erledigen ließen. Diese freilich gehörten als lesekundige Männer ebenso zur Hofgesellschaft. 56 3 Ältere deutsche Literatur - die Ausbreitung der Schriftlichkeit Minnesang Abb. 4: Textbeginn in der ›Nibelungenlied‹-Handschrift C (geschrieben im 2. Viertel des 13.-Jahrhunderts) Während die höfischen Romane ihre produktionsseitige Schriftlichkeit ziemlich offen zeigen, sind die Verhältnisse beim Minnesang schwerer zu beurteilen. Die deutschen Minnesänger, die zugleich Dichter und Kom‐ ponisten ihrer Lieder waren, bearbeiteten nur selten spezifische Texte ihrer romanischen Kollegen. Sie orientierten sich formal und inhaltlich in einer generellen Weise aber durchaus an deren Vorbild. Dazu mussten sie romanische Liedtexte nicht schriftlich vor sich haben; womöglich kannten sie sie eher aus mündlicher Vermittlung. Unter denjenigen Minnesängern, deren sozialer Status historisch belegt ist, gab es neben Ministerialen, die schriftgelehrt waren, auch Adelige, 3.2 Deutsche Schriftlichkeit 57 Heldenepik bei denen das nicht sicher ist. Vor allem aber haben die Minnesänger im Gegensatz zu den Romandichtern in ihren Texten nichts über ihre Produktionsgewohnheiten verlauten lassen. Oft sind Syntax, thematischer Aufbau sowie Vers- und Strophenformen jedoch so kompliziert, dass eine Produktion ohne die Hilfe der Schrift nur schwer vorstellbar ist. Freilich müssen die Verhältnisse nicht einheitlich gewesen sein. Rezeptionsseitig ist die Lage dagegen klarer: Minnelieder waren zum Vorsingen und Anhören gedacht. Es gibt einige Belege dafür, dass man Liedtexte auch lesen konnte, aber das war eine sekundäre Angelegenheit. Zu einer erneuten Verschriftlichung mündlicher Heldenliedtraditionen kam es, bereits unter dem Einfluss der neuen Schriftdichtung des höfischen Romans, um 1200 in Gestalt des ›Nibelungenlieds‹. Dabei sind mündlich überlieferte Geschichten zusammengefügt, die ursprünglich voneinander unabhängig waren. Die Verbindung unterschiedlicher Stoffe zu einem langen Epos ist so komplex, dass sie wohl auf schriftlich gestützter Text‐ komposition beruhen dürfte. Auch sonst spricht manches dafür, dass das ›Nibelungenlied‹ nicht einfach nur mündliche Erzähltraditionen in Schrift‐ lichkeit überführt. Als Buchepos greift es mit den Mitteln der Schriftlichkeit mündliche Erzähltraditionen nicht nur auf, sondern simuliert sie zugleich. Die Prologstrophe, die nur in einer der drei ältesten erhaltenen Handschrif‐ ten steht, setzt ganz auf Mündlichkeit: Das Nibelungenlied. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Hg. v. Ur‐ sula Schulze, übers. u. komm. v. Siegfried Grosse. Stuttgart 2011, S. 6, Str. C1 (vgl. Abb. 4). Uns ist in alten mæren---wunders vil geseit von helden lobebæren,---von grôzer arebeit, von fröuden, hôchgezîten,---von weinen und von klagen, von küener recken strîten---muget ir nu wunder hœren sagen. Uns ist in alten Geschichten viel Außerordentliches erzählt von ruhm‐ vollen Helden, von großer Mühsal, von Freuden und Festen, von Weinen und Klagen, vom Kampf mutiger Krieger könnt ihr nun Außerordentli‐ ches erzählen hören. Während sich Hartmann im ›Iwein‹-Prolog als gelehrter Ritter präsentiert, der eine Geschichte in einem Buch liest und schriftlich bearbeitet, erhebt 58 3 Ältere deutsche Literatur - die Ausbreitung der Schriftlichkeit sich hier eine anonyme Stimme aus dem Kollektiv, dem in alten Geschichten Außerordentliches ›gesagt‹ ist. Kein Autor, keine Schriftquelle: Was es zu hören gibt, ist ›uns‹ mündlich überliefert. Kein dichterisches Bemühen, keine Erzählaktion eines Einzelnen, sondern ein Zustandspassiv: Was es zu erzählen gibt, ›ist‹ uns gesagt. Nur indem ein ›ihr‹ am Ende die Zuhö‐ renden aus dem anfänglichen ›uns‹ ausgliedert, kommt unausdrücklich ein Sprecher ins Spiel: die Stimme des kollektiven Gedächtnisses. So war das Heldenlied. In zwei der drei ältesten erhaltenen Handschriften beginnt das ›Nibe‐ lungenlied‹ allerdings nicht mit diesem Prolog, sondern unmittelbar mit der erzählten Geschichte. Das weckt den Verdacht, dass es sich um eine Zutat handelt, die den Vollzug der kollektiven Erinnerung eigens zum Thema macht und die Erzählung damit ausdrücklich zu einer Helden‐ lied-Geschichte stilisiert. Hier wird konzeptionelle Mündlichkeit in einem produktionsseitig schriftlichen Text simuliert. Das ›Nibelungenlied‹ ist der komplizierteste Verschriftlichungsfall des hohen Mittelalters: Einerseits nutzt es die Möglichkeiten schriftlicher Text‐ produktion, andererseits greift es auf mündliche Erzähltraditionen zurück. Deshalb lässt sich im Einzelnen schwer entscheiden, wo sich seine sprach‐ liche Gestalt Merkmalen dieser Erzähltraditionen verdankt und wo es sich um gezielte Kunstgriffe handelt, die Mündlichkeit fingieren und einen al‐ tertümlichen Charakter simulieren sollen. Dies betrifft die verschiedensten Aspekte wie die Erzählverfahren, die Figurenkonstruktionen, die Formel‐ haftigkeit der Sprache, die Vers und Strophenform. Selbst die Anonymität des Dichters gehört möglicherweise zu den Stilisierungen: Obwohl ein kom‐ plexes Schriftepos einen Bearbeiter oder eine Bearbeitergruppe voraussetzt, nennt sich im Gegensatz zum höfischen Roman kein Dichter; vielmehr ertönt die Stimme des anonymen Heldenlied-Sängers. Während die produktionsseitige Schriftlichkeit des ›Nibelungenlieds‹ einen ganz anderen Charakter hat als die des höfischen Romans, teilt es die rezeptionsseitige Mündlichkeit mit ihm. Allerdings wurde es nicht vorgelesen, sondern vorgesungen. Dies zeigt die strophische Form, denn Strophen waren zum Singen da. Eine Melodie ist allerdings nicht zum ›Nibelungenlied‹ selbst, sondern nur zu jüngeren Texten mit einer ähnlichen Strophenform überliefert. 3.2 Deutsche Schriftlichkeit 59 Ausbreitung der Schrift‐ lichkeit Latein und Deutsch Stadtschulen c. Spätes Mittelalter und frühe Neuzeit Vom späteren 13. Jahrhundert an dehnte sich die volkssprachliche Schrift‐ lichkeit über die Dichtung hinaus stetig auf neue und größere Gebrauchs‐ felder aus. Indem die Volkssprache immer weiter vordrang, nahm die Menge und die Vielfalt der Texte erheblich zu. Dennoch blieb es im Spätmittelalter und in der frühen Neuzeit bei einer prinzipiellen Zweisprachigkeit der Schriftkultur. ›Höhere‹ Bildung und Wis‐ senschaft fand weiterhin auf Latein statt, ob in der älteren Art der klerikalen Schulen und der Universitäten oder in der jüngeren der humanistischen Studien. Jeder, der die Schulen durchlief, erwarb eine aktive Lateinkompe‐ tenz; alle Gelehrten waren zweisprachig. Gerade die Humanisten gaben dem Latein im 15. und 16. Jahrhundert noch einmal neuen Auftrieb, weil sie es als Träger einer an der römischen Antike orientierten Bildung und als Instrument einer effizienten Kommunikation über die Volkssprache stellten. Da Latein als Fachsprache aller Wissenschaften diente, waren seine Ausdrucksmöglichkeiten größer als die des Deutschen; da es stärker normiert war, war es ein zuverlässigeres Kommunikationsmittel; und da es von allen europäischen Gelehrten beherrscht wurde, war seine Reichweite größer. Für die Ausbreitung der volkssprachlichen Schriftlichkeit spielten die Städte eine wichtige Rolle. Hier entstanden auch erstmals Schulen mit deutschem Lese- und Schreibunterricht. In den Städten gab es einerseits ›Lateinschulen‹, die das Unterrichtspro‐ gramm der Kloster- und Domschulen und damit die lateinische Bildungs‐ tradition übernahmen. Sie standen, wie die alten Klerikerschulen und die Universitäten, nur Jungen offen und waren die Bildungsinstitution der reicheren Bürger, vor allem der Patrizier. Im 16. Jahrhundert führten die Lateinschulen vieler Städte das neue humanistische Bildungsprogramm ein und wurden dadurch zu Brutstätten des Humanismus. Andererseits gab es in den Städten vom 14. Jahrhundert an ›deutsche Schulen‹. Sie wurden zur Bildungsinstitution der wohlhabenderen städti‐ schen Gruppen unterhalb des Patriziats, der Handwerker und Händler. Hier konnten Jungen und Mädchen rechnen sowie deutsch lesen und schreiben lernen. Wie die Lateinschulen wurden die deutschen Schulen nicht öffentlich finanziert; die Eltern mussten für den Unterricht bezahlen, und es gab auch keine Schulpflicht. 60 3 Ältere deutsche Literatur - die Ausbreitung der Schriftlichkeit Pragmati‐ sche Schrift‐ lichkeit Sachlitera‐ tur und Dichtung Prosa Anders als die Lateinschulen verfolgten die deutschen Schulen kein in‐ haltliches ›Bildungsprogramm‹. Sie zielten auf die Vermittlung praktischer Lese- und Schreibfertigkeit und sollten die zukünftigen Stadtbürger: innen in die Lage versetzen, mit Verträgen, Schuldverschreibungen und Handels‐ büchern umzugehen sowie die Verordnungen zu lesen, die der Stadtrat er‐ ließ. Sie waren als Institution auf den Umgang mit Gebrauchstexten ausge‐ richtet, die in den Städten eine immer größere Rolle spielten. Für die zunehmende Alphabetisierung der Stadtbürger: innen war die wachsende Bedeutung der pragmatischen Schriftlichkeit der wichtigste Grund. Neben die pragmatische Schriftlichkeit trat in den Städten wie auch an den Adelshöfen ein Interesse an wissensvermittelnder Literatur auf Deutsch, dem sich eine Vielzahl von Sachtexten aus den unterschiedlichsten Fachge‐ bieten verdankt. Selbst bei der Dichtung kann man in Spätmittelalter und früher Neuzeit das herrschende Interesse an Sachinformation und Nützlich‐ keit beobachten. Auch von ihr erwartete man rezeptionsseitig mit großer Selbstverständlichkeit die Vermittlung religiösen wie weltlichen Sachwis‐ sens und die Bekräftigung sozialer Ordnungsvorstellungen. Die verbreitete Vorliebe für Lehrhaftigkeit ermöglichte es den Dichtern allerdings auch, mit der Nützlichkeitserwartung ihres Publikums spielerisch umzugehen und sie gelegentlich nur scheinbar zu erfüllen. Zusammen mit der Zunahme der pragmatischen Schriftlichkeit und der wissensvermittelnden Literatur spielt als dritte Entwicklung die Ausbrei‐ tung der Prosa eine wichtige Rolle. Volkssprachliche Schriftprosa gab es auch im frühen und im hohen Mittelalter, aber in erheblich geringerem Aus‐ maß als schriftliche Verssprache. Die lange Zeit anhaltende Dominanz der Verssprache in der älteren Literatur beruht zum einen auf der Vorherrschaft poetischer Texte, denn ›Dichtung‹ bedeutete in der älteren Zeit zunächst ›Verstext‹, und zum anderen darauf, dass Dichtung bis zum 13. Jahrhundert gewöhnlich vorgetragen wurde: Verse sind ein akustisches Gestaltungsmit‐ tel. Dass sich seit dem späteren Mittelalter die Prosa ausbreitet, liegt einerseits an der Zunahme der Sachliteratur, andererseits an der Ausbreitung der Privatlektüre als Rezeptionsweise. In ihrem Gefolge konnte die Prosa auch auf das Gebiet der poetischen Texte vordringen. Allerdings sind dafür nicht allein neue Rezeptionsgewohnheiten verantwortlich: Prosa assoziierte man mit Sachinformation und Nützlichkeit, weil sie die Sprachform der Sach- und Gebrauchstexte war. Sie konnte deshalb auch dazu dienen, einen zuverlässigen Informationswert poetischer Texte anzuzeigen. 3.2 Deutsche Schriftlichkeit 61 ›Sachsen‐ spiegel‹ Ein besonders eindrucksvolles Beispiel für den Erfolg wissensvermitteln‐ der deutscher Prosaliteratur ist der ›Sachsenspiegel‹, der allerdings noch aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts stammt und deshalb eigentlich zu alt ist, um im Spätmittelalter einsortiert zu werden. Seine einmalige Wirkungs‐ geschichte erstreckt sich jedoch über das Spätmittelalter bis in die Neuzeit. Der ›Sachsenspiegel‹, in mittelniederdeutscher Prosa verfasst, ist eines der ältesten deutschsprachigen Rechtsbücher und das bedeutendste des Mittel‐ alters. Auch die Rechtsgeschichte ist von der Spannung zwischen volkssprach‐ licher mündlicher Kultur und lateinischer Schriftkultur geprägt. Deutsches Recht war bis zum 13. Jahrhundert mündliches Recht, das von Generation zu Generation weitergegeben wurde. Seine Existenzformen waren die kol‐ lektive Erinnerung und die praktische Anwendung. Als Gewohnheitsrecht gehörte es zum Gemeinschaftswissen aller; es war kein Expertenwissen von Fachjuristen. Daneben gab es schriftliche Aufzeichnungen des römischen Rechts, die im Mittelalter erhalten geblieben waren und aus dem auch das Kirchenrecht hervorgegangen war. Römisches Recht war schriftliches Recht, natürlich in lateinischer Sprache; und es war gelehrtes Recht, das Juristen als Exper‐ ten benötigte. In einem langwierigen historischen Prozess hat sich das schriftlich-gelehrte Rechtssystem römischer Herkunft, das wir heute haben, schließlich gegen das mündliche Gewohnheitsrecht durchgesetzt. Um 1230 schrieb ein sächsischer Adeliger namens Eike von Repgow das sächsische Land- und Lehnsrecht (modern gesagt: das Zivil-, Straf- und Verfassungsrecht) auf. Neben der mündlichen Überlieferung verarbeitete Eike zahlreiche schriftliche lateinische Quellen. Seine Bildung zeigt sich auch in seiner Behauptung, den ›Sachsenspiegel‹ zunächst auf Latein ver‐ fasst zu haben. ›Spiegel‹ entspricht dem damals gebräuchlichen lateinischen Buchtitel speculum, der den Anspruch signalisiert, dass das behandelte Wis‐ sensgebiet umfassend und als Teil der göttlichen Weltordnung dargestellt ist: Das Buch soll ein wahrheitsgetreuer Spiegel eines Teils der Schöpfung sein. Eike selbst hat die Bedeutung des Rechts als Inbegriff der göttlichen Ordnung in einer berühmten Formulierung zum Ausdruck gebracht: God is selve recht, dar umme is em recht lef - Gott selbst ist Recht, darum liebt er das Recht. Die kulturgeschichtliche Bedeutung von Rechtssprache und Rechts‐ schriftlichkeit, die man ohnehin nicht hoch genug einschätzen kann, wird an der Überlieferung des ›Sachsenspiegels‹ ablesbar. Über 400 Handschriften 62 3 Ältere deutsche Literatur - die Ausbreitung der Schriftlichkeit Luthers Bibelübersetzung Abb. 5: Vorrede des ›Sachsenspiegels‹ in der Handschrift W (geschrieben im 3. Viertel des 14.-Jahrhunderts) und Handschriftenfragmente sind erhalten, dazu zahlreiche Drucke. Der ›Sachsenspiegel‹ wurde zur Grundlage der im späteren 13. Jahrhundert entstandenen süddeutschen Land- und Lehnsrechte; er wurde in zahlreichen spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Landes- und Stadtrechten ver‐ arbeitet; er wurde ins Lateinische, Niederländische, Polnische übersetzt. Kein anderer deutscher Text aus dem 13. Jahrhundert hat eine solche Wirkungsgeschichte aufzuweisen. Überhaupt hat die ältere deutsche Literatur nur einen Text zu bieten, der den ›Sachsenspiegel‹ an Wirkungsmacht übertrifft: Martin Luthers Bibel‐ übersetzung aus dem 16. Jahrhundert. Hier handelt es sich noch einmal um jenen Typus von Verschriftlichung, bei dem das Deutsche ein Gebiet besetzt, für das zuvor das Lateinische zuständig war. 3.2 Deutsche Schriftlichkeit 63 Die Bibel der römischen Kirche war seit der Spätantike lateinisch. Sie beruhte auf der Übersetzung der hebräischen und griechischen Schriften des Alten und Neuen Testaments, die der Kirchenvater Hieronymus im 4.-Jahr‐ hundert angefertigt hatte - der ›Vulgata‹. Nach der unter mittelalterlichen Klerikern verbreiteten Überzeugung brauchten die Laien die Bibel nicht im Wortlaut zu kennen, weil zu dessen richtigem Verständnis Wissensbestände nötig waren, die nur Kleriker erlernten. Als Grundlage der auf Latein betriebenen theologischen Wissenschaft kam ohnehin nur der lateinische Bibeltext in Frage. Bibelvermittlung in der Volkssprache bedurfte einer laiengerechten Auf‐ bereitung der Heiligen Schrift. Eine bevorzugte Form dafür war Bibeldich‐ tung: Einzelne biblische Bücher oder Geschichten sowie Zusammenfassun‐ gen der biblischen Ereignisgeschichte wurden in volkssprachliche Verse gebracht. Im späteren Mittelalter gab es dann auch vermehrt Prosanacher‐ zählungen der biblischen Geschichten. Einen Sonderfall volkssprachlicher Bibelbearbeitung stellen die Psalmen dar, die seit dem Frühmittelalter oft übersetzt und nachgedichtet wurden. Das hat einerseits bildungsgeschichtliche Ursachen innerhalb der Kleriker‐ kultur: Anhand der Psalmen lernte man in den Schulen Latein; deshalb be‐ stand ein Anlass, Übersetzungen als Hilfsmittel anzufertigen. Andererseits galten die Psalmen als Erbauungs- und Gebetstexte auch als laientauglich; deshalb wurden sie in die Volkssprache übertragen. Auch die Evangelien und das alttestamentliche Hohelied wurden schon seit der althochdeutschen Zeit verschiedentlich auf Deutsch bearbeitet. Erst seit dem 14. Jahrhundert kam es jedoch zu verstärkten Bemühungen, größere Teile der lateinischen Bibel nicht in Gestalt von freien Nachdich‐ tungen oder Nacherzählungen, sondern in Gestalt systematischer Überset‐ zungen ins Deutsche zu bringen. In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts übertrug z. B. ein anonym gebliebener Autor, der ›Österreichische Bibel‐ übersetzer‹, große Teile des Alten wie des Neuen Testaments in mittelhoch‐ deutsche Prosa. Auf einer anderen Übersetzung aus dieser Zeit beruht die erste gedruckte deutschsprachige Bibel, die 1466 bei Johann Mentelin in Straßburg herauskam. Der Mentelin-Bibel folgten noch 21 weitere deutsche Bibeldrucke, bevor im September 1522 Martin Luthers Übersetzung des Neuen Testaments erschien (das ›Septembertestament‹). Luthers Übersetzung beruht auf dem griechischen Text, den der Humanist Erasmus von Rotterdam kurz zuvor neu herausgegeben hatte. Gleichwohl spielte der lateinische Vulgata-Text eine beträchtliche Rolle für Luthers 64 3 Ältere deutsche Literatur - die Ausbreitung der Schriftlichkeit Abb. 6: Titelblatt der Lutherbibel, Wittenberg 1534 Arbeit. Das gilt ebenso für das Alte Testament, das Luther von 1522 an mit seinen Mitarbeitern nach dem hebräischen Text übersetzte. Die erste Ausgabe der ganzen Lutherbibel mit Altem und Neuem Testament wurde 1534 gedruckt. Luthers deutsche Bibel entfaltete nicht nur in religionsgeschichtlicher, sondern auch in sprach- und literaturgeschichtlicher Hinsicht enorme Wir‐ kungen. Unter anderem nahm Luthers Prosastil erheblichen Einfluss auf die weitere Entwicklung der deutschen Schriftsprache. Der Erfolg gründet nicht zuletzt darauf, dass Luther um eine Ausdrucksweise bemüht war, die sich am 3.2 Deutsche Schriftlichkeit 65 Gebrauch der Umgangssprache und ihrer vertrauten Redewendungen ori‐ entierte. Im ›Sendbrief vom Dolmetschen‹ aus dem Jahr 1530, in dem er seine Übersetzungsprinzipien gegen den Vorwurf ungerechtfertigter Freiheiten verteidigte, fasste er das in berühmt gewordene Sätze. Sie zeigen, dass auch für Luther das Lateinische als Ausgangssprache der Bibelübersetzung noch wichtig war: Martin Luther: Sendbrief vom Dolmetschen und Summarien über die Psalmen und Ursachen des Dolmetschens. Hg. u. eingel. v. Erwin Arndt. Halle a.-d.-S. 1968, S. 31-33. […] man mus nicht die buchstaben jnn der Lateinischen sprachen fra‐ gen / wie man sol Deudsch reden / wie diese Esel [seine katholischen Kritiker] thun / Sondern / man mus die mutter jhm hause / die kinder auff der gassen / den gemeinen man auff dem marckt drumb fragen / vnd den selbigen auff das maul sehen / wie sie reden / vnd darnach dolmetschen / so verstehen sie es denn / vnd mercken / das man Deudsch mit jhn redet. Als wenn Christus spricht / Ex abundantia cordis os loquitur. Wenn ich den Eseln sol folgen / die werden mir die buchstaben furlegen / vnd also dolmetschen / Aus dem vberflus des hertzen redet der mund. Sage mir / Jst das deudsch gered? Welcher deudscher verstehet solchs? Was ist vberflus des hertzen fur ein ding? Das kan kein Deudscher sagen / Er wolt denn sagen / es sey das einer allzu ein gros hertz habe / oder zu viel hertzens habe / wiewol das auch noch nicht recht ist / Denn vberflus des hertzen ist kein deudsch / so wenig / als das deudsch ist / vberflus des hauses / vberf‐ lus des kacheloffens / vberflus der banck / Sondern also redet die mutter jm hause vnd der gemein man / Wes das hertz vol ist / des gehet der mund vber/ das heist gut deudsch gered / des ich mich gevlissen / vnd leider nicht allwege erreicht noch getroffen habe / Denn die Lateinischen buchstaben hindern aus der massen seer / gut deudsch zu reden. Die Ansicht, dass das Latein als Schriftsprache ein außerordentlich großes Hindernis für gutes Deutsch ist, war zu Luthers Zeit - und durch die Jahrhunderte zurück bis zu Otfrid von Weißenburg - nicht die übliche Einstellung der Gelehrten. Die Geregeltheit der lateinischen Schriftsprache hatte den meisten vielmehr als Vorbild für den Weg zu einer deutschen gegolten. 66 3 Ältere deutsche Literatur - die Ausbreitung der Schriftlichkeit Frühes Mittelalter Luthers Bibeldeutsch ist freilich keineswegs die Sprache der Mütter, Kinder und Markthändler. Es ist eine überlegt gestaltete, mit dem Mitteln der Rhetorik außerordentlich wirkungsvoll durchgeformte Kunstsprache religiöser Feierlichkeit, die der ›Heiligen Schrift‹ gerecht werden soll. Es gibt dafür viele schlagende Beispiele wie die Übersetzung von Matthäus 5,16, wo es weder im griechischen noch im lateinischen Text auffällige Lautwiederholungen gibt, mit »Also lasst ewer Liecht leuchten fur [vor] den Leuten«. So wird man auf dem Wittenberger Markt kaum geredet haben, und doch sind umgangssprachliche Wendungen in diese Kunstprosa eingebaut, wo sich eine Gelegenheit dazu bot. Luthers sprachliche Leistung besteht in der Kombination aus ›dem Volk aufs Maul schauen‹ und kunstvoller Stili‐ sierung: in der Entwicklung einer Schriftprosa, die kein mündliches Deutsch war, aber nach vertrautem Sprachgebrauch klang; die kein übersetztes Latein war, aber an Konstruktionsgenauigkeit dem Schriftlatein gleichkam. 3.3 Lateinisch-deutsche Literaturbeziehungen Für die Entstehung deutscher Schriftliteratur waren neben mündlichen Tra‐ ditionen viele lateinische und romanische Vorbilder von Bedeutung. Dabei spielten im frühen Mittelalter und im 11. Jahrhundert allein lateinisch-deut‐ sche Literaturbeziehungen eine Rolle; vom 12. Jahrhundert an kamen die romanisch-deutschen dazu. Weil Latein in Mittelalter und früher Neuzeit die Sprache der Wissenschaften war - der Theologie ebenso wie aller anderen -, beruhen vor allem die deutschen Sachtexte auf der lateinischen Literatur. Lateinische Traditionen machen sich jedoch auch in der Dichtung immer wieder bemerkbar, für die indes vor allem im Hochmittelalter die romanischen Vorbilder von größerer Bedeutung waren. Die meisten althochdeutschen und altsächsischen Texte beruhen auf lateinischen Vorlagen und stehen in einem unmittelbaren Zusammenhang mit den karolingischen Reformen des späteren 8. und des 9. Jahrhunderts, die unter anderem auf einen geregelten lateinischen Schulbetrieb in den Klöstern zielten. Aufgabe der Schulen sollte es sein, die Führungsgruppen des fränkischen Reichs auszubilden und die christliche Lehre auf eine sichere Grundlage zu stellen. Die Volkssprache kam dabei ins Spiel, wo es um Hilfestellungen für den lateinischen Unterricht der Schulen und um die religiöse Unterweisung der Laien durch Kleriker ging. 3.3 Lateinisch-deutsche Literaturbeziehungen 67 Notker der Deutsche Artes liberales ›Waltharius‹ Ein außergewöhnliches Gewicht als Wissenschaftssprache gewann das Althochdeutsche zu Beginn des 11. Jahrhunderts im Unterricht des St. Galler Klosterschullehrers Notker, der deshalb den Beinamen ›Teutonicus‹ (der Deutsche) erhielt. Notker setzte die Volkssprache in den ›sieben freien Künsten‹ (septem artes liberales) ein, den Wissenschaften, die die Kloster‐ schulen aus der römischen Spätantike übernommen hatten. Die Artes be‐ standen aus der Dreiergruppe (›Trivium‹) der sprachlichen Fächer Gram‐ matik (lateinischer Sprachunterricht), Rhetorik (Stillehre und Textproduktion) und Dialektik (Logik und Argumentationslehre) sowie aus der Vierergruppe (›Quadrivium‹) der Sachfächer Arithmetik, Geometrie, Musik (Musiktheorie) und Astronomie (Himmelskunde einschließlich Ka‐ lenderberechnung). In den frühmittelalterlichen Schulen sollten die Artes dem besseren Verständnis der Weltordnung dienen, die Gott den Menschen in der Bibel und in der Schöpfung offenbart hat. In diesem Sinn dienten sie der Theologie. Zu einigen der lateinischen ›Klassiker‹ der wissenschaftlichen Literatur, die im Artes-Unterricht benutzt wurden, fertigte Notker althochdeutsche Übersetzungen an, um seinen Schülern das Verständnis zu erleichtern. Dazu gehören die beliebteste Gesamtdarstellung aller sieben Artes, der Traktat ›Von der Hochzeit der Philologie mit Merkur‹ (›De nuptiis Philologiae et Mercurii‹) von Martianus Capella (4. oder 5. Jahrhundert), und die jahrhun‐ dertelang einflussreichste Wissenschaftslehre ›Vom Trost der Philosophie‹ (›De consolatione Philosophiae‹) von Boethius (gestorben 524). Selten, aber doch hin und wieder gibt es in der Geschichte der latei‐ nisch-deutschen Literaturbeziehungen auch den Schritt von der deutschen in die lateinische Sprache. Im frühen Mittelalter beispielsweise bearbeitete ein Kleriker, wahrscheinlich ein St. Galler Mönch des 10. Jahrhunderts, einen Heldenliedstoff aus der mündlichen Tradition in lateinischen Versen, deren Ausdrucksweise ganz dem Vorbild der lateinischen Schriftepik verpflichtet ist. Die Geschichte handelt von einem Helden namens Walther und gehört zum Stoffkreis um Etzel und Dietrich. Der anonyme Dichter des lateinischen ›Waltharius‹-Epos kannte sich bestens in den Erzählkonventionen des Hel‐ denlieds aus, behandelte sie aber auch mit überlegener Ironie: Am Ende verstümmeln die Helden einander im Kampf, versöhnen sich dann jedoch ganz unvermittelt und verspotten sich gegenseitig beim Wein wegen ihrer Behinderungen. 68 3 Ältere deutsche Literatur - die Ausbreitung der Schriftlichkeit Hohes und spätes Mittelalter Geistliche Literatur Heiligenlegende ›Legenda aurea‹ ›Der Heili‐ gen Leben‹ Predigt Der Aufbruch des 12. Jahrhunderts brachte nicht allein die neue höfische Adelsdichtung aus dem romanischen und deutschen Sprachraum. Im Zu‐ sammenhang mit der sich ausbreitenden Laienfrömmigkeit entstand auch eine vielfältige geistliche Literatur in der Volkssprache, die vom 12. Jahr‐ hundert an durch das ganze spätere Mittelalter hindurch auf dem Fundament der lateinischen Literatur heranwuchs. Drei Texttypen sind in diesem Zu‐ sammenhang von besonderer Bedeutung: Heiligenlegende, Predigt und Sachbuch. Die lateinischen Legenden - Erzählungen von Leben, Tod und Wundern der Heiligen - waren ursprünglich Klosterliteratur: Sie wurden bei der Messe und während der Mahlzeiten der Mönche vorgelesen. Daher kommt der Name legenda: ›das zu Lesende‹. Vor der Reformation diente der Begriff nicht dazu, unglaubwürdige Geschichten zu bezeichnen; das in Heiligenle‐ genden Erzählte galt vielmehr als faktische Wahrheit. Lateinische Legen‐ densammlungen, die es schon im frühen Mittelalter gab, dienten auch als Nachschlagewerke, in denen Prediger und Seelsorger beispielhafte Ge‐ schichten finden konnten. Die im späteren Mittelalter einflussreichste la‐ teinische Legendensammlung war die ›Legenda aurea‹ (›Goldene Legende‹) des italienischen Dominikaners Jacobus de Voragine aus dem 13. Jahrhun‐ dert. Die ersten deutschsprachigen Heiligenlegenden stammen aus dem 12. Jahrhundert. Bis zum Ende des 13. Jahrhunderts hielt sich der Vers als bevorzugte Form, dann ging die Legendenproduktion ziemlich rasch zur Prosa über. Den in Handschriftenwie Buchdruckzeit größten Erfolg erzielte die um 1400 entstandene Prosalegenden-Sammlung ›Der Heiligen Leben‹, die auf der vorangehenden deutschen Verslegenden-Literatur und auf ver‐ schiedenen lateinischen Quellen wie der ›Legenda aurea‹ beruht. Als Be‐ richte vom vorbildlichen christlichen Leben, von Festigkeit und Zuversicht im Glauben und als Versicherung der Zuverlässigkeit der Heiligen als Not‐ helfer waren Legenden die verbreitetste Spielart religiöser Erbauungslite‐ ratur. Im späten Mittelalter erreichten sie ein großes Publikum aus Klerikern wie Laien, Adeligen wie Städtern, Männern wie Frauen. Lateinische Predigtsammlungen, die teilweise auf die spätantike Kirchen‐ väterzeit zurückgehen, dienten in erster Linie dazu, Mustertexte für das Predigen zur Verfügung zu stellen. Einzelne deutschsprachige Predigten sind schon aus dem früheren Mittelalter überliefert, aber erst von der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts an entstand eine ausgedehnte deutsche Predigtliteratur. Sie zeigt zum einen das neue, weit verbreitete Interesse 3.3 Lateinisch-deutsche Literaturbeziehungen 69 Sachbuch: ›Lucidarius‹ Dichtung: Tierfabel an religiöser Unterweisung in der Volkssprache; zum andern hat sie die Entwicklung der deutschen Schriftprosa erheblich beeinflusst. Denn in der Regel handelt es sich bei den überlieferten Texten nicht um Mit- oder Nachschriften auf der Kanzel gehaltener Predigten, sondern um literarische Produkte - sei es als Muster für die tatsächliche Predigttätigkeit, sei es für verschiedene Anlässe privater oder gemeinsamer Lektüre. Die Geschichte des Sachbuchs in deutscher Sprache beginnt mit dem ›Lu‐ cidarius‹ (›Erleuchter‹), den ein anonymer Autor gegen Ende des 12. Jahr‐ hunderts in Prosa verfasste. Den Titel hat das Werk von seiner wichtigsten lateinischen Vorlage, dem zu Beginn des 12. Jahrhunderts entstandenen ›Elucidarium‹ des unter anderem in Regensburg wirkenden Benediktiners Honorius Augustodunensis. Das ›Elucidarium‹ ist eine systematische Dar‐ stellung der christlichen Glaubenslehre in Form eines Dialogs zwischen Lehrer und Schüler. Der ›Lucidarius‹-Verfasser behielt diese Form bei, griff jedoch auf weitere lateinische Fachtraktate zurück, um das Wissen seiner Zeit mit dem Anspruch auf enzyklopädische Vollständigkeit wiederzugeben. Er präsentiert, was es über Gott, Himmel, Hölle, Welt und Mensch auf der Basis theologischer, astronomischer, geographischer und medizinischer Er‐ kenntnis zu lehren gab. An die siebzig Handschriften und 82 immer wieder modernisierte Druckauflagen - von 1479 bis 1806! - bezeugen die enorme Wirkung dieser ersten deutschsprachigen Zusammenstellung von allem, was man wissen musste. Auf dem Feld der Dichtung ist die Tierfabel ein besonders markantes Bei‐ spiel lateinisch-deutscher Literaturbeziehungen vom Hochmittelalter bis zur frühen Neuzeit. Als Begründer der Gattung galt in der Antike der sa‐ genhafte griechische Sklave Äsop. Die lateinische Fabelliteratur des Mittel‐ alters beruht in erster Linie auf zwei Textsammlungen der römischen Spät‐ antike, den Versfabeln Avians (4. Jahrhundert) und den Prosa-Fabeln der Romulus-Sammlung (5. Jahrhundert). Als fester Bestandteil des lateinischen Schulunterrichts waren Fabeln weit verbreitet und gerade unter den Ge‐ lehrten gut bekannt. In Fabeln reden und handeln Tiere wie Menschen, ver‐ halten sich aber zugleich wie Tiere: Der Fuchs ist schlau wie ein schlauer Mensch, das Huhn ist einfältig wie ein einfältiger Mensch, aber der Fuchs frisst Hühner, wie Tiere Tiere fressen. Die Naturgegebenheit der Beziehun‐ gen zwischen den Tieren wird dadurch auf das soziale Handeln von Men‐ schen übertragen: Die Schlauen nutzen die Einfältigen ebenso unvermeid‐ lich aus, wie Füchse Hühner fressen. Auf diese Weise veranschaulichen Fabeln das Grundprinzip mittelalterlich-frühneuzeitlicher Ordnungsvor‐ 70 3 Ältere deutsche Literatur - die Ausbreitung der Schriftlichkeit Ulrich Boner: ›Edelstein‹ Abb. 7: Illustration zur Fabel von Wolf und Schaf im Augsburger Druck von Boners ›Edel‐ stein‹ aus dem Jahr 1461 stellungen, dass die Beziehungen zwischen den Menschen auf von Men‐ schen nicht veränderbaren Regularitäten beruhen. Die Fabelproduktion in deutscher Sprache steht fast ganz auf dem Bo‐ den der lateinischen Tradition. Einzeltexte sind seit dem späten 12.-Jahr‐ hundert erhalten; vom 14. Jahrhundert an entstanden Sammlungen. Ein‐ flussreich wurde Ulrich Boners gegen 1350 vollendete Fabelsammlung mit dem Titel ›Der Edelstein‹, die 1461 unter den ersten gedruckten deut‐ schen Texten war. Auch bei Humanisten und Reformatoren war die Fabel wegen ihrer la‐ teinischen Tradition und ihrer erkenntnisvermittelnden Nützlichkeit be‐ liebt. Der Ulmer Stadtarzt Heinrich Steinhöwel, einer der produktivsten Au‐ toren des deutschen Frühhumanismus, ließ 1476/ 77 einen zweisprachigen 3.3 Lateinisch-deutsche Literaturbeziehungen 71 Heinrich Steinhöwel: ›Esopus‹ Höfische Dichtung ›Höfisch‹ Ritter ›Esopus‹ drucken (Fabelsammlungen heißen mit dem Namen des sagenhaf‐ ten Gattungsbegründers oft ›Äsop‹) und zeigte damit seine Doppelqualifi‐ kation als humanistischer Herausgeber lateinischer Texte und als Prosa-Übersetzer. Zusammen mit den getrennten lateinischen und deut‐ schen Ausgaben, die bald darauf erschienen, wurde dieses Buch zu einem der größten Erfolge der frühen Druckzeit und zur wichtigsten Quelle für die deutsche Fabelliteratur des 16.-Jahrhunderts. 3.4 Romanisch-deutsche Literaturbeziehungen Seit der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts orientierten sich die deutschen Adeligen an der Hofkultur, die in verschiedenen Regionen des heutigen Frankreich und in England schon in der ersten Jahrhunderthälfte entstand. (Seit der normannischen Eroberung von 1066 waren der Königshof und die Adeligen in England französischsprachig.) Literatur in der Volkssprache war ein wichtiger Teil dieser Hofkultur: Dichtung gehörte einerseits zum Repräsentationsprogramm der Höfe und diente andererseits dazu, die höfi‐ schen Lebenswerte und Handlungsideale zu erörtern. Die Bezeichnung ›höfisch‹ (altfranzösisch corteis, mittelhochdeutsch hö‐ vesch) hat demnach eine zweifache Bedeutung: Sie identifiziert einerseits ein kulturelles Programm, andererseits den Adelshof als seinen sozialen Ort. Das Männlichkeitsideal der höfischen Kultur ist der Ritter (Grundbe‐ deutung ›Reiterkrieger‹, altfranzösisch chevaliers, mittelniederdeutsch und als mittelniederdeutsches Lehnwort im mittelhochdeutschen Sprachraum ritter, mittelhochdeutsch rîter). Als ›Ritter‹ konnten im 12. und 13. Jahrhun‐ dert ohne Rücksicht auf die rechtsständischen Unterschiede innerhalb des Adels alle im kulturellen Sinn ›höfischen‹ Männer vom einfachen adeligen Grundherrn über die hochadeligen Fürsten bis zu Königen und Kaisern, außerdem auch nichtadelige Ministeriale bezeichnet werden. Es handelte sich deshalb um einen eher kulturellen als rechtsständischen Begriff. In seinem Kern zielt das höfische Männlichkeitsideal auf einen kontrol‐ lierten Einsatz der physischen Kampffähigkeit, der die körperliche Gewalt‐ anwendung in den Dienst der Rechts- und Herrschaftsordnung stellt. Der höfische Ritter zeichnet sich deshalb durch Affektkontrolle aus, die jedoch nicht in Affektunterdrückung besteht, sondern in einer kultivierten Emo‐ tionalität, deren literarische Darstellung vor allem in Gestalt der höfischen Liebe erfolgt. Höfische Ritter sind überwältigend schön, haben perfekte Um‐ 72 3 Ältere deutsche Literatur - die Ausbreitung der Schriftlichkeit Höfische Dame Minnesang Frauen‐ dienst gangsformen und zeigen ihren materiellen Reichtum in teuren Rüstungen, kostbaren und modischen Kleidungsstücken, prächtigen Burgen und Ein‐ richtungsgegenständen. Auch das Pferd ist für den höfischen Reiterkrieger nicht allein ein Kampfinstrument, sondern zugleich ein teures Statussymbol. In dieser kulturellen Bedeutung wurde das Wort ›Ritter‹ auch nach dem 13. Jahrhundert weiter benutzt. Daneben gab es vom 14. Jahrhundert an jedoch noch einen neuen rechtständischen Wortgebrauch: In dieser Bedeutung bildete der niedere Grundherrenadel nun die ›Ritterschaft‹ im Unterschied zum Hochadel (Landesfürsten, Könige, Kaiser). Das Weiblichkeitsideal der höfischen Kultur ist die adelige Dame (altfran‐ zösisch dame, mittelhochdeutsch frouwe). Sie ist ebenfalls strahlend schön sowie emotional, materiell und im sozialen Handeln maximal kultiviert. Damit erfüllt sie allerdings in erster Linie die Funktion, das Bemühen der Ritter um die Erfüllung des höfischen Männlichkeitsideals anzuspornen. An der Vermittlung der höfischen Kultur aus dem romanischen in den deutschen Sprachraum hatte der Literaturtransfer einen großen Anteil. Der Einfluss romanischer Vorbilder auf die deutsche Dichtung sollte für Jahrhunderte eine erstrangige Rolle spielen. Im 12. Jahrhundert wurden zunächst der Minnesang und die höfische Epik mit ihren verschiedenen Stoffbereichen importiert. Der Minnesang entstand um 1100 im Süden des heutigen Frankreich, der zu dieser Zeit jedoch nicht zum französischen Königreich gehörte, sondern aus selbstständigen Herrschaften bestand. Man sprach dort auch nicht Französisch, sondern Okzitanisch, eine Sprache, die eher dem heutigen Katalanisch ähnelt. Die Liebeslieder der altokzitanischen Minnesänger, der Trobadors, sind die ersten bekannten volkssprachlichen der abendländi‐ schen Geschichte. So neu, wie sie selbst als Kunstform waren, war auch die Idee der Liebe, von der sie handeln. Die Trobadors nannten sie die fin’amors - die ›feine‹, nämlich vornehme und wahre Liebe. Im Mittelpunkt dieser Konstruktion steht das Modell des Frauendienstes: Ein adeliger Mann ›dient‹ einer adeligen Dame, indem er sich bedingungslos ihrem Willen unterwirft, aufrichtig und beständig allein um ihre Gegenliebe wirbt, ihre abweisende Haltung trotz des ihm dadurch zugefügten schweren Leids mit unerschütterlicher Bereitwilligkeit erträgt und als Minnesänger seine Lieder für sie singt. Der Minnesang selbst ist Frauendienst; wenn der Minnesänger vor seinem höfischen Publikum ein Lied singt, ist stets unterstellt, dass er damit als Liebender seiner Dame dient. Als ›Lohn‹ erhofft und fordert er die sexuelle Zuwendung der Dame; da sie nicht mit ihm 3.4 Romanisch-deutsche Literaturbeziehungen 73 Höfisches Männlich‐ keitsideal Höfische Epik Antikenroman verheiratet ist, erlauben ihr die gesellschaftlichen Normen jedoch nicht, ihn zu erhören. Konstitutiv für das Frauendienst-Modell ist eine spezifische Grundspan‐ nung, die darin besteht, dass sich der Mann durch die moralische Qualität seiner aufrichtigen und beständigen Liebe, durch die mit dem ertragenen Leid verbundene emotionale Anstrengung und durch seine Leistungen als Minnesänger einerseits einen Anspruch auf - körperlich gemeinte - Gegen‐ liebe erdient, dass die Gewährung des Lohns aber dennoch der Gnade der Dame, ihrem freien Willen, anheimgestellt ist. Aus diesem Grund können die beiden nicht miteinander verheiratet sein; im zeitgenössischen Eherecht gab es nämlich einen Rechtsanspruch auf ehelichen Geschlechtsverkehr. Die Dame kann sich, wie manche Lieder zeigen, auch gegen die gesellschaftliche Norm entscheiden und den Mann erhören. Die Erfüllung des Begehrens ist nicht als prinzipiell unmöglich, aber immer als verboten gedacht; weil sie gegen die sozialen Regeln verstößt, muss sie verheimlicht werden. Das Modell ist ein Bestandteil des höfischen Männlichkeitsideals. In der freiwilligen Selbstunterwerfung und Selbstbeherrschung des höfischen Mannes zeigt sich eine kulturelle Überlegenheit, die seinen gesellschaftli‐ chen Führungsanspruch begründet: Nur wer sich selbst beherrschen kann, kann auch andere beherrschen. Adelige Herrschaft wird so nicht allein durch die mit der Geburt als Adliger erworbenen Rechte begründet, sondern zusätzlich durch die Bereitschaft des Adeligen, anderen aus freiem Willen zu dienen. In der Selbstunterwerfung des von Natur aus ›stärkeren‹ unter das eigentlich ›schwächere‹ Geschlecht ließ sich das besonders gut demonstrie‐ ren. Dieses Liebesmodell war ein durchschlagender Erfolg in der adeligen Welt. Es verbreitete sich im ganzen okzitanischen Sprachraum bis nach Nordspanien und Norditalien. Um 1150 wanderte es nach Norden in den französischen Sprachraum. Seit etwa 1170 begannen deutsche Minnesänger, sich am Vorbild ihrer okzitanischen und französischen Kollegen zu orien‐ tieren, und von da an wurde über 150 Jahre lang an deutschen Höfen von der vornehmen und wahren Liebe des Frauendienstes gesungen. Die altfranzösischen epischen Texte, die die deutschsprachigen Dichter bearbeiteten, lassen sich nach drei unterschiedlichen Stoffgebieten in Anti‐ kenroman, französische Heldenepik und bretonischen Roman ordnen. Der erste Typus, der verdeutscht wurde, war der Antikenroman. Die deutschen Dichter haben drei antike Stoffe aufgegriffen: Die Geschichte Alexanders des Großen; die Geschichte des Trojaners Aeneas - er flieht nach 74 3 Ältere deutsche Literatur - die Ausbreitung der Schriftlichkeit Französi‐ sche Hel‐ denepik ›Rolands‐ lied‹ dem Untergang Trojas mit seinen Gefolgsleuten und begründet eine neue Herrschaft in Italien, aus der das Römische Reich hervorgeht - und die Ge‐ schichte des Trojanischen Kriegs selbst. Die Tabelle stellt die ältesten Texte und ihre französischen Vorbilder zusammen: Text französischer Dichter Entstehung deutscher Dichter Entstehung Alexander‐ roman Alberic von Bisinzo um 1120 Lamprecht um 1150 Eneasroman anonym um 1155 Heinrich von Veldeke um 1170/ 90 Trojaroman Benoît de Sainte-Maure um 1160 Herbort von Fritzlar um 1200 Die Antikenromane zeigen, dass romanische Vorbilder die Bedeutung der lateinischen Tradition nicht ausschließen: Alle französischen Texte haben ihrerseits lateinische Quellen, die gewöhnlich auch den deutschen Bearbei‐ tern bekannt waren. So beruht beispielsweise der altfranzösische ›Roman d’Énéas‹ auf der ›Aeneis‹ des römischen Dichters Vergil (70-19 v. Chr.). Sowohl der Alexanderals auch der Trojastoff wurden im 13. Jahrhundert von weiteren Bearbeitern mehrmals erneut in deutsche Verse gebracht. Als zweiter Typus wurde die französische Heldenepik importiert. Wäh‐ rend die Stoffe der deutschen Heldenepik - der Untergang der Burgunden im ›Nibelungenlied‹ und die Geschichten um Dietrich, die im 13. Jahrhun‐ dert in Dietrichepen neu verschriftlicht wurden - auf die Völkerwande‐ rungszeit zurückgehen, stammen die Stoffe der französischen Heldenepik aus der Karolingerzeit. Auch sie hatten eine mündliche Erzähltradition hin‐ ter sich, als sie im 12. Jahrhundert auf Altfranzösisch verschriftlicht wurden. Auch sie berichten von großen Kampftaten großer Männer: Ihr Gegenstand sind die Kriege fränkischer Adeliger gegen die muslimischen Araber, die im 8.-Jahrhundert Spanien erobert hatten. Die berühmteste Geschichte der französischen Heldenepik, die ›Chanson de Roland‹, hatte bereits zu Beginn des 12. Jahrhunderts den Sprung in die altfranzösische Schriftlichkeit geschafft. Roland, ihr Held, opfert sich als Vasall Karls des Großen mit seinem Heertrupp in den Pyrenäen heroisch im Kampf gegen die arabische Übermacht. Als das ›Rolandslied‹ um 1170 von einem Kleriker namens Konrad auf Deutsch bearbeitet wurde, wurden die 3.4 Romanisch-deutsche Literaturbeziehungen 75 Bretoni‐ scher Roman Tristan und Isolde Artusroman Kämpfe zwischen Franken und Arabern unter dem Eindruck der zeitgenös‐ sischen Kreuzzüge zum heiligen Krieg gegen heidnische Aggressoren. Die größte literarische Entdeckung des 12. Jahrhunderts war der dritte Stoffbereich der höfischen Epik mit britisch-bretonischen Geschichten, die keltischen mündlichen Erzähltraditionen entstammen. Menschen mit kelti‐ schen Muttersprachen lebten im 12. Jahrhundert, als französischsprachige Dichter und ihr Publikum Interesse an ihren Erzählungen fanden, in der ›kleinen Bretagne‹ auf dem Festland (der heutigen Bretagne), in den süd‐ westlichen Randgebieten (Cornwall, Wales) der ›großen Bretagne‹ (des heu‐ tigen Großbritannien) und in Irland. England, wo die französischen Eroberer nach 1066 auf keltische Briten trafen, spielte für die Stoffvermittlung eine wichtige Rolle. Unter den Stoffen britisch-bretonischer Herkunft erlangten zwei besondere Bedeutung: Die Geschichte von Tristan und Isolde und die Geschichten von den Artusrittern. Tristan und Isolde sind das berühmteste ehebrecherische Liebespaar der höfischen Dichtung. Die Geschichte signalisiert ihre keltische Herkunft in ihrer eigenen Geographie: Tristan stammt aus der Bretagne, Isolde aus Irland, der betrogene Ehemann Marke ist König von Cornwall. Wahrschein‐ lich um 1170 bearbeitete Eilhart von Oberg eine nicht erhaltene, schriftliche französische Vorlage. Eine Generation später, um 1210, nahm sich Gottfried von Straßburg den französischen Tristanroman des Thomas von England zum Vorbild. Artus tritt zuerst in der lateinischen Geschichtsschreibung britischer Ge‐ lehrter des frühen und hohen Mittelalters auf, die vermutlich unter dem Einfluss mündlicher Erzähltraditionen standen. Die Figur hat vielleicht ei‐ nen historischen Kern in einem keltischen Heerführer, der im 6. Jahrhundert gegen die angelsächsischen Eroberer Britanniens kämpfte. Der Geschichts‐ schreiber Geoffrey von Monmouth beförderte Artus in seiner ›Historia re‐ gum Britanniae‹ (›Geschichte der Könige Britanniens‹) in den dreißiger Jahren des 12. Jahrhunderts zum großen König: Geoffrey erzählt ausführlich seine Lebensgeschichte und lässt ihn halb Europa erobern. Was Geoffrey mit dem Anspruch auf historische Wahrheit (dem freilich manche seiner Fach‐ kollegen misstrauten) in lateinischer Prosa berichtet, bearbeitete ein Kleri‐ ker namens Wace am englischen Königshof in den fünfziger Jahren des 12. Jahrhunderts als ›Roman de Brut‹ in altfranzösischen Versen. ›Roman‹ bedeutet hier ›Erzählung in der romanischen Volkssprache‹; ›Brut‹ ist der sagenhafte erste britische König Brutus, der bei Geoffrey und Wace am An‐ fang der britischen Königsreihe steht. Wace hat ihn als Namensgeber für 76 3 Ältere deutsche Literatur - die Ausbreitung der Schriftlichkeit seinen ›Roman‹, der jedoch vor allem von Artus handelt, benutzt. Bei Wace taucht zum ersten Mal die runde Tafel des Königs und seiner Ritter auf. Wace spielt auch auf mündliche Erzählungen im Zusammenhang mit Artus und seinen Rittern an: Während einer zwölfjährigen Friedenszeit zwischen den Kriegen sei der Hof des Königs zum Inbegriff adelig-ritterlicher Vorbildlich‐ keit geworden, und in dieser Zeit hätten sich die ritterlichen Begebenheiten zugetragen, von denen so viel erzählt würde, dass alles nur noch wie ein Märchen erscheine. Abb. 8: Höfische Szenen. Illustration aus Handschrift G des ›Parzival‹ Wolframs von Eschenbach (Mitte des 13.-Jahrhunderts) 3.4 Romanisch-deutsche Literaturbeziehungen 77 Spätmittel‐ alter und frühe Neu‐ zeit Nicht der König selbst, sondern einer seiner Ritter dient jeweils als Haupt‐ figur der altfranzösischen Artusromane, die Chrétien de Troyes seit etwa 1170 verfasste. Während dem historischen Publikum die Geschichten von den antiken und den karolingischen Helden nicht in jeder Einzelheit, aber im Großen und Ganzen als historische Wahrheit galten, scheint es gegenüber diesen britisch-bretonischen Rittergeschichten den Verdacht gegeben zu haben, sie könnten erfunden sein. Der Artusroman wurde zum perfekten Instrument, um die Ideale des höfischen Rittertums und der höfischen Liebe vorzuführen und zu proble‐ matisieren. Während Antikenroman und Heldenepik vor allem auf Kriege zwischen Herrschaftsverbänden und ihren Anführern konzentriert waren, konnte der Artusroman seine Hauptfigur stets im ritterlichen Einzelkampf und als Liebenden präsentieren. Nicht ein Interesse am einmaligen Indivi‐ duum wird dabei greifbar, aber ein neues Interesse am Einzelnen, an seinem Handeln und an seinem Welterleben. Es war dieser Modernitätsvorsprung gegenüber den ›historischen‹ Stof‐ fen, der den Artusroman zur Paradegattung der höfischen Epik machte. Auch hier geht es vor allem darum, das adelige Geburtsrecht auf Herrschaft durch ›höfische‹ Handlungskompetenz zu ergänzen: Indem der adelige Ritter seine Kampfkraft in den Dienst für Bedrängte stellt und gegen Aggressoren einsetzt, dient er der Rechtsordnung und beweist dadurch seine Befähigung zum Herrscher. Die Tabelle stellt die ältesten deutschen Texte und ihre französischen Vorbilder zusammen: französischer Text Entstehung deutscher Text Entstehung Chrétien de Troyes: ›Érec et Énide‹ um 1170 Hartmann von Aue: ›Erec‹ um 1180 Chrétien de Troyes: ›Yvain‹ um 1180 Hartmann von Aue: ›Iwein‹ um 1200 Chrétien de Troyes: ›Perceval‹ um 1180/ 90 Wolfram von Eschenbach: ›Parzival‹ um 1205 Wie im Hochmittelalter, so waren französische Textvorbilder in Spätmittel‐ alter und früher Neuzeit vor allem für die Dichtung wichtig. Auch die folgenreichste Neuerung, der Übergang zur Prosa in der epischen Großform, beruht auf französischen Modellen. 78 3 Ältere deutsche Literatur - die Ausbreitung der Schriftlichkeit Prosaroman In Frankreich waren schon seit dem Ende des 12. Jahrhunderts Prosaro‐ mane entstanden, unter denen dem ›Lancelot en prose‹ besondere Bedeu‐ tung zukommt. Er stellt den Versuch dar, eine Gesamtgeschichte der Artus‐ ritterschaft zu erzählen, die die unterschiedlichen Rittergeschichten in einen großen Zusammenhang integriert. Im Mittelpunkt steht Lanzelot mit seiner außerehelichen Liebesbeziehung zu Königin Ginover. Im 13. Jahrhundert übertrug ein unbekannter Bearbeiter Teile des ›Lancelot en prose‹ ins Deut‐ sche; das Unternehmen wurde im 14. Jahrhundert um weitere Teile des französischen Texts vermehrt. Der ›Prosa-Lanzelot‹ ist unter den deutschen Artusromanen im 13. Jahrhundert der einzige, der kein Versroman ist, und zugleich der letzte, der auf einer französischen Vorlage beruht. Artusromane in Versen brachte man inzwischen auch allein zustande; die neue Form war wieder ein romanischer Import. Indes blieb er für lange Zeit der einzige deutsche Prosaroman. Die nächsten deutschen Prosaromane nach französischen Vorlagen ent‐ standen in den dreißiger Jahren des 15. Jahrhunderts am Hof der Gräfin Elisabeth von Nassau-Saarbrücken, die als lothringische Herzogstochter französischsprachig aufgewachsen war. Elisabeths eigener Anteil an der Textproduktion ist nicht ganz klar. Die französischen Texte, die am Saarbrü‐ cker Hof ins Deutsche übertragen wurden, waren spätmittelalterliche Prosa‐ fassungen hochmittelalterlicher französischer Heldenepen. Die Bearbeitung hochmittelalterlicher Erzählungen, deren Handlungen im Frühmittelalter spielen, fügt sich zu den rückwärtsgewandten literarischen Interessen, die in weiten Teilen der spätmittelalterlichen Adelsdichtung anzutreffen sind. In den alten Geschichten fand man offenbar die Grundsätze des eigenen aristokratischen Selbstverständnisses in besonders überzeugender Weise repräsentiert. Vom Jahr 1500 an, lange nach Elisabeths Tod, gelangten drei der Romane in überarbeiteten Fassungen in den Buchdruck und fanden von da an breitere Leserkreise. Den größten Erfolg erzielte der ›Huge Scheppel‹, der bis 1794 nachgedruckt wurde. Er erzählt die (erfundene, aber als wahr ausgegebene) Geschichte vom Sohn eines Ritters und einer Metzgerstochter, der dank seiner altadeligen Fähigkeiten und der finanziellen Hilfe seines Onkels zum französischen König wird - und zwar zum historischen König Hugo Capet (987-996), dem Begründer der kapetingischen Dynastie. Dass Prosaromane nach französischen Vorbildern bald auch von Städtern produziert wurden, zeigt die Orientierung der Patrizier an der Hofkultur. Man übernahm Traditionen, deren Glanz den eigenen Führungsanspruch bekräftigen sollte. Der Berner Patrizier Thüring von Ringoltingen stellte 3.4 Romanisch-deutsche Literaturbeziehungen 79 Italienische Textvorbilder 1456 einen der erfolgreichsten Prosaromane fertig, die bis ins 18. Jahrhun‐ dert nachgedruckte ›Melusine‹. Thüring übertrug einen um 1400 entstan‐ denen französischen Versroman in deutsche Prosa, dessen Stoff schon im 12. Jahrhundert belegt ist und dem das alte Handlungsmuster der schwierigen Ehe zwischen Mensch und Fee zugrunde liegt. Die Hauptfigur, Graf Raimund von Poitiers, begründet mit der Meerfee Melusine, die jeden Samstag vom Nabel abwärts zur Schlange wird, ein Adelsgeschlecht, dessen Nachfahren immer noch leben - für Thüring ein Beleg der historischen Wahrheit seiner Geschichte, die auch die Prosa verbürgen soll. Als weitere Neuerung in den romanisch-deutschen Literaturbeziehungen des 15. und 16. Jahrhunderts kam schließlich die Übertragung italienischer Textvorbilder auf. So wurde in den siebziger Jahren des 15. Jahrhunderts in Ulm eine deutsche Übersetzung von Giovanni Boccaccios ›Dekameron‹ gedruckt, der um 1350 entstandenen, bedeutendsten italienischen Novellen‐ sammlung. Der Übersetzer firmierte unter dem Pseudonym ›Arigo‹, einer italianisierten Form des Namens Heinrich. Dahinter verbirgt sich möglicher‐ weise ein Deutscher, der in Florenz unter dem Namen Arrigho di Federigho della Magna lebte. Arigos Übersetzung fand zunächst wenig Beachtung, doch ein überarbeiteter Neudruck, der 1535 in Straßburg erschien, entfaltete eine beträchtliche Wirkung in der deutschen Literatur des 16. Jahrhunderts. Der Nürnberger Dichter Hans Sachs beispielsweise bediente sich ausgiebig im deutschen Dekameron. So gaben die okzitanische, die französische und die italienische Dich‐ tung der deutschen vom 12. bis zum 16. Jahrhundert - und noch darüber hinaus - immer wieder entscheidende Impulse. Dabei hatten die roma‐ nisch-deutschen Literaturbeziehungen über den gesamten Zeitraum fast immer dieselbe Richtung: Im deutschen Sprachraum wurden Modelle aus dem romanischen aufgenommen, so dass die romanische Welt Jahrhunderte lang das große kulturelle Vorbild blieb. Während die lateinische Literatur insgesamt das wichtigste Fundament war, auf dem sich die deutschspra‐ chige Schriftliteratur in ihren verschiedenen Textsorten entwickelte und ausbreitete, trieben die romanischen Einflüsse die Entfaltung der deutschen Schriftdichtung entscheidend voran. 80 3 Ältere deutsche Literatur - die Ausbreitung der Schriftlichkeit Dichtung, dichten, Dichter 4 Ältere deutsche Literatur - ›Literatur‹ und ›Dichtung‹ 4.1 Die Begriffe ›Literatur‹ und ›Dichtung‹ Wer die Geschichte der älteren deutschen Literatur als Geschichte deut‐ scher Schriftlichkeit versteht, hat einen ›weiten‹ Literaturbegriff: Literatur bezeichnet die Gesamtheit aller schriftlich überlieferten Texte. Dichtung ist dabei eine Textsorte neben anderen. Freilich nimmt sie im frühen und hohen Mittelalter einen auffälligen Rang ein, denn wer deutsche Schrifttexte produzierte, tat dies zumeist in Versen - und ›dichtete‹ damit nach der zeitgenössischen Einschätzung. Im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit beherrschen die nichtpoetischen Textsorten die Bühne dann immer mehr. Im Folgenden geht es um die Frage, was ›Dichtung‹ in der älteren Zeit bedeutete. Das Abstraktum ›Dichtung‹ ist seit dem 15. Jahrhundert belegt, wurde aber erst seit dem späten 18. Jahrhundert geläufig. ›Dichtung‹ ist vom Verb ›dichten‹ abgeleitet, das es schon im Althochdeutschen (dihton) und Mittel‐ hochdeutschen (tihten) gab. Möglicherweise wurde es nach dem Vorbild des lateinischen Verbs dictare (›schriftlich abfassen‹, ›zum Aufschreiben vorsagen‹) gebildet, jedenfalls in den älteren Sprachstufen im selben Sinn wie dictare verwendet. In dieser weiten Bedeutung bezieht es sich auf die Produktion schriftlicher, nicht auf diejenige poetischer Texte. Seit dem 12. Jahrhundert ist das mittelhochdeutsche Wort tihtære belegt, aus dem neuhochdeutsch ›Dichter‹ wurde. In der weiten Bedeutung war ein tihtære, wer Schrifttexte verfasste. In einem engeren Sinn jedoch war ein tihtære ein Verfasser von Verstex‐ ten. In dieser Verwendungsweise entspricht die Bedeutung des Wortes derjenigen der lateinischen Bezeichnung poeta. Ein poeta ist, wer Verstexte macht; was seine Produkte von anderen Textsorten unterscheidet, ist die Versifizierung. So verhielt es sich in der römischen Antike und im lateini‐ schen Sprachgebrauch des Mittelalters und der frühen Neuzeit, der den antiken fortführte. Abb. 9: Dichter beim Dichten (Diktieren). Miniatur zu den Liedern Konrads von Würzburg in der Manessischen Liederhandschrift (geschrieben in der 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts, vgl. Kapitel 6.2) Dass Dichtung ist, was versifiziert ist, würden wir heute nicht mehr behaup‐ ten. Geschichtsschreibung in Versen beispielsweise würde uns nicht nur verwundern; wir würden sie auch nicht ohne weiteres für Dichtung halten. ›Literatur‹ im weiteren Sinn wäre sie gewiss, aber nicht ›schöne Literatur‹ im engeren Sinn. Wie ist es zum Unterschied zwischen dem ›weiten‹ und dem ›engen‹ Literaturbegriff und zur Veränderung der Vorstellung von ›Dichtung‹ gekommen? 82 4 Ältere deutsche Literatur - ›Literatur‹ und ›Dichtung‹ Literatur Schöne Literatur Moderner Dichtungsbegriff Subjektivität Unser weiter Begriff von ›Literatur‹ hat seine Wurzeln im Sprachge‐ brauch der europäischen Humanisten des 15. und 16. Jahrhunderts. Sie verstanden unter litterae (der Plural zu littera, Buchstabe) jede Art von ›gelehrtem‹ Schrifttext, der aus einer ars (Fähigkeit) hervorging. Der huma‐ nistische Begriff von ars umfasste alles, was wir heute als Wissenschaften einerseits und Künste andererseits unterscheiden. Litterae waren deshalb die Produkte der Mathematik genauso wie die der Dichtung. Auf der Grundlage dieses weiten humanistischen Literaturbegriffs kam gegen Ende des 17. Jahrhunderts in Frankreich der engere Begriff der belles lettres auf, der ›schönen Literatur‹. Er bezeichnete die Produkte einer bestimmten Gruppe von ›Künsten‹, nämlich der mit Sprache befassten: Grammatik, Rhetorik und Poesie; dazu in der Regel auch die der Geschichts‐ schreibung. Dieser Begriff der ›schönen Literatur‹ wurde im 18. Jahrhundert noch einmal auf poetische Texte verengt: ›Schöne Literatur‹ wurde nun zur Bezeichnung für das, was zuvor ›Poesie‹ oder ›Dichtung‹ geheißen hatte. Zusammen mit der Entstehung dieses ›engen‹ Literaturbegriffs kam es jedoch zu einer tiefgreifenden Veränderung dessen, was man unter ›schöner Literatur‹ im Sinn von ›Dichtung‹ verstand. Das zeigt sich unter anderem daran, dass die ›schöne Literatur‹ nun nicht mehr in eine Reihe mit ande‐ ren sprachlichen ›Künsten‹ (Grammatik, Rhetorik, Geschichtsschreibung) gestellt wurde, sondern in eine Reihe mit anderen ›schönen‹ Künsten wie Musik und Malerei. Die Veränderung des Dichtungsbegriffs ging mit einer Veränderung des Kunstbegriffs einher: ›Kunst‹ wurde im 18. Jahrhundert gegenüber ›Wissenschaft‹ abgegrenzt, auch gegenüber den mit Sprache befassten Wissenschaften. Man muss sich im Klaren über die Kernaspekte des modernen Begriffs von ›schöner Literatur‹ im Sinn von ›Dichtung‹ sein, wie er im 18. Jahr‐ hundert aufkam und bis heute (wenn auch nicht unangefochten) fortwirkt, um verstehen zu können, was beim älteren Dichtungsbegriff anders war. Insbesondere vier Vorstellungen über Dichtung, die seit dem 18. Jahrhundert eine prominente Rolle spielen, begründen einen Abstand zur älteren Zeit: 1. Poetische Texte gelten als Ausdruck von Subjektivität, individueller Wahrnehmung und emotionalem Erleben. Im Gegensatz dazu herrschen in der Wissenschaft nicht-subjektive Beobachtung und nicht-subjektive Ra‐ tionalität. Im engen Zusammenhang damit steht ein bestimmtes Konzept von poetischer Autorschaft, nämlich das des Dichtergenies, das in seinem Werk sein individuelles und subjektives Welterleben zum Ausdruck bringt. 4.1 Die Begriffe ›Literatur‹ und ›Dichtung‹ 83 Autonomie Das macht der Dichter wie der Maler oder der Musiker und anders als der Wissenschaftler. Die Einschätzung, dass Dichtung der Ausdruck eines subjektiven und individuellen Weltverhältnisses ist und sich deshalb grundsätzlich von Wissenschaft unterscheidet, war vor dem 18. Jahrhundert nicht geläufig. Deshalb beurteilte man den Autor nicht in erster Linie als individuellen und genialen Schöpfer. Die ältere Zeit assoziierte ›Dichten‹ vor allem mit ›Können‹. Ein Dichter war, wer über technische Fähigkeiten verfügte, die man lehren und lernen konnte. Auch diejenigen, die die angeborene Begabung, die göttliche Inspiration oder die schöpferische Leistung des Dichters betonten, maßen dem Handwerklichen einen hohen Stellenwert zu. 2. Poetische Texte verfolgen keinen unmittelbaren praktischen Zweck. Dichtung ist schön, nicht nützlich; der poetische Text bezieht seinen Wert aus seiner eigenen Gestalt, nicht aus einer Funktion für etwas anderes. Dichtung ist ›autonom‹; das verbindet sie mit den anderen ›schönen‹ Künsten wie Malerei und Musik. Die Idee der Autonomie hat nicht nur zu einer Trennung zwischen poetischen Texten und Gebrauchstexten geführt, sondern auch zu einer Trennung zwischen Kunst und Handwerk. Eine Uhr kann so ›kunstvoll‹ (im handwerklichen Sinn) gemacht sein, wie sie will; sie ist keine Kunst, weil sie eine Gebrauchsfunktion hat. Eine Fotografie von der Uhr kann dagegen Kunst sein. Die Uhr selbst wird womöglich zur Kunst, wenn man sie in eine Vitrine im Museum legt, weil sie dann ihre Gebrauchsfunktion verliert. Genauso verhält es sich mit sprachlichen Texten: Zeitungsrepor‐ tagen erfordern handwerkliches Können, sind aber keine Kunst. Wenn Zeitungsreportagen jedoch in einen Roman einmontiert werden, werden sie zum Teil des Kunstwerks. Die Vorstellung, dass etwas schön oder nützlich, Kunst oder Handwerk sein könnte, war vor dem 18. Jahrhundert nicht verbreitet. In der älteren Zeit kam ›Kunst‹ tatsächlich von ›können‹: Kunst war alles, was aufgrund der dazu nötigen Fertigkeiten so gut gemacht ist, dass es seine Funktion optimal erfüllte. Das galt auch für jede Art von Text. Dichtung konnte deshalb nicht dasjenige sein, was sonst keinen Nutzen hatte. Weil man poetische Texte nicht als ›schöne‹ Texte von Gebrauchstex‐ ten unterschied, konnte man von der Dichtung mit aller Selbstverständ‐ lichkeit einen praktischen Nutzen erwarten. Dichtung konnte religiösen, politischen, moralischen und allen erdenklichen weiteren Zwecken dienen, 84 4 Ältere deutsche Literatur - ›Literatur‹ und ›Dichtung‹ Sinnliche Erkenntnis Fiktionalität ohne dass dabei eine Konkurrenz zwischen Schönheit und Nützlichkeit entstanden wäre. Niemand war der Auffassung, dass ein poetischer Text keine Absichten verfolgen dürfe, weil das seiner dichterischen Qualität schade; das dichterische Können bestand im Gegenteil darin, die Absicht mit dem entsprechend gestalteten Text möglichst gut zu erfüllen. 3. Poetische Texte benutzen eine besondere Darstellungsweise und erbringen deshalb eine eigenständige Erkenntnisleistung. Während die wissenschaftliche Darstellung auf begriffliche Abstraktion und auf Verall‐ gemeinerung zielt, zielt die poetische auf Konkretheit und Anschaulichkeit. Wissenschaft wendet sich an die abstrahierende Vernunft; Dichtung wendet sich an die sinnliche Erkenntnis - an die Wahrnehmung und an die Phan‐ tasie. Die Einschätzung, dass Dichtung konkrete Einzelfälle auf eine anschauli‐ che Art darstellt, ist keine Neuerung des 18. Jahrhunderts. In der älteren Zeit wurde dies jedoch nicht als Gegensatz zu Abstraktion und Verallgemeine‐ rung verstanden, sondern als Vorstufe oder als Vermittlungstechnik: Dich‐ tung stellt das Allgemeingültige am konkreten Beispiel, das Abstrakte auf anschauliche Weise dar; sie dient damit der Erkenntnis des Abstrakten und Allgemeinen. Seit dem 18. Jahrhundert gibt es dagegen die Einschätzung, dass poetische Texte ihre besondere Qualität dort erreichen, wo das, was sie zum Ausdruck bringen, nicht in einer abstrakten, allgemeinen Redeweise gesagt werden könnte. Diese Idee war der älteren Zeit fremd. Weil man von der Dichtung keine grundsätzlich andere Erkenntnisleis‐ tung erwartete als von der Wissenschaft, war man nicht der Auffassung, dass Dichtung sich von anderen Texten dadurch unterscheidet, dass sie vorzugsweise Wahrnehmungsfähigkeit und Phantasie anspricht. Dichtung hatte deshalb in der älteren Zeit eine selbstverständliche Nähe zu Wissen: Sie sollte Wissen vermitteln und sich auf anerkanntes Wissen beziehen. Deshalb gab es beispielsweise Lehrdichtung, also systematische Wissensvermittlung in Versform. 4. Poetische Texte haben einen besonderen Wirklichkeitsbezug und er‐ bringen deshalb eine eigenständige Erkenntnisleistung. Sie sind fiktional: Sie tun nur so, als ob sie behaupten würden, dass das, wovon sie sprechen, wirklich der Fall ist oder war. Als Rezipient: innen wissen wir das; wir wissen aber auch, dass wir uns auf dieses Spiel einlassen müssen und nicht mit dem Einwand ›Ist doch nicht wahr‹ zu kommen brauchen. Solange das Spiel gespielt wird, gelten die Spielregeln des ›als ob‹. 4.1 Die Begriffe ›Literatur‹ und ›Dichtung‹ 85 Die Idee von einem besonderen Wirklichkeitsbezug der Dichtung stammt vom griechischen Philosophen Aristoteles (384-322 v. Chr.). Er antwortete damit auf den Standpunkt Platons, dass die Dichter lügen und dass die Dich‐ tung deshalb eine überflüssige und schädliche Täuschung sei. Aristoteles behauptete dagegen, dass die Dichter im Unterschied zu den Geschichts‐ schreibern nicht vom Tatsächlichen erzählen, sondern vom Wahrschein‐ lichen. Der jeweilige Wirklichkeitsbezug begründet, Aristoteles zufolge, die Erkenntnisleistung: Die Geschichtsschreibung ermöglicht die Erkennt‐ nis des Tatsächlichen und Besonderen, die Dichtung die Erkenntnis des Wahrscheinlichen und Allgemeingültigen. Das liegt in der aristotelischen Konzeption daran, dass die Dichter die von ihnen dargestellten Handlungen nach den Regularitäten des Wahrscheinlichkeitswissens konstruieren kön‐ nen: Wenn es etwa als wahrscheinlich gilt, dass üble Taten üble Folgen haben, kann das in der poetischen Handlungsdarstellung immer so sein. Geschichtsschreiber müssen sich dagegen an das tatsächlich Geschehene halten und können deshalb nicht ignorieren, dass eine üble Tat entgegen dem als wahrscheinlich Geltenden manchmal keine üblen Folgen hat. Die aristotelische Konzeption läuft deshalb auf die These hinaus, dass Dichtung erkennbar macht, was von der jeweiligen kulturellen Gemeinschaft für allgemein wahrscheinlich gehalten wird. Das ist nicht dasselbe wie das mit dem modernen Fiktionalitätsbegriff Gemeinte; es hat ihn seit dem 18.-Jahrhundert aber beeinflusst. Der Traktat des Aristoteles über Dichtung, die ›Poetik‹, war lange ver‐ loren. Auch als sie im 13. Jahrhundert über arabische Vermittlung ins Abendland kam und ins Lateinische übersetzt wurde, kam sie nur wenigen unter die Augen und gewann keinen Einfluss auf den Dichtungsbegriff. Erst an der Wende zum 16. Jahrhundert setzte unter italienischen Humanisten eine Auseinandersetzung mit der aristotelischen ›Poetik‹ ein. Auch in der antiken römischen Dichtungstheorie, die zur Grundlage der mittelalterlichen wurde, hatte seine Idee nur schwache Spuren hinterlassen. Immerhin lehrte eines der beliebtesten mittelalterlichen Schulbücher, Isidors von Sevilla (gestorben 636) ›Etymologien‹, eine Unterscheidung zwischen dem Falschen, das bloß unwahr ist, und dem Erfundenen (fictum), das dem Wahren ähnlich (verisimilis) und häufig der Gegenstand der Dichtung ist. Damit war jedoch keine Wertschätzung des erfundenen Wahrscheinlichen als Instrument einer besonderen Erkenntnisleistung der Dichtung verbun‐ den. Isidor lehrte vielmehr, dass die Dichtung dann den größten Wert hat, wenn sie die tatsächliche Wahrheit darstellt. Der lateinische Begriff für die 86 4 Ältere deutsche Literatur - ›Literatur‹ und ›Dichtung‹ Darstellung von Tatsachenwahrheit jeder Art lautete bei ihm, wie generell im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, historia. Obwohl die Idee vom erfundenen Wahrscheinlichen als Gegenstand der Dichtung nicht völlig verloren gegangen war, knüpfte man den Wert der Dichtung nicht an einen besonderen Wirklichkeitsbezug. Im Gegenteil: Dichtung war als historia am besten. Dieser Ansicht entsprach die verbrei‐ tete Forderung, dass Dichtung faktisch wahr zu sein und tatsächliche Wirk‐ lichkeit darzustellen habe. Poetische Texte ihrerseits konnten problemlos für faktisch wahr gelten, wenn schon nicht in allen Einzelheiten, so doch im Großen und Ganzen. Deshalb gab es beispielsweise Geschichtschroniken in Versform. Der Standpunkt, dass erfundene Inhalte den Erkenntniswert der Dichtung verringern, regte freilich auch Bemühungen an, erfundene Inhalte zu vertei‐ digen - etwa mit dem Argument, dass sie moralische Wahrheiten vermitteln könnten. Der Vorwurf der unwahrheitsbedingten Wertminderung ließ sich auch einfach ignorieren oder mit der schlichten Behauptung unterlaufen, man behandle tatsächlich Geschehenes. Die Reaktionen darauf, dass es keine Vorstellung von einem spezifischen Erkenntniswert des Erfundenen gab, waren vielfältig, denn die Dichter verzichteten keineswegs auf Erfindungen. Man konnte aber nicht (wie wir) sagen, dass die Dichtung als solche eine besondere Art von Wirklichkeitsbezug hat, dass das ihr Charakteristikum ist und dass darauf ihre Leistungsfähigkeit beruht. Alle vier Kernaspekte des im 18. Jahrhundert entstandenen Dichtungsbe‐ griffs gehören nicht zu den vorher allgemein verbreiteten Ansichten über Dichtung. Das heißt nicht, dass die Frage überflüssig ist, ob sich nicht schon früher in der dichterischen Praxis und in vereinzelten theoretischen Überlegungen Tendenzen zu dichterischer Subjektivität, funktionaler Auto‐ nomie sowie eigenständiger Erkenntnisleistung auf der Grundlage der Dar‐ stellungsweise und des Wirklichkeitsbezugs abzeichnen. Denn vom Himmel gefallen ist das alles nicht mit einem Schlag. Jedoch bestimmten diese Kriterien nicht die Erwartungen an poetische Texte, und poetische Texte wurden nicht anhand dieser Kriterien von anderen Texten unterschieden. Man hatte eine andere Vorstellung von Dichtung; deshalb ist ältere Dichtung in mancher Hinsicht auch anders als neuere seit dem 18.-Jahrhundert. Es gab aber immer einen Begriff von Dichtung. Für ihn war zum einen wichtig, was man an Praxis und Theorie von der römischen Antike geerbt hatte, und zum anderen, was die mündliche Überlieferung zu bieten hatte. 4.1 Die Begriffe ›Literatur‹ und ›Dichtung‹ 87 Gottfrieds Dichterverzeichnis 4.2 Die Tradition des antiken lateinischen Dichtungsbegriffs Am Beginn des 13. Jahrhunderts baute der zu seiner Zeit gelehrteste unter den deutschen höfischen Dichtern, Gottfried von Straßburg, das erste Dich‐ terverzeichnis der deutschen Literaturgeschichte in seinen Tristanroman ein: Er nennt einige zeitgenössische Romanverfasser und Minnesänger wegen ihrer Vorbildlichkeit und rühmt die Qualität ihrer Werke. Als einen der besten lobt er Hartmann von Aue, den Begründer des deutschen Artus‐ romans (vgl. S. 55, 78), mit Begriffen aus der zeitgenössischen lateinischen Dichtungslehre: Gottfried von Straßburg: Tristan und Isold. Hg. v. Walter Haug u. Manfred Günter Scholz. 2 Bde. Berlin 2011, Bd.-1, S.-264, V. 4621-4630. Hartman der Ouwære, âhî, wie der diu mære beide ûzen unde innen mit worten und mit sinnen durchverwet und durchzieret! wie er mit rede figieret der âventiure meine! wie lûter und wie reine sîniu cristallînen wortelîn beidiu sint und iemer müezen sîn! Hartmann von Aue, ach ja, wie der seine Erzählungen außen und innen, in Wortlaut und Bedeutung, durch und durch färbt und schmückt, wie er mit seiner Wortgewandtheit den Sinn des Geschehens faßt, wie lauter und rein seine kristallen-zierlichen Worte sind und ewig bleiben werden! Angespielt wird auf das Verfahren der Textproduktion, das der lateinische Grammatik- und Rhetorikunterricht zu Gottfrieds Zeit lehrte. Der Dichter hat einen Stoff, den er in der Regel aus dem Traditionsbestand aufnimmt und bearbeitet. Für diese Stoffbearbeitung braucht es in erster Linie stilistische Kompetenz; dafür war vorrangig die Figurenlehre der Rhetorik zuständig. Mit verwen und zieren knüpft Gottfried an die lateinischen Fachbegriffe colorare (färben) und ornare (schmücken) an, die die Verwendung rhetori‐ scher Figuren bezeichneten. Da die zeitgenössische Stillehre Wort- und Sinnfiguren unterschied, liegt es nahe, den Ausdruck mit worten und mit sin‐ nen entsprechend zu verstehen. Die kristallenen Worte schließlich stimmen mit dem Stilideal der claritas oder perspicuitas (Klarheit, Durchsichtigkeit) überein, das die zeitgenössischen lateinischen Dichtungslehren propagier‐ 88 4 Ältere deutsche Literatur - ›Literatur‹ und ›Dichtung‹ Horaz: ›Ars poetica‹ Römischer Unterricht Christen‐ tum ten: Die stilistische Durchformung soll den Sinn der behandelten materia klar herausarbeiten. Dass Gottfried den höfischen Roman ausschließlich als Stilkunst behandelt, ist eine Folge des lateinischen Unterrichts und seines Dichtungsbegriffs. Dessen Tradition und seine Bedeutung für die ältere deutsche Dichtung werden im Folgenden skizziert. Das Grundbuch des Dichtungsunterrichts an den Schulen war zu Gott‐ frieds Zeit - und noch lange danach bis zu den Humanisten des 15. und 16. Jahrhunderts - die ›Ars poetica‹ (›Dichtkunst‹) des Horaz (65-8 v. Chr.). Horaz zufolge beruht Dichtung einerseits auf Begabung (ingenium) und Inspiration. Das entspricht einer alten antiken Überzeugung, die auch in Mittelalter und früher Neuzeit verbreitet war: Zum Dichten braucht man natürliche Anlagen und die Inspiration der Musen oder des christlichen Gottes. Andererseits gründet Dichtung laut Horaz auf Wissen (studium, eruditio) und Können (ars). Das Können besteht in der Beherrschung der Versifizierung (also der Vers- und Strophenformen) , der stilistischen Tech‐ niken und der spezifischen Regeln für die jeweilige Dichtungsgattung (wie Tragödie, Komödie, Epos). Das Wissen besteht in der inhaltlichen Beherr‐ schung des Stoffs, den man entweder neu bearbeitet oder neu erfindet. In jedem Fall muss der Dichter gelehrt sein (poeta eruditus, poeta doctus). Horaz schrieb der Dichtung auch Funktionen zu, die für den älteren Dichtungsbegriff bis zum 18. Jahrhundert grundlegend blieben: Dichtung soll erfreuen (delectare) oder nützen (prodesse), am besten beides zugleich. Mit delectare war ursprünglich nicht so sehr ›unterhalten‹ im Sinn von ›zerstreuen‹ oder ›ablenken‹ gemeint, sondern eher die Freude an der Kunstfertigkeit von Vers und Stil. Das Nützliche ist das mit dem Stoff vermittelte Wissen, das sachlicher ebenso wie moralischer Art sein kann. Vom ersten Jahrhundert an war dieser Dichtungsbegriff fest im römischen Schulunterricht verankert. Man lernte das Dichten einerseits anhand der Lektüre und der Nachahmung (imitatio) von Autoren, die als vorbildlich galten; deshalb gab es einen entsprechenden Schulkanon. Andererseits wurde die Anwendung von Textproduktionsregeln eingeübt - Techniken für die Zusammenstellung und Gliederung eines Stoffs und für die sprachliche Ausarbeitung. Für diesen Bereich war die Rhetorik zuständig. Was die Rhetorik als allgemeine Textproduktionslehre zu bieten hatte, konnte man für Prosa- und für Verstexte gleichermaßen benutzen. Für Verstexte waren außerdem noch Metrik und Gattungslehre nötig. Die römische Unterrichtspraxis geriet zum ersten Mal in Gefahr, als sich in der Spätantike das Christentum durchsetzte. Die Christen lehnten die antike 4.2 Die Tradition des antiken lateinischen Dichtungsbegriffs 89 Augustinus: ›De doctrina christiana‹ Mittelalterlicher Unterricht Dichtung zunächst ab, weil sie die heidnischen Inhalte für falsch und die kunstvollen Formen für überflüssig hielten. Ihnen kam es auf die Wahrheit an, die in den christlichen Schriften stand. Aus diesen wurde nach und nach der Kanon des Neuen Testaments - kein Schulkanon nachahmungs‐ würdiger Werke, wie ihn die Heiden hatten, sondern ein Kanon heiliger Schriften, durch die Gott den Menschen die Wahrheit offenbarte. Was man als Christ lesen sollte, stand in der Bibel; es brauchte weder Dichtung noch Dichtungsunterricht. Diese Einstellung änderte sich jedoch nach und nach. Entscheidende Be‐ deutung gewann dabei gegen Ende des 4. Jahrhunderts der Traktat ›De doctrina christiana‹ (›Von der christlichen Lehre‹) des Kirchenvaters Au‐ gustinus. Seiner Ansicht nach sollten sich die Christen die antike literarische Bildung zu eigen machen, statt auf sie zu verzichten. Augustinus zufolge benötigte man sie zum einen für die christliche Lehre, etwa für die Inter‐ pretation der Bibel. Zum anderen glaubte er, dass es schädlich für die Chris‐ ten wäre, wenn sie sich in eine kulturelle Unterlegenheit gegenüber den Heiden begäben. Lieber sollten sie die heidnische Kultur mit deren eigenen Waffen schlagen. Dies rechtfertigte die Produktion von Dichtung mit christ‐ lichen Inhalten mittels der althergebrachten Techniken. So machte man aus den Evangelien Versepen, die in Konkurrenz zur heidnischen Epik treten sollten. Außerdem entwickelte sich ein christlicher Unterricht nach altem Muster. Die kanonischen Autoren, deren Nachahmung zusammen mit dem Regelwissen die nötigen Fähigkeiten lehren sollten, waren zum einen die neuen christlichen Dichter, zum anderen wegen des technischen Vorbilds einige von den alten heidnischen, allen voran Vergil. Zum zweiten Mal geriet der - nun christlich gewendete - römische Un‐ terricht in Gefahr, als im 6. und 7.-Jahrhundert die Bildungsinstitutionen in den Völkerwanderungswirren weitgehend zusammenbrachen. Vom 8. Jahr‐ hundert an jedoch wurde die Tradition in den frühmittelalterlichen Kloster‐ schulen im Zug der karolingischen Bildungsreformen wieder aufgenommen. Ein typischer Reflex davon ist das schon erwähnte Widmungsschreiben Otfrids von Weißenburg an Erzbischof Liutbert (vgl. S. 49): Otfrid verweist auf die formale Qualität der heidnischen römischen Dichtung, äußert aber Vorbehalte gegen den Inhalt und macht die lateinische christliche Dichtung zum Vorbild für sein volkssprachliches Unternehmen. Wie die christlichen römischen Dichter die heidnischen besiegten, so will er mit seiner volks‐ sprachlichen christlichen Dichtung den anstößigen Gesang der Laien ver‐ drängen. Dazu musste die Volkssprache den Regeln unterworfen werden, 90 4 Ältere deutsche Literatur - ›Literatur‹ und ›Dichtung‹ Renais‐ sance des 12.-Jahrhunderts Lateinische Poetiken Höfischer Roman die der lateinische Grammatik- und Rhetorikunterricht für die Produktion von Schriftdichtung zu bieten hatte. So hob der gelehrte Dichtungsbegriff des lateinischen Unterrichts die deutsche Schriftdichtung aus der Taufe. Als Gottfried sein Dichterverzeichnis schrieb, hatte sich die kulturelle Si‐ tuation erheblich verändert. Im 12. Jahrhundert entwickelten die Schulen, zunächst in Frankreich, ein neues Interesse an Dichtung, das sich von der Bindung an christliche Inhalte löste. Man fand zunehmend Gefallen an vor‐ christlichen römischen Autoren, in besonderem Maß an dem Liebesdichter Ovid (43 v. Chr. - 18 n. Chr.), dessen Werke eine enorme Wirkung entfalteten. Die neue Begeisterung für antike Dichtung nennt man heute die ›Renais‐ sance (oder den Humanismus) des 12.-Jahrhunderts‹. In den Jahrzehnten um 1200 führte sie auch zur Produktion neuer lateinischer Dichtungslehren. Die erfolgreichste unter ihnen war Galfrids von Vinsauf ›Poetria nova‹ (›Neue Poetik‹). Der Titel zeigt den Anspruch, die ›alte Poetik‹ des Horaz zu überbieten. Man wollte die antiken Vorbilder mit der eigenen Dichtung überflügeln - und zwar nicht mehr nur durch den wahren Inhalt, sondern auch durch die bessere Technik. Das ist das Neue gegenüber dem frühen Mittelalter: Dichtung gewinnt ihren Wert vor allem durch die kunstvolle Form. Damit ist nicht nur die Versifizierung gemeint, sondern ebenso die stilistische Ausarbeitung und die inhaltliche Ordnung - also die Strukturiertheit auf allen Ebenen des Textes. Die mittellateinischen Poetiken konzentrieren sich deshalb auf die Techniken der Stoffbearbeitung und auf die Stilkunst. Sie verfolgen energisch das Ziel, eine kunstvolle Sprachverwendung zu lehren; ihre Leitwörter sind Eleganz (elegantia) und Schönheit (venustas). In der volkssprachlichen Literatur sind die französischen und deutschen höfischen Romane des 12. und 13. Jahrhunderts am offensichtlichsten von den Dichtungstechniken geprägt, die der lateinische Unterricht und die Poetiken lehrten. Auf Schritt und Tritt begegnet man in ihren Werken den Bearbeitungs- und Formulierungsverfahren, die man in der Schule auf Latein lernte. Wenn die deutschen Bearbeiter französische Texte nachdich‐ teten, haben sie nach der zeitgenössischen Einschätzung nicht literarische Übersetzungen produziert, sondern einen schon bearbeiteten Stoff gemäß den Regeln der Dichtkunst neu bearbeitet. Gottfried von Straßburg brachte diese Orientierung am gelehrten Dich‐ tungsbegriff am deutlichsten von allen zum Ausdruck. Schon das Dichter‐ verzeichnis als solches greift das Prinzip des Musterautoren-Kanons auf, und 4.2 Die Tradition des antiken lateinischen Dichtungsbegriffs 91 Chrétien de Troyes Thomasin von Zerclaere die Kunst des höfischen Romans behandelt Gottfried mit den Kategorien der lateinischen Dichtungslehre. Dass die Form den Wert der Dichtung bestimmt, spielt eine ebenso große Rolle bei Chrétien de Troyes, dem französischen Begründer des Artusromans (vgl. S. 78). In der Vorrede zum ›Erec‹ grenzt sich Chrétien von den ungelehrten Geschichtenerzählern ab, die die Stoffe nicht richtig behandeln, weil sie den Zusammenhang der Geschichten zerreißen. Als gelehrter Schriftdichter erhebt Chrétien dagegen den Anspruch, aus der zerrissenen Überlieferung durch seine eigene Bearbeitung einen ›schönen Zusammenhang‹ (bele conjointure) herauszuholen. Offenbar soll das den schon bei Wace erwähnten Vorwurf entkräften, die mündlich überlieferten Rittergeschichten der Briten und Bretonen seien unwahr und deshalb wertlos. Chrétien zufolge beruht der Erkenntniswert der Dichtung auf der wohlüberlegten Form, die der gelehrte Dichter dem Stoff gibt: Indem er alles in einen geordneten Zusammenhang bringt, arbeitet er zugleich den Sinn der Geschichte heraus. Die schöne Ordnung des Inhalts, die durch die kunstvolle sprachliche Bearbeitung hergestellt wird, trägt die Bedeutung des Textes. Für die Rezipienten heißt das allerdings, dass sie den Sinn nur begreifen können, wenn sie die Struktur erkennen, die der Dichter dem Inhalt gegeben hat. Wer kunstvolle Dichtung dieser Art verstehen wollte, musste sich deshalb fast ebenso sehr anstrengen wie der Dichter selbst: Formbewusste Dichtung setzt Rezipienten voraus, die zur interpretativen Mitarbeit bereit sind. In der Wertschätzung der Form bei Chrétien und Gottfried lässt sich deut‐ lich die gelehrte Einstellung gegenüber der Dichtung in der ›Renaissance des 12. Jahrhunderts‹ erkennen. Bei Chrétien ging das so weit, dass die tra‐ ditionellen Argumente für den Wert der Dichtung - faktische Wahrheit und moralische Nützlichkeit - in den Hintergrund traten. Auf eine derart an‐ spruchsvolle Position ließen sich die meisten höfischen Dichter allerdings dann doch nicht ein. Der Hofkleriker Thomasin von Zerclaere beispielsweise rechtfertigte um 1215 in seinem ›Welschen Gast‹ (der mittelhochdeutsche Text ist ein ›italienischer Gast‹ im deutschen Sprachraum, weil Thomasin Italiener war), einer Lehrdichtung über höfisches Verhalten, die Romane mit ihrem moralischen Wert. Wie eine Aufzählung beliebter Hauptfiguren zeigt, hatte er dabei nicht nur die bretonischen Geschichten im Sinn, sondern auch Antikenromane und französische Heldenepen. Thomasin hielt sie alle für historisch unzuverlässig, aber moralisch nützlich: 92 4 Ältere deutsche Literatur - ›Literatur‹ und ›Dichtung‹ Sangspruchdichtung, Meistergesang Thomasin von Zerklære: Der Welsche Gast. Ausgew., eingel. u. mit Anm. vers. v. Eva Willms, Berlin, New York 2004, S.-45-f., V. 1118-1134. die âventiure sint gekleit dicke mit lüge harte schône. diu lüge ist ir gezierde krône. ich schilt die âventiure niht, swie uns ze liegen geschiht von der âventiure rât, wan si bezeichenunge hât der zuht unde der wârheit: daz wâr man mit lüge kleit. […] sint die âventiur niht wâr, si bezeichent doch vil gar waz ein ieglîch man tuon sol, der nâch vrümkeit wil leben wol. Die Rittergeschichten sind oft sehr schön in Lügen gekleidet. Die Lüge ist ihre schmuckvolle Krone. Ich tadele die Rittergeschichten nicht - obwohl sie uns zum Lügen veranlassen -, weil sie gute Erziehung und (moralische) Wahrheit zum Inhalt haben: Diese Wahrheit kleidet man mit Lüge ein. […] Wenn die Rittergeschichten auch nicht faktisch wahr sind, so haben sie doch zum Inhalt, was ein jeder Mensch tun soll, der auf tadellose Weise leben will. Das war eine unkompliziertere, intellektuell weniger anspruchsvolle und vor allem geläufigere Rechtfertigung faktisch unwahrer Geschichten, wie die Dichter sie eben erzählten. Während Chrétien de Troyes den Dichter zum Sinnkonstrukteur machte und vom Rezipienten ein hohes Maß an Interpretationsarbeit verlangte, mutete Thomasin beiden nichts Komplizier‐ tes zu: Der Dichter verpackt die moralische Wahrheit in die Erzählung, der Rezipient wickelt sie wieder aus der Verpackung aus. Besser noch wäre es allerdings, fand Thomasin, moralische Wahrheiten mit faktisch wahren Geschichten zu vermitteln. Was blieb, waren die alten Prinzipien des gelehrten Dichtungsbegriffs: prodesse und delectare, nützliche Inhalte in sprachlich kunstvoller und deshalb erfreulicher Form. Besonders gut entspricht diesem Dichtungsbegriff die meisterliche Lied‐ kunst, deren Tradition von der höfischen Sangspruchdichtung des 13. Jahr‐ hunderts bis zum Meistergesang der städtischen Handwerker im 15. und 16.-Jahrhundert reicht. Die Sangspruchdichter waren fahrende Dichter-Komponisten, die von Hof zu Hof zogen und ihre Kunst gegen Lohn vortrugen. Ihre Liedtexte vermittelten Sachwissen über Gott und die Welt, von der Theologie bis 4.2 Die Tradition des antiken lateinischen Dichtungsbegriffs 93 Humanisti‐ sche Dich‐ tungslehre zur Naturkunde, und moralisches Wissen, von der Erläuterung ethischer Begriffe bis zu Ratschlägen für die Lebensführung. Sie nahmen aber nicht nur in Anspruch, Wissen zu vermitteln, sondern zugleich, dies in kunstvoller Form zu tun. Sich selbst bezeichneten sie als meister in einem doppelten Sinn: Sie wollten als Lehrer gelten (das deutsche Wort meister ist vom lateinischen Wort magister für ›Lehrer‹ abgeleitet), und sie wollten meister in der handwerklichen Beherrschung der Dichtungstechniken sein. Metaphorisch stellten sie sich gern als Sprachhandwerker dar: Sie sind die Baumeister der Texte, sie schmieden Verse, sie weben und schneidern sprachliche Gewänder für ihre wahren und nützlichen Inhalte. Es war die Rhetorik, die ihnen die Techniken dieses Handwerks lieferte. Die städtischen Meistersinger stellten sich im 15. und 16. Jahrhundert ausdrücklich in die Tradition der höfischen Sangspruchdichter. Sie waren keine fahrenden Berufsdichter, die von der Kunst leben mussten, sondern ortsansässige Handwerksmeister mit Zugang zur Schulbildung. Sie behan‐ delten wie die Sangspruchdichter vor allem religiöse und ethische Themen, daneben auch naturkundliche und historische. Ein strenges System inhalt‐ licher und formaler Vorschriften bestimmte die Produktion und die Auffüh‐ rung der Lieder: Die Meister trugen sie nach einem genauen Reglement in der ›Singschule‹, der Zusammenkunft der städtischen Meistersinger- Gesellschaft vor, wo ihre Übereinstimmung mit den Regeln nach einem festen Verfahren beurteilt wurde. Der Meistergesang ist ein extremer, deshalb auch konsequenter Ausdruck des älteren Dichtungsbegriffs. Offen gelehrt und lehrhaft, streng auf Regel‐ haftigkeit angelegt, gewollt traditionalistisch und unoriginell, erkennbar künstlich in der metrischen und stilistischen Durchformung - mit diesen Eigenschaften sind Meisterlieder das genaue Gegenteil von nahezu allem, was man seit dem späten 18. Jahrhundert von Lyrik erwartet. Für die Meistersinger selbst waren sie jedoch der Inbegriff der Kunst. Die Gesell‐ schaften bestanden an manchen Orten bis zum 18. Jahrhundert; etwa 16.000 Meisterlieder sind überliefert, weit über 4000 allein vom produktivsten aller Meistersinger, dem Nürnberger Schuhmacher und Dichter Hans Sachs. Zur selben Zeit, als die Meistersinger mit ihren Liedern dem alten Prinzip folgten, nützliche Inhalte auf kunstvolle Weise zu gestalten, integrierten die Humanisten (vgl. S. 44) die traditionelle Vorstellung von Dichtung in ihr neues Bildungsprogramm. 94 4 Ältere deutsche Literatur - ›Literatur‹ und ›Dichtung‹ Scaliger Rhetorik als Bildungs‐ programm Dichtung als Bildungsmethode Auch für den humanistischen Dichtungsbegriff blieb Horaz die wichtigste Autorität. Die Auseinandersetzung mit der aristotelischen ›Poetik‹ in Italien führte nicht zu einer Umwälzung der Vorstellungen, die die Gelehrten von der Dichtung hatten. Immerhin spielte nun der schöpferische Charakter der Dichtung langsam eine größere Rolle. So lehrte die europaweit bedeutendste humanistische Dichtungstheorie, die 1571 gedruckten ›Poetices libri sep‐ tem‹ (›Sieben Bücher über die Dichtkunst‹) des Italieners Julius Caesar Sca‐ liger: »Von dem nämlich, was der Erschaffer aller Dinge hervorgebracht hat, sind die anderen Wissenschaften sozusagen Darsteller; die Dichtkunst da‐ gegen - da sie das, was ist, ansehnlicher vorführt und den Schein dessen, was nicht ist, hervorruft - scheint nicht, wie die anderen Künste, einem Schauspieler vergleichbar, die Dinge einfach wiederzugeben, sondern sie wie ein zweiter Gott zu erschaffen.« Doch wie allen Humanisten galt die Dichtung Scaliger weiterhin als Können, das Begabung und Wissen voraussetzt. Man lernt das Dichten, indem man sich Regeln aneignet und in der Nachahmung von Vorbildern übt. Für die Vermittlung der Regeln ist die Rhetorik als allgemeine Text‐ produktionslehre zuständig. Dazu kommt die Metrik, denn auch für die Humanisten bedeutete Dichtung vor allem Versrede im Unterschied zur Prosa. Die Vorbilder - in erster Linie die klassischen römischen Dichter, in zweiter Linie die zeitgenössischen neulateinischen - werden im Unterricht als Musterautoren behandelt. Eine Neuerung war freilich der Bildungswert, den die Humanisten der Dichtung im Rahmen der studia humanitatis zuwiesen. Schon von der eigentlichen Leitdisziplin der humanistischen Bildung, der Rhetorik, erwar‐ teten sie viel mehr als die mittelalterlichen Gelehrten. War die Rhetorik zuvor bloß eine Textproduktionslehre gewesen, sollte sie nun durch die Schulung im richtigen Schreiben und Reden zu richtigem Denken und Handeln anleiten. Die Ausbildung zum guten Redner und Schriftsteller als Ausbildung zum guten Menschen war ein Programm, das die Humanisten aus antiken Rhetoriktraktaten bezogen. Die Dichtung gewann einen hohen Stellenwert in diesem Programm, weil man sie als angewandte Rhetorik verstand. Der Dichtungsunterricht gehörte deshalb zum Training im richtigen Denken und Handeln; er diente der intellektuellen und moralischen Bildung. Das Studium der klassischen römischen Sprache und Literatur galt den Humanisten nicht nur als eine Methode zum Erwerb sprachlichen und literarischen Wissens, sondern als 4.2 Die Tradition des antiken lateinischen Dichtungsbegriffs 95 Humanisti‐ sche Poetik Philipp Me‐ lanchthon Joachim von Watt Weg zu jeder Art von Erkenntnis - einschließlich der der Natur - und als Anleitung zum ethisch richtigen Leben. Viele Humanisten hielten die Dichtung für das ideale Instrument, um die Inhalte ihres Bildungsprogramms zu vermitteln. Wenn die studia humanita‐ tis insgesamt ein Studium des Menschlichen sind, dann ist die Dichtung der lehrreichste Gegenstand. Durch sie lernt man alle Aspekte des Menschlichen kennen; mit ihr bildet man sich selbst zum Menschen. Allerdings geht das aus humanistischer Sicht eben am besten anhand der klassischen antiken Dichtung oder anhand der neulateinischen Humanistendichtung, die sich an ihrem Vorbild orientiert. Im deutschen Sprachraum hat Philipp Melanchthon das humanistische Bildungsprogramm und die Relevanz der Dichtung relativ kurz und sehr prägnant in seiner Antrittsvorlesung ›De corrigendis adolescentiae studiis‹ (›Über die Verbesserung der Bildung der Jugend‹) dargestellt, die er 1518 an der Universität Wittenberg hielt. Als wichtigster Mitarbeiter Luthers sorgte Melanchthon auch dafür, dass das humanistische Bildungsprogramm im protestantischen Schul- und Universitätsunterricht eingeführt wurde. Die ausführlichste humanistische Dichtungslehre aus dem deutschen Sprach‐ raum ist das 1518 in Wien gedruckte Buch ›De poetica et carminis ratione‹ (›Über die Poetik und die Lehre vom Gedicht‹) des St. Galler Gelehrten und Reformators Joachim von Watt (Vadianus). Hier kann man sich detailliert darüber informieren, was Humanisten unter ›Dichtung‹ verstanden (es gibt davon, ebenso wie von Melanchthons Vorlesung, eine deutsche Überset‐ zung). Tiefe und dauerhafte Spuren hinterließ die humanistische Idee von der Dichtung als einem Training im Wahren und Guten vor allem im höheren Schulunterricht. Die Bildungsreformen des 16. Jahrhunderts verankerten die studia humanitatis fest an Lateinschulen und Universitäten. Nachdem die Idee im 18. Jahrhundert neu belebt worden war, griff sie mit den Schulreformen und der Einrichtung des humanistischen Gymnasiums als höherer Regelschule im 19. Jahrhundert vom altsprachlichen auf den mutter‐ sprachlichen Literaturunterricht über. So prägte der Gedanke, dass ›schöne‹ Literatur junge Leute mit den Erscheinungsformen des Menschlichen ver‐ traut machen und dabei ihre Persönlichkeit bilden soll, schließlich auch den Deutschunterricht. 96 4 Ältere deutsche Literatur - ›Literatur‹ und ›Dichtung‹ Schriftdich‐ tung und Mündlich‐ keit Lied 4.3 Die mündliche Tradition Der gelehrte Dichtungsbegriff unterschied poetische Texte durch das Krite‐ rium der Versifikation von nicht-poetischen und setzte mit dem Konzept rhetorischer Bearbeitungsverfahren eine Unterscheidbarkeit von Inhalt und Form voraus. Dass sich Textinhalte auf vielfältige Weise sprachlich formen lassen, ist eine Erfahrung, die man eher bei der schriftlichen Aus- und Überarbeitung von Texten macht als im mündlichen Sprachgebrauch. Außerhalb des Kaiserhofs, der Klöster und Bischofssitze gab es in der Welt des frühen Mittelalters keine Schriftlichkeit, sondern eine rein mündliche Kultur. Auch im hohen Mittelalter blieb die Schriftlichkeit, obwohl sie sich bereits stark ausbreitete, insgesamt doch noch eine kulturelle Randerschei‐ nung. Die mündliche Kultur beeinflusste die Entwicklung volkssprachlicher Schriftlichkeit, insbesondere der Dichtung, erheblich, denn die Volkssprache kam aus der Mündlichkeit, und ihre Verwendung als Schriftsprache bedeu‐ tete für lange Zeit, dass ein durch die Mündlichkeit geformtes Instrument benutzt wurde. Allerdings lassen sich Spuren der mündlichen Kultur immer nur in erhalten gebliebenen schriftlichen Aufzeichnungen erkennen. In der mündlichen Kultur gab es Phänomene, die eine gewisse Ähnlichkeit mit poetischen Texten im Sinn des gelehrten Dichtungsbegriffs hatten und von den Klerikern deshalb mit ›Dichtung‹ identifiziert wurden. Diese Phänomene heißen in den volkssprachlichen Quellen gewöhnlich ›Lied‹; die lateinische Entsprechung lautet carmen. Einhart, der Biograph Karls des Großen, berichtet beispielsweise im 9. Jahrhundert, Karl habe »die volks‐ sprachlichen und uralten Lieder (barbara et antiquissima carmina), in denen die Taten und die Kriege der alten Könige besungen wurden, aufschreiben und dem Gedenken der Nachwelt übergeben« lassen. Leider blieb von diesem Unternehmen nichts erhalten, aber angesichts der Themenangabe muss es sich um die Aufzeichnung von Heldenliedern gehandelt haben. Ebenso wenige Spuren gibt es von den winileod (von wini, Geliebter, und leod, Lieder), mit denen sich Nonnen laut einer Verordnung Karls aus dem Jahr 789 nicht abgeben sollten. Die Bezeichnung ›Lied‹ bezog sich - anders als es unserem modernen Gebrauch entspricht - auch auf Erzählungen von erinnerungswürdigen Ge‐ schehnissen der Vergangenheit. Weil solche Erzählungen aus dem Gedächtnis vorgesungen wurden, waren sie versifiziert. Das Heldenlied der mündlichen Überlieferung benutzte den Vers aus anderen Gründen als die Schriftkultur: Er diente der Memorierbarkeit und dem Vortrag des Erzählten; zugleich brachte 4.3 Die mündliche Tradition 97 Lied und Schriftdich‐ tung er die Erinnerungs- und Vortragswürdigkeit des Erzählten zum Ausdruck. In der mündlichen Kultur war der Vers weder ein Unterscheidungssignal für ›Dichtung‹ als sprachliche Kunst noch ein vom Inhalt ablösbares Kunstmittel, sondern an den Vortrag des Erinnerten gebunden: Weil das Erinnerte vorgetra‐ gen wurde, wurde es in Versen vorgetragen, und weil es in Versen vorgetragen wurde, war es überlieferungswürdige Wahrheit. Auch die weiteren Gestaltungsmittel des mündlichen Heldenlieds waren an die Überlieferung der spezifischen Inhalte gekoppelt. In der mündlichen Tradition wurden formelhafte Ausdrucksweisen nicht aus freier Entschei‐ dung eingesetzt; sie waren die unverzichtbaren Bausteine des Textes. Es gab keine Wahl zwischen unterschiedlichen Stilen; das Lied hatte seine herausgehobene und ehrwürdige sprachliche Gestalt, die sich von der All‐ tagssprache zweifellos erheblich unterschied. Nur in der Schriftlichkeit gibt es als Grundlage den Stoff, den der ›Dichter‹ dann mittels Verfahrensweisen bearbeitet. In der Mündlichkeit gibt es keinen Stoffbearbeiter, sondern einen Sänger, der das Lied erinnert und vorträgt. Das mündliche Lied war deshalb nicht einfach dasselbe wie Schriftdich‐ tung. Es hatte aber auch allerhand Ähnlichkeiten mit ihr: Es war versifiziert, benutzte eine stilisierte Sprache und hatte Gattungsmerkmale. Damit er‐ füllten Heldenlieder, dem Anschein nach, die wichtigsten Kriterien des gelehrten Dichtungsbegriffs. Die Kleriker des frühen Mittelalters hielten sie aus diesem Grund für nichts anderes als Dichtung. Umgekehrt präsentierten die Kleriker den schriftunkundigen Laien die volkssprachliche Schriftdichtung, die sie ihnen vorsetzten, gewöhnlich mit aller Selbstverständlichkeit als Lied. Das Prestige des Liedes in der mündlichen Kultur muss ein wichtiger Grund dafür gewesen sein, dass die volkssprachliche Schriftlichkeit im frühen und hohen Mittelalter zumeist die Form von Dichtung hatte: Indem die Kleriker schriftliche Verstexte in der Volkssprache verfassten, die zum Vortrag vor einem schriftunkundigen Zielpublikum bestimmt waren, knüpften sie an die Wertschätzung an, die dieses Publikum seinen mündlichen Liedern entgegenbrachte. Was jedoch den Inhalt der Heldenlieder anbelangt, so mussten die Kleriker sich deren Anspruch stellen, Wahrheit zu überliefern. Weil das Heldenlied die kollektive Erinnerung der mündlichen Kultur war, konnte es in den Augen der Kleriker nur historia in Versen sein. Die Kleriker sahen im Heldenlied nicht die Eigenarten der mündlichen Überlieferung (vgl. S. 51); sie konfrontierten die mündlich überlieferten Geschichten vielmehr mit dem 98 4 Ältere deutsche Literatur - ›Literatur‹ und ›Dichtung‹ Kaiserchronik Vergangenheitswissen ihrer eigenen Schriftkultur und beurteilten sie als unwahr, wenn sie diesem Wissen widersprachen. So bedienten manche der Gelehrten, die im frühen Mittelalter und ebenso beim Neubeginn seit dem 11. Jahrhundert volkssprachliche Schrifttexte ver‐ fassten, ihr Publikum mit Versen, um durch die Dichtung ›wahren‹ Inhalts die mündlichen Lieder zweifelhaften Inhalts zu verdrängen. Noch deutlicher als bei Otfrid von Weißenburg (vgl. S. 49) wird das in der Vorrede der ersten deutschsprachigen Weltchronik, der um die Mitte des 12. Jahrhunderts von einem oder mehreren Klerikern in Regensburg gedichteten ›Kaiserchronik‹: Die Kaiserchronik. Eine Auswahl. Mittelhochdeutsch / Neuhoch‐ deutsch. Übers., komm. u. mit einem Nachwort vers. v. Mathias Herweg. Stuttgart 2014, S.-12-14, V. 1-42. In des almähtigen gotes minnen sô wil ich des liedes beginnen. daz scult ir gezogenlîche vernemen: jâ mac iuh vil wole gezemen ze hôren älliu frumichait. die tumben dunchet iz arebait, sculn si iemer iht gelernen od ir wîstuom gemêren. die sint unnuzze unt phlegent niht guoter wizze, daz si ungerne hôrent sagen dannen si mahten haben wîstuom unt êre; unt wære iedoch frum der sêle. Ein buoch ist ze diute getihtet, daz uns Rômisces rîches wol berihtet, gehaizzen ist iz crônicâ. iz chundet uns dâ von den bâbesen unt von den chunigen, baidiu guoten unt ubelen, die vor uns wâren unt Romisces rîches phlâgen unze an disen hiutegen tac. sô ich aller beste mac sô wil ich iz iu vor zellen. iz verneme swer der welle. Nu ist leider in disen zîten ein gewoneheit wîten: manege erdenchent in lugene unt vuogent si zesamene mit scophelîchen worten. nû vurht ich vil harte daz diu sêle dar umbe brinne. iz ist ân gotes minne. sô lêret man die luge diu chint; die nâch uns chunftich sint, die wellent si alsô behaben unt wellent si iemer fur wâr sagen. lugene unde ubermuot ist niemen guot. die wîsen hôrent ungerne der von sagen. nû grîfe wir daz guote liet an. 4.3 Die mündliche Tradition 99 In der Liebe des allmächtigen Gottes will ich dieses Lied beginnen. Ihr sollt es mit Anstand anhören. Es kann euch sehr viel nützen, von allen Vortrefflichkeiten zu hören. Den Törichten erscheint es als Mühsal, wenn sie etwas lernen oder ihr Wissen vermehren sollen. Sie taugen nichts und sind unvernünftig, wenn sie nicht gern erzählen hören, was ihnen Wissen und Ansehen bringen könnte und außerdem gut für das Seelenheil wäre. Ein Buch ist zum Zweck der Belehrung verfasst, das uns genau über das Römische Reich unterrichtet. Man nennt es Chronik. Es erzählt uns von den Päpsten und den Königen, den guten ebenso wie den schlechten, die vor uns lebten und über das Römische Reich herrschten, bis zum heutigen Tag. So gut ich kann, will ich es Euch vortragen. Wer will, der höre es an. Leider ist in diesen Zeiten aber eine Gewohnheit verbreitet: Viele denken sich Lügen aus und fügen sie zusammen in den Worten der Sänger. Ich aber fürchte sehr, dass die Seele dafür in der Hölle brennen wird. Es ist ohne die Liebe Gottes. Damit bringt man den Kindern Lügen bei; die nach uns kommen, werden sie behalten und als Wahrheit immer weiter erzählen. Lügen und Hochmut sind für niemanden gut. Die Klugen hören sie nicht gern. Jetzt wollen wir aber das gute Lied in Angriff nehmen. In den Begriffen der volkssprachlichen mündlichen Tradition wird das Werk anfangs als ›Lied‹ vorgestellt, das das Publikum anhören soll. Wenig später ist dann in den Begriffen der lateinischen Gelehrtenkultur von einer schrift‐ lich verfassten Buch-Chronik die Rede. Offenbar wird das ›Buch‹ im Vortrag zum ›Lied‹; aber dabei wird es natürlich nicht zu einem Produkt der Münd‐ lichkeit, sondern bleibt vorgetragene Schrift. Beim Wahrheitsanspruch wird die Trennlinie zwischen Schriftkultur und mündlicher Überlieferung dann ganz scharf gezogen: Der Angriff auf die ›verbreitete Gewohnheit‹ beschwört das Bild einer mündlichen Kultur herauf, in der die Älteren den Jüngeren erzählen, was diese als Wahrheit wiederum der nächsten Generation weitergeben. Doch für den gelehrten Dichter ist es eine Lüge in scophelîchen Worten, was da erzählt wird. Das Wort skop oder skoph ist bis zum 12. Jahrhundert belegt; es bezeichnete den für Heldenlieder zuständigen Sänger. An die Stelle der mündlichen Erzählkultur setzt die ›Kaiserchronik‹ sich selbst als ein im Sinn der christlichen Wahrheit ›gutes‹ Lied, das die Lügenkette durchbricht und damit dem Seelenheil der Zuhörer dient. Auf diese Weise ahmt die volkssprachliche Schriftdichtung gewissermaßen nach, was das Lied in der mündlichen Kultur war: Kollektive 100 4 Ältere deutsche Literatur - ›Literatur‹ und ›Dichtung‹ ›Heliand‹ Erinnerung in Verssprache. Doch die Schriftdichtung ersetzt dabei die in ihrem Sinn ›unwahren‹ Inhalte durch die wahrheitsgemäßen: die Geschichte der römischen Päpste und Kaiser bis zur Gegenwart. Einen ähnlichen Vorgang dokumentiert bereits eine der großen deutsch‐ sprachigen Evangeliendichtungen des frühen Mittelalters: Der ›Heliand‹ (neuhochdeutsch ›Heiland‹ als Bezeichnung für Jesus Christus) aus dem 9. Jahrhundert, der bedeutendste Text der altniederdeutschen Literatur, ist eine Versbearbeitung des Evangelienstoffs wie Otfrids von Weißenburg ›Evangelienbuch‹. Einer lateinischen Prosa-Vorrede zufolge, die allerdings nicht zusammen mit dem Text selbst überliefert ist, war der anonym geblie‐ bene Verfasser ein sächsischer vates (›Dichter‹), den der Karolinger Ludwig (wahrscheinlich Ludwig ›der Deutsche‹, der Enkel Karls des Großen) mit der Produktion des Textes beauftragte. Der ›Heliand‹-Dichter benutzte den traditionellen Stabreimvers des Hel‐ denlieds, der sich beispielsweise auch im ›Hildebrandslied‹ (vgl. S. 50) findet. Er beruht nicht auf dem Gleichklang des Endreims, sondern auf dem Gleichklang von Silbenanlauten, den ›Stäben‹. Zusammen mit dem Stabreimvers griff der ›Heliand‹-Dichter auf die formelhafte Heldenlied- Sprache zurück, so dass sein Text den Zimmermannssohn aus Nazareth und seine Jünger nicht nur als frühmittelalterlichen Kriegerkönig mit seinen Kriegern darstellt, sondern diesen Heldenlied-Inhalt auch in den Ausdrucks‐ formen des Heldenlieds erzählt. Zu Beginn beruft sich der Erzähler zwar auf die schriftliche Autorität der vier Evangelisten als Quelle, doch selbst sie werden unmerklich zu Sängern großer Taten des großen Helden: Heliand und Genesis. Hg. v. Otto Behaghel. 10. Aufl. v. Burkhard Taeger. Tübingen 1996, S.-8, V.-32-36. That scoldun sea fiori thuo---fingron scrîҌan, settian endi singan---endi seggean forð, that sea fan Cristes---crafte them mikilon gisâhun endi gehôrdun,---thes hie selҌo gisprac, giuuîsda endi giuuarahta,---uundarlîcas filo. Das sollten sie, die vier, mit Fingern schreiben, setzen und singen und weitersagen, was sie von des Christus Gewalt, von dem Großen, gesehen und gehört hatten, was er selbst gesprochen, gewiesen und gewirkt hatte, viel Erstaunliches. 4.3 Die mündliche Tradition 101 ›Oral Poetry‹ Aber das Heldenlied von Christus ist eben doch eine Konstruktion: Der Stoff stammt aus einer schriftlichen Quelle und ist in Ausdrucksformen der mündlichen Tradition bearbeitet. Die Übertragung auf den biblischen Stoff macht diese Ausdrucksformen zu Kunstmitteln, mit denen ein Heldenlied nachgeahmt wird. Otfrid von Weißenburg entschied sich dagegen für einen anderen Weg. Er entwickelte für sein ›Evangelienbuch‹ eine neue Versform, die sich an der frühmittelalterlichen lateinischen Dichtung mit dem Endreim als wichtigstem Gestaltungsprinzip orientierte. Otfrids poeti‐ sche Verfahrensweisen sollen nicht ein mündliches Heldenlied christlichen Inhalts simulieren, sondern Schriftepik auf Deutsch nach dem Vorbild der lateinischen Dichtung gestalten. Alle Versuche, die spezifischen Charakteristika ›mündlicher Dichtung‹ zu rekonstruieren, stehen vor einem methodischen Problem, wenn diese Cha‐ rakteristika nur aus Schrifttexten erschlossen werden können. Die ›Oral Poetry‹-Forschung hat deshalb in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts versucht, Gemeinsamkeiten zwischen der mündlichen Erzählkultur, die es in Serbien zu dieser Zeit noch gab, und den als Schrifttexten überlieferten homerischen Epen zu identifizieren und diese Gemeinsamkeiten als Spuren authentischer medialer Mündlichkeit in den homerischen Epen zu deuten. Daraus entstand eine Kollektion von Merkmalen - lexikalische Formelhaf‐ tigkeit, parataktische Syntax, konventionalisierte Handlungsmuster und Episodentypen, blockhafte Episodenreihung - die dann auch in früh- und hochmittelalterlicher Dichtung gesucht und gefunden wurden. Dadurch entsteht der Eindruck, ›mündliche Dichtung‹ habe über erhebliche zeitliche und räumliche Distanzen hinweg identische Merkmale. Das könnte jedoch auch ein Produkt des methodischen Vorgehens sein: Zum einen werden die genannten Merkmale kurzerhand als Spuren medialer Mündlichkeit gedeu‐ tet, obwohl sie alle auch in Texten zu finden sind, deren konzeptionelle Schriftlichkeit außer Frage steht; zum anderen werden alle nicht ins Bild passenden Merkmale schriftlich überlieferter Texte mit mutmaßlichen Mündlichkeitsspuren als Folgen der Verschriftlichung gedeutet. Dabei scheint zunehmend in Vergessenheit geraten zu sein, worauf die Vorstellung von einer über alle kulturellen Unterschiede hinweg gleichartigen ›mündlichen Dichtung‹ zurückgeht: Im späten 18.-Jahrhun‐ dert entwickelte Johann Gottfried Herder die Idee einer ursprünglich der ganzen Menschheit gemeinsamen mündlichen ›Volksdichtung‹ als ursprünglicher Sprache der Menschheit, aus der alle schriftliterarischen Traditionen hervorgegangen sein sollen. In den homerischen Epen, dem 102 4 Ältere deutsche Literatur - ›Literatur‹ und ›Dichtung‹ Mündlich‐ keit und Vers Vokalität Aufführungspraktiken Alten Testament, den Liedern der ›Edda‹ und in ›Volksliedern‹ aller Kulturen meinte Herder die Spuren dieser Ursprache finden zu können. Diese hochspekulative Idee wurde von den Romantikern aufgegriffen und gewann dann auch in den im 19.-Jahrhundert entstehenden Literaturwis‐ senschaften erheblichen Einfluss. Die mündliche Tradition hatte entscheidenden Einfluss darauf, dass die deutsche Schriftliteratur anfangs vor allem in Gestalt von Versdichtung pro‐ duziert wurde: Weil das Lied in der mündlichen Kultur hohe Wertschätzung genoss und weil auch die volkssprachliche Schriftdichtung in der Regel vor‐ getragen wurde, verfassten die gelehrten Kleriker für ihr schriftunkundiges Publikum nicht Prosa-, sondern Verstexte. Für lange Zeit blieb der vorge‐ tragene Vers die wichtigste Folge der Mündlichkeit, die in der produktions‐ seitig schriftlichen Dichtung weiter fortwirkte. Solange Verstexte gesungen oder rezitierend vorgetragen wurden, spielte die Mündlichkeit nicht zuletzt dergestalt eine wichtige Rolle, dass die Stimme des Vortragenden dem Publikum den Text vermittelte. Die Vor‐ tragsstimme machte nicht nur die Lautgestalt des Textes wahrnehmbar, sondern nahm auch Einfluss auf sein Sinnpotential: Sie nuancierte und ver‐ eindeutigte, hob das eine nachdrücklich hervor und betonte etwas anderes weniger stark. Der französische Literaturwissenschaftler Paul Zumthor hat das die ›Vokalität‹ (Stimmlichkeit) der älteren Dichtung genannt: Erst im Vortrag gewann der Text seine tatsächliche Gestalt. Im Anschluss an Zum‐ thor ist der Begriff ›Vokalität‹ mittlerweile zur Bezeichnung für die kom‐ plexe Beziehung zwischen Mündlichkeit und Schriftlichkeit vor allem in der früh- und hochmittelalterlichen Kultur geworden. Über die tatsächlichen Aufführungspraktiken geben die erhaltenen Quel‐ len jedoch kaum Auskünfte, die belastbar wären. Wenn in höfischen Ro‐ manen der Vortrag von Minneliedern (so in Gottfrieds von Straßburg ›Tristan‹) oder einem höfischen Roman (so in Hartmanns von Aue ›Iwein‹) dargestellt ist, steht das genauso im Dienst der jeweiligen narrativen Sinn‐ konstruktion wie erzählte Kämpfe gegen Drachen oder Riesen und kann deshalb nicht einfach als zuverlässige Wiedergabe der kulturellen Praxis verstanden werden. Als halbwegs sicher darf nur gelten, dass strophische Texte (die gesamte Liedlyrik und strophische Heldenepen) vorgesungen wurden. Unklar ist dagegen, wie man sich die Rezitation nichtstrophischer Reimpaardichtungen (vgl. dazu Kap. 6) vorzustellen hat. 4.3 Die mündliche Tradition 103 ›Autor‹ und ›Verfasser‹ Auctor Bearbeitung von Vorlagen Thomasin von Zerc‐ laere 4.4 Die Begriffe ›Autor‹ und ›Text‹ Unsere modernen Vorstellungen von ›Autorschaft‹ sind im 18. Jahrhundert entstanden und haben eine rechtliche Grundlage, die in enger Verbindung mit dem ebenfalls modernen juristischen Konzept der Urheberschaft an geistigem Eigentum steht. Um die Differenz zur Zeit vor dem Aufkommen dieses Rechtskonzepts nicht von vornherein zu überspringen, wird in der älteren Literaturwissenschaft oft lieber von ›Verfassern‹ als von ›Autoren‹ gesprochen. Aus der römischen Antike übernahmen die mittelalterlichen Gelehrten die lateinische Bezeichnung ›auctor‹, deren Bedeutung eher unserem Begriff der ›Autorität‹ entspricht. So stellte beispielsweise Cicero die maßgebliche Autorität im lateinischen Rhetorikunterricht dar, weshalb er als Verfasser rhetorischer Schriften ein auctor war. Im lateinischen Dichtungsunterricht wurden die Verfasser nachahmungswürdiger Werke (lateinisch opera von opus) als auctores bezeichnet, so beispielsweise Vergil oder Ovid. Durch die imitatio auctorum, die Nachahmung der Werke der Autoritäten, entwickel‐ ten die Schüler eine eigene Fertigkeit im Dichten. Die auctores waren keine Urheber eines geistigen Eigentums, sondern Autoritäten eines Wissens, auf dessen Verwendung alle dasselbe Recht hatten. Textproduktion galt in der lateinischen Gelehrtenkultur deshalb eher als Bearbeitung von bereits Vorhandenem. Gleichwohl trifft man manchmal auch auf eine Vorstellung vom Eigenen, die mit dem Begriff auctor verbun‐ den ist. Der Universitätsprofessor Bonaventura etwa differenzierte im 13. Jahrhundert zwischen dem Schreiber (scriptor), der ein fremdes Produkt abschreibt; dem Kompilator, der verschiedene fremde Produkte zusammen‐ fügt; dem Kommentator, der ein fremdes Produkt mit eigenen Ausführungen versieht; und dem auctor, der fremde Produkte in eine eigene Grundlage einarbeitet. Allgemein verbreitet waren freilich nicht solche genauen be‐ grifflichen Unterscheidungen, sondern eher die ihnen zugrunde liegenden Vorstellungen des Aufnehmens und Einbauens von Fremdem in das eigene Produkt. Auf Deutsch brachte der schon erwähnte Thomasin von Zerclaere im ›Welschen Gast‹ diese Idee anschaulich zum Ausdruck: Thomasin von Zerklære: Der Welsche Gast. Ausgew., eingel. u. mit Anm. vers. v. Eva Willms, Berlin, New York 2004, S.-25, V. 105-122. 104 4 Ältere deutsche Literatur - ›Literatur‹ und ›Dichtung‹ doch ist der ein guot zimberman, der in sînem werke kan stein und holz legen wol, dâ erz von rehte legen sol. daz ist untugende niht, ob ouch mir lîhte geschiht, daz ich in mins getihtes want ein holz, daz ein ander hant gemeistert habe, lege mit list, daz ez gelîch den andern ist. dâ von sprach ein wîse man: ›swer gevuoclîchen kan setzen in sîme getiht ein rede, die er machet niht, der hât alsô vil getân, dâ zwîfelt nihtes niht an, als der, derz vor im êrste vant. der vunt ist worden sîn zehant.‹ ez ist in mînem willen wol, daz man sîn rede stætigen sol mit ander vrumer liute lêre. niemen versmæh er, daz ist êre. Doch derjenige ist ein guter Zimmermann, der in seinem Bauwerk Steine und Holzstücke dort anzubringen weiß, wo sie hingehören. Es ist kein Makel, wenn auch ich es so halte, dass ich in die Wand meines Textes ein Holzstück, das eine andere Hand meisterlich hergestellt hat, so kunstfertig einbaue, dass es sich von den anderen nicht unterscheidet. Ein weiser Mensch sagte darüber: Wer in seinen Text ein Textstück, das er nicht selbst gemacht hat, kunstfertig einfügen kann, der hat genauso viel geleistet - daran zweifelt nicht - wie der, der das Textstück vor ihm als erster produziert hat. Das Produkt ist sogleich sein eigenes geworden. Meiner Überzeugung nach soll man seine eigene Rede mit dem bekräftigen, was andere tüchtige Leute gelehrt haben. Niemanden zu übergehen, das ist lobenswert. Der gekonnte Einbau in das eigene Produkt macht das Übernommene zum Eigentum des Verfassers. Er muss weder seine Quelle angeben noch sich der Übernahme schämen. Der Respekt vor der fremden Leistung äußert sich in der Übernahme selbst, nicht - wie wir es gewohnt sind - im Nachweis fremden ›geistigen Eigentums‹. Die Wertschätzung des Rückgriffs auf Fremdes konnte im Extremfall dazu führen, dass das Eigene lieber einer fingierten Quelle zugeschrieben statt als Eigenes ausgewiesen wurde. Thomasin lässt allerdings auch anklingen, dass man die Leistung des ursprünglichen Produzenten doch für größer halten konnte als die des Be‐ arbeiters. Als dessen Eigenleistung soll deshalb zumindest die kunstfertige Einfügung des Fremden gelten. 4.4 Die Begriffe ›Autor‹ und ›Text‹ 105 Höfischer Roman Heldenlied und Heldenepik Pflege des eigenen Werks Ulrich von Liechten‐ stein In der volkssprachlichen Dichtung ist es wiederum der höfische Roman, der die gelehrte Vorstellung von Textproduktion am deutlichsten spiegelt. Gottfried von Straßburg versuchte mit dem Dichterkatalog im ›Tristan‹ so‐ gar, einen Kanon deutschsprachiger Muster-auctores zu definieren. Die Ver‐ bindung zwischen sich und dem Text stellt der Verfasser gewöhnlich da‐ durch her, dass er seinen Namen im Text nennt. Seine Eigenleistung als Bearbeiter von Vorlagen erscheint gern unter dem Etikett ›erneuern‹ (niuwen). An der dichterischen Praxis und gelegentlich an der ausdrückli‐ chen Reflexion kann man erkennen, dass die Romanbearbeiter damit auch den Anspruch verbanden, mittels der Bearbeitungstechnik den Sinn der erzählten Geschichte zu deuten. Für die Heldenlied-Sänger hatte dagegen kein Anlass bestanden, ihre Na‐ men im Lied zu nennen, denn sie trugen als Stimme des kulturellen Ge‐ dächtnisses gemeinschaftliche Erinnerung vor. Heldenlieder stammen nicht von ›anonymen Verfassern‹: In der jeweiligen Vortragssituation kannten die Zuhörer den Sänger, und sicher konnten die Sänger auch eine besondere Formulierungs- und Erzählkompetenz für sich in Anspruch nehmen. In die‐ sem Sinn waren sie Experten für das kulturelle Gedächtnis; ›Verfasser‹ im Sinn von Bearbeitern einer Vorlage wie die höfischen Romandichter waren sie nicht. Erst als die mündliche Tradition in die produktionsseitige Schrift‐ lichkeit überging, wurde aus dem Sänger ein anonymer Verfasser: Der Dich‐ ter des ›Nibelungenlieds‹ schlüpfte in die Rolle des Heldenlied-Sängers und nannte seinen Namen im Text nicht. Nach dem Vorbild des ›Nibelungen‐ lieds‹ haben es dann auch die Dichter der deutschsprachigen Dietrichepik im 13.-Jahrhundert so gehalten. Nur in Gestalt von Einzelfällen ist vor der Erfindung des Buchdrucks eine Pflege des eigenen Werks greifbar, die in unserem modernen Autorschafts‐ begriff eine bedeutende Rolle spielt. Früh- und hochmittelalterliche Texte sind zumeist in einer Gestalt überliefert, die die Verfasser nicht kontrollier‐ ten; andere haben sie später auf- und abgeschrieben. Auch dass Textprodu‐ zenten sich selbst um die Zusammenstellung ihrer Texte bemüht hätten, ist nur selten zu beobachten. Ein früher Fall ist der Minnesänger Ulrich von Liechtenstein, der 1275 starb. Er war ein Ministerialer, der in der Steiermark hohe politische Ämter innehatte und deshalb auch urkundlich gut belegt ist. Ulrich hat seine Minnelieder selbst in einer Sammlung mit einem ein‐ maligen Charakter vereinigt. Im Rückblick auf 33 Jahre Ritterleben - so der Text selbst - dichtete er nämlich eine Erzählung, die sein eigenes Leben als Minnesänger zum Inhalt hat. In diese Erzählung fügte er die 106 4 Ältere deutsche Literatur - ›Literatur‹ und ›Dichtung‹ Oswald von Wolkenstein Verbreitung des eigenen Werks Hans Folz Humanis‐ mus Sebastian Brant Texte seiner 58 Minnelieder ein: Ulrich erzählt, wie er die Lieder als Werbung um zwei Damen gesungen hat, und zitiert die Texte im jeweiligen Hand‐ lungszusammenhang. Dem Buch, das dabei herausgekommen ist, gab er den Namen ›Frauendienst‹. Dies ist die einzige vom Verfasser selbst angelegte Werksammlung eines deutschen Minnesängers aus dem 12. und 13. Jahr‐ hundert, von der wir sichere Kenntnis haben. Die eigenwillige Form deutet an, wie außergewöhnlich ein solches Projekt war. Über 150 Jahre nach Ulrich von Liechtenstein ließ der heute bekannteste deutsche Liederdichter des Spätmittelalters, der Südtiroler Oswald von Wol‐ kenstein (gestorben 1445), eine Sammlung seiner Werke anlegen, ohne sie noch in einen Erzählrahmen einbetten zu müssen. Auch Oswald war kein Berufsdichter, sondern führte ein Leben als Landadeliger und Diplomat in Fürstendiensten. Die Texte und Melodien seiner insgesamt 130 Lieder ließ er in zwei Prachthandschriften zusammenstellen, die jeweils mit einem Porträtbild eröffnet werden. Mit diesen Handschriften sicherte er sein eige‐ nes Gesamtwerk in einer aufwändigen und repräsentativen Gestalt. Auf die Verbreitung des Werks allerdings zielten die beiden Handschriften nicht; sie waren offenbar für das engere familiäre Umfeld bestimmt. Dichter, die sich aktiv um die schriftliche Verbreitung der eigenen Werke kümmern, werden erst im Gefolge des Buchdrucks greifbar. Der Pionier in der deutschen Literaturgeschichte, der allerdings als früher Einzelfall gelten muss, war der Nürnberger Wundarzt Hans Folz (gestorben 1513). Er betrieb in den siebziger und achtziger Jahren des 15. Jahrhunderts eine eigene Druckwerkstatt, mit der er seine Versnovellen, Fastnachtspiele und Lehr‐ dichtungen in einfacher und deshalb preiswerter Form auf den Buchmarkt brachte. Während es sich bei dieser Personalunion von Textproduzent und Dru‐ cker um einen Fall geschickter Vermarktung handelte, entstand mit dem Typus des humanistischen Schriftstellers und Publizisten der unmittelbare historische Vorgänger des modernen Autors. In der Gestalt Sebastian Brants (1457-1521) erreichte dieser Typus zum ersten Mal die Volkssprache. Als Schriftsteller und Publizisten strebten die Humanisten auf der Grundlage ihrer Bildung nach Ruhm für sich und ihre Werke. Der Buchdruck bot ihnen die Möglichkeit der zuverlässigen Vervielfältigung und Verbreitung; er diente deshalb als Instrument ihrer Ambitionen. Sebastian Brant, Sohn eines Straßburger Gastwirts, studierte an der Uni‐ versität Basel die alten Sprachen und die Rechte; danach lehrte er dort Poesie und Jura. Nebenher beriet er die Basler Verleger bei ihren humanistischen 4.4 Die Begriffe ›Autor‹ und ›Text‹ 107 Abb. 10: Anfang des 1. Kapitels (Büchernarr) von Sebastian Brants ›Narrenschiff‹, Basel 1494 Projekten. Er ließ eigene juristische Werke drucken und gab ältere heraus; er veröffentlichte eigene lateinische Gedichte sowie Übersetzungen älterer religiöser und moraldidaktischer lateinischer Texte. Nachdem er 1501 nach Straßburg zurückgekehrt und als Stadtschreiber Leiter der Stadtkanzlei geworden war, wandte er sich der volkssprachlichen Chronistik zu. Sieht man von der selbstverständlichen Dominanz des Lateinischen als Sprache der litterae ab, sind die Humanisten nicht nur die Begründer unseres Begriffs von ›Literatur‹, sondern auch unserer Vorstellung vom ›Autor‹, der seine Werke für die Verbreitung im Druck produziert und deshalb für ihre Veröffentlichung sorgt. 108 4 Ältere deutsche Literatur - ›Literatur‹ und ›Dichtung‹ ›Narren‐ schiff‹ ›Text‹ Unfeste Texte Brants 1494 veröffentlichtes ›Narrenschiff‹ war der erste deutschspra‐ chige poetische Text, der von vornherein für den Druck produziert wurde. (Hans Folz hat seine Texte wahrscheinlich erst nachträglich gedruckt.) Das Buch behandelt in 112 Kapiteln moralische Fehler, die jeweils auf die Figur eines Narren konzentriert sind; den Anfang macht der Büchernarr. Die Einzelkapitel werden durch die Schiffsmetapher zusammengehalten: Alle Narren sitzen im selben Boot. Mit dem Blick auf die geplante Drucklegung konnte Brant auch die zeitgenössischen Möglichkeiten der Bildreproduktion gezielt nutzen: Jedes ›Narrenschiff‹-Kapitel ist mit einem Holzschnitt ver‐ sehen, wobei Text und Bild jeweils genau aufeinander abgestimmt sind. Brants Pioniertat wurde sofort zum Bestseller. Einen Begriff vom geistigen Eigentum bürgerte jedoch auch die humanistische Publizistik nicht ein: Brant ärgerte sich zwar über unautorisierte Nachdrucke des ›Narrenschiffs‹, doch blieben seine Versuche, sie zu verhindern, erfolglos. Lateinisch ›textus‹ bedeutet eigentlich ›Gewebe‹ (daher unsere ›Textilien‹). Als Metapher für das sprachliche ›Gewebe‹ wurde das Wort gelegentlich, jedoch eher selten in der antiken römischen Grammatik und Rhetorik benutzt. Als Standardbegriffe für das, was wir heute alltagssprachlich ›Text‹ nennen, dienten hier eher oratio und sermo (Rede); beides konnte sowohl Mündliches als auch Schriftliches bezeichnen. Dabei blieb es im lateinischen Mittelalter; in den älteren deutschen Sprachstufen erfüllten althochdeutsch reda und mittelwie frühneuhochdeutsch rede denselben Zweck. Das seit dem 14. Jahrhundert belegte deutsche Lehnwort text wurde offenbar eher benutzt, wenn es um die Unterscheidung von etwas anderem ging: So kann ein text etwa dasjenige sein, was durch eine glos (Glosse, Erklärung) ausgelegt wird, oder dasjenige, was im Lied auf eine composition gesungen wird. Vor der Erfindung des Buchdrucks hatten der Vortrag als gängige Me‐ thode der Textvermittlung, die Vorstellung vom Produzenten als Bearbeiter und die handschriftliche Überlieferung auch Konsequenzen für das Phäno‐ men ›Text‹. Ältere Texte hatten - in unterschiedlichem Ausmaß und aus verschiedenen Gründen - eine weniger streng festgelegte und leichter veränderbare Gestalt in Wortlaut und Umfang, als wir es aufgrund der heutigen Verhältnisse produktionswie rezeptionsseitiger Schriftlichkeit und drucktechnischer Vervielfältigung gewohnt sind. Sie waren jedoch nicht einfach generell ›unfest‹ und frei veränderbar; die Verhältnisse schwanken je nach Texttyp. 4.4 Die Begriffe ›Autor‹ und ›Text‹ 109 Minnesang Heldenepik Höfischer Roman Weltchroniken Minnelieder, die in mehreren Handschriften stehen, sind beispielsweise nicht selten in verschiedenen Fassungen überliefert: Die Anzahl der Stro‐ phen und ihre Reihenfolge sind nicht gleich, auch beim Wortlaut gibt es Varianten. Diese Unterschiede lassen sich auf zweierlei Art erklären: Sie können entweder während der mündlichen und handschriftlichen Überlie‐ ferung entstanden sein oder auf Vortragsfassungen beruhen, für die die Minnesänger selbst verantwortlich sind. Beides weist darauf hin, dass Minneliedtexte eine gewisse Beweglichkeit haben konnten. In der Heldenepik sind in etlichen Fällen unterschiedliche Fassungen überliefert, die auf die Textproduktion und auf die Vortragspraxis zurück‐ gehen müssen. Das Paradebeispiel dafür ist das ›Nibelungenlied‹. Offenbar bewahrten Heldenepen auch nach dem Übergang in die Schriftlichkeit noch einen Teil der Unfestigkeit, die in der mündlichen Tradition geherrscht hatte. Beim höfischen Roman gibt es Fälle, in denen die erhaltenen Handschrif‐ ten gekürzte Fassungen oder auch die Veränderung einzelner Handlungs‐ züge dokumentieren. Insgesamt herrscht hier aber eine deutlich größere Festigkeit des Textes als in der Heldenepik. Allem Anschein nach begrenzten das hohe Ausmaß an dichtungstechnischer Durchformung, die Verbindung des Texts mit einem Verfassernamen und das Vorlesen als Vortragstyp die Veränderbarkeit der Textgestalt. Ein besonders hoher Grad an Unfestigkeit zeichnet dagegen die deutsch‐ sprachigen Weltchroniken aus. Anders als bei der Heldenepik handelt es sich jedoch um eine Folge der schriftlichen Bearbeitungspraxis. Bonaventura hätte sich hier wohl schwergetan mit der Unterscheidung zwischen Schrei‐ ber, Kompilator und auctor. Auch heute ist es nicht einfach, Grenzen zwi‐ schen verschiedenen Texten und Textredaktionen zu ziehen. Die Produzen‐ ten von Weltchroniken übernahmen altes Textmaterial und erweiterten es durch neues sowie, vor allem, durch weiteres altes Textmaterial. Weltchro‐ niken entstanden so auf der Grundlage älterer Weltchroniken nicht zuletzt durch den Einbau anderer Texte, die nach der zeitgenössischen Einschät‐ zung historische Wahrheit erzählten, wie etwa Antikenromane, Heldenepen aus der Karolingerzeit oder Heiligenlegenden. Indem jede neue Bearbeitung offen war für neue Einverleibungen, wurde die Texttradition immer weiter fortgeschrieben und der Umfang des Textkonglomerats immer weiter ver‐ größert. Einige Redaktionen der mit dem Namen ›Heinrich von München‹ - ein nicht identifizierbarer Verfasser-Kompilator - verbundenen Weltchro‐ nik brachten es im 14.-Jahrhundert auf über 100.000 Verse. 110 4 Ältere deutsche Literatur - ›Literatur‹ und ›Dichtung‹ ›Roman‹ Prosaroman Historia 4.5 Prosa und Roman Während poetische Texte in Prosa seit dem 18. Jahrhundert mit dem Begriff der ›schönen Literatur‹ problemlos zu vereinbaren sind, war die Abkehr vom Vers für das ältere Verständnis von Dichtung alles andere als selbstverständlich. Der Begriff ›Prosadichtung‹ wäre im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Sprachgebrauch ein Widerspruch in sich gewesen. In der Praxis kam es jedoch in einigen narrativen Dichtungsgattungen dadurch zum Übergang vom Vers zur Prosa, dass zuvor in Versen bearbeitete Stoffe in Prosa bearbeitet wurden. Ein Modellfall dafür ist die Versnovellistik, die auf Altfranzösisch im 12. Jahrhundert (Fabliau) und auf Mittelhochdeutsch im 13. Jahrhundert (Märe, vgl. S. 131) entstanden war. Seit dem 14. Jahrhundert wurden in Italien Prosanovellen verfasst; im deutschen Sprachraum gab es im 16. Jahrhundert eine umfangreiche Produktion von Prosaschwänken, das heißt kürzeren komischen Erzählungen. Ein zweiter Modellfall ist der Roman. Den Gattungsbegriff ›Roman‹ für längere Erzählungen in Prosa gibt es erst seit dem 17. Jahrhundert. Als Bezeichnung für Erzählungen in der romanischen Volkssprache diente das altfranzösische Wort romanz (von lateinisch romanice, ›romanisch‹ im Unterschied zu Latein) jedoch schon seit dem 12. Jahrhundert. Wenn wir heute vom ›höfischen Roman‹ sprechen und damit längere Verserzählungen mit antiken und britisch-bretonischen Stoffen meinen, ist das freilich eine moderne Klassifikation, zu der es im hohen Mittelalter weder im französischen noch im deutschen Sprachraum eine Entsprechung gab. Vom Ende des 12.-Jahrhunderts an bearbeitete man in Frankreich auf‐ fälligerweise zunächst gerade diejenigen höfischen Romanstoffe in Prosa, deren faktische Wahrheit am ehesten in Zweifel stand - die bri‐ tisch-bretonischen um Artus (im ›Lancelot en prose‹, vgl. S. 79) und Tris‐ tan. Die Wahl der Prosa diente dazu, den Text als historia, als Darstel‐ lung von Tatsachenwahrheit, auszugeben. Das stellt eine Reaktion auf den alten, gelehrten Vorbehalt gegenüber dem Wahrheitsgehalt der Dich‐ tung dar: Poetische Texte sollten faktisch wahre Stoffe behandeln, taten dies jedoch nicht immer. Weil es eine enge Verbindung zwischen Dich‐ tung und Vers gab, konnte der Gebrauch der Prosa anstelle des lügen‐ verdächtigen Verses gerade bei zweifelhaften Stoffen als Wahrheitsbe‐ hauptung verstanden werden. 4.5 Prosa und Roman 111 Faktische und moralische Wahrheit ›Historia von D. Johann Fausten‹ Die Textbezeichnung historia - in der Bedeutung ›Tatsachenbericht und Wirklichkeitsbeschreibung‹ - benutzte man dann auch für die deutschen Prosaromane, die seit dem 15. Jahrhundert für die Fürstenhöfe, den Landadel und die städtischen Führungsgruppen produziert wurden. Ihre Verfasser be‐ arbeiteten zunächst Stoffe der französischen Heldenepik und des höfischen Romans, die in der Adelswelt spielten (vgl. S. 75). Vom 16. Jahrhundert an entstanden Prosaromane ohne ältere Vorlagen, die mit Kaufleuten und Gelehrten nun auch stadtbürgerliche Figuren haben konnten. Was als historia ausgegeben wurde und in Prosa verfasst war, bean‐ spruchte Wahrheit. ›Wahr‹ wollten die Historien sowohl in faktischer als auch in moralischer Hinsicht sein. In typischer Weise bringen das etwa das Titelblatt und der Schluss der 1588 erstmals gedruckten ›Historia von D. Johann Fausten‹ (D. für Doktor) zum Ausdruck. Der anonyme Autor kündigt eine Historia vom weit bekannten Zauberer und Teufelsbündner Faust an, die Mehrertheils auß seinen eygenen hinderlassenen Schrifften / allen hoch‐ tragenden [ehrgeizigen] / fuͤrwitzigen [neugierigen] vnd Gottlosen Menschen zum schrecklichen Beyspiel / abscheuwlichen Exempel / vnd treuwhertziger Warnung zusammen gezogen / vnd in den Druck verfertiget sei. Zum Schluss wird nochmals die moralische Wahrheit festgehalten, die auf der faktischen Wahrheit der Geschichte gründet: Historia von D. Johann Fausten. Kritische Ausgabe. Hg. v. Stephan Füssel u. Hans Joachim Kreutzer. Stuttgart 2012, S.-123-f. Also endet sich die gantze warhafftige Historia vnd Zaͤuberey Doc‐ tor Fausti / darauß jeder Christ zu lernen / sonderlich aber die eines hoffertigen [hochmütigen] / stoltzen / fuͤrwitzigen vnd trotzigen Sinnes vnnd Kopffs sind / GOtt zu foͤrchten / Zauberey / Beschwerung [Teufels‐ beschwörungen] vnnd andere Teuffelswercks zu fliehen / so Gott ernstlich verbotten hat / vnd den Teuffel nit zu Gast zu laden / noch jm raum zu geben / wie Faustus gethan hat. Dann [Zu dem Zweck] vns hie ein er‐ schrecklich Exempel [Beispiel] seiner Verschreibung vnnd Ends fuͤrgebildet ist / desselben muͤssig zu gehen / vnnd Gott allein zu lieben / vnnd fuͤr Au‐ gen zu haben / alleine anzubeten / zu dienen vnd zu lieben / von gantzem Hertzen vnd gantzer Seelen / vnd von allen Kraͤfften / vnd dagegen dem Teuffel vnnd allem seinem Anhang abzusagen / vnd mit Christo endtlich ewig selig zu werden. 112 4 Ältere deutsche Literatur - ›Literatur‹ und ›Dichtung‹ ›Fortuna‐ tus‹ Fiktionalität Einen Gelehrten namens Faustus gab es in der ersten Hälfte des 16. Jahr‐ hunderts wirklich. Er hatte schon zu Lebzeiten einen zweifelhaften Ruf und galt nach seinem Tod als Zauberer und Teufelsdiener. Um den Wahrheitsan‐ spruch zu bekräftigen, beruft sich der Verfasser der ›Historia‹ freilich nicht nur auf umlaufendes Wissen und Augenzeugenberichte, sondern darüber hinaus auf Dokumente, die er im Nachlass seiner Hauptfigur gefunden haben will - darunter eine Kopie des Vertrags mit dem Teufel und einen Bericht von der Höllenfahrt. Dem Wahrheitsanspruch dient außerdem der Rückgriff auf Sachliteratur über Teufel, Dämonen und Zauberei. Und da der Teufelsbund Faust zu einem Erforscher der Welt und des Kosmos macht, sind zahlreiche Informationen aus naturkundlichen, geographischen und kosmographischen Werken in die Erzählung eingefügt. Die moralische Wahrheit betont der Autor vom Anfang bis zum Ende unermüdlich: Man soll es nicht wie Faust machen, der sein Seelenheil der Suche nach Erkenntnis jenseits der in der Bibel geoffenbarten Wahrheit opferte. Anders als uns braucht die Faust-Handlung dem zeitgenössischen Publi‐ kum nicht unwahrscheinlich erschienen zu sein. Aber auch Geschichten mit offenkundig unwahrscheinlichen Bestandteilen erhoben den Wahrheitsan‐ spruch der historia. Der prominenteste Fall ist der 1509 erstmals gedruckte, anonyme ›Fortunatus‹, der erste deutsche Prosaroman ohne Vorlage. Er er‐ zählt vom Aufstieg und Niedergang einer Kaufmannsfamilie: Die Hauptfigur Fortunatus (›der Beglückte‹) trifft auf die Jungfrau des Glücks. Er darf zwi‐ schen Weisheit, Reichtum und einer Reihe weiterer Glücksgüter wählen, entscheidet sich für den Reichtum und erhält einen Geldbeutel, der nie leer wird. Um die ausgedehnten Reisen seiner Figuren glaubhaft zu gestalten, benutzte der Verfasser zeitgenössische Reiseberichte - ein Inbegriff der historia im Sinn von Tatsachen- und Wirklichkeitsbeschreibung. In der Vorrede und am Ende wird aus der Geschichte eine moralische Wahrheit abgeleitet, nämlich dass Weisheit dem Reichtum vorzuziehen sei. Dass die Handlung selbst jedoch ganz unglaubwürdig bleibt, räumt der Verfasser mit dem letzten Satz augenzwinkernd ein: Er hege doch den Verdacht, dass die Jungfrau des Glücks, die Fortunatus den Geldbeutel gegeben habe, auß unseren landen verjaget / und in dieser welt nit mer tzu finden sei. So wird der Wahrheitsanspruch, den die Prosa-Historie nahelegt, mit dem angedeuteten Eingeständnis konfrontiert, dass die Geschichte erfunden ist. Es ist die Unwahrscheinlichkeit, die die Fiktion erkennbar macht. Das stellt einen deutlichen Unterschied zur ›realistischen‹ Fiktion des 4.5 Prosa und Roman 113 modernen Romans dar, aber in der Spannung zwischen Wahrheitsanspruch und zugegebener Erfindung kann man dennoch einen Keim des modernen Fiktionalitätsbewusstseins sehen. Im 16. Jahrhundert selbst begründete freilich nicht dieser zukunftsweisende Aspekt, sondern der Rückgriff auf die bewährten horazischen Kategorien den Wert der Prosaromane: ›Lustiges‹ und ›Kurzweiliges‹ sowie ›nützlich zu Lesendes‹ preisen die Drucke immer wieder aufs Neue an. Delectare und prodesse, das passte eben auch für Prosa-Dichtung. 114 4 Ältere deutsche Literatur - ›Literatur‹ und ›Dichtung‹ Lektüreliste und Kanon Religiöser Kanon Literari‐ scher Kanon 5 Was lesen? Dieses Kapitel enthält eine Liste mit Lektürevorschlägen zur älteren deut‐ schen Literatur. Eine solche Liste bringt, ob man es will oder nicht, die Idee eines Kanons ›wichtiger‹ Texte ins Spiel. Ein Kanon hat seine nützliche Seite, insofern er eine Orientierungshilfe anbietet: Er schlägt vor, was man lesen soll. Er hat aber auch eine problematische Seite, insofern er das auf jeden Fall Lesenswerte vom weniger Lesenswerten unterscheidet. Um Lektürelisten nicht blind zu vertrauen, sollte man wissen, welche Arten von Kanonbildungen in unserer Kulturgeschichte eine Rolle spielten und welchen Zwecken sie dienten. Als Bezeichnung für eine Gruppe von Texten diente das Wort ›Kanon‹ (griechisch für ›Regel, Maßstab‹) ursprünglich in der religiösen Sprache: ›Den‹ Kanon ergeben seit der christlichen Spätantike diejenigen Texte, die gemäß kirchlicher Anerkennung als ›Heilige Schrift‹ des Alten und Neuen Testaments unmittelbar von Gott inspiriert sind und eine verbindliche Offenbarung der Wahrheit darstellen. Den biblischen Kanon gibt es, weil eine Institution (die Kirche) festlegt, was als Maßstab der Wahrheit gilt. Die Rede von einem literarischen Kanon kam erst im 18. Jahrhundert auf. Unabhängig von der Bezeichnung, die aus der religiösen Sprache übernom‐ men ist, gab es das Phänomen aber schon seit der griechischen Antike. Aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. stammen die ersten Listen mit nachahmenswer‐ ten Musterautoren - Dichter, Geschichtsschreiber, Redner -, die im Unter‐ richt als Vorbilder für die Textproduktion dienten. Die Römer griffen dieses Prinzip auf, und über den christlichen Unterricht der römischen Spätantike gelangte es in den Grammatik- und damit in den Dichtungsunterricht der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Schulen. Auch die Existenz des literarischen Kanons verdankt sich einer Institution - dem Schulunterricht. Das Auswahlkriterium war allerdings ursprünglich nicht Wahrheit, sondern Vorbildlichkeit, und die Festlegung der Textgruppe fiel weniger streng aus: Der literarische Kanon war immer für Verände‐ rungen offen. Auch die Auswahlprinzipien wandelten sich mit der Durch‐ setzung des christlichen Wahrheitsanspruchs in der Spätantike, mit dem sprachlichen Schönheitsideal des 12.-Jahrhunderts, mit der humanistischen Literaturgeschichten Auswahlkriterien Orientierung am klassischen Latein. Vor allem aber konnte der literarische Kanon, im Gegensatz zum biblischen, durch Neues bereichert werden. Gleichwohl hatte er natürlich unweigerlich einen traditionsstiftenden Ef‐ fekt: Was zum Vorbild erklärt war, übte Einfluss aus. Die unüberschaubare Wirkung von Autoren wie Vergil oder Ovid auf die europäische Literatur‐ geschichte hat hier ihre Grundlage. Das praktische Ziel des Musterautoren-Kanons, die Fähigkeit zur Textpro‐ duktion zu schulen, wurde zusammen mit dem alten Dichtungsunterricht im 18. Jahrhundert aufgegeben. Was vom 19. Jahrhundert an als ›bildungsbür‐ gerlicher‹ Literaturkanon entstand, war aber weiterhin von der Institution des Unterrichts an Schule und Universität abhängig. Der Literaturkanon brachte nun vor allem einen Bildungsanspruch zum Ausdruck: Er legte fest, welches literarische Wissen vom Einzelnen auf einem bestimmten Bildungsniveau erwartet wurde, und er sorgte dafür, dass jede Generation dieses literarische Wissen erwarb. Die Auswahlkriterien waren jetzt allerdings andere. Sie lassen sich be‐ sonders gut dort beobachten, wo der bildungsbürgerliche Kanon selbst Text‐ gestalt annahm: in Literaturgeschichten aus dem 19. Jahrhundert. Großen Einfluss gewannen vor allem die ›Geschichte der poetischen National-Litte‐ ratur der Deutschen‹ von Georg Gottfried Gervinus und die ›Geschichte der deutschen Litteratur‹ von Wilhelm Scherer. Was dort behandelt wurde, war der Kanon - das literarische Wissen, das die Gesellschaft von den Gebildeten erwartete. Das bedeutete nicht, dass man die in den Literaturgeschichten erwähnten Texte alle gelesen haben musste; man sollte aber um ihre Existenz und ihren Rang wissen. Das erste Auswahlkriterium war das nationale: Der Kanon sortierte deutschsprachige Texte vom Mittelalter bis zur jeweiligen Gegenwart aus und begründete ihre Bedeutung in erster Linie mit ihrem Beitrag zur deut‐ schen Geschichte. Dieser ›nationale‹ Kanon wurde in der Schule und an der Universität freilich durch die in anderen Fächern behandelten Literaturen ergänzt, so dass im bürgerlichen Bildungsbewusstsein auch ein Kanon der (im Wesentlichen auf Europa beschränkten) ›Weltliteratur‹ seit der griechi‐ schen und römischen Antike verankert war. Das zweite Auswahlkriterium war das ästhetische: Der Kanon bestand, von wenigen Ausnahmen abgesehen, aus poetischen Texten. Hätte man einen weiten Literaturbegriff benutzt und beispielsweise das Kriterium der historischen Wirkung an die erste Stelle gesetzt, hätte der Kanon zumindest für Spätmittelalter und frühe Neuzeit anders aussehen müssen. 116 5 Was lesen? Auflösung Lektüreliste Indes gehörten nichtpoetische Texte mit einer besonders herausragenden Wirkungsgeschichte - wie etwa der ›Sachsenspiegel‹ oder verschiedene Werke Luthers - trotzdem mit einiger Selbstverständlichkeit zum literatur‐ geschichtlichen Kanon. Innerhalb der poetischen Texte hob das ästhetische Kriterium noch einmal die ›großen Werke‹ heraus, die man als dichterische Spitzenleistungen beurteilte. Der bildungsbürgerliche Literaturkanon löste sich seit den sechziger Jah‐ ren des 20. Jahrhunderts auf. Der aktuelle Anlass dafür war, dass viele ihn sowohl wegen seiner bloßen Existenz als auch wegen seiner Zusammenset‐ zung für reaktionär hielten. Die tiefere Ursache liegt eher darin, dass sich die gesellschaftliche Funktion der Literatur und des literarischen Bildungs‐ wissens dramatisch verändert haben. Vom 18. Jahrhundert bis in die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg erwartete das Bildungsbürgertum von der Dichtung Höchstleistungen für die Entwicklung des Einzelnen ebenso wie für die der Gesellschaft - in sich verändernden, aber gleichbleibend an‐ spruchsvollen Varianten. Das begründete die Selbstverständlichkeit, mit der literarisches Wissen als Bildungsgut eingefordert wurde. Dass die Verhält‐ nisse heute nicht mehr so sind, ist kaum zu übersehen. Auch vor dem 18.-Jahrhundert waren sie nicht so. Die folgende Lektüreliste ist trotzdem ein bescheidener Rest des bildungs‐ bürgerlichen Literaturkanons. Es gibt nämlich keinen anderen, weil es keine allgemein akzeptierten Auswahlkriterien mehr gibt. Die Liste beruht deshalb auf den alten Prinzipien: Sie enthält literaturgeschichtlich besonders ›wich‐ tige‹ deutschsprachige poetische Texte. Was dabei mit ›wichtig‹ gemeint ist, ändert sich von Fall zu Fall und wird in den kurzen Erläuterungen jeweils angedeutet. Selbstverständlich sind große Mengen nichtpoetischer Texte aus der älteren deutschen Literatur eine Lektüre wert; selbstverständlich könnten viele andere poetische Texte auf der Liste stehen. Sie soll niemanden davon abhalten, mehr oder Anderes zu lesen. Die Titel der Liste ergeben einen chronologischen Durchgang durch die ältere deutsche Dichtung vom 8. bis zum 16. Jahrhundert. Weil keines der angeführten Werke heute noch ohne Hilfestellungen zu verstehen ist, sind stets zweisprachige Ausgaben mit Erläuterungen angegeben. Einführende Literatur ist im Literaturverzeichnis (Kap. 13) angegeben. Wer diese Hilfen in Anspruch nimmt, wird erheblich mehr Gewinn aus der Textlektüre ziehen. 5 Was lesen? 117 5.1 ›Hildebrandslied‹ Althochdeutsche Literatur. Eine kommentierte Anthologie. Althoch‐ deutsch / Neuhochdeutsch. Altniederdeutsch / Neuhochdeutsch. Hg. v. Stephan Müller. Stuttgart (Reclam) 2007. Frühe deutsche Literatur und lateinische Literatur in Deutschland 800- 1150. Hg. v. Walter Haug u. Benedikt Konrad Vollmann. Frankfurt a. M. (Deutscher Klassiker Verlag) 1991. Die älteste deutsche Heldenlied-Verschriftlichung (vgl. S. 50) ist als einzige aus dem frühen Mittelalter das wichtigste Zeugnis der mündlichen Helden‐ liedtradition. Erhalten ist sie in einer um 830/ 40 geschriebenen Handschrift, die bereits eine schriftliche Vorlage hatte. Erzählt wird die weit verbreitete Handlungskonstellation des Kampfs zwischen Vater und Sohn. Hildebrand (der Vater) und Hadubrand (der Sohn) treffen ›zwischen zwei Heeren‹ als Feinde aufeinander. Der Vater, Gefolgsmann Dietrichs, kehrt nach 30 Jahren Exil heim und erkennt im Gegner den Sohn, den er einst zurückließ. Der Sohn hält den Vater aufgrund falscher mündlicher Überlieferung für tot und lässt sich deshalb nicht von der Identität des Gegners überzeugen. Das Ge‐ spräch, mit dem der Vater die Konfrontation zunächst zu verhindern sucht, gerät zur Provokation und führt zum Zweikampf. Vor dessen Ausgang bricht die Handschrift ab, doch rechtfertigen andere Stoffzeugen die Annahme, dass der Vater den Sohn getötet hätte. 5.2 Otfrid von Weißenburg: ›Evangelienbuch‹ Otfrid von Weißenburg: Evangelienbuch. Auswahl. Althoch‐ deutsch / Neuhochdeutsch. Hg., übers. u. komm. v. Gisela Voll‐ mann-Profe. Stuttgart (Reclam) 2 2010. Das um 870 fertig gestellte Werk des Weißenburger Mönchs ist der anspruchs‐ vollste Versuch, althochdeutsche Schriftdichtung nach dem Vorbild der latei‐ nischen Bibeldichtung zu schaffen (vgl. S. 49). Otfrid erzählt das Leben Jesu nach den vier Evangelien. In den Handlungsbericht, der das Geschehen in einer 118 5 Was lesen? frühmittelalterlichen Adelswelt spielen lässt, sind verschiedenartige Textpartien eingefügt, die über die Evangelien hinausgehen und dem Werk den Charakter eines umfassenden religiösen Kompendiums verleihen: Gebete, hymnisches Gotteslob und theologische Auslegungen. In seiner Verbindung von ›wahrem‹ christlichem Inhalt, deutender Erklärung des geistlichen Sinns und kunstvollem sprachlichem Ausdruck ist das ›Evangelienbuch‹ der Inbegriff der frühmittel‐ alterlichen gelehrten Vorstellung von Dichtung. 5.3 ›König Rother‹ König Rother. Mittelhochdeutscher Text u. neuhochdeutsche Übers. v. Peter K. Stein. Hg. v. Ingrid Bennewitz. Stuttgart (Reclam) 2000. Bevor im letzten Drittel des 12.-Jahrhunderts mit der höfischen Kultur Erzähl‐ stoffe nach französischen Textvorbildern importiert wurden, entstanden einige Schriftepen, die wahrscheinlich zuvor im deutschen Sprachraum mündlich ver‐ breitete Geschichten aufgreifen. Anders als der Dietrich- und Nibelungenstoff gehen sie nicht auf die Völkerwanderungszeit zurück. Zu ihnen gehört der ver‐ mutlich um 1160/ 70 von einem unbekannten Dichter verfasste ›König Rother‹. Die Erzählung gibt Rother, der in Süditalien residiert, als Großvater Karls des Großen aus. Im Mittelpunkt der Handlung steht seine Werbung um die Tochter König Konstantins von Konstantinopel, der jeden potentiellen Schwiegersohn umbringen lässt. Ehe Rother am Ende in einer Schlacht gegen einen heidni‐ schen Konkurrenten siegt, kommt es zu mehreren Reisen nach Konstantinopel, zu einer Entführung und einer Rückentführung der Braut. Dieser Handlungs‐ verlauf folgt einem auch in anderen Erzählungen wie beispielsweise dem ›Nibelungenlied‹ und den Tristanromanen aufgegriffenen Handlungsmuster, dem Schema der ›gefährlichen Brautwerbung‹. Das Brautwerbungsschema ermöglichte es, einerseits die Relation zwischen dynastischer Herrschaftskon‐ tinuität und Eheschließung, andererseits zwischen kriegerischer Gewalt und listiger Klugheit als Handlungsmitteln zu thematisieren. Der ›Rother‹ bezeugt einen hochmittelalterlichen Anlauf zu einer deutschsprachigen Schriftepik weltlichen Inhalts, die nicht von der Orientierung an französischen Textvorbil‐ dern abhängig ist. Die Konzentration auf Rother und Konstantin als Modellfälle des guten und des schlechten Herrschers zeigt dabei das literarische Interesse des adeligen Publikums. 5.3 ›König Rother‹ 119 5.4 Pfaffe Konrad: ›Rolandslied‹ Das Rolandslied des Pfaffen Konrad. Mittelhochdeutsch / Neuhoch‐ deutsch. Hg., übers. u. komm. v. Dieter Kartschoke. Stuttgart (Reclam) 1993. Um 1170 bearbeitete ein Kleriker (mittelhochdeutsch pfaffe) namens Konrad den berühmtesten Stoff der altfranzösischen Heldenepik (vgl. S. 75). Dessen historischer Kern ist die Niederlage, die die Nachhut des Frankenheers Karls des Großen im Jahr 778 in den Pyrenäen bei der Rückkehr von einem Kriegszug gegen die Araber in Spanien erlitt. Um 1100 wurde die mündliche Erzähltradition in Frankreich in Gestalt der altfranzösischen ›Chanson de Roland‹ verschriftlicht. Roland und sein Kampfgefährte Olivier werden mit ihrer Truppe vom Heidenkönig Marsilie niedergemetzelt, weil Rolands Schwiegervater Ganelon die Christen an die Heiden verraten hat und weil Roland sich weigert, Karl und das Heer mit seinem Horn zu Hilfe zu rufen. Karl nimmt in einer großen Schlacht Rache, Ganelon wird zum Tod verurteilt. Die Bedeutung von Konrads Bearbeitung beruht sowohl auf der Sinnkonstruktion als auch auf den Entstehungsumständen: Konrad stellt den Krieg zwischen Christen und Arabern als Kreuzzug dar und greift dabei ausgiebig auf die Kreuzzugsidee seiner Zeit zurück. Als Auftraggeber für die Bearbeitung der schriftlichen französischen Vorlage nennt er einen Herzog Heinrich; gemeint ist damit wahrscheinlich Heinrich der Löwe, einer der mächtigsten Fürsten der Zeit. Zum ersten Mal lässt sich eine für die höfische Epik typische Konstellation greifen: ein schriftkundiger Dichter, ein weltlicher Fürstenhof als Auftraggeber, eine französische Textvorlage. 5.5 Heinrich von Veldeke: ›Eneasroman‹ Heinrich von Veldeke: Eneasroman. Mittelhochdeutsch / Neuhoch‐ deutsch. Nach dem Text von Ludwig Ettmüller ins Nhd. übers., mit einem Stellenkomm. u. einem Nachwort v. Dieter Kartschoke. Stuttgart (Reclam) 2 1997. 120 5 Was lesen? Heinrich von Veldeke: Eneasroman. Die Berliner Bilderhandschrift mit Übers. u. Komm. Hg. v. Hans Fromm. Frankfurt a. M. (Deutscher Klassiker-Verlag) 1992. Heinrich von Veldeke, ein gelehrter Dichter aus der Gegend von Maastricht, verfasste um 1170/ 80 den zweiten deutschen Antikenroman nach französi‐ schem Vorbild (vgl. S. 74). Veldekes Vorlage, der um 1155 entstandene altf‐ ranzösische › Roman d’Énéas‹, ist seinerseits eine Bearbeitung der ›Aeneis‹ des römischen Dichters Vergil (70-19 v. Chr.). Vergils ›Aeneis‹ war im lateinischen Unterricht, zumal in der Renaissance des 12. Jahrhunderts, als größtes Vorbild epischer Dichtung ein außerordentlich prominenter Text. Der Stoff war sowohl für Kleriker als auch für adelige Laien interessant: Aeneas flieht nach dem Untergang Trojas aus der brennenden Stadt und begründet nach längeren Irrfahrten und schweren Kämpfen eine neue Herrschaft in Italien. Aus ihr geht das Römische Reich hervor, in dem man im 12. Jahrhundert, der eigenen Einschätzung nach, immer noch lebte. Die literaturgeschichtliche Bedeutung Veldekes beruht darauf, dass er im Gefolge seiner französischen Vorlage aus Vergils Heldenepos eine Geschichte von höfischer Ritterschaft und Liebe gemacht hat; dies ist die für den höfischen Roman charakteristische Themenkoppelung. Als Vorbild für die Liebesdarstellung, deren sprachliche Ausdrucksformen die höfischen Dichter nicht von Vergil, sondern von Ovid bezogen, übte der ›Eneasroman‹ einen beträchtlichen Einfluss auf die nachfolgende Dichtergeneration aus. 5.6 Minnesang und Sangspruchdichtung Minnesang. Mittelhochdeutsche Liebeslieder. Eine Auswahl. Mittel‐ hochdeutsch / Neuhochdeutsch. Hg., übers. u. komm. v. Dorothea Klein. Stuttgart (Reclam) 2010. Mittelhochdeutsche Sangspruchdichtung des 13. Jahrhunderts. Mittel‐ hochdeutsch / Neuhochdeutsch. Hg., übers. u. komm. v. Theodor Nolte u. Volker Schupp. Stuttgart (Reclam) 2011. Deutsche Lyrik des frühen und hohen Mittelalters. Edition der Texte u. Kommentare v. Ingrid Kasten. Übersetzungen v. Margherita Kuhn. Frankfurt a.-M. (Deutscher Klassiker Verlag) 1995. 5.6 Minnesang und Sangspruchdichtung 121 Deutsche Lyrik des späten Mittelalters. Hg. v. Burghart Wachinger. Frankfurt a.-M. (Deutscher Klassiker-Verlag) 2006. Minnesang und Sangspruchdichtung sind die beiden dominierenden lyri‐ schen Gattungen der deutschen Literatur des Mittelalters. Beide wurzeln in Traditionen, die weit älter sind als die ersten erhaltenen Aufzeichnungen. Das erste relativ geschlossene Corpus höfischer Liebeslieder ist noch vor dem Einfluss aus der Romania entstanden man spricht vom ›Donauländi‐ schen Minnesang‹. Seit den 1170er Jahren orientierten sich Dichter wie Heinrich von Veldeke am Niederrhein, Friedrich von Hausen am mittle‐ ren Rhein und Rudolf von Fenis, Graf von Neuenburg (Neuchâtel) am romanischen Modell (vgl. S. 73). Die nächste Generation ist bereits die des ›klassischen‹ Minnesangs; dessen bedeutendste Vertreter vor Walther von der Vogelweide waren Hartmann von Aue, Heinrich von Morungen und Reinmar der Alte. Minnesang ist eine streng geregelte Kunst. Der Dichter, der zugleich die Liedmelodie komponiert, behandelt in bestimmten Liedtypen eine im Wesentlichen feststehende Konstellation: Ein adeliger Mann wirbt um eine adelige Dame, die ihn nicht erhören darf. In der Min‐ nekanzone begründet der Mann seine Forderung nach Erhörung, gewöhnlich in Verbindung mit der Klage über seinen Misserfolg. Im Frauenlied fingiert der Minnesänger eine Reflexion der umworbenen Dame über ihr Dilemma zwischen Liebe und gesellschaftlicher Norm, die mit einer Entscheidung für oder gegen die Liebe enden kann. Im Wechsel reden der Mann und die entweder liebeswillige oder liebesunwillige Dame abwechselnd überein‐ ander, im Dialoglied miteinander; im Botenlied wird die Kommunikation zwischen den beiden durch einen Boten vermittelt. Im Tagelied wird erzählt, wie sich Mann und Dame nach einer heimlichen Liebesnacht am Morgen trennen müssen, um nicht entdeckt zu werden. Alle Liedtypen thematisieren dieselben moralischen und emotionalen Qualitäten der höfischen Liebe: Wenn sie aufrichtig und beständig ist, stellt sie trotz ihrer Normwidrigkeit einen hohen Wert dar und bietet das größte Glück auf Erden. Die Kunst des Dichters besteht darin, das Problem der vornehmen, aber unerlaubten Liebe auf eine immer wieder neu variierte Weise zu entfalten. Unter Sang‐ spruchdichtung oder Spruchsang fasst die Forschung jene zum gesungenen Vortrag gedichteten Texte zusammen, die nicht die höfische Liebe aus Sicht einer liebenden Person behandeln. Der Sangspruch ist thematisch und in seiner Redehaltung offen. Dominant sind Herren- und Tugendlehre, 122 5 Was lesen? christliche Glaubens- und allgemeine Weisheitslehre; hinzu kommen The‐ men aus dem Bereich des naturkundlichen und kosmologischen Wissens, Politisches und Kunstreflexion. Der erste wichtige Vertreter der Gattung ist um 1200 Walther von der Vogelweide; aus der Zeit davor sind neben dem schmalen Corpus der ›Spervogel‹-Tradition nur wenige anonyme Strophen überliefert. Anders als Minnesänger betreiben Sangspruchdichter ihre Kunst oft als Beruf: Dem entsprechen die zahlreichen Bitten um Lohn und Klagen über das Los des Fahrenden. Während der Minnesang im 14. Jahrhundert versiegt, setzt sich die Tradition der Sangspruchdichtung fort und mündet in die Dichtung der Meistersinger (vgl. S. 93). Wichtige Sangspruchdichter nach Walther sind Reinmar von Zweter und der Marner, in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts Konrad von Würzburg, Rumelant von Sachsen und Hermann Damen. Als zweiter Hauptvertreter der Gattung tritt um 1300 Frauenlob (Heinrich von Meißen) hervor, der dann das wichtigste Vorbild der Meistersinger wird. 5.7 Walther von der Vogelweide: Lieder Walther von der Vogelweide: Werke. Gesamtausgabe. Mittelhoch‐ deutsch / Neuhochdeutsch. Hg., übers. u. komm. v. Günther Schweikle u. Ricarda Bauschke-Hartung. 2 Bde. Stuttgart (Reclam) 3 2009, 2 2011. Walther von der Vogelweide: Leich, Lieder, Sangsprüche. Hg. v. Thomas Bein. Berlin, Boston (de Gruyter) 15 2013. Die Schaffenszeit Walthers von der Vogelweide lag ungefähr zwischen 1190 und 1230. Seine Produktion umfasst Liebeslieder, Sangsprüche und religiöse Lieder. Mit dem Minnesang griff er eine bereits hoch entwickelte Kunst auf, deren Konventionen er zuverlässig beherrschte und eigenständig abzuändern wusste. Zu dieser Souveränität verhalf ihm nicht zuletzt die Kenntnis der zeitgenössischen lateinischen Liebeslyrik. In vielfältigerer Weise als die Lieder anderer Minnesänger behandeln diejenigen Walthers die unerlaubte, aber wertvolle Liebe - von der ernsten über die verhalten ironische bis zur spaßigen Art, von der Verzweiflung wegen des Misserfolgs über die wütende Reaktion bis zum Glück des Erfolgs, von der gekonnten Anwendung der Gattungsregeln über ihre Umgehung bis zu ihrer Reflexion und Diskussion. Die Sangspruchdichtung (vgl. S. 93 und S. 121) hat Walther 5.7 Walther von der Vogelweide: Lieder 123 Abb. 11: Dame nimmt mit der Rechtsgeste der ›Handreichung‹ ein Treuegelöbnis des Min‐ nesängers entgegen. Miniatur zu den Liedern Berngers von Horheim in der ›Manessischen Liederhandschrift.‹ zwar nicht erfunden, aber auf das Kunstniveau des Minnesangs gehoben und damit als anspruchsvollen Typus höfischer Liedlyrik erst etabliert. Wie seine Nachfolger behandelte er in seinen Strophen ein breites Themenspektrum; allein bei ihm aber nehmen die politischen Auseinandersetzungen der Zeit - die Konkurrenz zwischen Staufern und Welfen um die Königskrone und die päpstlichen Einflussnahmen - einen breiten Raum ein. Walther stellte seine Kunst in den Dienst verschiedener Parteien und erwies sich dabei als Pro‐ pagandist ersten Ranges; seine rhetorischen Fähigkeiten verleihen gerade den ›politischen‹ Strophen eine besondere Qualität. Die religiösen Lieder 124 5 Was lesen? greifen auf Themenbestände der lateinischen Literatur zurück: Marienlob, Kreuzzugsaufruf, Abkehr von der Welt und Hinwendung zu Gott im Alter. Nicht weniger als die Liebeslieder und die Sangspruchstrophen zeigen sie die Kunstfertigkeit des größten Könners unter den deutschen Lyrikern der älteren Zeit. 5.8 Hartmann von Aue: ›Erec‹ und ›Iwein‹ Hartmann von Aue: Erec. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Hg., übers. u. komm. v. Volker Mertens. Stuttgart (Reclam) 2008. Hartmann von Aue: Erec. Hg. v. Manfred Günter Scholz. Übers. v. Susanne Held. Frankfurt a.-M. (Deutscher Klassiker Verlag) 2004. Hartmann von Aue: Iwein. Hg. u. übers. v. Rüdiger Krohn, komm. v. Mireille Schnyder. Stuttgart (Reclam) 2011. Hartmann von Aue: Gregorius. Der arme Heinrich. Iwein. Hg. u. übers. v. Volker Mertens. Frankfurt a.-M. (Deutscher Klassiker Verlag) 2004. Mit der Bearbeitung zweier Artusromane Chrétiens de Troyes (vgl. S. 76) importierte Hartmann von Aue den prominentesten Typus des höfischen Romans in den deutschen Sprachraum. Sein ›Erec‹ dürfte um 1180, der ›Iwein‹ um 1200 entstanden sein. Beide Geschichten handeln davon, wie ein junger Adeliger durch einen ritterlichen Kampf und durch Liebe zu Herrschaft und Ehe kommt. Sowohl Erec als auch Iwein verhalten sich dann jedoch in ihrer neuen gesellschaftlichen Rolle nicht richtig. Sie ver‐ lieren den erreichten Status wieder und müssen ihn durch eine längere Reihe ritterlicher Kämpfe zurückgewinnen. Die Abfolge der Episoden ist in beiden Romanen so geordnet, dass ritterliche Leistung und Erfolg, Fehl‐ verhalten und Katastrophe, schließlich erneuter Erfolg durch verbesserte ritterliche Leistung zueinander in Beziehung gesetzt werden. Auf diese Weise entsteht eine sinntragende Form: Die auf den ersten Blick bunte Reihe ritterlicher Kämpfe in einer mit teilweise wunderbaren Akteuren und Räumen ausgestatteten Welt, die mit jeder Herausforderung die Möglichkeit zur erfolgreichen Bewährung liefert, spielt die Frage nach dem Verhältnis zwischen den höfischen Handlungsmitteln und Handlungszielen durch. Chrétien de Troyes ist der Erfinder dieses Handlungsmusters, das wegen der beiden Bewährungswege der Hauptfigur ›Doppelwegmodell‹ genannt wird 5.8 Hartmann von Aue: ›Erec‹ und ›Iwein‹ 125 und auch im ›Parzival‹ mit einigen Veränderungen nochmals aufgegriffen wird. Die Verfasser der späteren Artusromane haben dagegen auf eine markante Katastrophe und die Doppelung des Protagonistenwegs verzich‐ tet; der jeweilige junge Ritter gelangt jedoch weiterhin auf einem Weg, dessen Stationen in Bewährungsproben bestehen, zu Ehe und Herrschaft. Hartmann von Aue hat den Sinn von Chrétiens Doppelwegmodell erkannt und gelegentlich noch etwas deutlicher herausgearbeitet. Der ›Iwein‹ ist das komplexere, absichtsvoll brüchige Werk, dessen Sinnkonstruktion aber nur in der Bezugnahme auf den ›Erec‹ erkennbar wird. 5.9 ›Nibelungenlied‹ Das Nibelungenlied. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Hg. v. Ur‐ sula Schulze, übers. und komm. v. Siegfried Grosse. Stuttgart (Reclam) 2011. Das Nibelungenlied und die Klage. Mittelhochdeutscher Text, Übers. u. Komm. Hg. v. Joachim Heinzle. Berlin (Deutscher Klassiker Verlag) 2013. Die berühmteste Verschriftlichung von Heldenliedstoffen unternahm ein unbekannter Dichter um 1200 in Gestalt eines komplexen Buchepos (vgl. S. 58). Es beruht auf ursprünglich voneinander unabhängigen Erzähltraditionen um den Helden Siegfried einerseits, andererseits um den Unter‐ gang des Heers der Burgunden, die beide auch in der skandinavischen Überlieferung bezeugt sind. Die Herkunft der Siegfried-Geschichte ist nicht bekannt. Der Untergang des Burgundenreichs kommt dagegen auch in der lateinischen Geschichtsschreibung als Ereignis im 5. Jahrhundert vor; das burgundische Heer wird hier in einer Schlacht gegen ein Heer aus Römern und Hunnen vernichtet. In der mündlichen Erzähltradition wurde der Burgundenuntergang dagegen an die Überlieferung um Dietrich und den Hunnenkönig Etzel angegliedert. Die Verbindung zwischen Siegfried- und Burgundenstoff kommt im ›Nibelungenlied‹ durch die Hauptfigur Kriemhild zustande: Siegfried von Xanten heiratet die Schwester der Bur‐ gundenkönige in Worms, fällt jedoch nach konfliktträchtigen Verwicklun‐ gen dem Mordkomplott Hagens, des mächtigsten Vasallen der Könige, zum Opfer. Eine zweite Ehe mit dem Hunnenkönig Etzel eröffnet Kriemhild die Möglichkeit, die burgundische Verwandtschaft mit ihrem gesamten 126 5 Was lesen? Heer an den Hunnenhof einzuladen und dort als Rache für den Mord an Siegfried niedermetzeln zu lassen. Außer Etzel überleben nur Dietrich und Hildebrand, Exilanten am Hunnenhof, das Blutbad. Indem der Dichter des ›Nibelungenlieds‹ nicht die Rolle des gelehrten Bearbeiter-Autors, sondern die des Sängers kollektiver Erinnerung spielt, simuliert er die archaische Aura des Heldenlieds. Möglicherweise gehört es zu den Konsequenzen dieser Stilisierung, dass die Textgestalt des ›Nibelungenlieds‹ nie ganz fest wurde; schon die älteste Schicht der handschriftlichen Überlieferung bezeugt unterschiedliche Fassungen. Gleichwohl lässt sich die Strategie des Dichters erkennen, die alten Handlungsmuster und Personenbeziehungen der Heldenliedtradition auf die zu seiner Zeit modernen höfischen Vorstel‐ lungen von Mensch und Gesellschaft stoßen zu lassen. Aus diesem Zusam‐ menprall entstehen die handlungstragenden Konflikte, die unaufhaltsam in die Katastrophe führen. 5.10 Gottfried von Straßburg: ›Tristan‹ Gottfried von Straßburg: Tristan und Isold. Hg. v. Walter Haug u. Manfred Günter Scholz. Berlin (Deutscher Klassiker Verlag) 2011. Gottfried von Straßburg: Tristan. Bd. 1. Text. Hg. v. Karl Marold. Bd. 2. Übers. v. Peter Knecht. Mit einer Einf. v. Tomas Tomasek. Berlin, New York (de Gruyter) 2004. Gottfrieds Version des britisch-bretonischen Tristan-Stoffs (vgl. S. 76) dürfte um 1210 entstanden sein. Von ihrer französischen Vorlage, dem Tristanro‐ man des Thomas von England aus der zweiten Hälfte des 12.-Jahrhunderts, sind nur wenige Teile erhalten geblieben. Darunter befindet sich zufälliger‐ weise das gesamte letzte Drittel, das Gottfried nicht mehr bearbeitete: Sein Werk ist ein Fragment, aber eines von immerhin fast 20.000 Versen. Gott‐ frieds Tristan ist ein höfischer Goldjunge von hochadeliger Abstammung, strahlender körperlicher Schönheit sowie perfekten kämpferischen, intel‐ lektuellen, musischen und sozialen Fähigkeiten, dessen Lebensgeschichte unter katastrophalen Umständen beginnt, aber zunächst höchst erfolgreich verläuft - bis er aus Versehen einen Liebestrank mit der irischen Königs‐ tochter Isolde trinkt, den diese eigentlich mit ihrem zukünftigen Ehemann, König Marke von Cornwall, einnehmen sollte. Damit rückt die als sexuelles 5.10 Gottfried von Straßburg: ›Tristan‹ 127 Begehren zwanghafte und ehebrecherische Liebe mit ihren bedingungslosen Ansprüchen und ihrer gesellschaftlichen Unmöglichkeit in den Mittelpunkt des Geschehens, an der die beiden bei Thomas am Ende zugrunde gehen. Gottfried erzählt den Tristan-Stoff als eine Geschichte von der unerlaubten Liebe, die den höchsten Lebenswert und das größte Lebensglück einerseits, anhaltendes Leid und todbringende Katastrophe andererseits bedeutet. Und er erzählt als ein Dichter, der über eine außergewöhnlich große Bildung und eine Sprachkunst verfügt, die selbst in der sprachkunstseligen Zeit um 1200 ihresgleichen sucht. So behandelt der ›Tristan‹ große Fragen auf eine äußerst komplexe Art in einer streckenweise betörenden Sprache. Dem optimistischen Weltbild des Artusromans, in dem ein jeder seines Glückes Schmied sein darf, tritt dabei ein ziemlich düsteres Bild von der Unausweichlichkeit des Leids im Menschenleben entgegen, das durch das sexuelle Begehren verursacht wird - aber auch ein strahlendes Bild von der sexuellen Glückseligkeit, die es wert ist, jedes noch so große Leid und sogar den Tod dafür in Kauf zu nehmen. 5.11 Wolfram von Eschenbach: ›Parzival‹ Wolfram von Eschenbach: Parzival. Studienausgabe. Mittelhochdeut‐ scher Text nach der sechsten Ausg. v. Karl Lachmann. Übers. v. Peter Knecht. Einf. zum Text v. Bernd Schirok. Berlin, New York (de Gruyter) 2 2003. Wolfram von Eschenbach: Parzival. Nach der Ausg. Karl Lachmanns rev. u. komm. v. Eberhard Nellmann. Übertr. v. Dieter Kühn. 2 Bde. Frankfurt a.-M. (Deutscher Klassiker Verlag) 1994. Den ›Parzival‹-Roman verfasste Wolfram im ersten Jahrzehnt des 13. Jahr‐ hunderts. Die französische Vorlage, den ›Perceval‹ Chrétiens de Troyes (vgl. S. 78), bearbeitete und erweiterte er dabei vergleichsweise frei. Auch Wolf‐ ram greift auf beträchtliche Bestände gelehrten Wissens zurück, stilisiert sich jedoch als ungelehrten, ritterlichen Laien und wendet sich damit gegen die Strategie, den Wert der volkssprachlichen Dichtung durch eine enge Orientierung am gelehrten Dichtungsbegriff zu begründen. Der ›Parzival‹ ist ein Artusroman und handelt als solcher von Ritterschaft und Liebe als Weg zu Herrschaft und Ehe, damit vom Weg eines jungen Adeligen 128 5 Was lesen? zu seinem Platz im Leben. Parzivals Bestimmung führt indes weiter: Er wird nach allerhand Schwierigkeiten König einer Rittergemeinschaft, die ein Verbindungsglied zwischen Gott und Menschen, einen Stein namens ›Gral‹, hütet. Der Gral ist eine Art Messenger-App Gottes in der Welt: Auf ihm erscheinen Inschriften, mit denen Gott den Gralsrittern Handlungsan‐ weisungen erteilt. Ohne dass dies jemals ausdrücklich erwähnt würde, ist doch recht offensichtlich, dass diese Verbindung zwischen Gott und einer religiösen Rittergemeinschaft nicht durch die Institution Kirche vermittelt wird, die Gralsritter also direkte Agenten des göttlichen Heilswirkens in der Welt sind. Im Lauf der Erzählung stellt sich heraus, dass Parzival auf‐ grund seiner Abstammung mütterlicherseits der letzte lebende männliche Abkömmling aus dem Geschlecht der Gralskönige ist; väterlicherseits ist er mit Artus verwandt. Die erste und nach Auskunft aller darüber informierten Figuren einzige Chance zur Einsetzung als Gralskönig verpatzt er jedoch wegen seiner schon zuvor mehrmals unter Beweis gestellten Dummheit. Obwohl er von Angehörigen des Gralskönigsgeschlechts wiederholt über die Aussichtslosigkeit seiner Absicht belehrt wird, hält er danach stur am Ziel fest, doch noch Gralskönig zu werden, bis Gott ihm gegen die bis dahin offenbar geltenden Regeln eine zweite Chance gibt. Mit den Gralsrittern kommt eine religiöse Sicht auf Mensch und Welt ins Spiel, die Wolfram in ein spannungsvolles Verhältnis zum Weltbild des Artusromans bringt. Während der Artusritter Gawan als zweite Hauptfigur mit seinen auf eigene Leistung gegründeten Erfolgen den optimistischen höfischen Glauben an die Machbarkeit des Lebensglücks eher bestätigt, führt Parzivals Lebensweg die trotz aller Leistungsfähigkeit unvermeidliche Gnadenbedürftigkeit des Menschen vor Augen. Dabei bleibt das Verhältnis zwischen höfischem Lebensmodell und religiösem Menschenbild komplex und vielschichtig. Dass unterschiedliche Perspektiven nebeneinandergestellt werden können, ermöglicht nicht zuletzt eine Erzähltechnik, die auf überraschende Wendun‐ gen und Hakenschläge, auf Verunsicherungen und Brüche angelegt ist. Auch die Formulierungskunst, die mit allen verfügbaren Mitteln konsequent auf Verständniserschwerung zielt, entspricht der Sinnkonstruktion, die die Gegensätze nicht auflöst. 5.11 Wolfram von Eschenbach: ›Parzival‹ 129 5.12 Wolfram von Eschenbach: ›Willehalm‹ Wolfram von Eschenbach: Willehalm. Mittelhochdeutscher Text, Übers., Komm. Hg. v. Joachim Heinzle. Frankfurt a. M. (Deutscher Klassiker Verlag) 1991. Wolfram von Eschenbach: Willehalm. Text der Ausg. v. Werner Schrö‐ der. Übers., Vorwort u. Register v. Dieter Kartschoke. Berlin, New York (de Gruyter) ³2003. Wolframs zweites großes Werk, der nach dem ›Parzival‹ verfasste und nicht vollendete ›Willehalm‹, beruht auf einem französischen Heldenepos, der ›Schlacht von Aliscans‹. Erzählt wird von einem liebesbedingten Krieg: Markgraf Willehalm von Orange in der Provence geriet während der Kämpfe zwischen den arabischen Eroberern Spaniens und den christlichen Franken zur Zeit Kaiser Ludwigs des Frommen in Gefangenschaft, verliebte sich in die Tochter des obersten Heidenherrschers, floh mit ihr, ließ sie auf den Namen Gyburc taufen und heiratete sie. Dies führt zu einem Großangriff der Heiden. In der ersten Schlacht wird Willehalm vernichtend geschlagen, die zweite neigt sich am Ende von Wolframs Fragment zu seinen Gunsten. Hinter der Hauptfigur, um die sich ein ganzer Zyklus von französischen Heldenepen rankt, steht der historische Graf Wilhelm von Toulouse, der in der Zeit Karls des Großen gegen die Araber kämpfte und später als Heiliger verehrt wurde. Wolfram erzählt demgemäß mit historischem Wahrheitsan‐ spruch ein christliches Heldenepos von einem heiligen Ritter und bringt dabei auch Erzählmuster der Heiligenlegende ins Spiel. Mit dem Stoff aus der französischen Heldenepik knüpft der ›Willehalm‹ aber vor allem an das ›Rolandslied‹ an. Obwohl auch Wolfram den Krieg zwischen Christen und Heiden als Kreuzzug darstellt, der die gefallenen Christen in den Himmel und die gefallenen Heiden in die Hölle bringt, rechtfertigt er die Gewalt nicht mehr so einschränkungslos wie der Pfaffe Konrad. Die Heiden erscheinen als ebenso vorbildliche höfische Ritter wie die Christen, und es wird der Standpunkt laut, dass sie wie die Christen Geschöpfe Gottes sind und nicht wie Vieh abgeschlachtet werden dürfen. Über die Figur Gyburcs erhält die Liebe, eher das Thema des höfischen Romans als der Heldenepik, einen zentralen Stellenwert in der Handlung: Sie verursacht mit dem Krieg eine 130 5 Was lesen? große Katastrophe; zugleich aber stellt sie als Ort von Glück und Frieden ein Gegenbild zum Krieg dar. 5.13 Märendichtung Novellistik des Mittelalters. Märendichtung. Hg., übers. u. komm. v. Klaus Grubmüller. Frankfurt a.-M. (Deutscher Klassiker Verlag) 2010. Mit ›Märe‹ oder ›Versnovelle‹ bezeichnet man einen Typus kürzerer Verserzählungen, der vom 13. bis zum 15. Jahrhundert belegt ist. Wie Tierfabeln folgen Mären dem Funktionsmodell des beispielhaften Erzählens: Sie ver‐ anschaulichen eine zu Beginn oder am Schluss ausdrücklich formulierte, allgemeingültige moralische Wahrheit an einem konkreten Geschehen. Mären zeichnen sich jedoch gewöhnlich dadurch aus, dass die Erzählung gegenüber der Moral, die aus ihr abgeleitet wird und deren Gültigkeit sie belegen soll, ein hohes Maß an Eigenständigkeit hat: Sie ist reichhaltiger ausgestattet, als es zur bloßen Demonstration der Moral nötig wäre, und sie ist lang und komplex genug, um einen Bedeutungsüberschuss bieten zu können. In nicht wenigen Mären steht die Sinnkonstruktion der Erzählung sogar in einem offenen Widerspruch zur ausdrücklich formulierten Moral, die dadurch die Funktion einer Aufforderung an die Rezipienten erhält, die Sinnkonstruktion der Erzählung selbstständig zu erkennen. Mären gehörten zunächst zum Literaturbetrieb der Adelshöfe, waren später aber auch bei Stadtbürgern beliebt. Ihr Personal beziehen sie aus allen Ständen der Gesellschaft: Adelige, Kleriker, Stadtbürger, Bauern. Es gibt sie in ernsten und in schwankhaften Varianten; das Spektrum der Stilniveaus reicht von der vornehmen Gefühlssprache der höfischen Liebe bis zur drastischen Obszönität. Im Mittelpunkt der Handlungskonstruktionen steht immer die Frage nach den Prinzipien richtigen und falschen Handelns. Dabei kann entweder eine Welt mit funktionierenden moralischen Gesetzmäßigkeiten dargestellt sein, die den Erfolg tugendhaften und den Misserfolg lasterhaften Handelns herbeiführen, oder eine Welt, in der es ausschließlich Schlechte gibt und in der allein schlaues und skrupelloses Handeln Erfolg hat. Das zweite Modell gewann im Verlauf der Gattungsgeschichte unverkennbar an Attraktivität, so dass viele Mären aus dem 14. und 15. Jahrhundert vorfüh‐ ren, nach welchen berechenbaren Regularitäten und mit welchen Mitteln 5.13 Märendichtung 131 eine amoralische instrumentelle Vernunft zum Handlungserfolg führt. Die bei weitem häufigsten Themen der Gattung waren sexuelles Begehren und Ehebruch, weil sich mittelalterlich-frühneuzeitliche Ordnungskonzepte dabei besonders gut durchspielen ließen: Nach der theologischen Lehre galt die Ehe als das älteste aller Ordnungsverhältnisse, das Gott mit der Erschaffung von Adam und Eva eingerichtet hatte und das er nach dem Sündenfall als Strafe für Eva in ein Herrschaftsverhältnis umwandelte. (1. Mose 3,16: »Nach deinem Mann wird dein Verlangen sein, er aber wird über dich herrschen.«) Als Strafe für den Sündenfall galt in der Theologie ebenso die schlechte Kontrollierbarkeit des sexuellen Begehrens (vgl. dazu S. 260). Insbesondere weiblicher Ehebruch war deshalb der prototypische Fall gestörter Ordnung: Er zeigt stets, dass der Ehemann die Herrschaft über seine Frau nicht richtig ausübt, die ihrerseits ihr Begehren nicht beherrscht. Vor allem in der Kombination mit dem narrativen Modell der schlechten Welt und der Erfolgsträchtigkeit instrumenteller Vernunft eröffneten diese Konzepte den Märendichtern ein breites Spektrum von Möglichkeiten, mehr oder weniger schlaue Handlungsweisen darzustellen, durch die Ehebruch entweder ermöglicht und verheimlicht oder aufgedeckt und bestraft wird. 5.14 Heinrich Wittenwiler: ›Der Ring‹ Heinrich Wittenwiler: Der Ring. Frühneuhochdeutsch / Neuhoch‐ deutsch. Nach dem Text v. Edmund Wießner ins Neuhochdeutsche übers. u. hg. v. Horst Brunner. Stuttgart (Reclam) 3 2003. Heinrich Wittenwiler: Der Ring. Text - Übersetzung - Kommentar. Nach der Münchener Handschrift hg., übers. u. erl. v. Werner Röcke. Berlin (de Gruyter) 2012. Der Dichter Heinrich Wittenwiler ist wahrscheinlich mit einem urkundlich belegten Adeligen aus dem Thurgau identisch, der am Ende des 14. Jahr‐ hunderts als gelehrter Jurist am Konstanzer Bischofshof arbeitete. Seine Versdichtung ›Der Ring‹ heißt nach der Auskunft des Prologs so, weil sie gleichsam über den ganzen Kreis des Weltlaufs und auf dieser Grundlage über richtiges und falsches Handeln unterrichten soll. Zu diesem Zweck hat Wittenwiler eine satirische Erzählung mit langen Lehrreden kombiniert: Im Dorf Lappenhausen möchte der junge Bauerndepp Bertschi Triefnas 132 5 Was lesen? den hässlichen Dorftrampel Mätzli Rüerenzumph (›Fass-den-Schwanz-an‹) heiraten. Sein Ziel versucht er mit einer höfischen Liebeswerbung - ein‐ schließlich eines mit den Lappenhausener Bauern veranstalteten Turniers - zu erreichen, wobei sich jedoch herausstellt, dass den Bauern die Fähigkeit zu höfisch vornehmem Handeln abgeht. Die Ehe wird trotzdem geschlossen. Auf dem Hochzeitsfest führt die mangelnde Selbstbeherrschung der Bauern zu einer Schlägerei, die in einem apokalyptischen Krieg mit den Nachbar‐ dörfern eskaliert. Bertschi überlebt als Einziger der Lappenhausener und wird Einsiedler. Diesen Handlungsverlauf übernahm Wittenwiler aus einer wenig älteren Märe und situierte ihn durch einige Andeutungen in der Fastnachtszeit. Zusammen mit dem sprechenden Dorfnamen Lappenhausen (›Narrenheim‹) weist das auf eine satirische Sinnkonstruktion nach dem Modell der verkehrten Welt hin. Der Prolog erklärt in Übereinstimmung damit ausdrücklich, mit den Bauern seien alle gemeint, die nicht richtig handeln. In den Handlungsverlauf eingefügt hat Wittenwiler von den Figuren selbst vorgetragene Lehrreden über Turniere, höfische Liebe, Ehe, richtiges Studieren, den Katechismus, Medizin, Ethik einschließlich Recht, Ökonomie und Kriegführung. Sie geben anfangs höfisches Praxiswissen (Turnier, Liebeswerbung), danach gelehrtes Wissen aus der lateinischen Bildungstradition wieder. In der Verbindung mit der Handlung zeigt sich, dass die Bauern das Wissen, das sie sich selbst gegenseitig vortragen, nicht richtig anwenden können. Das Gegenmodell dazu präsentiert eine Versammlung gelehrter Vertreter von Städten, die aufgrund ihres Wissens mittels logisch korrekter Schlussfolgerungen entscheiden, nicht am Krieg zwischen den Dörfern teilzunehmen, wodurch die Städte nicht in die Katastrophe hineingezogen werden. Auf diese Weise führt Wittenwiler vor, dass Menschen, die keine Adeligen und keine Gelehrten sind, adeliges und gelehrtes Wissen nicht in richtiges Handeln umsetzen können. Als Adressaten des adeligen Juristen kommen unter diesen Umständen am ehesten adelig-gelehrte Angehörige des Konstanzer Bischofshofs in Frage. Das ebenso vergnügliche wie hochgelehrte Werk ist nur in einer Handschrift überliefert und hat keine erkennbare Wirkung entfaltet. 5.14 Heinrich Wittenwiler: ›Der Ring‹ 133 5.15 Johannes von Tepl: ›Der Ackermann‹ Johannes von Tepl: Der Ackermann. Frühneuhochdeutsch / Neuhoch‐ deutsch. Hg., übers. u. komm. v. Christian Kiening. Stuttgart (Reclam) 3 2012. Der ›Ackermann‹ entstand wahrscheinlich im Jahr 1400 oder 1401. Der Jurist Johannes von Tepl war zu dieser Zeit Leiter der Lateinschule der böhmischen Stadt Saaz, wo er zuvor schon als Notar arbeitete. Gegenstand des Textes ist ein Streitgespräch im Rahmen einer Gerichtsverhandlung: Ein Mensch, dessen Ehefrau gestorben ist, klagt deswegen den Tod an; der Tod weist die Anklage zurück. Der Kläger stellt sich als Ackermann aus Böhmen vor, sein Pflug sei die Feder - ›Ackermann‹ erweist sich dadurch als Metapher für den Schreiber und Dichter. Im Lauf des Streits trägt der Ackermann seine emotionale Auflehnung gegen die erbarmungslose Grausamkeit des Tods vor. Der Tod dagegen erklärt seine unverzichtbare Funktion in der göttlichen Weltordnung. Der Ackermann wiederum führt die herausgehobene Stellung des Menschen in dieser Ordnung ins Feld. Es kommt zu einer scharfen Konfrontation zwischen der Vergänglichkeit des diesseitigen Lebens, dem traditionellen Argument für seine relative Wertlosigkeit, und dem vom Ackermann emphatisch verteidigten Wert des irdischen Daseins. Am Ende spricht Gott als Richter das Urteil und relativiert beide Standpunkte: Der Mensch kann das Recht auf Leben nicht einklagen, weil das Leben eine göttliche Leihgabe ist; ebenso beruht die Herrschaft des Todes nicht auf eigenem Recht, sondern auf göttlicher Verleihung. Der Ackermann rühmt in einem abschließenden Gebet für das Seelenheil seiner Frau Gott als Ursprung und Ziel alles Seienden. Wenn dieser Schluss auch eine eher konventionelle Lösung anbietet, ist die Verteidigung des diesseitigen Werts des Menschenlebens doch derjenige inhaltliche Aspekt, der die Bedeutung des ›Ackermann‹ begründet. Ebenso wichtig sind die Formaspekte: Johannes von Tepl dichtete nicht in Versen, sondern benutzte eine nach lateinischem Vorbild mit höchster Sorgfalt stilisierte Kunstprosa. Auf ihr beruht die Eindringlichkeit der Streitreden ebenso wie auf der professionellen Argumentationskunst, mit der sie gestaltet sind. Sowohl die sprachliche als auch die argumentative Kompetenz verdanken sich der gelehrten Juristenausbildung. In einem unabhängig vom ›Ackermann‹ 134 5 Was lesen? Abb. 12: ›Der Ackermann‹ des Johannes von Tepl. Textbeginn in der um 1470 geschriebe‐ nen Handschrift B überlieferten Brief an einen Freund hat Johannes von Tepl erklärt, dass der Text die Anwendung rhetorischen Wissens vorführen soll. Demnach handelt es sich um eine deutschsprachige Aktualisierung des gelehrten lateinischen Texttypus der rhetorischen Schulübung, der declamatio. 5.15 Johannes von Tepl: ›Der Ackermann‹ 135 5.16 Oswald von Wolkenstein: Lieder Oswald von Wolkenstein: Lieder. Mittelhochdeutsch und Neuhoch‐ deutsch. Auswahl. Hg., übers. u. erl. v. Burghart Wachinger. Me‐ lodien und Tonsätze hg. und komm. v. Horst Brunner. Stuttgart (Reclam) 2007. Unter den deutschen Liederdichtern und -komponisten des Spätmittelalters war der 1445 gestorbene Südtiroler Adelige Oswald von Wolkenstein eine Ausnahmeerscheinung (vgl. S. 107): Die umfangreiche Liedtextproduktion des 15. wie auch noch des 16. Jahrhunderts ist wegen des verbreiteten Desinteresses an der Textverfasserschaft in aller Regel anonym überliefert; Oswald ließ seine Lieder jedoch als Sammlung aufzeichnen. Er war mit den verschiedensten Traditionen der deutschsprachigen Lieddichtung vertraut, kannte romanische und lateinische Lieder und experimentierte mit Neue‐ rungen. Erstmals wird in größerem Umfang die mehrstimmige Liedkunst der Romania rezipiert und bearbeitet. Besonders groß ist die Vielfalt seiner Lie‐ beslieder: Einige greifen auf die artifiziellen Ausdrucksformen des nach der Mitte des 14. Jahrhunderts aus der Mode gekommenen hochmittelalterlichen Minnesangs zurück, andere orientieren sich an der einfacheren Machart der zu Oswalds Zeit gängigen Liebeslyrik. Mehrmals wird die Geliebte mit dem Kosenamen von Oswalds tatsächlicher Ehefrau Margarethe als Gret ange‐ sprochen. Ein zuvor in dieser Form nicht belegter Liedtypus sind Oswalds Ereignislieder, in denen er von seinen Reisen und verschiedenen anderen Geschehnissen in seinem Leben erzählt. Seine geistlichen Lieder schöpfen aus den Angeboten, die die deutschsprachige Tradition aus dem breiten lateinischen Repertoire bezog, und lassen auch eine Bekanntschaft mit der meisterlichen Liedkunst in der Tradition der höfischen Sangspruchdichtung erkennen (vgl. S.-93). 136 5 Was lesen? 5.17 Thüring von Ringoltingen: ›Melusine‹ Romane des 15. und 16. Jahrhunderts. Nach den Erstdrucken mit sämt‐ lichen Holzschnitten hg. v. Jan-Dirk Müller. Frankfurt a. M. (Deutscher Klassiker Verlag) 1990. Thüring von Ringoltingen: Melusine. In der Fassung des Buchs der Liebe (1587). Hg. v. Hans-Gert Roloff. Stuttgart (Reclam) 2000. Der Berner Patrizier Thüring von Ringoltingen (vgl. S. 79f.) bearbeitete mit der 1456 fertig gestellten, 1473 oder 1474 erstmals und bis ins 18. Jahrhundert gedruckten ›Melusine‹ in Prosa einen französischen Versroman aus der Zeit um 1400. Der Geschichte liegt ein seit dem 12. Jahrhun‐ dert belegtes Handlungsmuster zugrunde, das in der Germanistik ›Mahrte‐ nehenschema‹ heißt (vom alten Wort ›Mahr‹ für ›Gespenst‹, ›Mahrte‹ ist die weibliche Form). Mahrtenehengeschichten handeln von einer Liebesbezie‐ hung zwischen einem Menschen und einem übernatürlichen Wesen, die an die Einhaltung eines Tabus geknüpft ist; bricht der Mensch das Tabu, muss das übernatürliche Wesen die Liebesbeziehung beenden. Meistens ist das übernatürliche Wesen weiblich; in diesem Fall wird das Handlungsmuster auch als ›Feenschema‹ bezeichnet; die umgekehrte Geschlechterverteilung gibt es beispielsweise in der Geschichte vom Schwanritter Lohengrin. Die Feen sind im 12. Jahrhundert aus mündlichen keltischen Erzähltraditionen in die altfranzösische Literatur und von da aus weiter in die deutschsprachige gelangt. Melusine wird von Graf Reymund von Poitiers geheiratet und verlangt von ihm, sie nie nach ihrer Herkunft zu fragen und samstags grundsätzlich zu meiden. In einer glücklichen Ehe zeugen die beiden zehn Söhne, ehe Reymund eines Samstags doch spioniert und entdeckt, dass sich seine Frau an diesem Tag immer vom Nabel abwärts in eine Schlange verwandelt. Die Verletzung des Tabus hat jedoch entgegen den vom Feen‐ schema nahegelegten Erwartungen zunächst keine Folgen, weil Reymund seine Entdeckung in Absprache mit Melusine vor der Welt verheimlicht. Erst als er Melusine eines Tages wegen einer Untat des Sohnes Geffroy aus Mangel an Selbstbeherrschung öffentlich als Schlange beschimpft, muss sie ihn verlassen. Thüring gestaltete den alten Stoff in seinem Prosaroman ganz im Sinn des sachlichen und moralischen Wahrheitsanspruchs der historia (vgl. S. 111): Die Entkoppelung von Tabubruch und Trennung er‐ 5.17 Thüring von Ringoltingen: ›Melusine‹ 137 möglicht eine moralische Deutung, denn den Verlust des Glücks verschuldet erst der unkontrollierte Wutausbruch. Melusines Existenz macht Thüring wahrscheinlich, indem er sie als Ahnherrin historischer Adelsgeschlechter und als zwar wunderbares, aber eben doch Geschöpf Gottes erklärt. Der außerordentliche Fall der Feenliebe erhält den Charakter einer unglücklich verlaufenden Ehegeschichte, anhand derer sich zeitgenössische Welterfah‐ rung und Normvorstellungen thematisieren lassen. 5.18 ›Fortunatus‹ Romane des 15. und 16. Jahrhunderts. Nach den Erstdrucken mit sämt‐ lichen Holzschnitten hg. v. Jan-Dirk Müller. Frankfurt a. M. (Deutscher Klassiker Verlag) 1990. Fortunatus. Studienausgabe nach der Editio princeps von 1509. Hg. v. Hans-Gert Roloff. Stuttgart (Reclam) 1996. Der anonyme, 1509 erstmals und bis ins 18. Jahrhundert gedruckte ›Fortuna‐ tus‹ (vgl. S. 112) ist der erste deutsche Prosaroman ohne direkte Textvorlage, der erste mit Bürgern als Hauptfiguren - und der erste Roman vom Aufstieg und Fall einer Kaufmannsfamilie. Fortunatus, Sohn eines Kaufmanns in Zypern, muss in die Welt ziehen, weil sein Vater den Besitz vergeudet hat. Nach etlichen Erfahrungen mit der menschlichen Schlechtigkeit und der Herrschaft des Geldes trifft er die Jungfrau des Glücks (die Glücksgöttin Fortuna) und darf unter den Glücksgütern Weisheit, Reichtum, Stärke, Gesundheit, Schönheit und langes Leben eines wählen. Fortunatus wählt, entgegen der traditionellen Wertehierarchie, statt der Weisheit den Reich‐ tum und erhält einen stets vollen Geldbeutel. Er unternimmt zwei lange Reisen durch Europa und in den fernen Osten, auf denen er lernt, den Reichtum mit Vorsicht und instrumenteller Klugheit, jedoch nicht immer auf tugendhafte Weise zu seinem Vorteil zu nutzen. Zwar kommt er mehrmals in Lebensgefahr, hat aber immer so viel Glück, wie sein sprechender Name (›der vom Glück Begünstigte‹) anzeigt. Auf der zweiten Reise gelangt er durch Diebstahl noch zu einem Zauberhut, mit dessen Hilfe er sich an jeden beliebigen Ort wünschen kann. Seine beiden Söhne, die den Geldbeutel und den Zauberhut erben, handeln einerseits wiederholt unklug, haben dazu auch noch immer wieder Pech und scheitern im Leben. Der ›Fortunatus‹ ist 138 5 Was lesen? der modernste unter den Prosaromanen des 15. und 16. Jahrhunderts: Die Entscheidung für das Geld als höchsten Lebenswert, die Verfolgung eigener Interessen und das unbekümmerte Ausnutzen günstiger Gelegenheiten loh‐ nen sich, wenn man das nötige Glück hat und sich klug verhält. Wenn man unvorsichtig ist und Pech hat, kann alles ebenso leicht schief gehen. Die aus‐ drückliche Moralisierung am Anfang und am Ende stellt die Weisheit über den Reichtum, aber der Lebensweg der Figuren veranschaulicht weniger die Gültigkeit traditioneller Moralvorstellungen und das Vertrauen in eine höhere Gerechtigkeit, sondern eher die Unvorhersehbarkeit und Zufälligkeit alles irdischen Geschehens. Unter diesen Umständen rückt das Vertrauen in die Förderlichkeit kluger Vorsicht in den Vordergrund. Die Glücksgöttin Fortuna hat deshalb nicht mehr die seit der Antike gängige Bedeutung, dass der Mensch in der Wechselhaftigkeit aller irdischen Verhältnisse nur durch Tugendhaftigkeit bestehen kann; sie symbolisiert vielmehr das in der bildenden Kunst um 1500 aufkommende Konzept des vorübereilenden Glücks, der günstigen Gelegenheit, die der Mensch rasch und entschlossen ausnutzen muss. 5.19 ›Ein kurtzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel‹ Ein kurtzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel. Nach dem Druck von 1515 mit 87 Holzschnitten hg. v. Wolfgang Lindow. Stuttgart (Reclam) 1997. Der erste vollständig erhaltene Druck des ›Eulenspiegel‹-Buchs erschien anonym 1515 in Straßburg; vorausgegangen war dort 1510 oder 1511 ein äl‐ terer, nur teilweise erhaltener Druck. Die Sprache ist in beiden Fällen Früh‐ neuhochdeutsch mit niederdeutschen Elementen; der auf dem Titelblatt und im Text benutzte Protagonistenname ›Ulenspiegel‹ kombiniert nie‐ derdeutsch ›Ulenspegel‹ mit hochdeutsch ›Eulenspiegel‹. Die Sprachmi‐ schung und Eulenspiegels hauptsächlich norddeutscher Handlungsraum könnten auf eine nicht erhaltene niederdeutsche Druckvorlage hindeuten; die Hypothese, dass der Braunschweiger Stadtschreiber Hermann Bote der Verfasser war, lässt sich jedoch nicht absichern. Das ›Eulenspiegel‹-Buch ist eine Sammlung schwankhafter (komischer) Erzählungen in Prosa. Einige der Geschichten sind schon früher belegt, jedoch nicht mit Eulen‐ spiegel als Protagonist. Verbunden ist die lockere Episodenfolge nicht nur 5.19 ›Ein kurtzweilig Lesen von Dil Ulenspiegel‹ 139 durch die Hauptfigur, sondern auch durch einen biographischen Rahmen mit Eulenspiegels Geburt zu Beginn und seinem Tod am Ende sowie durch ein Lebensweg-Muster: Episode folgt auf Episode, indem Eulenspiegel von Ort zu Ort zieht. Er bleibt dabei vom Anfang bis zum Schluss unverändert derselbe, ein Landstreicher außerhalb der ständischen Ordnung und eine Personifikation der menschlichen Schlechtigkeit. In seiner Gestalt handelt die nackte Destruktion: Er beherrscht die Regeln der sozialen Interaktion, ohne von ihnen beherrscht zu werden, und schädigt andere Akteure rücksichtslos. In den einzelnen Episoden kommt er in alle zeitgenössischen sozialen Lebensbereiche: Dorf und Stadt, Adelshof, Universität und Klos‐ ter. Die Figuren, die ihm begegnen, stammen aus allen Geburts- und Berufsständen: Bauern und Bauersfrauen, Pfarrer, Mönche, Wirte und Wirtinnen, Handwerker und Kaufleute samt Ehefrauen, Gelehrte, Adelige und Fürsten samt Ehefrauen. Sie werden zu Eulenspiegels Opfern, weil sie leichtgläubig und unvorsichtig sind; manchmal ist ihre mangelnde Vorsicht auch eine Folge traditioneller Laster wie Geiz, Faulheit oder Hochmut. Allein die Fürsten sind Eulenspiegel gewachsen, wenn sie ihm eine institutionalisierte soziale Funktion als Hofnarr geben. Indem sich die Figuren als umso einfältiger erweisen, je tiefer sie in der sozialen Hierarchie stehen - Eulenspiegel selbst ausgenommen -, wird die Legi‐ timität der Ständeordnung eher bestätigt als in Zweifel gezogen. Mit seiner durch die Figuren- und Handlungskonstruktionen getragenen Sinn‐ konstruktion greift das ›Eulenspiegel‹-Buch das schon vielen Mären des 15.-Jahrhunderts zugrunde liegende Modell einer schlechten Welt auf, in der die Unvorsichtigen und Lasterhaften selbst schuld sind, wenn sie durch einen amoralischen Schlauen geschädigt werden. Das ›Eulenspiegel‹-Buch entfaltete schnell eine große Wirkung in Gestalt etlicher Nachdrucke und mehrerer Übersetzungen in andere Sprachen, auch ins Lateinische. Hans Sachs hat in der Mitte des 16.-Jahrhunderts einige Episoden zu Fastnacht‐ spielen umgearbeitet; 1572 ließ Johann Fischart in Frankfurt am Main seine versifizierte Bearbeitung drucken (›Eulenspiegel reimenweis‹). Zum Kinderbuchprotagonisten wurde Eulenspiegel erst im 19. Jahrhundert; dafür war eine verharmlosende Entschärfung der destruktiven Drastik inklusive der vollständigen Beseitigung ganzer Episoden nötig. 140 5 Was lesen? Abb. 13: Titelblatt des ›Ulenspiegel‹-Drucks, Straßburg 1515 5.20 ›Historia von D. Johann Fausten‹ Historia von D. Johann Fausten. Text des Druckes von 1587. Mit Zusatz‐ texten der Wolfenbütteler Handschrift und der zeitgenössischen Drucke. Krit. Ausg. Hg. v. Stephan Füssel u. Hans Joachim Kreutzer. Stuttgart (Reclam) 2012. Romane des 15. und 16. Jahrhunderts. Nach den Erstdrucken mit sämt‐ lichen Holzschnitten hg. v. Jan-Dirk Müller. Frankfurt a. M. (Deutscher Klassiker Verlag) 1990. 5.20 ›Historia von D. Johann Fausten‹ 141 Der Verfasser des 1587 erstmals gedruckten Faust-Buchs hat sich nicht zu erkennen gegeben; die Vorrede verbirgt ihn hinter der Maske eines ›guten Freunds aus Speyer‹. Die literaturgeschichtliche Bedeutung dieses Prosaromans gründet vor allem auf dem Erfolg, den der Stoff vom Wunsch des Gelehrten nach grenzenloser Erkenntnis später noch hatte. Der Sinn, den die ›Historia‹ (vgl. S. 111) der mit dem Anspruch auf faktische Wahr‐ heit erzählten Geschichte gibt, unterscheidet sich indes erheblich von den Sinnkonstruktionen jüngerer Bearbeitungen. Faustus, ein geachteter Doktor der Theologie, wendet sich der Magie zu und schließt einen Pakt mit dem Teufel, dem er seine Seele als Gegenleistung für die zugesagte Vermittlung von Wissen über Himmel und Hölle verschreibt. Der Teufel liefert ihm jedoch nicht die erhofften Informationen über das Jenseits, sondern verhilft ihm zu Reichtum, zeigt ihm die diesseitige Welt und lehrt ihn Astrologie und Zauberei. Faustus wird dadurch ein angesehener Horoskopsteller und Magier; eine Reihe von Schwankepisoden zeigt, wie er durch Illusionszauber Macht über andere Menschen ausübt. Im Angesicht des Todes überwältigt ihn schließlich das Grauen vor der Hölle; am Ende holt ihn der Teufel. Der unbekannte Verfasser hat die Geschichte als abschreckendes Beispiel für die Sünde der curiositas (fürwitz) erzählt, des Strebens nach Wissen, das die dem Menschen von Gott gesetzten Erkenntnisgrenzen nicht respektiert. Ein an den Anfang gestellter Magietraktat rekurriert auf die zeitgenössische Zaubereilehre, die die theologische Begründung für die zum Ende des 16. Jahrhunderts beginnenden Hexenverfolgungen lieferte. Zauberei setzt demnach grundsätzlich einen Pakt mit dem Teufel voraus, der für ihren Erfolg um den Preis der ewigen Verdammnis sorgt. Sie ist die schwerstmög‐ liche Sünde, weil der Teufelspakt den durch die Taufe geschlossenen Bund mit Gott ersetzt. Die Lehre geht auf den 1487 gedruckten theologischen Traktat ›Malleus maleficarum‹ (›Hexenhammer‹) zurück und wurde von den Reformatoren unverändert übernommen. Der Verfasser des Faustbuchs kombinierte sie mit der lutherischen Gnadenlehre: Durch den Pakt gibt Faustus dem Teufel die Möglichkeit, ihn vom Glauben an die Gnade Gottes abzubringen, ohne den es in der lutherischen Theologie keinen Weg zur ewigen Glückseligkeit gibt. Wenn Faustus auf den theologisch eigentlich richtigen Gedanken kommt, Gott könne ihn in seiner unendlichen Gnade trotz allem noch retten, erscheint ihm der Teufel und erklärt ihm, dass das wegen des Pakts nicht mehr gehe. Weil Faustus dieser Auskunft glaubt, gerät er immer weiter in den Zustand der verzweifflung an der Gnade - der Sünde der desperatio, die den Glauben an die Gnade und damit die 142 5 Was lesen? Rettung seiner Seele unmöglich macht. Zusätzlich zu diesem theologischen Begründungszusammenhang hat der Verfasser Faustus’ verzweifflung auch noch medizinisch als pathologische Melancholie erklärt. 5.21 ›Das Lalebuch‹ Das Lalebuch. Nach dem Druck von 1597 mit den Abweichungen des Schiltbürgerbuchs von 1598 und zwölf Holzschnitten von 1680 hg. v. Stefan Ertz. Stuttgart (Reclam) 1998. Auf seinem Titelblatt behauptet das ›Lalebuch‹, von einem Verfasser namens Aabcdefghiklmnopqrstuwxyz zu stammen und im Jahr 1597 in Laleburg gedruckt zu sein. Tatsächlich erschien es in diesem Jahr in Straßburg. Den Namen hat es von seinen Hauptfiguren, den in Laleburg ansässigen Lalen (mit kurzem ›a‹, das alemannische Wort für ›Narren‹); der bis heute nicht identifizierte Verfasser erklärt den Namen als Ableitung aus griechisch lalein (›schwätzen‹) und behauptet, dass die Lalen von antiken Weisen abstammten. Er fügte seinem Prosaroman episodische Erzählungen ein, die schon zuvor in der Schwankliteratur belegt sind, und verband sie mit neu erfundenen Teilen zu einer durchgängigen Gesamthandlung. Die Lalen waren seiner Auskunft nach ursprünglich so weise, dass sie von vielen anderen als Ratgeber angefordert wurden. Weil sie wegen der großen Nachfrage kaum noch zu Hause waren, verkam ihr eigenes Gemeinwesen. So beschlossen sie eines Tages auf den Rat ihrer Ehefrauen hin, ihre Weisheit zu verleugnen und sich wie Narren zu verhalten, um vor der Welt Ruhe zu haben. Doch die angenommene Narrheit wurde durch Gewöhnung nach und nach zu ihrer wirklichen Natur, so dass sie ihr Gemeinwesen schließlich selbst zugrunde richteten. Die Lalen verstreuten sich danach in die ganze Welt und vererbten allen Menschen ihre Torheit. Der Verfasser verortete Laleburg in Utopien, das gebildete zeitgenössische Leser aus dem 1516 erschienenen lateinischen Traktat ›Utopia‹ des englischen Humanisten Thomas Morus, nicht Lateinkundige aus der deutschen Übersetzung von 1524 kannten. Utopia ist bei Morus eine fiktive Insel mit einer vorgeb‐ lich idealen, von Morus allerdings satirisch gebrochen dargestellten (die Utopier leben in einem rigiden Überwachungsstaat und halten Sklaven) Gesellschaftsordnung ohne Privateigentum. Der ›Lalebuch‹-Verfasser hat 5.21 ›Das Lalebuch‹ 143 dieses - von Morus aus Platons ›Politeia‹ und den ökonomischen Bestand‐ teilen des christlichen Kloster-Modells bezogene - Konzept jedoch nicht ins Zentrum gestellt, sondern stattdessen das in der Literatur des 15. und 16. Jahrhunderts vielfach traktierte Verhältnis zwischen moralischem Handeln im Sinn des traditionellen Weisheitsbegriffs und der an Nützlich‐ keit orientierten instrumentellen Vernunft aufgegriffen. Zum ersten Mal wird das Nützlichkeitsdenken hier aufgrund seiner eigenen Prinzipien in Zweifel gezogen: Die Lalen verfolgen mit ihrem Handeln stets den Nutzen ihres eigenen Gemeinwesens, aber über ihren Nützlichkeitskalkülen kommt ihnen der praktische Sinn für das elementarste Erfahrungswissen abhanden, so dass sie den Blick für die offensichtliche Aussichtslosigkeit ihrer durchweg törichten Unternehmungen verlieren. Auf diese Weise hat der ›Lalebuch‹-Verfasser mit einiger Hellsicht das moderne Problem des den gesunden Menschenverstand trübenden Nützlichkeitsdenkens entfaltet. Die Wirkungsgeschichte des Textes beruht vor allem auf einer 1598 in Frankfurt am Main - ebenfalls ohne Verfasserangabe - gedruckten Bearbeitung, die die Handlung in die Stadt Schilda verlegte und aus den Lalen die Schildbürger machte. 144 5 Was lesen? Handschrift und Druck Funktionen der Schrift Buch- und Mediengeschichte 6 Handschriften, Drucke, Editionen 6.1 Schriftliche Textüberlieferung Das Thema dieses Kapitels sind die Überlieferungsbedingungen der älteren deutschen Literatur: Wie sind die Texte erhalten geblieben und welche Folgen ergeben sich aus den Umständen der Textüberlieferung? Schriftliche Texte wurden auf zweierlei Art festgehalten und verbreitet: als Handschrift oder, seit der Mitte des 15. Jahrhunderts, als Druck. Auf der Auswertung von Handschriften und Drucken beruht alles, was wir über ältere Literatur wissen. Für schriftliche Aufzeichnung und Verbreitung gibt es unterschiedliche Gründe. Die Schrift hat erstens eine kommunikative Funktion; sie ist eine von zwei Möglichkeiten (neben der Mündlichkeit), einen Text von einem Sender bzw. einer Senderin zu einem Empfänger bzw. einer Empfängerin zu bringen. Schrifttexte können freilich von mündlicher Textproduktion, mündlichem Vortrag oder mündlicher Textüberlieferung beeinflusst sein (vgl. S.-52-54). Die Schrift dient zweitens der Vervielfältigung und Verbrei‐ tung von Texten - eine Funktion, die der Buchdruck erheblich besser erfüllt als die Handschrift. Drittens bietet die Schrift die Möglichkeit, den Inhalt und die spezifische Form von Texten zu speichern. Das geht handschriftlich genauso gut wie im Druck. Viertens schließlich kann die Schrift den Wert, der Texten zugemessen wird, zur Anschauung bringen: Sie kann eine symbolische Funktion erfüllen, beispielsweise indem sie einen Text in der Gestalt des kostbar ausgestatteten Buchs als Schatz ausweist. Das gibt es in religiösen Zusammenhängen, etwa wenn Mönche den heiligen Text der Bibel mit Goldbuchstaben auf purpurgefärbtes Pergament schreiben, ebenso wie in weltlichen, etwa wenn eine Prachthandschrift mit Minneliedern sichtbar macht, wie vornehm die höfische Kunst ist. Diese Funktion ist durch den Herstellungsaufwand und die Einmaligkeit von Handschriften möglicherweise besser zu erfüllen als durch den Druck. Das heutige Interesse für Handschriften und Drucke beruht auf unter‐ schiedlichen Motiven. Es kann zum einen buch- und mediengeschichtlich orientiert sein. Gegenstände sind dann die Aufzeichnungs- und Verbrei‐ tungstechniken selbst - die Geschichte der Schrift, des Schreibens, des Überlieferungsgeschichte Editionsphilologie Papyrus Pergament Papier Buchs, der Drucktechnik - und ihre kulturgeschichtlichen Leistungen. Zum anderen beschäftigt man sich mit Handschriften und Drucken wegen der Texte, die sie überliefern. Dieses Interesse gibt es in zwei Varianten, der überlieferungsgeschichtlichen und der editionsphilologischen. Die Überlieferungsgeschichte versucht, aus dem Informationswert von Handschriften und Drucken auf die historische Rezeption und Funktion von Texten zu schließen. Sie benutzt Handschriften und Drucke, um herauszu‐ finden, welche Texte bei wem in welcher Zeit zu welchem Zweck in Ge‐ brauch waren. Auf diese Weise lässt sich allerhand über Texte in Erfahrung bringen, was ihnen selbst nicht abzulesen ist. Die Editionsphilologie (Edition: Textausgabe; Philologie: Wissenschaft von Sprache und Literatur) interessiert sich für Handschriften und Drucke als Überlieferungsträger von Texten. Wer ältere Texte neu herausgeben und damit allgemein zugänglich machen will, muss wissen, wie und wo sie überliefert sind. Die Editionsphilologie geht indes auch die Leser: innen an: Wer moderne Ausgaben benutzt, muss sich Klarheit darüber verschaffen können, in welcher Weise sie auf der handschriftlichen oder gedruckten Textüberlieferung beruhen. 6.2 Handschriften Die Grundlagen für die mittelalterliche Schriftlichkeit und die Buchherstel‐ lung stammen aus der Spätantike. Im 4. Jahrhundert begann die Ablösung des zuvor gebräuchlichen Beschreibstoffs Papyrus (hergestellt aus der Pa‐ pyruspflanze) durch das Pergament. Es wurde aus Kalbs-, Schaf- oder Zie‐ genhaut hergestellt und hatte den Vorteil besserer Strapazierbarkeit, jedoch den Nachteil einer aufwändigen Produktion und einer - angesichts der vor‐ industriellen landwirtschaftlichen Verhältnisse - begrenzten Verfügbarkeit. Bis es im späten Mittelalter durch das Papier ersetzt wurde, blieb es eine Mangelware, die Bücher zum teuren Luxusgegenstand machte. Die Papierherstellung (aus Textilabfällen) übernahmen die Europäer im 13. Jahrhundert, zunächst im Mittelmeerraum, von den Arabern, bei denen sie vorher schon Papier eingekauft hatten. Nördlich der Alpen wurde Papier anfangs als Importware bekannt und setzte sich gegen Ende des 14.-Jahrhun‐ derts durch. Als Beschreibstoff war es erheblich billiger; die zur Herstellung nötigen Rohstoffe waren nahezu unbegrenzt verfügbar. Die erste Papiermühle im deutschen Sprachraum nahm ihren Betrieb 1390 in Nürnberg auf. 146 6 Handschriften, Drucke, Editionen Schriftrolle, Codex Abb. 14: Wesentliche Arbeitsschritte der Buchherstellung im Skriptorium: Illustration aus einer Bamberger Handschrift des 12.-Jahrhunderts Der Übergang vom Papyrus zum Pergament ging mit der - nicht gänzlichen - Verdrängung der Schriftrolle durch das gebundene Buch, den Codex, ein‐ her. Die spätantike Technik der Handschriftenherstellung hielt sich während der Völkerwanderungszeit in verschiedenen Regionen des ehemaligen Rö‐ 6.2 Handschriften 147 Karolingi‐ sche Buch‐ produktion Skriptorien Textaufzeich‐ nung Rubrik Initiale Inzipit Explizit Kolophon Foliierung Paginierung Einzel- und Sammel‐ handschrift ›Vorauer Sammel‐ handschrift‹ mischen Reichs und gelangte schließlich ins Frankenreich. Die Produktion blieb schmal bis zu den karolingischen Bildungsreformen des späten 8. und des 9. Jahrhunderts (vgl. S. 67). Erst jetzt entstanden Bücher in größerer Zahl, und zwar ausschließlich in den Schreibstuben (Skriptorien) der Klöster und Domkirchen. Im Anschluss an spätantike Vorbilder entwickelten die karolingischen Schreibstuben Prinzipien der Textaufzeichnung, deren Einfluss lange an‐ hielt. Das Pergament wurde zunächst mit Schreiblinien versehen, der Sei‐ tenspiegel durch Begrenzungslinien festgelegt. Die Beschriftung erfolgte ein- oder mehrspaltig mit Tinte. Überschriften wurden farblich abgesetzt, zumeist in Rot; deshalb heißen sie ›Rubriken‹ (von rubrica, rote Farbe). Für die Abschnittsgliederung benutzte man mehr oder weniger prächtig ver‐ zierte Initialen. Der Textbeginn wurde im Frühmittelalter noch selten, seit dem Hochmittelalter häufiger mit einer Inzipit-Formel gekennzeichnet (von lateinisch incipit, hier beginnt …), das Textende mit einer Explizit-Formel (von lateinisch explicit, hier endet …) und eventuell noch mit einem Kolo‐ phon (Ort und Datum der Fertigstellung, Namen von Schreibern und Auf‐ traggebern). Seit dem 12. Jahrhundert setzte sich die vorher schon gelegent‐ lich benutzte Blattzählung (Foliierung von lateinisch folium, Blatt) durch; die heute gebräuchliche Seitenzählung (Paginierung von lateinisch pagina, Seite) taucht in der Handschriftenzeit selten auf. Verweise auf Textseiten in Handschriften bedienen sich deshalb bis heute der Blattzählung: fol. XX r (fol. für folio, r für recto, vorn) bedeutet ›auf Blatt 20 Vorderseite‹, fol. XX v (v für verso, hinten) bedeutet ›auf Blatt 20 Rückseite‹. Ein Codex konnte für einen einzelnen Text angelegt werden (Einzelhand‐ schrift) oder für mehrere Texte (Sammelhandschrift). Von der geplanten Sammelhandschrift muss man nachträglich zusammengebundene, unab‐ hängig voneinander entstandene Textaufzeichnungen unterscheiden (›Buchbindersynthesen‹). Sammelhandschriften geben oft ein Programm zu erkennen, das der Textzusammenstellung zugrunde liegt. Ein Beispiel dafür ist eine der ältesten Sammlungen deutschsprachiger Texte, die im späteren 12. Jahrhundert im Augustinerstift Vorau in der Stei‐ ermark entstand. Die ›Vorauer Sammelhandschrift‹ enthält 21 frühmittel‐ hochdeutsche Texte; damit ist sie der wichtigste Überlieferungsträger für die vorhöfische Klerikerdichtung, mit der im hohen Mittelalter der zweite Anlauf zur volkssprachlichen Schriftlichkeit begann (vgl. S. 54). Am Anfang der Handschrift steht die ›Kaiserchronik‹ (vgl. S. 99); auf sie folgt eine Gruppe von Bearbeitungen alttestamentlicher Texte. Die Mitte bildet Lam‐ 148 6 Handschriften, Drucke, Editionen Hochmittelalterliche Buch‐ produktion Hofkanzleien Skriptorien Codex Manesse prechts ›Alexanderroman‹ (vgl. S. 75); danach kommt eine Gruppe von Be‐ arbeitungen neutestamentlicher Texte. Am Ende steht ein lateinisches Ge‐ schichtswerk über das Leben Kaiser Friedrich Barbarossas, das aber wohl erst später dazugebunden wurde. Die ›Kaiserchronik‹, die von der Schöp‐ fung bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts reicht, dient als historischer Über‐ blick am Beginn. Alexander der Große, der eine Schlüsselrolle in der Abfolge der vier Weltreiche (vgl. S. 20) hat, ist zeitlich zwischen den Ereignissen des Alten und des Neuen Testaments eingeordnet. Texte, die ursprünglich un‐ abhängig voneinander entstanden und deshalb keinen einheitlichen Cha‐ rakter haben, sind planmäßig zu einem weltgeschichtlichen Kompendium zusammengestellt. Als die Vorauer Sammlung angelegt wurde, stand die Handschriftenpro‐ duktion im deutschsprachigen Raum zum zweiten Mal in Blüte. Nach dem Ende der Karolinger war eine politische und ökonomische Krisenzeit angebrochen, in der die Anfertigung lateinischer Handschriften erheblich zurückging; diejenige volkssprachlicher kam ganz zum Erliegen. Erste Erholungsanzeichen sind in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts, der Zeit der ottonischen Kaiser, zu beobachten. Eine neue Phase kontinuierlich, wenn auch langsam anwachsender Handschriftenerzeugung setzte mit dem Beginn des 12. Jahrhunderts ein; sie reichte bis zur großen Pestepidemie von 1348 (vgl. S.-39). Ins 12. und 13. Jahrhundert fällt auch die Einrichtung von Hofkanzleien als neuen Orten des Schriftgebrauchs. Sie waren anfangs für pragmatische Schriftlichkeit zuständig (Urkunden, Besitz- und Rechtsverzeichnisse etc.) - zunächst lateinische, vom späteren 13. Jahrhundert an immer mehr volks‐ sprachliche. Orte der Buchproduktion und damit der literarischen Schrift‐ lichkeit (Sachliteratur und Dichtung) blieben die Kloster- und Domskripto‐ rien. Volkssprachliche poetische und wissensvermittelnde Texte konnten vom 13. Jahrhundert an vermutlich aber auch in Hofkanzleien zum Buch werden. In den letzten Jahrzehnten vor der großen Pest entstand die wohl be‐ rühmteste mittelalterliche Handschrift deutscher Texte, die ›Große Heidel‐ berger‹ oder ›Manessische Liederhandschrift‹, die heute in der Universi‐ tätsbibliothek Heidelberg aufbewahrt wird. Sie ist der wichtigste Überlieferungsträger für den Minnesang und die Sangspruchdichtung aus der Zeit vom späteren 12. bis zum früheren 14. Jahrhundert. Auf 426 groß‐ formatigen Blättern (35 mal 25 cm) enthält sie über 5200 Liedstrophen. Die 6.2 Handschriften 149 Johannes Hadlaub Bezeichnung ›Manessische Liederhandschrift‹ beruht auf einem Lied des Zürcher Minnesängers Johannes Hadlaub, das in ihr aufgezeichnet ist: Johannes Hadlaub: Lied Nr. 8, Str. 1-2. In: Die Schweizer Minnesänger. Nach der Ausgabe v. Karl Bartsch neu bearb. u. hg. v. Max Schiendorfer. Bd.-1: Texte. Tübingen 1990, S.-325 f., SM 30., Lied 8. Wa vunde man sament so manig liet? man vunde ir niet   in dem künigrîche, als in Zürich an buochen stât. Des prüevet man dike da meister sang. der Manesse rank   dar nâch endelîche, des er diu liederbuoch nu hât. Gegen sim hove mechten nîgin die singære, sîn lob hie prüeven und andirswâ, wan sang hât boun und würzen dâ. und wisse er, wâ---guot sang noch wære, er wurbe vil endelîch darnâ. - Sîn sun, der kuster, der treibz ouch dar, des si gar   vil edil sanges, die herren guot, hânt zemne brâcht. Ir êre prüevet man dabî. wer wîste sî   des anevanges? der hât ir êren wol gidâcht. Daz tet ir sin, der richtet sî nach êren; daz ist ouch in erborn wol an. sang, dâ man dien frowen wolgetân wol mitte kan   ir lob gemêren, den wolten sî nit lân zergân. Wo könnte man so viele Lieder an einem Ort finden? Man könnte nirgends im ganzen Königreich so viele finden, wie in Zürich in Büchern stehen. Deshalb beschäftigt man sich dort oft mit dem Gesang der Meister. Der Manesse bemühte sich zielstrebig darum, deshalb besitzt er nun die Liederbücher. Vor seinem Hof sollten sich die Sänger verneigen, seinen Ruhm hier und anderswo anerkennen, denn der Gesang hat hier Stamm und Wurzeln. Und wüsste er, wo es noch guten Gesang 150 6 Handschriften, Drucke, Editionen Anlage und Interesse gibt, würde er sich zielstrebig darum bemühen. Sein Sohn, der Kustos, kümmerte sich auch darum, deshalb haben sie sehr viel edlen Gesang zusammengetragen, die vornehmen Herren. Ihr Ansehen erkennt man daran. Wer hat sie darauf gebracht, damit anzufangen? Der war sehr auf ihr Ansehen bedacht. Es war ihr Kunstverstand, der ließ sie nach Ansehen streben; sicher ist ihnen das angeboren. Gesang, mit dem man den Ruhm schöner Frauen vergrößern kann, den wollten sie nicht verloren gehen lassen. Die Manesse waren eine Zürcher Patrizierfamilie. Das hohe Amt des Kustos am Zürcher Großmünster übte Johann Manesse aus (gestorben 1297), sein Vater war Rüdiger Manesse (gestorben 1304). Die Liederhandschrift selbst gibt sich als ein ›work in progress‹ zu erkennen; sie wurde um 1300 begonnen und bis in die Zeit um 1340 immer weiter ergänzt. Johannes Hadlaub zufolge sammelten die Manesse Lieder, und zwar in Gestalt von Liederbüchern, bereits vorhandenen schriftlichen Aufzeich‐ nungen also. Ob Vater und Sohn Manesse auch die Initiative für die Anfertigung der Handschrift gaben, die heute ihren Namen trägt, oder nur die Grundlagen dafür schufen, lässt sich nicht mehr klären. Jedenfalls muss das Projekt lange über ihren Tod hinaus fortgesetzt worden sein. Mit einiger Wahrscheinlichkeit ging die Handschrift aus den Liederbüchern hervor, die die Manesse zusammentrugen, von denen jedoch leider nichts erhalten blieb. Das Sammelunternehmen diente, wie Hadlaub sagt, dem Ansehen der Ma‐ nesse. Die Stadtpatrizier nahmen die Tradition der höfischen Adelsdichtung auf, um den eigenen gesellschaftlichen Status zur Schau zu stellen. Der repräsentative Anspruch der Manessischen Handschrift zeigt sich in ihrer Ausstattung und Anlage. Sie ist ein kostbares, mit großem Aufwand geschriebenes und reich bebildertes Buch. Die Lieder sind nach Dichtern geordnet, und vor jeder Dichtersammlung steht eine ganzseitige Miniatur (Buchillustration) mit einem - fiktiven - Dichterporträt wie dem auf der nächsten Seite abgebildeten Walthers von der Vogelweide. Die 140 Dichter‐ sammlungen sind nach der ständischen Hierarchie gereiht: Den Anfang machen die Fürsten (Kaiser, Könige, Herzöge, Grafen), dann geht es weiter über die einfachen Adeligen (mit dem Standestitel ›Herr‹) zu den nichtade‐ ligen Sängern, unter denen einige mit dem Ehrentitel ›Meister‹ (vgl. S. 94) herausgehoben sind, und den Fahrenden am Ende. Wer die Manessische Handschrift aufschlug, sah zuerst Kaiser Heinrich VI. auf dem Thron mit 6.2 Handschriften 151 Handschrif‐ ten als Rezeptions‐ dokumente Textproduk‐ tion und -überliefe‐ rung Krone, Zepter, Schwert und Reichswappen. So führte das kostbare Buch am Anfang den Geltungsanspruch der höfischen Lyrik als vornehme Adels‐ kunst in aller Deutlichkeit vor Augen. Hadlaub deutet auf der einen Seite an, dass man in Zürich die höfische Liedkunst nicht verloren gehen lassen wollte. Das Interesse an der Textsi‐ cherung erklärt zunächst, warum man möglichst viele und deshalb auch viele alte Liedtexte zusammentrug. Hadlaub begründet die Archivierung nicht nur mit dem Sozialprestige, das sich die Manesse von der Sammelak‐ tion erhofften, sondern auch mit der Absicht, die Texte vor dem Vergessen zu bewahren. Dies erscheint aus heutiger Sicht als durchaus berechtigt, denn zumindest der Minnesang (nicht die Sangspruchdichtung) hatte zur Zeit des Zürcher Projekts seine besten Tage in der Tat hinter sich. An den Adelshöfen geriet er langsam außer Mode; die Produktion versiegte nach und nach. Auf der anderen Seite deutet Hadlaub aber an, dass in Zürich noch eine lebendige Minnesangkultur bestand. Das lässt sich nicht zuletzt durch die Existenz des Zürcher Bürgers Johannes Hadlaub selbst absichern, der 1302 anlässlich eines Hauskaufs und 1340 als verstorben belegt ist. Seine 54 Minnelieder stellen eine der größten Dichtersammlungen der Manessischen Handschrift dar. Man war in Zürich demnach nicht nur an der Archivierung, sondern auch an der aktiven Aneignung der höfischen Tradition interessiert. Die Manessische Handschrift ist ein Dokument der Textrezeption. Die Texte des 12. und 13. Jahrhunderts, die sie enthält, sind in der Gestalt aufgezeichnet, in der man sie in Zürich zwischen 1300 und 1340 rezipiert hat. Wie gut diese Gestalt mit derjenigen übereinstimmt, in der die Texte ursprünglich produziert wurden, lässt sich nicht mehr genau erkennen. Wo ein Text noch andernorts überliefert ist, kann man häufig beobachten, dass es zu Veränderungen im Rezeptionsprozess kam. Die Manessische Handschrift ist in dieser Hinsicht kein Sonderfall. Volks‐ sprachliche Handschriften überliefern Texte oft nicht so, wie sie produziert wurden, sondern in einer später festgehaltenen und von Rezeption gekenn‐ zeichneten Form. In vielen Fällen ist es unmöglich, daraus die Produktions‐ gestalt eines Textes zurückzugewinnen. Beispielsweise kann niemand den Wortlaut der Texte genau kennen, die Walther von der Vogelweide um 1200 tatsächlich vorgetragen hat; wir kennen nur den der Texte, die später aufgeschrieben wurden. Auch kann niemand genau wissen, welche Texte Walther von der Vogelweide tatsächlich vorgetragen hat; wir wissen nur, welche Texte ihm später zugeschrieben wurden. 152 6 Handschriften, Drucke, Editionen Abb. 15: Miniatur zu den Liedern Walthers von der Vogelweide in der Manessischen Liederhandschrift Gelegentlich sind allerdings auch produktionsnahe Texte überliefert. Das ›Evangelienbuch‹ Otfrids von Weißenburg etwa ist in drei Handschriften teilweise, in einer einzigen vollständig erhalten. An dieser vollständigen Handschrift, die heute in der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien liegt, arbeiteten in einem Klosterskriptorium des 9. Jahrhunderts mehrere Schreiber. Einer von ihnen korrigierte die gesamte Handschrift am Ende sorgfältig. Es gibt Indizien dafür, dass das Otfrid selbst gewesen sein muss. Hier lässt sich ein wahrscheinlich vom Verfasser kontrollierter Text greifen. Produktionsnahe Texte bieten ebenso die Handschriften, die Oswald von 6.2 Handschriften 153 ›Literaturexplosion‹ Nachfrage Lesergruppen Textbestand Skriptorien Wolkenstein von seinen Liedern anfertigen ließ (vgl. S. 107). Auch die Ma‐ nessische Handschrift dürfte einige produktionsnahe Dichtersammlungen enthalten, allen voran diejenige der Lieder Johannes Hadlaubs. Die große Pest von 1348 hatte auf die Handschriftenproduktion katastro‐ phale, erstaunlicherweise jedoch nur kurzfristige Auswirkungen. Obwohl es zu einem durchschnittlichen Bevölkerungsrückgang um mindestens ein Drittel kam, setzte seit 1370 eine explosionsartige Vermehrung der Hand‐ schriftenherstellung ein. Sie gewann in der ersten Hälfte des 15. Jahrhun‐ derts nochmals an Schub. Ursache für die - ohne den Wechsel zum Papier undenkbare - ›Litera‐ turexplosion‹ war eine stetig ansteigende Nachfrage nach Büchern. Die Ausbreitung der Bettelorden vermehrte die Anzahl der Kleriker im späteren Mittelalter erheblich; und da alle Orden von ihren Angehörigen Bildung verlangten, vergrößerte sich die Menge der Buchleser. Ebenso trugen dazu die neuen Gruppen der Professoren und Studenten bei: Die erste Universität im deutschen Sprachraum wurde 1347 in Prag gegründet; bis 1500 kamen dreizehn weitere dazu. Die städtischen Bildungsträger (Stadtschreiber, No‐ tare, gelehrte Räte, Schulmeister) des 14. und 15. Jahrhunderts waren zwar von Amts wegen vor allem mit pragmatischer Schriftlichkeit beschäftigt, spielten nebenher jedoch als Verfasser und Leser von Sachliteratur wie Dichtung - gerade auch volkssprachlicher - eine wichtige Rolle. Frauen in Klöstern und klosterähnlichen Lebensgemeinschaften bildeten ein Lesepu‐ blikum für deutschsprachige religiöse Literatur. Die meisten Bücher waren weiterhin lateinisch. Noch in der Mitte des 15. Jahrhunderts betrug der Anteil deutschsprachiger Titel an der Produk‐ tion nur etwa 15 Prozent. Die Literaturexplosion ging jedoch mit einer Erweiterung nicht nur des lateinischen, sondern auch des deutschsprachi‐ gen Textbestands einher, die sich vor allem den Frömmigkeitsbewegungen und der scholastischen Wissenschaft verdankte. Immer noch wurden freilich ebenso Handschriften jener lateinischen Texte angefertigt, die schon seit der Karolingerzeit zum ›Lehrplan des Abendlands‹ gehörten. Angesichts der Trägergruppen der Buchnachfrage ist die beherrschende Stellung religiöser und wissensvermittelnder Literatur in dieser Zeit nicht verwunderlich. Auch im Spätmittelalter wurden die Bücher zumeist in kirchlichen Schreibstuben hergestellt. Die gestiegene Buchnachfrage konnten die Skrip‐ torien allein aber nicht mehr befriedigen. Die Literaturexplosion schuf Märkte für die gewerbsmäßige Buchproduktion. Dies stellt eine wichtige Neuerung dar, denn bis ins 13. Jahrhundert wurden lateinische wie volks‐ 154 6 Handschriften, Drucke, Editionen Diebold Lauber späte Hand‐ schriften‐ produktion ›Ambraser Helden‐ buch‹ sprachliche Handschriften grundsätzlich, später immer noch in der Regel, nur als Einzelstücke nach einem entsprechenden Auftrag für bestimmte Be‐ nutzer oder Benutzerkreise hergestellt - Klöster, Fürstenhöfe, einzelne Kle‐ riker, Adelige, Gelehrte. Das Interesse einzelner Benutzer bestimmte die Entstehung von Handschriften, damit die Archivierung und Verbreitung von Texten. Schon im späteren 13. Jahrhundert wurden Handschriften gewerbsmäßig produziert, also nicht mehr als Einzelstücke auf einen Einzelauftrag hin, sondern reihenweise auf Vorrat für Frühformen eines entstehenden Buch‐ markts. Das geschah zunächst im Umfeld des Universitätsbetriebs in Paris und Bologna, wo ein großer und leicht berechenbarer Bedarf an Schulbü‐ chern herrschte. In deutschen Städten gab es wahrscheinlich seit dem spä‐ teren 14.-Jahrhundert kommerzielle Handwerksbetriebe, die Handschriften anfertigten. Allerdings ist nur eine derartige Schreibwerkstatt gut belegt, diejenige von Diebold Lauber in Hagenau im Elsass, die um die Mitte des 15. Jahrhunderts in Betrieb war - also zu der Zeit, in der Gutenberg den Buchdruck erfand. Laubers Handschriftenangebot umfasste, wie ein erhaltener Geschäfts‐ brief zeigt, neben einigen lateinischen 46 deutsche Titel. Er verkaufte seine Produkte weit über das Elsass hinaus; seine Kundschaft waren vermögende Stadtbürger und Adelige. Unter den deutschen Texten überwiegt die reli‐ giöse Literatur, an zweiter Stelle folgt Sachliteratur aus anderen Wissensge‐ bieten (Geschichtsschreibung, Recht, Naturkunde, Astronomie, Medizin). Drittens hatte Lauber höfische Epik wie den ›Parzival‹ Wolframs von Eschenbach und den ›Tristan‹ Gottfrieds von Straßburg im Programm, 250 Jahre alte Texte. Zeitgenössische Dichtung findet sich dagegen kaum. Das Angebot zeigt das literarische Interesse der städtischen Führungsgruppen und des Adels im 15. Jahrhundert: Religiöse Unterweisung, Wissensvermitt‐ lung und Adelsdichtung aus der alten höfischen Glanzzeit. Auf die gestiegene Nachfrage nach Büchern und die dadurch ausgelöste Literaturexplosion traf um 1450 die neue Technik des Buchdrucks. Bis etwa 1470 blieb die Handschriftenproduktion auf dem erreichten Stand, dann ging sie innerhalb weniger Jahre drastisch zurück. Zwar wurden weiterhin Hand‐ schriften angefertigt, jedoch nicht mehr zum Zweck der Textverbreitung, sondern um Texte aus einem persönlichen Interesse festzuhalten oder um den ihnen zugewiesenen Wert durch eine exklusive Ausstattung anzuzeigen. Ein Beispiel für das repräsentative Interesse, das in der Zeit des Buch‐ drucks die Produktion von Handschriften begründen konnte, ist das ›Amb‐ 6.2 Handschriften 155 Abb. 16: Um 1445 geschriebene ›Parzival‹-Handschrift aus der Werkstatt von Diebold Lauber raser Heldenbuch‹, eine der wichtigsten Textsammlungen älterer deutscher Literatur überhaupt. Der großformatige Codex (234 Blätter, 46 mal 36 cm) hat seinen Namen vom Schloss Ambras bei Innsbruck, wo er im 19. Jahr‐ hundert aufgefunden wurde. Über die Entstehung des ›Ambraser Helden‐ buchs‹ weiß man vergleichsweise gut Bescheid. Es wurde von 1504 bis 1515 von Hans Ried geschrieben, der bis 1508 Zöllner bei Bozen war und sich danach hauptberuflich dem Heldenbuch widmete. Der Auftraggeber war Kaiser Maximilian I., der von 1493 bis 1519 regierte. Maximilian betrieb eine gezielte Kulturpolitik, die Literatur, Bildkünste und Musik planmäßig zur Darstellung seiner Herrschaftskonzeption einsetzte. Das literarische Pro‐ gramm des ›Ambraser Heldenbuchs‹ präsentiert Maximilians Herrschafts‐ verständnis anhand der glanzvollen Tradition der höfischen Adelsdichtung. 156 6 Handschriften, Drucke, Editionen Die Handschrift enthält 25 Texte, die alle aus dem 12. und 13. Jahrhundert stammen - höfische Romane (darunter den ›Erec‹ und den ›Iwein‹ Hart‐ manns von Aue), Mären, Lehrdichtungen und Heldenepen (darunter das ›Nibelungenlied‹). Die Sammlung ist einerseits auf Ritterschaft und höfische Liebe, das heißt auf adelige Vorbildlichkeit und Exklusivität konzentriert, andererseits auf die großen Herrscherfiguren des höfischen Romans und der Heldenepik, Artus und Dietrich. Beides zeigt Maximilians Interesse: Die Sammlung verweist auf seinen eigenen Herrschaftsanspruch, indem sie eine vorbildliche Vergangenheit vor Augen führt, in deren Kontinuität die Gegenwart stehen soll. Das rückwärtsgewandte literarische Interesse der Ambraser Handschrift erweist sich dergestalt als durchaus gegenwartsbe‐ zogen. Uns zeigt das ›Ambraser Heldenbuch‹ zugleich die lang anhaltende Überlieferung und Rezeption hochmittelalterlicher Dichtung. Sie verdankte sich weniger einem archivalischen oder gelehrt-historischen Interesse, sondern diente eher der Weitergabe alter Norm- und Wertvorstellungen, der Bestätigung adeliger Exklusivität und der Herrschaftsrepräsentation. Die Texte aus der höfischen Blütezeit fanden bis in die ersten Jahrzehnte des 16. Jahrhunderts Aufmerksamkeit, also bis in jene Zeit, in der Hans Ried das ›Heldenbuch‹ für Maximilian schrieb; danach gerieten die meisten von ihnen in Vergessenheit. Die Bedeutung des ›Ambraser Heldenbuchs‹ als Überlieferungsträger beruht außerdem darauf, dass 15 seiner 25 hochmittelalterlichen Texte in keiner anderen Handschrift erhalten sind. Vom ›Erec‹ Hartmanns von Aue, dem ersten deutschen Artusroman, gäbe es beispielsweise nur noch ein paar kleine Fragmente, hätte Hans Ried nicht eine ältere, verlorene Quelle für das ›Heldenbuch‹ abgeschrieben. Deshalb kennen wir den größten Teil des ›Erec‹ allein in Gestalt einer Aufzeichnung, die über 300 Jahre nach der Textproduktion angefertigt wurde. Von etlichen anderen, in der älteren deutschen Literaturwissenschaft durchaus prominenten Texten wüssten wir gar nichts, wäre diese Handschrift nicht erhalten geblieben. 6.3 Buchdruck Die Erfindung des Buchdrucks hat die europäische Welt nicht auf einen Schlag verwandelt. Längerfristig bewirkte er aber tiefgreifende kulturelle Veränderungen. Zu seinen Voraussetzungen gehört, neben dem billigen 6.3 Buchdruck 157 Verfügbar‐ keit des Wissens Drucktechniken Holzschnitt Einblatt‐ druck Blockbuch Kupferstich Gutenberg: Bewegliche Lettern 42zeilige Bibel Papier anstelle des teuren Pergaments, der gesellschaftliche Bedarf an einer Methode der Textvervielfältigung, die der handschriftlichen an Leistungs‐ fähigkeit überlegen war. Ein solcher Bedarf entstand mit der steigenden Nachfrage nach Büchern im 14. und 15. Jahrhundert. Die Literaturexplosion ging einher mit einer veränderten gesellschaftlichen Bedeutung des Wissens und seiner Verfügbarkeit. Im Lauf seiner Erfolgsgeschichte machte der Buchdruck kulturelle Wis‐ sensbestände sowohl räumlich als auch sozial breiter verfügbar. Um es in der Zuspitzung zu verdeutlichen: Wo in der frühmittelalterlichen Manu‐ skriptkultur die einzelne Handschrift steht, zu der nur die Mönche eines bestimmten Klosters Zugang haben, da steht in der Druckkultur (auf breiter Front allerdings erst seit dem 18. Jahrhundert) das massenhaft vervielfältigte Buch, zu dem alle Lesefähigen und der jeweiligen Sprache Kundigen Zugang haben, so weit das Vertriebssystem reicht. Zwischen den beiden Polen erstreckt sich der lange Prozess, der die Schriftlichkeit von den Klöstern auf die gesamte Kultur ausdehnte und ihre Beherrschung vom Expertenwissen weniger zur Grundkompetenz aller machte. Drucktechniken gab es schon vor Gutenberg, zunächst in Gestalt des Holzschnitts. Der Druck erfolgt dabei mit einem entsprechend zurechtge‐ schnitzten Holzblock. Das Verfahren wurde seit dem ersten Drittel des 15.-Jahrhunderts für Einblattdrucke, das heißt Einzelblätter, benutzt. Später stellte man auch Bücher, die so genannten Blockbücher, auf diese Weise her. Für Illustrationen hielt sich der Holzschnittdruck noch lange, für Texte war er jedoch äußerst umständlich. Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts gab es auch bereits den Kupferstich-Druck mit entsprechend bearbeiteten Kupfer‐ platten. Die um 1450 vollzogene Innovation Johannes Gutenbergs war eine Kom‐ bination verschiedener Techniken. Im Mittelpunkt stehen dabei Bleiguss und Satz ›beweglicher Lettern‹: Mit dem Handgießinstrument aus Blei ge‐ gossene Buchstabentypen werden auf einer Druckplatte angeordnet (›ge‐ setzt‹), von der sich mittels Druckerschwärze (aus Leinöl und Ruß) auf der Druckpresse Abzüge anfertigen lassen. Texte sind auf diese Weise wesent‐ lich schneller zu vervielfältigen als mit dem Holz- oder Kupferdruck, die Typen können in großen Mengen auf Vorrat erzeugt und mehrmals benutzt werden. Das früheste datierbare Buch, das Gutenberg 1454 in seiner Mainzer Werkstatt mit beweglichen Lettern produzierte, war eine lateinische Bibel, deren Seitenspiegel 42 Zeilen hat und die deshalb heute ›42zeilige Bibel‹ heißt. Wahrscheinlich wurden davon etwa 180 Exemplare gedruckt. 158 6 Handschriften, Drucke, Editionen Wiegendrucke Drucker Textbestand Auflagen‐ höhe Buchpreise Qualität der Textre‐ produktion Die Frühzeit der Druckgeschichte bis 1500, in der der Buchdruck sozusa‐ gen noch in der Kinderwiege lag, nennt man die Zeit der Wiegendrucke (oder Inkunabeln, nach dem lateinischen Wort für Wiege). Die Zeitgenossen erkannten die Leistungen der neuen Technik früh und lobten die schnelle und genaue Textreproduktion, die im Vergleich zur Handschriftenherstel‐ lung geringeren Kosten, die leichtere Lesbarkeit, die bessere Zugänglichkeit des Wissens und die Vorteile für die Kommunikation. Die Druckwerkstätten verbreiteten sich über ganz Europa. Die Drucker waren in der Frühzeit meistens zugleich Verleger und Buchhändler, viele von ihnen hatten studiert und waren humanistisch interessiert. Gedruckt wurden zunächst vor allem absatzsichere Standardwerke, das heißt hoch geschätzte und in der Welt der Kleriker, städtischen Schriftex‐ perten und humanistischen Gelehrten verbreitete lateinische Texte: die Bi‐ bel, liturgische Bücher, Legendensammlungen, Fachliteratur aus Theologie, Recht und Medizin, geläufige Unterrichtswerke wie lateinische Grammati‐ ken und Fabelsammlungen, dazu römische Klassiker wie Cicero und Vergil. Die Auflagenzahlen blieben bis um 1470 mit üblicherweise 200 bis 300 Exemplaren niedrig, stiegen danach jedoch kontinuierlich an. Um 1500 stellte eine Auflage von 1000 Exemplaren bereits den unteren Standard dar, weil erst jenseits davon mit Gewinn zu rechnen war. Luthers September‐ testament (vgl. S. 63) wurde 1522 in Wittenberg mit einer Startauflage von 3000 Exemplaren gedruckt. Von Einzelfällen wie der Lutherbibel abgesehen, änderten sich die Verhältnisse bis zum 18. Jahrhundert dann nicht mehr dramatisch; noch im 17.-Jahrhundert hatten Bücher eine Durchschnittsauf‐ lage von 2000 Exemplaren. Auch wenn man die gängige Praxis wiederholter Nachauflagen berücksichtigt, war der Buchdruck anfangs kein Instrument der massenhaften Herstellung und Verbreitung von Büchern. Dafür war die Anzahl der Lesefähigen noch viel zu gering. Die Käufergruppen unterschie‐ den sich zunächst nicht von denjenigen der Handschriftenproduktion im 15. Jahrhundert. Bis um 1470 waren gedruckte Bücher zudem nicht wesent‐ lich billiger als Handschriften. Dann fielen die Preise jedoch relativ schnell um durchschnittlich etwa zwei Drittel, bei Büchern mit höheren Auflagen wie der Bibel auch weiter, um danach lange Zeit relativ konstant zu bleiben; bis um 1600 gingen sie nur noch leicht zurück. Die Gelehrten erhofften sich von der neuen Technik nicht zuletzt eine zuverlässigere und lesefreundlichere Textreproduktion. Da die Exemplare einer Auflage untereinander identisch waren, reichte eine sorgfältige Kor‐ rektur des gesetzten Textes, um die Vorlagentreue aller Abzüge sicherzu‐ 6.3 Buchdruck 159 Texteinrichtung Titelblatt Abb. 17: Anfang des 1. Buchs Mose in der Gutenberg-Bibel, Mainz 1454 stellen. Handschriften mussten nicht nur einzeln geschrieben, sondern auch einzeln korrigiert werden. Der Druck beschleunigte die Textvervielfältigung und ermöglichte es zugleich, gut lesbare Reproduktionen in relativ kurzer Zeit anzufertigen; Handschriften waren umso schwerer zu lesen, je schneller sie geschrieben wurden. Der Buchdruck trat deshalb zunächst vor allem an die Stelle der sorgfältig gearbeiteten, gut korrigierten und schön geschriebenen Handschrift. Die ältesten Drucke bis in die Zeit um 1480 sahen mit ihren Schrifttypen, der Seiteneinrichtung und der gesamten Textgestaltung noch weitgehend aus wie Handschriften. Sie hatten anfangs auch noch keine Titelblätter, sondern nach alter Gewohnheit einen Kolophon, der am Ende Drucker, Druckort und Druckdatum anführte. Titelblätter kamen in den 80er Jahren auf und setzten sich erst um 1520 allgemein durch. 160 6 Handschriften, Drucke, Editionen Buchdruck und Huma‐ nismus Deutsch‐ sprachige Texte ›Schedel‐ sche Welt‐ chronik‹ Die Reproduktionsgenauigkeit gehört zu den Gründen, aus denen sich die Humanisten schnell für den Buchdruck interessierten. Die Begeisterung für antike Literatur führte zu einer regen Editionstätigkeit, und weil die Huma‐ nisten auf die korrekte sprachliche Gestalt der Texte größten Wert legten, kam ihnen der Buchdruck gerade recht. Er bot die Chance, die Unwägbar‐ keiten der handschriftlichen Vervielfältigung auszuschalten. Ebenso schätz‐ ten sie die Möglichkeit, Wissen in Gestalt des gedruckten Buchs schnell und allgemein zugänglich zu machen - freilich innerhalb der Welt der Gelehrten und mittels der alle Gelehrten verbindenden, alle anderen ausschließenden Bildungssprache Latein. Buchdruck und Humanismus förderten sich gegen‐ seitig: Ohne den Buchdruck hätte das europaweite Humanisten-Netzwerk, das im 16. Jahrhundert auch nördlich der Alpen wachsenden kulturellen Einfluss gewann, kaum funktionieren können; umgekehrt trug die huma‐ nistische Publikationstätigkeit zum Aufschwung des Buchdrucks bei. An vielen Orten ergab sich eine Zusammenarbeit zwischen Druckern und Hu‐ manisten, die gewissermaßen die Aufgaben von Verlagslektoren übernah‐ men. Der Druck deutschsprachiger Texte begann relativ früh, erreichte bis zur Reformation aber nur einen wenig höheren Anteil an der Buchproduktion als in der Handschriftenzeit. Noch 1519 lag die Quote der volkssprachli‐ chen Titel unter 20 Prozent. Zu den ersten gedruckten deutschen Büchern gehörten Ulrich Boners Fabelsammlung ›Der Edelstein‹ (vgl. S. 71) und der ›Ackermann‹ des Johannes von Tepl, die Albrecht Pfister in Bamberg 1461 und 1463 herausbrachte. Pfister war auch insofern ein Pionier, als er seine volkssprachlichen Drucke großzügig mit Holzschnitten versah. Der Holzschnitt hielt sich lange Zeit als Drucktechnik für die gerade im 15. und 16.-Jahrhundert außerordentlich wichtige Buchillustration. Das ehrgeizigste volkssprachliche Druckprojekt der Inkunabelzeit war die ›Schedelsche Weltchronik‹ (vgl. S. 19). Die deutsche Ausgabe erschien im Dezember 1493 in Nürnberg, nachdem dort im März desselben Jahres bereits eine lateinische vorausgegangen war. Bei der von Anfang an in zwei Sprach‐ fassungen geplanten Veröffentlichung handelt es sich zugleich um das his‐ torisch am besten dokumentierte Buchunternehmen des 15. Jahrhunderts im deutschen Sprachraum. Auf 300 reich illustrierten Blättern verfolgt die Weltchronik den Anspruch einer Darstellung der Weltgeschichte nach dem traditionellen Schema der sechs Zeitalter von der Schöpfung bis zur Gegenwart und, damit verbunden, einer umfassenden Weltbeschreibung. Angestrebt ist die Präsentation des 6.3 Buchdruck 161 gesamten zeitgenössischen historischen und geographischen Wissens. Ein besonderer thematischer Schwerpunkt liegt dabei auf der Beschreibung deutscher und europäischer Städte; Gründungsgeschichten (zumeist sagen‐ hafte) werden ebenso mitgeteilt wie Informationen zu Stadtanlage, Umge‐ bung, Wirtschaftsleistung und wichtigen Handelsgütern. Jede beschriebene Stadt ist in einem eigenen Holzschnitt abgebildet. Die zum größeren Teil authentischen Städteansichten folgen zumeist älteren Vorlagen, wurden in einigen Fällen aber auch eigens für die Weltchronik entworfen. Die Weltchronik hat ihren heutigen Namen vom Hauptbearbeiter des lateinischen Textes. Hartmann Schedel, Sohn einer Familie der Nürnberger Oberschicht, übte nach dem Studium der humanistischen Fächer und der Medizin in Leipzig und Padua seit 1481 das Amt des Nürnberger Stadtarztes aus, der die Aufsicht über das gesamte städtische Gesundheitswesen hatte. Sein hoher Bildungsstand lässt sich ungewöhnlich detailliert abschätzen, weil seine Privatbibliothek mit 370 Handschriften und 670 Drucken zum größten Teil erhalten geblieben ist. Den lateinischen Text der Weltchronik hat er, wie in der Tradition der Weltchronistik seit langem üblich, nicht neu verfasst, sondern aus zahlreichen älteren und zeitgenössischen Vorlagen weitgehend wörtlich übernommen und neu zusammengestellt. Außer Schedel war an dieser Arbeit auch der Übersetzer der deutschen Ausgabe, der Nürnberger Stadt‐ kämmerer Georg Alt beteiligt. Die Weltchronik war ein Gemeinschaftsunternehmen noch weiterer humanistisch gebildeter Nürnberger Patrizier, die auch die Funktionen der Geldgeber und Verleger übernahmen. Die 652 Holzstöcke für die 1804 Illustrationen (manche wurden mehrfach eingesetzt) gaben sie in der bedeu‐ tendsten Nürnberger Holzschnitzer-Werkstatt in Auftrag, bei Michael Wol‐ gemut. Drucken ließ man in der Nürnberger Werkstatt von Anton Koberger, einer der größten Druckereien der Zeit. Außer den Produktionsverträgen ist eine Schlussabrechnung des Projekts aus dem Jahr 1509 erhalten. Sie bildet die Grundlage für die Schätzung, dass von der lateinischen Fassung 1400, von der deutschen 700 Exemplare gedruckt wurden. 1509 waren davon 535 lateinische und 60 deutsche noch nicht verkauft. Die Weltchronik kostete ungebunden drei Gulden, gebunden fünf, gebunden und koloriert (mit von Hand farbig ausgemalten Holzschnitten) acht. Außer in Nürnberg und weiteren deutschen Städten wurde sie auch in Mailand, Florenz, Genua, Bologna, Paris, Lyon und Budapest verkauft. Das ist keine Besonderheit; der Buchvertrieb hatte sich von Anfang an nach dem Vorbild des zeitgenössi‐ 162 6 Handschriften, Drucke, Editionen Druckersprachen Reformation und Buchdruck schen Fernhandels entwickelt. Wie andere Kaufleute vertrieben die Drucker ihre Ware über auswärtige Niederlassungen und Geschäftspartner. Koberger hatte mit der Weltchronik kein allzu großes Glück, wie die übrig gebliebenen Exemplare und die fehlenden Nachauflagen zeigen. Das Geschäft verdarb ihm sein Augsburger Druckerkollege Schönsperger, der bereits 1496 einen billigeren Nachdruck der deutschen Ausgabe in kleinerem Format - mit kleinerer Schrift und kleineren Holzschnitten - bei weitgehend gleichem Text- und Bildbestand herausbrachte; 1497 folgte ein Nachdruck der lateinischen Ausgabe nach demselben Prinzip. Auch dies ist keine Besonderheit, denn ein Copyright existierte nicht. Die politischen Verhältnisse der vielen kleinen Territorien hätten dafür gar keine Grundlage bieten können. Entscheidend aber war, dass es keine allgemein anerkannte Vorstellung von geistigem Eigentum und deshalb keine rechtlichen Konsequenzen eines solchen Begriffs gab. Man konnte nur das materielle Buch, wie jede hergestellte Ware, im jeweiligen Territorium durch Handelsprivilegien schützen. Die intellektuelle Leistung, die einem Buch zugrunde lag, war niemandes Eigentum. Es dauerte noch lange, bis sich das änderte. Augsburg, wo Schönsperger geradezu ein Experte für Nachdrucke war, entwickelte sich im Übrigen zum wichtigsten Ort des volkssprachlichen Buchdrucks vor der Reformation im süddeutschen Sprachraum. Im Norden erreichte Köln einen ähnlichen Status mit niederdeutschen Drucken. Anders als bei der europaweiten Gelehrtensprache Latein spielten für den volks‐ sprachlichen Druck regionale Sprachvarianten eine erhebliche Rolle. Aller‐ dings wurden sie aus wirtschaftlichen Gründen zügig zu großräumigeren Druckersprachen vereinheitlicht. Mit der Reformation setzte sich dann das Lutherdeutsch in den protestantischen Gebieten, das gemeine Deutsch der kaiserlichen Kanzlei in den katholischen des Südens durch (vgl. S. 39). Für das Niederdeutsche als Schriftsprache brachte die Vereinheitlichung, die Reformation und Buchdruck gemeinsam erzeugten, schon im 16. Jahrhun‐ dert einen unaufhaltsamen Niedergang. Die Produktion deutschsprachiger Drucke nahm seit den 1480er Jahren zwar zu, aber zu einem drastischen Anstieg kam es erst durch die Reforma‐ tion. Im Jahrzehnt zwischen 1520 und 1530 lag der Anteil deutscher Titel bei fast 60 Prozent. Allerdings verringerte sich die Quote bis zum Ende des 16.-Jahrhunderts wieder auf 40-Prozent. Luther hat die Bedeutung des Buchdrucks für die Verbreitung seiner Lehre, trotz einiger skeptischer Äußerungen, von Anfang an erkannt und 6.3 Buchdruck 163 Flugschriften Massenproduktion Lese- und Schreibfähigkeit Schulreformen genutzt. Die Publikation seiner Schriften konnte er allerdings nur teilweise steuern. Seine frühen reformatorischen Texte aus der Zeit vor dem Septem‐ bertestament wurden als Flugschriften - mehrseitige, aber ungebundene und deshalb billige Druckerzeugnisse - massenhaft unter die Leute gebracht. Zwischen 1517 und 1521 erschienen von seinen 32 frühreformatorischen Schriften 529 Druckausgaben. Selbst bei einer zurückhaltenden Veranschla‐ gung der durchschnittlichen Auflagenhöhe mit 1000 Exemplaren wäre die Gesamtauflage bei über einer halben Million anzusetzen; das Doppelte ist realistischer. Mit der Reformationspublizistik wurde der Buchdruck erstmals zu ei‐ nem Massenphänomen. Mit Holzschnitten illustrierte Einblattdrucke und Flugschriften erschienen bis 1526 in großer Zahl. So befruchteten sich Reformation und Buchdruck gegenseitig: Ohne den Buchdruck hätte die Reformation nicht ihren historischen Verlauf nehmen können; umgekehrt zeigte erst die Reformation, welche Möglichkeiten die neue Technik für die Verbreitung von Texten bereithielt. Allerdings bürgerte sich die Massen‐ produktion von Gedrucktem damit noch nicht als Normalfall ein; in der Geschichte des Buchdrucks blieb die Reformationspublizistik für lange Zeit eine Ausnahmeerscheinung. Doch als Werkzeug der Reformation hatte der Buchdruck, für alle erkennbar, die Welt verändert. Nicht ganz realistisch dürfte allerdings die Vorstellung sein, dass von 1517 an eine Bevölkerung von Analphabet: innen (schätzungsweise waren über 90 Prozent immer noch nicht schriftkundig) landauf, landab plötzlich die deutschen Schriften Luthers las. Es gibt zwar Anzeichen dafür, dass sich im Gefolge der neuen Technik die Anzahl der Lesefähigen erhöhte. Aber die großen Mengen, in denen bis zur Reformationszeit lateinische Grammatiken, Bibeln, Legenden und Fabelsammlungen gedruckt wurden, deuten darauf hin, dass die Beherrschung der Schrift nach wie vor in erheb‐ lichem Ausmaß am Lateinunterricht hing. Wahrscheinlich war es deshalb das traditionelle Lesepublikum aus Klerikern, städtischen Bildungsgruppen und Gelehrten, das Luthers Schriften kaufte und sie dann durch Vorlesen an - wie Luther gesagt hätte - ›die Mutter im Haus und den gemeinen Mann‹ weitervermittelte. Die volkssprachliche Lese- und Schreibfähigkeit, deren Anfänge im spätmittelalterlichen städtischen Schulbetrieb lagen, wurde erst durch die planmäßige Schulorganisation im Gefolge der Reformation entscheidend befördert (vgl. S. 60-61). In den protestantischen Gebieten setzte sie schon in den 20er Jahren des 16. Jahrhunderts, in den katholischen als Reaktion 164 6 Handschriften, Drucke, Editionen Wandel des Textbestands Faksimile Digitalisat Transkrip‐ tion darauf etwas später ein. Sie war erheblich durch humanistische Bildungs‐ programme beeinflusst. Auch wenn die humanistischen Ideen vor allem die höhere Schulbildung prägten, hatte auch im protestantischen Elementarun‐ terricht der Zugang zum geschriebenen Wort, nämlich zur Heiligen Schrift auf Deutsch, seinen Platz. Zu den Folgen des bildungspolitischen Bündnisses zwischen Reformation und Humanismus gehörte im Übrigen eine einschneidende Veränderung des Bestands an gedruckter Standardliteratur. Jahrhunderte lang abgeschrie‐ bene und bruchlos in die Frühdruckzeit übernommene Texte verschwanden in den protestantischen Gebieten aus dem ›Lehrplan des Abendlands‹. Ein großer Teil der alten Wissensliteratur vertrug sich entweder nicht mehr mit humanistischen oder nicht mehr mit reformatorischen Zielsetzungen, von den alten Lateinlehrbüchern und Logiktraktaten über theologische und kirchenrechtliche Fachliteratur bis zu liturgischen Büchern und Legenden‐ sammlungen. Das inhaltliche Profil der Buchproduktion wandelte sich, auf Latein wie auf Deutsch, im 16.-Jahrhundert tiefgreifend. 6.4 Editionen Was in alten Handschriften und Drucken an Texten überliefert ist und in Handschriften- und Inkunabelabteilungen der Bibliotheken aufbewahrt wird, lässt sich auf verschiedene Art heutigen Lesern zur Verfügung stellen. Seit dem späten 19. Jahrhundert bot das Faksimile, die fotografische Re‐ produktion einer Handschrift oder eines Drucks, die detailgenaueste Mög‐ lichkeit dafür. Faksimiles bedienen heute in erster Linie bibliophile Interes‐ sen; ihre wissenschaftliche Funktion ist durch Digitalisate ersetzt. Wie das Faksimile führt das Digitalisat einen Text in der Gestalt - der spezifischen Schriftform und Ausstattung - vor Augen, in der er in einem bestimmten Überlieferungsträger steht. Das (und womöglich den originalen Überliefe‐ rungsträger selbst) braucht beispielsweise, wer überlieferungsgeschichtli‐ che Interessen verfolgt, weil Texte dafür nicht nur in ihrer sprachlichen, sondern auch in ihrer materiellen Gestalt zur Verfügung stehen müssen. Die zweite Möglichkeit, die gewöhnlich nur bei Handschriften eingesetzt wird, ist die Transkription (auch ›diplomatischer Abdruck‹ genannt). Dabei werden die Buchstaben einer bestimmten Handschrift ohne sonstige Ver‐ änderungen in moderne Druckschrift umgesetzt. Transkriptionen sind des‐ halb leichter zu lesen und zu reproduzieren als Faksimiles und Digitalisate. 6.4 Editionen 165 Edition Edition und Überlieferung Konrad von Würzburg: ›Engelhard‹ Sie benutzt, wer genau sehen will, wie ein bestimmter Handschriftentext in seiner sprachlichen Gestalt aussieht. Die materielle Gestalt (Schriftform, Ausstattung) ist in der Transkription schon nicht mehr zu erkennen. Die dritte, für die meisten heutigen Leser: innen wichtigste Möglichkeit ist die Edition. Editionen geben einen Text gewöhnlich nicht in der genauen sprachlichen Gestalt einer bestimmten Handschrift oder eines bestimmten Drucks wieder. Zumindest sind offensichtliche Schreib- oder Druckfehler verbessert und die von Schreibern wie Druckern früher ausgiebig benutzten Abkürzungen aufgelöst. Die Arbeit von Herausgeber: innen kann jedoch noch erheblich weiter reichen. Da die Überlieferungsbedingungen der älteren Literatur unterschiedlich sind, gibt es auch unterschiedliche Verhältnisse zwischen der Gestalt edier‐ ter Texte und der handschriftlichen oder gedruckten Textüberlieferung. Dies ist derjenige Aspekt von Editionen, der nicht nur ihre ›Macher: innen‹, sondern auch ihre Benutzer: innen betrifft. Um die Leserperspektive soll es im Folgenden gehen. ›Wissenschaftliche‹ Textausgaben bieten ihren Leser: innen nämlich außer dem edierten Text stets auch Informationen über sein Verhältnis zur Textüberlieferung und ermöglichen es so, den edierten Text anhand der Überlieferung zu kontrollieren. Im Spektrum der Editionen älterer Literatur lassen sich zwei Pole unter‐ scheiden. Am einen stehen Ausgaben, die auf dem Text eines einzigen Überlieferungsträgers beruhen. Das ist natürlich immer so, wenn ein Text nur in einer einzigen Handschrift oder einem einzigen Druck erhalten geblieben ist. Es gibt aber auch von mehrfach überlieferten Texten Editionen, die die Version eines bestimmten Überlieferungsträgers wiedergeben - beispielsweise eine der verschiedenen Fassungen des ›Nibelungenlieds‹. Am anderen Pol stehen Editionen, die alle Überlieferungsträger eines mehrfach überlieferten Textes berücksichtigen. Nur in einem Druck, der 1573 in Frankfurt am Main erschien, ist zum Beispiel ein höfischer Roman überliefert, der nach seiner Hauptfigur ›En‐ gelhard‹ heißt (und der in Kapitel 9 näher behandelt wird). Als Verfasser nennt sich am Textende Konrad von Würzburg, ein Dichter aus der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts, von dem noch etliche weitere Texte erhalten sind. Der Druck muss auf einer älteren Textüberlieferung beruhen, von der aber nichts erhalten blieb. Der Text beginnt mit einer Vorrede in kunstvoll gereimten Strophen, die die vorbildliche Treue als Thema der Erzählung ankündigt. Die ersten 166 6 Handschriften, Drucke, Editionen Editorische Eingriffe beiden Strophen haben in der Transkription des Drucks (linke Spalte) und im edierten Text (rechte Spalte) folgende sprachliche Gestalt: Konrad von Würzburg: Engelhard. 3., neubearb. Aufl. der Ausg. v. Paul Gereke. Hg. v. Ingo Reiffenstein. Tübingen 1982, S.-2-3, V. 1-16. Ein maͤre were gut gelesen/ Dz treuwe neuwe mochte wesen/ Die liechten Kleider leider blindt/ Durch falschen Orden worden sind/ Auß wunniglicher wette/ Die sie vor zeiten hette/ Gezogen ist die stette/ Durch falscher Leute rede/ - Jr farbe grauwe seuberlich/ Von schwachen sachen truͤbet sich/ Jr lob kam vbertruͤben glast/ Sie wil auff Erden werden Gast/ Jr roselechten Wangen/ Mit bleiche sind befangen/ Wen sol nach jr verlangen/ Jr schoͤne ist sehre zergangen/ Ein mære   wære   guot gelesen, daz Triuwe   niuwe   möhte wesen. ir liehten kleider   leider   blint durch valschen orden   worden   sint. ûz wünneclicher wæte, die si vor zîten hæte, gezogen ist diu stæte durch valscher liute ræte. - ir varwe   garwe   siuberlich von swachen   sachen   trüebet sich. ir lop kan üeben   trüeben   glast: si wil ûf erden   werden   gast. ir rœselehten wangen mit bleiche sint bevangen. wen sol nâch ir belangen? ir schœne ist gar zergangen. Es wäre gut, wenn man eine Geschichte darüber erzählen könnte, dass die Treue modern wäre. Ihre strahlenden Gewänder sind leider wegen der herrschenden Untreue glanzlos geworden. Die herrliche Kleidung, die sie früher hatte, verlor die Beständige wegen untreuer Menschen. Ihre vollkommen reine Schönheit wird durch Schlechtigkeit trüb. Ihr Ansehen hat einen trüben Glanz: Sie wird zum Fremdling auf der Erde. Ihre rosenfarbenen Wangen sind von Fahlheit ergriffen. Wen soll es nach ihr verlangen? Ihre Schönheit ist ganz verloren. Obwohl es nur einen einzigen Überlieferungsträger gibt, unterscheidet sich der edierte Text erheblich von seiner Grundlage. Die Ursache dafür ist der große zeitliche Abstand zwischen der Zeit der Textproduktion und der der Textüberlieferung. Der Herausgeber hat Folgendes geändert: 6.4 Editionen 167 Historischer Lautstand Normali‐ sierte Schreibung Konjektur 1. Der ganze Text ist aus dem Frühneuhochdeutschen, der Sprache des Drucks, in den Lautstand des Mittelhochdeutschen, der Sprache Konrads, zurückübersetzt. Das ist möglich, weil die regelhaften sprachgeschichtlichen Veränderungen bekannt sind. Wo man beispielsweise im 16. Jahrhundert gut sagte, hieß es im 13. guot (Vers 1). 2. Höfische Dichtung des späteren 12. und 13. Jahrhunderts wird in den Ausgaben gewöhnlich in einer vereinheitlichten Schreibweise wieder‐ gegeben, dem normalisierten Mittelhochdeutsch. Die Handschriften selbst verwenden diese normalisierte Schreibung nicht; sie ist eine Konvention, die in der Editionsphilologie des 19. Jahrhunderts entwickelt wurde. Die Normalisierung soll einerseits die Lesbarkeit verbessern und andererseits deutlich machen, dass die höfischen Dichter einen überregionalen Sprach‐ standard anstrebten (vgl. S. 32). In Vers 1 ist beispielsweise die Schreibung von were zu wære verändert: Auch im Druck steht das e in were für ein langes ä, das im normalisierten Mittelhochdeutsch einheitlich mit æ bezeichnet wird. Großbuchstaben sind zugunsten einer durchgängigen Kleinschreibung beseitigt; nur die triuwe in Vers 2 hat eine Majuskel (einen großen Anfangsbuchstaben) erhalten, um die Personifikation anzuzeigen. Die Abkürzung Dz ist zu daz aufgelöst (Vers 2). Im ganzen Text sind moderne Interpunktionszeichen eingefügt, um das Verständnis zu erleichtern. Der Druck markiert mit der Virgel (Schrägstrich, der frühneuhochdeutsche Vorläufer des modernen Kommas) nicht syntaktische Einheiten, sondern die Versgrenzen; die Handschriften zu Konrads Zeit kannten, wenn überhaupt, nur eine sehr sparsame Interpunktion. 3. An vielen Stellen hat der Herausgeber den Text über die Rekonstruktion des alten Lautstands und die Vereinheitlichung der Schreibweise hinaus verändert. Weitergehende Eingriffe heißen ›Konjekturen‹ (Besserungen; conjectura bedeutet wörtlich ›Vermutung‹). Sie beruhen immer auf der Annahme, dass der Verfasser an den betreffenden Stellen einen anderen Wortlaut produziert haben muss als den überlieferten. So enthalten bei‐ spielsweise alle Strophen der ›Engelhard‹-Vorrede in den ersten vier Ver‐ sen regelmäßig einen Schlagreim (mære : wære, triuwe : niuwe, kleider : leider, orden : worden). Im ersten Vers der zweiten Strophe ist der Reim im überlieferten Text jedoch gestört (farbe : grauwe). Die Konjektur im edierten Text unterstellt, dass Konrads Formulierung anders lautete: Auf das mittelhochdeutsche Wort varwe (statt frühneuhochdeutsch farbe) könnte sich das mittelhochdeutsche Wort garwe (›ganz und gar‹, im Druck steht frühneuhochdeutsch grauwe für ›grau‹) gereimt haben. Der Drucker scheint 168 6 Handschriften, Drucke, Editionen Textkritischer Apparat Probleme der Edition Walther: ›Ich saz ûf eime steine‹ seine Vorlage entweder falsch gelesen oder das alte Wort nicht richtig verstanden zu haben. Der ›Engelhard‹ ist ein Beispiel für das Dilemma, vor dem Herausge‐ ber: innen und Leser: innen älterer Texte stehen, wenn zwischen Produktion und Überlieferung ein großer Abstand liegt. Es besteht in der Wahl zwischen einem sicheren, tatsächlich überlieferten Text, der ziemlich weit von seinem ursprünglichen geschichtlichen Vorbild entfernt ist, und einem mit dem Blick auf das ursprüngliche geschichtliche Umfeld rekonstruierten, aber weniger sicheren Text. Auf der einen Seite wäre es am ehrlichsten, überlie‐ ferte Texte nicht zu verändern: Wenn ein Text aus dem 13. Jahrhundert nur in Gestalt eines Drucks aus dem 16. existiert, ist die ursprüngliche Gestalt eben verloren. Auf der anderen Seite ermöglichen es die sprach- und literaturgeschichtlichen Wissensbestände in diesem Fall, eine Vorstellung von dem Text zu entwickeln, den Konrad gedichtet hat. Sie kann zwar keine Sicherheit beanspruchen, aber eine kontrollierbare Wahrscheinlichkeit. We‐ gen der vielen anderen (und erheblich besser überlieferten) Werke Konrads ist sein Sprachgebrauch nämlich recht gut bekannt. Die Rekonstruktion des Herausgebers hat einen hypothetischen Charakter, aber keinen spekulati‐ ven. Ordentliche Editionen verschaffen ihren Leser: innen stets Klarheit dar‐ über, wie sich der edierte Text zum überlieferten verhält. Im Fall der ›En‐ gelhard‹-Ausgabe sind die sprachgeschichtliche Anpassung und die Verein‐ heitlichung der Schreibweise in der Einleitung erläutert; jede einzelne Konjektur ist in einem textkritischen Apparat unter dem edierten Text an‐ gezeigt. Dort steht dann jeweils der Wortlaut des Drucks. Mehrfach überlieferte Texte stellen Herausgeber: innen vor Probleme, wenn die Edition alle erhaltenen Überlieferungsträger berücksichtigen soll. Schon der einfache Fall eines in nur wenigen Handschriften relativ ähnlich überlieferten Textes kann unterschiedliche Optionen eröffnen, die Entschei‐ dungen erfordern. Ein Beispiel dafür ist der in Kapitel 1 erwähnte Sang‐ spruch Walthers von der Vogelweide, dessen Inhalt in Kapitel 8 noch ge‐ nauer behandelt wird. Die beiden jüngsten, 1996 und 2013 erschienen Auflagen der Ausgabe, nach der die Texte Walthers in germanistischen Ar‐ beiten üblicherweise zitiert werden, bieten davon nämlich unterschiedliche Editionen. Die erste Auflage dieser Ausgabe, die Karl Lachmann 1827 ver‐ öffentlichte, gehört übrigens zu den frühesten, Maßstäbe setzenden wissen‐ schaftlichen Editionen der germanistischen Fachgeschichte. Die Strophe ist in drei Handschriften überliefert, und zwar immer als erste einer dreistro‐ 6.4 Editionen 169 Siglen Strophen‐ folge Leithand‐ schrift Edierter Text phigen Sangspruchreihe. Die drei Strophen sind durch ein gemeinsames Thema und durch eine auffällige Formulierungsübereinstimmung zwischen den jeweils ersten Versen verbunden (Ich saz ûf eime steine - Ich hôrte diu wazzer diezen-- Ich sach mit mînen ougen). Die Auflage von 1996 gibt nach der Überschrift ›Reichston‹ - den Titel erhielten die drei Strophen erst im 19. Jahrhundert - an, in welchen Hand‐ schriften der Text überliefert ist. Sie werden in Kurzform mit Buchstaben bezeichnet. Über die Bedeutung dieser Siglen informiert die Einleitung: A ist die um 1270 im Elsass angefertigte ›Kleine Heidelberger Liederhand‐ schrift‹, B die zu Beginn des 14. Jahrhunderts im Bodenseeraum entstandene ›Weingartner Liederhandschrift‹, C die oben (vgl. S. 149-152) vorgestellte, zwischen 1300 und 1340 in Zürich produzierte ›Große Heidelberger‹ oder ›Manessische Liederhandschrift‹. Alle drei Handschriften sind wichtige Überlieferungsträger der mittelhochdeutschen höfischen Lyrik. Der Ab‐ stand zwischen den Überlieferungszeugen und der Entstehung der Strophe (wahrscheinlich zwischen 1197 und 1201) ist geringer als beim ›Engelhard‹, aber immer noch beträchtlich. Die Zahlen hinter den Handschriftensiglen bedeuten, dass diese und die beiden weiteren Strophen in der Handschrift A in der Reihenfolge einge‐ tragen sind, in der sie in der Ausgabe stehen. In den Handschriften B und C erscheinen die Strophen 2 und 3 in umgekehrter Reihenfolge. Die Hand‐ schrift A dient als Leithandschrift, das heißt als Grundlage für den edierten Text. Das Prinzip, bei mehrfach überlieferten Texten eine bestimmte Hand‐ schrift als Leithandschrift zur Basis der Edition zu machen, ist heute weit verbreitet. Die Gründe für die Wahl der Leithandschrift sind von Fall zu Fall unterschiedlich, so dass man die Einleitung der jeweiligen Ausgabe zu Rate ziehen muss. Was den edierten Text selbst anbelangt, so informiert die Einleitung der Ausgabe darüber, dass die Schreibweise gegenüber den Handschriften vereinheitlicht wurde; Abkürzungen sind aufgelöst, Interpunktionszeichen eingefügt. Weitergehende Änderungen gibt es bei dieser Strophe nicht. Die Texte der Handschriften bieten hier nämlich einerseits keinen konkreten Anlass, der Qualität der Überlieferung zu misstrauen. Andererseits gäbe es gar keine kontrollierbare Möglichkeit, die Gestalt des Textes zu rekonstru‐ ieren, den Walther von der Vogelweide produziert hat. Deshalb bleibt der edierte Text hier nahe an dem der Leithandschrift A. 170 6 Handschriften, Drucke, Editionen Walther von der Vogelweide: Leich, Lieder, Sangsprüche. 14. Aufl. hg. v. Christoph Cormeau. Berlin, New York 1996, S. 11. Ich saß auf einem Stein und schlug ein Bein über das andere. Darauf stützte ich den Ellenbogen. Mein Kinn und eine meiner Wangen hatte ich 6.4 Editionen 171 Textkritischer Apparat Erschlossene Vorstufen Textposition in den Handschrif‐ ten Varianten Markierung von Konjekturen in meine Hand geschmiegt. Da überlegte ich voller Sorge, wofür man auf der Welt leben sollte. Keinen Rat konnte ich geben, wie man drei Dinge bekommen könnte, ohne dass eines davon verloren ginge. Die ersten beiden sind Ansehen und Besitz, die einander gegenseitig oft Schaden zufügen. Das dritte ist das Wohlwollen Gottes, das mehr wert ist als die beiden. Alle drei hätte ich gern zusammen in einem Gefäß. Aber leider ist es nicht möglich, dass Besitz und irdisches Ansehen und dazu noch Gottes Wohlwollen in einem Herzen zusammenkommen. Stege und Wege sind ihnen versperrt, Untreue liegt im Hinterhalt, Gewalt herrscht auf der Straße. Friede und Recht sind schwer verwundet. Die drei können nicht sicher reisen, wenn die zwei nicht vorher gesund werden. Im textkritischen Apparat unter dem ersten Strich nach dem edierten Text erfährt man zunächst, dass die Übereinstimmungen der Handschriftentexte von B und C bei diesem Lied (wie in weiteren Fällen) so groß sind, dass mit einer gemeinsamen, aber nicht erhaltenen handschriftlichen Vorlage von B und C zu rechnen ist. Solche erschlossenen Vorstufen der tatsächlich erhal‐ tenen Überlieferungsträger bekommen gewöhnlich eine Sigle, die aus einem Stern und den Siglen der betreffenden erhaltenen Überlieferungsträger be‐ steht. *BC bedeutet also: die verlorene Quelle, aus der der Text dieser Strophe in B und C stammt. Die Zeile darunter gibt an, an welcher Stelle der Autorsammlungen in den Handschriften die Strophe jeweils steht: In A ist es die 43., in B die 18. und in C die erste Strophe im Liedcorpus Walthers von der Vogelweide. (In C steht davor allerdings noch Walthers ›Marienleich‹, ein nicht-strophisches religiöses Lied; das erfährt man an dieser Stelle nicht; vgl. Abb. 19, S.-209). Von der dritten Zeile bis zum zweiten Strich sind dann die Varianten aufgelistet, das heißt die Unterschiede zwischen dem Wortlaut der Leithand‐ schrift A und dem der anderen beiden Handschriften. Dass B und C sich in fast allen Fällen auf dieselbe Weise von A unterscheiden, ist übrigens der Grund für die Annahme, dass sie dieselbe Quelle haben müssen. Ebenfalls unter dem ersten Strich ist die einzige Konjektur des Heraus‐ gebers vermerkt, die aber nur der Verbesserung eines Schreibfehlers in der Leithandschrift dient: In Vers 17 hat der Schreiber von A ein l in weltliche vergessen. Im edierten Text selbst weist der Kursivdruck auf die Besserung hin. 172 6 Handschriften, Drucke, Editionen Editionsgeschichtlicher Apparat Unter‐ schiede der Fassungen Im textkritischen Apparat stehen bei der Edition mehrfach überlieferter Texte also nicht nur die Abweichungen des edierten Texts von der Leithand‐ schrift, sondern auch die Unterschiede zwischen der Leithandschrift und allen anderen Handschriften. Deshalb kann man als Leser: in mit Hilfe des Apparats die gesamte Überlieferungsvarianz verfolgen, auch wenn das in der Regel etwas mühselig ist. Bei Kursivierungen im edierten Text sollte man immer ›nach unten‹ schauen, weil sie Konjekturen anzeigen. Unter dem zweiten Strich steht ein editionsgeschichtlicher Apparat, der Unterschiede zwischen dem edierten Text dieser und älterer Auflagen der Walther-Ausgabe verzeichnet. Die Abkürzungen sind Siglen für die Namen älterer Herausgeber (z. B. La für Lachmann). Ein editionsgeschichtlicher Apparat ist vor allem für Expert: innen von Interesse; in diesem Fall zeigt er auf den ersten Blick, dass es nur sehr wenige und durchweg sehr geringfü‐ gige Unterschiede zwischen der Edition der Strophe in dieser Auflage und in den älteren Auflagen der Ausgabe gibt. Das bedeutet, dass alle Auflagen von 1827 bis 1996 die Strophe im Wesentlichen so bieten, wie sie in der Handschrift A überliefert ist. Mit dieser langen editionsgeschichtlichen Tradition bricht die 2013 er‐ schienene Auflage. Die Siglen-Zeilen zwischen Überschrift und ediertem Text enthalten zwei Informationen: Alle drei Strophen des ›Reichstons‹ sind nach B ediert, und wegen der Übereinstimmungen zwischen B und C entspricht der edierte Text dem der nicht erhaltenen gemeinsamen Vorlage *BC. Seine Entscheidung begründet der Herausgeber in einem textkritischen Kommentar am Ende der Ausgabe - einen solchen gibt es in der Auflage von 1996 nicht - mit »einer Abwägung der handschriftlichen Defekte. Es sei aber ausdrücklich darauf hingewiesen, dass die Edition nach A ebenfalls einiges für sich hat« (S. 570). Da A nicht mehr als Leithandschrift dient, sind im textkritischen Apparat nun die Varianten von A gegenüber B und C verzeichnet. Einen editionskritischen Apparat gibt es in der Auflage von 2013 nicht mehr. Die Unterschiede zwischen dem Text nach A und dem Text nach *BC machen auf den ersten Blick einen ziemlich geringfügigen Eindruck. In vier Versen sind sie jedoch nicht ganz marginal. Als Versifikationsprinzip ist in den Texten aller drei Handschriften die regelmäßige Alternation von Hebung und Senkung erkennbar (vgl. dazu Kapitel 7); in A gilt das auch für die Verse 8, 12, 19 und 25, während diese Verse in B und C nicht regelmäßig alternieren. 6.4 Editionen 173 Walther von der Vogelweide: Leich, Lieder Sangsprüche. 15. Aufl. hg. von Thomas Bein. Berlin, New York 2013, S.-12. 174 6 Handschriften, Drucke, Editionen Ursachen der Varianten Edition mehrerer Fassungen In Vers 19 gibt es außerdem einen sinnrelevanten Unterschied im Wortlaut: In A können guot, êre und gotes hulde nicht zusammen in ein herze, in B und C nicht zusammen in einen schrîn (Kiste, Truhe) kommen. Der schrîn wird in beiden Fassungen schon in Vers 15 erwähnt. Die Formulierung von Vers 19 in A legt nachträglich offen, dass es sich dabei um eine Metapher für das Herz handelt, während die Formulierung von Vers 19 in B und C das Wort schrîn wiederholt und deshalb nicht erklärt, was damit eigentlich gemeint ist; es lässt sich auch nicht einfach aus dem Kontext erschließen. Der A-Text ist glatter versifiziert und einer wichtigen Stelle klarer formuliert ist als der Text von B und C; das war einer der Gründe dafür, weshalb sich die Herausgeber von 1827 bis 1996 für ihn entschieden haben. Sowohl die in der Handschrift A als auch die in den Handschriften B und C aufgezeichnete Fassung der drei Strophen existierten jedoch offensichtlich im späteren 13. Jahrhundert so, wie sie in den Handschriften stehen. Ob die Unterschiede im Verlauf der Überlieferung entstanden sind oder ob sie wo‐ möglich darauf zurückgehen, dass Walther selbst die Strophen nicht immer im selben Wortlaut vorgetragen hat, lässt sich nicht mehr klären. Man muss sich deshalb stets im Klaren darüber sein, dass in keiner wissenschaftlichen Walther-Ausgabe diejenigen Texte stehen können, die Walther gedichtet und vorgetragen hat, sondern prinzipiell nur Produkte eines Überliefe‐ rungsprozesses. Das bedeutet allerdings nicht, dass die überlieferten Texte dichtungstechnisch einfach gleichwertig wären. Texte lassen sich umso besser nach dem Leithandschriftenprinzip edieren, je geringere Unterschiede zwischen den einzelnen Überlieferungsträgern bestehen. Je mehr und je größere Varianten es gibt, umso unübersichtlicher wird der textkritische Apparat. Manchmal erweist es sich dann als vorteil‐ hafter, die einzelnen Fassungen als solche zu edieren. Vom ›Nibelungenlied‹ beispielsweise existieren sowohl Ausgaben einzelner Fassungen als auch eine Ausgabe, in der die drei ältesten Fassungen in Spalten nebeneinan‐ der stehen. Bei Minneliedern schwanken Wortlaut, Strophenbestand und Strophenfolge in manchen Fällen ebenfalls so beträchtlich, dass in Min‐ nesangausgaben gelegentlich mehrere Fassungen eines Lieds synoptisch dargeboten werden. Wie jeder einzelne überlieferte Text vom Herausgeber bzw. der Herausge‐ berin eine eigene editionsphilologische Behandlung fordert, so fordert auch jeder edierte Text von den Leser: innen die Bereitschaft, sich darüber Klarheit zu verschaffen, auf welcher Überlieferungslage er beruht und in welchem Verhältnis er zur tatsächlichen Überlieferung steht. Das ist ein bisschen 6.4 Editionen 175 umständlich, aber die Überlieferungsbedingungen der älteren deutschen Literatur machen es nötig. Wer sich mit ihnen auseinandersetzt, lernt dabei immerhin allerhand über die Geschichte der älteren Literatur. 176 6 Handschriften, Drucke, Editionen Vers und Dichtung Vers, Gesang Mündliche Produktion Gedächtnis 7 Verse und Strophen 7.1 Die Bedeutung der Verse Der gelehrte Dichtungsbegriff aus dem antiken Erbe und die mündliche Tradition des Lieds trafen sich beim Vers. (vgl. Kapitel 4.3). Viele Dichter verwandten erhebliche Mühe auf die Versifikation, und ihrem Publikum darf man ohne Spekulation eine ausgeprägte Wahrnehmungsfähigkeit für die Lautgestalt versifizierter Rede unterstellen. Wer sich heute mit der Geschichte der Vers und Strophenformen beschäf‐ tigt, tut das, um eine der wichtigsten Kompetenzen bei der historischen Produktion und Rezeption poetischer Texte erfassen zu können. Ohne Wahrnehmungsfähigkeit für die Versifikation bleibt man taub für eine wesentliche Eigenschaft älterer Dichtung. In diesem Kapitel geht es deshalb zum einen um die Frage, welche Leistungen Verse erbringen und wie sie zustande kommen, zum anderen um einen Überblick über die wichtigsten Vers- und Strophenformen der älteren deutschen Dichtung. a. Funktionen von Versen Verse sind in allen Kulturen als sprachlicher Bestandteil des musika‐ lisch-sprachlichen Phänomens Lied ein Produkt des Gesangs und damit der Mündlichkeit. Die lateinische Sprache hat diesen ursprünglichen Zusam‐ menhang im Wort carmen (Gesang, Lied) bewahrt, das in Antike, Mittelalter und früher Neuzeit jeden versifizierten Text bezeichnen konnte, auch wenn er nicht für den gesungenen Vortrag, sondern für den Sprechvortrag oder zum Lesen bestimmt war. Selbst beim Lesegedicht bleibt der Vers jedoch bis heute eine Klangstruktur, die erst beim lauten Lesen tatsächlich wahrnehm‐ bar wird. Die Funktionen von Versen hängen davon ab, welche Rolle Mündlichkeit und Schriftlichkeit bei Textproduktion und -rezeption spielen (vgl. S. 52). Solange Texte nicht schriftlich produziert und nicht aufgezeichnet, sondern ausschließlich mündlich überliefert werden, hat der Vers erstens eine Ge‐ dächtnisfunktion: Verse merkt man sich leichter als ungebundene Rede. Zweitens hat der Vers in der mündlichen Kultur die Funktion, einem Text Wert Schriftliche Produktion Gedächtnis Kunstsignal Gestaltungs- Instrument Schriftliche Rezeption Wert zuzuweisen und dadurch seine Überlieferung zu sichern: Die beson‐ dere Gestaltung der Rede signalisiert, dass man es nicht mit etwas Alltägli‐ chem, sondern mit etwas Außerordentlichem und Erinnerungswürdigem zu tun hat. Wenn Verse schriftlich produziert, aber mündlich vorgetragen werden, geht die Gedächtnisfunktion nicht unbedingt verloren. Neben der Möglich‐ keit, Texte schriftlich zu speichern, kann die mündliche Überlieferung und die persönliche Erinnerung weiterhin von Bedeutung sein. Die Verbindung von Text und Musik ist dafür besonders förderlich; noch heute kennen die meisten Menschen Lieder auswendig. Bei langen und nicht gesungenen Texten freilich übernimmt die Schrift die Speicherleistung. Auch die Funktion, den Text durch die Verssprache auszuzeichnen, gibt es bei produktionsseitiger Schriftlichkeit. Die Neigung des gelehrten Dich‐ tungsbegriffs, den Vers zum eigentlichen Dichtungskriterium zu machen, beruht darauf. Allerdings muss der Vers in der Schriftkultur mit ihren großen Speicherkapazitäten nicht mehr für die Überlieferungswürdigkeit sorgen. Deshalb wird der Vers in der Schriftdichtung zum Kunstsignal: Er zeigt nicht an, dass ein Inhalt besonders überlieferungswürdig, sondern dass ein Text besonders kunstvoll gemacht ist. (Die kunstvolle Form kann dann aber seine Überlieferungswürdigkeit stärken.) Der Vers dient nicht dazu, den Textinhalt in der gemeinschaftlichen Erinnerung zu halten, sondern dazu, das Interesse auf die Gestaltung des Textes zu lenken. Drittens ist es bei produktionsseitiger Schriftlichkeit leichter als bei produktionsseitiger Mündlichkeit möglich, die Versstruktur und die syn‐ taktisch-thematische Struktur des Textes unabhängig voneinander zu gestalten. Wer Texte schriftlich herstellt, kann den Vers gezielt über die Satzgrenze weiterlaufen lassen, die Versgrenze mitten in den Satz legen oder Vers- und Satzgrenzen absichtlich synchronisieren, weil die Schrift die dafür nötige Übersicht zur Verfügung stellt. Erst dadurch wird der Vers zu einem eigenständigen Gestaltungsinstrument, das die syntaktisch-thematische Struktur planmäßig unterstützen oder in ein Spannungsverhältnis zu ihr treten kann. Der Vers wurde umso verzichtbarer, je weiter sich die Dichtung vom mu‐ sikalischen Vortrag löste und je weiter die rezeptionsseitige Schriftlichkeit, vor allem in Gestalt des einsamen leisen Lesens, vordrang. Die längeren und kürzeren Typen der volkssprachlichen Erzählliteratur kamen seit dem Sie‐ geszug der Prosaromane und kürzeren Prosa-Erzählungen (vgl. Kap. 4.5) sehr gut ohne Versifikation aus. Zäher hat sich der Vers in der Lyrik gehalten, 178 7 Verse und Strophen Regelung der Lautgestalt Akzentuie‐ rende Verse Silbenzählende Verse Quantitie‐ rende Verse obwohl es nach dem antiken Vorbild in Mittelalter und früher Neuzeit immer lateinische Leselyrik gab. Gerade hier regierte der gelehrte Dichtungsbegriff aber eisern. In den Volkssprachen bedeutete Lyrik lange Zeit grundsätzlich ›Lied‹; die Bindung an die Musik sicherte Vers und Strophe. Die erste volks‐ sprachliche Leselyrik in der strophischen Form der Liedlyrik entstand auf Italienisch vielleicht schon im 13., spätestens vom 14. Jahrhundert an. Auf Deutsch gab es jedoch bis in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts keine strophischen Lesegedichte, sondern nur Liedtexte; erst dann beginnt die Geschichte der deutschen Leselyrik. Dass die volkssprachliche Leselyrik beim Vers blieb, liegt einerseits am Einfluss des lateinischen Vorbilds und damit am gelehrten Dichtungsbegriff, andererseits daran, dass man sich der Abstammung des Lesegedichts vom Liedtext immer bewusst war. Im Lied schließlich haben sich Vers und Strophe bis heute gehalten: Wo Texte gesungen und angehört werden, herrschen sie unangefochten wie eh und je. b. Was sind Verse und Strophen? Verse sind eine auf besondere Weise gestaltete und deshalb herausgehobene Form der Rede. Was sie über das gewöhnliche Maß hinaus regeln, ist die Lautgestalt der Rede. Auf welche Weise dies geschieht, unterscheidet sich je nach Sprache. In den germanischen Sprachen beruht die Versifikation auf der Festlegung der Anzahl von Hebungen pro Vers. Bei zweisilbigen Wörtern müssen He‐ bungen auf der Silbe mit dem Wortakzent liegen (láu-fen, nicht lau-fén), bei drei- und mehrsilbigen Wörtern können weitere Hebungen auf schwächer akzentuierten Silben liegen (schléch-tes-té). Wegen der Abhängigkeit vom Wortakzent heißt dieses Versifikationsprinzip ›akzentuierend‹. In den romanischen Sprachen besteht das Versifikationsprinzip darin, die Anzahl von Silben pro Vers festzulegen, und heißt deshalb ›silbenzählend‹. In altfranzösischen höfischen Romanen beispielsweise haben alle Verse mit einsilbigem (›männlichem‹) Reim acht Silben, alle mit zweisilbigem (›weib‐ lichem‹) Reim neun. In der antiken griechischen und lateinischen Dichtung regelte die Ver‐ sifikation die Abfolge langer und kurzer Silben. Als lang wahrgenommen wurden von Griechen und Römern Silben mit einem langen Vokal oder einem Diphthong sowie Kurzvokalsilben, die auf einen Konsonanten en‐ den. Bestimmte Abfolgemuster von langen und kurzen Silben ergeben ein 7.1 Die Bedeutung der Verse 179 Übertra‐ gung von Versmaßen zwischen Sprachen Metrum (Versfuß), bestimmte Abfolgemuster von Metren ein Versmaß. Metren sind beispielsweise der Daktylus (lang-kurz-kurz, ) oder der Spondeus (lang-lang, ). Zu den Versmaßen gehört unter anderem der Hexameter, der aus sechs Daktylen oder Spondeen besteht; das vorletzte Metrum muss ein Daktylus, das letzte ein verkürzter Daktylus ( ) oder ein Spondeus sein. Weil der Vers nach Silbenquantitäten (Länge oder Kürze) ›gemessen‹ wird, heißt das Versifikationsprinzip ›quantitierend‹ oder ›metrisch‹. Im Hexameter Aut prodesse volunt aut delectare poetae (»Entweder nützen oder erfreuen wollen die Dichter«) aus der ›Ars poe‐ tica‹ von Horaz (vgl. S. 89) ist die Abfolge Spondeus - Daktylus - Spon‐ deus - Spondeus - Daktylus - Spondeus. Wortgrenzen spielen beim ›Mes‐ sen‹ der Versfüße keine Rolle: āut prōd- | ēs-sӗ vŏ- | lūnt āut | dē-lēc- | tā-rӗ pŏ- | ē-tāe Deutsche Muttersprachler neigen generell dazu, quantitierende Verse ak‐ zentuierend zu lesen (Áut prodésse volúnt aut délectáre poétae). Man kann sich jedoch zum Quantitieren zwingen, indem man den Vers wie ein Rezitativ mit Viertel- und Achtelnoten auffasst. Die Versifikationsprinzipien lassen sich nur innerhalb bestimmter Gren‐ zen, die auf den phonologischen Sprachkompetenzen beruhen, von einer Sprache auf eine andere übertragen. Akzentuierende Verse sind automa‐ tisch auch silbenzählend, wenn zusätzlich zur Anzahl der Hebungen die der Senkungen pro Vers festgelegt wird. Die Verse mittelhochdeutscher höfischer Romane beispielsweise bestehen genauso wie altfranzösische aus acht oder neun Silben, wenn sie bei männlichem Reim vier Hebungen und vier Senkungen, bei weiblichem Reim vier Hebungen und fünf Senkungen haben. Das ändert aber nichts daran, dass sie in erster Linie dem Akzentuie‐ rungsprinzip mit seiner Bindung an den Wortakzent folgen. Silbenzählende Verse, die nicht zugleich akzentuierend sind, gab es auf Deutsch im 15. und 16. Jahrhundert (vgl. unten Abschnitt 4.b). Martin Opitz hat diese Art der Versifikation im 1624 erschienenen ›Buch von der deutschen Poeterey‹ als Missachtung des Akzentuierungsprinzips bekämpft, weshalb sie im 17.-Jahrhundert aufgegeben wurde. Wer quantitierende antike Versmaße - etwa den Hexameter - auf Deutsch in quantitierender Versifikation nachmachen will, muss nach dem Vorbild der antiken Versfüße Silbenlängen messen. Versuche dieser Art gab es erst 180 7 Verse und Strophen Akzentuie‐ rende lateinische Verse Reim seit dem 18. Jahrhundert. Sie erfordern stets Kompromisse, weil sie sich nur schwer mit den deutschen Silben- und Akzentstrukturen vereinbaren lassen; Beispiele finden sich etwa in den Homer-Übersetzungen von Johann Heinrich Voß: Rūht, īhr | Ī-thă-kӗr, | rūht vōm | ūn-glǖck- | sē-lĭ-gӗn | Krīe-gӗ Das Quantifizieren hat sich in der deutschen Versgeschichte nicht durchge‐ setzt: Anders als den Unterschied zwischen stark und schwach akzentuierten Silben nehmen deutsche Muttersprachler denjenigen zwischen langen und kurzen Silben nicht wahr, weil er kein Bestandteil ihrer phonologischen Sprachkompetenz ist. Das auf der Sprachkompetenz beruhende Wahrneh‐ mungsvermögen ist die Grundlage der Versifikationsprinzipien und damit eine Grenze für ihre Übertragbarkeit auf andere Sprachen. Deshalb wird das quantitierende Versifikationsprinzip beim Nachmachen antiker Versmaße auf Deutsch in aller Regel durch das alternierende ersetzt, so dass anstelle von Längen und Kürzen Hebungen und Senkungen aufeinander folgen. Aus dem Daktylus wird dann die Abfolge Hebung - Senkung - Senkung, aus dem Spondeus die Abfolge Hebung-- Senkung: Ént-we-der nǘ-tzen ó-der er-fréu-en wól-len die Dích-ter Während es in der antiken lateinischen Dichtung ausschließlich quantitie‐ rende Verse gab, wurden im Mittelalter außer quantitierenden auch akzen‐ tuierende lateinische Verse gedichtet; erstere nannte man ›metrisch‹, letz‐ tere ›rhythmisch‹. Rhythmische lateinische Verse beruhen auf dem lateinischen Wortakzent und zählen Hebungen; die Silbenlängen spielen dabei keine Rolle: Mé-um ést pro-pó-si-túm-----ín ta-bér-na mó-ri Mein Wunsch ist es, im Wirtshaus zu sterben. Wo ein Vers anfängt und aufhört, sieht man beim Lesen und bei entspre‐ chender Texteinrichtung am Zeilenumbruch. Bei mündlicher Rezeption kann 7.1 Die Bedeutung der Verse 181 Stabreim Endreim Strophe man den Vers als Gestalteinheit nur hören. Was ihn in der gesamten älteren deutschen Literaturgeschichte zu einer hörbaren Gestalt machte, war der Reim. Aus dem frühen Mittelalter sind noch Stabreimdichtungen erhalten. Der Stabreimvers kommt dadurch zustande, dass einige Hebungssilben des Verses den gleichen Anlaut haben. Bereits im 9. Jahrhundert wurde der bis heute benutzte Endreim eingeführt. Der Endreimvers kommt dadurch zu‐ stande, dass zwischen dem Versende und einem anderen Versende ein Gleichklang besteht. Der Endreim macht auf diese Weise das Versende hör‐ bar. Strophen sind ursprünglich eine Gestalteinheit, die durch die Verbindung von Musik und Sprache entsteht: Eine Strophe ist eigentlich eine Versgruppe, die auf eine bestimmte Melodie gesungen wird. Damit mehrere Strophen eines Lieds auf dieselbe Melodie gesungen werden können, müssen alle Strophen dieselbe Anzahl von Versen haben und alle Verse einer Strophe müssen genauso lang sein wie die entsprechenden Verse in den anderen Strophen. Unter den zahlreichen Möglichkeiten, Verse und Strophen zu bauen, erlangten einige in der älteren deutschen Literaturgeschichte besondere Geltung - teils weil sie mit prominenten Texten verbunden sind, teils weil sie beliebt und deshalb weit verbreitet waren. Einige der wichtigsten werden nun vorgestellt. 7.2 Versformen im frühen Mittelalter a. Stabreimvers Der Stabreimvers begegnet in der deutschen Literatur vor allem in früh‐ mittelalterlichen Heldenlied-Verschriftlichungen. Er war offenbar in der germanischen Welt verbreitet, denn es gibt ihn in schriftlichen Zeugnissen althochdeutscher und altniederdeutscher, altenglischer und altnordischer Heldenlieder. Die Beispielverse stammen aus der Passage des ›Hildebrands‐ lieds‹, in der der Vater erkennt, dass der Kampf gegen den Sohn nicht zu verhindern ist (vgl. S.-118): ›Hildebrandslied‹. In: Frühe deutsche Literatur und lateinische Literatur in Deutschland 800-1150. Hg. v. Walter Haug u. Benedikt Konrad Vollmann. Frankfurt a.-M. 1991, S.-12, V. 49-57. 182 7 Verse und Strophen Langvers Anvers und Abvers Stabreim Tonsilbe Obligatori‐ sche und fa‐ kultative Stäbe Stäbe und Hebungen welaga nu, waltant got, quad Hiltibrant,  wewurt skihit. ih wallota sumaro enti wintro ----sehstic ur lante, dar man mih eo scerita ----in folc sceotantero; so man mir at burc enigeru----banun ni gifasta. nu scal mih suasat chind----suertu hauwan, breton mit sinu billiu,----eddo ih imo ti banin werdan. doh maht du nu aodlihho,----ibu dir din ellen taoc, in sus heremo man----hrusti giwinnan, rauba birahanen----ibu du dar enic reht habes. Nun denn, herrschender Gott, sprach Hildebrand, Unheil ge‐ schieht. / Ich zog umher sechzig Sommer und Winter (30 Jahre), fern der Heimat, / da reihte man mich stets in die Schar der Krieger. / Vor keinem Ort hat man mir den Tod gebracht. / Nun wird mich mein eigener Sohn mit dem Schwert erschlagen, / mit seiner Waffe niederhauen, oder ich werde zu seinem Mörder werden. / Du aber kannst doch leicht, wenn deine Kraft dazu taugt, / von einem so alten Mann die Rüstung gewinnen, / Beute fortschaffen, wenn du ein Recht darauf erhältst. Das Druckbild verdeutlicht durch die Unterteilung der Verse in zwei Hälften die Versform: Der Stabreimvers ist ein Langvers aus zwei Teilen, einem An‐ vers (erste Hälfte) und einem Abvers (zweite Hälfte). Was den Vers zu einer hörbaren Einheit machte, wüsste man nur genau, wenn es Tondokumente von Heldenliedvorträgen gäbe. In der schriftlichen Aufzeichnung ist als Ordnungsprinzip nur noch der Stabreim zu erkennen. Er ist ein Gleichklang am Anlaut einer Tonsilbe (einer Silbe, auf der der Wortakzent liegt), der mindestens ein Wort des Anverses mit einem des Abverses verbindet. Im zitierten Textbeispiel sind die Stäbe durch Unterstreichungen markiert. Identische Konsonanten bilden Stabreime; jeder anlautende Vokal stabt mit jedem beliebigen anderen (aodlihho : ellen im siebten Vers). Manche Stabreimverse haben im Anvers einen zweiten Stab (rouba : birahanen : reht im letzten Vers der Passage). Während ein Stab je Halbvers obligatorisch ist, ist der zweite Stab im Anvers fakultativ. Sehr selten erscheint auch im Abvers ein zweiter Stab (in den Beispielversen gar nicht). Die Stäbe liegen in der Regel auf bedeutungsschweren Wörtern - zumeist Substantiven und Adjektiven -, deren Gewicht sie bekräftigen. Dieses Prin‐ 7.2 Versformen im frühen Mittelalter 183 Hebungs‐ zahl Haupt- und Nebenstäbe Füllungs‐ freiheit Otfrid von Weißenburg zip lässt sich in allen Versen der Passage beobachten. Dass die Stäbe Wörter betonen, spricht dafür, dass auf den stabenden Silben zugleich die Hebungen des Verses lagen. Wenn es nun im Anvers eine obligatorische und eine fa‐ kultative Position für Stäbe gab, dann liegt die Vermutung nahe, dass der Anvers zwei Hebungen hatte, von denen eine mit einem Stab besetzt werden musste. Entsprechend gab es auch im Abvers zwei Hebungen, von denen die erste immer mit einem Stab besetzt wurde, vereinzelt auch die zweite. Der Stabreimvers hatte dann insgesamt vier Hebungen. Auf der ersten Hebung des Abverses lag ein obligatorischer Stab; ihn nennt man den ›Hauptstab‹. Alle anderen Stäbe, auch der obligatorische im Anvers, heißen ›Nebenstäbe‹. Die vier Hebungen des Langverses wurden meistens nach folgenden Mustern mit Stäben besetzt (a = Hauptstab, a = Nebenstab, x-= Hebung ohne Stab): ax ax; xa ax; aa ax. Selten tritt auch ein zweifacher Stabreim auf (ab ab oder ba ab). Wo die Hebungen im einzelnen Vers lagen, sieht man im verschriftlichten Text nur sicher, wenn sie Stäbe tragen. Allein bei Halbversen (An- und Ab‐ verse) mit wenigen Silben ist die Position der zweiten Hebung auch ohne Stab leicht zu erkennen (im 2. Abvers séhstic ur lánte, im 5. Abvers suértu háuwan). Die Anzahl der Senkungen zwischen den Hebungen war nicht festgelegt. Verse mit ungeregelter Senkungszahl nennt man ›füllungsfrei‹, weil der Raum zwischen den Hebungen relativ frei gefüllt werden kann. Akzentuierende füllungsfreie Verse haben folglich sehr unterschiedliche Silbenzahlen; das macht sie für uns vergleichsweise fremd. Die Silbenzahl in den Halbversen des ›Hildebrandslieds‹ beispielsweise schwankt zwischen vier und elf. Besonders große Freiheit herrscht am Anfang der Halbverse, wo im ›Hildebrandslied‹ vor der ersten Hebung bis zu sechs Silben stehen können (wie etwa im Abvers des letzten Verses der Passage). Der Stabreimvers hatte also eine flexible Gestalt. Sie war darauf angelegt, einen Textbaustein (den Langvers), der gewöhnlich zugleich eine syntak‐ tisch-thematische Einheit darstellt, aus zwei Teilen (An- und Abvers) zu bilden und dabei die wichtigsten Wörter lautlich hervorzuheben. b. Endreimvers Otfrid von Weißenburg ist der erste deutsche Dichter, von dem ein größeres Werk in Endreimversen überliefert ist - das ›Evangelienbuch‹ (vgl. S.-118). Er muss nicht der alleinige Erfinder des deutschen Endreims sein, aber die Überlieferungslage stellt ihn uns als denjenigen dar, der die einschnei‐ 184 7 Verse und Strophen Vorbild dendste Wende der gesamten älteren deutschen Versgeschichte vollzog - diejenige vom Stabzum Endreim. Schon in der frühmittelalterlichen deutschen Dichtung waren Endreimverse nach Otfrid verbreitet. Beim zweiten Anlauf zur deutschen Schriftlichkeit im 11. Jahrhundert, in der frühmittelhochdeutschen Dichtung, gab es von Anfang an nichts anderes mehr. Otfrids Vorbild für den Endreim war die lateinische Reimdichtung des frühen Mittelalters, vor allem die religiöse Hymnendichtung (Lieder zum Lob Gottes oder Heiliger). Er entschied sich demnach gezielt für die Form der gelehrten Schriftdichtung und gegen den Stabreimvers als Form der mündlichen Überlieferung. Otfrids Verse waren für den gesungenen Vortrag gedacht; in einer der Handschriften des ›Evangelienbuchs‹ sind Notenzei‐ chen angegeben, die sich allerdings nicht mehr genau deuten lassen. Die Beispielpassage stammt aus dem Prolog des ›Evangelienbuchs‹, in dem es, wie im lateinischen Widmungsbrief, um die Rechtfertigung volkssprachli‐ cher Dichtung geht: Otfrid von Weißenburg: Evangelienbuch. Auswahl. Althoch‐ deutsch / Neuhochdeutsch. Hg., übers. u. komm. v. Gisela Voll‐ mann-Profe. Stuttgart 2 2010, S.-36, I,1, V. 31-40. Nu es fílu mánno inthíhít,---in sína zúngun scríbít, - joh ílit, ér gigáhé,---thaz sínaz ío gihóhé: Wánana scúlun Fránkón---éinon tház biwánkón, - ni sie in frénkisgón bigínnén, sie gótes lób síngén? Níst si só gisúngán,---mit régulú bithuúngán: - si hábet thóh thia ríhtí---in scónéru slíhtí. Íli thú zi nóté,---theiz scóno thóh gilúté, - joh gótes wízod thánné---tharána scóno héllé; Tház tharána síngé,---iz scóno mán ginénné; - in thémo firstántníssé wir giháltan sín giwíssé […]. Da es nun viele Menschen unternehmen, in ihrer Sprache zu schrei‐ ben, / und eifrig darangehen, das Eigene zu rühmen - / warum sollen die Franken als einzige darauf verzichten / und nicht in fränkischer Sprache Gottes Lob singen? / Wenn sie auch noch nicht in dieser Weise gesungen und mit Regeln besiegt worden ist, / so hat sie doch ihre Regelmäßig‐ keit in einer schönen Form. / Bemühe du dich darum, dass es schön 7.2 Versformen im frühen Mittelalter 185 Vollreim Assonanz‐ reim Nebenton‐ reim Hebungs‐ zahl Klingende Kadenz klingt, / und dass Gottes Gesetz schön darin ertönt, / dass man es (Gottes Gesetz) in ihr (der fränkischen Sprache) singt, es auf schöne Weise vorträgt, / damit wir sicher in seinem Verständnis gehalten werden. Wie die Form von Otfrids Versen aufzufassen ist, deutet die von ihm selbst korrigierte Handschrift des ›Evangelienbuchs‹ an. In jeder Schriftzeile sind zwei Verse notiert, die ein Gleichklang am Ende miteinander verbindet. Im mündlichen Vortrag machte der Reim das Versende hörbar; im Schrifttext erscheint das durch den Paarreim zusammengehaltene Verspaar jeweils als eine Zeile. Jede zweite Zeile ist in der Handschrift eingerückt; das weist darauf hin, dass jeweils zwei Zeilen zusammen eine Strophe aus vier Versen bilden - wie es auch beim verbreitetsten Typus der lateinischen Hymnen‐ strophe der Fall ist. Die Verteilung der Hebungen ist in der Handschrift teilweise mit Akzenten angezeigt, ohne dass jede Hebung auf diese Art markiert wäre: Otfrid setzte nach unterschiedlichen Prinzipien einen, zwei oder drei, selten vier Akzente je Vers. Die Gleichklänge sind bei Otfrid, wie auch in der zeitgenössischen latei‐ nischen Dichtung, nur manchmal Vollreime (›reine Reime‹), also genaue Gleichklänge vom letzten betonten Vokal an (wie in der 3. Langzeile Fran‐ kon : wankon). Oft gibt es nur einen Gleichklang zwischen den Hauptton‐ vokalen (Assonanzreim), aber nicht zwischen allen auf sie folgenden Kon‐ sonanten (wie in der 1. Langzeile intihit : scribit), was wir als ›unreinen‹ Reim empfinden. Oft ist sogar bloß der unbetonte Endvokal identisch (Ne‐ bentonreim, wie in der 8. Langzeile thanne : helle), was wir überhaupt nicht mehr als Reim empfinden. Zu Otfrids Zeit war das aber ein ausreichender Gleichklang. Der reine Reim wurde nach einem langwierigen Prozess erst gegen Ende des 12. Jahrhunderts zu einer verbindlichen Norm im deutschen Reimvers. Die Verse des ›Evangelienbuchs‹ sind alle vierhebig. Wie in der Beispiel‐ passage tragen die beiden letzten Silben jedes Verses je eine Hebung. Das verleiht dem Versende beim Vortrag einen besonders klangvollen Charakter und heißt deshalb ›klingende Kadenz‹. Die klingende Kadenz gehörte auch nach Otfrid zum festen Repertoire der älteren deutschen Verskunst. Das Wort, das den Reim trägt, ist dabei stets mehrsilbig, und die vorletzte Silbe muss lang sein. Lange Silben haben entweder einen langen Vokal oder enden auf einen Konsonanten (wie Fran-kon). 186 7 Verse und Strophen Füllungs‐ freiheit Alternation Abb. 18: Passage aus der Vorrede des ›Evangelienbuchs‹ Otfrids von Weißenburg in der Handschrift P (geschrieben um 870) Otfrids Verse sind füllungsfrei: Die Anzahl der Senkungssilben zwischen den Hebungen ist nicht fest geregelt, die Silbenzahl je Vers schwankt zwischen vier und zehn. Auch innerhalb des Verses kann es zwei unmittelbar aufein‐ ander folgende Hebungen geben; in Verbindung mit der klingenden Kadenz können sich dann drei Hebungen reihen (wie oben im 2. Vers der 4. Zeile). Dem Prinzip der Füllungsfreiheit steht bei Otfrid allerdings ein anderes Prinzip entgegen: In vielen Versen ergibt sich ein regelmäßiger Wechsel zwischen Hebung und Senkung (wie oben in der 2., 5., 7., 8. und 9. Langzeile). Dieses Phänomen heißt ›Alternation‹. Otfrids Verskunst zielt darauf, die thematisch-syntaktischen Einheiten mit den Versgrenzen zu synchronisieren. Die zitierte Passage ist ein ty‐ pisches Beispiel: Die Strophe entspricht einer Satzperiode (damit einem thematischen Komplex), das Verspaar und oft auch der einzelne Vers einem Gliedsatz. In der produktionsseitigen Schriftlichkeit ist das ein planbares 7.2 Versformen im frühen Mittelalter 187 Sprachmetrische Form Verfahren. Beim mündlichen Vortrag macht es die inhaltliche Gliederung besser wahrnehmbar und unterstützt so die Verständlichkeit des Textes. 7.3 Vers- und Strophenformen im hohen Mittelalter a. Nibelungenvers und Nibelungenstrophe Das ›Nibelungenlied‹ ist das älteste erhaltene konzeptionell schriftliche mittelhochdeutsche Heldenepos, das Stoffe aus mündlichen Heldenlied-Tra‐ ditionen, die im deutschen Sprachraum verbreitet waren, aufgreift (vgl. S. 58, 126). Die Verse des ›Nibelungenlieds‹ sind wie diejenigen des althochdeut‐ schen ›Hildebrandslieds‹ Langverse, die aus Anvers und Abvers bestehen. Anders als im ›Hildebrandslied‹ sind sie jedoch nicht stab-, sondern endge‐ reimt und zu vierversigen Strophen verbunden. Die Strophenform deutet auf gesungenen Vortrag hin. Eine Melodie zum ›Nibelungenlied‹ ist nicht überliefert; erhalten sind jedoch Melodien zu anderen Texten mit derselben Strophenform. Der Nibelungenvers hat sieben Hebungen, vier im Anvers und drei im Abvers; der letzte Abvers der Strophe hat allerdings vier Hebungen. Die Langverse sind am Ende paarweise gereimt, zwei Langverspaare bilden eine Strophe. Als Beispiel dient die zweite Strophe des ›Nibelungenlieds‹: Das Nibelungenlied. Mittelhochdeutsch / Neuhochdeutsch. Hg. v. Ur‐ sula Schulze, übers. u. komm. v. Siegfried Grosse. Stuttgart 2011, S. 6, Str. 1. Ez wúohs in Búrgóndén---ein vil édel mágedín, dáz in állen lándén---niht schœ́ners móhte sín, Kríemhílt gehéizén; ---si wárt ein schœ́ne wíp. dar úmbe múosen dégené   víl verlíesén den líp. In Burgund wuchs ein so schönes adeliges Mädchen heran, / dass es in keinem Land ein schöneres geben konnte. / Sie hieß Kriemhild und wurde eine schöne Frau, / wegen der viele Krieger das Leben verlieren mussten. Beim Vortrag wurden die stets zwei- oder dreisilbigen Ausgänge der Anverse (lándén, dégené) wie klingende Kadenzen gesungen, so dass die Grenze zwi‐ 188 7 Verse und Strophen Musikmetrische Form Auftakt Doppelter Auftakt Beschwerte Hebung Früher Minnesang schen Anvers und Abvers hörbar war. Nach den stets einsilbigen (›männli‐ chen‹) Reimen der Abverse muss man sich bei den ersten drei Versen jeder Strophe im Gesangsvortrag wohl eine kurze Textpause vorstellen. Beim Vortrag wurde die siebenhebige Textzeile deshalb wahrscheinlich zu einer Melodiezeile mit zweimal vier Takten: 1 | dáz in 2 | állen 3 | lán- 4 | dén  niht 1 | schœ́ners 2 | móhte 3 | sín 4 | (Pause) Der Grund für diese Annahme ist der letzte Abvers der Strophe: Seine vierte Hebung fiel wohl in den sonst pausierten Takt, so dass die Strophe musikalisch hörbar abgerundet wurde: dar 1 | úmbe 2 | múosen 3 | dége- 4 | né    1 | víl ver- 2 | líe- 3 | sén den 4 | líp Die Verse der Nibelungenstrophe sind füllungsfrei. Anverse wie Abverse können mit einer Hebung oder einer Senkung beginnen; im zweiten Fall spricht man von ›Auftakt‹ (im 2. Abvers niht schœ́ners, im 4. Anvers dar úmbe). Häufig folgen zwei Senkungen aufeinander (im 1. Abvers doppelter Auftakt: ein vil édel), häufig auch zwei Hebungen (Kríemhílt, verlíesén), in Verbindung mit der klingenden Kadenz sogar drei Hebungen (Búrgóndén). Die Doppelhebungen dienen gewöhnlich dazu, bedeutungsschwere Wörter hervorzuheben - in diesem Fall den Ort der Handlung und die Hauptfigur sowie, im letzten Vers, die Vorausdeutung auf das Katastrophenende. Man nennt die Doppelhebung im Versinnern (anders als die klingende Kadenz am Versende) deshalb ›beschwerte Hebung‹. Trotz der grundsätzlichen Füll‐ ungsfreiheit ist eine Tendenz zur Alternation, also zur regelmäßigen Abfolge von Hebung und Senkung zu erkennen (wie im 2. und 3. Abvers). Die Reime sind im ›Nibelungenlied‹ weitgehend rein, wie es in der höfischen Dichtung im späten 12.-Jahrhundert üblich wurde. Die Nibelungenstrophe ist älter als das um 1200 gedichtete ›Nibelungen‐ lied‹. Es gab sie schon um 1150 im frühen deutschen Minnesang, bevor die Liebeslyriker mit der Orientierung an romanischen Vorbildern um 1170 auch deren Strophenform übernahmen. Die Nibelungenstrophe könnte demnach ursprünglich eine Form der Liedlyrik gewesen sein. 7.3 Vers- und Strophenformen im hohen Mittelalter 189 Alternation und Füllungsfreiheit Als Beispiel aus dem Minnesang dient die erste von zwei Strophen eines Lieds, das vom Ende einer Liebschaft infolge eines Partnerwechsels handelt und von einem Dichter stammt, der in den Handschriften ›Der von Kürenberg‹ heißt: Der Kürenberger: Falkenlied. Text nach: Des Minnesangs Frühling. Texte. 38. Aufl. Hg. v. Hugo Moser u. Helmut Tervooren. Stuttgart 1988, S.-25, MF 8,33. Ich zóch mir éinen válkén---mére dánne ein jár. dó ich ín gezámeté,---als ích in wólte hán, und ích im sín gevíderé---mit gólde wól bewánt, er húop sich úf vil hóhé---und vlóuc in ándériu lánt. Ich zog mir einen Falken auf, länger als ein Jahr. / Als ich ihn abgerichtet hatte, wie ich ihn haben wollte, / und als ich ihm sein Gefieder schön mit Gold geschmückt hatte / schwang er sich hoch empor und flog in andere Lande. Die Reinheit des Reims ist hier noch nicht durchgesetzt (jar : han). Hebungen und Senkungen alternieren jedoch schon recht regelmäßig. Im letzten Abvers steht, wie oft auch im ›Nibelungenlied‹, eine beschwerte Hebung; hier dient sie offensichtlich dazu, das besonders schmerzliche Wort anderiu zu betonen. b. Höfischer Reimpaarvers Die silbenzählende Versifikation in den romanischen Texten bewegte die deutschen Dichter dazu, die traditionelle Füllungsfreiheit des akzentuieren‐ den Verses nach und nach aufzugeben. Unter dem romanischen Einfluss einer geregelten Silbenzahl wurde auch die Anzahl der Senkungen zuneh‐ mend fest, so dass sich die gleichmäßige Alternation von Hebung und Sen‐ kung immer weiter durchsetzte. Im Minnesang lässt sich die Tendenz zur Alternation schon seit der Übernahme der Stollenstrophe (vgl. S. 193) ab etwa 1170 beobachten; Walther von der Vogelweide hat das Prinzip der Al‐ ternation zusammen mit der Stollenstrophe auch in die Sangspruchdichtung eingeführt. 190 7 Verse und Strophen In den deutschsprachigen höfischen Romanen entsprechen den acht- und neunsilbigen, paarweise gereimten Versen der altfranzösischen Vorbildtexte seit Heinrich von Veldeke und Eilhart von Oberg (vgl. S. 75-78, 120f.) akzentuierende vierhebige Reimpaarverse, die oft, aber nicht durchweg alternieren. Auch die höfischen Romandichter der Zeit um 1200 - Hartmann von Aue, Gottfried von Straßburg und Wolfram von Eschenbach - gaben das alte Prinzip der Füllungsfreiheit nicht ganz auf, so dass ihre Verse einen Variationsspielraum behielten. Das Beispiel stammt aus Wolframs ›Parzival‹ (vgl. S. 128); der Anblick von drei Blutstropfen im Schnee erinnert Parzival wegen der Ähnlichkeit zu roten Wangen und rotem Mund im weißen Gesicht an die Schönheit seiner Frau Cundwiramurs: Wolfram von Eschenbach: Parzival. Studienausgabe. Mittelhochdeut‐ scher Text nach der sechsten Ausg. v. Karl Lachmann. Übers. v. Peter Knecht. Einf. zum Text v. Bernd Schirok. Berlin, New York 2 2003, S. 286, V. 282,24-283,13: do ér die blúotes zä́her sách úf dem sné (der wás al wíz), do dáhter: »wér hat sínen vlíz gewánt an díse várwe clár? Cundwíer amúrs, sich mác für wár disiu várwe dír gelíchén. mich wíl got sǽlden ríchén, sit ích dir híe gelíchez vánt. géret sí diu gótes hánt und ál diu créatíure sín. Condwír amúrs, hie lít din schín. sit der sné dem blúote wíze bót, und éz den sné sus máchet rót, Cúndwír ámúrs, dem glíchet sích din béa cúrs: des enbístu níht erlázén.« des héldes óugen mázén, als éz dort wás ergángén, zwen záher án ir wángén, den drítten án ir kínné. Als er die Blutstropfen / im Schnee sah (der war ganz weiß), / da dachte er: »Wer hat seine Mühe / auf diese schöne Farbe verwandt? / Condwir amurs, es kann gewiss / diese Farbe dir gleichen. / Gott will mich reich an Glück machen, / weil ich hier fand, was dir gleicht. / Gelobt seien Gottes [Schöpfer-]Hand / und alle seine Geschöpfe. / Condwir amurs, hier liegt dein Bild, / weil der Schnee dem Blut das Weiß zugrunde legte / und das Blut den Schnee rot färbte. / Condwir amurs, / dem gleicht dein schöner Körper, / das kann man dir nicht abstreiten.« / Die 7.3 Vers- und Strophenformen im hohen Mittelalter 191 Klingende Kadenz Satz- und Versgrenzen Enjambe‐ ment Zäsur Reimbrechung Augen des Helden verglichen, / was dort vor ihm lag - / zwei Tropfen mit ihren Wangen, / den dritten mit ihrem Kinn [Mund]. Hebungen und Senkungen alternieren in den meisten Versen regelmäßig. Nicht geregelt ist der Auftakt: Die Verse beginnen mit einer Hebung oder einer Senkung; manchmal stehen auch zwei Senkungen am Anfang (›doppelter Auftakt‹: sit der sné). Ein Vers nutzt jedoch die alte Möglichkeit der Füllungsfreiheit auf extreme Weise, denn er setzt auf den Namen von Parzivals Frau vier Hebungen hintereinander und hat deshalb keine einzige Senkung: Cúndwír ámúrs. Eindrücklich bekräftigt das den ohnehin mehrmals wiederholten Namen des Gegenstands von Parzivals Erinnerung. Eine weitere Gestaltungsform, die der vierhebige höfische Reimpaarvers aus der deutschen Tradition übernahm, ist die klingende Kadenz: Zweisil‐ bige (›weibliche‹) Reime mit langer Tonsilbe (langer Vokal wie lâ-zen : mâ-zen oder kurzer Vokal mit Konsonant am Silbenende wie gan-gen : wan-gen) tragen zwei Hebungen. Zweisilbige Reime, deren Tonsilbe mit ei‐ nem kurzen Vokal endet (wie etwa sa-gen : kla-gen), behandelten die höfi‐ schen Dichter dagegen wie einsilbige männliche Reime, nicht wie zweisil‐ bige weibliche; sie können deshalb keine klingenden Kadenzen tragen. Typisch für den höfischen Reimpaarvers ist das flexible Verhältnis zwi‐ schen Satzgrenzen und Versgrenzen, das sich im Textbeispiel beobachten lässt. Die Sätze können mit den Versen enden oder über das Versende hin‐ ausreichen (›Enjambement‹, Vers 1-2); innerhalb des Verses können syn‐ taktische Grenzen liegen (›Zäsur‹, Vers 3). Eine besonders beliebte Technik war die Reimbrechung: Der Reimpaarvers legt es eigentlich nahe, eine Satz‐ periode in einem Verspaar unterzubringen (wie in: Cundwir amurs, / dem glichet sich din bea curs). Kunstvoller ist es jedoch, die Satzperioden versetzt zu den Verspaaren anzulegen wie sonst überall in der zitierten Passage: Wo der Satz endet, ist die Reimbindung offen, und wo sich der Reim schließt, geht der Satz weiter. Dadurch entsteht beim Vortrag der Eindruck, dass die Versrede unentwegt voranschreitet. Die syntaktische und die metrische Gliederung der Rede sind unabhängig voneinander gestaltet und können deshalb auch in Spannung zueinander treten - ein unverkennbares Anzei‐ chen produktionsseitiger Schriftlichkeit, denn so kompliziert kann man nur mit Hilfe der Schrift dichten. 192 7 Verse und Strophen Musikalische und sprachliche Form Alternation Stollen Aufgesang Abgesang c. Stollenstrophe (Kanzonenstrophe) Die Verse und Strophen der Minnesänger wurden von den romanischen Vor‐ bildern beeinflusst, weil die Übernahme der musikalischen Formen zwangs‐ läufig auch eine Orientierung an den sprachlichen erforderte. Da jede Strophe eines Lieds auf dieselbe Melodie gesungen wird, liegt es nahe, die Silbenzahlen der einzelnen Verse festzulegen. Im Minnesang hielt die regelmäßige Alterna‐ tion deshalb schneller Einzug als im höfischen Roman nur gelegentliche Dop‐ pelsenkungen bewahren einen kleinen Rest der Füllungsfreiheit. Nach dem Vorbild der okzitanischen und französischen Minnesänger be‐ vorzugten die deutschen die Form der Stollenstrophe (auch ›Kanzonenstro‐ phe‹ genannt). Die Stollenstrophe ist eine variable Strophenform: Sie kann unterschiedlich lange Verse und unterschiedlich viele Verse haben. Ihre Ge‐ stalt wird von der musikalischen Dreiteiligkeit (AAB) bestimmt: Am Anfang steht ein Melodieteil A (der erste Stollen), der einmal wiederholt wird (der zweite Stollen). Die beiden Stollen zusammen bilden den Aufgesang. Dann folgt ein musikalisch anders gebauter Melodieteil B, der Abgesang. Zu dieser musikalischen Form muss die Form der Verse passen. Deshalb erkennt man auch in der sprachlichen Strophenform stets die beiden iden‐ tischen Stollen des Aufgesangs und den anders gebauten Abgesang. Als Beispiel dient die 1. Strophe eines Lieds Reinmars des Alten (vgl. S.-122), in dem die Dame beklagt, dass sie die männliche Werbung aus Rücksicht auf ihr Ansehen zurückweisen muss: Des Minnesangs Frühling. Texte. 38. Aufl. Hg. v. Hugo Moser u. Helmut Tervooren. Stuttgart 1988, S.-364, MF 186,19. Úngenádẹ und swáz ie dánne sórge wás, der íst nu mérẹ an mír, dánnẹ ez gót verhéngen sólde. rát ein wíp, diu é von sénender nót genás, min léit, und wǽr ez ír, wáz si dánne spréchen wólde. Dér mir íst von hérzen hólt, dén verspríchẹ ich sére, níht durch úngevǘegen ház, wán durch mínes líbes ére. 6 m a 3 m b 4 w c 6 m a 3 m b 4 w c 4 m x 3 w d 4 m x 4 m d Aufgesang 1. Stollen - - Aufgesang 2. Stollen - - Abgesang - - - 7.3 Vers- und Strophenformen im hohen Mittelalter 193 Metrisches Schema Waise Hiat Elision Strophen‐ aufbau und themati‐ scher Aufbau Ungnade und was es sonst immer schon an Nöten gab, / davon habe ich nun mehr, / als Gott verhängen sollte. / Eine Frau, die schon vom Liebeskummer geheilt wurde, soll mir einen Rat geben / gegen mein Leid: Wenn es das ihre wäre, was würde sie dann sagen? / Den ich von Herzen liebe, / den weise ich nachdrücklich ab, / nicht aus ungehöriger Feindseligkeit, / sondern wegen meines Ansehens. Bei Minnelied- und Sangspruchstrophen bietet die Erstellung eines Stro‐ phenschemas eine gute Möglichkeit, die Strophenform erkennbar zu ma‐ chen. Das oben neben dem Text eingetragene Strophenschema gibt die He‐ bungszahlen der Verse, ihre Reimart (männlich oder weiblich) und das Reimschema der Strophe an. Die Verse 7 und 9 sind ›Waisen‹: Sie haben keinen Reim. Das Strophenschema zeigt den identischen Bau der beiden Stollen, die hier aus jeweils drei Versen unterschiedlicher Länge bestehen. Reinmars Verse alternieren regelmäßig. Eine bestimmte Art der Doppelsen‐ kung erscheint nur in der schriftlichen Aufzeichnung, nicht im Vortrag: Wenn ein auslautender Vokal auf einen anlautenden trifft (›Hiat‹), wird er nicht gesprochen (›Elision‹): Ungenade und im 1. Vers wird zu Ungenad’ und; mere an im 2. Vers wird zu mer’ an. Nur die Doppelsenkung im Wort senender im 4. Vers fällt nicht unter diese Regel; möglicherweise wurde je‐ doch die Kurzform sender gesungen. Auch die Auftaktverhältnisse sind in diesem Lied in allen Strophen streng geregelt: Nur der zweite Vers beider Stollen beginnt mit Auftakt (also einer Senkung), alle anderen Verse begin‐ nen ohne Auftakt (also mit einer Hebung). Die streng geregelte Versifikation signalisiert sowohl im Minnesang wie auch in der Sangspruchdichtung den hohen Kunstanspruch der Gattungen. Der klare Aufbau der Stollenstrophe legt es nahe, den thematischen Aufbau des Textes in Entsprechung zu den Strophenteilen einzurichten. In diesem Fall füllt die Klage der Dame über ihre Not den ersten Stollen, ihr Wunsch nach dem Ratschlag einer glücklicheren Frau den zweiten; der Abgesang enthüllt den Grund ihres Leids. Schon die Satzperioden weisen auf die Übereinstimmung hin, denn sie entsprechen jeweils einem Strophenteil. Einen solchen dreiteiligen syntaktisch-thematischen Aufbau nach der Gliederung Stollen-Stollen-Abgesang oder einen zweiteiligen nach der Gliederung Aufgesang-Abgesang haben die Texte ungezählter Stollenstrophen. Seltener, aber nicht weniger kunstvoll ist ein Spannungsverhältnis zwischen Strophenform und thematischem Aufbau wie in der folgenden 194 7 Verse und Strophen Strophe des Minnesängers Heinrich von Morungen (vgl. S. 121f.), in der sich der Liebende über einen Erfolg freut: Des Minnesangs Frühling. Texte. 38. Aufl. Hg. v. Hugo Moser u. Helmut Tervooren. Stuttgart 1988, S.-277, MF 144,17. Hát man mích geséhen in sórgen, dés ensól niht mér ergán. wól vröiwẹ ích mich álle mórgen, dáz ich díe vil líeben hán Geséhen in gánzen vrö́iden gár. nu vlíuch von mír hin, lángez trúren! ích bin áber gesúnt ein jár. 4 w a 4 m b 4 w a 4 m b 4 m c 4 w x 4 m c Aufgesang 1. Stollen - Aufgesang 2. Stollen - Abgesang - - Wenn man mich in Kummer gesehen hat, / dann soll das nun ein Ende haben. / Sehr freue ich mich jeden Morgen, / dass ich die Geliebte habe / gesehen in uneingeschränktem Glück. / Nun geh fort von mir, langes Trauern! / Für ein Jahr bin ich wieder gesund. Wie üblich entspricht dem ersten Stollen eine thematische Einheit, der Abschied vom früheren Kummer. Der zweite Stollen nennt den Grund dafür, aber mit dem Satz reicht auch der inhaltliche Zusammenhang über die Grenze zwischen Aufgesang und Abgesang hinweg. Da diese Grenze musikalisch deutlich zu hören war, wirft der Liedvortrag am Ende des Aufgesangs die Frage auf, was er sie denn nun ›hat‹: - ›gesehen‹, antwortet der Beginn des Abgesangs. In welcher Situation, bleibt offen. Je strenger die Form, umso mehr kann man damit anstellen - auch Scherzhaftes. Die Stollenstrophe war vom 12. bis zum 17. Jahrhundert die erfolgreichste Strophenform in der deutschen Lyrik. Dass sich ihre klare Dreiteiligkeit mit unterschiedlich langen und unterschiedlich vielen Versen füllen ließ, kam ihrem Erfolg gewiss zugute. Aus der Sangspruchdichtung, wo sie seit Walt‐ her von der Vogelweide konkurrenzlos war, gelangte sie in den städtischen Meistergesang (vgl. S. 93). Auch in der sonstigen spätmittelalterlichen und frühneuzeitlichen Liedlyrik, der weltlichen wie der religiösen, findet man sie oft. 7.3 Vers- und Strophenformen im hohen Mittelalter 195 ›Volksliedstrophe‹ Hildebrand‐ strophe 7.4 Vers- und Strophenformen in Spätmittelalter und früher Neuzeit a. ›Volksliedstrophen‹: Hildebrandstrophe, Vagantenstrophe Die Techniken des Vers- und Strophenbaus, die die höfischen Dichter um 1200 einführten, blieben im 13. und 14. Jahrhundert weitgehend unverändert im Gebrauch und bildeten auch im 15. und 16. Jahrhundert noch die Grund‐ lage für einen Teil der Verskunst. Das betrifft vor allem die so genannten ›Volksliedstrophen‹. Die Bezeichnung stammt aus dem 19. Jahrhundert, wo sie für Strophen‐ formen benutzt wurde, die nicht auf romanische Vorbilder zurückgehen und die man deshalb für volkstümlich und ›deutsch‹ hielt. Im 15. und 16. Jahr‐ hundert waren sie in der Liedlyrik verbreitet, die von Stadtbürgern und Adeligen gepflegt wurde und die weitgehend anonym in Liederbüchern und Einblattdrucken überliefert ist. Die Bezeichnung ›Volkslied‹ ist problema‐ tisch, und auch ein ›deutscher‹ oder ›romanischer‹ Charakter von Stro‐ phenformen hat in Spätmittelalter und früher Neuzeit niemanden interes‐ siert. Die Stollenstrophe beispielsweise findet sich in der Liedlyrik dieser Zeit ebenfalls häufig. ›Volksliedstrophe‹ ist jedoch ein verbreiteter Begriff und wird deshalb auch hier beibehalten. In den ›Volksliedstrophen‹ herrscht der akzentuierende Vers, meist mit drei oder vier Hebungen, oft alternierend, ebenso oft mit gemäßigter Füll‐ ungsfreiheit in Gestalt von Doppelsenkungen. Alle Strophenformen, die zu dieser Gruppe gehören, zeichnen sich durch einen einfachen Aufbau aus. Von den vielen verschiedenen Varianten stelle ich als Beispiele nur zwei der bekanntesten vor, die ›Hildebrandstrophe‹ und die ›Vagantenstrophe‹. Die Hildebrandstrophe ist ein Kind der Nibelungenstrophe. Ihren Namen hat sie vom ›Jüngeren Hildebrandslied‹, einem seit dem 15. Jahrhundert handschriftlich überlieferten und im 16. Jahrhundert mehrmals gedruckten Erzähllied über den alten Hildebrand-Stoff. Zu Beginn beschließt Hilde‐ brand, nach langem Exil heim nach Bern (Verona) zu seiner Frau Ute zu kehren: 196 7 Verse und Strophen Halbe Hildebrandstrophe ›Jüngeres Hildebrandslied‹, 1. Strophe. Text nach: Epochen der deut‐ schen Lyrik. Band 3. Gedichte 1500-1600. Hg. v. Klaus Düwel. München 1978, S. 43. Ich wíl zu Lándt aus Réitten / sprach sich Méister Híldebrándt / der mír die Wég thut wéisen / gen Bérn wol ín die Lánd / die sínd mir v́nkundt gewésen / viel mánchen líeben tág / in zwéy und dréissig járen / Fraw Útten ich níe gesách. 3 w a 3 m b 3 w a 3 m b 3 w c 3 m d 3 w c 3 m d Wo die Hildebrandstrophe anknüpfte, ist an der Prologstrophe des ›Nibe‐ lungenlieds‹ (vgl. S. 58) zu erkennen. In dieser Strophe reimen nämlich, anders als sonst im ›Nibelungenlied‹ üblich, auch die Anverse paarweise aufeinander: Uns íst in álten mǽren   wúnders víl geséit von hélden lóbebǽren,   von grózer árebéit, von frö́uden, hóchgezíten, von wéinen únd von klágen, von kǘener récken stríten   muget ír nu wúnder hœ́ren ságen. 3 w a /  3 m b 3 w a /  3 m b 3 w c /  3 m d 3 w c /  4 m d Die zusätzlichen Reime in den Anversen zerlegen die vier Langverse in acht Kurzverse. Das Ergebnis ist die kreuzgereimte, achtversige Hildebrandstro‐ phe mit dem regelmäßigen Wechsel von weiblichem und männlichem Reim. Die Besonderheit des vierhebigen letzten Abverses ist in der Hildebrand‐ strophe jedoch aufgegeben; alle Verse sind dreihebig. Ebenso weit verbreitet wie die achtversige Hildebrandstrophe war im 15. und 16. Jahrhundert die ›halbe Hildebrandstrophe‹ aus vier kreuzgereimten Versen. Ein Beispiel ist die erste Strophe eines Lieds aus dem 15. Jahrhundert, in dem ein verschneiter Weg und die Belästigung durch Schneebälle für den Verlust der Geliebten an einen Konkurrenten stehen (wie sich in den an‐ schließenden Strophen herausstellt): 7.4 Vers- und Strophenformen in Spätmittelalter und früher Neuzeit 197 Vagantenstrophe Text nach: Epochen der deutschen Lyrik. Band 2. Gedichte 1300-1500. Hg. v. Eva u. Hansjürgen Kiepe. München 1972, S. 292. Es íst ein schné gefállen, vnd íst es dóch nit czéit; man wúrft mich mít den pállen, der wég ist mír verschnéit. 3 w a 3 m b 3 w a 3 m b Die Vagantenstrophe stammt aus der lateinischen Lyrik des 12. und 13.-Jahr‐ hunderts. Die Verfasser dieser anonym überlieferten Lieddichtung hielt man früher für Vaganten (fahrende Kleriker, vor allem Studenten) - eine An‐ nahme, die sich als nicht in allen Fällen berechtigt erwiesen hat. Die lateini‐ sche Vagantenstrophe ist akzentuierend versifiziert und ähnelt der Nibelun‐ genstrophe: Sie besteht ebenfalls aus vier Langzeilen mit paarweise gereimten Abversen. Nur bei den Hebungszahlen und bei der Verteilung der männli‐ chen und weiblichen Versausgänge gibt es Unterschiede: In der Vaganten‐ strophe sind die Anverse vierhebig und enden nicht, wie die der Nibelungen‐ strophe, klingend. Die Abverse sind dreihebig mit weiblichen Reimen: Carmina Burana. Die Lieder der Benediktbeurer Handschrift. Zweispra‐ chige Ausgabe. 5., rev. Aufl. München 1991, S.-568, CB 191, Strophe 12. Méum ést propósitúm   ín tabérna móri, út sint vína próximá   móriéntis óri; túnc cantábunt létiús  ángelórum chóri: »Sít deús propítiús   húic pótatóri.« - Méin Begéhr und Wíllen íst:    ín der Schénke stérben, wó mir Wéin die Líppen nétzt, éh sie sích entfä́rben; áller Éngel fróher Chór wírd dann fü´r mich fléhen: »Lásse díesen Zécher, Hérr,   ín dein Réich eingéhen! « In deutschen Vagantenstrophen, die diesem Vorbild folgen, reimen auch die Anverse aufeinander. Dadurch werden die Langverse in Kurzverse zerlegt, genauso wie auf dem Weg von der Nibelungenstrophe zur Hildebrandstro‐ 198 7 Verse und Strophen Ganze und halbe Vagantenstrophe phe. Von der deutschen Vagantenstrophe gibt es ebenfalls eine ›ganze‹ acht‐ versige und eine ›halbe‹ vierversige Variante. Ein Beispiel für die halbe Va‐ gantenstrophe bietet ein im 16. Jahrhundert verbreitetes Lied mit dem Ratschlag, ein erotisches Objekt, das man nicht halten kann, ziehen zu lassen (1. Strophe): Text nach: Erhart Oeglin’s Liederbuch zu vier Stimmen. Augsburg 1512. Hg. v. Robert Eitner u. Julius Joseph Maier. Berlin 1880, S.-3. Zwíschen bérg und tíefem tál, da lígt ein fréie stráßen; wer séinen búlen nit háben mág, der mús in fáren lássen. 4 m a 3 w b 4 m a 3 w b b. Silbenzählende Verse Vom Frühmittelalter bis heute wurden und werden deutsche Verse meistens nach dem akzentuierenden Prinzip gemacht. Der Vers kommt durch eine Abfolge von Hebungen und Senkungen zustande, die regelmäßiger verläuft, als die Sprachakzente in der nicht-versifizierten Rede verteilt sind, die aber auf den normalen Akzentverhältnissen beruht. Es kann deshalb niemals heißen: Vóm Himmél hoch, sondern immer nur: Vom Hímmel hóch - weil es ›Hímmel‹ und nicht ›Himmél‹ heißt. Auch viele Verse des 15. und 16. Jahrhunderts entsprechen dieser Erwartung; so etwa Martin Luthers berühmtes, 1535 erstmals gedrucktes Weihnachtslied vom Engel und seiner guten Mär (das alte Wort für ›Nachricht‹): Martin Luther: Die deutschen geistlichen Lieder. Hg. v. Gerhard Hahn. Tübingen 1967, S. 44. Vom hímel hóch da kóm ich hér / ich bríng euch gúte néwe méhr / der gúten méhr bring ích so víel / dauón ich síngen vnd ságen wíl. 7.4 Vers- und Strophenformen in Spätmittelalter und früher Neuzeit 199 Silbenzäh‐ lende Verse Silbenzählende Leseverse In der von Luther 1539 komponierten Melodie, auf die das Lied bis heute gesungen wird, kommt die Alternation zwischen Hebungen und Senkun‐ gen allerdings gar nicht zur Geltung. Die Melodie ist so angelegt, dass alle Silben beim Singen gleich stark betont werden; nur die Auftakte sind mit kürzeren Notenwerten versehen: Vom hímél hóch dá kóm ích hér. Die Verse sind zwar akzentuierend gedichtet; dass sie zur musikalischen Form passen, liegt jedoch allein an der Regelung der Silbenzahl: Alle Verse ha‐ ben acht Silben, weil die Melodie acht Töne je Vers hat. (Vers 4 hat al‐ lerdings eine Silbe zu viel, weshalb bei ›singen‹ ein bisschen geschum‐ melt werden muss.) Im 15. und 16. Jahrhundert gibt es Verse, die nicht nach dem akzentuie‐ renden, sondern nach dem silbenzählenden Prinzip gemacht sind und die beim Lesen sehr zu holpern scheinen; so etwa im folgenden, 1524 erstmals gedruckten Weihnachtslied Luthers, einer nahezu wörtlichen Übersetzung des alten lateinischen Hymnus ›Veni redemptor gentium‹: Martin Luther: Die deutschen geistlichen Lieder. Hg. v. Gerhard Hahn. Tübingen 1967, S. 23: Nu kom der heyden Heyland / der iungfrawen kind erkand / Das sich wunder alle welt / Gott solch geburt yhm bestelt. Während der erste Vers glatt alterniert (Nu kóm der héyden Héyland), hinkt der vierte, wie man ihn auch dreht und wendet: Gótt solch géburt ýhm bestélt geht nicht; Gott sólch gebúrt yhm béstelt geht auch nicht. (In heutigem Deutsch bedeutet der Satz übrigens: Eine solche Geburt bereitet sich Gott). Genauso verhält es sich mit weiteren Versen des Lieds. Beim Singen ist das aber ganz egal, weil alle Silben gleich stark akzentuiert werden (Gótt sólch gébúrt ýhm béstélt). Wichtig für die musikalische Umsetzung ist allein, dass jeder Vers genau sieben Silben lang ist. Silbenzählende Verse, die die Akzentuierung nicht beachten und deshalb beim Lesen fehlerhaft klingen, sind bei einer entsprechenden musikalischen Rhythmisierung also gar kein Problem. Nun gab es im 15. und 16. Jahrhun‐ dert silbenzählende Verse aber auch in Texten, die nicht gesungen wurden. 200 7 Verse und Strophen Ein Beispiel ist der auf S. 41-42 schon zitierte ›Lobspruch der statt Nürnberg‹ von Hans Sachs - hier noch einmal ein kurzer Ausschnitt: Wer dann zu künsten ist geneyget, Der find alda den rechten keren; Und wellicher kurtzweyl will leren, Fechten, singen und saytenspil, Die find er künstlich und subtil. Das für heutige Ohren Tückische an diesen Versen ist, dass sie teilweise zu alternieren scheinen wie im 1. und 2. Vers: Wer dánn zu kǘnsten íst genéyget, Der fínd aldá den réchten kéren; Deshalb kommt man beim Lesen ins Stolpern, wenn sie es nicht tun wie im 3. und 4. Vers: Und wéllicher kúrtzwéyl will léren, Féchten, síngen und sáytenspíl, Weil manche Verse glatt zu laufen scheinen, hat man den Eindruck, dass andere hinken. Die Verse zielen jedoch weder auf einen strengen Wechsel zwischen Hebungen und Senkungen noch auf eine Festlegung der Hebungs‐ zahl, denn sie sind nicht akzentuierend gedichtet. Streng geregelt ist nur die Silbenzahl: Alle Verse mit männlichem Reim haben 8 Silben, alle mit weiblichem Reim haben 9 Silben. Wer die historische Intonation treffen will, darf beim Lesen weder in den alternierenden Trott verfallen noch grundsätzlich vier Hebungen suchen, sondern muss sich an die normalen Wortakzente halten. Dann holpern die Verse gar nicht; sie klingen nur für unsere Ohren etwas ungleichmäßig: 7.4 Vers- und Strophenformen in Spätmittelalter und früher Neuzeit 201 Strenger Knittelvers Wer dann zu kǘnsten ist genéyget, Der fínd alda den réchten kéren; Und wéllicher kúrtzweyl will léren, Féchten, síngen und sáytenspíl, Die find er kǘnstlich und subtíl. Diese Versform erhielt im 17. Jahrhundert die Bezeichnung ›Knittelvers‹. Ein ›Knittel‹ (oder ›Knüttel‹) ist ein Holzprügel. Die Bezeichnung bedeutet also ›Prügelvers‹ und ist abfällig gemeint, denn der Knittelvers war das Feindbild der Versreform, die Martin Opitz 1624 mit dem ›Buch von der deutschen Poeterey‹ einleitete. Opitz hielt nur Verse mit einer streng gere‐ gelten Abfolge von Hebungen und Senkungen für kunstgerecht und wertete deshalb alles ab, was dieser Norm nicht folgte. Obwohl wir andere Versifizierungsprinzipien inzwischen respektieren, blieb die Bezeichnung erhalten. Allerdings spricht man heute von ›strengem Knittelvers‹, um die genaue Regelung der Silbenzahl zum Ausdruck zu bringen. Außerhalb der Liedlyrik war der strenge Knittel der verbreitetste Vers in der deutschen Dichtung des späteren 15. und des 16. Jahrhunderts; Hans Sachs hat ihn in seinen zahlreichen Werken ebenso benutzt wie Sebastian Brant im ›Narrenschiff‹ (vgl. S. 109). Niemand hat sich in dieser Zeit an den silbenzählenden Versen gestört; ganz im Gegenteil wurde Brants Versifikation von seinen Zeitgenossen als kunstvoll gelobt. Trotzdem blieben die silbenzählenden Verse eine vorübergehende Erscheinung in der deutschen Versgeschichte: Die opitzianische Versreform führte zu einer schnellen, breitenwirksamen und dauerhaften Rückkehr zur akzentuieren‐ den Versifikation. 202 7 Verse und Strophen Bedeutungs‐ aufbau und kulturelles Wissen Bedeutung und Wirklichkeit 8 Argumentativer Bedeutungsaufbau In diesem und den anschließenden vier Kapiteln geht es um den Bedeutungs‐ aufbau in Texten und seinen Zusammenhang mit kulturellem Wissen. Texte bestehen meistens aus einer Abfolge von Aussagen, weshalb Bedeutung sowohl bei der Textproduktion als auch bei der Textrezeption sequentiell, also nach und nach konstruiert wird. Für den sequentiellen Bedeutungsauf‐ bau gibt es kulturelle Muster wie Argumentieren und Erzählen, die als Bestandteile der Sprachgebrauchskompetenz erlernt werden und deshalb selbst schon zum kulturellen Wissen gehören. Bedeutungen bedürfen der Untersuchung, weil Texte, Diskurse und kul‐ turelle Praktiken nicht einfach Abbildungen der Wirklichkeit sind. Wirk‐ lichkeit ›gibt es‹ für jeden Menschen und für jede Gemeinschaft immer nur in interpretierter Form. Wir nehmen die Welt nach bestimmten Mustern wahr, und wir tun das nicht alle auf dieselbe Weise: Wenn ich durch meine Heimatstadt gehe, sehe ich nicht dasselbe wie ein Fremder, weil die Dinge eine andere Bedeutung für mich haben. Wir bringen die Wirklichkeit auf mehr oder weniger abstrakte Begriffe, unter denen wir nicht alle zwangs‐ läufig dasselbe verstehen: Man kann nicht ertragreich darüber streiten, was ›Liebe‹ ist, sondern nur darüber, was wir darunter verstehen. Wir weisen die Wirklichkeit unterschiedlichen kulturellen Lebensbereichen zu, über deren Verhältnis zueinander wir nicht immer einig sind - etwa, wenn es um den Geltungsanspruch religiöser oder ökonomischer Grundsätze in der Po‐ litik geht. ›Bedeutung‹ lässt sich deshalb nicht als etwas verstehen, was wir zur Wirklichkeit hinzutun und auch wieder von ihr abziehen könnten, so dass die nackte Wirklichkeit übrig bliebe. Angemessener ist es, Bedeutung als eine Form zu verstehen, die wir der Wirklichkeit geben - und zwar unver‐ meidlich: Wir müssen der Wirklichkeit nicht eine bestimmte Bedeutung geben, aber wir geben ihr stets eine Bedeutung. ›Dichtung‹ beispielsweise ist stets das, was als Dichtung gilt, und das war nicht zu allen Zeiten und für alle dasselbe (vgl. Kapitel 4). ›Hinter‹ den verschiedenen Dichtungsbe‐ griffen gibt es nichts, was als ›wirkliche‹ Dichtung von den verschiedenen Bedeutungen von ›Dichtung‹ zu unterscheiden wäre. Deutungen der Wirklichkeit Bedeutung als Zusam‐ menhang Bedeutung als Funktion Schon in unserer unmittelbaren Umgebung sind unterschiedliche Inter‐ pretationen der Wirklichkeit allgegenwärtig. Sie werden mit zunehmender räumlicher oder zeitlicher Entfernung nur noch offensichtlicher. In anderen Kulturen oder in früheren Zeiten gibt oder gab es womöglich andere Vor‐ stellungen von ›Liebe‹, die unter Umständen kaum nennenswerte Ähnlich‐ keiten mit unseren Vorstellungen haben. Für die meisten von uns existiert eine ziemlich selbstverständliche Trennung zwischen verschiedenen Le‐ bensbereichen wie Religion, Wirtschaft, Politik, Recht, Wissenschaft, Kunst. Diese Unterscheidung gibt es jedoch nicht überall, wie es sie auch in der Geschichte unserer eigenen Kultur nicht immer gab. Wer sich mit anderen Zeiten beschäftigt, trifft auf zumindest teilweise andere Bedeutungsordnun‐ gen. Was ›Bedeutung‹ (oder ›Sinn‹) ist, lässt sich auf zwei Arten verstehen, die einander nicht ausschließen, sich aber doch voneinander unterscheiden. Zum einen erhält etwas Bedeutung dadurch, dass es in Beziehung zu etwas anderem, einem Kontext, tritt: Die Bedeutung eines Wortes ergibt sich aus dem sprachlichen Wortfeld, zu dem es gehört; aus dem Satz, in dem es steht; aus der Situation, in der es benutzt wird. Die Bedeutung eines Textes ergibt sich daraus, wie seine Bestandteile angeordnet sind und in welchem Ver‐ hältnis sie zu bestimmten kulturellen Wissensordnungen und Praktiken stehen. Bedeutung beruht, so verstanden, auf Zusammenhang: Man versteht etwas, wenn man einen Zusammenhang versteht - den inneren Zusam‐ menhang der Elemente eines Textes und den Zusammenhang zwischen dem Text und seinem kulturellen Kontext. Zum anderen erhält etwas Bedeutung dadurch, dass es einen Zweck oder eine Absicht verfolgt. Man versteht etwas, wenn man es als eine intentionale (zielgerichtete) Handlung versteht. Bei Texten kann sich das auf die unmit‐ telbare Gebrauchsfunktion beziehen: Die Bedeutung eines Kochrezepts be‐ steht in der Funktion, eine Anleitung zur Herstellung einer Mahlzeit zu ge‐ ben. Bei poetischen Texten (auch bei älteren) geht das in der Regel nicht so direkt. Sie als zielgerichtete Handlung zu verstehen, heißt eher zu erkennen, welche Funktion die Struktur des Textes (die Auswahl und Anordnung sei‐ ner Bestandteile) hat - zu welchem Zweck er gerade so gemacht ist, wie er gemacht ist. Textverfasser: innen beziehen sich neben dem kulturellen Wissen um Bedeutungsaufbau, Argumentation und Erzählen stets auch auf eine Fülle weiterer Wissensbestände, die sie zugleich bei ihren Adressat: innen vor‐ aussetzen. Auf der Grundlage des von Textproduzent: innen und -rezipi‐ 204 8 Argumentativer Bedeutungsaufbau ent: innen geteilten Wissens sind letztere fähig, die Bedeutungsangebote eines Textes zu verstehen. Um herauszufinden, welche Bedeutungsangebote Verfasser: innen älterer Texte ihrem jeweiligen Publikum machten, ist es deshalb nötig, das kulturelle Wissen zu rekonstruieren, auf das bei der Produktion und Rezeption von Texten zurückgegriffen werden konnte. Die Reihenfolge der Kapitel ist als Voranschreiten vom Konkreteren der textuellen Muster zum Abstrakteren der kulturellen Wissensordnun‐ gen aufgebaut. Kapitel 8 und 9 erläutern die beiden wichtigsten Typen textuellen Bedeutungsaufbaus und führen dabei in Argumentations- und Erzählanalyse ein. Als Beispiele dienen die erste ›Reichston‹-Strophe Walthers von der Vogelweide (in der Fassung der Handschrift A, Text und Übersetzung S.-171) und der ›Engelhard‹-Roman Konrads von Würzburg (vgl. S. 231-236). In beiden Fällen kommen jedoch auch kulturelle Wis‐ sensbestände zur Sprache, auf die die Beispieltexte beim Argumentieren und Erzählen zurückgreifen. Dabei wird bereits deutlich, dass Texte das aktualisierte Wissen einer‐ seits im sequentiellen Bedeutungsaufbau in eine geordnete Form bringen, andererseits aber zugleich voraussetzen, dass dieses Wissen selbst schon eine geordnete Form hat. Die von den Texten vorausgesetzten Ordnungen kulturellen Wissens sind das Thema der beiden anschließenden Kapitel, wo‐ bei zwei Wissensarten unterschieden werden. Kapitel 10 hat diskursiv-be‐ griffliche Wissensordnungen zum Gegenstand. Hier werden Diskursbegriff und historische Diskursanalyse sowie am Anfang - als Einleitung zu den Kapiteln 10 und 11 - der Kulturbegriff erläutert. In Kapitel 11 geht es im Zusammenhang mit dem Habitus- und dem Ritualbegriff um praktische Wissensordnungen und ihre Bedeutung für die Handlungsdarstellung in Texten. Kapitel 12 stellt wissensbasierte Modelle kultureller Wirklichkeits‐ konstruktion in Mittelalter und früher Neuzeit vor, nämlich das im theolo‐ gischen Wissen verankerte Konzept der Offenbarungswahrheit und das rhetorische Wahrscheinlichkeitskonzept. Im Zusammenhang mit dem theo‐ logischen Modell werden Bibelauslegung, Naturallegorese und die Ordnung der Zeit (›Heilsgeschichte‹) behandelt, beim rhetorischen Modell steht der Toposbegriff im Mittelpunkt. 8 Argumentativer Bedeutungsaufbau 205 Argumente und Schlussfol‐ gerungen Begriffsbe‐ ziehungen 8.1 Argumentation Ein Argument ist eine Aussage (a), die eine Aussage (b) begründet: (b) ›Sokrates ist sterblich, weil‹ (a) ›Sokrates ein Mensch ist‹; oder (b) ›Sok‐ rates ist sterblich, weil‹ (a) ›alle Menschen sterblich sind‹. Eine Argu‐ mentation ist überzeugend, wenn sie auf einer Schlussfolgerung beruht, die einen Fall als Fall einer Regel ausweist: ›Alle Menschen sind sterb‐ lich; Sokrates ist ein Mensch; also ist Sokrates sterblich‹. Die Schlussfol‐ gerung ist gültig, wenn sowohl die Aussage über die Regel (›Alle Men‐ schen sind sterblich‹) als auch die Aussage über den Fall (›Sokrates ist ein Mensch‹) gültig sind. Was im Argument als kausales Begründungsverhältnis erscheint (›weil‹), beruht in der Schlussfolgerung auf einer Begriffsbeziehung, die in der Fall‐ aussage ›Sokrates ist ein Mensch‹ hergestellt wird: alle x sind y; z ist ein x; also: z ist y. Argumentationen beruhen deshalb immer auf Begriffsbezie‐ hungen. Um ein Argument zu bestreiten, kann man entweder die Begriffs‐ beziehung bestreiten (›aber Sokrates ist kein Mensch, sondern ein Compu‐ terprogramm‹) oder die Regel (›Sokrates ist durch Platons Dialoge unsterblich geworden, also sind nicht alle Menschen sterblich‹). Argumen‐ tationen sind nur dann nötig, wenn eine Aussage bestreitbar und deshalb begründungsbedürftig ist: Dass Sokrates sterblich ist, wird man wahrschein‐ lich erst mit Argumenten begründen, wenn jemand etwas anderes behaup‐ tet. Im textuellen Bedeutungsaufbau werden Argumente oft sequentiell ge‐ reiht, entweder indem mehrere Argumente zur Begründung einer Behauptung angeführt werden oder indem ein der Begründung dienendes Argument seinerseits durch weitere Argumente begründet wird. Auch wenn das Argumentieren auf dem Prinzip des logischen Folgerns beruht, unterscheiden sich argumentative Bedeutungskonstruktionen in Texten meistens erheblich von der Form logischer Folgerungen. Wie das Sokrates-Beispiel zeigt, kann man beim Argumentieren entweder die Aus‐ sage über die Regel oder die über den Fall weglassen. Argumentationen sind deshalb meistens verkürzte Formen der Schlussfolgerungen, auf denen sie beruhen. Kausalbeziehungen werden zudem oft nicht ausdrücklich herge‐ stellt (›Sokrates ist sterblich - er ist ein Mensch‹) oder konditional formuliert (›Wenn Sokrates ein Mensch ist, ist er auch sterblich‹). Argumentative Texte machen darüber hinaus Begriffsbeziehungen, auf denen die logische Folgerung beruht, oft nicht durch Wortwiederholungen deutlich, sondern nutzen die Variationsmöglichkeiten der thematischen Wiederaufnahme 206 8 Argumentativer Bedeutungsaufbau Argumente und kulturelles Wissen Argumenta‐ tion und Rhetorik Pathos und Ethos Analogie‐ schlüsse (›Als Mensch ist Sokrates sterblich wie alle Lebewesen‹). Die Rekonstruktion eines argumentativen Bedeutungsaufbaus ist deshalb stets ein interpretato‐ risches Verfahren. Ein Argument ist nur dann eine Begründung für eine Behauptung, wenn die Begründung schwerer bestritten werden kann als die Behauptung. Ar‐ gumentationen beruhen deshalb immer auf Schlussfolgerungen, die leichter Bestreitbares oder weniger Plausibles aus schwerer Bestreitbarem oder Plausiblerem ableiten. Die Plausibilität von Argumentationen ist folglich davon abhängig, welche Aussagen im jeweiligen kulturellen Wissen als mehr oder weniger plausibel gelten: Argumentationen müssen stets beim für wahr oder wahrscheinlich Gehaltenen ansetzen, um eine Begründungs‐ leistung erbringen und einen Überzeugungseffekt erzielen zu können. Als Begründungsverfahren ist das Argumentieren eine sprachliche Kom‐ petenz, die im Alltag als praktisches Wissen erlernt wird. In der griechischen Antike entstanden allerdings Traktate, die diese praktische Kompetenz zum Gegenstand der Rhetorik als einer systematischen Lehre von der Argumen‐ tation und damit zu einer diskursiven Wissensordnung machten. Als syste‐ matische Lehre hat die Rhetorik ihrerseits die argumentative Praxis aller möglichen Arten von Textverfassern - Rednern, Philosophen, Geschichts‐ schreibern, Dichtern - beeinflusst. Über antike lateinische Vermittlung ge‐ langte das rhetorische Wissen in das Mittelalter und die frühe Neuzeit, so‐ wohl in der Gestalt einer in Traktaten vermittelten Lehre als auch in der Gestalt nachahmbarer praktischer Anwendung in Texten. Zentrale Gegenstände der antiken Rhetorik waren Verfahrensweisen des textuellen Bedeutungsaufbaus, die nur beim Argumentieren und nicht beim logischen Folgern benutzt werden. Zu diesen Verfahrensweisen gehören unter anderem die Erregung von Gefühlen beim Publikum (in der griechi‐ schen Rhetorik pathos), die Selbstdarstellung des Argumentierenden (ethos) sowie der Einsatz von Analogieschlüssen, die sprachlich oft als Vergleiche oder Metaphern formuliert sind. Wenn Argumentierende positive Gefühle für die von ihnen vertretenen Aussagen oder negative für die von ihnen abgelehnten evozieren und wenn sie so tun, als ob sie nicht eigene Interessen verfolgen würden, sondern die der Adressat: innen, kann das die Erfolgs‐ aussichten der Argumentation erheblich vergrößern. Die Plausibilität von Analogieschlüssen ist stets vom kulturellen Wissen abhängig: So hat zum Beispiel Johann Fischart im späteren 16.-Jahrhundert in den Gedichten ›An Ehr vnd Billigkeit liebende Leser. Etlich Sonnet‹ sein negatives Urteil über die Herrschaft Katharinas von Medici (gest. 1589) 8.1 Argumentation 207 ›Ich saz ûf eime steine‹ Lebensziele in Frankreich mit der Regel begründet, dass es gegen die Natur ist, wenn Schwächere Stärkere beherrschen. Diese Regel begründete er ihrerseits mit der Analogie zum Verhältnis zwischen Henne und Hahn im Hühnerhof. Vorausgesetzt ist dabei, dass dieses Verhältnis eine natürliche Ordnung erkennbar macht, die auch der menschlichen Gemeinschaft zugrunde liegt. Nur wenn diese Voraussetzung im kulturellen Wissen als richtig gilt, hat die Analogie einen Begründungswert. Fischart hat sie nicht nur ausdrück‐ lich hergestellt, sondern außerdem in der metaphorischen Bezeichnung Katharinas als ›Henne‹ aufgegriffen, die die ›Gallos‹ (gallische Hähne) ›zu Capaunen machen‹ (d. h. kastrieren) wolle. Die Metaphorik hat eine argumentative Funktion wegen der Analogie, auf der sie beruht. Der Rhetorik galt alles der Plausibilisierung Dienliche als Bestandteil der Argumentation; bei der Rekonstruktion des argumentativen Bedeutungs‐ aufbaus gerade auch älterer Texte muss das berücksichtigt werden. In der ersten Strophe von Walthers ›Reichston‹ (vgl. S. 171) spielen insbesondere metaphorische Analogien und die Selbstdarstellung des Sängers (ethos) eine wichtige Rolle. Zunächst müssen jedoch der sequentielle Bedeutungsaufbau in der Reihenfolge der behandelten Themen und die Begriffsbeziehungen beschrieben werden. 8.2 Textuelle Sequenzierung 1. Am Anfang beschreibt der Sänger eine Körperhaltung, die er einmal eingenommen hat (V.-1-5). 2. Im Anschluss daran berichtet er, welche Gedanken ihm in dieser Situation kamen. Diese Gedanken füllen den gesamten Rest der Strophe (V.-6-24): 2.1. Der Sänger stellt sich die Frage, wofür man auf der Welt leben soll (V.-6-7). 2.2. Er stellt sich die Frage, wie drei Dinge zusammen erreicht werden können; diese Frage macht ihn ratlos (V.-8-10). 2.3. Er identifiziert die drei Dinge (V. 11-14). Dabei zeigt sich, dass es sich eigentlich nicht um konkrete ›Dinge‹, sondern um abstrakte Begriffe handelt. Zunächst werden die ersten beiden als konfliktträchtiges Paar genannt (›Ansehen‹ und ›Besitz‹), dann wird das dritte (›Gottes Gnade‹) den beiden anderen übergeordnet. 208 8 Argumentativer Bedeutungsaufbau Abb. 19: Der ›Reichston‹ Walthers von der Vogelweide in der Manessischen Liederhand‐ schrift 8.2 Textuelle Sequenzierung 209 Metaphorik Voraussetzungen und Hindernisse Themati‐ sche Wiederaufnahme 2.4. Der Sänger äußert den Wunsch und stellt dann gleich die Unmöglich‐ keit fest, alle drei ›Dinge‹ zu vereinen (V. 15-19). Dies ist auf metaphorische Weise ausgedrückt: Die drei ›Dinge‹ sollen gemeinsam in ein Gefäß, doch ist es nicht möglich, dass sie zusammen in ein Herz kommen. Die metaphori‐ sche Ausdrucksweise ist für den thematischen Fortgang wichtig, weil sie die drei abstrakten Begriffe erneut wie konkrete Dinge behandelt, die man in ein Gefäß legen kann oder die zu einem Ort (ins Herz) kommen können. An diese Vorstellung von einer Bewegung der drei ›Dinge‹ schließt die folgende Aussage an: 2.5. Den drei ›Dingen‹ ist der Weg versperrt. Schuld daran sind ›Untreue‹ und ›Gewalt‹, die im Hinterhalt liegen, während ›Friede‹ und ›Recht‹ schwer verwundet sind (V. 20-23). Auch dies ist eine metaphorische Ausdrucksweise, die die abstrakten Begriffe ›Untreue‹ und ›Gewalt‹ wie konkrete Wegelagerer, die abstrakten Begriffe ›Friede‹ und ›Recht‹ wie konkrete Verletzte behandelt. 2.6. Die drei ›Dinge‹ (also die Begriffe ›Ansehen‹, ›Besitz‹ und ›Gottes Gnade‹) werden in eine Beziehung zu den beiden Verletzten (also den Be‐ griffen ›Friede‹ und ›Recht‹) gesetzt (V. 24). Die Ausdrucksweise ist wieder metaphorisch: Die drei können sich nicht sicher fortbewegen, solange die zwei verletzt sind. 8.3 Begriffsbeziehungen Gegenstand der berichteten Gedanken (2.1-6) sind die drei Dinge, ihre Beziehungen zueinander und ihre Beziehung zu den beiden Wegelagerern und den beiden Verletzten. Die Begriffsbeziehungen lassen sich anhand der einzelnen Aussagen rekonstruieren: 1. Es ist erstrebenswert, alle drei Dinge zu ›erwerben‹. ›Besitz‹, ›Ansehen‹ und ›Gottes Gnade‹ sind demnach Ziele, die ›man‹ anstrebt. Das Pronomen ›man‹ weist darauf hin, dass es sich um allgemein angestrebte Ziele handelt, auf die sich auch die Bemühungen des Sängers richten. Für die drei Ziele lebt man auf der Welt; es handelt demnach um Lebensziele. Die Begriffsbe‐ ziehung zwischen dem Ausdruck ›wofür leben‹ (2.1) und ›drei Dinge er‐ werben‹ (2.2) ist die einer thematischen Wiederaufnahme: Beide - und ebenso das ›in ein Gefäß haben wollen‹ - beziehen sich auf dasselbe, nämlich das Streben nach den drei Zielen. 210 8 Argumentativer Bedeutungsaufbau Äquivalenz, Opposition, Hierarchisierung Ordnung und Unordnung Kausalität und Begrün‐ dung Appell 2. Die Beziehung zwischen den drei Begriffen ›Besitz‹, ›Ansehen‹ und ›Gottes Gnade‹ ist die der Äquivalenz (Gleichwertigkeit), insofern sie unter den gemeinsamen Oberbegriff der Lebensziele fallen. Unter dem Aspekt der Vereinbarkeit stehen Besitz und Ansehen jedoch im Verhältnis der Opposi‐ tion (Gegensatz) zueinander; Besitz und Ansehen bilden gemeinsam eine weitere Opposition zu Gottes Gnade. Zugleich handelt es sich um eine Hier‐ archisierung (Wertordnung), weil Gottes Gnade über Besitz und Ansehen gestellt ist. 3. Die drei Lebensziele sind nicht zu erreichen, weil ›Untreue‹ und ›Gewalt‹ herrschen; der Weg würde erst wieder frei, wenn ›Friede‹ und ›Recht‹ herrschten. Zwischen ›Untreue‹ und ›Gewalt‹ besteht eine Äquiva‐ lenzbeziehung, ebenso zwischen ›Friede‹ und ›Recht‹: Als Oberbegriff für ›Friede‹ und ›Recht‹ liegt ›Ordnung‹ nahe, als Oberbegriff für ›Untreue‹ und ›Gewalt‹ in Opposition dazu ›Unordnung‹. ›Friede‹/ ›Recht‹ und ›Un‐ treue‹/ ›Gewalt‹ stehen insofern in einer Opposition zu den drei Lebenszie‐ len, als sie sich auf das Zusammenleben und damit auf die gesellschaftliche Ordnung beziehen; Ansehen, Besitz und Gottes Gnade strebt jeder Einzelne (›man‹ und ›ich‹) an. 4. Zwischen den drei Lebenszielen einerseits und der Ordnung anderer‐ seits besteht eine Kausalbeziehung: Friede und Recht sind die Voraussetzung dafür, dass man Ansehen, Besitz und Gottes Gnade erreichen kann; Untreue und Gewalt sind der Grund dafür, dass man sie nicht erreichen kann. Der argumentative Begründungszusammenhang lautet also: (a) Damit alle Einzelnen die wichtigsten Lebensziele verfolgen können, müssen (b) Friede und Recht herrschen, weil (b) die generelle Voraussetzung für (a) ist. 8.4 Metaphorische Analogien Die Formulierungen stellen mehrere metaphorische Analogien her: Die drei Lebensziele sind zunächst wie drei Dinge, die man erwerben und in ein Ge‐ fäß legen kann, später wie drei Reisende auf dem Weg ins menschliche Herz. Untreue und Unrecht sind wie Wegelagerer, die Reisenden auflauern; Friede und Recht sind wie Verwundete. Leicht zu erkennen ist die Funktion der Wegelagerer und der Verwundeten für den argumentativen Bedeutungsauf‐ bau: Sie sind dafür verantwortlich, dass man die gesamte Strophe trotz ihres ausdrücklich konstativen Charakters als Aufforderung an die Adressaten verstehen kann. Wegelagerern muss man das Handwerk legen, Verwundete 8.4 Metaphorische Analogien 211 Begründung Analogie muss man heilen; wer die Unordnung erkennt, muss etwas dagegen tun. Zugleich signalisieren die Metaphern, dass die Unordnung das Produkt von Ordnungsstörern ist und dass die Ordnung durch die Ausschaltung der Ordnungsstörer und die Hilfe für ihre Opfer wiederhergestellt wird: Die metaphorischen Personifikationen bringen zum Ausdruck, dass die abstrakte ›Ordnung‹ aus konkreten Akteuren besteht. Weniger leicht zu erkennen ist die argumentative Funktion der metapho‐ rischen Analogie zwischen den drei Lebenszielen und Dingen und diejenige zwischen den drei Lebenszielen und Reisenden. Die Analogie zwischen Reisenden und Lebenszielen dient dazu, die Kausalbeziehung zwischen Ordnung und Lebenszielen überhaupt erst herzustellen: Solange Friede und Recht verwundet sind, haben die drei Lebensziele kein sicheres Geleit auf ihrer Reise ins Herz des Einzelnen, weil die Verwundeten ihre Aufgabe nicht erfüllen können, die Reisenden vor Wegelagerern zu schützen. Diese Analogie veranschaulicht das Argument nicht einfach nur; sie ist das Argument. Die Analogie zwischen den drei Lebenszielen und Reisenden ersetzt nun ihrerseits im Verlauf der textuellen Sequenzierung diejenige zwischen den drei Lebenszielen und Dingen. Zunächst möchte der Sänger die Lebensziele erwerben und wie materielle Dinge in ein Gefäß legen; dann beklagt er, dass sie nicht gemeinsam in ein Herz kommen können. Dabei lässt sich herze als thematische Wiederaufnahme der Metapher schrîn verstehen, in ein herze komen als thematische Wiederaufnahme von in einen schrîn haben wollen. Die Analogie zwischen Lebenszielen und Reisenden erweist sich jedoch nicht als bloße thematische Wiederaufnahme der Analogie zwischen Lebenszielen und Dingen: Die drei Dinge will der Sänger erwerben, ohne zu wissen, wie sie gemeinsam erworben werden können. Die drei Reisenden sind dagegen auf dem Weg in sein Herz und gelangen wegen der Unordnung nicht dorthin. Während der Sänger nicht weiß, wie sich die Widersprüche zwischen den drei Lebenszielen beseitigen lassen, weiß er sicher, dass Recht und Friede die Voraussetzung dafür sind, dass sich die drei Lebensziele sozusagen einstellen können. Die metaphorischen Analogien - und nur sie - liefern eine Begründung dafür, dass es dem Erreichen der Lebensziele dienlicher ist, für Frieden und Recht zu sorgen, als über die Unvereinbarkeit von Besitz, Ansehen und Gottes Gnade nachzudenken. 212 8 Argumentativer Bedeutungsaufbau Lebensziele in der höfischen Dichtung Lebensziele in der Moral‐ theologie 8.5 Kulturelles Wissen: Lebensziele und Herrschaftsordnung Drei weitere Sangsprüche Walthers von der Vogelweide (20,16; 22,18; 22,33) thematisieren das Verhältnis zwischen guot, êre und gotes hulde. Ihnen zufolge ist Besitz eine Voraussetzung für fröude (diesseitige Freude); falsch ist jedes Streben nach Besitz, das Ansehen und Seelenheil in Gefahr bringt. Auch andere höfische Texte aus derselben Zeit stellen Beziehungen zwi‐ schen den drei Begriffen her: In Hartmanns von Aue Erzählung ›Der arme Heinrich‹ beispielsweise meint die Hauptfigur, dass es falsch sei, ›ohne Gott‹ nach Ansehen und Besitz zu streben (V. 395-406), weil dies nicht zur ewigen Glückseligkeit (sælde) führe. Manchmal geht es auch nur um zwei Lebensziele: Im ›Parzival‹ Wolframs von Eschenbach hält es der Erzähler für erstrebenswert, das ewige Seelenheil zu erlangen und gleichzeitig das irdische Ansehen (der werlde hulde) zu sichern (827,19-24). In der höfischen Dichtung wird materiellem Reichtum und sozialem Ansehen (êre) gewöhnlich ein sehr hoher Wert für das adelige Leben zugeschrieben. Adelige Ehre beruht auf familiärer Herkunft sowie auf persönlichen Eigenschaften und Taten. Auch Reichtum ist der Ehre zuträg‐ lich, weil er Freigebigkeit (milte) gegenüber anderen ermöglicht. In eine Konfliktrelation können Reichtum und Ansehen beispielsweise im Fall zu geringer oder zu großer Freigebigkeit kommen: Geiz ist nicht gut für das Ansehen, Verschwendung schlecht für den Reichtum. Die Hierarchisierung zwischen der jenseitigen Glückseligkeit und den diesseitigen Lebenszielen stammt aus der Moraltheologie. Wenn der Mensch alle diesseitigen Güter mit dem Tod verliert und die jenseitige Glückseligkeit ewig dauert, kann nur sie das höchste Lebensziel sein. Mit dem Begriff gotes hulde greift Walther die theologische Lehre auf, dass der Mensch durch die Gnade Gottes zur ewigen Glückseligkeit gelangt. Auf der Lehre, dass dazu auch eine gute Lebensführung nötig ist, beruht das potentielle Konfliktverhältnis zwischen den diesseitigen Gütern und der jenseitigen Glückseligkeit. Die höfischen Dichter haben die Hierarchisierung aus dem moralthe‐ ologischen Wissen übernommen und der jenseitigen Glückseligkeit mit Reichtum und Ansehen diesseitige Lebensziele entgegengestellt, die für Adelige besonders wichtig waren. Die Beziehungen zwischen den Begriffen ›Besitz‹, ›Ansehen‹ und ›Glückseligkeit‹ wurden dadurch zu einer höfischen Wissensordnung, die Walthers Publikum vertraut gewesen sein muss. Der 8.5 Kulturelles Wissen: Lebensziele und Herrschaftsordnung 213 Ordnung und Herrschaft Lebensziele und Herrschaftsordnung Bedeutungsaufbau der Strophe zielt jedoch nicht auf eine Begründung für den Konflikt zwischen den drei Lebenszielen, sondern für den Zusammen‐ hang zwischen den Lebenszielen des Einzelnen und der gesellschaftlichen Ordnung. Die Begriffe ›Friede‹ und ›Recht‹ beziehen sich auf das zu Walthers Zeit gängige Wissen über Herrschaft. Die lateinische Entsprechung ›pax et ius‐ titia‹ und die Bezeichnung des Herrschers als ›iustus et pacificus‹ (gerecht und friedenstiftend) gehörten zum Begriffsrepertoire aller gelehrten Text‐ sorten, in denen Herrschaftskonzepte thematisiert wurden: Geschichts‐ schreibung, Herrscherlob, Fürstenspiegel (Lehrbücher für die Prinzenerzie‐ hung), Krönungsliturgie (Gottesdienst zur Königskrönung). ›Friede‹ bedeutete für Walther und seine Zeitgenossen, dass Konflikte nicht mit un‐ kontrollierter Gewalt, sondern in rechtlich geregelter Weise ausgetragen werden; deshalb dient ›gewalt‹ in der Strophe als Gegenbegriff zu ›fride‹. Der Begriff ›triuwe‹ bezeichnete zu Walthers Zeit gegenseitige rechtliche Verpflichtungsverhältnisse; deshalb ist ›untriuwe‹ in der Strophe der Ge‐ genbegriff zu ›reht‹. Für den Kausalzusammenhang zwischen der Herrschaftsordnung und den Lebenszielen aller Einzelnen, den Walther am Ende der Strophe herstellt, bieten lateinische Texte über Herrschaft recht genaue Entsprechungen. So gehört es zu den immer wieder genannten Pflichten des gerechten und friedenstiftenden Königs, für die Sicherheit von Besitz zu sorgen (Diebstahl zu verhindern), jeden seinem Ansehen gemäß zu behandeln (keine Unwür‐ digen zu ehren) und die Kirche zu schützen. Der Schutz der Kirche war eine Herrscherpflicht, weil die Priester durch ihre sakramentalen Handlungen das Seelenheil vermittelten. Da es ohne Sakramente keine ewige Glückse‐ ligkeit gab, hatten die Herrscher dafür zu sorgen, dass die Kirche ihre Aufgaben erfüllen konnte. Johannes von Salisbury hat im ›Policraticus‹, der ausführlichsten lateinischen Gesellschafts- und Herrschaftslehre des 12. Jahrhunderts, zusammenfassend festgestellt, dass der Herrscher für das Wohl aller und jedes Einzelnen verantwortlich ist und dass er aus diesem Grund die Ordnung des Gemeinwesens gewährleisten muss. Auf diesem Wissen beruht die Bedeutung von Walthers Metaphorik: Die Reisenden Besitz, Ansehen und Gottes Gnade können nicht zum Herzen des Einzelnen kommen, wenn die Wegelagerer Untreue und Gewalt im Hinterhalt liegen und Friede und Recht verwundet sind. Der Begriff ›geleit‹ signalisiert im Rahmen der metaphorischen Analogie, dass der König die Reisenden schützen müsste: ›Geleit‹ war ein Rechtsbegriff, der die Sicher‐ 214 8 Argumentativer Bedeutungsaufbau Pathos Ethos und kulturelles Wissen Pose des einsam trauernden Denkers heit vor Gewalt auf den Straßen bezeichnete, und für diese Sicherheit zu sorgen, war Recht und Pflicht des Königs. Die in Gestalt der Begriffe und Begriffsbeziehungen aktualisierten Wis‐ sensbestände geben Walthers Adressaten zu erkennen, dass es in der Strophe um die Königsherrschaft geht. Ihre Störung war der Entstehungs- und Vortragsanlass für die Strophe: Nach dem Tod des römischen Kaisers und Königs Heinrichs VI. im Jahr 1197 konnten sich die Fürsten nicht auf einen Nachfolger einigen. Zwei Parteien wählten zwei Kandidaten, die 1198 an unterschiedlichen Orten zum König gekrönt wurden - Philipp von Schwaben, den Bruder des Verstorbenen, und Otto von Braunschweig. Die zweite Strophe des ›Reichstons‹ endet mit einer Parteinahme für Philipp. 8.6 Pathos und Ethos Als sprachliche Mittel zur Erzeugung starker Gefühle galten in der Rhetorik insbesondere alle Arten der emphatischen Steigerung und die Verwendung von Gefühlswörtern. Beides kommt in der Strophe kaum vor. Friede und Recht sind gerade einmal sêre wunt; pathetischer wäre es beispielsweise ge‐ wesen, sie schrecklichste Qualen leiden und vor Schmerzen schreien zu las‐ sen. Auch der Sänger selbst stellt sich nicht gerade als Schwerstbetroffenen dar: Er denkt auf seinem Stein zwar vil ange (neuhochdeutsch ›sehr eng‹, hier im Sinn von ›in großer Bedrängnis‹) nach, aber die Formulierung seiner Gedanken erweckt nicht den Eindruck, dass er von Gefühlen überwältigt ist. Mit der ausdrücklichen Selbstdarstellung des Sängers beginnt der gesamte Bedeutungsaufbau. Die Bedeutung der Pose auf dem Stein ist jedoch nur verständlich, wenn man das dabei aktualisierte kulturelle Wissen kennt. Es handelt sich nämlich um eine konventionelle Bildformel mit einer langen und komplexen Tradition. Die älteste bekannte Darstellung eines Menschen, der allein auf einem Hügel sitzt, den Ellbogen aufs Knie und den Kopf in die Hand gestützt, ist ein trauernder Jüngling auf einem griechischen Grabrelief aus dem 4.-Jahr‐ hundert v. Chr. Auf mittelalterlichen bildlichen Darstellungen erscheint Adam nach der Vertreibung aus dem Paradies in Trauer über den erlittenen Verlust in dieser Körperhaltung, ebenso der alttestamentliche Hiob in Trauer über sein Leid. In einem Psalter aus dem 9. Jahrhundert dient die Pose als Illustration zu Psalm 42,5 (Quare tristis es anima mea - Weshalb bist du traurig, meine Seele). Die Körperhaltung wurde demnach jahrhundertelang 8.6 Pathos und Ethos 215 Seher- und Dichterpose Abb. 20: Pose des einsam trauernden Denkers. Illustration in einer Psalter-Handschrift aus dem 9. Jahrhundert als Zeichen für Einsamkeit, Nachdenklichkeit und Trauer verstanden, im Rückgriff auf die antike und mittelalterliche Medizin auch als Zeichen für Melancholie. Der in die Hand gestützte Kopf war außerdem Bestandteil einer zweiten Darstellungs- und Bedeutungstradition: Die Körperhaltung kennzeichnet auch den von Gott inspirierten Visionär; sie begegnet vor allem in bildlichen Darstellungen der alttestamentlichen Propheten und der neutestamentli‐ chen Evangelisten. Der Typus des Evangelistenbilds knüpfte seinerseits an Darstellungsmuster römischer Verfasserporträts an. Weil eines der lateini‐ schen Wörter für ›Dichter‹, vates, zugleich ›Seher‹ bedeutet, konnte die Pose auch den Dichter bezeichnen. In der Manessischen Liederhandschrift (vgl. S. 153) beispielsweise sind außer Walther von der Vogelweide noch mehrere andere Dichter mit in die Hand gestütztem Kopf und auf das Knie gestütztem Ellenbogen dargestellt. Dabei beruht das Verfasserbild allerdings nur in Walthers Fall auf der Selbstdarstellung des Dichters in einem seiner Texte. Die Bedeutung ›Seher‹ hat Walther in der zweiten Strophe des ›Reichstons‹ wieder aufgegriffen, an deren Beginn er sich eine visionäre Schau der ganzen Welt zuschreibt: ich sach, swaz in der welte was-- ich sah, was es auf der Welt gab. 216 8 Argumentativer Bedeutungsaufbau Kulturelles Wissen als Verständi‐ gungshori‐ zont Der Anfang der ersten ›Reichston‹-Strophe aktualisiert alle Bedeutungen der Bildformel. Der Dichter stellt sich als einsam trauernden Denker dar, der die durch die Ordnungsstörung verursachten Zustände als Szenerie schaut: Die Lebensziele werden von Wegelagerern an ihrer Reise ins Herz der Menschen gehindert, weil Friede und Recht schwer verwundet sind und der König nicht für sicheres Geleit sorgt. Der Status des Sehers vermittelt seinen Aussagen Geltung, der des Trauernden sorgt auf dem Umweg über die Selbstdarstellung gleich zu Beginn für ein Pathos, das sprachlich später nicht weiter gesteigert werden muss: Die ganze Strophe ist eine Klage. Was der einsam trauernde Denker auf seinem Stein geschaut hat, teilt der Dichter als Sänger seinen Adressaten mit. Übrigens lehrte Johannes von Salisbury im ›Policraticus‹ auch, der Herr‐ scher müsse dafür sorgen, dass niemand zu trauern braucht, sondern dass alle Freude haben können. Hätte Walther den ›Policraticus‹ gekannt, hätte ihm dieser Gedanke sicher gefallen. Leider lässt sich jedoch nicht mehr re‐ konstruieren, aus welchen Quellen Walther sein Wissen über Moraltheolo‐ gie, Herrschaftskonzepte und die Bedeutungen der zur Selbstdarstellung benutzten Pose bezog. Das ist bei Texten der älteren deutschen Literatur eher die Regel als eine Ausnahme: Das erhaltene Material reicht in vielen Fällen nicht aus, um konkrete Quellen für das aktualisierte kulturelle Wissen zu identifizieren. Rekonstruierbar sind oft nur die potentiell verfügbaren Wis‐ sensbestände, die man sich als Verständigungshorizont für Textverfasser und Textrezipienten vorstellen kann: Ohne einen Verständigungshorizont vermochten Rezipienten die Bedeutungsangebote von Texten nicht zu er‐ kennen, und jeder Verfasser rechnete bei seinem Bedeutungsaufbau mit Be‐ ständen kulturellen Wissens, die es seinen Adressaten ermöglichten, die Bedeutungsangebote seines Textes zu verstehen. 8.6 Pathos und Ethos 217 Grundmuster Temporaler Nexus Kausaler Nexus ›report‹ und ›story‹ 9 Narrativer Bedeutungsaufbau Dieses Kapitel verfolgt zwei Ziele, nämlich Verfahrensweisen der Erzähl‐ textanalyse vorzustellen und einige Eigenschaften älterer Erzähltexte anzu‐ sprechen, die unseren modernen Erwartungen womöglich zuwiderlaufen. Als Beispiel dient Konrads von Würzburg Roman ›Engelhard‹ (vgl. S.-166). Damit konzentriert sich die Darstellung auf den Typus exemplarischen Erzählens, der stark vom gelehrten Dichtungsbegriff beeinflusst ist und der vom 12. Jahrhundert an den höfischen Roman, später auch die kürzeren Erzählformen (wie etwa Mären) und den Prosaroman prägt (vgl. S. 79, 111). 9.1 Was sind Erzählungen? Erzählt wird nicht nur in der Dichtung und in nicht-poetischen literari‐ schen Texten wie der Geschichtsschreibung. Wir alle erzählen ständig in unserer alltäglichen Kommunikation. Die wichtigsten Eigenschaften des literarischen Erzählens lassen sich auch in mündlichen Alltagserzählungen beobachten. Erzählen bringt Geschehnisse in einen zeitlichen Zusammenhang. Das erzählerische Grundmuster lautet deshalb ›und dann‹. Wenn ich beispiels‐ weise abends gefragt werde, wie mein Nachmittag war, kann ich mit einer Erzählung antworten: ›Nach dem Mittagessen ging ich ins naturhistorische Museum. Bei den Dinosaurierskeletten traf ich Sabine. Wir gingen einen Kaffee trinken. Dann habe ich noch eine Jeans gekauft.‹ Ein größeres Maß an Bedeutung stellt das Erzählen her, wenn es diese zeitliche Beziehung als eine Beziehung zwischen Voraussetzung und Folge erscheinen lässt. Indem der temporale Zusammenhang als ein kausaler verstanden wird, erweitert sich das ›und-dann‹-Muster zum dreiteiligen ›Ausgangszustand-Ereignis-Endzustand‹-Muster. Das Ereignis führt dabei die Veränderung des Ausgangsin den Endzustand herbei und erscheint deshalb als Ursache der Veränderung. Die temporale ›und-dann‹-Struktur heißt ›schwache Form‹ (Berichts‐ form, englisch ›report‹) des Erzählens, die temporal-kausale dreiteilige Struktur ›starke Form‹ (Ereignisform, englisch ›story‹). Anstelle des obigen Berichts vom Nachmittag könnte ich eine Ereignisgeschichte so erzählen: Narrativer Bedeu‐ tungszu‐ sammen‐ hang ›Ge‐ schichte‹ ›Nach dem Mittagessen war ich deprimiert, weil ich wieder an die Trennung von Sabine denken musste. Ich ging ins naturhistorische Museum und überlegte in der Abteilung mit den Dinosaurierskeletten, wie ich meiner jämmerlichen Existenz ein Ende machen könnte. Plötzlich stand Sabine vor mir und lud mich auf einen Kaffee ein. Da sagte sie dann, dass sie zu mir zurückkommen wollte. Wir verabredeten uns für den Abend, und statt mich umzubringen, kaufte ich eine neue Jeans.‹ Die starke Form des Erzählens produziert mehr Bedeutung als die schwa‐ che, weil die Voraussetzung-Folge-Beziehung eine Deutung des zeitlichen Zusammenhangs liefert, die den einzelnen Bestandteilen einen Stellenwert zuweist: Das verändernde Ereignis (die Begegnung mit Sabine) lässt den früheren Zustand (die Depression) als Ausgangspunkt, den späteren (Wa‐ renkonsum als Zeichen für Lebenswillen) als Ergebnis erscheinen. Die ›und-dann‹-Struktur kann man einfach immer weiter fortsetzen, ohne dass die einzelnen Geschehnisse ihren Stellenwert verändern würden; ein Geschehnis kommt nach dem anderen. Die dreiteilige Struktur kann man ebenfalls fortsetzen; dabei wird jedoch das erste Ergebnis zum Ausgangs‐ punkt eines zweiten verändernden Ereignisses (Sabine gefällt die neue Jeans nicht, was eine Krise bedingt). Die dreiteilige Struktur weist den Gescheh‐ nissen stets eine Bedeutung als Ausgangspunkt, Ereignis oder Ergebnis zu; und indem sie das tut, legt sie im endlosen und unüberschaubaren Fluss des Geschehens einen Ausschnitt fest und gibt ihm eine sinnhafte Ordnung. 9.2 ›Geschichte‹ und ›erzählerische Vermittlung‹ a. Geschichte (›histoire‹) Erzählungen stellen gewöhnlich dar, wie Figuren in Raum und Zeit han‐ deln. Diese Ebene des Dargestellten - die Handlung, das Geschehen - wird im Anschluss an die französischen Narratologen Tzvetan Todorov und Gérard Genette als ›histoire‹, auf Deutsch als erzählte ›Geschichte‹ bezeichnet. Geschichten bestehen in der Regel aus wenigstens einer Folge von Ausgangszustand, Ereignis und Ergebnis. In poetischen Texten erzählte Geschichten sind meistens komplexer: Sie bestehen aus mehreren Hand‐ lungszügen, deren Ergebnis jeweils zum Ausgangspunkt eines weiteren Ereignisses wird, so dass der Endzustand auf dem Weg über eine Kette von verändernden Ereignissen erreicht wird. Dabei sind oft verschiedene 220 9 Narrativer Bedeutungsaufbau Bedeutungsaufbau einer Geschichte Zuordnung von Eigenschaften Typisierung von Eigen‐ schaften Handlungszüge ineinander verschachtelt, so dass alles komplizierter zugeht als bei meinem Nachmittag mit Sabine. Die Analyse des Bedeutungsaufbaus einer Geschichte hat im Wesent‐ lichen zwei Schwerpunkte: Zum einen verschafft sie Klarheit darüber, welcher Ausgangszustand durch welche Ereignisse in welchen Endzustand transformiert wird. Zum anderen beschreibt sie das Bedeutungsgeflecht, das durch die Eigenschaften der Figuren, ihre Beziehungen zueinander sowie ihre Handlungen in Raum und Zeit entsteht. Für diesen zweiten Bereich der ›histoire‹-Analyse ist ein handlungsthe‐ oretisches Modell hilfreich, das es erlaubt, die verschiedenen möglichen Aspekte dargestellter Handlungssituationen anhand eines Kategorienras‐ ters abzufragen. Bedeutung kommt auf der Ebene der Geschichte nämlich vor allem dadurch zustande, dass den Figuren, den Beziehungen zwischen ihnen, den Zeiten und Räumen sowie den Handlungsweisen Eigenschaften zugeordnet sind, die ihrerseits in Zusammenhängen mit den Voraussetzun‐ gen und Folgen des Handelns stehen. Ein paar einfache Beispiele sollen das zunächst veranschaulichen: Figureneigenschaften erhalten Bedeutung, wenn sich Schönheit als Vor‐ aussetzung für das Zustandekommen einer Liebesbeziehung erweist, wenn körperliche Kraft oder intellektuelles Vermögen Ursachen für Handlungs‐ erfolge sind. Beziehungen zwischen Figuren erhalten Bedeutung, wenn eine Liebe, die der gesellschaftlichen Ordnung entgegensteht, zu Eheschließung und Herrschaftsübernahme führt oder wenn Verwandtschaft zur Vorausset‐ zung einer friedlichen Konfliktlösung wird. Die Eigenschaften von Zeiten und Räumen erhalten Bedeutung, wenn heimliches rechtswidriges Handeln, das in der Nacht stattfindet, im Verlauf der Geschichte nicht aufgedeckt wird und deshalb keine sozialen Folgen hat oder wenn Räuber, die zur Ursache für einen Kampf werden, im Wald hausen. Auch das Handeln selbst hat Eigenschaften, die im Zusammenhang mit seinen Voraussetzungen und Folgen Bedeutung tragen: Gewaltsames Handeln kann je nach Handlungs‐ gründen als Verletzung oder Verteidigung der Rechtsordnung erscheinen, unmoralisches Handeln je nach Handlungsfolgen als ordnungswidrig oder situationsangemessen schlau. Das analytische Verfahren wird dadurch erleichtert, dass ältere Erzählun‐ gen vielen der handlungstheoretisch denkbaren Kategorien ein relativ kleines und konstantes Repertoire stark typisierter Eigenschaften zuweisen. So geht es bei den Figureneigenschaften oft um Rechtsstand (Adelige, Kleriker, Bauern, Stadtbürger), Geschlecht, Lebensalter, Körper (Schönheit, Kraft) 9.2 ›Geschichte‹ und ›erzählerische Vermittlung‹ 221 Typisierung von Hand‐ lungswei‐ sen Typisierung und exem‐ plarisches Erzählen Generalisierbarkeit und intellektuelle Fähigkeiten, bei den Figurenbeziehungen um Ehe, Liebe, Verwandtschaft, Freundschaft und Herrschaft. Räume und Zeiten erhalten gern durch den Bezug zur sozialen Ordnung Bedeutung: Hof und Stadt erweisen sich häufig als Räume öffentlicher Ordnung, der Tag ist ihre Zeit. Privatgemächer und Gärten können Räume, die Nacht kann die Zeit potentiell ordnungswidriger Heimlichkeit sein. Wälder sind meistens Räume ordnungsbedrohender Aggression. Gewässer (Flüsse, Seen, Meere) markie‐ ren oft Grenzen zwischen semantisch oppositionellen Räumen. Morgen und Abend können Grenzen zwischen Öffentlichkeit und Heimlichkeit sein. Typisiert sind vielfach auch die Handlungsweisen. In höfischen Erzäh‐ lungen geht es oft um die Voraussetzungen und Folgen von Kampf - also physischer Gewaltanwendung - im Verhältnis zur sozialen Ordnung. Kämp‐ fen stellt sich dabei immer wieder als notwendige Reaktion auf gewaltsame Aggression und als Instrument rechtswahrender Herrschaft heraus. Umso gewichtiger ist es, wenn Konfliktlösungen durch kommunikatives Handeln, das mit dem Einsatz intellektueller Fähigkeiten einhergehen kann, erfolg‐ reich sind. Die Handlungsweisen ›Kampf‹, ›Kommunikation‹ und ›Klug‐ heit‹ kommen in höfischen Erzählungen auch beim Handeln aus sexuellem Begehren zum Einsatz, das zu Eheschließung und Herrschaftsübernahme führen oder die soziale Ordnung stören und schlechte Konsequenzen für Akteure haben kann. Die für ältere Erzählungen charakteristische Typisierung von Figurenei‐ genschaften, Figurenbeziehungen und Handlungsweisen steht in einem en‐ gen Zusammenhang mit der exemplarischen Funktion vieler Erzählungen. Diese Funktion besteht nicht so sehr darin, Beispiele im Sinn unmittelbar nachahmbarer Handlungsvorbilder zu liefern oder soziale ›Normen‹ im Sinn von gesellschaftlichen Konventionen zu vermitteln, die durch menschliches Handeln eventuell auch verändert werden könnten. Älteres exemplarisches Erzählen soll vielmehr faktisch wirksame Gesetzmäßigkeiten der sozialen Interaktion erkennbar machen, auf denen der Erfolg oder Misserfolg des Handelns beruht. Weil der Erkenntniswert exemplarischer Erzählungen in der Generalisierbarkeit der Zusammenhänge zwischen den Voraussetzun‐ gen des Handelns, den Handlungsweisen und den Folgen des Handelns be‐ steht, müssen die bedeutungstragenden Kategorien des Handelns so typi‐ siert sein, dass sie Verallgemeinerungen ermöglichen. Dabei lässt sich stets am Erfolg oder Misserfolg des Handelns ablesen, welche Gesetzmäßigkeiten exemplifiziert werden: In Artusromanen beispielsweise hat ordnungsstö‐ rendes gewaltsames Handeln immer nur vorübergehenden Erfolg, scheitert 222 9 Narrativer Bedeutungsaufbau Ordnungen kulturellen Handlungs‐ wissens Handlungs‐ gründe und -folgen am Ende aber zuverlässig, während ordnungswahrende Gewaltanwendung ebenso zuverlässig erfolgreich ist. Die regelhaften Zusammenhänge zwischen den Eigenschaften von Figu‐ ren, Figurenbeziehungen, Handlungsweisen, Handlungsgründen und Hand‐ lungsfolgen, die ältere Erzählungen exemplifizieren, lassen sich als Ord‐ nungen des kulturellen Handlungswissens verstehen. Zwischen dem 12. und dem 16. Jahrhundert sind ein höfisches, ein moraltheologisches und ein schlauheitsbasiertes System praktischen Wissens identifizierbar, die in Er‐ zählungen auf unterschiedliche Weise aktualisiert, miteinander kombiniert oder gegeneinander ausgespielt sein können. Höfisches Handlungswissen unterstellt eine prinzipielle Erfolgsträchtig‐ keit aristokratischer Vornehmheit sowohl bei den Handlungsvoraussetzun‐ gen - hier einschließlich körperlicher Schönheit und Kraft - wie auch bei den Handlungsweisen. Handlungsziele sind die Wahrung der Herrschafts‐ ordnung und die Erfüllung sexuellen Begehrens, die unter der Vorausset‐ zung aristokratischer Vornehmheit als gut dargestellt sein kann. Moralthe‐ ologisches Handlungswissen unterstellt eine prinzipielle Erfolgsträchtigkeit von Handlungsweisen, die im moraltheologischen Sinn tugendhaft sind, und eine Unvermeidlichkeit des Scheiterns lasterhaften Handelns zumindest auf längere Sicht. Sexuelles Begehren hat charakteristischerweise langfristig ne‐ gative Konsequenzen, wenn es moraltheologisch als Laster eingeschätzt ist. Schlauheitsbasiertes Handlungswissen unterstellt die prinzipielle Erfolgs‐ trächtigkeit eigennützig-instrumenteller Handlungskalküle ohne Rücksicht auf Vornehmheit oder Tugendhaftigkeit; charakteristisch ist insbesondere der Erfolg des Kalküls eigennützig-schlauer Akteure im Hinblick auf die Leichtgläubigkeit, unzureichende Vorsicht oder Lasterhaftigkeit anderer. Für die amoralische Schlauheit ist die Erfüllung ehebrecherischen sexuellen Begehrens eine besondere Herausforderung, weil das Begehren als Affekt die rationale Handlungskontrolle potentiell einschränkt; die instrumentelle Vernunft feiert deshalb ihren größten Triumph, wenn sie dem Begehren zu einer unerlaubten Erfüllung verhilft. Charakteristische Typisierungen gibt es in älteren Erzählungen schließ‐ lich auch noch bei Handlungsgründen und Handlungsfolgen. Bei den Hand‐ lungsgründen kann man handlungstheoretisch zwischen inneren und äu‐ ßeren unterscheiden: Innere liegen in der handelnden Figur selbst und sind mit Handlungsmotiven identisch, die auf das Erreichen von Handlungszie‐ len gerichtet sind. Zu rechnen hat man hier - je nach aktualisiertem Hand‐ lungswissen - vor allem mit sozialem Ansehen (êre), Herrschaft, Eheschlie‐ 9.2 ›Geschichte‹ und ›erzählerische Vermittlung‹ 223 Handlungsziele und -folgen Explizitheit innerer Handlungs‐ gründe ßung, der Erfüllung sexuellen Begehrens, Verteidigung oder Wiederherstellung der Ordnung, materiellem Besitz, der ewigen Glückse‐ ligkeit sowie dem Selbsterhalt in Gefährdungssituationen. Äußere Hand‐ lungsgründe liegen außerhalb der Figur und begründen reaktives Handeln. Typisch sind hier Schädigungen des sozialen Ansehens (Schande), sexuelle Affektion, Ordnungsstörungen, Gefährdungen des Selbsterhalts und alle Arten von Hindernissen, die dem Erreichen von Handlungszielen im Weg stehen. Die Differenz zwischen Handlungszielen und Handlungsfolgen kann in älteren Erzählungen zum Kern der narrativen Bedeutungskonstruktion ge‐ hören: Artusroman-Ritter beispielsweise streben anfangs nicht Herrschaft und Ehe, sondern Ruhm durch Kampf an; der Sieg im Kampf hat erst zur Folge, dass Ehe und Herrschaft zu Handlungszielen werden. Indem Artus‐ romane den Handlungserfolg der Figuren die anfänglichen Absichten sogar noch übertreffen lassen, vermitteln sie ein extrem optimistisches sozio-an‐ thropologisches Konzept: Der Erfolg sozialen Handelns ist noch besser als die Absichten des Handelns. Im ›Trojanerkrieg‹ Konrads von Würzburg da‐ gegen ist der Untergang Trojas eine Folge davon, dass das Handeln der Fi‐ guren fast immer andere und schlechtere Konsequenzen hat als die ange‐ strebten; die Einschätzung der menschlichen Handlungsmächtigkeit gerät dadurch ausgesprochen pessimistisch. Deutungsprobleme, die auf Unterschieden zwischen dem historischen und dem modernen kulturellen Wissen beruhen, ergeben sich manchmal, wenn ältere Erzählungen innere Handlungsgründe nicht ausdrücklich iden‐ tifizieren. Oft liegt das - wie beispielsweise beim Streben adeliger Figuren nach Ehre und dem Vermeiden von Schande - an der Selbstverständlichkeit für die historischen Adressat: innen. Abgesehen von solchen eher unproble‐ matischen Fällen kann man damit rechnen, dass Handlungsmotive, die für die narrative Bedeutungskonstruktion wichtig sind, wegen der exemplari‐ schen Funktion älterer Erzählungen auch explizit offengelegt werden. In‐ terpretierende Motivunterstellungen (›Psychologisierungen‹) dürfen nicht auf modernes kulturelles Wissen rekurrieren, weil der Erzählung in diesem Fall moderne Bedeutungsangebote unterstellt werden: So ist beispielsweise im ›Engelhard‹ nicht davon die Rede, dass der Protagonist den sozialen Aufstieg, der ihm durch die Heirat mit einer Königstochter widerfährt, um des Aufstiegs willen anstrebt. Wer ihm das trotzdem unterstellt, setzt die moderne Annahme voraus, dass sozialer Aufstieg ein generell wahrschein‐ liches Handlungsziel ist. 224 9 Narrativer Bedeutungsaufbau Zufall und Vorsehung als äußere Handlungs‐ gründe Zufall Vorsehung und Finalität Finale und kompositorische Motivierung Bei den äußeren Handlungsgründen sind der Zufall und die göttliche Vorsehung notorische Probleme bei der Rekonstruktion des Bedeutungs‐ aufbaus älterer Erzählungen, weil oft schwer zu entscheiden ist, in welchem Ausmaß sich Erzählungen auf theologisches Wissen beziehen. Die Einschät‐ zung eines Geschehens als Zufall kann theologisch gesehen stets nur auf der unzureichenden menschlichen Erkenntnis der göttlichen Vorsehung (provi‐ dentia) beruhen: Wenn Gott allwissend und allmächtig ist, gibt es keine Zu‐ fälle; vielmehr ist alles Geschehen Bestandteil der Vorsehung. Das theolo‐ gische Zufallskonzept ist das einzige, das in Mittelalter und früher Neuzeit als begrifflich-diskursive Wissensordnung (vgl. Kap. 10) belegbar ist, weil es in Traktaten behandelt wurde. Ältere Erzählungen bezeichnen Gescheh‐ nisse jedoch nicht nur in Figurenreden, sondern ebenso in der Erzählerrede oft ausdrücklich als zufällig (von ungeschiht, von âventiure). Das eröffnet zwei Deutungsmöglichkeiten: Entweder simuliert der Verfasser dabei auch in der Erzählerrede die generelle Beschränktheit des menschlichen Erkennt‐ nisvermögens, oder er ignoriert das theologische Wissen. Während ältere Erzählungen den Verlauf des Geschehens oft ausdrücklich mit dem Zufall begründen, bringen sie die göttliche Vorsehung oft auch dann nicht ausdrücklich ins Spiel, wenn der Endzustand der Geschichte einen ›final motivierten‹ Eindruck macht, also von vornherein vorherbestimmt zu sein scheint. Für die Finalmotivierung gibt es zwei Erklärungsmöglichkei‐ ten. Die erste ist eine narratologische, die nicht mit dem kulturellen Wissen über die providentia operiert: Narratologisch gesehen kann ein narrativer Bedeutungsaufbau mit der Grundstruktur Ausgangszustand - Transformation - Endzustand prinzipiell nur vom Endzustand her konstruiert werden, weil die Festlegung eines Zu‐ stands als Ende die Voraussetzung dafür ist, dass das Ende von einem Anfang aus durch transformierende Ereignisse erreicht wird. In Erzählungen ent‐ scheidet deshalb das Ende darüber, was der Anfang ist. Artusromane bei‐ spielsweise erzählen, wie ein junger unverheirateter Ritter zum Ehemann und Herrscher wird; die Geschichte beginnt dort, wo der Weg zum Ehemann und Herrscher beginnt. In diesem Sinn sind alle Geschichten ›final moti‐ viert‹, das heißt so erzählt, dass die Geschichte erklärt, wie es zu dem als Endzustand gesetzten Zustand gekommen ist. Die Finalität folgt dann not‐ wendigerweise aus der Komposition der Struktur Ausgangszustand - Trans‐ formation-- Endzustand durch den Verfasser; ›finale Motivierung‹ ist folg‐ lich dasselbe wie ›kompositorische Motivierung‹. 9.2 ›Geschichte‹ und ›erzählerische Vermittlung‹ 225 Finalität und Vorsehung ›Erzähleri‐ sche Ver‐ mittlung‹ Erzählinstanz Die Komposition dieser Struktur stand jedoch bei älteren Erzählungen nicht in der Verfügungsmacht der Textverfasser, wenn es sich dabei um ei‐ nen Bestandteil des kulturellen Wissens handelte. Das Troja der höfischen Dichter beispielsweise muss untergehen, weil das die Voraussetzung für den Aufbruch von Eneas nach Italien ist; der Eneas der höfischen Dichter muss eine Herrschaft in Italien errichten, weil das eine Voraussetzung für die Ent‐ stehung des Römischen Reichs ist; das Römische Reich muss entstehen, weil Jesus von Nazareth in einer römischen Provinz zur Welt kam und dort nach römischem Recht hingerichtet wurde. Die Geschichten von Troja und Eneas konnten deshalb nur als Bestandteil der Vorsehung Gottes eingeschätzt werden. Mit den Artusrittern verhält es sich anders, weil sie für die von Gott geschaffene Ordnung der Zeit nicht nötig sind. Dennoch könnten die Dich‐ ter der Artusromane und ihre historischen Rezipienten auch in diesen Ge‐ schichten die göttliche Vorsehung am Werk gesehen haben. In der Engel‐ hard-Geschichte handelt Gott mittels eines Wunders, so dass das Wirken der Vorsehung hier außer Frage steht. Es gibt jedoch auch ältere Erzählun‐ gen, deren Verlauf nur schlecht als providentiell verstanden werden kann: Würde man der Tristan-Geschichte Gottfrieds von Straßburg Vorsehung unterstellen, wäre Gott ein Zyniker, der offensichtlich füreinander be‐ stimmte Liebende erst zusammenbringt und dann zugrunde gehen lässt. Ob die Finalmotivierung rein narrativ-kompositorisch ist oder außerdem auch auf dem kulturellen providentia-Wissen beruht und ob die göttliche Vorse‐ hung schon ein Bestandteil des bearbeiteten Stoffs ist oder von einer Erzäh‐ lung erst konstruiert wird, hängt deshalb vom jeweiligen Einzelfall ab. b. Erzählerische Vermittlung (›discours‹) Von der Geschichte im narratologischen Sinn der ›histoire‹ lässt sich die Art und Weise unterscheiden, wie sie erzählt wird. Die Ebene der Darstellungs‐ form wird im Anschluss an Todorov und Genette als ›discours‹, auf Deutsch als ›erzählerische Vermittlung‹ bezeichnet. Nach Genettes Systematik lässt sie sich unter drei Aspekten analysieren: 1. dem Aspekt der Erzählinstanz, 2. dem Aspekt der Zeitordnung, 3. dem Aspekt der Informationsregelung. 1. Jede Erzählung hat eine Erzählinstanz (den ›Erzähler‹, bei Genette die ›Stimme‹), die sich mehr oder weniger stark bemerkbar macht. Sie kann in unterschiedlichen Beziehungen zur Geschichte stehen und verschiedene Funktionen bei der Vermittlung der Geschichte übernehmen. 226 9 Narrativer Bedeutungsaufbau Verhältnis zwischen Erzählin‐ stanz und Geschichte Ich- / Er- Erzählung Funktionen der Erzähl‐ instanz Darstel‐ lungs- und Deutungsfunktion Erzählbezogene Funktion a. Bei der Beziehung zwischen Erzählinstanz und Geschichte geht es vor allem darum, ob der Erzähler eine Figur der Geschichte ist (›Ich-Erzählung‹, bei Genette ›homodiegetische‹ Erzählung) oder nicht (›Er-Erzählung‹, bei Genette ›heterodiegetische‹ Erzählung). In der Regel hat man es in der äl‐ teren Zeit mit Er-Erzählungen zu tun. Poetische Texte in Form von Ich-Er‐ zählungen, die von einer offensichtlich erfundenen Figur erzählt werden und deren Erzählinstanz die Rezipient: innen deshalb als Fiktion begreifen müssen, sind vor dem 17. Jahrhundert selten. Häufiger kommen Ich-Erzäh‐ lungen innerhalb von Er-Erzählungen in Gestalt einer eingebetteten ›Er‐ zählung in der Erzählung‹ vor: Beispielsweise erzählt die Figur Eneas in einer längeren Partie des Eneasromans Heinrichs von Veldeke (vgl. S. 120f.) von der selbst erlebten Zerstörung Trojas - so verhält es sich auch schon in Vergils ›Aeneis‹. In denjenigen vormodernen Typen der erzählenden Dichtung, die den Text als Produkt eines Bearbeiter-Verfassers ausweisen (vgl. S. 104) wie etwa dem höfischen Roman, herrscht eine selbstverständliche Neigung, den Erzähler im Text ausdrücklich mit dem Dichter zu identifizieren. Der Erzähler des ›Iwein‹ stellt sich als Hartmann von Aue, der des ›Parzival‹ als Wolfram von Eschenbach vor. b. Bei den Funktionen der Erzählinstanz lassen sich Darstellungsfunk‐ tion, Deutungsfunktion und erzählbezogene Funktion unterscheiden. Mit ›Darstellungsfunktion‹ ist lediglich gemeint, dass der Erzähler die Ge‐ schichte erzählt; das tut er immer und notwendigerweise. Deuten muss er die Vorgänge dagegen nicht unbedingt. Deutungen können die Form von Bewertungen haben: Der Erzähler bewertet die Eigenschaften oder das Han‐ deln von Figuren dann entweder im konkreten Einzelfall (spezifische Be‐ wertungen) oder macht verallgemeinerte Aussagen über das Richtige und das Falsche (etwa darüber, was Ritter generell tun oder lassen sollten), die eine Grundlage für die Beurteilung des Einzelfalls bieten (verallgemeinerte Bewertungen). Deutungen können außerdem Handlungskausalitäten aus‐ drücklich thematisieren, etwa indem sie eine Handlungsweise explizit als Ursache einer Handlungskonsequenz deklarieren oder einen ursächlichen Zusammenhang zwischen einer Handlungsweise und einer Handlungskon‐ sequenz in Abrede stellen. Für exemplarisches Erzählen ist dies eine beson‐ ders wichtige Option. Die erzählbezogene oder ›metanarrative‹ Funktion besteht darin, dass der Erzähler Aspekte des Erzählvorgangs zum Gegenstand macht. Dies ist eben‐ falls nur eine Möglichkeit, keine Notwendigkeit der erzählerischen Vermitt‐ 9.2 ›Geschichte‹ und ›erzählerische Vermittlung‹ 227 Zeitordnung Gesche‐ hensfolge ordo naturalis ordo artificialis Rückgriffe lung. So kann der Erzähler etwa Bemerkungen über sich selbst als Erzähler, über sein Publikum, über seine Erzählweise, über die Wahrheit seiner Ge‐ schichte oder über die Wirkungsabsicht seines Erzählens machen. Ältere Erzähler behaupten beispielsweise gern, dass ihre Geschichte faktisch wahr ist und dass sie eine exemplarische Funktion hat. Wenn Bewertungsfunktion und erzählbezogene Funktion in Form von Erzählerkommentaren ausgiebig zum Einsatz kommen, lässt das eine ge‐ zielte Gestaltung der Erzählinstanz erkennen. Sie ist in der älteren deut‐ schen Literatur eine Folge der seit dem 12. Jahrhundert zunehmenden produktionsseitigen Schriftlichkeit. Im höfischen Roman sind auch längere metanarrative Passagen, die den Erzählvorgang als solchen ins Bewusstsein heben, keine Seltenheit: Im ›Iwein‹ Hartmanns von Aue beispielsweise wirft die personifizierte Liebe dem Erzähler vor, nicht die Wahrheit zu berichten; im ›Parzival‹ Wolframs von Eschenbach fragt die personifizierte Geschichte den Erzähler, wo denn die Hauptfigur abgeblieben sei. 2. Auf der Ebene der erzählerischen Vermittlung gibt es stets eine eigene Zeitordnung, die in einem bestimmten Verhältnis zur Zeitordnung der Ge‐ schichte steht. Dies betrifft zum einen die Reihenfolge der Ereignisse, zum anderen die Ausführlichkeit ihrer Darstellung. a. Die Reihenfolge, in der die Erzählung Ereignisse darstellt, kann mit der zeitlichen Abfolge der Ereignisse in der Geschichte übereinstimmen oder nicht. Dies war schon in Antike und Mittelalter bekannt, wo die Gelehrten das Phänomen mit dem Begriffspaar ordo naturalis (›natürliche Anord‐ nung‹) und ordo artificialis (›künstliche Anordnung‹) bezeichneten. Die gängigste Form der ›künstlichen‹ Erzählordnung ist der Rückgriff (bei Ge‐ nette ›Analepse‹), das bei den mittelalterlichen Gelehrten berühmteste Bei‐ spiel dafür war der Anfang von Vergils ›Aeneis‹ (vgl. S. 120f.): Die Erzählung beginnt damit, dass Aeneas aufgrund eines Seesturms in Karthago landet, wo er dann selbst von den vorausgegangenen Ereignissen, dem Untergang Trojas und den anschließenden Irrfahrten auf dem Mittelmeer, erzählt. Rückgriffe informieren entweder, wie in diesem Fall, über in der Ge‐ schichte vorangehende, aber zuvor nicht erzählte Ereignisse (faktische Rückgriffe), oder sie erklären zuvor schon erzählte Ereignisse so, dass ihre Bedeutung erst im Nachhinein verständlich wird (deutende Rückgriffe). Im ›Parzival‹ Wolframs von Eschenbach beispielsweise wird mit einiger Regel‐ mäßigkeit erst im Nachhinein offengelegt, wie zuvor erzählte Geschehnisse zu verstehen sind. 228 9 Narrativer Bedeutungsaufbau Gesche‐ hensdauer Szene und Zusammen‐ fassung Informationsregelung Erzähler-, Figurenrede Dialog, Ansprache, Selbstgespräch b. Der zweite Aspekt der Zeitordnung betrifft das Verhältnis zwischen der Dauer von Ereignissen in der Geschichte und der Ausführlichkeit ihrer er‐ zählerischen Vermittlung. Eine Erzählung kann lange Zeiträume in kurzen Zusammenfassungen und kurze Zeiträume in langen Szenen darstellen. Die Abfolge von Szenen und Zusammenfassungen signalisiert stets auch, was wichtig ist - das szenisch Dargestellte nämlich. Ältere Erzählungen neigen dazu, das Geschehen auf wenige Handlungs‐ kerne in breit auserzählten Szenen zu konzentrieren und diese Szenen durch Überleitungen in Gestalt mehr oder weniger knapper Zusammenfas‐ sungen zu verbinden. Das liegt daran, dass älteres Erzählen oft auf das Außergewöhnliche und Ereignishafte konzentriert ist, am Alltäglichen und Unspektakulären dagegen meistens wenig Interesse zeigt. 3. Jede Erzählung regelt die Verteilung der Information, die sie den Rezi‐ pient: innen über die Geschichte zukommen lässt (bei Genette ›Modus‹). Auch dies hat wieder zwei Aspekte, nämlich zum einen die Verteilung der Information auf Erzählerrede und Figurenrede, zum anderen das Verhältnis zwischen dem Wissen, das die Figuren über das Geschehen besitzen, und dem Wissen, das den Rezipient: innen zur Verfügung gestellt wird. a. Die Verteilung der Information auf Erzähler- und Figurenrede beein‐ flusst den Bedeutungsaufbau vor allem durch die Glaubhaftigkeit im Ver‐ hältnis zur Handlungsdarstellung. Figurenrede lässt sich dadurch generell leicht als absichtlich gelogen, unabsichtlich irrig oder standpunktabhän‐ gig-parteiisch ausweisen. Das gilt auch für Ich-Erzählungen, die in eine Er-Erzählung eingebettet sind, weil es sich dabei um Figurenreden handelt. Erzählerrede beansprucht in Er-Erzählungen generell eine höhere Glaub‐ haftigkeit als Figurenrede. Die Bewertungsfunktion der Erzählerrede kann jedoch im Verhältnis zur Handlungsdarstellung auch in älteren Erzählungen als erkennbar unzuverlässig oder parteiisch ausgewiesen sein. Die Darstel‐ lungsfunktion der Erzählerrede lässt sich in Er-Erzählungen - wie auch in homodiegetischen Erzählungen, die kein Bestandteil einer heterodiegeti‐ schen Erzählung sind - nur durch Inkohärenzen oder Widersprüche in der Handlungsdarstellung selbst als unzuverlässig ausweisen, wie es beispiels‐ weise im ›Lalebuch‹ (vgl. S. 143) der Fall ist. Häufiger begegnet in älteren Erzählungen erkennbar parteiische Handlungsdarstellung in der Erzähler‐ rede aus der Perspektive einer Figur. Unter den Figurenreden gibt es zwei Typen: ›Kommunikative‹ Rede rich‐ tet sich an andere Figuren (Dialoge und Ansprachen), ›autokommunikative‹ richtet die Figur an sich selbst (Gedankenreden oder laute Selbstgespräche). 9.2 ›Geschichte‹ und ›erzählerische Vermittlung‹ 229 Figurenvs. Rezipienten‐ wissen Autokommunikative Figurenrede gehört in der volkssprachlichen Dichtung seit dem 12. Jahrhundert zu den konventionellen Erzähltechniken. Während kommunikative Figurenreden die Frage aufwerfen, welche Absichten eine Figur mit ihren Äußerungen verfolgt, hat man bei autokommunikativen Fi‐ gurenreden zu bedenken, zu welchem Zweck die Erzählung in der jeweiligen Situation die Gedanken einer Figur darstellt. b. Eine Erzählung kann den Rezipient: innen im Verlauf des Erzählvor‐ gangs stets mehr Wissen über das Geschehen zur Verfügung stellen, als jede einzelne Figur im Verlauf der Geschichte hat, oder sie kann den Rezi‐ pient: innen im Verlauf des Erzählvorgangs jeweils nur so viel Wissen über das Geschehen zur Verfügung stellen, wie eine bestimmte Figur im Verlauf der Geschichte hat. Wenn das Wissen der Rezipient: innen dem Wissen einer Figur angeglichen ist, wird ›aus der Perspektive‹ der Figur erzählt (bei Genette ›interne Fokalisierung‹). In französischen und deutschen höfischen Romanen war dies ein seit dem späteren 12. Jahrhundert eingesetztes erzählerisches Vermittlungsverfahren, das allerdings nur passagenweise, nicht den ganzen Text übergreifend benutzt wurde. Das den Rezipienten zur Verfügung gestellte Wissen wird dabei vorübergehend so auf dasjenige einer Figur beschränkt, dass ihre inneren Handlungsgründe ihr Handeln zugleich erklären und rechtfertigen. Die Verfahrensweisen der erzählerischen Vermittlung transportieren nicht einfach den Bedeutungsaufbau der Geschichte, sondern tragen selber erheblich zur Sinnkonstruktion des Textes bei. Es macht einen Unterschied, ob die Erzählinstanz ausdrückliche Bewertungen vorgibt oder nicht und ob sie das an manchen Stellen tut und an anderen nicht. Es ist folgenschwer, wenn vorzugsweise die Hauptfigur selbst zu Wort kommt, oder wenn auch ihr Widersacher seinen Standpunkt in eigener Rede darlegt. Es hat weitreichende Konsequenzen, ob man bei der Rezeption stets einen sicheren Überblick über das Geschehen erhält, oder ob das Geschehen ähnlich undurchsichtig erscheint, wie es eine Figur in der Geschichte erlebt, und sich die Bedeutung mancher Vorgänge nur im Nachhinein herausstellt. Erst das Zusammenspiel des Bedeutungsaufbaus auf den Ebenen der Geschichte und der erzählerischen Vermittlung ergibt das Sinnangebot, das eine Erzählung macht. Das Beispiel des ›Engelhard‹ Konrads von Würzburg soll einige, nicht alle der im Überblick angeführten Aspekte veranschaulichen. 230 9 Narrativer Bedeutungsaufbau Bedeutungs‐ aufbau: 1. Zustandsveränderung 9.3 ›Engelhard‹: Die Geschichte Engelhard ist der Sohn einer kinderreichen und deshalb armen Land‐ adeligenfamilie in Burgund. Um zu Ansehen zu kommen, ohne den Eltern länger auf der Tasche zu liegen, beschließt er, in den Dienst König Fruotes von Dänemark zu treten. Der Vater gibt ihm einen Apfel mit auf den Weg, der als Test für eventuelle Freunde dienen soll: Wer den Apfel angeboten bekommt und dann teilt, statt ihn allein zu essen, taugt als Freund. Auf dem Weg nach Dänemark scheitert die Probe zweimal, ehe sie bei einem dritten Jüngling namens Dietrich klappt, der exakt genauso aussieht wie Engelhard und ebenfalls zum dänischen Hof will. Die beiden schwören einander Freundschaft und ziehen gemeinsam weiter. Am Hof Fruotes werden sie aufgenommen und wegen ihrer Qualitäten und Fähigkeiten allgemein geschätzt. Die erste Zustandsveränderung der Geschichte besteht im Ortswechsel vom Elternhaus in Burgund zum dänischen Königshof, der zugleich den Wechsel aus der Familie (Figurenbeziehung: Verwandtschaft) in die Hofgesellschaft (Figurenbeziehung: Dienstverhältnis im Herrschaftsverband des Königs) bedeutet. Die für diese Veränderung wichtige Eigenschaft der Figur ist ihr sozialer Status: Engelhard ist ein Adeliger und kann deshalb in den Hofdienst treten, aber er gehört zum niederen und nicht wohlhabenden Landadel. Das auslösende Ereignis ist ein ›innerer Handlungsgrund‹, nämlich Engelhards Beschluss zum Aufbruch, der zwei Ziele hat: Das Streben nach Ansehen (êre) und die Rücksicht auf die Armut der Eltern, die für viele Kinder zu sorgen haben. Während des Ortswechsels tritt ein zweites Ereignis ein, die an die Apfelprobe geknüpfte zufällige Begegnung mit Dietrich. Sie bringt die Freundschaft als dritten Beziehungstyp neben Verwandtschaft und Herr‐ schaftsverband ins Spiel. Die Apfelprobe testet, ob der mögliche Freund nur am eigenen Nutzen orientiert ist (er isst den angebotenen Apfel allein) oder auch am Wohlergehen des anderen (er teilt den Apfel). Da schon Engelhards Aufbruch nicht nur durch den eigenen Nutzen (Gewinn von Ansehen), sondern auch durch das Wohlergehen der Familie motiviert war, rückt das Verhältnis zwischen Eigeninteresse und Interesse anderer von Anfang an in den Mittelpunkt. 9.3 ›Engelhard‹: Die Geschichte 231 2. Zustands‐ veränderung Am dänischen Hof verliebt sich Engeltrud, die junge Tochter des Königs, in beide Freunde, da Engelhard und Dietrich einander völlig gleichen. Wegen der Namensähnlichkeit entscheidet sie sich schließlich für En‐ gelhard, verheimlicht ihre Liebe jedoch. Nach einiger Zeit kommt ein Bote mit der Nachricht, dass Dietrichs Vater, der Herzog von Brabant, gestorben sei und dass Dietrich daheim die Erbfolge anzutreten habe. Engelhard schlägt das Angebot Dietrichs aus, ihn nach Brabant zu begleiten und dort mit ihm über das Land zu herrschen, weil er sich König Fruote zu Dankbarkeit verpflichtet fühlt. Dietrich kehrt nach Brabant zurück. Engeltrud leidet zusehends unter ihrem heimlichen Liebesbegehren. Um sie aufzuheitern, macht der ahnungslose König Engelhard zu ihrem Kammerdiener. Bei einem Gespräch mit Engelhard verrät sie sich unwillentlich, worauf Engelhard ebenfalls in Liebe ent‐ brennt. Wegen des Standesunterschieds zwischen dem einfachen Land‐ adeligen und der Königstochter verheimlicht er seine Liebe zunächst vor Engeltrud, gesteht sie ihr aber, als sie ihn zur Rede stellt. Mit dem Argument, dass ihr Ansehen gefährdet wäre, wenn sie ihm ihre Liebe gewähren würde, weist sie ihn, gegen ihre eigentliche Neigung, zurück. Engelhard seinerseits meint, wegen des Standesunterschieds keine Chance auf eine Heirat zu haben. Die Aufnahme am dänischen Hof setzt eine längere, etwas komplizierter aufgebaute Ereigniskette in Gang. Die entscheidenden Veränderungen be‐ ruhen auf dem Ausbruch der Liebe (der vierte Typ von Figurenbeziehungen) zunächst bei Engeltrud, dann bei Engelhard. Der Liebesaffekt wird durch die Wahrnehmung von Eigenschaften ausgelöst und ist deshalb ein von außen auf die Figur einwirkender Handlungsgrund, der dann als sexuelles Begeh‐ ren zum inneren wird. Wie zuvor das gleiche Aussehen Engelhards und Dietrichs als Zeichen dafür dient, dass sie zur Freundschaft bestimmt sind, erscheint nun die Ähnlichkeit der Namen als Zeichen dafür, dass Engeltrud und Engelhard zur Liebe bestimmt sind. Der Text deutet zeichenhaft an, dass die Liebe ebenso wie die Freundschaft auf einer Art persönlicher Wesens‐ ähnlichkeit beruht (gleiches Aussehen, ähnlicher Name), und rückt die bei‐ den Beziehungstypen unter diesem Aspekt nahe aneinander. Die beiderseitige Liebe führt dazu, dass unter den Eigenschaften der Figuren zugleich der unterschiedliche Geburtsstand handlungsbestimmend wird: Der Standesunterschied zwischen dem einfachen Landadeligensohn 232 9 Narrativer Bedeutungsaufbau und der Königstochter verhindert, dass Engelhard bei König Fruote um Engeltrud werben und seine Liebe in einer Ehe legitimieren kann. Die Bedeutung des Geburtsstands wird durch eine Doppelung hervorgehoben: Wie man erst jetzt erfährt, ist Dietrich ein Fürstensohn, der ebenfalls über Engelhard steht. Engelhard weist die Möglichkeit, mittels der Freund‐ schaftsbeziehung den Standesunterschied zu überspringen und Mitregent in Brabant zu werden, ab und hält an seiner Verpflichtung gegenüber Fruote fest, der ihn in seinen Herrschaftsverband aufnahm. Wie zuerst gegen die Freundschaft, entscheidet Engelhard sich danach gegen die Liebe zugunsten der Herrschaftsordnung. Indem die Figur zwischen Freundschaft und Liebe auf der einen Seite sowie der Herrschaftsordnung auf der anderen wählt, wird eine Opposition hergestellt zwischen den Beziehungstypen, die auf persönlichen Wesens‐ eigenschaften beruhen, und dem Beziehungstypus, der auf Standeseigen‐ schaften und auf der Herrschaftsordnung beruht. Die unterschiedlichen Beziehungstypen und die unterschiedlichen Eigenschaften der Figuren gewinnen Bedeutung, indem sie den Fortgang der Handlung bestimmen. Engelhard wird vor Liebe krank und droht zu sterben. Um sein Leben zu retten, verspricht ihm Engeltrud einen Geschlechtsverkehr unter der Bedingung, dass er sich zuvor als Ritter auf einem Turnier hervortut. Diese Aussicht lässt Engelhard umgehend genesen. Fruote schlägt ihn zum Ritter; er zieht zu einem Turnier in die Normandie und erlangt Ruhm. Nach der Rückkehr schläft Engeltrud im Baumgarten der Kö‐ nigsburg mit ihm, doch werden die beiden dabei zufällig von Ritschier, dem Neffen des Königs, entdeckt. Ritschier informiert den König; Engel‐ hard und Engeltrud beschließen, die Anschuldigung durch geschicktes Lügen in der Gerichtsversammlung abzustreiten. Der erboste König will Engelhard hinrichten lassen, doch Engelhard erreicht, dass ein Gerichtskampf gegen Ritschier als Gottesurteil über die Anschuldigung angesetzt wird. Da Engelhard nicht damit rechnet, das Gottesurteil bestehen zu können, beschließt er, Dietrich um Hilfe zu bitten. Der König gewährt ihm eine sechswöchige Buße im Kloster als Vorbereitung auf den Kampf; Engelhard reitet jedoch nach Brabant und informiert Dietrich über die Lage. Dietrich bietet ihm von sich aus an, in Dänemark statt seiner gegen Ritschier zu kämpfen; Engelhard akzeptiert dies und nimmt unterdessen Dietrichs Platz in Brabant ein. Da Dietrich nicht 9.3 ›Engelhard‹: Die Geschichte 233 3. Zustands‐ veränderung Kulturelles Wissen: Lustort mit Engeltrud geschlafen hat und folglich unschuldig ist, gewinnt er den Zweikampf und rettet damit auch die Ehre der Königstochter. Als Dank dafür gibt Fruote seine Tochter dem vermeintlichen Engelhard zur Frau. In der Hochzeitsnacht legt Dietrich ein Schwert zwischen sich und Engeltrud; genauso verhält sich Engelhard in Brabant gegenüber Dietrichs Ehefrau. Die beiden tauschen erneut die Rollen; nach Fruotes Tod wird Engelhard dänischer König. Der Ausbruch der Liebeskrankheit erweist sich als entscheidendes Ereignis für den weiteren Handlungsverlauf: Indem sie Engelhards Leben bedroht, steht sie seiner Entscheidung gegen die Liebe und für die Herrschaftsord‐ nung entgegen. Die Erfüllung des sexuellen Begehrens wird dadurch zu ei‐ nem für den Selbsterhalt notwendigen Handlungsziel. Engeltrud entscheidet sich gegen die Rechtsordnung, die Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe streng verbietet, für die Liebe. Als Voraussetzung dafür, dass sie ihre Existenz für Engelhard aufs Spiel setzt, verlangt sie jedoch, dass er seine persönlichen Qualitäten als Ritter nachweist. Die Qualität der Person wird damit über den Geburtsstand gestellt: Der leistungsfähige Ritter gleicht den Mangel des ar‐ men Landadeligen aus. Persönliche Qualität und existentielle Unausweich‐ lichkeit der Liebe rechtfertigen gemeinsam den Bruch der Rechtsordnung. Engeltrud riskiert ihr eigenes Wohlergehen, um Engelhards Leben zu retten; wie in der Freundschaft geht es in der Liebe, die auf die Wesenseigenschaften des anderen achtet, um das Wohlergehen des anderen. Der Baumgarten ist ausdrücklich als Ort der Heimlichkeit ausgewiesen; Engelhard vergisst jedoch, die einzige Zugangstür hinter sich zu verschlie‐ ßen. Bei der Darstellung des Baumgartens greift Konrad auf das kulturelle Wissen über den Lustort (locus amoenus) zurück, dessen Bedeutung unter anderem in einer lateinischen Poetik aus dem späten 12. Jahrhundert, der ›Ars versificatoria‹ des Matthäus von Vendôme, erklärt wird: Die Schönheit des Orts ist demnach auf die Befriedigung aller Sinne bezogen. Das kühle Wasser einer Quelle oder eines Bachs erfreut den Tastsinn, der Duft von Gras und Blüten Geschmacks- und Geruchssinn, Blumen erfreuen das Auge, singende Vögel das Ohr. Der liebliche Ort, erläutert Matthäus, fördert die Bereitschaft zum Geschlechtsverkehr und macht dadurch eine entspre‐ chende Handlung wahrscheinlich, ist also ein Bestandteil der Handlungs‐ begründung. 234 9 Narrativer Bedeutungsaufbau 4. Zustands‐ veränderung Gesamtnexus Indem der Rechtsbruch durch die zufällige Entdeckung öffentlich wird, tritt ein Ereignis ein, das den Liebenden ein Hindernis in den Weg stellt. Der Aufbau der Geschichte wird nun wieder einfacher: Der Ausgangszustand ist, dass Engelhard und Engeltrud aufgrund ihres Handelns durch die Rechtsordnung bedroht sind; der glückliche Endzustand kommt durch die Beseitigung dieser Bedrohung zustande; das verändernde Ereignis ist der manipulierte Gerichtskampf. Die körperliche Gleichheit der beiden Freunde, die bisher nur als Zeichen ihrer Freundschaft diente, eröffnet die Lösungs‐ möglichkeit und wird dadurch unmittelbar handlungsbestimmend. Dies macht die finale Motivierung offensichtlich, und angesichts der Zufälligkeit der Begegnung von Engelhard und Dietrich sowie der Entdeckung der Lie‐ benden im Baumgarten drängt sich die Frage nach der göttlichen Vorsehung auf. Dass Engelhard im Königsgericht erfolgreich lügt (sein rhetorisches Verfahren wird in Kap. 12 behandelt) und den Gerichtskampf manipuliert, macht amoralische Schlauheit zur entscheidenden Handlungsweise. Durch die Manipulation des Gerichtskampfs verhilft die Freundschaft der Liebe zum Sieg über die Rechtsordnung. Wie zuvor Engeltrud ihr eigenes Wohl‐ ergehen aus Liebe für Engelhard aufs Spiel setzt, setzt nun Dietrich sein eigenes Wohlergehen aus Freundschaft zu Engelhard aufs Spiel. Die moralische Qualität von Freundschaft und Liebe führt dazu, dass der heimliche Bruch der Ordnung verborgen bleibt; letztlich kann die Ordnung nur dadurch gewahrt werden: Die Liebe wird durch die Ehe legitimiert, Engelhard wird König. Das Hindernis des Standesunterschieds ist überwunden. Wenn man die Handlungsfolge noch einmal im Ganzen überblickt, beste‐ hen die Ereignisse zwischen Engelhards Auszug vom Elternhaus und dem erreichten Status als dänischer König in einer Kette von Veränderungen, die ihre Bedeutung durch die Verbindung mit den unterschiedlichen Bezie‐ hungstypen und den ihnen zugeordneten Figureneigenschaften gewinnen: Der arme Landadelige steigt zum König auf, was die Herrschafts- und Rechtsordnung nicht vorsieht (er kann Engeltrud nicht einfach heiraten). Der Weg führt über die Liebe, die die Ordnung bricht, und die Freundschaft, die den Bruch der Ordnung verdeckt. Der Erfolg beruht darauf, dass die persönlichen Beziehungstypen Liebe und Freundschaft am Wohlergehen des anderen und an seinen Wesenseigenschaften orientiert sind. Dies könnte der Endzustand sein, aber die Geschichte geht noch weiter: 9.3 ›Engelhard‹: Die Geschichte 235 5. Zustands‐ veränderung Kulturelles Wissen: Freund‐ schaft Dietrich erkrankt in Brabant am Aussatz. Er verliert seinen gesellschaft‐ lichen Status und wird auf einer Insel isoliert, wo er zusehends in Verzweiflung versinkt. Eines Tages erscheint ihm ein Engel im Traum: Das einzige Heilmittel gegen seine Krankheit sei ein Bad im Blut der beiden Kinder Engelhards, die der Freund zu diesem Zweck töten werde. Dietrich weist den Ausweg als teuflische Versuchung von sich, begibt sich aber dennoch an den dänischen Hof, weil er sich dort eine bessere Versorgung und ein weniger einsames Dasein erhofft. Engelhard nimmt ihn großzügig auf. Im Verlauf der täglichen Gespräche bringt er Dietrich schließlich dazu, von der Engelserscheinung zu erzählen. Gegen Dietrichs Willen köpft Engelhard heimlich seine Kinder; Dietrich wird im Blutbad gesund. Als Engelhard eine Amme zu den Kindern schickt, findet sie die beiden lebend; nur um ihre Hälse verläuft ein dünner roter Streifen. Dietrich kehrt nach Brabant zurück und alle leben fortan glücklich. Der Ausgangszustand ist das glückliche Herrscherleben, das erste Ereignis die Krankheit, das Ergebnis der Statusverlust. Weder seine Position als Herrscher noch die Verwandtschaftsbeziehungen helfen Dietrich; alle wen‐ den sich von ihm ab. Die zunehmend elende und vereinsamte Existenz wird durch die Ereigniskette, die über die Erscheinung des Engels, den Ortwechsel an den dänischen Hof, das Opfer der Kinder, das heilende Blutbad und die wunderbare Wiederbelebung der Kinder führt, in einen Endzustand vollständigen Glücks verändert. Der Bedeutungsaufbau ist auf zugespitzte Wiederholungen des bereits Bekannten angelegt: Wieder ist es die Freundschaft, die die Figur rettet. Wieder stellt der Freund sein eigenes Wohlergehen, symbolisiert im Leben des eigenen Nachwuchses, hinter das Wohlergehen des anderen zurück. Wieder ist die vom Freund geleistete Handlungsweise problematisch; dem manipulierten Gottesurteil entspricht die Tötung der Kinder. Wieder wird die problematische Handlungsweise durch den Erfolg gerechtfertigt, freilich auf drastischere Weise: Anders als beim Gerichtskampf geschieht mit der Wiederbelebung der Kinder ein Wunder. Unter den zahlreichen Beständen kulturellen Wissens, die Konrad für den narrativen Bedeutungsaufbau der Geschichte benutzt hat, spielen diejenigen über Freundschaft, Liebe und Heilung vom Aussatz eine besonders wichtige Rolle. Das Wissen über Freundschaft geht auf den Traktat ›De amicitia‹ 236 9 Narrativer Bedeutungsaufbau Liebe (›Über die Freundschaft‹) des römischen Autors Cicero aus dem 1. Jahrhun‐ dert v. Chr. zurück, der zu den mittelalterlichen Schulbüchern gehörte. Kon‐ rad muss nicht unbedingt Cicero selbst gelesen haben; er kann dessen Kon‐ zepte auch über andere Texte vermittelt bekommen haben. Cicero versteht unter ›Freundschaft‹ eine völlige Übereinstimmung in Absichten, Neigun‐ gen und Gedanken und bringt das in zugespitzten Formulierungen zum Ausdruck: »Wer nämlich einen wahren Freund ansieht, schaut gleichsam auf ein Abbild seines eigenen Ichs«. Es fehlt gewissermaßen nur das ›gleich‐ sam‹, wenn die beiden Freunde im ›Engelhard‹ einander zum Verwechseln ähnlich sind. Auch sonst gibt es auffällige Übereinstimmungen: Freund‐ schaft soll man laut Cicero erst schließen, nachdem man den anderen auf die Probe gestellt hat. Sie beruht nicht auf Interessenkalkül, sondern auf Liebe. Der eigene Nutzen ist nicht ihr Motiv, sondern ihre Folge. Sie beweist sich im Unglück und gründet auf Zuverlässigkeit. In der Freundschaftsbe‐ ziehung steht der Höhere auf gleicher Stufe wie der Geringere. Was Konrad über Freundschaft erzählt, darf allgemeine Geltung beanspruchen, weil es durch Wissen abgesichert ist. . Die Entstehung der Liebe stellt Konrad wie viele höfische Dichter in Übereinstimmung mit medizinischem Wissen dar (mehr dazu in Kap. 10). Ursache für den Ausbruch der Liebe ist demnach die Wahrnehmung von Eigenschaften, insbesondere der körperlichen Schönheit. Engeltrud prüft zunächst mit den Augen die äußeren Eigenschaften der beiden Freunde, dann mit dem Herzen die inneren. Die Prüfung fällt unterschiedslos po‐ sitiv aus. Dem vorausgesetzten Wissen nach muss sie sich unter diesen Umständen in beide gleichzeitig verlieben, und da Auge und Herz keine Ungleichartigkeit erkennen können, bleibt nur das Ohr, das den unterschied‐ lichen Klang der Namen und im Anschluss daran ihre unterschiedliche Be‐ deutung erkennt. Engelhards Liebeskrankheit entspricht zeitgenössischem medizinischen Wissen, dem zufolge unerfülltes Liebesbegehren zu einem lebensbedrohlichen Auszehrungszustand führen kann. Für die Symptome und Folgen der Liebeskrankheit gab es viele Vorbilder in der höfischen Dichtung, so dass Konrad keine medizinischen Traktate gelesen haben muss. Den kausalen Zusammenhang zwischen Engeltruds Schönheit und Engelhards sexuellem Begehren stellt er sowohl beim Ausbruch des Liebes‐ affekts wie nochmals vor dem Geschlechtsverkehr in der Baumgarten-Szene her: Als Engelhard den heimlichen Lustort betritt und Engeltrud sieht, präsentiert eine Schönheitsbeschreibung die Ursache für Engelhards Lust. Schönheitsbeschreibungen beruhen zum einen auf dichtungstechnischem 9.3 ›Engelhard‹: Die Geschichte 237 Heilung vom Aussatz Fachwissen, weil es sich dabei um ein konventionalisiertes Textmuster handelt; zum anderen wird das höfische Wissen über adelige Schönheit aktualisiert. In Übereinstimmung mit beiden Wissensbeständen beschreibt Konrad das Gesicht von oben nach unten (Haar, Stirn, Augen, Nase, Wangen, Mund und Zähne, Kinn), danach den restlichen Körper von oben nach unten (Brüste, Arme, Hände, Beine, Füße). Den einzelnen Körperteilen werden Eigenschaften (Farben und Formen) zugeordnet; Vergleiche und Metaphern steigern die jeweiligen Qualitäten. Darauf folgen noch Kleidung und Schmuck, die den Glanz der Schönheit weiter vergrößern. Konrad hat die ganze Geschichte nicht erfunden, sondern einen Stoff neu bearbeitet, in dem die Heilung vom Aussatz fest verankert war. Der Stoff ist in Gestalt verschiedener Freundschaftserzählungen seit dem späten 11. Jahr‐ hundert in der lateinischen, seit der Wende vom 12. zum 13. Jahrhundert in der altfranzösischen Literatur belegt. Die beiden Freunde heißen zumeist Amicus (das lateinische Wort für ›Freund‹) und Amelius. Konrad selbst behauptet im ›Engelhard‹, eine lateinische Vorlage bearbeitet zu haben; in der erhaltenen Textüberlieferung lässt sich diese jedoch nicht konkret identifizieren. Die Heilung vom Aussatz durch Kinderblut stammt aus der Gattung Heiligenlegende, genauer gesagt aus der Silvester-Legende: Der römische Kaiser Konstantin ist am Aussatz erkrankt und erfährt, dass er durch ein Bad in Kinderblut geheilt werden kann. Papst Silvester bringt ihn von seinem Vorhaben ab, Kinder zur Blutgewinnung umbringen zu lassen, und überredet ihn, sich stattdessen taufen zu lassen. Bei der Taufe wird Konstantin durch ein Wunder vom Aussatz geheilt. In den ›Amicus und Amelius‹-Erzählungen findet die Heilung durch das Kinderblut tatsächlich statt, weshalb das Wunder auf die Wiederbelebung der Kinder verschoben ist. Die erzählte Blutheilung belegt selbstverständlich nicht, dass Kinder im 12. und 13. Jahrhundert tatsächlich geschlachtet worden wären, um Aussätzige zu heilen, aber spricht doch für ein verfügbares kulturelles Wissen über die Möglichkeit der Aussatzheilung durch Kinderblut. Dass das Wunder für die Zeitgenossen eine glaubhafte Handlungsmöglichkeit Gottes in der Wirklichkeit war, zeigt die lateinische Bearbeitung der Geschichte von Amicus und Amelius als Heiligenlegende im 12. Jahrhundert: Heiligenlegen‐ den sind nämlich prinzipiell mit dem Anspruch erzählt, dass das dargestellte Geschehen faktisch wahr ist. Bei Konrad sind Engelhard und Dietrich jedoch keine Heiligen, so dass die Erzählung nicht in die Gattungstradition der Heiligenlegende gestellt ist. 238 9 Narrativer Bedeutungsaufbau Gesamtnexus Kausale Handlungs‐ begründung Beim Überblick über die gesamte Handlung erkennt man, dass die bei‐ den Freundschaftsdienste (Gerichtskampf und Kinderopfer) die wichtigsten Ereignisse darstellen; sie führen jeweils zum glücklichen Ergebnis. Engel‐ hard gewinnt dank der Freundschaft seinen Status als Herrscher, Dietrich gewinnt ihn zurück. Der zweite Freundschaftsdienst ist eine gesteigerte Wiederholung des ersten mit umgekehrten Rollen. Die Liebesbeziehung zwischen Engelhard und Engeltrud hat in diesem Gesamtzusammenhang der Handlung einen funktionalen Charakter; sie dient dazu, den ersten Freundschaftsdienst herbeizuführen. Engelhards lebensbedrohliche Liebeskrankheit im ersten Teil hat ihre Entsprechung in Dietrichs Aussatzkrankheit im zweiten Teil; allerdings ist die Handlungs‐ konstruktion im ersten Teil komplizierter, weil dort Engeltrud die Krankheit heilt und Dietrich die Verheimlichung der Therapie ermöglicht. Die Kon‐ struktion gewinnt ihre Bedeutung dadurch, dass sie die Liebe als einen Beziehungstyp erscheinen lässt, der wie die Freundschaft das Eigeninteresse dem Interesse des anderen unterordnet. Liebes- und Freundschaftsdienste führen auch dann zum Handlungserfolg, wenn sie die Rechtsordnung bre‐ chen. Allerdings wird der Ordnungsbruch in beiden Fällen nicht wirksam: Einmal bleibt die Ordnung gewahrt, weil ihre Verletzung nicht offenbar wird; das andere Mal bleibt sie gewahrt, weil ihre Verletzung durch das Wunder nachträglich ungeschehen gemacht wird. Dass Gott mit dem Wunder in das Geschehen eingreift, weist den End‐ zustand als vorsehungsgemäß aus. Eine Rechtfertigung des rechtswidrigen Geschlechtsverkehrs, der Lüge vor Gericht und des manipulierten Gottes‐ urteils impliziert das nicht notwendigerweise: Gott könnte sich sowohl menschlicher Lasterhaftigkeit bedienen, um seine Ziele zu erreichen, als auch Freundschaft und Liebe gegenüber Recht und Herrschaft privilegieren. Die erste Möglichkeit abzuweisen und die zweite nahezulegen, ist eine Funktion der erzählerischen Vermittlungsverfahren. 9.4 ›Engelhard‹: Die erzählerische Vermittlung Während die Geschichte final komponiert ist und das Wunder die Finalität mit der göttlichen Vorsehung begründet, dient die erzählerische Vermittlung durchweg der kausalen Handlungsbegründung. Sie ist für exemplarische Erzählungen unverzichtbar, weil der Erkenntniswert auf der Generalisier‐ barkeit der Zusammenhänge zwischen Handlungsgründen, Handlungswei‐ 9.4 ›Engelhard‹: Die erzählerische Vermittlung 239 Figurenreden: Funktion sen und Handlungsfolgen beruht: Exemplarisch ist eine Erzählung stets, insofern die erzählten Handlungskausalitäten verallgemeinerbar sind. Besonders wichtig dafür sind im ›Engelhard‹ die autokommunikativen und dialogischen Figurenreden, in denen Reflexionen der Akteure über Handlungsziele und Handlungsmittel dargestellt sind. Engelhard beschließt in einer Gedankenrede, die Familie zu verlassen und zum dänischen Kö‐ nigshof aufzubrechen. Die Funktion der Apfelprobe als Handlungsmittel er‐ klärt ihm der Vater in einem Dialog. Engeltrud trifft ihre Entscheidung gegen die Liebe zu Dietrich und für die Liebe zu Engelhard in einer Gedankenrede. Engelhard entscheidet sich in einem Dialog mit Dietrich dagegen, ihn nach Brabant zu begleiten, und stattdessen am dänischen Hof zu bleiben. Die Ab‐ wägung zwischen den gefährlichen Konsequenzen eines Geschlechtsver‐ kehrs und seiner Notwendigkeit als lebensrettende Therapie findet in einem Dialog zwischen Engeltrud und Engelhard statt. Nach der Entdeckung durch Ritschier fällen die beiden in einem Dialog die Entscheidung, dass Engelhard nicht vom dänischen Hof fliehen, sondern Engeltruds Ehre durch Leugnen retten soll; durch das Lügen vor Gericht gelingt es Engelhard, Ritschiers Aussage als unglaubhaft erscheinen zu lassen. In einer Gedankenrede be‐ schließt er, Dietrich um Hilfe im Gerichtskampf zu bitten. In einem Dialog mit Engelhard schlägt Dietrich vor, an Engelhards Stelle zu kämpfen. In einer Gedankenrede überlegt Dietrich, ob der Aussatz eine Strafe für die Mani‐ pulation des Gottesurteils sein könnte; in einer weiteren entscheidet er sich gegen die Kinderbluttherapie; in einer dritten beschließt er, Engelhard trotz‐ dem zu besuchen. In einem Dialog erzählt er Engelhard von seinem Traum und weist dessen Angebot zurück, die Kinder zu töten. In einer Gedanken‐ rede entscheidet sich Engelhard für die Tötung der Kinder. Alle diese Figurenreden haben die Funktion, innere Handlungsgründe und ihre Reflexion als Ursachen des Geschehens auszuweisen, so dass es als Konsequenz stets gut überlegter Handlungsentscheidungen der Figuren erscheint, die auf der Abwägung des eigenen Wohlergehens, der Rechtsord‐ nung und der Treueverpflichtungen gegenüber dem König, dem oder der Geliebten und dem Freund beruhen. Wenn die Akteure das Recht und die Treue gegenüber dem König brechen, tun sie es wohlreflektiert zum Nutzen des Geliebten, der Geliebten und des Freunds, und mit der offensichtlichen Hilfe Gottes handeln sie dabei immer erfolgreich. Die mehrmalige Wieder‐ holung der Kausalität von reflektiertem Handeln zum Wohl des andern und Handlungserfolg trägt den Kern des exemplarischen Bedeutungsangebots der Erzählung. Zu diesem Zweck ist die finale Motiviertheit der Geschichte 240 9 Narrativer Bedeutungsaufbau Erzählerrede: Funktion Prolog in den Verfahrensweisen der erzählerischen Vermittlung nahezu vollstän‐ dig durch kausale Handlungsbegründung überformt. Selbst Zufälle und Wunder werden zu kausal begründeten Mitteln des Handelns: Sie sind die Hilfe Gottes, um den Erfolg des überlegten altruistischen Liebes- und Freundschaftshandelns auch gegen die Rechts- und Herrschaftsordnung zu gewährleisten. Die Deutungsfunktion der Erzählerrede wird in höfischen Romanen nicht nur im Verlauf der Handlungsdarstellung, sondern auch in Prologen und Epilogen aktualisiert. Dies geht auf die Lehre der antiken Rhetorik zurück, dass sich der Redner am Beginn seiner Rede erstens selbst so darstellen (ethos, vgl. S. 215) und zweitens sein Publikum so adressieren soll, dass er durch beides das Wohlwollen des Publikums erregt (captatio benevolentiae); drittens soll er das Thema seiner Rede angeben. In Prologen, manchmal auch Epilogen höfischer Romane nennt sich der Erzähler deshalb oft als Bearbei‐ ter eines faktisch wahren und erkenntnisträchtigen Stoffs, wendet sich di‐ rekt an die Rezipient: innen und identifiziert den exemplarischen Sinn der Erzählung. Letzteres knüpft Konrad im ›Engelhard‹-Prolog an eine Erklä‐ rung des Treue-Begriffs: Die triuwe gelte heutzutage nichts mehr, obwohl sie doch Männer und Frauen beständig mache. Sie sichere den Besitz, bringe Erfolg in der Liebe, versöhne Feinde, binde Verwandte aneinander. Beson‐ ders die Reichen und Mächtigen sollten sie praktizieren, weil Reichtum und Macht verloren gingen, würde die triuwe nicht allgemein geachtet. Diese Achtung erfahre sie jedoch nicht mehr, weil untriuwe (Verstellung, Unauf‐ richtigkeit) schneller zu Reichtum führe. Die folgende Geschichte von vor‐ bildlicher triuwe solle dem Publikum deshalb als Beispiel dienen. Der Prolog präsentiert die triuwe als Grundlage jeder zwischenmensch‐ lichen Beziehung und als Gewähr für den Fortbestand der gesamten ge‐ sellschaftlichen Ordnung. Indem Konrad sie gegen die Besitzgier stellt, macht er sie als Orientierung am Wohlergehen des anderen zum Gegenteil der Orientierung am Eigennutz. Keine Rede ist im Prolog - und genauso im Epilog - allerdings von potentiellen Gegensätzen zwischen Liebes- und Freundschaftstreue einerseits, Herrschafts- und Rechtstreue anderseits, geschweige denn vom Betrug im Dienst der Freundschafts- und Liebestreue. Im Verhältnis zum narrativen Bedeutungsaufbau erweist sich die Deutungs‐ zuweisung in Prolog wie Epilog damit als unvollständig: Sie gibt einen Hinweis auf die zentrale Sinnkategorie, erspart es den Rezipient: innen jedoch nicht, den exemplarischen Sinn der Erzählung selbst erkennen zu müssen. 9.4 ›Engelhard‹: Die erzählerische Vermittlung 241 Bewertung Kausalität und kulturelles Wissen Gerichts‐ kampf Innerhalb der Handlungsdarstellung konzentriert sich die Bewertungs‐ freude des Erzählers vor allem auf die ebenso beständig wie emphatisch behauptete Tugendhaftigkeit der drei Hauptfiguren. Dass sie das Recht brechen und dies durch Betrug verheimlichen, kommt dagegen nicht zur Sprache, so dass die Bewertungen des Erzählers konsequent parteiisch wirken. Besonders drastisch zeigt sich das bei Engelhards Auftritt vor dem Königsgericht: Die Erzählung thematisiert hier nicht, dass er lügt, sondern evoziert Bewunderung sowohl für sein altruistisches Handlungsziel, Engel‐ truds Ehre zu retten, als auch für sein Argumentationsgeschick. In drei anderen problematischen Handlungszusammenhängen - Ge‐ richtskampf, Aussatz und Tötung der Kinder - greift der Erzähler mit aus‐ drücklichen Deutungen der Kausalitäten ein; in allen drei Fällen wird dabei kulturelles Wissen aktiviert. Als Gottesurteile geltende Gerichtskämpfe wa‐ ren ein mögliches Mittel der Rechtsfindung in der weltlichen Gerichtspraxis. Es wurde eingesetzt, wenn zwei Aussagen gegeneinanderstanden und es keine Beweise oder Zeugenaussagen gab, anhand derer die Wahrheit ans Licht zu bringen war. Beim Rechtsstreit zwischen Engelhard und Ritschier ist das der Fall. Gerichtskämpfe waren zu Konrads Zeit jedoch nicht unpro‐ blematisch: Theologen hatten seit jeher Einwände gegen die Praxis, weil dadurch gewissermaßen Gott zu einer Stellungnahme gezwungen wird, was Menschen grundsätzlich nicht zusteht. 1215, etliche Jahrzehnte bevor Kon‐ rad seinen ›Engelhard‹ dichtete, stellte das IV. Laterankonzil in Rom fest, dass Gerichtskämpfe als Gottesurteile nicht mit dem christlichen Glauben zu vereinbaren sind. Zu ihrer umgehenden Abschaffung in weltlichen Ge‐ richtsverfahren führte dies allerdings nicht. Unmittelbar vor dem Beginn des Kampfs erklärt der Erzähler eigens die Ursache für dessen Ausgang: Jeder von den beiden Gegnern habe gewusst, dass er die Wahrheit sagte - Ritschier mit seiner Anklage, Dietrich mit seiner Versicherung, er habe nicht mit Engeltrud geschlafen. Unschuldsbe‐ wusstsein aber stärke die Kampfkraft, so dass in dieser Hinsicht keiner der beiden im Nachteil war. Dietrich jedoch kämpfte aus Treue zu Engelhard, Ritschier aus Neid auf ihn; deshalb durfte Dietrich mit Recht zuversichtlich sein. Im Gerichtskampf siegt demnach das Unschuldsbewusstsein im Verein mit der altruistischen Handlungsmotivation; Ritschier verliert, weil sein Handlungsmotiv die neidbegründete Schädigung Engelhards ist. Von einem Eingreifen Gottes als Ursache für den Ausgang des Kampfs ist in der Deutung des Erzählers dagegen keine Rede. Möglicherweise glauben also nur die Figuren, dass es sich um ein Gottesurteil handelt, während Konrad 242 9 Narrativer Bedeutungsaufbau Aussatz Tötung der Kinder seinen Rezipienten die Einschätzung nahelegt, dass die Treue das bessere Gewissen und das bessere Gewissen die größere Kampfkraft verursacht. Sollte dabei der zeitgenössische Zweifel an Gottesurteilen ausgenutzt sein, geschieht dies zum Zweck der Parteilichkeit: Nicht als Betrug, sondern als Treueleistung erscheint der Gerichtskampf. Weil Dietrichs Krankheit auf den manipulierten Gerichtskampf folgt, legt die Konstruktion der Geschichte eine Deutung der zeitlichen Abfolge als kausales Verhältnis nahe: Der Aussatz könnte eine Strafe für den Betrug sein. Bei Krankheiten wie der Lepra - Konrad beschreibt ihre Symptome mit medizinischem Fachwissen -, für die die mittelalterliche Medizin kein Heilmittel kannte und deren Ausbreitung sie nicht erklären konnte, sind Deutungen als Strafe Gottes in zeitgenössischen Texten vielfach belegt. In der erzählerischen Vermittlung wird die Option ausdrücklich verhan‐ delt: Zunächst fragt sich Dietrich in einer Gedankenrede, die als Gebet an Gott gerichtet ist, womit er Gottes Rache und Zorn verdient haben könnte. Danach platziert der Erzähler einen Vorgriff auf den weiteren Handlungsverlauf und eine Deutung des bisherigen: Gott habe ein Wunder tun wollen aus Erbarmen mit dem Leid, das dem treuen Dietrich ohne jede Schuld widerfahren sei. Nach dem Erzählerkommentar erscheint Dietrich der Engel im Traum. Beim Erwachen deutet er den Traum in einer weiteren Gedankenrede als Versuchung, der es zu widerstehen gelte. Dies bringt die Option ins Spiel, den Aussatz nicht als Strafe, sondern als Prüfung Gottes zu verstehen. Der vorangehende Erzählerkommentar weist das mit dem Vorgriff auf das Wunder jedoch als irrig aus und unterbindet zugleich die durch Dietrichs Frage aufgeworfene Möglichkeit, die Krankheit als Strafe zu interpretieren. Indem die erzählerische Vermittlung den höheren Geltungsanspruch der Erzählerrede gegenüber der Figurenrede ausnutzt, sorgt sie dafür, dass denkbare Handlungskausalitäten sowohl aufgeworfen als auch abgewiesen werden. Bei der Tötung der Kinder durch ihren Vater hat Konrad die Kausalitäten in den erzählerischen Vermittlungsverfahren ebenfalls expliziert. Im Dialog mit Engelhard stellt Dietrich zunächst fest, dass die Kindertötung sowohl der Natur als auch dem Recht widerspricht und deshalb nicht Gottes Wille sein kann. Der mittelalterlich-frühneuzeitliche Naturbegriff bezog sich auf die von Gott geschaffene natürliche Ordnung, die durch Wirklichkeitswahr‐ nehmung erkennbar ist: Dass Väter ihre eigenen Kinder nicht töten, ist eine solche Erkenntnis. Vom modernen Naturbegriff unterscheidet sich der vor‐ moderne dadurch, dass er die Möglichkeit eines Handelns ›gegen die Natur‹ 9.4 ›Engelhard‹: Die erzählerische Vermittlung 243 Parteiisches Erzählen zuließ. Ein Naturgesetz im modernen Sinn kann nicht gebrochen werden, weil es dann keines wäre: Was man tun kann, kann nicht widernatürlich sein, weil man es sonst nicht tun könnte. Die gottgeschaffene Naturordnung im vormodernen Sinn zu brechen, lag dagegen im Bereich des Denkbaren: ›Gegen die Natur‹ zu handeln war kein begrifflicher Selbstwiderspruch, sondern eine besonders große Ungeheuerlichkeit. Als solche bewertet der Erzähler dann auch ausdrücklich Engelhards wohlüberlegte Entscheidung für die Freundschaftstreue, deutet jedoch zugleich die Kausalität an: Die Ursache könne nur im Wirken Gottes gelegen haben. Dieser Deutung entspricht wiederum die anschließende Handlungsdarstellung: Gott bringt Engelhard dazu, die Kinder zu köpfen, weil es ihm aus eigener Kraft nicht gelingt. Die ausdrücklichen Bewertungen und die ausdrücklichen Kausalitätsdeu‐ tungen treffen sich in der Funktion der Parteilichkeit: Was die Figuren aus Liebes- und Freundschaftstreue tun, ist mit Gottes Hilfe auch dann erfolgreich und deshalb richtig, wenn die Handlungsmittel rechts- und naturwidrig sind. Man könnte die Geschichte nämlich auch anders erzählen: Engelhard und Engeltrud sind affektgetriebene Rechtsbrecher, denen sich Dietrich als Betrugshelfer zur Verfügung stellt, was Engelhard zu einer widernatürlichen Gegenleistung verpflichtet. Moralisch schlechtes Handeln würde dabei jeweils noch schlechteres verursachen, bis Gott die armen Op‐ fer des widernatürlichen Mords aus Mitleid reanimiert. Eine solche Deutung der Kausalitäten würde exemplifizieren, dass den Schwachen angesichts der lasterbedingten menschlichen Skrupellosigkeit nur die Hoffnung auf die Hilfe Gottes bleibt, wenn niemand dafür sorgt, dass Rechtsbrüche aufge‐ deckt und bestraft werden. Als Aktualisierung moraltheologischen Wissens wäre eine derartige Generalisierung zwar eher radikal, aber durchaus denkbar. Konrad exemplifiziert dagegen unverkennbar die Erfolgsträchtig‐ keit aristokratischer Vornehmheit in Gestalt höfischer Liebe und höfischer Freundschaft, allerdings auch diejenige rechtswidriger Schlauheit im Dienst höfischer Liebe und Freundschaft. Die Indienstnahme rechtswidriger Schlauheit für die höfische Liebe steht schon in Gottfrieds von Straßburg ›Tristan‹ im Kern der narrativen Bedeutungskonstruktion eines höfischen Romans: Die Liebenden betrügen den König permanent und manipulieren dabei auch ein Gottesurteil, bei dessen Ausgang ihnen Gott tatsächlich durch ein Wunder hilft. Im ›Tristan‹ dient die Schlauheit den Liebenden zur Ermöglichung und Verheimlichung ehebrecherischen Geschlechtsverkehrs als Erfüllung höfischer Liebe; weil 244 9 Narrativer Bedeutungsaufbau Rhetorik Kausalität, kulturelles Wissen, Glaubhaf‐ tigkeit Exemplari‐ sches Er‐ zählen und praktisches Wissen eine Eheschließung zwischen den beiden nicht möglich ist, bleibt der Erfolg der Schlauheit jedoch begrenzter als im ›Engelhard‹. Gemeinsam ist den beiden Texten die Parteilichkeit der narrativen Vermittlungsverfahren: Auch Gottfried unternimmt alles, um seine Rezipient: innen auf die Seite der Protagonisten zu ziehen. Das Konzept des parteiischen Erzählens ist ein Produkt der narratio-Lehre der antiken Rhetorik. Der rhetorische narratio-Begriff bezog sich ursprüng‐ lich auf denjenigen Teil der Gerichtsrede, in dem der Redner den Tathergang erzählt, über den das Gericht urteilen soll. Als Vertreter von Anklage oder Verteidigung hatte der Redner die Aufgabe, das Geschehen parteiisch dar‐ zustellen, um dadurch das Urteil des Gerichts im jeweiligen Parteiinteresse zu beeinflussen. Zu den rhetorischen Verfahrensweisen dafür gehörten sowohl ausdrückliche Bewertungen und Deutungen des Geschehens durch den Redner als auch selektive narrative Information: Der Redner muss ausführlich erzählen, was dem Parteiinteresse dient, und in den Hintergrund rücken, was dem Parteiinteresse nicht dient. Was die moderne Narratologie als ›perspektiviertes‹ Erzählen beschreibt, hat deshalb einen Vorgänger im rhetorischen Konzept parteiischen Erzählens. Eine zweite Aufgabe des Gerichtsredners sah die antike Rhetorik darin, das Geschehen glaubhaft zu erzählen. Zu den rhetorischen Verfahrenswei‐ sen dafür zählten die Bezugnahme auf das Wahrscheinlichkeitswissen der Adressat: innen und möglichst lückenlose kausale Handlungsverknüpfun‐ gen. Beiden Verfahren liegt dieselbe Annahme zugrunde: Rezipient: innen halten im konkreten Fall für plausibel, was sie allgemein für wahrscheinlich halten; insbesondere halten sie konkrete kausale Handlungsverknüpfungen für plausibel, die ihrem allgemeinen Wahrscheinlichkeitswissen entspre‐ chen. Der Redner kann die Glaubhaftigkeit seiner Erzählung deshalb durch kausale Handlungsbegründungen fördern: Je weniger kausale Lücken es gibt, umso glaubhafter wirkt seine Handlungsdarstellung. In älteren Erzäh‐ lungen mit einer exemplarischen Funktion ergibt sich daraus eine charak‐ teristische wechselseitige Plausibilitätsrelation: Die Handlungsdarstellung ist einerseits umso plausibler, je besser sie den allgemeinen Wahrschein‐ lichkeitsannahmen des kulturellen Handlungswissens entspricht; anderer‐ seits macht eine plausible Handlungsdarstellung die allgemeinen Wahr‐ scheinlichkeitsannahmen des kulturellen Handlungswissens auf glaubhafte Weise erkennbar. 9.4 ›Engelhard‹: Die erzählerische Vermittlung 245 Ordnungen kulturellen Wissens Praktisches Wissen Begrifflichdiskursives Wissen 10 Kulturelle Wissensordnungen I: Diskurse und Diskursanalyse 10.1 Praktisches und begrifflich-diskursives kulturelles Wissen Im Zusammenhang mit dem Bedeutungsaufbau in Texten war in den beiden vorhergehenden Kapiteln bereits von Ordnungen kulturellen Wissens als Voraussetzungen für die Verständigung zwischen Textverfassenden und ih‐ rem Publikum die Rede. Auch Erzählen und Argumentieren sind solche Ordnungen kulturellen Wissens, insofern sie zur Sprachgebrauchskompe‐ tenz gehören. Wir alle haben Erzählen und Argumentieren als kulturelle Praktiken gelernt, und das kulturelle Wissen, das wir dabei erworben haben, war zuerst ein praktisches Wissen: Wir haben im Alltag andere Menschen erzählen und argumentieren hören, Erzählungen vorgelesen bekommen - in denen oft Figuren argumentieren - und selbst zu erzählen und zu argu‐ mentieren begonnen. In der Schule haben wir beides sowohl mündlich als auch schriftlich geübt. Außerdem haben wir hier Begriffe für solche kulturellen Praktiken ge‐ lernt, wie beispielsweise ›Erlebniserzählung‹ oder ›Bericht‹. Anhand dieser Begriffe haben wir den Unterschied zwischen zwei narrativen Praktiken bei‐ gebracht bekommen und diese im Anschluss daran beim Aufsatzschreiben wiederum trainiert. Die Begriffe der modernen Erzähltheorie haben als Be‐ standteile des literaturwissenschaftlichen Studiums dagegen nicht in erster Linie den Zweck, unsere eigenen narrativen Fähigkeiten weiter zu schulen, sondern dienen vor allem dazu, kulturelle Praktiken literarischen Erzählens erkennbar zu machen. Auch in diesem Fall gab es die narrativen Praktiken aber schon vor den Begriffen, und die Begriffe selbst sind Bestandteile einer speziellen Art der Praxis, nämlich der der Erkenntnis und Reflexion. Ähnlich wie mit dem Erzählen und Argumentieren verhält es sich mit unserer gesamten Erstsprachenkompetenz und ihrer Erfassung durch Begriffsbildungen: Auch Syntax und Wortschatz haben wir zunächst als kulturelles Praxiswissen gelernt; Grammatiken und Wörterbücher bringen dieses Praxiswissen auf Begriffe und machen es dadurch erkennbar. Für Explizites und implizi‐ tes Wissen Kultur Bezogen auf eine Person die modernen Kulturtheorien, die Kulturen als Systeme von Praktiken verstehen, ist die Sprachkompetenz ihrerseits ein Beispiel für den generellen Zusammenhang zwischen praktischem und begrifflichem Wissen: Alles kulturelle Wissen ist praktisches Wissen, und innerhalb des praktischen Wissens gibt eine besondere, begriffliche Art des Wissens, das den Praktiken der Erkenntnis und der Reflexion dient. Begriffliches oder, wie man im Anschluss an den gleich noch genauer erläuterten Diskurs-Begriff von Michel Foucault auch sagen kann, ›diskursives‹ Wissen ist dann nicht etwas grundsätzlich anderes als praktisches Wissen, sondern eher ein Spezialfall davon. In einer bestimmten Hinsicht unterscheiden sich die beiden Wissensarten allerdings doch recht grundsätzlich voneinander: Begrifflich-diskursives Wissen - wie etwa das der Grammatik oder der Erzähltheorie - ist ein in‐ nerhalb der jeweiligen Kultur explizites Wissen: Die Angehörigen der Kultur wissen, dass sie dieses Wissen haben, und können es auf Nachfrage mit mehr oder weniger großen Anstrengungen erklären. Nicht-diskursives prakti‐ sches Wissen ist dagegen implizites Wissen: Die Angehörigen der Kultur wissen nicht, dass sie es haben, und können es auf Nachfrage gar nicht oder nicht ohne erhebliche Mühe erklären. Weil begrifflich-diskursives Wissen leichter zugänglich und einfacher zu beschreiben ist als nicht-begriffliches praktisches Wissen, wird es im Folgenden zuerst behandelt. Wenn in diesem und im nächsten Kapitel Zusammenhänge zwischen den beiden Arten kulturellen Wissens mit dem Bedeutungsaufbau in Texten behandelt werden, müsste eigentlich immer von ›diskursiven praktischen Wissen‹ und ›nicht-diskursivem praktischen Wissen‹ die Rede sein. Weil das auf die Dauer etwas umständlich ist, benutze ich die einfacheren Begriffe ›diskursives‹ und ›praktisches Wissen‹. Vor den kulturellen Wissensordnungen muss noch kurz der Kulturbegriff der modernen Kulturwissenschaften erläutert werden. 10.2 Kultur Der Begriff ›Kultur‹ hat in seiner Geschichte verschiedene Bedeutungen erhalten, die alle bis heute im Gebrauch sind und möglichst nicht miteinan‐ der verwechselt werden sollten. 1. Das lateinische Wort cultura bedeutet eigentlich ›Pflege‹ und wurde in der römischen Antike ursprünglich auf den Ackerbau bezogen. Im Begriff 248 10 Kulturelle Wissensordnungen I: Diskurse und Diskursanalyse Bezogen auf ein Kollektiv Lebens‐ weise eines ›natürli‐ chen‹ Kol‐ lektivs Teilbereich der kollekti‐ ven Lebens‐ weise Wirklichkeitsdeutung ›Agrikultur‹ ist das erhalten geblieben. Schon in der Antike bezeichnete man mit cultura jedoch in einer übertragenen Verwendung des Wortes auch die Lebensgestaltung und ihre Verfeinerung, aber stets nur die der Einzelperson. In diesem Sinn sagen wir immer noch, jemand sei ein kultivierter Mensch. 2. Erst seit dem 18. Jahrhundert wird ›Kultur‹ auch auf die Lebensweisen von Kollektiven bezogen. Auf dieser Grundlage haben sich zwei verschie‐ dene Bedeutungen herausgebildet, die manchmal auch als ›weiter‹ und ›enger‹ Kulturbegriff bezeichnet werden: a. In der weiten Verwendungsweise bezeichnete ›Kultur‹ seit dem späten 18. Jahrhundert die gesamte, räumlich und zeitlich begrenzte Lebensweise eines Kollektivs. Die Bedeutung von ›Kultur‹ entsprach dabei im Wesent‐ lichen der von ›Gesellschaft‹ oder ›Zivilisation‹. Ursprünglich war damit die Vorstellung verbunden, dass das jeweilige Kollektiv als eine natürliche Größe existiert: Es gibt Völker (Nationen), die Kulturen (Zivilisationen) haben; erst sind die Deutschen oder die Franzosen da und dann die deutsche oder die französische Kultur. b. In der engen Verwendungsweise bezeichnete ›Kultur‹ dagegen nicht die gesamte kollektive Lebensweise, sondern nur einige als besonders wertvoll beurteilte Bereiche davon. Dieser Begriff von Kultur beruht auf der Unterscheidung zwischen für unmittelbar zweckgerichtet gehaltenen Phä‐ nomenen wie Wirtschaft und Technik einerseits sowie für nicht unmittelbar zweckgerichtet gehaltenen Phänomenen wie Religion, Bildung und Kunst andererseits. Im engeren Sinn bezeichnete ›Kultur‹ die ›geistigen‹ und ›hö‐ heren‹ Aspekte des Lebens und wurde von ›Zivilisation‹ und ›Gesellschaft‹ unterschieden, die die nützlichkeitsorientierten Lebensbereiche bezeichne‐ ten. In dieser engen Bedeutung kann man ›Kultur‹ übrigens nur im Singular verwenden (›die‹ Kultur im Unterschied zu ›der‹ Wirtschaft), während das Wort in der weiten Bedeutung vor allem zur Bezeichnung unterschiedlicher ›Kulturen‹ (wie der europäischen und der amerikanischen) benutzt wird. 3. Im 20. Jahrhundert existierten die beiden Kulturbegriffe im Prinzip weiter nebeneinander, doch erfuhren beide wichtige Veränderungen: a. Der ›enge‹ Kulturbegriff verlor im Sprachgebrauch der Gesellschafts‐ wissenschaften seine wertende Funktion. Unter ›Kultur‹ verstand man nun ein Teilsystem der Gesellschaft neben Politik und Wirtschaft. Diese beiden galten als gesellschaftliche Wirklichkeit; Kultur war alles, was Wirklich‐ keitsdeutung lieferte: Religion, Kunst, Bildung, Wissenschaft. Die prägnan‐ teste Form dieser Unterscheidung war die marxistische Trennung zwischen ›Basis‹ und ›Überbau‹, der zufolge die kulturelle Wirklichkeitsdeutung die 10.2 Kultur 249 Kollektivbildung Kultur und Wirklichkeit tatsächlichen Verhältnisse entweder richtig oder interessengeleitet verzerrt widerspiegelt. b. Der ›weite‹ Kulturbegriff wurde immer mehr von der Vorstellung ent‐ koppelt, dass eine Kultur eine ihr vorausliegende, ›natürliche‹ Grundlage in Gestalt von Phänomenen wie Stamm, Volk oder Nation hat. Kultur wurde nicht mehr als Lebensweise eines Kollektivs verstanden, das es auch unab‐ hängig von der Lebensweise geben würde, sondern als Gesamtheit allen Wissens und aller konkreten Hervorbringungen menschlicher Tätigkeit, die das Kollektiv erst zu dem machen, was es ist. Auch die ›Völker‹ sind dann keine natürlichen Gegebenheiten, sondern Effekte von wissensbasierten kulturellen Praktiken-- und damit kulturelle Wirklichkeitskonstruktionen. In dem Maß, in dem ›Kultur‹ nach dieser Sicht als Gesamtheit allen Wis‐ sens und aller materiellen und intellektuellen Produkte galt, entstand ein massiver Gegensatz zwischen dem weiten und dem engen Kulturbegriff: Für das weite Verständnis von ›Kultur‹ gibt es nämlich keine gesellschaftliche Wirklichkeit ›vor‹ der Kultur mehr, die unabhängig von kulturellen Wis‐ sensordnungen ein Gegenstand der Erkenntnis sein könnte, sondern prin‐ zipiell nur kulturelles Wissen, das innerhalb der jeweiligen Kultur für die Wirklichkeit gehalten wird. ›Kultur‹ ist dann kein Teilsystem einer Gesell‐ schaft, sondern ihre Wirklichkeitskonstruktion mittels wissensbasierter kultureller Praktiken. Unter einer solchen Voraussetzung lassen sich stets nur kulturelle Wis‐ sensordnungen und die auf ihnen beruhenden Wirklichkeitskonstruktionen untereinander vergleichen, aber nicht kulturelle Wirklichkeitskonstruktio‐ nen mit einer allen Konstruktionen vorausgehenden Wirklichkeit. So kann man beispielsweise beschreiben, was Menschen im 12. Jahrhunderts auf der Basis ihrer kulturellen Wissensordnungen für die Wirklichkeit gehalten ha‐ ben, und was wir heute auf der Basis unserer kulturellen Wissensordnungen für die Wirklichkeit des 12. Jahrhunderts halten können. Dagegen gibt es keine Möglichkeit, die Frage zu beantworten, wie sich die Wirklichkeit des 12. Jahrhunderts zu den kulturellen Wissensordnungen des 12. Jahrhunderts verhielt. Selbstverständlich setzt eine solche Ansicht nicht voraus, dass es keine allen Konstruktionen vorausliegende Wirklichkeit gibt. Die Beziehung der Konstruktionen zu dieser Wirklichkeit lässt sich jedoch nur als eine instrumentelle vorstellen: Wirklichkeitskonstruktionen sind mehr oder weniger erfolgreich; erfolgreich sind sie, indem und solange sie sich als praktikabel erweisen. Das gilt, nebenbei bemerkt, auch für das Konzept der 250 10 Kulturelle Wissensordnungen I: Diskurse und Diskursanalyse Kulturwissen‐ schaft, Wissensgeschichte ›Diskurs‹: Bedeutung ›Abhand‐ lung‹ ›Text‹ kulturellen Wirklichkeitskonstruktion selbst: Wer die Wirklichkeit für das Produkt kultureller Konstruktion hält, kann diese Ansicht nicht zugleich für wirklichkeitsgemäß halten, sondern ebenfalls nur für eine kulturelle Konstruktion. Sie kann nicht richtig sein, sondern allenfalls Vorteile haben. Der Vorteil des weiten Kulturbegriffs besteht darin, dass er kulturelles Wissen nicht einfach als wahr oder falsch klassifiziert, sondern den Blick darauf lenkt, dass jede Kultur, unsere eingeschlossen, ihre eigenen prakti‐ schen und begrifflichen Wissensordnungen für die Wirklichkeit hält. Das eröffnet eine Möglichkeit, den Erkenntniswert der Kulturwissenschaften zu bestimmen: Dass wir uns mit räumlich oder zeitlich anderen kulturellen Wissensordnungen beschäftigen, kann einen kritischen Spielraum gegen‐ über unseren eigenen Wirklichkeitskonstruktionen eröffnen. Die Beschäf‐ tigung mit Wissensordnungen der Vergangenheit bleibt für einen solchen Standpunkt eine eher unnütze Tätigkeit, wenn wir dabei lediglich Irrtümer unserer Vorfahren oder Gemeinsamkeiten zwischen ihren und unseren kulturellen Praktiken identifizieren, weil uns weder das eine noch das andere in dem verunsichern kann, was wir auf der Basis unserer eigenen kulturellen Wissensordnungen für selbstverständlich halten. Erst indem wir Unterschiede zwischen anderen und eigenen Selbstverständlichkeiten erkennen, können wir Distanz gegenüber den eigenen Selbstverständlich‐ keiten gewinnen. 10.3 Was ist ein Diskurs? Das Wort ›Diskurs‹ wird gegenwärtig in mindestens vier Bedeutungen benutzt, die man auseinanderhalten sollte. In der ersten Verwendungsweise meint Diskurs ›systematische Abhand‐ lung‹. In dieser Bedeutung war das Wort im Deutschen bis zum 18. Jahr‐ hundert gebräuchlich; im Französischen (discours) hat sie sich bis in die Gegenwart gehalten. Auch im heutigen Deutsch gebraucht wird das Adjek‐ tiv ›diskursiv‹ in der Bedeutung ›erörternd‹, das zu dieser ersten Verwen‐ dungsweise von ›Diskurs‹ gehört. Die zweite Verwendungsweise von ›Diskurs‹ stammt aus der Sprachwis‐ senschaft und ist dort in Anlehnung an einen englischen Sprachgebrauch entstanden. Im Englischen lässt sich discourse als Synonym für ›Text‹ benutzen. In der Sprachwissenschaft dient der Begriff deshalb zur Bezeich‐ nung satzübergreifender sprachlicher Erscheinungen und zur Bezeichnung 10.3 Was ist ein Diskurs? 251 ›Debatte‹ ›Diskurs‹ bei Foucault Ordnungen des Wissens sprachlicher Handlungen in einer geordneten Abfolge. In diesem Sinn kann man beispielsweise von einem ›narrativen Diskurs‹ oder von einem ›argumentativen Diskurs‹ reden und damit einen Text oder eine Textpassage meinen, die nach narrativen oder argumentativen Mustern geordnet ist. Auf diesem Sprachgebrauch beruht auch die Gewohnheit der Erzähltheorie, die Ebene der erzählerischen Vermittlung (im Unterschied zur Ebene der erzählten Geschichte) als ›discours‹ oder ›Diskurs‹ zu bezeichnen (vgl. S.-226). Die dritte Verwendungsweise von ›Diskurs‹ stammt aus der philosophi‐ schen Theorie der öffentlichen Kommunikation und ist vor allem von Jürgen Habermas verbreitet worden. ›Diskurs‹ bezeichnet hier die öffentliche Argumentation und die Prinzipien, nach denen in einer offenen Gesellschaft Konsens ausgehandelt wird. In diesem Sinn reden wir beispielsweise vom ›Diskurs über Sozialreformen‹ und meinen damit eine öffentlich geführte Debatte oder Diskussion. Die vierte Verwendungsweise von ›Diskurs‹ ist diejenige, um die es in diesem Kapitel ausschließlich geht. Sie beruht auf einer neuen Bedeutung, die der französische Historiker Michel Foucault dem Wort in den 60er- und 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts gab. Foucaults Diskursbegriff knüpft an die traditionelle Verwendungsweise von ›Diskurs‹ in der Bedeutung ›systematische Abhandlung‹ an. Er gibt nämlich gewissermaßen eine Antwort auf die Frage, woher eigentlich die Systematik von systematischen Abhandlungen - beispielsweise von philo‐ sophischen oder literaturwissenschaftlichen - kommt. Ein Textanalytiker würde sagen, dass sie eben auf der inhaltlichen Ordnung des Textes beruht. Foucault meint aber, dass dafür auch die Ordnung des Wissens eine Rolle spielt, auf das sich der Text bezieht, und dass diese Ordnung des Wissens nicht erst vom Text hergestellt wird, sondern eine Voraussetzung für die Systematik im Text ist. ›Diskurs‹ bezeichnet bei Foucault deshalb eine abstrakte Ordnung des Wissens, die konkreten Abhandlungen zugrunde liegt. Insofern Texte mit Begriffen operieren, sind die Ordnungen des Wissens, auf die sie sich beziehen, begriffliche Wissensordnungen, die man sich als Systeme von Begriffsbeziehungen - Äquivalenzen, Oppositionen, Hierar‐ chisierungen, Kausalitäten - vorstellen kann (vgl. S. 210). Als Bezeichnung für solche begrifflichen Wissensordnungen benutzte Foucault im Anschluss an die aristotelische Bezeichnung für theoretisches Wissen den Terminus ›Episteme‹. Unter einem Diskurs versteht er »eine Menge von Aussagen, die 252 10 Kulturelle Wissensordnungen I: Diskurse und Diskursanalyse Regelsystem Episteme und Diskurs Wissensgeschichte einem gleichen Formationssystem zugehören« (›Archäologie des Wissens‹, S. 156), wobei das Entscheidende die ›Formation‹ im Sinn sowohl des Her‐ vorbringens als auch des Regulierens ist: Diskurse sind auf sozialen Insti‐ tutionen basierende und durch Machtausübung aufrecht erhaltene kultu‐ relle Regelsysteme, die gewissermaßen zwischen der Episteme und dem konkreten Text wirksam werden. Sie bestimmen, welche Aussagen mittels einer bestimmten Episteme gemacht werden können und welche nicht; sie sind diejenigen kulturellen Machtpraktiken, die den Begriffsgebrauch und die Aussagenbildung in konkreten Texten zugleich ermöglichen und be‐ grenzen. Wegen dieses Interesses für das Verhältnis von Wissensordnungen und Machtpraktiken neigt die Konzeption Foucaults dazu, die Episteme im Sinn einer begrifflichen Wissensordnung nicht so sehr als Voraussetzung, son‐ dern eher als Effekt eines Diskurses zu verstehen. Diskurse sind dann keine Machtpraktiken, die mit ihnen vorausliegenden und von ihnen unabhängi‐ gen Begriffssystemen operieren; die Begriffssysteme sind eher Produkte der Machtpraktiken. Am deutlichsten wird dies in der Annahme greifbar, dass jede Episteme auf bestimmten Kernbegriffen beruht, von denen aus das Begriffssystem aufgebaut ist, und dass die Entscheidung über diesen fundamentalen Status nicht durch das Begriffssystem selbst verursacht wird, sondern die Folge einer Setzung ist. Als Konzept der Wissensgeschichte unterscheidet sich Foucaults Dis‐ kursanalyse vor allem dadurch von älteren Modellen wie der Ideenge‐ schichte und der Geistesgeschichte, dass sie die Bedeutung von Machtprak‐ tiken sowohl für die Stabilisierung als auch für die Veränderung kulturellen begrifflichen Wissens in den Blick nimmt. So sind beispielsweise Wissen‐ schaften nicht einfach nur Systeme von Methoden, Begriffen und Aussagen, sondern zugleich Institutionen, in denen durch Entscheidungen über per‐ sönliche Karrieren, finanzielle Mittelvergabe, Zugang zu Publikationsorga‐ nen und anderem mehr Entscheidungen über den Erfolg von Methoden, Be‐ griffen und Aussagen getroffen werden. Weil sich die Diskursgeschichte vor allem für Zusammenhänge zwischen kulturellen Wissensordnungen und institutionellen Machtpraktiken interes‐ siert, versteht sie die Geschichte des Wissens nicht in erster Linie als Geschichte eines zunehmenden Erkenntnisfortschritts, der die Menschheit der Wahrheit immer näherbringt, sondern als Geschichte prinzipiell instrumenteller Wirk‐ lichkeitskonstruktionen. Das diskursanalytische Interesse gilt deshalb nicht nur der Geschichte einzelner Diskurse, sondern auch dem Nebeneinander 10.3 Was ist ein Diskurs? 253 Eigenschaf‐ ten von Diskursen Kernbegriffe Prämissen Machtpraktiken Institutio‐ nelle Grundlage Diskurse, kulturelles Wissen zeitgleicher Diskurse, die wegen ihrer jeweiligen institutionellen Grundlagen unterschiedliche Wirklichkeitskonstruktionen hervorbringen und durchset‐ zen. In diesem Sinn geht es im anschließenden Beispiel darum, dass und auf welcher Basis Theologen, Mediziner und höfische Dichter im 12. und 13. Jahrhundert unterschiedlich über Geschlechtsverkehr reden konnten und dass dabei sowohl die Möglichkeit des Ignorierens der anderen Diskurse als auch die der Bezugnahme auf die anderen Diskurse bestand. Die Frage »Was ist ein Diskurs? « lässt sich demnach folgendermaßen beantworten: Ein Diskurs hat erstens Kernbegriffe, die die Thematisierung von Gegen‐ ständen ermöglichen. Dieser begriffliche Kern bestimmt, wie im Rahmen des Diskurses über bestimmte Themen geredet werden kann. Auf dieser Ba‐ sis regelt der Diskurs, welche weiteren Begriffe bei der Behandlung eines Themas zulässig sind, welche Vorannahmen vorausgesetzt werden und wel‐ che Argumente akzeptabel sind. Im theologischen Diskurs ist beispielsweise ›Sünde‹ ein Kernbegriff, im medizinischen ›Krankheit‹. Der theologische Diskurs geht von der Vorannahme aus, dass das Seelenheil das Ziel des menschlichen Lebens ist, und gründet alle Argumente auf diese Annahme. Der medizinische Diskurs macht die Vermeidung von Krankheit zum Aus‐ gangspunkt. Diskurse regeln, was mit dem Anspruch auf Geltung gesagt werden kann und auf welche Weise es gesagt werden kann. In diesem Sinn sind sie kulturelle Machtpraktiken. Ein Diskurs hat zweitens eine institutionelle Grundlage: Diskurse gibt es nur in dem Maß, in dem verschiedene Bereiche des Wissens institutionell ge‐ geneinander abgegrenzt sind. Die Unterscheidung zwischen medizinischem und theologischem Diskurs im 12. und 13. Jahrhundert beruht beispielsweise darauf, dass es unterschiedliche Fachleute dafür gab, weil es an den wissen‐ schaftlichen Institutionen verschiedene Fächer gab. Die Theologen konnten den Medizinern deshalb nicht einfach ›hineinreden‹: Sie konnten nicht ohne weiteres verlangen, dass sich die Mediziner nach den Regeln des theologischen Diskurses zu richten hätten. Diskurse können nur in dem Maß Bestand haben, in dem ihre Träger sich gegen die Träger anderer Diskurse behaupten können, und beruhen in diesem Sinn auf institutionalisierten Machtverhältnissen. Der Begriff ›Diskurs‹ hat drittens nur dann einen Erkenntniswert, wenn sich in einer Kultur zu einer bestimmten Zeit verschiedene diskursive Wis‐ sensordnungen unterscheiden lassen. Andernfalls gibt es nur ein einheitli‐ ches kulturelles Wissen, das alle denkbaren Aussagen in gleicher Weise be‐ 254 10 Kulturelle Wissensordnungen I: Diskurse und Diskursanalyse ›Archiv‹ Geschicht‐ lichkeit Geschichte des Wissens stimmt. Wenn es mehrere Wissensordnungen gibt, setzt sich das kulturelle Wissen aus unterschiedlichen Diskursen zusammen. Die Gesamtheit der Diskurse kann man im Anschluss an Foucault als das ›Archiv‹ der Kultur bezeichnen. Ein Diskurs ist viertens ein geschichtliches Phänomen. Seine Geltung ist räumlich wie zeitlich begrenzt: Er entfaltet seine Wirkung innerhalb einer bestimmten Kultur in einer bestimmten Zeitspanne; seine Gegen‐ stände, Regeln und institutionellen Grundlagen sowie seine Beziehungen zu anderen Diskursen entstehen und verändern sich. Im Mittelpunkt des diskursgeschichtlichen Modells der Wissensgeschichte steht deshalb die Annahme, dass auch unsere grundlegendsten Begriffe keine ›natürlichen‹ Größen bezeichnen, sondern ihre Bedeutung erst durch die historisch wandelbaren Regeln der Diskurse erhalten. Der medizinische Diskurs be‐ stimmt beispielsweise erst, was unter ›Gesundheit‹ und ›Krankheit‹ zu verstehen ist. Deshalb kann sich im Lauf der Zeit verändern, was unter ›Gesundheit‹ und ›Krankheit‹ verstanden wird. Gesundheit und Krankheit sind demnach keine natürlichen Zustände, sondern von den jeweiligen Wissensordnungen abhängige Bedeutungszuweisungen. Im medizinischen Diskurs des 19. Jahrhunderts etwa war Homosexualität eine Krankheit. Im medizinischen Diskurs des 12.-und 13.-Jahrhunderts war das nicht so, denn es gab hier gar keinen Begriff von Homosexualität als dauerhafter Neigung, sondern nur einen Begriff von gleichgeschlechtlichem Verkehr als konkreter Handlung; eine solche lässt sich schlecht als Krankheit klassifizieren. Heute haben wir einen Begriff von Homosexualität als dauerhafter Neigung, die nicht unter den Krankheitsbegriff unserer Medizin fällt. Vom Standpunkt der Diskurstheorie aus ist die Frage, ob Homosexualität ›tatsächlich‹ eine Krankheit ist oder nicht, unsinnig: Die historischen Ordnungen des Wissens bilden keine gleichbleibende Wirklichkeit ab, sondern konstruieren kultu‐ relle Wirklichkeiten 10.4 Historische Diskursanalyse Historische Diskursanalyse ist eine Methode zur Erforschung der Ge‐ schichte des Wissens. Sie untersucht, wie Aussagen mittels bestimmter begrifflicher Wissensordnungen im Rahmen bestimmter Machtpraktiken hervorgebracht, verbreitet, akzeptiert und bestritten werden und wie sie sich zu anderen Aussagen verhalten, die innerhalb anderer Diskurse hervorge‐ 10.4 Historische Diskursanalyse 255 Diskurs und Text bracht, verbreitet, akzeptiert und bestritten werden. Auf dieser Grundlage kann die historische Diskursanalyse verschiedene Erkenntnisinteressen verfolgen. Das Interesse kann einem bestimmten historischen Diskurs als Regel‐ system gelten, beispielsweise dem medizinischen im 12. und 13. Jahrhun‐ dert. Die Diskursanalyse untersucht dann seine Begriffe, Vorannahmen, Argumentationen und die Praktiken ihrer Etablierung, Stabilisierung, Un‐ terdrückung oder Abweisung, seine institutionellen Grundlagen und sein Verhältnis zu anderen zeitgenössischen Diskursen. Das Interesse kann den Veränderungen eines Diskurses innerhalb eines bestimmten Zeitraums, ihren kulturellen Voraussetzungen und Folgen sowie den Veränderungen des Verhältnisses zwischen verschiedenen Diskursen gelten. Historische Diskursanalyse kann sich aber auch dafür interessieren, wie ein bestimmtes Thema in einer bestimmten Zeit in unterschiedlichen Diskursen behandelt wurde. Die Diskursanalyse erforscht dann, wie die einzelnen Diskurse den Gegenstand nach ihren jeweiligen Regeln ›kon‐ struieren‹. Man kann beispielsweise untersuchen, was die Theologen, die Mediziner und die höfischen Dichter im 12. und 13. Jahrhundert über Geschlechtsverkehr zu sagen hatten, und die Unterschiede als Folgen ver‐ schiedener Diskursregeln zu erklären versuchen. Das empirische Material, aus dem Diskurse erschlossen werden, sind Texte. Texte stellen die Quellen der Diskursanalyse dar, nicht ihre eigentli‐ chen Gegenstände; der Gegenstand ist der Diskurs ›hinter‹ den Texten. Die Ergebnisse der Diskursanalyse lassen sich aber umgekehrt dazu benutzen, die thematische Ordnung von Texten zu erklären. Diskurse und ihre Regeln bestimmen die Produktion und die Rezeption von Texten. Dabei kann jeder Text einen oder mehrere Diskurse aufgreifen (›aktualisieren‹). Manche Diskurstheoretiker lieben die Metapher, dass sich der Text in einen Diskurs ›einschreibt‹, das heißt: einen Diskurs aufnimmt und fortsetzt. Ein Diskurs seinerseits zeigt sich in Texten. Er ist nur in Texten greifbar, aber er ist nicht einfach eine Gruppe von Texten, die dasselbe Thema behandeln oder zum selben Fach gehören. Er ist das Regelsystem, das die Gruppe von Texten erst zu einer Gruppe macht. Die Diskursanalyse interessiert sich für den einzelnen Text nur insofern, als der Text einen oder mehrere Diskurse aktualisiert oder verschiedene Diskurse gegeneinander ausspielt. Sie interessiert sich dagegen nicht für den einzelnen Text als kohärentes Ganzes. Diskursanalyse ist keine Textinter‐ pretationstechnik; sie identifiziert nur, welche Wissensbestände auf welche 256 10 Kulturelle Wissensordnungen I: Diskurse und Diskursanalyse Regelhaftigkeit Institutio‐ neller Charakter Interdiskurs Weise in Texten aktualisiert werden, und benutzt dies als Datenmaterial für die Rekonstruktion der Wissensordnungen. Foucault selbst nannte diese Rekonstruktion der Wissensordnungen die »Archäologie des Wissens«. Wie ein Archäologe nach den Überbleibseln alter Sachkulturen sucht und sie so in einen Zusammenhang bringt, dass ein Bild von der Sachkultur entsteht, so sucht ein Diskursanalytiker nach den Überbleibseln alter Wissensordnungen und bringt sie so in einen Zusammenhang, dass ein Bild vom ›Archiv‹ der Kultur entsteht. 10.5 Diskurs, ›schöne Literatur‹, Dichtung Wenn ein Diskurs einen bestimmten Kerngegenstand sowie bestimmte begriffliche und argumentative Regeln für seine Behandlung hat, dann ist weder die ältere Dichtung noch die neuere ›schöne Literatur‹ (vgl. S. 81-83) ein Diskurs. Foucault hat ursprünglich sogar mit der Idee gespielt, dass die schöne Literatur das Gegenteil von Diskurs sein könnte: der Ort der sprachlichen Freiheit von den gesellschaftlichen Regelmechanismen, der Raum der Rede- und Schreib-Anarchie. Das lässt sich auch so drehen, dass die schöne Literatur derjenige Diskurs ist, dessen Regel in der erlaubten Regellosigkeit besteht. Diese Idee beruht darauf, dass die schöne Literatur seit dem 18. Jahrhun‐ dert den Charakter einer gesellschaftlichen Institution hat. Dafür hat die Autonomieästhetik (vgl. S.-84) im Verein mit der Entstehung eines Marktes für ›Belletristik‹ gesorgt. Auf einer institutionellen Ebene unterscheiden wir schöne Literatur seit dem 18. Jahrhundert ziemlich deutlich von anderen kulturellen Feldern wie den Wissenschaften, der Religion oder der Politik. Schöne Literatur ist allerdings nicht dazu da, bestimmte Wissensgebiete nach bestimmten Regeln zu behandeln. Eher scheint sie auf andere Diskurse zurückzugreifen und sie für ihre eigenen Zwecke zu benutzen, ohne die jeweiligen Regeln dieser Diskurse streng beachten zu müssen. Schöne Literatur darf alles nur erdenkliche Wissen verarbeiten, und zwar mit allen nur erdenklichen Freiheiten. Insofern die schöne Literatur seit dem 18. Jahrhundert eine gesellschaft‐ liche Institution ist und insofern sie andere Diskurse verarbeitet, kann man sie als eine Sonderform von Diskurs betrachten, für die der Begriff ›Inter‐ diskurs‹ im Gebrauch ist. Ein Interdiskurs hat eine eigene institutionelle Grundlage, aber keinen eigenen Kerngegenstand. 10.5 Diskurs, ›schöne Literatur‹, Dichtung 257 Ältere Dichtung Höfische Dichtung und höfischer Diskurs Schöne Literatur lässt sich allerdings nur auf der Grundlage der Verhält‐ nisse, die im 18. Jahrhundert entstanden sind, als institutionalisierter Inter‐ diskurs verstehen. In der frühmittelalterlichen mündlichen Kultur außerhalb der Klöster und Domkirchen fällt es generell schwer, Diskurse innerhalb des kulturellen Wissens voneinander abzugrenzen. In der Schriftkultur geht das leichter, weil die Kirche von der Spätantike unterscheidbare Wissensord‐ nungen erbte, unter denen einige seit dem Hochmittelalter immer deutlicher die institutionelle Gestalt von Fachgebieten erhielten. Solange die Gelehrten poetische Texte vor allem mit dem Kriterium der Versifikation von anderen Texten unterschieden (vgl. Kap. 4), konnten sie ihnen jedoch prinzipiell dieselben Funktionen zuweisen wie den nicht-poetischen, und von der Erfindung des Buchdrucks bis zur Etablierung eines speziellen Markts für poetische Texte mit einem institutionalisierten ›Literaturbetrieb‹ hat es lange gedauert. Gerade weil Dichtung in der gelehrten Schriftkultur weder Diskursnoch Interdiskurs-Status hatte, konnten poetische Texte aber problemlos zur Vermittlung aller Arten von Wissen eingesetzt werden, ohne dass jemand auf die Idee kommen konnte, dass das nicht ihre eigentliche Aufgabe sei. Am ehesten macht die volkssprachliche höfische Dichtung des 12. und 13. Jahrhunderts den Eindruck eines Diskurses mit einer institutionellen Machtbasis (den Höfen) und einer um einen Kernbegriff (›höfisch‹) organi‐ sierten Episteme. Das liegt daran, dass die höfische Kultur wegen ihrer Semi-Oralität (vgl. S. 103) auf mündlich vortragbare Texte angewiesen war und deshalb vor allem versifizierte Texte benutzte. Es gab folglich einen hö‐ fischen Diskurs, der wegen der Bildungsverhältnisse vorzugsweise in poe‐ tischen Texten aktualisiert wurde und deshalb weitgehend mit ›höfischer Dichtung‹ zusammenfiel. Er war jedoch nicht wegen der Versform der Texte, sondern wegen der Institution Hof und der höfischen Wissensordnungen ein Diskurs. In Spätmittelalter und früher Neuzeit war volkssprachliche Dichtung dann im Sinn des gelehrten Dichtungsbegriffs vor allem eine for‐ mal bestimmte Textsorte, die zur Aktualisierung unterschiedlicher Diskurse diente, aber weder ein institutionalisierter Diskurs noch ein institutionali‐ sierter Interdiskurs. Als Beispiel soll nun die Konstruktion des Themas ›Geschlechtsverkehr‹ in verschiedenen Diskursen des 12. und 13. Jahrhunderts skizziert werden. Ich benutze diesen Begriff anstelle von ›Sexualität‹, weil keiner der hochmit‐ telalterlichen Diskurse über unseren abstrakten und umfassenden Begriff 258 10 Kulturelle Wissensordnungen I: Diskurse und Diskursanalyse Quellen: Traktate Bußbücher Kirchen‐ recht von Sexualität verfügte. Die Wissensordnungen beruhten auf konkreteren Begriffen wie dem des Koitus. 10.6 ›Geschlechtsverkehr‹ in Diskursen des 12. und 13.-Jahrhunderts a. Theologischer und kirchenrechtlicher Diskurs Gut zu greifen ist die Konstruktion des Gegenstands ›Geschlechtsverkehr‹ im theologischen Diskurs. Das liegt nicht unbedingt daran, dass der theolo‐ gische Diskurs in allen Lebensbereichen von vornherein der einflussreichste war, sondern zunächst daran, dass die Kleriker das Wissen über Gott und die Schöpfung besonders gut systematisierten und dass sie die Techniken der schriftlichen Aufzeichnung besonders gut nutzten. Quellen für die theologische Behandlung des Geschlechtsverkehrs sind zum einen theologische Traktate. Zur Verfügung stehen zum zweiten die Bußbücher, die Klerikern bei der Abnahme der Beichte und der Verhängung von Bußen für die gebeichteten Sünden halfen. Bußbücher enthielten bis zum 12. Jahrhundert üblicherweise einen Katalog von Sünden samt einem für jede Sünde festgelegten Bußtarif. Die Buße bestand gewöhnlich in einer Zeit des Fastens, das heißt des Verzichts auf bestimmte Nahrungsmittel, im Extremfall der Beschränkung auf Wasser und Brot. An der Länge der Buß‐ zeiten lässt sich die Schwere einzelner Vergehen ablesen. Geschlechtliche Verfehlungen sind in den Bußbüchern zumeist breit vertreten. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts kam dieser alte Typus des Sünden- und Bußenkatalogs außer Mode und wurde durch Bußtraktate ersetzt, die eine systematische Sündenlehre boten und keine festen Bußtarife mehr vorschrieben, sondern Regeln für die Festlegung der Buße im Einzelfall unter Berücksichtigung spezifischer Umstände formulierten. Verbreitete Ansichten über die Schwere verschiedener Sünden lassen sich aber auch hier noch beobachten. Im engen Zusammenhang mit dem theologischen Diskurs stehen zum dritten kirchenrechtliche Quellen. Insofern die Kirchenjuristen seit dem 11. Jahrhundert über die Institutionen einer Fachdisziplin verfügten und ei‐ genständige Traktate schrieben, muss man den kirchenrechtlichen Diskurs vom theologischen unterscheiden; die Theologie blieb aber die Grundlage des kirchlichen (›kanonischen‹) Rechts. 10.6 ›Geschlechtsverkehr‹ in Diskursen des 12. und 13.-Jahrhunderts 259 Bibel und Kirchenväter Schöp‐ fungsge‐ schichte Paulus Augustinus Für das Thema Geschlechtsverkehr ist das kanonische Recht von Bedeu‐ tung, weil es die Grundlage der Rechtsprechung an kirchlichen Gerichten war, die vom 12. Jahrhundert an in zunehmendem Maß in Eheangelegenhei‐ ten angerufen wurden und im Verlauf des 13. Jahrhunderts die Zuständigkeit dafür weitgehend an sich zogen. Da Eheprobleme oft auf dem Sexualverhal‐ ten der Eheleute beruhten, mussten sich die Kirchenrechtler mit ehelichem und außerehelichem Geschlechtsverkehr befassen. Charakteristisch für den theologischen Diskurs war seine Verpflichtung auf die in den biblischen Texten geoffenbarte Wahrheit und auf die Auslegungen der biblischen Texte durch die Kirchenväter der Spätantike. Die Aussagen zum Geschlechtsverkehr gehen vor allem von einigen Stellen in der alttestamentlichen Schöpfungsgeschichte und in den neutestamentlichen Paulusbriefen aus. Der Schöpfungsgeschichte zufolge schuf Gott Mann und Frau und gebot ihnen, fruchtbar zu sein und sich zu mehren (1. Mose 1,27-28). Schon vor dem Bericht vom Sündenfall heißt es, dass Mann und Frau zu einem Fleisch werden; Adam und Eva schämten sich jedoch im Paradies nicht voreinander, obwohl sie nackt waren (1. Mose 2,24-25). Un‐ mittelbar nachdem beide gegen das Verbot Gottes den Apfel vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten, erkannten sie, dass sie nackt waren, und floch‐ ten sich aus Feigenblättern Schurze (1. Mose 3,7). Paulus zufolge (1. Korinther 7,1-11) ist es für Christen am besten, ganz auf Geschlechtsverkehr zu verzichten. Wer das nicht schafft, soll Geschlechts‐ verkehr ausschließlich innerhalb einer monogamen und unauflöslichen Ehe ausüben. In einer solchen Ehe ist jeder Partner dazu verpflichtet, das geschlechtliche Begehren des anderen zu erfüllen, damit niemand zur ›Unzucht‹ außerhalb der Ehe getrieben wird. Die für den theologischen Diskurs jahrhundertelang grundlegenden Be‐ griffe, Vorannahmen und Argumente stammen aus der Auslegung der Sün‐ denfallgeschichte durch den Kirchenvater Augustinus (354-430). Ihm zu‐ folge ist die Geschlechtlichkeit des Menschen ein Teil der Schöpfungsordnung und damit gut wie alles, was Gott geschaffen hat. Sie hatte allerdings vor dem Sündenfall einen ganz anderen Charakter als danach. Augustinus leitet das aus der biblischen Erzählung ab, in der Adam und Eva sich unmittelbar nach dem Sündenfall ihrer Nacktheit zu schämen beginnen. Vor dem Sündenfall diente der Geschlechtsverkehr laut Augustinus aus‐ schließlich der Fortpflanzung und unterschied sich nicht von anderen menschlichen Handlungsweisen: Er war völlig der rationalen Kontrolle unterworfen und nicht mit einem außergewöhnlichen Lustempfinden 260 10 Kulturelle Wissensordnungen I: Diskurse und Diskursanalyse Schöp‐ fungsord‐ nung und Sünde Fortpflan‐ zung und Begehren verbunden. Das geschlechtliche Begehren, das Lustempfinden beim Ge‐ schlechtsverkehr und der Verlust der rationalen Kontrolle über das Begehren (insbesondere über das männliche Glied) sind Folgen des Sündenfalls. Der Sündenfall selbst besteht darin, dass Adam und Eva ungehorsam waren und das einzige Verbot brachen, das Gott ihnen gesetzt hatte. Der Mensch, sagt Augustinus, sündigte durch Ungehorsam und wurde durch den Ungehorsam seines Begehrens bestraft. Dass wir das geschlechtliche Begehren nicht kontrollieren können und Lust beim Geschlechtsverkehr empfinden, ist die Spiegelstrafe dafür, dass Adam und Eva die göttliche Ordnung verlassen haben. Begehren und Lust sind der Ausdruck der menschlichen Gottesferne - ein Zustand, der seit Adam und Eva von Generation zu Generation als Erbsünde weitergegeben wird, weil jeder Mensch in sündiger Lust gezeugt wird. Die Wiederannäherung an die göttliche Ordnung, die jeder Christ in seiner Lebensführung anstreben sollte, kann deshalb nur darin bestehen, nach rationaler Kontrolle über das geschlechtliche Begehren zu streben und sich dem Lustempfinden nicht auszusetzen. Wenn Begehren und Lust der Ausdruck unserer Gottesferne sind, dann gibt es nichts Perverseres, als sie zu suchen. Die Diskurskategorie, die dieser Konstruktion zugrunde liegt, ist der Be‐ griff der Sünde, das heißt, der Bruch der göttlichen Schöpfungsordnung und die daraus resultierende Gottesferne. Die von Augustinus eingeführte Vor‐ annahme besteht darin, dass zwar der Geschlechtsverkehr als Mittel der Fortpflanzung, nicht aber Begehren und Lustempfinden zur Schöpfungs‐ ordnung vor dem Sündenfall gehörten. Wenn man diese Annahme und dazu noch die von Paulus formulierten Verhaltensregeln akzeptiert, ergeben sich alle theologischen Standardaussagen zum Geschlechtsverkehr mit geradezu unvermeidlicher Konsequenz. Das ›Formationssystem‹ Diskurs bringt die Aussagen hervor, die die theologischen Texte durchziehen: Geschlechtsverkehr ist das gottgewollte und deshalb gute Mittel der Fortpflanzung. Die beim Geschlechtsverkehr empfundene Lust und das Begehren nach dieser Lust sind Sünden. Da die Lust beim Geschlechtsver‐ kehr nicht vermeidbar ist, ist es am besten, ganz darauf zu verzichten. Erlaubt ist Geschlechtsverkehr nur innerhalb der Ehe zum Zweck der Fortpflanzung. Auch in diesem Fall bleibt das Lustempfinden eine Sünde. Eine absichtliche Steigerung des Lustempfindens beim ehelichen Verkehr vergrößert die Sünde. Ehepartner sind einander den Geschlechtsverkehr schuldig (›eheliche Pflichten‹), weil er der Fortpflanzung dient und außer- 10.6 ›Geschlechtsverkehr‹ in Diskursen des 12. und 13.-Jahrhunderts 261 Hierarchie der sexuel‐ len Sünden Ge‐ schlechtsverkehr zwi‐ schen Un‐ verheirate‐ ten Heimliche Konsens- Ehe eheliches Begehren vermeiden hilft. Jede Art von Geschlechtsverkehr au‐ ßerhalb der Ehe ist eine schwere Sünde. Jede Art von Geschlechtsverkehr (auch jeder eheliche), bei dem es nicht zu einer Zeugung kommen kann, ist eine schwere Sünde gegen die ursprüngliche göttliche Ordnung (contra naturam). Das ist immer der Fall, wenn der männliche Samen nicht in den von der Schöpfungsordnung dafür vorgesehenen weiblichen Körperteil gelangt. In den Bußbüchern und im kanonischen Recht hatte diese Ordnung des Wissens eine Hierarchie unterschiedlich schwerer sexueller Sünden zur Folge. Seit dem 13. Jahrhundert gab es in Bußtraktaten zudem oft einen systematischen Abschnitt, der von den ›ehelichen Pflichten‹ und den Zeiten handelt, in denen Eheleute enthaltsam sein sollten (Fastenzeit, Osterwoche, Pfingsten, Adventszeit, Menstruation, Schwangerschaft und Stillzeit, freitags und sonntags im Gedenken an Kreuzigung und Auferste‐ hung; außerdem bei Tageslicht, denn Eheleute sollten einander nicht nackt sehen, um Begehren und Lust nicht unnötig zu steigern). Auch bei den Kirchenrechtlern herrschte die Auffassung, dass Geschlechtsverkehr allein zur Lustbefriedigung selbst in der Ehe eine Sünde sei. Unterschiedliche Positionen gab es in der Frage, eine wie schwere Sünde das Lustempfinden bei ehelichem Geschlechtsverkehr zur Fortpflanzung darstellt. Als geringste sexuelle Sünde außerhalb der Ehe galt der Geschlechts‐ verkehr unter unverheirateten Laien, die ›einfache Unzucht‹ (fornicatio simplex). Manche der systematischen Bußtraktate weisen die Kleriker eigens an, den Laien klarzumachen, dass die einfache Unzucht durchaus eine Sünde sei. Offenbar war diese Einschätzung unter den Laien keine Selbstverständ‐ lichkeit. Auch einzelne Kirchenrechtler lehrten, dass die einfache Unzucht keine allzu schwere Sünde sei. Kirchenrechtlich gesehen lag der Tatbestand der einfachen Unzucht überhaupt nur dann vor, wenn nicht beide Beteiligte behaupteten, in gegen‐ seitigem Einvernehmen mit dem Geschlechtsverkehr eine Ehe geschlossen zu haben. Denn im Kirchenrecht galt seit dem 12. Jahrhundert die Regel, dass allein die freiwillige Zustimmung (consensus) von Braut und Bräutigam die Ehe begründen. Nach dem Kirchenrecht brauchte es für eine rechtskräftige Ehe weder den Segen eines Priesters noch die Zustimmung der Familien noch Zeugen noch irgendeine andere Form von Öffentlichkeit oder ritueller Zeremonie. Aus diesem Grund gab es seit dem 12. Jahrhundert das Problem der ›heimlichen Ehen‹. Seit dem 13. Jahrhundert versuchte die Kirche, heimliche Ehen zu unterbinden, aber erst vom 16. Jahrhundert an konnten 262 10 Kulturelle Wissensordnungen I: Diskurse und Diskursanalyse Ehebruch Inzest und Sodomie Aristoteles Galen Natur und Zweck ohne den priesterlichen Segen und die durch zwei Zeugen vertretene Öffentlichkeit keine rechtskräftigen Ehen mehr geschlossen werden. Eine wesentlich schwerere Sünde als die ›einfache Unzucht‹ war der Ehebruch (adulterium), denn die Ehe hatte als Sakrament einen heilsvermit‐ telnden Charakter wie Taufe oder Abendmahl. Ehebruch wurde schon in den älteren Bußbüchern mit jahrelangen Fastenbußen belegt und in Hochwie Spätmittelalter von kirchlichen Gerichten schwer bestraft, etwa mit der Aufhebung der ehelichen Lebensgemeinschaft (›Trennung von Tisch und Bett‹). Die Ehe wurde damit nicht geschieden, denn sie war unauflöslich; die Eheleute wurden jedoch zu getrennter Lebensführung verpflichtet und mussten für die Zukunft sexuelle Enthaltsamkeit geloben. Für Frauen, die gewöhnlich keine eigene wirtschaftliche Lebensgrundlage hatten, konnte die Trennung von Tisch und Bett die Verstoßung aus dem gemeinsamen Haushalt, mithin den Verlust der Existenzbasis bedeuten. Noch schwerere Sünden als der Ehebruch waren Inzest (Geschlechtsver‐ kehr mit Verwandten) und Sodomie (nach der biblischen Stadt Sodom, auf die Gott laut 1. Mose 18-19 Feuer und Schwefel regnen ließ). Unter den Begriff Sodomie konnte jeder Geschlechtsverkehr fallen, der ›gegen die Natur‹ - das bedeutet im theologischen Diskurs immer: gegen die Schöpfungsordnung - war, weil er von vornherein nicht der Zeugung dienen konnte: Masturbation, heterosexueller Anal- und Oralverkehr, gleichge‐ schlechtlicher Verkehr und Verkehr mit Tieren. b. Medizinischer Diskurs Medizinische Traktate des 12. und 13. Jahrhunderts behandeln den Ge‐ schlechtsverkehr in völlig anderer Weise, weil der Diskurs, auf dem sie beruhen, andere Grundbegriffe und Vorannahmen hatte. Die einzige wich‐ tige Kategorie, die medizinischer und theologischer Diskurs teilten, war die der Fortpflanzung als Zweck des Geschlechtsverkehrs, aber selbst in dieser Hinsicht argumentierten die Mediziner nicht wie die Theologen. Der medizinische Diskurs war ebenfalls traditionsbestimmt: Er beruhte auf naturphilosophischen Schriften des Aristoteles (384-322 v. Chr.) und des griechischen Arztes Galen (129-199 n. Chr.). Zu den Vorannahmen der an‐ tiken Naturphilosophie gehörte die Einschätzung, dass alles in der Natur einen Zweck hat. Auf dieser Grundlage gingen die Mediziner davon aus, dass der Geschlechtsverkehr auf Fortpflanzung abzielt. 10.6 ›Geschlechtsverkehr‹ in Diskursen des 12. und 13.-Jahrhunderts 263 Zweck der Lust Lust, Zeu‐ gung, Ejakulation Männlicher und weiblicher Samen Weibliches Begehren Wenn aber alles in der Natur einem Zweck dient, gilt das auch für das Lust‐ empfinden beim Geschlechtsverkehr. Die Vorannahme des Diskurses führte so zu einer Argumentation, die in einem grundsätzlichen Widerspruch zu der der Theologen stand. Die Lust hat bei den Medizinern zwar keinen Wert an sich, aber einen funktionalen Wert, der in der Naturordnung verankert ist. Der theologische und der medizinische Diskurs hatten, wie man sieht, nicht denselben Begriff von ›Natur‹. Mediziner redeten nicht über Verhal‐ tensweisen, die mit der göttlichen Schöpfungsordnung übereinstimmen oder als Sünde von ihr abweichen, sondern über die Zweckmäßigkeit der Naturerscheinungen. Das Lustempfinden hat zum einen den Zweck, den Zeugungswillen zu fördern; es hilft zur Überwindung der natürlichen Scham. Zum andern ist es die physiologische Voraussetzung für den Samenausstoß: Ohne Lust keine Ejakulation. Die Mediziner waren der Auffassung, dass eine Steige‐ rung des Lustempfindens die Wahrscheinlichkeit der Zeugung erhöht, und behandelten deshalb in ihren Traktaten entsprechende Methoden wie etwa Vorspieltechniken. Galen und seine Anhänger lehrten, dass auch Frauen beim Geschlechts‐ verkehr einen Samen ausstoßen, dessen Verbindung mit dem männlichen zur Zeugung führt. Auf dieser Grundlage galt auch das weibliche Lustemp‐ finden als eine Voraussetzung für die Empfängnis. Aristoteles und seine Anhänger lehrten dagegen, dass nur Männer Samen produzieren; auf dieser Grundlage galt nur das männliche Lustempfinden als eine Voraussetzung für die Zeugung. Die beiden Lehrmeinungen unterschieden sich allerdings nur in der Frage, ob das weibliche Lustempfinden für die Fortpflanzung nötig ist. Beide stimmten darin überein, dass die Frauen die größere Lust beim Geschlechtsverkehr erleben. Frauen haben nach der medizinischen Lehre eine schwächere Konstitution und sind weniger vernunftkontrolliert als Männer, deshalb sind sie stets zum Geschlechtsverkehr bereit und mit unersättlichem Begehren ausgestattet. Dass Frauen sogar während der Schwangerschaft, wenn eine Empfängnis unmöglich ist, zum Geschlechtsverkehr bereit sind, hatte für den medizi‐ nischen Diskurs eine grundsätzliche Bedeutung. Wenn diese natürliche Erscheinung nämlich ebenfalls einen Zweck hat, dann kann der Zweck des Geschlechtsverkehrs nicht ausschließlich in der Fortpflanzung bestehen. Bei den Medizinern war die andauernde sexuelle Bereitschaft des Menschen ein Standardargument dafür, dass Geschlechtsverkehr unabhängig von der 264 10 Kulturelle Wissensordnungen I: Diskurse und Diskursanalyse Säftelehre Krankheit wegen Ent‐ haltsamkeit Liebeskrank‐ heit Fortpflanzungsfunktion aus gesundheitlichen Gründen nötig ist. Damit kommen die Kernthemen des medizinischen Diskurses ins Spiel, die auch die Aussagen zum Geschlechtsverkehr beherrschen: Gesundheit und Krankheit. Gesundheit beruht nach der Lehre der antiken wie auch der mittel‐ alterlichen und frühneuzeitlichen Medizin auf einem Gleichgewicht der Körpersäfte, Krankheit auf einer Störung dieses Gleichgewichts. Da Män‐ ner und Frauen beim Geschlechtsverkehr Körperflüssigkeiten ausscheiden (unabhängig von der Frage des weiblichen Samens), galt regelmäßiger Geschlechtsverkehr als eine Voraussetzung für das Gleichgewicht der Säfte und damit als gesundheitsnotwendig. Enthaltsamkeit führt zu einem Säftestau und macht deshalb krank. Sie verursacht Kopfschmerzen, Gewichtsverlust und Melancholie; bei ge‐ schlechtsreifen Heranwachsenden kann sie Störungen der körperlichen Entwicklung nach sich ziehen. Wer keinen Partner zur Verfügung hat, sollte deshalb wenigstens regelmäßig masturbieren. Wegen der gesundheitlichen Notwendigkeit des Geschlechtsverkehrs hatten die Mediziner auch nichts gegen Empfängnisverhütung einzuwenden, sondern behandelten in ihren Traktaten ganz im Gegenteil - vor allem pflanzliche - Verhütungsmittel. Anhaltend unerfülltes Begehren eines bestimmten Objekts konnte nach der Auffassung der Mediziner im Extremfall zu einer lebensgefährlichen Erkran‐ kung führen, der Liebeskrankheit (amor hereos). Die Lehre geht auf antike und arabische Medizintraktate zurück. Sie ist aber auch von der Liebesmetaphorik antiker Dichter beeinflusst; vor allem Ovid (vgl. S. 91) stellte die Liebe so dar, als ob sie eine Krankheit wäre. Von ihm stammt ein vom Hochmittelalter bis in die frühe Neuzeit viel gelesener Traktat mit dem Titel ›Remedia amoris‹ (›Heilmittel gegen die Liebe‹) der Männern Ratschläge gibt, wie sie unerfülltes Begehren vernünftig kontrollieren können. In hochmittelalterlichen lateinischen Medizintraktaten betrifft die Lie‐ beskrankheit in der Regel Männer; in der volkssprachlichen höfischen Dichtung, wo sie recht häufig beschrieben wird (vgl. S. 237), befällt sie ebenso Frauen. Die Mediziner erklärten ihre Entstehung damit, dass die Wahrnehmung einer schönen Frau das männliche Begehren wegen der erwarteten Lust erregt. Dies führt zu vermehrter Samenproduktion. Infolge des Begehrens prägt sich das Wahrnehmungsbild der Frau dem Gedächtnis ein, weshalb sich der betroffene Mann das Objekt seines Begehrens andau‐ ernd als Gedächtnisbild vorstellt. Das Begehren wird dadurch beständig gesteigert, auch wenn es zu keiner weiteren Wahrnehmung des tatsächli‐ chen Objekts kommt. Folglich wird immer mehr Samen produziert. Der 10.6 ›Geschlechtsverkehr‹ in Diskursen des 12. und 13.-Jahrhunderts 265 Übermäßi‐ ger Ge‐ schlechtsverkehr Gleichge‐ schlechtli‐ cher Ver‐ kehr Samenstau führt zu Melancholie und im Extremfall zu tödlicher Auszehrung. Die Therapiemöglichkeiten waren umstritten; unter anderem schlugen die Mediziner (wie schon Ovid) körperliche Ablenkung, Stillung des Begehrens mit einer anderen Frau oder die Rezeption frauenfeindlicher Geschichten vor. Aus der Lehre vom Säftegleichgewicht folgte zwangsläufig auch, dass übermäßiger Geschlechtsverkehr ebenso schädlich ist wie Enthaltsamkeit. Die schwächere Konstitution von Frauen wird durch die Zufuhr männlichen Samens zwar gekräftigt, weshalb Frauen von häufigem Geschlechtsverkehr gesundheitlich zunächst profitieren. Ihre Empfängnisfähigkeit wird dadurch jedoch vermindert. Männer trocknen durch zu häufige Ejakulation aus, was zur Trübung des Sehvermögens, zu genereller Schwächung und zu vorzei‐ tiger Alterung führt. Auch anstrengende Stellungen hielten die Mediziner für gesundheitsschädlich, zudem für empfängnishemmend. Gleichgeschlechtlicher Verkehr galt bei den Medizinern (wie auch bei den Theologen) nicht als Konsequenz einer Veranlagung, sondern nur als sexuelle Handlungsweise und ausdrücklich nicht als Folge einer Krankheit, deshalb auch nicht als spezifischer Gegenstand der Medizin. Der theologische Diskurs war genauso wenig intellektuell rückständig, wie der medizinische Diskurs aufgeklärt oder fortschrittlich war. Beide waren auf der Basis unterschiedlicher Traditionsbezüge ihren jeweiligen Kernthemen, Vorannahmen und Grundbegriffen verpflichtet, die die jewei‐ ligen Aussagen zum Geschlechtsverkehr in den entsprechenden Traktaten mit einer gewissen Notwendigkeit hervorbrachten. Das theologische Aus‐ sagensystem war in sich nicht weniger rational als das medizinische. Im 12. und 13. Jahrhundert folgten die Wissensordnungen freilich nicht mehr denselben Prinzipien, sondern widersprachen einander bereits. Dass das so war, beruht auf Machtverhältnissen: Der theologische und der medizinische Diskurs konnten sich gegenseitig weder aus dem Weg räumen, noch konnte der eine den anderen beherrschen. c. Höfischer Diskurs Wenn höfische Dichter in ihren Texten den Geschlechtsverkehr zum Thema machen, nehmen sie oft genauso wenig Rücksicht auf die theologischen Positionen wie die Mediziner. Im Grundsatz behandelte der höfische Diskurs den Geschlechtsverkehr auch anders als der medizinische, obwohl er auf einzelne medizinische Ansichten zurückgriff. 266 10 Kulturelle Wissensordnungen I: Diskurse und Diskursanalyse Ge‐ schlechtsverkehr und Liebe Höfische Liebe Die höfischen Dichter thematisieren den Geschlechtsverkehr nicht unter dem Aspekt der Sündhaftigkeit des Lustempfindens und auch nicht in erster Linie unter dem Gesundheitsaspekt, sondern gewöhnlich unter dem Aspekt ›Liebe‹. Liebe spielte im theologischen Diskurs in diesem Zusammenhang gar keine Rolle, im medizinischen trat sie nur in Gestalt der Liebeskrankheit in Erscheinung. Umgekehrt kommt die Kategorie ›Sünde‹ bei der Behandlung der Liebe und damit auch der des Geschlechtsverkehrs im höfischen Diskurs zumeist gar nicht vor. Vereinzelt trifft man jedoch auf Texte, die sie ausdrücklich zurückweisen. Ein Beispiel ist eine Strophe, die unter dem Namen Walthers von der Vogelweide überliefert ist: Walther von der Vogelweide: Leich, Lieder, Sangsprüche. 15. Aufl. Hg. v. Thomas Bein. Berlin, Boston 2013, S.-450, L 219,10. Swer giht, daz minne sünde sî, der sol sich ê bedenken wol. ir wont vil manige êre bî, der man durch reht geniezen sol, Und volget michel stæte und dar zuo sælickeit: daz immer ieman missetuot, daz ist mir leit. die valschen minne mein ich niht, die möhte unminne heizen baz, der wil ich immer sîn gehaz. Wer sagt, dass Liebe Sünde ist, der soll zuvor gut nachdenken. Sie geht mit großer Ehre einher, an der man mit Recht seine Freude haben muss, und große Beständigkeit und Glückseligkeit folgen ihr. Dass sich jemals jemand falsch dabei verhält, das bedauere ich. Ich spreche nicht von der unaufrichtigen Liebe, die sollte besser ›Unliebe‹ heißen. Deren Feind will ich stets sein. Hier ist von Liebe (minne) und nicht von Geschlechtsverkehr die Rede. Aber da die Theologen nicht die Liebe, sondern das körperliche Begehren und das Lustempfinden als Sünde beurteilten, sorgt die Verwendung des Begriffs ›Sünde‹ dafür, dass auch an den körperlichen Aspekt der minne erinnert wird. Diskursanalytisch betrachtet greift der Text den theologischen Grundbe‐ griff ›Sünde‹ auf, bezieht ihn aber nicht - wie im theologischen Diskurs 10.6 ›Geschlechtsverkehr‹ in Diskursen des 12. und 13.-Jahrhunderts 267 Konrad von Würzburg: ›Engelhard‹ üblich - auf Lust und Begehren, sondern - anders als im theologischen Diskurs üblich - auf den breiter angelegten höfischen Begriff von Liebe, der neben körperlichen auch emotionale und ethische Aspekte umfasst. Die weiteren Aussagen können deshalb von vornherein nicht den Regeln des theologischen Diskurses folgen. Statt die Frage zu verhandeln, ob Lust und Begehren Sünden sind oder nicht, bringt der Text im Anschluss an die Kategorie ›Liebe‹ ganz andere Begriffe ins Spiel: Liebe führt zu gesellschaftlichem Ansehen (êre) und zu Glück (sælikeit), zwei höfischen Lebenszielen, denen wir schon im Zusammenhang mit der ersten Strophe von Walthers ›Reichston‹ (vgl. S. 212-214) begegnet sind. Außerdem führt sie zu Beständigkeit (stæte); dieser Begriff bezeichnet im höfischen Liebes‐ ideal das treue Festhalten an einer Liebesbeziehung. Verwerflich ist nicht die Liebe selbst, sondern ein fehlerhaftes Verhalten (missetuon) in der Liebe, das eigentlich gar keine Liebe ist und deshalb unminne heißen müsste. Der Text bezeichnet es als valsche minne: Das mittelhochdeutsche Wort valsch bedeutet ›unaufrichtig, unehrlich‹ und ist der Gegenbegriff zur triuwe, die im höfischen Liebesideal für eine aufrichtige und ehrliche Liebe steht. Unaufrichtig ist ein Mann, dem es nur um den sexuellen Erfolg der Verführung geht; aufrichtig ist die Liebe, wenn sie auf eine dauerhafte Beziehung zielt, die nicht bloß zur Befriedigung des eigenen Begehrens dient. Im höfischen Sinn wäre also die Unaufrichtigkeit die ›Sünde‹, nicht die Liebe selbst. Wenn die Liebe aufrichtig ist, ist sie keine ›Sünde‹ - und die Verwendung dieses Begriffs signalisiert dabei, dass dann auch der körperliche Aspekt der Liebe nicht als etwas Schlechtes beurteilt werden soll. Durch den Gebrauch des Wortes ›Sünde‹ setzt der Text den höfischen Diskurs ausdrücklich vom theologischen ab; zugleich zeigt sich, dass der höfische Diskurs auf ganz anderen Begriffen und Vorannahmen beruht und aus diesem Grund ganz andere Aussagen hervorbringt. Die Regeln des Diskurses schlagen besonders drastisch durch, wenn höfische Dichter vom Geschlechtsverkehr erzählen. Ein Beispiel dafür ist die entsprechende Episode im ›Engelhard‹ Konrads von Würzburg, die bereits im Zusammenhang mit dem Darstellungsschema des Lustorts erwähnt wurde (vgl. S.-234). Konrad stellt die Liebe zwischen Engeltrud und Engelhard von vornherein im engen Anschluss an die medizinische Theorie der Liebeskrankheit dar, deren Elemente er womöglich aus anderen höfischen Liebesgeschichten kannte. Mit dem Versprechen eines Geschlechtsverkehrs rettet Engeltrud 268 10 Kulturelle Wissensordnungen I: Diskurse und Diskursanalyse dem todkranken Engelhard das Leben. Der Verstoß gegen die Rechtsord‐ nung erscheint dadurch als eine medizinische Notmaßnahme; der ummau‐ erte Baumgarten bietet einen Schutzraum der Heimlichkeit. Was darin vor sich geht, erzählt Konrad folgendermaßen: Konrad von Würzburg: Engelhard. 3., neubearb. Aufl. der Ausg. v. Paul Gereke. Hg. v. Ingo Reiffenstein. Tübingen 1982, S. 121-123, V. 3122- 3159. - - si lâgen under eime schaten, daz in ze schirme was gegeben von loube ein dach und underweben 3140 nie sô rehte freudenhaft als si zer lieben stunde, dô munt engegen munde getriuweclîche strebete: wand in ir sinne klebete 3125 mit wünneclicher blüete. si truogen hôchgemüete als in diu wâre schult gebôt. die bluomen und die rôsen rôt in beiden sorgen swacheten, 3145 diu zuckersüeze minne gar eigenlichen drinne. Si freuten sich in manege wîs. in wart daz sælden paradîs ûf entslozzen und getân. 3130 wan si sô suoze lacheten ein ander an durch grüenez krût, daz Engelhart und Engeltrût von dirre ougenweide ze rehte muosten beide 3150 si giengen ûf der Minnen plân und brâchen freuden bluomen dâ, sô schœne daz man anderswâ minneclicher nie gebrach. nû flôz dar zuo der Minnen bach 3135 ie lachen ein daz ander an. daz süeze wîp, der werde man dûhten sich vil sælec. ein mensche hungermælec wart einer ganzen wirtschaft 3155 und hôher gnâden brunne. si lâgen in der wunne mit senfter unmuoze und triben dâ vil suoze ir vil reiniu minnewerc. Sie lagen im Schatten, so dass ihnen ein Dach aus Laub als Schutz diente, durchwoben mit lieblichen Blüten. Sie waren so glücklich, wie sie mit gutem Grund sein mussten. Die Blumen und die roten Rosen nahmen ihnen beiden die Sorgen, weil sie einander so süß anlachten durch das grüne Gras, dass auch Engelhard und Engeltrud einander wegen dieses Anblicks mit Recht anlachen mussten. Die süße Frau und der edle Mann fühlten sich sehr glücklich. Kein hungriger Mensch wurde durch ein ganzes Festmahl je so froh wie sie in dieser glücklichen Zeit, als es einen 10.6 ›Geschlechtsverkehr‹ in Diskursen des 12. und 13.-Jahrhunderts 269 Glück Mund in aufrichtiger Treue zum andern zog, denn in ihrem Herzen klebte die zuckersüße Liebe als fester Besitz. Sie freuten sich auf vielerlei Art. Ihnen wurde das Paradies des Glücks aufgeschlossen. Sie gingen auf der Wiese der Liebe und pflückten dort so schöne Blumen der Freude, dass niemand jemals anderswo liebevollere pflückte. Dazu flossen nun auch der Bach der Liebe und die Quelle großer Gnade. Sie lagen in diesem Glück in sanfter Beschäftigung und trieben in aller Süße ihre ganz reinen Liebeswerke. Die Passage macht überdeutlich, was der Grundbegriff des höfischen Dis‐ kurses bei der Behandlung des Geschlechtsverkehrs ist - nämlich nicht Fortpflanzung, Sünde oder Gesundheit, sondern Glückseligkeit. Es wimmelt geradezu von Wörtern, die auf diesen Begriff verweisen: wunne und wün‐ neclich, sich freuen und freudenhaft, sælde und sælec, hôchgemüete, lachen und süeze bringen Satz für Satz den affektiven Wert der körperlichen Liebe zum Ausdruck. Auf diesen Begriff ist auch der Lustort mit seinen typischen Elementen bezogen. Er ist eine beglückte und deshalb beglückende Umgebung: Rosen und Blumen lachen einander so süß an, dass Engelhard und Engeltrud einander ebenso anlachen müssen und sich glücklich fühlen (V. 3128-3137). Auf das Anlachen folgt der beglückende Kuss (V. 3138-3146), auf den Kuss der verhüllt beschriebene Koitus. Das erkennt man daran, dass die beiden nun auf der Wiese der Liebe wandeln und dort die Blumen der Freude pflücken (V. 3150 f.). Der Ausdruck bluomen brechen verfügt im Mittelhochdeutschen über ein unmissverständ‐ liches Anspielungspotential, denn er ist das Pendant zum lateinischen Verb deflorare, das ›Blumen pflücken‹ und ›entjungfern‹ bedeutet. In Konrads Beschreibung treten sogar die Körperflüssigkeiten auf, die in der medizi‐ nischen Theorie des Geschlechtsverkehrs eine prominente Rolle spielen. Auch sie kommen freilich in metaphorisch verhüllter Gestalt zur Sprache: Auf der Wiese der gepflückten Blumen fließen der Bach der Liebe und der Brunnen der Gnade (V. 3154 f.). Ein Brunnen und ein Bach gehören zu den festen Bestandteilen des Lustorts. Konrad benutzt die traditionellen Motive hier jedoch, ebenso wie die gepflückten Blumen, als metaphorische Bezeichnungen für die körperlichen Umstände der Freude, die die Liebenden miteinander im Lustort erleben. 270 10 Kulturelle Wissensordnungen I: Diskurse und Diskursanalyse Höfische Liebe: Kör‐ per, Gefühl und Moral Heimlich‐ keit Bei diesem metaphorisch beschriebenen Koitus wird den beiden das Paradies der Glückseligkeit aufgeschlossen (V. 3148 f.). Der Begriff stammt aus der religiösen Sprache, dient hier indes als Metapher für das Ausmaß der beim Geschlechtsverkehr erlebten Lust. Das schließt eine Beurteilung des sexuellen Lustempfindens ein, die die im medizinischen Diskurs gängige bei weitem übertrifft und der im theologischen Diskurs üblichen völlig widerspricht. Der theologische Standpunkt wird dabei durch den Gebrauch einer Metapher aus der religiösen Sprache in sein Gegenteil verkehrt: Im theologischen Diskurs gehört die sexuelle Lust zur Vertreibung aus dem Paradies, im höfischen Diskurs ist sie die Heimkehr ins Paradies. So konnte der Himmel auch im 13. Jahrhundert schon, wie heute bei Ulla Hahn (vgl. S.-13, 18), ›von dieser Welt‹ sein. Das verhüllende Wort für den Geschlechtsverkehr in dieser Passage ist minnewerc (V. 3159), ›Werke der Liebe‹. Charakterisiert werden diese Werke als vil reiniu, ›ganz rein‹. Die minne selber umfasst mehr als die körperliche Handlung, nämlich auch den affektiven Aspekt. Deshalb ist sie zuckersüß und hat ihren Platz im sin, im Innern der Menschen (V. 3144-3146). Die Reinheit des körperlichen Vorgangs und die damit verbundene affektive Qualität kann der Liebe im höfischen Diskurs aber nur zukommen, wenn sie bestimmte moralische Qualitäten erfüllt. Diese deutet Konrad in dieser Pas‐ sage nur einmal mit dem Wort getriuweclîche sowie metaphorisch dadurch an, dass die Liebe wie ein fester Besitz im Inneren der Liebenden klebt (V. 3143-3146). In der gesamten Liebesgeschichte von Engelhard und Engeltrud macht er aber mehr als deutlich, dass die Beziehung den höfischen Idealen der triuwe und der stæte entspricht: Die beiden sind in ihrer Liebe aufrichtig und beständig, wie es sich für ein höfisches Paar gehört. Der höfische Diskurs bettet das körperliche Begehren und seine Erfüllung in ein Gesamtmodell der Liebe ein, in dem emotionale und ethische Aspekte eine gleich wichtige Rolle spielen, und verleiht der Liebe einschließlich ihres körperlichen Aspekts auf diese Weise einen hohen Wert als größtmögliche Glückserfahrung. Das unterscheidet die Behandlung des Geschlechtsver‐ kehrs im höfischen Diskurs grundlegend von der in den anderen Diskursen. Diese Glückserfahrung ist im ›Engelhard‹, wie in etlichen anderen höfi‐ schen Texten, allerdings nur im Schutz der Heimlichkeit möglich, weil die ›ganz reinen Werke der Liebe‹ im Widerspruch zur Rechtsordnung stehen. Jenseits der Mauer, die den Lustort umgibt und die Liebenden schützt, lauert nicht der theologische Diskurs - etwa in Gestalt eines Priesters, der den Liebenden das Urteil ›Sünde‹ entgegenschleudern, die Beichte abnehmen 10.6 ›Geschlechtsverkehr‹ in Diskursen des 12. und 13.-Jahrhunderts 271 Abb. 21: Höfisches Liebespaar. Miniatur zu den Liedern Konrads von Altstetten in der Manessischen Liederhandschrift und eine Buße auferlegen würde. Hinter der Mauer des Baumgartens herrscht vielmehr die adelige Lebenspraxis mit ihrem Gewohnheitsrecht, das Geschlechtsverkehr außerhalb der Ehe verbot. Sie tritt in Gestalt von Engeltruds Vater, König Fruote, auf, der Engelhard nach der Entdeckung des Paars töten lassen will. 272 10 Kulturelle Wissensordnungen I: Diskurse und Diskursanalyse Höfischer und ge‐ wohnheits‐ rechtlicher Diskurs ›Munt‹ und Genealogie Rechts‐ bruch und Ehrverlet‐ zung d. Gewohnheitsrechtlicher Diskurs Nach dem weltlichen Gewohnheitsrecht, das die adelige Lebenspraxis prägte, verletzt Engelhard die auf der Hausherrschaft beruhenden Rechte des Vaters über die Tochter. Das Gewohnheitsrecht war bis zur einsetzen‐ den Verschriftlichung im 13. Jahrhundert mündliches Gemeinschaftswissen (vgl. S. 62f.). Auch in der Mündlichkeit hatte es einen institutionellen Charakter, weil es in Gerichtsverfahren zur Anwendung kam, und da die Rechtsgrundsätze im mündlichen Gebrauch ebenso wie später in Schrifttexten zu Aussagen wurden, lässt es sich als diskursives ›Formationssystem‹ verstehen. Vom höfischen Diskurs muss man den gewohnheitsrechtlichen unter‐ scheiden, weil dieser nicht danach fragt, was höfisch und unhöfisch ist, sondern bestimmt, was Recht und Unrecht ist. Der Geschlechtsverkehr zwi‐ schen Engelhard und Engeltrud ist höfisch, aber ein Rechtsbruch; deshalb stehen hier zwei Diskurse im Gegensatz zueinander. Die höfische Dichtung, die in erster Linie den höfischen Diskurs aktualisiert, kann den gewohn‐ heitsrechtlichen einblenden wie jede andere Wissensordnung auch. Der Gegensatz zwischen höfischer Idealität und Rechtsordnung wird regelmäßig zum Thema gemacht, wenn von unerlaubtem Geschlechtsverkehr die Rede ist. Die Grundlage für die Behandlung des Geschlechtsverkehrs im weltlichen Gewohnheitsrecht ist die ›Munt‹ des Vaters über seine Kinder und die des Ehemanns über seine Ehefrau. ›Munt‹ (das Wort ist heute noch in ›Vormund‹ erhalten) bedeutet die Rechtsgewalt über Söhne und Töchter, die das Recht zu ihrer Verheiratung umfasst, und die Rechtsgewalt über die Ehefrau, die das alleinige Recht auf ihren Körper einschließt. Die Munt des Vaters (oder, im Fall seines Todes, eines anderen männlichen Verwandten) über die Tochter endet mit ihrer Verheiratung. Mit der Eheschließung beginnt die Munt des Ehemanns über seine Frau. Die Rechte des Vaters und des Ehemanns ergeben sich daraus, dass der Geschlechtsverkehr gewohn‐ heitsrechtlich der Zeugung legitimer Nachkommen dient - also nicht der Fortpflanzung im Allgemeinen, sondern der Fortpflanzung der Sippe. Der Hausherr bestimmt deshalb über die weiblichen Körper. Wer mit einer unverheirateten oder einer anderweitig verheirateten Frau schläft, verletzt die Rechte dessen, der die Munt über sie hat, und damit seine Ehre. Es gehört zu den hausherrlichen Gewohnheitsrechten, dass der Vater 10.6 ›Geschlechtsverkehr‹ in Diskursen des 12. und 13.-Jahrhunderts 273 Kirchen‐ recht und Gewohn‐ heitsrecht Recht und Ehre oder der Ehemann einen solchen Rechtsbruch selber an der Tochter oder der Ehefrau sowie an ihrem Liebhaber bestrafen kann. Nachdem Engelhard und Engeltrud von Ritschier, dem Neffen des Königs, im Baumgarten entdeckt worden sind, bestimmen die Regeln des Gewohn‐ heitsrechts den weiteren Gang der Handlung. Ritschier stellt sogleich fest, dass die beiden die Ehre des Königs schädigen. Engelhard sieht Engeltruds Ehre und sein eigenes Leben bedroht. König Fruote, von Ritschier unterrich‐ tet, betrachtet Engelhards Verhalten als Rechtsbruch ihm gegenüber und als Verletzung seiner Ehre. Er kündigt an, Engeltrud zu enterben - das heißt, ihr die gesellschaftliche Stellung zu nehmen; Engelhard will er töten lassen. Erst auf Bitten seiner Ratgeber und ohne vom Recht dazu gezwungen zu sein, beraumt der König ein öffentliches Gerichtsverfahren an, bei dem Engelhard die Möglichkeit zur Stellungnahme erhält. Übrigens wirft Fruote Engelhard vor, er habe Engeltrud zur tougenlichen brût (heimlichen Braut) genommen, und auch der Erzähler bezeichnet En‐ geltrud nach dem Geschlechtsverkehr im Baumgarten einmal als gemahele (Braut, Ehefrau) Engelhards. Die Interpretation des Vorgangs als heimliche Eheschließung (vgl. S. 262f.) steht damit im Raum. Während ein kirchliches Gericht Engelhard und Engeltrud kaum verurteilt hätte, weil ihr Handeln nach kanonischem Recht wohl als heimliche Eheschließung durchgegangen wäre, stellt die Heimlichkeit für König Fruote gerade das Rechtsvergehen dar: Nach dem weltlichen Gewohnheitsrecht konnten Ehen nur mit Einwil‐ ligung der Eltern in einer öffentlichen Zeremonie geschlossen werden, bei der die Braut aus der Munt des Vaters in die Munt des Ehemanns übergeben wurde. Gewohnheitsrecht und Kirchenrecht stimmten nicht überein. Der Konflikt zwischen höfischer Glückseligkeit und Rechtsbruch wird im ›Engelhard‹ dadurch gelöst, dass es den beiden Liebenden gelingt, den Geschlechtsverkehr glaubhaft zu leugnen und die Lüge durch das manipulierte Gottesurteil zu verbergen. Die Heimlichkeit des Baumgartens bleibt auf diese Weise am Ende trotz der Entdeckung gewahrt, weil der Hof Ritschier nicht glaubt. An dieser alles entscheidenden Stelle nutzt der höfische Diskurs aus, dass Recht und Unrecht im Gewohnheitsrecht eng an Ehre und Schande gekoppelt sind. Nur der an die Öffentlichkeit gebrachte Rechtsbruch ist eine Schande für denjenigen, dessen Recht verletzt wird. Die Idealität der höfischen Liebe kann deshalb auch in den Fällen, in denen ein unerlaubter Geschlechtsverkehr das Recht bricht, Bestand haben - nämlich wenn die Heimlichkeit gewahrt wird. Die Diskursgrenzen der höfischen 274 10 Kulturelle Wissensordnungen I: Diskurse und Diskursanalyse Diskurs‐ grenzen Historische Unter‐ schiede zwischen Wissensordnungen Liebe entsprechen den Mauern, die um den verschlossenen Garten der paradiesischen Lust gezogen sind. Diese Mauern können die höfische Liebe freilich nur gegen das adelige Gewohnheitsrecht schützen. Gegen die Theologie könnten sie nicht helfen, weil die Sünde der geschlechtlichen Lust auch dann eine Sünde bleibt, wenn sie erfolgreich verheimlicht wird. Gott sieht nämlich alles und bestraft auch die heimlichen Sünden. Im theologischen Diskurs sind Recht und Unrecht nicht an Ehre und Schande gekoppelt, sondern allein an die Einhaltung und den Bruch der göttlichen Ordnung. ›Unrecht‹ ist hier deshalb, ebenso wie im Kirchenrecht, nicht genau dasselbe wie im gewohnheitsrechtlichen Diskurs. Die Idealität der verbotenen Liebe kann der höfische Diskurs nur retten, wenn jenseits der schützenden Mauer in den Texten der Dichter nicht die Theologie, sondern das adelige Gewohnheitsrecht herrscht. Historische Diskursanalyse hilft im konkreten Fall erstens bei der Er‐ kenntnis, dass es im Hochmittelalter unterschiedliche Ordnungen des Wis‐ sens gab, in denen ein Thema wie ›Geschlechtsverkehr‹ sehr verschieden ›konstruiert‹ wurde. Zweitens hilft sie bei der Erkenntnis, dass ältere Wissensordnungen die Welt nicht so einteilen, wie wir es von unseren Wis‐ sensordnungen gewohnt sind. Theologen, Kirchenrechtler und Mediziner redeten gar nicht über Sexualität in dem umfassenden Sinn, den wir kennen. Ihre viel konkreteren Themen waren Fortpflanzung und Lustempfinden beim Geschlechtsverkehr. Im Zusammenhang damit war von ›Liebe‹ kaum die Rede. Im Gewohnheitsrecht ging es ebenfalls weder um Sexualität noch um Liebe, sondern um die Rechte von Vätern und Ehemännern über die Kör‐ per von Töchtern und Ehefrauen. Bei den höfischen Dichtern gab es indessen einen engen Zusammenhang zwischen Liebe und körperlicher Lust; hier spielte im Gegenzug der Aspekt der Fortpflanzung kaum eine Rolle. Dagegen lässt sich die Frage, wie es ›wirklich‹ war, im Rahmen der historischen Diskursanalyse weder stellen noch beantworten: Die Wirklichkeit ist immer so, wie die jeweilige Wissensordnung sie aufgrund ihrer Prinzipien und Zielsetzungen erscheinen lässt. 10.6 ›Geschlechtsverkehr‹ in Diskursen des 12. und 13.-Jahrhunderts 275 Theater im Mittelalter 11 Kulturelle Wissensordnungen II: Praktiken und Praxeologie 11.1 Diskurse und Praktiken Die Diskursanalyse ist eine Methode zur Erforschung der Geschichte des Wissens. Von älteren wissensgeschichtlichen Methoden wie etwa der Ideen- oder Geistesgeschichte unterscheidet sie sich vor allem dadurch, dass sie das begriffliche Wissen als ein Instrument des sozialen Handelns einschätzt: Diskurse sind - so wie Foucault den Begriff verstand - keine bloßen Systeme von Begriffsbeziehungen, sondern kulturelle Praktiken (vgl. S. 252f.). Die Praxis ist dabei nicht einfach der Gebrauch eines Begriffssystems, das auch unabhängig von ihr existieren könnte: Indem Akteure das begrifflich-dis‐ kursive Wissen benutzen, verursachen sie zugleich seine Beständigkeit und Veränderung. Nun besteht das soziale Handeln aber nicht allein aus Diskursen, und auch nicht-diskursive Praktiken beruhen auf kulturellem Wissen. Deshalb hat die Diskursanalyse als wissensgeschichtliche Methode eine begrenzte Reichweite, und ebenso verhält es sich mit ihrer literaturwis‐ senschaftlichen Anwendung: Wenn Texte Handeln darstellen, aktualisieren sie dabei nicht-diskursives kulturelles Praxiswissen. Das Verhältnis zwischen diskursiven und nicht-diskursiven kulturellen Praktiken soll im Folgenden zunächst am Beispiel eines Fastnachtspiels aus dem 15. Jahrhundert veranschaulicht werden. Im Anschluss daran lassen sich die Möglichkeiten, die die kulturwissenschaftlichen Modelle praktischen Wissens und ihrer Analyse für die Beschäftigung mit älterer Literatur bieten, in einer verallgemeinernden Form erläutern. 11.2 Fastnachtspiel und Fastnacht Fastnachtspiele sind der jüngere von zwei Typen des mittelalterlichen Theaters. Ebenso wie der ältere Typus, das geistliche Spiel, steht das Fastnachtspiel nicht in der Tradition der antiken Theaterpraxis, die in der Spätantike endete. Das Wissen über sie ging verloren und wurde erst im Geistliches Spiel Fastnacht‐ spiel Textüberlieferung Humanismus wieder entdeckt. Erhalten geblieben waren im Mittelalter antike lateinische Dramentexte; diejenigen der Komödien von Terenz (gest. 159/ 158 v. Chr.) gehörten an den Schulen sogar zur Standardlektüre. Die Gelehrten betrachteten sie jedoch als reine Lesetexte, ohne eine Vorstellung von ihrer ursprünglichen Aufführungsform zu haben. Das geistliche Spiel entwickelte sich - wahrscheinlich im 10. Jahrhun‐ dert - nicht aus der Dramentextlektüre im Schulunterricht, sondern aus der Liturgie des Ostergottesdienstes, in die kleine Spielszenen eingelagert wurden. Die Spielpraxis blieb zunächst ans Lateinische als Sprache der Liturgie gebunden und wurde nach und nach auf andere religiöse Festtage ausgedehnt: Geistliche Spiele stellten in der Weihnachtszeit das Geschehen um Christi Geburt dar, in der Passionszeit die Leidensgeschichte und zu Ostern die Vorgänge um die Auferstehung. Deutschsprachige Spieltexte sind seit dem 13. Jahrhundert belegt. Vom 14. bis zum 16. Jahrhundert kamen Weltgerichtsspiele (über das Jüngste Gericht), Himmelfahrts-, Pfingst- und Fronleichnamsspiele, Spiele mit alttestamentlichen Stoffen sowie Episoden aus Heiligenleben dazu. Im späten Mittelalter und in der frühen Neuzeit war das geistliche Spiel ein städtisches Großspektakel. Es konnte sich in vielstündigen Aufführun‐ gen über mehrere Tage erstrecken und wurde mit zahlreichen Darstellern aus verschiedenen Gruppen der Stadtbevölkerung - Geistlichen, Patriziern, Handwerkern - unter der Kontrolle des Rats auf dem Markt- oder Kirchplatz inszeniert. Die bei den Aufführungen zum Einsatz gebrachten Texte waren in der Regel versifiziert, dem zeitgenössischen Verständnis nach also Dich‐ tung: Reimpaartexte zur Rezitation und geistliche Lieder zum Singen. Im Unterschied zum geistlichen Spiel verdankt das Fastnachtspiel seine Entstehung der städtischen Fastnachtskultur. Die Fastnacht als Auffüh‐ rungszeitraum ermöglicht allerdings keine ganz scharfe Abgrenzung zwi‐ schen den beiden Typen, weil in manchen Städten geistliche Spiele auch in der Fastnachtszeit aufgeführt wurden. Die Stoffe geistlicher Spiele unter‐ scheiden sich jedoch recht deutlich von denen der Fastnachtspiele. Die his‐ torischen Bezeichnungen reichen ebenfalls nicht zur Identifikation aus, weil das frühneuhochdeutsche Wort fastnachtspil in Quellen des 15. und 16. Jahr‐ hunderts eine viel weitere Bedeutung hat als der moderne literaturwissen‐ schaftliche Gattungsbegriff: Es konnte sich auf alle Arten von Fastnachts‐ praktiken, etwa auch Umzüge oder Tanzveranstaltungen, beziehen. Die Überlieferung von Fastnachtspieltexten stammt zum größten Teil aus der Reichsstadt Nürnberg. Die Fastnachtspiel-Praxis als solche ist - 278 11 Kulturelle Wissensordnungen II: Praktiken und Praxeologie Komik und Moralsatire Aufführung und Text Aufführungspraxis Einkehrspiel vor allem in Stadtratsprotokollen - ebenso für Städte belegt, aus denen keine Spieltexte erhalten sind. Die älteste Nürnberger Fastnachtspiel-Sam‐ melhandschrift wurde zwischen 1455 und 1458 angefertigt. Sie enthält 48 Texte, die dem seit 1426 in Nürnberg ansässigen Handwerker-Dichter Hans Rosenplüt zugeschrieben sind. Ob Rosenplüt sie alle selbst verfasst oder zumindest einige von ihnen nur schriftlich festgehalten hat, ist unsicher. Die Texte sind durchweg kurz, in Reimpaarversen gedichtet und auf Belustigung angelegt. Gegenstand der Belustigung sind meistens als falsch ausgewiesene Ansichten oder Handlungsweisen, die dem Gelächter preis‐ gegeben werden. Diese moralsatirische Sinnkonstruktion, die anhand der Darstellung des Falschen das Richtige erkennbar macht, gewann in der weiteren Gattungsgeschichte manchmal das Übergewicht über die Komik: Fastnachtspiele können dann im Einzelfall einen eher ernsten als belusti‐ genden Eindruck machen; meistens fallen sie dabei erheblich länger aus. Beispiele dafür aus dem späteren 15. Jahrhundert sind die Fastnachtspiele des Nürnberger Handwerker-Dichters Hans Folz (vgl. S. 107), Beispiele aus dem frühen 16. Jahrhundert die des Basler Druckers Pamphilus Gengenbach, der auf seiner Wanderschaft als Drucker-Geselle in Nürnberg gewesen war. Beide haben ihre Fastnachtspieltexte selber gedruckt. Um die Mitte des 16.-Jahrhunderts verfasste Hans Sachs (vgl. S. 94) nochmals eine beträchtli‐ che Menge von Fastnachtspieltexten, die er sowohl aufführen als auch im Druck verbreiten ließ. Das Fastnachtspiel unterscheidet sich - ebenso wie das geistliche Spiel - erheblich von unserer Literaturgattung ›Drama‹ und dem dazugehörigen Theaterbetrieb. Es war kein ›Literaturtheater‹ in dem Sinn, dass Dramen mit professionellen Schauspielern in einem eigens dafür eingerichteten Gebäude inszeniert wurden, sondern Laientheater. Die Texte hatten ihren Ort ursprünglich - bevor Folz und Gengenbach sie auf die Druckerpresse brachten - allein in der Aufführung. Sie wurden nicht unabhängig von ihr aufgezeichnet und gelesen, wie wir das mit literarischen Dramen tun. Deshalb blieben von der Spielpraxis des 15. Jahrhunderts nur dann Texte erhalten, wenn sie entgegen der Gewohnheit doch zu Lesezwecken aufge‐ schrieben wurden. In einigen Städten wurden Fastnachtspiele, ähnlich wie die geistlichen Spiele, auf dem Marktplatz und dort dann möglicherweise auch auf einer Bretterbühne inszeniert. Belegt ist mancherorts ebenso der Tanzsaal des Rathauses als Spielort, wo sich zur Fastnacht die Ratsherren und ihre Ehe‐ frauen zu Festessen und Tanz trafen. Die für Nürnberg typische Auffüh‐ 11.2 Fastnachtspiel und Fastnacht 279 Fastnachtskultur: Funktionen Kommunale Integration Verkehrte Welt rungsform war jedoch das Einkehrspiel: Eine Spieltruppe zog mit einem einstudierten Stück durch Privat- und Wirtshäuser und spielte in den Wohn- und Gaststuben. Die Spieltruppen brauchten in Nürnberg jeweils die Er‐ laubnis des Stadtrats und durften nur aus Männern bestehen, die auch Frau‐ enrollen spielten. Erst Hans Sachs veränderte die Eigenschaften von Fastnachtspieltexten und Aufführungspraktiken in den 50er Jahren des 16. Jahrhunderts zum Literaturtheater: Er arbeitete literarische Vorlagen - unter anderem Boccaccio-Novellen und Eulenspiegel-Erzählungen - zu Fastnachtspielen um und ließ sie in einer seit der Reformation leerstehenden Nürnberger Klosterkirche auf einer Bühne aufführen. Zuvor waren Fastnachtspiele einschließlich der Texte nichts anderes als ein Bestandteil der städtischen Fastnachtspraktiken und deshalb von deren kulturellen Funktionen abhängig. Die Bedeutung der Fastnacht beruhte zunächst auf der Bedeutung der Fastenzeit; diese folgte im Kalender direkt auf die Fastnacht. Das Kirchenjahr sah zwischen Aschermittwoch und Ostern einen Zeitraum kollektiver Askese vor, in der der Verzicht auf die körperlichen Freuden die Besinnung auf Sündenverfallenheit und Erlö‐ sungsbedürftigkeit fördern sollte. Zu Ostern wurde die Erlösung sowohl von den Sündenfolgen als auch von der Enthaltsamkeit gefeiert. Die Entstehung der Fastnacht als Fest verdankt sich wahrscheinlich nicht nur einem Wunsch zum gemeinschaftlichen Genießen vor dem Genussverzicht, sondern auch der praktischen Notwendigkeit, die nicht bis Ostern konservierbaren Vor‐ räte an-- in der Fastenzeit verbotenem-- Fleisch aufzubrauchen. Allein auf diese Funktionen war die Nürnberger Fastnacht in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts aber offenkundig nicht konzentriert. Vielmehr war sie ein Fest städtischer Selbstdarstellung, das vom Rat ebenso aktiv gefördert wie streng kontrolliert wurde und seine Höhepunkte in Schautur‐ nieren und Schauzügen der jungen Patrizier, Schautänzen der Handwerker sowie dem Rathaustanz der Ratsherren und ihrer Ehefrauen im Festsaal des Rathauses hatte. Die längste zusammenhängende arbeitsfreie Zeit im ganzen Jahr war ein städtisches Integrationsfest, bei dem sich die gesamte Stadtbevölkerung als Kommune feierte. Manche der städtischen Fastnachtspraktiken dienten darüber hinaus der Inszenierung einer verkehrten Welt: Sie kehrten allgemein als naturgegeben eingeschätzte soziale Ordnungsverhältnisse künstlich um und machten ihre Naturgegebenheit dadurch erst recht erfahrbar. Das betrifft zunächst die Lizenz zur körperlichen Ausgelassenheit selbst, die durch ihre strikte zeitliche Begrenzung von vornherein als Ausnahmezustand markiert war. 280 11 Kulturelle Wissensordnungen II: Praktiken und Praxeologie ›Die egen‹ Mit der Bedeutung der Fastenzeit verhielt sich dies übrigens nicht prinzipiell anders: Fastnacht und Fastenzeit zusammen ergaben Extreme von Lust und Askese, die den Rest des Jahrs als Normalität auswiesen. Ein spezifischeres Beispiel für die verkehrte Welt und ihre Funktion ist die Verkleidung von Männern als Frauen in Fastnachtspielen: Der Tausch der Geschlechterrollen und das Gelächter darüber machte die für natürlich gehaltenen Unterschiede zwischen Männern und Frauen offensichtlich. In‐ dem Männer vorführten, was als weiblich galt, erschienen die Geschlechteridentitäten als natürliche Gegebenheiten, denn die Verkehrung trat als das Künstliche in Erscheinung. So erhielt die Fastnacht als zeitlich strikt begrenzte Verkehrung der Ordnung ihren Sinn stets im Bezug auf die Ordnung, deren Unveränderbarkeit sie bestätigte. 11.3 Das Fastnachtspiel vom Eggenziehen Ein Beispiel für die inszenierte Verkehrung sozialer Ordnungsverhältnisse ist das Fastnachtspiel vom Eggenziehen, das unter der Überschrift ›ein vasnacht spil: die egen‹ in einer um 1460 in Nürnberg angelegten Sammel‐ handschrift überliefert ist. Es umfasst 118 Verse folgenden Inhalts: Zunächst begrüßt ein ›Ausschreyer‹ den Hausherrn und die Hausherrin und kündigt den Auftritt eines Bauern an. Vor dessen Pflug und Egge seien die heuer übrig gebliebenen - das heißt, die trotz Heiratsfähigkeit unverheirateten - Mädchen gespannt. Sie müssten den Pflug nun zur öffentlichen Buße dafür ziehen, dass sie fut, ars, tutten vergebenß tragen (›Fotze, Arsch, Titten ohne Nutzen an sich tragen‹). Danach wendet sich der Bauer an einen Knecht, der die als ›Pferde‹ bezeichneten Mädchen am Pflug gehörig antreiben soll. Der Knecht gibt den Befehl in noch etwas drastischerer Diktion an einen anderen Knecht weiter. Ehe es zu der Aktion kommt, befragt der Bauer die Mädchen jedoch der Reihe nach, weshalb sie den Pflug ziehen müssen. Die Erste antwortet, sie habe wegen ihrer Hässlichkeit keinen Mann abbekommen. Die Zweite hatte einen Heiratskandidaten, dem jedoch Gerüchte über ihre verlorene Jungfräulichkeit hinterbracht wurden, worauf er sich von ihr abwandte. Die Dritte verlor ihren Verehrer an eine Konkurrentin, die ihn ohne weiteres ›in ihrer unteren Tasche spielen‹ ließ und ihrerseits an seinem 11.3 Das Fastnachtspiel vom Eggenziehen 281 Blochziehen als Dorfritual ›Säckchen‹ spielte. Die Vierte war das ganze Jahr über mit einem schönen, aber schamhaften Jungen liiert, den sie vergraulte, indem sie ihm brieflich mehrmals ihr sexuelles Verlangen mitteilte. Die Fünfte hatte einen redegewandten Verehrer, der sich jedoch zurückzog, als ein anderer behauptete, sie geschwängert zu haben. Die Sechste erlebte einen Geschlechtsverkehr, der ihr als größtes Vergnügen angekündigt war, als so schmerzhaft, dass sie nun enthaltsam leben will. Die Siebte fand trotz des Besuchs aller Tanzveranstaltungen und erheblicher kör‐ perlicher Vorzüge (knackharte Brüste, große Arschbacken und einen rauen Köcher für lange Pfeile) keinen Heiratskandidaten, weil sie selbst unehelich geboren ist. Am Schluss verabschiedet sich der ›Ausschreyer‹ mit der Bitte um Futter für die Stuten am Pflug, die keinesfalls als Huren bezeichnet werden dürften. Man habe noch manches Feld zu bestellen und müsse deshalb weiterziehen; zum Abschied wünsche man Glück im Leben und die ewige Ruhe danach. Prolog und Epilog des ›Ausschreyers‹ zeigen, dass es sich um den Text eines Einkehrspiels handelt: Mit dem Prolog begrüßt der Anführer der Spieltruppe beim Einzug in die Stube das Publikum und kündigt das Spiel an. Mit der Bitte um ›Futter‹ - also um eine Gabe - im Epilog verlangt der ›Ausschreyer‹ vom Publikum einen Lohn für die Spieler. Inhaltlich greift das Fastnachtspiel ein symbolisches Strafritual auf, des‐ sen Existenz im 15. und 16. Jahrhundert vor allem im ober- und mitteldeut‐ schen Sprachraum recht gut belegt ist. Der tatsächliche Ablauf des dörfli‐ chen Rituals lässt sich allerdings nur aus literarischen Darstellungen rekonstruieren. Außer mit einer Egge oder einem Pflug wurde das Ritual auch mit einem Holzstamm durchgeführt und dann mit einem alten Wort für Holzstämme ›Blochziehen‹ genannt. Während das Blochziehen ein dörf‐ liches Ritual war, haben die literarischen Darstellungen städtische Fast‐ nachtspraktiken zum Gegenstand, die die Bekanntheit des dörflichen Rituals voraussetzen. Beim Blochziehen könnte demnach Folgendes vor sich ge‐ gangen sein: Die Dorfgemeinde erlaubte den unverheirateten jungen Männern, einen Baum im Gemeindewald zu fällen. Bei der Rückkehr mit dem Baumstamm wurden sie von der Gemeinde empfangen. Sie zogen durchs Dorf, holten die unverheirateten jungen Frauen und banden sie mit Riemen an den Baum‐ stamm. Die jungen Frauen mussten den Stamm vor der Dorfgemeinschaft 282 11 Kulturelle Wissensordnungen II: Praktiken und Praxeologie Praktische Wissensordnungen Hans Sachs: ›Die hausmaid im pflug‹ ein Stück weit ziehen. Da das Baumziehen zu den üblichen Holzfällertätig‐ keiten gehörte und deshalb eine Männerarbeit war, führten die Mädchen ihre geschlechtsbedingte Unterlegenheit vor, wenn sie den Stamm nicht bewegen konnten, und wurden ausgelacht. Konnten sie ihn ziehen, zeigte das ihre Handlungsfähigkeit: Sie zogen sich symbolisch aus der Demütigung heraus und stellten damit ihre Tauglichkeit für die Ehe unter Beweis. Das anschließende Fest samt Tanz eröffnete Möglichkeiten zur Eheanbahnung. Der kulturelle Sinn des Rituals bestand in der Abfolge von Demütigung, Bewährung und Versöhnung als symbolischer Überwindung des Vergange‐ nen und der Eröffnung neuer Handlungsmöglichkeiten. Dieser Sinn beruhte auf einer kulturellen Wissensordnung, die man durch die Beschreibung des Rituals nachträglich auf Begriffe bringen kann. Für die Beteiligten war sie jedoch keine begrifflich-diskursive, sondern eine praktische Wissensord‐ nung: Sie bestand in kulturellem Handlungswissen, das ohne begriffliche Reflexion auskam. Für das Blochziehen brauchte es noch nicht einmal sprachliches Handeln; es hatte und vermittelte seine Bedeutung auch ohne jede Rede. Anders verhält es sich beim Geschehen in einer Schwankerzählung mit dem Titel ›Die hausmaid im pflug‹, die Hans Sachs im Jahr 1532 verfasste. Die Begebenheit, die er an einem Aschermittwoch bei einem Besuch in Re‐ gensburg beobachtet haben will, nennt er im Text faßnacht-spiel: Sechs Hausmägde zogen einen Pflug über einen städtischen Platz. Vor und neben dem Pflug ging jeweils ein junger Mann mit einer Peitsche, ein dritter hielt den Pflug hinten. Weitere junge Männer führten weitere Mägde aus den umliegenden Straßen herbei. Einer von ihnen erklärte dem Erzähler Hans Sachs schließlich, dass es sich dabei um die zu Fastnacht unverheiratet gebliebenen Dienstmädchen handle. Der junge Mann vor dem Pflug hielt die bereits angeschirrten sechs Mägde mit dem Argument zum Ziehen an, dass sie das ganze Jahr über die jungen Männer, die um sie warben, zum Narren gehalten hätten; deshalb müssten sie jetzt für eine kurze Zeit selbst die Narren sein. Im nächsten Jahr werde ihnen die Schande erspart bleiben, wenn sie bis dahin verheiratet wären. Darauf rechtfertigten sich die sechs Mädchen für ihre Ehelosigkeit: Die Erste durfte ihren Liebsten nicht heiraten, weil sie der Mutter zu jung schien; sie selbst hat keine Schuld. Die Zweite wurde von ihrem Verehrer nach der sexuellen Eroberung 11.3 Das Fastnachtspiel vom Eggenziehen 283 Pflugziehen als städti‐ sche Fast‐ nachtspraktik sitzen gelassen und findet nun keinen Nachfolger; eigentlich gehörte der Verführer in den Pflug gespannt. Die Dritte ist erst vor kurzem in die Stadt gezogen und bereut nun, auf dem Dorf nicht ihren treuen Verehrer Jansel geheiratet zu haben. Die Vierte musste schon im vorhergehenden Jahr den Pflug ziehen, weil sie weder schön noch wohlhabend ist und die jungen Männer sie nur veralbern. Die Fünfte musste erkennen, dass ihr Verehrer sie nur verführen wollte, und hält den Pflug nun für das kleinere Übel. Die Sechste hat schon etliche Bewerber abgewiesen und auch heuer wieder so viele unglückliche Ehen beobachtet, dass sie lieber ledig bleiben und den Pflug ziehen will. Eine Siebte, die zwei junge Männer gerade von der Straße herbei bringen und an den Pflug spannen wollen, schreit laut, ihre Hochzeit sei schon für den kommenden Sonntag angesetzt. Zum Schluss rät der Erzähler allen Mädchen, vor der Ehe auf ihren guten Ruf zu achten und nur nach reiflicher Überlegung zu heiraten. So wie Hans Sachs den Vorgang erzählt, handelt es sich dabei weder um das dörfliche Ritual noch um ein Einkehrspiel: Junge Männer sammeln in den Regensburger Gassen unverheiratete Dienstmädchen ein und spannen sie an den vorbereiteten Pflug. Als städtische Fastnachtspraktik ist das Pflugziehen schon vor Hans Sachs belegt: In der böhmischen Stadt Eger wurde es all‐ jährlich am Aschermittwoch von den Tuchmacherlehrlingen durchgeführt und wie andere Fastnachtsveranstaltungen vom Stadtrat finanziert. Eine Leipziger Chronik berichtet, dass sich eine junge Frau im Jahr 1499 mit einem Brotmesser gegen einen jungen Mann zur Wehr setzte, der sie an den Pflug spannen wollte, und ihn dabei tötete. Weil der Pflug eine weit verbreitete, literarisch gut belegte Metapher für das männliche Geschlechtsorgan war, konzentriert er die Bedeutung des Vorgangs stärker auf die Funktion der Ehe, durch ordnungsgemäßen Geschlechtsverkehr für ordnungsgemäße Fortpflanzung zu sorgen: Die hei‐ ratsunwilligen Mägde haben sich der als natürlich eingeschätzten sozialen Ordnung verweigert und müssen deshalb das Zeichen männlicher Fortpflan‐ zungsfähigkeit durch die Stadtgassen ziehen, die so unfruchtbar sind wie ihre eigenen ›Äcker‹ - das traditionelle metaphorische Pendant zum Pflug. So führt die verkehrte Welt der städtischen Fastnacht die widernatürlichen Folgen nicht ordnungsgemäßen Handelns vor Augen. 284 11 Kulturelle Wissensordnungen II: Praktiken und Praxeologie Ritual und Reflexion Pflugziehen als Einkehr‐ spiel Abb. 22: Holzschnitt von 1532 zu Hans Sachs: ›Die hausmaid im pflug‹ Das von Hans Sachs erzählte Geschehen setzt die praktische Wissensord‐ nung des dörflichen Rituals bei den Regensburger Akteuren und Zuschau‐ ern ebenso wie bei den Rezipienten der Erzählung als bekannt voraus. Ablauf und Bedeutung des Rituals sind jedoch nicht allein in Gestalt des Pflugziehens durch die Stadtgassen verändert, sondern auch in Gestalt der Verteidigungsreden der Mädchen: Die jungen Frauen reflektieren die Beschuldigung im sprachlichen Handeln begrifflich, indem sie Gründe für die Ehelosigkeit identifizieren und dabei ihre Unschuld begründen. Der Bericht von Hans Sachs ist hier nur plausibel, wenn man unterstellt, dass unverheiratete Frauen in Regensburg wussten, was sie am Aschermittwoch am Pflug sagen mussten, oder dass die an den Pflug gespannten Mägde keine Zufallsgriffe waren und einstudierte Reden hielten. Im Nürnberger Einkehrspiel vom Eggenziehen, das Hans Sachs mögli‐ cherweise kannte - und in dem auffälligerweise ebenfalls sieben Frauen sieben Verteidigungsreden halten - gibt es kein solches Plausibilitätsproblem, weil die Frauenrollen und die Reden ein offensichtlicher Bestand‐ teil der Inszenierung sind. Das Einkehrspiel ›die egen‹ setzt die Kenntnis des Rituals und seiner Bedeutung ebenfalls voraus. Die Bezeichnungen für die Geschlechtsorgane in den Reden der Mädchen übersetzen die metaphorische Bedeutung des Ackerpflügens ins ›Eigentliche‹ zurück und sorgen dadurch für ein höheres Maß an Ausdrücklichkeit als die Erzählung von Hans Sachs. Der Unterschied sowohl zum dörflichen Ritual als auch zur städtischen Fastnachtspraktik auf der Gasse besteht zum einen darin, dass erkennbar Schauspieler an den Pflug gespannt werden. Zum andern wird hier gar 11.3 Das Fastnachtspiel vom Eggenziehen 285 Geschlech‐ terrollen Kulturelle Praktiken und kultu‐ relles Handlungs‐ wissen nichts mehr gezogen: Die Frauen sind zwar an den Pflug gebunden, halten aber nur Verteidigungsreden. Das kann eine Konsequenz der Aufführung in Wirts- und Privathäusern sein, wo die symbolische Bedeutung der Stadtgas‐ sen nicht unmittelbar verfügbar war. Im Ergebnis ist die rituelle Konflikt‐ bewältigung jedenfalls vollständig durch die sprachliche Identifikation der Konfliktursachen ersetzt. Bei ihnen handelt es sich um Ehehindernisse wie mangelnde körperliche Schönheit, uneheliche Geburt und Verdächtigungen wegen Promiskuität oder Frigidität, die als Bestandteile sowohl des prakti‐ schen Wissens als auch seiner begrifflich-diskursiven Reflexion im 15. und 16. Jahrhundert vielfach belegt sind. Konsequenter als in der Erzählung von Hans Sachs weisen die Frauen die Schuld an ihrer Eheunwilligkeit und damit die ursprünglichere Verantwortung für die Abweichung von der sozialen Ordnung dem Handeln von Männern zu. Nun waren es freilich Männer, die in den Nürnberger Einkehrspielen die Frauenrollen spielten. Erst indem Männer die weiblichen Schuldzuweisun‐ gen an die Männer simulieren, erhält das Spiel in der Aufführung sein Be‐ deutungsangebot für die Zuschauer: Anhand der als Frauen verkleideten Männer stellt es die Naturgegebenheit des Geschlechtsunterschieds aus und weist der weiblichen Natur die Neigung zu, den Männern die Schuld zu ge‐ ben. Außer auf den obszönen Ausdrücken beruht darauf der Komikeffekt. Zusammen mit den Schuldzuweisungen an das männliche Handeln in den Reden der Frauen entsteht ein Spielraum zur Reflexion über die geschlechts‐ spezifischen Ursachen nicht ordnungsgemäßen Handelns: Die Frauen haben immer Ausreden parat, für die die Männer ihnen aber möglicherweise tat‐ sächlich die Gründe liefern. Bewerkstelligt wird dies durch die Kombination der mittels Verkehrung als natürlich ausgewiesenen Geschlechterrollen und der begrifflich-diskursiven Reflexion in den Figurenreden, die die Ritual‐ handlung ersetzen. Als rituelle Handlung war das Blochziehen eine bedeutungstragende kul‐ turelle Praktik, die kulturelles Handlungswissen aktualisierte, ohne es zum Gegenstand der Reflexion zu machen. Fastnachtspiele waren als Bestand‐ teile der städtischen Fastnacht ebenfalls eine kulturelle Praktik, deren Be‐ deutung von derjenigen der Fastnacht abhing. Das Fastnachtspiel vom Eg‐ genziehen setzt die Kenntnis des Rituals und seiner Bedeutung voraus; es macht kulturelles Handlungswissen jedoch zum Erkenntnis- und Reflexi‐ onsgegenstand, indem es Handlungsgründe diskursiv identifiziert. Kulturelle Praktiken und ihre Verankerung im kulturellen Handlungswis‐ sen sind der Gegenstand kulturwissenschaftlicher Praxistheorien. Deren 286 11 Kulturelle Wissensordnungen II: Praktiken und Praxeologie Kultur als Praxis Philosophi‐ scher Prag‐ matismus Linguisti‐ sche Pragmatik Grundgedanken sollen hier nur soweit erläutert werden, wie es für das im Anschluss daran skizzierte literaturwissenschaftliche Interesse an der Aktualisierung kulturellen Handlungswissens in Texten und seiner Analyse nötig ist. 11.4 Kulturelle Praktiken und Handlungswissen Kultur als Praxis zu untersuchen, ist ein in den modernen Kulturwissen‐ schaften weit verbreitetes Programm. Es zielt nicht so sehr darauf, bei der Analyse kultureller Phänomene auch den praktischen Umgang mit ihnen im Blick zu behalten, sondern sie ganz als Handeln zu verstehen. Diese Einschätzung greift mehrere wissenschaftliche Traditionen auf, zu denen insbesondere der philosophische Pragmatismus, die linguistische Pragmatik und die praxeologische Soziologie gehören. Für den im frühen 20. Jahrhundert aufgekommenen philosophischen Pragmatismus (u. a. Charles Sanders Peirce) ist das menschliche Erkennt‐ nisvermögen keine Voraussetzung, sondern ein Instrument des Handelns: Für wahr halten wir, was sich im Handeln bewährt, weil unsere kognitiven Fähigkeiten Handlungsinstrumente sind. Unser gesamtes Verhältnis zur Wirklichkeit besteht unter dieser Voraussetzung im Handeln; Wahrneh‐ mung, Begriffsbildung und Schlussfolgern gehören zu seinen Bestandteilen. Die linguistische Pragmatik hat einerseits Wurzeln im philosophischen Pragmatismus ( John Langshaw Austin); andererseits entwickelte sie sich seit den 1970er Jahren als Reaktion auf eine strukturalistische Sprachwis‐ senschaft, die Sprache primär als System und Sprachgebrauch als sekundäre Aktualisierung dieses Systems verstand. Im pragmatischen Modell ist da‐ gegen der Sprachgebrauch das Primäre: Was uns als System erscheint, sind diejenigen Regularitäten, die durch sprachliches Handeln verstetigt, aber auch permanenter Veränderung unterzogen werden. So wie der philosophische Pragmatismus unsere Vorstellungen von der Wirklichkeit als Produkt des Handelns versteht, versteht die linguistische Pragmatik Phonologie, Morphologie, Syntax und sprachliche Semantik als Produkt des sprachlichen Handelns. Im Gebrauch lernen und internalisieren wir Regularitäten sprachlichen Handelns so, dass wir sie ziemlich automa‐ tisch befolgen, ohne es überhaupt zu bemerken. Wenn wir sie nicht befolgen, riskieren wir den Misserfolg unseres sprachlichen Handelns, beispielsweise weil wir nicht verstanden werden. In einer ähnlichen Weise können wir 11.4 Kulturelle Praktiken und Handlungswissen 287 Praxeologi‐ sche Sozio‐ logie Kulturelles Handlungs‐ wissen Implizites Wissen Bourdieu: ›Habitus‹ aus den Wirklichkeitskonstruktionen unserer Kultur nicht problemlos aus‐ steigen: Wir haben sie in der sozialen Praxis gelernt und halten sie nicht für Konstruktionen, sondern für die Wirklichkeit selbst. Wenn wir mit anderen Konstruktionen operieren, riskieren wir Misserfolge in der sozialen Interaktion. In beiden Modellen spielt deshalb das Soziale des Handelns eine entscheidende Rolle. Soziales Handeln ist der Gegenstand der praxeologischen Soziologie, de‐ ren Ursprünge in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts liegen (Max Weber). Im Unterschied zu anderen soziologischen Handlungstheorien zielt das pra‐ xeologische Modell darauf, soziales Handeln in erster Linie als Aktualisie‐ rung kulturellen Handlungswissens zu erklären und erst in Abhängigkeit davon als Folge sozialer Institutionen, Strukturen und Normen. Für Praxeologen sind Institutionen, Strukturen und Normen nichts anderes als das in der sozialen Praxis auf Dauer Gestellte, das in der Praxis zugleich perma‐ nenter Veränderung ausgesetzt ist. Das Primäre sind deshalb die Praktiken: Nur sie können erklären, weshalb sich Institutionen, Strukturen und Nor‐ men verändern, so wie nur die sprachlichen Praktiken erklären können, wie sich die Sprachen verändern. Soziale Praktiken mit Institutionen, Strukturen und Normen zu erklären, wäre dann ein zirkuläres Verfahren. Es muss ein kulturelles Handlungswissen geben, das wir - so wie das sprachliche Wis‐ sen - in der Praxis selbst lernen. Wir verfügen darüber, ohne uns seiner bewusst zu sein. Als implizites, das heißt nur im praktischen Können beste‐ hendes Wissen unterscheidet es sich vom expliziten, begrifflich-diskursiven Wissen. Für die wissenschaftliche Rekonstruktion des kulturellen Handlungswis‐ sens gibt es in der praxeologischen Soziologie verschiedene theoretische Modelle, unter denen das Habitus-Konzept des französischen Soziologen Pierre Bourdieu besonders großen Einfluss gewann. Der Begriff Habitus stammt ursprünglich aus der aristotelischen Moralphilosophie, wo er die durch Einübung zur Gewohnheit gewordene Disposition zu tugendhaftem oder lasterhaftem Handeln bezeichnete (griech. hexis, lat. habitus): Unter einer Tugend - wie beispielsweise Gerechtigkeit - verstand Aristoteles die Disposition zu konkreten einzelnen Handlungen, wobei die einzelnen Hand‐ lungen die Disposition ihrerseits einüben und verfestigen. Diese Bedeutung behielt der Habitus-Begriff in der Rezeption der aristotelischen Moralphi‐ losophie in Mittelalter und früher Neuzeit. Bourdieu hat den Begriff davon abgelöst: Ein Habitus ist bei ihm keine moralische Disposition, sondern ein kulturelles »Denk-, Handlungs- und 288 11 Kulturelle Wissensordnungen II: Praktiken und Praxeologie Wahrnehmungsschema« (›Sozialer Sinn‹ S. 101), das als praktisches Wissen soziales Handeln ermöglicht. Der Habitus umfasst außer dem Handlungs‐ muster selbst auch Wahrnehmungs- und Denkmuster, weil Handeln situa‐ tionsbezogen ist und praktisches Wissen deshalb zur Situationsdeutung befähigen muss. Die Habitus-Muster sind ein für die Mitglieder der jewei‐ ligen sozialen Gruppe implizites Wissen, das sie nur schwer auf Begriffe bringen oder erklären können. Sobald das praktische Wissen begrifflich expliziert - etwa zum Gegenstand von Traktaten gemacht - wird, hört es auf, praktisches Wissen zu sein: Begrifflich-diskursives Wissen kann prinzipiell nicht mit praktischem Wissen identisch sein, sondern es nur nachträglich beschreiben. Der Unterschied zwischen dem traditionellen moralphilosophischen und Bourdieus Habitus-Begriff besteht nicht zuletzt darin, dass Bourdieu den impliziten und vorreflexiven Charakter des praktischen Wissens so stark betont hat, dass es geradezu als Gegensatz zum diskursiv-begrifflichen Wissen erscheint. Diese scharfe Kontrastierung von praktischem und dis‐ kursivem Wissen steht in einem engen Zusammenhang mit der Entstehung seines Habitus-Konzepts als Instrument zur Untersuchung der teilweise schriftlosen kabylischen Kultur in Algerien in den 1950er und 1960er Jahren: Habituell war für Bourdieu das Wissen der traditionalen kabylischen Ge‐ sellschaft, diskursiv das der modernen - kolonialistischen - französischen. Später hat Bourdieu den Kontrast jedoch auf die modernen europäischen Gesellschaften selbst angewandt und das praktische Wissen unserer eigenen Kultur vom diskursiven unterschieden. Trotz der Ablösung des Begriffs von seiner moralphilosophischen Be‐ deutung sind Habitus-Muster auch bei Bourdieu durch Einübung zur Ge‐ wohnheit gewordene Handlungsdispositionen. Sie sind weniger als soziale Einschränkungen für das Handeln der Einzelnen gedacht, sondern eher als das soziales Handeln überhaupt erst ermöglichendes Wissen. Dieses praktische Wissen ist die Grundlage dafür, dass die Einzelnen in konkreten Handlungssituationen Ziele verfolgen und Mittel verwenden, die sie als ihre eigenen Handlungsintentionen und Handlungsmöglichkeiten erleben. Der Habitus ist kein Wissen über soziale Normen und ihre Anwendung, sondern ein Wissen davon, welche Handlungen in einer Situation erforderlich, mög‐ lich, angemessen, akzeptabel, erfolgversprechend sind. Er disponiert damit auch zur Befolgung oder Missachtung sozialer Normen in konkreten Situa‐ tionen. Ebenso wenig wie mit einem Konzept sozialer Handlungsnormen fällt der Habitus-Begriff mit einem abstrakten Zweckrationalitätskonzept 11.4 Kulturelle Praktiken und Handlungswissen 289 Praktischer Sinn Praxeologi‐ sche Analyse Habitus und Ritual Eigenschaf‐ ten von Ritualen zusammen: Der Habitus bestimmt vielmehr erst, was die Einzelnen in konkreten Situation für nützlich halten. Als kulturelles Praxiswissen ist der Habitus zugleich die Ursache dafür, dass die Mitglieder einer sozialen Gruppe ihr eigenes Handeln und das von anderen als mehr oder weniger sinnvoll erleben: Wir weisen dem Handeln einen Sinn zu, indem wir situationsangemessene Ziele und zielführende Mittel erkennen. Weil das Praxiswissen dem Handeln der Einzelnen einen subjektiv erfahrenen Sinn gibt, ist es eine kulturelle Bedeutungsordnung. Aus diesem Grund hat Bourdieu anstelle des Begriffs Habitus auch den doppeldeutigen des ›praktischen Sinns‹ (sens pratique) benutzt: Der Habitus ist zugleich der Sinn für das soziale Handeln und der Sinn des sozialen Handelns. Der praxeologische Begriffsapparat ermöglicht es, unser Fastnachts-Bei‐ spiel nochmals etwas systematischer zu beschreiben. Rituale wie das Bloch‐ ziehen sind besonders stark verfestigte Habitus-Muster und deshalb ein Sonderfall kultureller Praktiken. Zum einen legen sie alle Handlungsmittel und Handlungsschritte strikt fest, ohne den Akteuren Alternativen einzu‐ räumen. Zum anderen stellen sie die Handlungssituation überhaupt erst her: Das Blochziehen reagiert zwar auf vorausliegendes Handeln, nämlich dass heiratsfähige Frauen nicht geheiratet haben. Die Situation, die am Anfang des rituellen Handelns steht, ist jedoch ein Bestandteil des Rituals selbst: Die Dorfgemeinschaft schickt die jungen Männer in den Wald, um einen Holz‐ stamm zu holen. Auf beiden Besonderheiten beruht der Charakter des Ri‐ tuals als einer in sich abgeschlossenen kulturellen Praktik mit einer festge‐ legten und klaren Bedeutung: Es gibt weder verschiedene Möglichkeiten bei der Deutung der Handlungssituation noch verschiedene Handlungsmög‐ lichkeiten, die einen jeweils spezifischen Sinn haben könnten. Dass es keine Handlungs- und Deutungsspielräume gibt, begründet jedoch gerade die kul‐ turelle Leistungsfähigkeit von Ritualen als Mittel der Austragung und Re‐ gulierung von Konflikten, weil sich alle Akteure strikt an ein strenges Schema halten. Je weniger Reflexion dabei ins Spiel gebracht wird, umso zuverlässiger funktioniert das Ritual. Wenn junge Männer zur Fastnacht in Eger oder Leipzig unverheiratete Frauen an den Pflug spannten und die Frauen den Pflug dann durch die Stadtgasse zogen, handelte es sich ebenfalls um ein Ritual, solange die Frauen mitspielten. Die Situierung in der städtischen Fastnacht, der Sinn des Pflugs und der Stadtgassen als Gegenstand des Pflügens veränderten lediglich die Bedeutung des Rituals ein wenig. 290 11 Kulturelle Wissensordnungen II: Praktiken und Praxeologie Eigenschaf‐ ten nichtritueller Praktiken Rituelles sprachli‐ ches Handeln Praxiswis‐ sen und Handlungs‐ darstellung Die Leipziger Chronik berichtet vom Scheitern des Rituals. Die junge Frau mit dem Brotmesser deutete die Handlungssituation, in die der junge Mann sie brachte, nicht gemäß der praktischen Wissensordnung des Rituals als Voraussetzung für die Konfliktregulierung, sondern als gewaltsame Zwangsausübung. Indem sie sich gegen diesen Zwang gewaltsam zur Wehr setzte, aktualisierte sie ein anderes praktisches Wissen als das vom Ritual vorgesehene: Gewaltsames Handeln erfordert Gegengewalt. Ihre drastische Aktion bietet deshalb ein gutes Beispiel dafür, dass eine im rituellen Handlungsablauf nicht vorgesehene Handlungsweise den Sinn des Rituals abändert: Indem sich die Leipzigerin gewaltsam zur Wehr setzte, nahm sie dem Ritual die Bedeutung der Konfliktregulierung und gab ihm die der gewaltsamen Zwangsausübung. Zugleich zeigt der Vorgang den Unterschied zwischen rituellem und nicht-rituellem Handeln. Das Ritual gab die Situation und die Handlungs‐ weise samt ihrer Bedeutung vor; die Leipzigerin jedoch kannte ein anderes Deutungsmuster, das sie auf die Handlungssituation applizierte, und ein von diesem Deutungsmuster abhängiges anderes Handlungsmuster. In diesem Zusammenspiel von Deutungsmusterwissen und Handlungsmusterwissen besteht das praktische Wissen. Die Spielräume unseres nicht-rituellen so‐ zialen Handelns sind ein Produkt der Anzahl unterschiedlicher Deutungs- und Handlungsmuster, die wir kennen. Hans Sachs evoziert in seiner Erzählung von der Regensburger Fast‐ nachtspraktik nicht den Eindruck, dass die Verteidigungsreden der Dienst‐ mädchen überraschend gewesen und vom erwarteten Geschehen abgewi‐ chen wären. Demnach handelte es sich um ein Ritual mit einem festgelegten Ablauf, zu dem die vorher einzeln verabredeten oder von unverheirateten Regensburger Dienstmädchen generell erwartbaren Verteidigungsreden gehörten. Sie waren als sprachliches Handeln ein Bestandteil des Rituals und lösten im Handlungsverlauf das körperliche Pflugziehen als Mittel der Konfliktregulierung ab. Was die Mädchen im Ritual sagten, aktualisierte jedoch ein anderes praktisches Wissen als das Bloch- oder Pflugziehen: Konfliktregulierung besteht in der Klärung der Ursachen des Konflikts und der Berechtigung der Schuldzuweisung. Damit wird begrifflich-diskursives Handeln zum Bestandteil des Rituals. Als Gegenstand der Erzählung von Hans Sachs ist das Regensburger Fast‐ nachtsritual freilich ein Gegenstand narrativer Handlungsdarstellung. Das literaturwissenschaftliche Erkenntnisinteresse muss deshalb dem kulturel‐ len Praxiswissen gelten, auf dem die Bedeutung des in der Erzählung dar‐ 11.4 Kulturelle Praktiken und Handlungswissen 291 Historische Praxeologie gestellten Handelns beruht und das Hans Sachs bei seinen Rezipienten vor‐ aussetzte. Um den Sinn des erzählten Geschehens zu verstehen, mussten sie sowohl das kulturelle Handlungsmuster des Pflugziehens als auch das kul‐ turelle Handlungsmuster der begrifflich-diskursiven Klärung von Konflikt‐ ursachen und Schuldzuweisungen kennen. Nicht nur die Darstellung von Ritualen, sondern die jeden Handelns be‐ zieht ihre Bedeutung aus dem vorausgesetzten kulturellen Handlungswis‐ sen: Handlungsdarstellung hat für Textrezipienten insofern einen Sinn, als ihr Muster kulturellen Praxiswissens zugrunde liegen. Um die Bedeutung dargestellten Handelns in älteren Texten rekonstruieren zu können, bedarf es deshalb einer Rekonstruktion des in der Handlungsdarstellung aktuali‐ sierten Handlungswissens - einer historischen Praxeologie als Pendant zur historischen Diskursanalyse. Zwischen einer solchen historischen Praxeo‐ logie und der gegenwartsbezogenen soziologischen Praxeologie bestehen allerdings erhebliche methodische Unterschiede: Bourdieu hat in Algerien systematisch Daten durch Feldforschung erhoben, indem er das Handeln von Akteuren beobachtete und sie zu ihrem Handeln befragte. Historische Praxeologie kann demgegenüber weder systematisch Daten erheben noch Handeln unmittelbar beobachten oder gar Akteure befragen. Ihr Material ist das in den erhaltenen Schrifttexten dargestellte Handeln, das sie mit den in Kapitel 9 (vgl. S. 221-224) genannten handlungstheoretischen Kategorien analysieren kann. Gegenstand der praxeologischen Analyse sind deshalb zunächst die Bestandteile dargestellter Handlungssituationen, die darge‐ stellten Eigenschaften von Akteuren, ihre dargestellten Situationsdeutungen, Handlungsziele und Handlungsmittel sowie die dargestellten Folgen ihres Handelns. Im Anschluss daran rekonstruiert die praxeologische Analyse in Texten wiederkehrende Handlungskonstellationen, so wie die Diskursanalyse in Texten wiederkehrende Konstellationen von Begriffs‐ beziehungen rekonstruiert. Auf diese Weise versucht die praxeologische Analyse, die Ordnungen des kulturellen Praxiswissens aufzudecken, so wie die Diskursanalyse die Ordnung des kulturellen diskursiven Wissens aufzudecken versucht. In erster Linie besteht die praxeologische Rekon‐ struktion folglich in der Beantwortung der Frage, welches kulturelle Hand‐ lungswissen unterstellt werden muss, damit dargestelltes Handeln für die historischen Rezipienten plausibel und sinnvoll sein konnte. Die Erzählung von Hans Sachs ist zwar eine Darstellung eines städtischen Fastnachtsrituals; als Erzählung ist sie selbst jedoch kein rituelles Handeln. Das Fastnachtspiel vom Eggenziehen hat dagegen als Einkehrspiel rituelle 292 11 Kulturelle Wissensordnungen II: Praktiken und Praxeologie ›Der Mönch als Liebes‐ bote‹ Bestandteile in Gestalt der festgelegten Aufführungspraktiken. Es vollzieht jedoch kein Ritual, weil die Handlung von Schauspielern gespielt wird. Um die Bedeutung dieser Handlung verstehen können, mussten die Zuschauer diejenigen kulturellen Praktiken kennen, auf die die gespielte Handlung Bezug nimmt. Die praxeologische Analyse rekonstruiert diese Praktiken und ihre historischen Bedeutungen anhand derjenigen erhaltenen Texte, die Information über sie zur Verfügung stellen. Mit der Untersuchung der Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen diesen Texten versucht sie, das kulturelle Praxiswissen erkennbar zu machen, das der Handlungsdar‐ stellung im Fastnachtspiel vom Eggenziehen zugrunde lag. 11.5 Praktisches Wissen und moralisches Wissen Bourdieus Habitus-Begriff bietet für die literaturwissenschaftliche Analyse älterer handlungsdarstellender Texte nicht zuletzt deshalb ein Erkenntnisinstrument, weil der Unterschied zwischen der Erfolgsträchtigkeit eines amoralischen praktischen Sinns und der Misserfolgsträchtigkeit tugendhaf‐ ten Handelns in der Zeit vom 12. bis zum 16. Jahrhundert oft zum Gegen‐ stand narrativer Exemplifikation gemacht wurde. Handlungsdarstellende Texte dieser Art spielen ein in Kapitel 9 (vgl. S. 223) bereits erwähntes prakti‐ sches Schlauheitswissen gegen das philosophisch-theologische Diskurswis‐ sen aus. Ein Beispiel dafür ist die Geschichte vom Mönch als Liebesboten, von der verschiedene italienische (darunter auch Boccaccio: ›Dekameron‹ III,3), französische und deutschsprachige Bearbeitungen erhalten sind. Im deutschsprachigen Märe (vgl. S. 131f.) ›Der Mönch als Liebesbote A‹, das in einer Handschrift aus der Mitte des 15. Jahrhunderts überliefert ist, geht die Handlung folgendermaßen: Ein reicher Römer erfüllt seiner Ehefrau alle Wünsche und hält sie für tugendhaft. Das sexuelle Begehren der Ehefrau richtet sich jedoch auf einen jungen Adeligen, den sie auf der Straße vor ihrem Haus bemerkt. An einem Tag, an dem der Ehemann abwesend ist, sucht die Ehefrau einen Franziskanermönch auf und legt eine erfundene Beichte ab: Ein junger Mann gefährde ihr gutes Ansehen, indem er auf der Straße vor ihrem Haus herumlungere und ihr zum Zeichen seiner Liebe einen Ring habe schicken lassen. Der Mönch möge dem jungen 11.5 Praktisches Wissen und moralisches Wissen 293 Situationsdeutung Mann ausrichten, dass er seine Liebeswerbung einstellen soll. Zum Beweis zeigt die Ehefrau dem Mönch einen Ring. Der ausdrücklich als tugendhaft und einfältig bezeichnete Mönch nimmt den Ring an sich, geht umgehend zu dem jungen Adeligen und stellt ihn zur Rede. Dieser erklärt zunächst wahrheitsgemäß, der Frau keinen Ring geschickt zu haben. Als der Mönch ihm den Ring zeigt, denkt der junge Adelige jedoch nach und erkennt die Absicht der Ehefrau, ihm heimlich ihr Begehren zu signalisieren. Er belügt den Mönch mit einem erfundenen Geständnis; die Frau habe ihm ihrerseits allerdings ebenfalls einen Ring geschickt. Dass die Frau den ihr geschenkten Ring nun durch den Mönch zurückgeben lasse, zeige ihm jedoch, dass sie offenbar gar nicht auf ein Liebesverhältnis aus sei. Zum Beweis zeigt er dem Mönch den angeblich von der Ehefrau geschickten Ring. Der Mönch lobt ihn für seine Einsicht, nimmt den zweiten Ring an sich und stellt damit die Ehefrau zur Rede. Diese erklärt ihm, sie habe sich anstandshalber zu einem Gegengeschenk für den Ring des jungen Mannes veranlasst gesehen. Dieser sei in Wahrheit noch viel aufdringlicher gewesen: Er habe ihr den Ring in einem Beutel zusammen mit einem kostbaren Gürtel und einem Liebesbrief durchs Fenster zugeworfen. In dem Brief habe er ihr angekündigt, sich nachts durch ein verfaultes Brett in der rückseitigen Hauswand in ihr Schlafzimmer schleichen zu wollen. Sie habe den Brief im Zorn verbrannt, könne nun aber nachts vor Angst nicht mehr schlafen. Zum Beweis gibt sie dem Mönch einen Beutel und einen Gürtel, mit denen dieser den jungen Mann ein weiteres Mal zur Rede stellt und ihn dabei wegen des angeblichen Briefinhalts tadelt. Der junge Mann erkennt die Absicht der Ehefrau, ihm den Weg in ihr Schlafzimmer zu erklären, legt ein erfundenes Geständnis ab und verspricht nochmals, seine ehebrecherische Absicht aufzugeben. In derselben Nacht steigt er ins Haus der Frau, die schon auf ihn wartet. Das praktische Wissen der Ehefrau besteht im Kalkül auf die Situations‐ deutungen und die daran anschließenden Handlungsweisen ihrer beiden Co-Akteure, das seinerseits auf ihrer Einschätzung der Eigenschaften der Co-Akteure beruht: Ein tugendhafter und einfältiger Mönch wird die Beichte einer angesehenen Ehefrau moralisch deuten und deshalb auch der Behaup‐ tung ehebrecherischer Absichten eines jungen Adeligen Glauben schenken. Aufgrund dieser Situationsdeutung wird ein tugendhafter und einfältiger 294 11 Kulturelle Wissensordnungen II: Praktiken und Praxeologie Schlauheit und Tugend Mönch moralisch handeln und den Ehebruch zu unterbinden versuchen. Ein junger Adeliger wird die für ihn völlig überraschende Situation, dass ihn eine angesehene und ihm unbekannte Ehefrau zur Einstellung einer gar nicht stattgefundenen Liebeswerbung auffordern lässt, als Mitteilung ihres eigenen Begehrens deuten. Dies ist das unwahrscheinlichste unter den Kal‐ külen der Ehefrau, und die Erzählung legt die relative Unwahrscheinlichkeit auch offen, indem sie das Kalkül nicht gleich aufgehen lässt: Der junge Mann ist zunächst irritiert und muss erst nachdenken, gelangt dadurch aber doch zu der von der Ehefrau kalkulierten Situationsdeutung. Zusammen mit der Ehefrau unterstellt die Erzählung, dass junge adelige Männer ein Habitus-Muster haben, das sie mit ehebrecherischen Absich‐ ten als tugendhaft angesehener Ehefrauen rechnen lässt, das ihnen die Erkenntnis solcher Absichten ermöglicht und das sie dazu veranlasst, auf diese Erkenntnis mit ehebrecherischem Handeln zu reagieren. Nur die Unterstellung eines solchen Musters macht das dargestellte Handeln plausibel und sinnhaft. Zur richtigen Situationsdeutung des jungen Mannes gehört, dass er dabei zugleich die Bedeutung des von der Ehefrau benutzten Handlungsmittels erkennt, nämlich das kalkulierbare moralische Handeln des Mönchs. An dieser Stelle ist es die Erzählung selbst, die das Handeln der Ehefrau als Handlungsmuster erscheinen lässt: Der junge Mann macht nach, was er erkannt hat, und instrumentalisiert den Mönch in derselben Weise wie die Ehefrau zuvor. Der praktische Sinn erweist sich als Produkt der Praxis: Man lernt ihn am Modell beim Handeln. Alle weiteren Handlungszüge wiederholen das Verfahren von den Akteuren kalkulierter Situationsdeutun‐ gen und Handlungsweisen der Co-Akteure. Die materiellen Gegenstände - Ringe, Beutel und Gürtel - sind stets ein Bestandteil des Kalküls auf die Situationsdeutungen: Sie zeigen dem Mönch jeweils etwas anderes als dem jungen Mann und der Ehefrau. Erzählungen dieser Art stellen den praktischen Sinn als Virtuosität eines amoralisch-instrumentellen Handelns dar, die bei allem kreativen Geschick stets mit berechenbaren Regularitäten operiert. Das kreative Geschick besteht nicht zuletzt im schnellen und treffsicheren Ausnutzen von Situationen, die sich den Akteuren eröffnen - hier der Abwesenheit des Ehemanns an dem Tag, an dem die Ehefrau die Möglichkeit zum Ehebruch arrangiert, und in der darauffolgenden Nacht, in der der Ehebruch stattfindet, sowie des ersten Mönchsbesuchs durch den jungen Adeligen. Die Regularitäten bestehen in einem kalkulierbaren Situationsdeutungs- 11.5 Praktisches Wissen und moralisches Wissen 295 Abb. 23: Holzschnitt von 1492 zu Giovanni Boccaccios ›Dekameron‹ und Handlungsmusterwissen, das eng mit dem Wissen über standes-, alters- und geschlechtstypische Eigenschaften von Akteuren verbunden ist: die scheinbar tugendhafte, aber zur Erfüllung sexuellen Begehrens geneigte Ehefrau; der für die Wahrnehmung und Ausnutzung sexueller Angebote of‐ fene junge Adelige; der tugendhafte, aber mangels eigener einschlägiger Praxis einfältige Mönch. Auch dessen Tugendhaftigkeit stellt die Erzählung als einen Habitus dar, aber für das praktische Wissen ist es der Habitus der Einfalt: Tugendhaftig‐ keit erscheint als eine bloße Illusion, die den Tugendhaften zum einfältigen Instrument der Schlauen macht, weil sie ihm den Blick für diejenigen Regularitäten der Praxis verstellt, die die Schlauen kennen. Das eigene Handeln auf moralisches Wissen zu gründen, erweist sich als dümmste aller Optionen, weil das moralische Wissen nicht aus der Praxis selbst stammt und dem praktischen Wissen an Erfolgsträchtigkeit deshalb immer unterlegen sein muss. Erzählungen, die die Erfüllung sexuellen Begehrens zum Handlungserfolg des praktischen Sinns machen, treiben diese Differenz 296 11 Kulturelle Wissensordnungen II: Praktiken und Praxeologie auf die Spitze, weil das sexuelle Begehren in allen zeitgenössischen moral‐ philosophischen und moraltheologischen Diskursen als Einschränkung der vernünftigen Handlungskontrolle und mit ihr der Handlungsmächtigkeit galt. Erzählungen, in denen das Begehren Handlungsvirtuosität hervor‐ bringt, lassen das praktische Wissen deshalb stets über das diskursive triumphieren-- und exemplifizieren dabei zugleich den Unterschied. 11.5 Praktisches Wissen und moralisches Wissen 297 Wissen und ›Wirklichkeit‹ Bedeutungspraktiken Vielfalt und Geltung 12 Theologische und rhetorische Wirklichkeitskonstruktionen 12.1 Kulturelle Wirklichkeitskonstruktionen und textuelle Bedeutungspraktiken In den Kapiteln 8 bis 11 ging es um Zusammenhänge zwischen dem Bedeu‐ tungsaufbau in Texten und kulturellem Wissen unter der Voraussetzung, dass sich Texte nicht auf eine Wirklichkeit ›an sich‹ beziehen, sondern auf kulturelle Wirklichkeitskonstruktionen. Was wir für die Wirklichkeit hal‐ ten, hängt vom Wissen unserer kulturellen Gemeinschaft ab: Auf ihm be‐ ruhen die Bedeutungen allen sozialen Handelns und aller menschlichen Hervorbringungen genauso wie die Bedeutungen, die wir allem ›Natürli‐ chen‹ im Sinn des nicht von Menschen Gemachten geben. Kulturelles Wis‐ sen dient deshalb der kulturellen Wirklichkeitskonstruktion und mit ihr der Gemeinschaftsbildung: Die Einzelnen lernen in der kulturellen Gemein‐ schaft, was die Wirklichkeit ist, und dass sie kulturelle Wirklichkeitskonst‐ ruktionen teilen, macht sie zu einer Gemeinschaft. Zugleich sind es in der kulturellen Praxis jedoch die Einzelnen, die das kulturelle Wissen mehr oder weniger überlegt gebrauchen und es dabei stabilisieren oder verändern. Aus diesem Grund kann man die kulturellen Praktiken als ein Umgehen mit Sinnhaftem einschätzen - als Bedeutungspraktiken, die einerseits auf Wirk‐ lichkeitskonstruktionen beruhen und andererseits auf sie zurückwirken. Texte sind dann eine Form solcher Bedeutungspraktiken. Außerdem ging es in den Kapiteln 8 bis 11 um die Vielfalt des in älteren Texten greifbaren kulturellen Wissens. Diese Vielfalt steht der Vorstellung von einem ›mittelalterlichen Weltbild‹ - einer in sich einheitlichen und Jahrhunderte lang konstanten kulturellen Wirklichkeitskonstruktion - ent‐ gegen, die um 1800 in der Romantik aufkam. Die romantische Idee vom Mit‐ telalter als einer jeden Einzelnen integrierenden christlichen Einheitskultur diente wie alle Geschichtsbilder in erster Linie Interessen, die sich ihrer Entstehungszeit verdankten: Um 1800 war sie vor allem ein Kontrastmodell zu den als problematisch wahrgenommenen Folgen der modernen Plurali‐ sierung. Die Pluralisierung des kulturellen Wissens brach jedoch nicht erst Offenbarungswahrheit Offenbarung und natürliche Erkenntnis Rhetorik durch Humanismus, Reformation, Aufklärung und Naturwissenschaft über ein Abendland herein, in dem die römische Kirche vorher tausend Jahre lang alle mit derselben Wirklichkeitskonstruktion versorgt hatte. Auch plurale Kulturen weisen allerdings nicht sämtlichen ihrer Wissens‐ ordnungen denselben Geltungsanspruch zu. So brachten etwa die moder‐ nen Naturwissenschaften, insbesondere die Physik seit Isaac Newton und die Evolutionsbiologie seit Charles Darwin, ein Wissen hervor, gegen das andere Wirklichkeitskonstruktionen heute nur noch dort eine soziale Verbindlichkeit behaupten können, wo die Naturwissenschaften keine Zu‐ ständigkeit beanspruchen. Dass das theologische Wissen von der Zeit der spätantiken Kirchenväter bis ins 17. Jahrhundert einen ähnlichen Rang hatte, weil es nicht nur eine Lehre von Gott, sondern eine umfassende Wirk‐ lichkeitsdeutung lieferte, lässt sich schwer in Abrede stellen, auch wenn es über diese lange Zeit hinweg weder unverändert noch konkurrenzlos blieb. Die Grundlage der theologischen Wirklichkeitskonstruktion war das Konzept der Offenbarungswahrheit: In der Bibel hatte Gott die Wahrheit über die von ihm geschaffene Wirklichkeit offenbart, diese Offenbarung be‐ durfte aber der menschlichen Deutung. Das veranlasste die Theologen dazu, sich Wirklichkeitserkenntnis generell als Interpretationsverfahren vorzu‐ stellen, und hatte deshalb Konsequenzen für textuelle Bedeutungsprakti‐ ken, die weit über den theologischen Fachdiskurs hinausreichten. Allerdings war ein großer Bestand von Texten aus der vorchristlichen Antike erhalten geblieben, die die Wirklichkeit gemäß der in der antiken Philosophie entwickelten Vorstellung erklärten, dass Erkenntnis in Wahr‐ nehmung, Begriffsbildung und logischem Schlussfolgern besteht. Dieses vorchristliche Wissen musste aus theologischer Sicht nach Möglichkeit mit der gedeuteten Offenbarungswahrheit in Übereinstimmung gebracht wer‐ den. Im Optimalfall führten offenbarungsgeleitete Erkenntnis durch Bibelinterpretation und, wie es die Theologen nannten, ›natürliche‹ Erkenntnis durch Wahrnehmung und Vernunft dann zum selben Ergebnis. Wo das nicht gelang, konnten die Theologen den höheren Geltungsanspruch der von ihnen gedeuteten Offenbarung nur behaupten. Wie die Bibel waren die vorchristlichen antiken Wissensbestände schriftlich überliefert, so dass Erkenntnis auch in ihrem Fall auf dem richtigen Verstehen beruhte: Was die Wirklichkeit war, stand prinzipiell in Büchern. Einen ähnlich großen Einfluss auf die textuellen Bedeutungspraktiken wie das theologische Wahrheitskonzept hatte das aus der Antike überlieferte rhetorische Wissen. Beides stand nicht in einem direkten Gegensatz zuein‐ 300 12 Theologische und rhetorische Wirklichkeitskonstruktionen Topik Formale und materiale Topoi ander, weil die antike Rhetorik keine Lehre von der wahren Erkenntnis der Wirklichkeit gewesen war, sondern eine Lehre von der Überzeugungskraft des Plausiblen. Als solche entstand sie im 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. in griechischen Stadtrepubliken, in denen Redner Volksgerichte und Volks‐ versammlungen zu rechtlichen und politischen Entscheidungen brachten. Der Redner, lehrte die Rhetorik, macht bei solchen Anlässen glaubhaft, dass ein Angeklagter schuldig respektive unschuldig ist oder dass ein politisches Vorhaben gut respektive schlecht ist. Dabei geht er stets von dem aus, was seine Adressaten für wahr oder wahrscheinlich halten, weil sie für glaubhaft halten werden, was sich aus dem für wahr oder wahrscheinlich Gehaltenen ableiten lässt. Für den Erfolg des Redners kommt es nicht darauf an, was tatsächlich wahr oder wahrscheinlich ist, sondern darauf, was die Adressaten für wahr oder wahrscheinlich halten. Die Rhetorik lehrte deshalb - in der Formulierung von Aristoteles (›Rhe‐ torik‹ 1.2) -, wie »bei jedem Gegenstand das möglicherweise Glaubenerweckende zu erkennen« ist. Im Mittelpunkt dieser Lehre stand die Topik. Ein topos (Plural topoi; lateinisch locus, Plural loci) ist dem Wortsinn nach ein ›Ort‹, an dem Textverfasser ein plausibilisierendes Argument (vgl. Kap. 8) finden können; am ehesten entspricht dem unser Begriff ›Gesichtspunkt‹. Für Aristoteles, der das Konzept sowohl in seinem Rhetorik-Traktat als auch in einem eigenen Topik-Traktat entwickelt hat, kam als Topos alles in Frage, was »von allen oder von der Mehrheit oder von den Sachkundigen oder von deren Mehrheit für wahrscheinlich gehalten wird« (›Topik‹ 1.1). Bei dieser sehr weiten Bedeutung des Topos-Begriffs ist es in Antike, Mittelalter und früher Neuzeit geblieben. Unter den Topos-Begriff fallen einerseits allgemeine Begriffsbeziehungen wie beispielsweise die der Kau‐ salität, die als Suchregeln für argumentative Plausibilisierungen dienen können: Alles hat Ursachen, also auch jede Handlung, also kann im Text dar‐ gestelltes Handeln durch die Darstellung seiner Ursachen glaubhaft gemacht werden. In der modernen Forschung werden solche Topoi gewöhnlich als ›formale‹ (im Sinn von begrifflich-abstrakte) bezeichnet. Andererseits fallen spezifischere kulturelle Wahrscheinlichkeitsannahmen unter den Topos- Begriff, beispielsweise: Sexuelles Begehren wird durch die Wahrnehmung körperlicher Schönheit verursacht, also kann im Text dargestelltes Handeln aus sexuellem Begehren durch die Darstellung wahrgenommener Schönheit glaubhaft gemacht werden. Topoi dieser Art heißen in der modernen Forschung gewöhnlich ›materiale‹ (im Sinn von inhaltlich-konkrete). Als Plausibilisierungsverfahren war die Topik zugleich ein Verfahren zur be‐ 12.1 Kulturelle Wirklichkeitskonstruktionen und textuelle Bedeutungspraktiken 301 Wahrheit und Plausi‐ bilität Ciceros Topiken Topoi in ›De inventione‹ grifflich-wissensbasierten Entfaltung eines Themas bei der Textproduktion: Indem man die Topoi findet, die mit dem Thema in einem Zusammenhang stehen, findet man zugleich, was es zu dem Thema zu sagen gibt. Weder in der antiken noch in der mittelalterlich-frühneuzeitlichen Rhe‐ torik galt die Wirklichkeit als kulturelle Konstruktion: Wie die Theologie setzte auch die Rhetorik stets voraus, dass es eine Wirklichkeit ›an sich‹ gibt. Die Rhetorik bot jedoch die Möglichkeit, das für wahr oder wahrscheinlich Gehaltene - die Topoi - als die eigentliche Grundlage der kommunikativen Praxis zu verstehen: Das rhetorische Wissen beruhte auf der Einschätzung, dass das Wahre nicht allein schon wegen seiner Wahrheit glaubhaft und das Unwahre nicht allein schon wegen seiner Unwahrheit unglaubhaft ist, sondern dass Glaubhaftigkeit durch textuelle Bedeutungspraktiken erzeugt wird. Dies konnte sowohl zu einem Spannungsverhältnis zwischen Plau‐ siblem und Wahrheit als auch zur Indienstnahme des Plausiblen für die Wahrheit führen. 12.2 Rhetorik und Plausibilität Die Grundlagen des rhetorischen Wissens in Mittelalter und früher Neu‐ zeit lieferten vor allem antike lateinische Rhetorik- und Topik-Traktate, die seit dem 1. Jahrhundert v. Chr. im Anschluss an die griechischen entstanden waren. Einflussreich waren insbesondere drei Topoi-Systemati‐ ken, die Cicero in seinem Rhetorik-Trakat ›De inventione‹ und in einem eigenen Topik-Traktat entwickelt hatte. Alle drei waren ursprünglich für Gerichtsreden gedacht, in denen es um Täter und Taten im juristischen Sinn ging, doch verdankt sich ihre historische Wirkung nicht diesem speziellen Zuschnitt, sondern der Anwendbarkeit auf jede Darstellung von Personen und Handlungen. Was die Gelehrten in Mittelalter und früher Neuzeit unter ›Topik‹ verstanden, zeigen die in diesen Listen benutzten Begriffe. In ›De inventione‹ stellt Cicero eine Liste personenbezogener und eine Liste handlungsbezogener Topoi zusammen. Seine Personaltopik hat fol‐ gende Kategorien: Name (nomen), angeborene Eigenschaften (natura), Le‐ bensweise (victus), Lebensumstände (fortuna), Gewohnheiten (habitus), Temperament (affectio), Wissen (studium), Reflexionsvermögen (consilium), bisherige Taten (facta), bisheriges Ergehen (casus), bisherige Äußerungen (orationes). Ciceros Handlungstopik hat folgende Kategorien: Tatbestand (summa facti), Tatmotiv (causa), vor der Tat Geschehenes (ante rem), bei der 302 12 Theologische und rhetorische Wirklichkeitskonstruktionen Topoi in ›Topica‹ Topik als Textproduktionsverfahren Tat Geschehenes (in re), nach der Tat Geschehenes (post rem). Der Topos in re hat seinerseits folgende Untertopoi: Ort (locus), Zeit (tempus), die Tat er‐ möglichende situative Umstände (occasiones), Vorgehensweise einschließ‐ lich Handlungsmittel (modus), die Tat ermöglichende Fähigkeiten des Täters (facultates). Die Kategorienliste in Ciceros Topik-Traktat hat einen höheren Abstrak‐ tionsgrad und ist in ihrer Systematik uneinheitlicher. Sie enthält zum einen traditionelle logische Begriffsbeziehungen: Oberbegriff (genus, z. B. ›Lebe‐ wesen‹ zu ›Mensch‹), Unterbegriff (forma, z. B. ›Frau‹ zu ›Mensch‹), Un‐ terschied gegenüber anderen Unterbegriffen zum selben Oberbegriff (diffe‐ rentia, z. B. ›vernunftbegabt‹ zu ›Mensch‹, aber nicht zu ›Tier‹), Definition (definitio bestehend aus genus, forma und differentia, z. B. ›ein Mensch ist ein vernunftbegabtes Lebewesen‹), Gegenbegriff (contrarium), Ursache (causa), Folge (effictum). Über Ursache und Folge hinaus gibt es auch in die‐ ser Topoi-Liste weitere Kategorien, die Handlungen begrifflich erschließen sollen: Bestandteil der Handlungssituation (adiunctum), zeitlich Vorausge‐ hendes (antecedens), zeitlich Anschließendes (consequens), situativ Entge‐ genstehendes (repugnans). Einige Topoi ergeben eine Kombination aus Be‐ griffsbeziehung und sprachlichem Formulierungsverfahren: qualitativer Vergleich (Analogie, similitudo), quantitativer Vergleich (comparatio), Ar‐ gumente aus der Wortbedeutung (Etymologie, notatio), Argumente aus Wortbildungsprodukten (coniungata). Alle drei Listen bestehen aus ›formalen‹ Topoi. Die Kategorien der ersten beiden Listen sind jedoch konkreter als die der dritten und können beim Verfassen einer Rede bereits als Schema für den thematischen Aufbau die‐ nen. Als solches taugen sie nicht nur für Gerichtsreden, sondern für alle personen- und handlungsdarstellenden Texte. Matthäus von Vendôme hat Ciceros Personal- und Handlungstopik deshalb in seiner im späten 12. Jahr‐ hundert verfassten ›Ars versificatoria‹ (vgl. S. 234) mit wenigen Verände‐ rungen als Produktionsverfahren für poetische Texte empfohlen und einige Topoi zu diesem Zweck noch weiter konkretisiert. So plausibilisiert die Schönheitsbeschreibung - als Konkretisierung des Personaltopos ›natürli‐ che Eigenschaften‹ - den Ausbruch sexuellen Begehrens; der Lustort plau‐ sibilisiert - als Konkretisierung des Handlungstopos ›Gelegenheit‹ - die Erfüllung sexuellen Begehrens. Sowohl die Schönheit als auch der Lustort lassen sich ihrerseits topisch weiter entfalten und konkretisieren, wenn man Unterbegriffe bildet und dadurch zu einzelnen Körperteilen respektive zu einzelnen Bestandteilen des Lustorts kommt. Der similitudo-Topos schließ‐ 12.2 Rhetorik und Plausibilität 303 Rhetorik: Stadien der Produktion Plausibili‐ sierung der Unwahrheit: ›Engelhard‹ lich führt zu spezifischen Formulierungsverfahren für Schönheits- und Lust‐ ortbeschreibungen wie steigernden Vergleichen und Metaphern. Wie die Ausführungen von Matthäus beispielhaft zeigen, bringt die gängige Unterscheidung zwischen ›formalen‹ und ›materialen‹ Topoi die eigentliche Zielsetzung des topischen Verfahrens schlecht in den Blick, vom Formalen zum Materialen zu kommen: Topik soll ermöglichen, jedes Thema von wenigen abstrakten und allgemeingültigen Kategorien aus durch schrittweise Konkretisierung auf der Grundlage des kulturellen Wissens plausibel zu entfalten. Der angestrebten Glaubhaftigkeit wegen wird dabei mit für wahr oder wahrscheinlich Gehaltenem operiert, das in sehr allgemeinen Begriffsbeziehungen genauso bestehen kann wie in spezi‐ fischeren Wissensbeständen. Das Interesse der Topik gilt dem Weg, der von den allgemeinsten ›formalen‹ Begriffsbeziehungen über konkretisierende Unterbegriffe und Analogien sowie über konkretere Wahrscheinlichkeits‐ annahmen zu Textschemata mit einer ›materialen‹ thematischen Struktur und spezifischen Formulierungsverfahren führt. Diesen Weg geht der Verfasser eines Textes der rhetorischen Lehre zufolge in aufeinander folgenden Produktionsstadien: Das erste ist stets die ›Findung‹ der Topoi (griechisch heuresis, lateinisch inventio), das zweite ihre Ordnung zu einer textuellen Reihenfolge (taxis, dispositio), das dritte die sprachliche Ausformulierung (lexis, elocutio). Für den freien Vortrag einer öffentlichen Rede kamen dazu als viertes und fünftes Produktionsstadium noch Techniken für das Auswendiglernen (mneme, memoria) und den Vortrag selbst (hypokrisis, actio). Da Topik auf die Erkenntnis und Vermittlung des Plausiblen und nicht auf die Erkenntnis und Vermittlung der Wahrheit zielt, lässt sie sich auch in den Dienst der Unwahrheit stellen. Ein Paradebeispiel dafür ist die Gerichtsrede des Protagonisten im ›Engelhard‹ Konrads von Würzburg (V. 3723-4000, vgl. Kap. 9), in der das topische Verfahren erfolgreich eine Lüge plausibiliert und die Wahrheit unplausibel macht. Nachdem Ritschier Engelhard und Engeltrud im Baumgarten entdeckt und König Fruote informiert hat, geht es für Engelhard vor Gericht um Leben und Tod. Es ist sein Argumenta‐ tionsgeschick, mit dem er sich in dieser Situation vor der Hinrichtung rettet. Die Konstruktion der Episode exemplifiziert das Verhältnis zwischen Wahrheit und Glaubhaftigkeit: Dass Ritschier die Wahrheit gesehen hat, nutzt ihm mangels Zeugen und Beweisen nichts; Engelhards Erfolg beruht darauf, dass er Ritschiers wahre Behauptungen als unglaubhaft erscheinen lässt. Die Unglaubwürdigkeit der Anklage begründet er zum einen mit der 304 12 Theologische und rhetorische Wirklichkeitskonstruktionen Unwahrscheinlichkeit des von Ritschier behaupteten Geschehens, zum an‐ deren mit Ritschiers wahrscheinlichen Absichten. Der formale Topos ist bei sämtlichen Argumenten die Handlungsursache, als materiale Topoi dienen verschiedene nicht ausdrücklich formulierte, sondern jeweils unterstellte Wahrscheinlichkeitsregularitäten. Engelhards erste Verteidigungsrede beginnt mit drei Argumenten für die Unwahrscheinlichkeit eines Geschlechtsverkehrs mit Engeltrud, mit denen er begründet, weshalb es sich bei Ritschiers Anklage um eine Verleumdung handeln muss: Er, Engelhard, sei zu niederen Standes, um an ein Liebes‐ verhältnis mit der Königstochter überhaupt nur zu denken (unterstellte Wahrscheinlichkeitsregularität: Adelige respektieren Standeshierarchien). Falls doch, würde er gerade als Liebender eher jedes Leid ertragen, als ihre Ehre in Gefahr zu bringen (höfische Liebe riskiert nicht den Schaden der oder des Geliebten). Wegen seiner Dankbarkeit gegenüber dem König würde er lieber sterben, als dessen Ehre zu schädigen (Adelige befolgen Rechtspflichten). Folglich könne Ritschier nur schlechte Absichten haben. Er, Engelhard, wolle den eigenen Tod zwar gern auf sich nehmen; dass Ritschiers Anklage sowohl die Ehre Engeltruds als auch die des Königs schädige, könne er jedoch nicht durchgehen lassen. Nach dieser Rede Engelhards muss Ritschier seine Anklage glaubhaft machen, wofür er nur ein Argument anführt: Er hat Engelhard und Engeltrud im Baumgarten mit eigenen Augen gesehen (was man gesehen hat, ist wahr). In einer zweiten Rede begründet Engelhard den Verleumdungsvorwurf weiter: Ritschier habe ihn von Anfang an feindselig behandelt (wer immer schon in einer bestimmten Weise gehandelt hat, handelt gewohnheitsmäßig so). Um ihm zu schaden, sei Ritschier offensichtlich sogar bereit, die Ehre Engeltruds und Fruotes zu verletzen (Geschädigte nochmals zu schädigen, dient nicht der Ordnungswahrung). Gäbe es zwischen ihm als Sohn eines einfachen Landadeligen und Ritschier als Königssohn nicht einen Standes‐ unterschied, würde er Ritschier einen Lügner nennen (Adelige respektieren Standeshierarchien). Auf diese Rede Engelhards reagiert Ritschier mit einer detaillierteren Erzählung von der Entdeckung (Kenntnis von Details belegt Wahrheit): Sein Jagdsperber sei ihm entflogen und auf dem Baum gelandet, unter dem Engelhard und Engeltrud lagen. Infolge dieser Entdeckung habe er seinen Sperber nicht wieder eingefangen; der verlorene Vogel beweise seine Behauptung. Dies ermöglicht es Engelhard, seine dritte Rede mit einer spöttischen Bemerkung zur Plausibilität des entflogenen Beweises einzuleiten. Dann 12.2 Rhetorik und Plausibilität 305 Rhetorik und Dichtung Epideikti‐ sche Rede Dichtung als Rhetorik- Demonstration breitet er seine letzten beiden Argumente aus: Hätte er sich mit Engeltrud im Baumgarten getroffen, wäre er nicht so unvorsichtig gewesen, die einzige Tür offen zu lassen (wer Verbotenes tut, ist vorsichtig); wäre er mit Engeltrud im Baumgarten ertappt worden, hätte er danach die Flucht gewählt (Schul‐ dige entziehen sich nach Möglichkeit einer vorhersehbaren Bestrafung). Ritschier, dessen eigene Ehre inzwischen in Frage steht, weiß dem nichts entgegenzusetzen und muss sich auf den Gerichtskampf einlassen. Dass Konrad von Würzburg rhetorische Fertigkeit anhand einer Gerichts‐ rede exemplifiziert hat, entspricht dem Modellfall der antiken Rhetorik. Die Demonstration in einem poetischen Text gehört zu den Konsequenzen der Rhetorikgeschichte: Als Konrad seinen ›Engelhard‹ verfasste, war die Rhe‐ torik nämlich schon seit langem keine Lehre von der öffentlichen Rede vor Volksgerichten und Volksversammlungen mehr. In der Spätantike hatte sie sich immer mehr zu einer allgemeinen Kommunikations- und Texttheorie entwickelt, deren Gegenstand alle möglichen Arten schriftlich produzierter Texte waren. Im Rhetorik-Unterricht wurde jedoch weiterhin gelehrt, wie ein Textverfasser durch Verfahrensweisen der Textstrukturierung Wirkun‐ gen bei den Adressaten seines Textes erzeugt. Dabei richtete sich das Inter‐ esse der Rhetoriker verstärkt auf die Dichtung. Möglich war dies, weil sich poetische Texte in der rhetorischen Be‐ griffssystematik einer dritten Art von Reden zuordnen ließen, die bereits Aristoteles neben Gerichtsreden und politischen Reden behandelt und als ›epideiktische Reden‹ (Vorzeigereden) etikettiert hatte. Gemeint waren damit ursprünglich die öffentlichen Festreden in den antiken Stadtrepubli‐ ken, bei denen meistens jemand gelobt wurde. In solchen Reden geht es Aristoteles zufolge nicht um eine strittige Frage, weshalb hier nichts glaubhaft gemacht werden muss - außer der rhetorischen Kompetenz des Redners. Das Publikum beurteilt hier vor allem die rhetorische Qualität der Rede, interessiert sich also in erster Linie für die vom Redner ›vorgezeigte‹ Machart der Rede selbst. Den spätantiken Rhetorikern legte dies eine Verbindung zwischen Rhe‐ torik und Poetik nahe: Insofern poetische Texte das Interesse auf ihre eigene Gestaltung lenkten, ließen sie sich generell dem epideiktischen Redetypus zuordnen. Dichtung konnte deshalb als eine Demonstration der rhetori‐ schen Verfahrensweisen einschließlich derjenigen der sprachlichen Ausar‐ beitung verstanden werden, zu der nicht zuletzt die ›rhetorischen Figuren‹ gehörten. Eine solche Einschätzung hinderte niemanden daran, poetischen Texten auch alle möglichen anderen Funktionen zuweisen: Dichtung konnte 306 12 Theologische und rhetorische Wirklichkeitskonstruktionen Dichtung als rhetorische Übung Rhetorik und Wahrheit Wissen aller Art vermitteln und einen unmittelbaren pragmatischen Zweck - beispielsweise als Herrscherlob - verfolgen. Der rhetorische Be‐ griffsapparat ermöglichte es jedoch, poetische Texte von anderen durch eine zu anderen Funktionen hinzutretende Funktion der rhetorischen Kunstdemonstration zu unterscheiden, die dadurch zu einem zweiten Kriterium für Poetizität neben der Versifikation (vgl. S. 177-179) wurde. Zu den Konsequenzen dieser Einschätzung gehörte, dass Dichtung in der spätantiken Unterrichtspraxis zum Übungsfeld für Rhetorik wurde: Bei der Beschäftigung mit poetischen Mustertexten lernten die Schüler die rheto‐ rischen Verfahrensweisen kennen, und beim Verfassen eigener poetischer Texte lernten sie den Gebrauch der rhetorischen Verfahrensweisen. Alle mit‐ telalterlichen und frühneuzeitlichen ›Renaissancen‹, die karolingische und die des 12. Jahrhunderts ebenso wie die humanistische (vgl. Kap. 4), griffen dieses Konzept immer wieder aufs Neue und in beständig genauer entfalteter Weise auf, so dass die Dichtung in der gelehrten Bildungstradition bis ins frühe 18. Jahrhundert zugleich angewandte Rhetorik und rhetorische Übung blieb. Konrads ›Engelhard‹ ist, insofern er - nicht allein mit der Gerichtsrede des Protagonisten - Rhetorik demonstriert, ein Bestandteil dieses langen Traditionsprozesses. Dass Konrad seinen Protagonisten erfolgreich lügen lässt und dabei mit parteiischen Erzählverfahren, die ihrerseits ebenfalls ein Produkt rhe‐ torischen Wissens sind (vgl. S. 206-208), auch noch Bewunderung für seine argumentative Fertigkeit herbeiführt, entspricht allerdings nicht der Aufgabe, die der Rhetorik in der Spätantike von den Kirchenvätern zuge‐ wiesen worden war. Augustinus hat die christlichen Vorbehalte gegen die Rhetorik in seinem Traktat ›De doctrina christiana‹ (›Über die christliche Bildung‹, vgl. S. 90) zusammengefasst, um die Rhetorik danach in den Dienst der Theologie nehmen zu können: Schlecht an den rhetorischen Verfahrensweisen sei, dass man durch ihren Gebrauch sowohl Wahres als auch Falsches glaubhaft machen könne. Als Instrument der Wahrheitsver‐ mittlung müssten Christen die Rhetorik jedoch beherrschen. Außerdem habe sich Gott selber in der Bibel zur Offenbarung der Wahrheit rhetorischer Verfahrensweisen bedient - etwa in den Gleichnisreden der Evangelien -, so dass rhetorisches Wissen für die Interpretation der Bibel und damit für die Erkenntnis der Wahrheit nötig sei. Im 12. und 13.-Jahrhundert näherten sich manche Gelehrte jedoch wieder den vorchristlichen antiken Konzeptionen und lösten die Rhetorik aus der Verpflichtung auf die Wahrheit. Das eindrücklichste Beispiel dafür ist Bon‐ 12.2 Rhetorik und Plausibilität 307 Offenbarungswahrheit Bibel: wörtlicher und verborgener Sinn compagno da Signa, der an der Universität Bologna Rhetorik für angehende Juristen lehrte. Seine um 1215 verfasste ›Rhetorica novissima‹ (›Neueste Rhetorik‹) richtet sich ausdrücklich an zukünftige Advokaten und bringt ihnen bei, dass allein das wahrheitsähnliche Wahrscheinliche glaubhaft sei. Advokaten müssten deshalb die Fähigkeit beherrschen, »Wahres darzulegen, Wahrheitsähnliches zu erfinden, Erlogenes zu bemänteln, Falsches unter dem Bild der Wahrheit zu verbergen« (›Rhetorica novissima‹ III.II). Dass Konrad Boncompagnos Traktat kannte, lässt sich nicht nachwei‐ sen. Die Empfehlung rigider rhetorischer Parteilichkeit hätte er ebenso in Ciceros Traktat ›De inventione‹ (I,19,27) finden können, der als Standard‐ lehrbuch im lateinischen Rhetorikunterricht diente: »Deshalb muss […] alles zum Nutzen der eigenen Partei hingedreht werden; das der eigenen Partei Entgegenstehende muss übergangen werden, wenn es übergangen werden kann, und nur leicht gestreift werden, wenn es angesprochen werden muss; das der eigenen Partei Dienliche muss sorgfältig und in sich schlüssig dargestellt werden.« 12.3 Theologie und Wahrheit Augustinus rettete die Rhetorik ins Christentum, indem er sie zum Instru‐ ment der Erkenntnis und Vermittlung der theologischen Wahrheit machte. Der Wahrheitsbegriff der Kirchenväter war auf den Erkenntniswert der Bi‐ bel konzentriert: Sie galt als eine Wahrheitsoffenbarung, die der Heilige Geist ihren menschlichen Verfassern im Wortlaut diktiert hatte. Dieser Wortlaut musste allerdings gedeutet werden, wie etwa die Gleichnisse in den Evangelien zeigten. Dass die Wahrheit für die Kirchenväter nicht ein‐ fach im Wortlaut der Bibel bestand, sondern in dessen Interpretation, lag allerdings nicht in erster Linie an einzelnen offenkundig uneigentlichen Textpassagen wie den Gleichnissen, sondern an der Entstehung der christ‐ lichen aus der jüdischen Religion: Um Jesus von Nazareth als den Messias zu deuten, der von den Propheten vorhergesagt worden war, musste die gesamte jüdische Bibel als Offenbarung der christlichen Wahrheit - als ›Al‐ tes Testament‹-- interpretiert werden. Zu diesem Zweck entwickelten die Kirchenväter im 3. und 4. Jahrhun‐ dert die Lehre von einem im wörtlichen Sinn der Bibel (sensus litteralis) verborgenen geistigen Sinn (sensus mysticus, sensus spiritualis). Gott hat demnach im Alten Testament bereits die christliche Wahrheit offenbart, 308 12 Theologische und rhetorische Wirklichkeitskonstruktionen Wörtlich Allegorisch Moralisch Anagogisch dies jedoch erst durch das Neue Testament erkennbar gemacht. So ist beispielsweise die Erzählung vom Auszug des Volks Israel aus Ägypten im 2. Buch Mose eine verborgene Offenbarung der Erlösung der Menschheit durch Christus. Selbstverständlich setzt dieses Interpretationsverfahren die christliche Theologie stets voraus: Nur wer die Erlösungslehre kennt, vermag sie in der Erzählung vom Auszug aus Ägypten auf verborgene Weise offenbart zu finden. Nach und nach systematisierten die Theologen die Lehre vom verborge‐ nen geistigen Sinn der Bibel zum vierfachen Schriftsinn. Neben dem wört‐ lichen Sinn (sensus litteralis) gibt es demnach einen dreiteiligen spirituellen: Der allegorische Sinn (sensus allegoricus) besteht in der verborgenen Offen‐ barung der christlichen Wahrheit im Alten Testament. Alttestamentliche Figuren oder Geschehnisse sind ›Präfigurationen‹ neutestamentlicher Fi‐ guren oder Geschehnisse; die Relation - beispielsweise zwischen den 12 Propheten und den 12 Aposteln-- wird auch als ›Typologie‹ bezeichnet. Einen moralischen Sinn (sensus moralis oder tropologicus von griech. tro‐ pos in der Bedeutung ›Lebensweise‹) können Erzählungen des Alten wie des Neuen Testaments haben. Der Kausalzusammenhang zwischen dem Han‐ deln und dem Ergehen biblischer Figuren ist dann ein Beispiel für die Ge‐ setzmäßigkeiten der von Gott geschaffenen Ordnung der Praxis. So geben etwa die alttestamentlichen Erzählungen über König Saul zu erkennen, dass der Herrscher ein Erwählter Gottes ist, den Gott jedoch verwirft, wenn er nicht rechtmäßig handelt. Einen sensus moralis im Sinn der Offenbarungs‐ wahrheit schrieben die Theologen allein der Bibel zu; das Prinzip der Sinn‐ konstruktion ist jedoch dasselbe wie bei den exemplarischen Erzählungen von Geschichtsschreibern und Dichtern (vgl. Kap.-9). Der anagogische Sinn (sensus anagogicus, ›hinaufführender Sinn‹) schließlich besteht in der biblischen Offenbarung der Wahrheit über die Ewigkeit nach dem Jüngsten Gericht. So hat beispielsweise Otfrid von Weißenburg (vgl. S. 49f., 118f.) in der Auslegung der Erzählung von der Hochzeit von Kana (›Evangelienbuch‹ II,9 nach Johannes 2,1-11) nicht nur allegorische und moralische Deutungen vorgenommen, sondern das Hochzeitsfest außerdem anagogisch als Darstellung der ewigen Glückselig‐ keit interpretiert. Otfrid legte übrigens nicht jeden einzelnen Bestandteil der Hochzeitserzählung vierfach aus, sondern einzelne ihrer Bestandteile entweder allegorisch oder moralisch oder anagogisch. Das entsprach der allgemeinen Praxis, in der nur selten eine Bibelstelle systematisch nach allen vier Sinnen gedeutet wurde: Gewöhnlich identifizierte man fallweise und je 12.3 Theologie und Wahrheit 309 Göttliche Ordnung Ordnung der Zeit ›Heilsgeschichte‹ Integration antiken Wissens nach sich anbietender Möglichkeit einen der geistigen Sinne, vorzugsweise einen allegorischen oder moralischen. Das Konzept der in der Bibel geoffenbarten Wahrheit hatte Folgen, die weit über die Bibelauslegung hinaus die gesamte Vorstellung von der Wirk‐ lichkeit betrafen. Für die christliche Theologie war sie eine von Gott ge‐ schaffene Ordnung, und zwar vor allem anderen in ihrer Zeitlichkeit: Von der Schöpfung über Sündenfall und Sintflut, den ersten Bund Gottes mit Abraham und dem Volk Israel als seinen Nachkommen, den zweiten Bund mit der Kirche als Gemeinschaft der Christen bis zum Jüngsten Gericht reichte die Ordnung der Zeit; mit der ewigen Glückseligkeit respektive der ewigen Verdammnis jedes einzelnen Menschen wird sie enden. Erst im 19. Jahrhundert wurde für diese Vorstellung der Begriff ›Heilsge‐ schichte‹ geprägt, der das alte Konzept der Zeitordnung mit dem im 18. Jahr‐ hundert entstandenen modernen Begriff ›Geschichte‹ verbindet. Was wir unter ›Geschichte‹ verstehen, nämlich die Gesamtheit aller durch mensch‐ liches Handeln hervorgebrachten und sich deshalb beständig verändernden kulturellen Verhältnisse, war die gottgeschaffene Ordnung der Zeit jedoch gerade nicht. Sie war eine vorherbestimmte Abfolge der sechs Weltalter und vier Weltreiche (vgl. S. 19f.), in denen Erfolg oder Misserfolg menschlichen Handelns stets auf denselben, durch menschliches Handeln nicht veränder‐ baren Gesetzmäßigkeiten beruhte. Jeder Weltchronik-Verfasser machte die Gesetzmäßigkeiten des Handelns in der Zeitordnung der Weltalter und Weltreiche erkennbar, indem er von den Erfolgen der guten und den Miss‐ erfolgen der schlechten unter den alttestamentlichen und neutestamentlichen Hauptakteuren erzählte. Jedem Weltchronik-Verfasser stellte sich darüber hinaus die Aufgabe, das in der erhaltenen außerbiblischen antiken Geschichtsschreibung überlieferte Wissen so gut wie möglich in die Darstellung der biblischen Geschehnisse einzuarbeiten und das Wissen über die nachbiblischen Geschehnisse im sechsten Zeitalter bis zur eigenen Gegenwart festzuhalten. Niemand konnte daran zweifeln, dass auch die außer- und nachbiblischen Geschehnisse zur gottgeschaffenen Ordnung der Zeit gehörten und dass sie dieselben unveränderbaren Gesetzmäßigkeiten des Handelns exemplifizierten. Wie die Weltchronistik gut zeigt, zog das Konzept der biblischen Offen‐ barungswahrheit die Notwendigkeit nach sich, die gesamte Wirklichkeit als gottgeschaffene Ordnung zu interpretieren. Aus diesem Grund wurden in das theologische Modell der Wirklichkeitsdeutung nach und nach alle antiken Wissensbestände integriert, die mit der Auslegung der Bibel in 310 12 Theologische und rhetorische Wirklichkeitskonstruktionen Deutung der Natur: ›Physiologus‹ Phönix Einhorn Biber eine Übereinstimmung gebracht werden konnten. Neben der antiken Ge‐ schichtsschreibung betraf dies auch große Teile der antiken Natur- und Mo‐ ralphilosophie, der philosophischen Erkenntnis- und Seelenlehren, der Kos‐ mologie, Geographie, Mathematik und Musiktheorie, der Grammatik, Logik und Rhetorik, der Medizin und der Rechtswissenschaft. Dass Wirklichkeitserkenntnis gemäß dem Konzept der Offenbarungs‐ wahrheit ein Interpretationsverfahren war, führte gelegentlich zu textuellen Bedeutungspraktiken, die heute sehr fremdartig anmuten. Gerade an ihnen lassen sich die Prinzipien der kulturellen Wirklichkeitskonstruktion jedoch besonders gut erkennen. Ein Beispiel dafür ist die Verbindung aus antiker Naturkunde und theologischem Auslegungsverfahren zur Naturdeutung im ›Physiologus‹, einem anonym überlieferten, wahrscheinlich zwischen dem 2. und dem 4. Jahrhundert in griechischer Sprache verfassten Traktat, der später ins Lateinische und von dort aus in etliche Volkssprachen - auch ins Althochdeutsche und Mittelhochdeutsche - übersetzt wurde. Die einzelnen Kapitel identifizieren nach dem Verfahren der Bibelauslegung den verbor‐ genen geistigen Sinn natürlicher Eigenschaften von Tieren, Pflanzen und Steinen. Der Phönix beispielsweise ist laut dem ausführlichsten römischen Natur‐ kunde-Lehrbuch, der ›Naturalis historia‹ (10,3-5) von Plinius dem Älteren (gest. 79 n. Chr.), ein in Arabien lebender Vogel (seine tatsächliche Existenz hielt Plinius allerdings für nicht ganz sicher). Dem ›Physiologus‹ zufolge lebt der Phönix in Indien und verbrennt sich im Alter in einem aus Dufthölzern zu diesem Zweck gebauten Nest, worauf aus der Asche in drei Tagen ein neuer Phönix entsteht. Der geistige Sinn ist der freiwillige Tod Christi mit der Auferstehung nach drei Tagen; das Duftholz bedeutet die dem Seelenheil dienliche Süße der Offenbarungswahrheit im Alten und Neuen Testament. Das Einhorn ist laut ›Naturalis historia‹ (8,76) ein wildes Tier in Indien, das schwer zu fangen ist. Dem ›Physiologus‹ zufolge lässt es sich fangen, wenn es auf eine Jungfrau trifft; dann legt es sein Horn in ihren Schoss und schläft ein (Abb. 24). Der geistige Sinn ist die Menschwerdung des Gottes‐ sohns in der Jungfrau Maria. Wie beim Phönix folgt die Deutung dem Prinzip des sensus allegoricus der Bibelauslegung, an die Stelle alttestamentlicher Figuren oder Geschehnisse treten Naturphänomene und ihre Eigenschaften. Der ›Physiologus‹ deutet ebenso nach dem Prinzip des sensus moralis: Über den pontischen (am Schwarzen Meer lebenden) Biber berichtet die ›Natu‐ ralis historia‹ (8,109), dass er sich die Hoden abbeißt, wenn er wegen deren Heilkraft von Jägern gejagt wird, und dadurch sein Leben rettet (Abb. 25). 12.3 Theologie und Wahrheit 311 Abb. 24: Physiologus-Einhorn aus dem Rochester-Bestiarium, um 1230/ 40 Dem ›Physiologus‹ zufolge bedeutet das, dass der Mensch dem Teufel ent‐ geht, wenn er sich von Lastern befreit. Genauso wie Gott in der Bibel die Wahrheit über die von ihm geschaffene Wirklichkeit offenbart hatte, hatte er diese Wahrheit auch in der von ihm geschaffenen Natur offenbart. Was die natürliche Wirklichkeit war, stand jedoch ebenfalls in Büchern. Weil das Wahrheitskriterium die schriftliche Überlieferung und nicht das auf einer Reise nach Indien oder ans Schwarze Meer eventuell Wahrnehmbare war, konnte die Natur wie ein Buch allego‐ risch oder moralisch ausgelegt werden. Wie bei der Bibelauslegung war das theologische Wissen die Voraussetzung dafür. 312 12 Theologische und rhetorische Wirklichkeitskonstruktionen Natur in der Sangspruchdichtung Abb. 25: Physiologus-Biber aus Sebastian Brant: Aesopus. Basel 1501 12.4 Topik und Wahrheit In Gestalt von Bibel- und Naturdeutung präsentierten im 13. Jahrhundert einige Sangspruchdichter (vgl. S. 93f.) ihrem höfischen Publikum theologi‐ sches Wissen auf Mittelhochdeutsch. Manchmal stimmt der behauptete geistige Sinn dabei jedoch nicht mit den gängigen Auslegungstraditionen überein wie im folgenden Sangspruch Konrads von Würzburg: Kleinere Dichtungen Konrads von Würzburg. Hg. v. Edward Schröder. Bd. 3. Die Klage der Kunst, Leiche, Lieder und Sprüche. Dublin, Zürich 4 1970, S.-67 (32, 331). Der biber ist rîlicher vil dan gnuoge herren schînen: sô man in jagt, sô kan er sich ûf hôhe milte pînen, durch daz im verswînen sorg und er habe zer flühte pfliht. Er bîzet ab sîn geil und lât ez vallen zeiner miete, für daz man in niht suoche mêr in holze noch in riete. 12.4 Topik und Wahrheit 313 Umdeutung wê der edeln diete, die niht an sîne tugent siht! Swen des gernden kumber jage, darûf er sich versinne wol, daz er milteclichen zol verrêre an dem gejegde, ê man beginne suchen in mit lasterlicher clegde. zen êren fliehe er sam der wilde einhürne zeiner megde; durch ein cranc getregde lâz er sich schande vâhen niht. Der Biber ist viel reicher als etliche adelige Herren zu sein scheinen: Wenn man ihn jagt, weiß er sich um große Freigebigkeit zu bemühen, damit seine Not vergeht und er fliehen kann. Er beißt seine Hoden ab und lässt sie als Bezahlung fallen, damit man ihn in Wald und Sumpf nicht weiter sucht. Wehe den adeligen Leuten, die nicht auf seine Tugend schauen! Wen der Kummer des Bittstellers jagt, der soll gut darauf achten, dass er bei der Jagd freigebigen Lohn verteilt, bevor man anfängt, ihn mit Schande bringenden Klagen zu verfolgen. Er fliehe zur Ehre wie das wilde Einhorn zu einer Jungfrau; er lasse nicht zu, dass ihn die Schande wegen eines leichten Gepäcks fängt! Die Eigenschaft des ›Physiologus‹-Bibers nennt Konrad eigens, die des Einhorns setzt er mit einer kurzen Anspielung als bekannt voraus. Der Biber hat wie im ›Physiologus‹ einen moralischen Sinn. Allerdings besteht dieser nicht darin, dass der Mensch nicht zur Beute des Teufels wird, wenn er die Sünde abwirft, sondern darin, dass adelige Herren freigebig sein sollen. Von dieser Freigebigkeit lebten die Sangspruchdichter, die für ihre Kunst materiellen Lohn haben wollten. Die abgebissenen Hoden bedeuten hier demnach die großzügige Belohnung des Sangspruchdichters, der hinter dem Fürsten her ist wie die Jäger hinter dem Biber. Bekommt der Dichter seinen Lohn nicht, jagt er den Fürsten mit Schmähungen und bereitet ihm dadurch öffentliche Schande. Das Einhorn erhält im Anschluss daran keinen allego‐ rischen Sinn wie im ›Physiologus‹, sondern ebenfalls einen moralischen: Es bedeutet nicht Maria, die in ihrem Schoß Christus einfängt, sondern den Fürsten, der seine Freigebigkeit in den Schoß des Sangspruchdichters legt und dafür mit Lobsprüchen belohnt wird, die seine Ehre fördern. 314 12 Theologische und rhetorische Wirklichkeitskonstruktionen Topische Plausibili‐ sierung Wahre Topoi Abb. 26: Rhetorik als ars liberalis mit stilus (Schreibgriffel), tabula (Schreibtafel) und Um‐ schrift Causarum vires per me rethor alme requires (›Die Kräfte der Ursachen erforschst du, fruchttragender Redner, durch mich‹) aus Herrad von Landsberg: ›Hortus deliciarum‹, um 1175 (im Jahr 1818 angefertigte Kopie der einzigen, 1870 verbrannten Handschrift). Konrad hat die theologischen Bedeutungen der Eigenschaften von Biber und Einhorn so abgeändert, dass sie seinem argumentativen Ziel als Sangspruchdichter dienen, und dabei aus dem geistigen Sinn der Natur einen plausibilisierenden Topos gemacht: Als Begründung für die Lohnfor‐ derung dient in der Argumentationsstruktur der Strophe die unterstellte Wahrscheinlichkeitsregularität, dass sich der geizige Fürst Schande und der freigebige Fürst Ehre einhandeln. Die Eigenschaften von Biber und Einhorn sind als Analogien zur Freigebigkeit des Fürsten eingesetzt. Ihre argumentative Funktion besteht darin, die Ordnung des sozialen Handelns mit der Ordnung der Natur zu begründen: An den natürlichen Eigenschaften von Biber und Einhorn kann man erkennen, dass der freigebige Fürst richtig handelt. Auch wenn Konrad die geistigen Bedeutungen von Biber und Einhorn so zurechtbiegt, dass sie seiner Argumentation dienen können, beruht die Plausibilisierungsfunktion dieser veränderten geistigen Bedeutungen auf der Unterstellung, dass sie in der Natur geoffenbarte Wahrheiten sind: Sie 12.4 Topik und Wahrheit 315 Topik im ›Narren‐ schiff‹ Topik im Humanis‐ mus Materiale To‐ pik stützen die Wahrscheinlichkeitsregularität, die die Lohnforderung begrün‐ det, mit der Analogie zur wahren und deshalb nicht nur wahrscheinlichen Ordnung der Natur. Aus diesem Grund stehen Biber und Einhorn in der thematischen Sequenzierung am Anfang und am Ende: Ihr sensus moralis stellt den höchsten Grad an Wahrheit dar. Als Bestandteile eines rhetori‐ schen Plausibilisierungsverfahrens werden die Offenbarungswahrheiten zu argumentativen Topoi, aber als Offenbarungswahrheiten sollen sie wahre Topoi sein, die die Beziehung zwischen Sangspruchdichter und Fürst als Be‐ standteil der gottgeschaffenen Ordnung ausweisen. In diesem Sinn besteht das Verfahren topischer Textproduktion, das die Rhetorik als eine der sieben freien Künste lehrt, im Finden wahrer Begründungsargumente, die wahre Ursachen identifizieren (Abb. 26). Als Prinzip der gesamten Textkonstitution dienen wahre Topoi - freilich keine aus der ›Physiologus‹-Tradition stammende - in Sebastian Brants 1494 erstmals gedrucktem ›Narrenschiff‹ (vgl. S. 109): In großer Fülle plausibili‐ sieren sie die Schädlichkeit der Torheit und den Nutzen der Weisheit sowohl für das diesseitige Leben wie auch für das ewige Seelenheil als dessen Ziel. Es ist diese Fülle, die das ›Narrenschiff‹ zu einem Musterbeispiel für das Topikkonzept der Humanisten macht. In der humanistischen Gelehrtenkultur erlangte die Topik zwischen dem späteren 15. und dem frühen 18.-Jahrhundert ein erheblich größeres Gewicht als jemals zuvor: Sie war sowohl das universale Verfahren der Ordnung des Wissens auf allen Fachgebieten als auch das dominierende Textproduktions‐ verfahren. Erasmus von Rotterdam (gest. 1536) erläuterte in seiner 1512 erst‐ mals gedruckten rhetorischen Textproduktionslehre ›De duplici copia verbo‐ rum ac rerum‹ (›Über die zweifache Fülle der Ausdrucksweisen und Gegenstände‹), wie man durch Lektüre erworbenes Wissen ordnet: Man legt eine nach Begriffsbeziehungen geordnete Sammlung topischer Stichwörter (loci) an und notiert unter den einzelnen Begriffen jeweils Fundstücke aus der Lektüre, insbesondere exemplarische Figuren und Erzählungen aus Bibel, Ge‐ schichtsschreibung, Dichtung und allen möglichen weiteren Arten von Tex‐ ten sowie Sentenzen bestimmter Autoren und allgemein gängige Sprichwör‐ ter. Auf diese Weise entsteht eine thematisch geordnete Materialsammlung, auf die man beim Verfassen eines Texts zu einem bestimmten Thema zurückgreifen kann. Indem eine solche Sammlung sowohl die begriffliche Struktur zur Entfaltung des Themas als auch einschlägige Beispiele und griffige Formulierungen liefert, ist sie eine tatsächlich ›ma‐ teriale‹ Topik, die das gesamte Wissen zu einer Enzyklopädie ordnet - 316 12 Theologische und rhetorische Wirklichkeitskonstruktionen Formale Topik ›Narren‐ schiff‹ nicht in alphabetischer Reihenfolge, sondern nach Begriffsbeziehungen. Dieses Modell topischer Stoffordnung wurde nicht nur im individuellen humanistischen Wissenserwerb eingesetzt, sondern liegt auch zahlreichen Handbüchern zu allen möglichen Wissensgebieten zugrunde, die im 16. und 17.-Jahrhundert verfasst und gedruckt wurden. Wegen der angestrebten Ordnung des ›materialen‹ Wissens nach Be‐ griffsbeziehungen fand die ›formale‹ Topik-Tradition unter Humanisten ebenso große Aufmerksamkeit. Besonders einflussreich war im 16. Jahrhun‐ dert der 1480 verfasste und 1515 erstmals gedruckte Traktat ›De inventione dialectica‹ von Rudolf Agricola (gest. 1485), der im Anschluss vor allem an Aristoteles und Cicero mit großer Ausführlichkeit 24 Arten von Begriffsbe‐ ziehungen als Topoi (loci) behandelt, darunter etwa Ober- und Unterbegriff (genus, species), Ganzes und Teile (totum, partes), Ähnlichkeit und Gegensatz (similia, opposita), Ort und Zeit (locus, tempus) sowie verschiedene Arten von Ursachen (causae). Agricolas Buchtitel kombiniert den rhetorischen inventio-Begriff (das ›Finden‹ von Gesichtspunkten) mit der Dialektik als traditioneller Bezeich‐ nung für die Logik, in deren Zuständigkeit Begriffsbeziehungen eigentlich fielen. Im Unterschied zu den scholastischen Gelehrten hatten die meisten Humanisten an formaler Begriffs-, Aussagen- und Schlussfolgerungslogik zwar wenig Interesse, aber die Topik als Lehre von den Begriffsbeziehungen stand bei ihnen hoch im Kurs, weil sie sie einen unmittelbaren praktischen Wert für die Themenentfaltung bei der Textproduktion hatte. So ist auch Agricolas Handbuch ganz darauf zugeschnitten, wie ein Thema beim Ver‐ fassen eines Textes ›durch die Topoi geführt‹ wird. Sebastian Brants ›Narrenschiff‹ operiert mit der traditionellen moralphi‐ losophischen Begriffsopposition zwischen Weisheit und Torheit, verstanden als Fähigkeit respektive Unfähigkeit zur Erkenntnis richtigen und falschen Handelns. (Die Begriffe ›Tor‹ und ›Narr‹ benutzt Brant ohne erkennbaren Unterschied nebeneinander.) Die Darstellungsweise ist die der Satire: Be‐ handelt wird das Falsche (die Torheit), um das Richtige (die Weisheit) erkennbar zu machen. Die einzelnen Kapitel thematisieren spezielle Torhei‐ ten, die sich wie Unterbegriffe zum Oberbegriff (Topos genus - species) oder wie Teile zum Ganzen verhalten (totum - partes). Das Bild des Narrenschiffs passt eher zur zweiten Option: Alle Narren sind im Schiff versammelt, alle Torheiten in Brants Buch. In den einzelnen Kapiteln wird das jeweilige Thema einerseits begrifflich, andererseits durch Exempla, Sprichwörter und Sentenzen topisch entfaltet. Als Beispiel soll das relativ kurze und 12.4 Topik und Wahrheit 317 deshalb unkomplizierte Kapitel 12 dienen, das wie alle anderen aus Motto, Holzschnitt, Überschrift und Spruchgedicht besteht. Sebastian Brant: Das Narrenschiff. Studienausgabe. Mit allen 114 Holz‐ schnitten des Drucks Basel 1494. Hg. v. Joachim Knape. Stuttgart 2005, S.-146-148, Kap.-12. - Wer nit vor gürt / ee dann er rytt - Vnd sych versicht vorhyn by zyt - Des spott man / falt er an eyn sytt - - - - - - Von vnbesinten narren - - 1 Der ist mit Narheyt wol vereynt - Wer spricht / das hett jch nit gemeint - Dann wer bedenckt all dyng by zyt - Der satlet wol / ee dann er rytt 5 Wer sich bedenckt noch der gedat - Des anslag gmeynklich kumbt zů spat / - Wer jnn der gdat gůt ansleg kan - Der můß syn ein erfarner man - Oder hat das von frowen gelert 318 12 Theologische und rhetorische Wirklichkeitskonstruktionen 10 Die syndt sollchs rates hochgeert / - Het sich Adam bedocht vor baß - Ee dann er von dem appfel aß - Er wer nit von eym kleynen biß - Gestossen vß dem Paradiß / 15 Hett Jonathas sich recht bedacht - Er hett die goben wol veracht - Die jm Tryphon jn falscheit bot - Vnd jn erschlůg dar noch zů / - Gut anschleg kund zů aller zyt 20 Julius der keiser / jn dem strit / - Aber do er hat frid vnd glück - Sumbt er sich an eym kleynen stuck - Das er die brieff nit laß zů hant - Die jm jn warnung worent gsant / 25 Nycanor vberschlůg geryng - Verkoufft das wyltpret / ee ers fyng - Sin anschlag doch so groͤplich faͤ ͤlt - Zung / handt / vnd grynt man jm abstraͤ ͤlt - Guͦt anschlaͤ ͤg die sint allzyt gůt 30 Wol dem / der sy by zyten důt - Mancher ylt / vnd kumbt doch zů spot - Der stoßt sich bald / wem ist zů - Wer Asahel nit schnell gesyn - Abner hett nit erstochen jn Wer nicht zuerst sattelt, bevor er reitet, und sich nicht vorher rechtzeitig vorsieht, den verhöhnt man, wenn er auf einer Seite herunterfällt Von unüberlegten Narren Derjenige ist mit der Narrheit vereinigt, der sagt: Das hatte ich nicht beabsichtigt. Denn wer alles rechtzeitig bedenkt, der sattelt, bevor er reitet. Wer nachdenkt, nachdem er gehandelt hat, dessen Planung kommt gewöhnlich zu spät. Wer während des Handelns gute Pläne machen kann, der muss ein erfahrener Mann sein, oder er hat es von den Frauen gelernt, die für derartigen Rat hohes Ansehen genießen. Hätte Adam vorher besser nachgedacht, bevor er von dem Apfel aß, wäre er 12.4 Topik und Wahrheit 319 Thema Motto nicht wegen eines kleinen Bissens aus dem Paradies verstoßen worden. Hätte Jonathan gut nachgedacht, hätte er die Geschenke verachtet, die Tryphon ihm arglistig gab, der ihn später erschlug. Gute Pläne kannte jederzeit Julius Caesar im Krieg, aber als er in Frieden und Glück lebte, unterlief ihm das kleine Versäumnis, dass er die Briefe nicht sofort las, die ihm als Warnung geschickt worden waren. Nikanor übersah eine Kleinigkeit und verkaufte das Wild, bevor er es gefangen hatte. Sein Plan schlug völlig fehl; Zunge, Hände und Kopf schlug man ihm ab. Gute Pläne sind immer gut; wohl dem, der sie rechtzeitig fasst. Mancher hat es eilig und erntet Hohn. Wer keine Zeit hat, stößt sich schnell. Wäre Asahel nicht so schnell gewesen, hätte Abner ihn nicht erstochen. Die behandelte Torheit ist der Mangel an Vorausschau (providentia), auf die Brant mit den Verben sich versehen (sich vorhersehen), sich besinnen und sich bedenken (gut überlegen) Bezug nimmt. Providentia war in der mittelalterli‐ chen Moralphilosophie und Moraltheologie (etwa bei Thomas von Aquin in der ›Summa theologiae‹ II-II 48-49) ein Unterbegriff zu prudentia (Weisheit) und damit eine Tugend (virtus) im Sinn einer durch Übung habitualisierten Befähigung zu richtigem Handeln. Mangel an Vorausschau ist folglich ein Laster im Sinn einer habitualisierten Unfähigkeit zu richtigem Handeln. Das Motto führt das Thema mittels eines impliziten Vergleichs (›forma‐ ler‹ Topos similitudo) zwischen der Vorausschau und dem Festziehen des Sattelgurts vor dem Reiten ein, der seinerseits auf ein in unterschiedlichen Varianten belegtes Sprichwort anspielt (wer nicht gürtet, bevor er reitet, fällt leicht; man muss erst satteln, bevor man reitet). Das Sprichwort ist wegen seines konkreten Inhalts ein ›materialer‹ Topos. Es veranschaulicht die abstrakten Begriffsbeziehungen, auf denen die topische Entfaltung des Themas im gesamten Kapitel in erster Linie beruht. Bei diesen Begriffsbezie‐ hungen handelt es sich um eine Kombination der ›formalen‹ Topoi ›zeitlich Vorhergehendes‹ (antecedens) und ›zeitlich Folgendes‹ (consequens) mit den ›formalen‹ Topoi ›kausale Ursache‹ (causa) und ›kausale Folge‹ (effictum). Während jeder Logiker auf die Unterscheidung zwischen der zeitlichen Beziehung (vorher - nachher) und der kausalen Beziehung (Ursache - Folge) großen Wert legen würde, kommt es in der Rhetorik allein darauf an, dass das zeitlich Vorhergehende plausiblerweise als kausale Ursache verstanden werden kann. In der topischen Themenentfaltung ist der Un‐ terschied zwischen zeitlich Vorhergehendem und kausal Verursachendem 320 12 Theologische und rhetorische Wirklichkeitskonstruktionen Holzschnitt sowie zwischen zeitlich und kausal Folgendem deshalb meistens weniger wichtig als in der Logik. Im Fall der Vorausschau als Thema führt die Kom‐ bination der Topoi antecedens und causa sowie der Topoi consequens und effictum allerdings mitten in den Kern des Begriffs: Vorausschau bedeutet, vor dem Handeln zu überlegen, welche Folgen das Handeln verursachen wird. Die Toposkombination antecedens/ causa und consequens/ effictum zieht sich deshalb durch das ganze Kapitel. Sprichwörter gehörten neben Sentenzen bekannter Schriftsteller und literarischen Exempla zum humanistischen Sammelgut materialer Topoi. Erasmus empfahl ihre Aufzeichnung nicht nur in ›De duplici copia‹, sondern veröffentlichte seit 1500 in mehreren, beständig erweiterten Auflagen eine lateinische Sprichwörter-Sammlung (›Adagia‹), die bis 1533 auf weit über 4000 Einträge anwuchs. Humanisten sammelten außer lateinischen auch volkssprachliche Sprichwörter, weil sie sie für in allen Sprachen verbreitete Kondensate eines praktischen Weisheits-Wissens neben der gelehrten Mo‐ ralphilosophie hielten. Im ›Narrenschiff‹ kommen sie in ähnlich großer Fülle vor wie Exempla. Während Brants Exempla jedoch aus der Bibel und der antiken lateinischen Literatur stammen, bezog er Sprichwörter vor allem aus der Volkssprache, die dadurch - genauso wie durch das deutschsprachige ›Narrenschiff‹ selbst - als Medium praktischer Weisheit ausgewiesen wird. Die Holzschnitte nach den Motti sind in allen ›Narrenschiff‹-Kapiteln Bestandteile der topischen Themenentfaltung. In diesem Fall steht eine bildliche Umsetzung des im Motto zitierten Sprichworts im Mittelpunkt: Der Narr balanciert mit offenem Sattelgurt auf einem Esel als Symbol der Torheit. Die Pflanze vor dem Kopf des Esels verdankt sich einem ebenfalls in diversen Varianten belegten Sprichwort, dass Esel am liebsten Disteln fressen - also nicht zwischen Schlechtem und Gutem unterscheiden können. Eben dies war die traditionelle moralphilosophische Bedeutung von ›Torheit‹. So bildet der Holzschnitt mit dem Esel und der Distel den Oberbegriff zur mangelnden Vorausschau ab. Der Handgriff des Narren spielt möglicher‐ weise satirisch auf das Sprichwort »Das Glück beim Schopf packen« an: Der Narr ergreift zu seinem Schaden die Torheit. Die fruchtbare Szenerie im Hintergrund ist der Gegensatz (contrarium) zum steinigen Boden mit der Distel, auf dem der Esel steht - die nützliche Weisheit im Unterschied zur schädlichen Torheit. Die Stadt auf dem Berg, die sich über der fruchtbaren Landschaft erhebt, könnte dann das himmlische Jerusalem als Symbol der ewigen Glückseligkeit sein, dem letzten Ziel weisen Handelns. Wer also den Sattelgurt nicht festzieht, bevor er losreitet, und die Torheit statt der Weis‐ 12.4 Topik und Wahrheit 321 Spruchgedicht heit beim Schopf packt, überlegt nicht vor dem Handeln, welche Folge sein Handeln verursachen wird: Am zeitlichen Ende seines diesseitigen Lebens wird nicht die ewige Glückseligkeit als kausale Folge seines diesseitigen Handelns stehen (antecedens/ causa-- consequens/ effictum). Das Spruchgedicht führt das Thema weiter ›durch die Topoi‹: Mangelnde Vorausschau, der Unterbegriff (forma) zum Oberbegriff (genus) Torheit, hat unbeabsichtigte Handlungsfolgen zur Konsequenz (V. 1-2). Vorausschau, nochmals mit dem Motto-Sprichwort ausgedrückt, ist der Gegensatz (con‐ trarium) dazu (V. 3-4). Erst nach dem Handeln nachzudenken (V. 5-6) ist ein erster Unterbegriff mangelnder Vorausschau, erst während des Handelns nachzudenken (V. 7-10) ein davon unterscheidbarer zweiter (differentia zwi‐ schen Unterbegriffen). Das Nachdenken während des Handelns verspricht nur unter zwei Voraussetzungen (causae) Erfolg: Entweder aufgrund großer Lebenserfahrung (V. 8) oder wegen eines weiblichen Vorbilds (V. 9-10). Die Erfolgsträchtigkeit der zweiten Ursache ist ironisch gemeint, wie das anschließende Exempel zeigt: Der Sündenfall dient hier als biblisches Bei‐ spiel für schlechte Folgen männlichen Handelns ohne Vorausschau und Erfahrung auf den Rat einer Frau hin (V.-11-14). Die weiteren Exempla liefern mittels Wiederholung einerseits die zum humanistischen Topik-Konzept gehörende ›zweifache Fülle‹ des Ausdrucks und des Inhalts, indem sie mehrere Fälle schlechter Folgen mangelnder Vorausschau in Erinnerung rufen. Andererseits spielen sie verschiedene Ursachen für mangelnde Vorausschau durch und dienen damit der weiteren topischen Differenzierung des Themas. Um das zu verstehen, müssen ›Narrenschiff‹-Rezipienten die Beispielgeschichten, auf die Brant lediglich anspielt, allerdings schon kennen: (V. 15-18) Der syrische König Tryphon bringt den jüdischen Feldherrn Jonathan durch vorgespielte Freundlichkeit und Geschenke dazu, den größ‐ ten Teils seines Heers abrücken zu lassen, woraufhin Jonathan und der Rest des Heers von Tryphons Truppen getötet werden (1 Makkabäer 12, 39-52): Die mangelnde Vorausschau als Ursache für Jonathans Tod beruht auf seiner falschen Deutung der Geschenke Tryphons. (V.-19-24) Julius Caesar erhielt kurz vor seiner Ermordung auf dem Weg zum Senat ein Schreiben zugesteckt, das ihn über den Mordplan seiner Feinde informieren sollte, las es jedoch nicht gleich (Sueton: ›De vita Cae‐ sarum‹, Caesar-Vita, Kap. 81,4): Die Ursache der mangelnden Vorausschau ist Brants ausdrücklicher Deutung zufolge der Frieden, in dem man weniger als im Krieg mit Gefahren rechnet. 322 12 Theologische und rhetorische Wirklichkeitskonstruktionen Topik als Ordnung des Wissens und des Textes (V. 25-28) Der griechische Feldherr Nikanor unternahm siegessicher einen Angriff auf Jerusalem und plante vorher schon, ein Siegesdenkmal errichten zu lassen. Er wurde jedoch vom jüdischen Feldherrn Judas Makka‐ bäus geschlagen und fiel in der Schlacht. Judas ließ der Leiche Kopf und Hand abschlagen sowie die Zunge herausschneiden, diese den Vögeln vorwerfen und den Kopf in Jerusalem ausstellen (2 Makkabäer 14-15): Zur Deutung spielt Brant auf das Sprichwort an, dass man das Wild nicht verkaufen soll, bevor man es gefangen hat. Die Ursache der mangelnden Vorausschau war demnach Nikanors Siegesgewissheit, die ihn zur Fehleinschätzung der Stärke seines Gegners verleitete. Vor dem letzten Exempel wiederholt Brant die Topos-Kombination ante‐ cedens/ causa - consequens/ effictum, die den Begriff der Vorausschau und seinen Gegensatz charakterisiert: Rechtzeitiges Planen ist die Ursache für den Handlungserfolg (V. 29-30), übereiltes Handeln die Ursache für den Misserfolg (V. 31-32). Exemplifiziert wird danach Schnelligkeit als Ursache für den eigenen Tod oder, allgemeiner formuliert, übereiltes Handeln als Ursache eigenen Schadens (V. 33-34): Während des Kriegs zwischen den Königreichen Juda und Israel in der Zeit von König David verfolgte der junge jüdische Krieger Asahel »schnellfüßig wie eine Gazelle« den israelitischen Feldherrn Abner, der eine weitere Eskalation des Konflikts verhindern wollte und Asahel aufforderte, die Verfolgung einzustellen. Als Asahel nicht darauf einging, erstach Abner ihn mit seiner Lanze (2 Samuel 2, 12-23). In den abstrakten Begriffsbeziehungen, den konkreten Beispielen und den sprichwörtlichen Formulierungen besteht die Ordnung des Wissens und die des Textes gleichermaßen. Wie vor allem die Beispiele vor Augen führen, beruht das moralphilosophische Wissen auf der Erkenntnis von praktischen Wahrheiten, die über die Zeit hinweg unverändert bleiben: Was Weisheit und Torheit, richtiges und falsches Handeln ist, steht in der Bibel und in der antiken Literatur - hier der Geschichtsschreibung, in anderen ›Narren‐ schiff‹-Kapiteln ebenso der Dichtung -, und die Sprichwörter überliefern es mündlich. Je mehr exemplarische Erzählungen und Sprichwörter man kennt und je besser man sie nach topischen Begriffsbeziehungen ordnet, umso sicherer kann man den Unterschied zwischen richtigem und falschem Han‐ deln erkennen - und umso erfolgreicher handeln. Topik ist das universale Instrument sowohl der Erkenntnis als auch der ihrer Vermittlung dienlichen Textproduktion: Indem die Themenentfaltung topisch verfährt, plausibili‐ siert sie die Wahrheit der Erkenntnis, die im topisch geordneten Wissen besteht. 12.4 Topik und Wahrheit 323 Allerdings konnte die Topik nur der Garant für die textuell vermittelte Wahrheit sein, solange die Ordnung der sozialen Praxis als in ihren Grund‐ prinzipien nicht veränderbar gedacht war. Nur wenn in Jonathans Israel und Caesars Rom dieselben Gesetzmäßigkeiten menschlichen Handelns galten wie in Brants Basel, vermochten Geschichten von Jonathan und Caesar Erkenntnisse über die richtige soziale Praxis in Basel um 1500 - oder an jedem beliebigen Ort zu jeder beliebigen Zeit - zu liefern. Brants ›Narrenschiff‹ vermittelt dem eigenen Anspruch nach keine moralischen ›Normen‹ im Sinn von Produkten historischer Traditionsbildung oder sozia‐ ler Übereinkunft, sondern macht allgemeingültige Kausalzusammenhänge zwischen Handlungsursachen und Handlungsfolgen erkennbar. Diese Kau‐ salzusammenhänge hatte Gott in den biblischen Erzählungen offenbart. Weil sie allem menschlichen Handeln zu aller Zeit zugrunde lagen, konnte man sie auch mit der natürlichen Vernunft erkennen. Die bevorzugten Fundgruben dieser Erkenntnis waren für Humanisten die antike Literatur und die Sprichwortweisheit, die dieselbe Wahrheit enthielten wie die Bibel. In diesem Sinn kulminierte im humanistischen Topik-Konzept die alte Vorstellung von der einen Wahrheit über die als Ordnung geschaffene Wirklichkeit, die in einem geordneten Begriffssystem erfassbar war. Es gab im Zeitraum der älteren Literatur sowohl dieses - gerade von den europäischen Humanisten noch einmal besonders stark gemachte - Interesse an der einen, über alle Zeiten und Räume hinweg identischen Wahrheit als auch das Interesse für Spannungsverhältnisse zwischen un‐ terschiedlichen diskursiven und praktischen Wissensordnungen. Zur ›Vor‐ moderne‹ der modernen ›westlichen‹ Kultur gehört beides, das Streben nach der universalen Synthese und das Streben danach, Unterschiede zu behaupten und ihnen Geltung zu verschaffen. Beides haben wir übrigens nicht hinter uns gelassen, solange wir uns eine kulturelle Identität des ›Westens‹ vorstellen, gleichzeitig aber Pluralität für einen konstitutiven Bestandteil dieser Identität halten und an einen universalen Wert dieser Pluralität glauben. Beides erkennen zu wollen und dabei vielleicht den einen oder anderen eingeschliffenen Irrtum über unsere eigene Vergangenheit und die Traditionsbildungsprozesse, aus denen unsere Gegenwart hervorgegan‐ gen ist, zu überwinden, könnte eine Antwort auf die Frage ›Wozu ältere Literatur? ‹ sein. 324 12 Theologische und rhetorische Wirklichkeitskonstruktionen 13 Informationsmöglichkeiten und Literaturhinweise Wenn angeführte Online-Ausgaben nicht frei zugänglich sind, ermöglichen die Universitätsbibliotheken in der Regel den Zugriff. 13.1 Für die Studienpraxis Hansjürgen Blinn: Informationshandbuch Deutsche Literaturwissenschaft. 4. Aufl. Frankfurt a. M. 2005. (Verzeichnis aller wichtigen Einführungen, Handbücher, Überblicksdarstellungen, Lexika, Wörterbücher, Bibliographien, Zeitschriften samt Abkürzungen, Bibliothe‐ ken, Archive, Datenbanken, Internet-Adressen, Akademien, Gesellschaften, For‐ schungseinrichtungen, Verbände, Gesellschaften.) Burkhard Moennighoff, Eckhardt Meyer-Krentler: Arbeitstechniken Literaturwis‐ senschaft. 18. Aufl. München 2019. (Ratgeber für die praktischen Seiten des Studiums, unter anderem zum Verfassen von Referaten, Seminar- und Abschlussarbeiten.) Claudius Sittig: Arbeitstechniken Germanistik. 5. Aufl. Stuttgart 2019. Germanistik. Internationales Referatenorgan mit bibliographischen Hinweisen. Tübingen 1960 ff. http: / / www.degruyter.com/ view/ db/ germanistik. (Wichtigstes Hilfsmittel zur Recherche sprach- und literaturwissenschaftlicher ger‐ manistischer Forschungsliteratur. Verzeichnet werden in den Jahrgangsbänden jeweils alle erschienenen Bücher und Aufsätze, geordnet nach Teilgebieten der germanistischen Sprach- und Literaturwissenschaft. Der Inhalt von Büchern wird in den meisten Fällen kurz referiert.) Bibliographie der deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft. Frankfurt a. M. 1970 ff. http: / / www.bdsl-online.de. (Die nach den früheren Herausgebern im Germanisten-Jargon auch ›Eppelshei‐ mer-Köttelwesch‹ genannte Bibliographie verzeichnet wie die ›Germanistik‹ in Jahrgangsbänden die gesamte germanistische Fachliteratur, geordnet nach Fachge‐ bieten. Da es hier keine Inhaltsreferate gibt, werden Bücher gewöhnlich etwas früher erfasst.) http: / / opac.regesta-imperii.de. (Der ›RI-Opac‹ - Regesta Imperii Online Public Access Catalogue - ist eine alle ein‐ schlägigen Fachdisziplinen berücksichtigende Literaturdatenbank für die Forschung zum Gebiet des Heiligen Römischen Reichs bis zum Jahr 1806.) 13.2 Informationen im Internet https: / / www.bibliothek.kit.edu. (Das wichtigste Internetangebot für das Studium besteht in den Katalogen und Datenbanken der Universitätsbibliotheken, über die man sich vor Ort informiert. Hingewiesen sei an dieser Stelle allein auf den ›Karlsruher Virtuellen Katalog‹ [KVK], der die Literaturrecherche in einer großen Zahl von Katalogen deutscher Bibliotheksverbünde sowie zahlreicher internationaler Bibliotheken ermöglicht.) http: / / www.mediaevum.de. (Als »das Internetportal zur deutschen und lateinischen Literatur im Mittelalter« bietet diese Website eine Vielzahl von Links unter anderem zu verschiedenen Möglichkeiten der Literaturrecherche, zu nationalen und internationalen Biblio‐ thekskatalogen, zu Datenbanken [darunter die Online-Versionen der mittelhoch‐ deutschen Wörterbücher] und Hilfsmitteln, zu digitalen Handschriften-, Inkunabel- und Miniaturen-Faksimiles, zu digitalisierten Editionen mittelalterlicher Texte, zu Studienliteratur und zu Internet-Adressen in mediävistischen Nachbarfächern. Was es an brauchbaren Internet-Angeboten im Umfeld der Älteren deutschen Literatur‐ wissenschaft gibt, wird hier erfasst und zugänglich gemacht.) http: / / www.handschriftencensus.de. (Der ›Handschriftencensus‹ verzeichnet handschriftliche Textzeugen deutschspra‐ chiger mittelalterlicher Werke. Der Handschriftencensus ist nützlich, wenn man wissen möchte, wie ein bestimmter Text überliefert wurde und in welchen Bibliothe‐ ken Handschriften liegen.) http: / / www.manuscripta-mediaevalia.de. (Die Seite ›Manuscripta Mediaevalia‹ ermöglicht den Zugang zu Digitalisaten und Katalogen von Handschriften in bundesdeutschen Bibliotheken.) http: / / www.e-codices.ch. (›E-Codices‹ bietet als virtuelle Bibliothek Digitalisate mittelalterlicher und neuzeit‐ licher Handschriften in Schweizer Bibliotheken.) http: / / manuscripta.at. 326 13 Informationsmöglichkeiten und Literaturhinweise (Diese Seite führt zu Digitalisaten mittelalterlicher Handschriften in österreichischen Bibliotheken.) http: / / www.gesamtkatalogderwiegendrucke.de. (Der ›Gesamtkatalog der Wiegendrucke‹ [GW] verzeichnet Drucke des 15. Jahrhun‐ derts und beschreibt sie.) http: / / www.bl.uk/ catalogues/ istc/ index.html. (Der ›Incunabula Short Title Catalogue‹ [ISTC] der British Library verzeichnet weltweit erhaltene Drucke des 15.-Jahrhunderts.) http: / / www.vd16.de. (Das ›Verzeichnis der im deutschen Sprachbereich erschienenen Drucke des 16. Jahr‐ hunderts‹ [VD16] verzeichnet alle bekannten, im deutschen Sprachgebiet gedruckten Bücher von 1501-1600.) http: / / www.adfontes.uzh.ch. (›Ad fontes‹ erklärt anhand konkreter Beispiele den Umgang mit Quellen in Archiven und Bibliotheken, vermittelt paläographische Kenntnisse und leitet zur selbstständi‐ gen Transkribierung, Datierung und Beschreibung deutschsprachiger Handschriften an.) 13.3 Sprachgeschichte, Wörterbücher und Grammatiken Wilhelm Schmidt u.-a.: Geschichte der deutschen Sprache. Ein Lehrbuch für das germanistische Studium. 12. Aufl. 2 Bde. Stuttgart 2020. Stefan Hartmann: Deutsche Sprachgeschichte. Grundzüge und Methoden. Tübingen 2018. Hans Ulrich Schmid: Einführung in die deutsche Sprachgeschichte. 3. Aufl. Stuttgart 2017. Eugen Hill: Einführung in die historische Sprachwissenschaft des Deutschen. Darm‐ stadt 2013. Stefan Sonderegger: Althochdeutsche Sprache und Literatur. Eine Einführung in das älteste Deutsch. Darstellung und Grammatik. 3. Aufl. Berlin, New York 2003. Alt- und Mittelhochdeutsch. Arbeitsbuch zur Grammatik der älteren deutschen Sprachstufen und zur deutschen Sprachgeschichte. Hg. v. Rolf Bergmann u. a. 10. Aufl. Göttingen 2019. Thordis Hennings: Einführung in das Mittelhochdeutsche. 4. Aufl. Berlin 2020. Klaus-Peter Wegera u.-a.: Mittelhochdeutsch als fremde Sprache. Eine Einführung für das Studium der germanistischen Mediävistik. 4. Aufl. Berlin 2019. Hilkert Weddige: Mittelhochdeutsch. Eine Einführung. 9. Aufl. München 2015. 13.3 Sprachgeschichte, Wörterbücher und Grammatiken 327 Frédéric Hartweg, Klaus-Peter Wegera: Frühneuhochdeutsch. Eine Einführung in die deutsche Sprache des Spätmittelalters und der frühen Neuzeit. 2. Aufl. Tübingen 2005. Rudolf Schützeichel: Althochdeutsches Wörterbuch. 7. Aufl. Berlin 2012. Althochdeutsches Wörterbuch. Im Auftrag der Sächsischen Akademie der Wissen‐ schaften zu Leipzig. Begr. v. Elisabeth Karg-Gasterstädt u. Theodor Frings. Hg. v. Rudolf Grosse u.-a. Berlin 1968 ff. http: / / awb.saw-leipzig.de. Beate Hennig: Kleines Mittelhochdeutsches Wörterbuch. 7. Aufl. Tübingen 2022. (In der Übersetzungspraxis am leichtesten zu benutzendes mittelhochdeutsches Wörterbuch, verzeichnet allerdings nur einen begrenzten Wortschatz.) Matthias Lexer: Mittelhochdeutsches Taschenwörterbuch. 38. Aufl. Stuttgart 1992. (Der ›kleine Lexer‹ ist etwas umständlicher zu benutzen als das Wörterbuch von Beate Hennig, erfasst aber einen größeren Wortschatz, auch den frühneuhochdeut‐ schen bis um 1500.) Mittelhochdeutsches Wörterbuch. Hg. v. Kurt Gärtner u.-a. Stuttgart 2006 ff. http: / / www.mhdwb-online.de. (Neues, im Entstehen begriffenes Wörterbuch, das als historisches Belegwörterbuch den mittelhochdeutschen Wortschatz möglichst umfassend darstellen soll.) Matthias Lexer: Mittelhochdeutsches Handwörterbuch. 3 Bde. Leipzig 1869-1878, Reprint Stuttgart 1979. http: / / www.woerterbuchnetz.de/ Lexer. (Den ›großen Lexer‹ benutzt man vor allem, wenn man nicht nur Bedeutungsanga‐ ben braucht, sondern auch die Kontexte sehen will, auf denen sie beruhen.) G.F. Benecke, W. Müller, F. Zarncke: Mittelhochdeutsches Wörterbuch. Leipzig 1854-1866. Reprint Stuttgart 1990. http: / / www.woerterbuchnetz.de/ BMZ. (Immer noch das umfassendste mittelhochdeutsche Wörterbuch, allerdings alpha‐ betisch nach Wortstämmen geordnet; durch die Online-Version wird die Suche vereinfacht.) Mittelhochdeutsche Begriffsdatenbank http: / / www.mhdbdb.sbg.ac.at. (Online-Datenbank mit der Möglichkeit zur gezielten Suche nach Wörtern, Zeichen‐ ketten und Begriffen in mhd. Quellen.) Alfred Götze: Frühneuhochdeutsches Glossar. 7. Aufl. Berlin 1967. (Für die Übersetzungspraxis. Große Teile des frühneuhochdeutschen Wortschatzes bis um 1500 findet man auch im kleinen und im großen Lexer, jedoch stets unter der mittelhochdeutschen Lautform der Wörter.) 328 13 Informationsmöglichkeiten und Literaturhinweise Christa Baufeld: Kleines frühneuhochdeutsches Wörterbuch. Tübingen 1996. (Enthält einen relativ kleinen Wortschatz.) Frühneuhochdeutsches Wörterbuch. Hg. v. Ulrich Goebel u. a. Berlin, New York (ab 2011 Boston) 1989 ff. https: / / fwb-online.de. (Das ›große‹, im Erscheinen begriffene frühneuhochdeutsche Wörterbuch.) Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. 16 Bände. Leipzig 1854-1954, Reprint München 1984. Jacob und Wilhelm Grimm: Deutsches Wörterbuch. Neubearbeitung Leipzig, Stuttgart 1983-2018. http: / / www.woerterbuchnetz.de/ DWB. (Das Deutsche Wörterbuch erfasst nur den seit dem 16.-Jahrhundert belegten Wortschatz, diesen jedoch in seiner gesamten Geschichte. Deshalb ist stets auch die Geschichte der Wörter in den älteren Sprachstufen detailliert dargestellt. Für Informationen über den Gebrauch von Wörtern und ihre Bedeutungsspektren auch im Alt-, Mittel- und Frühneuhochdeutschen ist ›der Grimm‹ unübertroffen.) Heinrich Tiefenbach: Altsächsisches Handwörterbuch. Berlin 2010. Wilhelm Braune: Althochdeutsche Grammatik. 16. Aufl. bearb. v. Frank Heidermanns. Tübingen 2018. Mittelhochdeutsche Grammatik. Hg. v. Thomas Klein, Hans-Joachim Solms und Klaus-Peter Wegera (Hg): Bisher Teil II und III. Berlin 2009-2018. Hermann Paul: Mittelhochdeutsche Grammatik. Neu bearb. v. Thomas Klein, Hans-Joachim Solm und Klaus-Peter Wegera. 25. Aufl. Tübingen 2007. Robert P. Ebert, Oskar Reichmann: Frühneuhochdeutsche Grammatik. Tübingen 1993. Christoph Roth: Kurze Einführung in die Grammatik des Frühneuhochdeutschen. Heidelberg 2007. 13.4 Einführungen in die ältere deutsche Literaturwissenschaft Thomas Bein: Deutsche Literatur des Mittelalters. Eine Einführung in die Germa‐ nistische Mediävistik. Berlin 2020. Hilkert Weddige: Einführung in die germanistische Mediävistik. 9. Aufl. München 2017. Horst Brunner: Mittelalterliche Literatur lesen. Eine Einführung, Stuttgart 2016. Dorothea Klein: Mittelalter. Lehrbuch Germanistik. 2. Aufl. Stuttgart, Weimar 2015. 13.4 Einführungen in die ältere deutsche Literaturwissenschaft 329 Fritz Peter Knapp: Grundlagen der europäischen Literatur des Mittelalters. Eine sozial-, kultur-, sprach-, ideen- und formgeschichtliche Einführung. Graz 2011. Heinz Sieburg: Literatur des Mittelalters. Berlin 2010. Meinolf Schumacher: Einführung in die deutsche Literatur des Mittelalters. Darm‐ stadt 2010. Rüdiger Brandt: Grundkurs germanistische Mediävistik/ Literaturwissenschaft. Eine Einführung. München 1999. Achim Aurnhammer, Nicolas Detering: Deutsche Literatur der Frühen Neuzeit. Humanismus, Barock, Frühaufklärung. Tübingen 2019. Kai Bremer: Literatur der Frühen Neuzeit. Reformation - Späthumanismus - Barock. Paderborn 2008. Andreas Keller: Frühe Neuzeit. Das rhetorische Zeitalter. Berlin 2008. 13.5 Einführungen in mediävistische Nachbarfächer Martina Hartmann: Mittelalterliche Geschichte studieren. 4. Aufl. Konstanz 2017. Sabine Buttinger: Das Mittelalter. 3. Aufl. Stuttgart 2012. Harald Müller: Mittelalter. Berlin 2008. Hartmut Bookmann: Einführung in die Geschichte des Mittelalters. 8. Aufl. Mün‐ chen 2007. Jörg Schwarz: Das europäische Mittelalter. 2 Bde. Stuttgart 2006. Frédéric Duval: Le français médiéval. Turnhout 2009. (einschl. kommentierter Antho‐ logie) Michel Zink: Introduction à la littérature française du Moyen Âge. Paris 1993. Englische Übersetzung: Medieval French Literature: An Introduction. Übers. v. David Staines und Jeff Rider. Binghampton 1995. Walter Berschin: Einleitung in die lateinische Philologie des Mittelalters (Mittellatein). Eine Vorlesung. Hg. v. Tino Licht. 2. Aufl. Heidelberg 2019. Pascale Bourgain, Marie-Clotilde Hubert: Le latin médiéval. Turnhout 2005. (einschl. kommentierter Anthologie) Udo Kindermann: Einführung in die lateinische Literatur des mittelalterlichen Europa. Turnhout 1998. Karl Langosch: Mittellatein und Europa. Führung in die Hauptliteratur des Mittel‐ alters. 2. Aufl. Darmstadt 1997. Martina Pippal: Kunst des Mittelalters - eine Einführung. 3. Aufl. Wien, Köln 2010. Stefan Morent: Die Musik der Antike und des Mittelalters. Eine Einführung. Laaber 2021. 330 13 Informationsmöglichkeiten und Literaturhinweise Felix Diergarten: Die Musik des 15. und 16.-Jahrhunderts. Eine Einführung. Laaber 2014. Christian Berger, Stefan Häussler: Die Musik des Mittelalters. Darmstadt 2019. Alain de Libera: Die mittelalterliche Philosophie. München 2005. Volker Leppin: Theologie im Mittelalter. Leipzig 2007. 13.6 Literaturgeschichten Literaturgeschichten benutzt man vor allem, um sich schnell über das Standardwissen zu wichtigen Texten, Gattungen und Verfassern im litera‐ turgeschichtlichen Zusammenhang zu informieren. Horst Brunner: Geschichte der deutschen Literatur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit im Überblick. Erweiterte und bibliograph. akt. Ausgabe. Stuttgart 2019. Peter Nusser: Deutsche Literatur. Eine Sozial- und Kulturgeschichte. Bd.-1: Vom Mittelalter bis zur Frühen Neuzeit. Darmstadt 2012. Dieter Kartschoke: Geschichte der deutschen Literatur im frühen Mittelalter. 3. Aufl. München 2000. Joachim Bumke: Geschichte der deutschen Literatur im hohen Mittelalter. 4. Aufl. München 2000. Thomas Cramer: Geschichte der deutschen Literatur im späten Mittelalter. 3. Aufl. München 2000. Wolfgang Haubrichs: Die Anfänge. Versuche volkssprachiger Schriftlichkeit im frühen Mittelalter (ca. 700-1050/ 60). 2. Aufl. Frankfurt a. M. 1995 (Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zum Beginn der Neuzeit, Band I, Teil 1). Gisela Vollmann-Profe: Wiederbeginn volkssprachiger Schriftlichkeit im hohen Mittelalter (1050/ 60-1160/ 70). 2. Aufl. Frankfurt a. M. 1994 (Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zum Beginn der Neuzeit, Band I, Teil 2). L. Peter Johnson: Die höfische Literatur der Blütezeit (1160/ 70-1220/ 30). Tübingen 1999 (Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zum Beginn der Neuzeit, Band II, Teil-1). Joachim Heinzle: Wandlungen und Neuansätze im 13.-Jahrhundert (1220/ 30- 1289/ 90). 2. Aufl. Frankfurt a. M. 1994 (Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zum Beginn der Neuzeit, Band II, Teil-2). 13.6 Literaturgeschichten 331 Johannes Janota: Orientierung durch volkssprachliche Schriftlichkeit (1280/ 90- 1380/ 90). Tübingen 2004 (Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zum Beginn der Neuzeit, Band III, Teil-1). Werner Williams-Krapp: Die Literatur des 15. und frühen 16. Jahrhunderts. Teilband 1: Modelle literarischer Interessenbildung. Berlin 2020 (Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zum Beginn der Neuzeit, Band III, Teil 2, Teilband 1). Die Literatur im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Hg. v. Werner Röcke u. Marina Münkler. München, Wien 2004 (Hansers Sozialgeschichte der deutschen Literatur vom 16.-Jahrhundert bis zur Gegenwart, Band-1). Gottfried Willems: Geschichte der deutschen Literatur. Bd.-1: Humanismus und Barock. Stuttgart 2012. Early Modern German Literature 1350-1700. Hg. v. Max Reinhart. Rochester 2007. Fritz Peter Knapp: Die Literatur des Früh- und Hochmittelalters in den Bistümern Passau, Salzburg, Brixen und Trient von den Anfängen bis zum Jahre 1273. Graz 1994 (Geschichte der Literatur in Österreich, Band 1). Fritz Peter Knapp: Die Literatur des Spätmittelalters in den Ländern Österreich, Steiermark, Kärnten, Salzburg und Tirol von 1273 bis 1439. Teilband 1: Die Literatur in der Zeit der frühen Habsburger bis zum Tod Albrechts II. 1358. Graz 1999 (Geschichte der Literatur in Österreich, Band 2,1). Fritz Peter Knapp: Die Literatur des Spätmittelalters in den Ländern Österreich, Steiermark, Kärnten, Salzburg und Tirol von 1273 bis 1439. Teilband 2: Die Literatur zur Zeit der habsburgischen Herzöge von Rudolf IV. bis Albrecht V. (1358-1439). Graz 2004 (Geschichte der Literatur in Österreich, Band 2,2). Reinhard Hahn: Geschichte der mittelalterlichen deutschen Literatur Thüringens. Köln 2012. Helmut Tervooren: Van der Masen tot op den Rijn. Ein Handbuch zur Geschichte der mittelalterlichen volkssprachlichen Literatur im Raum von Rhein und Maas. Berlin 2006. 13.7 Autoren- und Werklexika Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. 2. Aufl. Hg. v. Kurt Ruh u.-a. 14 Bde. Berlin, New York 1978-2008. (Abgekürzt 2 VL. Als maßgebliches Autoren- und Werklexikon zur deutschen Lite‐ ratur des Mittelalters wichtigstes Informationsmittel der älteren deutschen Litera‐ turwissenschaft. Das ›Verfasserlexikon‹ erfasst alle deutschsprachigen Werke und 332 13 Informationsmöglichkeiten und Literaturhinweise die im deutschen Sprachraum entstandenen lateinischen Werke mit Ausnahme der humanistischen bis um 1500 mit dem Anspruch auf Vollständigkeit. Jeder Artikel enthält ein Verzeichnis der Forschungsliteratur.) Deutscher Humanismus 1480-1520. Verfasserlexikon. Hg. v. Franz Josef Worstbrock. 3. Bde. Berlin, New York 2008-2015. (Abgekürzt HumVL. Erfasst als Ergänzungsband zum ›Verfasserlexikon‹ die dort ausgesparte Literatur von Humanisten aus dem deutschen Sprachraum.) Frühe Neuzeit in Deutschland 1520-1620. Literaturwissenschaftliches Verfasserle‐ xikon. Hg. v. Wilhelm Kühlmann u.-a. 7 Bde. Berlin, Boston 2011-2019. (Abgekürzt VL 16. Fortsetzung des ›Verfasserlexikons‹ zum 16.-Jahrhundert.) Killy Literaturlexikon. Autoren und Werke des deutschsprachigen Kulturraums. Hg. v. Wilhelm Kühlmann. 2. Aufl. 13 Bde. Berlin 2008-2012. Verfasser-Datenbank. Autoren der deutschsprachigen Literatur und des deutsch‐ sprachigen Raums. Von den Anfängen bis zur Gegenwart. https: / / doi.org/ 10.1515/ vdbo. (Bietet die drei Verfasserlexika und das Killy-Literaturlexikon in einer online durch‐ suchbaren Version. Der Zugang wird in der Regel über die Universitätsbibliotheken bereitgestellt.) Deutsches Literatur-Lexikon. Biographisch-bibliographisches Handbuch. Begr. v. Wilhelm Kosch. 3. Aufl. 37. Bde. Bern, München 1968-2022. (Maßgebliches germanistisches Autoren- und Werklexikon zur älteren und neueren Literatur mit weitem Literaturbegriff; Ergänzungsbände aktualisieren die älteren Artikel.) Kindlers Literatur Lexikon. Hg. v. Heinz Ludwig Arnold. 3. Aufl. 18 Bde. Stuttgart 2009. http: / / kll-online.de. (Umfangreiches Werklexikon zur Weltliteratur, das die bedeutendsten Werke aus Belletristik und Sachliteratur aller Literatursprachen beschreibt.) 13.8 Sach- und Personenlexika Sach- und Personenlexika bieten in erster Linie schnelle, leicht zugängliche Informationsmöglichkeiten, außerdem erste Einstiegsmöglichkeiten in die Forschungsliteratur zum jeweiligen Gegenstand. Wer sich frühzeitig mit ihnen vertraut macht, studiert besser. 13.8 Sach- und Personenlexika 333 Reallexikon der deutschen Literaturwissenschaft. Hg. v. Klaus Weimar u.-a. 3 Bde. Berlin, New York 2007. (Abgekürzt RLW oder RL. Maßgebliches Lexikon zur Terminologie der älteren und neueren deutschen Literaturwissenschaft; die Artikel erläutern neben der Sachge‐ schichte jeweils auch die Begriffsgeschichte und verzeichnen wichtige Forschungsli‐ teratur.) Metzler Literatur-Lexikon. Begriffe und Definitionen. Hg. v. Günther u. Irmgard Schweikle. 3. Aufl. Stuttgart 2007. (Zur schnellen Information.) Literaturwissenschaftliches Lexikon. Grundbegriffe der Germanistik. Hg. v. Horst Brunner u. Rainer Moritz. 2. Aufl. Berlin 2006. (Ausführlichere Informationen zu wichtigen Begriffen.) Metzler Lexikon Literatur- und Kulturtheorie. Hg. v. Ansgar Nünning. Stuttgart, Weimar. 5. Aufl. 2013. (Zur schnellen Information über Begriffe wie ›Diskurs‹ oder ›Systemtheorie‹, enthält auch Artikel zu wichtigen Theoretikern wie Bourdieu oder Foucault.) Handbuch Literaturwissenschaft. Hg. v. Thomas Anz. 3. Bde. Stuttgart, Weimar 2013. Enzyklopädie des Märchens. Handwörterbuch zur historischen und vergleichenden Erzählforschung. Hg. v. Kurt Ranke u.-a. Berlin 1977-2015. https: / / doi.org/ 10.1515/ emo. (Abgekürzt EM. Der Titel ist irreführend; es handelt sich um das maßgebliche Sach- und Personenlexikon für alles, was mit Erzählen und Erzählliteratur zu tun hat-- also keineswegs nur für Märchen--, insbesondere auch für Stoffe und Motive.) Motif-Index of German Secular Narratives from the Beginning to 1400. Hg. v. Karin Lichtblau u.-a. 7 Bde. Berlin 2005-2010. Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike. Hg. v. Hubert Cancik u. Helmuth Schnei‐ der. 16 Bde. Stuttgart, Weimar 1996-2003. https: / / referenceworks.brillonline.com/ browse/ der-neue-pauly. (Abgekürzt DNP. Informiert über antike Personen und Sachen sowie, in einer eigenen Abteilung, über das Fortwirken der Antike in Mittelalter und Neuzeit.) Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Begr. v. Johannes Hoops, neu hg. v. Heinrich Beck u.-a. 2. Aufl. Berlin, New York 1973-2008. https: / / doi.org/ 10.1515/ gao. (Abgekürzt RGA. Informiert über die germanische Geschichte und Kultur von der spätantiken Völkerwanderungszeit bis ins Frühmittelalter.) Lexikon des Mittelalters. Hg. v. Robert Auty u. a. 9 Bde. Zürich 1977- 1998. Reprint München 1999. Online-Zugang aus Universitätsnetzen unter http: / / apps.brepolis.net/ lexiema. 334 13 Informationsmöglichkeiten und Literaturhinweise (Abgekürzt LexMA. Informiert über mittelalterliche Personen und Sachen.) Enzyklopädie der Neuzeit. Hg. v. Friedrich Jaeger. 16. Bde. Stuttgart 2005-2012. https: / / referenceworks.brillonline.com/ browse/ enzyklopaedie-der-neuzeit. (Pendant zum ›Lexikon des Mittelalters‹.) Lexikon für Theologie und Kirche. 3. Aufl. Hg. v. Walter Kasper u. a. 11 Bde. Freiburg i.Br. u.-a. 1993-2001. (Abgekürzt LThK. Katholisches Lexikon zu Personen und Sachen der Religions- und Kirchengeschichte.) Religion in Geschichte und Gegenwart. Handwörterbuch für Theologie und Religi‐ onswissenschaft. 4. Aufl. Hg. v. Hans Dieter Betz u.-a. Tübingen 1998-2007. (Abgekürzt RGG. Evangelisches Lexikon zu Personen und Sachen der Religions- und Kirchengeschichte.) Die Musik in Geschichte und Gegenwart. 2. Aufl. Hg. v. Ludwig Finscher. 10 Bde. Kassel u.-a. 1994-2008. http: / / www.mgg-online.com. (Abgekürzt 2 MGG. Informiert ausführlich über Personen und Sachen der Musikge‐ schichte; von Literaturwissenschaftlern bei allen Fragen benutzt, in denen sich Musik und Literatur treffen-- ein Beispiel ist der Artikel ›Lied‹.) The New Grove Dictionary of Music and Musicians. 2. Aufl. Hg. v. Stanley Sadie u.-a. 29 Bde. London 2001. http: / / www.oxfordmusiconline.com. (Das große englischsprachige Nachschlagewerk der Musikwissenschaft.) Lexikon der christlichen Ikonographie. Hg. v. Wolfgang Braunfels. 8 Bde. Freiburg i.-Br. 1968-1976. https: / / dh.brill.com/ lcio. (Abgekürzt LCI. Informiert über Motive und ihre Bedeutungen in der bildenden Kunst: Hier erfährt man, welche Bedeutungen der Löwe haben kann und welche Symbole es für die Gottesmutter Maria gibt. Für Literaturwissenschaftler von Interesse, weil Löwen und Mariensymbole ebenso in der Literatur auftauchen.) Sabine Poeschel: Handbuch der Ikonographie. Sakrale und profane Themen der bildenden Kunst. 6. Aufl. Darmstadt 2016. 13.9 Begriffsgeschichtliche Lexika Die großen begriffsgeschichtlichen Lexika gehören zu den wichtigsten Arbeits- und Informationsmitteln in den Kulturwissenschaften. Sie enthal‐ ten gewöhnlich ausführliche Artikel mit reichen Literaturangaben, die die 13.9 Begriffsgeschichtliche Lexika 335 Geschichte wichtiger Begriffe vorstellen. Begriffsgeschichtliche Lexika sind deshalb gewissermaßen die Enzyklopädien der kulturellen Diskurse und ihres Wandels: Hier erfährt man, welche Vorstellungen im Lauf der Zeiten mit einem bestimmten Begriff verbunden waren und wie sie sich verändert haben. Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Hg. v. Otto Brunner u.-a. 8 Bde. Stuttgart 1972-1997. (Abgekürzt GG oder GGB. Benutzt man bei allen kulturwissenschaftlichen Fragen, die den Bereich von Herrschaft und Politik berühren; informiert beispielsweise darüber, wer wann was unter ›Freiheit‹ oder unter ›Volk‹ verstanden hat.) Handwörterbuch zur deutschen Rechtsgeschichte. 2. Aufl. Hg. v. Albrecht Cordes u.-a. 6. Bde. Berlin 2004-ff. https: / / www.hrgdigital.de. (Abgekürzt 2 HRG. Erfasst nicht nur den historischen Rechtswortschatz, sondern erklärt auch die rechtlichen Bedeutungen von Alltagswörtern wie etwa ›Mann‹ oder ›Ehe‹ und ihre Geschichte; für Literaturwissenschaftler von Nutzen, wenn ein Text rechtliche Bedeutungen ins Spiel bringt.) Historisches Wörterbuch der Philosophie. Hg. v. Joachim Ritter u.-a. 13 Bde. Basel 1971-2007. https: / / www.schwabeonline.ch/ hwph. (Abgekürzt HWPh. Erfasst viele Begriffe aus den Gebieten der Geisteswissenschaften. Hier kann man beispielsweise nachschlagen, was Philosophen, Theologen und andere Gelehrte zu verschiedenen Zeiten unter ›Seele‹ verstanden haben.) Reallexikon für Antike und Christentum. Sachwörterbuch zur Auseinandersetzung des Christentums mit der antiken Welt. Hg. v. Theodor Klauser u.-a. Stuttgart 1950 ff. (Abgekürzt RAC. Dieses philosophisch-theologische begriffsgeschichtliche Wörter‐ buch benutzt man bei allen Fragen, die das Fortwirken der Antike im Christentum betreffen. Hier erfährt man beispielsweise unter dem Stichwort ›fatum‹, wie die antike Vorstellung vom Schicksal an die christliche der göttlichen Vorhersehung angepasst wurde.) Theologische Realenzyklopädie. Hg. v. Gerhard Krause u. Gerhard Müller. 36 Bde. Berlin, New York 1977-2004. https: / / doi.org/ 10.1515/ tre. (Abgekürzt TRE. Erfasst wie das ›Historische Wörterbuch der Philosophie‹ weite Be‐ reiche der geisteswissenschaftlichen Terminologie; hier kann man sich beispielsweise 336 13 Informationsmöglichkeiten und Literaturhinweise ebenfalls über die Begriffsgeschichte von ›Seele‹ informieren. Der Schwerpunkt liegt aber auf der Geschichte der theologischen Diskurse.) Historisches Wörterbuch der Rhetorik. Hg. v. Gert Ueding. 12. Bde. Tübingen 1992- 2015. https: / / doi.org/ 10.1515/ hwro. (Abgekürzt HWR. Wegen der Bedeutung der Rhetorik für die ältere Dichtung zugleich das maßgebliche Wörterbuch zur antiken, mittelalterlichen und frühneu‐ zeitlichen poetologischen Terminologie und damit zur älteren Dichtungstheorie. Hier erfährt man beispielsweise, wer wann welche Vorstellungen davon hatte, was eine Metapher ist und leistet.) Ästhetische Grundbegriffe. Historisches Wörterbuch in sieben Bänden. Hg. v. Kar‐ heinz Barck u.-a. Stuttgart, Weimar 2000-2005. (Informiert über die kunsttheoretische und damit auch über die literaturtheoretische Terminologie seit dem 18.-Jahrhundert, berücksichtigt dabei aber jeweils die Vorge‐ schichte der behandelten Begriffe - wie etwa ›Autor‹ oder ›Form‹ - seit der Antike.) 13.10 Literatur zu den einzelnen Kapiteln Die Reihenfolge der Literaturangaben entspricht jeweils der Reihenfolge der in den Kapiteln behandelten Themen und Texte. Kapitel-1 Horst Günther: Neuzeit, Mittelalter, Altertum. In: Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd.-6 (1984), Sp. 781-798. Hans-Werner Goetz: Moderne Mediävistik. Stand und Perspektiven der Mittelalter‐ forschung. Darmstadt 1999. Peter von Moos: Gefahren des Mittelalterbegriffs. Diagnostische und präventive Aspekte. In: Modernes Mittelalter. Neue Bilder einer populären Epoche. Hg. v. Joachim Heinzle. Frankfurt a. M., Leipzig 1994, S.-33-63. Manuel Braun (Hg.): Wie anders war das Mittelalter? Fragen an das Konzept der Alterität. Göttingen 2013. Alexander Demandt: Philosophie der Geschichte. Von der Antike zur Gegenwart. Köln u.-a. 2011. Christian Kiening: Zwischen Mittelalter und Neuzeit? Aspekte der Epochenschwel‐ lenkonzeption. In: Mitteilungen des Deutschen Germanistenverbandes 49 (2002), S.-264-277. 13.10 Literatur zu den einzelnen Kapiteln 337 Marcel Lepper u.-a. (Hg.): Entdeckung der frühen Neuzeit. Konstruktionen einer Epoche der Literatur- und Sprachgeschichte seit 1750. Stuttgart 2011. Friedrich Jaeger: Neuzeit als kulturelles Sinnkonzept. In: Handbuch der Kulturwis‐ senschaften. Bd.-1: Grundlagen und Schlüsselbegriffe. Hg. v. Friedrich Jaeger u. Burkard Liebsch. Stuttgart, Weimar 2004, S.-506-531. Karlheinz Stierle: Francesco Petrarca. Ein Intellektueller im Europa des 14. Jahrhun‐ derts. Heidelberg 2012. Kapitel-2 Werner Besch u.-a. (Hg.): Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. 2. Aufl. 2. Teilband. Berlin, New York 2000. Darin insbesondere folgende Beiträge: Dieter Greuenich: Soziokulturelle Voraussetzungen, Sprachraum und Diagliederung des Althochdeutschen, S.-1144-1155. Thomas Klein: Soziokulturelle Voraussetzungen und Sprachraum des Altniederdeutschen (Altsächsischen), S.-1241-1247. Ursula Rautenberg: Soziokulturelle Voraussetzungen und Sprachraum des Mittelhochdeutschen, S.-1294-1304. Robert Peters: Soziokulturelle Voraussetzungen und Sprachraum des Mittelniederdeutschen, S.-1409-1422. Hans-Joachim Solms: Soziokulturelle Voraussetzungen und Sprachraum des Frühneuhochdeutschen, S.-1513-1527. Peter Dinzelbacher, Werner Heinz: Europa in der Spätantike 300-600. Eine Kultur- und Mentalitätsgeschichte. Darmstadt 2007. Hans-Werner Goetz: Europa im frühen Mittelalter 500-1050. Stuttgart 2003. Franz Neiske: Europa im frühen Mittelalter 500-1050. Eine Kultur- und Mentalitäts‐ geschichte. Darmstadt 2007. Anton Grabner-Haider u.-a.: Kulturgeschichte des frühen Mittelalters. Von 500 bis 1200 n. Chr. Göttingen 2010. Michael Borgolte: Europa entdeckt seine Vielfalt 1050-1250. Stuttgart 2002. Peter Dinzelbacher: Europa im Hochmittelalter 1050-1250. Eine Kultur- und Men‐ talitätsgeschichte. Darmstadt 2003. Joachim Bumke: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. 11. Aufl. München 2005. Werner Paravicini: Die ritterlich-höfische Kultur des Mittelalters. 3. Aufl. München 2011. Gudrun Gleba: Klöster und Orden im Mittelalter. 4. Aufl. Darmstadt 2011. 338 13 Informationsmöglichkeiten und Literaturhinweise Uta Störmer-Caysa: Einführung in die mittelalterliche Mystik. Stuttgart 2004. Michael North: Europa expandiert 1250-1500. Stuttgart 2007. Johannes Grabmayer: Europa im späten Mittelalter 1250-1500. Eine Kultur- und Mentalitätsgeschichte. Darmstadt 2004. Günter Vogler: Europas Aufbruch in die Neuzeit 1500-1650. Stuttgart 2003. Thomas A. Brady u.-a. (Hg.): Handbook of European History in the Late Middle Ages, Renaissance and Reformation 1400-1600. 2 Bde. Leiden 1994-1995. Anette Völker-Rasor (Hg.): Frühe Neuzeit. 3. Aufl. München 2010. Bea Lundt: Europas Aufbruch in die Neuzeit 1500-1800. Eine Kultur- und Mentali‐ tätsgeschichte. Darmstadt 2009. Richard van Dülmen: Kultur und Alltag in der Frühen Neuzeit. 3 Bde. 4. Aufl. München 2005. Paul Münch: Lebensformen in der frühen Neuzeit. Berlin 1998. Hans-Jörg Gilomen: Wirtschaftsgeschichte des Mittelalters. München 2014. Peter Kreutz: Recht im Mittelalter. Grundzüge der älteren europäischen Rechtsge‐ schichte. Ein Studienbuch. 2. Aufl. Berlin 2013. Arnold Angenendt: Geschichte der Religiosität im Mittelalter. 4. Aufl. Darmstadt 2009. Luise Schorn-Schütte: Die Reformation. Vorgeschichte - Verlauf - Wirkung. 7. Aufl. München 2017. Thomas Kaufmann: Geschichte der Reformation. Frankfurt a. M. 2009. Ulrich Nonn: Mönche, Schreiber und Gelehrte. Bildung und Wissenschaft im Mittelalter. Darmstadt 2012. Martin Kintzinger: Wissen wird Macht. Bildung im Mittelalter. 2. Aufl. Ostfildern 2007. Notker Hammerstein (Hg.): Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte. Bd. 1: 15. bis 17. Jahrhundert. Von der Renaissance und der Reformation bis zum Ende der Glaubenskämpfe. München 1996. Andreas Gardt (Hg.): Buchkultur und Wissensvermittlung in Mittelalter und Früher Neuzeit. Berlin 2011. Günther Böhme: Bildungsgeschichte des europäischen Humanismus. Darmstadt 1986. Paul Oskar Kristeller: Humanismus und Renaissance. 2 Bde. München 1974-1976. Gerlinde Huber-Rebenich (Hg.): Lehren und Lernen im Zeitalter der Reformation. Methoden und Funktionen. Tübingen 2012. 13.10 Literatur zu den einzelnen Kapiteln 339 3.1 3.2 Kapitel-3 Klaus Grubmüller: Sprache und ihre Verschriftlichung in der Geschichte des Deut‐ schen. In: Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. 2. Aufl. Hg. v. Werner Besch u. a. 1. Teilband. Berlin, New York 1998, S.-300-310. Manfred Günter Scholz: Die Entstehung volkssprachlicher Schriftkultur in Westeu‐ ropa. In: Schrift und Schriftlichkeit. Ein interdisziplinäres Handbuch internatio‐ naler Forschung. Hg. v. Hartmut Günther u. Otto Ludwig. 1. Halbband. Berlin, New York 1994, S.-555-572. Peter Stein: Schriftkultur. Eine Geschichte des Schreibens und Lesens. 2. Aufl. Darmstadt 2010. Werner Besch u.-a. (Hg.): Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. 2. Aufl. 2. Teilband. Berlin, New York 2000. Darin folgende Beiträge: Alexander Schwarz: Die Textsorten des Althochdeutschen, S.-1222-1231. Willy Sanders: Die Textsorten des Altniederdeutschen (Altsächsischen), S. 1276- 1282. Hannes Kästner, Bernd Schirok: Die Textsorten des Mittelhochdeutschen, S. 1365- 1384. Jürgen Meier, Dieter Möhn: Die Textsorten des Mittelniederdeutschen, S.-1470- 1477. Hannes Kästner u.-a.: Die Textsorten des Frühneuhochdeutschen, S.-1605-1623. Mechthild Habermann (Hg.): Textsorten und Textallianzen um 1500. Ein Handbuch. Berlin 2009. Wolfgang Haubrichs, Herwig Wolfram: Theodiscus. In: Reallexikon der germani‐ schen Altertumskunde, Bd.-30 (2005), S.-421-433. Wolfgang Haubrichs (Hg.): Deutsch - Wort und Begriff. Zeitschrift für Literaturwis‐ senschaft und Linguistik 24 (1994), Heft 94. Jürgen Fohrmann: Das Projekt der deutschen Literaturgeschichte. Entstehung und Scheitern einer nationalen Poesiegeschichtsschreibung zwischen Humanismus und deutschem Kaiserreich. Stuttgart 1989. Ernst Robert Curtius: Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter. Bern 1948. 11. Aufl. Tübingen, Basel 1993. Walter J. Ong: Oralität und Literalität. Die Technologisierung des Wortes. 2. Aufl. Wiesbaden 2016. 340 13 Informationsmöglichkeiten und Literaturhinweise 3.3 Ursula Schaefer: Zum Problem der Mündlichkeit. In: Modernes Mittelalter. Neue Bilder einer populären Epoche. Hg. v. Joachim Heinzle. Frankfurt a. M., Leipzig 1999, S.-357-375. Rosamond McKitterick: Books, Scribes and Learning in the Frankish Kingdoms, 6th-9th Centuries. Aldershot 1994. Dennis Green: Medieval Listening and Reading. Cambridge 1994. Horst Wenzel: Hören und Sehen, Schrift und Bild. Kultur und Gedächtnis im Mittelalter. München 1995. Horst Brunner, Norbert Richard Wolf (Hg.): Wissensliteratur im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit. Bedingungen, Typen, Publikum, Sprache. Wiesbaden 1993. Edith Marold: Wandel und Konstanz in der Darstellung der Figur des Dietrich von Bern. In: Heldensage und Heldendichtung im Germanischen. Hg. v. Heinrich Beck. Berlin, New York 1988, S.-149-182. Timo Felber: Literatur um 1200. Hartmanns Dichtung im literaturhistorischen Kontext. In: Hartmann von Aue. Eine literaturwissenschaftliche Einführung. Hg. v. Cordula Kropik. Tübingen 2021, S.-15-44. Michael Curschmann: Dichter alter mære. In: Grundlagen des Verstehens mittelal‐ terlicher Literatur. Literarische Texte und ihr historischer Erkenntniswert. Hg. v. Gerhard Hahn u. Hedda Ragotzky. Stuttgart 1992, S.-55-71. Eike von Repgow: Der Sachsenspiegel. Hg. v. Clausdieter Schott. 3. Aufl. Zürich 1996 (Niederdeutsch mit Übersetzung). Sachsenspiegel. Landrecht und Lehnrecht. Hg. v. Friedrich Ebel. Stuttgart 2012 (Mitteldeutsch). Heiner Lück: Über den Sachsenspiegel. Entstehung, Inhalt und Wirkung des Rechts‐ buches. 3. Aufl. Dössel 2013. Christa Bertelsmeier-Kierst: Kommunikation und Herrschaft. Zum volkssprachli‐ chen Verschriftlichungsprozess des Rechts im 13.-Jahrhundert. Stuttgart 2008. Stefan Sonderegger: Geschichte deutschsprachiger Bibelübersetzungen in Grundzü‐ gen. In: Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. 2. Aufl. Hg. v. Werner Besch u. a. 1. Teilband. Berlin, New York 1998, S.-229-284. Freimut Löser: Deutsche Bibelübersetzungen im 14.-Jahrhundert. In: Jahrbuch der Oswald-von-Wolkenstein-Gesellschaft 12 (2000), S.-311-323. Gerhard Hahn: Literatur und Konfessionalisierung. In: Die Literatur im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Hg. v. Werner Röcke u. Marina Münkler. München, Wien 2004, S.-242-262. Manfred Fuhrmann: Latein und Europa. Geschichte des gelehrten Unterrichts in Deutschland von Karl dem Großen bis Wilhelm II. Köln 2001. 13.10 Literatur zu den einzelnen Kapiteln 341 3.4 Sonja Glauch: Die Martianus-Capella-Bearbeitung Notkers des Deutschen. 2 Bde. Tübingen 2000. Bernhard Dietrich Haage, Wolfang Wegner: Deutsche Fachliteratur der Artes in Mittelalter und früher Neuzeit. Berlin 2007. Uta Lindgren: Die Artes liberales in Antike und Mittelalter. Bildungs- und wissen‐ schaftsgeschichtliche Entwicklungslinien. München 2004. Michael Stolz: Artes-liberales-Zyklen. Formationen des Wissens im Mittelalter. 2 Bde. Tübingen, Basel 2004. Georg Steer: Geistliche Prosa. In: Die deutsche Literatur im späten Mittelalter. Zweiter Teil. 1250-1370. Reimpaargedichte, Drama, Prosa. Hg. v. Ingeborg Glier. München 1987, S.-306-370. René Wetzel (Hg.): Die Predigt im Mittelalter zwischen Mündlichkeit, Bildlichkeit und Schriftlichkeit. Zürich 2010. Regina Schiewer (Hg.): Die deutsche Predigt um 1200. Ein Handbuch. Berlin 2008. Hans-Jochen Schiewer: German Sermons in the Middle Ages. In: The Sermon. Hg. v. Beverly M. Kienzle. Turnhout 2000, S.-115-142. Günther Lanczkowski u.-a.: Heilige/ Heiligenverehrung. In: Theologische Realenzyklopädie, Bd.-14 (1986), S.-641-672. Edith Feistner: Historische Typologie der deutschen Heiligenlegende des Mittelal‐ ters von der Mitte des 12.-Jahrhunderts bis zur Reformation. Wiesbaden 1995. Andreas Hammer: Erzählen vom Heiligen. Narrative Inszenierungsformen von Heiligkeit im Passional. Berlin 2015. Julia Weitbrecht u.-a. (Hg.): Legendarisches Erzählen. Optionen und Modelle in Spätantike und Mittelalter. Berlin 2019. Der deutsche »Lucidarius«. Hg. von Dagmar Gottschall u.-a. 3. Bde. Berlin 1994. Robert Luff: Wissensvermittlung im europäischen Mittelalter. ›Imago Mundi‹-Werke und ihre Prologe. Tübingen 1999. (Zum ›Lucidarius‹.) Klaus Grubmüller: Meister Esopus. Untersuchungen zu Geschichte und Funktion der Fabel im Mittelalter. Zürich, München 1977. Otfrid Ehrismann: Fabeln, Mären, Schwänke und Legenden im Mittelalter. Eine Einführung. Darmstadt 2011. Geert H. M. Claassens u.-a. (Hg.): Germania Litteraria Mediaevalis Francigena. Handbuch der deutschen und niederländischen mittelalterlichen Sprache, For‐ men, Motive, Stoffe und Werke französischer Herkunft (1100-1300). 7 Bde. Berlin, Boston 2010-2015. (Bd.-1: Die Rezeption lateinischer Wissenschaft, Spiritualität, Bildung und Dichtung aus Frankreich; Bd. 2: Sprache und Verskunst; Bd. 3: Lyri‐ sche Werke; Bd. 4: Historische und religiöse Erzählungen; Bd. 5: Höfischer Roman 342 13 Informationsmöglichkeiten und Literaturhinweise in Vers und Prosa; Bd.-6: Kleinepik, Tierepik, Allegorie und Wissensliteratur; Bd.-7: Gesamtregister) Joachim Bumke: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. 11. Aufl. München 2005. Beate Kellner u.-a. (Hg.): Handbuch Minnesang. Berlin, Boston 2021. Gaby Herchert: Einführung in den Minnesang. Darmstadt 2010. Gert Hübner: Minnesang im 13.-Jahrhundert. Eine Einführung. Tübingen 2008. Marie-Sophie Masse, Stephanie Seidl (Hg.): Texte dritter Stufe. Deutschsprachige Antikenromane in ihrem lateinisch-romanischen Kontext. Berlin, Münster 2016. Elisabeth Lienert: Deutsche Antikenromane des Mittelalters. Berlin 2001. Bernd Bastert: Helden als Heilige. Chanson de geste-Rezeption im deutschsprachigen Raum. Tübingen, Basel 2010. Thordis Hennings: Französische Heldenepik im deutschen Sprachraum. Die Rezep‐ tion der Chansons de Geste im 12. und 13.-Jahrhundert. Heidelberg 2008. Susanne Friede, Dorothea Kullmann (Hg.): Das Potenzial des Epos. Die altfranzösi‐ sche Chanson de geste im europäischen Kontext. Heidelberg 2012. Leah Tether, Johnny McFadyen (Hg.): Handbook of Arthurian Romance. King Arthur’s Court in Medieval European Literature. Berlin, Boston 2017. Wolfgang Achnitz: Deutschsprachige Artusdichtung des Mittelalters. Eine Einfüh‐ rung. Berlin, Boston 2012. Volker Mertens: Der deutsche Artusroman. Stuttgart 2007. Monika Schulz: Gottfried von Straßburg: Tristan. Stuttgart 2017. Christoph Huber: Gottfried von Straßburg: Tristan. 3. Aufl. Berlin 2013. Romane des 15. und 16.-Jahrhunderts. Nach den Erstdrucken mit sämtlichen Holzschnitten hg. v. Jan-Dirk Müller. Frankfurt a. M. 1990. Manuel Braun: Historie und Historien. In: Die Literatur im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Hg. v. Werner Röcke u. Marina Münkler. München, Wien 2004, S.-317-361, 649-653. Werner Röcke: Fiktionale Literatur und literarischer Markt. Schwankliteratur und Prosaroman. In: Die Literatur im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Hg. v. Werner Röcke u. Marina Münkler. München, Wien 2004, S.-463-506. Lorenz Böninger: Die deutsche Einwanderung nach Florenz im Spätmittelalter. Leiden, Boston 2006 (zu Arigo). Luisa Rubini Messerli: Boccaccio deutsch. Die Dekameron-Rezeption in der deut‐ schen Literatur (15.-17.-Jahrhundert). 2 Bde. Amsterdam 2012. 13.10 Literatur zu den einzelnen Kapiteln 343 4.1 4.2 Kapitel-4 Craig Kallendorf u.-a.: Dichtung. In: Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Bd.-2 (1994), Sp. 676-736. Rainer Rosenberg: Literarisch/ Literatur. In: Ästhetische Grundbegriffe, Bd. 3 (2010), S.-665-693. Stefanie Arend: Einführung in Rhetorik und Poetik. Darmstadt 2012. Quintus Horatius Flaccus: Ars Poetica. Die Dichtkunst. Lateinisch/ Deutsch. Übers. u. hg. v. Eckart Schäfer. Stuttgart 2011. Manfred Fuhrmann: Die Dichtungstheorie der Antike. Aristoteles-- Horaz-- ›Lon‐ gin‹. Eine Einführung. Düsseldorf 2003. Roman Müller: Antike Dichtungslehre. Themen und Theorien. Tübingen 2012. Manfred Fuhrmann: Die antike Rhetorik. Eine Einführung. 6. Aufl. Düsseldorf 2011. Aurelius Augustinus: Die christliche Bildung (De doctrina Christiana). Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Karla Pollmann. Stuttgart 2013. Paul Klopsch: Einführung in die Dichtungslehren des lateinischen Mittelalters. Darmstadt 1980. Alastair J. Minnis (Hg.): The Cambridge History of Literary Criticism. Vol. 2: The Middle Ages. Cambridge 2005. Rita Copeland u.-a. (Hg.): Medieval Grammar and Rhetoric. Language Arts and Literary Theory, AD 300-1475. Oxford 2009. (Galfrid von Vinsauf: ) Ernest Gallo: The Poetria nova and its sources in early rhetorical doctrine. Den Haag, Paris 1971 (Ausgabe mit englischer Übersetzung). Margaret F. Nims: Geoffrey of Vinsauf, Poetria nova. Toronto 2010. Joachim Knape: Poetik und Rhetorik in Deutschland 1300-1700. Wiesbaden 2006. Gert Hübner: Geschichte der Poetik im Mittelalter. In: Poetik und Poetizität. Hg. v. Ralf Simon. Berlin, Boston 2018, S.-86-103. Walter Haug: Literaturtheorie im deutschen Mittelalter. 2. Aufl. Darmstadt 2009. Fritz Peter Knapp: Historie und Fiktion in der mittelalterlichen Gattungspoetik. Sieben Studien und ein Nachwort. Heidelberg 1997. Fritz Peter Knapp: Historie und Fiktion in der mittelalterlichen Gattungspoetik II. Zehn neue Studien und ein Vorwort. Heidelberg 2005. Sonja Glauch: Fiktionalität im Mittelalter. In: Fiktionalität. Ein interdisziplinäres Handbuch. Hg. v. Tobias Klauk u. Tilmann Köppe. Berlin 2014, S.-385-418. Sonja Glauch: An der Schwelle zur Literatur. Elemente einer Poetik des höfischen Erzählens. Heidelberg 2009. Dorothea Klein u. a. (Hg.): Sangspruch / Spruchsang. Ein Handbuch. Berlin, Boston 2019. 344 13 Informationsmöglichkeiten und Literaturhinweise 4.3 4.4 Meisterlieder des 16. bis 18. Jahrhunderts. Hg. v. Eva Klesatschke u. Horst Brunner. Tübingen 1993. Glyn P. Norton (Hg.): The Cambridge History of Literary Criticism. Vol. 3: The Renaissance. Cambridge 1999. Volkhard Wels: Der Begriff der Dichtung in der Frühen Neuzeit. Berlin 2009. Jörg Robert: Konrad Celtis und das Projekt der deutschen Dichtung. Studien zur humanistischen Konstitution von Poetik, Philosophie, Nation und Ich. 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Johann Gottfried Herder: Abhandlung über den Ursprung der Sprache. In: ders.: Werke. Bd. 1: Frühe Schriften 1764-1772. Hg. v. Ulrich Gaier. Frankfurt a. M. 1985, S.-695-810. Johann Gottfried Herder: Werke. Bd.-3: Volkslieder, Übertragungen, Dichtungen. Hg. v. Ulrich Gaier. Frankfurt a. M. 1990. Christel Meier, Martina Wagner-Egelhaaf (Hg.): Autorschaft. Ikonen, Stile, Institu‐ tionen. Berlin 2011. Alastair J. Minnis: Medieval Theory of Authorship. Scholastic Literary Attitudes in the Later Middle Ages. 2. Aufl. Philadelphia 2010. Monika Unzeitig: Autorname und Autorschaft. Bezeichnung und Konstruktion in der deutschen und französischen Erzählliteratur des 12. und 13.-Jahrhunderts. Berlin 2010. Ursula Peters: Das Ich im Bild. Die Figur des Autors in volkssprachigen Bilderhand‐ schriften des 13. bis 16.-Jahrhunderts. Köln 2008. 13.10 Literatur zu den einzelnen Kapiteln 345 4.5 Rüdiger Schnell: Autor und Werk im deutschen Mittelalter. In: Wolfram-Studien 15 (1998), S.-12-73. Sandra Linden, Christopher Young (Hg.): Ulrich von Liechtenstein. Leben-- Zeit-- Werk-- Forschung. Berlin, New York 2010. Oswald von Wolkenstein: Lieder. Frühneuhochdeutsch/ Neuhochdeutsch. Ausge‐ wählte Texte hg., übers. u. komm. v. Burghart Wachinger. Melodien u. Tonsätze hg. u. komm. v. Horst Brunner. Stuttgart 2007. Ulrich Müller, Margarete Springeth (Hg.): Oswald von Wolkenstein. Leben - Werk - Rezeption. Berlin, New York 2011. Sebastian Brant: Das Narrenschiff. Studienausgabe. Mit allen 114 Holzschnitten des Drucks Basel 1494. Hg. v. Joachim Knape. Stuttgart 2005. Nikolaus Henkel: Sebastian Brant: Studien und Materialien zu einer Archäologie des Wissens um 1500. Basel 2021. Manuel Braun: Historie und Historien. In: Die Literatur im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Hg. v. Werner Röcke u. Marina Münkler. München, Wien 2004, S.-317-361. Romane des 15. und 16.-Jahrhunderts. Nach den Erstdrucken mit sämtlichen Holzschnitten hg. v. Jan-Dirk Müller. Frankfurt a. M. 1990. Fortunatus. Studienausgabe nach der Editio princeps von 1509. Hg. v. Hans-Gert Roloff. Stuttgart 2011. Historia von D. Johann Fausten. Text des Druckes von 1587. Mit Zusatztexten der Wolfenbütteler Handschrift und der zeitgenössischen Drucke. Hg. v. Stephan Füssel u. Hans Joachim Kreutzer. Stuttgart 2012. Marina Münkler: Narrative Ambiguität. Die Faustbücher des 16. bis 18. Jahrhunderts. Göttingen 2011. Stefan Seeber: Diesseits der Epochenschwelle: Der Roman als vormoderne Gattung in der deutschen Literatur. Göttingen 2017. Kapitel-5 Sabine Griese u. a.: Die Leseliste. Kommentierte Empfehlungen. aktual. Aufl. Stutt‐ gart 2020. Wulf Segebrecht: Was sollen Germanisten lesen? Ein Vorschlag. 3. Aufl. Berlin 2006. Manfred Fuhrmann: Der europäische Bildungskanon. Frankfurt a. M. 2004. Harold Bloom: The Western Canon. New York 1994. Renate von Heydebrand (Hg.): Kanon-- Macht-- Kultur. Theoretische, historische und soziale Aspekte ästhetischer Kanonbildungen. Stuttgart, Weimar 1998. 346 13 Informationsmöglichkeiten und Literaturhinweise 5.1 5.2 5.3 5.4 5.5 5.6 5.7 Gabriele Rippl, Simone Winko (Hg.): Handbuch Kanon und Wertung. Theorien, Instanzen, Geschichte. Stuttgart 2013. Matthias Freise (Hg.): Wertung und Kanon. Heidelberg 2010. Zu den Texten der Lektüreliste sind im Folgenden Einführungen angegeben. Wo solche nicht existieren, stehen Hinweise auf einführende Kapitel aus einer Litera‐ turgeschichte oder ein bis drei jüngere Forschungsbeiträge, die den Einstieg in die Forschungsliteratur ermöglichen. Nicht eigens aufgelistet sind die einschlägigen Artikel in den unter 13.7 genannten Lexika. Victor Millet: Germanische Heldendichtung im Mittelalter. Eine Einführung. Berlin, New York 2008. Wolfgang Haubrichs: Die Anfänge. Versuche volkssprachiger Schriftlichkeit im frühen Mittelalter (ca. 700-1050/ 60). 2. Aufl. Frankfurt a.-M. 1995 (Geschichte der deutschen Literatur von den Anfängen bis zum Beginn der Neuzeit, Band I, Teil-1), S.-260-312. Thomas Kerth: King Rother and His Bride. Quest and Counter-Quests. Rochester 2010. Sarah Bowden: Bridal-Quest Epics in Medieval Germany. A Revisionary Approach. London 2012. Armin Schulz: Erzähltheorie in mediävistischer Perspektive. 2. Aufl. Berlin u. a. 2015, S.-191-204. (Zum Brautwerbungsschema.) Bernd Bastert: Helden als Heilige. Chanson-de-geste-Rezeption im deutschsprachi‐ gen Raum. Tübingen 2010. Elisabeth Lienert: Deutsche Antikenromane des Mittelalters. Berlin 2001. Beate Kellner u.a (Hg.): Handbuch Minnesang. Berlin, Boston 2021. Dorothea Klein u. a. (Hg.): Sangspruch / Spruchsang. Ein Handbuch. Berlin, Boston 2019. Thomas Bein: Deutschsprachige Lyrik des Mittelalters. Von den Anfängen bis zum 14.-Jahrhundert. Eine Einführung. Berlin 2017. Franz Josef Holznagel: Geschichte der deutschen Lyrik. Bd.-1: Mittelalter. Stuttgart 2013. Gert Hübner: Minnesang im 13.-Jahrhundert. Eine Einführung. Tübingen 2008. Horst Brunner u. a.: Walther von der Vogelweide. Epoche - Werk - Wirkung. 2. Aufl. München 2009. Otfrid Ehrismann: Einführung in das Werk Walthers von der Vogelweide. Darmstadt 2008. Manfred Günter Scholz: Walther von der Vogelweide. 2. Aufl. Stuttgart, Weimar 2005. 13.10 Literatur zu den einzelnen Kapiteln 347 5.8 5.9 5.10 5.11 / 5.12 5.13 5.14 5.15 5.16 5.17 Thomas Bein: Walther von der Vogelweide. Stuttgart 1997. Cordula Kropik (Hg.): Hartmann von Aue. Eine literaturwissenschaftliche Einfüh‐ rung. Tübingen 2021. Ludger Lieb: Hartmann von Aue. Erec - Iwein - Gregorius - Armer Heinrich. Berlin 2020. Wolfgang Achnitz: Deutschsprachige Artusdichtung des Mittelalters. Eine Einfüh‐ rung. Berlin, Boston 2012. Volker Mertens: Der deutsche Artusroman. 2. Aufl. Stuttgart 2007. Jürgen Wolf: Einführung in das Werk Hartmanns von Aue. Darmstadt 2007. Elisabeth Lienert: Mittelhochdeutsche Heldenepik. Eine Einführung. Berlin 2015. Ursula Schulze: Das Nibelungenlied. 2. Aufl. Stuttgart 2013. Nine R. Miedema: Einführung in das ›Nibelungenlied‹. Darmstadt 2011. Jan-Dirk Müller: Das Nibelungenlied. 3. Aufl. Berlin 2009. Monika Schulz: Gottfried von Straßburg: Tristan. Stuttgart 2017. Christoph Huber: Gottfried von Straßburg: Tristan. 3. Aufl. Berlin 2013. Tomas Tomasek: Gottfried von Straßburg. Stuttgart 2007. Joachim Heinzle: Wolfram von Eschenbach. Dichter der ritterlichen Welt---Leben, Werke, Nachruhm. Basel 2019. Heiko Hartmann: Einführung in das Werk Wolframs von Eschenbach. Darmstadt 2015. Joachim Heinzle (Hg.): Wolfram von Eschenbach. Ein Handbuch. 2 Bde. Berlin 2011. Michael Dallapiazza: Wolfram von Eschenbach. Parzival. Berlin 2009. John Greenfield, Lydia Miklautsch: Der ›Willehalm‹ Wolframs von Eschenbach. Eine Einführung. Berlin, New York 1998. Klaus Grubmüller: Die Ordnung, der Witz und das Chaos. Eine Geschichte der europäischen Novellistik im Mittelalter. Fabliau - Märe - Novelle. Tübingen 2006. Tobias Bulang: Enzyklopädische Dichtungen. Fallstudien zu Wissen und Literatur in Spätmittelalter und früher Neuzeit. Berlin 2011. Gert Hübner: Erzählung und praktischer Sinn. Heinrich Wittenwilers ›Ring‹ als Gegenstand einer praxeologischen Narratologie. In: Poetica 42 (2010), S. 215-242. Albrecht Dröse: Poetik des Widerstreits. Konflikt und Transformation der Diskurse im ›Ackermann‹ des Johannes von Tepl. Heidelberg 2013. Ulrich Müller, Margarethe Springeth (Hg.): Oswald von Wolkenstein. Leben-- Werk-- Rezeption. Berlin, New York 2011. Thüring von Ringoltingen: Melusine (1456) nach dem Erstdruck Basel: Richel um 1473/ 74. Hg. v. André Schnyder u.-a. 2 Bde. Wiesbaden 2006. (mit Einführung, Erläuterungen und Bibliographie) 348 13 Informationsmöglichkeiten und Literaturhinweise 5.18 5.19 5.20 5.21 6.1 Kemmis, Deva u.-a. (Hg.): Melusine’s footprint. Tracing the legacy of a medieval myth. Leiden/ Boston 2017. Christian Kiening: Fortunatus. Eine dichte Beschreibung. Mit Beiträgen von Pia Selmayr, Zürich 2021. Udo Friedrich: Providenz - Kontingenz - Erfahrung. Der Fortunatus im Spannungs‐ feld von Episteme und Schicksal in der Frühen Neuzeit. In: Erzählen und Episteme. Literatur im 16.-Jahrhundert. Hg. v. Beate Kellner u.-a. Berlin, New York 2011, S.-125-156. Jürgen Schulz-Grobert: Das Straßburger Eulenspiegelbuch. Studien zu entstehungs‐ geschichtlichen Voraussetzungen der ältesten Drucküberlieferung. Tübingen 1999. Gert Hübner: Eulenspiegel und die historischen Sinnordnungen. Plädoyer für eine praxeologische Narratologie. In: Literaturwissenschaftliches Jahrbuch 53 (2012), S.-175-206. Matthias Dietrich: Inhalt und Darstellung. Das Faustbuch von 1587 zwischen enzy‐ klopädischem und exemplarisch-didaktischem Erzählen. In: Enzyklopädisches Erzählen und vormoderne Romanpoetik (1400-1700). Hg. v Mathias Herweg u. a. Wiesbaden 2019, S.-243-253. Gudrun Bamberger: Poetologie im Prosaroman. Fortunatus - Wickram - Faustbuch. Würzburg 2018. Marina Münkler: Narrative Ambiguität. Die Faustbücher des 16. bis 18. Jahrhunderts. Göttingen 2011. Oliver Bach: Narr | ation. Zum Erkenntniswert poetischer Imagination im utopi‐ schen Diskurs des Lalebuchs (1597). In: Vom Eigenwert der Literatur. Reflexionen zu Funktion und Relevanz literarischer Texte. Hg. v. Andrea Bartl u. a. Würzburg 2017, S.-125-145. Gerd Dicke: Morus und Moros - Utopia und Lalebuch: Episteme auf dem Prüfstand lalischer Logik. In: Erzählen und Episteme: Literatur im 16.-Jahrhundert. Hg. v. Beate Kellner u.-a. Berlin; New York 2011, S.-197-224. Gert Hübner: Vom Scheitern der Nützlichkeit. Handlungskalküle und Erzählverfah‐ ren im ›Lalebuch‹. In: Zeitschrift für deutsche Philologie 127 (2008), S.-357-373. Kapitel-6 Werner Williams-Krapp: Die überlieferungsgeschichtliche Methode. Rückblick und Ausblick. In: Internationales Archiv für Sozialgeschichte der deutschen Literatur 25 (2000), S.-1-21. 13.10 Literatur zu den einzelnen Kapiteln 349 6.2 Karin Schneider: Paläographie und Handschriftenkunde für Germanisten. Eine Einführung. 3. Aufl. Tübingen 2014. Mathias Kluge (Hg.): Handschriften des Mittelalters. Grundwissen Kodikologie und Paläographie. 3. Aufl. Ostfildern 2019. Helmut Hilz: Buchgeschichte. Eine Einführung. Berlin, Boston 2019. Dorothea Klein (Hg.): Überlieferungsgeschichte transdisziplinär. Neue Perspektiven auf ein germanistisches Forschungsparadigma. Wiesbaden 2016. Bodo Plachta: Editionswissenschaft. Eine Einführung in Methode und Praxis der Edition neuerer Texte. 3. Aufl. Stuttgart 2013. Stephanie Hauschild: Skriptorium. Die mittelalterliche Buchwerkstatt. Darmstadt 2013. Claudia Brinker-von der Heyde: Die literarische Welt des Mittelalters. Darmstadt 2007. Christina Jakobi-Mirwald: Das mittelalterliche Buch. Funktion und Ausstattung. Stuttgart 2004. Codex Manesse. Die Große Heidelberger Liederhandschrift. Vollfaksimile. Mit Interimstexten v. Ingo F. Walther. Frankfurt a. M. 1975-1979. - Kommentar hg. v. Walter Koschorrek u. Wilfried Werner. Frankfurt a. M. 1981. (Digitalisat der Hs. unter: http: / / digi.ub.uni-heidelberg.de/ diglit/ cpg848.) Elmar Mittler, Wilfried Werner (Hg.): Codex Manesse. Ausstellungskatalog Heidel‐ berg 1988. Codex Manesse. Die Miniaturen der Großen Heidelberger Liederhandschrift. Hg. u. erläutert v. Ingo F. Walther. 5. Aufl. Frankfurt a. M. 1992. Maria Effinger (Hg.): Der Codex Manesse und die Entdeckung der Liebe. Eine Ausstel‐ lung der Universitätsbibliothek Heidelberg. Heidelberg 2010. (Als virtuelle Ausstellung unter: https: / / www.ub.uni-heidelberg.de/ ausstellungen/ manesse2010.html.) Christoph Fasbender (Hg.): Aus der Werkstatt Diebold Laubers. Berlin, Boston 2012. Ambraser Heldenbuch. Gesamttranskription mit Manuskriptbild. 11 Bde. Hg. v. Mario Klarer. Berlin, Boston 2022. Ambraser Heldenbuch. Vollständiges Faksimile im Originalformat. Kommentar von Franz Unterkirchner. Graz 1973. (Digitalisat der Hs. unter: http: / / data.onb.ac.at/ dt l/ 3332756.) Mario Klarer (Hg.): Kaiser Maximilian I. und das Ambraser Heldenbuch. Wien u.-a. 2019. Sieglinde Hartmann u. Robert Steinke (Hg.): Kaiser Maximilian I. (1459-1519) und die Hofkultur seiner Zeit. Wiesbaden 2009. Jan-Dirk Müller: Gedechtnus. Literatur und Hofgesellschaft um Maximilian I. München 1982. 350 13 Informationsmöglichkeiten und Literaturhinweise 6.3 6.4 Horst Wenzel: Mediengeschichte-- vor und nach Gutenberg. Darmstadt 2007. Jan-Dirk Müller: Formen literarischer Kommunikation im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. In: Die Literatur im Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Hg. v. Werner Röcke u. Marina Münkler. München, Wien 2004, S.-21-53. Uwe Neddermeyer: Von der Handschrift zum gedruckten Buch. Schriftlichkeit und Leseinteresse im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Quantitative und qualitative Aspekte. 2 Bde. Wiesbaden 1998. Michael Giesecke: Der Buchdruck in der frühen Neuzeit. 4. Aufl. Frankfurt a. M. 2006. Lars Flügge: Die Auswirkungen des Buchdrucks auf die Praxis des Schreibens. Marburg 2005. Ulrich Johannes Schneider (Hg.): Textkünste. Buchrevolution um 1500. Darmstadt 2016. Wolfgang Schmitz: Grundriss der Inkunabelkunde. Das gedruckte Buch im Zeitalter des Medienwechsels. Stuttgart 2018. Hartmann Schedel: Weltchronik. Kolorierte Gesamtausgabe von 1493. Einleitung und Kommentar v. Stephan Füssel. Köln u.-a. 2001. Elisabeth Rücker: Hartmann Schedels Weltchronik. Das größte Buchunternehmen der Dürer-Zeit. München 1988. Thomas Bein: Editionsphilologie. In: Literatur- und Kulturtheorien in der Germa‐ nistischen Mediävistik. Ein Handbuch. Hg. v. Christiane Ackermann u. Michael Egerding. Berlin, Boston 2015, S.-35-66. Thomas Bein: Textkritik. Eine Einführung in Grundlagen der Edition altdeutscher Dichtung. 2. Aufl. Frankfurt a. M. u.-a. 2011. Gertraud Mitterauer: Was ist Textkritik? Zur Geschichte und Relevanz eines Zent‐ ralbegriffs der Editionswissenschaft. Tübingen 2009. Freimut Löser: Postmodernes Mittelalter? »New philology« und »Überlieferungsge‐ schichte«. In: Kulturen des Manuskriptzeitalters. Hg. v. Arthur Groos. Göttingen 2004, S.-215-236. Jürgen Wolf: New Philology/ Textkritik. In: Germanistik als Kulturwissenschaft. Eine Einführung in neue Theoriekonzepte. Hg. v. Claudia Benthien u. Hans Rudolf Velten. Reinbek bei Hamburg 2002, S.-175-195. Kapitel-7 Christian Wagenknecht: Deutsche Metrik. Eine historische Einführung. 5. Aufl. München 2007. 13.10 Literatur zu den einzelnen Kapiteln 351 8.1 8.2-8.4 Burkhard Moennighoff: Metrik. Verslehre und Versgeschichte. 4. Aufl. Stuttgart 2020. Dieter Breuer: Deutsche Metrik und Versgeschichte. 4. Aufl. München 1999. Otto Paul, Ingeborg Glier: Deutsche Metrik. 9. Aufl. München 1993. Werner Hoffmann: Altdeutsche Metrik. 2. Aufl. Stuttgart 1981. Klaus von See: Germanische Verskunst. Stuttgart 1967. Andreas Heusler: Deutsche Versgeschichte. 3 Bde. Berlin 1925-1929. Zgoll, Christian, Römische Prosodie und Metrik. Ein Studienbuch mit Audiodateien. 2. Aufl. Darmstadt 2020. Stephan Flaucher: Lateinische Metrik. Eine Einführung. Stuttgart 2021. Tomas Tomasek u.-a.: Mittelhochdeutsche Metrik Online. www.uni-muenster.de/ MhdMetrikOnline. Kapitel-8 Martin Huber (Hg.): Wissensgeschichte und Wissensordnungen. In: Handbuch Wissenssoziologie und Wissensforschung. Hg. v. Rainer Schützeichel. Konstanz 2007, S.-795-856. Udo Friedrich: Ordnungen des Wissens - Ältere deutsche Literatur. In: Germanistik als Kulturwissenschaft. Eine Einführung in neue Theoriekonzepte. Hg. v. Claudia Benthien u. Hans Rudolf Velten. Reinbek bei Hamburg 2002, S.-83-102. Wilhelm Büttemeyer: Logik zur Einführung. Hamburg 2014. Jörg Hardy, Christoph Schamberger: Logik der Philosophie. Einführung in die Logik und Argumentationstheorie. Göttingen 2012. Ernst Tugendhat, Ursula Wolf: Logisch-semantische Propädeutik. Durchges. Ausg. Stuttgart 1993. Klaus Brinker u.-a.: Linguistische Textanalyse. Eine Einführung in Grundbegriffe und Methoden. 9. Aufl. Berlin 2018. Christina Gansel, Frank Jürgens: Textlinguistik und Textgrammatik. Eine Einfüh‐ rung. 3. Aufl. Göttingen 2009. Kirsten Adamzik: Textlinguistik. Eine einführende Darstellung. Tübingen 2004. Karl-Heinz Göttert: Einführung in die Rhetorik. Grundbegriffe, Geschichte, Rezep‐ tion. 4. Aufl. München 2009. Walther von der Vogelweide: Leich, Lieder Sangsprüche. 15. Aufl. Hg. von Thomas Bein. Berlin, New York 2013, S.-12. Horst Wenzel: Melancholie und Inspiration. Walther von der Vogelweide L. 8,4 ff. Zur Entwicklung des europäischen Dichterbildes. In: Walther von der Vogel‐ 352 13 Informationsmöglichkeiten und Literaturhinweise 8.5 8.6 9.1 9.2 9.3 / 9.4 weide. Beiträge zu Leben und Werk. Hg. v. Hans-Dieter Mück. Stuttgart 1989, S.-133-153. Jens Burkert: Walthers von der Vogelweide ›Reichston‹. Eine kritische Aufarbeitung der altgermanistischen und historischen Forschungsgeschichte. Frankfurt a.-M. 2015. Joachim Bumke: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. 11. Aufl. München 2005, S.-382-450 (zum höfischen Herrschaftsideal). Albrecht Hagenlocher: Der ›guote vride‹. Idealer Friede in deutscher Literatur bis ins frühe 14.-Jahrhundert. Berlin, New York 1992. Stefan Hohmann: Friedenskonzepte. Die Thematik des Friedens in der deutschspra‐ chigen politischen Lyrik des Mittelalters. Köln u.-a. 1992. John of Salisbury: Policraticus. Of the frivolities of courtiers and the footprints of philosophers. Ed. and transl. by Cary J. Nederman. Cambridge 1990. Kapitel-9 Daniel Fulda: Sinn und Erzählung - Narrative Kohärenzansprüche der Kulturen. In: Handbuch der Kulturwissenschaften. Bd.-1: Grundlagen und Schlüsselbegriffe. Hg. v. Friedrich Jaeger u. Burkhard Liebsch. Stuttgart, Weimar 2004, S.-251-265. Tilmann Köppe, Tom Kindt: Erzähltheorie. Eine Einführung. 2. Aufl. Stuttgart 2022. Matías Martínez, Michael Scheffel: Einführung in die Erzähltheorie. 11. Aufl. Mün‐ chen 2020. Eva von Contzen, Stefan Tilg (Hg.): Handbuch Historische Narratologie. Berlin 2019. Armin Schulz: Erzähltheorie in mediävistischer Perspektive. 2. Aufl. Berlin u. a. 2015. Monika Fludernik: Erzähltheorie. Eine Einführung. 4. Aufl. Darmstadt 2013. Matías Martínez (Hg.): Handbuch Erzählliteratur. Theorie, Analyse, Geschichte. Stuttgart 2011. Gérard Genette: Die Erzählung. Übers. von Andreas Knop. 3. Aufl. München 2010. Uta Störmer-Caysa: Grundstrukturen mittelalterlicher Erzählungen. Raum und Zeit im höfischen Roman. Berlin, New York 2007. Konrad von Würzburg: Engelhard. 3. Aufl. Hg. v. Ingo Reiffenstein. Tübingen 1982. Konrad von Würzburg: Engelhard. Nach dem Text von Ingo Reiffenstein ins Neu‐ hochdeutsche übertr., mit Stellenkommentar u. Nachwort v. Klaus Jörg Schmitz. Göppingen 1989. Marcus Tullius Cicero: Laelius. Über die Freundschaft. Lateinisch/ Deutsch. Hg. u. übers. v. Max Faltner. 3. Aufl. Berlin 2014. Rüdiger Brandt: Konrad von Würzburg. Kleinere epische Werke. 2. Aufl. Berlin 2009. 13.10 Literatur zu den einzelnen Kapiteln 353 Caroline Krüger: Freundschaft in der höfischen Epik um 1200. Diskurse von Nah‐ beziehungen. Berlin 2011. Silke Winst: Amicus und Amelius. Kriegerfreundschaft und Gewalt in mittelalterli‐ cher Erzähltradition. Berlin, New York 2009. Lena Oetjens: Amicus und Amelius im europäischen Mittelalter. Erzählen von Freundschaft im Kontext der Roland-Tradition, Texte und Untersuchungen. Wiesbaden 2016. Daniela Karner: Täuschung in Gottes Namen. Fallstudien zur poetischen Unter‐ laufung von Gottesurteilen in Hartmanns von Aue ›Iwein‹, Gottfrieds von Straßburg ›Tristan‹, Des Strickers ›Das heiße Eisen‹ und Konrads von Würzburg ›Engelhard‹. Frankfurt a. M. 2010. Albrecht Classen: Friendship in the middle ages. A Ciceronian Concept in Konrad von Würzburg’s ›Engelhard‹ (ca. 1280). In: Mittellateinisches Jahrbuch 41 (2006), S.-227-246. Walter Haug: Die höfische Liebe im Horizont der erotischen Diskurse des Mittelal‐ ters und der Frühen Neuzeit. Berlin 2004. Rüdiger Schnell: Causa amoris. Liebeskonzeption und Liebesdarstellung in der mittelalterlichen Literatur. Bern, München 1985. Rüdiger Schnell: Die ›höfische‹ Liebe als ›höfischer‹ Diskurs über die Liebe. In: Curialitas. Studien zu Grundfragen der höfisch-ritterlichen Kultur. Hg. v. Josef Fleckenstein. Göttingen 1990, S.-231-301. Andreas Speer: Aesthetics. In: The Oxford Handbook of Medieval Philosophy. Hg. v. John Marenbon. Oxford 2012, S.-661-686. Umberto Eco: Kunst und Schönheit im Mittelalter 8. Aufl. München 2011. Rüdiger Krüger: puella bella. Die Beschreibung der schönen Frau in der Minnelyrik des 12. und 13.-Jahrhunderts. Stuttgart 1993. Theo Stemmler (Hg.): Schöne Frauen-- Schöne Männer. Literarische Schönheitsbe‐ schreibungen. Tübingen 1988. Dorothea Klein: Amoene Orte. Zum produktiven Umgang mit einem Topos in mittelhochdeutscher Dichtung. In: Projektion-- Reflexion-- Ferne. Räumliche Vorstellungen und Denkfiguren im Mittelalter. Hg. v. Sonja Glauch u.-a. Berlin 2011, S.-61-84. Ernst Robert Curtius: Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter. 11. Aufl. Tübingen, Bern 1993. 354 13 Informationsmöglichkeiten und Literaturhinweise 10.1 / 10.2 10.3-10.5 10.6 Kapitel-10 Andreas Reckwitz: Die Transformation der Kulturtheorien. Zur Entwicklung eines Theorieprogramms. 3. Aufl. Weilerswist 2012. Karl H. Hörning: Kultur als Praxis. In: Handbuch der Kulturwissenschaften. Bd.-1: Grundlagen und Schlüsselbegriffe. Hg. v. Friedrich Jaeger und Burkhard Liebsch. Stuttgart, Weimar 2004, S.-139-151. Iris Därmann: Kulturtheorien zur Einführung. 3. Aufl. Hamburg 2017. Stephan Moebius: Kultur. Theorien der Gegenwart. 2. Aufl. Wiesbaden 2011. Jan Kusber u. a. (Hg.): Historische Kulturwissenschaften. Positionen, Praktiken und Perspektiven. Bielefeld 2010. 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Abb. 3: Text des ›Hildebrandslieds‹ in der Hs. Kassel (um 840), Univer‐ sitätsbibliothek / Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek Kassel, 2° Ms. theol. 54, fol. 1r und 76v. Abb. 4: Textbeginn in der ›Nibelungenlied‹-Handschrift C, Badische Lan‐ desbibliothek Karlsruhe, Cod. Donaueschingen 63, fol. 1r. Abb. 5: Vorrede des ›Sachsenspiegels‹ in der Handschrift W, Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, Cod. Guelf. 3.1 Aug. 2o, fol. 9v. Abb. 6: Titelblatt der Lutherbibel, Wittenberg 1534, Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek Dresden, S.B. 102. Abb. 7: Illustration aus dem Augsburger Edelstein-Druck von 1461 (Wolf und Schaf), Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, 16.1 Eth. 2° (1), fol. 6r. Abb. 8: Illustration aus der Handschrift G des ›Parzival‹ Wolframs von Eschenbach, Bayerische Staatsbibliothek München, Cgm 19, fol. 49v. Abb. 9: Miniatur zu den Liedern Konrads von Würzburg in der Manessi‐ schen Liederhandschrift (Codex Manesse), Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 848, fol. 383r. Abb. 10: Anfang des 1. Kapitels (Büchernarr) aus Sebastian Brants ›Nar‐ renschiff‹. Basel: Johann Bergmann von Olpe, 1494. Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek Dresden, Ink.394.4, fol. a4v. Abb. 11: Miniatur zu den Liedern Berngers von Horheim in der Manessi‐ schen Liederhandschrift (Codex Manesse), Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 848, fol. 178r. Abb. 12: ›Der Ackermann‹ des Johannes von Tepl. Textbeginn in der Handschrift B, Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 76, fol. 2r. Abb. 13: Titelblatt des ›Ulenspiegel‹-Drucks, Straßburg 1515, Universitäts‐ bibliothek Giessen, Rara 129, fol. a1r. Abb. 14: Das ›Bamberger Schreiberbild‹ vom Anfang einer Sammlung mit Werken des Kirchenvaters Ambrosius (Mitte 12.-Jahrhundert). Staatsbibliothek Bamberg, Msc.Patr.5, fol. 1v. (Foto: Gerald Raab) Abb. 15: Miniatur zu den Liedern Walthers von der Vogelweide in der Manessischen Liederhandschrift (Codex Manesse), Universitäts‐ bibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 848, fol. 124r. Abb. 16: ›Parzival‹-Handschrift aus der Werkstatt von Diebold Lauber, Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 339, fol. 168r. Abb. 17: Anfang des 1. Buchs Mose in der Gutenberg-Bibel, Mainz 1454. Niedersächsische Staats- und Universitätsbibliothek Göttingen, 2 BIBL I, 5955: 1 Inc. Rara, fol. 5r. Abb. 18: Passage aus der Vorrede des ›Evangelienbuchs‹ Otfrids von Wei‐ ßenburg in der Handschrift P, Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. lat. 52, fol. 9v. Abb. 19: Der ›Reichston‹ Walthers von der Vogelweide in der Manessi‐ schen Liederhandschrift (Codex Manesse), Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. germ. 848, fol. 125r. Abb. 20: Pose des einsam trauernden Denkers. Illustration aus dem Stutt‐ garter Psalter (1. Hälfte 9.-Jahrhundert), Württembergische Lan‐ desbibliothek Stuttgart, Cod.bibl.fol.23, fol. 55r. Abb. 21: Miniatur zu den Liedern Konrads von Altstetten in der Manessi‐ schen Liederhandschrift (Codex Manesse), Universitätsbibliothek Heidelberg, Cod. Pal. Germ. 848, fol. 249v. Abb. 22: Holzschnitt von 1532 zu Hans Sachs: ›Die hausmaid im pflug‹; aus: Hans Sachsens Dramen. Hg. v. Paul Merker u. Reinhard Buchwald. Leipzig 1924, S.-170. Abb. 23: Holzschnitt zur Novella III.3; aus: Giovanni Boccaccio: Dekame‐ ron. Venedig: Johannes und Gregorius de Gregoriis, 1492. Biblio‐ teca Nazionale Centrale di Firenze, B.R.365, fol. 5v. Abb. 24: Physiologus-Einhorn; aus: Rochester Bestiary, London, British Library, Royal MS 12, fol. 10v. Abb. 25: Physiologus-Biber; aus: Esopi appologi sive mythologi cum qui‐ busdam carminum et fabularum additionibus Sebastiani Brant. Basel 1501. Universitätsbibliothek Basel, AN VI 198, fol. L3r. Abb. 26: Christian Moritz Engelhardt: Herrad von Landsperg, Äbtissin zu Hohenburg, oder St. Odilien, im Elsass, im zwölften Jahrhundert und ihr Werk Hortus deliciarum. Stuttgart 1818, Tafel VIII. Uni‐ versitätsbibliothek Heidelberg, B 1441 B RES. 364 Bildnachweise S. 318 Sebastian Brant: Narrenschiff. Basel: Johann Bergmann von Olpe, 1494. Sächsische Landes- und Universitätsbibliothek Dresden, Ink.394.4, fol. b8v. Bildnachweise 365 Register Abgesang-193ff. Abvers-183f., 188ff., 197f. Adel-28-31, 33f., 36, 39f., 54f., 57, 69, 72ff., 78f., 112, 151, 155, 157, 213, 231, 273, 296, 305 Agricola, Rudolf-317 Allegorischer Schriftsinn-→ Schrift‐ sinn, vierfacher Alterität-15ff., 21 Alternation-173, 187, 189f., 193, 200 Altfranzösisch-72-80, 111 Althochdeutsch-19, 25-32, 49, 67f. Altniederdeutsch-25-32, 67 Altsächsisch-→ Altniederdeutsch Ambraser Heldenbuch-156f. ›Amicus und Amelius‹-238 Anagogischer Schriftsinn-→ Schrift‐ sinn, vierfacher Analogie 19, 207f., 211f., 214, 303f., 315f. Anonymität-59, 64, 68, 70, 106, 112f., 123, 126, 136, 138, 196 Antikenroman-74f., 78, 92, 110, 121 Anvers-183f., 188f., 197f. Äquivalenz-211, 252 ›Archiv‹ der Kultur-254, 257 Argument, Argumentation-203-208, 210-215, 232, 254, 301, 303, 305 Arigo, ›Dekameron‹-80 Aristoteles-37, 86, 263f., 288, 301, 306, 317 Artes liberales-68 Artusroman-32, 55f., 76-79, 88, 92, 125, 128, 157, 222, 224ff. Äsop-70, 72 Assonanzreim-186 Attila-→ Etzel Aufbruch des 12.-Jahrhunderts-33, 37, 69 Aufführungspraxis-103, 279 Aufgesang-193ff. Auftakt-189, 192, 194, 200 Augustinus-19, 90, 260f., 307f. Autonomie (literarische)-84, 87, 257 Autorschaft-83, 104-110 Avian-70 Bedeutung-12, 14ff., 18, 21, 23, 203-208, 211, 213-217, 219-222, 224f., 231, 236, 299-302 Bedeutungspraktiken-299-302, 311 Begriffliche Wissensordnung-→ Epis‐ teme Begriffsbeziehungen-206, 208, 210-215, 217, 252, 277, 292, 301, 303f., 316f., 320, 323 Bele conjointure-92 Beschwerte Hebung-189 Bettelorden-38, 43, 154 Bibelübersetzung-39, 63, 66 Blochziehen-282f., 286, 290 Blockbuch-158 Boccaccio, Giovanni-40, 280, 293, 296 Boethius-68 Bonaventura-104, 110 Boncompagno da Signa-308 Boner, Ulrich-71, 161 Bote, Hermann-139 Bourdieu, Pierre-288ff., 292f. Brant, Sebastian-107 ›Narrenschiff‹ 108f., 202, 316ff., 321- 324 Bretonischer Roman-74, 76, 111 Buchdruck 20, 22, 45, 79, 106-109, 145f., 155, 157-165, 258, 279 Bußbücher-259, 262f. ›Carmina Burana‹-198 Cellerarius, Christoph-20 Chanson de geste-75, 130 ›Chanson de Roland‹-75, 120 Chrétien de Troyes-78, 92f., 125, 128 Cicero-44, 104, 159, 237, 302 ›De inventione‹-302, 308, 317 ›Topica‹-303 Codex-147f. Curtius, Ernst Robert-48 Dame-73 Damen, Hermann-123 ›Der Heiligen Leben‹-69 Dichtungsbegriff-17, 81-98, 111, 128, 177ff., 203, 219, 258 Dietrich von Bern-51f., 68, 75, 126, 157 Diskurs 23, 203ff., 207, 225, 247-275, 277 Diskursanalyse-205, 247-275, 277, 292 ›Doppelwegmodell‹-125 Edition-146, 165-176 ›Eggenziehen‹-281, 285ff., 292 Eike von Repgow, ›Sachsenspiegel‹-62f., 117 Eilhart von Oberg, ›Tristrant‹-76, 191 Einblattdruck-158, 164, 196 Einkehrspiel-279, 282, 284ff., 292 Einzelhandschrift-148 Elisabeth von Nassau-Saarbrücken, ›Huge Scheppel‹-79 Elision-194 Endreim, Endreimvers-101f., 182, 184- 188 Enjambement-192 Epideiktische Rede-306 Epilog-241 Episteme-252f., 258 Epochen-18-22 Erasmus von Rotterdam-64, 316, 321 Erzählerische Vermittlung / discours 220, 226-230, 239-245, 252 Erzählerkommentar-228, 243 Erzählinstanz-225-228, 230 Bewertungsfunktion-228f., 241f., 244 Darstellungsfunktion-227, 229, 241 Erzählbezogene Funktion-227 Erzählung-219f., 226, 230-245 Ethos-207, 215, 241 Etzel-51f., 68, 126 Eulenspiegel-139, 141, 280 Exemplarisches Erzählen-219, 222, 224, 227, 239, 241, 245 Explizit-Formel-148 Fabel (Tierfabel)-70, 131, 161 Faksimile-165 Fastnacht, Fastnachtspiel-23, 107, 140, 277-287, 290, 292 Figur-220f. Figurenkonstruktion-59, 221, 223, 232, 234ff. Figurenrede-225, 229, 240, 243, 286 Fiktionalität-78, 85, 111, 113 Fin’amors-→ Höfische Liebe Finale Motivierung-225f., 235, 239f. Fischart, Johann-140, 207 Flugschrift-164 Register 367 Foliierung-148 Folz, Hans-107, 109, 279 ›Fortunatus‹-113, 138 Foucault, Michel-248, 252-257, 277 Frauendienst-→ Höfische Liebe Frauenlob-123 Friedrich von Hausen-122 Frühneuhochdeutsch-19, 38-45, 168 Füllungsfreiheit-184, 187, 189-193, 196 Galen-263f. Galfrid von Vinsauf-91 Gedächtnis (individuelles, kollektives, kulturelles)-59, 97, 106, 177f. Geistliches Spiel-278f. Gemeines Deutsch-39 Genette, Gérard-220, 226-230 Geoffrey von Monmouth, ›Historia regum Britanniae‹-76 Gervinus, Georg Gottfried-116 Geschichte / histoire (erzähltheoretisch)-220-226, 231-239 Geschichtsbegriff-15, 18-21, 310 Geschlechterrollen-72, 74, 281, 286 Geschlechtsverkehr-34, 255, 259-275 Gesellschaftsordnung-→ Rechtsord‐ nung Gewohnheitsrecht-62, 272-275 Gottfried von Straßburg, ›Tristan‹-34, 76, 88, 91f., 103, 106, 127, 155, 191, 226, 244f. Große Heidelberger Liederhandschrift-→ Manessische Liederhandschrift Grundherrschaft-28 Gutenberg, Johannes-45, 155, 158, 160 Habitus-205, 288ff., 293, 295f. Hadlaub, Johannes-150ff., 154 Hahn, Ulla-11-15, 17f., 23, 271 Handlungsgründe-221, 223ff., 230ff., 234f., 239f., 286 Handlungskonstruktion-221ff., 225, 234ff., 239 Handlungswissen-223, 245, 283, 286- 293 Handlungsziele und Handlungsfolgen-221, 223f., 231f., 234f., 240, 292, 322, 324 Handschrift-118, 145-157, 160, 165f., 170 Hartmann von Aue-78, 88 ›Armer Heinrich‹-56 ›Erec‹-125, 157 ›Iwein‹-55, 58, 103, 125, 157, 227f. Heiligenlegende-69, 110, 130, 238 Heilsgeschichte-205, 310 Heinrich VI., Kaiser-151, 215 Heinrich von Morungen-122, 195 Heinrich von München-110 Heinrich von Veldeke, ›Eneasroman‹-120f., 191, 227 Heldenepik (schriftlich) 58, 74f., 78, 106, 110, 112, 120, 126, 130, 157 Heldenlied (mündlich)-50-53, 59, 97- 103, 106, 118, 126, 182, 188 ›Heliand‹-101 Herrschaft-28f., 34, 36, 40, 43, 54, 72, 74, 78, 157, 207, 214, 222f. Hiat-194 Hierarchisierung-211, 213, 252 Hieronymus-64 ›Hildebrandslied‹-50f., 101, 118, 182, 184, 188 Hildebrandstrophe-196f., 199 Historia-87, 111ff., 137, 142 368 Register ›Historia von D. Johann Fausten‹-112, 141 Historische Diskursanalyse-255f., 275 Höfisch-72 Höfische Kultur-39f., 72ff., 79, 119, 157, 258 Höfische Liebe-73f., 78, 237, 267f., 270f. Höfischer Diskurs-258, 266-273 Höfischer Reimpaarvers-190ff. Höfischer Roman-34, 55f., 59, 74, 77, 91, 106, 110ff., 125, 127f., 157, 191 Hofkanzlei-54f., 149 Hofkleriker-55, 92 Holzschnitt-109, 158, 161-164, 321 Honorius Augustodunensis-70 Horaz-89, 91, 95, 180 Humanismus 19f., 22, 44f., 60, 71, 83, 86, 94ff., 107, 159-165, 278, 300, 316f. Hymnendichtung-185 Informationsregelung in Erzählungen-226, 229f. Initiale-148 Inkunabel-159, 161, 165 Interdiskurs-257f. Investiturstreit-36 Inzipit-148 Isidor von Sevilla-86 Jacobus de Voragine-69 Johannes von Salisbury-214, 217 Johannes von Tepl, ›Der Ackermann‹-134f., 161 ›Jüngeres Hildebrandslied‹-196 ›Kaiserchronik‹-99f., 148 Kanon-90f., 106, 115ff. Kanonisches Recht-→ Kirchenrecht Kanzleisprache-39 Kanzone-→ Stollenstrophe Karl der Große 26f., 32, 75, 97, 119f., 130 Karolingische Bildungsreformen 67, 90, 148 Kausalbeziehung-206, 211f., 214, 219, 252, 320, 324 Kausale Motivierung-219, 237, 239, 242f., 245 Kirche-21, 28f., 36ff., 43f., 52, 64, 115, 129, 214, 262, 300, 310 Kirchenlied-44, 199f. Kirchenrecht-37, 62, 259, 262, 274f. Kleine Heidelberger Liederhandschrift-170 Kleriker-29f., 33, 36f., 43f., 49f., 52, 54ff., 64, 67, 69, 97f., 103, 121, 148, 154, 159, 164, 259, 262 Klingende Kadenz-186f., 189, 192 Kloster-28f., 31, 69, 144, 149, 158 Knittelvers-202 Kolophon-148, 160 ›König Rother‹-119 Konjektur-168f., 172f. Konrad, ›Rolandslied‹-75, 120, 130 Konrad von Würzburg-123, 231-239, 313 ›Engelhard‹-23, 166-169, 205, 219, 226, 231-245, 268, 271, 273, 304, 306f. Kontinuität-15ff., 22, 27, 33, 157 Körper-72, 74, 208, 216, 221, 238, 265, 267, 271, 273, 275, 280, 291 Kultur-15ff., 20, 25, 47, 53, 62, 73, 203f., 248-251, 254f., 287 Kulturelle Ordnung-23 Kulturelle Praktik-203f., 247, 250, 277, 281, 286f., 293-297 Register 369 Kulturelles Wissen 203ff., 207, 213-217, 223f., 234, 236, 242, 245, 247-251, 255, 257, 259, 275, 277, 281, 287, 293-297, 299, 304 Kupferstich-158 Kürenberger-190 Lachmann, Karl-169 Laien-29, 31, 33, 37, 44, 49f., 52, 55f., 64, 67, 69, 98, 121, 262 Laienfrömmigkeit-37f., 69 ›Lalebuch‹-143, 229 Lamprecht, ›Alexanderroman‹-149 ›Lancelot en prose‹-79, 111 Langvers-183f., 188, 197f. Latein-19, 25, 27, 29, 32, 36, 44, 48ff., 60, 62, 64, 66-72, 88-96, 104, 109, 111, 116, 154, 159, 161, 163, 165, 177, 179, 181, 186, 198, 200, 278 Lauber, Diebold-155f. ›Legenda aurea‹-69 Legende-→ Heiligenlegende Lehen-28, 34 Leithandschrift-170, 172f. Liebe-→ Höfische Liebe Liebeskrankheit 234, 237, 239, 265, 267f. Lied 11f., 44, 49, 57, 73, 93, 97f., 100, 103, 106f., 109f., 122ff., 136, 150ff., 172, 177, 179, 194, 199 Literarische Schriftlichkeit-55, 61 Literaturbegriff-81-87, 92-96, 108, 111, 116 Literaturexplosion-154f., 158 ›Lucidarius‹-70 Luther, Martin-39, 43f., 63-67, 96, 117, 159, 163f., 199f. Manesse, Rüdiger-151f. Manessische Liederhandschrift-82, 124, 149-152, 154, 170, 216, 272 Märendichtung-131, 157, 293, 295f. Marner-123 Martianus Capella-68 Matthäus von Vendôme-234, 303 Maximilian I., Kaiser-156f. Mäzen-55 Medizin 37, 216, 237f., 243, 255, 263-266 Meistergesang-93f., 123, 136, 195 Melanchthon, Philipp-96 Melodie 59, 107, 122, 182, 188f., 193, 200 Mentelin, Johann-64 Metaphorik-12, 14, 16, 18, 207f., 210ff., 214, 271, 284 Metrisches Schema-194 Ministeriale-55ff., 72 Minnesang-32, 34, 56f., 73, 110, 121ff., 136, 149, 152, 189f., 193f. Mittelhochdeutsch-11f., 19, 25, 32-39, 54-59, 111, 168 Mittelniederdeutsch-25, 27, 32, 38 ›Mönch als Liebesbote A‹-293, 295 Moralischer Schriftsinn-→ Schriftsinn, vierfacher Morus, Thomas-143 Mündlichkeit-32, 50, 52ff., 56-59, 61f., 97-103, 145, 177f., 273 Munt-273 Mystik-38 Nationalliteratur-47f. Naturdeutung-311, 313ff. Nebentonreim-186 Neuhochdeutsch-19, 25, 39 Neulateinische Literatur-45, 95 ›Nibelungenlied‹ 57ff., 75, 106, 110, 119, 126, 157, 166, 175, 188ff., 197 370 Register Nibelungenstrophe, Nibelungenvers-188ff., 196, 198 Niederdeutsch-19, 26f., 32, 38, 163 Notker der Deutsche-27, 68 Offenbarungswahrheit-23, 205, 300, 308-311, 316 Okzitanisch-73 Opitz, Martin-180, 202 Opposition-211, 222, 233, 252, 317 Oral poetry-102 Ordo artificialis/ naturalis-228 Oswald von Wolkenstein-107, 136, 154 Otfrid von Weißenburg, ›Evangelienbuch‹-30f., 49, 52, 66, 90, 99, 101f., 118f., 153, 184ff., 309 Ovid-36, 91, 104, 116, 121, 265f. Paginierung-148 Papier-146, 154, 158 Papyrus-146f. Pathos-207, 215, 217 Patrizier-41, 60, 79, 151, 162 Paulus-260f. Pergament-145-148, 158 Petrarca, Francesco-20 Pfister, Albrecht-161 ›Physiologus‹-311, 313f., 316 Platon-86, 144, 206 Plausibilität-23, 86, 207f., 245, 285, 301- 308, 315 Plinius d. Ältere, ›Naturalis historia‹-311 Poetik (Dichtungslehre)-45, 86, 88f., 91, 94ff., 234, 306 Pragmatische Schriftlichkeit-55, 61, 69, 149, 154 Pragmatismus-287 Praktischer Sinn-→ Habitus Praktische Wissensordnung-283, 285, 290f., 294 Praxeologie, Praxisanalyse-277, 281, 287, 292-297 Predigt-38, 69 Prolog-55, 58f., 241 Prosa-61f., 64, 67, 69f., 72, 76, 78ff., 89, 95, 101, 103, 111-114, 137, 139, 178 ›Prosa-Lanzelot‹-79 Prosaroman-79, 111-114, 137ff., 142f., 178, 219 Rechtsordnung 28f., 34, 36, 40, 43, 62, 72, 78, 132, 134, 140, 211, 214, 243f., 273ff. Reformation 20, 22, 38, 43ff., 69, 71, 161, 163ff., 280, 300 Reim-12, 179ff., 186, 189f., 192, 194, 197f., 201 Reimbrechung-192 Reinmar der Alte-122, 193 Reinmar von Zweter-32, 123 Renaissance-20f., 44 Renaissance des 12.-Jahrhunderts-91f., 121 Rezeption-152, 157 Rhetorik-36, 45, 67f., 83, 88f., 94f., 109, 207f., 215, 241, 245, 300-308, 316, 320, 324 Ried, Hans-156f. Ritter-56, 72ff., 78, 106 Ritual-205, 282-286, 290-293 ›Roman d’Énéas‹-74f., 121 Römisches Recht-37, 62 Rosenplüt, Hans-279 Rubrik-148 Rudolf von Fenis-122 Rumelant von Sachsen-123 Register 371 Sachs, Hans-80, 94, 140, 201f., 279f., 284ff., 291f. ›Die hausmaid im pflug‹-283 ›Ein lobspruch der statt Nürnberg‹-41, 201 Säftelehre-265 Sammelhandschrift-148 Sangspruchdichtung 93, 121ff., 136, 149, 152, 190, 194f., 313, 315 Scaliger, Julius Caesar-95 Schedel, Hartmann, ›Schedelsche Weltchronik‹-19, 41, 161f. Scherer, Wilhelm-116 Scholastik-36, 154 Schöne Literatur / Belletristik-82f., 257ff. Schreibwerkstatt-→ Skriptorium Schriftlichkeit-26, 32f., 39, 47, 49-72, 80f., 97f., 100, 102f., 106, 109f., 146, 158, 177f., 185, 187, 192, 228 Schriftsinn, vierfacher-308f., 311, 314f. Schule (Dom-, Kloster-, Stadt)-29, 36, 54f., 60, 67f., 90, 96 Sexualität-→ Geschlechtsverkehr Sigle-170, 172f. Sinnliche Erkenntnis-85, 87 Skriptorium-148f., 154f. Stabreim, Stabreimvers-101, 182-185 Stadt-34, 37, 40-45, 60f., 94, 112, 151, 162, 164, 278ff., 284f. Steinhöwel, Heinrich, ›Esopus‹-72 Stollenstrophe-122, 190, 193-196 Strophe-59, 110, 123f., 166, 169f., 172, 177-182, 186-190, 193-199 Subjektivität-83, 87 Textkritischer Apparat-169, 172 Textvariabilität-109f., 169f., 172f., 175 Thematische Wiederaufnahme-206, 210, 212 Theoderich der Große-→ Dietrich von Bern Thomasin von Zerclaere, ›Der Welsche Gast‹-92f., 104 Thomas von England-76, 127 Thüring von Ringoltingen, ›Melusine‹-79, 137 Titelblatt-160 Tonsilbe-183, 192 Topik, Topos-301-304, 313, 315ff., 320, 322ff. Topoi, formale-301, 304, 320 Topoi, materiale-301, 304, 316, 320 Transkription-165, 167 Tristanroman-35, 76, 88, 127 Trobador-73 trois matières (Epik)-74 Überlieferung-22, 28, 52, 62, 97f., 110, 145-175, 178, 278 Überlieferungsgeschichte-146, 165 Ulrich von Liechtenstein-106 Unfeste Texte-109f. Universität-37, 45, 60, 96, 116, 154 Vadianus ( Joachim von Watt)-96 Vagantenstrophe-196, 198 Variante-110, 172f., 175 Vasallität-28 Vaterunser-26, 29f., 32, 37, 39 Verfasserschaft-→ Autorschaft Vergil 36, 75, 90, 104, 116, 121, 159, 227f. Verkehrte Welt-280 Vers 17, 23, 52, 55, 59, 61, 69f., 81, 89, 97, 101, 103, 111, 177-184, 186-194, 196f., 372 Register 199-202, 258 akzentuierender 179ff., 184, 190, 196, 199ff. quantitierender-179f. silbenzählender-179f., 190, 199-202 Vierfacher Schriftsinn-→ Schriftsinn, vierfacher Vokalität-103 Volksliedstrophen-196 Vollreim-186 Vorauer Sammelhandschrift-148f. Vorsehung-225f., 235, 239, 320 Vulgata-64 Wace, ›Roman de Brut‹-76, 92 Waise-194 ›Waltharius‹-68 Walther von der Vogelweide-11f., 14, 17f., 23, 122f., 151ff., 169-172, 174, 190, 195, 205, 208-212, 215ff., 267f. Watt, Joachim von-96 Weingartner Liederhandschrift-170 Weltalter-19f., 310 Weltchronik-19f., 41, 99, 110, 161ff., 310 Weltreiche-20, 149, 310 Wiegendruck-→ Inkunabel Wirklichkeit, Wirklichkeitskonstruktion-15, 23, 87, 203ff., 238, 249ff., 253, 255, 275, 287, 299-302, 308, 310-324 Wissen- begrifflich-diskursives-247f., 277, 285, 289 explizites-248 implizites-248, 288 kulturelles-247 praktisches-62, 207, 223, 245, 247f., 289, 293-297 Wissensordnung-→ Diskurs Wittenwiler, Heinrich, ›Der Ring‹-132 Wolfram von Eschenbach-78, 191 ›Parzival‹-77, 126, 128, 130, 155f., 191f., 213, 227f. ›Willehalm‹-130 Wolgemut, Michael-162 Zäsur-192 Zeitordnung in Erzählungen-226, 228f. Zumthor, Paul-103 Register 373 uistik \ Literaturgeschichte \ Anglistik \ Bauwesen \ Fremdsprachendidaktik \ DaF \ Germanistik \ Literaturwissenschaft \ Rechtswissenschaft \ Historische Sprach senschaft \ Slawistik \ Skandinavistik \ BWL \ Wirtschaft \ Tourismus \ VWL \ Maschinenbau \ Politikwissenschaft \ Elektrotechnik \ Mathematik & Statistik schaft \ Slawistik \ Skandinavistik \ BWL \ Wirtschaft \ Tourismus \ VWL \ Maschinenbau \ Politikwissenschaft \ Elektrotechnik \ Mathematik & Stat \ Management \ Altphilologie \ Sport \ Gesundheit \ Romanistik \ Theologie \ Kulturwissenschaften \ Soziologie \ Theaterwissenschaft \ Geschichte \ anagement \ Altphilologie \ Sport \ Gesundheit \ Romanistik \ Theologie \ Kulturwissenschaften \ Soziologie \ Theaterwissenschaft \ Geschicht Spracherwerb \ Philosophie \ Medien- und Kommunikationswissenschaft \ Linguistik \ Literaturgeschichte \ Anglistik \ Bauwesen \ Fremdsprachendidaktik \ acherwerb \ Philosophie \ Medien- und Kommunikationswissenschaft \ Linguistik \ Literaturgeschichte \ Anglistik \ Bauwesen \ Fremdsprachendidakt DaF \ Germanistik \ Literaturwissenschaft \ Rechtswissenschaft \ Historische Sprachwissenschaft \ Slawistik \ Skandinavistik \ BWL \ Wirtschaft \ Tourismus F \ Germanistik \ Literaturwissenschaft \ Rechtswissenschaft \ Historische Sprachwissenschaft \ Slawistik \ Skandinavistik \ BWL \ Wirtschaft \ Tourism \ VWL \ Maschinenbau \ Politikwissenschaft \ Elektrotechnik \ Mathematik & Statistik \ Management \ Altphilologie \ Sport \ Gesundheit \ Romanistik \ WL \ Maschinenbau \ Politikwissenschaft \ Elektrotechnik \ Mathematik & Statistik \ Management \ Altphilologie \ Sport \ Gesundheit \ Romanist Theologie \ Kulturwissenschaften \ Soziologie \ Theaterwissenschaft \ Geschichte \ Spracherwerb \ Philosophie \ Medien- und Kommunikationswissenschaft ologie \ Kulturwissenschaften \ Soziologie \ Theaterwissenschaft \ Geschichte \ Spracherwerb \ Philosophie \ Medien- und Kommunikationswissensc \ Linguistik \ Literaturgeschichte \ Anglistik \ Bauwesen \ Fremdsprachendidaktik \ DaF \ Germanistik \ Literaturwissenschaft \ Rechtswissenschaft \ nguistik \ Literaturgeschichte \ Anglistik \ Bauwesen \ Fremdsprachendidaktik \ DaF \ Germanistik \ Literaturwissenschaft \ Rechtswissenscha Historische Sprachwissenschaft \ Slawistik \ Skandinavistik \ BWL \ Wirtschaft \ Tourismus \ VWL \ Maschinenbau \ Politikwissenschaft \ Elektrotechnik \ orische Sprachwissenschaft \ Slawistik \ Skandinavistik \ BWL \ Wirtschaft \ Tourismus \ VWL \ Maschinenbau \ Politikwissenschaft \ Elektrotechn Mathematik & Statistik \ Management \ Altphilologie \ Sport \ Gesundheit \ Romanistik \ Theologie \ Kulturwissenschaften \ Soziologie \ Theaterwissenhematik & Statistik \ Management \ Altphilologie \ Sport \ Gesundheit \ Romanistik \ Theologie \ Kulturwissenschaften \ Soziologie \ Theaterwiss schaft Linguistik \ Literaturgeschichte \ Anglistik \ Bauwesen \ Fremdsprachendidaktik \ DaF \ Germanistik \ Literaturwissenschaft \ Rechtswissenschaft \ aft Linguistik \ Literaturgeschichte \ Anglistik \ Bauwesen \ Fremdsprachendidaktik \ DaF \ Germanistik \ Literaturwissenschaft \ Rechtswissenscha Historische Sprachwissenschaft \ Slawistik \ Skandinavistik \ BWL \ Wirtschaft \ Tourismus \ VWL \ Maschinenbau \ Politikwissenschaft \ Elektrotechnik \ orische Sprachwissenschaft \ Slawistik \ Skandinavistik \ BWL \ Wirtschaft \ Tourismus \ VWL \ Maschinenbau \ Politikwissenschaft \ Elektrotechn Mathematik & Statistik \ Management \ Altphilologie \ Sport \ Gesundheit \ Romanistik \ Theologie \ Kulturwissenschaften \ Soziologie \ Theaterwissenhematik & Statistik \ Management \ Altphilologie \ Sport \ Gesundheit \ Romanistik \ Theologie \ Kulturwissenschaften \ Soziologie \ Theaterwiss schaft \ Geschichte \ Spracherwerb \ Philosophie \ Medien- und Kommunikationswissenschaft \ Linguistik \ Literaturgeschichte \ Anglistik \ Bauwesen aft \ Geschichte \ Spracherwerb \ Philosophie \ Medien- und Kommunikationswissenschaft \ Linguistik \ Literaturgeschichte \ Anglistik \ Bauwe \ Fremdsprachendidaktik \ DaF \ Germanistik \ Literaturwissenschaft \ Rechtswissenschaft \ Historische Sprachwissenschaft \ Slawistik \ Skandinavistik emdsprachendidaktik \ DaF \ Germanistik \ Literaturwissenschaft \ Rechtswissenschaft \ Historische Sprachwissenschaft \ Slawistik \ Skandinav \ BWL \ Wirtschaft \ Tourismus \ VWL \ Maschinenbau \ Politikwissenschaft \ Elektrotechnik \ Mathematik & Statistik \ Management \ Altphilologie \ WL \ Wirtschaft \ Tourismus \ VWL \ Maschinenbau \ Politikwissenschaft \ Elektrotechnik \ Mathematik & Statistik \ Management \ Altphilolog Sport \ Gesundheit \ Romanistik \ Theologie \ Kulturwissenschaften \ Soziologie \ Theaterwissenschaft \ Geschichte \ Spracherwerb \ Philosophie \ rt \ Gesundheit \ Romanistik \ Theologie \ Kulturwissenschaften \ Soziologie \ Theaterwissenschaft \ Geschichte \ Spracherwerb \ Philosoph ien- und Kommunikationswissenschaft \ Linguistik \ Literaturgeschichte \ Anglistik \ Bauwesen \ Fremdsprachendidaktik \ DaF \ Germanistik \ Literaturwissensc BUCHTIPP Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG \ Dischingerweg 5 \ 72070 Tübingen \ Germany Tel. +49 (0)7071 97 97 0 \ Fax +49 (0)7071 97 97 11 \ info@narr.de \ www.narr.de Cordula Kropik (Hrsg.) Hartmann von Aue Eine literaturwissenschaftliche Einführung 1. Auflage 2021, 400 Seiten €[D] 26,90 ISBN 978-3-8252-5562-6 eISBN 978-3-8385-5562-1 Hartmann von Aue gehört zu den wichtigsten deutschsprachigen Dichtern des Mittelalters. Als solcher ist er nicht nur in der Forschung, sondern auch akademischen Lehre außerordentlich präsent. Sich im weiten Feld der Forschung einen Überblick zu verschaffen ist jedoch gerade für Studierende schwierig. Diese Einführung erleichtert den Zugang zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit Hartmann von Aue und ermöglicht weiterreichende Einsichten ins Werk dieses ‚Klassikers‘ der mittelhochdeutschen Literatur. Sie stellt zentrale Fragen, Ansätze und Methoden der Hartmannforschung verständlich dar. Die Kapitel sind von Forscher: innen verfasst, die in jüngster Zeit selbst zu den jeweiligen Themen gearbeitet haben. Damit repräsentiert sie den aktuellen Stand der Forschung und veranschaulicht zugleich die Vielfalt des Fachdiskurses. BUCHTIPP „Erzählen im deutschen Mittelalter“ führt in die zentralen erzählenden Texte und narrativen Gattungen des deutschen Mittelalters ein. Es stellt die Bedingungen des mittelalterlichen Literaturbetriebs dar, die in vielfacher Hinsicht ganz andere sind als heute. Die Texte werden in die wichtigsten theologischen und philosophischen Denkmuster des 12. und 13. Jahrhunderts eingebunden, in denen das Diesseits, Welt als Welt des Menschen, entdeckt wird. In bildender Kunst und Architektur ist dies im Übergang von der Romanik zur Gotik zu fassen. Die erzählenden (wie auch die lyrischen) Texte um 1200 handeln von Individuen, die keineswegs nur als Typen agieren, sondern sich in unterschiedlicher Weise sehr deutlich von der Gesellschaft abheben. Sie finden am Ende sich selbst. Das Buch stellt Themen und Typen, Umwelt und Weltbilder, Umstände und Bedingungen mittelalterlichen Erzählens zwischen 1150 und 1250 dar. Und weil die Texte höchst vergnüglich sind, kommen sie ausführlich zu Wort, nicht nur die Klassiker. Das Buch ist daher für die Prüfungsvorbereitung bestens geeignet. Joachim Theisen Erzählen im deutschen Mittelalter Eine Einführung 1. Auflage 2017, 455 Seiten €[D] 19,99 eISBN 978-3-8385-4836-4 eOnly Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG \ Dischingerweg 5 \ 72070 Tübingen \ Germany Tel. +49 (0)7071 97 97 0 \ Fax +49 (0)7071 97 97 11 \ info@narr.de \ www.narr.de Gert Hübner Ältere deutsche Literatur 3. Auflage Dieser Band erläutert auf anschauliche Weise die historischen Grundbedingungen der Älteren deutschen Literatur vom 9. bis zum 16. Jahrhundert. Er stellt die Orte der Produktion und Rezeption deutschsprachiger Texte vor und zeichnet die Ausbreitung der Schriftlichkeit, die Entwicklung des Dichtungsbegriffs und wichtige Aspekte der Geschichte von Versdichtung und Prosaliteratur nach. Verfahren des Bedeutungsaufbaus in poetischen Texten werden anhand von konkreten Beispielen vorgestellt und es wird gezeigt, wie diese als Teil der mittelalterlichen Kulturen analysiert und interpretiert werden können. Tipps zur Informations- und Literaturrecherche sowie Hinweise auf weiterführende Lektüre runden den Band ab. Die dritte Auflage wurde durchgesehen und um jüngste Forschungsergebnisse und -tendenzen erweitert. Literaturwissenschaft Ältere deutsche Literatur 3. A. Hübner Dies ist ein utb-Band aus dem Narr Francke Attempto Verlag. utb ist eine Kooperation von Verlagen mit einem gemeinsamen Ziel: Lehr- und Lernmedien für das erfolgreiche Studium zu veröffentlichen. utb.de QR-Code für mehr Infos und Bewertungen zu diesem Titel ISBN 978-3-8252-5942-6 2023-05-03_5942-6_Hübner_M_2766_PRINT.indd Alle Seiten 2023-05-03_5942-6_Hübner_M_2766_PRINT.indd Alle Seiten 03.05.23 10: 28 03.05.23 10: 28