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Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach!

Klare Antworten aus erster Hand

0216
2026
978-3-8385-6105-9
978-3-8252-6105-4
UTB 
Florian Wagner
10.36198/9783838561059

In dieser Einführung zur Geschichte von Kolonialismus und Antikolonialismus erklärt Florian Wagner, wie Europa fast die ganze Welt erobern konnte. Er zeigt, dass der Kolonialismus nicht nur eine vergangene Epoche der Gewaltherrschaft war, sondern bis heute Folgen für Menschen, Kultur und Umwelt hat. Mit besonderem Blick auf die Erfahrungen der Kolonisierten erzählt das Buch von ihrem alltäglichen Widerstand und dem Aufstieg schlagkräftiger antikolonialer Bewegungen. Ein abschließendes Kapitel widmet sich aktuellen Debatten um Erinnerungspolitik, koloniale Beutekunst und die Umbenennung von Straßennamen. Für Studierende der Geschichte, Politik- und Kulturwissenschaften und alle, die sich für den Kolonialismus und seine Nachwirkungen interessieren. Frag doch einfach! Die utb-Reihe geht zahlreichen spannenden Themen im Frage-Antwort-Stil auf den Grund. Ein Must-have für alle, die mehr wissen und verstehen wollen.

9783838561059/9783838561059.pdf
<?page no="0"?> Florian Wagner Kolonialismus und Antikolonialismus? Klare Antworten aus erster Hand Frag doch einfach! <?page no="1"?> utb 6105 Eine Arbeitsgemeinschaft der Verlage Brill | Schöningh - Fink · Paderborn - Vandenhoeck & Ruprecht · Göttingen - Böhlau · Wien · Köln Verlag Barbara Budrich · Opladen · Toronto facultas · Wien Walter de Gruyter · Berlin · Boston Haupt Verlag · Bern Verlag Julius Klinkhardt · Bad Heilbrunn Mohr Siebeck · Tübingen Narr Francke Attempto Verlag - expert verlag · Tübingen Psychiatrie Verlag · Köln Psychosozial-Verlag · Gießen Ernst Reinhardt Verlag · München transcript Verlag · Bielefeld Verlag Eugen Ulmer · Stuttgart UVK Verlag · München Waxmann · Münster · New York wbv Publikation · Bielefeld Wochenschau Verlag · Frankfurt am Main UTB (M) Impressum_09_25_4c.indd 1 UTB (M) Impressum_09_25_4c.indd 1 17.09.2025 16: 06: 23 17.09.2025 16: 06: 23 <?page no="2"?> Dr. Florian Wagner leitet ein Forschungsprojekt zur Rückmigration in der DFG-Forschungsgruppe Freiwilligkeit an der Universität Erfurt. #fragdocheinfach Alle Bände der Reihe finden Sie am Ende des Buches. <?page no="3"?> Florian Wagner Kolonialismus und Antikolonialis‐ mus? Frag doch einfach! Klare Antworten aus erster Hand <?page no="4"?> DOI: https: / / doi.org/ 10.36198/ 9783838561059 © UVK Verlag 2026 ‒ Ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikro‐ verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Heraus‐ geber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Einbandgestaltung: siegel konzeption | gestaltung Druck: Elanders Waiblingen GmbH utb-Nr. 6105 ISBN 978-3-8252-6105-4 (Print) ISBN 978-3-8385-6105-9 (ePDF) ISBN 978-3-8463-6105-4 (ePub) Umschlagabbildung und Kapiteleinstiegsseiten: © bgblue - iStock Abbildungen im Innenteil: Figur, Lupe, Glühbirne: © Die Illustrationsagentur Abbildung Infografik und S. 73: © ii-graphics - Adobe Stock Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbi‐ bliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. <?page no="5"?> 9 13 14 17 18 19 21 23 26 29 34 36 Alle Fragen im Überblick Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was die verwendeten Symbole bedeuten . . . . . . . . . . . . . . . . Zahlen und Fakten über Kolonialismus und Antikolonialismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Definitionen und Begriffe des Kolonialen . . . . . . . . . . . . . . . . Warum war die Geschichtsschreibung zum Kolonialismus lange „eurozentrisch“ und was bedeutet dies? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Welche Phasen kennzeichnen die Kolonialgeschichte und wie stark ist ihre Einteilung vom Eurozentrismus geprägt? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Welche Bedeutung hatten die Kolonien für die deutsche Geschichte? . . Was bedeutete das Wendejahr 1990 für die Kolonialgeschichtsschreibung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Welche konkreten Auswirkungen hatte der Eurozentrismus auf die deutsche Kolonialgeschichtsschreibung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was bringt es, eine eurozentrische Geschichte des Kolonialismus durch eine ausdrückliche afrozentrische Perspektive zu ersetzen? . . . . . . . . . Warum reicht es nicht aus, Kolonialismus als Fremdherrschaft zu definieren? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was macht den europäischen Kolonialismus des 19. und 20. Jahrhunderts aus? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . <?page no="6"?> 39 43 49 50 53 54 56 58 61 62 66 70 71 76 79 83 86 88 89 91 Wie kann man Kolonialismus angesichts seiner noch heute spürbaren Folgen definieren? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was bedeuten die Begriffe Kolonialismus, Kolonisierung, Kolonialität, Imperialismus und Empire genau? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 . . . Ist der Kolonialismus eine Erfindung der „abendländischen“ Antike? . Gab es schon im Mittelalter eine deutsche Kolonisation im „Osten“? . . Ist das Mittelalter der Beweis dafür, dass Kolonialismus nicht nur von Europa ausging? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gab es eine islamische Sklaverei? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Konnte Kolonialismus in Amerika ohne Zwangsarbeit und Versklavung funktionieren? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was hatte Deutschland mit der Versklavung zu tun? . . . . . . . . . . . . . . . . Wie standen Missionare und Wissenschaftler zur kolonialen Eroberung? Wie lebten die Menschen im kolonisierten Amerika? . . . . . . . . . . . . . . . Wie kam es zur Dekolonisierung frühneuzeitlicher Imperien im 19. Jahrhundert? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Warum verschwand der Kolonialismus nach der amerikanischen Unabhängigkeit nicht? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Warum fühlten sich Kolonialkritiker: innen von der Aufklärung hintergangen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Warum taugte auch der aufkommende Liberalismus nicht als Befreiungsideologie? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Warum war Gewalt weiterhin ein zentrales Merkmal des Kolonialismus und wie äußerte sie sich in Eroberungs- und Herrschaftspraktiken? . . . Wie entstanden Kolonialverwaltungen und warum waren sie selten einheitlich? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wie waren die Kolonialverwaltungen organisiert? . . . . . . . . . . . . . . . . . Was bedeuten direkte und indirekte Herrschaft? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Waren Indigene in der Kolonialverwaltung „Kollaborateure“? . . . . . . . 6 Alle Fragen im Überblick <?page no="7"?> 94 97 100 103 104 108 111 115 116 118 121 125 129 133 137 142 145 147 Welche Folgen hatte der Kolonialismus für Frauen und Geschlechterrollen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . War der Kolonialismus ein Unrechtssystem? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Lohnte sich der Kolonialismus? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Warum spricht man vom Kolonialismus für kleines Geld? . . . . . . . . . . . Gab es eine Indigene Wirtschaft und welche Rolle spielte sie? . . . . . . . . Inwiefern war die Plantagenwirtschaft ein Desaster für Mensch und Umwelt? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gab es „positive Folgen“ des Kolonialismus, zum Beispiel in Bezug auf die Infrastruktur? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Antikolonialismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Warum wurde Haiti zum Vorreiter der Dekolonisation und zum Modell für antikoloniale Bewegungen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wie sah der Widerstand gegen den Kolonialismus im Alltag aus? . . . . . Konnte die Natur Widerstand gegen ihre Ausbeutung leisten? . . . . . . . Wer organisierte den frühen kollektiven Widerstand? . . . . . . . . . . . . . . . Wie veränderten die Weltkriege das Verhältnis zwischen Kolonialkritik und Antikolonialismus? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wie wichtig waren politische Parteien und Religionsgemeinschaften wie der Islam für den Widerstand? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ist Antikolonialismus nur eine Form von (Befreiungs-)Nationalismus und damit am europäischen Modell orientiert? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wann waren bewaffnete Befreiungsbewegungen nötig und welche Folgen hatten sie? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Entschieden sich die Kolonialmächte zur Dekolonisierung „von oben“ oder erwirkten die Befreiungsbewegungen „von unten“ das Ende der Kolonialreiche? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gab es nach der Unabhängigkeit nur autoritäre und korrupte Regime? Alle Fragen im Überblick 7 <?page no="8"?> 153 154 156 159 162 167 170 171 174 176 177 181 191 219 Erinnerungspolitiken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was versteht man unter „kolonialer Amnesie“ und der „Beschweigung kolonialer Gewalt“ und welche Rolle spielten sie nach der Unabhängigkeit? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was bedeuten Neokolonialismus und Postkolonialismus - und was unterscheidet sie? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wie hängt der Antikolonialismus mit der Idee der Dritten Welt und der Blockfreien-Bewegung zusammen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was ist die Vierte Welt und warum entstand sie durch den Siedlungskolonialismus? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wie sollte mit Kunstwerken umgegangen werden, die sich in europäischen Museen befinden, aber aus den Kolonien stammen? . . . . Ist Black Lives Matter auch eine postkoloniale Bewegung? . . . . . . . . . . . Stimmt es, dass koloniales und rassistisches Denken alle Lebensbereiche betrifft? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wird durch Straßenumbenennungen Geschichte in all ihren Facetten ausgelöscht? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Um 1900 war kolonialistisches und rassistisches Denken normal. Können die Menschen, die damals in diesem Denken gehandelt haben, rückwirkend verurteilt werden? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Warum sollte ein weißer Mann Kolonialismus erklären? . . . . . . . . . . . . . Glossar - Wichtige Begriffe kurz erklärt . . . . . . . . . . . . . . . . . . Verwendete Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wo sich welches Stichwort befindet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Alle Fragen im Überblick <?page no="9"?> Vorwort „La vie nous illusionne, on voit pas les choses telles qu’elles sont. On voit les choses telles que nous sommes.“ („Das Leben täuscht uns, wir sehen die Dinge nicht so, wie sie sind. Wir sehen die Dinge so, wie wir sind.“) Youssoupha, kongolesisch-französischer Musiker Die Antworten in diesem Buch sind weniger klar, als der Reihentitel verspricht. Sie fallen auch etwas länger aus als üblich. Der Grund dafür ist nicht unbedingt, dass das Thema zu komplex oder aktuell höchst umstritten ist. Vielmehr haben sich in der europäischen Gesellschaft Vorstellungen vom Kolonialismus festgesetzt, die aus dessen eigenen Reihen stammen und eher seiner Rechtfertigung dienten, als über ihn aufzuklären. Nur langsam werden wir uns bewusst, in welchem Ausmaß die europäische Wissensproduktion selbst kolonial geprägt war und immer noch ist. Die europäische Wissenschaft und der Kolonialismus entstanden beide im 19. Jahrhundert aus einer Art Zwillingsgeburt. Wissenschaften wie die Ethnologie oder die Geografie machten sich vom Kolonialismus abhängig, andere Wissenschaften wurden „kolonisiert“ und damit zu Werkzeugen der Kolonisierung, wie Sprachwissenschaften, Geologie oder Ingenieurswissen‐ schaften. Wirtschaft, Marketing und Kulturproduktion profitierten ohnehin vom Kolonialismus oder waren für seine Verbreitung verantwortlich. Das ging so weit, dass fast alle Bereiche der Gesellschaft von einer so genannten Kolonialität vereinnahmt wurden, die unser Sprechen und Denken bis heute prägt. In diesem Buch geht es also zunächst darum, die Kolonialität unserer eigenen Denk-, Sicht- und Darstellungsweisen (auch des Autors und der Leser: innen) aufzudecken und darauf aufbauend scheinbare Wahrheiten über den Kolonialismus auf ihre Belastbarkeit hin zu prüfen. Ein Weg dahin - und wohl der einzige Weg dorthin - ist es, denjenigen Menschen zuzuhören, die den Kolonialismus selbst erlebt haben oder unter seinen Folgen leiden. Ihre Geschichten, Interpretationen und Definitionen des <?page no="10"?> Kolonialismus helfen uns, die Kolonialität unserer Wissensgenerierung, Weltbilder, Konsumgewohnheiten und Alltagsroutinen aktiv zu „entlernen“. Die Sicht der Kolonisierten soll also in diesem Buch besonders hervorge‐ hoben werden. Nur wenn sie - direkt oder indirekt - zu Wort kommen, sind die Inhalte dieses Buchs aus „erster Hand“, wie es der Reihentitel verspricht. Die Analyse stammt weiterhin von einem weißen und männlichen Histori‐ ker, der sich zwar lange mit dem Thema beschäftigt hat, aber sich auch weiterhin in einem Prozess des „Entlernens“ befindet. Der Auftrag für dieses Buch ging jedoch an einen Historiker, weil die Geschichtswissenschaft Methoden anbietet, die eine kritische Hinterfragung von scheinbaren Wahr‐ heiten zu ihrem Kernanliegen machen. Es handelt sich dabei um die Methode der Quellenkritik, welche Historiker: innen seit einigen Jahren für die kriti‐ sche Erforschung des Kolonialismus fruchtbar gemacht haben. Quellenkritik bedeutet, dass die Quellen nicht beim Wort genommen werden, sondern dass man zwischen den Zeilen liest und Korrektivquellen hinzuzieht, um verschiedene Perspektiven zu erhalten und dadurch herauszufinden, was sich hinter den Kulissen abspielte. Historiker: innen sind sich bei ihrer Analyse bewusst, dass Quellen von Menschen oder Umständen gemacht wurden, die Dinge aktiv verzerrten, verklärten oder manipulierten und gleichzeitig in zeitspezifischen Grenzen des Denkmöglichen und Sagbaren gefangen waren. Auf die Quellen zum Kolonialismus trifft dies insbesondere zu, weil sie vorrangig koloniale Quellen sind. Archivquellen, Selbstzeugnisse und Medienquellen stammen fast ausschließlich aus weißer Hand. Sie ver‐ schleiern die Gewalttätigkeit des Kolonialen und dienten fast ausschließlich der Rechtfertigungsmaschinerie des Kolonialismus. Selbst- und Fremdkri‐ tik wurde dabei systematisch unterdrückt, so dass bis heute nichteuro‐ päische Korrektivquellen schwer zugänglich sind. Von den kolonisierten Gesellschaften zeichnen diese Quellen wechselweise das Bild eines wilden Fanatismus oder der tatenlosen Passivität. Diese scheinbaren Gegensätze vereint, dass sie die Kolonisierung großer Teile der Menschheit durch deren rhetorische Entmenschlichung sprachlich vorbereiteten. Historiker: innen können Machtverhältnisse und Strukturen aufdecken, die ein „data bias“ schufen, welches sich heute in der Quellen(schief)lage offenbart und sind methodisch gegen die rhetorischen Fallstricke der Kolonialpropaganda ge‐ wappnet. Die historische Herangehensweise bedeutet also keineswegs einen Rückzug auf die Rekonstruktion der Vergangenheit und steht damit nicht im Gegensatz zur viel geforderten „Gegenwartsbewältigung“ des kolonialen Erbes, sondern ist ihre Bedingung. Dieses Buch versucht demnach zu bieten, 10 Vorwort <?page no="11"?> 1 Getachew, 2019. was ein leichter zugänglicher KI-generierter Überblick nicht leisten kann: Die Thematisierung des Verzerrungseffekts der einseitigen Datengrundlage, die kritische Hinterfragung von Quellen und ihrer manipulativen Sprache und das aktive Entlernen von scheinbar selbstverständlichen Wahrheiten. Um die Einseitigkeit der Quellen zu überwinden, betrachtet dieses Buch auch die Geschichte des Antikolonialismus. Für deutsche Überblickswerke ist es eher ungewöhnlich, den Antikolonialismus ausdrücklich im Titel hervorzuheben. Die viel zitierte „koloniale Amnesie“, also das Vergessen und Verdrängen der Kolonialgeschichte in der deutschen Erinnerungskultur, mag ein Grund sein, warum der Antikolonialismus wenig Interesse weckte. Die relative Abwesenheit des Antikolonialismus ist aber auch der deutschdeutschen Geschichte geschuldet. Denn die DDR beanspruchte die Schlag‐ worte Antikolonialismus und Antiimperialismus für sich, woraufhin diese in Westdeutschland als kommunistische Propaganda eingestuft wurden und auch in wissenschaftlichen Analysen vermieden wurden. Schließlich führte das verständliche Anliegen, die deutschen Völkermorde aufzuarbeiten - den Holocaust und neuerdings den Herero-Nama-Genozid - zu einer Schwer‐ punktlegung auf die Täter: innenforschung. Der Antikolonialismus weckte hingegen kaum Interesse, obwohl er weder eine reine Protesthaltung noch ein passiver „Opferdiskurs“ war, sondern aus ihm eine globale Bewegung entstand, welche über das 20. Jahrhundert hinaus Weltgeschichte machte. Wenn auch der Antikolonialismus mit Verweis auf seine gewalttätige und militarisierte Version in Europa oft kritisch beäugt wurde, so zeigt seine Geschichte doch, wie bedeutend er für die Schaffung einer gerechteren Weltgemeinschaft war. Dieses „Worldmaking“, wie Adom Getachew den Beitrag antikolonialer Aktivist: innen und Organisationen zur Entwicklung der Internationalen Gemeinschaft nannte, rückt erst langsam ins historische Bewusstsein in Deutschland. 1 Dieses Buch beruft sich darum oft auf die englischsprachige Literatur, in der Hoffnung, dass sich Leser: innen die Mühe machen, darin weiter zu schmökern. Eine ernsthaft betriebene quellenkritische Herangehensweise bestätigt oft die Erkenntnisse der postkolonialen Kritik, welche in der westlichen Kultur eine koloniale Kultur sieht, die bis heute andauert. Rein begrifflich scheint der Postkolonialismus weniger radikal als der Antikolonialismus. Trotzdem ist er dem Vorwurf ausgesetzt, den Kolonialismus zwar nicht mit Waffengewalt, aber mit Wortgewalt überwinden zu wollen und dabei Vorwort 11 <?page no="12"?> 2 Eggers et al. (Hg.), 2005: 12-13. ideologisch motiviert zu sein. Das postkoloniale Programm beruht jedoch auf der durchaus (geschichts-)wissenschaftlichen Erkenntnis, dass Kolonia‐ lismus nicht ausgestorben ist wie einst die Dinosaurier. Kolonialismus kann nicht darauf beschränkt werden, dass jemand eine fremde Flagge hisste und mit dem Einholen der Flagge sein Wirken wieder beendete. Vielmehr setzte sich der Kolonialismus in Kultur und Gesellschaft fest, welche „dekolonisiert“ werden müssen, um zu adäquaten Aussagen über die Weltgeschichte zu kommen. Das macht die Relevanz und Aktualität dieses Buches aus, welches allerdings niemals umfassend sein kann. Dafür gibt es umfangreiche Literaturtipps zum Weiterlesen, die aber wiederum nur eine Auswahl darstellen können. Dieses Buch steht in der Schuld allzuvieler Menschen, um sie hier aufzu‐ führen. Vor allem beruht es auf der Arbeit hunderter Wissenschaftler: innen und Aktivist: innen weltweit. Ihnen gebührt aller Dank. Hinweis | Dieses Buch orientiert sich am kritischen Umgang mit den sozialen Konstrukten Schwarz und weiß, die keine Hautfarbe benennen, sondern eine Zuschreibung und eine Position in einer strukturell rassis‐ tischen Gesellschaft markieren. Im analytischen Teil (nicht allerdings in Quellenzitaten) wird Schwarz auch als Adjektiv großgeschrieben, obwohl dies im Deutschen unüblich ist. Damit soll klar werden, dass diese Kategorie zur Beschreibung von Menschen nicht natürlich ist, sondern zunächst eine rassistische Zuschreibung. Um die Deutungsho‐ heit zurückzuerhalten, beanspruchen Menschen, die von anti-Schwar‐ zem Rassismus betroffen sind, die Großschreibung mittlerweile für sich. Durch die Großschreibung wollen sie ihren gemeinsamen Diskri‐ minierungserfahrungen sowie ihrer gesellschaftspolitischen Position einen Ausdruck geben. Die Großschreibung gilt gleichermaßen für den Ausdruck Indigen(e). Auch der Begriff weiß wird denaturalisiert, allerdings indem er klein und kursiv geschrieben wird. Diese Schreib‐ weise markiert ebenso den Konstruktcharakter, grenzt diese Kategorie aber ganz bewusst von der Bedeutungsebene des Emanzipations- und Widerstandspotenzials der Bezeichnung Schwarz ab. 2 12 Vorwort <?page no="13"?> Was die verwendeten Symbole bedeuten Toni verrät spannende Literaturtipps, Videos und Blogs im World Wide Web. Die Glühbirne zeigt eine Schlüsselfrage an, deren Antwort unbedingt lesenswert ist. Die Lupe weist auf eine Expert: innenfrage hin. Hier geht die Antwort ziemlich in die Tiefe. Sie richtet sich an alle, die es ganz genau wissen wollen. <?page no="14"?> 3 eigene Darstellung, Daten von www.slavevoyages.org Zahlen und Fakten über Kolonialismus und Antikolonialismus Anzahl der versklavten Menschen von 1501 bis 1864 3 Grundlagen für eine koloniale Welt <?page no="15"?> Schlüsselmomente antikolonialer Proteste und Unabhängigkeitsbewegungen (Auswahl) 1776 Dreizehn amerikanische Siedlungskolonien erklären ihre Unabhängigkeit von den USA. Sklaverei und Unterdrückung Indigener Gemeinschaften dauern aber an. 1791 Revolte von Schwarzen Menschen zur Abschaffung der Sklaverei und Beginn des Kampfes für die Unabhängigkeit Haitis (erreicht 1804) 1810-1825 Unabhängigkeit der meisten Kolonien in Süd- und Mittelamerika 1896 Äthiopien besiegt Italien in der Schlacht von Adwa. 1904/ 05-1907 Widerstand der Herero und Nama in Namibia und der Maji Maji in Tansania gegen die deutsche Kolonialherrschaft, Niederschlagung durch genozidale Methoden Seit 1885 Indian National Congress, seit 1920 unter Führung Mahatma Gandhis, und All-India Muslim League (1906) entwickeln sich in Indien zu Unabhängig‐ keitsparteien. Seit 1909 entwickeln sich in Indonesien aus dem Unternehmerverband Sarekat Islam mehrere Parteien, die die Unabhängigkeit von den Niederlanden fordern. Seit 1952 schwören in Kenia 1,5 Mio. Menschen der Mau-Mau-Bewegung einen Eid, für „Land und Freiheit“ und für das Ende der britischen Kolonialherrschaft (erreicht 1963) zu kämpfen. 1952 Asiatisch-afrikanische Konferenz von Bandung (Indonesien) mit fundamen‐ taler Kritik am Kolonialismus Seit 1954 organisiert sich der algerische Front de Libération Nationale, um die Unabhängigkeit von Frankreich zu erreichen (1962). 1958 Kreative Proteste der in der Landwirtschaft tätigen Kom-Frauen in Kamerun gegen die englische Kolonialverwaltung (enden 1960) Seit 1962 kämpft der Frente de Libertaç-o de Moçambique (FRELIMO) für die Unabhängigkeit Mosambiks von Portugal (erreicht 1975). 1971-1972 Aufstand der Wander- und Vertragsarbeiter: innen in Namibia gegen sklavenähnliche Arbeitsbedingungen unter der Herrschaft des südafrikanischen Apartheid-Regimes, Teil der namibischen Unabhängigkeitsbewegung SWAPO (South West Africa People’s Organisation) Zahlen und Fakten über Kolonialismus und Antikolonialismus 15 <?page no="17"?> Definitionen und Begriffe des Kolonialen Um sich dem Kolonialismus und seiner Geschichte nähern zu können, ist es sinnvoll, zunächst die Geschichtsschreibung darüber zu betrachten. Diese war lange Zeit „eurozentrisch“. Dieser verzerrende Blick auf die Geschichte des Kolonialismus wird im ersten Kapitel erklärt - um dann alternative Sichtweisen aus den kolonisierten Gesellschaften einzubeziehen. <?page no="18"?> 4 Reinhard, 2016, 19; Mass, 2006. Warum war die Geschichtsschreibung zum Kolonialismus lange „eurozentrisch“ und was bedeutet dies? Im 20. Jahrhundert wurde die Geschichte des Kolonialismus zunächst als Po‐ litik-, Diplomatie- und Militärgeschichte geschrieben. Die Fakten schienen dabei klar. Bis 1914 eroberten europäische Mächte mindestens ein Drittel der Menschheit und die Hälfte der Landfläche der Erde. Die Hoheit über die Meere hatten sie ohnehin. Die eroberten Gebiete nannten sie Kolonien und die Herrschaft über sie Kolonialismus. Deutsche Geschichtsbücher sprachen eher vom Imperialismus, also von der „europäischen Expansion“, die ihren Ursprung im Wettkampf europäischer Nationen hatte, die sich zu Großreichen (Imperien) erweitern wollten. Imperien machten sogar 85 % der Landerdoberfläche aus, wenn man auch die kolonisierenden Nationen selbst und „Halbkolonien“ wie in China dazu zählt. Diese Geschichte des Imperialismus begann scheinbar in den europäischen „Mutterländern“ und wurde darum auch von Europa ausgehend geschrieben. Weil sie von und für Europäer: innen geschrieben wurde, wird sie mittlerweile „eurozent‐ risch“ genannt. Wie in der eurozentrischen Geschichtsschreibung üblich, übernahm man ganz unkritisch das Vokabular der europäischen Kolonial‐ mächte. Dieses war durchwegs beschönigend. So hieß es, die Europäer hätten Kolonien „gegründet“ oder „erworben“ - mit Gewalt unterworfen wäre die korrektere Beschreibung. Man sprach vom „Mutterland“ und übernahm den (einstmals offiziellen) Ausdruck „Schutzgebiete“ für die Kolonien, was eine Fürsorgeabsicht vortäuschte. In Realität ging es um Ausbeutung von Arbeitskräften und Bodenschätzen. Die Eroberungskriege nannte man zynischerweise „Befriedung“ (oder „Pazifizierung“). Indem die Geschichtsschreibung solche Worte ohne Bedacht wiederverwendete, ließ sie sich von der Geschichte selbst täuschen, anstatt über sie aufzuklären. Schließlich sah man im Ausgreifen Europas auch eine reine „Männersache“ und eignete sich auch deren Sichtweise an. 4 Literatur- und Linktipps | Chimamanda Ngozi Adichie zeigt in diesem Video, wie stereotype Bilder von Afrika entstehen, wenn immer nur dieselbe eurozentrische Geschichte erzählt wird: Die Gefahr einer ein‐ 18 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="19"?> 5 Getachew, 2022; Thomas, 2024; Cooper, 2022: 491-526; Siehe zu der Frage auch die Rolle der Kartographie: Schröder, 2012. zigen Geschichte, https: / / www.youtube.com/ watch? v=D9Ihs241zeg. Se‐ bastian Conrad und Shalini Randeria stellen Texte vor, die den Euro‐ zentrismus überwinden wollen: Sebastian Conrad/ Shalini Randeria (Hg.), Jenseits des Eurozentrismus. Postkoloniale Perspektiven in den Geschichts- und Kulturwissenschaften, Frankfurt am Main 2002. Die klassische Kritik am Eurozentrismus kommt von Samir Amin, Euro‐ centrism, New York 1989, und Dipesh Chakrabarty, Provincializing Eu‐ rope. Postcolonial thought and historical difference, Princeton 2000. Welche Phasen kennzeichnen die Kolonialgeschichte und wie stark ist ihre Einteilung vom Eurozentrismus geprägt? Nach eurozentrischer Lesart begann die europäische Expansionsgeschichte mit Entdeckern und Eroberern wie Kolumbus (1492) und setzte sich in der Kolonisierung Nord- und Südamerikas durch die monarchischen Impe‐ rien des „Alten Regimes“ (1492- ca. 1830) fort. Sie gipfelte im imperialen Wettstreit und der diplomatischen Aufteilung Afrikas rund um die Berliner Kongo-Konferenz (1884/ 5), im Eintritt der USA als Kolonialmacht (1898), in den Abkommen zum Interessenausgleich in Marokko (1906 und 1911) und mündete schließlich in den imperialen Endkampf des Ersten Weltkrieges (1914-1918). Die Phase verdichteter imperialer Expansion zwischen 1884 und 1914 bezeichnete man vor allem in Deutschland als Zeitalter des „Hochimperialismus“. Schaute man in eurozentrischer Perspektive und rein politikgeschichtlich auf den „hochimperialen“ Kolonialismus, so schien dieser um 1960 mit der Unabhängigkeit der meisten Kolonien beendet. Um 1945 gab es nur 50 selbständige Staaten, die durch die Unabhängigkeit ehemaliger Kolonien bis in die 1960er Jahre auf 200 anstiegen. Diese Phase nannte man „Deko‐ lonisierung“ oder „Entkolonisierung“, was wiederum eher eurozentrische Begriffe waren, die suggerierten, damit sei die Sache des Kolonialismus erledigt. 5 Definitionen und Begriffe des Kolonialen 19 <?page no="20"?> 6 Nkrumah, 1965; Amin, 1974, 1973. 7 Gallagher/ Robinson, 1953: 1-15; Darwin, 1997: 614-642. 8 Conrad et al. (Hg.), 2013. 9 Chakrabarty, 2010: 10-11. In Abgrenzung zu dieser etwas oberflächlichen politikgeschichtlichen Beobachtung untersuchten marxistisch inspirierte und sozialgeschichtliche Forschungen die tieferliegenden Strukturen des Kolonialismus. Beide sahen in der Expansion des Kapitalismus die Hauptursache des Kolonialismus. Für die Phase der angeblichen „Dekolonisation“ stellten sie fest, dass die kapitalistischen Ausbeutungsstrukturen das nominelle Ende des poli‐ tischen Kolonialismus überdauerten. Der ghanaische Intellektuelle und Präsident Kwame Nkrumah sowie der ägyptisch-französische Wirtschafts‐ wissenschaftler Samir Amin nannten diese Phase „Neokolonialismus“. Nach dem Ende des politischen Kolonialismus in Form der direkten Herrschaft (um 1960) gab es demnach einen wirtschaftlichen Neokolonialismus in Form der indirekten Einflussnahme Europas und der USA in den ehemaligen Kolonien (ca. 1960-heute). 6 Trotz ihrer Gegensätzlichkeit gingen die staatsnahe Politikgeschichte und die staatskritische marxistische Geschichte letztendlich davon aus, dass die Ursprünge des Kolonialismus in Europa lagen. Europa drang demnach in ein historisches Vakuum in „Außereuropa“ vor, wo es angeblich kaum staatliche Strukturen oder produktive Menschen gab. Diese Vorstellung teilten selbst (links-)liberale Historiker: innen, welche in der kapitalistischen Freihandels‐ bewegung des 19. Jahrhunderts die Triebkraft des Imperialismus sahen. 7 Die Politikgeschichte, die liberale Wirtschaftsgeschichte und die (marxistische) Sozialgeschichte waren also gleichermaßen eurozentrisch, weil sie Europa als (Erklärungs-)Maßstab setzten und die historischen Perspektiven wie die Handlungsfähigkeit (Agency) der Kolonisierten dadurch abwerteten und vergessen machten. 8 Die eurozentrische Geschichtsschreibung, welche selten über die Erklä‐ rungsansätze aus der Kolonialzeit selbst hinausging, lag nicht immer falsch, wie der indische Historiker Dipesh Chakrabarty betont: „Die Gedankenwelt, die während des Zeitalters der europäischen Expansion und Kolonialherrschaft entstand, erscheint zur Beschreibung und Analyse der eigenen (nichtwestlichen) Geschichte und Gesellschaft ebenso unverzichtbar wie ungenügend.“ 9 20 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="21"?> 10 Gurnah, 2022. 11 Goody, 2014. 12 Patel, 2004; Budde et al. (Hg.), 2010: 32-55; Conrad/ Conrad, 2002. 13 Conrad, 2006. Aber die europäische Monopolisierung der Deutungshoheit über den Kolo‐ nialismus sorgte dafür, dass die Stimmen der Kolonisierten kaum gehört wurden und deren Erfahrungen aus der Geschichte „hinauserklärt“ wurden, wie es der tansanische Schriftsteller Abdulrazak Gurnah bemängelte. 10 Drastischer formulierte es der britische Anthropologe Jack Goody, der von einem „Diebstahl der Geschichte“ durch Europäer: innen sprach. 11 Linktipps | Einen Überblick zu Europa zwischen Kolonialismus und Dekolonisierung verschafft uns Gabriele Metzler bei der Bundeszentrale für Politische Bildung: https: / / www.bpb.de/ shop/ zeitschriften/ izpb/ eur opa-zwischen-kolonialismus-und-dekolonisierung-338/ . Die Initiative SODI! e. V. erklärt, wie man Eurozentrismus erkennen und vermeiden kann, und zeigt auch, warum Kolumbus Amerika nicht „ent‐ deckt“ hat: https: / / www.youtube.com/ watch? v=oahkqME0GoQ&t=30s. Menschen aus Afrika fragen sich, warum Kolonialgeschichte in Schulbü‐ chern immer noch eine „Geschichte der Sieger“ ist: https: / / www.dw.com/ de/ kolonialismus-in-schulb%C3%BCchern-die-geschichte-der-sieger/ a-542 73819. Welche Bedeutung hatten die Kolonien für die deutsche Geschichte? Im 20. Jahrhundert wurde Geschichte meist als Nationalgeschichte geschrie‐ ben. 12 Dies wird oft als Grund dafür angeführt, dass die Kolonien wenig Auf‐ merksamkeit bekamen. Doch Nationalgeschichte und Kolonialgeschichte schlossen sich nicht aus und waren auch in Deutschland oft verbunden. Ein Staat konnte gleichzeitig Nation und Imperium (Großreich mit Kolonien) sein. So definierte sich Deutschland seit seiner Gründung 1871 gleicherma‐ ßen als Nation und als Imperium (Reich). 13 Nach dem Startschuss zur kolo‐ nialen Eroberung auf der Berliner Konferenz zur Aufteilung Afrikas (1884/ 5) und unter Kaiser Wilhelm II (1888-1918) umfasste das Deutsche Reich Definitionen und Begriffe des Kolonialen 21 <?page no="22"?> 14 Zur Konferenz und zum Umfeld: van der Heyden/ Zeller (Hg.), 2003. 15 Leonhard/ Hirschhausen, 2009. 16 Albertini/ Wirz, 1987; Reinhard, 1983-1990. 17 Conrad, 2001: 77-83; Ndlovu-Gatsheni, 2018. offiziell auch die Kolonien. 14 In der Nationalgeschichtsschreibung ging man davon aus, dass hinter der imperialen Ausdehnung Nationalstaaten standen, die sich als Imperien neu definierten und früher oder später „imperiali‐ sierten“. 15 Die deutschen Kolonien in Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Ruanda, Burundi), Deutsch-Südwestafrika (heute Namibia), Kamerun, Togo, Deutsch-Neuguinea (heute Teil von Papua-Neuguinea, Salomonen und anderen Pazifikinseln), Kiautschou (heute Teil von China) und Samoa waren also durchaus Teil der Nationalgeschichtsschreibung in Deutschland, auch wenn ihre Rolle lange heruntergespielt wurde. Geschichts- und Schulbücher koppelten ihre Geschichte meist an den Imperialismus als Fortsetzung des Nationalismus. Selbst die Standardwerke zur „europäischen Kolonial‐ geschichte“ sprachen darum getrennt vom spanischen, portugiesischen, britischen, niederländischen, französischen, belgischen und deutschen Im‐ perialismus (dazu kamen die USA und Japan als „späte“ Kolonialmächte). 16 Das war nicht verkehrt, führte aber oft zu eigenartigen Schlussfolgerungen. In Deutschland behandelten Schulbücher zum Beispiel lange Zeit nur den britischen Imperialismus (ca. 1583-1960), demgegenüber sie die scheinbar kurze Geschichte des deutschen Kolonialismus (1884-1919) für unbedeutend befanden. Die deutsche Nationalgeschichte erwähnte die Kolonien also, schrieb ihnen aber selten eine große Bedeutung zu. Die Kolonien waren also Teil der Nationalgeschichte - nicht aber die Kolonisierten. Ihre Perspektive und ihre Geschichte kamen kaum vor und sollten erst ab den 1990er Jahren mit einbezogen werden. 17 Bis dahin schrie‐ ben vorrangig Spezialist: innen aus den Afrika- und Asienwissenschaften die Geschichte der Kolonisierten, das Interesse der Nationalgeschichte weckten sie kaum. Somit war auch die „imperialisierte“ Nationalgeschichte eurozentrisch. Literatur- und Linktipps | Karten zum Kolonialismus und den deut‐ schen Kolonien finden sich hier: https: / / www.bpb.de/ shop/ zeitschriften / izpb/ europa-zwischen-kolonialismus-und-dekolonisierung-338/ 28365 2/ karten/ . Man muss sich allerdings bewusst sein, dass auch Karten eu‐ 22 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="23"?> 18 Said, 1978; Said, 1994. rozentrische Weltbilder vermitteln. Andere Perspektiven bieten Karten‐ projekte wie der „Dekoloniale Atlas“: https: / / decolonialatlas.wordpress .com/ . Zur Rolle der Kartographie als koloniale Wissenschaft in Deutschland: Iris Schröder, Das Wissen von der ganzen Welt. Globale Geographien und räumliche Ordnungen Afrikas und Europas 1790- 1870, Paderborn 2011. Was bedeutete das Wendejahr 1990 für die Kolonialgeschichtsschreibung? Um 1990 wurde die Geschichte der deutschen Kolonien auch von der allge‐ meinen Geschichtswissenschaft wieder entdeckt, bezog aber nur zögerlich die Geschichte der Kolonisierten mit ein. Diese Wiederentdeckung ging auf drei verschiedene Entwicklungen zurück: Erstens kritisierten Literaturwissenschaftler: innen aus ehemaligen Kolo‐ nien seit den 1980er Jahren, dass europäische Literaturen und Sprachen sehr stark von kolonialen Denkmustern geprägt waren. Am Anfang dieser Erkenntnis standen Edward Saids Bücher Orientalismus von 1978 und Kultur und Imperialismus von 1993, welche zeigten, dass das literarische und wissenschaftliche Schaffen in Europa die Kolonisation sprachlich vorberei‐ tet hatte, indem es den „Orient“ oder „Afrika“ als anders, schwächlich, rückständig und darum „kolonisierbar“ darstellte. 18 Die klischeehafte und abwertende Darstellung des „Orients“ oder „Afrikas“ als fremdes und andersartiges Anti-Europa („Othering“) war manchmal ein unbewusstes Missverständnis, meist aber ein gewolltes Missverstehen der Welt außerhalb Europas - mit dem Ziel, diese zu erobern. Gerade weil Said die deutsche Literatur zunächst kaum in seine Analyse einbezog und seine These somit für Deutschland in Frage gestellt wurde, widmeten sich deutsche Literaturwissenschaftler: innen intensiver der Un‐ tersuchung der Auswirkungen und Rückwirkungen des Kolonialismus auf die Kultur und Sprache des deutschen „Mutterlandes“. Diese Thematik der „kolonialen Kultur“ in Deutschland griffen auch die Geschichtswissen‐ schaften auf. Ähnlich wie die Literaturwissenschaften belegten sie, dass die vermeintlich kurze Phase des Kolonialismus nicht nur in den ehemaligen Definitionen und Begriffe des Kolonialen 23 <?page no="24"?> 19 Hall (Hg.), 2006; Honold/ Simons (Hg.), 2002; Struck, 2010; Kundrus (Hg.), 2003. 20 Knopp, 2010; Gründer/ Hiery (Hg.), 2017; Schnurr et al. (Hg.), 2022. 21 Van der Heyden, 2021; Bürger, 2017. 22 Zur Großschreibung von Schwarz: Appiah, 2020. Kolonien, sondern auch in Deutschland selbst weitreichende Folgen hatte. Seitdem sind kulturgeschichtliche Forschungen zur spezifischen „deutschen Kolonialgeschichte“ stark im Trend. Sie betrachten Deutschland nicht nur als vorübergehende kolonisierende Staatsnation, sondern auch als langfris‐ tige koloniale Kulturnation. 19 Zweitens ging die Neuentdeckung der Kolonialgeschichte nach 1990 in Deutschland auf die nationalistische Wiedervereinigungseuphorie zurück, aus der eine nationszentrierte Populärwissenschaft entstand. Diese schrieb Kolonialgeschichte zum Zweck identitätsbildender Nationalgeschichte, mit Buchtiteln wie Das Weltreich der Deutschen, Die Deutschen und ihre Kolonien, oder Deutschland, deine Kolonien. Bis heute hält sich diese populärwissen‐ schaftliche Kolonialgeschichte und reproduziert oft die nationalistischen Kategorien aus der Kolonialzeit, welche die seriöse Geschichtswissenschaft eigentlich hinterfragen sollte. 20 Drittens gab die Wiedervereinigung allen Forschenden Zugang zu den deutschen Kolonialarchiven, welche bis dahin in der DDR aufbewahrt wurden. Die Forschenden konnten nun auch kolonialgeschichtliche Studien von DDR-Historiker: innen mit einbeziehen. Diese waren zwar im Kalten Krieg verpönt, hatten jedoch für die bessere Kenntnis deutscher Kolonial‐ geschichte durchaus belastbare Pionierarbeit geleistet. 21 Aus diesen drei Gründen entstand also ein gesamtdeutsches Interesse an der Kolonialge‐ schichte, das insgesamt zu eurozentrischen Perspektiven neigte. Weniger beachtet wurde lange die Aufarbeitung der deutschen Kolo‐ nialvergangenheit durch Menschen, die aus den ehemaligen deutschen Kolonien stammten oder Beziehungen dorthin hatten. Aus eigener Erfah‐ rung (er-)kannten sie die übernationalen Zusammenhänge mit der Global‐ geschichte von Versklavung, Rassismus und Diskriminierung. Vor allem Schwarze Menschen in Deutschland bemühten sich um die Thematisierung von Kolonialismus und Rassismus. 22 So gaben 1986 die afrodeutschen Au‐ torinnen Katharina Oguntoye, May Ayim (damals Opitz) und Dagmar Schultz das Buch Farbe bekennen heraus, in dem Schwarze Deutsche ihre Erfahrungen mit dem Rassismus und Kolonialismus offenlegten. Die His‐ torikerin Katharina Oguntoye erzählte darauf aufbauend 1997 erstmals 24 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="25"?> 23 Oguntoye, 1997. 24 El-Tayeb, 2001. 25 Eyoum et al. 2011. 26 Florvil, 2023. 27 Conrad, 2008; Gründer, 2018. die Geschichten von Schwarzen Menschen, die in der Kolonialzeit nach Deutschland gekommen waren. 23 Auf ähnliche Weise zeigte die Historikerin Fatima el-Tayeb 2001, welche Schwierigkeiten Schwarze aus den deutschen Kolonien hatten, in Deutschland anerkannt zu werden und Grundrechte zu bekommen. 24 Seit den 1990er Jahren machte der Lehrer Jean-Pierre Félix Eyoum auf koloniale „Beutekunst“ in deutschen Museen aufmerksam und erzählte vom Schicksal seiner Familie in Kamerun, deren Mitglieder 1919 von der deutschen Kolonialverwaltung hingerichtet wurden, weil sie gegen Landenteignungen protestiert hatten. 25 Die Schwarzen Perspektiven auf die deutsche Nation zeigen einerseits, dass sich Kolonialismus, Imperialismus, Rassismus und Diskriminierung tief in die deutsche Kultur und Gesellschaft, aber auch in Institutionen und das (Staatsbürger-)Recht einschrieben. Gleichzeitig machen sie klar, dass die deutsche Nation viel diverser ist, als es die bisher vorrangig weiße Geschichtsschreibung wahrhaben wollte. Auch Schwarze Menschen und deren Erfahrungen eines rassistischen und kolonialen Alltags waren Teil der deutschen Kolonial- und Nationalgeschichte. 26 Insofern war Deutschland nicht nur zur offiziellen Kolonialzeit ein Kolonialimperium, sondern auch danach Teil einer übernationalen Geschichte von kolonialen Erfahrungen und Kulturen, die nach dem Ende der Kolonialzeit andauern. 27 Literatur- und Linktipps | Informationen zum „Othering“ in folgenden Titeln: Edward W. Said, Orientalismus, 7. Aufl., Frankfurt am Main 2021; V. Y. Mudimbe, The Invention of Africa. Gnosis, philosophy, and the order of knowledge, Bloomington 1988; Frantz Fanon, Die Verdammten dieser Erde, 19. Aufl., Frankfurt am Main 2021; Zu Erfahrungen Schwarzer Menschen in Deutschland: May Ayim/ Katharina Oguntoye/ Dagmar Schultz (Hg.), Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte, Berlin 1986; Tiffany N. Florvil, Black Germany. Schwarz, deutsch, feministisch die Geschichte einer Bewegung, Berlin 2023. Definitionen und Begriffe des Kolonialen 25 <?page no="26"?> 28 Siehe Vorwort Online-Ausgabe: Witbooi/ Reinhard, 2017; Zimmerer, 2011: 184-185. Die Seite Black Central Europe informiert über die Geschichte Schwarzer Menschen in Deutschland und bietet interaktive Karten, Videos und didak‐ tisches Material, das auch im Schulunterricht eingesetzt werden kann: htt ps: / / blackcentraleurope.com/ . Welche konkreten Auswirkungen hatte der Eurozentrismus auf die deutsche Kolonialgeschichtsschreibung? Als der Freiburger Historiker Wolfgang Reinhard in den 1980er Jahren die Briefe des Nama-Anführers Hendrik Witbooi aus Südwestafrika (heute Namibia) veröffentlichen wollte, lehnten 23 westdeutsche Verlage die Pu‐ blikation ab. Hendrik Witbooi hatte als Anführer der Nama in Deutsch- Südwestafrika seit 1904 einen Verteidigungskrieg gegen deutsche Koloni‐ satoren geführt. Diese schlugen den Widerstand im Herero-Nama-Krieg (1904-1907) brutal nieder und verübten dabei den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts, indem sie die Nama und Herero nicht nur bis auf den letzten Mann, sondern auch Frauen und Kinder vernichten wollten. 28 Meist wurden antikoloniale Anführer wie Hendrik Witbooi in Europa als „fanatische Wilde“ dargestellt, um ihre völkermörderische Vernichtung zu rechtfertigen, obwohl es europäische Kolonialmächte waren, die unmenschlichen Metho‐ den anwandten. Beim Versuch, die Briefe Witboois 1980 zu veröffentlichen, warf man Reinhard vor, durch die Publikation gemeinsame Sache mit radikalen Anti‐ kolonialist: innen und noch dazu mit der DDR zu machen. Denn diese hatte antikoloniale Helden wie Witbooi vereinnahmt, um sie als Vorbilder im Propagandakampf gegen den „Imperialismus“ des Westens zu benutzen. Reinhard war aber radikaler Positionen unverdächtig und spricht sich bis heute gegen eine überkritische „politisch korrekte“ Kolonialgeschichts‐ schreibung aus. Es drängt sich der Eindruck auf, dass man um 1980 in Westdeutschland einfach nichts über die dunkle Seite der deutschen Kolo‐ nialgeschichte wissen wollte. Damit missachtete man aber mindestens die Hälfte dieser Geschichte. Diese zeichnete ein ganz anderes Bild von Witbooi und dem deutschen Kolonialismus. 26 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="27"?> 29 Blackler, 2017: 449-470. 30 Witbooi/ Reinhard, 2017: 143-144. 31 Ibid., S. 52. Schon zu Zeiten der deutschen Kolonisation in Namibia mussten euro‐ päische Medien zugeben, dass Witbooi ein respektabler Politiker, ein prak‐ tizierender Christ, ein mehrsprachiger Intellektueller und ein erfolgreicher militärischer Stratege war. Eine Berliner Zeitung bewunderte ihn 1894 als historische Figur, die „Geschichte macht … so wie Napoleon Bonaparte.“ 29 Die deutsche Kolonialregierung, die seit 1884 Südwestafrika unter Kontrolle bringen wollte, hatte mit diesem afrikanischen Napoleon sogar Verträge geschlossen und ihn bezahlt. Er ließ sich aber nie darauf ein, Land oder Macht an die Deutschen abzugeben, sondern verhandelte mit ihnen als Ver‐ tragspartner auf Augenhöhe. Vor allem durchschaute Witbooi schnell, dass die Deutschen den Afrikaner: innen so genannte „Schutzverträge“ anboten oder aufdrängten, um damit an ihr Land zu gelangen. All das wird aus mehr als 120 Tagebucheinträgen und Briefen deutlich, die Witbooi verfasste. Darin beschrieb Witbooi auch die Missstände der deutschen Kolonialregierung, die „Gesetze nach Gutdünken in unserem Land“ einführte, welche „ganz unmöglich, undurchführbar und unerträglich sind“. Zum Beispiel raubte ein Jagdverbot für Afrikaner: innen vielen Menschen die Lebensgrundlage. Witbooi nannte Gesetze dieser Art zurecht „unbarmherzig und gefühllos“, auch weil sie bei Übertretung übermäßig harte Strafen nach sich zogen: „Die Deutschen schlagen die Leute auf eine schändliche und grausame Weise wie unverständige Wesen, für die sie uns selbst halten.“ Die Todesstrafe fand häufige und unverhältnismäßige Anwendung, während grundlose Morde durch deutsche Siedler: innen an der Tagesordnung waren und selten bestraft wurden. 30 Witbooi war nicht nur ein gewiefter Diplomat, sondern hatte klare Vorstellungen von Eigentumsrechten, Kriegsrecht und Völkerrecht. Obwohl er mehrere Kriege führte, vermied er dabei die Tötung von Zivilist: innen und betonte immer wieder: „Ich bin kein Mörder und schieße auf niemanden, der nicht auf mich schießt.“ 31 Statt diese einzigartigen historischen Zeugnisse von Henrik Witbooi herauszugeben, baten deutsche Verlage Wolfgang Reinhard, eine Geschichte der europäischen Expansion zu schreiben, die schließlich zwischen 1983 und 1990 in vier Bänden erschien und 2016 als Unterwerfung der Welt neu bearbeitet wurde. Wie der Autor selbst andeutet, spiegeln diese Titel den Wunsch der Verlage nach einer eurozentrischen Herangehensweise wider. Definitionen und Begriffe des Kolonialen 27 <?page no="28"?> 32 Häussler, 2024. 33 Arndt, 2021: 689. 34 Schnee (Hg.), 1920: 77-78. 35 Lentz, 1998; Harding, 1998. Für Witboois Nachlass fand sich zwar dann schließlich ein Verlag, doch seine Sicht der Dinge fand kaum Eingang in die Standardwerke zur Geschichte des Kolonialismus. Historiker: innen hätten aber aus seinen Zeugnissen viel lernen können. 32 Statt Witboois Perspektiven als Quellen zugänglich zu machen, verbreiten deutsche Medien und Geschichtsbücher bis heute eurozentrische Klischees, die kein geschichtswissenschaftlich fundiertes Bild vermitteln. So nannten deutsche Geschichtswerke die Nama lange „Hottentotten“ und bezeichneten sie als „Stamm“ oder „Rasse“. Heute wissen wir, dass der Begriff „Hottentotten“ genauso frei erfunden war wie die Kategorien „Stamm“ oder „Rasse“. 33 Schon das kolonialpropagandistische Koloniallexikon von 1920 erklärte, dass „Hottentotten“ ein abwertender Spottname war, bestand aber darauf, dass sie ein „Stamm“ oder eine „Rasse“ waren. 34 Dabei waren die Nama eine diverse Gruppe mit inneren Riva‐ litäten, die kaum einer genetischen Abstammungsgemeinschaft glichen, was die Bezeichnungen „Stamm“ oder „Rasse“ glauben machen wollten. Sie waren eher eine zeitlich begrenzte Zweckgemeinschaft oder Sprach‐ gemeinschaft als Abstammungsgemeinschaft. Solche Kategorien wurden von Europäer: innen konstruiert oder sogar erst erfunden und dann recht willkürlich vergeben. 35 Die Kritik an solchen Fehlbezeichnungen hat nichts mit politischer Korrektheit zu tun, sondern mit geschichtswissenschaftlicher Korrektheit. Die ureigenste Methode der Geschichtswissenschaft, die kriti‐ sche Betrachtung, Befragung und Hinterfragung von historischen Quellen, verlangt vor allem einen Argwohn gegenüber Quellenbegriffen, die oft ganze Weltbilder transportieren. Dagegen setzt die Geschichtswissenschaft eine analytische Sprache, die möglichst treffend und korrekt ist. Das Beispiel von Witboois Nachlass zeigt, dass diese Sichtweisen nötig sind, um ein adäquates Bild von der Geschichte zu erhalten. Durch seinen Nachlass erfahren wir, dass Witbooi eigentlich ! Nanseb ǀGâbemab genannt wurde, was aber für Europäer: innen wegen der in der Nama-Sprache enthaltenen Klicklaute unaussprechlich war. Wir erfahren, dass die Nama sich als Khoi- Khoi bezeichneten, was einfach nur „Mensch“ hieß. Wir lernen, dass Witbooi kein „Hottentotten-Häuptling“ war, sondern sich selbst als Gaob oder Kaptein bezeichnete. Dabei verstand er sich nicht als „Rebell“, wie ihn die 28 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="29"?> 36 Isaak, 2018: 3; Krüger, 1999; Kößler, 2019: 78-87; Melber, 2017. 37 Biwa, 2012. 38 Osterhammel, 2003: 29; Brown/ Louis, 1999: 48. europäischen Quellen abwertend nannten, sondern als Kämpfer für Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit. 36 Wir verstehen schließlich, dass er und seine Entourage Menschen mit eigenen Interessen, einer politischen Agenda und strategischen Methoden zur Erreichung ihrer Ziele waren. Somit waren sie keine Bösewichte (wie in der Kolonialpropaganda) noch unfehlbare Helden (wie in manchen antikolonialen Schriften). Die Quellen aus Namibia helfen uns also, ein differenziertes Bild zu erlangen und zeigen, dass Witbooi unter seinen Zeitgenoss: innen genauso wie in der Erinnerungspolitik Namibias nicht unumstritten war. 37 Literatur- und Linktipps | Überlegungen, wie man deutsche Koloni‐ algeschichte anders schreiben und vermitteln kann, liefern: Manuela Bauche/ Sharon Dodua Otoo (Hg.), Geschichte schreiben (Neue Rund‐ schau, 129. Jahrgang, Heft 2), Frankfurt am Main 2018, und Josephine Apraku in einem Webinar: http: / / lernen-aus-der-geschichte.de/ Online -Lernen/ Veranstaltung-Web-Seminar/ 13591. Die Memoiren von Hen‐ drik Witbooi sind auch online zu lesen: https: / / rosdok.uni-rostock.de/ re solve/ id/ rosdok_document_0000010793. Was bringt es, eine eurozentrische Geschichte des Kolonialismus durch eine ausdrückliche afrozentrische Perspektive zu ersetzen? Im Jahr 1919 lebten Schätzungen zufolge mindestens 600 Millionen Men‐ schen unter kolonialer Herrschaft. Allein das britische Empire, mit seiner bevölkerungsreichen „Kronkolonie“ Indien, umfasste nominell über 400 Millionen Menschen - rund 20 % der damaligen Weltbevölkerung! 38 Wir wissen bereits, dass sich deren Perspektive auf den Kolonialismus in der historischen Fachliteratur des 20. Jahrhunderts nur selten findet. Indische Wissenschaftler: innen wollten darum die Alltagsgeschichte der „Subalter‐ nen“ - also gesellschaftlich und kulturell Ausgegrenzte ohne große Hand‐ lungsspielräume im Leben unter dem Kolonialismus und darüber hinaus - groß herausbringen. Weil die „Subalternen“ kaum schriftliche Zeugnisse Definitionen und Begriffe des Kolonialen 29 <?page no="30"?> 39 Spivak, 2014. 40 Lasson, (Hg.) 1955: 217- 227, 460- 514. 41 Diop, 1974. hinterließen, stellte sich die Literaturwissenschaflterin Gayatri Spivak die Frage, ob Subalterne überhaupt sprechen könnten (Can the Subaltern speak? , 1988). 39 Auch Afrikaner: innen gaben ihre Version der (Kolonial-)Geschichte teils in mündlichen Überlieferungen und Sprachen weiter, welche Europäer: in‐ nen nicht verstanden oder als unbedeutend abtaten. Europäische Wissen‐ schaftler: innen kannten darum die Geschichte der Kolonisierten kaum - oder erkannten sie nicht an, weil sie angeblich nicht vernunftgeleitet war. Die Kombination aus Unwissen und Nicht-Wissen-Wollen trieb der deutsche Philosoph Hegel bereits früher auf die Spitze. Er behauptete (ohne jemals in Afrika gewesen zu sein), in „Afrika kann eigentlich keine Geschichte stattfinden.“ In diesem „Kinderland“ gäbe es keinen Staat, keine Religion, kein Rechtsbewusstsein und kein zweckgerichtetes Handeln (Ra‐ tionalität) zur Herbeiführung von Ordnung und Fortschritt. Stattdessen herrsche „Wildheit“, „Barbarei“, Sklaverei, Kannibalismus und ein Drang zur Selbstzerstörung. Davon leitete Hegel eine „Wertlosigkeit des Menschen“ ab. Da Ägypten als eine der ältesten Hochkulturen (Zivilisation) nicht in Hegels Afrika-Bild passte, erklärte er es einfach zu einem Teil des europäischen „Abendlandes“. 40 Nach der Unabhängigkeitsära um 1960 wollten vor allem Schwarze Wis‐ senschaftler: innen solche eurozentrischen Weltbilder auf den Kopf stellen. Sie rückten Afrika ins Zentrum der Weltgeschichte und fanden dort die Ursprünge aller Zivilisation, welche die europäische Wissenschaft den Afrikaner: innen immer abgesprochen hatte. Der Historiker Cheikh Anta Diop aus Senegal lieferte zum Beispiel Belege dafür, dass die Zivilisation des Alten Ägypten von Schwarzen Afrikaner: innen geschaffen wurde, dann aber von Europäer: innen vereinnahmt wurde, für welche Zivilisationen nur weiß sein konnten. 41 Darauf aufbauend stellte der afroamerikanische Historiker Yosef Ben-Jochannan die These auf, dass das Schwarze Afrika nicht nur am Ursprung der ägyptischen Hochkultur, sondern auch der griechischen Philosophie sowie der großen Religionen Christentum, Islam und Judentum stand. Die Wurzeln des Morgen- und des Abendlandes fand er dabei nicht nur in der ägyptischen Hochkultur, sondern auch in der Bantu- Philosophie (Zentralafrika), im Glauben der Kikuyu an einen einzigen Gott 30 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="31"?> 42 Ben-Jochannan, 1970. 43 Van Sertima, 1976: 262. 44 Boahen, 1994. (Ostafrika) und in der Voodoo-Religion (der afrikanischen Diaspora). 42 Von einer afrikanischen Zivilisation ging auch der guyanische Linguist Ivan van Sertima aus. Er führte diese Zivilisation auch auf die seefahrerischen Leistungen Ägyptens und Ostafrikas zurück, die auch im restlichen Afrika Menschen zu Überseehändler: innen und Entdecker: innen machten. Sie ermöglichten es Van Sertima zufolge, dass Anführer des westafrikanischen Mali-Reiches schon 1311 Amerika entdeckten - fast 200 Jahre vor dem Europäer Kolumbus. Die Entdeckung Amerikas durch Westafrikaner leitete Van Sertima aus arabischen Quellen ab, die sich wiederum auf mündliche Berichte aus dem Mali-Reich stützten. Darauf aufbauend fand Van Sertima sprachliche und kulturelle Ähnlichkeiten zwischen Afrika und Mittelame‐ rika, woraus er schlussfolgerte, dass die mittelamerikanischen Azteken und Maya-Kulturen erst unter dem Einfluss der afrikanischen „Olmec-Kultur“ zu Zivilisationen wurden. Die Botschaft einer solchen These war allen klar: „Schwarze begannen ihren Aufstieg in Amerika nicht als Sklaven, sondern als Herren“. 43 Europäische Wissenschaftler: innen verurteilten solche afrozentrischen Aneignungen der Weltgeschichte in den 1960ern als antikolonialen Revan‐ chismus. Sie beanspruchten weiterhin, dass nur die europäisch-rationale Wissenschaft Gewissheit bringen könne, auch wenn diese nicht minder politisch motiviert war und meist den Kolonialismus rechtfertigte. Um afrozentrische Geschichte auch in Europa salonfähig zu machen, brauchte es einen „westlichen“ Bürgen: die UNESCO veröffentlichte zwischen 1964 und 1993 acht Bände der Allgemeinen Geschichte Afrikas, welche vorrangig afrikanische Historiker: innen zu Wort kommen ließ. Sie wurde weltweit zum Standardwerk und zum Symbol einer florierenden und methodologisch fundierten afrikanischen Geschichtswissenschaft. Einer der Herausgeber war der ghanaische Historiker A. Adu Boahen, der in seinem Buch Afrika‐ nische Perspektiven auf den Kolonialismus die These aufgestellt hatte, dass die kurze Periode der kolonialen Fremdherrschaft (ca. 1880-1960) in der jahrtausendealten Geschichte Afrikas gar nicht so stark ins Gewicht fiel und nur in Europa so wichtig genommen wurde, um sich selbst wichtig zu machen. 44 Definitionen und Begriffe des Kolonialen 31 <?page no="32"?> 45 Falola, 2004. 46 Castro Varela/ Mecheril (Hg.), 2016. 47 Jeppie/ Diagne, (Hg.), 2024. Afrozentrische Geschichte diente zweifellos der Identitätsbildung im unabhängigen Afrika und darüber hinaus. 45 Sie überspitzte ihre Thesen und blieb manche Belege schuldig. Dennoch entlarvte sie ein Kernproblem der europäisch geprägten Wissenschaft: deren Analysekategorien und Zeitvor‐ stellungen beanspruchten Allgemeingültigkeit, waren aber voreingenom‐ men, selbstbezogen und damit eurozentrisch. Am Ursprung des Eurozentris‐ mus stand die Vorstellung, dass es nur in Europa Menschen (Subjekte) gab, welche die Geschichte aktiv voranbrachten und somit Fortschritt sowie eine moderne Welt schufen. Afrikaner: innen erschienen als passive und damit kolonisierbare Menschen (Objekte). Dafür stehen eurozentrische Begriffe wie „Wilde“, „Unzivilisierte“, „Unterentwickelte“, „Eingeborene“, „Stamm“, welche Menschen sprachlich zum Gegenteil oder „Anderen“ der angeblich europäischen Moderne erklärten (Othering). 46 Auch Epochengrenzen waren eurozentrisch und wurden durch afrozent‐ rische Sichtweisen korrigiert. So begann der Zweite Weltkrieg aus afrikani‐ scher Sicht bereits mit dem Überfall des faschistischen Italiens auf Äthiopien im Jahr 1935 (mit 400.000 Soldaten, Bombardierungen und Giftgas) - und nicht erst 1939 mit dem deutschen Einmarsch in Polen. Afrozentrische Geschichte bedeutete nach Boahen auch, die afrikanische Geschichte vor und nach dem Kolonialismus hervorzuheben. Was wir zum Beispiel in Europa als rückständiges Mittelalter bezeichnen, war in weiten Teilen Afrikas eine Zeit der Hochkulturen. Nordafrikanische Muslime machten Teile der Iberischen Halbinsel seit 711 zur kulturellen Kontaktzone mit Höchstleistungen in Architektur, Mathematik, Philosophie und interreligi‐ ösem Dialog. Der König des Empire von Mali in Westafrika reiste 1324 mit so vielen Goldgeschenken (jedoch auch mindestens so vielen versklavten Menschen) durch Ägypten, dass dort die Goldpreise fielen. Das Empire von Mali brachte zudem intellektuelle Zentren mit Weltruhm wie Timbuktu und Djenné hervor, die mittlerweile zum Weltkulturerbe zählen. 47 Bis heute kennen jedoch nur wenige Europäer: innen das Empire von Mali, das Songhaireich, das Kalifat von Sokoto (alle Westafrika), die Zulu-Monarchie (Südost-Afrika), das Edo-Königreich oder die fortschrittlichen Stadtstaaten der Yoruba und Hausa (Nigeria und Niger). Sie stehen für die vielfältige und 32 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="33"?> 48 Chu/ Skinner, 2000; Asante, 1987. 49 Beispiele für neuere afrozentrische Geschichte: French, 2023; Badawi, 2024. 50 Falola/ Jennings, 2017; Chen, 2010. auch ambivalente Geschichte afrikanischer Staatlichkeit, Großreichbildung, Wirtschaftsmacht, Wissensproduktion, Hochkultur und Modernität. 48 Obwohl afrozentrische Geschichte immer populärer und akzeptierter wird, prägt der Eurozentrismus die akademische Kolonialgeschichte bis heute, auch weil sie weiterhin vorrangig mit westlichen Archivquellen und an westlichen Institutionen geschrieben wird. 49 Außereuropäische Sprachen und mündlich überlieferte Geschichtskenntnisse (Oral History) bleiben weiterhin außen vor. Eine solche Ausgrenzung außereuropäischer Methoden zur Wissensschaffung (Epistemologie) durch die eurozentrische Wissenschaft soll mit Hilfe einer expliziten Afrikanisierung und Asiatisie‐ rung von Erkenntnismethoden und Wissensbeständen durchkreuzt werden. Dabei solle man sich nicht nur an Europa abarbeiten, sondern die Methoden zur Erkenntnis über die eigene Geschichte „zurück nach Hause“ holen. 50 Solch afrikanisiertes oder asiatisiertes Wissen ist keineswegs zu „fremd“ für Europäer: innen. Eine Ausnahme bildet nämlich das mündlich überlieferte Sundiata-Epos über die Gründung des westafrikanischen Großreiches Mali im 13. Jahrhundert. Oft sind (junge) Menschen aus der ganzen Welt mit dem Sundiata-Epos vertrauter als Fachleute: Das Epos diente als Inspiration für die Erzählung Der König der Löwen, dem bisher weltweit erfolgreichsten Zeichentrickfilm und weltbekannten Musical. Literatur- und Linktipps | Ein neueres Beispiel für afrozentrische Geschichtsschreibung: Zeinab Badawi, Eine afrikanische Geschichte Afrikas. Vom Ursprung der Menschheit bis zur Unabhängigkeit, Mün‐ chen 2024; Und ein Klassiker des Afrozentrismus: Cheikh Anta Diop, The African Origin of Civilization. Myth or reality, New York 1974. Zur Ablehnung afrikanischer Perspektiven in Deutschland: Natasha A. Kelly, Afrokultur. »der raum zwischen gestern und morgen«, Münster 2021. Eine Zurückweisung der Kritik am Afrozentrismus kommt von Molefi Kete Asante, The Painful Demise of Eurocentrism. An afrocentric response to critics, Trenton, NJ 1999. Definitionen und Begriffe des Kolonialen 33 <?page no="34"?> 51 So Osterhammel/ Jansen, 2003: 16. 52 Zur Kritik daran: Glasmann, 2023: 4-18; Thomas, 2024: 11, 16. Walter D. Mignolo ruft in seinem Buch dazu auf, die Kolonialität der westlichen Wissensproduktion zu hinterfragen: Epistemischer Unge‐ horsam. Rhetorik der Moderne, Logik der Kolonialität und Grammatik der Dekolonialität, Wien, Berlin 2012. Einen Überblick zur Bedeutung afrikanischer Großreiche verschafft man sich bei: Saheed Aderinto (Hg.), African Kingdoms. An encyclope‐ dia of empires and civilizations, Santa Barbara 2017. Das Sundiata-Epos kann man zum Beispiel hier nachlesen: https: / / afrik a-junior.de/ inhalt/ wissen/ sundiata-keita-ein-afrikanisches-heldenepos. html Die Bücher von Jan Vansina (Oral Tradition as History, Madison 1985 und Being Colonized. The Kuba experience in rural Congo, 1880-1960, Madison 2010) zeigen, wie man mündliche Überlieferungen als Quelle verwenden kann. Warum reicht es nicht aus, Kolonialismus als Fremdherrschaft zu definieren? In der politikgeschichtlichen Tradition des 20. Jahrhunderts wurde Kolonia‐ lismus meist als Fremdherrschaft definiert, bei der die Kolonisierenden ihre Überlegenheit gegenüber den Kolonisierten ausnutzten, um sie zu unterwer‐ fen und auszubeuten. 51 Eine solche Definition ist nicht falsch, greift aber in dreifacher Hinsicht zu kurz. 52 Denn erstens war es weniger Überlegenheit als Skrupellosigkeit, mit der die Kolonialmächte ihre Herrschaft durchsetzten. In vielen Bereichen waren Kolonisierte den Kolonisierenden im Grunde überlegen: in der Ortskenntnis, in der gesellschaftlich akzeptierten Regie‐ rungsform, in der nachhaltigen Nutzung ihrer Ressourcen, in der lokal angepassten Produktionsweise, in der sozialverträglichen Arbeitsorganisa‐ tion oder teilweise bei der Geschlechtergerechtigkeit. Der Kolonialismus zerstörte dieses sozioökonomische Gefüge durch den kaltblütigen Einsatz von physischer, struktureller und kultureller Gewalt. Oft begann die Gewalt mit kolonialen Eroberungskriegen, die zunächst durch überlegene Kriegs‐ taktiken der Einheimischen (wie der Zulu in Südafrika gegen die britische 34 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="35"?> 53 Krüger, 2016: 142-159. 54 Fanon, 1963: 37-41; Menger, 2022: 84-108; Muschalek, 2019; Pesek, 2010. Kolonialarmee) abgewehrt wurden, dann aber von den Kolonisierenden mit skrupelloser Gewalt und dem Einsatz von Massenvernichtungswaffen (Maschinengewehre, Bombardierungen, Giftgas) gewonnen wurden. So trieb die deutsche Kolonialarmee im Krieg gegen die Herero und Nama (1905-1907) afrikanische Zivilist: innen in die Wüste und ließ sie dort verdursten, wohingegen die Herero und Nama ausdrücklich die Frauen und Kinder deutscher Kolonist: innen verschont und aus der Kampfzone geleitet hatten. 53 Zweitens war das „Fremdsein“ kein ursprünglicher Zustand, sondern musste den Menschen erst eingeredet werden. Man hat diesen Prozess „Othering“ genannt, was so viel bedeutet wie Andersmachen oder Fremd‐ machen. Die Herstellung von Andersartigkeit und Fremdheit vollzog sich vor allem über kulturelle und sprachliche Gewalt. Diese bestand nicht nur aus kurzfristigen Feindbildern, wie bei Propagandafeldzügen in inner‐ europäischen Kriegen, sondern beruhte auf langfristigen und strukturellen Abwertungsmustern, die sich in Denken, (Bild-)Sprache, Literatur und Kultur bis heute einprägten. Die kulturell konstruierte Andersartigkeit be‐ deutete manchmal „von der gleichen Art, aber anders und mangelhaft“ und manchmal „von einer anderen Art als der menschlichen“. Darauf gründete einerseits die Abwertung der Kolonisierten als „unzivilisierte Wilde“, welche man zur Zivilisation erziehen müsse, und andererseits ihre rassistische Entmenschlichung, die ihr Aussterben zum Naturgesetz erklärte und als Normalität akzeptierte. Vom Geschehen-Lassen des Aussterbens war es nicht weit zum Geschehen-Machen der Ausrottung. 54 Drittens erweckt der Ausdruck Kolonialherrschaft den Eindruck von absoluter Kontrolle über die Kolonisierten. Dabei hatten Kolonialimpe‐ rien weitaus weniger Kontrolle über ihre (so genannten) „Untertanen“ in den Kolonien als über ihre europäischen Staatsbürger: innen in den „Mutterländern“. Die europäischen Kolonialverwaltungen waren numerisch schwach. Auf dem Höhepunkt der kolonialen Herrschaft in den 1930er Jahren verwalteten in Nigeria lediglich 400 britische Kolonialbeamte 20 Millionen Menschen, in Französisch-Westafrika herrschten zweitweise nur 385 europäische Beamte über 15 Millionen Menschen. Das bedeutete, dass die Kolonisierten Frei- und Gestaltungsräume hatten. Ihr Leben unter dem Kolonialismus war komplex. Sie waren weder komplett passiv noch Definitionen und Begriffe des Kolonialen 35 <?page no="36"?> 55 Cooper/ Stoler, 2010: 26-66. 56 Ndlovu-Gatsheni, 2013. alle im Widerstand. Somit können sie weder pauschal viktimisiert noch romantisiert oder gar heroisiert werden. Manche richteten sich im Kolonia‐ lismus gut ein oder arbeiteten im Zuge der „indirekten Herrschaft“ mit der Kolonialverwaltung zusammen. 55 Andere wurden unterdrückt, ausgebeutet oder gar getötet. Insgesamt zeigt sich aber, dass der Kolonialismus den Menschen deutlich mehr Chancen nahm, als er ihnen bot. Vor allem schuf er langfristige Strukturen, die generell Menschen aus kolonisierten Weltregio‐ nen die Möglichkeit nahmen, ihr Leben erträglich oder gar komfortabel zu gestalten. Der Kolonialismus lässt sich darum nicht nur auf die offizielle und befristete „Kolonialherrschaft“ beschränken, sondern muss auch an seinen langfristigen Folgen gemessen und definiert werden. 56 Literaturtipps | Warum sich Kolonialismus nicht auf eine Periode der politischen Fremdherrschaft beschränken lässt, zeigen Theoretiker: in‐ nen der Kolonialität: Sabelo J. Ndlovu-Gatsheni, Coloniality of Power in Postcolonial Africa. Myths of decolonization, Dakar, Senegal 2013; Ani‐ bal Quijano, Coloniality of Power, Eurocentrism, and Latin America, in: Nepantla: Views from South 1(3), 2000, S. 533-580; Nelson Maldonado- Torres, On the Coloniality of Being, in: Cultural Studies 21. 2007, S. 240-270; María do Mar Castro Varela u. Nikita Dhawan, Postkoloniale Theorie. Eine kritische Einführung, Bielefeld 2015; Zur Kritik an post‐ kolonialen Vereinfachungen: Frederick Cooper, Kolonialismus denken. Konzepte und Theorien in kritischer Perspektive, Frankfurt am Main 2012. Was macht den europäischen Kolonialismus des 19. und 20. Jahrhunderts aus? Die Weltgeschichte ist voll von ungleichen Machtverhältnissen, Ungerech‐ tigkeit, Erniedrigung, Ausbeutung, imperialer Unterwerfung, sowie Gewalt- und Fremdherrschaft. Der Kolonialismus vereint all diese Elemente in sich und ist doch mehr als ihre Summe. Denn das Besondere am Kolonialismus des 19. und 20. Jahrhunderts war, dass Europäer: innen an ihm festhielten und 36 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="37"?> 57 Conrad, 2012: 999-1027. 58 Mills, 2017: 91-112; Eckert, 2012: 17-22. 59 Césaire, 2000: 39. 60 Zu Erhaltungsideologien in Bezug auf die Natur: Gissibl, 2016. ihn auf die Spitze trieben, obwohl sie es besser wussten. Denn seit ca. 1800 hatten die Aufklärung und die Revolutionen die Vorteile von Gleichheit, Freiheit und Menschenrechten bekannt gemacht und für allgemein gültig erklärt. 57 Kolonisator: innen beriefen sich sogar auf solche aufklärerischen Werte der „europäischen Zivilisation“, verkehrten sie aber in ihr Gegenteil. Sie beriefen sich auf die Aufklärung, um Gewalt und Unterdrückung zu rechtfertigen oder schlossen die Kolonisierten mit rassistischen „Argumen‐ ten“ von der Allgemeingültigkeit der Menschenrechte aus. 58 Der daraus entstehende Widerspruch prägte den Kolonialismus des 19. und 20. Jahr‐ hunderts und wurde damals wie heute als Heuchelei wahrgenommen. So resümierte der antikoloniale Schriftsteller Aimé Césaire im Jahr 1952: „Nie‐ mand kolonisiert unschuldig.“ Darum müssten die Kolonisierten aufpassen, „nicht auf eine kollektive Heuchelei hereinzufallen, welche es versteht, die Probleme falsch darzustellen, um die abscheulichen Lösungen dafür besser zu legitimieren.“ 59 Die Gewaltherrschaft des Kolonialismus zeichnete sich vorrangig durch drei Legitimationsstrategien aus: 1. Anhänger: innen des Imperialismus vertraten die Auffassung, die euro‐ päischen Nationen müssten ihre wirtschaftliche und militärische Stärke durch koloniale Ausdehnung beweisen und ihre Imperien immer weiter vergrößern. Der daraus entstehende Wettbewerb zwischen imperial expandierenden Nationen sollte (wirtschaftlichen und moralischen) Fortschritt hervorbringen, der theoretisch dann auch an die Kolonien weitergegeben werden sollte. So behaupteten die Kolonialverwaltun‐ gen, die Kolonien wirtschaftlich zu „entwickeln“, um damit die Ausbeu‐ tung von Mensch und Natur zu verschleiern. 2. Theoretiker: innen des Rassismus behaupteten, man dürfe Menschen in Afrika und Asien kolonisieren, weil diese angeblich minderwertig seien und aufgrund ihrer angeborenen Unterlegenheit ohnehin dem Unter‐ gang geweiht seien. Auf dieser Grundlage konnte sich Rassismus sowohl als Vernichtungsideologie als auch als Erhaltungsideologie äußern. 60 Letztere beschreibt die Vorstellung, man müsse Indigene Gruppen ret‐ ten und bewahren. Dazu dienten zum Beispiel Reservate zum Erhalt Definitionen und Begriffe des Kolonialen 37 <?page no="38"?> 61 Arndt, 2021; Hund, 2015; Bojadzijev et al., 2023; Geulen, 2021; Terkessidis, 2019; Haschemi Yekani, 2019; Koller, 2001. 62 Osterhammel/ Barth (Hg.), 2005. Indigener Gruppen. In dem Sinne nannten Deutsche ihre Kolonien auch offiziell „Schutzgebiete“ und setzten damit deren Bewohner: innen unmündigen Kindern gleich, die „vor sich selbst geschützt“ werden sollten. Hinter der Benennung als „Schutzgebiete“ verbarg sich ein zutiefst rassistisches Bild der angeblich unzivilisierten und unmündigen Koloniebewohner: innen. 61 3. Die Ideolog: innen der Zivilisierungsmission meinten, die Kolonisierten seien „arbeitsscheu“ und „denkfaul“, und müssten deshalb zur Arbeit erzogen werden. Sie glaubten, dass Europäer: innen angeblich kulturell unterlegene Menschen „zivilisieren“ müssten, das heißt auf die Höhe europäischer Kultur heben. Dieser angebliche Zivilisierungsauftrag be‐ inhaltete auch die Pazifizierung, deren zeitgenössische Bedeutung einer „Befriedung“ angeblich „wilder“ und „selbstzerstörerischer Stämme“ gleichkam. In Großbritannien behauptete man zum Beispiel, die „Pax Britannica“ (etwa: Der britische Weltfrieden) wäre eine Folge solcher Zivilisierungspolitik. Die Zivilisierungsmission wurde jedoch in der kolonialen Praxis kaum umgesetzt. Sie war nur vorgeschoben, um die Eroberung und Ausbeutung der kolonisierten Gesellschaften zu rechtfertigen. Eine angemessenere analytische Bezeichnung für die Zivilisierungsideologie wäre demnach Kulturrassismus. 62 Was wir heute Kolonialismus nennen, war also eine Kombination aus ausbeuterischer Landnahme und einer abwertenden Sprech- und Denkweise über die Bewohner: innen der kolonisierten Gebiete. Koloniale Sprache konnte ganz unscheinbare Formen annehmen, wie bei den Ausdrücken Zi‐ vilisierung, Pazifizierung, Entwicklung oder Schutzgebiete. Gerade der Wahl dieser Begriffe zur Umschreibung von Kulturrassismus, Eroberungskriegen, Ausbeutung und Gewaltherrschaft lag die Unaufrichtigkeit, welche für den Kolonialismus des 19. und 20. Jahrhunderts typisch war. Er unterschied sich also von älteren Kolonialimperien in Amerika oder außereuropäischen Großreichen, wie dem chinesischen oder dem äthiopischen, durch seine besondere Bigotterie. Der Kolonialismus zeichnete sich schließlich auch dadurch aus, dass solche kolonialen Strukturen der Ungerechtigkeit sich nicht nur in der globalen Wirtschaft, sondern auch in Sprache und Kultur bis heute halten. 38 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="39"?> 63 Zu Nachhaltigkeit allgemein: Mauch, 2014; Möckel, 2024. 64 Crosby, 2004; Arnold/ Guha (Hg.), 1995; Schürmann, 2017; Tischler/ Haltermann, 2019: 1-20. 65 Kreike 2021. 66 Grewe/ Lange 2015): 52-55, 71-72. 67 Haraway, 2015: 159-165. Wie kann man Kolonialismus angesichts seiner noch heute spürbaren Folgen definieren? Gemessen an seinen langfristigen negativen Folgen für Mensch, Kultur und Natur war der Kolonialismus mehr als Fremdherrschaft. Sucht man nach dem gemeinsamen Nenner der verschiedenen Kolonialismen zwischen 1500 und 2000, so scheint ein negatives Verhältnis zu Nachhaltigkeit das verbin‐ dende Element zu sein. Der Kollektivsingular Kolonialismus kann somit „ex negativo“ definiert werden: Kolonialismus ist das Gegenteil von Nachhaltig‐ keit. Genauer gefasst war der Kolonialismus ein Projekt, das Nachhaltigkeit verhinderte und Nichtnachhaltigkeit förderte. 63 Der Begriff Kolonisierung bezeichnet analog dazu einen dynamischen Prozess der Ausdehnung von Nichtnachhaltigkeit in Zeit und Raum. Im Zuge der Kolonisierung verste‐ tigte sich die globale Ungleichheit durch eine unnachhaltige Ausbeutung von Menschen, Natur und Ressourcen. 64 Schon die spanische Kolonisierung der Azteken- und Inkareiche seit 1492 war für den Historiker Emanuel Kreike ein Verbrechen gegen die Natur - und damit auch gegen die Mensch‐ heit. Die Konsequenzen der Kolonialkriege, welche die Umwelt als feindliche Ressource sahen und zum Kriegsziel erklärten, waren das Verschwinden fruchtbaren Bodens, der Kollaps ausgetüftelter Bewässerungssysteme, der Rückgang der Produktivität und damit die Zerstörung der Lebensgrundlage. Die Strategie des kolonialen „environcide“ (systematische Zerstörung der Umwelt) setzte sich im 20. Jahrhundert vor allem in der Niederschlagung antikolonialer Aufstände und in der Ressourcenausbeutung fort. 65 Diese Ausbeutung wurde unter dem Namen „Neo-Extraktivismus“ epochenbil‐ dend. Zum Neo-Extraktivismus zählen Wissenschaftler: innen den Raubbau an Bodenschätzen genauso wie die koloniale Plantagenwirtschaft. 66 Manche Wissenschaftler: innen sprechen sogar vom „Plantagenozän“, dem Zeitalter der Ausbeutung bis hin zur Vernichtung von Menschen, Umwelt und Artenvielfalt auf kolonialen (Sklaven-)Plantagen. 67 Dieses Zeitalter der ko‐ lonialen Plantagenwirtschaft ging einher mit Bodenauslaugung durch Mo‐ nokulturen, Klimawandel, Waldrodung und neuartigem Massentransport Definitionen und Begriffe des Kolonialen 39 <?page no="40"?> 68 Ross, 2019; Kirchberger/ Bennett (Hg.), 2021; Ross, 2024. 69 Beckert, 2015; Stoler, 1995; Aso, 2019. 70 Burke/ Pomeranz, 2009. und -konsum. 68 Die Produktion von Zucker, Baumwolle und Kautschuk auf Plantagen ist von Versklavung und Kolonialismus kaum zu trennen. 69 Somit steht der koloniale Neo-Extraktivismus (räumlich) für eine planetarische Dimension der ökologischen Ausbeutung und Zerstörung sowie (zeitlich) für einen fließenden Übergang von der Kolonisierung zur asymmetrischen Globalisierung der Welt (Neokolonialismus). Die üblicherweise mit politischer Fremdherrschaft gleich gesetzte Ko‐ lonialherrschaft bekommt also durch den Extraktivismus eine neue pla‐ netarische und epochenübergreifende Dimension. Die Ausbeutung von Ressourcen durch koloniale und „multinationale“ Unternehmen (Neo-Ex‐ traktivismus), die verstetigte Abhängigkeit (Dependenz) von Rohstoffexpor‐ ten und -preisen und die Steuerung der Plantagen durch Eigentümer: innen im Globalen Norden (Absentismus) bedingten die Zerstörung Indigener Nachhaltigkeit und einheimischer Biodiversität weit über die offizielle Kolonialherrschaft hinaus. 70 Dass Kolonialismus das Gegenteil von Nachhaltigkeit ist, lässt sich nicht nur an seinen wirtschaftlichen, sondern auch an seinen sozialen und kultu‐ rellen Auswirkungen belegen. Kolonialismus als Herrschaftsform beruhte auf militärischen Eroberungen, ungleichen Verträgen und Willkürherr‐ schaft, wodurch er eine Identifikation der Menschen mit ihrer Regierung verhinderte. Nirgendwo konnten die Kolonialherren eine flächendeckende Verwaltung und Justiz mit gemeinsamen Standards errichten, welche die Gleichbehandlung der Menschen vor dem Gesetz hätte durchsetzen kön‐ nen. Vetternwirtschaft und Korruption lagen in der Natur einer autoritärdespotischen Kolonialherrschaft ohne Gewaltenteilung oder demokratische Kontrolle. Durch Bevorzugung kolonialer Unternehmen mit Sitz außerhalb der kolonialen Gesellschaft verhinderte der Kolonialismus nachhaltiges Wirtschaften, durch welches Produzent: innen vor Ort langfristig Wohlstand schaffen hätten können. Die koloniale Extraktionswirtschaft war an der schnellen und gewinnbringenden Ausbeutung von Ressourcen interessiert. Goldminen in Südamerika oder Kupferminen in Zentralafrika stehen für schnelle und hohe Gewinne und geringe Löhne für Arbeiter: innen. Wie bereits angedeutet, war die landwirtschaftliche Plantagenkultur eine Mono‐ kultur und auf die Herstellung von Früchten für den Exportmarkt nach 40 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="41"?> 71 Eckert, 2006: 467-488; Cooper, 2010; Maul, 2007. Europa ausgerichtet. In Indien und Ostafrika hatte der Export solcher „cash crops“ Hungersnöte zur Folge, weil kaum mehr für den Eigenkonsum produziert wurde. Das Interesse auswärtiger Unternehmen an einer reinen Ausbeutungs‐ wirtschaft verhinderte zudem den Aufbau eines Sozialstaates. 71 Arbeiter: in‐ nen wurden oft zwangsverpflichtet und bekamen meist nur das Nötigste zum Überleben, so dass sie weder Kapital zur Reinvestition in den eigenen Lebensstandard sparen konnten noch eine Umverteilung von Gewinnen möglich war. Gewinne wurden also nicht wieder in die Gesellschaft und deren nachhaltige Entwicklung investiert, sondern flossen zum Beispiel in imperiale Symbolarchitektur im Mutterland, wie die Kathedrale im spani‐ schen Sevilla oder der „Jubelpark“ im belgischen Brüssel, wo König Leopold II als der „Baukönig“ bekannt wurde, weil er die Gewinne aus der Kaut‐ schukausbeutung im Kongo für protzige Bauprojekte verwendete. In den Kolonien gab es dafür weder eine halbwegs funktionierende Gesundheits‐ vorsorge noch Versicherungen für den Krankheitsfall oder eine Absicherung im Pensionsalter. Vereinzelte lokale Initiativen waren unterfinanziert und scheiterten meist. Kolonialregierungen verhinderten auch die Einführung eines flächendeckenden und weiterführenden Bildungssystems, weil sie den Kolonisierten höchstens Leistungen in der körperlichen Arbeit zutrauten. Somit schuf der Kolonialismus globale und langfristige Strukturen der Unnachhaltigkeit und Ungleichheit, an denen er heute noch gemessen werden muss. Mag es im Kolonialismus auch konstruktive Absichten wie etwa die Entwicklung hin zu höheren Lebensstandards gegeben haben, so ist doch sein Ergebnis, dass er das Destruktive nachhaltig machte und gleichzeitig verhinderte, dass das Konstruktive dauerhaft wurde. Im Rückblick zeigt sich, dass sich koloniales Überlegenheitsdenken in den Köpfen der Menschen bis heute gehalten hat und die koloniale Praxis Strukturen globaler Ungleichheit schuf, die bis heute nachhaltiges Handeln, Regieren und Wirtschaften erschweren. Achille Mbembe zog darum das Fazit, dass koloniales Denken in „all den Techniken und Wissenschaften, in Mythen, in Erkenntnisproz‐ essen und im Anwendungswissen“ fortdauert und zugleich die „koloniale Praxis die Zerstörung der Bedingungen zur Erneuerung des Lebens auf der Definitionen und Begriffe des Kolonialen 41 <?page no="42"?> 72 Mbembe, 2022: 106. 73 Mbembe: , 2021. 74 Mbembe, 2022: 59. Erde“ herbeiführte. Die Zerstörung der Lebensgrundlagen betraf die Natur genauso wie die Menschen. 72 Versteht man Kolonialismus als Unnachhaltigkeit, so zeigt sich, wie sich aktuelle Probleme aus einer scheinbar weit entfernten Vergangenheit erklären und lösen lassen. Man müsse heute die „Welt reparieren“, so Achille Mbembe, indem man die Bedingungen für ein nachhaltiges Zusammenle‐ ben von Natur, Menschen und Dingen auf einem gemeinsamen Planeten (wieder-)herstellt. 73 Diese „Fragen der Bewohnbarkeit, der Biosymbiose, der Nachhaltigkeit und Dauerhaftigkeit, der Verbindung von Menschheits‐ geschichte und Geschichte der Erde“ sind ihm zufolge „keine abstrakten Anliegen“, sondern eine konkrete Folge des Kolonialismus. 74 Literatur- und Linktipps | Zur Verbindung von Kolonialismus, Um‐ weltzerstörung und Unnachhaltigkeit: Sunil S. Amrith, Brennende Erde. Eine Geschichte der letzten 500 Jahre, München 2025; Alfred W. Crosby, Ecological Imperialism. The biological expansion of Europe, 900-1900, Cambridge 2009; Ann Laura Stoler, Capitalism and Confrontation in Sumatra’s Plantation Belt, 1870-1979, Ann Arbor 1995; Corey Ross, Ecology and Power in the Age of Empire, Oxford 2019. Philosophische Betrachtungen zur „Reperatur“ der Welt nach dem Ko‐ lonialismus: Achille Mbembe, (Re)construction. The need and desire to repair the world: https: / / www.youtube.com/ watch? v=tepyOL8rm-U. Die nachfolgenden Titel beinhalten weitere Informationen zum Planta‐ genozän: Donna Haraway, Anthropozän, Kapitalozän, Plantagenozän, Chthuluzän: Verwandtschaft herstellen, in: Environmental Humanities 6. 2015, S. 159-165; Dipesh Chakrabarty, The Climate of History in a Planetary Age, Chicago 2021; Grada Kilomba, Plantation memories. Episodes of everyday racism, Münster 2019. Zu Indigenen Alternativen nachhaltigen Daseins: Arturo Escobar, Plu‐ riversal Politics. The real and the possible. Durham, London 2020. Didaktische Überlegungen zum Thema: Philipp Bernhard/ Susanne Popp, Das Anthropozän als Herausforderung für die Konstruktion welt- 42 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="43"?> 75 Eckert/ Randeria, 2008; Wesseling, 1997. von Trotha, 2004: 49-96.; Münkler, 2010. und globalgeschichtlicher Perspektiven im Geschichtsunterricht, in: Zeitschrift für Geschichtsdidaktik 23 (2024), S.-12-27. Folgende Titel zeigen, wie globale Abhängigkeiten entstanden und erklären die daraus abgeleitete Dependenztheorie: Enzo Faletto u. Fer‐ nando Henrique Cardoso, Abhängigkeit und Entwicklung in Lateiname‐ rika, Berlin 1976 2 ; Corinna R. Unger u. a. (Hg.), Perspectives on the History of Global Development, Boston 2022 1 ; Manuela Boatcă u. a. (Hg.), Global inequalities in world-systems perspective. Theoretical debates and methodological innovations, London 2018. Was bedeuten die Begriffe Kolonialismus, Kolonisierung, Kolonialität, Imperialismus und Empire genau? Zur allgemeinen Verwirrung benutzt die Fachliteratur verschiedene Be‐ griffe, die etwas Ähnliches beschreiben und austauschbar scheinen: Kolo‐ nialismus, Kolonisierung, Imperialismus, Expansion oder Imperienbezie‐ hungsweise Empirebildung. Neuerdings kam noch das Wort Kolonialität hinzu. Auch Kombinationen sind häufig. Wahlweise bedient sich zum Bei‐ spiel die ältere Geschichtswissenschaft der Ausdrücke „kolonialer Imperia‐ lismus“, „imperialer Kolonialismus“, „Hochimperialismus“ und „moderner Imperialismus“, um die europäische Expansion zwischen 1880 und 1914 zu beschreiben. Jeder dieser Ausdrücke hat jedoch seine eigene Geschichte und steht für eine eigene Deutung der Kolonialgeschichte, die sich in sieben Herangehensweisen unterscheiden lassen. 75 1. Die ursprünglich lateinischen Begriffe Kolonie und Imperium kommen aus der römischen Antike. Wichtiger als eine exakte Beschreibung dieser Phänomene in der Antike ist für uns die Frage, warum und wie diese Begriffe bis ins 20. Jahrhundert benutzt wurden. Ihr Gebrauchs‐ wert lag darin, dass Europäer: innen die gewaltsame Eroberung und Unterwerfung der Welt als fortschrittlich und wohlmeinend darstellen konnten. Dies wurde im 19. Jahrhundert umso bedeutender, weil Europa sich mit der Aufklärung einer neuen Menschlichkeit verpflichtet hatte, die nicht so recht zu Gewalteroberungen zu passen schien. Was war Definitionen und Begriffe des Kolonialen 43 <?page no="44"?> 76 Pagden, 2010; Benton, 2010: 168. fortschrittlich an „Kolonie“ und „Imperium“? Dem reinen Wortsinn nach verbindet „Kolonie“ die Idee der „Ansiedlung“ von Menschen mit dem „Bestellen von Land“. Dabei schwingt mit, dass beides produktiv, nachhaltig und fortschrittlich ist, vor allem weil Kolonist: innen schein‐ bar „leeres“ oder „ungenutztes“ Land besiedeln und landwirtschaftlich nutzbar machen. Mit dem Ausdruck „Imperium“ verbinden wir heute die Selbstbezeichnung eines Staates mitsamt seiner Kolonien. Das Wort „Imperium“ beschrieb in Rom aber zunächst nur eine zeitlich beschränkte Befehlsgewalt, zum Beispiel zum Führen eines angeblich notwendigen Krieges oder zur Überwindung einer Krise. Neuzeitliche Staaten nannten sich nicht nur British Empire oder Empire Français, weil sie sich gerne als Nachfolger des Römischen Reiches sahen und ihre (Welt-)Macht demonstrieren wollten. Die Ausrede, man beherrsche Kolonien nur zeitweise, um Land und Leute produktiver zu machen und im Sinne der so genannten „Zivilisierungsmission“ ihre Bewohner: innen zur Arbeit und Selbständigkeit zu „erziehen“, wurde immer mehr zur Rechtfertigung des Fortbestands repressiver Imperien. Der englische Philosoph John Locke hatte schon 1689 die „labor theory of property“ zur Rechtfertigung kolonialer Landnahme für das britische Empire herangezogen. Diese Theorie besagte, man hätte nur einen Anspruch auf Landbesitz, wenn man das Land produktiv nutzt. Dabei lagen die kolonisierten Gebiete selten brach und waren fast nie „menschenleer“, was wiederum das Rechtskonstrukt des „herrenlosen Landes“ oder „terra nullius“ behauptete, welches im 19. Jahrhundert aufkam und (fälschlicherweise) auf das Römische Recht zurückgeführt wurde. Auch wenn die Bewohner: innen der kolonisierten Gebiete ihr Land nicht immer produktiv im Sinne von gewinnmaximierend nutzten, bewirt‐ schafteten sie es aber doch meist nachhaltig. 76 Die Begriffe Kolonie und Imperium sollten also einen (Welt-)Machtanspruch deutlich machen, Landeroberung rechtfertigen und gleichzeitig die Mär vom „guten“ und zivilisationsbringenden Imperium verbreiten. 2. Der politische Aufbruch nach der Französischen Revolution mit neuen gesellschaftlichen Zukunftsvisionen und die steigende Fortschrittsgläu‐ bigkeit durch die Industrialisierung drückte sich im 19. Jahrhundert sprachlich in neuartigen Bewegungsgriffen aus, wie Republikanismus, 44 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="45"?> 77 Koselleck, 2000. 78 Belich, 2011; Bell, 2011. 79 Veracini, 2024. 80 Wolfe, 2006: 387-409. 81 Louis, 1905; Zur Geschichte der Kolonialgeschichtsschreibung: Cooper, 2005. Kapitalismus, Demokratisierung oder eben Industrialisierung. 77 In die‐ sem Rahmen entstanden um 1800 die Begriffe Kolonialismus - als Ausdruck einer politisch-ideologischen Bewegung und Herrschaftsform - und Kolonisierung - zur Bezeichnung einer scheinbar fortschrittlichzivilisierenden Siedlungsbewegung. 3. Das Wort Kolonisierung beschrieb zudem eine Entwicklung, die schon um 1600 begann und im 19. Jahrhundert in einer „Siedlungsrevolution“ ihren Höhepunkt erreichte: Zwischen 1800 und 1914 wanderten 50 Millionen Europäer: innen aus und ließen sich oft als Kolonist: innen in der „Neuen Welt“ nieder. 78 Die dortigen Siedlungskolonien waren also das Ergebnis einer „Verpflanzung“ (so der ältere Ausdruck für Koloni‐ sierung) von weißen Menschen in Gebiete, in denen sie die Indigene (oder ursprüngliche) Bevölkerung ersetzen sollten. 79 Bei dieser Sied‐ lungskolonisation war die „Zivilisierungsmission“, also der angebliche Auftrag zur Erziehung Indigener Bevölkerung, weniger bedeutend als deren Verdrängung oder gar Vernichtung. Typische Siedlungskolonien waren Nord- und Südamerika, Australien, Algerien und später Südafrika und Kenia. Siedlungskoloniale Phänomene gab es aber auch innerhalb von Staaten, wie in Russland und sogar Skandinavien (Binnenkolonia‐ lismus oder Frontierkolonialismus). Ein Merkmal der amerikanischen Siedlungskolonien war, dass die Vernichtung der Indigenen Bevölke‐ rung durch die Verschleppung von versklavten Menschen aus Afrika kompensiert werden sollte, damit diese auf amerikanischen Plantagen für die Siedlerkolonialist: innen arbeiteten. 80 4. Der Begriff Kolonialismus stand bald für zwei Dinge: eine propagan‐ distische Bewegung zum Erwerb von Kolonien und eine besondere Herrschaftsform über Kolonien und deren Bewohner: innen. Seit Ende des 19. Jahrhunderts wurde der Begriff Kolonialismus immer öfter von Kritiker: innen verwendet. 81 Bis heute wird er als Kritikbegriff vor allem in den kolonisierten Gesellschaften gebraucht, weil er sowohl die Herrschaft über Kolonien als auch die propagandistische Rechtfertigung dieser beschreibt. Definitionen und Begriffe des Kolonialen 45 <?page no="46"?> 82 Hobson, 1902. 83 Hering, 2003; Chickering, 2020; Chickering, 1984; Eley, 1990. 84 Mommsen, 1987; Wesseling, 1997; Mommsen, 1980; Lenin, 1921. Diese Übersetzung kommt dem Originaltitel „Imperializm kak novejsij etap kapitalizma“ am nächsten; Torp, 1998. 85 Chakrabarty, 2010. 5. Ebenfalls Ende des 19. Jahrhunderts kam der Ausdruck Imperialismus auf. 82 Er beschreibt in eher eurozentrischer Weise meist den imperialen Konkurrenzkampf in Europa zwischen 1880 und 1914 und ist damit mindestens zeitlich als Unterkategorie des Kolonialismus anzusehen. Im Französischen, Englischen und Spanischen diente die Einführung des Begriffs Imperialismus um 1880 auch einer Abgrenzung der Epoche zwischen 1880 und 1914 von den monarchistischen Imperien vor 1815, die noch von einer kleinen Elite initiiert wurden und nicht von einer Massenbewegung getragen wurden. Zu einer solchen Massenbewegung wurde der Imperialismus spätestens um 1900, als er sich mit Militaris‐ mus, Flottenbegeisterung und übersteigertem Nationalismus (Chauvi‐ nismus, Jingoismus) verband. 83 Wie der Kolonialismusbegriff wurde der Imperialismusbegriff bald zur Beschreibung und Kritik des aggressiven Expansionsdrangs industriekapitalistischer Nationen verwendet. Vor allem marxistische und sozialistische Kritiker: innen wie Lenin oder Rosa Luxemburg machten ihn sich zu eigen. Sie sahen im Imperialismus die „jüngste Stufe des Kapitalismus“ und damit die Ursache für die Expansion Europas. (Andere „linke“ Imperialismustheorien zu der Zeit nannten als Ursachen die Suche des Adels nach neuen Betätigungsfel‐ dern, die Schaffung neuer Absatzmärkte für Überproduktion oder die Notwendigkeit revolutionäre Unterschichten in den Kolonien anzusie‐ deln.) 84 Noch zu Zeiten der DDR diente dort der Imperialismus-Begriff als Kampfbegriff gegen den kapitalistischen Westen - worunter sein analytischer Wert für Historiker: innen etwas litt. Spätestens seit Dipesh Chakrabarty mit seinem Buch Europa Provinzialisieren (2000) darauf hingewiesen hat, dass auch der Marxismus eurozentrisch und in seiner Anwendung auf den Globalen Süden paternalistisch bis hin zu übergrif‐ fig war, kann die Kombination von Eurozentrismus und marxistischem Antiimperialismus nicht mehr als Widerspruch gesehen werden. 85 6. Heute verwenden Historiker: innen eher wieder Imperien oder Empires als Analyserahmen. Diese Ausdrücke stammen zwar aus einer proble‐ matischen Quellensprache und dienten einst zur Verherrlichung fran‐ 46 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="47"?> 86 Burbank/ Cooper, 2012; Münkler, 2005; Hirschhausen/ Leonhard, 2023. 87 Cooper/ Stoler (Hg.), 2009; Fischer-Tiné, 2002. 88 Hardt/ Negri 2017. 89 Grosfoguel, 2007: 211-223. 90 Castro Varela, María do Mar; Dhawan, Nikita (op. 2005): Postkoloniale Theorie. Bielefeld: transcript; Gandhi, 2019. zösischer oder britischer Weltmacht, aber bieten heute einige Vorteile als Analysebegriffe. Empire-Historiker: innen verweisen darauf, dass Empires bis in die 1960er Jahre die Normalform staatlicher Organisation waren - und nicht die Nation. Darum untersuchen sie Empires „von Rom bis Russland“ und beziehen sowohl Kontinentalimperien (Habsburger Reich oder Osmanisches Reich) und Überseeimperien (Britisches Empire oder Französisches Kolonialreich) mit ein. 86 Für sie sind kolonisierende und kolonisierte Gesellschaften Teil eines gemeinsamen imperialen Erfahrungsraums. Ihre Analyse betont, dass Empires zwar bestimmte „ethnische“ Gruppen kolonisierten, diskriminierten und entrechteten. Allerdings wollen Empire-Historiker: innen auch zeigen, dass eben diese Gruppen die Empires mitgestalteten, umgestalteten und letztlich auch umstürzten. Die Kolonisierten waren demzufolge nicht passiv der kolo‐ nialen Maschinerie ausgeliefert, sondern konnten Empires auch für sich nutzen und zu „Ermöglichungsräumen“ machen. 87 Dagegen liefern Michael Hardt und Antonio Negri unter Rückgriff auf marxistische und postkoloniale Theorien eine noch stärker gegen‐ wartsbezogene und viel diskutierte Interpretation, die „das Empire“ als allmächtige und allgegenwärtige Ordnungsstruktur begreift, die Ungleichheit herstellt, ohne konkret fassbar zu sein. 88 7. Allgegenwärtig, aber auch konkret erlebbar ist auch die Kolonialität, jedenfalls für Menschen aus ehemaligen Kolonien. Sie haben den ana‐ lytischen Begriff Kolonialität mit geprägt, weil er ihren Erfahrungen und Perspektiven besser entspricht. 89 Die Vorstellung von der Kolonia‐ lität unserer Welt geht auf die postkolonialen Studien seit den 1980er Jahren zurück, die eine strukturelle Prägung westlicher (Bild- und Literatur-)Sprache durch koloniales Denken aufdeckten. 90 Kurz gefasst geht diese Forschungsrichtung davon aus, dass sich in der Kolonialzeit Rassismus, Kolonialismus und Unrechtsstrukturen verbunden und so verfestigt haben, dass sie damals wie heute das Denken und Handeln weißer Menschen prägen, die als Kollektiv von kolonialen Strukturen profitieren. Für weiße Menschen sind ihre aus dem Kolonialismus Definitionen und Begriffe des Kolonialen 47 <?page no="48"?> 91 Quijano/ Ennis, 2000: 533-580.- entstandenen Privilegien so selbstverständlich, dass sie sich gar nicht bewusst sind, wie ihr Denken und Handeln Ungleichheit und Diskrimi‐ nierung ständig reproduziert. Als bedeutender Vertreter dieser These zeigte Aníbal Quijano, wo sich die Kolonialität überall (auf-)spüren ließ: in der alltäglichen Diskriminierungserfahrung (Kolonialität des Seins), in der kolonialen Vorprägung aller (politischen, zwischenmenschlichen, geschlechtlichen, globalen) Machtverhältnisse (Kolonialität der Macht), in der eurozentrischen Wissenschaft (Kolonialität des Wissens), und im kolonialen Extraktivismus (Kolonialität des Verhältnisses zur Na‐ tur). 91 Mit der Kolonialitätsforschung hält die Vorstellung Einzug, der Kolonialismus präge Gegenwart und Vergangenheit genauso wie jeden einzelnen Menschen der angeblich egalitären und gerechten „Moderne“. 48 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="49"?> Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 Die Geschichte des Kolonialismus erstreckt sich über alle Epochen. Im Folgenden werden Debatten über seine Bedeutung von der Antike und Mittelalter bis in die Neuzeit dargestellt, insbesondere im Hinblick auf Versklavung, Verwaltung, Indigene und Frauen im Kolonialismus. <?page no="50"?> 92 Pagden, 2010; Coloniae, 1999: 1248-1250. 93 Tsetskhladze (Hg.), 2006. 94 Malkin, 2004: 341-364. 95 Veracini, 2018: 184-202: 193-194. Ist der Kolonialismus eine Erfindung der „abendländischen“ Antike? Bis Mitte des 20. Jahrhunderts suchten viele europäische Historiker: innen die Ursprünge des Kolonialismus in der griechischen und römischen Antike, aus welcher das koloniale Vokabular wie Kolonie, Imperium, Metropole (Mutterstadt bzw. Mutterland), Zivilisation und Barbarei stammte. 92 Wie bereits dargelegt, wurden antike Rechtsvorstellungen zudem zur Legitima‐ tion von Sklaverei oder von gewaltsamer Kolonialeroberung und -herrschaft benutzt, etwa durch die Vorstellung, man dürfe „herrenloses Land“ besetzen. In der Antike offenbarte sich das koloniale Siedlungsprojekt in der Metapher der „Verpflanzung“ von Siedler: innen. Die Verpflanzung von Siedler: innen spielte sowohl bei den griechischen „Pflanzstädten“ (apoikia, die übliche Bezeichnung für eine weit von der Metropole entfernte Siedlung oder Ko‐ lonie) eine Rolle, als auch in den römischen Militärkolonien. In beiden Fällen konnte Kolonisation sowohl Binnenkolonisation innerhalb eines Landes als auch die Schaffung von Siedlerkolonien in Übersee bedeuten. 93 Es ist jedoch umstritten, ob die überseeischen Handelsstützpunkte der Griechen, aber auch der Phönizier und Karthager, als Kolonien bezeichnet werden sollten. Insgesamt wurde die koloniale Tradition eher in die Antike „hineingelesen“ und deren Vokabular in späteren Jahrhunderten wiederverwertet, um die eigene rassistische Kolonialpolitik in eine Kontinuität mit der Antike zu stellen und somit zu legitimieren. 94 Als Begriffshülsen nahmen antike Ausdrücke teils ganz andere Bedeutung an und waren deshalb oft „falsche Freunde“. 95 Zunächst führten sich die iberischen Kolonialreiche der Neuzeit, aber auch England und die Niederlande, auf die Antike zurück. Da antike Vordenker des modernen Abendlandes wie Aristoteles die Existenz von rechtlosen Sklaven und „vernunftlosen Barbaren“ als selbstverständlich ansahen, konnte man Versklavung und gewaltsame Eroberung als Bestand‐ teil oder sogar als Voraussetzung für die Entstehung großer Zivilisationen darstellen. Gerade weil die Abwertung und Entrechtung von „Sklaven“ und „Barbaren“ in der Antike noch nicht ausdrücklich mit biologischen Rassen‐ unterschieden begründet wurde, konnten christlich geprägte Imperien der 50 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="51"?> 96 Hund, 2012: 725-763. 97 Goody, 2012: 26-67. 98 Camilleri, 2021; Betts, 1960; Belmessous, 2013. Neuzeit darauf zurückgreifen, ohne die Vorstellung aufzugeben, dass vor Gott alle gleich seien (was in der damaligen Theologie aber umstritten war). Auch wenn man mit guten Gründen argumentieren kann, dass in der Antike und der Frühen Neuzeit der Rassismus bereits angelegt oder gar erfunden wurde, wurden Griechenland und Rom eher zu Vorbildern für scheinbar „wohlmeinende“ Kolonialimperien. 96 Vor allem im 19. Jahrhundert erklärten Europäer: innen Griechenland und Rom zu den ersten Zivilisa‐ tionen der Menschheitsgeschichte (oder zumindest des „Abendlandes“), nur um ihre eigene europäische Moderne darauf zurückzuführen und als überlegen darzustellen. 97 Dazu trug vor allem die Römische Republik bei, die Bewohner: innen eroberter Gebiete nicht unbedingt ausschloss, sondern sie teilweise auch integrierte. Dies geschah über eine „Zivilisierung“ im engsten Sinn des Wortes, das heißt der Ausdehnung des römischen Bürgerrechts (civitas Romana) auf Untertan: innen in bestimmten eroberten Gebieten. Indem Menschen von Untertan: innen zu Bürger: innen wurden, wurden sie auch rechtlich gleichgestellt. Diese rechtliche „Assimilation“ (Gleichstellung durch kulturelle Anpassung) sollten ab den 1890er Jahren Kolonialpropa‐ gandist: innen in republikanischen Kolonialimperien wie in Frankreich als Anreiz nutzen, um die Kolonisierten zur kulturellen Europäisierung zu bewegen. Durch die Europäisierung sollte dann der Zuspruch zur europäi‐ schen Kolonialherrschaft gesichert werden. Im Gegensatz zur Römischen Republik blieb das Angebot der rechtlichen Gleichstellung in den modernen Kolonialimperien allerdings ein unerfülltes Versprechen. 98 Obwohl viele der Kolonisierten ihr Leben darauf ausrichteten, es den Kolonisierenden recht zu machen, ihre Sprache lernten und sich alltäglichen Demütigungen fügten, war dies den Kolonisierenden nie genug. Selbst die Französische Republik verwehrte den Kolonisierten die vollen Bürgerrechte. Das Vorbild der Antike für moderne Imperien war keineswegs unumstrit‐ ten, vor allem nachdem sie vom Weltbestseller des Historikers Edward Gib‐ bon über den Verfall und Untergang des Römischen Imperiums (abgeschlossen 1789) gelernt hatten, dass Rom letztendlich von den Germanen erobert und untergegangen war. Darum wandten sich vor allem Verfechter: innen des Siedlungskolonialismus im 19. Jahrhundert von Rom ab und priesen die kolonisatorischen Fähigkeiten der „germanischen Rasse“, welche gerade Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 51 <?page no="52"?> 99 Bell, 2006: 735-759; Wagner, 2016: 39-81. 100 Wagner, 2024. 101 Van Laak, 2004: 290. 102 Harding/ Reinwald (Hg.), 2020. aufgrund ihrer Unzivilisiertheit der zu kolonisierenden Wildheit ein eben‐ bürtiger Gegner war. Deutschsprachige galten im Sinne der Rassenideologie als gute Siedler: innen an der so genannten „frontier“, der Grenze zwischen Wildheit und Zivilisation. 99 Eine Kombination aus römischem und germa‐ nischem Kolonisationseifer zur Wiedererschaffung eines neorömischen Imperiums, das Europa und Afrika umfasste, propagierten in den 1930er Jahren faschistische Kolonialenthusiasten aus ganz Europa. Diese trafen sich 1938 in Rom, um ein gemeinsam ein faschistisches Empire mit dem Namen „Eurafrika“ zu schaffen. Der Zweite Weltkrieg durchkreuzte diese recht konkreten Pläne. 100 Spätestens mit dem Ende der faschistischen Kolonialpläne setze sich aber die Vorstellung durch, allein Zivilisationen seien kolonisationsfähig, weil nur sie das notwendige Weltwissen generierten, überlegene Kultur, Technik und Strategie entwickelten und die nötige imperiale Infrastruktur und Finanzmittel bereitstellten, um mit Schiffen Gebiete in Übersee zu erobern, zu behalten und zu verwalten. 101 Über Jahrhunderte leiteten Koloni‐ alpropagandist: innen aus der angeblich überlegenen europäisch-griechischrömischen Tradition ein Recht oder gar eine Pflicht zur Zivilisierung der Welt ab und damit zu ihrer Kolonisation. Erst 1974 stellte der senegalesische Historiker Cheikh Anta Diop das „abendländische“ Monopol auf die Zivilisation in Frage, indem er darauf hinwies, dass Ägypten eine viel ältere und vor allem „Schwarze“ Zivilisation gewesen sei, welche dominant afrikanisch war und die „weißen“ Zivilisationen Griechenlands und Roms überhaupt erst ermöglichte. Wie bereits dargestellt, wurden seine Einwände von europäischen Historiker: innen meist als Polemik abgetan, auch wenn heute in ähnlicher Weise argumentiert wird. 102 Literatur- und Linktipps | Erklärvideo des Projekts „Einfach Antike“ zur griechischen Kolonisation: https: / / www.youtube.com/ watch? v=9bP Yp9NfdbQ&t=60s und Podcast zur Versklavung in der Antike: https: / / ei nfach-antike.de/ kultur/ sklaverei-in-der-antike-alltag-ohne-freiheit/ 52 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="53"?> Video zur Idee von Rom als „gutes Empire“: https: / / www.youtube.com/ watch? v=Cf5k-HPHw2U Eine umfassende Studie, die sowohl die Geschichte der griechischen Kolonisation rekonstruiert als auch die Geschichte ihrer Erforschung in der Moderne nachzeichnet: Martin Mauersberg, Die „griechische Kolo‐ nisation“ - Ihr Bild in der Antike und der modernen altertums-wissen‐ schaftlichen Forschung, Bielefeld 2019; Überlegungen zur These des se‐ negalesischen Anthropologen und Historikers Cheikh Anta Diop, Ägypten sei Schwarzen Ursprungs: Brigitte Reinwald, Die Sorge, Afrika seine Wirklichkeit zurückzugeben. Biographische Anmerkungen zu Cheikh Anta Diop, in Werkstatt Geschichte 9 (1994), S. 7-14. Der sene‐ galesische Maler Omar Ba setzte Cheikh Anta Diop ein künstlerisches Denkmal und setzte sich darin mit dessen These auseinander, die euro‐ päische Zivilisation habe ihre Ursprünge im Subsaharischen Afrika. Zum Kunstwerk und zu Cheick Anta Diop gibt es hier Unterrichtsma‐ terial: https: / / www.mumok.at/ fileadmin/ Bibliothek/ 07_Veranstaltunge n_und_Programm/ 5.4_Kunstvermittlung_Diverses/ Material_fuer_den _Unterricht/ mumok_Unterrichtsmaterial_Ba.pdf. Gab es schon im Mittelalter eine deutsche Kolonisation im „Osten“? Um die Kolonisation im Mittelalter gab es mitunter die größten Kontro‐ versen, obwohl der Begriff damals noch gar nicht existierte. Besonders problematisch stellte sich die Beschreibung der „deutschen“ Ausdehnung auf „slawische Gebiete“ östlich der Elbe-Saale-Grenze im Mittelalter als „deutsche Ostkolonisation“ heraus. Erst im 19. Jahrhundert entdeckten Historiker: innen diese mittelalterliche „Ostkolonisation“, unter der sie die Expansion feudaler Gesellschaftsverfassungen, die missionarische Verbrei‐ tung des Christentums, Techniktransfers, die Ausdehnung von Rechts- und (Land-)Wirtschaftsformen und die Besiedlung durch deutsche Bauern subsumierten. Durch die Bezeichnung als „Ostkolonisation“ machten sie glauben, diese komplexen Prozesse gingen auf ein kolonisatorisches Unter‐ nehmen im Sinne eines zivilisatorischen Vordringens des „Abendlandes“ Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 53 <?page no="54"?> 103 Zernack, 1994: 105-116. 104 Graus, 1975 105 Lerp, 2016; Zimmerer, 2011; Moses (Hg.), 2010: ; Snyder, 2015. 106 Flaig, 2011, 83-84. in einen „leeren Ostraum“ zurück. 103 Der Begriff „Ostkolonisation“ sagte dabei mehr über die beschreibende Zeit des 19. Jahrhunderts als über die beschriebene Zeit des Mittelalters aus. Denn in der Tat scheint es sich eher um „multidirektionale“ Prozesse des Austauschs mit Beiträgen beider Seiten gehandelt zu haben. Erst im 19. Jahrhundert erfanden und nutzten ethno‐ nationalistische Intellektuelle wie der Historiker Johann Gustav Droysen den Mythos Ostkolonisation, um „den Slawen“ die „Kraft zur Staatsbildung“ weitgehend abzusprechen und sie mental kolonisierbar zu machen. Fortan wurde die „Ostkolonisation“ als „Großtat der Deutschen“ gefeiert anstatt differenziert untersucht. 104 Die rassistisch-völkische Abwertung von Osteu‐ ropäer: innen seit dem 19. Jahrhundert diente der Rechtfertigung einer ko‐ lonisatorischen „Ausdehnung des Abendlandes“ auf angeblich ungenutztes Land, die in Germanisierungskampagnen durch die Ansiedelung deutscher Kolonist: innen ihren praktischen Ausdruck fand. Naziideolog: innen fanden später in der „Ostkolonisation“ den Ursprung eines epochenübergreifenden germanischen „Drang nach Osten“ oder einer „Ostbewegung“. Sie erlangte einen zentralen Stellenwert in der Ostforschung des Nationalsozialismus, welche die kolonialistisch-rassistische Expansion nach Osten am Schreib‐ tisch vorbereitete und mit beispielloser Gewalt umsetzte. 105 Ist das Mittelalter der Beweis dafür, dass Kolonialismus nicht nur von Europa ausging? Der Ausdehnung des Islam im Mittelalter wird immer häufiger ein kolo‐ nialistisch-imperialistischer Charakter zugeschrieben. Tatsächlich breitete er sich rasend schnell zwischen 632 und 731 von Mekka und Medina ausgehend bis nach Indonesien, Spanien und zeitweise Frankreich aus, später sogar nach Westafrika. Diese islamische Expansion im Mittelalter beruhte teilweise auf kriegerischer Eroberung durch muslimische Staaten, die der Althistoriker Egon Flaig einer „religiösen Pflicht zum Djihad, dem Krieg zur Unterwerfung aller nichtmuslimischen Völker“ zuschrieb. 106 Islamwissenschaftler: innen widersprechen dieser pauschalisierenden Sicht mit dem Hinweis, dass der Islam kein Staat war, sondern eine Religion, die 54 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="55"?> 107 Ali, 2009. 108 Catlos, 2019. 109 Feldbauer (Hg.), 2001. 110 Burbank/ Cooper, 2012. noch dazu vielen recht attraktiv erschien. 107 Historiker: innen konnten in der Tat zeigen, dass die eroberten Gesellschaften auch die Möglichkeiten dieser monotheistischen Religion erkannten und den islamischen Glauben annahmen, sich aneigneten und von dessen Verankerung im sozialen, wirtschaftlichen und politischen Leben profitieren konnten. Viele nutzten zum Beispiel islamische Netzwerke als Handelsnetzwerke oder erlebten durch den Besuch islamischer Bildungsinstitutionen einen sozialen Aufstieg. Selbst die Politik muslimischer Herrscher (Kalifat) schien von einer größeren Toleranz geprägt, als sie in christlichen Staaten üblich war. So konnten Jüd: innen und Christ: innen im seit 711 muslimischen Andalusien (südlicher Teil der iberischen Halbinsel) ein vergleichsweise unbehelligtes Leben führen, das zwar nicht als harmonisches Zusammenleben (convivencia) verklärt werden soll, aber doch auf pragmatische Koexistenz (conveniencia) ausgerichtet war. Dagegen setzte nach der christlichen Reconquista (Rück‐ eroberung) Andalusiens spätestens ab 1492 eine nie dagewesene Verfolgung und Vertreibung von Menschen jüdischen und muslimischen Glaubens ein. 108 Sie war auch der Auftakt zur iberischen Conquista (Eroberung) und Ausbeutung der „Neuen Welt“ in Amerika, die bereits im Mittelalter vorbereitet wurde. 109 So unbegründet die Charakterisierung des Islam als imperialistisch auch sein mag, so wirft die Debatte darüber doch eine wichtige Frage auf: Gab es einen außereuropäischen Kolonialismus? Ohne Zweifel war Gewalt Teil der islamisch-arabischen Expansion, der muslimischen Versklavung, und grundlegend für die Konstitution nichteuropäischer Großreiche (Imperien). Das chinesische, mongolische, osmanische oder äthiopische Reich waren expandierende und repressive Großreiche, in denen sich Fremd- und Ge‐ waltherrschaft mit Überlegenheitsdenken verband. Sie alle waren zu einem gewissen Grad „Laboratorien des Kolonialen“. Dennoch bezeichnet man sie selten als Kolonialreiche. Denn wenn man nichteuropäische Imperien an ihren langfristigen Folgen misst, so zeigt sich, dass sie nachhaltiger angelegt waren als europäische Kolonialprojekte im 19. Jahrhundert und vor allem die „Beherrschten“ besser integrierten und teilhaben ließen. 110 Ein Beispiel dafür ist das Mogulreich Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 55 <?page no="56"?> 111 Faroqhi, 2021: 77-138. 112 Wagner, 2019: 75-114: 84. in Indien (1526-1858) oder das Osmanische Reich, welches zwischen dem 14. und dem 19. Jahrhundert große Teile Europas, Asiens und Nordafrikas umfasste. Im Osmanischen Reich gab das Millet-System Nichtmuslimen eine Art Minderheitenschutz, indem es Religionsgemeinschaften ihr eigenes Bildungssystem und eine eigene Rechtsprechung zugestand. Gleichzeitig konnten (sogar versklavte) Menschen in muslimisch regierten Imperien wie dem Osmanischen Reich Karriere machen und selbst in Führungspositionen kommen, meist wenn sie zum Islam konvertierten. 111 Im Gegensatz dazu machte der europäische Kolonialismus seit dem 19. Jahrhundert durch Praktiken rassistischer Ausgrenzung selbst anpassungswilligen (assimilier‐ ten) Menschen eine Partizipation schwer, eine religiöse Karriere selbst für Konvertit: innen zum Christentum unwahrscheinlich, eine militärische Laufbahn trotz Einsatz für das Mutterland ausgeschlossen, eine Regierungs‐ teilnahme unmöglich und verweigerte den Kolonisierten bis weit ins 20. Jahrhundert hinein Grundrechte in Form eines Zugangs zur Staatsbürger‐ schaft der Metropole. Bezeichnenderweise erkannten sogar die Kolonialpropagandisten des 19. Jahrhunderts die Nachhaltigkeit der arabisch-muslimischen Expansion. Der französische Philosoph und Kolonialbefürworter Prosper Enfantin kritisierte in den 1830er Jahren die eigene Regierung für ihre Brutalität bei der Eroberung Algeriens (seit 1830). Er warnte Frankreich davor, Nordafrika wie einst die Römer nur als Militärkolonie anzulegen und es als „Brotkorb“ auszubeuten. Denn die Römer hätten trotz ihrer 700-jährigen Herrschaft in Nordafrika „keine sichtbaren Spuren“ hinterlassen, wohingegen „Vandalen und Araber“ sich dort wirklich niedergelassen, sich mit lokalen Gesellschaf‐ ten kulturell vermischt und das Land zusammen mit den Einwohner: innen weiterentwickelt hätten. 112 Gab es eine islamische Sklaverei? Als die These vom muslimischen Imperialismus schon widerlegt schien, kam der Vorwurf auf, Muslime hätten im großen Stil Menschen versklavt und Sklavenhandel betrieben. So behauptete der Althistoriker Egon Flaig in pauschalisierender Weise: „[A]ls die Muslime ihr Weltreich eroberten, 56 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="57"?> 113 Flaig, 2018: 93. 114 Flaig, 2018. 115 Eckert, 2021. 116 Kollatz, 2022. 117 Osterhammel, 2003: 342-369: 345. errichteten sie das größte und langlebigste sklavistische System der Weltge‐ schichte.“ 113 Flaig zufolge habe der muslimische Sklavenhandel im Indischen Ozean mit (geschätzten) 17 Millionen Versklavten den europäischen Trans‐ atlantikhandel mit (belegten) 11 Millionen Verschleppten übertroffen. 114 Fachhistoriker: innen hinterfragten die quantitativen Berechnungen Flaigs genauso wie die qualitative Gleichsetzung der Sklaverei in muslimischen Gesellschaften mit derjenigen des transatlantischen Versklavungshandels. 115 Denn wiederum bedeutet der Begriff „Sklave“ in den verschiedenen Kon‐ texten nicht dasselbe: Der Ausdruck „Sklave“ implizierte im Islam keine komplette Entrechtung bis hin zur Behandlung als Eigentum und veräußer‐ bare Ware (Kommodifizierung) wie beim transatlantischen Versklavungs‐ handel von Europa nach Amerika üblich. Stattdessen waren „Sklaven“ in der muslimischen Welt weitestgehend als Menschen mit Grundrechten anerkannt, konnten als Haussklav: innen Teil der Familie werden und politische Ämter bekleiden, wie die Mamluken (wörtlich „die in Besitz Genommenen“) genannten Militärsklaven, die um 1250 in Ägypten zur Herrschaftsdynastie aufstiegen. 116 Selbst Quellen, von denen man wenig Sympathie für den Islam erwarten durfte, widersprechen der These von der islamischen Massenversklavung. Asienreisenden aus Europa fiel laut dem Historiker Jürgen Osterhammel um 1800 auf, dass es „im Orient trotz der überall verbreiteten ‚Despotie‘ so wenige Sklaven gäbe“, wobei die angeblich liberalen Niederländer in Indonesien noch die meisten Sklaven hielten. Auch der berühmte französische Historiker und katholische Priester Abbé Raynal, welcher um 1770 eine Geschichte beider Indien schrieb, machte allein Europa für den Export der Unfreiheit verantwortlich. 117 Die kritische geschichtswissenschaftliche Analyse der islamischen Er‐ oberung und Versklavung anderer Menschen ist durchaus gerechtfertigt, sollte aber nicht zum politisierten „Whataboutism“ missbraucht werden, der im Versuch deutlich wird, den europäischen Kolonialismus und Verskla‐ vungshandel durch die Überbetonung nichteuropäischer Versklavung zu relativieren oder gar vergessen zu machen. Von der Geschichtswissenschaft ist die Rolle von Europäer: innen in solchen Verbrechen gegen die Mensch‐ lichkeit nämlich minutiös belegt. Darum stellen sich auch größere Fragen: Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 57 <?page no="58"?> 118 Aral, 2016: 109-138. Kann Europa weiterhin die Meistererzählung aufrechterhalten, die Men‐ schenrechte seien hier erfunden und durchgesetzt worden? So argumentiert zum Beispiel der Politikwissenschaftler Berdal Aral: Menschenrechte seien auch im Osmanischen Scharia-Recht angelegt gewesen, welches nichtmus‐ limische Minderheiten genauso wie Frauen Schutz in Bezug auf Leben, Eigentum, faire Gerichtsverfahren und soziale Sicherheit gewährte. 118 Eine unvoreingenommene Geschichte des Verhältnisses von Islam und Sklaverei kann also durchaus Teil einer kritischen Globalgeschichte sein. Linktipp | Sendung von Deutschlandfunk Kultur zur vergessenen mus‐ limischen Antisklaverei-Bewegung: https: / / www.deutschlandfunkkult ur.de/ muslimische-anti-sklaverei-bewegung-westafrika-100.html Konnte Kolonialismus in Amerika ohne Zwangsarbeit und Versklavung funktionieren? Seit der zufälligen „Entdeckung“ Amerikas 1492 und seiner anschließenden Eroberung prägte die iberische und britische Kolonisation die transatlanti‐ schen Beziehungen. Spanien, Portugal und auch die Niederlande teilten sich seit dem 15. Jahrhundert Südamerika; England und Frankreich kolonisierten seit Anfang des 17. Jahrhunderts Nordamerika; und die mittelamerikani‐ sche Karibik geriet unter die Kontrolle europäischer Plantagenbesitzer. Die kolonisierenden Staaten zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert waren Mon‐ archien, die ein merkantilistisches Wirtschaftssystem einführten, innerhalb dessen sie billige Rohstoffe aus den Kolonien zu teuren Endprodukten verarbeiten wollten, um mit dem daraus entstandenen Gewinn die Staats‐ kasse aufzufüllen. Ihnen ging es darum weitaus mehr um Ressourcenaus‐ beutung als bei den Kolonisationsprojekten der Antike. Zur Ausbeutung von Minenvorkommen (Gold, Silber, Diamanten) in Bolivien, Peru und Mexiko gesellte sich bald die Ausbeutung von versklavten Menschen auf Plantagen, welche unter schlimmsten Arbeitsbedingungen Nutzpflanzen für den europäischen Markt anbauen mussten (Zucker, Kaffee, Tabak, Reis, Baumwolle usw.). Zunächst bekamen erfolgreiche Konquistadoren und Beamte im spanischen Amerika so genannte encomiendas zugesprochen, 58 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="59"?> 119 Ghachem, 2012. also die politische Kontrolle über Indigene Kaziken (lokale Machthaber), welche dann ihre Untergebenen zur Arbeit für die Spanier: innen verpflich‐ teten. Die Plantagenarbeit verrichteten vorrangig 12 Millionen versklavte Afrikaner: innen, die zwischen dem 16. und dem 19. Jahrhundert vor allem nach Nordamerika (erstmals 1617), Brasilien und in die Karibik verschleppt wurden. In den 1780ern kamen jährlich 80.000 Menschen aus Afrika in den Amerikas an und wurden versklavt. Für die Europäer: innen machte die Ar‐ beitskraft versklavter Afrikaner: innen diejenige der Indigenen Bevölkerung vor Ort entbehrlich. Denn Sklav: innen waren kostengünstiger und ohne jeg‐ lichen Rechtsanspruch auf Freiheit, Arbeitsschutz, Arbeitszeitbegrenzung, Gesundheitsversorgung oder humane Behandlung im Allgemeinen. Da viele versklavte Menschen bei der Transatlantikpassage oder auf Plantagen starben, basierte das System weniger auf einer Selbstreproduktion als auf der Notwendigkeit eines ständigen Nachschubs aus Afrika. Diese Logik ermöglichte auch ihre brutale Behandlung. So regelte der französische Code Noir von 1685, dass man versklavte Menschen in Ketten legen, schlagen, verkaufen und vererben durfte, sie nach Fluchtversuchen oder Ungehorsam hinrichten konnte, ihnen Versammlungen und Handelstätigkeiten verbieten konnte, und dass sie nicht als eigene Partei vor Gericht auftreten durften. 119 Genauso waren aber auch Indigene Communities weitgehend rechtlos und für die Kolonisator: innen lediglich von Bedeutung, wenn man sie als Soldaten einsetzen oder sich ihr Land aneignen konnte. Bis ins 20. Jahrhundert wurden Indigene von Kanada bis Argentinien systematisch umerzogen, verdrängt oder schlichtweg der Vernichtung preisgegeben. Ihr Verschwinden schuf die Voraussetzung für die Besiedelung Amerikas durch weiße Kolonist: innen aus Europa. Diese Siedlerkolonisation war für Kolonialregierungen anfangs zweitrangig, wurde aber spätestens im 19. Jahrhundert zur Methode, um Amerika „weiß“ zu machen. Letztend‐ lich war die Kolonisation Amerikas eine Besiedelungskolonisation, an der weiße Menschen ungeachtet ihrer Nationalität teilnahmen. So ließen sich Millionen deutschsprachige, italienischsprachige oder osteuropäische Aus‐ wanderer: innen als Kolonist: innen in Nordamerika oder in den „Pampas“ Südamerikas als Kolonist: innen nieder. Neben der Landnahme beteiligten sie sich am Versklavungshandel. Spanien vergab zum Beispiel asientos - das Recht Menschen zu versklaven und ins spanische Amerika zu bringen - auch an französische und deutsche Unternehmen. Doch auch als der Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 59 <?page no="60"?> 120 Zeuske, 2013; Meissner et al. 2008; Robinson, 2019. 121 Gilroy, 1993. Kapitalismus in den Amerikas immer mehr den Merkantilismus ersetzte, endete die Versklavung von Millionen Menschen nicht. Historiker: innen sind sich mittlerweile einig, dass die Sklavenplantagen grundlegend für den Aufstieg des Kapitalismus und der Industrialisierung im Europa des 19. Jahrhunderts waren. 120 Denn die Baumwolle für die Textilindustrie wurde auf den Plantagen hergestellt - zu niedrigsten Preisen. Der Historiker und erste Präsident von Trinidad in der Karibik, Eric Williams, hat gleichzeitig herausgearbeitet, dass die Abschaffung der Sklaverei (Abolition) nicht aus humanitären Erwägungen geschah, sondern weil sie sich seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht mehr lohnte. Verschiedene andere Formen von kolonialer Zwangsarbeit blieben aber bis weit ins 20. Jahrhundert bestehen. Paul Gilroy, der die Sklaverei als „entblößten Kapitalismus“ bezeichnete, verwies darauf, dass sich aus diesem repressiven System der Versklavung heraus dennoch eine eigene Kultur des „Black Atlantic“ gebildet hatte. Sie verband Schwarze Menschen aller Kontinente und drückte sich in einem neuen intellektuellen und kulturellen Gemeinschaftssinn aus, der die Versklavungserfahrung verarbeitet, aber sich nicht auf sie reduzieren lässt. Dazu zählt das literarische Schaffen genauso wie die Schwarze Musik, wie zum Beispiel Jazz und Hip-Hop. 121 Literatur- und Linktipps | Auf der Seite von Slave Voyages (https: / / w ww.slavevoyages.org/ assessment/ estimates) finden sich Statistiken zum transatlantischen Versklavungshandel. Die Suche lässt sich dabei auf ausgewählte Länder und Jahre eingrenzen. Die Datenbanken sind das Ergebnis jahrzehntelanger Forschung in Bi‐ bliotheken und Archiven in der gesamten atlantischen Welt. Ebenso finden sich auf der Internetseite Karten zum Versklavungshandel: https : / / www.slavevoyages.org/ blog/ tag/ intro-maps. Über Versklavung und die Geschichte von Black America schreibt Mi‐ chael Hochgeschwender auf der Homepage der Bundeszentrale für po‐ litische Bildung: https: / / www.bpb.de/ shop/ zeitschriften/ apuz/ 266269/ z ur-geschichte-von-black-america/ . 60 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="61"?> 122 Osterhammel, 2009. 123 Kuhlmann-Smirnov, 2014: 50-60; Fradera et al. (Hg.), 2013. 124 Weber, 2009: 37-67; Lentz, 2021: 581-596; Mallinckrodt et al., 2021; Brahm/ Rosenhaft (Hg.), 2016; Lentz/ Lindner, 2024: 39-74; Kom, 2021. Was hatte Deutschland mit der Versklavung zu tun? Vergessen wurde lange die deutsche Beteiligung am transatlantischen Versklavungshandel. Selbst bekannte Historiker wie Jürgen Osterhammel behaupteten: „Sklaven gab es anderswo; es gab sie nicht in Deutschland. Die Deutschen nahmen sie aus der Ferne wahr“. 122 Jüngere Forschungen ergeben ein ganz anderes Bild. So waren die Augsburger Handelshäuser der Fugger und Welser am Versklavungshandel beteiligt, insbesondere durch ein von den Welsern erworbenes asiento (Handelslizenz) von 1528 zur Versorgung von Santo Domingo mit 4.000 Sklaven für die dortigen Zuckerplantagen. In der niederländischen Kolonie Surinam gab es zahl‐ reiche deutsche Sklavenhalter und rund 180.000 Deutsche waren in der Niederländischen Ostindienkompagnie tätig, unter deren Herrschaft die Sklaverei florierte. Von Bordeaux aus gingen zwischen 1754 und 1792 mindestens 27 Sklavenfahrten deutscher Reedereien ab. Auch die dänischen Kolonien in der Karibik nutzten deutsche Unternehmen. Zwischen 1682 und 1715 verschleppte und verkaufte die Brandenburgisch-Afrikanische Kompagnie 18.980 afrikanische Sklaven. Der Hamburger Handelskaufmann Carl Heinrich Schimmelmann unterhielt in den 1770er Jahren Zuckerplan‐ tagen in der dänischen Karibik, auf denen um die 1.000 versklavte Menschen arbeiteten. 123 Er und der Sklavenschiffkapitän Joachim Nettelbeck werden trotzdem bis heute in Straßennamen geehrt. 124 Weitere Befunde zum deut‐ schen Engagement in der Versklavungswirtschaft sind zu erwarten und werden in größeren Forschungsprojekten untersucht. Linktipp | Sendung von Deutschlandfunk Kultur zur vergessenen deut‐ schen Beteiligung am Versklavungshandel: https: / / www.deutschlandfu nkkultur.de/ sklavenhandel-was-hatte-deutschland-damit-zu-tun-100.h tml Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 61 <?page no="62"?> 125 Gélinas, 2019: 175-183, 178. 126 Gélinas, 2019: 175-183: 179; Conrad, 2006. 127 Gélinas, 2019: 175-183: 178. Wie standen Missionare und Wissenschaftler zur kolonialen Eroberung? Die Bildung von Kolonialimperien wurde vor allem in der Frühen Neuzeit (circa 16. bis 18. Jahrhundert) dem Bekehrungsdrang christlicher Missionare zugeschrieben. Man nahm wohl an, dass es einen gewissen religiösen Eifer brauchte, um in unbekannte und unwirtliche Weltgegenden aufzubrechen und sich dort auch niederzulassen. Unzweifelhaft stand dieser Eifer am Beginn der iberischen Eroberung (Conquista seit 1492) Amerikas, welche Spanien und Portugal als Fortsetzung der Wiedereroberung (Reconquista) der iberischen Halbinsel vom Islam sahen. Die katholische Kirche war maßgeblich am steigenden Interesse an Südamerika beteiligt und blühte bei dessen Eroberung neu auf. Mission und Eroberung waren dabei kaum zu trennen. In der Bulle Inter Caetera von 1493 bestätigte der Papst den Rival: innen Kastilien und Portugal Gebiete in Südamerika und teilte sie unter ihnen auf. Damit schien es, als wären die Gebiete schon in ihrem Besitz. Iberische Konquistadoren verlasen beim Erstkontakt mit der Indigenen Bevölkerung so genannte requerimientos. Darin stand zum Beispiel, Gott habe dem Papst erlaubt, an jedem Ort der Welt „Christen, Mauren, Juden, Heiden und alle anderen Sekten zu richten und zu regieren.“ Sollte die Herrschaft nicht anerkannt werden, würde man mit Gottes Hilfe Gewalt anwenden. 125 Nach der Eroberung sollten Indigene Gesellschaften nicht nur in oberflächlichen Massentaufen zu einem neuen Glauben bekehrt werden, sondern ihre Lebensweise sollte sich grundsätzlich ändern - so, dass sie sich in die Kolonialherrschaft fügten. Dabei war auch die Erziehung zu Disziplin und Arbeit vorgesehen, so dass manche Missionen (Zwangs-)Arbeitslagern glichen. In Paraguay, Alta und Baja California und Neufrankreich gab es Reducciones, von der Außenwelt abgeschottete Umerziehungslager (solche existierten auch in Kanada für Indigene Kinder bis ins 20. Jahrhundert). 126 Trotz des Aufwands für die Missionstätigkeit debattierten katholische Geist‐ liche wie im Disput von Valladolid (1550-51) noch, ob Indigene überhaupt menschliche Seelen hätten und Christen werden könnten oder ob man sie als Nichtmenschen einfach versklaven dürfe. 127 In der kolonialen Praxis waren Missionare am System des Sklavenhandels beteiligt, wenn sie auch teilweise für dessen Abschaffung warben. 62 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="63"?> 128 Carson, 2013. 129 Habermas/ Hölzl (Hg.), 2014; Hölzl, 2012: 7-34; Habermas, 2008: 629-679, Azamede, 2013; Von der Heyden/ Wendt 2020; Gründer, 2004; Bade, 1975. In Großbritannien und den Niederlanden fühlten sich evangelische Missionare, unter ihnen auch Laien, berufen, die Heilsbotschaft auch in „Übersee“ zu verkünden. Allerdings waren die Niederländische und die Britische Ostindienkompanien viel mehr darauf bedacht, religiöse Vielfalt zuzulassen, unter anderem, um Unruhen zu vermeiden. 128 Unter ihnen, aber auch unter französischer Kolonialherrschaft in Nordafrika oder in deutschen Kolonien in Ostafrika konnte sich zum Beispiel der Islam weiter verbreiten und entwickeln. Auch Jüd: innen konnten sich teils besonders geschützt fühlen, wie in Französisch-Algerien (ausgenommen das frühe 19. Jahrhundert und das faschistische Vichy-Regime zwischen 1940 und 1944). Der Erhalt verschiedener Religionen diente aber oft auch „Teile und herrsche“-Strategien. So wurden in Indien der Islam und der Hinduismus teils gezielt gegeneinander ausgespielt. Damit konnten sich Kolonialmächte als friedensstiftende Drittmächte verkaufen, wie Großbritannien mit der „Pax Britannica“. Nach Indiens Unabhängigkeit lebten die Folgen dieser „Teile und Herrsche“-Politik weiter und hatten fatale und mitunter tödliche Folgen für beide Seiten. Trotz aller Gewalt schuf der Konversionskolonialismus dauerhafte Be‐ ziehungen zu den kolonisierten Menschen, die meist hierarchisch aber in seltenen Fällen auch egalitär gedacht sein konnten. 129 Missionare mussten sich zudem oft anpassen und ihre Botschaft in lokalen Sprachen vermitteln. Viele Indigene konnten die Interaktion nutzen, um ihre eigenen Interessen gegenüber der Kolonialmacht durchzusetzen. Manchmal musste sich sogar die christliche Lehre anpassen und verändern, um in Indigenen Gesellschaf‐ ten angenommen zu werden und zu bestehen. Religion und Wissenschaft ergänzten einander in Eroberungsprozessen eher, als dass sie sich widersprachen. Da Indigene Religionen eher Kosmolo‐ gien waren und nicht von einem einzigen Gott ausgingen, sondern von einer Vielfalt an Gottheiten, Geistern und beseelter Natur, wollten Missionare diese erst genau kennen, um sie dann zu nutzen oder zu ersetzen. Sie lernten Indigene Sprachen und studierten ihre Kulturen im Allgemeinen. Auch religiös legitimierte Kolonialimperien, wie Kastilien, wollten Wissen zur Herrschaftssicherung sammeln. Als sich das Reich unter Philipp II (1556-1598) konsolidierte, pflegte man das Ideal des allwissenden Königs, Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 63 <?page no="64"?> 130 Brendecke, 2009. 131 Angster, 2012; Hall, 2009. der sein Reich vom Escorial in Spanien aus regierte, aber dort auch alle ver‐ fügbaren Informationen zusammenführen ließ. Er zeichnete von sich selbst das Bild des „Papierkönigs“, der über eine gut informierte bürokratische Maschinerie sein Übersee-Reich genau kannte und sich Herrschaftswissen aneignete. Dabei deutete sich ein Grundproblem kolonialen Wissens an: die Infor‐ mationen wurden oft von korrupten Beamten verfälscht, durch inquisita‐ torische Fragetechniken gewonnen oder beruhten auf rassistischer Vorein‐ genommenheit und ignorierten meist Indigenes Wissen. Die Erkenntnisse waren darum oft falsch, weil der Erkenntnisweg falsch und eurozentrisch war. 130 Meist machten dies „neutrale“ Wissenschaftler (fast ausschließlich Männer machten sich mit kolonialen Themen einen Namen) nicht besser. Sie nutzten die entstehende Marine- und Handelsschifffahrt, um die Welt zu bereisen, sie exakt zu kartographieren sowie Menschen und Pflanzenarten in ihrer ganzen Diversität zu erfassen. 131 Diese Wissenschaftler verstanden sich zunächst ebenso als Universalgelehrte, die alles wissen wollten und das besser als andere. Manche glaubten jedenfalls alles zu wissen oder machten die Welt glauben, sie seien allwissend. Dass sich viele als Menschen Allwissenheit anmaßten, war auch dem Humanismus der Aufklärung zu‐ zuschreiben. Sie verstanden sich als aufgeklärt und machten sich darum auf eine regelrechte Aufklärungsmission, die mit Hilfe von Vernunft aus Beobachtungen Erkenntnisse machte, die als Wissen gesammelt wurden. Glaube spielte bei diesen angeblich ganz vernünftigen Naturwissenschaft‐ lern aber trotzdem noch eine wichtige Rolle. Sie konnten zum Beispiel dem Bann des göttlichen Schöpfungsmythos nicht entkommen und glaub‐ ten darum, dass die Vielheit der Welt auf ein durchschaubares System zurückzuführen sei, das in sich schlüssig war. In dieses System wollten sie dann ihre Erkenntnisse und Beobachtungen einordnen, meist ordneten sie diese aber dem System einfach unter. Das konnte die Vermessung und Kartographierung der Welt sein, die „Entdeckung“ von naturhistorischen Gesetzmäßigkeiten, die Sammlung und Hierarchisierung von Indigenen „Artefakten“ (denen man nicht den Status als Kunst zugestand), die Klas‐ sifikation von Pflanzen, Tieren und Menschen, insbesondere in Hinblick auf ihre Abstammung. Ihr Ziel war es, eine systematische Einteilung des Wissens über diese Menschen zu erstellen, die die Welt ordnen und dadurch 64 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="65"?> 132 Habermas/ Przyrembel, 2013. 133 Yacou, 1990: 95-111: 101. 134 Matthies, 2018: 106-107. 135 Hering Torres, 2006. 136 Darwin, 2018 [1859]. erklären sollte. Ihre Ordnung der Welt wandelte sich aber unversehens in eine Unterordnung. Fortan bestimmten Europäer: innen, die oftmals nur kurz ihre Schiffe und sicheren Häfen verlassen hatten, wie das Weltsystem funktionierte. 132 Einer von ihnen war der Naturforscherfürst Alexander von Humboldt, der das koloniale Südamerika auch im Auftrag der Kirche bereiste und die dortigen Missionstationen als Unterkunft nutzte. Er äußerte sich zwar nicht zu Rassentheorien und verurteilte sogar die Sklaverei als „das größte aller Übel, welche die Menschheit gepeinigt“ habe. Dennoch nutzte er die Dienste des Indigenen Dolmetschers Zerepe, welcher von einem befreundeten Missionar zwangsverpflichtet wurde. Schwarze und lateinamerikanische Historiker: innen bemerkten zudem nicht ohne Grund, Humboldt habe lediglich eine „humanistische Fassade“ und sein Image als Universalgenie aufgebaut, wodurch er Indigenes Wissen und dessen Produzent: innen wissentlich in den Schatten stellte. 133 Mit ihm reiste 16 Monate lang der Indio Carlos de Pinto, der als Reisführer und Lotse diente und Humboldt mit seiner genauen Kenntnis von Meeresgewächsen und Pflanzen an Land beeindruckte. Humboldt profitierte von diesen Kenntnis‐ sen, erwähnte ihn aber nicht als Quelle des Wissens oder Reiseleiter, sondern als „Begleiter“ seiner Expedition. 134 Weitaus problematischer war die Entstehung von Rassismus und Sozi‐ aldarwinismus, deren Grundlagen während der Kolonisierung der Ameri‐ kas gelegt wurden. Schon seit dem 15. Jahrhundert entwickelte sich in den iberischen Reichen in Südamerika eine Systematik, an Hand derer Europäer: innen angeblich ihre „Blutreinheit“ (limpieza de sangre) als weiße Christ: innen in Abgrenzung zu Muslim: innen, Jüd: innen, Indigenen oder Schwarzen bestimmen konnten. 135 Diese protorassistische Ideologie führte über Um- und Seitenwege zu Charles Darwins Über die Entstehung der Arten (1859) und damit ins Zeitalter der so genannten Rassentrennung (Se‐ gregation), die zum Merkmal kolonialer Imperien wurde. Darwin, der sich noch im Einklang mit der göttlichen Schöpfungsgeschichte sah, sprach von einer natürlichen Selektion und dem Überleben der anpassungsfähigsten Art und begründete damit die wissenschaftliche Evolutionsbiologie. 136 Auf Men‐ schen angewandt und Sozialdarwinismus genannt, wurde Darwins Theorie Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 65 <?page no="66"?> 137 Thornton, 1987; Stannard, 2023. 138 Brendecke, 2011: 220. zu einem Kernelement des Rassismus. Rassistische Weltbilder ließen sich aus der eurozentrischen Religion und Wissen(schaft) allzu leicht ableiten, meist in deren Zusammenspiel und mit fatalen Folgen. Wie lebten die Menschen im kolonisierten Amerika? Die Kolonisation der beiden Amerikas zwischen 1492 und 1900 kostete das Leben von 50 bis 100 Millionen Indigenen Amerikaner: innen. Verantwort‐ lich dafür waren „unabsichtlich“ eingeschleppte Krankheiten wie Pocken, Typhus und Masern, aber auch die absichtliche Vernichtung durch Kriege, Vernichtungsfeldzüge, Versklavung, Zwangsumsiedlungen, Umerziehungs‐ anstalten und die allgemeine Zerstörung von Nahrungs- und Lebensgrund‐ lagen. Diejenigen Historiker: innen, welche angesichts eines solchen Aus‐ maßes an Leiden überhaupt an eine neutrale Analyse denken konnten, bezeichneten diesen Prozess als „demographischen Kollaps“ und verwiesen damit auch auf die Lücke, welche der Tod dieser Menschen in der demo‐ graphischen und kulturellen Reproduktion Indigener Gruppen hinterließ. Diejenigen, die selbst als Opfergruppe betroffen waren, sprachen öfters von Völkermord und sogar von einem „Holocaust an den Indigenen“. 137 Eine Lücke hinterlassen 50 Millionen Opfer auch für die Geschichtsschreibung. Ihr Schicksal drückt sich in Statistiken aus, nicht aber in ihren eigenen Worten, die uns als Quellen fehlen. Dadurch werden wir niemals Genaueres über individuelle Leidenswege oder die letzten Tage dieser Menschen wissen. Kolonialgeschichte hat dementsprechend eine epistemologische Schlagseite, die nur durch innovative historiographische Methoden ausge‐ glichen werden kann. Es besteht kein Zweifel daran, dass Menschen in Amerika die britische und iberische Kolonialherrschaft ganz unterschiedlich erleben konnten, falls sie diese überlebten. Alle Überlebenden einte aber die allgegenwärtige und berechtigte Angst, ihre Lebensgrundlage zu verlie‐ ren. 138 Selbst diejenigen, welche sich den europäischen Konquistadoren und Siedler: innen fügten oder gar mit ihnen zusammenarbeiteten, hatten eher einen sozioökonomischen Abstieg zu befürchten, als dass sie in der kolonia‐ len Hierarchie aufsteigen konnten. Das belegen zum Beispiel Petitionen, welche Nahua-Notablen (oder auch Mexica-Notablen) im 16. Jahrhundert 66 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="67"?> 139 McDonough, 2018: 69-99: 70. 140 McDonough, 2018: 69-99: 80. aus Mexiko-Tenochtitlan, der ehemaligen Hauptstadt des Aztekenreichs und größten präkolombianischen Stadt in Amerika, an den spanischen König schickten. Allein die Tatsache, dass sie solche Petitionen aus „las Indias“ an den spanischen Hof schicken konnten, spricht für ihre gehobene Stellung. Allerdings verloren sie ihre traditionellen Privilegien in dem Maße, in dem die spanische Verwaltung in Folge der Eroberung durch Hernán Cortés und die Tlaxcaltec Fuß fassen konnte. Ihre Petitionen folgen immer dem gleichen Muster. So betonen die Nahua- Notablen stets, dass sie selbst die Spanier: innen wohlwollend empfangen haben und zum Christentum konvertiert sind. Darauf fordern sie die An‐ erkennung oder Wiederherstellung ihrer Regierungsmacht, die Erstattung von enteignetem Land, die Befreiung von Abgaben, ein Ruhegehalt, ein offizielles Wappen als Symbol ihrer politischen Bedeutung und andere Privilegien, die den Spanier: innen vorbehalten waren, wie das Reiten zu Pferde oder das Recht ein Schwert beziehungsweise Waffen zu tragen. 139 Ihre Beschwerden waren demnach sehr strategisch, um keinen Zweifel an ihrer grundsätzlichen Loyalität aufkommen zu lassen und das Beste für sich herauszuholen. Doch mit dem Mut der Verzweiflung konnte ihre Kritik auch deutlicher werden. Ein Indigener Adeliger aus Tenochtitlan, Don Juan de Guzmán Itzlolinqui von Coyoacán, schrieb 1536: „Sie behandeln uns wie Sklaven und er (Cortés) noch mehr als alle anderen. Wir erbringen mehr Dienstleistungen und werden dennoch schlechter behandelt als alle anderen indigenen Personen in dieser Gegend. Sie peitschen uns aus, schlagen uns mit Stöcken und verprügeln uns. Sie werfen uns ins Gefängnis und in Ketten […] wie die schlimmsten Verbrecher der Welt. Und all das, obwohl wir Christen sind und uns zum geheiligten Namen von Jesus Christus bekennen“. 140 Die dramatischen Worte von Don Juan de Guzmán Itzlolinqui von Coyoacán konnten durchaus eine Grundlage haben, denn erst 1542 wurde die übliche Versklavung von Indigenen im spanischen Kolonialreich eingeschränkt, wenn auch nicht ganz abgeschafft. In diesem Fall ist es aber wahrschein‐ licher, dass dem Autor die berühmte Debatte vertraut war, in welcher der Dominikanermönch und Bischof von Chiapas (Mexiko), Bartolomé de las Casas, forderte, den Indigenen Menschenrechte zuzugestehen, Zwangs‐ christianisierungen zu unterlassen und die Zwangsarbeit einzuschränken. Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 67 <?page no="68"?> 141 Brendecke, 2011. 142 Lockhart/ Sahagún (Hg.), 2004: 7. Las Casas Gegner war der katholische Theologe Juan Ginés de Sepúlveda, welcher die gewaltsame Eroberung Amerikas, die Zwangskonversion und die Versklavung damit rechtfertigte, dass die Indigene Bevölkerung angeb‐ lich weiterhin Menschenopfer erbrachte und dem Kannibalismus zuneigte. Wie bereits erwähnt, stritten spanische Geistliche darüber, ob deswegen die Indigene Bevölkerung zu unmenschlich sei, um sie selbst menschlich zu behandeln, oder ob man sie durch Christianisierung zu Menschen machen könne. Zum Showdown kam es in der so genannten Valladolid-Debatte im Jahr 1550/ 1 als Las Casas und Sepúlveda in einem spanischen Kloster zum Streitgespräch antraten. Am Ende lagen die rhetorischen Vorteile beim christlichen Humanismus von Las Casas. Obwohl er in der Folge meist als solcher verklärt wurde, war Las Casas weder der erste Menschenrechtsak‐ tivist noch der erste Antikolonialist. Denn letztendlich stimmte er mit seinen Gegner: innen überein, dass man statt der Indigenen Schwarze Menschen versklaven konnte. Dass Bartolomé de Las Casas zum vielzitierten Helden der Kolonialkritik wurde und nicht Indigene Petitionsschreiber wie Don Juan de Guzmán Itzlolinqui von Coyoacán, ist typisch für die Ignoranz des spanischen Imperiums gegenüber Indigenen Perspektiven und Indigenem Wissen. 141 Eine der seltenen Quellen für die Indigene Perspektive auf die spanische Conquista ist der so genannte Florentiner Kodex, welchen der Missionar Bernardino de Sahagún in Nahuatl schrieb, der Sprache der Nahua. Darin ist eine Szene von der Eroberung des Aztekenreichs in Mexiko enthalten, in der sich die Nahua in sarkastischem Ton darüber lustig machen, dass die Spanier nicht immer so überlegen waren, wie sie dachten: Und dann errichteten diese Spanier ein Katapult [wörtlich: „hölzerne (Stein-)Schleuder“] oben auf einer Altarplattform, um damit Steine auf die Leute zu schleudern […] Die Spanier breiteten die Arme aus und machten Gesten, wie sie gleich den Stein schleudern würden - ganz so, als ob sie mit einer Handschleuder zielen würden. Dann spannten sie das Katapult, der Wurfarm schnellte hoch - doch der Stein verfehlte sein Ziel. Er landete nicht bei den Leuten, sondern fiel hinter dem Marktplatz von Xomolco zu Boden. Daraufhin gerieten die Spanier in Streit. Sie fuchtelten sich gegenseitig mit den Fingern vor dem Gesicht herum und redeten laut durcheinander. 142 68 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="69"?> 143 Deloria, 1988 [1969]: 155. Wie die Nahua, so äußerten Indigene ihre Kritik am kolonialen Gewaltsys‐ tem meist indirekt, um ihr (Über-)Leben zu sichern. Humor oder Spottnamen für Kolonialbeamte waren dabei ein häufiges Mittel. Auch wenn diese die Regierungsmacht übernahmen, konnte man sie durch Spott und Humor bloßstellen und zumindest Deutungsmacht zurückgewinnen. Bis heute versuchen Indigene Communities kollektive Traumata, wie die Landenteig‐ nung durch aufgezwungene Verträge, mit Humor zu verarbeiten. Der US- Amerikanische Wissenschaftler und Indigenen-Aktivist Vine Deloria Jr. zeichnete in seinem berühmten „Indian Manifesto“ (1969) z. B. folgenden Witz (im englischen Original belassen) auf: “One favorite story concerns a time when the Apaches and the settlers were fighting it out for control of Arizona territory. The chief of one Apache band was the last one needed to sign the peace treaty. Scout after scout had urged him to sign so the territory could have peace. But to no avail. One day the chief took sick and, because he realized his days were numbered, he called his three sons together and made them pledge not to make peace unless all three signed the treaty. Soon after that the old man died and his three sons, Deerfoot, Running Bear, and Falling Rocks, all left to seek their fortunes with portions of the original band. Scouts quickly found Deerfoot and Running Bear and convinced them they should sign the treaty. But they were unable to find Falling Rocks. Years went by and everyone in the territory sought the missing band so the treaty could be concluded. Falling Rocks was not to be found. Eventually everyone gave up except the state highway department. They continued looking for him. And that is why today as you drive through the mountain passes in Arizona you will see large signs that read, ‘Look out for Falling Rocks.’” 143 Linktipp | Der Podcast Herstory, der die Rolle von Frauen in der Ge‐ schichte sichtbar machen will, fragt, ob Malinche in ihrer Funktion als Übersetzerin für spanische Konquistadoren eigentlich Kollaborateurin oder Opfer der Kolonialherrschaft war: https: / / herstorypod.de/ podcast/ malinche-uebersetzerin-der-spanischen-konquistadoren/ . Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 69 <?page no="70"?> 144 Adelman, 2006. Wie kam es zur Dekolonisierung frühneuzeitlicher Imperien im 19. Jahrhundert? Imperien (Großreiche) werden heute meist durch ihre Neigung zur ge‐ waltsamen Ausdehnung (Expansion) ihrer Grenzen definiert, womit eine Minderheit die Herrschaft über kulturell diverse Gruppen erhält (Multieth‐ nizität), denen selten eine Regierungsbeteiligung, geschweige denn eine demokratische Mitsprache gewährt wird (Partizipation). Teilweise unter‐ schied man auch Kontinentalreiche (Mongolen-Reich, China, Russland, Habsburg, Osmanisches Reich) von überseeischen Kolonialreichen (Nieder‐ lande, Großbritannien, Frankreich, Deutschland). Die jüngere Forschung hat diese Trennung als künstlich erkannt und geht von einer komplexeren Mischung von Siedlungskolonialismus und indirekter Herrschaft innerhalb beider Typen aus, in denen sich auch Repression und Partizipation zusam‐ menwirken. Zu Zeiten der europäischen Aufklärung schienen Imperien ihren Ruf ruiniert zu haben. Spätestens seit der britische Historiker Edward Gibbon dem Verfall und Untergang des Römischen Imperiums ganze sechs Bände widmete (1776-1789) und damit zum Bestsellerautor wurde, regierte die Skepsis gegenüber imperialem Größenwahn. Gibbon veröffentlichte den ersten Band 1776, als die USA ihre Unabhängigkeit und Frankreich und Großbritannien ihre ersten Imperien verloren. Die Französische Revolution von 1789 ersetzte das Imperium durch die Republik als Ideal und Ziel gesellschaftspolitischen Wirkens, während der Befreiungskampf in der französischen Sklavenkolonie Haiti (1791-1804) einen Präzedenzfall der kolonialen Unabhängigkeit schuf, dem Generationen von Antikolonialist: in‐ nen nacheiferten. Seit 1807 ächtete und bekämpfte Großbritannien den transatlantischen Versklavungshandel, auch um die iberischen Imperien in Südamerika zu schwächen. Vor allem Spanien prophezeite man den imperialen Untergang, indem man auf den religiösen Eifer, die Gewaltex‐ zesse und den Raubbau beim Aufbau seines Imperiums hinwies. Tatsächlich wurden bis 1825 alle iberischen Kolonien in Südamerika unabhängig. 144 Spanien sah sich als Opfer einer Kampagne („Schwarze Legende“) und bezichtigte wiederum die seit 1776 unabhängige USA, die Sklaverei weiter 70 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="71"?> 145 Schmidt-Nowara, 2008. 146 Cooper, 2022: 491-526. und kompromissloser zu betreiben als je zuvor, was auf die Südstaaten der USA durchaus zutraf. 145 Wenn die Europäer: innen auch im Konflikt waren, so kamen sie bei ihrer Verurteilung der Chinesischen und Osmanischen Imperien als „orientalische Despotien“ wieder auf einen gemeinsamen Nenner. Dieser Abwertung des angeblich despotischen Imperialismus im Orient konnten sogar Marxist: in‐ nen zustimmen, welche in ihrer Kritik der „asiatischen Produktionsweise“ ähnliche Vorstellungen orientalischer Despotie entwickelten. Man könnte also für den ersten Teil des 19. Jahrhunderts von einem ersten Zeitalter des Antiimperialismus und der Dekolonisation sprechen. Niemals zuvor war der Augenblick günstiger als im frühen 19. Jahrhundert, den Kolonialimperien ein Ende zu setzen, auch weil sich republikanische Nationalstaaten wie in Frankreich, den USA, Chile, Argentinien oder Peru als demokratische Alternative boten. 146 Linktipp | Podcast von Deutschlandfunk Nova zur Schlacht von Aya‐ cucho 1824 als Schlüsselmoment der Unabhängigkeit Südamerikas: http s: / / www.ardaudiothek.de/ episode/ urn: ard: episode: 73efacebfd2246cc/ Warum verschwand der Kolonialismus nach der amerikanischen Unabhängigkeit nicht? Imperien erlebten im 19. Jahrhundert ihren zweiten Frühling, indem sie sich als Kolonialimperien neu erfanden und im Binnenkolonialismus genauso wie im Überseekolonialismus engagierten. Die jungen Nationalstaaten in Amerika reimperialisierten sich. Diese Tendenz verdeutlicht vor allem der „Aufstieg“ der USA zum Imperium, welches vom Frontierkolonialismus im Sinne der schrittweisen Besiedelung des „Wilden Westens“ zum Über‐ seekolonialismus überging, als es 1898 die Philippinen, Kuba und Puerto Rico eroberte. Auch in Mittel- und Südamerika war der Binnenkolonia‐ lismus der entscheidende Faktor für die Reimperialisierung der jungen Nationalstaaten. Diese regierten Kreol: innen, d. h. die in Amerika geborenen Nachkommen europäischer Kolonisator: innen. Auch nach der Unabhängig‐ Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 71 <?page no="72"?> 147 Armitage, 2007: 30. 148 Rinke et al., 2009: 4. keit kooperierten Kreol: innen weiterhin mit den Festlandeuropäer: innen. David Armitage beschrieb das Verhältnis zwischen Kreol: innen und Fest‐ landeuropäer: innen nicht als Unabhängigkeit (independence), sondern als gegenseitige Abhängigkeit (interdependence).  147 Während die unabhängigen Staaten sich weiterhin als lateinamerikanisch verstanden und somit ihren europäischen Charakter betonten, nahmen sie gegenüber der angeblich „unlateinischen“ und „unzivilisierten“ Indigenen Bevölkerung eine zuneh‐ mend kompromisslose Haltung ein. Obwohl die Indigenas in den Unabhän‐ gigkeitskriegen beider Amerikas eine entscheidende Rolle gespielt hatten, wurden sie von der Staatsbürgerschaft der jungen Republiken genauso ferngehalten wie versklavte oder oberflächlich befreite Schwarze „Sklaven“ in Nordamerika. 148 Stattdessen warben die jungen Republiken um weiße Emigrant: innen aus Europa, welche als Kolonialsiedler: innen die Indigenen verdrängen sollten, wie zum Beispiel in Argentinien. Dort wurde die Indi‐ gene Bevölkerung in den so genannten „Wüstenkampagnen“ massenhaft verdrängt oder gar getötet (siehe Quelle | Grenzkriege gegen Indigene: Der „Wüstenkrieg“ in Argentinien). Ähnliche Initiativen zur Binnenkolonisation ergriff Brasilien, das sich trotz der Unabhängigkeit als Imperium bezeichnete und auch die Sklaverei erst 1888 abschaffte. Die einst kolonisierten Länder wurden so selbst zu kolonisierenden Ländern. Vor allem aber wurde Europa imperial rückfällig und eroberte seit 1830 neue Kolonien in Afrika und Asien. Frankreich machte den Anfang, indem zunächst Napoleon ein neues Imperium errichtete und einen Rückzieher bei der Bekämpfung der Sklaverei machte, bevor der „Bürgerkönig“ Louis Philippe 1830 mit der Eroberung Algeriens begann. Großbritannien und die Niederlande verstaatlichten ihre Handelsgesellschaften in Indien (1857) und Indonesien (1816) und machten sie zu Imperien mit kolonialstaatlichen Verwaltungsstrukturen. Nach der Aufteilung Afrikas auf der Berliner West‐ afrika-Konferenz 1884/ 5 wurde das Deutsche Reich zum Kolonialimperium, Italien und Belgien folgten diesem Beispiel am Anfang des 20. Jahrhunderts. Dies war die Phase des so genannten „Hochimperialismus“. Die meisten dieser Kolonialimperien hatten bis 1960 Bestand, als eine zweite Dekoloni‐ sationswelle einsetzte. 72 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="73"?> Abbildung 1: Südamerika im Weltmarkt 1900: Masseneinwanderungen nach Brasilien und Argentinien (eigene Darstellung; Daten aus: Rinke, Stefan; Fischer, Georg; Schulze, Fre‐ derik (2009): Geschichte Lateinamerikas vom 19. bis zum 21. Jahrhundert. Quellenband. Stuttgart: Verlag J.B. Metzler,S. 43) Abbildung 2: Einwanderungen nach Brasilien und Argentinien (eigene Darstellung; Daten aus: Rinke, Stefan; Fischer, Georg; Schulze, Frederik (2009): Geschichte Lateinamerikas vom 19. bis zum 21. Jahrhundert. Quellenband. Stuttgart: Verlag J.B. Metzler,S. 43) Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 73 <?page no="74"?> 149 Porter, 2007. Der Historiker Andrew Porter beschrieb die britische Imperiumsbildung zugespitzt als Zufallsprodukt von „geistesabwesenden“ (absent-minded) Imperialist: innen. 149 Damit wollte er sagen, dass die britische Gesellschaft nicht bewusst ein Imperium schuf, sondern gleichsam in seine Rolle hinein‐ schlitterte. Porter blieb mit seiner Analyse weitgehend allein, da dutzende Wissenschaftler: innen belegten, wie sehr die kolonisierenden Gesellschaf‐ ten spätestens seit 1884/ 85 von einer imperialen Kultur durchsetzt waren, die gleichzeitig Voraussetzung und Resultat der Kolonisierung war. Die Folge war, dass sich eine strikte Trennung zwischen Metropole und Kolonie nicht mehr aufrechterhalten ließ. Koloniales Denken und Handeln prägte beide Sphären gleichermaßen, vor allem durch die mentale Kolonisierung, Stigmatisierung und Diskriminierung bestimmter Menschengruppen. Wäh‐ rend Millionen weißer Siedler: innen sich in den Kolonien niederließen, kamen zum Beispiel auch Millionen Schwarzer Menschen nach Europa, unter anderem als Soldaten und Arbeiter: innen in den beiden Weltkriegen. Weiße Europäer: innen suchten darum nach einer neuen Ordnungskraft, um die Hierarchie vom Eigenen und dem Fremden auch in geographisch untrennbaren Räumen aufrecht zu erhalten. Diese Ordnungskraft fanden sie im Rassismus, durch den sich sowohl die Kolonisierten in Übersee als auch die Migrant: innen in den Metropolen ausgrenzen ließen. Genauso ließen sich potenzielle Staatsbürger: innen, wie die in Europa oder Amerika geborenen Indigenen oder Schwarzen rassifizieren und damit von der gesellschaftlichen und politischen Partizipation fernhalten. Es verwundert daher nicht, dass klassische Rassismustheorien um 1850 aufkamen und um 1870 popularisiert wurden, als auch die Reimperialisierung in vollem Gange war. Quelle | Grenzkriege gegen Indigene: Der »Wüstenkrieg« in Argenti‐ nien (1879) Im Jahr 1879 eröffnete General Julio A. Roca (1843-1914) mit 6.000 Soldaten und modernen Waffen den größten Feldzug gegen die Indige‐ nen in der argentinischen Geschichte. Das Ansehen, zu dem Roca bei Weißen durch seine Rolle in dem Feldzug gelangte, und der Rückhalt innerhalb der Armee verhalfen ihm ein Jahr später zum Präsidentenamt. 74 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="75"?> Das Vorwort des 1881 veröffentlichten Berichts der wissenschaftlichen Expedition, welche die Armeeführung bei dem Feldzug begleitete, zeigt aus republikanischem Blickwinkel die „Erfolge“ auf, die durch diesen Krieg erzielt wurden. „Das Jahr 1879 wird in den Annalen der Argentinischen Republik eine viel gewichtigere Stellung einnehmen, als ihr die Zeitgenossen einge‐ räumt haben. […] Dieses Ereignis ist die Beseitigung der räuberischen Indianer, die den Süden unseres Landes besetzten und die Grenzgebiete verwüsteten: Es ist der mit Geschick und Stärke durchgeführte Feldzug, dessen Ergebnis die Besetzung der Linie des Río Negro und des Río Neuquén war. […] Die Indianergriffen nicht nur die Grundlagen des wichtigsten Gewerbes des Landes und der Hauptquelle seines Wohl‐ standes, der Viehzucht, an; sie trugen nicht nur dazu bei, das sich die Anzahl ausländischer Einwanderer verringerte und dass sich der Strom der Einwanderer nach deren Einreise unnütz in den Städten aufstaut. […] Es war notwendig, diese 15.000 leguas [404.976 qkm] wahrhaftig und effizient zu erobern, sie auf eine so vollständige, so unbestreitbare Weise von Indianern zu säubern, dass die schreckhafteste der schreckhaften Sachen der Welt, nämlich das für die Belebung der Viehzucht- und Landwirtschaftsunternehmen bestimmte Kapital, diese Gewissheit würdigen müsste, dass sie nicht zögern würde, sich auf die Spuren der Expeditionsarmee zu begeben und die Inbesitznahme derart zurückgebliebener Gebiete durch den zivilisierten Menschen zu besiegeln. […]“ Aus: Informe oficial de la comisión científica agregada al estado mayor general de la expedición al Río Negro (Patagonia) realizada en los meses de abril, mayo y junio de 1879, bajo las órdenes del General D. Julio A. Roca, Buenos Aires: Imprenta de Ostwald y Martínez 1881, S. VII-XXIV, zitiert in: Rinke, Stefan; Fischer, Georg; Schulze, Frederik (2009): Geschichte Lateinamerikas vom 19. bis zum 21. Jahrhundert. Quellenband. Stuttgart: Verlag J.B. Metzler, S.-54-56. Literaturtipp | Patrice Poutrus setzt auch den deutschen Rassismus in den Kontext der langen Geschichte des Kolonialrassismus seit dem 15. Jahrhundert, der eine scheinbar „natürliche“ Ordnung propagiert: Patrice Poutrus, Rassismus in Deutschland, Brockhaus Enzyklopädie: Jahrbuch 2020, München 2021, S.-300-303. Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 75 <?page no="76"?> 150 Conrad, 2012: 999-1027; Osterhammel, 2006: 19-36. 151 Mills, 2017: 91-112; Flikschuh/ Ypi (Hg.), 2014. 152 Hegel, 2005. 163. Warum fühlten sich Kolonialkritiker: innen von der Aufklärung hintergangen? Die Aufklärung war für Europäer: innen des 19. Jahrhunderts ein Mittel zur demokratischen Emanzipation, doch Nichteuropäer: innen erlebten sie meist als Mittel kolonialistischer Degradation. 150 Denn die aufklärerischen Ideale von Humanität, Rationalität, Mündigkeit und Fortschrittsfähigkeit galten in den philosophischen Traktaten um 1800 meist als Tugenden weißer männlicher „Subjekte“. Nicht-weißen wurden sie abgesprochen und dadurch zum Distinktionsmerkmal einer neuen Klasse der Kolonisierenden. Die Aussage Immanuel Kants, „Amerikaner und N. können sich [jedoch] nicht selbst regieren. Dienen also nur zum Sclaven“, rechtfertigte Kolonialismus und Versklavung. Solche Passagen enttäuschten Indigene amerikanische und Schwarze Leser: innen zutiefst, zumal sie bis ins späte 20. Jahrhundert von weißen Leser: innen unkommentiert hingenommen wurden. Sie blieben im Gedächtnis und in seinen Schriften, auch wenn Kant sich in seinem Spätwerk immer öfter gegen Kolonialismus und Rassismus aussprach. 151 Wie bei Kant machte die sonst so tiefgründige und ausgewogene Philoso‐ phie von Georg Friedrich Wilhelm Hegel ebenfalls an Europas Grenzen Halt. Afrika erscheint bei Hegel wie bei Kant als unmündiges „Kinderland“, dessen Bewohner: innen unfähig seien, Staaten zu bilden. Die Beurteilung Afrikas in Hegels Geschichtsphilosophie wurde genauso oft zitiert wie kritisiert: „Wir verlassen hiermit Afrika, um späterhin seiner keine Erwähnung mehr zu tun. Denn es ist kein geschichtlicher Weltteil, er hat keine Bewegung und Entwicklung aufzuweisen, und was etwa in ihm, das heißt, in seinem Norden geschehen ist, gehört der asiatischen und europäischen Welt zu.“ 152 Hegel sprach hier Afrika jegliches Fortschrittspotenzial ab und verbannte es aus der Weltgeschichte, auch indem er die geschichtsträchtige ägyptische Hochzivilisation in Nordafrika einfach als nichtafrikanische definierte. Angesichts solcher Trugschlüsse bescheinigte der Hegel-Experte Heinz Kimmerle ihm „blamable Äußerungen über Afrika“, die wie auch bei Kant 76 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="77"?> 153 Kimmerle, 1993: 303-325: 307. 154 Keita, 1974: 41-49. weit hinter ihre selbstgesetzten Standards von Empirie, Methodik und Logik zurückfielen. 153 Um die Behauptungen von Hegel und Kant zu hinterfragen, brauchte es die 1950er Jahre und den senegalesischen Historiker Cheikh Anta Diop. Seine Thesen waren überspitzt, aber seine Aussagen zu Afrika empirisch belastbarer als die von Kant und Hegel. Diop kombinierte historische, archäologische und linguistische Methoden, um eine Kontinuität zwischen nubischen, ägyptischen und westafrikanischen Großreichen in der afrikani‐ schen Geschichte offenzulegen. Unter anderem zeigte er Gemeinsamkeiten zwischen dem Altägyptischen und der Wolof-Sprache im Senegal auf und damit die enge Verbindung zwischen der ägyptischen und subsaharischen Hochkultur. Für Diop begann die Zivilisation im Schwarzen Ägypten und entfaltete sich nicht nur in anderen Teilen Afrikas, sondern auch im Rest der Welt. 154 Die Unfähigkeit zur mündigen Selbstregierung und zur Staatenbildung in angeblich „unzivilisierten“ oder „barbarischen“ Landstrichen wurde zum Hauptargument der Kolonialpropaganda. Daraus entwickelte sich die so genannte Zivilisierungsmission, also die Vorstellung, man dürfe den angeb‐ lich „barbarischen und unmündigen“ Völkern die Zivilisation aufdrängen oder mit Gewalt aufzwängen. Heute hat die Aufklärung einen denkbar schlechten Ruf unter den Intellektuellen des Globalen Südens. Sie prangern vor allem die Heuchelei der Europäer: innen an, die gleichzeitig hehre Ideale der Freiheit, Gleichheit und Demokratie verkündeten, aber mehr als der Hälfte der Welt absprachen, mit diesen umgehen zu können. Auch der Fortschrittsglaube unter Aufklärer: innen brachte die Kolonisierten nicht weiter. Im Gegenteil. Zwar gestand man den Kolonisierten zu, sie könnten den Weg in eine rationale Moderne schaffen, wenn sie sich kulturell und industriell entwickelten. Da aber diese Entwicklung angeblich nicht ohne die (Start-)Hilfe der Kolonialmächte erreichbar war, wurde sie zum Argument für koloniale Herrschaft. Weil die Aufklärung solche herabwürdigenden Vorurteile in die Welt setzte und alternative Sichtweisen nicht zuließ spricht man heute von epistemischer Gewalt, das heißt Gewalt durch verfälschtes und abwertendes Wissen über die außereuropäische Welt. Epistemische Gewalt wurde zur Vorbedingung und Rechtfertigung kolonialer Gewalt im Allgemeinen. Angesichts dieser sprachlich-kulturellen Gewalt der Aufklä‐ Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 77 <?page no="78"?> 155 Ndlovu-Gatsheni, 2015: 25. rung leisteten Menschen aus kolonisierten Ländern recht schnell epistemi‐ schen Widerstand, indem sie eigenständiges, wertschätzenderes Wissen und eine humanere, solidarischere Philosophie entwickelten - welche durch eine epistemische Befreiung die Mängel der Aufklärungsphilosophie beseitigen sollte. 155 Ein Beispiel dafür ist die Ubuntu-Philosophie, die auf die Zulu in Südafrika zurückgeht und von Antikolonialist: innen und Anti-Apartheid- Kämpfer: innen wie Nelson Mandela popularisiert wurde. Ubuntu wird oft als „Ich bin, weil wir sind“ umschrieben. Damit scheint es ein kollektivsoldarischer Gegenentwurf zu René Descartes‘ Leitgedanke der Aufklärung „Cogito ergo sum (Ich denke also bin ich)“ zu sein, auf dem die westliche Welt seinen egoistisch gedachten Individualismus aufbaute, der die westlichen „Subjekte“ überhöhte und dem Rest der Welt als passive Objekte darstellte. Ubuntu verstehen dagegen viele als Ausdruck eines gemeinschaftlich ge‐ dachten „afrikanischen Humanismus“. Literatur- und Linktipps | Was war problematisch am Werk der europäischen Aufklärung? Antworten u. a. hier: Gayatri Chakravorty Spivak, Kritik der postkolonialen Vernunft. Hin zu einer Geschichte der verrinnenden Gegenwart, Stuttgart 2014; Charles W. Mills (Hg.), Black Rights/ White Wrongs. The Critique of Racial Liberalism, Oxford 2017; Jennifer Pitts, A Turn to Empire. The Rise of Imperial Liberalism in Britain and France, Princeton 2009; Barbara Arneil, John Locke and America. The defence of English colonialism, Oxford 2007. Mehr zu epistemischer Gewalt findet sich in den folgenden Buchtiteln: Boaventura de Sousa Santos, Epistemologien des Südens. Gegen die Hegemonie des westlichen Denkens, Münster 2018; Gayatri Chakra‐ vorty Spivak, Can the subaltern speak? Postkolonialität und subalterne Artikulation, Wien 2014; Claudia Brunner, Epistemische Gewalt. Wissen und Herrschaft in der kolonialen Moderne, Bielefeld 2020. In diesem Video erklärt Nelson Mandela Ubuntu: https: / / www.youtube .com/ watch? v=HED4h00xPPA&t=4s. 78 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="79"?> 156 Muthu, 2003; Stuchtey, 2010. 157 Anderson, 2024. Warum taugte auch der aufkommende Liberalismus nicht als Befreiungsideologie? Der Liberalismus wäre eigentlich eine ideale Befreiungsideologie für die Un‐ abhängigkeitsbewegungen im 20. Jahrhundert gewesen. Allerdings schrieb sich kaum ein unabhängiger Staat um 1960 den Liberalismus auf die Fahnen. Auch eine sozialdemokratische Version eines sozialen Liberalismus war keine Option für die Befreiungsbewegungen und die daraus entstehenden Unabhängigkeitsregierungen. Warum war das so? Wie die Aufklärung, so verspielten auch der Liberalismus und die Sozialdemokratie bereits im 19. Jahrhundert ihre kolonialkritische Glaubwürdigkeit, indem sie die Kolonisierten weitgehend im Stich ließen. In der Theorie hatten beide antikoloniales Potenzial 156 , in der Praxis waren sie tief in koloniale Projekte verstrickt. Dies trifft vor allem auf den Liberalismus zu. Die Niederlande galten schon im 17. Jahrhundert als Modell des liberalen Kolonialismus schlechthin, insbesondere nachdem der niederländische „Vater“ des Völker‐ rechts Hugo Grotius die Freiheit der Meere für alle Staaten, Handelsgesell‐ schaften und deren Privatarmeen verkündete. Was als Plädoyer für den Freihandel anmutete, war in Wirklichkeit eine Verteidigung der Kolonialex‐ pansion der niederländischen Ostindienkompagnie im Allgemeinen und der Freibeuterei von Grotius‘ Cousin im Speziellen, welcher auf den Weltmee‐ ren Schiffe überfallen und ihre Ladungen beschlagnahmt hatte. In seinen Abhandlungen kam Grotius zum Schluss, man dürfe diejenigen Völker mit Gewalt unterwerfen, deren Bräuche in Europa als barbarisch galten. Dieses Schwertrecht oder ius gladii trat neben das vom spanischen „Völkerrechtler“ Francisco de Vitoria seit 1530 proklamierte ius communicandi, dem Recht zur gewaltsamen Unterwerfung von Menschen, die sich angeblich dem Freihandel verweigerten. Insofern machten Europäer: innen das liberale Völkerrecht genauso wie Freihandelsideologien zum Instrument kolonialer Expansion und deren Rechtfertigung. 157 Unter dem Vorwand nachhaltiger Landnutzung stellte der britische „Va‐ ter des Liberalismus“ John Locke zudem die These auf, man habe die Pflicht, Land nutzbar und produktiv zu machen, um einen Besitzanspruch darauf zu erheben. Diese „labor theory of property“ von Locke schien vernünftig und fand weltweit Anklang. Kolonialpropagandist: innen miss‐ Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 79 <?page no="80"?> 158 Arneil, 2011: 132-167. brauchten jedoch die „labor theory of property“, indem sie behaupteten, die Kolonisierten würden ihr Land nicht kultivieren und rechtfertigten damit deren Enteignung. Sie verknüpften Lockes Arbeitstheorie des Eigentums mit der Vorstellung eines „herrenlosen“ Niemandslandes (terra nullius), welches angeblich unkultiviert war und deshalb angeeignet und koloni‐ siert werden dürfte. 158 Es spielte den Kolonisierenden dabei in die Hände, dass Indigene Landwirtschaft teilweise extensiv war und damit eher die Eigenproduktivität der Natur nutzte, als intensive Bodenveränderungen durch den Menschen vorzunehmen. In dieser extensiven Landwirtschaft sahen die Kolonisierenden oft „unkultiviertes Land“. Ziel der extensiven Landwirtschaft war jedoch eine nachhaltige Bewirtschaftung mit minimalen Eingriffen in den Naturhaushalt, bodenschonendem Anbau, wenig Dünger- und Pestizideinsatz und geringem Viehbesatz. Die extensive Landnutzung war auch oft mit kollektiver Bewirtschaftung verbunden, bei der zum Bei‐ spiel eine Dorfgemeinschaft die Ländereien um ihren Wohnort gemeinsam nutzte. Diese gemeinsame Landnutzung bedeutete aber keine Aufteilung des Landes, wie es im liberalen Eigentumsverständnis üblich war. Dort war Landbesitz individuell und nicht kollektiv. Aus diesem Verständnis heraus konnten Kolonialverwaltungen die kollektiv-extensive Landwirtschaft als unproduktiv kategorisieren und somit Enteignungen rechtfertigen. Aller‐ dings enteigneten Kolonialverwaltungen auch intensiv genutzten Privatbe‐ sitz, wie es ihn zum Beispiel unter ghanaischen Kakaoproduzent: innen in Westafrika oder bei der kamerunischen Wirtschaftselite der Duala gab. Vor dem Hintergrund liberalen Denkens verband sich auch die Eigen‐ tumsfrage mit der Völkerrechtsfrage. Denn einerseits eigneten sich die Europäer: innen ihre Kolonien schlichtweg durch gewaltsame Eroberung an, andererseits musste diese Eroberung doch mit „liberalen“ Argumenten des Völkerrechts gerechtfertigt werden. Darum versuchten die Erobernden zumindest den Anschein zu erwecken, ihre Kolonien im Sinne des Eigen‐ tumsrechts im Liberalismus und im Sinne des Völkerrechts zu „erwerben“. Zu diesem Zweck schlossen sie Verträge mit den Kolonisierten, selbst wenn sie diese zuvor als „barbarisch“ oder „unzivilisiert“ verunglimpft hatten und sie zunächst gewaltsam niedergerungen hatten. Auch ohne direkte Gewaltanwendung zwangen sie ihnen zumindest unter Gewaltandrohung so genannte ungleiche Verträge auf, die die „freiwillige“ Übertragung gan‐ zer Länder mitsamt der Herrschaftssouveränität auf die Kolonialmächte 80 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="81"?> 159 Anghie, 2009: 49-63; Armitage, 2004: 602-627. 160 Fitzpatrick, 2008: 32. bestätigen sollten. So schloss England Verträge mit den „First Nations“ in Amerika, verschiedene europäische Mächte erzwangen die Abtretung von Enklavenkolonien in China durch ungleiche Verträge und das Deutsche Kaiserreich ließ sich 1884 die Errichtung der deutschen „Schutzgebiete“ von lokalen Herrschern in Kamerun, Togo und Südwestafrika auf Papier bestätigen. 159 Dennoch machten Liberale auch vor unbegründeter gewaltsamer Erobe‐ rung nicht Halt. In Frankreich unterstützten liberale und später auch sozialistische Parteien die opferreiche Eroberung Algeriens seit 1830 und seine Besiedelung durch europäische Kolonist: innen. Mit Großbritannien wurde der Altmeister des Liberalismus zum mächtigsten kolonialen Akteur des 19. und 20. Jahrhunderts, woran liberale Utilitarist: innen um den Philo‐ sophen John Stuart Mill und die linksliberale Denkfabrik der Fabian Society entscheidenden Anteil hatten. Zu dieser Zeit waren die Niederlande schon zum Modell für andere Kolonialmächte geworden, weil diese Liberalismus und Kolonialismus aneinander koppelten. Vor allem in Deutschland wurde der „liberale Imperialismus“ aus Großbritannien und den Niederlanden zur Inspiration und zum vielzitierten Vorbild. Mit der Nationalversammlung von 1848 sprach sich schon das erste deutsche Parlament für eine gemein‐ same Flotte zur Kolonialexpansion aus. Von den 809 größtenteils liberalen Abgeordneten stimmte nur ein einziger gegen den Aufbau einer deutschen Überseeflotte, obwohl es noch gar keinen deutschen Nationalstaat gab. 160 Als der deutsche Nationalstaat schließlich 1871 gegründet wurde, machte sich die Nationalliberale Partei zu einer Keimzelle der deutschen Kolonial‐ expansion. Ihr prominentester Vertreter war der liberale Bankier Bernhard Dernburg, der 1908 deutscher Kolonialminister wurde und die Kolonisation als eine konstruktive Fortschrittskraft schönredete. Etwa zur gleichen Zeit kritisierte die Sozialdemokratische Partei zwar Skandale und Gewaltexzesse in den Kolonien, stellte aber niemals den Kolonialismus als Ganzes in Frage. Das selbsterklärte Ziel des Liberalismus war es, den wirtschaftlichen Fortschritt in die Welt zu bringen. Doch die koloniale Welt wurde dem Fortschritt eher unterworfen, wenn er überhaupt jemals ernsthaft für sie beabsichtigt war. An den proklamierten Mitteln zum Zweck des Fortschritts war zwar kaum etwas auszusetzen. Spätestens seit dem Ende des 1. Welt‐ kriegs umfassten sie individuelle Freiheit, Menschenrechte, Schutz des Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 81 <?page no="82"?> 161 Stuchtey, 2010: 95. 162 Mills, 2017: 29-31. Eigentums, teils demokratische Mitbestimmung und Selbstbestimmung als eigenständige Staaten. Da der Liberalismus aber auch auf der kolonialen Vorstellung gründete, man dürfe den Fortschritt denjenigen aufzwängen, die ihn verweigern oder „unfähig“ dazu sind, gestand er den Kolonisierten auch keine individuelle Freiheit, keine Menschenrechte, kein Eigentum sowie keine Selbst- und Mitbestimmung zu. Dies sah schon der britische Philosoph John Stuart Mill in seinem Traktat On Liberty (1859) so, in dem er liberale Werte nur denjenigen Gesellschaften zugestehen wollte, die er der „Wertewelt der westlichen Zivilisation“ zuordnete. 161 Diese Ausgrenzung der Kolonisierten von liberalen Rechten zeigte sich auch darin, dass das von den Kolonialmächten im späten 19. Jahrhundert formulierte „Völkerrecht“ nur für den globalen Norden gelten sollte. Obwohl zum Beispiel die USA und der neu gegründete Völkerbund seit Ende des Ersten Weltkriegs das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ verkündeten, hatten die kolonisier‐ ten Völker keinen Anspruch darauf. Stattdessen sorgte der Völkerbund (1920-1946) für den Weiterbestand von Kolonien, indem er argumentierte, dass deren „moralischer Fortschritt“ angeblich nicht ausreichte, um sie in die Unabhängigkeit zu entlassen. Hinter solchen Aussagen steckten weiterhin rassistischen Phantasien von der Teilung der Welt in überlegene und unterlegene Rassen. Der Rassismus prägte auch die Geschichte des Liberalismus entscheidend. Der jamaikanische Philosoph Charles W. Mills, welcher erstmals systematisch rassistische Elemente im Werk der Aufklä‐ rer und Völkerrechtspioniere Kant und Hegel untersuchte, kam zu dem Ergebnis, dass Rassismus nicht das Gegenteil von Liberalismus ist, sondern mit ihm geboren wurde. Er zeigte, dass die liberalen Theorien anfangs durchaus „entrassifiziert“ waren, aber ein „rassifizierter“ Liberalismus sich letztendlich in der politischen Praxis durchsetzte. Diejenigen Ziele, welche der Liberalismus im 19. Jahrhundert für weiße Männer erstritt, galten demnach nicht für People of Color oder für Frauen. Mills zog darum das Fazit, dass der Liberalismus „Eigentumsrechte, Selbsteigentum und Persönlichkeitsrecht“ nur für bestimmte Menschen zuließ, und vor allem den Kolonisierten vorenthielt. 162 Selbst innerhalb liberaler Staaten wurde bestimmten Menschengruppen ein kolonialer Status zugeschrieben, wie Schwarzen und Indigenen in den USA oder Migrant: innen in Europa, um ihnen Mündigkeit und (Eigentums-)Rechte zu verweigern. Die Kolonialität 82 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="83"?> 163 Hinshelwood, 2013: 562-590: 563; Armitage, 2004: 602-627: 603. 164 Pitts, 2006: 167-168; 212. 165 Klein/ Schumacher, 2012; Kuß, 2012: ; Moyd, 2014: ; Methfessel, 2019. liberaler Theorie verwundert nicht, wenn man die Verstrickung liberaler Denker in die koloniale Praxis kennt. John Stuart Mill war in der Verwal‐ tung der britischen Ostindienkompanie, John Locke wurde Sekretär der britischen Plantagenkolonie Carolina, deren Verfassung er mitschrieb und darin den Brit: innen „absolute Macht und Autorität“ über versklavte Afrika‐ ner: innen bestätigte. 163 Der große Theoretiker des Liberalismus in Amerika, Alexis de Tocqueville, wollte als Franzose selbst Kolonist in Algerien werden und befürwortete lange die „Taktik“ der Verbrannten Erde („Razzias“) und die Vernichtungsfeldzüge der Französischen Armee gegen algerische Zivilist: innen. 164 Der Liberalismus schien somit denkbar ungeeignet, eine ideologische Basis für die antikolonialen Unabhängigkeitsbestrebungen im 20. Jahrhundert zu dienen. Literaturtipp | Christoph Nonn, Liberalismus, Kolonialismus und Im‐ perialismus. Globale Ordnungskonzepte der Liberalen im internationa‐ len Vergleich, in Jahrbuch zur Liberalismus-Forschung 34 (2022), S. 209-222; Nancy Fraser, Is Capitalism Necessarily Racist? in Politics/ Letters 15 (2019): http: / / quarterly.politicsslashletters.org/ is-capitalism -necessarily-racist/ . Warum war Gewalt weiterhin ein zentrales Merkmal des Kolonialismus und wie äußerte sie sich in Eroberungs- und Herrschaftspraktiken? Gewalt war das übliche Mittel der Eroberung und Kolonisierung. Sie mani‐ festierte sich in Form von Drohungen oder als militärische Intervention - durch europäische Konquistadoren oder mit Hilfe einheimischer interme‐ diaries (Mittelsleute), welche koloniale Eroberungsgewalt in die Tat umsetz‐ ten. 165 Zahlreiche Mischformen existierten dabei. Die „Kanonenbootpolitik“, durch welche Togo 1884 und Marokko 1912 zu Kolonien wurden, bestand aus dem Auffahren einer Drohkulisse der (Handels-)Marine mit Kriegsschiffen und gelegentlichen Bombardierungen vom Meer aus. Sie ermöglichte eine Landnahme ohne Landgang. Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 83 <?page no="84"?> 166 Moor/ Wesseling (Hg.), 1989: 4. 167 Abi-Mershed, 2010: 104; Sessions, 2009: 29-44. 168 Wagner, 2016. 169 Wagner, 2016; Menger, 2022: 84-108. Dann gab es klassische Eroberungskriege, die von den Europäer: innen besonders brutal geführt wurden. Der britische General und Kriegstheo‐ retiker Charles Edward Callwell rechtfertigte Kolonialkriege als „kleine Kriege“, bei denen man es mit einem unorganisierten, unberechenbaren und „unzivilisierten“ Gegner zu tun hatte, der nicht unbedingt als Armee aufmarschierte, sondern sich unter die Bevölkerung mischte. Dies war eine zynische Interpretation der Tatsache, dass sich die überfallene Bevölkerung oft gemeinsam gegen koloniale Eroberungen zur Wehr setzen musste. Um gegen sie die Oberhand zu behalten, plädierte Callwell für eine Taktik der verbrannten Erde mitsamt Vernichtung der Lebensgrundlage (zum Beispiel durch Tötung der Rinderherden), um die Gesamtbevölkerung ein‐ zuschüchtern. 166 Umgesetzt wurden solche „Taktiken“ weltweit, etwa bei der Eroberung Algeriens durch französische Truppen seit 1830, als der verantwortliche General Bugeaud „Methoden der Zerstörung“ ankündigte, dabei ganze Dörfer auslöschte und seine Kriegsgegner unter anderem durch gezielte Brandstiftung „ausräucherte“. 167 Ein französischer Siedler brachte die abwertende Haltung gegenüber der algerischen Bevölkerung auf den Punkt: „Man muss sie weit zurückdrängen; wie wilde Tiere, die die Nähe bewohnter Orte verlassen, müssen sie vor dem Fortschreiten unserer Siedlungen bis in die Wüste zurückweichen und für immer in die Sande der Sahara verbannt werden.“ 168 Der Eroberungskrieg in Algerien war als Vernichtungskrieg gedacht, bei dem die „totale Besatzung“ auch die Verdrängung der ursprünglichen Bevölkerung vorsah. Bugeauds Eroberungstaktik fand weltweit Anklang und Nachahmer: innen, etwa bei der russischen Eroberung des Kaukasus, den argentinischen „Wüstenfeldzügen“ in den Pampas, britischen Generälen in Südafrika sowie niederländischen Militärs in Aceh (Indonesien). 169 Diejenigen, welche sich gegen kolonialistische Überfälle zur Wehr setz‐ ten, waren selten „fanatische Wilde“, wie sie die Literatur lange darstellte. Sie hatten ihre eigenen, sehr rationalen Interessen und waren weitaus gesprächsbereiter als angenommen. Der Algerier Abd el-Kader, der Bugeaud im 19. Jahrhundert in Algerien lange Paroli bot, kooperierte auch mit 84 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="85"?> 170 Witbooi/ Reinhard, 2017. 171 Reinkowski/ Thum (Hg.), 2013. 172 Bührer, 2011: ; Moyd, 2014; Glasman, 2010: 29-50. 173 Menger, 2022: 84-108. 174 Muschalek, 2019. den Franzosen, wenn er sich Vorteile erhoffte und wurde nach seiner Exilierung zum Schriftsteller, der auch in Europa große Bewunderer fand. Der eingangs erwähnte Hendrik Witbooi ist als militärischer Gegner der Deutschen in Südwestafrika bekannt, aber auch seine Briefe zeugen von ei‐ ner hartnäckigen Kooperationsbereitschaft, die nur endete, als die deutsche Kolonialregierung es mit der Gewalt übertrieb. Auch Witbooi galt in Europa als respektabler Politiker. 170 Es gibt viele Erklärungen, warum Kolonialkriege oft besonders gewaltsam waren. Die Kolonialpropaganda ließ die Öffentlichkeit glauben, in den potenziellen Kolonialgebieten würden „Stämme“ leben, die sich gegenseitig bekriegen, versklaven oder gar auslöschen, und nannte darum zynischer‐ weise Eroberungskriege auch „Befriedungskriege“ („Pazifizierung“). Andere vermuteten, die Kolonisierenden seien eigentlich „hilflose Imperialisten“ gewesen, die in einem fremden Umfeld weder Landeskenntnisse noch Alli‐ ierte hatten und sich darum nur mit exzessiver Gewalt zu helfen wussten. 171 Wieder andere schoben die Gewalttätigkeit auf ebenjene „indigenen Trup‐ pen“, welche die Kolonialeroberer rekrutierten, um einen schmutzigen Krieg für sie zu führen. Die weißen Truppenangehörigen und Generäle haben bisher noch wenig Aufmerksamkeit erhalten. Weitaus größeres Interesse gab es für die Gewaltpraktiken der Kolonisierten selbst, welche seit der Kolonialzeit als „disziplinlos“ und „unmenschlich“ dargestellt wurden. 172 Historiker: innen wie Tom Menger weisen hingegen darauf hin, dass die rassistische Ideologie der Europäer: innen dazu führte, die Widerständigen zu entmenschlichen, indem ihnen der Status einer minderwertigen und „nicht lebenswerten Rasse“ zugeschrieben wurde. Diese Rassifizierung war die Bedingung für eine Normalisierung exzessiver Gewalt. 173 Die Gewalt ist demnach in den Kolonien nicht Teil eines Ausnahmezustands zu Kriegs‐ zeiten, sondern Alltag. Marie Muschalek sprach darum etwas resigniert von „violence as usual“, der üblichen und alltäglichen Gewalt, die auch rassistische Demütigung, gesetzliche Ausgrenzung sowie Zwangsarbeit und Enteignungen umfasste. 174 Angesichts der Veralltäglichung von Gewalt verwundert es nicht, dass die Kolonisierten vor allem in Siedlungskolonien keine Möglichkeit mehr für eine Kompromisslösung sahen, als die Dekolo‐ Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 85 <?page no="86"?> 175 Fanon/ Sartre, 2021 [1961]. 176 Elliott, 2007. nisierung sich abzeichnete. Am deutlichsten formulierte dies Frantz Fanon, ein Schwarzer Arzt aus der Karibik, der in Frankreich und Algerien als Psychiater arbeitete. Fanon sah im Kolonialismus „eine systematisierte Ver‐ neinung des Anderen, eine verzweifelte Entscheidung, dem Anderen jedes Attribut der Menschheit zu verweigern“. Die entmenschlichende Logik des Kolonialismus sei die eigentliche Gewalt. Er forderte darum die gewaltsame und vollständige Vertreibung der Siedler: innen aus Algerien. Diese Gewalt war für ihn nicht nur eine Reaktion auf die Brutalität des Kolonialismus, sondern auch eine schöpferische Kraft, die dem kolonialisierten Subjekt seine Menschlichkeit zurückgibt. Die Kolonialherrschaft, so Fanon, zerstöre das Selbstbewusstsein der unterdrückten Völker und erfordere deshalb eine gewaltsame Reaktion, um die eigene Identität wiederzuerlangen und die psychischen Narben sowie das Ohnmachtsgefühl unter dem Kolonialismus zu überwinden. 175 Linktipp | Das Dossier zum Film „Concerning Violence“ verbindet Fernseharchivmaterial über die afrikanischen Befreiungsbewegungen mit Texten aus Die Verdammten dieser Erde von Frantz Fanon: https: / / w ww.bpb.de/ lernen/ filmbildung/ 193464/ concerning-violence-nine-scene s-from-the-anti-imperialistic-self-defence/ . Wie entstanden Kolonialverwaltungen und warum waren sie selten einheitlich? Dafür, dass sie einen großen Teil der Welt regieren sollten, waren Koloni‐ alverwaltungen erstaunlich schlecht organisiert, auch wenn sie das selten zugaben. Die offizielle Verfassung von Kolonialimperien konnte ganz un‐ terschiedliche und etwas chaotische Formen annehmen, auch wenn dies an der allgemeinen Unterdrückung der Kolonisierten recht wenig änderte. Im iberischen Südamerika regierten offiziell „Vizekönige“ und theoretisch handelte es sich um eine doppelte monarchische Herrschaft („Composite Monarchy“). 176 Bis ca. 1850 diente die britische und niederländische Präsenz in Indien und Indonesien vorrangig kommerziellen Zwecken der Ostindien‐ 86 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="87"?> 177 Castryck, 2020: 846-865; Wagner, 2024; Bauche, 2017. 178 Melber, 2002. 179 Haas et al. (Hg.), 2024: 180 Vanthemsche, 2012: 43. kompanien, und die französische Herrschaft in den Antillen stützte sich auf Plantagenaristokraten, die im eigentlichen Sinne keine Kolonisten waren, sondern ihre Plantagen in der Neuen Welt von der Alten Welt aus regierten (der viel kritisierte „Absentismus“). Im Zeitalter des Hochimperialismus ab 1880 kamen immer mehr Beamte in die Kolonien, aber eine Vereinheitlichung der Verwaltung blieb aus. Frankreich erklärte Nordalgerien wegen der (bis zu einer Million) Siedler: in‐ nen zu offiziellen französischen Départements, die vom Innenministerium verwaltet wurden. Marokko und Tunesien nannte man Protektorate, die vom Außenministerium betreut wurden und offiziell einheimischen Poten‐ taten wie dem marokkanischen Sultan nur beratend zur Seite standen. Französisch-Westafrika wurde vom Kolonialministerium kontrolliert, es gab aber lange eine Sonderverwaltung für Zentralafrika. Britisch-Indien wurde nicht vom Colonial Service sondern vom Indian Civil Service verwaltet, in Britisch-Afrika hatte Nigeria eine eigene Verwaltungsstruktur. Der „Kongo- Freistaat“ war von 1885 bis 1908 nominell ein eigener Staat und eine „inter‐ nationale Kolonie“. Eine Armee von Expert: innen, wie Anthropolog: innen, Agronom: innen, Ärzt: innen, Ingenieur: innen etc. schuf einen informellen Sektor und regierte den Kongo mit, bevor er 1908 offiziell belgische Kolonie wurde. 177 Die Finanzierung der Kolonialverwaltung wurde meist in europäischen Parlamenten beschlossen. Dies führte zu umkämpften Debatten, wie im Deutschen Reichstag. Ganze Wahlen wurden um koloniale Themen geführt, zum Beispiel als 1907 die Fortsetzung des deutschen Krieges in Südwest‐ afrika finanziert werden sollte. 178 Überhaupt gab es eigenständige Kolonialministerien in Frankreich erst 1894, in Deutschland 1907 und in Belgien 1908. 179 In Spanien und Großbritan‐ nien war ihre Existenz lange unbeständig. Zudem blieben Kolonialminister selten lange im Amt und wechselten häufig, in Belgien zum Beispiel alle 26 Monate. 180 Kolonialbeamte waren ausschließlich männlich und hatten wenig Verständnis für die Probleme der Kolonisierten, insbesondere von Frauen. Entgegen gängiger Klischees waren sie eher selten gescheiterte Existenzen, die in Europa keinen Fuß auf den Boden bekamen. Stattdessen stammten sie Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 87 <?page no="88"?> 181 Zum Beispiel Pogge von Strandmann, 2009. 182 Wagner, 2024. oft aus der bürgerlichen Oberschicht und rekrutierten sich aus kolonialen Lobbygruppen, dem Militär, Universitätsabsolventen, oder aus dem Adel. 181 Eine einheitliche Ausbildung für Kolonialbeamte gab es in den meisten Ländern erst kurz vor dem Ersten Weltkrieg und sie war auf verschiedene Institutionen, Sprachschulen und Universitäten verteilt. 182 Diese lagen aber quasi alle in Europa und machten es für die Kolonisierten schwierig, eine Beamtenlaufbahn einzuschlagen. Oft war dies ohnehin erst in den 1920er und 1930er Jahren vorgesehen. Literaturtipps | Hartmut Pogge von Strandmann, Imperialismus vom Grünen Tisch. Deutsche Kolonialpolitik zwischen wirtschaftlicher Aus‐ beutung und „zivilisatorischen“ Bemühungen, Berlin 2009; Carlos Al‐ berto Haas, Lars Lehmann, Brigitte Reinwald, David Simo (Hg.), Das Auswärtige Amt und die Kolonien. Geschichte, Erinnerung, Erbe, Mün‐ chen 2024. Über den Absentismus informiert unter anderem dieses Buch: Barry W. Higman, Plantation Jamaica 1750-1850. Capital and control in a colonial economy, Kingston, Jamaica 2005. Wie waren die Kolonialverwaltungen organisiert? An der Spitze der Kolonien selbst stand meistens ein (General-)Gouverneur, der in manchen Kolonien auch unter der Bezeichnung Vizekönig (in Indien) oder Generalresident (in Marokko) auftauchte. Darunter spielten die Be‐ zirksbeamten (district officers) eine entscheidende Rolle in der Alltagsarbeit vor Ort. Daneben gab es Polizei- oder Militärposten sowie manchmal verschiedene Expertengremien für Landwirtschaft, Tropenmedizin oder Bil‐ dung. Zu Kriegszeiten übernahmen Generäle wie der berüchtigte Lothar von Trotha die Führung, welcher den Völkermordbefehl in Deutsch-Südwest‐ afrika gab. Eine Gewaltenteilung war nicht vorgesehen und nur teilweise standen ausgebildete Juristen als Richter zur Verfügung. Oft übernahmen Beamte die Rechtsprechung. Für Bagatelldelikte unter den Kolonisierten waren einheimische Gerichte zuständig. Europäische Richter übernahmen 88 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="89"?> 183 Schaper, 2012. 184 Tiquet, 2017: 123-140. 185 Conrad, 2012. 186 Eckert, 2007. aber praktisch jegliche Fälle, in die Europäer: innen involviert waren - meist, um sie freizusprechen. 183 Die Kombination aus Kompetenzwirrwarr in der Zentralverwaltung und der fehlenden Kontrolle durch Gewaltenteilung und demokratische Insti‐ tutionen brachte die Bezirksbeamten in den berechtigten Verdacht, noch willkürlicher zu regieren als es die Willkürherrschaft des Kolonialismus ohnehin vorsah. In den französischen Kolonien wurden sie als „Buschkö‐ nige“ bekannt und regelmäßig von Inspektoren besucht sowie turnusmäßig versetzt, um eine zu große Machtanhäufung zu vermeiden. Paris traute seinen eigenen Beamten nicht. 184 Die Kolonialverwaltungen aus Europa (später auch USA und Japan) hatten selten ausreichend Personal. In Britisch-Indien war ein europäischer Kolonialbeamter für 28.000 Inder: innen zuständig, in Britisch-Nigeria so‐ gar für 54.000. 185 Vor allem in ländlichen Regionen war die Präsenz des Kolonialstaats meist auf „Inseln der Herrschaft“ beschränkt. Dort war die Kolonialverwaltung auf Mittelsleute angewiesen. Literatur- und Linktipps | Wie wurden Sklavenplantagen verwaltet? Ein Vortrag auf Englisch von Professor Caitlin Rosenthal: https: / / www .youtube.com/ watch? v=twVoWWjmCKE. Eine der wenigen Geschichten der englischen Kolonialverwaltung stammt von einem ehemaligen Kolonialbeamten, der aber als Historiker durchaus eine beachtliche und kritische wissenschaftliche Studie vor‐ gelegt hat: Anthony Hamilton Millard Kirk-Greene, Britain’s Imperial Administrators, 1858-1966, London 2000. Was bedeuten direkte und indirekte Herrschaft? Die historische Forschung unterscheidet oft zwischen direkter und indirekter Herrschaft. Beide existierten, aber nie in Reinform. In praktisch allen Kolonien galt: so viel direktes Eingreifen wie nötig und so viel indirektes Regieren wie möglich, um Kosten zu sparen. 186 Mit der „indirekten“ Herrschaftsform Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 89 <?page no="90"?> 187 Albertini/ Wirz, 1987. 188 Albertini/ Wirz, 1987: 30. 189 Rösser, 2024: 352. gaben Kolonialregierungen vor, traditionelle Indigene Herrschaftseliten und -institutionen intakt zu lassen. Davon erhofften sie sich mehr Anerkennung und eine erhöhte Legitimität ihrer Kolonialherrschaft, die dadurch ihren Cha‐ rakter als Fremdherrschaft verlieren sollte. In der kolonialen Theorie regierten die Kolonialverwaltungen also durch traditionelle Indigene Herrschaftseliten. In der Praxis bekamen zwar manchmal traditionelle Verwaltungseliten und verdiente „Chiefs“ die Verwaltungshoheit, aber auch skrupellose Karrieristen und Emporkömmlinge, die zwar loyal zur Kolonialregierung waren, aber selten die Interessen der Menschen in ihrem Verwaltungsdistrikt vertraten. Wann immer aber die Entscheidungshoheit der weißen Zentralverwaltung bedroht war, griff die Kolonialverwaltung direkt und oft militärisch ein. Dafür bauten die Verwaltungen Kolonialtruppen auf, die immer unter wei‐ ßer Kontrolle standen, auch wenn ihre niederen Ränge aus einheimischen Soldaten bestanden. In Indien umfasste die Kolonialtruppe um das Jahr 1850 238.000 indische Soldaten und 45.000 Europäer. Als es 1857 zur Meuterei kam, wurde die Zahl der Inder auf 140.000 reduziert und die der Europäer um 20.000 erhöht. 187 Das indische Artilleriebattaillon wurde aufgelöst und schwere Waffen durften nur noch Europäer bedienen. In den Kolonialarmeen war die Zahl der Indigenen immer recht hoch, wie zum Beispiel die Askari (Soldaten) in Deutsch-Ostafrika. In der Verwaltung arbeiteten nicht ganz so viele. So waren im Indian Civil Service im Jahr 1909 unter 1142 Beamten nur 60 Inder. 188 Sie bekleideten durchaus wichtige Posten, wurden aber meistens zu unbeliebten Aufgaben wie Steuereintreibung, Rekru‐ tierung zur Arbeitspflicht, Strafexpeditionen oder Körperstrafen eingesetzt. 189 In Niederländisch-Indonesien übernahmen oft Vertreter: innen des lokalen Landadels die Verwaltung weitläufiger Gebiete. Sie waren im Vergleich zu den europäischen Beamten schlecht bezahlt und erhielten keine Ansprüche auf Altersversorgung. Diese Konstellation stellte sie unter den Verdacht der Korruption, aber die war ohnehin ein Kernbestandteil der gesamten Kolonial‐ verwaltung. Raden Adjeng Kartini, die Tochter des indonesischen Regenten (Distrikt‐ verwalter) Raden Adipati Sosroningrat in Jepara, schrieb zum Beispiel: „Viele einheimische Beamte sind so schlecht bezahlt, dass es ein Wunder ist, wie sie überhaupt mit ihren mageren Gehältern auskommen können […]. Davon 90 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="91"?> 190 Kartini, 1921: 33-34. 191 Kartini, 1921: 33-34 192 Wagner, 2024: 119. müssen er und seine Familie leben und die Miete zahlen; er muss sich ordentlich kleiden und auch sein Prestige gegenüber den geringeren Beamten wahren. Diejenigen in ländlichen Gebieten müssen eine kleine Kutsche und ein Pferd haben […] für Reisen aufs Land“. 190 Zudem waren sie für den Unterhalt der weißen Vorgesetzten zuständig, also für „Rechnungsprüfer, Regenten und manchmal auch Assistenzresidenten, wenn sie Inspektionsreisen machen.“ 191 Zu diesen materiellen Sorgen kam die alltägliche Demütigung, wie der mehrsprachige Regent von Serang, Achmad Djajadiningrat, berichtete. Er fühlte andauernd die „feindliche Einstellung der meisten europäischen Beamten“, die meinten, er würde niemals das „intellektuelle Niveau der Europäer erreichen“. 192 Literatur- und Linktipps | Im Projekt Gutenberg finden sich die Briefe von Raden Adjeng Kartini zur niederländischen Kolonialverwaltung auf Java: https: / / www.gutenberg.org/ files/ 34647/ 34647-h/ 34647-h.htm. Zum Verhältnis europäischer und Indigener Beamten siehe Florian Wag‐ ner, Colonial Internationalism and the Governmentality of Empire, 1893-1982, Cambridge 2022. Waren Indigene in der Kolonialverwaltung „Kollaborateure“? Die Bezeichnung „indirekte Herrschaft“ verschleierte, dass Kolonialverwal‐ tungen einheimische Herrscher höchstens als Marionettenregierungen miss‐ brauchten und stets eingriffen, falls Mittelsleute nicht in ihrem Sinne handelten. Sie setzten Indigene Mittelsleute ab, ersetzten oder eliminierten sie. So ließ der deutsche Gouverneur in Kamerun 1914 den Chief Rudolf Manga Bell aus der Duala-Familie wegen Illoyalität hängen, obwohl die Duala mit der deutschen Kolonialverwaltung zunächst kooperierten und sogar 1884 den so genannten Schutzvertrag unterzeichnet hatten, auf dessen Grundlage das Deutsche Reich Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 91 <?page no="92"?> 193 Eyoum et al., 2011. 194 Mamdani, 2018. 195 Bâ, 1994: 267-269. 196 Bâ, 1994. 197 Mark-Thiesen, 2018. Kamerun zu seiner Kolonie erklärte. Das Leben als „Kollaborateur“ war also prekär, auch wenn einige dadurch Karriere machten. 193 Aufgrund solcher Interventionen sprach der Politikwissenschaftler Mah‐ mood Mamdani weniger von „indirekter Herrschaft“ als von „dezentraler Despotie“. Damit machte er den Unterdrückungscharakter der nominell in‐ direkten Herrschaft deutlich. 194 In der Bevölkerung hatten die Indigenen Kolonialbeamten nicht unbedingt einen guten Ruf. Sie wurden mit Argwohn, Neid und auch Spott betrachtet. So wissen wir, dass die Bevölkerung sich oft über solche „Kollaborateure“ lustig machte. Der Schriftsteller und Ethnologe Amadou Hampaté Bâ aus Mali berichtete über die populäre Sicht auf die Indigenen Beamten, denen er als Lehrer selbst angehörte. Sein Umfeld erklärte ihn darum zum „schwarzen Weißen“, der die Kleidungs- und Verhaltensweisen der Europäer imitierte und stolz „herumgockelte“, und damit zur „Rasse der ‚Mach Schneller! ‘“ gehörte, wie die autoritären weißen Beamten aufgrund ihres Lieblingssatzes genannt wurden. 195 Als „schwarz-weißes“ Verwaltungsmitglied stand Hampaté Bâ nun über dem Gesetz, auch wenn er nicht so unantastbar wie die „weißen Weißen“ war. Auf der Straße hatte er Begleitung durch einen Polizisten mit einer „Peitsche aus Nilpferdhaut“, obwohl ihm schon sein Beamtenhut genug Respekt verschaffte. 196 Von ihm erfahren wir auch, dass nicht unbedingt die ranghöchsten Indigenen Beamten die Mächtigsten waren. Eher waren es diejenigen, von denen die europäischen Beamten am abhängigsten waren. Dies waren zum Beispiel die Übersetzer: innen. Sie agierten oft als „Türsteher“ und bestimmten, welche Informationen bei den weißen Bezirksbeamten oder Gouverneuren ankamen. Sie hatten also Gestal‐ tungsmöglichkeiten, die über eine Selbstbereicherung hinausgingen. Aus der Sicht der Kolonisierten lag eine Zusammenarbeit mit der Kolo‐ nialmacht nahe. Sie taten das meist, wenn es ihrem individuellen Interesse diente, manchmal aber auch, um die kollektiven Interessen ihrer Herkunfts‐ gemeinschaft zu vertreten. Ihre Mitarbeit in kolonialen Institutionen hatte pragmatische Gründe und selten ideologische, wobei sie immer in einem repressiven System handelten. 197 Historiker: innen haben oft darauf hinge‐ wiesen, dass eine Anstellung von Indigenen in der Kolonialverwaltung nicht gleichbedeutend mit deren Billigung der Kolonialherrschaft war. Der 92 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="93"?> 198 Cooper, 2014: 28-29. indisch-britische Kulturwissenschaftler Homi Bhabha wies am prominen‐ testen darauf hin, man könne auch durch scheinbare Kooperation und äußerliche Anpassung eine Art Widerstand leisten, zum Beispiel indem man die Kolonialverwaltung von innen umgestaltete oder sabotierte. Er nannte diesen Prozess Mimikry, womit er die Nachahmung der Kolonisierenden durch Indigene Mittelsleute beschrieb, die manchmal nur Teil des Systems wurden, um Widerstand zu leisten. Tatsächlich hatten die meisten Anführer des Antikolonialismus in europäischen Bildungs- und Verwaltungsinstitu‐ tionen Karriere gemacht, bevor sie sich gegen koloniale Unterdrückung wandten. Unter ihnen waren antikoloniale Ikonen wieder der Kenianer Jomo Kenyatta und der Ghanaer Kwame Nkrumah, welche die ersten Staatsober‐ häupter Kenias bzw. Ghanas nach der Unabhängigkeit wurden. Sogar der Vater antikolonialer Theorie, Frantz Fanon, welcher jegliche Nachahmung von Europäern als Anbiederung und Verrat abtat, hatte in Lyon Medizin und Philosophie studiert und an französischen Krankenhäusern in Algerien gewirkt. Die Gefahr, dass Kolonisierende nicht mehr Handelnde (Subjekte), sondern nur noch Nachahmende wurden, war allerdings gering, selbst wenn ihnen der Opportunismus Vorteile brachte. Insgesamt „kollaborierten“ aber weitaus weniger mit der mächtigen Koloni‐ alregierung, als man annehmen könnte. Zum Beispiel konnten die Kolonisier‐ ten in Algerien seit 1919 zu Französ: innen werden und auch in der Verwaltung Karriere machen, indem sie die französische Staatsbürgerschaft annahmen und dafür ihren Status als Muslime faktisch aufgaben. Damit erhielten sie Grund- und Staatsbürgerrechte und wurden den geborenen Französ: innen wenigstens auf dem Papier gleichgestellt. Aber kaum jemand unter den Algerier: innen zog diese Option. Als es zwischen 1937 und 1944 auch für die ca. 18-Millionen Einwohner: innen Französisch-Westafrikas theoretisch möglich wurde, die französische Staatsbürgerschaft anzunehmen, meldeten sich nur 233 Personen, von denen 43 angenommen, 63 abgelehnt und 127 letztendlich gar nicht in Erwägung gezogen wurden. 198 Es waren also nicht viele, die Französisch werden oder sogar „französischer als die Franzosen“ sein wollten, wie es manchen Menschen aus den Kolonien zynischerweise vorgeworfen wurde. Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 93 <?page no="94"?> 199 Njoku et al., 2023. Literatur- und Linktipps | Die Memoiren eines afrikanischen Beamten in französischen Diensten finden sich bei Amadou Hampaté Bâ, Oui, mon commandant! : In kolonialen Diensten. Erinnerungen, Wuppertal 1997. Mehr zur kolonialen Logik der Trennung zwischen Indigenen (ein‐ heimischen) und europäischen Menschen in den Kolonien finden sie bei: Mahmood Mamdani, Citizen and Subject. Contemporary Africa and the legacy of late colonialism, Princeton, New York 2018. Eine Filmdokumentation zur Geschichte von Rudolf Duala Manga Bell, der von den Deutschen zum Tode verurteilt wurde findet sich hier: Der König ist tot - Rudolf Manga Bell und die Aufarbeitung deutscher Ko‐ lonialschuld https: / / www.youtube.com/ watch? v=9EkFt4ShXL8. Welche Folgen hatte der Kolonialismus für Frauen und Geschlechterrollen? Die Geschlechterverhältnisse spielten in der Geschichte des Kolonialismus immer eine besondere Rolle. Schon bei der Versklavung standen sie im Mittelpunkt, weil zunächst vorrangig junge Männer versklavt und über den Atlantik verschleppt wurden, was zu einem drastischen Geburtenrückgang in den Herkunftsgebieten führte. Nach der Einschränkung des Versklavungs‐ handels seit 1808 blieb dieser „Nachschub“ aus. Danach waren plötzlich mehr Frauen auf den Plantagen in Amerika nötig, um die Reproduktion zu sichern. Dementsprechend stieg die „Nachfrage“ nach Sklavinnen in Afrika. Dort war bereits das demographische Gleichgewicht durch die Verschleppung von Millionen junger Männer ins Wanken gebracht worden. Aus Kostengründen und aufgrund rassistischer Vorurteile vernachlässig‐ ten Plantagenbesitzer: innen die medizinische Versorgung von Schwarzen Menschen. Frauen während der Schwangerschaft und der Geburt waren davon besonders betroffen. Diese Unterversorgung bildete die Grundlage einer Vernachlässigungsroutine, die bis heute eine signifikant höhere Müttersterb‐ lichkeit unter Schwarzen Frauen in den USA zur Folge hat - unabhängig vom Einkommen. 199 Geschlechterrollen waren in den vorkolonialen Gesellschaften oft flexibler als in Europa, wo die Aufgaben klar verteilt waren. In den Anden oder im 94 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="95"?> 200 Graubart, 2007: 31. 201 Falola/ Akua Amponsah 2023; Oyěwùmí, 2016: ; Kundrus, 2005; Framke, 2020: 143-166. 202 Wagner, 2024: 344. subsaharischen Afrika übernahmen Frauen wie selbstverständlich schwere (Feld-)Arbeit oder waren als Unternehmer: innen tätig. Das christlich-kapita‐ listisch geprägte Kolonialsystem verlangte hingegen, dass Männer die Ernährer der Familie und deren Oberhäupter sein sollten. Wie in Europa war die im Kolonialismus eingeführte Lohnarbeit größtenteils den Männern vorbehalten (siehe Tabelle-1), wodurch Frauen eher in die häusliche und unbezahlte Arbeit gedrängt wurden und stärker in die Abhängigkeit von Männern gerieten. 200 Für den Kolonialstaat kamen Frauen weder als Soldatinnen noch als Beamtinnen in Frage und selten für Plantagen- und Bergwerkarbeit. Somit waren sie von den wenigen Möglichkeiten des Lohnerwerbs oft ausgeschlossen. Selbst in Bergbauregionen, wo meist ihre Ehemänner für einen Lohn arbeiteten, wurde angenommen, dass Frauen sich unbezahlt um die Selbstversorgergärten kümmerten, von denen sich die männlichen (Wander-)Arbeiter mit ernähren sollten. Da dem Kolonialstaat der Wohlfahrtsstaat zu teuer war, sollten Frauen die Wohlfahrtsaufgaben, zusammen mit der Reproduktions- und Pflegearbeit, unbezahlt übernehmen. Allerdings entstand mit der kolonialen Bevölkerungs- und Hygienepolitik der 1920er Jahre ein neues Betätigungsfeld. Große phi‐ lanthropische Projekte wie in Belgisch-Kongo wollten Indigene Frauen als Geburtshelferinnen und Hebammen ausbilden, um die Säuglings- und Mütter‐ sterblichkeit zu verringern. Dabei blieben sie immer nur „Helferinnen“. Mit der Kolonisierung kamen demnach Genderrollen unter anderem nach Afrika. 201 Dagegen regte sich aber häufig Protest. Die bereits erwähnte javanesische Kolonialkritiker: in und Feministin Raden Adjeng Kartini beklagte sowohl den Paternalismus der Kolonisierenden als auch der traditionellen Eliten in Java. Sie plädierte schon um 1900 für die Einrichtung von Schulen für junge Frauen in Niederländisch-Indien und wurde dafür weltweit bewundert. Ihr zu Ehren wurde 1913 eine erste Schule für Mädchen gegründet. Heute gilt sie in Indonesien als Nationalheldin und zahlreiche Schulen sind nach ihr benannt. 202 Nigerianische und ghanaische „Marktfrauen“ organisierten sich gildenmäßig und starteten Boykotte und Proteste gegen Preisfestlegungen der Kolonialregierung. Sie hatten damit Erfolg und wurden auch zu einer treibenden Kraft der Unabhängigkeitsbewegung. Frauen spielten also auch während der offiziellen Kolonialherrschaft eine wichtige gesellschaftliche, Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 95 <?page no="96"?> wirtschaftliche und politische Rolle, vielleicht sogar mehr als in Europa. Ihr Beitrag zur Geschichte („Agency“) wurde aber im Zuge der kolonialistischen Weltaneignung immer unsichtbarer (gemacht). Ein Beispiel für die oben dargestellte Europäisierung von Genderrollen lässt sich an der Personalstruktur des Bergbaukonglomerats Union Minière du Haut Katanga zeigen, welches die Bodenschätze im Süden der belgischen Kolonie Kongo ausbeutete. Dort machten Frauen nur eine geringe Zahl unter den Lohnarbeitenden aus (siehe Tabelle 1). Solche europäischen Unterneh‐ men engagierten zudem immer häufiger verheiratete Lohnarbeiter. Denn deren Ehefrauen unterhielten meist zu Hause Gärten oder gar Felder zur Selbstversorgung und übernahmen die Betreuung von Kindern oder ihren Ehemännern, wenn diese krank oder zum Pflegefall wurden. Somit nutzten die Kolonialunternehmen die unbezahlte Arbeit der Arbeiterfrauen mit, um Löhne niedrig zu halten und Sozialausgaben zu vermeiden. Jahr Arbeiter Jungge‐ sellen Frauen Kinder verhei‐ ratete Arbeiter in % Kinder pro 100 Fami‐ lien 1924 12,111 10,318 1,793 - 14,8 - 1925 13,849 11,343 2,506 - 18,8 - 1926 13,275 10,335 2,940 940 22,1 31,9 1927 15,477 11,845 3,632 1,423 23,6 38,9 1928 15,345 10,643 4,702 2,105 30,6 44,7 1929 17,257 11,440 5,817 3,149 33,7 54,1 1930 16,340 9,667 6,673 4,457 40,8 66,8 Tabelle 1: Personalstruktur bei der Bergbauunion in der Provinz Haut Katanga in der belgischen Kolonie Kongo, 1925-30 (eigene Darstellung, Daten aus: Martin Thomas, Violence and Colonial Order. Police, Workers and Protest in the European Colonial Empires, 1918-1940 (Cambridge CUP 2012), S. 322) 96 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="97"?> 203 Benton, 2004, c2002; Belmessous, 2014; Schaper, 2012. 204 Sala-Molins 1987; Ghachem, 2012. War der Kolonialismus ein Unrechtssystem? Auch in den Kolonien gab es Gesetze, die aber nicht unbedingt Rechte ga‐ rantierten und Gerechtigkeit eher verhinderten als gewährleisteten. 203 Dafür steht schon die frühe Kolonialgesetzgebung wie der Kodex für Schwarze (Code Noir), den Frankreich 1685 auf der Sklaveninsel Saint-Domingue einführte. Der Kodex erklärte versklavte Menschen zu veräußerbaren Wa‐ ren, verbot ihnen eigenständiges Heiraten sowie das Tragen von Waffen und entzog ihnen die Versammlungsfreiheit. Er legte Strafen vor allem für diejenigen Sklaven fest, welche sich gegen ihre „Besitzer: innen“ wandten oder zu fliehen versuchten. Zu den Strafen gehörte die Brandmarkung mit Eisen, das Abschneiden von Ohren, die Durchtrennung von Knie- und Achillessehnen zur Lähmung und die Todesstrafe. Der Kodex regelte zwar auch die Möglichkeit, versklavte Menschen zu befreien, aber darauf bestand kein Rechtsanspruch seitens der Versklavten, die weder als Kläger: innen noch als Zeug: innen gegen Weiße auftreten durften. 204 So genannte Black Codes gab es in ganz Amerika. Im Süden der USA be‐ standen sie über die Kolonialzeit hinaus, um auch freie Schwarze Menschen von den Rechten der weißen Menschen, wie dem Wahlrecht, fernzuhalten. Die Black Codes stehen für die allgemeine Praxis in fast allen Kolonien, zwei verschiedene Gesetze für Kolonisierende und Kolonisierte einzuführen. Diese Gesetzesdualität spiegelte sich vor allem in der Trennung des Rechts für Europäer: innen von dem so genannten „Eingeborenenrecht“ wider, wo‐ durch ein System der rechtlichen Segregation geschaffen wurde. Die Rechts‐ segregation war darauf ausgerichtet, die Herrschaft der Kolonisierenden und deren Privilegien zu sichern. Der Ausdruck „Eingeborenenrecht“ sollte suggerieren, dass dieses auf Traditionen und Bräuchen der Kolonisierten aufbaute und darum komplett vom europäischen Recht zu trennen sei. In vierfacher Hinsicht war diese theoretische Rechtsdualität in der Praxis allerdings komplexer: Erstens bestimmten die Kolonialmächte selbst, was im „Eingeborenen‐ recht“ stand, indem sie es ständig den Notwendigkeiten der Herrschaftser‐ haltung anpassten und stetig umformulierten. Diese ständige Rechtsmani‐ pulation rechtfertigten sie damit, dass „Eingeborenenrecht“ grundsätzlich ein Brauchtumsrecht war und sich somit ständig wandelte. So bestand das Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 97 <?page no="98"?> 205 Wagner, 2022. 206 Thénault, 2017: 21-40. „Eingeborenengesetz“ (Code bzw. Régime de l’indigénat, 1844/ 1881-1927) in Französisch-Algerien aus einer Liste mit potenziellen Vergehen der Ko‐ lonisierten, welche der Gouverneur willkürlich festlegte, stetig veränderte und ohne Gerichtsprozess anwenden konnte. Zu diesem Zweck hatte die Kolonialverwaltung in Algerien auch das Islamische Recht, nach welchem die Mehrheit der Kolonisierten lebte, als wandelbares „Eingeborenenrecht“ definiert und dabei so manipuliert, dass zum Beispiel Land im Namen des „Islamischen Rechts“ enteignet werden konnte. 205 Seit den 1880er Jahren nutzten fast alle Kolonien das „Eingeborenenrecht“ als herrschaftserhalten‐ des Mittel, um Kollektiv- und Körperstrafen zu rechtfertigen, Aufstände zu delegitimieren sowie Zwangsabgaben und -arbeit zu ermöglichen. 206 Zweitens wurde das Recht nicht immer von Gerichten im Rahmen eines fairen Prozesses gesprochen, sondern von Verwaltungen, Militär, Mittels‐ leuten oder teils sogar Kolonialunternehmer: innen interpretiert und ange‐ wandt. Da es keine unabhängige Judikative gab, war die Rechtsprechung nicht von einem konstitutionellen Recht gerahmt, welches die Unabhängig‐ keit der Gerichte sicherte und Verfahrensregeln für Gerichtsentscheidungen vorschrieb und damit Rechtssicherheit gewährleistete. Somit wurde das Recht oft von Willkürentscheidungen wenig qualifizierter Nichtjurist: innen oder von nichtjuristischen Institutionen getragen. Drittens muss man darum Rechtstheorie und Rechtspraxis trennen. Die Rechtspraxis war von einem Rechtspluralismus geprägt, also dem Zusammenwirken verschiedener Regelungen, Institutionen und Individuen. Dabei hatten Kolonialstaaten oft nicht die Infrastruktur, um Recht zu implementieren und Urteile umzusetzen. Da es zunächst in den Kolonien eine unterbesetzte Strafjustiz und Polizei gab, konnten Strafen teils gar nicht um- oder durchgesetzt werden. Der Kolonialstaat war also weniger ein „totaler Staat“, der repressiven Zugriff auf alle seine „Untertanen“ hatte. Aufgrund dieser chaotischen Verhältnisse gab es für die Kolonisierten teil‐ weise die Möglichkeit, sowohl die Rechtstheorie als auch die Rechtspraxis zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Dies machten wohl auch Schwarze Menschen bei der Formulierung des Code Noir in Saint-Domingue, der versklavten Menschen auch gewisse Rechte zugestand und zum Beispiel Plantagenbesitzer: innen verpflichtete, versklavte Menschen medizinisch zu versorgen und sie nicht grundlos zu töten. Seit den 1880er Jahren gab 98 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="99"?> 207 Seibert, 2016: -112. es mehrere „Kolonialskandale“, bei denen Kolonialverwalter: innen oder -unternehmer: innen Kolonisierte systematisch misshandelten oder aus nie‐ deren Beweggründen töteten. Aufgrund von Protesten der Kolonisierten wurden sie nach Deutschland zurückberufen, wenn auch selten strafrecht‐ lich verfolgt. Im Fall von Bagatellkonflikten unter Kolonisierten ohne weiße Beteiligung, delegierte die Kolonialverwaltung oft die Urteilsfindung an die Kolonisierten - ein Mechanismus, der ihnen immerhin ansatzweise eine Einflussnahme auf das koloniale Rechtssystem ermöglichte. Bei größeren Straftaten, welche als Bedrohung für die koloniale Hierarchie gesehen wurden und an weißen Gerichten verhandelt wurden, konnten in seltenen Fällen Indigene Übersetzer: innen auf Entscheidungen Einfluss nehmen. Viertens war aber eine Missachtung jeglicher Gesetze durch die Koloni‐ sierenden jederzeit möglich und üblich. Gesetzesbrüche von Weißen blieben meist ohne Konsequenz, wohingegen den Kolonisierten als „unzivilisierte“ und „unmenschliche“ Untertanen weder konstitutionelle Rechte noch Men‐ schenrechte zugestanden wurden. Das koloniale Recht war somit niemals auf Gerechtigkeit ausgerichtet, sondern auf den Erhalt weißer Privilegien. Ermöglicht wurde dies durch einen Maßnahmenstaat, der dem Prinzip eines Rechtsstaats diametral entgegengesetzt war. Der koloniale Maßnahmenstaat basierte auf willkürlichen Entscheidungen, die sich beispielsweise in Kol‐ lektivstrafen für ganze Dörfer manifestierten, und auf Gewalt, die sich unter anderem in der Anwendung von Prügel- und Todesstrafe äußerte. Schließlich war die koloniale Rechtsprechung nicht das Monopol des Staates, geschweige denn der Justiz. Denn europäische Unternehmen im Plantagensowie im Bergbausektor konnten Menschen, die vor unerträg‐ lichen Arbeits- und Lebensbedingungen (in den Wohnlagern) flohen, für ihren „Vertragsbruch“ strafrechtlich verfolgen und oft selbst Strafart und -dauer festlegen. Manche Plantagen besaßen auch eigene Gefängnisse. 207 Literaturtipp | Einblicke in die Rechtstheorie und Rechtspraxis der deutschen Kolonie Kamerun finden sich bei: Ulrike Schaper, Koloniale Verhandlungen - Gerichtsbarkeit, Verwaltung und Herrschaft in Kame‐ run 1884-1916, Frankfurt/ Main 2012. Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 99 <?page no="100"?> 208 Marseille, 2005. 209 Wagner, 2022: 29. 210 Coquery-Vidrovitch, 2001; Todzi, 2023. Lohnte sich der Kolonialismus? Die Frage, ob sich der Kolonialismus lohnte, ist aus Sicht seiner Opfer zynisch. Denn selbst wenn der Kolonialismus für manche ein Gewinngeschäft war, beruhte dieses auf der Ausbeutung von menschlichen und natürlichen Res‐ sourcen. Aus methodischer Sicht ist die Frage ebenso problematisch, weil sie eine undifferenzierte Antwort erfordert. Vielmehr müsste man fragen, von wem und unter welchen Umständen einzelne Aspekte des Kolonialismus als rentabel angesehen wurden. Trotzdem wurde die Frage „Lohnt sich der Kolonialismus? “ von Geg‐ ner: innen wie Befüworter: innen des Kolonialismus schon seit der Koloni‐ alzeit gestellt. 208 Schon direkt im Anschluss an die Erwerbungseuphorie der 1880er Jahre kam in den 1890er Jahren die Frage auf, wer für den finanziellen Aufwand der Eroberungskriege und Verwaltung überhaupt aufkommen sollte. Selbst Kolonialbefürworter: innen kritisierten die hohen Kosten. So kalkulierte und kritisierte der französische Koloniallobbyist Joseph Chailley-Bert, dass die Eroberung und Besiedelung Algeriens die französischen Steuerzahler: innen bis 1908 50 Milliarden Francs gekostet hatte. 209 Um diese Zeit hatten die meisten Kolonialmächte gewählte Parla‐ mente, in denen über den Kolonialhaushalt entschieden wurde. Wie das französische Parlament debattierte auch der deutsche Reichstag diesen oft kontrovers. Den Parlamenten gegenüber standen die Kolonialverwaltungen also unter einem gewissen Rechtfertigungsdruck. Meist wurde der Koloni‐ alhaushalt letztendlich genehmigt, was daran lag, dass sich überfraktionelle „Kolonialparteien“ gründeten, die Lobbyarbeit für die Kolonien betrieben. Gleichzeitig waren auch Kolonialkritiker: innen - wie Teile der Sozialdemo‐ kratie im Reichstag - dem kolonialen Projekt nicht grundsätzlich abgeneigt, sondern kritisierten höchstens „Kolonialskandale“, die auf individuellem Fehlverhalten gründeten, ohne den Kolonialismus als Ganzes in Frage zu stellen. Für die „Mutterländer“ waren die Kolonien fast durchgehend ein Ver‐ lustgeschäft, auch wenn einzelne Unternehmen große Gewinne erzielen konnten und Steuereinnahmen sukzessive anstiegen. 210 Wie es der Arglist der Kolonialpropaganda zu eigen war, erklärte sie dieses Problem kurzer‐ hand zur Lösung. Sie verwies auf die „Entwicklung“ der Kolonien durch 100 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="101"?> 211 Sebald, 1987. 212 Money, 1861: ix. 213 Bosma, 2005: 3-28; Stuchtey, 2010: 26. mehr Investitionen und stellte hohe Gewinne für die Zukunft in Aussicht. Die Gewinnaussichten wollten Kolonialpropagandist: innen am Beispiel so genannter „Musterkolonien“ beweisen, wie die deutsche Kolonie Togo, welche angeblich kein Verlustgeschäft war und einen ausgeglichenen Haus‐ halt hatte. 211 Das einzig wirklich „rentable“ Kolonialgebiet vor dem Ersten Weltkrieg war allerdings die Insel Java, die Teil Niederländisch-Indiens war. Über die Musterkolonie Java schrieb der britische Kolonialpropagandist mit dem passenden Namen James Money in seinem Bestseller „Java - oder wie man eine Kolonie verwaltet“ von 1861: „Ein neues System wurde 1832 eingeführt, welches innerhalb von 25 Jahren die Einnahmen vervierfachte, die Schulden tilgte, das jährliche Defizit in ein Plus umwandelte, den Handel verdreifachte“. 212 Das zitierte System machte die niederländische Regierung unter dem Namen „Kultivierungssystem“ bekannt. Dabei zwang sie die javanesischen Bauern dazu, bis zu einem Drittel ihrer Felder dem Anbau von Exportprodukten wie Zucker, Kaffee oder Indigo zu widmen. Die Produkte mussten sie zu Minimalpreisen an eine halbstaatliche Handelsfirma abtreten, welche sie in Europa mit hohen Gewinnen verkaufte. So machte die Kolonialregierung zwischen 1840 und 1873 Gewinne in Höhe von 1,5 Milliarden Francs, wie der Franzose Chailley-Bert vorrechnete. Das Kultivierungssystem der „Muster‐ kolonie“ Java stürzte jedoch viele Bauern in den Ruin, trieb sie zur Flucht und verursachte Hungersnöte. Obwohl schon 1860 der dokumentarische Roman und Weltbestseller Max Havelaar diese Auswirkungen des Ausbeutungs‐ systems skandalisierte und rückblickend zum Gründungsdokument der Fair-Trade-Bewegung avancierte, priesen Kolonialpropagandist: innen die „Musterkolonie“ Java weiterhin als vorbildhaft an. 213 Neben französischen und deutschen Kolonialverwaltungen nahm sie sich der belgische König Leopold II zum Vorbild, um die Zwangsabgabe von Kautschuk im Kongo über halbstaatliche Konzessionsgesellschaften einzutreiben, nach Europa zu transportieren und dort mit hohen Gewinnen zu verkaufen. Ohne den äußerst gewaltsam durchgesetzten Zwangsanbau „lohnten“ sich Kolonien also selten, obwohl es kaum Sozial-, Bildungs- oder Investiti‐ onsausgaben brauchte (siehe nächste Frage). Mit der Zeit verringerten sich Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 101 <?page no="102"?> 214 Langewiesche, 2019: 383. 215 Fogarty, 2008: 7-15. 216 Oestermann, 2023. 217 Haschemi Yekani, 2019. auch die Kosten für Kolonialkriege, die „billige Kriege“ wurden oder als solche geführt wurden. Großbritannien, die Niederlande und Frankreich deckten 1913 etwa 85 % ihrer Kolonialkriegskosten aus den Kolonien. Dazu kamen ab 1914 Einsparungen durch die Rekrutierung von Indigenen, welche für die Kolonialmächte in den Kolonien und in den Weltkriegen den Kopf hinhalten mussten oder dies sogar freiwillig taten, um danach Anerkennung zu finden. 214 In den Weltkriegen waren sie aber oft „Kanonenfutter“, das benutzt wurde, um die weißen Soldaten zu verschonen. 215 Ohne Zweifel profitierten auch einzelne Menschen und Gruppen unter den Kolonisierten von der kolonialen Ausbeutungswirtschaft, wie zum Bei‐ spiel vom Kautschukhandel, der in Kamerun zwischen 1890 und 1913 einigen jungen Männern zum materiellen und damit auch zum sozialen Aufstieg verhalf. 216 Das war aber kein flächendeckendes Phänomen. Letztendlich betonen fast alle Studien zur Arbeit in den Kolonien, dass Arbeitszwang jederzeit ein Mittel zur Schaffung von Mehrwert und Gewinnen war, auch wenn er selten ausreichte, um komplette Kolonien rentabel zu machen. 217 Für die „Mutterländer“ waren die Kolonien fast durchgehend ein Ver‐ lustgeschäft, auch wenn einzelne Unternehmen große Gewinne erzielen konnten und Steuereinnahmen sukzessive anstiegen. Die Ausgaben für die Verwaltung der Kolonie Deutsch-Ostafrika (heute Tansania, Ruanda, Burundi) zwischen 1891 und 1900 zeigen ein permanentes Defizit, mit gering bleibenden eigenen Einnahmen aus der Kolonie und konstant hohen Zuschüssen aus Berlin (siehe Tabelle 2). - Gesamtausgaben Eigene Einnahmen Kaiserliche Subventionen - veran‐ schlagt tatsäch‐ lich veran‐ schlagt tatsäch‐ lich veran‐ schlagt tatsäch‐ lich 1891 4,500 4,281 2,000 1,463 2,500 2,818 1892 4,500 4,585 2,000 1,615 2,500 2,970 1893 4,780 6,827 2,280 1,621 2,500 5,206 1894 5,520 5,694 2,150 1,338 3,370 4,356 102 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="103"?> 218 Cooper, 2005, 157. 219 Rösser, 2024. 1895 5,587 5,403 2,150 1,310 3,687 4,093 1896 5,900 6,329 1,600 1,802 4,300 4,527 1897 6,040 6,997 1,700 1,773 4,340 5,224 1898 5,965 7,680 2,160 2,402 3,805 5,278 1899 8,545 9,398 2,510 2,794 6,035 6,604 1900 9,709 10,597 3,009 2,992 6,700 7,605 Tabelle 2: Ausgaben für die Verwaltung der Kolonie Deutsch-Ostafrika zwischen 1891 und 1900 (in 1000 Marks; eigene Darstellung nach Koponen 1995, 136) Warum spricht man vom Kolonialismus für kleines Geld? Wie viele Afrika-Historiker: innen kommt Frederick Cooper zu dem Schluss, die moderne Kolonialherrschaft sei ein „empire on the cheap“ gewesen also ein Imperium für kleines Geld. 218 Dies erreichten Kolonialregierungen durch verschiedene Maßnahmen. Erstens setzten sie Zwangsarbeit oder -abgaben systematisch und flä‐ chendeckend ein. Zwangsarbeit war in allen Kolonien üblich und verhalf der Verwaltung und Unternehmen zu höheren Einnahmen. Allerdings wurde Zwangsarbeit selten beim Namen genannt. Mal wurde sie als Steu‐ erleistung und Frondienst kaschiert (corvée), dann als „indigene Tradition“ verklärt (wie bei dem Fokonolona-System in Madagaskar), dann wiederum als Arbeitsdienst für öffentliche Bauprojekte (prestation) eingefordert und schließlich in Form von Militärersatzdienst (deuxième portion) eingeführt. Es handelte sich also immer seltener um offenen Zwang. Bei der Anwerbung von freien Arbeiter: innen machten Rekrutierungsbüros zunehmend falsche Versprechungen über Löhne und Boni, und bei der Zwangsverpflichtung zum Arbeitsdienst beriefen sich Verwaltungen auf angeblich traditionelle Indigene Gemeinschaftsarbeit. 219 Zweitens trugen pekuniäre Steuern in Form von Kopfsteuer, Hütten‐ steuer, Mehrwertsteuer und Grundsteuer zum Einkommen der Kolonien bei. Die javanesische Kolonialkritikerin Raden Adjeng Kartini registrierte Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 103 <?page no="104"?> 220 Wagner, 2022: 93. 221 Huillery, 2014: 1-38; Wagner, 2022: 242-247; Frankema, 2011: 136-149; Havik et al., 2015. um 1900 die steigende „Bürde der hohen Steuerlast“, unter der sich die Javanes: innen „kaum mehr bewegen“ könnten. 220 Je nach Berechnungsart finanzierten sich britische Kolonien schon 1914 ihre Verwaltungsstrukturen weitgehend selbst. Das Budget Französisch-Westafrikas stammte dann in der Zwischenkriegszeit zu 98-% aus Steuern der Kolonisierten. 221 Drittens waren Zölle für Exportprodukte eine staatliche Einkommens‐ quelle, die zum Nachteil der Kolonisierten ins Ausland verschifft und dort weiterverarbeitet wurden. Viertens gab es bis in die 1930er Jahre keine oder kaum Investitionen in Sozialstaat, Bildungswesen und Infrastruktur für die regionale Wirtschaft. Kolonialimperien waren also scheinbar billig zu haben, und auch wenn sie meist ein Verlustgeschäft waren, ruinierten sie die Kolonialmächte nicht. Das änderte sich erst langsam seit den 1930er Jahren, als Kolonialmächte zur Rechtfertigung ihrer Herrschaft mehr investieren mussten und erstmals größere Investitionen in die Entwicklung der Kolonien tätigten. Literaturtipp | Warum der Import scheinbar freiwilliger Arbeitskräfte aus Indien nach Amerika billiger war als Sklaven, erläutert Tayyab Mahmud, Cheaper Than a Slave: Indentured Labor, Colonialism and Ca‐ pitalism, in Whittier Law Revue 115 (2013), S.-215-243: https: / / digitalco mmons.law.seattleu.edu/ faculty/ 139. Gab es eine Indigene Wirtschaft und welche Rolle spielte sie? Bei der Frage nach der Rentabilität wird selten über das Wirtschaften der Kolonisierten gesprochen. Die Statistiken der Europäer: innen verschwiegen die Indigene Produktivität meist. Stattdessen setzten Kolonialpropagan‐ dist: innen die Mär in die Welt, es bräuchte die Kolonialherrschaft, imperiale Infrastrukturmaßnahmen und europäische Unternehmen, um die Indigene Wirtschaft überhaupt erst in Gang zu bringen und an den Weltmarkt anzu‐ schließen. Bei allem, was wir über die vorkoloniale Wirtschaft wissen, gab es jedoch allerorten in Asien und Afrika komplexe überregionale Produktions- 104 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="105"?> und Handelssysteme mit Anschluss an den transkontinentalen Handel. Letzterer bestand nicht nur aus dem Versklavungshandel, auch wenn die europäische Fachliteratur ihn als Nachwirkung der britischen Kolonialpro‐ paganda über die Bekämpfung des „illegitimen Handels“ immer wieder als typische arabische oder afrikanische Wirtschaftsform hervorhob. Die Kakaolandwirt: innen und -unternehmer: innen in Ghana (zur Kolonialzeit „Gold Coast“ genannt) oder die welthändlerisch tätigen Duala in Kamerun bildeten auch ohne Kolonialherrschaft mächtige Wirtschaftseliten, deren produktiver Beitrag sich schon vor der Kolonisierung angedeutet hatte und nach 1945 vor allem bei der Kakao- und Palmölproduktion boomte. Genossenschaftliche Kaffeeproduktion am Kilimandscharo oder Landwirt‐ schaftskooperativen in Indien brauchten die Kolonialherrschaft nicht, um erfolgreich zu sein. Muslimisch-arabische Handelsnetzwerke zwischen Ost‐ afrika und dem Nahen Osten und indische Handelsnetzwerke zwischen Afrika und Südasien boten ebenfalls eine Grundlage für nichteuropäisches Wirtschaften. Abbildung 3: Kakaoproduktion in Afrika von 1938 bis 1998 (eigene Darstellung, Daten aus: Cooper, Frederick (2020): Africa since 1940. The past of the present. Cambridge: Cambridge University Press, 95) Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 105 <?page no="106"?> 222 Ross, 2019: 80. 223 Ross, 2019: 79, 88. Die Kakaoproduktion durch Schwarze Unternehmer: innen in Westafrika war der kolonialen Plantagenwirtschaft langfristig gesehen sogar überlegen, vor allem, weil sie nachhaltiger war. Die europäischen Plantagen konnten sich letztendlich nicht durchsetzen. Der Boom des ghanaischen Kakaos ging oft auf kooperativen und nachhaltigen Anbau zurück, unter anderem mit kollektiven Landkäufen durch Verwandtschaftsgruppen, der Gründung von Handelsverbänden, und eigenen Formen von Lohnarbeit und Pachtverhält‐ nissen. Landwirte griffen dabei auf den regionalen „Waldbrache“-Anbau zurück, wobei sie ein Stück Wald rodeten und eine Reihe von Pflanzen anbauten - häufig Yams, Gemüse und Mais, gefolgt von Maniok oder Kochbananen - für drei bis fünf Jahre, bevor sie das Land der sekundären Aufforstung überließen und idealerweise alle fünfzehn bis zwanzig Jahre zurückkehrten, sobald der Boden seine Fruchtbarkeit wiedererlangt hatte. Die Integration von Kakao in diese Routine gestaltete sich relativ unkom‐ pliziert. Das Roden und Pflanzen verlief wie gewohnt, der Hauptunterschied bestand darin, dass der Kakao zusammen mit den Erntepflanzen der ersten Saison gepflanzt wurde. Die Kakaosetzlinge wuchsen dann parallel zu den Nahrungsmittelpflanzen, die nicht nur Unkraut unterdrückten, sondern auch vorteilhaften Schatten spendeten. 222 Schon 1910 wurde Ghana mit 40.000 Tonnen jährlich zum größten Kakaoproduzenten der Welt. Die Exporte überstiegen 200.000 Tonnen im Jahr 1923 und 300.000 Tonnen Mitte der 1930er Jahre. Diese „Revolution Indigener Landwirtschaft“ veranlasste einen französischen Kommentator 1924 zu verkünden: „Vergessen Sie das Sprichwort, dass es nichts Neues unter der Sonne gibt - oder nennen Sie zumindest Kakao in der Goldküste als Ausnahme. In der Geschichte der Welt hat es sicherlich noch nie eine so rasche Entwicklung eines gesamten Wirtschaftssektors gegeben, die von den einheimischen Bewohnern initiiert wurde.“ 223 Der Erfolg beruhte zu großen Teilen auf Familienbetrieben, die kooperative Produktionsformen wählten und sich gleichzeitig Wanderarbeit zu Nutze machten. Im Senegal und Nigeria spielte die Erdnussproduktion eine ähnli‐ che Rolle, wenn sie auch nicht die Ausmaße der Kakaoindustrie annahm. 106 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="107"?> 224 Hopkins, 2019: 109, 119. Im Senegal tat sich vor allem die Sufi-Bruderschaft der Mouriden in der Erdnussproduktion hervor. 224 Sobald die Kolonialregierungen die Vorteile afrikanischer Produktion erkannten, versuchten sie, diese zu fördern, vor allem seit den 1920er Jahren. Allerdings blieben europäische Unternehmen meist ihre Priorität. Die Indigene Wirtschaft war vor allem Landwirtschaft, die ohne allzu große Kapitalinvestitionen auskam und stattdessen Innovation mit Kooperation verband. Es gab dabei aber von Kolonie zu Kolonie große Unterschiede. In Gold Coast trugen zahlreiche ghanaische Kleinbauern zum Erfolg der Ka‐ kaoproduktion bei und die Europäer: innen scheiterten oft. In Französisch- Indochina (das heutige Vietnam) waren die großen Kautschukplantagen da‐ gegen in europäischer Hand. Nur wenige vietnamesische Produzent: innen konnten sich mit durchwegs kleineren Plantagen behaupten (siehe Tabellen 3 und 4). - Co‐ chin- China Cam‐ bodia An‐ nam Laos Ton‐ kin Total % europeanowned plan‐ tations 88,731 he 27,143 he 1,644 he 20 he None 117,640 he 93.4% indigenousowned plan‐ tations 8,181 he 66 he 10 he 12 he 1 he 8,272 he 6.6% TOTAL 96,913 27,210 1,654 32 1 125,812 100% Percentage 76.3% 21.62% 1.31% 0.76% 0.76% 100% - Tabelle 3: Kautschukplantagen in Französisch-Indochina, heutiges Vietnam, Größenanga‐ ben in Hektar, Vertrieb und Eigentum (eigene Darstellung nach Thomas, 2012, 147.) Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 107 <?page no="108"?> 225 Pomeranz, 2020. 226 Rodney, 1980: 19. Grea‐ ter than 5,000 he 3,000 to 5,000 he 1,000 to 3,000 he 500 to 1,000 he 100 to 500 he 40 to 100 he Less than 40 he total europeanowned 4 3 24 21 90 105 135 382 indigenousowned - - - - 12 43 377 432 TOTAL 4 3 24 21 102 148 512 814 Tabelle 4: Größe der Kautschukplantagen in Französisch-Indochina, heutiges Vietnam, in Hektar, 1936 (eigene Darstellung nach Thomas, 2012, 147.) Inwiefern war die Plantagenwirtschaft ein Desaster für Mensch und Umwelt? Der Kolonialismus ist nicht grundlos in jenes Zeitalter eingebettet, welches den Übergang von der solaren zur fossilen Energiegewinnung markiert. Globalhistoriker: innen sahen gerade im Vorkommen fossiler Brennstoffe im Norden den Grund für die „Great Divergence“, welche den Unterschied bei Industrialisierungsgrad und Lebensstand zwischen Globalem Norden und Globalem Süden bewirkte. Der Vorteil Europas entstand angeblich durch die dortigen Kohlevorkommen. 225 Die Bodenschätze in Afrika waren anderer Natur, aber nicht minder bedeutend. Trotzdem trugen der Goldbergbau in Südafrika und der „Kupfergürtel“ in Nordrhodesien und im Katanga- Gebiet des südlichen Kongo eher zur „Great Divergence“ bei als sie zu nivellieren. Wie der guyanische Historiker Walter Rodney unter Verweis auf die Vorkommen von 28 % des Gesamtwerts der Mineralproduktion und 6 % der Rohölproduktion in afrikanischen Böden (1964) erklärte, war deren koloniale Ausbeutung ein Teil der langfristigen „Unterentwicklung Afrikas“. 226 Denn prekär beschäftigte und unausgebildete Afrikaner: innen trugen die Risiken des kapitalarmen Rohstoffabbaus, während die Gewinne durch die Weiterverarbeitung in Europa fast ausschließlich Weißen zugu‐ tekamen. Neben der Kapitalanreicherung in Europa trugen die Rohstoffe 108 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="109"?> 227 Wagner, 2020: 103-128. 228 Wagner, in Vorbereitung: 58-68. Eckert, 1999. 229 Ross, 2019: 117. selbst, wie Kupfer und Uran aus Afrika, zur Elektrifizierung und Energie‐ versorgung, und damit zur „Entwicklung“ Europas und Amerikas bei - und nicht Afrikas. Massendaten in Online-Datenbanken über den Versklavungs‐ handel ermöglichen es heute, die industrielle Revolution und den Aufstieg Europas nicht nur auf europäische Kohle- und Stahlproduktion sondern auch auf die koloniale Plantagenwirtschaft zurückzuführen. Plantagen be‐ ruhten spätestens seit dem 18. Jahrhundert auf der Arbeit von versklavten Menschen und nach der Abschaffung der Sklaverei im 19. Jahrhundert auf verschiedenen Formen von Zwangsarbeit und Schuldknechtschaft (in Form des sharecropping und der indentured labor). 227 Sie zeichneten sich durch eine Monokultur aus, die vermarktbare Konsumgüter herstellte (Zucker, Tabak, Kaffee, Tee, Baumwolle, Kautschuk, Indigo) und waren zunächst typisch für die beiden Amerikas. Aber im 19. Jahrhundert wurden Plantagen auch in Afrika und Asien zur wichtigsten Säule der Kolonialwirtschaft. Deutsche unterhielten unzählige Plantagen in den eigenen Kolonien, aber auch darüber hinaus, wie im berüchtigten „Plantagengürtel“ auf Sumatra in Niederländisch-Indonesien, in Britisch-Malaysia und in Französisch-Indo‐ china, wo überall Kautschuk dominierte. Ein Deutscher hatte um 1880 eine der größten Kakaoplantagen auf der Insel S-o Tomé vor der westafrikani‐ schen Küste, die unter portugiesischer Herrschaft stand. In S-o Tomé war die Versklavung erfunden worden und in die neue Welt exportiert worden. Noch um 1880 wurden Arbeiter: innen „verpflichtet“ und von Aufsehern und Polizei überwacht. Dieses System kopierte der Gouverneur Jesko von Puttkamer ab 1895 in der deutschen Kolonie Kamerun, wo er ein riesiges Plantagengebiet aufbaute. 228 Das von der Vulkanasche des Kamerunbergs sehr fruchtbar gemachte Land enteignete er von den kamerunischen Bauern. Wie auf S-o Tomé und in Kamerun wurden in den meisten Kolonien Menschen zwangsrekrutiert und in sklavenähnlichen Arbeitsverhältnissen „angestellt“. Die Sterblichkeit auf Plantagen war hoch, weil sich zudem Malaria schnell ausbreiten konnte. Corey Ross errechnete, dass im Jahr 1911 die Sterblichkeitsrate auf Plantagen in Malaysia durchschnittlich bei 63 pro 1.000 lag, in Hotspots signifikant höher. Im Bundesstaat Negri Sembilan starb 1911 fast jeder fünfte indische Plantagenarbeiter. 229 Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 109 <?page no="110"?> 230 Mancheno (Hg.), 2023: 13. 231 Bennett, 2015. 232 Mitman, 2019. Die Plantagenwirtschaft prägte nicht nur die Arbeitsweisen, sondern auch Lebensrhythmen, Rechtsformen, Umwelt und koloniale Mentalitäten, so dass Tania Mancheno sogar von einer „Plantagenmentalität“ spricht, die auch unabhängig von der Plantagenpraxis Gesellschaft und Umwelt prägt(e). 230 Noch weiter mit der Idee einer Verselbständigung von Planta‐ genstrukturen gingen Donna Haraway und Anna Tsing. Sie sprachen sich gegen das Anthropozän als Bezeichnung der Neuzeit und industrialisierten Moderne aus, bei dem die (Um-)Weltveränderung durch den Menschen als zentrales Epochenmerkmal in den Mittelpunkt rückt. Stattdessen sehen sie in den letzten 500 Jahren ein „Plantationocene“, also die Epoche der Planta‐ gen, in der die Plantagenlogik den Planeten Erde prägt. Worin besteht die „Plantage“ als System? Für die Epoche der Plantagen liegen die Prioritäten auf der Nahrungsmittelproduktion als Reaktion auf das demographische Wachstum im Globalen Norden. 231 Dazu werden Natur, Menschen, Tiere und Mikroben diszipliniert, unterworfen oder sogar ausgerottet. Donna Haraway spricht dabei von einer „Zwangsarbeit für vielerlei Spezies“, neben Menschen auch für Tiere, Pflanzen und Mikroben. Spezies, die in der Zeit vor den Plantagen freier Arbeit nachgingen, werden verdrängt oder vernichtet und durch zwangsverpflichtete und importierte Spezies ersetzt. Ausgebeutet werden also Lebewesen, die Erde und die Pflanzen. Plantagen stehen somit für die kolonial bedingte Ungleichheit der Moderne. Sie verbinden ausbeuterischen Kapitalismus, rassistische Zwangsarbeit und zerstörerische Monokulturen - eine Kombination, die das menschliche, planetarische und klimatologische Gleichgewicht gefährdet. Obwohl sie vor allem im Globalen Süden liegen, produzieren sie für den Norden. Selbst antikoloniale Bewegungen konnten sie nicht in Dienst der lokalen Versor‐ gung stellen, was im Rahmen von so genannten „Grünen Revolutionen“ nach der Unabhängigkeit versucht wurde. Dadurch bleibt ihre strukturelle Kolonialität und ihr unrühmlicher Beitrag zur „Great Divergence“ bis heute ihr bestimmendes Merkmal. 232 110 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="111"?> Quelle | „Die deutsche Kolonialmethode“ 1921 berichtet die Deutsche Kolonialzeitung über einen Vortrag von Mdachi bin Sharifu in Berlin. Mdachi bin Sharifu ist aus Tansania, der ehemaligen Kolonie Deutsch-Ostafrika, nach Berlin gekommen. Dort sollte er deutschen Kolonialbeamten Kisuaheli, die Sprache seiner Landsleute, beibringen. Aber er äußert auch Kritik, wie die Kolonialzei‐ tung berichtet: „Es hat sich jedoch ein Eingeborener Ostafrikas gefunden, um vor der deutschen Öffentlichkeit der deutschen Kolonialmethode den Prozess zu machen. Mdachi bin Scharifu aus dem Suaheli-Stamm aus Tanga gebürtig, erst Lehrer in der Kolonialschule, dann Hilfslehrer am Seminar für orientalische Sprachen in Berlin, ergriff in einer im September 1919 im Beethoven-Saal in Berlin von der Liga ‚Neues Vaterland‘ veranstalteten Versammlung das Wort. Er beschrieb die den Schwarzen zugefügten grausamen Züchtigungen. Diese arbeiteten 11 Stunden unter der sengenden afrikanischen Sonne und erhielten 12 Mark Lohn im Monat. Wenn sie sich einen Augenblick ausruhten, so bekamen sie sofort Peitschenhiebe auf den Rücken. Die aus dem Landesinneren an die Küsten gebrachten Arbeiter gerieten in Schulden und konnten erst zurückkehren, wenn sie das schuldige Geld verdient hatten. Die Deutschen, vom Alkohol benommen, brutalisierten die Eingeborenen. Die Schlussfolgerung der Rede besagte, dass die früheren Herren von Ostafrika sich als unwürdig bewiesen hätten zur Kolonialarbeit. Also der brave Mdachi bin Scharifu hat hiermit der deutschen Kolonialmethode den Prozess gemacht.“ Aus: Deutsche Kolonialzeitung 38,2 (1921), 14: Justizrat Schwarze: „Die offentliche Meinung Deutschlands uber die koloniale Frage und der Friedensvertrag im Spiegel des Camille Martin“, Teil I Gab es „positive Folgen“ des Kolonialismus, zum Beispiel in Bezug auf die Infrastruktur? Im Februar 2005 beschloss das französische Parlament, die Schulen in Frank‐ reich sollten „der positiven Rolle“ der Kolonisation einen „bedeutenden Platz einräumen.“ In ähnlicher Weise versuchte der staatsnahe britische Historiker Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 111 <?page no="112"?> 233 Rösser, 2024. 234 Daughton, 2021: 1-23. Niall Ferguson die vermeintlichen Erfolge des Britischen Empire in die Schullehrpläne einzubringen. Solche Interventionen sind allerdings selten und mussten, wie im französischen Fall, bald wieder aufgegeben werden. Nahezu alle methodisch belastbaren Studien kommen zu dem Schluss, dass Kolonialismus einem Großteil der Menschheit geschadet hat. Damit fällt man kein juristisches oder moralisches Urteil, sondern eine historische Beurteilung, die klar macht, dass der Kolonialismus schon an seinen eigenen Ansprüchen scheiterte. Die schädliche Wirkung des Kolonialismus lässt sich auch schon an Quellen aus der Zeit des Kolonialismus erkennen, die an Kri‐ tik nicht sparen. Darunter sind auch Stimmen von Menschen, die tendenziell vom Kolonialismus profitiert hatten, aber darin auch ein ungerechtes System erkannten. Kaum ein: e Wissenschaftler: in behauptet das Gegenteil. Einige jedoch betrachten Teilaspekte des Kolonialismus als gewinnbringend für beide Seiten. Meist werden dann Infrastrukturmaßnahmen wie Hafenbau, Eisenbahnbau, Krankenhausbau oder Schulbau erwähnt. Diese Infrastruktu‐ rinitiativen blieben aber rudimentär und erreichten oft das Gegenteil dessen, was die Kolonialmächte versprachen. Die koloniale Verkehrsinfrastruktur war exportorientiert, das heißt, Eisenbahnlinien führten meist zu den Hä‐ fen, um Konsumprodukte und Rohstoffe nach Europa abzutransportieren. Gleichzeitig dienten sie dazu, Truppen im Landesinneren zu beliefern und dort Eroberungskriege zu führen. Das Schulsystem war darauf ausgerichtet, für die Handarbeit auszubilden, nicht aber, um höhere Bildung zu ermög‐ lichen und womöglich kritisches Denken hervorzubringen. Schließlich wurden Straßen-, Eisenbahn-, Hafen- oder Schulbau mit Hilfe von Arbeits‐ pflicht und Zwangsarbeit durchgeführt. Beim Eisenbahnbau verpflichteten dubiose Subunternehmer Arbeitende und ließen sie in Akkordarbeit unter schwierigsten klimatischen Bedingungen schuften. 233 Die Sterblichkeit lag teilweise bei 17 % der Arbeiter: innen. Beim Bau der zentralen Eisenbahnlinie Congo-Océan in Französisch-Kongo zwischen 1921 und 1934 kamen offiziell 23.000 afrikanische Arbeiter: innen ums Leben. Historiker: innen gehen eher von 30-60.000 aus. Eine Verpflichtung zur Arbeit auf der Baustelle - so der Historiker J.P. Daughton - kam einem Todesurteil gleich. Der Bau der Kongo-Ozean-Bahnlinie war eines der „tödlichsten Infrastrukturprojekte der Welt“. 234 Durch die Berichte des Reiseschriftstellers André Gide waren diese Tatsachen schon damals bekannt. Sie waren aber auch schon aus 112 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="113"?> 235 Seibert, 2016: -112. 236 Koponen, 1995. vorhergehenden Projekten wohlbekannt, ohne dass die Kolonialverwaltun‐ gen daraus lernten. Der Bau der Kongo-Matadí-Eisenbahn in den 1890er Jahren, über die der belgische König Leopold aus seiner Privatkolonie Kongo den ergaunerten Kautschuk herausschaffte, wurde von europäischen Aktio‐ när: innen finanziert. Da schnelle Gewinne und Ausschüttungen erwartet wurden, zwang man die Arbeiter: innen, den Bau schneller voranzutreiben. Zusammen mit dem schwierigen Terrain, sowie schlechter medizinischer und Nahrungsmittelversorgung, führte dies zur schnellen Erschöpfung der Arbeiter: innen. Arbeitsbedingungen im Bergbau waren nur geringfügig besser. Am Beispiel der Gold- und Kupferminen von Kilo-Moto und Katanga im Belgischen Kongo zeigte Julia Seibert, dass der Staat ein System der „Zwangsarbeit gegen Lohn“ und eine Kopfsteuer für Männer einführte, um sie in die Lohnarbeit zu zwingen. Gegen die Flucht aus den Arbeiterlagern ging man ohnehin mit äußerster Härte vor, vor allem mit Körperstrafen. 235 Während die Exportinfrastrukturen durch Zwangsarbeit errichtet und in Stand gehalten wurden, fehlte zugleich ein grundlegendes internes Versor‐ gungsnetz in Form von Verkehrswegen, Trinkwasserleitungen, Abwasser‐ systemen oder einer verlässlichen Energieversorgung. 236 Dieses strukturelle Defizit gilt als Hauptgrund für die „Unterentwicklung der kolonialen und Dritten Welt“ und kann kaum mit einer „positiven Rolle“ in Verbindung gebracht werden. Link- und Literaturtipps | Julien Bobineau schreibt über Belgien und den Kolonialismus: https: / / belgien.net/ belgiens-kolonialgeschichte-leo pold-ii-und-der-etat-independant-du-congo-1876-1908/ . Zur Exportorientierung und Zwangsarbeit bei Infrastrukturprojekten: Dirk van Laak, Imperiale Infrastruktur: deutsche Planungen für eine Erschließung Afrikas 1880 bis 1960, Paderborn 2014; J.P. Daughton, In the Forest of no Joy: the Congo-Océan railroad and the tragedy of French colonialism, London 2021. Geschichte des Kolonialismus von der Antike bis 1960 113 <?page no="115"?> Antikolonialismus Mit Haiti beginnt der Antikolonialismus - warum, erklärt dieses Ka‐ pitel. Es macht ebenso deutlich, wie vielfältig Widerstand sein kann: vom alltäglichen Ungehorsam über die widerspenstige Natur bis zum bewaffneten Befreiungskampf. <?page no="116"?> 237 Dubois, 2013: 4. 238 Dubois, 2013. Warum wurde Haiti zum Vorreiter der Dekolonisation und zum Modell für antikoloniale Bewegungen? Gemeinhin wird die Unabhängigkeit Haitis im Jahr 1804 als Beginn der Dekolonisation gesehen. Haiti war unter dem Namen Saint-Domingue 1697 als französische Kolonie gegründet worden und seine Plantagen lieferten im 18. Jahrhundert bis zu 90 % der weltweiten Zuckerproduktion. Um diese Produktion aufrechtzuerhalten, wurden eine Million Menschen aus Afrika versklavt und dorthin verschifft. Bis 1789 lebten nur noch eine halbe Million von ihnen - dezimiert durch unbehandelte Krankheiten, unerträgliche Arbeitsbedingungen und unverhältnismäßige Bestrafungen auf den Plantagen von Saint-Domingue. Trotzdem machten sie 90 % der Bewohner: innen der Insel aus, von denen die allermeisten noch in Afrika geboren worden waren. Die Plantagen waren in der Hand von Franzosen, die es selten für nötig befanden, selbst in Saint-Domingue zu residieren. Von Europa aus beuteten diese „Absentisten“ (Abwesende) Mensch und Natur aus, auch indem sie die Waldbestände für ihre Plantagen abholzen ließen. Für sie wurde Saint-Domingue „das wohl profitabelste Stück Land der Welt“ - und für die versklavten Menschen ein Massengrab. 237 Die Verhältnisse waren so unerträglich, dass 1791 auf den Zuckerplanta‐ gen im Norden der Insel die größte Widerstandsbewegung von versklavten Menschen entstand, welche die Welt jemals sehen sollte. Unter der Führung des ehemaligen Sklaven Toussaint Louverture gab sich die Bewegung eine schlagkräftige politische Organisation, baute eine eigene Armee auf und sorgte für den Erhalt der Zuckerproduktion - ohne die Sklaverei fortzusetzen. Von Frankreich wurde Toussaint Louverture während der revolutionären Jakobiner-Herrschaft kurzzeitig anerkannt, darauf aber von britischen und spanischen Truppen und schließlich von Napoleon wieder bekämpft. Der zwölfjährige militärische Befreiungskampf endete dennoch 1804 in der staatlichen Unabhängigkeit unter dem Namen Haiti. 238 Der Erhalt dieser Unabhängigkeit hatte jedoch seinen Preis und gab einen Ausblick auf zukünftige Probleme postkolonialer Staaten. Zum Schutz der Unabhängigkeit hatte der Verteidigungshaushalt Priorität und war daher sehr hoch. Zudem verpflichtete Frankreich Haiti zur Zahlung von 150 Millionen Francs (entsprach im 20. Jahrhundert ca. drei Milliarden Francs) 116 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="117"?> 239 Dubois, 2013: 7. 240 Dubois, 2013: 5. 241 James, 1989: 376-377. 242 Césaire, 2015 [1950]. zur Entschädigung der Plantagenbesitzer. 239 Noch 1914 verschlang Haitis Schuldenrückzahlung an Frankreich 80 % des Regierungsbudgets. Abbezahlt waren die Schulden erst 1947. „Haiti zu sein“, schrieb der Historiker Lau‐ rent Dubois „war eine kostspielige Angelegenheit“. 240 Daran scheiterte die Regierung Haitis genauso wie an der Fortsetzung kolonialer Routinen unter postkolonialen Eliten, welche die Häfen und Exportindustrie kontrollierten, aber die nominell befreiten Kleinbauern weiter ausbeuteten. Haiti wurde so zeitweise zum ärmsten Staat der Welt. Während die haitianische Revolution in europäischen Schulbüchern neben der selbstgefälligen Meistererzählung über die rein europäischen Ursprünge der Französischen Revolution lange keinen Platz fand, inspirierte sie mehrere Generationen von Antikolonialist: innen außerhalb Europas. Im Jahr 1938 schrieb der Historiker C.L.R. James aus Trinidad eine Geschichte über die haitianische Revolution mit dem Titel Die Schwarzen Jakobiner, die zur Taschenlektüre antikolonialer Bewegungen des 20. Jahrhunderts wurde. James präsentierte Haiti darin als Modell für afrikanische Unabhän‐ gigkeitsbewegungen und glaubte noch 1938 zu erkennen, dass in einigen Afrikaner: innen „dasselbe Feuer brennt, das einst in Toussaint L’Ouverture brannte“, wodurch sie zu „Symbolen der Zukunft“ würden, die „andere und noch mehr andere zum Aufstand bewegen“ sollten. 241 Die permanente Konfrontation mit den Auswirkungen von Kolonialis‐ mus, Versklavung und Plantagenwirtschaft machte aus vielen Schwarzen Intellektuellen von den karibischen Inseln Vordenker: innen des Antikolo‐ nialismus. Unter ihnen war der Dichter Aimé Césaire aus dem von Haiti nicht weit entfernten Martinique, der in seiner berühmten Rede Über den Kolonialismus (1950) Europa als „barbarische Zivilisation“ bezeichnete, die sich darauf gründe, dass die Beteiligung an der „Kolonisation […] sogar den zivilisiertesten Menschen zum Unmenschen macht“. 242 Ähnlich enttäuscht von den Europäer: innen war der Psychiater Frantz Fanon aus Martinique, welcher während des Unabhängigkeitskrieges in Algerien tätig war und dort sowohl Kolonisierende als auch Kolonisierte behandelte. Er kam dabei zum Schluss, dass ein Zusammenleben wegen der kolonialen Alltagsdiskriminie‐ rung nicht mehr möglich sei und allein aus psychologischen Gründen nur Antikolonialismus 117 <?page no="118"?> 243 Fanon, 2021. durch eine gewaltsame Revolution und vollständige Dekolonisation beendet werden könne. 243 Wie Fanon stammte auch der jamaikanische Kulturtheo‐ retiker Stuart Hall aus der „afro-karibischen“ Erfahrungsgemeinschaft und wurde zum antikolonialen Bestsellerautoren. Er sah in Europa noch lange nach der offiziellen Kolonialzeit einen kulturellen Rassismus wirken, der nicht-weiße Menschen diskriminierte. Haitis antirassistische Revolution diente weit über diese Denker hinaus als Vorbild für Antikolonialist: innen weltweit. Literatur- und Linktipps | Der PBS-Dokumentarfilm Gleichheit für alle: Toussaint Louverture und die Haitianische Revolution lässt sowohl die Schwarzen Protagonist: innen der Revolution als auch wichtige Historiker: innen zu Wort kommen: https: / / www.youtube.com/ watch? v =Sn32cWUT83E. Folgende Bücher geben weitere Einblicke in die Dekolonisierung als langfristiger Prozess: Stefan Rinke, Revolutionen in Lateinamerika. Wege in die Unabhängigkeit 1760-1830, München 2010; Benedikt Stuch‐ tey, Die europäische Expansion und ihre Feinde. Kolonialismuskritik vom 18. bis in das 20. Jahrhundert, München 2010; Fabian Klose, Human rights in the shadow of colonial violence. The wars of independence in Kenya and Algeria, Philadelphia 2013; Christopher James Lee, Making a world after empire. The Bandung moment and its political afterlives, Athens, Ohio 2010; Martin Thomas, The End of Empires and a World Remade. A global history of decolonization, Princeton, Oxford 2024; Jürgen Osterhammel u. Jan C. Jansen, Dekolonisation. Das Ende der Imperien, München 2013; Ngugi wa Thiong’o, Decolonising the Mind. The politics of language in African literature, Oxford 2011. Wie sah der Widerstand gegen den Kolonialismus im Alltag aus? Widerstand gegen die Kolonialherrschaft konnte vielerlei Gestalt anneh‐ men. Die ältere Forschung unterschied zwischen einem vorpolitischen Bewahrungswiderstand, welcher der Verteidigung von traditionellen und 118 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="119"?> 244 Abbink et al. (Hg.), 2003: 1 f. 245 Ein Beispiel für die Komplexität: Castryck, 2020: 185-203. 246 Falola/ Akua Amponsah 2023: 159. tribalen Gemeinschaftsformen diente, und einem politisierten Modernisie‐ rungswiderstand, welcher auf die Zukunft gerichtet war und den eigenen Nationalstaat zum Ziel ausrief. 244 Diese vereinfachende Kontrastierung eines reflexhaften, spontanen und bewahrenden Widerstands gegenüber einem durchdachten, koordinierten und zielgerichteten Modernisierungswiderstand gilt als überholt. 245 Denn solche vereinfachten Formen existierten zunächst nur im Auge der europäi‐ schen Betrachter: innen, welche Widerstand als sinnlos und irrational dar‐ stellen wollten. Sie diagnostizieren einerseits einen sinnlosen Erhaltungs‐ trieb von Stammesgesellschaften, die angeblich ohnehin dem Untergang geweiht waren, weil sie dem Vordringen der Moderne angeblich nicht stand‐ halten konnten. Andererseits sprachen die europäischen Kolonialmächte den Kolonisierten die „Fähigkeit, sich selbst zu regieren“ (so die Formu‐ lierung in der Kongo-Akte 1884/ 85; in der Völkerbundskonvention von 1919 und in der UN-Charta von 1945) ab, womit sie deren Selbstregierung im eigenen Nationalstaat als Selbstgefährdung - und damit als sinnlos - hinstellten. Aus Sicht der Kolonisierten ergaben aber verschiedenste Widerstandsarten Sinn, welche Europäer: innen nur als irrational abtaten. Widerstand war der logische Ausdruck der lebensbedrohlichen Situation, in die sie der Kolonialismus oft gebracht hatte. Der Alltagswiderstand war allgegenwärtig, wurde aber von Historiker: innen zunächst kaum wahrge‐ nommen, weil er wenige schriftliche Quellen hinterließ. Zum Alltagswider‐ stand zählten Witze, Spottlieder und Ulknamen zur Verunglimpfung von Kolonialbeamten. Da die Kolonialbeamten und Siedler: innen die Sprache der Kolonisierten oft nur unzulänglich oder gar nicht verstanden, nutzten Dol‐ metscher: innen Falschübersetzungen als Widerstandsform. Landwirtinnen in Nordwestkamerun protestierten gegen aufgezwungene Anbaumethoden, indem sie sich vor den britischen Kolonialherren entblößten und sie damit nicht nur in Verlegenheit brachten, sondern sie auch verächtlich machten. Konkreter wurde der Widerstand bei Straßenblockaden, Schulstreiks und Boykotten. 246 Überall gab es passiven und gewaltlosen Widerstand, zivilen Ungehorsam und Kooperationsverweigerung. Dieses Konglomerat griff Mahatma Gandhi in Indien auf und führte es in einer Widerstandstheorie und -praxis (Satyagr‐ Antikolonialismus 119 <?page no="120"?> 247 Ross, 2019: 58. 248 Bhabha, 1994: 85-92. aha) zusammen, welche den Gegner weniger durch tatsächliche Effizienz gewaltlosen Widerstands, sondern vielmehr durch einen Appell an dessen moralische Integrität destabilisieren sollte. Konkreter wurde Widerstand auf Kolonialplantagen oder beim Zwangsanbau von Exportprodukten, von denen nur Europäer: innen profitierten. So setzten Afrikaner: innen bei Zwangskulturen Setzlinge zum falschen Zeitpunkt ein oder kochten sie ab, damit sie nicht wuchsen. 247 Der Alltagswiderstand war oft individuell oder entwickelte sich in kleinen Kreisen. Eine besonders subtile Art des „un‐ ausgesprochenen“ Alltagswiderstands machte der indische Wissenschaftler Homi K. Bhabha aus. Ihm zufolge konnten die Kolonisierten durch die Nachahmung (Mimikry) der Europäer: innen und eine (Schein-)Anpassung an europäische Kultur Handlungsspielräume für sich schaffen, die Wider‐ ständigkeit in sich trugen. Durch eine solche kulturelle Tarnung unterliefen sie nicht nur das System der kulturellen Anpassung, sondern eigneten es sich an, gebrauchten es für ihre eigenen Zwecke und konnten schließlich die Kolonisierenden immer öfter mit ihren eigenen Waffen schlagen. 248 Das Widerstandspotenzial der Nachahmung prägte aber auch den politisierten und organisierten Widerstand bei den Anführer: innen der Unabhängigkeits‐ bewegungen in den 1950er Jahren, die meist eine europäische Ausbildung in den „Mutterländern“ erhalten hatten und von dort die Vorstellung mit‐ brachten, das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“ oder die eigenständige Nation seien natürliche Ziele der Geschichte. Unter den im Westen ausgebil‐ deten Kolonialkritiker: innen waren die ersten Staatsoberhäupter von Kenia und Senegal, Jomo Kenyatta (London School of Economics) und Léopold Senghor (Universität Paris). Das hielt sie nicht davon ab, umso stärker ihre antieuropäischen Befreiungskonzepte der Négritude (Senghor) oder der Kikuyu-Traditionen (Kenyatta) zur kulturellen Grundlage ihrer neuen Nationalstaaten nach der Unabhängigkeit zu machen. Während diese Namen zu Synonymen der Unabhängigkeit wurden, warnten Historiker: innen wie der Inder Ranajit Guha, dass diese oft im Westen ausgebildeten Eliten die Erfolge des Antikolonialismus für sich reklamierten und die zahlreichen Widerstandsformen Indigener und ruraler Gruppen dadurch in den Hintergrund rückten. Um Guha bildete sich die Forschungsrichtung der so genannten Subaltern Studies heraus, welche die oft missachteten Widerstandsleistungen der so genannten „Subalternen“ 120 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="121"?> 249 Kalb, 2022. 250 Ehlers, 2019; Coghe, 2022. mehr Aufmerksamkeit verschaffen wollten. Sie waren die Träger: innen des antikolonialen Alltagswiderstands. Literatur- und Linktipps | Reden und Originaltexte von Mahatma Gandhi in deutscher Übersetzung finden sich in dem Werk von Gita Dha‐ rampal-Frick (Hg.), Mahatma Gandhi. Mittel und Wege. Ausgewählte Reden und Schriften, Stuttgart 2015. Mehr über Mahatma Gandhi und seine Widerstandstheorie beschreibt Clemens Jürgenmeyer in seinem Artikel „An der Wahrheit festhalten. Mahatma Gandhis Lehre vom gewaltfreien Leben“ auf der Internetseite der Bundeszentrale für politsche Bildung: https: / / www.bpb.de/ themen/ asien/ indien/ 310374/ an-der-wahrheit-festhalten/ . Die Initiative Perspektivenwechsel stellt in ihrem digitalen Lernangabot den antikolonialen Widerstand in Kamerun dar. Unter anderem mit ei‐ ner Geschichte über die Proteste der Landwirtinnen und Marktfrauen in Kamerun: https: / / www.initiative-perspektivwechsel.org/ zwischen-p etition-und-rebellion/ . Konnte die Natur Widerstand gegen ihre Ausbeutung leisten? Die koloniale Ausbeutung betraf nicht nur Menschen, sondern auch die Natur. Diese konnte durchaus auch Widerstand leisten und wurde sogar zu einem wichtigen Faktor im antikolonialen Kampf. 249 Spätestens seit dem 18. Jahrhundert warnten europäische Tropenmediziner - welche ei‐ gentlich den Kolonialismus aktiv unterstützten -, dass die klimatischen Verhältnisse einen längeren Aufenthalt weißer Europäer: innen unmöglich machen könnten. Die Tropenmediziner behielten teilweise Recht. Das tro‐ pische Klima begünstigte Malaria, die „Schlafkrankheit“, und Gelbfieber. 250 Diese Tropenkrankheiten wurden durch Stechmücken übertragen, welche sich wiederum in spezifischen Habitaten, wie Buschland und stehendem Gewässer, vermehrten. Die Kolonialregierungen schafften es selten, die Verbreitung der Stechmücken durch Rodung und Trockenlegung von Sümp‐ Antikolonialismus 121 <?page no="122"?> 251 McNeill, 2012. 252 Drayton, 2000. 253 Fabian, 2001. fen zu verhindern und schufen durch die koloniale Plantagenwirtschaft, wie zum Beispiel durch Zucker- und Kautschukplantagen, selbst neue Habitate. Der Historiker John McNeill sprach darum von „Stechmücken- Imperien“ (mosquito empires) und schrieb diesen Krankheitsüberträgern sogar eine revolutionäre Rolle zu: als Frankreich und England zum Beispiel die „Zuckerkolonie“ Haiti nach der dortigen Sklavenrevolution um 1800 zurückerobern wollten, wurden ihre Armeen durch Gelbfieberepidemien bis hin zur Kampfunfähigkeit geschwächt. 251 Die Natur „regierte“ nicht nur in Haiti mit, wie Richard Drayton es formulierte, sondern konnte Kolonialimperien in ihrem Fundament erschüttern. 252 Auch Kolonialbeamte waren einfache Opfer für Tropenkrankheiten und hatten darum einen sehr hohen Krankenstand. Zur Prävention empfah‐ len ihnen Tropenmediziner regelmäßige Erholungsurlaube. Da Beamte aber bakteriologische Tropenkrankheiten nicht durch Erholungsurlaube verhindern konnten, diese aber trotzdem dankend annahmen, fielen vor allem hochrangige Kolonialverwalter monatelang durch Krankheits- und Urlaubszeiten aus. Ihre ohnehin meist geringe Kontrolle über ihre Verwal‐ tungsbezirke verloren sie dadurch oft vollständig. Einen Kontrollverlust diagnostizierten Medizin und Kolonialliteratur auch bei Beamten, die durch einen längeren Aufenthalt in den Tropen Gefahr liefen, ihre Selbstbeherr‐ schung zu verlieren, und angeblich dem „Tropenkoller“ oder „Tropenfieber“ zu verfallen. Solchen Beamten stiegen scheinbar Hitze, Krankheiten, Me‐ dikamentenkonsum und Alleinherrschaft gleichermaßen zu Kopf, was in krankhaften Autoritäts- und Gewaltanfällen resultierten konnte. 253 Dass ein solches Verhalten Proteste und Widerstand provozierte, reflektierten die Kolonialverwaltungen und deren Kritiker: innen schon seit dem 19. Jahrhundert. Joseph Conrads Roman Das Herz der Finsternis aus dem Jahr 1899 griff das Thema des Tropenkollers und Größenwahns weißer Beamter literarisch auf und wurde zu einem Bestseller, den sowohl kolonial als auch antikolonial gesinnte Leser: innen verschlangen. Die Natur griff aber noch deutlicher ein. So waren die zwei Hauptauslöser für den antikolonialen Herero-Nama-Krieg (1904-1907) die Enteignung von fruchtbaren Böden für die Kolonialverwaltung und Siedler: innen, sowie die Rinderpest, die unter anderem aus Dürreperioden aufgrund klimatischer 122 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="123"?> 254 Langewiesche, 2019: 376. 255 Wagner, 2024: 167. 256 Iliffe, 2011: 168. Konjunkturen (El Niño) entstand. Die Rinderpest machte Viehbestände und damit die Lebensgrundlage vieler Menschen zunichte. 254 Die häufigsten Ursachen für Widerstand lagen also in der „Natur des Kolonialismus“. Kolonialismus bedeutete in den meisten Fällen Zwangsan‐ bau von Exportprodukten und Landenteignungen für europäische Plantagen oder Bergbauunternehmen. Vor allem der Zwangsanbau von Exportproduk‐ ten wie Kautschuk, Baumwolle, Zucker, Kaffee oder Tee provozierte im Zusammenspiel mit den (mikro-)klimatischen Umständen den Widerstand von Natur und Mensch. Als Agrarwissenschaftler um 1900 in Deutsch- Ostafrika ertragreichere Kaffeesorten anbauen wollten, wurden die impor‐ tierten Setzlinge schnell von einer landesspezifischen Pflanzenkrankheit befallen. Sie zerstörte 10.000 Hektar Kaffeepflanzungen. 255 Ebenso häufig scheiterte die Einführung bestimmter Kautschuk- und Baumwollpflanzen langfristig an der Auslaugung der Böden durch die Monokulturen. Zu diesem Widerstand der Natur gesellte sich derjenige der Menschen, welche sich gegen die Ausbeutung von Arbeitskräften, Land- und Wasser‐ ressourcen durch die unnatürliche, unnachhaltige und oft aufgezwungene Plantagenwirtschaft wandten. Proteste gegen das niederländische Zwangs‐ kultivierungssystem in Indonesien führten schon um 1860 zur ersten welt‐ weiten Kritik am Kolonialismus und zum Beginn der Fair-Trade-Bewegung. Der Maji-Maji-Krieg in Deutsch-Ostafrika (1905-1907) begann damit, dass die revoltierenden Nandete-Anführer Ngulumbalyo Mandai und Lindimyo Machela Baumwollsetzlinge ausrissen, die sie zuvor selbst für die deutsche Regierung hatten pflanzen müssen. 256 Dies war eine symbolische Kriegser‐ klärung, die aber tiefere Gründe hatte. Denn obwohl die Kolonialverwaltun‐ gen lauthals verkündeten, die Anbaumethoden in den Kolonien zu „moder‐ nisieren“ und zu „rationalisieren“, stellte sich die bewährte Landbestellung der afrikanischen Bäuer: innen oft als nachhaltiger heraus. Sie setzten eher auf Permakultur als auf den massenhaften Einsatz von chemischem Dünger. Durch schonendere Anbaumethoden, Fruchtwechsel und Wanderfeldbau erhielten sie die Nährstoffe im Boden. Bäuer: innen in Westafrika pflanzten Baumwolle zum Beispiel zusammen mit Bohnen, Yams, Reis oder Mais und die meisten indischen Kleinbäuer: innen setzten nur alle drei bis vier Antikolonialismus 123 <?page no="124"?> 257 Ross, 2019: 40-47. 258 Ross, 2019: 318. 259 Rodney, 1981 [1972]: S. 40, zit nach Davidson/ Carreira da Silva, 2024. 3-19. Jahre auf Baumwolle - noch um 1910 wuchs sie vorrangig als Teil einer Mischkultur. 257 Dagegen laugte die koloniale Monokultur die Ackerböden aus, überfor‐ derte sensible Ökosysteme wie Grassteppen und Halbwüsten und wirkte sich zusammen mit Entwaldung und Entwässerungsprojekten verheerend aus. Allein im kolonialen Asien betraf das Vordringen kolonialer Landwirt‐ schaft zwischen 1880 und 1950 ca. 60 Millionen Hektar Land. 258 In den 1930er Jahren führte diese Entwicklung zu einem Problem, das Marxist: innen und Kapitalist: innen, Kolonialist: innen und Antikolonialist: innen, Siedler: innen und einheimische Bäuer: innen gleichermaßen erkannten: das unnachhaltige Wirtschaften auf Kolonialplantagen mit Monokulturen und Übernutzung hatte zur Auslaugung der Böden und teils zur Bodenerosion geführt. Schuld daran war dem Trinidadischen Historiker und Politiker Eric Williams zufolge auch der Einsatz landesfremder und unqualifizierter Plantagenar‐ beiter: innen ohne Ortskenntnisse und Erfahrung: ein System, das seine Ursprünge in der Versklavungswirtschaft hatte. Dass Kolonialregierungen seit den 1930er Jahren die Erosion durch die Zwangsverpflichtung der Bevölkerung zu Aufforstungsprogrammen eindämmen wollten, provozierte erneut Widerstand. Wie Williams machte der guyanische Historiker Walter Rodney, der lange Zeit in Tansania lehrte, das Thema der Bodenerosion zum Kern seiner antikolonialen Theorie: „In Ländern wie Senegal, Niger und Tschad […] führte die unentwegte Bewirt‐ schaftung zur Bodenverarmung und zum Vordringen der Wüste.“ 259 Aus solchen Entwicklungen leitete er die Erkenntnis ab, für die er berühmt werden sollte: der europäische Kolonialismus habe die afrikanische Wirt‐ schaft nicht weitergebracht, sondern „unterentwickelt“. Die Bodenerosion und -auslaugung als Grundlage dieser „Unterentwicklung“ Afrikas konnte in der Tat kaum rückgängig gemacht werden. So sah es auch der Agronom und Antikolonialist Amílcar Cabral aus Guinea-Bissau und Kapverden. Für Cabral ließen sich am Erdboden auch politische Kämpfe ablesen. Er sei ein „beständiges Gut, das von der Gemeinschaft genutzt und, soweit möglich, bereichert wird, als Beitrag jeder Generation zum Wohlstand zukünftiger Generationen“. Die „Bodenbereicherung“ und Anreicherung von Nährstof‐ 124 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="125"?> 260 Ibid. 261 Marx, 2004: 244; Oppen, 1993: 227-254. fen war nach ihm ein Produkt der gemeinschaftlichen Nutzung, wohingegen die „Bodenverarmung“ eine Folge der kolonialen Profitmaximierung ohne Rücksicht auf soziale Folgen war. 260 Die Kolonialverwaltungen machten hin‐ gegen die „primitive“ Indigene Landwirtschaft für die Bodenerosion verant‐ wortlich. Sie hatten nur insofern recht, als die immer höheren Steuern unter der Kolonialherrschaft die einheimischen Bauern zwang, den Böden eben‐ falls immer mehr abzuverlangen. Dazu kam, dass die Kolonialverwaltungen ab den 1930er Jahren aktiv werden mussten und Umweltschutzmaßnahmen einführten, die von der Bevölkerung kaum umsetzbar waren oder ihr sogar die Lebensgrundlage entzogen. Dagegen regte sich zum Beispiel in Tansania Widerstand, wo daraus „ein bäuerlicher Radikalismus“ entstand, „der in den Nachkriegsjahren den sich politisierenden Bildungseliten und den von ihnen geführten Unabhängigkeitsbewegungen zugutekommen sollte“. 261 Literaturtipps | Zum Widerstand der Natur: John R. McNeill, Mosquito Empires. Ecology and War in the Greater Caribbean 1620-1914, Cam‐ bridge 2010; Corey Ross, Ecology and Power in the Age of Empire. Europe and the Transformation of the Tropical World, Oxford 2019. Wer organisierte den frühen kollektiven Widerstand? Akteur: innen des Widerstands bekamen selten die ihnen gebührende Auf‐ merksamkeit. Zunächst verschwiegen Kolonialmächte oft Proteste und Aufstände, um deren Ausbreitung zu verhindern und den Mythos aufrecht zu erhalten, dass der Kolonialismus bei den Kolonisierten Zustimmung fand. Später förderten auch die Unabhängigkeitsregierungen meist nur den Kult um ausgewählte „Helden“ und Parteien. Damit verschwand der Beitrag von einfachen Kaufleuten, Arbeiter: innen, Soldaten, Streikenden, Frauen und „Subalternen“ im Allgemeinen aus den Annalen der Befreiung. Sie waren aber für den kollektiven - das heißt gemeinschaftlich organisierten - Widerstand verantwortlich. Afrikanische und asiatische Unternehmer: innen und Kaufleute testeten in der Eroberungsphase oft erst einmal Kooperationsmöglichkeiten mit Antikolonialismus 125 <?page no="126"?> 262 Schulze, 2003: 117-119, 154. 263 Bommarius, 2020; Hopmann/ Siegenthaler (Hg.), 2021. Kolonisator: innen aus, wurden aber regelmäßig enttäuscht oder verloren sogar ihre wirtschaftliche Stellung. Mittelständische Unternehmer: innen wurden deswegen oft zu einer Kerngruppe des Widerstands. In Niederlän‐ disch-Indien (dem späteren Indonesien) gründete sich beispielsweise im Jahr 1912 die Vereinigung muslimischer Textilhändler: innen unter dem Namen Sarekat Islam. Sie wollten vor allem ihre Produktion und Vermarktung von Batikstoffen vor der chinesischen Wirtschaftskonkurrenz schützen, aber auch der europäisch-christlichen Mission etwas entgegensetzen. Sarekat Islam entwickelte sich schon vor dem Ersten Weltkrieg rapide zu einer Massenpartei mit einer halben Million Mitgliedern (1919). Unter dem Namen vereinten sich verschiedene Solidaritätskulturen (deren Vielfalt auch zu regelmäßigen Spaltungen führte): Sarekat Islam war Gewerbeverband, panislamische Vereinigung, kommunistischer Bund, nationalistische Partei und schließlich antikoloniale Bewegung. Prominente Antikolonialist: innen wie Sukarno, der Gründungspräsident des unabhängigen Indonesien wer‐ den sollte, waren unter den frühen Mitgliedern von Sarekat Islam und brach‐ ten erfolgreich deren Ideologievielfalt auf einen antikolonialen Nenner. 262 Auch in Kamerun waren Kaufleute unter den ersten Antikolonialist: innen. Dort hatten die Händler: innen der Duala-Dynastie zunächst Schutzverträge mit deutschen Kolonialbesatzern geschlossen, bevor sie gegen die Enteig‐ nung ihres Eigentums durch die deutsche Kolonialverwaltung klagten und ihren Protest bis in den Berliner Reichstag trugen. Ihr Anführer, Rudolf Manga Bell, wurde darum mit Mitstreitern 1919 zum Tode verurteilt. 263 Proteste von Arbeitnehmer: innen hatten noch mehr Breitenwirkung als die Unternehmer: innenproteste, vor allem in Form von Streiks. Streiks fanden zunächst in kleinerem Rahmen statt, waren aber nie unbedeutend. Frauen nahmen darin eine Führungsrolle ein. Unter ihnen waren die Markthändlerinnen der Ibo und Yoruba in Südost-Nigeria. Sie waren ge‐ nossenschaftlich organisiert und gewiefte Kaufleute, was allein schon die europäische Vorstellung vom kauf-„männischen“ Wirtschaften durcheinan‐ derbrachte. In Nigeria legten diese Frauen großteils die Marktpreise fest. Als die britische Kolonialverwaltung dieses Recht in den 1940er Jahren an sich ziehen wollte, organisierten die Marktfrauen Proteste, Streiks und Boykotte, bis die Kolonialregierung die Preiskontrollen zurücknehmen musste. Streiks in größerem Stil wurden seit der Zwischenkriegszeit und 126 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="127"?> 264 Rodney, 1981; Cooper, 2010. vermehrt im Zweiten Weltkrieg von Industriearbeiter: innen organisiert und betrafen oft den Eisenbahnbau, die Bergwerke und die Hafenarbeit, welche auch Symbole der kolonialen Ausbeutungs- und Extraktionswirt‐ schaft waren. In Westsumatra (Indonesien, 1926), Dakar (Senegal, 1945- 1946), Mombasa (Tansania, 1939, 1947), beim Westafrikanischen Eisenbahn‐ streik (1947-1948), in der Britischen Goldküste (Ghana, 1947-1951) und in den Minen Südafrikas und Nordrhodesiens (1920er, 1935) kam es zu teils gewerkschaftlich organisierten Streikbewegungen, auch wenn sich nur in Indonesien und Ghana daraus eine antikoloniale Bewegung entwi‐ ckelte. Denn oft waren Arbeitnehmervertretungen in den Kolonien nur Tochterorganisationen von Gewerkschaften aus den Metropolen (wie der Allgemeine Gewerkschaftsbund Französisch-Westafrika, CGT-AOF) und entsprechend von ihnen abhängig. Darum dominerten in Gewerkschaften oft weiße Menschen (wie in Südafrika), welche die Rassentrennung auch unter Arbeiter: innen aufrechterhielten, um eigene Privilegien zu sichern. Rein asiatische und afrikanische Gewerkschaften bildeten sich seit den 1930er Jahren. Die Weltwirtschaftskrise von 1929 und die damit einher‐ gehende Verstärkung von Zwangskultivierung und Zwangsrekrutierung von Arbeiter: innen erhöhten einerseits das Protestpotenzial, andererseits erwuchs ein neues Selbstbewusstsein: Vor allem in den Weltkriegen wurde deutlich, dass die Kolonialmächte auf die Produktivität der Kolonisierten angewiesen waren. Gewerkschaftsgründungen erhielten teils die Unterstützung aus der So‐ wjetunion oder anderen sozialistischen Ländern, allerdings versuchte die Kolonialwirtschaft Gewerkschaften durch ein System der Wanderarbeit mit kurzfristigen Verträgen zu unterminieren und ihre Aktionen als kommunis‐ tische Agitationen zu delegitimieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg nahm die grenzüberschreitende Solidarität unter Gewerkschaften gegenüber der Abhängigkeit vom „Mutterland“ langsam zu. Im Jahr 1947, als 763.000 Arbeiter: innen in afrikanischen Gewerkschaften Mitglieder waren, fand so der erste panafrikanische Gewerkschaftskongress (allerdings noch unter Leitung der französischen CGT) in Dakar statt. Erst seit 1959, als unter anderem Ghana schon unabhängig war, bildeten sich rein panafrikanische Gewerkschaftskonföderationen, die kompromisslos antikolonial waren. 264 Auch Studierende, die es trotz rassistischer Ausgrenzung an Universitäten in Europa und in den USA geschafft hatten, wirkten aus der Ferne auf die Wi‐ Antikolonialismus 127 <?page no="128"?> 265 Munro, 2017; Brückenhaus, 2017. 266 Goebel, 2017. 267 Chakravarty, 2005. derstandsbewegungen ein. In den europäischen Hauptstädten - allen voran Berlin, Genf, London und Paris - bildeten sie seit der Zwischenkriegszeit nationalistische, panasiatische oder panafrikanische Vereinigungen. 265 So erfanden Studierende aus Niederländisch-Indien den Namen „Indonesien“ während ihrer Ausbildung in den Niederlanden und machten einen indo‐ nesischen Nationalstaat zum Ziel der Widerstandsbewegung. Paris, so der Historiker Michael Goebel, wurde zur „Antiimperialen Metropole“, wo sich der afro-asiatische Antikolonialismus mit lateinamerikanischer Kritik an globaler Ungleichheit zu einem anti-imperialen Kampf aller unterdrückten Völker vereinte und gemeinsame Ziele definierte. 266 Es war bezeichnend für das Unrechtssystem Kolonialismus, dass Proteste auch von denjenigen Soldaten, Arbeiter: innen und Studierenden kamen, die zunächst freiwillig in europäischen Diensten standen und dafür entlohnt wurden. Dass sich viele von ihnen gegen den Kolonialismus wandten, obwohl sie materiell von ihm profitierten, belegt das Komplettversagen des Kolonialsystems. Viel Aufmerksamkeit bekam zunächst die so genannte Indian Mutiny (Indische Meuterei) von 1857-1859, bei der indische (genauer: bengalische) Soldaten in der Armee der Britischen Ostindienkompagnie meuterten und dabei auch an die 6.000 Europäer: innen ermordeten. Die Revolte betraf einen großen Teil Indiens, wurde mit äußerster Gewalt und ca. 800.000 indischen Opfern niedergeschlagen und führte zur Umwandlung Indiens in eine offizielle britische „Kronkolonie“. Von britischen Quellen wurde diese Revolte auf eine klassische Meuterei in der Armee reduziert und damit lediglich als Disziplinproblem dargestellt. Indische Historiker: innen erklärten die Revolte hingegen zum „Ersten Indischen Unabhängigkeits‐ krieg“ und führten als Beweis dafür die Mitwirkung von Zivilist: innen an. Obwohl die Revolte sicher noch keine nationalistische Massenbewegung war, blieb sie genauso im kollektiven Gedächtnis wie die vielen Toten und stärkte damit die Identität der indischen Unabhängigkeitsbewegung im 20. Jahrhundert. 267 128 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="129"?> 268 Lunn, 1999; Hassett, 2019. 269 Pesek, 2010; Höpp/ Reinwald (Hg.), 2000. Wie veränderten die Weltkriege das Verhältnis zwischen Kolonialkritik und Antikolonialismus? Grundsätzlich waren die Weltkriege für die Kolonisierten nicht so außer‐ gewöhnlich, da schon ihre Verteidigungskriege aus der Frühzeit der Ko‐ lonisierung „Weltkriege“ waren und sie permanent mit offener Gewalt (Strafexpeditionen, systematische Körperstrafen etc.) und struktureller Un‐ terdrückung konfrontiert waren. Die Weltkriege sahen einige Kolonisierte sogar als Möglichkeit an, die Arbeits- und Wehrpflicht für das „Mutterland“ zu erfüllen und dafür auch (Staatsbürger-)Rechte zu bekommen. Andere hingegen wurden für die Weltkriege zwangsrekrutiert und oft für die lebens‐ bedrohlichsten Manöver eingeteilt. 268 Viele Soldaten und Arbeiter: innen, die von den europäischen Weltkriegsmächten (zwangs-)verpflichtet wurden, neigten zunächst zur Unterstützung der Kolonialimperien, wandten sich aber bald aus Enttäuschung über die Nichtanerkennung ihrer Leistung, den andauernden Rassismus in der Armee und ausbleibende Lohn- und Pensionszahlungen gegen das koloniale System. Schon im Ersten Weltkrieg kämpften zwei Millionen Afrikaner für europäische Armeen, allein 500.000 davon für Frankreich, welches sie an europäischen Fronten als Kanonen‐ futter einsetzte. In Deutsch-Ostafrika kämpften die so genannten Askari (Kisuaheli für Soldat) für das Reich und wurden zusätzlich von ca. einer Million afrikanischer Träger: innen versorgt. 269 Die Briten rekrutierten Mil‐ lionen von indischen Soldaten und Arbeitern für ihren Krieg im Nahen Osten. Sechzig Prozent von ihnen kamen aus dem Punjab, wo es nach Ende des Ersten Weltkrieges zu Protesten kam, weil die indischen Veteranen nicht angemessen entschädigt wurden. Traurige Berühmtheit erlangten die Proteste von Amritsar (1919), weil sie von den Briten mit einem Massaker an mindestens 379 Protestierenden blutig niedergeschlagen wurden. Über tausend weitere Protestierende wurden verletzt. Ein Historiker nannte das Amritsar-Massaker den „entscheidenden Moment, in dem sich Inder von der britischen Herrschaft abwandten“. Gandhi sah darin einen extremen, aber logischen Ausschlag eines kolonialen Gewaltsystems, das er seitdem ganz abschaffen wollte. Als Ausdruck eines grundsätzlich unmoralischen Systems sah das Massaker kurioserweise auch der britische General Dyer, der es selbst angeordnet hatte und sich als Rädchen im System rechtfertigte: Antikolonialismus 129 <?page no="130"?> 270 Sayer, 1991: 130-164: 132-134. 271 Mabon, 2002: 86-95. „Es war meine Pflicht - meine schreckliche, schmutzige Pflicht.“ 270 Ähnliche Massaker gab es nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem unter anderen 350.000 Afrikaner an Frankreichs Seite gekämpft hatten und entscheidend zur Rückeroberung Südfrankreichs und Italiens von den Nationalsozialisten beigetragen hatten. Als allerdings (nord-)afrikanische Kriegsveteranen am 8. Mai 1945 im algerischen Sétif und am 1. Dezember 1944 im senegalesischen Thiaroye die ideelle und finanzielle Anerkennung ihrer Leistungen verlang‐ ten, reagierten französische Befehlshaber mit Massenerschießungen. Im Rückkehrerlager von Thiaroye wurden ca. 1.300 aus deutscher Kriegsge‐ fangenschaft befreite so genannte Senegalschützen (tirailleurs sénéglais) festgehalten. Sie warteten verzweifelt auf ihre Demobilisierung und ihr ausstehendes Gehalt. Als der Lohn weiter ausblieb, kam es zu Protesten, welche die Kolonialverwaltung mit einem Massaker beantwortete. Die Zahl der Toten variiert je nach Quelle zwischen 35, 70 oder 300. 271 Diese Massaker waren nur die Spitze des Eisbergs. Weltkriegsveteranen aus Afrika und Asien hatten gehofft, nach ihrem Einsatz für das Mutterland dessen Wohlwollen, dessen Grundrechte oder sogar dessen Staatsbürgerschaft zu erhalten. Nachdem Frankreichs Rekrutierungsagent Blaise Diagne im Ersten Weltkrieg rund 140.000 Westafrikaner angeworben hatte, hatte er schon 1917 erklärt, die westafrikanischen Soldaten hätten Frankreich einen „Blut‐ zoll“ geleistet, wodurch Paris bei ihnen nun in einer „Blutschuld“ stünde. Die Weltkriegsveteranen wurden bitter enttäuscht, ihrer Leistung und ihren Opfern wurde nicht einmal gedacht. Gleichzeitig wurden enttäuschte Vete‐ ranen zum Risikofaktor für europäische Kolonialmächte, auch wenn sie die Hoffnung auf politische und rechtliche Anerkennung ihrer Vaterlandstreue selten aufgaben, und nur in Ausnahmefällen Unabhängigkeitsforderungen stellten. Staatsbürgerschaft war ihre oberste Priorität, wie unter anderem Kojo Tovalou Houénou, ein ehemaliger tirailleur aus Dahomey, verkündete: „Wir haben unser Blut für Frankreich vergossen. […] Warum kommen wir jetzt nicht in den Genuss der Staatsbürgerschaft? Wir wollen Staatsbürger sein, in welchem Land auch immer, und wenn Frankreich sie uns verwehrt, dann werden wir Autonomie fordern.“ Die Enttäuschung verstärkte sich auf der Ebene der Internationalen Politik und des Völkerrechts. Im Jahr 1917 hatte der amerikanische Prä‐ sident Wilson das Selbstbestimmungsrecht der Völker proklamiert. Das 130 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="131"?> 272 Pedersen, 2017. 273 Muschik, 2022. 274 Muschik, 2022: S. 10; Getachew, 2019: 14, 73-74. Selbstbestimmungsrecht machte den Kolonisierten Hoffnung auf einen Rechtsanspruch als eigene Nation. Wilson wollte damit vor allem das Habs‐ burger und das Osmanische Reich sprengen. Diese Kontinentalimperien waren Kriegsgegner der USA und bestanden aus verschiedenen ethnischen Gruppen, die sich immer öfters als Nationen bezeichneten. Allerdings wollte Wilson das Selbstbestimmungsrecht nicht auf die Kolonien anwenden. Als einzige Kolonie in der Zwischenkriegszeit wurde Ägypten 1922 aufgrund des Drucks der Nationalpartei (Wafd) nominell für unabhängig erklärt, blieb aber unter britischer Kontrolle. Die anderen Kolonien existierten weiter, die ehemaligen deutschen und osmanischen Besitzungen in Form von „Man‐ daten“ unter Aufsicht des Völkerbunds. Der Völkerbund (1921-1935) und auch dessen Nachfolgeorganisation, die UNO (seit 1948), verkauften sich als fortschrittlich und friedensstiftend, waren aber noch sehr kolonial geprägt. Sie propagierten zwar das Selbstbestimmungsrecht der Völker, verwehrten es aber den ehemaligen Kolonien, die sie als internationale Mandate (Völ‐ kerbund) oder internationale „Treuhandgebiete“ (UNO) verwalteten und als unfähig ansahen, sich selbst zu regieren. 272 Der Völkerbund war noch sehr eindeutig ein „Imperienbund“, in dem fast ausschließlich Kolonialmächte vertreten waren. In der UNO dominierten zunächst ebenfalls prokoloniale Kräfte, welche den nach 1945 „Treuhandgebiete“ genannten Mandaten das Selbstbestimmungsrecht verweigerten. Die UNO war also zunächst kein „Instrument der Dekolonisation“, sondern wurde es nur langsam, als immer mehr Ex-Kolonien als Mitglieder aufgenommen wurden und eine antikolo‐ niale Lobbygruppe innerhalb der UNO bildeten. 273 Erst 1960 stellte die UNO- Generalversammlung in einer Erklärung klar, man solle „Kolonisierten Völkern die Unabhängigkeit gewähren.“ Zu dem Zeitpunkt hatten sich schon die meisten Kolonien die Unabhängigkeit erkämpft und waren somit UNO-Mitglieder geworden, wodurch dann die Mehrheit für die Erklärung zustande kam. Daraus entstand das „Komitee der 24“, das innerhalb der UNO aktiv die Unabhängigkeit der verbliebenen Kolonien einforderte. 274 Der Zweite Weltkrieg führte zwar zur Unabhängigkeit von Indien (1947) und Indonesien (1949), vor allem weil ihren „Mutterländern“ England und Holland der finanzielle und moralische Bankrott drohte, wenn sie weiter die dortigen antikolonialen Bewegungen bekämpfen wollten. Allerdings stand Antikolonialismus 131 <?page no="132"?> eine Unabhängigkeit afrikanischer Gebiete noch außer Frage, auch weil die Menschen dort nach getaner Pflicht für die „Mutterländer“ auf mehr Rechte oder gar eine Gleichstellung innerhalb der Kolonialimperien hofften (zur antikolonialen Ausrichtung der UNO siehe Abbildung-4). Abbildung 4: Die Aufteilung der Sitze in der UNO von 1945 bis 1962 (eigene Darstellung nach Peyroulou, 2024, 27.) 132 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="133"?> 275 Mann, 2022: 36-47: 42. 276 Cooper, 2014. 277 Wagner, 2024: 338. 278 Dimier, 2014. 279 Cooper et al. (Hg.), 1998. Wie wichtig waren politische Parteien und Religionsgemeinschaften wie der Islam für den Widerstand? Die Kolonialverwaltungen ließen Parteien zunächst nur zu, solange diese lediglich Missstände innerhalb des kolonialen Systems kritisierten und nicht das System selbst. Diese Parteien waren zwar widerständig, aber anfangs weder radikal antikolonial noch nationalistisch. Der Indian National Con‐ gress (1885) und die All-India Muslim League (1907) in Indien, Sarekat Islam (1912) in Indonesien sowie der African National Congress (1912) in Südafrika entstanden bereits vor dem Ersten Weltkrieg. Sie forderten aber noch keinen revolutionären Umbruch, geschweige denn einen eigenen Nationalstaat. Der Indian National Congress verabschiedete erst 1929 eine „Unabhängig‐ keitsresolution“. 275 Auch anderswo dauerte es bis in die 1920er Jahre, bis Parteien sich offen antikolonial äußerten. Ob sie zu dieser Zeit schon die nationale Unabhängigkeit als eigene Staaten anstrebten, ist vor allem mit Blick auf Afrika fraglich. Viele afrikanische Parteien arbeiteten noch in den 1950er Jahren darauf hin, die (versprochenen) staatsbürgerlichen Rechte des „Mutterlandes“ zu bekommen und so den Rechtsstatus der Afrikaner: innen innerhalb der Kolonialreiche zu verbessern. 276 Dabei schien auch die Anglei‐ chung des Lebensstandards näher zu rücken, weil die Kolonialmächte in den 1940er Jahren Millioneninvestitionen in die wirtschaftliche Entwicklung der Kolonien steckten. Doch Investitionen im Rahmen des französischen Fonds d’Investissement et de Développement Économique et Social (1946) und des britischen Colonial Development and Welfare Act (1940) kamen meist nur westlichen Unternehmen sowie weißen Siedler: innen zu Gute. 277 Dasselbe gilt für den Entwicklungsfond der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, der bis in die 1980er Jahre (ehemalige) Kolonialadministratoren und -un‐ ternehmer im Namen der Entwicklungspolitik versorgte. 278 Nach immer neuen Enttäuschungen ihrer Erwartungen und teils unter Einfluss von marxistischen oder sozialistischen Ideen gesellschaftlicher Neugestaltung, radikalisierten sich Parteien und strebten die nationale Unabhängigkeit an. 279 Antikolonialismus 133 <?page no="134"?> 280 Loth/ Hanisch (Hg.) 2014. Parteien vertreten naturgemäß verschiedene Interessen. Die Kolonialre‐ gierungen ließen Parteien nur zu, wenn diese ihren Interessen dienten. Im Sinne von „Teile und Herrsche“-Strategien nutzten Kolonialverwaltungen auch politische Spaltungen unter den Kolonisierten für sich und förder‐ ten dafür sogar Parteibildungen. Konnten solche Parteien überhaupt zu Widerstands- und Unabhängigkeitsparteien werden, die die Bevölkerung hinter sich versammelten? Besonders stellt sich diese Frage beim religiös motivierten Widerstand. In Britisch-Indien entstand er aus der parallelen - und oft antagonistischen - Existenz eines „Hindu-Nationalismus“ und eines muslimischen Nationalismus, der auch zur Gründung von zwei ver‐ schiedenen Parteien (Indian National Congress und Muslim League) führen sollte. Da der Konflikt zwischen Hindus und Muslimen auch durch die Unabhängigkeit nicht überwunden werden konnte und weiter eskalierte, bildeten sich sogar zwei Staaten: Indien mit einer Hindu-Mehrheit und Pakistan als muslimischer Staat. Trotz solcher Probleme sehen Historiker: in‐ nen aber im Wettbewerb konkurrierender Widerstandsparteien auch eine treibende und konstruktive Kraft des Antikolonialismus. Selten führte der Wettbewerb jedoch nach der Unabhängigkeit in einen Parteienpluralismus, eher versuchten Unabhängigkeitsparteien mit dem größten Renommee sich als Einheitsparteien durchzusetzen. Zeigt das Beispiel Indien, dass Religion(en) besonders geeignet waren, den antikolonialen Widerstand praktisch und ideologisch voranzutreiben? Schauen wir auf den Islam, der heute in den Medien oft als besonders widerstandsfähig und anti-westlich dargestellt wird. Schon zur Kolonialzeit machte die Kolonialpropaganda den Islam zum Angstgegner des Kolonial‐ systems und schrieb ihm einen zerstörerischen Fanatismus zu, der sich im Topos des Dschihad (heiliger Krieg) widerspiegelte. 280 In der Tat war der Islam in den meisten Kolonien eine so große gesellschaftliche Macht, dass man ihn als Mobilisierungsnetzwerk und ideologische Triebkraft gegen die Kolonialherrschaft hätte nutzen können. Im politischen Alltag koope‐ rierten muslimische Geistliche hingegen oft mit den Kolonialregierungen und erkannten diese sogar in so genannten Fatwas (religiösen Handlungs‐ empfehlungen) offiziell an, so lange Muslime ihre Religion weiterhin frei praktizieren konnten. In Mekka, Teilen Britisch-Indiens, Deutsch-Ostafrika, Französisch-Algerien und Niederländisch-Indonesien ließen sich muslimi‐ sche Autoritäten dazu bewegen und teils manipulieren, die Kolonialmächte 134 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="135"?> 281 Wagner, 2024: 178-203. 282 Ryan, 2018: 17-18. offiziell als legitime Herrscher und Protektoren des Islam anzuerkennen. Die befürchtete kolonieübergreifende Revolte unter Führung islamischer Autoritäten blieb aus, auch weil die „panislamische“ Kritik am westlichen Kolonialismus sich hauptsächlich in den Köpfen einiger weniger Intellektu‐ eller abspielte, aber in der Praxis noch wenig Wirkung zeigte. Aus diesen Gründen und aufgrund ihrer Erfahrung sahen Kolonialverwaltungen im Islam sogar stellenweise einen „Ko-Kolonisator“ der Europäer: innen. 281 Ihn zum „Ko-Kolonisator“ zu machen, gelang ihnen aber nur bedingt. So bezahlten die italienischen Invasoren in Eritrea (seit 1882) und Libyen (seit 1911) islamische Würdenträger, Moscheen und Koranschulen in der Hoffnung, diese würden die muslimische Bevölkerung für die koloniale Sache gewinnen. In Eritrea sollten Muslime sich an die Seite Italiens gegen das vorrangig christliche Äthiopien stellen und helfen, es zu erobern. Die strategische Kooperationsbereitschaft islamischer Institutionen wie der mächtigen Sanussiya-Bruderschaft in Libyen hinderte sie aber nicht daran, sich schließlich gegen die italienische Besatzung zu wenden und einen antikolonialen Krieg gegen Rom zu führen. 282 Widerstand aus scheinbar islamischen Motivationen heraus hatte zudem oft tieferliegende nichtreligiöse Gründe. In der kolonialen Eroberungsphase des 19. Jahrhunderts mussten muslimische Machthaber ihre Reiche gegen das koloniale Vordringen verteidigen (Abd al-Qādir in Algerien, ʿAbdallāh al-Taʿāyishī im Sudan, al-Ḥājj ʿUmar Tall in Westafrika, Aḥmadou Bamba im Senegal, Schamil im Nordkaukasus, Sayyid Ahmad Barelwī in Nordindien usw.). Sie taten dies zur Macht- und Existenzsicherung und nicht aus Fana‐ tismus heraus, auch wenn sie sich zur Mobilisierung des Widerstands oft auf messianistische Ideologien stützten. Diese frühen Verteidigungskriege re‐ sultierten nur selten in langfristigen Widerstandsbewegungen mit dezidiert antikolonialen Zielen. Ausnahmen bilden der militärische Widerstand der Aceh in Indonesien, der sich seit dem 19. Jahrhundert gegen die niederlän‐ dische und seit 1942 gegen die japanische Besatzung ihres Gebietes richtete, und der Sanussiya-Orden in Nordafrika, der seit ca. 1900 der französischen und in den 1930er Jahren der italienischen Kolonialverwaltung zu schaffen machte. All diese Bewegungen waren aufgrund ihres messianischen und reformatorischen Anspruchs auch Sonderformen des Islams und nicht unbedingt repräsentativ. So uneinheitlich und divers „der Islam“ war, so Antikolonialismus 135 <?page no="136"?> 283 Qureshi, 1999. 284 Pennell, 2017: 798-820. 285 Motadel, 2014; Clancy-Smith, 1997. verschiedenartig waren auch die Reaktionen von Muslim: innen auf den Kolonialismus, wobei sich die meisten mit der Fremdherrschaft abfanden. Nur selten kam es zu einheitlichen panislamischen Solidaritätsbekundungen über imperiale Grenzen hinweg, wie in der kurzlebigen Khilafat-Bewe‐ gung in Indien (1918-1924). Die indische Khilafat-Bewegung hatte nach dem Ersten Weltkrieg gegen die Zerschlagung des Osmanischen Reichs protestiert, vor allem um das dortige osmanische Kalifat (1517-1924) als Protektionsmacht für alle Muslime mitsamt deren Heiligen Stätten in Mekka und Medina zu erhalten. Ihre panislamische Solidaritätsbekundung fand jedoch wenig Echo unter Muslimen im Nahen Osten, auch weil diese sich selbst als vom Osmanischen Reich kolonisiert verstanden hatten und im Ersten Weltkrieg den Aufstand gegen die ebenfalls muslimischen Osmanen probten. So konzentrierte sich die indische Khilafat-Bewegung schließlich auf die Kritik der Briten in Indien selbst und kooperierte dafür mit Hindu- Nationalisten und Gandhi. 283 Auch der antikoloniale Krieg der Rif-Bevölke‐ rung in Marokko (1921-1926) gegen die spanische und französische Protek‐ toratsmacht fällt oft in die Kategorie des islamischen Widerstandes, obwohl er sich als Krieg der Amazigh (oder „Berber“)-Community auch gegen die arabische Zentralregierung Marokkos und damit andere Muslime richtete. 284 Wenn es also Widerstand gab, so war er oft komplex und selten „rein islamisch“. Dementsprechend gab es auch zur Kolonialzeit keine „Islamische Befreiungstheologie“. Erst als die meisten Unabhängigkeitsbewegungen sich schon formiert hatten, machte sich ein explizit islamischer Antikolonialis‐ mus bemerkbar, wie bei der Vereinigung der algerischen muslimischen Ulema (muslimische Richter und Gelehrte, 1931). 285 Der politische Islam (oft als Islamismus bezeichnet) entstand durchaus in der Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus, allerdings schrieben sich Islamisten auch erst spät auf die Fahnen, aus einem antikolonialen Impetus heraus zu agieren. Auch nicht-muslimische, religiöse Bewegungen wurden oft in ihrem antikolonialen Potenzial überschätzt. Im belgischen Kongo machte der selbsternannte Prophet Simon Kimbangu seit den 1920er Jahre Furore. Nach seiner Verhaftung blieb er 30 Jahre im Gefängnis, weil die belgische Kolonial‐ verwaltung seine Predigten nicht richtig übersetzen konnte und annahm, er 136 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="137"?> 286 Marx, 2004: 212. sei ein Aufwiegler (was er nicht war). 286 Nach 1947 entwickelte sich dann mit dem Kimbanguismus eine radikalere, aber noch nicht kolonialgefährdende Religionsgemeinschaft. Sowohl Parteien als auch Religionen waren in ihrem Antikolonialismus also ambivalent, beanspruchten ihn aber meist nach der Unabhängigkeit für sich - ein Alleinanspruch, der auch zur Verdrängung politischer Gegner: innen diente. Ist Antikolonialismus nur eine Form von (Befreiungs-) Nationalismus und damit am europäischen Modell orientiert? Der Antikolonialismus wird meist als politisierter, kollektiver und organi‐ sierter Widerstand gegen das System des Kolonialismus mit dem Ziel der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Unabhängigkeit in Form eines eigenständigen Nationalstaats beschrieben. In diesem Sinne definierten Historiker: innen den Antikolonialismus vorrangig vom Ergebnis her. Sie sahen in ihm einen revolutionären Nationalismus, der nach einem Unabhän‐ gigkeitskampf in einem eigenen Nationalstaat enden sollte. In den Staaten des Globalen Nordens tröstete dieses Narrativ teilweise über den „Verlust“ der Kolonien hinweg, weil diese nun scheinbar dem westlichen National‐ staatsmodell nacheiferten - aber gleichzeitig doch in ihrer verspäteten Entwicklung immer dem Globalen Norden hinterher und darum von ihm abhängig waren. In sozialistischen Ländern sah man im politisierten Anti‐ kolonialismus einen Erfolg des Sozialismus, der sich schon seit Lenin mit dem Nationalismus gegenseitig zu verstärken schien und als „Sozialismus in einem Land“ erfolgreich sein konnte. Im Globalen Süden selbst nutzten Historiker: innen und Politiker: innen das Narrativ des nationalistischen Antikolonialismus als Befreiungsideologie, um ihren neu entstandenen Na‐ tionalstaaten historische Legitimität zu verschaffen, sie als Völkerrechtssub‐ jekte in der internationalen Gemeinschaft - die aus Nationen bestand - zu etablieren und politische Gegner zu delegitimieren. In der General History of Africa, welche von der UNESCO in sieben Bänden herausgegeben wurde, um die Geschichte Afrikas aus afrikanischer Sicht darzustellen, teilt der Historiker A. Ali Mazrui die Ära des Antikolonialismus: in drei Stadien ein: „(1) Befreiung, (2) Staatsbildung, (3) Nationsbildung.“ Wie selbstverständlich Antikolonialismus 137 <?page no="138"?> 287 Mazrui, 1990: 5. 288 Fisch, 2010; Manela, 2009. 289 Elkins, 2005. ist auch hier der Nationalstaat das Maß aller antikolonialen Handlungen. 287 Der nationalistische Antikolonialismus, den die Geschichtswissenschaft hervorhob, umfasste dabei nicht nur die Staatsbildung, sondern auch innere Nationsbildung, also die Schaffung einer nationalen Identität, die den Zusammenhalt der Bevölkerung sichern sollte. Als Initialzündung für den nationalistischen Antikolonialismus gilt ge‐ meinhin die Erklärung des Selbstbestimmungsrechts der Völker durch den amerikanischen Präsidenten Wilson im Jahr 1918. Seltener wird erwähnt, dass auch Lenin dieses Recht proklamierte. 288 Auf dieses Selbstbestimmungs‐ recht konnten sich antikoloniale Bewegungen dann berufen und sich auf die nationale Unabhängigkeit als Ziel hin orientieren. Die revolutionäre und kriegsbereite Aufstellung dieser Bewegungen zum Erreichen der Un‐ abhängigkeit wird meist der Unterstützung durch die Sowjetunion und China angerechnet, welche gegen Ende der 1920er Jahre spürbar wurde. Sie stellten neben Geld und Waffen auch ein gerechteres Gesellschaftssystem in Aussicht, mit dem die neuen Nationen ausgestattet - aber auch unter Kontrolle gebracht - werden konnten. Afrikanische und indische Historiker: innen betonten dagegen zurecht, dass die Impulse und Leitideologien des Antikolonialismus nicht nur von außen kamen. Autochthone Erfahrungen und Triebkräfte, die sowohl für die praktische Organisation des Widerstands als auch für die Nationsbildung nach der Unabhängigkeit einschlägig waren, machten den Antikolonialis‐ mus aus. Im kenianischen Unabhängigkeitskrieg griff zum Beispiel die Land- und Freiheitsarmee (von den Briten abschätzig Mau-Mau genannt) auf Initiations- und Schwurrituale der Kikuyu-Community zurück, um Solidarität und Loyalität unter den Unabhängigkeitskämpfer: innen herzu‐ stellen. 289 In West- und Zentralafrika nannten sich die entstehenden Staaten nach afrikanischen Großreichen aus der vorkolonialen Zeit. So wurde die britische Goldküsten-Kolonie zu Ghana, ein Teil von Französisch-Westafrika wurde zu Mali und Belgisch-Kongo wurde zu Zaire. Ihre Legitimität und Souveränität wurden somit auf die vorkoloniale Epoche zurückgeführt. Auf die Bedeutung Indigener und ruraler Akteur: innen (der so genannten „subalternen“ Gruppen) für den Antikolonialismus wiesen dabei die Vertre‐ ter: innen der Subalternen Studien hin, die vor allem aus der indischen Wis‐ 138 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="139"?> 290 Guha, 2000. 291 Nyerere, 1973; Burton, 2021. senschaft kamen. 290 Sie kritisierten einerseits, dass neben dem Kapitalismus und dem Liberalismus auch der Marxismus und der Sozialismus aus Europa kamen und nicht unbedingt auf die Gesellschaften in Afrika und Asien passten oder ihnen oft sogar mit Gewalt aufgezwungen wurden. Für diesen Import ortsfremder Gesellschaftsorganisation machten Vertreter: innen der Subalternen Studien auch die zwar antikolonialen, aber westernisierten und vorrangig städtischen Eliten in Indien und anderswo verantwortlich. Diese oft im Westen ausgebildeten antikolonialen Eliten, so argumentierte der Begründer der Subaltern Studies Ranajit Guha, hatten die den Erfolg des Antikolonialismus für sich reklamiert, lehnten rurale und Indigene Ge‐ meinschaftsphilosophien als rückständig ab oder verfälschten sie. Stattdes‐ sen übernahmen sie unkritisch die Organisationsmuster der europäischen „Moderne“, zu denen der Marxismus-Sozialismus genauso gehörte wie der Neoliberalismus-Kapitalismus. Auf den afrikanischen Fall trifft dies aller‐ dings nicht immer zu. Dort entwickelten die Unabhängigkeitsregierungen teils ihre eigenen Vorstellungen von der Gesellschaftsorganisation nach der Unabhängigkeit, welche die ländlich-agrarischen Gebiete mit einbezogen. Allen voran Tanganyika (ab 1964 Tansania) entwickelte unter seinem Präsidenten Julius Nyerere einen „afrikanischen Sozialismus“, der auf die Beteiligung von Dorfgemeinschaften (ujamaa) setze, die in solidarischer Landwirtschaft ihre Selbstversorgung (kujitegemea) sichern sollten und da‐ mit auch zur nationalen Autarkie beitrugen. Der Schlüssel zur tatsächlichen Unabhängigkeit des Landes sollte die Autonomie der Wirtschaft und des (Aus-)Bildungssystems sein, was in der Arusha-Deklaration von 1967 noch einmal festgehalten wurde. 291 Zumindest aus der Sicht von Nyerere, Gandhi, oder Guha war der Antikolonialismus darum sowohl eine Befreiung von der politischen und wirtschaftlichen Abhängigkeit, als auch von der kulturellen Oberhoheit Europas. Zu regionalen Motivationen des Antikolonialismus kamen Emanzipati‐ onsideologien, die über Nationalismus hinausgingen und transnational wirkten. Gandhis Satyagraha, Senghors Négritude, Kwame Nkrumahs Pan‐ afrikanismus oder Gamal Abdel Nassers Panarabismus wurden zu neuarti‐ gen und nationsübergreifenden Kollektividentitäten der Emanzipation. Sie beruhten auf geteilten Diskriminierungserfahrungen über Kontinente hin‐ weg, wie zum Beispiel die transatlantische Versklavung und Kolonisierung Antikolonialismus 139 <?page no="140"?> 292 Césaire, 2015: X. 293 Cooper, 2014. 294 Mann, 2022: 36-47: 42. 295 Connelly, 2002. Schwarzer Menschen, welche diese als Schicksalsgemeinschaft in Amerika und Afrika zusammenbrachten. Noch weiter gingen schließlich Antikolo‐ nialist: innen aus der ganzen Welt, die 1955 im indonesischen Bandung zusammenkamen, um ein gemeinsames Verständnis von Antikolonialismus zu entwickeln. Der Antikolonialismus wollte also den Kolonialismus als System abschaf‐ fen und nicht nur einzelne Aspekte davon reformieren. Er war somit revolu‐ tionär und nicht reformerisch. So resümierte Aimé Césaire 1955: „Die wahre Dekolonisierung ist revolutionär oder sie hat nicht stattgefunden.“ 292 Diese Erkenntnis kam aber erst relativ spät. Denn die Kolonialimperien machten den Kolonisierten nach 1945 verführerische Reformangebote, zum Beispiel indem sie die europäische Staatsbürgerschaft mitsamt ihren Grundrechten für alle Bewohner: innen der Kolonien in Aussicht stellten oder millionen‐ schwere Investitionen in die wirtschaftliche und infrastrukturelle Entwick‐ lung machten. 293 Allerdings meinten sie das Naturalisierungsangebot selten ernst und die Investitionen verschafften meist nur europäischen Firmen Gewinne. Gleichzeitig kriminalisierten die Kolonialbehörden moderate Kri‐ tiker: innen des Kolonialismus, denunzierten sie als Demagogen, „schlechte Elemente“ oder „Hooligans“ und brachten sie recht schnell in Haft, wie Kwame Nkrumah in Ghana und Jomo Kenyatta in Kenia. 294 Zusammen mit vielen anderen radikalisierten sich diese und wurden von Reformern zu Revolutionären und damit zu kompromisslosen Antikolonialist: innen. Der Antikolonialismus war nicht nur selbstreferenziell und als Selbstbe‐ freiung gedacht. Er brach tatsächlich eine diplomatische und eine mediale Revolution vom Zaum, durch welche die Mehrheit der Weltbevölkerung sich ein Mitspracherecht über ihr eigenes Schicksal erkämpfte. 295 Antikolonia‐ list: innen wollten neben ihrem eigenen Schicksal auch die kolonisierenden Völker verändern - oder mussten es sogar, um dem Antikolonialismus zum Erfolg zu verhelfen. Aimé Césaire betonte, dass der Antikolonialismus auch zur „Rettung Europas“ beitragen sollte - und zwar zur Rettung vor sich selbst und seiner unmoralischen Neigung zum Totalitarismus. Nach Césaire hatte nämlich die koloniale Ursünde Europa schon vor dem Nationalsozialismus „entzivilisiert“ und „brutalisiert“. Mit Recht wies er darauf hin, dass aber 140 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="141"?> 296 Césaire, 2000: 37. 297 Cooper, 2005: 41. 298 Mazrui, 1990. 299 Cooper, 2005: 41. 300 Gerits, 2023. auch nach dem Nationalsozialismus die Gründerväter der Europäischen Einigung wie Robert Schuman und Konrad Adenauer glühende Kolonialis‐ ten waren und damit nicht allein dastanden. Das neue Europa hatte den Faschismus hinter sich gelassen, drohte aber die Kolonisierung in Übersee als Zwangs- und Ausbeutungsherrschaft fortzusetzen. Nicht ohne Polemik warnte er, hinter dem neuen „Europa von Adenauer, Schuman, Bidault und anderen steckt Hitler“. 296 Der Antikolonialismus könne laut Césaire helfen, einer solchen Barbarei wieder zu entkommen und eine „neue Politik“ einzuführen, „die auf dem Respekt für Völker und Kulturen gründet“. 297 In der berühmten General History of Africa schlug A. Ali Mazrui einen ähnlichen Ton an: Die Dekolonisierung böte die Chance einer: “re-humani‐ zation of Europe and re-Africanization of Africa.” 298 Albert Memmi sprach vom Kolonialismus als einer „europäischen Krankheit“, die man durch Antikolonialismus heilen müsse. 299 Somit konnte der Antikolonialismus weitergedacht werden, dem sogar das Potenzial innewohnte, aus einer genuin „kolonialen Moderne“ eine „antikoloniale Moderne“ zu machen. 300 Antikolonialismus war demnach weitaus mehr als reiner Nationalismus: er veränderte die Welt. Literaturtipps | Mehr Informationen zum Panafrikanismus und Pana‐ sianismus in Paul Gilroy, The Black Atlantic. Modernity and double consciousness, Cambridge, Mass. 1993 8 ; Hakim Adi, Pan-Africanism. A history, London, New York 2018; Marc Frey u. Nicola Spakowski (Hg.), Asianismen seit dem 19. Jahrhundert, Sonderheft Comparativ 18(2008) 6, 2008. Zu den weitreichenderen Bezeichnungen für die ehemals ko‐ lonisierte Welt, wie Dritte Welt, Globaler Süden oder Bündnisfreie Staaten siehe: Vijay Prashad, The Poorer Nations. A possible history of the Global South, London, New York 2014; Christoph Kalter, Die Entdeckung der Dritten Welt. Dekolonisierung und neue radikale Linke in Frankreich. Berlin 2010; Jürgen Dinkel, Die Bewegung Bündnisfreier Staaten. Frankfurt, New York, NY 2011; Christopher James Lee, Making Antikolonialismus 141 <?page no="142"?> 301 Cooper, 2014. 302 Elkins, 2005; Stora, 2001. a World after Empire. The Bandung moment and its political afterlives, Athens, Ohio 2010. Wann waren bewaffnete Befreiungsbewegungen nötig und welche Folgen hatten sie? Ursachen des bewaffneten Widerstands ähneln sich in allen Kolonien. Er entstand durch die schrittweise Radikalisierung der Unabhängigkeitsbewe‐ gungen. Die meisten Kolonialkritiker: innen warben zunächst für einen friedlichen Weg in die Gleichberechtigung oder in die Selbstverwaltung, bevor sie als letzten Ausweg zu den Waffen griffen. Angesichts der Brutali‐ tät, mit welcher die Kolonialmächte gegen ihr Anliegen vorgingen - seien es soziale Proteste in Form von Streiks, die Einforderung von Menschenrechten oder das Verlangen nach Gleichberechtigung oder Selbstverwaltung - blieb ihnen nur das Mittel des bewaffneten Kampfes. Zum Beispiel warben der Algerier Ferhat Abbas, der Kenianer Jomo Kenyatta und der Ghanaer Kwame Nkrumah als Anführer ihrer jeweiligen Unabhängigkeitsbewegun‐ gen jahrzehntelang für die Gleichberechtigung innerhalb des britischen bzw. französischen Kolonialreichs. Keiner der drei hatte ursprünglich vor, die Kolonialmächte komplett zu vertreiben. Alle drei steckten die Koloni‐ alregierungen allerdings als „Demagogen“ und angebliche Aufrührer ins Gefängnis. Nach der Haft und aufgrund ihrer Desillusionierung radikalisier‐ ten sie sich und befürworteten den bewaffneten Kampf gegen koloniale Institutionen. 301 In Algerien und Kenia setzten sie den bewaffneten Kampf auch um. Denn dort gab es eine Gruppe, die sich weitaus früher als die Kolonialkriti‐ ker: innen radikalisiert hatte: die europäischen Siedler: innen. Sie weigerten sich mit allen Mitteln, ihre Privilegien zu teilen und Gleichberechtigung zuzulassen. Die Siedler: innen waren seit Kolonisationsbeginn sehr radikal und lehnten kompromisslos jegliche Reform ab. Ihr Rassismus gebot ihnen, die Segregation aufrecht zu erhalten. In Algerien gründeten sie sogar eine Terrororganisation, die Anschläge verübte. In Namibia und Kenia errichtete die Kolonialregierung mit Hilfe der Siedler: innen Konzentrationslager. 302 142 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="143"?> 303 Del Boca, 2011: 43. 304 Burton/ Schenk, (Hg.), 2021; Muschik, 2022; Gerits, 2023. Für die kolonialkritischen Eliten waren diplomatische Vorstöße meist der erste Schritt. In Libyen, das 1912 von Italien besetzt wurde, organisierte der Berber-Anführer Suleiman al-Baruni den Widerstand gegen die Invasoren und erklärte sich zum Emir einer autonomen Region. Er schickte Emissäre nach Rom, um angesichts des Vordringens Italiens wenigstens Teile Libyens unabhängig zu halten, schnell wurde aber klar, dass nur seine 3.500 Mann starke Widerstandsarmee etwas erreichen konnte. Seine Enttäuschung über die abwertende Behandlung der Libyer: innen formulierte er 1913 so: „Von der rechtlichen und religiösen Vorherrschaft der Türken seid ihr direkt unter das Joch eines Volkes geraten, mit dem ihr nichts gemein habt als die Tatsache, dass es auch zur menschlichen Rasse gehört. Sie machen sich kaum die Mühe euch selbst diesen Status zuzugestehen, wie ich denke. Sie sehen in euch nichts anderes als Verkäufer, während sie sich selbst als Käufer verstehen, ihr seid für sie nur ein Sklave und sie sind die Herren.“ 303 Obwohl die europäische Literatur Befreiungsbewegungen meist abwertend als „Aufständische“ und chaotische „Guerillas“ beschrieb, waren diese oft sehr effizient organisierte Streitkräfte und agierten teils wie Staaten. Um zu bestehen, brauchten sie eine strikte Hierarchie nach innen und unterhielten diplomatische Beziehungen nach außen. Solche Beziehungen bestanden zu anderen Befreiungsbewegungen, unabhängigen Staaten des Globalen Südens und zu sozialistischen Ländern, aber auch zur UNO und zu den USA. Zwar bekannte man sich oft zum Sozialismus, aber in den wenigsten Fällen war dies dogmatisch. Vielmehr diente die Anlehnung an den Sozialismus oft dem übergeordneten Zweck der nationalen Unabhängigkeit. 304 In Algerien versuchten zahlreiche Kolonialkritiker: innen wie Ferhat Abbas zunächst, innerhalb des Kolonialreichs Anerkennung, Gleichberechtigung und die französische Staatsbürgerschaft zu bekommen. Als dies immer wieder hinausgezögert wurde, bildete sich militärischer Widerstand. Die algerische Befreiungsfront (Front de Libération Nationale, FLN) wurde im Unabhängig‐ keitskrieg gegen Frankreich (1954-1962) wie ein Staat organisiert. Der FLN wurde von einer Exilregierung unter Ferhat Abbas in Ägypten geleitet, von einem Exekutivkomitee in Algier organisiert und über fünf Verwaltungsebe‐ nen gesteuert (wilaya, mintaqa, nahia, kasma, douar), in denen ein ziviler und ein militärischer Arm agierten. Am algerischen Beispiel wird auch klar, dass Antikolonialismus 143 <?page no="144"?> 305 Byrne, 2019: 144-47. 306 Connelly, 2002. die Befreiungsbewegungen sehr diverse Unterstützernetzwerke hatten. Zu den Unterstützer: innen des FLN gehörten neben der Sowjetunion, China und Kuba auch nicht-sozialistische „blockfreie Staaten“, die Arabische Liga, die USA und Teile der europäischen Bevölkerung, wie in Skandinavien oder gar in Frankreich selbst. 305 Durch aktive Diplomatie und Medienpräsenz sorgte der FLN dafür, dass die algerische Unabhängigkeit in der internationalen Gemeinschaft immer mehr Zuspruch fand. Dagegen geriet die Kriegsführung der Kolonialmacht Frankreich unter anderem wegen der Anwendung von Folter und Kollektivstrafen gegen ganze Dörfer in Verruf. 306 Es verwundert wenig, dass Frantz Fanon seine These vom gewaltsamen Widerstand in Algerien entwickelte. Dort hatten Siedler: innen Praktiken der Demütigung im Alltag und im Gesetz routinisiert. So mussten zum Beispiel laut dem „Eingeborenengesetz“ muslimische Algerier die europä‐ ischstämmige Bevölkerung untertänigst grüßen, sobald sie ihnen über den Weg liefen. Die Körper- und Prügelstrafe wurde fast überall auf die Indigene Bevölkerung angewandt mit dem Argument, Freiheitsentzug oder Bußgeld würden von ihnen gar nicht als Strafe wahrgenommen. Die alltägliche und entmenschlichende Gewalt war so präsent, dass Frantz Fanon in seinem 1961 veröffentlichten antikolonialen Schrift Die Verdammten dieser Erde zum Schluss kam, nur eine komplette Ausrottung dieser entmenschlichenden Gewalt- und Demütigungsstrukturen könne zu einer wirklichen Entkoloni‐ sierung führen. Da die Kolonisierenden für dieses System verantwortlich waren, war ihr Verschwinden eine Bedingung für den Weg zurück vom Untertanen zum Menschen. Der Weg zurück zum Menschsein führte nach Fanon also nicht über ein Wiedereintreten in eine universale Menschheit, die von den Kolonisierenden überhaupt erst definiert und monopolisiert worden war, sondern über die Schaffung einer neuen Art des Menschen, ohne die Kolonisierenden. Gewalt war dafür ein notwendiges Mittel und schloss sowohl psychische als auch physische Gewalt mit ein. Linktipp | Die italienische Filmproduktion „Schlacht um Algier“ von 1966 zeigt den algerischen Befreiungskampf mit algerischen Antikolo‐ nialist: innen als Schauspieler: innen und Szenen, die von Fanons Werk inspiriert sind. Der Film gilt bis heute als authentischste Darstellung des 144 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="145"?> antikolonialen Kampfes: https: / / www.youtube.com/ watch? v=26qSiAx_ aIg (Trailer). Entschieden sich die Kolonialmächte zur Dekolonisierung „von oben“ oder erwirkten die Befreiungsbewegungen „von unten“ das Ende der Kolonialreiche? Der Zweite Weltkrieg war ein Anlass für das Ende der Kolonialreiche, die Gründe für die Dekolonisierung lagen aber tiefer. Aus ihnen lassen sich fünf verschiedene Erklärungsmodelle für die Dekolonisierung ableiten, die in Wirklichkeit immer in Mischformen auftraten: Erstens konnten die Europäer nach dem nationalsozialistischen Mas‐ senmord rassistische Großreiche und koloniale Ausbeutung kaum mehr rechtfertigen. Antikolonialisten wie Mahatma Gandhi aus Indien wurden zu Ikonen des weltweiten gewaltlosen Widerstandes gegen Ausbeutung und Rassismus. Durch den Druck dieser globalen antikolonialen Bewegung und mit zögerlicher Unterstützung der USA und der UNO wandte sich die internationale Gemeinschaft darum gegen die Kolonialreiche. Zweitens scheiterten die Rettungsversuche der verbliebenen Kolonial‐ mächte. Frankreich, Großbritannien und die Niederlande versuchten näm‐ lich, sich die Gunst der Kolonisierten dadurch zu erkaufen, dass sie große Summen in die wirtschaftliche Entwicklung der Kolonien steckten und den Kolonisierten die Staatsbürgerschaft ihres Landes anboten. Als die vom Weltkrieg geschwächten Kolonialmächte aber merkten, dass die Entwick‐ lungsprogramme zu teuer waren und die Kolonisierten als Staatsbürger auch das Wahlrecht bekommen würden, stoppten sie das Projekt und leiteten eine Dekolonisierung „von oben“ ein. Drittens ermöglichte es der Kalte Krieg revolutionären Unabhängigkeits‐ bewegungen „von unten“, Waffen und finanzielle Unterstützung von der sozialistischen oder von der westlichen Seite zu bekommen. Diese Strategie war aber riskant, denn oft wandelten sich dann Unabhängigkeitskriege in Stellvertreterkriege zwischen Ost und West, die sich wie in Vietnam oder Angola über Jahrzehnte hinzogen. Viertens schafften es die Befreiungskämpfer nicht nur, effiziente Revoluti‐ onsarmeen aufzustellen, sondern gründeten auch nationale und übernationale Parteien zur Mobilisierung der Zivilbevölkerung. Dazu nutzten sie neue Antikolonialismus 145 <?page no="146"?> 307 Boehmer, 2013: 307-323. Mobilisierungsstrategien wie den antikolonialen Nationalismus, den Sozia‐ lismus, den Islamismus, den Panafrikanismus oder den Panarabismus. Bei der Unabhängigkeit entstanden sogar übernationale Großstaaten wie die panafrikanische Föderation zwischen Senegal und Mali oder ein panarabi‐ scher Zusammenschluss zwischen Ägypten und Syrien. Auf lange Sicht hin erwiesen sich aber die nationalen Befreiungsbewegungen am nachhaltigsten. Aus ihnen entstanden keine Föderationen, sondern einzelne Nationalstaaten nach europäischem Vorbild, die oft sozialistisch ausgerichtet waren. Fünftens kam es aufgrund der europäischen Repressionspolitik in allen antikolonialen Bewegungen zu einer Radikalisierung. Zunächst wollten Unabhängigkeitsführer wie Jomo Kenyatta in Kenia oder Ferhat Abbas in Algerien noch eine einvernehmliche Lösung finden. Doch die britische Kolonialmacht verhaftete Kenyatta, und die französische Kolonialregierung setzte Abbas fest. In beiden Ländern kam es aufgrund der Unnachgiebigkeit der europäischen Regierungen zu revolutionären Unabhängigkeitskriegen, denen die Kolonialmächte mit Gewalt, Folter und Repression entgegentra‐ ten. Besonders in der Siedlerkolonie Französisch-Algerien, wo sich die europäischen Kolonisten an ihre Macht klammerten, eskalierte die Gewalt. Am Ende aber scheiterten Kolonialreiche an ihren inneren Widersprü‐ chen. Sie versprachen wirtschaftliche Entwicklung und politische Selbstbe‐ stimmung, hielten aber ihr Wort nicht und setzten diese Ziele selten um. Stattdessen hielten sie an der strukturellen Gewalt fest und schlugen fried‐ liche Proteste brutal nieder. Angesichts der Unnachgiebigkeit der Kolonial‐ mächte mussten die Befreiungsbewegungen ihr Ziel der friedlichen Deko‐ lonisation aufgeben. Selbst in Indien und Südafrika, die für ihre Philosophien des gewaltlosen Widerstands bekannt wurden, ging die Dekolonisierung nicht ohne Gewalt von statten. Auch Nelson Mandela gab seine Orientierung an Gandhi auf, dessen ziviler Ungehorsam ihm nicht ausreichend erschien, um die totalisierende Tendenz der Apartheid zu unterminieren. Obwohl er als friedliebend galt, sah Mandela unter diesen Umständen (inszenierte) Gewalt als notwendig an, um die Unterdrückung der Schwarzen durch die Weißen in Südafrika zu beenden. Damit näherte er sich seinen Mitstrei‐ tern wie Steve Biko an, die schon lange verstanden hatten, dass man die Unabhängigkeit nicht geschenkt bekommt: „Eine unterdrückte Gruppe kann Freiheit nicht geschenkt oder gewährt bekommen; sie kann nur durch eigene Hände befreit werden.“ 307 146 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="147"?> 308 Tschurenev, 2019. 309 Lee, 2010. 310 Unger, 2015: 19. Gab es nach der Unabhängigkeit nur autoritäre und korrupte Regime? Zunächst herrschte in den meisten Ex-Kolonien große Euphorie über die Unabhängigkeit. Die Bevölkerung rückte zusammen und sorgte für ein blühendes kulturelles, politisches und wirtschaftliches Aufleben, das unter der Kolonialherrschaft kaum möglich war. Erfolgreiche Alphabetisierungs‐ kampagnen, Universitätsgründungen, Investitionen in die Gesundheitsfür‐ sorge, Staatsunternehmen und Wohnungsbauinitiativen zeigten, wie schnell man aus dem Kolonialstaat einen Sozialstaat machen konnte, wenn man nur wollte - und demokratische Legitimität brauchte. 308 Die Unabhängig‐ keitsregierungen waren sich bewusst, dass nur die wirtschaftliche Entwick‐ lung ihrer neuen Gesellschaften einen Wohlfahrtsstaat gegenfinanzieren konnte. Die wirtschaftliche Entwicklung hatte man schon auf der antiko‐ lonialen Konferenz von Bandung im Jahr 1955 zum übergeordneten Ziel ausgegeben. 309 Die Unabhängigkeitsregierungen investierten darum in die wirtschaftliche Infrastruktur, bauten Staudämme zur Stromproduktion und Stahlwerke als Schlüsselindustrien, erschlossen neues fruchtbares Land und planten „grüne Revolutionen“ zur Bekämpfung der (typisch kolonialen) Nahrungsmittelknappheit. Häufig geschah dies durch Kollektivierung und Motivierung der ländlichen Bevölkerung, die zum Beispiel 80 % der indi‐ schen Staatsbürger: innen ausmachte. 310 Diese Projekte wurden im Glauben an Fortschritt und dessen Planbarkeit durchgeführt. Indien entwarf unter der Kongresspartei Fünf-Jahres-Pläne und setzte sich die Importsubstitution zum Ziel: man wollte sich von Importen aus dem Ausland durch inländische Produktionssteigerung unabhängig machen. In Indonesien propagierte der erste Präsident Sukarno den Marhaenismus, der eine marxistisch inspirierte Landwirtschaft vorsah, in der Kleinbauern mit begrenzten Produktionsmit‐ teln die Führung anstelle eines nicht existenten „Proletariats“ übernehmen sollten. Weltweite Bekanntheit erlangte die bereits erwähnte Ujamaa-Phi‐ losophie des tansanischen Präsidenten Julius Nyerere, die aus einem vor‐ kolonialen Gemeinschaftssinn einen „afrikanischen Sozialismus“ ableitete. Nyerere definierte ihn so: Antikolonialismus 147 <?page no="148"?> 311 Nyerere, 1973. 312 Lorenzini, 2022. 313 Siehe dazu: Cooper, 2002. „‚Ujamaa‘, also, oder ‚Familiensinn‘, beschreibt unseren Sozialismus ganz gut. Er richtet sich gegen den Kapitalismus, der eine glückliche Gesellschaft mit der Aus‐ beutung von Menschen durch Menschen herstellen will. Er richtet sich aber auch gegen den doktrinären Sozialismus, der eine glückliche Gesellschaft aus seiner Philosophie des unumgänglichen Kampfes zwischen Menschen herleitet.“ 311 Im Jahr 1967 wurde mit der Arusha-Deklaration der afrikanische Sozialis‐ mus zum offiziellen Programm. Die Herstellung einer „glücklichen Gesell‐ schaft“ war zweifelsohne ein ernst gemeintes Ideal der meisten Unabhän‐ gigkeitsregierungen. Er verlangte aber auch einen straffen Führungsstil, der nicht nur von Politiker: innen, sondern auch von technokratischen Planungsstäben eingefordert wurde. Mit der autoritären Umstrukturierung der Gesellschaft und der Einführung von planmäßigen Entwicklungspro‐ jekten standen die ehemaligen Kolonien aber nicht allein da. Vielmehr gab es einen internationalen Trend zum „social engineering“ und sowohl die sowjetischen Staaten als auch die liberalen Vereinigten Staaten zeigten ähnliche Tendenzen, zum Beispiel als die Tennessee Valley Authority ein Staudamm- und Entwicklungsprojekt ländlicher Regionen umsetzte, das Zwangsumsiedlungen einschloss und vorrangig Schwarze traf. 312 Fünf Hindernisse ergaben sich für die Unabhängigkeitsregierungen, die ein prosperierendes wirtschaftliches Leben ermöglichen wollten: 313 Erstens mussten sie das Erbe des kolonialen „Gate Keeper“-Staates über‐ winden. Der „Gate Keeper State“ reduzierte den Staat darauf, die Ausbeutung und den Export von Rohstoffen und Plantagenprodukten zu sichern, ohne Wohlstand, Wohlergehen und Wohlfahrt für die Bevölkerung zu schaffen. Dies ließ sich nur durch Enteignungen der großen kolonialen Konglomerate in europäischem Besitz, wie Minen- und Plantagenunternehmen gewähr‐ leisten. Zweitens mussten zu Großprojekten oft europäische Expert: innen und Kapital hinzugezogen werden, was die Abhängigkeit von der „Entwick‐ lungshilfe“ verstärkte. Drittens waren einige der neuen Staaten teils gar nicht vollständig unab‐ hängig, sondern Außenpolitik, Geldpolitik, Armeeführung oder Exportpo‐ litik blieben in den Händen der ehemaligen Kolonialmächte. So blieb die Währung afrikanischer Staaten bis ins 21. Jahrhundert an den französischen 148 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="149"?> 314 Verschave, 2009. 315 Mende, 2020. 316 Rempe, 2012. 317 Cooper, 2020. Franc - und damit an die Entscheidungen der Zentralbank in Paris - gekoppelt. 314 Viertens wurde die Regierung und die höhere Verwaltung größtenteils von Menschen übernommen, die bereits in Kolonialverwaltungen gearbei‐ tet hatten oder in Europa ausgebildet worden waren. Ihre Beziehungen nach Europa drohten oft die Form von Abhängigkeit oder gar Hörigkeit anzunehmen. Dass die Verwaltungssprache oft Englisch oder Französisch blieb, schuf ein weiteres Einfallstor für westliche Einflüsse. 315 Fünftens gab es zunehmend interne Verteilungskämpfe und Kritik an den einst unantastbaren Anführern der Unabhängigkeit und an oft korrum‐ pierten Eliten. Die Unzufriedenheit drückte sich in Militärputschen und ethnisierten Konflikten aus. Grundsätzlich nehmen Historiker: innen aber an, dass die Zeit direkt nach der Unabhängigkeit durchaus politisch, wirtschaftlich und kulturell erfolgreich war. Die durchschnittliche Lebenserwartung stieg von 35 auf 50 Jahre, die Kindersterblichkeit ließ nach, die Alphabetisierungsrate stieg. Drei Entwicklungen sorgten aber in den 1970er und 1980er Jahren für tiefergreifende Krisen. Erstens traten viele Held: innen der Unabhängigkeit als politische Anführer: innen ab und die neuen Regierungen hatten es schwerer, in der Bevölkerung Akzeptanz zu finden und diese hinter sich zu vereinen. Zweitens setzte seit 1973 die Weltwirtschaftskrise den instabilen Nationalökonomien der ehemaligen Kolonien besonders zu, die noch beson‐ ders vom Weltmarkt und globalen Preisschwankungen abhängig waren. 316 Drittens kamen seit 1980 im Globalen Norden neoliberale Regierungen an die Macht, die auch die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds dominierten. Sie zwangen den oft verschuldeten Ex-Kolonien so genannte Strukturanpassungsprogramme auf. Geld gab es von diesen Programmen nur, wenn die jungen Staaten ihre Wohlfahrts- und Bildungspolitik abbauten und sich dem neoliberalen Markt ergaben - was sich auch wirtschaftlich als verheerend herausstellte. 317 Damit setzte zumindest in Afrika ein unvorhergesehener Niedergang des politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Lebens ein. In Asien Antikolonialismus 149 <?page no="150"?> konnte man diese Krisen durchaus besser bewältigen, auch wenn sich dabei vorrangig Länder hervortaten, die nicht kolonisiert gewesen waren. Abbildung 5: Lebenserwartung bei der Geburt und Kindersterblichkeitsrate in Subsahara- Afrika, 1950 bis 2000 (eigene Darstellung nach Cooper, 2002, 109) - Primary Secondary Tertiary Year Male Fe‐ male Total Male Fe‐ male Total Male Fe‐ male Total 1960 54.4 32.0 43.2 4.2 2.0 3.1 0.4 0.1 0.2 1970 62.3 42.8 52.5 9.6 4.6 7.1 1.3 0.3 0.8 1980 88.7 70.2 79.5 22.2 12.8 17.5 2.7 0.7 1.7 1990 81.9 67.6 74.8 25.5 19.2 22.4 4.1 1.9 3.0 1997 84.1 69.4 76.8 29.1 23.3 26.2 5.1 2.8 3.9 Tabelle 5: Einschulungsquote in Subsahara-Afrika, 1960-1997, in Prozent (eigene Darstel‐ lung nach Cooper, 2002, 111) 150 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="151"?> c.1960 a 1970 1980 1990 1998 Country Male Fe‐ male Male Fe‐ male Male Fe‐ male Male Fe‐ male Male Fe‐ male Congo/ Zaire 49 14 35 11 48 21 62 34 71 47 Côte d’Ivoire 8 2 25 6 34 13 44 24 53 36 Ghana - - 43 17 58 31 70 47 79 60 Kenya 30 10 56 26 70 43 81 61 88 74 Nigeria 25 6 31 10 45 22 60 38 70 53 Senegal 10 1 23 6 31 12 38 19 45 26 South Africa 41 40 72 68 78 75 82 80 85 84 Uganda 44 26 51 22 61 31 69 43 76 54 Zambia 53 30 64 32 72 47 79 59 84 69 Zim‐ babwe 48 31 66 49 78 62 87 75 92 83 a All are 1962 except Senegal 1961, South Africa 1960, Zambia 1963 Tabelle 6: Alphabetisierungsraten in ausgewählten afrikanischen Ländern, von 1960- 1998, männliche und weibliche Personen über 15, in Prozent (eigene Darstellung nach Cooper, 2002, 114) Antikolonialismus 151 <?page no="153"?> Erinnerungspolitiken Wer erinnert sich wie an die Zeit des Kolonialismus, an Gewalt, Kriege, Eroberungen? In diesem Kapitel geht es auch um zurückzugebende Kunstwerke, um die Umbenennung von Straßen und um Black Lives Matter. <?page no="154"?> 318 Langewiesche, 2019: 349. 319 Sessions, 2009: 29-44. Was versteht man unter „kolonialer Amnesie“ und der „Beschweigung kolonialer Gewalt“ und welche Rolle spielten sie nach der Unabhängigkeit? Schon koloniale Eroberungskriege zwischen dem 15. und dem frühen 20. Jahrhundert waren für ihre außergewöhnliche Gewalt bekannt. Euro‐ päer: innen gingen davon aus, dass ihre Gegner: innen „irreguläre“ Kriege führten, die heute eher als asymmetrische Kriegsführung bezeichnet wird. Zum Symbol dafür war der Partisanen- und Guerillakrieg geworden, wel‐ cher sich angeblich durch Hinterhalte und Massaker an Zivilist: innen sowie durch Plünderungen zur Selbstversorgung auszeichnete. Obwohl oft das Gegenteil der Fall war, schufen Europäer: innen den Mythos vom irregulären Krieg und nahmen ihn zum Anlass, selbst mit äußerster Brutalität vorzu‐ gehen. Sie nannten ihre Eroberungskriege Strafaktionen und verwüsteten ganze Dörfer und Landstriche, in denen sie Kollaborateur: innen vermuteten. So entwickelte der französische General Bugeaud bei der Eroberung Algeri‐ ens seit den 1830er Jahren die Taktik der „Razzia“ (abgeleitet vom algerischarabischen Wort ghaziy für Kriegszug). 318 Dazu gehörte die Ausräucherung in Höhlen, die Zerstörung von Dörfern und Ernten und die Erklärung widerständiger Zivilist: innen zum Todfeind - was auch deren Vernichtung rechtfertigen konnte. Die Kolonialmächte nannten diese Gewaltexzesse „bedauernswert, aber notwendig“, was insgesamt zu einem Motto der kolonialen Gewalt wurde. 319 Vor dem Hintergrund dieser Brutalisierung fanden auch die Unabhän‐ gigkeitskriege nach 1945 statt, deren Tendenz zur Massenvernichtung man unter Kolonialmächten allerdings weniger gerne thematisierte. In der Tat sprach man in Frankreich vom algerischen Unabhängigkeitskrieg (1956-1962) bis in die 1990er Jahre hinein lediglich von den „Ereignissen“. In Großbritannien verschwanden Archive der Kolonialadministration in Kenia, welche die Verschleppung und Hinrichtung von antikolonialen Be‐ freiungskämpfern im Unabhängigkeitskrieg (1952-1960) dokumentierten. In diesem Krieg kämpften vor allem die kenianischen Kikuyu unter dem Motto ithaka na wiyathi (Land und Freiheit) gegen ihre Vertreibung von fruchtbarem Land, das dann weißen Siedler: innen zur Verfügung gestellt wurde. In Großbritannien stellte man sie als „Barbaren“, „Wilde“ und brutale 154 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="155"?> 320 Elkins, 2005: ix. 321 Anderson, 2005. 322 Mabon. 2002: 86-95. 323 Frey, 2022. 324 Borutta/ Jansen (Hg.), 2016; Kalter, 2022. 325 Slobodian, 2012; Levsen/ Patel, 2022: 371-390; Metzler, 2018. Sekte dar und steckte sie in Lager, die Gulags ähnelten. Wenn von der Folter und Erschießungen etwas bekannt wurde, sprachen die Briten von einzelnen „Vorfällen“. 320 Dabei kamen etwa 20.000 (offiziell 11.000) Aufständische um, und 78.000 wurden schon bei unbegründtem Verdacht der Unterstützung des Aufstands in die Lager gebracht. Mehr als Tausend wurden nach britischen Angaben hingerichtet. 321 Auch die Akten zum französischen Massaker im Rückkehrerlager von afrikanischen Kolonialsoldaten in Thiaroye (Senegal) nach dem Zweiten Weltkrieg sollen gezielt vernichtet worden sein. 322 Über die opferreichen Unabhängigkeitskriege in Kamerun, Madagaskar, Malaysia und Indonesien gab es in Europa wenig zu hören, und wenn, dann hörte es sich nach Maßnahmen zur Wiederherstellung von Ordnung an, wie counter‐ insurgency oder Polizeiaktion. Ob diese absichtlich „vergessenen Kriege“ gleichbedeutend mit einer kolonialen „Amnesie“ waren, also dem aktiven Verdrängen und Vergessen der gesamten Kolonialvergangenheit, ist aber fraglich, auch wenn die „koloniale Amnesie“ mittlerweile zu einer Floskel in den Medien geworden ist. Vor allem die Diskussionen um den Vietnamkrieg (1955-1975), der zunächst von der dortigen Kolonialmacht Frankreich und dann von den USA geführt wurde, prägten Gesellschaften weltweit und machten ihnen die Folgen des Kolonialismus bewusst. 323 In Asien und den USA wurde der Krieg zum kollektiven Trauma, in Europa gab es große antiimperialistische Demonstrationen, vor allem aus dem Umfeld der Studierendenbewegung um 1968. Eine andere Bewegung war noch bedeu‐ tender: Die Migrationsbewegung. Millionen von europäischen Siedler: innen kamen nach der Unabhängigkeit von Algerien, Kenia, Indonesien, Mosam‐ bik und Angola nach Europa zurück und entwickelten sowohl eine im Alltag verankerte Erinnerungskultur als auch oft eine revanchistische politische Einstellung, die Wahlen entscheiden konnte. 324 Eine ähnlich aktive, aber politisch entgegengesetzte Erinnerungskultur kam durch nichteuropäische Migrant: innen und die migrantische Diaspora in den Globalen Norden. Menschen, die aus ehemaligen Kolonien nach Europa oder Nordamerika einwanderten, thematisierten die Gewalt des Kolonialismus sehr offensiv. 325 In vielen Ländern ist die Erinnerung an den Kolonialismus kreativ in Erinnerungspolitiken 155 <?page no="156"?> 326 Erdur, 2024; Wagner, 2024. 327 Castro Varela/ Dhawan, 2020; Conrad et al. (Hg.), 2013. migrantische Subkulturen wie den Rap eingebunden und dabei inhaltlich mit dem Protest gegen Diskriminierung der Migrant: innen verbunden. Plakativ formuliert gab es also verschiedene Erinnerungskulturen an den Kolonia‐ lismus, eine nostalgische von „rechts“ und eine verurteilende von „links“ sowie eine migrantische, die in beiden rassistische Strukturen erkannte, wenn auch mit Abstufungen. 326 Eine „koloniale Amnesie“ im Sinne eines kompletten Verdrängens oder Vergessens gab es demnach nur bedingt. Ein „Beschweigen“ der kolonialen Gewalt (das im Gegensatz zum eher passiven Ver-schweigen ein sehr aktiver und aufwendiger Prozess des Kaschierens und Leugnens war) kam durchaus von den kolonisierenden Gesellschaften, wohingegen die Kolonisierten sie lautstark anprangerten. Literaturtipp | Zur Diskussion um Erinnerungskulturen gibt es fol‐ gende weiterführenden Titel: Michael Rothberg, Multidirektionale Er‐ innerung. Holocaustgedenken im Zeitalter der Dekolonisierung, Berlin 2024; Susan Neiman u. Michael Wildt (Hg.), Historiker streiten. Gewalt und Holocaust die Debatte, Berlin 2022; Jürgen Zimmerer (Hg.), Er‐ innerungskämpfe. Neues deutsches Geschichtsbewusstsein, Ditzingen 2023. Was bedeuten Neokolonialismus und Postkolonialismus - und was unterscheidet sie? Die Periode nach dem offiziellen Ende der Kolonialherrschaft (ca. 1960) bezeichnete man zunächst als neokoloniale Epoche, seit den 1990er Jahren spricht man eher vom postkolonialen Zeitalter. Beide Begriffe beschreiben das Fortdauern kolonialer Strukturen nach der politischen Unabhängigkeit der Kolonien um 1960, zum einen durch wirtschaftliche Ausbeutung (Neoko‐ lonialismus) und zum anderen durch kulturell-sprachliche Herabwürdigung (Postkolonialismus). 327 Neokoloniales Wirtschaften und (post-)koloniale Kultur prägen demnach unser Handeln und Denken bis heute, auch das Handeln und Denken scheinbar unbeteiligter Menschen. Während die wirt‐ schaftliche Ausbeutung vor allem Menschen in den vormaligen Kolonien 156 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="157"?> 328 Boatcǎ, 2023: 115-126. 329 Nkrumah, 1965: 186-188. Übersetzungen FW. das Leben schwer macht, hält sich koloniale Kultur vorrangig bei den ehemaligen Kolonialmächten. Spürt man sie nicht am eigenen Leib, sind ne‐ okoloniale Wirtschaftsverhältnisse und postkoloniale Diskriminierung gar nicht so einfach zu erkennen, selbst, und vor allem wenn man davon profi‐ tiert. Die Beharrungskraft kolonial-rassistischen Denkens im postkolonialen Zeitalter verhindert dabei, dass u. a. Deutsche ohne Kolonisationserfahrung ihre aus dem Kolonialismus entstandenen Privilegien überhaupt erkennen und kritisch hinterfragen können. 328 Als Kwame Nkrumah, der erste Präsident des unabhängigen Ghana, den Begriff Neokolonialismus 1962 popularisierte, bezeichnete er die „Me‐ thoden der Neokolonialisten“ als „subtil und mannigfaltig.“ Der Neokolo‐ nialismus entspräche einer „unsichtbaren Regierung“ ehemaliger Kolonien durch westliche Firmen, (bilaterale und multilaterale) Entwicklungshilfe, Gewerkschaften, Geheimdienste, Presse etc. Der Neokolonialismus offen‐ barte sich in wenig bekannten, aber tiefsitzenden Strukturen wirtschaftli‐ cher Ungleichheit. Wie Nkrumah berichtete, fiel zwischen 1951 und 1961 das „allgemeine Preisniveau für Primärerzeugnisse um 33,1 % während die Preise der Fertigwaren um 3,5 % anstiegen.“ Da der Globale Süden überwiegend Rohstoffe produzierte, litt er besonders unter den sinkenden Weltmarktpreisen. Sie kosteten „asiatischen, afrikanischen und lateiname‐ rikanischen Ländern […] 414.000 Millionen Dollar.“ Ihre Abhängigkeit vom Westen äußerte sich 1961 in „Auslandsschulden von 27.000 Millionen Dollar, auf die sie einen Zins und Bearbeitungsgebühren von 5.000 Millionen Dollar zahlten.“ 329 Unter den vielen Konsequenzen dieser Verhältnisse war Armut die problematischste. Das Fortdauern (post-)kolonialer Kultur ist weitaus schlechter quantifi‐ zierbar, aber nicht weniger wirkmächtig. Mit Postkolonialismus ist dabei nicht einfach die Zeit nach dem offiziellen Ende des Kolonialismus gemeint, obwohl manche den Ausdruck im Sinne von „nachkolonial“ verwenden. Der Begriff kommt vielmehr aus den Sprach- und Literaturwissenschaften, die in den 1980er Jahren festgestellt haben, dass westliche (Bild-)Sprachen weiterhin koloniales Denken reproduzieren. Es ging dabei um einzelne Worte, aber auch um ganze Wortfelder, die grammatikalisch und assoziativ miteinander verbunden sind (Strukturalismus). So hat der Literaturwis‐ senschaftler Edward Said 1978 gezeigt, dass das Wort „Orient“ in der Erinnerungspolitiken 157 <?page no="158"?> 330 Said, 2009: 84. 331 Said, 2009: 11. 332 Nkrumah, 1965: 200. europäischen Literatur und Malerei immer mit Attributen wie unmodern, rückständig oder irrational auftaucht. Die Häufung dieser Attribute (Dis‐ kurs) suggeriert, dass der „Orient“ westlich-rationaler Kultur nicht nur fremd ist, sondern ihr Gegenteil darstellt. Indem Literatur solche Diskurse permanent reproduziert, beschreibt Sprache nicht, was ist, sondern schreibt vor, wie es sein soll (Problem der Repräsentation). Daraus resultiert ein aktives „Fremdmachen“ (Othering), durch welches zum Beispiel der „Ori‐ ent“ und der Islam zur „Negativkulisse europäischer Selbstinszenierungen“ als fortschrittliche und überlegene Kultur wurde. 330 Postkoloniale Ansätze hinterfragen solche Sprachstrukturen kritisch und im Bewusstsein, dass man „mit Worten Dinge tun kann“. Mit (Bild-)Sprache kann man bestimmte Gruppenkategorien überhaupt erst erschaffen und auf bestimmte Klischees reduzieren (Orientalismus), um sie dann herabwürdigen, ausgrenzen und als kolonisierbar darstellen zu können. So resümiert Said, Orientalismus sei „seither ein westlicher Stil, den Orient zu beherrschen, zu gestalten und zu unterdrücken“. 331 Demnach kann man durch Sprache regieren, was sie auch zum Instrument einer „unsichtbaren Regierung“ macht. Aus der analytischwissenschaftlichen Erkenntnis, dass koloniale (Regierungs-)Strukturen in Wirtschafts- und Sprachsystemen fortlebten, leitete sich ein aktivistischemanzipatives Programm ab, das Theoretiker des Neokolonialismus und des Postkolonialismus teilen. Die Beschäftigung mit beiden zielt in Nkrumahs Worten darum darauf ab, dass „die hilflosen Opfer eines Systems in Zukunft fähig sein werden, Gegendruck auszuüben.“ 332 Bei der Analyse von Neo- und Postkolonialismus sind darum Wissenschaft und Aktivismus kaum zu trennen. Literaturtipps | Samir Amin, Neo-colonialism in West Africa, Har‐ mondsworth 1973; Achille Mbembe, On the Postcolony, Berkeley, Calif. 2010 Zu Postkolonialismus und der Kolonialität unseres Zeitalters: María do Mar Castro Varela und Nikita Dhawan, Postkoloniale Theorie. Eine kri‐ tische Einführung, Wien u.a. 2020; Manuela Boatcǎ, Postkolonialismus und Dekolonialität, in: Manuela Boatcă u.a. (Hg.), Handbuch Entwick‐ 158 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="159"?> 333 Louro (Hg.), 2020: 19. lungsforschung, Wiesbaden 2015, S. 1-12; Sabelo J. Ndlovu-Gatsheni, Coloniality of Power in Postcolonial Africa. Myths of decolonization, Dakar, Senegal 2013; Walter D. Mignolo u. a. (Hg.), Aníbal Quijano. Foundational essays on the coloniality of power, Durham 2024. Wie hängt der Antikolonialismus mit der Idee der Dritten Welt und der Blockfreien-Bewegung zusammen? Die Vorstellungen von einer gemeinsamen antikolonialen Front standen am Beginn der Idee der Dritten-Welt-Bewegung und der Blockfreien-Be‐ wegung, beides Begriffe, die entgegen allgemeiner Annahme von den Kolonisierten selbst stammen. Im Februar 1927 trafen sich 174 Delegierte aus 31 Staaten, Kolonien oder Regionen, sowie 134 private Organisationen in Brüssel zu einem Kongress gegen koloniale Unterdrückung und Impe‐ rialismus. Auf dem Kongress tauschten sie sich über ihre gemeinsame Diskriminierungserfahrung durch Rassismus und Kolonisierung aus. Der Kongress repräsentierte den Wunsch der Kolonisierten, sich weltweit gegen den Kolonialismus zu organisieren und zu engagieren. Dafür gründeten sie die Liga gegen Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit. Dieser Zusammenschluss bedeutete ein doppeltes Novum: Erstens erklärten Kolonisierte erstmals die Unabhängigkeit als Nation zum bevorzugten Ziel antikolonialen Widerstands. Zweitens machte sich die Kommunistische Internationale (Komintern) erstmals offiziell zum Fürsprecher des Antikolonialismus. Organisiert hatte den Kongress nämlich der Erfurter Kommunist Willy Münzenberg, welcher Moskau treu ergeben war und von dort finanziell ausgestattet wurde. Trotz seiner guten Beziehungen war Münzenberg überrascht, welch ein Erfolg der Brüsseler Kongress wurde. 333 Er hatte wohl den Nerv der Zeit getroffen. Denn die Einladung erfolgte nicht nur über kommunistischsozialistische Kanäle, sondern wandte sich auch an bereits existierende kolonial- und rassismuskritische Netzwerke, zu denen auch panasiatische, panafrikanische und panislamische Schicksalsgemeinschaften gehörten, die ungeachtet nationaler Grenzen gemeinsame Anliegen und emanzipative Erinnerungspolitiken 159 <?page no="160"?> 334 Mishra, 2013: Kapitel 4; Aydin, 2019. 335 Louro (Hg.), 2020: 18. 336 Louro (Hg.), 2020: 34. 337 Brückenhaus, 2017; Wagner, 2023: 169-204. Identitäten entwickelten. 334 Unter den Teilnehmer: innen des Kongresses gegen den Imperialismus waren Abgeordnete aus China, Japan, Indonesien, Indien, Nordafrika, Südafrika, Lateinamerika, Philippinen und Persien, aber auch viele Europäer: innen waren dabei. Erstmals kamen also erprobte Berufsrevolutionär: innen, afro-amerikanische Bürgerrechtler: innen, musli‐ mische Antikolonialist: innen, europäische Kolonialkritiker: innen, sowjeti‐ sche Kadersozialist: innen, indische Aktivist: innen des zivilen Ungehorsams und lokale Parteipolitiker: innen aus Afrika zusammen und erlebten die Kraft des gemeinsamen Widerstands. Einige Teilnehmer gingen später als Unabhängigkeitsführer in die Geschichte ein, wie das erste Staatsoberhaupt des unabhängigen Indien, Jawaharlal Nehru, Indonesiens erster Vizepräsi‐ dent Mohammad Hatta und der „Vater des algerischen Nationalismus“, Messali Hadj. Das Ziel der aus dem Kongress entstandenen Liga gegen den Imperialismus und für nationale Unabhängigkeit war es, eine „ständige weltweite Organisation zu schaffen, die alle Kräfte gegen Imperialismus und koloniale Unterdrückung vereint.“ 335 Die Liga (engl. League Against Imperialism and for National Independence) hatte trotz Weltkriegsunruhen zehn Jahre Bestand und verstand sich der Historikerin Michele Louro zufolge als „echter Völkerbund“ (engl. real League of Nations). 336 Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte die antikoloniale Internationale eine neue Dynamik und ließ Europa wissen, dass es nicht mehr das Maß der Dinge in den internationalen Beziehungen war. In der Zwischenkriegszeit war die antikoloniale Internationale noch auf europäische Städte wie Genf, Paris, Brüssel, Berlin, Hamburg und London beschränkt und konnte dort auch sehr gut kontrolliert werden. Dies war zum Beispiel der Fall bei dem Panafrikanischen Kongress von 1919 in Paris, zu dem kaum Abgeordnete aus den afrikanischen und karibischen Kolonien anreisen durften. 337 Die Unabhängigkeit von Ländern wie Indien (1947), Indonesien (1949), Ghana (1957) und Algerien (1962) ermöglichte nach dem Weltkrieg, dass diese zu Zentren des antikolonialen Internationalismus wurden. 1955 fand die berühmte Konferenz von Bandung in Indonesien statt. Amilcar Cabral nannte Algier das „Mekka der Revolutionäre“, denn dorthin reisten nach der Unabhängigkeit 1962 Ikonen der Befreiungsbewe‐ 160 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="161"?> 338 Burton, 2019: 25-56. 339 Lee, 2010. gungen wie Che Guevara, Nelson Mandela und Yassir Arafat. Die Block‐ freien-Bewegung, die Dritte-Welt-Bewegung und auch die Panafrikanische Bewegung erhielt Unterstützung aus Algier. Aber auch Kulturfestivals wie das Panafrikanische Festival von 1969 machten Algier zu einer der Hauptstädte des antikolonialen Internationalismus. Im Kairo der 1950er Jahre wurde konkreter für den Befreiungskampf gearbeitet, dort befanden sich Büros der Befreiungsbewegungen aus Tansania, Algerien, Marokko und Tunesien, sowie das Hauptquartier des Afro-Asiatischen Solidaritäts‐ kommitees (1957). Wie der ägyptische Präsident und Revolutionär Gamal Abdel Nasser in seinem programmatischen Buch Philosophie der Revolution (1954) darlegte, wollte er antikolonialen Panarabismus und Panafrikanismus mit dem Panasianismus vereinen, genauso wie sein libysches Pendant Muammar al Gaddafi. 338 Beide neigten dabei zu einer autoritären Herange‐ hensweise, die mit einem Personenkult verbunden war. Maßgeblich zur übergreifenden Kooperation trug die Konferenz von Bandung im Jahr 1955 bei. Die Konferenz versammelte 29 asiatische und afrikanische Staaten und war ein bedeutendes Ereignis in der Geschichte der Blockfreien-Bewegung und der Dritten Welt. Zu den Teilnehmern gehörten prominente Führer wie Jawaharlal Nehru (Indien), Sukarno (Indonesien), Gamal Abdel Nasser (Ägypten), Zhou Enlai (China) und Kwame Nkrumah (Ghana). Ein zentraler Beschluss war die Deklaration gegen Kolonialismus, die die vollständige Unabhängigkeit aller kolonisierten Länder forderte und die Unterstützung für Befreiungsbewegungen weltweit bekräftigte. Die Teilnehmer: innen be‐ tonten auch die Prinzipien der friedlichen Koexistenz, um Spannungen zwischen unterschiedlichen politischen Systemen abzubauen und eine Basis für den Dialog zu schaffen. Am wichtigsten erschien den Teilnehmenden aber die Förderung wirtschaftlicher Zusammenarbeit, um den Wohlstand in den neu unabhängigen Ländern zu steigern und die Herausforderungen der Entwicklung gemeinsam anzugehen. 339 Etwas radikaler gestaltete sich 1966 das Treffen der Trikontinentale in Havanna. Ein zentrales Thema der Konferenz war die Solidarität mit antikolonialen und sozialistischen Bewegungen weltweit, wobei die Teilnehmer ihre Unterstützung für die Kämpfe gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit bekräftigten. Darüber hinaus wurde ein gemeinsamer Aufruf zur Bekämpfung des Imperialismus und des Neokolonialismus formuliert, der die Notwendigkeit einer revolu‐ Erinnerungspolitiken 161 <?page no="162"?> 340 Kalter, 2011; Westad, 2010; Prashad, 2007; Escobar, 1995. tionären Praxis betonte. Die Konferenz förderte auch die Idee einer engeren politischen und wirtschaftlichen Zusammenarbeit zwischen den Ländern der so genannten Dritten Welt, um gemeinsame Herausforderungen zu be‐ wältigen. Somit war die internationale Kooperation zwischen antikolonialen Kräften die Grundlage für die Bildung der Dritten-Welt-Bewegung und der Blockfreien-Bewegung, auch wenn Panafrikanismus, Panasianismus und Panarabismus immer als Alternativen gehandelt wurden und sich viel öfters konkretisierten als die eher abstrakten Konzepte der Dritten Welt und der blockfreien Staaten. 340 Linktipps | Unter https: / / www.meer.com/ de/ 87971-die-blockfreien-sta aten-und-das-21-jahrhundert zeichnet Fernando Ayala die Geschichte der Blockfreien Staaten nach. Interessant dazu ist auch ein Blog der Universität Bremen über die New International Econmic Order-(NIEO). Dort schreibt unter anderem Thies Meyer über die Entwicklung der Blockfreien Staaten: https: / / blogs.uni-b remen.de/ NIEO2/ geschichte-der-nieo/ die-bewegung-der-blockfreien-s taaten/ . Im Feature von Deutschlandfunk Nova geht es um die Gründungsge‐ schichte der Bewegung Blockfreier Staaten: https: / / www.deutschlandfun knova.de/ beitrag/ kalter-krieg-die-gruendung-der-bewegung-der-blockfre ien. Was ist die Vierte Welt und warum entstand sie durch den Siedlungskolonialismus? Als die UNO 1960 mit der Declaration on the Granting of Independence to Co‐ lonial Countries and Peoples (Resolution 1514) die nationale Unabhängigkeit der Kolonien zur Aufgabe der Weltgemeinschaft machte, fühlten sich nicht wenige unterdrückte Gruppen übergangen. Proteste kamen von Indigenen Gruppen, die nicht in Kolonien, sondern innerhalb nominell unabhängiger Staaten lebten, aber in ähnlicher Weise behandelt wurden wie Menschen in den Kolonien. Sie wurden diskriminiert und segregiert, oft mit dem Ziel, sie von den Bürgerrechten auszuschließen und ihrer kulturellen Eigenstän‐ 162 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="163"?> 341 Hennessey/ Lahti, 2023: 409-420. 342 Buti, 2002. 343 Deloria, 1988: 7. digkeit ein Ende zu setzen. Vor allem handelte es sich dabei um Indigene Gruppen in beiden Amerikas und Australien. Die (weißen) Regierungen der dortigen Länder forderten nach 1945 zwar das Ende der europäischen Kolo‐ nialreiche, praktizierten aber selbst einen internen Kolonialismus gegen die „eigenen“ Indigenen Bewohner: innen. Zu amerikanischen und australischen Ländern kamen noch andere nominell antikoloniale Staaten, die des Über‐ see-Kolonialismus unverdächtig waren, aber selbst koloniale Strukturen in ihren Gesellschaften schufen. Dazu gehörten die nordischen Länder in Europa, welche die Sámi-Bevölkerung diskriminierten, enteigneten und kulturell zu vernichten suchten. 341 Kern dieser Diskriminierung - der First Nations in Nordamerika, der indígenas in Lateinamerika, der Aborigines in Australien oder der Sámi in Nordeuropa - waren eine rassistisch motivierte Segregation und Konzentration in Reservaten (und danach wieder eine erzwungene Desegregation), die Enteignung oder Zerstörung ihrer Lebens‐ umwelt, die faktische Verweigerung von Bürgerrechten, und ein „kultureller Völkermord“, der sich unter anderem in der systematischen Entführung von Indigenen Kindern zum Zwecke ihrer Umerziehung ausdrückte. 342 Dass dies im Namen ihrer „Zivilisierung“, „Assimilierung“, „Absorption“ und „Integration“ in die als weiß gedachte Mehrheitsgesellschaft geschah, nahmen sie als reinen Zynismus wahr. Sie antworteten mit Sarkasmus, der sich aus dem berühmten Indian Manifesto (1969) des Autors und Native- American-Aktivisten Vine Deloria gut heraushören lässt: „Lange Zeit wurde einem Indianer nicht zugestanden, in einem Gericht eine Klage einzureichen, Eigentum zu besitzen oder gegen Weiße vor Gericht auszusagen. Ein Indianer konnte weder wählen noch sein Reservat verlassen. Indianer waren das gefangene Volk Amerikas, ohne irgendwelche definierten Rechte. Eines Tages jedoch entdeckte der Weiße, dass die Indianerstämme noch immer etwa 135 Millionen Acres Land besaßen … Ein Teil war gutes Weideland, ein Teil fruchtbares Farmland, ein Teil voll von Bodenschätzen für den Bergbau und ein Teil mit Nutzholz bedeckt … aber sie konnten es nicht verkaufen. Daher dauerte es nicht lange, bis man entdeckte, dass Indianer tatsächlich Menschen waren und das Recht haben sollten, ihr Land zu verkaufen. Land war das Mittel, um den Indianer als Mensch anzuerkennen. Es war die Methode, durch die Land im Namen des Gesetzes und nicht einfach so offen gestohlen werden konnte.“ 343 Erinnerungspolitiken 163 <?page no="164"?> 344 Manuel/ Posluns, 2019. 345 Escobar, 2021: 1-18. 346 Wolfe, 2006: 387-409. Selbst die rechtliche Gleichstellung diente demnach ihrer Ausbeutung. In Abgrenzung zu den offiziellen (Ex-)Kolonien, die sich auf der Konferenz von Bandung als Dritte Welt bezeichnet hatten, nannten sich Indigene Aktivist: innen die „Vierte Welt“. Diesen Begriff führte George Manuel im Jahr 1974 ein, der als Vertreter der Indigenen Kanadas zum Chief of the National Indian Brotherhood (heute die Versammlung der First Nations, eine Bezeichnung, die darauf verweist, dass Native Americans die ersten Nationen in Nordamerika waren) ernannt wurde. Die Idee der Vierten Welt war aber dehnbar und vereinte die Anerkennungskämpfe verschiedener Gruppen, wie neben den oben genannten auch „subalterne“ tansanische Bauern oder Schwarze in den USA. 344 Diese Gemeinschaften teilten Erfah‐ rungen von Enteignung, Marginalisierung, rassistischer Segregation und kultureller oder sogar physischer Vernichtung. Aus der Not geboren antwor‐ teten sie mit einer emanzipativen Indigenen Weltsicht, welche Authentizität, Autonomie, planetarische Existenz, Natur- und Ahnenverbundenheit sowie nachhaltiges und soziales Wirtschaften kombinierte. Dabei entwickelten Mapuche-Aktivist: innen in Chile die Vorstellung vom so genannten Terrizid, das heißt der „Zerstörung der greifbaren Ökosysteme, des spirituellen Ökosystems und des der Völker (pueblos) sowie aller Lebensformen“ durch das kolonialistisch-kapitalistische System. Angesichts des „Terrors gegen die Erde“ forderten sie „Buen Vivir [gutes Leben, kollektives Wohlbefinden] als Recht“, welches die „Wiedergewinnung von Harmonie und Gegenseitigkeit zwischen den Völkern und mit der Erde“ bedeutete: „Aufgerufen durch die Erinnerung an unsere Vorfahren und die Länder und Landschaften, die in uns wohnen, haben wir uns zur Schaffung der Bewegung der Völker gegen den Terrizid entschlossen.“ 345 Die Vierte Welt legt also Wert auf ein nachhaltiges Leben im Einklang mit den Vorfahren und der Natur. Für die (teils rechtliche) Ausgrenzung machen die Indigenen weiße Siedler: innen verantwortlich, die von Europa in Siedlungskolonien wie Nordamerika, Südamerika, Australien und anderswohin auswanderten. Dort eigneten sie sich das Land der Indigenen Bevölkerung an, verdrängten und ersetzten sie. Auch wenn sie nicht immer vollendet wurde, lag die Vernichtung der Indigenen Bevölkerung in der Logik des Siedlungskolonia‐ lismus. 346 Dieser vereinte sich mit einer Praxis des Weißseins, das heißt eines 164 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="165"?> 347 Du Bois, 1969 [1910]. 348 Mills, 2017: 31. 349 Eggers et al. (Hg.), 2018 [2005]. 350 Natermann, 2018. 351 Grosse, 2000; Schubert, 2003; Zimmerer, 2011; Lindner, 2011: 317-457. Alltagslebens, in dem weißen Menschen wie selbstverständlich Privilegien zugestanden wurden, die nicht-weißen Menschen abgesprochen wurden. Zu den wichtigsten Privilegien der Weißen zählte das Eigentum an Land und Menschen. Sie erlaubten sich also (durch Rechtskonstrukte wie terra nullius oder die labor theory of property, oder durch gewaltsame Eroberung in Folge einer Entmenschlichung des konstruierten nicht-weißen Gegenspielers), Land zu enteignen und Menschen genauso wie Waren zu besitzen, indem sie versklavt wurden. Von der Versklavung waren auch Vorfahren des afroamerikanischen Soziologen W. E. B. Du Bois betroffen. Du Bois wurde zum Vordenker der kritischen Weißseins-Forschung. Er wies darauf hin, dass im Gegensatz zu den versklavten Schwarzen auch die weißen Unterschichten von strukturellen Privilegien des Weißseins profitierten. 347 Selbst wenn Schwarze und Indigene nominell gleichgestellt waren, verfügten sie sie laut dem Philosophen Charles Mills über „beschränkte Eigentumsrechte, beschränkten Besitz an sich selbst und an eigenständiger Personalität“. 348 Diese Struktur des privilegierten Weißseins gegenüber dem benachteiligten Nicht-Weißsein war nicht an Siedlungskolonien gebunden, sondern exis‐ tierte weltweit, wie zum Beispiel bei der Ausgrenzung von Migrant: innen in Europa. 349 Praktiken des Weißseins konnten sich aber in Kolonien am offensten in einer offiziellen Rassentrennungsgesetzgebung ausdrücken. 350 In den deutschen Kolonien gab es zum Beispiel rassistische Gesetze, wel‐ che „Mischehen“ verboten. Auch wenn sich weiße Kolonialbeamte im All‐ tag kaum daranhielten und zahlreiche Beziehungen mit Frauen aus den Kolonien eingingen, standen sie am Beginn rassistischer Gesetzgebung, die unter andern die Nürnberger Rassengesetze im Nationalsozialismus vorwegnahm, die Ehen zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Menschen verboten. 351 Am deutlichsten trat die Rassentrennungspolitik zweifellos in Siedlungskolonien wie Algerien oder Südafrika hervor. Obwohl Südafrika schon vor dem Ersten Weltkrieg von Großbritannien unabhängig war, schufen weiße Siedler: innen dort ein rassistisches Apartheidsystem, das die koloniale Segregationspolitik auf die Spitze trieb. Im Apartheidsystem war die rassistische Trennung aller Lebensbereiche zwischen Schwarzen und Erinnerungspolitiken 165 <?page no="166"?> 352 Marx, 2022. 353 Stora, 2001. Weißen ausdrücklich durch das herrschende Recht geregelt. 352 Französisch- Algerien verkörperte mit einer Million Siedler: innen (1961) den Prototyp einer Siedlungskolonie. Dort war die Diskriminierung und Ausgrenzung der algerischen Bevölkerung lange durch das „Indigénat“-Gesetz geregelt und so routinisiert, dass der antikoloniale Theoretiker Frantz Fanon nur eine ebenso absolute Unabhängigkeit ohne Kompromisse als Möglichkeit ansah, die Würde und Eigenständigkeit der „Indigenen“ wiederherzustellen. In Algerien überschnitt sich also die Identität von „Kolonisierten“ und Indigenen, auch weil das Land offiziell Teil Frankreichs war und damit eine Art Kolonialismus innerhalb eines Landes. 353 Erst 2007 verabschiedete die UNO eine Declaration on the Rights of Indigenous Peoples. Doch für Indigene Interessensgruppen ist das nicht genug. Für sie kann die Ausbeutung von Mensch und Natur nur enden, wenn die Strukturen und Weltbilder der westlich-kolonialen Moderne abgeschafft sind. Darum suchen sie Wege außerhalb von Institutionen, die von dieser „weißen“ Moderne geschaffen wurden, wie staatlichen Einrichtungen oder Universitäten. Das geteilte Wissen der Indigenen Vierten Welt soll dabei helfen, den Menschen und dem Planeten ein besseres Leben zu verschaffen. Literatur- und Linktipps | Die UN-Erklärung zu den Rechten der Indigenen Völker findet sich hier: https: / / www.un.org/ development/ d esa/ indigenouspeoples/ wp-content/ uploads/ sites/ 19/ 2018/ 11/ UNDRIP_ E_web.pdf; Hier wird George Manuel und die Idee der Vierten Welt kurz vorgestellt: https: / / indigenousfoundations.arts.ubc.ca/ george_ma nuel/ ; Zum Konzept des Buen Vivir schreibt der ecadorianische Wis‐ senschaftler und Politiker: Alberto Acosta, Buen Vivir: Vom Recht auf ein gutes Leben, München 2015. Sarah Albiez-Wieck, Die Indigenen als Teil der Kolonialgesellschaft, in: Eveline Dürr u. Henry Kammler (Hg.), Einführung in die Ethnologie Mesoamerikas. Ein Handbuch zu den indigenen Kulturen, Münster, New York 2019, S. 162-172; Nancy Grey Postero u. León Zamosc (Hg.), The struggle for indigenous rights in Latin America, Brighton 2006; George Manuel u. Michael Posluns, The Fourth World. An Indian reality, Minneapolis, Minnesota 2019. 166 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="167"?> 354 Osterhammel, 2011: 32. 355 Zimmerer et al., 2024. 356 siehe die Webseite Digital Benin: https: / / digitalbenin.org/ . Wie sollte mit Kunstwerken umgegangen werden, die sich in europäischen Museen befinden, aber aus den Kolonien stammen? Die westlichen Kolonisator: innen rafften Kunstwerke, Alltagsgegenstände und sogar menschliche Überreste aus den Kolonien zusammen und schafften sie in europäische Museen und Universitäten. In deren Sammlungen lagern noch heute Millionen dieser Objekte, welche Museen und Universitätsar‐ chive von Erinnerungsorten zu regelrechten Erinnerungshorten machen, wie der Historiker Jürgen Osterhammel es treffend beschrieb. 354 Diese Sammelwut der Kolonialzeit hatte einen Hintergrund: Anhand der Objekte wollten europäische Wissenschaftler: innen die Menschen kategorisieren und die Welt zu ihren Gunsten ordnen. Sie verwendeten menschliche Überreste (oft Schädel), um sie zu vergleichen und aus ihrer Vermessung eine Überlegenheit der weißen „Rasse“ zu konstruieren. Für die Vermessung von Schädeln gab es sogar eine eigene Forschungsrichtung: die Kraniometrie bzw. Schädelkunde. Sie war, wie die Wissenschaft der Zeit im Allgemeinen, höchst rassistisch. Ihre falschen Ergebnisse wurden schon von unfundierten theoretisch-methodischen Herangehensweisen vorherbestimmt. In ähnli‐ cher Weise dienten gesammelte „Ethnografica“, also Alltagsgegenstände, welche Aussagen über das Leben von „Ethnien“ erlauben, und Kunstwerke dazu, kolonisierte Gesellschaften und ihre Kunst als primitiv darzustellen. Im Louvre in Paris durften „Artefakte“ aus dem subsaharischen Afrika bis in die 1980er Jahre nicht als Kunst ausgestellt werden und befanden sich im ethnologischen Musée de l‘homme. Sie wurden höchstens als primitive Kunst geführt. Erst 2000 bekamen sie ein eigenes Museum, das Musée du Quai Branly. In ethnologischen Museen werden Gegenstände bis heute so ausgestellt, dass Gesellschaften in den (ehemaligen) Kolonien als rückstän‐ dig und primitiv erscheinen. 355 Die Mär von der Primitivität war allerdings nicht immer zu halten. Seit den 1930er Jahren erzielten die so genannten Benin-Bronzen, die aus dem Königreich Benin in Nigeria stammten, auf europäischen Kunstmärkten Höchstpreise. Der Rekord liegt bis heute bei 4,7 Millionen Pfund. Noch heute befinden sich 5.285 Kunstwerke aus Benin in 137 verschiedenen westlichen Museen und Kunstsammlungen. 356 Diese fein gearbeiteten Reliefs und Plastiken aus Kupfer zeigen oft Szenen aus der Ge‐ Erinnerungspolitiken 167 <?page no="168"?> 357 Plankensteiner/ Agbontaen-Eghafona (Hg.), 2023. 358 Deutscher Museumsverband (Hg.), 2018: 160. schichte des Königreichs Benin. Ihre Schönheit und Filigranarbeit mussten Europäer: innen anerkennen, allerdings passten sie nicht in ihr rassistisches Weltbild von der Passivität von Afrikaner: innen im historischen, politischen und kreativen Bereich. Darum behaupteten einige, die Benin-Kunst ginge auf den Einfluss des frühen portugiesischen Kolonialismus in der Region zurück. 357 Die Benin-Bronzen waren unzweifelhaft Beute- oder Raubkunst. Britische Militärs entwendeten sie bei einer so genannten Strafexpedition gegen die Königsstadt Benin im Jahr 1897, deren Herrscher Widerstand gegen die britische Kolonialeroberung geleistet hatte. Die Stadt wurde niedergebrannt und die Kunstwerke nach Europa verkauft. Während der Fall bei den Benin-Bronzen eindeutig ist, sind die Erwerbsumstände bei vielen anderen Kunstgegenständen scheinbar unklar. Darum geben Museen mittlerweile Geld für Provenienzforschung aus, welche die genauen rechtlichen Grund‐ lagen des Erwerbs der Gegenstände untersuchen soll und bestimmen soll, ob eine Rückgabe (Restitution) gerechtfertigt ist. Diese langwierige und kleinteilige Arbeit wird oft von den Herkunftsgesellschaften kritisiert, vor allem, weil selten transparent gemacht wird, wie viele und welche Gegenstände in den Museen lagern. Die Herkunftsgesellschaften können sie darum auch gar nicht zurückfordern, was oft eine Voraussetzung für die Rückführung ist. Geschichtswissenschaftler: innen wie Jürgen Zimmerer gehen hingegen nicht ohne Grund davon aus, dass das Kolonialregime grundsätzlich ein Unrechtsregime war. Es sorgte für eine hierarchische und repressive Situation, in der auch Käufe und Schenkungen Teil eines Zwangsverhältnisses sein konnten. Darum spricht er sich für eine Umkehr der Beweislast aus. Die europäischen Museen und Sammlungen müssten belegen, dass sie die Kunstgegenstände legal erworben haben. Dadurch müssten nicht die Herkunftsgesellschaften mit großem zeitlichen und finan‐ ziellen Aufwand beweisen, dass ihrer Community Kunstwerke, Alltagsge‐ genstände oder menschliche Überreste entwendet wurden. Mittlerweile hat der Druck aus den Herkunftsgesellschaften dazu geführt, dass Beutekunst teils katalogisiert und vereinzelt zurückgegeben wurde. 358 Priorität hatten zunächst menschliche Überreste (die auch in Kunstwerken verarbeitet sein konnten) und sakrale Gegenstände. Angesichts der großen Mengen an Beutekunst sind Rückgaben bisher eher symbolisch als systematisch. 168 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="169"?> 359 Savoy, 2023. 360 Manase, 2023: 195-204. Zudem werden Rückgabeprozesse weiterhin erschwert und sind vor allem bei prestigeträchtigen Ausstellungsstücken in westlichen Museen selten. 359 Gegen die Rückgabe wird die Gesetzeslage angeführt, die zum Beispiel britischen Museen den Verkauf von Sammlungsstücken verbietet. Dazu kommt der Vorwurf, den Herkunftsgesellschaften fehle es an Expertise und Museumsgebäuden, um wertvolle Kunstobjekte angemessen aufzubewah‐ ren und der Bevölkerung zugänglich zu machen. Teure Kunstwerke wie die Benin-Bronzen, so die Befürchtung, könnten in falsche Hände fallen. Auch sei gerade das Königreich Benin in den Versklavungshandel involviert gewesen und darum eine Rückgabe der Bronzen moralisch fragwürdig. Solche Einwände sind allerdings eher vorgeschoben und wenig fundiert. 360 Stattdessen sind bereits große und kleine Museen in einen Dialog mit Fachleuten und Communities aus den Herkunftsgesellschaften getreten und kooperieren in Restitutions- und Ausstellungsprojekten, die gemeinsam die Objektgeschichten neu erzählen und darüber hinaus neues historisches Wis‐ sen über beide Gesellschaften hervorbringen. Von der Restitutionsdebatte profitieren also beide Seiten und hauchen der angestaubten Museumsland‐ schaft neues Leben ein. Literaturtipps | Verschiedene Ansichten zur Beutekunst finden sich hier: Flower Manase, Restitution and Repatriation of Objects of Colonial Context. The Status of Debates in Tanzania, Uganda, and Kenya National Museums, in: Thomas Sandkühler u. a. (Hg.), Geschichtskultur durch Restitution? Ein Kunst-Historikerstreit, Weimar 2021, S. 181-190; Béné‐ dicte Savoy, Afrikas Kampf um seine Kunst. Geschichte einer postkolo‐ nialen Niederlage, München 2023; Albert Gouaffo u. Bénédicte Savoy, Das Projekt, in: Mikaél Assilkinga u.a. (Hg.), Atlas der Abwesenheit. Kameruns Kulturerbe in Deutschland 2023, S. 8-27. Erinnerungspolitiken 169 <?page no="170"?> 361 Paul Gilroy in Conversation with Achille Mbembe (2020): https: / / www.ucl.ac.uk/ racis m-racialisation/ transcript-conversation-achille-mbembe 362 Hinton, 2021. Ist Black Lives Matter auch eine postkoloniale Bewegung? Eric Garner war ein afroamerikanischer Mann, der am 17. Juli 2014 in Staten Island, New York, von der Polizei festgenommen wurde. Während dieser Festnahme wurde er von einem Beamten in einen Würgergriff genommen, was zu seinem Tod führte. Garner, der während des Vorfalls wiederholt „I can’t breathe“ sagte, wurde 43 Jahre alt. Sein Tod führte zu weltweiten Protesten und ließ die Diskussion über Polizeigewalt, Rassismus und die Behandlung von afroamerikanischen Bürgern durch die Polizei wieder einmal aufleben. Die Staatsanwaltschaft entschied später, keine Anklage gegen den Polizisten zu erheben, was zu weiterem Aufruhr und Protesten führte, die Teil der größeren Black-Lives-Matter-Bewegung wurden. Garner wird oft als Symbol für den Kampf gegen Polizeigewalt und Rassismus in den USA angesehen, aber seine Geschichte wiederholte sich mehrfach, wie beim Tod von George Floyd im Jahr 2020. Achille Mbembe hat darauf hingewiesen, dass der Slogan „I can’t brea‐ the“ („Ich kann nicht atmen“) nicht allein der Todesangst des Schwarzen Eric Garner im Würgegriff eines Polizisten geschuldet war. Das Atmen sei nämlich diejenige Körperfunktion, welche das Leben und damit den Menschen an sich ausmacht. Wer nicht atmet, ist kein Mensch. Somit ist der Ausspruch „Ich kann nicht atmen“ ein Abwehren der Entmenschlichung durch koloniale, rassistische, strukturelle, epistemische und polizeiliche Gewalt. Demnach ist laut Mbembe das Ersticken schon im antikolonialen Werk Frantz Fanon eine wiederkehrende Metapher für die erdrückenden und entmenschlichenden kolonialen Strukturen. 361 Dass Polizeigewalt in Amerika teils auf die Tradition der Patrouillen zurückgeht, welche geflohene „Sklaven“ wieder einfangen sollten, stellt eine Verbindung zu rassistischen und im weitesten Sinne kolonialen Praktiken des „Policing“ her. 362 Auch in der Geschichte Europas führten Praktiken des racial profiling in Polizeikrei‐ sen dazu, dass bei Schwarzen Menschen, Armen und Ausländer: innen gezielt nach Fehlverhalten gesucht wurde und dementsprechend mehr gefunden 170 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="171"?> 363 Stokes, 2023: 236-254. 364 Wagner, 2023: 51-84. 365 Bonczar, 2023: 1-12: 1. 366 Robey, Jason P.; Massoglia, Michael; Light, Michael T. (2023): A Generational Shift: Race and the Declining Lifetime Risk of Imprisonment. In: Demography 60 (4), S.-977-1003. 367 Robey et al., 2023: 977-1003. 368 Foroutan et al. (Hg.), 2018. wurde. 363 Auch gibt es Vergehen, die nur Ausländer: innen begehen können, wie die Verletzung der Residenzpflicht für Asylbewerber: innen. 364 Die Hauptkritik der Black Lives Matter-Bewegung richtet sich allerdings gegen die Behandlung Schwarzer Menschen in den USA. Noch 2001 hatten dort 16,6 % - also etwa jeder sechste - der männlichen und volljährigen Schwarzen Gefängniserfahrung gemacht. Zum Vergleich: Bei den ‚hispani‐ schen‘ Männern lag dieser Anteil bei 7,7 %, bei weißen Männern lediglich bei 2,6 %. 365 In früheren Jahrgängen war die Situation noch gravierender: Von den im Jahr 1981 geborenen Schwarzen Männern verbrachte im Laufe seines Lebens sogar jeder Dritte eine Zeit im Gefängnis. 366 Das hat nicht nur verheerende sozialpsychologische Konsequenzen, sondern bedeutet auch, dass diese Menschen vom Wahlrecht ausgeschlos‐ sen werden. 367 Diese Zusammenhänge verweisen auf eine Kontinuität zwi‐ schen Antikolonialismus, Afroamerikanischer Bürgerrechtsbewegung und migrantischem Empowerment. Somit geht die antikoloniale Bewegung in die postkoloniale und die postmigrantische über, die Probleme der ehemals Kolonisierten in einen größeren Rahmen setzt und deren Diskriminierung durch historisch andauernde Strukturen erklären kann. 368 Black Lives Matter kann also durchaus auch als postkoloniale Bewegung gesehen werden. Linktipp | Eine Selbstdarstellung der Black Lives Matter Bewegung findet sich hier: https: / / blacklivesmatter.com/ . Stimmt es, dass koloniales und rassistisches Denken alle Lebensbereiche betrifft? Im August 2017 zirkulierte in den sozialen Medien ein Video aus der Face‐ bookzentrale, in dem ein Mitarbeiter seine Hände unter einen Seifenspender hielt, um sich die Hände zu waschen. Wie so oft kam aus dem elektronischen Spender keine Seife. Dieser war aber weder leer noch defekt. Der Seifen‐ Erinnerungspolitiken 171 <?page no="172"?> 369 Vitova, 2021. 370 Wagner, 2022. spender verweigerte dem Mitarbeiter vielmehr die Handpaste, weil dieser eine dunkle Hautfarbe hatte. Die Fotosensoren waren so eingestellt, dass der Seifenspender nur auf weiße Hände reagierte. Scheinbar waren Prototypen des Geräts nur von weißen Menschen getestet worden. Er ging als „der rassistische Seifenspender“ in die Geschichte ein, war aber kein Einzelfall. Seit fast einem Jahrhundert werden sowohl Belichtungstechnologien als auch Hygieneprodukte für weiße Menschen hergestellt. Schon seit den 1940er Jahren entwickelte der Fotofilmhersteller Kodak seine Filme anhand des weißen Standardmodells „Shirley“, wodurch bei Aufnahmen von Schwarzen keine Kontraste und Mimik sichtbar werden konnten. Bis 2021 programmierten die Tech-Giganten Google und Snapchat ihre Algorithmen an hellen Hauttönen, Schwarze Hautfarbe wurde dabei als Schatten registriert und unscharf dargestellt. 369 Die „Kolonialität“ von Technologien und Wissen ging vor allem auf die „Kolonisierung“ der Wissenschaften seit dem 19. Jahrhundert zurück, als die Wissenschaften erst entstanden waren und sich oft mit kolonialen The‐ men profilierten. So waren im Internationalen Kolonialinstitut (gegründet 1893) hunderte selbsternannte Kolonialwissenschaftler aus ganz Europa versammelt, die fast alle wissenschaftlichen Disziplinen vertraten und auch prägten. Unter ihnen waren Rechtswissenschaftler, Politikwissenschaftler, Sprachwissenschaftler, Ethnologen, Religionswissenschaftler, Islamwissen‐ schaftler, Agrarwissenschaftler, Hydrologen, Landschaftsgärtner, Medizi‐ ner, Chemiker, Physiker, Ingenieure und Wirtschaftswissenschaftler. Sie ordneten ihre Disziplinen einer „angewandten Kolonialwissenschaft“ unter und führten Kolonialwissenschaften an den Universitäten als neues Fach ein. 370 Das Ziel der Kolonialwissenschaft war es, anwendungsorientierte Tech‐ niken und Methoden zur Festigung kolonialer Herrschaft zu entwickeln. In Hamburg entstand sogar die Universität aus dem 1908 gegründeten Kolonialinstitut, welches zunächst nur Kolonialbeamte ausbildete und dann zur Volluniversität ausgebaut wurde. Bis heute haben sich die wenigsten Wissenschaften mit ihrer „Kolonialität“ auseinandergesetzt und teils sind noch Lehrbücher davon geprägt. Die Berichte über „rassistische Technik“ sind also nicht nur Anekdoten, sondern Ausdruck andauernder kolonialrassistischer Strukturen. Dabei ist 172 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="173"?> 371 Mignolo, 2007: 155-67: 156. 372 Ndlovu-Gatsheni, 2015. 373 Kelly, 2021: 1. 374 Czollek, 2020. es nur ein Teil dieser Geschichte, dass Technologie, deren Rohstoffe aus den ehemals kolonisierten Ländern stammten, teils bis heute als Fertigprodukt ausschließlich in weißen Gesellschaften und für weiße Menschen hergestellt wird. Diese setzen sich dabei auch selbst als Standard und Norm, wodurch alle anderen abgewertet werden. Dies passiert oft unbewusst, allerdings wollen viele weiße Menschen auch nicht wahrhaben, dass ihnen daraus Privilegien entstehen, welche anderen vorenthalten werden. Da koloniale Strukturen so selbstverständlich in unser Alltagsdenken und -handeln eingeschrieben sind, sprechen Beobachter: innen von einer „Kolonialität“ unseres Zeitalters. Der Literaturwissenschaftler Walter Mignolo sah in der Kolonialität die „dunkle Kehrseite der Moderne“, weil die „Modernisierung“ als Vorwand diente, drei Viertel der Welt zu kolonisieren und auszubeuten. 371 Der Sozialwissenschaftler Sabelo Ndlovu Gatsheni unterschied drei For‐ men von Kolonialität: ● die Kolonialität von Machthierarchien ● die Kolonialität der Wissensproduktion ● die Kolonialität des Daseins an sich Dazu kommt die Kolonialität des Verhältnisses zu Natur. 372 Mit der struk‐ turellen Kolonialität verknüpft sind rassistische Strukturen, welche die Kommunikationswissenschaftlerin Natasha A. Kelly als „rassistische Macht‐ mechanismen, die in Individuen, Gesellschaften oder Institutionen veran‐ kert sind“ definiert. 373 Dementsprechend sehen viele Expert: innen in der Aufarbeitung des Kolonialismus keine „Vergangenheitsbewältigung“, son‐ dern eine „Gegenwartsbewältigung“. 374 Kolonialgeschichte ist darum ein sehr aktuelles Projekt und betrifft auch scheinbar unbeteiligte Bereiche, wie zum Beispiel die Technik eines Seifenspenders - mit doch sehr konkreten Folgen für das Alltagsleben der Menschen. Literatur- und Linktipps | Was bedeutet es, rassistisch sozialisiert zu sein? Die Sendung Quarks klärt auf: https: / / www.youtube.com/ watch? v =9kYwhIwv2_o. Einen Eindruck, wie kolonial unser Leben ist, egal ob Erinnerungspolitiken 173 <?page no="174"?> 375 Perras, 2004; Geulen, 2004: 346-354. in der Bildung, Wissenschaft oder unserer Lebensumgebung geben zum Beispiel folgende Bücher: Norman Aslymeyer/ Virginie Kamche (Hg.), „Stadt der Kolonien“: Wie Bremen den deutschen Kolonialismus prägte, München 2024; Jürgen Zimmerer/ Kim Todzi (Hg.), Hamburg: Tor zur kolonialen Welt. Erinnerungsorte der (post-)kolonialen Globalisierung, Göttingen 2021. Wird durch Straßenumbenennungen Geschichte in all ihren Facetten ausgelöscht? Straßennamen sind als Ehrung gedacht. Es spricht nicht für das histori‐ sche Gedächtnis der kommunalen Straßennamenkommissionen, dass viele Straßen immer noch die Namen von Menschen tragen, die andere Men‐ schen herabwürdigten oder Gewalt gegen sie ausübten. Einige der geehr‐ ten Namensgeber: innen standen dem Nationalsozialismus nahe, andere halfen Stalin sein Terrorregime aufzubauen und wieder andere begingen Verbrechen in den Kolonien. Zu ihnen gehörte zum Beispiel Karl Peters, der so besessen vom Nationalismus war, dass er seinen Namen Carl in Karl „eindeutschen“ ließ. Er war die treibende Kraft hinter der blutigen Eroberung Deutsch-Ostafrikas (seit 1884) und ein glühender Rassist. 375 Sein Rassismus hielt ihn nicht davon ab, afrikanischen Frauen nachzustellen. Als sein Begehren bei einer von ihnen unerfüllt blieb, ließ er sie kurzer‐ hand zusammen mit ihrem Partner erhängen. Deutsche Kolonialbehörden entließen ihn 1897 unehrenhaft. In Deutschland nannte man ihn Hänge- Peters und in Ostafrika „Mkono-wa-damu“ (der Mann mit den blutigen Händen). Der Nationalsozialismus rehabilitierte ihn und widmete ihm einen ganzen Propagandafilm. In der Bundesrepublik waren 19 Straßen nach dem weltbekannten Mörder benannt. In der DDR war man zwar besser informiert und benannte zum Beispiel die Dr.-Carl-Peters-Straße in seiner Geburtsstadt Neuhaus um - bedauerlicherweise aber zunächst in Stalinstraße, die dann wiederum umgetauft werden musste. Bis heute bestehen allerdings Straßennamen, die an Kolonialverbrecher erinnern, so wie an Hermann von Wissmann. Von Wissmann war Peters „partner in crime“ und erster Gouverneur von Deutsch-Ostafrika (heute Tansania). Er 174 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="175"?> 376 Jokinen et al. (Hg.), 2022. 377 Ha, 2017: 73-85. bevorzugte das Maschinengewehrmassaker als Eroberungstaktik. Nachdem Studierende schon 1968 eine Wissmann-Statue vor der Hamburger Universi‐ tät stürzten, forderten seit 1984 Tansanier: innen auch die Umbenennung von Wissmannstraßen, wie in Berlin-Neukölln. 376 Erst 2021 schritt die Bezirks‐ verwaltung dort zur Tat. Sie sammelte Vorschläge für eine Neubenennung unter Anwohner: innen und bei der Zivilgesellschaft. Sie heißt seitdem Lucy-Lameck-Straße, benannt nach der ersten weiblichen tansanischen Par‐ lamentsabgeordneten und Frauenrechtlerin. Keineswegs wird bei solchen Straßenumbenennungen der unangenehme Teil der Geschichte einfach ausgelöscht, wie manche kritisieren. Stattdessen werden gesellschaftliche Debatten angestoßen und Erinnerungslücken gefüllt. Für die Anwohner: in‐ nen bedeutet die Umbenennung Unannehmlichkeiten, die aber angesichts des Leids, welches die kolonialistischen Namensgeber verursachten, kaum ins Gewicht fallen dürften. Dies zeigt der Fall Rudolf Manga Bell, der 1914 von der deutschen Kolonialverwaltung zum Tode verurteilt wurde, nur weil er gegen Enteignungen seines Besitzes in Kamerun protestiert hatte. Sein in Deutschland lebender Nachkomme Jean-Pierre Félix Eyoum erreichte hundert Jahre später durch Straßenumbenennungen in Aachen, Ulm und Berlin, dass Rudolf Duala Manga Bell eine späte Ehrung gewährt wurde. Während die deutsche Regierung den Fall als verjährt einstufte und eine offizielle Rehabilitierung ausblieb, konnte ihn eine Ehrung im öffentlichen Raum wenigstens im kollektiven Gedächtnis rehabilitieren. Allmählich soll dadurch die Kolonialität des öffentlichen Raums, die in Architektur, Denk‐ malen und Straßennamen eingeschrieben ist und oft nur von Leidtragenden des Kolonialismus wahrgenommen wird, zurückgebaut werden. Denn für Menschen aus ehemaligen Kolonien ist es oft eine intensive Belastung, permanent den herabwürdigenden Symbolen kolonialer Gewalt ausgesetzt zu sein. 377 Link- und Literaturtipp | Video von der Initiative Berlin Postkolonial zur Umbenennung der Wissmann-Straße in Lucy-Lameck-Straße: https : / / www.youtube.com/ watch? v=p7oTcXBxUDI; Und zur Debatte um das „afrikanische Viertel“ in Berlin: https: / / www.youtube.com/ watch? v=Nu Erinnerungspolitiken 175 <?page no="176"?> 378 Habermas, 2016; Bösch, 2009. RHWNqCo4I; Ein Streitgespräch zur Umbennenung des Nettelbeck- Ufers in Erfurt findet sich hier: https: / / erfurt-web.de/ images/ Nettelbeck ufer(Bruecke-119-2022).pdf; Warum unsere Städte insgesamt kolonial geprägt sind erklärt: Noa K. Ha, Zur Kolonialität des Städtischen, in: Zwischenraum Kollektiv (Hg.), Decolonize the City! Zur Kolonialität der Stadt - Gespräche, Aushandlungen, Perspektiven, Münster 2018, S. 73- 85. Um 1900 war kolonialistisches und rassistisches Denken normal. Können die Menschen, die damals in diesem Denken gehandelt haben, rückwirkend verurteilt werden? Der erste Teil dieser Aussage ist nicht korrekt, der zweite Teil verwech‐ selt Rechtsurteil mit historischer Beurteilung. Schon mit dem Einsetzen des transatlantischen Versklavungshandels stellten Menschen auch dessen Rechtmäßigkeit in Frage. Und schon seit Beginn der kolonialen Ära gab es teils heftige Kritik am Kolonialismus und dessen Unmenschlichkeit. Sie kam vorrangig von den Versklavten und Kolonisierten selbst, aber auch aus Europa. Christliche Abolitionist: innen wollten die Sklaverei abschaffen, die Sozialdemokratie prangerte im Deutschen Reichstag die Prügelstrafe in den Kolonien an. Sogar die deutsche Kolonialverwaltung selbst eröffnete Diszi‐ plinarverfahren gegen mehrere Kolonialbeamte oder berief diese ab, wie den bereits erwähnten „Hänge-Peters“ oder General Lothar von Trotha, der den Befehl zur potenziellen Vernichtung der Herero und Nama in Deutsch- Südwestafrika erteilte. Zeitungen diskutierten regelmäßig die zahlreichen „Kolonialskandale“, auch wenn daraus noch keine Skandalisierung des ge‐ samten kolonialen Projekts abgeleitet wurde. 378 Jedenfalls war koloniale und rassistische Gewalt, sei sie verbal oder physisch, keineswegs selbstverständ‐ lich. Dies traf auch auf den ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts zu, als deutsche Truppen im Herero-Nama-Krieg (1904-1907) Frauen und Kinder an den Wüstensaum trieben und ihnen den Zugang zu Wasserstellen verwei‐ gerten, sowie den Befehl erhielten, auf alle zu schießen, die diesen tödlichen Umständen zu entkommen suchten. Achtzig Prozent der Herero-Nama- 176 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="177"?> 379 Zimmerer, 2016. Bevölkerung kamen in diesem Völkermord zu Tode. Trotzdem behauptete ein SPIEGEL-Journalist noch 2016, es könne sich um keinen Völkermord handeln, weil dieser als Kategorie im Völkerrecht erst 1947 definiert und völkerrechtlich wirksam wurde. Da ein Gesetz nach dem Prinzip „Lex retro non agit“ nicht rückwirkend angewandt werden dürfe, könne der Herero- Nama-Krieg auch nicht als Völkermord bezeichnet werden. Dabei geht es hier nicht um einen Rechtsanspruch. Historiker: innen können problemlos Phänomene beschreiben, die im damaligen Vokabular noch nicht existierten. In der historischen Analyse erfüllt das Vorgehen gegen die Herero und Nama eindeutig die Analysekriterien für einen Völkermord. Geht man nur von der völkerrechtlichen Einführung des Begriffs im Jahr 1947 aus, dann könnte man im Sinne des Rückwirkungsverbots auch den Holocaust nicht als Völkermord bezeichnen. 379 Dieses Beispiel soll zeigen, welche absurden Folgen die Argumentation hat, man dürfe Menschen nur aus ihrer Zeit heraus verstehen und erklären. Warum sollte ein weißer Mann Kolonialismus erklären? Bis heute ist auch die Geschichtswissenschaft von kolonialen Strukturen geprägt, die seit dem Beginn der „Kolonisierung der Wissenschaften“ im 19. Jahrhundert fortwirken. Die Erkenntnis, dass praktisch alle Archive Kolonialarchive sind, weil sie die Kolonialität von Sprache und Doku‐ mentationsprozessen reproduzieren, kam sehr spät und wird bis heute kaum thematisiert. Die Geschichtswissenschaft generierte vor diesem Hin‐ tergrund einseitige und oft falsche Erkenntnisse und Erklärungen über den Kolonialismus, die Teil des Epistemizids sind, also der Ausrottung von Erkenntnis(-methoden) und Erklärungen über die Geschichte, die von kolonisierten und Indigenen Gruppen selbst entwickelt wurden. Als weißer, in Deutschland geborener Mann bleiben einem viele Erfah‐ rungen vorenthalten, die nötig sind, um fortdauernde koloniale Strukturen in der Gesellschaft und darauf aufbauende Diskriminierung zu verstehen und in Worte zu fassen. Man ist qua Geburt privilegiert und profitiert von (neo-)kolonialer Ausbeutung und (post-)kolonialer Denkweise genauso wie von den langfristigen Folgen der nationalsozialistischen Herrschaft (zum Beispiel vom Lebensstandard, der seine Ursprünge auch in der wirt‐ Erinnerungspolitiken 177 <?page no="178"?> 380 Moses, 2021. Böckmann et al. (Hg.), 2022; Neiman/ Wildt (Hg.), 2022; Rothberg, 2024; Dazu auch in Kürze: Kamil, o. J. 381 Castro Varela, 2007. schaftlichen Ausbeutung von Zwangsarbeiter: innen hat). Zudem besteht ein Problem, auf das kürzlich der Historiker Dirk Moses hingewiesen hat: Wenn man in der deutschen Erinnerungskultur aufwächst, liegt der Fokus sehr stark auf der Aufarbeitung des Nationalsozialismus. Die außergewöhnliche Gewalt der Shoah ist dabei so zentral, dass Gewalt außerhalb Europas - vor allem koloniale und postkoloniale Gewalt bis hin zum Völkermord - weniger wahrgenommen und als solche anerkannt wird. In diesem „Historikerstreit“ nimmt der Autor einen Lösungsvorschlag an, den Michael Rothberg vorgebracht hat. Im Sinne einer „multidirektionalen Erinnerung“ sollten sich die Aufarbeitung der Shoah mit der Aufarbeitung anderer Völkermorde und Gewalt nicht gegenseitig aufheben, sondern verstärken. 380 Es ergibt sich daraus aber auch die Möglichkeit, diese Privilegien zu nutzen, um für andere ähnliche Privilegien zu erwirken und deren Perspek‐ tiven stark zu machen. Vor allem die historische Methode eignet sich grundsätzlich, Perspektiven aus der Vergangenheit zu rekonstruieren und der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Die Voraussetzung dafür ist das „Ent‐ lernen“ dominierender Sprache und Wissensbildung, die kolonial geprägt ist. 381 Seit meiner professionellen historiographischen Beschäftigung mit der Geschichte des Kolonialismus habe ich viele scheinbare Gewissheiten „ent‐ lernt“, also aktiv daran gearbeitet, koloniales Denken, rassistische Klischees und andere Überheblichkeiten abzulegen. Dies ging nur durch intensives Zuhören und die Beratung von Menschen mit Erfahrungen aus kolonisierten Ländern. Dieses Entlernen war für mich nie ein „Müssen“, sondern ein „Dürfen“ und höchst konstruktiv. Einschlägig war dafür auch der seit meiner Kindheit bestehende enge Kontakt mit Jean-Pierre Félix Eyoum, dem Großneffen des Kameruner Widerstandskämpfers Rudolf Duala Manga Bell, der von der deutschen Kolonialregierung 1919 ermordet wurde. Auch wenn die Geschichtswissenschaften oft missbraucht wurden, so ist doch ihr ursprüngliches Anliegen, sich erstens in die Perspektive der „Anderen“ hineinzuversetzen, ohne sich diese komplett „anzueignen“. Inso‐ fern entspricht die geschichtswissenschaftliche Theorie der postkolonialen Forderung, historische Perspektiven der Kolonisierten aufzuspüren und deren Erfahrungen mit reflektierter Distanz bekannt zu machen. Zweitens hat die Geschichtswissenschaft Methoden entwickelt, schriftliche Quellen 178 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="179"?> 382 Stoler, 2009. 383 Alternativen dazu gibt es aber, siehe: Rodney, 2019; Báyò Akómoláfé und das Emergence Network: https: / / www.emergencenetwork.org/ und die Initiative Each one teach one: https: / / eoto-archiv.de/ . kritisch zu hinterfragen und auf ihren Gehalt zu überprüfen. Gerade weil die überwältigende Mehrheit der verfügbaren Quellen zum Kolonialismus aus der Hand der Kolonisierenden kommt, kann die historische Methode deren verfälschende und beschönigende Perspektive entlarven. Ann Stoler kam darum zum Schluss, man könne Quellen in europäischen Archiven durchaus „gegen den Strich lesen“. 382 Nach Recherchen in über 30 verschie‐ denen Kolonialarchiven, der Beteiligung an Awareness-Workshops und dem intensiven Austausch mit Betroffenen des Kolonialismus ist dieses Buch auch ein Versuch des Autors, gegenüber der weißen Gesellschaft eine Rolle als Multiplikator einzunehmen und die neueren Erkenntnisse der Geschichtswissenschaften in Verbindung mit den Erfahrungen der Kolonisierten und ihren Nachfahren darzustellen. Sollte dies hier nicht gelungen sein, sind Rückmeldungen und Kritik mehr als willkommen. Denn die vom Historiker Frederick Cooper aufgeworfene Frage, wie man kritische Kolonialgeschichte mit den Mitteln schreiben soll, welche die Kolonialgeschichte selbst hervorgebracht hat, bleibt bestehen. 383 Literatur- und Linktipps | Weitere Informationen zum Entlernen finden sich hier: Madina Tlostanova u. Walter D. Mignolo, Learning to unlearn. Decolonial reflections from Eurasia and the Americas, Columbus 2012. Zu Möglichkeiten des Entlernens in Schule und Allgemeinbildung: Felix Hinz, Historisches Lernen - Interkulturell und Postkolonial. Ein Hand‐ buch, Göttingen 2025; Philipp Bernhard, Geschichtsvermittlung post‐ kolonial. Eine geschichtsdidaktische Vermessung Postkolonialer Theo‐ rie, Göttingen 2024, Open Access: https: / / www.vandenhoeck-ruprecht -verlage.com/ themen-entdecken/ paedagogik-soziale-arbeit/ schulpaeda gogik/ 58939/ geschichtsvermittlung-postkolonial; Susanne Popp: Quel‐ lentreue vs. Diskriminierungssensibilität. Überlegungen zu einem ge‐ schichtsdidaktischen Spannungsfeld. In: Dräger, Marco, Horn, Sabine (Hg.): Geschichte und ihre Didaktik unterrichten. Festschrift für Michael Sauer, Frankfurt a.-M. 2024 (Wochenschau), S.-15-23. Erinnerungspolitiken 179 <?page no="180"?> Die Initiative Each One Teach One fördert Lernen und Bildung aus Sicht Schwarzer Menschen: https: / / eoto-archiv.de/ 180 Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! <?page no="181"?> Glossar - Wichtige Begriffe kurz erklärt Absentismus Die Regierung oder Unternehmensführung in Abwesenheit oder aus der Ferne. Dies war häufig der Fall bei Plantagen- oder Bergwerkbesitzer: innen, die von Europa aus ihre Unternehmungen in den Kolonien leiteten. Sie kannten die Verhältnisse vor Ort selten und waren nur an der Profitmaxi‐ mierung interessiert. Beutekunst (auch Raubkunst) Kunst, die von einer Kriegspartei der anderen (meist der unterlegenen) ent‐ wendet wird, was im kolonialen Kontext vor allem bei Eroberungskriegen üblich war. Zudem umfasst sie jegliche Entwendung von Kunstgegenstän‐ den innerhalb eines Unrechtssystems, das sich durch strukturelle Gewalt, Gewaltandrohung, extreme Ungleichheit, ein unzureichendes Rechtssystem sowie ungerechte Institutionen (wie Polizei, Gerichte usw.) auszeichnet. Dies war zum Beispiel im Nationalsozialismus der Fall, aber auch im Kolonialismus. In beiden Fällen wurde Kunst systematisch geraubt, die Kunst aus den Kolonien im Rahmen einer regelrechten Sammelwut für europäische Museen aus allen Weltteilen geholt. Heute gibt es Rückgabei‐ nitiativen (Restitutionsforderungen) seitens der betroffenen Länder und Communities. Diese fordern eine Umkehr der Beweislast, sodass sie nicht die Unrechtmäßigkeit der Aneignung jedes einzelnen Kunstwerks juristisch nachweisen müssen, sondern die europäischen Museen darlegen müssen, dass sie den Gegenstand rechtmäßig erworben oder als Geschenk erhalten haben. Dekolonialität bedeutet ein Umdenken zur Überwindung kolonialer Weltanschauungen, bis hin zum Entlernen des kolonialen Lebensstils, der westliche Gesellschaften bis heute ausmacht. Sie schafft ein Bewusstsein dafür, dass die weltweite Wissensproduktion, die vorherrschende Gesellschaftsform und die planeta‐ rischen Machtverhältnisse auf einen strukturell kolonialen Eurozentrismus zurückgehen. Dekolonialität strebt an, alternative Formen von Wissen, Re‐ gierungsformen und kulturellen Praktiken, die während des Kolonialismus marginalisiert oder ausgelöscht wurden, wiederzubeleben und zu würdigen. <?page no="182"?> Dazu zählen Weltsichten und Erkenntnismethoden von Indigenen Commu‐ nities, der afrikanischen Diaspora oder von nichtwestlichen Gesellschaften im Allgemeinen. Dekolonisierung Erstens beschreibt Dekolonisierung den Prozess der nominellen Abschaf‐ fung des staats- und völkerrechtlichen Abhängigkeitsstatus einzelner Kolo‐ nien, aber auch das politische Ende ganzer Kolonialreiche oder der Koloni‐ alherrschaft insgesamt. Der Begriff entstammt eher dem Sprachgebrauch der Kolonisierenden, die Kolonisierten forderten dagegen nicht nur einen Machttransfer unter Eliten oder ein Einholen der Flagge, sondern eine umfassendere Unabhängigkeit von kolonialen Ausbeutungsstrukturen. Zweitens entwickelten Intellektuelle seit den 1990er Jahren einen erwei‐ terten Dekolonisierungsbegriff. Unter ihm versteht man nun die systemati‐ sche Identifizierung kolonialistischer und rassistischer Sprach-, Denk- und Erkenntnismuster mit dem Ziel, diese zu vermeiden. Dependenztheorie Die Dependenztheorie ist eine sozioökonomische Theorie, die in den 1960er und 1970er Jahren von lateinamerikanischen und afrikanischen Intellektu‐ ellen entwickelt wurde, um die wirtschaftliche und soziale Ungleichheit zwischen den „entwickelten“ (industriellen) und den „unterentwickelten“ (oft als „Dritte Welt“ bezeichneten) Ländern zu erklären. Die Theorie besagt, dass die Entwicklung der reichen, industrialisierten Länder in engem Zusammenhang mit der Unterentwicklung der armen Länder steht, die in einem Zustand der Abhängigkeit (Dependenz) von den entwickelten Ländern leben. Entlernen Arbeit an sich selbst und der Gesellschaft, um koloniale Denk- und Hand‐ lungsmuster aufzudecken und aufzubrechen. Im Gegensatz zum passiven „Verlernen“ ist das „Entlernen“ ein aktiver und bewusster Prozess. Für weiße Gesellschaften ist dieser Prozess notwendig und vielversprechend, wenn er von Menschen mit Diskriminierungserfahrung angeleitet wird. 182 Glossar - Wichtige Begriffe kurz erklärt <?page no="183"?> 384 Kreike (Hg.), 2021; Wesche, 2023. Environcide Die systematische Zerstörung der Umwelt, angelehnt an den Begriff für die systematische Ausrottung bestimmter Menschengruppen, den Genozid (Völkermord). 384 Epistemische Gewalt/ Epistemizid Die implizite und explizite Herabwürdigung, Ausgrenzung, Missachtung, Nichtanerkennung oder Vernichtung von Erkenntnismethoden und Erklä‐ rungsansätzen, die nicht den dominanten entsprechen. Der Extremfall ist dabei die systematische Zerstörung von (meist Indigenen) Wissensbestän‐ den (Epistemizid). Dieser erfolgt oft durch Vernichtung der Wissensprodu‐ zent: innen und -träger: innen, seien es Menschen, Institutionen, Materialien, Sprachen, Kulturen oder die Natur selbst. Im Fall des Kolonialismus handelt es sich meist um die Verdrängung und Vernichtung subalternen oder Indige‐ nen Wissens durch eine eurozentrische Wissenschaft, die Alleinherrschaft beansprucht. Epistemologie Auch Erkenntnistheorie genannt. Beschäftigt sich mit der Frage, wie wir Erkenntnisse erlangen und diese zu wiederanwendbarem Wissen zusam‐ menführen. Ziel ist es dabei, die wissenschaftlichen Methoden zur Produk‐ tion von belastbarem Wissen zu optimieren. Die postkoloniale Forschung hat darauf hingewiesen, dass die Methoden der europäischen Wissenschaft lange durch rassistische und kolonialistische Vorurteile zu verfälschten Erkenntnissen führten, während gleichzeitig Erkenntnismethoden und Wis‐ sen der Kolonisierten nicht anerkannt wurden. Eurozentrismus Die Ansicht, dass die europäische Gesellschaft, mitsamt ihrer Geschichte, Wirtschaft, Werte und Kultur, allgemeingültig und überlegen sei. Dabei werden Gesellschaften außerhalb Europas ausschließlich aus europäischer Perspektive betrachtet und abwertend beurteilt. Indem Europa zum Zen‐ trum der Welt und zum Maß aller Dinge erklärt wird, erscheint der „Rest“ immer rückständig. Besonders wirkmächtig wurde der Eurozentrismus in der Literatur und Wissenschaft. Europa erscheint dabei gleichermaßen als Subjekt (Produzent) und Objekt (Produkt) jeglicher wissenschaftlichen Glossar - Wichtige Begriffe kurz erklärt 183 <?page no="184"?> 385 Chakrabarty, 1989. Erkenntnis. So schrieb Dipesh Chakrabarty in seiner Kritik an der Überstül‐ pung des Kapitalismus und Marxismus auf außereuropäische Verhältnisse: „‚Europa‘ bleibt das souveräne, theoretische Subjekt aller Geschichten, einschließlich derjenigen, die wir ‚indisch‘, ‚chinesisch‘, ‚kenianisch‘ und so weiter nennen.“ 385 Sie alle dienten der Selbstbestätigung Europas. Der Eurozentrismus entwickelte sich vor allem in Westeuropa und in den „neoeuropäischen“ Siedlungskolonien wie Nordamerika und Australien. Europa steht also für den „Westen“ oder den „Globalen Norden“. Globaler Süden Bezeichnung für unterprivilegierte Gesellschaften, die durch Stigmatisie‐ rung, Diskriminierung, Rassifizierung, ökonomische Benachteiligung und Kolonisierung von Menschenrechten, Ressourcenzugang und Sozialleistun‐ gen ausgeschlossen sind. Dadurch sind sie der strukturellen Ausbeutung durch das kapitalistische Weltsystem ausgeliefert. Sie kennzeichnen sich durch eine schwache Wirtschaftsleistung, hohe Armutsraten, geringe Bil‐ dungschancen, schlechte Gesundheitsversorgung und eine hohe Vulnerabi‐ lität in Krisenzeiten. Obwohl diese Gruppen oft im geographischen Süden verortet werden, ist ihre Entrechtung und Ausbeutung grundsätzlich ortlos und findet global (im Sinne von überall) statt, wie zum Beispiel gegenüber Arbeitsmigrant: innen. Eine ältere und nicht ganz äquivalente Bezeichnung ist die „Dritte Welt“. Die Gründe der Benachteiligung des Globalen Südens liegen in den Privilegien des Globalen Nordens, der oft mit dem „Westen“ gleichgesetzt wird. Meist sind damit weiße Menschen als Profiteure der Ungleichheit zwischen Globalen Norden und Süden gemeint. Indigenität/ Indigene Französisch: indigènes; spanisch: indígenas; englisch: natives; amerikanisch: indians; deutsch: Eingeborene oder Ureinwohner; australisch: aborigines: Indigene war zunächst ein kolonialistischer Ausdruck zur meist abwerten‐ den Bezeichnung nicht-weißer Gruppen, die als rückständig dargestellt wur‐ den, um ihre Kolonisierung und Diskriminierung zu rechtfertigen. Im Zuge der antikolonialen und bürgerrechtlichen Emanzipationsbewegungen der 1960er Jahre eigneten sich diese diskriminierten Gruppen den Ausdruck an und nutzten ihn als emanzipative Selbstbezeichnung. Vor allem diejenigen Gruppen, die vom weißen Siedlungskolonialismus in Reservate verdrängt 184 Glossar - Wichtige Begriffe kurz erklärt <?page no="185"?> worden waren oder gar vernichtet werden sollten, machten sich die „Indi‐ genität“ zu eigen. Besonders in Nord- und Südamerika bezeichneten sich Indigene Gruppen auch als „First Nations“, die Anspruch auf die Restitution ihres Landes und Autonomierechte haben. Um auf das gemeinsame Schick‐ sal Indigener Gruppen weltweit aufmerksam zu machen, bezeichneten sie sich auch als „Vierte Welt“, die noch mehr als die (einst offiziell kolonisierte) „Dritte Welt“ unterdrückt wurde. Ihre Indigenität definierte sich auch über eine Weltsicht, die unter anderem Naturverbundenheit, Nachhaltigkeit und eine aktive Rolle der Ahnen in sich vereinte. Kolonialität Bezeichnet die kolonialen Denk- und Handlungsmuster, die auch nach dem nominellen Ende des Kolonialismus fortdauern und bis heute westliche Sprache, Kultur und Lebensweise prägen. Man unterscheidet mindestens drei Bereiche, in denen die Kolonialität besonders wirkmächtig ist: „Ko‐ lonialität des Wissens“, d. h. der Wissensproduktion und -vermittlung, „Kolonialität der Macht“ vor allem in Hinblick auf globale und rassifizierte Ungleichheit und die „Kolonialiät des Seins“ in den Handlungsroutinen des Alltagslebens. Dazu kommt die „Kolonialität der Natur“ als Kritik an der eurozentrischen Vorstellung von der Beherrschung der Natur und die Kolonialität festgefahrener Geschlechterrollen. Labour Theory of Property Ist die Ansicht, Land könne nur denjenigen gehören, die es bearbeiten, effi‐ zient nutzen und „in Wert setzen“. Den Kolonisierten wurde vorgeworfen, dies nicht zu tun, obwohl sie ihr Land sehr nachhaltig bewirtschafteten. Somit wurde die Theorie zur Rechtfertigung kolonialer Enteignung. Multidirektionale Erinnerung These nach Michael Rothberg, dass die kritische Aufarbeitung des Holocaust und die kritische Aufarbeitung kolonial-rassistischer Verbrechen sich nicht ausschließen, sondern eher gegenseitig (ver-)stärken. Aus diesem Bewusst‐ sein entsteht auch die Möglichkeit einer transnationalen und verflochtenen Erinnerungskultur, die über die dominante nationszentrierte Erinnerungs‐ praxis hinausgeht. Rothbergs Vorstellung von der multidirektionalen Erin‐ nerung erscheint als Alternative zur festgefahrenen Debatte, ob koloniale Verbrechen mit den NS-Verbrechen verglichen werden dürfen oder ob der Holocaust aufgrund seiner systematischen Vernichtungsmaschinerie Glossar - Wichtige Begriffe kurz erklärt 185 <?page no="186"?> 386 Nkrumah, 1984: XI. unvergleichlich in der Geschichte ist (Singularitätsthese). Diese Debatte wurde auch unter dem Namen Historikerstreit bekannt. Neo-Extraktivismus Im Gegensatz zum Extraktivismus (extensive Bodennutzung) bezeichnet er die intensive Ausbeutung und Übernutzung von Böden und natürlichen Ressourcen, die größtenteils nicht erneuerbar sind. Neo-Extraktivismus zeichnet sich durch seine globale Dimension und seine Exportorientierung ebenso aus wie durch die rasante Expansion der Ausbeutungsgrenzen in neue Territorien, die zuvor als unproduktiv oder vom Kapital nicht wertge‐ schätzt wurden. Er ist eng mit der kolonialen und neokolonialen Ausbeutung im kolonialen und globalen Süden verbunden. Teilweise wird auch der Begriff Extraktivismus synonym zu Neo-Extraktivismus verwendet, was zu Verwechslungen führen kann. Neokolonialismus Der Begriff wurde vom ersten Präsidenten Ghanas, Kwame Nkrumah, geprägt. Er bezeichnet die externe Kontrolle von Wirtschaft, Finanzen und Politik in ehemaligen Kolonien durch die Kolonialmächte nach der Unab‐ hängigkeit. Nkrumah bezeichnet Neokolonialismus sogar als die schlimmste Form des Imperialismus, denn „für diejenigen, die ihn praktizieren, bedeutet er Macht ohne Verantwortung, und für diejenigen, die darunter leiden, bedeutet er Ausbeutung ohne Wiedergutmachung.“ 386 Oral History Die Rekonstruktion der Vergangenheit anhand der Befragung von Zeit‐ zeug: innen oder durch die Analyse von Geschichte, die über Generationen hinweg mündlich überliefert wurde. Othering Im engeren Sinn: die Darstellung von Gruppen oder Weltteilen als das komplette Gegenteil von Europa. Im weiteren Sinn: Menschen oder Gruppen willkürlich zum „Anderen“ und zum Fremden an sich erklären. Eingeführt wurde der Begriff vom Literaturwissenschaftler Edward Said in seinem Werk Orientalismus (1978), um zu beschreiben, wie der „Orient“ (insbeson‐ dere der Nahe Osten, Nordafrika und Teile Asiens) zum Gegensatz der eu‐ 186 Glossar - Wichtige Begriffe kurz erklärt <?page no="187"?> ropäischen Moderne erklärt wurde und als exotisch, irrational, rückständig und unterlegen dargestellt wurde. Dadurch wurde er auch „kolonisierbar“. Teilweise ging man auch so weit, die „Anderen“ zu „Barbaren“ zu erklären und sie zu entmenschlichen, um koloniale Gewalt gegen sie zu rechtfertigen. Panafrikanismus Eine im 19. Jahrhundert aufkommende Bewegung, die über Grenzen hinweg auf das Ziel der Emanzipation und Befreiung aller Afrikaner: innen mitsamt ihren Nachkommen hinwirkt. Zunächst stand die Befreiung von Verskla‐ vung und Kolonialismus im Mittelpunkt, dann der Kampf für Bürgerrechte und gegen Rassismus und Diskriminierung im Allgemeinen. Besondere Wirkmacht entfaltete er unter Schwarzen Menschen nach der Abolition in den USA, im Zuge der antikolonialen Unabhängigkeitsbewegungen und bei afrikanischen Migrant: innen und deren Nachkommen in der Diaspora. Um ihre Ziele zu erreichen, schuf die Bewegung eigene Institutionen zur Emanzipation, wie Bildungseinrichtungen, Publikationsorgane und Kultur‐ kongresse, versuchte sich aber auch an der politischen Vereinigung afrika‐ nischer Länder. So schuf der erste Präsident Ghanas und Theoretiker des Panafrikanismus, Kwame Nkrumah, im Jahr 1958 die Union Afrikanischer Staaten (Ghana, Guinea und Mali), die später zur loseren Casablanca-Gruppe (Algeriens Exilregierung, Ägypten, Ghana, Guinea, Mali und Marokko) erweitert wurde. Diese Einigungsversuche waren allerdings kurzlebig. Ähnliche Versuche gab es im Panarabismus. Der Panasianismus gründete vorrangig auf antikolonialer Solidarität, wobei China, Indonesien und In‐ dien eine Führungsrolle beanspruchten. In verschiedenen Konstellationen vereinten sich die Pan-Bewegungen hinter dem gemeinsamen Ziel des Antikolonialismus, wie auf der Konferenz von Bandung (1955). Plantagenozän Das von der Plantagenwirtschaft geprägte Zeitalter, das durch den Raubbau an der Natur, zerstörerische Monokulturen, Ausbeutung von Arbeitskräf‐ ten bis hin zur Versklavung und unverantwortlichem Konsumverhalten bestimmt ist. Im Plantagenozän werden nicht nur Böden und Menschen ausgebeutet, sondern auch andere „Arten“, wie Tiere, Mikroben und Pflan‐ zen. Da Plantagen meist im Globalen Süden sind und den Globalen Norden versorgen, stehen sie auch für globale, soziale, wirtschaftliche und rassifi‐ zierte Ungleichheit. Das Plantagenzeitalter ist aber nicht an die Existenz von Glossar - Wichtige Begriffe kurz erklärt 187 <?page no="188"?> 387 Fredrickson, 2004 1 ; Arndt, 2012 1 ; Balibar, 1991: 17-82; Arndt/ Ofuatey-Alazard (Hg.), 2011. Plantagen gebunden, sondern steht für eine allgemeinere Plantagen-Logik, die sich zum Beispiel in der Massentierhaltung zeigt. Rassismus Eine in sich höchst widersprüchliche Ideologie, die aus biologischen Zu‐ schreibungen (wie der Hautfarbe) unterschiedliche Eigenschaften spezifi‐ scher Gruppen ableitet und sie auf dieser Grundlage in scheinbar inkompa‐ tible Rassen einteilt. Meist werden diese so genannten Rassen auf einer Achse von Überlegen bis Unterlegen hierarchisiert. Nach der rassistischen Ideologie führt eine „Rassenmischung“ unweigerlich zur „Entartung“ und zur „Degeneration“ (Rückentwicklung) der beteiligten Gruppen. Obwohl der Rassismus weiter wirkmächtig bleibt, ist die Existenz von biologischen Rassen widerlegt. Allerdings existieren Rassen als kulturelle Konstrukte, welche eine spürbare Praxis der gruppenspezifischen Diskriminierung er‐ lauben - zum Beispiel bei der Rassifizierung von Schwarzen Menschen. Durch ihre Rassifizierungs- und Diskriminierungserfahrung werden sie zu einer Schicksalsgemeinschaft, die für sich selbst auch den Begriff Rasse verwendet, um auf ihr geteiltes Schicksal aufmerksam zu machen und zum Beispiel Entschädigungen für Versklavung und Unterdrückung zu fordern. 387 Siedlungskolonialismus (auch Settler Colonialism, Binnenkolonialismus oder Frontierkolonialismus) Bezeichnet eine Form des Kolonialismus, bei der meist weiße Kolonisierende nicht primär auf Ausbeutung, sondern auf dauerhafte Besiedlung und Erset‐ zung der Indigenen Bevölkerung abzielen. Zentral ist dabei die Aneignung von Land und die systematische Verdrängung oder Vernichtung Indigener Gesellschaften. Genozid wird als ein inhärenter Bestandteil betrachtet, um den Weg für die neue Gesellschaftsordnung freizumachen Er bleibt auch nach der formellen Dekolonisation als Struktur wirksam. Oft genannte Beispiele dafür sind Nord- und Südamerika, Kanada und Australien. Er hängt eng zusammen mit dem Binnenkolonialismus, der die Ausbeutung und Marginalisierung bestimmter Bevölkerungsgruppen innerhalb eines bestehenden Staatsgebiets, meist entlang ethnischer oder regionaler Linien, bezeichnet. Vor allem in den USA trat er als Frontierkolonialismus auf, der das Voranschieben einer Siedlungsgrenze durch Gewalt, Besiedlung und 188 Glossar - Wichtige Begriffe kurz erklärt <?page no="189"?> 388 Veracini, 2006: 387-409; Bischoff (Hg.), 2020; Zimmerer, 2009: 529-548. 389 Spivak, 2014; Chakrabarty, 2000; Chatterjee, 2006, 94-104. 390 Fitzmaurice, 2007, 1-15. Aneignung Indigener Territorien beschreibt. Mittlerweile wird auch die genozidale Besatzungspolitik des Nationalsozialismus zur Gewinnung von „Lebensraum“ in Osteuropa als Siedlungskolonialismus interpretiert. 388 Subalternität Ein gesellschaftlicher Status, der ausgegrenzte Gruppen ohne Macht, Mit‐ sprache und Mitbestimmung bezeichnet. Die „Subalternen“ mussten nicht unbedingt eine numerische Minderheit sein, um unterdrückt zu werden. In den Kolonien waren sie die Mehrheit, aber trotzdem ohne Rechte. Seit den 1970er Jahren nahmen sich vorrangig indische Historiker: innen ihrer Sache an. Unter dem Namen „Subaltern Studies Group“ versuchten sie, die Geschichte dieser marginalisierten Gruppen bekannt zu machen und ihnen dadurch eine Stimme zu geben. Dem Historiker Dipesh Chakrabarty zu Folge wurden „Subalterne“ nicht nur vom Kolonialsystem unterdrückt, sondern auch von den einheimischen Eliten nach der Unabhängigkeit, wie zum Beispiel in Indien. 389 Terra Nullius Bezeichnet Land, das angeblich von niemandem beansprucht wird. Meist wurde es als „leeres Land“ oder „Niemandsland“ dargestellt, das weder bewohnt noch landwirtschaftlich oder industriell genutzt wird. Seit der Aufteilung Afrikas im Jahr 1884/ 5 diente terra nullius als pseudorechtlicher Vorwand, Land von Indigenen Gruppen zu enteignen, die es durchaus nutzten (wenn auch nur „extensiv“). Obwohl es so klingt, war terra nullius kein wirklicher Rechtsbegriff, sondern beschreibt eher eine allgemeine Strategie und Praxis der kolonialen Landnahme und -enteignung. 390 Glossar - Wichtige Begriffe kurz erklärt 189 <?page no="191"?> Verwendete Literatur Abbink, Jon/ Bruijn, Mirjam de/ van Walraven, Klaas (Hg.), Rethinking resistance. Revolt and violence in African history, Leiden 2010. Abi-Mershed, Osama, Apostles of Modernity. Saint-Simonians and the Civilizing Mission in Algeria, Redwood City 2010. Adelman, Jeremy, Sovereignty and Revolution in the Iberian Atlantic, Princeton, NJ 2006. Adi, Hakim, Pan-Africanism. A history, London 2018. Albertini, Rudolf von, Europäische Kolonialherrschaft. 1880-1940, Zürich 1976. 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Ausbeutung-38, 121 Aztekenreich-39 Bandung, Konferenz-147, 160f., 164 Bantu-Philosophie-30 Befreiungsbewegungen-142, 145 Befriedungskriege-85 Belgien-72, 87 Belgisch-Kongo-95, 138 Bell, Rudolf Manga-91, 126, 175 Benin-Bronzen-167 Berliner Kongo-Konferenz-19 Berliner Westafrika-Konferenz-72 Beutekunst-25, 168, 181 Binnenkolonialismus-45, 50, 71, 188 Black Codes-97 Black Lives Matter-170 Blockfreie-Bewegung-159, 161f. Bolivien-58 Brasilien-59, 72 Britisch-Afrika-87 Britisch-Indien-87, 89, 134 Britisch-Malaysia-109 Britisch-Nigeria-89 Burundi-22 Callwell, Charles Edward-84 Césaire, Aimé-117 Chauvinismus-46 Chile-71, 164 Christentum-30, 53, 56, 67 Code Noir-59, 97f. Conquista-55, 62 Darwin, Charles-65 Dekolonialität-181 Dekolonisierung 19, 71, 86, 116, 141, 182 Dependenztheorie-182 Dernburg, Bernhard-81 Descartes, René-78 Desegregation-163 Deutsches Reich-72, 91 Deutsche Wiedervereinigung-24 <?page no="220"?> Deutschland 11, 19, 21-25, 61, 81, 87, 99 Deutsch-Neuguinea-22 Deutsch-Ostafrika-22, 90, 123, 129, 134 Deutsch-Südwestafrika-22, 88, 176 de Vitoria, Francisco-79 Diop, Cheick Anta-77 Diskriminierung-48, 156 Disput von Valladolid-62, 68 Dritte-Welt-Bewegung-162, 164 Du Bois, W. E. B.-165 Eingeborenengesetz-98 Empire-43, 47 Enfantin, Prosper-56 England-58, 81 Enlai, Zhou-161 Entlernen-178, 182 Environcide-183 Epistemizid-177, 183 Erdnussproduktion-106 Eritrea-135 Eroberungskriege-38 Erster Weltkrieg-101 Eurafrika-52 eurozentrisch-18, 20, 26, 29, 32, 46, 183 Evolutionsbiologie-65 Extraktionswirtschaft-40 Extraktivismus-40, 48 Fair-Trade-Bewegung-123 Fanon, Frantz-86, 93, 117, 144, 166, 170 First Nations-81, 163 Frankreich-58, 70, 87, 97, 144f., 154 Französisch-Algerien-98, 134, 146, 166 Französische Revolution-44, 70, 117 Französisch-Indochina-109 Französisch-Kongo-112 Französisch-Westafrika-35, 87, 93, 104, 138 Frauen-94 Fremdherrschaft-34, 39 Front de Libération National-143 Gandhi, Mahatma-119, 136, 139, 145 Gate Keeper State-148 Gelbfieber-121 Germanisierungskampagnen-54 Geschichtsschreibung-21, 23 Gewalt-83, 85, 129, 144, 154, 178 Ghana-105, 127, 138, 160, 187 Globaler Süden-77, 184 Goldbergbau-108 Goldminen-40 Great Divergence-108 Großbritannien-63, 70, 72, 81, 87, 145, 154, 165 Grotius, Hugo-79 Guevara, Che-161 Haiti-70, 116 Hatta, Mohammad-160 Hegel, Georg Wilhelm Friedrich-76 Herero-35 Herero-Nama-Krieg-26, 122, 176 Hochimperialismus-19, 43, 72, 87 Humboldt, Alexander von-65 Imperialismus-18, 26, 37, 43, 46, 81 Indian Mutiny-128 Indian National Congress-133 Indien 29, 41, 56f., 63, 72, 86, 88, 90, 105, 119, 133f., 136, 139, 145ff., 160f., 187, 216 indígenas-163 Indigene-72, 74, 90f., 184 indigene Wirtschaft-104 220 Wo sich welches Stichwort befindet <?page no="221"?> Indonesien 72, 84, 86, 123, 135, 147, 155, 160 Infrastruktur-111 Inkareich-39 Islam-30, 54, 63, 134 italien-135 Italien-32, 72, 130, 135, 143 Japan-22, 89, 135 Java-95, 101, 104 Jingoismus-46 Kader, Abd-el-84 Kaffeepflanzungen-123 Kakaoproduktion-106 Kamerun-22, 81, 91, 102, 105, 155 Kanonenbootpolitik-83 Kant, Immanuel-76 Karthager-50 Kartini, Raden Adjeng-95, 103 Kaziken-59 Kenia-120, 142, 146, 154 Kenyatta, Jomo-93, 120, 140, 142, 146 Kiautschou-22 Kimbangu, Simon-136 Kimbanguismus-137 koloniale Amnesie-154 koloniale Eroberungskriege-34 koloniales Recht-99 Kolonialexpansion-81 Kolonialherrschaft-40 Kolonialimperien-35, 86 Kolonialität-43, 47, 185 Kolonialkriege-85 Kolonialverwaltungen-35, 86, 91 Kolumbus, Christoph-19, 31 Kommodifizierung-57 Kongo-108, 136 König Leopold II-101 Konversionskolonialismus-63 Kuba-71 Kulturrassismus-38 Kunstwerke-167 Kupferminen-40 Labour Theory of Property-185 Lenin, Wladimir Iljitsch-46 Liberalismus-79 Libyen-135, 143 Locke, John-44, 79 Louverture, Toussaint-116 Luxemburg, Rosa-46 Madagaskar-103, 155 Maji-Maji-Krieg-123 Malaria-121 Malaysia-155 Mamluken-57 Mandela, Nelson-78, 146, 161 Marhaenismus-147 Marokko-19, 83, 87f., 136, 187 Massentaufen-62 Menschenrechte-37 Merkantilismus-60 Mexiko-58 Migrationsbewegung-155 Mill, John Stuart-81 Millet-System-56 Mills, Charles W.-82 Minenvorkommen-58 Missionare-62f. Mogulreich-55 Multiethnizität-70 Museen-167 Muslime-32, 55f., 65, 93, 126, 134ff. Wo sich welches Stichwort befindet 221 <?page no="222"?> Nachhaltigkeit-39, 55 Nama-35 Namibia-22, 26 Napoleon-72 Nasser, Gamal Abdel-161 Natur-121 Négritude-139 Nehru, Jawaharlal-160f. Neo-Extraktivismus-186 Neo-Extraktivismus-39 Neokolonialismus-20, 156, 161, 186 Niederlande-58, 63, 72, 79, 81, 145 Niederländisch-Indien-95, 101, 126, 128 Niederländisch-Indonesien-90, 109, 134 Nigeria-35, 87, 106, 167 Nkrumah, Kwame-93, 140, 142, 157, 161 Nordrhodesien-108 Nyerere, Julius-139, 147 Oral History-33, 186 Orientalismus-158 Osmanisches Reich-56 Ostkolonisation-53 Othering-23, 32, 35, 158, 186 Pakistan-134 Panafrikanismus-139, 161, 187 Panarabismus-139, 161 Panasianismus-161 Paraguay-62 Pax Britannica-38 Pazifizierung-18, 85 Peru-58, 71 Philippinen-71 Phönizier-50 Plantagenozän-187 Plantagenwirtschaft-39, 108 Portugal-58, 62 Postkolonialismus-156f. Puerto Rico-71 Puttkamer, Jesko von-109 Rassifizierung-85 Rassismus-24, 37, 47, 51, 64, 66, 74, 76, 82, 142, 145, 159, 165, 171, 174, 188 Raubbau-39 Raubkunst-168, 181 Rechtssegregation-97 Reconquista-55, 62 Ressourcen-39 Ressourcenausbeutung-58 Restitution-168 Ruanda-22 Saint Domingue-97f., 116 Sámi-163 Sanussiya-Bruderschaft-135 S-o Tomé-109 Sarekat Islam-133 Satyagraha-139 Schimmelmann, Carl Heinrich-61 Segregation-65, 142 Selbstbestimmungsrecht-138 Senegal-77, 106, 120 Senghor, Léopold-120 Siedlungskolonialismus-51, 162, 188 Siedlungskolonien-45 Sklave-57 Sozialdarwinismus-65 Spanien-58, 70, 87 Sterblichkeit-112 Subalternität-189 Südafrika-146 Südwestafrika-26 Sundiata-Epos-33 222 Wo sich welches Stichwort befindet <?page no="223"?> Tanganyika-139 Tansania-22, 125 Terra Nullis-165 Terra Nullius-80, 189 Tocqueville, Alexis de-83 Togo-22, 81, 83, 101 Tropenkrankheiten-122 Trotha, Lothar von-88 Tunesien-87 Überseekolonialismus-71 Ujamaa-Philosophie-147 Umerziehungslager-62 Umweltschutzmaßnahmen-125 Unabhängigkeit-147, 154, 160 Unabhängigkeitsbewegung-128 USA-19f., 22, 70f., 89, 94, 97, 131, 143, 145, 155, 164, 170, 187 Versklavung 50, 55f., 58, 60ff., 65, 70, 76, 94, 105, 109, 139 Vierte Welt-162, 164 Vietnamkrieg-155 Völkerrecht-27, 79f., 82, 130, 137, 177 Weltwirtschaftskrise-127 Whataboutism-57 Widerstand-93, 116, 118f., 121, 125, 133 Williams, Eric-60 Witbooi, Hendrik-26-29, 85 Zivilisation-37, 52 Zivilisierungsmission-38 Zuckerproduktion-116 Zulu-34, 78 Zweiter Weltkrieg-127 Wo sich welches Stichwort befindet 223 <?page no="224"?> Bisher sind erschienen: Claudia Ossola-Haring Ein Start-up gründen? Frag doch einfach! 2020, 238 Seiten ISBN 978-3-8252-5436-0 Martin Oppelt Demokratie? Frag doch einfach! 2021, 202 Seiten ISBN 978-3-8252-5446-9 Florian Kunze, Kilian Hampel, Sophia Zimmermann Homeoffice und mobiles Arbeiten? Frag doch einfach! 2021, 190 Seiten ISBN 978-3-8252-5664-7 Gerald Pilz Mobilität im 21. Jahrhundert? Frag doch einfach! 2021, 230 Seiten ISBN 978-3-8252-5662-3 Anke Brinkmann, Gabriele Dreilich, Christian Stadler Virtuelle Teams führen? Frag doch einfach! 2022, 148 Seiten ISBN 978-3-8252-5780-4 Andreas Koch Armut? Frag doch einfach! 2022, 179 Seiten ISBN 978-3-8252-5554-1 Fabian Kaiser, Arie van Bennekum Scrum? Frag doch einfach! 2. Auflage, 2022, 134 Seiten ISBN 978-3-8252-5974-7 Florian Spohr Lobbyismus? Frag doch einfach! 2023, 199 Seiten ISBN 978-3-8252-5688-3 Henrik Bispinck Friedliche Revolution und Wiedervereinigung? Frag doch einfach! 2023, 185 Seiten ISBN 978-3-8252-5445-2 Roman Simschek, Arie van Bennekum Agilität? Frag doch einfach! 3. Auflage, 2023, 197 Seiten ISBN 978-3-8252-6055-2 Frag doch einfach! Klare Antworten aus erster Hand Die utb-Reihe „Frag doch einfach! “ beantwortet Fragen, die sich nicht nur Studierende stellen. Im Frage-Antwort-Stil geben Expert: innen kundig Auskunft und verraten alles Wissenswerte rund um das Thema. Die wichtigsten Fachbegriffe stellen sie zudem prägnant vor und verraten, welche Websites, YouTube-Videos und Bücher das Wissen vertiefen. So lässt sich leicht in ein Thema einsteigen und über den Tellerrand schauen. <?page no="225"?> Nassim Madjidian, Sara Wissmann Seenotrettung? Frag doch einfach! 2023, 192 Seiten ISBN 978-3-8252-6014-9 Arndt Sinn Organisierte Kriminalität? Frag doch einfach! 2023, 204 Seiten ISBN 978-3-8252-6100-9 Detlev Frick Big Data? Frag doch einfach! 2023, 123 Seiten ISBN 978-3-8252-5442-1 Annegret Braun Glück? Frag doch einfach! 2023, 172 Seiten ISBN 978-3-8252-6092-7 Jenny Amelingmeyer / Thomas B. Berger / Sven Seidenstricker Innovationsmanagement? Frag doch einfach! 2024, 208 Seiten ISBN 978-3-8252-6097-2 Matthias Kaufmann Ethik und Moral? Frag doch einfach! 2024, 199 Seiten ISBN 978-3-8252-5444-5 Seongcheol Kim Populismus? Frag doch einfach! 2024, 139 Seiten ISBN 978-3-8252-6104-7 Anna-Lisa Müller Migration? Frag doch einfach! 2024, 169 Seiten ISBN 978-3-8252-5694-4 Petra Jansen Achtsamkeit? Frag doch einfach! 2024, 158 Seiten ISBN 978-3-8252-6173-3 Michael von Hauff Nachhaltigkeit für Deutschland? Frag doch einfach! 2. Auflage, 2024, 190 Seiten ISBN 978-3-8252-6353-9 Simon Werther / Laura Werther New Work als Normalität? Frag doch einfach! 2024, 190 Seiten ISBN 978-3-8252-5810-8 Barbara Schmidt Angst? Frag doch einfach! 2. Auflage, 2025, 156 Seiten ISBN 978-3-8252-6345-4 Thomas Kessel / Alexander Brandt ChatGPT und Large Language Models? Frag doch einfach! 2024, 179 Seiten ISBN 978-3-8252-6276-1 Rolf J. Daxhammer / Moritz Schüßler ETFs - Börsengehandelte Indexfonds? Frag doch einfach! 2025, 174 Seiten ISBN 978-3-8252-6271-6 Maik Philipp Desinformation? Frag doch einfach! 2025, 159 Seiten ISBN 978-3-8252-6543-4 Steffen Kailitz Extremismus? Frag doch einfach! 2025, 234 Seiten ISBN 978-3-8252-5905-1 <?page no="226"?> Florian Wagner Kolonialismus und Antikolonialismus? Frag doch einfach! 2026, 223 Seiten ISBN 978-3-8252-6105-4 Lisa Bogerts / Wyn Brodersen / Maik Fielitz Digitale Kulturen? Frag doch einfach! 2025, 111 Seiten ISBN 978-3-8252-6480-2 Stephan Wassong / Ansgar Molzberger / Daniel Quanz / Philipp Waeffler Olympische Spiele und Olympische Bewegung? Frag doch einfach! 2026, 274 Seiten ISBN 978-3-8252-6471-0 <?page no="227"?> ISBN 978-3-8252-6105-4 In dieser Einführung zur Geschichte von Kolonialismus und Antikolonialismus erklärt Florian Wagner, wie Europa fast die ganze Welt erobern konnte. Er zeigt, dass der Kolonialismus nicht nur eine vergangene Epoche der Gewaltherrschaft war, sondern bis heute Folgen für Menschen, Kultur und Umwelt hat. Mit besonderem Blick auf die Erfahrungen der Kolonisierten erzählt das Buch von ihrem alltäglichen Widerstand und dem Aufstieg schlagkräftiger antikolonialer Bewegungen. Ein abschließendes Kapitel widmet sich aktuellen Debatten um Erinnerungspolitik, koloniale Beutekunst und die Umbenennung von Straßennamen. Für Studierende der Geschichte, Politik- und Kulturwissenschaften und alle, die sich für den Kolonialismus und seine Nachwirkungen interessieren. Frag doch einfach! Die utb-Reihe geht zahlreichen spannenden Themen im Frage-Antwort-Stil auf den Grund. Ein Must-have für alle, die mehr wissen und verstehen wollen. Geschichte | Politikwissenschaft Kulturwissenschaft Dies ist ein utb-Band aus dem UVK Verlag. utb ist eine Kooperation von Verlagen mit einem gemeinsamen Ziel: Lehr- und Lernmedien für das erfolgreiche Studium zu veröffentlichen. utb.de QR-Code für mehr Infos und Bewertungen zu diesem Titel