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Reisepsychologie

Warum Menschen auf Reisen gehen

0413
2026
978-3-8385-6190-5
978-3-8252-6190-0
UTB 
Martina Zschocke
10.36198/9783838561905

Martina Zschocke geht in diesem Buch der Frage nach "Warum Menschen auf Reisen gehen". Sie beschreibt, welche Motivation Menschen vor der Reise haben, was das Unterwegssein psychologisch auszeichnet und welchen Reiz das Ankommen in der Fremde und bei sich selbst hat. Auch die Phase nach der Reise berücksichtigt sie. Auf die Einflüsse und Auswirkungen neuer Trends in der Reisefotografie, bei Social Media und Reise-Recommendation-Apps geht sie zudem ein. Eine spannende Lektüre für die Tourismuswissenschaft, die Psychologie und die Soziologie in Studium und Praxis.

9783838561905/9783838561905.pdf
<?page no="0"?> ISBN 978-3-8252-6190-0 Martina Zschocke Reisepsychologie Sozial-, Wirtschafts- und Tourismuswissenschaften Reisepsychologie Zschocke Dies ist ein utb-Band aus dem UVK Verlag. utb ist eine Kooperation von Verlagen mit einem gemeinsamen Ziel: Lehr- und Lernmedien für das erfolgreiche Studium zu veröffentlichen. utb.de QR-Code für mehr Infos und Bewertungen zu diesem Titel Martina Zschocke geht in diesem Buch der Frage nach „Warum Menschen auf Reisen gehen“. Sie beschreibt, welche Motivation Menschen vor der Reise haben, was das Unterwegssein psychologisch auszeichnet und welchen Reiz das-Ankommen in der Fremde und bei sich selbst hat. Auch die Phase nach der Reise berücksichtigt sie. Auf die Einflüsse und Auswirkungen neuer Trends in-der Reisefotografie, bei Social Media und Reise- Recommendation-Apps geht sie zudem ein. Eine spannende Lektüre für die Tourismuswissenschaft, die Psychologie und die Soziologie in Studium und Praxis. mit zahlreichen Beispielen 6190-0_Zschoke_M_6190_PRINT.indd Alle Seiten 6190-0_Zschoke_M_6190_PRINT.indd Alle Seiten 02.03.26 11: 11 02.03.26 11: 11 <?page no="1"?> utb 6190 Eine Arbeitsgemeinschaft der Verlage Brill | Schöningh - Fink · Paderborn - Vandenhoeck & Ruprecht · Göttingen - Böhlau · Wien · Köln Verlag Barbara Budrich · Opladen · Toronto facultas · Wien Walter de Gruyter · Berlin · Boston Haupt Verlag · Bern Verlag Julius Klinkhardt · Bad Heilbrunn Mohr Siebeck · Tübingen Narr Francke Attempto Verlag - expert verlag · Tübingen Psychiatrie Verlag · Köln Psychosozial-Verlag · Gießen Ernst Reinhardt Verlag · München transcript Verlag · Bielefeld Verlag Eugen Ulmer · Stuttgart UVK Verlag · München Waxmann · Münster · New York wbv Publikation · Bielefeld Wochenschau Verlag · Frankfurt am Main UTB (M) Impressum_09_25_4c.indd 1 UTB (M) Impressum_09_25_4c.indd 1 17.09.2025 16: 06: 23 17.09.2025 16: 06: 23 <?page no="2"?> Prof. Dr. Martina Zschocke lehrt an der Fakultät Ma‐ nagement- und Kulturwissenschaften an der Hochschule Zittau/ Görlitz. <?page no="3"?> Martina Zschocke Reisepsychologie Warum Menschen auf Reisen gehen <?page no="4"?> DOI: https: / / doi.org/ 10.36198/ 9783838561905 © UVK Verlag 2026 ‒ Ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikro‐ verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Heraus‐ geber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Einbandgestaltung: siegel konzeption | gestaltung Druck: Elanders Waiblingen GmbH utb-Nr. 6190 ISBN 978-3-8252-6190-0 (Print) ISBN 978-3-8385-6190-5 (ePDF) ISBN 978-3-8463-6190-0 (ePub) Umschlagabbildung: © Kar-Tr ∙ iStock Illustrationen vor den Kapiteln: © José Augusto Castro ∙ Portugal Autorinnenbild: © Julia Funke Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. <?page no="5"?> 9 1 18 1.1 18 1.1.1 18 1.1.2 30 1.2 32 1.3 33 1.3.1 34 1.3.2 39 1.3.3 46 1.3.4 47 1.4 51 1.5 53 2 58 2.1 58 2.2 61 2.2.1 62 2.2.2 67 2.2.3 81 2.2.4 82 2.3 83 2.4 87 Inhalt Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vor der Reise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Reiseentscheidung und Reisemotive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Reisemotive und Reiseentscheidungsprozesse . . . . . . . . . . . Die Reiseentscheidung als Ausgangspunkt geographischer Arbeit: Geographische Faktoren von Reiseentscheidungsprozessen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Unterschiede in den Reiseentscheidungsprozessen von Frauen und Männern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Individuelle Reisepräferenzen: Reisen und Persönlichkeit und Reisetypen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Reisepräferenzen und Persönlichkeit nach den Big Five . . Sensation Seeking . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Entdecker-Gen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einfluss von Persönlichkeit auf das Problemlöseverhalten von Paaren auf Reisen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vorfreude, schönste Freude? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fernweh . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Unterwegs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . On the road: Der Reiz der Bewegung. Wenn es läuft . . . . . Aktive Bewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Passive Bewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Mobilität als Megatrend: Digitale Nomaden und Workation Traumreisen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Flow-Erleben beim Reisen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wahrnehmung beim Reisen: Die Rehabilitierung der Sinne <?page no="6"?> 2.5 93 2.5.1 94 2.5.2 95 2.5.3 102 2.5.4 105 2.6 107 2.6.1 107 2.6.2 109 2.7 113 2.7.1 113 2.7.2 116 2.8 129 2.8.1 130 2.8.2 132 2.9 141 2.9.1 141 2.9.2 145 2.9.3 146 2.9.4 148 2.9.5 149 2.9.6 150 3 156 3.1 156 3.2 159 3.2.1 159 3.2.2 160 3.2.3 167 3.2.4 174 3.2.5 201 3.2.6 210 3.2.7 213 3.3 225 3.3.1 225 Zeitwahrnehmung beim Reisen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zeitautonomie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einfluss von Reisen auf die Zeitwahrnehmung und Zeitrepräsentation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zeitwahrnehmung (prospektiv) und Erinnerung (retrospektiv) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Reisen als Zeitreise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einfluss des Reisens auf den Körper . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Positive Effekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Risiken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einfluss des Reisens auf die Psyche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Positive Effekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Risiken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Urlaubsreisen und Erholung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Beanspruchung, Erschöpfung und Erholung . . . . . . . . . . . . Basisfaktoren für Erholung auf Reisen . . . . . . . . . . . . . . . . . Einfluss von Reisen auf das Denken und die Kreativität . . Kognitive Prozesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abstand und Distanz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bewegung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wahrnehmung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kreativität und der Genius loci . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Transitorte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ankommen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Frei-Raum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Orte: Reservate der Sehnsucht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Orte, Räume und Landschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Natur und Landschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Wald . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Berge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Meer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Wüste . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Städte und Metropolen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Reisebiographien: Reisen und Identität - Ankommen bei sich selbst . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Orte: Biographie in der Geographie - Identität und Reisen 6 Inhalt <?page no="7"?> 3.3.2 229 3.3.3 232 3.3.4 235 3.3.5 248 3.4 266 3.4.1 266 3.4.2 268 3.4.3 276 3.5 279 3.6 282 4 290 4.1 290 4.2 294 4.3 296 301 307 309 354 359 Topographische Identität - die kontextabhängige Aktivierung von Selbstkonzepten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Zustand des Unterwegsseins als Moratorium und Positionsbestimmung -Identität im Transit . . . . . . . . . . . . . Transformative Reisen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Veränderungen von Selbst und Persönlichkeit beim Reisen Abbild der Reise: Reisefotografie und Social Media . . . . . . Bedeutung des Fotografierens auf Reisen heute . . . . . . . . . Einfluss von Social Media auf Reiseverhalten und Reiseentscheidungsprozesse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Selfies im Tourismus: Gut ankommen? . . . . . . . . . . . . . . . . . Wohin geht die Reise? - Entdecken vs. Nacherleben . . . . . Schneller, höher weiter? - Der Trend zum Mikroabenteuer Nach der Reise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Erinnerung - Zusammenhang von Erlebnisintensität, Zeitwahrnehmung und Gedächtnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anker der Erinnerung: Reisefotografie . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Rückkehr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nachwort: Brauchen wir Reisen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Interviewquellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inhalt 7 <?page no="9"?> Vorwort Die Fremde und die Ferne implizierten zu allen Zeiten Ungewissheit und den Traum der erfüllten Hoffnung, den Inbegriff der Attraktion und Furcht. Eric J. Leed bezeichnet Reisen als „Struktur unseres Lebens“ und Zora Neale Hurston gar als „Seele der Zivilisation“. Was uns allesamt verbindet, ist, dass es zweifellos für jeden gut ist, in Bewegung zu bleiben: Bewegung ist Leben, ist Lebendigkeit und damit der Gegenentwurf zum Erstarren. Es ist wichtig, hin und wieder die Sen‐ soren auszufahren. Die Welt, den Wind und die Freiheit zu erleben und auszubrechen aus den Routinen. Reisen als Spielbein zum Standbein der Sesshaftigkeit. Max Frisch meinte, wir reisen auch, um noch einmal zu erfahren, was uns in diesem Leben möglich ist. Thomas Mann hat es im „Zauberberg“ so auf den Punkt gebracht: „Zwei Reisetage entfernen den Menschen - und gar den jungen, im Leben noch wenig fest verwurzelten Menschen - seiner Alltagswelt, all dem, was er seine Pflichten, Interessen, Sorgen, Aussichten nannte, viel mehr, als er sich auf der Droschkenfahrt zum Bahnhof wohl träumen ließ. Der Raum, der sich drehend und fliehend zwischen ihn und seine Pflanzstätte wälzt, bewährt Kräfte, die man gewöhnlich der Zeit vorbehalten glaubt; von Stunde zu Stunde stellt er innere Veränderungen her, die den von ihr bewirkten, sehr ähnlich sind, aber sie in gewisser Weise übertreffen. Gleich ihr erzeugt er Vergessen; er tut es aber, indem er die Person des Menschen aus ihren Beziehungen löst und ihn in einen freien und ursprünglichen Zustand versetzt, - ja, selbst aus dem Pedanten und Pfahlbürger macht er im Handumdrehen etwas wie einen Vagabunden. Zeit, sagt man, ist Lethe; aber auch Fernluft ist so ein Trank, und sollte sie weniger gründlich wirken, so tut sie es dafür desto rascher.“ Der Schriftsteller Bruce Chatwin konterte einst den berühmten Satz von Pascal „Das ganze Unglück des Menschen rühre nur von seiner Unfähigkeit, ruhig in seinem Zimmer zu bleiben“ damit, dass es in Wirklichkeit genau umgekehrt sei: Ohne Veränderung verkümmere unser Hirn und Körper. Eine monotone Umgebung, eintönige regelmäßige Aktivitäten und geringe körperliche Anforderungen führen zu Verhaltensweisen, die nervöse Ver‐ stimmung und Apathie hervorrufen. <?page no="10"?> Es erscheint somit kaum verwunderlich, dass eine Generation, die sich mit der Heizung vor Kälte und mit Klimaanlagen vor Wärme schützt, die in Transportmitteln von einem geschlossenen Raum zum nächsten fährt, das Bedürfnis nach Reisen empfindet, meint Chatwin. Chatwin wusste, wovon er sprach, litt er doch als erfolgreicher Angestellter bei Sothebyʼs an einer schweren psychogenen Sehstörung. Sein Arzt war umsichtig genug, ihm als Therapie „weite Horizonte“ zu verschreiben, was offensichtlich fruchtete, genas er doch im afrikanischen Sudan vollständig. Mobilität ist die früheste prähistorische conditio humana. Der nomadi‐ sche Zustand war der ursprüngliche Zustand des Menschen, die Sesshaf‐ tigkeit folgte erst später, sozusagen im wahrsten Sinne des Wortes auf dem Fuße. Die menschliche Geschichte ist geprägt von Ortsveränderungen, von großen Wanderungen und erneuter Sesshaftwerdung (Leed, 1993, 18). Reisen ist jedoch notwendigerweise an die Entwicklung der Sesshaftigkeit gebunden. Die erste überlieferte Reise ist die von Abraham vor 4000 Jahren, der auf der Suche nach Gott in die Wüste ging. Die Wurzeln des Wanderns lassen sich in vielen Religionen nachweisen und finden ihren Ausdruck in der Pilgerreise. Im 4. und 5. Jahrhundert n.C. verließen viele Christen ihre Dörfer, um sich auf die „heilige Straße“ zum Heiligen Land zu begeben. Seit dem 8. Jahrhundert begeben sich Pilger auf den Hadsch, den Weg nach Medina und Mekka zu den heiligen Stätten des Propheten Mohammed. Vom 5.-10. Jahrhundert führten die Iren die „turas“ durch, die sie zu den Stätten der alten keltischen Helden führte. Die Gründe für Pilgerreisen konnten verschieden aussehen, immer jedoch war es die Suche nach etwas, nach Heilung oder Heiligung, nach Selbstreinigung, Katharsis und Neubeginn. Pilgern als Begriff stammt vom Lateinischen peregrinari, dessen ursprüng‐ liche Bedeutung „im Ausland verweilen“ ist. Pilgerorte wie Rom, Santiago de Compostela, Jerusalem und Canterbury waren Orte mit den meisten Herbergen und einer nahezu touristischen Infrastruktur. Interessanterweise liegen viele dieser Orte an alten noma‐ dischen Wanderwegen. „Häufig kristallisieren sich zeremonielle Zentren innerhalb der bestehenden Wanderungsmuster heraus: Sowohl Mekka als auch Jerusalem waren ursprünglich Orte, an denen Nomadenvölker sich versammelten und fasteten“ oder feierten (Leed, 1993, 255). Freilich gab es zu allen Zeiten auch Pilgerreisen, deren Ziel weltlichen Heiligtümer waren. Neben religiösen Wanderungen gibt es auch zahlreiche Belege dafür, dass Liebhaber von Philosophie oder Poesie zu den Orten 10 Vorwort <?page no="11"?> 1 „In England konnte ein Leibeigener dadurch den Status eines Freien erlangen, dass er den Boden an den er gebunden war, verließ und erst nach Ablauf eines Jahres zurück‐ kehrte. Jeder Mensch konnte sich also tatsächlich durch seine Abreise befreien. Die Verknüpfung von Autonomie und Freiheit ist demnach eine historische Entwicklung.“ (Leed, 1993, 63) der klassischen Dichter und Philosophen nach Athen, Ephesus, Alexandria pilgerten oder zu den Gräbern von Dante und Virgil zogen (Leed, 1993, 18). Für Phil Cousineau (1998) ist die Pilgerreise eine Metapher für die Reise an sich, da für ihn jede Reise das Ziel hat, etwas zu finden, was für den Reisenden von großer Bedeutung ist. Für ihn ist eine Reise ohne Herausforderung bedeutungslos und eine Reise ohne Ziel seelenlos. Reisen sei vor allem geprägt von Risiko und Erneuerung (Cousineau, 1998, xxiii). Reisen gab es in deutlich begrenzterem Umfang bereits in der Antike. Im Mittelalter war Reisen Vorrecht des Adels und der Ritter, die ihrem Wesen nach als die „Freien“ definiert wurden, nämlich als Gegenteil von Bindung an die Scholle, das Haus oder den Herrn. Frei waren in diesem Sinne alle, die das Recht auf Abreise hatten und ihre Autonomie auch verteidigen konnten. 1 Das Bild des Ritters als freier, autonomer Persönlichkeit entwickelte sich zum kulturellen Ideal, dass jedem jungen Mann offenstand, der über Waffen und ein Pferd verfügte. Aber auch Handwerker begaben sich zur Komplet‐ tierung und Verfeinerung ihrer Fähigkeiten und Fertigkeiten in die Fremde. Eine Epoche verstärkten Reisens war das 16. und 17. Jahrhundert. Der Massentourismus war noch nicht geboren, dennoch gab es eine Menge Menschen, die aus den unterschiedlichsten Gründen unterwegs waren und dabei oft weite Wege zurücklegten und lange Zeit fern von zu Hause verbrachten. So besuchten Gelehrte ausländische Universitäten und fuhren Künstler nach Italien, um die Renaissancekunst kennenzulernen, wieder andere begaben sich auf Entdeckungsreisen. Es gab weiter Pilgerreisen und Fürsten, die mit ihrer Entourage von Hof zu Hof und Kaiser, die samt Hofstaat von Pfalz zu Pfalz zogen (Maczak, 1998). Im 17. Jahrhundert kam die Grand Tour auf, die als letzte Stufe der Bildung betrachtet wurde und vorzugsweise nach Italien oder Frankreich führte (Brilli, 1997). Diese zum Teil jahrelangen Reisen, die oft längere Aufenthalte an einem Ort bedeuteten, würde man heute wohl kaum noch unter Reisen, viel eher unter Auslandaufenthalte fassen. Reisen wurde zu einer freiwillig gewählten Gelegenheit, sich selbst zu beweisen. Unterwegs waren auch auf der Grand Tour vor allem junge adlige und zunehmend auch gut betuchte bürgerliche junge Männer. Vorwort 11 <?page no="12"?> 2 Auch innerhalb der Blut-und-Boden-Ideologie des Nationalsozialismus galten Reisen außerhalb der nahezu industriell geplanten Kraft-durch-Freude-Urlaubsstätten und -Ferienheime als suspekt. Dies galt besonders für längere Auslandsaufenthalte und den von Hitler abgelehnten „Kosmopolitismus“, mit dem er insbesondere die jüdische Bevölkerung regelmäßig verunglimpfte. Im 18. Jahrhundert lieferte die Aufklärung auch die passende Philosophie nach und bereitete damit den Boden für die dezidiert positive Bewertung der Ortsveränderung und des Reisens, die bis dato noch als eher suspekt galt 2 . Die Grenze von frei zu vogelfrei (und damit hochgradig gefährdet) war eher schmal. Das änderte sich mit der Aufklärung. Reisen wurde als wesentlich erachtet für die Entwicklung des Denkens und des Geistes. Winckelmann, Goethe und Humboldt erhoben das Reisen zum Bildungsgut. Diese Entwicklung wurde von den Romantikern weitergeführt, die den Weg als Ziel entdeckten und für sich beanspruchten ohne bestimmte Absichten oder Zwecke zu reisen (Steinkohl & Sumpf, 2000, 15). Reisen als Inbegriff der Freiheit und Möglichkeit zu persönlicher Autonomie entwickelte sich zum modernen Topos (Leed, 1993, 27), der auch Begriffe wie Fernweh hervorbrachte (mehr dazu in →-Kap.-1.5). Auch die Art der Entdeckungsreisen änderte sich mit der Aufklärung. Bis in das 18. Jahrhundert glichen Entdeckungsreisen eher Eroberungszügen von Land, mitunter auch mitsamt Gold, Gewürz und Menschen. Das wurde in der Aufklärung zwar nicht aufgehoben - es gab weiterhin Eroberungszüge -, aber zunehmend verdrängte der Entdeckergeist die Gier. Jene, die ins Unbekannte aufbrachen, waren nun mehr Forscher als Freibeu‐ ter (Fleming und Merullo, 2013, 11). Dazu gehörten u. a. James Cook, Charles Darwin und Alexander von Humboldt. Reisen war immer eng an die zur Verfügung stehenden Transportmittel und Infrastrukturen geknüpft. Zwischen 6000 und 8000 v.C. entstanden die ersten Städte an schiffbaren Flüssen (zwischen Euphrat und Tigris) und dieser Zugang zum Wasser und damit in den meisten Fällen auch zum Meer, bildete den Grundstein des Handels. In den Gebieten ohne Schifffahrt waren Händler bald auf dem Landweg unterwegs und beschleunigten damit die Anlage von Straßen. Dennoch blieb das Schiff bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts das wichtigste Mobilitätsmittel. Mitte des 19. Jahrhunderts wurde mit den Fortschritten der Verkehrstechnik die Eisenbahn entwickelt, die bald nicht mehr nur Güter, sondern auch Menschen transportierte. 12 Vorwort <?page no="13"?> Wirtschafts- und Verkehrswachstum führten zu einer Erhöhung des Wohlstands und zu einer Demokratisierung der Mobilität. Bis dahin war Mobilität immer eine Sache bestimmter Kreise gewesen: der Händler, Missionare, Künstler, Gelehrten, Schauspieler, Schausteller, des Bürgertums und des Adels. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Reisen auch für Arbeiter erschwinglich. 1841 entwickelte Thomas Cook in England die Idee, Ausflüge für Arbeiter zu verbilligten Sammeltarifen anzubieten, womit letztlich die Idee des Tourismus geboren wurde. Die Entwicklung des Tou‐ rismus ist eng verbunden mit der technischen Entwicklung der Mittel zur Fortbewegung, was das Reisen vor allem seit der Industrialisierung auch für kürzere Zeiträume und Distanzen und für größere Bevölkerungsschichten erschwinglich machte. Inzwischen ist Mobilität selbst zu einem bedeutenden Wirtschaftszweig geworden. 21 der 50 weltweit größten Unternehmen gehören zur Auto-, Erdöl oder Luftfahrtbranche (Steinkohl & Sumpf, 2000, 15). Zur Zunahme an Transportmitteln und verfügbarer Infrastruktur kam als weiterer moderie‐ render Faktor die rein quantitative Ausdehnung der verfügbaren Zeit in den letzten rund 200 Jahren (Eisner, M. in: Fuhrer, U., 1993, 35). Zum Massenphänomen hat sich der Tourismus erst seit der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts entwickelt. In der Zeit nach dem 2. Weltkrieg von 1950 bis 1980 haben sich die Internationalen Ankünfte von Reisenden von 25 Millionen auf etwas über 250 Millionen mehr als verzehnfacht. In den darauffolgenden wiederum 30 Jahren (von 1980-2011) haben sie sich noch einmal vervierfacht auf dann eine Milliarde Ankünfte, wobei es immer wieder krisenbedingt kurze Einbrüche im Reiseverhalten gab, die im Regelfall nicht mehr als ein Jahr anhielten, so zum Beispiel durch die Ölkrisen der 1970er-Jahre, den Golfkrieg 1990/ 91, den 11.9.2001, oder die Wirtschafts- und Finanzkrise ab 2008 (UNWTO). Bis jetzt ist die Anzahl touristischer Reisen noch stets im Wachsen begriffen. Die Internationale Tourismusnachfrage wuchs auch im Jahr 2024, nach einem deutlichen Einbruch durch die Corona-Pandemie. Weltweit wird die Zahl der Ankünfte von Internationalen Ankünften bei ca. 1,439 Milliarden liegen nach 1,306 Milliarden im Jahr 2023 und 1,466 Milliarden 2019 (Quelle: UNWTO, FUR). Vorwort 13 <?page no="14"?> Abb. 1: Anzahl der weltweiten internationalen Touristenankünfte | Quelle: eigene Darstellung auf Basis der Daten der UNWTO 0 400 800 1200 1600 1950 1960 1970 1980 1990 2000 2010 2019 2021 2023 Abb. 1: Anzahl der weltweiten internationalen Touristenankünfte | Quelle: eigene Darstel‐ lung auf Basis der Daten der UNWTO Abb. 2: Internationale Ankünfte weltweit nach Herkunftsregion und -kontinent | Quelle: UNWTO nach der Megatrendstudie des Zukunfstinstitutes Europäer sind am reisefreudigsten! Anzahl der internationalen Ankünfte im Outbound- Tourismus nach Herkunftsregion (in Millionen) Europa Asien-Pazifik Amerika Afrika Naher Osten 1990 2000 2008 2010 2012 2014 2016 2018 100 200 300 400 500 600 700 0 Abb. 2: Internationale Ankünfte weltweit nach Herkunftsregion und -kontinent | Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an UNWTO sowie Megatrendstudie des Zukunfstinstitu‐ tes Bis zur Corona-Pandemie gab es einen stetigen Anstieg in den Tourismus‐ zahlen. Die Statistik der internationalen Touristenankünfte zeigt das deut‐ lich. Dabei sind die Europäer mit Abstand am reisefreudigsten, wenn man 14 Vorwort <?page no="15"?> 3 Kluge. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. De Gruyter: Berlin New York. 1999 sich die Statistiken der UNWTO anschaut, mehr als doppelt so reisefreudig wie die Einwohner des Asien-Pazifik Raumes und Amerikas, wobei auf dem asiatischen Kontinent auch ein Wachstum zu verzeichnen ist, was vor allem an den stark wachsenden Reisen der Chinesen seit den gelockerten Reisebeschränkungen liegt. Die mit Abstand geringste Reiseintensität findet sich in Afrika und im Nahen Osten (UNWTO Yearbook of Tourism Statistics, Madrid, div. Jahrgänge). Wobei unter internationalen Ankünften nur Reisen über Ländergrenzen erfasst werden. Reisen innerhalb des eigenen Landes fallen nicht darunter. Dabei ist die massive Zunahme an Fernreisen lediglich ein Teil der Mobili‐ tät, der die Postmoderne prägt. Waren die Menschen in der Agrargesellschaft noch an die Scholle gebunden und im Industriezeitalter an die Fabrik, lösen sich heute im postindustriellen Zeitalter, das auf Dienstleistungen und Informationstechnologien beruht, die Bindungen an Standorte partiell auf (a. a. O.). In dem Maße, in dem Erwerbsarbeit an zeitlicher und identifika‐ torischer Bedeutung verliert, nimmt die Bedeutung und das Ausmaß des Freizeitbereiches zu. Das Reisen und der Freizeitbereich selbst haben sich kommerzialisiert und professionalisiert (Eisner M. In: Fuhrer, U., 1993, 36). Dabei beschränkt sich die Möglichkeit zu touristischen Reisen vor allem auf die Reisenden aus den Industrieländern des Globalen Nordens. Erst ab der Jahrtausendwende kamen zunehmend auch Touristen aus China und Indien dazu. Etymologisch bedeutet tour (frz.) Fahrt oder Ausflug. Reise kommt vom mittelhochdeutschen reis(e), was Aufbruch bedeutet. Das germanische reis-a entsprach: aufgehen, sich erheben, das gotische reisan, risa: niederfallen, stürzen, was also eine ganze Bandbreite von Erfahrungen umschreiben kann. Tourist bedeutet ursprünglich Erholungs- und Vergnügungsreisender, später vor allem Gruppenreisender 3 . Dieses Buch soll sich dem Reisen vorwiegend von der psychologischen Seite nähern, wobei in den Studien dazu lange die Konzepte und Studien aus dem Bereich der Differentiellen, Persönlichkeits- und Sozialpsychologie vorherrschten. In den letzten Jahren kamen auch zunehmend neuropsycho‐ logische und kognitive Aspekte zum Tragen. Allen Bereichen soll hier Rechnung getragen werden, ebenso wie den einzelnen Stationen der Reise von der Zeit vor der Reise, über die Reise selbst, das Unterwegssein und Vorwort 15 <?page no="16"?> Ankommen und die Zeit danach. Dazu kommen auch Erkenntnisse aus dem Bereich Biochemie und Medizin, die für die Psyche relevant sind, da sich beide ja vielfach beeinflussen und bedingen. Dieses Buch bezieht sich explizit vorwiegend auf selbstorganisierte und eher individuelle Reisen, da dabei viele Aspekte stärker zum Tragen kommen (z. B. die Effekte auf die Selbstwirksamkeit, Identität, sowie die psychischen und kognitiven Effekte). Für den Bereich organisierter, grup‐ penbezogener Reisen gibt es andere hervorragende Bücher vorwiegend soziologischer Natur (z. B. das Tourismussoziologie Buch von Kerstin Heu‐ winkel). Da sich einige Themen überlappen, kommen manche Dinge in ver‐ schiedenen Kapiteln vor, wo dann für die vertieften Kenntnisse zum anderen Bereich auf das jeweils andere Kapitel verwiesen wird. Das Buch soll einen Einblick in das komplexe und interessante Feld der Reisepsychologie geben, was naturgemäß nicht erschöpfend sein kann. Es ließen sich noch Exkurse in andere Bereiche, wie z. B. Alleinreisen und travel like a local machen, die beide in den letzten Jahrzehnten zugenommen haben. Nicht alles war im Rahmen dieses Buches zu erfassen: Es gibt aber einen guten Einblick in alle Bereiche der Reise von der Motivation über das Unterwegssein, die Ankunft und die Rückkehr mit ihren jeweiligen Spezifika. Wohlan: Die Reise kann beginnen! 16 Vorwort <?page no="17"?> Partimos e Regressamos a vida inteira Wir gehen und wir kehren zurück unser ganzes Leben lang <?page no="18"?> 1 Vor der Reise 1.1 Reiseentscheidung und Reisemotive Beginnen wir die Reise von Anfang an: Mit dem, was den Menschen zum Aufbruch, zur Reise veranlasst. Warum reist der Mensch? Warum begibt er sich freiwillig auf mehr oder weniger unwegsame Pfade? Das folgende Kapitel soll sich den Reisemotiven und der Reiseentscheidung widmen, wobei die Reisemotivation als Basis der konkreten Reiseentscheidung vorgelagert ist. Die Entscheidung für eine Reise ist ein komplexer Vorgang und wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst. Zu nennen sind dabei insbesondere: ● Reisemotive ● Geographische Rahmenbedingungen ● Gesellschaftliche Rahmenbedingungen ● Image und Attraktivität bestimmter Reiseziele und Reiseformen ● Geschlecht ● Persönlichkeit Allen diesen Faktoren wird sich das folgende Kapitel widmen. 1.1.1 Reisemotive und Reiseentscheidungsprozesse „Theo, wir fahrʼn nach Lodz …“ (Vicky Leandros) oder doch lieber nach Buenos Aires? Motivation ist die hinter dem Handeln und Verhalten der Menschen ste‐ hende Disposition. Etymologisch ist sie abgeleitet vom lateinischen Verb movere (= bewegen), wobei es zwei verschiedene Bedeutungen für das Verb movere gibt: „verändern“ und „fortbewegen“. Reisemotive setzen sich aus den psychischen Determinanten der Emotionen (grundlegende menschliche Antriebskräfte), der Motivation (als Prozess des Aktivierens von Verhalten, des Aufrechterhaltens der Aktivität und der Steuerung von Verhaltensmus‐ tern) und der Einstellung (Beurteilung eines Gegenstandes, z. B. einer Reise) zusammen. 18 1 Vor der Reise <?page no="19"?> Wissen | Reisemotive Gesamtheit der individuellen Beweggründe, die dem Reisen zugrunde liegen (Braun 1993, 199). „Motivation bedeutet Bewegung. Hin zu etwas: Appetit. Oder weg von etwas: Aversion. In keinem Fall aber Stillstand.“ (Esch, 2012, 118) Was hat es mit dem Reisen auf sich? Worin liegt das Glück des Aufbruches? Grundsätzlich lassen sich Reisemotive in zwei Kategorien unterteilen: in Push- und Pull-Motive, wobei Push-Motive grob gesehen alle diejenigen Motive sind, die einen wegtreiben und Pull-Motive alles, was einen anzieht. Beides ist bei den meisten Reisenden gleichermaßen vorhanden. Bei den Push-Motiven steht Aversion im Vordergrund, das heißt Abstand von etwas nehmen zu wollen (mit Adrenalin und Noradrenalin als Trans‐ mitter). Pull-Motive haben eher etwas mit Appetit oder Appetenz zu tun, was bedeutet, etwas haben oder tun zu wollen. Dabei geht es vorrangig um Sehnsucht, positive Erwartung, Vorfreude und Antizipation (also vorrangig Dopaminwirkungen). Push-Motive: Was wegtreibt Zu den Push-Motiven gehören vor allem: Abstand und Distanz zum Alltag und dessen Zweckbestimmtheit zu gewinnen und damit der Wunsch nach Handeln mit hoher intrinsischer Motivation. Es geht darum den Alltagsroutinen zu entkommen, aber auch Distanz zu eigenen Problemen und eine neue Sicht auf die Welt bzw. zu Dingen, Themen und sich selbst zu gewinnen. Zu den Push-Motiven gehört auch die psychische Sättigung, als Zustand des Widerwillens. Andere wesentliche Push-Motive sind die Sehnsucht nach Freiheit und Unbeschwertheit. Menschen, die aus diesen Gründen aufbrechen, reisen wegen des Reisens selbst (because of). 1.1 Reiseentscheidung und Reisemotive 19 <?page no="20"?> 4 Wobei bekannt ist, dass auch der Kritiker den Bock zum Gärtner machte, da bekannt ist, dass auch Hans Magnus Enzensberger viel reiste. Seine Rolle als Mahner wurde vor allem von Navid Kermani kritisch beleuchtet. Wissen | Push-Motive ● Abstand gewinnen ● Distanz zum Alltag ● Ausbruch aus Routinen ● Flucht vor Langeweile, Monotonie und Leere ● psychische Sättigung ● Sehnsucht nach Freiheit ● Problemlösung durch objektiven Abstand und Perspektivwechsel Einige Autoren beschreiben vorrangig Push-Motive, das heißt Negativmo‐ tivationen. Reisen wird in diesem Zusammenhang oft als Flucht betrachtet (Kentler, Leithäuser & Lessing, 1969; Bereswill, 1996, 140) - als Flucht bei‐ spielsweise vor den starken Verpflichtungen der Leistungsgesellschaft oder dem Eingebundenbzw. Festgelegtsein. Enzensberger (1971, 191) formulierte die klassische Flucht-Theorie des Tourismus: „Je mehr sich die bürgerliche Welt schloß, desto angestrengter versuchte der Bürger, ihr als Tourist zu entkommen.“ Dabei beschreibt er auch die Crux der Sache: Tourismus wird hier wieder als kollektiver Fluchtversuch aus einer repressiven gesellschaft‐ lichen Wirklichkeit betrachtet - ein Versuch, der letztlich zum Scheitern verurteilt ist, da sich der Tourist seinem Fluchthelfer Tourismusindustrie anvertraut und damit den Bock zum Gärtner macht. Die Flucht aus der Warenwelt stellt ihrerseits eine Ware dar (Enzensberger, 1971). 4 Eines der wichtigsten Push-Motive ist Abstand gewinnen. Wobei der Abstand dazu dienen soll, sich sowohl frei und unbeschwert zu fühlen, als auch dazu, durch den Abstand den eigenen Standpunkt in der Welt neu zu bestimmen. Je näher wir unserer Welt sind, desto weniger sichtbar und erkennbar wird sie. Erst der Blick aus der Ferne - mit einigem Abstand - zeigt die heimische Welt und Strukturen wieder objektiver. Abstand wird als Befreiung gesehen und gleichzeitig hilft die räumliche und zeitliche Distanz, die eigene Situation klarer zu erkennen, Wünsche und Perspektiven zu er‐ kennen, Probleme zu lösen und durch den Kontext- und Perspektivwechsel auch auf neue Ideen zu kommen. 20 1 Vor der Reise <?page no="21"?> „Ortswechsel. Um Abstand zu gewinnen, zum Alltag, zu den umgebenden Din‐ gen.“ (R1, Mathematikerin, 34) „Mit dem Loslösen aus allem, aus dem normalen Alltag und den normalen Strukturen, das ist sicherlich so eine Art Sehnsucht nach Freiheit. Und nach Unbeschwertheit auch. Also das denke ich, ist ganz stark in mir beim Reisen.“ (R14, Architekt, 35) Viele Push-Motive entspringen auch einem Zusammenspiel von Überdruss, Langeweile und Leere im Alltag - die sowohl auf Über- und Unterfor‐ derung basieren können - und sich damit an die Heideggerianische Be‐ schreibung der Langeweile als Grundstimmung annähern. Heidegger hebt als alltägliche Grundstimmung die „oft anhaltende, ebenmäßige und fahle Ungestimmtheit“ mit Spuren von „Überdruss“ und „Langeweile“ hervor. „Das Sein ist als Last offenbar geworden.“ Die alltägliche Betriebsamkeit sei eine Flucht vor dieser Stimmung. Der Mensch reißt sich zusammen, wird aktiv und überspielt seine Stimmung. Hier kommt die Abreise oft einer Flucht gleich und bestätigt damit partiell die darauf basierenden Fluchttheorien. „Es war nicht mehr auszuhalten. Sich so ein Leben aufzubauen, zu arbeiten, eine Wohnung einzurichten. Ich hatte so eine Leere in mir. Da bin ich ganz spontan losgefahren. Ich habe meine Wohnung abgeschlossen und bin nach Frankfurt gefahren. Dort habe ich dann auf dem Flughafen übernachtet und habe mir am nächsten Tag ein Ticket nach Singapur gekauft und bin losgeflogen.“ (R17, Baufacharbeiter, 34, beschreibt den Beginn einer 11-jährigen Reise durch Südostasien) Mit der Flucht aus Monotonie und Langeweile ist oft auch der Wunsch nach stärkerer Lebensintensität verbunden. Der durch die Stimulierung der Wahrnehmung und damit Steigerung der Sinnesaktivität oft auch eingelöst wird (mehr dazu in → Kap. 2) „Eine Befreiung vom Alltag. Von der ganzen Eintönigkeit, Stupidität, Langweile. Von dem ganzen eingefahrenen Trott …. Wo jeder Tag aussieht, wie der nächste. Das ziemlich wenig passiert im Leben. Alles sehr unintensiv sozusagen.“ (R22, Ingenieur, 30) 1.1 Reiseentscheidung und Reisemotive 21 <?page no="22"?> Pull-Motive: Was anzieht Pull-Motive beruhen vorrangig auf endogener Belohnung. Bei dieser Appe‐ tenz-Motivation geht es um eine zu erwartende Belohnung. Ein „Ziel“ wird definiert und der Weg dahin, im günstigsten Fall werden alle Verhaltens‐ weise belohnt, die uns dem Ziel näherbringen. Als Voraussetzung dafür wird Neugierde und Antrieb benötigt (dopaminerge Motivation). Wissen | Pull-Motive Faszination durch … ● Landschaften, ● Kulturen, ● Länder, ● Städte, ● Mentalitäten, ● Kennenlernen von Neuem, ● Wunsch nach Kommunikation und Interaktion, ● physisch-physikalische Motive, ● Freude an der Bewegung des Reisens selbst, ● Selbsterfahrung/ Selbstmodifikation, ● Kindheits- und Jugendträume sowie ● Bücher, Fotos, Filme und Musik. ● Prestige, Status(-erhöhung) Zu den Pull-Motiven gehören der Reiz bestimmter Länder, Städte und Landschaften und Kulturen, wobei die Ortswahl oft von der jeweiligen Sehnsucht abhängt. Dazu gehören auch der Wunsch nach Bildung, Sprachen zu lernen, die Welt, andere Kulturen und Lebenskulturen kennenzulernen. Dabei zeigen sich zwei Facetten, einerseits der Reiz neuer Orte, eine grundle‐ gende Neugier unbekannte Länder, andere Mentalitäten, Landschaften und Kulturen kennen zu lernen, andererseits aber auch ein Reiz, der vom Reise‐ ziel unmittelbar ausgeht, das heißt bekannte und als angenehm empfundene Gegenden wiederholt aufzusuchen. Beides kann sich auch abwechseln. So gibt es Reisende, die vorzugsweise zur Erholung an dieselben Orte - häufig in der Natur - reisen und dann primär um ihre Neugier zu befriedigen, an andere, ihnen bis dato unbekannte Orte. 22 1 Vor der Reise <?page no="23"?> 5 Die klassische Wanderlust, die nicht nur als Begriff aus dem Deutschen in viele Sprachen Einzug gehalten hat. „Also ich habe zwei verschiedene Arten von Reisen. Einmal Erholungsreisen - das mache ich so im Kleinen: Paddeln, Wandern. Das Kleine, wo man einfach seinen Frieden und seine Ruhe finden muss, im Wald, beim Skifahren und so. Das andere sind große Reisen aus Neugierde um die Welt und Menschen kennen zu lernen und Sprachen zu sprechen.“ (R13, Ärztin, 27) Hinzu kommen physisch-physikalische Motive wie Reizsuche oder Reizvermeidung (die Suche nach Anregung und Intensität oder nach Ruhe und Frieden). Dabei spielen vor allem auch biologisch-vegetative Komponenten wie Licht, Wärme, Pflanzen, ein bestimmter Tag- und Nachtrhythmus eine Rolle. Ein weiteres wichtiges Pull-Motiv ist die Freude an der Bewegung. Dabei ist das Reiseziel oft nicht ansatzweise so bedeutend, wie der Aufbruch und das Unterwegssein an sich. Dabei liegt der Grund des Reisens in der Bewegung selbst. Es ist das Unterwegssein, die Passage, als Aufenthalt im Dazwischen, die neue Lust am Leben verleiht. Entscheidend hier ist, dass der Weg das Ziel ist: die Freude am Gefühl zu reisen und der Genuss an der Bewegung an sich und an der Bewegung des Reisens selbst, mit dem reisespezifischen Wechselspiel aus Unterwegssein und Haltepunkten. Robert Louis Stevenson schrieb: „For my part I travel not to go anywhere, but to go. I travel for travelʼs sake. The great affair is to move.“ (Cousineau, 1998, 11) Dazu gehören Interrailtouren, ebenso wie lange Wander-, Rad- und Pad‐ deltouren oder längere Autofahrten, wie die schon nahezu legendären Autofahrten mit dem T1 (Bulli) oder wie Trips von der amerikanischen Ostan die Westküste (wie sie schon Jack Kerouac in On the road beschrieben hat). Hier ist die Bewegung an sich das Ziel und der Transitraum und die Passage entscheidend. 5 (mehr dazu im →-Kap. 2.2) „Und weil ich die Bewegung genieße. Die Bewegung des Reisens.“ (R1, Mathema‐ tikerin, 34) „Ich habe auch gemerkt, dass die Orte austauschbar sind, dass das eine unterge‐ ordnete Rolle spielt. Die Reise, sich da fortzubewegen und immer in anderen 1.1 Reiseentscheidung und Reisemotive 23 <?page no="24"?> Orten zu sein, war nur das Medium für dieses Lebensgefühl.“ (R28, Ärztin, 32, einjährige Weltreise) „Ich denke, dass die Menschen alle noch ein bisschen nomadisch veranlagt sind. Das lange Sitzen auf einem Fleck - zwangsläufig, weil Du vielleicht eine Wohnung hast und nicht immer umziehen willst - das ist nicht gut, tut nicht gut.“ (R12, Übersetzerin, 22) Andere Pull-Motive sind soziale Motive (häufig sympathische Reisegefähr‐ ten oder Reisen zu Freunden, Verwandten und Bekannten). Dazu kommen auch Inspirationen durch Filme, Fotografien, Bücher oder Musik. Für einen Teil der Reisewünsche lässt sich eine - ihnen vorweg gehende - Medialisierung - Medialisierung verzeichnen: Denn um die Welt mit ihren fremden Ländern und Kulturen besuchen zu wollen, braucht es Vorstellungen von ihnen. Der Wunsch nach der sinnlichen Erfahrung fiktiver Räume sei deshalb ein wichtiges Reisemotiv (Hennig, 1999, 58). Schon seit dem 18. Jahrhundert gehe es nach Hennig (ebd.) nicht nur um das Kennenlernen unbekannter Länder, sondern auch darum, aus Litera‐ tur, Kunst, Film, Fotografie und anderen Produkten kollektiver Fantasie bekannte Bilder und Projektionen in der materiellen Realität wiederzufinden (a. a. O). Davon ausgehend werden eigene Reisen entworfen (Ullmann, 2017, 263). Wobei Reisen als Schwerpunktthema nach wie vor für Filme gut funktio‐ niert, wenn man sich die schier endlos erscheinende Palette der Roadmovies ansieht (mehr dazu in → Kap. 2.2), die unterschiedliche Reisemotivationen in unterschiedlichem Maße symbolisieren. Die Beliebtheit des Genres der Roadmovies scheint seit den 1960er-Jahren bis heute ungebrochen und nimmt immer wieder verschiedene Ziel-, Alters- und Lebenstilgruppen in den Fokus. Nicht nur Roadmovies sind ein starker Einflussfaktor für Reisen, auch Fotos und generell Bilder spielen eine große Rolle und sind dabei im Zeitalter von Social Media nicht zu vernachlässigen. Wobei Bilder Fantasien triggern, die oft mit der Realität nur sehr partiell etwas zu tun haben. In der Werbung ist die Macht von Fotografien gegenüber denen von Worten bekannt. Die Kraft Illusionen zu erzeugen ist bei Bildern wesentlich höher und auch die Bereitschaft an diese zu glauben. „Die für diese Broschüre Verantwortlichen hatten intuitiv erkannt, wie leicht Leser mit Fotografien zu ködern waren, deren Macht die Intelligenz beleidigte und jedem Begriff von freiem Willen hohnsprach: mit plakativen Aufnahmen 24 1 Vor der Reise <?page no="25"?> von Palmen, klaren Himmeln und weißen Stränden. Leser, die in anderen Bereichen ihres Lebens eher zu Skepsis und Besonnenheit neigten, fielen bei der Begegnung mit diesen Naturerscheinungen in ein unschuldiges Urvertrauen und in Optimismus zurück. Die von der Broschüre ausgelöste Sehnsucht war, anrührend und trivial zugleich, ein Beispiel dafür, dass bestimmte Vorhaben (und sogar ein ganzes Leben) von den allereinfachsten, fraglos hingenommenen Glücksbildern beeinflusst waren, dass Menschen sich zu einer umfänglichen und enorm kostspieligen Unternehmung hinreißen ließen …“ (Alain de Botton, 2002, Kunst des Reisens, 16-f.) Neben der Suche nach neuen Eindrücken und Abenteuern kann es auch die Suche nach Sinn sein, die einen in die Fremde treibt. Reisen als Sinnsuche beschreibt detailliert Phil Cousineau (1998), der zwei Arten von Reisen unterscheidet: Reisen im Sinne des Tourismus und Pilgerreisen, worunter er unter letzteren - weit gefasst - alle Reisen versteht, deren Zweck es ist, etwas zu finden, was für den Reisenden von tiefer Bedeutung ist. Dabei bezieht es Cousineau eindeutig nicht nur auf Religion, sondern u. a. auch auf Literatur, Kunst, Musik, Architektur, Lebensstile oder Freiheit. „Als Laurens von der Post einmal gefragt wurde, was ihn zu seinen Zielen zog, antwortete er, „the Bushmen distinguished the two hungers in human beings. The first is the hunger of the body for the food; the second and more important is the hunger of the spirit for meaning.““ (Cousineau, 1998, 20) Dabei ist die Motivation solcher Reisen nach Cousineau weniger Ruhe und Erholung, sondern vor allem sich selbst eine Herausforderung zu setzen, die sich vom Alltagsleben abhebt. Das Ziel solcher Pilgerreisen ist dabei die Reise nach innen. Dabei sei die Essenz von Pilgerreisen Offenheit, Aufmerksamkeit bzw. Achtsamkeit und responsiveness (Cousineau, 1998, xii f.). Man könnte es auch als Offenheit bezeichnen, die die Basis dafür ist in Resonanz zu gehen: mit der Welt, dem Sinn des eigenen Lebens und Dingen, die einem etwas bedeuten. Während das Ziel vieler Erholungsreisen ist, sich selbst nicht zu verlieren, ist es hier vielmehr eine Selbsterneuerung, ein Hinterfragen der Dinge, die einem etwas bedeuten, was ohne ein gewisses Risiko oder eine Herausforderung nicht zu haben ist. Und damit eine Erneuerung, Befestigung und/ oder Bereicherung der eigenen Identität. Dean MacCannell (1999) sieht in der modernen westlichen Gesellschaft die treibende Kraft des Tourismus, doch sieht er das Grundmotiv des Reisens in der Suche nach dem Authentischen. Die Alltagserfahrung in der Moderne sei 1.1 Reiseentscheidung und Reisemotive 25 <?page no="26"?> geprägt von Fragmentierung, Widersprüchlichkeit und Entfremdung, die er als Erfahrung der Inauthentizität zusammenfasst und deren Ursprung er im Grundprinzip der Moderne ausmacht. Der Reisende versuche weniger in eine andere Welt zu flüchten, als seine eigene Wirklichkeit von außen sehen und begreifen zu können. Dieser Blick von außen auf die gesellschaftliche Realität und das Selbst ist durch den Abstand des Reisens zweifelsohne besser möglich als vor Ort. Genau genommen kann man das aber nicht nur als Suche nach dem Authentischen, sondern ebenso auch als Suche nach einer veränderten Perspektive und einem sich selbst neu in der Welt verorten betrachten, was wieder an die anderen Motive anschließt. Dass das allerdings nur in den seltensten Fällen gelingt, darauf weist Christoph Hennig (1999, 55) hin. Viele Touristen suchen zwar scheinbar nach Authentizität, wollen aber eher ihre Klischees bestätigen. So kann selbst die verwirklichte Reise in der Wahrnehmung des Touristen weniger ein realistisches Bild der besuchten Gegenden erzeugen, als dass sie Klischees und Projektion bestätigt (Hennig, 1999, 54). Die damit einhergehende Unterordnung von z. B. durch Armut gezeichneten Lebensbedingungen hinter das kulturell tief verankerte Bild der exotistischen Idylle, wurzelt jedoch weniger in einer bewussten Ignoranz als in einem verwurzelten kollektiven Bedürfnis, das zur Ausblendung bzw. folkloristischen Selektion und Montage eigener Wahrnehmungen führen kann und dabei Teile der Realität (in der Fremde wie auch zu Hause) ausblendet, um sich der eigenen Vorstellungswelt im Raum annähern zu können (ebd., 55 f.). Es geht also auch um die Flucht aus dem Alltag und die bisweilen selbst inszenierte Leinwand für ganz großes Kino. Gelingt das nicht, führt das mitunter zu herben Enttäuschungen, statt zur Revidierung des Bildes und der Neugier auf das reale Bild mit allen Facetten (Ullmann, 2017, 263). Aber auch das ist nicht zu pauschalisieren. Wie dicht an der Realität des Ortes gereist und diese auch wahrgenommen wird, hängt vielmehr von der Reiseart, dem Reisetyp und der Persönlichkeit ab (mehr dazu im folgenden Kapitel). So gibt es Reisetypen, die ausgesprochen wenig Interesse an einer Bestätigung von Klischees haben, sondern versuchen Ort, Lebensweise und Realität vor Ort möglichst tief und realitätsnah zu verstehen. Hannah Arendt sah wiederum den Preis, der für größere globale Nähe zu zahlen ist, in einer Entfremdung von der direkten Umgebung. Partiell mögen diese Theorien zutreffen, ebenso wie die vorn genannten Negativmotivationen, die Reisen vorrangig zum Akt der Befreiung machen. Aufbrüche beinhalten jedoch weit mehr Motive und Komponenten, die 26 1 Vor der Reise <?page no="27"?> 6 Die Reise der Handwerker, die je nach Zunft 3 Jahre und einen Tag dauern kann und bestimmte Regeln und Rituale hat. denen entgegenstehen oder diese ergänzen können. So lässt sich allein mit dem Fluchtmodell nicht erklären, warum auch Menschen, die scheinbar traumhafte Lebensbedingungen haben und sich nicht von den Pflichten der Leistungsgesellschaft eingeschränkt fühlen, viel reisen. Hier ist die Mo‐ tivation eher ein Pull, eine Bewegung hin zu etwas Erstrebenswerten, dem Lebenselixier der Neuheit, der Befriedigung von Neugier, dem Entstehen neuer Ideen und diese wurzeln vor allem in den Spezifika des Reiseerlebens. Ein häufig vorkommendes Push-Motiv ist Abstand zu gewinnen, wobei der Abstand dazu dienen kann, sich frei und unbeschwert zu fühlen, aber auch dazu, durch den Abstand den eigenen Standpunkt in der Welt neu zu bestimmen, sich wieder „einzunorden“ oder „einzusüden“. An dieser Stelle geht es in das Motiv der Selbsterkenntnis und Selbstaktualisierung, womit es dann unmittelbar in die Pull-Motive übergeht. Am häufigsten findet sich dieses Motiv bei längeren Reisen, die als Zäsur nach bzw. vor einer bestimmten Lebensphase durchgeführt werden (z. B. nach dem Ab‐ itur, Studium, Trennungen, Familiengründung oder der Gesellenprüfung). Klassische Beispiele sind Work&Travel-Aufenthalte, Weltreisen, aber auch die Walz 6 . Diese längeren Reisen haben potenziell auch einen deutlich höheren Einfluss auf die Identität, was oft in Form der bereits erwähnten verstärkten Selbsterkenntnis und Selbstaktualisierung bzw. -erweiterung auftreten kann, die einerseits durch den Abstand vom Alltag aber auch durch die Freiheit von den Erwartungen anderer möglich wird. Dabei werden oft Ideal- und Realselbst verglichen und im Idealfall angeglichen, Lebensentwürfe aktualisiert und Spielräume für das eigene Leben erweitert, dass sie den eigenen Wert- und Lebensvorstellungen besser entsprechen, wobei die Reise in dem Fall den klassischen rites de passage entspricht (Zschocke, 2005). Mehr dazu findet sich in →-Kap. 3.3. Der Reisende und Schriftsteller Cees Nooteboom (1983) brachte es einmal folgen‐ dermaßen auf den Punkt: „In einem nomadischen Leben habe ich vielleicht gelernt, wer ich bin und wer ich nicht bin.“ Das kann bis hin zu Erweiterungen des Selbst um im Alltag eher vernachläs‐ sigter Aspekte der Persönlichkeit, im Sinne der Selbstergänzung reichen. Dabei werden bewusst oder unbewusst häufig Länder aufgesucht, die 1.1 Reiseentscheidung und Reisemotive 27 <?page no="28"?> 7 Schließlich ist in diesem Zusammenhang auch die Literatur zum Thema des Spiels (Turner, 1974; Sutton-Smith, B. & Roberts, J.M., 1963) zu nennen, welches seinem Wesen nach intrinsische Motivation und intensive Erlebnisse vermittelt. genau das ermöglichen und anregen. Es kann aber auch zu grundlegenden Selbsttransformationen führen. Das Ganze kann bis zur kontextabhängigen Aktivierung von Selbst‐ konzepten reichen (Filipp, 2000), etwas, was ich als Topographische Identität bezeichnet habe (Zschocke, 2005, 268 ff.). Wir sind es gewöhnt Lebensläufe und Identitäten in erster Linie an Tätigkeiten festzumachen, wobei Orte und Kontexte oft eine ebenso wichtige Rolle spielen. Beim Reisen - insbesondere bei längeren Reisen - entwickeln sich spezifische Reisebio‐ graphien, die je nach jeweiliger Sehnsucht oder Selbstergänzungswünschen bestimmte Phasen aufweisen können und durchaus von ähnlich großer Bedeutung für die eigene Lebensbiographie sein können wie Tätigkeiten oder Arbeitsstellen. „Dass man irgendwo anders, ein bisschen anders sein kann, ich denke, dass es wahr ist.“ (Cees Nooteboom) „Ach es gab da zwischendurch dieses italienische Intermezzo, wo ich dachte: Italien ist die Rettung…Also die französische Phase wurde genau genommen durch die italienische abgelöst… Für die italienische Phase, das war ganz klar eine Ausbruchsphase, motiviert aus einem Überdruß an einer etwas hölzernen Lebensweise. Und die französische Phase, das war eine Einübung in Urbanität und eine Reise in die große Stadt, die Kultur ganz groß schreibt…“ (R6, Philosoph und Kulturwissenschaftler, 31) Ebenfalls interessant ist in diesem Zusammenhang die Literatur zur int‐ rinsischen Motivation (Robert White, 1959; D.E. Berlyne, 1974; Richard de Charms, 1968). Die von ihnen beschriebenen Eigenschaften der Reize, welche diese erfreulich machen, sind Eigenschaften wie z. B. Neuheit und ebenso die subjektiven Zustände, welche einer Person erlauben, an einer Situation Freude zu haben, z. B. Gefühle der persönlichen Verursachung treffen in hohem Maß auch auf - insbesondere selbst organisierte Reisen zu. 7 Zu den Pull-Motiven gehören aber auch nach außen gerichtete Gründe wie Prestige und Status(-erhöhung). Zusätzlich finden sich auch unspezifische Pull-Motive wie die Neugier (die interessanterweise in vielen Studien nicht auftaucht) und Fernweh 28 1 Vor der Reise <?page no="29"?> (das später noch etwas näher beleuchtet wird). Die Neugier ist eines der wichtigsten Reisemotive überhaupt. Das Neugierverhalten ist darüber hin‐ aus eines der wichtigsten Verhaltensweisen des Menschen überhaupt, hat es doch sogar nachweisbare Vorteile in der Menschheitsentwicklung erbracht. Neuere evolutionsbiologisch orientierte Ansätze gehen davon aus, dass die Tendenz, die soziale und sachliche Umwelt zu explorieren, zur angeborenen Ausstattung des Menschen gehört. Bereits bei der Beobachtung von Kindern und Tieren fällt auf, mit welcher Zielstrebigkeit, Ausdauer und Intensität diese ihre Umwelt erkunden. Allem Neuen wohnt ein Zauber inne, wie bereits Hermann Hesse sagte, was sich auch evolutionsbiologisch bestätigen lässt. Konrad Lorenz (1943, 1950) begründete als erster den Selektionsvorteil des Neugierverhaltens. Daneben steht das Ausmaß des Neugierverhaltens in positivem Zusammenhang mit der Entwicklungshöhe kortikaler Funk‐ tionen (Wünschmann, 1963). Neugier macht also sprichwörtlich schlau. Neben dem Erwerb von Umweltwissen tragen Neugier und Spielverhalten in der Ontogenese auch zur Entwicklung des zentralen Nervensystems bei (Rensch, 1973; Rosenzweig, 1984). Nur Lebewesen, die sich bewegen, bilden ein zentrales Nervensystem und ein Gehirn aus (Eagleman, 2018). Es gibt demnach eine ganze Reihe von Anpassungsvorteilen des Neugierverhaltens. Dennoch wird nicht ungehemmt exploriert. Neue Objekte können nicht nur Neugier, sondern auch Furcht- und Vermeidungsverhalten hervorrufen. Viele Lebewesen sind ebenso neophil wie neophob. Und auch bei den Reisemotiven hält sich der Wunsch nach Vertrautem und Neuem die Waage. Es gibt also neben den wenigen, aber starken Push-Motiven eine Vielzahl an Pull-Motiven. „Motivation führt zu Bewegung. Glück belohnt Bewegung. Ergebnis können Peak moments, Hochmomente sein, wie sie der Typ-A-Motivation (der Appetenzmotivation, d. Autorin) unter starker Dopaminausschüttung entsprechen mögen. Das mag insbesondere jugendliche oder neugierige Menschen betreffen, die immer auf der Suche nach Herausforderungen und Achivements sind.“ (Esch, 2023, 62) Ganz sicher trifft es aber auch auf ältere Abenteurer, auf Langstreckenwanderer auf dem Jakobsweg oder Extremsportler und viele andere zu. Nimmt man die Maslowsche Bedürfnispyramide zur Grundlage lassen sich Push-Faktoren eher mit Grundbedürfnissen, Pull-Motive eher mit Wachstumsbedürfnissen (neue Sprachen, Gegenden etc.) erklären (Maslow, 1971). 1.1 Reiseentscheidung und Reisemotive 29 <?page no="30"?> In meinen empirischen Studien ließ sich die nahezu gleichrangige Exis‐ tenz von Push- und Pull-Motiven bestätigen, wobei ich diese ein wenig anders eingeordnet habe als es Crompton (1979) tut. Unter Push-Motive fasste ich alle Motive, die jemanden wegtreiben, wobei es um Reisen „weg von“ geht. Unter Pull-Motive fasse ich all jene Faktoren zusammen, die das Reiseziel, das Erleben des Reisens oder den Weg dahin anziehend machen, wobei die Motivation im „hin zu“ oder „um zu“ liegt. Bei den meisten Reisenden treten sowohl Pushals auch Pull-Motive auf (Zschocke, 2005, 155-ff.) Ob sich die Erwartungen aus der Push- und oder Pull-Motivation erfüllen lässt, hängt dabei aber nur partiell vom Reiseziel ab, viel entscheidender dabei ist auch die Art und Weise wie gereist wird. 1.1.2 Die Reiseentscheidung als Ausgangspunkt geographischer Arbeit: Geographische Faktoren von Reiseentscheidungsprozessen Neben den eher psychologischen persönlichen Motiven sind auch physi‐ sche, geographische und gesellschaftliche Rahmenbedingungen im Quell- und Zielgebiet der Reisenden bedeutsam für die Reiseentscheidung, eine gute Übersicht dazu findet man bei Becker et al. 2004. Wissen | Rahmenbedingungen Zu den geographischen Rahmenbedingungen zählen (sowohl am Quellals auch am Zielort): ● physisch-geographische Rahmenbedingungen ● Siedlungs- und Verkehrsverhältnisse ● wirtschaftsgeographische Rahmenbedingungen (Werbung und Marketing von Tourismusanbietern) ● auch gesellschaftliche Rahmenbedingungen haben einen wichtigen Einfluss auf die Reiseentscheidung, dabei insbesondere: ○ soziale Milieus/ Sinusmilieus ○ Einkommensmerkmale ○ politische Stabilität 30 1 Vor der Reise <?page no="31"?> Auch das aktuelle Image des Reiseziels bestimmt die Reiseentscheidung wesentlich, da der Gegenstand der Reise vorher nicht besichtigt bzw. aus‐ probiert werden kann. In den Reisepräferenzen der letzten Jahrzehnte lassen sich solche Imageveränderungen durchaus beobachten (z. B. im Wechsel des Images von Brasilien, siehe Zschocke & Simon, 2014, 272 ff.). Wissen | Wirtschaftsgeographische Rahmenbedingungen ● durch die kommerzielle Forcierung der Konsum- und Erlebniswel‐ ten wird starker Einfluss auf die Reiseentscheidung durch Werbung ausgeübt ● Nachfrage und Angebot bedingen sich wechselseitig ● neue Trends im Nachfrageverhalten gehen den Angeboten voraus, diese werden dann von Anbietern wiederum stark vermarktet ● Emotionen und Bedürfnisse beim Kunden werden angesprochen, denen er sich vorher gar nicht bewusst war ● inszenierter Erlebnistourismus, z.-B. Freizeitparks, Shopping Mall Zusammenfassung der geographischen Einflussfaktoren auf die Reiseent‐ scheidung (nach Becker et al. 2004): Wissen | Einflussfaktoren im Herkunftsraum ● soziale Milieus, Lebensstile, Konsumverhalten, Einstellungen ● demographische Faktoren, z.-B. Alter, Familienzyklus ● sozioökonomische Faktoren, z.-B. Einkommen, Bildung ● siedlungsgeographische Faktoren, z. B. Urbanisierungsgrad, Wohn‐ formen, Wohnumfeldqualität ● Verkehrstechnik, z.-B. Verkehrsmittel, Reisekosten, Reisedauer ● Kommunikationstechnik, z.-B. Internet ● Tourismustrends, Tourismuswerbung, Image ● Tourismuspolitik, z. B. Europäischer Binnenmarkt, Osterweiterung, touristische Öffnungen von Ländern, die bis dato schwer bereisbar waren, z.-B. China, Bhutan ● Landschaftsgegensatz 1.1 Reiseentscheidung und Reisemotive 31 <?page no="32"?> Wissen | Einflussfaktoren im Zielraum ● politische Stabilität ● freier Reise- und Devisenmarkt ● naturräumliche Potenziale (z. B. Gewässer, Klima, Flora und Fauna, Katastrophen) ● gebaute Umwelt (Infrastruktur-Potenziale, z. B. Siedlungsstruktur, Unterkünfte, Versorgungsmöglichkeiten, künstliche Welten, touris‐ tische Angebote) ● Regionalkultur (z.-B. Baudenkmäler, Museen, Brauchtum) ● Landschaftsgegensatz ● Tourismusdienstleistungen (z. B. Einrichtungen, Service, Preisge‐ füge, Ausflugsangebot, Animation) ● Tourismuspolitik 1.2 Unterschiede in den Reiseentscheidungsprozessen von Frauen und Männern Die Reiseentscheidungsprozesse von Frauen und Männern laufen in den meisten Fällen unterschiedlich ab. So haben Frauen bei der Wahrnehmung von Bildern eine differenziertere Wahrnehmung und achten beispielsweise bei Bildern von Hotelzimmern oder anderen Unterkünften stärker auf Helligkeit, Stauraum, Bewegungsfreiheit und Rückzugsräume. Frauen diffe‐ renzieren auch in anderer Hinsicht stärker, so differenzieren sie zum Beispiel Farben stärker und reagieren auch deutlich ablehnender auf gestellte Bilder als Männer (Herrmann & Wetzel, 2018, 67 ff.). In Paaren und Familien über‐ nehmen die Frauen auch oft die Führung bei den Reiseentscheidungsproz‐ essen. 70-80 % aller Reisen werden von Frauen initiiert. Oft machen Frauen dabei den ersten Vorschlag. Basierend auf zwei wichtigen psychologischen Prinzipien, dem Primär- und dem Ankereffekt, hat der erste Vorschlag auch oft die Chance sich durchzusetzen. Wobei der Primäreffekt bedeutet, dass die erste Nennung eines Sachverhaltes tendenziell nicht nur stärker beachtet wird, sondern sich auch stärker einprägt. Der Ankereffekt bedeutet, dass es mit der ersten Nennung bereits zu einer starken Fixierung auf den Vorschlag kommt, wobei es sich dabei um das Zielgebiet oder das Reiseangebot handeln 32 1 Vor der Reise <?page no="33"?> kann. Der weitere Suchprozess orientiert sich in der Folge stark an dieser Erstnennung (Herrmann & Wetzel, 2018, 71-ff.). Generell dauern die Auswahl- und Entscheidungsprozesse bei Frauen meist länger als bei Männern. Frauen gelten dabei als anspruchsvollere Kundinnen, die auch mehr Alternativen in den Entscheidungsprozess ein‐ beziehen (ebd.). 1.3 Individuelle Reisepräferenzen: Reisen und Persönlichkeit und Reisetypen Welche Reiseart bevorzugt wird, hat etwas mit persönlichen Vorlieben, der eigenen Reisesozialisation, den finanziellen Möglichkeiten, dem Bil‐ dungsstand, sozialen Faktoren (Alter, Familienstand, insbesondere Alter eventueller Kinder), aber auch mit Persönlichkeit zu tun. Eine solide, wissenschaftliche anerkannte und trennscharfe Basis, Per‐ sönlichkeiten zu unterscheiden, sind die Persönlichkeitsdimensionen, die als Big Five bezeichnet werden. Die Big Five - auch Fünf-Faktoren-Modell - sind ein weltweit anerkanntes Modell zur Beschreibung eines Menschen anhand von fünf grundlegenden Persönlichkeitsdimensionen, die jeder Mensch besitzt, die aber bei jedem unterschiedlich ausgeprägt sind (McCrae & Costa, 1987). Diese Dimensionen sind: ● Neurotizismus: beschreibt, die Neigung zu emotionaler Instabilität und Reizsensibilität. Personen mit hohen Scores im Neurotizismus nei‐ gen zu Ängstlichkeit, Stressanfälligkeit und Unsicherheit, wohingegen Personen mit niedrigen Scores eher emotional stabil sind und auch in stressigen Situationen gelassen und ausgeglichen bleiben. Personen mit sehr niedrigen Scores neigen zu stoischem Verhalten und wenig emotionalen Reaktionen (im Guten wie im Schlechten). ● Extraversion: Diese Dimension erfasst die Ausprägung von Gesellig‐ keit, Durchsetzungsfähigkeit und Aktivität. Extravertierte Personen sind kontaktfreudig, herzlich, aktiv und oft optimistisch gestimmt. Introvertierte Personen (mit niedrigen Scores in Extraversion) sind eher zurückhaltend, reserviert und bevorzugen ruhigere Umfelder. ● Offenheit für Erfahrungen beschreibt, wie aufgeschlossen, neugierig und kreativ eine Person ist. Eine hohe Offenheit geht mit einem hohen Interesse an neuen Erfahrungen und Ideen, Wissbegierde und einem 1.3 Individuelle Reisepräferenzen: Reisen und Persönlichkeit und Reisetypen 33 <?page no="34"?> breiten Interessensfeld einher, wohingegen auf der anderen Seite des Kontinuums Personen mit geringer Offenheit sind, die eher konven‐ tionell bzw. konservativ und bodenständig sind und in erster Linie Vertrautes bevorzugen. ● Verträglichkeit erfasst die Ausprägung von Mitgefühl, Kooperation, Harmoniebedürfnis und die Tendenz zu Altruismus. Personen mit hoher Verträglichkeit gelten als freundlich, empathisch, und verständnisvoll, während Personen mit niedriger Verträglichkeit eher zu Konkurrenz‐ denken, Skepsis oder Konfrontation neigen. ● Gewissenhaftigkeit kennzeichnet die Tendenz zu Selbstdisziplin, Ord‐ nungssinn und Zielstrebigkeit. Personen mit hohen Werten gelten als zuverlässig, pünktlich und pflichtbewusst, während Personen mit niedrigeren Werten eher spontan, improvisiert, nachlässig und weniger zielorientiert sind. Das Modell wurde im 20. Jahrhundert auf Basis von Wortlisten, die von Gordon Allport und Raymond Cattell zur Beschreibung der Persönlichkeit erarbeitet wurden, immer weiterentwickelt. Bis es dann in den 1980er-Jah‐ ren vor allem von Goldberg, Robert McCrae und Paul Costa popularisiert wurde. Costa und McCrae entwickelten auf dieser Basis ein Messinstrument, den Neo-FFI (in Deutschland das FPI-R). 1.3.1 Reisepräferenzen und Persönlichkeit nach den Big Five Es ist naheliegend, dass vor allem die Offenheit für Erfahrungen beim Reiseverhalten eine sehr große Rolle spielt. Menschen mit hoher Offenheit für Erfahrungen sind per se neugieriger und tendieren eher zu neuen und unbekannten Reisezielen und sind auch, was ihre Reiseformen angeht deutlich flexibler. Personen mit einer geringen Offenheit für Erfahrungen tendieren dazu, immer wieder dieselben Orte aufzusuchen und fühlen sich wohler, wenn Ihnen alles vertraut ist. Sie neigen auch weniger zu explorativem Verhalten. Eine portugiesische Studie von Patrícia Alves et al. (2013) untersucht die Beziehungen zwischen den Big-Five-Persönlichkeitsdimensionen und verschiedenen Reisepräferenzen relativ systematisch. Auf Basis einer Online-Umfrage mit 1035 portugiesischen Teilnehmern analysieren die Au‐ toren, wie individuelle Persönlichkeitsmerkmale die Wahl von Destination, Reisemotive und reisebezogenen Präferenzen und Bedenken beeinflussen. 34 1 Vor der Reise <?page no="35"?> Mittels explorativer und bestätigender Faktorenanalyse demonstrieren sie, dass alle fünf Persönlichkeitsdimensionen signifikant die Wahl von Reise‐ arten und touristischen Destinationen vorhersagen können, während nur Neurotizismus und Offenheit direkte Prädiktoren für Reisemotivationen sind. Der Artikel weist auf die Bedeutung von Persönlichkeitsmerkmalen bei der Gestaltung von Gruppenempfehlungssystemen im Tourismus hin, insbesondere zur Lösung von Problemen wie dem „Cold-Start-Problem“ und zur Handhabung von konfligierenden Präferenzen in heterogenen Gruppen. Diese Erkenntnisse könnten dazu beitragen, personalisierte und präzisere Reiseempfehlungen zu entwickeln, die auf das psychologische Profil der Touristen abgestimmt sind. Zu den Ergebnissen der Studie in Verbindung zu den einzelnen Persön‐ lichkeitsdimensionen im Einzelnen: Neurotizismus Unter hohem Neurotizismus wird emotionale Instabilität erfasst, also stark schwankende emotionale Zustände („von himmelhochjauchzend zu zu Tode betrübt“). Diese Persönlichkeitsdimension beeinflusst die Reisemotivation, wobei hoch neurotische Individuen stärker von Reiseängsten und Sorgen beein‐ flusst werden als Personen mit geringeren Neurotizismus-Scores und neigen diese dementsprechend dazu, eher sicherheitsorientierte und weniger aben‐ teuerliche Reiseentscheidungen zu treffen (Alves, et al, 2023, 1144-f.). Zu vermuten wäre dabei jedoch, dass auch die andere Seite des Kontinu‐ ums, diejenigen, die kaum emotional (das heißt eher stoisch) reagieren, ein ähnliches Reiseverhalten an den Tag legen könnte. Wobei die Ursachen dabei weniger in reisebezogenen Ängsten und Sorgen zu suchen sind als in einer hohen Ritualisierungsneigung von Stoikern, die auch im Positiven nicht so stark auf besondere Reiseerfahrungen ansprechen und dementsprechend weniger Sehnsucht nach solchen Erfahrungen oder abenteuerlichen Reisen entwickeln. Extraversion Auch das Reiseverhalten von extra- und introvertierten Personen weist verständlicherweise größere Differenzen auf, wobei Extravertierte tenden‐ ziell eher Reisen bevorzugen, die soziale Interaktionen ermöglichen, wie 1.3 Individuelle Reisepräferenzen: Reisen und Persönlichkeit und Reisetypen 35 <?page no="36"?> Gruppenreisen, touristische Aktivitäten mit hohem Engagement anderer Menschen oder Reisen in größeren Freundeskreisen. Sie zeigen darüber hinaus eine Vorliebe für Reiseziele und Aktivitäten, die es ihnen erlauben, neue soziale Kontakte zu knüpfen (Alves et al, 2023, 1144-f.). Wohingegen von introvertierten Personen eher Reisen in Dyaden oder kleineren Gruppen mit ausreichenden Rückzugsräumen bevorzugt werden. Offenheit für Erfahrungen Reisende mit hoher Offenheit tendieren dazu, kulturell reichere oder un‐ gewöhnliche Reiseziele auszuwählen und legen Wert auf Vielfalt und Ab‐ wechslung bei ihren Reiseaktivitäten (Alves et al., 2023, 1143 f.). Sie sind auch motivierter durch die Suche nach neuen Erfahrungen und suchen generell deutlich stärker das Erleben von Neuheit auf ihren Reisen (Alves, et al., 2023, 1145) als das bei den Personen auf der anderen Seite des Kontinuums, die eher zu Konservativismus tendieren, der Fall ist. Diese neigen eher dazu immer wieder an dieselben Orte zu reisen, oft sogar immer wieder in dieselben Quartiere und sie suchen dort häufig auch dieselben Restaurants, Cafés oder Imbisse auf. Bei diesen Personen handelt es sich um Personen mit hoher Destinationstreue. Verträglichkeit Personen mit hohen Scores im Bereich Verträglichkeit neigen dazu, Rei‐ seentscheidungen zu treffen, die Konflikte innerhalb einer Reisegruppe minimieren, und bevorzugen harmonische Reiseerfahrungen (Alves et al, 2023, 1145). Sie neigen auch eher dazu sich in ihren Reisewünschen an andere anzupassen und auch während der Reise ihre Bedürfnisse partiell zu‐ rückzustellen. Während Personen mit weniger ausgeprägter Verträglichkeit zu höherem Konkurrenzverhalten tendieren und die Reise gern komplett oder partiell selbst planen. Gewissenhaftigkeit Gewissenhafte Reisende planen ihre Reisen oft sorgfältig und bevorzugen strukturierte und gut organisierte Reiseabläufe (Alves et al, 2023, 1144). Sie zeigen eine deutliche geringere Präferenz für spontane oder risikoreiche Reiseaktivitäten (Alves et al, 2023, 1145). 36 1 Vor der Reise <?page no="37"?> Ob diese in Portugal erhobene Studie generalisierbar ist, ist fraglich, es ist aber zu vermuten. Bei einer Generalisierung aber zu beachten und in dieser Studie aus meiner Sicht zu wenig beleuchtet, wurde, dass generell davon auszugehen ist, dass die einzelnen Persönlichkeitsdimensionen zwar trenn‐ scharf sind, aber in unterschiedlicher Ausprägung und in unterschiedlichen Kombinationen auftreten können. So können bestimmte Dimensionen an‐ dere moderieren, abschwächen oder ausgleichen, andere diese wiederum massiv verstärken. Eigene Beispiele und Überlegungen Sind die Ausprägungen bei Gewissenhaftigkeit sehr hoch, kann das bis zu stark zwanghaftem Verhalten führen, das heißt, dass die Dinge nur so und nicht anders gemacht werden müssen. Wird das nicht durch hohe Scores im Bereich Verträglichkeit ausgeglichen und moderiert, kann das auch sehr aggressiv durchgesetzt werden und dann für eher zu Improvisation und Ge‐ nuss tendierende Mitreisende zur Herausforderung werden. Sind die Scores im Bereich Verträglichkeit dagegen hoch, können diese auch moderierend wirken und dazu führen, dass die Planung nicht überhandnimmt und dass auch diese Reisenden partiell lernen können, spontane oder improvisierte Aktionen zu genießen und mal „in den Tag hineinzuleben“ und sei es nur, um ein harmonisches Verhältnis zu ihren Mitreisenden zu wahren. Weiterhin ist auch zu vermuten, dass bei Personen, die sowohl zu hoher Offenheit als auch zu hohem Neurotizismus neigen, die hohe Offenheit eher ausgleichend wirkt und dadurch trotzdem ein weniger sicherheitsbe‐ dürftiges Reiseverhalten mit einer Tendenz zu Abenteuer an den Tag gelegt wird. Ähnliches könnte bei introvertierten Personen mit hoher Offenheit der Fall sein, die zwar vielleicht etwas mehr Rückzugsräume benötigen als Extravertierte, aber aufgrund der hohen Offenheit trotzdem interessiert daran sind, andere Menschen kennenzulernen. Das wäre etwas, was in weiteren Studien zu untersuchen wäre, wofür die Studie von Alves aber ein guter Ausgangspunkt sein kann. Es gibt auch andere Studien, die die Big Five im Zusammenhang zu Reisen beleuchten, so gibt es eine Studie die die Präferenz von bestimmten Gestal‐ tungen von Hotel-Websites je nach Persönlichkeit des Gastes beleuchtet. 1.3 Individuelle Reisepräferenzen: Reisen und Persönlichkeit und Reisetypen 37 <?page no="38"?> Einfluss der Big Five auf Marketing-Entscheidungen Die Gestaltung von Hotel-Websites je nach Persönlichkeit des Gastes basierend auf den Big Five beschreibt eine Studie von Rosanna Leung und Mitarbeitern (2013), die den Zusammenhang zwischen Persönlichkeitsmerk‐ malen und Präferenzen für Hotel-Webdesign untersucht. Diese Forschung basiert ebenfalls auf den Big-Five-Persönlichkeitsmerkmalen (Neurotizis‐ mus, Extraversion, Offenheit, Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit) und analysiert, wie diese Merkmale die Vorlieben für verschiedene Webde‐ sign-Attribute beeinflussen. Ziel der Studie war dabei, die Untersuchung der Beziehung zwischen Persönlichkeitsmerkmalen und Webdesign-Präfe‐ renzen und darauf aufbauend, die Entwicklung von Designvorlagen, die auf unterschiedliche Persönlichkeitskombinationen abgestimmt sind. Auch hier ist die Datenerhebung nur in einer Kultur und auch in einer relativ al‐ tershomogenen Gruppe von 76 Tourismus-Studenten in Hongkong erfolgt, was deren Generalisierbarkeit durchaus einschränkt. Es erfolgte dabei eine Analyse von 15 Webdesign-Attributen und 5 Persönlichkeitsmerkmalen. Zudem wurde „Targeted Positive and Negative Association Rule Mining“ zur Identifikation von Mustern in den Daten angewandt. Im Ergebnis wurden 1264 Assoziationsregeln identifiziert, darunter 270 positive und 994 negative Regeln. Es zeigte sich auch, dass Personen mit bestimmten Persönlich‐ keitsmerkmalen spezifische Designattribute bevorzugen, z. B. Intro-Filme, Menüpositionen, Bildgrößen und Textfarben. Kontraste in den Präferenzen wurden ebenfalls festgestellt, z. B. unterschiedliche Einstellungen zum Scrollen oder dem Informationsgehalt von Texten. Die Studie zeigt, dass Persönlichkeitsmerkmale einen signifikanten Einfluss auf Webdesign-Prä‐ ferenzen haben. Personen mit einer hohen Offenheit für Erfahrungen präferieren moderne, kreative und stark visuelle Designs, eine Vielzahl an Bildern und interaktiven Elementen. Wohingegen Personen mit einer geringen Offenheit für Erfahrungen eher schlichtes, funktionales Design, eine klare, übersichtliche Navigation, wenig Ablenkung und kaum interak‐ tive Elemente bevorzugen. Bei Gewissenhaftigkeit ist es weniger klar. Personen mit geringen Gewissenhaftigkeit haben wenig klare Präferenzen, wohingegen Personen mit hoher Gewissenhaftigkeit eher sehr informative und strukturierte Seiten mit klarer Navigation, wenig Animation und insge‐ samt eine eher professionelle und seriöse Gestaltung bevorzugen. Personen mit hoher Kontaktfreudigkeit bevorzugen animierte und interaktive Elemente, z. B. Videos und lebendige, starke Farben. Demgegenüber fühlen 38 1 Vor der Reise <?page no="39"?> sich introvertierte Personen eher von minimalistischem Design und eher textbasierter Gestaltung angesprochen. Personen mit hoher Reizsensibili‐ tät bzw. hohem Neurotizismus schätzen ein klares, übersichtliches Design, keine Pop-ups und kaum Videos. Personen mit geringer Reizsensibilität sind eher tolerant gegenüber auffälligen Designelementen. Verträglichkeit wirkt sich eher auf die Inhalte von Bildern aus. Personen mit hoher Ver‐ träglichkeit präferieren emotionale Fotos, z. B. mit anderen Gästen oder Mitarbeitern und mit eher sozialen Situationen z. B. im Restaurant oder im Spa, wohingegen Personen mit niedriger Verträglichkeit weniger emo‐ tionale und funktionale bzw. vorwiegend neutrale Abbildungen bevorzugen. Sie schätzen eher gut gestaltete Raum- und Hotelabbildungen überwiegend ohne emotionale und soziale Aspekte. Die Implikationen dieser Studie betreffen eher Marketingentscheidungen der Hotels. Es geht darum, dass Webdesigner gezielte Designs entwickeln können, die auf die Persönlichkeit ihrer Zielgruppe abgestimmt sind und Suchmaschinen personalisierte Webdesigns basierend auf Nutzerverhalten und -präferenzen anbieten könnten. Das Ganze hat aber auch etliche klare Einschränkungen. Erstens ist die Stichprobengröße klein und begrenzt auf Studenten. Der Fokus lag darüber hinaus auf Hotel-Websites in Hongkong, was die Generalisierbarkeit doppelt einschränkt. Außerdem ist eher frag‐ würdig, wie man die Persönlichkeit seiner Hotelgäste messen kann. Da es eher unüblich ist, seine Gäste zu einem Persönlichkeitstest zu bewegen. Zudem kann die Varianz an Persönlichkeitsausprägungen auch innerhalb einer Zielgruppe sehr hoch sein, da die Big Five sich u. a. nach Costa und McCrae auch mit dem Alter verändern (häufig hin zu weniger Offenheit für Erfahrungen, aber auch höherer Verträglichkeit, wobei Ausnahmen die Regel bestätigen). Als Basis für zukünftige Forschung bietet die Studie aber zumindest eine Grundlage. 1.3.2 Sensation Seeking Wieviel Neues oder Fremdes auf Reisen gesucht wird, hängt von der Persönlichkeit, den Vorlieben, der Reisesozialisation, und der aktuellen Lebenssituation ab. Wer wie viel verträgt oder auch braucht, um sich wohl und lebendig zu fühlen, ist stark persönlichkeitsspezifisch. Im Jahr 1979 erschien Marvin Zuckermans erstes Buch zum Sensation Seeking, indem er individuelle Verhaltensunterschiede in verschieden hohen Erregungsni‐ veaus jedes einzelnen Menschen begründet sieht. Im Zusammenhang mit 1.3 Individuelle Reisepräferenzen: Reisen und Persönlichkeit und Reisetypen 39 <?page no="40"?> häufigen und exzessivem Reisen, Extremreisen, und der Suche nach inten‐ siven Erlebnissen ist auch das Persönlichkeitskonstrukt Sensation Seeking erwähnenswert. Marvin Zuckerman (1979) beschrieb Sensation Seeker als Personen, die neue Erfahrungen suchen, sich schnell langweilen, bisweilen enthemmt sein können und Abenteuer und thrill suchen. Sensation Seeking wird nach Marvin Zuckerman (1979) wie folgt definiert: „Sensation seeking is the need for varied, novel and complex situations and experiences and the willingness to take physical and social risks for the sake of such experiences.“ (Zuckerman, 1979, 10) Zuckerman entwickelte in diesem Zusammenhang auch ein Messinstrument für Sensation Seeking. Diese sogenannte Sensa‐ tion Seeking Scale (SSS-V) besteht aus den vier Subskalen: Thrill and Adventure Seeking, Disinhibition, Experience Seeking and Boredom Susceptibility. Sensation Seeking erfasst dabei Verhaltensweisen wie das Engagieren in physisch riskanten Aktivitäten, das Streben nach neuen Erfahrungen durch u. a. Reisen, Musik, Kunst, Beziehungen, Drogen, die Suche nach sozialen Stimulationen, einen unkonventionellen Lebensstil und das Vermeiden von Monotonie und Langeweile, die von gleichbleibenden Lebensbedingungen hervorgerufen werden. Jemand der dieser Kategorie angehört, wird seltener mit einem Strandurlaub glücklich, sondern ist - je nach Ausprägung - eher im Zusammenhang mit exzessivem Reisen, Abenteuer- oder Extremreisen oder bei Trekking-Touren in ihm noch fremde Gebiete zu finden. Ein Sensation Seeker braucht mehr Reize, um auf optimale „Betriebstemperatur“ zu kommen, als jemand der von Natur aus eher neophob ist und das Bewährte sucht und immer wieder an dieselben Lieblingsorte fährt. Der Sensation Seeker erholt sich - simpel gesagt - am besten, wenn etwas los ist. Kernannahme seines Modells ist, dass jeder Mensch über sein eigenes optimales Niveau der Stimulation und des Arousal verfügt, und zwar hin‐ sichtlich kognitiver und motorischer Reize. Menschen mit einem niedrigen Score im Sensation Seeking werden sich zu vielen Reizen eher entziehen, Menschen mit hohen Scores, werden diese ganz bewusst aufsuchen. Es ist zu vermuten, dass insbesondere Extremreisende und Reisende, die gefährliche Sportarten betreiben, sowie Personen, die sehr häufig reisen und eher weit entfernte Destinationen aufsuchen - und dabei auch bestimmte Risiken nicht scheuen -, erhöhte Werte in der Sensation Seeking Scale aufweisen. Vor allem vermutlich auf den drei Dimensionen Thrill und Abenteuersuche, Empfänglichkeit für Langeweile und Erfahrungssuche. Umstritten ist allerdings bis heute, ob Sensation Seeking als Persönlich‐ 40 1 Vor der Reise <?page no="41"?> keitsmerkmal, wie es Zuckerman ursprünglich beschrieben hat oder eher als Bedürfnis zu betrachten ist, wofür u. a. bei Roth und Hammelstein (2003) plädiert wird (mehr dazu im →-Kap. 3). Es ist auch naheliegend, dass Sensation Seeking stark mit der Persönlich‐ keitseigenschaft der Offenheit der Big Five korreliert und dann wohl das entsprechende Bedürfnis nach Sensation seeking hervorrufen kann. Wo endet Sensation Seeking und wo beginnt Suchtverhalten? Mitunter ist die Grenze von Sensation Seeking zu Suchtverhalten schmal. Insbesondere bei Extremreisenden und Risikosportlern ist der Übergang zum Suchtverhalten mitunter festzustellen. Beide haben grundsätzlich erst einmal Flow-Gefühle beim Durchführen der Aktivität, die eine befriedi‐ gende Wirkung haben. Ein wichtiges Kriterium für bereits vorliegendes Suchtverhalten ist dann gegeben, wenn die Zeit nach der Aktivität nicht von Freude und Entspannung, sondern von Rastlosigkeit, Gereiztheit und schlechter Laune und einem grundlegend schlechten Gefühl geprägt ist und, ein Leben ohne diese Aktivität(en) grundsätzlich nicht mehr vorstellbar scheint. Zu den Suchtmerkmalen gehören: Desensibilisierung, Selbstvergewisserung, innere Leere, Angst um das Leben das einzige Gefühl, Entwicklung von Normalität und Alltäglichkeit bei der Ausübung des Verhaltens, Sucht nach Adrenalinkicks (sinkt der Spiegel wird relativ bald der nächste Kick benötigt). Im Gegensatz zu Bergsteigern findet hier oft auch eine Distanzierung von Freunden (außer denen, die das Hobby betreiben) und Angehörigen statt. Sinkt der Spiegel wird relativ bald der nächste Kick benötigt. Im Gegensatz zu Bergsteigern findet hier oft auch eine Distanzierung von Freunden (außer denen, die das Hobby betreiben) und Angehörigen statt. Die Gefahr von Suchtverhalten ist bei Risiko- und Extremsportarten, so‐ wie Risiko- und Extremreisen höher, kann aber auch in Form von Sportsucht bereits bei Joggern auftreten. Eine der gefährlichsten Formen mit hohem Suchtpotenzial trotz extrem häufiger Todesfälle ist Basejumping, wo es vor allem um Sprünge von Brücken, Gebäuden oder Felsen geht, die Natur rundum aber kaum interessiert. Entscheidender ist der Kick. Von 1981 an, 1.3 Individuelle Reisepräferenzen: Reisen und Persönlichkeit und Reisetypen 41 <?page no="42"?> 8 Einer derjenigen, der sich unter großer Mühe von der Sucht befreien konnte und in Interviews immer wieder auf die Suchtgefahr aufmerksam macht, ist Maximilian Werndl, der zuvor lange Rennsport betrieb. Die Alltäglichkeit war bei ihm relativ früh da: „Es kann durchaus langweilig werden, aus einem Flugzeug zu springen.“ Er sucht nach neuen Herausforderungen und entdeckt das deutlich gefährlichere Basejumping für sich. Er beschreibt sein Alltagsleben als fad zwischen den Sprüngen. „Wann ist der nächste Sprung, wann kann ich da wieder hoch. Das war für mich das Wichtigste." Von zehn Bekannten Werndls, die das Hobby teilen, sind nur noch 4 am Leben. Erst als er bemerkt, dass er angesichts der Tode von Freunden zunehmend gefühllos wird, steigt er aus. „Meine Gefühllosigkeit hat meine Sucht enttarnt“ Basejumper Max Werndl im Gespräch mit Utz Dräger, DLF, 15.01.2023. als sich Basejumping sukzessive zum Trend entwickelte, bis zum Beginn des Jahres 2025, starben dabei 504 Personen. 8 Auch bei Reisenden als Lebensform, also bei Reisenden, die mindestens die Hälfte, meist jedoch weit mehr als die Hälfte des Jahres unterwegs sind, scheint in einigen Fällen klar Suchtverhalten aufzutreten. Reisen ist zu ihrem Alltag geworden und die kurzen Unterbrechungen dazwischen zur Ausnahme. Die Intervalle zwischen den Reisen werden immer kürzer, bis Reisen zur Hauptlebensform wird. Diese Reisenden haben meist ein sehr hohes Aktivitätsniveau, und sind sie mal längere Zeit zu Hause, erfasst sie oft eine große Unruhe und Rastlosigkeit („voll die Hummeln“ wie es einer dieser Reisenden ausdrückte). Ein Zuhause im eigentlichen Sinne gibt es nicht mehr und der Aufenthalt bei Familie oder Freunden ist lediglich die Unterbrechung des Alltags auf Reisen. Zufriedenheit und Ausgeglichenheit wird auch am ehesten auf Reisen erreicht, obwohl sich bei Reisenden dieses Typs auch ein sehr hohes Sensation Seeking fand. Permanentes Reisen garantiert immer wieder neue Reize und Herausforderungen und die konse‐ quente Umsetzung von Selbstbestimmung. Aber erst, wenn es in den Phasen dazwischen zu Unzufriedenheit, und auf Reisen zu permanenter Steigerung des Risikos ohne sinnvolle Vorbereitung und oft auch ohne angemessene Risikoabschätzung kommt, ist die Grenze zur Sucht überschritten. Das trifft auf weniger als die Hälfte der Extremreisenden zu. Bei den Weltreisenden kann beides zutreffen. Zum Beispiel findet sich Suchtverhalten bei einigen Weltreisenden, die nicht mehr aufhören kön‐ nen, aber auch bei einigen Rentnern, die genug Geld und keinerlei feste Bindungen mehr an ihre Heimat haben und fit genug sind, noch permanent unterwegs zu sein. Dabei handelt es sich um Weltreisen, die mit offenem Ende unternommen werden und häufig über 4 Jahre dauern, immer wieder neu angetreten oder nie ganz abgeschlossen werden. Längere Weltreisen 42 1 Vor der Reise <?page no="43"?> werden dabei meist entweder mit dem Fahrrad, zu Fuß, per Anhalter, mit dem Motorrad oder mit dem Paddelboot unternommen. Weltreisen mit dem Flugzeug oder Zug dauerten meist nicht länger als ein Jahr und gehören eher zur zweiten Gruppe. Wobei auch hier nicht jeder Langzeit- oder Weltreisende Suchtverhalten zeigt. Auch hier trifft das auf weniger als die Hälfte zu. Einige haben ein Zuhause, in mehr oder weniger provisorischen Wohn‐ sitzen, die eher einem Basislager gleichen, das lediglich der Vorbereitung des nächsten Aufbruches als des Sesshaft-Seins dient. Einige der interviewten Langzeitreisenden zeigen ein gewisses Suchtver‐ halten, wobei sie in den seltensten Fällen geplant hatten, ihr Leben nur noch auf Reisen zu verbringen, aber wie im Beispiel von Axel B. nicht mehr aufhören können, obwohl sie es selbst gern wollen. Das nährt den Verdacht, dass die Ausschüttung von Endorphinen und Adrenalin, eine stoffgebundene Sucht erzeugt und der Extremreisende deshalb dazu geneigt ist, sich bedrohliche und/ oder erregende Situationen selbst komplementär zu schaffen. Das ist freilich eine Hypothese. Dazu kommen sicher noch die Freiheit, Ungebundenheit und die Neugier, wobei letztere bei den meisten infolge des bereits ziemlich viel gesehen Habens immer mehr abnimmt. Folgendes Beispiel verdeutlicht das ein wenig: Axel B., ausgebildeter Unterstufenlehrer, unternahm gemeinsam mit einem Freund, gleich nach dem Mauerfall, eine 5-jährige Weltreise mit dem Fahrrad. Bereits vor der Weltreise war er Extremsportler im Outdoor-Be‐ reich und ist viermal mit dem Rad nach Bulgarien gefahren. Das erste Mal mit 14 Jahren. Die Weltreise war ein langgehegter Wunsch von ihm. Während ihrer Reise, die sie unter anderem durch Indien, Nord- und Südamerika, Neuseeland und China führte, wechselten sich Bewegungs- und Ruhephasen oft ab. Wenn sie sich bewegt haben, dann lange Strecken am Stück. Jeden Tag ca. 140 Kilometer und dann sind sie einen Monat geblieben. Das fanden sie auch gut so, um ein bisschen tiefer einzudringen. Ihre Weltreise hatten sie nicht lange geplant, es hat sich einfach ergeben. Einer der Gründe, für die letztendliche Rückkehr der beiden, war ein Treffen mit einem anderen Extremreisenden, der aus ihrer Sicht nur am Flüchten war. Nach der Rückkehr von der Weltreise hielt es A. (oder R3) jedoch nicht lange zu Hause aus. Kurze Zeit nach der Ankunft im Dezember brach er wieder auf, um mit dem Fahrrad im Winter (und relativer Dunkelheit) ans Nordkap zu fahren, was schon einer starken Steigerung des Risikos 1.3 Individuelle Reisepräferenzen: Reisen und Persönlichkeit und Reisetypen 43 <?page no="44"?> entsprach. Das, was als Abenteuer begonnen hat, ist zur Sucht geworden, zur Gewohnheit. Das Extreme muss durch Zusatzkriterien verschärft werden: er will mit dem Rad ans Nordkap - wo es ohnehin schon kalt ist - im Winter. Bereits hier weist sein Verhalten alle Merkmale einer psychischen Abhängigkeit auf: Entzugserscheinungen, Erhöhung der Dosis und Reiz‐ variation. Bei seinem Mitreisenden ist eine ähnliche Verhaltenstendenz interessanterweise nicht zu finden. Dementsprechend fährt A. (oder R3) auch allein. Sein Reisepartner Peter blieb hingegen bei seiner Familie und freute sich wieder zurückzusein. Das war die einzige Reise dieser extremen Ausprägung. Danach sah er Reisen entspannter. Ein halbes Jahr zu Hause bleiben, könnte er dennoch nicht, auch wenn er sich das manchmal wünsche. „Für mich war das ein Kindheitstraum. Ich habe von klein an davon geträumt, mal um die Welt zu segeln und zu radeln. Wenn wir dann mal runter in mein Büro gehen, dann siehst du die ganze Bude voller Reisebücher. Und beim Aufräumen jetzt habe ich den Atlas von meiner Mutter gefunden, wo ich mit sieben, acht Jahren Routen eingezeichnet habe. … Dann meine Eltern, die sind auch so ein bisschen extrem, die haben auch irgendwelche Sachen im Outdoor-Bereich gemacht: segeln, skifahren, wandern, wildwasserfahren, wasserwandern. Und ich habe dann versucht diese gleichen Sportarten ins Extreme zu betreiben. Ich habe Alpinismus sehr stark betrieben, Wildwasser fahren, um einfach dadurch in der Abwechslung und im Extrem den Ausgleich für die Enge im Osten zu finden. Als die Mauer gefallen war, war einfach klar, jetzt gehtʼs los auf Weltreise. Wir haben die fünfjährige Weltreise gleich nach dem Mauerfall begangen. Ich war auch vor dem Mauerfall schon illegal Bergsteigen in Sibirien gewesen. Ich habe schon immer versucht, das Maximale rauszuholen, was machbar war. Und für mich stand es eigentlich schon fest, ich will eine Weltreise, egal was und wie. Bei Peter war das etwas spontaner. Peter ist etwas lockerer durch die Mauer gefallen. Der war auch schon immer sehr aktiv im Klettern, im Alpinismus und so weiter. Und hat sich dann einfach gesagt, so jetzt muß ich mal losfahren und die Welt angucken. Aber die ganze Welt, so richtig geplant war das nicht: Reinfallen und gucken was rauskommt. Erstmal los. … Wir haben in Hongkong einen Typen kennengelernt, der seit dreißig Jahren mit dem Rad durch die Gegend fährt: Heinz Stückele. Der war immer unterwegs. Der war der Grund, dass wir aufgehört haben mit unserer Weltumradlung. Sonst wären wir heute noch unterwegs. Das ist kein Leben. Dieses Geflüchte. Der flüchtet sich jetzt auch vor menschlichen Beziehungen, weil er mit dem Abschiednehmen nicht mehr klarkommt. Wir haben uns gefragt: Warum macht der das? Du hast diese innere Zerissenheit 44 1 Vor der Reise <?page no="45"?> gemerkt und diese Unzufriedenheit. … Danach sind wir erstmal zurückgekommen und sind ein bißchen in ein Loch gefallen. Dann hat es mich gereizt mal zu versuchen das Nordkap mit dem Fahrrad im Winter zu erreichen. Bei -36 Grad und irgendwo nördlich vom Polarkreis habe ich dann aufgegeben. War auch egal, ich wollte es nicht so dringend erreichen, ich wollte einfach mal wieder raus, weil wenn man fünf Jahre unterwegs ist, ist es nicht so einfach dann aufzuhören.“ (R3 im Interview mit der Autorin, 2002) Auf die Frage, warum er ausgerechnet im Winter mit dem Rad ans Nordkap wollte, antwortet er: „Ich wollte was ganz Extremes haben, weil ich gegen irgendwas ankämpfen wollte. Mir ist einfach die Decke auf den Kopf gefallen und ich habe auch Probleme gehabt nach fünf Jahren nur draußen sein. Ich brauchte was Extremes, um mich abzureagieren. Das war nur diese Reise, weil es mich genervt hat nach der Rückkehr.“ Mit Sehnsucht und der Erfüllung von Träumen hat Reisen für ihn nur noch wenig zu tun: „Nicht mehr. Wir haben den glücklichen Job uns alle Reisewünsche sofort erfüllen zu können. Wir haben Sponsoren, Zeit und Knete. Dadurch kommen auch weniger Träume auf. Träume sind ja irgendwas Unerreichbares. Wir haben auch schon so viel gesehen. Ich habe einmal davon geträumt in den Oman zu fliegen. Aber als es dann möglich war, war der Reiz weg. Das Kribbeln ist weg. Die Wüste kenne ich, Moslems kenne ich. Die Illusionen sind weg. Die Träume sind bisschen weniger geworden. Dafür gibt es aber auch keine Eingewöhnungsphase mehr.“ Eine gewisse Sattheit habe sich eingestellt, dennoch könne er nicht aufhören zu reisen, so gern er mal eine Ruhepause hätte. Zur Ruhe kommen, kann er nur noch auf Reisen. „Weihnachten hatte ich keinen Bock mehr. Da wollte ich eigentlich noch nach Gabun. Ich bin dann aber drei Tage früher nach Hause gekommen. Das war auch schön. Ich bin immer aktiv. Ich wünsch mir zwar mal zur Ruhe zu kommen, aber ich pack es nicht. Ich bin so ein Workaholic: Vorträge, Dias, Artikel. Ich find das aber auch hier ganz wichtig, ganz besonders in Saalfeld, was so rechts ist. Wir haben hier auch Partnerschulen. Da kannst du nicht zur Ruhe kommen. Peter ist da anders. Der legt sich hin und sagt, jetzt habʼ ich keinen Bock mehr. Zur Ruhe komme ich, wenn ich rauskomme. Da habe ich Alltag. Da kann ich mich auch mal einen Tag in die Kneipe setzen. Da gibt es einfach nichts zu tun.“ 1.3 Individuelle Reisepräferenzen: Reisen und Persönlichkeit und Reisetypen 45 <?page no="46"?> 1.3.3 Das Entdecker-Gen? Explorationsverhalten gehört seit jeher zur Grundausstattung der Men‐ schen. Dabei explorieren wir, um einen besseren Platz zum Leben zu finden oder auch nur, um zu sehen, was dort ist. „Kein anderes Säugetier zieht so viel umher wie wir“, sagt Nobelpreisträger Svante Pääbo, der Direktor des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig, wo er die Herkunft des Menschen anhand der Genetik erforscht. „Wir überschreiten Grenzen. Wir dringen in neue Territorien vor, selbst wenn wir ausreichend Ressourcen haben. Andere Tiere tun dies nicht.“ (Reggentin, 2013, 48 ff.) Der Drang zu sehen, was hinter dem Meer oder hinter den Bergen ist, liege dabei einigen Menschen mehr als anderen im Blut. Ohne dieses Explorationsver‐ halten wäre die Welt nicht entdeckt und bis nahezu zum letzten Winkel erkundet worden. Neuerdings wird diskutiert, ob die Grundlage für diesen Entdeckerdrang vielleicht auch in unserem Erbgut verankert ist. Oft wird dabei eine Mutation, genauer eine Variante des DRD4-Gens genannt, die hilft, Dopamin zu kontrollieren. Bei Dopamin handelt es sich um einen chemischen Botenstoff im Gehirn, der für das Lernen und für unser internes Belohnungssystem wichtig ist. Diese Gen-Variante, bekannt als DRD4-7R, kommt bei schätzungsweise 20 % aller Menschen vor und Forscher haben wiederholt einen Zusammenhang zwischen dieser Variante sowie Neugier und Rastlosigkeit festgestellt. Mehrere Studien kamen zu dem Schluss, dass Menschen mit der 7R-Variante eher dazu neigen, Risiken auf sich zu nehmen und neuen Orten, Ideen, Nahrungsmitteln, Beziehungen, Drogen oder sexu‐ elle Abenteuern gegenüber besonders aufgeschlossen sind (Reggentin, 2013, 48 ff.). Kurz, dass sie ganz allgemein Abwechslung Veränderung, Bewegung und Abenteuer mehr als andere lieben. Das wiederum liest sich wie eine Beschreibung der Sensation Seekers von Marvin Zuckerman. (Mehr zur Ausschüttung von Dopamin durch Neuheit in →-Kap. 2.9.1). Unser Gehirn ist stetig auf der Suche nach Neuem, nimmt neue Reize besser wahr als bekannte (mehr dazu im → Kap. 2.4) und belohnt diese mit Dopaminausschüttung. Noch offen ist, ob eine gewisse Rastlosigkeit und das damit einhergehende Explorationsverhalten nun genetisch oder in der Konstruktion unseres Gehirns begründet ist, oder ob es stärker mit Per‐ sönlichkeit und Sozialisation gekoppelt ist. Ebenso ist noch unklar, wie die genaue Relation ist, also welcher Bereich welchen Anteil einnimmt. Sicher jedoch ist, dass es vermutlich eine Kombination verschiedener Faktoren ist und es keine pauschale Erklärung dafür gibt, sondern bestimmte Bedürfnisse 46 1 Vor der Reise <?page no="47"?> bei den Einen stärker existieren als bei Anderen und entsprechende Soziali‐ sation und Erfahrungen wiederum verstärkend oder abschwächend auf das Explorationsbedürfnis wirken können. 1.3.4 Einfluss von Persönlichkeit auf das Problemlöseverhalten von Paaren auf Reisen Dass Reisen ein Belastungstest für Beziehungen ist, ist bekannt. Bei den aktuellen Statistiken von Statista findet sich, dass sich bereits 25 % aller Männer und 24 % aller Frauen bereits einmal im oder kurz nach einem Urlaub getrennt haben. Dieses Problem kennt man übrigens nicht nur in westlichen Kulturen. In Japan spricht man in solchen Fällen von einer „Narita Scheidung“, benannt nach dem Flughafen vor den Toren Tokyos. Dabei sind gerade die Erwartungen an eine besonders schöne Zeit hoch. (Und damit ähnlich fatal wie die Erwartungshaltung an besonders schöne Weihnachten in friedlicher, harmonischer Atmosphäre. Nach oder zu Weih‐ nachten trennt sich übrigens ein weiteres Drittel der Paare.) Inzwischen gibt es auch aktuelle Studien zu diesem Phänomen. Eine spezifische Studie zum Einfluss des Reisekontextes auf romantische Beziehungen befasst sich auch damit, welchen Einfluss Persönlichkeitsva‐ riablen und damit verbundene Konfliktlösungsstrategien haben. Die Studie von Leruska, Pongphan Sthahip, Parawan Senachai, et al. (2025) fokussiert darauf, wie die Reiseumgebung und gemeinsame Reiseerfahrungen typische Beziehungsdynamiken beeinflussen und verändern können. Besonderer Wert wurde dabei daraufgelegt, wie Persönlichkeitsmerkmale die Konflikt‐ lösungsstrategien beeinflussen und das wiederum das Aufrechterhalten der Beziehung und der gegenseitigen Faszination. Untersucht wurde das mittels Strukturanalysen und Importance Performance Map Analysis (IPMA). Die entsprechenden Daten wurden von romantischen Paaren während des Reisens gesammelt und auf geschlechtsspezifische Trends analysiert. Die Studie priorisiert Faktoren, die die Beziehungsqualität beeinflussen, mit einem besonderen Fokus darauf, wie der Reisekontext das Konfliktlösungs‐ verhalten in Bezug auf Geschlechterunterschiede prägt. Die IPMA bewertet dabei diese Eigenschaften und Strategien basierend auf ihrem Einfluss auf Faszination und Beziehungsaufrechterhaltung im Reisekontext. Die Ergebnisse zeigen, dass Persönlichkeitsmerkmale, wie insbesondere Of‐ fenheit, Integrations-, Nachgiebigkeits- und Kompromissstrategien eine entscheidende Rolle bei der Konfliktlösung spielen, die wiederum 1.3 Individuelle Reisepräferenzen: Reisen und Persönlichkeit und Reisetypen 47 <?page no="48"?> gegenseitige Faszination und die Aufrechterhaltung der Beziehung fördern. Darüber hinaus hebt die Studie die geschlechtsspezifischen Unterschiede in den Konfliktlösungspräferenzen und deren Einfluss auf die Beziehungs‐ dynamik hervor. Faktoren wie Offenheit sollten aufgrund ihres in der Studie signifikanten Einflusses auf die Beziehungsqualität besonders bei Frauen priorisiert werden, während Integrationsstrategien, Verträglichkeit und Nachgiebigkeit bei Männern wahrscheinlich einen größeren Einfluss haben. Diese Studie erweitert die Dual-Concern-Theorie, indem sie zeigt, wie Reisen etablierte Beziehungsdynamiken beeinflussen und dabei insbeson‐ dere die Rolle von Persönlichkeitsmerkmalen bei der Konfliktlösung ent‐ scheidend ist. Sie liefert neue Informationen darüber, wie sich geschlechts‐ spezifische Unterschiede im Konfliktlösungsverhalten während des Reisens zeigen - einem Kontext, der in der bestehenden Beziehungsforschung bisher wenig Beachtung fand. Indem sie Persönlichkeitsmerkmale und deren Einfluss auf die Beziehungsqualität in einem Reiseumfeld untersucht, bietet die Studie damit neue Einblicke in die Art und Weise, wie äußere Faktoren, romantische Beziehungsdynamiken beeinflussen können. Diese Forschung trägt auch zum Verständnis der Rolle emotionaler und sozialer Bedürfnisse in touristischen Erlebnissen bei und zeigt, wie Reisen sowohl Beziehungsprobleme hervorrufen als auch die Beziehungsaufrechter‐ haltung fördern kann. Dadurch kann die Studie praktische Implikationen für romantische Paare und Fachleute in der Reise- und Beziehungsberatung haben. Wenn man bei‐ spielsweise weiß, dass Offenheit und Integrationsstrategien besonders für Frauen wichtig sind, und dass Männer eher Nachgiebigkeit und Ver‐ träglichkeit bevorzugen, kann dies Beziehungsexperten helfen, Ratschläge auf Grundlage von Persönlichkeitsmerkmalen zu geben. So kann Paaren geholfen werden, Konflikte zu lösen und damit nicht nur das unmittelbare Reiseerlebnis, sondern auch die langfristige Beziehungszufriedenheit und -stabilität positiv zu beeinflussen (Leruska Sathahip, Senachai Fakfare, 2025). Ob diese Studie interkulturell valide ist, ist noch offen, da auch bestimmte Kulturen bestimmte Konfliktlösungsstrategien bevorzugen und insbeson‐ dere variiert, was dabei von Männern bzw. Frauen mehr oder weniger implizit erwartet wird. Unstrittig ist aber, dass Offenheit und Verträglichkeit mit Sicherheit Per‐ sönlichkeitsmerkmale sind, die optimalere Problemlösungsstrategien und damit auch angenehmere Reiseerfahrungen hervorrufen können. Gleichzei‐ 48 1 Vor der Reise <?page no="49"?> tig lässt sich auch ein Adaptationsverhalten von Paaren an den Reisekontext verzeichnen, was zu Varianten des Alltagsverhaltens führen kann. Insbesondere bei längeren Reisen waren bei Paaren oft Anpassungspro‐ zesse an den Reisekontext nötig, da viele Paare im Alltag deutlich weniger Zeit miteinander verbringen und andere Aktivitätsmuster haben und das dauernde Zusammensein auf Reisen für viele eine Herausforderung dar‐ stellt, aber auch eine Möglichkeit, sich wirklich gut kennenzulernen z. B. erfolgte nach Weltreisen oft entweder eine Trennung oder eine Konsolidie‐ rung der Beziehung erfolgte. Oft gab es auch in den ersten Monaten der Reise einen Konflikt und darauffolgend eine Konsolidierung, die in etlichen Fällen auch zum Entschluss zur Ehe und zu gemeinsamen Kinder führte (Zschocke, 2005) Interview | R27 und R28 R27: „Jetzt im Nachhinein ist das klar geworden, es waren sicher unbewusste Motive, die dazu geführt haben: Die Zeit des Ausstiegs war günstig - von der Arbeit zum Reisen - wir hatten beide den Doktor gemacht, die Ausbildung abgeschlossen und ich denke, instinktiv war klar, wir wollen zusammenleben und zusammenbleiben, ich habe es auf der Reise sogar noch gesagt, das ist schon unsere Hochzeitsreise und insofern ist es noch einmal wie die Bestätigung dieser anfänglich sehr schwierigen Partnerschaft gewesen und es war genau der Ausstieg vor dem Einstieg in die Ehe. Es gab auch einen Schnitt in der Arbeitswelt: Ich habe ja schon sechs Jahre gearbeitet, aber jetzt haben wir noch mal in einem anderen Status gearbeitet …“ R28: „Also mir fällt als Reisemotiv noch ein, dass es noch einmal eine Kontrolle der Beziehung war. Ich denke, wir wollten schon beide zusammenbleiben, aber haben beide auch gespürt, dass wir nicht einfach diese ganzen Anfangsschwierigkeiten übergehen und einfach sagen können: Wir machen das jetzt, wir heiraten jetzt oder auch nicht. Es war vielleicht auch notwendig, uns dieser Prüfung auszusetzen. Aber das habe ich vorher nicht so gedacht …“ 1.3 Individuelle Reisepräferenzen: Reisen und Persönlichkeit und Reisetypen 49 <?page no="50"?> Andere Studien zu Persönlichkeit und Reisen Es gibt verschiedene andere Studien zu Reisen und Persönlichkeit, die aber aufgrund ihrer beschränkten Stichproben oder Reichweiten hier kaum beleuchtet werden sollen. Eine solche Studie ist z. B. die von Kilicarslan und Albayrak (2019) zu den Effekten von Stimmung und Persönlichkeitstyp auf die Kundenzufriedenheit und die Wahrnehmung von Servicequalität. Es zeichnet sich ein klarer Zusammenhang ab, insofern dass der Persön‐ lichkeitstyp und die Stimmung die Zufriedenheit und die Wahrnehmung der Servicequalität klar beeinflussen, was relativ naheliegend ist. Da das Sample aber auf deutsche Touristen in einem 5-Sterne-Hotel in Antalaya begrenzt und die Einteilung der Persönlichkeitstypen eher simpel ist (Typ A: aggressiv, hoch konkurrenzfähig, immer in Eile und Typ B: ruhig, sanftmütig, entspannt, extravertiert) und nicht per se trennscharf, sind die Überlegungen zwar sinnvoll, aber deren Reichweite begrenzt (Kilicarslan & Albayrak, 2019). Je nach ihren eigenen Persönlichkeitsmerkmalen, können Touristen unterschiedliche Wahrnehmungen von Destinationen haben. Es gibt meh‐ rere Studien, die die Persönlichkeiten von Verbrauchern und Produkten vergleichen, die darauf hinweisen, dass Reisende Destinationen wählen, deren Persönlichkeit besser zu ihren eigenen Persönlichkeitsmerkmalen passt. Obwohl es bisher keine Forschung zur Beziehung zwischen der Persönlichkeit von Touristen, gemessen mit dem Big-Five-Inventar, und der Zielwahrnehmung gibt, wird erwartet, dass die Persönlichkeit der Touristen beeinflusst, wie sie die Persönlichkeit des Ziels wahrnehmen. Auf dieser Grundlage wurde die erste Hypothese aufgestellt, dass die Persönlichkeit des Touristen seine Wahrnehmung der Zielumgebung beeinflusst. Trotz der Unterschiedlichkeit der Reisen, treten dieselben Effekte auf Wahrnehmung, Psyche und Denken auf - nur in unterschiedlichem Ausmaß (Es gibt allg. Effekte z. B. die antidepressive Wirkung von Reisen und spezielle, die typabhängig sind.). Was gerade für eine gelungene Reise benötigt wird, hängt nicht nur vom Typ, sondern auch vom Alltag zu Hause ab. Ziel ist es, einen möglichst guten Ausgleich zum Alltag zu schaffen (mehr dazu in →-Kap. 2.8). 50 1 Vor der Reise <?page no="51"?> 1.4 Vorfreude, schönste Freude? Eine menschliche Besonderheit ist, Glück bewusst auf die lange Bank schieben zu können. Wir sind in der Lage uns Belohnungen vorzustellen und können den Wert einer zu erwartenden Belohnung in etwa abschätzen. Wir können Glück und Belohnung in Maßen antizipieren (Esch, 2023, 118 ff.). Dass die Vorfreude und die Treffsicherheit der Antizipation aber von verschiedenen Faktoren abhängen, wird wir im Folgenden etwas näher beleuchtet. Für viele ist Vorfreude ein wesentlicher Teil des Reisens. Aber Vorfreude ist eine zwiespältige Sache: Einerseits soll Vorfreude die schönste Freude sein und in der Tat ist der Verzögerungsgenuss oft größer als das eigentliche Erlebnis. Doch zu große Vorfreude lässt auch die Gefahr der Enttäuschung wachsen. Grundsätzlich ist Vorfreude auf eine Reise allerdings berechtigt. Wie eine Studie von Amit Kumar et al. zeigt, ist Vorfreude auf ein Erlebnis wesentlich stärker als Vorfreude auf ein Produkt. Die Untersuchungen von Kumar et al. (2014) bewiesen klar, dass die Vorfreude auf ein Erlebnis (Geld ausgeben, um etwas zu tun) deutlich größer ist, als die auf ein Produkt (Geld ausgeben, um etwas zu haben). Zudem fühlte sich bei denen, die sich auf ein Ereignis freuten, die Vorfreude auch stärker nach positiver Aufregung als nach Ungeduld an, die bei der Erwartung materieller Güter überwog. Das ließ sich in ihrer Studie anhand von Fragebögen, aber auch mittels der Auswertung von US-amerikanischen Langzeitstudien zu Glück finden. Auch hier waren die Erlebniskonsumenten im Vergleich zu materiellen Käufern glücklicher. Amit Kumar vermutet auch, dass das damit zusammenhängen könnte, dass die Gedanken an ein Erlebnis abstrakter und damit befriedi‐ gender, die Gedanken an Produkte demgegenüber sehr konkret und wenig überraschend seien. Obwohl diese Art von Studien nicht neu ist und auch beim direkten Erleben das Erlebnis immer positiver gesehen wurde als das Konsumieren von Produkten, wurde in der Studie von Kumar et al. erstmals nachgewiesen, dass das auch auf die Antizipation zutrifft. Sie zeigten mittels ihrer multidimensionalen Studien, dass das Erwarten von Ereignissen und die damit verbundene Vorfreude deutlich positiver bewertet wurde als das Warten auf Produkte bzw. Besitz. (Was u. a. auch durch Dopamin gesteigert werden kann; mehr dazu im →-Kap. 2.9) Auf Reisen trifft das insofern zu, wenn bei den Reisen - insbesondere bei selbstorganisierten - das Erleben deutlichen Vorrang hat. 1.4 Vorfreude, schönste Freude? 51 <?page no="52"?> Peter Caprariello präzisiert in seiner Studie, dass es dabei vorrangig der soziale Aspekt, also die Anwesenheit Anderer ist, der zählt. Dementspre‐ chend ist eine Reise mit der richtigen Besetzung in der Lage die Vorfreude zu potenzieren. So scheint die Vorfreude auch zu wachsen, wenn man gemeinsam eine Reise bucht. Meist ist die Vorfreude auch zeitabhängig. Weit vor der Reise ist die Vor‐ freude groß, unmittelbar vor der Abreise verflüchtigt sie sich oft, zumindest bis man im Flieger oder Zug sitzt und nichts mehr zu tun bleibt. Unmittelbar vor der Reise nimmt der Organisationsstress (Koffer packen, rechtzeitig am Flughafen, der Fähre oder am Zug sein) der Vorfreude oft etwas den Wind aus den Segeln. Bei einigen Reisenden übernimmt in dieser Phase mitunter sogar kurzfristig eine gewisse Angst bzw. Anspannung, so dass diese mitunter sogar vor Aufregung oder „Reisefieber“ in der Nacht vor der Abreise nicht schlafen können. Aus der psychologischen Forschung weiß man, dass vor allem unerwar‐ tete Reize aktivierend wirken. Das heißt auch, dass Vorfreude zwar die Spannung aufrechterhält, aber dann die Freude vor Ort verhindern kann. Zu konkrete Erwartungen vermindern die Neugier und führen eher zu Enttäuschungen als Offenheit und Spontaneität. Ob man seine Reise lange plant oder spontan aufbricht, hat etwas mit der Persönlichkeit, den persönlichen Rahmenbedingungen und Vorlieben, sowie mit der ureigenen Neugier und der Wertschätzung für Überraschungen und Entdeckungen zu tun. Wer spontan aufbricht, den ersten Zug am Bahnhof nimmt oder zu Blind Booking (was auch unter dem Namen blookery firmiert) tendiert, wo man erst drei Tage vor der Reise erfährt, wo es hingeht, wird wenig konkrete Vorfreude empfinden. Aber da er oder sie per se offen und aufgeschlossen ist, führt dies auch zu wenig Enttäuschungen. Vor der Pandemie hatte sich Blind booking als Reise-Überraschungsei (was Hotel und Flug oder nur eines von beiden beinhalten kann) wachsender Beliebtheit erfreut. Es ist sehr wahrscheinlich, dass jemand als Reisearten und Reiseziele diejenigen wählt, die mit einiger Sicherheit die dominantesten Motive erfüllen. Auf der anderen Seite wirken insbesondere unerwartete Reize aktivie‐ rend, eine zu detaillierte Planung und zu konkrete Vorfreude führen daher eher zu Enttäuschungen. Eine nur vage Vorstellung lässt hingegen genug Spielraum für Überraschungen, Neugier und Staunen. 52 1 Vor der Reise <?page no="53"?> 1.5 Fernweh Dazu kommen unbestimmte Motive wie Fernweh ganz allgemein, wobei der Begriff aus der Romantik stammt, in der vieles mit Melancholie verbunden und einer unbestimmten Sehnsucht verbunden war, einer Zeit, in der das Reisen nicht zufällig deutlich wichtiger wurde (insbesondere in Form von Wanderungen und Bildungsreisen). Interessanterweise taucht der Begriff Fernweh erst etwa zwei Jahrhun‐ derte nach dem Begriff des Heimwehs auf, der schon im 17. Jahrhundert üb‐ lich war. Als Begriff taucht Fernweh erstmals 1835 in den Reiseerzählungen von Fürst Pückler auf. Auch wenn er erst seitdem nachweisbar ist, scheint es das Phänomen bereits früher gegeben zu haben. So beschreibt Goethe beispielsweise schon 1822 ein Fluchtgefühl, welches er als „umgekehrtes Heimweh“ bezeichnet und als Sehnsucht ins Weite statt ins Enge beschreibt. Es ist kein Zufall, dass Fernweh als Begriff und vermutlich auch als Tatbe‐ stand in dieser Zeit zunehmend aufkommt. Waren es doch einerseits die Naturforscher des 18. und 19. Jahrhunderts, die im Geist der Aufklärung die Ferne bereisten. Die Ursprünge des Ferntourismus (so in die Südsee und in die Karibik) liegen in dieser Zeit, ebenso wie die der Geographie als Wissenschaft. Die Epoche der Romantik entsteht parallel und partiell auch als Gegenentwurf zur Aufklärung. Was beides aber vereint, ist das Fernweh, das Reisen und das Motiv des Wanderns. Das Wandermotiv als literarisches und bildnerisches Motiv hat in der Zeit der Romantik Hochkonjunktur. Seitdem wird Fernweh vielfach beschrieben und taucht oft bei den unspezifischen Reisemotiven auf. Als typische Anzeichen werden eine Sehnsucht nach Ferne und anderen Welten beschrieben, ebenso wie eine gewisse Unruhe und der Wunsch nach Aufbruch und Abwechslung. Die Umsetzung ist aber weniger unmittelbar als bei den anderen Reisemotiven. Fernweh kann sich ebenso in konkreten Reiseplänen manifestieren, wie in Tagträumen und Fantasien. Fernweh ist ohnehin prinzipiell unstillbar, weder Reisen noch Lektüren und Planungen helfen dagegen. Aber es ist ein Movens, sich nicht zu sehr einzurichten und ein Antrieb, der die Neugier am Leben erhält. Anders als das Heimweh, das oft eher als Krankheit begriffen wird, findet das Fernweh eine ganz andere Beachtung und bis heute ein Zuhause in Poesie, Kunst und Prosa und ist seit den 1960er-Jahren zudem auch die Grundlage vieler Roadmovies und Romane über das Reisen. Fernweh ist damit eines der unspezifischen Pull-Motive, das aber auch stark mit Push-Motivation verbunden, insbesondere dem Wunsch den 1.5 Fernweh 53 <?page no="54"?> eigenen Ort und Alltag zu verlassen, sei es ganz real physisch oder zumindest in der Vorstellung. Häufig liegt die Wurzel des Fernwehs in der Kindheit oder Jugend. Für viele spätere passionierte Reisende begann das Fernweh mit Atlanten, Kinderbüchern, Büchern oder Filmen über ferne Länder und Kulturen. Auch viele Reiseschriftsteller rekapitulieren den Anfang ihrer Reisefaszi‐ nation in ähnlicher Weise und nennen prägende Bilder oder Erfahrungen aus Kindheit und Jugend. Der spätere Weltreisende und Reiseschriftsteller Bruce Chatwin, berichtet von einem frühen Blick auf Schiffe. „Ich war zwei Jahre alt. Wir wohnten bei meiner Großmutter in möblierten Zimmern an der Seepromenade von Filey, Yorkshire. Ich beobachtete die Schiffe, wie sie am Horizont entlang zogen.“ (Chatwin, 1996, 12) Und der Reiseschriftsteller Cees Nooteboom berichtet vom entscheidenden Aufbruch in der Jugend: „Eines Tages habe ich einen Rucksack gepackt, Abschied von meiner Mutter und einen Zug genommen; und damit habe ich eigentlich nie mehr aufgehört.“ (Nooteboom, 1997, 8) Selbstverortung Damit wird wieder über den eigenen lokalen Kontext hinaus auf eine Selbstverortung im größeren Kontext „Welt“ verwiesen, Interessen an interkulturellem Kontakt und Diversität werden betont. Gleichermaßen wird deutlich, dass selbst die verwirklichte Reise in der Wahrnehmung des Touristen weniger ein „realistisches“ Bild der besuchten Gebiete erzeugt, als dass sie Erfahrungsräume gestaltet, die wesentlich durch Fantasie und Projektion geformt werden (Hennig 1999, 54). Die damit einhergehende Unterordnung z. B. von durch Armut gezeichneten Lebensbedingungen hinter das kulturell tief verankerte Bild der exotistischen Idylle entspringt, folgt man Hennig, jedoch weniger einer bewussten Ignoranz als tiefverwur‐ zelte[n] kollektive[n] Bedürfnisse[n] und Fantasien, die zur Ausblendung bzw. folkloristischen Selektion einzelner Elemente und Montage eigener Wahrnehmungen führen. Dabei werden Teile der fremden Realität wie des eigenen Alltags zu Hause ausgeblendet, um sich der eigenen Fantasiewelt im Raum annähern zu können (ebd., 55 f.). Es geht also dabei auch um die 54 1 Vor der Reise <?page no="55"?> Flucht aus dem Alltag. Der Wunsch nach Abkehr von vertrauten Strukturen wird gerade für die eigene Jugendphase betont. 1.5 Fernweh 55 <?page no="57"?> Depois abri o mar com as maos Dann öffnete ich das Meer mit meinen Händen <?page no="58"?> 2 Unterwegs 2.1 Einführung Doch was macht neben den komplexen Reisemotiven das Reiseerleben aus, was den besonderen Reiz des Reisens? Was macht die damit verbundene Erfahrung aus, die dazu führt, dass viele dieses Erleben immer wieder haben möchten. Was genau passiert beim Reisen? Wenn wir uns „in die Fremde“ begeben, setzen wir uns anderen und vielen neuen Erfahrungen aus. Unsere Gewohnheiten, unsere Haltung, unser Blick auf die Welt werden herausgefordert: kurz unser „Habitus“. Der Mensch sei von der Evolution nicht als Stubenhocker und Supermarktkunde gedacht gewesen, schreibt Hartmann (1998). Der gegenwärtige Mensch sei physiologisch fast permanent unterfordert und müsse daher seine ererbten Notfallfunktionen hin und wieder aktivieren, um sein Aktionspotenzial zumindest probehalber wieder stärker zu nutzen. Hartmann vergleicht es typisch neuzeitlich mit dem gelegentlichen „Hochtouren“ von Autos, die ohne dieses regelmäßige auf Touren bringen schneller korrodieren bzw. deren Batterieleistung sukzessive schwächer wird. Das Ganze hat den erfreulichen Nebeneffekt einer erhöhten Endorphin- und Dopaminaus‐ schüttung. Diese körpereigenen Opiate produziert der Körper insbesondere bei starker Aktivierung oder extremer Dauerbelastung (Zschocke, 2005). Wenn dazu dann noch das Element der Bewegung kommt, sind die Chan‐ cen für ein Flow-Erleben und damit fast rauschhaft-euphorische Zustände gegeben. Das kommt dem Begriff der Funktionslust nahe, den bereits Bühler (1930) und Groos (1901) beschrieben und den ein Organismus verspürt, wenn er im Einklang mit seinem physischen, sensorischen und im Idealfall auch kognitiven Potenzial funktioniert. Auch Murphy (1947) beschreibt ein Lustgefühl anhand von Sinnes- und Aktivitätstrieben. Eine Aktivität würde demnach als lohnend erfahren, wenn sie einer Person ermöglicht, ihr sensorisches und physisches Potenzial auf neue und anregende Weise zu nutzen. Beides wird beim Reisen oft erfüllt, ist aber stark abhängig von der Art des Reisens. 58 2 Unterwegs <?page no="59"?> Reisearten und Reisegewohnheiten Es gibt die verschiedensten Formen des Reisens. Das reicht von fast bar‐ geldlosem Trampen, Zelten und Übernachtungen in Hostels, bis hin zu Übernachtungen in 5-Sterne-Hotels, von Wanderungen, Radtouren, über Rundreisen, selbst- oder fremdorganisiert oder partiell beides. Auch ob man allein oder mit Reisegefährten unterwegs ist, variiert und die Reisegefährten können von Partnern, Freunden, Eltern, Kindern, Großeltern bis hin zu spontanen Tourbegleitern für einzelne Reiseabschnitte reichen. Auch ob man wirklich das Fremde, Andere und die Ferne sucht oder denselben Komfort wie zu Hause - mit ein paar anderen Aspekten und gutem WLAN - unterscheidet sich stark. Es gibt Reisende, die jedes Jahr dieselben Orte aufsuchen und andere Reisende, die so viel wie möglich Neues entdecken möchten. Das hängt von verschiedenen Faktoren ab, einerseits von der Reisemotivation und Persönlichkeit, aber auch vom Bildungsstand (je höher der Bildungsgrad, desto weiter der Reiseradius), vom Lebensort (aus Städten, insbesondere Großstädten wird mehr und weiter gereist, einerseits aufgrund besserer Infrastruktur, aber auch weil auf dem Land meist mehr zu tun und eine längere Abwesenheit schwieriger zu organisieren ist), vom Alter und Familienzyklus (Familien mit kleineren Kindern reisen nicht so weit weg und bevorzugen Ferienwohnungen; diejenigen mit Schulkindern sind zeitlich eingeschränkter), vom sozioökonomischen Status (mit mehr finanziellen Mitteln wird in der Regel häufiger gereist) und von der Reise‐ sozialisation (primär durch die eigene Familie und Kultur und sekundär bzw. tertiär auch durch Freunde, Verwandte oder Partner). Inspiration oder Regeneration? Es gibt zwei grundlegende Arten von Reisen: die eher von Anregung und Inspiration oder Erholung und Rekreation, Rückzug oder Engagement geprägt sind. Die meisten Reisenden hängen einer der beiden Reisearten überwiegend an, wobei es aber auch Fälle gibt, wo man mehrfach während einer Reise zwischen beiden Arten oszilliert. Kevin Kelly, Autor und Gründungsdirektor des Magazins Wired drückt es so aus: „There are two modes of travel; retreat or engage. People often travel to escape the routines of work, to recharge, relax, reinvigorate, and replenish themselves— R&R. In this mode you travel to remove yourself from your routines, or to get the pampering and attention you donʼt ordinarily get, and ideally to do fun things 2.1 Einführung 59 <?page no="60"?> instead of work things. So you travel to where it is easy. This is called a vacation, or R&R. The other mode is engagement and experience, or E&E. In this mode you travel to discover new things, to have new experiences, to lean into an adventure whose outcome is not certain, to meet otherness. You move to find yourself by encountering pleasures and challenges you donʼt encounter at home. This kind of travel is a type of learning, and of the two modes, it is the one I favor in these tips.“ (Kevin Kelly in The Technium vom 13.2.2025) Reiseziele und Reisegewohnheiten sind nicht nur individuell verschieden und von den oben beschriebenen Faktoren abhängig, sondern auch inter‐ kulturell durchaus verschieden. Die Art zu Reisen und seinen Urlaub zu verbringen ist ansozialisiert und die kulturellen Gepflogenheiten variieren dabei sehr, wobei es natürlich auch dabei individuelle Unterschiede und Facetten gibt. Die Reisegewohnheiten sind also nicht universell, sondern von Kultur zur Kultur verschieden. Dabei ist immer auch zu beachten, wie die lokale Bevölkerung ihre Freizeit und ihre Ferien verbringt. Einwohner von Buenos Aires ziehen im Sommer an die Badeplätze der Küste, Spanier suchen im eigenen Land oft ihre Zweitwohnung auf, auch in Schweden besuchen viele im Sommer ihr Wochenendhaus. Im Winter fliegen viele Schweden gern nach Thailand. In Frankreich sind die Städte im Sommer traditionell leer, viele zieht es an die Strände am Atlantik und am Mittelmeer (besonders an die Cote dʼAzur, in die Bretagne oder nach Korsika) und ein paar zum Wandern in die Berge (vor allem in die Alpen oder Pyrenäen). Generell wird aber etwas weniger verreist und bevorzugt im eigenen Land, im Vergleich zu Deutschland, wo - trotz einer vergleichbaren Anzahl an Urlaubstagen - vor allem ins Ausland gereist wird. In Italien wird traditionell im August verreist und auch hier häufig ans Meer oder an den Seen (u. a. Lago Maggiore oder Gardasee) oder an der Amalfiküste im eigenen Land. In Marokko werden überwiegend Verwandte besucht, ans Meer oder nach Spanien gereist. Von reicheren Marokkanern auch nach Ifrane, eine Art Bergsportregion mit Alpen-Flair. Im folgenden Kapitel soll näher auf den Einfluss des Reisens auf den Körper und die Psyche eingegangen werden, insbesondere auch darauf wie Reisen die Sinne stimuliert, was der besondere Reiz der Bewegung ist und unter welchen Bedingungen Flow-Erleben auftritt, warum Reisen nachweislich die Kreativität fördert und wann Erholung erfolgt und welche Voraussetzungen dies braucht. 60 2 Unterwegs <?page no="61"?> 2.2 On the road: Der Reiz der Bewegung. Wenn es läuft „For my part I travel not to go anywhere, but to go. I travel for travelʼs sake. The great affair is to move.“ Robert Louis Stevenson (Cousineau, 1998, 11) Jede Reise beinhaltet den Moment der Passage, des Bewegens von zu Hause weg, durch einen Transitraum, der bereits selbst Reiseziel sein kann oder auch nur als Strecke zu einem Zielort hin. Innere und äußere Bewegung laufen oft parallel und die positiven Wirkungen von Bewegung auf Stimmung und Kognition sind vielfach belegt. Zudem ist Bewegung eine essenzielle Voraussetzung dafür, Räume und Orte überhaupt wahrnehmen zu können. So versteht Böhme die körperliche Bewegung im Raum als wichtige Voraussetzung, um diesen überhaupt denken und verstehen zu können (Münderlein, 2021, 231). „Die Bewegung, dir wir mit unserm Körper und als Körper im Raumvollziehen, erschließt erst das, was wir historisch, kulturell und individuell als Raum verstehen.“ (Böhme 2005, XV) „Bewegung schließt … die Eigenbewegung, das Bewegtwerden und die Wahrnehmung von Bewegung ein.“ (Schultz, 2014b, S.-37) Dazu kommt die Freude an der Bewegung selbst, die zu den wichtigen Pull-Motiven gehört. Dabei ist das Reiseziel oft weniger bedeutend als der Aufbruch und das Unterwegssein an sich. Interessant für dieses Kapitel sind besonders jene Reisen und Reisende, bei denen die Destination nicht das Haupterlebnis darstellt, sondern der Aufenthalt im Transportraum, also die Passage und die Bewegung, sei diese nun aktiv oder passiv. Dazu gehört die ganze Bandbreite von langen Wander-, Rad- und Paddel‐ touren, Interrailtouren oder längere Reisen mit dem Auto, Bahn, Caravan, oder geradezu ikonische Reisen, wie Reisen mit dem Bus bzw. Van (beliebt sind dabei vor allem der Bulli T1 bis T4). Hier ist die Bewegung an sich das Ziel und der Transitraum und die Passage entscheidend. Dieses Unterwegs‐ sein spiegelt sich am besten im deutschen Begriff der Wanderlust, den es so in vielen Sprachen nicht gibt und der daher aus dem Deutschen Einzug in andere Sprachen gehalten hat. „Man reist ja nicht, um anzukommen, sondern um zu reisen.“ (Johann Wolfgang von Goethe) 2.2 On the road: Der Reiz der Bewegung. Wenn es läuft 61 <?page no="62"?> 9 Um die letzte Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert prägt u. a. Walter Benjamin die Überlegungen des Spaziergangs. Der wird dabei „zu einem Alltagsbegriff kultureller Analyse“ (Bauman, 1997, 150-f.) 2.2.1 Aktive Bewegung Am stärksten ist der Effekt der Bewegung beim aktiven Unterwegssein: zu Fuß, per Rad, Paddelboot oder Vergleichbares. Auch beim endlosen Sichtreibenlassen durch Städte, das sich unter dem Begriff des Flanierens fassen lässt, der aber nahezu aus unserem Sprachgebrauch verschwunden ist, weil er neben dem offenen Wahrnehmen der Umgebung und dem langsamen, eher ziellosen Unterwegssein auch sich zu zeigen beinhaltete. Langsamkeit und sich zu zeigen sind heute bei der Bewegung durch Städte keine wesentlichen Faktoren mehr 9 . Michel de Certeau schreibt 1988 in seiner „Kunst des Handelns“ wie wichtig die Bewegung zu Fuß für die Orte ist: „Die Spiele der Schritte sind Gestaltungen von Räumen. Sie weben die Grundstruktur von Orten. In diesem Sinne erzeugt die Motorik der Fußgän‐ ger eines jener realen Systeme, deren Existenz eigentlich den Stadtkern ausmacht, die aber keinen Materialisierungspunkt haben. Sie können nicht lokalisiert werden, denn sie schaffen erst den Raum“ (Certeau, 1988, 188). Das beschreibt gut die Erfahrung, aber auch Konstruktion des Raumes durch das Bewegen in demselben. Der performative Charakter des Raumes schafft seine Freiheit und Flexibilität und die Möglichkeit durch Handlungen immer wieder neu gestaltet zu werden. Dazu kommt die pure Lust an der Bewegung selbst, etwas, was weit von der bloßen Konditionierung des Körpers weg ist. Wie Borrmann schreibt, scheint unserer Zeit die natürliche Bewegungsfreude weitgehend abhan‐ den gekommen zu sein (Borrmann, 1994, 209). Obwohl Bewegung ein Grundprinzip des Lebendigen ist, sind deren natürlichen Ausdrucksformen beim Menschen unserer Zeit, zumindest in den westlichen, überwiegend sitzenden Industriegesellschaften, weitgehend marginalisiert worden. Viele finden erst auf Reisen wieder in einen natürlichen Bewegungsrhythmus. Unsere Gesellschaften sind zwar hypermobil, aber diese Mobilität ist zumeist stark auf das Auto ausgerichtet und oft stark zielbestimmt. Das Unterwegs‐ sein mit Haltepunkten und Zwischenstationen ist eher selten. Genetisch ist unser Organismus mit seiner Physiologie auf körperliches Handeln und Bewegen ausgerichtet. In den Industriegesellschaften ist die sitzende Tätigkeit jedoch vielfach zur dominierenden Körperhaltung geworden. Bewegung ist nur noch selten eine unmittelbare Erfahrung, 62 2 Unterwegs <?page no="63"?> sie wird zunehmend von äußerer Mobilität ersetzt. Man sitzt im Auto, in Flugzeugen, Bussen und Zügen. Der industrialisierte Mensch bewegt sich mobil, in verschiedenen Verkehrsmitteln, aber dabei eben überwiegend sitzend durch die Welt. Das erhöht nachweislich nicht nur das Risiko für Bluthochdruck und koronare Herzkrankheiten, sondern auch für Rücken‐ probleme und Bandscheibenvorfälle. Die Folgen des langen Sitzens sind oft unterentwickelte Rücken- und verkürzte Beinmuskeln. Diese haben sich in den westlichen Ländern nahezu zur Volkskrankheit entwickelt. Nur die Wanderer, die zu Fuß oder die Radfahrer, die mit dem Rad unterwegs sind, haben starke Beine und Rücken, die den Kopf optimal auf der Wirbelsäule halten (Gebauer, 1997). Der Mensch der Gegenwart bewegt sich zumeist mehr im World Wide Web als in der realen Welt. Nun ist der menschliche Körper nicht gänzlich bewegungslos, doch die natürliche Bewegung wird zunehmend von künstlichen Herausforderungen ersetzt, von regelmäßigem Joggen oder Trainieren in Fitnessstudios, die auch wieder einer Disziplinierung des Körpers gleichkommen und dabei häufig die weniger spektakulären, aber freudvollen Formen körperlicher Aktivität vernachlässigen: die Bewegungslust und Bewegungsfreude, wie sie Kindern noch stark zu eigen ist und die sie mit großer Begeisterung ausleben. Letztlich trägt die künstliche Bewegung ebenso wie die Second‐ hand-Wahrnehmung zur Entfremdung des Menschen von sich selbst und seiner natürlichen Lebenswelt bei. Nach Gebauer ist die bisweilen nervöse Physis des modernen Menschen Teil dieser Entwicklung aus Mobilität, hoher Geschwindigkeit und bewe‐ gungslosem Sitzen. Diese Unbeweglichkeit kann sich auch im Denken spiegeln. Nachgewie‐ senermaßen ist Bewegung klar förderlich für Denken, Problemlösen und Kreativität (mehr dazu auch im → Kap. 2.9). Was uns allesamt verbindet, ist, dass es zweifellos für jeden gut ist, in Bewegung zu bleiben: Bewegung ist Leben, ist Lebendigkeit und damit der Gegenentwurf zum Erstarren. Jedes bewegte Wasser bleibt frisch, jeder unbewegte Teich kippt früher oder später um, wird - wenn der Sauerstoff fehlt - zum Tümpel. Auch beim Menschen droht die geistige Verbrackung, wenn der Sauerstoff an neuen Ideen, Impulsen, Inspirationen und Begegnungen fehlt. Es ist wichtig, hin und wieder die Sensoren auszufahren. Die Welt, den Wind und die Freiheit zu erleben. Deshalb ist es so essenziell, geistig und körperlich beweglich zu bleiben und gelegentlich aus Routinen auszubrechen, die das Leben 2.2 On the road: Der Reiz der Bewegung. Wenn es läuft 63 <?page no="64"?> zwar vereinfachen, aber auch die Wahrnehmung und Aufmerksamkeit abstumpfen. Distanz und Loslösung sind in gewisser Weise dem Zustand der Bewe‐ gung inhärent. Die in der Bewegung ständig neu auftauchende Abfolge der Erscheinungen und Weltausschnitte verändert die Wahrnehmung. Und „hier liegt möglicherweise die Quelle des veränderten Bewusstseinszustandes, der Verzückung, Gemütsruhe und Befriedigung, die diejenigen empfinden, die sich voll und ganz den Bedingungen der Bewegung überlassen“ äußert Eric J. Leed (1993, 94) über das Reisen. Leed sieht in diesen unaufhörlich neu auftauchenden Erscheinungen, der Verschiebung von Grenzen und Bezugspunkten und dem Verlassen ortsgebundener Zwänge im Zustand der Beweglichkeit, den therapeutischen Effekt von Reisen. Dabei spielt es erst einmal noch keine Rolle, ob dies äußeres Bewegtwerden, also passive oder eigene körperliche Bewegung, also aktive Bewegung beinhaltet, wobei letzteres den Vorgang deutlich intensiviert. Mehr noch, und deutlich intensiver, finden sich diese quasi „therapeuti‐ schen Folgen“ der Bewegung beim eigenständigen körperlichen Bewegen. Milz betont, dass es dabei möglich sei, die eigene Balance wiederzufin‐ den. „Unsere selbstgewählten oder aufgezwungenen Lebensweisen bringen vielfältige Bedrohungen unserer äußeren und inneren Balance mit sich.“ Dagegen könne authentische eigene Bewegung innere Balance Lebens‐ freude, Kraft, Reaktionsbereitschaft, Steigerung der Wahrnehmung und Empfindung freisetzen. Dabei geht es um die bewusste Entscheidung, die gewohnte Trägheit aufzugeben und das Interesse am Erproben veränderter Möglichkeiten wiederzuerwecken (Milz, 1994, 131 f.). Durch körperliche Bewegung lassen innere Spannungen nach (Milz, 1994, 156) und kommt es zu einem „aufschließenden Flüssigwerden von Gedanken und Handlungen“ (Hoffmann-Axthelm, 1987, 378). Die einfachste Möglichkeit ist dafür das Gehen. Keine Bewegungsart ist so selbstverständlich wie das Gehen. „Gehen ist eine gute Möglichkeit überschüssige Energie, angestauten Ärger und festsitzende Ängste auf gesunde Art loszulassen.“ (Milz, 1994, 147) Gehen ist auch die beste Art einen klaren Kopf und neue Ideen zu bekommen. Es steigert nachweislich die Kreativität. Gleichgültig, ob es sich beim Gehen um kurze Spaziergänge, lange Wanderungen in den Bergen oder ein Flanieren durch Metropolen handelt. Reisen ermöglicht häufig sehr viel mehr Bewegung als der Alltag, es sei denn es handelt sich um einen puren Auto-Urlaub, durchorganisierte Pauschalreisen oder einen weitestgehend bewegungslos-passiven Strandur‐ 64 2 Unterwegs <?page no="65"?> laub. Städte und Berge werden zu Fuß erschlossen, es wird mehr gelaufen, gewandert, geschwommen, Rad gefahren und gepaddelt. Und die positiven Effekte der Bewegung lassen sich nicht auf Gehen reduzieren, sondern sind bei Rad- und Paddeltouren ebenso vorhanden. Reisen ermöglichen nicht zuletzt ein „wieder in Gang kommen“. Zusammenhang von aktiver Bewegung und Denken Seit der Antike findet man in der philosophischen Tradition die Überzeu‐ gung, dass Gehen dem Denken förderlich sei, was auch neuere Studien bestätigen. So wird nachweislich durch Bewegung nicht nur das Denken und Problemlösen, sondern auch generell die Kreativität gefördert (zu Letzterem mehr in →-Kap. 2.9). Die positiven kognitiven Effekte des Gehens zur Findung neuer Ideen und Gedanken oder zum Ausarbeiten und Elaborieren von neuen Ideen wurden und werden insbesondere von Philosophen und Schriftstellern geschätzt, wofür man in der Literatur unzählige Belege finden kann. „Above all, do not lose your desire to walk: Every day I walk myself into a state of well-being and walk away from every illness; I have walked myself into my best thoughts.“ (Søren Kierkegaard) Oder wie es Nietzsche ausdrückte: „So wenig als möglich sitzen; keinem Gedanken Glauben schenken, der nicht im Freien geboren ist und bei freier Bewegung, in dem nicht auch die Muskeln ein Fest feiern.“ Die Geschichte der Philosophie ist von Beginn an auch eine Geschichte des Gehens. Ganze Denkschulen, wie der aristotelische Peripatos, sind nach ihrem „Umherwandeln“ benannt, das legt nicht nur die Tradition der antiken Wandelhallen nahe. Gehen und Denken, sowie Gehen und Lernen sind verknüpft. Vergleichbare Praktiken sieht man beim Schauspie‐ ler, der beim Lernen neuer Rollen, oder der Sängerin, die beim Lernen neuer Parts umherlaufen. Die erinnerungsförderliche Wirkung des Gehens wird von der neurowissenschaftlichen Forschung der letzten Jahre bestä‐ tigt. Das beschreibt bspw. Gerd Kempermann, Professor am Zentrum für Regenerative Therapien der Technischen Universität Dresden, einer der führenden deutschen Stammzell- und Hirnforscher. Der Hippocampus ist das Gehirnareal, das als „Tor zum Gedächtnis“ bezeichnet wird und in 2.2 On the road: Der Reiz der Bewegung. Wenn es läuft 65 <?page no="66"?> dem die Übernahme der Informationen ins Langzeitgedächtnis erfolgt. Inzwischen gibt es in der Forschung klare Hinweise, dass der Hippocampus sehr fein auf Rhythmen reagiert. Mit Elektroenzephalogrammen (EEGs) ließ sich nachweisen, dass gewisse Rhythmen offensichtlich besonders förderlich für viele Gehirnfunktionen sind. Wobei sich vor allem regel-, bzw. gleichmäßige Rhythmen von mittlerer Geschwindigkeit als besonders förderlich erwiesen. Leute, die beim Gehen lernen, haben üblicherweise einen relativ flotten Schritt. Vergleichbares findet sich in der Forschung, die zu Musik und Lernen gemacht wurde. Auch da erwiesen sich gleichmäßige Beats mittlerer bis höherer Geschwindigkeit als besonders förderlich. Diese fördern tranceartige Zustände und stimulieren damit das Lernen ebenso wie das Loslassen und Heureka-Erlebnisse. Man kann gut bei Mozart oder Bach lernen, sogar bei moderatem Techno, nicht aber bei Free Jazz, weil sich dort das gleichmäßige Metrum oft ändert. Musik und flottes Gehen sind also förderlich und stimulieren eine Art Resonanz (Kempermann, 2018, 23-ff.) Bewegung und Kognition hängen aber auch schon rein evolutionär zusammen. „Was man evolutionstheoretisch mit ziemlicher Sicherheit sagen kann: Gehirne entstehen gleichzeitig mit der Fähigkeit der räumlichen Bewegung. Gehirne oder präziser Nervensysteme kommen in der Evolution auf, um Bewegung zu ermöglichen. Ganz primitive Lebewesen, die sich nicht bewegen, die haben auch kein Nervensystem.“ (Kempermann, 2018, 24) Nervensystem und Bewegungsfähigkeit gehören also zusammen. Ein ausgebreitetes Nervensystem entwickelt sich erst bei Säugetieren, die sich bewegen können. Zu viel Sesshaftigkeit ist gehirnvernichtend. Zumindest bei einem kleinen Seetier namens Seescheide, so Kempermann. Dieses Tierchen schwimmt als Larve umher und sucht sich einen Standort, an den sie sich heften kann. Sobald sie sich niedergelassen hat, frisst sie ihr eigenes Gehirn auf, weil sie es nicht mehr braucht: Sie hat ihr festes Zuhause gefunden. Das Gehirn hat ihr dabei geholfen, den geeigneten Lebensraum zu finden. Danach wird es zum Rohstoff für den Aufbau von anderen Organen. „Daraus lernen wir, dass das Gehirn dazu da ist, zu suchen, zu streben und zu entscheiden; wenn sich das Tier niedergelassen hat, hat es seinen Zweck erfüllt.“ (Kempermann, 2018, 38) Deshalb ist es auch für uns Menschen wichtig, Routinen und Eintönigkeiten gelegentlich zu bekämpfen, wollen wir lebendig und kreativ bleiben und nicht in Ritualen erstarren. Gehirn und Bewegung hängen klar zusammen: Das zeigen auch Studien, die beweisen, dass Sport die kognitiven Fähigkeiten fördert. 66 2 Unterwegs <?page no="67"?> Deshalb ist auch die abendländische Konzeption vom Lernen beim Stillsit‐ zen im Widerspruch zur neurobiologischen Forschung. Genauso schädlich ist es, den ganzen Tag am Computer zu sitzen, was den Arbeitstag Vieler bestimmt. Es ist eine klare Deprivation für das Gehirn (und selbstverständ‐ lich auch für den Körper). Es gibt auch Studien, die zeigen, dass Sport zum akademischen Erfolg beiträgt (nicht ganz zufällig haben viele der Elite-Universitäten große Sportteams). Gehen führt oft nicht nur zu guten Ideen, sondern auch dazu, wieder bei sich selbst anzukommen. Es hilft das Essenzielle für Einen selbst zu finden. Der französische Philosoph Frédéric Gros drückt es so aus: „Gehen lässt das innere Geraune und die Beschwerden plötzlich still werden, es beendet das unaufhörliche innere Geschwätz, womit wir andere kommentieren und uns selbst bewerten“. Und Christian Sauer betont, dass Gehen nicht nur ein netter Zeitvertreib ist, sondern eine Psycho- und Kulturtechnik, die uns Leben und Arbeit erleichtern kann. Er sieht insbesondere beim Gehen draußen den Zusammenhang zwischen Kontakt nach innen und Kontakt nach außen, der Resonanz ermöglicht. „Wenn wir rausgehen und dann - das ist wichtig - weitergehen, wenn wir also diese Technik zu nutzen verstehen, kommen wir mit Problemen besser klar, finden leichter zu uns selbst, treffen bessere Entscheidungen. Und zwar nicht, weil wir beim Gehen angestrengt über das alles nachdenken, sondern umgekehrt, weil das Gehen genau dieses zwanghafte Nachdenken verhindert und uns mit zwei wunderbaren Regulierungssystemen in Kontakt bringt: dem eigenen Erfahrungsgedächtnis (sozusagen der inneren Weisheit) und einer Landschaft (einem herausfordernden Gegenüber).“ (Sauer, 2021, 21) 2.2.2 Passive Bewegung Auch passive Bewegung bringt einiges im Innen und Außen in Bewegung, wenn auch weniger tiefgreifend als aktive Bewegung. Dabei reicht die Palette von Roadtrips, über Bahnreisen bis hin zu Schiffsreisen. 2.2.2.1 On the road: Roadtrips als spezielle Form des Reisens Eine spezielle Form des passiven Unterwegsseins sind Roadtrips. Roadt‐ rips werden oft assoziiert mit erlebnisreich, schön, unbekümmert, flexibel, abwechslungsreich. Darunter wird primär ein Unterwegssein mit Auto, Motorrad, Bahn oder Kleinbussen bzw. Caravans verstanden. Zu den 2.2 On the road: Der Reiz der Bewegung. Wenn es läuft 67 <?page no="68"?> 10 Deshalb werden häufig auch längere und besondere Bahnreisen unter Roadtrips gefasst, obwohl sie im engeren Sinne nicht auf der Straße stattfinden Hauptmotiven von Roadtrips gehören Freiheit, Selbstbestimmung und Un‐ abhängigkeit. Ein hoher Grad an Flexibilität und Individualität macht ein Unterwegssein an den eigenen Interessen entlang möglich, wobei oft der Weg das Ziel ist und die Passage entscheidender als ein Zielort. 10 Mitunter wird sich dafür entschieden, wenn es infrastrukturell nicht wirklich gute Alternativen gibt, am häufigsten aber aus einem großen Unabhängigkeits- und Entdeckungsbedürfnis heraus. Dass dieses Bedürfnis insbesondere beim Caravaning und Vanlife nicht mehr immer erfüllt wird, wird in diesem Kapitel im Folgenden zum Hype des Vanlifes etwas näher ausgeführt. In den USA gab es den Trend zu Roadtrips bereits in der Zeit der Beat Generation (deren Beginn den 1950er-Jahren verortet wird), wo gern mit Autos durchs Land gereist wurde. Das wohl wichtigste und bekannteste Werk der Zeit, war das Buch On the road von Jack Kerouac, was 1957 erschien und eine Reise mit Freunden von der Ostan die Westküste der USA beschrieb. Es wurde quasi zur Bibel einer Bewegung, die das ruhelose, aber kreative Unterwegssein zelebrierte, oft verbunden mit der Musik des Jazz, insbesondere des schnellen Bebop, der das schnelle, freie und ungerichtete Unterwegssein im je eigenen Rhythmus in musikalischer Form spiegelte Im darauffolgenden Jahrzehnt, der Hippie-Ära nahmen dann eher Kleinbusse (oder die „Ente“) diese Rolle ein. Parallel dazu waren immer auch die sogenannten Hobos mit Zügen unterwegs. Mehr dazu im Kapitel zu Bahnreisen (→-Kap. 2.2.2.3). Axthelm (1987) sieht den Reiz der Bewegung auf Reisen im Abtren‐ nungsvorgang, wobei die Ablösung ein Flexibilisieren und Verflüssigen der erstarrten Welt und Weltsicht bedeute. Beispielhaft verdeutlicht sieht er das am Film-Klassiker Easy Rider, in dem der eigentliche Held des Filmes der Bewegungswunsch und die Ablösung ist. „Klassische Wunschgröße erreicht die Motorradreise deshalb, weil sie an den Motorrädern, den Gesten, Hüten usw. nicht hängen bleibt, sondern aufgeht in ein Bewegungsritual, das die durchfahrene Welt neu interpretiert. … Vom Blickpunkt der Reise ist die gesamte reisend aufgerissene Welt Bewegung, ein Bewegungsfluß, in dem der Reisestandpunkt den prägnanten Kern darstellt.“ (Hoffmann-Axthelm, 1987, 376-f.) Roadtrips und das Unterwegssein mit verschiedenen Verkehrsmitteln haben einen spezifischen Reiz und sind ein häufiges Sujet von Büchern und 68 2 Unterwegs <?page no="69"?> Filmen. Roadmovies haben sich zu einem eigenen und nach wie vor beliebten Genre entwickelt, wo gerade der Akt des Unterwegsseins die Hauptrolle spielt, das Vorbeiziehen von Landschaften und wechselnde Begegnungen mit anderen Menschen. Häufig spielt Freiheit dabei eine ebenso große Rolle, wie das Heraustreten aus und das Schaffen neuer Routinen. Roadmovies Das Roadmovie entstand in den 1960er-Jahren und hat bis heute nichts von seiner Faszination verloren, wobei Roadmovies als Genrebezeichnung alle Reisefilme beinhaltet, in denen das Unterwegssein zentral ist, sei es nun mit diversen Transportmitteln oder zu Fuß bzw. mit dem Rad. Manche wollen gezielt an einen anderen Ort lassen sich unterwegs aber treiben, anderen ist primär das Unterwegssein wichtig. Ein Roadtrip ist meist alles andere als gerade, sondern voller Umwege, Überraschungen, Treffen und Sackgassen. Die Bewegung, das Unterwegssein, gehört zu den zentralen Elementen des Roadmovies. Welches Fahrzeug dabei benutzt wird, ist zweitrangig: Zu den klassischen Transportmitteln in Roadmovies gehören bspw. das Motorrad (z. B. in Easy Rider), der Kleinbus oder Van (Expedition Happiness, 303, Nomadland), der Zug (z. B. Zugvögel … Einmal nach Inari und ekspress ekspress), das Reisen zu Fuß (Ich bin dann mal weg, Pilgern auf Französisch) oder das Auto (Madame empfiehlt sich). Einige davon haben klare Züge von transformativen Reisen (bspw. Morgen irgendwo am Meer, Zugvögel … Einmal nach Inari). Easy Rider (1969) gehört zu den Paradebeispielen eines Roadmovies und hat den Status eines Kultfilmes. Hier sind Motorräder die Transportmittel im Mittelpunkt (Chopper). Die Hauptthemen sind Drogen, Glauben, Musik und Nonkonformismus. Ein Song, der ein wesentlicher Bestandteil des Filmes und des entsprechenden Kultes geworden ist, ist „Born to be wild“ der Heavy Metal Band Steppenwolf. Gezeigt wird eine rebellische Gegenkultur mit einem Gefühl von Freiheit durch Bewegung, die durch die verschiedensten Städte und Landschaften erfolgt (u. a. durch die mexikanische Wüste, an Canyons und Flüssen ebenso entlang wie durch Städte) und Weite. Sie schlafen im Freien, und zelebrieren die Freiheit ebenso wie ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl. Ein anderer Klassiker ist Blues Brothers (1980). Nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis wollen die beiden Brüder, die „Blues Brothers“, verhin‐ dern, dass ihr altes Waisenhaus, in dem sie aufgewachsen sind, geschlossen 2.2 On the road: Der Reiz der Bewegung. Wenn es läuft 69 <?page no="70"?> wird. Dazu müssen sie ihre alte Band wieder zusammenbringen. Auch hier ist der Soundtrack Kult geworden Die Haupthelden tragen Biker-Sachen und Sonnenbrillen, Freiheit und Non-Konformismus spielen auch hier neben dem Unterwegssein eine wesentliche Rolle und zu ihren wiederkehrenden Slogans gehört: „Wir sind im Namen des Herren unterwegs“. Thelma und Louise (1991) ist der Klassiker unter den feministischen Roadmovies. Eine Hausfrau und eine Kellnerin wollen mit einem gemein‐ samen Wochenendtrip aus ihrem tristen Alltag ausbrechen, was ein klares Push-Motiv ist. Als Thelma vergewaltigt wird und Louise den Täter er‐ schießt, wird es zum Fluchtfilm. Zugvögel … Einmal nach Inari (1998) ist ein subtil-poetisch, witziger Film über das Thema Reisen, in dem sich die Menschen - insbesondere die Hauptfigur- ändern, und zum Einklang mit sich finden. In diesem Fall ist es der Lastkraftwagenfahrer Hannes, der ein besonderes Faible für Kursbücher und Eisenbahnen hat. Ich bin dann mal weg (2015) ist demgegenüber ruhiger und hat eher Selbstfindung und ein weniger rasantes Unterwegssein zu Fuß zum Inhalt. Basis ist ein Buch, worauf der Film aufbaut. Es ist Komödie und Reisebericht über die Pilgerreise von Hape Kerkeling auf dem Jakobsweg. Pilgerreisen, insbesondere auf dem Jakobsweg (mit oder ohne religiösen Hintergrund) sind in den letzten Jahren stark im Trend. Bei Hape Kerkeling ist es primär keine religiöse Reise, wohl aber eine, die sich um den Lebenssinn und Selbst(wieder)findung dreht. Auslöser waren Überlastung und Krankheit, die grundlegende Sinnfragen und die Frage nach dem eigenen Wesenskern aufwarfen. Diese Reise entspricht hier in einigen Punkten, einer transfor‐ mativen Reise (mehr dazu in → Kap. 3.3.4). Es gab auf der Wanderung wie im Leben Höhen und Tiefen und Widrigkeiten, die er überstanden und durch die er Resilienz aufgebaut hat. Er reflektiert im weitesten Sinn den Sinn des Lebens, insbesondere seines eigenen Lebens, und kommt letztlich zunehmend stärker bei sich selbst an. Expedition Happiness (2017) ist ebenfalls eine mehr oder weniger authentische Reisedokumentation, eine Art Videotagebuch eines Paares, das in einem umgebauten Wohnmobil durch die Welt reist. Ausgangspunkt ist ein klares Push-Motiv der beiden Hauptprotagonisten (ein Paar): ihre Un‐ zufriedenheit mit ihrem Leben in Berlin. Sie kündigen ihre Wohnung, reisen in die USA, wo sie sich einen alten US-Schulbus kaufen, diesen umbauen und beginnen damit umherzureisen, zuerst durch Kanada, wo sie den Sommer in Alaska verbringen. Während der Reise lernen sie Einheimische kennen, die 70 2 Unterwegs <?page no="71"?> eine ungefilterte Sicht - jenseits des touristischen Mainstreams - auf ihre Länder geben. Der Hauptfokus liegt auf der täglichen Weiterfahrt, weshalb es ein Roadmovie par excellence ist. Sie fragen sich zunehmend, was sie glücklich macht und am Ende des Filmes bekommen sie Lust anzukommen; im direkten wie im übertragenen Sinne. Roadmovies und gesellschaftliche Trends Was dabei in den aktuellen Roadmovies gerade als Transportmittel, Reiseart und Reisebild vorherrschend ist, spiegelt oft die Trends der Zeit. Seit einigen Jahren haben Pilgerreisen (z. B. Ich bin dann mal weg; Saint Jacques … Pilgern auf Französisch; El Camino de Santiago) und Vans Hochkonjunktur (z.-B. Nomadland, Expedition Happiness, 303), was auch an den wachsenden Trends zum Pilgern und zum Vanlife liegt und damit die Gegenwart in ihren Bewegungsmustern partiell widerspiegelt. Mehr zu Roadmovies findet sich in den wunderbaren Analysen von Theresa Metzner, Josephine Schubert und Melinda Schulze, die sie im Rahmen eines Modulprojektes einer meiner Lehrveranstaltungen entwi‐ ckelt haben. In interessant gestalteten Reels analysieren und besprechen Sie die Entwicklung von Reisefilmen durch die Filmgeschichte, ange‐ fangen bei den frühen filmischen Reiseberichten bis hin zu aktuellen Roadmovies. Betrachtet wird dabei auch wie die jeweiligen Zeiten und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen die Vorstellung und das Ideal von Reisen geprägt haben, was dann in den Filmen seinen Ausdruck fand und diese dann wiederum unsere Vorstellung vom Reisen (als Freiheit, Selbstfindung, persönlichem Wachstum, Suche nach Sinn, verschiede‐ nen Lebensweisen, Landschaften und Kulturen) geprägt haben. Dabei werden insbesondere die folgenden Filme beleuchtet: ● Travelogues von Burton Holmes (erste filmische Reiseberichte) ● In 80 Tagen um die Welt (die Reise von Phileas Fogg und seinem Diener Passepartout mit verschiedenen Verkehrsmitteln um die Welt) ● African Queen ● Easy Rider 2.2 On the road: Der Reiz der Bewegung. Wenn es läuft 71 <?page no="72"?> ● Jenseits von Afrika ● On the road ● Indiana Jones ● Eat Pray Love ● Wild ● Nomadland Die Reels dazu finden sich auf Instagram unter reeladventures.hszg Beachtenswert ist auch die Grundidee und die Zusammenfassung über alle analysierten Filme und ganz besonders kurzweilig und lustig auch das Making-of, das den Entstehungsprozess beleuchtet. Zusätzlich findet sich dort auch ein Quiz zu den Filmen. 2.2.2.2 Trend: Vanlife Caravaning und Vanlife haben sich in den letzten Jahren zunehmend zu einem Trend entwickelt, der durch die Jahre der Corona-Pandemie noch einmal deutlich zugenommen hat. Dass es insbesondere in den Pandemie Jahren zum Trend geworden ist, überrascht nicht, weil man mit einem Van oder Caravan unabhängig von Hotels und Unterkünften unterwegs sein konnte. Aber der Trend wurde dadurch nur verstärkt und setzte bereits eher ein. Sieht man sich die Statistiken in Deutschland an, fällt auf, dass die Neuzulassungen von Campingfahrzeugen seit 2013 deutlich zunahmen. Die FUR-Reiseanalyse geht auf Basis von Befragungen von einem weiterwach‐ senden Trend aus. Dabei ist auch offensichtlich, dass Reisemobile häufiger zugelassen werden als Wohnwagen bzw. Caravans. Einen ähnlichen Trend sieht man auch in einigen europäischen Nachbarländern, z. B. in den Niederlanden, Österreich und der Schweiz. 72 2 Unterwegs <?page no="73"?> Abb. 3: Unterkunft Camping bei Reisen mit Wohnwagen und Caravans (Quelle: FUR, Reiseanalyse 24 face-to-face und Vorgängeruntersuchungen, Urlaubsreisen (5 Tage +) der deutschsprachigen Wohnbevölkerung ab 14 Jahre; Angaben in %) 2010 2014 2019 2023 0 1 2 3 4 % Unterkunft Camping bei Urlaubsreisen 2010-2023 (Marktanteile) sowie Potenziale für 2024-2026 2,6 % | Wohnmobil 2,2 % | Wohnwagen 0,9 % | Zelt Interesse 2024-2026, in % 12 % 8 % 7 % Abb. 3: Unterkunft Camping bei Reisen mit Wohnwagen und Caravans | Quelle: in Anleh‐ nung an FUR, Reiseanalyse 24 face-to-face und Vorgängeruntersuchungen, Urlaubsreisen (5 Tage +) der deutschsprachigen Wohnbevölkerung ab 14 Jahre; Angaben in % Der stetig wachsende Trend, der unter dem neuen, hippen Namen Vanlife läuft, boomt seit einigen Jahren. Eine der Hauptmotivationen war dabei ursprünglich, dass damit günstigeres und spontanes Reisen möglich ist, wobei das inzwischen für Campingplätze kaum noch zutrifft, da in manchen Regionen die Stellplätze auf Campingplätzen schon langfristig ausgebucht sind und dort die Preise für Stellplätze für Caravans und Wohnmobile stark gestiegen sind (z. B. in Frankreich). Reine Stellplätze ohne große Infrastruktur sind aber nach wie vor relativ preiswert. Vanlife, insbesondere in Form selbst ausgebauter Busse hat auch zuge‐ nommen, weil es durch Social Media gehypt wird und es mit Van auch deutlich leichter ist, einfach irgendwo zu stehen und zu übernachten, als mit einem Wohnmobil, was offiziell aber nur in wenigen Gebieten erlaubt ist. Andere motivationale Faktoren sind die Flexibilität und Ungebundenheit, die Freiheit und die Tatsache, dass man alles, was man braucht, dabeihat. Es gibt auch die Möglichkeit, mehr zu sehen und entlang der gewählten Reiserouten dort zu bleiben, wo es einem gefällt oder wahlweise weiterzu‐ ziehen. Das entspricht auch den Megatrends Individualität und Mobilität und partiell auch New Work, weil ein Teil der neuen Vanlifer digitale Nomaden sind. Inzwischen hat sich auch die passende digitale Infrastruktur dazu entwickelt, so gibt es inzwischen auch zahlreiche Apps, zum Beispiel Park for Night, auf dem man Stell- und Campingplätze in der Nähe sehen kann. 2.2 On the road: Der Reiz der Bewegung. Wenn es läuft 73 <?page no="74"?> Im Grunde ist der Trend nicht neu, auch wenn er jetzt unter neuem Namen firmiert. Die Ursprünge finden sich schon in der Hippie-Ära, ab Mitte der 1960er-Jahre, wo es insbesondere die ersten Busse (VW Bulli, damals vor allem T1 und T2), die geradezu ikonisch wurden. #Vanlife: Vanlife auf Social Media Vanlife hat sich in den letzten Jahren zu einem starken Trend entwickelt, wozu auch Social Media beigetragen hat. 2011 wurde das Hashtag „Vanlife“ vom Fotografen Foster Huntington das erste Mal verwendet, seitdem hat sich um den Begriff eine stetig wachsende Szene entwickelt. Dabei spielte Social Media eine entscheidende Rolle. Die Reisen mit dem Van werden auf Whats App, Facebook, Instagram oder TikTok gepostet. Viele Vanlife-Hips‐ ter und Vanlife-Influencer posten Beiträge oder Instagram-Stories. Aktuell (5/ 2025) finden sich unter #Vanlife bereits 17,9 Millionen Beiträge. 2019 waren es noch 3,7 Millionen (Gretzel & Hardy, 2019, 2). Auch YouTube spielt bei der Verbreitung eine wichtige Rolle. Hier finden sich diverse Videos zum Thema, in denen u.a Ausbauten, zusammengeschnittene Reisefilme und Tipps zum Vanlife geteilt werden. Auch bei verschiedenen Fernseh- und Radiosendern wird der Trend aufgenommen und finden sich zunehmend mehr Beiträge dazu, was zu einem deutlichen Multiplikatoreffekt führt. Ein Teil der Vanlifer ist überwiegend für verlängerte Wochenenden und Urlaubsreisen von 2 Wochen bis 3 Monaten unterwegs, beim anderen Teil handelt es sich um Personen, die drei bis vier Monate im Jahr oder digitale Nomaden, die auf diese Weise große Teile des Jahres unterwegs sind. 74 2 Unterwegs <?page no="75"?> Abb. 4: Zulassung von Wohnmobilen in den DACH-Ländern | Quelle: Statista Österreich Deutschland Schweiz 2012 1.025 24.062 3.060 2013 1.038 24.809 2999 2014 1.124 25.746 3141 2015 1.244 28.348 3636 2016 1.118 35.135 4042 2017 1.230 40.567 4491 2018 1.480 46.859 4441 2019 1.704 53.920 5317 2020 2.969 76.225 4366 Abb. 4: Zulassung von Wohnmobilen in den DACH-Ländern | Quelle: in Anlehnung an Statista Schattenseiten des Vanlife: Ökologische Folgen Inzwischen hat sich daraus aber in einigen Gebieten ein relativ großes Problem entwickelt, weil nicht alle achtsam unterwegs sind. Wenn zum Beispiel Vans einen hohen Spritverbrauch haben, Müll liegen gelassen oder wild in Nationalparks übernachtet wird (und im schlimmsten Fall dort noch Feuer oder der Grill angezündet wird, was das ohnehin schon hohe Risiko für Waldbrände drastisch erhöht). Bei #Vanilfe auf Instagram sieht man häufig schöne Wohnmobile, schöne Frauen oder ebenso schöne Paare, die mit ihrem Van wildromantisch in der Natur stehen. Das entspricht, zumindest im letzten Punkt nur selten der Realität, da das Parken in der Natur oder an Stränden meist verboten ist und die anderen danebenstehenden Vans oder Wohnmobile, und die überfüllten Stellplätze, für die Instagram-Stories oft ausgeblendet werden. 2.2 On the road: Der Reiz der Bewegung. Wenn es läuft 75 <?page no="76"?> Auch gefährliche Situationen werden kaum berichtet. Inzwischen kehren einige wichtige Influencer des Vanlife diesem den Rücken und machen auf die Umweltfolgen aufmerksam. Das ist an sich ein positiv zu betrachtender Trend, wobei bei einigen auch hier die maximale Aufmerksamkeitsgene‐ rierung durch dezidierte Abkehr vom vorherigen Verhalten gesichert ist, zumal es aufgrund des sehr sinnvollen Trends zu mehr Nachhaltigkeit im Reiseverhalten auch einen deutlichen Gegentrend gibt. Ein Beispiel dafür ist Ute Kranz aus Köln, die sich 2014 einen Van gekauft und als eine der ersten Reisebloggerinnen Vanlife mit bekannt gemacht. Nur drei Monate später hatte sich die nächste Reisebloggerin einen großen Van gekauft und hatte nach kurzer Zeit eine ebenso große Followerschaft. Heute steht der grüne Van von Ute Kranz in der Garage und sie schreibt Artikel darüber, warum diese Reiseform gar nicht so nachhaltig ist, und verweist auf Spritverbrauch, Feinstaub, Stickoxid und Micro Plastik durch Reifenabrieb. Sie betreibt nach wie vor einen Reiseblog Bravebird und nach Jahren mit Weltreisen und Vantouren nun mit nachhaltigen und eher kritischen Schwerpunkten. Inzwischen sind die, mit den größten Wohnmobilen und Vans, diejenigen mit den meisten Followern, was zu einem Multiplikatoref‐ fekt führt. 2.2.2.3 Bahnreisen „Die Vorstellung einer Reise mit der Eisenbahn war romantisch; sie verlieh jeder Reise etwas Romantisches.“ (Lisa St Aubin de Terán) „Die Eisenbahnreise ist eines der letzten romantischen Abenteuer des modernen Lebens.“ (Paul Theroux) Zu den umweltfreundlicheren Formen des Unterwegsseins mit etwas gerin‐ gerer Flexibilität gehören Reisen mit der Eisenbahn. Über die Verbindung von Bahnreisen mit Romantik ist man sich in der Literatur weitestgehend einig, wie die beiden obigen Zitate und viele den Bahnreisen gewidmete Romane beweisen. Kaum ein anderes Reiseverkehrsmittel wird in Büchern und Filmen so stark romantisiert, wie die Eisenbahn, was aber nicht ihrer tatsächlichen Bedeutung als Reisetransportmittel entspricht. Besonders häufig werden Zugreisen in Büchern beschrieben, häufiger noch als in Filmen, wobei es auch davon einige wunderbare gibt. Wahrscheinlich weil Schreiben und 76 2 Unterwegs <?page no="77"?> Bahnreisen deutlich kompatibler sind als Schreiben und Motorrad- oder Autofahren (mehr dazu im →-Kap. 2.9). Sten Nadolny beschreibt in seinem Buch „Netzkarte“ (2012) einen jungen Mann, den Taugenichts Ole Reuter, der getrieben von romantischen Sehn‐ süchten mit der Bahn durch Deutschland reist. Ein erklärter Eisenbahnfan ist auch der tschechische Schriftsteller und Journalist Jaroslav Rudiš, der selbst regelmäßig mit dem Zug reist und u. a. die Gebrauchsanweisung fürs Zugreisen geschrieben hat, in der er von seinen Abenteuern und Experi‐ menten berichtet, u. a. dem Versuch in 40 Stunden durch ganz Deutschland zu reisen. Auch in „Winterbergs letzte Reise“ beschreibt er eine Zugreise, die eines alten und eines jungen Mannes, die entlang geschichtlich bedeutender Orte führt, wobei auf der langen Fahrt sukzessive auch die Lebensgeschichte von Winterberg erzählt wird. Andere Bücher sind dokumentarischer, so reiste die Journalistin Monisha Rajesh in exakt 80 Zügen um die Welt, worüber sie in ihrem Buch „In 80 Zügen um die Welt“ berichtet. Diese Reise dauerte insgesamt sieben Monate und führte über 70.000 Kilometer auf den verschiedensten Bahnstrecken durch die Welt. Auch Filme gibt es etliche über Bahnreisen, wie die bereits oben beschriebenen „Zugvögel … Einmal nach Inari“ und „ekspress, ekspress“. Die Beliebtheit von Zügen in Filmen, Büchern und anderen Medien steht jedoch im Gegensatz zu ihrem Bedeutungsverlust als Beförderungsmittel für Urlaubsreisen. Die Statistik zeigt zumindest in Deutschland einen kla‐ ren Abwärtstrend. 2022 nutzten etwa 5,5 % der Deutschen die Bahn als Urlaubsverkehrsmittel, 2023 sank diese Zahl auf 4,7 %. Damit lag die Bahn deutlich hinter Flugzeugen (46,8 %), dem PKW bzw. Wohnmobilen (41 %) und Bussen (5 %) (Reiseanalyse 2024). „Nutzten 1954 noch 56 % die Bahn als touristisches Hauptverkehrsmittel, so hat sich dieses Nutzungsverhalten bis heute grundlegend geändert. In den 1950er-Jahren war die Bahn das dominierende Urlaubsverkehrsmittel, weil es wenig Alternativen dazu gab. Ab den 1960er-Jahren übernahm das Auto diese Position.“ (Herrmann, Wetzel, 2018, 129) Etwas besser sieht das in der Schweiz, Frankreich und Österreich aus, wo die das Schienennetz und die gefahrenen Kilometer pro Einwohner etwas darüber liegen. Dabei war die Einführung der Eisenbahn nach der Erfindung der Dampf‐ maschine zunächst einmal eine große Erfolgsgeschichte. Die erste Perso‐ nenbeförderung per Eisenbahn wurde in England im Jahr 1825 durchgeführt. In Deutschland kam es zehn Jahre später dazu, wobei die ersten Eisenbahn‐ 2.2 On the road: Der Reiz der Bewegung. Wenn es läuft 77 <?page no="78"?> fahrten aufgrund des als viel zu rasant empfundenen Tempos anfangs eher skeptisch betrachtet wurden. Ab diesem Zeitpunkt wurden die in der vorindustriellen Zeit eingesetzten Kutschen nach und nach abgelöst. Kurz darauf kam es zur zunehmenden Etablierung von Fernstrecken (Groß, 2017, 301 f.), die bald europaweit ausgebaut wurden. Zeitgleich folgte der Bau von nahezu kathedralenartigen Bahnhöfen in oder nah der Stadtzentren, was die immense Bedeutung der Bahn widerspiegelte. Nur wenig später erfolgte die erste Eisenbahnreise eines Reiseveranstalters am 04.07.1841. Thomas Cook organisierte ebenfalls in England eine Reise mit dem Zug von Leicester nach Loughborough, wobei der Ticketpreis einen Schilling pro Person betrug und neben der Fahrt auch Verpflegung und Unterhaltung durch eine Blaskapelle beinhaltete. Dies galt allgemein als erste Pauschalreise der Welt, wobei es sich eher um einen Pauschalausflug handelte. In den darauffolgenden Jahrzehnten folgte die Hochzeit der Bahnreisen. Besonders lange Verbindungen wurden ermöglicht und Luxuszüge gebaut. Schlafwagen und Speisewagen kamen auf. Bei manchen dieser Reisen ist die Fortbewegung selbst das Haupterlebnis der Reise, so beispielsweise bei Reisen mit der Transsibirischen Eisenbahn oder dem Orient-Express. Besondere Züge wie die Transsibirische Eisenbahn und den Orient-Express gibt es heute noch, auch wenn man die meisten Routen nicht mehr komplett fahren kann. Einige andere Annehmlichkeiten des Bahnfahrens, wie z. B. schöne Speisewagen, sterben leider langsam aus. Ein letztes Relikt solcher Wagen waren die tschechischen Speisewagen, die mit roten Ledersofas, Lampen, Tischdecken und frisch an Bord gekochtem Essen, den Charme eines alten Prager Cafés hatten, aber leider aufgrund schnellerer Züge Ende April 2025 weitestgehend eingestellt wurden. Urlaubsreisen mit der Bahn Wie schon erwähnt, nutzen in Europa nur noch wenige die Bahn für Urlaubsreisen. Trotz allem versuchen die Bahnbetreiber zahlreicher Länder mit dem Angebot spezieller Tickets und kostengünstiger Pässe, das Reisen für diese Zielgruppe attraktiv zu machen (so z. B, der Britrail Pass). Viele der Bahnpässe verbinden dabei auch verschiedene Länder (z. B. der Balkan-Fle‐ xipass zum Bereisen der Balkan Länder). Als außereuropäisches Beispiel sei der Japan Rail Pass genannt. Europaweit gibt es mit Interrail ein spezielles Angebot, was ursprünglich für junge Leute gedacht war, dessen Zielgruppe 78 2 Unterwegs <?page no="79"?> aber inzwischen erweitert wurde. Interrail-Tickets ermöglichen es Reisen‐ den, mithilfe eines einzelnen Bahnpasses an mehreren Reisetagen durch Europa zu fahren. Der Interrail-Pass wird bereits seit 1972 angeboten, ur‐ sprünglich nur als befristetes Pauschalangebot gedacht, welches anlässlich des fünfzigjährigen Jubiläums des Internationalen Eisenbahnverbands vor allem jungen Menschen bis zum 21. Lebensjahr günstige Reisen durch Europa ermöglichen sollte, wurde das Ticket dauerhaft etabliert, wobei die Altersgrenze zunächst auf 23, später auf 26 und seit 1989 um die Kategorie „Erwachsene“ erweitert wurde (Interrail Company). Die Anzahl der Nutzer war seit Einführung des Interrail-Tickets schwankend, ist aber seit der Jahrtausendwende wieder angestiegen. Die erste Hochphase erlebte das Angebot in den 1990er-Jahren als europaweit 399.000 Pässe verkauft wurden. Aufgrund des wachsenden Angebots der Billigfllug-Airlines sanken die Verkaufszahlen danach stetig und erreichten zehn Jahre später einen Tiefstwert von 100.000 Tickets. Erst nach der Jahrtausendwende gewannen Interrail-Pässe wieder an Beliebtheit. 2019 wurden europaweit etwa 380.000 Tickets verkauft und damit fast so viel wie in den 1990er-Jahren. Im Jahr 2022 erreichten die Verkaufszahlen einen neuen Rekordwert von 600.000. Die wichtigsten Quellmärkte waren dabei Deutschland, die Schweiz und Großbritannien (Quelle: Interrail Nutzerdaten). Interrailreisen werden oft assoziiert mit abwechslungsreich, anstrengend, abenteuerlich, schön, inspirierend, vielseitig, flexibel und erinnerungswür‐ dig. Die Zielgruppe ist überwiegend jung (59 % sind Jugendliche bis 27 Jahre) und möchte in einem bestimmten Radius viel sehen und flexibel, unabhängig und relativ kostengünstig unterwegs sein. Häufig spielt es auch eine Rolle, unterwegs Menschen kennenzulernen. Zu den Motiven zählen Kosten- und Umweltbewusstsein und eine relativ entspannte Art unterwegs zu sein. Wie gut das funktioniert, hängt oft mit davon ab wie gut das Schienennetz ausgebaut ist, wie pünktlich die Bahn in den jeweiligen Ländern ist und ob man Züge spontan, ohne Zusatzreservierung, nutzen kann und wie zentral die Bahnhöfe an den Ankunftsorten liegen (in Europa oft relativ zentral in den Städten). Die Reisezeit bei Interrail-Reisen liegt meist zwischen 10 Tagen und 2 Wochen. Die Planung von Bahnreisen ist heute aufgrund der Digitalisierung deutlich einfacher geworden und zumindest in Ländern ohne Pflichtreser‐ vierung auch deutlich flexibler. Praktisch für die Verbindungssuche und den spontanen Ticketerwerb sind Buchungs-Websites und -apps wie die Bahnapps der einzelnen Länder, aber auch übergreifende wie Trainline, 2.2 On the road: Der Reiz der Bewegung. Wenn es läuft 79 <?page no="80"?> Rome2Rio oder Omnio. Sie ermöglichen Fahrpläne von überall einzusehen und den Kauf von Fahrkarten in Europa (Trainline) und auf der gesamten Welt (Rome2Rio und Omnio). Auch Planungswerkzeuge wie Chronotrains, eine interaktive Karte, die, ausgehend von einem ausgewählten Startpunkt zeigt, in wie vielen Stunden welche Zielbahnhöfe erreicht werden können, sind bei der selbstständigen Planung hilfreich. Die besondere Erfahrung des Bahnreisens Lisa St. Aubin de Terán beschreibt Reisen mit der Bahn als Inspiration und Kontemplation, Erregung und Besänftigung gleichermaßen. „… Seit dreißig Jahren erkunde ich mit großem Vergnügen die Eisenbahnstrecken der Welt. Jede Fahrt, ob kurz oder lang, ob kühn oder alltäglich, verquickt die wider‐ sprüchlichen Empfindungen von Erregung und Besänftigung. Zugfahren ist funktional und sinnlich zugleich.“ (De Terán, 1996, 37) Und sie betont die Individualität von Bahnreisen und hebt sie von Flugreisen ab. „Fliegen erzwingt eine Entpersönlichung. Flugpassagiere werden etikettiert und abgetastet, auf Rollbänder geschickt, ihrer Habe beraubt, vorübergehend in eine Sphäre jenseits von Zeit und Raum verbracht. Züge erlauben mehr Individualität, mehr Wahlmöglichkeiten. Man kann fahren, wohin man will, sitzen, wo man will, man kann Aussteigen und die Reise nach Belieben unterbrechen. … An jedem Bahnhof steigen neue Leute ein. Was sie bei sich haben, gibt Aufschlüsse über die Kultur neuer Landstriche.“ (a.-a.-O.) Bahnreisen ermöglicht langsames Reisen und Zwischenstopps so oft man möchte. Gleichzeitig sind sie erholsam, weil der Aufenthalt zwischen den Orten, einen quasi dem Zugriff und den alltäglichen Verantwortungen entzieht. Bahnreisen ist „… Erholsam und enthebt zugleich für die Dauer der Reise jeder Verantwortung, ohne einen dem Leben zu entziehen. Es bündelt Zeit im Ort.“ (De Terán, 1996, 37) Gleichzeitig bietet Bahnreisen ein großes Potenzial für Kreativität. Warum Transiträume dafür besonders geeignet erscheinen, wird im → Kap. 2.9 näher ausgeführt. „Maria Joao hatte etwas anderes hervorgehoben: das Eisenbahnfahren als Fluss‐ bett der Einbildungskraft, als eine Bewegung, in der sich die Phantasie verflüs‐ sigte und einem Bilder aus verschlossenen Kammern der Seele zuspielte.“ (Pascal Mercier: Nachtzug nach Lissabon, 421) 80 2 Unterwegs <?page no="81"?> Der Autor Uwe Kolbe ist sogar der Meinung, dass „nichts über eine gute Zugfahrt [geht]. Wo man sich wirklich einlässt auf das Drinnen und Draußen, was an sich die Ursituation des romantischen Schreibens ist. Also das Fenster als besonderes Symbol dafür. Im Zug hat man dies auf eine besondere Art und Weise, wie zwei Arten Kino, drinnen und draußen. Wie man eben Lust hat zu gucken.“ (im Interview mit der Autorin, 2024) Flow beim Bahnreisen? Einige Autoren sprechen auch vom Flow-Erleben bei Bahnreisen (Herrmann, 2023, 36 und Freyer, 2015), was aber, wenn man sich die genauen Vor‐ aussetzungen für echtes Flow-Erleben von Csikszentmihalyi ansieht, eher unwahrscheinlich ist. Euphorie kann dabei sehr wohl auftreten, die aber nicht gleichzusetzen ist mit Flow-Erleben (mehr dazu im →-Kap. 2.3). 2.2.3 Mobilität als Megatrend: Digitale Nomaden und Workation Mobilität gehört zu den Megatrends unserer Zeit, und zwar mit Auswir‐ kungen für die ganze Gesellschaft und auf viele Aspekte des Seins. Klaus Meyer-Abich (1996) warnt davor, von einem allgemeinen Bedürfnis nach Mobilität auszugehen, wie es oft behauptet wird. Wohl gebe es ein Bedürfnis nach Freiheit: aber schon dieses könne in verschiedenen Formen erfüllt werden. Freiheit in der Unabhängigkeit zu suchen, sei ein charakteristisches Merkmal unserer Zeit, wie auch die Auslegung von Unabhängigkeit als räumliche Freiheit. Letzteres betrifft vor allem die individualistischen, west‐ lichen Industriegesellschaften. Selbst der Besitz, das was den Menschen zur Seßhaftigkeit zwingt, nimmt zunehmend mobilen Charakter an: Smart‐ phones, Laptops mit immer größeren Speicherkapazitäten und höherer Leistungsfähigkeit. Mobiles Leben und Arbeiten wird dadurch deutlich ver‐ einfacht, was von vielen auch zunehmend genutzt wird. Digitale Nomaden und der Trend zu Workation basieren genau darauf und haben nach der Corona-Pandemie noch einmal deutlich zugenommen. Da wir zunehmend in einer digital vernetzten Dienstleistungsgesellschaft leben, ist es für viele Berufsgruppen einfach geworden remote und ortsflexibel zu arbeiten. Viele möchten Länder und Kulturen intensiv kennenlernen und dort ihren Alltag gestalten. Sie wollen unterwegs sein, etwas Neues sehen und unterwegs 2.2 On the road: Der Reiz der Bewegung. Wenn es läuft 81 <?page no="82"?> arbeiten. Das entspricht dem allgemeinen Trend zur Flexibilität, den Richard Sennett schon 1998 in Der flexible Mensch (Sennett, 2000) beschrieben hat. Viele möchten flexibel bleiben, temporär in anderen Ländern leben, ohne sich endgültig festzulegen. Einige sprechen auch von Perpetual Travelers, das sind Menschen, die systematisch in verschiedenen Ländern leben und arbeiten, um Freiheit und Flexibilität zu maximieren. Digitale Nomaden sind in aller Regel in ihren Heimatländern beschäftigt und arbeiten dauerhaft remote (im Ausland) oder sie sind sogenannte Freiberufler und verdienen ihren Unterhalt für wechselnde Arbeitgeber und Klienten. Im Gegensatz zu Auswanderern und Expats ist kein kompletter Umzug in ein anderes Land geplant, sondern das Ziel bei dieser Lebensform ist es, in Bewegung zu bleiben. Andererseits zeigt Jochen Schütze (1995) auch, dass in der hypermobilen Gesellschaft, keineswegs das Nomadentum wiedererwacht, sondern auch ein archaischer Trieb zur Sesshaftigkeit herrscht, in dem das Auto (oder das Wohnmobil) als verlängerter Arm der Wohnung betrachtet wird. Als Zimmer außerhalb. Mobilität nimmt zwar stark zu, doch paradoxerweise wird es für das alltägliche Leben immer weniger nötig, das Haus zu verlassen. Nahezu alles lässt sich im digitalen Raum erledigen: Online‐ banking, Onlineshopping, Onlinelernen, Onlinerecherche, Remote Work, Bibliotheksbesuche, in denen man E-Books ausleiht oder sich gleich alles bei Open AI oder einer KI der persönlichen Wahl besorgt. Selbst der Informationsaustausch läuft zunehmend über Social Media und/ oder Chats. Zwischen diesen beiden Seiten Hypermobilität und Immobilität scheint sich das Leben vieler Menschen heute zu bewegen. Um so wichtiger, die Momente angepasster bzw. angemessener Bewegung und der Wahrnehmung von Zeit und Raum zu nutzen, ohne in Beliebigkeit abzudriften. 2.2.4 Traumreisen Fragt man Interviewte nach ihren Traumreisen, werden sehr oft Rundreisen, Weltreisen oder ausgedehnte Wanderreisen genannt. Zu den Traumreisen gehören interessanterweise auch oft welche, die verschiedene Bewegungs‐ aspekte verbinden. „Mich fasziniert der Westen Kanadas. Am liebsten würde ich mit dem Wohnmobil die Westküste entlangfahren, das mit Sightseeing in den vielen verschiedenen Städten kombinieren, außerdem möchte ich gerne in den zahlreichen National‐ 82 2 Unterwegs <?page no="83"?> parks wandern und eine Kreuzfahrt entlang der Westküste bis hoch in den Norden, nach Alaska machen.“ (A7, Arzthelferin in einer chirurgischen Praxis, 56) „Eine schöne Reise könnte ich mir vorstellen, mit der Fähre von Stockholm durch die Schären bis nach Turku in Finnland zu fahren und von dort aus mit dem Auto etwa drei Wochen durch Finnland zu fahren. Wir waren bisher nur in Helsinki. Ich möchte nun gerne weiter ins Land eindringen und ein bisschen mehr davon sehen. Das könnte ich mir sehr gut vorstellen.“ (A3, Hausfrau, 48) „Ich träume von einer Reise nach Südostasien. Mit meinem Rucksack - also mit wenig Gepäck und mit meiner Freundin. Wir würden insgesamt zwei Monate Zeit haben und durch Vietnam, Laos, Thailand und Kambodscha reisen. Wenn wir es schaffen würden, dann auch noch die Philippinen und Malaysia. Ich würde mich besonders auf das Essen, die wilde Natur mit all den Tieren freuen.“ (A11, Studentin, 27) Bewegung durch Raum und Zeit ist laut Bloch (1959) jene „vergnügte Eigenschaft, die so selten vorkommt: genau in die richtige Richtung zu fahren, in die man sich wünscht“ (Bloch, 1959, 430), womit wir schon beim nächsten Kapitel Flow wären. 2.3 Flow-Erleben beim Reisen In einigen Fällen, insbesondere im Zusammenhang mit Bewegung und wenn dabei die eigenen Handlungsmöglichkeiten ausgiebig genutzt und idealerweise noch sukzessive erweitert werden, kann es beim Reisen auch zu Flow-Erleben kommen. Flow-Zustände treten nach dem amerikanischen Psychologen Mihalyi Csikszentmihalyi vor allem dann auf, wenn man intrinsisch motiviert ist, also die Dinge um ihrer selbst willen tut und wenn die Aktivitäten frei sind von widersprüchlichen Anforderun‐ gen, die auch auf Reisen in der Regel deutlich seltener sind als im Alltag. Csikszentmihalyi nennt drei Dinge, die - unabhängig von der Tätigkeit - im Zusammenhang mit Flow- Zuständen immer wieder genannt wurden und die er als Wurzeln der Freude ansieht: 1) das Gefühl kreativen Entdeckens, 2) das Bewältigen von Anforderungen und 3) das Lösen von Schwierigkeiten. Wobei Csikszentmihalyi deutlich zwischen Freude und Lust unterscheidet und bei der Freude des Flow-Erlebens die Elemente der Freiheit, des Könnens und des Wachstums in den Vordergrund 2.3 Flow-Erleben beim Reisen 83 <?page no="84"?> rückt. „Es ist eine Sache der Zentrierung des völligen Hierseins, im Jetzt in der Gegenwart …“ (Csikszentmihalyi, 1999, 111). Charakteristische Ele‐ mente des Flow sind: die Verschmelzung von Handlung und Bewusstsein; die Zentrierung der Aufmerksamkeit auf ein beschränktes Stimulusfeld; Selbstvergessenheit; das Gefühl von Kontrolle und starke Emotionen, dabei insbesondere Gefühle von Freude. Drei der von Csikszentmihalyi empirisch gefundenen Hauptfaktoren für Flow-Erleben, „Risiko und Wagnis“, „Problemlösen“ (einem Faktor, der mit Items wie „Ausrüstungen zusammenstellen“ und „einen fremden Ort erkunden“ verbunden war) und „Kreativität“ (gekoppelt an Items wie „etwas Neues entwerfen oder entdecken“) (a. a. O., 50), sind unmittelbar auf Reisen anwendbar (Csikszentmihalyi, 1999, 11; Zschocke, 2005, 170-ff.). Flow-Zustände rufen starke Freude hervor. Tritt dieser Zustand ein, vergisst sich der Mensch im Tun: Weg und Ziel werden eins, was fast euphorisierend ist. Csikszentmihalyi bezeichnet diesen Zustand als ein „‚Eintauchen‘ in ein freudiges Erleben, welches sich typischerweise im Spiel ereignet“ (1999, 13). Die Wahrscheinlichkeit ist bei entdeckenden und erkundenden Reisen, insbesondere in Zusammenhang mit Bewegung deutlich höher als im Alltag. Wobei Flow-Erleben natürlich auch im Alltag und bei verschiedenen Freizeitaktivitäten auftreten kann. Csikszentmihalyi beschrieb es ursprünglich vor allem für Bergsteigen, Tanzen und Schach‐ spielen, wobei der entscheidende Unterschied nicht der zwischen Arbeit und Spiel ist, sondern der zwischen Situationen ist, die zu viele oder zu wenige Handlungsmöglichkeiten aufweisen (Csikszentmihalyi, 1999, 210). Eines der wichtigsten Merkmale des Flow-Zustandes besteht darin, dass er mehr oder weniger autotelisch ist - das heißt, Menschen geben sich einem Erlebnis um des Zustandes selbst willen hin - auch wenn er beträchtliche Energie verlangen sollte - und nicht wegen damit verbundener Belohnungen. Eine autotelisch agierende Person empfindet also primär Spaß an einer Handlung, unabhängig davon, ob sie dafür äußere Belohnungen erhält oder nicht (griechisch: auto = selbst, und telos = Ziel, Absicht). Ist man intrinsisch motiviert und bewegt sich genau an der Grenze des eigenen Handlungspotenzials ist Wachstum und Flow-Erleben am ehesten möglich. Flow tritt bevorzugt in Situationen auf, die bestimmte Voraussetzungen erfüllen. Im Folgenden werden einige dieser Bedingungen aufgelistet. 84 2 Unterwegs <?page no="85"?> Wissen | Voraussetzungen für Flow-Erleben (nach Csikszentmihalyi, 1999) ● Die Handlungsanforderungen müssen den eigenen Handlungsmög‐ lichkeiten entsprechen, das heißt die Situationen müssen bewältig‐ bar sein. ● Diese Situationen dürfen weder Gefühle der Überforderung (Angst) noch der Unterforderung (Langeweile) hervorrufen. ● Freiheit von widersprüchlichen Anforderungen (was im Alltag eher selten ist); stattdessen zusammenhängende, eindeutige Handlungs‐ anforderungen. ● Im Alltag kann der Einzelne oft nur einen Ausschnitt seiner Fähig‐ keiten und Handlungsbreite nutzen. ● Flow erlaubt Wachstum, das Überschreiten der eigenen Grenzen. ● Zentrierung der Aufmerksamkeit. ● Bewegung und Rhythmus fördern dabei Flow-Erlebnisse. Flow entsteht also vor allem dann, wenn ein Gleichgewicht zwischen den jeweiligen Handlungsmöglichkeiten und den eigenen Fähigkeiten besteht. „Und schließlich wird eine Person mit beträchtlichen Fähigkeiten und wenig Möglichkeiten, diese anzuwenden, wieder vom Zustand der Langeweile in denjenigen der Angst geraten. Daraus ergibt sich, dass es sich bei Flow-Aktivitäten um solche handelt, die im Verhältnis zu den Fähigkeiten einer Person optimale Herausforderungen bieten“ (a.-a.-O., 76). Nach Csikszentmihalyi versucht der Mensch sich nach Möglichkeit in der Lage zu halten, wo seine Fähigkeiten den in der Umwelt gegebenen Bedingungen angepasst sind, was im Alltagsleben aber oft nicht oder nur in ganz bestimmten Situationen möglich ist. In Flow-Situationen treten gewöhnlich zusammenhängende und eindeutige Handlungsanforderungen und oft ebenso eindeutige Rückmeldungen auf. Man merkt sofort, was funktioniert, und was nicht. Das erlaubt oft eine Entwicklung der eigenen Fähigkeiten und ein umittelbareres Lernen, im Gegensatz zum Alltag, wo viele Erlebnisse und Erfahrungen wenig mittelbar und noch viel weniger unmittelbar rückgekoppelt werden. Es wird von der Person nicht erwartet, Dinge zu tun, welche miteinander unvereinbar sind, wie das im alltäglichen Leben oft geschieht, wo widersprüchliche Anforderungen eher die Regel als die Ausnahme sind. 2.3 Flow-Erleben beim Reisen 85 <?page no="86"?> Auch Risiko, in Form eines gewissen Restes an Ungewissheit, trägt zum Flow-Erleben bei. „Der Unsicherheitsfaktor ist der Flow-Faktor. Ungewiss‐ heit bedeutet, dass ein Fließen möglich ist, während absolute Gewissheit statisch, tot, nicht fließend ist.“ (a. a. O., 110) Eine begrenzte Ungewissheit ist auch eines der Hauptelemente freier Reisen. Das Alles kann ein starker Anreiz für Reisen sein. Sinkt das allgemeine Stimulationsniveau und wird dem Einzelnen nur die Nutzung eines Ausschnittes seiner Fähigkeiten und Handlungsbreite ermöglicht, wird die Suche nach einem Ausgleich stärker und steigt der Drang zum Aufbruch, der unter anderem in relativ freien Rei‐ sen bestehen kann, die genau diese Voraussetzungen bieten, was natürlich von der Passgenauigkeit der eigenen Fähigkeiten, Bedürfnisse und Reiseart und der damit verbundenen Bewegung bestimmt ist. Ein Bewegen in der eigenen Komfortzone bietet demgegenüber kaum Flow-Möglichkeiten. Von verschiedenen Autoren (Didion, 1988; Kinglake, 1846; Leed, 1993) wird auch der Genuss des Reisens als Flow-Zustand beschrieben, in dem Handlung auf Handlung folgt. In diesem Zustand „folgt Handlung auf Handlung, und zwar nach einer inneren Logik.“ (Csikszentmihalyi, 1999, 59) Der Handelnde erlebt den Prozess als „Fließen von einem Augenblick zum nächsten, wobei er Meister seines Handelns ist und kaum eine Trennung zwischen sich und der Welt, zwischen Stimulus und Reaktion, oder zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verspürt“(a. a. O.). Dieser Prozess folgt meist nur einer Forderung: den Zustand zu verlängern. Dabei gehen die Reisenden in der charakteristischen Struktur des Reisens auf. Es geht darum, auf den inneren Zustand des Tuns zu hören … Die Bewegung „wird zur Lust, wird zum Selbstzweck.“ (a. a. O., 91) Wenn sich die Reisenden darauf einlassen, wird das Reisen zu einer autotelischen Erfahrung, die ihre Belohnung in sich selbst findet. „Der Grund dafür, warum die Erfahrung der Bewegung so häufig zu einem Flow-Zustand führt, liegt offenbar in jener besonderen Qualität, die jeder Form von Bewegung eigen ist: Kon‐ tinuierlichkeit, Stetigkeit, Trägheit.“ (a. a. O., 92) Nach Csikszentmihalyi basieren diese Erlebnisse auf Aktivitäten, welche uns das Überschreiten eigener Grenzen in irgendeinem Wirklichkeitsbereich erlauben, eine Nähe zu Entdecken und Explorieren haben und in denen der Handelnde potenziell die steuernde Instanz bleibt (a. a. O., 56 ff.). Die grundlegende Ähnlichkeit aller autotelischen Aktivitäten besteht in einem Gefühl des Entdeckens, Erkundens und Problemlösens - kurz in einem Gefühl von Neuheit und Herausforderung. Allesamt Faktoren, die stark mit dem Zustand des Reisens verbunden sind. Dabei geht es auch stark um das Ausreizen oder Erweitern 86 2 Unterwegs <?page no="87"?> der eigenen Grenzen. Csikszentmihalyi bündelte hier unter anderem auch die Erkenntnisse zu Selbstverwirklichung und intensiven Sinnerlebnissen (Peak Experiences) von Maslow und Lanski und die Literatur zur intrinsi‐ schen Motivation (White, Berlyne, DeCharms) mit Erkenntnissen zum Spiel. Ziel ist, den Flow-Zustand auszudehnen. Eric J. Leed (1993, 91) bezieht diese Erfahrung auf das Reisen, auf „die Struktur der Passage, die denen, die sich ihr überlassen, eine unwiderstehliche Logik des Fortschreitens aufzwingt.“ Darin liegt auch das Suchtpotenzial des Reisens, das, was seinen ungeheuren Reiz aus sich selbst bezieht. Es ist ein Zustand den Maslow (1971, 65-70) als „Verschmelzens mit der Welt“ bezeichnet hat. Und der auch erklärt, warum einige Reisende kaum heimgekehrt, bereits wieder den Drang zum Aufbruch verspüren, weshalb Flow-Erleben zwar ungemein befriedigend sein, aber auch zu Sucht führen kann. 2.4 Wahrnehmung beim Reisen: Die Rehabilitierung der Sinne Reisen stimuliert die Wahrnehmung. Wenn der Alltag immer gleich verläuft, fehlt die Lebendigkeit und die Intensität, die durch wechselnde Reize entsteht. Wichtig für die Wahrnehmung ist nicht die absolute Reizstärke, sondern die Intensitätsänderung, wie man aus der Wahrnehmungspsycho‐ logie weiß. Gleichbleibende Reize lösen kaum noch Nervenimpulse aus, man „adaptiert“ und nimmt demzufolge weniger wahr. Reisen weckt die Wahrnehmung und schärft die Sinne. Einerseits, weil die Neuartigkeit der Reize die Sinne anregt, andererseits, weil die Notwendigkeit der Orien‐ tierung auf Reisen ihren verstärkten Einsatz fordert und oft auch mehr Sinne gebraucht werden als im Alltag. Aufgrund des Abstandes von den Anforderungen des Alltags ist auch die generelle Aufmerksamkeit größer, das heißt man ist weniger abgelenkt und die „Wahrnehmungskanäle“ sind offener. Deshalb kommt es beim Reisen zu einem Gefühl erhöhter Wachheit und Lebendigkeit, weil verschiedene - oft auch im Alltag seltener oder in geringerem Umfang genutzte - Sinne angesprochen werden. Anderes Licht, andere Farben, andere Gerüche, andere Klänge, andere ku‐ linarische Erfahrungen, möglicherweise Sand oder Felsen unter den Füßen: Gerade solche sinnlichen Eindrücke gehen in unserer immer stärker digitali‐ sierten Welt zunehmend verloren. In einer weitestgehend durchmedialisier‐ ten Alltagswelt zu leben, bedeutet ein Übermaß an Informationen, die nicht 2.4 Wahrnehmung beim Reisen: Die Rehabilitierung der Sinne 87 <?page no="88"?> unmittelbar sinnlich vermittelt sind und eine übermäßige Beanspruchung der sogenannten Fernsinne, wie z. B. des Sehsinnes. Dies geschieht zulasten der sogenannten Nahsinne, die im Alltag eher unterfordert sind. So äußerte der Arzt und Psychotherapeut Helmut Milz nur zu Recht: „Das Vertrauen in die Qualität der eigenen Sinne, ist dem kultivierten Menschen in vielfacher Form abhandengekommen.“ (Milz, 1994, 201) In der Literatur findet sich oft, dass gesellschaftliche Funktionalität häufig auf Wahrnehmungsverlust beruhe. Paradoxerweise leben wir zwar in einer Zeit der Bilderflut und die visuelle, wird zur vorherrschenden Wahrnehmung, aber die Bilder beziehen sich häufig auf nichts mehr, ha‐ ben keinen realen Gegenpart, kein sinnliches Wirklichkeitspendant, „ihr Abbildcharakter verschwindet. Bilder beziehen sich zunehmend auf andere Bilder und zitieren sie oder Ausschnitte aus ihnen. Sie schaffen sich den Referenzrahmen selbst.“ (Wulf, 1997, 446) Im Zeitalter von Künstlicher Intelligenz potenziert sich das Ganze noch einmal, vor allem wenn KI-ge‐ nerierte Bilder sich noch weniger auf reale Situationen beziehen müssen. Wulf zeigt die fatalen Folgen auf, die es hat, wenn der Sehsinn quasi Öffentlichkeit beansprucht, während viele andere Sinne in den Bereich des Privaten abgedrängt werden. Dieses Ungleichgewicht gefährde die Vielfalt sinnlicher Erfahrungen. Das scheint beim Reisen definitiv verändert zu sein, dabei bezieht sich die visuelle Wahrnehmung deutlich stärker auf konkrete visuelle Reize und weniger auf digital vermittelte (wobei das nicht nur das Besichtigen von Sehenswürdigkeiten einschließt, sondern jede Form von visueller Wahrnehmung und Orientierung in fremden Gegenden, Ländern und Kulturen). Es verändern sich nicht nur die Bezugspunkte beim Sehen, das spielt zwar auch beim Reisen eine zentrale Rolle, aber es kommt ganz offensichtlich zu einer erweiterten Wahrnehmung, in der vor allem auch Riechen, Schmecken und Fühlen als sogenannte Nahsinne bedeutsamer als im Alltag werden. Auch das Hören wird oft intensiver genutzt, andere Sprachen, Klänge und Musik spielen dabei eine Rolle. Reisen kann somit das Gleichgewicht der Sinne wiederherstellen, erst recht, wenn es sich um selbst organisierte Reisen handelt. Dabei ist das Ansprechen der jeweiligen Sinne abhängig von den Gegenden, die bereist werden. Je fremder der Zielort und je größer dabei die Differenz zur vertrauten Umgebung, desto mehr vervielfältigt sich häufig die Zahl der genutzten Kanäle. Welche Sinne dabei primär angesprochen werden, ist abhängig vom besuchten Land, der Landschaft und dem Kulturkreis mit den jeweils typischen Umgebungsreizen. In Mexico 88 2 Unterwegs <?page no="89"?> kann es bspw. eine Melange aus dem Fühlen der hohen Luftfeuchtigkeit, dem Geruch des Meeres, der Straßenstände, dem Hören der landestypischen Musik und dem Sehen der starken Farben der Häuser und des türkisblauen Wassers sein. In den Großstädten der USA oder Japan wird wiederum eher der Sehsinn angesprochen, durch die hohen Gebäude, Leuchtreklamen, die vielen Lichter, Menschen und Autos, wohingegen ein indischer Markt eher den Sehsinn durch die starken Farben und den Geruchs- und Geschmacks‐ sinn durch die vielen Gewürze ansprechen dürfte. Wobei sich Gerüche am schlechtesten bewusst ausblenden lassen. Der Geruchssinn ist unser archaischster Sinn und ist am stärksten an Erinnerung gekoppelt und ist in der Lage Erinnerungen auszulösen. Reisen fördert die analoge Wahrnehmung und dient gewissermaßen der Rehabilitierung der Sinne in einer zunehmend digitalisierten Welt. Was wahrgenommen wird, ist schon im Alltag sehr individuell und von der Funktionsfähigkeit der Wahrnehmungsorgane, der Aufnahmebereitschaft, Verarbeitungskapazität und den Vorerfahrungen abhängig, all das spielt auch auf Reisen eine Rolle, dazu wird die Wahrnehmung noch von Reiseart, Reisetempo, Erholungszustand, Müdigkeit und Destination beeinflusst. Unsere Wahrnehmungsorgane Auge, Ohr, Haut, Nase, Zunge mit ihren spezifischen Sensoren nehmen die Reize der Umwelt wahr. Diese partiell wahrgenommenen visuellen, akustischen, taktilen, olfaktorischen und gus‐ tatorischen Reize werden dann über die entsprechenden Nervenbahnen weitergeleitet und dem sensorischen Gedächtnis zur Verfügung gestellt, wo wiederum nur ein Teil davon ins Arbeitsgedächtnis überführt wird. Dort werden die Reize enkodiert, und gelangen ins Bewusstsein, wo die ent‐ sprechenden Informationen schließlich verarbeitet und bewertet werden. Aus der Vielfalt der umgebenden Informationen wird also immer nur ein bestimmter und begrenzter Teil wahrgenommen und verarbeitet. Wahrge‐ nommene Informationen werden gefiltert, strukturiert und mit bisherigen Erfahrungen in Beziehung gesetzt, eingeordnet und verknüpft (Myers 2008, 415-ff.). Interessanterweise führt nicht nur die Stimulation durch viele und ins‐ besondere fremde Reize und Eindrücke dazu, dass die Aufmerksamkeit gesteigert und die Wahrnehmung vertieft wird, sondern ebenso relative Reizarmut, wie z.-B. in der Wüste. In welchem Maß die Sinne geschärft und die Wahrnehmung intensiviert und was aufgenommen wird, ist dabei auch von Art und Tempo der Reise und der Dichte der Umgebungsreize abhängig. Besonders viel und intensiv 2.4 Wahrnehmung beim Reisen: Die Rehabilitierung der Sinne 89 <?page no="90"?> wird wahrgenommen, wenn die eigene Bewegung nicht zu schnell ist (z. B. beim Radfahren, Wandern oder Flanieren). Bei zu schnellem Reisen geht die Qualität und Tiefe der Wahrnehmung verloren. Sie verflüchtigt sich, wird bruchstückhaft und auch die Erinnerung daran bleibt oberflächlich. Dazu kommen kurz- und langfristig andere Prozesse, die die Wahrnehmungsfä‐ higkeit beeinflussen. Dazu gehören u. a. Müdigkeit, Stress, aber auch alters- und persönlichkeitsspezifische Faktoren. Jemand, der aus vollem Stress zu einer Reise aufbricht, wird weniger aufnahmebereit und -fähig sein als jemand, der bereits einigermaßen erholt ist. Zudem ist die menschliche Wahrnehmung auf ein bestimmtes Spektrum beschränkt, visuell auf ein Spektrum von 400 bis 760 nm, auditiv bewegt sich der Bereich zwischen der tiefsten hörbaren Frequenz von 20 Hz bis zu höchsten von 20 KHz, wobei die Wahrnehmbarkeit der hohen Frequenzen im Alter als erste abnimmt. Generell nehmen mit zunehmendem Alter bei den meisten die Wahrnehmungsfähigkeiten - aufgrund zunehmender Einschränkungen der Leistungen einiger Wahrnehmungsorgane - häufig partiell ab. Weshalb Reisen im Alter anders verlaufen als in der Jugend. Aber gerade hier, kann aufgrund der zunehmenden Ritualisierungsneigung im Alter, eine Stimulierung der sinnlichen Wahrnehmung und dadurch erhöhte Aufmerk‐ samkeit und Wachheit, sinnvoll sein und zur Demenzprophylaxe dienen und eventuell sogar weitere Abbauprozesse verhindern. Dabei sind wir immer nur in der Lage Ausschnitte aus dem gesam‐ ten Wahrnehmungsraum zu erfassen, deren Ausmaß abhängig von der Kapazität unserer Physiologie ist. Die Wahrnehmungsfähigkeit wird von verschiedenen Faktoren beeinflusst, so von der Aufnahmebereitschaft, vom jeweiligen körperlichen Zustand und vom Reizzustand. Die Bereitschaft des Organismus auf einen gegebenen Reiz zu reagieren, hängt auch vom aktuellen Zustand der beteiligten Rezeptor- und Nervenzellen ab. So wird bei Übermüdung nur noch das Nötigste wahrgenommen. Zu viele Reize, also Überreizung führt zu „Abstumpfung“, zu einer Habituation, das heißt, die überschüssigen und aber auch die notwenigen Reize werden nicht mehr wahr-, bzw. aufgenommen (Wendt, 1989). Die Signal Detection Theory geht wie die klassische Psychophysik davon aus, dass die Reaktionswahr‐ scheinlichkeit des Organismus von Zufallsverteilungen feuerbereiter Zellen abhängt. Zusätzlich spielen motivationale Komponenten eine Rolle. Ist jemand beispielsweise „entdeckungsfreudig“, hat er eine niedrige absolute Wahrnehmungsschwelle und wird deutlich mehr wahrnehmen, als jemand der weniger entdeckungsfreudig ist. 90 2 Unterwegs <?page no="91"?> Reisen spricht die klassischen Sinne des Sehens, Hörens, Riechens, Schmeckens und Tastens an und häufig wie bereits beschrieben in einem ausgewogeneren Verhältnis. Dazu gesellen sich aber auch Kombinationen von Sinnen, wie der sogenannte Orientierungssinn. Was einzelne Sinne leisten, organisiert sich im menschlichen Organismus zum Orientierungs‐ sinn. Der Sinn- und Wahrnehmungsforscher J. Gibson weist darauf hin, dass die rein physikalischen Strukturen und Leistungen der einzelnen Sinnessysteme, des optischen, akustischen, olfaktorischen, vestibulären, gustatorischen und taktilen nicht ausreichen, um die komplexen Aufga‐ ben der Orientierung selbsttätig zu leisten (Gibson, 1982; Milz, 1994). Der Orientierungssinn setzt also ein komplexes Bündel Fähigkeiten und Wahr‐ nehmungen voraus, die in unserer navigationsgeprägten Zeit zunehmend verloren gehen. Den Orientierungssinn kann man genauso trainieren wie verlieren. Der britische Hirnforscher John OʼKeefe entdeckte die Ortszellen im Hippocam‐ pus, die eine innere Landkarte erstellen und einige Jahrzehnte später entdeckten May-Britt und Edvard Moser die zweite wichtige Komponente: Gitterzellen am Rand des Schläfenlappens, beide entscheidend für unser räumliches Orientierungsvermögen. Thomas Münzer von der Universität Mannheim fand heraus, dass die Benutzer von Navigationsgeräten zu kognitiver Trägheit neigen. Ähnliches fand sich in meinen Interviews, in denen viele berichteten, dass sie sich die Wege zwischen den Orten nicht mehr vorstellen können und dabei eine Art punktuelle, verinselte innere Karte entstand, die aber die realen Orte nicht mehr in ihren Strukturen und übergreifenden Achsen erfasst. Es ist zu vermuten, dass der „Orientie‐ rungssinn“, als Kombination der verschiedenen Sinne beim Reisen und bei der Orientierung in fremden Räumen, Kulturen und an unvertrauten Orten, insbesondere in der Natur oder an Orten mit anderen als den in Europa gewohnten Ortsstrukturen, deutlich stärker gebraucht wird. Von Weltreisenden und den Handwerkern auf Wanderschaft (Walz) sowie von naturverbundenen Aktivreisenden wurde der Gebrauch des Orientie‐ rungssinnes aber häufiger genannt, ebenso wie der sogenannte sechste Sinn, im Sinne eines Grundgefühls oder einer gut trainierten Intuition, die einen vor Gefahrensituation warnt. Oder als eine sensibilisierte Wahrnehmung für potenzielle Gefahrensituationen und Menschen, den man mehr oder weniger vertrauen kann (Zschocke, 2005). Es ist auch zu vermuten, dass beim Reisen auch stärker als im Alltag die rechte Hirnhälfte gebraucht wird. Die rechte Hirnhemisphäre ist un‐ 2.4 Wahrnehmung beim Reisen: Die Rehabilitierung der Sinne 91 <?page no="92"?> ter anderem verantwortlich für nicht-sprachliche Informationen, für die Gegenwart, räumliches Auffassungsvermögen, Raumorientierung, unsere synthetischen Fähigkeiten und Intuition, alles Dinge, die insbesondere beim selbstorganisierten Reisen verstärkt gebraucht werden. Im Idealfall kann man auch das Staunen wieder lernen. Staunen ist an Überraschung gebunden, an etwas Unerwartetes. Etymologisch kommt Staunen von „erstarren“ - es geht also um ein Innehalten, Aufmerken. Man staunt eher, wenn man nichts oder wenig erwartet und alle Kanäle auf Empfang geschaltet sind. Hierin wurzelt auch der Reiz des ersten Males in allen Dingen, aber auch von ersten Reisen in neue Gegenden. Das korrespondiert mit den Erkenntnissen der Neuro- und Wahrneh‐ mungspsychologie. Bei Dingen, die wir zum ersten Mal tun, ist das Gehirn hellwach und hoch aktiv, beim zweiten Mal reagiert es schon deutlich verhaltener und mit jeder weiteren Exposition reagiert es weniger. Je vertrauter etwas ist, desto weniger wird unser Gehirn aktiv, die vertraute Welt wird uns zunehmend gleichgültiger. Die Adaptation setzt ein und unsere Aufmerksamkeit lässt nach. Vorhersagbarkeit ist in gewissem Maße beruhigend und nützlich, doch zu viel Vorhersagbarkeit macht gleichgültig und lässt uns abstumpfen. Dann schalten wir gleichsam auf Autopilot. Unser Gehirn ist aber per se neugierig. Es funktioniert optimal bei einem ausgewogenen Maß an Bekanntem und Neuem (Eagleman & Brandt, 2018, 27-ff.). Reisen ist offenkundig ein guter Weg diese Balance zu erreichen. Unser Gehirn sucht das Neue und benötigt immer wieder - in Maßen - Stimulation und Neues. Es ist nicht verwunderlich, dass Neurotransmitter, die mit dem Belohnungssystem unseres Gehirnes zusammenhängen auf Neues und Überraschungen anspringen. Überraschung und Staunen sind erfreulich. Diese Suche nach geistigen, physischen oder physikalischen Reizen oder aber auch deren Vermeidung (je nach Alltagskontext) scheint nach wie vor der Sinn vieler Reisen zu sein. Zu den geistigen Reizen können Inspiration und Pilgerreisen im weitesten Sinne gezählt werden. Wobei Pilgerreisen hier im Sinne von Coiseneau mit der Suche nach für einen selbst bedeutsamen Dingen und Erfahrungen verstanden wird, das kann religiöse, kulturelle oder andere für das Selbst bedeutsame Facetten beinhalten. Zu den physikalischen Reizen können Wärme, Kälte, Sonne, Stille, be‐ stimmte Farben, ein bestimmtes Licht, Wasser, viele oder besonders wenige Reize gehören. 92 2 Unterwegs <?page no="93"?> 11 https: / / ecobnb.de/ blog/ zitate-gedanken-aphorismen-reisen Zu den physischen Reizen gehören Radfahren, schwimmen, klettern, wandern, tanzen oder ähnliches. Wonach dabei gesucht wird, hängt oft davon ab, was einem im Alltag am meisten fehlt, so werden häufig - wenn auch nicht immer - komplementäre Reize bzw. ein Pendant zum Alltag gesucht. Dem tschechischen Fotografen Josef Koudelka wird der Satz zugeschrie‐ ben, der diesen Zusammenhang treffend zusammenfasst: „Wenn Sie lange an einem Ort leben, werden Sie blind, weil Sie nichts mehr beobachten. Ich reise, um nicht blind zu werden.“ 11 Sicher kann man auch auf Reisen nichts wahrnehmen, als vorgestanzte Stereotype, wenn man sich nur nach Reisekatalogen oder im Rahmen durchorganisierten Pauschalreisen bewegt. Reisen können aber auch aus‐ tauschbar werden, wenn nicht genug Zwischenzeiten und Zwischenräume die Balance wahren. Sieht man zu viel in zu kurzer Zeit, wird nichts mehr wahrgenommen, nichts mehr erlebt und nur wenig erinnert. Der gute Wechsel aus Nähe und Distanz, aus Innen und Außen ist überall die große Kunst: Und letztlich ist es die Balance des geglückten Reisens, genau wie die des geglückten Lebens. 2.5 Zeitwahrnehmung beim Reisen Menschliches Handeln und Erleben vollzieht sich immer in Raum und Zeit, diese Tatsache wird beim Überschreiten der Grenzen von Raum (und oft auch Zeit) - wie es beim Reisen regelmäßig geschieht - umso relevanter. Reisen hat auf die Zeitwahrnehmung, die Zeitrepräsentation und den Umgang mit der Zeit deutlichen Einfluss, dieser kann jedoch nach Reiseart und Reisestil, sowie besuchter Destination bzw. Zielkultur variieren. Außerdem gibt es einen deutlichen Zusammenhang von Erlebnis‐ zeit, Zeitwahrnehmung, Erlebnisintensität und Erinnerung. Pechlaner und Volgger (2017) weisen völlig richtig darauf hin, dass Reisen oft vor allem im Kontext der Ortsveränderung betrachtet wird, verschiedene Aspekte der Zeit aber ebenso wichtig sind. 2.5 Zeitwahrnehmung beim Reisen 93 <?page no="94"?> 2.5.1 Zeitautonomie Einer der wesentlichen Effekte der meisten (zumindest selbstorgansierten) Reisen ist eine deutlich stärkere Zeitautonomie. Aufgrund der fehlenden Alltags- und meist auch minimierten Rollenverpflichtungen kommt es auf Reisen zu einer deutlich größeren Zeitautonomie, die auch ein Teil der erhöhten Selbstwirksamkeit ist. Dadurch finden viele auf Reisen wieder zu ihrem eigenen Rhythmus und Lebenstempo und strukturieren die Zeit wesentlich stärker als im Alltag anhand persönlicher Präferenzen und Be‐ dürfnisse, aber auch häufig stärker im Einklang mit natürlichen Zeitgebern (wie Sonnenauf- und Sonnenuntergang) sowie von Ereignissen. Jenseits von Abflug- und Ankunftszeiten kommt es auf Reisen zu deutlich mehr Spielraum im Umgang mit der Zeit und einer deutlich erhöhten Freiheit im Umgang mit der Zeit, im Sinne von weniger Ablenkungen, einem Leben im eigenen Rhythmus, anhand von Ereignissen und eigenen Bedürfnissen und deutlich weniger durchgetaktet als im Alltag. Gerade in unseren durchgetakteten westlichen Gesellschaften, wo Zeit ein eher knappes Gut ist, stellt das einen besonderen Wert dar. Pechlaner und Volgger (2017, 75) stellen sich dabei auch die Frage nach den dominierenden Dimensionen der Reisesehnsucht. Klar ist, es geht um Sehnsucht nach Veränderung. Aber: „Definiert sich die Gegenwelt in erster Linie über Sehnsüchte nach räumlicher oder doch eher nach zeitlicher Nicht-Alltäglichkeit? “ (a.-a.-O.) Die Sehnsucht nach Veränderung finde ihren Ausdruck im Ortswechsel, der mit dem touristischen Reisen verbunden ist, aber nach Pechlaner und Volgger habe sich die Gewichtung dieser Sehnsüchte und deren Befriedigung im Rahmen von Reise verschoben. „Wenn wir uns die Hauptreisemotive der Deutschen aus der Marktforschung ansehen, dominieren ganz stark und mit im Zeitverlauf steigender Tendenz Aspekte wie Entspannung, Zeit haben, faulenzen - also im weitesten Sinne alles Komponenten, die mit Zeit in Bezug stehen. (Pechlaner und Volgger, 2017, 75) Daraus folgt eine ihrer Thesen, dass eine der klassischsten Sehnsüchte jene nach Zeit ist, die gerade gegenwärtig eine hohe Bedeutung habe und umfangreiche Wechselwirkungen mit der touristischen Reise zeige (a. a. O.). Dass man diese Sehnsucht auf Reisen befriedigen kann, ist offensichtlich. Daher kann man fast vermuten, dass die quasi-religiöse Bedeutung, die das Reisen bekommen hat, auch damit zusammenhängt und ähnlich wie bei anderen Religionen, die Befriedigung des Bedürfnisses nach Zeithaben und ungestresstem Leben und höherer Zeitautonomie ins Reisen verlagert wird, 94 2 Unterwegs <?page no="95"?> und damit quasi ins kurzfristige Zeitparadies. Die Sehnsucht besteht aber nicht nur nach Zeit, sondern auch nach Abstand und dafür braucht es den Ortswechsel. Viele können trotz ausreichend Zeit, zu Hause nicht so gut abschalten, wie bei einem Kontextwechsel und sich dort auch besser aus festgefahrenen Mustern befreien. 2.5.2 Einfluss von Reisen auf die Zeitwahrnehmung und Zeitrepräsentation Zudem hat Reisen einen markanten Einfluss auf die objektive und subjektive Zeitrepräsentation. Einerseits kommt es beim Reisen zu einer Verschiebung weg von abstrakter Zeitrepräsentation hin zur Erlebniszeit und je nach bereister Kultur wird der Reisende auch mit anderen Zeitre‐ präsentationen konfrontiert, die sich in einigen Kulturen stark unterschei‐ den können. So kommen Reisende aus Westeuropa oder Nordamerika, die aus klar linearen Zeitpräsentationen kommen, bei Reisen nach Asien mit stark zyklischen Zeitrepräsentationen in Kontakt. In allen Kulturen existieren spezifische Zeitkonzepte, das heißt mentale Repräsentationen von Zeitfluss und Zeitstruktur. Diese können im Vergleich zur Heimatkultur deutlich variieren. Wissen | Aspekte der Zeitwahrnehmung Reisen hat mehr oder weniger starken Einfluss auf folgende Aspekte der Zeitwahrnehmung und Zeitrepräsentation: ● objektive Zeit ● subjektive Zeit ● soziale Zeit ● biologische bzw. Lebenszeit ● Zeithorizont ● Lebenstempo Hede Helfrich (1996) unterscheidet vier Zeitdimensionen: Unter objektiver Zeit fasst er die mentalen Repräsentationen des Zeitflusses, wie zyklische versus lineare Zeit und die abstrakte bzw. konkrete Zeitrepräsentation und Zeitstruktur. Unter subjektiven Zeitkonzepten wird der jeweilige gegen‐ wärtige Zeithorizont gefasst. Die soziale Zeit beinhaltet das Lebenstempo 2.5 Zeitwahrnehmung beim Reisen 95 <?page no="96"?> und Zeiteinteilung, auch das persönliche timing. Die biologische Zeit oder auch Lebenszeit umfasst die biologischen Zeitrhythmen und biologische Ereignisse wie Geburt und Tod. 2.5.2.1 Einfluss des Reisens auf die objektive Zeitrepräsentation Ereigniszeit: Übergang zur konkreten Zeitrepräsentation Zeit kann auf verschiedene Arten unterteilt oder gemessen werden. Ei‐ nerseits kann sie hinsichtlich beobachtbarer Ereignisse unterteilt oder gemessen werden, was man als konkrete Zeitrepräsentation bezeichnet. Solche Ereignisse können natürlicher Art (beispielsweise Mondphasen) oder persönlicher Art (individuell bedeutsame Daten oder Ereignisse) sein. Daneben existiert die abstrakte Zeitrepräsentation, die auf Zeitein‐ heiten wie Minuten, Stunden, Wochen oder Monate bezogen ist und mit externen Zeitgebern gemessen wird (z. B. Uhren, Kalender). Beide Zeitreprä‐ sentationen schließen sich nicht aus (Friedman, 1990; Helfrich, 1996). Obwohl im Alltag westlicher Gesellschaften die abstrakte Zeitdarstellung dominiert, finden sich vor allem in der Erinnerung verstärkt Beispiele konkreter Zeitrepräsentation. Reisen hat in mehrfacher Hinsicht deutlichen Einfluss auf die Zeitrepräsentation. Im Zuge dessen kommt es häufig zu einem Übergang zu verstärkt konkreter statt abstrakter Zeitrepräsentation. Reisen hebt das Gleichmaß der Zeit auf, die einheitlichen Zeittakte, letztlich die Gleichgültigkeit der abstrakten Zeitrepräsentation gegenüber dem Erleben. Die Zeit wird vorwiegend nach dem Erleben, das heißt nach den Besonderheiten des Tages und den spezifischen Ereignissen der Reise bemessen. Gradmesser der Zeit sind Erlebnisse, Stimmungen und Gefühle, u. a. auch solche, die im Alltag kaum Raum haben, wie das Gefühl der Erhabenheit (z. B. in alten Kirchen oder in den Bergen) oder der Unendlichkeit (z. B. angesichts der Wüste oder des Meeres). Zeit wird jenseits ihrer alltäglichen Kleinteiligkeit in größeren Zusammenhängen erfahrbar, was andere Bereiche bedeutungsvoll werden lässt. Zeit wird in gewissem Sinne wieder zu „lebendiger Zeit“, mehr noch Zeit wird wieder stärker verknüpft mit Raum und Emotion. Zeit wird weniger stark als Abstraktum erlebt, das unabhängig vom Selbst, dem Erleben und der Welt existiert, sondern sie wird wieder zur konkreten Zeit, die durch Augenblicke strukturiert wird und anhand dieser auch erinnert wird (mehr dazu in 96 2 Unterwegs <?page no="97"?> → Kap. 2.5.3). Reisen enthält oft eine Überfülle an Augenblicken, da auf Reisen weniger Routinen vorhanden sind, was oft zum Swing des Reisens führt, aber häufig auch stärker dazu, sich des eigenen Lebens und der Lebenszeit bewusst zu werden (mehr dazu in →-Kap. 2.4.2 und 2.4.3). „Wir könnten die Kultur, in der wir leben, eine Kultur von Millionen schlagender Uhren bezeichnen. Wir alle kennen die „gemessene Zeit“, die Zeit, über die wir verfügen, mit der wir disponieren, um die Synchronie aller Zeitpläne (Kalender, Fahrpläne, Termine usw.) herzustellen. Ist es da nicht ein sonderbares Kuriosum, dass die historische Zeit, die Zeit unseres Werdens von der Geburt bis zum Tod, die Zeit, in der wir uns selbst verwirklichen, … die wir ergreifen oder verrinnen lassen, mit der wir spielen, oder die wir totschlagen können, unberücksichtigt bleibt, - dass auch die Wissenschaft vom Menschen, der nach der Uhrzeit lebt, diesen anderen Aspekt nur vom Wegsehen her kennen? “ (Pauleikhoff, 1979, 17) Insbesondere für Menschen aus westlichen Industriekulturen, für die durch‐ getaktete Zeit und abstrakte Zeitrepräsentation im Alltag vorherrschend sind, stellt der Übergang zu höherer Zeitautonomie bei gleichzeitig eher konkreter Zeitrepräsentation, im Sinne von Ereigniszeit einen großen Reiz des Reisens dar. Außerhalb von Terminals und Bahnhöfen, von Abflug- oder Abfahrts-, bzw. Check-in und Check-out-Zeiten wird die Zeit beim Reisen oft nicht nur freier strukturiert, sondern auch entlang von Erlebnissen er‐ fahren und nach physiologischen Bedürfnissen und den physisch-physika‐ lischen Gegebenheiten der Umgebung eingeteilt. Ist man draußen, wird der Tag davon bestimmt, wann die Sonne auf- und untergeht. In sehr warmen Klimazonen passt man sich meist automatisch an die Siesta-Kultur an und begibt sich in den heißesten Zeiten des Tages zum Ausruhen und Pausieren machen nach innen. Alles gerät ins Fließen und abstrakte Zeitgeber spielen als Messinstrument eher eine marginale Rolle. Reisen löst damit partiell aus dem metrischen Gleichmaß der Zeit, was oft davon flankiert wird, dass nach Dingen gesucht wird, die eine persönliche Bedeutung für einen haben. Beim Reisen wird das Leben weniger zerstückelt in Stunden, Minuten, Tage und Alltäglichkeiten wahrgenommen, sondern eher als Ganzes erfahr‐ bar. „Beim Reisen ist das alles so offen, ich sehe weder auf die Uhr, wann ich früh fahre, noch plane ich das, das ist alles so im Fluß.“ (R43, Sozialwissenschafler, 30) Es lässt sich also zusammenfassen, dass beim Reisen eine Verschiebung von abstrakter Zeitrepräsentation zugunsten konkreter Zeitrepräsentation 2.5 Zeitwahrnehmung beim Reisen 97 <?page no="98"?> stattfindet, in welcher die Zeit stärker hinsichtlich beobachtbarer Ereignisse unterteilt oder gemessen wird. Aber Zeit wird unterwegs auch viel stärker als im Alltag direkt erlebt. Das findet schon statt, wenn auf Plätzen oder in Cafés gesessen und dem Treiben zugesehen wird. Hier wird Raum und Zeit wieder stärker verbunden, wobei das Vergehen der Zeit am Ort sichtbar wird. Verstärkt wird das noch bei eigener Bewegung erfahren. „Das es also eine andere Zeitwahrnehmung ist. Und noch anders ist es natürlich, wenn man statisch an einem Ort ist, also wenn man sich wirklich auf diesen Ort einläßt. So wie dieses Tal in Indien, oder das Café am Hafen auf Kreta. Ja, dass man Zeit nicht durch die eigene Bewegung wahrnimmt, sondern Zeit durch die Umgebung, also man selber ist statisch, aber es bewegt sich trotzdem etwas, es bewegt sich sozusagen das drumherum, in dem Tal in Indien war einfach ein ständiges Geräusch in der Luft und ein Wandern von Licht. Oder in Kreta im Hafen der Tagesablauf und Leute, die sich bewegt haben. Also ich denke, das ist sogar fast mit der wichtigste Aspekt beim Reisen: die Zeit. Die zu erfahren, die Relativität der Zeit zu erfahren.“ (R14, Architekt, 35) Zyklische versus lineare Zeitkonzepte Je nach Reiseziel und dort vorhandener Kultur kann der Reisende auch mit anderen, eher langfristigen kulturellen Zeitrepräsentationen konfron‐ tiert werden. In Europa wie in vielen anderen monotheistisch geprägten Kulturen herrscht ein weitestgehend lineares Zeitverständnis vor. Ein li‐ neares Zeitverständnis begreift Zeit als Reihung, ein Voranschreiten ohne Wiederholung und befindet sich dicht am westlichen Fortschrittskonzept (Helfrich, 1996) Dieses Zeitverständnis kommt vor allem in Kulturen des Christentums, Judentums und des Islam vor. Wohingegen ein zyklisches Zeitverständnis die Zeit als periodisch, sich wiederholende Rhythmen kennzeichnet, wie sie Tag und Nacht, Jahreszeiten und Feiertage darstellen. Ein zyklisches Zeitverständnis ist typisch für die religiösen Systeme von Hinduismus und Buddhismus (Nakamura, 1968). Hier finden sich die Ideen der ewigen Wiederkehr, weshalb auch Zeit relativ wird und mit ihr ganz anders und deutlich entspannter umgegangen wird. In Kulturen mit zyklischem Zeitverständnis wird daher auch das Warten als weniger unangenehm empfunden als in Kulturen mit linearem Zeitver‐ ständnis. Wobei das zyklische Zeitverständnis nicht unbedingt mit dem Lebenstempo korreliert, so hat Japan zwar ein zyklisches Zeitverständnis 98 2 Unterwegs <?page no="99"?> aber ein relativ hohes Lebenstempo. Doch auch in der westlichen Welt gibt es ein partiell zyklisches Zeitverständnis, nur ist dies weniger das ursprüngliche, das von den Rhythmen der Jahreszeiten und Tag und Nacht bestimmt ist, als vielmehr der zyklische Wechsel von Arbeit und Freizeit, der den Zeitfluss deutlich strukturiert. Vielen fällt es auf Reisen auch nach einiger Zeit deutlich leichter, im anderen Rhythmus mitzuleben und das eigene Leben in einem anderen Zeitverständnis zu sehen, was einen interessanten Perspektivwechsel ermöglicht. 2.5.2.2 Lebenszeit Gleichzeitig wird die eigene Zeit auf Reisen wieder stärker in den eige‐ nen großen Lebenszusammenhang eingeordnet. Dabei ermöglicht diese weitgehende Freiheit der Zeitwahrnehmung von abstrakten Zeitmessern wieder ein stärkeres Einordnen der eigenen Zeit in den Kontext der eigenen Lebenszeit. Oft stellen gerade besondere Reisen im Lebenslauf eine deut‐ liche Zäsur dar, wobei diese vor der Abreise oder mit der Reise erfolgen kann. Auch das Timing der Abreise spielt bei wichtigen Reisen eine entscheidende Rolle. So finden längere, besondere oder einmalige Reisen (z. B. Weltreisen, Work&Travel, die Walz) oft nach einer Zäsur bzw. dem Abschluss einer Lebensphase statt, z. B. nach dem Abitur, dem Abschluss der Berufsausbildung oder dem Studienabschluss oder nach einer Trennung) und markieren damit oft auch den Beginn einer neuen Lebensphase (Zscho‐ cke, 2005, 2006). Solche Reisen können als bedeutsames Lebensereignis eine Markie‐ rung im eigenen Leben setzen. Nicht umsonst wird die Reise oft als Sinnbild des Lebens gesehen. In diesem Sinne ist auch jede einzelne bedeutsame Reise poetisch: Reisen haben ihre eigene Zeit, ihren eigenen Rhythmus, einen Anfang und ein Ende, oft auch ein Motiv, ein Thema und sie haben und sind damit ihre eigene Geschichte. Und vielleicht macht das einen weiteren Reiz des Reisens aus, dieser Anfang, der alle Anfänge enthält, der Punkt das Leben zu begreifen, das eigene Leben wieder mehr zur eigenen Geschichte werden zu lassen. Für viele wird gerade beim Ausstieg aus dem Autopiloten des Alltags das Vergehen der Lebenszeit deutlicher, genauso wie die eigenen Werte, Bedürfnisse und Wünsche (siehe Identität und Selbstaktualisierung in → Kap. 3.3.5.2), was mitunter gerade nach längeren und bedeutsamen 2.5 Zeitwahrnehmung beim Reisen 99 <?page no="100"?> 12 Besonders der Generation Z wird nachgesagt, dass sie deutlich stärker als die voran‐ gegangenen Generationen an einer ausgewogenen Work-Life-Balance interessiert ist, was die aktuellen Studien so aber nicht unbedingt belegen. Reisen zu Richtungswechseln oder schon lange überfälligen Anpassungen oder Veränderungen führt (mehr dazu in →-Kap. 3.3). 2.5.2.3 Subjektive Zeit: Zeithorizont Jeder Mensch hat ein Konzept für seine eigene Zeit zwischen Vergangenheit und Zukunft, die kulturell beeinflusst ist. Dieser gegenwärtige Zeithorizont oder die Zeitperspektive genannten subjektiven Konzepte (Jones, 1988; Helfrich, 1996) unterscheiden sich vorwiegend in ihrer Vergangenheits-, Ge‐ genwarts- oder Zukunftsorientierung und bestehen aus einer Kombination von Verhaltensorientierung (expressiv versus instrumental) und Zielorien‐ tierung (Nahversus Fernziele). Expressives Verhalten ist nicht zielbezogen und findet seine Befriedigung aus sich selbst, wohingegen instrumentelles Verhalten deutlich auf das Erreichen von Zielen ausgerichtet ist. Das Leben eines Menschen in der westlichen amerikanisch-europäischen Kultur ist hauptsächlich zukunftsorientiert und führt in diesem Sinne zu stärker instrumentellem Verhalten und ist nach wie vor (wenn auch seit der letzten Jahrtausendwende etwas schwächer) von Webers protestantischer Arbeitsethik geprägt 12 . Bedürfnisbefriedigung wird zugunsten zukünftiger Zielerreichung aus der Gegenwart verschoben und in die Zukunft vertagt (Helfrich, 1996). Wobei sich das mit der zumindest hedonistischer werdenden Gesellschaft zu wandeln scheint und das Hier und Jetzt etwas an Boden (in Raum und konkreter Zeit) gewinnt. Demgegenüber sind afrikanische Kulturen oft stark vergangenheits- und gegenwartsorientiert. Das zeigt sich unter anderem in den zahlrei‐ chen Reisen in andere Kulturen, die einen unterschiedlichen Zeithorizont repräsentieren, lösen oft eine Veränderung der Wahrnehmung und Erwei‐ terung des eigenen Zeithorizontes aus. Auch wenn man auf Reisen in Süd- oder Mittelamerika ist, wird offensichtlich, dass dort eine deutlich stärkere Gegenwartsorientierung herrscht, was den Alltag und damit auch das Reiseerleben beeinflusst. 100 2 Unterwegs <?page no="101"?> 13 Hierzu zählen nach Levine Beschäftigungen wie Arbeiten, Gehen und die Bedienzeit auf der Post, aber auch die Genauigkeit von Uhren im öffentlichen Raum. 2.5.2.4 Anpassung an die soziale Zeit von Kulturen Lebenstempo und monochrone versus polychrone Zeitmuster Einen starken Einfluss auf Reisende haben auch Facetten der sozialen Zeit. Unter sozialer Zeit wird die soziale Organisation von Zeit verstanden. In der Zeiteinteilung werden monochrone von polychronen Zeitmustern und das allgemeine Lebenstempo von Kulturen unterschieden (Hall & Hall, 1985; Helfrich, 1996). ● Monochrone Zeitmuster sind von Pünktlichkeit, Zeitdruck und ex‐ akten Zeitplänen geprägt und sind typisch für die westlichen zielorien‐ tierten Gesellschaften (Hofstede, 1980; Helfrich, 1996). ● Polychrone Zeitmuster sehen Zeit als ewige Wiederkehr, wobei es üblich ist, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, wohingegen in monochro‐ nen Kulturen eher das Eins-nach-dem-anderen-Prinzip vorherrscht, also eine Sache abzuschließen, bevor man die nächste beginnt. Zu den monochronen Kulturen gehören die meisten westlichen Indus‐ trieländer (u. a. Deutschland, die USA und Skandinavien). In den mono‐ chronen westlichen Industriegesellschaften wird Zeit auch oft als Geld konzeptualisiert, also als etwas, was man investieren, nutzen oder vergeuden kann. Dementsprechend große Probleme haben Angehörige dieser Kulturen mit dem Warten. Was auf Reisen beim Warten auf Züge, auf Antworten oder auch bei der Bedienung in Restaurants etc. relativ schnell virulent wird. Asiatische oder südamerikanische Kulturen haben damit weniger große Pro‐ bleme. Generell sind individualistische Kulturen (westliche Industrieländer) eher zukunftsorientiert, kollektivistische (z. B. asiatische, arabische, süd- und mittelamerikanische) eher gegenwartsorientiert. Ähnlich unterschied‐ lich, sind die räumlichen Metaphern für die Zeit. So betrachten die meisten westlichen Industriegesellschaften Zeit horizontal von links nach rechts verlaufend, Chinesen demgegenüber aber vertikal von unten nach oben verlaufend (Fulmer & Gelfland, 2014). Unter Lebenstempo oder „pace of life“ werden die kulturellen Normen für das Tempo alltäglicher Beschäftigungen zusammengefasst 13 . Dieses soziale 2.5 Zeitwahrnehmung beim Reisen 101 <?page no="102"?> Tempo wurde in verschiedenen Gesellschaften untersucht (Levine & Wolff, 1985, 28 ff.), wobei das höchste Lebenstempo in Japan gemessen wurde und das niedrigste in Indonesien (im Vergleich von 6 Ländern: England, Italien, Indonesien, Japan, Taiwan und USA). Robert Levine (1988) argumentiert, dass die Anpassung an ein anderes Lebenstempo beim Leben im Ausland ähnlich schwierig sei, wie das Erlernen der Fremdsprache (Levine, 1988, 39-ff.). 2.5.3 Zeitwahrnehmung (prospektiv) und Erinnerung (retrospektiv) Zeit wird als solche nicht erlebt, sondern im Zusammenhang mit Handlun‐ gen und Veränderungen wahrgenommen. Innerhalb der Psychologie ist der Begriff des Zeitbewusstseins und der Zeitwahrnehmung nicht eindeutig definiert. Üblich ist eine möglichst ganzheitliche Betrachtung so bei den Konzepten des Zeitbewusstseins (Plattner, 1990) und des Zeiterlebens (Wal‐ lace und Rabin, 1960, 213-ff.). Rammstedt zeigt, dass Zeit nicht direkt erlebbar ist. Sie ist nur indirekt wahrnehmbar über die Geschwindigkeit, die sich in Bewegung und Rhyth‐ mus ausdrückt, oder nur durch die Wahrnehmung von Veränderungen, in der Zeit ihre Konturen bekommt. Rammstedt (1972, 1975, 49 f.) unterscheidet vier Formen des Zeitbewussts‐ eins und der Zeiterfahrung: 1. jetzt - nicht-jetzt 2. vorher - nachher 3. Vergangenheit - Gegenwart/ Zukunft 4. kontinuierliche Bewegung - Beschleunigung Julius T. Fraser (1992) teilt die Zeit in die verstandene und gefühlte Zeit ein, die nicht immer parallel sind. Dabei ist die verstandene Zeit das Vermögen des Geistes, Sinneseindrücke zu ordnen und Erfahrung symbolisch darzu‐ stellen, sie unterliegt dem Ordnungsprinzip. Die gefühlte Zeit entsteht aus den rein organischen Erwartungen und dem Gedächtnis. Viele Reisende berichten, dass die Zeit während der Reise wie im Fluge vergangen sei und ihnen in der Erinnerung sehr lang vorkomme. Dieses Phä‐ nomen liegt in der hohen Ereignisdichte und Gefühlsintensität des Reisens begründet. Dieses Ergebnis bestätigt deutlich, dass Ereignisdichte, Erlebnis‐ intensität und Wahrnehmung eng zusammenhängen. Hohe Ereignisdichte und Erlebnisintensität verkürzen die Zeitwahrnehmung in der Gegenwart 102 2 Unterwegs <?page no="103"?> und verlängern sie in der Erinnerung (Tunner, 1984; Funke & Grube-Unlaub, 1991; Helfrich, 1996; Lischka, 1997). „Ein und denselben Zeitraum können wir aus prospektiver und aus retrospektiver Wahrnehmungsrichtung heraus unterschiedlich beurteilen. Beim Warten auf den Zug haben wir die Zeit als träge dahinfließend erlebt, auch wenn es vielleicht nur Minuten gewesen sind, kam sie uns sehr lange vor. Wenn wir dann aber im Zug sitzen und auf die Wartezeit zurückblicken, haben wir wenig Gedächtnisinhalte präsent (es ist ja kaum etwas passiert), und der Zeitraum schrumpft aus dieser Perspektive zusammen.“ (Wittmann, 2000, 64-f.) Umgekehrt vergeht die Zeit bei vielen Erlebnissen und neuen Ereignis‐ sen mit hoher Erlebnisintensität wie im Fluge und erscheint retrospektiv gesehen viel länger als sie tatsächlich war, da sie viele und tiefe Erinnerungs‐ spuren hinterlässt. „Wenn wir auf einen längeren Zeitraum zurückblicken, der vergangen ist, müssen wir uns auf unsere Gedächtnisinhalte berufen, um zu einem Urteil zu kommen. Die Menge an aufgenommener Information ist dann das Kriterium für die erlebte Dauer. Ein mit vielen einprägsamen Erlebnissen angefüllter Tag wird einem viel länger vorkommen als ein Tag voll Routine…“ (Wittmann, 2000, 69) Pechlaner und Volgger (2017, 79) schlussfolgern, dass es bei der Sehnsucht nach Zeit letztlich vor allem um den Wunsch nach individuell wertvoller Zeit geht. Da die Tage beim Reisen oft von mittlerer bis hoher Erlebnisdichte und -intensität geprägt sind, schwinden sie prospektiv gleichsam dahin: Es gilt neue Dinge zu orten und andere Welten zu entdecken, der Tagesrhythmus ändert sich, das Eintauchen in ein anderes Leben wird als anregend empfun‐ den. Im Nachhinein erscheint der Zeitraum oft sehr lang: Tage erscheinen wie Wochen, Monate wie Jahre. „Zeit vergeht schneller beim Reisen. Weil die Rhythmen fehlen. Weil, so im normalen Alltag hat man einen genauen Rhythmus, es ist jetzt natürlich alles potenziert durch die Kinder, aber auch vorher schon, man hatte seinen Rhythmus. Ist irgendwann früh aufgestanden, mehr oder weniger früh, hat so in aller Ruhe seinen Tee geschlürft und dann überlegt, ob man was lernen muß oder ob man erst noch mal ins Café geht. Wenn man woanders ist, dann steht man auf, dann ist man in einer neuen Umgebung, da muß man erst mal alles neu finden, da ist schon eine Stunde rum, da hat man gleich angeregte Gespräche und dann ist schon wieder Mittagessen. Die Zeit vergeht viel schneller und erscheint einem viel intensiver, weil man viel mehr Informationen in der Zeit kriegt, als wenn man zu Hause ist.“ (R8, Psychologin, 30) 2.5 Zeitwahrnehmung beim Reisen 103 <?page no="104"?> Ähnliches lässt sich bei hoher Ereignisdichte feststellen. Hohe Ereignis‐ dichte verkürzt ebenfalls die subjektive Zeitwahrnehmung in der Gegen‐ wart. Dabei ist die Zeitwahrnehmung nicht nur an die inhaltliche, sondern auch an die emotionale Dichte des Erlebens gekoppelt. Dementsprechend korreliert die Zeitwahrnehmung auch stark mit Erlebnisintensität, was Tunner (1984) in seinem phänomenologisch orientierten Aufsatz „Erlebnis‐ intensität und Zeiterleben“ wie folgt verdeutlicht: „Fragen zum Thema Emotion und Zeiterleben ergaben sich zunächst aus der allgemeinen und subjektiven Beobachtung, dass der Eindruck erfüllter Zeit mit dem Schwin‐ den des Bewusstseins von der Zeit einhergeht und dass solche Vorgänge mit gesteigerter Erlebnisintensität verbunden sind.“ Tunner (1984, 111 ff.) bezieht sich auf emotionale Erlebnisse, also Erlebnisse von „gesteigerter Intensität“, die ja beim Reisen häufig berichtet werden und in denen sich die Zeit als Perspektive subjektiv in den „Momenten aufzulösen scheint, in denen die Bewegungen der Gefühle eindringlich erlebt werden. Die Gegenwart scheint subjektiv ohne begrenzbare Dauer. Erst auf die Frage nach der Zeit beginnt sie sich perspektivisch auszudehnen oder zu schrumpfen.“ (a.-a.-O.) „Tendenziell beschleunigt die Reise meine Zeitempfindung, weil man so viel Neues auf einmal hat. Da gehen die Tage eben schnell rum.“ (R6, Kulturwissen‐ schaftler, 31) „Bei der Reise verändert sich mein Zeitgefühl. Es wird alles langsamer. Man hat viel mehr vom Tag, von der Woche. Eine Woche auf Reisen ist so intensiv, dass man es für einen Monat im Realleben halten könnte. Oder ein Wochenende ist wie eine Woche. Das liegt vielleicht daran, dass man seine sieben Sinne einschaltet.“ (R2, Fachschullehrerin, 29) „Durch Reisen hat sich ganz eindeutig mein Zeitgefühl verändert. Die Zeit hat sich extrem verdichtet.“ (R14, Architekt, 35) „Das hängt, denke ich, mit dem Intensiven zusammen, da bist du trotzdem erschöpft, obwohl du den ganzen Kram, den du zu Hause machen würdest, nicht gemacht hast. Wenn du nur einen Monat irgendwo warst, kommt dir das vor wie ein Leben.“ (R12, Übersetzerin, 22) Doch auch während der Reise ist das Zeitempfinden nicht immer gleich. Einige schildern hinzufügend, dass sich die Zeitwahrnehmung von Anfang bis Ende der Reise mehr und mehr beschleunigt. So werden die ersten Rei‐ 104 2 Unterwegs <?page no="105"?> setage und -wochen oft als viel länger empfunden als die letzten Reisetage, an diesen scheint die Zeit ganz besonders zu „rennen“. „Unterschiedlich. Am Anfang auf einer Reise habe ich immer ein sehr verlang‐ samtes Zeitgefühl, … die ersten ein, zwei Tage vergehen langsam, da habe ich immer das Gefühl, dass ich schon unheimlich lange hier bin. Und so die erste Woche geht noch so und dann die zweite, dritte … weg. Also das war schon immer so, auch als ich ein kleines Kind war. Und wahrscheinlich geht das jedem so, das Neue irgendwie und die Hinreise dauert immer länger als die Rückreise, das ist ziemlich eindeutig. Das liegt bestimmt an der Vertrautheit mit den Dingen. Also wenn einem Dinge vertraut sind, nimmt man die vielleicht nicht mehr so sorgfältig wahr. Und vor der Reise ist es eben so eine Erwartung auch. Man ist ungeduldig. Rückfahrt ist eigentlich, da ist man nicht besonders ungeduldig zurückzukommen, meistens. Aber selbst wenn man das ist, geht es zurück immer schneller. Selbst wenn man eigentlich unbedingt zurück will, das geht wirklich schneller. Ich weiß es nicht genau, warum.“ (R20, Filmemacher, 33) „Und natürlich, die Zeit geht letztlich rasend schnell. Aber vielleicht ist dieses Jahr, das wir gereist sind auch ein Sinnbild für das Leben: Am Anfang hat das lange gedauert, da habe ich gedacht, o Gott ein Jahr, das ist ja ewig, das ist ja schwierig, wie soll das alles gehen und zum Schluß ging das alles rasend schnell zu Ende. Also nach der Halbzeit dann war die Zeit rum. Und das ist wirklich so, die ersten drei Wochen waren so lang wie der Rest des Jahres. Ungefähr. Das ist subjektiv. Natürlich weiß ich, dass es anders war.“ (R28, Ärztin, Weltreise, 33) 2.5.4 Reisen als Zeitreise Pechlaner und Volgger (2017) folgen Spode (1995, 2013) der argumentiert, dass viele touristische Reisen auch eine Zeitreise in Richtung Vergangenheit beinhalten, die vor allem bei den Reiseformen der Bildungs-, Kultur-, Städte- und Rundreisen auftritt. Geschichtlich spielte es auch bei der Grand Tour eine große Rolle, wo die Besichtigung von Baudenkmälern besonders der Antike eine bedeutende Rolle spielte. Nach Enzensberger (1958) ist Sightsee‐ ing auch heute noch ein bedeutendes Element von Reisen, weshalb auch diesem eine genealogische Dimension innewohnt (Pechlaner und Volgger, 2017, 76). 2.5 Zeitwahrnehmung beim Reisen 105 <?page no="106"?> Zusammenfassung | Zeit auf Reisen ● Es kommt häufig zu größerer Zeitautonomie beim Reisen - insbe‐ sondere bei selbstorganisierten Reisen (Zschocke, 2005; Hermann & Wetzel, 2018). ● Die Zeitwahrnehmung beim Reisen erfolgt vorwiegend als konkrete und weniger als abstrakte Zeit, d. h. mehr in der Ereigniszeit, das heißt weniger durch abstrakte Zeitgeber (Uhren, Kalender etc.) strukturiert, sondern mehr durch konkrete Zeitgeber wie Ereignisse und Emotionen (Zschocke, 2005). ● Reise als Strukturierung von Lebenszeit (Zschocke, 2005; Mundt, 2013). ● Reise als Möglichkeit der subjektiven Verlängerung von Zeit (Zscho‐ cke, 2005; Mundt, 2013). ● Längere, besondere oder einmalige Reisen (z. B. Welteisen, Work&Travel, die Walz) finden oft nach einer Zäsur bzw. Abschluss einer Lebensphase statt (z. B. Abitur, Abschluss der Berufsausbil‐ dung oder Studienabschluss, Trennung) (Zschocke, 2005) und/ oder können bedeutende Transformationen im eigenen Leben auslösen und damit neue Lebensphasen einleiten. ● Häufig Veränderung der Zeitwahrnehmung während der Reise; anfangs subjektiv langsames Vergehen der Zeit und Beschleunigung der Zeitwahrnehmung gegen Ende (Zschocke, 2005). ● Das Auftreten von Heterochronien (Zeitüberlagerungen) (Zschocke, 2005). ● Reisen können Elemente von Zeitreisen in die Vergangenheit haben (besonders Bildungs-, Kultur und Städtereisen) mit starkem Fokus auf Sehenswürdigkeiten (Pechlaner, Volgger, 2017, 75; Spode, 1995, 2013). ● Interkulturelle Einflüsse auf die Zeitwahrnehmung und den eigenen Umgang mit der Zeit wie ○ unterschiedlicher Umgang mit Pünktlichkeit ○ lineare vs. zyklische Zeit ○ unterschiedliches Lebenstempo ○ monochrone vs. polychrone Zeit ● Praktische Einflüsse auf Zeit durch den Aufenthalt in anderen Zeitzonen. 106 2 Unterwegs <?page no="107"?> ● Zeit ist nötig irgendwo anzukommen. ● Mitunter Auftreten besonderer, zeitbezogener Gefühle von z. B. von Unendlichkeit, Dauer und Erhabenheit (besonders in Kirchen, den Bergen oder am Meer). 2.6 Einfluss des Reisens auf den Körper 2.6.1 Positive Effekte Reisen haben zahlreiche positive Effekte auf den Körper. Dazu zählen sinnliche Stimulation (die im Kapitel Wahrnehmung näher ausgeführt wird), physische Effekte (auf Muskulatur, Fitness und bei ausreichend langem und kontinuierlichem Bewegen bzw. Training auch auf das Herz‐ kreislaufsystem), wie auch physiologische Reaktionen (u.-a. verbesserte Schlafqualität und Schlafrhythmus, Veränderungen im Immunsystem, Hor‐ monhaushalt und im Verdauungssystem). Reisen, insbesondere aktive Reisen mit viel Bewegung in neuen Umge‐ bungen, haben dabei die positivsten Wirkungen auf den Körper. Viele Reisen sind mit mehr Bewegung als im Alltag verbunden, selbst bei Städtereisen ist die Schrittzahl häufig deutlich erhöht. Stärker sind die Effekte bei expliziten Aktivreisen. Diese beinhalten oft längere Phasen mit körperlichen Aktivitä‐ ten, u. a. Wandern, Radfahren, Schwimmen und/ oder Trekking. Eine Studie von Hübner et al. (2022) zeigt, dass bereits kurze Urlaube von durchschnitt‐ lich einer Woche mit moderaten körperlichen Aktivitäten messbare positive Effekte auf den Körper haben. In dieser Studie bewegten sich untrainierte, gesunde Erwachsene an 6 von 7 Tagen in Osttirol, wobei eine Gruppe Golf spielte (G) und eine Gruppe Nordic Walking machte bzw. E-Bike fuhr NW & EB). In beiden Gruppen sank der empfundene Stress deutlich (um ca. 44 %) und das Wohlbefinden stieg in ebenso beeindruckender Weise (um 40 % in der Golfgruppe und um ca. 20 % in der Nordic Walking und E-Bike Gruppe). Auch der Schlaf verbesserte sich signifikant (ca. um 20 % in beiden Gruppen). Es gab zwar jenseits der Standardabweichung keinen messbaren Effekt auf die Herzrate, aber einige körperliche Risikofaktoren waren nach dem Aktivurlaub deutlich reduziert. In dieser Studie wurden auch z. B. Blutdruck, Blutzucker und bestimmte Entzündungsmarker (Adipokine) gesenkt, was vorbeugend auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen wirkt. 2.6 Einfluss des Reisens auf den Körper 107 <?page no="108"?> Langfristige positive Effekte von Reisen auf die Lebenserwartung Neben den unmittelbaren und eher kurzfristigen positiven Veränderungen respektive Verbesserungen, deuten Langzeitstudien auch zunehmend darauf hin, dass regelmäßige Urlaubsreisen tatsächlich nicht nur mit besserer Gesundheit, sondern auch mit höherer Lebenserwartung einhergehen. So ergab eine finnische Langzeitstudie über 40 Jahre (1974-2004) bei Männern mittleren Alters, dass diejenigen, die weniger als drei Wochen Urlaub pro Jahr nahmen, eine um 37 % erhöhte Sterblichkeit aufwiesen, als diejenigen, die häufiger reisten. Regelmäßige Urlaubsreisen erwiesen sich demnach als protektiv (Strandberg et al., 2018). In einer US-amerikanischen Studie von Bryce Hruska und Mitarbeitern, zeigte sich zudem, dass Personen, die häufiger Urlaub machten, seltener am metabolischen Syndrom und metabolischen Symptomen litten (einer Kombination aus Übergewicht, Bluthochdruck, sowie Fettstoffwechsel- und Blutzuckerstörungen), als Personen, die das nicht taten. Das metabolische Syndrom ist wiederum ein Risikofaktor für kardiovaskuläre Erkrankungen. Metabolische Symptome scheinen durch Urlaub modifizierbar zu sein: sie können sich verändern oder sogar ganz verschwinden. Was genau, die Effekte auslöst, ist dabei noch partiell offen, vermutet wird aber eine Kombination aus der stressreduzierenden Wirkung (u. a. durch besseren Schlaf) und dem Effekt der Bewegung. Hruska führt weiter aus, dass jeder Vollzeitangestellte, der die Möglichkeit habe, Urlaub zu machen, diese auch nutzen soll, weil damit ein klarer Nutzen für die Gesundheit verbunden sei (Hruska et al., 2019). Urlaub hat also einen klaren gesundheitlichen Nutzen. In einer epidemiologischen Studie zeigt etwa Gump, dass die Häufigkeit von Urlauben, nicht aber deren Gesamtdauer, die kardiovaskuläre Mortalität vermindert (Gump & Matthews, 2000). Während des Urlaubs vermindert sich das Gefühl der Erschöpfung, die Stimmung verbessert sich und allfällige körperliche Beschwerden nehmen ab (Strauss-Blasche, Ekmekcioglu & Marktl, 2000; Westman & Eden, 1997) Auch der Blutdruck und die Wahrscheinlichkeit eines Herzinfarktes verrin‐ gern sich (Greie et al., 2006; Kop, Vingerhoets, Kruithof & Gottdiener, 2003) Dabei ist die Blutdrucksenkung nach körperlicher Aktivität in der Natur am effektivsten, wie durch eine in vivo Studie nachgewiesen wurde (Hartig, Evans, et al, 2003). 108 2 Unterwegs <?page no="109"?> 2.6.2 Risiken Trotzdem sollte nicht außer Acht gelassen werden, dass Reisen auch mit einigen Risiken für den Körper verbunden ist, neben eher spezifischen Erkrankungen in bestimmten Regionen (z. B. Tropenkrankheiten), ist das Verdauungssystem mit am häufigsten gefährdet. Verdauung Reiserelevante Diarrhoe ist in einigen Gebieten dieser Welt relativ häufig, oft ausgelöst durch veränderte Ernährung, andere hygienische Verhältnisse und durch Übertragung von Viren oder Bakterien ausgelöste Krankheiten. Eine Studie von Boolchandani et al. (2022) zeigte, dass sich das Darm‐ mikrobiom bei internationalen Reisen signifikant veränderte, wobei die Vielfalt aber erhalten blieb. Die Studie zeigte auch, dass das Mikrobiom von internationalen Reisenden weitestgehend resilient gegenüber Dysbio‐ sen (einer Störung der physiologischen Besiedelung des Darmes) war, die Darmflora im Wesentlichen trotz deutlicher Veränderungen intakt blieb. Trotz allem fand sich bei denjenigen, die an Reisedurchfall erkrankten, ein deutlich erhöhtes Risiko sich mit multi-resistenten Keimen anzustecken, was zu dauerhaften gasto-enterologischen Problemen nach der Reise (und der Verbreitung multi-resistenter Keime) führen könne. Jetlag Eine nicht krankheitswertige Beeinträchtigung des Wohlbefindens ist der Jetlag, der vor allem bei Flugreisen in entfernte Zeitzonen auftritt. Der Jetlag ist eine physiologische Stressreaktion, die auftritt, wenn sich der Zielort in einer anderen Zeitzone befindet als der Heimatort, wobei es häufig zu Störungen des natürlichen Schlafrhythmus kommt. Der Körper muss sich in den ersten Tagen am neuen Ort erst dem dortigen Zeitrhythmus anpassen, das heißt sich sukzessive mit der neuen Zeit synchronisieren. Typische Symptome sind dabei Müdigkeit, nächtliches Aufwachen, Konzentrations‐ probleme, erhöhte Reizbarkeit oder Appetitlosigkeit. Jetlags treten vor allem bei Flugreisen auf und dabei vor allem in Richtung Osten, also „entgegen der Zeit“. 2.6 Einfluss des Reisens auf den Körper 109 <?page no="110"?> Leisure Sickness Es gibt ein weiteres, interessantes Phänomen, das unter leisure sickness bzw. Freizeitkrankheit gefasst wird, auch wenn es sich dabei nicht um eine offizielle medizinische Diagnose, sondern vielmehr um die Beschreibung eines Musters handelt. Dieses Phänomen beschreibt die Tatsache, dass einige Menschen häufig in arbeitsfreien Zeiten krank werden. Häufiger tritt das vor allem in den ersten Urlaubstagen auf, wobei besonders häufig grippale Infekte bzw. andere Erkältungssymptome, ausgeprägte Kopfschmerzen und Müdigkeit auftreten können. Das betrifft insbesondere diejenigen, die einen relativ stressigen Beruf bzw. Alltag haben und häufig sei das vor allem dann der Fall, wenn der Stress relativ abrupt endet. Obwohl es sich dabei nicht um eine anerkannte medizinische Diagnose handelt, gibt es bereits einige biopsychologische und physiologische Erklärungen für dieses Phänomen. Zum einen produziert der Körper während stressiger Arbeitsphasen viele Stresshormone wie Kortisol und Adrenalin, die kurzfristig immunsuppressiv wirken, aber auch Entzündungsreaktionen und Krankheitssymptome unter‐ drücken. Fallen die Stresshormone plötzlich ab, können latente Infektionen plötzlich ausbrechen, das heißt Symptome zeigen. Dazu kommt häufig ein stressiger Urlaubsbeginn: das heißt, alles muss noch vorbereitet und gepackt werden, wenn sich dazu noch veränderte Essgewohnheiten oder ungewohnte klimatische Bedingungen gesellen, können diese das Immun‐ system zusätzlich belasten bzw. Erschöpfungssymptome verstärken. Dazu kommt, dass chronischer Stress das Immunsystem schwächen kann und Erre‐ ger leichter eindringen und Krankheiten oft genau dann ausbrechen können, wenn die Erholungsphase einsetzt oder durch die Krankheit erzwungen wird. Chronischer Stress unterdrückt zwar die Symptome, nicht aber die Krankheiten. Es gibt zwar bisher noch relativ wenige Studien zu leisure sickness. Doch trotz der noch relativ begrenzten Datenlage gibt es schon einige erhellende Pilotstudien zu diesem Phänomen. Eine der bekanntesten davon stammt vom niederländischen Psychologen Adrian Vingerhoets von der Universität Tilburg, in dessen Studie Teilnehmer berichten, dass Krankheitssymptome in den Ferien und am Wochenende auftraten, während sie im Arbeitsalltag gesund blieben. Dabei waren besonders Menschen mit hohem Pflichtgefühl und Perfektionismus betroffen. Auch der Begriff der leisure sickness stammt von Adrian Vingerhoets und seinen Kollegen Maaike van Huijgevoort und Guus van Heck, die ihn 2001/ 2002 prägten. Prof. Vingerhoets beschäftigte 110 2 Unterwegs <?page no="111"?> sich mit dem Thema, weil er selbst ein Opfer der lesiure sickness war. Die Pilotstudie von Vingerhoets hatte dabei ein zweistufiges Design (Vingerhoets et al., 2002). Zunächst wurden 1893 Personen in den Niederlanden befragt, ob sie sich in dem Phänomen wiedererkennen. Anschließend wurde eine Vertiefungsstudie mit 114 Betroffenen durchgeführt, die angaben, in der Freizeit häufig krank zu werden und einer Kontrollgruppe von 56 Personen, die dieses Phänomen nicht kannten. Beide wurden mit einem Fragebogen detailliert zu ihren Symptomen (Beginn, Dauer, Art der Symptome), ihrer persönlichen Bewertung von Freizeit und ihrer Einstellung zur Arbeit, sowie ihrer Arbeitsbelastung befragt. Die Studie stützte sich dabei vorwiegend auf Selbstauskünfte. Medizinische Tests wurden nicht verwendet, da es sich um eine Pilotstudie handelte. Im Rahmen der Befragung ließen sich aber sehr wohl Risikofaktoren eruieren. In dieser Studie lag die Prävalenz bei 3 %, die dieses Phänomen kannten (in etlichen Nachfolgestudien lag die Rate deutlich höher), wobei bei den davon Betroffenen 3 % dieses Muster bereits seit langer Zeit (über 10 Jahre) auftrat. Die Befragungen lieferten keinen Hinweis auf eine Korrelation mit bestimmten Freizeitaktivitäten oder Lebensstilfaktoren (Hobbies, sportliche Aktivitäten etc.), auch die Wertschätzung der Freizeit war in beiden Gruppen gleich. Ein gesunder bzw. ungesunder Lebensstil spielte ebenfalls keine relevante Rolle (Rauchen, wenig Schlaf etc.), wohl aber psychologische Faktoren, die insbesondere mit dem Umgang mit Stress verbunden waren. Als eindeutige Risikofaktoren erwiesen sich in dieser Studie die folgenden Umstände: ● Schwierigkeiten beim Ab- und Umschalten ● Stress im Vorfeld der Freizeit (dazu gehörte die Urlaubsvorbereitung selbst, das Abschließen wichtiger Aufgaben vor der Urlaubsreise, häufig schien das Stressniveau vor dem Urlaub noch einmal deutlich anzusteigen) ● hohe Arbeitsbelastung verbunden mit hohem Pflichtgefühl, Ehrgeiz und Perfektionismus (wobei ausgeprägtes Verantwortungsbewusstsein und eine hohe Ar‐ beitsbelastung Schlüsselmerkmale waren) Aufbauend auf dieser Studie veröffentlichten Guus van Heck und Ad Vinger‐ hoets (2007) einen eher konzeptionell gehaltenen Übersichtsartikel, in dem sie vor allem mögliche psychologische, biologische und soziale Erklärungs‐ modelle des Phänomens diskutierten. Darin vermuteten sie unter anderem, dass leisure sickness ein deutliches Signal auf ein Ungleichgewicht von 2.6 Einfluss des Reisens auf den Körper 111 <?page no="112"?> 14 Der Artikel ist im Übrigen mit dem schönen Zitat überschrieben: A change of troubles is as good as a vacation. David Lloyd George (1863-1945) Arbeit und Freizeit hinweisen könne (van Heck und Vingerhoets, 2007), dass aber weitere Forschungen dazu nötig sind. 14 Spätere empirische Studien zeigten deutlich höhere Prävalenzen. So die Studie von Schmelzer, Blank et al. (2015), die auf eine Prävalenzrate von 55 % kam, das aber vor allem durch eine Erweiterung der Symptome auf jede Form des Unwohlseins, was die Definition deutlich verwässerte und damit nicht im eigentlichen Sinne das Muster der leisure sickness erfasst, wie sie anfangs beschrieben wurde. Realistischer scheint das da die Studie von Strassburger et al., die auf eine 12-Monats-Prävalenz der leisure sickness von 20,3 % kamen, wobei die häufigsten Symptome, denen von Vingerhoets und Kollegen entsprachen (Kopf- und Gliederschmerzen, Müdigkeit, Infekte). Damit zeigt sich, dass durchaus ein Teil, wenn auch nicht der Großteil der Bevölkerung, hin und wieder von leisure sickness betroffen ist. Diese Stu‐ dien decken sich partiell mit etablierten Modellen der Neuroimmunologie, (hier gefasst unter „Let-down-Effekt“ und Wochenend-Migräne), bei denen Immunsystem-Veränderungen und Hormonveränderungen (vor allem der Wegfall der Stresshormone) kurzfristig zu Unwohlsein führen können. In einer anderen aktuellen Studie wurde das Phänomen der leisure sickness, bei einer Prävalenz von 37,9 % in dieser Studie, aber wesentlich ernster bewertet und gar als mögliches Frühwarnzeichen eines Burnout-Syndroms identi‐ fiziert, wenn Coping-Mechanismen nicht mehr oder nur noch begrenzt greifen (Manke, 2022, 26-ff.) Klar ist: Wer im Alltag besser mit Stress umgeht - oder weniger davon hat - und den Übergang zum Urlaub langsamer und stressfreier gestaltet, hat ein deutlich geringeres Risiko für leisure sickness und kann die Urlaubsreise nebenbei auch mehr genießen, da auch die Aufnahmefähigkeit für Neues höher ist. Dafür ist es wichtig, auch im Alltag ein einigermaßen ausgewo‐ genes Leben zu haben, mit ausreichend Zeit zur Regeneration. Dazu gehört Zeit mit Freunden und Familie, moderate Bewegung, die in erster Linie Spaß macht, Hobbies, ausreichend Schlaf und Pausen. 112 2 Unterwegs <?page no="113"?> Zusammenfassung Zusammenfassend gesehen zeigen die Studien, dass Urlaubsreisen ins‐ besondere aktive, selbstorganisierte Reisen mit Bewegung überwiegend positive Effekte auf den Köper haben: Dazu zählen Stressabbau durch Umfeldwechsel, verbesserter Schlaf (wenn nicht Zeitzonen überschrit‐ ten werden) und verbesserte Immunabwehr, positive Effekte auf das Herz-Kreislauf-System und bei Bewegung auch positive Effekte auf die Muskulatur und generell eine höhere Lebenserwartung bei häufigen Urlaubsreisen. Es können allerdings auch negative Effekte auftreten, wie Reisedurch‐ fälle, Infektionskrankheiten, Jetlag bei der Überschreitung von Zeitzo‐ nen, wobei das häufig erst bei der Überschreitung mehrerer Zeitzonen problematisch wird. Bei hohem Alltagsstresspotenzial kann auch die sogenannte leisure sickness auftreten, das heißt Krankheitssymptome zu Urlaubsbeginn. Langfristig überwiegen aber die positiven Auswirkungen, solange sich jemand nicht mit dauerhaften Krankheiten, wie einigen Tropenkrank‐ heiten infizieren sollte. 2.7 Einfluss des Reisens auf die Psyche 2.7.1 Positive Effekte Bewegung sei das beste Mittel gegen Melancholie schreibt bereits Robert Burton in seiner „Anatomie der Melancholie“. „Denn nichts erzeugt leichter Melancholie, nichts nährt und verschlimmert sie mehr als Inaktivität … analog verzehrt sich unser Körper, wenn er untätig ist, selbst … mit Sorgen, Kummer, Verdruss, falschen Befürchtungen und Verdächtigungen.“ (Burton, 2001, 187) Reisen hat verschiedene, überwiegend positive, Auswirkungen auf die Psyche. Einige davon werden im folgenden Kapitel näher dargelegt Die antidepressive Wirkung von Reisen Studien haben gezeigt, dass die sinnliche Wahrnehmung und die zwangs‐ läufige Orientierung nach außen sogar gegen milde Depression helfen 2.7 Einfluss des Reisens auf die Psyche 113 <?page no="114"?> können, die ja oft mit einer starken Fokussierung auf sein Inneres einher‐ gehen und einen im wahrsten Sinn des Wortes bewegungsunfähig machen. Rausgehen und sich zwangsweise auf die Welt einzulassen und sich in ihr orientieren zu müssen, wirkt dem entgegen. Hauptfaktoren bei der antidepressiven Wirkung sind die allgemeine Aktivierung und der Fokus nach außen verbunden mit stärkerer sinnlicher Wahrnehmung. Verstärkt wird der Effekt, wenn dann noch intensiveres Licht (insbesondere bei Reisen in südliche Länder), Bewegung und positive soziale Kontakte dazukommen. Im Idealfall ist das allgemeine Aktivierungsniveau auf Reisen höher, aber auch ein ausgeglicheneres Verhältnis von Anspannung und Entspannung, Anstrengung und Genuss vorhanden. Zudem fördert Neues nachweislich die Dopaminausschüttung (mehr dazu im →-Kap. 2.9) In seinem sehr schönen und ebenso subjektiven Artikel „Itʼs a Nomad NoMADworld“ konterte der Schriftsteller Bruce Chatwin den oft zitierten Satz von Pascal, „das ganze Unglück des Menschen rühre nur von seiner Unfähigkeit, ruhig in seinem Zimmer zu bleiben“, damit, dass es genau umgekehrt sei. Ohne Veränderung verkümmere unser Geist und Körper. Chatwin wusste, wovon er sprach, litt er doch als erfolgreicher Angestellter bei Sothebyʼs an einer schweren psychogenen Sehstörung. Sein Arzt war umsichtig genug, ihm als Therapie „weite Horizonte“ zu verschreiben, was offensichtlich fruchtete, genas er doch im afrikanischen Sudan vollständig davon und beschloss danach Reiseschriftsteller zu werden, was er für den Rest seines Lebens dann auch ziemlich erfolgreich war (womit diese Reise im engeren Sinn einer transformativen Reise entsprach; mehr dazu im → Kap. 3.3.4. In einer Studie haben Tarumi und Hagihara (1998, 1999) haben die wichtige Rolle von Urlaub für die Gesundheit und insbesondere für die Prävention von Depressionen nachgewiesen. Depressionen sind eines der bekanntesten Gesundheitsprobleme im Arbeitsumfeld. Die Autoren haben dabei den Zusammenhang von arbeitsbezogenen Faktoren, Urlaub und der Gesundheit von Angestellten analysiert. Dabei zeigten sie, dass weniger Urlaub eindeutig mit dem Auftreten von Depressionen korreliert und Urlaub auf Basis dieser Analysen wichtiger als die reinen Arbeitsstunden bzw. der Workload pro Woche waren. Nachweisbar ist auch, dass Neues die Dopaminausschüttung klar steigert und dass Dopamin als Neurotransmitter neben Endorphin zu den Glückshormonen gezählt wird. Verschiedene neuropsychologische und neu‐ robiologische Studien deuten darauf hin, dass Reisen - vor allem durch 114 2 Unterwegs <?page no="115"?> das Erleben von Neuheit - unser dopaminerges „Glückssystem“ aktiviert. Neues zu entdecken, löst im Gehirn Belohnungsreaktionen aus. Neugier, Vorfreude, Abwechslung vom Alltag und aktives Entdecken führen zu erhöhter Dopaminausschüttung und diese wiederum zu einer Zunahme von Motivation, Freude, Zufriedenheit und Aufmerksamkeit. Reisen kann somit tatsachlich partiell „glücklich machen“, weil es auf neurochemischer Ebene unser Belohnungssystem und damit die Dopaminausschüttung anregt. Ge‐ nauere Details mit den entsprechenden, interessanten Studien finden sich im →-Kap. 2.9. Nun ist Reisen sicher kein Allheilmittel gegen Depressionen und nur bei leichteren bis mittleren Depressionen oder abklingenden Schüben ratsam, wobei schwere Schübe Reisen schlichtweg unmöglich machen. Dennoch sollten die positiven Auswirkungen von Kontextwechsel auf leichtere De‐ pressionen, bestimmte Ängste und andere psychische Krankheiten nicht unterschätzt werden. Positive Auswirkungen von Reisen bei chronischen psychischen Krankheiten Auch bei chronischen psychischen Krankheiten wurden positive Ef‐ fekte von Reisen beschrieben, z. B. beschrieb Dieter Häußer, ärztlicher Direktor einer Nervenklinik, schon in den 1980er-Jahren den positiven Effekt von Kurzreisen (Häußer, 1984), wobei die Wirkfaktoren auch hier vor allem die folgenden waren: ● Aktivitätssteigerung ● vermehrter Eigeninitiative ● höherer Kontaktbereitschaft Steigerung der Lebenszufriedenheit Eine Studie der Universität Salzburg zeigte, dass Urlaub die Lebenszu‐ friedenheit fördern kann. Allerdings ist der Effekt darüber noch von einigen anderen Faktoren abhängig. So beeinflussen die allgemeine Le‐ benszufriedenheit und die vorherige Belastung die Stressverarbeitung im Urlaub. Personen mit hoher vorheriger Belastung oder niedriger Lebenszu‐ friedenheit zeigten deutlich häufiger unzureichende und weniger effektive Stressbewältigungsstrategien bei Urlaubsreisen, weshalb es sich durchaus 2.7 Einfluss des Reisens auf die Psyche 115 <?page no="116"?> empfiehlt, nicht in einem absolut gestressten Zustand abzureisen, sondern nach Möglichkeit erst ein paar Puffertage zu Hause oder am Urlaubsort einzulegen (Menzel, 2019). Gäbe es keinen Tourismus, behauptet der Freizeitforscher Jost Krippendorf (1996), bräuchten wir viel mehr Sanatorien und Krankenhäuser, was die vorhergehenden Studien in verschiedener Hinsicht belegen. Psychological Richness Reisen erfüllt dazu viele Voraussetzungen für ein psychological rich life, was Oishi und Westgate neben Glück/ Freude und Sinn, als mit wichtigsten Faktor für ein gutes Leben sehen. Ein Faktor im Übrigen, der ihrer Meinung am meisten übersehen wird. Was verstehen sie nun unter psychological richness? „Unlike happy or meaningful lives, psychologically rich lives are best characterized by a variety of interesting and perspective-changing experiences.“ (Oishi & Westgate, 2021) Pschological richness nahm bei Stu‐ denten, die länger im Ausland waren im Vergleich zu ihren Kommilitonen deutlich zu. Sie waren weniger interessiert den status quo zu erhalten, als Neues zu erleben und waren viel stärker bereit (und auch in der Lage) Chancen und Zufälle zu nutzen. 2.7.2 Risiken Die grundsätzlich positiven Wirkungen von Reisen können jedoch, je nach Veranlagung und momentanem Zustand, allerdings auch in ihr Gegenteil umschlagen. Was für den Einen positive Anregung, vitale Stimulanz, er‐ höhte Selbstwirksamkeit und Freude bedeutet, kann für den Anderen bereits Übererregung und Überforderung bedeuten. So ist Reisen bei Schizophre‐ nien und Epilepsien deutlich riskanter und eine gute Struktur auf Reisen wichtiger, da psychotische Schübe oder Krampfanfälle durch Reizüberflu‐ tung ausgelöst werden können. Epilepsien können insbesondere ausgelöst werden, wenn zu zu vielen Reizen auch noch Schlafmangel hinzukommen sollte. In der Literatur werden auch noch zwei spezifische psychiatrische Phä‐ nomene von Reisenden beschrieben. So beschreibt Graziella Margherini (1995) das Stendhal-Syndrom, was sie bei Touristen feststellte, die auf die Notfallstation in Florenz eingeliefert wurden, die sie acht Jahre lang leitete. Die von ihr beschriebenen Symptome ähneln einer Übererregung 116 2 Unterwegs <?page no="117"?> wie sie bei einer starken Verliebtheit der Fall sein kann. Sie beschreibt es als Ergriffenheit, die sich derart steigern könne, dass die betroffenen Patienten über Schwindel, Herzbeklemmung, Schweißausbrüche, Schwäche und Ohnmachtsgefühle klagen und oft nur den Wunsch äußerten, wieder nach Hause fahren zu können. Touristische Ergriffenheit steigere sich hier bis zum inneren Chaos. Hier kippt der positive Effekt der Stimulation der Sinne, zu einer Übererregung, bei der den Betroffenen buchstäblich „die Sinne schwinden“. Faktoren, die das hervorrufen können, seien körperliche Anstrengung, Übermüdung und die Faszination des Ortes, wobei letztere als Macht erlebt werden kann, die tiefgreifende Auswirkungen auf den momen‐ tanen Gemütszustand des Betrachters haben könne. Margherini beschreibt diesen Zustand als Stendhal-Syndrom nach einer Selbstbeschreibung des französischen Schriftstellers Henri Beyle alias Stendhal, der tief bewegt und an Ekstase grenzend die Kirche Santa Croce in Florenz besichtigte. Stendhal war dabei gut auf seinen Florenzbesucht vorbereitet: „Ich habe mir so oft Bilder von Florenz angesehen, dass ich es schon im Voraus kannte; so konnte ich mich ohne Führer zurechtfinden.“ (Naumann, 1964, 234) In der Kirche Santa Croce war er: „so tief bewegt, dass es schon fast an Frömmigkeit grenzt … Ich befand mich schon bei dem Gedanken, in Florenz zu sein, und durch die Nähe der großen Männer, deren Gräber ich gesehen hatte, in einer Art Ekstase … Als ich Santa Croce verließ, hatte ich starkes Herzklopfen; in Berlin nennt man das einen Nervenanfall; ich war bis zum äußersten erschöpft und fürchtete umzufallen.“ (Stendhal, 1964, 234 ff.) Ob er diesen ekstatischen Zustand allerdings als pimär negativ empfunden hat oder ob er ihn im Sinne dichterischer Verzückung eher genossen hat, ist nicht belegt. Tiefe Emotionen angesichts der Besichtigung von Kulturschätzen schei‐ nen immer mal wieder aufzutreten, ob diesen in jedem Fall ein Krank‐ heitswert zuzuschreiben ist, allerdings weniger. So beschreibt Alexander Kingslake wie er 1838 zum ersten Mal in seinem Leben die Pyramiden erblickt, wie folgt: „Als ich mich von dem Ufer des Nils ihnen näherte … zeigten sich ganz die alten Formen; es war ganz und gar nichts anderes; sie waren gerade so, wie ich sie immer gekannt hatte … fast plötzlich bemächtigte sich meiner ein kaltes Verstehen und Begreifen der Enormität der Pyramiden.“ (Kingslake, 1846, 252) Eric J. Leed berichtet von dieser für Kingslake wichtigen Reise und weist darauf hin, dass „die Begegnung mit einer bedeutsamen Stätte im Betrachter sowohl die persönliche als auch die historische Vergangenheit lebendig werden lassen.“ (Leed, 1993, 154) Er fasst das ganze Phänomen unter der magischen Kraft des Ortes. Ob 2.7 Einfluss des Reisens auf die Psyche 117 <?page no="118"?> dieses Phänomen verstärkt bei Menschen auftritt, die seltener mit solchen Sehenswürdigkeiten und Bauwerken in Berührung kommen, also eher aus Ländern mit einer jüngeren Kulturgeschichte kommen (wie bspw. den USA) ist bisher nicht erfasst, wäre aber in Bezug auf die ohnehin relativ geringe Prävalenzrate interessant. Ein weiteres, im Zusammenhang mit Reisen beschriebenes Syndrom, ist das Jerusalem-Syndrom, das allerdings eher Touristen mit Störungen psychotischer Ausprägung erfasst. Der israelische Psychiater Dr. Yair Bar-El beschrieb, wie sich Menschen angesichts der geballten historisch-religiösen Bedeutung der Heiligen Stadt (in der drei Weltreligionen zu Hause sind) in historische Figuren vorwiegend nach biblischem Vorbild verwandeln und Visionen verkünden, beginnen zu predigen, Psalmen zu singen oder versuchen übers Wasser zu laufen. Meist komme das Syndrom am zweiten Tag des Aufenthaltes in der Stadt zum Ausbruch und lasse sich in vielen Fällen durch einige Tage strenger Bettruhe kurieren. Bei einigen anderen waren allerdings antipsychotische Medikamente nötig. Durchschnittlich trete das Syndrom (mit Nähe zur Schizophrenie) nach Bar-El bei ca. 100 Touristen jährlich auf, von denen die meisten allerdings bereits vorher psychotische Episoden hatten, andere (ca. 40 von ihnen) aber weder vor noch nach dem Besuch in Jerusalem eine solche hatten. Bei diesen 40 Patienten mit dem Syndrom, die vorher noch nie psychiatrisch auffällig gewesen waren, handelte es sich interessanterweise ausschließlich um Protestanten aus den USA und Westeuropa. Insgesamt spielt das Jerusalem-Syndrom statistisch gesehen bei der Menge der Touristen keine wirklich große Rolle: Die absolute Häufigkeit scheint zwar hoch, aber gemessen an den immensen Touristenzahlen in Jerusalem (3-3,5 Milliarden jährlich bis 2024) ist die relative Häufigkeit eher als gering einzuschätzen. Mitunter werden auch Reisedepressionen beschrieben, u. a. bei Hermann (2016, 123), wobei die beschriebenen Auslöser (z. B. persönliche Zurückwei‐ sung beim Urlaubsflirt und negative Ereignisse), eher für leicht dysthyme Verstimmungen und relativ normale schlechte Laune sprechen als für wirklich klinisch relevante Depressionen, für die es weniger statistische Nachweise gibt. Mitunter wird auch vom Post Holiday Blues gesprochen, der insbesondere im Internet und bei Social Media grassiert und wofür Tipps gegeben werden (wie z. B. sofort die nächste Reise buchen), die ebenso wenig fundiert, wie problematisch sind, wie die schlechte Laune an Sonntagabenden. 118 2 Unterwegs <?page no="119"?> Reisen und Ängste: Die zwei Seiten der Medaille Ängste sind in Bezug auf Reisen zweischneidig: sie können bei Reisen getriggert werden, weil Vermeidungsverhalten schwerer fällt und in einigen Fällen nicht möglich ist, können sich aber genau dadurch auf Reisen auch signifikant bessern. Hermann (2016) beschreibt in seinem Buch verschiedene reiserelevante Ängste, wobei es sich um eine Auflistung existente Ängste aus den gängigen Diagnosemanualen (ICD und DSM) handelt. Übersehen wurde hierbei allerdings, dass sich Ängste auf Reisen durchaus auch signifikant verbessern können, da auch hier der rein räumliche Abstand die proble‐ matisch gebahnten Verhaltensmuster schwächt und die Möglichkeit für neue Konditionierungen vor einem anderen Kontext schafft. Zudem ist Ver‐ meidungsverhalten auf Reisen deutlich schwieriger und durch vermehrte Exposition verbunden mit viel Ablenkung können Ängste abgebaut und neue Verhaltensweisen gelernt werden. Zu den häufigsten Ängsten reiserelevanten Ängsten gehört die Flugangst (Aviophobie), unter der eine bemerkenswert hohe Zahl von Menschen leiden, deren Ausprägung aber sehr unterschiedlich sein kann. Einige Men‐ schen verspüren nur eine leichte Unsicherheit oder leichtes Unwohlsein an Bord und schaffen es gut, sich mit Filmen u.ä. von ihren Ängsten abzulenken. In diesem Fall ist die selbstbestimmte Konfrontation ohnehin der beste Weg, denn wer trotz Angst fliegt, kann in der Folge immer besser lernen, damit umzugehen, wodurch die Ängste sukzessive abnehmen. Die Ängste können aber auch bis zu starken Ausprägungen reichen. Eine ausgeprägte Flugangst kann das Leben so weit beherrschen, dass Betroffene überhaupt keine Interkontinentalreisen unternehmen. Zu den reiserelevanten Ängsten gehören u. a. Klaustrophobien, das heißt Ängste vor geschlossenen, insbesondere beengten Räumen mit er‐ schwerten Fluchtmöglichkeiten. Auf Reisen kann das unterwegs vor allem in Zusammenhang mit Bussen, Schiffen, Flugzeugen, Tunneln etc. auftreten. Am Urlaubsort dann eher beim Besuch enger geschlossener Räume, wie z. B. von Kellerclubs, Höhlen, überfüllten Basaren, Grabkammern und kulturellen Veranstaltungen in engen geschlossenen Räumen mit wenigen Ausgängen etc. Betroffene leiden unter dem Gefühl, sich nicht aus bestimm‐ ten Situationen zurückziehen oder sicher befreien zu können, wodurch es zu Panikreaktionen kommen kann. 2.7 Einfluss des Reisens auf die Psyche 119 <?page no="120"?> Umgekehrt können auf Reisen auch die gegenteiligen Ängste getriggert werden. So können auch Agoraphobien auftreten, das heißt Ängste vor großen, weiten Orten und öffentlichen Plätzen. Bei Reisen in natürliche Gebiete können auch relevante Tierphobien getriggert werden, wobei es jedoch auch reale Ängste vor Tieren geben kann, die durchaus berechtigt und überlebensnotwendig sind, also keinen phobischen Charakter haben müssen, da es in vielen Gebieten Tollwut gibt und Ängste vor freilaufenden Hunden in einigen Gegenden der Welt durchaus angebracht sein können (z. B. in den rumänischen Bergen), ebenso wie Ängste vor Begegnungen mit Bären, Skorpionen oder vergleichbarem. Es gibt genug Beispiele, wo Touristen durch zu angstfreies, unangepasstes bzw. unangemessenes Verhalten problematische bis tödliche Begegnungen mit Tieren hatten (z. B. klagen regelmäßig Ranger in Nationalparks über Touristen, die mit Lebensmitteln in Anwesenheit von Bären unvorsichtig umgehen oder diese sogar versuchen zu füttern, um ein Selfie zu bekom‐ men). Zu den klassischen Tierphobien gehören demgegenüber übersteigerte Ängste vor Tieren, wobei es bei den meisten Betroffenen vor allem Ängste vor Spinnen, Insekten und Schlangen sind. Es gibt auch Ängste, die weniger an Phobien gekoppelt sind als an Aberglauben. Die damit verbundenen irrationalen Glaubenssätze sind oft kulturell sozialisiert und erzeugen ein mehr oder minder starkes und oft sehr spezifisches Vermeidungsverhalten, in unserem Kulturraum ist dieses oft mit der Zahl 13 verbunden. Flugsitze oder Hotelzimmer mit der Nummer 13 werden von einigen Gästen gern gemieden. Einige Hotels und Fluggesellschaften haben die Zahl 13 deshalb bereits aus ihrem Nummerie‐ rungssystem gestrichen. Als besonders problematisch gilt Freitag, der 13., weshalb an diesem Tag einige Menschen vermeiden zu fliegen oder Auto zu fahren. Nach Angaben des Flugportals Swoodoo sind wegen der geringeren Nachfrage Flüge an einem Freitag, dem 13. im Durchschnitt 25 % billiger (TravelTalk, Nr.-9/ 2011, 6; Hermann, 2016, 120). Dabei ist aber zu beachten, dass diese Angst stark kulturabhängig ist und u. a. in Deutschland, den Niederlanden und den USA auftritt. In der jüdischen Tradition ist 13 eine Glückszahl, ebenso in Japan und in spanischsprachigen Ländern und Griechenland ist die Sorge vor einem Dienstag, dem 13. größer. In etlichen Ländern Asiens gilt wiederum die Zahl Vier als Unglückszahl. 120 2 Unterwegs <?page no="121"?> Verbesserung von Ängsten auf Reisen Übersehen wird oft (u. a. bei Hermann, 2016), dass sich Ängste auf Reisen durchaus auch signifikant verbessern können, da auch hier der rein räum‐ liche Abstand die problematisch gebahnten Verhaltensmuster schwächt und die Möglichkeit für neue Konditionierungen vor einem anderen Kontext schafft. Außerdem sind viele Menschen auf Reisen oft entspannter. Zudem ist Vermeidungsverhalten auf Reisen schwieriger und durch vermehrte Exposition können sich Ängste deutlich abschwächen bzw. seltener und schwächer auftreten oder ganz verschwinden. „Bei mir war das extrem, weil ich beweise mir jeden Tag: Hey ich muss jetzt, ich kann mich nicht verstecken. Ich muss jetzt auf den Bus und ich muss jetzt den Weg dahin finden. Ich muss die Leute in einer Sprache, die ich nicht kenne, fragen, um dahin zu kommen. Diese Expositionen vor allem, die hat mir extrem viel gebracht und bringts heute noch. Weil ich ein Mensch bin, der sich sehr schnell mal zurückzieht und lieber etwas nicht macht, anstatt sich zu stellen, weilʼs eben Angst macht. Die Ängste haben sich klar minimiert. Ja, klar, das Reisen wurde Alltag. Das Selbstbewusstsein kam durch die positiven Erlebnisse auch zurück und hat sich manifestiert. Und das ist das, was ich am meisten mitnehme, und das hat mich auch geformt.“ (C1, Projektleiter Marketing Tourismus, 32, Schweiz) Ängste gehören zu den am besten behandelbaren psychischen Störungen mit einer hohen Heilungsquote, was für Behandlungen spricht. Aber auch insbesondere selbst-initiierte Expositionen auf Reisen können sehr wirksam und langfristig sogar mitunter noch effektiver sein, da sie nicht nur mit selbst bestimmter Konfrontation einher gehen, sondern durch die selbst gewählte Exposition auch die Selbstwirksamkeit signifikant erhöhen, wofür es insbesondere bei Langzeitreisen immer wieder beeindruckende Belege gibt. Eine kürzere Urlaubsreise wird da eher weniger effektiv sein, wobei auch hier die Habitualisierung neuer Gewohnheiten (und das Auflösen alter Muster) deutlich leichter ist, weshalb es vielen Rauchern leichter fällt, sich auf Reisen mit Abstand zu den Routinen und dem Stress des Alltags das Rauchen abzugewöhnen. Auch Menschen mit Bewegungsmangel, fällt es leichter sich auf Reisen deutlich mehr zu bewegen. Reisen hat psychisch eindeutig nicht zu unterschätzende Vorteile, die weniger mit der Stimulation als mehr mit der Distanz zu tun haben. Der Haupteinflussfaktor ist dabei der Abstand vom gewohnten Umfeld und den in diesem Umfeld konditionierten Verhaltensweisen. Mit der Abreise 2.7 Einfluss des Reisens auf die Psyche 121 <?page no="122"?> bietet sich einem die Gelegenheit sich dysfunktionale Verhaltensweisen zu verändern und sich aus einer dysfunktional empfundenen Beziehung zwischen Selbst und Kontext zu lösen (Leed, 1993, 305; Zschocke, 2005, 96). Leed (1993) sieht einen wesentlichen Effekt des Reisens auf die „Psyche“ in seiner „de-repressiven“ und befreienden Wirkung. Dabei ist die Freiheit der Reise eher eine Freiheit des Handelns als des Wollens. „Die Reise kann überkommene Zwänge und Fesseln auflösen und als Heilung von den Krankheiten und Zuweisungen empfunden werden, die mit einem Ort verbunden sind.“ (Leed, 1993, 94) Insbesondere für Menschen, die zu einer starken Selbstbeobachtung neigen, wie zum Beispiel leicht depressive und phobische Menschen birgt Reisen nicht zu unterschätzende Chancen. Einige Probleme lösen sich, in dem sich, wenn man eine Zeitlang auf Reisen geht, die Aufmerksamkeit verlagert vom Selbst auf die vorüberziehende Welt, was vor allem gelingt, wenn man allein auf Reisen ist. Eric J. Leed schätzt das „als reinigenden und therapeutischen Vorgang, der den Geist befreien und wieder für die Dinge der Außenwelt empfänglich machen kann.“ (Leed, 1993, 305) Zwangsstörungen Bei Zwangserkrankungen gibt es keine Studien mit klaren Zusammenhän‐ gen zum Reisen, wohl aber Erfahrungsberichte. Ein Bericht ist von und über Cameron Mofid, der 20 Jahre alt war, als sich dessen Zwangserkrankung während der Corona-Pandemie verschlechterte. Dazu gehörte ein Wasch‐ zwang sowie Zwangsgedanken. „When I was done with the apartment with nowhere to go during Covid, those intrusive thoughts got much worse.“ Er war schockiert, dass mehr Menschen im Weltall waren, als in allen 195 Ländern der Erde und beschloss den Guiness-Rekord für den jüngsten Menschen, der alle Länder der Erde besucht hat, zu brechen, was ihm kurz nach seinem 25. Geburtstag auch gelang. Es gelang ihm nicht nur seine Zwangserkrankung besser in den Griff zu bekommen, sondern auch empathischer zu werden und sich für die Interes‐ sen derjenigen einzusetzen, die nicht das Glück hatten, in einem reichen Land geboren worden zu sein. Das Erleben von großer Gastfreundschaft war ein Faktor, der ihn sehr bewegte. Das Erleben des Makoko Slums in Nigeria führte dazu, dass er eine Funding-Kampagne für die Kinder von Makoko begann, deren Erlöse es ihm ermöglichten, dort zwei Schulen und eine medizinische Mission zu gründen. Mofid beschrieb seine Zwangsstörung als 122 2 Unterwegs <?page no="123"?> besser als je zuvor, seit er mit seinen Reisen begonnen hat, die er als eine Art Exposure-Therapie oder Densensibilisierung betrachtet, für Trigger wie Dreck und Schmutz und unbekannte soziale Situationen. „Through staying in places that were filled with worms or spiders or had no running water, I found the tools to manage it and reassure myself that I was OK.“ (Mofid im Interview mit Ammar Kalia, Guardian, 24.8. 2025) Kulturschock Auf der anderen Seite kann es mitunter in der Auseinandersetzung mit dem Fremden, insbesondere beim Kontakt mit sehr fremden Kulturen auch in seltenen Fällen zu akkulturativem Stress, bis hin zum Kulturschock kommen. Das Phänomen des Kulturschocks beschreibt eine „plötzliche, unangenehme Konfrontation mit bislang unbekannten oder unerwarteten Merkmalen fremder Kulturen.“ (Hahn, Kagelmann, 1993, 171) Häufiger und stärker als bei Reisenden tritt Kulturschock beim Leben in anderen Kulturen, z. B. bei Austauschstudenten oder ins Ausland entsandten Fachkräften auf. Aber auch Reisende können bei großen kulturellen Unterschieden davon betroffen sein. Der Begriff stammt vom Kalervo Oberg (1960), der damit den „Schock des Neuen“ beschreibt. Beim Kulturschock kommt es zu einer Konfrontation mit ungewohnten Werten, Normen und Alltagsregeln, die mit den eigenen kulturellen Prägungen kollidieren und zu Verunsicherung, Stress, Kontrollverlust, Ablehnung und dem Gefühl „sich fehl am Platz zu fühlen“ führen können. Sich an anderes Essen und andere Tagesabläufe anzupassen fällt vielen noch verhältnismäßig leicht, schwieriger wird es bei grundlegend anderen Werten, Kommunikationsmustern (z. B. Mimik, Gestik, Sprechlautstärke, Abstandsverhalten) und Lebensbedingungen. Das führt zu Verunsicherung durch Stress durch kulturelle Inkongruenz und fehlendes Verständnis, da die gewohnten Interpretationsmuster nicht mehr greifen. Symptome für einen Kulturschock können sich auf kognitiver Ebene in Form von Informationsmangel und Orientierungsverlust äußern. Dazu können Konzentrationsschwierigkeiten und Entscheidungsunfähigkeit auf‐ grund der Überfülle inkongruenter Reize führen. Auf sozialer Ebene kön‐ nen sie sich in Isolation und Rückzug zeigen, aber auch in Misstrauen und Unsicherheit. Affektiv/ emotional können sich Ohnmachtsgefühle, Angst und das Gefühl von Verlassenheit zeigen. Aber auch unverhältnismäßige Gereiztheit, Anspannung, bis hin zu Aggressionen und Handlungsunfähig‐ 2.7 Einfluss des Reisens auf die Psyche 123 <?page no="124"?> keit können auftreten. Als physische Symptome können anhaltende Müdigkeit und ein ungewöhnlich hohes Schlafbedürfnis, Stresssymptome (wie Kopf- oder Magenschmerzen) und Appetitveränderungen auftreten, wobei nicht jede Person mit Kulturschock alle diese Symptome erlebt und auch die Intensität der einzelnen Symptome variieren kann. Als erste Reaktion neigen viele Menschen dazu, die ungewohnte Kultur innerlich abzulehnen, häufig bei gleichzeitiger Idealisierung der Heimatkul‐ tur. Diese kurzfristige Abwehrreaktion kann zwar erst einmal das Ego und die Identität stabilisieren, verhindert aber gleichzeitig eine echte Auseinan‐ dersetzung mit der Kultur. Oberg hat für den Ablauf auch die bekannte U-Kurve (Euphorie - Krise/ Kulturschock - Erholungs/ Anpassungspahse - Akzeptanz) beschrieben. Da es aber inzwischen wesentlich mehr und deut‐ lich verschiedene andere Modelle gibt und auch der Kulturschock selten ein plötzlich eintretender schockartiger Zustand, sondern vielmehr ein Prozess mit Höhen und Tiefen ist, der auch von der individuellen Persönlichkeit, dem Stresslevel vor der Abfahrt und den Coping-Möglichkeiten abhängt, wird in der aktuellen Forschung eher und meines Erachtens passender von akkulturativem Stress gesprochen. Der interkulturelle Psychologe John Berry plädiert dafür, eher von Stress und dessen Bewältigung zu sprechen mit wechselnden Phasen erhöhter Belastung und erfolgreicher Anpassung. Er entwirft ein Stress-Coping-Modell, was den Vorteil hat sowohl negative wie auch positive Anpassungsprozesse einzuschließen, die die Möglichkeit enthalten, dass nach Stress auch Wachstum und Kompetenzzuwachs erfol‐ gen können (Berry, 2015, 316-ff.). Der Kulturschock ist i. d. R. ein vorübergehendes und damit temporäres Phänomen und wird, je nach individueller Anpassungsfähigkeit, interkul‐ tureller Erfahrung nach einiger Zeit überwunden. Wobei Personen mit einer hohen Offenheit für Erfahrungen, hoher Unsicherheits- und Ambiguitäts‐ toleranz, hoher Stressresistenz und/ oder hohen Coping-Ressourcen und generell hoher Toleranz, seltener betroffen sind bzw. Kulturschocks auch schneller überwinden. Oft führt das nach und nach an eine Anpassung an die Kultur und wachsendem Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten im Umgang damit, also im besten Sinne wachsender interkultureller Kompetenz. Trotz allem kann die Konsequenz auch ein Anerkennen der eigenen Grenzen und eine Relativierung der eigenen Maßstäbe, bzw. ein Wissen um die eigenen Begrenzungen sein. Dazu gehört auch das Feststellen bzw. Erweitern der eigenen Grenzen in Bezug auf die Orte der Welt an denen man leben kann oder auch nicht. Einige der Interviewten haben auch festgestellt, dass ihnen 124 2 Unterwegs <?page no="125"?> nicht alles möglich ist, dass sie z. B. nicht überall leben können (Zschocke, 2005, 2006). „Indien zum Beispiel hat mich sehr beeindruckt. Indien war das einzige Land, wo ich wirklich am Anfang, als ich dort war, einem Kulturschock nahe war. Wir sind in Kalkutta angekommen, da hätte ich mich, wenn keine anderen Leute dabei gewesen wären, drei Tage nicht aus dem Zimmer bewegen können, weil ich so irritiert war. Das hat vom ersten Eindruck her auf mich am stärksten gewirkt. Ich hätte damit nicht gerechnet, weil ich ja vorher schon im Ausland war und verschiedenes gesehen hatte. Aber - Kalkutta - da landeten wir in der Touristenstraße. Man hatte uns gesagt, dort stehen eine Menge Hotels. Und da hatte ich mir eine Touristenstraße vorgestellt mit einer Menge Hotels und dann war das im Elendsviertel von Kalkutta. Das war ein bisschen heftig. Ich bin auch im Winter losgeflogen und dort warʼs warm, tropisch, es war total anders, es waren viele Leute, es war wirklich runtergekommen, dieses Gebiet dort. Und wir stiegen aus dem Taxi aus, und sofort kamen die Bettler - es war also wirklich heftig. Indien ist einfach intensiv, von den Gerüchen, von den Geräuschen, von den Farben, also das ist sehr sinnlich. Und das wirkt ganz sehr unmittelbar, wenn man mitten rein geht. Kalkutta schreiben die immer, man sollte da nicht anfangen mit seiner Indienreise. Das ist unmittelbar sehr anders.“ (R7, Doktorandin, 28) Als beeindruckend und im Endeffekt gelungen wurden auch Reisen in bzw. von der Heimatkultur extrem verschiedene Länder und Kulturen, besonders wenn der Kulturschock erst groß war und die Reisenden sich dann aber trotzdem adaptierten, das heißt in jenen Fällen, in denen die Überreizung und Fremdheit nicht mit Rückzug, sondern Darauf-Eingehen beantwortet und die Herausforderung des Landes und der Fremde sukzes‐ sive angenommen werden konnten. Das führte sehr oft zu einem steigenden Selbstbewusstsein und einer stark gewachsenen Selbstwirksamkeitserwar‐ tung (Zschocke, 2005, 2006). Einige Personen erleiden nie einen Kulturschock. Für diejenigen, die Symptome davon haben, gibt es einige sinnvolle Coping-Strategien im Umgang mit akkulturativem Stress. Coping-Strategien zur Bewältigung: ● Eine gute Vorbereitung (z. B. Informationen über die Kultur, Grund‐ kenntnisse in der Landessprache) ● Geduld und schrittweise Eingewöhnung: Das heißt etappenweise vor‐ gehen, in den ersten Tagen bekannte Anker nutzen (z. B. in einem 2.7 Einfluss des Reisens auf die Psyche 125 <?page no="126"?> internationalen Restaurant essen, angenehme Cafés immer wieder be‐ suchen als eine Art Basislager, Routinen, durchaus auch mal einen Abend lesend im Hotelzimmer verbringen, um die Eindrücke langsam zu verarbeiten). ● Physische und psychische Selbstfürsorge: vor allem ausreichend Schlaf, ausgewogene Ernährung und einen guten Rhythmus zwischen Anspan‐ nung und Entspannung mit ausreichend Pausen. ● Soziale Kontakte zu Einheimischen und/ oder anderen internationalen Reisenden pflegen. Akkulturativer Stress muss nicht auftreten und wenn er auftritt, ist er überwindbar und führt meist, wenn er überwunden werden kann, nicht nur zu erhöhter interkultureller Kompetenz, sondern auch zu Resilienz und erhöhter Selbstwirksamkeit. Reisen - Stress für die Psyche? Es gibt auch Autoren, die Reisen vorrangig als Gefahr für die Psyche sehen, so Jens Clausen in seinem in der Edition Narrenschiff erschienenen Buch: „Das Selbst und die Fremde. Über psychische Grenzerfahrungen auf Reisen.“ Allerdings ist das Buch eher anekdotisch, als wissenschaftlich fundiert und basiert überwiegend auf relativ willkürlich (und sehr oft aus dem Zusammenhang gerissenen) Zitaten von (hauptsächlich) Schriftstellern, die oft eher fragwürdig bestimmten Themen und psychischen Krankheits‐ bildern zugeordnet werden und dabei nur selten diagnostisch stimmig sind. Eine fundierte Auseinandersetzung sowohl mit den Biographien der Schriftsteller als auch gängigen psychiatrischen Diagnosemanualen wäre hier wünschenswert gewesen. Etliche, der in diesem Buch gemachten Behauptungen sind nicht haltbar, auch wenn natürlich in einigen Fällen tatsächlich die Fremde zu erhöhter Vulnerabilität führen kann, wobei etliche der diesem Buch beschriebenen Probleme offensichtlich vor den Reisen bereits da waren. Beim Lesen wird man den Eindruck nicht los, dass hier versucht wird, etwas zu beweisen, was faktisch aber leider nur selten stichhaltig ist. Ein paar Beispiele: „In Kenntnis ihrer phobischen Ängste hat Ingeborg Bachmann lange auf die Konfrontation mit der Fremde verzichtet, bevor sie eine Einladung zu einer Reise nach Ägypten annahm.“ (Clausen, 2007, 171) Die beschriebene Reise trat sie 1964 an, zu diesem Zeitpunkt hatte sie jedoch bereits lange in Italien gelebt (wo sie 1953 hingezogen war 126 2 Unterwegs <?page no="127"?> und erst in Ischia und Nepal und später - mit Unterbrechungen - in Rom lebte) und sie war in diesen Jahren auch immer wieder längere Zeit bei Max Frisch in Zürich, und mit ihm gemeinsam in Rom, zwischendurch lebte sie länger in Berlin. Was man von ihrem Heimatland Österreich gesehen, durchaus als Fremde bezeichnen kann, zumal sie ab 1953 deutlich länger im Ausland als in Österreich gelebt hat. Vielmehr war ihre Reise nach Ägypten (und in den Sudan) eher von ihrer Trennung von Max Frisch und ihrer Tabletten- und Alkoholabhängigkeit geprägt, deren Ursache nicht in der Reise zu finden ist. Ganz im Gegenteil hatte sie früher über ihre Zeit in Rom eher gegenteilige Äußerungen getätigt. So sagte sie gegen Ende ihres Lebens in einem Interview: „Es sind nicht die Schönheiten, nicht die Orangenbäume und nicht die herrliche Architektur, sondern die Art zu leben. Ich habe hier leben gelernt.“ (Haller, 2004) Ebenso wird auch Goethe eine Angst vor Reisen ins Unbekannte attestiert, die kaum belegt wird und für die es in Goethes vielfältigen Lebensberichten und Texten mehr als genug Gegenbeweise gibt, die bestätigen, dass Goethes Seele auf Reisen keinen schweren Schaden nahm und er im Gegenteil mehrfach von der ihn belebenden Wirkung seiner Reisen gesprochen hat. Ihm werden Maßnahmen unterstellt, um in der Fremde nicht verrückt zu werden, die aber alle auch anders interpretiert werden können (was vor dem Hintergrund von Goethes eigenen Aussagen dazu auch eher sinnvoll erscheint). So wird im Buch von Clausen behauptet: „Auffallend ist, aber auch, dass er (Goethe, d. Aut.) sich der Gefahren der Fremde durchaus bewusst war und sich zum Schutz gewisser Maßnahmen bediente, um nicht ‚entrückt oder wohl gar verrückt‘ zu werden. Zu diesen gehörten fluchtartige Entfernungen von unheimlichen Orten, die Benutzung des ‚Inkognito‘, um im Mantel des Selbstschutzes die Fremde zu erkunden und das unbedingte Festhalten am Gegenständlichen, wenn ihm die Fremde zu diffus erschien.“ (Clausen, 2007, 114-f.) Dass diese Maßnahmen aus diesem Grunde getroffen wurden, kann man getrost bezweifeln. Goethe hat sich schon zu Hause in Weimar herzlich wenig um Konventionen geschert, weshalb sollte er es dann in der Fremde tun? Innere und äußere Freiheit war für ihn in Maßen immer wichtig. Das Inkog‐ nito gab ihm größere Freiheitsgrade, die er durchaus schätzte und während der längsten und wichtigsten Reise seines Lebens, der fluchtartigen Reise nach Italien, gab es ihm die Sicherheit, nicht vom Hofstaat aufgespürt zu werden und seine Reise zumindest eine Zeitlang durchzuführen wie geplant. Der Schutz vor Entdeckung war ihm dabei in den ersten Monaten besonders 2.7 Einfluss des Reisens auf die Psyche 127 <?page no="128"?> wichtig, um nicht gezwungen zu werden, seine Reise abzubrechen. Er ist nicht umsonst bei Nacht und Nebel von Karlsbad aufgebrochen. Das ist im brillanten Buch von Golo Maurer (Heimreisen) wunderbar beschrieben. Er ist 2.500 Kilometer gereist, und das per Schiff, Pferd und Wagen, um wieder bei sich selbst anzukommen und sich als Mensch und Künstler wiederzufinden. Zu diesem Zeitpunkt ist er 37 Jahre und lässt an der Bedeutung dieser Reise für ihn keinen Zweifel. Auch die häufigen fluchtartigen Aufbrüche haben in seiner Lebensgeschichte weniger mit unheimlichen Orten zu tun als mit einer Flucht vor der Stagnation und als lähmend empfundenen Situation, z. B. vom Hof- und Hofbeamtendasein in Weimar.. Goethe war kein furchtsamer Mensch, er hatte vitale Impulse, die ihn auch immer wieder vor Stagnation und Verlust seiner Vitalität und Kreativität bewahrt haben. Ansonsten hatte er immer und zu allen Zeiten Spaß an unkonventioneller Kleidung, und dass er sich in Verona in Bürgertracht einkleiden ließ, hat ihm nach eigener Aussage einen Heidenspaß gemacht, was wenig danach klingt, das Inkognito als Schutz vor dem Verrücktwerden gebraucht zu haben. „Heute bin ich ganz unbemerkt durch die Stadt … gegangen. Ich sah mir ab, wie sich ein gewisser Mittelstand hier gibt und liess mich völlig so kleiden. Ich hab einen unsäglichen Spaß daran. Nun mach ich ihnen auch ihre Manieren nach.“ (Zapperi, 1999, 42) Es ist also eher wahrscheinlich, dass er sich in hohem Maße an seinen Reise- und Lebensort für die nächsten beiden Jahre adaptierte und große Freude daran hatte. Um Maurer zu zitieren: „In Rom fühlte er sich zu Hause. Hier gehörte er eigentlich hin. Agrigent markiert also das Innehalten am Scheitel- und Wendepunkt eines Unternehmens, das nicht nur im Rückblick das Wich‐ tigste seines Lebens war.“ (Maurer, 2021, 17) Gerade die italienische Reise ist ihrem Charakter nach eine transformative Reise, die Maurer in seinem Buch treffend unter „Heimreisen“ fasst, also eine Reise zu sich selbst (mehr dazu im →-Kap. 3.3.4). Goethe war nicht umsonst ausgesprochen häufig unterwegs: 43 größere und 140 kleinere Reisen sind dokumentiert. Die Addition der Reisetage ergibt, dass er dabei mindestens 14 Jahre seines Lebens auf Reisen bzw. im Ausland war. Die meisten Reisen unternahm er dabei von 1775 bis 1797 und befand sich damit in guter Gesellschaft, handelte es sich nicht nur um eine Zeit, in der die Grand Tour für junge Adlige und etliche junge Bürgerliche en vogue war, sondern auch um eine Zeit, in der die Reiseliteratur zunehmend den literarischen Markt eroberte (Hentschel, 1999, 71). 128 2 Unterwegs <?page no="129"?> An anderer Stelle bei Clausen wird ebenfalls im Kapitel „Ängste und Phobien in weiteren Reisetexten“ eine Passage als Angstschub beschrieben, die ganz klar als psychotisch einzuordnen ist. Es geht darum, dass Gegen‐ stände in ihrem Zimmer anfangen die junge Frau zu „schikanieren“. „Ich litt entsetzlich darunter. Dabei taten sie gar nichts Besonderes, sie griffen mich nicht direkt an, sie redeten nicht. Was mich sagen ließ, dass sie mich ‚schikanierten‘, war ihre Gegenwart. Ich sah die Dinge so ausgeschnitten, so voneinander losgelöst, so glatt, ähnlich wie Mineralien, so erleuchtet und angespannt …“ (Clausen, 2007, 174) Da der Originaltext „Tagebuch einer Schizophrenie“ (Sechehaye, 1972) heißt, ist kaum verständlich, warum das Geschehen unter Angst gefasst wird, auch wenn der Begriff im Text vorkommt. Da Angst bei Psychosen aber häufig vorkommt, insbesondere sich beobachtet, schikaniert oder verfolgt zu fühlen relativ typisch für paranoide Schizophrenien ist, hat das mit einer Angst oder Phobie im klassischen Sinne wenig zu tun. Reisen wird als kritisches Lebensereignis per se gefasst, was dann aber beschrieben wird, ist u. a. eine durch eine Meditation in Thailand ausgelöste Psychose, wo sehr fraglich ist, was der auslösende Faktor war: die Reise, eine vertiefte Meditation, die ihr wie eine Erleuchtung vorkam und auf deren Basis sich Wahnideen entwickelten. Bei dem beschriebenen Beispiel scheinen zumindest mehrere Faktoren beteiligt und wie die Situation vorher war, ist auch nicht klar. Im Buch von Clausen wird von der grundsätzlich richtigen Überlegung ausgegangen, dass die Fremde vulnerabel machen und bei bestimmten Vorerkrankungen ein Risiko darstellen kann, was bei einigen ausgewählten Krankheitsbildern und Störungen unumstritten ist. Die gewählten Beispiele und diagnostischen Einordnungen sind aber oft fragwürdig bis schlichtweg unzutreffend und die positiven Aspekte des Reisens auf die Psyche werden dabei fast vollständig weggelassen bzw. bei den gewählten Beispielen auch vielfach vorsätzlich ausgeblendet, obwohl man dafür deutlich mehr Bei‐ spiele finden kann, und das oft genau von eben den ausgewählten Autoren. 2.8 Urlaubsreisen und Erholung Beim Sprechen über Wohlbefinden und psychische und kognitive Faktoren von Urlaub und Reisen, sollte auch ein besonderer Blick auf Erholung und Wohlbefinden gerichtet werden. Entspannung ist für viele ein Teil der Reisemotivation, die in vielen anderen Untersuchungen als wesentliche 2.8 Urlaubsreisen und Erholung 129 <?page no="130"?> Komponente auftaucht (Crompton, 1979; Braun 1993; Datzer, 1981), aller‐ dings nicht für alle zentral ist. 2.8.1 Beanspruchung, Erschöpfung und Erholung Die Erholungsforschung interessiert sich dafür, was Menschen tun, um sich zu erholen und wobei bzw. wodurch sie sich am besten erholen, und unterscheidet sich von der Burnout-Forschung, die die Genese und Behandlung eines klinischen Syndroms untersucht. Erholung ist ein Thema, dass erst in den letzten 10-15 Jahren verstärkt erforscht wurde und spiegelt damit auch eine gesellschaftliche Entwicklung wider, die die Notwendigkeit von Freizeit und Erholung zunehmend als wichtige Basis für ein gesundes und leistungsfähiges Leben sieht. Was ist nun eigentlich Erholung? Per definitionem ist es die Wiederher‐ stellung des Zustandes, der vor Eintritt einer Beanspruchung gegeben war. Das an sich ist noch relativ vage und hängt stark davon ab, welcher Art die Beanspruchung war, weshalb auch die Art und Effekte der Erholung davon nicht unabhängig sind. Der Erholungsprozess hat eine physiologische und psychologische Ebene auf, die im Folgenden noch weiter eingegangen wird. Erholung steht für einen Zustand ausgewogener Aktivierung bei niedriger Anspannung und hoher Autonomie über die eigene Zeit und die eigenen Aktivitäten (Fritz et al., 2010; Sonnentag und Fritz, 2007; Zschocke, 2005; Etzion, et al., 1998). Psychologisch ist es vor allem der Abstand von den Arbeitsanforderungen, der dazu beiträgt sich mental davon zu distanzieren und wieder auf andere Aspekte des Lebens zu fokussieren. Dass die Konsequenzen von dauerhaftem Erholungsmangel gravie‐ rend sein können, darüber ist sich die Forschung weitestgehend einig. Interessante Untersuchungen dazu finden sich bei Gerhard Blasche, vormals Strauss-Blasche. Wenn jemand die Erholung missachtet, weil er beispiels‐ weise Arbeit nicht liegen lassen kann, wird er 1½-mal so erschöpft sein, wie jemand, der rechtzeitig Pause macht oder Erholungsaktivitäten unter‐ nimmt (Strauss-Blasche, Marktl, 2005). Wer über längere Zeit erschöpft ist (immerhin 22-% der europäischen Bevölkerung) werde länger und häufiger krank sein (im Durchschnitt 24 statt 8 Tage), schlechter schlafen und möglicherweise auch einen Herzinfarkt erleiden (van Amelsvoort, Kant, Bultmann & Swaen, 2003). Die Anzahl derjenigen die unter Zeitdruck leiden hat sich seit 1991 deutlich erhöht (sie hat sich innerhalb von 10 Jahren fast verdoppelt). Daneben erhöhte sich das Lebenstempo in vielen - aber nicht 130 2 Unterwegs <?page no="131"?> allen - Gebieten der Welt signifikant. So erhöhte sich von 1991 bis 2000 die durchschnittliche Geschwindigkeit von Passanten in 36 Städten der Welt um 10 % (Wiseman, 2007) mit der höchsten Zuwachsrate (30 %) in Singapur. Nach Garhammer (2002) haben die meisten Personen trotz einer reduzierten Arbeitszeit deutlich weniger Zeit (u. a. zum Schlafen) und versuchen mehr in der vorhandenen Zeit unterzubringen (Garhammer, 2002). Viele Arbeitnehmer erholen sich nicht ausreichend während kürzerer Arbeitsunterbrechungen, wie am Feierabend, an Wochenenden oder im Rahmen von Kurzurlauben, bedingt vor allem durch die fließenden Grenzen zwischen Arbeit und Erholung und Wohn- und Arbeitsort, sowie lange bzw. entgrenzte Arbeitszeiten und ein damit verbundenes erhöhtes physiologi‐ sches Arousal (z. B. van Hooff et al. 2007; Akerstedt, 2006; Fritz und Sonnentag 2005). Wenn der Erholungsprozess nicht richtig abgeschlossen wird, dann wird die Arbeit nur noch mit vermehrter Anstrengung erbracht, was auf Dauer gravierende Folgen hat. Die anfallende Arbeit wird dann nur noch mit kompensatorischer Anstrengung geleistet (Mejman & Mulders, 1998), wodurch es zu einer Abwärtsspirale kommen kann. Chronische Erschöp‐ fung, mehr Krankheitstage, häufige Schlafunterbrechungen, somatische Beschwerden und ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre (und psychische Krankheiten) sind bekannte Stressfaktoren, die in leistungsorientierten Kulturen häufig auftreten. Das Level der Erschöpfung lässt sich anhand der gerade genannten Parameter erfassen, u. a. auch mit dem Multidimensional Fatigue Inventory (Braehler, Gunzelmann, Hinz & Schwarz, 2001), der in fünf Teilbereiche untergliedert ist: Erschöpfung, allgemeine Müdigkeit, reduzierte Aktivität, reduzierte Motivation. Alles zusammengefasst ergibt einen Gesamtscore, der etwas über die entsprechende - mehr oder weniger hohe - Notwendigkeit der Erholung aussagt. Erholung geschieht nicht automatisch. Wichtig sind dafür angemessene Erholungsaktivitäten, wohlgemerkt angemessene. Weder gilt „viel hilft viel“, noch bedeutet länger unterwegs zu sein, dass es per se besser ist. Was ist nun der Schlüssel für erfolgreiche Erholung? Ein genügend langer Zeitraum ohne Arbeit ist oft nötig, um sich ausreichend zu erholen (Dahlgren et al., 2005). Dafür reichen aber 8-14 Tage. Auch genügend räumlicher Abstand zählt zu den Basisbedingungen für eine effektive Erholung. Die Details dazu sehen wir uns im Folgenden an. Verschiedene Studien zeigen klar den regenerierenden Effekt von Urlaub und Urlaubsreisen, so sind sie u. a. assoziiert mit höherer Lebenszufriedenheit (z. B. Lounsbury & Hoopes, 1986), 2.8 Urlaubsreisen und Erholung 131 <?page no="132"?> besserer Stimmung (Nawijn, et al., 2010; Strauss-Blasche et al., 2000) und geringeren Gesundheitsbeschwerden (Fritz & Sonnentag, 2006). Diese posi‐ tiven Konsequenzen von Urlaubsreisen resultieren aus positiven Emotionen, positiven Erlebnissen und, last but not least, besserem Schlaf. Schlaf erfüllt eine ausgesprochen wichtige Regenerationsfunktion (Akerstedt et al., 2009). Dass sich die Schlafqualität und -quantität durch Urlaubsreisen signifikant verbessert, gilt nach De Bloom et al. (2012) als erwiesen. Umgekehrt zeigen andere Studien einen klaren Zusammenhang von nicht unternommenen jährlichen Urlaubsreisen mit Krankheit bis hin zu frühem Tod (Gump & Matthews, 2000). Wissen | Smartphonenutzung Die Smartphone-Nutzung bei Urlaubsreisen kann die Stressverarbei‐ tung negativ beeinflussen. Der Hirnforscher Martin Korte beschäftigt sich mit der Informationsverarbeitung und rät, das Smartphone im Urlaub bewusst immer wieder zur Seite zu legen. Er betont, dass die Smartphonenutzung den Erholungseffekt des Urlaubs weitestgehend zunichte machen kann. Wobei sich insbesondere die Nutzung sozialer Medien als besonders nachteilig erwiesen hat. Zudem werde bei intensi‐ ver Smartphonenutzung weniger von der Reise erinnert. Reisen erhalte das Gehirn jung, sagt Hirnforscher Martin Korte. Außerdem sei auch leichter auf Reisen mit stressigen oder negativen Gewohnheiten zu brechen. So fällt es vielen Menschen leichter, sich das Rauchen auf Reisen abzugewöhnen als im Alltag oder sich deutlich mehr zu bewegen. 2.8.2 Basisfaktoren für Erholung auf Reisen Was zeichnet erholsame Urlaubsreisen aus? Wie erzielt man den größt‐ möglichen Erholungseffekt? Grundlegend sind dafür verschiedene primäre Faktoren relevant. 1. Genug Zeit für die Befriedigung eigener Bedürfnisse und sich derer auch bewusst sein. 2. Die Wahl der richtigen Erholungsaktivitäten in Abhängigkeit ○ vom Persönlichkeitstyp, ○ der Art der Beanspruchung im Alltag und ○ dem Kontrast zum Alltag. 132 2 Unterwegs <?page no="133"?> Generell gibt es einige Aktivitäten die erholungsrelevanter sind als andere. ● Alle Verhaltensweisen unterliegen einer Sättigung. Deshalb ist zur Erholung oft ein bestimmter Kontrast zum Alltag wichtig. ● Die Wahl eines geeigneten Kontextes ist für die Erholung relevant. ● Auch der Faktor Zeit spielt beim Reisen eine entscheidende Rolle: ○ Höhere Zeitautonomie ist ein entscheidender Faktor für Erholung. ○ Die Frequenz von Reisen ist entscheidender als ihre Dauer. Im weiteren Kapitel soll auf diese Variablen des Erholungsverhaltens etwas näher eingegangen werden. 2.8.2.1 Befriedigung eigener Bedürfnisse Als Basiskomponente für Erholung ist es wichtig die grundlegendsten eigenen Bedürfnisse zu erfüllen, insbesondere die, die im Alltag zu kurz kommen. Dafür ist es aber zunächst wichtig, sich der eigenen Bedürfnisse bewusst zu sein, was einigen schon schwerfällt. Achtsamkeit, insbesondere in Bezug auf die eigenen Bedürfnisse und die eventueller Mitreisender und erholungsbezogene Selbstwirksamkeit sind wichtige Variablen, die Einfluss auf die Erfüllung der eigenen Bedürfnisse und damit Einfluss auf die Erholung haben. Zudem müssen sowohl die Reiseart als auch soziale Konstellation (Mitreisenden) und Reiseziel diese Erfüllung auch zulassen. Erholung und Erholungsaktivitäten in Abhängigkeit von der Beanspruchung im Alltag Es gibt verschiedene Forschungen zur Wirkung unterschiedlicher Erho‐ lungsaktivitäten auf das Wohlbefinden (z.-B. von Sabine Sonnentag, 2001). ● Generell scheint es einige Aktivitäten zu geben, die erholungsrelevanter sind als andere. So wiesen De Bloom et al. (2012) nach, dass soziale und passive Aktivitäten deutlich stärker mit Gesundheit und Wohl‐ befinden während und nach der Reise korrelieren als bspw. physische Aktivitäten. Dabei spielt auch die Kontrolle darüber, wie der Urlaub verbracht wird, eine große Rolle dafür (De Bloom et al., 2012). Andere Untersuchungen zeigen im Widerspruch zu De Bloom, dass Bewegung in der Natur am ehesten zur Erholung beiträgt (z.-B. Kaplan, 1995) 2.8 Urlaubsreisen und Erholung 133 <?page no="134"?> ● Grundsätzlich unterliegen alle Verhaltensweisen (auch die angenehms‐ ten) mit der Zeit einer Sättigung. Für einseitige Aktivitäten mit hohem Stressniveau ist die Sättigung allerdings bereits früher erreicht. Deshalb ist oft ein Kontrast zum Alltag gut. Am besten geht es den meisten bei grundsätzlich attraktiven, aber schon lange nicht mehr durchgeführten Verhaltensweisen (z. B. ins Café gehen Zeitung lesen, Musik hören, Gedichte lesen, Sprachen lernen, in Clubs, ins Theater, Museum oder in die Sauna gehen, Yoga machen, Radfahren etc.). Es gibt auch gute Studien zur generellen Wirkung von Erholungsaktivi‐ täten. Diese zeigen u. a., dass bereits moderate Bewegung den meisten passiven Erholungsaktivitäten überlegen ist. Körperliche Aktivitäten & So‐ zialkontakte erweisen sich dem Fernsehen und bloßen Ausruhen gegenüber als überlegen (Rook & Zijlstra, 2006; Sonnentag, 2001; Sonnentag & Zijlstra, 2006). Ein zehnminütiger Spaziergang führt nachweislich zu mehr Energie als ein Schokoriegel und das bis zu zwei Stunden lang (Thayer, 1987). Was ist zu tun, um einen Urlaub erholsam zu machen? Allgemein lässt sich zudem sagen, dass ein Urlaub mit hoher Urlaubszufriedenheit auch erholsa‐ mer ist (Strauss-Blasche, Ekmekcioglu & MarktL 2000; Westman & Eden, 1997). Zufriedenheit mit dem Urlaub ist dabei eng verbunden mit „Freizeit“, d. h. frei verfügbare Zeit für sich und die eigenen Bedürfnisse. Ein Urlaub ist somit dann am erholsamsten, wenn der Urlauber oder die Urlauberin viel Zeit für sich und verhältnismäßig wenige Verpflichtungen hat (Strauss-Blasche, Reithofer, Schobersberger, Ekmekcioglu & Marktl, 2005). Allerdings heißt das nicht, dass diese Zeit in einer bestimmten Weise verbracht werden muss, wenngleich ein warmes, aber nicht zu heißes Klima, körperliche Bewegung, erfüllende, bestätigende Tätigkeiten und neue Begegnungen die Erholung etwas mehr fördern und negative Gedanken an die Arbeit einer Erholung abträglich sind (Fritz & Sonnentag, 2006; Strauss-Blasche, Reithofer, Schobersberger, Ekmekcioglu & Marktl, 2005). Dabei ist Erholung nicht gleich Erholung: Unterschiedliche Formen der Belastung im Alltag und unterschiedliche Persönlichkeitstypen bedin‐ gen unterschiedliche ideale Erholungsaktivitäten. Generell hängt die Wirkung der Erholungsaktivitäten von der Persönlich‐ keit, den individuellen Präferenzen und der Art der Belastung im Alltag ab. Nicht jeder erholt sich bei denselben Dingen. Wichtig sind positive Emotionen bei den Aktivitäten, diese verhelfen zu einer rascheren Erholung, 134 2 Unterwegs <?page no="135"?> da sie die Gegenwartsorientierung erhöhen und zu erhöhter Dopamin- und Endorphinausschüttung führen (Fredrickson, 2005). In erster Linie sollten die Erholungsaktivitäten und -kontexte den individuellen Bedürfnissen Rechnung tragen. Dazu kommen noch psychologische Bedingungen wie z.-B. abschalten zu können. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Wahl der richtigen Erholungs‐ aktivitäten in Abhängigkeit von der jeweiligen Belastung im Alltag. Grundsätzlich kann man vor allem in kognitive, körperliche und emotionale Belastungen unterteilen. Hennig Allmer (1996) unterschiedet u. a. zwischen kognitiver und emotio‐ naler Belastung. Kognitive Belastung umfasse vor allem die menschliche Informationsverarbeitungsfähigkeit, die bei hoher Informationsdichte und -komplexität greift, was zu Überforderung und Ermüdung führen kann. Emotionale Belastung resultiere eher aus dem Nichterfüllen von grund‐ legenden Bedürfnissen, wie denen nach Sicherheit und Anerkennung. Diese führe zu Angst, Ärger und anderen negativen Emotionen. Zu wenige Reize und/ oder eine unausgeglichene Tätigkeitsgestaltung können hingegen zu Unterforderung führen, die zu Sättigung und Unlust führen und ebenso belastend sein kann wie Überforderung. Aufgrund dieser Unterscheidung schlussfolgert Allmer völlig richtig, dass je nach Belastung unterschiedliche Erholungsaktivitäten nötig sind (Allmer, 1996). Ähnliche Erkenntnisse finden sich auch bei anderen Autoren. Wenn man diese Erkenntnisse zusammenführt, kommt man zu den folgenden Erholungsaktivitäten je nach vorangegangener Belastung. Sitzende, geistige Tätigkeit erfordert viel Aufmerksamkeit, weil andere konkurrierende Reize unterdrückt werden müssen. Untersuchungen zeigen, dass in diesen Fällen Bewegung in der Natur am ehesten zur Erholung beiträgt (Stephen Kaplan, 1995). Nach Kaplan müsse der moderne Mensch zu oft seine Aufmerksamkeit auf das Wichtige richten und sich dabei nicht vom Interessanten ablenken lassen, das sei sehr ermüdend. Diese Attention Restoration Theory von Kaplan ist einer der Gründe für die mentale Erschöpfung nach geistigen Tätigkeiten. Nach Kaplan würden natürliche Orte wieder die Möglichkeit eröffnen, der Aufmerksamkeit freien Lauf zu lassen und damit erholsam wirken. Das ist umso wichtiger, als die Zahl der konkurrierenden Reize im digitalen Zeitalter stetig zunimmt. Zudem ist Bewegung grundsätzlich nach langer sitzender Tätigkeit erholsam, was beim Aufenthalt in der Natur noch maximiert wird. 2.8 Urlaubsreisen und Erholung 135 <?page no="136"?> Menschen mit Jobs mit hoher kognitiver Belastung und hoher Infor‐ mationsdichte brauchen nicht unbedingt noch mehr Anregung und Reize. Da ist erst einmal eine Woche am Meer oder in den Bergen, zum Beispiel mit Wandern von Hütte zu Hütte, am sinnvollsten, zumindest jedoch für den Beginn des Urlaubs. Umgekehrt benötigt jemand, der unter viel Monotonie und repetitiven Handlungen im Alltag leidet, deutlich mehr Anregung. Dafür empfehlen sich Reisen mit vielfältigen Reizen und Anregungen, bspw. Städte- und Rundreisen. Körperliche Anstrengungen erfordern in erster Linie Ausruhen und gutes Essen. Hier ist der Mechanismus vor allem physiologisch und relativ klar. Die Erholung umfasst hier vor allem den Abbau der Sauerstoffschuld, den Abbau von Laktat, das Auffüllen der Glykogenspeicher und die Rehyd‐ rierung des Organismus. Dabei gilt: Je höher die körperliche Arbeitsbelas‐ tung (und das entsprechende Training), desto höher die Sauerstoffschuld, was sich u. a. an einem verzögerten Rückgang der Herzfrequenz messen lässt. Wer im Berufs- und Privatleben viel Sozialkontakt hat, für den ist Al‐ leinsein auch durchaus erholsam und eine Rückbesinnung auf die eigenen Bedürfnisse, zum Beispiel bei einem Schweigeretreat in einem Kloster, einer Yogareise ans Meer oder einem Aufenthalt in einer einsamen Berghütte. Wie bei vielen Dingen gilt auch hier, die Dosis macht das Gift. Es sollte eine gute Balance vorhanden sein. Die sollte es aber im Idealfall auch im Alltag geben. Bei Reisen ist diese insbesondere auch bei den Kontrasterleb‐ nissen wichtig. Jemand der sich im Alltag wenig bewegt, sollte nicht gleich einen Marathon oder die nächsten 3.000er anvisieren, zumindest nicht ohne ausreichende Vorbereitung, sonst kann der positive Effekt relativ schnell in sein Gegenteil umschlagen. Für Erholung von mentalem oder emotionalem Stress ist eindeutig Na‐ tur am besten geeignet, wobei die Blutdrucksenkung nach körperlicher Aktivität in der Natur am effektivsten ist, wie durch eine in vivo Studie nachgewiesen wurde (Hartig, Evans, et.al, 2003). Es kann sinnvoll sein, sich im Sinne der Verstärkertheorie nach an‐ strengenden Lebensphasen eine Belohnung zu setzen, z. B. nach einem Projektabschluss, dem bestandenen Abitur, der Bachelorarbeit oder Disser‐ tation z. B. nach Italien, ans Meer oder irgendwo anders hinzureisen. Wobei das nicht zwangsläufig eine Reise sein muss, oft aber genau diese gewählt wird. Nach dem Premack-Prinzip (Herkner, 1983) können begehrte Akti‐ 136 2 Unterwegs <?page no="137"?> vitäten, die bereits während stressiger Zeiten am Horizont in Sicht sind, Verstärker und Motivationshilfe für weniger begehrte Aktivitäten sein. Dabei ist aber auch hier das Kontrast-Prinzip zu beachten. Nach der Vergleichsniveau-Theorie von Thibaut und Kelley kann man sich auch an die schönsten Belohnungen gewöhnen, was deren Effektivität mindert, da alle Aktivitäten einer Sättigung unterliegen und damit auf Dauer weniger attraktiv werden. Abwechslung ist hier also der Schlüssel zur Erholung (und zum Glück). Ebenso, wie zu viel passive Erholung kontraproduktiv sein, und zur Ermüdung beitragen kann, kann das auch bei zu vielen Reisen und Reizen passieren und alles austauschbar werden. Hier bietet sich an, einen Blick auf die Chronobiologie des Menschen zu werfen, bedingt durch den zirkadianen Rhythmus ist beim Menschen der Wechsel von Aktivitäts- und Erholungsphasen sinnvoll und beide beeinflussen sich dabei gegenseitig. Das heißt: Je besser sich eine Person erholt (z. B. schläft), desto leistungsfähiger ist sie am nächsten Tag und je aktiver eine Person während des Tages ist, desto besser schläft sie in der Nacht (Kleitman, 1982). 2.8.2.2 Erholung und Kontext: Der Einfluss der Umwelt auf die Erholung Es gibt verschiedene Wege sich zu erholen. Warum ist nun ausgerechnet Reisen für die Erholung sinnvoll? Primär, weil durch die räumliche Trennung (Detachment) das Ab‐ schalten deutlich leichter fällt als beim Zuhausebleiben. Um den Kopf freizubekommen, ist Kontextwechsel sinnvoll (und damit eine profunde Basis für Erholung und auch für Kreativität, wie wir später noch sehen werden). Schon Ausflüge in die nähere Umgebung haben einen deutlichen Erholungseffekt. Wobei abschalten meint, sich mental und emotional von der vorangegangenen Aufgabe und Beanspruchung zu distanzieren. Einerseits ist also ein Kontextbzw. „Tapetenwechsel“ erholungsfördernd. Welcher Kontext das ist, spielt dabei allerdings auch eine Rolle. Umwelt- und Kontextbedingungen, z. B. die Erreichbarkeit von Natur sind dabei nicht zu vernachlässigen. Als besonders wohltuend, hat sich dabei Natur erwiesen. Terry Hartig von der Universität Uppsala stellte fest, dass natürliche Umge‐ bungen die Erholung (restoration) am meisten fördern (Hartig, Book, Garvill, Olsson & Garling, 1996). Strauss-Blasche stellte den Vergleich an, ob eine Kur mit Anwendungen erholungsfördernder ist, als lediglich ein zweiwöchentlicher Aufenthalt am 2.8 Urlaubsreisen und Erholung 137 <?page no="138"?> Kurort und stellte überraschenderweise fest, dass beides fast gleichermaßen erholsam ist und zumindest kurzfristig das Wohlbefinden fast genauso fördert. Der Ort hatte also eine größere Bedeutung als die jeweiligen Kurbehandlungen (Strauss-Blasche & Marktl, 1998). 2.8.2.3 Erholungseffekte während des Urlaubs und nach dem Urlaub: Ist die Erholung von Dauer? Während des Urlaubs vermindert sich das Gefühl der Erschöpfung, die Stimmung verbessert sich und allfällige körperliche Beschwerden nehmen ab (Strauss-Blasche, Ekmekcioglu & Marktl 2000; Westman & Eden, 1997) Auch der Blutdruck und die Wahrscheinlichkeit eines Herzinfarktes verringern sich (Greie et al., 2006; Kop, Vingerhoets, Kruithof & Gottdiener, 2003). Bedauerlicherweise sind diese Effekte jedoch meist nur von verhältnismäßig kurzer Dauer. Innerhalb weniger Wochen nach dem Urlaub ist (fast) alles wieder beim Alten. Burnout, Stimmung, Blutdruck und Beschwerden haben das Vorurlaubsniveau erreicht. Dieser ernüchternde Befund ist jedoch nicht ganz überraschend. Urlaub ist eine (längere) Arbeitspause, und ebenso wie bei kürzeren Pausen, kommt es zu einem Abbau von Erschöpfung, ohne dass diese Erholung deswegen von überdauernder Natur wäre. Auch schlafen lässt sich nicht auf Vorrat. Dennoch hat Urlaub einen klaren gesundheitlichen Nutzen: In einer epidemiologischen Studie zeigt etwa Gump, dass die Häufigkeit von Urlauben, nicht aber deren Gesamtdauer, die kardiovaskuläre Mortalität vermindert (Gump & Matthews, 2000). 2.8.2.4 Der Zeitfaktor bei der Erholung: Reisedauer, Reisefrequenz, Freizeit während der Reise Wesentliche Faktoren für die Erholung sind höhere Zeitautonomie und weniger Zeitdruck. Eine häufig genannte Empfehlung für einen erholsamen Urlaub ist das Ablegen der Armbanduhr, so dass man im Sinn von Robert Levine von Uhrzeit auf Ereigniszeit umschaltet (Levine, 1997). Die Abläufe werden dann von ihrem immanenten Zeitbedarf und nicht von externen Zeitgebern bestimmt. 138 2 Unterwegs <?page no="139"?> Erholung und Reisedauer: Je länger, desto besser? Zur Erholung bei Urlaubsreisen gibt es inzwischen einige Studien. Ein überraschender Befund der Urlaubsforschung ist, dass die Urlaubsdauer eine weniger große Rolle spielt, als bis dato angenommen, sofern der Urlaub eine Woche oder länger dauert (Etzion, 2003; Fritz & Sonnentag, 2005; Strauss-Blasche, Reithofer, Schobersberger, Ekmekcioglu & Marktl 2005) Der Grund hierfür liegt darin, dass der größte Zugewinn an Erholung in den ersten Tagen des Urlaubs geschieht, sodass der Erholungszuwachs nach einer Woche nur noch marginal ist (Strauss-Blasche et al., 2004). Etzion (2003) fand vergleichbare Level an Job-Stress und Burnout bei Urlaubern, die 7-10 Tage oder länger als 10 Tage unterwegs waren. Ab dem 7./ 8. Tag scheint die Urlaubslänge also keine entscheidende Rolle mehr zu spielen. Zu den interessantesten und fundiertesten diesbezüglichen Studien gehört die von Jessica de Bloom und anderen, die diese Befunde bestätigt. So räumt ihre Längsschnittstudie (de Bloom et al., 2013) zu den Effekten von Reisedauer und Reiseaktivitäten ebenfalls mit einigen lange bestehenden landläufigen Gewissheiten auf, unter anderem damit, dass ein längerer Ur‐ laub automatisch erholsamer sei als ein kürzerer, und dass die anhaltenden Erholungseffekte nach dem Urlaub mit der Urlaubsdauer zusammenhänge. Beides widerlegt diese Studie ebenso klar wie die von Etzion. Diese ist ernüchternd, was die Nachhaltigkeit der Erholung angeht: So sind die positiven Effekte der Erholung nach Urlaubsende bereits nach sehr kurzer Zeit wieder verpufft (de Bloom, 2013, 613). Zu ähnlichen Ergebnissen kam Nawijn (2010) in Bezug auf die Stimmung nach längeren bzw. kürzeren Urlaubsreisen. Etwas längere Urlaubsreisen mögen dennoch aus verschiedenen Gründen sinnvoll sein, so in erster Linie aus ökologischen Gründen bei Langstre‐ ckenflügen, aber auch dann, wenn eine massive Erholungsbedürftigkeit im Sinne von Burnout vorliegt und/ oder der Urlaub zur Selbstreflexion bzw. beruflichen oder privaten Neuorientierung genutzt werden soll. Längere Urlaubsreisen sind auch ratsam, wenn der Urlaub mit besonderen Belastun‐ gen verbunden ist (z. B. größere Zeitzonenunterschiede, größere klimatische Unterschiede zwischen Wohn-und Urlaubsort). Auch wenn die Erholungseffekte verhältnismäßig kurzlebig sind, gibt es Hinweise darauf, dass sie sich mit geeigneten Strategien, um die positiven Erlebnisse zu retten, deutlich verlängern lassen (Bryant et al., 2005; Bryant & Veroff, 2007). 2.8 Urlaubsreisen und Erholung 139 <?page no="140"?> Als Konsequenz der Metaanalyse verschiedener erholungsrelevanter Stu‐ dien empfehlen Jessica de Bloom und ihr Team (2012) ebenso wie Etzion (2003), anstatt Urlaube auszulassen oder anstelle eines längeren Urlaubes lieber verschiedene kürzere Urlaube (ab 7-8 Tagen) zu unternehmen. Erholungs-Surplus Ressourcenaufbau Erholung ist nicht nur ein passiver Mechanismus, der zur Regenerierung führt, sondern kann vielmehr auch als aktiver Mechanismus zu neuen Ressourcen führen (De Bloom et al., 2010; Ryan et al., 2010). Diese basieren u. a. auf der Broaden-and-Build Theory (Fredrickson, 2001) und der Self-Determination Theory (Ryan & Deci, 2000) und dem Flow-Prinzip nach Csikszentmihalyi (1999) bei Reisen (z. B. bei Klettertouren, längeren Rad- oder Wanderreisen). Insofern können positive Aktivitäten und Wachs‐ tumshandlungen, das kognitive und Handlungsrepertoire der Reisenden durchaus deutlich erweitern. Dazu kommt die nachweisliche Erhöhung der Kreativität (mehr dazu in → Kap. 2.9), der Aufbau oder Ausbau von Fähigkeiten (z. B. Sprachen, Musik, Yoga, Ausdauer etc.) und sozialen Fähigkeiten und Netzwerken (z. B. zu Familie und Freunden oder den Aufbau neuer Freundschaften). Die Erfüllung grundlegender Bedürfnisse nach Autonomie und Beziehung zu Familie und Freunden können auch zu dauerhaft gesteigertem Wohlbefinden beitragen (z.-B. De Bloom et al., 2012; Ryan et al., 2010). Zusammenfassung Die meisten Urlaubsreisen haben starke, aber relativ kurzlebige Effekte auf die Erholung und das Wohlbefinden. Erholung und Wohlbefinden steigen nach dem Beginn der Urlaubsreise steil an und gipfeln am 8. Tag der Urlaubsreise. Ebenso schnell fällt der Effekt nach Reiseende wieder ab. Der Rückgang zum Ausgangsniveau findet meist im Laufe der ersten Woche statt (De Bloom, et al., 2012, 613). Zu den Basisfaktoren von Erholung gehören: ● genug Zeit für die eigenen Bedürfnisse ● geeignete Aktivitäten in Abhängigkeit vom Persönlichkeitstyp an und der Art der Beanspruchung im Alltag 140 2 Unterwegs <?page no="141"?> 2.9 Einfluss von Reisen auf das Denken und die Kreativität 2.9.1 Kognitive Prozesse Dieses Kapitel widmet sich den Auswirkungen von Kontextwechseln auf kognitive und kreative Prozesse. Inzwischen gibt es etliche interessante Studien, die nachweisen, dass der Wechsel von Kontexten in der Kreativität eine große Rolle spielt. So gibt es Studien, die die Förderung der Kreativität nach längeren Auslandsaufenthalten, aber auch bereits nach kürzeren Rei‐ sen gut belegen (Galinsky und Maddux, 2009, 2010; de Bloom et al., 2014). Förderung von Kreativität und kognitiver Flexibilität durch Reisen und Auslandsaufenthalte Adam Galinsky und William Maddux (2009, 2010) haben verschiedene Studien veröffentlicht, die zeigen, dass Aufenthalte in anderen Kulturen die kognitive Flexibilität und die Neuroplastizität im Gehirn erhöhen, verbun‐ den mit der Fähigkeit neue Zusammenhänge herzustellen. Diese Studien beziehen sich überwiegend auf längere Auslandsaufenthalte in anderen Kulturen, aber ähnliche Effekte fanden sich auch mehrfach in Studien nach einfachen und eher kürzeren Urlaubsreisen. So untersuchten Jessica de Bloom u.-a. (2014) die Kreativität von Arbeitnehmern und Arbeitnehmerin‐ nen vor und nach dem Urlaub und sie konnten auch hier nach dem Urlaub eine erhöhte Kreativität und kognitive Flexibilität nachweisen, was sich später auch in Langzeitstudien untermauern ließ. Dabei ging es hier in erster Linie um zufällige Kreativität, die von ihnen mit Kreativitätstests gemessen wurde. Reisen stimuliert auch verstärkt verschiedene Hirnregionen und die Ver‐ netzung von linker und rechter Hirnhälfte. Neuropsychologische Studien zeigen klar, dass mehrere Gehirnareale in kreative Prozesse involviert sind. Eine besonders große Rolle bei kreativen Prozessen spielen dabei der präfrontale Cortex, der u. a. für flexibles Denken und das Generieren von neuen Ideen verantwortlich ist und das limbische System, das in emotionale Prozesse und die Verbindung von Gedanken und Emotionen involviert ist. 2.9 Einfluss von Reisen auf das Denken und die Kreativität 141 <?page no="142"?> Der Zusammenhang von Neuem, Dopamin und Kreativität Das Entdecken ist ein altes Reisemotiv, und die meisten Reisen sind vom Reiz des Neuen geprägt. Etwas Neues zu entdecken, führt nachweislich zu erhöhter Dopaminausschüttung und generiert Freude, ebenso wie gestei‐ gerte Aufmerksamkeit und Wachheit, eine Form von geistiger Agilität. Dopamin ist ein Neurotransmitter, der mit Motivation und Belohnung zu‐ sammenhängt und neben Endorphin zu den „Glückshormonen“ gezählt wird und vor allem bei angenehmen Aktivitäten freigesetzt wird. Etliche neurop‐ sychologische, verhaltenswissenschaftliche und neurobiologische Studien deuten darauf hin, dass Reisen - vor allem durch das Erleben von Neuheit - unser dopaminerges „Glückssystem“ aktiviert. Neues zu entdecken (sei es ein fremdes Land, eine andere Kultur, andere Lebensweisen, Landschaften oder einfach eine ungewohnte Umgebung) löst im Gehirn Belohnungsreak‐ tionen aus, ähnlich wie primäre Verstärker in Form angenehmer Erlebnisse (wie z. B. leckeres Essen, Sex oder andere erfreuliche Erlebnisse, die im Übrigen bei vielen Personen auf Reisen auch deutlich häufiger anzutreffen sind). Mechanismen wie Neugier, Erwartung von Belohnung/ Vorfreude, Ab‐ wechslung vom Alltag und aktives Erkunden, spielen hierbei vermittelnde Rollen. Sie alle führen letztlich zu Dopamin-Ausschüttung, was mit Gefühlen von Motivation, Freude und Zufriedenheit einhergeht. Reisen kann somit tatsächlich partiell ”glücklich machen”, weil es auf neurochemischer Ebene unser Belohnungssystem und damit die Dopaminausschüttung anregt - eine Erkenntnis, die sowohl die subjektive Erfahrung vieler Reisender als auch die objektiven wissenschaftlichen Befunde bestätigen. Zudem ist Dopamin nicht nur mit Zufriedenheit und Glück korreliert, darüber hinaus beeinflusst es auch Konzentration und Aufmerksamkeit. Studien zeigen ebenfalls, dass Dopamin eine große Rolle bei der Entwicklung kreativer Ideen spielt, was wahrscheinlich genau an der Kombination der genannten Faktoren wie erhöhter Motivation und Konzentration und der ausgelösten positiven Grundstimmung liegt. Ein optimaler Dopaminspiegel kann damit kreative Leistungen erhöhen. Die Wahrscheinlichkeit der Dopa‐ minproduktion ist auf Reisen wiederum aus den genannten Gründen erhöht. Reisen konfrontiert uns häufig mit neuartigen Umgebungen, Eindrücken und Kulturen - und genau solche Neuheiten aktivieren nachweislich das neuronale Belohnungssystem. Hirnforschungen zeigen, dass ungewöhnli‐ che oder neue Reize die dopaminergen Zentren im Mittelhirn ansprechen. So wurden von Nico Bunzeck und Emrah Dünzel am Institute for Cogni‐ 142 2 Unterwegs <?page no="143"?> tive Neuroscience in London in fMRT-Studien verstärkte Aktivitäten in der Substantia nigra/ Ventralen Tegmentum-Region (SN/ VTA) beobachtet, sobald Probanden neue Stimuli sahen (Bunzeck, Düzel, 2006, 369 ff.). Diese Region ist für die Dopaminausschüttung und Belohnungsverarbeitung ver‐ antwortlich und reagierte klar auf Neuheit. Neues zu erleben, wirkt also nachweislich ähnlich wie eine Belohnung auf das Gehirn, was erklären kann, warum Reisen für viele so eine immense Bedeutung hat. Parallel dazu spielt der Hippocampus, die Gehirnregion, die u. a. für das Gedächtnis zuständig ist, eine wichtige Rolle. Starke Emotionen durch neu‐ artige Erfahrungen und Erlebnisse gehen mit einer erhöhten Ausschüttung von Neurotransmittern wie u. a. Dopamin einher, welche die Gedächtnis‐ bildung intensivieren. Transmitter wie Dopamin helfen also dabei, neue Eindrücke als langfristige Erinnerung zu speichern, was wiederum erklärt, warum Reisen oft besonders eindrückliche Erinnerungen hinterlassen. „Novelty induces dopamine release in the hippocampus, triggering memory consolidation to boost memory persistence.“ Zwei dopaminerge Systeme (das schon erwähnte ventral tegmentale Areal und die locus-coeru‐ leus-Hippocampus Systeme) können also das Gedächtnis durch neuigkeits‐ indiuzierte Dopaminfreisetzung langfristig stabilisieren (Duskiewicz, et al. 2019, 102-ff.) Neurowissenschaftler unterscheiden dabei zwischen verschiedenen Neu‐ heits-Typen - „gemeinsame Neuheit“ (ähnelt früheren Erfahrungen) versus „gänzlich neuartige“ Erlebnisse - die über zwei Dopaminsysteme (im VTA bzw. Locuscoeruleus) unterschiedliche Gedächtniseffekte haben können. Gemeinsam ist beiden: Neues setzt Dopamin frei, was Lernen, Adapta‐ tion, Wohlbefinden, Motivation, Konzentration und Gedächtnisleistungen steigert. Neugier, Exploration und Dopamin Neugier - das intrinsische Verlangen, Neues zu erkunden - gilt dabei als weiterer Schlüsselfaktor. Wenn wir reisen, wird dieser innere Trieb stark angesprochen: Unbekannte Orte wecken Fragen und Erkundungsdrang. Dafür reicht häufig schon die Antizipation und Vorstellung von Neuem. Neurowissenschaftliche Befunde zeigen, dass Zustände hoher Neugier mit antizipatorischer Aktivität im Nucleus Accumbens und im Mittelhirn einhergehen. Diese Areale gehören zum dopaminergen Belohnungskreis, was bedeutet, dass ein neugieriges Erwartungsgefühl Dopamin-Neuronen 2.9 Einfluss von Reisen auf das Denken und die Kreativität 143 <?page no="144"?> 15 L-Dopa wurde bisher meist bei Parkinson Patienten eingesetzt und ist bekannt dafür, die Dopamin-Funktion im Gehirn zu steigern tatsächlich „anfeuert“. Zudem fanden Studien, dass Menschen Informatio‐ nen besser behalten, wenn sie zuvor neugierig darauf waren - vermittelt durch eine verstärkte Kopplung zwischen den Belohnungszentren und dem Hippocampus während der Neugierphase. Übersetzt auf das Reisen heißt das: Die Vorfreude und Neugier auf unbekannte Reiseziele aktiviert Hirnregionen, die typischerweise mit Belohnung und Motivation assoziiert sind, was die gesamte Erfahrung bereichernd macht und im Nachhinein die Gedächtnisleistungen verbessert. Auch in der Verhaltensforschung wurde der Zusammenhang zwischen Dopamin und Explorationsverhalten nachgewiesen. So bezeichnet man in Psychologie und Neurowissenschaften die Tendenz, Neues zu suchen und Bekanntes hinter sich zu lassen, als Novelty Seeking (Neuheitssuche). Tierexperimente zeigen, dass neuartige Reize Dopamin-Neurone erregen und somit Erkundungsverhalten antreiben. Wird bei Primaten künstlich der Dopaminspiegel erhöht (durch Hemmung des Dopamin-Transporters), ent‐ scheiden sie sich signifikant häufiger für neue Optionen statt für vertraute - obwohl keine externe Belohnung lockt. Dopamin verstärkt also offenbar den Reiz des Unbekannten, was erklären könnte, warum manche Menschen geradezu ein „Reisefieber“ packt: Das Gehirn wird durch die Aussicht auf Neues stimuliert und belohnt exploratives Verhalten (Costa, Tran et al., 2014) und damit sich selbst. Dieser Vorgang funktioniert in beide Richtungen. So steigert das Erleben von Neuem die Dopaminfreisetzung, aber auch die Vorfreude auf Reisen wird wiederum durch die Gabe von Dopamin deutlich erhöht. Zu Letzterem gibt es ein viel zitierte Studie des University College London. In einem Experiment unter Leitung von Tali Sharot (2009) wurden Proban‐ den gebeten, sich zukünftige Urlaube vorzustellen, während ihnen L-Dopa verabreicht wurde. Das Ergebnis war deutlich: Nach Dopamin-Steigerung durch Gabe des Dopaminvorstufenmedikamentes L-Dopa 15 bewerteten die Probanden die imaginierte Urlaubsreise deutlich positiver und die erwar‐ teten Glücksgefühle für die vorgestellten Reiseziele stiegen deutlich an. Fast 80 % der Teilnehmer zeigten unter L-Dopa einen solchen Anstieg der optimistischen Urlaubserwartungen, der mindestens 24 Stunden anhielt. Dopamin beeinflusste also maßgeblich die Lust auf die vorgestellten Reisen und schlug sich in der späteren Wahlentscheidung für Destinationen nieder. 144 2 Unterwegs <?page no="145"?> Die Probanden entschieden sich im Anschluß häufiger für Reiseziele, die sie sich unter verstärktem Dopamineinfluss vorgestellt hatten. Der starke Effekt überraschte sogar die Studienleiter. 61 Studienteilnehmer wurden gefragt, ihre Glückserwartungen an 80 verschiedene Destinationen (von Griechenland bis Thailand) zu raten. Einige der Probanden erhielten L-Dopa andere ein Placebo und wurden gebeten, sich Urlaub in diesen Destinationen vorzustellen. Einen Tag später sollten sie die Destinationen wieder raten. Die Studienleiter erwarteten einen Effekt von Dopamin, waren aber überrascht von dessen Stärke. Es wurde deutlich, dass der Effekt knapp 80 % der Studienteilnehmer betraf und auch 24 Stunden später noch nachweisbar war (Sharot et. al., 2009). Dies belegt einen direkten Zusammenhang zwischen dopaminerger Aktivität und der Attraktivität von Reiseerlebnissen in unserer Vor‐ stellung. Wichtig dabei war, dass die Teilnehmer sich nicht unmittelbar im Moment der Einnahme euphorischer fühlten, sondern dass das Dopamin die Erwartung künftiger Freude beeinflusste. Eine Untersuchung im Tourismus-Kontext (Skavronskaya, Moyle et al., 2020, 2019) betont die Rolle von Neuheit für unvergessliche Reiseerlebnisse. Sie zeigt, dass überraschende, neue Erfahrungen starke positive Emotio‐ nen (u. a. Staunen, Freude, Überraschung) auslösen, welche zu lebhaften Erinnerungen führen. Die dahinterstehenden Mechanismen schließen die Ausschüttung von Dopamin ein. Neuheit erwies sich als einer der Haupt‐ faktoren, der Reisen besonders belohnend und einprägsam macht. Kurz zusammengefasst: Abwechslung und das Erleben von Neuem u. a. durch Reisen belebt unser Belohnungssystem, während Monotonie es eher dämpft. 2.9.2 Abstand und Distanz Ein weiterer nicht zu vernachlässigender Faktor zur Förderung von Kreati‐ vität ist der Abstand zu den sogenannten daily hassles. „At home you have your routines and some of them are not ideal, like checking my mails and my phone too often“, meint die Cartoonistin Barbara Stok. Sie arbeitete für einen Monat in einem fremden Haus in Amsterdam und bemerkte: „Because I worked at another place, I was able to start with a new and fresh routine. I told myself I am not looking at my phone or check my mails. It was easier due to the new environment. None of my stuff was there so I had nothing else to do than work. And when I was finished it is 2.9 Einfluss von Reisen auf das Denken und die Kreativität 145 <?page no="146"?> like, what now? While at home, I have laundry and so many other things to do.“ (im Interview mit der Autorin, 2024) Diese innere und äußere Distanz ermöglicht eine weitaus größere Auf‐ merksamkeit und Konzentration auf ein Thema, sowie die Möglichkeit sich nicht nur außerhalb der gewohnten Bahnen zu bewegen, sondern auch außerhalb davon zu denken, was verschiedene neue Verknüpfungen möglich macht und damit zum Beispiel Problemlösungen deutlich erleich‐ tert. Die innere und äußere Freiheit macht ungewöhnlichere Ideen und Problemlösungen eher wahrscheinlich. „It is nothing short of miracle that the modern methods of instruction have not yet entirely strangled the holy curiosity of inquiry; for this delicate little plant, aside from stimulation, stands mainly in need of freedom; without this it goes to wreck and ruin without fail. It is a very grave mistake to think that the enjoyment of seeing and searching can be promoted by means of coercion and a sense of duty.“ (Einstein, 1949, 19) 2.9.3 Bewegung Ein weiterer Faktor, der für die Kreativität förderlich ist, ist der permanente Kontextwechsel in Form von Bewegung. Wie vorher beschrieben, zeigt die neurowissenschaftliche Forschung, dass der Hippocampus sehr fein auf Rhythmen reagiert und dass Rhythmen von mittlerer Geschwindigkeit, offensichtlich für viele Gehirnfunktionen förderlich sind. Daniel Schwartz und Marylin Oppezzo (2014) von der Stanford University fanden heraus, dass die Kreativität und Originalität während und kurz nach dem Gehen bei 81 % der Teilnehmer erhöht waren, die kognitiven Leistungen um 23 %. Beides verglichen mit einer Kontrollgruppe, die die ganze Zeit saß. Dabei erwies sich das Spazieren in abwechslungsreicher Umgebung als effektiver als das Gehen in einem Raum, was für die große Bedeutung des Gehens in der Natur spricht. „Die Natur ist im Prinzip ein Geschenk, um den Geist zu reinigen oder zu sortieren, zumindest ist das für mich so. Und beim Wandern wird manchmal durch die starke Beanspruchung, auch eine ganz große geistige Kraft frei und man kommt zu interessanten Gedankengängen und Gesprächen. Das finde ich ganz interessant. Manchmal gehen die Gedanken in die philosophische Richtung.“ (Julia Baier, Fotografin) 146 2 Unterwegs <?page no="147"?> 16 Die Interviewausschnitte in diesem Kapitel stammen aus einem aktuellen Forschungs‐ projekt der Autorin zu Kreativität und Kontextwechsel „…bei der Ideenfindung spielt das Gehen eine große Rolle, vor allem mental. Das zügige Gehen erdet mich und dann kann ich gut denken und es kommen gute Ideen. [..] Nicht nur für das Arbeiten, auch für das Leben allgemein, ist das wichtig für mich.“ (Sabine Golde, Buchkünstlerin) 16 Ähnliches äußert Schönhammer (1991) zum Zusammenhang von äußerer und innerer Bewegung. „Wollte man eine Spekulation über den Zusam‐ menhang von Fortbewegung und innerer Bewegung wagen, … könnte man sich an jene Verbindung von Abwechslung und Unaufdringlichkeit (Anregung ohne Ablenkung), die Kant in seiner Anthropologie als Movens der Einbildungskraft nennt, halten“ (Schönhammer, 1991, 96). Ob die alten Griechen beim Philosophieren spazierengingen ist umstrit‐ ten. Rebecca Solnit wagt es zu bezweifeln, betont aber gleichzeitig, dass die Sophisten, die Platon so angriff und die vor diesem, das Athener Leben dominierten, nicht ortsgebunden waren, was laut Solnit (2019, 22) bei vielen der Fall sei, deren erste Loyalität den Ideen gilt. Doch es gibt sehr wohl eine nachweisbare Tradition von Philosophen, für die Gehen eine große Rolle spielte und diese Verknüpfung von Gehen und Philosophieren findet sich in Mitteleuropa auch in der Tatsache, dass etliche Wege danach benannt wurden. So der berühmte Philosophenweg in Heidelberg, den Hegel regelmäßig entlang gegangen sein soll, der Heidegger Rundweg in der Nähe von Heideggers Hütte im Schwarzwald, der Philoso‐ phenweg den Kierkegaard in Kopenhagen und der Philosophendamm den Kant in Königsberg auf täglichen Spaziergängen beschritten haben soll. Bei anderen beschränkte sich der Bewegungsradius nicht auf Spazier‐ gänge. Diese brachen auf Wanderungen auf. Dazu gehörten Friedrich Nietz‐ sche, John Stuart Mill und Thomas Hobbes, der nach Solnit (a. a. O., 23) sogar einen Wanderstock mit integriertem Tintenfass besessen haben soll. Dabei ist der Radius durchaus unterschiedlich, so ist Nietzsche besonders gern in den Schweizer Alpen gewandert (vor allem im Engadin) gewandert, wäh‐ rend Walter Benjamin am liebsten in den Metropolen dieser Welt flanierte (u. a. in Paris, Neapel und Moskau) und Immanuel Kant im kleinen Rahmen regelmäßig jeden Abend in Königsberg auf demselben Weg unterwegs gewesen sein soll. 2.9 Einfluss von Reisen auf das Denken und die Kreativität 147 <?page no="148"?> Auch Edmund Husserl betont die Bedeutung des Gehens als zentral für sein Denken. Er ist auch einer der Ersten, der die systematische Bedeutung des Unterwegsseins, der Bewegung in der Welt für die Erfahrung der Welt und die eigene Beziehung zur Welt thematisierte. „Reisen kann eine Art sein, diese Kontinuität des Selbst inmitten des Fließens der Welt zu erfahren und so ein Verständnis für beides und beider Beziehungen zueinander zu entwickeln.“ Husserls Ansatz unterscheidet sich von früheren Überlegun‐ gen wie eine Person die Welt erfährt, in seiner Betonung des Akts des Gehens. Eine ähnliche Bedeutung des Wanderns findet sich auch bei einigen Schriftstellern. Goethe beschrieb immer wieder die Bedeutung der Natur und insbesondere der Bergwanderungen für ihn. James Joyce und Virginia Woolf entwickelten, in ihren jeweiligen Versuchen, die Vorgänge des Geistes zu beschreiben, den literarischen Stil des Bewußtseinsstromes. In ihren Roman Ulysses (Joyce) und Mrs. Dalloway (Woolf) entfalten sich die Gedanken und Erinnerungen am besten bei Spaziergängen. Diese Form assoziativen Denkens ist am stärksten mit dem Gehen verbunden (Solnit, 2019, 30). Die geistige Stimulanz durch Gehen wird von vielen beschrieben. Bei‐ spielsweise von Rousseau: „Ich kann … nur im Gehen nachsinnen, sobald ich stehenbleibe, denke ich nicht mehr, mein Kopf will stets zugleich mit meinen Füßen marschieren“, diese Äußerung von Jean-Jaques Rousseau trifft es sehr gut. (Rousseau, 2012, 573) Ähnliche Äußerungen gibt es von verschiedenen Autoren. Auch Goethe hat das verschiedentlich in seinen Briefen und Tagebüchern erwähnt. „Morgens nach Bel(vedere) zu Fuß … im Gehen viel gedacht. Was ich guts finde in Überlegungen, Gedancken ja so gar Ausdruck kommt mir meist im Gehen. Sitzend bin ich zu nichts aufgelegt.“ (Tagebuch, 21. März 1780) 2.9.4 Wahrnehmung Zu den kreativitätsfördernden Faktoren kommt noch die Stimulierung der Wahrnehmung. Dass gleichbleibende Reize kaum noch Nervenimpulse auslösen und man „adaptiert“ und demzufolge weniger wahrnimmt, wurde schon im → Kap. 2.4 ausführlich dargelegt. Unterwegs ist es leichter ein ausgewogenes Maß an Bekanntem und Neuem zu erreichen, was ideal für das Gehirn und dessen Funktionen ist. Ohne Adaptation an zu viele altbekannte Reize ist die Konzentration, Aufmerksamkeit und Wachheit größer. Unser Gehirn sucht das Neue und benötigt immer wieder - in Maßen - Stimulation und Neues. Es ist nicht verwunderlich, dass Neurotransmit‐ 148 2 Unterwegs <?page no="149"?> ter (wie vor allem Dopamin), die mit dem Belohnungssystem unseres Gehirnes zusammenhängen auf Neues und Überraschungen anspringen. Überraschung und Staunen sind eine fundamentale Basis für Konzentration und Kreativität. 2.9.5 Kreativität und der Genius loci Wie entscheidend Kontextwechsel für die Kreativität ist, wurde auch immer wieder von Künstlern beschrieben. Aber auch welche Orte zu welcher Zeit aufgesucht werden, ist dabei wichtig. Während inspirierende räumliche und soziale Kontexte, z. B. durch Aufenthalte in anderen Kulturen und urbane Settings mit Museen, Galerien, Kunst, Kultur, Kaffees und Kontakten (sogenannte thick places) vorzugsweise in der ersten, der Inspirationsphase des kreativen Prozesses als sinnvoll beschrieben wurden, erwies sich ein par‐ tieller Rückzug (zum Beispiel allein oder in kleineren Gruppen in die Berge oder ans Meer) in der Ausarbeitungs-, Vertiefungsbzw. Elaborationsphase bereits rudimentär entwickelter Ideen als erfolgversprechender. Erfolgte dieser Rückzug zu früh, bevor die Idee klare Züge angenommen hat und die Elaborationsphase begann, das heißt bevor der Arbeitsprozess gestartet ist, konnte das ernsthafte Blockaden zur Folge haben, die wiederum durch bestimmte Rhythmen und Gewohnheiten mit Kontextwechsel aufgebrochen werden konnten, wie Interviews und Literaturanalysen nahelegen. Auch hier gibt es ein „zur falschen Zeit am falschen Ort“ sein. Zu den thick places gehören urbane Räume, die in vielerlei Hinsicht kreativitätsfördernd sein können, aufgrund der Vielfalt möglicher Inspi‐ rationsquellen, der Vielfalt der Menschen und Einflüsse. Insbesondere Metropolen mit verschiedenen Kulturen und Subkulturen haben sich als besonders kreativ und innovationsförderlich erwiesen (Florida, 2002, 2005; Szabo, 2019). Nach Ipsen (2004) bemisst sich die Produktivität der Stadt an ihrer kommunikativen Kompetenz. „Kommunikative Kompetenz ist die Fähigkeit, mit dem Fremden und dem Fremdartigen in Kontakt zu treten.“ (ebd.) Diese entwickle sich nach Ipsen durch die Offenheit der Stadt, die auf der Begegnung mit Fremden basiert (Ipsen, 2004, 265). Je weniger eine Kommu‐ nikation nach vertrauten Mustern ablaufe, was vor allem in Städten auftrete, die kulturell und subkulturell gemischte Milieus aufweisen, desto flexibler und anpassungsfähiger wird die Stadt und mit ihr deren Einwohner und Besucher, da sie darauf angewiesen sind, sich auf neue Kommunikations‐ 2.9 Einfluss von Reisen auf das Denken und die Kreativität 149 <?page no="150"?> muster einzulassen und diese zu akzeptieren, was wiederum die kognitive Flexibilität und damit das Potenzial für fluides Denken erhöht, was im Gegensatz zum kristallinen Denken eher an kreativen Prozessen beteiligt ist. Beides beeinflusst sich gegenseitig. Die Vielfalt und das Fremde fördere also die Offenheit der Stadt, worauf ihre Produktivität und das kreative Potenzial ihrer Einwohner und Besucher im Wesentlichen beruht. Eine produktive Stadt zieht weitere innovationsfähige Menschen an wodurch weitere Begegnungen mit Fremden stattfinden. Dieser Kreislauf ist die Basis der produktiven Begegnung. 2.9.6 Transitorte Eine besondere Bedeutung für die Stimulierung von Kreativität haben offenbar halb-öffentliche Räume (Cafés, Hottellobys, Speisewagen in Zügen, Terminals in Flughäfen), die oft als kreativitätsförderlich beschrieben wer‐ den. Dabei weisen Bahnhöfe die oben beschriebene Vielfalt der Stadt noch einmal in verdichtetem Maß auf. Bahnhöfe bündeln die Vielfalt: Hier treffen sich Menschen aus verschiedenen sozialen, kulturellen und Altersgruppen und hier lassen sich die gesellschaftlichen Möglichkeiten, ebenso wie die Probleme hautnah erleben. Die Arbeit von Szabo (2019) zur Sozialtopogra‐ phie der Bahnhöfe untersucht, wie Bahnhöfe zur kulturellen Produktivität beitragen können, indem sie als Membran fungieren. Unter Membran wird hier sehr treffend ein poröser Raum verstanden, der durchlässig und beständig ist und sowohl Verbindungen als auch Trennungen ermöglicht. „Ihre kulturelle Produktivität liegt vor allem in ihrer Flexibilität in mehreren Hinsichten: Multifunktionalität, Unvollständigkeit oder Komplexität sind nur einige Merkmale, über die eine Membran verfügen soll.“ (Szabo, 2019, 115) Europäische Bahnhöfe gehören mit zu den dichtesten und differenzier‐ testen Orten der Städte. Damit sind sie auch potenzielle Orte der produktiven Begegnung (Szabo, 2019, 10). Szabo beschreibt sie wiederholt als kulturell produktive Räume (a. a. O.), wobei ihre kreativitätsstimulierende Wirkung auch damit zusammenhängt, dass sie im europäischen Kontext meist stärker Aufenthaltsorte sind als beispielsweise Busbahnhöfe. Szabo beschreibt aber auch, dass diese kulturelle Produktivität der Bahnhöfe im deutschen Raum seit der Umbauphase der 1990er-Jahre sukzessive verloren geht (a. a. O.) und sie von Aufenthaltszu Konsumorten werden, wo sich Menschen seltener 150 2 Unterwegs <?page no="151"?> an denselben Orten treffen. Die großen, oft sehr schönen Wartesäle der Jahrhundertwende sind oft nicht mehr in Betrieb oder zweckentfremdet. Zusammenfassend betont Szabo, dass Bahnhöfe Grenze und Membran sind und durch ihre Offenheit und die Begegnung mit Fremden zur kulturellen Produktivität und Kreativität beitragen können, und dass es wichtig sei, diesen Charakter durch flexible und multifunktionale Räume zu reaktivieren (Szabo, 2019, 115-ff.) Ebenso wie Bahnhöfe beschreiben viele Reisende Transitorte in Trans‐ portmitteln als besonders kreativitätsstimulierend. Hier überlagern sich die Orte, addiert mit dem Faktor Bewegung. „Das Zugfahren ist für mich immer eine gute Möglichkeit, um über Projekte nachzudenken und auf Ideen zu kommen. Es ist wie geschenkte Zeit, weil ich bewegt werde. … Ist es natürlich nicht, aber es fühlt sich so an.“ … beschreibt die Buchkünstlerin Sabine Golde. Der Autor Uwe Kolbe ist sogar der Meinung, dass „nichts über eine gute Zugfahrt [geht]. Wo man sich wirklich einlässt auf das Drinnen und Draußen, was an sich die Ursituation des romantischen Schreibens ist. Also das Fenster als besonderes Symbol dafür. Im Zug hat man dies auf eine besondere Art und Weise, wie zwei Arten Kino, drinnen und draußen. Wie man eben Lust hat zu gucken.“ Viele dieser Orte haben den Charakter heterotoper Orte. Michel Foucault prägte diesen Begriff in den 1960er-Jahren und beschrieb damit Orte außer‐ halb der Orte, die in besonderer Form gesellschaftliche Verhaltensweisen gleichzeitig repräsentieren, bestreiten und wenden. „Heterotopien sind wirksame Orte … in denen die wirklichen Plätze innerhalb der Kultur gleichzeitig repräsentiert, bestritten und gewendet sind, gewissermaßen Orte außerhalb der Orte, wiewohl sie tatsächlich geortet werden können.“ (Foucault, 1967, Zschocke, 2005). „Die Heterotopie vermag an einem einzigen Ort mehrere Räume, mehrere Platzierungen zusammen zu legen, die an sich unvereinbar sind …“ (a. a. O.) Sieht man sich nun Foucaults Beispiele heterotoper Räume an, findet man nicht zufällig viele fürs Reisen relevante Orte: das Hotel, das Schiff und den Zug. Orte des Überall und Nirgendwo: heterotope Orte ohne geographische Fixierung. „… und wenn man daran denkt, dass das Schiff ein schaukelndes Stück Raum ist, ein Ort ohne Ort, der aus sich selber lebt, der in sich geschlossen ist und gleichzeitig der Unendlichkeit des Meeres ausgeliefert ist …“ (a.-a.-O.) 2.9 Einfluss von Reisen auf das Denken und die Kreativität 151 <?page no="152"?> Auch Häfen und Flughäfen sind erstklassige Heterotopien und wie Zug, Bus, Flugzeug, Hotel, Hostel nicht von ungefähr inhärente Elemente des Reisens. Wie die Bahnhöfe, sind auch Züge, Schiffe oder Flugzeuge solche öffentlichen Orte, die eine Vielfalt von Menschen zusammenbringen, die sonst nicht in Kontakt gekommen wären. Und diesen Räumen scheint - wie Cafés - ein besonderes Potenzial für kreative Prozesse innezuwohnen. Der Architekt Rem Kohlhaas äußerte regelmäßig, dass er seine besten Ideen auf Sitzplatz A1 im Flugzeug bekommt. Auch Star Architekt David Chipperfield unterstreicht neben sozialen Kontexten die Bedeutung von Transit-Situationen für seine Kreativität. „Transit-Situationen nehmen den Druck von einem und machen kreativ. Das Schönste am Fliegen ist, dass man nicht angerufen werden kann. Meine Fantasie funktioniert am besten, wenn ich meinen Terminkalender betrüge. Und mich für ein, zwei Stunden müßig in ein Café setze …“ (Chipperfield im Interview mit Sven Michaelsen am 29.9.2015), was wiederum u. a. aus Distanz, Abstand, Ungestörtheit und heterotopen Orten gleichermaßen resultiert. Zusammenfassung Durch Reisen und generell alle Kontextwechsel (das kann auch ein einfacher Spaziergang am Fluss sein), kommt nicht nur der Reisende und Unterwegs-Seiende selbst, sondern auch vieles in seinem Denken in Bewegung, was oft zu neuen Ideen, Gedanken und Erkenntnissen führt. Daran ist einerseits sicherlich der Abstand beteiligt, der die Konzentration auf ein Thema ermöglicht, wie auch die permanente, leichte geistige Anregung durch das Reisen, die Bewegung und die Anregung der Sinne und Inspiration durch neue Orte. Ein Basisfaktor für die vielfach beschriebenen neuen Erkenntnisse, Problemlösungen und/ oder kreativen Ideen ist die Loslösung vom Gewohnten, eine gewisse Losigkeit, bei gleichzeitiger geistiger Stimulation durch neue Reize, die wiederum zu erhöhter Dopaminausschüttung führen und diese in der Folge wieder zu höherer Aufmerksamkeit und besserer Stimmung. Zudem ist bei Reisen die Ablenkung geringer und das Konzentrieren auf ein Thema oder eine Fragestellung vereinfacht. Zumeist - zumindest bei selbstorganisierten Reisen - herrscht eine gedankliche und zeitliche Freiheit vor, die im Alltag in dieser Absolutheit selten möglich ist. 152 2 Unterwegs <?page no="153"?> 17 Das erklärt auch, warum Reisen als Zäsur so erfolgreich sind, weil vielen Reisenden nach einer Reise oft wirklich klarer ist, wo sie hin wollen (im direkten wie im übertragenen Sinn) und sie mehr Ideen für ihr eigenes Leben entwickeln (mehr dazu im →-Kap. 3.3.4). Dieser Zustand ermöglicht neue Verknüpfungen und regt die kognitive Flexibilität und die Fantasie an. 17 Längere Reisen ermöglichen damit oft einen ritualisierten Ausbruch aus den eigenen räumlichen und Denk- und Wahrnehmungsstrukturen, was zu leichterer Problemlösung und Kreativität im besten Sinne führen kann. Dabei sind geeignete Orte für die Ideenfindung nicht automatisch die Orte für die Elaboration von Ideen. In den späteren Phasen des kreativen Prozesses können ruhige ungestörte Orte oft sinnvoller sein, z. B. der heimische Schreibtisch, eine Berghütte oder das Meer. Wirksame Faktoren für die Förderung von Kreativität bei Reisen sind: ● Loslösung, Distanz und Abstand vom Gewohnten ● erhöhte Dopaminausschüttung durch neue Stimuli ● erhöhte Konzentration und Fokus (z. B. durch die beiden ersten Punkte) ● Stimulierung der Wahrnehmung ● Steigerung kognitiver Flexibilität (insbesondere bei Auslandsaufent‐ halten oder Reisen in ungewohnte Gegenden) ● der Genius loci: bestimmte Orte erwiesen sich als effektiver als Kreativitätstechniken, insbesondere Transitorte 2.9 Einfluss von Reisen auf das Denken und die Kreativität 153 <?page no="155"?> Pus o meu sonho no navio e o navio em cima do mar Ich habe meinen Traum auf das Schiff gelegt und das Schiff auf das Meer <?page no="156"?> 3 Ankommen 3.1 Frei-Raum Insbesondere selbstorganisierte Reisen dicht an den besuchten Kulturen, Landschaften, und Lebensweisen waren fast immer von einem Erleben der Freiheit und des Freiseins begleitet. Durch den Aufenthalt außerhalb des eigenen gewohnten Umfeldes, vor allem außerhalb der Grenzen des eigenen Landes (und mitunter auch außerhalb der eigenen Grenzen) kam es häufig zu einer spezifischen Form von Freiheit, die deshalb so weitgehend ist, weil sie oft mehrere Ebenen umfassen kann, darunter Normen-, Kontext-, Hand‐ lungs- und Entscheidungsfreiheit und oft auch das Freisein von bestimmten Rollenerwartungen. Das Ausmaß der Freiheitsgrade hängt auch von der Reiseform ab. Das Gefühl der Freiheit und Befreiung von den vorgegebenen Mustern des eigenen Landes und Kontextes wird oft zum Leben der Freiheit, zum ungewöhnlichen, kreativen Handeln, dem Mut Dinge zu tun, die man im eigenen Land und Umfeld nicht getan hätte. Vilém Flusser beschreibt dieses charakteristische Umschlagen von der Frage „frei wovon? “ zur Frage „frei wozu? “ (Flusser, 1992). Die Außenperspektive vermittelt eine gewisse Distanz zum Besuchsort, aber auch zur Heimat und bildet damit die Basis für eine gewisse Freiheit der Ansicht und der Aussicht(en). Die Freiheit von vorgegebenen Mustern und Einflüssen schafft damit mehr Freiraum, neue Handlungsalternativen und -optionen zu sehen, um andere neue, anspruchsvolle, bisher nicht antizipierte zu tun oder auch nur Dinge zu tun, jenseits festgelegter Herangehensweisen. Diese Freiheit schafft damit mehr potenzielle Möglichkeiten. Hier spielt die analytische Unterscheidung zwischen Möglichkeits- und Selbstverwir‐ klichungskonzepten mit. Oder wie Kai Haucke es ausdrückt: „Möglichkei‐ ten und ihre jeweiligen Begrenzungen werden nur in der Ausübung von Freiheit, im Handeln konstituiert und damit wirklich. Die Freiheit Erfah‐ rungen zu machen, impliziert einen generellen Modus, wie man erfährt, eine allgemeine Erfahrungsweise, die die Heterogenität verschiedenster Erfahrungen bejaht und zu integrieren vermag.“ (Haucke, 1995) Genau das erleben viele, insbesondere die Alleinreisenden: diese Ausübung der Freiheit im Handeln, das Nutzen neuer Möglichkeiten, die außerhalb homogener Selbstverwirklichungskonzepte sehr heterogen sein können. Es ist also 156 3 Ankommen <?page no="157"?> diese ganz pragmatische Eigenschaft von intensivem Leben: die Freiheit Erfahrungen zu machen. Was zum Konzept des rich life passt, was bereits an anderer Stelle besprochen wurde. Äußere Mobilität des Menschen ist häufig gepaart mit größerer „innerer Beweglichkeit“. Innere Mobilität wiederum mündet in einen stärkeren Drang zu Neugier- und Erforschungsverhalten. Diesen Zusammenhang von äußerer Mobilität und innerer Bereicherung findet man schon in der Entwicklungspsychologie. Die beim Menschen sehr lange dauernde Entwicklung in Richtung Autonomie und Unabhängigkeit hängt eng mit der Entwicklung des Bewegungsapparates zusammen. Erst mit zunehmender Bewegung nimmt das Kind das Gesetz des „Handelns“ an (Bastian, 1993). Es kommt zu einer Wendung vom Passiven ins Aktive. Ähnlich verhält es sich mit den Bewegungen im Leben. Dieser Konflikt zwischen Geborgenheit und Selbstständigkeit, ist letztlich eine wichtige Basis unserer Existenz und findet sich in vielen Lebensberei‐ chen wieder. „Wer weit vom Schuß ist, wie eine deutsche Redewendung meint, braucht weniger Rücksicht zu nehmen - nicht zuletzt auch auf die Meinung von sich selber. Ohne die Fesseln der Häuslichkeit und der Familie ist man stärker und schwächer zugleich.“ (Peter Buchka, 1983) Hier wird wieder einmal die Verbindung des Grenzüberschreitens mit größerer Freiheit und damit auch intensiverem Erleben deutlich. Um so größer die Freiheit, desto intensiver werden einzelne Dinge erfahren, so‐ wohl Freude als auch Leid scheinen sich zu potenzieren. Und eben dieses intensivere Erleben macht stärker und schwächer zugleich. Ohne Freiheit sind keine tiefgehenden Erfahrungen möglich, auf der anderen Seite gibt es wenig Weiterentwicklung und ohne - zumindest zeitweise Verwurzelung - keine Basis und keinen Bezugspunkt, um die Erfahrungen einzuordnen, kein persönliches Koordinatensystem, das Erlebnisse und Entwicklungen fassbar und nutzbar macht (Zschocke, 2005, 2006). Beim Reisen wird ein sich Ausprobieren jenseits festgelegter Strukturen wird möglich. Es kommt zu einem „leere Bühne-Effekt“. „Dort war alles wie eine leere Bühne. Man kann ein neues Image aufbauen, völlig neu anfangen. Ich habe es nicht getan, aber man hat da die Chance, jemand anderes zu werden. Keiner hat irgendwelche Erwartungen an Dich, z. B. dass du besonders gut zuhören kannst.“ (R24, Orientalistik-Studentin, 26) Diese Idee des potenziell möglichen Neubeginns, der Freiheit von fremden Erwartungen und Rollen gibt vielen das Gefühl der ultimativen Freiheit, die 3.1 Frei-Raum 157 <?page no="158"?> es naturgemäß nicht gibt und trotz stark erweiterter persönlicher Freiheiten und Autonomie auch dort nicht geben kann. Aber es stellt zumindest eine Annäherung an die abstrakte Idee der Freiheit dar und schafft ein Gefühl der leeren Bühne. Jenseits des festgeschriebenen Kontextes sind eine Neudefinition und das Ausprobieren neuer Verhaltensweisen möglich. Bei vielen führt dieser leere-Bühne-Effekt auch tatsächlich zu neuem kreativem Handeln, dem Abstreifen längst überkommener Rollen und einer der Person angemessenen „Neuinszenierung“ des eigenen Lebens. Der Auslandsaufent‐ halt lässt sich als leerer Raum, quasi als Proberaum verstehen, als Raum zwischen Chaos und Ordnung, Struktur und Improvisation (Zschocke, 2006). „Das ist so ein bisschen der Kernpunkt. Man ist in einer bestimmten Gesellschaft groß geworden und das ist so ein Gerüst, in dem man sich befindet. Wenn man aus diesem Gerüst aussteigt und in einen anderen Kontext kommt, bringt das eine ganze Menge in Bewegung, weil diese alten Dinge nicht mehr funktionieren, diese alten Muster. Das, was man gelernt hat, funktioniert da einfach nicht. Viel stärker ist man darauf angewiesen intuitiv eine Situation zu erfassen, zu reagieren oder sich auf basale Signale zu verlassen, weil man ja auch die Sprache meist nicht versteht. Das ist viel ursprünglicher und zum Teil auch intensiver. Man ist auch viel verletzlicher. Man kann viel schneller mit Situationen konfrontiert werden, die unsicher sind, wo man nicht weiß, wie man reagieren soll. Zu Hause gibt es halt einfach eingeschliffene Mechanismen. Insofern finde ich das viel lebendiger. Es ist wie eine Reinigung, wo die Schale abfällt, wie eine Schlange, die sich häutet. Diese alte Haut (heißt ja nicht, dass die schlecht ist oder dass die ganz über den Jordan geht) ein Stück geformt wird oder dass dieses Starre, was einfach nicht mehr nützlich ist, ein Stück abgestreift wird. Insofern finde ich das schon lebensnäher, als wenn man im Alltagstrott ist. Und eben zum Teil kommt es auf das Land an …“ (R7, Doktorandin, 28, Deutsche) „Und dann die Möglichkeit, Dinge zu leben, vielleicht auch weil du dort nicht hingehörst. Du hast eine bestimmte Galgenfreiheit, sage ich mal. Kannst im Grunde ein bisschen tun und lassen, was du willst.“ (R51, Mitarbeiterin einer NGO in Brüssel, 35, Deutsche) „Die Illusion des Neubeginns, des von-vorn-anfangen könnens, die einem jede Reise verschafft, nährt sich vom Verzicht. Wenn das Leben denn eine Reise und der Weg das Ziel ist, dann ist der Aufbruch so etwas wie eine Neugeburt.“ (Peter Haffner, 1996, 5) 158 3 Ankommen <?page no="159"?> 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 3.2.1 Orte, Räume und Landschaften Wenn wir uns auf Reisen begeben, verlassen wir zeitlich begrenzt unseren Wohnort, die uns umgebenden Landschaften und unser alltägliches Leben. Eine Reise versetzt uns an andere Orte und in andere Landschaften. Dafür gibt es die unterschiedlichsten Motive. Die Push-Motive führen - wie eingangs bereits beschrieben - zu einer Abkehr vom Ort. Die Pull-Motive eher zu einer Hinwendung zu neuen Orten, anderen Landschaften und Räumen, oft verbunden mit Sehnsüchten und einer Projektion dieser auf bestimmte Traumorte. Orte bekommen damit einen größeren Stellenwert, und das Durchschreiten von Räumen spielt eine wichtige Rolle. Sind die Push-Motive vorherrschend, kann es dazu führen eine möglichst große Distanz zum Heimatort herzustellen. Pull-Motive sind eher mit einem konkreten Ziel verbunden. In einer eigenen Studie fanden sich bei den Befragten 45 % mit Push-Motiven und 68 % mit Pull-Motiven, wobei 54 % davon das Kennenlernen eines spezifischen Ortes, Landes und einer Kultur als primäre Motivation nannten. Dabei hing die Ortswahl von der jeweiligen Sehnsucht ab (Zschocke, 2005, 154 f.). Soll Raum erfasst werden, bemerken wir schnell, dass dies ohne Bewe‐ gung nicht möglich ist: ohne Durchschreiten oder Durchfahren ist er nicht wahrnehmbar. Raum entfaltet sich in der Zeit (Lischka, 1997, 126). Im Laufe der letzten Jahrhunderte kam es zu einer deutlichen Veränderung des Raum-Zeit-Gefüges. Einige Jahrhunderte lang wurde Landschaft eher unter zweckorientier‐ ter Sichtweise wahrgenommen, dem folgte eine reine Betrachtung, die sich auch in der Kunst widerspiegelte. Erst ab der Romantik wurde Natur und Landschaft zunehmend zum Reiseziel als kompensatorische Antwort auf die zunehmende Industrialisierung (Pechlaner und Volgger, 71). Bewegung in der Landschaft kam menschheitsgeschichtlich noch etwas später dazu, in relevantem Umfang erst seit ca. 180 Jahren. „Der körperliche Akt des nach-Draußen-Gehens“ und das damit verbundene „zweckfreie Gegenüber‐ treten“ der Natur wird als Wendepunkt im modernen Landschaftsverständ‐ nis angesehen (Ritter 1963; Münderlein, 2021, 231). Die Landschaft wird nicht mehr vorrangig aus der Distanz betrachtet. Im 21. Jahrhundert hat sich das noch einmal geändert. Es gibt kaum noch natürliche, wenig vom Menschen beeinflusste Landschaften - wenn dann 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 159 <?page no="160"?> sind es häufig extra geschützte Orte (z. B. in Form von Nationalparks). Räume sind durch die zunehmende Geschwindigkeit relativ geworden, wodurch sich eine Fokussierung weg vom Raum hin zur Zeit ergibt. Geschwindigkeit ist derart dominant geworden, dass der Raum immer schneller konsumiert und damit vernichtet wird (Lischka, 1997, a. a. O.). Diesen Fokus auf die allbestimmende Kraft der Geschwindigkeit hatte schon Paul Virilio gelegt. Der Raum selbst wird - je nach Zweck - ähnlich Dateien komprimiert und dekomprimiert, er dient vorwiegend der Perso‐ nen- und Datenübertragung. Ist er in der jeweiligen Form des Transits nicht von Nutzen, wird er so schnell wie möglich durchquert und damit kaum wahrgenommen. „Schlafen Sie sich ans Ziel Ihrer Träume! “ heißt ein Slogan für den Nachtzug der Deutschen Bahn, was fast einen Wunsch nach „Beamen Sie sich ans Ziel Ihrer Träume“ nahelegt. Und so ist unser heutiges Unterwegssein häufig kaum mehr als ein Warten auf Ankunft, so wird der Transitraum häufig stark komprimiert und die Reise in ihrem eigentlichen Sinne damit quasi entzaubert. Betrachtet man das Sprichwort „Der Weg ist das Ziel“, dann bleibt die für Reisen relevante Frage, ob mit dem zunehmenden Verlust des Weges und des Transitraumes nicht auch das Ziel partiell verloren geht. Ist man am Ort angekommen, wird nur zur oft mit der Nutzung digitaler Geräte, die eigentliche Anwesenheit wieder an andere Orte verlagert. Aber gehen wir jetzt mit einer tatsächlichen inneren und äußeren Anwe‐ senheit vor Ort aus sowie einem echten Ankommen an anderen Orten und sehen uns die Faszination einzelner Orte und Räume exemplarisch an. 3.2.2 Natur und Landschaft Reisen in die Natur Natur war viele Jahrhunderte kein Reiseziel. Erst mit dem Aufkommen der Aufklärung und in ihr der Zurück-zur-Natur Bewegung mit Jean Jaques Rousseau als ihrem prominentesten Vertreter wurde Natur zunehmend zum Anziehungspunkt. Dazu kam im 20.-Jahrhundert der Ausbau der Verkehrs‐ infrastruktur (Eisenbahn-, Straßen- und später Luftverkehr), womit sich sich die Erreichbarkeit auch abgelegener Naturgebiete verbesserte. Rousseau selbst war ein unsteter Wanderer und einer der einflussreichsten Natur‐ philosophen der Aufklärung. In diese Zeit fällt nicht nur das wachsende 160 3 Ankommen <?page no="161"?> Interesse an Reisen in die Natur, sondern auch die Zunahme des Wanderns. Bald darauf entwickelte sich Reisen in die Natur zum Massenphänomen. „Ich weiß niemals anzukommen. Ich liebe ein gemächliches Marschieren und mache gern Halt, sooft es mir gefällt. Ein wanderndes Leben passt am besten für mich.“ (Jean-Jaques Rousseau „Briefe an den Grafen Mirabeau, Januar 1767, in: Träumereien eines Schweifenden, 342-f.) Vorteile von Reisen in die Natur Es gibt inzwischen eine stetig wachsende Zahl empirischer Nachweise für die messbaren Vorteile, die die Interaktion mit der Natur für den Men‐ schen hat. Die meisten dieser Studien beziehen sich vorwiegend auf einen bestimmten Typ von Nutzen und sind oft auf eine einzelne Disziplin bezogen oder auf eine bestimmte Art von Interaktion mit der Natur. Aber Forscher von mehr als 30 Disziplinen sind sich einig, dass die Vorteile des Kontakts mit der Natur allgegenwärtig und generalisierbar sind. Was zu den positiven Basisfaktoren der positiven Effekte gehört, sind u. a. der Kontakt mit natürlichen Elementen (z. B. frische Luft, Tageslicht), physische Aktivitäten und die Wiederherstellung oder Aufrechterhaltung von mentaler und emotionaler Gesundheit, wenn man mit anderen unterwegs ist, auch noch intensivierte Sozialkontakte. Diese Faktoren sind oft synergetisch miteinander verbunden (Mitten, et. al, 2016, 302 ff.). Häufig ist der Aufenthalt in der Natur mit physischen Aktivitäten verbunden, aber auch der pure, passive Aufenthalt in der Natur allein, hat bereits positive Effekte. So konnte bereits der Blick auf Natur aus einem Fenster zur Genesung beitragen (Ulrich, 1984, 420-f.) Es gibt inzwischen vielfältige Studien, die die stressreduzierende Wir‐ kung der Natur und dabei insbesondere der Bewegung in der Natur nachweisen. Das geht meist einher mit den körperlichen Veränderungen, die diesen Effekt unterstützen. Kontakt mit der Natur führt zu einem ver‐ ringerten Spiegel des Stresshormons Kortisol, einem gesünderen Blutdruck und einer gesünderen Herzfrequenz. So berichten Menschen, die in Parks oder im Wald spazieren gehen, über weniger empfundenen Stress, während dieser Effekt bei einem Spaziergang durch die Stadt nicht auftritt (Tyrväinen et al., 2014). Eine andere Studie zeigt, dass schon Natur in der Nähe des eigenen Zuhauses, ein Blick ins Grüne oder das Anschauen von Naturfotos Stress reduziert und negative Emotionen verringert (Mintz, et.al, 2021). 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 161 <?page no="162"?> Lucy Keniger, Kevin Gaston und andere haben die ganze Forschung dazu ein wenig systematisiert und versucht, den Nutzen von Natur für den Men‐ schen zu bewerten. Sie fanden beispielsweise heraus, dass die Studien zu den positiven Wirkungen von Natur für den Menschen einen geographischen Bias in westlichen Gesellschaften haben. Dabei waren Sozialwissenschaftler am aktivsten in diesem Bereich. Deutlich weniger lassen sich von Ökologen finden. Obwohl vielfältige Vorteile für den Menschen untersucht wurden, hat der Nutzen für die physische Gesundheit, das psychische Wohlbefinden und kognitive Leistungen deutlich mehr Beachtung gefunden als die sozia‐ len oder spirituellen Vorteile der Interaktion mit Natur. Die Nachweise für die meisten dieser Nutzen sind korrelativ, und obwohl es ein paar experi‐ mentelle Studien gibt, ist deutlich weniger über die Mechanismen bekannt, die diese positiven Effekte auslösen. Wir wissen beispielsweise nicht, welche Charakteristika von natürlichen Settings (z. B. Biodiversität, Nähe, Zugang, level of disturbance) am wichtigsten dafür sind, diese positiven Effekte zu triggern und wie diese Charakteristiken in der Bedeutung variieren (Keniger et al., 2013, 913-ff.) Interaktion mit und Erfahrungen in der Natur haben auch viele nach‐ weisbare positive Effekte für die mentale Gesundheit, insbesondere für Menschen aus urbanen Gebieten. Das zeigt wieder die Bedeutung des Aufsuchens von komplementären Destinationen zu denen der Alltagswelt zu Hause. Viele Forscher konnten nachweisen, dass die Wiederherstellung der mentalen und emotionalen Gesundheit in der Natur am größten ist. In den 1980er-Jahren haben Stephen und Rachel Kaplan die Attention Resto‐ ration Theory entwickelt. Nach Kaplan müsse der moderne Mensch zu oft seine Aufmerksamkeit auf das Wichtige richten und sich dabei nicht vom Interessanten ablenken lassen, das sei einer der Gründe für die mentale Erschöpfung nach geistigen Tätigkeiten. Nach Kaplan eröffnen natürlich Orte wieder die Möglichkeit, der Aufmerksamkeit freien Lauf zu lassen und damit wesentlich zu Fokus und mentaler Gesundheit beitragen (Kaplan & Kaplan, 1989). Aufbauend auf diesem Konzept zeigten die Ergebnisse empirischer Studien, dass Menschen, wenn sie sich gestresst oder depressiv fühlen, sich deutlich häufiger zu natürlichen Umgebungen wie Parks, oder Plätzen, die einen schönen Ausblick bieten und zu Umgebungen am Wasser, wie Flüssen, Seen oder zum Meer hingezogen fühlen. Sturm et al. bestätigten die emotionalen und mentalen Vorteile und fanden, dass Zeit in der Natur 162 3 Ankommen <?page no="163"?> Hoffnungslosigkeit, Depression und Suizidneigungen vermindern konnte (Francis et al., 1991). Stephen Kaplan fand später auch, dass in vielen Fällen vor allem Bewe‐ gung in der Natur am ehesten zur Erholung beiträgt (Stephen Kaplan, 1995, 169-ff.). Es gibt aber auch Studien, die den positiven Effekt von natürlichen Umgebungen in der Nähe der Wohnung nachweisen. So sind natürliche Charakteristika von Nachbarschaften in den Städten wichtige Determinan‐ ten für die tägliche Dosis von Natur für die Anwohner. Daniel Cox et. al (2017) zeigten, dass von fünf Charakteristika von Natur in der Nachbarschaft, die getestet wurden, besonders Vegetationsbedeckung und Vogelreichtum am Nachmittag positiv assoziiert waren mit einer geringeren Prävalenz von Depressionen, Angst und Stress. Das lässt sich wahrscheinlich auch auf die stressreduzierende Wirkung von Natur an Urlaubsorten übertragen. Zudem zeigen Schwellenreaktionen, dass die Prävalenz von psychischen Problemen in Nachbarschaften mit ausgebreiteter Vegetation deutlich ge‐ ringer ist. Landschaft Was genau ist Landschaft? Und welche Landschaften werden als besonders positiv wahrgenommen? Wagen wir uns mit dem Kulturanthropologen Ton Lemaire an eine Definition von Landschaft. Auf den ersten Blick scheint Landschaft nur auf Natur zu verweisen, das ländliche, das arkadische Selbst. Aber wenn man genauer hinschaut, beinhalten alle Landschaften Spuren von menschlicher Anwesenheit. Fast immer sieht man zumindest einen Wanderweg oder Pfad, wie unwegsam auch immer, eine Ruine, eine Oase, ein Haus am Horizont, einen Kirchturm, einen Wanderer, oder auch nur in naher oder weiter Ferne, die Infrastruktur, um diese Landschaft zu erreichen … Selbst in den Landschaften von Caspar David Friedrich gibt es oft eine Figur im Vordergrund, die die Landschaft ansieht oder man weiß den Maler anwesend, dessen Aussicht wir sehen und dessen Blickrichtung auf die Landschaft wir folgen. Es lässt sich also mit Lemaire schlussfolgern, dass jede Landschaft etwas von Natur und vom Menschen, also sowohl von Natur als auch Kultur enthält, wobei die Natur die Kultur klar dominiert. Eine Reflexion über das Verhältnis von Natur und Kultur ist Sache der 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 163 <?page no="164"?> Kulturphilosophie und soll deshalb hier nur kurz angerissen sein (Lemaire, 1996, 70-f.) Wichtiger ist im Zusammenhang mit Reisen, welche Landschaften ge‐ nerell als positiv wahrgenommen werden. Bevorzugt werden von allen Menschen halboffene Landschaften. Zudem werden Landschaften am schönsten empfunden, wenn sie sowohl Hügel als auch Baumgruppen aufweisen Ist landschaftliche Schönheit messbar? Ja, sagt Kiemstedt und hat dafür den V-Wert entwickelt, wobei es sich um einen Vielfältigkeits‐ wert handelt. Landschaften werden dann als schön empfunden, wenn sie möglichst abwechslungsreich sind. Klar erkennbare Übergänge zwischen Wäldern, Wiesen, Feldern und Gewässern werden als besonders angenehm empfunden, weshalb beispielsweise das Spazieren am Seeufer oder einem Fluß oder eine Bank am Waldrand mit Blick auf eine offene Landschaft als besonders schön empfunden werden. Natursoziologen wie Rainer Brämer beschreiben präzise, was die meisten als schöne Landschaft empfinden, und zwar ist das eine Landschaft mit viel Grün und Wasser darin, also mit Bächen, Flüssen, Seen oder Meer), sie sollte von Bäumen gerahmt sein, aber auch weite Ausblicke ermöglichen, diese am besten gekrönt von einem Blickfang: einer Burg, einem Schloss oder einem schönen, freistehenden Baum. Diese Landschaften werden auch von Wanderern bevorzugt (Brämer, Rainer, 2013). Es wird vermutet, dass wir diese Landschaften als besonders schön und angenehm empfinden, weil unsere prähistorischen Vorfahren in Buschsavannen lebten und es ihnen am besten ging, wenn sie Wald, Gras und Wasser auf überschaubarem Raum vorfanden, also alles, was sie zum Überleben brauchten. Und genau solche Landschaften wurden auch von den Malern von der Renaissance bis zur Romantik besonders gern abgebildet (Brämer, 2013; Sauer, 2021, 145). Der Trend zur Achtsamkeit findet sich auch in der partiell paradoxen Situation wieder, dass nicht die vorhandene Natur achtsam erfahren wird, sondern seit etwa zehn Jahren touristische Inszenierungen von Landschaf‐ ten zunehmen. So werden bestimmte künstliche Landschaftsräume mit therapeutischem Anspruch geschaffen, was zumindest das Wahrnehmen und Entdecken von Landschaften eher be- und verhindert. Es ist quasi ein Trend zu Natur „von der Stange“, die bitte alle Elemente therapeutischer Naturwahrnehmung enthalten soll. So zum Beispiel im 2012 eröffneten Landschaftstherapeutischen Park Bad Bertrich. Die Besucher beginnen ih‐ ren Spaziergang der Achtsamkeit durch diesen Park unter dem Slogan „Das Leben erwartet dich“, begleitet von der Aufforderung, sich auch langsam 164 3 Ankommen <?page no="165"?> zu bewegen (Pechlaner, 126; Bad Bertrich, 2014). Dieses Projekt ist u. a. aus dem regionalen Konzept GesundLand Vulkaneifel unter Mitwirkung des Münchener Psychologen Reinhard Schober hervorgegangen. Die Konzeption des Parks unterstellt, dass Begegnungen mit Natur und Landschaft eine heilende Wirkung haben. Sieben grüne Oasen sollen für eine therapeuti‐ sche Wirkung, für Wohlgefühl und hohe Aufenthaltsqualität sorgen und darüber hinaus auch Anregungen zu gesunder Bewegung bieten, sowie zu neuen Gedanken inspirieren und Raum für Stille geben (Pechlaner, a.-a.-O). Die thematisch ausgerichteten Gärten (u. a. Fürstengarten, Lavagarten, Bewegungsgarten, Entspannungsgarten, Stiller Garten) sollen den Besucher einladen, die verlorene Balance und den verlorenen Kontakt zur Natur wiederzufinden - die beide vorausgesetzt werden - um so mentale Ausge‐ glichenheit zu erreichen (Pechlaner GesundLand Vulkaneifel, 2014, Pechlaner, 127). Atmosphäre: Orte und Landschaft Atmosphäre und das Wahrnehmen dieser an Orten hat einen Einfluss auf das Empfinden. Rainer Kazig beschreibt, dass Atmosphäre als Entität bisher eher auf öffentliche Räume und gebaute Umgebungen bezogen wurde. Er hat nachgewiesen, dass diese auch auf Landschaften angewendet werden kann und sollte. Warum ist das so? Die Konzeption des Atmosphärenbegriffs ist auf Leiblichkeit und Sinnlichkeit bezogen und hängt damit eng mit der Wahrnehmung zusammen. Der Mensch erlebt seine Umwelt aber selten neutral, sondern meist gekoppelt an eine Handlung, die wiederum die sinnliche Wahrnehmung beeinflusst. Die Wahrnehmung von Landschaften verändert sich mit der Art der Fortbewegung, wobei der Mensch grundsätz‐ lich mit allen Sinnen mit der Umwelt in Verbindung steht. Ob man eine Landschaft beim Radfahren, Wandern oder Pilzesammeln erlebt, verändert die Wahrnehmung. Das alles ist aber auch an den Leib gebunden, weshalb Empfinden oft noch stärker ist als Wahrnehmung und die Wahrnehmung oft an diffuse Gefühle gekoppelt (Kazig, 2024, 453 ff.). Dabei kann der Mensch Atmosphären in bewusster oder unbewusster Art und Weise empfinden, und was häufig durch einen gewissen Grad an Ungewissheit oder auch Vagheit bestimmt ist (Kazig, 2019). So gibt es Orte an denen man sich spontan wohl und entspannt fühlt und andere, die einem unheimlich sind oder an denen man sich nicht gern aufhält, ohne dass man sofort erklären könnte, woran das liegt. Atmosphäre beinhaltet die Idee einer räumlichen Verdichtung von 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 165 <?page no="166"?> Gefühlen und kann mit einem körperlich spürbaren Befinden oder auch auf emotionaler Ebene zum Ausdruck gebracht und untersucht werden (Kazig, 2007; Münderlein, 2021, 342). Kazig führt aus, dass Atmosphären Teil des Landschaftserlebens sind und damit mehr oder weniger bewußt Empfindungen und Emotionen auslösen (Kazig, 2013). Beispiele dafür kön‐ nen die spezielle Stimmung eines heraufziehenden Unwetters, die dunklen Tiefen eines Waldes, eine sonnnenbeschienene Wiese oder Lichtung auch ein Sturm am Meer sein, die selten neutral wahrgenommen bzw. empfun‐ den werden. Aber auch unabhängig von solchen Wetterphänomenen sind bestimmte Landschaften an bestimmte Atmosphären und damit wiederkeh‐ rende Empfindungen gekoppelt, die auch einen Wiederkennungswert für das empfindende Individuum haben (Kazig, 2013). Oft entspannen sich Menschen beim bloßen Gedanken an einen Tag am Meer oder See (was manchmal schon durch den bloßen Geruch von Sonnencreme ausgelöst werden kann). Ziel: Passion oder Destination Was ist wichtiger beim Reisen: persönliche Interessen bzw. Passionen oder Orte und Destinationen? Kevin Kelly (2025) empfiehlt seine Reisen mehr nach seinen Passionen als nach Destinationen auszurichten. „Organize your travel around passions instead of destinations. An itinerary based on obscure cheeses, or naval history, or dinosaur digs, or jazz joints will lead to far more adventures, and memorable times than a grand tour of famous places. It doesnʼt even have to be your passions; it could be a friendʼs, family memberʼs, or even one youʼve read about. The point is to get away from the expected into the unexpected.“ Damit ist er ganz bei Phil Cousineauu, der jede bedeutungsvolle Reise als Pilgerreise sieht. In vielen Arbeiten (Eric J. Leed, 1993; Phil Cousineau, 1998) wird die Ursache von Reisen (wohlgemerkt nicht von Tourismus) in der Suche nach Sinn und Bedeutung gesehen. All diese Faktoren entsprechen weitestgehend den oben genannten intrinsischen bzw. Erfahrungsmotiven. Für Phil Cousineau (1998) ist die Pilgerreise eine Metapher für die Reise an sich, da für ihn jede Reise das Ziel hat, etwas zu finden, was für den Reisenden von großer Bedeutung ist. Für ihn ist eine Reise ohne Heraus‐ forderung bedeutungslos und eine Reise ohne Ziel seelenlos. Reisen sei vor allem geprägt von Risiko und Erneuerung (Cousineau, 1998, xxiii). Der Inhalt der Suche hat sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder geändert, 166 3 Ankommen <?page no="167"?> 18 Die Regenwälder des Amazonas gehören zu den artenreichsten Ökosystemen unseres Planeten außerhalb der Meere und werden als Lunge unseres Planeten bezeichnet. doch das Reisen ist geblieben, mögen die Ziele moderner Pilgerreisen neben Literatur und Kunst auch u. a. Architektur, Design, Musik, Street Art Landschaft und Film einschließen. Was einem dabei wirklich etwas bedeutet, ist naturgemäß hochgradig individuell. Die Mona Lisa im Glaskasten mit hunderten Besuchern davor, ist sicher nicht für jeden ein Erlebnis. Es ist immer die Frage, womit man in Resonanz geht. 3.2.3 Der Wald Der Wald spielt von jeher eine bedeutende Rolle, nicht nur als mythologi‐ scher Ort in Sagen und Märchen. Er hatte etwas mit verloren gehen und Tiefe zu tun, da es früher auch weniger Wege durch den Wald gab. Ca. 30 % der festen Erdoberfläche sind von Wäldern bedeckt und Wälder spielen eine ebenso wichtige Rolle bei Regeneration des Planeten und wie des Einzelnen. 18 Heute wird er vielfach geschätzt. Er ist Nutzwald (als Ressourcenliefe‐ rant für Papier und Holz) und er ist - was für unseren Kontext hier am wichtigsten ist - Erholungsort. Aber vor allem in unserer schnellebigen, digital überformten Zeit, in der ein hoher Geräuschpegel ist, ist der Wald auch als Ressource für die Seele wieder deutlich wichtiger geworden. Ruhe als Gegenpol zur allgemeinen Betriebsamkeit. Auch in Deutschland ist seit 1973 im Bundeswaldgesetz die Erholungsfunktion des Waldes verankert, bis dahin waren es nur die Schutzfunktion und die Nutzfunktion. Auch die Stadtwälder als grüne Lungen und Naherholungsgebiete, bekommen zunehmend mehr Aufmerksamkeit. Wald ist ein Thema, das zunehmend mehr Beachtung bekommt vor allem in Deutschland. Vor allem in den vergangenen beiden Jahren ist der Wald (nach Dürre, Borkenkäfer und Waldbränden) jedoch als gefährdet wieder stärker in unser Bewusstsein gerückt. Nun ist die erholsame Wirkung eines Waldspazierganges nichts Neues, aber in den letzten Jahren hat der Wald im Wellnessbereich, aber auch im medizinischen Bereich zunehmend an Bedeutung gewonnen. Damit nehmen auch die Studien zum Wald zu. Anfangs kam ein Großteil der Studien, die sich speziell mit dem Wald beschäftigen vor allem aus Japan, wo der Trend zum Waldbaden geradezu zum Hype geworden ist. Aber auch in Europa gibt 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 167 <?page no="168"?> es zunehmend Studien zu den positiven Wirkungen des Waldes, u. a. auch in Deutschland (insbesondere an der LMU München). Es gibt Lehrstühle, die sich mit den Auswirkungen des Waldes auf Physis und Psyche beschäftigen sowie eine Gesellschaft für Waldtherapie. Waldklima Der Wald hat ein besonderes Klima mit nachweisbar gesundheitsförder‐ licher Wirkung (dabei ist Wald nicht gleich Wald, aber dazu später). Durch die Reduktion der Schadstoffe werden Atemwege und Herz-Kreislaufsystem entlastet. Das Waldklima ist immer ein lokales Klima, das modifiziert wird durch die Belaubung, die Höhe der Bäume, die Höhenlage und die Dichte des Waldes. Schon im europäischen Raum gibt es sehr verschiedene Wald‐ klimata und Waldarten, insbesondere das Hochgebirgsklima, das subalpine Klima, das Mittelgebirgsklima und das Reizklima in den Küstenwäldern am Meer (z. B. an der Ostsee). Auf anderen Kontinenten finden sich noch andere Klimaarten, z. B. der Regenwald mit ganzjährig hoher Luftfeuchtigkeit und dichter, artenreicher Flora und Fauna. Was alle Wälder eint, sind bestimmte positive Wirkungen für die Erde und den Menschen. Ein wesentlicher Faktor ist die hohe Luftreinheit: Luftschadstoffe werden am Waldrand abgehalten durch den dichten Waldsaum. Im Waldinneren gibt es auch eine Verminderung der Lärmverschmutzung, man findet wald‐ typische Ruhe mit Vogelzwitschern, Rauschen etc. Wälder filtern auch UV-Strahlung und setzen sie durch die Photosynthese um. Die Strahlungs‐ umsätze sind vor allem im Kronenbereich. Daher ist es im Sommer im Wald mehrere Grade kühler und im Winter wärmer, was geringere Tempe‐ raturschwankungen im Wald als in offenen Gebieten bedingt. Auch die Windgeschwindigkeit wird im Bestand von dichten Wädern reduziert. Im Wald herrscht auch immer eine höhere Luftfeuchtigkeit. Dazu kommen auch besondere Lichtverhältnisse, meist sanftes Dämmerlicht, selten pralle Sonne, mit Ausnahme von Lichtungen. Außerdem geben die Bäume Terpene, sogenannte Phytocine ab, die zum einen ein Schutz gegen Fressfeinde sind, aber auch die Möglichkeit der Bäume sind, sich gegenseitig vor Fressfeinden warnen zu können. 168 3 Ankommen <?page no="169"?> Waldarten Grundsätzlich lassen sich Wälder in unseren Breiten unterscheiden in Nadelwald, Laubwald, Mischwälder oder Kombinationen. Nadelwald bietet ganzjährig Schutz vor Wind, Regen, UV-Strahlung und er filtert Kohlenstoff, Ozon oder andere Gase, wie Stickoxide oder Schwefeloxide, die sich in den Nadeln anreichern. Die Nadeln wirken tem‐ peraturausgleichend, weil sie die Wärme tagsüber durch die Photosynthese aufnehmen und nachts wieder abgeben, deshalb ist im Nadelwald die Tem‐ peratur auch immer geringfügig höher als im Laubwaldbestand. Allerdings sind reine Fichtenwälder für den Aufenthalt oft eher unattraktiv im unteren Bereich, weil es eher dunklere Wälder sind, somit kaum Bodenvegetation vorhanden ist. Der Laubwald hat die gleiche Filterwirkung von Feinstaub, aber insge‐ samt mehr Vielfalt. Er ist auch weniger anfällig für Waldbrände, die auf‐ grund der Klimaerwärmung zunehmend zum Problem werden. Laubwälder werden auch qua Vegetation und durch ihre Vielfalt als sehr wohltuend empfunden. Fast jeder kennt die angenehme Wirkung von Buchen-, Eichen- oder vielfältigen Mischwäldern. Zum Wandern eignen sich Laubwälder eher im Sommer oder Herbst. Im Spätherbst und Winter bieten sie aufgrund der gefallenen Blätter weniger Schutz vor Wind und Regen, was in Nadelwäl‐ dern aufgrund der immergrünen Bäume eher gegeben ist. Die Luftfeuchtigkeit im Wald ist für Menschen mit Atemwegserkrankun‐ gen besonders hilfreich. Allerdings sind Laubwälder für Schimmelpilzaller‐ giker im Herbst und Winter weniger empfehlenswert, da sich aufgrund der gefallenen Blätter viele Schimmelsporen bilden. Auch für den Sport ist der Wald förderlich, da sich die Ausdauerfähigkeit fast verdoppelt, wenn man leicht kühl trainiert, was auch für Wanderungen interessant ist. Waldbaden Der Trend Waldbaden bzw. Shinrin Yoku, der in Asien, insbesondere in Japan sehr populär ist, ist eine ganzheitliche Wahrnehmungsschulung, wobei es darum geht mit allen Sinnen die Natur und sich selbst wahrzunehmen: das heißt, die Geräusche, die es gibt, die Farben, Formen und Gerüche - was sehr effektiv zur Stressbewältigung beitragen kann. 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 169 <?page no="170"?> 19 In einer Studie von Jelalian und anderen (2006, 31 ff.) wurden 76 übergewichtige Jugendliche zufällig einer Gruppe mit einem 16wöchigen Wildnis Programm oder einer Gruppe mit Indoor Exercise zugeteilt, wobei die Kalorienaufnahme in beiden Gruppen dieselbe war. Es zeigte sich aber am Ende der Studie, dass die Teilnehmer der Wildnis Gruppe 4x mehr Gewicht verloren hatten als die Vergleichsgruppe mit Indoor Sport. Dieser Trend wurde zum Objekt verschiedener Studien. Forscher fanden diverse positive Effekte durch den puren Aufenthalt im Wald (der noch nicht zwangsläufig mit viel Bewegung verbunden sein muss). So fanden sich ein Sinken des systolischen Blutdrucks (Lee et al., 2014), deutlich gesunkener Stresslevel - gemessen durch die Aktivität des präfrontalen Cortex und das Cortisol Niveau - (Park et al., 2007, 123 ff.), weniger Aktivität im sympathischen Nervensystem (gemessen durch die Höhe von Adrenalin und Noradrenalin) und ein gestärktes Immunsystem (gemessen durch Zunahme der natürlichen Killerzellen und der interzellulären Antikrebsproteine) (Li, 2007; 3 ff.). Jede dieser Studien verglich den Aufenthalt im Wald mit dem Aufenthalt in der Stadt. Die Studien zeigten, dass die positiven Effekte relativ unmittelbar nach dem Beginn des Aufenthaltes in der Natur beginnen und sich durch moderate Bewegung kontinuierlich steigern, wobei die Effekte noch eine Woche nach der Exposition nachweisbar waren. Das Eintauchen ins Waldklima zeigte sich also als präventive Stressbewältigungsmethode und guten Weg, damit die Menschen wieder zu sich selbst kommen, was erklärt, warum Aufenthalte in Wäldern so entspannend und für viele Reisende so attraktiv sind. Dazu kommen auch viele Studien zu den positiven Effekten des Wan‐ derns. So scheint wandern bei Übergewicht auch deutlich effektiver zu sein als andere Sportarten. In einer Studie zeigte sich, dass Wanderer mehr Kalorien verbrannten als Jogger, weil sie sich länger draußen aufhielten und dadurch länger in Bewegung blieben als bei jeder anderen Aktivität (Wolf et al, 2014, 89-ff.). 19 Waldtherapie: Gesundheitseffekte von Wäldern Inzwischen gibt es auch medizinisch eingesetzte Methoden, so zum Beispiel die Waldtherapie, die eine weit fortgeschrittenere Methode ist. Dabei geht man mit Kranken in den Wald, um einen bewussten Aufenthalt dort zu gestalten. Oft (aber nicht ausschließlich) findet das in speziellen Kur- und Heilwäldern statt, die meist an Kliniken oder Rehakliniken angeschlossen sind. Dänemark hat als erste Land in der Europäischen Union einen Heilwald 170 3 Ankommen <?page no="171"?> etabliert, der sich nahe Kopenhagen befindet und wo ca. 2.000 verschiede Pflanzenspezies etabliert worden sind. Es gibt zunehmend mehr Belege für die positive Wirkungen von Wald‐ therapie. Diese beziehen sich auf die Förderung der physischen, mentalen und sozialen Gesundheit. Waldtherapien scheinen besonders wirksam zu sein, bei der Reduzierung von Stresssymptomen und zur generellen Gesundheitsförderung (Schuh & Immich, 2019). Verschiedene Studien zur Stressreduzierung zeigen ein Ansteigen der parasympathischen Aktivität (Li, 2018; Karjalainen et al., 2010, Shin et al., 2010), die eine entscheidende Rolle bei physischer und psychischer Erholung spielt. Das kann wiederum einen positiven Effekt auf Blutdruck (Mao et al., 2012) und Puls haben und reduziert so auch das Risiko für Herz-Kreislauf‐ erkrankungen. Auch generelle Erschöpfung und Schlafstörungen werden positiv beeinflusst (Morita et al., 2011). Dabei haben längere Aufenthalte im Wald positivere Effekte als kurze. Wobei sich der kurative Effekt nicht zweifelsfrei nachweisen ließ. Um das klar zu untersuchen sind methodisch gut konstruierte Studien mit großen Behandlungs- und Kontrollgruppen nötig. Nach Christina Pichler et al. (2022) gibt es im Moment etliche methodisch eher schwache Studien im Bereich der Waldtherapie mit erheblichen strukturellen Problemen. Viele Studien haben erhebliche Schwächen im Studiendesign, in dem korrelierende Va‐ riable unzureichend beachtet wurden und auch inadäquate oder fehlende Kontrollgruppen problematisch sind. Die meisten Studien kommen aus dem asiatischen Kontext und wurden eher an kleinen und gesunden Personen‐ kreisen durchgeführt, die vor allem aus Menschen jungen oder mittleren Alters bestanden, weshalb die Ergebnisse nur bedingt generalisierbar sind. Viele Aufenthalte waren mit 1-3 Tagen auch eher kurz. Dazu zählen auch die bekannten und viel zitierten Studien von Li. Aber es gibt inzwischen andere Studien, mit gut entwickeltem Studiende‐ sign, die ebenfalls klare gesundheitliche Vorteile von Aufenthalten im Wald, insbesondere von Waldwanderungen zeigen. Eine ist die ANKER Studie, die Teilnehmer zu einer 7-tägigen Wanderung in den Wald schickte und sowohl Vorher-Nachher-Effekte verglich, als auch langanhaltende Effekte nach Monaten noch einmal erhob, und direkte positive Effekte auf die Patienten zeigte. In ersten Auswertungen zeigte sich ein Anstieg in der gesundheitsbezogenen Lebensqualität und der Qualität der Partnerschaften. Dabei ist der Effekt eher auf die Kombination von Wald und Wandern zurückzuführen. 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 171 <?page no="172"?> Psychologische Effekte Ein systematischer Review von Thompson Coon et al. (2011, 1761 ff.) eva‐ luierte auch die Effekte von Outdoor-Sport auf das Wohlbefinden mit 13 messbaren Bereichen. Er fand, in den Selbstbeschreibungen der Teilnehmer, die Outdoor-Sport betrieben verschiedene positive Effekte, wie Gefühle der Revitalisierung, positives Engagement, erhöhtes Energieniveau und eine Abnahme von Spannung, Ärger, Konfusion und Depression. Emi Morita und ihr Team (Morita, Imai, et al., 2011) haben verschiedene Studien durchgeführt, in der sie Menschen für viermal für zwei Stunden in den Wald geführt haben. Danach konnten sie feststellen, dass die Feind‐ seligkeitsgefühle verschwanden und Angst und depressive Verstimmtheit deutlich gemindert wurde und sich gleichzeitig die Lebensqualität, Vitalität, Lebendigkeit deutlich erhöhte. Wobei Menschen, die stärker verstimmt waren, deutlich stärker darauf reagierten als diejenigen, denen es ohnehin schon relativ gut ging. Den Personen mit hoher Verstimmtheit ging es nach einem Aufenthalt im Wald deutlich besser. In anderen Studien fanden sich deutlich Verbesserungen bei Schlafstörungen. Miyazaki hat 420 Probanden in verschiedene Waldgebiete in Japan ge‐ schickt und hat verschiedene Gruppen verglichen. Die eine Gruppe setzte sich im Wald hin, die andere Gruppe wanderte im Wald und eine Gruppe wanderte in der Stadt. Er konnte feststellen, dass man egal, ob man im Wald sitzt oder im Wald wandert, deutlich besser „runterkommt“. Das heißt, das Stresslevel sank in beiden Gruppen: die Herzfrequenz sank, die Teilnehmer kamen zur Ruhe und die parasympathische Nervenaktivität stieg an. Der Parasympathikus wird bei der Verdauung und im Schlaf aktiviert. Die Tätigkeit des Sympathikus (Kampf oder Flucht) scheint bei Aufenthalten im Wald deutlich reduziert zu sein, Das heißt, der Aufenthalt im Wald ist klar stressreduzierend. Es gibt eine gute Metaanalyse, die auch zeigte, dass der Wald deutlich entspannende und beruhigende Effekte hat. Der Wald reduziert auch Wut und Erschöpfung deutlich schneller als jede andere Umgebung. Der Aufent‐ halt im Wald hat auch deutlich positive Auswirkungen auf den Schlaf. Wenn man nachmittags in den Wald geht, stößt es deutlich besser die Schlafqualität an, als wenn man das morgens tut. Es ließen sich auch bessere Leistungen bei Aufmerksamkeits- und Ge‐ dächtnistests, nachweisen wenn man vorher im Wald war (im Vergleich mit einer Kontrollgruppe, die an einer Straße entlanggelaufen ist). Ob 172 3 Ankommen <?page no="173"?> der zugrundeliegende Faktor der Wald war oder der Wald die Erholung intensiviert und sich darüber die Merk- und Konzentrationsfähigkeit erhöht hat, ist aber unklar. Tatsache ist: Je erholter man war, desto besser war die Merkfähigkeit. Stärkung des Immunsystems Es gibt eine vielzitierte Studie von Prof. Li, der nachwies, dass ein Aufenthalt im Wald die Anzahl der Killerzellen deutlich anstiegen lässt. Killerzellen, die gegen Viren und Krebszellen wirken, die aber bei Stress reduziert werden, sind ein wichtiger immunmodulierender Faktor. Der Körper reduziert die Anzahl der Killerzellen drastisch, wenn man unter chronischem Stress leidet. Li hat dabei 13 Frauen drei Tage, dreimal täglich in den Wald geschickt oder drei Tage mit den zwei Nächten dazwischen im Wald übernachten lassen und ihnen ein Waldbadeprogramm verordnet. Dabei machten sie etwas Meditation, etwas Tai-Chi, aber keine große körperliche Bewegung. Das alles hatte nach Li einen positiven Effekt auf das Immunsystem, indem es zu einer Zunahme der natürlichen Killerzellen kam. Li hat das auf die Terpene, die volatilen Botenstoffe zurückgeführt, was aber eher umstritten ist, wie im Übrigen auch das Studiendesign der gesamten Studie. Für Forscher der Ludwig-Maximilians-Universität München (Schuh und Immich, 2019) ist es eher wahrscheinlich, dass das aufgrund der Entstressung und Entschleunigung der Fall war und dass sich durch die Ruhe, das Immunsystem spontan regeneriert. Die Art von Ruhe im Wald (die ja keine absolute ist, weil es verschiedenste Geräusche gibt, Rauschen von Blättern oder Bächen, Vogelstimmen etc.) sei deutlich effektiver für die Regeneration als Schweigeretreats, die quasi absolute Ruhe erzwingen und auch ein Stressor sein können. Insgesamt gesehen gibt es viele Studien zum Wald, die nicht alle von gleichermaßen verläßlicher Qualität sind. In einigen Bereichen gibt es belegbarere Ergebnisse als in anderen. Der Wald ist ein interessantes Thema und es gibt Schnittstellen zu anderen reiserelvanten Themen wie dem Wandern und den Bergen. Je nach Wohnort muss der Aufenthalt im Wald aber nicht zwangsläufig Reisen voraussetzen. Im Folgenden noch einmal zusammengefasst die positiven Effekte von Aufenthalten im Wald. Für den Bereich der Psyche ist die Studienlage gut und es gibt viele validierte Ergebnisse. Die Hauptwirkungen des Waldes für die Psyche sind: 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 173 <?page no="174"?> ● Stressreduktion ● Reduktion von Selbstzweifeln ● Reduktion von negativen Gedanken ● bessere Aufmerksamkeit ● Selbstbildverbesserung oder Verbesserung des Selbstbildes (man ist weniger kritisch sich selbst gegenüber) ● Verbesserung leichter Depressionen ● höhere Vitalität und Kreativität ● bessere emotionale Regulierung ● Stimulierung mentaler Funktionen (wie Aufmerksamkeit und Kreativi‐ tät) ● Abnahme von Ärger, Spannung und Gereiztheit Im physischen Bereich gibt es weniger Studien und nicht alle sind gleicher‐ maßen generalisierbar. Belegbar sind aber die folgenden physischen Wirkungen des Waldes: ● Abnahme von Puls und Herzfrequenz ● partielle Verbesserung von Bluthochdruck (insbesondere durch Absin‐ ken des systolischen Drucks) ● Verbesserung der Schlafqualität ● gesunkener Stresslevel (weniger Cortisol und Adrenalin) ● Immunstimulierung (Zunahme der Killerzellen) ● weitestgehend positive Effekte auf Atemwegserkrankungen ● ADHS und Autismussymptome lassen sich im Wald partiell positiv beeinflussen 3.2.4 Die Berge Berge und Gebirge lösen die verschiedensten Assoziationen aus, je nach Typ und Stimmung können sie als schützend oder beängstigend empfunden werden. Oft werden sie mit Erhabenheit assoziiert. Auch ein „Über den Dingen stehen“ wird häufig beschrieben, wobei die Probleme der heimi‐ schen „Niederungen“ klein wirken. Berge können auch etwas Unheimliches und Rätselhaftes oder Abweisendes haben, aber auch etwas Leuchtendes, Überragendes, Ewiges. 174 3 Ankommen <?page no="175"?> 20 So bspw. Moses mit seinen steinernen Gesetzestafeln auf dem Berg Sinai, die heiligen Berge in Tibet mit dem Weltenberg Kailash, dem „heiligsten Berg der Welt“, der als so heilig angesehen wird, dass allein den Fuß auf seine Flanke zu setzen als Sakrileg gilt oder dem Berg Ararat für die Armenier, der sich zwar heute nicht mehr auf armenischem Staatsgebiet befindet, aber trotzdem das armenische Nationalsymbol bleibt. Schon die alten Griechen sahen den Olymp als Wohnsitz der Götter. Auch das Altai Gebirge ist Sitz vieler Mythen und die Pyrenäen tauchen in der griechischen Mythologie auf und sind nach Pyrene benannt. 21 Auch in den Mittelgebirgen finden sich vielfach heilige bzw. sagenumwobene Berge, wie den Bieleboh und den Czorneboh in der Oberlausitz mit ihren engen Bezügen auf die slawisch-sorbische Mythologie. Der Bieleboh (Weißer Berg) ist Sitz eines guten Gottes, möglicherweise identisch mit dem slawischen Sonnengott Svantevid. Der Czorneboh (Schwarzer Berg) ist Sitz eines dunklen, bösen Gottes. Barbarossa hingegen wurde im Kyffhäuser verortet. Die Bedeutung von Bergen für Menschen, Religionen und Kulturen Berge spielen für die Menschen nicht nur im reellen, sondern auch im übertragenen Sinn eine wichtige Rolle. Sie haben im wahrsten Sinne des Wortes eine überragende Bedeutung für Religionen, Kulturen und auch für einige Nationen. Schon in der Mythologie und in den Religionen spielen sie eine zentrale Rolle. Sie streben auf zum Himmel und scheinen damit auch den Göttern näher zu sein. Seit jeher gelten sie als Sitz von diversen Göttern oder anderen höheren Wesen. Grund genug für Völker (z. B. die frühen christlichen Anachoreten), aber auch Individuen wie Eremiten und Heilige die Einsamkeit der Berge und göttliche Nähe zu suchen. Die meisten Menschen blieben in den Tälern, nur u. a. Hirten, Bergbauern und Schmuggler drangen in die gefährlichen Höhen vor. Die höchsten Berge galten oft als heilig. Fast alle Religionen kennen solche heiligen Berge. 20 In den Mittelgebirgen herrschten die heidnischen Traditionen vor und es wimmelt dort eher von heidnischen Göttern, Zwergen, Hexen, Berggeis‐ tern und anderen Fabelwesen. Fast jede Bergregion hat ihre eigenen. Das Riesengebirge hat Rübezahl, der Harz seine Hexen und Riesen, die Lausitz den guten und den bösen Gott. 21 Aber es gibt kaum eine Bergregion ohne Mythen, Götter, Geister oder Sagen. In vielen Fällen galt das Betreten als heilig betrachteter Berge als Sakrileg und wurde schon deshalb kaum gemacht. Aus diesem Grund und weil es lange keine Wege durch die Berge gab und kaum Infrastruktur, um die Bergregionen zu erreichen, dafür aber Wölfe, Bären und Räuber galten sie als schwer zu überqueren und sie als 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 175 <?page no="176"?> 22 Berühmt ist die Hannibals Überquerung der Pyrennäen und Alpen mit 40.000 Männern und 37 Elefanten, bereits im Jahr 218 v.C. Selbst die Apenninen galten als schwer überwindbar, weshalb in Bologna beispielsweise mit Schweineschmalz gekocht wird, weil das Olivenöl nicht einfach da hin transportiert werden konnte. Reiseziel zu betrachten, schien nicht nur waghalsig, sondern lange Zeit als abwegig. Deshalb bilden Berge oder Meere oft auch natürliche Grenzen, z. B. fungiert der Ural als Grenze zwischen Asien und Europa. Solche Gebirgszüge waren oft nicht nur Wetter- und Wasser-, sondern oft auch Kulturscheiden. So bildeten bspw. die Alpen eine klimatische und zivilisatorische Grenze, die zunächst als schwer zu überwinden galt. 22 Für einige Kulturen und Nationen spielten Berge auch für die Begründung der Kultur bzw. der Nation eine wichtige Rolle. Die Tschechen haben einen engen Bezug zum Berg Rip, auf dem der Urvater Cech das Land gegründet haben soll. Kultur und Natur sind dabei eng verbunden. Einige Länder haben einen engen Bezug zu ihren Bergregionen. So gelten die Tschechen, Polen und Slowaken bis heute als begeisterte Wanderer und Kletterer. Der enge Bezug zur Natur, insbesondere zu den Bergen stand oft in engem Zusammenhang zur nationalen Wiedergeburt, zur Nationswerdung, die oft in die Zeit der Romantik fiel, in der Wandern und Berge ohnehin generell sehr beliebt wur‐ den. In der Zeit von Aufklärung und Romantik fand auch der Pantheismus weite Verbreitung, womit dann nicht mehr so sehr ein einzelner Gott oder Götter als zentral gesehen wurden, sondern die gesamte Natur als göttlich betrachtet wurde, weshalb das Betreten der Berge dann auch weniger als Sakrileg, denn als Wertschätzung gesehen wurde, ein bedeutender Vertreter war Goethe, der bekanntermaßen auch Bergwanderungen über alles liebte (und sich selbst von Höhenangst heilte). Berge erheben sich zu schneebedeckten Höhen oder sanften Hügeln, zu Hochebenen oder schroffen Felsenlandschaften, immer aber formen sie Landschaft und die höchsten Berge waren und sind Landmarken, die weithin sichtbar Orientierung geben und bis heute auch Wahrzeichen und Landmarken nicht nur für die Reisenden sind. Entwicklung von Bergreisen und Bergsport Lange waren Berge kein Ziel für Reisen. Sie waren schwer erreichbar und galten als unwirtlich. Selbst Mittelgebirge galten als wenig Vertrauen 176 3 Ankommen <?page no="177"?> 23 Bei den Sumerern hieß ein gefährliches, mythisches Ungeheuer „Kur“, was gleichbe‐ deutend mit „Berg“ war. erweckend. Beispielsweise schrieb Hofmann Julius Bernhard von Rohr noch 1739 über den Harz, dass er ein „… etwas Finsteres, wildes, furchtbares und unangenehmes Aussehen habe. Man sieht an manchen Orten nichts als über sich den Himmel, und um sich herum entsetzliche Berge und Klüfte.“ Aus der Sicht der großen Zivilisationen in den Flussebenen (Mesopota‐ mien, Nil) galten die Gebirge als unheimlich und gefährlich. Auch ihre Bewohner wurden oft als gefährlich und barbarisch angesehen. 23 In den Bergen gab und gibt es natürlich Gefahren wie plötzliche Wetterwechsel und Stein-, Schlamm- und Schneelawinen und gefährliche Tiere, wie Bären und Wölfe. Naturphänomene wie Lawinen, absonderliche Laute aus Fels‐ spalten, überschwemmemdes Schmelzwasser - das alles war eng mit den existierenden Vorstellungen von übernatürlichen Kreaturen wie Geistern oder Dämonen verbunden (Grupp, 2008, 15 ff.). Wegen ihrer relativen Unerreichbarkeit waren sie auch häufig Sitz von Wegelagerern und Räubern. Von hier aus agierten auch Partisanen. Gleichzeitig boten Berge auch immer Schutz. So waren sie auch Zufluchtsorte für Flüchtlinge, Aussätzige, Widerstandskämpfer, Verfolgte und Verstoßene, z. B. der Berg Musa Dagh in den Zeiten des Völkermordes an den Armeniern. Berge als Reiseziel kamen erst relativ spät in der Menschheitsgeschichte auf. Als Beginn wird vielfach die in Briefform vorliegende Schilderung von Francesco Petrarca gesehen, der die Besteigung des Mont Ventoux beschrieb, die 1336 stattgefunden haben soll. Er genießt die wunderbare Sicht über die Provence, das aber noch mit schlechtem Gewissen und zitiert den heiligen Augustinus, der von der Bewunderung der Landschaft abrät. Petrarca war zu dieser Zeit eine Ausnahme. Danach galten die Berge wieder für etliche Jahrhunderte nicht mehr als Ziel (und bei Petrarca war die Betrachtung auch mit einem schlechten Gewissen verbunden.). Der entscheidende Wandel kam erst im 18. Jahrhundert mit der neuen Naturbegeisterung, unter anderem mit Jean-Jaques Rousseau als einem ihrer prominentesten Wortführer. Im Zuge dessen kam es zur weiten Verbreitung der Zurück-zur-Natur-Bewegung. Basis dafür war der Ausbau der Naturwissenschaften und die damit einhergehende gesellschaftliche und ökonomische Entwicklung und zunehmende Verstädterung. Es reisten immer mehr Adelige und Bürgerssöhne in die einst als unwirtlich und abschreckend angesehene Bergwelt, um das Natürliche und Unverfälschte 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 177 <?page no="178"?> zu suchen. Dabei wird die unberührte Natur der Bergwelt dem Luxus und der Unmoral der Städte entgegengesetzt. Ein Meilenstein ist dann ein paar Jahrhunderte nach Petrarca, die Erst‐ besteigung des Mont Blanc am 8. August 1786 durch den Arzt Michel Paccard und dessen Begleiter Jaques Balmat. Diese Tour ohne Seile und Leitern wird oft als Geburtsstunde des Alpinismus gesehen. Bereits ein Jahr später 1787 wurden zwei Berghütten auf dem Mont Blanc errichtet. In den Folgenjahre erhöhen sich Berg um Berg die Gipfelaktivitäten im Alpenraum. 1779 wird der Mont Velan, 1789 das Rheinwaldhorn, 1798 das Großwiesenbachhorn und im Jahr darauf der Kleinglockner und ein weiteres Jahr später der Großglockner bestiegen. Auch in anderen Gebirsräumen werden in dieser Zeit hohe Berge bestiegen. In den Pyrennäen erreicht Louis Ramond de Carbonnières 1797 erstmals den Gipfel des Pic du Midi und im Rahmen deiner Forschungsreise nach Amerika versuchte der deutsche Naturforscher Alexander von Humboldt den ecudorianischen Chimborazo zu besteigen, der zur damaligen Zeit als höchster Berg der Welt begriffen wurde. Die ersten touristisch motivierten Besuche von Promenaden und Aus‐ sichtspunkten kommen 1820 in den Schweizer Alpen auf. Das bildet in gewisser Weise den Auftakt zu unseren Bergwandervereinen. Damit kam auch sukzessive der Alpinismus auf. Und bereits kurz darauf begann sich der Alpentourismus zu einem Massenphänomen zu entwickeln mit den bekannten Folgen für Flora und Fauna, weshalb heute insbesondere die Gebiete im Alpenraum Vorreiter im nachhaltigen Tourismus sind. Bereits 1823 warnte der Engländer Leslie Stephen in „The playground of Europe“ davor, dass die Alpenlandschaft durch „das Heer von Bergsteigern und Sightseeing-Touristen zur Spielwiese und Fussgängerzone, zum touris‐ tischen Tummelplatz Europas“ werden könne. Eine entscheidende Phase in der Entwicklung des Alpinismus waren dann die Jahre 1850 bis 1865. In diese Zeit fallen auch die Gründung des ersten Alpenvereins (der interessanterweise 1857 in Großbritannien gegründet wurde), sowie die des DAV 1869. Damit wird der Bergsport auf organisatori‐ scher Ebene revolutioniert, wobei es anfangs vor allem um das Austauschen von Erfahrungen und das Angehen gemeinsamer Projekte ging (Grupp, 2008, 93). Erst später entwickelte sich z. B. mit den Alpenhütten zunehmend eine Unterkunfts- und Verpflegungsinfrastruktur in den Bergen, die auch längere Bergtouren für viele möglich machte. Inzwischen hat sich eine Form von Massentourismus selbst in einigen der gefährlichsten und lange nur für 178 3 Ankommen <?page no="179"?> wenige erreichbaren, Hochgebirgsregionen entwickelt (mehr dazu am Ende des Kapitels). Charakterisierung von Bergen und Bergsport In den Bergen, ist der Mensch der Macht und den Kräften der Natur besonders ausgesetzt. Insbesondere im Hochgebirge ist das Risiko deutlich höher als im Flachland, aber auch die positiven psychischen und physischen Effekte sind höher. Berge zu besteigen, bedeutet immer ein Heraustreten aus der eigenen Komfortzone. Beim Bergsteigen beweist man sich, dass man die Kraft hat, etwas zu erreichen. Und ist das unter mehr oder weniger großer Anstrengung geschafft, wartet ein „Gipfelerlebnis“. Im Folgenden soll auf die Effekte auf Körper und Psyche näher eingegangen werden. Wissen | Gebirge Ein Hochgebirge wird per Definition erst ab einer Höhe von 1.000 Metern über der Ebene als solches bezeichnet. Ein Mittelgebirge ist weniger genau definiert. Es wird im deutschsprachigen Raum als eine Erhebung beschrieben, die in etwa zwischen 200 bis 1.000 Höhenmetern aus der Ebene herausragt. Es kann dabei in der absoluten Höhe in der Regel zwischen 500 und 1.500 Metern über dem Meeresspiegel liegen. Bergsport Bergsport reicht vom Bergwandern und Bergsteigen über das Klettern bis zum Schneeschuhgehen, Slacklining, Canyoning, Eisklettern und Moun‐ tainbiking. Im Folgenden sollen das Wandern, Bergsteigen und Extremberg‐ steigen näher beleuchtet werden. Das Hauptziel jedes Bergsteigers oder Bergwanderers ist das Erreichen des Gipfels und jedes Etappenziel motiviert zur Fortführung. Es gibt verschiedene Studien zu beiden Bereichen. Wandern Die Definition des Deutschen Wanderverbandes für Wandern lautet wie folgt: „Wandern ist Gehen in der Landschaft. Dabei handelt es sich um eine Freizeitaktivität mit unterschiedlich starker körperlicher Anforderung, die 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 179 <?page no="180"?> sowohl das mentale wie physische Wohlbefinden fördert. Charakteristisch für eine Wanderung sind eine Dauer von mehr als einer Stunde, eine entspre‐ chende Planung, Nutzung spezifischer Infrastruktur sowie eine angepasste Ausrüstung.“ (BMWI, 2010, 20) Der DTV geht etwas weiter und grenzt Wandern vom Spazierengehen durch bestimmte Kriterien ab (BMWI, 2010, 114): ● Zeit: ca. ein halber Tag ● Länge: ca. 13 Kilometer +/ - ● Geschwindigkeit: moderat bis zügig ● Aktionsraum: meistens ortsfern ● Motive: Natur erleben, sich körperlich verausgaben Am unproblematischsten ist Wandern in den Bergen und mit ausreichender Akklimatisierung auch im Hochgebirge. Es ist eine der besten gesundheits‐ fördernden Maßnahmen und prinzipiell für jeden relativ einfach möglich, da es nicht allzu viel Ausrüstung erfordert, aber was das Kosten-Nutzen-Ver‐ hältnis angeht mit zu den effektivsten Sportarten zählt. Im Folgenden sollen die physischen, psychischen, sozialen und kognitiven Effekte des Wanderns etwas näher beschrieben werden. Im darauffolgenden Teil dann etwas detaillierter für das explizite Wandern in Bergregionen je nach Höhenlage. Wissen | Physische Effekte nach Landschaftsformen Flachland: ● geringste körperliche Belastung, ● Gelenke werden geschont, ● Blutdruck steigt nicht stark an Mittelgebirge: ● erhöhte körperliche Belastung ● größerer Kraftaufwand nötig ● erhöhte Atemfrequenz ● lokale muskuläre Ermüdung setzt früher ein ● Körperwärme steigt schneller an 180 3 Ankommen <?page no="181"?> Hochgebirge: ● starke Beanspruchung des Bewegungsapparates durch Höhenunter‐ schiede ● hohe Höhenlagen ● verursachen häufig Atemprobleme (Sauerstoffmangel kann durch langsame Akklimatisierung vorgebeugt werden) (Knoll, 2016, 54-f., vgl. BMWI, 2010, 114) Wirkungen von Bergreisen und Wandern auf Körper und Psyche Wandern in den Bergen hat multiple positive Auswirkungen auf die men‐ tale und physische Gesundheit, u. a. ein verbessertes Herz-Kreislauf-System, Verbesserungen im Muskel- und Skelettsystem, der Balance und Koordina‐ tion (Austin, 2024). Viele Zivilisationskrankheiten sind mit Inaktivität ver‐ bunden. Wandern verbindet viele potenziell positive Faktoren: Bewegung, Natur, soziale Kontakte. Es fördert das Muskel- und Skelettsystem, versorgt das Gehirn mit Sauerstoff. Eine überwiegend sitzende Lebensweise erhöht nachweislich das Risiko für Bluthochdruck, kadriovaskuläre Probleme, Übergewicht, Typ 2 Diabetes und emotionale und kognitive Probleme wie Ängste, Depression, Müdigkeit und Stress. Zudem erhöht sich das Risiko für bestimmte Krebsarten, insbesondere Darm- und Brustkrebs (Lee et al., 2012, 219-ff.; Dunstan et al., 2002, 368-ff.) Multiple positive Effekte werden dem regelmäßigen Wandern in der Natur zugeschrieben, u. a. das Atmen frischer sauerstoffreicher Luft, Bewe‐ gung, soziale Verbindung, Stressabbau und Erholung (Ewert et al., 2014) Insgesamt gesehen ist Wandern sehr positive für die emotionale, psychi‐ sche und körperliche Gesundheit und wird daher in vielen nationalen und internationalen Gesundheitsprogrammen immer wieder empfohlen (Mitten, et al., 2016). Physisch-Physiologische Effekte Reisen in die Berge sind oft verbunden mit Aufenthalten in größeren Höhen und verstärkter körperlicher Aktivität wie Wandern, Bergsteigen oder Klettern. Das hat vielfältige positive physiologische Effekte. 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 181 <?page no="182"?> Das Herz-Kreislauf-System profitiert in den Bergen sowohl von der Höhenlage als auch von der körperlichen Beanspruchung. Wandern in herausforderndem Gelände stärkt den Herzmuskel. Ein trainiertes Herz kann pro Schlag mehr Blut pumpen, was langfristig den Blutdruck senkt und die Herzfrequenz in Ruhe reduziert. Nach einigen Tagen Bergwandern sinkt auch Blutdruck leicht (besonders im systolischen Bereich). Entspre‐ chend zeigen Studien, dass regelmäßiges Bergwandern Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Krankheiten günstig beeinflussen kann, wobei insbesondere Blutdruck und Blutfette profitieren. Es ist auch stärker mit erhöhter Langle‐ bigkeit verbunden. So wurde bei älteren Menschen mit unbehandeltem Blut‐ hochdruck nach einem 9-monatigen wöchentlichen Bergmarsch ein deutlich gesunkener systolischer Blutdruck gemessen. Eine zweiwöchige Wander‐ kur im moderaten Hochgebirge (∼1.900 Meter) führte bei Patienten mit metabolischem Syndrom zu stärkeren Verbesserungen des Lipidprofils (u. a. sinkendes LDL-Cholesterin und Triglyceride) als eine vergleichbare Kur im Flachland. Die Höhenbedingungen scheinen also auch den Stoffwechsel zusätzlich positiv zu beeinflussen, etwa durch günstigere Cholesterinwerte und Hormonprofile (z. B. niedrigere Leptin-Spiegel). Insgesamt kann Berg‐ wandern somit das kardiometabolische Risiko reduzieren - mit potenziell geringerer Wahrscheinlichkeit für Herzkrankheiten, Bluthochdruck, Diabe‐ tes und Übergewicht. Entsprechend wird auch ein niedrigeres Auftreten von Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen bei Menschen beobachtet, die in mittlerer Höhenlage leben. Ab 1.400-Meter bildet der Körper mehr rote Blutkörperchen für ausreichen‐ den Sauerstofftransport. Schon ab mittleren Höhenlagen sinkt der Sauerstoff‐ gehalt der Luft, was den Körper zu Anpassungsreaktionen zwingt: Die Atem- und Herzfrequenz steigen an, um das Gewebe weiterhin mit ausreichend Sauerstoff zu versorgen. Kurzfristig ist auch der Blutdruck leicht erhöht. Nach einer Akklimatisation über mehrere Tage, normalisieren sich die Werte, nur die Herzfrequenz bleibt erhöht, zudem setzt eine vermehrte Bildung roter Blutkörperchen und des Sauerstofftransportmoleküls Hämoglobin ein, wodurch der Körper auch in dünner Luft effizienter Sauerstoff aufnehmen kann. Das ist eine Art natürlicher Booster für den Körper. Den gleichen Mechanismus machen sich Höhen-Trainingslager zunutze. Nach einiger Zeit des Aufenthaltes in der Höhe erhöht sich messbar der Hämoglobingehalt im Blut von Personen, die aus dem Flachland ins Gebirge reisen. In sehr großer Höhe (über 2.500 bis 3.000 Meter) können ohne langsame Anpassung allerdings auch Symptome der akuten Höhenkrankheit auftre‐ 182 3 Ankommen <?page no="183"?> ten (z. B. Kopfschmerz, Schwindel, Übelkeit), die sehr kritisch werden können. Durch Belastung in großer Höhe kann es zu einem raschen Anstieg des pulmoartierellen Drucks kommen, wodurch es zu einer Sauerstoffun‐ terversorgung kommen kann. Die Versorgung des Herzens wird etwas vermindert, weshalb es in großen Höhen zu einem Verlust an aerobischer Leistungsfähigkeit um 10-25-% kommen kann. Die akute Hypoxie ist eine lebensbedrohliche Störung. Entsprechend zeigen sich z. B. Unruhe, Angst, Tachykardie. Sollten diese nicht durch Abstieg oder Sauerstoffzufuhr behoben werden, kann es zu Bewusstseins‐ verlust, Kreislaufstillstand oder Koma kommen. (Dass die Hypoxie auch positive Folgen haben kann, insbesondere auf Asthma und Entzündungen sehen wir weiter hinten). Abhängig von ihrem Umfang und ihrer Dauer führt die Hypoxie zu einer Zellschädigung, da die Energiegewinnung der Zelle gestört wird. Deshalb ist eine langsame Akklimatisierung an große Höhen immer erforderlich. Erfahrene Bergsteiger steigen oft auch ein Stück wieder ab, um auf etwas geringere Höhe zu übernachten. Für gesunde Personen ist ein Aufenthalt in hohen Höhen kein Risiko für myokardische Ischämien, für Personen mit vorgeschädigtem Herz ist das Risiko aber erhöht (Naeije, 2010, 456 f.). Für diese empfiehlt sich daher eher ein Aufenthalt nur bis 1.300 Metern, wo die positiven Effekte noch eindeutig überwiegen. Daher empfiehlt auch die American Heart Association für Menschen mit hohem Blutdruck, Schädigungen der koronaren Arterien und Herzrhytmusstörungen vorher mit dem Arzt abzuklären, ob ein Aufenthalt im Hochgebirge empfehlenswert ist. Der Aufenthalt in großen Höhen ist Stress für das Herz und die Lungen. Sollte dem Körper nicht genug Zeit gegeben werden, sich an die Höhe zu akklimatisieren und dann noch hohe physische Anstrengung durchgeführt werden, kann das zum plötzlichen Herztod führen ( Journal oft he American Heart Association, 2021). 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 183 <?page no="184"?> Abb. 5: Akklimatisierung in den Bergen | nach Mees, 2011, 18 5.500 bis 9.000 Meter 2.500 bis 5.500 Meter 1.500 bis 2.500 Meter extreme Höhen Akklimatisierung nicht mehr möglich große Höhen Sofortanpassung reicht nicht aus Akklimatisierung nötig mittlere Höhen Sofortanpassung genügt Abb. 5: Akklimatisierung in den Bergen | Quelle: nach Mees, 2011, 18 Es gibt es eine klare Klassifikation der Höhenstufen und der Notwendig‐ keit der Akklimatisation. Dabei wird deutlich, dass Akklimatisierung ab 2.500 Metern zwingend nötig ist, im Bereich ab 5.500 Metern ist eine Akkli‐ matisierung nicht mehr möglich und dementsprechend nur ein Kurzaufent‐ halt möglich. In diesen Höhen kann sich der Mensch allenfalls kurzzeitig aufhalten. Berücksichtigt man diesen Faktor im höheren Hochgebirge hat der Aufenthalt in den Bergen überwiegend positive Effekte auf den Körper. Neben Herz-Kreislauf-Aspekten werden auch andere Körpersysteme be‐ einflusst. Wandern in den Bergen verbessert auch die Lungenfunktion. Durch die körperliche Aktivität in oft frischer, pollenarmer Bergluft kann das Immunsystem profitieren. So zeigte eine japanische Studie, dass bereits ein dreitägiger Aufenthalt mit täglichem Wandern in Wald- und Bergge‐ bieten die Zahl der weißen Blutkörperchen (insbesondere der natürlicher Killerzellen) um 40 % erhöhte. Dieser Effekt ist auch vergleichsweise nach‐ haltig: Noch einen Monat nach dem Ausflug lag dieser Immunparameter um 15 % über dem Ausgangswert. Dieser Effekt trat bei einem vergleichbaren Städtetrip nicht auf, was darauf hinweist, dass Naturumgebung und Bergluft an der Immunstärkung beteiligt sind und nicht lediglich die Bewegung. 184 3 Ankommen <?page no="185"?> Zudem reduzieren sich durch die saubere, allergenarme Bergluft bei Pol‐ lenallergikern die Allergiesymptome signifikant und das bereits innerhalb weniger Stunden nach Ankunft in 2.500 Metern Höhe. Selbst einige Tage nach Rückkehr ins Flachland blieben die Beschwerden deutlich geringer, ähnlich wie es im Reizklima in Küstengebieten nachweisbar ist. Insgesamt sind in großen Höhen deutlich weniger Allergene (Pollen, Hausstaubmil‐ ben), sowie weniger Luftschadstoffe vorhanden, was die Lungenfunktion entlasten und entzündliche Prozesse hemmen kann. Bergreisen werden traditionell auch zur Linderung chronischer Lungenkrankheiten eingesetzt - ein bekanntes Beispiel ist die Höhenklimatherapie bei Asthma. Schon vor 100 Jahren entstanden Lungenheilstätten in alpinen Lagen, um Tuberkulose und Asthma-Patienten zu heilen oder deren Symptome zu verbessern. Heute weiß man, dass ein mehrwöchiger Aufenthalt in allergenarmer Höhenluft (ca. 1.500-2.500 Meter) bei schwerem Asthma deutliche Verbesserungen bringt: Die Lungenfunktion steigt, die Entzündungswerte in den Atemwe‐ gen sinken, und die Patienten benötigen oft für viele Monate nach der Rückkehr weniger Medikamente. Der Effekt beruht auf mehreren Faktoren: In den Bergen fehlen Hausstaubmilben und viele Pollen nahezu völlig, was Allergikern sofort Erleichterung verschafft. Außerdem scheint die Hypoxie auch positive Seiten zu haben. Sie scheint eine Immunmodulation zu bewirken, die überschießende Entzündungsreaktionen dämpft und damit zur Bekämpfung von Asthma und Entzündungen sehr positiv ist. Europäi‐ sche Fachgesellschaften empfehlen daher Alpine Klimatherapie (AACT) ausdrücklich bei schwerem, unkontrolliertem Asthma als Zusatzbaustein. Ähnliches gilt für andere Atemwegserkrankungen wie COPD. Auch hier können Bergkuren (kombiniert mit physio-therapeutischem Training vor Ort) die Belastbarkeit erhöhen und die Lebensqualität steigern. Dieser Effekt tritt aber nur oberhalb der Baumgrenze auf, da in Waldgebieten insbesondere nach einigen Regentagen, im Herbst vermehrt Schimmelpilzsporen auftreten können, die für Menschen, die darauf aller‐ gisch reagieren wiederum problematisch sein können. Außerdem wirkt sich der Aufenthalt, insbesondere in Verbindung mit Bewegung positiv auf den Stoffwechsel aus. So kann durch regelmäßiges Bergwandern Übergewicht reduziert werden, da der Körper bei Bergaktivi‐ täten wie Wandern auf anspruchsvollem Terrain - je nach Höhenmetern - durchschnittlich 400-550 kcal pro Stunde verbrennen kann (Austin, 2024). Die körperliche Leistungsfähigkeit steigt ebenfalls. Einerseits kommt es zu Muskelwachstum, weil beim Wandern verschiedene Skelett- und Muskel‐ 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 185 <?page no="186"?> gruppen gebraucht werden, wie Quadrizeps, Kniesehnen, Hüftbeuger, die Muskeln der Schienenbeine und Waden, die Gesäßmuskeln. Beim Verwen‐ den von Trekking-Stöcken wird darüber hinaus auch noch die Oberkörper -und Armmuskulatur trainiert. Wandern mit Rucksack hat zudem noch einen positiven Effekt auf die Knochendichte. Zudem ist es gut für die Körperhaltung und verbessert die Kraftausdauer und die neuromuskuläre Koordination (Knoll, 2016, 54 ff.). In einer Studie mit älteren Erwachsenen verbesserte bereits eine einwöchige Wanderreise messbar die Gehgeschwin‐ digkeit und das Gleichgewicht. Zusammengefasst führen Bergreisen durch Höhenreize und Bewegung zu einer Stärkung von Herz, Lunge und Immunsystem und können damit der Gesundheit und dem Körper sehr zuträglich sein. Psychologische Effekte Bei Bergtouren kommt es nachweislich zu vielfältigen positiven Effekten auf die Psyche. Für Menschen mit chronischem Stress und Burnout-Syndrom kann ein Aufenthalt in den Bergen Wunder bewirken. Die reizreduzierte Umgebung, die relative Ruhe und ein moderates Ausdauertraining senken das chronisch überhöhte Stressniveau. Akuter Stress wird durch körperliche Belastung reduziert und das Stresshormon Kortisol wird reduziert. Wandern in den Bergen wirkt wie ein natürliches Antidepressivum. Durch das Erfolgserlebnis der Bergbesteigung kommt es zu erhöhter Ausschüttung von Endorphin und Dopamin, was Glück und Wohlbefinden erhöht. Durch das Erleben der Besteigung von Gipfeln und erfolgreicher Selbstüberwindung kommt es zu einem erhöhten Selbstwirksamkeitserleben (Schumacher, 2016, 37). Diese ist damit verbunden, die Höhen wie die Tiefen anzunehmen, im direkten wie im übertragenen Sinn und Schwierigkeiten zu überwinden. Gerade wandern im Hochgebirge findet außerhalb der Komfortzone statt. Das Wetter kann sich plötzlich ändern, Wege aufgrund von Schnee oder Schlamm nicht mehr passierbar oder Wegmarkierungen nicht mehr sichtbar sein. Es ist nicht alles planbar. Die Berge verlangen auch Demut, etwas, was Reinhold Messner nicht müde wird zu betonen. Schon, weil der Aufenthalt in großen Höhen für den Menschen höchstens kurzzeitig möglich ist. Auch die Abhängigkeit vom Wetter ist in den Bergen hoch. Sie erfordern damit auch ein hohes Maß an Flexibilität, bedingt durch Wetterumschwünge, aufgrund von Witterungsbedingungen nicht mehr 186 3 Ankommen <?page no="187"?> oder nur noch schwer passierbaren Wegen, für die man mehr Zeit benötigt als geplant, was in den Bergen schnell vorkommen kann. Wandernde sind daher gezwungen zur „größtmöglichen Offenheit und Flexibilität in ihrem Verhaltensrepertoire“, schreibt Andrea Deisen in der Psychologie des Wanderns (Deisen, 2002, 9). Und Christian Sauer ergänzt, dass wir uns beim Wandern im Gebirge Kräften aussetzen, die unberechenbar sind, „unverfügbar“ nennt das der Soziologe Hartmut Rosa. Zwar können wir mit der Landschaft in Resonanz gehen, aber das bleibt einseitig, die Landschaft werde nie auf unsere Bedürfnisse reagieren (Sauer, 2019, 127). Daher sind eine gewisse Flexibilität und Offenheit und ein großes Durchhaltevermögen dafür essenziell. Wandern ist Flexibilisierung und Vereinfachung in einem. Pechlaner und Volgger (2021, 75) sehen als weiteres Motiv, was beim Wandern erfüllt wird, die Sehnsucht nach Einfachheit. „Wenn bei 40 % aller deutschen Urlaubsreisen gewandert wird, dann sehen wir auch Parallelen zur Sehnsucht nach Einfachheit.“ (Pechlaner & Volgger, 2021, 75) Es ist der klare, gleichmäßige Rhythmus und Tagesablauf sowie das Beschränken auf minimales Gepäck. Alyson Chun von der Stanford University hat die vielfältigen positiven Effekte für die Psyche und den Körper gut auf den Punkt gebracht: „Hiking is an amazing way to get outside and explore, reconnect with feelings of wonder and awe, and reap countless benefits such as decreased anxiety and depression and reduced risk of heart disease, high blood pressure, diabetes, and obesity.” (Austin, 2024) Weitwandern Weitwandern hat oft ein ebenso transformatives Potenzial wie z. B. Welt‐ reisen und die Walz (die ja im Grunde auch eine Form von extrem langer Weitwanderung ist). Das ist einer der Gründe für den anhaltenden Trend zu Pilgerreisen (mehr dazu im → Kap. 3.3.4). Die Möglichkeit auf langen Wanderungen wieder zu sich selbst zu finden und im Echten und Authenti‐ schen anzukommen, sind dabei durch die Kombination aus gleichmäßigem Rhythmus, Distanz und Bewegung und dadurch erhöhte Kreativität deutlich erhöht. Es ist immer auch ein Wegfinden, mitunter auch im übertragenen Sinn neue Wege für das eigene Leben zu finden oder sich von alten zu verabschieden. Und Wandern, insbesondere Weitwandern und Wandern im Hochgebirge, sind immer auch eine Herausforderung. 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 187 <?page no="188"?> Soziale Aspekte beim Wandern Beim Wandern wird auch wiederholt der soziale Aspekt als wesentlicher Faktor genannt. Die Studien (siehe oben) sind dabei eindeutig, dass das Wandern mit Freunden oder Familien sowohl die Zeit draußen verlängert als auch die Bindung verstärkt und zu einem angenehmeren Erlebnis beiträgt. Das zeigte sich auch in meinen zahlreichen Interviews zu Bergreisen. „Ich verreise lieber mit Anderen, am liebsten mit Freunden, die die gleichen Interessen und Erwartungen an eine Reise haben. Ich liebe es, neue Landschaften zu erwandern und zu „erradeln“. Das macht natürlich mit Menschen, die diese Leidenschaft teilen umso mehr Spaß.“ (A3, 56 Jahre, arbeitet in einer chirurgischen Praxis) Kognitive Effekte des Wanderns Wandern in den Bergen hat auch vielfältige positive kognitive Effekte, einerseits verbessert sich durch die erhöhte Sauerstoffaufnahme und bessere Durchblutung das geistige Leistungsvermögen. Zudem erhöht sich die Verzweigungs- und Erneuerungsrate von Hirnnervenzellen, was wiederum den altersbedingten Abbau von Nervengewebe ebenso verlangsamt, wie den damit einhergehenden kognitiven Leistungsabbau. Dazu kommt die erhöhte Flexibilität, Offenheit und Kreativität. Aus diesem Grunde werden dem Wandern auch Demenz vorbeugende Effekte zugeschrieben (BMWI, 2010, 114-ff.). Wissen | Psychische und physische Effekte des Wanderns Psychische Effekte: ● wirkt wie natürliches Antidepressivum ● verstärkt Produktion von Dopamin und Serotonin = Glück und Wohlbefinden ● reduziert akuten Stress durch körperliche Belastung ● reduziert das Stresshormon Kortisol ● sich herauszufordern führt zu verstärktem Selbstwirksamkeitserle‐ ben ● größtmögliche Offenheit und Flexibilisierung 188 3 Ankommen <?page no="189"?> Physische Effekte: ● senkt Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen ● stärkt den Herzmuskel ● kann langfristig bei regelmäßiger Bewegung den Blutdruck senken ● Verbesserung des Lipidprofils ● stärkt/ stabilisiert Knochen, Gelenke etc. ● positiv für allgemeine Körperhaltung ● verbessert Kraftausdauer und neuromuskuläre Koordination ● stärkt Immunsystem ● beeinflusst den Stoffwechsel positiv ● hilft bei der Reduktion von Übergewicht ● geeignet für übergewichtige Menschen ● verbessert die Lungenfunktion und das Atemzugvolumen ● Reduktion von Allergiesymptomen (besonders ab 1500 Meter) ● ab 1.400 Meter bildet der Körper nach angemessener Akklimatise‐ rung mehr rote Blutkörperchen Klettern und Alpines Bergsteigen Alpines Bergsteigen bedeutet, im Hochgebirge unterwegs zu sein, wobei Berge unter anderem über Gletscher und Felsgestein, ausgestattet mit Seil, Pickel und Steigeisen erklommen werden. Der Einsatz von Händen ist selten und meist vor allem für die Balance oder beim Begehen von Klettersteigen nötig, da ernsthafte Kletterpassagen eher selten sind. Der Alpinist zeichnet sich darüber hinaus meist dadurch aus, dass er versucht die richtige Route einzuschlagen und nicht schon vorher gesetzte Hilfen wie Hakenleitern zu nutzen. Mögliche Ziele sind z. B. das Matterhorn oder der Mont Blanc. Im Gegensatz zum Wandern wird aber hier deutlich mehr Ausrüstung benötigt (Grupp, 2008, 94-f.). Klettern kann sowohl in Mittelwie auch Hochgebirgen durchgeführt werden und zeichnet sich durch den Einsatz des ganzen Körpers aus, wobei auch die Hände und Arme, neben Beinen und Füßen stark gebraucht werden. Es gibt verschiedene Studien zu den psychischen Voraussetzungen und Erfahrungen beim Klettern. 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 189 <?page no="190"?> Klettern und Psyche Sehr gut untersucht ist das Flow-Erleben beim Klettern untersucht, was beim Klettern regelmäßig auftritt. Die Idee des Flow selbst und seine Beschreibung entstammt dem Bericht eines Bergsteigers über seine innere Befriedigung beim Klettern: „Der Zweck dieses Fließens ist, im Fließen zu bleiben, nicht Höhepunkte oder utopische Ziele zu suchen, sondern im flow zu bleiben. Es ist keine Aufwärtsbewegung, sondern ein kontinuierliches Fließen; aufwärts klettert man nur, um den Flow in Gang zu halten. Es gibt keine andere Begründung für das Klettern als das Klettern selbst …“ (Csikszentmihalyi, 1999, 73) Daraufhin hatte Mihalyi Csikszentmihlayi Flow-Erfahrungen sehr gründlich untersucht. „Schätzt eine Person die Handlungsanforderungen als so schwierig ein, dass sie ihre Fähigkeiten übersteigen, wird die resultierende Spannung als Angst erlebt; liegt das Fähigkeitsniveau höher, aber immer noch nicht auf der Höhe der Anforderungen wird die Situation mit Sorge beobachtet. Flow stellt sich dann ein, wenn die Handlungsanforderungen bzw. -möglichkeiten der Situation mit den Fähigkeiten der Person im Gleichgewicht stehen; das Erlebnis ist dann ein autotelisches. Übersteigen die Fähigkeiten andererseits die Handlungsmöglichkeiten, so ist Langeweile die Folge; auch dieser Zustand kann bei allzu großer Diskrepanz wieder in Angst übergehen.“ (a.-a.-O., 75) Das Erleben des Kletterns hängt damit auch stark von der Möglichkeit des Flow-Erlebens ab. Wenn die Herausforderung den Fähigkeiten entspricht oder die Fähigkeiten minimal darunter liegen, gibt es die größte Chance für Wachstum und damit für Flow-Erleben. Die Möglichkeit Flow zu erleben ist eine wichtige Motivation für Bergsteiger, für die Besteigung von Gipfeln, aber auch um an risikoreichen Expeditionen teilzunehmen. Das Risiko an sich spielt dabei aber eine geringere Rolle beim Klettern, ebenso wenig wird das Risiko zielgerichteter gesucht, sondern es wird zum Erreichen der Ziele lediglich mit in Kauf genommen (mehr zum Flow-Erleben in →-Kap. 2.3). Extremsport in den Bergen Extremklettern ist ein Element des Extremsports, wobei Extremsport als das Ausüben außergewöhnlicher sportlicher Disziplinen gesehen wird, bei dem der Betreffende höchsten physischen und psychischen Anforderungen ausgesetzt ist. Dazu gehören an bergrelevanten Aktivitäten bspw. Extrem‐ 190 3 Ankommen <?page no="191"?> bergsteigen und Extremklettern. Zum Extremsport in den Bergen rechnet man bspw. auch das Eisklettern, wobei das Ziel ist, vergletscherte Gipfel zu erreichen. Häufiger als der Alpinbergsteiger greift der Eiskletterer auf Steigeisen, Seil und Eispickel zurück, um sich bei der Überquerung von Gletschern abzusichern. Seit den 1990er-Jahren ist nicht mehr nur der Gipfel das Ziel, sondern bspw. auch vereiste Wasserfälle oder Eisstalaktiten. Zum Extrembergsteigen oder auch Expeditions- und Höhenbergsteigen werden Touren über einen längeren Zeitraum mit höhengestaffelten Lagern im hochalpinen Bereich über 5.000-Metern gerechnet. Charakterisierung und Persönlichkeit von Risiko- und Extremsportlern Es gibt viele Beschreibungen von Extrem- und Risikosportlern, die aber nur partiell empirisch belegt sind. Statistisch sind Risikosportler überwiegend jung, männlich, ledig, gebildet und der mittleren Einkommensschicht zure‐ chenbar. Ulrich Aufmuth (1996), selbst erfahrener Bergsteiger und Psychologe hat sich an einer pauschalen, aber empirisch kaum fundierten Charakteri‐ sierung von Risiko- und Extremsportlern versucht und beschriebt sie als Menschen, die durch „ein häufiges Erleben von Leere, eine große Unrast, eine enorme Risikobereitschaft und eine tiefreichende Identitätsproblema‐ tik“ gekennzeichnet sind (Aufmuth, 1996, 93). Partiell liest sich das, wie eine Beschreibung von Sensation Seekern (mit Ausnahme des Punktes der Identitätsproblematik). Die Beschreibung von Aufmuth widerspricht allerdings partiell der von späteren Studien, u.-a. der von Breivik (1997). Dabei handelt es sich um eine Studie zur Persönlichkeit von norwegischen Bergsteigern am Mount Everest. Nach dieser Studie (Breivik, 1997) sind Mount-Everest-Kletterer extremer in Bezug auf Antriebsfaktoren. Sie haben niedrigere Wertung bei Sorgen, Ängsten und anderen Vermeidungsfaktoren und weisen mehr Stabilität und Reife auf. Gleichzeitig weisen sie sehr hohe Werte auf der Sensation Seeking Scale auf. Insbesondere bei den Skalen Thrill & Adventure Seeking (Thrill und Abenteuersuche), Experience Seeking (Erfahrungssuche) und Boredem Susceptibility (Anfälligkeit für Langeweile) weisen sie extremere Werte auf als andere Kletterer oder Sportstudenten. Auch beim Eingehen von Risiken in ökonomischen, poli‐ tischen und physischen Situationen weisen sie erhöhte Werte auf, aber interessanterweise nicht in leistungsbezogenen, intellektuellen und sozialen 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 191 <?page no="192"?> Dingen. Damit sind sie zwar klar als Sensation Seeker einzuordnen, sind das aber nicht in jedem Lebensbereich. Das Sensation Seeking in einigen Bereichen scheint eher zu erhöhter Stabilität in anderen Bereichen (z. B. im sozialen) zu führen. Nun lässt sich diese Studie aufgrund der niedrigen Teilnehmerzahl (sieben Teilnehmer) und der Tatsache, dass alle aus Norwe‐ gen stammen, sicher nur bedingt verallgemeinern, ist aber methodisch sehr fundiert. Die Ergebnisse wurden mit der Cattell 16PF und der Sensation Seeking Scale von Zuckerman erhoben, zudem kam der von Breivik selbst entwickelte Breivik-Risk-Test 5 zum Einsatz. Das ist ein sehr spannender Ausgangsbefund, der aber weitere Studien zur Erhärtung benötigt. Es gibt noch eine weitere Studie zu Sensation Seeking im Bergbereich, die hier aber aufgrund der geringen Teilnehmerzahl und der sehr unter‐ schiedlich zusammengesetzten Gruppen nur am Rande erwähnt werden soll, da hier die Frage von Persönlichkeitsunterschieden und Aktivitäts‐ unterschieden nicht zweifelsfrei getrennt werden kann. Die Gruppe der sogenannten High Level Athleten setzte sich bspw. aus Frei-Kletterern, Al‐ pinbergsteigern, Höhlenforschern und Skispringern zusammen und wurde mit Nicht-Sportlern und einer weiteren Gruppe von Sportstudenten vergli‐ chen, wobei in dieser Studie die High Level Athleten in allen Bereichen der Sensation Seeking Scale höhere Scores aufwiesen, nur nicht im Bereich der Anfälligkeit für Langeweile (Rossi, 1993). Motivation von Extrembergsteigern Die Forschungsarbeit von Philipp Imm beschäftigte sich u. a. mit der Moti‐ vation von Bergsteigern. Diese ist nach Imm sehr unterschiedlich und reicht von purer Neugier wie bei Petrarca, über das Gebirge als Quelle von Vitalität (ähnlich Lammer), das heißt einen Sinn abseits vom Denken zu finden, bis hin zu schierer Präsenz des Lebens bei Messner. Lammer betont vor allem den Wunsch sich mit Gefahren und Schwierigkeiten auseinanderzusetzen und sieht dabei auch das Gebirge als Lebensquelle (Imm, 2009, 233-f.) Wissen | Physische und psychische Faktoren beim Extrembergsteigen Extremsport kann als Extrem des Abenteuersports verstanden werden. Extremsport zeichnet sich durch verschiedene Faktoren aus, die im Folgenden etwas näher beleuchtet werden sollen. Zu den Faktoren auf 192 3 Ankommen <?page no="193"?> psychischer und physischer Ebene gehören (nach Obster, 2005, 9; Köhle, 2008, 14-ff.). Physische Faktoren: ● Körperbetonung ● körperliche Fitness, Köperbeherrschung, Geschick, Technik ● motorische Bedürfnisse, wie Bewegungsdrang Psychische Faktoren: ● Aufsuchen von unterschiedlichen Erregungszuständen (wie Spaß, Thrill, Nervenkitzel, Angstlust, Hochgefühl) ● Aufsuchen von Trance- und Rauschzuständen ● Voraussetzung und Herausforderung bestimmter Charaktereigen‐ schaften, wie Mut, Tapferkeit, Nervenstärke, Gelassenheit („Cool‐ ness“), Disziplin, Umsicht, Konzentrationsfähigkeit, Geistesgegen‐ wart, Flexibilität, Durchhaltevermögen, („Biss“) ● Wachstumsinteresse, Einbeziehen des Steigerungsmotivs: höher, schneller, weiter, länger, beschwerlicher, mutiger, spektakulärer, perfekt; Bedürfnis nach Überschreitung persönlicher und mitunter auch absoluter Grenzen; damit Vorstoß in neue Leistungsdimensi‐ onen (wobei das je nach Persönlichkeit stärker Wachstums-, Leis‐ tungs- oder konkurrenzorientiert sein kann) ● unter Berücksichtigung differenzierter Situationsbedingungen tre‐ ten oft noch zusätzliche Faktoren auf, bzw. werden sich zusätzliche Herausforderungen gesetzt: wie bspw. die Durchführung in außer‐ gewöhnlichen Lagen (wie Mountainbiking auf unbekannten, steilen Bergabpassagen), Entsagung von Hilfsmitteln (Free-Climbing, Frei‐ tauchen, Bergsteigen über 6.000 Metern ohne Sauerstoffflasche, die Ausübung bestimmter Risikosportarten in anderen Klimazonen (Extrembergsteigen, Hochgebirgsskitouren) und die Zunahme des Belastungs- und Intensitätsgrades (Obster, 2005, 9; Köhle, 2008, 14-ff.). Es gibt auch interessante Vergleiche zum Übertragen der Fähigkeiten und Fertigkeiten von Extrembergsteigern auf das Arbeitsleben, insbeson‐ dere im höheren Management (Ähnliches gibt es im Übrigen bspw. auch mit Seglern). 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 193 <?page no="194"?> Georg Bachler (2005) hat dazu ein Buch geschrieben, indem er die Grenzerfahrungen und Erfolgsprinzipien des Extrembergsteigens auf das Management anwendet. Seine Grundthese ist dabei, dass wir in einer Welt der 8.000er leben, also einer Welt der Extreme und Herausforderungen durch ständigen Wandel, Digitalisierung und Globalisierung, in der nur die Besten Aussicht auf Erfolg haben (Bachler, 2005, 18). Er vergleicht das Sein im Hochgebirge mit dem im Management. Beides biete Herausforderungen und Chancen (a. a. O., 19) und in beidem habe das Mittelmaß keine Chance (a.a.O, 21). Er sieht bei beidem fünf Grundqualitäten, die für den Erfolg verant‐ wortlich sind: Verantwortung, Stärke, Einstellung, Geben, Mut. Im Folgen‐ den eine nähere Erklärung der Grundqualitäten (a.-a.-O., 47-ff.): ● Verantwortung: für das eigene Leben, den eigenen Weg, die eigenen Talente und Möglichkeiten ● Stärke: hoher Anspruch an sich selbst wichtig (Business und Berg), Ziel verinnerlichen ● Einstellung: Besessenheit als positiven Antrieb ● Geben: Zuverlässigkeit, charakterliche Integrität, um Hilfe bitten und Hilfe anbieten als Teil totaler Kooperation ● Mut: innere Auseinandersetzung, Situation verändern können und widrige Umstände eher als Ansporn zu brauchen Der Südtiroler Reinhold Messner hat alle Achttausender besteigen. Nach Elmar Schenkel ist auch er bereits zum Mythos geworden und von einer Aura der Gefahr, der Nähe des Todes umgeben, weil er sich in verbotenen Regionen aufgehalten hat. Das Verbotene, auf griechisch anathema, bedeutet zugleich das Sakrale. Die frühen Erscheinungen der Berge in der Literatur und im Mythos scheinen nach Elmar Schenkel auf diese Doppeldeutigkeit hinzuweisen. Trend Besteigung des Mount Everest: Massentourismus in der Todeszone In gewisser Weise werden die Berge zunehmend entweiht, in dem gerade auf den Mount Everest eine Form von Massentourismus eingesetzt hat und das vor allem zunehmend von Menschen, die den Gipfel ohne Hilfe wohl kaum erreichen würden. Der Mount Everest - mit 8.849 Metern der höchste Berg 194 3 Ankommen <?page no="195"?> 24 Je nach Messlogik kann es auch der Mauna Kea (4.205 Meter) auf Hawaii sein. Vom Meeresgrund aus gemessen hat der Vulkan auf Hawaii eine Höhe von 10.203 Metern und ist vom Meeresgrund aus gesehen also höher als der Mount Everest. Welcher der beiden nun genau als höchster Berg der Erde angesehen wird, ist umstritten und abhängig von der Messlogik. der Erde 24 - zieht seit Jahrzehnten Bergsteiger aus aller Welt an. Was einst nur von professionellen Expeditionen und sehr erfahrenen Bergsteigern bewältigt werden konnte, hat sich zunehmend zu einem zweifelhaften kommerzialisierten Abenteuer-Tourismus entwickelt. Jährlich versuchen Hunderte zahlende Kunden, mithilfe von Sherpas und Expeditionsagenturen den Gipfel zu erreichen. Dies führt zu einem Massenandrang am Berg, mit weitreichenden Folgen für Umwelt, Sicherheit und die Region. Historische Entwicklung des Tourismus auf dem Mount Everest Die Besteigung des Mount Everest begann als Unternehmen weniger extrem erfahrener Bergsteiger. 1921 fand die erste britische Erkundungs-Expedition unter Charles Howard-Bury statt, gefolgt von weiteren Versuchen in den 1920er-Jahren, die aber allesamt scheiterten. 1924 verschwanden George Mallory und Andrew Irvine bei einem Gipfelversuch, ob sie den Gipfel er‐ reichten, gilt bis heute als ungeklärt. Es wird aber stark vermutet, dass sie ihn erreichten, beim Abstieg aber von einem Wetterwechsel mit Schneesturm überrascht wurden. Der erste belegte Gipfelerfolg gelang schließlich am 29. Mai 1953 dem Nepalesen Tenzing Norgay und dem Neuseeländer Edmund Hillary. In den folgenden Jahrzehnten stieg die Anzahl der Expeditionen zwar an, blieb aber insgesamt gesehen gering und den Elite-Bergsteigern, sowie hochalpin sehr erfahrenen staatlichen Teams vorbehalten. Bis in die 1990er-Jahre gab es pro Jahr nur wenige erfolgreiche Besteigungen. Inzwischen lockt der Mythos Mount Everest jedoch Hunderte von Menschen und die Aufstiegsrate stieg über die letzten Jahrzehnte kontinuierlich an. Im Dezember 2024 hatten insgesamt 7.200 individuelle Bergsteiger den Mount Everest bestiegen. Wenn man diejenigen hinzuzählt, die ihn mehrfach bestiegen, kommt man auf etwa 11.500. Dabei hat sich aber die Anzahl erfahrener Bergsteiger am Berg ebenso reduziert, wie die Etikette am Berg. Stattdessen drängen sich immer mehr kommerzielle Anbieter mit partiell deutlich unerfahreneren Kletterern auf dem höchsten Berg der Welt. Dieser Run auf den Mount Everest begann etwa ab den späten 1990er-Jahren durch die zunehmende Kommerzialisierung des Bergsteigens, ebenso wie das 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 195 <?page no="196"?> Nutzen von Besteigungen als Statussymbol. 1985 erreichte mit Dick Bass der erste Amateur gegen hohe Bezahlung den Gipfel. In den 1990ern entstanden daraufhin eine Vielzahl kommerzielle Guide-Firmen und Expeditionsanbie‐ ter, die immer mehr zahlende Kunden auf den Mount Everest führten. Dies kulminierte 1996 in einer tragischen Saison (bekannt durch den Film Into Thin Air auf Basis des Tatsachenromanes von Jon Kracauer), in der acht Menschen durch zu späten Abstieg bei einem aufziehenden Sturm starben. Dennoch stieg die Zahl der Nicht-Profis weiter an: Verbesserte Ausrüstung, feste Routen und die Unterstützung durch zahlreiche Sherpas ermöglichten auch weiterhin weniger erfahrenen Bergsteigern den Aufstieg. Die Motive, der weniger trainierten Bergsteiger reichen von Selbstverwirklichung, über Grenzerfahrung bis hin zu Prestige und Status. Um den höchsten Berg der Welt ist ein Reisegeschäft entstanden. Wer genug Geld zahlt, dem wird die Chance auf einen Aufstieg gegeben. Einige Veranstalter haben sich auf Reisen zu den höchsten Bergen spezialisiert und werben mit Aufstiegs‐ garantie. Ab der Jahrtausendwende explodierten die Besteigungszahlen regelrecht. Wurde um 1990 jährlich noch etwa 100-150 Gipfel erreicht, so waren es um 2010 bereits 500-600 erfolgreiche Besteigungen pro Jahr. Im Jahr 2019 - begünstigt durch stabiles Wetter - erreichten mit rund 876 Gipfelerfolgen so viele Menschen wie nie zuvor den höchsten Punkt der Erde. Das berühmte Foto vom Mai 2019, das einen Stau hunderter Bergsteiger am schmalen Gipfelgrat zeigt, die sich gegenseitig aufhielten. Es entstand auf über 8.700 Metern Höhe am Hillary Step, ging um die Welt und wurde zum Sinnbild des Massentourismus am Mount Everest. 196 3 Ankommen <?page no="197"?> 25 Das Zeitfenster für den Auf- und Abstieg ist schmal und jeder Stau im Gipfelbereich erhöht das Risiko für die Expeditionsteilnehmer und Sherpas immens. Abb. 6: Massentourismus am Mount Everest | Quelle: © Boyloso (iStock) - Everest base camp trek Viele waren stundenlang in großer Höhe im Freien, was zu Erschöpfung, Unterkühlung und Höhenkrankheit führte. In der Saison 2019 wurden mehrere Todesfälle direkt auf solche Verzögerungen zurückgeführt. Nach dem pandemiebedingten Einbruch im Jahr 2020 nehmen die Expeditionen seit 2021 wieder zu, wobei 2023 den vorläufigen Höhepunkt der Entwicklung markierte. 2023 stellte mit 478 erteilten Permits einen neuen Höchstwert dar - über 1.000 Menschen (inklusive Sherpa-Begleiter) hielten sich allein in die‐ sem Frühjahr am Berg auf. Gleichzeitig war 2023 mit 17-18 Todesopfern die tödlichste Saison aller Zeiten (Expedreview 2023; ultimatekilimanjaro.com). Die Gründe werden mit unvorhersehbarem Wetter durch den Klimawandel, Überfüllung in der Todeszone 25 und Unprofessionalität, durch den Aufstieg von tendenziell unerfahrenen Bergsteigern beschrieben. Letzteres lässt immer wieder die Forderung laut werden nur erfahrene Bergsteiger auf den Berg zu lassen und Erfahrung und Respekt vor dem Berg über den Profit zu stellen. 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 197 <?page no="198"?> 26 Schätzungen zufolge befinden sich am Mount Everest insgesamt rund 30 Tonnen Müll verteilt über die verschiedenen Lager und Routen. Besonders die Hochlager (etwa Camp 4 in ca. 8.000 m Höhe) sind schwer zu säubern und werden daher zur höchstgelegenen Müllhalde der Welt. Ein Video, das von Sherpa Tenzi auf Instagram gepostet wurde, zeigte eine unglaubliche Menge an Müll, die in Camp 4 hinterlassen wurde, darunter leere Zelte, Sauerstoffflaschen, Edelstahlgeschirr und Löffel, Toilet‐ tenpapier. Wohlweislich hatten die kommerziellen Anbieter aber die Logos von den Zelten geschnitten, bevor sie das Camp verließen, weshalb man sie auch nicht zur Verantwortung ziehen konnte. 27 In einem vielbeachteten BBC-Bericht war schon 2015 von über 200 Leichen am Berg die Rede, die aus logistischen Gründen nie geborgen wurden. Zudem tauchen durch den Gletscherrückgang immer wieder jahrzehntealte Hinterlassenschaften und Abfälle auf, die einst im Eis eingeschlossen waren. 28 In der kurzen Klettersaison fällt allein im Basislager pro Tag rund 4.000 Liter Urin an, der im Gletschereis versickert. Feststoffe werden zwar in Fässern gesammelt und von Sherpas ins Tal gebracht, doch längst nicht alles kann aufgefangen werden. Studien zeigen, dass Gletscherbäche regelmäßig mit menschlichen Exkrementen kontaminiert sind. Die Exkremente gefrieren im Eis und werden mit den Gletscherbewegungen Von erfahrenen Bergsteigern werden diese Entwicklungen regelmäßig kritisiert. Reinhold Messner, der als erster Besteiger des Mount Everest ohne Sauerstoff gilt, ist ein vehementer Kritiker dieses Mount Everest Tourismus und prangert den Kommerz um den Berg an: „Mit einem ‚unmöglichen‘ Everest ist es inzwischen vorbei. Unwieder‐ bringlich. Geht es Pauschaltouristen doch um Komfort und Prestige, nicht um Unsicherheiten … Bergtouristen sind Konsumenten und auf vordergrün‐ digen Gewinn aus. In ihrem halbherzigen Egoismus haben sie die Arena der Einsamkeit zum Rummelplatz gemacht, den Weg ins Nirwana mit allerlei Strukturen banalisiert und die Gipfelstunde zur Klimax erhoben - Mallory, Hillary und Messner zum Trotz.“ (Messner, 2003, 62) Gleichzeitig wird zunehmend von einem Verlust der traditionellen Berg‐ steigernormen berichtet. Herrschte lange eine klare Etikette am Berg, geht diese zunehmend verloren: Es wird von Diebstählen in Basislagern berichtet und vom Hinterlassen von Müll. Beides lange ein No-Go. Auch die Umwelt am Mount Everest leidet stark unter dem Massentourismus am Gipfel. Der Mount Everest und seine Umgebung liegen im Sagarmatha-Nationalpark (UNESCO-Welterbe), einem eigentlich geschützten Hochgebirgsökosystem. Der Massenandrang hinterlässt deutliche Spuren in Form von Müllbergen (z. B. Ausrüstung und Abfällen von Sauerstoffflaschen über Zelte und Dosen bis hin zu Plastikteilen). 26 Dazu kommen die Leichen, die oft zu schwer abzutransportieren sind und daher am Berg bleiben. 27 Ein anderes Problem sind menschliche Exkremente (Fäkalien und Urin). 28 Diese Ver‐ 198 3 Ankommen <?page no="199"?> verteilt - bei Schnee- und Eisschmelze können sie bis in tiefer gelegene Gewässer gelangen. schmutzung gefährdet die Trinkwasserqualität der Region und belastet das Ökosystem. Dazu kommt Mikroplastik. Die höchste Konzentration fand sich im Schnee des Basislagers, überwiegend Fasern von Polyester und Acryl - offensichtlich Abrieb von Funktionskleidung und Zelten der Bergsteiger. Die Mikroplastik baut sich nicht von selbst wieder ab und reichert sich immer mehr in der Umgebung an. Durch den Klimawandel schmelzen die Gletscher schneller ab, was durch den Massentourismus am Mount Everest noch forciert wird. Das Ganze wird zu einem selbstverstärkenden Kreislauf. Der Khumbu-Gletscher, auf dem das Basislager steht, schmilzt und dünnt rapide aus. Expeditionen tragen dazu bei, indem sie das Eis durch Zeltla‐ ger, Abwärme und massiven Brennstoffverbrauch (Kerosin, Gas) belasten. Steinschlag und Schmelzwasser machen das bisherige Basislager immer unsicherer. Deshalb planen nepalesische Behörden, das Everest-Basislager bis 2024 um 200-400 m niedriger auf den Felsen zu verlegen. Im Frühjahr 2024 erteilte Nepal auf Druck des Obersten Gerichts erstmals etwas weniger, insgesamt 403, Genehmigungen. Dennoch wurden 2024 durch günstige Witterung ca. 860 Summits erreicht - fast so viele wie 2019. Eine Prüfung der Fähigkeiten der Bergsteiger gibt es bislang nur auf chinesischer Seite. Sicherheitsrisiken und Todesfälle am Everest Die Besteigung des Mount Everest bleibt trotz aller Kommerzialisierung eine gefährliche Unternehmung. Bisher kamen insgesamt etwa 330-340 Menschen am Everest ums Leben. Im Schnitt sterben fünf bis sechs Besteiger pro Jahr am Berg, wobei einige Jahre (wie 2023) deutlich darüber liegen. Die hohe Anzahl unerfahrener Bergsteiger und der Massenandrang verschärfen die Risiken zusätzlich. Über 8.000 Metern (der sogenannten Todeszone) haben Mensch und Material ein sehr enges Zeitfenster. Bei gutem Wetter starten heute oft Hunderte gleichzeitig zum Gipfel - was zu „Staus“ an Engstellen führt. Das und die Zunahme der Umweltrisiken am Berg führte zur Forderung nach einer Limitierung der Kletterer und des Nachweises von zureichender Erfahrung. Das größte Risiko sind nach wie vor Wetterum‐ schwünge und Schnee- und Eislawinen, die auch für die meisten Todesfälle bei Kletterern und Sherpas verantwortlich sind. 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 199 <?page no="200"?> Trotz der Zunahme an Besteigungen, ist die Sterberate pro Kletterer tendenziell gesunken, da Ausrüstung, Vorhersagen und medizinische Ver‐ sorgung am Berg besser wurden. Dennoch starben 2023 mit 17-18 Personen so viele wie nie zuvor in einer Saison. Im Durchschnitt liegt die Letalitätsrate bei rund 1 % pro Aufstieg - wobei das Berufsrisiko für die lokalen Sherpas deutlich höher ist. Wirtschaftliche Bedeutung für Nepal Dennoch ist der Everest-Tourismus ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für Nepal, insbesondere für die Khumbu Region. Insgesamt trägt der Tourismus (vor allem Trekking und Bergsteigen in den Himalaya-Regionen) etwa 4-8 % zum nepalesischen Bruttoinlandsprodukt bei, und sichert landesweit meh‐ rere Hunderttausend Arbeitsplätze. Insbesondere der Extremtourismus am Everest hat eine eigene kleine Industrie entstehen lassen: Expeditionsver‐ anstalter, Trekking-Agenturen, Fluggesellschaften, Ausrüstungsverleihe, Hotels und Lodges entlang der Trekking-Route, Träger, Köche und natürlich die Sherpa-Bergführer. Allein 2019 - einem Jahr mit vielen Expeditionen - waren in der Everest-Saison rund 54.000 Menschen beschäftigt. Diese Zahl verdeutlicht, welch erheblicher Tross an Personal nötig ist, um eine Saison mit ca. 40 Expeditionsteams abzuwickeln. Das hat für die soziale und wirtschaftliche Entwicklung der Region auch positive Effekte. In abgelege‐ nen Dörfern wie Namche Bazaar blüht durch die Bergsteiger das Geschäft: Von einfachen Tee-Häusern bis zu Ausrüstungs-Shops hat sich eine touristi‐ sche Infrastruktur entwickelt. Traditionelle Subsistenzwirtschaft (Ackerbau, Yakzucht) wurde für viele Einwohner unwirtschaftlich - stattdessen bieten Jobs im Bergtourismus ein Vielfaches an Verdienst. Dadurch konnten in diesen Regionen auch Schulen und Krankenhäuser gebaut werden und vielen Sherpas ist es möglich, ihre Kinder im Ausland studieren zu lassen. Die Herkunftsländer der Everest-Touristen haben sich diversifiziert. Tra‐ ditionell stellten die USA, gefolgt von Indien und Großbritannien, die meisten Everestbesteiger. Inzwischen kommen aber vermehrt Bergsteiger auch aus Schwellenländern nach Nepal. Der Mount Everest ist von zwei 200 3 Ankommen <?page no="201"?> 29 Im Jahr 2023 waren erstmals Chinesen die größte Gruppe unter den Permit-Inhabern (96 chinesische Staatsbürger), während US-Amerikaner mit 87 Permits an zweiter Stelle lagen. Insgesamt verteilten sich 2023 die Mount-Everest-Genehmigungen auf Kletterwillige aus über 60 Ländern weltweit. 30 Ähnliches findet sich z. B. auch in Südamerika im El-Chalten-Gebiet, was bei Kletterern immer beliebter geworden ist und inzwischen fast überrannt wird. Seiten von Nepal, und über Tibet von China aus besteigbar und es gibt verschiedenen Routen zum Gipfel. 29 Ob sich touristische Hotspots bilden, hängt oft auch von der Infrastruktur ab. Im Falle des Everest ist die Entwicklung deutlich sichtbar. Früher war es relativ schwierig in Nepal an die Bergregionen zu kommen. Man konnte nur nach Kathmandu fliegen und von dort mit dem LKW in die Khumbu Region gelangen, um dann die letzte Strecke mit dem gesamten Gepäck zurückzulegen. Heute gibt es Fluganbieter (vor allem Jetstream), die diverse Destinationen direkt im Himalaya-Gebiet anfliegen und es gibt Lodges und Dörfer mit der gesamten Infrastruktur für Besteigungen oder für das Warten auf das geeignete Wetter für Besteigungen. 30 3.2.5 Das Meer Werfen wir einen Blick auf eine andere Landschaft: das Meer. „Herrlich ist es, in einer unendlichen Einsamkeit am Meeresufer, unter trübem Himmel, auf eine unbegrenzte Wasserwüste hinauszuschauen.“ (Kleist, zit. nach Clausen, 2007, 70) Die Nordsee Wie sollte ich nicht an den Größeren denken, der stand an der Nordsee und fühlte die Mächte der See in der Seele und sang sehr hochgemut von dem Schicksal der Götter. Drauf kehrte sein Lied wieder um, bekam Husten vor Liebesverlangen, wie oft bei dem Spötter. Wir kommen ans Meer aus zwei Gründen: Erhaben zu sein und uns nichtig zu finden. (Uwe Kolbe) 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 201 <?page no="202"?> Das Meer wird oft mit Ehrfurcht, Unbegrenztheit, Unendlichkeit, Leere, Weite und Freiheit verbunden. Insbesondere die wilderen Varianten des Meeres (zum Beispiel der Atlantik), werden oft mit Rauheit und Endlosigkeit assoziiert. Die Binnenmeere demgegenüber häufiger eher mit Erholung und insbesondere die mediterranen Regionen auch mit Hedonismus. Wasser ist für unser Leben auf der Erde und als Lebewesen essenziell. 70 % der Erdoberfläche bestehen aus Wasser. Ihre Bedeutung für die Ökonomie und Ökologie und für das Überleben des Planeten sind vielfach untersucht. Die Bedeutung für das Wohlbefinden des Menschen wird erst in den letzten 20 Jahren, vor allem mit den Forschungen zu Blue Spaces zunehmend in den Blick genommen. Alles Leben auf der Erde ist aus dem Wasser entstanden und auch der Körper des Menschen besteht zu 70 % aus Wasser. Wasser als Element spielt damit eine extrem wichtige Rolle. Geschichte von Reisen ans Meer Die Umdeutung von Landschaft und Kultur erfolgte im Zuge der Zu‐ rück-zur-Natur-Bewegung, die wesentlich von Jean-Jacques Rousseau be‐ gründet und bereits in → Kap. 3.2.2 besprochen wurde. Demselben Impuls, der den Reisen in die Berge Vorschub leistete, entspringen auch die Reisen ans Meer. Reisen ans Meer werden zur „Zuflucht vor den Unbilden der Zivilisation.“ (Corbin, 1990, 80, zit. nach Pott, 2007, 60) 1751 badet die die englische Königsfamilie erstmals im Meer, die Gesundheit des Meerwassers unmittelbar demonstrierend. Kurz darauf entstehen viele Seebäder, deren Zahl ab 1800 deutlich zunimmt. Die Küste wird seit dem 18. Jahrhundert von Menschen für Freizeit, Erholung und Thalassotherapie besucht (Verhaeghe, 1843; Strange, 1991). Reisen ans Meer ist Natur und Kunstprodukt in Einem. Siedlungen am Meer werden vorrangig für Touristen gebaut. Einheimische wohnten traditionell meist eher meerabgewandt oder zumindest mit genü‐ gendem Abstand, da sie die Gefährlichkeit des Meeres bei Sturm- und Winterfluten kannten. Dementsprechend gab es ursprünglich eher negative Assoziationen zum Meer, die die Urgewalt von Natur symbolisierten und mit der biblischen Sintflut verbunden sein konnte. Erst mit dem Beginn des Industriezeitalters (und damit später als die Berge) wurde der Strand als Erholungsraum entdeckt und als Ort gesuchten Erlebens. Diese Epoche war zunehmend durch die Entdeckung von Natur und Landschaft als Gegenentwurf zu den engen, eher dreckigen Städten geprägt. Den Bergen und dem Meer kam dabei eine besondere Bedeutung zu. 202 3 Ankommen <?page no="203"?> Nahezu zeitgleich wurde die Heilkraft des Meerwassers entdeckt und Erholungsaufenthalte an der See als wichtiges Mittel zur Erhaltung der Arbeitskraft gesehen. Interessanterweise ging damit auch ein Wandel in der Bewertung der Hautfarbe als Zeichen des gesellschaftlichen Status einher. Hütete man sich bis dato weitestgehend vor der Sonne, wurde nun plötzlich „gesunde Bräune“ statt „vornehmer Blässe“ en vogue. Zur Erholung zählten ab sofort die hohe Intensität der Sonnenstrahlen, salzhaltige, klare Luft, moderater Seewind (eine leichte Brise) und zunehmend auch das Flanieren auf Promenaden und Seebrücken. Es entwickelten sich die klassischen Seebäder. Aber auch die Bedeutung von Aufenthalten am Meer für das psychische Wohlbefinden wird schnell erkannt. Bereits der Rostocker Me‐ dizinalrat Vogel, auf dessen Inititiative Herzog Franz I. 1793 das erste deutsche Seebad in Doberan-Heiligendamm errichten ließ, erkannte das. Er beschrieb die positiven Wirkungen des Meerwassers, betonte aber auch bereits die psychische Erholung, die der Aufenthalt dort ermögliche. Es gehe darum: „in eine ungebundenere, angenehmere und ruhigere Lage zu kommen, um anstrengenden Geschäften, Sorgen und verdrießlichen Verhältnissen aus dem Wege zu gehen, und Ergötzungen und Zerstreuungen zu finden, welche zu Hause oft nicht möglich sind.“ (Spode, 1988, 50, zit. nach Pott, 2007, 60) Die Seebäder waren der Auftakt für die zunehmend populärer werdenden Reisen ans Meer. Heute spielt das Flanieren eine weniger große Rolle, dafür Erholung um so mehr. Reisen ans Meer im Sommer sind oft mit einem anderen Verhalten verbunden als Reisen ans Meer zu anderen Jahreszeiten. Der geografische Ort für den Strandurlaub ist für viele Strandurlauber mehr oder weniger austauschbar. Elemente wie Sonne, Strand und Wasser sind ausschlaggebend, nur bei wenigen Reisenden findet ein ausgeprägtes Explo‐ rationsverhalten in der Gegend statt. Auch persönliche Kontakte finden eher unter den Touristen selbst statt als mit Einheimischen. Das Hauptmerkmal des Urlaubes am Strand ist deutlich erholungszentriert und wird oft als lustbetontes Gammeln umschrieben, wobei der Strand eine egalisierende Funktion hat: Das heißt die Strandurlauber unterscheiden sich optisch nur noch nach ihrer physischen Erscheinung. Küstendestinationen sind äußerst populäre Orte für Erholungs- und Gesundheitsaufenthalte. Fast die Hälfte (genauer 47 %) aller Erholungsau‐ fenthalte in der Europäischen Union finden an Küsten statt (2012-2022, Eurostat., 2022; Hooyberg et al., 2023). 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 203 <?page no="204"?> Physische und psychische Effekte von Aufenthalten am Meer und in Küstenregionen Das Meer und Küstenregionen verbinden vielfältige positive Effekte auf unsere Gesundheit und das Wohlbefinden. Das hat eine wachsende Anzahl von Forschungsarbeiten in den letzten Jahrzehnten gezeigt. In etlichen aktuellen Studien wird die Untersuchung ausgeweitet auf Blue Spaces im weitesten Sinne, womit alle natürlichen Umgebungen mit Oberflächengewässern gemeint sind (Gascon, et. al, 2017; White et al., 2020). Dabei betont Kelly (2024, 137 ff.), dass zwar zahlreiche tourismusrelevante Forschungen zu grünen Räumen im naturbasierten Tourismus durchgeführt werden, aber deutlich weniger zu blauen Räumen. Ozeane, Meere und Flüsse werden oft für den Tourismus als selbstverständlich angesehen. Diese werden auch als besonders relevant für Wohlbefinden angesehen. Dabei stützt sich das Kapitel von Kelly auch auf blaue Räume als therapeutische Landschaften (von Gesler, 1992 auch als Heilorte bezeichnet). Die positiven Effekte der Nähe zum Meer treffen im Übrigen auf Reisende ebenso zu wie auf Küstenbewohner. Es gibt inzwischen Studien, die zeigen, dass Küstenbewohner, also Personen, die in relativer Nähe zu Küsten leben, eine bessere physische und mentale Gesundheit haben als Personen, die weiter im Inland leben (Garrett et al., 2019; Hooyberg et al., 2020). Severin, Raes, Notebaert und andere (2022) führten eine qualitative Studie zu den Emotionen und deren Einfluss auf das Wohlbefinden von Küstenbe‐ wohnern durch. Die Ziele von Küstenbesuchen beinhalten oft primär die Flucht aus einem als stressig empfundenen Alltag und die Suche nach Ruhe - Küstenbesuche sind also primär push-motiviert. Der Artikel von Severin erwähnt auch, dass Küstenorte als „sichere Häfen“ angesehen werden, die es den Menschen ermöglichen, sich von den Belastungen des Alltags zu erholen und dabei kognitive und emotionale Ressourcen wiederherzustellen, also in gewisser Weise wieder bei sich vor Anker zu gehen (Severin, et al, 2022, 11). Das wurde vor allem aufgrund von drei Faktoren so empfunden: 1. Die Möglichkeit des Rückzugs von der Hektik des alltäglichen Lebens, weil die Küstenlandschaft als relativ stimulus-frei empfunden wird. 2. Das Gefühl von Sicherheit und Freiheit. 3. Die Möglichkeit allein zu sein, wobei die Anwesenheit des Meeres hilft eigene Emotionen zu regulieren. 204 3 Ankommen <?page no="205"?> Die Küste wird hier als therapeutische Landschaft beschrieben, die es ermöglicht besondere Emotionen zu erleben, die sie anderweitig selten fühlen. Dazu gehören tiefer Frieden, aber auch Ehrfurcht vor der natürlichen Schönheit und Nostalgie, die durch Erinnerungen an vergangene Zeiten geweckt werden (Severin, et al, 10-f.). Aber auch die Möglichkeit schwierige oder tiefe Gespräche zu führen, sei an der Küste mehr gegeben. Andere beschrieben, dass sie im Alltag eher rational sind, aber an der See deutlich emotionaler werden. Der Kontakt mit der Natur, insbesondere mit Wasser wird als beruhigend und revitalisierend beschrieben, was wiederum zu gesteigertem psychologischem und emotio‐ nalem Wohlbefinden führt (a. a. O., 9). Küstenorte bieten eine einzigartige Mischung aus physischer Aktivität, sozialen Interaktionen und der Möglichkeit zu Selbstreflexion, die insgesamt positiv zur psychischen Gesundheit beitragen (a.-a.-O., 12-f.). Stressreduktion ist eine der Haupterfahrungen, die bei Besuchen an der Küste gemacht wird (Ashbullby, Pahl, Webley & White, 2013; Bell, Phoenix, Lovell & Wheeler, 2015). Darüber herrscht weitestgehend Einigkeit, auch wenn die zugrundeliegenden Mechanismen noch weitestgehend unklar sind. Einige Faktoren sind aber in ihrer Wirkungsweise klar. Physiologischer Stress wird durch das zentrale Nervensystem reguliert, welches vermittelt durch die Wahrnehmungsorgane bestimmte Umgebungen als beruhigend und andere als erregend bzw. stimulierend wahrnimmt. Die Erregung kann dabei negativ sein (z. B. bei Stress, genauer bei Distress) oder positiv (bei Anregung, Begeisterung bzw. Eustress). Strände gehören zu den effektivsten Umgebungen, um Stress zu reduzieren (Ashbullby et al., 2013; Bell et al., 2015; Hipp & Ogunseitan, 2011; Severin et al., 2022; Hooyberg et al., 2023). Es gibt zahlreiche Studien, die das belegen, wobei bei den meisten Studien Bewegung am Strand durchgeführt wurde, weshalb schwer zu erkennnen war, was exakt auf die Umgebung und was auf die Bewegung zurückzu‐ führen ist. Das versuchte Hooyberg (2023) klar zu unterscheiden. In einer Studie von Hooyberg et al. wurden Teilnehmern mithilfe von VR-Brillen Küstenumgebungen, grüne Umgebungen und städtisches Umfeld gezeigt und dabei wurden bestimmte physiologische Parameter gemessen (z. B. Herzfrequenz, Blutdruck, Muskeltonus, Atmungsrate). Sie fanden dabei heraus, dass Strände die Atemfrequenz deutlich mehr beruhigten als städti‐ sche Umgebungen. Strände und grüne Umgebungen förderten gleichzeitig den Parasympathikus und reduzierten damit Herzfrequenz und Blutdruck. Dabei lösten Strände eine geringere Stimulierung des Sympathikus aus als 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 205 <?page no="206"?> grüne Umgebungen. Auch die Effekte auf den Muskeltonus waren etwas unterschiedlich, weshalb die Autoren schlussfolgern, dass Strände etwas effektiver für den Stressabbau sind als grüne Umgebungen. Inzwischen exis‐ tiert der Begriff der Sea Therapy. Dieser besagt, dass Aufenthalte am Meer die Achtsamkeit, kognitive Erholung und das emotionale Wohlbefinden steigern. Als grundlegende Faktoren dafür werden Vitamin-D-Produktion durch die Sonne, negative Ionen und das gleichmäßige Rauschen der Wellen gesehen. Es gibt ein paar große Studien, die belegen, dass Küstennähe auch Ängste und Depressionen verringert. So war in einer australischen Studie mit 350 Teilnehmern Küstennähe unmittelbar mit weniger Angst und mehr Wohlbefinden verbunden (Murrin, et al., 2023). Gleichzeitig wurde hier auch der Zusammenhang zu Bewegung untersucht. Während Bewegung an Blue Spaces im Inland (Binnenseen, Flüsse etc.) eine wichtige Rolle für die Reduk‐ tion von Ängsten, Depressionen und das allgemeine Wohlbefinden spielte, schien das an der Küste nicht nötig zu sein. Bereits der passive Aufenthalt verbesserte Ängste, Depressionen und das Wohlbefinden, was bei Aktivität noch gesteigert wurde. Das wird in einer meta-analytischen Studie von Georgiou, et al., 2021 beschrieben, die nachwies, dass die Anwesenheit von größeren Blue Spaces die Erholung erleichtert und die Marker für Depres‐ sionen und Ängste abnehmen. Das zeigte auch die bereits erwähnte Studie von Severin et al., wobei die Teilnehmer dieser Studie die Gefühle von Ruhe und peace of mind bzw. Seelenfrieden oder Seelenruhe mit verschiedenen Elementen der Küste verbanden, wie z. B. Wind, Wasser, Rauschen, Weite und den Möglichkeiten für physische Aktivitäten. Trotzdem zeigte sich auch, dass ausgedehnter Küstentourismus diese Effekte zunichte macht und einen umgekehrten Effekt auf Erholung hat (Bell et al., 2015). Eine Studie von Triantafillidou und Petala (2016) zeigte bei Touristen auf Rhodos, dass vor allem die Erlebnisdimensionen Hedonismus, Eskapismus und Sozialisation eine große Rolle für die Zufriedenheit vor Ort spielten, wohingegen Flow-Erleben kaum eine Rolle spielte (Triantafillidou & Petala, 2016, 67 ff.). Zu vermuten ist, dass Flow-Erlebnisse eine größere Bewegung voraussetzen, die vermutlich bei den meisten Reisenden ans Meer weniger gegeben ist, mit Ausnahme von Radfahrern, Surfern, Seglern und anderen bewegungsfokussierten Reisenden. Generell scheint Flow-Erleben am Meer eine deutlich geringere Rolle zu spielen als in den Bergen, dafür ist am Meer Erholung zentraler als in den Bergen oder in den Städten. 206 3 Ankommen <?page no="207"?> Motive von Reisen ans Meer In verschiedenen Studien werden Küstentouristen als primär push-motiviert beschrieben (Severin et al. 2022; Güzel et.al., 2020). Güzel et. al. diskutieren in ihrem Artikel, wie emotionale Erregung durch Push-Motivationen wie die Suche nach Entspannung oder die Flucht vor und aus dem Alltag das Verhalten von Touristen und ihre Zufriedenheit mit dem Reiseziel beeinflusst. Diese Faktoren spielen eine große Rolle bei der Auswahl von Küstenzielen für Urlaube. Sie schreiben, dass Reisemotivationen, die auf emotionaler Erregung basieren, besonders stark in Küstenzielorten sind. Faktoren wie Neugier, Entspannung, Flucht, sportliche Aktivität, Extrava‐ ganz und Angeberei mit Reisen seien hier vorrangig. (Güzel, 2020, 1). Küsten‐ ziele bieten durch ihre natürlichen und kulturellen Eigenschaften besondere Reiseerlebnisse, die starke emotionale Reaktionen und Zufriedenheit bei den Besuchern auslösen können. Diese emotionalen Reaktionen seien oft mit tiefgreifenden persönlichen Erfahrungen verbunden, ob diese jedoch so weit reichen, wie die Reisen in Wüsten und ob es da nicht auch größere Unterschiede bei den jeweiligen Küstenregionen gibt, die andere Studien nahelegen, wird dabei in der Studie von Güzel leider nicht beleuchtet. Differenzierter betrachtet es Jeong (2014), der Push- und Pull-Faktoren in Bezug auf Meerestouristen in Südkorea genauer untersucht hat. Die Ergebnisse zeigten, dass Fluchtmotivationen als Push-Faktoren eng mit Pull-Motivationen für statische Aktivitäten zusammenhängen, während Neuigkeitsmotivationen als Push-Faktoren stärker mit Pull-Motivationen für aktive Aktivitäten zusammenhängen. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass ein Meeresreiseziel, dass sich für statische Aktivitäten (z. B. am Strand liegen) anbietet eher Touristen ansprechen sollte, die Fluchtmotivationen als Push-Aktivitäten haben, während Meeresziele, die viele Aktivitäten anbieten, Touristen ansprechen sollten, die Neuigkeitsmotivationen haben, wobei letztere selten wieder an denselben Ort reisen werden und erstere eher „Wiederholungstäter“ sind (Jeong, 294-ff.). Soziale, soziologische Effekte und nostalgische Motive Wichtig bei Reisen ans Meer scheint auch die Sozialisation und Erinnerun‐ gen an die Kindheit zu sein. Sozialisation und emotionale Gewohnheiten aus der Kindheit werden bei Reisen ans Meer immer wieder in Studien beschrieben. So beschreibt 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 207 <?page no="208"?> Kelly (2020, 4 f.), dass von Familien Küstenurlaube hauptsächlich wegen der emotionalen Verbindungen, die sie fördern, durchgeführt werden. Diese werden als Stärkung der zwischenmenschlichen Beziehungen innerhalb der Familie beschrieben (Kelly, 2020, 4 f.). Der Artikel betont die „performative“ Natur des Tourismus an der Küste, wobei besonderer Wert auf sinnliche Erfahrungen wie Sehen, Riechen und Fühlen der maritimen Umgebung gelegt wird. Küstenorte werden dabei als Orte wahrgenommen, die neben Freiheit, Spaß und Flucht auch den Auf- und Ausbau familiärer Bindungen bewirken, die oft als authentischer empfunden werden als im Alltag zu Hause, was wiederum eine starke Pull-Motivation darstellt. Es gibt leider wenige umfassende Studien zu Aufenthalten am Meer. Es überwiegen Studien zu Motivationen von Touristen in bestimmten Küstenregionen und ihren Erfahrungen und von speziellen Effekten auf Physis und Psyche (die aber häufig die anderen korrelierenden Faktoren, wie Tätigkeiten außer Acht lassen). Inseln Eine Spezifik bei den Meeresdestinationen stellen Inseln dar, die für viele den Sehnsuchtsort schlechthin darstellen und insbesondere bei starker Push-Motivation eine hohe Anziehungskraft besitzen. „Reif für die Insel“ ist nicht umsonst zu einer geflügelten Redewendung geworden. Bei exotischen und/ oder größeren Inseldestinationen (z. B. Mauritius, La Reunion, thailändische oder indonesische Inseln) nehmen demgegenüber Pull-Motivationen (bestimmte Landschaften, Kulturen, Flora und Fauna erleben) einen größeren Stellenwert ein, dasselbe trifft partiell auf eher aktivorientierte Reisen zu. So untersuchten beispielsweise Kassean und Gassita (2013) die Motivation von Mauritius-Reisenden. Mittels von 200 Fragebögen bei spezifischen Gruppen von Reisenden auf Mauritius (engli‐ sche, französische, deutsche, italienische und südafrikanische Touristen) an verschiedenen Orten auf der Insel wurden die jeweiligen Push- und Pull-Faktoren erhoben, die der Motivation Mauritius zu besuchen zugrunde lagen. Die Ergebnisse zeigen, dass Ruhe und Entspannung die stärksten push-motivierenden Kräfte sind, gefolgt von Nostalgie, Flucht, Neuheit und sozialer Interaktion. Die wichtigsten pull-basierten Motive waren das Klima und Wetter, die Landschaft und die Sehenswürdigkeiten, Flora und 208 3 Ankommen <?page no="209"?> Fauna, Strände, die exotische Atmosphäre, die mauritische Gastfreundschaft und die authentische mauritische Kultur. (Kassean & Gassita, 2013, 39-ff.) Allerdings bleibt das Interesse an den Spezifika der Inseln (Geschichte, Landschaft, Kultur) oft eher oberflächlich oder auf wenige Aspekte kon‐ zentriert. Ein Beispiel fand sich in der Studie zu Reisenden auf den Galá‐ pagos-Inseln. Das Galápagos-Archipel war von großer Bedeutung für die Evolutionstheorie von Charles Darwin. Dennoch zeigte eine Studie von Mazur et. al (2016), dass sich nur wenige Touristen explizit für die Evolution oder die Beziehung der Inseln zur Geschichte des evolutionären Denkens interessierten. Die Hauptmotive der meisten Touristen waren Tierbeobach‐ tungen, Schnorcheln und das Besuchen abgelegener Orte. Evolutionäre Themen standen auf den niedrigeren Positionen der Prioritätenlisten. Die Konsequenzen evolutionärer Prozesse wie ungewöhnliche Tiere und Biodiversität waren den meisten wichtiger, ohne sich für den Ursprung der Phänomene zu interessieren. Auch das fehlende evolutionäre Wissen vieler Reiseführer hatte wenige Auswirkungen, da die meisten Touristen hauptsächlich an der endemischen Tierwelt interessiert sind (Mazur, et al., 2018, 1 ff.). Die Studie trägt zum allgemeinen Verständnis bei, warum Urlau‐ ber Reiseentscheidungen für Langstreckenziele wie Mauritius treffen, und konnte Mauritius dabei helfen, bessere Marketingprogramme zu entwickeln, um spezifische Bedürfnisse zu erfüllen. Obwohl viele Studien sich mit Marketingkonzepten für Reiseziele be‐ schäftigt haben, blieb die Beziehung zwischen Selbstidentifikation, prägen‐ den Reiseerlebnissen, Gesamtzufriedenheit und Reisezielloyalität in kleinen Inseldestinationen lange eher wenig untersucht. Um diese Fragestellung anzugehen, haben Kahraman et.al. ein Modell auf Basis der sozialen Identi‐ tätstheorie entwickelt, um die Auswirkungen der Selbstidentifikation auf die Gesamtzufriedenheit und Loyalität zu untersuchen, wobei die vermittelnde Rolle prägender Tourismuserlebnisse berücksichtigt wurde (Kahraman, et.al., 2023). In der Tat ist die Treue zu bestimmten kleineren Inseln und dort insbeson‐ dere auch zu bestimmten Orten bemerkenswert. So gibt es ansonsten sehr umtriebige Reisende in Deutschland, die immer wieder ihre Lieblingsinseln, wie zum Beispiel Hiddensee, Rügen, Amrum oder ähnliche aufsuchen. In Italien erfüllt Capri häufig diese Funktion. Bei den Reisenden, die sich auf spezifische Weise mit den Inseln identifizieren, ist auch die Saisonalität, die ansonsten bei Reisen in Küstenorte eine große Rolle spielt, weniger ausgeprägt. 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 209 <?page no="210"?> 31 Man denke in Deutschland z. B. nur an Gret Palucca auf Hiddensee, deren Tanzwochen auch nach ihrem Tod eine Institution geblieben sind oder Gerhart Hauptmann ebenfalls auf Hiddensee (der aber auch gern im polnischen Riesengebirge weilte), Caspar David Friedrich auf Rügen und Otto Niemeyer Holstein auf Usedom. Bestimmte Inseln und Bergregionen haben in der Tat ein hohes Identifi‐ kationspotenzial, was insbesondere auch bei den regelmäßig anwesenden Künstlern bekannt wurde und in diesem Fall auch stark auf die Insel zurückwirkt. 31 3.2.6 Die Wüste Ca. 1/ 5 der Erdoberfläche bestehen aus Wüsten, die von vielfältiger Gestalt sein können (z. B. Steinwüsten, Sandwüsten). Sie gehören zu den heißesten und trockensten Gegenden der Erde. Selbst die Wüstenwinde haben eigene Namen, z. B. der Scirocco oder Samun. Die Wüste wird oft als metaphori‐ scher und kreativer Ort betrachtet, der verschiedene psychologische und symbolische Bedeutungen haben kann. Viele Kulturen betrachten die Wüste als einen Ort der spirituellen Bedeutung und Transzendenz. Die Wüste als leerer Raum diente symbolisch oft dazu im Nichts das Leben zu finden und eine Neuorientierung. (Fast alle jüdischen Feiern wurzeln im Auszug in die Wüste: in der Befreiung von Sklaverei und überkommenen Lebensweisen. Es ist eine Form von Läuterung und Katharsis, das heißt: alles Überflüssige wird abgestreift.) Wüsten bieten eine einzigartige Erfahrung der Isolation und der intensiven Konfrontation mit der Natur und sich selbst, die oft als transformierend empfunden wird. Dies fördert häufig die Selbstfindung. Mitunter ist es auch die Suche nach spiritueller Erneuerung, die Reisende in entlegene Wüstenziele zieht. Wüstentouren erfordern besondere Vorbe‐ reitungen und Ausrüstungen aufgrund der extremen Bedingungen wie Hitze und Wassermangel. Die Fähigkeit, sich physisch und mental auf solche Herausforderungen einzustellen, ist entscheidend und beeinflusst das Verhalten und das Reiseerleben der Reisenden erheblich (Rozycki & Dryglass, 2014, 28). Die häufigste touristische Form ist dabei das Wüsten-Trekking. Oft ist das mit extremen Erfahrungen verbunden, wegen der ungewöhnlichen und eher menschenfeindlichen Lebens- und Umgebungsbedingungen, wozu der Wassermangel, der umgebende Sand, der insbesondere bei Stürmen ein 210 3 Ankommen <?page no="211"?> Problem wird, unberechenbares Terrain, Hitze und Wüstenstürme gehören. Dazu kommen die großen Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht. Trotzdem vermissen viele, die sie einmal erlebt haben, diese schwierige Welt der Wüste, wo man sich nicht nur „selbst finden kann“, sondern oft auch den Sinn des Lebens. Sich mit Touareg Karawanen zu bewegen und mit ihnen zu leben, bedeutet „man blends into desert life.“ (Rozycki & Dryglass, 2014, 6) Die Wüste kann touristisch verschieden bereist werden, sie kann mit einer Trekking-Tour zu Fuß begangen werden, auf Ski oder mit einem Allradfahrzeug: Der bewährte und traditionelle Weg ist jedoch nach wie vor die Begehung oder Durchquerung mit einem Kamel. Entscheidend ist bei jeder dieser Varianten ausreichende Mengen an Wasser mitzuführen und den Körper gut vor der Sonne und - im Fall von Wind auch vor Sand - zu schützen. Die besten Regionen für Wüsten-Trekking sind in der Sahara, dem weltweit größten Wüstengebiet (Rozycki & Dryglass, 2014, 6). Oft besucht wird auch die Namib im Süden Afrikas, die älteste Wüste mit den höchsten Dünen der Welt. Namibia ist aufgrund der guten Infrastruktur ein beliebtes Reiseziel, was glücklicherweise bisher vom Massentourismus verschont wurde. Da sie relativ dicht an guter Infrastruktur liegt, ist sie für Reisende aller Altersgruppen und mit verschiedenen physischen Vorausset‐ zungen erreichbar. Die tiefgreifendsten Erfahrungen sind dabei jedoch erst bei mehrtägigen Trekking-Aufenthalten in der Wüste gegeben (Rozycki & Dryglass, 2014, 6). Organisierte Wüstentouren sind oft darauf ausgerichtet, den Teilnehmern eine Form von Abenteuertourismus zu bieten, der sie aus ihrer Komfortzone herausführt und ihnen ermöglicht, ihre persönlichen Grenzen zu testen. Damit werden klassische Pull-Motive bedient, die über die bloße Erholung hinausgehen und Aspekte der persönlichen Herausforderung und Entwick‐ lung ebenso einschließen können, wie das Wahrnehmen von bis dato eher unbekannten Wahrnehmungen wie Unendlichkeit, Weite und Leere. Die Erfahrung in der Wüste wird oft als lebensverändernd beschrieben, da sie eine intensive Auseinandersetzung mit der eigenen Vulnerabilität und Endlichkeit ermöglicht. Das Überwinden der physischen und psychi‐ schen Herausforderungen, die Wüsten bieten, kann zu einem tiefgreifenden Verständnis für das eigene Dasein in der Welt, das eigene Leben und zu verstärkter Selbstwahrnehmung führen (Atkinson, 2016, 199-ff.). Die Weite und Stille der Wüste können eine Umgebung der Ruhe, Leere und relativen Reizarmut schaffen, die es Menschen ermöglicht, sich von äußeren Ablenkungen zu befreien. In der Psychologie könnte dies als eine 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 211 <?page no="212"?> Form meditativen Raumes betrachtet werden, die den Geist beruhigt und Raum für kreative Gedanken schafft. Mitunter wird der Aufenthalt in der Wüste mit verbessertem Fokus und Klarheit in Verbindung gebracht. Die Isolation und Einfachheit der Wüste bieten Raum für Selbstreflexion und Selbstentdeckung. In der Stille und Abgeschiedenheit und beim gleich‐ bleibenden Rhythmus der Kamele können Menschen ihre Gedanken und Emotionen besser erkunden, was oft zu tieferen Einsichten führen kann. Schwierige Wüstenbedingungen lehren auch Bescheidenheit und geben einen guten Zugang zur eigenen Psyche mit deren Stärken und Schwächen. Zudem führt die Erfahrung der Natur der Wüste und der Lebensbedingun‐ gen der Menschen dort zu einer vertieften Weltsicht und dem Verständnis davon, unter welchen harschen Bedingungen, die Menschen in diesen Regionen leben. Das Erleben der Wüste (insbesondere großer Sandwüsten) wird immer wieder als ganz besonders und tiefgreifend beschrieben, was oft mit dem Erlebnis der Leere, der starken Temperaturunterschiede, des Ausgesetzseins und des Sternenhimmels zusammenhängt. Der Aufenthalt in der Wüste kann auch zur verstärkten Wahrnehmung der Natur und des Eingebundens‐ eins des Menschen in das „große Ganze“ führen. Narayan und Macbeth (2009) stellen das Reisen mit Allradantrieb in die australische Wüste durch erfahrene oder engagierte Reisende als spirituelle Erfahrung in dreifacher Weise dar: indem die Wüste selbst als heiliger Raum betrachtet, das Erlebnis einer solchen Reise als eine Art von „Natur-Religion“ wahrgenommen und die eigentliche Reise selbst demzufolge als Pilgerfahrt angesehen wird. Ihre Argumentation stützte sich auf Interviews mit Exper‐ ten für Allrad-Reisen in die Wüste und könnte nach deren eigener Aussage für die Gestaltung nachhaltiger Strategien für den 4WD-Wüstentourismus, sowie für Wissenschaftler verschiedener Disziplinen wie Nachhaltigkeits- und Umweltstudien, Religionswissenschaften und Tourismusstudien nütz‐ lich sein (Narayanan, Y. & Macbeth, J., 2009, 369-ff.). Inzwischen werden sich immer mehr Regionen der Notwendigkeit be‐ wusst, ökologische und nachhaltige Wüstenressorts zu entwickeln, um die Umwelt zu schützen. Ein positives Beispiel dafür ist das Al Maha Resort in Dubai (Mahgoub, 2007, 78-f.). 212 3 Ankommen <?page no="213"?> 3.2.7 Städte und Metropolen Seit den 1990er-Jahren ist ein deutlicher Boom im Städtetourismus fest‐ zustellen (Kagermeier, 2020, 224 ff.). Einer der Haupteinflussfaktoren für diese Entwicklung ist ein sich veränderndes Reiseverhalten. Der Städtetou‐ rismus profitiert besonders vom Trend, dass neben dem Hauptjahresurlaub zusätzlich vermehrt kürzere Reisen unternommen werden. Basis dafür sind wiederum sozio-demographische Faktoren wie der wachsende Anteil von Ein- und Zweipersonenhaushalten ohne Kinder, die Zunahme der älteren, agilen Bevölkerung (insbesondere der über 50-Jährigen) und mehr frei verfügbares Einkommen bei einem Großteil der Bevölkerung (Kagermeier, 2021, 30). Andere Gründe für das Wachstum des Städtetourismus werden in der generellen Reisefreudigkeit mit einer hohen Flexibilisierung, das heißt häufig wechselnden Reisezielen ebenso gesehen, wie im Konsum (Shop‐ ping), dem europaweit steigenden Bildungsniveau und dem gewachsenen Interesse an kulturellen Angeboten. Das wird flankiert von den Trends zum Erlebnis- und Eventtourismus (Pott, 2007, 23). Ein weiterer starker Treiber der Entwicklung ist die städtische Politik und Verwaltung, die in Zeiten von De-Industrialisierung, Strukturwandel und zunehmender Verödung der Innenstädte bewusst auf Tourismus setzt. Davon profitieren - zumindest in Deutschland - besonders die Groß‐ städte (Städte mit über 100.000 Einwohnern), die deutlich wachsenden Besucherzahlen verzeichnen. Sieht man sich die Statistik für Deutschland an, haben die Übernachtungen in Deutschland seit 1995 um ca. 50 % zugenom‐ men, wohingegen sich die Übernachtungen in Großstädten fast verdreifacht haben. Wobei dieses Wachstum vor allem die Metropolen betrifft: allen voran Berlin, das in den letzten 25 Jahren sogar einen Anstieg auf das Viereinhalbfache bei den Übernachtungszahlen verzeichnen kann. Weniger stark ist das Wachstum in traditionellen städtetouristischen Destinationen wie z. B. München. Kagermeier (2021, 30) argumentiert, dass der wachsende Städtetourismus in der Lage ist, den in der Folge von Corona deutlich geschrumpften Geschäftsreiseverkehr auszugleichen. „Wer von Urbanität spricht, ruft Sequenzen träumerischer Stadtansichten herbei. Regen auf Asphalt, mild gebrochenes Licht unter Bäumen, der Staub der Straße … Ein ferner Sehnsuchtsort, auf dessen Avenuen kleine Tische stehen, wo Kaffeeduft in der Luft liegt, leichter Wein in beschlagenen Gläsern moussiert und Stimmen, Rufe, Autohupen sich kakophonsich vermischen … Eine Stadt der flüchtigen Begegnungen, der welthaltigen Gespräche und zivilen Umgangsformen, wo 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 213 <?page no="214"?> hinter den großen Fenstern der Cafés und Restaurants die Gabeln klirren und schöne Frauen leise über die Reden der Dichter lachen.“ (Heinrich Wefing) Rom, New York, Paris … So lauten die Ziele der Städtereisenden. Sie zieht es weniger in die Berge, mitunter vielleicht ans Meer, am häufigsten jedoch in die Metropolen dieser Welt. Sie übernachten kaum in Zelten, selten Hostels, sondern bevorzugen meist Hotels oder Pensionen oder Airbnbs oder sind Couchsurfer, wenn sie nicht ohnehin Bekannte in allen großen Weltstädten haben. Städtereisen befriedigen vielfältige Motive und Bedürfnisse. Ihr Hauptinteresse sind Museen, Cafés, Geschäfte, architektonische Sehenswür‐ digkeiten, bestimmte Stadtviertel und Orte: Straßen und Plätze. Sie wollen die Atmosphäre einer Stadt erspüren und essen gern vor Ort, suchen nach Inspiration und neuen Eindrücken. Viele Städtereisende brauchen im Vergleich zu vielen anderen Reisetypen ein Mindestmaß an Sicherheit und Konstanz und sind im Vergleich zu anderen Reisenden eher selten Risikoty‐ pen. Bei diesem Typus fand sich am ehesten Unsicherheit und Unruhe vor der Abreise, die auch die ersten Tage noch anhielt, obwohl gerade Vertreter dieses Reisetyps schon in vielen Weltstädten waren (Zschocke, 2005, 210-f.). Hier finden sich häufig ein Festhalten an bestimmten Gewohnheiten für die Zeit des Aufenthaltes: das Finden eines Lieblingscafés bzw. eines festen Ortes zum Frühstück oder für den Café zwischendurch, die Suche nach einem schönen, gut gelegenen Zimmer: als Halteplätze, vertraute Punkte oder Ankerplätze in der fremden Stadt. Da diese Reisenden oft ein eng getaktetes Programm haben, kommt es verhältnismäßig selten zu Begegnungen mit Einheimischen vor Ort, was jedoch oft bedauert wird. Entwicklung von Städtereisen Städtereisen sind wie auch Urlaubsreisen ans Meer oder in Bergregionen überwiegend adligen Ursprungs. Auch hier ist wieder die Grand Tour der jungen, europäischen adligen Männer des 16. Bis 18. Jahrhunderts als Vorläufer zu sehen. Zentrale Reiseziele der grand tour waren die histo‐ risch-kulturellen Zentren vor allem Rom, Florenz, Venedig und Paris (Brilli, 1997). Das wurde dann vom gehobenen Bürgertum im 18. und 19. Jahrhun‐ dert fortgeführt, die neben diesen Städten auch andere historische Städte Frankreichs, Italiens und Griechenlands bereisten (Feifer, 1985, 137 ff.). Auch im modernen Tourismus des 19. und 20. Jahrhunderts gehörten Städte von Beginn an zu wichtigen Reisezielen, vor allem die Weltstädte (London, Paris, 214 3 Ankommen <?page no="215"?> New York, Berlin), die schon um die letzte Jahrhundertwende ausführlich in Reiseführern porträtiert wurden. Begünstigt wurde das von einer Fülle an Sehens- und Besichtigungswürdigkeiten, einer gute Übernachtungs- und Bewirtungsinfrastruktur und der leichten Erreichbarkeit mit Zügen (ebd, 185). Die Bahnhöfe befanden sich sehr oft im Stadtzentrum und erleichterten die Anreise immens. Verbunden mit dem allgemeinen touristischen Wachs‐ tum erfuhr auch der Städtetourismus ab den 1970er-/ 1980er-Jahren ein starkes Wachstum. Städtreisen insbesondere in Europa und Nordamerika werden vor allem in Form von Kurzurlauben populär (Anton-Quack/ Quack, 2003; Pott, 2007). Verstärkt wurde der Trend noch mit dem Aufkommen der „Billigflieger“ (z. B. easyjet und Ryanair), was die Reisehäufigkeit und die Entfernung der Reiseziele erhöhte. Häufig setzte, unmittelbar nachdem Billigfluganbieter eine Stadt in ihren Flugplan aufnahmen, ein starkes touristisches Wachstum der Städte ein (Porto ist dafür ein Beispiel mit den bereits beschriebenen Licht- und Schattenseiten). Dabei erhöhte sich nicht nur die Vielfalt der Reiseziele, sondern auch die Vielfalt der städtetouristischen Aktivitäten. Neueste Moden werden im Nu aufgegriffen und vermarktet, seien es Citybeaches, Strandbars, Festivals, spezialisierte Stadtführungen und anderes. Der Angebotsmarkt orientiert sich schnell am Zeitgeist (Pott, 2007, 22). Motive von Städtereisen Die Motive von Städtereisenden sind ebenso vielfältig wie bei den meisten anderen Reisetypen. Sie reichen von klassischen Push-Motiven (z. B. Lan‐ geweile und Ausbruch aus Routinen) zu Pull-Motiven (Suche nach neuen Eindrücken). Städtereisende möchten neue Reize und spezifische Reize des Ortes, z. B. das einzigartige Stadtflair, Architektur, Sehenswürdigkeiten, Gastronomie (z. B. Cafés und Restaurants), Museen, Events, Konzerte und andere kulturelle Eindrücke erleben, oft spielen auch Bildungsmotive, aber auch soziale und Statusmotive partiell eine Rolle. Die jeweiligen Motive können je nach Person, Lebenssituation und Lebensphase unterschiedlich bzw. unterschiedlich gewichtet sein. Zu den stärksten Reisemotiven gehören u. a. das besondere Stadtflair, ein positives Image der Stadt, berühmte Sehenswürdigkeiten und ein reiches kulturelles Leben vor Ort. Soziale Motive: Städtereisen werden häufig mit Partnern, Familie oder Freunden unternommen, was das Gemeinschaftsgefühl stärkt. Aber auch das Knüpfen neuer Kontakte vor Ort - mit Einheimischen oder anderen 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 215 <?page no="216"?> Reisenden - kann reizvoll sein (und wird am ehesten von Personen gemacht, die auch aus urbanen Räumen kommen). Eine Studie über Städtereisen ergab, dass Geselligkeit (socialising) zu den zentralen Beweggründen gehört. Ebenso werden Städtereisen mitunter genutzt, um Beziehungen zu pflegen, indem man Freunde, Bekannte oder Verwandte vor Ort besucht und dort gemeinsame Erlebnisse teilt (Dunne, et. al, 2007, 95 ff.). Zudem werden die wenigsten Städtereisen allein unternommen, weshalb auch die Mitreisenden eine große Rolle spielen. Der Städtereisestudie (2022, Deutscher Tourismusverband) zufolge reisen knapp 2/ 3 aller Städtereisenden mit Partner oder Partnerin (65 %) und/ oder Kindern (23 %) und jeweils etwa 1/ 4 mit Freunden, Bekannten, Kollegen (26-%) Nur jeder zehnte reist normalerweise allein (11-%). Auch Status und soziale Anerkennung kann zu den Reisemotiven gehören. Prestigeträchtige Metropolen zu bereisen (Paris, New York, Lis‐ sabon, Tokyo) verschafft vielen das Gefühl, etwas Besonderes erlebt zu haben, was man im sozialen Umfeld teilen kann, was in der Forschung als soziale Anerkennung (recognition) und Selbstwert-Steigerung (self esteem) beschrieben wird. So zeigt die Dublin-Studie, dass Selbstwertsteigerung hier u. a. durch das Mitbringen von Trophäen und/ oder das Beschenken anderer mit touristischen oder stadtbzw. kulturtypischen Mitbringseln erfüllt wird (Dunne et al., 2007, 95-ff.). An der Universität Dublin wurde unter Leitung von Gerard Dunne eine Studie durchgeführt mit Dublin-Touristen und deren Motive mit Interviews erfasst. Dabei fanden sich sechs Push-Faktoren und acht Pull-Fakto‐ ren bei den Reisenden. Zu den Haupt-Push-Motiven gehörten: escape, socialising, und self-esteem (giving gifts). Pull-Faktoren waren hinsichtlich des Reisezieles verständlicherweise besonders interessant. Aber auch infra‐ strukturelle Gegebenheiten spielten eine wichtige Rolle, vor allem leichte Erreichbarkeit oder die Verfügbarkeit von Billigflügen, die nicht nur Einfluss auf das Reiseziel hatten, sondern in der Studie von Dunne auch mitunter der Hauptfaktoren waren. City Reisen wurden dabei generell als Aktivurlaub bzw. „doing holidays“ gesehen, wobei Erholung fast nie ein Motiv der untersuchten Städte-Reisen‐ den war. Allerdings gibt es bei Dunne und Kollegen keine Übersicht darüber, welche von den Motiven bei allen Reisenden am häufigsten auftraten und welche nur bei wenigen. 216 3 Ankommen <?page no="217"?> Die Städtereisestudie des deutschen Tourismusverbandes ist in diesem Punkt etwas differenzierter. Sie beschreibt die Pull-Motive für die befragten Studienteilnehmer relativ genau. An erster Stelle steht der Besuch von Sehenswürdigkeiten (70 %), dann kommt das urbane Flair, verbunden mit dem Wunsch in die Stadtkultur einzutauchen (45 %), aber auch kulinarische Angebote und Genuss (42 %) spielen eine große Rolle. Auch die geographische und naturräumliche Lage von Städten sind wichtig, so werden bevorzugt Städte aufgesucht, die am Meer (z. B. Barcelona), an einem See (z. B. Zürich) oder an einem Fluss (z. B. London, Paris, Dresden) liegen aufgesucht. Danach folgt der Besuch von Parks, Zoos, Freizeitparks etc. (39 %), von Kunst, Museen und Ausstellungen (35 %) und das Besichtigen von Baukultur und Architektur (33 %). Darauf folgen Shopping (32 %), der Besuch von Musikbzw. Kulturevents (23 %), Wellness und Gesundheit (21 %), die Nutzung von Outdoor-Angeboten (19 %) und der Besuch von Szene, Clubs und Bars (12 %), sowie der Besuch von Sportereignissen (11 %). Dafür fehlt hier der motivationale wichtige Faktor der Infrastruktur, respektive der leichten bzw. schnellen Erreichbarkeit von Städten, der in der Dubliner Studie für die Reisemotivation nicht unerheblich war. Weitere Faktoren bei der Auswahl von Städtereisezielen (nach der Städ‐ tereisestudie des DTV, 2022): ● Preis-Leistungsverhältnis (66-%) ● gute Unterkunft (65-%) ● Preis (40-%) ● Gastfreundschaft des Reiseziels (30-%) ● einfache Buchbarkeit (25-%) ● regionale Angebote (25-%) ● Nachhaltigkeit des touristischen Angebots (10-%) Unterschiede in den Motiven einzelner Altersgruppen Die Städtereisestudie (2022, DTV) differenziert auch noch in die Hauptmo‐ tive der einzelnen Altersgruppen von Städtereisenden etwas stärker. ● Für 18bis 29-Jährige sind Shopping und das kulinarische Angebot überdurchschnittlich häufig die Motivation. Auch Szene, Clubs und Bars sind für mehr als ein Fünftel ein Grund für Städtreisen. ● Auch die Nähe zu Meer, Seen oder Flüssen ist für die jüngeren Alters‐ gruppen wichtiger als für die älteren Altersgruppen. 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 217 <?page no="218"?> ● Für die 60bis 69-Jährigen sind wiederum Kunst, Museen, Ausstellun‐ gen, sowie Architektur und Baukultur ein überdurchschnittlich wichti‐ ges Motiv. ● Insgesamt sind Besuche von Musik- und Kulturevents für ca. ein Viertel aller Sädtereisenden aller Altersgruppen eine wichtige Motivation. ● Das Preis-Leistungsverhältnis und gute Unterkünfte sind für alle Alters‐ gruppen ähnlich relevant. ● Die Wichtigkeit des Preises nimmt jedoch mit zunehmendem Alter ab. ● Gastfreundschaft am Zielort ist den Älteren wichtiger als den Jüngeren. Der Besuch von Sehenswürdigkeiten ist mit Abstand das Hauptmotiv bei Städtereisen (Städtereisestudie des DTV, 2022). Erleben von Städtereisen Städtereisen bieten viel geistige Stimulation. Dementsprechend steht Anregung bei Städtereisen oft deutlich vor der Entspannung, auch wenn diese durchaus entspannende Momente enthalten kann, z. B. Sitzen in Staßencafés, Spaziergänge durch Parks oder an Flüssen entlang. Die Fülle an Eindrücken von Architektur, über Stadtbild, Kulinarik, Menschen, Vierteln, kulturellem Angebot wirkt wie ein kognitiver Aktivator und kann sehr inspirierend sein. Das wiederum erhöht die kognitive Flexibilität und kann darüber hinaus je nach Interesse vielfältige Impulse und Inspirationen in verschiedenster Hinsicht geben, vom eigenen Leben und Lebensstil bis hin zu vielfältigen Spezialinteressen und Kreativität im Allgemeinen wie Spezi‐ ellen. Metropolen bieten hohe Freiheit und ein Höchstmaß an Anregung und Inspiration, weshalb wohl viele der interviewten Städtereisenden auch aus dem - im weitesten Sinne - kreativen Bereich kommen und u. a. Architekten, Schriftsteller, Filmemacher, Werbeleute, Kulturwissenschaftler sind (Zschocke, 2005, 210 f.). Viele Reisende berichten, dass sie durch den Tapetenwechsel und die Eindrücke in der Stadt neue Ideen und Perspektiven gewonnen haben, sei es künstlerisch, beruflich, persönlich oder für verschie‐ dene Spezialinteressen. Dieser Typus kommt am ehesten mit Skizzen- oder Notizbüchern voller neuer Gedanken und Ideen, Fotos oder Aquarellen wieder. Auf emotionaler Ebene sorgen Reisen in Städte, insbesondere Groß‐ städte für eine erhöhte Aktivierung (Arousal). Großstädte sind per se Umgebungen voller Reize: die Dynamik der Metropolen, Lärm, Lichter, 218 3 Ankommen <?page no="219"?> Menschen, Verkehr, Werbung, viele unterschiedliche visuelle, auditive und olfaktorische Eindrücke auf engem Raum, 24/ 7-Aktivität sorgen für ein hohes Maß an Stimulation. Das kann im positiven Sinne aktivierend, anregend und inspirierend, aber auch anstrengend sein. Städtereisende sind oft den ganzen Tag „auf den Beinen“ und abends oft entsprechend müde. Dieses Multistimulus-Setting fordert ständiges Filtern, obwohl das selten gelingt. Das kann zu einer mentalen Überlastung führen, die zum Ergebnis haben kann, dass Menschen zu sinnlicher Abstumpfung neigen können, um sich zu schützen. Übertragen auf Städtereisende bedeutet das, nach stundenlangem Stadt- oder Museumsbummel nehmen sie weniger wahr, „schalten auf Durchzug“, werden müde oder gereizt. Dann ist es Zeit, eine emotionale und kognitive Pause einzulegen, im Idealfall in einem Café in einem Park und alles zu verdauen. Gerade bei Städtereisen ist eine gute Balance zwischen Inspiration und Kontemplation sinnvoll, um die Reize auch verarbeiten zu können. Das ist die Basis der Arousal-Theorie von Yerkes und Dodson. Diese besagt, dass es ein optimales Arousal-Niveau gibt. Grundsätzlich gilt, dass die höchste Leistung bei einem mittleren Arousal erbracht werden kann. Ist das Arousal zu hoch oder zu niedrig, kommt es zu einem Abfall der Leistungsfähigekeit, zu Ermüdung und zu Erschöpfung. Es ist zu vermuten, dass Städtereisende, die im Persönlichkeitsmerkmal Offenheit für Erfahrungen hohe Ausprägungen haben tendenziell weniger Probleme mit Überstimulation haben, ebenso wie Sensation Seeker, im Vergleich zu Personen, die weniger offen sind. Kulturinteressierte sind dabei generell eher hoch in der Offenheit für Erfahrungen. Bereits die Arousal-Theorie von Hans Eysenck postulierte, dass Unterschiede in der Persönlichkeit auf Unterschiede in der Erregung des zentralen Nervensys‐ tems (ZNS) zurückzuführen sind und damit auch das durch Reize ausgelöste Arousal variiert. Arousal ist ein Begriff aus der Psychologie und Physiolo‐ gie und bezeichnet den allgemeinen Grad der Aktivierung des Zentralen Nervensystems, was vor allem durch erhöhte Aufmerksamkeit, Wachheit und Reaktionsbereitschaft gekennzeichnet ist. Wobei Arousal selbst keine emotionale Komponente hat und daher von Erregung zu unterschieden ist. Das bereits beschriebene Stendhal-Syndrom, was mitunter auf Städtereisen auftreten soll, ist eher auf Erregung zurückzuführen. (Mehr zu den negativen Folgen von Überstimulation im Kapitel und näheres zum Stendhalsyndrom in →-Kap. 2.6). Dieses multisensorische Setting ist ein großer Teil dessen, was die Atmosphäre und das Flair von Städten ausmacht, was ja ein wesentlicher 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 219 <?page no="220"?> Teil der Motivation für Städtereisen ist. Die spezifische Atmosphäre einer Stadt setzt sich genau aus diesen Reizen zusammen: ● Aus visuellen Reizen, das heißt, einer bestimmten architektonischen und räumlichen Gestaltung (enge Gassen, weiter Plätze, Straßenschluchten oder niedrige Häuser mit Innenhöfen und Gärten, eine moderne Skyline oder ein historisches Straßenbild), ● Geräuschen (Sprache, Verkehr, Straßenmusik, Geräusche von Cafés und Händlern etc.), ● Gerüchen (von frisch gemahlenem Kaffee, Märkten, Straßenküchen, Passanten etc.), ● und klimatischen Bedingungen (Luftfeuchtigkeit, Wärme, Wind etc.). Das alles generiert das einzigartige Flair einer Stadt. Die Wahrnehmung dieser Atmosphäre wirkt wiederum auf das affektive Stadtimage ein, was jemand von einer Stadt abspeichert (Dai & Zheng, 2021). Gerade architektonische Landmarken und Urban Areas (z. B. Parks, Plätze, Straßen) prägen die Stadtwahrnehmung und damit das Stadtbild und Stadtimage stark. Darüber herrscht in der Forschung große Einigkeit (z. B. Hristova, 2019; Ingersoll, 2000; Dai, 2021). Markante Bauwerke und charakteristische Straßenzüge spielen dabei eine wesentliche Rolle. Die physische Umgebung aus Gebäuden, Plätzen, Parks und Infrastruktur wirkt nach Meinung von Stadtforschern wie eine mental map, die wir uns von Städten machen. Diese mental maps enthalten einen Teil der Stadtarchitek‐ tur, der markant ist. Paris verbindet man mit dem Eiffelturm, New York mit der Skyline aus Wolkenkratzern, Prag mit der Moldau, der Karlsbrücke und der Prager Burg. Zugleich beeinflussen auch kleinere Details die sinnliche Wahrnehmung von Orten, so etwa Pflastersteine oder Asphalt, Farbgebung, architektonische Details wie z. B. die Fliesen an den Wänden vieler portugiesischer Städte. Die Stadtgestaltung kann einiges dazu beitragen, wie Anwohner und Besucher die Dichte und die Reize, sowie das Tempo der Städte empfinden. Durchdachte Urbanistik, z. B. durch Parks und Grünanlagen, breite Gehwege und Wasserflächen in der Stadt, wirken restaurativ (erholsam) und können den durch Städte ausgelösten Stress und die Reizdichte ausbalancieren. So schätzen Besucher und Anwohner z. B. an Städten wie Wien und Leipzig, die gelungene Mischung aus Architektur und Natur, verbunden mit einem vielfältigen Kulturangebot. Andererseits können Betonwüsten ohne Rückzugsorte und überfüllte touristische Hotspots negative Gefühle 220 3 Ankommen <?page no="221"?> wie Gereiztheit, Frust oder Beklemmung auslösen, weshalb Overtourism nicht nur für die besuchten Städte und Anwohner, sondern auch für das Reiseerleben insgesamt negative Folgen hat. Bei moderater Fülle schafft eine überschaubare Menschenmenge Atmosphäre und eine Art Gemeinschafts‐ erleben, bei Überfüllung hingegen Stress, Gereiztheit und Unmut. Städte versuchen hier mit Zeitfenster-Tickets und Besucherlenkung gegenzusteu‐ ern, um die positive Wahrnehmung der Stadt zu erhalten. Interessanterweise leben viele der Städtereisenden selbst in Großstädten, fahren also im Prinzip in vertrautes Umfeld. Was allerdings nicht den Umkehrschluß erlaubt, dass alle Einwohner von Großstädten am liebsten in andere Städte reisen. Es gibt sehr viele Stadtbewohner, die in den Ferien und an den Wochenenden geradezu Stadtflucht begehen und unter ganz einfachen Bedingungen leben, auf Trekking-Touren gehen, in die Berge zum Klettern fahren oder mit dem Rucksack andere Länder bereisen (Zschocke, 2005, 210 f.). Die moderne Metropole stellt ihrem Wesen nach oft selbst eine Reise ins sich dar. In ihr vereinen sich verschiedenste Welten und Kulturen, oft sind die einzelnen Viertel sehr spezifisch und haben eine eigene Identität und sind häufig auch von verschiedenen Kulturen bzw. Subkulturen geprägt. In amerikanischen Großstädten finden sich zumeist so unterschiedliche Viertel wie Chinatown, Little Italy und spanische Teile; in Berlin gibt es dezidiert türkische und russische Gegenden; in Paris existieren neben den französischen, auch nordafrikanische und arabische Quartiere. Moderne Metropolen wie New York, London, Paris, Brüssel, Los Angeles und Berlin (um nur einige zu nennen) bündeln verschiedene Sprachen, Kulturen und Subkulturen, Eß- und Lebensgewohnheiten, Musik- und Tanzstile auf engem Raum, wie man es sonst in dieser Vielfalt nur auf Weltreisen findet. Eine Stadt verändert sich auch permanent, nicht nur räumlich (von Viertel zu Viertel), sondern auch zeitlich. Bestimmte Gegenden leben nachts auf und sind tags wie ausgestorben, bei anderen ist es genau umgekehrt, Cafés verän‐ dern ihr Gesicht und Publikum im Laufe des Tages, manche Straßen wirken anders zur Rushhour als am frühen Morgen. Gegenden, die nachts verlassen und gefährlich sind, können tags hoch frequentierte Geschäftsviertel sein. Moderne Metropolen sind per se transnationale Welten: heterogen und dynamisch. Der Reisende bewegt sich also genau wie der Einwohner dieses urbanen Milieus quer durch Kulturen und Subkulturen. Er kann ethnische Speisen verschiedenster Regionen essen, Musik hören und tanzen (so kann man inzwischen in fast jeder Großstadt Tango und Salsa tanzen) (Zschocke, 2005, 210-f.). 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 221 <?page no="222"?> Städtereisen dauern häufig zwischen 3 Tagen und 5 Wochen, allerdings meist 2-5 Tage. Die meisten Städtereisenden erinnern sich an ihre erste Reise in eine Stadt als ihre beeindruckendste. Der Typus des Städtereisenden und des Kulturreisenden liegen naturge‐ mäß dicht beieinander und sind oft gleichzeitig anwesend. Ebenso wie Globetrotter und Rucksackreisende gleichzeitig Stadt- und Kulturreisende wie Naturreisende sein können oder diese Aspekte wenigstens in einem Teil der Reise im Vordergrund stehen können, sind Städtereisende oft auch Kulturreisende oder Rundreisende, die auf einer Tour ein paar Tage in einer Stadt verbringen können oder auf dem Weg in ihre Zieldestination Städte besuchen (Zschocke, 2005, 205). Sehr häufig sind es aber primär Städtereisende, die für 2-4 Tage eine Stadt besuchen, deren Anzahl durch die Billigflugangebote deutlich zugenommen hat. Die Städtereisestudie (DTV, 2022) unterscheidet noch verschiedene Städ‐ tetypen und fand dafür leicht variierende Motivationen, die sich aber nur prozentual unterscheiden, aber nicht in den Motiven generell. Unterschie‐ den wird in Must-see-Städte, wozu u. a. Amsterdam, Barcelona, Berlin, Brüssel, Budapest, Florenz, Helsinki, Kopenhagen, Prag, Paris, Rotterdam Salzburg, Venedig und Zürich gehören. Zu den Historic Highlights zählen u. a. Dresden, Krakau, Speyer, Stralsund und Weimar, wobei der Großteil der Städte in der Studie deutsche Städte sind. Außerdem gibt es noch sogenannte Event-Cities (z. B. Basel, Breslau, Görlitz, Graz, Klagenfurt, Leipzig, Lugano etc.). Sehenswürdigkeiten Sightseeing stellt für Enzensberger (1958) ein Grundelement der Reise an sich dar, bei Städtereisen ist das noch einmal deutlich wichtiger. Sehenswür‐ digkeiten sind dabei etwas, was des Sehens würdig ist oder zumindest als würdig befunden wird. Das wiederum ist weniger durch den Gegenstand definiert als durch das besichtigende Individuum und was diese/ r als sehens‐ würdig befindet, liegt hochgradig im Auge des Betrachters. Was wir gemein‐ schaftlich als Sehenswürdigkeit betrachten unterliegt gesellschaftlichen Konventionen. Vielfach wird das in Reiseführern und Reiseempfehlungen verankert und sehr oft darauffolgend in Fotos, die wieder vielfach geteilt werden, weshalb sich damit ein selbstreferentielles Sehen und Verhalten einsetzt. Auch die Schreiber von Reiseführern orientieren sich vielfach 222 3 Ankommen <?page no="223"?> aneinander und dem Kanon an Sehenswürdigkeiten und ergänzen nur ein paar individuelle Tipps. Overtourism in Städten Die Schattenseite dieser Entwicklung ist der zunehmende Overtourism in einigen Städten, der die Infrastuktur der Städte an ihre Grenzen bringt und für die Städte und deren Einwohner eine zunehmende Belastung bedeutet. Zu den Städten, die am stärksten unter Overtourism leiden stehen Dubrovnik und Venedig an oberster Stelle, dicht gefolgt von Barcelona. Die Tourismusintensität misst sich am prozentualen Verhältnis von Touristen zu Einwohnern. In Venedig kamen im Jahr 2019 fast 6.000 Übernachtungen auf 100 Einwohner, in Dubrovnik sogar knapp 10.000 auf 100 Einwohner (Kagermeier, 2021b, 5). Häufige Ursachen für Overtourism sind Kreuzfahrtschiffe, aber auch die Verfügbarkeit von Billigflügen in bestimmte Destinationen. So hat beispiels‐ weise der Tourismus nach Porto einen starken Aufschwung genommen, seit Ryanair Porto anfliegt (mit erheblichen negativen Folgen für die lokale Be‐ völkerung, vor allem dem Vertreiben von Anwohnern aus einigen Vierteln und des starken Anstiegs von Mietpreisen, durch u. a. einen gewachsenen Airbnb-Markt, der vor allem von kommerziellen Anbietern bespielt wird. Kagermeier (2021, 31) weist mit Blick auf Deutschland darauf hin, dass es keine klar objektive Grenze der Tourismusintensität gibt, ab der die Stimmung der Stadtbevölkerung in Bezug auf Touristen kippt. In den drei größten deutschen städtetouristischen Destinationen Berlin, München und Hamburg, ist der Unmut vor allem in Berlin deutlich, wohingegen das in München so nicht zu konstatieren ist, obwohl die Tourismusintensität von etwa 1.000 Übernachtungen pro 100 Einwohnern in etwas vergleichbar ist. Die Carrying Capacity hängt nach Kagermeier auch von der Schnelligkeit des Wachstums, des Eindringens des Tourismus in Wohnviertel (z. B. durch Airbnbs) und die Art der Touristen ab. Bei letzterer verweist er darauf, dass die große Anzahl Partytouristen in Berlin eher als irritierend empfunden werde, als die kulturorientierten Städtetouristen, die in München vorherr‐ schend sind (a. a. O.). Häufig werden allerdings Gegenmaßnahmen erst durchgeführt, wenn das Kind schon nahezu in den Brunnen gefallen und die Stimmung der ortsansässigen Bevölkerung gekippt ist. Maßnahmen zur Verringerung der touristischen Nachfrage und Demarketing seien eher sel‐ ten, sollten nach Kagermeier aber rechtzeitig durchgeführt werden, um die 3.2 Orte: Reservate der Sehnsucht 223 <?page no="224"?> Kapazitäts- und Erträglichkeitsgrenzen von Orten zu wahren. Daher müsse in Deutschland zum Beispiel auch die Rolle der Destinationsmanagement‐ sorganisatione (DMO) neu definiert werden. Diese sind in Reisegebieten für Management und Marketing zuständig und verstehen sich in erster Linie dem quantitativen Wachstum, also der Ökonomie verpflichtet. Hier braucht es einen ganzheitlicheren Blick auf die Orte, um diese und deren Lebensqualität zu erhalten (Kagermeier, 2021, 32). Wissen | Motivation von Städtereisen Push-Motive: ● Flucht, Langeweile Ortsbezogene Pull-Motive: ● Besuch von Sehenswürdigkeiten ● das urbane Flair (Wunsch in die Stadtkultur einzutauchen) ● kulinarische Angebote, Gastronomie und Genuss ● Lage von Städten am Meer, an einem See oder Fluss ● Besuch von Parks, Zoos, Freizeitparks etc. ● Besuch Kunst, Museen und Ausstellungen ● Besichtigen von Baukultur und Architektur ● Shopping ● Besuch von Musikbzw. Kulturevents ● Wellness und Gesundheit ● die Nutzung von Outdoor-Angeboten ● Besuch von Szene, Clubs und Bars ● Besuch von Sportereignissen Andere Motive: ● Socialising (Reisen mit Partner oder Freunden und Kennenlernen von neuen Leuten) ● Prestige und Soziale Anerkennung (u. a. durch das Mitbringen von lokalen Souvenirs) ● Gastfreundschaft vor Ort 224 3 Ankommen <?page no="225"?> Infrastrukturelle Motive: ● gute Erreichbarkeit bestimmter Orte ● preiswerte Anreise ● Preis-Leistungsverhältnis ● gute Unterkünfte (eigene Darstellung nach Dunne, G. et al., 2007, 95 ff. und Städtereise‐ analyse DTV, 2022) Zusammenfassung Insgesamt hängt die Wahrnehmung einer Stadt von Sinneseindrücken (je multisensorischer, um so positiver die Wahrnehmung), Stadtbild und Stadtgestaltung und der individuellen Toleranzschwelle, sowie einem idealerweise mittleren Arousal ab. Ein lebendiges Viertel mit vielen unterschiedlichen Menschen und Straßenmusik und unterschiedlichen Gerüchen kann für den einen Inspiration und Inbegriff urbaner Lebens‐ freude sein, für den anderen aber Überreizung bedeuten. Auch was man auf Städtereisen sucht, ist unterschiedlich. Es ist abhängig von Alter und Persönlichkeit und Herkunft. 3.3 Reisebiographien: Reisen und Identität - Ankommen bei sich selbst „Identität ist eine Reise. Kein Ort.“ (Sten Nadolny in „Ein Gott der Frechheit“) 3.3.1 Orte: Biographie in der Geographie - Identität und Reisen „Und nicht nur in der Zeit sind wir ausgebreitet. Auch im Raum erstrecken wir uns weit über das hinaus, was sichtbar ist. Wir lassen etwas von uns zurück, wenn wir einen Ort verlassen, wir bleiben dort, obgleich wir wegfahren. Und es gibt Dinge an uns, die wir nur dadurch wieder finden können, dass wir dorthin zurückkehren. Wir fahren an uns heran, reisen zu uns selbst, wenn uns das monotone Klopfen der Räder einem Ort entgegenträgt, wo wir eine Wegstrecke 3.3 Reisebiographien: Reisen und Identität - Ankommen bei sich selbst 225 <?page no="226"?> unseres Lebens zurückgelegt haben, wie kurz sie auch gewesen sein mag. Wenn wir den Fuß zum zweiten Male auf den Bahnsteig des fremden Bahnhofs setzen, die Stimmen aus den Lautsprechern hören, die unverwechselbaren Gerüche riechen, so sind wir nicht nur an dem fernen Ort angekommen, sondern auch in der Ferne des eigenen Inneren, in einem vielleicht ganz entlegenen Winkel unserer selbst, der, wenn wir anderswo sind, ganz im Dunkeln liegt und in der Unsichtbarkeit. Warum sonst sollte es ein magischer Moment, ein Augenblick von geräuschloser Dramatik sein, wenn der Zug mit einem letzten Rucken zum vollständigen Stillstand kommt? Es ist, weil wir von den ersten Schritten an, die wir auf dem fremden und auch nicht mehr fremden Perron tun, ein Leben wiederaufnehmen, das wir unterbrochen und verlassen hatten, als wir damals das erste Rucken des anfahrenden Zuges spürten. Was könnte aufregender sein, als ein unterbrochenes Leben mit all seinen Versprechungen wiederaufzunehmen? …“ (Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon, 286) Reisen und Identität stehen in einem engen Zusammenhang. Reisen können nicht nur ein Neuanfang, eine Entscheidung für eine Richtung oder einen Richtungswechsel erleichtern (transformative Reisen), sie können auch dazu führen, mehr bei sich selbst anzukommen (durch den fehlenden Kontext rundum und die Erwartungen des Umfelds) oder auch bestimmte Aspekte der eigenen Identität mehr in den Vordergrund treten lassen. Das fällt auf Reisen deutlich leichter. Das folgende Kapitel soll sich systematisch den verschiedenen Facetten von Identität auf Reisen widmen, bis hin zu Transformativen Reisen. Tiefgreifendere Transformationen treten eher bei langen, bedeutsamen Reisen auf, deshalb wird es am Ende einen Exkurs zu diesen Reisen geben, zu denen Work&Travel-Aufenthalte, die Walz, lange Weltreisen und/ oder Backpacking-Touren oder längere Weitwanderungen, wie die zurzeit sehr beliebten Pilgerwege gehören. Alexander Kingslake beschreibt die Momente auf Reisen als „eine jener seltenen und fantastischen Zeiten Deines Lebens, von welchen Du in späteren Jahren die eigentliche Form und Bildung Deines Charakters, das heißt Deine eigentliche Identität her datierst“ (Kingslake, zitiert nach Leed 1993, 71). Hormuth (1990) vertritt mit seiner „Ökologie des Selbst“ einen Ansatz der Beziehung von Selbst und Umwelt, wobei er drei interdependente Konstituenten des Selbst benennt: Personen, Dinge und Umwelten. Soziale Beziehungen sind entscheidend an Prozessen der Stabilisierung und Verän‐ derung des Selbstkonzepts beteiligt. Objekte können soziale Erfahrungen 226 3 Ankommen <?page no="227"?> ermöglichen und reflektieren. Umwelten dienen der Bereitstellung von In‐ teraktionsorten, sowie der Symbolisierung eigener Identitäten. Beim Reisen spielen alle drei Komponenten eine Rolle. Es fallen soziale Beziehungen weg oder verändern sich, dazu kommen andere Umwelten und Objekte. Es ist keine Frage: der Fremde ausgesetzt zu sein, beeinflusst die eigene Identität. Häufig auf verschiedenen Ebenen und insbesondere bei längeren Reisen, das kann die persönliche bzw. individuelle Identität, die soziale und die kulturelle Identität betreffen oder alle gleichermaßen. Aber auch kürzere Reisen sind mit der Identität oder Aspekten der Identität verbunden. Schon die Auswahl der Reiseziele ist mehr oder weniger bewusst mit der eigenen Identität dem Auf- und Ausbau bestimmter Persönlichkeitsanteile und Facetten der eigenen Identität verbunden. Beim Reisen wird das Wechselverhältnis von statischer und dyna‐ mischer Identität deutlich. Längere, besondere Reisen können sowohl den dynamischen als auch den statischen Aspekt aktualisieren. Durch Reisen kommt es interessanterweise sowohl zu einer kontextabhängigen Veränderung, die auch schon bei kürzeren Reisen auftritt (und insbeson‐ dere häufiger besuchte Städte, Länder, Kulturen und Landschaften spielen bei Veränderungen, Selbstverstärkungs- und -verortungsprozessen eine wichtige Rolle; mehr dazu im → Kap. 3.4.3) als auch zu einer Stabilisie‐ rung/ Konsolidierung anderer Bereiche der eigenen Identität. Es verändern sich vor allem eigene Werte und Bewertungen, sowie deren Kriterien. Wei‐ terhin können sich Identitätsanteile, Handlungen, Handlungsspielräume, Gewohnheiten und Selbstwirksamkeitserwartungen verändern. Es kann sowohl zu einer Stabilisierung bestimmter Bereiche wie auch zu einer Veränderung, Weiter- oder Neuentwicklung anderer Bereiche kommen. Es kommt jedoch auch zu generellen, landes- und kulturunspezifi‐ schen Effekten auf die Identität. Oft wird beschrieben, dass Reisen zu einer veränderten Sichtweise auf das eigene Leben führt und es mitunter zu neuen Erkenntnissen oder anderen Gewichtungen durch das Einnehmen einer anderen Perspektive kommt. Oft stellt sich eine Klarheit ein, die beim Leben an einem Ort nicht möglich ist und eine bessere Übersicht übers eigene Leben. Einige berichten, dass ihnen das Reisen geholfen hätte, Abstand zu belastenden Faktoren zu finden. Durch die notwendige Orientierung in einem anderen Umfeld und diesbezügliche Schärfung der Sinne, kommt es zu erhöhter Wachheit und Lebendigkeit, die fast psychotherapeutischen Charakter haben können. Reisen haben oft positive, energetisierende Wir‐ kungen, können aber auch das Gegenteil bedeuten. Man gewinnt einerseits 3.3 Reisebiographien: Reisen und Identität - Ankommen bei sich selbst 227 <?page no="228"?> Abstand, Mut, Lebensintensität und Zuversicht, kann aber gleichzeitig durch zu viel beängstigendes Neues verunsichert werden. Reisen kann mitunter auch bei der Rückkehr Probleme bereiten, z. B. wenn das eigene Umfeld die Reiseerfahrung nicht versteht oder nicht nachvollziehen kann, das trifft besonders auf längere, wirklich transformative Reisen zu (und wird oft unter re-entry culture shock gefasst). Auch sind viele, die von längeren Reisen zurückkehren nicht mehr naive Bewohner ihres Umfeldes, sondern sehen es mit anderen Augen, weil sie den Vergleich kennen, oft verbunden mit der Absicht, das eigene Leben stärker gestalten zu wollen. Dieser Blick des Fremden kann helfen zu relativieren, wertzuschätzen, neue Sichtweisen einzunehmen, aber auch an bisher selbstverständlichen Dingen zweifeln lassen, verunsichern und aus dem Mittelpunkt reißen. Oder aber er vermittelt einen neuen Mittelpunkt, neue Ideen und Anregungen. Aus dem Fremdverstehen entsteht ein Eigenverstehen, am Kontrast konturiert sich die Wahrnehmung (Zschocke, 2005, 259-f.) Bei der Übersicht über die wesentlichsten Identitätsmodifikationen sind vor allem die folgenden Bereiche relevant. IDENTITÄT individuelle Identität kulturelle Identität Moratorium Initiation topographische Identitätsveränderung Veränderung von Selbst und Persönlichkeit Wertveränderungen bzw. Stabilisierung Verhaltensveränderung Abb. 7: Übersicht über Bereiche von Identitätsmodifikation durch Reisen (Zschocke, 2005, 258) Abb. 7: Übersicht über Bereiche von Identitätsmodifikation durch Reisen | Zschocke, 2005, 258 228 3 Ankommen <?page no="229"?> 3.3.2 Topographische Identität - die kontextabhängige Aktivierung von Selbstkonzepten „… Es ist ein Fehler, ein unsinniger Gewaltakt, wenn wir uns auf das Hier und Jetzt konzentrieren in der Überzeugung, damit das Wesentliche zu erfassen. Worauf es ankäme, wäre, sich sicher und gelassen, mit dem angemessenen Humor und der angemessenen Melancholie, in der zeitlich und räumlich ausgebreiteten inneren Landschaft zu bewegen, die wir sind. Warum bedauern wir Leute, die nicht reisen können? Weil sie sich, indem sie sich äußerlich nicht ausbreiten können, auch innerlich nicht auszudehnen vermögen, sie können sich nicht vervielfältigen, und so ist ihnen die Möglichkeit genommen, weitläufige Ausflüge in sich selbst zu unternehmen und zu entdecken, wer und was anderes sie auch hätten werden können.“ (Pascal Mercier, Nachtzug nach Lissabon, 286) Reisender in einem bestimmten Land zu sein, beeinflusst immer auch die situative Identität. Mit der Reise in spezifische Kulturkreise, werden bestimmte Teile der eigenen Persönlichkeit entwickelt, entfaltet oder in den Vordergrund gerückt. Andere treten in den Hintergrund. Das heißt, der Aufenthalt an bestimmten Orten kann eine Verstärkung oder Abschwä‐ chung bestimmter Facetten des eigenen Selbst bedeuten. Leed (1993, 86) unterstreicht, das „Selbst“ und „Ort“ zusammenhängende Größen sind, und dass das Selbst durch einen Ortswechsel verändert werden kann. Greve (2000, 9 ff.) zeigt auf, dass es eine kontextabhängige Aktivierung von Selbstkonzepten gibt, und Markus und Wurf (1987) beschrieben das Selbst als dynamisches System, das auf die jeweilige Person bezogene Überzeugungs- und Erinnerungsinhalte in strukturierter Form und die mit diesen Inhalten und Strukturen operierenden Prozesse umfasst. Zu diesem dynamischen System gehört auch die Präferenz bestimmter Sprachen, Kulturen und Reiseländer zu einer bestimmten Zeit der eigenen Biographie. Es kann also zu der von Filipp (2000, 9) beschriebene kontextabhängige Aktivierung von Selbstkonzepten kommen. Nach Filipp (2000, 11) besitzt das Selbst nicht nur eine zeitliche und räumliche Extension, sondern auch eine topographi‐ sche Struktur. „Und gibt es jenseits der Heimat nicht andere Menschen und/ oder Ausschnitte aus unserer räumlich-dinglichen Umwelt, die wir als Teil unseres Selbst erleben? “ (Filipp, 2000, 9). Verschiedene Umwelten dienen der Bereitstellung von Interaktionsarten, sowie der Symbolisierung eigener Identitäten (Hormuth, 1990) und können damit bestimmte Anteile verstärken, bzw. verschüttete Anteile reaktivieren, in gewisser Form auch Entfremdung beenden (Zschocke, 2005, 268-f.). 3.3 Reisebiographien: Reisen und Identität - Ankommen bei sich selbst 229 <?page no="230"?> Es geht gleichermaßen darum, neue Facetten an sich selbst und Neues in der Welt zu entdecken als eigentlichen Sinn des Reisens. „Wo wir nicht entdecken oder wenigstens zu entdecken vermeinen, wo nicht eine verborgene Energie und Sympathie uns zu neuen Dingen führt, fehlt eine geheimnisvolle Spannung.“ (Stefan Zweig, zit. nach Bender, 1976, 252). Reisen fügen unserem Erinnerungsspeicher viele neue Informationen hinzu, dabei ist Reisen, weit mehr als Urlaub, eine tiefgreifende Erfahrung. Jeder hat seine höchst individuelle Travel Life History, die auch immer etwas über die jeweiligen Erfahrungen und Prioritäten aussagt. Dabei können Teile der eigenen Identität in bestimmten Kulturen besser gelebt und aktualisiert werden als in anderen. Reisen beeinflusst nicht allein die Biographie, sondern es scheint in einigen Fällen sogar so etwas wie eine individuelle Reisegeographie zu entstehen. Die individuelle Biographie hat Einfluss auf das Reisen (Reiseverhalten, bevorzugte Reiseländer, Reisestil), aber auch die bereisten Länder - wie im Übrigen auch die Lebensorte - haben ihrerseits spezifischen Einfluss auf die Biographie und bringen unter Umständen eine bestimmte neue Nuance in die Persönlichkeit ein oder führen zu spezifischen Wertveränderungen und beeinflussen damit die Identität. Die Biographie beeinflusst also die Art, wie wir reisen, und umgekehrt beeinflussen Reisen auch unsere Biographie. Wir tendieren dazu Biographie üblicherweise vor allem an Tätigkeiten festzumachen. Orte spielen dabei eher eine unterge‐ ordnete Rolle. In der Realität spielen sie aber eine ebenso wichtige Rolle für die Identität wie die Tätigkeiten und das soziale Umfeld und sollte stärker in den Fokus genommen werden. „Jeder Ort hat so seine spezifische Gegenwart. [..] Es ist nicht so, dass ich sage, da ist der Sehnsuchtsort und hier ist der defiziente Ort, sondern ich habe durch das Reisen die Möglichkeit unterschiedliche Qualitäten zu erfahren, die jeweils an bestimmte Orte gebunden sind.“ (R6, Philosoph und Kulturwissenschaftler, 31) Bei einigen Interviewten verliefen diese Identitätserweiterungen phasen‐ weise, wobei sich mitunter fast so etwas wie eine Reisebiographie ab‐ zeichnete. Diese personenspezifischen Phasen waren zum Teil gebunden an die Sprachen, die zum jeweiligen Zeitpunkt erlernt wurden, (aber auch die Entscheidung für das Lernen einer bestimmten Sprache ist in gewisser Weise an die eigene Identität gebunden, da die Faszination einer Sprache oft auch mit der Präferenz bestimmter Lebensweisen einhergeht) oder an eine Faszination für eine bestimmte Lebenskultur, ein Lebensgefühl, mitunter auch verbunden mit dem Wunsch bestimmte, weniger entwickelte oder 230 3 Ankommen <?page no="231"?> ausgeprägte Seiten der eigenen Persönlichkeit mithilfe bevorzugter Aufent‐ haltsländer ausgleichen zu können. Dabei kam es oft zu einer übermäßigen Wertschätzung von bestimmten Orten und Kulturen, die ihrerseits wieder Initiationscharakter hinsichtlich einer bestimmten Identität, Rolle und dem Entwickeln neuer Lebens- und Verhaltensweisen aufwiesen. Im Folgenden schildert ein Interviewter detailliert die Phasen seiner Reisebiographie: „Also ich würde sagen, es gab so verschiedene Phasen. In der Phase, in der ich noch nicht volljährig oder drunter war und die Reisen - sage ich mal - relativ gruppenorganisiert waren, waren es im Grunde Reisen innerhalb Deutschlands, auch Ost-West-Reisen. Dann in der ersten Zeit des Studiums kam so eine frankophile Phase, wo Reisen nach Frankreich, nach Paris führten, das ist jetzt grob. Es gab immer anderes noch, was zur selben Zeit ablief, das hing auch so ein bißchen von den Sprachen ab, die ich gelernt habe. Es gab so eine Zeit, wo Belgien und die Niederlande interessant waren, weil ich auch die Sprache lernte. Dann gab es sicherlich so im letzten Jahr die US-amerikanische Phase. Ach, es gab da zwischendurch dieses italienische Intermezzo, wo ich dachte: Italien ist die Rettung und da gab es diesen Romenthusiasmus und Italienenthusiasmus, da bin ich zweimal in Rom und dann auch noch in anderen italienischen Städten gewesen, Venedig, Bologna … Also die französische Phase wurde genaugenom‐ men durch die italienische abgelöst und die wiederum durch die amerikanische.“ (R6, Philosoph und Kulturwissenschaftler, 31) Dabei waren viele dieser Phasen eindeutig vom Wunsch nach Identitäts‐ veränderungen und dem Ausgleich von bestimmten wahrgenommenen Defiziten von Selbst und Persönlichkeit geprägt, die sich - wie im folgenden Abschnitt näher ausgeführt wird - auch zu großen Teilen erfüllten. „Für die italienische Phase, das war ganz klar eine Ausbruchsphase, motiviert aus einem Überdruß an einer etwas hölzernen Lebensweise. Und die französische Phase, das war so eine Art Einübung in die Urbanität und eine Reise in die große Stadt, eine Stadt, die Kultur sehr groß schreibt. Und die Ost-West Reisen waren sicherlich sehr ernste Reisen letztlich. Reisen auch unter dem Schatten einer weltpolitischen Konstellation, die das Reisen nicht gerade erleichtert hat.“ (R6, Philosoph und Kulturwissenschaftler, 31) Bei anderen führte es auch dazu, bestimmte unterdrückte Seiten der eigenen Persönlichkeit aufleben zu lassen und in den Vordergrund zu rücken, was dann auch nach der Rückkehr beibehalten und ins eigene Leben integriert wurde. 3.3 Reisebiographien: Reisen und Identität - Ankommen bei sich selbst 231 <?page no="232"?> 32 Garcia unterscheidet zwischen vier empirisch nachweisbaren Varianten des Identitäts‐ status: Identitätsdiffusion, Identitätsübernahme, Moratorium und erarbeitete Identität. Beide verknüpft er mithilfe der identitätsrelevanten Variablen „innere Verpflichtung“ (commitment) und „Exploration von Alternativen“. „Mich hat Spanien sehr stark geprägt, vom Verhalten und Temperament der Leute her. Das hat mir sehr entsprochen. Und da habe ich mir einiges mitgenommen an, glaube ich, Überzeugung, dass bestimmte Dinge richtig sind, also was jetzt so nicht cool sein anbetrifft. Dieses unterkühlte Deutsche also. Das fand ich vorher schon immer ein bisschen blöd, aber das ist mir, nachdem ich das erste Mal südliche Länder bereist habe, noch stärker so gegangen. Es hat mir auch das Gefühl gegeben, dass es auch anders geht. Dass es eigentlich besser geht. Und das suche ich auch inzwischen hier. Also wenn ich mir einen Lebensraum in einer Stadt suche, dann hängt das auch so sehr stark damit zusammen, ob es da irgendwie solche vermischten Elemente gibt. Einmal, ob es tatsächlich auch existierende andere Kulturen gibt, aber auch, ob da so eine Stimmung ist, so ein Gefühl.“ (R 20, Filmemacher, 33) Hier geht es vor allem, um Facetten und Seiten der Persönlichkeit, die dauerhaft oder phasenweise in die eigene dynamische Identität integriert werden. Es gibt aber auch tiefgreifendere Veränderungen, die im folgenden Teil Transformative Reisen beschrieben werden. „Dass man irgendwo anders, ein bisschen anders sein kann, ich denke, dass es wahr ist.“ (Cees Nooteboom) 3.3.3 Der Zustand des Unterwegsseins als Moratorium und Positionsbestimmung -Identität im Transit „In einem nomadischen Leben habe ich vielleicht gelernt, wer ich bin und wer ich nicht bin.“ (Cees Nooteboom) Reisen ist eine Phase der Positionsbestimmung. Insbesondere längere, bedeutende bzw. besondere Reisen stellen eine Art Moratorium im Sinne des Ego-Identity-Status-Modell von Marcia (1993) dar: einen sozio-kulturell und zeitlich begrenzten Spielraum, der einen Übergang auf einem bestimmten Lebensweg ermöglicht und Entscheidungen erleichtert. In der Phase des Moratoriums werden Alternativen geprüft, wobei eine innere Verpflichtung zwar existiert, diese aber in dieser Transitphase eher vage ist 32 . Auf Reisen ist nicht nur genügend Distanz zur eigenen Lebenswelt 232 3 Ankommen <?page no="233"?> vorhanden, sondern meist auch die nötige Zeit für Reflexionen, Entwürfe und Entscheidungen. Längere Reisen oder Aufenthalte im Ausland erfordern oft geradezu zwangsläufig eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst. Die Fremde dient dem Reisenden als Spiegel, stellt Vergleichsmöglichkeiten zur Verfügung und ermöglicht es dem Reisenden Distanz zu sich selbst und zur eigenen Rolle aufzubauen. Dadurch kommt es oft zu einem verstärkten Reflektieren des eigenen Selbst und zum Hinterfragen der eigenen Art zu leben. Häufig führte das zum Auflösen alter Konflikte und Identitätsbrüche. Die eigene Identität konturiert sich am Fremden. Das kann zu einer Stärkung bestimmter Teile der eigenen Identität führen und zu einer Schwächung an‐ derer, fast immer jedoch führte es zu einer Selbstaktualisierung: elaborierte Selbstkonzepte werden angepasst oder verändert (Zschocke, 2005, 260). Die Übergangsphase der Verunsicherung oder auch zeitweisen Identitätsdiffu‐ sion, um die Kategorie von Marcia zu verwenden, wurde auch von Bereswill und Ehlert beschrieben: „In der fremden Situation wird das Selbstbild des Reisenden erschüttert und alte, ungelöste Konflikte treten zutage.“ (1996, 129) „Ich hatte mir das zuerst so vorgestellt, dass es wenn man auf Reisen ist, ganz viele Reize gibt unterwegs, dass man dauernd was Neues erlebt und ständig beschäftigt ist mit diesen äußeren Dingen und habe dann festgestellt, dass das genau andersrum war, dass das eine ganz reizarme Lebensform ist und dass ich dadurch ganz viel mit meinen Innerlichkeiten konfrontiert war und mit den ganzen Gedanken für die ich zu Hause nie Zeit hatte und dass ich da viel zu Ende gedacht habe und das am Anfang auch schwierig war, damit umzugehen und dass mich dann aber nach drei Monaten ziemlich frei gefühlt habe von diesen ganzen Dingen. Ich denke, ich habe ganz viele Dinge mit mir rumgeschleppt und dort hatte ich Zeit die zu Ende zu denken und dann waren die eben auch mal abgeschlossen und haben mich auch nicht mehr belastet.“ (R 28, Ärztin, 33) In jedem Fall rückt das, was bei guter Sicht und in vertrauter Umgebung zur weitgehend unkontrollierten Gewohnheit geworden ist, stärker ins Bewusstsein und kann hinterfragt, geprüft oder modifiziert werden. Dazu gehören die eigene Rolle, die eigenen Werte und die eigenen Verhaltenswei‐ sen, was die folgenden Interviewausschnitte exemplarisch zeigen (Zschocke, 2005, 261). „Weil man sich durch diese Vergleichsmöglichkeiten, doch irgendwie anders einordnet und sich dadurch auch anders siehst. Also nicht, dass ich meine gesamte 3.3 Reisebiographien: Reisen und Identität - Ankommen bei sich selbst 233 <?page no="234"?> 33 Straub (2000) betont, dass es wichtig sei, Identitätsdiffusion nicht undifferenziert zu betrachten. „Man sieht m. E. nicht mehr, sondern weniger, wenn man beispielsweise den spielerischen Umgang mit Möglichkeiten und Optionen, die selbstexperimentelle Arbeit an sich oder auch die ästhetisch motivierte Verweigerung von Selbstthemati‐ sierungen, die personale Einheit, Kontinuität und Kohärenz gewährleisten sollen, kurzerhand als Charakteristika von Personen mit diffuser Identität oder gleich von schizo-, multi- oder polyphrenen Menschen … bezeichnet.“ (Straub, 2000, 297) Identität in Frage gestellt hätte, aber dass ich sie schon etwas hinterfragt habe, indem man einfach sieht, wie es anderswo zugeht. Und indem man sich selber sehr viel stärker hinterfragt dadurch. Und sich vielleicht auch selber nicht mehr so wichtig nimmt und sich nicht mehr so ins Zentrum rückt oder auch sein Land nicht mehr so ins Zentrum rückt, die Art wie man lebt, wie man arbeitet, wie man denkt, wirklich mehr hinterfragt. Auch die Art, wie man mit sich umgeht, wie man mit anderen Leuten umgeht. Und da denke ich schon, dass es so bestimmte Schlüsselerlebnisse auf Reisen gab.“ (R14, Architekt, 35) „Also ich bin nicht so`n Typ, der jetzt unbedingt deswegen losgefahren ist, um herauszufinden, wer du bist und was du machen willst, das nicht. Aber so eine Reise, die gibt Dir automatisch die Chance oder die Möglichkeit dich viel mit dir selbst zu beschäftigen, einfach durch die Zeit schon und du bist nicht abgelenkt, du brauchst dir kein Kopf zu machen großartig, sondern Du lebst wirklich von heute auf übermorgen in den Tag hinein. Und du lässt Dinge zu, die du dir sonst vielleicht verbietest.“ (R18, Journalist, 33, Weltreise) Die erarbeitete Identität ist das Produkt krisenhafter Verunsicherungen, der selbstreflexive Explorationen folgen, die schließlich zu biographisch relevanten Festlegungen führen können. Diese können verschiedener Art sein, das kann eine Entscheidung für eine Studienrichtung, einen Partner, einen Lebensstil, bestimmte Facetten des Lebens, aber auch eine grundle‐ gende Transformation sein. Diese erarbeitete Identität entspricht Eriksons Ideal einer gelungenen Entwicklung. Die bloß übernommene Identität unterscheidet sich von der erarbeiteten darin, dass hier kein eigenständiger Standpunkt und keine Auseinandersetzung mit Autoritäts- oder anderweitig prägende Personen zugrunde liegt. Der Zustand der Identitätsdiffusion in der Phase des Moratoriums bedeutet einen - nicht mehr als Übergang zu be‐ trachtenden - Zustand ohne einigermaßen stabile, situationsübergreifende Orientierungen und Überzeugungen 33 (Zschocke, 2005, 131). Individuen wechseln den Identitäts-Status im Laufe ihres Lebens mehr‐ fach und sie können sich darüber hinaus zu ein und demselben Zeitpunkt 234 3 Ankommen <?page no="235"?> 34 Die Berichte und Erzählungen auf die sich Leed bezieht, bestehen aus einer Mischung aus Reiseliteratur, Autobiographien von Forschern und Reisenden, Reiselegenden und Reiseberichten verschiedener Zeiten. hinsichtlich verschiedener Lebensbereiche (Beruf, Partnerschaft, Wertori‐ entierungen, Ideale) in verschiedenen Identitäts-Zuständen befinden. Häufig können längere Reisen als Katalysator wirken oder zumindest genug Abstand bieten, das Leben in einer oder mehreren Hinsichten zu reflektie‐ ren. Daher bieten sie gute Möglichkeiten für eine Moratoriumsphase. Dazwischen steht aber meist eine Phase, in der die eigene Identität hinterfragt und geprüft wird. In der Fremde zu sein, ist immer auch ein Ausgesetztsein, ein Zustand, in dem die gewohnten Koordinaten ihre Selbstverständlichkeit verlieren. Das birgt Risiken und Chancen. An diesen Bruchstellen entstehen neue Identitätsbestandteile oder -formen und durch die Freiheit im Sinne von Verunsicherung und Spielraum werden sowohl Energie freigesetzt als auch Anpassungen und Neuausrichtungen ermög‐ licht. 3.3.4 Transformative Reisen Eric J. Leed (1993) beschreibt aus kulturwissenschaftlicher Sicht das Selbst und die Identität des Reisenden, basierend auf der Auswertung zahlreicher Reiseberichte und -erzählungen. 34 Er interpretiert die Reise als Probe und als Einsatz, der zu einem Gewinn an persönlichem Format und Selbst‐ sicherheit führt. Dabei zeigt er, dass die klassische Reise der Entfaltung von Potenzen und Fähigkeiten dient, wobei betont wird, dass es bei den durch Reisen bewirkten Veränderungen weniger darum geht, dass ein neuer Aspekt Eingang in die Persönlichkeit findet, als vielmehr darum, dass in der Tiefe längst Vorhandenes freigelegt wird, Verschüttetes sichtbar wird. Ähnlich beschreiben Bereswill et al. (1996, 104), dass beim Reisen Noch-Nicht-Bewusstes zutage tritt. Nach Bereswill ist die Reise auch ein Mittel, den eigenen Wünschen und Fantasien auf die Spur zu kommen, anhand der Fremde trete das in den Vordergrund, was sie als das „innere Ausland“ bezeichnet. Neben dieser Entfaltung angelegter oder bereits latent vorhandener Fähigkeiten, kommt es im Verlauf der Reise auch zu einer Reduzierung des Selbst auf das Wesentliche, wodurch es dem Reisenden erst möglich wird, zu erkennen, was das Wesentliche ist (Leed, 1993, 22 f.). Er beschreibt ein 3.3 Reisebiographien: Reisen und Identität - Ankommen bei sich selbst 235 <?page no="236"?> Abstreifen vieler Komponenten des Selbst, wobei ein nicht reduzierbarer Kern zum Vorschein komme. „Die mit der Abreise verbundenen Trennungen sind eine Art moralisches Experiment, bei dem sich erweist, welche Aspekte des Selbst im Kontext ihrer Entstehung zurückgelassen werden können und welche unauslöschlicher Bestandteil dieses Selbst bleiben. Genau das ist gemeint, wenn immer wieder davon die Rede ist, Reise und Abreise seien eine Läuterung, eine Bloßlegung des gewohnten, angepassten Selbst, die dazu dienen könne, die Konturen der Persönlichkeit zu schärfen und zu erhellen.“ (Bereswill et al., 61; Zschocke, 2005, 141) Transformative Reisen sind Reisen mit bewusstem Fokus auf innerem Wandel, dem Erkennen des eigenen Selbst oder zum Vorbereiten von Lebensentscheidungen. Dabei geht es primär weniger um Entspannung und/ oder Sightseeing, sondern um Selbsterfahrung, Selbstaktualisierung, Selbstmodifikation, persönliches Wachstum und Sinn. Eric J. Leed fasst alle diese Reise unter Pilgerreisen, wobei die Bedeutung nicht in Spiritualität liegen muss (aber kann), sondern in allem, was für den Einzelnen große Bedeutung hat und Sinn verspricht. Viele trauen sich mehr ihr ureigenstes Wesen zu leben, gegen die reellen oder vermeintlichen Widerstände ihres Umfeldes. „Ich habe meine Identität vielleicht sogar gefunden. Wenn ich ehrlich bin, habe ich mir vorher nicht getraut so zu sein, wie ich bin. Das geht jetzt gut. Jetzt fällt es mir auch nicht mehr so schwer eine eigene Meinung zu haben und die bekannt zu geben.“ (R9, Zimmermann auf Wanderschaft, 24) „So, ich habe ich in diesen Jahren auch das Selbstbewusstsein, das bei mir komplett zerstört war, wieder aufbauen können … Und beim Reisen kommt dieses Selbstbewusstsein zurück … Das Selbstbewusstsein kam durch die positiven Erlebnisse auch zurück und hat sich manifestiert. Und das ist das, was ich am meisten mitnehme, und das hat mich auch geformt. Dass ich plötzlich eben selber meine Entscheidungen treffe …“ (C1, Projektleiter Marketing, 32, Schweiz) Im Rahmen dieser Selbstentfaltung und Selbstaktualisierung erhöhen sich oft auch die Selbstwirksamkeit und infolgedessen auch das Selbstvertrauen. Dieses Selbstvertrauen beruht auf tatsächlich neu erworbenen Fähigkeiten und positiven Erfahrungen mit den eigenen Fähigkeiten und der Fremde. Viele entwickeln stark das Gefühl „überall was zu finden“. Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten wächst, und auch eigene Wünsche werden damit häufiger umgesetzt. Damit verbunden erhöht sich bei vielen das Selbstbe‐ 236 3 Ankommen <?page no="237"?> wusstsein. Das geschah vor allem bei Alleinreisenden auf längeren Reisen, die vorher nie allein aufgebrochen sind. Es wurde deutlich, dass sie sich mehr zutrauen, mehr zu sich, ihrem Wesen und ihren Lebenszielen und -sichten stehen. Auch die Flexibilität wird größer als vor dem Aufenthalt. Es ent‐ steht eine höhere Bereitschaft zum Schreiben des eigenen Lebens-Skripts. Dadurch werden die Perspektiven in verschiedener Richtung erweitert. Manchmal ist es auch dramatischer, dass die Reise überhaupt erst einen Weg eröffnet, weiterzumachen und wie dieser in etwa aussehen könnte. „… Ich habʼ dann einfach gemerkt dieses Leben hier, das gibt mir nichts. Ich möchte auch diese schönen Seiten vom Leben sehen. Und in dieser Beziehung ging es dann wirklich so weit, dass ich an dem Punkt war, wo ich dachte, ich möchte nicht mehr hier sein. Da kam zum ersten Mal auch meine Depression zum Tragen, wo ich auch hart reingefallen bin. Ich habʼ keinen Bock mehr auf morgen und hab eigentlich gedacht: Jetzt gibt es die Pillen und den Alkohol … oder weil meine Nachbarin das damals so gemacht hat: Die ist so aus dem Leben gegangen. Und dann habe ich gedacht: Okay, ich gehe mit ihr. Das Zeug lag schon da und ich habe natürlich auch nicht gewusst, was das alles bedeutet damals. Das war einfach so der logische Weg, den ich kannte. Und dann irgendwie kurz bevor ich das genommen habe, hat irgendwie was reingekickt: Nein, ich möchte leben, so: ich möchte gar nicht gehen. Ich möchte einfach ein anderes Leben. Und dann bin ich mehr oder weniger spontan, mit dem was ich hatte, da bin ich an den Flughafen … und dann einfach an einen Ticket Schalter und hab gesagt: Hey, ich will weg. Und dann hat sie gefragt: Ja wohin denn? Und ich so: Ich weiß nicht. Und das war Emirates Airline und hinter ihr war ein großes Poster von den Australien Open und dann hat sie da nach hinten geguckt und: Hey, das Turnier startet in ein paar Tagen, willst du nicht nach Australien? Und ich so: Eigentlich, ja - komm, lass es uns machen. Und in dem Moment war echt so die Situation, ich lasse jetzt alles zurück. Ich war immer noch angestellt, ich habʼ niemanden informiert und hab dann so Notfall-Visa gemacht und saß halt zehn Stunden später im Flieger. One Way Ticket, ja das ist alles kurz zusammengefasst … So in dem Moment hat es bei mir geschaltet. Das ist das Leben hier, was du nicht willst. Aber eigentlich steht es dir frei selber zu wählen. Und ich war dann an diesem extremen Punkt, wo ich wusste, entweder beende ich jetzt mein Leben oder ich finde eine Lösung. Und das dann mir durchgebrochen ist, auf das, was die anderen gesagt haben zu scheißen. So das ist mein Ding jetzt. Und dann bin ich los und war 20 Stunden später dann in Melbourne und habe kein Englisch gesprochen damals, noch gar nicht, weil habe ich das ja nicht gebraucht bisher. Und ich habe dann für mich gecheckt, also 3.3 Reisebiographien: Reisen und Identität - Ankommen bei sich selbst 237 <?page no="238"?> 35 Dabei wird vor allem die Seite von Frankreich nach Spanien begangen, obwohl die Seite von Portugal nach Spanien ebenso schön, aber weniger populär ist, was häufig auch an der Präsenz in traditionellen und sozialen Medien liegt. ich habe den ganzen Flug durch geweint auch, also es war richtig heftig und dann war ich an dem Flughafen und habe gedacht: Okay das ist jetzt mein neues Leben. Ich habʼ noch ne Mail geschrieben an meine Eltern und eine Mail an meinen Boss, dass ich nicht mehr komme und dann war Funkstille für drei Monate. Genau dann ging es los mit der Reise. Die Reise hat mir im Grunde das Leben gerettet. … Also im Nachhinein … ich habe mir viel Gedanken darüber gemacht und ich teile es so ein bisschen in eine Trilogie ein. Zu Beginn habe ich ja einfach genossen und rückwirkend war das eigentlich das Herausfinden, wer bin ich denn überhaupt, wie reagiere ich und worauf … Ja, so dieses wieder man selbst sein. Auf was habe ich am Morgen überhaupt Bock und solche Gefühle zuzulassen. Und der zweite Teil war dann eigentlich das Herausfinden, wer ich sein möchte und dann ein bisschen so die Transformation, um die Person zu werden, die mir auch gefällt. Hinter der ich stehen kann … Und das dann im dritten Teil zu Hause auch so zu leben …“ (C1, Projektleiter Marketing, Schweiz, 32) Im Grunde kann jede selbstinitiierte Reise, die zu einem entscheidenden Zeitpunkt in der eigenen Biographie durchgeführt wird, eine transformative Reise sein bzw. werden. Einige Reisen sind dafür aber prädestinierter als andere. Wichtig ist, dass diese Reisen häufig eine Markierung im eigenen Leben sind und dieses transformieren, es also ein Vorher und Nachher gibt. In diesem Sinn kann man solche Reisen als kritische Lebensereignisse werten mit ähnlich großem Einfluss auf das Leben. Dabei sind transformative Reisen nichts Neues. Schon seit Jahrhunderten begeben sich Menschen auf Pilgerreisen jeder Couleur (ob sie zu religiösen Stätten pilgern oder zu Gräbern von berühmten Dichtern). 3.3.4.1 Arten von Transformativen Reisen Heute gehören zu transformierenden Reisen oft Pilgerreisen, das heißt lange Wanderreisen (im Moment mit wachsender Beliebtheit z. B. der Pilgerweg nach Santiago de Compostela) 35 , Wallfahrten, längere Weltreisen, die Walz bzw. Wanderschaft der Handwerker, Work&Travel-Aufenthalte, lange Backpacking-Touren, eine längere Phase von sozialer Freiwilligenar‐ beit oder Voluntourismus, längere Yogareisen oder Abenteuerreisen mit Selbstherausforderung oder spontane Aufbrüche z. B. nach Burnout-Phasen. 238 3 Ankommen <?page no="239"?> Nicht alle diese Reisen müssen zwangsläufig zu Modifikationen oder echten Transformationen führen, wenn sie aber an entscheidenden Phasen im ei‐ genen Leben durchgeführt werden und deutlich außerhalb der Komfortzone stattfinden, ist die Wahrscheinlichkeit dafür relativ hoch. 3.3.4.2 Zielgruppen von Transformativen Reisen Viele längere, bedeutende Reisen werden nach ohnehin identitätsbeeinf‐ lussenden Perioden durchgeführt, oft am Ende eines Lebensabschnittes nach oder vor persönlichen Lebensumbrüchen z. B. nach der Schule, dem Studium, der Lehre (bei der Walz) oder nach historischen Umbrüchen, z.-B. nach der „Wende“, der gesellschaftlichen Umstrukturierung der ehemaligen DDR (Zschocke, 2005, 263-f.). Häufig werden solche transformativen Reisen von jungen Erwachsenen in einem Gap-Year nach der Schule oder dem Studium durchgeführt. Viele Schul- oder Studienabgänger nutzen die Zeit zwischen Abitur und Studium oder Studium und erster Arbeitsstelle, um sich zu orientieren, die Welt und sich selbst besser kennenzulernen und/ oder etwas Sinnvolles zu tun. Aber auch Erwachsene bzw. Berufstätige gehören dazu, häufig nach Trennungen, bei beruflichen Neuorientierungen oder Berufstätige in Sabbatical Phasen oder aber auch Menschen mit hohem Stresslevel oder nach Burnout-Erfahrungen. Manche brechen auch auf, wenn der Überdruss vor Ort zu hoch ist oder sie im wahrsten Sinne des Wortes meinen, nichts mehr zu verlieren zu haben. In diesen Fällen treten auch am häufigsten tiefgreifende Effekte auf, unabhängig davon, ob die Transformation vorher intendiert war oder nicht. Die Motive können dabei ganz unterschiedlich sein, bei Reisen von Menschen mit hohem Stresslevel und Burnout-Erfahrungen überwiegen die Push-Motive, bei jungen Men‐ schen, die ihren ersten großen Aufbruch in die Welt wagen, sind es eher Pull-Motive. Freiheit als Sehnsucht eint dabei alle. Unabhängig von den Motiven lassen sich bestimmte häufig auftretenden Transformationserfah‐ rungen finden. 3.3 Reisebiographien: Reisen und Identität - Ankommen bei sich selbst 239 <?page no="240"?> 3.3.4.3 Häufige Transformationen und Effekte auf das Selbst und die eigene Identität Wissen | Wichtige Effekte auf des Selbst und die Identität (Transforma‐ tionseffekte) ● Initiationserfahrungen: im Sinne eines Übergangs zu einem autono‐ meren, selbstbestimmteren Leben ● persönliche Weiterentwicklung mit Einfluss auf das Selbst, darunter: ○ wachsende Selbsterkenntnis, ○ Selbstaktualisierung, ○ höhere Selbstwirksamkeitserwartung und gewachsenes Selbstbewusstsein und ○ größere Resilienz. ● Sinnsuche, Fokus und Lebenssinn: Klarheit über wichtige Lebens‐ ziele und Lebensentscheidungen (Studienentscheidung, berufliche Neuorientierung, Entscheidungen für/ gegen Partnerschaften, sich selbstständig machen, Familie gründen, ein persönlich wichtiges Projekt starten oder vorantreiben) Einige davon werden in den folgenden Teilen noch näher erläutert. Beispielgeschichte einer transformativen Reise: Aus Globetrotter (CH) Fokusmonat Transformative Reisen (Auszüge) Lorena-Maria Peter: Safari Guide in Afrika Manchmal ist kein Grund zu bleiben ein verdammt guter Grund zu gehen. Aus der Schweiz nach Afrika, obwohl sie sich als Heimweh-Kind bezeich‐ net, geht Lorena-Maria Peter nach Afrika, wo sie eine Ausbildung zum Safari Guide macht. „Ich bin in einer kleinen Gemeinde in Zürich aufgewachsen, ein wahres Heimweh-Kind. Selbst bei Ausflügen zu den Großeltern habe ich mein Zuhause vermisst, was für meine Mutter nicht immer einfach war. Schon damals kümmerte ich mich um meinen Hasen ‚Calasta‘ und rettete Vögel, Raupen und alles, was in Not war. Mit 22 Jahren wagte ich einen für mich untypischen Schritt und ging für einen Sprachaufenthalt nach Irland. Es war 240 3 Ankommen <?page no="241"?> unklar, ob ich das schaffen würde, aber etwas passierte - ein unbekanntes Feuer entfachte die Lust auf das Fremde in mir. Das Alleinsein, die Über‐ nahme von Verantwortung und das Streben danach, meine Leidenschaft zu leben, haben mich geprägt. Viele Jahre später blicke ich auf eine Reise zurück, die mich von der Retterin im Garten zur Safari-Guide in Afrika gemacht hat. Mein Ziel ist es, mich für diejenigen einzusetzen, die keine Stimme haben. Du hast erwähnt, dass du dich zur Safari-Guide ausbilden lassen hast. Wie kam es dazu? Manchmal ist kein Grund zu bleiben ein verdammt guter Grund zu gehen. Den Mut, meine Zelte in der Schweiz abzubrechen, kann ich nur damit erklären, dass es in dem Moment, in dem man fühlt, nichts mehr zu verlieren zu haben, am einfachsten ist, loszuziehen. Loslassen, sich selbst freigeben - mit dem Gedanken, nicht zurückzukehren. Ob es um Kinder oder Tiere geht, überall dort, wo ich dazu beitragen kann, die Situation auch nur ein kleines Stückchen zu verbessern, bin ich dabei. Von der ersten Sekunde an habe ich Afrika geliebt. Plötzlich spürte ich wieder etwas, ich fühlte mich lebendig. Meine Leidenschaft für Tiere motivierte mich, mich für sie einzusetzen, und das gab mir Sinn und machte mich aktiv. Welche Momente haben dich während dieser Zeit nachhaltig beeinflusst? Zebras in der Wüste vor einem Regenbogen. Ein Nashornkalb im Sonnen‐ untergang und Löwen im Gehege. Die Stille und das Eintauchen in den Moment. Die Menschen, die sich mitunter sogar unter Einsatz ihres Lebens für eine Sache einsetzen. Diese Erlebnisse haben tiefe Emotionen in mir hervorgerufen: Dankbarkeit für meine Privilegien, aber auch Wut und Unverständnis. Besonders letztere Gefühle haben vieles in mir bewegt und verändert. Das Leben ist ständig im Fluss, und Planbarkeit ist eine Illusion. Wie haben sich deine Erfahrungen auf dein Leben zu Hause und deine Zukunft ausgewirkt? Das Reisen hat mich demütig gemacht. Ich habe erkannt, dass wir oft mehr besitzen, als wir wirklich benötigen. Seitdem habe ich weniger Bedürf‐ nisse und das, was ich habe, möchte ich gerne teilen. Das Ankommen zu Hause war schwierig und das Gefühl verschwindet nicht einfach. Doch was 3.3 Reisebiographien: Reisen und Identität - Ankommen bei sich selbst 241 <?page no="242"?> sich verändert hat, ist meine Aktivität. Ich bin nicht mehr bereit, meine Zeit zu verschwenden oder nur halbherzig dabei zu sein. Ich möchte, so romantisch und naiv das klingen mag, etwas Positives zurückgeben. Auch jetzt noch lerne ich mich selbst kennen. Die Erinnerungen an meine Erleb‐ nisse im Busch erfüllen mich mit Leben. Das Heimweh nach meiner neuen Heimat bleibt, aber dennoch bin ich dankbar, beide Seiten zu kennen. Das Urvertrauen ist wieder in mein Leben zurückgekehrt. Der Busch hat mich gelehrt, alles anzunehmen, wie es kommt, und mich auf jede Situation einzulassen. Ich hoffe, dass ich dieses Vertrauen weitergeben kann, dass das, was sich richtig anfühlt, auch richtig ist. Außerdem hoffe ich, dass ich durch das Teilen meines Wissens neue Perspektiven eröffnen kann, die den Menschen sonst vielleicht verborgen geblieben wären. Ich möchte Mut und Inspiration geben, den gewohnten Lebensweg zu verlassen und das zu tun, was das Leben bereichert, auf eine ganz eigene Weise. Ich hoffe, Menschen dazu ermutigen zu können, ihren Sinn im Leben zu suchen und Erfüllung zu finden. In Afrika habe ich mit Freiwilligen gearbeitet und meine Begeisterung und Liebe für die Natur geteilt. Dies hat einige dazu inspiriert, selbst die Ausbildung zum Safari-Guide zu machen oder sich auf persönliche Abenteuer einzulassen. Ich bin fest davon überzeugt, dass Leidenschaft Leidenschaft weckt. Wofür brennst du? Was lässt dich lebendig fühlen? Wovon wirst du berührt? … Diese Berührung kann wiederum andere Menschen beeinflussen. Wenn ich nach Hause komme und meine Erfahrun‐ gen teile, erreiche ich weitere Menschen und setze so einen Kreislauf der Anteilnahme in Gang. Als Erste in meiner Familie und im Bekanntenkreis, die eine Guide-Ausbildung in Afrika absolviert und intensiv das südliche Afrika bereist hat, haben meine Geschichten die Kraft, 3.3.4.4 Initiation in der Fremde „Es gab keinen Weg über die Elbe, der nicht mit Initiation, also Wandlung und Selbstaufgabe, bezahlt worden wäre.“ Durs Grünbein, Das erste Jahr. Berliner Aufzeichnungen. Suhrkamp 2001, 101 Längere Reisen und lange Auslandsaufenthalte tragen mitunter die Züge einer selbstinszenierten Initiation. Um diesen Fakt zu erläutern, soll zunächst der Terminus Initiation ein wenig erhellt werden. Dabei wird der Begriff der Initiation sogar von einigen Reisenden selbst verwendet, die die Ähnlichkeit langer Reisen und Aufenthalte in der Fremde zum Mythos der 242 3 Ankommen <?page no="243"?> 36 „Wo immer zwischen Alters- und Tätigkeitsgruppen unterschieden wird, ist der Über‐ gang von einer Gruppe zur anderen von speziellen Handlungen begleitet, wie sie etwa der Lehre bei unseren Handwerksberufen entsprechen … Das Leben eines Menschen besteht somit in einer Folge von Etappen, deren End- und Anfangsphasen einander ähnlich sind: Geburt, soziale Pubertät, Elternschaft, Aufstieg in eine höhere Klasse, Tätigkeitsspezialisierung. Zu jedem dieser Ereignisse gehören Zeremonien, deren Ziel identisch ist: Das Individuum aus einer genau definierten Situation in eine andere, ebenso genau definierte, hinüberzuführen.“ (van Gennep, 1999, 15) Bewährung in der Fremde und der Initiationsritus, als Übergang zu einer neuen Lebensphase beschrieben (Zschocke, 2005). Doch zunächst zur Begriffsbestimmung der Initiation. Der französische Ethnologe Arnold van Gennep beschreibt in seinem Standardwerk „Über‐ gangsriten - Les rites de passage“ (1909; 1999), dass rituelles Verhalten in allen Kulturen vergleichbare Funktionen und Formen habe, und zwar oft den Übergang von einer Lebensphase zur nächsten und die damit verbundene Anpassung der eigenen Identität an die neuen Anforderungen darstellt. In den Interviews wurden oft in Bezug zur Identität Formen der Selbstaktuali‐ sierung beschrieben, die nur in der Distanz und der Übergangsphase des Reisens oder Auslandsaufenthaltes vollzogen werden konnten. Auch van Gennep sieht einen wichtigen Teil der Initiation in der Ablösung vom Alten und der Distanznahme zum vorhergehenden Stadium. 36 Initiationsriten stellen also Riten dar, die biographische Statuswechsel und Identitätsver‐ schiebungen begleiten. Wie bereits erwähnt, finden auch längere Reisen und Auslandsaufenthalte oft an Umbruchsstellen der eigenen Biographie statt. Identitätsfragen sind häufig, allerdings keinesfalls immer, bewusster oder unbewusster Auslöser längerer Reisen oder Auslandsaufenthalte, und eine Identitätsfindung oder -modifizierung auch häufig Ergebnis dieser Erfahrungen in der Fremde (Zschocke, 2005, 263-ff.). Da Reisen oft zu bestimmten Zeitpunkten im Leben durchgeführt werden, die Zäsuren sind, ist die Neuorientierung quasi mit inbegriffen. „Identität wird oft erst zum Thema, wenn man nicht sicher ist, wohin man gehört; das heißt, man ist nicht sicher, wie man sich innerhalb der evidenten Vielfalt der Verhaltensstile und Muster einordnen soll …“ (Bauman, 1997, 134) Genau diese Schnittstelle, an der Identität zum vorrangigen Thema wird, ist häufig eine Motivation für ausgedehnte Reisen oder längere Aufenthalte im Ausland. „Also Lateinamerika … in der Frage nach dem Beruf hat sich da viel getan. Das war auch ein Stück weit Motivation. Es war ein Jahr nach dem Abitur. Ich wollte die 3.3 Reisebiographien: Reisen und Identität - Ankommen bei sich selbst 243 <?page no="244"?> Chance nicht vergehen lassen, noch mal zu reisen, bevor Studium oder sonst was kommt. Und es war auch noch mal so eine Zeit zu überlegen - auch beruflich - was will ich und so. Das war wichtig und das hat sich sicher ganz stark durch diese extreme Armut geändert. Dadurch habe ich mich gegen Theologie entschieden, dafür hatte ich eigentlich schon einen Platz.“ (R 51, Mitarbeiterin einer NGO in Brüssel, 35) „Ich war damals ein ganzes Jahr unterwegs. Da hatte ich eine große Europareise auf den Balkan, nach Italien, Belgien, in die Niederlande und nach Großbritannien gemacht. Den größten Teil war ich bei meiner Schwester in Italien. Das war lange geplant. Ich war da gerade mit all meinen Prüfungen fertig. Danach bin ich dann in die Niederlande gegangen und habe dort die nächsten neun Jahre gelebt.“ (R 40, Frauenforscherin und Fotografin, 46) Reisen ähneln dabei schon äußerlich und in ihrem Ablauf von Abfahrt (Trennung), Unterwegssein (Transit, Übergang) und Ankunft (Eingliede‐ rung) deutlich den von van Gennep beschriebenen Übergangsriten. Danach vollziehen sich Übergangsrituale in vielen Kulturen in drei Schritten: Tren‐ nungsriten (rites de séparation), Schwellenbzw. Umwandlungsriten (rites de marge) und Angliederungsriten (rites dʼagrégation). „Trennungsriten kennzeichnen die Ablösungsphase, Schwellen- und Umwandlungsriten die Zwischenphase (die Schwellenbzw. Umwandlungsphase) und Angliede‐ rungsriten die Integrationsphase.“ (van Gennep, 1999, 21) Entscheidend ist dabei die Trennung vom normalen Umfeld, vom eigenen Haus und der ei‐ genen Familie und eine gewisse Form von ritueller Isolation, einen Abstand vom vorherigen Leben und der damit verbundenen Identität. In diesem Rahmen sind Identitätsveränderungen eher möglich, wahrscheinlich und auch zulässig. „Solche Zustandsveränderungen gehen nicht vor sich, ohne das soziale und individuelle Leben zu stören. Hier ist es nun die Funktion der Übergangsriten, die schädlichen Auswirkungen abzuschwächen.“ (van Gennep, 1999, 23) Im Initiationsritus stellt sich der Initiant einer Herausfor‐ derung, wobei das Ziel immer das Erreichen einer nächsten Stufe oder schlicht und einfach Reifung heißt, im soziologisch-sozialpsychologischen Kontext auch Selbstaktualisierung. Neue und unbekannte Bestandteile werden in die Identität integriert und eine nächste Lebensphase kann begonnen oder eine neue Rolle übernommen werden. „Selbst das Universum ist rhythmischen Veränderungen unterworfen, die sich wiederum auf das menschliche Leben auswirken. Auch hier gibt es Phasen und Übergangsmo‐ mente, Perioden der Bewegung und des relativen Stillstandes.“ (van Gennep, 244 3 Ankommen <?page no="245"?> 37 Es gibt jedoch zahlreiche ungeregelte Initiationsriten, z. B. der Auszug aus dem Eltern‐ haus, die erste eigene Arbeitsstelle etc. Initiation als solche kann auf unterschiedlichen Wegen stattfinden und verschiedene Übergänge markieren. Reisen ist eine dieser Möglichkeiten, bei denen der rituelle Charakter vielleicht noch am offensichtlichsten ist. 1999, 16) Initiation stellt jedoch immer eine Herausforderung dar, in der aus der „profanen“ Alltagswelt herausgetreten werden muss, um den Weg für neue Entwicklungen freizumachen (Zschocke, 2005, 264-f.). Eigene Forschungsergebnisse legen nahe, dass längere, bedeutende Rei‐ sen und Aufenthalte im Ausland vielfach einem modernen Initiationsritus gleichkommen (Zschocke, 2005, 263 ff.). Das trifft natürlich nicht für alle Fälle zu, sondern vor allem für diejenigen, die an kritischen Punkten der eige‐ nen Biographie unternommen werden oder lange genug dauern, um eine massive Beeinflussung der Identität durch die Fremde und die Distanz zu ermöglichen. In den pragmatischen westlichen Industriegesellschaften gibt es nur noch wenige festgelegte Initiationsriten 37 , im Sinne von Zeremonien zum Übergang von einer Lebensphase zur anderen und zur Anpassung der Identität an neue Herausforderungen (außer sozialen Initiationen wie Hoch‐ zeit oder Taufe, aber auch diese sind meist an religiöse Rituale gebunden). Reisen scheint diese Lücke in einem säkulären, nicht-institutionalisieren Rahmen zu füllen und gibt die Möglichkeit, in einem zeitlich abgesteckten und limitierten Rahmen, solche Übergänge reflektiert und mit Bedacht zu vollziehen: Ganz im alten klassischen Renaissance-Sinne: als Wiedergeburt oder Selbstaktualisierung. „Das hat mit dem Land an sich gar nicht so viel zu tun, sondern mit der Selb‐ ständigkeit loszugehen und sich darauf einzulassen, sozusagen das Abenteuer. Oder anders: Ich habe über die griechische Heldensage gelesen, dass die Fremde eine besondere Bedeutung hat und zwar, dass man erzogen wird in der Familie und in der eigenen Kultur und dass man aber initiiert wird in der Fremde. Das heißt, rausgehen und dort seine Prüfungen bestehen, ehe man wirklich gereift wiederkommen kann.“ (R7, Doktorandin, 28) Diese Interviewte bezog sich bei der Frage nach Veränderungen ihrer Identität ganz explizit auf die klassische, griechische Heldensage mit ihren Bestandteilen: der Sozialisation zu Hause, um dann die Bewährung draußen zu suchen und als „ganzer Mann“ oder - etwas zeitgemäßer - als ganzer, gereifter Mensch zurückzukehren. 3.3 Reisebiographien: Reisen und Identität - Ankommen bei sich selbst 245 <?page no="246"?> Initiation durch Reisen ist ein altes Motiv und findet sich als Sujet auch vielfach in der Literaturgeschichte Die Odyssee ist eine klassische Erzählung, die in mythischer Form die Initiation in der Fremde schildert. Auch Joseph Campbell beschreibt das Modell des Mythos der Heldenreise („monomyth“ or „model of the heroʼs journey“) in den Phasen: „separation, initiation and return.“ (Cousineau, 1998, 82) Dieses Motiv tritt auch in zahl‐ reichen mittelalterlichen Reiseerzählungen auf, ein exemplarisches Beispiel dafür ist u.-a. „Der Finkenritter“, aber auch in zahlreichen Märchen.. Grundprinzip aller dieser Beschreibungen ist dabei die Prüfung, des Selbst und des eigenen Wissens und Könnens: alles, was man gelernt hat, bewährt sich erst draußen und stellt sich dort als tauglich oder untauglich heraus. Der erste Schritt dabei ist immer der Aufbruch und die Trennung vom normalen Kontext, der den Mut erfordert loszugehen und sich neuen Her‐ ausforderungen zu stellen. Auch Bereswill und Ehlert (1993, 145 ff.) beschrei‐ ben den Fakt des „sich auf die Probe stellens“ und die Herausforderung des Reisens, was vor allem beim Alleinreisen funktioniert. Die Übergangszeit stellt also auch eine Art selbstgewählte Prüfung dar. (Zschocke, 2005, 265-f.) „Ich wollte auch mal was von einer anderen Kultur mitmachen, und ich wollte auch mehr auf meinen eigenen Beinen stehen. Ich war auch ein bisschen unsicher, wie das sein würde und genau darum bin ich auch ganz bewusst allein hingegangen.“ (R26, Stadtplaner, 25, lebte ½ Jahr in Schottland) „… diese Selbständigkeit - ich gehe jetzt in einen total anderen Kontext, und es herrschen andere Regeln, und andere Normen, die ich nicht kenne. Das erfordert immer ein Stück Mut loszugehen und diesen Mut aufzubringen, ins kalte Wasser zu springen.“ (R7, 28, Doktorandin) „Das erste war ganz stark. Lateinamerika. Da war ich zwanzig. Die Welt sehen, reisen, weggehen, nicht Abenteuerlust, aber rauskommen, was ganz anderes sehen. Das mit zwanzig zu machen, ist noch mal was ganz Besonderes. … Das war natürlich sehr eindrücklich. Ich war mit einer Freundin allein los mit Rucksack und dann die Erfahrung so im Flugzeug zu sitzen und zu merken, oh das sind jetzt drei Monate ohne zurück.“ (R 51, Mitarbeiterin einer NGO in Brüssel, 35) Initiation ist eine existentielle Erfahrung. Bei archaischen Initiationsriten müssen junge Menschen lernen, Gefühle der Angst, der Unsicherheit und des Schmerzes zu verarbeiten, um im späteren Leben besser damit fertig zu werden. Ziel des ganzen Prozesses ist es mit einer gereiften Identität 246 3 Ankommen <?page no="247"?> und gestärkt zurückzukommen, heute würde man sagen, welterfahren, selbsterfahren und mit gewachsener Resilienz. „Ja, das hat auch eindeutig Einfluss auf meine Identität gehabt. Ein bisschen Bestärkung. Ich wusste danach, ich muss nicht mehr so super unsicher sein.“ (R 26, Stadtplaner, 25) Am deutlichsten in der Form als Ritual findet sich dieser Prozess noch bei den Handwerkern, die auf die Wanderschaft (die Walz) gehen. Hier gibt es zu Beginn der Wanderschaft ganz klare Ablösungsrituale und die gleichzeitige Aufnahme in den Schacht, der während der Wanderschaft die Ersatzfami‐ lie stellt, kommt einem regelrechten Initiationsfest gleich („Eintrudeln“). Während der Passage ist die Distanz zum Wohnort ganz klar geregelt (an den der Wandernde nicht näher als 200 oder 300 Kilometer herankommen darf) und am Ende gibt es auch eindeutige Wiedereingliederungsrituale. Das Eintrudeln auf einem Holz entspricht in gewisser Weise einer ersten Mutprobe. Dass diese Rituale noch als Zeremonien erhalten sind, liegt daran, dass viele der Wanderschaftsrituale alten Traditionen entstammen, die nahezu unverändert weiterleben und tatsächlich Initiationsriten mit den entsprechenden Zeremonien darstellen. Stender (1994, 60 ff.) erläutert in ihrem Artikel „Die Renaissance der Rituale“ den Nutzen von Riten, aus einer etwas anderen Perspektive. Für sie besteht der wesentliche Nutzen darin, dass man weiß, warum man Angst hat und das deshalb als gute Erfahrung und Herausforderung empfindet. Gleichzeitig sieht sie darin eine Befriedigung des Hungers nach Intensität und ein Verlangen nach etwas Bedeutungsvollem, das dem täglichen Einerlei etwas entgegenzusetzen hat. Auch diese Komponenten - der Hunger nach Intensität und die Bedeutung und Absetzung vom Alltag - werden bei vielen der transformativen Reisen erfüllt. Ziel ist die Wandlung in Richtung einer aktualisierten, bereicherten Iden‐ tität, die auch auf dem Abstreifen nicht mehr funktionaler Identitätsanteile und der gleichzeitigen Ausbildung und Entwicklung neuer Seiten basiert. Der ganze Prozess kann bis hin zu einer massiven Identitätsveränderung führen. So kommt es mitunter auch zu Effekten, die in der analytischen Bi‐ ographieforschung als Konversionen bezeichnet werden. wobei Konversion als gewollte Richtungsänderung definiert wird. Es ist die Herbeiführung einer totalen Kehrtwende in Form eines Bruches, den man selbst initiiert. So können z. B. Weltreisen Konversionspunkte in der Biographie sein, nach denen es anders weitergeht als vorher, ebenso wie plötzliche Aufbrüche 3.3 Reisebiographien: Reisen und Identität - Ankommen bei sich selbst 247 <?page no="248"?> (die oft eher Ausbrüche sind). In den Interviews fanden sich sechs Beispiele solcher Konversionen nach Welt- oder anderen längeren Reisen, z. B. kündigt jemand und tritt aus dem Arbeitsleben aus, unternimmt eine lange Weltreise und fängt danach nie wieder länger zu arbeiten an, sondern entwickelt Reisen zur Lebensform. Oder umgekehrt, ein Student, der vorher relativ locker gelebt hat, geht auf Weltreise und beendet sein Studium kurz nach der Rückkehr sehr zielstrebig und schnell, gründet eine eigene Firma und macht sich selbständig (Zschocke, 2005, 265-f.) Wissen | Voraussetzungen für Transformationen beim Reisen ● längere, besondere Reisen ● an wichtigen Zeitpunkten im Leben (Zäsuren) ● Alleinreisen 3.3.5 Veränderungen von Selbst und Persönlichkeit beim Reisen Auf Reisen gibt es verschiedene mögliche Veränderungen von Selbst und Persönlichkeit, die auch jenseits der großen Transformationen in kleinerem Rahmen auf verschiedenen Ebenen stattfinden können. Auf Reisen können neue kognitive Strukturen und damit neue Selbst-Aspekte entwickelt und zur Selbst-Interpretation herangezogen werden, weshalb sich die Selbst-In‐ terpretation und der angestrebte Lebenssinn oft besonders nach längeren Reisen nachhaltig ändert. Das heißt es können neue Selbstaspekte domi‐ nant und andere vernachlässigt werden, was nicht nur eine veränderte Selbst-Interpretation, sondern auf dieser Grundlage auch verändertes Den‐ ken, Fühlen, Bewerten und Verhalten hervorrufen kann. 3.3.5.1 Soziale Identität. Sozialer Freiraum: Befreiung von Erwartungen anderer „Warum reisen wir? Auch dies, damit wir Menschen begegnen, die nicht meinen, dass sie uns kennen ein für allemal; damit wir noch einmal erfahren, was uns in diesem Leben möglich sei - Es ist ohnehin schon wenig genug.“ (Max Frisch) 248 3 Ankommen <?page no="249"?> Zur Freiheit des Reisens gehört nicht nur zeitlicher und räumlicher Abstand, sondern auch sozialer. Um sich selbst neu zu entwerfen, ist es hilfreich frei zu sein von den Festlegungen und Erwartungen der Anderen und geprägten mehr oder weniger unhinterfragten Verhaltensmustern. Das Selbst entsteht unter interaktionistischer Perspektive aus dem Wechselspiel mit verschiedenen sozialen Umgebungen. (Zschocke, 2005, 112) „Ich reise aber auch, um von dem Bild mal wegzukommen, das andere von dir haben.“ (R12, Übersetzerin, 22) An vorderster Stelle wurde eine Befreiung von den Erwartungen anderer und von kulturell vermittelten Normen genannt, die es stärker möglich machte, das wirklich Eigene zu finden oder auch nur zur eigenen Individua‐ lität und den eigenen Wünschen zu stehen. Aus soziologischer Perspektive zeigten, z. B. Cooley (1902) und Mead (1934), dass das Bewusstsein vom Selbst durch die Reflektion in der Reaktion anderer Personen auf die eigene Person entsteht. Die Freiheit von bestimmten Rollenerwartungen, die im eigenen Umfeld besteht und gleichzeitig die Rückmeldungen auf die eigene Identität am fremden Ort, von anderen Menschen, können zu einer identitätsstiftenden oder -modifizierenden Veränderung des eigenen Selbstbildes führen. „Ja, meine Identität hat sich 100 Prozent geändert. Weil man so ein Gefühl für sich selbst kriegt. Vor allem, wenn man allein reist. Hier ist man immer definiert durch eine Clique, durch den Beruf. Hier ist man immer irgendwo drin und danach wird man eingeschätzt. Dort kommst Du in ein Land präsentierst dich und bekommst eine Rückmeldung. In Italien bekam ich ein Gefühl dafür, dass ich eine Frau bin. Hier habe ich mich eher als graue Maus gesehen. Das Unvoreingenommene ist gut. Man ist nicht schon mit Vorurteilen belastet, dass man sich so und so kleidet oder zu der und der Clique gehört. Die finden das wahrscheinlich alles komisch. Und um das einordnen zu können, müssen sie dich kennenlernen und da bekommst du dann Rückmeldungen. Dazu mußt du auch allein sein. Wenn du im Pulk reist oder dort in einem deutschen Ghetto lebst, geht das nicht, da hast du dann wieder die Schubladen.“ (R13, Ärztin, 27) Durch diese Erfahrungen im fremden Umfeld werden oft auch die eigenen Grenzen verdeutlicht. Häufig kommt es dabei zu einer Neudefinierung von Grenzen, im Sinne des Erkennens, Anerkennens und - in einigen Fällen - Erweiterns und Überschreitens eigener Grenzen, wodurch es mitunter zu 3.3 Reisebiographien: Reisen und Identität - Ankommen bei sich selbst 249 <?page no="250"?> deutlich größerem Handlungsspielraum kommt und Dinge möglich werden, die vorher kaum möglich erschienen. „Das alles hatte etwas Grenzüberschreitendes. Das hieß nicht nur die Landes‐ grenzen überschreiten, sondern auch die eigenen. Hast du den Boden nicht mehr, der vorgegebene Verhaltensmuster nährt, siehst du dir Dinge anders an.“ (R40, Frauenforscherin und Fotografin, 46, reiste 1 Jahr durch Europa und lebte 9 Jahre in den Niederlanden) Auf der anderen Seite kam es in Auseinandersetzung mit dem Fremden auch zur Bewusstwerdung der eigenen Grenzen. Die Konsequenz konnte eine Relativierung der eigenen Maßstäbe sein, mitunter auch ein Wissen um die eigenen Begrenzungen. Die Kenntnis völlig anderer Gegenden der Welt führt mitunter zu stär‐ keren Differenzierungen, die weit weg von Ablehnung und Unkenntnis, aber auch von Sozialromantik oder Naivität sind, sondern auf fundierteren Erfahrungen beruhen. Die eigenen Möglichkeiten und Grenzen werden also deutlicher bewusst. Reisen entspricht also einer Art Realitätstestung, die eigenen Grenzen werden ausgelotet, sie werden partiell überhaupt erst bewusst und partiell erweitert. (Die Distanz hilft den Blick auf die eigene Welt mit der eigenen Identität und den eingenommenen Rollen zu schärfen. Wer seine Situation insgesamt überblickt und genauer durchschaut, sieht sowohl die Chancen und Spiel‐ räume als auch die Grenzen deutlicher.) 3.3.5.2 Selbstaktualisierung „Unserem wahren Ich begegnen wir nicht notwendigerweise zu Hause, wo das Mobiliar steif und fest behauptet, dass wir uns nicht ändern können, weil es ja auch nicht vom Fleck kommt. Die häusliche Umgebung bindet uns an die Person, die wir im Alltagsleben sind und die sich durchaus unterscheiden kann von dem, was uns wirklich ausmacht.“ Alain de Botton Bei längeren Reisen und Auslandsaufenthalten kommt es häufig zu Pro‐ zessen der Selbstaktualisierung. Dabei werden Idealselbst und Realselbst verglichen und angeglichen. Damit verändert sich das Selbstkonzept z. B. auf zeitlicher Ebene: Identitätsaussichten ändern sich, insbesondere Lebensent‐ würfe werden entwickelt, aktualisiert oder erweitert. 250 3 Ankommen <?page no="251"?> 38 Er zitiert an dieser Stelle Darwin, der in seiner Autobiographie sagt: „Daß sich mein Verstand infolge meiner Bestrebungen während der Reise entwickelt hat …“ Schmitz, Siegfried (1982). Charles Darwin - ein Leben. Autobiographie, Briefe, Dokumente. München, 1982, zit. nach Leed (1993), 86 Leed verortet das Selbst auf Reisen zwischen Ichspaltung und Selbstfin‐ dung, auch hier geht es also wieder um beides: Gewinn und Verlust. Eine Bereicherung des Selbst und Konzentration auf das Wesentliche der Identität ist also potenziell ebenso möglich wie Selbstentfremdung. Neben den oben beschriebenen Gewinnen skizziert Leed auch die Verluste. „Die tiefere Bedeutung der Abreise als Trennung manifestiert sich nicht nur in dem Phänomen der Trennungsangst, sondern auch in der Ichspaltung, die eintritt, wenn man seine ortsgebundene Identität hinter sich lässt.“ (Leed, 1993, 59) Das Selbst lerne sich beim Reisen an den verschiedenen Umwelten kennen und rücke so ins Zentrum der Aufmerksamkeit und der dabei gefundene Identitätskern verschaffe Sicherheit innerhalb seiner veränderli‐ chen Umwelt. Auch Leed betont, dass Erkenntnis des Selbst und der Welt immer mit Distanz verbunden sind. Er beschreibt die Auswirkungen des Unterwegsseins auf den Geist: die Entwicklung der Beobachtungsfähigkeit, die Erhöhung geistiger Beweglichkeit, die Konzentration auf Formen und Beziehungen und das Gefühl der Distanz zwischen beobachtendem Selbst und der Welt. 38 Das schafft die Möglichkeit, Entfremdung vom eigenen Selbst im Alltag oder ein Dasein, was mehr oder weniger im Autopilot stattfindet, zu erkennen, zu reflektieren und idealerweise zu ändern. Die Abreise ‚verdinglicht‘ den Reisenden: Er wird zu einem Gegenstand, der außerhalb der ihn definierenden Beziehungen existiert, d. h. zu einem autonomen Individuum wird. Auf Reisen werde das Individuum tatsächlich autonom, da das Selbst losgelöst von seiner vertrauten und zugleich been‐ genden Matrix sei. Ähnliches beschreiben Bereswill et al. (1996), nur dass sie im Gegensatz zu Leed die wahre Entfremdung des Individuums im Alltag ausmachen. „Die alltägliche ‚Ablenkung‘ führt zu einer stetigen Entfernung von der eigenen Person, der sich in der Fremde wieder angenähert werden soll. Das Leben zu Hause erscheint als Ort der Reizüberflutung …“ (Bereswill et al., 1996, 144). Durch die Freiheit von bestimmten Verpflichtungen und Mustern des Alltags tragen längere Reisen und Aufenthalte im Ausland immer auch das Potenzial einer Klärung des eigenen Eingebundenseins 3.3 Reisebiographien: Reisen und Identität - Ankommen bei sich selbst 251 <?page no="252"?> 39 Huston Smith zeigt auch, dass man ein derartiges Ziel des Reisens mitunter auch erreichen kann, ohne den eigenen Ort zu verlassen, denn es gibt genug Hindernisse, es entstehen auch so genug Unterbrechungen im Leben, die zu Kreuzungspunkten, Wendepunkten, Selbsterkenntnissen und tieferer Bedeutung führen können. in der Welt in sich, wenn man offen dafür ist. Oder wie Huston Smith es ausdrückt: zu Hause oder im Ausland ziehen die Dinge unserer Welt uns mit einer derartigen Anziehungskraft an, dass wir, wenn wir nicht beständig aufmerksam sind, von ihnen verschluckt werden können. Bewusste Distanz, wie sie bei längeren Reisen geschieht, hilft uns, dies zu erkennen, weil das beständige Wechseln der Szenerie dazu beiträgt, die Ansprüche der Welt an den Einzelnen zu entdecken und zu erkennen, was sie wirklich sind und wie viel sie uns aktuell wert sind (Smith, 1998). 39 Entscheidend dafür sind jedoch genau dieselben Faktoren, die Reisen sinnvoll und erfahrungsreich machen: Offenheit, Bewusstheit und leichte Ansprechbarkeit bzw. Reagibi‐ lität (a.a.O., xiii). Ergänzen ließe sich Reflexionsfähigkeit und einen neuen Rahmen für das eigene Leben setzen. Auf diese Weise kann Reisen helfen Selbstentfremdung zu vermindern (Zschocke, 2005, 142). Es geht um die positiven und negativen Aspekte von Distanz. „Wenn man von den Bedingungen der Ortsgebundenheit und Verwurzelung ausgeht, dann hat eine Abreise soziale, psychische und intellektuelle Folgen. Mit der Loslösung aus dem vertrauten System von Anerkennungen und Beziehungen wird die soziale Existenz des Reisenden mehrdeutig und verformbar. Psychisch gesehen bewirkt die Abreise eine Art Entfremdung, die die Betroffenen unterschiedlich erleben.“ (a. a. O.) Das kann sowohl zu einer Stärkung des Ich und Aktualisierung der Identität als auch zu einer grundlegenden Verunsicherung des Selbst führen. So beschreiben Bereswill et al. (1996, 129), „dass das Selbstbild des Reisenden in der fremden Situation auch grundlegend erschüttert werden und ungelöste, alte Konflikte zutage treten können.“ Das kann so weit gehen, dass Aggressionen wachgerufen werden, die sich in der Abwehr gegen die eigene Person richten können. In erster Linie kommt es aber zu einem Abstreifen überflüssiger Teile des Selbst (z. B. übernommener Werte und schon lange veralteter Selbst-Sche‐ mata) und zu einer Befreiung von kulturell vermittelten Normen, die sich nicht mit den eigenen Werten decken. Das bedeutet eine Reduzierung auf das Essenzielle, einen Identitätsbzw. Wertekern. Auch Leed (1993, 22 f.) unterstreicht, dass dem Reisenden auf Reisen klar wird, was das für ihn Wesentliche ist. 252 3 Ankommen <?page no="253"?> „Das ist so ein Stück der Kernpunkt. Man ist in einer bestimmten Gesellschaft groß geworden, und das ist so ein Gerüst, in dem man sich befindet. Wenn man aus diesem Gerüst aussteigt und in einen anderen Kontext kommt, dann bringt das eine ganze Menge in Bewegung, weil diese alten Dinge nicht mehr funktionieren, die alten Muster. Das, was man gelernt hat, funktioniert da einfach nicht. Viel stärker ist man darauf angewiesen, intuitiv eine Situation zu erfassen, zu reagieren oder sich auf basale Signale zu verlassen, weil man ja auch die Sprache nicht so versteht, beispielsweise, dass das viel ursprünglicher ist und zum Teil auch intensiver ist. Wenn man auch in einer anderen Situation ist, man ist auch viel verletzlicher. Man kann viel schneller gestört werden oder mit Situationen konfrontiert werden, die unsicher sind, wo man nicht weiß wie man reagieren soll. Zu Hause gibt es einfach eingeschliffene Mechanismen. Insofern finde ich das viel lebendiger. Es ist wie eine Reinigung, wo die Schale abfällt, wie eine Schlange, die sich häutet. Diese alte Haut (heißt ja nicht, dass die schlecht ist oder dass die ganz über den Jordan geht) ein Stück geformt wird oder dass dieses Starre, was einfach nicht mehr nützlich ist, ein Stück abgestreift wird. Insofern finde ich das schon lebensnäher, als wenn man im Alltagstrott ist. “ (R7, Doktorandin, 28) „Die mit der Abreise verbundenen Trennungen sind eine Art moralisches Experiment, bei dem sich erweist, welche Aspekte des Selbst im Kontext ihrer Entstehung zurückgelassen werden können und welche unauslöschli‐ cher Bestandteil dieses Selbst bleiben. Genau das ist gemeint, wenn immer wieder die Rede davon ist, Reise und Abreise seien eine Läuterung, eine Bloßlegung des gewohnten, angepassten Selbst, die dazu dienen könne, die Konturen der Persönlichkeit zu schärfen und zu erhellen.“ (Bereswill & Ehlert, 1996, 61) „Na ja für mich hat es auch viel mit diesen Lebensentwürfen zu tun, also mit dieser Frage um vielleicht noch mal auf die Identität zurückzukommen, was ist denn akzeptabel und was ist denn von der Norm her hinterfragbar, weil ich zum Teil auch recht angepaßt bin oder mich so leicht beeindrucken lasse: das darf sein, und das darf nicht sein, mit dieser typischen christlichen Weltanschauung großgeworden bin, ohne dass es unbedingt als christliches Weltbild vermittelt worden ist, aber doch diese Wurzeln hat. Und das war insofern immer eine Befreiung zu sehen, es geht ganz anders, und es geht ganz anders genauso gut. Also es sind dann halt ganz andere Maßstäbe, andere Normen und andere Tabus.“ (R7, Doktorandin, 28) 3.3 Reisebiographien: Reisen und Identität - Ankommen bei sich selbst 253 <?page no="254"?> „Ich bin bei mir, wenn ich reise. Man flüchtet nicht vor sich selbst. Man flüchtet vor den Anderen, die ständig anrufen und etwas wollen. Etwas, was mit dem, was mir wichtig ist, bestenfalls wenig, wenn nicht sogar nichts zu tun hat.“ (R36, Schriftsteller, 52) „Ich weiß jetzt sicher, dass ich diesen Lebensstil gut finde. Ich möchte nicht mehr anders leben. Da können die anderen denken, was sie wollen. Das bin Ich.“ (R72, Englischlehrer in Deutschland, Amerikaner, 32) Die Auswirkungen des Reisens auf die soziale Identität sieht Leed im Abgleich von Selbstbild und Fremdbild auf Reisen. Die soziale Ordnung führt er aus, beruhe auf der Übereinstimmung zwischen der Einschätzung einer Person durch ihre Umgebung und ihrer Sicht auf sich selbst. In deren Differenz liegen die sozialen Freiheiten des Reisens. Der fiktiven Annahme, dass der Einzelne eine wahre und in sich geschlossene Person sei, widerspräche das Reisen und unterminiere damit die Grundlage aller sozialen Strukturen. Reisen stelle somit eine Bedrohung für die Moral und jede soziale Ordnung dar. Diesen subversiven Wirkungen des Reisens widerspricht Jochen Schütze (1995, 60) mit der Bemerkung, dass touristische Reisen ein vollkommenes Disziplinierungssystem darstellen. Unterwegs werden überschüssige und aufrührerische Kräfte verausgabt, was eindeutig zur Reproduktion und Stabilisierung des politischen Systems diene. Der entscheidende Unterschied zwischen beiden ist, dass Leed von selbstorga‐ nisierten, erfahrungsreichen Reisen spricht, während sich Schütze auf orga‐ nisierte, touristische Reisen mit beschränktem Erfahrungsrahmen bezieht. Der eine versteht unter Reisen die großen Aufbrüche, der andere die kleinen, wohlorganisierten Ausbrüche (Zschocke, 2005, 127). So verdeutlicht sich denn auch Schützes Behauptung, der Tourismus sei das Ende des Reisens und seine Aussage: „In der touristischen Welt hält man die Leute bei der Stange, indem man sie auf Reisen schickt, statt sie einzusperren. Die Ziele sind gut präpariert, Fluchtgefahr ist ausgeschlossen.“ (Schütze, 1995, 60) 3.3.5.3 Selbsterweiterung: Integration neuer Anteile Viele berichten auch eine Bereicherung der eigenen Identität durch neue Aspekte oder bis dahin ungelebte Facetten des eigenen Selbst, was sich sowohl auf die Werteals auch auf die Verhaltens- und Interaktionsebene bezieht. Durch den Vergleich mit dem neuen Umfeld kommt es zu neuen Anregungen und Ideen, Veränderungen im Selbstbild, neuen Lebensentwür‐ 254 3 Ankommen <?page no="255"?> fen und Erweiterungen des eigenen Sicht-, Aktions- und Interaktionsfeldes. Viele berichteten, dass durch längere Reisen neue Lebensthemen, Interes‐ sen, Werte, Ideen und Verhaltensweisen ausgelöst wurden, mitunter auch kombiniert mit neu erworbenen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Es kam zu einem „Spiel“ mit verschiedenen Aspekten und Persönlichkeitsanteilen, zum Ausprobieren neuer Dinge und zur Prüfung, was von diesen Aspekten sich in die eigene Identität integrieren lässt. Das Ausprobieren neuer Dinge ist in der Distanz von der Heimat leichter, da die unmittelbare Bewertung durch das gewohnte soziale Umfeld wegfällt, dort andere Lebenskulturen herrschen und der Fremde oft ohnehin anderen Normen unterliegt (siehe auch sozialer Freiraum). Das Selbst lernt sich im anderen Umfeld und unter veränderten Anforde‐ rungen in anderen Bereichen kennen, was mit einer Erweiterung der Selbst‐ schemata einhergehen kann. Das erweiterte Selbstbild umfasst nicht nur die aktuelle Person, sondern auch die Identitätsaussichten, Lebensentwürfe und Lebensziele. Insgesamt wird das Selbst mit seinen Verhaltensweisen und -möglichkeiten ganzheitlicher und runder. Dieser Prozess wurde von vielen als Entwicklung, Bereicherung und Selbsterweiterung beschrieben oder, um mit den Worten eines Interviewten zu sprechen, als „Gefühl auf eine neue Stufe zu kommen“. Nach Jung wird damit die Entwicklung einer runden Persönlichkeit beschrieben und auch etwas, was neuere Theorien mit psychological richness beschreiben. „Ich glaube nicht, dass man ein total anderer Mensch wird. Aber ich denke, dass die Dinge, die da sind, aber noch nicht rausgekommen sind, die durch das Gewöhnliche überlagert sind, einfach da die Chance haben rauszukriechen.“ (R7, Doktorandin, 28) „Ich denke, Vergleich ist immer positiv. Also für mich jetzt. Aber ich kann mir vorstellen, dass es für Leute auch so ist, dass die sich am liebsten überhaupt nicht vergleichen mit irgendwas, weil es immer eine gewisse, wie soll ich sagen, also es hat immer eine gewisse Unsicherheit im gewissen Sinne in sich. Aber die ist gerade das Interessante, also ich finde, ich komme dann immer auf eine neue Stufe und habe dann irgendwie neue Überzeugungen und andere Ansichten, die ich vorher nicht gehabt habe. Und man betrachtet Dinge anders und das finde ich eigentlich positiv. Ich meine, es ist nicht so, dass man völlig geswitcht ist und sagt: ‚Ja, das ist jetzt alles falsch‘, wenn es neu ist, sondern man spielt halt damit. Irgendwie nimmt man es auf und baut das ein und sieht, wie es zusammen geht und versucht irgendwie was Besseres. Das paßt dann immer zu der Idee, wie man 3.3 Reisebiographien: Reisen und Identität - Ankommen bei sich selbst 255 <?page no="256"?> die Welt verändern will und insofern ist das ja ganz günstig. Deshalb mache ich das gerne, also ich nehme mir auch Ideen auf, das habe ich schon einmal gemacht. Mal die Leute zu fragen, wie sie das machen, warum sie das machen und was dort ist und was da ist, einfach um diese Ideen aufzunehmen und fortzukommen, weiterzukommen.“ (R43, Sozialwissenschaftler, 30) „Ja, ich habe andere Bereiche entwickelt. Ich bin aus meinem gewohnten Kontext rausgegangen, dem Kontext meiner Familie und meines Landes. Dadurch konnte ich besser mein Eigenes finden. Da hat plötzlich anderes einen größeren Stellen‐ wert erhalten. Ich habe zum Beispiel nicht mehr so viel Wert auf Leistung gelegt.“ (R25, Studentin, 24) „Reisen haben meinen Horizont erweitert … also, wenn ich irgend etwas suche, dass ich auch international suche und nicht nur innerhalb des eigenen Landes bleibe. Also ja so etwas in der Richtung, also international.“ (R6, Philosoph und Kulturwissenschaftler, 31) Einige berichteten auch davon, neue Lebensthemen gefunden zu haben, indem sie auf Reisen Dinge entdeckten, die sie für die nächsten Jahre begleiten sollten. „Also es gibt bestimmte Objekte, die mich sehr stark hinterher noch weiter begleitet haben. Auf einer Polenreise, dieses Schloss, was ich entdeckt habe, das doch ein ziemlicher Einschnitt in meinem Leben war, weil es mich jahrelang beschäftigt hat. Es stand in der Landschaft und ich habe es entdeckt. Und es hat mich völlig fasziniert und ich habe angefangen, mich damit zu beschäftigen, als ich wieder zu Hause war. Ich bin auch noch einmal hingefahren und noch einmal hingefahren. Und das hat mich eigentlich über Jahre immer wieder so begleitet und vor allem meine Gedanken immer wieder beschäftigt. Genauso würde ich sagen, dass diese Indienreise sehr stark zum Hinterfragen meiner Art zu leben, geführt hat. Weil vor allem da auch die Ruhe da war, in der fremden Umgebung nachzudenken, das hatte etwas sehr Meditatives oder so. Fast schon klösterlicher Abgeschiedenheit, es war ja auch ein Kloster. Eigentlich über sich nachzudenken und seine Art zu leben. Und das hat bestimmt auch Spuren hinterlassen.“ (R14, Architekt, 35) Selbst das Beobachten bzw. Miterleben und Mitleben anderer Lebensweisen konnte bereits mehr Freiheit und Vielfalt im eigenen Leben und Lebensstil auslösen. 256 3 Ankommen <?page no="257"?> 3.3.5.4 Selbstwirksamkeitserwartung und Selbstvertrauen Bei einigen - vor allem nach Langzeitreisen - verändert sich auch die Selbst‐ wirksamkeitserwartung. Bei vielen war diese Selbstwirksamkeitserwartung (Internal Locus of Control) nach dem Reisen deutlich erhöht. Das trat vor allem bei längeren Reisen und/ oder Reisen auf, die eine Herausforderung waren. Die eigenen Handlungsmöglichkeiten und der eigene Einfluss auf das Leben wurden höher eingeschätzt als vorher. Das hängt einerseits damit zu‐ sammen, dass sich tatsächlich bei vielen das Verhaltensrepertoire erweiterte, also die tatsächliche Fähigkeit mit unbekannten Situationen umzugehen, andererseits erhöht sich auch die Erwartung an die eigene Wirksamkeit. Es kommt zu stärkeren Selbstattribuierungen, das heißt, es wird mehr Verantwortung für das eigene Leben übernommen und dazu tendiert, eigene Erfolge oder Misserfolge eher sich selbst zuzuschreiben als äußeren Instanzen. Generell dominiert nach Aufenthalten in der Fremde das Gefühl, die Welt als Herausforderung zu betrachten und das eigene Leben mehr im Griff zu haben und stärker selbst zu bestimmen. Oft führt das auch zu größerer Offenheit gegenüber anderen Kulturen, wenn diese nicht ohnehin bereits vorhanden war. Außerdem wurde insbe‐ sondere durch längere Reisen und längere Aufenthalte in der Fremde eine Art geistig-seelischer Flexibilität erreicht, verbunden mit der Gewissheit, überall leben zu können, welche oft das Gefühl für erweiterten Handlungs‐ spielraum im eigenen Leben und das Wahrnehmen von erweiterten Optio‐ nen vermittelt. Einige empfanden enorme Überlebensvorteile, gekoppelt an das Gefühl nicht „untergehen“ zu können. Für dieses Phänomen gibt es in der Fachliteratur viele Begriffe: Selbst‐ wirksamkeit, perceived freedom, Selbstkontrolle, freedom of choice. Zusam‐ menfassend ist es die Frage: In welchem Maße hat man das Gefühl, sein Leben in Griff zu haben und Einfluss zu haben auf das eigene Leben? Dieser Aspekt wurde in vielen Interviews im Zusammenhang mit Identität immer wieder betont, wobei primär das Gefühl „überall durchzukommen“ im Vordergrund stand. „Now I know for sure: I’m able to survive everywhere.“ (R31, Pianistin in einer Bar, 27, Amerikanerin, lebt in Istanbul) 3.3 Reisebiographien: Reisen und Identität - Ankommen bei sich selbst 257 <?page no="258"?> „Das Allerwichtigste ist das Wissen, auch woanders leben zu können. Wenn ich hier versage, werde ich eben nie unter der Brücke liegen.“ (R24, Orientalistik-Stu‐ dentin, 26) „Und Existenzangst ist ein Fremdwort. Weil wir gelernt haben, unterwegs, dass wir klarkommen können, egal was kommt. Uns kann nichts mehr passieren so ungefähr.“ (R3, 5-Jahres-Reise mit dem Rad um die Welt, 36) „Ich weiß, dass ich nicht untergehe. Notfalls gehe ich nach Brasilien und werde Spanischlehrer. Egal was passiert, ich habe genug Bildung, um immer etwas zu finden und wenn es Volkshochschule ist.“ (R53, Übersetzer, 31, Deutscher) Sehr stark war der Effekt zum Beispiel auch bei den Handwerkern auf Wanderschaft (der „Walz“). Der Reise wurde als Prüfung angesehen, als Bewährungsprobe. Die eigenen Handlungsmöglichkeiten und der eigene Einfluss auf das Leben wurden hinterher deutlich höher eingeschätzt als vorher. Durch diese erhöhte Selbstwirksamkeitserwartung erhöhte sich in der Folge oft auch das Selbstvertrauen. „Und Reisen hat mich bestärkt in dem Gefühl, dass viel möglich ist. Es hat mich bestärkt in der Erfahrung, man muss es nur wollen. Immer wenn ich dachte, das kann man doch gar nicht als Mensch, aber plötzlich in einer anderen Umgebung traut man sich das. Und das überträgt sich glaube ich schon auf das Leben insgesamt.“ (R2, Fachschullehrerin, 30) „Also die Hauptmotivation ist immer noch das, ich nenne das „seek discomfort“. Also es ist bei mir ein großer Teil des Lebens, dieser Ausgleich, dieses Ausbrechen, auch wieder aus dem Alltag, dieser Rhythmuswechsel. Also, das ist ein sehr, sehr großer Teil davon und natürlich interessiert es mich, neue Dinge zu lernen, neue Kontakte zu knüpfen. Aber ich denke so, die primäre Motivation bei mir ist wirklich so das selbst Weiterkommen. Also beziehungsweise eben aus dem, wie heißt es, aus der Komfortzone gehen, weil ich ein Mensch bin, der sich zu Hause schnell mal ein bisschen verbunkert und sichʼs einfach macht. Und beim Reisen werde ich damit halt konfrontiert und muss aus dieser Komfortzone kommen und das gibt mir so viel Energie, um den Rest des Lebens auch zu bestehen …“ (C1, Projektleiter Marketing, Schweiz, 32) Dieses Ergebnis entspricht auch der Studie von Moyerman und Foreman (1992), die metaanalytisch angelegt ist und einen klaren positiven Zusam‐ menhang zwischen erfolgreicher Akkulturation und Selbstachtung berich‐ 258 3 Ankommen <?page no="259"?> tet, für erfolgreiche Akkulturierung ist aber ein Mindestmaß an Zeit erfor‐ derlich, weshalb diese positiven Auswirkungen auf die Selbstsicherheit jedoch im Wesentlichen bei längeren Reisen auftreten. Die Erweiterung und Selbstaktualisierung kann aber auch schon bei kür‐ zeren Reisen auftreten, auf der Basis von räumlicher und sozialer Distanz, gesteigerter Wahrnehmung und erhöhter Kreativität. Aber die Effekte auf die Selbstwirksamkeit traten vor allem bei längeren Reisen auf. 3.3.5.5 Veränderungen des Verhaltens Bei einigen kommt es bei Langzeitreisen auch nach dem Reisen zu Verhal‐ tensveränderungen. Dazu zählen allgemeine Veränderungen, die oft nach langen Weltreisen, Wanderungen, Work&Travel-Aufenthalten bzw. der Walz auftreten. Dazu gehört u. a. entspannter, lockerer, gelassener, mitunter auch demütiger zu sein und bei einigen auch besser loslassen zu können. Dazu kommt bei einigen auch mehr Geduld und mehr Mut zu haben. Zu den spezifischen Veränderungen gehört die partielle Adaptation kulturspezifischer Verhaltensweisen, z.-B. die Übernahme von Gewohnhei‐ ten der Lebensart einer bestimmten Kultur und/ oder Region, dazu gehören Gerichte, Getränke, Musik, Tänze, Gesten, ein verändertes Interaktionsver‐ halten, z. B. die Übernahme von Begrüßungsritualen, Gesten, Anpassung an Direktheit oder Indirektheit im Kommunikationsverhalten, ebenso an Herzlichkeit oder Reserviertheit im Umgang, und relativ schnell auch die Anpassung an veränderte Tagesrhythmen (z. B. bei Siesta-Kulturen) und etwas langsamer als bei den anderen Aspekten auch an die Lebensgeschwin‐ digkeit an anderen Orten (Zschocke, 2005). „Also ich bin jetzt in meinem Leben entspannter, wobei ich nicht weiß, ob ich das aus Lateinamerika mitgebracht habe oder ob es die ganze Reise war. Also ich denke, dass ich das auch so gelebt habe, entspannter zu sein. Bestimmte Dinge sind mir jetzt nicht mehr so wichtig oder es hat sich die Wichtung verändert. … Und sonst so: bestimmte Gerichte, die ich mir auch mitgebracht habe, so an Lebensart.“ (R 28, Ärztin, 33) „Ja, ich glaube, ich bin durch das Reisen selbst allgemein entspannter oder lockerer geworden, nicht nur beim Reisen, aber auch durch das Reisen.“ (R6, Philosoph und Kulturwissenschaftler, 31) 3.3 Reisebiographien: Reisen und Identität - Ankommen bei sich selbst 259 <?page no="260"?> „Für mich hat sich das insofern geändert, dass ich jetzt weniger Zeitdruck erlebe. Ich weiß nicht, ob das logisch ist oder so, aber ich kann jetzt viel mehr loslassen und sagen: gut okay, wenn ich zum Einkaufen eine Stunde Zeit brauche, brauche ich die eben, wenn ich mich da gehetzt fühle dabei, geht es auch nicht schneller und ich habe noch ein schlechtes Gefühl und es ist letztlich egal, ob ich heute etwas schaffe oder morgen. Es ist letztlich wichtiger mit einem guten Gefühl zu leben und das zu machen, was ich mache. Und das ist so ein Unterschied zu meinem Leben vorher, wo ich immer irgendwie dachte: Jetzt mache ich das, aber ich war immer mit meinen Gedanken schon woanders. Ich habe irgendwas gemacht und gedacht, danach muss ich das und das machen und war immer gehetzt und habe nie so richtig im Hier und Jetzt gelebt und das habe ich gelernt, denke ich. Und kann mich da jetzt, wenn ich wieder in das alte Muster reinschnippe, auch wieder zurückholen und sagen, jetzt ist es eben so und ich mache das. Dann kann ich auch gute Gefühle dabei haben und dann ist es ein guter Tag.“ (R28, Ärztin, Weltreise, 33) 3.3.5.6 Wertveränderungen Insbesondere bei Langzeitreisen kam es auch zu Wertveränderungen. Da sich Werte im Gegensatz zum Alltagsverhalten eher langsam ändern, kommt es auf normalen Urlaubsreisen eher selten dazu, es sei denn, dass diese einen sehr tiefengehenden Eindruck hinterlassen und/ oder mit anderen sinnstiftenden Faktoren verbunden sind. Mit Werten ist alles gemeint, was als erstrebenswert angesehen wird (Klucklohn, 1951, 395) oder auch als „broad tendency to prefer certain state of affairs over others.“ (Hofstede, 1980, 19) Insgesamt kommt es vor allem in den folgenden Bereichen zu Wert‐ veränderungen: Toleranz und Offenheit, Aktivitätsorientierung, Abnahme materieller Orientierung, Unsicherheitstoleranz, Tendenz zu weniger Kon‐ formität und Veränderung in der Zeitorientierung, wobei die ersten beiden Punkte am häufigsten auftreten. Durch die Konfrontation und den direkten Vergleich wird nicht nur das anerzogene Wertesystem des eigenen Landes, sondern auch die Allgemeingültigkeit verschiedener Wertesysteme erheb‐ lich relativiert, was oft auch zu größerer Flexibilität führt (Zschocke, 2005, 284-f.). Generell kam es bei vielen zu einer deutlich erhöhten Toleranz und Akzeptanz von Vielfalt. Dabei kommt es auch weniger zu vorschnellen Bewertungen fremden Verhaltens. Es gibt eine deutliche Tendenz, Dinge 260 3 Ankommen <?page no="261"?> ganz allgemein weniger zu bewerten, sondern als anders zu betrachten und nicht schematisch als besser oder schlechter einzuordnen, was sich im besten Fall an einer vorurteilsfreien Geisteshaltung zeigt. Bei manchen verändern sich verschiedene Werte, bei anderen nur einer oder wenige. „Also ich bin relativistischer geworden. Abstrakte Bezugspunkte sind immer noch da, so gewisse Werte und Überzeugungen was möglich ist, aber wie das ausbuchstabiert wird auf den untersten Ebenen, das denke ich hat sich schon verändert. Ich war früher geschlossener in bestimmten Sachen, wo ich einfach gesagt habe: Schluß hier geht kein Weg ran und jetzt ertappe ich mich oftmals dabei zu sagen: Na gut, das mußt du halt auch verstehen und es ist schon negativ in der Endkonsequenz, wenn man es bewertet, aber man muß es andererseits schon verstehen und muß trotzdem darauf zugehen und das macht einen schon offener. Na das Fazit ist einfach, also was mir geholfen hat, ist einfach diese Offenheit, dass man verschiedene Dinge nicht von vornherein beurteilt. Am Anfang ist es mir so gegangen. Man beurteilt manche Dinge und klappt die dann in diejenige Schublade und hat dann damit seine Welt geordnet. Der Punkt ist aber, daß du sie damit ordnest, aber daß du trotzdem mit dieser Welt immer noch konfrontiert bist, das heißt, du hast das geordnet, … viele Sachen bringst du aber einfach nicht zusammen. Und ich habe gemerkt da draußen, daß man diese Grenzen nicht so klar definieren soll, einfach nicht so klar definieren kann und deshalb ist es dann zunehmend verschwommener geworden. (…) Aber es kommt auf diese Relation an, wie du eben diese Beziehung definierst und du gehst dann auch offener mit den Leuten um und das hat mir sehr geholfen. Weil einfach auch zuzuhören und nicht alles von vorneherein zu beurteilen oder irgendwo einzukategorisieren oder so, das ist halt so und basta! “ (R43, Sozialwissenschaftler, 30) „Dieses Relativieren ist vielleicht wichtig. Es ist bei jedem Land etwas anderes. Beispielsweise Indien: das ist so total bunt irgendwie, so lebendig ist das, das ist so lebensnah, vielleicht weil der Tod auch unmittelbarer ist oder weil so viel Armut und Reichtum da ist oder weil so viel Spiritualität darin ist. Es ist in jedem Land etwas anderes, was faszinierend ist. [..] Vielleicht kann ich meine ganze Weisheit zusammenfassen: Es ist halt nicht besser oder schlechter, es ist einfach anders. Und das ist eigentlich auch das Schöne daran. Es ist nicht unbedingt toller oder besser. Man muß es nicht idealisieren, und man muß auch nicht sagen: ‚Um Gottes Willen nur da nicht hin, da ist es furchtbar.‘ So ist es nicht. Es ist einfach anders und kann genauso schön oder beschissen sein wie hier. [..] Und so ein Stück würde ich das eher unter dieses Motto stellen: Also, ich habe natürlich auch sehr viel hinzugelernt, was so die Unterschiede zwischen Kulturen betrifft. Der 3.3 Reisebiographien: Reisen und Identität - Ankommen bei sich selbst 261 <?page no="262"?> eine betrachtet es so, der andere betrachtet es ganz anders, die haben diese Götter und andere haben jene Götter, aber: Es ist eine Sache das zu sehen - diese Vielfalt - und für mich eben auch, diese Vielfalt so stehen zu lassen und für mich sagen zu können, das hat mir da gefallen und das nicht so gut. Aber was ich vorhin auch sagte: es ist nicht besser oder nicht schlechter, es ist einfach ein anderes Leben. …“ (R7, Doktorandin, 28) „Ich denke schon durch das Jahr England, dass ich ein bisschen ein anderes Gefühl habe, was so Ausländer angeht in Deutschland. Ich denke, dass ich mich da mehr einfühlen kann und da auch toleranter bin als vorher.“ (R23, Psychologin, 28) Relativismus als Hauptfaktor beim Umgang mit Kulturunterschieden findet sich auch bei Hofstede (1991) - per definitionem als die Bereitschaft, Theorien und Werte von anderen Personen oder Gruppen genauso zu achten wie die eigenen. Der Prozess der Relativierung führt häufig zu einer Abkehr von einigen konventionellen Werten und Normen der Herkunftsländer und zu einer verstärkten Wertschätzung von anderen. Bei vielen kam es auch zu einer deutlichen Änderung der Aktivitätsorientierung und Konformität. Einige legten nicht mehr so viel Wert auf Leistung. Auch Arbeit wurde weniger zentral für die eigene Identifikation. Gleichzeitig betonten viele, die Dinge weniger „verbissen“ zu sehen, Geduld zu haben und sich leichter mit den Gegebenheiten abzufinden und ausgeprägte Improvisationsfähigkeit zu entwickeln, alles Dinge, die sich schon während der Reise oder längerer Aufenthalte in der Fremde als sinnvoll erwiesen. Insgesamt gesehen kam es zu einer Verschiebung der Aktivitäten zu mehr selbstbestimmten Aktivitä‐ ten. Gleichzeitig verringert sich die Machtanerkennung, die Anerkennung von Power Distance als Wert. „Was für mich auch so ein gutes Ergebnis der Reise war und was ich so gemerkt habe auf der Reise, dass ich vorher so gedacht habe, ein Jahr ohne Arbeit, das geht nicht. Ich war schon so verrückt, dass ich gedacht habe, ich definiere mich letztlich in meinem Selbstwertgefühl hauptsächlich über meine Arbeit. Weil mir das Anfangen mit der Arbeit damals nach dem Studium einen großen Schub vorangegeben hatte. Und dann habe ich aber gedacht, das brauche ich jetzt und wie wird das sein, wenn ich das nicht mehr habe. Und das war vom ersten Tag an überhaupt nicht mehr wichtig, das war erstaunlich. Da habe ich auch zwischendurch manchmal drüber nachgedacht, dass ich nie an die Arbeit dachte, dass ich nie darüber geredet habe, dass ich nie gedacht habe, da würde ich gern 262 3 Ankommen <?page no="263"?> jetzt wieder sein, das fehlt mir und mir fehlt die Anerkennung, die ich da habe und das fand ich auch beruhigend und sehr schön, das so zu erleben.“ (R28, Ärztin, 33, Weltreise) „Und ich habe jetzt eine Relativität Amtskram gegenüber. Weil ich schon viele aufgeblasene Typen an Grenzen gesehen habe, die einfach nichts anderes zu tun haben. Aber ich habe einen Bürgerkrieg in Kenia gesehen. Wenn so Bürschchen kommen und mich an der Grenze kontrollieren, ob ich ein rosa Bändchen am Arm habe, dann kann ich denen ihren Spaß lassen, ohne mich zu erzürnen. Aber ich weiß, dass es woanders härter zugehen kann.“ (R2, Fachschullehrerin und Ärztin, 30) „Verstärkt hat sich eine bestimmte Improvisationsfähigkeit, also auch im berufli‐ chen, Dinge zu machen, wo man nicht unbedingt eine Fachausbildung dazu hat. Sondern dir das so beizubringen, anzulernen. Zu merken, dass das auch geht, sich einzuarbeiten.“ (R51, Mitarbeiterin einer NGO in Brüssel, 35) Diese größere Relativität und die partielle Abkehr von konventionellen Normen geht auch oft mit erhöhter Flexibilität einher, die bereits vorn beschrieben wurde. „Das Bleibende an Italien ist, dass ich ja nicht muß … Man kann ganz gut in ein anderes Leben abtauchen. Wenn mir das hier alles zuviel wird, diese Verbissenheit, kann ich das ja alles auch lassen.“ (R13, Ärztin, 27) Parallel dazu nahm auch bei einigen die materielle Orientierung durch den Vergleich mit anderen Lebensstilen partiell ab. „Und wenn ich vorhin gesagt habe, dass die Welt wahnsinnig schön ist und wenn ich merke, was man sich selbst mit unheimlich wenig Geld Schönes antun kann, dann habe ich das Eine oder Andere in Frage gestellt, was ich vorher vielleicht gemacht habe. Wo ich Wert auf Dinge gelegt habe, die auch materiell orientiert waren. Und ich will jetzt nicht sagen, daß ich um hundertachtzig Grad anders bin oder so, aber ich gehe jetzt anders damit um, bewußter.“ (R18, Journalist, Weltreise, 33) „Das Leben ist auf das beschränkt, was erforderlich ist. Reduziert. Simplifiziert auf das, was nötig ist. Ich weiß nicht, was ich mit einem Telefon oder einem Fernseher soll. Es ist gut, wenn ich das Gefühl habe, dass ich das, was an Nahrung nötig ist, mit meinen Händen geschaffen habe. Das führt dazu, dass ich hier oft keinen Hunger habe. Ich habe keinen Bezug dazu. Für mich ist es immer noch komisch, 3.3 Reisebiographien: Reisen und Identität - Ankommen bei sich selbst 263 <?page no="264"?> mein Essen aus dem Nahkauf oder von Aldi zu holen.“ (B2, Baufacharbeiter, 34, mehrjährige Südostasienreise) „Also durch die längeren Reisen habe ich irgendwie - das ist im wahrsten Sinne des Wortes eine Wertveränderung - dass man irgendwie so einen anderen Bezug zu allem Materiellen kriegt. … Wenn irgendwann mal was geklaut wird oder einer einem das Auto kaputtfährt, dass man da vielmehr denkt: Das ist ja Wurscht und so.“ (R8, Psychologin, 30) „Na klar, das verändert dich schon so prinzipiell. Ein Haufen Kleinigkeiten. Man sieht viele Dinge aus einem andern Blickwinkel, auch so den Wohlstand. Zum Beispiel fühle ich mich in Slums auch ganz wohl, weil da einfach die Probleme basisbezogener, natürlicher sind. Ich kann sie nachvollziehen. Da sind die Menschen auch ehrlich. Wenn sie wütend sind, sind sie wütend. Die Gefühle kommen einfach raus und es wird nicht irgendwie geschauspielert, wie bei uns hier. Ich fühle mich in Slums richtig auch geborgen irgendwo. Da kommen alle Charaktereigenschaften einfach richtig brutal raus. Auch die guten. Es gibt nicht nur das Negative, das ist falsch.“ (R3, Weltreisender, 36) Genau genommen wird die materielle Orientierung als Wert zwar nicht mehr so wichtig genommen, dennoch werden vielen gerade dadurch die eigenen Ansprüche in Bezug auf ihren Lebensstil deutlich. Gerade weil sie in der Lage sind, mit einem Minimum auf Reisen, oder unter sehr improvisierten Verhältnissen beim Leben in der Fremde klarzukommen, wollen einige nicht immer so leben - ohne deshalb materielle Orientierung als eigentlichen Wert zu akzeptieren. „Wir leben schon sehr einfach, auf einem sehr einfachen Level und trotzdem, mit dem Alter möchte ich auch ein bißchen Luxus haben. Es ist ja nicht so, daß wir irgendwelche alternativen Spinner sind, die das ganze Leben lang irgendwo im Schlafsack rumhängen wollen.“ (R3, Weltreisender, 36) „Es gab schon Veränderungen … Zum Beispiel als ich das letzte Mal wiederkam nach Berlin, nachdem ich in Barcelona war, hat mir Berlin nicht mehr gefallen. Mein Gefühl für Berlin hatte sich geändert. Für mich war Berlin zu hart geworden, zu groß und grau. Ich habe mich da nicht mehr wohlgefühlt. Es hat mich dann gerettet, dass ich im Osten studiert habe. Das hat mich davon abgelenkt, dass ich alles so extrem grau und traurig gefunden habe. Das ist ganz sicher eine Sache des Lichts. Auch als mein Freund dann aus Barcelona nach Berlin kam, ging das nicht gut. Nach 6 Monaten meinte er, er wäre so traurig geworden, er wäre kein 264 3 Ankommen <?page no="265"?> lustiger Mensch mehr und ist zurückgegangen. Ich könnte nirgends hingehen, wo es traurig ist, zum Beispiel nicht nach Amerika, obwohl es da viel Licht gab, aber ich finde es so abgrundtief schrecklich dort. Ich brauche Leute um mich rum und muß das Gefühl haben, mit denen reden zu können. Ich könnte heute auch nicht mehr in einer Studentenbude leben, wo ich den Eindruck habe, dass es nur ein Provisorium ist. Es muß hell und freundlich sein. Ich habe ziemlich lange in dunklen Buden gewohnt, das löst jetzt nur noch Frust bei mir aus. Wenn ich das heute noch müsste, würde ich total eine Depression bekommen. Ich merke, daß sich da meine Ansprüche erhöht haben. Ich muss in einem Umfeld leben, wo ich weiß, dass es meins ist.“ (R53, Übersetzer, 31) So wie Kategorisierung, Konformität; Machtanerkennung und materielle Orientierung abnahmen, nahmen gleichzeitig soziale Orientierung, Unsi‐ cherheitstoleranz, Naturorientierung und zeitliche Orientierung im Hier und Jetzt zu (Zschocke, 2005). „Aber, was ich einfach begriffen habe auf der Erde, was ich wirklich gelernt habe, dass die einfach Geduld haben, sich mit den Gegebenheiten abzufinden. Weil … es ist immer alles irgendwann zu Ende. Und die Geduld lernst du halt, wenn du mit dem Fahrrad in der Wüste schiebst.“ (R3, Weltreisender, 36) 3.3.5.7 Kulturelle Identität Längere Reisen haben mitunter auch Einfluss auf die kulturelle Identität. So führen Reisen zur Kenntnis und Akzeptanz anderer Kulturen, mitunter aber zu einer erstaunlichen Akzeptanz der eigenen Herkunft, wobei beson‐ ders der eigene Lebensstandard aus der Ferne erkannt wurde. Zu einer Stabilisierung kommt es häufig vor allem im Bereich der eigenen kulturellen Identität. Viele kommen gerade durch eine längere Reise oder einen längeren Aufenthalt in anderen, besonders sehr fremden Weltregionen dazu, ihre kulturellen Wurzeln zu erkennen und anzuerkennen. Es kommt dabei mitunter zu einer verstärkten Wertschätzung des Eigenen aus der Fremde heraus (Zschocke, 2005, 259). Gleichzeitig kam es zu einer differenzierteren Wahrnehmung der po‐ sitiven und negativen Seiten der eigenen kulturellen und individuellen Identität, die nicht nur die Basis für Selbstpositionierung, sondern auch für Modifizierungen darstellten. 3.3 Reisebiographien: Reisen und Identität - Ankommen bei sich selbst 265 <?page no="266"?> „Ganz allgemein: Das Bild von dem Leben, was ich hier habe, ist viel klarer geworden, dadurch dass ich eben ein Stück mehr sehe: was sind Vorteile oder Nachteile oder was ist gut, und was ist nicht so gut. Ich sehe auch sehr viele positive Dinge, die ich hier habe und auf die ich auch nicht gerne verzichten möchte. Ob das Freunde sind oder ob das eine Grundabsicherung ist, was die Gesundheit beispielsweise betrifft, oder dass es auch noch eine Sozialhilfe gibt. Ganz grundlegende Dinge, die es woanders eben nicht gibt, wo viel härterer Existenzkampf ist.“ (R7, Doktorandin, 28) Dabei kommt es durch längere Reisen nicht nur zum Anerkennen des eige‐ nen Lebens, Umfeldes und damit verbundenen Lebensstandards, sondern auch bei einigen Reisenden zum Entwickeln einer erweiterten, Identität, bei gleichzeitiger Akzeptanz der eigenen Herkunft. Bei einigen entwickelt sich auch so etwas wie eine erweiterte Identität als Weltbürger, Euro‐ päer oder eine kosmopolitische Identität. Bei längeren Aufenthalten in verschiedenen Kulturen kann sich auch eine Patchwork-Identität nach Keupp (1988) entwickeln, wo sich die Identität aus verschiedenen Facetten verschiedener Kulturen, die in der eigenen Lebenskultur Bedeutung hatten, zusammensetzt. Reisen dient damit oft auch dazu, sich im eigenen Leben wohler zu fühlen (Zschocke, 2005, 261-f.). „Das kosmopolitische Leben. Verschiedene Nachrichten hören, z. B. BBC, ver‐ schiedene Leute treffen.“ (R20, Juristin, 31) „Ja also ich fühle mich nicht mehr so sehr eingesperrt in meinem Dasein hier, sondern bin jetzt gleichzeitig auch an vielen Orten der Welt. Und wenn ich sehe, wie andere Menschen leben und zurechtkommen müssen, da sage ich mir immer, da lebe ich hier doch ganz schön in einem Paradies. Und das macht es mir hier auch einfacher mit Problemen zurecht zu kommen. Also insofern hat es bei mir halt bewirkt, einfach auch ein bisschen mehr die schönen natürlichen Sachen zu genießen und die Sachen nicht immer so hundertprozentig genau zu nehmen.“ (R18, Journalist, 33, Weltreise) 3.4 Abbild der Reise: Reisefotografie und Social Media 3.4.1 Bedeutung des Fotografierens auf Reisen heute Es gibt eine starke Verknüpfung zwischen Reisen und Fotografie, die sich mit den Wearables (tragbaren Smartphones und Tablets) noch einmal deutlich 266 3 Ankommen <?page no="267"?> verstärkte. Viele fotografieren im Alltag wenig, auf Reisen aber fast alles. Aber heute ist kaum noch jemand mit einer Spiegelreflexkamera oder gar einer Mittelformatkamera wie einer schönen alten Hasselblad unterwegs. Auch digitale Spiegelreflexkameras werden aufgrund ihrer Größe und ihres Gewichts nur noch selten mitgenommen und wenn dann vor allem von Profi-Fotografen oder von ambitionierten Amateurfotografen. Dafür ist das Fotografieren mit immer kleineren Aufnahmegeräten, den Wearables, wie Smartphones und Tablets, die inzwischen mit wesentlich besseren Kameras und qualitativ hochwertigeren Linsen ausgestattet sind, auf Reisen wesentlich präsenter. Gleichzeitig erhöht die Digitalisierung die Anzahl der Aufnahmen, da viele Fotos ebenso unproblematisch wieder gelöscht wie archiviert, bearbeitet und weitergeleitet werden können. Dadurch wird insgesamt viel mehr, häufiger und beiläufiger fotografiert als früher mit Kameras und es fotografieren auch insgesamt wesentlich mehr Menschen, da das Fotografieren deutlich weniger Expertise und Zeit benötigt. Viele Bilder werden allerdings nie wieder angeschaut. Im Cloud-Zeitalter gibt es nahezu unbegrenzte Speichermöglichkeiten und damit können sich unheimliche Datenmengen ansammeln, die schon aufgrund der schlichten Masse hinterher oft kaum noch anbzw. durchge‐ sehen werden. Auch die Zahl der Foto-Apps ist mit über 45.000 inzwischen extrem hoch, daran war vor 20 Jahren nicht zu denken. Inzwischen gibt es Foto-Apps zur Bildbearbeitung, zum Einstellen von Rahmen, Effekten, Collagen, zur Gestaltung von eigenen Fotobüchern, -kalendern und -gruß‐ karten sowie zur Kamerasteuerung. Das hat auch zu einer Verschiebung der üblichen Urlaubsgrüße geführt. Die klassischen Postkarten sind nahezu vom Aussterben bedroht, dafür werden auf Social-Media-Plattformen Bilder gepostet oder geschickt und oder in kleinerem Maßstab individualisierte Grußkarten gesendet. Die Reisefotografie ist eine Gattung der Fotografie, die sich mit der Dokumentation von Landschaften, Kulturen, Menschen und Lebensweisen befasst. Die wichtigsten Motive beim Fotografieren sind dabei aber relativ gleichgeblieben: dazu gehören Spaß, Erinnerungen zu bewahren, aber auch andere zu beeindrucken (Selbstmarketing und Status). Fotos werden weni‐ ger im Sinne von Dokumentar- oder Streetphotography gemacht. Letzteres wird vor allem von der kleinen Gruppe der technisch versierten Amateur- oder Profifotografen gemacht. Der Fotograf ist dabei meist der Hauptkonsument, neben Familie und Freunden. Aber durch Soziale Medien werden auch neue Zielgruppen 3.4 Abbild der Reise: Reisefotografie und Social Media 267 <?page no="268"?> erschlossen, so zum Beispiel die Gruppe der weitläufig Bekannten oder beim Posten in Communities auch von Unbekannten. 3.4.2 Einfluss von Social Media auf Reiseverhalten und Reiseentscheidungsprozesse Der technische Fortschritt verändert deutlich unsere Gewohnheiten in der Erstellung und Nutzung von Fotos und Videos. Seit der zunehmenden Entwicklung und Nutzung des Internets seit den 1990er-Jahren und der kurz darauffolgenden Entwicklung von Social Media, hat beides, das Alltagsleben und damit verbunden, das Reisen, stark beeinflusst. Das Posten von Bildern in sozialen Netzwerken gab es vor 20 Jahren noch nicht. Und die Mitteilung ist unmittelbarer: Es gibt einen klaren Wandel von „Ich war hier“ zu „Ich bin hier“. Es wird alles unmittelbar geteilt. Es gibt keine Zeitverzögerungen zwischen Erleben und Teilen mehr, auch nicht in der Kommunikation. Das führt aber auch dazu, dass viele sich nie wirklich auf den Ort einlassen, an dem sie gerade sind - mitunter auch nicht auf den/ die Reisepartner, sondern immer auch parallel Hause oder an anderen Orten sind. Die Vernetzung all dieser bildgebenden Techniken und der blitzschnelle, einfache Austausch der Bilder über Kontinente hinweg, markieren den aktuellen Trend der Foto- und Imagingtechnik und sind gleichzeitig einer ihrer wichtigsten Motoren. Es gibt einen Trend zur immer stärkeren Vernetzung/ Connectivity. Viele posten unterwegs auf verschiedenen Social-Media-Kanälen gleichzeitig. Im Vergleich zu früheren Jahren fehlt auch oft die Reflexionsschleife, das Verarbeiten, das späteres Ansehen der Bilder und das darüber Nachden‐ ken, Aussortieren, darüber erzählen und auf Fragen reagieren. 268 3 Ankommen <?page no="269"?> Abb. 8: Preikestolen Norwegen von vorn (Norwegen) | Foto: Simone Hilbert Der Preikestolen gehört zu einem der Orte mit hoher „Instagramibility“ und demzufolge stetig wachsenden Besucherzahlen (mit über 60 % mehr Besuchern in den letzten 10 Jahren). Auf Instagram findet man unzählige Fotos von Menschen, die vorn am über 200 Meter abfallenden Feldrand stehen, sitzen oder springen - oft halsbrecherisch nah am Abgrund - und sich scheinbar allein in wildromantischer Natur aufhalten mit dem Fjord im Hintergrund. 3.4 Abbild der Reise: Reisefotografie und Social Media 269 <?page no="270"?> Abb. 9: Preikestolen nach hinten (Norwegen) | Foto: Simone Hilbert Nur wenige andere Bilder zeigen die Realität mit Warteschlangen im Hintergrund, die auf genau dieses Foto an diesem Fotospot warten und das oft stundenlang (bei bis zu 7.000 Wanderern täglich an Spitzentagen). 3.4.2.1.Der Einfluss von Social Media auf Reiseentscheidungsprozesse Es gibt auch einen Zusammenhang von Reiseentscheidungsprozessen und Bildern. Fotos prägen unsere Vorstellungen von Destinationen. Das haben sie zu allen Zeiten getan, früher vorwiegend über Bilder in klassischen Medien (Zeitungen, (Reise-)Zeitschriften, Bildbänden, Filmen etc.), heute findet das zunehmend digital statt. Wie stark der Einfluss von Social Media dabei ist, ist generationsabhän‐ gig. Am größten ist er in der Generation Z und bei den Millenials, die auch im Alltag am häufigsten Social Media benutzen. Welche Sozialen Medien genutzt werden, ist auch stark kulturabhängig. Über 50 % der Generation Z lässt sich von Reise-Posts inspirieren. 90 % aller Social-Media-Nutzer sind regelmäßig Reiseposts ausgesetzt. Obwohl Social Media in der Forschung verhältnismäßig viel Aufmerk‐ samkeit findet, sind die Forschungsergebnisse zum Einfluss von Social Me‐ 270 3 Ankommen <?page no="271"?> dia auf Reiseentscheidungsprozesse nicht eindeutig und in den Ergebnissen eher gemischt. In vielen Studien wird häufig betont, dass soziale Medien einen fundamentalen oder gar transformativen Einfluss auf die Infor‐ mationsbeschaffung und die daraus resultierende Entscheidungsfindung von Touristen haben (Dickinger & Mazanec, 2015; Jacobsen & Munar, 2012; Krátki et al., 2022; Mehraliyev, Choi & Koseoglu, 2019; Susanto et al., 2024). Auch in der Praxis werden zunehmend soziale Medien wie Facebook, Weibo, Twitter, Instagram und YouTube im Destinationsmarketing genutzt, um die Wahl des Reiseziels zu beeinflussen, (Bakr & Ali, 2013; Tussyadiah, Park & Fesenmaier, 2011). Eine Studie von Susanto et al. (2024) untersuchte die Einflussfaktoren auf die Wahrnehmungen von Destinationen bei Touristen und ihre Reiseabsich‐ ten hinsichtlich der Destinationen. Unter Nutzung von Partial Least Squares Structural Equation Methods (PLS-SEM) wurde die Beziehung zwischen der Glaubwürdigkeit des Reiseziels (destination credibility), Wahrnehmung, Besuchswünschen, user-generierten Inhalten, Engagement und Interaktion auf Social Media untersucht. In der Studie wurden Daten von 982 Teilneh‐ mern genutzt, die mittels auf Social Media geposteten Onlinefragebögen erhoben wurden. Es zeigte sich, dass Destination Credibility die Wahr‐ nehmungen und darauffolgenden Reisewünsche signifikant beeinflusste, was die Bedeutung von Vertrauen und Transparenz im Destinationsmar‐ keting unterstrich. In dieser Studie spielte auch die Unterstützung durch Influencer eine große Rolle, denen in anderen Studien, auch aufgrund geringerer Authentizität und Glaubwürdigkeit, eine deutlich kleinere Rolle zugemessen wird. Susanto et al. unterstrichen in diesem Zusammenhang auch die Demokratisierung von Reiseinformationen durch Social Media und peer generated content. Obwohl die Studie interessante Einblicke in die aktuellen Dynamiken von Reiseentscheidungsprozessen und die digitalen Einflussfaktoren darauf gibt, ist sie nur sehr begrenzt generalisierbar, weil es sich bei der Datenbasis überwiegend um Daten der Generation Z und von Millenials handelte, die ohnehin sehr social-media-affin sind und auch vorwiegend bestimmte soziale Medien nutzen. Eine andere Studie von Manuela Rozalia Gabor und Iulia Varga unter‐ suchte - vorwiegend auf Rumänien bezogen - wie soziale Medien Reise‐ entscheidungen beeinflussen, bestimmte Gegenden oder Landmarken zu besichtigen. In dieser Studie waren 91,35 % der Gesamtteilnehmer der Studie versucht, in eine Region zu reisen wegen eines Fotos, das sie in einem sozialen Netzwerk gesehen haben. 3.4 Abbild der Reise: Reisefotografie und Social Media 271 <?page no="272"?> Daniel Krátki et al. (2022) haben in ihrer Studie den Einfluss von sozialen Medien auf die Reisemotivation eindeutig nachgewiesen. Etwas höher war dabei der Effekt auf Frauen, die auch aktivere Nutzer von Social Media sind und auch ihre Reisen häufiger online organisieren als Männer. Obwohl viele es besser wissen und besser wissen könnten, betrachten sie die Infor‐ mationen auf Social-Media-Seiten als authentisch. Nur einige von ihnen haben dann Enttäuschungen erlebt, wenn sie die Orte real besuchten. Dabei scheinen Männer tendentiell kritischer und schneller enttäuscht zu sein als Frauen. Einige erlebten beim Sehen der geposteten Fotos auch Gefühle von FoMo (Fear of Missing out). Diese Studie beruht allerdings auf einer relativ kleinen, und vor allem auf Ungarn beschränkten, Stichprobe. Die meisten dieser Studien haben neben vielen interessanten Aspekten und Ergebnissen ebenso klare Limitierungen, vor allem in den Arten der betrachteten sozialen Medien (Tham et al, 2019), aber auch hinsichtlich der untersuchten Regionen (häufig Ungarn, Rumänien, Australien) und Generationen, die oft nur Ausschnitte aus dem Gesamtbild zulassen und damit, was die Allgemeingültigkeit und Vergleichbarkeit der Studien angeht, partiell eher beschränkt sind. Während unstrittig ist, dass u. a. soziale Medien zunehmend für Entschei‐ dungen vor Ort auf Mikroebene innerhalb eines Reiseziels genutzt werden, beispielsweise für die Wahl von Restaurants oder Hotels vor Ort (de Lima, Mainardes & Cavalcanti, 2019; Varkaris & Neuhofer, 2017), beginnen Wissen‐ schaftler, die bislang als selbstverständlich angesehene Vorstellung in Frage zu stellen, dass soziale Medien die Wahl des Reiseziels stark beeinflussen (Magno & Cassia, 2018; Tsiakali, 2018; Tussyadiah, Kausar & Soesilo, 2018; Xu & Pratt, 2018, Tham et al., 2019). Auch für die Entscheidungen auf Mikroebene werden nicht nur Social Media, sondern auch Reise-Recommen‐ dation-Apps und simpel Google oder Google Maps und andere (überwiegend digitale) Informationen genutzt, die für solche Entscheidungen ebenso eine Rolle spielen wie Social Media. Reiseentscheidungen sind jedoch komplexe Vorgänge, die sich nicht mit einfachen Kausalketten erklären lassen (mehr dazu im Kapitel Reisemotiva‐ tion). In den letzten 10 Jahren haben verschiedene Studien dem konstruk‐ tiven Charakter von Entscheidungsprozessen größere Aufmerksamkeit ge‐ schenkt (Keshavarzian & Wu, 2017; McCabe, Li & Chen, 2016; Qiu, Masiero & Li, 2018). Diese Neuausrichtung der Perspektiven betont die wesentliche und moderierende Rolle von Kontexten beim Verständnis der endgültigen Reisezielwahl. Kontexte sind die Umstände, die besondere Betrachtungen 272 3 Ankommen <?page no="273"?> in Bezug auf Reisezielattribute, touristische Merkmale, Touristentypen und Reisezwecke haben (Lamsfus et al., 2015). Wichtig für die aktuelle Forschung ist, dass der Kontext ein Zusammenspiel zwischen internen touristischen Motivationen und externen Entscheidungsmerkmalen widerspiegelt, die zur Wahl des Reiseziels führen (Lamsfus, Wang, Alzua-Sorzabal & Xiang, 2015). Da Entscheidungen zur Reisezielwahl von verschiedenen Motivationen angetrieben werden, die sich bei jeder Entscheidung ändern, ist der Kontext von entscheidender Bedeutung, um zu verstehen, was die Entscheidungs‐ findung beeinflusst (McCabe et al., 2016). Wichtig ist, dass der Kontext die Entscheidung über die Wahl des Reiseziels einschränkt, moderiert oder ermöglicht (Lee, Song, Lee & Petrick, 2018; Marcevova, Coles & Shaw, 2010; Marder, Archer-Brown, Colliander & Lambert, 2019). Es ist offensichtlich, dass man die Wahl des Reiseziels zwar als rationalen Prozess betrachten kann, dieser Prozess aber auch durch kontextuelle Überlegungen moderiert wird (Beritelli, Reinhold & Luo, 2019). Wir sollten uns also darüber im Klaren sein, dass der Einfluss sozialer Medien innerhalb der vorgegebenen Grenzen des Kontexts eines Touristen bleibt und dieser Kontext die Grenzen des zulässigen Einflusses vorgibt. Da die Literatur bislang jedoch der Rolle des Einflusses sozialer Medien in Bezug auf verschiedene Reisekontexte nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt hat, ist es wichtig zu untersuchen, wie soziale Medien zu den Ergebnissen der Reisezielwahl von Touristen beitragen (Singh & Srivastava, 2019; Tham et al., 2019). Aaron Tham et al. (2019) haben inzwischen aufgrund ihrer Forschungen ein deutlich differenzierteres Verständnis des Einflusses sozialer Medien auf die Reisezielwahl gewonnen und stellen die Generalisierung des Ein‐ flusses von Social Media infrage, da nach Tham und seinem Forscherteam dafür auch noch ganz bestimmte Kontextvariable wichtig sind. Sie zeigten, dass viele Destinationswahlprozesse auch von relativ geringem Social-Me‐ dia-Einfluss geprägt waren und es absolut essenziell ist, die Kontextfaktoren mit zu beachten. Sie bewiesen, dass es auch Kontexte und Bedingungen gibt, die dazu führen, dass soziale Medien die Wahl des Reiseziels deutlich weniger beeinflussen. Ihre Studie zeigte, dass der Einfluss von Social Media nur dann auftrat, wenn bestimmte Kontextfaktoren ebenfalls präsent waren. Zu diesen Kontextfaktoren gehörten: das Level der Social-Media-Nutzung im Alltag, die Destinationsneuheit oder -bekanntheit und die Komplexität der Planungsentscheidungen. 3.4 Abbild der Reise: Reisefotografie und Social Media 273 <?page no="274"?> 3.4.2.1 Realität und Abbildung. Einfluss von Social Media auf das Reise- und Fotografierverhalten Die Bilder beim Reisen bilden dabei oft nicht die Realität ab, sondern zeigen meist eine „idealisierte“ Welt. Oft sollen die Bildwelten gelungen und glücklich wirken, unabhängig von der Realität. Negative Anteile der Realität werden eher verleugnet, zumindest nicht abgebildet und häufig wird eine „heile“ Welt konstruiert. Dabei gibt es allerdings Unterschiede. Oft verhindert der Fokus auf das Fotografieren auch den Fokus auf den tatsächlichen Ort und das Leben dort. Einige gehen jedoch auch ganz bewusst andere Wege, so der Autor und Essayist David van Reybrouck, der auf einer Reise mit seiner Freundin bewusst beschloss, jeden Tag um dieselbe Zeit ein Foto mit einer Polaroidkamera zu machen von genau dem Platz, an dem sie sich gerade befanden, um die Realität dieses Momentes genau so festzuhalten und sich durch das Fotografieren nicht von der Reise abhalten zu lassen (beschrieben in Oden, van Reybrouck, 2019). Ausdrucksstarke Bilder generieren neue Gäste. Auch professionelle Influ‐ encer und Reiseblogger beeinflussen Reiseentscheidungsprozesse vor allem durch Produkt- und Dienstleistungswerbung, wenn auch nicht so stark wie Posts von Freunden, Bekannten und Verwandten. Influencer wollen in erster Linie mehr Follower und inszenieren dadurch oft spektakulärere Bilder, für die sie auch einigen Aufwand betreiben. Oft handelt es sich um gestellte und inszenierte Bilder. Ganz besonders deutlich wird das zum Beispiel beim bereits vorn beschriebenen Trend Vanlife, der insbesondere in und nach der Corona-Zeit zunehmend interessant und hip wurde und daher zu einem großen Thema in den sozialen Netzwerken wurde. Dort wird Vanlife ganz besonders oft von seiner schönsten und bisweilen auch stark geschönten Seite gezeigt, oft schöne Paare im Sonnenuntergang oder Stellplätze die scheinbar mitten in der Natur liegen (ganz unabhängig davon, ob daneben unzählige andere Vans stehen oder ein Naturschutzgebiet ist, in dem man eigentlich gar nicht stehen darf). Selten oder nie werden Gefahrensituationen gepostet, hässliche Stellplätze, überfüllte Orte. Bilder von Influencern sind nur selten realistisch und führen mitunter auch zu Grenzüberschreitungen. Oft werden bei Bildern von Influencern, Bloggern und ihren zahlreichen Followern die Auswirkungen auf die Umwelt oder die Einwohner vor Ort wenig beachtet. Die Furcht vor Nichtbeachtung ist größer als mögliche Tabubrüche durch die Fotos. In Porto haben Influencer beispielsweise Bilder 274 3 Ankommen <?page no="275"?> von einer bestimmten Stelle gepostet und sind dafür über einen Zaun gestiegen, was dann viele nachgemacht haben, ohne im Geringsten zu respektieren, dass es sich dabei um ein privates Grundstück handelt. Soziale Nachhaltigkeit zieht im Vergleich zu größerer Reichweite leider oft den Kürzeren. In Porto, was seit der Ernennung zur Kulturhauptstadt und seit dem Anschluss durch Billigflieger (wie easyjet und Ryanair) einen wahren Touristenboom erlebte, der für den Tourismus und die Stadt anfangs viele positive Entwicklungen brachte, ist das Ganze inzwischen zum wachsenden Problem geworden. Viele wollen nur die schönen Aussichten und die Postkartenansichten der Ribeira und der Kathedrale sehen und den beliebten Blick auf die Altstadt von Porto von Vila Nova de Gaia und nicht die sozialen Probleme, die der Overtourismus massiv verstärkt. Dazu gehören die sukzes‐ sive Auflösung sozial gewachsener Viertel durch Vermietungen wie Airbnb und das Verdrängen der einheimischen Bevölkerung an die Stadtränder und aufgrund stark steigender Mietpreise auch oft an die sozialen Ränder der Gesellschaft. Dadurch werden auch die stereotypen Vorstellungen und die blinden Flecken verstärkt. Auch auf die Natur wird dabei nur selten Rücksicht genommen. Selfies von auf Instagram gehypten Orten gelten als Trophäe. Die Natur leidet dabei unter den Grenzüberschreitungen genauso wie Anwohner vor Ort. Dass die Natur stark unter Overtourism leidet, zeigte auch eine Studie des Nationalparks Berchtesgaden, die zeigte, dass 2/ 3 der Besucher durch Posts in den sozialen Netzwerken auf den Nationalpark aufmerksam wurden. Dass Influencer und Reiseblogger mit ihrer großen Reichweite durchaus Touristenströme auslösen oder beeinflussen können ist offensichtlich, auch wenn es in der Forschung umstritten ist. Beispiele dafür gibt es immer wieder. So wurde das Verzascatal nach einem Blogpost 2018 plötzlich und unerwartet von Touristen überflutet, was zu Verkehrschaos, Staus und verärgerten Anwohnern führte. Viele Orte werden vor allem wegen ihrer Instagramibility besucht. Dazu gehören Santorini (mit aktuell 8,3-Millionen Posts auf Instagram), Venedig, Trolltunga in Norwegen und der Pragser Wildsee (italienisch: Lago di Braies) in Südtirol. Es ist zu hoffen, dass diesem Trend wieder ein Gegentrend folgt und viele weniger fotografieren und mehr offtrack und offline unterwegs sind. Oder auch mal die Realitäten vor Ort abbilden und auch hinter die Kulissen oder Fassaden sehen und der Fokus nicht auf dem Posten, sondern auf dem 3.4 Abbild der Reise: Reisefotografie und Social Media 275 <?page no="276"?> Wahrnehmen und Erkennen liegt. Und damit auch die Poesie des Alltags und des Alltäglichen zu sehen. 3.4.3 Selfies im Tourismus: Gut ankommen? 2002 prägte Nathan Hope erstmals unbeabsichtigt den Begriff Selfie, nach‐ dem er ein eher verschwommenes Selbstporträt online gestellt hatte. Seit‐ dem verbreiteten sich sowohl der Begriff als auch die Handlung rasant. Selfies spielen beim Reisen und Posten generell eine immer größere Rolle. Bei Selfies handelt es sich um die neueste Form von Selbstportraits, eine Form, die besonders häufig in den sozialen Netzwerken geteilt wird. Self‐ ies werden durch die alltägliche Verfügbarkeit von Smartphones und die schnelle Verknüpfung mit den sozialen Medien ermöglicht und gefördert. Dabei ist das Selbstportrait als Kulturtechnik nichts Neues. Es spiegelt ein tief verwurzeltes menschliches Bedürfnis wider, die eigene Identität in einem Bild zu erfassen und zu verewigen. Es zieht sich durch die Geschichte, von aristokratischen Selbstportraits und den Selbstbildnissen von Künstlern bis zu den Einzel- und Familienbildern von Fotografen bis hin zu den jetzigen digitalen Selbstdarstellungen. Diese benötigen kaum noch andere Menschen als Fotografen, was in unsere individualisierte Zeit passt. Mitunter werden noch Selfiesticks genutzt, die aber vor allem in Europa schon wieder etwas aus der Mode gekommen sind. Selfies werden etwas häufiger von Frauen gemacht und auch etwas häufiger mit anderen als allein. Reise-Selfies werden am häufigsten über Snapchat und Instagram geteilt Besonders beliebt beim Reisen sind vor allem Selfies vor Sehenswürdig‐ keiten, vor Landschaften, vor Sonnenunter- oder seltener auch -aufgängen und Selfies mit exotischen Tieren. Fotos und insbesondere Selfies von Reisen und besonders spektakulären Dingen sind zum Statussymbol geworden. Dafür werden auch bewusst einige Risiken in den Kauf genommen, häufig sind das bspw. Selfies von steilen Klippen etc., um das beste Foto für WhatsApp, Instagram, Facebook, TikTok oder ähnliches zu bekommen, was auch immer wieder zu Todesfällen geführt hat. Die meisten Likes bekommen leider oft die spektakulärsten und waghalsigsten Fotos. Einer Umfrage von Photoaid (Woolf, 2025) nach, ist das Festhalten von Erinnerungen primäres Motiv (36 %) von Selfies gefolgt vom Teilen mit Freunden und Familie (24 %) und Selbstdarstellung (15 %). Wie häufig Selfies gemacht werden und wie akzeptiert sie sind, ist dabei stark kulturabhängig. So sind Selfies bspw. in Asien und den USA deutlich häufiger als in Deutsch‐ 276 3 Ankommen <?page no="277"?> 40 Woolf, Max (2025). Unveiling the Selfie Culture. Study 2025. Photoaid.com land, wo sie z. B. in Berlin oft als „peinlich“ und selbstgefällig angesehen werden - eine Haltung, die auf der starken Beachtung der Privatsphäre beruht und der Konzentration darauf, im Moment zu leben. Im Unterschied zu den USA, wo das Aufnehmen von Selbstporträts ein weit verbreiteter und akzeptierter Teil des Lebens ist. Dabei führt die Generation Z das Feld an: 84 % davon machen regelmäßig Selfies, gefolgt von den Millennials mit 73 %. Ältere Generationen, die Generation X (46 %) und die Babyboomer (19 %), tendieren eher weniger dazu. 40 Dass Selfies jetzt verhältnismäßig inflationär sind, heißt nicht, dass es vorher nicht auch bereits Vergleichbares gab. Selfies sind oft nur Ergänzung der klassischen Reisefotografie, verändern diese nicht grundlegend, nur die Unmittelbarkeit des Teilens und der unmittelbaren Reaktionen darauf mit Likes ist neu. Ein Selbstportrait (Selfie) ist heute aufgrund der Technik nur leichter herzustellen und schneller zu teilen. Früher hat man auch oft Bilder von sich selbst gemacht, einzeln oder als Paar mit Familie oder Freunden, nur dass man dann meist eine andere Person gefragt hat, diese Bilder zu machen (und Fotos vor Sehenswürdigkeiten auch da bereits beliebte Motive waren) oder man nutzte Fotoautomaten oder Selbstauslöser. Es ist heute eher Ersatz oder Ergänzung dazu, andere zu fragen, ein Bild von einer oder mehreren Personen vor einer Sehenswürdigkeit oder Landschaft zu machen, was es schon seit Jahrzehnten gibt. Im Grunde genommen gibt es das Phänomen eigentlich schon seit Jahr‐ hunderten. Man denke nur an das berühmteste Bild von Goethe gemalt von Tischbein in Italien im Freien auf Ruinen sitzend im Hintergrund die Campagna di Roma. Das war weniger unmittelbar und technisch nur aufwendiger herzustellen erfüllte, aber ähnliche Charakteristika. Es wurde auch nicht unmittelbar geteilt, dafür aber über die Jahrhunderte. Selfie-Nutzung zum Destinationsmarketing Inzwischen werden Selfies oft auch ganz bewusst für das Social-Media-Mar‐ keting von Reiseveranstaltern, Hotels und fürs Stadtmarketing genutzt. Viele Tourismusverbände veranstalten Selfie-Gewinnspiele. Vielfach wer‐ den Selfies auch zum Tourismusmarketing verwendet. So hat Nassfeld z.-B. eine Bushaltestellen-Kampagne gestartet. Auch Sölden hat eine ähnliche Selfie Kampagne gestartet Unter dem Slogan „Sölden will Dich sehen. Jetzt! “ 3.4 Abbild der Reise: Reisefotografie und Social Media 277 <?page no="278"?> wurde damit geworben, das Sölden-Gesicht des Jahres 2015 zu werden. Es ging darum Hotspots zu sammeln und dort allein oder mit Freunden Selfies zu machen und diese dann mit Freunden zu teilen, dafür und für Facebook Likes und Twitter Posts wurden dann auch Gewinne versprochen. Diese Selfie-Kampagnen erwiesen sich als sehr hilfreiche Marketing-Tools (#selfie.soelden; selfie.soelden.com). Auch Städte (wie z.-B. Hannover) star‐ teten ähnliche Wettbewerbe, z. B. dass Einheimische Touristen die Stadt näherbringen. Mitunter gibt es auch witzige Werbungen mit Prominenten, wie den inzwischen nahezu legendären Selfie-Wettstreit von Kobe vs. Messi von Turkish Airlines. Glow-up: before and after Backpacking Inzwischen geht auf TikTok ein neuer Trend viral, der ultrakurze Filme von Reisenden vor und nach ihrer langen Backpacking-Tour oder Backpa‐ cking-Weltreise zeigt. Es soll zeigen, dass man nach so einer Tour wesentlich besser aussieht: das Glow-up. Es gibt dazu verschiedene Videos vorzugs‐ weise von jungen Männern und Frauen die statt eines Vorher-Nachher Bildes, das Ganze als kurze Filmsequenz zu machen und eine kurze, immer wieder gleiche Botschaft damit verbinden. Im Video einer jungen Frau, das mit 3 Millionen Aufrufen viral ging, sagt diese Glow-up sei eigentlich ein Statement gegen unsere heutige Arbeitswelt mit zu viel Stress, zu wenig Balance und zu hohen Erwartungen. Die These ist: Reisen heilt. In einigen Fällen wird das auch tatsächlich so sein, bei den Filmen geht es aber überwiegend um Selbstdarstellung. Sie sind quasi der auf TikTok verlängerte Arm des Selfies mit dem TikTok üblichen schnell geschnittenen Kurzfilm und der entsprechenden Selbstpräsentation. Zusammenfassung Abbildungen von Reisen wurden zu allen Zeiten gemacht. Früher in Notiz- und Skizzenbüchern, später mit Kameras. Heute gesellen sich zu den Fotos oft auch Filme, die ebenfalls auf Social Media zu finden sind. Interessant ist, dass sich die Motive von professionellen Reisefotografen und von Gelegenheitsfotografen, die durchaus mehr fotografieren, un‐ terscheiden. Wie Fotos mit Erinnerungen zusammenhängen, wird im nächsten Kapitel noch näher beleuchtet. Das Teilen von Bildern ist heute 278 3 Ankommen <?page no="279"?> häufiger und unmittelbarer, wodurch viele mit den Reisefotos anderer konfrontiert werden, ob sie wollen oder nicht. Wobei oft in erster Linie Bilder geteilt werden und weniger Geschichten, wie das früher beim Zeigen von Dias oder Urlaubsfotos häufiger der Fall war. 3.5 Wohin geht die Reise? - Entdecken vs. Nacherleben Traveltipps und Reise-Recommendation-Apps Die Digitalisierung beeinflusst das Reiseverhalten seit Jahren, mit dem Aufkommen von Social Media und diversen Reise-Apps noch zunehmend mehr. Heute reist man anders als noch vor 20 Jahren. Viele markieren oft weit vor der Reise bereits Museen und Restaurants bei Google Maps mit Pins, um die schönsten Flecken, die schönsten Hotels und die besten Restaurants zu finden. Man informiert sich auf verschiedenen Plattformen: auf TripAd‐ visor, Google-Bewertungen, Instagram und anderen Plattformen oder bei den inzwischen ausgesprochen vielfältigen und vielzähligen Reise-Apps und Blogs, was das Empfehlenswerte am Zielort ist. Damit überlässt man wenig dem Schicksal oder dem Zufall, was wiederum der Neugier auf Reisen wenig Raum lässt und damit wirkliche Entdeckungen eher selten macht und Abenteuerlust bei den Präferenzen nicht mehr weit oben rangiert. Früher war fast jede Reise ein Abenteuer: Man wusste nicht von vorn‐ herein, was man zu erwarten hatte und vielleicht war genau das einer der wichtigsten Aspekte des Reisens. Man hatte nicht die Möglichkeit, jeden Millimeter der Reise vorher zu planen (es sei denn man hatte sich für komplett durchorganisierte Reisen entschieden). Früher verlief man sich 2bis 3-mal, machte sich mit Stadtplänen auf den Weg, orientierte sich an markanten Objekten, so wie Kirchtürmen, Hochhäusern, Parks etc. Natürlich gab es oft auch schon eine Vorauslese mit Reiseführern, aber das war nur eine Groborientierung und neue, aktuelle Cafés, Restaurants oder Galerien waren dort oft noch gar nicht zu finden. Inzwischen kann man alle Informationen nahezu in Echtzeit finden und sich auch gleich noch direkt hin navigieren lassen. Dass die digitale Navigationsmöglichkeit das Reisen und Unterwegssein definitiv erleichtert hat, ist keine Frage, gleichzeitig sind aber nachweislich die Orientierungsfähigkeiten abgenommen. Früher ließ man sich auch 3.5 Wohin geht die Reise? - Entdecken vs. Nacherleben 279 <?page no="280"?> häufiger treiben, Flanieren war im 19. Jahrhundert wichtig. Das langsame Unterwegssein, offen für die Umgebung und ohne klares Ziel. Heute kann man im Prinzip das Meiste bereits vorher wissen, man kann sich im Internet schon alles ansehen, Bewertungen und Erfahrungsberichte lesen. Früher hatte man bestenfalls ein Reiseführer, mit dem man unterwegs war oder Tipps von Freunden oder Bekannten. Heute kann man im Prinzip jedes Café, jedes Restaurant, jedes Hotel vorher checken und sich alle Informationen über einen Ort und bestimmte Sehenswürdigkeiten über Kanäle einholen. Reisetipps auf Social Media boomen. Es wird alles vorgefiltert: Man läuft sozusagen mit dem Blick eines anderen durch die Gegend. Das reine Entdecken ist eher selten geworden. Früher war es wahrscheinlicher, dass man auch mal in eine Touristenfalle geraten konnte, wenn man nicht einen intuitiven Sensor für solche Orte hatte, weil eben nicht schon alle Bewertungen bekannt waren, aber man konnte gleichzeitig auch viel Neues entdecken und sich vielleicht in Ecken treiben lassen hat, in denen man sonst nicht unterwegs war. Früher ging man in ein Restaurant, was auf dem Weg lag, nett aussah und freie Plätze hatte. Jetzt entwickelt sich bei vielen das Bedürfnis, das beste Restaurant, das beste Hotel, die coolste Bar oder den besten Platz zum Feiern oder Besichtigen zu finden, etwas, was Sanne van Rijf bei FD Personlijk mit Tippversklavung beschrieb. Damit gibt es weniger Fehltritte, aber auch weniger Raum für Spontaneität, Entdeckungen und Überraschungen. So stark Individualität als Trend auch ist, beim Reisen passen sich die meisten den Bewertungen an, die oft paradoxerweise zum Gegenteil führen. Gehypte Lokale können dem Ansturm kaum noch Herr werden und müssen bzw. können sich weniger Mühe geben, was oft genug zu einem Qualitätsabfall führt. Das Interesse an sogenannten Reise-Recommendation-Apps wächst zunehmend und der Markt für Reise-Apps und Tipps für reiserelevante Informationen ist inzwischen nahezu unüberschaubar. TripAdvisor ist ein lang etablierter Player auf dem Markt, aber es kommen regelmäßig neue hinzu. Es war die erste große App dieser Art mit Rezensionen, Reisetagebü‐ chern und farbenfrohen Blogs. Lanciert zu Beginn des Jahres 2000 bekamen Reisende damit Zugang zu unabhängigen Informationen über Restaurants, Hotels und Aktivitäten und konnten selbst auch noch nach Tipps fragen. In den letzten Jahren kamen Apps wie Steps und Out of Office dazu, die auch häufig genutzt werden Bei Steps (2021) kann man den Fußstapfen inspirierender Menschen folgen. Man sieht, wo sie eingekauft, gegessen, 280 3 Ankommen <?page no="281"?> gesessen und gefeiert haben und kann die entsprechenden Orte direkt in den eigenen Google-Maps-Account kopieren. Amigo ist wahrscheinlich aktuell die exklusivste App unter allen diesen Apps. Eine App für reisende Kreative, für die hohe Zugangsbarrieren bestehen. Man kommt nur via eines Einladungslinks hinein und befindet sich vorerst auf einer Warteliste. Wer einmal Zugang zu Amigo bekommen hat, findet dort Tipps von Stylisten, Fotografen und Autoren. Man kann nach Kategorien filtern und die Resultate sortieren. Hier finden sich türkische Influencer, ebenso wie amerikanische Schriftsteller. Man kann viele dieser Apps als eine Art neuen Lonely Planet sehen, aber auch hier ist es selten möglich, etwas wirklich Neues zu entdecken, weil alle sich oft - ähnlich wie bei Reiseführern - aneinander orientieren. Bei Reiseführern, wie bei Recommendation-Apps und Websites, gibt es oft dieselben Basisformationen und nur selten durch die individuelle Blickweise von Autoren, die im Land gelebt haben oder länger vor Ort waren und Insiderkenntnisse haben noch zusätzliche Informationen. Früher gab es vor allem Reiseführer und auch da wuchs der Markt stetig, um nun seit mehr als einem Jahrzehnt aufgrund der digitalen Verfügbarkeit von Informationen deutlich zurückzugehen. Der erste Lonely Planet-Reiseführer erschien im Jahr 1973 und entstand vor allem, weil Toni Wheeler die bestehenden Reiseführer relativ trist fand. Es gab da zwar ausgebreitete Details über historische Orte und die Geschichte der Länder, aber kaum Tipps über Strände, Bars, bezahlbare Hotels und preiswerte Möglichkeiten von A nach B zu kommen. Lonely Planet war lange Zeit der Reiseführer und Marktführer für die Backpacker Generation, die unterwegs war und ist es partiell heute noch. Stark verändert hat sich die Situation dann aber mit dem Erscheinen von Social Media, Rezensionen, Websites und Reiseforen. Jüngere Menschen informieren sich über Reisen inzwischen häufiger über Instagram und TikTok. Die Welt der Tipps hat sehr praktisch und pragmatisch begonnen. Sie war eine demokratische, oft stark User-generierte Einrichtung, die unabhängig und wenig beeinflussbar war (was sie inzwischen nur noch bedingt ist), aber inzwischen relativ exzessive Formen angenommen hat. Auf TikTok wurde der Hashtag „TravelTipps“ 12,3 Milliarden Mal angesehen. Zahllose Influencer geben ihre Reisetipps und Bewertungen weiter. Ständig wird neuer Content prouziert. Beurteilungen sollen uns ein Gefühl von Kontrolle in einer stets komplexeren Welt geben. Rezension lesen und selbst rezen‐ sieren: die Demokratisierung von Tipps war in erster Instanz positiv und 3.5 Wohin geht die Reise? - Entdecken vs. Nacherleben 281 <?page no="282"?> wurde von vielen ebenso enthusiastisch aufgenommen. Inzwischen hat sie sich derart verselbstständigt, dass es auch die Reisegewohnheiten stark beeinflusst hat. Irgendwann wurde klar, dass so derart viele Informationen, Beurteilungen und Hashtags zur Übersättigung führen. Oft werden Videos und Informationen gespeichert, die später nicht mehr gefunden oder auch schlichtweg nicht mehr angesehen werden. Die Flut an Informationen verbunden mit der fear of missing out kann relativ leicht zu Stress führen. In seinem Buch The Paradox of Choice. In „The Paradox of Choice. Why more is less“ beschreibt der Psychologe Barry Schwartz (2005), warum überflüssige Möglichkeiten zu Stress und Unzufriedenheit führen können und zu viele Wahlmöglichkeiten zu Entschlusslosigkeit. Für Wanderreisen gibt es ebenfalls verschiedene Apps wie Komoot, OutdoorActive, mapy und andere, wo man Routenvorschläge für das ange‐ gebene Ziel bekommt, Karten und Informationen zu Restaurants, Wege, etc. zur Verfügung gestellt bekommt und die eigenen Touren tracken und bewerten kann. Das Alles führt zu einer Überfülle an produziertem Content und zu konsumierbaren Informationen. Steven C. Rosenbaum (2011) schrieb in seinem Buch Curation Nation: how to win in a world where consumers are creators: why the future of content is context über diese Phänomene. Es ist unsere neue Medienwelt und das Informationszeitalter, was auch unser Reiseverhalten prägt. Rosenbaum argumentiert, dass die wachsende Bedeutung von Menschen, insbesondere kreativ, smart und hip nicht unter‐ schätzt werden sollte, die Trends erkennen und Muster finden, in der Welt des Datenüberflusses. Kuratoren und bestimmte Plattformen spielen eine große Rolle, die im digital noise und Informationschaos die wesentlichen Informationen filtern. In Curation Nation schreibt Rosenbaum (2011), warum wir mit offenen Armen die Kuratoren sehen sollen, die die Spreu vom Weizen trennen. 3.6 Schneller, höher weiter? - Der Trend zum Mikroabenteuer Doch braucht es unbedingt die weite Reise, um Neues und Abwechslung ins Leben zu bringen? Der Trend zum Mikroabenteuer zeigt, dass es auch anders geht. Wir hatten bereits im → Kap. 2.8 über Erholung gesehen, 282 3 Ankommen <?page no="283"?> dass der Erholungseffekt nach Reisen zwar groß, aber meist auch innerhalb kürzester Zeit wieder verflogen ist. Üblicherweise dauert es keine zwei Wochen, um relativ ernüchtert festzustellen, dass alles wieder beim Alten ist. Um nicht in den Kreislauf zu geraten, die nächste Reise unmittelbar nach der Rückkehr von einer vorherigen planen zu müssen, helfen kleinere, mehr oder weniger leicht durchführbare Abenteuer im Alltag: die heute oft unter Mikroabenteuer gefasst werden, wobei zwar der Begriff, nicht aber die Idee neu ist. Der Trend zum Mikroabenteuer ging ursprünglich vom Briten Alastair Humphreys aus. In seinem Buch Mikroadventures: Local Discoveries for Great Escapes beschreibt er Mikroabenteuer als kurze, einfache und lokale Outdoor-Erlebnisse, die auch für Menschen mit wenig Zeit und Budget realisierbar sind. Humphreys entwickelte das Konzept der Mikroabenteuer, um Abenteuer für den Alltag zu ermöglichen. Statt aufwendiger Reisen schlägt er vor, nach Feierabend oder am Wochenende kleine Ausflüge zu unternehmen, etwa eine Nacht unter freiem Himmel oder eine Rad- oder Wandertour in der Umgebung zu machen. Für Humphreys ist ein Mikroabenteuer ein „kurzes, einfaches, lokales und günstiges Abenteuer, das gleichzeitig Spaß macht, dich herausfordert, fesselt, erfrischt und belohnt“ (Foerster, 2021, 22). Für Deutschland wurde das Konzept besonders von Christo Foerster adaptiert und bekannt gemacht. Er veröffentlichte ein Buch Raus und machen: Mikroabenteuer und betreibt auch eine Website, einen Podcast, eine Facebook und eine Instagram-Gruppe. Er betont, dass es keine allge‐ meingültige Definition von Mikroabenteuer gibt, die auch widersinnig wäre, da seiner Meinung nach einer der wichtigsten Aspekte dabei das spielerische und individuelle Herangehen ans Draußensein ist. „Selbst der Begriff Abenteuer lässt sich ja schwer fassen. Ein Abenteuer beinhaltet immer die Auseinandersetzung mit etwas Neuem, das Betreten unbekannten Terrains …“ (Foerster, 2021, 22) Wichtig ist beiden - Humphreys wie Foerster - vor allem der Outdoor-As‐ pekt. Und die Ermutigung nach Abenteuern in der Heimat, quasi vor der Haustür, zu suchen. Foerster hat das Konzept neu interpretiert und betont dabei primär auch Nachhaltigkeit und Umweltbewusstsein, etwa durch Verzicht auf Autos oder Flugreisen. Foerster stellte drei wesentliche Regeln für Mikroabenteuer auf und grenzt sie damit vom Wochenendausflug ins Hotel und dem 3.6 Schneller, höher weiter? - Der Trend zum Mikroabenteuer 283 <?page no="284"?> Open-Air-Festival mit Freunden ab. Diese werden im Folgenden genauer beschrieben. Drei Regeln für Mikroabenteuer nach Christo Foerster (2021, 23) 1. Ein Mikroabenteuer ist ein Outdoor-Abenteuer, das mindestens acht und maximal 72 Stunden dauert. 2. Es wird weder Auto noch Motorrad oder Flugzeug benutzt. Öffentliche Verkehrsmittel sind erlaubt. 3. Ist eine Nacht dabei, wird diese draußen ohne Zelt verbracht. Entscheidend ist das Draußensein. Grundidee ist, dass man, um Abenteuer zu erleben, nicht in die Ferne schweifen muss. Man kann einfach von zu Hause losziehen mit dem Fahrrad, zu Fuß, per Boot oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln, um zu schauen, was passiert, wenn man die gewohnten Wege und ausgetretenen Alltagspfade verlässt. Als Ideen für Mikroaben‐ teuer finden sich bei Christo Foerster u. a. die folgenden Auflistungen (Foerster, 2021, 26-f.): ● ohne Zelt im eigenen Garten oder auf dem Balkon übernachten ● eine komplette S-Bahnlinie abwandern ● zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu Mutti ● den höchsten Berg des eigenen Bundeslandes besteigen ● einen oder zwei Tage der Nase nachlaufen ● zum Bahnhof gehen und in den nächsten Zug steigen ● mit dem Rad ans Meer fahren und eine Nacht am Strand schlafen ● Folge einem Bach oder Fluss von seiner Quelle bis zur Mündung Letzteres ist aus meiner Sicht zwar bereits wieder eine Reise, da die wenigs‐ ten Fluss- oder Bachläufe in ihrer Ausdehnung im lokalen Rahmen bleiben und damit einem Mikroabenteuer entsprechen dürften, dennoch ist die Idee zweifellos gut. Wenn man das aber beispielsweise an der Moldau tun möchte, sind das insgesamt 430 Kilometer, was deutlich über den Rahmen eines Mikroabenteuers hinausgeht und schon als echtes Abenteuer durchgehen kann. Dass Christo Foerster diesen Trend ausgerechnet während der Co‐ rona-Pandemie für Deutschland adaptiert hat, ist wenig verwunderlich, da in dieser Zeit der Bewegungsradius für alle deutlich kleiner war und 284 3 Ankommen <?page no="285"?> größere Reisen kaum möglich waren. Das hat somit als Anfangsimpuls, die Entwicklung des Trends stark beschleunigt. Inzwischen hat sich um den Trend zu Mikroabenteuer eine eigene Szene, gebildet, mit eigenen Websites, Social-Media-Gruppen und eigenen Regeln. Raus und machen (die Social-Media-Gruppe von Christo Foerster) ist zu einer großen und lebendigen Community geworden, die sich online und offline trifft und austauscht. Auch Alastair Humphreys hat eine Website mit vielen praktischen Tipps zu Mikroabenteuer-Locations, Mikroabenteuern zu bestimmten Jahreszeiten, Mikroabenteuer um London, Sicherheit und Legalität beim Draußenschlafen und einer Ausrüstungsliste für Mikroaben‐ teuer, Kochrezepte und Tipps für Regen. Unter dem Hashtag „rausundmachen“, der 2018 von Christo Foerster auf Instagram eingeführt wurde, finden sich inzwischen 182.000 Beiträge. Leider ist - wie so oft - aus einer guten Idee eine Marketingmaschinerie geworden, in der Christo Foerster selbst und verschiedene andere Leute versuchen Bücher, Schlafsäcke und Werbematerialien zur verkaufen. Es finden sich allerdings auch noch spannende Mikroabenteuer von Abenteurern, die den kleinen Alltags-Ausbruch leben und zeigen, aber zunehmend macht Christo Foerster dort vor allem Werbung für seine Webshop-Produkte, z. B. Hängematten. Der Erfinder der Microadventures Alastair Humphreys hat zwei Jahre nach seinem Buch ein weiteres geschrieben über die großen lebensverän‐ dernden Abenteuer. Unter dem Namen Grand Adventures ist es ein Buch über Menschen, die die eine epische Reise unternahmen und dann zu ihrem, normalen Leben zurückkehrten oder diejenigen, die von da an ihr Leben mehr oder weniger vollständig dem Abenteuer widmeten. Um den Radius nach Jahren in der ganzen Welt wieder enger zu ziehen und die Landkarte, um das eigene zu Hause zu entdecken. Er zeigt darin den Wert, seine unmittelbare Nachbarschaft gut kennenzulernen und feiert darin die Neugier, wieder die Zeit draußen zu verbringen und bricht eine Lanze, die Wildnis in der unmittelbaren Umgebung zu erhalten. Ist das Konzept des Mikroabenteuers wirklich neu? In gewisser Weise gibt und gab es das Konzept schon länger. Vielleicht weniger auf Outdoor-Abenteuer bezogen als auf Alltagsbrüche. Die Idee des Mikroabenteuers ist eigentlich nicht Neues. Eine Nacht im Park, im Zelt oder an einem Fluss zu verbringen, gab es bereits vorher schon: Durch 3.6 Schneller, höher weiter? - Der Trend zum Mikroabenteuer 285 <?page no="286"?> die beiden Bücher von Humphreys und Foerster und die entsprechenden Social-Media-Seiten und -Gruppen wurde sie lediglich zur Lifestyle-Idee erhoben. Schon vorher gab es aber ähnliche Praktiken, wo Menschen versuchten vor der eigenen Haustür dem Alltag zu entfliehen, sei es in der Sächsischen Schweiz einen Spätnachmittag bis in den Abend zu klettern und anschließend in einer Boofe zu übernachten. Auch bereits im frühen 20. Jahrhundert entdeckten Jugendbewegungen wie die Wandervögel und die Pfadfinder die kurze Flucht in die Natur für sich. So zog die Wan‐ dervogel-Bewegung, die 1896 in Berlin gegründet wurde, aus Protest gegen die Industrialisierung hinaus in die freie Natur, um eine eigene Lebensart zu entwickeln. Jugendliche wanderten mit minimaler Ausrüstung in die Natur, schliefen unter freiem Himmel und lebten für kurze Zeit abseits von Konformität und urbanisiertem Alltag. Im Grunde die Idee des Mikroabenteuers, die ebenfalls in Großstädten (London und Hamburg) entwickelt wurde. Auch die Pfadfinder (gegründet 1907) integrierten von Beginn an kleine Outdoor-Abenteuer in ihr Programm. Diese sollten jungen Menschen Authentizität und Selbstentfaltung in der Natur ermöglichen, als Gegenentwurf zur stark reglementierten, industrialisierten Gesellschaft (Fuchs, 2008). Mikroabenteuer scheint den wachsenden Trend zu Natur- und Ökotouris‐ mus und Neo-Ökologie zu bedienen (Corneloup, 2011). In einer französischen Studie mit interviewten Mikroabenteurern zeigten alle hohes ökologisches Bewusstsein, was von hoher Flugscham, die bei den meisten durch häufiges Reisen vorher, verursacht war. Die Studie war klein, zeigte aber eine inter‐ essante Analyse der Szene. In ihrer Studie wird Mikroabenteur als eine neue trendige Form des Sporttourismus betrachtet, in der physische Aktivität und Reisen mit einem möglichst geringen ökologischen Fußabdruck verbunden wird. Mikroabenteuer schien bei den meisten mit einer allgemeinen Lebens‐ stilveränderung, bei vielen auch mit einem ideologischen Turning Point einher gegangen zu sein. Zentral für Mikroabenteuer sind Selbstermächtigung und Machen, was stark an die Konzepte von Selbstwirksamkeit anschließt und vor allem Spaß machen soll. Nach Thomas Riffaud und Nathalie Le Roux (2024) befindet sich das Mikroabenteuer an der Schnittsteller zwischen Ökotourismus und Abenteuertourismus. Bisher wurden die beiden Formen als wenig kompatibel gesehen. Der Erfolg von Mikroabenteuer als Trend basiert darauf, dass er relativ zeitlos ist: Es ist eine Form von selbst-organsiertem Öko-Abenteuer, was sich zwischen Freizeitausflug und Reise befindet und 286 3 Ankommen <?page no="287"?> einen hohen Grad an Flexibilität und die Möglichkeit wertvolle Erinnerun‐ gen zu generieren beinhaltet. Gleichzeitig ist es aber auch eine Aktivität, die mit sozialen Netzen und sozialen Netzwerken kompatibel ist, in den Images eine große Rolle spielen. Daraus resultiert aber auch einer der Widersprüche der Aktivität, die in den innovativen Attributen besteht (Lokalität und Nähe, Respekt für die Umwelt, Kreativität) bei gleichzeitigem, partiellen Bedienen des kapitalistischen, ökonomischen Systems (Akkumu‐ lation von Erlebnissen, konstantes Onlinesein und unmittelbares Teilen der Erlebnisse und Vorherrschaft der Darstellung), ist also selbst partiell in Übereinstimmung mit einigen gesellschaftlichen Trends, mit anderen aber auch im Widerspruch (Riffaud & Le Roux, 2024, 13). Das Mikroabenteuer sich zu einem solchen Trend entwickeln konnte, hängt auch wieder mit der Verfügbarkeit von Smartphones mit Kameras und Social Media zusammen, was wiederum eher weniger nachhaltig ist. Mikroabenteuer haben ein klares Regelwerk (noch mehr als sein Ur‐ sprung die Microadventures), was einen weiteren Widerspruch darstellen könnte. Letztlich geht es vor allem darum, spontan etwas Spannendes in der eigenen Umgebung zu unternehmen, dabei umweltfreundlich unterwegs zu sein und sich in der Natur zu bewegen und sei es nach Arbeitsschluss, um etwas abseits der ausgetretenen Alltagspfade zu wandeln, wandern oder Rad zu fahren, wobei was für wen dabei das eigentliche Abenteuer ist, naturgemäß hochgradig subjektiv ist und auch sein kann und sollte. Ob ein Mikroabenteuer eine Reise ist, darüber lässt sich streiten, da die Abenteuer von zu Hause ausgehen und das in unterschiedlichem Radius erfolgen kann. Die erste Tour von Christo Foerster war eine nächtliche Radfahrt von Hamburg nach Berlin, die durchaus eine weitere Entfernung beinhaltete. Ergänzung oder Gegentrend zu den aktuellen Reisetrends ist es in jedem Fall. 3.6 Schneller, höher weiter? - Der Trend zum Mikroabenteuer 287 <?page no="289"?> Partimos e Regressamos a vida inteira Wir gehen und wir kehren zurück unser ganzes Leben lang <?page no="290"?> 4 Nach der Reise 4.1 Erinnerung - Zusammenhang von Erlebnisintensität, Zeitwahrnehmung und Gedächtnis Reisen ist - wie besondere Lebensereignisse - unter anderem auch wichtig, um Erinnerungen zu generieren, weil tiefe Erinnerungsspuren vor allem durch Lebens- und Erlebnisintensität und eine mittlere Ereignisdichte ent‐ stehen. Dass diese beim Reisen häufig gegeben ist, haben wir ausführlich schon im → Kap. 2.4 zur Zeitwahrnehmung beim Reisen gesehen. So berichten nahezu alle Reisenden, dass die Zeit während der Reise wie im Fluge vergangen sei und ihnen in der Erinnerung sehr lang vorkäme (Zschocke, 2005, 206 ff.). Mittlere Ereignisdichte und hohe Erlebnisintensität verkürzen die Zeitwahrnehmung in der Gegenwart und verlängern sie in der Erinnerung (Zschocke, 2005, 206). „Ja, doch, mein Zeitgefühl hat sich eindeutig geändert. Man erlebt das sensibler, die Zeit erscheint länger. Und eine Woche auf Reisen ist in meiner Erinnerung natürlich viel, viel länger als eine Woche, die ich hier ganz normal zugebracht habe.“ (R4, Theologe, 32) Da die Tage beim Reisen oft genau davon geprägt sind, schwinden sie prospektiv gleichsam dahin und hinterlassen viele, tiefe und reaktive Erin‐ nerungsspuren. Es gilt, neue Dinge zu orten, andere Welten zu entdecken und einzutauchen in das Erleben. Im Nachhinein erscheint die Reisezeit deutlich länger: Tage erscheinen wie Wochen, Monate wie Jahre, was den Zusammenhang von Wahrnehmung, Erlebnisintensität und Erinnerung verdeutlicht. „Was ich vor drei Tagen gegessen habe? Keine Ahnung. Wie der Laden an der Ecke hieß, bevor die Kette ihn übernahm? Ich erinnere mich nicht. Von einer Campingreise nach Istrien in den 1980ern aber kann ich jedes Detail schildern“ (Senjor, 2025, 28). Der Text von Katja Senjor (2025) geht diesem Gedanken nach, warum wir uns an Reisen besser erinnern können. Und zeigt auf, dass wir zwar unter anderem verreisen, um uns zu erholen, unser Gehirn aber selten so unentspannt sei, wie auf Reisen (a. a. O.). Dabei wird unter anderem die Neurobiologin Hannah Monyer zitiert, die bereits über das geniale Gedächtnis geschrieben hat und die gedächtniswirksame Wirkung des Reisens darin unterstreicht. 290 4 Nach der Reise <?page no="291"?> „Gute Chancen, dass genau das im Gehirn haften bleibt … Sich in einer fremden Umgebung zurechtzufinden, fordert unser Gedächtnis enorm. … Wenn dann noch Gefühle im Spiel sind, landet, was wir erlebt haben, nicht gleich im Orkus, sondern ziemlich sicher auf einem permanenten Speicher‐ platz im Kopf.“ (Monyer, zitiert in Senjor, 2025, 28) Üblicherweise bleiben lediglich 15 % dessen, was wir wahrnehmen im Langzeitgedächtnis. Dabei wird Wichtiges, Neues und Emotionales bevorzugt. Deshalb haben Reisen ein großes Erinnerungspotenzial, weil vieles unmittelbar erlebt und mit mehreren Sinnen wahrgenommen wird und dann als Episode gespeichert werde, also mit dem räumlichen und zeitlichen Kontext verbunden wird. Wenn sich das Neue noch mit bereits Bekanntem verknüpfen lasse und auch Gefühle geweckt wurden, sei die Verankerungswahrscheinlichkeit besonders hoch (a.-a.-O., 32). Senjor beschreibt Reisen deshalb als Gedächtnisbooster. „Wenn wir reisen, sind wir in einer neuen Umgebung, dadurch unruhiger, wacher, erleben vieles intensiver. Niemand kennt uns, wir probieren Neues aus, radebrechen in Fremdsprachen, lernen neue Leute kennen, müssen uns ständig anpassen, orientieren … Und wir sind dadurch sinnlicher.“ (Senjor, 2025, 35) Das Alles gilt allerdings nur unter der Voraussetzung, dass die Dichte nicht derart überhandnimmt, dass nichts mehr wahrgenommen wird und der Arbeitsspeicher quasi permanent überlastet ist (siehe Wahrnehmung). Die Gedächtnisleistung hängt also auch ganz stark davon ab, wie gereist wird. Neue Umgebungen mit moderatem Tempo sind förderlich, aber auch offen und neugierig zu sein. Und ein moderates Quantum an Reizen und ein mittleres Erregungsniveau (das nach dem Yerkes-Dodson-Gesetz, die beste kognitive Leistungsfähigkeit ermöglicht). Sowohl das subjektive Erleben von Zeit als auch die spätere Erin‐ nerung sind von einer Vielzahl von Faktoren abhängig: unter anderem von der Art und Anzahl der Ereignisse (Ereignisdichte), von der aktuellen Stimmungslage, dem Tempo der Ereigniswechsel und deren Wahrnehmung und der Antizipation zukünftigen Handelns. Ohne externe Zeitgeber schwankt die subjektive Zeitwahrnehmung stark, je nach dem jeweiligen Fokus der Aufmerksamkeit. Die Zeit scheint zu flie‐ gen, wenn eine Handlung volle Aufmerksamkeit erfordert, demgegenüber scheint sie zu schleichen oder nahezu still zu stehen, wenn eine Aufgabe als langweilig empfunden wird (Funke & Grube-Unlaub, 1991, 129-ff.). Welche Reize verstärkt wahrgenommen werden, haben wir bereits in → Kap. 2.4 beleuchtet. Aber auch die Informationsspeicherung ist nicht 4.1 Erinnerung - Zusammenhang von Erlebnisintensität, Zeitwahrnehmung und Gedächtnis 291 <?page no="292"?> objektiv. Die Informationen, die im Gedächtnis verankert oder wieder ge‐ löscht werden, unterliegen bestimmten Mechanismen. Außergewöhnliche, besonders bedeutsame oder besonders emotionale Informationen erlangen eine besondere Beachtung und gelangen häufiger in das Langzeitgedächtnis. Informationen, die willentlich „gemerkt“ werden, sind nicht mehr ganz so sicher verankert. Davon bleibt ein Teil erhalten, ein anderer geht verloren, insbesondere wenn er nur für einen bestimmten Zweck eingeprägt wurde. Dass etwas neu, bedeutsam und emotional ist, ist beim Reisen häufig gegeben, insbesondere Reisen in völlig fremde Gegenden oder erste Reisen an andere Orte prägen sich oft besonders ein. Die Qualität der Informationsspeicherung hinsichtlich der Speicher‐ ungstiefe und der Reproduktionsfähigkeit ist von verschiedenen Faktoren abhängig, dazu gehören als einige wesentliche Faktoren: 1. Das Vorwissen und dessen Verknüpfung mit anderen Gedächtnisinhal‐ ten. Das heißt, je mehr Verbindungen zwischen neuen Inhalten und bereits gespeichertem Wissen hergestellt werden können - also je mehr Synapsen und Verbindungen genutzt werden, - desto leichter lässt sich die neue Information speichern und später wieder reproduzieren bzw. reaktivieren. 2. Die Ausgeprägtheit bzw. Besonderheit der Information. Je unge‐ wöhnlicher und einzigartiger die Information ist oder sich mit bestimm‐ ten Assoziationen oder anderen Erinnerungen verbinden lässt, desto besser kann man sich an diese Information erinnern. Deshalb sind auch erste Reisen oft besonders einprägsam. 3. Die Informationsstrukturierung: Je besser Informationen struktu‐ riert bzw. geordnet sind, umso einfacher können sie eingeprägt und später wieder abgerufen werden. Das heißt auch die Zusatz- und Vorin‐ formationen über die besuchte Kultur spielen für die Erinnerung eine Rolle, z.-B. durch das Lesen von Literatur, Reiseführern etc. 4. Die Bedeutsamkeit der Information: Je bedeutsamer die Information für einen persönlich oder die Welt ist, desto besser wird sie gespeichert. 5. Zeitgeist Das heißt Informationen, die aktuell sind, den Zeitgeist bzw. aktuelle Hypes bzw. Trends widerspiegeln und die eigene Lebenswirk‐ lichkeit betreffen, wird tendenziell mehr Aufmerksamkeit geschenkt, weshalb sie oft auch besser erinnert werden (Herrmann, 2016, 36). Ein nicht unbeträchtlicher Teil an wahrgenommenen Informationen geht also bereits während des Wahrnehmungsprozesses verloren oder über‐ 292 4 Nach der Reise <?page no="293"?> schreitet nicht die Wahrnehmungsschwelle, ein anderer geht während der Informationsverarbeitung und -speicherung verloren, ohne dass die Infor‐ mationen anwendungsbereit gespeichert wurden, andere erinnert man nicht mehr aktiv, diese können aber durch bestimmte Trigger (z. B. Gerüche, Musik etc.) erinnert werden. Die Zeitwahrnehmung korreliert demnach deutlich mit Erlebnisdichte und Erlebnisintensität, in dem Sinne, dass Zeit mit hoher Erlebnisdichte und positiven Erlebnissen schnell zu vergehen scheint, wohingegen Zeit mit geringer Erlebnisdichte, oder negativ empfundenen Ereignissen zu schleichen scheint, also subjektiv langsamer vergeht. An dieser Stelle muss auf das sogenannte zeitliche Paradox eingegangen werden, dass sich dieses Phänomen in der Retrospektive genau umkehrt. Zeit mit mittlerer bis hoher Ereignisdichte und hoher Emotionalität wird im Nachhinein als länger empfunden und die in der Gegenwart als verlangsamt empfundene Zeit schrumpft in der Erinnerung (Helfrich, 1996; Lischka, 1997). Ebenso verhält es sich bei hoher Informationsdichte. Wenn viele Informationen verarbeitet werden, erscheint ein Zeitintervall im Rückblick als lang erscheint, während eine geringere Informationsdichte die Zeit rückblickend schrumpfen lässt. „Befinden wir uns in einer Situation, in der viel Information verarbeitet wird, scheint die Zeit jedoch wie im Fluge vorüberzugehen, d. h. wir spüren überhaupt nicht, dass die Zeit vergeht. Dieses ist das angesprochene Paradox, dass, obwohl die Zeit zu fliegen scheint, sie rückblickend als lang erlebt wird.“ (Ernst Pöppel, zitiert nach Lischka, 1997, 224) Die Erklärung dafür scheint darin zu bestehen, dass anforderungsreiche Aufgaben bzw. hohe Erlebnisdichte mehr und reichere Spuren im Gedächtnis hinterlassen, wohingegen Perioden, in denen nichts oder wenig passiert, kaum Spuren hinterlassen (Friedman, 1990; Helfrich, 1996). Auf der anderen Seite gibt es augenscheinlich ein physiologisches Höchst‐ maß an verarbeitbaren Informationen und Ereignissen. Ist die Grenze überschritten, kommt es zu einem umgekehrten (und selten referierten) Kippeffekt. Dabei hängt dies wiederum nicht nur von der Dichte, sondern auch der Geschwindigkeit der Informationsaufnahme ab. Werden zu viele Informationen in zu kurzer Zeit aufgenommen oder erfolgen die Ereignisse in extrem hoher Dichte - bedingt beispielsweise durch hohes Tempo - nimmt die Gedächtnisleistung ab. Wie Milan Kunderas es in seinem Roman Die Langsamkeit ausdrückt: 4.1 Erinnerung - Zusammenhang von Erlebnisintensität, Zeitwahrnehmung und Gedächtnis 293 <?page no="294"?> „Es besteht eine geheime Verbindung zwischen der Langsamkeit und dem Gedächtnis, zwischen der Geschwindigkeit und dem Vergessen. … In der exis‐ tentiellen Mathematik bekommt diese Erfahrung die Form zweier elementarer Gleichungen: der Grad der Langsamkeit verhält sich direkt proportional zur Intensität der Erinnerung; der Grad der Geschwindigkeit verhält sich direkt proportional zur Intensität des Vergessens.“ (Kundera, 1998, 40) Das wird insbesondere beim Reisen deutlich. Ein moderates Tempo, be‐ sondere Erlebnisse, Neues bzw. Ungewohntes, am besten noch emotional verankert, führt zu tiefen Erinnerungen. Da das alles beim Reisen zusam‐ menkommt, hinterlassen Reisen (natürlich immer abhängig von der Art der Reise) ähnlich wie besondere Lebensereignisse besonders viele, bleibende Erinnerungen. 4.2 Anker der Erinnerung: Reisefotografie Sich ein Abbild vom Reisen für die Erinnerung zu machen, hat es zu allen Zeiten gegeben. Bilder zu machen, dient auch der Reiseerinnerung, um die Bilder nach der Reise in Ruhe betrachten zu können, ein Prozess, der allerdings seltener als früher stattfindet, was oft schon an den puren Mengen der Bilder liegt. Häufig verändert auch das Ansehen der kuratierten Fotos (wie im → Kap. 3.4 bereits beschrieben vor allem der schönen, gelungenen, spekta‐ kulären Ansichten) die Erinnerung. Durch das wiederholte Ansehen der gleichen Fotos entsteht eine mentale Identifikation. Visuelle Replikation führt dazu, dass im Kopf entstehende Bilder beim Erinnern zunehmend mit den aufgenommenen Fotos identisch oder von diesen überlagert werden. Das erleichtert zwar das lebendige, aber nicht unbedingt das realistische Erinnern. Die verstärkte und zumindest quantitativ zunehmende Reisefotografie verstärkt wiederum die Über-Fokussierung auf das Visuelle, die schon in der Wahrnehmung im Alltag vorhanden ist. Früher hat man auch Journale und Reisetagebücher geführt, später dann Blogs, begleitend zu den Fotos. Heute werden überwiegend Fotos gemacht, ohne viel dazu zu schreiben, auch beim Teilen über soziale Netzwerke überwiegt das Bild vor dem Text. Alles wird auf ein Bild und die Zeile, die z.-B. in den Status passt reduziert. Dadurch bekommen Fotos als Mittel zur Erinnerung heute auch einen anderen Stellenwert. Früher wurde seltener und ausgewählter fotografiert 294 4 Nach der Reise <?page no="295"?> und man konnte die Fotos bei den analogen Kameras auch vorher nicht sehen, hatte also, wenn alles geklappt hat, beim Entwickeln oder Abholen der Fotos einen Wiedererkennungseffekt und wusste auch dann erst welche Bilder gelungen waren oder nicht. Dann wurden diese in der Regel durch‐ gesehen, aussortiert und ausgewählt, in gewisser Weise kuratiert, bevor man sie seinen Freunden und Verwandten gezeigt hat, entweder direkt oder bei einem Dia-Abend immer jedoch verbunden mit Erzählungen von der Reise. Das passiert sicher heute in Teilen auch noch, wenn ein digitaler Foto-Abend gemacht wird oder Fotobücher gestaltet werden, viel häufiger ist aber das direkte und unmittelbare Teilen und die Reaktion beschränkt sich meist auf Likes und Smileys und nach der Rückkehr erfolgt auch seltener ein ausgebreitetes Nachfragen und Erzählen. Im Regelfall interessiert es hinterher keinen mehr, einschließlich der Reisenden selbst. Die Fotos hat man ja schon gesehen. Das führt dazu, dass man sich mit oberflächlichen Eindrücken begnügt und die differenzierte Wahrnehmung leidet. Das ver‐ kürzt damit nicht nur die Wahrnehmung auf Reisen, sondern oft auch hinterher. Dabei verliert die Reise an Komplexität, die Erzählung, die die Bilder begleitet, spielt nicht mehr so eine große Rolle, ein Teil der Vielschichtigkeit der Reiseorte verloren geht. Tourismus lebt leider oft von Klischees und diese werden mit dieser Art der Reisefotografie verstärkt, das volle Bild gibt es nur noch selten. Auch weil die Wahrnehmung oft auf das spektakulärere Foto und nicht auf das Erkennen und Erfassen von Landschaften und Orten in ihrer Struktur, Ganzheit und Vielschichtigkeit gerichtet ist. Aber es ist sicher ein probates Mittel, sich zu erinnern. Unser Gedächtnis ist unzuverlässig: Was bleibt und was verschwindet ist nicht vorherseh‐ bar, da sind Fotos als visuelles Tagebuch sinnvoll, ganz unabhängig vom künstlerischen Anspruch. Aber Erinnerungen sind komplexer als Bilder (und werden vor allem von unserem archaischsten Sinn, dem Geruchssinn getriggert, aber auch von Musik, Sprache o.ä.). Und die meisten Menschen archivieren nicht, sondern lagern eher ab. Alain de Botton plädiert dafür, die Landschaft und das Schöne langsam und detailliert aufzunehmen und bezieht sich dabei auf John Ruskin, der dafür die Zeichnung als ideal ansah: „und zwar deshalb, weil es uns sehen lehrt, die Wahrnehmung schult, wo wir sonst nur flüchtig hinschauen.“ (de Botton, 2002, 238) Anfangs auch vom Fotoapparat begeistert, schwand seine Begeisterung schnell. „Anstatt sie (die Kamera, d. Aut.) nämlich als Ergänzung zu einem aktiven, bewussten Sehen zu nutzen, benutzten sie sie an dessen Stelle und gingen nun noch achtloser 4.2 Anker der Erinnerung: Reisefotografie 295 <?page no="296"?> durch die Welt als vorher, im Glauben, die Fotografie garantiere automatisch deren Aneignung.“ (de Botton, 2002, 242) Das ginge natürlich auch mit Fotografie. Aber nur noch wenige suchen den besonderen Moment, den Augenblick, der Zeit und Hingabe erfordert, den Cartier-Bresson-Augen‐ blick: die Poesie der Straße. Oft wird eher das Vorgestanzte fotografiert, das mannigfach fotografierte, bereits gesehene, das Spektakuläre, ikonische. Die Momentaufnahme, das Detail, die wirkliche Entdeckung bleibt dabei meist eher auf der Strecke oder im übertragenen Sinne unterbelichtet. 4.3 Die Rückkehr Was man sich von einer Reise mitnimmt, hängt von der Reise ab, dem bewussten Auseinandersetzen und bewussten Wahrnehmen der Orte, Land‐ schaften und Lebensweisen und des in Resonanz Gehens mit der Welt und des Nachklingen- und Nachwirkenlassens. Wer zu schnell und ohne gute zeitliche Transitphase wieder in den Alltag übergeht, löscht vieles und lässt der Seele, oder genauer Geist und Psyche wenig Möglichkeit das zu verarbeiten und mehr als nur visuelle Anker zu werfen. Entscheidend ist, wie man mit den Erlebnissen umgeht, wie tief man dem Erleben erlaubt zu gehen. Nicht jede Einsicht, braucht die Ferne, aber jedes Erleben Zeit für die Verarbeitung. Alain de Botton (2002, 272) zitiert Fredrich Nietzsche: „Sieht man zu, wie einzelne mit ihren Erlebnissen - ihren unbedeutenden alltäglichen Erlebnissen - umzugehen wissen, sodass diese zu einem Ackerland werden, das dreimal des Jahres Frucht trägt; während andere - und wie viele! - durch den Wogenschlag der aufregendsten Schicksale, der mannigfaltigen Zeit- und Volksströmungen hindurchgetrieben werden und doch immer leicht, immer obenauf wie Kork, bleiben: so ist man versucht, die Menschheit in eine Minorität (Minimalität) solcher einzuteilen, welche aus wenigem viel zu machen verstehen, und in eine Majorität derer, welche aus vielem wenig zu machen verstehen.“ Nach der Reise ist vor der Reise: Reisen als Perpetuum mobile? Reisen hat immer mit Sehnsucht zu tun. Und oft entsteht schon kurz nach einer Reise, die Sehnsucht nach der nächsten Reise, was in der Natur der Sehnsucht an sich liegt und deren prinzipieller Unerfüllbarkeit. „Sehnsüchte sind weit mehr als bloße Wünsche, denn sie sind geprägt von Unerfüllbar‐ 296 4 Nach der Reise <?page no="297"?> keit. Oder wie es Liessmann im Rahmen der Diskussionsrunde auf den Punkt brachte: ‚Sehnsucht ist die Permanenz des Möglichen‘ und kann nicht zuletzt deswegen - ganz wie es der Wortstamm suggeriert- entsprechendes Suchtpotenzial entfalten.“ (Pechlaner & Volgger, 2021, 71) Pechlaner und Volgger schlussfolgern in ihrem Buch „Die Gesellschaft auf Reisen“, dass moderne Gesellschaften Sehnsüchte geradezu als Antriebskraft benötigen und sie entsprechend auch fördern. „Damit tut sich ein grundle‐ gendes Spannungsfeld zwischen der definitorischen Unerfüllbarkeit von Sehnsüchten und dem Erfolgspostulat moderner Gesellschaften auf. Das Geschwisterphänomen zur Sehnsucht ist jenes des Glücks.“ Liessmann sieht das Glück als Lückenfüller für andere verloren gegangene Werte, was auch die ritualisierte und quasireligiöse Reiseneigung mit erklären kann: „Das Glück ist in einer säkularen Gesellschaft das, was übrigbleibt, wenn alle anderen Sinnstiftungsmodelle außer Kraft gesetzt worden sind.“ (Liessmann, 2011, 4) Macht Reisen glücklich? „In den Wirtschaftswissenschaften und in der Psychologie wird Glück oft technisch als (Kunden-) Zufriedenheit operationalisiert. Ein gängiges Zufriedenheitsmodell, das sogenannte Kano-Modell, behauptet, dass mit zunehmender Gewöhnung an einen Zustand die Erwartungen sukzessive ansteigen und damit zur Erreichung von Zufriedenheit neue Motive nötig werden. … So werden ehemalige Begeisterungsfaktoren und „Glücksbrin‐ ger“ bald schon als Basisfaktoren vorausgesetzt, welche lediglich Unglücks‐ empfinden verhindern, aber kein wirkliches Glücksempfinden mehr auslö‐ sen können. Der Sehnsucht ist es zu verdanken, dass aber schon längst neue Motivkonstellationen an ihre Stelle getreten sind und die unendliche Spirale des Glücks von Neuem befeuern. Es gibt in modernen Gesellschaften aber auch Instrumente, die helfen, Sehnsüchte zu artikulieren und mit den daraus entstehenden Spannungsfeldern umzugehen. Dazu gehören Religion, Kunst und Literatur aber auch Medizin und nicht zuletzt der Tourismus als Spezialform des Reisens. Tourismus ist ein Phänomen der Moderne, das genau diese Gegensätze von Sehnsucht und Glück enthält, sie auflöst, um sie dann sogleich wieder aufzubauen. Das Reisen an sich ist älter als die Moderne, aber in etwas abgeschwächter Form mögen die für den Tourismus getätigten Aussagen wohl auch für das Reisen allgemein gelten.“ (Pechlaner & Volgger, 2021, 72-f.) 4.3 Die Rückkehr 297 <?page no="298"?> Pechlaner und Volgger betrachten es tourismuskritisch und meinen, dass Reisen demzufolge nicht glücklich machen könne, wobei sie das vor allem auf den Tourismus beziehen. Sieht man sich die hier beschriebenen Wirkungen auf die Psyche an, kann man davon ausgehen, dass es das durchaus kann und partiell auch macht und dass das neben den anderen Motiven auch wichtige Faktoren sind, die die reine Sehnsucht flankieren. Dazu kommen die positiven Wirkungen auf das Denken und die Kreativität, die auch mehr als bloße Sehnsucht sind. Richtig ist aber, dass das natürlich von der Form der Reise und des Unterwegsseins abhängt und auch von der Art des wieder Ankommens. Sinnvoller ist es nach der Reise wieder wirklich anzukommen, im Idealfall bei sich und in einem besseren Leben zumindest einem der eigenen Identität entsprechenderen. Das heißt Kraft, Energie, Kreativität und Weitsicht für das Ankommen zu nutzen. Sieht man sich in unserem Nachbarland Frank‐ reich um, gibt es dafür auch das passende Ritual samt passendem Begriff. La Rentrée Der Neubeginn am Ende des Sommers. Für die Franzosen ist die „Rentrée“ eine wichtige Zäsur im Jahresablauf, es geht nicht nur um die Rückkehr in die Schule, an den Arbeitsplatz nach den Sommerferien, sondern um einen kompletten Neubeginn zurück im idealerweise, besseren Alltagsleben. Es ist die kleine Transformation, die Chance zur Veränderung. In Frankreich sieht man den September wie den Start in ein neues Jahr. Franzosen lieben ihre vacay. Die meisten haben eine klare Gewohnheit, und zwar den ganzen August Urlaub zu machen und dafür zwischendurch weniger zu verreisen. Die meisten bleiben in Frankreich, aber fahren aufs Land oder ans Meer. Die Tradition hat sich stark entwickelt, so sind die meisten Städte im August relativ leer und auch viele Läden und Cafés geschlossen. Dafür kehren alle nahezu zeitgleich zurück und in der ersten Septemberwoche ist überall eine andere Energie. Alle lächeln mehr, sind froh ihre Freunde wiederzusehen, es ist sehr viel mehr Freude und Tatendrang allerorten und viele setzen gerade dann neue Vorhaben, lang gehegte Pläne um. Rentrée gibt eine gute Möglichkeit das Alltagsleben zu reevaluieren und notfalls zum Besseren zu verändern. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Vergleich mit Silvester, dem Jahresende und dem Beginn des neuen Jahres - ein Neuaufbruch in unseren Breiten scheint mit Sonne und ausreichend Erholung im Rücken doch leichter als mitten im düsteren Winter und 298 4 Nach der Reise <?page no="299"?> Vorhaben leichter umzusetzen. Vielleicht ist etwas dran vom September als dem „besserem Silvester“, weil der Schwung und der Abstand des Urlaubs Justierungen und Verbesserungen oder Transformationen erleichtert. Offen‐ sichtlich benötigen wir alle diese Zäsuren, um uns wieder einzunorden und das Alltagsleben zu verbessern. In Frankreich wird es bewusst genutzt und deshalb hat sich zur Tradition auch ein spezieller Begriff entwickelt. Dafür bieten die Zäsuren durch kleine oder größere Reisen optimale Bedingungen. 4.3 Die Rückkehr 299 <?page no="301"?> Nachwort: Brauchen wir Reisen? Reisen ist in unseren Zeiten eine zweischneidige Angelegenheit. Einerseits ist der Flugverkehr für 5 % der globalen Erderwärmung verantwortlich, was zum einen auf den CO 2 -Emissionen beruht, zum anderen auf Stickoxiden und Wasserdampf in hohen Luftschichten, deren Klimawirkung noch deut‐ lich höher ist als die von CO 2 . Zudem betrifft diese Art des Reisens nur einen Bruchteil der Weltbevölkerung und zwar im Wesentlichen die der westlichen Industriestaaten. Bei all dem darf nicht vergessen werden, dass 80-90 % der Weltbevölkerung noch nie ein Flugzeug von innen gesehen haben. Nun muss man zum Reisen nicht zwangsläufig fliegen, vieles ist auch auf anderen Wegen gut erreichbar. Aber auch Kreuzfahrtschiffe sind in den meisten Fällen alles andere als nachhaltig. Einige der größten Kreuzfahrtunternehmen wie Bspw. Carnival, Royal Carribean und Norwegian zahlen wenig, um die öffentlichen Güter zu erhalten, von denen sie leben. Oft sind Kreuzfahrtunternehmen auch in Steueroasen in Übersee angesiedelt mit kaum existenten bis unakzeptablen Umweltgesetzen und Arbeitsschutzrichtlinien (z. B. in Panama, Liberia oder Bermuda) und übernehmen in vielen Fällen wenig Verantwortung für die Umwelt und ihre Mitarbeiter. Tourismus hat vielfältige Effekte auf das Milieu und die soziale Nachhaltigkeit, die hier nur ansatzweise angerissen werden können. Was unser Planet nicht braucht, sind spezielle Formen des Massentouris‐ mus, bei denen irgendwo hingeflogen wird, um nur bei Sonne am Pool zu liegen und wenig von Land, Leuten und Lebensweise mitzubekommen. Ob es der Einzelne braucht, sei hier dahingestellt. Oft sieht man schon an der Werbung einzelner Anbieter, dass es in erster Linie um Sonne und Meer geht, wo sich das jeweils befindet ist dabei oft zweitrangig oder in der Werbung mitunter schlicht nicht ersichtlich. Vieles, was hier im Buch an positiven Effekten des Reisens beschrieben wird, basiert auf dem Wahrnehmen des Neuen, Unbekannten, Unvertrauten. Das erfordert ein sich Aussetzen, ein Entdecken mit offenen Augen und Ohren, konkreter allen Sinnen. Ein sich einlassen, was immer eine gewisse Offenheit erfordert und nicht nur in der persönlichen Komfortzone und definitiv nicht nur in derselben Form in austauschbaren Kulissen stattfinden kann. <?page no="302"?> Was unsere Welt ebenso wenig braucht, ist Overtourism: eine Überflu‐ tung bereits überfüllter Gebiete und Städte, die zu einer Überlastung der örtlichen Infrastruktur und Ökosysteme und einer Verteuerung der Mieten und Preise führt und Einwohner aus ihren angestammten Wohngebieten an die Ränder oder ganz aus den betroffenen Städten und Regionen treibt, wie das z. B. in einigen Gegenden von Venedig, Barcelona, Mallorca oder Porto bereits der Fall ist. Diese leiden unter dauerhaft überfüllten Straßen, lauten Menschenmassen, Verkehrsstaus, gestiegenen Preisen und überforderten öffentlichen Diensten (z. B. Abfall und Nahverkehr), was die Lebensqualität vor Ort auf Dauer massiv senkt. Die Einwohnerzahl von Venedig sank beispielsweise massiv (zwischen 1950 bis 2019 ging sie von 180.000 auf 50.000 zurück, während gleichzeitig die Zahl der jährlichen Besucher von 1 Million auf 30 Millionen stieg). Nachhaltigkeit ist immer auf allen drei Ebenen angesiedelt: der ökono‐ mischen, ökologischen und sozialen. Dass das in einer guten Balance bleibt, dafür sind gleichermaßen politische Maßnahmen erforderlich, wie Augenmaß und dafür ist ebenfalls verantwortliches Handeln nötig - von touristischen Anbietern wie von jedem Einzelnen bei der eigenen Wahl von Reisezielen und Reissestilen Auf politischer Ebene werden in einigen Gebie‐ ten bereits Maßnahmen ergriffen, wie z. B. die Regulierung der Zulassung von AirBnb Unterkünften in bestimmten Städten oder Beschränkungen in den Kreuzfahrtschiffen pro Tag (z.-B. in Venedig). Manchmal erfolgen diese jedoch zu spät oder unzureichend, weil man sich die Steuereinnahmen nicht entgehen lassen will oder es trotz offensichtli‐ cher Probleme eine starke Tourismuslobby gibt. Oft reagieren zuerst die Einwohner und zeigen zu Recht zunehmenden Unmut, gründen Initiativen und gehen auf die Straße. Ein aktuelles Beispiel sind die Massenproteste in Spanien im Juni 2025, besonders in Barcelona und auf Mallorca. Die relativ gesehen größten Proteste gab es auf Mallorca, wo die ökologische und soziale Nachhaltigkeit gleichermaßen gefährdet sind. Gerade die Balearen verzeichneten in den letzten Jahren Besucherrekorde, was der Wirtschaft hilft (ca. 40 % des Einkommens auf Mallorca werden durch den Tourismus generiert), bei den Bewohnern aber zunehmend für Unmut sorgt. Die Zahl der Touristen auf den Baleraren stieg in den letzten Jahren jährlich an (wobei jedes Jahr ca. 1 Millionen Touristen hinzukommen) und auf im Jahr 2025 ca 20 Millionen Touristen erwartet werden. In Mallorca gingen im Juni 2025 ca. 8.000 Einwohner auf die Straße, darunter Familien und Rentner und protestierten mit Slogans wie „Wer Mallorca liebt, zerstört es 302 Nachwort: Brauchen wir Reisen? <?page no="303"?> nicht“. Das ist in mehrfacher Hinsicht nachvollziehbar. Mallorca leidet seit Jahren unter massive Wasserknappheit. Während den Einwohnern wegen akutem Wassermangel das Duschen an bestimmten Tagen und Bewässern der Gärten untersagt wird, bewässern Hotels nebenan ihren großflächigen Golfrasen. Die Proteste wurden organsiert von der Dachinitiative „Menys turisme, més vida“ (Weniger Tourismus, mehr Leben). Diese fordert - unterstützt vom Bürgermeister von Palma - entschiedene Maßnahmen gegen den Massentourismus, u. a. eine Begrenzung der Besucherzahlen, Ferienwohnungen und Kreuzfahrtschiffe. Ähnliche Proteste gab es bereits vor einem Jahr auf Mallorca und Teneriffa, die leider aber wenig erreichten, weshalb sie nun mit größerer Vehemenz eine Neuauflage erleben. Mitunter sind es auch zuerst die Künstler die Maßnahmen einfordern, in Form von Regeln und Begrenzungen, wie z. B. César Manrique auf Lanzarote, der vor allem für seine Bilder, architektonischen Projekte bekannt wurde, aber auch für seinen entscheidenden Einfluss auf die nachhaltige Entwicklung der Insel. Er trat mit Erfolg für den Erhalt seiner geliebten Insel ein: durch Maßnahmen, wie die Regulierung des Tourismus, den Schutz bestimmter, sensibler Gebiete und ortsangepasste Bauweisen z. B. durch die Limitierung der zulässigen Höhe und Stockwerke von Hotels. Das sind wegweisende Beispiele wie langfristig sinnvoll und nachhaltig mit dem Tourismus umgegangen werden kann ohne ihn per se zu verteufeln. Andererseits haben Reisen und Tourismus auch bestimmte urbane und natürlich Regionen gerettet und geschützt: verfallene Altstädte und unbe‐ lebte Gebiete wurden saniert (z. B. in Porto wurde auch dank der Einnahmen aus dem Tourismus die verfallene Altstadt gerettet und partiell saniert und die vorher als gefährdet und gefährlich geltende Innenstadtgebiete dadurch wieder belebt, wozu auch der Status des Weltkulturerbes beigetragen hat). Auch einige Nationalparks, insbesondere in Afrika wurden aufgrund des Tourismus unter Schutz gestellt und deren Betreibung, bspw. die Bezahlung Ranger, die den Schutz der Flora und Fauna überwachen, werden unter an‐ derem über Steuereinnahmen aus dem Tourismus finanziert. Ein wichtiges Beispiel dafür ist Kenia. 160 der privaten Reservate werden vor allem für den Tourismus erhalten, da 3/ 4 aller Keniatouristen Interesse an Wildtieren haben. Diese verschiedenen Reservate stellen Lebensräume für ansonsten vom Aussterben bedrohte Tierarten dar und Korridore für wandernde Tierarten, die ohne den Tourismus relativ schnell wieder zu Jagdgebieten würden, um das Leben der lokalen Bevölkerung zu sichern, wie die Pandemie deutlich gezeigt hat. Damit tragen sie nach Matthew Brown, dem Direktor Nachwort: Brauchen wir Reisen? 303 <?page no="304"?> von Nature Conservancy Africa, direkt und unmittelbar zur Erhaltung der Biodiversität bei. Reisen und Tourismus schafft auch Arbeitsplätze in Gebieten, in denen sie ansonsten rar sind. Jeder zehnte Job weltweit ist in der Tourismusbranche angesiedelt. Wie drastisch der Wegfall von Arbeitsplätzen und Anstellungen im Tourismus und tourismusrelevanten und -angrenzenden Bereichen ist, haben die Jahre der Corona-Pandemie gezeigt, wo Reisen aufgrund der Reise- und Kontaktverbote nicht mehr möglich war. In quasi einem Live-Ex‐ periment konnte man die Folgen auf der ganzen Welt sehen.- Während einige völlig überlastete Gebiete aufatmeten, die Natur sich re‐ generierte und die Einwohner auch im Sommer mal wieder ihre Innenstädte besuchen konnten, war die Lage in anderen Gebieten für viele Menschen äußerst existenzbedrohend, vor allem da, wo es keine Absicherung durch die Regierungen gab. Ganze Regionen und Familien verloren schlagartig ihre Haupteinnahmequelle - was in verschiedenen afrikanischen Ländern der Fall war - mit drastischen Folgen für den Einzelnen und die Regionen, was auch wiederum nicht nachhaltig war, da es in dieser Zeit massive Einbrüche in der ökonomischen, sozialen und ökologischen Nachhaltigkeit gab. In einigen Nationalparks Afrikas (wie z. B. in Kenia) wurden wieder Wildtiere gejagt und dabei auch Ranger getötet, weil viele Menschen schlicht nicht wussten, wovon sie leben sollten. In einigen Ländern beruht ein wesentlicher Teil der Wirtschaft auf dem Tourismus, was in Krisen - wie der Corona-Krise - kritisch ist. Besonders kritisch war die Corona-Pandemie für diejenigen Ländern in den ein großer Teil des Bruttoinlandsproduktes auf dem Tourismus beruht. Dazu gehören u. a. die Malediven (1/ 3 des BIP) und Jamaica, wo sogar die Hälfte des BIP auf Tourismus beruht. Dazu gehört aber auch Georgien, wo sich die Tourismuszahlen innerhalb der letzten Jahre vervierfacht haben. Ich plädiere hier für bewusstes Reisen und Wahrnehmen der bereisten Gebiete und Gegenden mit ihren schönen, wie problematischen Seiten und dabei insbesondere dafür, letztere möglichst nicht noch zu verstärken, so zum Beispiel wenig in Gebiete zu reisen, die unter overtourism leiden und wenn, dann nach Möglichkeit außerhalb der Saison. Wofür ich hier auch plädiere, ist echtes Reisen mit Augenmaß in jeder Hinsicht: Eine Limitierung von Flugreisen auf ein ökologisch vertretbares Maß, um dann nach Möglichkeit länger vor Ort zu bleiben und die besuchten Länder und Kulturen wirklich kennenzulernen und ebenfalls genug Zeit, es hinterher zu verarbeiten. Dafür zwischen den weiten Reisen den Radius zu verringern. - 304 Nachwort: Brauchen wir Reisen? <?page no="305"?> Auch, weil ein zu viel in zu kurzer Zeit genau so wenig Erinnerungsspuren hinterlässt, wie ein zu wenig, zu schnell oder zu wenig innerlich beteiligtes Unterwegssein. Einige der hier beschriebenen positiven Effekte von Wald, Meer, Städten etc. lassen sich - je nach Wohnort - auch ganz ohne Reisen erfahren und es lässt sich auch in nächster Nähe häufig noch vieles Neue entdecken.- Natürlich kann man sich auch vor Ort die geistige Freiheit und den Freiraum bewahren und den Kontext wechseln, neue Inspirationen und Spielräume finden: In anderen Vierteln, Wohnungen, an Flüssen, in Cafés, in Ausstellungen, im Internet, in Ateliers. Entscheidend ist die Offenheit, die Neugier, der offene Blick. Das sich treiben und bewegen lassen. Generell ist es sinnvoll nicht den ganzen Bedarf an Erholung, wie an Lebensgenuss, Stimulation und Neuem auf die Urlaubsreisen zu verlagern, sondern diesem auch im Alltag Raum zu verschaffen.- Nicht alle Kulturen Europas reisen genauso viel und weit, wie die Deut‐ schen, die über viele Jahre Reiseweltmeister waren, ansonsten aber eher wenig zu Lebensgenuss und stark zu sehr einem hohen Arbeitspensum und Perfektionismus tendieren. Gerade die Einwohner der südlicheren Länder Europas reisen weniger oft und weit, dafür aber länger (meist den gesamten August) gern auch im eigenen Land (z. B. die Franzosen, Spanier, Portugiesen und Italiener). Das hat etwas mit finanziellen Möglichkeiten und Reisesozialisation zu tun, aber es sind nicht zufällig auch die Länder und Kulturen, die mehr oder weniger ausgeprägt auch zu mehr Lebensgenuss und Leben im Hier und Jetzt neigen. Vielleicht haben diese Reisen in den extremen Varianten als Ausgleich zum Alltag weniger nötig und reisen deshalb anders und oft länger, was auch mit den klimatischen Bedingungen zu tun hat.- Dabei sollte man sich immer auch bewusst sein, dass Reisen heute - wie zu allen Zeiten - Luxus ist und war und dieser nicht allen Menschen vergönnt ist. Reisen ist nicht per se nötig und es lässt sich zweifellos ein gutes Leben ohne Reisen führen. Trotz allem ist Reisen wunderbar und hat - unter bestimmten Voraussetzungen - vielfältige positive und vitalisierende, bis‐ weilen selbst transformierende Effekte. Einschränkungen der Reisefreiheit werden von vielen als ausgesprochen gravierende Eingriffe in die persönli‐ che Freiheit empfunden, die immer auch erheblichen sozialen Sprengstoff in sich bergen. Dabei geht es nicht nur um die reale Bewegungsfreiheit, son‐ Nachwort: Brauchen wir Reisen? 305 <?page no="306"?> dern auch um die potenziellen Möglichkeiten an Kontakten, Möglichkeiten und Horizonterweiterungen. Holidays kommt aus dem Altenglischen und meinte nichts anderes als holy days, es bezog sich auf besondere Tage, auf heilige Tage, Feiertage. Ich plädiere dafür dem Reisen die ursprüngliche Bedeutung wieder zu geben, als etwas Besonderes. Gute Reisen sind im Grunde alle Pilgerreisen, das heißt Reisen auf denen man Orte aufsucht, die für einen selbst Bedeutung haben oder gewinnen können, das kann religiös sein, muss es aber nicht, das kann Musik sein, Literatur, bestimmte Farben, Gebäude, Menschen, Lebensweisen, Architekturen, Kulturen und Subkulturen, es kann das Grab von Sartre & Beauvoir auf dem Friedhof Montmarte in Paris oder das Meer mit seiner Weite und der damit verbundene Muße sein oder ein Berggipfel mit phantastischer Weitsicht. Wenn man Reisen nicht nur als Konsum, sondern als Offenheit, Verstehen betreibt, weitet sich die Perspektive und der Horizont im Raum, wie im eigenen Leben. Beides ist hin und wieder wichtig und sinnvoll. Und wir sollten insbesondere im Zeitalter von Digitalisierung und KI unsere Weltwahrnehmung nicht outsourcen und den digitalen Medien überlassen, sondern mit wachen Augen und Sinnen die Welt erleben und uns mit echten Menschen unterhalten im Idealfall in deren Muttersprachen. Eine bessere Kenntnis und ein besseres Verständnis anderer Kulturen, Menschen und Lebensweisen führt nicht nur zu persönlicher Bereicherung, sondern - im besten Falle - auch zu weniger Ressentiments.- 306 Nachwort: Brauchen wir Reisen? <?page no="307"?> Interviewquellen Die in der Arbeit enthaltenen Interviewausschnitte stammen aus Interviews, die im Rahmen meiner Forschung zum Thema Reisen und Psychologie des Reisens und Kreativität und Kontext erhoben wurden und mittels Methoden der Qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet wur‐ den. Nachfolgend die genauen Erhebungszeiträume und Zuordnungen der Interviews: Interviewkomplexe R: Interviews aus den Jahren 1994-1999 A: Interviews aus dem Jahr 2015 C: Interviews aus dem Jahr 2025 Die Interviews im Kapitel Kreativität und Kontext wurden im Rahmen meiner Forschungsarbeit zu diesem Thema von 2021-2025 erhoben. <?page no="309"?> Literaturverzeichnis Aberle, D.F., Cohen, A.K., Davis, A., Levy, M. & Sutton, F.X. (1950). 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Sensation Seeking: Beyond the Optimal Level of Arousal. Erlbaum. Literaturverzeichnis 353 <?page no="354"?> Register Abenteuer-279 Abenteuersport-192 Abenteuersuche-191 Abenteuertourismus-211, 286 Abstand-20, 131, 145 ADHS-174 Akklimatisierung-182f. Akkulturativer Stress-123 Alpentourismus-178 Alpine Klimatherapie-185 Alpines Bergsteigen-189 Alpinismus-178 Alter-59 Ängste-119ff. Antidepressive Wirkung-113 Appetenz-19 Apps-73, 267, 272, 279-282 Architektonische Landmarken-220 Arousal-40, 131, 218 Atmosphäre-165 Attention Restoration Theory-162 Aufbruch-246 Authentizität-286 Aviophobie-119 Backpacking-278 Bahnreisen-76, 79 Bahnreisen, Flow-81 Beat Generation-68 Bedürfnispyramide-29 Befreiung-26, 156 Belastung-134 Berge-174ff. Bergsport-179, 181, 190 Bewegen-64 Bewegung-23, 61f., 65f., 135, 146, 159, 163 Bewegung, aktive-62 Bewegung, passive-67 Beziehung-47 Beziehungsprobleme-48 Big Five-33f., 37f. Bildungsstand-59 biologisch-vegetative Komponenten-23 Blind ooking-52 Blues Brothers (Film)-69 Blue Spaces-202, 204, 206 Blutdruck-108, 182 Broaden-and-Build Theory-140 Burnout-112, 130, 138f., 186, 238f. Camping-73 Caravaning-68 Carrying Capacity-223 Chronischer Stress-110 Cloud-Zeitalter-267 CO 2 -Emissionen-301 Cook, Thomas-78 Coping-124f. Cousineau, Phil-25, 166 Daily Hassles-145 Demokratisierung der Mobilität-13 Denken-65 Depression-113, 181 Destinationsmarketing-277 Detachment-137 Digitale Nomaden-81f. <?page no="355"?> Digitaler Raum-82 Distanz-64, 145 Dopamin-19, 114, 142f. Draußensein-284 Dual-Concern-Theorie-48 Easy Rider (Film)-69 Effekte-108, 113 Ego-Identity-Status-Modell-232 Emotionale Ebene-218 Emotionale Gesundheit-162 Emotionen-18, 33, 35, 39, 84, 104, 117, 132, 135, 143, 166, 204f., 212, 292f. Erholung-129f., 132f., 137f. Erinnerung-102, 294 Erkrankungen-109 Erleben-291 Erregungsniveau-291 Erschöpfung-130 Expedition Happiness (Film)-70 Explorationsverhalten-46, 144 Extraversion-33, 35 Extrembergsteigen-192 Extremsport-190 Familienzyklus-59 Fantasie-24 Farben-32 Fernweh-53 Filme-24 Flow-83, 85, 190 Flucht-20f. Flugangst-119 Fotografieren-266 Frauen-32 Freiheit-19, 156 Gebirge-179 Gehen-64 Gehen (und Denken)-65 Geistige Stimulation-218 Generation X-277 Generation Z-270f., 277 Genius loci-149 Geographische Rahmenbedingungen-30 Geschwindigkeit-160 Gesellschaftliche Rahmenbedingungen-30 Gewissenhaftigkeit-34, 36 Glow-up-278 Glück-51 Herausforderung-25 Herkunftsraum-31 Herz-Kreislauf-System-182, 184 Hypoxie-183, 185 Ich bin dann mal weg (Film)-70 Identität-234f., 266 Illusionen-24 Image, Reiseziel-31 Immunsystem-110, 173 Inauthentizität-26 Influencer-271 Informationsspeicherung-292 Initiation-243 Inseln-208 Inspirationen-24, 59 Interrail-79 Interrailtouren-23 Intrinsische Motivation-19 Jerusalem-Syndrom-118 Jetlag-109 Register 355 <?page no="356"?> Klettern-189 Klischee-26 Kognition-66 Kognitive Prozesse-141 Kontextabhängige Aktivierung-229 Kontexte-272 Kontextvariable-273 Kontrast-Prinzip-137 Körper-107 Kreativität-141f., 149 Kultur-22 Kulturschock-123 Landschaft-163 Langeweile-21, 85 Lebenserwartung-108 Lebensort-59 Lebenstempo-101 Lebenszeit-99 Lebenszufriedenheit-115 Leere-21 Leisure Sickness-110 Loslösung-64 MacCannell, Dean-25 Männer-32 Medialisierung-24 Meer-201f., 204, 207 Metropolen-213 Mikroabenteuer-282f., 285 Millenials-270f. Mobilität-81 Monotonie-21, 136 Motivation-18, 25 Mount Everest-194, 198f. Must-see-Städte-222 Narita Scheidung-47 Natur-137, 146, 160f., 163 Neophil-29 Neophob-29 Neugier-29 Neurotizismus-33, 35 ntrinsische Motivation-28 Offenheit für Erfahrungen-33, 36 Ökotourismus-286 Orientierungssinn-91 Orte-159 Overtourism-223 Paare-47 Paddeltouren-23 Passion-166 Patchwork-Identität-266 Peak Experiences-87 Peak Moments-29 Perpetual Traveler-82 Persönlichkeit-26, 35, 38, 47, 50, 59, 134 Physiologische Reaktionen-107 Physische Effekte-107 Physisch-physikalische Motive-23 Pilgerreisen-25 Premack-Prinzip-136 Prestige-28 Primäreffekt-32 Psychische Krankheiten-115 Psychological Richness-116 Psychologie des Wanderns-187 Pull-Motive-19, 22, 28ff. Push-Motive-19f., 27, 29f. Radtouren-23 Rahmenbedingungen-30 Räumliche Trennung-137 Reduzierung-235 356 Register <?page no="357"?> Regeneration-59 Rehabilitierung der Sinne-87 Reisearten-59 Reisebiographie-28, 230 Reisedauer-139 Reiseentscheidung-18, 32, 270, 272 Reisefieber-52 Reisefotografie-266, 294 Reisegewohnheiten-59 Reisemotivation-18, 59 Reisemotive-19, 29 Reisepräferenzen-34 Reisesozialisation-59 Reiz-22f., 28 Reizvermeidung-23 Relativismus-262 Resilienz-247 Responsiveness-25 Rich Life-157 Risiken-109, 116 Risikofaktoren-111 Roadmovies-24, 69, 71 Roadtrips-67 Rückkehr-296 Seebäder-203 Seelenfrieden-206 Sehenswürdigkeiten-222 Sehnsucht-19 Selbstaktualisierung-27, 244, 250 Selbstentfaltung-286 Selbstergänzung-27 Selbsterkenntnis-27 Selbsterweiterung-254 Selbstverortung-54 Selbstvertrauen-257f. Selbstwirksamkeitserwartung-257 Self-Determination Theory-140 Selfie-276 Sensation Seeking-40f. Sensation Seeking Scale-40, 191 Sinne-87ff. Sinusmilieus-30 Situative Identität-229 Smartphonenutzung-132 Social Media-24, 74, 268, 270f., 279 Soziale Anerkennung-216 Soziale Zeit-101 Sozialkontakt-136 sozioökonomischer Status-59 Städte-213 Städtereisen-214f., 218, 224 Stadtgestaltung-220 Status-28, 216 Stendhal-Syndrom-116 Stress-90, 110, 121, 123, 126, 171, 181, 205 Stress-Coping-Modell-124 Stressreduzierende Wirkung-161 Suche nach Sinn-25 Suchtmerkmale-41 Suchtverhalten-41 Thelma und Louise (Film)-70 Theorien-26 Topographische Identität-28, 229 Transformation-240, 248 Transformative Reisen-235, 238f. Transitorte-150 Traumreisen-82 Trigger-293 Überdruss-21 Überforderung-21 Umherwandeln-65 Unterforderung-21 Register 357 <?page no="358"?> Urban Areas-220 Vanlife-68, 72, 74f. Verdauung-109 Verpflichtungen-134 Verstärkertheorie-136 Verträglichkeit-34, 36 Vielfältigkeitswert-164 Vorfreude-51 V-Wert-164 Wahrnehmung-148 Wahrnehmungsorgane-89 Wald-167 Waldarten-169 Waldbaden-169 Waldklima-168 Waldtherapie-170 Waldwanderungen-171 Walz-27 Wandern-179, 181, 188 Wandertouren-23 Weitwandern-187 Wertveränderungen-260 Wirtschaftsgeographische Rahmenbedingungen-31 Work&Travel-27, 259 Workation-81 Wüste-210 Zeit-93 Zeit, soziale-101 Zeit, subjektive-100 Zeitautonomie-94 Zeitempfinden-104 Zeit für sich-134 Zeithorizont-100 Zeitkonzepte-98 Zeitmuster-101 Zeitreise-105 Zeitrepräsentation-95f. Zeitverständnis-98 Zeitwahrnehmung-93, 95, 102 Zentrales Nervensystem-29 Zielraum-32 Zugreisen-77 Zugvögel … Einmal nach Inari (Film) 70 Zwangsstörungen-122 358 Register <?page no="359"?> Abbildungsverzeichnis Abb. 1: Anzahl der weltweiten internationalen Touristenankünfte | Quelle: eigene Darstellung auf Basis der Daten der UNWTO . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 Abb. 2: Internationale Ankünfte weltweit nach Herkunftsregion und -kontinent | Quelle: eigene Darstellung in Anlehnung an UNWTO sowie Megatrendstudie des Zukunfstinstitutes . . . . . . . . . . . 14 Abb. 3: Unterkunft Camping bei Reisen mit Wohnwagen und Caravans | Quelle: in Anlehnung an FUR, Reiseanalyse 24 face-to-face und Vorgängeruntersuchungen, Urlaubsreisen (5 Tage +) der deutschsprachigen Wohnbevölkerung ab 14 Jahre; Angaben in % . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 Abb. 4: Zulassung von Wohnmobilen in den DACH-Ländern | Quelle: in Anlehnung an Statista . . . . . . . . . . . . . . . . 75 Abb. 5: Akklimatisierung in den Bergen | Quelle: nach Mees, 2011, 18 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 184 Abb. 6: Massentourismus am Mount Everest | Quelle: © Boyloso (iStock) - Everest base camp trek . . . . . . . . . 197 Abb. 7: Übersicht über Bereiche von Identitätsmodifikation durch Reisen | Zschocke, 2005, 258 . . . . . . . . . . . . . . . 228 Abb. 8: Preikestolen Norwegen von vorn (Norwegen) | Foto: Simone Hilbert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 269 Abb. 9: Preikestolen nach hinten (Norwegen) | Foto: Simone Hilbert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 270 <?page no="360"?> ISBN 978-3-8252-6190-0 Martina Zschocke Reisepsychologie Sozial-, Wirtschafts- und Tourismuswissenschaften Reisepsychologie Zschocke Dies ist ein utb-Band aus dem UVK Verlag. utb ist eine Kooperation von Verlagen mit einem gemeinsamen Ziel: Lehr- und Lernmedien für das erfolgreiche Studium zu veröffentlichen. utb.de QR-Code für mehr Infos und Bewertungen zu diesem Titel Martina Zschocke geht in diesem Buch der Frage nach „Warum Menschen auf Reisen gehen“. Sie beschreibt, welche Motivation Menschen vor der Reise haben, was das Unterwegssein psychologisch auszeichnet und welchen Reiz das-Ankommen in der Fremde und bei sich selbst hat. Auch die Phase nach der Reise berücksichtigt sie. Auf die Einflüsse und Auswirkungen neuer Trends in-der Reisefotografie, bei Social Media und Reise- Recommendation-Apps geht sie zudem ein. Eine spannende Lektüre für die Tourismuswissenschaft, die Psychologie und die Soziologie in Studium und Praxis. mit zahlreichen Beispielen 6190-0_Zschoke_M_6190_PRINT.indd Alle Seiten 6190-0_Zschoke_M_6190_PRINT.indd Alle Seiten 02.03.26 11: 11 02.03.26 11: 11