Overtourism
0714
2025
978-3-8385-6260-5
978-3-8252-6260-0
UTB
Andreas Kagermeier
Eva Erdmenger
10.36198/9783838562605
Die Schattenseiten des Massentourismus
Venedig, Barcelona und Mallorca! Immer mehr Destinationen leiden unter Overtourism - der massiv auf Gesellschaft und Natur wirkt. Andreas Kagermeier und Eva Erdmenger gehen dem Phänomen auf den Grund. Sie beleuchten Auslöser und Treiber und zeigen die Tragfähigkeit einer Destination auf. Management- und Governance-Ansätze erörtern sie und regen einen Paradigmenwechsel in der Tourismuswissenschaft an.
Das Buch richtet sich an Studierende und Forschende aus den Bereichen Tourismus und Geographie sowie der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften.
9783838562605/9783838562605.pdf
<?page no="0"?> ISBN 978-3-8252-6260-0 Andreas Kagermeier Eva Erdmenger Overtourism 2. Auflage Die Schattenseiten des Massentourismus Venedig, Barcelona und Mallorca! Immer mehr Destinationen leiden unter Overtourism - der massiv auf Gesellschaft und Natur wirkt. Andreas Kagermeier und Eva Erdmenger gehen dem Phänomen auf den Grund. Sie beleuchten Auslöser und Treiber und zeigen die Tragfähigkeit einer Destination auf. Management-Ansätze erörtern sie und regen einen Paradigmenwechsel in der Tourismuswissenschaft an. Die 2. Auflage wurde überarbeitet und u.a. um neue Governance-Ansätze sowie Beispielprojekte aus der Praxis als Antwort auf Overtourism erweitert. Auch der ländliche Raum und der Globale Süden finden stärker Berücksichtigung. Das Buch richtet sich an Studierende und Forschende aus den Bereichen Tourismus und Geographie sowie der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Tourismus | Geowissenschaften Sozialwissenschaften Overtourism 2. A. Kagermeier | Erdmenger Dies ist ein utb-Band aus dem UVK Verlag. utb ist eine Kooperation von Verlagen mit einem gemeinsamen Ziel: Lehr- und Lernmedien für das erfolgreiche Studium zu veröffentlichen. utb.de QR-Code für mehr Infos und Bewertungen zu diesem Titel mit aktuellen Beispielen 2025-06-17_6260-0_Erdmenger_Kagermeier_M_5417_PRINT.indd Alle Seiten 2025-06-17_6260-0_Erdmenger_Kagermeier_M_5417_PRINT.indd Alle Seiten 17.06.25 12: 41 17.06.25 12: 41 <?page no="1"?> utb 5417 Eine Arbeitsgemeinschaft der Verlage Brill | Schöningh - Fink · Paderborn Brill | Vandenhoeck & Ruprecht · Göttingen - Böhlau · Wien · Köln Verlag Barbara Budrich · Opladen · Toronto facultas · Wien Haupt Verlag · Bern Verlag Julius Klinkhardt · Bad Heilbrunn Mohr Siebeck · Tübingen Narr Francke Attempto Verlag - expert verlag · Tübingen Psychiatrie Verlag · Köln Psychosozial-Verlag · Gießen Ernst Reinhardt Verlag · München transcript Verlag · Bielefeld Verlag Eugen Ulmer · Stuttgart UVK Verlag · München Waxmann · Münster · New York wbv Publikation · Bielefeld Wochenschau Verlag · Frankfurt am Main UTB (M) Impressum_01_25_4c.indd 1 UTB (M) Impressum_01_25_4c.indd 1 01.04.2025 15: 48: 20 01.04.2025 15: 48: 20 <?page no="2"?> Prof. Dr. Andreas Kagermeier hat bis 2023 an der Uni‐ versität Trier gelehrt und geforscht. Neben seinen nord‐ afrikanischen Forschungsaktivitäten stellen aktuelle Ent‐ wicklungstendenzen im Städtetourismus einen Schwerpunkt seiner Tourismusforschungsaktivtäten dar. Dr. Eva Erdmenger hat 2022 mit der Dissertationsschrift „The Destination Governance of ‚Localability‘“ an der Uni‐ versität Trier promoviert, in der sie vor dem Hintergrund von Überlastungsphänomenen im Städtetourismus den Blick auf die Bewohner: innen gerichtet und das Konzept der Prosilienz auf dessen Tragfähigkeit überprüft hat. Zu ihrem Interesse an einer sozial nachhaltigen (städtischen) Tourismusentwicklung gehören Forschungsthemen wie Overtourism, partizi‐ pative Destination Governance und Community Prosilience. <?page no="3"?> Andreas Kagermeier / Eva Erdmenger Overtourism 2., überarbeitete und erweiterte Auflage <?page no="4"?> 2., überarbeitete und erweiterte Auflage 2025 1. Auflage 2021 DOI: https: / / doi.org/ 10.36198/ 9783838562605 © UVK Verlag 2025 ‒ Ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikro‐ verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Heraus‐ geber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Einbandgestaltung: siegel konzeption | gestaltung Druck: Elanders Waiblingen GmbH utb-Nr. 5417 ISBN 978-3-8252-6260-0 (Print) ISBN 978-3-8385-6260-5 (ePDF) ISBN 978-3-8463-6260-0 (ePub) Umschlagabbildung: © MSC∙ iStock Autorenbild Kagermeier: © privat Autorenbild Erdmenger: © privat Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. <?page no="5"?> 9 11 1 13 1.1 14 1.2 19 1.3 24 1.4 37 1.4.1 37 1.4.2 41 2 47 2.1 47 2.2 50 2.3 54 3 61 3.1 61 3.2 64 3.3 65 3.4 70 3.5 73 Inhalt Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . An wen richtet sich dieses Buch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der „Aufstand der Bereisten“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tourismus als wachstumsverwöhntes Wirtschaftssegment Das Umkippen der Stimmung in den touristischen Destinationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Overtourism als soziales Konstrukt der Gesellschaft . . . . . Diskussion: Overtourism jenseits von europäischen Städten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Back to the Roots: Overtourism im ländlichen Raum . . . . . Erweiterung der Eurozentrischen Debatte: Overtourism im Globalen Süden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wachstumsdynamik im Städtetourismus und-deren Treiber . . . . Die quantitative Zunahme des Städtetourismus . . . . . . . . . Der New Urban Tourism als Treiber für die Overtourism-Diskussion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sharing Economy und Overtourism . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Direkte und indirekte negative Effekte intensiver touristischer Nachfrage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Physische Tragfähigkeitsgrenze durch Crowding . . . . . . . . Direkte negative Effekte durch Tourist: innen . . . . . . . . . . . Indirekte Effekte durch die Tourismuswirtschaft . . . . . . . . Befunde zur Wahrnehmung der Auswirkungen des Tourismus in München vor der COVID-19-Pandemie . . . . Befunde zur Wahrnehmung der Auswirkungen des Tourismus in München nach der COVID-19-Pandemie . . . <?page no="6"?> 4 79 4.1 80 4.2 89 4.2.1 89 4.2.2 98 4.2.3 101 4.3 106 4.3.1 107 4.3.2 123 4.3.3 134 4.3.4 135 4.4 142 4.4.1 143 4.4.2 153 4.4.3 158 4.4.4 164 5 173 5.1 173 5.2 175 5.2.1 175 5.2.2 176 5.2.3 178 5.3 182 5.3.1 183 5.3.2 188 5.3.3 191 5.3.4 192 5.3.5 197 5.3.6 199 5.3.7 201 5.3.8 202 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? . . . . . . . . . . . . . Tourismusintensität als Indikator . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weitere quantitative, objektiv messbare Indikatoren . . . . . Die McKinsey-Studie für die WTTC . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Roland Berger: „Protecting your city from overtourism” . . Grenzen von objektiven Indikatoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wahrnehmung negativer Auswirkungen . . . . . . . . . . . . . . . Betroffenheit als relevante Größe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einfluss der Gästestruktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gewöhnungseffekte und Erwartungshaltungen . . . . . . . . . Irritation und Entfremdung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vulnerabilität und Resilienz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Coping-Strategien und Optionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weitere Resilienz begünstigende Faktoren . . . . . . . . . . . . . . Zwischenfazit: München und die „Biergarten-Toleranz“ . . Rahmenbedingungen der Befindlichkeit einer Stadtgesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Managementansätze zum Umgang mit Overtourism . . . . . . . . . . . Traditionelle Ansätze zum Umgang mit intensiver touristischer Nachfrage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vorschläge für Overtourism-Managementansätze . . . . . . . Vorschläge für Managementansätze der McKinsey-Studie für die WTTC . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vorschläge für Managementansätze der TRAN-Studie für das Europäische Parlament . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vorschläge für Managementansätze der Roland Berger-Studie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . UN Tourism Managementansätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Räumliche Entzerrung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zeitliche Entzerrung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ergänzende Angebote . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anpassung der Regulierungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zielgruppensegmentierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nutzenstiftung für lokale Gemeinschaft . . . . . . . . . . . . . . . . Erlebnisoptionen auch für Bewohner: innen schaffen . . . . . Verbesserung der Infrastruktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 Inhalt <?page no="7"?> 5.3.9 203 5.3.10 205 5.3.11 210 5.4 211 5.4.1 211 5.4.2 214 5.4.3 215 5.4.4 217 5.5 220 5.5.1 220 5.5.2 231 5.5.3 239 6 247 6.1 249 6.2 251 6.3 255 6.3.1 258 6.3.2 261 6.4 264 7 267 7.1 268 7.2 274 8 283 287 Kommunikation mit und Einbindung von lokalen Stakeholdern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kommunikation mit und Einbindung von Besucher: innen Monitoring . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die UN-Tourism-Strategien vor dem Hintergrund des Vulnerabilitätsansatzes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Reduzierung der Belastung (Exposure) . . . . . . . . . . . . . . . . . Stärkung der Resilienz (Resilience) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Reduzierung der Sensitivität (Sensitivity) . . . . . . . . . . . . . . . Diskussion: Resilienzförderung urbaner Destinationen . . . Futuristische Ansätze zum Umgang mit Overtourism . . . . Smarte Lösungsvorschläge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Degrowth-Manifest . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . PROsilienter und Regenerativer Tourismus: Luftschlösser oder neue Realität? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Spannungsfeld Destination-Lebensraum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Herausforderungen beim Ausbalancieren der Interessensunterschiede . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vermarktbares Produkt versus belebter Raum . . . . . . . . . . . Die Rolle der DMO: von Destinationsmarketing zu Lebensraummanagement . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Monitoring & Evaluation: Am Puls der Bewohner: innen bleiben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kommunikation: Förderung eines ganzheitlichen Community-Diskurses . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Proaktive Vermeidungsstrategien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Governance-Ansätze als Antwort auf Overtourism . . . . . . . . . . . . Kollaborative und Partizipative Governance-Modelle . . . . Empowerment anstatt Partizipation der Bewohner: innen . „The end of tourism as we know it“ - oder Impulse und Inspirationen für einen Wandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inhalt 7 <?page no="8"?> 325 325 328 329 Abbildungs- und Tabellenbelege . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abbildungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tabellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Inhalt <?page no="9"?> Vorwort Spätestens seit einer intensiven medialen Beschäftigung mit negativen Auswirkungen des Städtetourismus im Sommer 2017 ist Overtourismus zu einem vielfach diskutierten Phänomen geworden. Ausgehend von den Kreuzfahrtdestinationen Dubrovnik, Barcelona und Venedig (Helmes 2016) wurden die negativen Reaktionen der Wohnbevölkerung auf die als „Zuviel“ empfundenen Besucher: innen in ihrer Stadt rasch zu einem europaweiten bzw. inzwischen globalen Thema. Denn Overtourism betrifft nicht nur europäische Städte, auch wenn der bisher sehr Eurozentrische Diskus stark auf diesen fokussiert ist. Obwohl die COVID-19 bedingten Effekte im Jahr 2020 für eine kurzfristig diametral andere Situation gesorgt haben, ist mit dem Wiederanstieg der Besucher: innenzahlen die Problematik fast unverändert virulent und stellt weiterhin eine zentrale Herausforderung für die Destination Governance dar. Auch medial hat die Debatte im Sommer 2024 einen neuen Höhepunkt erreicht und verdeutlicht, dass Overtourism-Proteste nicht mehr nur in europäischen Städten auftreten. Mit dem vorliegenden Band werden einerseits die Hintergründe und aus‐ lösenden Faktoren für die teilweise sehr akzentuiert und oft mit pauschal‐ ierenden sowie emotional aufgeladenen Positionen geführten Diskussion auf der Basis von grundlegenden Rahmendaten beleuchtet. Dabei wird ein besonderes Augenmerk auch auf die sozialwissenschaft‐ lichen Ansätze zum Nachvollziehen und Deuten der Befindlichkeiten der unterschiedlichen Akteur: innen gelegt. Ausgehend von früheren Manage‐ ment- und Gegensteuerungsansätzen in Großschutzgebieten und in der interkulturellen Begegnung erfolgt eine Annäherung an die aktuell in der Diskussion befindlichen Managementansätze. Es wird dargelegt, dass ein Ausbalancieren der divergierenden Bedürf‐ nisse und Interessenslagen der Involvierten und Betroffenen keineswegs trivial ist. Abgesehen von den oftmals diskutierten Limitierungsansätzen liegt das Augenmerk auch auf den Möglichkeiten der Resilienz-Ertüchtigung durch weiche, indirekt und nur partiell auf die Ratio abzielende Partizipati‐ onsansätze, welche Bezug zum Konzept des Sozialen Kapitals nach Bourdieu nehmen. <?page no="10"?> Dabei wird aber auch deutlich, dass damit sehr grundsätzliche Dimensio‐ nen von Zivilgesellschaft und Urban Governance berührt werden, die weit über den engeren Rahmen von rein auf den Tourismus begrenzten Hand‐ lungsansätzen hinaus reichen. Sowohl Tourismuswissenschaft als auch konkrete Destinationspraxis stehen bei vielen der Herausforderungen noch am Anfang eines herausfordernden und wohl auch mühsamen Prozesses. Abschließend wird herausgestellt, dass sowohl Tourismuswirtschaft als auch Tourismuswissenschaften bislang weitgehend wachstumsorientiert bzw. wachstumsgetrieben waren. Es spricht einiges dafür, dass der aktuelle Diskurs um Overtourismus - ähnlich wie auch die Klimawandel-Diskussion - als Anzeichen für anstehende grundlegende Paradigmenwechsel im Tou‐ rismus verstanden werden könnte. Freising und Wageningen, im Frühjahr 2025 Andreas Kagermeier und Eva Erdmenger 10 Vorwort <?page no="11"?> An wen richtet sich dieses Buch Angesichts der spezifischen Thematik, die in einem breiteren Kontext dis‐ kutiert wird, wendet sich das Buch nicht nur an Dozierende und Studierende der Tourismuswissenschaften. Vielmehr ist es so konzipiert, dass es sich insbesondere auch an ein breiteres Zielpublikum wendet, das - sei es beruflich oder privat - mit dem Phänomen des Overtourism konfrontiert ist. Angesichts der spezifischen Thematik und der intensiven medialen Diskussion sowie der Dynamik der Auseinandersetzung und der erst partiell vorhandenen, empirisch fundierten wissenschaftlichen Analyse werden dabei wohl auch intensiver Internetquellen verwendet, als dies bei wissen‐ schaftlichen Publikationen zu etablierten Themenfeldern der Fall ist. Dabei ist es das Ziel einerseits die Entstehungshintergründe von negati‐ ven Befindlichkeiten gegenüber Besucher: innen auszuleuchten. Dieses Ver‐ ständnis erscheint fundamental, wenn es darum geht, mit dem Phänomen Overtourism umzugehen und angemessene Handlungsansätze zu suchen. Damit ist das Buch klar wissenschaftlich fundiert angelegt. Gleichzeitig ist der Impetus definitiv darauf ausgerichtet, anwendungsorientiert auch den Umgang mit dem Phänomen zu thematisieren. Daher werden über das Buch verteilt auch einige ‚Impulse und Inspirationen für einen Wandel‘ vorgestellt, die zwar weder Ideallösungen noch Heilmittel sind, aber durchaus mit Mut und Kreativität progressive Ansätze aus der Praxis aufzeigen - sie sollen quasi die bunten Streusel auf der teilweise doch eher kritischen Thematik darstellen. <?page no="13"?> 1 Der „Aufstand der Bereisten“ Der Tourismus gilt als eine der Wachstumsbranchen schlechthin. Seit dem 2. Weltkrieg waren abgesehen von kleineren oder größeren ‚Dellen‘, die durch weltweit wirksame konjunkturelle Entwicklungen (zum Beispiel die sog. ‚Bankenkrise‘ 2008/ 2009), terroristische Aktivitäten (insbesondere der 11. September 2001) oder epidemische Ereignisse mit globaler Auswirkung (zuletzt die COVID-19-Pandemie 2020) ausgelöst wurden, die globalen Parameter und Indikatoren immer auf Wachstumskurs. Zwar haben gewalttätige Auseinandersetzungen (wie der Bürgerkrieg in Syrien oder die sog. Post-Election-Violence in Kenia), Katastrophen (von Menschen verursacht wie der Reaktorkatastrophe in Fukushima 2011 oder natürlich bedingt wie der Tsunami in Südostasien 2004 bzw. diverse Vul‐ kanausbrüche) oder politische Friktionen zwischen einzelnen Staaten (wie der Ukraine-Krieg und der Nahost-Konflikt) in einzelnen Destinationen immer wieder zu Nachfrageeinbrüchen geführt. Bei räumlich begrenzten Krisen hat sich die Nachfrage zumeist einfach verlagert - z. B. aus der Türkei oder Nordafrika in andere mediterrane Destinationen -, so dass es nur regional zu Nachfrageeinbrüchen gekommen ist. Das jüngste Beispiel einer globalen Krise, die COVID-19-Krise (ausgelöst durch den Coronavirus SARS-CoV-2, hiernach: Corona), stellt einerseits das Ereignis mit bisher gravierendsten Auswirkungen auf den Tourismus dar, mit drastischen Ein‐ brüchen der touristischen Nachfrage und einer Reihe von Marktaustritten von Leistungsträgern. Andererseits ist aber die Nachfrage in den Jahren nach der Krise dann doch wieder relativ zügig auf das Vor-Corona-Niveau angestiegen, ohne dass größere strukturelle Nachfrageveränderungen zu erkennen sind. Trotz gewisser Veränderungen beim Geschäftsreiseverkehr in der Post-Corona-Zeit - der partiell durch digitale Besprechungen substi‐ tuiert wird - wurde der für den Overtourism relevante freizeitorientierte Städtetourismus nicht längerfristig von Corona-Folgen beeinflusst, da der Wille zum Reisen ungebrochen ist (Oskam 2020b, S.-53). <?page no="14"?> 1.1 Tourismus als wachstumsverwöhntes Wirtschaftssegment Das globale Wachstum im Tourismus spiegelt sich in den Daten der United Nation World Tourism Organisation (kurz: UN Tourism, bis 2023 UNWTO abgekürzt). Von dieser werden die internationalen Reisenden (d. h. nicht die Reisen innerhalb des eigenen Landes, sprich z.-B. nicht die Urlaube von Deutschen in Deutschland) erfasst. Die Zahl der internationalen Ankünfte von Reisenden hat sich von nur 25 Mio. Ankünften im Jahr 1950 innerhalb von knapp 30 Jahren bis Ende der 1970er-Jahre auf 250 Mio. verzehnfacht. In den gut 20 Jahren bis 2011 erfolgte eine weitere Vervierfachung auf dann 1 Mrd. Reisende. Dieses quantitative Wachstum ging auch in den letzten Jahren weiter, so dass im Jahr 2019 knapp 1,5 Mrd. Ankünfte registriert worden sind (→-Abb.-1). Abb. 1: Entwicklung der internationalen Ankünfte zwischen 1950 und 2023 nach UN Tourism-Reisegebieten Dabei lassen sich in den Ankunftszahlen global wirksame Krisen gut als kurzfristige Einbrüche identifizieren. Dies gilt für die die sog. 1. Ölkrise 1973/ 1974 nach dem Jom-Kippur-Krieg oder die sog. 2. Ölkrise 1979/ 1980 nach der Revolution im Iran, den Golfkrieg 1990/ 1991, die SARS-Pandemie 2002/ 2003 (zumindest für den asiatischen Quellmarkt), den 11. September 2001 genauso wie für die Bankenkrise von 2008/ 2009. Politische Spannun‐ gen, terroristische Anschläge, kriegerische Auseinandersetzungen oder Epi‐ demien/ Pandemien haben sich immer auch als konjunkturelle Rückgänge bzw. Einbrüche in der touristischen Nachfrage manifestiert. Gleichzeitig kehrten die Nachfragezahlen bislang innerhalb relativ kurzer Zeit auf 14 1 Der „Aufstand der Bereisten“ <?page no="15"?> den früheren Wachstumspfad zurück, hinterließen also keine strukturellen Folgen. Die COVID-19-Pandemie hat die Nachfrage dann - aufgrund der global geltenden Reisebeschränkungen - in den Jahren 2020 und 2021 drastisch einbrechen lassen (→ Abb. 2). Mit dem sukzessiven Aufheben der Reisebe‐ schränkungen ist die Nachfrage dann aber 2022 und 2023 wieder rasant an‐ gestiegen. So wurden 2023 die Vor-Corona-Volumina im Einreisetourismus (auch: Incoming-Tourismus), auf den sich die Zahlen beziehen, in beinah allen Reisegebieten wieder erreicht. Im Juli 2024 haben die internationalen Ankünfte die Rekordwerte von 2019 im globalen Mittel zu 96 % wieder erreicht und einige Nationen verzeichnen bereits neue Wachstumsrekorde (beispielsweise Qatar +147 %, Albanien +93 % und Tansania +49 % im Vergleich zu 2019) (UN Tourism 2024, S. 2). Im Binnentourismus, d. h. den Ur‐ lauben im eigenen Land wurden die Nachfragezahlen der Vor-Corona-Zeit teilweise bereits 2022 oder dann 2023 bereits wieder überschritten. Abb. 2: Vereinzelte Besucher: innen an der Kleinen Meerjungfrau, einer der beliebtesten Sehenswürdigkeiten in Kopenhagen, am 15. März 2020 und damit einen Tag vor dem ersten Lockdown als Reaktion auf die ausgebrochene COVID-19-Pandemie. 1.1 Tourismus als wachstumsverwöhntes Wirtschaftssegment 15 <?page no="16"?> Auch wenn die COVID-19-Krise das bislang tiefgreifendste Krisenphäno‐ men der letzten 70 Jahre darstellt, hat auch dieser Einbruch wohl - zwar umfassender als frühere Krisen und möglicherweise auch etwas länger andauernd - letztendlich dann aber doch nicht zu einer strukturellen Veränderung der freizeitorientierten Reisetätigkeit geführt. In der aktuellen offiziellen Prognose der UN Tourism bis zum Jahr 2030 wird dieser Wachstumspfad weitgehend linear fortgeschrieben und bis dahin 1,8 Mrd. Ankünfte prognostiziert (UN Tourism 2014, S. 14). Weitergehende Abschätzungen bis zum Jahr 2050 gehen (wiederum als weitgehende Status-Quo Fortschreibung) von etwa 3 Mrd. internationalen Ankünften aus (Scott und Gössling 2015, S. 271). Dabei wird in Varianten, die unterschiedliche Rahmenbedingungen einbeziehen - wie z. B. Veränderung von Transportkosten insbesondere für den Flugverkehr - ein Korridor von ca. 2,7 Mrd. bis 3,3 Mrd. angegeben (Scott und Gössling 2015, S. 271). Der grundsätzliche Wachstumspfad wird bislang - trotz zwischenzeitlicher Einbeziehung von Nachhaltigkeitsaspekten und der Klimawandel-Heraus‐ forderung in die Überlegungen der UN Tourism noch nicht in Frage gestellt. Stattdessen wird von der Demokratisierung des Reisens gesprochen - einer steigenden Zugänglichkeit zum Reisen für eine größere Bevölkerungs‐ gruppe. Gleichwohl ist dies das Resultat einer wachstumsgetriebenen globa‐ len Industrie und der Begriff Demokratisierung kann demnach optimistisch fehlinterpretiert werden (Milano, Novelli und Russo 2024, S. 3). Denn trotz der international steigenden Ankunftszahlen, belegen Studien, dass sich beispielsweise (bspw.) im Jahr 2022 in Europa, dem (am BIP pro Kopf gemessen) zweitwohlhabendsten Kontinent der Welt, 15,3 % der arbeitenden Menschen keine Woche Urlaub leisten konnten (Eurostat 2023). Gleichzeitig waren es in 2018 nur 11 % der Weltbevölkerung, die an Flugreisen und nur 2 % bis 4 %, die an internationalen Flugreisen teilgenommen haben (Gössling und Humpe 2020, S. 9). Davon haben ca. 33 % im asiatisch-pazifischer Raum, 26 % in Nordamerika und knapp 23 % in Europa stattgefunden (ebd., S. 5). Auf der anderen Seite werden demnach jeweils 6 % des globalen Luftverkehrs in Lateinamerika und dem Mittleren Osten und 2 % in Afrika verortet (ebd.). Bis 2050 wird erwartet, dass sich vor allem der Anteil im asiatisch-pazifischen Raum (+12 %) und im Mittleren Osten (+2 %) erhöht. Damit soll verdeutlicht werden, dass es durchaus eine Demokratisierung des Reisens, durch verbessert wirtschaftliche Zugänglichkeit, technologische Fortschritte, ausgebaute Verkehrsinfrastruktur und Visa-Erleichterungen, gibt, jedoch bleiben globale Ungleichheiten deutlich bestehen. 16 1 Der „Aufstand der Bereisten“ <?page no="17"?> Nun werden touristische Angebote aus Sicht der wirtschaftlich und politisch Beteiligten in den Destinationen ja vor allem deswegen entwickelt und vorgehalten, um damit Einkommen und auch Arbeitsplätze zu schaffen. Parallel zur Zunahme der Nachfrage haben dementsprechend auch die regi‐ onalwirtschaftlich relevanten Einnahmen aus dem Tourismus zugenommen. Abb. 3: Entwicklung der internationalen Ankünfte und der Einnahmen aus dem internatio‐ nalen Tourismus zwischen 1950 und 2023 In → Abb. 3 ist (neben den globalen Ankünften) die Entwicklung der Deviseneinnahmen aus dem internationalen Tourismus dargestellt. Auch diese haben in den letzten 70 Jahren eine fast kontinuierliche Steigerung erfahren und beliefen sich 2018 auf fast 1,5 Billionen US$ (ca. 1,4 Mrd. €). Auch bei den Deviseneinnahmen macht sich der markante Abbruch der Corona-Jahre bemerkbar, gefolgt von einem Wiederanstieg im Jahr 2023 (fast) auf das Vor-Corona-Niveau. Weltweit wurden im Jahr 2023 durch den internationalen (Incoming) und den nationalen (Binnen-)Tourismus knapp 10 % des globalen Bruttoinlands‐ produktes geschaffen (World Travel & Tourism Council (WTTC) 2024, S. 1). Gleichzeitig wird durch den Tourismus - als relativ arbeitskraftintensiver Wirtschaftssektor - knapp jeder zehnte Arbeitsplatz weltweit generiert (WTTC 2024, S. 1). Bei aller methodischen Problematik solcher globalen Abschätzungen und der damit verbundenen Berechnungsgrundlagen stellt der Tourismus damit eine wichtige Säule der globalen Wirtschaft dar. Dabei liegt Deutschland hinsichtlich der ökonomischen Wirkungen des Tourismus in etwa der globalen Mitte. Der Anteil der von Tourist: innen in der Bundesrepublik Deutschland nachgefragten Güter und Dienstleistungen in Höhe von 123,8 Mrd. € trug im Jahr 2019 direkt mit 3,9 % zur gesam‐ 1.1 Tourismus als wachstumsverwöhntes Wirtschaftssegment 17 <?page no="18"?> ten Bruttowertschöpfung der Volkswirtschaft bei (Statistisches Bundesamt 2021, S. 22). Bei Einbeziehung der indirekten Effekte errechnen sich 6,9 % der Bruttowertschöpfung (Statistisches Bundesamt 2021, S. 30). Etwa ein Viertel der Wertschöpfung wird in Bereichen erwirtschaftet, die nicht primär auf den Tourismus ausgerichtet sind (Verkehr, Einzelhandel, sonst. Dienstleistungen). Damit liegt der Beitrag des Wirtschaftsfaktors Tourismus an der Bruttowertschöpfung über derjenigen der Automobilindustrie (4,7 %) oder des Baugewerbes (5,2 %) (Statistisches Bundesamt 2024). Die im Jahr 2019 direkte Beschäftigungswirkung der 2,8 Mio. dem Tourismus zuzuord‐ nenden Beschäftigten entspricht einem Anteil von 6 % der Erwerbstätige für touristische Zwecke in Deutschland (Statistisches Bundesamt 2021, S.-23). Besonders in sog. strukturschwachen und peripheren Regionen mit weni‐ gen anderen tragfähigen wirtschaftlichen Grundlagen wie vielen Mittelge‐ birgsregionen in Deutschland, ländlichen Gebieten im Mittelmeerraum oder Destinationen im sog. Globalen Süden (→ Kap. 1.4.2) ist die relative Bedeu‐ tung des Wirtschaftssektors Tourismus oft noch deutlich höher. Umgekehrt sind in dynamischen Metropolregionen wie z. B. der Region München (→ Kap. 3.4 sowie 3.5) andere Wirtschaftszweige stärker ausgeprägt, so dass dort die relative Bedeutung des Tourismus für regionale Wertschöpfung und Beschäftigung unterdurchschnittlich ausfallen kann. Insbesondere strukturschwächere Städte, Regionen oder Länder haben in den letzten Jahrzehnten versucht, den Tourismus als Wertschöpfungs‐ quelle und zur Schaffung von Arbeitsmöglichkeiten zu nutzen. Dement‐ sprechend sind - trotz insgesamt zunehmender Nachfragevolumina - in den letzten Jahrzehnten die Tourismusangebote stärker gewachsen als die Nachfrage. Dies bedeutet, dass im Tourismusmarkt ein Umschwung vom Anbietermarkt/ Verkäufermarkt (die Nachfrage ist größer als das Angebot) zum Nachfragermarkt/ Käufermarkt (das Angebot ist größer als die Nach‐ frage) stattgefunden hat. Dementsprechend ist der Tourismus ein hoch kompetitives Wirtschaftssegment, in dem ja theoretisch jede Destination weltweit miteinander in Konkurrenz steht. Folglich waren Tourismuswirt‐ schaft, Tourismuspolitik und auch Tourismuswissenschaft im ausgehenden 20. Jahrhundert vor allem darauf ausgerichtet, die Wettbewerbsfähigkeit der Destinationen zu verbessern. Dabei lag der Fokus vor allem auf einer klaren Qualitätsorientierung, der Entwicklung von neuen Produktlinien bzw. dem Relaunch von etablierten Produkten. Die starke Wachstumsorientierung wurde nur sehr partiell in Frage gestellt (→-Kap.-5.5.1 und 5.5.2). 18 1 Der „Aufstand der Bereisten“ <?page no="19"?> 1.2 Das Umkippen der Stimmung in den touristischen Destinationen Im Tourismus als wachstumsverwöhntem Wirtschaftssektor spielten die Fra‐ gen nach den Grenzen des Wachstums nur eine geringe Rolle. Die privat‐ wirtschaftlichen, politischen und tourismuswissenschaftlichen Akteur: innen - wobei sich die Verfasser dieses Bandes nicht davon ausnehmen können - waren weitgehend von den auf Wachstum ausgerichteten Prognosen geprägt. Auch wenn die Frage nach den Tragfähigkeits- und Sättigungsgrenzen im Tourismus immer wieder thematisiert worden ist, bezog sich das auf Teilbereiche des Gesamtmarktes. So wurde seit den 1980er-Jahren im Zusammenhang mit der Diskussion über Akkulturation und kulturelle Überprägung durch Tourismus in Zielgebiete des Globalen Südens oder die physischen Grenzen in Großschutzgebieten (→ Kap. 5) dieser Aspekt immer wieder thematisiert. Letztendlich blieb es aber ein relativ isolierter und für den überwiegenden Teil des Tourismussegments wenig relevanter Diskurs. Der „Aufstand der Bereisten“: zur Genese eines Begriffs In den 1960er- und frühen 1970er-Jahren wurde in den - oftmals gerade in die Unabhängigkeit entlassenen - Ländern des Globalen Südens die Entwicklung des Tourismus oftmals als ein Mittel einer sog. nachholen‐ den Entwicklung gesehen und war damit positiv besetzt. In den späten 1970er- und 1980er-Jahren wurde zunehmend auch Kritik an den Folgen der touristischen Erschließung in den sog. Entwicklungsländern laut. Diese war auch stark getragen von den tourismuskritischen Diskursli‐ nien, die in den bildungsbürgerlichen Eliten des Globalen Nordens in dieser Zeit geführt wurden (vgl. z. B. Krippendorf 1982, 1984) und in denen von Junk (1980) dem sog. „harten“ Tourismus der Gegenentwurf eines sog. „sanften“ Tourismus entgegenstellt worden ist. In der Berichtserstattung über eine Konferenz zum Tourismus in der „Dritten Welt“ (gering(er) entwickelte Länder des Globalen Südens) im Jahr 1986 wird wohl das erste Mal der Begriff „Aufstand der Bereisten“ verwendet (FAIR UNTERWEGS 2017). Dieser erfuhr in der Folgezeit eine weite Verbreitung, auch wenn Strasdas die Wirksamkeit eher zurückhaltend beurteilt: „Die Kritik am Dritte-Welt-Tourismus blieb politisch und in der touristi‐ schen Praxis weitgehend bedeutungslos, da sie nur von kleinen Gruppen 1.2 Das Umkippen der Stimmung in den touristischen Destinationen 19 <?page no="20"?> in den IL und den EL getragen wurde. Der von ihnen häufig zitierte ‚Aufstand der Bereisten‘ beschränkte sich in organisierter Form bisher auf wenige Fälle und wird vor allem von denjenigen verkörpert, die selbst nicht am Tourismus beteiligt sind. Es wurde verkannt, dass die Einheimi‐ schen hier unterschiedliche Interessen haben: Die im Tourismus tätigen Personen profitieren von ihm, d. h. sie haben zwar ein Interesse an einer Verbesserung ihrer Arbeitssituation (z. B. in Form von gewerkschaftlicher Organisierung), nicht aber an einer grundsätzlichen Eindämmung des Tourismus. Dennoch ist die Kritik grundsätzlich berechtigt, da große Teile der lokalen Bevölkerung tatsächlich nicht vom Tourismus profitieren bzw. durch ihn sogar benachteiligt werden - dies allerdings am deutlichsten in ökonomischer Weise, wohingegen die kulturellen Auswirkungen schwieri‐ ger zu beurteilen sind“ (Strasdas 2001, S.-90). Letztendlich handelt es sich aber ganz klar um einen Kampfbegriff in der tourismuspolitischen Diskussion als einen klar definierten analytischen Begriff. Hinter dem Begriff steht das Unbehagen über die Folgen der tou‐ ristischen Erschließung - insbesondere auch die kulturelle Überprägung - vor dem Hintergrund von ungleichen Machtpositionen. Tourismus weist Züge einer klassischen postbzw. neo-kolonialen Beziehung zwischen den Reisenden aus dem Globalen Norden und der Bevölkerung in den Ländern des Globalen Südens auf. Deren Charakterisierung als „Bereiste“ drückt ihre passive Rolle aus, während weite Teile der Wertschöpfungskette in den Händen von Wirtschaftsakteur: innen des Globalen Nordens bleiben. Seit 2017 wird der Begriff wieder verstärkt von den Medien aufgegriffen, um die sich vor allem in städtetouristischen Destinationen manifestieren‐ den Artikulationen über als zu viel empfundene Besucher: innenzahlen bzw. die damit verbundenen negativen Effekte prägnant zu charakterisie‐ ren. Der Begriff „Bereiste“ konnotiert dabei implizit sicherlich auch eine passive Rolle der Bewohner: innen, die auch als „Opfer“ gesehen werden. Die meisten Beteiligten im Tourismus wurden dementsprechend von den seit Sommer 2017 sich zunehmend artikulierenden und auch intensiv in den Medien kommunizierten Diskussionen über die Proteste der Bewoh‐ ner: innen gegenüber den Besucher: innen der städtischen Destinationen (unerwartet) überrascht bzw. überrumpelt. 20 1 Der „Aufstand der Bereisten“ <?page no="21"?> Es gab zwar eine Reihe von Vorwarnzeichen, die allerdings lokal be‐ schränkt und ohne größeren Widerhall geblieben sind. So hatten bereits im Jahr 2011 die Grünen in Kreuzberg eine Veranstaltung mit dem pro‐ vokanten Titel „Hilfe, die Touristen kommen“ abgehalten (Spiegel Online 2011). Nachdem Berlin während der Zeit der deutschen Teilung im Ver‐ hältnis zur Zahl der Bewohner: innen eher unterdurchschnittlich intensiv von Besucher: innen aufgesucht worden ist (etwa auch im Vergleich zu Hamburg und München), hatte die Stadt nach der Wiedervereinigung und insbesondere der Verlegung der Hauptstadtfunktion eine besonders starke Zunahme der Besucher: innenzahlen erfahren (→ Kap. 2.1). Aufgrund der Transformationsprozesse seit den 1990er-Jahren sind insbesondere im Osten der Stadt viele ehemals gewerblich genutzte Flächen brach gefallen und wurden als temporäre Zwischennutzung für subkulturelle Zwecke genutzt. So entstand in den Jahren nach der Wiedervereinigung eine Vielzahl von Clubs vor allem in Friedrichshain, die nicht nur Berliner: innen, sondern auch viele auswärtige Gäste anzogen. Dementsprechend haben sich in Kreuzberg/ Friedrichshain in den 1990er-Jahren auch viele Hostels angesie‐ delt, die dann 2011 Gegenstand des Unmuts der Bewohner: innen waren. Insbesondere die mit den Hostels und den Clubs verbundenen nächtlichen akustischen Beeinträchtigungen, aber auch die Hinterlassenschaften der nächtlichen Besucher: innen führten zu Irritationen bei den Bewohner: in‐ nen, so dass artikuliert wurde „Wir sind kein Zoo! “ (Spiegel Online 2011). Die Diskussion verlagerte sich dann in den Folgejahren neben den Hostels auch auf das private Teilen von Wohnraum für Übernachtungszwecke als Teil der sog. ‚Sharing Economy‘ - insbesondere über die Vermittlungsplatt‐ form Airbnb (vgl. z. B. Kagermeier, Köller und Stors 2015, 2016, Stors und Kagermeier 2017; vgl. auch Kap 2.3). Letztendlich blieben es aber lange Zeit lokal begrenzte und eher auf die direkten Beeinträchtigungen - seien es nächtliche Lärmkulissen oder die Angst um Zweckentfremdung von Wohnraum - abzielende Artikulationen von negativen Effekten des Tourismus, wie sie bereits früher schon immer wieder aufgetreten waren (genauer in →-Kap.-3). Die Medienberichterstattung wurde dann 2017 vor allem von den drei Beispielen Barcelona, Dubrovnik und Venedig geprägt (vgl. z. B. Christ 2017). Alle drei Städte sind wichtige Anlaufziele des Kreuzfahrttourismus. Kreuzfahrttourist: innen zeichnen sich dadurch aus, dass sie zu bestimmten Stoßzeiten massiert in den Städten auftreten und sich im Wesentlichen auf die zentralen Highlights der Stadt konzentrieren. Gleichzeitig induzieren 1.2 Das Umkippen der Stimmung in den touristischen Destinationen 21 <?page no="22"?> sie nur eine sehr begrenzte Wertschöpfung, da sie ihre Mahlzeiten auf den Kreuzfahrtschiffen einnehmen, dort auch übernachten und auch kaum Gelegenheit für längere Einkäufe in den Hafenstädten haben (vgl. auch →-Kap.-3.1). Ausgehend von den drei Hotspots der Overtourism-Diskussion wird inzwischen in zunehmend mehr Destinationen das Unbehagen über eine als ‚Zuviel‘ empfundene Zahl der Tourist: innen artikuliert. Dabei wird zumeist auf die negativen Auswirkungen der touristischen Inwertsetzung für den Lebensraum der Bewohner: innen abgestellt. Begriffsfassung Overtourism nach UN Tourism Nach dem Begriffsverständnis der UN Tourism kann von Overtourism gesprochen werden, wenn die Auswirkungen des Tourismus in ei‐ ner Destination die wahrgenommene Lebensqualität der Bewoh‐ ner: innen und/ oder die Aufenthaltsqualität der Besucher: innen negativ beeinflusst („the impact of tourism on a destination, or parts thereof, that excessively influences perceived quality of life of citizens and/ or quality of visitors experiences in a negative way” UNWTO bzw. UN Tourism 2018, S.-6). Overtourism entsteht also, wenn Tragfähigkeitsgrenzen überschritten wer‐ den und daraus negative Konsequenzen resultieren. Damit ist festzuhalten, dass das Phänomen Overtourism als soziales Konstrukt zu verstehen ist, wie es im folgenden Kapitel näher erläutert wird (→-Kap.-1.3). Dies bedeutet, dass negative Auswirkungen touristischer Aktivitäten erst durch die subjektive Wahrnehmung (der Bewohner: innen, der Besucher: in‐ nen) zu Overtourism werden. Dementsprechend wird im Folgenden auch vor allem auf die soziale Tragfähigkeit fokussiert. Diese Toleranzschwelle der Bewohner: innen wird fallweise überschritten, wenn sie von als zu viel empfundenen Besucher: innen irritiert sind, sich in ihrem Bedürfnis nach Privatsphäre zunehmend gefährdet sehen und/ oder fühlen, dass die Stadt nicht mehr ‚ihre‘ sei (Verfremdung). Dieses Gefühl wird oft dadurch ver‐ stärkt, dass sich Bewohner: innen von Politik, Verwaltung und Tourismus‐ wirtschaft nicht ernst genommen bzw. zu wenig priorisiert und einbezogen fühlen (Erdmenger 2023). 22 1 Der „Aufstand der Bereisten“ <?page no="23"?> Abb. 4: Dubrovnik ist einer der mediterranen Kreuzfahrtstandorte an denen sich wegen der hohen Zahl der Besucher: innen und dem damit verbundenen Crowding die Overtou‐ rism-Diskussion entzündet hat. Auch wenn die Overtourism-Dis‐ kussion teilweise auch in mediterra‐ nen Badedestinationen wie z. B. Mallorca (Martiny 2019) oder stark (insbesondere vom Tagesausflugs‐ verkehr) frequentierten Gegenden im Alpenvorland (Fuchs und Sebald 2019, Steber und Mayer 2024, Steppan 2020, Wiendl 2020) oder anderen landschaftlich attraktiven Destinationen geführt wird, liegt der Schwerpunkt der Overtou‐ rism-Diskussion in den Städten und hier insbesondere in den größeren Metropolen. Dementsprechend wird in → Kap. 2 insbesondere auf die besondere Wachstumsdynamik im Städtetourismus eingegangen. Abb. 5: Venedig ist ebenfalls einer der mediterranen Kreuzfahrtstandorte, an denen sich die Overtourismus-Diskussion entzündet hat. 1.2 Das Umkippen der Stimmung in den touristischen Destinationen 23 <?page no="24"?> 1.3 Overtourism als soziales Konstrukt der Gesellschaft Wie so oft in der Wissenschaft gibt es auch für den Begriff Overtourism keine allgemeingültige Definition. Auch wenn die zuvor aufgeführte Definition der UN Tourism (2018), neben der von Goodwin (2017), die dominierende ist, so kann sie aus unterschiedlichen Perspektiven angefochten werden. In diesem Kapitel soll aufgezeigt werden, wie unterschiedliche Personen ihr Verständnis von Overtourism konstruieren. Die hier aufgeführten Perspek‐ tiven umfassen Overtourism aus Sicht der Medien, Tourismusakteur: innen und -unternehmen, Wissenschaft und öffentlichen Gesellschaft. Dafür wird der Soziale Konstruktionismus als philosophischer Rahmen angewandt (vgl. Killion und Fisher 2018). Sozialer Konstruktionismus und Konstruktivismus Es gilt zu unterscheiden, dass sich der Konstruktivismus (vgl. Piaget 1964) insbesondere auf die Wissensentstehung (basierend auf den subjektiven Erfahrungen eines Individuums) bezieht, wohingegen der Konstruktio‐ nismus (vgl. Berger und Luckmann 1966/ 2011) „die Konstruktion von Wissen als Ergebnis von sozialen Interaktionen in Kontexten, die dann die Grundlage von gemeinsam geteiltem Wissen bilden“ (Gerstenmaier und Mandl 2000, S.-4) versteht (Sandu und Unguru 2017, S.-54). (Sozialer) Konstruktivismus: Der kognitive Prozess der Wissenskon‐ struktion ist innerpsychisch. Schlüsselidee: Wirklichkeitserzeugung ist das Produkt individueller kognitiver Prozesse des inneren Geistes. Sozialer Konstruktionismus: Die Formung gesellschaftlicher Struk‐ turen, Sprache, Diskurse und Interaktionen von Wissen und Realität. Schlüsselidee: Wirklichkeitserzeugung ist das Produkt sozialer Prozesse und kultureller Übereinkünfte. „Die Welt - so eine zentrale Annahme des SK [Sozialen Konstruktionismus] - werde im sozialen Austausch konstruiert und könne auch nur durch die von uns geschaffenen Begriffe und Konstruktionen wahrgenommen und verstanden werden Diese Begriffe und Konstruktionen prüfen wir nach den Kriterien der Passfähigkeit für den weiteren sozialen Austausch Die Frage nach Wahrheit, Falschheit oder Objektivität unserer Konstruktionen wird 24 1 Der „Aufstand der Bereisten“ <?page no="25"?> damit von der Frage nach der Nützlichkeit unserer Begriffe und sozialen Konstruktionen abgelöst“ (Frindte und Jacob 2018, S.-150). Auch wenn die Richtungen und Auslegungen variieren, so haben sie den gemeinsamen Nenner, dass Menschen „die Welt nicht einfach abbilden, sondern sich mittels ihrer Fühl-, Denk- und Sprachwerkzeuge eine Welt konstruieren, die ihrer Existenz angemessen ist“ (Frindte und Jacob 2018, S. 142). Die Unterschiede liegen demnach in den Mechanismen und den Prozessen der (sozialen) Konstruktion. Obwohl bestimmte Gemeinsam‐ keiten zwischen den diversen Auslegungen bestehen, wird in diesem Buch exklusiv der Begriff Sozialer Konstruktionismus verwenden, um die Betonung auf die sozialen Beziehungen und Interaktionen als Orte der Wirklichkeitskonstruktion zu legen (vgl. Gergen et al. 2009). In der tourismusgeografischen Forschung kann der sozial-konstruktionis‐ tische Ansatz genutzt werden, um die Konstruktion des Begriffs Overtou‐ rism durch Sprache und Texte zu analysieren (Erdmenger 2023). Während Wissenschaftler: innen versuchen die soziale Belastbarkeit eines Reiseziels rational zu definieren und zu messen, konstruieren Medienberichte Narra‐ tive wie „Overtourism in Venice means local people can’t buy homes“ (Palmer 2021). Unter diesem Gesichtspunkt wird in diesem Kapitel dazu eingeladen, die objektive Faktizität des Verständnisses, dass Overtourism ein Phänomen von zu vielen Menschen zu einem gewissen Zeitpunkt an einem bestimmten Ort sei, in Frage zu stellen. Stattdessen werden wir den zuvor zitierten Worten von Frindte und Jacob (2018, S. 150) folgen und „der Nützlichkeit“ von Overtourism als einen „von uns geschaffene[n] Begriff “ prüfen. Dafür soll zunächst der Ursprung des Begriffs Overtourism beleuchtet werden. Die erste nachvollziehbare Konzeptualisierung von Overtourism in einem wissenschaftlichen Kontext lässt sich auf Börlin (1986) datieren (Milano, Novelli und Russo 2024). In seiner Studie über den Zusammenhang zwischen der Nutzung natürlicher Ressourcen und Umweltverschmutzung konkludiert Börlin, dass eine stärkere Regulierung und internationale Zu‐ sammenarbeit der Ressourcennutzung erforderlich sind, um die Balance zwischen wirtschaftlichem Wachstum und Umweltschutz zu wahren. In einem Paragraphen schreibt Börlin (1986, S.-232): 1.3 Overtourism als soziales Konstrukt der Gesellschaft 25 <?page no="26"?> „Experience from winter sports resorts and coastal tourism areas shows that modern mass tourism with its concentration in time and space can in fact signif‐ icantly deteriorate the environment: coastal waters showing signs of pollution, overcrowded beaches, congested teleskis and other mountain transport, loss of natural landscapes through mountain urbanism and eroding ski slopes to high rise hotels and apartments at the coast, destruction of flora and fauna, to mention the more important impacts… Notwithstanding lack of data, there is enough evidence to support the assertion that ‘tourism destroys tourism’ in certain specific regions; these are most noticeable at times of economic recession and could lead to the development of depressed tourist regions just as much as the development of depressed industrial regions. Like over-fishing, over-tourism can deplete the natural resource on which tourism depends, with resulting heavy hidden costs.” Mit diesem Zitat werden zwei Aspekte sehr deutlich: 1) es gab bereits vor 40 Jahren Evidenzen, dass das neoliberale Tourismuswachstum der spät-fordis‐ tischen und schließlich postfordistischen Massenkonsumgesellschaft einen Kipppunkt erreichen wird; 2) die ersten Beobachtungen von Overtourism fanden im ländlichen Raum statt (→-Kap.-1.4.1). In den Medien tauchte der Begriff zum ersten Mal, so weitnachvollzo‐ gen werden kann, im Dezember 2001 in einem Artikel der australischen Zeitung The Sydney Morning Herald auf (Milano, Novelli und Russo 2024), in welchem Petersen (2001) über den extremen Tourismus in Pompeii schrieb. Im Jahr 2012 wurde #overtourism dann erstmalig in den sozialen Medien, genauer auf der Plattform Twitter (heute X), verwendet (Goodwin 2019, S. 110). Viral ging der Begriff doch erst nach einem Artikel der online Reise-Nachrichten Plattform Skift, in welchem Ali (2016) Overtourism benennt und definiert. Dort schrieb er: „One of the biggest challenges we’re exploring in this series [of deep dives into destinations] is something we’re calling ‘Overtourism’. Overtourism represents a potential hazard to popular destinations worldwide, as the dynamic forces that power tourism often inflict unavoidable negative consequences if not managed well. In some countries, this can lead to a decline in tourism as a sustainable framework is never put into place for coping with the economic, environmental, and sociocultural effects of tourism. The impact on local residents cannot be understated either.“ Nach diesem Artikel, der Tourismusunternehmen als Zielgruppe hat, und der Zunahme an Anti-Tourismus-Protesten zur gleichen Zeit, war das 26 1 Der „Aufstand der Bereisten“ <?page no="27"?> Lauffeuer nicht mehr aufzuhalten. Es ist schon fast ironisch, dass im April 2023 der gleiche Journalist Ali (2023), der seinen Stolz diesen Begriff seines Erachtens nach geprägt zu haben nicht verbergen kann, erneut versucht die Debatte voranzutreiben und betitelt „It Is Time to Ditch the Phrase ‘Overtou‐ rism’. The phrase ‘Overtourism’ did its job since we coined it in 2016. Now it’s time to move on for more nuanced solutions.“ Weiter schreibt er „alarmism and inducing fear wasn’t a side effect, it was the intent” (Ali 2023, o. S.), was aus sozial-konstruktionistischer Perspektive erklärt, dass es nie Anspruch des Begriffs war, wissenschaftlich korrekt, messbar oder abgrenzbar zu sein. Stattdessen wurde Overtourism als emotional geladenes und simplifiziertes Schlagwort für eine Debatte zunächst in der Tourismusindustrie sowie folgend der breiten öffentlichen Gesellschaft entworfen - und retrospektiv lässt sich festhalten, dass es diese Funktion durchaus erfüllt hat. Dies ist auch nicht überraschend, denn Massenmedien sind aus sozial-konstrukti‐ vistischer Sicht zentral für alltägliche Realitätsvorstellungen (Haase 2021 in Anlehnung an Luhmann 1995). Es lässt sich festhalten, dass Overtourism seit 2016 durch mediale Bericht‐ erstattung an Popularität und Nutzerschaft gewonnen hat. Mit Blick auf die Trefferquote des Suchwortes „overtourism“ bei Google News zwischen 2015 und 2024 (→ Abb. 6) wird dies bestätigt. So fällt auf, dass der erste Sprung von 10 Treffern in 2015 zu 4.010 Treffern in 2016 eventuell tatsächlich durch den Skift-Artikel mit katalysiert wurde. Nach einem Hoch mit 10.100 Treffern für das Jahr 2019, folgte mit der COVID-19-Pandemie eine leichete Verringerung der Google-News-Treffer. Seit Ende der Pandemie und den wiederkehrenden Tourist: innen weltweit steigen die News-Treffer zu neuen Rekorden an. So zeigt die Nachrichten Suchmaschine für 2023 20.400 Treffer zu dem Schlagwort „overtourism“ und 2024 sind es bereits 43.3000 Treffer. Dies verdeutlicht sehr plakativ, dass mit dem Ende der Pandemie im Jahr 2022 die Renaissance der medialen Overtourism-Debatte angebrochen ist. Auch wenn die COVID-19-Pandemie eine Pause in der Diskussion um Overtourism erzwungen hat, die Gelegenheit, bestehende Systeme zu über‐ denken und nachhaltigere Tourismusmodelle zu entwickeln, bei denen die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung im Mittelpunkt stehen, wurde durch den Schrei nach wirtschaftlichem Überleben übertrumpft. So ist es nicht verwunderlich, dass der Begriff Overtourism seit 2023 noch populärer in den Medien ist, denn je zuvor. 1.3 Overtourism als soziales Konstrukt der Gesellschaft 27 <?page no="28"?> Abb. 6: Trefferanzahl bei der Suche nach “overtourism” auf verschiedenen Informations‐ kanälen zwischen 2015 und 2024 Dies hat sowohl positive als auch negative Effekte. Einerseits werden dadurch Tourismus-induzierte Probleme anerkannt und diskutiert. Ande‐ rerseits kann eine einseitige Darstellung und Einfärbung Stereotype über Tourismus und seine Folgen verstärken sowie mit ‚Fake News‘, also Falsch‐ informationen und Verzerrungen, die Stimmung künstlich und unnötiger‐ weise kippen lassen. So hat eine Framing-Analyse des Begriffs Overtourism in 117 bayerischen Printmedienartikeln zwischen Herbst 2017 und 2020 ergeben, dass vor allem drei mediale Rahmungen des Themas dominieren (vgl. Haase 2021, S. 13f.): 1) die Gefahr touristischer Überbevölkerung, bei welcher die Reisenden und ihr Erscheinen zum eigentlichen Problem gemacht werden, 2) die Gefahr touristischer Überbevölkerung (durch ‚die Anderen‘), wobei bestimmte Gruppen von Menschen anderer Nationen problematisiert werden und 3) Tourismus ist Krieg und der Tourist der Feind. Diese Analyse verdeutlicht, dass der mediale Diskurs, wie von Ali 2023 reflektiert, „undifferenziert und populistisch“ ist (Haase 2021, S.-16). Nichtsdestotrotz, um den Blick verstärkt auf die sozial-konstruktionisti‐ sche Bedeutung des Begriffs zu legen, muss auch über die gesellschaftliche Anerkennung und Bedeutung des Begriffs gesprochen werden. Die starke Annahme des Labels Overtourism und dessen virale Verbreitung in den mainstream (sozialen) Medien zeigen, dass der Begriff in der Gesellschaft ein 28 1 Der „Aufstand der Bereisten“ <?page no="29"?> Widerhallen gefunden hat. Als Schlagwort auf Anti-Tourismus-Protesten erschien es fast als würde das Wort zum Werkzeug für ein lange empfun‐ denes aber zu komplex zu benennendes Phänomen dienen - das Kind einen Namen bekommen. In diversen wissenschaftlichen Medienanalysen seit 2016 wird deutlich, dass, der Begriff Overtourism in Massenmedien undifferenziert, simplifiziert und teils populistisch genutzt wurde. Auch wenn diese Berichterstattungen dem wissenschaftlichen Anspruch nicht gerecht werden, so haben sie der Wissenschaft voraus, dass sie a) für die breite öffentliche Gesellschaft zugänglich sind und b) von ihr, u. a. eben durch zugängliche, simplere Schreibweise, verstanden werden. So berichtet die TZ im Mai 2023 (TZ 2023): „Münchner Gärtnerplatz als Symbol für ‚Overtourism‘: Behörden mussten ei‐ nige Hausaufgaben erledigen. […] Für überlastete Reiseziele, dazu gehören beispielsweise die griechische Insel Mykonos ebenso wie der uns näher gelegene Walchensee, hat sich der Begriff ‚Overtourism‘ eingebürgert. Gemeint ist damit, dass ein attraktiver Ort mit dem Ansturm der Besucher überfordert ist. Dem Münchner Gärtnerplatz in der Isarvorstadt ergeht es ähnlich.“ Aus wissenschaftlicher Perspektive und empirischer Datenfundierung ist die Bedeutung von Overtourism tiefgründiger als die Überfüllung gewisser Orte zu einer bestimmten Zeit (auch: Overcrowding, vgl. Popp 2018b). Auch ist es nicht einfach ein zusammenfassendes Wort für die Zunahme der negativen Auswirkungen des Tourismus die in einem Ungleichgewicht von Nachteilen und Vorteilen für die Bewohner: innen der Destination resultieren (Milano, Novelli und Russo 2024, S. 3). Gleichwohl stellen diese zwei Auslegungen, metaphorisch gesprochen, die Spitze des Eisberges dar (Milano, Novelli und Russo 2024, S. 2). Was sich unterhalb der Wasserober‐ fläche, also der Bedeutung von Overtourism, befindet, wird selten ergründet. Dass es sich hierbei vielmehr auch um die gesellschaftliche Empfindung von sozialen und kulturellen Spannungen, Kontrollverlust, Ressourcenknapp‐ heit, Einschränkungen der eigenen menschlichen Bedürfnisse, und weiterer negativer Auswirkungen durch den Tourismus handelt (→ Kap. 3), bleibt in populistischer und sensations-getriebener Stimmungsmache verborgen. Was sich in der medialen Berichterstattung seit Ende der COVID-19-Pan‐ demie geändert hat, ist jedoch, dass auch zunehmend mehr Radiosender (vgl. SWR Kultur 2024), Podcasts (vgl. ZEIT ONLINE 2024) Fernsehsendungen mit dem Phänomen beschäftigt haben. So wird beispielsweise in der Dokumen‐ tation planet e. „Reiselust - Klimafrust: Tourismus in Zeiten des Klimawandel “ 1.3 Overtourism als soziales Konstrukt der Gesellschaft 29 <?page no="30"?> (ZDF 2023; siehe → Abb. 7, verfügbar in der online Mediathek unter ZDF.de) eine Großdemonstration auf Mallorca gegen den lokalen Massentourismus thematisiert. Abb. 7: Dokumentation planet e. vom 7. September 2023, die sich u. a. mit den Folgen des Massentourismus auf Mallorca auseinandersetzt Dementsprechend kritisch und polarisierend sind auch die Reaktionen auf den Overtourism-Diskurs von Seiten der Tourismusakteur: innen und -unter‐ nehmen. Um ein Beispiel zu nennen, so hat sich der Referent des Münchner Referats für Arbeit und Wirtschaft, dem die öffentliche DMO München Tourismus angehört, 2021 in einem Podcast wie folgt über Overtourism geäußert (Tourismus Oberbayern München 2021, Minute 29: 23-30: 05): „Ich glaube wir müssen anfangen bei dem Thema des letzten Sommers, des Overtourism. Das ist eins der furchtbarsten Wörter für mich. Ich bin froh um jeden Touristen der kommt. Und ich werde nicht müde auch jedem zu sagen, ich will Menschen nicht mit dem Wort eines Overtourism verschrecken. Das gilt für uns Münchener, das gilt auch manchmal in die Richtung Berge rein, wo der ein oder andere meint ‚jetzt werden es zu viel‘ [Original ‚zvui‘ in bayerischem Dialekt]. Ich glaube das ist ein Signal an unsere Gäste, die uns viel Geld, viel Ruf bringen. Also schlechter hätte es man gar nicht setzen können. Das in den Griff zu bekommen, ist eines der vorrangigsten Ziele.“ 30 1 Der „Aufstand der Bereisten“ <?page no="31"?> Auch wenn die negierende Perspektive des Wirtschaftsreferenten in seiner Rolle nachvollziehbar ist, so zeugt sie auch von Verschlossenheit und Igno‐ ranz gegenüber den Ursachen der zunehmenden Overtourism-Wahrneh‐ mung in Bayern zu der Zeit. Fraglich ist, auf welchen Informationsquellen diese Perspektive basiert. Gleichwohl ist diese Stimme sehr repräsentativ für diverse Meinungsäußerungen, die zu der Zeit aus der Tourismusindustrie aufgekommen sind. Es geht dabei vor allem um die Angst Reputation, damit Nachfrage und letztendlich wirtschaftlichen Ertrag, zu verlieren (Dodds und Butler 2019b, S. 525), in die während der vergangenen 50 Jahre investiert wurde (Milano, Novelli und Russo 2024, S. 1). Eine soziale (oder auch umweltbedingte) Komponente wird hier gänzlich ausgeblendet und dem Wirtschaftswachstum untergeordnet. Dass die Dimensionen des Phäno‐ mens nicht anerkennt werden, spiegelt sich auch in der Tatsache wider, dass Tourismusakteur: innen häufig, ihrer Meinung nach, zutreffendere Termini vorschlagen, wie etwa Overcrowding, Massentourismus oder unausgegli‐ chener Tourismus (imbalanced tourism). Diverse Studien haben gezeigt, dass die bisherigen Reaktionen vieler Tourismusakteur: innen „inadäquat“ sind (Amore, Falk und Adie 2020, S. 120). Wissenschaftler: innen fordern stattdessen, dass Akteur: innen (Unternehmer: innen, Planer: innen, Entschei‐ dungsträger: innen, Tourist: innen und Bewohner: innen) ihre gemeinsame Verantwortung anerkennen und entsprechend handeln (Koens und Postma 2017, Namberger et al. 2019). Gleichzeitig wird davor gewarnt, was sich auch in dem obigen Zitat manifestiert, dass Tourismusakteur: innen das Phänomen gegebenenfalls nicht verstehen und entsprechend unpassende und ineffektive Konsequenzen ziehen (Koens, Postma und Papp 2019, S. 156). Daher wird eine enge Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Tourismusakteur: innen umso bedeutender (Amore, Falk und Adie 2020). Dies führt zu der nächsten Perspektive. Auch wenn die Stimmen von Wissenschaftler: innen oft etwas differen‐ zierter und die Perspektiven etwas holistischer sind als die dominanten der Industrieakteur: innen, so wird der Neologismus auch in dieser Community häufig skeptisch hinterfragt. Eins der häufigsten Argumente ist, dass es sich hierbei um kein neues Phänomen handelt, sondern um ‚alten Wein in neuen Schläuchen‘ (vgl. Capocchi et al. 2019). Gleichwohl mangelt es diesen kritischen Stimmen oft an (primärer) empirischer Grundlage, wes‐ halb generalisierende Missverständnisse verbreitet werden, die die Debatte weiter vergiften (Milano, Novelli und Russo 2024, S. 7). Denn empirische Studien zeigen deutlich, dass es sich eben um ein komplexeres Phänomen als 1.3 Overtourism als soziales Konstrukt der Gesellschaft 31 <?page no="32"?> Massentourismus und Drängungseffekte geht (Veríssimo et al. 2020). So argumentiert Baumgartner (2020), dass die Massentourismus-Debatte einen stärkeren Natur-Bezug hat, während der Overtourismus zu einer wohnort‐ bezogenen Diskussion über die wissenschaftliche Forschungsgemeinschaft hinausgeführt hat. Diese Annahme hat sich im Laufe der Overtourism-For‐ schung zunehmend bestätigt. Im Gegensatz zu den wirtschaftlichen und umweltbezogenen Auswirkungen des Massentourismus, fokussiert sich der Overtourism-Diskurs deutlich stärker auf soziale Auswirkungen, Emotio‐ nen und die Bewohner: innen der Reiseziele. So wird durchaus ein starker Zusammenhang zwischen Massentourismus und Overtourism gesehen, jedoch sind diese nicht synonym zu verstehen oder zu verwenden. So schreiben die drei Wissenschaftler: innen (Milano, Novelli und Russo 2024, S. 6), die sich seit Beginn der Debatte mit Overtourism (ethnografisch) beschäftigen, Overtourism sei: „nothing but the last bit of a long tail of place transformation and adaptations that are deeply rooted in the capital accumulation strategies pertinent to a mobile society. In this sense, overtourism can be better described as a regime, meaning a complex and deeply entrenched system that exerts control over urban landscapes, economies, and social dynamics in which tourism economics start to be the main source of income, transforming cities into perpetual holiday destinations.“ Weiter beschreiben sie, dass es ein vielschichtiges und sich selbst erhaltendes System sei, das dem neoliberalen Wirtschaftswachstum durch Massentou‐ rismus und eine priorisierte Besucher: innenwirtschaft Vorrang einräumt (ebd.). Dieses System, oder Regime, resultiert in fragwürdigen unfairen Praktiken, wie der Ausbeutung von Arbeitskräften und natürlichen Ressour‐ cen, die von Betroffenen, teils lautstark, öffentlich angeprangert werden. Ihrer Beobachtungen und Analysen nach ist Massentourismus das Phäno‐ men, Touristifizierung der Prozess und Overtourism demnach das Regime (Milano, Novelli und Russo 2024, S.-7). Zuletzt soll nun das Licht auf die öffentliche Gesellschaft gelenkt werden. Von dieser wurde der Begriff angenommen und mehrfach repro‐ duziert, um die wachsende Anti-Tourismus-Emotionen auszudrücken. Wie Untersuchungen gezeigt haben, geht die Abneigung gegen den Tourismus über die Überfüllung hinaus (Koens, Postma und Papp 2018). Darüber hinaus beziehen sich die Beschwerden der Bewohner: innen auf die unnachhaltige und lebensqualitätssinkende Veränderung ihres Lebensumfelds, die durch die Tourist: innen in diesem Umfeld personifiziert wird. Bspw. kam Egresi 32 1 Der „Aufstand der Bereisten“ <?page no="33"?> (2018) auf der Grundlage seiner qualitativen Inhaltsanalyse von Zeitungs‐ artikeln und deren Leserkommentaren zu dem Schluss, dass sich die meisten Anwohnenden nicht (nur) über Überfüllung beschweren, sondern über eine vollständige Umwandlung ihres Ortes von einem Wohnviertel in ein touristisch orientiertes Gebiet. Auch wenn Forscher: innen sich einig sind, dass die vielfältigen negativen Auswirkungen, die mit Overtourism assoziiert werden, zu einem großen Teil von der langfristigen Entwicklung der Globalisierung und Urbanisierung beeinflusst werden - teilweise sogar darin begründet sind (Bello et al. 2017; Tschöll und Költringer 2019). So herrscht dieses Wissen nicht in der breiten Gesellschaft vor, die sich plausible Erklärungen in ihrem Umfeld sucht, wobei (soziale) Medien hier eine wichtige Informationsquelle darstellen. Wie in den folgenden Kapiteln erläutert wird, basiert die Mehrheit der Studien zur Overtourism-Wahrnehmung auf standardisierten quantitativen (Online-)Umfragen (vgl. u. a. Almeida-García et al. 2021; Namberger et al. 2019; Szromek, Kruczek und Walas 2020; UN Tourism/ UNWTO & IPSOS 2019). Viele dieser Studien riefen schlussendlich zu mehr qualitativen Forschungsansätzen auf (vgl. Almeida-García et al. 2021; Gannon et al. 2021). Schon vor dem Aufkommen des Overtourism-Phänomens kritisierten Moufakkir und Reisinger (2013) in ihrem Sammelband wie folgt: „host gaze studies have been confused with residents‚ attitudes surveys, where locals‘ per‐ ceptions are quantified, and simplistically (though not simplified) examined“ (S. xiii). Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es an qualitativer Forschung mangelt, die in dem sozialen Konstruktionismus wurzelt und aus diesem heraus den komplexen Wahrnehmungsprozess der Bewohner: innen von Overtourism analysiert. Um diese Forschungslücke zu bedienen, führte Erdmenger daher insge‐ samt zwölf bildbasierte Fokusgruppen-Diskussionen mit Bewohner: innen in München und Kopenhagen im Jahr 2020 durch (vgl. Erdmenger 2022c). Ein Ziel der Studie war es, zu analysieren, wie Bewohner: innen der zwei Städte die Auswirkungen des Tourismus auf ihr Lebensumfeld beschreiben - und darauf aufbauend - wie sie ihr Verständnis von (Over)Tourism (in oder auch außerhalb ihres Wohnortes) konstruieren. Menschen, die in Städten leben und nicht in der Tourismusbranche arbeiten, denken in der Regel nicht darüber nach, wie und warum sie die erlebte touristische Entwicklung mögen oder nicht. Es sei denn, wir laden sie dazu ein und unterstützen sie dabei. Und genau das haben (soziale) Medienberichte getan. Im Gegensatz dazu konzentrieren sich die meisten Politiker: innen, Planer: in‐ 1.3 Overtourism als soziales Konstrukt der Gesellschaft 33 <?page no="34"?> nen und Wissenschaftler: innen auf objektive, sachliche und positivistische Ansätze. Gleichwohl ist es nicht Anspruch der Studie, den psychologischen Prozess wissenschaftlich zu analysieren, sondern Einblick in die soziale Konstruktion von Overtourism zu erhalten. Die Bilder, die die Teilnehmenden für die Diskussion mitbrachten, ga‐ ben bereits erste Hinweise auf die Wahrnehmungen sowie deren Quel‐ len (Medienberichte, selbst geschossene Fotos, Fotos von Freunden, etc.). Detaillierte Studienergebnisse können in Erdmenger (2022c) nachgelesen werden. Zusammenfassend lässt sich die Konstruktion der Wahrnehmung in drei Schritte gliedern (Erdmenger 2023; Gerber und Murphy 2019): 1) Auf der ersten Ebene erklärten die Einwohner: innen, was sie (sensorisch) wahrnehmen und wie sie Tourismus in der Stadt in der sie leben erleben. 2) Der Verstand verarbeitet diese Sinneswahrnehmungen und bewertet zunächst, ob sie eine Bedrohung für die menschlichen Bedürfnisse darstellen oder nicht. Dafür werden oft eigene direkte Erfahrungen herangezogen, um herauszufinden, ob die Situation bspw. eine Gefährdung der eigenen Sicherheit darstellt. 3) Darüber hinaus wird die Wahrnehmung mit weiteren vorhandenen Informationen, z. B. Erzählungen von anderen Menschen und Medienberichten, evaluiert. So hat es z. B. eine Person aus München den potenziellen Einfluss der medialen Berichterstattung über die touristische Wohnraumzweckentfremdung beschrieben (Bew.-1 2019): „Der Tourismus ist ja immer schon in München […]. München wirbt ja ‚Weltstadt mit Herz‘ und gut die Olympischen Spiele waren 1972 und seitdem hat München den Boom als Touristenstadt erlebt. Und das kennt man und das wollte man auch. Und da war Zustimmung da und die Zustimmung hat nie gebröckelt bis jetzt. Und die Wohnungsnot war vorher schon da […]. Und man würde die nie auf den Tourismus zurückführen. Es sei denn, die Information durch Medien wäre tatsächlich so einseitig und würde dieses Bild fördern. Die meisten Älteren würden dann wissen, dass das nicht stimmt und würden es vielleicht auch noch laut aussprechen, dass es mehrere Faktoren gibt, die dazu beitragen und nicht nur der Tourismus. Also so leicht kann ich mir nicht vorstellen, dass das kippt deswegen.“ Diese Evaluation kann durch die propagandierende Berichterstattung sehr negativ ausfallen. Das ist die Problematik, die von Industrie Perspektive befürchtet wird und auf die sich der Münchner Wirtschaftsreferent bezo‐ gen hat. Dennoch kann dieses negativ geprägte Bild von Tourismus die subjektive Realität dieser Person sein oder werden. Diese vorbelastete 34 1 Der „Aufstand der Bereisten“ <?page no="35"?> Realität beeinflusst schlussendlich die Bewertung der Wahrnehmung - ist Overtourism ein Problem in meinem Lebensraum oder lediglich in den Städten, über die ich in den Medien gelesen/ gehört habe? Die Fokusgruppenteilnehmenden haben kulturelle Unterschiede, räum‐ liche Nähe, Risiken für die persönliche Sicherheit, die Verletzung der Privatsphäre und die Störung der täglichen Routinen im Kontext der Wahr‐ nehmung negativer Einflüsse des Tourismus am häufigsten diskutiert. Das Anhören der Erfahrungen und Wahrnehmungen anderer Mitdiskutant: in‐ nen sowie das Betrachten ihrer mitgebrachten Bilder lösten zusätzliche unbewusste Assoziationen aus, wie dass man dies auch erlebt habe oder eine gegensätzliche Erfahrung gemacht habe. Basierend auf diesen empiri‐ schen Ergebnissen wurde eruiert, das Bewohner: innen Tourismus in ihrer Stadt nicht nur unterschiedlich wahrnehmen, sondern selbst bei gleicher Wahrnehmung differenziert evaluieren. Die weitere Diskussion über die Toleranzgrenzen gegenüber der Tourismusentwicklung, der Frage nach dem ‚ab wann wäre es Overtourism? ‘ ergab, dass die weiter zunehmende Überfüllung, das Fehlverhalten der Touristen, der Mangel an Unterkünften, die von den Touristen ausgehenden Sicherheitsrisiken, das mangelnde Interesse an der lokalen Kultur und die Verfremdung der lokalen Identi‐ tät der Städte am meisten irritieren (Erdmenger 2023). Insgesamt wird die Toleranzgrenze überschritten, wenn der Tourismus die persönlichen Bedürfnisse der Menschen direkt bedroht. So hat die Studie Einblicke in den Prozess der sozialen Konstruktion gegeben, tiefgreifendere Ursachen für die Evaluation der Wahrnehmung aufgedeckt und schlussendlich belegt, dass es auch aus Perspektive der Laien kein einheitliches Verständnis von Overtourism gibt. Die Meinungen innerhalb der untersuchten Gemeinschaft fielen sehr unterschiedlich aus - abhängig von den individuellen Werten, der eigenen Lebenssituation, den Gegebenheiten des Lebensumfeldes sowie dem Umfang an Interaktion mit fremden Kulturen im Allgemeinen. Dies wird auch deutlich, wenn man berücksichtigt, dass sich in den ver‐ gangenen Jahren in verschiedenen Kulturräumen unterschiedliche Begriffe für das, was wir als Overtourism fassen zu versuchen etabliert haben. So erklärt Milano (2017), der in Barcelona lebt und ethnographisch forscht, dass in Spanien die Begriffe Tourismphobia (‚Turismofobia‘) und Touris‐ tifizierung die im Mainstream präferierten Begriffe sind (Milano, Novelli und Russo 2024, S. 15). In Japan hingegen, wird der Begriff ‚kankō kōgai‘ ( 観 光公害 ) verwendet, der als ‚Tourismusverschmutzung‘ übersetzt wird (vgl. Brasor 2018). Es ist daher davon auszugehen, dass es in anderen Kulturräu‐ 1.3 Overtourism als soziales Konstrukt der Gesellschaft 35 <?page no="36"?> men weitere Bezeichnungen für dieses Phänomen gibt, die dadurch z. B. in Literaturrecherchen zu dem Schlagwort ‚Overtourism‘ nicht inkludiert werden. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Begriff Overtourism ein Werkzeug für Laien geworden ist, um deren Wahrnehmungen, Emotionen und Bewertungen gegenüber einem für sie schwer erklärbaren Phänomen zu benennen. Aus dieser Betrachtungsweise ist es vollkommen richtig, dass der Begriff emotionsgeladen, unpräzise und unwissenschaftlich ist - das ist auch nicht der Anspruch der Nutzungsgruppe. Overtourism ist der Begriff, den die breite Öffentlichkeit über internationale Sprachbarrieren hinweg nutzt, um an der Diskussion über eine unnachhaltige Tourismusentwicklung zu partizipieren. Aus Sicht der Bewohner: innen geht es bei Overtourism um Gefühle anstatt Fakten. Die soziale Konstruktion des Begriffs Overtourism wurzelt in einem gesellschaftlichen Pluralismus, der „eine Offenheit bezüglich vieler Wege des Benennens und Bewertens“ fordert, „weil keine Grundlage existiert, auf der die Überlegenheit der eigenen Tradition gefordert werden könnte“ (Gergen und Gerden 2009, S. 23). Auch in dieser Publikation bedeutet die Verwendung des Begriffs Overtourism weder, dass er für angemessen noch als zutreffend gewertet wird. Vielmehr soll die wertneutrale Analyse des Phänomens, mit seinem Ursprung und Facettenreichtum, die Anerkennung des sozial konstruierten Begriffs signalisieren - auch wenn er mit wissenschaftlicher Faktizität nur schwer definierbar ist. Um zu vermeiden, dass sich der Leidensdruck der vom Tourismus negativ Betroffenen erhöht, ist es von zentraler Bedeutung, zu verstehen, wie diese ihre Realität über Tourismus konstruieren. Der Begriff Overtourism hat daher eine Daseinsberechtigung im wissenschaftlichen und politischen Diskurs, denn er weist auf soziale Ungleichheiten hin und gibt betroffenen Menschen eine Stimme, die jetzt so laut wurde, dass sie nicht mehr überhört werden konnte (Erdmenger 2022b, 2023). Daher ist es an der Zeit, dass alle Beteiligten die Mauern abbauen und sich auf ehrliche und aktive Gespräche einlassen und offen für andere Standpunkte sind auch wenn dies an einem Ort des Unbehagens geschieht. Bisher wurden diese unkomfortablen Gespräche in unserer zunehmend polarisierten Gesellschaft häufig gemieden, dabei haben in der Overtou‐ rism-Debatte alle Involvierten (Wissenschaft, Planung, Wirtshaft, Politik, Gesellschaft) mit ihren verschiedenen Perspektiven doch das gleiche Ziel: unser Allgemeinwohl und unsere Lebensqualität mindestens zu erhalten, wenn nicht zu erhöhen. 36 1 Der „Aufstand der Bereisten“ <?page no="37"?> 1.4 Diskussion: Overtourism jenseits von europäischen Städten Auch wenn sich der Fokus der Overtourism-Debatte deutlich auf ausge‐ wählte europäische Städte konzentriert, so liegt der Ursprung der Debatte im ländlichen Raum und Naturraum (→ Kap. 1.4.1). Wie bereits an anderer Stelle in Analogie zur Metapher des Eisbergs kritisiert (vgl. Kagermeier und Erdmenger 2019, S. 70), wird in bisherigen Berichterstattungen lediglich die Spitze des Eisberges diskutiert. In diesem Kapitel richtet sich der Blick unterhalb der Wasseroberfläche, um den Blick auf die geographische Verortung von Overtourism zu erweitern. Zunächst liegt der Fokus auf weniger dicht besiedelten Orten, an denen keine lauten Proteste mit ‚Tourist go home‘-Schildern stattfinden - dem ländlichen Raum und Naturräumen. Dabei spielen insbesondere Küstenre‐ gionen, fragile Natur-Ökosysteme und Inseln eine zentrale Rolle. Darauffol‐ gend soll die eurozentrische Perspektive erweitert werden, indem Einblick gegeben wird, inwiefern Overtourism im Globalen Süden verbreitet und erforscht ist. 1.4.1 Back to the Roots: Overtourism im ländlichen Raum Mit Blick auf die historische Entwicklung des Tourismus wird deutlich, dass der ländliche Raum eine wichtige Rolle spielte. In den 1960er- und 1970er-Jahren waren Urlaubsreisen in starkem Maß auf nicht-urbane Desti‐ nationen an den Küsten, im Gebirge und anderen landschaftlich reizvolle ländliche Destinationen orientiert. Damals entsprach das Urlaubsverhalten noch weitgehend dem klassischen Grundmuster der ‚Sommerfrische‘ aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Städtereisen spielten nur eine geringere Rolle - oftmals im Rahmen von kulturtouristisch ausgerichteten Rundreisen. Im Gegensatz zu der hektischen Stadt, suchen Reisende in der Natur Abstand zum Alltag, Entspannung, Naturerlebnisse und Ruhe (vgl. FUR 2024, S.-12). 2023 haben 56 % der Deutschen den Aufenthalt in der Natur als ihre Top-Urlaubsaktivität angegeben, womit dies auf dem zweiten Platz und nur einen Prozentpunkt hinter Sightseeing liegt (Deutscher Tourismusverband 2024, S. 19). Gerade durch die COVID-19-Pandemie, und der einhergehenden Meidung größerer Menschenmengen, hat es viele Menschen vermehrt in die weitläufige Natur gezogen (vgl. Eisenstein et al. 2021). Jedoch ist auch nach Ende der Pandemie zu erwarten, dass die wiederentdeckte Liebe zur 1.4 Diskussion: Overtourism jenseits von europäischen Städten 37 <?page no="38"?> Natur bei einigen (Tages-)Reisenden weiter anhalten wird. Denn bereits vor der Pandemie haben Forscher: innen aufgrund diverser technologischer, sozialer oder ökonomischer Stressoren ein wachsendes Bedürfnis nach ausgleichenden Naturerlebnissen beobachtet (vgl. Eilzer und Harms 2022, S.-11). Im Gegensatz zu Städten, die infrastrukturell auf Menschenmassen aus‐ gelegt sind, kann eine hohe Anzahl an Menschen im ruralen Raum schnell zu Problemen der Überbelastung führen. Gleichzeitig ist die lokale Nachfrage im ländlichen Raum oft zu gering, um die Versorgung der freizeitbezoge‐ nen Infrastruktur sicherzustellen (Gronau und Kagermeier 2015, S. 241). Dort kann lediglich durch die zusätzliche Nachfrage von Besucher: innen das Angebot an kulturellen Einrichtungen, Freizeitaktivitäten im Freien, Gastronomie oder sogar öffentlichen Verkehrsmitteln rentabel und damit angeboten werden. In ländlichen Gebieten profitieren daher die Bewoh‐ ner: innen mit einer höheren Wahrscheinlichkeit von einer zusätzlichen Nachfrage auswärtiger Besucher. Diese kann sicherstellen, dass kulturelle Veranstaltungen, Schwimmbäder und öffentliche Verkehrsmittel angeboten werden können (Gronau und Kagermeier 2015, S.-241). Außerdem ist die relative Bedeutung von Freizeit und Tourismus für die regionale Wirtschaft im ländlichen Raum meist größer als in wirtschaftlich diversifizierten Städten. Damit hat der Tourismus in ländlichen Räumen, die touristisch nachgefragt werden, meist einen verhältnismäßig großen Einfluss auf den Arbeitsmarkt und die Wertschöpfung. Die Tatsache, dass der Tourismus in ländlichen Gebieten, die als Reiseziel aufgesucht werden, einer der wichtigsten Wirtschaftszweige sein kann, ist der lokalen Bevölke‐ rung meist deutlich bewusst. Wie diverse Studien belegt haben, hat ein persönlicher wirtschaftlicher Vorteil nachweislich einen positiven Einfluss auf die Einstellung gegenüber und die Wahrnehmung von Tourismus (vgl. Amore, Falk und Adie 2020, Kim et al. 2020, Martín Martín, Guaita Martínez, und Salinas Fernández 2018). Dieser wirtschaftliche Vorteil, oder eben sogar eine Abhängigkeit, könnten demnach plausible Gründe sein, warum oppo‐ sitionelle Tendenzen gegenüber dem Tourismus eher seltener in ländlichen Reisezielen auftreten (Kagermeier und Erdmenger 2020, S.-533). Gleichwohl haben Studien sowie medial auftretende Beispiele dennoch gezeigt, dass wirtschaftliche Vorteile/ Abhängigkeit nicht vor Overtourism immunisieren. Denn wie in → Kap. 1.3 herausgearbeitet wurde, ist einer der Unterschiede zwischen Massentourismus und Overtourism, dass letzterer wesentlich deutlicher die soziale Komponente betont, weshalb Overtourism 38 1 Der „Aufstand der Bereisten“ <?page no="39"?> im Übrigen auch sehr häufig mit der Social Exchange Theory analysiert wird (vgl. Hateftabar und Chapuis 2020, Martín Martín, Guaita Martínez, und Salinas Fernández 2018, Muler Gonzalez, Coromina und Galí 2018). Da nicht alle ländlichen Räume, die von Overtourism betroffen sind, besiedelt sind, bleiben an einigen stark belasteten Reisezielen diverse Anti-Touris‐ mus-Proteste aus. Die einzigen imaginären Protestschilder werden ggf. von Tourist: innen, die ihre perzeptuelle Tragfähigkeitsgrenze erreichen, oder durch (klimawandel-bedingte) Naturkatastrophen hochgehalten. Da‐ durch ist auch die massenmediale Berichterstattung über Overtourism im unbesiedelten ländlichen Raum wesentlich seltener als die mit starkem sozialem oder sensationellem Bezug. Durchaus eine Sensation war bspw. das Foto einer bunten Menschenschlange auf dem Weg zur Spitze des höchsten Berges der Welt, dem Mount Everest, das Anfang 2019 in den (sozialen) Medien viral gegangen ist (Mutrie 2019). Auch im Frühjahr 2024 gehen erneut Videos von Menschenschlangen auf der Plattform TikTok viral, begleitet von Todesbekundungen und Vermisstenanzeigen diverser Bergsteiger: innen und Sherpa. Ohne an dieser Stelle in die vielschichtige Problematik des Everst-Tourismus zu tauchen, so zeigt das Beispiel wie Menschen- und Sensations-fokussiert die Berichterstattung ist. Obwohl das Konzept des Overtourism auf Inseln (z. B. Kim et al. 2020; Utama et al. 2024), in Küstengebieten (z. B. Cheer, Milano und Novelli 2019; Butler 2020) und in jüngerer Zeit auch in ländlichen Gebieten (Arif, Ullah und Samad 2019, Drápela 2023, Steber und Mayer 2024) übertragen wurde, werden die Auswirkungen des Overtourism meist auf städtischen Umgebungen gerahmt. Die deutschlandweite Studie von Seeler und Eisenstein (2024), in der empirische Daten für den neu entwickelten Tourismusakzeptanzsaldo (TAS; → Kap. 6.3.1) gesammelt wurden, hat einige Annahmen bzgl. des Stadt-Land-Unterschiedes im Overtourism widerlegt. So zeigen die Daten bspw., dass die Tourismusakzeptanz unter den deutschen Stadtbewohner: in‐ nen oft größer ist als im ländlichen Raum (ebd. S. 206). Seeler und Eisenstein begründen dies u. a. mit den Auswirkungen der Pandemie auf beide Räume und Gesellschaftsgruppen. Während in der Stadt das quirlige und bunte Stadtleben ausfiel und vermisst wurde, so wurde das Umland überpropor‐ tional überrannt und überfordert (Panzer-Krause 2022). Dies kann in der Stadt eine positive und auf dem Land eine negative Auswirkung auf die Tourismusakzeptanz, zum Zeitpunkt der Datenerhebung in 2019 bis 2022, gehabt haben (Seeler und Eisenstein 2024, S. 206). Verdeutlicht wir dies 1.4 Diskussion: Overtourism jenseits von europäischen Städten 39 <?page no="40"?> an auffällig niedriger Tourismusakzeptanz im Tölzer Land in der Nähe von München und der Lübecker Bucht bei Hamburg (ebd.). Beide Orte in der Nähe von zwei der größten Städten Deutschlands haben während der Pandemie einem extremen Druck durch Tagesreisende erfahren, so dass die lokale Infrastruktur zeitweise, und nicht selten auf Kosten der ruralen Bewohner: innen, völlig überlastet war. Damit konkludieren Seeler und Eisenstein (2024), dass die Tourismusakzeptanz durchaus sehr stark von den subjektiven (unbewussten) Erfahrungen eines jeden Individuums geprägt werden. Ein genauerer Blick auf die Auswirkungen von Overtourism im ländli‐ chen Raum zeigt, dass diese sich teilweise von denen im städtischen Raum unterscheiden. Wie schon mehrfach darauf hingewiesen, spielt auf dem Land die Überforderung der Infrastruktur eine zentrale Rolle. Während Städte häufig über robuste Infrastrukturen und Ressourcen zur Bewältigung hoher Besucher: innenzahlen verfügen, so mangelt es an beidem im ländli‐ chen Raum. Das führt bspw. zu der Be- und Überlastung der Straßen sowie die begrenzte Anzahl an Parkplätzen und dem daraus resultierenden Pro‐ blem des Wildparkens. Auch sind in Dorf und Natur eher selten öffentliche Toiletten und Mülltonnen vorhanden, was zu diversen Umweltverschmut‐ zungen führt. Neben erhöhten Wartungskosten führt dies auch zu Stress bei den Anwohnenden. Dies kann in sozialen Spannungen, Konflikten, und unerwünschte Ressourcen-Konkurrenz zwischen Bereisten und Reisenden resultieren. Auch das Aufeinanderprallen konträrer Kulturen und eine „kulturelle Erosion“ durch die Kommodifizierung der lokalen Kultur und Traditionen, um den Erwartungen der Besucher: innen gerecht zu werden, gehören zu den sozialen Auswirkungen (Drápela 2023, S. 2). Mit Blick auf die durch Overtourism verursachten Umweltbelastungen in der Natur treten vor allem Bodenerosion, das bereits genannte erhöhte Müllaufkommen und Schäden an fragilen Ökosystemen, wie etwa in beliebten Wanderregionen auf (Butler 2020, S. 34, Rickly 2019, S. 50). Damit sind ländliche und naturnahe Regionen oft stärker belastet und vulnerabler gegenüber den Folgen des Overtourism als Städte. Der Einfluss von Overtourism auf die Lebensqualität der Menschen, die im ländlichen Raum leben, ist oft direkter und stärker als in einer Stadtgesellschaft (Kim et al. 2020). Auf Inseln sind die ökologischen und ökonomischen Folgen besonders deutlich, denn hier sind Ressourcen meist nur begrenzt verfügbar und wer‐ den aufwändig sowie kostspielig importiert. Durch die zusätzlich erhöhte Nachfrage wird die Abhängigkeit von importierten Gütern erhöht, was u. a. 40 1 Der „Aufstand der Bereisten“ <?page no="41"?> die CO₂-Emissionen steigert. Dabei sind Inselökosysteme ohnehin schon durch den Klimawandel und den einhergehend steigenden Meeresspiegel besonders gefährdet (Wall 2019, S. 41). Zu den bekannteren Beispielen gehören vor allem die Balearen, die Kanaren und Inseln in Südost-Asien, wie Bali (Indonesien), Kho Phi Phi (Thailand) und Boracay (Philippinen). Speziell in Küstengebieten zeigen sich zusätzliche Effekte des Overtou‐ rism durch die Degradation bis hin zur Zerstörung von maritimen Ökosys‐ temen (Utama et al. 2024, S. 84). Die Errichtung von Hotelanlagen entlang der Strandpromenade, Hafeninfrastrukturen und diverse Freizeiteinrichtungen führen zu Habitat-Verlust, Erosion und Schädigung der Flora und Fauna, wie z. B. den Lebensräumen in Korallenriffen (Hess 2019, S. 118) und Dü‐ nenlandschaften. Auch Abwasser und Müll belasten maritime Ökosysteme, da viele Küstenregionen über keine ausreichenden Entsorgungskapazitäten verfügen (Dodds und Butler 2019). Im Gegensatz zu Städten, die oft von ökonomischen Vorteilen des Mas‐ sentourismus profitieren und über Kapazitäten sowohl zur Einblendung der Reisenden als auch zur Regulierung des Tourismus verfügen, sind die sozia‐ len und ökologischen Schäden in ländlichen Gebieten meist tiefgreifender und schwerwiegender. Daher ist es umso wichtiger auch in diesen Gebieten, die oft von regionalen DMOs vermarktet, selten gemanagt werden, eine regulierende Tourismusstrategie zu implementieren. 1.4.2 Erweiterung der Eurozentrischen Debatte: Overtourism im Globalen Süden Wie bereits aufgezeigt fokussiert sich die Overtourism nicht nur auf Städte, son‐ dern insbesondere auf europäische Städte. Gleichwohl erleben viele Menschen während ihrer Safari im Kruger National Park (Südafrika), der Besteigung des Machu Picchu (Peru) oder der Mount Everest Base Camps (Nepal), dem Besuch von Angkor Wat (Kambodscha) oder auch der Copacabana in Rio de Janeiro (Brasilien), dass sie umzingelt sind von anderen Tourist: innen. Das Phänomen und die Wahrnehmung von Overtourism treten nicht nur in Europa auf. So weist die mediale Berichterstattung unter Berücksichtigung des Globalen Südens große Lücken auf. Auch Auftragsstudien von internationalen Organisationen und das Repertoire der namenhaften wissenschaftlichen Tou‐ rismuszeitschriften (Buitrago-Esquinas et al. 2023, Tyagi 2024) präsentieren Overtourism-Daten aus dem Globalen Süden nur geringfügig. So inkludierte „die erste von der UN Welttourismusorganisation durchgeführte weltweite Um‐ 1.4 Diskussion: Overtourism jenseits von europäischen Städten 41 <?page no="42"?> frage” über die Tourismuswahrnehmung unter städtischen Bewohner: innen lediglich eine Stadt im Globalen Süden (vgl. UNWTO & IPSOS 2019). Die medial sowie wissenschaftlich Analyse des Phänomens Overtourism ist demnach sehr stark von einer eurozentrischen Perspektive verzerrt bzw. eingeschränkt. Dies hat mehrere Gründe, die folgend dargestellt werden. Der Tourismus wird im Globalen Süden insbesondere als potenzieller Treiber für die wirtschaftliche Entwicklung und Diversifizierung gesehen. So betonen die New Partnerships for Africa’s Development in ihrem Touris‐ mus-Aktionsplan den Mehrwert des Tourismus im Hinblick auf die Unterstüt‐ zung der Umsetzung der UN-Nachhaltigkeitsziele (Sustainable Development Goals) sowie der African Union-Agenda 2030 (African Union 2025). Dem‐ nach profitiert die lokale Tourismusentwicklung von einer zunehmenden Liberalisierung des Marktes, die der neoliberalen Governance-Entwicklung des europäischen Tourismus ähnelt und dazu führt, dass der afrikanische Luftraum zunehmend von Low Cost Carriern (LCCs) beflogen wird (Maingi 2019). Das oft unkontrolliert vorangetriebene Tourismuswachstum bringt ne‐ ben wirtschaftlicher Diversifizierung, Arbeitsplätzen und einer verbesserten (touristischen) Infrastruktur jedoch auch viele negative Auswirkungen mit sich. Bisherige Studien in bspw. Pakistan (Arif et al. 2019), Ostafrika (Maingi 2019), Malaysia (Mohd Saufi et al. 2024), Simbabwe (Tichaawa und Moyo 2019) oder auch Kuba (Völkening 2021) nennen insbesondere strukturelle Ungleichheiten, steigende Kosten, Ressourcenkonflikte, Sicherheitsbedenken durch Fehlverhalten und zunehmende Kriminalität, instabile Arbeitsverhält‐ nisse, Bedrohung der kulturellen Identität durch dessen Kommodifizierung, Überlastung der (Verkehrs-)Infrastruktur, Degradierung der Biodiversität empfindlicher Ökosysteme, Landnutzungskonflikte, und wachsende Armut sowie wirtschaftliche Disparitäten. Dieses unnachhaltige Tourismuswachs‐ tum steht damit eindeutig im Gegensatz und Widerspruch zur Intention der Tourismusförderung. Anstatt die Lebensqualität der Menschen vor Ort zu verbessern, leiden die Bereisten unter den Auswirkungen des Overtourism, während wohlhabende, oft internationale, Unternehmen von den Vorteilen profitieren (Stichwort wirtschaftliche ‚Leakage‘-Effekte) und post-koloniale Strukturen ausnutzen. So stellen bspw. Akama et al. (2015, S. 285) in ihrer Studie in Ostafrika fest, dass der lokale Tourismus die dialektische Geschichte der ‚europäischen Erforschung‘ und Kolonisierung widerspiegelt und die lo‐ kalen Gemeinschaften als „passive Empfänger des westlichen Blicks“ (übersetzt von „passive recipients of the Western tourist gaze“) darstellt. Overtourism befeuert demnach die im Globalen Süden präsente Debatte über das Span‐ 42 1 Der „Aufstand der Bereisten“ <?page no="43"?> nungsverhältnis zwischen wirtschaftlichem Wachstumsgedanken und dem Schutz eines fragilen, sozio-kulturellen Lebens- und Naturraumes. Hinzu kommt, dass die Ungleichheiten und asymmetrischen Machtverhältnisse, die durch den Tourismus gefördert werden können, meist die schwächsten margi‐ nalisierten Menschen der lokalen Gemeinschaft betreffen. Die Konzentration auf den Gewinn von und durch Tourismus (Volumen und Menschenmassen) und die daraus erhoffte Kapitalgenerierung übersieht die Komplexität der Funktionsweise des Tourismussektors (Milano, Novelli und Russo 2024). Darüber hinaus tritt Overtourism im Globalen Süden insbesondere im ländlichen Natursowie Kulturraum auf. Wie bereits im vorherigen Kapitel aufgezeigt, trägt dies dazu bei, dass das Phänomen anders wahrgenommen wird - seltener als direkte Bedrohung der eigenen Lebensqualität bzw. des persönlichen und alltäglichen Lebensraumes. Stattdessen betreffen die negati‐ ven Auswirkungen des Tourismus in Gebirgen, an Stränden und in Wäldern nur selten direkt die breite Bevölkerung. Gleichwohl sind in diesen Raumen insbesondere indigene Bevölkerungsgruppen von Overtourism betroffen. So zeigt die Studie von Poetra und Nurjaya (2024) aus Bali (Indonesien), dass die indigenen Dörfer, die das Herz des kulturellen Erbes der beliebten Insel darstellen, unter der Veränderung der kulturellen Werte leiden. Die Wissenschaftler konkludieren, dass die Insel-Ureinwohner: innen gezwun‐ gen sind sich zwischen der Erhaltung der jahrhundertealten kulturellen Identität und der Anpassung an die Anforderungen der globalen Tourismus‐ industrie entscheiden müssen (Poetra und Nurjaya 2024, S. 1549). Sie beob‐ achten, dass die Balinesen sich daher in einer Übergangsphase befinden, in der sich die Einstellungen und Verhaltensweisen der Menschen von ehemals kollektivistischen Ritualen und Weisheiten hin zu einem individualistischen, kapitalistischen und demokratischen Leben verändern (→ Kap. 1.1). Diesen „Demonstration Effect“ zeigen auch die Studienergebnisse von Bello et al. (2017, S. 4) in Malawi. Die Kommerzialisierung der traditionellen Kulturen führte jedoch zu der Entfremdung der einheimischen Bevölkerung, dem Verlust an Authentizität und kulturellen Praktiken, wie bspw. agrarwirt‐ schaftliche Praktiken (Poetra und Nurjaya 2024). In den Cameron Highlands in Malaysia wurde aufgrund eines vergleich‐ baren Konfliktes insbesondere Agrotourismus vermarktet. Das kühle Klima der bergigen Region zieht internationale sowie nationale Tourist: innen an, die sich die lokalen Teeplantagen, koloniale Architektur, fragile Mooswälder, und zahlreiche Erdbeerfelder ansehen wollen. Das schnelle und starke Wachstum des Agrotourismus der Cameron Highlands führte u. a. zu einer 1.4 Diskussion: Overtourism jenseits von europäischen Städten 43 <?page no="44"?> zunehmenden Entwaldung für den Ausbau der touristischen Infrastruktur, so Mohd Saufi et al. (2024). Diese Entwaldung sowie der zunehmende Verkehr wiederum beeinflussen die lokale Ökologie, das Klima, die Luftsowie Wasserqualität negativ, wie man auf dem folgenden Foto an den treiben Plastikflaschen und Baumstämmen unterhalb eines Wasserfalls bei Tanah Rata eindeutig sieht (→-Abb.-8). Abb. 8: Wasserfall mit gefällten Bäumen und einer Vielzahl an Plastikflaschen bei Tanah Rata (Malaysia) Um den negativen Auswirkungen des Tourismus auf die Lebensqualität der Menschen vor Ort entgegenzuwirken, wird gefordert, dass die lokale und insbesondere auch die indigene Bevölkerung vermehrt in die Entschei‐ dungsprozesse der Tourismusentwicklung inkludiert wird (→ Kap. 7). Denn die derzeitigen Destination-Governance-Strukturen in vielen Ländern des Globalen Südens geben sowohl der (zentralen) Regierung sowie der privaten Tourismusindustrie ein größeres Mitspracherecht als den lokalen Gemeinschaften (Maingi 2019). Diese teilweise weiterhin existierenden Zentralregierungen haben meist eine starke politische Kontrolle und werden von westlichen Interessen (d. h. von Europa und Amerika) beeinflusst (Akama et al. 2015, Bello et al. 2017, S.-7). 44 1 Der „Aufstand der Bereisten“ <?page no="45"?> Es lässt sich festhalten, dass Overtourism, nach dem europäischen Ver‐ ständnis, auch im Globalen Süden existiert. Nichtsdestotrotz zeigen die großen Lücken in der medialen Berichterstattung sowie der wissenschaft‐ lichen Analyse, dass der Thematik eine andere, annehmbar geringere, Priorität zugeschrieben wird. So wird Tourismus unter den Menschen die im Globalen Süden leben nach wie vor primärer als wirtschaftlicher Treiber und damit etwas Positives wahrgenommen. Auch wenn es an wissenschaftlichen Befunden für die folgende These mangelt, so kann vermutet werden, dass Bevölkerungsgruppen, die von Armut betroffen sind, eine andere Resilienz gegenüber diversen negativen Auswirkungen des Tourismus haben als westliche Gesellschaftsgruppen, deren Grundbedürfnisse weder direkt noch indirekt vom Tourismus abhängen. Gleichwohl haben Mohd Saufi et al. (2024) mit ihrer Studie in Malaysia empirisch belegen können, dass die durch den stark wachsenden Tourismus zugenommenen Verkehrsprobleme und die Landverödung die lokale Bevölkerung durchaus auf die Problematik aufmerksam machen und das Interesse wecken, resilienter gegenüber Tou‐ rismus zu werden. Um dieses Bewusstsein zu unterstützen ist es notwendig das Phänomen Overtourism auch im Globalen Süden weiter zu erforschen, um wissenschaftlich fundiert Maßnahmen für eine nachhaltige Tourismus‐ entwicklung umzusetzen. Zusammenfassend tritt Overtourism - der geläufigen westlichen Defini‐ tionen folgend - auch im Globalen Süden auf, wenn auch dort eher im ländlichen Raum anstatt in Städten. Gleichwohl wird das Phänomen in den internationalen, englischsprachigen Medien nicht als ‚Overtourism‘ betitelt bzw. thematisiert. Ob die Gesellschaft vor Ort Overtourism ähnlich konstruiert wie es in westlichen Ländern der Fall ist (→ Kap. 1.3), bleibt demnach bis dato unbekannt. Die Wahrnehmungen der negativen Auswir‐ kungen durch Massen- und Overtourism unter der lokalen Bevölkerung zeigen viele Parallelen zu denen im Globalen Norden, haben jedoch oft andere Ausmaße bzw. Gewichtungen (bspw. Landnutzungskonflikte, insta‐ bile/ schlechte Arbeitsverhältnisse, Verlust der lokalen Identität, Kommodi‐ fizierung der lokalen Kultur). Studien haben außerdem gezeigt, dass auch in nicht-westlichen Destinationen die wirtschaftliche Abhängigkeit bzw. der direkte ökonomische Profit durch Tourismus zu der Tourismusakzeptanz der lokalen Bewölkung beitragen (vgl. Alrwajfah et al. 2019). Jedoch zeigen diverse Studien auch, dass die emotionale Bindung zu, und gesellschaftliche Relevanz von Kulturstätten und Naturräumen für Menschen im Globalen Süden häufig stärker ausgeprägt sind als in europäischen Städten beobachtet 1.4 Diskussion: Overtourism jenseits von europäischen Städten 45 <?page no="46"?> wurde (vgl. Bello et al. 2017. Gannon et al. 2021, Hateftabar und Chapius 2020, Tichaawa und Moyo 2019). 46 1 Der „Aufstand der Bereisten“ <?page no="47"?> 2 Wachstumsdynamik im Städtetourismus und-deren Treiber Da die Overtourism-Diskussion in starkem Maß in (groß-)städtischen Desti‐ nationen Europas stattfindet, soll in diesem Kapitel zunächst einmal die Ent‐ wicklung im Städtetourismus und die daraus resultierenden Implikationen für die Bewohner: innen betrachtet werden. Auch wenn sich der Tourismus zunächst hauptsächlich im ländlichen Raum abgespielt hat (→ Kap. 1.4.1), so ist seit den 1990er-Jahren ein deutlicher Boom des Städtetourismus zu verzeichnen. Bereits vor der COVID-19-Padnemie fanden knapp 50 % der globalen internationalen Reisen in Städten statt - Tendenz steigend (WTTC 2022, S. 3). Dementsprechend sind es aktuell insbesondere urbane Destinationen, die nicht nur mit fortschreitend wachsenden Tourismuszahlen, sondern damit einhergehend mit zunehmender Ablehnung bei den Bewohner: innen konfrontiert sind (Koens, Postma und Papp 2018, DESTINET 2017; McKinsey 2017). 2.1 Die quantitative Zunahme des Städtetourismus Die besonders dynamische Entwicklung des Städtetourismus seit den 1990er-Jahren wird klar deutlich, wenn die Übernachtungszahlen in der Bundesrepublik insgesamt denen in Großstädten (über 100.000 Einwohner) gegenübergestellt wird (→ Abb. 9). Während die Übernachtungen in der BRD insgesamt seit 1995 ‚nur‘ um gut die Hälfte zugenommen haben, verzeichneten diese in den Großstädten fast eine Verdreifachung. Ein ähnliches Bild ergibt sich für Österreich (→ Abb. 9). Während dort die Übernachtungen im gesamten Land in den 25 Jahren bis 2019 um 30 % angestiegen sind, belaufen sich die Übernachtungszahlen in Wien auf das Zweieinhalbfache. <?page no="48"?> Abb. 9: Indexentwicklung der Übernachtungszahlen in Deutschland und Österreich sowie deutschen Großstädten und Wien Die COVID-19-Krise hat auch im Tourismus in Deutschland und in Öster‐ reich zu gravierenden Einbrüchen in den Jahren 2020 und 2021 geführt. Wie im globalen Tourismus folgten nach dem Ende der Pandemie und der damit verbundenen Reiseeinschränkungen in den Jahren 2022 und 2023 eine zügige Erholung der internationalen Reiseankünfte, so dass 2023 die Vor-Co‐ rona-Niveaus fast wieder erreicht worden sind (→ Abb. 9). Nachvollziehbar ist dabei, dass die inländische Nachfrage während der Pandemie nicht ganz so stark eingebrochen ist und 2023 das Vor-Corona-Niveau bereits wieder überschritten hat. Anders ist es mit der ausländischen Nachfrage, insbesondere aus außereuropäischen Märkten, die etwas zögerlicher folgt. Abb. 10: Indexentwicklung der Übernachtungszahlen in den drei größten deutschen städ‐ tetouristischen Destinationen Berlin, München und Hamburg sowie Wien und Barcelona 48 2 Wachstumsdynamik im Städtetourismus und-deren Treiber <?page no="49"?> Das dynamische Wachstum im Städtetourismus wird insbesondere von den größeren Metropolen getragen. Von den drei größten deutschen städtetouris‐ tischen Destinationen verzeichnete Berlin in den 25 Jahren bis 2019 einen Anstieg auf das Viereinhalbfache der Übernachtungszahlen (Wachstumsrate 6,3 %) und erfuhr damit eine fast als disruptiv zu charakterisierende Ent‐ wicklung (→ Abb. 10). Die deutsche Hauptstadt wurde nach der Wieder‐ vereinigung bzw. insbesondere nach Verlagerung der Hauptstadtfunktion in Deutschland Ende der 1990er-Jahre von einem extremen Wachstum der Übernachtungszahlen regelrecht überrollt. Auch in Hamburg war der Anstieg der Übernachtungszahlen von 1994 bis 2019 auf das Dreieinhalbfache (Wachs‐ tumsrate 5,4-%) noch etwas über dem Durchschnitt der deutschen Großstädte (= Anstieg auf das Dreifache). Im internationalen Vergleich fällt die Zunahme der Übernachtungen von 1994 bis 2019 in Barcelona mit einer Wachstumsrate von 5,9 % zwischen die Werte von Berlin und Hamburg (→ Abb. 10). Ein relativ ‚organisches‘ Wachstum, das in etwa dem Durchschnitt aller deutschen Großstädte entspricht, verzeichnete München (Wachstumsrate 4,6 %). Noch darunter liegt Wien mit einem moderaten Wachstum von 3,7 % binnen 25 Jahren. Dort verlief das Tourismuswachstum zwar stetig, aber weniger steil als in vielen europäischen Großstädten. Auch in den Metropolen bietet sich das bereits bekannte Verlaufsmuster während und nach der COVID-19-Krise. Dabei lagen die Übernachtungszahlen in München, Hamburg und Barcelona bereits 2023 über dem Vor-Corona-Niveau. Die Treiber für diese Wachstumsdynamiken sind vielfältig. Mitverant‐ wortlich für die starke Zunahme von Städtereisen in den letzten Jahrzehnten ist einerseits die Zunahme von Mehrfachurlaubsreisen. Der Anteil von Zweit- und Mehrfachreisen hat insbesondere seit den 1990er-Jahren stark zugenommen. Dieser lag Ende der 80er bei etwa einem Siebtel der in der (deutschen) Reiseanalyse erfassten Urlaubsreisen (ab 5 Tage) und stieg bis Ende der 1990er-Jahre auf etwa ein Viertel (FUR 2019, S. 21). Anderseits hat seit den 1990er-Jahren auch die Bedeutung von Kurzurlaubsreisen zu‐ genommen. 2018 hatten etwa 60 % der bei der Reiseanalyse Befragten (14 bis 75-Jährige) angegeben, mindestens eine Kurzurlaubsreise mit Übernachtung (2 bis 4 Tage) unternommen zu haben. Die Zahl der von der deutschen Bevölkerung unternommenen Kurzurlaubsreisen lag vor Corona bei über 90 Mio. und im Jahr 2023 wieder bei 74 Mio. Kurzurlaubsreisen (FUR 2019, S. 19; 2024, S. 4). Kurzurlaubsreisen führen auch deutlich überproportional in (insbesondere größere) Städte, allen voran die drei wichtigsten städtetouris‐ 2.1 Die quantitative Zunahme des Städtetourismus 49 <?page no="50"?> tischen Destinationen Berlin (11,7 % der innerdeutschen Kurzurlaubsreisen) und Hamburg (8,0-%) (Deutscher Tourismusverband 2024, S.-16). Als Hintergrundrahmenbedingungen des veränderten Reiseverhaltens der Konsumenten mit immer häufigeren Kurz- und Erlebnisreisen und die daraus resultierende dynamische Zunahme des - insbesondere auf die Metropolen ausgerichteten - Städtetourismus können auf der Nachfrage‐ seite insbesondere die sozio-demographischen Entwicklungen identifiziert werden. Höhere Anteile von Ein- und Zweipersonenhaushalte ohne Kinder, absolute und relative Zunahme der 50+-Generation sowie relativ hohe verfügbare Einkommen bei einem relativ großen Teil der Bevölkerung begünstigen die Affinität zu Kurz-Städte-Trips (vgl. auch Dodds und But‐ ler 2019a). Hinzu kommt die zunehmende Flexibilität von Arbeitszeiten und -ort für viele Berufsgruppen - oft vor allem jene, die während der COVID-19-Pandemie das Homeoffice (das faktisch nicht immer Home, also zuhause, sein muss) zu schätzen gelernt haben. Befördert wird der Städtetourismus auch von der zunehmenden Erlebnisorientierung bei den entsprechenden Lebensstilgruppen mit der Suche nach unverwechselbaren Erlebnissen bei Kurztrips (Kagermeier 2013, Morgan, Lugosi und Ritchie 2010). Des Weiteren beeinflussen die sozialen Medien nachweislich die Nachfrage nach Städtereisen sowie das Verhalten der Tourist: innen vor, während und nach diesen Reisen (Gretzel 2021). Andererseits ist auf der Angebotsseite eine erhebliche Ausweitung und Ausdifferenzierung des Angebotes als begünstigender Faktor für den Wachstumstrend anzusprechen. Das städtetouristische Angebotsportfolio vieler Städte ist seit den 1990er-Jahren durch attraktive Kultur-, Event-, Unterhaltungs- und Shoppingangebote erheblich erweitert und ausdiffe‐ renziert worden. Aber auch die in den 1990er-Jahren in vielen Städten etablierten Musical Theater haben eine Vielzahl von Kurzzeittourist: innen angezogen (vgl. z. B. Schmude 2003). Begünstigt wird diese Entwicklung durch Innovationen im Transportwesen - insbesondere den LCCs (vgl. z. B. Gross und Schröder 2005). 2.2 Der New Urban Tourism als Treiber für die Overtourism-Diskussion Neben der reinen Volumenzunahme sind im Städtetourismus seit der Jahrtau‐ sendwende aber auch qualitative Veränderungen zu beobachten, die Implika‐ 50 2 Wachstumsdynamik im Städtetourismus und-deren Treiber <?page no="51"?> tionen auf die Perzeption der Bewohner: innen aufweisen. Lange Zeit war der Großteil der städtetouristischen Besucher: innen als klassische Kulturreisende anzusprechen, der vor allem auf den Besuch von traditionellen (hoch-)kultu‐ rellen Angeboten in Städten (historische Kirchen, Schlösser, Museen, Ausstel‐ lungen, Theater, Konzerte etc.) ausgerichtet war (Steinecke 2007). Dementsprechend wurde im Städtetourismus lange Zeit konstatiert, dass sich die Besucher: innen entlang der sog. „Straße der Ameisen“ (Keul und Kühberger 1996), d. h. in relativ engen Bahnen im Umfeld der bekannten traditionellen Sehenswürdigkeiten bewegen. Dieser Bereich, in dem sich die traditionellen Städtereisenden aufhielten, wurde als sog. „Tourist Bubble“ (Judd 1999, Urry 2002) bezeichnet. Die traditionellen Städtereisenden verblieben damit zumeist in einem für die Bewohner: innen klar identifizierbaren Bereich, meist dem zentralen historischen Kern der Städte, der funktional stark auf auswärtige Besucher: innen ausgerichtet ist und in dem sich die klassischen Attraktionen des kulturorientierten Städtetourismus befinden. Doch in den letzten Jahren wurde mehr und mehr deutlich, dass sich die Besucher: innen nicht mehr nur im Zentrum der Stadt im Umfeld bekannter Sehenswürdig‐ keiten bewegen. Es ist zu beobachten, dass die Besucher: innen zunehmend dazu tendieren, die Tourist Bubble zu verlassen und vor allem innerstädtische Wohnquartiere (Kagermeier und Gronau 2017) oder im Umbruch befindliche und sich gentrifizierende Quartiere zu frequentieren (Novy 2011, Pappalepore 2010, Kagermeier 2011b; Stors und Kagermeier 2013). Ermöglicht bzw. erleichtert wird ein Vordringen der Besucher: innen in Gebiete außerhalb der historischen Zentren auch durch die Sozialen Medien und die Location-Based Services auf mobilen Endgeräten (Gretzel 2021, Kagermeier 2011b). Die zunehmende Reiseerfahrenheit spielt auch eine Rolle. Insbesondere Wiederholungsbesucher: innen meiden oft die touristi‐ schen Zentren und bewegen sich abseits ausgetretener Pfade, um die Stadt zu erkunden (Freytag 2010), bzw. verstärkt sog. als ‚Geheimtipps‘ empfun‐ dene Locations in anderen Stadtvierteln aufzusuchen (dwif-Consulting und Humboldt-Innovation 2017, S. 23). Das Phänomen des Verlassens etablierter und klassischer touristischer Viertel wird auch als ein Tourismus ‚Off the beaten track‘ bezeichnet (Maitland und Newman 2009). Als Überbegriff setzt sich mehr und mehr der Ausdruck New Urban Tourism (NUT) (Füller und Michel 2014) durch. Der Besuch von Off-the-beaten-track-Gebieten wird dabei von den Besucher: innen auch als Antithese zur klassischen Tourist Bubble verstanden (Pappalepore, Maitland und Smith 2010, S. 220). Dabei 2.2 Der New Urban Tourism als Treiber für die Overtourism-Diskussion 51 <?page no="52"?> wird auch der Begriff der ‚Explorer‘-Tourist: innen verwendet, die sich als Erkundende verstehen (Stors 2014). NUT-Gebiete sind also städtische Quartiere, die in früheren Zeiten nicht intensiver von Tourist: innen frequentiert worden sind und die dement‐ sprechend kaum durch eine touristische Nutzung überprägt wurden (Mai‐ tland 2008, S. 22). In ihnen finden sich üblicherweise kaum nennenswerte kulturhistorische herausstechende Bauten oder für auswärtige Reisende traditionellerweise anziehende kulturelle Einrichtungen wie Museen oder größere Ausstellungen. In vielen Fällen handelt es sich um ehemalige, von unterschiedlichen Ethnien geprägte Arbeiter-Quartiere mit Gentrifizie‐ rungsprozessen wie z. B. in Berlin Kreuzberg, Neukölln, Wedding oder Prenzlauer Berg und Friedrichshain (Füller und Michel 2014, Novy 2018 sowie Novy und Grube 2018). Gleichzeitig finden sich in solchen Gentrifizierungsquartieren - einerseits aufgrund des zu Beginn der Gentrifizierung noch relativ geringen Pachtni‐ veau, andererseits auch im Sinne eines Selbstverstärkungsprozesses der Economies of Scope aufgrund der Fühlungsvorteile zu anderen ‚Kreativen‘ - in verstärktem Maß Aktive der Kreativwirtschaft in sog. kreativen Milieus (Pappalepore, Maitland und Smith 2010). Charakteristisch für Quartiere des NUT ist die Präsenz von Bewohner: innen mit ihren alltäglichen Routinen. Dies wird dementsprechend von den Besucher: innen als Indikator einer authentischen, nicht touristifizierten Umgebung interpretiert (Maitland 2008, S. 23) und unter dem Slogan „living like a local“, unter anderem in den sozialen Medien angepriesen (Paulauskaite et al. 2017, S.-620). Nun macht genau einen der zentralen Anziehungspunkte für Besucher: in‐ nen im New Urban Tourism die Gelegenheit aus, eben nicht nur mit anderen Tourist: innen in der relativ homogenen Tourist Bubble unterwegs zu sein, sondern sich mit Bewohner: innen der Stadt in heterogenen Räumen mischen zu können (Edensor 2001, S.-64). Die Informationen über für New Urban Tourists attraktive Locations wird weniger über die klassischen Informationskanäle (Reiseführer, Reise‐ veranstalter, DMOs etc.) kommuniziert. Vielmehr sind es vor allem die Sozialen Medien, über die das Wissen um die als sehens- und erlebenswert eingestuften Quartiere weitergegeben wird (Gretzel 2021). Dabei suchen die NUT-Besucher: innen - entsprechend dem Erlebnis-Konzept von Pine und Gilmore (1998) - nicht mehr prioritär passiv rezipierbare Stimuli wie dies bei klassischen kulturorientierten Städtetourist: innen noch weit verbreitet ist. Stattdessen wird vermehrt nach dem Erlebnis des aktiven ‚Eintauchens‘ 52 2 Wachstumsdynamik im Städtetourismus und-deren Treiber <?page no="53"?> (immersion) in entsprechende Settings gesucht. Da die Gentrifier und die NUT-Gruppe ähnlichen Lebensstilgruppen angehören, bzw. ähnliche Präferenzen und Affinitäten aufweisen (Kalandides 2020, S. 253), fragen sie auch ähnliche Einzelhandelsangebote (Second-Hand-, Vintage-, stylische Boutiquen, Kunsthandwerkläden etc.) und gastronomische Angebote nach. Insbesondere die kulinarischen Angebote in entsprechenden Life-Style Cafés, Bistros, Bars und Kneipen spielen unter dem Blickwinkel der Erleb‐ nisorientierung für die Besucher: innen eine große Rolle (Kagermeier 2011a). Einerseits können durch sich ergänzende Interessen von Bewohner: innen und Besucher: innen in vielen Quartieren Synergieeffekte entstehen. Die Nachfrage von Reisenden kann für manche Angebote das Überschreiten der Tragfähigkeitsschwelle ermöglichen. Dadurch kann sich auch für die Bewohner: innen das Dienstleistungsangebot erweitern. Andererseits kann aber auch die perzeptuelle, soziale Tragfähigkeit überschritten werden, wenn sich die Bewohner: innen durch die Tourist: innen gestört fühlen und diese nicht als positives Element in ihrem Wohnumfeld wahrnehmen. Be‐ sonders Angebote für das Nachtleben führen dabei in vielen Fällen dazu, dass die Bewohner: innen sich von den damit verbundenen Folgen (insbesondere Lärmemissionen) gestört und irritiert fühlen. Für den NUT können als zentrale Erlebniserwartungshaltungen zwei Mo‐ tivbündel festgehalten werden: Zum einen der Wunsch der Besucher: innen in das Leben und die Kultur der sog. Host Community, also die Bewohner: innen der Destination, einzutauchen (Pappalepore und Smith 2016; S. 90) und am Alltagsleben der städtischen Bewohner: innen zu partizipieren (vgl. auch Frisch et al. 2019). Zum anderen die Distinktion (im Sinne von Bourdieu 1984) vom klassischen Städtereisenden, d. h. keine standardisierten und oftmals wiederholten Erfahrungen des reinen ‚Besichtigungstourismus‘ zu reproduzie‐ ren, bei denen die jeweiligen Top-Highlights und städtetouristischen Ikonen ‚abgehakt‘ werden. Bei den Erlebniserwartungen der New Urban Tourists spielt eine wichtige Rolle, dass als authentisch empfundene sowie als individuell wahrgenommene Erlebnisformen favorisiert werden (Kagermeier 2013). Unter dem Blickwinkel der Touristifizierung (vgl. Freytag und Glatter 2017) kommt den New Urban Tourists - vergleichbar mit der Erschließung des Westens der USA im 19. Jahrhundert - damit einerseits die Rolle von Pio‐ nieren zu. Sie schieben die ‚Pionier-Front‘ des touristischen Aktionsraums in immer weitere Bereiche der Städte. Mit dem Motiv der Distinktion und der Suche nach wahrgenommener (oftmals nur vermeintlicher) Authentizität (vgl. Xie 2010, S. 36) bereiten sie - insbesondere auch durch die Kommunika‐ 2.2 Der New Urban Tourism als Treiber für die Overtourism-Diskussion 53 <?page no="54"?> tion von besonders stylisch inszenierten Fotos in den Sozialen Medien - aber andererseits den Weg vor, dass auch etwas konventioneller ausgerichtete Besucher: innen der Stadt ebenfalls den Weg in Quartiere abseits der Tourist Bubble finden. Die sich damit beschleunigende Kommodifizierung von Angeboten führt als Push-Faktor dann zur Suche nach immer neuen, wenig touristifizierten Angeboten. In diesem Sinne gilt die vielfach zitierte und Enzensberger zugeschriebene Aussage aus den 1950ern bis heute: „Der Tourist zerstört, was er sucht, indem er es findet“. Aus der Perspektive der Bewohner: innen ist es relativ einfach, den klassischen Städtetourismus in der Tourist Bubble zu vermeiden. Dieser konzentrierte sich auf wenige, klar definierte und überschaubare Gebiete in der Stadt. Eine Vermeidung solcher zentralen Bereiche in Phasen hoher tou‐ ristischer Nachfrage erlaubte es, nur wenig mit touristischen Besucher: in‐ nen konfrontiert zu werden. Die zunehmende Verbreitung von NUT-Akti‐ vitätsmustern bedeutet zusätzlich zur rein mengenmäßigen Zunahme der Besucher: innenzahlen, dass diese auch sehr viel diffuser im Stadtbereich unterwegs sind. Insbesondere in den Gentrifizierungsquartieren kommen NUT-Reisenden ins Wohnumfeld der Bewohner: innen. Damit ist eine di‐ rekte Exposition sehr viel weniger vermeidbar und Ausweichoptionen werden deutlich weniger. 2.3 Sharing Economy und Overtourism Einer der im Zusammenhang mit der zunehmenden Verbreitung des New Urban Tourism relevanten Faktoren, die als „Enabler“ (etwa Ermöglichende) und „Facilitator“ (etwa Vermittelnde) wirken ist sicherlich das in den letz‐ ten Jahren deutlich gewachsene Angebot an Peer-to-Peer-Übernachtungs‐ möglichkeiten. Diese werden inzwischen zumeist über die Vermittlungs‐ plattform Airbnb angeboten. Die Erlebnisversprechen von Airbnb zielen genau auf die Erwartungen von New Urban Tourists ab. Das zentrale Versprechen der Vermittlungsplattform ist, dass man als Besucher: innen genauso Wohnen und Leben könne wie die Bewohner: innen („Living like a Local“, siehe auch Paulauskaite et al. 2017). Angeboten werden bewusst keine standardisierten Unterkünfte, sondern einzigartige, als authentisch dargestellte Privatwohnungen. Darüber hinaus wird versprochen, dass auch von den Gastgeber: innen Insider-Tipps zu erhalten seien, so dass man sich auch bei seinen Aktivitäten wie ein Local in der Stadt bewegen kann und 54 2 Wachstumsdynamik im Städtetourismus und-deren Treiber <?page no="55"?> sich damit dann eben von den traditionellen Besucher: innen distinguieren würde (Kagermeier, Köller und Stors 2015, S. 126 oder Oskam 2020a, S. 154f.). Unabhängig davon, dass diese Versprechen in vielen Fällen nur parti‐ ell eingelöst werden, ermöglichen Peer-to-Peer-Übernachtungsangebote abseits der Standorte gewerblicher Übernachtungsoptionen in Hotels und Hostels, welche klassischerweise meist in oder am Rande der Tourist Bubble liegen, direkt in den Wohnquartieren zu übernachten. Versprochen wird dabei (potenziell) ein intensiverer und unmittelbarerer Kontakt mit der Quartiersbewohnerschaft. Das Alltagsleben der Bewohner: innen wird damit als Kulisse und Setting für die eigenen Urlaubsaktivitäten genutzt. Die Anbieter von Airbnb-Übernachtungsmöglichkeiten konzentrieren sich in den Großstädten nun meist genau in sich gentrifizierenden Wohn‐ quartieren. Die Anbieter sind oftmals selbst hochmobile Personen mit postmodernen, flexiblen Lebensstilen und nicht-konformistischen Lebens‐ entwürfen. Diese stellen dann in den gentrifizierten ‚In‘-Quartieren Zimmer oder Wohnungen temporär für Reisende zur Verfügung (genauer bei Stors und Kagermeier 2017, S.-202ff.). Anschaulich zeigt sich das Phänomen der räumlichen Konzentration von Airbnb-Angeboten am Beispiel Berlin (→ Abb. 11). Die Airbnb-Listings konzentrieren sich in einem Halbkreis um das Stadtzentrum in den (meist gründerzeitlich geprägten) Stadtvierteln Kreuzberg, Neukölln, Friedrichs‐ hain, Prenzlauer Berg und Wedding, d. h. genau den gentrifizierten/ sich gentrifizierenden Szene- und In-Quartieren. Demgegenüber sind in den randstädtischen Stadtteilen (wie Spandau, Pankow oder Köpenick) kaum Airbnb-Angebote vorhanden. Ähnlich stellt sich die Situation in vielen anderen Großstädten dar, so z. B. auch in Barcelona (Arias-Sans und Quaglieri-Domínguez 2016, S.-215). Bei Befragungen von Airbnb-Gastgeber: innen und Nuztenden, die Stors im Rahmen ihrer Dissertation durchgeführt hatte, wurden auch die Mo‐ tive für die Inanspruchnahme von Peer-to-Peer-Übernachtungsangeboten exploriert. Es konnte klar aufgezeigt werden, dass die Erwartungen für die Nutzung von Airbnb weitgehend übereinstimmen mit den im Kontext des New Urban Tourism identifizierten Erwartungen sind (genauer bei Stors und Kagermeier 2015a, 2015b, S.-94ff. und Stors 2020). Werden die Gastgeber: innen nach den wahrgenommenen Erwartungs‐ haltungen ihrer Gäste gefragt, spiegeln diese einerseits den Aspekt wider, dass nicht nur der reine Blickwinkel eines externen Besuchers bzw. einer externen Besucherin, sondern eben insbesondere die Perspektive der Be‐ 2.3 Sharing Economy und Overtourism 55 <?page no="56"?> wohner: innen gesucht wird und erlebt werden möchte: „Ich glaube schon, dass der Grund für Airbnb ist, die Stadt oder einen Ort, den man besucht aus der Perspektive eines Lokalen, eines Einheimischen zu erleben“ (Kagermeier, Köller und Stors 2015, S.-132). Abb. 11: Airbnb in Berlin nach „Lebensweltlich orientierten Räumen“ (LOR) Die Gastgebenden spiegeln auch den Eindruck, dass sich Airbnb-Gäste in anderen räumlichen Settings - und damit auch außerhalb der klassischen Tourist Bubble - bewegen: „Das ist auch eines der Themen, bei denen ich das Gefühl habe, dann sehen sie ein bisschen etwas anderes. Ich habe auch das Gefühl, sie sehen dann andere Stadtviertel“ (Kagermeier, Köller und Stors 2015, S.-133). Gleichzeitig signalisieren die Airbnb-Gastgebenden, dass ihre Gäste ins‐ besondere auch ein Gefühl von Authentizität - ‚das wirkliche Berlin‘ - suchen. Dabei wird ausgeblendet, dass es sich hierbei ja um eine subjektive Perzeption und damit letztendlich oft um Projektion bzw. ein imaginiertes Konstrukt handelt: „Aber ich glaube, sie wollen für einen relativ geringen Preis, wollen sie ebenso dieses Gefühl haben ‚das ist Berlin‘. Da ist so ein Hostel natürlich völlig austauschbar, das immer überall gleich aussieht“ (Kagermeier, Köller und Stors 2015, S.-129) 56 2 Wachstumsdynamik im Städtetourismus und-deren Treiber <?page no="57"?> Die in Berlin befragten Airbnb-Gäste artikulieren in gleicher Weise, dass eine Übernachtung in einer privaten Wohnung in einem Wohnquartier ein spezifisches Erlebnis darstellt und einen anderen Zugang zur besuchten Stadt erlaubt. Von den Gästen wird auch der Eindruck gespiegelt, durch die Interaktion mit den Gastgebenden der Horizont bezüglich dessen, was in der Stadt erlebt werden kann, erweitern zu können. Auch das subjektive Gefühl, etwas sei ein ‚Insider-Tipp‘ wird - unabhängig davon wie belastbar die Tatsache objektiv ist - positiv bewertet. Damit wird deutlich, dass die Peer-to-Peer-Übernachtungsangebote weitgehend den Motiven der New Urban Tourists entsprechen und eine Basis für ein als distinguiert wahrge‐ nommenes Stadterleben darstellen. Aus Sicht der Bewohner: innen bedeutet dies aber nun, dass sie durch die Peer-to-Peer-Übernachtungsangebote nicht nur mit NUTs in ihrem Wohnumfeld des Quartiers konfrontiert werden, sondern diese auch im privaten Bereich des gleichen Hauses, z. B. im Treppenaufgang oder den anderen Gemeinschaftsflächen auftauchen. Darüber hinaus können von Kurzzeit vermieteten Wohnungen - je nach Klientel und deren Motiven - auch nächtliche Lärmemissionen etc. ausgehen. Impulse & Inspirationen für einen Wandel „Fairbnb - Community Powered Tourism“ Die Initiative Fairbnb wurde 2014 in Venedig (Italien) von einer Gruppe Aktivist: innen gegründet. Die Gründer: innen haben das Potential sowie die Risiken der zu der Zeit stark wachsenden ‚Sharing Economy‘ wahr‐ genommen und zum Anlass genommen gegen den voranschreitenden Overtourism in Venedig anzugehen. Fairbnb bietet eine online Plattform für Ferienvermietungen, die eine gerechtere und nachhaltigere Alter‐ native zu traditionellen Buchungsplattformen darstellen sollen. Dabei setzt Fairbnb auf soziale Verantwortung, Solidarität und partizipative Ökonomie anstatt auf reine Gewinnmaximierung. Ein Alleinstellungsmerkmal von Fairbnb ist die transparente Umver‐ teilung der Buchungseinnahmen: 50 % der gezahlten Nettoprovision fließen in gemeinnützige Projekte im Gastgebergebiet, wie bspw. Bil‐ dungsprogramme, Umweltschutzprojekte oder soziale Initiativen, die das Wohl der lokalen Bevölkerung fördern. 2.3 Sharing Economy und Overtourism 57 <?page no="58"?> Um Übernutzung und steigende Mietpreise zu verhindern, arbeitet Fairbnb mit lokalen Behörden zusammen, um regulatorische Vorga‐ ben einzuhalten. Die Plattform listet registrierte Unterkünfte und be‐ schränkt ihre Angebote auf Gebieten, in denen der Tourismus einen negativen Effekt auf die gastgebende Gesellschaft und insbesondere den lokalen Wohnungsmarkt hat. Zu Beginn 2025 sind dies urbane sowie rurale Destinationen in zehn europäischen Ländern. Fairbnb wird durch das EU-finanzierte Projekt LEDGER (DecentraLizEd Data Governance for nExt geneRation internet) gefördert, welches wiederum Teil der Initiative „Next Generation Internet“ (NGI) der Europäischen Kommission ist. Quelle: Fairbnb (2025): 🔗 -https: / / fairbnb.coop/ Weitere Initiativen, die die Buchung nachhaltiger Unterkünfte voran‐ treiben wollen, sind z.-B. Bookitgreen, Bookdifferent und Trustroots. Die Diskussion über die Airbnb-Vermietungen im Kontext von Overtourism entzündet sich aber in starkem Maß auch an den möglichen Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt (Focus Online 2014). Entgegen der ursprüngli‐ chen Idee der Sharing Economy, dass eben von einem selbst gerade nicht benötigte „Idling Capacity“ (Botsman und Rogers 2010, S. 83) ‚geteilt‘ wird, sind insbesondere im Übernachtungsbereich inzwischen auch ein Teil der Anbieter ‚semi-professionell‘. Unter einer gewissen Pervertierung des Sharing-Gedankens entziehen sie Wohnraum dem Langzeit-Mietmarkt und widmen (teilweise explizit hierfür angemietete oder erworbene) Woh‐ nungen aufgrund der höheren Rentabilität für Kurzzeitvermietungen über Sharing-Plattformen um (Wachsmut und Weisler 2018). Bei den Bewoh‐ ner: innen wird dementsprechend oftmals die Befürchtung von Verdrän‐ gungswirkungen artikuliert. Viele Kommunen gehen inzwischen auch dem Missbrauch nach und haben teilweise auch entsprechende Zweckentfrem‐ dungsverordnungen erlassen (→ Kap. 4.4.2.1 und z. B. Abel 2015 oder Brauns 2016). 58 2 Wachstumsdynamik im Städtetourismus und-deren Treiber <?page no="59"?> Abb. 12: Große leerstehende Hotel-Baustelle in Lagos (Portugal), die auf der obersten Etage mit ‚Reclaim your city‘ angesprüht wurde. Gleichzeitig kann die Diskussion etwas relativiert werden. In einer vom Bundesministerium für Wirt‐ schaft (und Klimaschutz) (BMWi bzw. BMWK 2018, S. 51) herausge‐ geben Studie wurde deutlich, dass der Anteil von über Airbnb ange‐ botenen Wohnungen am gesamten Bestand im Jahr 2018 in den Flä‐ chenbundesländern nur zwischen 0,03 % (Sachsen-Anhalt) und 0,18 % (Schleswig-Holstein) beträgt. Auch in Hamburg und Berlin werden nur 0,45 % bzw. 0,58 % des Wohnungs‐ bestandes über Airbnb angeboten (und davon dann nur ein Teil dann auch ganzjährig mit Zweckentf‐ remdungscharakter). Auch nach der Pandemie kam das Fraun‐ ofer-Institut in einer 2024 vorge‐ legten Studie zu ähnlichen Befun‐ den. Demnach werden bundesweit nur 0,3 % und in den sieben größten Städten 0,36 % des gesamten Woh‐ nungsbestands über Airbnb angeboten. Werden nur die Unterkünfte be‐ trachtet, die mehr als 90 Tage vermieten werden, beträgt der Anteil bun‐ desweit lediglich 0,07 % und in den größten Städten 0,15 % (Borkmann et. Al. 2024, S.-2). Gleichzeitig ist aber auch festzuhalten, dass sich die Situation in man‐ chen Stadtteilen (→ Abb. 11) deutlich akzentuierter darstellt. Umgekehrt entsprechen die in Berlin im Jahr 2019 über Airbnb angebotenen ca. 22.500 Wohnungen (Inside Airbnb 2019a) nur etwa dem Volumen, das jedes Jahr aufgrund des positiven Wanderungssaldos neu an Wohnungen benötigt wird. Der Effekt einer (selbstverständlich sinnvollen) Rückumwidmung der Wohnungen für Langzeitvermietung wäre damit bereits innerhalb eines Jahres wieder aufgezehrt und brächte keine dauerhafte Entspannung des Wohnungsmarktes. Diese Rückumwidmung wurde vor allem während der 2.3 Sharing Economy und Overtourism 59 <?page no="60"?> Abb. 13: Sticker mit dem französischen Text ‚Airbnb tötet unsere Nachbarschaf‐ ten #stopgentrifizierung‘ im Stadtviertel Le Panier in Mar‐ seille (Frankreich) COVID-19-Pandemie vielerorts forcierte Wirklichkeit, um unvorhersehbar andauernde Leerstände und damit finanzielle Einbuße zu vermeiden. Gleichwohl wird in Berlin - ähnlich wie auch in einer Reihe anderer Städte wie Barce‐ lona (Garcia-López et al. 2020, Gebhardt 2017) oder Wien (Plank und Schneider 2020, Seidl, Plank und Kadi 2017) - ausgehend von der Airbnb-Vermietung eine intensive kritische De‐ batte geführt, die auch grundsätzlich die tou‐ ristische Inwertsetzung urbaner Nachbarschaf‐ ten thematisiert und damit inzwischen ein Teil der übergreifendenOvertourism-Diskussion ge‐ worden ist. Die Argumente im Diskurs bezie‐ hen sich auf die durch Stadtverwaltung und Stadtplanung mit induzierte Kommodifizierung der Kieze (vgl. Novy 2013, S. 277ff., Novy und Huning 2009, S. 96), oder auch eine zunehmende Lärm- und Müllproblematik (Labenski 2016; S. 192, Berlin - Bezirksverordnetenversamm‐ lung Friedrichshain-Kreuzberg 2014). Über die konkreten Implikationen hinaus wird teilweise aber auch sehr pauschalierend die These vertreten, dass der Tourismus all‐ gemein, und Airbnb im Speziellen, mitverantwortlich seien für die städtische Wohnungsnot (Brauns 2016; Focus Online 2014) und Transformationspro‐ zesse wie Gentrifizierung (Cocola-Gant 2016, Holm 2016). Entsprechende politische Maßnahmen sowie Regularien, unterstützt von der Rückumwid‐ mung während der Pandemie, tragen annehmbar zu den tatsächlichen Rückgängen der Airbnb-Listings in einigen Städten bei. So werden in Berlin 2024 nur noch ca. 13.700 Unterkünfte verzeichnet (Inside Airbnb 2024a), was einen Rückgang von -40-% im Vergleich zu den Listings 2019 bedeutet. Härtere Regularien hat der Bürgermeister von Barcelona Jaume Collboni, am 21. Juni 2024 als Reaktion auf die zunehmenden Proteste angekündigt: er plant ein Verbot von Kurzzeitvermietungen bis 2028 (Milano, Novelli und Russo 2024, S.-9). Vor dem Hintergrund dieser teilweise sehr emotional geführten Diskus‐ sion soll im nächsten Kapitel zunächst einmal etwas differenzierter auf die Effekte intensiver touristischer Nachfrage als Auslöser der Overtouris‐ mus-Diskussion und der Bürgerschaftsproteste eingegangen werden. 60 2 Wachstumsdynamik im Städtetourismus und-deren Treiber <?page no="61"?> 3 Direkte und indirekte negative Effekte intensiver touristischer Nachfrage Bevor in den späteren Kapiteln die Auseinandersetzung mit den Möglichkei‐ ten, dem Overtourism-Phänomen zu begegnen, bzw. mit diesem umzugehen, folgt, soll in diesem Kapitel zunächst strukturiert geklärt werden, welche auslösenden Faktoren für ein Overtourismus-Empfinden bzw. die Artikula‐ tion von Unbehagen zu identifizieren sind. Obwohl auch die Reisenden von Overtourism-Effekten betroffen sein können (Gedränge, steigende Preise etc.), wird hierbei vor dem Hintergrund von Gegensteuerungsansätzen vor allem die für die Bewohner: innen relevanten Aspekte fokussiert. Beim Phänomen Overtourism werden dabei von Koens und Postma (2017, S. 9) in Anlehnung an Rosenow and Pulsipher (1979) (vergleiche auch Postma und Schmücker 2017, S. 152) drei unterschiedliche Bereiche gesehen, die bei der Entstehung von Overtourism wirksam werden: [1] Physische Tragfähigkeitsgrenze durch Crowding (etwa Überfüllung) und eine als störend empfundene Besucher: innenzahl [2] Direkte negative Effekte durch Tourist: innen [3] Indirekte Effekte und physische Auswirkungen durch die lokale Tou‐ rismuswirtschaft 3.1 Physische Tragfähigkeitsgrenze durch Crowding Die Überschreitung der physischen Tragfähigkeitsgrenze, d. h. die schiere Zahl der Tourist: innen und damit die absolute Überfüllung prägt oftmals als erstes Schlaglicht die Diskussion. Diese als Crowding oder Overcrowding anzusprechende Situation (Popp 2018b), bezeichnet die Tatsache, dass die Besucher: innendichte so hoch wird, dass sich die Besucher: innen in einem solchen Ausmaß drängen, dass die Bewohner: innen sie sich nicht mehr durch die Menschenmassen zwängen können und damit nicht mehr ihren täglichen Wegen nachgehen können. Während es für stationäre freizeit-touristische Attraktionen mit Zugangs‐ kontrolle wie Museen, Ausstellungen, Freizeitparks, Veranstaltungen etc. klare Kapazitätsgrenzen gibt und der Zugang entsprechend beim Erreichen <?page no="62"?> dieser entsprechend gesperrt wird, besitzen Innenstädte im Normalfall keine Zugangsbarrieren. Im Zuge der aktuellen Overtourism-Diskussion hat Dubrovnik als erstes im Jahr 2017 nicht nur eine Limitierung der Kreuzfahrtanlandungen pro Tag, sondern auch ein Zugangslimit für die historische Altstadt eingeführt (Morris 2017, Reuters 2018, Šegota 2024). Gleichzeitig werden freizeit-touristische Attraktionen nicht nur von Reisenden frequentiert. Auch wenn diese sich bei einer zu starken Frequen‐ tierung dann nicht mehr richtig wohl fühlen, hat das normalerweise keine größeren Auswirkungen auf die Bewohner: innen (außer wenn z. B. die Schlangen am Eingang in den öffentlichen Raum reichen). Umgekehrt wird der öffentliche Raum (insbesondere in Städten) sowohl von den Besucher: in‐ nen als auch den Bewohner: innen genutzt. Eine Überfüllung der Straßen und Plätze in Städten (wie z. B. dem Markusplatz in Venedig) wirkt sich damit auch direkt auf die Bewohner: innen aus. Wenn in manchen Städten an bestimmten Orten die Dichte so hoch wird, dass das Vorankommen - insbesondere dann, wenn Bewohner: innen auf ihren alltäglichen Wegen unterwegs sein möchten - schwierig und manchmal fast unmöglich ist, kann das zu Stress führen und wird insbesondere von den Bewohner: innen als negativ wahrgenommen. Auch wenn beim Overcrowding objektive und physische Grenzen - z. B. als Zahl der Besucher: innen in einer Attraktion bzw. pro Flächeneinheit - fassbar sind, spielt damit selbst bei diesem Aspekt die Perzeption eine wichtige Rolle. Dabei ist auch zu berücksichtigen, dass die akzeptierte Dichte auch von den situativen Erwartungen jeder Person beeinflusst wird. Wer eine Diskothek besucht, wird eine höhere Dichte erwarten und akzeptieren als bei einem Sonnenuntergang am Meer. Dementsprechend sind Besucher: innen von touristischen Hotspots tendenziell auch toleran‐ ter gegenüber einer räumlichen Überfüllung als Bewohner: innen, die in ihrer Alltagsumgebung mit klaren Zielen und oftmals einem limitierten Zeitbudget unterwegs sind. Gleichwohl ist die Toleranz der Bewohner: innen gegenüber Menschenmengen an bekanntermaßen stark frequentierten Or‐ ten, wie touristischen Hotspots, aufgrund des Erwartungseffektes größer als Orten, an denen die Bewohner: innen es nicht gewohnt sind und nicht erwarten um Menschenmengen herum navigieren zu müssen. Unter dem Blickwinkel Overcrowding kommt dem Kreuzfahrttourismus eine besondere Rolle zu. Einerseits treten Kreuzfahrtreisende in den Hafen‐ standorten zumeist massiert auf, wenn sich viele (oft auch relativ große) Gruppen von insgesamt mehreren Tausend Kreuzfahrtpassagieren mit ähn‐ 62 3 Direkte und indirekte negative Effekte intensiver touristischer Nachfrage <?page no="63"?> lichen Routen in einem eng getakteten Zeitraum in den (oftmals relativ engen) Gassen der historischen Hafenstädte drängen. Abb. 14: Kreuzfahrtschiffe fassen mehrere Tausend Passagiere, die massiert und in Gruppen in den Hafenstädten besonders stark wahrgenommen werden. Einer der Gründe, warum sich die Overtourism-Diskussion in Hafenstäd‐ ten an den Kreuzfahrtreisenden entzündet hat, ist sicherlich auch die Tatsache, dass bei diesem Typ von Tourismus den klar wahrnehmbaren Crowding-Effekten kaum positive ökonomische Effekte gegenüberstehen. Durch ihre Übernachtungen und Verpflegung auf dem Schiff, generieren Kreuzfahrtreisende keine signifikanten Umsätze und Arbeitsplatzeffekte in den Anlegeorten. Demnach sind die Gewinne in der Gastronomie und den Geschäften aufgrund der kurzen, meist im Gruppenkontext absolvierten Stipvisiten oft deutlich geringer als bei anderen Besucher: innen der Stadt. So gibt die IHK Hamburg den Umsatz pro Kreuzfahrtgast auf der Durchreise (ohne Ein- oder Aussteiger in Hamburg) nur mit 27,46 € an (2013, S. 4). In Folgestatistiken werden die Ausgaben der Transit- (niedrigere Ausgaben) und Umschlagpassagiere (höhere Ausgaben) nicht mehr differenziert und kamen zusammen im Jahr 2018 auf einen Ausgabenwert von 119 € pro „durchschnittlichem Passagier“ (Spindler und Koenen 2022, S. 12). In einer Passagierbefragung wurde 2023 von 100 Mio. Tagesreisenden (einschließlich der ca. 11,2 Mio. Kreuzfahrtgäste) im Durchschnitt 41,70 € pro Person ausge‐ geben (Hamburg Tourismus 2024a, S. 8). Übernachtungsgäste gaben demge‐ genüber im Durchschnitt 129 € in Hamburg aus (Hamburg Tourismus 2024b, S. 6). Wenn sich statt vier Kreuzfahrtreisenden ein Übernachtungsreisender in einer Stadt aufhält, sind - bei einem Bruchteil des Crowding-Effektes - 3.1 Physische Tragfähigkeitsgrenze durch Crowding 63 <?page no="64"?> die induzierte Wertschöpfung und der Arbeitsplatzeffekt vergleichbar. Aber auch über den Kreuzfahrttourismus hinaus gilt, dass beim Tagestourismus die Wertschöpfung im Vergleich zur Kapazitätsbelastung unterproportional ist. Dies gilt insbesondere auch für attraktive Tagesausflugsgebiete im Umfeld von größeren Metropolen (wie z. B. im Alpenvorland südlich von München oder an der Nord- und Ostseeküste als Tagesausflugsgebiet der Hamburger). 3.2 Direkte negative Effekte durch Tourist: innen Neben der - auch objektiv fassbaren - reinen physischen Überfüllung von räumlichen Settings können von Tourist: innen auch eine Reihe von direkten negativen Effekten ausgehen. Zu diesen Effekten zählen unter anderem durch die intensive touristische Frequentierung einer Destination: [1] Überlastete Infrastruktur [2] Lärm und Störung durch das Verhalten der Tourist: innen [3] Irritation durch die Präsenz von Tourist: innen. Zu [1] Überlastete Infrastruktur: Nicht ganz klar vom Overcrowding zu unterscheiden - und mit fließenden Übergängen - können hohe Besu‐ cher: innenzahlen über den öffentlichen Raum, auf Straßen und Plätzen hinaus auch dann negative Auswirkungen auf die Bewohner: innen haben, wenn diese die gleichen Angebote und Infrastruktur nutzen wie die Besu‐ cher: innen. Öffentliche Verkehrsmittel können durch die zusätzliche Nach‐ frage von Besucher: innen an ihre Kapazitätsgrenzen gelangen. Überlastete öffentliche Verkehrsmittel können (zumindest in bestimmten Bereichen oder zu bestimmten Zeiten) als negative Auswirkungen für die Bewohner: in‐ nen angesprochen werden. Gleiches gilt, wenn beide Gruppen Plätze in gastronomischen Einrichtungen oder Kulturangeboten nachfragen und die Nachfrage durch die Besucher: innen es den Bewohner: innen erschwert, einen Platz in einer Gaststätte oder eine Eintrittskarte für ein kulturellen Angebot zu erhalten. Zu [2] Lärm und Störung durch das Verhalten der Tourist: innen: Stark auch mit dem Verhalten der Tourist: innen in Zusammenhang stehen die von diesen möglicherweise ausgehenden Störungen. Hierzu zählt der Lärm, der - insbesondere nachts - vom Aufenthalt der Besucher: innen vor allem in der Außengastronomie oder beim Unterwegs sein in den Straßen 64 3 Direkte und indirekte negative Effekte intensiver touristischer Nachfrage <?page no="65"?> Abb. 15: Bewohnerprotest in Berlin gegen das nächtliche Treiben von Tourist: innen und deren Hinterlassenschaften. ausgehen kann. Nächtigen Besucher: innen in Privatgebäuden, in denen sie über Airbnb oder eine andere Sharing-Plattform eine Wohnung angemietet haben, kann die Störung von unangemessenem Verhalten im Treppenhaus oder nächtlichen Partys in der angemieteten Wohnung ausgehen. Ähnliches gilt auch für mögliche Hinterlassenschaften der Tourist: innen (Müll oder sogar Körperausscheidungen nach exzessivem Alkoholgenuss, → Abb. 15). Zu [3] Irritation durch die Präsenz von Tourist: innen: Das Gefühl der Störung bzw. Irritationen entstehen aber auch teilweise ohne konkrete direkte physische Emissionen. Besu‐ cher: innen aus anderen Kulturkreisen oder an‐ deren Lebensstilgruppen können auch als fremd empfunden werden und damit als direkt stö‐ rend, ohne dass von diesen (durch inadäquates Verhalten) objektiv fassbare Beeinträchtigun‐ gen ausgehen. Vor dem Hintergrund partiell xenophober Tendenzen bei Teilen der Bewohner: innen wird vermutet, dass z. B. physiognomisch als aus der arabischen Welt stammend zu identifizierende Besucher: innen (z. B. durch Verschleierung) als störend empfunden werden. Teilweise werden diesen dann über sekundäre Rationalisierung Verhaltensmuster zugeschrieben, die konkrete Störungen bedeuten (z. B. inadäquates Sozial‐ verhalten), um die generellen Berührungsängste zu kaschieren. 3.3 Indirekte Effekte durch die Tourismuswirtschaft Das Gefühl der Fremdheit in der eigenen Stadt oder im eigenen Wohnquar‐ tier ist gleichzeitig auch der Übergangsbereich zu den eher indirekten Effekten. Auch in diesem Bereich ist es - obwohl manche der Effekte auch konkret objektiv messbar sind - wieder vor allem die Wahrnehmung der Bewohner: innen, die für die Artikulation von Irritationen wirksam wird. Als indirekte Effekte einer intensiven touristischen Frequentierung einer Destination, die von den Bewohner: innen als negativ empfunden werden können, zählen: 3.3 Indirekte Effekte durch die Tourismuswirtschaft 65 <?page no="66"?> [1] Strukturwandel im Einzelhandelsangebot [2] Veränderungen im gastronomischen Angebot [3] Nutzungskonkurrenz, z.-B. auf dem Wohnungsmarkt. Abb. 16: Veränderung der Geschäftsstruktur in den stark von Tourist: innen frequentier‐ ten-Straßen (Beispiel aus Bamberg) Zu [1] Strukturwandel im Einzelhandelsangebot: In Straßenzügen mit einer intensiven touristischen Frequentierung entstehen üblicherweise mehr und mehr vor allem auf die Bedarfe der Besucher: innen ausgerichtete Einzelhandels- und Dienstleistungsangebote. Entlang der sog. ‚Straße der Ameisen‘ (Keul und Kühberger 1996) häufen sich Souvenirläden bzw. kunst‐ gewerbliche Angebote (→ Abb. 16). Diese werden von den Bewohner: innen kaum nachgefragt und ersetzen früher an diesen Standorten vorhandene stärker auf den Bedarf der Bewohner: innen ausgerichtete Geschäfte. Oftmals wird unterstellt, dass die über eine höhere Zahlungsfähigkeit (rent paying ability) verfügenden tourismusorientierten Geschäfte klassi‐ sche quartierbezogene Einzelhandelsangebote verdrängen. Auch wenn die‐ ser Verdrängungseffekt existiert, ist es aber auch oftmals so, dass im Zuge des klassischen Strukturwandels im Einzelhandel auch ohne den Einfluss von touristisch ausgerichteten Angeboten ein Großteil der kleinteiligen, inhabergeführten, der Quartiersversorgung dienenden Ladenlokale in den letzten Jahrzehnten aufgegeben worden sind. Hintergrund ist die verstärkte 66 3 Direkte und indirekte negative Effekte intensiver touristischer Nachfrage <?page no="67"?> Orientierung der Bewohner: innen auf größere, oftmals an nicht-integrier‐ ten Lagen am Stadtrand entstandene großflächige Einzelhandelsangebote bzw. auf innerstädtische Einkaufszentren und Passagen mit einem hohen Filialisierungsgrad (genauer z. B. bei Bearing Point und IIHD 2015). Die Veränderung der Geschäftsstruktur ist dementsprechend nur selten mono‐ kausal der zusätzlichen touristischen Nachfrage zuzuordnen. Gleichwohl wird durch das Verschwinden von traditionellen Geschäftslokalen für die Quartiersversorgung oftmals das Gefühl verstärkt, dass es eben nicht mehr das bekannte, eigene Viertel ist, sondern man sich als Fremder in der eigenen Wohnumgebung fühlt. Zu [2] Veränderungen im gastronomischen Angebot: Ähnlich ver‐ hält es sich auch mit dem gastronomischen Angebot, auch wenn dieses tendenziell eher als reine Souvenirläden auch von den Bewohner: innen wahrgenommen wird. Mit induziert durch eine zunehmende touristische Nachfrage erhöht sich einerseits oftmals das gastronomische Angebot und kann dementsprechend auch dazu führen, dass für die Bewohner: innen ein breiteres Spektrum zur Verfügung steht. Andererseits entstehen oftmals auch gastronomische Angebote, die nur begrenzt von den Bewohner: in‐ nen nachgefragt werden. Auch passen sich bestehende gastronomische Einrichtungen in vielen Fällen der touristischen Nachfrage an, so dass sich Bewohner: innen oftmals in ihren Stammlokalen nicht mehr wohl fühlen. Zu [3] Nutzungskonkurrenz, z. B. auf dem Wohnungsmarkt: So lange Übernachtungsgäste weitgehend auf gewerbliche Übernachtungsangebote in Hotels, Hostels etc. konzentriert waren, hatte dies kaum Auswirkun‐ gen auf den Wohnungsmarkt. Das Vordringen von Sharing Angeboten (→ Kap. 2.3) führt - bei nicht dem ursprünglichen Sharing-Gedanken entsprechenden Gebrauch - dazu, dass dem Markt Wohnmöglichkeiten für die Langzeitvermietung entzogen werden. Die Verknappung trägt dann auch zu einer Verteuerung bei. Auch wenn dieser Effekt bezogen auf gesamte Städte insgesamt eher als gering anzusprechen ist, kann er in manchen Quartieren durchaus spürbare Auswirkungen aufweisen. Die Nutzungskonkurrenz führt dann zu entsprechenden negativen Reaktionen der Bewohner: innen (→-Abb.-17). 3.3 Indirekte Effekte durch die Tourismuswirtschaft 67 <?page no="68"?> Abb. 17: Bewohnerprotest in Berlin-Kreuzberg gegen die wahrgenommenen Auswirkun‐ gen des Tourismus auf den Wohnungsmarkt Wie im Bereich des Einzelhandels gilt aber auch hier, dass die touristische Nachfrage oftmals nur einer von vielen Faktoren ist, die zu den Verände‐ rungen beitragen. Sharing-Übernachtungsangebote finden sich vor allem in von Gentrifizierung geprägten Vierteln (→ Kap. 2.3). Die Touristifizierung setzt zumeist erst dann ein, wenn bereits erste Gentrifizierungseffekte sichtbar sind und damit der Prozess des Upgradings von Quartieren (mit entsprechendem Ansteigen der Wohnungsmarktpreise) bereits im Gange ist. Gerade die New Urban Tourists (→ Kap. 2.2) werden ja von auf die Gentri‐ fier ausgerichteten Shopping-Optionen, entsprechenden gastronomischen Angeboten und dem historischen Ambiente mit renovierten Altbauten in (oftmals gründerzeitlichen) Vierteln angezogen (→-Abb.-18). 68 3 Direkte und indirekte negative Effekte intensiver touristischer Nachfrage <?page no="69"?> Abb. 18: Gentrifizierte Gründerzeitquartiere wie der Prenzlauer Berg in Berlin werden inzwischen von vielen Tourist: innen besucht Die Tatsache, dass sich Proteste gegen ein als ‚Zuviel‘ empfundene Anzahl an Tourist: innen insbesondere in Städten artikulieren, kann neben der Dynamik im Städtetourismus in den letzten drei Jahrzehnten (→ Kap. 2.1) teilweise sicherlich auch darauf zurückgeführt werden, dass dort ein größe‐ rer Bevölkerungsanteil keinen direkten wirtschaftlichen Bezug zum Touris‐ mus aufweist. Im peripheren ländlichen Raum, wenn er denn touristisch frequentiert wird, ist das Wirtschaftssegment Tourismus mangels anderer Alternativen oftmals ein wichtiger Arbeitsmarktfaktor. Gleichzeitig kennen in stark touristisch geprägten ländlichen Räumen viele Bewohner: innen dann eben im sozialen Umfeld auch öfter Beschäftigte in vom Tourismus abhängigen Bereichen. Nicht übersehen werden darf aber, dass insbesondere in den sich gentri‐ fizierenden Altstadtquartieren, die im Zuge der Gentrifizierung zuziehende Bevölkerung einen zumeist überdurchschnittlichen formalen Bildungsab‐ schluss und dementsprechend auch eine hohe Artikulationsfähigkeit bezüg‐ lich von Irritationen und negativen Befindlichkeiten aufweist. 3.3 Indirekte Effekte durch die Tourismuswirtschaft 69 <?page no="70"?> Insbesondere Großstädte sind starken Transformationsprozessen und damit einhergehenden Unsicherheiten und Spannungen ausgesetzt sind. Dort manifestieren sich (internationale) Kapitalverwertungsinteressen im Bodenmarkt meist intensiver als im ländlichen Raum. Gleichzeitig ist der Druck auf den Wohnungsmarkt teils sehr hoch. Während im ländlichen Raum meist eine höhere Eigenheimquote vorhanden ist, sind Transforma‐ tionsprozesse im städtischen Mietwohnungsmarkt damit in deutlicherem Maß für die Bewohner: innen spürbar. 3.4 Befunde zur Wahrnehmung der Auswirkungen des Tourismus in München vor der COVID-19-Pandemie Am Beispiel von München einer der drei größten deutschen städtetouris‐ tischen Destinationen (vgl. Kap 2.1 und 4.1), sollen nachfolgend einige empirische Befunde zur Wahrnehmung der möglichen Folgen intensiver touristischer Frequentierung vorgestellt werden, die aufzeigen, dass diese auch empirisch fassbar sind. Im Rahmen eines studentischen Lehrforschungsprojekts wurden von Trierer Master-Studierenden vom 17. bis zum 21. Juli 2018 Face-to-Face-Be‐ fragungen von Besucher: innen und Bewohner: innen im Innenstadtbereich von München durchgeführt, d. h. dem Kernbereich, in dem sich ein Großteil der auswärtigen Besucher: innen konzentrieren. Insgesamt wurden dabei 180 Personen befragt (84 Bewohner: innen, 96 Besucher: innen). Abb. 19: Einschätzung der quantitativen touristischen Tragfähigkeit durch Bewohner: in‐ nen und Besucher: innen in München 70 3 Direkte und indirekte negative Effekte intensiver touristischer Nachfrage <?page no="71"?> Auf die Frage nach der absoluten Zahl der Besucher, d.-h. nach der quantita‐ tiven Tragfähigkeitsgrenze bzw. Carrying Capacity, ab der die schiere Zahl als negativ empfunden wird, gab etwa die Hälfte der Besucher: innen und etwa ein Drittel der Bewohner: innen an, dass die Zahl der Tourist: innen ‚gerade recht‘ sei (→-Abb.-19). Gleichzeitig merkten aber etwa ein Drittel der Bewohner: in‐ nen und auch der Besucher: innen an, dass die Zahl der Tourist: innen (etwas) zu hoch sei. Umgekehrt meinten aber auch ein Drittel der Bewohner: innen, dass München aus ihrer Sicht durchaus noch mehr Tourist: innen ‚verkraften‘ könne. In München ist damit die rein quantitative Tragfähigkeitsgrenze aus Sicht der Mehrheit noch nicht überschritten. Gleichwohl sieht aber ein signifikanter Anteil der Befragten - und dies sowohl bei den Besucher: innen als auch den Bewohner: innen - klare Grenzen. Auch bei der Frage, ob durch Tourist: innen Probleme in München verur‐ sacht werden, ergibt sich ein ähnliches Bild (→ Abb. 20). Auch hier verneinte zwar die deutliche Mehrheit die Frage. Gleichwohl gaben insbesondere die Bewohner: innen zu mehr als einem Drittel an, dass mit den Tourist: innen in der Stadt Probleme verbunden seien. Dabei ist allerdings auch festzuhalten, dass sich im Vergleich zu einer Erhebung im Jahr 2014 (Namberger 2015 bzw. Namberger et al. 2019) eine leichte Zunahme abzeichnet, ohne dass dies bereits zu einem ‚Umkippen‘ der Stimmung in München geführt hätte. Abb. 20: Probleme durch Tourist: innen in München Die Antworten auf die offene Frage nach der Art der verursachten Probleme zeigen, dass insbesondere das Crowding-Phänomen als Problem angesehen wird, d. h. ein reines Zuviel an Menschen auf begrenztem Raum (→ Abb. 21). Dabei wurde oftmals mit angeführt, dass es vor allem der zentrale Bereich 3.4 Auswirkungen des Tourismus in München vor der COVID-19-Pandemie 71 <?page no="72"?> der Fußgängerzone zwischen Stachus und Marienplatz sei, der als überfüllt empfunden wird, bzw. auch die physische Tragfähigkeitsgrenze erreicht. Als direkter negativer Effekt der Tourist: innen wird vor allem die Überlastung des ÖPNV angesprochen. Insbesondere die beiden S- und U-Bahn-Stationen Marienplatz und Stachus liegen eben nicht nur im zen‐ tralen touristischen Hotspot, sondern stellen auch Hauptknotenpunkte des U- und S-Bahn-Netzes dar, an dem viele Münchner: innen im Alltagsverkehr ein-, aus- oder umsteigen (ähnlich bereits Koens und Postma 2017, S. 20). Andere direkte negative Effekte wie Lärm oder von Tourist: innen zurück gelassener Abfall spielen demgegenüber in München keine größere Rolle. Abb. 21: Art der durch Tourist: innen verursachten Probleme in München Indirekte negative Effekte, wie eine Verdrängung des auf die Einwohner: in‐ nen ausgerichteten Einzelhandelsangebots durch ‚Touristen-Läden‘, wie er in anderen Städten (z. B. Amsterdam; vgl. Kirchner 2018, Gerritsma und Vork 2017, Oskam und Wiegerink 2020, S. 97) als Problem thematisiert wird, spielen in München keine Rolle. Auch die Nutzungskonkurrenz auf dem Wohnungsmarkt, die z. B. in Berlin heftig thematisiert wird (Spiegel Online 2011; Kagermeier, Köller und Stors 2015, wurde - nur vereinzelt genannt. Die Tatsache, dass die unter dem Begriff des Overtourism zusammen gefassten Aspekte in unterschiedlichen Destinationen teilweise ganz unter‐ schiedlich gesehen werden, führt zur Frage nach den Wirkzusammenhängen bei der Entstehung der Overtourism-Wahrnehmung. Dementsprechend soll im → Kap. 4 der Frage nachgegangen werden, wann aus einem ‚Gerade 72 3 Direkte und indirekte negative Effekte intensiver touristischer Nachfrage <?page no="73"?> noch recht‘ ein ‚Zuviel‘ wird. Doch zunächst werden Befunde eines weite‐ ren Lehrforschungsprojektes zur post-pandemischen Wahrnehmung der Auswirkungen des Tourismus in München vorgestellt. 3.5 Befunde zur Wahrnehmung der Auswirkungen des Tourismus in München nach der COVID-19-Pandemie Auch nach der Corona-Pandemie wurde erneut ein studentisches Lehrfor‐ schungsprojekt von Master-Studierenden der Universität Trier vom 4. bis zum 9. Juni 2022 durchgeführt. Im Zuge des Projektes zur post-pandemi‐ schen Tourismusentwicklung in München wurden erneut Face-to-Face-Be‐ fragungen mit Besucher: innen und Bewohner: innen durchgeführt. Durch den post-pandemischen Fokus des Forschungsprojektes wurden jedoch teil‐ weise anderen, an die Situation angepassten Fragestellungen und Methodi‐ ken verwendet. Insgesamt wurden 76 Personen befragt (44 Bewohner: innen, 32 Besucher: innen). Eine Auswahl der Ergebnisse wird in den folgenden →-Abb.-22 bis →-Abb.-26 dargestellt. Die Reaktionen, Zustimmung oder Ablehnung, auf die Aussagen über die Wahrnehmung von Tourismus unter den Bewohner: innen Münchens waren wie in → Abb. 22 gesehen werden kann gemischt. Zunächst gaben lediglich 41 % der Befragten an Tourist: innen in ihrem Wohnviertel bewusst wahrzu‐ nehmen. Auch wenn 64 % der Bewohner: innen die Aussage ablehnen, dass der Tourismus einen positiven Einfluss auf die persönliche Lebensqualität innerhalb des Wohnviertels habe, so fühlen sich gleichzeitig weniger als 10 % der Befragten durch Tourist: innen in ihrem Wohnviertel gestört. Bereits ein Drittel der Befragten gab an, Probleme durch Peer-to-Peer-Unterkünfte in ihrem Wohnviertel wahrgenommen zu haben. Auch die Anpassung des Wohnviertels an die Bedürfnisse der Tourist: innen, und damit Anzeichen für eine Touristifizierung, nehmen 30 % der Befragten (teilweise) wahr. Damit ist diese Wahrnehmung im Vergleich zu den Daten aus 2018 stark gestiegen. Die Hälfte der Befragten stimmt teilweise bis völlig zu, dass der Tourismus die Lebenserhaltungskosten in München erhöht. Gleichzeitig nimmt mit 41 % ein signifikanter Anteil der Befragten eine Verbesserung ihrer Lebensqualität aufgrund des Ausbleiben der Tourist: innen während der COVID-19-Pandemie war. Die Aussage, Einfluss auf die Tourismusent‐ wicklung in München zu haben, lehnten 66 % der Befragten eher bis völlig 3.5 Auswirkungen des Tourismus in München nach der COVID-19-Pandemie 73 <?page no="74"?> ab. Gleichzeitig fühlt sich circa die Hälfte über den Tourismus in München informiert. Unabhängig von der eigenen Lebensqualität gibt mit 91 % die große Mehrheit an, dass der Tourismus für die Stadt München wichtig sei. 0% 20% 40% 60% 80% 100% Der Tourismus ist wichtig für die Stadt München Ich fühle mich über die Tourismusentwicklung der Stadt München… Ich habe Einfluss auf die Tourismusentwicklung der Stadt München Das Ausbleiben von Tourist: innen aufgrund der COVID-19-Pandemie hat zu einer… Der Tourismus erhöht die Lebenskosten in der Stadt München Ich nehme wahr, dass mein Stadtviertel sich an die Bedürfnisse der Tourist: innen anpasst In meinem Wohnviertel bin ich bereits mit Problematiken, die durch Plattformen wie… Ich fühle mich von Tourist: innen in meinem Wohnviertel gestört Der Tourismus hat einen positiven Einfluss auf meine Lebensqualität in meinem… Ich nehme Tourist: innen und den Tourismus in meinem Wohnviertel bewusst war Bewerten Sie die folgenden Aussagen bitte von “stimme völlig zu” bis “lehne völlig ab” stimme völlig zu stimme zu stimme teilweise zu lehne eher ab lehne ab lehne völlig ab kann ich nicht beurteilen Abb. 22: Probleme durch Tourismus in München nach der COVID-19-Pandemie Des Weiteren wurde nachgefragt, inwiefern der globale Reisestopp durch die COVID-19-Pandemie die Gedanken und Gefühle der Bewohner: innen ge‐ genüber des Tourismus in München verändert hat. Dabei gaben drei Viertel der befragten an, dass sich für sie nichts verändert habe. Das übrige Viertel denkt seit der Pandemie in gleichen Teilen positiver bzw. negativer über den Tourismus in München (→ Abb. 23). Auch wurde nach der Veränderung des eigenen Reiseverhaltens innerhalb der Region in und um München gefragt. Während auch hier mit circa 57 % ein Großteil der Befragten keine Veränderung angibt, so sind es über 21 % die seit der Pandemie vermehrt in das ohnehin beliebte Münchner Umland reisen. Dieser Trend während 74 3 Direkte und indirekte negative Effekte intensiver touristischer Nachfrage <?page no="75"?> der Pandemie in die nahegelegene Natur zu verreisen, wird demnach auch in diesem Fall deutlich. Diese Zahlen bestätigen, dass durch die Pandemie eine gewisse Verschiebung der stark frequentierten Tourismus-Hotspots von den Stadtzentren in die umliegende Natur stattgefunden hat. Diese Beobachtung wird auch von Medienberichten über Anti-Tourismus Proteste von Bewohner: innen aus dem Münchner Umland bestätigt (→-Abb.-24). Abb. 23: Veränderung der Wahrnehmung von Tourismus in München durch die CO‐ VID-19-Pandemie Abb. 24: Veränderung der Mobilität seit der COVID-19-Pandemie 3.5 Auswirkungen des Tourismus in München nach der COVID-19-Pandemie 75 <?page no="76"?> Die Befragung unter Besucher: innen der Stadt im Juni 2022 gab weitere Er‐ kenntnisse über die post-pandemische Tourismusentwicklung in München. Auf die Frage wie sehr die Tourist: innen sich von den Bewohner: innen Münchens akzeptiert fühlen, gab die große Mehrheit (knapp 78 %) an, sich (völlig) akzeptiert zu fühlen. Lediglich 9 % fühlten sich weniger akzeptiert und niemand gar nicht akzeptiert (→-Abb.-25). Abb. 25: Wahrgenommene Akzeptanz der Tourist: innen in München nach der CO‐ VID-19-Pandemie Insgesamt glauben 59 % der Befragten, dass ihr Verhalten als Besucher: innen der Stadt einen Einfluss auf die Lebensqualität der Bewohner: innen hat (vgl. Abb. 26). Diese Annahme fußt wahrscheinlich auch in der Tatsache, dass die Mehrheit der Besucher: innen (66 %) während ihrer Reise (teilweise) in den Alltag der Stadt eintauchen. Auch wenn dies ein Bedürfnis vieler Reisender darstellte, so ist der Besuch der bekanntesten Sehenswürdigkeiten doch nach wie vor wichtiger als das Kennenlernen des lokalen Lebens in den Quartieren der Anwohner: innen. Es lässt sich zusammenfassen, dass die Pandemie bis Sommer 2022 nur einen geringfügigen Einfluss auf die Wahr‐ nehmung der Veränderung des Tourismus in München hatte. Auch wenn die Bewohner: innen im Vergleich zu 2018 vermehrt Probleme durch Tourismus wahrnehmen, so gibt es keine Anzeichen für problematische Anti-Touris‐ mus Emotionen. Dass der Tourismus bzw. das (Reise-)Verhalten der Tou‐ rist: innen einen Einfluss auf die Lebensqualität der Stadtbewohner: innen 76 3 Direkte und indirekte negative Effekte intensiver touristischer Nachfrage <?page no="77"?> hat, wurde bei beiden Befragungsgruppen anerkannt. Den größten Einfluss der Pandemie auf die Entwicklung des Phänomens Overtourism in München haben die zunehmenden Tagesausflüge in das Münchner Umland. Damit hat die Pandemie die Situation in der Stadt entlastet, jedoch gleichzeitig zu einer verstärkten Belastung der kleinen Gemeinden und Natur geführt. Auch dies belegt erneut, dass Overtourism nicht nur ein urbanes Phänomen ist. Abb. 26: Reiseerfahrung von Tourist: innen in München nach der COVID-19-Pandemie 3.5 Auswirkungen des Tourismus in München nach der COVID-19-Pandemie 77 <?page no="79"?> 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? In diesem Kapitel soll der Frage nachgegangen werden, wann die Situation kippt und die - insbesondere aus destinationsökonomischer Sicht positiv zu sehende - Frequentierung durch Besucher: innen von Bewohner: innen als Belastung und unzumutbar eingestuft wird. Hierzu wird neben der physischen vor allem auf die perzeptuelle, soziale Tragfähigkeit abgestellt. Zu deren Fassung wird auf das Vulnerabilitäts-Konzept aus der Nachhaltig‐ keitsforschung zurückgegriffen. Die Overtourism-Debatte wird stark von der Diskussion über Tragfähig‐ keitsgrenzen, der sog. „Carrying Capacity“, charakterisiert. Im Zentrum steht die Frage, ab wann von Overtourism gesprochen wird bzw. werden kann. Dabei sind die Kapazitäten einer touristischen Destination nicht so eindeutig quantitativ zu beziffern wie z. B. die Kapazität des öffentlichen Nahverkehrs (mit einer bestimmten Zahl von Personen pro m 2 in den Fahrzeugen). Aber auch die Kapazität eines Museums oder eines historischen Gebäudes (wie z. B. Schloss Neuschwanstein oder Schloss Versailles) lässt sich noch relativ leicht festlegen. Demgegenüber ist die subjektive Carrying Capacity, d. h. die Grenze der Tragfähigkeit an Tourist: innen, die von den Bewohner: innen akzeptiert wird, ein multidimensionales Konstrukt, das nicht so leicht zu fassen ist. Gleichzeitig geht die Diskussion über (sozial-)verträgliches Tourismus‐ wachstum mit der grundsätzlichen Diskussion über Grenzen des Wachstums im Tourismus einher - eine Debatte die in „The Limits to Growth“ des Club of Rome (Meadows et al. 1974) verankert ist. Ein solcher sozialverträglicher Tourismus bildet die notwendige Grundlage für eine sozial nachhaltige Tourismusentwicklung. Postma und Schmücker (2017, S. 146) verstehen un‐ ter einer sozial nachhaltigen Tourismusentwicklung in einem umfassenden Sinn vor allem auch die (Tourismus-)Akzeptanz bei den Bewohner: innen der Destinationen. Dementsprechend ist die Einbeziehung der Bewohner: innen genauso wichtig wie die Sicherung der wirtschaftlichen Funktionsfähigkeit des Tourismus (→-Kap.-6). Festgemacht werden kann die Grenze der emotionalen Wende, weg von der Akzeptanz (Embracement) und Toleranz gegenüber den Besucher: innen hin zum Rückzug (Withdrawal) nicht. Da das Überschreiten dieser magi‐ schen Grenze Auswirkungen auf die (sozial) nachhaltige Tourismusentwick‐ <?page no="80"?> lung hat (Page und Hall 2013, S. 220), wurden bereits diverse Ansätze zur Erklärung der sich wiederholenden Entwicklungen sowie deren Indikatoren versucht messbar oder zumindest überwachbar zu machen. Einige dieser Indikatoren sowie Monitoring-Ansätze werden in den folgenden Kapiteln vorgestellt. 4.1 Tourismusintensität als Indikator Mit dem Boom des Städtetourismus sind inzwischen in einigen Städten die Grenzen der physischen Belastbarkeit punktuell und temporär definitiv überschritten. Insbesondere die in den Medien immer wieder zitierten Fallbeispiele Dubrovnik und Venedig sind als Hotspots des mediterranen Kreuzfahrttourismus besonders betroffen. In der Tourismusforschung wird neben den absoluten Werten von Be‐ sucher: innen und Übernachtungen insbesondere der relative Wert der Ankünfte bzw. Übernachtungen pro Einwohner: innen verwendet, um die „Tourismusintensität“ auszudrücken. Bezogen auf etwa 40.000 Einwohner: innen in Dubrovnik und ca. 260.000 in Venedig ergibt sich dort eine Tourismusintensität (Übernachtungen pro Einwohner: in) von ca. 90 in Dubrovnik bzw. über 50 in Venedig. Würden bei Venedig nur die etwa 49.000 Einwohner: innen im Centro Storico und der Lagune berücksichtigt, läge der Wert dort sogar bei 185). In Dubrovnik und Venedig kamen 2018/ 2019 zusätzlich zu den gut einer Million (Republic of Croatia 2019, S. 32) bzw. etwa 5 Mio. (Ufficio di Statistica della Regione del Veneto 2020) Übernachtungsgästen auch noch etwa 800.000 bzw. 1,6 Mio. Kreuzfahrtgäste als Tagesreisenden, welche die Stadt frequentierten (Medc‐ ruise 2020, S.-17). Mit dem Überschreiten der rein physischen Kapazitätsgrenzen werden in den beiden Städten inzwischen auch entsprechende Limitierungsansätze mit Zugangsbeschränkungen - ähnlich wie in überlaufenen Attraktionen (z.-B. in Neuschwanstein oder Versailles) eingeführt (→ Kap. 5.3.4). Gleichzeitig wird auch der Weg einer Reduzierung der zugelassenen Kreuzfahrtschiffe beschritten, um die Zahl der wenig zur Wertschöpfung beitragenden und für das Crowding mitverantwortlich Kreuzfahrttagesgäste zu begrenzen (Morris 2017, Reuters 2018, Trancoso Gonzàlez 2018). Letztendlich handelt es sich dabei allerdings nur um eine nachträgliche Schadensbegrenzung, nachdem die physischen Tragfähigkeitsgrenzen überschritten worden sind. 80 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="81"?> Im Zuge der Limitierung des Kreuzfahrtsegmentes haben beide Städte seit 2013 die Zahl der Kreuzfahrtgäste von 1,1 Mio. in Dubrovnik und 1,8 Mio. in Venedig auf 2019 800.000 bzw. 1,6 Mio. reduziert (MedCruise 2018, S. 64f.; 2020, S. 82ff.). Damit ist festzuhalten, dass es nur in wenigen Destinationen wirklich die schiere Zahl der Besucher: innen ist, welche die physische Tragfähigkeitsgrenze überschreitet. Die meisten anderen europäischen Hotspots des Städtetourismus weisen Tourismusintensitätswerte zwischen 10 und 20 aus (→ Abb. 27). Damit können zwar an räumlich begrenzten Hotspots durchaus auch punktuelle Crowding-Phänomene auftreten, aber es kann nicht von einer generellen Überfüllung gesprochen werden. Die Fokussierung auf den relativ einfach messbaren Indikator Tourismusintensität greift damit eindeutig zu kurz und ist als ein teilweise etwas hilfloser Versuch der Annäherung an das Phänomen der Artikulation von Unbehagen durch die Bewohner: innen anzusehen. Abb. 27: Tourismusintensität in ausgewählten europäischen städtetouristischen Destina‐ tionen Gleichzeitig ist zu konstatieren, dass sich in den meisten Fällen das Unbe‐ hagen bei den Bewohner: innen äußert, obwohl die absoluten Zahlen noch keine physische Tragfähigkeitsgrenze signalisieren. Barcelona wird in den Medien häufig in einem Atemzug mit Dubrovnik und Venedig genannt (Christ 2017). Die Stadt ist mit 3,5 Mio. Kreuzfahrtpassagieren in 2023 (Observatori del Turisme a Barcelona 2024) der am stärksten frequentierte mediterrane Kreuzfahrthafen. Dort waren in den letzten Jahren ebenfalls heftige Proteste gegen die Tourist: innen zu verzeichnen (Gebhardt 2017), 4.1 Tourismusintensität als Indikator 81 <?page no="82"?> obwohl der Wert des Indikators Tourismusintensität (einschließlich Kreuz‐ fahrtgästen) in Barcelona ‚nur‘ bei 12 liegt (→ Abb. 27). Dieser relativ niedrige rechnerische Wert ergibt sich - wie in vielen Großstädten - bei hohen absoluten Zahlen aufgrund der größeren Mantelbevölkerung, auch wenn sich der überwiegende Teil der Besucher: innen dann eben doch im Stadtzentrum konzentriert. Damit bewegen sich die Übernachtungszahlen im Verhältnis zur Wohn‐ bevölkerung in Barcelona in der gleichen Größenordnung wie in den drei größten deutschen städtetouristischen Destinationen Berlin, München und Hamburg oder auch Wien (→ Abb. 27). Dort liegt die Tourismusin‐ tensität - so wie in vielen anderen europäischen Großstädten auch - in einer Größenordnung von um die zehn Übernachtungen pro Einwohner: in (→ Tab. 1). Ergänzend erwähnt sei an dieser Stelle, dass die größeren Städte in der Schweiz (Zürich, Basel, Bern und Genf) deutlich weniger stark vom Städtetourismus geprägt sind. Dort liegen die Werte für den Indikator Tourismusintensität zwischen fünf und acht. Nur Luzern erreicht mit 10,1 im Jahr 2019 mit den drei deutschen Großstädten vergleichbare Werte (Schweizerische Eidgenossenschaft. Bundesamt für Statistik 2020, Brinkhoff 2020). Dabei ist das Medienecho bezüglich der Reaktionen der Bewohner: innen in den drei wichtigsten deutschen städtetouristischen Destinationen recht unterschiedlich. In Berlin hatten bereits 2011 Bündnis 90/ Die Grünen Kreuz‐ berg zu einer Veranstaltung mit dem Titel „Hilfe, die Tourist: innen kommen“ aufgerufen (Spiegel Online 2011). Seither reißt die intensive Diskussion und auch Medienberichterstattung dort nicht mehr ab (vgl. z. B. Wuchold 2014, Nibbrig, Pletl und Dietrich 2015, Labenski 2016, Sommer und Helbrecht 2017). In Hamburg wird vom Zukunftsrat unter dem bekannten Slogan „Tourist go Home? “, versehen noch mit einem Fragezeichen, über den schmalen Grat zwischen touristischer Inwertsetzung und Überlastungsphänomenen diskutiert (Lanz 2018). Damit wird deutlich, dass auch dort erste Anzeichen für klare negative Begleiterscheinungen erkennbar sind (vgl. auch Postma und Schmücker 2017). Allerdings sah bei einer Befragung im Jahr 2018 nur jeder Sechste Probleme durch den Tourismus (Wybraniec 2018, S.-63). In München wird das Thema bei einer - bezogen auf die Mantelbevölke‐ rung - ähnlichen Relation von Übernachtungen bislang in den Medien nicht intensiver thematisiert. Touristische Wachstumsergebnisse werden in den lokalen Medien lediglich neutral vorgestellt (vgl. z. B. Hoben 2018) und 82 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="83"?> von der Stadtverwaltung als weitgehend positives Phänomen kommuniziert (Landeshauptstadt München 2024a). Damit ist zu vermuten, dass es nicht nur die absolute Zahl von Tou‐ rist: innen ist, die bei den Bewohner: innen zu aversiven Reaktionen führt, sondern hier noch weitere Parameter relevant sind. Diesen soll im nächsten Abschnitt nachgegangen werden. Vorher wird aber noch auf eine im Auftrag des „European Parliament‘s Committee on Transport and Tourism (TRAN)“ 2018 vorgelegte Studie ein‐ gegangen, die das Phänomen Overtourism in europäischen Destinationen ebenfalls mit einer zentralen Maßzahl zu fassen suchte. Diese wird mit einer ähnlichen Logik wie die Tourismusintensität berechnet. Bei der Studie wurden 33 Destinationen ausgewählt, die aufgrund der Literaturanalyse Overtourism-Phänomene erkennen bzw. vermuten ließen und einen guten Überblick über Overtourism bezogene Phänomene in Europa darstellen sollen (European Parliament 2018, S. 80f.). Von den in die Untersuchung einbezogenen Destinationen waren 18 Städte. Für diese galt (mit einem Bezugszeitraum zwischen 2015 und 2017) nicht die Tourismusintensität als Belastungsindikator, sondern ein Wert, der „Tourism Penetration Rate“ (TPR) genannt wird. Die TPR basiert auf der Tourismusintensität (Übernachtun‐ gen pro Einwohner) wobei diese pro Tag (durch eine simple Division durch 365, sprich ohne weitere Berücksichtigung der Saisonalität) und bezogen auf 100 Einwohner: innen (Multiplikation mit 100) berechnet wird. Für 17 von 18 der in die Städte einbezogenen dieser Städte (abzüglich der Vatikan-Stadt, da für diese keine Einwohnerzahlen verfügbar bzw. inhaltlich tragfähig wären und keine Übernachtungszahlen vorliegen) ist in Tabelle 1 nicht nur die TPR wiedergegeben. Zur besseren Vergleichbarkeit wird auch die aus den in der Studie angegebenen Ausgangswerten selbst berechnete Tourismusintensität aufgeführt. Dabei wird zum einen deutlich, dass die - als stark frequentiert geltenden - einbezogenen europäischen Städtedestinationen (mit Ausnahme Venedigs, wobei hier in der TI die Kreuzfahrttourist: innen nicht inkludiert sind) eine Tourismusintensität mit Werten zwischen knapp 4 und 20 (entspricht einer TPR von 1,1 bzw. 5,48) aufweisen. 4.1 Tourismusintensität als Indikator 83 <?page no="84"?> Destination Tourismusintensität (TI) Tourism Penetration Rate (TPR) (nur Übernachtungs‐ touristen) Tourism Penetration Rate (TPR) (einschl. Tagesbesucher und Kreuzfahrtgäste) Brügge 18,64 5,11 16,4 Bukarest 1,56 0,43 - Budapest 5,72 1,57 - Kopenhagen 13,44 3,68 - Dublin 17,28 4,73 - Lissabon 22,10 6,05 - Luzern 16,69 4,57 32,5 Prag 13,95 3,82 - Reykjavik 17,19 4,71 - Riga 3,05 0,83 1,2 Salzburg 19,38 5,31 16,8 Stockholm 10,04 2,75 - Tallinn 9,19 2,52 4,2 Valetta 21,05 5,77 6,2 Venedig 40,43 11,08 25,3 Vilnius 3,66 1,00 - Warschau 12,73 3,49 - Tab. 1: Tourismusintensität und Tourism Penetration Rate für in der TRAN-Studie erfasste europäische Städtedestinationen Die drei großen deutschen städtetouristischen Destinationen, die bei dieser Studie - ebenso wie Wien - nicht mit einbezogen worden sind, liegen dementsprechend im Mittelfeld mit einer Größenordnung der Tourismusin‐ tensität, die der von Kopenhagen, Stockholm, Tallin, Prag oder Warschau entspricht. Deutlich geringere Werte (bezogen auf die Übernachtungsgäste) weisen von den größeren städtetouristischen Destinationen die osteuropäischen 84 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="85"?> Hauptstädte Bukarest und Budapest sowie die beiden anderen baltischen Hauptstädte Riga und Vilnius auf. Die höchsten Tourismusintensitäten ergeben sich unter den größeren europäischen Städten für Salzburg, Lissabon und Valetta (Malta) mit Werten von etwas über 20. Auch zwei weitere einbezogene Städte, deren Einwoh‐ nerzahl nur in der Größenordnung von 100.000 liegt, Luzern und Brügge weisen mit einer Tourismusintensität von etwas unter 20 ebenfalls relativ hohe Werte auf. Bei der Berechnung der TPR wurden von den Autor: innen der Studie in manchen Fällen, in denen hierfür Schätzungen vorhanden waren, auch die Tagesreisenden bzw. die Tagesausflüge von Kreuzfahrtpassagieren mit‐ berücksichtigt (die TPR-Werte bezogen nur auf die Übernachtungsgäste in der → Tab. 1 sind in diesen Fällen aus Gründen der methodisch klareren Vergleichbarkeit nicht der Quelle entnommen, sondern wurden separat berechnet). Die Einbeziehung von Kreuzfahrtgästen in Riga, Tallin und Valletta ergibt, dass diese zwar merklich zur TPR beitragen, aber das ‚Fass nicht zum Überlaufen‘ bringen. Demgegenüber zeigt die Einbeziehung von Tagesreisenden (bei allen Problemen der methodisch exakten Erfassung) zumindest in ihrer Größen‐ ordnung, dass diese für Städte wie Brügge, Luzern aber auch Salzburg oftmals eine Vervielfachung der sich in der Stadt aufhaltenden Tourist: innen bedeutet. In allen drei Städten ist dementsprechend auch eine intensivere Overtourism-Diskussion virulent (vgl. für Brügge z. B. Nijs 2017, für Salz‐ burg z. B. Siebenhaar 2019 oder ORF 2019a und für Luzern z. B. Eggli und Stock 2019). Dabei gaben bei einer Befragung in Salzburg fast drei Viertel der Bewoh‐ ner: innen an, dass ihnen die Zahl der Tourist: innen zu hoch ist und zwei Drittel die Innenstadt wegen der hohen Tourist: innenzahl meiden, wobei es im Wesentlichen das Overcrowding in den engen Altstadtgassen ist, das als störend empfunden wird (Minichberger 2019). Umgekehrt fühlen sich - bei fast identischer TPR mit Tagesreisenden (→ Tab. 1) - in Brügge drei Viertel der Bewohner: innen nicht von Tourist: innen gestört (Nijs 2017, S.-77). Auch in Venedig sind es weniger die etwa 1,6-Mio. Kreuzfahrtpassagiere (MedCruise 2020, S. 17), die neben gut 10 Mio. Übernachtungen ins Gewicht fallen - und die öffentliche Diskussion prägen. Vielmehr sind es die etwa 12 Mio. (geschätzten) Tagesausflügler vom Festland (European Parliament 2018, S. 151), die dazu beitragen, dass sich die TPR in Venedig mehr als 4.1 Tourismusintensität als Indikator 85 <?page no="86"?> verdoppelt. In diesen vier Städten wird also das Overtourism-Phänomen stark vom terrestrischen Tagesausflugsverkehr geprägt. Neben städtetouristischen Destinationen wurden in der TRAN-Studie auch touristische Zielgebiete im ländlichen Räum einbezogen. Teilweise sind es - wie z. B. der Nationalpark Plitvicer Seen in Kroatien - touristi‐ sche Attraktionen, die selbst über keine Übernachtungsmöglichkeiten bzw. Einwohner: innen verfügen, bzw. touristische Ziel wie die Isle of Skye in Schottland für die keine belastbaren quantitativen Daten vorliegen (Euro‐ pean Parliament 2018, S.-184f.). Dabei zeigt sich, dass sich der Indikator Tourismusintensität bzw. Tou‐ rism Penetration Rate in ländlichen Gebieten aufgrund der teilweise sehr niedrigen Bevölkerungszahlen in manchen Gebieten in ganz anderen Di‐ mensionen bewegt. Der höchste in der Studie ermittelte Wert ergab sich für den Geiranger‐ fjord in Norwegen mit seinen spektakulären Steinformationen, wo eine geschätzte Zahl von einer Million (vorwiegend Tages-)Besucher: innen pro Jahr, die zum erheblichen Teil auch von den Kreuzfahrtschiffen angelandet werden, nur 215 Einwohner: innen gegenübersteht. Damit ergibt sich eine lo‐ kale rechnerische Tourismusintensität von gut 4.500 (European Parliament 2018, S.-178f.). Ein Wert von über 1.000 errechnet sich auch für das Baderesort Ayia Napa auf Zypern. Auch hier resultiert der hohe Wert aus etwas 4 Mio. Übernachtungen bei einer Bevölkerung von nur etwas über 3.000 Einwoh‐ ner: innen (European Parliament 2018, S. 153f.). Noch vor dem griechischen Santorin mit einer Tourismusintensität von etwa 350 (European Parliament 2018, S. 215f.). liegt z. B. die deutsche Nordseeinsel Juist mit über 550 (European Parliament 2018, S. 186f.). Demgegenüber nimmt sich Mallorca mit einer Tourismusintensität von ‚nur‘ etwas über 50 fast bescheiden aus. Der Schwachpunkt des Indikators Tourismusintensität liegt damit vor allem auch darin, dass neben der Zahl der Übernachtungen die absolute Bevölkerung einen großen Einfluss ausübt. Und die Bevölkerungszahl von Juist ist eben mit unter 2.000 Einwohner: innen deutlich geringer als die von Mallorca mit knapp einer Million. Gleichwohl gibt es auf Mallorca sicherlich deutlich überlaufenere Strandabschnitte und Viertel als auf Juist. Dementsprechend ist auch die Wahrnehmung von Overtourism - ohne dass hierfür weitergehende Untersuchungsergebnisse vorliegen würden - auf Juist sicherlich nicht zehnmal so hoch wie auf Mallorca. 86 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="87"?> Für die gesamte EU-27 ist der Eurostat-Datenbank im Mittel eine Tou‐ rismusintensität von etwa sechs Übernachtungen pro Einwohner: innen zu entnehmen (Eurostat 2020). Dabei reicht die Spannbreite von etwa 20 Übernachtungen pro Einwohner: in in Kroatien und Zypern über etwas mehr als zehn in Österreich und Spanien. Bevölkerungsmäßig und flächenmäßig kleinere mediterrane Staaten sowie die Alpen als die wichtigsten Urlaubs‐ gebiete in Europa sind damit auch bei diesem Indikator entsprechend identifizierbar. In diesen Ländern ist sicherlich auf der gesamtstaatlichen Ebene die Gefahr des Überschreitens von Tragfähigkeitsschwellen gegeben. Daneben gibt es ein breites Mittelfeld von Staaten mit einer durchschnitt‐ lichen Tourismusintensität zwischen vier und sieben. Zu diesen zählen Italien, Portugal, Irland, Frankreich, die Niederlande, Norwegen, Schweden, Dänemark, Tschechien, Slowenien, Estland und Deutschland, sowie auch - als Nicht-EU-Land - die Schweiz. In diesen Ländern ist sicherlich kein flächenhaftes Überschreiten von Tragfähigkeitsschwellen zu vermuten. Eher ‚Undertourism‘, sprich sicherlich noch Ausbaupotentiale zur Steigerung der regionalen Wertschöpfung sind mit Werten zwischen eins drei und für die Slowakei, Litauern, Lettland, Polen oder Rumänien zu unterstellen. Trotz aller Problematik, die eben auch in der Ziehung des räumlichen Bezugsrahmens liegt - je weiter er gezogen wird, desto eher werden punk‐ tuelle, quartiers- oder gemeindebezogene Intensitäten eben dann in den Mittelwerten größerer Raumeinheiten ‚verdünnt‘ - sind in → Abb. 28 die Tourismusintensitäten für die Länder der EU-27 (sowie die Schengen-Staa‐ ten Norwegen bzw. Schweiz und auch noch Großbritannien und Island) dargestellt. Die bei Eurostat hierfür feinste räumliche Auflösung bezieht sich nur auf die NUTS-2-Ebene. Dies entspricht z. B. in größeren Bundesländern den Regierungsbezirken bzw. - so wie in Österreich auch - ganzen Bundes‐ ländern. In der Schweiz bezieht sich diese Ebene auf Regionen, die mehrere Kantone umfassen. Dabei ergibt sich ein vertrautes Bild. Die mediterranen Küstendestinati‐ onen pausen sich (auch wenn im Landesinneren die Tourismusintensitäten oft geringer sind) klar durch - von den spanischen über die französischen und italienischen Küsten bis nach Kroatien und Griechenland bzw. Zypern. 4.1 Tourismusintensität als Indikator 87 <?page no="88"?> Abb. 28: Tourismusintensität in den Ländern der EU-27 (sowie Großbritannien, der Schweiz, Norwegen und Island) im Jahr auf NUTS-2-Ebene Auch der Alpenraum ist relativ klar als intensiv touristisch genutzt zu identifizieren. Kleinere Schwerpunkte liegen an der deutschen Ostseeküste (NUTS-2-Region Mecklenburg-Vorpommern). Weniger auf extrem hohe Tourismuszahlen als auf eine niedrige Bevölkerungszahl sind die kleineren Schwerpunkte in Norwegen, Schottland oder Island (ganz Island zählt als eine NUTS-2-Region) zurückzuführen. 88 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="89"?> 4.2 Weitere quantitative, objektiv messbare Indikatoren Die absolute Zahl der Tourist: innen bzw. die Tourismusintensität hat sich als nicht ausreichend erwiesen, um das Entstehen von Overtourism-Diskursen zu deuten. Daher soll in einem nächsten Schritt anhand von zwei vorhan‐ denen Studien der Frage nachgespürt werden, welche anderen quantitativen Indikatoren von objektiven Maßzahlen hierfür geeignet erscheinen. Dabei bleibt der Hauptfokus auf den bereits eingeführten Beispielstädten, um dem Zusammenhang zwischen dem Tourismusgeschehen und der Befindlichkeit der Bewohner: innen weiter nachzugehen. 4.2.1 Die McKinsey-Studie für die WTTC Im Auftrag des World Travel & Tourism Council (WTTC) hat die Bera‐ tungsfirma McKinsey 2017 versucht, quantifizierbare Indikatoren für das Overtourism Risiko zu identifizieren. Diese sind in Tabelle 2 aufgeführt. Dabei ist das Bemühen zu erkennen, über Sekundärdaten verfügbare quantitative Indikatoren zu finden, die weltweit für eine Vielzahl von Städtedestinationen verfügbar bzw. generierbar sind. Für sechs Bereiche werden insgesamt neun Indikatoren ausgewiesen (McKinsey 2017, S. 21). Dabei wurden auf Gefährdungsskala von 1 = „gering“ bis 5 = „sehr hoch“ fünf unterschiedliche Gefährdungsstufen ausgewiesen. Allerdings handelt es sich nicht um absolute Gefährdungswerte, sondern um Quintile. Dies bedeutet, dass - unabhängig von absoluten und intersubjektiv nachvollzieh‐ baren Belastungsgrenzen - abhängig von der relativen Verteilung der Werte in den insgesamt 68 einbezogenen Städtedestinationen - jeweils ein Fünftel in der höchsten Risikogruppe bzw. der niedrigsten Risikogruppe eingestuft worden sind (McKinsey 2017, S.-52). 4.2 Weitere quantitative, objektiv messbare Indikatoren 89 <?page no="90"?> Kennzahl Definition Gesamtkontext Bedeutung des Tourismus Anteil des Tourismus am BIP und an der Beschäftigung Wachstum der Ankünfte Zunahme der Touristenankünfte Entfremdung der Bewohner Tourismusdichte Besucherzahl pro Quadratkilometer Tourismusintensität Anzahl der Besucher pro Einwohner verschlechterte touristische Er‐ fahrung Negative TripAdvisor-Bewertungen Anteil der „schlechten“ oder „schrechlichen“ Bewertun‐ gen unter den Top-Attraktionen überlastete Infrastruktur Saisonalität Unterschied der Ankünfte zwischen höchstem und niedrigstem Monat Konzentration der Attraktionen Anteil der Bewertungen, die auf 5 Top-Attraktionen entfallen Schäden an der Natur Luftverschmutzung jährliche mittlere Fein‐ staub-Partikelkonzentration Bedrohungen für Kultur und kul‐ turelles Erbe Überhandnehmen histori‐ scher Stätten Anteil der Top 20 TripAdvisor-Attraktionen, die historische Stätten sind Tab. 2: McKinsey-Kriterien zur Abschätzung von Overtourism-Risiko Im Bereich Gesamtkontext wird für den Indikator Bedeutung des Touris‐ mus der Bruttoinlandsprodukt (BIP)-Anteil bzw. der Arbeitsmarktanteil des Tourismus sowie die Wachstumsgeschwindigkeit der Ankunftszahlen verwendet. Abgesehen davon, dass die beiden Parameter (direkter) Anteil am BIP und Anteil an den Beschäftigten unterschiedliche Werte aufweisen (so beträgt der direkte Anteil am BIP in Deutschland 4,4 % und der direkte Anteil an den Beschäftigten 7,0 %; → Kap. 1.1), sind die sich aus den Quintils‐ grenzen ergebenden Werte sicherlich auf ihre Tragfähigkeit zu hinterfragen. So würde ein Beschäftigungsanteil von 7 % bereits die zweithöchste Gefähr‐ dungsstufe bedeuten. Ab dem Wert von 8,5 % wird dann (für ein Fünftel der erfassten Städte) die höchste Gefährdungsstufe vergeben (Alle Grenzwerte 90 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="91"?> aus McKinsey 2017, S. 22). Dementsprechend werden sowohl Berlin als auch München (→ Abb. 30) der mittleren Gefährdungsstufe zugeordnet. Nachvollziehbarer erscheint die Einstufung von Venedig und Dubrovnik in die höchste Gefährdungsstufe (→ Abb. 29). Sobald die Stadtökonomie fast ausschließlich vom Tourismus abhängt, wird diese sicherlich verwundbarer bei volatilen Nachfrageschwankungen (wie dies sich ja 2020 im Kontext der COVID-19-Krise des Tourismus wieder einmal gezeigt hat). Damit wird zwar letztendlich über diesen Indikator die Abhängigkeit vom Tourismus abgebildet. Welche Aussagekraft er für die Overtourism-Gefähr‐ dung besitzt muss allerdings dahingestellt bleiben. Abb. 29: Overtourism-Gefährdungspotential nach quantitativen Kriterien von McKinsey für Barcelona, Dubrovnik und Venedig Dabei ist auch nicht ganz nachvollziehbar auf welcher Basis die Daten be‐ rechnet werden. So ergibt sich z. B. für Berlin auf der Basis der Angaben von Berlin Tourismus & Kongress GmbH (2017, S. 6) zu den Beschäftigungsef‐ fekten des Tourismus und der IHK-Berlin (2016, S. 9) zu den Erwerbstätigen im Jahr 2016 ein Anteil der Beschäftigten im Tourismus von 12,7 % für diese Stadt. Dies entspräche der höchsten Risikostufe. Nur dann, wenn lediglich die Erwerbstätigen im Gastgewerbe (Amt für Statistik Berlin-Brandenburg 2020c, T5) verwendet werden, erklärt sich das Ergebnis in der mittleren Risikostufe (4,5-% bis 6,0-%). 4.2 Weitere quantitative, objektiv messbare Indikatoren 91 <?page no="92"?> Abb. 30: Overtourism-Gefährdungspotential nach quantitativen Kriterien von McKinsey für Berlin und München Bei den Einteilungen der Wachstumsraten der Ankünfte zwischen 2011 und 2016 (McKinsey 2017, S. 21), ergibt sich aus der Verteilung bei den 68 einbezogenen Städten die Einstufung in die höchste Risikogruppe ab einer durchschnittlichen jährlichen Zunahme von mehr als 7,7 %. In dieser höchsten Risikogruppe liegt Dubrovnik (→ Abb. 29), auch wenn bereits erwähnt wurde (→ Kap. 4.1), dass dort inzwischen durch Restriktionen hinsichtlich der Zahl zugelassener Kreuzfahrtschiffe ein Rückgang erzielt werden konnte. In die niedrigste Risikogruppe bei diesem Indikator wird Venedig eingestuft - auch wenn nicht klar ist, ob hier die auf den Schiffen übernachtenden Kreuzfahrtgäste mit einbezogen worden sind. München und Barcelona (→ Abb. 29 und → Abb. 30) werden in die zweitniedrigste Risikostufe (2,0 % bis 3,9 % jährliches Wachstum) eingeordnet, während die Zunahme in Berlin, die in → Kap. 2.1 als fast disruptiv charakterisiert worden ist, in die mittlere Risikogruppe (4,0 % bis 6,1 %) eingestuft wird (→ Abb. 30). Bei dieser Einstufung bleibt angesichts des berücksichtigten Zeitraums außer Acht, dass insbesondere in Barcelona die Entwicklung vor 2011 besonders dynamisch war und auch in Berlin (wo sich die ersten Proteste bereits 2011 formierten) das erste Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts starkes Wachstum verzeichnete (→-Abb.-10 in Kap.-2.1). Im zweiten Bereich Entfremdung der Bewohner erscheint der Indikator Tourismusdichte fast stärker auf die Besuchererfahrung als auf die der 92 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="93"?> Bewohner: innen ausgerichtet zu sein. Hier wird die (in der offiziellen Statistik fassbare) Zahl der Ankünfte von Übernachtungsgästen in ge‐ werblichen Einrichtungen verwendet. Damit werden die Tagesreisenden ebenso ausgeblendet wie Besucher: innen im sog. VFR-Segment (= Visiting Friends and Relatives), das ebenfalls bis zur Hälfte der Übernachtungsgäste in Großstädten ausmachen kann (vgl. z.-B. Berlin Tourismus & Kongress GmbH, 2017, S. 8; Landeshauptstadt München 2012, S. 9). Gleichzeitig wird dieser Wert bezogen auf die Fläche, die von den Top 10 der jeweiligen Stadt in TripAdvisor aufgespannt wird. Betrachtet man z. B. die TripAdvisor Top 10 in München (→ Abb. 31), wird deutlich, dass neben den klassischen Highlights im historischen Kern der Stadt auch weiter außerhalb liegende Attraktionen - wie z.-B. Schloss Nymphenburg, die Allianz Arena des FC Bayern, der Olympiapark und die BMW-Welt - dazu gehören (→ Abb. 31). Die Top 10-Attraktionen bilden also keine kontinuierliche flächenhaft genutzte Tourist Bubble, sondern sind von Diskontinuitäten geprägt, welche mechanistisch generierte Dichtewerte verzerren. Ähnliches gilt für Berlin mit seiner polyzentrischen Struktur, die stark auch noch von den beiden Stadtzentren der Teilungsphase geprägt ist (zwischen denen der Tierpark liegt, der damit auch in die Flächenberechnung eingeht), sowie dem exzen‐ trisch liegenden Schloss Charlottenburg oder der East Side Gallery. Ebenfalls enthalten in diesem zweiten Bereich ist der Indikator Tourismu‐ sintensität. Dieser wurde aufgrund der häufigen Verwendung im Kontext von Belastungsdiskussion ja bereits in → Kap. 4.1 eingeführt. Anzumerken ist, dass er methodisch bedingt keine Tagesreisenden und keine Übernach‐ tungen im VFR-Segment einbezieht. In der McKinsey-Studie werden die Ankunftszahlen (in gewerblichen Übernachtungseinrichtungen) in Verhält‐ nis zu den Einwohnerzahlen gesetzt. Da die Präsenz von Besucher: innen aber auch von deren Aufenthaltsdauer beeinflusst wird, waren in → Kap. 4.1 für diesen Indikator die Übernachtungszahlen (und damit auch die Zahl der Präsenztage von Besucher: innen) verwendet worden. Es überrascht nicht, dass Dubrovnik und Venedig (auch aufgrund der relativ geringen Be‐ völkerungszahlen) bei der McKinsey-Kategorisierung nach Ankunftszahlen ebenfalls in die höchste Gefährdungsstufe (über 5,3 Übernachtungen pro Einwohner) eingeordnet werden. Barcelona, Berlin und München liegen alle in der zweithöchsten Risikostufe. Allerdings ist aufgrund der konkreten Verteilung der absoluten Zahlen der Wertebereich in diesem Quintil mit 2,8 bis 5,3 Ankünften pro Einwohner: innen sehr groß. 4.2 Weitere quantitative, objektiv messbare Indikatoren 93 <?page no="94"?> Abb. 31: TripAdvisor Top 10 Highlights in München Ausschließlich auf die Besucher: innen zielt der Bereich Verschlechterte touristische Erfahrung ab (→ Tab. 2). Für diesen wurde lediglich ein Indi‐ kator „Negative TripAdvisor-Bewertung“ ausgewertet. Entsprechend der relativen Verteilung der Werte im Sample wird bereits ab 2,8 % negativer Bewertungen das höchste Overtourism-Risiko ausgewiesen. Dabei wird dann z. B. auch Marrakesch in die höchste Overtourism-Risiko-Gruppe eingestuft. Ein qualitativer Blick in die Bewertungen zeigt aber, dass es bei den negativen Bewertungen nicht nur das Crowding-Gefühl aufgrund der hohen Besucherdichte ist, das zu schlechten Ratings führt. Vielmehr sind es oftmals auch Erfahrungen, die mit den Händlern in den Souks, falschen 94 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="95"?> „Guides“ oder den rücksichtslosen Mopeds der Einheimischen gemacht werden: „Not a pleasant place with pestering shopkeepers and motorbikes coming at you from both directions”. „If you dare stop to check your map, they will jump in with offers to guide you then walk you around the Souks”. „It’s a tourist trap and you are the cash cow! ” (TripAdvisor 2020a). Bei den negativen Erfahrungen handelt es sich damit um Aspekte, die wenig direkt mit Overtourism zu tun haben, sondern teilweise auch mit Unsicherheiten des Verhaltens in einem anderen Kulturkreis bzw. einer sehr offensiven Adressierung von vermeintlich reichen Tourist: innen aus dem Globalen Norden durch Händler und andere vom Tourismus lebende Personen vor Ort. Auch wenn es sich damit sicherlich um einen - bereits seit Jahrzehnten diskutierten - negativen Effekt der Kommodifizierung des Tourismus im Globalen Süden handelt, ist der Bezug zur Overtourism-Diskussion nur marginal. Polyvalent auf die Bewohner: innen und die Besucher: innen bezogen sind der Bereich Überlastete Infrastruktur. Hierfür werden die Saisonalität (Verhältnis der Ankünfte an den Flughäfen im stärksten und schwächsten Monat) sowie die Konzentration der Attraktionen (ausgedrückt als Anteil der Bewertungen der Top 5 Attraktionen) verwendet. Bei den Ankünften an den Flughäfen sind auch die Flugreisen der lokalen und regionalen Bevölkerung mit enthalten. Damit werden - je nach Bevölkerungszahl im regionalen Einzugsgebiet - die Besuchsaktivitäten nicht so klar abbildet wie bei den Ankünften oder Übernachtungen in Übernachtungseinrichtungen. Gleichzeitig beginnt die höchste Gefährdungsstufe beim Wert von 1,36 (McKinsey 2017, S. 22), d. h. im stärksten Monat werden ein Drittel mehr Ankünfte an den Flughäfen registriert als im schwächsten Monat. Dies ist der Fall in den drei mediterranen Destinationen Dubrovnik, Venedig und Barcelona. Die beiden deutschen Städte Berlin und München landen in der zweithöchsten Risiko-Stufe (mit einem Verhältnis zwischen höchsten und niedrigsten Ankunftszahlen von 1,29 bis 1,36). Damit erscheint dieser Indikator Saisonalität nicht wirklich geeignet, ein Overtourism-Risiko an‐ gemessen abzubilden. Auch der Aspekt Konzentration der Attraktionen berücksichtigt weder die absoluten Besucher: innenzahlen noch die Kapazität. Eine gleiche Zahl von Besucher: innen kann in einer flächenmäßig beengten Attraktion ganz anders empfunden werden als in einer weitläufigen Schlossanlage wie Nymphenburg oder Sanssouci. Auch hängt die Konzentration von der Zahl der in TripAdvisor aufgeführten Attraktionen ab (bei nur 5 Attraktionen 4.2 Weitere quantitative, objektiv messbare Indikatoren 95 <?page no="96"?> insgesamt in einer Destination wäre der Wert immer automatisch 100 %). Dementsprechend liegen die beiden kleinere Städte Dubrovnik und Venedig in der höchsten Risiko-Stufe (mit mehr als 36 % Anteil), während Barcelona - sicherlich eben auch aufgrund der größeren Zahl von Attraktionen in der zweithöchsten Risiko-Stufe landet (33 % bis 36 %). Ähnlich stellt es sich bei München (mittlere Risikostufe) und Berlin (zweitniedrigste Stufe) dar. Die Zahl der touristisch relevanten Attraktionen in Berlin ist eben größer als in München und damit auch die ‚Verdünnungswirkung‘. Ebenfalls etwas dubios wirkt der Bereich Schäden an der Natur. Hier wird als Indikator ohne weitere Begründung der Indikator Luftverschmutzung verwendet. Dieser wird operationalisiert als (für die meisten der berücksich‐ tigten Städte, aber z. B. nicht für Dubrovnik verfügbaren) Konzentration von Feinstaub-Partikeln in der Luft. Inwieweit dieser Indikator Schäden an der Natur repräsentiert, erscheint zumindest fraglich. Gleichzeitig trägt der touristisch bedingte Verkehr nur zu ganz wenigen Prozentpunkten zur Feinstaub-Immission bei. Der Indikator kann damit nicht auf das Overtourism-Risiko für die Bewohner: innen abzielen. Inwieweit er das Besuchererlebnis beeinträchtigt, sei zumindest für die meisten europäischen Städte dahingestellt. Der letzte Bereich Bedrohung für Kultur und kulturelles Erbe wird versucht, anhand des Indikators Überhandnehmen historischer Stätten zu fassen. Dieser wird als Anteil von historischen Stätten gefasst, die bei den Top 20 TripAd‐ visor-Bewertungen enthalten sind. Auch hier wird das städtetouristische Profil der Städte nicht angemessen berücksichtig. Dass - mit Ausnahme Berlins - die vier anderen in → Abb. 29 und → Abb. 30 dargestellten Städte in den beiden höchsten Risiko-Gruppen liegen, (34 % bis 36 % bzw. über 36 %) liegt eben zum Teil auch an deren kulturhistorischen Portfolio. Das Spektrum der in TripAdvisor für Berlin unter den Top 20 gerankten Attraktionen ist demgegenüber deutlich breiter, und umfasst z. B. auch den Friedrichstadt-Palast, die East Side Gallery, den Tiergarten oder den Zoo (TripAdvisor 2020b). Insgesamt muss damit dieser Versuch, auf der Basis von weltweit mittels Desk-Research abrufbaren oder ermittelbaren scheinbar objektiven und quantifizierbaren Indikatoren Overtourism zu fassen als zumindest teilweise dilettantisch und nur partiell geeignete Parameter verwendend eingestuft werden. Dass die WTTC sich hinter diese Befunde stellt, wirft auch nicht unbedingt ein positives Bild auf diese. 96 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="97"?> Neben der bereits in → Kap. 4.1 thematisierten Tourismusintensität erscheint nur der Indikator der Wachstumsgeschwindigkeit als tragfähig. Wie bereits in → Kap. 2.1 thematisiert, unterscheiden sich die Wachs‐ tumsraten zwischen den in → Abb. 10 (Kap 2.1) betrachteten fünf Städten mit einer ähnlichen Tourismusintensität deutlich. Barcelona und Berlin hatten - ausgehend von einem relativ niedrigen absoluten Niveau - in den letzten 25 Jahren seit 1995 eine durchschnittliche jährliche Zunahme der Übernachtungszahlen von 10,41 % bzw. 14,34 % zu verzeichnen (Obser‐ vatori del Turisme a Barcelona 2020, Amt für Statistik Berlin-Brandenburg 2020a). In beiden Städten haben sich intensive Overtourism-Diskussionen entzündet (→ Kap. 4.1). In München wurde das Wachstum mit immerhin noch 8,28 % (München Tourismus 2020) als fast ‚organisch‘ eingestuft. Dort ist bislang noch keine intensive Diskussion über Overtourism zu beobachten, auch wenn sich in jüngerer Zeit erste Hinweise auch in den Medien finden, dass zumindest im Bahnhofsviertel inzwischen die Hoteldichte von den Bewohner: innen als zu hoch empfunden wird (Krass 2019). Eine Mittelposition zwischen München und Berlin nimmt Hamburg ein - sowohl hinsichtlich der Wachstumsraten (11,27 %; Statistisches Amt für Hamburg und Schleswig-Holstein 2019a, 2019b, 2020) als auch von in den Medien sichtbaren Diskussionen über Overtourism oder Befunden aus wissenschaftlichen Studien (vgl. z. B. Beyer et al. 2017 oder Reif 2019). Damit kann die Hypothese formuliert werden, dass ein langsameres, quasi ‚organisches‘ Wachstum der Besucher: innenzahlen in einer Art Lernprozess die Anpassung der Bewohner: innen begünstigt, während bei stärker disrup‐ tiven Entwicklungen dieser Anpassungsprozess nicht mehr wirksam wird. Bei einer aktuell gleichen oder ähnlichen Tourismusintensität kann die Empfindlichkeit der lokalen Bewohner: innen auf diesen Stimulus durchaus unterschiedlich ausfallen. Neben der Ist-Zustandsaufnahme, die über die Tourismusintensität gefasst wird, sprechen die Befunde dafür, dass der diachrone Aspekt ebenfalls eine Rolle spielt. Auch bei Expertengesprächen (vgl. Kagermeier und Erdmenger 2019, S. 80ff.) wurden rasante bzw. fast als disruptiv anzusprechende Zuwächse als ein Aspekt identifiziert, der die Sensibilität der Bewohner: innen deutlich negativ beeinflusst. 4.2 Weitere quantitative, objektiv messbare Indikatoren 97 <?page no="98"?> 4.2.2 Roland Berger: „Protecting your city from overtourism” 2018 hat die Österreichische Hoteliervereinigung (ÖHV) das Beratungsun‐ ternehmen Roland Berger beauftragt, eine vergleichende Studie in 52 euro‐ päischen Städten mit dem programmatischen Titel „Protecting your city from overtourism“ durchzuführen. Allerdings scheint der im Titel suggerierte Zu‐ sammenhang nicht ganz so monokausal zu funktionieren, wie das Beispiel Wien zeigt. Dort sind (wiederum bei hohen absoluten Ausgangswerten) in den letzten 25 Jahren durchschnittliche Steigerungen von ‚nur‘ 6,33 % zu verzeichnen gewesen (Statistik Austria 2020). Gleichwohl ist auch in Wien in jüngerer Zeit die Diskussion über Overtourism aufgeflackert (ORF 2019b, Siebenhaar 2019), auch wenn durchaus klar gemacht wird, dass die Verhält‐ nisse nicht vergleichbar wären mit den mediterranen Kreuzfahrt-Hotspots und nach Umfrageergebnissen noch neun von zehn Wienern dem Tourismus positiv gegenüberstünden (Zach 2020). So lässt sich vermuten, dass es sicher‐ lich ein Ziel war, die Verhältnisse in Wien zu relativeren und entsprechend für Akzeptanz zu werben. Dementsprechend wird beim Bericht über die Vorstellung der Studie auch der Wiener Tourismusdirektor mit der Aussage zitiert: „Wir haben in Wien kein Overtourism-Problem” (VIENNA ONLINE 2018), so dass dementsprechend das Ziel der Tourismusstrategie Wiens die Erhöhung der Wertschöpfung sei. Auch bei dieser Studie wurde der Indikator Tourismusintensität als zentraler Maßstab für den Nachfragedruck verwendet. Gleichzeitig wurde diesem Wert für jede Stadt in einer Matrix auch das Preisniveau in den gewerblichen Übernachtungseinrichtungen gegenübergestellt und in einer Vier-Felder-Matrix abgebildet. Damit sollte auf den Aspekt der ökonomi‐ schen Wertschöpfung abgestellt werden (→-Abb.-32). Die Einteilung in die vier Quadranten erfolgt (wie bei solchen Darstel‐ lungen oftmals praktiziert) auf der Basis der Mittelwerte, so dass diese nicht weiter inhaltlich begründet wird. Gleichwohl wird auch bei dieser Studie implizit unterstellt, dass die Werteverteilung eine inhaltliche Aussage ermöglichen würde. Bei der Vorstellung der Studie wurde von einem „opti‐ malen Verhältnis“ um die Mittelwerte herumgesprochen (VIENNA ONLINE 2018). Städte, die bezüglich der Tourismusintensität und des Hotelpreisni‐ veaus in etwa im Bereich des Mittelwerts (der einbezogenen Städte) liegen werden als „Shining Stars“ bezeichnet. Unter diesem Blickwinkel wird Wien - zusammen mit (den anderen, über mehr als zehn Übernachtungen 98 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="99"?> Abb. 32: Einstufung von 52 europäischen Städten nach Tourismusintensität und Hotel‐ preisniveau aufweisenden Städten) Berlin, London, München und Rom (→ Abb. 33) als Stadt mit „healthy and sustainable levels of tourism“ eingestuft (Roland Berger 2018, S. 9). Dabei meint „healthy“ wohl „ökonomisch gesund“ und „sustainable“ zielt auf die Akzeptanz ab. 4.2 Weitere quantitative, objektiv messbare Indikatoren 99 <?page no="100"?> Abb. 33: Rom wird in der Roland Berger Studie als „Shining Star“ eingestuft, da es ein ‚gesundes und nachhaltiges Level an Touris‐ mus‘ haben soll Städten mit unterdurchschnittli‐ cher Tourismusintensität und un‐ terdurchschnittlichen Hotelprei‐ sen wird „Unused Potential“ zugesprochen (Dresden und Köln liegen in diesem Quadranten). Städten mit unterdurchschnittli‐ cher Tourismusintensität und über‐ durchschnittlichem Preisniveau wird „Sustainable Quality“ attes‐ tiert (in dieser Kategorie liegen z. B. Hamburg und Bern). Der Quadrant mit überdurchschnittlichen Wer‐ ten bei der Tourismusintensität und unterdurchschnittlichen Wer‐ ten bei den Hotelpreisen wird als „Mass Trap“ (Massenfalle) bezeich‐ net. Salzburg und Prag liegen z. B. in diesem Quadranten. Entspre‐ chend dem Ziel, die Wertschöpfung durch das Abstellen auf eher hö‐ herpreisige Angebote zu erhöhen, werden Städte mit überdurch‐ schnittlicher Tourismusintensität und überdurchschnittlichem Hotelpreisniveau als „Peak Performance“ ein‐ gestuft. In diese Kategorie fallen Zürich, Luzern aber auch Stockholm und Paris. Auch bei dieser Studie wird die Frage nach Grenzen der touristischen Nachfrage gestellt. Im Quadranten „Peak Performance“ wird (dargestellt durch den grauen Bereich und den Blitz in → Abb. 32) ein Bereich ausge‐ wiesen, der „Under Pressure“ genannt wird. Hier werden z. B. Barcelona und Venedig (Dubrovnik war nicht bei der Studie berücksichtigt) mit einge‐ ordnet, aber auch Amsterdam, Kopenhagen und Dublin werden hier mit zugeordnet. Allerdings bezieht sich die Einstufung als „Under Pressure“ nicht auf die Artikulation der Bewohner: innen oder der Besucher. Vielmehr er‐ folgt die Zuordnung, wenn die Zunahme der Tourismuszahlen hoch ist und gleichzeitig die Wertschöpfung stagnierende Tendenzen aufweist (Roland Berger 2018, S.-9). Die etwas einseitige Ausrichtung auf den ökonomischen 100 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="101"?> Aspekt und den hohen Wert, welcher der Wertschöpfung zugewiesen wird, belegt die Verwunderung der Autor: innen hinsichtlich der Zuordnung von Venedig zu diesem Bereich gefährdeter Destinationen veranschaulicht: „Most notable on the city front is Venice, whose categorization as ‘Under pressure‘ is perhaps unexpected bearing in mind it shows the highest value creation and a very high tourism density” (Roland Berger 2018, S. 9). Implizit wird damit unterstellt, eine hohe Wertschöpfung könnte den Overtourism abmildern oder verhindern. Unabhängig von den methodischen Schwächen und manchen inhaltli‐ chen ‚Scheuklappen‘ der beiden vorgestellten Studien, bleibt festzuhalten, dass in beiden als wohl relativ valider Indikator die Wachstumsgeschwin‐ digkeit identifiziert worden ist. Diese kann neben der Tourismusintensität mit dazu beitragen, Overtourism-Gefährdungen zu deuten. 4.2.3 Grenzen von objektiven Indikatoren Allerdings - und es ist bereits am Beispiel von Wien angeklungen - sind diese beiden Indikatoren auch nur begrenzt tragfähig, um tragfähige Prognosen zur realen Overtourism-Wahrnehmung durch die Bewohner: in‐ nen vorzunehmen. Als Beispiel soll auf die oberfränkische Stadt Bamberg Bezug genommen werden. Dort hat in den letzten 25 Jahren die Zahl der Übernachtungen um das 1,8-fache von knapp 300.000 auf etwa 750.000 zugenommen (→-Abb.-34). Abb. 34: Entwicklung der Ankünfte und Übernachtungen in gewerblichen Übernachtungs‐ einrichtungen in Bamberg 4.2 Weitere quantitative, objektiv messbare Indikatoren 101 <?page no="102"?> Abb. 35: Einschätzung der quantitativen tou‐ ristischen Tragfähigkeit durch Bewohner: in‐ nen in München und Bamberg Damit liegen die Zunahmen in der gleichen Größenordnung wie der Durch‐ schnitt der deutschen Großstädte (→ Abb. 9 in Kap. 2.1) bzw. München (→ Abb. 10 in Kap 2.1). Auch wenn Bamberg 1993 zum UNESCO-Weltkultur‐ erbe erklärt worden ist, hat diese Ausweisung nicht zu einer signifikant aus‐ geprägten Beschleunigung der Zunahme an Übernachtungsgästen geführt, wie dies im Zusammenhang mit einem solchen Prädikat oftmals befürchtet wird. Die Zunahme erfolgte relativ gleichmäßig ohne markante Brüche. Die Tourismusintensität beträgt 9,7 (Übernachtungen pro Einwohner) im Jahr 2019. Auch dieser Wert ist dem von München relativ ähnlich. Für Bamberg liegen aus einer Studie von Wittig (2017b) Befragungsergeb‐ nisse vor, die mit denen aus München (→ Abb. 19 in Kap. 3.4) vergleichbar sind. Dabei wird deutlich, dass die subjektive Einschätzung des touristischen Geschehens durch die Bamberger Bewohner: innen bereits im Jahr 2016 deutlich kritischer als die der Münchner: innen (→-Abb.-35). So bewerteten 2016 bereits etwa ein Drittel der befragten Bamber‐ ger: innen die Zahl der Besucher: in‐ nen als „viel zu hoch“ und ein wei‐ teres Drittel als „etwas zu hoch“ und brachte damit mehrheitlich zum Ausdruck, dass die quantita‐ tive Tragfähigkeitsgrenze aus ihrer subjektiven Sicht überschritten ist. In Bamberg meinte auch nur ein knappes Drittel, dass die Zahl der Besucher: innen gerade recht sei, während in München zwei Drittel die Zahl als gerade recht oder auch noch steigerungsfähig ansahen (ähnlich dwif 2018a, S.-118 und 2019, S.-12). 2019 wurde die Befragung mit gleicher Fragestellung von der BAMBERG Tourismus & Kongress Service online nochmals durchgeführt. Dabei zeigt sich - auch wenn die Ergebnisse aufgrund unterschiedlicher Stichproben‐ ziehung nicht vollkommen vergleichbar sind - dass die ablehnenden Posi‐ tionen deutlich zugenommen haben. Allerdings ist in Bamberg 2006 eine neue Flusskreuzfahrtanlegestelle mit einer Kapazität von bis zu neun Flusskreuzfahrtschiffen gebaut worden. In der Folge sind in den letzten Jahren die Zahl der Flusskreuzfahrtpassagiere (die nicht in den offiziellen Übernachtungsstatistiken mit enthalten sind) 102 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="103"?> auf etwa 140.000 angestiegen (→ Abb. 36). Dabei erfolgte - wie in vielen anderen Flusskreuzfahrtstädten entlang der gleichen Route an Donau und Main (vgl. Hentschel 2015, S. 3) in den Jahren 2013 bis 2015 ein markanter, sprunghafter Anstieg. Abb. 36: Entwicklung der Zahl der Kreuzfahrtschiffe und der Kreuzfahrtpassagiere in Bamberg Auch wenn - bei unterstellten 140 Saisontagen damit zwar nur etwa 1.000 zusätzliche Besucher: innen in die Bamberger Innenstadt kommen, entzün‐ det sich die Overtourism-Diskussion vor allem auch an den Kreuzfahrtpassa‐ gieren. So nehmen 2017 etwa 80 % der Bamberger Bewohner: innen Straßen und Plätze als überfüllt wahr (Wittig 2017b, S. 10). Im Rahmen einer Mas‐ terarbeit hatte Hentschel ermittelt, dass sich bereits im Sommer 2015, d. h. unmittelbar nach den markanten Anstieg ein gutes Drittel der Bamberger Einwohner: innen von Flusskreuzfahrtgästen gestört fühlen (Hentschel 2015, S.-15). Da dabei mit nur ca. 28 € Ausgaben pro Gast (Hentschel 2015, S. 5) wenig an ökonomischer Wertschöpfung generiert wird, bedeuten diese Gäste aus Sicht der Bamberger: innen „keinen nennenswerten Mehrwert für den Einzelhandel und die Gastronomie, da zu kurze Aufenthaltsdauer“ (Hentschel 2015, S. 16). Aber insbesondere das massierte Auftreten der Kreuzfahrtgäste stört die Bamberger: innen: „Der Bustransfer mit Halt an der Promenade ist ein großer Missstand. Teilweise blockieren mehr als 5 Busse auf einmal den wichtigen innerstädtischen Verkehrsknoten. Anschließend hunderte hochbetagte Amerikaner etc. auf einmal die Fuß- und Radwege auf der wichtigen innerstädtischen Verbindung der Langen Straße“ (Hentschel 4.2 Weitere quantitative, objektiv messbare Indikatoren 103 <?page no="104"?> Abb. 37: Eindruck der Stadt und Zufrieden‐ heit mit Bevölkerung aus Sicht der Kreuz‐ fahrtpassagiere in Bamberg 2015, S. 17). Dabei wird insbesondere die Gruppengröße moniert: „Durch die Technik der ,head-sets‘ werden viel zu große Gruppen gebildet mit zu wenig Gästeführern. Dadurch ist schon das erste Erscheinungsbild lächerlich und Gassen/ Plätze werden blockiert“ (Hentschel 2015, S.-18). Umgekehrt wird aus der Perspektive der Kreuzfahrtgäste das Aufenthalts‐ erlebnis in Bamberg kaum negativ beeinträchtigt. Bei einer Befragung von Hentschel 2015 haben neun von zehn Flusskreuzfahrtgästen ihren Eindruck von der Stadt (auf einer 4er-Skala von sehr gut bis sehr schlecht) als „gut“ oder „sehr gut“ angegeben (→ Abb. 37). Damit wird die Situation aus Sicht der Besucher: innen kaum als Overcrowding wahrgenommen. Gleichzeitig scheint auch das Unbehagen über die Kreuzfahrtgäste nicht bei diesen „anzukommen“. Auf eine entsprechende Frage, wie zufrieden die Passagiere mit der Freundlichkeit der Bevölkerung seien (ebenfalls eine 4er-Skala von sehr zufrieden bis sehr unzufrieden), gaben ebenfalls knapp 90 % ihre Zufriedenheit zum Ausdruck. Da der Kontakt mit dem Reiseleiter separat (in der Fragenreihenfolge vorher) abgefragt wurde, dürfte dieser also nicht mit subsummiert sein. Dabei kann nicht ausgeschlossen werden, dass auch der Kontakt mit dem Busfahrer beim Transfer vom Hafen mit einfließt, bzw. die ggf. gemachten Kontakte mit Bamberger: innen, denen sie in ihrer beruflichen Rolle (als Verkäufer: in oder Bedienung) begegnet sind. Auch wenn im Rahmen einer geführten Stadtbesichtigung die Kontakte mit der Bamberger: innen sicherlich lediglich oberflächlich sein können, ist doch festzuhalten, dass sich die Mehrheit der Kreuzfahrtpassagiere in Bamberg nicht unwillkommen fühlen. Vom dwif werden die Tagesgäste in Bamberg (einschließlich Kreuz‐ fahrtgäste) mit jährlich 7,8 Mio. an‐ gegeben (dwif 2018b, S. 6). Damit machen die etwa 140.000 Kreuz‐ fahrtgäste nur 1,8 % der Tages‐ reisende aus. Die Tatsache, dass diese als so störend wahrgenom‐ men werden, liegt sicherlich an der Massivität von deren Auftreten. Nicht nur die Gruppengröße, son‐ dern auch die zeitliche und räum‐ liche Konzentration auf wenige Highlights, während ihres meist 104 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="105"?> drei bis vierstündigen Aufenthaltes (Hentschel 2015, S. 18) in der Stadt kann als Erklärung für die überproportionale Störungswahrnehmung gesehen werden. Darüber führen die Hauptwege auf der ‚Straße der Kreuzfahrt-Ameisen‘ durch zumeist relativ enge mittelalterliche Gässchen (→-Abb.-38). Abb. 38: Enge Gassen in der Bamberger Altstadt führen bereits bei relativ geringen Besucher: innenzahlen zu Overcrowding-Wahrnehmung In Bamberg - wie auch in vielen anderen historischen Städten mit einem mittelalterlichen Grundriss weisen die Straßen nur niedrige Straßenquer‐ schnitte auf. Dort ist dementsprechend - wie z. B. auch in Amsterdam oder Kopenhagen - die Overcrowding Gefahr relativ hoch. Demgegenüber liegt ein großer Teil des touristisch relevanten Kernbe‐ reichs in München außerhalb der mittelalterlichen Altstadt. Die Stadte‐ rweiterungen des 19. Jahrhunderts sind als weitläufige Residenzstadt mit großzügigen Prachtstraßen und Plätzen angelegt worden. Hierzu zählt auch der sog. Englische Garten als große innerstädtische Parkanlage in direkter Innenstadtnähe, der ebenfalls zu einer gewissen Entzerrung der Besucherströme führt. Damit ist das historische Zentrum flächenmäßig deutlich größer als in räumlich stärker beengten Städten. Dementsprechend verteilen sich die Tourist: innen auch auf eine größere Tourist Bubble, die sowohl das Museumsquartier in der Maxvorstadt, als auch die (aufgrund 4.2 Weitere quantitative, objektiv messbare Indikatoren 105 <?page no="106"?> der entsprechend kaufkraftstarken Lebensstilgruppen bereits früh) gentri‐ fizierten Viertel Haidhausen oder Gärtnerplatzviertel mit ihrer gehobenen Gastronomie umfasst, die sowohl von den Bewohner: innen als auch den Besucher: innen frequentiert werden. Es ist damit festzuhalten, dass standardisierte Messwerte von objektiven Parametern des Tourismus eben nur sehr partiell geeignet sind, die Over‐ tourismus-Gefährdung angemessen abzubilden. Zwar vermitteln die beiden Indikatoren ‚Tourismusintensität‘ und ‚Wachstumsgeschwindigkeit‘ als re‐ lativ leicht aus der amtlichen Statistik zu ermittelnden Größen zumindest erste Anhaltspunkte. Bei gleichen oder ähnlichen Ausprägungen dieser Indikatoren kann aber die Vehemenz von aversiven Artikulationen bei der Bewohner: innen große Unterschiede aufweisen. Damit spielt die subjektive Wahrnehmung geprägt von gesellschaftlichen Konstrukten (→ Kap. 1.3) - teilweise auch im Wechselspiel mit weiteren Gegebenheiten - wohl eine zentrale Rolle für das Entstehen von Overtourism. Da diese nicht klar mit objektiven Kennwerten korrespondiert und damit nicht einfach aus diesen abgeleitet werden kann, wird im nächsten Abschnitt der Fokus stärker auf die direkte Fassung der subjektiven Wahrnehmung (insbesondere bei den Bewohner: innen) gelegt. Letztendlich zeigt sich an dieser Stelle auch, dass die Overtourism-Begriffsfassung der UN Tourism, die ja auch die Perzeption der Besucher: innen und der Bewohner: innen ab‐ gestellt hat (→ Kap. 1.2), eben nicht einfach durch Sekundärdaten abgebildet werden kann. Vielmehr sind für eine valide Fassung des Overtourism-Phä‐ nomens eben sozialwissenschaftliche Ansätze mit einzubeziehen. 4.3 Wahrnehmung negativer Auswirkungen Die Tatsache, dass sog. objektive Kriterien wie die Tourismusintensität scheinbar nur begrenzt geeignet sind, um das Entstehen von Overtou‐ rism-Gefühlen zu deuten, legt nahe, dass es vor allem auch die subjektive Perzeption der Bewohner: innen ist, die für die unterschiedlichen Reak‐ tionen und Artikulationen relevant wird. Dabei ist aufgrund der bisher vorgestellten Befunde klar festzuhalten, dass die Perzeption der Überschrei‐ tung subjektiver Tragfähigkeitsgrenzen deutlich niedrigere Schwellenwerte aufweist als bei der Verwendung von reinen Crowding- oder Tourismusin‐ tensitätswerten. Allerdings ist das Wechselspiel zwischen dem konkreten Volumen der Präsenz von Besucher: innen in einem räumlichen Setting 106 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="107"?> Abb. 39: Gewünschte quantitative Entwick‐ lung des Tourismus in München nach Wohn‐ standort und der Wahrnehmung des Tourismusgeschehens weder monokausal noch linear. 4.3.1 Betroffenheit als relevante Größe Einer der Einflussfaktoren auf die Perzeption ist sicherlich die (direkte) Betroffenheit der jeweiligen Personen. In einer Befragung zum Overtourism in München wurde von dwif eine Frage gestellt, die (wenn auch etwas anders formuliert; → Abb. 35 in Kap. 4.2.2) letztendlich auf die soziale Carrying Capacity abzielt. Die Antworten auf die Frage an die Bewohner: innen „Wie soll sich der Tourismus in München aus Ihrer Sicht entwickeln? “ wurden dabei differenziert nach den Wohnstandorten ausgewertet. 4.3.1.1 Rolle des Wohnstandortes Dabei überrascht es nicht, dass Bewohner: innen der Innenstadt - wenn auch auf relativ niedrigem Niveau - tendenziell zu etwas höheren Anteilen ein leichtes Sinken der Besucher: innenzahlen wünschen (→ Abb. 39). Al‐ lerdings ist anzumerken, dass immerhin noch ein Drittel der Innenstadt-Be‐ wohner: innen ein (leichtes) Wachstum der Tourist: innenzahlen befürwortet (ähnlich bei Wittig 2017, S.-25 für Bamberg). Hinter diesen Unterschieden steht sicherlich die Intensität des Konfrontiertseins mit der konkre‐ ten Präsenz von auswärtigen Besu‐ cher: innen - oder Personen die als solche wahrgenommen und iden‐ tifiziert werden - in der Stadt. Ein Blick auf die Verteilung der Übernachtungen im gewerblichen Übernachtungseinrichten nach den einzelnen Münchner Stadtbezirken (→ Abb. 40) zeigt deutlich die be‐ reits mehrfach erwähnte Konzen‐ tration auf den zentralen Innen‐ stadtbereich, die sich letztendlich auch in der Konzentration von Hotels und Hostels in den um den mittelalterlichen Stadtkern liegenden Vierteln spiegelt. 4.3 Wahrnehmung negativer Auswirkungen 107 <?page no="108"?> Der Schwerpunkt der Übernachtungen liegt in dem (südlich des Hauptbahnhofs gelegenen) Bezirk Ludwigsvorstadt-Isarvorstadt sowie Alt‐ stadt-Lehel (mit einer Tourismusintensität von über 50 Übernachtungen pro Einwohner: innen im Jahr). In den anderen Innenstadtbezirken Maxvorstadt, Au-Haidhausen, Schwabing (-Freimann) und Bogenhausen werden mit Werten zwischen 10 und 50 auch überproportionale Tourismusintensität registriert. Demgegenüber liegt die Tourismusintensität in vielen Außenbezirken un‐ ter zwei bzw. unter fünf. So werden im Stadtbezirk Feldmoching-Hasenbergl oder Allach-Untermenzing pro Einwohner: innen nur etwas mehr als eine Übernachtung pro Einwohner: in und Jahr realisiert. Die Wahrscheinlichkeit, bei Aktivitäten in seinem eigenen Viertel auswärtige Übernachtungsrei‐ sende zu treffen ist dort damit deutlich geringer als bei Bewohner: innen von innerstädtischen Vierteln und Bezirken. Abb. 40: Übernachtungen und Tourismusintensität in München nach Bezirken 2017 108 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="109"?> Auch wenn Tagesreisende methodisch deutlich weniger leicht fassbar sind, spricht vieles dafür, dass sich diese ebenfalls (außer sie haben aus beruflichen Gründen in der jeweiligen Stadt zu tun) stark auf die Innenstädte konzen‐ trieren. Aus einer GPS-Tracking-Studie von Reif (2019) liegen Daten vor über das aktionsräumliche Verhalten von Tagesreisenden in der Stadt Hamburg (→ Abb. 41). In der Darstellung wird deutlich, dass - abgesehen von den Hauptzufahrtswegen (beginnend mit der Ausfahrt des Elbtunnels nördlich der Elbe im Westen des Kartenausschnitts) - sich die meisten GPS-Tra‐ cking-Punkte auf den Kern der Innenstadt, den Hafen und die Hafen-City konzentrieren. Abb. 41: GPS-Trackpoints von Hamburger Tagesausflüglern (12: 00 bis 18: 00) Didaktisch noch deutlicher wird es auf einer sog. Chrono-Map dargestellt. Je länger Zeit an einem bestimmten Koordinatenpunkt verbracht wird, desto größer wird dessen Fläche dargestellt. Das Ergebnis für die gleichen Tracking-Points in einer anderen Form der Darstellung ist in → Abb. 42 wiedergegeben. Damit wird noch klarer deutlich, dass sich Tagesreisende fast ausschließ‐ lich in den vier Vierteln Neustadt (mit Neuer Wall und Jungfernstieg), Altstadt (mit Fußgängerzone Mönckebergstraße), Hafencity und St. Pauli aufhalten. 4.3 Wahrnehmung negativer Auswirkungen 109 <?page no="110"?> Abb. 42: Chrono-Map: Touristischer Raum-Zeitkonsum von Tagesausflüglern in Hamburg Dass das Störungsempfinden schwerpunktmäßig bei den Bewohner: innen von zentralen Stadtbezirken vorhanden ist, zeigt auch eine Erhebung aus Berlin aus dem Jahr 2017. Hierzu zunächst ein darstellungsmethodischer Hinweis: 2000 wurden dort die ursprünglich 23 Bezirke zu 12 „Groß“-Be‐ zirken zusammengefasst. Diese umfassen teilweise sehr unterschiedliche „Alt“-Bezirke, so z. B. der neue Groß-Bezirk Mitte die drei Alt-Bezirke Mitte, Wedding und Tiergarten oder der neue Groß-Bezirk Pankow den Innenstadtbezirk Prenzlauer Berg und die Außenbezirke Weißensee und Pankow. Aus inhaltlichen Gründen wurde bei der Darstellung von der Berlin Tourismus & Kongress GmbH die Datenpräsentation auf der Basis von Teil-Bezirken (d. h. in der Abgrenzung von 2000) präferiert. Dement‐ sprechend sind in → Abb. 43 die Ergebnisse auf Teilbezirksergebnisse wiedergegeben. Dass das Störungsempfinden bei den Bewohner: innen des Bezirks Mitte mit über einem Drittel am höchsten ist, überrascht wenig. Dort konzentrieren sich die klassischen Attraktionen in der Tourist Bubble des Städtetourismus: Brandenburger Tor, Reichstag, Museumsinsel, Alexanderplatz, Gendarmen‐ markt etc., die nach wie vor die meisten Besucher: innen anziehen. Fast genauso hoch ist allerdings das Störungsempfinden der Bewohner: in‐ nen der Bezirke Kreuzberg und Friedrichshain. In Kreuzberg hatten sich - wie bereits in → Kap. 4.1 erwähnt - bereits 2011 die ersten Proteste gegen Tourist: innen manifestiert. Abgesehen vom Alt-Bezirk Tiergarten, der zwischen den beiden wichtigsten städtetouristischen Polen „Unter den Lin‐ den/ Potsdamer Platz“ und „Kurfürstendamm/ Zoo“ liegt, weist die Intensität 110 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="111"?> Abb. 43: Prozentanteil der Berliner: innen, die sich von Tourist: innen gestört fühlen nach Wohn-Bezirken des Störungsgefühls in den anderen Bezirken einen deutlichen Abstand zu diesen drei „Hochburgen“ auf. Überdurchschnittliche Werte ergaben sich aber noch für die anderen gründerzeitlich geprägte Bezirke Prenzlauer Berg, Wedding, Lichtenberg und Treptow. Diese sind teilweise - ähnlich wie Kreuzberg und Friedrichshain - auf dem Weg der Gentrifizierung mit sich entwickelnden Szene-Kiezen. Dass sich in den Gentrifizierungsvierteln von Kreuzberg, Friedrichshain und v. a. auch Prenzlauer Berg ein deutliches Unbehagen manifestiert, ist sicherlich mit dadurch bedingt, dass diese Viertel für New Urban Tourists (→ Kap. 2.2) besonders attraktiv sind. Dort konzentrieren sich gleichzeitig auch die Sharing-Übernachtungsangebote (→ Abb. 6 in Kap. 2.3). In den randstädtischen Bezirken sind demgegenüber die Störungsempfindungen deutlich geringer ausgeprägt. Bei der Aufbereitung der jährlich durchgeführten Erhebung in Berlin wurde 2019 ein anderer Blickwinkel gewählt. Es wurde nicht mehr nach 4.3 Wahrnehmung negativer Auswirkungen 111 <?page no="112"?> dem Wohnort und der Störung ganz allgemein gefragt, sondern nach den Kontaktorten mit den Touristen. 4.3.1.2 Erhöhte Sensibilität im Wohnquartier Auf die Frage: „In welchen Bezirken fühlen Sie sich besonders durch Touristen gestört“ ergaben sich die in → Abb. 44 dargestellten Ergebnisse. Dargestellt sind dabei die Prozentwerte für die 16 der insgesamt ursprüng‐ lich 23 Bezirke, in denen die Nennungsanteile über 1,5 % lagen. Dabei zeigt sich, dass sich mehr als drei Viertel der Berliner: innen dann von Tourist: innen gestört fühlt, wenn sie ihnen im Bezirk Mitte begegnen. Die zweitbzw. dritthöchsten Störungsanteile entfallen auf Begegnungen mit Tourist: innen (bzw. als Tourist: innen wahrgenommenen Personen) in den Bezirken Kreuzberg (38 %) und Friedrichshain (32 %). Dabei wurde in der Auswertung nicht unterschieden zwischen Bewohner: innen des jeweiligen Bezirks oder anderer Berliner Bezirke, die in Kreuzberg oder Friedrichshain als Besucher: innen unterwegs sind. Der Anteil der in Kreuzberg und Fried‐ richshain Lebenden beträgt etwa 7 % an der Berliner Gesamtbevölkerung (Amt für Statistik Berlin-Brandenburg 2020b, T3). Damit haben mindestens ein Drittel bzw. ein Viertel der Berliner: innen aus anderen Bezirken angege‐ ben, dass sie - selbst ja Besucher: innen aus einem anderen Bezirk dort - sich von auswärtigen Besucher: innen während ihres Aufenthalts in Kreuzberg oder Friedrichshain gestört fühlen würden. Mit einem deutlichen Abstand folgen Nennungen der beiden von Gentri‐ fizierung geprägten Bezirke Prenzlauer Berg (20 %) und Neukölln (12 %) sowie Charlottenburg, das frühere Zentrum von West-Berlin mit dem Kurfürstendamm (21 %). Sofern auf die Außenbezirke mehr als 1,5 % der Nennungen entfielen, lagen diese meist im Bereich von 2 % bis 5 %. Damit wird deutlich, dass sich ein erheblicher Teil der Berliner: innen vor allem dann von Tourist: innen gestört fühlt, wenn er sich in innerstädtischen Bereichen bewegt, in denen die Konzentration der Besucher: innen am höchsten ist. Darüber hinaus sind es vor allem die gentrifizierten gründerzeitlichen Quartiere (insbesondere im ehemaligen Ostteil der Stadt), in denen sich einerseits die Bewohner: innen von Besucher: innen gestört fühlen, aber auch Berliner: innen aus anderen Stadtteilen Störungsempfinden artikulieren. Gleichzeitig sind diese Viertel - wie bereits mehrmals angesprochen - die Schwerpunkte des New Urban Tourism und der Sharing Economy. 112 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="113"?> Abb. 44: Prozentanteil der Berliner, die sich in bestimmten Bezirken von Tourist: innen gestört fühlen Die Gentrifier haben mit ihrem Zuzug in die in den 1990er-Jahren noch relativ heruntergekommenen Viertel die Ansiedlung von Szene-Kneipen und entsprechenden Hipster-Läden erst induziert und beschleunigt. Inzwi‐ schen sind viele selbst teilweise in die Jahre gekommen, teilweise etabliert, bzw. in späteren Lebensabschnittsphasen (auch der Familiengründung). Dementsprechend empfinden viele vor einigen Jahren nach Kreuzberg, Friedrichshain, Prenzlauer Berg oder inzwischen auch Neukölln Gezogenen die Nachfrage von jüngeren Berliner: innen aus anderen Bezirken und von Reisenden von außerhalb Berlins inzwischen oftmals als störend. Dies insbe‐ sondere dann, wenn es sich um abendliche oder nächtliche Außenaktivitäten handelt. 4.3 Wahrnehmung negativer Auswirkungen 113 <?page no="114"?> Abb. 45: Abendliche informelle Gatherings von jüngeren Berliner: innen und New Urban Tourists auf der Admiralbrücke in Berlin-Kreuzberg werden von den Anwohner: innen als störend empfunden Ein relativ bekanntes Beispiel eines ‚In‘-Treffpunktes in Berlin-Kreuzberg ist die Admiralbrücke. Auf dieser - eigentlich nur aus baustatischen Grün‐ den notgedrungen - verkehrsberuhigten Brücke über den Landwehrkanal versammeln sich bei guter Witterung abends mehrere Dutzende junge Leute (→ Abb. 45). Eigene Gespräche mit den Besucher: innen der Brücke deuten darauf hin, dass die Lokalbevölkerung (aus allen Bezirken) und auswärtige Besucher: innen zu gleichen Teilen gut gemischt vertreten sind. Egal ob es sich um Besucher: innen aus anderen Kiezen in Kreuzberg, anderen Bezirken oder von außerhalb Berlins handelt: alle werden von den Anwohner: innen als störend empfunden, so dass inzwischen zeitliche Limitierungen eingeführt worden sind. Ähnliche Strukturmuster der Störung - wenn auch auf in absoluten Werten deutlich niedrigerem Niveau ergeben sich auch für München. Auf die Frage an die Stadtbevölkerung, ob sie sich in ihrem Wohnviertel von Tourist: innen gestört fühlen, stimmten weniger als 2 % dieser Aussage zu 114 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="115"?> Abb. 46: Empfinden von Störung durch Tou‐ rist: innen im eigenen Wohnviertel bzw. in der Stadt München insgesamt (→ Abb. 46). In der Stadt insgesamt wird ein Störungsgefühl von knapp 9 % der Münchner: innen bejaht. Damit paust sich auch hier wieder - und es sei nochmals darauf hinge‐ wiesen, vor dem Hintergrund ähnlicher absoluter Werte der Tourismusin‐ tensität - deutliche Akzeptanzunterschiede zwischen den beiden deutschen Metropolen durch. München ist aus historischen Gründen - im Vergleich zum stär‐ ker polyzentral strukturierten Ber‐ lin - relativ klar monozentrisch aufgebaut. Dementsprechend kon‐ zentrieren sich die Besucher: innen auch viel stärker im historischen Stadtzentrum und den angrenzen‐ den Stadtquartieren der planmäßi‐ gen Stadterweiterung des 19. Jahr‐ hunderts als Residenzstadt. Das kompakte Hauptaufen‐ thaltsgebiet der auswärtigen Besu‐ cher: innen umfasst die Altstadt, das Museumsviertel, Schwabing, den Englischen Garten, die Theresienwiese und die Isar. Analog zu den in → Abb. 40 dargestellten Übernachtungszahlen spiegelt sich dies auch bei der Erwähnung von touristisch relevanten Zielen z. B. auf tripadvisor.com oder der Visualisierung von georeferenzierten Fotos auf Plattformen wie sightsmap.com (→ Abb. 47) wider. Daneben lassen sich in München mit dem Schloss Nymphenburg im Westen, dem Olympiapark und der BMW-Erlebniswelt sowie der Arena des FC Bayern München (außerhalb des dargestellten Kartenausschnitts) im Norden relativ klar abgegrenzte touristische Hotspots außerhalb des Zentrums identifizieren (vgl. auch → Abb. 31 in Kap. 4.2.1). Deren touristische Anziehungskraft strahlt kaum in die umliegenden Quartiere aus. Vielmehr werden diese meist im Rahmen von monofinalen Besuchen frequentiert, ohne dass die Besucherströme in umgebenden Quartieren virulent würden. 4.3 Wahrnehmung negativer Auswirkungen 115 <?page no="116"?> Abb. 47: Heatmap der meistfotografierten Sehenswürdigkeiten in München Im Gegensatz dazu ist das Verteilungsbild der in sightsmap.com registrierten hochgeladenen Fotos in Berlin deutlich disperser (→ Abb. 48). Dort sind neben den beiden Zentren des ehemaligen Ostberlin (zwischen Brandenbur‐ ger Tor und Alexanderplatz) und Westberlin (Kurfürstendamm und Zoo mit Schloss Charlottenburg) auch in den gründerzeitlichen Stadtvierteln Kreuzberg, Friedrichshain und Prenzlauer Berg, ansatzweise aber auch im Wedding und in Moabit einige Cluster von oft fotografierten (und dann georeferenziert ins Netz hochgeladenen) Fotos zu erkennen. Daraus lässt sich auf eine intensivere Präsenz von auswärtigen Besucher: innen in diesen Vierteln schließen. Dass - anders als in Berlin - die korrespondierenden Viertel aus dem 19. und dem Beginn des 20. Jahrhunderts in München, wie Haidhausen, Ludwigsvorstadt, Maxvorstadt, Giesing keine so große städtetouristische Rolle spielen, belegen auch Befragungsdaten. Im Rahmen eines studentischen Lehrforschungsprojekts wurde 2016 bei (jüngeren) Übernachtungsgästen in München erhoben, welche Attraktionen und Stadtviertel von diesen frequentiert werden (→ Abb. 49). Dabei haben Erstbesucher: innen erwartungsgemäß im Wesentlichen die Hauptattraktio‐ nen und die historische Innenstadt besucht. 116 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="117"?> Abb. 48: Heatmap der meistfotografierten Sehenswürdigkeiten in Berlin Abb. 49: Besuchte Attraktionen und Quartiere in München nach Erst- und Wiederho‐ lungs-Besucher: innen 4.3 Wahrnehmung negativer Auswirkungen 117 <?page no="118"?> Außerhalb der Tourist Bubble bewegen sie sich kaum. Die Nennungen beschränken sich auf den Flaucher (eine Badeinsel in der Isar südlich der Innenstadt), den Gärtnerplatz bzw. die dort beginnende angesagte Ausgeh‐ meile im Glockenbachviertel, Schwabing und Haidhausen am Isarhochufer. So erklärte ein: e in der Tourismus-Branche tätige: r Bewohner: in Münchens während einer Fokusgruppen Diskussion (für Details vgl. Erdmenger 2022b und 2022c) (Bew. 24 2020): „Ich lebe von den Touristen, trotzdem finde ich das aller wichtigste, ich glaube das ist auch ein Grund, warum München noch besser da steht als Barcelona, dass eben nicht so viel Airbnb in der Innenstadt ist. Und die Leute, noch nicht so die Stadtviertel entdeckt haben zum bereisen.“ Etwas entgegen der Erwartungen (vgl. Freytag 2010), sind die in München befragten Wiederholungsbesucher: innen ebenfalls stark auf die Hauptattrak‐ tionen ausgerichtet. Dabei lassen sie sich allerdings durchaus aus entsprechend dem Ansatz des New Urban Tourism etwas mehr treiben z. B. bei ihrem Aufenthalt im Englischen Garten, im Schlosspark von Nymphenburg oder beim Sonnen auf der Flaucher-Insel. Aber auch Repeat-Visitors sind in München nicht so stark auf die im 19. Und zu Beginn des 20.-Jahrhunderts entstandenen Viertel (Haidhausen, Maxvorstadt, Ludwigsvorstadt, Giesing) orientiert. Dass die Dispersion von Besucher: innen im Zuge des sog. New Urban Tourism (→ Kap. 2.2) kein Phänomen von Berlin alleine ist, zeigt z. B. auch die Verteilung der hochgeladenen Fotos von Kopenhagen (→-Abb.-50). Abb. 50: Heatmap der meistfotografierten Sehenswürdigkeiten in Kopenhagen 118 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="119"?> Die gentrifizierten Viertel der Hipster stellen in Kopenhagen die sog. ‚Brückenvierteln‘ aus dem 19. bzw. frühen 20. Jahrhunderts, Vesterbro, Nørrebro und Østerbro sowie Christianshavn und die formal eigenständigen Kommune Frederiksberg dar (vgl. visitDenmark 2020, Stors und Kagermeier 2013). Diese liegen im Kreis um die Altstadt herum (→-Abb.-51). Abb. 51: Stadtviertel von Kopenhagen mit Markierung der gentrifizierten Viertel Diese Viertel lassen sich in der Heatmap von Kopenhagen auf sights‐ map.com relativ klar identifizieren, auch wenn die Zahl der Fotos dort natürlich geringer ist als im Kernbereich der Tourist Bubble (→-Abb.-50). Angesichts der relativ stark überlaufenen Altstadt mit ihren Hotspots im Süd-Westen am Tivoli, dem Schloss und dem Nyhavn (→ Abb. 52) - einschließlich der Kleinen Meerjungfrau im Nord-Osten der Altstadt - versprechen die Brückenviertel etwas entspanntere Aufenthalte in einem chilligen Ambiente (→-Abb.-53 und →-Abb.-54). 4.3 Wahrnehmung negativer Auswirkungen 119 <?page no="120"?> Abb. 52: Statt am von Crowding überfüllten Nyhavn in Kopenhagen … Gleichzeitig sind es auch diese Viertel, in denen sich die Airbnb-Angebote konzentrieren und damit das Spannungsfeld zwischen dem Entspannungs‐ interesse der Besucher: innen und dem Ruhebedürfnis der Bewohner: innen ganz konkret aufgespannt wird. Bei Vergleich der eingetragenen Airbnb-Lis‐ tings aus dem Jahr 2019 fällt überraschend auf, dass in Kopenhagen mit über 26.000 Angeboten - in einer räumlich wesentlich kleineren Stadt - die Zahl der Angebote in Berlin zu der Zeit (ca. 22.500 Listings) sogar übertroffen wurde (Inside Airbnb 2019a; 2019b). Damit hat Kopenhagen eine der höchsten Airbnb-Listings pro Einwohner: in Raten in Europa. Darüber ist ein großer Unterschied bei dem Anteil der komplett zu mietenden Unterkünfte - die demnach prinzipiell eher unter die Wohnraumzweckent‐ fremdung fallen - gegenüber angebotenen Zimmern in einer geteilten Unterkunft zu verzeichnen. Während in Berlin 47,5 % der Listings komplette Unterkünfte waren, so lag der Anteil in Kopenhagen bei 83,7 % (Inside Airbnb 2019a; 2019b). Auch mit Blick auf die Veränderung seit und durch die COVID-19-Pandemie lässt sich feststellen, dass der starke Rückgang an Airbnb-Listings in Berlin (-39 % von 2019 bis 2024) kein vergleichbarer Trend in Kopenhagen ist. Dort sind 2024, nach einem pandemischen Tief, wieder knapp 21.000 Angebote aufgeführt, womit sich die Reduzierung des Angebotes in den letzten fünf Jahren auf nur 20 % beläuft (Inside Airbnb 2024b). Während allerdings die Airbnb-Diskussion in Berlin sehr intensiv 120 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="121"?> geführt wird, scheint das Eindringen in den privaten Raum in Kopenhagen nicht so sehr problematisiert zu werden (vgl. Stors und Kagermeier 2013, S.-127ff.). Abb. 53: … zieht es die New Urban Tourists in das teils hygge teils hipster Nørrebro Dies lässt sich unter anderem damit erklären, dass die in Kopenhagen vorherrschenden Regularien (z. B. Maximalpreise bei Genossenschaftswoh‐ nung) den Wohnungsmarkt so steuern, dass Airbnb bzw. Privatpersonen, die Airbnb Unterkünfte anbieten, kaum Einfluss auf die Preise des Wohnungs‐ marktes haben können (vergleiche auch Guerbuezer 2021). Vielmehr noch ist die Kommune Kopenhagen eine der wenigen, die seit 2019 eine offizielle Kollaboration mit Airbnb eingegangen ist, um ‚Eckdaten‘ der Kopenhage‐ ner Airbnb-Anbieter: innen direkt an das lokale Steueramt weiterzuleiten (Airbnb 2019). 4.3 Wahrnehmung negativer Auswirkungen 121 <?page no="122"?> Abb. 54: Auch das gentrifizierte Vesterbro und der hier sichtbare ‚Meatpacking District‘ sind ein unter New Urban Tourists beliebtes Stadt- und Ausgehviertel. Teilweise wird in Gesprächen auch ein Stolz, auf den in der Stadt prakti‐ zierten ‚hygge‘-Lebensstil, zum Ausdruck gebracht: „the Copenhageners are actually proud to have tourists. […] when you say to people that the main reason people come here is not because of the queen, not because of the castle, it is because of the way you live. They want to see how you live. They want to see how you bring your kids to school on your bike every day” (Erdmenger 2019, S. 443). Auch hier ist die Gelassenheit gegenüber dem lokalen Tourismus - zwar individuell unterschiedlich - insgesamt dennoch größer als in Berlin oder auch Barcelona. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass in diesem Abschnitt zwar deut‐ lich wurde, dass die Betroffenheit von den räumlichen Dimensionen mit beeinflusst wird. Der Wohnstandort prägt die Intensität der Wahrnehmung von Irritationen und damit auch die Betroffenheit mit. Andererseits scheinen die Wahrnehmungsfilter doch differenzierter zu funktionieren. Ähnliche Belastungsstimuli führen zu teilweise sehr unterschiedlichen Reaktionen. Im nächsten Abschnitt soll deshalb auf die Rolle unterschiedlicher Gäste‐ gruppen für die Intensität der Wahrnehmung von Störung eingegangen werden. 122 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="123"?> 4.3.2 Einfluss der Gästestruktur Bereits in → Kap. 2.2 hat sich herausgestellt, dass durch den New Urban Tourism auswärtige Besucher: innen den Bewohner: innen nicht nur in der Tourist Bubble im Stadtzentrum, sondern verstärkt - insbesondere wenn sie in gentrifizierten Quartieren wohnen - auch in den eigenen Wohnvierteln begegnen können (vgl. auch → Kap. 4.3.1.2). Dabei wurde in → Kap. 2.3 auch auf die spezifische Rolle von Airbnb bei der Wahrnehmung von Störung eingegangen, wenn Bewohner: innen des Öfteren auch im direkten Wohnumfeld des eigenen Wohngebäudes mit auswärtigen Besucher: innen konfrontiert werden. Aber auch die Rolle von anderen spezifischen Typen von Reisenden wurde am Beispiel der Flusskreuzfahrtreisende in Bamberg in → Kap. 4.2.3 ebenfalls bereits angesprochen. Ähnlich stellt sich die Situation auch in Regensburg dar (vgl. Bouchon und Rauscher 2019, S. 607f.; →-Abb.-55). Dies legt nahe, dass auch die Gästestruktur eine gewisse Rolle bei der Wahrnehmung und dem Empfinden von Störung spielen kann, bzw. die Formen des Tourismus ggf. noch weitere relevante Dimensionen aufweisen. 4.3.2.1 Kulturelle Distanz als Einflussfaktor Eine zuvor formulierte Hypothese besagt, dass „Fremdheit“ bzw. das Maß der kulturellen Distanz zwischen den Bewohner: innen und den Besucher: innen eine Rolle bei der Akzeptanz spielt (Bauer, Gardini und Skock 2020, S. 95). Besucher: innen aus anderen Kulturkreisen können dabei aufgrund ihres teilweise andersartigen Verhaltenssetting als negativ wahrgenommen wer‐ den und damit Irritationsgefühle verstärken bzw. die Akzeptanzschwellen senken. Dies ist ein Phänomen, das aus diversen Migrations -Debatten bereits bekannt ist. In München entfiel im Jahr 2019 von den gut 18 Mio. Übernachtungen knapp die Hälfte auf den Incoming-Tourismus (München Tourismus 2024a). Damit weist München den höchsten Ausländeranteil unter den größeren deutschen Städten auf (Kagermeier 2020, S.-230). 4.3 Wahrnehmung negativer Auswirkungen 123 <?page no="124"?> Abb. 56: Incoming-Übernachtungen in Mün‐ chen aus den zehn Hauptquellmärkten sowie drei weiteren asiatischen Ländern im Jahr 2019 Abb. 55: Die Passagiere von Flusskreuzfahrten werden an manchen Städten entlang von Donau-Main-Rhein und Mosel (wie hier in Regensburg) als störend empfunden. Unter den zehn Hauptquellmärk‐ ten in München lagen vor der COVD-19-Pandemie Übernachtun‐ gen von Gästen aus den arabischen Golfstaaten- nach den USA, Ita‐ lien und Großbritannien - bereits an vierter Stelle. Bei einer halben Million Übernachtungen von Gäs‐ ten aus den Golfstaaten realisieren diese etwa 6 % der Übernachtungen ausländischer Gäste (→ Abb. 56). Reisende aus dem Kulturkreis der Arabischen Welt sind physiogno‐ misch oftmals relativ leicht identi‐ fizierbar, wenn sie verschleiert in der Öffentlichkeit auftreten. Dementsprechend zählen verschleierte Shopping-Touristinnen in den Haupteinkaufsstraßen Münchens zu einer häufigen Erscheinung (→-Abb.-57). 124 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="125"?> Abb. 57: Verschleierte arabische Touristinnen gehören in der Münchner Hauptfußgänger‐ zone zu einem vertrauten Bild Darüber hinaus ist ein wichtiges Motiv für Besucher: innen aus der Arabischen Welt in München auch der Medizintourismus. Einer der wenigen Aspekte, die in München im Zusammenhang mit Airbnb diskutiert wird, ist die Zweckentfremdung von Wohnraum im Umfeld der Uni-Kliniken in Bogenhausen für Zwecke des Medizintourismus von Besucher: innen aus der Arabischen Welt: „Gleichzeitig mit diesem Phänomen werden in München zusätzlich in kliniknahen Wohngebieten Woh‐ nungen bevorzugt an Touristen aus dem arabischen Raum und deren Familien vermietet, die sich zu medizinischen Behandlungen in München aufhalten“ (Landeshauptstadt München. Sozialreferat. Amt für Wohnen und Migration 2016, S. 1; ähnlich auch Kahl 2017). Dementsprechend war in München eine gewisse Sensibilisierung für die Präsenz von Tourist: innen aus der Arabischen Welt zu vermuten (Hoben 2017). Unter den ausländischen Besu‐ cher: innen aus anderen Kulturkrei‐ sen sind in München auch Gäste aus Ostasien relativ stark vertreten. Von den Übernachtungen auslän‐ discher Gäste in München entfal‐ len knapp 10 % auf Besucher: innen aus China, Japan, Südkorea und Taiwan (→-Abb.-56). Ostasiatische - die oft indifferent alle als Chi‐ nesen stigmatisiert werden - Tou‐ rist: innen fallen oft auf, weil diese - ähnlich wie Kreuzfahrtpassagiere - überproportional häufig in Grup‐ pen auftreten, was teilweise als irritierend empfunden wird (→ Abb. 58). Dementsprechend können sie durch die massierte Präsenz (teilweise auch ihr Fotografier-Verhalten) als Bremsfaktor für sich in ihrem alltäglichen Umfeld zügig bewegende Einheimische wahrgenommen werden. Ostasiati‐ sche Reisegruppen fallen damit eher auf und werden oftmals stärker (und negativer) wahrgenommen als Einzelreisende. 4.3 Wahrnehmung negativer Auswirkungen 125 <?page no="126"?> Abb. 58: Chinesische Tourist: innen bewegen sich überproportional häufig in Gruppen (hier vor dem Karl-Marx-Haus in Trier) Mit einer Kaskade von Fragen, die auf die Reaktionen (und damit teilweise auch auf individuelle Co‐ pingbzw. Anpassungs-Strategien) abzielt, wurde bei der Befragung 2018 in München auch gefragt, ob diese zwei Gruppen von auslän‐ dischen Gästen wahrgenommen werden, sich die Befragten davon gestört fühlen und ggf. dann auch Vermeidungsansätze verfolgt wer‐ den (→-Abb.-59). - Abb. 59: Wahrnehmung, Störungsempfinden und Vermeidung der Auswirkungen von Tourist: innen aus anderen Kulturkreisen in München Dabei zeigte sich, dass Tourist: innen aus (Ost-)Asien von der Mehrheit der Bewohner: innen und auch einem großen Teil der Besucher: innen wahr‐ genommen werden. Die befragten Bewohner: innen gaben zu etwa zwei Drittel an, dass sie asiatische Tourist: innen zwar wahrnehmen, dies aber nicht als störend empfinden. Von den befragten Besucher: innen gab ein fast gleich hoher Anteil an, andere Tourist: innen aus Asien - die sich schwerpunktmäßig an den zentralen Sehenswürdigkeiten in der Tourist Bubble bewegen - wahrzunehmen, ohne sich davon gestört zu fühlen. 126 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="127"?> Etwa jede: r zehnte Besucher: in und jede: r achte Bewohner: in fühlt sich von asiatischen Tourist: innen zwar gestört, nimmt das aber bei seinen Wegen in der Stadt in Kauf. Allerdings fühlt sich auch fast jede: r siebte Münchner: in von diesen gestört und versucht bei seinen alltäglichen Rou‐ tinen Räume in der Stadt zu vermeiden, wo diese überproportional häufig auftreten. Als vermiedene Orte wurden von den Bewohner: innen vor allem die zentralen Sehenswürdigkeiten in der Stadt, wie Marienplatz (→ Abb. 60), Odeonsplatz oder die Frauenkirche genannt. Abb. 60: Menschenmenge am Marienplatz in München, die um 11-Uhr oder 12-Uhr das Glockenspiel am Neuen Rathaus sehen und filmen möchte Etwas anders stellt sich das Bild bei den Tourist: innen aus der arabischen Welt dar. Da diese weniger an den Hauptsehenswürdigkeiten präsent sind und mehr in den Einkaufsmeilen in Erscheinung treten, werden sie von einem Viertel der befragten Besucher: innen gar nicht wahrgenommen. Über 70 % der Besucher: innen und 80 % der Bewohner: innen fühlt sich von arabischen Tourist: innen nicht gestört. Etwa jede: r siebte Bewohner: innen fühlt sich von dieser touristischen Zielgruppe gestört, nimmt das aber bei 4.3 Wahrnehmung negativer Auswirkungen 127 <?page no="128"?> seinen Wegen in der Stadt in Kauf. Nur jeder zwanzigste Bewohner: innen München fühlt sich so stark gestört, dass er versucht, bei seinen alltäglichen Routinen Räume in der Stadt zu vermeiden, wo diese überproportional häufig auftreten. Allerdings handelt es sich dabei im Wesentlichen um die Haupteinkaufsstraßen Münchens. Diese werden auch unter Crowding-Ge‐ sichtspunkten oftmals gemieden (→ Kap. 4.4.1.1), so dass sich hier ggf. auch zwei Formen des ‚Gestört-Fühlens‘ überlagern. Etwas erstaunlich erscheint, dass das Störungsempfinden mit insgesamt etwa einem Viertel der Nennungen bei den Besucher: innen stärker ausgeprägt ist als bei den Bewohner: innen. Insgesamt kann aber festgehalten werden, dass Be‐ sucher: innen aus fremden Kulturen - zumindest in München - keinen größeren Problemdruck generieren. 4.3.2.2 Lebensstile und Urlaubsstile Bei der Befragung in München wurde weiter nachgefragt was die Studi‐ enteilnehmenden an den Besucher: innen stört. Dabei wurde festgestellt, dass der Störfaktor weniger die kulturelle Distanz zu den (oftmals kaufkraft‐ starken) arabischen Tourist: innen (zum großen Teil von der arabischen Halbinsel) oder den als Barrieren wahrnehmbaren Gruppen insbesondere asiatischer Tourist: innen per se ist. Denn in der gleichen Abfolge von Fragen wurde auch nach dem spezifischen Sozialverhalten von feiernden jüngeren Gästen gefragt und diese fallen - unabhängig ihres kulturellen Hintergrundes - auch in München negativ auf. Dies führt dazu, dass an den Wochenendabenden entsprechende Bereiche der Innenstadt mit einer hohen Auftrittswahrscheinlichkeit von oftmals angetrunkenen Gruppen vermieden werden. Anders als in manchen niedrigpreisigen und mit LCC erreichbare Destinationen sind es in München dabei nur zum geringeren Teil ausländische Besucher: innen, die zur Feier des sog. Junggesell: innenabschie‐ des nach München kommen. Vielmehr sind es - neben Münchner: innen selbst - insbesondere auch Gruppen aus dem weiteren südbayerischen Umland die für solche Events in die Stadt reisen. Auch an diesem Phänomen hat sich ein kleiner medialer Diskurs entzündet (vgl. z.-B. Freymark 2019). Dementsprechend wurden stellvertretend für den Partytourismus (vgl. Abb. 61) nach dem auch in München greifbaren Phänomen der Junggesell: in‐ nenenabschiede gefragt (vgl. Abb.-62). 128 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="129"?> Abb. 61: Bierbikes am Gärtnerplatz in München Abb. 62: Wahrnehmung, Störungsempfinden und Vermeidung der Auswirkungen von Tourist: innen mit spezifischem Sozialverhalten in München 4.3 Wahrnehmung negativer Auswirkungen 129 <?page no="130"?> Dabei ist bemerkenswert, dass Junggesellabschiede von fast der Hälfte der Besucher: innen gar nicht wahrgenommen werden. Junggesellenabschiede bewegen sich oftmals in den Abend- und Nachtstunden im zentralen Bereich der Innenstadt, insbesondere auch der Fußgängerzone und der Kneipen‐ szene im Gärtnerplatzviertel. Möglicherweise sind andere Reisegruppen zu diesen Tages- (bzw. eher Nacht-)Zeiten nur wenig in den entsprechenden Gebieten unterwegs. Zu diesem Zeitpunkt werden diese Bereiche auch nur noch partiell von Bewohner: innen frequentiert. Im Gegensatz zu den Wahrnehmungen der Reisenden, weisen Jungge‐ sell: innenabschiede ein großes Störungspotential bei den Bewohner: innen auf. Diese werden von fast der Hälfte der befragten Bewohner: innen als störend empfunden. Das Empfinden ist dabei so stark ausgeprägt, dass viele Bewohner: innen versuchen, bestimmte Orte, an denen sich solche Junggesell: innenabschiede häufen, zu den entsprechenden Uhrzeiten zu vermeiden. Dass bereits diese rudimentären Ansätze von Partytourismus in Mün‐ chen aufgrund des spezifischen, teilweise devianten Sozialverhaltens ent‐ sprechend negativ markiert werden, bedeutet umgekehrt, dass es für die Akzeptanz bei den Bewohner: innen von Vorteil ist, dass München nicht wie Berlin zu einem (auch durch LCC-Verbindungen geförderten) Zentrum der Club- und Partyszene geworden ist (Nibbrig, Pletl und Dietrich 2015), bzw. sich nicht wie z. B. Amsterdam bewusst als eine vom Nachtleben geprägte städtetouristische Destination positioniert hat (Heeley 2011, S. 137ff.; Oskam und Wiegerink 2020, S. 108). So ähnlich beschreib es auch eine Person während der Fokusgruppen Diskussion in München (Bew.-3 2020): „Ich kann mir vorstellen, dass es eine Toleranzschwelle wäre, wenn es so Ausmaße hätte, wie es anscheinend in Berlin mitunter hat. Dass eben in bestimmten Vierteln, sagen wir mal, wirklich kaum noch Wohnungen sind, sondern wirklich nur noch Airbnb. Und wenn das so zu sagen überhand nähme und man so das Gefühl hat, ok und das ist dann auch so ein Party-Klientel und dann ist es immer laut und niemand fühlt sich verantwortlich und das zerstört dann irgendwo auch Nachbarschaften. Da würde ich dann wahrscheinlich einhaken.“ Bei Amsterdam werden in den Medien Crowding-Phänomene bzw. Störun‐ gen durch Tourist: innen insbesondere mit dem Blickwinkel auf Partytou‐ rismus erwähnt. Allerdings hat die touristische Vermarktung der Stadt lange Jahre mit seinem Rotlicht-Milieu und auch den Coffee-Shops für eine spezifische Klientel geworben. Dieses spezifische touristische Segment führt 130 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="131"?> inzwischen zu deutlichen aversiven Reaktionen bei den Bewohner: innen (Slegers 2017, Kirchner 2018, McGuire 2018, Spiegel Online 2018). Daher hat die Stadt 2023 eine Kampagne unter dem Slogan „Stay Away“ (etwa „Bleib weg“) gestartet, die mit sehr deutlichen Bildern und Worten explizit Party‐ tourist: innen, Junggesell: innenabschiede und, um noch genauer zu sein, britische Männer im Alter von 18 bis 35 Jahren adressiert (Baumfalk 2023). Aufgrund der scharfen Kritik an der Kampagne, die durch die global mediale Aufmerksamkeit schnell viral ging, wurde die Kampagne von der softeren „How to Amsterdam“-Kampagne abgelöst, die anstatt auf Abschreckung auf die Erklärung der lokalen Kultur und sozialgesellschaftlich erwünschten Verhaltensregeln hinweist. Abb. 63: Die Kneipenszene in Berlin-Friedrichshain mit ihren Freischankflächen ist eine Quelle der Störung für die Anwohner: innen Auch in Berlin entzündet sich ein erheblicher Teil der Diskussion auch an der Partyszene - insbesondere in Friedrichshain, aber auch in Kreuzberg und dem Prenzlauer Berg (Berlin - Bezirksverordnetenversammlung Fried‐ richshain-Kreuzberg 2014 sowie Nibbrig, Pletl und Dietrich 2015). 4.3 Wahrnehmung negativer Auswirkungen 131 <?page no="132"?> Damit ist festzuhalten, dass in sehr viel stärkerem Maß als Besucher: in‐ nen aus anderen Kulturräumen, die nächtlichen Störungen der Partytou‐ rist: innen als irritierend und störend empfunden werden und damit das Overtourism-Gefühl befördernd können (Nilson 2020, S. 4). Dieses Phäno‐ men ist z. B. auch in Dublin virulent. Diese Destination hat sich mit der Guinness-Brauerei und der Temple Bar zu einem Ziel für Bier-orien‐ tierte Besucher: innen entwickelt. Die mit dem Bierkonsum verbundenen unzivilisierten Verhaltensweisen und die Lärmentwicklung als Folge des übermäßigen Alkoholkonsums stören die Bewohner: innen und führen zu aversiven Tendenzen (Tranum 2019). Nun ist zu vermuten, dass insbesondere auch Mega-Events, die auf Alkoholkonsum ausgerichtet sind und mit ihren Begleiterscheinungen zu erheblichen Irritationen und Störungen führen können, auch zum Empfin‐ den und der Wahrnehmung von Overtourism beitragen. Abb. 64: Das Oktoberfest in München: ein Großereignis, mit dem sich zu arrangieren die Münchner gelernt haben 132 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="133"?> Abb. 65: Eines der großen Bierzelte auf dem Oktoberfest von innen Eines dieser ‚Bier-orientierten‘ Mega-Events mit einer starken zeitlichen - und partiell auch räumlichen - Konzentration von sehr hohen Besucher: in‐ nenzahlen ist das Münchner Oktoberfest. Dieses zog 2024 etwa 6,7 Mio. Besucher: innen an (Landeshauptstadt München 2024; → Abb. 64 und → Abb. 65). Während seiner Dauer von gut zwei Wochen ist die Stadt - zumindest partiell - fast im Ausnahmezustand und erlebt die Vermie‐ tung aller verfügbaren Übernachtungsplätzen zu teilweise exorbitanten Preisen (Kaufmann 2019a). Im Jahr 2024 wurden zum dritten Mal in Folge detaillierten Besucher: innen-Analysen anhand anonymisierter Mobilfunk‐ daten von O2 Telefónica und Invenium Data Insights durchgeführt (vgl. Streicher 2024 und → Kap. 5.5.1). Die Mobilfunkdaten zeigen, dass die Münchner: innen, etwa die Hälfte der ‚Wiesn‘-Besucher: innen ausmachen (Streicher 2024). Ein weiteres Viertel der Besucher: innen kommt - zu etwa gleichen Anteilen - aus dem Münchner Umland, dem restlichen Bayern und dem übrigen Deutschland (Landeshauptstadt München 2024b). Nur ein knappes Viertel der Wiesn-Besucher: innen (1,7 Mio. Personen) kam aus dem Ausland, wobei die US-Amerikaner die mit Abstand größte internationale 4.3 Wahrnehmung negativer Auswirkungen 133 <?page no="134"?> Gruppe darstellten (Streicher 2024). Vor dem Hintergrund der Bedeutung der Veranstaltung für mögliche touristische Belastungsgrenzen wurde bei der Befragung auch nach der Wahrnehmung von und der Störung durch Okto‐ berfestbesucher: innen gefragt (→ Abb. 62). Dabei verwundert es nicht, dass - die Befragung fand im Juli und damit außerhalb der Oktoberfestzeit statt - der Großteil der Besucher: innen (insbesondere die Erstbesucher: innen der Stadt) angab, keine Oktoberfestbesucher: innen wahrgenommen zu haben. Bei den Wiederholungstourist: innen, gaben dann immerhin fast 40 % an, München während der Oktoberfestzeit zu vermeiden (= knapp ein Viertel bezogen auf alle befragten Besucher: innen in →-Abb.-62). Während die Bewohner: innen Münchens gegenüber anderen Overtou‐ rism-Gefühle-auslösenden Aspekten sich als relativ robust erwiesen hatten, fühlen sich von den Erscheinungen des Oktoberfestes dann doch etwa zwei Drittel gestört. Allerdings gab knapp die Hälfte an, aufgrund des (vermuteten) Störungsgefühls das Oktoberfest selbst bzw. während dieser Zeit beeinträchtigte Bereiche zu meiden. Bei aller Identifikation vieler Bewohner: innen Münchens mit dem Oktoberfest und dem Stolz auf eine der weltweit bekanntesten Großveranstaltungen bringt Kaufmann (2019b) das Gefühl vieler Münchner: innen wohl treffend auf den Punkt, wenn sie titelt: „Das Schönste am Wiesnbesuch ist, wenn die Gäste wieder fahren.“ 4.3.3 Gewöhnungseffekte und Erwartungshaltungen Es wurde bereits (→ Kap. 2.1 und → Kap. 4.2.2) erwähnt, dass die Wachstumsgeschwindigkeit einen Einfluss auf die Ausprägung von Over‐ tourism-Wahrnehmungen bei den Bewohner: innen ausübt. Im Vergleich zu manchen anderen Destinationen wies München einerseits in den letzten 25 Jahren relativ moderate Steigerungsraten auf. Andererseits zählt die Stadt zu den Destinationen mit einer langen städtetouristischen Tradition. Dies unterscheidet München von manch anderen Destinationen, die erst durch das Aufkommen der LCC einen deutlichen Wachstumsschub erfahren haben und dabei oftmals auch eher auf das Nachtleben ausgerichtete jüngere Gäste angezogen haben. Nun deuten Aussagen von Ansprechpartnern in München darauf hin, dass die Tradition des Oktoberfestes durchaus einen Teil zur Erhöhung des Toleranzniveaus der Münchner: innen beitragen kann. Denn die Oktober‐ festtourist: innen sind nicht nur ein sehr internationales Publikum, sondern häufig auch ein, insbesondere durch den erhöhten Alkoholkonsum, verhal‐ 134 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="135"?> tensauffälliges Publikum, mit dem die Münchner: innen ‚gelernt‘ haben sich entweder zu arrangieren oder diese zu meiden. So formuliert der Vertreter der Stadtmarketingorganisation „City Partner“ bei einem Gespräch 2018: „Das ist vielleicht auch hier, zumindest temporär, mittelbar große Touristen‐ ströme gelernt durch das Oktoberfest. Da hast [du] einfach die ganze Stadt voll und das gehört zu München, da wird ja auch viel toleriert und auch mal irgendwie die Luft angehalten.“ (Fischer 2018). Eine historisch gewachsene Exposition scheint also auch dazu beitragen zu können, dass die Sensitivität bzw. Empfindlichkeit hinsichtlich räum‐ lich und zeitlich begrenzter großer Tourist: innenzahlen abgenommen hat, bzw. sich ein gewisser Gewöhnungseffekt gebildet hat (vgl. Bouchon und Rauscher 2019, S. 609). Dazu trägt sicherlich auch bei, dass es sich beim Oktoberfest um ein Event handelt, das die Münchner bzw. bayerische „Bierkultur“ in den Mittelpunkt stellt und damit einen Aspekt, der von vielen Münchner: innen als Teil der eigenen lebensweltlichen kulturellen Praxis bzw. des Selbstverständnisses angesehen wird (vgl. Landeshauptstadt München 2013, S. 11). Die Identifikation mit dem Themenfeld Bierkultur und ein gewisser Lokalstolz darauf „Hauptstadt des Bieres“ (Landeshauptstadt München 2014a) zu sein, dürfte als förderlich für die Toleranz gegenüber den negativen Effekten wirken. Auch wenn zu Gewöhnungseffekten im Zusammenhang von Overtou‐ rism bislang kaum belastbare Befunde vorliegen, spricht vieles dafür, dass dieser Aspekt im Kontext des Umgangs mit Overtourism sicherlich eine gewisse Rolle zukommen dürfte. 4.3.4 Irritation und Entfremdung Anders als in München - wo sich die Bewohner: innen über die letzten Jahrzehnte an das Phänomen der auswärtigen Oktoberfestbesucher: innen gewöhnen konnten, manifestiert sich in Bamberg das Störungsempfinden (→ Kap. 4.2.3) auch daran, dass in den letzten Jahren mehr und mehr aus‐ wärtige Besucher: innen (zum überwiegenden Teil Tagesreisenden aus der näheren und weiteren Umgebung) auf eines der wichtigen Altstadtfeste, die sog. „Sandkerwa“ kommen (Martin 2019). Wie München ist auch Bamberg für seine Brauereien berühmt, aber dort wird der „Sauftourismus“ deutlich negativer wahrgenommen. Dabei artikulieren die Bamberger: innen das Gefühl, dass eben die Sand‐ kerwa inzwischen nicht mehr ‚ihre‘ Kerwa (= Kirchweih) sei, sondern zu 4.3 Wahrnehmung negativer Auswirkungen 135 <?page no="136"?> einer Tourimusattraktion kommodifiziert worden wäre. Ob in jüngerer Zeit diese traditionellen Feste signifikant mehr von Auswärtigen besucht werden - möglicherweise auf der Suche nach vermeintlich ‚authentischen‘ Erlebnissen und animiert durch entsprechende Posts von Besuchenden in den sozialen Medien - lässt sich nicht eindeutig belegen und nachweisen. Denkbar ist aber zumindest partiell auch, dass sich hier die Sensibilisierung durch die Flusskreuzfahrttourist: innen (→ Kap. 4.2.3) durchschlägt und inzwischen das Overtourism-Gefühl durch Projektion auch auf andere Besuchergruppen übertragen wird. Gleichzeitig ist dieses sich fremd in der eigenen Stadt fühlen sicherlich als eine Art Deprivation anzusehen (vgl. Diaz-Parra und Jover 2020 am Beispiel von Sevilla). Das Vertraute in der alltäglichen Umgebung, die als Heimat empfunden wird, verändert sich durch die Präsenz von externen Besucher: innen. Damit sind es eben im Kontext von Overtourism nicht nur konkrete Erfahrungen der Massierung von Besucher: innen und von Crowding in bestimmten Umgebungen. Wenn das Gefühl der Vertrautheit in der gewohnten Umgebung abhandenkommt, wird beobachtet was sich verändert hat und dann werden auswärtige Besucher: innen als Zuviel und als störend empfunden - sie werden zum Sündenbock für die Entfremdung gemacht. Doch diese emotionalen Stadien der gastgebenden Gesellschaft ist nicht neu. Bereits 1975 wurde von Doxey ein „Irritation Index“ formuliert. Doxey (1975) unterstellt bei der touristischen Inwertsetzung von Destinationen eine Entwicklung in vier Stufen, die von einer anfänglichen Euphorie über Apathie zu Irritation und Antagonismus verläuft. Dieser Ansatz ist sicherlich konzeptionell relativ einfach angelegt. Doxey unterstellt eine quasi lineare Entwicklung mit steigenden Tourist: innenzahlen. Auch wurde keine eindeutige Operationalisierung hinterlegt. Dennoch wird dieser Index heutzutage wieder häufiger herangezogen, um die Entwicklung und Kip‐ pung der Stimmung der Bewohner: innen zu visualisieren - wenn auch nicht zu begründen. So z. B. auch bei der Interessensgemeinschaft „interesSAND“ in Bamberg. Diese ist bezogen auf den Stadtteil Sand, in dem sich einerseits viele Gastwirtschaften - darunter das sog. Schlenkala mit seinem bekannten Rauchbier - konzentrieren, und andererseits auch die Sandkerwa stattfindet. Diese hat 2018 eine - sicherlich ebenfalls nicht unbedingt als repräsentativ anzusprechende - Umfrage auf ihrer Facebook-Seite geschaltet. Dabei wurden die vier Stufen des Irritation Index durch einfache Antwortoptio‐ 136 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="137"?> Abb. 66: Irritation der Bewohner: innen von Amsterdam durch Tourist: innen in der Innen‐ stadt und im eigenen Wohnquartier nen operationalisiert. Die Zuordnung zur dritten Stufe erfolgte über die Zustimmung auf die Antwortoption: „Die Einheimischen haben zunehmend Bedenken angesichts steigender Touristenzahlen und der damit verbundenen Veränderungen im Stadtbild“. Dabei haben sich zwei Drittel der Antworten‐ den dieser Irritationsstufe zugeordnet (Schäfer 2019, S.-12). Ebenfalls mit Bezug auf Doxey (1975) hatten Gerritsma und Vork (2017) eine Befragung zum Grad der Irritation (ohne darzulegen, warum sie statt vier Stufen dann fünf gewählt hatten) bei den Bewohner: innen von Amster‐ dam durchgeführt. Wenn sich auch die Irritation in Amsterdam aufgrund dieser Befunde als nicht ganz so ausgeprägt darstellt wie in Bamberg, fühlt sich doch ein gutes Viertel der Amsterdamer bei Aufenthalten im Stadt‐ zentrum durch die Anwesenheit von Tourist: innen irritiert (→ Abb. 66). Demgegenüber ist aber in Amsterdam die Irritation durch Tourist: innen in der eigenen Nachbarschaft noch nicht groß ausgeprägt. Auch bei der Befragung der Be‐ wohner: innen in München im Jahr 2018 wurde auf die Aspekte der Irritation und der Entfremdung abgezielt. Dabei ergaben sich wie‐ derum ein geringerer Grad der Stö‐ rung im eigenen Wohnviertel und ein etwas höherer Anteil von sich im übrigen Stadtgebiet gestört füh‐ lenden Einwohner: innen. Im Ver‐ gleich zu Amsterdam oder Bam‐ berg ist der Grad der Störung bzw. Irritation in München absolut gesehen aber noch deutlich niedri‐ ger (→-Abb.-67). 4.3 Wahrnehmung negativer Auswirkungen 137 <?page no="138"?> Abb. 67: Irritation und Entfremdung der Bewohner: innen München durch Tourismus Bei der Befragung der Münchner Einwohner: innen wurde auch versucht, sich dem Aspekt der Entfremdung zu nähern. Bei der standardisierten Bewohnerbefragung wurde die Frage gestellt, ob sich die Münchner: innen aufgrund der Tourist: innen in ihrer Stadt nicht mehr heimisch fühlen würden. Auch auf diese Frage stimmte nur gut jeder Zehnte zu. Entfremdung stellt sich damit aufgrund dieses - zugegebenermaßen etwas oberflächli‐ chen - Indikators als kein zentrales Problem in München dar. Ein Vertreter der lokalen DMO, München Tourismus, führt auch hier wieder den Gewöhnungseffekt (→-Kap. 4.3.3) an: „Dieser internationale Anteil war immer schon so hoch, es heißt die Münchner Bevölkerung ist auch gewohnt, Gäste aus dem Ausland zu haben. Früher waren es überwiegend die Japaner, die aufgefallen sind, ein Amerikaner fällt vielleicht nicht so auf, oder ein Spanier oder Italiener, aber Asiaten fallen auf, arabische Gäste fallen auf. Die hatte man schon immer in München, deswegen ist es auch vielleicht ein gewohntes Bild in der Stadt, diese internationalen Gäste auch zu haben“ (Zednik 2018). Demgegenüber verursachen die Entwicklungen auf dem Wohnungsmarkt - zum Teil auch ganz unabhängig vom Tourismus - den Münchner: innen deutlich mehr Unbehagen (vgl. z. B. Bayerischer Rundfunk 2020, Landes‐ hauptstadt München. Referat für Stadtplanung und Bauordnung 2019). Ähn‐ lich sieht es auch der Vertreter von München Tourismus, dass angesichts der Gesamtdimension die touristisch bedingte (Um-)Nutzung von Wohnraum 138 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="139"?> klar in den Hintergrund tritt: „Tourismus ist überhaupt kein Thema, Wohn‐ raum ist das Thema in München. Klar wenn man dann fragt Overtourism, dann bringt man das vielleicht ein bisschen mit Airbnb in Zusammenhang, aber letztendlich, wenn man fragt welche 5 Themen brennen dir unter den Nägeln, dann ist es Wohnen Wohnen Wohnen, Verkehr, Infrastruktur, Kita-Plätze“ (Zednik 2018). Und auch ein Stadtratsvertreter der Grünen meint, dass vor dem Hintergrund des Wachstumsdrucks in München ein Unbehagen arti‐ kuliert wird, das sich weniger am Tourismus entzündet: „und wenn ich hier in München so ein Grummeln höre, dann ist es eher gegen dieses Wachstum. Da gibt es schon viele, die sagen, wieso sollen wir weiterwachsen? Hier muss doch keiner mehr herziehen. Also da geht es eher weniger um die Touristen, sondern eher um den Zuzug allgemein. … Wo man sagt dieses Wachstum der Stadt, aber Tourismus spielt da keine große Rolle“ (Bickelbacher 2018). Dementsprechend sprechen sich nur wenige Münchner: innen dafür aus, dass die Stadt auch entsprechende Maßnahmen zur Eindämmung des Tourismusaufkommens ergreift. Dass sich bislang in München noch keine weiterverbreitenden Irritationen in einem Umschlagen der Stimmung niedergeschlagen hätten, wird auch vom Vertreter der Grünen geäußert: „Das war ein bisschen bei der Sendlinger Str. vielleicht, weil da gab es auch den Konflikt, soll die Sendlinger Str. Fußgängerzone werden. Da haben Andere schon gesagt, das muss man für die Touristen machen, wir brauchen das nicht. Da war das unterschwellig ein bisschen dabei, aber so hab ich das, also diese Stimmung gegen Tourismus ist tatsächlich nicht da.“ (Bickelbacher 2018). Zusammenfassend ist festzuhalten, dass angesichts der unzureichenden Aussagekraft von rein quantitativen Indikatoren zur Belastung durch Tou‐ rismus in → Kap. 4.3 die Tragfähigkeit von eher qualitativ ausgerichteten Aspekten der subjektiven Wahrnehmung für die Deutung von Overtou‐ rism-Reaktionen bei den Bewohner: innen überprüft wurde. Dabei konnte aufgezeigt werden, dass diese ergänzend zu den sog. ‚objektiven‘ Indikato‐ ren zusätzliche Deutungshinweise generieren. Der Grad der Betroffenheit, Gewöhnungseffekte und Irritationen sowie Entfremdungs-Gefühle sind ge‐ eignet, die bei gleichen objektiven Belastungsindikatoren zu beobachtenden unterschiedlichen Reaktionen der Bewohner: innen einordnen zu können. Dementsprechend spielt also die subjektive Wahrnehmung - über die objektiven Kriterien hinaus - eine wichtige Rolle für den Umgang mit dem Phänomen Overtourism. 4.3 Wahrnehmung negativer Auswirkungen 139 <?page no="140"?> Dieser Logik folgend haben Bouchon und Rauscher 2019 versucht, auf der Basis von Sekundäranalysen und Studien zu einzelnen Städten ein auf subjektiven Wahrnehmungen der Bewohner: innen basierendes Belastungs‐ profil zu erstellen (→-Abb.-68). Abb. 68: Wahrgenommene Sättigung des Tourismus und Auswirkung auf das Erleben der Stadt durch die Bewohner: innen Bei dieser - wenn auch nicht vollständig intersubjektiv nachvollziehbaren - Analyse, weist Venedig sowohl bezüglich der wahrgenommenen Sättigung mit Tourist: innen als auch des Einflusses auf das Erleben der Stadt hohe Werte auf. Es liegt damit im als „Dysfunctional Tourism City“ bezeichneten Quadranten. Dies entspricht auch dem hohen Wert der Tourismusintensität von mehr als 50 Übernachtungen pro Einwohner: in. Demgegenüber ergab die Sekundärquellenanalyse von Bouchon und Raucher, dass in München - bei einer Tourismusintensität von etwas über 10 - weder Quellen auf eine hohe wahrgenommene Sättigung noch eine hohe Beeinträchtigung hinweisen. München wird dementsprechend als „Tourism Integrated City“ bezeichnet. In Berlin, das sogar einen etwas niedrigeren Wert bei der ‚objektiven‘ Tourismusintensität (→ Abb. 27 in Kap. 4.1) aufweist als München, wird die Sättigung als deutlich höher wahrgenommen. Dies zeigt wiederum, dass das rein quantitative Volumen der touristischen Nachfrage nicht in einem direkten Zusammenhang mit der subjektiven Wahrnehmung steht. 140 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="141"?> Dies bestätigt sich auch bei Paris, das mit ca. 20 Übernachtungen pro Einwohner: innen und Jahr (Zednik 2018, S. 34) eine etwa doppelt so hohe Tourismusintensität aufweist wie Berlin, dem bezüglich der wahrgenom‐ menen Sättigung aber ein etwas niedrigerer Wert zugewiesen wird. Für Barcelona liegt die Wahrnehmung von Sättigung und Beeinträchtigung in einem mittleren Bereich - ähnlich wie dies ja bereits beim quantitativen Indikator Tourismusintensität, der in der Größenordnung von 12 liegt - konstatiert worden ist (→-Abb.-27 in Kap.-4.1). Ohne weitere Begründung wird als kleinere Destination noch Regensburg mit in die Analyse aufgenommen (Bouchon und Rauscher 2019, S. 602). Diese Flusskreuzfahrtdestination wurde bereits in → Kap. 4.3.2 bereits erwähnt, weil dort - ähnlich wie in Bamberg (→ Kap. 4.2.3) - Flusskreuzfahrtgäste physiognomisch in der Innenstadt als größere Gruppen wahrnehmbar sind. In der Darstellung wird Regensburg (noch als „Tourism Emerging City“ bezeichnet) verortet als Destination, in der bei einer relativ niedrigen wahrgenommenen Sättigung aber die Wahrnehmung der Einschränkung des Erlebens der Stadt durch die Bewohner: innen relativ hoch ausgeprägt ist. Die Größe der Kreise in → Abb. 68 soll die Intensität des Overtou‐ rism-Diskurses in der Stadt repräsentieren. Auch hier ist Venedig ‚Spit‐ zenreiter‘. Entsprechend der geringeren wahrgenommenen „Belastung“ signalisiert der kleine Kreis für München, dass dort von den Autor: innen kaum Overtourism-Narrative in den Sekundärquellen identifiziert worden sind. Fast etwas kontradiktorisch wirkt es, dass der öffentliche Diskurs in Barcelona als fast genauso intensiv wie in Venedig dargestellt wird. Damit ist zu konstatieren, dass auch die Wahrnehmung der Bewohner: innen und der mediale Diskurs bzw. die Intensität der Artikulationen und Proteste nicht unbedingt miteinander korrespondieren. Dies wird auch dadurch gestützt, dass in Paris der öffentliche Diskurs - bei höherer wahrgenommener Sätti‐ gung und auch höherer Tourismusintensität als deutlich weniger ausgeprägt eingestuft wird. Entsprechend der höheren wahrgenommenen Sättigung ist in Berlin der öffentliche Diskurs intensiver als in München. Der sich aufgrund der Medienanalyse für Regensburg ergebende inten‐ sivere Diskurs als in München wird von den Autor: innen - wie die Beein‐ trächtigung des Erlebens der Stadt - auf die Zielgruppe der Flusskreuzfahrt‐ reisenden und deren deutlich wahrnehmbare Präsenz in der Innenstadt zurückgeführt. 4.3 Wahrnehmung negativer Auswirkungen 141 <?page no="142"?> Die wahrgenommene Intensität der Exposition und Betroffenheit sind da‐ mit Größen, die möglicherweise auch von anderen Aspekten mit beeinflusst werden. Im nächsten Kapitel soll daher der Frage nachgegangen werden, ob das Vulnerabilitätskonzept - im Zusammenhang mit der Resilienz - hier weitere Deutungsansätze für die Overtourism-Diskussion erlaubt. 4.4 Vulnerabilität und Resilienz Im letzten Abschnitt wurde deutlich, dass über objektive Indikatoren hinaus die subjektive Wahrnehmung der Bewohner: innen einen entscheidenden Einfluss darauf ausübt, wie intensiv das Phänomen Overtourism empfunden wird und entsprechendes Unbehagen bzw. Proteste artikuliert werden. Dementsprechend erscheint es sinnvoll, auf der Suche nach Erklärungs‐ ansätzen auf andere Konzepte zurückzugreifen, die sich mit Belastungen auseinandersetzen. Wenn auch in einem anderen Kontext entwickelt, ver‐ sucht der Vulnerabilitäts- (bzw. Resilienz-)Ansatz zu erklären, warum ein gleiches Ereignis in unterschiedlichen Kontexten abweichende Intensität der Konsequenzen induziert. Dementsprechend wird beim Vulnerabilitäts‐ konzept nicht nur die konkrete Exposition gegenüber einem externen Einfluss berücksichtigt, sondern auch die Empfindlichkeit einbezogen. Emp‐ findlichkeit und Betroffenheit wird dabei als von der Vulnerabilität mit beeinflusst aufgefasst. Turner et al. (2003) setzten sich intensiv mit den globalen Veränderungen der Umwelt sowie deren Folgen im Kontext der Nachhaltigkeitsforschung auseinander. Unter Bezugnahme auf das Risk-Hazard-Modell (Turner et al. 2003, 8074), in dem Vulnerabilität (Verwundbarkeit) als Funktion von „Exposure“ (Exposition/ Gefährdung) und „Sensitivity“ (Sensitivität/ Emp‐ findlichkeit) gegenüber Risiken und Gefahren versteht, haben Turner et al. das Modell um das aus der Ökosystemforschung stammende Konzept der Resilienz eines Systems ergänzt. Diese wird - wie in → Abb. 69 dargestellt - mit der Exposition und der Sensitivität in Relation gesetzt. Dadurch soll die wechselseitige Beeinflussung des gekoppelten Mensch-Umwelt-System auf die Vulnerabilität verdeutlicht werden. Die Resilienz eines Systems stellt nach diesem Verständnis die Fähigkeit dar, auf ein externes Ereignis selbstorganisiert zu reagieren, es zu bewältigen sowie sich entsprechend anzupassen (Turner et al. 2003, 8074). Im Sinne des Vulnerabilitätskonzeptes 142 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="143"?> wird die Sensitivität der Bewohner: innen auch davon geprägt, welche Coping-Möglichkeiten vorhanden sind. Abb. 69: Dimensionen des Konzepts der Vulnerabilität und Kategorien der Resilienz Im übertragenen Sinne kann mit diesem Ansatz versucht werden, zu be‐ antworten, warum ein gleiches Ereignis in unterschiedlichen Kontexten eine abweichende Intensität der Konsequenzen verursacht (Turner et al. 2003). Mit diesem erweiterten Blickwinkel scheint das Konzept geeignet, auf das Overtourism-Phänomen übertragen zu werden. Auch bei der Overtou‐ rism-Diskussion ist die Tragfähigkeit nicht nur direkt von der Exposition der Bewohner: innen mit einer gewissen Anzahl an Tourist: innen abhängig. Vielmehr ist eine komplexere Analyse der Bewohner: innen-Besucher: in‐ nen-Beziehung (host-guest relationship) notwendig. Wie in den vorangegan‐ gen Abschnitten deutlich gemacht wurde, weisen die Sensitivität und die Resilienz der Bewohner: innen in verschiedenen städtischen Destinationen mit vergleichbaren Tourismusintensitäten große Unterschiede auf. 4.4.1 Coping-Strategien und Optionen Dabei scheint für den direkten Umgang mit und die Bewältigung von aus der touristischen Nachfrage resultierenden Belastungen für die Bewohner: in‐ nen relevant zu sein, inwieweit diese über Coping-Strategien und Optionen verfügen. 4.4 Vulnerabilität und Resilienz 143 <?page no="144"?> 4.4.1.1 Räumliches Ausweichen Am Beispiel von München wurde bereits darauf hingewiesen, dass die räumliche Konzentration der meisten Besucher: innen auf den zentralen Innenstadtbereich es den Bewohner: innen relativ leicht erlaubt, überlaufene Bereiche der Innenstadt einfach zu vermeiden (→-Kap.-4.3.1). Es seien hier nochmals die Befunde zur Fußgängerzone angeführt (→-Abb.-70). Abb. 70: Wahrnehmung, Störungsempfinden und Vermeidung von Menschenmassen in der Fußgängerzone von München Die Kaufinger/ Neuhauser Straße als zentrale Hauptachse der Münchner Fußgängerzone ist mit bis zu 5.500 Passanten pro Stunde die am stärksten frequentierte Einkaufsstraße Deutschlands (Süddeutsche Zeitung 2018). Die bereits angesprochene hohe Zahl von Menschen in der Fußgängerzone wird dementsprechend von den befragten Besucher: innen und Bewohner: innen als besonders störend empfunden. Auch wenn teilweise ausgesagt wurde, dass es nicht nur Tourist: innen, sondern auch Münchner: innen und Einkäufer aus der Region seien, die zur hohen Personendichte führen, gaben fast 60 % der Bewohner: innen und mehr als ein Viertel der Besucher: innen an, diese Bereiche möglichst zu meiden. Dabei wurde von den Befragten ausgesagt, dass sie zwar manche Bereiche wie z. B. den Marienplatz als überfüllten touristischen Hotspots empfinden, dieser aber leicht zu Umgehen ist. 144 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="145"?> Abb. 71: Die Weitläufigkeit des innenstadtnahen Englischen Gartens trägt mit dazu bei, das Crowding-Gefühl in München zu entspannen und bietet räumliche Coping-Optionen für Bewohner: innen und Besucher: innen Bei qualitativen Expertengesprächen in München wurde ebenfalls die hohe Passant: innenfrequenz in der Fußgängerzone thematisiert. Allerdings wurde dabei auch immer wieder klar gemacht, dass es eben nicht nur die Tourist: innen, sondern auch die Münchner: innen und die Einkaufenden aus dem Umland sind, die hier relevanter sind: „Also ich sehe keine [Overtou‐ rism-]Grenze und ein Aspekt ist auch, dass manche sagen, in die Fußgänger‐ zone können wir nicht mehr gehen, die wird als Einfallzone bezeichnet, weil sie schon so voll ist, aber das sind, glaube ich, nicht nur Touristen“ (Bickelbacher 2018). Gleichzeitig ist es eben aufgrund der weitläufigen Stadtstruktur relativ einfach möglich, überlaufene Bereich zu vermeiden, wie der Vertreter der IHK berichtete: „Also ich fahr jeden Tag mit dem Fahrrad zur Arbeit und fahre am Marienplatz vorbei. Wenn Freitagnachmittag schönes Wetter ist, dann fahre ich die Runde eher andersrum, dass ich dann nicht am Marienplatz vorbei komm“ (Nordhorn 2018). Auch eine Münchner Crowding-Forscherin betont die Relevanz von Coping-Optionen für die Wahrnehmung: „„Das ist dieser Aspekt, was machen die, um es zu vermeiden? … Aber was kann ich tatsächlich an Coping Strategien anwenden, um es entweder in der Masse trotzdem positiv zu erleben oder mich 4.4 Vulnerabilität und Resilienz 145 <?page no="146"?> eben von der Masse zu trennen und dann wo anders was zu machen“ (Popp 2018a). Angesichts der Größe der Stadt fällt es eben dann auch relativ leicht, bestimmte Hotspots zu vermeiden: „Also als Münchner geht man nicht zum Hofbräuhaus, weil man tatsächlich dort nichts zu tun hat im Regelfall“ (Popp 2018a). Abb. 72: So lange die Besucher: innen in ihrer Tourist Bubble bleiben (hier im Umfeld des Hofbräuhauses) und die Münchner diese meiden können, stören die Besucher: innen sie nicht Die Meidung von solchen zentralen Hotspots gilt dabei natürlich auch für die Wohnungssuche, wie der Vertreter von City Partner München anspricht: „Und da ist eigentlich schon, wie gesagt jemand der eine ruhige Wohnung findet bei aller Schwierigkeit in München eine Wohnung zu suchen, der wird nicht am Platzl gegenüber vom Hofbräuhaus sich eine Wohnung angucken, weil da weißt du, was da los ist“ (Fischer 2018). Die Konzentration der meisten touristischen Aktivitäten auf den zen‐ tralen Innenstadtbereich bedeutet in München aber auch, dass die Ein‐ wohner: innen in vielen Stadtvierteln außerhalb der Innenstadt kaum mit Übernachtungs-Besucher: innen konfrontiert werden. Damit finden die Be‐ wohner: innen in den Nebenzentren und Wohnquartieren auch entspre‐ chende Rückzugsräume. 146 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="147"?> Ergebnisse einer Studie von Erdmenger (2022a), die auf Fokusgrup‐ pen-Gesprächen mit Bewohner: innen in Kopenhagen und München basiert, zeigen, dass das Vermeiden (Avoidance) von als zu stark von Besucher: innen frequentierten Orten die zentrale Coping-Strategie der Bewohner: innen darstellt (→-Abb.-73). Abb. 73: Coping-Strategien der Bewohner: innen von München und Kopenhagen Damit ist es essenziell, dass die Bewohner: innen über Rückzugsräume ver‐ fügen, in denen sie größere Zahlen an Besucher: innen vermeiden können. Im weiteren Verlauf der Fokusgruppengespräche (Erdmenger 2022c) wur‐ den die Teilnehmenden im Zuge einer teilnehmenden Kartierung gebeten, konkrete Orte in ihren Wohnstädten einzuzeichnen, die sie aufgrund von Tourismus vermeiden. In München (→ Abb. 74) sind es - neben der Spielstätte des FC Bayern München in der Allianz Arena - zentrale Innenstadtbereiche, die als klassi‐ sche touristische Hotspots identifiziert wurden. Diese Tourist Bubble wird im Wesentlichen vom Marienplatz, dem Viktualienmarkt und dem Stachus (mit den jeweiligen Verbindungswegen) gebildet. Als weiterer Hotspot wird auch noch der chinesische Turm genannt. Dort liegt ein von vielen - vor allem ausländischen Besucher: innen - aufgesuchter Biergarten im Englischen Garten, der zu einer der Münchner ‚Must-See‘-Ikonen zählt. Letzter temporärer Hotspot ist die Theresienwiese während des Oktober‐ festes. Die Konzentration der Besucher: innen in diesen Bereichen erlaubt es 4.4 Vulnerabilität und Resilienz 147 <?page no="148"?> den Bewohner: innen diese Bereiche zu meiden und ihr aktionsräumliches Verhalten auf andere Stadtbereiche auszurichten. Abb. 74: Orte in München, die von den Bewohner: innen aufgrund der Wahrnehmung von vielen Besucher: innen zumindest temporär vermieden werden Ähnlich stellt sich die Situation in Kopenhagen dar (→ Abb. 75). Auch dort gibt es für die Bewohner: innen klar definierte Hotspots, die sie vermeiden, wenn sie nicht zu vielen Besucher: innen begegnen wollen. Neben der kleinen Meerjungfrau und die nördlich daran anschließende Promenade Langelinie - einer der Anlegepunkt für die Kreuzfahrtschiffe in Kopenhagen - handelt es sich um die Achse vom Tivoli Freizeitpark direkt neben dem Hauptbahnhof über den Rathausplatz bis zum Neuen Hafen (Nyhavn) - auch hier handelt es sich um eine Einkaufsstraße, genannt Strøget, die zu den längsten Europas zählt. Wie auch in München wurden - mit Ausnahme eines Straßenzuges in Christiana (Pusher Straße), der für die Frequentierung von Cannabis-Konsument: innen bekannt ist - keine weiteren Orte in den um die Altstadt liegenden gründerzeitlichen Vierteln genannt, auch wenn diese durchaus in einem gewissen Maß von Besucher: innen aufgesucht werden (Stors und Kagermeier 2013). Dabei erklärten fast alle Studienteilnehmen‐ 148 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="149"?> den, dass die Vermeidung von bestimmten Orten ihre Lebensqualität nicht mindern würde, da es (noch) ausreichend Alternativen gibt, oder es Orte sind, die für das alltägliche Leben nicht von Relevanz seien. Abb. 75: Orte in Kopenhagen, die von den Bewohner: innen aufgrund der Wahrnehmung von vielen Besucher: innen zumindest temporär vermieden werden In →-Kap.-2.2 wurde bereits auf die Rolle des New Urban Tourism hingewie‐ sen. Gerade dadurch, dass sich die New Urban Tourists vom Mainstream abheben möchten und sich damit bewusst auch abseits der Tourist Bubble bewegen, dringen sie in Wohnquartiere vor und reduzieren damit auch die Rückzugsmöglichkeiten der Bewohner: innen. Mit dem Blickwinkel auf die Coping-Optionen kann auch die starke Fokussierung der Overtourism-Dis‐ kussion auf den Städtetourismus mit gedeutet werden. Im Städtetourismus halten sich Tourist: innen weitgehend im Lebensraum der Bewohner: innen auf. Demgegenüber ist die Konfrontation im ländlichen Raum bei vorherr‐ 4.4 Vulnerabilität und Resilienz 149 <?page no="150"?> Abb. 76: Wahrnehmung, Störungsempfinden und Vermeidung der Auswirkungen des Ok‐ toberfestes in München schenden Tourismusformen mit Naturbezug (Wandern, Radfahren, Wasser‐ sport) meist nicht so direkt (→ Kap. 1.4.1). Dort bewegen sich Besucher: innen zum erheblichen Teil nicht im unmittelbaren alltäglichen Lebensumfeld der Einheimischen. Bei eigenen Erhebungen zum Badetourismus in Tunesien konnte auch genau dieser Aspekt der räumlichen Trennung von Strandresorts und den Wohnbereichen der Bewohner: innen als ein die Akzeptanz begüns‐ tigender Aspekt identifiziert werden (Kagermeier 1999, S.-105). 4.4.1.2 Zeitliche Dimension Ähnliches wie für räumliche Co‐ ping-Strategien gilt auch für zeit‐ lich befristete Höhepunkte der touristischen Nachfrage. Hier soll wiederum nochmals auf die Aussa‐ gen zum Oktoberfest zurückgegrif‐ fen werden (→ Abb. 76). Dabei sagt knapp die Hälfte der Bewoh‐ ner: innen und knapp ein Viertel der Besucher: innen aus, dass sie diese für München sicherlich imageprä‐ gende Veranstaltung wenn möglich meiden. Auch hier wurden bei Experten‐ gesprächen Aussagen getroffen, die diese oberflächlichen quantitativen Befunde stützen und inhaltlich vertiefen. So äußerte ein Stadtratsvertreter der Grünen: „Also … ich bin in dem Stadtbezirk, wo das Oktoberfest stattfindet, auch politisch aktiv und das sind vor allem die Leute, die direkt daran wohnen. Die sagen, das brauch ich dann nicht, weil diese Folgen, wenn die Leute stark betrunken sind und dann in den Vorgarten pieseln usw., das ist noch das harmlosere oder sonstige Sachen sich entleeren, das ist natürlich unangenehm und dann sagen einige, es sind zu viel. Ich glaube das sind dann die, die in diesem Umfeld wohnen auch, die da sagen, die zwei Wochen fahre ich lieber weg und das sind zum Glück nur zwei Wochen, da kann man im Urlaub mal wegfahren. … Aber ich bin auch kein großer Fan davon, aber für die meisten Münchner gehört es irgendwie dazu. Das dort dann auch viele Touristen sind, ist auch OK. Aber das stimmt, das ist auf jeden 150 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="151"?> Fall was, wo man eher nochmal sagt, da kann es manchen Leuten zu viel werden. … Aber ich glaube, es gibt Einzelne, die das ablehnen, aber keine Mehrheit. Ich glaube, wenn man jetzt rumfragen würde, dann würden 10 % sagen, das Okto‐ berfest ist zu schlimm und 43 % sagen, mein Gott es geht vorbei und die andern finden es ganz toll“ (Bickelbacher 2018). Dementsprechend schließt auch ein Zeitungsartikel in der Süddeutschen Zeitung nach dem Oktoberfest: „Der Münchner als solcher mag also Touristen besonders gerne, wenn sie wieder fort sind“ (Pfeifer 2019, S. 29). Nach einem Gipfel wieder ‚Luft holen‘ zu können bzw. zu ‚verschnaufen‘ kann damit auch als relevanter Aspekt des Umgangs mit hohen Belastungen angesehen werden. Dies gilt sicherlich auch für Destinationen im ländlichen Raum, in denen eben nach der turbulenten Bade- oder Ski-Saison in der Vor- und Nachsaison wieder Ruhe einkehrt und den Bewohner: innen ein Erholen ermöglicht. Dementsprechend wird auch oftmals die in der Literatur negativ gesehene Saisonalität von Arbeitsplätzen relativiert - vorausgesetzt die Wiederbeschäftigung in der nächsten Saison ist gesichert und die während der Hauptsaison erzielten Einkünfte sich hoch genug, um Schwachlastzeiten zu überbrücken. Phasen der Nichtbeschäftigung nach einer intensiven Hochsaison können durchaus auch von den Beschäftigen und Tourismus‐ unternehmen als positiv eingeschätzt werden, weil sie eben einen Ausgleich für intensive Arbeitsphasen darstellen (Kagermeier 1999, S.-103). Abb. 77: Der Gärtnerplatz ist ein beliebter Ort auch für den abendlichen Aufenthalt 4.4 Vulnerabilität und Resilienz 151 <?page no="152"?> Damit spricht vieles dafür, dass kürzere, sehr intensive Belastungen mögli‐ cherweise eine leichtere Anpassung ermöglichen als länger andauernde. Damit sind die Münchner: innen als resilienter anzusprechen als z. B. die Einwohner: innen von Berlin, wo die Besucher: innen in stärkerem Maß auch in den gentrifizierten gründerzeitlichen Wohnquartieren präsent sind. Dort führt das Kneipen- und Nachtleben den ganzen Sommer zu erheblichen Beeinträchtigungen für die Anwohner, ohne dass diese über Vermeidungs‐ optionen verfügen würden. Dementsprechend entzünden sich auch in München die (wenigen) Proteste gegen nächtliche Partys (von externen Besucher: innen und zumeist jüngeren Bewohner: innen) auf öffentlichen Plätzen (Lotze 2020, R2), wie z. B. dem Gärtnerplatz in München (→ Abb. 77). Der Unterschied zu Events wie dem Oktoberfest besteht eben auch darin, dass sich diese Beeinträchtigungen über die gesamte warme Jahreszeit erstrecken und damit eben keine Vermeidungsoptionen bestehen. Die Grenzen der sozialen Tragfähigkeit stellen damit nicht nur ein reines Mengenproblem dar. Gleichzeitig wird die Akzeptanz von Besucher: innen nicht nur von der Wachstumsgeschwindigkeit beeinflusst. Zwar können moderate Wachstumsraten - auch bei bereits hoher Tourismusintensität - zu einer Art Gewöhnungseffekt führen, so dass die Toleranzschwelle nicht überschritten wird. Abb. 78: Gegen Störungen durch das Nachtleben im Freien gibt es für die Anwohner: innen oft keine angemessenen Coping-Optionen 152 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="153"?> Dies gilt aber insbesondere dann, wenn den Bewohner: innen entsprechende Vermeidungs- und Ausweichoptionen sowie Rückzugsmöglichkeiten in we‐ nig von Tourist: innen beeinflussten Quartieren zur Verfügung stehen. Damit ist die Akzeptanz auch nicht direkt mit der Expositionsintensität gekoppelt, sondern wird - im Sinne des Resilienz-Konzeptes - davon beeinflusst, inwieweit Coping-Optionen verfügbar sind. 4.4.2 Weitere Resilienz begünstigende Faktoren Neben den direkten individuellen Coping-Optionen der Bewohner: innen zur räumlichen und zeitlichen Vermeidung von als belastend empfundenen Settings mit einer hohen Zahl von Tourist: innen, dürfte auch die Fähigkeit eines Destinationssystems als kollektiver Handlungsraum zur Anpassung und Reaktion für die Resilienz relevant sein. 4.4.2.1 Situation auf dem Wohnungsmarkt In → Kap. 3.3 war als einer der indirekten Effekte des Städtetourismus eine mögliche Konkurrenz mit dem Wohnungsmarkt erwähnt worden (ähnlich Eisenstein und Schmücker 2020, S. 42f.). So betont Lund Hansen (2006, S. 10) z. B. für Kopenhagen, dass der dortige, relativ hohe Anteil öffentlicher bzw. genossenschaftlicher Wohnungen zu einer gewissen Entspannung des Wohnungsmarktes beiträgt. Damit wird von den Einwohner: innen Kopenhagens die Konkurrenz der touristischen Nachfrage nach Wohnraum weniger gravierend gesehen als in anderen städtetouristischen Destinatio‐ nen (→-Kap. 4.3.1.2). Barcelona ist sicherlich ein extremes Beispiel für eine andere Situation. Dort macht der Mietwohnungsmarkt nur etwa 30 % des Wohnungsmarktes aus (Gebhardt 2017, S. 238). Gleichzeitig stand die Stadtpolitik auch in Barcelona vor der Herausforderung, die im Zuge des industriestrukturellen Wandels entstandenen Brachflächen in der Hafenregion neu zu entwickeln. Dabei wurde seit der Olympiade 1992 (Ajuntament de Barcelona 2004 oder König 2005) als Transformationsansatz stark auf Gentrifizierung und Touristifizierung des Hafengebietes und der sich daran anschließenden früheren Arbeiterquartiere gesetzt, die auch zu einer Verdrängung der ursprünglichen Wohnbevölkerung führten. Die Strategie kann - ähnlich wie die Branding-Kampagne in Amsterdam (vgl. Heeley 2011, S. 137ff.) - als so ‚erfolgreich‘ im Sinne der ursprünglichen Zielsetzungen angesprochen 4.4 Vulnerabilität und Resilienz 153 <?page no="154"?> werden, dass fast im Sinne des Goethe’schen Zauberlehrling formuliert werden kann: „Die ich rief, die Geister, werd’ ich nun nicht los“ (Goethe 1797). Gleichzeitig erfolgte - insbesondere auch durch die Innovation der Internet Sharing Plattformen - die Umwandlung von Wohnungen in Un‐ terkünfte für temporäre Besucher: innen der Stadt (→ Kap. 2.3) gerade in solchen Transformationsquartieren in besonderem Maß. Von der Stadtver‐ waltung von Barcelona wird inzwischen für einzelne hafennahe Quartiere der Altstadt der Anteil der für touristische Zwecke genutzten bebauten Wohnbaufläche mit bis zu 40 % angegeben (2017, S. 31). Auch wenn dieser Wert nicht überprüft werden kann und sehr hoch gegriffen erscheint, ist wohl unbestritten, dass das Phänomen der touristischen motivierten Zweckentfremdung von Wohnraum in Barcelona sehr stark ausgeprägt ist. In der ‚Airbnb-Hauptstadt‘ Deutschlands ergeben sich (bei unterstellten durchschnittlich zwei Einwohner: innen pro Wohnung) für Kieze in den besonders von Airbnb geprägten Bezirken Neukölln, Prenzlauer Berg, Fried‐ richshain und Kreuzberg (→ Abb. 11 in Kap. 2.3) nur zwischen vier und 5 %. Bezogen auf die Gesamtstadt ist in der Hochphase nur jede 240ste der knapp 1,9-Mio. Berliner Wohnungen auf Airbnb zu finden gewesen (Skowronnek, Vogel und Parnow 2015). Für München ist zu konstatieren, dass dort der Wohnungsmarkt in den letzten Jahrzehnten ohnehin schon relativ durchgängig angespannt gewe‐ sen ist. Dementsprechend hat München auch in den letzten Jahrzehnten mit die höchsten Mieten und Immobilienpreise in Deutschland zu verzeich‐ nen gehabt. Neben dem Aspekt der Gewöhnung der Stadtbevölkerung an relativ hohe Mieten, war damit auch nur begrenzt günstig verfügbarer Wohnraum vorhanden, der sich für touristische Vermietungen und damit eine Zweckentfremdung anbot. Die Gentrifizierung, die in Berlin oder auch in Barcelona in den letzten Jahren parallel zur Entwicklung der Sharing Economy ablief, fand am Beginn ja relativ niedrige Wohnungsmarktpreise vor, die eine Ansiedlung von Mitgliedern der sog. kreativen Milieus begüns‐ tigte. Damit wurden die Viertel erst für den NUT attraktiv. Entsprechend der in München durchgängig hohen Nachfrage auf dem Wohnungsmarkt vor relativ kaufkraftstarken Bevölkerungsgruppen sind dort das Upgrading und die Gentrifizierung bereits seit den 1980er-Jahren im Prozess. Gleichzeitig bedeutet ein angespannter Wohnungsmarkt auch, dass von kommunaler Seite bereits seit 1971 Instrumente gegen die Wohnraumzwe‐ ckentfremdung (damals v. a. gerichtet gegen eine Umnutzung in Dienst‐ leistungsstandorte) praktiziert werden (Landeshauptstadt München. Sozial‐ 154 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="155"?> referat 2011, S. 34). Darüber hinaus hat das Sozialreferat Münchens seit Januar 2018 ein Melde-Portal, über das Bewohner: innen den Verdacht der Wohnraumzweckentfremdung melden können. In einem Gespräch erklärten Mitarbeiter: innen des Referates die Funktionsweise des Portals (Landeshauptstadt München. Sozialreferat. Amt für Wohnen und Migration 2022): „Bei uns ist es eigentlich so, die meisten Hinweise kriegt man tatsächlich von Nachbarn, die in irgendeinem Haus wohnen, wo dann irgendwann abends, um neun oder nachts um zwei, geklingelt wird und die Touristen die Wohnung suchen. Und das machen die eben zwei Mal und irgendwann nervt das natürlich die Nachbarn. Und dann kriegen wir einen Hinweis über unsere Meldeplattforum und idealerweise ist da eben gleich der Link dabei von Airbnb und somit fügen wir das dann wie so ein Puzzleteil zusammen. Und was bei uns Standard ist, natürlich, dass es dann auch im Außendienst Termine gibt, wo die Kollegen rausgehen und klingeln, dann früh um sieben, um acht an der Wohnung und befragen die Personen die drin‘ sind ‚warum sind Sie da? Wie lange? Über welches Portal gebucht? ‘ Also das machen wir genau so.“ Auch wenn dieses Melde-Portal in den ersten viereinhalb Jahren (wovon zwei Jahre von der Pandemie betroffen waren) 3.400-3.500-mal genutzt wurde, so gibt es auch kritische Stimmen aus der Bewohnerschaft (Bew. 3 2020): „München geht ja relativ scharf vor gegen Airbnb. Was mir aber persönlich übrigens auch nicht gefällt. Also ich finde es ganz schrecklich, dass es da sozusagen eine Art Denunziationstool gibt. Ne, also dass man irgendwie sagen soll ‚hör, wenn du in deiner Nachbarschaft, ja dann melde dich bei …‘.“ Über die Gesetze bzgl. der Wohnraumzweckentfremdung, hat München auch bereits 1994 Verfahrensgrundsätze für eine sog. „Sozialgerechte Bo‐ dennutzung“ festgelegt, um bei größeren Bauvorhaben sicherzustellen, dass mindestens ein Drittel der Neubauwohnungen nach Kriterien des Sozialen Wohnungsmarktes vergeben werden können (Landeshauptstadt München. Referat für Stadtplanung und Bauordnung 2017, S. 36). Gleichzeitig ist aufgrund der relativen wirtschaftlichen Prosperität die Stadt München in der Lage, einerseits Bodenvorratspolitik zu betreiben und damit auch Flächen entsprechend den wohnungspolitischen Zielen z. B. an Genossenschaften zu vergeben. Andererseits hält die städtische Wohnungsbaugesellschaft mit 7,5 % der Wohnungen durchaus einen signifikanten Marktanteil (Landes‐ hauptstadt München. Referat für Stadtplanung und Bauordnung 2017, S. 89) - während umgekehrt das Land Berlin kurz nach der Jahrtausendwende - 4.4 Vulnerabilität und Resilienz 155 <?page no="156"?> auch angesichts knapper öffentlicher Kassen - mit insgesamt etwa 150.000 Wohnungen einen erheblichen Anteil seiner sozial gebundenen Wohnungen auf dem freien Markt veräußerte (Oellerich 2009). Der bereits seit längerem angespannte Wohnungsmarkt in München, im Wechselspiel mit einem entsprechenden politischen Gestaltungswillen und auch den finanziellen Spielräumen, hat sicherlich mit dazu beigetragen, dass die Anpassung an die Herausforderungen des Sharing Wohnungsmarktes in München wohl keine so große öffentliche Diskussion generiert hat wie z. B. in Barcelona oder Berlin. Eine gleiche Tourismusintensitäts-Exposition der Bewohner: innen kann damit in München auch durch die Anpassungsmög‐ lichkeiten der Stadtpolitik zu einer niedrigeren Empfindlichkeit beitragen. Der Umgang mit den Gefährdungen/ Expositionen auf der gesamtkommu‐ nalen Ebene scheint damit einen weiteren Aspekt zur Förderung der Resi‐ lienz darzustellen. Dies gilt ja in gleicher Weise auch z. B. für die von den Tourist: innen mit genutzte Verkehrsinfrastruktur, auch wenn diese in Großstädten nur einen kleineren Teil der Nachfrage nach ÖPNV-Angeboten darstellen. Städte, die vorausschauend in die entsprechende Infrastruktur investiert haben, bzw. investieren konnten, sind leichter in der Lage auf Nachfragespitzen, die auch von Tourist: innen mit verursacht werden, durch entsprechende Angebotsausweitungen zu reagieren. Damit kann auch hier bei gleicher Exposition (touristischer Nachfrage) die Sensitivität der Be‐ wohner: innen (bzw. deren daraus resultierende Reaktionen) entsprechend niedriger gehalten werden. Damit ist das Gesamtsystem resilienter. 4.4.2.2 Lebensstil-Gaps zwischen Besucher: innen und Bewohner: innen Ein weites Kriterium, das dazu beiträgt, dass München resilienter gegenüber Overtourism erscheint als andere Destinationen, ist die Tatsache, dass die Lebensstil-Gaps, gemeint als Unterschiede, zwischen Besucher: innen und Bewohner: innen in der bayerischen Hauptstadt eher gering sind. Außerhalb der Oktoberfestzeit sind die meisten München Besuchenden eben mehrheit‐ lich keine auf Alkoholexzesse und übermäßigen Bierkonsum ausgerichteten Partytourist: innen. Der Lebensstil der Besucher: innen ist weitgehend ge‐ prägt vom Interesse an Kunst und Kultur, inklusive der Bierkultur, die von großen Teilen der Münchner: innen ebenfalls als kulturelle Praktiken nachgefragt werden (Landeshauptstadt München 2013, S.-11). 156 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="157"?> Hinzu kommt, dass München eine eher hochpreisige Destination ist (HRS 2019), wodurch insbesondere kaufkraftstärkere Zielgruppen angesprochen werden. München hat sich nie als kostengünstiges Party-Reiseziel aufge‐ stellt, wie es Amsterdam, Barcelona und auch Berlin getan haben. An diesen Zielgruppen-Richtlinien hält die DMO bis heute fest und fokussiert sich in ihrer Tourismusstrategie seit Langem auf die Sinus-Milieus (Hradil 2006, Barth et al. 2018). In der post-pandemischen Tourismusstrategie wird der Fokus auf das „Konservativ-gehobene Milieu“, das „Postmaterielle Milieu“, und das „Expeditive Milieu“ gelegt (Landeshauptstadt München 2022, S. 15). Damit werden Zielgruppen angesprochen, die ähnliche Präferenzen wie ein großer Teil der Bewohner: innen Münchens aufweisen. Aus der Art der Zielgruppen resultieren damit weniger direkte Friktionen (Postma und Schmücker 2017, S. 149). Da München als Arbeitsmarkt stark von gut‐ verdienenden akademischen Berufen geprägt wird, fragen tendenziell die Bewohner: innen und die Besucher: innen keine diametral entgegengesetzten Freizeitangebote nach. Dementsprechend besteht auch kein ausgeprägtes „kulturelles Gap“ zwischen den Besucher: innen und den Bewohner: innen. Auch setzt der Flughafen München nur sehr begrenzt auf Low Cost Carrier (Ibel 2014, S. 76, DLR 2019, S. 14), so dass auch hierdurch kaum preissensible Feierwütigein die Stadt gelockt werden. So werden Party‐ tourist: innen - welche in Berlin stark vertreten sind - als irritierender empfunden als kulturorientierte Städtetourist: innen in München, da das Lebensstil-Gap zwischen den Besucher: innen und Bewohner: innen größer ist. Der bereits in → Kap. 4.3.2 angesprochene Einfluss der Besucherstruk‐ tur kann damit auch in das Vulnerabilitäts-Resilienz-Konzept integriert werden: Die Exposition der Bewohner: innen gegenüber einer bestimmten Anzahl von Besucher: innen führt in Abhängigkeit von den Besucher: innen ausgehenden Irritationen zu unterschiedlich intensiven Coping- und Anpas‐ sungs-Reaktionen bzw. einer unterschiedlich ausgeprägten Empfindlichkeit. Die Belastbarkeit einer gastgebenden Bevölkerung ist damit in starkem Maße auch ein soziales Phänomen, das durch ähnliche Lebensstile von Bewohner: innen und Besucher: innen positiv beeinflusst werden kann. Auch ein Vertreter der lokalen DMO formuliert dies entsprechend: „Bedeutet wir sprechen gezielt Gäste an, die eigentlich genau das gleiche Verhal‐ ten zeigen, wie die Münchner selbst, die ähnliche Interessen haben, die ähnliche Neigungen haben. Das heißt wenn diese Gäste dann nach München kommen, 4.4 Vulnerabilität und Resilienz 157 <?page no="158"?> fallen sie nicht auf, weil sie sich genauso verhalten, wie die Münchner selbst. Insofern sind die auch kein so großer Störfaktor, wie vielleicht ein Milieu, das sehr auffällig ist, wie Partygäste zum Beispiel“ (Zednik 2018). Diese Strategie entspricht dem Anpassungsansatz im Resilienz-Konzept, auch wenn er in München sozusagen prophylaktisch bereits vor dem Auftauchen der Overtourism-Diskussion als originäre Tourismusstrategie verfolgt wurde. Das Setzen auf eher hochkulturelle und genussorientierte Zielgruppen im gehobenen Preissegment kann damit als eine Art Immuni‐ sierungsstrategie angesprochen werden. 4.4.3 Zwischenfazit: München und die „Biergarten-Toleranz“ Wie in den vorangegangenen Abschnitten dargelegt, weist die bayerische Landeshauptstadt im Vergleich zu anderen urbanen Destinationen begüns‐ tigende Faktoren auf, die zu der Resilienz der Bewohner: innen gegenüber einer hohen Tourismusintensität beitragen. Ein gelerntes, erhöhtes Tole‐ ranzniveau und großzügige räumliche Stadtstrukturen lassen viele Münch‐ ner: innen bisher noch relativ entspannt auf die Frage nach Problemen durch touristische Übernutzung reagieren. Im Zuge der Erhebungen in München ist auch immer wieder ein Aspekt aufgetaucht, der sich den bisherigen eher rational geprägten Deutungsmus‐ tern nur begrenzt erschließt. Ohne dass dies bei den Expert: innenengesprä‐ chen durch entsprechende Fragen nahegelegt wurde, tauchte als Topos bei vielen Gesprächen mit Tourismus-Involvierten sowie der Stadtbevölkerung das Motiv der Biergärten auf. Dabei wurde fast dem Klischee der Werbung der Paulaner Brauerei mit den „Geschichten aus dem Paulaner-Garten“ (Pau‐ laner 2008) in den Äußerungen entsprochen, wie bspw. bei der Erzählung einer Person während der Fokusgruppen-Diskussion (Bew.-21 2020): „das finde ich eigentlich eine spannende Strategie, dass diese Stadt tatsächlich die Möglichkeit hat, … dass jemand, ich denke jetzt mal an so Biergarten-Kultur, ja, also wo man sich halt einfach dazusetzt; oder an die Stammtische. Also das ist in München, glaube ich, schon sehr typisch. Oder wird jedenfalls so wahrgenommen, trotz der grummeligen Art, die dem Münchner nachgesagt wird. Und dazu kommt, dass wir ja auch einen sehr hohen Anteil von Münchnerinnen und Münchner mit Migrationsanteil haben. Das heißt, es gibt generell eine sehr große Offenheit. Und das drückt das, also ich kann ja auch nur meinen Eindruck 158 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="159"?> sagen, meinen subjektiven, aber das drückt das für mich aus. Also sprich ‚ihr seid willkommen, wir setzten uns gern mit euch an einen Tisch‘.“ Referiert wurde dabei einerseits auf einen Mix aus stolzer Bierkultur, und auf die unter den Bewohner: innen weit verbreitete oberbayrisch-patrioti‐ sche Position „Hauptstadt des Bieres“ zu sein (Landeshauptstadt München. Referat für Arbeit und Wirtschaft 2014a). Dies hat sich auch in einer Image‐ analyse von München Tourismus bestätigt bei der unter allen drei Befra‐ gungsgruppen (DMO Mitarbeitende, Bewohner: innen und Besucher: innen) das Thema Bier(-Kultur) sehr weit vorne mitspielte (Zednik 2022). Vor allem unter den befragten Tourist: innen landet die Bierkultur, nach dem Oktober‐ fest, auf dem zweiten Platz. Basierend darauf hat München Tourismus sich zum Ziel gesetzt, ihre Bierkultur - mit Betonung auf dem zweiten Teil des Wortes - stärker zu vermarkten und es Teil der post-pandemischen Tourismusstrategie zu machen (vgl. Web-Auftritt „Münchner Bier erleben - Bierkultur München“ von München Tourismus 2024b). So Interpretiert die DMO die Wahrnehmung von München als Bier-Stadt als (Zednik 2022, S.-10): • „Unterschiedliche Leute haben eine gute Zeit zusammen. • Leute können Münchner und/ oder Touristen sein. • Münchner und Touristen haben eine gute Zeit zusammen. • Touristen erleben die Stadt auf die gleiche Weise wie Münchner. • Touristen sind Teil der Stadt, sie sind Münchner.“ Dies, sowie das wiederholte Aufkommen des Beispiels während diverser Gespräche, bestätigt, dass die Bierkultur nicht nur in wichtigen Freizeitorten manifestiert, sondern als integraler Bestandteil der Stadtgesellschaft und ihrer Kultur verstanden wird. So bestätigt es Bew.-20 (2020): „Und was ich ganz mag an den Biergärten, dass ich das Gefühl habe, da gibt es eine ganz gute Mischung von Leuten. Also ab und zu hat man natürlich auch dann das Schwabinger Schickimicki, aber es gibt sehr viele, die das überhaupt nicht sind, die eher von der anderen Seite vom Ring kommen, oder aus den ehemaligen, ja eher Sozialbauten oder so auf der anderen Seite, also Richtung Olympiapark auch. Genau, ich finde es einfach eine angenehme Mischung vom Alter und von der Herkunft.“ So lässt sich auch die gesellschaftliche Bedeutung der Biergarten, also Räume, die dem Ausleben und Teilen dieser Kultur gewidmet sind, erklären. 4.4 Vulnerabilität und Resilienz 159 <?page no="160"?> Und tatsächlich lässt sich die Biergarten-Situation metaphorisch auf die touristische Situation der Stadt übertragen. Neben dem Megaevent Oktoberfest, auf dem die bayerische Kultur und Kulinarik (mit rund 7 Mio. Litern ausgeschenktem Bier (Landeshauptstadt München 2024a)) zelebriert werden, gibt es eine Vielzahl an kleineren Biergärten, die kaum von exter‐ nen Besucher: innen und fast ausschließlich von Einheimischen aufgesucht werden und damit auch als eine Art Rückzugsraum fungieren. Ähnlich wie die Wohnquartiere, die durch Airbnb und die Sharing Economy touris‐ tifiziert werden, befürchten Expert: innen nun, dass durch den Trend zum „Off-the-beaten-track“-Tourismus nicht nur die Wohnorte, sondern auch die Freizeitplätze der Bewohner: innen häufiger von Tourist: innen frequentiert werden: „Jetzt schlagen viele vor dann müsst ihr es besser verteilen. Und da kommen dann häufig so Ideen, ja, München [hat] so viele coole kleine Biergärten und so, bringt die Leute doch mal ein bisschen fernab vom Hofbräuhaus. Da gibt es auch ein Biergarten oder da gehen halt alle hin, die da ein Bierchen trinken wollen, oder es gibt paar große Biergärten. Es gibt so viele schöne Biergärten und ich sehe das auch kritisch. Ich sage nicht, dass ich es gut oder schlecht sehe, aber man muss zumindest dann überlegen, was die Konsequenz ist. Wenn diese letzten kleinen Biergärten, wo tatsächlich der Münchner sitzt und nach der Arbeit gemütlich seine Maß Bier oder seine Halbe Bier trinken kann, wenn dann da auch immer mehr Touristen kommen. Da sind wir bei einer Diskussion, die mit Airbnb schon losging“ (Namberger 2018) Auch der Vertreter aus dem Stadtrat betont diese Rolle der Biergärten: „Viel‐ leicht ist eben ein gewisses Verständnis auch da, und solang man im Biergarten noch einen Platz kriegt, das ist eh vielleicht so, wenn es im Viktualienmarkt ganz voll wird, dass man da keinen Platz mehr kriegt, vielleicht kippt dann die Stimmung“ (Bickelbacher 2018). Ähnlich äußert sich auch der Vertreter der Stadtmarketing-Organisation: „Wenn der Niederbayer zum Tagestourismus hierher kommt und sich dann ins Hofbräuhaus setzt, oder zum Augustiner oder in den Löwenbräu Biergarten geht, fällt der nicht auf, weil es eine ähnliche Klientel ist, auch dieses kulturorientierte klassische italienische Klientel. Mein Gott die schwimmen halt so mit, die reden ein bisschen anders, aber sind jetzt nicht verhaltensauffällig in dem Sinn, dass sie eben andere Settings mit präferieren. … „Und da ist wieder, auch wenn der Münchner als 160 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="161"?> grantelig manchmal gilt, da im Biergarten, da hockt dann halt alles durch die Schich‐ ten, quer durch den Gemüsegarten und alles ist gut“ (Fischer 2018). Möglicherweise lässt sich die Situation um die Münchner Biergärten zu‐ mindest teilweise auf die Gesamtsituation übertragen. So scheint der Stolz auf die lokale (Bier-)Kultur, gepaart mit einer Offenheit zur Teilhabe an dieser Kultur in bestimmtem Räumen, die Geduld der Bewohner: innen gegenüber den wachsenden Tourismusströmen zu fördern - ein Phänomen, dass verkürzt auch als „Biergarten-Toleranz“ charakterisiert werden kann (vgl. auch Erdmenger 2019). Bew. 11 (2020) beschrieb dies wie folgt: „Ich hab für mein Foto den Viktualienmarkt mit rein gebracht, weil wir wohnen da um das Eck, wirklich, das ist für uns der nächste Biergarten und da finden wir es tatsächlich wahnsinnig interessant oft, wenn man sich hinsetzt, dann eventuell sitzt man mit alten Münchner zusammen, was nett ist, oder mit irgendwelchen Leuten aus Amerika. Und das ist immer netter Ratsch und da funktioniert das tatsächlich mit dieser Teilhabe.“ Abb. 79: So lange der Münchner noch einen Platz im Biergarten findet scheint die Welt weitgehend in Ordnung 4.4 Vulnerabilität und Resilienz 161 <?page no="162"?> Das Privileg, nicht nur im Urlaub die Biergärten frequentieren zu können, sondern eben fast zu ‚leben, wo andere Urlaub machen‘ kann sicherlich - ohne jetzt zu sehr in sozialpsychologischen Sphären dilettieren zu wollen - als Beitrag zum festgestellten relativ hohen Resilienzniveaus in München angesehen werden (vgl. nachfolgende Box). So fasste es ein: e Fokusgruppen‐ teilnehmende: r zusammen als (Bew. 4 2020): „Ja aber, in dem Sinne ist es, wenn ich Touristen empfang oder Besucher und Besucherinnen, ich bin stolz das denen zu zeigen. Also das ist ein Gefühl von Stolz, ja. Wenn die nicht kämen, also wenn keiner käme, ich würde denken, ihr müsst das doch alles entdecken. Da ist so viel zu sehen und zu tun. Und ja die müssten kommen. Ja, die müssen kommen.“ Die Zufriedenheit mit der Stadt, in der man lebt und ein gewisser Lokalstolz werden auch vom Tourismusdirektor in Würzburg für relevant gehalten. Würzburg hat bei vergleichbarer Stadtgröße weitgehend die glei‐ che Entwicklung im Flusskreuzfahrttourismus erfahren wie Bamberg, ohne dass bislang intensivere Diskurse über Belastungsgrenzen erkennbar sind. Als einer der Gründe hierfür wird angesehen: „Und die Einheimischen sind schon ganz stolz und zeigen das dann auch, wie gut es sich hier leben lässt“ (Rudek 2020). Dass die wahrgenommene Lebensqualität einen positiven Einfluss auf die Sicht der Tourismus ausüben kann, wurde auch empirisch nachgewiesen (Nunkoo und So 2016, S.-850). Das Geheimnis der Münchner Biergärten Der Münchner Biergarten-Topos wird auch von der bundesweiten Presse mit gepflegt und weiterentwickelt. So titelt Björn (2019) in der Wochenzeitung „Die Zeit“: „Schee! Wer in den Biergarten geht, muss nicht länger allein sein. Wer in den Biergarten geht, kann die horrende Miete vergessen, die er für kein Haus mit Garten zahlt“ „Vielmehr beschäftigt mich eine große, wichtige, wirklich drängende Frage: Was ist das Geheimnis von Münchens Schönheit. … Aber vor allem meine ich die Schönheit, die darin zum Ausdruck kommt, dass die Menschen hier gut zueinander sind. … Ich wollte schon aufgeben, da kam ich auf die Lösung. Sie ist so einfach, wie alle genialen Ideen einfach sind. Und ich glaube, wenn man sich ernsthaft mir ihr beschäftigt, kann man daraus ein Modell entwickeln. Vielleicht nicht für die ganze Welt, weil ich auf keinen Fall der bayerischen Großmannssucht das Wort reden möchte, aber zumindest für Deutschland: die Idee eines 162 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="163"?> freundlicheren Landes, in dem die Menschen einander mit Zugewandtheit und Wohlwollen begegnen. Die Lösung ist: der Biergarten. Es gibt ja die verbreitete Klage, dass es der Politik an Visionen mangelt. Politiker widmen sich Problemen, tüfteln … Lösungen aus, die sie hinterher als „alternativlos“ präsentieren. … Ich will nicht sagen, dass der Biergarten all diese Probleme lösen würde, aber zumindest in Sachen Demokratie könnte er helfen. Vielleicht sagen Sie jetzt: Der Biergarten? ! Ist doch nur eine Ansammlung von Tischen und Stühlen! … Aber das stimmt eben nicht. Nehmen wir zum Beispiel den Taxisgarten. Er ist nicht so berühmt wie der Hirschgarten, Europas angeblich größter Biergarten, … Aber das ist nicht das Entscheidende. Für den Biergarten gilt, was nicht einmal mehr auf Kneipen, Fußballstadien oder Schulen zutrifft: Er ist ein egalitärer Ort, an dem fremde Menschen aus verschiedenen Milieus aufeinandertreffen, nicht um sich - wie auf Twitter - zu beleidigen, sondern um zusammenzusitzen und sogar gelegentlich miteinander zu sprechen. … Wer in den Biergarten geht, durchbricht die Anonymität der Großstadt und begegnet echten Menschen, manchmal sogar seinen Nachbarn. Aber man muss nicht. Und deshalb kann man nicht nur im Taxisgarten beobachten, wie die meisten Menschen ihre prall gefüllten Tupperdosen auspacken und sich anschließend Brote schmieren mit Wurst oder Käse oder veganem Brot‐ aufstrich. Man kann beobachten, wie sie ihre mitgebrachten Poke-Bowls essen oder ihre selbst gemachten Falafeln. Man kann beobachten, wie sie die größte Kunst der Münchner pflegen: die des gemeinschaftlichen Draußensitzens. … Wenn es nach mir ginge, würde ein … Politiker bald endlich eine wirklich große Vision verkünden - und die Biergartenrepublik proklamieren! Nach dem ‚Gute-Kita-‘ und dem ‚Starke-Familien-Gesetz‘ könnte die Bundesre‐ gierung dann das ‚Super-Biergarten-Gesetz‘ erlassen, das einen Schlüssel von einem Biergarten pro 1000 Einwohner vorschreibt. Ich verspreche Ihnen, Sie würden dieses Land nicht wiedererkennen. Keiner würde mehr von der Zersplitterung der Gesellschaft reden. Alle Standes- und Bildungsunterschiede würden weniger wichtig, Beruf und Einkommen, Herkunft und Hautfarbe wären bedeutungslos. Stattdessen würde unter allen Bürgerinnen und Bürgern der Biergartenrepublik, wäh‐ rend sie leicht angetrunken unter Kastanien sitzen, ein ungekanntes Gefühl von Zusammengehörigkeit entstehen“ (Stefan 2019, S.-50). 4.4 Vulnerabilität und Resilienz 163 <?page no="164"?> 4.4.4 Rahmenbedingungen der Befindlichkeit einer Stadtgesellschaft Über den fast etwas ironisch-lächelnden Blick auf die Münchner Biergärten soll der Fokus darauf gerichtet werden, dass es - über die objektiven Gege‐ benheiten von Tourismusintensität, Transformationsgeschwindigkeit sowie die subjektive Perzeption der Bewohner: innen von Exposition, Sensitivität und Coping-Optionen hinaus - möglicherweise beim Themenfeld Overtou‐ rism um noch tiefer sitzende Dimensionen geht, welche die Befindlichkeit einer Stadtgesellschaft betreffen. Ist eine Stadtgesellschaft disruptiven Prozessen ausgesetzt, geraten so‐ ziale, ökonomische oder gesellschaftliche Gegebenheiten aus dem Gleich‐ gewicht, dann scheint die Fähigkeit sich mit Stressfaktoren - und als ein solcher kann eine hohe Tourismus-Exposition sicherlich angesprochen werden - auseinanderzusetzen geringer zu werden. Dies könnte z. B. auch zu der verhältnismäßig niedrigeren (Tourismus-)Resilienz der Katalanen in Barcelona beitragen - einer Gesellschaft, die sich seit Jahrhunderten von Spanien abgrenzen möchte und auch dafür laut demonstriert und mediale Aufmerksamkeit sucht. Umgekehrt - und in diese Richtung führen die Bier‐ garten-Gedanken in München - ist eine in sich ruhend und relativ stabil bzw. wenig von Spannungen und Friktionen gekennzeichnete Stadtgesellschaft wohl als resilienter anzusehen. Damit scheinen - über den engeren Fokus auf den Tourismus hinaus - die Befindlichkeit der Stadtgesellschaft sowie der gesamte gesellschaftspolitische Diskurs eine wichtige Rolle zu spielen, wie die Reaktionen auf ähnliche Overtourism auslösende Stimuli ausfallen. Am Beispiel von Berlin - das klar von einem hohen Veränderungsdruck geprägt ist - drängt sich teilweise sogar die Vermutung auf, dass die Overtourism-Diskussion eine Art Projektion darstellt. Die Disruptionen und Spannungen in dieser Stadt werden möglicherweise als eine Art Ventil auf das ‚Fremde‘, die Tourist: innen projiziert. Dahinter kann auch stehen, dass damit vermieden wird, nach stadtinternen und persönlichen Ursachen für empfundene Probleme und den Veränderungsdruck suchen zu müssen. Allerdings gibt es für diese Vermutungen bislang noch keine belastbaren empirischen Belege. Gleichzeitig würde es den Kompetenzbereich der geo‐ graphisch geprägten Tourismuswissenschaft eindeutig übersteigen, sich zu weit in diese soziologischen, politikwissenschaftlichen und sozialpsycholo‐ gischen Bereiche ausdehnen zu wollen. 164 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="165"?> Festgehalten werden kann aber, dass - auch wenn in München klare Herausforderungen eines angespannten Wohnungsmarktes und selbstver‐ ständlich auch einer zunehmenden Polarisierung und Fraktionierung der Stadtgesellschaft vorhanden sind - diese weniger stark in einem Diskurs über Overtourism münden. Ähnliche Hintergründe für ein relativ hohes Resilienzniveau hat Erdmen‐ ger (2019) am Beispiel von Kopenhagen identifiziert. Wie München weist auch Kopenhagen eine relativ hohe Tourismusintensität und weit verbrei‐ tete Airbnb-Durchdringung auf, ohne dass dort bislang eine intensivere Overtourism-Diskussion entstanden wäre. Die Zielgruppen in Kopenhagen sind - vergleichbar denen von München - auch als relativ kaufkraftstark, kulturell interessiert und umweltbewusst zu charakterisieren (Erdmenger 2019, S. 444). Gleichzeitig versucht die lokale DMO Wonderful Copenhagen in der Interaktion mit allen lokalen Beteiligten eine positive Atmosphäre zu schaffen. Gleichwohl können diese „Hard Facts“ allein eben nicht als ursächlich für die Offenheit und Toleranz in der Stadt herangezogen werden. Auch hier sind es Befindlichkeiten in der Stadtgesellschaft, die mit zu einem relativ hohen Resilienzniveau beitragen. Ohne dass dies schon das Phänomen vollständig ausloten würde, hat Erdmenger in ihrer Auseinander‐ setzung mit dem Phänomen den dänischen Begriff „hygge“ als provisorische Deutungshilfe verwendet. Hygge lässt sich am ehesten mit dem Befinden von Gemütlichkeit und angenehmer Geselligkeit mit einem Gefühl von Wohlbefinden, Behaglichkeit und Zufriedenheit im Deutschen fassen. Wenn auch etwas verkürzt, kann wohl formuliert werden: Was dem Münchner sein Biergarten, ist dem Kopenhagener seine „Hygge-ligkeit“. Beides hilft, Stressfaktoren leichter zu bewältigen und damit gelassen(er) umzugehen. Weiter gedacht kann durchaus vermutet werden, dass hinter den beiden Beispielen mit hoher Overtourism-Resilienz letztendlich sogar das Konzept des Sozialkapitals von Bourdieu stehen könnte: „Das Sozialkapital ist die Gesamtheit der aktuellen oder potentiellen Ressourcen, die an die Verfügung über ein dauerhaftes Netzwerk von Beziehungen gebunden sind, welche mehr oder weniger durch gegenseitiges Erkennen sowie Anerken‐ nen institutionalisiert sind - mit anderen Worten, an die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, als Gesamtheit der Akteure, die nicht nur mit gemeinsamen Eigenschaf‐ ten ausgestattet sind … sondern die auch durch beständige und nützliche Ver‐ bindungen vereint sind“ (Bourdieu 2005, S.-263). 4.4 Vulnerabilität und Resilienz 165 <?page no="166"?> Von Nahapiet und Ghoshal (1998) wurden dabei drei Dimensionen des Sozialen Kapitals unterschieden: [1] Strukturelles soziales Kapital [2] Kognitives soziales Kapital [3] Relationales soziales Kapital (→-Tab.-3). Zu [1]: Strukturelles soziales Kapital: Das strukturelle Sozialkapital wird durch Institutionen, Führungskräfte und Governance gestärkt. Sowohl in München als auch in Kopenhagen wurden die Kommunen in gewisser Weise dadurch gestärkt, dass der spezifische lokale Lebensstil (Hygge- und Biergarten-Kultur) ein zentrales konstituierendes Element darstellt (vgl. Erdmenger 2019, S.-447). Zu [2] Kognitives soziales Kapital: Das kognitive Kapital basiert auf Wis‐ sen und Verständnis. Dies wird in Kopenhagen vor allem durch eine inten‐ sive Online-Kommunikation und offene Diskussion der Tourismus-Strategie gefördert. Dazu gehört auch eine offene Adressierung von Airbnb-Gastge‐ ber: innen (vgl. Erdmenger 2019, S.-446f.). strukturell kognitiv relational Sozialstruktur geteiltes Verständnis Art und Qualität von Beziehungen • Netzwerk-Bindungen • Netzwerk- Konfiguration • angemessene Organisation • Regeln und Vorgehensweisen • gemeinsame Codes und Sprache • gemeinsame Narrative • gemeinsame Werte, Haltungen und Überzeugungen • Vertrauen • Normen • Verpflichtungen • Identität und Identifizierung Tab. 3: Dimensionen von sozialem Kapital Zu [3]: Relationales soziales Kapital: Das relationale Sozialkapital wird durch Vertrauen und starke Beziehungen gefördert. Auch hier sind München und Kopenhagen in der Kommunikation weitgehend offen und versuchen, persönliche Bindungen herzustellen (vgl. Erdmenger 2019, S.-446). Damit sind im Tourismusbzw. Overtourism-Kontext einerseits unter den professionellen Tourismus-Akteur: innen vor allem strukturelle Aspekte, die zu einer Steigerung des Sozialkapitals beitragen. In der Relation zu den 166 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="167"?> Bewohner: innen dürften kognitive und relationale Aspekte eine größere Rolle spielen. Unter diesem Blickwinkel widmet sich zwar inzwischen auch die lokale DMO Münchens intensiver dem Binnenmarketing und damit auch der Kommunikation und Interaktion mit den Bewohner: innen. Gleichzeitig fungiert dort vor allem auch die lokale Presse als wichtiger Vermittler für Tourismusthemen. So hatte die Süddeutsche Zeitung im Frühjahr 2019 eine elfteilige Artikelserie „Touristenmagnet München - die Stadt und ihre Gäste“ publiziert, in der unterschiedlichste Aspekte des Tourismus - teilweise auch aus ungewohnter Perspektive thematisiert worden sind: [1] Schaut auf diese Stadt. Jedes Jahr ein Besucherrekord und Tausende neue Hotelbetten: Der Tourismus in München boomt, doch von Auswüchsen wie in Venedig oder Barcelona ist hier noch wenig zu spüren (Buchwald 2019). [2] Verblüffen und verzaubern. Sie zeigen Münchens schönste Seiten, erklären die Stadtgeschichte und vermitteln so ein Bild, ein Lebensgefühl, eine Stimmung. Sechs Stadtführer erzählen von ihrem Beruf und ihren liebsten Plätzen (Aldenhoff 2019). [3] „Überall starrt Reichtum und Vornehmheit“. Der Wohlstand in der Stadt hat Reisende schon vor Jahrhunderten beeindruckt. Doch auch von seltsa‐ men Gerüchen und derben Bewohnern wird in alten Schilderungen häufig berichtet - und von hohen Preisen (Wetzel 2019). [4] Willkommen daheim. Dominic von Moltke ist kein Hotelier, aber mit Gästen aus aller Welt kennt er sich aus: Seit 2015 vermietet er ein Zwölf-Quadratmeter-Zimmer in seiner Wohnung über Airbnb, gerne an Besucher aus Asien, weniger gern an Deutsche vom Land (Hoben 2019). [5] Täglich grüßt der Wolpertinger. Mit leeren Händen verlassen die wenigs‐ ten Touristen die Stadt - zur Freude der vielen Souvenirladenbesitzer, die vom „Nutcracker“ über ungenießbare Lebkuchenherzen bis zur Ku‐ ckucksuhr alles verkaufen, was mehr oder weniger an München erinnert (Knoll 2019). [6] Fleisch von der Stange. Das Hofbräuhaus, der Haxnbauer, das Hackerhaus - die bekannten Großgasthäuser in der Innenstadt sind bei Touristen beliebt. Ein Selbstläufer aber ist auch das Geschäft mit der Tradition nicht (Kotteder 2019a). [7] Bilder einer fremden Stadt. Glockenspiel? Hofbräuhaus? Viktualien‐ markt? Von wegen. Wenn Touristen München fotografieren, dann halten sie ausgefallene Motive fest. Zum Beispiel das Schaufenster einer Ände‐ 4.4 Vulnerabilität und Resilienz 167 <?page no="168"?> rungsschneiderei, das aus Sicht einer Portugiesin viel über Deutschland erzählt (Skala 2019). [8] Weißwurst mit Haut und Haar. Wer Münchner Reiseführer studiert, kann vieles Interessante über die eigene Stadt erfahren - ob es um den Verzehr von Traditionsspeisen geht, die heimlichen Attraktionen oder den Stellenwert von Klassikern. Natürlich werden auch alle gängigen Klischees über die Bewohner: innen ausgebreitet (Anlauf 2019). [9] Hostel vs. Luxushotel. Achtbettzimmer oder 20000-Euro-Suite? Gemein‐ schaftsküche oder 24-Stunden-Room-Service? Zwischen einem günstigen Gästequartier und einem Fünf-Sterne-Haus gibt es gewaltige Unterschiede - ein Besuch in beiden Welten (Kotteder 2019b). [10] Retter der Innenstädte. Geschäftsreisende und Touristen verbinden einen Aufenthalt in München gerne mit einem Einkaufsbummel. Kunden aus Russland, China oder vom Golf sind für manche Geschäfte inzwischen existenziell (Hans 2019). [11] Meine Stadt. München hat viel mehr zu bieten als die Sehenswürdigkeiten, die es in jeden Reiseführer schaffen - nichts geht deshalb über einen einheimischen Begleiter. Ideen für einen Touristentag vor der eigenen Haustür (Forster 2019). Dabei wurden von der klassischen Overtourism-Diskussion im globalen Kontext und der Aussage, dass dies in München eben noch keine große Rolle spiele [1], über die traditionelle Wertschöpfungsdiskussion bzw. die Relevanz für den Einzelhandel [10] sowie die lange Tradition und historische Entwicklung des Tourismus [3], entsprechende Klischee-Angebote [5] [6] bis hin zum Spektrum des Übernachtungsangebotes [9] und der Airbnb-The‐ matik [4] viele zu erwartende Themen behandelt. Im Kontext der Einbeziehung der Einwohner: innen werden aber auch neue Perspektiven vermittelt, wenn versteckte und wenig bekannte Attrak‐ tionen aus Sicht von Gästeführer: innen dargestellt werden [2]. Auch das Bild Münchens in den Reiseführern kann der Leserschaft neue Perspektiven auf die eigene Stadt vermitteln [8]. Gleiches gilt für die Wiedergabe von Tourist: innenfotos, mit denen bei der Leserschaft die Besuchersicht auf die Stadt und damit auf oftmals Unbemerktes und Alltägliches gelenkt wird [7] oder den Vorschlägen, auch mal Unbekanntes in der eigenen Stadt zu entdecken [11]. Insgesamt wurde damit ein umfassendes Bild vom touristischen Gesche‐ hen vermittelt und die Bewohner: innen - ohne mit dem erhobenen Zeige‐ 168 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="169"?> finger direkt für Akzeptanz zu werben - sicherlich ein Verständnis mit befördert. Die positive Rolle von Wissen wird auch von Nunkoo und So (2016, S.-851) betont. In Würzburg, das als Flusskreuzfahrthafen am Main bislang kaum An‐ zeichen einer Overtourism-Diskussion aufweist, spielt die Kommunikation ebenfalls eine zentrale Rolle für die lokale DMO: „Also das sind so Dinge, Binnenmarketing, wo wir immer wieder, glaub ich, ganz aktiv von uns aus allein den Antrieb haben, zu informieren. Weil am Ende geben wir Steuergelder aus, das Geld muss erstmal verdient werden, verdient wird es von den Einheimischen, was wir hier ausgeben, von daher ist es nur recht zu sagen, „was machen wir mit dem Geld und wie profitiert auch ihr davon? “. Und dann ist es glaub ich relativ authentisch und die Bevölkerung identifiziert sich dann auch damit. Das ist wohl was anderes, als wenn man irgendwie im stillen Kämmerlein eine Strategie entwickelt. Die sieht dann ganz toll auf dem Papier aus und lässt sich online gut abfeuern, aber es steht niemand vor Ort dahinter oder identifiziert sich nicht damit“ (Rudek 2020). Dabei kann Kommunikation nur funktionieren, wenn Vertrauen zwischen den Beteiligten herrscht (Nunkoo und So 2016, S. 851f.). Die Offenheit und das Ernstnehmen der Bürgerschaft mit ihren Befindlichkeiten stellen damit eine wichtige Voraussetzung für die Beförderung von sozialem Kapital dar. Zum Abschluss des bisherigen - stärker analytisch ausgerichteten - Teil des Buches sollte deutlich geworden sein, dass Overtourism ein hoch‐ komplexes und vor allem auch soziales Phänomen ist. Die Annahme, dass es sich vor allem um eine rein quantitative Überlastung der Host-Commu‐ nities handeln würde, trifft zwar für einige wenige Destinationen - wie Venedig und Dubrovnik - zu. In den meisten Fällen sind aber die rein physischen Kapazitätsgrenzen nicht entscheidend für die Artikulation von Overtourism-Befindlichkeiten. Dabei ist auch die soziale Carrying Capacity kein einfach über Befragun‐ gen zu generierender und dann auf gleiche Destinationstypen zu übertra‐ gender Wert (Herntrei und Jánová 2024, S. 12). Auch die soziale Tragfähig‐ keit wird von einer Vielzahl von Aspekten mit beeinflusst. Hierzu zählen letztendlich auch die Art des politischen Diskurses in einer Stadtgesellschaft und deren Befindlichkeit. Dies sind Bereiche, die weit über den engeren Kern des Tourismus und damit auch des Destinationsmanagements der DMOs hinausgehen. Destination Governance im Kontext von Overtourism darf dementsprechend nicht nur auf den Kern von tourismusbezogenen 4.4 Vulnerabilität und Resilienz 169 <?page no="170"?> Fragen beschränkt bleiben. Um erfolgreich zu sein, muss ein integrierter Ansatz verfolgt werden, welcher das soziale, gesellschaftliche und politische Geschehen in einer Destination einbezieht. Die Komplexität der die (insbesondere die soziale) Carrying Capacity beeinflussenden Faktoren wurde bei einen Forschungsprojekt der Hoch‐ schule Luzern in Zusammenarbeit mit dem World Tourism Forum Luzern (WTFL) graphisch zusammengefasst. Diese ist in → Abb. 80 wiedergegeben. Dabei werden die klassischen Faktoren Besuchervolumen, Besucherverhal‐ ten, touristische Trends und Stellung gegenüber den Mitbewerbern in traditioneller Tourismusmanagement-Perspektive als globale Umfeldbedin‐ gungen gesehen. Der üblicherweise als Handlungsfeld von DMOs und des Tourismusmarketings geltende Bereich mit den Aspekten Saisonalität und Zielgruppen, touristische Angebote und Tourismusmanagement wird als Kernbereich relevanter Faktoren dargestellt. Abb. 80: Die Carrying Capacity beeinflussende Faktoren Aber auch bei diesem Forschungsprojekt zu Overtourism werden die lokalen Umfeldbedingungen stark betont. Teilweise noch auf traditionelle Touris‐ musmanagement-Blickwinkel sich beziehend kann hier Einbeziehung der ökologischen Tragfähigkeit (Sensitive Environment) angesehen werden. Auch die Berücksichtigung von Governance-Aspekten entspricht bereits dem Mainstream der Tourismusforschung und diffundiert auch sukzessive mehr und mehr in die Destinationspraxis. Aber als neu anzusehen ist die Berücksichtigung von sozialen Disparitäten sowie der ökonomischen Stabilität als relevant für die Overtourism-Entstehung in den Destinationen. 170 4 Wann wird aus ‚Gerade noch recht‘ ein ‚Zuviel‘? <?page no="171"?> Dementsprechend sind in den folgenden Kapiteln, die sich stärker dem Um‐ gang mit Overtourism und entsprechenden Managementansätzen widmen, auch keine einfachen Kochrezepte zu erwarten. 4.4 Vulnerabilität und Resilienz 171 <?page no="173"?> 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism Die Overtourism-Diskussion ist in den Tourismuswissenschaften letztend‐ lich nichts grundsätzlich Neues. Die Diskussion über Tragfähigkeitsgrenzen begleitet den Tourismus bereits seit längerem. Daher werden zunächst einige traditionelle Ansätze zum Umgang mit intensiverer touristischer Nachfrage vorgestellt, bevor anschließend auf einige Managementansätze und Strategien der vergangenen Dekade eingegangen wird. 5.1 Traditionelle Ansätze zum Umgang mit intensiver touristischer Nachfrage Früher fokussierten sich solche Managementansätze vor allem auf (Groß-)Schutzgebiete mit ihren fragilen Naturökosystemen. Dort handelt es sich zumeist um relativ klar identifizierbare physische Tragfähigkeits‐ grenzen (vgl. z. B. Revermann und Petermann 2003, Mund 2003; Saarinen 2016). In Schutzgebieten können konkrete physische Schäden an Flora und Fauna oder Erosionsphänomenen relativ klar identifiziert werden. Damit lassen sich relativ leicht quantitative Grenzen ziehen. Auch kann dem Phänomen einer Übernutzung durch Besucher: innen in Naturökosystemen relativ leicht durch Zonierung - mit der Ausweisung von Schutzzonen und Betretungsverboten - oder durch Besucher: innenlenkungsmaßnahmen begegnet werden. Ganz anders stellt sich die Situation im öffentlichen Raum von Städten dar. Hier werden von den Besucher: innen - insbesondere im New Urban Tourism - ja gerade die Bereiche nachgefragt, die auch von den Bewohner: innen frequentiert werden. Betretungsverbote und Zonierungen als im Naturtou‐ rismus probate Ansätze sind daher im Städtetourismus nicht praktikabel. Auch im Rahmen des Tourismus in den Globalen Süden wird der Aspekt von negativen Auswirkungen und Tragfähigkeitsgrenzen bereits seit lan‐ gem diskutiert. Dabei steht insbesondere die Frage nach der kulturellen Überprägung durch die Besucher: innen aus anderen Kulturkreisen im Fokus (vgl. z. B. Lüem 1985, Mowforth und Munt 2003). Aber auch in diesem Zusammenhang sind bislang kaum Managementansätze entwickelt worden, <?page no="174"?> die eine Übertragung auf die Overtourism-Settings erlauben würden. Zur Reduzierung wird vor allem auf die Aufklärung der Besucher: innen und deren Sensibilisierung für die speziellen kulturellen Gegebenheiten in den Zielländern gesetzt. Exemplarisch für diesen Ansatz können die Aktivitäten des (Starnberger) Studienkreis für Tourismus und Entwicklung (2020b) genannt werden. Dieser beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Informati‐ ons- und Bildungsarbeit im sog. Entwicklungsländer-Tourismus. Zentrales Instrument sind dabei die seit 1974 herausgegebenen sog. „Sympathie Ma‐ gazine“ (Studienkreis für Tourismus und Entwicklung 2020a). Mit diesen sollen die Besucher: innen für die sozio-kulturellen Gegebenheiten in ihren Urlaubszielen sensibilisiert und zu einem verantwortungsbewussten und respektvollen Umgang mit den Bewohner: innen in den Destinationen mo‐ tiviert werden (vgl. Hartmann 1974). Letztendlich ist die Wirkung solcher Kampagnen aber relativ limitiert gewesen. Lediglich im Zusammenhang mit der seit der Jahrtausendwende zuneh‐ mend an Bedeutung gewinnenden Diskussion über den Klimawandel und die Rolle des Flugverkehrs wird immer wieder intensiver über Limitierungen bzw. auch Reduzierungen der mit Reisen verbundenen CO 2 -Emissionen - durch Verkürzung der bei Reisen zurück gelegten Distanzen bzw. der verwendeten Verkehrsmittel - diskutiert. Auch wenn immer wieder eine Re‐ duzierung der Zahl der Reisen, der dabei zurück gelegten Entfernungen und ein stärkeres Setzen auf möglich CO 2 -arme Verkehrsmittel gefordert worden ist, haben sich bislang letztendlich die Triebkräfte des Nachfragewachstums als stärker herausgestellt. Insbesondere die wachsende Nachfrage aus asia‐ tischen Ländern (v. a. Indien und China) ist global gesehen eine der zentralen Triebkräfte für das quantitative Wachstum des globalen Tourismus und der Flugreisen - auch wenn der asiatische Markt bis dato die zögerlichste Erholung nach der COVID-19-Pandemie aufweist (UN Tourism 2024). Die Notwendigkeit der Einleitung einer Dekarbonisierung auch im Tourismus mit dessen ungebrochenem Wachstumstrend ist inzwischen unbestritten (Scott et al. 2016). Dabei wurde lange Zeit auf freiwillige Maßnahmen (weniger Flugreisen unternehmen, bzw. freiwillige Kompen‐ sation) gesetzt. Allerdings konnte de Mello (2024, S. 166) klar herausstellen, dass dadurch allein eine Minderung nicht erreichbar ist. Vor diesem Hintergrund haben vier Autoren, die in früheren Jahren mehr auf eine Umkehrung des Wachstums bzw. freiwillige Handlungen zur Reduzierung der klimarelevanten Emissionen gesetzt haben (Peeters und Dubois 2010, S. 453ff.; Scott et al. 2012), 2016 erstmals darauf verzichtet, von einer 174 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="175"?> Plafondierung bzw. einem Rückgang des Flugverkehrs auszugehen (Scott et al. 2016). Vielmehr hatten sie sich jetzt das Ziel gesetzt, aufzuzeigen, dass eine Dekarbonisierung im Luftverkehr auch unter Akzeptierung der prognostizierten Wachstumsraten möglich ist. Dabei gehen sie mittelfris‐ tig von zusätzlichen Kosten von etwa 40 US$ pro Flug aus (Scott et al. 2016, S. 65), um - kurzfristig durch Kompensationsmaßnahmen, mittelfristig durch Umstellung auf synthetisches Kerosin (Power-to-Liquid) und län‐ gerfristig Nutzung von Wasserstoff (Power-to-Gas) die CO 2 -Effekte des Luftverkehrs zu neutralisieren. Die Erwähnung dieses Umgangs mit dem Wachstumsdruck im Tourismus und den daraus resultierenden negativen Auswirkungen erfolgt auch vor dem Hintergrund, dass bei den Manage‐ mentansätzen eben nicht mehr - so wie lange Zeit üblich - darauf gesetzt wird, dass die Reisenden selbst tätig werden, sondern durch die Setzung der Rahmenbedingungen negative Effekte vermindert bzw. vermieden werden sollen. Ähnlich erscheint es auch bei den bislang vorgelegten Managementansätzen beim Overtourismus. 5.2 Vorschläge für Overtourism-Managementansätze Nachfolgend sollen zunächst erste Vorschläge für Steuerungs- und Mana‐ gementansätze aus unterschiedlichen Studien kurz skizziert werden, die als erste Reaktionen auf die Overtourism-Diskussion vorgelegt wurden und teilweise auch als eine Art ‚Schnellschüsse‘ anzusehen sind. In → Kap. 5.3 folgt dann eine etwas ausführlichere Auseinandersetzung mit dem bislang umfassendsten Managementansatz der von der UN Tourism (damals noch UNWTO) vorgelegt worden ist. 5.2.1 Vorschläge für Managementansätze der McKinsey-Studie für die WTTC Mit einer der ersten Vorschläge für den Umgang mit der Overtourism-Her‐ ausforderung wird in der bereits 2017 vom Beratungsunternehmen McKin‐ sey in der vom WTTC in Auftrag gegebenen Studie „Coping with success. Managing overcrowding in tourism destinations“ (→ Kap. 4.2.1) formuliert. Diese Managementansätze lauten (McKinsey 2017, S.-40): [1] „Smooth visitors over time; [2] Spread visitors across sites; 5.2 Vorschläge für Overtourism-Managementansätze 175 <?page no="176"?> [3] Adjust pricing to balance supply and demand; [4] Regulate accommodation supply; [5] Limit access and activities.“ Auch diese Vorschläge zielen im Kern letztendlich nur auf eine Reduzierung bzw. gleichmäßigere räumliche Verteilung der Besucher: innen. Der Ruf nach Limitierung ist dabei eine fast reflexartige Reaktion, wenn - oftmals nach einer aktiv von den Tourismusverantwortlichen vor Ort oder in der Region betriebenen erfolgreichen Positionierung einer Destination - die Besucher: innenzahlen nach oben gehen und die negativen Auswirkungen sichtbar werden (Gordin, Borovskaia und Fedorova 2020, S.-124). In Fällen wie Venedig oder Dubrovnik, in denen die Besucher: innenzahlen die physischen Kapazitätsgrenzen klar überschreiten, ist dies sicherlich eine wichtige erste kurzfristig wirkende Maßnahme. Dies gilt z. B. auch für Hallstadt in Österreich, das insbesondere von Tagesreisenden, oftmals auch aus Asien, frequentiert wird. Durch eine Limitierung der zugelassenen Reisebusse sollte hier 2020 ein erster Schritt zur Limitierung umgesetzt werden (Gasper 2019). Die Limitierung zu proklamieren dann, wenn ‚das Kind bereits in den Brunnen gefallen‘ ist, erscheint zwar als eine naheliegende und nachvoll‐ ziehbare Reaktion vor Ort. Gleichwohl erscheint dies definitiv nicht ange‐ messen, vor allem darauf eine Managementstrategie aufzubauen. Zu umfas‐ senden Managementstrategien zählen sicherlich das Phänomen deutlich umfassender angehende Ansätze. 5.2.2 Vorschläge für Managementansätze der TRAN-Studie für das Europäische Parlament Bei der bereits erwähnten, vom Europäischen Parlament in Auftrag ge‐ gebenen sog. TRAN-Studie (→ Kap. 4.1) wurden für die untersuchten Fallbeispiele auch 16 bereits praktizierte Maßnahmentypen dokumentiert (European Parliament 2018, S. 93f.): Diese lassen sich in folgenden Manage‐ mentansätze gliedern: 176 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="177"?> [1] Limitierung (vier Maßnahmen): Verordnungen, Preiserhöhungen, Abgaben, dynamische Zugangskontrollen, Stopp von Werbemaßnah‐ men [2] Verteilung der Besucherströme (zeitlich und räumlich; drei Maßnah‐ men): zusätzliche Angebote bewerben, Saisonalität reduzieren, Echt‐ zeit-Informationen über Auslastung [3] Reduzierung negativer Auswirkungen (eine Maßnahme): Zonie‐ rung und Limitierung von Übernachtungsangeboten [4] Kapazitätserweiterung (eine Maßnahme): durch Verkehrs- und Si‐ cherheitsmanagement [5] Zielgruppenbeeinflussung (eine Maßnahme): Umsteuerung auf Qua‐ litätstourismus-Zielgruppen [6] Bewohnerfokus (zwei Maßnahmen): Stärkere Einbeziehung der Ak‐ teure und Verbesserung der Lebensbedingungen der Bewohner [7] Besucherfokus (eine Maßnahme): Awareness-Kampagnen bei Besu‐ cher: innen um unerwünschtes Sozialverhalten zu vermeiden [8] Monitoring/ Forschung (zwei Maßnahmen): Monitoring verbessern und Forschungsvorhaben durchführen Die am häufigsten angewandten Maßnahmen beziehen sich dabei ebenfalls auf limitierende Verordnungen zur Steuerung des Zugangs (einschließlich Limitierung des Alkoholkonsums im öffentlichen Raum), die Werbung für Sekundär-Attraktionen und Ansätze zur Erhöhung der Kapazität. Gleichwohl zeigt die Dokumentation, dass teilweise auch weitergehende Ansätze notwendig sind, um mit dem Overtourism-Phänomen umzugehen. In vielen Fällen hatten Destinationen über Jahre hinweg (meist aus regionalökonomischen Motiven) die Ausweitung des Tourismus propagiert und werden nun von den Folgen dieser stark auf Wachstum setzenden Tourismuspolitik konfrontiert. So formuliert der irische Tourismusminister: „In Dublin, we’re victims of our own success“ (European Parliament 2018, S.-174). 5.2 Vorschläge für Overtourism-Managementansätze 177 <?page no="178"?> Abb. 81: Das Pub-Viertel Dublins ist einer der Attraktionen für nationale und internatio‐ nale Besucher: innen und gleichzeitig Quelle von nächtlichen Beeinträchtigungen für die Bewohner: innen Gleichzeitig fällt es vielen Destinationen schwer, sich von dem selbst gewählten Wachstumspfad zu verabschieden. Auch Dublin plant weiter‐ hin, die Übernachtungskapazitäten auszuweiten und versucht gleichzeitig US-amerikanische und australische Tourist: innen anzusprechen. Dies in der Hoffnung, durch längere Übernachtungsdauern mit ‚Qualität vor Quantität‘ negative Auswirkungen des Partytourismus in der Innenstadt abzumildern. Zu einer umfassenden Strategie zählt dabei sicherlich - neben einem breiten Bündel von kurzfristig greifenden Maßnahmen - insbesondere auch proaktiv das ‚Überlaufen des Fasses‘ im Vorfeld zu vermeiden. 5.2.3 Vorschläge für Managementansätze der Roland Berger-Studie Genau in diese Richtung zielt unter anderem bereits der Ansatz in der - ebenfalls bereits angesprochenen - Studie von Roland Berger aus dem Jahr 178 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="179"?> 2018 mit dem Titel „Protecting your city from overtourism. European city tou‐ rism study 2018“ (→ Kap. 4.2.2). Relativ klar strukturiert und umfassend wird bei den Maßnahmen eines Management-Ansatzes einerseits unterschieden zwischen kurzfristig, mittelfristig und längerfristig greifenden Maßnahmen. Andererseits erfolgt auch eine Differenzierung in reaktive und proaktive Maßnahmen (→-Abb.-82). Abb. 82: Managementansätze der Roland-Berger-Studie Bei den sog. ‚reaktiven‘ Maßnahmen finden sich auch hier die Regulierung und Limitierung mit Zugangsbeschränkungen und einer der Nachfrage folgenden Preisgestaltung. Gleichzeitig wird auch eine aktive Stadtpolitik zum Umgang mit Airbnb (Sharing Economy) dazugezählt. Zu den sog. proaktiven, als kurzfristig wirkend eingestuften Schritten werden auch hier (die in vielen Fällen ja erst reaktiv angegangenen) Maß‐ nahmen der räumlichen und zeitlichen Verteilung bzw. der Ansprache von neuen Zielgruppen aufgeführt. Ob diese Maßnahmen - wie in der Darstel‐ lung von Roland Berger suggeriert - auch wirklich kurzfristig wirken, sei einmal dahingestellt. Neue - und zudem kaufkraftstarke und anspruchsvolle - Zielgruppen sowie eine Stärkung der Schwachlastsaisonzeiten ist (wenn überhaupt) wohl nicht von ‚heute auf morgen‘ zu erreichen. Als mittelfristig wirksam werden infrastrukturelle Maßnahmen in bislang noch nicht inten‐ 5.2 Vorschläge für Overtourism-Managementansätze 179 <?page no="180"?> siv genutzten Gebieten und ein weiteres Mal das Upgrading von Zielgruppen vorgestellt. Als innovativ anzusprechen ist bei den Vorschlägen von Roland Berger, die damit auch eine weitere Perspektive in die Diskussion einbringen, dass sie als längerfristig wirksame proaktive Maßnahmen auch die Einbet‐ tung der Tourismusstrategie in übergeordnete Stadtentwicklungsstrategien thematisieren. Damit wird deutlich gemacht, dass eben allein eng und direkt kausal auf den Tourismus abzielende Handlungsansätze wohl zu kurz greifen. Vielmehr ist die Reaktion der Bewohner: innen auch integriert in den gesamt-stadtgesellschaftlichen Kontext eingebettet zu sehen. Außertouristische Stressfaktoren in einer Stadtgesellschaft können - wie in den vorangegangenen Kapiteln immer wieder aufgezeigt - dazu führen, dass eben subjektive Tragfähigkeitsschwellen sehr viel schneller (und oftmals unwiederbringlich) überschritten werden, so dass auch nach‐ träglich angesetzte reaktive Maßnahmen nicht den erhofften kurativen Erfolg zeitigen. Die Umsetzung dieses Gedankens erfolgt dann allerdings - in bewährter Consulting-Manier unter der etwas reißerisch anmutenden Kapitelüber‐ schrift Four steps to tourism heaven. Our strategy to tackle overtourism (Roland Berger 2018, S. 15). Solche fast wie Heilsversprechen anmutende Formulierungen suggerieren einfache Kochrezepte. Zumindest ist positiv zu werten, dass - allen voran die Bewohner: innen - die relevanten Beteiligten auf breiter Basis einbezogen werden sollen (→-Abb.-83). Die vier vorgeschlagenen Schritte (die die meisten Tourismus-Studie‐ rende wohl stark an Grundlagenvorlesungen zu klassischen strategischen Managementschritten erinnern werden) lauten: [1] Self-Asessment & Insights (Einschätzung der Ausgangssituation und Identifizierung von Schwachpunkten) [2] Initiatives & Roadmap (ursachenorientierte Suche nach den Wurzeln von Schwachpunkten mit kurz- und längerfristigen Ansätzen, die strukturiert und strategisch angegangen werden sollen [3] Implementation & Monitoring (Aufgabenzuweisung und Monito‐ ring) sowie [4] Iterate & Fine-Tuning (Nachsteuerung auf der Basis der Evaluierung). Dabei werden die vier Schritte im Begleittext in einem zuversichtlichen Duktus als relativ einfach umzusetzen und zu durchlaufen dargestellt - auch dies erinnert stark an manche Lehrbücher zum Strategischen Management 180 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="181"?> - und nur relativ kursorisch und nicht weiter problematisiert aufgeführt. Dabei scheint - auch wenn der Begriff Nachhaltigkeit mit verwendet wird - eine Sicherung von Wachstumspfaden eines der zentralen Ziele der Studie. Abb. 83: Strategie zur Bewältigung von Overtourism nach Roland Berger Zusammenfassend ist damit festzuhalten, dass erste Reaktionen auf die Overtourism-Diskussionen teilweise als recht kurzatmig und fast reflexartig einzustufen sind. Die - sicherlich naheliegenden und auch bei akuten Über‐ lastungen und entsprechenden heftigen Reaktionen der Bewohner: innen auch notwendigen - Maßnahmen zielen zuallererst auf eine Reduzierung und Limitierung der Besucher: innenzahlen ab. An zweiter Stelle wird auf eine räumliche und zeitliche Verteilung der Besucher: innen abgezielt, um Überlastungsspitzen zu kappen. An dritter Stelle steht oft die Adressierung von Zielgruppen, von denen weniger Irri‐ 5.2 Vorschläge für Overtourism-Managementansätze 181 <?page no="182"?> tationen für die Bewohner: innen ausgehen dürften, sprich eine Reduzierung des Anteils der sog. Partytourist: innen. Lediglich im Management-Ansatz von Roland Berger wird - wenn auch nur als Langfriststrategie und ohne auf die dabei möglicherweise Schwie‐ rigkeiten und Herausforderungen einzugehen - die systematische Einbezie‐ hung aller lokalen Akteur: innen als ein zentrales Gestaltungsinstrument thematisiert. Im nächsten Abschnitt soll der bislang umfassendste Entwurf für Mana‐ gementansätze ausführlicher behandelt werden. Da in diesem auch die meisten der bislang vorgestellten Handlungsansätze enthalten sind, werden sie dort dann mit bewertet. 5.3 UN Tourism Managementansätze Im Herbst 2018, hat die UN Tourism (zu der Zeit noch als UNWTO) als etwas umfassendere Antwort auf die Overtourism-Phänomene insbesondere in vielen städtetouristischen Destinationen einen Handlungsleitfaden veröf‐ fentlicht, in dem elf Managementansätze formuliert wurden. Diese sollen dazu beitragen, das Risiko an zu hohen Tourist: innenzahlen in urbanen Destinationen zu reduzieren und eine nachhaltige Tourismusentwicklung zu verwirklichen. Die elf Strategien lauten (UNWTO bzw. UN Tourism 2018, 27-ff.): [1] „Promote the dispersal of visitors within the city and beyond [2] Promote time-based dispersal of visitors [3] Stimulate new itineraries and attractions [4] Review and adapt regulation [5] Enhance visitors’ segmentation [6] Ensure local communities benefit from tourism [7] Create city experiences for both residents and visitors [8] Improve city infrastructure and facilities [9] Communicate with and engage local stakeholders [10] Communicate with and engage visitors [11] Set monitoring and response measures”. Der Managementansatz baut auf umfangreichen Recherchen und Studien der renommierten niederländischen Kollegen Koens und Postma auf, in der bereits zehn der Strategien formuliert worden sind (Koens und Postma 2017, 182 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="183"?> S. 32f.). Auch diesen Ansatz zeichnet aus, dass er - neben den Stakeholdern der Tourismuswirtschaft und den Besucher: innen - auch einen starken Fokus auf die Bewohner: innen und andere städtische Beteiligten legt. Die UN Tourism-Publikation wurde von einem Autor: innenkollektiv um die beiden genannten Kollegen erstellt. Dabei wird betont, dass neben dem (auch beim UN Tourism-Ansatz implizit im Vordergrund stehenden) kurzfristigen Reagieren auch die längerfristige Perspektive zu berücksich‐ tigen ist: „Any successful management strategy on urban tourism must specifically address the short-term challenges arising from tourism growth, while simultaneously looking to the long-term challenges“ (UN Tourism 2018, S. 27). Dabei wird herausgestellt, dass die zeitliche Umsetzung der einzelnen Strategiebausteine vor Ort - je nach situativem Kontext und damit der Dringlichkeit des Overtourism-Phänomens - anzupassen ist. Gleichwohl wird der Eindruck eines relativ universell gültigen und anwendbaren, umfassenden Instrumentariums erweckt. Auch wird keine weitere Struktu‐ rierung der einzelnen Strategiebausteine vorgenommen. Dabei erscheint die Zusammenstellung relativ pragmatisch, ohne auf einen übergeordneten theoretisch-konzeptionellen Ansatz Bezug zu nehmen. Die einzelnen Strategien werden im Folgenden nochmals etwas differen‐ zierter behandelt und dabei auch auf die Tragfähigkeit für das Fallbeispiel München überprüft. 5.3.1 Räumliche Entzerrung Auch bei den Managementansätzen der UN Tourism steht wie in vielen anderen Kontexten immer wieder die räumliche Entzerrung als vermeintlich probates Mittel an erster Stelle. So versucht Berlin seit einiger Zeit mit der App „Going Local“ (vsitBerlin 2017a; → Abb. 84) Besucher: innen auch auf Bezirke aufmerksam zu machen, die bislang noch nicht so stark frequentiert werden. Dabei wird mit dem klassischen Wording von ‚Geheimtips‘ und ‚abseits der bekannten Pfade‘ operiert, das gezielt insbesondere auch New Urban Tourists (→ Kap. 2.2) ansprechen soll. Da mit der App und den entsprechend Print-Begleitmaterialien (z. B. visitBerlin 2020) zwischenzeitlich auch viele Besucher: innen in Kieze mit Überlastungsphänomenen gelenkt wurden, sind zwischenzeitlich auch ei‐ nige Quartiere sogar wieder aus der App entfernt worden (Labenski 2016). Damit zeigt sich auch an diesem Beispiel, dass eine räumliche Entzerrung 5.3 UN Tourism Managementansätze 183 <?page no="184"?> Abb. 84: Die App „Going Local“ wurde konzi‐ piert, um die Tourist: innen auch auf bislang weniger besuchte Kieze aufmerksam zu ma‐ chen der Tourist Bubble eben auch dazu führen kann, dass Wohnquartiere (noch) mehr von Tourist: innen frequentiert werden und damit das Störungs-Gefühl bei den Bewohner: innen erhöht wird, so dass eher eine kontraproduktive Wirkung erzielt wird. Auch in Salzburg und Wien versuchen die Tourismusverantwortlichen „die Besucher aus dem historischen Zentrum in andere Stadtviertel umzulen‐ ken“ (Siebenhaar 2019; ähnlich: VIENNA ONLINE 2018). In Dublin wird ebenfalls ver‐ sucht, die Besucher: innen der Stadt für andere Landesteile zu interes‐ sieren, um den Druck auf die High‐ lights wie das berühmte Book of Kells in Dublin oder die Pub-Szene um die Temple Bar zu reduzieren (Spain 2019). Allerdings kann in Frage gestellt werden, ob die dort verfolgte Idee, die Besucher: innen von Dublin für andere Regionen in Irland zu interessieren, wirklich tragfähig ist. Die Zielgruppen der Pub-Szene in der Temple Bar dürf‐ ten wohl wenig affin sein für ein‐ same Strandspaziergänge an der irischen Westküste. Ähnliches gilt wohl auch für die Tourist: innen am Ballermann auf Mallorca. Auch diese dürften nur geringes Interesse an entlegenen Fincas auf Menorca zeigen. Ein Umsteuern von Tourist: innen, das nicht nur räumlich auf gleichartige Attraktionen und Destinationen abzielt, sondern auch auf andere Gestaltung des Urlaubs, stellt kein leichtes Unter‐ fangen dar - sofern es überhaupt erfolgreich sein kann. Auch Bamberg setzt auf eine „Steigerung des Besucherzuspruchs in ‚Rand‐ gebieten‘ und außerhalb der Hauptsaison“ sowie auch auf eine intensivere Kooperation mit dem umliegenden Landkreis in der Hoffnung, dass sich mehr Besucher: innen dorthin orientieren, um die Zahlen im historischen Kern zu reduzieren (BAMBERG Tourismus & Kongress Service 2019). Dabei 184 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="185"?> wird in Bamberg auch ein beachtenswerter Ansatz zur kleinräumigen Entzerrung verfolgt, der auch für andere Kreuzfahrtdestinationen prinzipiell gangbar ist. Nach Abstimmung mit den Reedereien wurde die maximale Gruppengröße bei Stadtführungen auf 25 Personen festgelegt. Damit soll das massierte Auftreten von großen Gästegruppen, die oft auch als Blockade in den engen Straßen und Gassen empfunden werden, etwas entzerrt werden (Heger 2016). Dabei wurde auch versucht, unterschiedliche Routen anzuregen, um zu vermeiden, dass sich mehrere Gruppen hintereinander im Pulk wie ein ‚Lindwurm‘ durch die Straßen schieben. Darüber hinaus sind die Gästeführer angewiesen, darauf zu achten, dass bei Halten eine Art ‚Rettungsgasse‘ frei bleibt, damit andere Passanten möglichst ungehindert an den geführten Gruppen vorbei gehen können. Impulse & Inspirationen für einen Wandel „Migrantour Barcelona“ Migrantour Barcelona ist eine Initiative, die Stadtführungen anbietet, die von Migrant: innen geleitet werden und deren persönlichen Geschichten und kulturellen Perspektiven integrieren. Die interkulturellen Touren finden in dem Viertel Raval statt, da dies eines der diversesten und auch stereotypisierten Gebiete Barcelonas ist. Durch die Präsentation der ‚unsichtbaren‘ Facetten und Geschichten der Einwohner des Viertels fördert Migrantour ein tieferes Verständnis und ggf. eine Wertschätzung der kulturellen Vielfalt der Gesellschaft. Damit bietet Migrantour eine sozial nachhaltige Alternative zu traditio‐ nellen Stadtführungen. Indem weniger bekannte, aber kulturell reiche Viertel wie Raval hervorgehoben werden, wird der Besucher: innen‐ druck auf überlaufene Sehenswürdigkeiten in touristisch stark frequen‐ tierten Vierteln reduziert. Gleichzeitig profitiert die lokale Gemeinschaft von der Aufmerksamkeit sowie den wirtschaftlichen Gewinnen, die durch den Tourismus in ihrem Wohnviertel entstehen. Migrantour Barcelona zeigt durch die Integration von Migrant: innen, wie ein ver‐ antwortungsbewusster Tourismus gefördert werden kann. Migrantour gibt es außerdem in fünf weiteren europäischen Ländern. Aktuell werden neue Führungen für ländlicheren Regionen Europas entwickelt. Quelle: Migrantour (2025): 🔗 -https: / / migrantour.org/ en/ barcelona_en/ 5.3 UN Tourism Managementansätze 185 <?page no="186"?> Andere Stadttouren, die Inklusion, Diversität und einen (sozial) nach‐ haltigen Tourismus mit ihren Konzepten fördern, sind z. B. „Gadens Stemmer“ in Kopenhagen ( 🔗 https: / / gadensstemmer.dk/ ) und „Tours That Matter“ in Amsterdam ( 🔗 -https: / / www.toursthatmatter.com/ ) In einer Studie zu Managementansätzen in Hamburg wurden die Bewoh‐ ner: innen gefragt, wie sie den Ansatz bewerten, Besucher: innen der Stadt auch verstärkt in andere Stadtteile zu lenken (Pracht 2018). Dabei äußerte sich die Mehrheit solchen Ansätzen gegenüber ablehnend (→-Abb.-85). Abb. 85: Bewertung des Regulierungsansatzes: Verteilung der Besucher: innen auf andere Stadtteile durch die Bewohner: innen in Hamburg Wie bereits mehrfach erwähnt, scheinen die Wohnquartiere außerhalb der Tourist Bubble als Rückzugsräume verstanden zu werden, in denen sich die Bewohner: innen eben relativ unbeeinträchtigt von auswärtigen Besucher: innen bewegen können. Ein Umlenken der Besucherströme auf diese bislang nur wenig von auswärtigen Besucher: innen frequentierten Quartiere kann damit klar kontraproduktiv sein. Die Rückzugsräume werden dabei insbesondere auch durch Airbnb-Ver‐ mietungen mit beeinträchtigt. Bei den 2019 in München durchgeführten Fokusgruppen-Interviews, zeigte sich, dass neben den direkten Auswir‐ kungen auf die Miet- und Kaufpreise von Immobilien die Irritation über Besucher: innen einfach dadurch entsteht, dass sie durch den Aufenthalt 186 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="187"?> in Privathäusern in die unmittelbare Umgebung der Bewohner: innen gelan‐ gen (Erdmenger und Kagermeier 2021). Es sind nicht nur die objektiven Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt, sondern auch die subjektive Wahr‐ nehmung der Bewohner: innen, die sich unwohl fühlen, wenn sie in ihrem Gebäude mit Fremden konfrontiert werden. Die Begegnung mit unbekann‐ ten Besucher: innen in den Treppenhäusern oder das Feiern von Personen in der Wohnung nebenan gilt als Eingriff in ihre eigene Privatsphäre. Dies kann so interpretiert werden, dass ein wichtiger Mechanismus, den Besucherdruck zu bewältigen, indem Orte vermieden werden können, an denen sich Tourist: innen normalerweise versammeln, wirkungslos werden kann, wenn durch räumliche Entzerrung solche Rückzugsräume verschwin‐ den. Auch bei den Gesprächen mit Tourismusfachleuten wurde bestätigt, dass es für die Einwohner: innen wichtig ist, eine private Zuflucht zu haben, in der sie einen unaufhörlichen Kontakt mit Tourist: innen vermeiden können. (Kagermeier und Erdmenger 2019, S. 87). Die in München befragten einheimischen Passanten waren ebenfalls nicht besonders besorgt darüber, Tourist: innen im öffentlichen Raum in der Innenstadt und an touristischen Hotspots zu begegnen - solange sie die Möglichkeit hatten, den Kontakt zu vermeiden, indem sie sich nur von Orten fernhielten, an denen sich Tourist: innen versammeln. Daher hat die DMO in München die strategisch räumliche Entzerrung der Besucher: innen in den Stadtvierteln aufgrund der aufgeführten Vermeidungsmöglichkeiten als Coping-Strategie (→ Kap. 4.4.1.1) lange abgelehnt. Erst mit Ausbleiben der Tourist: innen durch die COVID-19-Pandemie, und ggf. mitbeeinflusst durch einen Kurswechsel der neuen DMO-Leitung, wurde 2021 die „Viertelliebe“-Kampagne eingeführt (München Tourismus 2024c). Seither ist die räumliche Entzerrung auch in München eine verfolgte Strategie. Vor dem Hintergrund der in München generierten Befunde sowie Beob‐ achtungen in anderen Städten ist zu konstatieren, dass der als universal formulierte Ansatz einer räumlichen Entzerrung sehr viel differenzierter zu bewerten ist. Die Befunde in München können so interpretiert werden, dass gerade durch eine räumliche Verlagerung von Tourist: innen, Rückzugs‐ möglichkeiten für die Bewohner: innen verschwinden. Die Reduzierung von Vermeidungsmöglichkeiten trägt dabei zu einer Steigerung der Exposition und damit auch der Sensitivität bei. Gerade das Vorhandensein von Ver‐ meidungsoption als Coping-Möglichkeit wurde als wichtig für die (noch) vorhandene, relativ hohe, Akzeptanz identifiziert. 5.3 UN Tourism Managementansätze 187 <?page no="188"?> 5.3.2 Zeitliche Entzerrung Auch das bereits an zweiter Stelle der UN Tourism-Strategien genannte vermeintliche ‚Allheilmittel‘ einer zeitlichen Entzerrung lässt sich vermeint‐ lich leichter formulieren, als dann auch konkret umsetzen. So werden in den mediterranen Destinationen seit Jahren unterschiedlichste Ansätze unternommen, um die Schwachlastzeiten zu stärken. Durch Kongresstou‐ rismus, Wellness-Angebote, Sporttourismus, spezielle Preisreduzierungen und vieles mehr, soll die Phase vom Spätherbst bis zum Vorfrühling gestärkt werden. Wie exemplarisch die internationalen Ankünfte auf Mallorca zeigen (→ Abb. 86) ist es auch auf dieser Insel bislang nicht gelungen, signifikante Anteile von Tourist: innen auf die Schwachlastzeit umzusteuern. Abb. 86: Saisonalität der internationalen touristischen Ankünfte auf Mallorca 2019 Die Hauptanziehungskraft entfaltet die Insel eben vom Frühjahr bis zum Frühherbst und ist daher insbesondere in den Sommermonaten fast ‚am Überlaufen‘. Ähnlich stellt sich die Situation auch in vielen zentraleuropäischen Mittelgebirgen oder Küsten dar. Für den Städtetourismus gilt auch, dass die freizeitorientierten Besucher: innen vor allem zwischen April und Anfang Oktober kommen. Allerdings lässt sich dies nicht ganz so eindrücklich zeigen, da in der Übernachtungsstatistik nicht zwischen Geschäftsreisenden - die eine ausgeglichenere Verteilung über die Jahreszeiten aufweisen - und den freizeitorientierten Städtetourist: innen i. e. S. unterschieden wird. Eine ungefähre Vorstellung vom Anteil des Geschäftsreisetourismus gibt der Vergleich von → Abb. 87 und → Abb. 88. Wenn auch nicht mehr ganz aktuell, sind dort für die Stadt Trier, eine klassische kulturorientierte städ‐ 188 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="189"?> tetouristische Destination, die Übernachtungszahlen den Teilnehmenden an Gästeführungen gegenübergestellt. Dabei wird deutlich, dass der Verlauf der Übernachtungszahlen - wenn auch natürlich die Saisonalität erkennbar bleibt - deutlich ausgeglichener ist als die der Teilnehmenden an Gästeführungen. In den Monaten November und Januar sowie Februar sind fast keine Gäste mit von der TIT veranstal‐ teten Führungen unterwegs. Lediglich in der (Vor-)Weihnachtszeit ist ein kleines ‚Zwischenhoch‘ zu verzeichnen. Dies bedeutet umgekehrt, dass der ‚Sockel‘ an Übernachtungen in den genannten drei Wintermonaten im Wesentlichen aus Geschäftsreisenden resultiert. Größenordnungsmäßig kann deren Anteil für Trier auf etwa ein Drittel geschätzt werden und liegt damit in einem plausiblen Bereich. Freizeitorientierte Städtetourist: innen sind eben auf die Monate orien‐ tiert, in denen im Durchschnitt höhere Temperaturen und mit höherer Wahrscheinlichkeit angenehmeren Witterungsverhältnisse zu erwarten sind. Abb. 87: Saisonalität der Übernachtungen in Trier Abb. 88: Saisonalität der Teilnahme an Gästeführungen in Trier 5.3 UN Tourism Managementansätze 189 <?page no="190"?> Auch wenn viele der kulturorientierten touristischen Angebote in Trier zwar als Indoor-Allwetterangebote zu charakterisieren sind, gehört zu einem Städtetrip eben auch, sich in den Straßen und Gassen bei schönerem Wetter zu bewegen oder das Flair der Außengastronomie zu genießen. Auch wenn die Städtetourist: innen, die häufig über (lange) Wochenenden verreisen, deutlich weniger von Schulferien abhängig sind und sich damit nicht so stark auf die wenigen Ferienwochen im Sommer konzentrieren wie viele Badetourist: innen, dürfte der Versuch, die Saison deutlich zu entzerren bzw. auszuweiten wohl nur begrenzt von Erfolg gekrönt sein. Alle Ansätze, durch entsprechende Festivals, Ausstellungen oder andere Events in der Schwachlastzeit Besucher: innen anzuziehen stoßen damit an ihre Grenzen. Die Befunde aus mediterranen Destinationen legen auch nahe, dass durch entsprechende Event-Angebote eher zusätzliche Besucher: innen anzuziehen sind und weniger eine Verlagerung von Hauptsaisongästen stattfindet. Die „Steigerung des Besucherzuspruchs … außerhalb der Hauptsaison“ wie er z. B. auch in Bamberg formuliert wird, (BAMBERG Tourismus & Kongress Service 2019) bleibt damit wahrscheinlich mehr ‚wishful thinking‘, als eine konkret wirksame Option zur zeitlichen Entzerrung der Saisonalität - in diesem konkreten Fall auch deshalb, weil die Flusskreuzfahrtschiffe in der Wintersaison wegen der Gefahr von eisbedingter Sperrung auf dem Rhein-Main-Donau-Kanal gar nicht verkehren. Die zeitliche Entzerrung wäre auch beim lokalen Belastungsfaktor „Okto‐ berfest“ in München wohl nicht zielführend. Gerade durch die zeitliche Kon‐ zentration und Begrenztheit wird das Oktoberfest für die Bewohner: innen erträglich und kann weitgehend akzeptiert werden. Vor dem Hintergrund einer relativ ausgeglichenen Auslastung im Jahresverlauf ohne extreme Schwachlastzeiten, die auch aus der Funktion von München als Messestadt, der Bedeutung des weniger von Saisonspitzen geprägten Geschäftsreise‐ tourismus und des Gesundheitstourismus mitgeprägt wird, wurden dort zeitliche Verlagerungsansätze bislang nur begrenzt verfolgt. 190 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="191"?> Abb. 89: Besucher: innen an der Kleinen Meerjungfrau in Kopenhagen zur Nebensaison (November 2016) Auch aus der Perspektive der Bewohner: innen und Beschäftigten im Tou‐ rismus erscheint es durchaus plausibel, dass - genauso wie Rückzugsräume zu erhalten sind - auch ‚Ruhephasen‘ im Jahresablauf vorhanden sind. In diesen gehört dann die Stadt wieder ganz den Bewohner: innen. ‚Smartere‘, also Technologie- und durch Künstliche Intelligenz (KI)-un‐ terstützte, Ansätze werden in →-Kap. 5.5.1 aufgegriffen. 5.3.3 Ergänzende Angebote Letztendlich in die gleiche Richtung wie die räumliche Entzerrung zielt die dritte Managementstrategie der UN Tourism: durch zusätzliche ergänzende Angebote sollen ebenfalls die Nachfragespitzen gekappt werden. Anders als bei Freizeitgroßeinrichtungen lässt sich aber in historisch gewachsenen Städten das Angebot nicht einfach durch Baumaßnahmen erweitern. Einen zweiten Eiffelturm zu bauen, erscheint unrealistisch - außer man nimmt mit einem Surrogat in einer Disney World vorlieb. Von der UN Tourism wird unter diesem Punkt auch die Entwicklung neuer Routen in den Städten empfohlen. Und genau dies hat die DMO der 5.3 UN Tourism Managementansätze 191 <?page no="192"?> überlaufenen niederländischen Hauptstadt ausprobiert und, man könnte fast sagen, zu wörtlich genommen. Unter anderem mit dem Ziel der räumli‐ chen Verteilung, haben Amsterdam & Partners diverse Attraktionen aus dem Amsterdamer Umland schlichtweg mit Ergänzung des Wortes ‚Amsterdam‘ neu vermarktet. Dazu gehören der 30-km entfernte „Amsterdam Beach“ (eigentlich Zandvoort) und die „Flowers of Amsterdam“, womit der 37-km entfernte und für seine Tulpenmeere weltweit bekannte Keukenhof gemeint ist - einer der touristisch am stärksten frequentierte Ort der Niederlanden (Amsterdam & Partners 2024). Auch wenn unbestritten ist, dass sich damit sicherlich eine gewisse Ent‐ zerrung erreichen lassen würde, bleiben die zentralen Herausforderungen, dass Städtetourist: innen eben von den zentralen Highlights und Ikonen mit angezogen werden - auch Repeat-Visitor und New Urban Tourists (Kagermeier 2011b, S. 71). Darüber hinaus stellt sich auch bei der Schaffung zusätzlicher Angebote - sofern überhaupt realistischerweise machbar - wiederum die Frage nach dem Erhalt von Rückzugsräumen für die Einwoh‐ ner. 5.3.4 Anpassung der Regulierungen Bei den ersten drei Managementstrategieansätzen der UN Tourism wird das Volumen der Nachfrage nicht direkt berührt. Teilweise - insbesondere bei den zusätzlichen Angeboten - besteht sogar die Möglichkeit eines weiteren quantitativen Wachstums. Möglicherweise kann es als bezeichnend angese‐ hen werden, dass bei den Managementstrategien der UN Tourism erst an vierter Stelle das ansonsten oftmals an erster Stelle genannte Instrument der Regulierung und damit meist verbunden der Limitierung angeführt wird. Die - als fast reflexartig zu bezeichnende - Reaktion, wenn ein ‚Zuviel‘ an Besucher: innen zu negativen Reaktionen führt, diese dann zu reduzieren, ist sicherlich legitim, sofern die physische Tragfähigkeit überschritten ist - wie dies in Venedig und Dubrovnik klar zu konstatieren ist (→ Kap. 3.1) - oder eben die Tourismusintensität einen Schwellenwert von ca. 100 Übernachtungen pro Einwohner: in und Jahr überschreitet (→-Kap. 4.1). Eine Limitierung kann - im Gegensatz zu anderen Maßnahmen auch teilweise relativ kurzfristig wirksam werden. Allerdings lässt sie sich nicht bei allen Besucher: innen in gleicher Weise anwenden. Sofern die Kommunen Zugriff auf die entsprechende Infrastruktur haben, lässt sich z. B. die Zahl der pro Tag erlaubten Kreuzfahrtschiffe in einem Hafen regulieren. 192 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="193"?> Dieser Ansatz wurde von Dubrovnik und Venedig gewählt (→ Kap. 4.1). Während dort der politische Wille sowie die Möglichkeit hierzu vorhanden war, hat sich die Zahl der Kreuzfahrtgäste in Barcelona z. B. - trotz der sich zwischenzeitlich manifestierenden Proteste der Bewohner: innen - zwischen 2015 und 2019 von 2,5 auf 3,1 Mio. erhöht (MedCruise 2020, S. 82). Während Barcelona noch auf Wachstum setzt, würde die Stadt Bamberg gerne die Zahl der anlandenden Flusskreuzfahrtschiffe begrenzen (→ Kap. 4.2.3). Allerdings ist der Hafen im Eigentum von Bayernhafen - einem Unternehmen des Freistaats Bayern. Und dort steht man einer Begrenzung - auch um die Investitions- und Unterhaltskosten für den Hafen und den Rhein-Main-Donau-Kanal zu amortisieren - ablehnend gegenüber. Auch Bustourist: innen lassen sich limitieren, wenn die Stadt über Zugriff auf die entsprechenden Abstellmöglichkeiten verfügt. So müssen in Salzburg Reisebusse inzwischen bestimmte Zeitslots vorab buchen (Siebenhaar 2019). Auch im bereits erwähnten österreichischen Hallstadt hat man zu diesem harten Instrument gegriffen. 2020 wurde - eine Planung, die durch Corona zwar im ersten Jahr letztendlich obsolet geworden ist - die Zahl der Reisebusse pro Tag von 90 auf 54 reduziert (Gasper 2019). Während Reisebusse relativ leicht zu fassen sind, greift ein solcher Limitierungsansatz bei privaten Pkws nur begrenzt. Diese würden bei Beschränkungen von öffentlichen Parkflächen wohl vermehrt dann ‚wild‘ in und am Rande der Städte geparkt. Auch die Zahl der mit öffentlichen Bussen und Bahnen anreisenden Tourist: innen lässt sich nicht direkt beeinflussen - außer eine Stadt möchte sich vom öffentlichen Fernverkehr abkoppeln. Prospektiv können Limitierungsansätze aber auch bei der Übernach‐ tungskapazität ansetzen, wenn - teilweise auch räumlich differenziert nur in ausgewählten Quartieren - der Neubau von gewerblichen Übernachtungs‐ einrichtungen begrenzt wird. Diesen Weg hat die Gemeinde Amsterdam gewählt. Bereits seit 2017 und der Einführung der „Accommodation Policy“ durften neue Hotels nur in bestimmten Gebieten, außerhalb des Stadtkerns, gebaut werden. Doch diese Maßnahme schien nicht zu reichen und wurden jährlich verschärft bis nun, im April 2024, neue Restriktionen die gesamte Stadt zu einem Sperrgebiet für neue Hotels macht (Gemeente Amsterdam 2024). Ziel ist es nicht mehr über 20 Mio. Übernachtungen pro Jahr zu kommen - eine Grenze die mehr als 30.000 Amsterdamer durch die Volks‐ initiative „Amsterdam heeft een keuze“ (etwa „Amsterdam hat die Wahl“ 5.3 UN Tourism Managementansätze 193 <?page no="194"?> über den Gemeinderat erfolgreich zum Stadtrat getragen hat (Gemeente Amsterdam 2024). Auch in München wird aktuell - aufgrund von Artikulationen der Quar‐ tiersbewohner: innen - überlegt, für den größten Standort von gewerblichen Übernachtungseinrichtungen, das Bahnhofsviertel (→ Kap. 4.3.1.1), den Neubau von Hotelkapazitäten zu regulieren (Krass 2019). Aber ein solcher Ansatz würde nur längerfristig greifen und darüber hinaus nur den Zuwachs bezogen auf den Status Quo begrenzen. In München sind auch - anders als in Destinationen mit einer sehr viel kleineren Mantelbevölkerung - keine monofunktionalen reinen ‚Touristenzonen‘ wie z. B. in Brügge (Katarzyna, Six und Vanneste 2017) entstanden, die einer Regulierung - wie z. B. der Schließung von Souvenierläden in Amsterdam (Kirchner 2018) - bedürften. Eine Anpassung und Regulierung - auch mit limitierenden Effekten - kann prinzipiell auch durch eine Bepreisung erfolgen. Nebeneffekt kann dabei - sofern es sich um signifikante Beträge handelt - sein, dass damit selektiv eher kaufkraftstarke Zielgruppen stärker angesprochen und andere tendenziell ‚vergrämt‘ bzw. verdrängt werden. Allerdings sind eben histo‐ risch gewachsene Städte nicht in der gleichen Situation wie Museen oder Freizeitgroßeinrichtungen, die einen klar definierten Eingang mit entspre‐ chenden nur nach Bezahlung zu durchschreitenden Barrieren aufweisen. Wie bei der Limitierung bereits angesprochen, bietet sich auch hier der Zugang in die Stadt an. Mit einer Tourismusabgabe auf den Übernachtungs‐ preis können die Übernachtungsgäste herangezogen werden, auch direkt zur Kofinanzierung von unrentierlichen tourismusbezogenen Aufgaben der DMO und der Kommune beizutragen. Dies ist bei Tagesreisenden schwieri‐ ger. Dabei sind organisierte Gruppenreisende tendenziell leichter zu fassen. So kann bei Kreuzfahrtschiffen pro Reisenden ein bestimmter Betrag für einen Landgang erhoben werden. Auch hier hat Bamberg bereits relativ früh gehandelt. Seit 2011 wird bei von der TKS angebotenen öffentlichen Führungen pro Gast ein sog. „Welterbe-Euro“ erhoben, der für die Aktivitäten der Stiftung Weltkulturerbe verwendet wird. Da damit die Flusskreuzfahrt‐ engäste nicht erfasst werden, wurde 2017 zusätzlich ein sog. „Welterbefünfer“ bei Gruppenführungen eingeführt (BAMBERG Tourismus & Kongress Ser‐ vice 2019), der ebenfalls der Stiftung Weltkulturerbe und dem Historischen Museum zugutekommt. Auch wenn die aktuellen Beträge sicherlich keine große Steuerungswirkung zeigen, könnten solche Ansätze auch mit höheren Beträgen weiterverfolgt werden, um regulierende Wirkung zu entfalten. 194 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="195"?> Wie bei der Limitierung ist die signifikante Erhöhung von Parkgebühren einerseits deshalb problematisch, weil dadurch wohl das diffuse Wildparken auf den Straßen der Stadt induziert würde. In vielen städtetouristischen Destinationen soll dies ja gerade vermieden werden mit günstigen - oftmals auch mit P&R kombinierten - Parkangeboten am Stadtrand. Andererseits ist die Differenzierung zwischen touristisch motivierten Besucher: innen und Bewohner: innen der Stadt und ihres Umlandes nicht ohne weiteres praktikabel. Die wohl bekanntesten Maßnahmen der Bepreisung sind aktuell (wieder einmal) Dubrovnik und Venedig. Dubrovnik - wo der Zugang in die Altstadt über die Tore relativ leicht zu kontrollieren ist - hat faktisch eine Art Eintrittsgebühr von etwa 30 € eingeführt, die etwas kaschiert für die Be‐ sichtigung der Stadtmauer am Haupteingangstor erhoben wird (Dubrovnik Travel 2020, Benner 2019, S.-8). Auch Venedig plante 2019 eine Eintrittsgebühr („Access Fee“) für Tages‐ reisende und Kreuzfahrtreisende einzuführen (BBC 2018). Diese sollte je nach Nachfrageentwicklung gestaffelt und von anfangs 3 € bis 10 € erhöht werden können (DW 2019). Im Jahr 2020 blieb die Einführung allerdings coronabedingt noch ausgesetzt (Fascination Venice 2020). Der Plan war es, die Gebühr je nach Wochentagen, Jahreszeiten, Ferienzeiten und Events variieren zu lassen, um auch eine entsprechende Steuerungswirkung zu entfalten. 2024, genauer gesagt an bestimmten, meist Wochenends-, Tagen im Zeitraum vom 25. April bis 14. Juli 2024 jeweils zwischen 8: 30 Uhr und 16: 00 Uhr, wurde dann nach langen Verzögerungen die Pilotphase mit einer Gebührhöhe von 5 € für Tagesreisende durchgeführt (vgl. Città di Venezia 2023). Die Gebühr galt für Reisende in und durch die Altstadt. In den FAQs der Informationsseite wird die Frage nach einer Fortsetzung der Gebühr in 2025 wie folgt beantwortet (vgl. Città di Venezia 2023, o. S.): „In the coming months, the governing bodies of the Municipality of Venice are in charge of approving any additional measures for the implementation of the Access Fee after the year 2024.” Übereinstimmenden Medienberichten zufolge wurde jedoch Ende Oktober 2024 bestätigt, dass die Gebühr 2025 wiederkommen wird und sich dann auf 10 € belaufen wird die an 54, anstatt 29 Tagen zwischen April und Juli 2025 zu zahlen sein werden. Für die Kreuzfahrtreedereien ist zu unterstellen, dass sie die Eintrittsgebühr einpreisen und wohl ihre Anläufe von Venedig nicht von einer möglichen Ersparnis bei der Eintrittsgebühr abhängig machen. Gleichzeitig ist die 5.3 UN Tourism Managementansätze 195 <?page no="196"?> Situation in Venedig - ähnlich wie in Dubrovnik - dadurch gekennzeichnet, dass es nur wenige Zugänge zum Zentrum der Lagunenstadt gibt. Auch wenn Venedig nach der Pilotphase eine positive Bilanz zieht, sind die Möglichkeiten, direkte Gebühren zu erheben, um den Zugang in die historischen Zentren von räumlich weniger abgegrenzten Städten zu beein‐ flussen, begrenzt. Kritische Stimmen sprechen von einem „repräsentativen Beispiel für die Unzulänglichkeit quantitativer Maßnahmen und Lösungen“, die sich lediglich auf die Nachfrageseitenicht jedoch auf die Angebotsseit konzentrieren (Milano, Novelli und Russo 2024, S.-9). Gleichzeitig ist der Boom im Städtetourismus ja gerade von relativ preisgünstigen Angeboten getrieben worden. Viele Städte haben sich in den Jahren um die Jahrtausendwende - partiell auch mit (teilweise kaschierten) Subventionen - dafür eingesetzt, dass ihre Städte mit preiswerten Verbin‐ dungen von Low Cost Carriern (LCC) bequemer und günstiger aus den europäischen Quellmärkten erreichbar sind. Neben vielen in den letzten Jah‐ ren entstandenen preisgünstigen Hostels in vielen europäischen Metropolen tragen auch die Übernachtungsangebote der Sharing Economy dazu bei, dass die Übernachtungskosten im Rahmen bleiben. Der Städtetourismus hat sich damit in den letzten Jahren gewandelt. War er früher ein eher hochpreisiges touristisches Segment, hat er in den letzten 20 Jahren überproportional junge - oftmals preissensible - Besucher: innen angezogen. Eine der Folgen ist damit, dass eben - anders als bei traditionellen kulturorientierten Städ‐ tetourist: innen des ausgehenden 20. Jahrhunderts - das Nachtleben eine sehr viel größere Rolle spielt. Nachdem viele städtetouristische Destinationen lange Jahre intensiv - und auch erfolgreich - um diese jüngere Klientel geworben haben, ist es jetzt sicherlich nicht einfach, hier entsprechend umzusteuern. Für München ist die Notwendigkeit für die Anwendung von Regulierun‐ gen entsprechend der vierten UN Tourism-Strategie vor dem Hintergrund des relativ weiträumigen Haupttourismusgebiets als nur begrenzt relevant einzustufen. Absolute physische Tragfähigkeitsgrenzen werden kaum über‐ schritten. Wenn doch, wie beim Kernbereich der Fußgängerzone dann auch deswegen, weil diese neben den Tourist: innen in starkem Maß auch von Bewohner: innen Münchens und der Metropolregionen frequentiert werden. 196 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="197"?> 5.3.5 Zielgruppensegmentierung Im vorhergehenden Abschnitt ist ausgeführt worden, dass viele städtetouris‐ tische Destinationen um die Jahrtausendwende offensiv um jüngere - auch Nachleben-affine - und preissensitive Zielgruppen geworben haben, die mit LCC - Verbindungen oder Fernbussen für ein verlängertes Wochenende auf einen Städtetrip kommen. Vor dem Hintergrund der Overtourism-Dis‐ kussion versuchen nun viele Destinationen umzusteuern. Dementsprechend formuliert auch die fünfte Management-Strategie der UN Tourism eine klarere Fokussierung auf andere Zielgruppen als Handlungsansatz. Bei den Bewohner: innen würde der Ansatz, das Tourismusmarketing zu gestalten und insbesondere keine störenden Partytourist: innen mehr anzusprechen, wohl auf relativ breite Zustimmung stoßen, wie die Befunde aus Hamburg nahe legen (Wybraniec 2018, → Abb. 90). Da Wybraniec keine sozio-demographische Differenzierung vornimmt, kann nur vermutet werden, dass möglicherweise eher jüngere Bewohner: innen (oder solche, die außerhalb der Innenstadt wohnen) die Umsteuerung des Vermarktungsan‐ satzes für weniger notwendig halten. Gleichzeitig ist Hamburg sicherlich eine spezifische städtetouristische Destination, für die - ähnlich wie in München das Oktoberfest - die Reeperbahn und St. Pauli zum Markenkern der Stadt und wohl teilweise auch zum Selbstverständnis und der Identität der Bewohner: innen der Stadt zählt. Auch dies mag die Ergebnisse mit be‐ einflussen, dass jede/ r vierte Hamburger: in diesen Ansatz nicht unterstützt. Abb. 90: Bewertung des Regulierungsansatzes: Keine störenden Partytourist: innen mehr ansprechen durch die Bewohner: innen in Hamburg 5.3 UN Tourism Managementansätze 197 <?page no="198"?> Gleichzeitig ist aber auch anzumerken, dass es sich beim High-End-Segment kaufkraftstärkerer Zielgruppen um ein stark umkämpftes Segment handelt. Ähnlich wie sehr viele Destinationen - vom kleinsten Dorf in Kenia bis hin zu New York - auf den MICE-Markt mit Kongressen und Events setzen, um die Saisonalität der Nachfrage abzupuffern, wird auch in vielen Destinationen immer wieder das Schlagwort vom „Qualitätstourismus“ bzw. „Luxustourismus“ propagiert. Die Intensität der Ausrichtung auf dieses (letztendlich überschaubare) Segment entspricht in keiner Weise dem rea‐ len Marktvolumen. Destinationen, die sich jahrelang als Low Cost- und Party-Destination positioniert haben, werden es schwer finden, sich ent‐ sprechend erfolgreich umzuorientieren und jetzt eine ganz andere Klientel anzusprechen. Auch Mallorca hat z. B. viele Jahre gebraucht, um sein Image einer „Putzfraueninsel“ zu differenzieren und zusätzliche Zielgruppen im Golf- und Finca-Tourismus anzusprechen (vgl. Kagermeier 2020, S.-290ff.). Wenn jetzt alle von Overtourism geplagten Partytourismus-Destinatio‐ nen auf den kaufkraftstarken distinguierten Tourist: innen setzen, wird der Markt nur noch umkämpfter. Gleichzeitig sollte schon realistisch gefragt werden, ob in einer Partytourismus-Destination überhaupt das Potential für die Anziehung von anspruchsvollen Zielgruppen vorhanden ist. Ob das von jungen Partytourist: innen am Ende des aktuellen Lebenszyklus derzeit stark frequentierte Lloret de Mar an der Costa Brava auch erfolgreich ältere Luxustourist: innen ansprechen kann, darf dahin gestellt bleiben. München als städtetouristische Destination ist auch bezüglich der fünf‐ ten Strategie insofern begünstigt, als diese bereits unabhängig von der Overtourism-Diskussion als erfüllt gelten kann. München hat historisch vor dem Hintergrund der Rahmenbedingungen und des Angebotes die Attraktivität für Zielgruppensegmente etabliert, deren Bedürfnisse mit denen der Bewohner: innen relativ kompatibel sind. Diese Tendenz wird gleichzeitig bereits seit vielen Jahren von der lokalen DMO und der Stadt‐ politik entsprechend durch eine gezielte Ansprache von relativ kaufkraft‐ starken hochkulturorientierten Zielgruppen (Sinus-Milieus) verstärkt und ausgebaut (→ Kap. 4.4.2.2 und Landeshauptstadt München 2013, S. 42). Dass sich München - ganz unabhängig von der Overtourism-Diskussion - nie als Billig- und Partytourismus positioniert hat, ist damit retrospektiv als glückliches Moment einzustufen. 198 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="199"?> 5.3.6 Nutzenstiftung für lokale Gemeinschaft Nachdem die ersten fünf UN Tourism-Managementansätze bei der Nach‐ frageseite ansetzen und auf Entzerrung, Regulierung, Limitierung und Umsteuerung abzielen, verlegt die sechste Strategie den Fokus auf die Einwohner: innen in den von Overtourism betroffenen Destinationen. Wie bereits in → Kap. 1.1 erwähnt, stellt der Tourismus in vielen Städten und Regionen eine relevante regionalwirtschaftliche Komponente dar. Diese wirtschaftliche Bedeutung ist dabei in vielen ländlich geprägten touristischen Destinationen dominanter als in größeren Städten, die oftmals ein breiteres Portfolio an Beschäftigungsmöglichkeiten aufweisen. Auch wenn München als eine der seit Jahrzehnten wirtschaftlich pro‐ sperierenden in Deutschland mit nahezu Vollbeschäftigung und überdurch‐ schnittlichem Einkommensniveau sicherlich wirtschaftlich als nicht abhän‐ gig vom Tourismus charakterisiert werden kann, wird dieser doch von einer Mehrheit der Bewohner: innen als wichtiger Wirtschaftsfaktor angesehen (→-Abb.-91). Abb. 91: Tourismus als wichtiger Wirtschaftsfaktor in München Dass Tourismus auch einen ökonomischen Nutzen für die Stadt stiftet, ist den Münchner: innen also bewusst. Dieser Befund korrespondiert mit den nur gering ausgeprägten negativen Sichtweisen auf den Tourismus und könnte als Bestätigung für die UN Tourism-Strategie angesehen werden. Allerdings ergibt sich auch in Berlin bei einer Befragung der Bewohner: in‐ nen zu den wirtschaftlichen Effekten des Berlin-Tourismus eine mehrheit‐ 5.3 UN Tourism Managementansätze 199 <?page no="200"?> lich positive Wahrnehmung der Effekte des Tourismus für den Arbeitsmarkt und die finanzielle Situation der Stadt (→-Abb.-92). Abb. 92: Tourismus als wichtiger Wirtschaftsfaktor in Berlin Da in Berlin ein deutliches Unbehagen bei den Bewohner: innen gegen Tourist: innen zu konstatieren ist, kann dies so gedeutet werden, dass das kognitive Wissen um die ökonomische Relevanz von Tourismus die emotionalen Befindlichkeiten und Anti-Stimmungen nicht bzw. nur sehr partiell kompensieren kann. Dies haben auch eine Vielzahl wissenschaft‐ licher Studien belegt, in denen empirische Befunde verdeutlichten, dass das Bewusstsein über durch den Tourismus generierten wirtschaftlichen Vorteilen für eine Gemeinde nur bedingt umweltsowie sozio-kulturelle Auswirkungen wet machen kann (Erdmenger 2022b, Gössling, McCabe und Chen 2020, Lan et al. 2021). Auch die sechste UN Tourism-Strategie, die positiven ökonomischen Effekte intensiver zu kommunizieren, wie dies inzwischen z. B. in Berlin (Senat von Berlin 2014, visitBerlin 2016) oder Bamberg (dwif 2018b) - aber auch in vielen anderen Destinationen - verfolgt wird, dürfte nur begrenzt tragfähig sein. Lediglich proaktiv könnte der Ansatz mit zu einer Stabilisierung der Tourismusakzeptanz einen gewissen Beitrag leisten. Sobald die Stimmung bei den Bewohner: innen einmal umgekippt ist, lässt sich - der oftmals emotional geführte Diskurs mit solchen kognitiv-rationalen Argumenten wohl nicht mehr reparieren. 200 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="201"?> 5.3.7 Erlebnisoptionen auch für Bewohner: innen schaffen Wie bereits erwähnt, profitieren Einwohner: innen in ländlich geprägten De‐ stinationen oftmals davon, wenn durch die touristische Nachfrage Freizeit-, Kultur- oder ÖPNV-Angebote die Tragfähigkeitsschwelle überschreiten. Solche Angebote können dann auch von den Bewohner: innen mit genutzt werden. Diese profitiert damit indirekt von der touristischen Nachfrage, wenn durch diese Angebote geschaffen oder rentierlich angeboten werden können, die einen Nutzen auch für die Einwohner: innen stiften. Umgekehrt sind Freizeit-, Kultur und ÖPNV-Angebote im großstädti‐ schen Kontext eben auch aufgrund des Vorhandenseins einer entsprechen‐ den lokalen Nachfrage weitgehend unabhängig von der zusätzlichen touris‐ tischen Nachfrage vorhanden. Im Städtetourismus ist das entsprechende Angebot weniger eine Folge der touristischen Nachfrage, sondern eher eine Voraussetzung für die Entwicklung des Städtetourismus. Die auswärtige Nachfrage kann teilweise umgekehrt als Konkurrenz für die einheimische Nachfrage angesehen werden. Dies gilt für viele kulturelle Veranstaltungen genauso wie für große Events. So wurde von einem An‐ sprechpartner in München formuliert: „Und dann heißt es Münchner kriegen keinen Platz mehr, weil schon so viele andere da sind. Es kann auch mal eine Rolle spielen“ (Bickelbacher 2018). Dabei ist es denkbar, bestimmte Kontingente bzw. auch spezielle Bereiche nur für Einheimische vorzuhalten. So wie es ein: e Bewohner: in während der Fokusgruppen Diskussionen geäußert hat (Bew.-25 2020): „Und wenn Touristen den Einheimischen gegenüber bevorzugt werden. Also deswegen fand ich an sich die Idee, wo man irgendwann gesagt hat, die Münchner auf den Wiesn gibt es Bereiche, da gibt es keine Reservierung mehr oder da dürfen nur Münchner hin, oder so, an sich ganz gut. Ich hab aber noch nie gecheckt wo das sein soll. Aber das finde ich echt gut den Ansatz, zu sagen, genau, Einheimische haben da und da finanziellen Vorteil. Oder eben wenn sie einen Ausweis vorzeigen und da eine Münchner Postleitzahl steht, dass die dann einen Platz kriegen. Aber das wäre für mich so die Hemmschwelle, wenn andere von außen uns bevorzugt werden.“ Wie in diesem Zitat angedeutet, wurde z. B. von der Stadt München bereits beim Oktoberfest reagiert. Dort darf ein bestimmtes Kontingent an Sitzplätzen nicht bei Vorab-Reservierungen vergeben werden, sondern 5.3 UN Tourism Managementansätze 201 <?page no="202"?> muss für die spontane Nachfrage (nicht explizit nur, aber eben auch von Einheimischen) vorgehalten werden: „Und eine Reaktion war auch, dass man bestimmte Sachen reservierungsfrei hat. Also nicht, dass das ganze Zelt durch reserviert sein kann und man spontan nicht mehr gehen kann, sondern dass dann bestimmt Bereiche frei bleiben müssen. Das war, glaube ich auch, so eine Reaktion drauf, dass da nicht alle reserviert haben, wobei die ganzen Firmen, die hier in München sitzen und nicht nur Touristen von außerhalb. Aber man hat versucht, da ein bisschen dass man da als Münchner noch hingehen kann, um spontan reinzugehen“ (Bickelbacher 2018). Wichtig bei all diesen Ansätzen ist neben der konkreten Maßnahme, ins‐ besondere den Einheimischen das Gefühl zu vermitteln, dass den entspre‐ chenden Akteur: innen ihr Wohlbefinden ein Anliegen ist. Auch wenn dies bei der zuvor genannten „Viertelliebe“ Kampagne von München Tourismus (München Tourismus 2024c) so konkret nicht kommuniziert wird, so wurde diese Kampagne während der COVPID-19-Pandemie gelauncht und es lässt vermuten, dass sie zu dem Zeitpunkt eben auch die Stadtbewohner: innen einladen sollte, unbekannte Viertel ihrer Stadt zu erkunden. So kann es durchaus opportun sein, z. B. spezifische Veranstaltungen wie Quartierfeste etc. zu unterstützen, die sich prioritär an die Einwohner: innen wenden und diesen damit in ihren Wohnquartieren auch das Gefühl des ungestörten ‚Unter Sich Seins‘ zu vermitteln. 5.3.8 Verbesserung der Infrastruktur Die bislang angesprochenen Strategieansätze der UN Tourism wurden weitgehend skeptisch beurteilt. Auf keinen Fall können sie als universell einzusetzende Strategieansätze angesprochen werden. Lediglich beim Stra‐ tegiebaustein 7 „Erlebnisoptionen für Bewohner: innen schaffen“ wurde eine gewisse Relevanz auch für großstädtische Kontexte gesehen. Der achte Strategieansatz, durch eine Verbesserung der Infrastruktur und die Schaffung zusätzlicher Kapazitäten die Überlastungsphänomene insbesondere für die Einheimischen abzumildern, kann prinzipiell als im Overtourism-Kontext tragfähig und relevant eingestuft werden. So wurde auch bei der Erhebung in München die Überlastung der ÖPNV-Infrastruktur (zu bestimmten Zeiten und auf bestimmten Strecken‐ ästen) als mit durch den Tourismus verschärftes Problem angesprochen (→-Abb.-21 in Kap. 3.4). 202 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="203"?> Auch wenn die (insbesondere Verkehrs-)Infrastruktur in Großstädten - vor allem angesichts der großen lokalen und regionalen Nachfrage, als leistungsfähig einzustufen ist und damit auch das zusätzliche Aufkommen von Besucher: innen in vielen Bereichen bewältigen kann, sind gewisse Überlastungen insbesondere der öffentlichen Verkehrsinfrastruktur zu kon‐ statieren. Allerdings betrifft die Überlastung vor allem auch den Alltagsver‐ kehr der lokalen und regionalen Bevölkerung und stellt nur partiell ein spezifisches Phänomen der touristischen Nachfrage dar. Dementsprechend werden in München auch bereits seit Jahren entspre‐ chende Ansätze zur Kapazitätserweiterung verfolgt. Dabei werden die zusätzlichen Kapazitäten teilweise vom zukünftigen Wirtschafts- und Be‐ völkerungswachstum in der Metropolregion München zumindest teilweise kompensiert. Damit ist eine signifikante Entlastung kaum zu erwarten. Die Option der Erweiterung der öffentlichen Infrastruktur setzt aber einerseits entsprechende finanzielle Möglichkeiten voraus. Diese sind in München gegeben, aber nicht jede Kommune befindet sich in einer vergleichbaren komfortablen Situation mit weitgehend ausgeglichenem Haushalt. Darüber hinaus - und das gilt auch für München - weisen größere Infra‐ strukturprojekte - insbesondere auch im Verkehrsbereich - Planungs- und Umsetzungshorizonte von mehreren Jahren - oftmals sogar Jahrzehnten - auf. So werden auch die in München geplanten und teilweise bereits begonnenen Baumaßnahmen zur Entzerrung der zentralen Knoten im touristischen Kernbereich wohl erst im nächsten Jahrzehnt fertig gestellt werden. Als kurzfristig wirksame Maßnahme fällt ein Kapazitätsausbau der Infrastruktur damit aus. Gleichwohl erscheint diese Strategie vor dem Hintergrund der empirischen Befunde als relevant und wird damit als mittelfristig, dementsprechend weiter zu verfolgen eingestuft. 5.3.9 Kommunikation mit und Einbindung von lokalen Stakeholdern Erst an neunter Stelle wird dann von der UN Tourism der Management-An‐ satz aufgeführt, der sich möglicherweise als der künftig relevanteste her‐ auskristallisieren könnte: die Kommunikation mit und die Einbindung von lokalen Stakeholdern. Dieser Ansatz ist sicherlich nicht geeignet als kurz‐ fristig wirksame Sofort-Interventions-Maßnahme nach dem Hochkochen der Diskussion und dem Überschreiten des Tipping Points. Ihm dürfte aber eine zentrale Rolle als proaktiver Strategiebaustein zur Vermeidung eben 5.3 UN Tourism Managementansätze 203 <?page no="204"?> genau jener negativen Reaktionen zukommen. In die gleiche Richtung zielt ja auch das von Roland Berger vorgelegte Konzept (→ Kap. 5.2.3), auch wenn dieses ja viele Fragen hinsichtlich der Umsetzung offenlässt. Die Einbindung von Stakeholdern war lange Zeit vor allem auf die professionellen touristischen Akteur: innen entlang der Dienstleistungskette ausgerichtet. So wurde z. B. in München mit der 2012 gegründeten sog. „Tou‐ rismus Initiative München“ (TIM) nicht nur ein Ansatz zur finanziellen Be‐ teiligung der Tourismuswirtschaft an der Marktkommunikation geschaffen, sondern insbesondere auch eine Plattform zur Einbeziehung einer breiten Basis von Akteur: innen (Pillmayer 2016, TIM 2020). Auch in der Vergangen‐ heit spielte bei solchen Ansätzen der Aspekt des Binnenmarketings bereits eine gewisse Rolle. So sollten z. B. mit klassischen Wertschöpfungsanalysen sowohl politisch Verantwortliche als auch die Bewohner: innen adressiert werden. Ziel war es, ein Bewusstsein für die ökonomische Relevanz des Tourismus als Wirtschaftssektor zu schaffen und auch für die Belange der Tourismuswirtschaft zu werben. So formuliert z.-B. der Leiter der Würzburger DMO: „Umgekehrt natürlich die Information an die Einheimischen, also an die Stadt‐ gesellschaft und das aber tatsächlich immer damit verbunden, dass man aufzeigt, wer sind jetzt gerade die Profiteure. Also so wie wir im Moment gerade die Kri‐ senkommunikation machen, was bedeutet jetzt Corona für einen Gästeführer, was für den Gastronom, was für den Hotelier - genau so haben wir es natürlich in den Jahren des Erfolgs umgedreht, dass wir gesagt haben, wie gut profitieren die Hotels davon, und wie reagieren die, wie investieren die? Das gleiche mit Gästeführern, dem Einzelhandel. Das wurde also dann tatsächlich immer wieder kontinuierlich so an die Öffentlichkeit gegeben“ (Rudek 2020). Letztendlich aber haben diese bislang verfolgten Ansätze nicht verhindern können, dass die Stimmung bezüglich des Tourismus in vielen Destinationen umgeschlagen und zur Overtourism-Debatte geworden ist. Diese sich wan‐ delnde Zielsetzung und Bedeutung dessen, was bislang als Binnenmarketing verstanden worden ist, wird auch vom Geschäftsführer der Würzburger DMO gesehen: „Dann ist es tatsächlich etwas, wo man ganz gezielt natürlich auch sagt in das Binnenmarketing hinein sollen gewisse Themenfelder kommuniziert, bearbeitet werden, die nötige Transparenz muss natürlich da sein. Da haben wir jetzt bei uns tatsächlich eine etwas andere Voraussetzung. Also für mich selbst, mit dem beruflichen Hintergrund, ist das schon was, dass ich sage 204 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="205"?> Binnenmarketing ist wichtig, wir müssen immer wieder auch aufzeigen, was tun wir, warum tun wir das, was ist der Nutzen für die Einheimischen? Denn vieles ist ja jetzt nicht einfach Selbstläufer, sondern Tourismus ist wirklich Arbeit, für alle Beteiligten. Und genauso müssen wir als Touristiker natürlich sehr sensibel damit umgehen, wie verändern sich jetzt auch Trends, Nachfrage, was kann das bedeuten für den Lebenskomfort der einheimischen Bevölkerung? “ (Rudek 2020) Die zentrale Herausforderung im Overtourism-Kontext dürfte künftig darin bestehen, sich eben nicht nur kurzatmig, reaktiv und kurativ mit den Symptomen auseinander zu setzen. Vielmehr erscheint auf der Suche nach tragfähigen Ansätzen notwendig, proaktive - allerdings wohl nur mittelfristig wirksame und nicht als akute Krisenintervention geeignete - kommunikative Ansätze zu entwickeln und konsistent und umfassend sowie dauerhaft zu implementieren. Kommunikativen Maßnahmen kommt dabei wohl auch im Rahmen des Resilienz-Ansatzes eine wichtige Rolle zu (Guitart und Serrat 2020, S.-274). Dabei handelt es sich nicht nur um klassische kommunikative Ansätze. Eine partizipatorisch ausgerichtete Herangehensweise bedeutet wohl einen grundlegenden Paradigmenwechsel im Destinationsmanagement. Diese reicht gleichzeitig wohl auch sicherlich über traditionelle sektorale Ansätze hinaus. Aus diesem Grund soll die Kommunikation und Interaktion mit der Wohnbevölkerung separat in →-Kap.-6 behandelt werden. 5.3.10 Kommunikation mit und Einbindung von Besucher: innen Angesichts der negativen Auswirkungen durch das Verhalten einiger Tou‐ rist: innen - insbesondere während ihrer nächtlichen Aktivitäten - schlägt die UN Tourism als zehnte Managementstrategie vor, diese negativen Aus‐ wirkungen durch direkte Ansprache der Besucher: innen zu verringern (UNWTO bzw. UN Tourism 2018, S. 49). Das Kommunizieren und Einbe‐ ziehen von Besucher: innen sei eine Möglichkeit, sie für die negativen Auswirkungen ihres Verhaltens auf die Bewohner: innen zu sensibilisieren. Persuasive Maßnahmen, die sich an (potenzielle) Besucher: innen von Reisezielen richten, sind dabei überhaupt nichts Neues. Wie bereits in → Kap. 5.1 erwähnt, engagiert sich der Studienkreis für Tourismus und Entwicklung seit Jahrzehnten um Verständnis für andere Kulturen in (v. a. außereuropäischen) Reisezielen zu schaffen. Im Hintergrund steht dabei die 5.3 UN Tourism Managementansätze 205 <?page no="206"?> Abb. 93: Schilder wie dieses in der Dubliner Pub-Meile „Temple Bar“ stellen fast hilflos an‐ mutende und letztendlich nur begrenzt wirk‐ same Appelle an die Vernunft von Feiernden dar - sicherlich etwas bildungsbürgerlich geprägte und an die Kraft der Aufklä‐ rung glaubende - Hoffnung, dass sich dadurch verantwortungsbewussteres sowie rücksichts- und respektvolleres Verhalten induzieren ließe. Nicht nur die Auswüchse des Sextourismus in diverse Länder des Globalen Südens zeigen aber, wie wenig solche Ansätze bewirken. Im Jahr 2015 wurden in Berlin Pantomimekünstler als ‚weiches‘ Instrument eingesetzt, um die Be‐ lästigung des Partytourismus und den Lärm durch nächtliche Out‐ door-Aktivitäten im Schwerpunkt Friedrichshain zu verringern (Ber‐ linOnline Stadtportal 2015a, 2015b, Gross 2015). Die Pantomimen nä‐ herten sich den Gästen von Restau‐ rants und Bars im Freien und fleh‐ ten sie mit pantomimischen Gesten an, den Lärmpegel zu reduzieren. Letztendlich wirkt der Versuch, mit einer solchen weichen Maßnahme Partytourist: innen zu einem für das Umfeld verträglicheren Verhalten zu bewegen, fast hilflos und ver‐ zweifelt. Dieser innovative Ansatz hatte dementsprechend auch nur eine begrenzte Wirkung. Nach ei‐ nigen Monaten wurde das Pilotpro‐ jekt wegen mangelnder Wirksam‐ keit eingestellt (Fink 2015). Diese beiden Beispiele könnten darauf hinweisen, dass es nicht einfach ist, Besucher: innen anzusprechen und sie dazu zu bringen, über die Auswir‐ kungen ihres Verhaltens nachzudenken und dies entsprechend anzupassen, so dass es für die Bewohner: innen akzeptabel wird. Der Ansatz, bei den Besucher: innen ein Bewusstsein für die Bedürfnisse der Bewohner: innen zu generieren, zielt auf das Sozialverhalten der Besucher: innen ab. In eine ähnliche Richtung weisen auch Ansätze in München. Dort ist der Gärtnerplatz einer der wenigen lokalen Hotspots von feiernden Jugendlichen und jungen Erwachsenen (Bewohner: innen von München und dem Umland 206 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="207"?> Abb. 94: Schild des Allparteiliches Konflikt‐ management (AKIM) am Gärtnerplatz in München, das die nächtlichen Besucher: in‐ nen um Ruhe und ein angemessenes Verhal‐ ten bittet ebenso wie auswärtige Besucher; vgl. Lotze 2020). Unter dem organisationalen Dach des sog. AKIM (= Allparteiliches Konfliktmanagement in München) sind nachts Mitarbeiter: innen des Sozialreferats unterwegs, um Exzesse der Feiernden abzumildern und auf die Einhaltung von Ruhezeiten hinzuwirken (Landeshauptstadt München. Sozialreferat 2019, S. 12 oder ZDF 2019). Auch dieser Maßnahme (→-Abb.-94) ist nur ein begrenzter Erfolg möglich. Da München aber eben nur be‐ grenzt Partytourist: innen anzieht und sich auch nicht so positioniert, halten sich die Verbreitung sowie die Frequenz von Fehlverhalten in Grenzen. Damit bleibt die Beein‐ trächtigung der Anwohner: innen auf wenige Ecken in der Stadt li‐ mitiert. Gleichzeitig bleibt aber die Frage unbeantwortet, inwieweit sol‐ che aufklärerische Ansätze der Sen‐ sibilisierung vor dem Hintergrund der hedonistischen Interessen der Tourist: innen wirklich tragfähig sind. Belastbare empirische Studien liegen hierzu bislang nicht vor. Wie bereits mehrfach hinsichtlich der Umweltauswirkungen des Tou‐ rismusverhaltens - wie die Rolle des Flugverkehrs beim Klimawan‐ del (Kagermeier 2020, S. 180 ff.) oder CSR-orientierte Ansätze (Ka‐ germeier 2016) - festgestellt wurde, scheint die Bereitschaft von Tourist: innen recht begrenzt, altruistische Mo‐ tive in ihr Reiseverhalten zu integrieren. Das klar hedonistisch geprägte Hauptinteresse der Tourist: innen ist ihre persönliche Reiseerfahrung und ihr persönliches Vergnügen (Schmücker, Sonntag und Günther 2019, S. 8). Die Kluft zwischen Einstellungen und Verhaltensweisen wurde bereits mehrfach in ökologisch orientierten Studien festgestellt (Schmücker, Sonntag und Günther 2019, S. 13). Appelle an freiwillige Ansätze zur Ansprache von Tourist: innen scheinen - angesichts der begrenzten Auswirkungen in anderen Bereichen - eher auf Wunschdenken als auf soliden Perspektiven zu beruhen. Um die 5.3 UN Tourism Managementansätze 207 <?page no="208"?> Interessen von Besucher: innen und Bewohner: innen in Einklang zu bringen, müssen andere Konzepte und Ansätze entwickelt und ausgearbeitet werden. Impulse & Inspirationen für einen Wandel „CopenPay“ in Kopenhagen Die DMO Kopenhagens, Wonderful Kopenhagen, hat im Sommer 2024 ihre Kampagne „CopenPay“ gelauncht, die vom 15.-Juli bis 11.-August 2024 umgesetzt wurde. Im Zuge dieser Kampagne, die mehrfach ausgezeichnet wurde, boten 24-Attraktionen der Stadt Belohnungen für umweltfreundli‐ ches Verhalten an. Dazu zählen u. a. die Nutzung umweltfreundlicher Trans‐ portmittel, das Sammeln von Müll, und das Aushelfen im Stadtgarten „Øens Have“. Die Belohnungen reichen von einer Tasse Kaffee, über eine warme Mahlzeit bis hin zu einem kostenfreien Museumszugang. Belegt wird das nachhaltige Verhalten z.-B. durch das Vorzeigen genutzter ÖPNV-Tickets, ein Foto der Aktivität oder eben auch einfach auf Vertrauensbasis, denn „CopenPay is built on trust, just as Danish society is the most trusting in the world“ (Wonderful Copenhagen 2024, o.-S.). Es wird also deutlich, dass die DMO, im Gegensatz zu bisher beobachteten Beispielen in anderen Destinationen, nicht nur mit der Moralkeule auf ein nachhaltiges Verhalten hinweist, sondern betont vielfach, dass dies die Werte und der Lebensstil der Kopenhagener sind - heißt, wenn man sich so verhält, kommt man der lokalen Kultur möglichst nah und wird Teil der Kopenhagener Gemein‐ schaft. Auch unterstreicht die DMO, wortwörtlich, dass diese Kampagne nicht das Ziel hat die Tourismuszahlen zu steigern (Wonderful Copenhagen 2024). CopenPay richtet sich auch an die lokale Bevölkerung, die ebenfalls teilnehmen und so auch mit Tourist: innen in Interaktion treten konnte. Auch wenn diese Kampagne eventuell etwas unterhaltsamer, reizvoller und verspielter war als bisherige Vorreiter, so ist dennoch fragwürdig, wie viele Tourist: innen (und Bewohenr: innen) ihr Verhalten tatsächlich angepasst haben und aus welchen Motivationen heraus - für die Tasse Kaffee, das Erleben des nachhaltigen Kopenhagen-Lebensstils oder doch die gute Instagram-Story? Effektive Gamification oder Marketing-Gag? Eine genauere Analyse oder Beurteilung der tatsächlichen Effektivität dieser Kampagne steht noch aus. Quelle: Wonderful Copenhagen (2025): 🔗 https: / / www.visitcopenhagen. com/ copenpay 208 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="209"?> Abb. 95: „Youʼre welcome“-Signal eines Ca‐ fés an verunsicherte Besucher: innen in Bari Damit muss letztendlich auch dieser Strategieansatz der UN Tourism als nur begrenzt tragfähig eingestuft werden. Kommunikation mit den Besucher: innen Auch wenn der Hauptfokus in diesem Band auf den Auswirkungen in den Destinationen liegt, soll als eine Art Exkurs an dieser Stelle auch auf den inversen Aspekt der Kommunikation mit den Besucher: innen hingewiesen werden. Die Attraktivität von touristi‐ schen Destinationen hängt einer‐ seits von den konkreten Angebo‐ ten zur Erreichbarkeit des Ziels und der Gestaltung des Aufent‐ halts, den sog. „Tangibles“ bzw. harten Attraktivitätsfaktoren ab. Andererseits wird die Attraktivität auch von einer Reihe weiterer As‐ pekte, den sog. „Intangibles“ bzw. weichen Faktoren ab. Zu diesen zählt z. B. neben der Servicequali‐ tät auch die Vermittlung eines Ge‐ fühls, willkommen zu sein bei den Gästen (Bauer und Gardini 2019). Im Zuge der Overtourism-Diskus‐ sion könnte - ohne dass hierzu bereits wirklich belastbare Befunde vorliegen - bei den potenziellen Besucher: innen das Gefühl entste‐ hen, sie seien nicht mehr willkom‐ men bzw. unerwünscht. Ein eher extremes, den Overtourism-Sommer 2024 prägendes, Beispiel hierfür ist der größte Anti-Tourismus-Protest Barcelonas, der am 6. Juli 2024 stattfand und bei dem Restaurantbesucher: innen, vermeintliche Tourist: innen, mit Wasserpistolen bespritzt und mit den bekannten Parolen „Tourists go home“ vergrault wurde (vgl. Hanigk 2024). Ob diese neue Stufe an Tourismus-Pro‐ testen, die sich nun doch akut und ganz praktisch gegen Tourist: innen und nicht das Miss-Management des Tourismuswachstums richten, tatsächlich dazu führen, dass diese Destinationen (hier Barcelona) gemieden werden, 5.3 UN Tourism Managementansätze 209 <?page no="210"?> bleibt abzuwarten. Letztendlich könnte die Overtourism-Diskussion damit (zumindest partiell) den ‚Ast absägen‘, von dem ein oftmals erheblicher Teil der Vorort-Bevölkerung lebt. Ein etwas unbeholfener, aber fast anrührend anmutender Versuch einer positiven Gästekommunikation ist in → Abb. 95 wiedergegeben. Letztend‐ lich zählt auch dieser Aspekt der Kommunikation mit den Besucher: innen zum Komplex Overtourism. 5.3.11 Monitoring Aus tourismuswissenschaftlicher Sicht selbstverständlich und letztendlich auch wie ein übergreifender Appendix wirkend wird als letzte Manage‐ ment-Strategie von der UN Tourism auch das systematische Monitoring angesprochen. Dabei wird vor allem an quantitative Erhebungen bei den Bewohner: in‐ nen und den Besucher: innen gedacht, deren Ergebnisse in diesem Band bereits an vielen Stellen erwähnt worden sind. Die Wahrnehmung des aktu‐ ellen Niveaus der touristischen Nachfrage, der Wachstumsgeschwindigkeit aber auch die wahrgenommenen Auswirkungen und subjektive Befindlich‐ keiten bzw. der Grad des Unwohlgefühls im Alltag und in der Freizeit oder Crowding-Gefühle sind klassische Gegenstände dieser Monitoring-Studien. Solche Studien wurden seit der zunehmenden Overtourism-Debatte von diversen Destinationen auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene beauf‐ tragt (vgl. TCI Research 2018; dwif 2019; Seeler 2021). Wie bereits in → Kap. 1.4.2 aufgeführt, hat auch die UN Tourism 2019 IPSOS mit einer online Umfrage zur Städtetourismus-Wahrnehmung unter 12.000 Bewoh‐ ner: innen von 15 Ländern (in Nordamerika (2), Südamerika (1), Europa (9), Ostasien (2) und Australien (1)) beauftragt (vgl. UNWTO & IPSOS 2019). Auch wenn es löblich ist, den bisher stark Eurozentrischen Blick auf Overtourism zu erweitern, so ist es gleichzeitig fragwürdig, warum sich die Key Findings auf einen Prozentsatz für alle 15 Länder (wovon 9 europäisch sind) beziehen und damit differenzierte Erkenntnisse und Aufschlüsse verbergen. Auch in München wurden - sicherlich teilweise vor dem Hintergrund der aufkommenden Overtourism-Diskussion in den letzten Jahren die Ansätze zu einem Monitoring deutlich intensiviert (Zednik 2018). Gleichzeitig gilt es sicherlich, aufbauend auf den vorhandenen Ansätzen, diese auch künftig systematisch weiter zu verfolgen und zu entwickeln, um für München ein 210 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="211"?> ‚Umkippen‘ der öffentlichen Stimmung wie in den Destinationen ‚an der Spitze des Eisbergs‘ zu vermeiden. Allerdings dominieren bei Monitoring-Ansätzen bislang klassische quan‐ titativ ausgerichtete Erhebungen. Diese können letztendlich aber nur an der Oberfläche des Phänomens Overtourismus ‚kratzen‘ und scheinen nur begrenzt geeignet, die oftmals tiefer liegenden subjektiven Befindlichkeiten und die Auslöser hinreichend genau zu fassen. Auch fehlen bislang Ansätze, die z. B. zudem die kompensierende Wirkung von Vermeidungsoptionen oder anderen Coping-Möglichkeiten für die Sensitivität und ggf. auch eine Stabilisierung bzw. Stärkung der Resilienz im Sinne des Vulnerabilitätsan‐ satzes einbeziehen. Vor diesem Hintergrund soll im nächsten Abschnitt noch einmal auf die UN Tourism-Managementansätze mit dem Blickwinkel des Vulnerabilitätsansatzes geblickt werden. Gleichzeitig werden - neben den Kommunikationsansätzen - auch die Notwendigkeiten und Möglichkeiten für tiefer gehende Monitoring-Ansätze im anschließenden →-Kap.-6.3.1 nochmals aufgegriffen. 5.4 Die UN-Tourism-Strategien vor dem Hintergrund des Vulnerabilitätsansatzes Im Folgenden wird einerseits versucht, die von der UN Tourism formulierten Managementstrategien in den Kontext des Vulnerabilitätskonzeptes einzu‐ ordnen und zu bewerten. Damit soll die Tragfähigkeit dieses Konzeptes für den Umgang mit Overtourism überprüft werden. Andererseits werden die Strategien mit den beim Fallbeispiel München generierten Befunden und Erkenntnissen abgeglichen. Damit soll die generelle Tragfähigkeit der Ansätze überprüft werden. Da die Haltungen und Wahrnehmungen der Münchener: innen a priori als relativ robust gegenüber großen Besucher: innenzahlen eingestuft werden konnten, soll als drittes Ziel mit Bezug auf die UN-Tourism-Handlungsstra‐ tegien und das Vulnerabilitätskonzept ein vertieftes Verständnis über die Resilienz der Münchner Bewohner: innen gewonnen werden. 5.4.1 Reduzierung der Belastung (Exposure) Viele der von der UN Tourism vorgeschlagenen Maßnahmen und Hand‐ lungsansätze zur Milderung von Overtourism-Effekten setzen bei der Redu‐ 5.4 Die UN-Tourism-Strategien vor dem Hintergrund des Vulnerabilitätsansatzes 211 <?page no="212"?> zierung der konkreten Belastung (Exposure) an. Auch die ersten vier der elf UN-Tourism-Strategien können als solche Ansätze klassifiziert werden. Sie umfassen die räumliche (1) sowie die zeitliche (2) Verteilung bzw. Entzerrung der Besucher, die Entwicklung alternativer Rundgänge und Attraktionen (3) sowie Regulierungen in sehr stark frequentierten Quartieren/ Gebieten (4). Bezogen auf das Vulnerabilitätskonzept zielen diese vier Maßnahmen auf die Reduzierung der Exposition im Hotspot der touristischen Nachfrage ab. Implizit wird dabei wohl auch unterstellt, dass sich durch diese Maßnahmen die Sensitivität positiv beeinflussen lässt. Indirekt könnte damit auch die Resilienz verbessert werden, da die Belastung reduziert wird (→-Abb.-96). Allerdings sind diese vier von der UN Tourism an erster Stelle genann‐ ten Maßnahmen für München nur partiell relevant. Aufgrund ihres weit‐ räumigen Innenstadtkerns erleidet die Stadt kein außerordentliches Kon‐ zentrationsproblem. Rein physische Tragfähigkeitsgrenzen werden nicht überschritten. Dementsprechend sind auch kaum rein „monofunktionale Touristenzonen“ (Katarzyna, Six und Vanneste 2017) zu identifizieren. Die wenigen Hotspots, die von großen Tourismusströmen ‚heimgesucht‘ wer‐ den - wie z. B. der Marienplatz oder die Gegend um das Hofbräuhaus - werden von den Bewohner: innen teilweise schlicht gemieden. Dies stellt nach Aussagen der Befragten keine problematische Einschränkung für sie dar: „Aber nochmal, das stört sie in ihrem eigenen Vorgarten, oder in ihrem eigenen Wohnumfeld und nicht da am Marienplatz. […] Zu guter Letzt hat man sich ge‐ fragt, ob sich die Leute wirklich stören am Tourismus oder an diesem Phänomen und dann als Schluss für sich diese Plätze meiden“ (Namberger 2018). „Manche haben das ganz gut geschafft auch die Stadt dann trotzdem noch positiv zu erle‐ ben. Ecken zu finden, wo sie sagen, da ist es noch schön und so muss man halt bestimmte Ecken vielleicht meiden“ (Popp 2018). Dies bedeutet umgekehrt, dass eine intensivere räumliche Dispersion der Tourist: innen in bislang kaum von Tourist: innen frequentierte Stadtviertel kontraproduktiv sein könnte, da dadurch der Rückzugsraum der Bewoh‐ ner: innen eingeschränkt wird und damit einhergehend die Exposition und Empfindsamkeit der Anwohner: innen in den Wohnquartieren erhöht wer‐ den könnte. Die Umsetzung könnte daher sogar unerwünschte nachteilige Effekte generieren und führt zu der Erkenntnis, dass eine simple ‚Verdün‐ nungsstrategie‘ nicht immer die angemessene Antwort auf die Frage nach der Reduzierung der Exposition darstellt. 212 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="213"?> Abb. 96: Zuordnung der UN Tourism-Overtourism-Strategien zu den Dimensionen des Vulnerabilitätskonzepts und Erweiterung des Resilienz-Begriffes Auch die auf die Kommunikation mit den Besucher: innen abzielende Stra‐ tegie 10 kann als Ansatz zur Reduzierung der Exposition verstanden werden. Dass - insbesondere um die direkten nächtlichen Störungen durch Besu‐ cher: innen zu reduzieren - z. B. in Berlin bereits diverse Maßnahmen wie ein Pantomime-Projekt ausprobiert wurden, ist bereits erwähnt worden (→ Kap. 5.3.10). Letztendlich erscheinen solche ‚Erziehungsmaßnahmen‘ fast etwas hilflos. Hinzu kommt, dass dieser persuasiv ausgerichtete Ansatz - unabhängig von der fraglichen Wirksamkeit - vor allem für Destinationen mit Fokus auf nachtaktive Besucher: innen (z. B. auch Hamburg oder Ams‐ terdam) relevant ist. Für München, das auch in der Vergangenheit bewusst nicht auf Partytourist: innen gesetzt hat, wurden bei den Befragungen und Gesprächen keine Hinweise gefunden, dass nächtliche Ruhestörungen ein weiter verbreitetes Problem darstellen. An einem der wenigen nächtlichen Feier-Hotspots, dem Gärtnerplatz dürfte die Mehrzahl der jüngeren Feiern‐ den darüber hinaus aus der Stadt und dem Umland kommen. Darüber hinaus 5.4 Die UN-Tourism-Strategien vor dem Hintergrund des Vulnerabilitätsansatzes 213 <?page no="214"?> tragen die entsprechend restriktiv gehandhabten (und auch überprüften) Öffnungszeiten für die Biergärten (und die übrige Außengastronomie) sicherlich zu einer Abmilderung der Störungen bei. 5.4.2 Stärkung der Resilienz (Resilience) Anknüpfend an die nur relativ gering ausgeprägten nächtlichen Störungen durch Partytourist: innen in München ist an dieser Stelle auf Strategie 5, die auf die Besucher: innensegmentierung abzielt, zu verweisen (→ Abb. 96). So werden einerseits durch das kulturelle Angebot Münchens und andererseits die relativ hochpreisigen Übernachtungsoptionen verstärkt Zielgruppen angezogen, die ähnliche Lebensstile praktizieren wie die Bewohner: innen in den gentrifizierten innerstädtischen Wohnquartieren selbst. Die Adres‐ sierung von kaufkraftstärkeren und kulturinteressierten Zielgruppen wird gleichzeitig auch bereits von der DMO aktiv gestärkt (Zednik 2018, S. 38). Dabei hat München aufgrund seiner Tradition bei hochkulturell Interessier‐ ten und relativ kaufkraftstarken Besucher: innen hier eben einen Vorteil gegenüber Destinationen, die sich in den letzten 20 Jahren als niedrigprei‐ sige Party-Destinationen ‚verramscht‘ haben und nun kaum Aussichten haben, die Zielgruppenzusammensetzung nach dem Aufkommen von Over‐ tourism-Phänomenen kurzfristig umzusteuern. Als weitere Maßnahme, nicht nur das Aufeinanderprallen unterschied‐ licher Lebensstilgruppen, sondern auch das rein physische Begegnen zu steuern, schlägt Strategie 8 die Verbesserung der Infrastruktur vor. Die em‐ pirischen Befunde in München haben gezeigt, dass von den Bewohner: innen eine Überlastung des ÖPNV (speziell an den zentralen Knotenpunkten) als Problem angesehen wird. Auch wenn die Lastsituation nur partiell durch Besucher: innen und in starkem Maß auch vom Wirtschafts- und Bevölke‐ rungswachstum in der Metropolregion München verursacht werden, sind entsprechende Ansätze der Kapazitätssteigerung bereits seit Jahren auf der Agenda der Münchner Verkehrsplaner. Dabei sind Einheimische und Tourist: innen in der U- oder S-Bahn nicht immer klar zu unterscheiden, auch wenn auswärtige Besucher: innen teilweise durch ihre Unsicherheit und Langsamkeit auffallen. Damit werden sie von den oftmals eilig und ziel‐ gerichtet sich bewegenden Einheimischen in vielen Fällen als Widerstand im Fußgängerfluss wahrgenommen - ebenso wie natürlich auch ältere oder andere mobilitätseingeschränkte Einheimische. Die Überlastung des ÖPNV führt zu einem Crowding-Gefühl. Wenn dieses mit dem hohen Besucherauf‐ 214 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="215"?> kommen in Verbindung gesetzt wird, kann diese negative Wahrnehmung zu Overtourism-Gefühlen führen (Eisenstein und Schmücker 2020, S.-41). Strategie 5 und 8 setzen also insbesondere bei der Anpassung an die Nachfragesituation an. Damit zielen sie auf einen Aspekt, der zur Resilienz beiträgt. Anpassungsmaßnahmen führen indirekt auch zu einer positiven Beeinflussung der Sensitivität bei gleich hoher Exposition. 5.4.3 Reduzierung der Sensitivität (Sensitivity) Direkt bei der Sensitivität (Empfindsamkeit) der Bewohner: innen setzen die zwei der elf UN Tourism-Strategien an, die auf den Lebensstil und den Lebensunterhalt der lokalen Bevölkerung abzielen (→ Abb. 96). So sollen bei Strategie 6 die positiven ökonomischen Effekte intensiver gegenüber den Stakeholdern kommuniziert werden. Auch wenn dies in München bereits praktiziert wird (vgl. z. B. Hans 2019), ist dieser Ansatz vor dem Hintergrund der dynamischen wirtschaftlichen Entwicklung der Metropolregion mit Tendenz zu Fachkräftemangel nur begrenzt relevant. Denn im Vergleich mit anderen urbanen Destinationen ist München weniger stark von der touristischen Wertschöpfung und den touristischen Arbeitsplatzeffekten abhängig. Strategie 7 zielt auf die Schaffung von Freizeitangeboten und Erlebnissen ab, die für Besucher: innen und Bewohner: innen gleichermaßen attraktiv sind. Durch die resultierenden positiven Nebeneffekte für die Bewohner: in‐ nen soll die Akzeptanz gegenüber der Besuchervielzahl gefördert werden. Auch dieser Ansatz greift in München, mit seiner Vielfalt an kulturellen und gastronomischen Einrichtungen nur begrenzt. Die Strategie erscheint eher für ländlich geprägte Destinationen anwendbar, in denen erst durch die tou‐ ristische Nachfrage gewisser Freizeitangebote die Tragfähigkeitsschwelle überschritten wird. In Großstädten wie München, ist der Wirkmechanismus eher umgekehrt: das Vorhandensein von primär auf die Bewohner: innen ausgerichteten Angeboten wirkt auch als Anziehungsfaktor für Besucher. Die beiden letzten UN Tourism-Managementansätze (Strategie 9 und 11) setzen ebenfalls eher proaktiv bei der Sensitivität der Bewohner: innen an (→ Abb. 96). Bezüglich des Monitorings (11) haben die DMO und die Kommunalpolitik Münchens in den letzten Jahren, sicherlich auch bedingt durch die hohen Wachstumszahlen sowohl bei Einwohner: innen als auch Besucher: innen und der Diskussionen in anderen städtetouristischen Desti‐ nationen, ein verstärktes Bewusstsein für dessen Notwendigkeit entwickelt. 5.4 Die UN-Tourism-Strategien vor dem Hintergrund des Vulnerabilitätsansatzes 215 <?page no="216"?> Auch wenn es erst sukzessive aufgebaut wird, erfolgten erste Monito‐ ring-Aktivitäten bereits, bevor die Diskussion lokal virulent wurde (Zednik 2018). Zur Kommunikation (9) lässt sich festhalten, dass München auch hier bereits vergleichsmäßig gut aufgestellt ist. Mit der bereits erwähnten, 2012 ins Leben gerufenen, Plattform „Tourismus Initiative München“ (TIM; → Kap. 5.3.9) beteiligt sich die Tourismuswirtschaft einerseits finanziell an den nicht-rentierlichen DMO-Aufgaben, wird aber andererseits gleichzeitig auch intensiv in Entscheidungsprozesse zur lokalen Tourismusentwicklung eingebunden. In verschiedenen Arbeitskreisen werden kollaborativ mit den wirtschaftlichen touristischen Stakeholdern Entwicklungsstrategien sowie Marketingkonzepte erarbeitet (Zednik 2018; Pillmayer 2016). Darüber hinaus ermöglicht auch die in TIM institutionalisierte Interaktion mit kommunalpolitischen Akteur: innen eine direkte Kommunikationsplattform für diverse Stakeholder der Tourismusbranche Münchens. Trotz ausgeprägter und eingespielter Kommunikationsansätze zwischen den professionellen Tourismusunternehmen und der Stadtpolitik kann je‐ doch ein Optimierungspotential in der direkten Kommunikation mit den Bewohner: innen konstatiert werden. Dabei laufen Überlegungen in der DMO und der Stadtverwaltung, wie diese verbessert werden können. Fast als ein Glücksfall, der der DMO ‚in den Schoß gefallen‘ ist, ist dabei die wohlwollende Berichterstattung in der Lokalpresse anzusprechen. Hier wird - teilweise auch aus eigenem Impetus - der Diskurs mit den Bewohner: innen durchaus im Sinne der UN Tourism Strategie 11 geführt. So startete die Süddeutsche Zeitung im April 2019 eine elfteilige Serie zum Tourismus in München (→ Kap. 4.4.4). Dabei wurden in den Beiträgen zwar auch klassische Nutzenaspekte des Tourismus für die Bewohner: in‐ nen thematisiert, wie sie in der UN Tourism-Strategie 7 berücksichtigt werden. Aber neben den naheliegenden erwähnten ökonomischen Effekten wird dabei aber auch ein darüberhinausgehendes positives emotionales Setting generiert. So wird z. B. unter dem Titel: „Bilder einer fremden Stadt“ auch thematisiert, wie Besucher: innen die Stadt wahrnehmen (Skala 2019). Gleichzeitig schwingt in der Darstellung auch ein gewisser Stolz auf die eigene Stadt mit. Unbewusst werden damit die UN Tourism-Strategien zur Reduzierung der Sensitivität (6 und 7) bedient. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass die vier UN Tourism-Strategiean‐ sätze, die der Einwirkung auf die Sensitivität innerhalb des Vulnerabilitäts‐ konzeptes zugeordnet werden konnten, wohl den Kern von proaktiven Overtourism-Vermeidungsansätzen darstellen. 216 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="217"?> 5.4.4 Diskussion: Resilienzförderung urbaner Destinationen Wie bereits mehrfach deutlich geworden ist, unterscheidet sich das Beispiel München in manchen Aspekten von den aktuellen ‚Problemkindern‘ des Overtourism und weist teilweise sehr spezifische Angebots- und Nachfra‐ geparameter auf. Demnach sind einige der UN Tourism-Managementstra‐ tegien für das Fallbeispiel München nicht relevant, geeignet oder empfeh‐ lenswert (Strategie 1, 2, 3, 4 und 10). Andere Maßnahmen wurden bereits im Laufe der ökonomischen und infrastrukturellen Entwicklung der Stadt im‐ plementiert oder gar mehr oder weniger intuitiv bzw. unbewusst umgesetzt (Strategie-5, 6 und 7). Lediglich drei Maßnahmen werden als erstrebenswerte Managementst‐ rategien zur Verhinderung von Overtourism-Effekten in München bewertet (Strategie 8, 9 und 11). Gleichwohl sollen die Strategien nicht nur auf deren Relevanz für ein konkretes Fallbeispiel betrachtet werden, um damit deren universelle Gültigkeit zu überprüfen. Vielmehr wurde auch eine Einbettung in den konzeptionellen Kontext der Vulnerabilitätsforschung angestrebt. Ausgehend von den elf relativ pragmatisch formulierten UN Tourism-Ma‐ nagementstrategien, konnte - in → Abb. 96 auch graphisch - aufgezeigt werden, dass diese den einzelnen Dimensionen des Vulnerabilitätskonzeptes zugeordnet werden können. Damit ist eine konzeptionell-fundierte Struk‐ turierung der einzelnen Ansätze möglich. Fünf der UN Tourism-Ansätze (Strategie 1, 2, 3, 4 und 10) zielen direkt auf die Beeinflussung der Exposition ab. Diese Managementansätze fungieren als reaktive Strategien für solche Fälle, in denen die subjektive Akzeptanz‐ grenze bereits deutlich überschritten wurde und andere Maßnahmen nicht mehr greifen. Auch am Beispiel von München konnte allerdings dargelegt werden, dass eine räumliche und zeitliche Dispersion der Nachfrage auch kontraproduktive Effekte zeitigen kann. Wenn Besucher: innen mehr und mehr auch Räume frequentieren, die von den Bewohner: innen als Art Rück‐ zugsraum angesehen werden - wie z. B. das Wohnquartier, das Lieblingscafé oder der Stamm-Biergarten - können die Bewohner: innen sich stärker von den Besucherströmen tangiert fühlen, als dies an populären touristischen Hotspots der Fall ist - sofern deren Vermeidung für die Bewohner: innen unproblematisch und ohne Verzichtsgefühl möglich ist. Dies setzt allerdings voraus, dass den Bewohner: innen adäquate andere Optionen zur Verfügung stehen. 5.4 Die UN-Tourism-Strategien vor dem Hintergrund des Vulnerabilitätsansatzes 217 <?page no="218"?> Zwei der Maßnahmen zielen nicht direkt auf die Reduzierung der Expo‐ sition, sondern eher auf die Anpassung und Adaption an die Gegebenhei‐ ten ab. Dies betrifft die Adressierung von Zielgruppen, von denen pro Besucher: innen eine relativ geringe Störung der Bewohner: innen ausgeht (Strategie 5). Und auch die Schaffung und der Ausbau der Infrastruktur zielen an die Anpassung an bestehende Besuchervolumina ab (Strategie 8). Mit infrastrukturellen Maßnahmen werden dabei sowohl die Bedürfnisse der Bewohner: innen als auch die der Besucher: innen bedient. Diese Herangehensweisen dürften auch im Fall von München als Anpas‐ sungsstrategien zu einer Verstärkung der Resilienz beitragen. Anders als bei der klassischen Anwendung des Vulnerabilitätskonzeptes im Kontext von oftmals lebensbedrohlichen Gefahren, können beim Overtourism nicht nur die Coping Response, Impact Response und Adaption als Resilienz-Elemente im engeren Sinne identifiziert werden. Wie → Abb. 96 veranschaulicht, konnte im Overtourism-Kontext auch die Sensitivität als eine zentrale Dimension identifiziert werden, die letztendlich als Aspekt der Resilienz angesprochen werden kann und eine wichtige Rolle für proaktive Strategien spielt. So lange die Akzeptenzgrenzen noch nicht überschritten wurden und der Raum noch nicht als touristisch übernutzt empfunden oder bewertet wird, sind es insbesondere diese proaktiven Maßnahmen, die die Resilienz der Bewohner: innen steigern können. Damit wirken nur vier der UN Tourism-Managementstrategien mit ih‐ rem Einfluss auf Resilienz (einschließlich der Sensitivität) im proaktiven umfassenden Sinn. Abgesehen von einem soliden Monitoring als Basisbeo‐ bachtung der Entwicklung (Strategie 11) sind es weiche kommunikative Maßnahmen, die von hoher Relevanz sind. Gleichwohl gilt es Vorwarnsignale, die sich im Idealfall durch das Mo‐ nitoring erkennen lassen, ernst zu nehmen und entsprechend rechtzeitig ein Überschreiten der Akzeptanzgrenze vorzubeugen. Damit stellt dies die zentrale Herausforderung im Umgang mit zunehmenden Besucher: innen‐ zahlen in Großstädten dar, da sich aus den bekannten Overtourism-Fällen kein einheitlicher Trigger für das Überschreiten dieser Schwelle ableiten lässt. Zu den weichen kommunikativen Maßnahmen gehören einerseits das Herausstellen der positiven Aspekte und Erfahrungen durch das Be‐ sucheraufkommen sowie andererseits auch die Betonung eines gewissen ‚Lokalstolzes‘ (Strategie-6 und 7). So führen viele Münchner: innen ihre (in‐ ternationalen) Besucher: innen gerne in die berühmten Biergärten der Stadt und bedienen damit ein Klischee, dass bereits vor Jahren in Werbefilmen 218 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="219"?> einer lokalen Brauerei thematisiert worden ist (Paulaner 2008). Daraus lässt sich möglicherweise schließen, dass ein gewisser ‚Stolz‘ auf den eigenen Wohnort und die lokalen Traditionen die Sensitivität positiv beeinflussen kann, bzw. die Resilienz gegenüber zunehmenden Tourist: innenzahlen er‐ höht. Dieser Lokalstolz wurde auch während der Fokusgruppengespräche mehrfach deutlich, wie hier bei Bewohner: in 12 (2020): „Das sage ich schon mit einem gewissen Stolz, jetzt bin ich ja auch wirklich eingeboren. Also besser geht’s geht es fast gar nicht. Das sagt der Münchner, nach wie vor, mit einer gewissen Arroganz, da macht er keine Ausnahme. Und auch mit einem gewissen Stolz.“ Als letzte und wohl eine der wichtigsten Strategien zur Akzeptanzstei‐ gerung ist die Kommunikation mit den lokalen Stakeholdern zu nennen. Allen voran wurde wohl die Kommunikation und Interaktion mit den Be‐ wohner: innen lange Zeit relativ vernachlässigt (Strategie 9). Das Fallbeispiel München zeigt auch dabei gute Ansätze. Durch Kommunikationsmaßnah‐ men und Botschaften, wie sie in der angesprochenen Serie der Süddeutschen Zeitung vermittelt werden, kann die subjektive Wahrnehmung und Akzep‐ tanz der Bewohner: innen positiv beeinflusst werden. Die fast virale mediale Verbreitung der Diskurse über Overtourism legt nahe, dass die Medien ein effektiver Kanal sind, der breite Gruppen auf Themen aufmerksam macht und sie (emotional) prägt. Wenn es gelänge, diesen Einfluss der Medien auch bewusst zur Akzeptanzsteigerung einzusetzen, könnte mittels der Kommunikation mit den Bewohner: innen deren Resilienz gegenüber wachsender Tourist: innenzahlen verbessert werden. Zusammenfassend ist festzuhalten, dass sich Overtourism-Risikodestina‐ tionen insbesondere auf die proaktiven und partizipativen Managementst‐ rategien konzentrieren sollten, um die Resilienz der Bewohner: innen gegen‐ über wachsenden Tourist: innenzahlen zu steigern und damit das baldige Überschreiten der Akzeptanzgrenze zu verhindern. Um dies erfolgreich umzusetzen, wäre der Fokus von den reaktiven Maßnahmen zur Reduzie‐ rung der steigenden Belastung hin auf die proaktive Beeinflussung der Empfindsamkeit der Bewohner: innen zu verlagern. Wie allerdings die Sharing Economy und der Boom von Airbnb-Unter‐ künften gezeigt haben, kann der Ansatz, die Tourist: innen weiter in die bisher nicht-touristischen Räume der lokalen Bewohner: innen zu verteilen, genau das Gegenteil von Akzeptanz erreichen (vgl. z. B. Spiegel Online 2011; Christ 2017). Daher sind es speziell vier der insgesamt elf UN Tourism-Ma‐ nagementstrategien, nämlich Strategie 6, 7, 9 und 11, die als effektive 5.4 Die UN-Tourism-Strategien vor dem Hintergrund des Vulnerabilitätsansatzes 219 <?page no="220"?> Ansätze zur Steigerung der Resilienz durch die Reduzierung der Sensitivität, bewertet werden. Allerdings zeigt die Nachfolgestudie der UN Tourism, die sich mit der An‐ wendung der 11 Managementstrategien in ausgewählten von Overtourism betroffenen Städten, dass dort vor allem die vermeintlich direkt wirkenden reaktiven Maßnahmen ergriffen worden sind. Proaktive, weiche und bereits im Vorfeld ansetzende Maßnahmen finden sich nur selten (UN Tourism 2019). 5.5 Futuristische Ansätze zum Umgang mit Overtourism In den vorherigen Kapiteln wurde bereits eine Vielfalt an Managementan‐ sätzen und Strategien für den Umgang mit einer intensiven touristischen Nachfrage und/ oder Overtourism präsentiert. Diese wurden in den vergan‐ genen fünf Jahren jedoch um neue Konzepte, Werkzeuge und Innovationen erweitert. Daher wird in diesem Kapitel ein Einblick in eine Auswahl an futuristischen Ansätzen gegeben, die aktuell in der Tourismuswissenschaft exploriert und diskutiert werden. Gleichzeitig laufen bereits erste Pilotpro‐ jekte und mutige Praxisversuche, die wichtige Erkenntnisgewinne über das Erfolgsversprechen dieser Maßnahmen mit sich bringen. 5.5.1 Smarte Lösungsvorschläge Zu einer Zeit in der die Community der KI-Reise-Influencer: innen wächst und in der der wiedergewählte US-Präsident Donald Trump 500 Mrd. Dollar in ein KI-Projekt namens Stargate investiert, wird deutlich, dass ‚wir‘ eine neue Ära der Digitalisierung und Technologisierung erleben. KI steht in beiden Beispielen für Künstliche Intelligenz (Artificial Intelligence = ‚AI‘ auf Englisch) und stellt dabei nur eines der digitalen Werkzeuge der neuen Reali‐ tät dar. Darüber hinaus wird vermehrt über Smartness (Klugheit/ Cleverness) bzw. smarte Technologien oder gar Lösungen gesprochen, die mittels Big Data (großen Datenmengen), Extended Reality (XR = erweiterte Realität), KI und weiteren digitalen Technologien koproduziert werden sollen. An dieser Stelle ein Pardon für die vielen Anglizismen, aber auch dies ist Teil der neuen Realität. Wir werden jeweils deutsche Übersetzungen anbieten, jedoch werden auch im deutschsprachigen Raum zumeist die englischen 220 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="221"?> Fachtermini verwendet - was wohl an der internationalen und online vernetzten Natur dieser digitalen Technologien liegt. Wie bereits in → Kap. 3 aufgezeigt, liegt die Ursache des Overtourism nicht nur in der physischen Anzahl der Besucher: innen, sondern an einer Vielzahl an sozio-ökonomischer Entwicklungen wie auch an den wachs‐ tums-fokussierten, innovationslosen Ansätzen des Destinationsmarketings und -managements (Fontanari und Traskevich 2023, S. 88). Dieses unnach‐ haltige Tourismusmanagement, das Ergebnis des westlichen Modells der freien Marktwirtschaft ist, konzentriert sich meist auf eine standardisierte Produktion für den Massenkonsum, anstatt auf die Investition in nachhaltige Innovationen (ebd.). Auch wenn viele Destinationen nach wie vor in diesem profitgetriebenen Kreislauf feststecken, so wird der gesellschaftliche Druck neue Technologien zu integrieren und sich nachhaltig auszurichten zuneh‐ mend größer. Innovative Entwicklungen der täglich voranschreitenden Digitalisierung und Technologisierung bieten durchaus Möglichkeiten, um Destinationen resilienter und nachhaltiger weiterzuentwickeln und gegen Overtourism vorzugehen (Fontanari und Traskevich 2023, S. 91). Daher werden im Folgenden diverse Technologien kurz vorgestellt, um dann aufzuzeigen, inwiefern diese bisher als Lösungswerkzeuge für bzw. gegen Overtourism diskutiert oder gar ausprobiert wurden. Das Konzept des Smart Tourism erst seit der letzten Dekade stark an Aufmerksamkeit gewonnen, auch wenn der Begriff bereits in den späten 1990er-Jahren zum ersten Mal in der Literatur aufgetaucht ist (Kontogianni et al. 2023). Definiert wird Smart Tourism als „tourism that prioritizes innovation and exploits digital tools to increase efficiency and competitiveness, reduce environmental impact, and lead to a tourist destination’s prosperity and social well-being“ (ebd., S. ix). Wie bereits angerissen, sind diese digitalen In‐ novationen und Werkzeuge, die den Tourismus oder eine Destination ‚smart‘ machen, vielfältig und inkludieren die folgenden Beispiele. Inspirierende Beispiele können unter den Projekten gefunden werden, die die Europäische Kommission jährlich mit dem ‚European Capital of Smart Tourism‘-Titel auszeichnet (European Commission 2025). Die entscheidenden Kriterien werden in vier Kategorien unterteilt: Nachhaltigkeit, Zugänglichkeit, Digi‐ talisierung und kulturelles Erbe und Kreativität. Umgesetzt und gefördert werden diese smarten Projekte u. a. mittels des Einsatzes der folgenden Technologien. Zum einen spielt die Extended Reality (XR = erweiterte Realität) spätes‐ tens seit der weltweiten COVID-19-Pandemie und den einhergehenden 5.5 Futuristische Ansätze zum Umgang mit Overtourism 221 <?page no="222"?> Abb. 97: Zwei Menschen auf Mietfahrrädern, die mit ihren Smartphones beschäftigt sind. Die durch die Smartphone-Nutzung generier‐ ten (GPS-)Daten können als Big Data für For‐ schungszwecke genutzt werden Mobilitätseinschränkungen eine zunehmend wichtigere Rolle. Zu XR zählen Augmented Reality (AR = angereicherte Realität), Virtual Reality (VR = virtuelle Realität) und Mixed Reality (eine Kombination aus VR und AR). Während die Gaming Industrie sich bereits seit langer Zeit tiefgründig mit diesen Technologien auseinandersetzt, so explorierten andere Felder, wie der Tourismus, diese Neuheiten noch etwas zaghaft (Kouroupi und Metaxas 2023, S. 355). Zu Zeit des globalen Reisestillstandes 2020-2022 wurde XR als Chance gesehen, Menschen durch diese Technologien virtuelles Reisen zu ermöglichen. Durch virtuelle Reisen können Orte besichtigt werden, die in der realen Welt entweder überfüllt wären oder eventuell gar nicht touristische erschlossen/ zugänglich sind ohne sich dabei mit einem Virus (zu der Zeit dem COVID-19 Virus) zu infizieren. So dienen bspw. Digital Twins, also virtuelle Replikate physischer Bauten oder Orte wie den Pyramiden von Gizeh, außerdem die Chance kulturell oder ökologisch sensible Orte zu besuchen ohne sie dabei zunehmend zu gefährden (Kouroupi und Metaxas 2023). Laut Kouroupi und Metaxas (2023) ist das Metaverse (Metaver‐ sum) eine weitere virtuelle Welt, die eventuell als innovative Maß‐ nahme gegen Overtourism genutzt werden kann. Das Metaverse ist ein virtuell geteilter Raum, der durch den Zusammenfluss der physischen und virtuellen Realität entsteht. Dadurch können Besu‐ cher: innen des Metaverse mitein‐ ander und mit computergenerier‐ ten Elementen wie Avataren und Hologrammen in Echtzeit inter‐ agieren (ebd.). In der (nahen) Zu‐ kunft kann dieses post-reale Universum für die Arbeit, Einkäufe, Bildung, Unterhaltung oder für das soziale Miteinander genutzt werden. Inwiefern die semi-reale Welt jedoch das physische Reisen ergänzen oder gar ersetzen kann und damit als effektives Tool gegen Overtourism genutzt werden kann, bleibt abzuwarten. Skeptische Stimmen weisen hier auf das Bedürfnis einer authentischen, multi-sensorische Reiseerfahrung hin und bezweifeln, dass diese durch XR im Metaverse kreiert werden kann (Guttentag 2022). 222 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="223"?> Als Ergebnis der voranschreitenden Digitalisierung sind außerdem das Internet of Things (IoT = die Kommunikation verschiedenster Objekte - von Alltagsgegenständen bis zu industriellen Fertigungsanlagen, die selbst‐ tätig über Kommunikationsnetze Informationen untereinander und mit der Außenwelt austauschen können (Bundesnetzagentur 2025) und Big Data zu verstehen. Diese Datenmassen wurden in der letzten Dekade zunehmend als ergänzende Ressourcen für Management und Vermarktung im Tourismus wahrgenommen. Die Delphie-Studie von Fontanari und Traskevich (2023) hat ergeben, dass Expert: innen Big Data für eine moderne, nachhaltige Tourismusplanung, -strategie und -Governance gegen Overtou‐ rism als notwendig bewerten. Die Daten, aus denen Big Data besteht, werden durch Mobilfunkkommunikation, den Gebrauch von Smartphones (→ Abb. 97), das Tragen von sogenannten ‚Wearables‘ wie Smartwatches, Internet-Websites, den sozialen Medien und weiteren Domänen aktiv oder passiv produziert. Mit steigender Wertschätzung und Wichtigkeit dieser Big Data, die automatisch im Alltag der Menschen generiert werden, hat sich ein lukratives Geschäft für die Mobilfunknetzbetreiber entwickelt, die diese Datenmengen (kostspielig) in anonymisierter Form verkaufen. Die Käufer: innen erhoffen sich, dass diese Daten wertvolle Informationen für bspw. die Identifizierung von Tourist: innen, die Erkennung von zeitlichen und räumlichen Verteilungsmustern und weitere Analysen von räumlichen und zeitlichen Beziehungen zugänglich machen. So haben Reif und Schmü‐ cker (2020) in einer Studie in Hamburg passive Mobildaten von 40 Mio. deutschen Mobilfunkgeräten, die von Mobilfunknetzbetreiber durch den Gebrauch von Smartphones gesammelt wurden, für Forschungszwecke gekauft und genutzt. Ziel der Studie war es herauszufinden, ob und wie diese Datenmassen von z. B. DMOs für die differenzierte Analyse der Bewegungs‐ muster von Tourist: innen und nicht-Tourist: innen genutzt werden können. Die Studienergebnisse von Reif Schmücker (2020) haben deutlich gezeigt, dass es bislang schwierig ist touristische Aktivitäten von alltäglichen oder anderen nicht-touristischen Mobilitätsformen richtig zu unterscheiden. Dies beeinflusst die Interpretation der Daten enorm und muss stets mitgedacht werden. Außerdem wirft der Verkauf und Gebrauch von Daten ethische Fragen auf, die es zu diskutieren und berücksichtigen gilt. Stattdessen sollten Big Data, Digitalisierung und smarte Technologien für partizipative Planungsmodelle und die Förderung der positiven Auswir‐ kungen (des Tourismus) auf die Bewohner: innen genutzt werden (Fontanari und Traskevich 2023). Ein solches Beispiel liefert das EU-geförderte CUL‐ 5.5 Futuristische Ansätze zum Umgang mit Overtourism 223 <?page no="224"?> TIGEN-Projekt aus Kopenhagen, in dem Tourismuswissenschaftler: innen und Forscher: innen aus dem Feld der Digital Humanities eine datenge‐ steuerte und gemeinschaftsorientierte Tourismusverwaltung entwickeln wollen (European Urban Initiative 2025). Die Daten sollen durch lokale Gesellschaft sowie Tourist: innen eingespeist werden, um deren durch den Tourismus induzierten Beschwerden und negativen Auswirkungen besser zu verstehen. Basierend darauf soll eine bessere Entscheidungsgrundlage geschaffen werden. Als digitales Rückgrat des Projektes dient eine partizipa‐ tive Foto-Voice-App, die die Daten der Nutzer: innen über ihre Erfahrungen in der Stadt sammelt und analysiert. Mittels dieser Kombination von quan‐ titativen und qualitativen Dimensionen soll ein erweitertes empirisches Verständnis die Aufklärung und Reduzierung der negativen Auswirkungen des städtischen Tourismus ermöglichen. Ziel ist es, die entwickelte App auch auf andere Städte transferieren zu können, um auch dort den Bewohner: in‐ nen dieses datengesteuerte, kollaborative Governance Tool (→ Kap. 7.1) anzubieten. Von Big Data profitiert auch eine weitere technologische Innovation, die im Tourismus bereits etwas optimistischer und vielversprechender wahrgenommen wird als XR und das Metaverse: Künstliche Intelligenz (KI). Mit der Einführung des kostenfreien, KI-basierten Models ‚ChatGPT‘ durch das Unternehmen OpenAI im November 2022, schien KI in großen Teilen der (westlichen) Gesellschaft zugänglicher geworden zu sein. Auch wenn bereits viele Webseiten, Apps, Endgeräte und Programme bereits eine KI integriert hatten, so war dies dem Verbraucher oft nicht bewusst. Durch ChatGPT wurde augenscheinlich eine neue Ära begonnen, bei der die online Suchmaschine viele weitere und intelligentere Funktionen oder Fähigkeiten hat als dies bisher für die breite Masse zugänglich war. So haben Menschen die KI, speziell ChatGPT, spielerisch exploriert und sich z. B. personalisierte Reisepläne für das nächste Urlaubsziel erstellen lassen (vgl. Tagesschau 2023). Dieser Ansatz kann und sollte von Tourismusakteur: innen genutzt werden. So sehen Wissenschaftler: innen eins der größten Potenziale der KI im Kontext des Overtourism in der intelligenten Besucher: innenlenkung basierend auf Echtzeit-Daten. Aus Blick der DMOs und Tourismusplanung kann die KI auch genutzt werden, um Daten von Tourist: innen und deren Reisebedürfnisse sowie -verhalten zu analysieren. Auch Datenmengen über Mobilitätsstrukturen, Präferenzen, Umweltauswirkungen können mittels der KI analysiert werden und dadurch zu einer nachhaltigeren Tourismus‐ planung und -steuerung beitragen. Gleichzeitig können die gewonnen 224 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="225"?> Informationen zu einer passgenaueren Produktentwicklung und damit einer personalisierten und vermutlich besseren Reiseerfahrung beitragen. Auch Vorhersagen und Szenario-Planungen können mittels der intelligenten Analyse von Big Data massiv profitieren. Diese Ziele hatte sich auch das deutschlandweite Besuchermanagement‐ system Projekt AIR (= Artificial Intelligence-basierter Recommender für nach‐ haltigen Tourismus) gesetzt (Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa 2023). Ein Forschungsstandort für das vom Bundesumweltmi‐ nisterium geförderte Projekt war im bayerischen Füssen/ Hopfensee. Durch intelligente Echtzeitmessungen sollen Besucher: innen der beliebten Seenland‐ schaft im Ostallgäu über ihr Smartphone einsehen können, wie ausgelastet die Straßen, Parkplätze und Spazierwege an dem See bereits sind. Die bisherige Prognosefunktion scheint noch nicht ausgereift zu sein, gleichwohl bietet sie in Zukunft das große Potenzial bereits vor Anreise alternative Ausflugsvor‐ schläge zu machen, um ein Overcrowding proaktiv zu vermeiden (Reichart 2024). Die gewonnen Daten sollen außerdem in den bereits implementierten Ausflugsticker Bayern (vgl. Bayern Tourismus Marketing 2025) eingespeist werden, um auch dessen Genauigkeit zu verbessern. Auch in den Niederlanden wurde ein Forschungsprojekt durchgeführt in dem ein KI-basiertes, teil-automatisiertes ‚Conversational Recommender System‘ (gesprächsbezogenes Empfehlungssystem) namens ‚Travel with Zoey‘ genutzt wurde (Mitas et al. 2023). Durch ein Experiment konnte das Projekt belegen, dass diese gesprächsbasierte und personalisierte Besu‐ cher: innenlenkung durch WhatsApp-Chats mit Zoey für die Tourist: innen attraktiver war als die alternative eines passiven und nicht personalisierten Empfehlungssystems: eine touristische Karte der Destination (ebd.). Impulse & Inspirationen für einen Wandel: „Mit Künstlicher Intelligenz gegen Overtourism“ Eine gekürzte ‚Konversation‘ von Eva Erdmenger und ChatGPT: „Eva Erdmenger: Wie kann mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz reaktiv und proaktiv gegen Overtourism vorgegangen werden? Erläu‐ tere zunächst kurz, wie du Overtourism definierst. Differenziere die Maßnahmen als passend für den europäischen städtischen Raum, den europäischen ländlichen Raum, den afrikanischen städtischen Raum und den afrikanischen ländlichen Raum. 5.5 Futuristische Ansätze zum Umgang mit Overtourism 225 <?page no="226"?> ChatGPT: Definition von Overtourism: Overtourism beschreibt eine Situation, in der die Anzahl der Touristen in einem bestimmten Gebiet die Kapazitäten der Infrastruktur und der Umwelt übersteigt. Dies führt oft zu negativen Auswirkungen auf die Lebensqualität der Anwohner, die Umweltverschmutzung, Überlastung von Sehenswürdigkeiten und der Verlust von Authentizität des touristischen Erlebnisses. Maßnahmen gegen Overtourism mit KI: 1. Europäischer städtischer Raum Proaktiv: • Datenanalyse zur Besucherprognose: KI-gestützte Modelle analysie‐ ren historische und aktuelle Besucherdaten, um zukünftige Trends vorherzusagen und Engpässe frühzeitig zu erkennen. • […] • Personalisierte Empfehlungssysteme: Vorschläge für weniger be‐ suchte Viertel oder Sehenswürdigkeiten basierend auf individuellen Interessen der Touristen. Reaktiv: • Monitoring von Hotspots: KI-basierte Echtzeitüberwachung von Besucherzahlen in öffentlichen Räumen oder Sehenswürdigkeiten, um plötzlich auftretende Überfüllungen schnell zu identifizieren und Gegenmaßnahmen wie Kapazitätsbegrenzungen zu ergreifen. • […] 2. Europäischer ländlicher Raum Proaktiv: • Verteilung der Besucher: KI-gestützte Planung von alternativen Besichtigungsrouten im ländlichen Raum, die weniger bekannte Attraktionen fördern und lokale Kleinunternehmen stärken. • […] Reaktiv: • Überwachung der Infrastruktur: KI-basierte Analyse der touristi‐ schen Infrastruktur, z. B. Wanderwege und Campingplätze, zur 226 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="227"?> schnellen Identifikation von Verschleiß oder Übernutzung und zur Planung von Instandhaltungsmaßnahmen. • Verkehrslenkungssysteme: Einsatz von KI, um Daten über Straßen‐ belastung und Besucherzahlen zur Vermeidung von Staus und Um‐ weltverschmutzung in touristischen Gegenden zu nutzen. 3. Afrikanischer städtischer Raum Proaktiv: • […] • Sensibilisierungskampagnen: KI-unterstützte Erstellung von Bil‐ dungsbotschaften, die den Touristen helfen, nachhaltig zu reisen und die Auswirkungen ihres Verhaltens zu verstehen. Reaktiv: • […] • Echtzeitüberwachung von Ressourcen: Überwachung von Energie‐ verbrauch und Wasserressourcen in Städten, um frühzeitig Maßnah‐ men zur Ressourcenverschwendung zu ergreifen. 4. Afrikanischer ländlicher Raum Proaktiv: • […] • Verkauf von Produkten aus nachhaltigem Tourismus: KI-Analyse zur Identifizierung der lokalen Produkte und Dienstleistungen, die für den nachhaltigen Tourismus optimiert werden können. Reaktiv: • Monitoring von Umweltauswirkungen: Nutzung von KI, um früh‐ zeitig ökologische Schäden durch Tourismus, wie Bodenverschmut‐ zung oder Wasserverbrauch, zu erkennen und Maßnahmen zur Schadensbegrenzung einzuleiten. • Überwachung der saisonalen Nachfrage: KI-basierte Analyse der sai‐ sonalen Nachfrage für landwirtschaftliche Erzeugnisse und Handwerk, um Engpässe in der Versorgung oder Abfälle zu vermeiden.“ Quelle: ChatGPT (15. Januar 2025): 🔗 https: / / chatgpt.com/ 5.5 Futuristische Ansätze zum Umgang mit Overtourism 227 <?page no="228"?> Reflektion Auch wenn es keine einheitliche Definition von Overtourism gibt, und die vorhandenen Varianten durchaus variieren und unterschiedliche Schwerpunkte legen, so stößt bei der Definition von ChatGPT insbeson‐ dere auf, dass hier „die Anzahl der Touristen“ als Schlüsselfaktor genannt wird. So haben empirische Belege gezeigt, dass auch das inakzeptable Verhalten weniger Tourist: innen nah an dem Lebensraum der Betrof‐ fenen zu einem Überschreiten der Toleranzschwelle und damit einer Wahrnehmung (und nicht unbedingt einer „Situation“) von Overtourism führen kann. Mit Blick auf die vorgeschlagenen Maßnahmen lässt sich festhalten, dass einige Ansätze sicher interessant und vielversprechend klingen. Während einige Novitas aktuell ausprobiert und erforscht werden (Bsp. KI-gestützte Auslastungsprognosen beim Thema Besucher: innen‐ lenkung für die BAYERN TOURISMUS Marketing GmbH), so sind An‐ dere bereits etablierte Maßnahmen die durch KI ‚lediglich‘ automatisiert werden können. Für die Maßnahmen auf dem afrikanischen Kontinent muss bedacht werden, welche Ressourcen für den Einsatz von KI vor Ort verfügbar sind und inwiefern die Digitalisierung bzw. ‚KI-isierung‘ der Abläufe sinnvoll ist (man bedenke z. B. wiederkehrendes Load Shedding in Südafrika). Auch ist die Datenlage oft lückenhaft und die Infrastruktur, insbesondere im ländlichen Raum, nicht vollständig kartografiert wel‐ ches bspw. den „Verkauf von Produkten aus nachhaltigem Tourismus“ erschwert. Auf solche erschwerenden Gegebenheiten, die für eine Im‐ plementierung bedacht werden müssen, weist ChatGPT nicht hin. Insgesamt sind einige der Vorschlage kaum verständlich, da sie entweder zu grob/ oberflächlich sind oder leere Worthülsen weiter erklärt werden müssten (z. B. was ist mit „Produkten aus nachhaltigem Tourismus“ gemeint? ). Der (naiv-)idealistische Ansatz der KI dient in erster Linie zur Inspiration für einige Ideen, die jedoch nicht alle realistisch und sinnvoll erscheinen. Neben der Besucher: innenlenkung kann die KI auch zu Marketing-Zwe‐ cken genutzt werden. So hat die Deutsche Zentrale für Tourismus (DZT) im Oktober 2024 eine KI-generierte Markenbotschafterin namens Emma 228 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="229"?> gelauncht. Emma ist Travel-Influencerin für das Reiseland Deutschland, ist auf den sozialen Medien (siehe @EmmaTravelsGermany) sowie als Chatbot auf der DZT Webseite vertreten und soll ein zentraler Teil der digitalen Kommunikationsstrategie der DZT werden (Deutsche Zentrale für Tourismus 2025). Die Persona Emma stellt eine mitte-30-jährige, stere‐ otypische deutsche Idealschönheit mit blonden Haaren dar, die in Berlin wohnt als Freelancerin im Online-Marketing arbeitet, akzentfreies Britisch English spricht und als Chatbot auf insgesamt 20 Sprachen kommunizieren können soll. Die Reaktionen auf das neue DZT-Mitglied sind in den sozialen Medien sehr gemischt. Welche weiteren tiefergreifenden Funktionen Emma in Zukunft erlernen und anbieten soll, ist noch nicht bekannt. Deutlich wird auf jeden Fall, dass Emma’s Community schnell wächst, denn im Januar 2025 hat auch TUI die KI-Reise-Influencerin Lena im niederländischen und belgischen Markt vorgestellt. Ob diese Entwicklung der KI-Influencer: innen langfristig das Ende der Kollaborationen mit echten Reise-Influencer: innen und -Blogger: innen bedeutet bleibt abzuwarten. Fest steht bisher, dass Lenas äußeres Erscheinungsbild nicht weniger kritisiert wird als Emmas. Anhand der genannten Beispiele wird deutlich, dass neue Technologien ein großes Potenzial für soziale Spannungen mit sich bringen. Dies ist jedoch bei weitem nicht das einzige Risiko und Problem, dass innovative Technologien und die Digitalisierung mit sich bringen. Neben Stereotypisie‐ rung werden auch weitere ethische Fragen diskutiert, die sich insbesondere mit der Generierung, Verwaltung und Nutzung gesellschaftlicher und per‐ sönlicher Daten beschäftigen (Fontanari und Traskevich 2023). So sorgen sich Endnutzer: inen und Verbraucher: innen um ihren Datenschutz und fühlen sich ‚vom Staat überwacht‘ wenn sie in Apps und auf Webseiten der Nutzung ihrer Daten zustimmen müssen, nicht jedoch verstehen oder wissen was anschließend mit diesen Daten passiert. Gleichzeitig haben nicht alle Gesellschaftsgruppen gleichermaßen Zugriff zu solchen Technologien und auch die jeweiligen Gemeinden und Regionen haben ggf. nicht oder nur limitiert die notwendigen Ressourcen, um an einer solchen Digitalisie‐ rung teilzuhaben. Wissenschaftler: innen warnen daher vor der Verstärkung sozialer Ungleichheiten und der Inkompatibilität der digitalen Maßnahmen mit den lokalen kulturellen sowie umweltbedingten Gegebenheiten (Fonta‐ nari und Traskevich 2023; Kouroupi und Metaxas 2023). Darüber hinaus sollten nicht nur die lokalen Bedingungen sondern auch die Werte der Gesellschaft berücksichtigt und auf Kompatibilität überprüft werden. Auch aus Perspektive der Tourist: innen, die von den Technologien profitieren 5.5 Futuristische Ansätze zum Umgang mit Overtourism 229 <?page no="230"?> sollen, muss kritisch hinterfragt werden, inwiefern die Authentizität, die Menschlichkeit und auch die oft gewünschte Flexibilität und Freiheit des Reisens durch die digitale und KI-gestützte Technologien reduziert wird. Die Delphie-Teilnehmende von Fontanari und Traskevichs Studie (2023, S. 95) befürchten z. B., dass eine zunehmende Digitalisierung des Reisens durch automatisierte Navigations-Apps zu einer „Dehumanisierung des Tourismusangebotes“ führen könnten. Hinzu kommt, insbesondere mit Blick auf digitale Lösungsansätze für Overtourism, dass diese nicht an den Wurzeln der Problematik ansetzen, sondern häufig reaktiv vorhandenen Menschenmassen lenken sollen und sich primär mit räumlichen Lösungen befassen (→ Kap. 5.3.1). Daher konkludieren Fontanari und Traskevich (2023, S. 97) das digitale Lösungen bislang „überbewertet“ werden und lediglich ergänzenden Werkzeuge sein können. Zusätzlich wird wie in fast jedem Overtourism-Lösungsansatz gefordert, dass die lokale Bevölkerung in die Entwicklung und Implementierung technologischer Werkzeuge teil‐ nehmen muss, um deren Bedürfnisse und Werte zu berücksichtigen. Auch wenn dies ein oft unrealistischer, idealisierter Partizipationsansatz ist, so gibt es durchaus vielversprechende Pilotprojekte, wie das zuvor genannte CULTIGEN-Projekt in Kopenhagen, die ggf. erfolgsversprechende Werk‐ zeuge für eine kollaborative, technologie-basierte Destinations-Governance entwickeln werden. Neben der Einbindung der gastgebenden Gesellschaft, ist auch die Kooperation diverser (Tourismus-)Stakeholder eine notwendige Grundlage, um den kontinuierlichen Austausch von Datenquellen und Informationen zum Vorteil einer nachhaltigen Destinationsentwicklung zu ermöglichen (Dodds und Butler 2024). Auch dies ist eine Herausforderung, die nicht nur auf die Implementierung technologischer Lösungsansatze für Overtourism reduziert werden kann, sondern auch darüber hinaus und seit langer Zeit in der Destinations-Governance als grundlegendes Soll gefordert wird. Neben all der Kritik und den genannten Risiken sowie Problemen soll dennoch betont werden, dass es richtig und wichtig ist die Digitalisierung in die Tourismus- und Destinationsentwicklung zu integrieren, sie zu erforschen und auszutesten. Nur so kann die Innovationslosigkeit von Tourismusmanagement und -planung durchbrochen werden. Gleichzeitig werden technologische Innovationen oft mit der Gewinnung neuer Ziel‐ gruppen, der Erschließung neuer Destinationen und der Diversifizierung des Reiseproduktes umworben. Darauf basierend werden zusätzliche Einnah‐ mequellen vorhergesagt. Der Fokus liegt demnach wieder sehr schnell auf 230 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="231"?> Wachstum, finanziellen Vorteilen und anderen kapitalistischen Anreizen, die den Ursprung des Overtourism-Phänomens nicht bekämpfen, sondern diversifizieren und manifestieren. Auch wird versprochen, dass virtuelle Reisen die Umwelt weniger belasten als physische Reisen vor Ort, wobei die energieintensive Infrastruktur zur Generierung und Umsetzung solcher Reisen definitiv noch keine umweltfreundliche Alternative darstellen. Umso wichtiger ist es, dass Digitalisierung und Technologisierung nicht nur auf der Agenda der wachstums-orientierten Unternehmen steht, sondern auch non-profit Akteur: innen mit der Entwicklung gehen und sie Teil ihrer Mission einer nachhaltigen, kollaborativen Tourismusentwicklung machen. 5.5.2 Das Degrowth-Manifest Im Oktober 2020 publizierte The Guardian einen Artikel unter dem Titel „China promotes ‚revenge travel‘ to boost economy after COVID lockdowns“ (Kuo 2020). Diese hier genannte Revenge Tourism, auf Deutsch entspre‐ chend der ‚Rache-Tourismus‘, galt zu der Zeit schon als Frühwarnzeichen für ein rapides Tourismuswachstum, sobald die pandemische Situation beendet und es damit wieder zulassen würde. Panzer-Krause (2022, S. 403) kontextualisiert Revenge Tourism mit dem ‚revenge buying‘-Phänomen, das genutzt wurde, um in den 1980er-Jahren das Kaufverhalten der chinesischen Bevölkerung nach der Öffnung des Marktes für den internationalen Handel zu beschreiben. Vergleichbar dazu wurde erwartet, dass Menschen Reisen nach Beendigung der globalen Lockdowns übermäßig konsumieren werden. In Anbetracht der UN Tourism-Schlagzeilen, in denen dem ‚Recovery‘ (Er‐ holung) zu prä-Pandemie-Tourismusstatistiken regelrecht zugejubelt wird, wird deutlich, dass die „build back better“-Kampagne (UNWTO 2020) der gleichen Organisation in den Schatten des wirtschaftlichen Leidensdrucks gerückt ist. Im Januar 2025 zieht die UN Tourism (2025, o. S.) stattdessen folgendes Fazit für das Reisejahr 2024 und gibt einen wachstumsorientierten Ausblick auf 2025: „According to the latest World Tourism Barometer from UN Tourism an estimated 1.4 billion tourists travelled internationally in 2024, indicating a virtual recovery (99 %) of pre-pandemic levels. This represents an increase of 11 % over 2023, or 140 million more international tourist arrivals, with results driven by strong post-pandemic demand, robust performance from large source markets and the ongoing recovery of destinations in Asia and the Pacific. […] Growth is 5.5 Futuristische Ansätze zum Umgang mit Overtourism 231 <?page no="232"?> expected to continue throughout 2025, driven by strong demand contributing to the socio-economic development of both mature and emerging destinations. This recalls our immense responsibility as a sector to accelerate transformation, placing people and planet at the center of the development of tourism. […] Positive outlook for 2025 points to continued growth.” Die Pressemitteilung repräsentiert sehr gut was viele Tourismuswissen‐ schaftler: innen kritisieren (vgl. Amore, Falk und Adie, 2020; Bouchon und Rauscher, 2019; Koens, Postma und Papp, 2018 ): der Erfolg des Tourismus wird an dessen Wachstum und wirtschaftlichem Gewinn gemessen während stets der warnende ‚Nachhaltigkeits-Zeigefinger‘ zu diesen Lobeshymnen erhoben wird. Während feinst säuberlich die Wachstums-Statistiken und -Prognosen seitenweise aufgeführt werden, sind die einzigen Forderungen oder Hinweise auf eine nachhaltige Tourismusentwicklung lediglich in dem letzten Satz der Pressemitteilung zu finden (UN Tourism 2025, o. S.): „Balancing growth and sustainability will be critical in 2025, as reflected by two major trends identified by the Panel of Experts: the search for sustainable prac‐ tices and the discovery of lesser-known destinations.“ Vielmehr noch werden nachhaltige Praktiken hier als Trend bezeichnet, dessen Suche in 2025 als wesentlich bezeichnet wird. Dies ist nur eins von vielen Beispielen, das sich auch über die UN Tourism hinaus vor allem in den Perspektiven der großen, machtvollen, wirtschaftlichen und politischen Akteur: innen wiederspiegelt und damit einen großen Teil der Tourismus-Narrative dominiert (Amrhein 2023; Fletcher et al. 2019). Auch in München kommuniziert der Referent des Referats für Arbeit und Wirtschaft, welchem die DMO München Tourismus angehört, in einem Jahresrückblick auf 2023 (Stäbler 2024, o. S.), dass „er manche Beschwerde von Einheimischen über allzu viele Besucher in ihrer Stadt nicht nachvollzie‐ hen“ könne Aus seiner wirtschaftlichen Orientierten (die seiner Rolle als Wirtschaftsreferent gerecht wird) her argumentiert her, dass München die Tourist: innen brauche und er demnach „kein Verständnis für Klagen, ‚dass auf der Wiesn lauter Amis rumhupfen‘ oder arabische Touristen ‚im Lamborghini vor der Oper einen Donut drehen‘“ habe. Weiter fordert er „Da braucht’s etwas mehr Gelassenheit. Wir wollen in München gute Gastgeber sein - schließlich verdienen wir auch an unseren Gästen“ (Stäbler 2024, o. S.). Auch hier wird deutlich, dass a) der Tourismus strukturell an die Wirtschaft, nicht etwas das Sozialreferat o. ä. geknüpft ist; und b) dadurch auch der wirtschaftliche Erfolg und Ertrag über die Sozialverträglichkeit des Tourismus in München 232 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="233"?> geordnet wird. Mit diesem wirtschaftspriorisierenden Ansatz, der mit Ur‐ sprung des Overtourism-Phänomens ist, ist München nicht alleine. Aus dieser Entwicklung heraus wurden in den vergangenen Dekaden die Rufe nach Degrowth und einer sozio-politischen Transformation im Tourismus zunehmend lauter - vor allem in aktivistischen, sozialen Bewe‐ gungen im Globalen Norden (Fletcher et al. 2019). Auf Deutsch lässt sich der Begriff weitestgehend als Wachstumsrücknahme übersetzen, wobei hinter dem Anglizismus mehr als das Gegenteil zu Wachstum verbirgt. Das Konzept, dass hinter Degrowth steckt, ist eine umfassendere Kritik am Ka‐ pitalismus und den Problemen, die durch dessen Dominanz in Umwelt und Gesellschaft ausgelöst werden. Daher wird der Begriff im deutschsprachigen Raum auch oft mit Postwachstum ersetzt. Zu den Problemen, oder negativen Auswirkungen, zählt auch Overtourism. Daher wird Degrowth vermehrt als Lösungsansatz für Overtourism untersucht und diskutiert. Degrowth soll die nachhaltige Transition initiieren und fördern (Panzer-Krause 2022). Ein Teil dieser Debatte soll im Folgenden aufgegriffen und skizziert werden. Die Grundidee des Degrowth Konzeptes ist es, den stetig wachsenden Konsum der Gesellschaft sowie dessen Konsumverhalten strategisch zu re‐ duzieren, um die negativen Auswirkungen des kapitalistischen Wirtschafts‐ systems auf Umwelt und Menschheit zu reduzieren (Panzer-Krause 2022). Es geht also nicht, wie so oft angenommen, darum, eine Stagnation/ Null‐ wachstum oder gar einen Rückgang der Wirtschaft herbeizuführen, sondern der Fokus liegt auf der Reduktion von Produktion und Konsum. Auch wenn die Degrowth-Debatte mit der Entwicklung des Kapitalismus und der Neoliberalisierung des Westens in den 1970er-Jahren ihren Ursprung hat (Higgins-Desbiolles et al. 2019), so ist sie vor allem nach der Finanz‐ kriese 2008 im Globalen Norden vermehrt in den Vordergrund gerückt (Fletcher at al. 2019). Bereits damals forderte Jackson (2008), dass die globale (Wirtschafts-)Krise für ein Umdenken der Wirtschaftsstrukturen sowie des Konsumverhaltens der Gesellschaft genutzt wird. Stattdessen schlägt er vor, Anreize für ein Verzichtverhalten zu schaffen. Die ‚Sucht‘ nach wirtschaftlichem Wachstum (Higgins-Desbiolles 2018, S. 157), welches Kallis (2018, S. 9) als „ein materielles, ökologisches, historisches, diskursives und institutionelles Phänomen, das im Zentrum des westlichen Imaginären und seiner kolonialen Dominanz steht“ definiert, stellt Degrowth-Aktivist: innen vor eine dominante Herausforderung. Dieser Ansatz muss jedoch für Servicesektoren, wie dem Tourismus, der keine materialistischen Produkte, sondern Erlebnisse und Erfahrungen an‐ 5.5 Futuristische Ansätze zum Umgang mit Overtourism 233 <?page no="234"?> bietet, angepasst werden. Gleichwohl ist der Tourismus ebenfalls stark von kapitalistischen Strukturen geprägt, wie auch an dem Zitat der UN Tourism deutlich wurde. Gleichzeitig zeigt das Zitat auch, dass die Wachstumsmoti‐ vation heutzutage häufiger ‚grün gewaschen‘ wird, sprich sie wird mit oft unkonkreten Nachhaltigkeitsversprechen eingeklammert. Panzer-Krause (2022, S. 401) verweist auf diese Unternehmen als „green growth-oriented businesses“, also am grünen = nachhaltigen Wachstum orientierte Unter‐ nehmen. Dieser versuchte Spagat zwischen Tourismuswachstum und den Nachhaltigkeitszielen wird von Higgins-Desbiolles (2018) als inkompatibel kritisiert. Um Greenwashing zu vermeiden und stattdessen die Ursache der negativen Auswirkungen des Tourismus anzugehen, den Ressourcen‐ verbrauch durch Tourismus zu reduzieren und lokale Wirtschaftskreisläufe zu fördern, wird auch im Tourismus ein Degrowth-Ansatz diskutiert. In der Tourismuswissenschaft hat vor allem die Sonderausgabe von Fletcher et al. (2019) im Journal of Sustainable Tourism einen Grundbau‐ stein für die Degrowth-Debatte im Tourismus geliefert. In dieser befasst sich insbesondere der Artikel von Milano, Novelli und Cheer (2019) mit der Verbindung zwischen Overtourism und Degrowth. Mit ihrem Fokus auf europäische urbane Destinationen, insbesondere den Anti-Tourismus Protesten in Barcelona (Spanien), erläutern sie die Verwurzlung der Pro‐ blematik in dem neoliberalen Städtewachstum der 1970er-Jahre sowie der seither wachsenden Urbanisierung. Daraus resultierend haben Städte sich zu Ballungsräumen der lokalen Kultur sowie (touristischen) Infrastruktur entwickelt und eine entsprechend steigende Nachfrage als Reisedestination erfahren. Dieses Interesse wurde und wird wirtschaftlich ausgeschöpft, indem Städte als authentisches Erlebnisprodukt kommodifiziert wurden und dadurch eine alternative Form der Kapitelakkumulation generiert wurde (Harvey 2007 in Milano et al. 2019). Während der COVID-19-Pandemie und dem forcierten globalen Reise‐ stopp wurde die Debatte um Degrowth im Tourismus, ähnlich zu der Finanzkrise 2008, wieder lauter (Langer und Schmude 2024). Neben Resilienz und Regenration (→ Kap. 5.5.3) wurde dieses Konzept, zumindest aus wis‐ senschaftlicher Sicht, als eine der rahmengebenden Möglichkeiten für eine post-pandemisch nachhaltigere Tourismusentwicklung gesehen. So wurde auf Latouche’s (2009) Zweifel, dass das Konsumwachstum tatsächlich zum menschlichen Wohlergehen beiträgt, vermehrt rezitiert. Jedoch muss auch hier zwischen materiellen Produkten Serviceprodukten, wie einer Reise, unterschieden werden. Denn wie die Studie von Panzer-Krause (2022) u. a. in 234 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="235"?> Deutschland gezeigt hat, zeichnet sich bislang keine Degrowth-orientierte Veränderung des Reise-Konsumverhaltens ab. Reisen wird häufig, anders als Konsumgüter, mit starken positiven Emotionen, Fantasien und dem großen Verlangen nach Mobilität verknüpft, auf die, das hat die Pandemie gezeigt, extrem ungerne verzichtet wird. Wie zu Beginn dieses Kapitels aufgezeigt wurde, haben viele Menschen durch die zwei ‚verlorenen‘ Reisejahre ein noch stärkeres Bedürfnis, nach der COVID-19-Pandemie vermehrt und ausgiebig zu reisen. Und so treffen sich das gesteigerte Konsumbedürfnis der Gesellschaft mit dem neu entflammten Wachstumsbedürfnis der Tou‐ rismuswirtschaft auf Augenhöhe und bringen 2025 und in den folgenden Jahren eine neue Dringlichkeit in die Debatte und Notwendigkeit einer nachhaltigeren Tourismusentwicklung. Um diesen wachstumsgetrieben Reigen zu durchbrechen, fordern Kriti‐ ker: innen, zu welchen neben Wissenschaftler: innen oft zivilgesellschaftliche Aktivist: innengruppen und Basisorganisationen zählen, dass staatliche Ak‐ teur: innen lokale Stakeholder identifizieren und unterstützen sollen, die Degrowth-orientierte Maßnahmen implementieren, um einen Wandel zu einer stabilen Wirtschaft (steady-state economy) zu ermöglichen (Milano et al. 2019, Panzer-Krause 2022). Außerdem wird die kollaborative Governance zwischen zivilgesellschaftlicher Basisbewegung, Politik und lokalen Unter‐ nehmen als zentral herausgestellt. In Barcelona hat die lokale Organisation Assemblea de Barris per un Turismo Sostenible (ABTS) zehn Schlüsselprinzi‐ pien für nachhaltige Degrowth-Transformation des Tourismusmodells in Barcelona vorgeschlagen. Diese umfassen (übersetzt nach Milano et al. 2019, S.-1869): 1. „Identifizierung spezifischer Daten, die belegen, dass die Auswirkungen des Tourismus in Barcelona verstanden werden. 2. Entwicklung eines Indexes, der die Messung der Lebensqualität in Städten ermöglicht. 3. Förderung einer Debatte über den Tourismus zwischen verschiedenen kritischen Akteuren und Interessengruppen. 4. Durchführung von Kampagnen, um das Bewusstsein für die Auswirkungen des Tourismus zu schärfen. 5. Einrichtung einer lokalen Vertretung im Verwaltungsrat der Hafenbehörde von Barcelona. 6. Vorschlagen alternativer Modelle für das Hafenmanagement. 5.5 Futuristische Ansätze zum Umgang mit Overtourism 235 <?page no="236"?> 7. Einführung einer Touristensteuer, um die negativen Auswirkungen des Tourismus in der Stadt zu bekämpfen. 8. Förderung einer öffentlichen Plattform zur Verabschiedung von Rechtsvor‐ schriften für die Verwaltung von Gebieten in Hafennähe, die derzeit nicht von der Stadtverwaltung kontrolliert werden. 9. Entwicklung eines integrierten Hafenplans. 10. Förderung einer besseren Koordination zwischen sozialen Bewegungen und Internationalisierung von Initiativen.“ Aus diesen zehn Prinzipien wurden anschließend acht Maßnahmen ent‐ wickelt, die etwas genereller aufgestellt sind, aber eine umfassende Um‐ strukturierung der Tourismusplanung, -finanzierung und -vermarktung verlangen (Milano et al. 2019). Während die Prinzipien eher technisch, reaktiv an den Problem-Hotspots in Barcelona ansetzen, fordern die 13 Degrowth-Maßnahmen (vgl. ‚Impulse & Inspirationen für einen Wandel‘ unten) zumindest teilweise einen systemisch-transformativen Paradig‐ menwechsel am Ursprung des Problems: der kapitalistischen, neoliberalen Tourismusmaschinerie Barcelonas (Langer und Schmude 2024, Milano et al. 2019). Impulse & Inspirationen für einen Wandel „Tourism Degrowth Manifesto“ Die Assemblea de Barris pel Decreixement Turístic (ABDT) (übersetzt etwa ‘Nachbarschaft Versammlung für Tourismus-Degrowth‘) hat im Anschluss an den Protest vom 6. Juli 2024 auf der Plaça del Mar in Platja de Barceloneta (Barcelona, Spanien) ein Manifest für Tourismus Degrowth veröffentlicht. Die folgenden 13 Maßnahmen zeigen, was die Organisation für die Umsetzung von Tourism-Degrowth fordert. Dies ist einer der bisher konkretesten Referenzrahmen für Tourism-Degrowth und daher ein wichtiger Impuls für die Debatte. 1. Reduzierung der Flughafenaktivitäten und Infrastruktur Unbedingter Rückzug aller Pläne zur Erweiterung von Flughäfen und Flughafeninfrastruktur, sofortige Festlegung von Plänen zur Reduzierung nationaler und internationaler Fluglinien sowie Verbot privater Jets. 236 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="237"?> 2. Schließung von Kreuzfahrtterminals Reduzierung der Anzahl der Kreuzfahrtterminals im Hafen von Barcelona, beginnend mit der vorzeitigen Kündigung (vor 2027) der Konzessionen der Terminals A, B und C. Schaffung eines Bürger: innenausschusses mit sozialen und ökologi‐ schen Institutionen und Akteur: innen zur Planung der frühzeitigen Beendigung der Konzessionen für die verbleibenden Terminals. 3. Keine weiteren touristischen Unterkünfte in der Stadt Verbot der Erteilung von Lizenzen für touristische Unterkünfte in der gesamten Stadt, einschließlich Hotels, Studentenwohnheime und Co-Living-Spaces. Entwicklung eines restriktiven städtischen Unterbringungsplans für Tourist: innen. 4. Abschaffung der kurzfristigen touristischen Vermietung und Regu‐ lierung von saisonalen Apartment- und Zimmervermietungen Sofortige Rückführung von Wohnungen, die dem Tourismus und kurzfristigen Vermietungen dienen, in den Markt für langfristige Wohnnutzung durch Widerruf von Lizenzen für Kurzzeitvermietung. Regulierung saisonaler Mietverträge und Zimmervermietungen ge‐ mäß den LAU-Bedingungen (Mindestvertragsdauer und regulierte Preise). 5. Beseitigung illegaler touristischer Kurzzeitvermietung Verstärkung der Inspektionen und Strafen, um illegale touristische Kurzzeitvermietungen zu verfolgen und zu schließen. Implemen‐ tierung eines effizienteren Maßnahmenprotokolls, um die derzeit geringe Effizienz zu überwinden. 6. Beschränkung von Großveranstaltungen Einführung von zwei Bedingungen für die Durchführung von Groß‐ veranstaltungen: 1) Erstellung von Berichten über soziale (Arbeit, Wohnen, öffentlicher Raum, Mobilität, Gesundheit …) und ökologi‐ sche Auswirkungen. 2) Verbindliche öffentliche Konsultation. 7. Ende der Privilegien des Tourismussektors bei der Wasserversor‐ gung Vergleich des Wasserverbrauchs des Tourismussektors (einschließ‐ lich aller Arten von touristischen Kurzzeitvermietungen) mit ande‐ ren Industriezweigen, so dass er denselben Einschränkungen in Dürreprotokollen unterliegt. 5.5 Futuristische Ansätze zum Umgang mit Overtourism 237 <?page no="238"?> Kontrolle und Prüfung des Wasserverbrauchs im Tourismussektor und Einführung von maximalen Verbrauchsgrenzen, wo notwendig. Behandlung des Tourismus als nicht-essenzielle wirtschaftliche Ak‐ tivität in der Wasserbewirtschaftung. 8. Dekommodifizierung des öffentlichen Raumes Stopp und Umkehr des Prozesses der Musealisierung und Kommer‐ zialisierung öffentlicher Räume, wie Montjuïc, die Anti-Luftschutz‐ batterien oder Port Ciutat. Für den Park Güell: Als dringende Übergangsmaßnahme Reduzierung der zum Verkauf stehenden Eintrittskarten auf 50 %, bis der touristische Druck sinkt und das gewünschte Gleichgewicht erreicht ist. 9. Angemessene und faire Arbeitsbedingungen im tertiären Touris‐ mussektor Überprüfung und Einführung eines Mindestregulierungsrahmens für Tarifverträge in Hotellerie, Gastronomie und Handel. Verbot von Outsourcing und Unterauftragsvergabe sowie Einfüh‐ rung einer speziellen und verschärften Arbeitsinspektion zur Be‐ kämpfung von Missbrauch und arbeitsrechtliche Unregelmäßigkei‐ ten. Allgemeine Schulung und Professionalisierung der Arbeiter: innen im Sektor. Abschaffung von Sonntags- und Feiertagsarbeit. 10. Rückgewinnung des Handels für die lokale Bevölkerung Schutz des lokalen Handels mit lebensnotwendigen Produkten für die Bewohner: innen und Regulierung der Preise für Gewerbeflä‐ chen. Regulierung oder Verbot, sofern angemessen, von Lizenzen für gastronomische und touristische Einrichtungen sowie für die Au‐ ßenterrassen von Bars und Restaurants. Verbot von lokalen Verkostungsständen auf kommunalen Märkten. 11. Abschaffung der öffentlichen Förderung des Tourismus Beendigung der öffentlichen Finanzierung von Tourismusförderung sowie der Steuerbefreiungen und Subventionen für den Sektor. Umwandlung des Turisme de Barcelona Konsortiums in eine öffent‐ liche Agentur zur Reduzierung und Umstrukturierung des Sektors, Förderung alternativer Wirtschaftsmodelle sowie Entwicklung von 238 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="239"?> Umschulungs- und Wiedereingliederungsplänen für ehemalige Be‐ schäftigte. 12. Rechenschaftspflicht des Tourismussektors für öffentliche Ausga‐ ben Durchführung einer umfassenden Untersuchung der durch den Tourismussektor täglich genutzten öffentlichen Dienstleistungen, um die entsprechenden Ausgaben in Bereichen wie Transport, Rei‐ nigung, Abfallmanagement, Sicherheit und Gesundheit zuzuordnen. 13. Entwicklung lokaler öffentlicher Richtlinien für Freizeit Transformation des Tourismussektors durch die Entwicklung öf‐ fentlicher Maßnahmen, die den Freizeit-, Erholungs- und Kulturbe‐ dürfnissen der lokalen Bevölkerung gerecht werden. Einbeziehung territorialer, sozialer und solidarischer Wirtschaftsmodelle in den politischen Rahmen. Quelle: 🔗 -https: / / assembleabarris.wordpress.com/ , Übersetzung basie‐ rend auf Milano et al. 2024, S.-16. Ob und inwiefern sich die Degrowth-Bewegung weiterentwickelt, und ob sie mit der aktuell wachsenden Overtourism-Wahrnehmung größere Kreise ziehen wird, bleibt abzuwarten. Auch ist unklar, ob die Imple‐ mentierung der Degrowth-Forderungen nicht zu einer (Rückkehr zur) ‚Elitisierung‘ des Reisens führt (Milano et al. 2024), in der sich nur die wohlhabendste Gesellschaftsgruppe ihre Reisewünsche erfüllen kann, während die Reisen der weniger Privilegierten und Kaufkraftärmeren ‚zurückgewachsen‘ werden. 5.5.3 PROsilienter und Regenerativer Tourismus: Luftschlösser oder neue Realität? Seit Ausbruch der COVID-19-Pandemie und dem Aufruf zu einem nachhal‐ tigen Neustart und dem Ziel „build back better“ der UN Tourism (UNWTO 2020) haben sich vor allem zwei Konzepte in der tourismuswissenschaftli‐ chen Debatte etabliert: Resilienz und Regeneration. Es scheint fast so, als haben diese neuen Trendwörter den Begriff der Nachhaltigkeit abgelöst. Da das Konzept der Resilienz bereits ausgiebig in → Kap. 4.4 erläutert wurde, 5.5 Futuristische Ansätze zum Umgang mit Overtourism 239 <?page no="240"?> soll an dieser Stelle lediglich die Weiterentwicklung der PROsilienz nach Erdmenger (2022a) vorgestellt werden. Anschließend wird der sich parallel entfaltende Ansatz des regenerativen Tourismus eingeführt. Der Begriff Resilienz leitet sich vom lateinischen Wort resilio/ resilire ab, was etwa „zurückfedern“ bedeutet. Mit Blick auf den Wiederaufbau des Tourismus nach der pandemischen Krise 2020-2022 haben Kritiker: innen jedoch betont, dass der Tourismus nicht zu dem prä-pandemischen unnach‐ haltigen Wachstum ‚zurückfedern‘ darf, sondern sich nach dieser Störung des komplexen Systems anpassen und transformieren muss (Farsari 2021, Richards 2020). Dennoch zeichnete sich bereits im zweiten Pandemiejahr (2021) ab, dass Tourismusakteur: innen eher dem traditionellen Konzept der Resilienz folgen - sie versuchen, so schnell wie möglich die Zahlen, sprich Auslastung, Ankünfte und Einnahmen, aus 2019 zu erreichen. Dies hat auch das Forschungsprojekt „COVID-19 und die bayerische Tourismusbranche - Krisenmanagement, Resilienzfaktoren und Handlungsempfehlungen“ (kurz: CoReTour) von Pillmayer, Chang und Eberhardt (2023, S. 40) empirisch bestätigt. Anstatt einer Rückkehr zum Ursprung, muss eine System-Re‐ silienz aufgebaut werden, die „eine sektorübergreifende, multidisziplinäre Zusammenarbeit bei der Politikformulierung fördern kann“ (Hynes et al. 2020, S. 174). Weiterhin wird gefordert, das komplexe human-ökologische System des Anthropozäns zu berücksichtigen, um neue Gleichgewichte und entsprechende resiliente Governance-Strukturen zu etablieren (Dredge 2019). Zwar hat sich das Verständnis des Konzeptes der Resilienz sich bereits von der technischen/ materialistischen zur ökologischen und schließlich zur evolutionären Resilienz weiterentwickelt (für Details siehe Hartman 2018), jedoch passt die Vorsilbe des Begriffs Resilienz nicht zu den Forderungen nach einer Vorwärtsentwicklung und proaktiven, systemübergreifenden Transformation. Erdmenger (2022a) fordert daher noch weiterzugehen und den Tourismus nach einem PROsilienz-Ansatz umzubauen. Der Begriff der PROsilienz wird hier auf den Psychologen Thagard (2013) zurückgeführt. Im Tourismuswissenschaftlichen Kontext wird die PROsilienz definiert als (übersetzt nach Erdmenger 2022a, S.-283): „die Fähigkeit einer Destination und eines Lebensraumes, sich nicht nur von in‐ ternen oder externen Störungen zu erholen, sondern auch frühere Anfälligkeiten zu verbessern, indem das lokale Governance-Netzwerk, die Ressourcen und die Politik neu ausgerichtet werden, um proaktiv widerstandsfähiger für zukünftige Störungen zu werden.“ 240 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="241"?> In zuvor genannter Publikation (Erdmenger 2022a) wird ein Vorschlag für ein prosilientes urbanes Destinations-Governance-Modell präsentiert. Dieses wurde basierend auf empirischen Forschungsergebnissen der zwei Fallstudien Kopenhagen und München entwickelt. Unter der Forschungs‐ frage, warum diese zwei beliebten Reiseziele bei vergleichbarer Tourismu‐ sintensität resilienter gegenüber Tourismus zu sein scheinen als etwa Barcelona, konnten diverse Aspekte herauskristallisiert werden. Neben mittlerweile standardmäßigen Resident Sentiment Monitorings (→ Kap. 5.3.11), die durchaus ergänzend einen Finger am Puls der Gesellschaften haben können, haben sich in München und Kopenhagen diverse sozio-psy‐ chologische Aspekte als Resilienz-schaffend gezeigt. Dazu gehören ein starker (Lokal-)Stolz, positive Interaktionserfahrung mit Tourist: innen, die Gewöhnung an ein eher moderates Tourismuswachstum, das multikultu‐ relle Gesellschaftsbilder der ansässigen Bevölkerung und die einzigartige und international geschätzte Lokalkultur (z. B. Biergarten, Trachten, hygge und Fahrradkultur). Zusätzlich wurden politische Anlaufstellen in der Nach‐ barschaft (etwa Bezirksausschüsse in München) und damit direkte, kurze Kommunikationswege und gleichzeitig Verbindungen zur Gemeinderegie‐ rung ohne große Hindernisse als positiv hervorgehoben. Auch die Fülle an nicht touristifizierten Rückzugsräumen und Freizeiteinrichtungen im Stadtraum wurde als Ausweichmethode und Coping-Strategie mehrfach wertgeschätzt. Viele Studienteilnehmenden haben außerdem über ihre eig‐ nen Reiseerfahrungen, ihr Verhalten als Tourist: innen und ihre privaten Besucher: innen, die auch Tourist: innen in der Stadt sind, reflektiert. Mittels dieser Selbstreflektion und der positiven Berichterstattung Anderer wurde während der Fokusgruppengespräche der Studie (Erdmenger 2022c) die Akzeptanz gegenüber fremder Tourist: innen im eigenen Lebensraum geför‐ dert. Inwiefern sich diese Faktoren als PROsilienz-schaffende Maßnahmen instrumentalisieren und auf andere Destinationen übertragen lassen, bietet Raum für weitere Forschung und Pilotprojekte. Als ersten Anhaltspunkt können die sieben Prinzipien für Resilienz-Bildung in sozio-ökologischen Systemen des Stockholm Resilience Center (2015) in →-Tab.-4 dienen. 5.5 Futuristische Ansätze zum Umgang mit Overtourism 241 <?page no="242"?> sieben Prinzipien für den Aufbau von Resilienz in sozial-ökologischen Systemen sieben Prinzipien für den Aufbau von prosilienten städtischen Tourismuszielen Aufrechterhaltung von Diversität und Redundanz Förderung der Diversität und des Lokalstolzes Management von Verbdinungen Schaffung von Verbindungen, Interaktionen und Austausch Umgang mit langsamen Variablen und Rückkopplungen Beobachtung der Stimmung der Bewohner: innen Förderung des Denkens in komplexen adaptiven Systemen Förderung des Denkens in komplexen adaptiven Systemen Ermutigung zum Lernen Ermutigung zum kulturellen Lernen Ausweitung der Beteiligung Ausweitung der Einbeziehung aller Stadtnutzer: innen Förderung einer polyzentrischen Regierung Förderung einer polyzentrischen Stadtverwaltung Tab. 4: Sieben Prinzipien für den Aufbau von PROsilienten städtischen Tourismuszielen Das Konzept des regenerativen Tourismus, das sich seit 2019 zunehmend in der Tourismusforschung etabliert, setzt im Gegensatz zu der prosilienten Destinationsentwicklung mehr an der Reise(erfahrung) an. Das Hauptziel des regenerativen Tourismus ist es, dass Besucher: innen und Reisende aktiv einen positiven Einfluss auf die Destination haben. Im Fokus stehen dabei der aktive Beitrag zur Erneuerung, Wiederbelebung und Wiederherstellung der Destination. Diese Konzepte wiederum sollen in Werten, Beziehungen, Normen und Traditionen verwurzelt sein (Alhitmi, Rahman und Bayram 2024). Insbesondere wird hier die Anerkennung und Gleichbehandlung mar‐ ginalisierter Gesellschaftsgruppen sowie indigener Gemeinschaften betont, deren Weltanschauung das Konzept inspirieren soll (Rastegar 2025). Es geht dabei um einen nachhaltigen Ansatz des Reisens, der über die Reduzierung der negativen Auswirkungen auf Umwelt und Menschheit hinaus geht. Vielmehr sollen diese, sowie die Wirtschaft, in einen Kreislauf positiver Auswirkungen eingebunden werden. Ähnlich wie bei der PROsilienz ist der regenerative Tourismus ein proaktiver und holistischer Ansatz. Um der Abstraktheit des Begriffs entgegenzuwirken, führen Alhitmi, Rahman und Bayram (2024, S.-36) eine Liste an Beispielpraktiken auf: 242 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="243"?> • Ökologische Restorationsprojekte von z. B. Korallenriffen, Wäldern, und Feuchtgebieten, um die Biodiversität zu verbessern und die natürlichen Ressourcen zu schonen; • Nachhaltige Landwirtschaft und Agroforstwirtschaft durch z. B. Agrotou‐ rismus und andere Aktivitäten rund um ökologische Landwirtschaft; • Gemeinschaftsgeleitete Schutz- und Erhaltungsinitiativen durch z. B. von der lokalen Gemeinschaft festgelegt geschützte Gebiete und Natur‐ schutzmaßnahmen, die durch Ökotourismus finanziert werden können; • Erneuerbare Energien und eine nachhaltige Infrastruktur als Grundlage für die touristische Infrastruktur, um die Auswirkungen auf die Umwelt zu reduzieren; Auch Recycling und Müllreduzierung zahlen hierzu; • Kulturelle Erhaltung und Wiederbelebung durch und für authentische Erlebnisse, die die lokalen Traditionen, Musik, Kunst und Kulinarik zeigen und damit Projekte der lokalen Bevölkerung unterstützen. Die Liste verdeutlicht den primär reparativen Gedanken durch aktives Beitragen von Tourist: innen zu der Verbesserung der Umwelt- und Lebens‐ bedingungen für Menschen und andere Spezies vor Ort (Bellato und Cheer 2021). Im Gegensatz zur Nachhaltigkeit, bei der es um die Vermeidung einer Verschlechterung geht, wird dem regenerativen Tourismus, auch durch die Begrifflichkeit, eine treibende, schwunghafte Intention und Einstellung zugesprochen (Alhitmi, Rahman und Bayram 2024). Getreu dem Pfadfin‐ der-Motto ‚Versucht, die Welt ein bisschen besser zurückzulassen als Ihr sie vorgefunden habt‘ (Baden-Powell, o. J.), lassen regenerativ Reisende ihre Destination auch ein wenig besser zurück als sie sie vorgefunden haben. Ein konkreteres Konzept, dass regenerativen Tourismus mit ‚adaptive cycles of tourism system‘ kombiniert kann bei Bedarf bei Hussain und Haley (2022) nachgesehen werden. Impulse & Inspirationen für einen Wandel „Chumbe Island Coral Park“ Der Chumbe Island Coral Park ist ein privat geführtes Naturschutzpro‐ jekt, das etwa 8 km vor der Westküste von Unguja, der Hauptinsel Sansibars, liegt. Das Projekt begann in den frühen 1990er-Jahren, als Tansania unter schwerer Meereszerstörung litt und noch keine Meeres‐ schutzgebiete eingerichtet waren. Nach intensiven Konsultationen mit der lokalen Bevölkerung und sieben Regierungsministerien wurde das 5.5 Futuristische Ansätze zum Umgang mit Overtourism 243 <?page no="244"?> Chumbe Island Coral Reef Sanctuary und Forest Reserve 1994 offiziell als erstes Meeresschutzgebiete Tansanias ausgewiesen. Das Projekt umfasst ein vollständig geschütztes Korallenriff-Schutzgebiet und ein Waldreservat, die beide eine beeindruckende Biodiversität beherbergen. Daher bietet das Projekt Umweltbildungsprogramme für lokale Schul‐ kinder und Gemeinschaften an, um das Bewusstsein für Naturschutz zu stärken. Es finanziert sich vollständig durch Einnahmen aus dem Ökotouris‐ mus. Besucher: innen haben die Möglichkeit, in einem von nur sieben umweltfreundlichen, exklusiven Bungalows zu übernachten, die aus erneuerbaren Materialien gebaut sind, Solarenergie nutzen, Regenwas‐ ser sammeln und aufbereiten sowie Abfälle nachhaltig managen. Zu‐ sätzlich engagiert sich das Team seit über 25 Jahren für plastikfreie Betriebsabläufe und verfolgt einen „Farm-to-Table“-Ansatz, bei dem alle Lebensmittel lokal von Fischern, Bauern und Märkten bezogen werden. Durch die Begrenzung der Besucher: innenzahl und die Förderung nachhaltiger Praktiken dient Chumbe Island als Modell für verantwor‐ tungsvollen Ökotourismus und trägt aktiv dazu bei, die negativen Auswirkungen des Massentourismus zu minimieren. Das Projekt wurde international anerkannt und mit dem „Regenerative Travel Award“ für seine positiven Beiträge zur Gemeinschaft und Umwelt ausgezeichnet. Insgesamt zeigt der Chumbe Island Coral Park, wie durch nachhaltigen Ökotourismus sowohl der Naturschutz gefördert als auch die lokale Gemeinschaft unterstützt werden kann, während gleichzeitig den nega‐ tiven Folgen des Overtourism entgegengewirkt wird. Quelle: Chumbe Island Coral Park (2025): 🔗 -https: / / chumbeisland.com So vielversprechend der Ansatz des regenerativen Tourismus klingt, er wird natürlich auch mit Herausforderungen konfrontiert. Allen voran muss hier die Neuheit des Konzeptes im Tourismus genannt werden, die dazu führet, dass vieles noch nicht erforscht, bekannt und verstanden ist. Uber die Wissenschaft hinaus, die sich aktuell doch eher intensiv mit der Thematik beschäftigt, gibt es in der Tourismuspraxis bislang wenig Bewusstsein und Verständnis für das Konzept. Es kann auch durchaus nachvollzogen werden, dass eine gewisse Verwirrung und Müdigkeit von den neuen, abstrakten und komplexen Konzepten ‚für eine bessere Zukunft‘ vor allem bei denen, die 244 5 Managementansätze zum Umgang mit Overtourism <?page no="245"?> sie implementieren sollen, vorzufinden ist. Explizit weisen Alhitmi, Rahman und Bayram (2024) auf die Komplexität der Umsetzung hin, denn diese involviert die Anpassung der Regelungsrahmen, Netzwerke, Partnerschaf‐ ten und auch der Überwindung des Widerstands gegen Veränderungen. Auch ist es eine Herausforderung, die lokalen Gemeinschaften, die je eine Schlüsselrolle im regenerativen Tourismus spielen, zu engagieren, wie es in →-Kap. 7.2 tiefgreifender diskutiert wird. Ob, wann und wie der Tourismus in Zukunft regenerativer wird, um Destinationen PROsilienter aufzustellen, bleibt abzuwarten. Oder ob diese zwei Konzepte Luftschlösser bleiben, die in der kommenden Dekade von neuen Konzepten abgelöst werden. Auf jeden Fall sind sie Richtungsweisen und betonen, dass ein proaktiver Ansatz (→ Kap. 6.4) um resilienter gegenüber zukünftigen Krisen zu werden, unabdingbar ist. 5.5 Futuristische Ansätze zum Umgang mit Overtourism 245 <?page no="247"?> 6 Spannungsfeld Destination-Lebensraum Im vorangegangenen Kapitel wurde die Begegnung von Overtourism-Ar‐ tikulationen bereits im Vorfeld des Entstehens durch die Stärkung der Resilienz und die Kommunikation mit den Bewohner: innen als eine Art ‚Kö‐ nigsweg‘ charakterisiert. Allerdings stellt die Beeinflussung der Akzeptanz bei den Bewohner: innen ein komplexes soziales Konstrukt dar (→ Kap. 1.3), das wohl nicht mit simplen Imagekampagnen oder einfachen Limitierungs‐ ansätzen erreicht werden kann. Vielmehr ist hierfür ein systematisches, auf fundierten sozialwissen‐ schaftlichen Analysen basierendes und abgestimmtes Vorgehen aller re‐ levanten Betroffenen in vielen Handlungsbereichen erforderlich. Dabei spricht vieles dafür, dass die bisherigen Sichtweisen und Handlungsmus‐ ter bei den professionellen Tourismusunternehmen möglicherweise auch grundsätzlich in Frage zu stellen sind, wenn die Interaktion mit den Bewoh‐ ner: innen gelingen soll. Kommunikation ist eben nicht nur eine Einbahn‐ straße, auf der die bereits Involvierten ihre Positionen und Sichtweisen kommunizieren können. Vielmehr setzt erfolgreiche Kommunikation eine multilaterale Interaktion auf Augenhöhe voraus. Bei den bereits seit Jahrzehnten laufenden Diskussionen über den Schutz von natürlichen Settings und deren Öffnung für Besucher: innen oder den Tourismus in Ländern des Globalen Südens steht implizit das Spannungs‐ verhältnis und Zielkonflikte zwischen der Sichtweise eines räumlichen Kontextes einerseits als vermarktbares Destinationsprodukt und anderer‐ seits als schützenswerter Naturraum bzw. als sozio-kulturelles Setting im Hintergrund (→ Kap. 1.4.1). Letztendlich handelt es sich auch bei der Overtourism-Diskussion um das gleiche Spannungsverhältnis zwischen dem Verständnis eines räumlichen Kontextes als tourismuswirtschaftlicher Destination sowie als Lebensraum der Bewohner: innen. Während im Natur‐ schutzkontext das Bewusstsein um die Notwendigkeit eines Ausbalancie‐ rens zwischen dem Schutz- und dem Nutzungsinteresse bereits eingeführt und elaboriert ist, wurden - insbesondere im in den letzten Jahren boomen‐ den städtetouristischen Kontext (Kagermeier 2020, S. 224ff.) - lange Zeit vor allem die Vermarktbarkeit des touristischen Produktes und die damit verbundenen positiven regionalökonomischen Effekte betont. <?page no="248"?> Es spricht vieles dafür, dass eine intensive Fokussierung auf die Partizi‐ pation der Bewohner: innen sowie ein Ernstnehmen von ersten subjektiven Unwohlgefühlen notwendig ist, um proaktiv ein Umkippen der Stimmung in der Stadtgesellschaft zu vermeiden zu versuchen. Damit dürfte die Rolle der DMOs in den nächsten Jahren einen Bedeutungswandel erfahren. Bislang hatten sich diese als vor allem dem quantitativen Wachstum verpflichtete Marketing-Organisationen verstanden, deren Fokus auf die Zielgruppe Besucher: innen ausgerichtet war. Zukünftig wird es in mindestens gleichem Maß auch darauf ankommen, stärker als Mediator mit dem Blickwinkel auf die lokalen Akteur: innen und deren Netzwerk zu agieren. Dies stellt sicherlich eine zentrale Herausforderung für die grundlegende Umorientie‐ rung von touristischer Governance voraus. Gleichzeitig kann es durchaus sein, dass die Overtourism-Diskussion auch einen prinzipiellen Paradig‐ menwechsel im Tourismus einleitet, der bislang stets wachstumsorientiert gewesen ist. Die Konflikte zwischen Besucher: innen und Bewohner: innen können unter Bezugnahme auf zwei unterschiedliche - und teilweise antagonisti‐ sche - Perspektiven interpretiert werden, aus denen ein räumlicher Kontext betrachtet wird: Die Nutzung einer städtischen Umgebung durch Besu‐ cher: innen folgt einer erlebnisorientierten Perspektive, die diesen Raum als Destination konzipiert. Dieser Kund: innensicht entspricht aus der Sicht der Anbietenden im Tourismus die Kommodifizierung einer Raumeinheit und deren Betrachtung ebenfalls als Destination. Ziel der wirtschaftlich gepräg‐ ten Perspektive ist die Vermarktung einer Destination als wirtschaftliches Produkt, um Einnahmen und Arbeitsplätze zu schaffen. Im Gegensatz dazu betrachten die Bewohner: innen ihren Lebensraum in erster Linie aus einem soziokulturellen Blickwinkel. Aus Sicht der Bewoh‐ ner: innen wird diese räumliche Einheit (die eine Region, eine Stadt oder auch eine Nachbarschaft sein kann) als ihr Lebensraum angesehen - d. h. als ihr Lebensumfeld. Ziel dieses Kapitels ist es, die beiden unterschiedlichen Rationalitäten der Konzepte ‚Destination‘ und ‚Lebensraum‘ zu reflektieren. Die Intention ist dabei, die Optionen und Möglichkeiten zu analysieren, um diese beiden teilweise antagonistischen Ansätze in Einklang zu bringen und so den Konflikt zwischen Bewohner: innen und Besucher: innen zu verringern. Da der Tourismus in vielen Destinationen ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist, ist eine einfache Begrenzung und Reduzierung der Tourismusnachfrage wahrscheinlich kaum möglich. Das heißt, die entscheidenden Fragen sind: 248 6 Spannungsfeld Destination-Lebensraum <?page no="249"?> • Wie können unterschiedliche Interessen in Einklang gebracht und so ein wirtschaftlich und sozial nachhaltiges Tourismusniveau erreicht werden? • Welche Ansätze können verfolgt werden, um ein ausbalanciertes Setting herbeizuführen, in dem die Interessen von Gästen und Bewohner: innen gleichermaßen berücksichtigt werden? Basierend auf den Ergebnissen in deutschen Städten wird dabei ein beson‐ derer Schwerpunkt auf die Frage gelegt, inwieweit es möglich ist, proaktive, umfassende Ansätze zur besseren Integration der Meinungen der Bewoh‐ ner: innen zu identifizieren, entwickeln und implementieren. 6.1 Herausforderungen beim Ausbalancieren der Interessensunterschiede In den letzten Jahrzehnten war der Schwerpunkt der Aktivitäten von DMOs, der übergeordneten Tourismuspolitik - insofern eine solche vorhanden war - sowie auch des Mainstreams der Tourismusforschung weitgehend auf die Bedürfnisse und das Interesse potenzieller Tourist: innen ausgerichtet. Angesichts des Unbehagens unter den Einwohner: innen in den vielen Städten, die Ziel einer steigenden Tourismusnachfrage sind, und der viel‐ fältigen Proteste gegen die wahrgenommenen negativen Auswirkungen steigender Tourismuszahlen könnte die Diskussion über Overtourismus die Notwendigkeit eines paradigmatischen Wandels in den Ansätzen der Tourismuspolitik bedeuten. Die Bedürfnisse der Bewohner: innen müssen genauso berücksichtigt werden, wie die Interessen der Besucher: innen in den letzten Jahrzehnten (ähnlich Becken und Simmons 2019). Wie in → Kap. 5.3.10 dargelegt, scheint eine Änderung des Verhaltens und des Reisemusters von Tourist: innen kein praktikabler Ansatz zu sein. Daher müssen Wissenschaftler: innen und politische Entscheidungstragende andere Wege finden, um die - oft divergierenden, wenn nicht sogar antagonistischen - Interessen von Besu‐ cher: innen und Bewohner: innen in Einklang zu bringen. Natürlich ist in Fällen wie Venedig oder Dubrovnik, in denen die schiere Besucher: innenzahl die physische Tragfähigkeit übersteigt, oder in Fällen wie Barcelona und Amsterdam, in denen bereits heftige Proteste stattge‐ funden haben, eine Strategie zur Begrenzung und Reduzierung der Zahl der Tourist: innen erforderlich. Der Schwerpunkt der bisherigen Analyse 6.1 Herausforderungen beim Ausbalancieren der Interessensunterschiede 249 <?page no="250"?> lag jedoch auch auf Städten, die einem gewissen Druck ausgesetzt waren, bei denen jedoch weder die physische noch die soziale Tragfähigkeit über‐ schritten wurde. Die Befunde weisen gleichzeitig - mit den unterschiedlichen Akzep‐ tanz- und Toleranz-Leveln bei vergleichbaren objektiven Belastungen - darauf hin, dass Missfallensbekundungen gegenüber einer als ‚Zuviel‘ empfundenen touristischen Inwertsetzung teilweise auch ein Ventil für weiterreichende Spannungen in der Stadtgesellschaft sind. Auch wenn nicht eindeutig empirisch abgesichert, spricht vieles für die These, dass Stress und Druck in einer Stadtgesellschaft - z. B. aufgrund von Transformationsproz‐ essen in anderen stadtökonomischen oder stadtgesellschaftlichen Bereichen - sich auf das Akzeptanzniveau niederschlägt. Probleme und Spannungen in einer Stadtgesellschaft - oft auch mit der Marginalisierung von Teilen der Bewohner: innen verbunden - führen dazu, dass der gesamtstädtische Diskurs angespannt ist. Die in diesem Band vorgestellten Befunde von München und Berlin legen dies nahe. München ist eben ein ‚Paradebeispiel‘ für eine relativ stabile, ökonomisch weitgehend saturierte und im oberbaye‐ rischen Selbstverständnis in sich ruhende Stadtgesellschaft. Diese zeigt sich gegenüber den negativen Auswirkungen des Tourismus deutlich resilienter als diejenige von Berlin. Die Berliner Stadtgesellschaft ist sicherlich in sich deutlich fragmentierter und gebrochener, auch markanter von Disruptionen und Transitionen geprägt. Beide Teile der Stadt befanden sich bis 1990 in einer relativ geschützten spezifischen und stabilen Lage. Die in den letzten drei Jahrzehnten in der Stadt ablaufenden Transformationsprozesse - nicht zuletzt auch die Marktliberalisierung im Wohnungsmarkt - kön‐ nen als Stressfaktor interpretiert werden, der eben das Resilienz-Niveau in der Stadtgesellschaft reduziert. Oftmals wird dann der Tourismus als Substitut für weniger gut greifbare und nachvollziehbare Ursachen wie Globalisierung, Urbanisierung, Gentrifizierung oder Marktliberalisierung herangezogen. Verknappung und Verteuerung auf dem Wohnungsmarkt wird eben von vielen Faktoren mit beeinflusst, von den die Sharing Economy nur einen (relativ kleiner) Teilaspekt darstellt. Tourismus mit seinen eben auch negativen Auswirkungen scheint damit manchmal der ‚Sündenbock‘ zu sein, obwohl eigentlich andere Dimensionen gemeint sind, die aber weniger verständlich oder sichtbar sind. Von disruptiven Veränderungen und Verlustängsten sich bedroht fühlende Einheimische tendieren dazu, quasi als Ersatzhandlung dann die täglich vor der Haustüre wahrnehmbaren 250 6 Spannungsfeld Destination-Lebensraum <?page no="251"?> Tourist: innen verantwortlich zu machen, auch wenn im Hintergrund weni‐ ger gut greifbare, anonymere Wirkmechanismen ihre Existenz beeinflussen. Letztendlich kann zusammengefast werden, dass im Hintergrund schwe‐ lende stadtgesellschaftliche und stadtpolitische Diskurse wohl zu einer Senkung der Toleranzschwelle auch gegenüber Tourist: innen beitragen. Umgekehrt kann formuliert werden, dass eine in sich ruhende, nur we‐ nig von gesellschaftlichen, politischen und ökonomischen Spannungen gestresste Stadtgesellschaft, die sich in einem relativen Gleichgewicht des Wohlbefindens bewegt, gegenüber Irritationen aufgrund der Präsenz von auswärtigen Besucher: innen wenig(er) vulnerabel ist. Dies verdeutlicht, dass die Begegnung des Phänomens Overtourism an der Wurzel der Befind‐ lichkeit einer Stadtgesellschaft und ihrem Lebensraum angesetzt werden muss. 6.2 Vermarktbares Produkt versus belebter Raum Der dominierende Fokus in der Tourismusbranche sowie in der Touris‐ muswissenschaft auf Reisegebiete wurde über Jahrzehnte von primär wirtschaftlichen Perspektiven geprägt. Dies bedeutet, dass die Ziele von Tourismusbesuchen hauptsächlich als zu vermarktende Produkte angesehen wurden. In der berühmten Definition des Terminus Destination von Bieger und Beritelli heißt es: „Geographischer Raum (Ort, Region, Weiler), den der jeweilige Gast (oder ein Gäs‐ tesegment) als Reiseziel auswählt. Sie enthält sämtliche für einen Aufenthalt not‐ wendigen Einrichtungen für Beherbergung, Verpflegung, Unterhaltung/ Beschäfti‐ gung. Sie ist damit die Wettbewerbseinheit im Incoming Tourismus, die als strategische Geschäftseinheit geführt werden muss“ (Bieger und Beritelli 2013, S. 54). Bieger und Beritelli betrachteten Reiseziele als räumliche Einheiten, die als Produkt an potenzielle Besucher: innen oder Gäste vermarktet werden könnten. Die Bedingung, die erfüllt sein muss, um ein Produkt zu werden, ist, dass potenzielle Gäste diese räumliche Einheit als das betrachten, was sie sich für einen Aufenthalt wünschen und benötigen. Damit dominieren die Wahrnehmungen potenzieller Besucher: innen bei der Konzeption eines Reiseziels. Bei dieser klassischen Definition einer Destination wird die Wahrnehmung der Bewohner: innen ausgeblendet und ignoriert. 6.2 Vermarktbares Produkt versus belebter Raum 251 <?page no="252"?> Das Bewusstsein, dass viele touristische Destinationen, wie eben eine Stadt, auch einen Lebensraum darstellen, der ebenfalls Tragfähigkeitsgren‐ zen aufweist, war bei den tourismuswirtschaftlichen - aber sicherlich auch bei einem Großteil der tourismuswissenschaftlichen - Beteiligten nur rudimentär ausgeprägt. Das materielle kulturellen Erbe von touristischen Zielen (wie z. B. Monumente, Museen, aber auch Biergärten etc.) aber auch die immateriellen kulturellen Elemente (wie z. B. Feste oder Umzüge), die den Lebensraum der Bewohner: innen ausmachen, wurde zumeist vor allem als Lokalkolorit-Kulisse angesehen, welche die Attraktivität und damit die Vermarktbarkeit steigert. Demgegenüber wurde der Schutz der Privatsphäre der Bewohner: innen in ihrem Wohnumfeld lange Zeit kaum beachtet. Auf der anderen Seite sehen die Bewohner: innen ihre Stadt oder Nach‐ barschaft nicht als kommodifizierbares Produkt, sondern als ihr eigenes Lebensumfeld. Sie neigen dazu, sehr empfindlich auf Veränderungen in ihrer Umgebung zu reagieren. Bereits in den 1970er-Jahren wurde das Phänomen der Einwohner: innen, die dazu neigen, sich dem Wandel zu widersetzen, als NIMBY-Phänomen (Not In My Back Yard) beschrieben (Badger 2018). Unabhängig davon, ob es sich um Neubauprojekte, Infrastrukturprojekte, industrielle Entwicklung oder sogar Windkraftanlagen handelt, kann fast jede Änderung der vertrauten und seit langem etablierten Umgebung zu Protesten führen. Auch wenn negative Auswirkungen normalerweise - und nicht überraschend - den Kern solcher Auseinandersetzungen und Streitigkeiten bilden, wird die Diskussion häufig sehr emotional geführt und hängt auch stark von den wahrgenommenen Auswirkungen ab. Manchmal werden die objektiven Auswirkungen übertrieben dargestellt und Proteste können auch durch ein allgemeines Unbehagen ausgelöst werden (Borell und Westermark 2018). Bis zu einem gewissen Grad kann sogar angenom‐ men werden, dass die Tatsache, dass sich eine gewohnte und vertraute Umgebung ändern wird, zu Unsicherheit und Gegenreaktionen führen kann, die teilweise unabhängig von den tatsächlich zu erwartenden Auswirkungen sind. Dies bedeutet, dass es beim Umgang mit den Auswirkungen von Veränderungen in einem räumlichen Umfeld nicht nur darum geht, Fakten und Argumente zu liefern, sondern in hohem Maße auch darum, die psychologischen Bedenken und Empfindlichkeiten von Individuen in einer gegebenen Community zu bewältigen. Wie bereits erwähnt (→ Kap. 1.4.1), ist in ländlichen Gebieten die lokale Nachfrage oft zu gering, um ein Angebot an Freizeitdienstleistungen zu gewährleisten. 252 6 Spannungsfeld Destination-Lebensraum <?page no="253"?> Andererseits reicht in Ballungsräumen die lokale Nachfrage bereits aus, um das Angebot einer Vielzahl von Freizeitaktivitäten zu gewährleisten. Dies bedeutet, dass die zusätzliche Nachfrage von Besucher: innen nach Freizeitangeboten normalerweise nicht direkt angebotssteigernd wirkt und dementsprechend positiv wahrgenommen wird. Diese zusätzliche Nach‐ frage wird wiederum nicht als Mehrwert für die Bewohner: innen kom‐ muniziert - was die Welttourismusorganisation der Vereinten Nationen (UN Tourism) als mögliche Managementstrategie gegen Overtourismus vorgeschlagen hat (UNWTO bzw. UN Tourism 2018, S. 49; → Kap. 5.3.7). Angesichts der großen Zahl von Einheimischen, die häufig Restaurants, historische Stätten und kulturelle Veranstaltungen besuchen, könnte die zusätzliche Nachfrage von Tourist: innen sogar als Konkurrenz angesehen werden. Besucher: innen können daher als zusätzlicher Nachfragefaktor wahrgenommen werden, der die Nutzung von Freizeitmöglichkeiten durch die Bewohner: innen einschränkt. Gleichzeitig ist die relative ökonomische Bedeutung des Tourismus für die regionalen Wirtschaft in Ballungsräumen in der Regel weniger wichtig. Angesichts der Vielzahl anderer wirtschaftlicher Aktivitäten hat der Tou‐ rismussektor weniger Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt und die Wert‐ schöpfung auf regionaler Ebene. Dies bedeutet, dass die Bewohner: innen in städtischen Umgebungen Tourismusaktivitäten weniger wahrscheinlich als relevant für regionale Einnahmen wahrnimmt. In ländlichen Gebieten ist der Tourismus oft eine der wichtigsten wirtschaftlichen Aktivitäten. Daher ist sich die Bewohner: innen ihrer wirtschaftlichen Relevanz oftmals bewusster. Dies könnte einer der Gründe sein, warum gegen den Tourismus gerichtete Tendenzen in städtischen Destinationen häufiger anzutreffen sind. Abgesehen von traditionellen kulturorientierten Besucher: innen ist in den letzten Jahren ein überdurchschnittlicher Anstieg der Partytourist: in‐ nen zu verzeichnen. Insbesondere jüngere Besucher: innen werden von den Bars und Clubs größerer Städte angezogen. Durch die Verfügbarkeit von Billigflügen seit der Liberalisierung des Flugverkehrs hat sich die Erreichbarkeit vieler europäischer Städte seit den 1990er-Jahren dramatisch verbessert (Goodwin 2017, S. 5; 2019, S. 111). Die negativen Auswirkungen von Junggesell: innenabschieden, bei denen junge Menschen spät abends oder früh morgens in den Straßen innerstädtischer Wohnviertel laut schwel‐ gen und Abfälle aus ihren nächtlichen Karussells hinterlassen, sind einer der Aspekte, die bei den Anwohner: innen zu ablehnenden Einstellungen führen (Nibbrig et al. 2015, McGuire 2018). Dass das Besucher: innenverhalten als 6.2 Vermarktbares Produkt versus belebter Raum 253 <?page no="254"?> Ansatz für persuasive, kommunikative Maßnahmen nur sehr begrenzte Reichweite und Tragfähigkeit aufweisen, wurde bereits in → Kap. 5.3.10 dargelegt. Da nicht viel Hoffnung besteht, dass die Besucher: innen ihr Sozialverhal‐ ten (und auch das zeitliche und räumliche Reiseverhalten) so anpassen, dass sich Bewohner: innen möglichst wenig irritiert und gestört fühlen (→ Kap. 5.3.10), geraten die Bewohner: innen selbst in den Fokus der Analyse. Wenn das Ziel darin besteht, die Bedürfnisse der Besucher: innen mit den Interessen der Bewohner: innen in Einklang zu bringen, werden die Grenzen der Toleranz und Akzeptanz der Bewohner: innen entscheidend. Der schwierige Punkt ist jedoch, dass es - wie in → Kap. 4.1 ausgeführt wurde - keine eindeutigen, leicht messbaren Grenzen dafür gibt, was die Bewohner: innen bereit wären, von ‚störenden‘ Besucher: innen zu tolerie‐ ren. Gleichzeitig wurde deutlich, dass die Besucher: innenstruktur sowie die Wachstumsrate der Besucher: innenzahlen als relevante Einflussfaktoren für die Akzeptanz anzusehen sind. Darüber hinaus haben sich auch die Wahrnehmung des Wohnungsmarktes und das Vorhandensein von (quasi tourismusfreien) Rückzugsräumen und der Erhalt von - von externen Be‐ sucher: innen ungestörter - Privatsphäre als Einflussfaktoren herausgestellt. Nachdem Beteiligte der Tourismuswirtschaft - aber partiell auch der Tourismuswissenschaften - Städte lange Zeit vor allem als vermarktbares Destinationsprodukt angesehen haben, wurde mit der Overtourism-Diskus‐ sion deutlich, dass die Funktion als Lebensraum für die Bewohner: innen dabei vernachlässigt worden ist. Gleichzeitig sind erste Hinweise erkennbar, dass das Ausbalancieren zwischen den Bedürfnissen der Bewohner: innen und der Besucher: innen künftig an Bedeutung gewinnen wird. So formulie‐ ren Postma und Schmücker mit Bezug auf die „Nachhaltigkeitskonzeption Städtetourismus Hamburg“ als Ziel der Konzeption: „The participation of the population and securing/ increasing the acceptance of tou‐ rism is therefore also one of the objectives for Hamburg’s sustainable tourism de‐ velopment. To develop tourism in a sustainable way, in Hamburg as in other cities, the challenge is to bring the quality of life demands of the inhabitants (social di‐ mension) and the quality-of-opportunity requirements of the providers (economic dimension) as far as possible into line.“ (Postma und Schmücker 2017, S.-146). Dies schlägt sich in der Tourismuskonzeption (an der Kollege Schmücker beteiligt war) in der Zielformulierung nieder: „Die Quality-of-life-Ansprüche 254 6 Spannungsfeld Destination-Lebensraum <?page no="255"?> der Einwohner (soziale Dimension) und die Quality-of-opportunity-Ansprüche der Anbieter (ökonomische Dimension) sollen so weit wie möglich in Einklang gebracht werden“ (NIT und mascontour 2017; S.-34). Um dies zu erreichen, ist es die Bereitschaft bei den professionellen Beteiligten - allen voran der DMO und der öffentlichen Akteur: innen, die Bedenken der Bürger: innen nicht nur wahrzunehmen, sondern auch entsprechend ernst zu nehmen essentiell. Die Wahrnehmung von sich (unterhalb der Sichtbarkeitsschwelle) aufbauendem Unbehagen bedeutet dann auch, auf manche touristische Vermarktungsoptionen zu verzichten, um den sozialen Frieden in der Stadtgesellschaft nicht zu gefährden. So wie AKIM des Münchner Sozialreferates (→ Kap. 5.3.10) gefordert hat, dass München Tourismus (Referat für Arbeit und Wirtschaft) die Vermarktung des Gärtnerplatz als abendlichen Szenentreffpunkt einstellt, um vor Ort wei‐ tere Konflikt zu vermeiden. Da dieser Platz weiterhin auf der Internetseite der DMO mit „Gärtnerplatz- und Glockenbachviertel: Wo die Nacht beginnt“ (München Tourismus 2024d) betitelt wird, wird schnell deutlich, dass der soziale Frieden in der Stadtgesellschaft in diesem Beispiel nicht priorisiert wird. Die Herausforderung besteht demnach zukünftig darin, zwischen den unterschiedlichen Bedürfnissen von Tourismuswirtschaft und Besucher: in‐ nen auf der einen Seite und der Bewohner: innen auf der anderen Seite eine Balance zu suchen. Diese Perspektiverweiterung bedeutet für die professionellen Tourismusakteur: innen einen Paradigmenwechsel. Da we‐ der einzelne Tourist: innen noch die Tourismusbranche im Allgemeinen ernsthaft auf die soziale Tragfähigkeit von Reisezielen konzentriert zu sein scheinen, liegt es an den kommunalen und regionalen DMOs, die Interessen der Bewohner: innen in ihrem Wirkungsbereich zu identifizieren, zu berücksichtigen und zu respektieren, so wie sie sich in der Vergangenheit für touristische Interessen eingesetzt haben. Dies bedeutet in der Tat, dass die Rolle von DMOs komplexer und umfassender wird (vgl. 6.3). 6.3 Die Rolle der DMO: von Destinationsmarketing zu Lebensraummanagement Wie deutlich geworden sein sollte, ist es wichtig, nach Wegen zu suchen, um die Interessen und Bedürfnisse der Bewohner: innen mit der Förderung der Tourismusaktivitäten als einem wichtigen wirtschaftlichen Aspekt der 6.3 Die Rolle der DMO: von Destinationsmarketing zu Lebensraummanagement 255 <?page no="256"?> lokalen und regionalen Wirtschaft in Einklang zu bringen. Dies würde jedoch einen grundlegenden Paradigmenwechsel der Rolle implizieren, die lokale und regionale DMOs bislang gespielt haben. Diese Erkenntnis ist bei einigen DMOs, speziell in europäischen Metro‐ polen, auch bereits erkannt worden. So hat der Präsident der Resonance Consultancy in seiner Keynote auf der European Cities Marketing Konferenz 2022 DMO Vertreter: innen aus 65 europäischen Städten dazu aufgefordert sich fortan als DMMOs, also Destination Marketing Management Orga‐ nisations, zu positionieren (City Destinations Alliance 2022, o. S.). Er argumentiert weiter (ebd.) „As tourism continues to grow, DMOs must shift resources from marketing to management in order to balance the interests and benefits of tourism with those of the local communities they serve.“ Dieser Wandel beschäftigt auch die DMO München Tourismus, die als öffentliche Organisation und Teil der Stadtverwaltung Münchens ohnehin näher am Management als am Marketing liegt, die es ein Vertreter reflektierte (Mün‐ chen Tourismus 2020): „Es gab Zeiten, da haben wir neidvoll auf die Kollegen der anderen Städte geschaut welche Möglichkeiten die zur Vermarktung ihrer Stadt haben, welche Freiheiten die da hatten, wie schnell die reagieren konnten. Und wir sind uns da eher als etwas träge vorgekommen. Es war die Zeit als das M bei DMO noch für Marketing stand. Nicht erst seit Corona, ich empfinde diese Zeit seit dem Wandel von DMOs von Marketing zu Managementorganisationen, so als Idee oder als notwendige Adaption an die neuen Situationen aufkamen, sehe ich es als Vorteil [ein] Teil der Stadtverwaltung zu sein, weil der Marketingaspekt immer weiter in den Hintergrund tritt. Die Kommunikation mit den Bewohnerinnen und Bewohnern der Stadt ein wesentlicher Aspekt des tun und Handelns geworden ist.“ Klar ist also, dass sich die Rolle der DMOs und auch der Tourismuspolitik deutlich wandeln muss, wenn dem Overtourism erfolgreich begegnet wer‐ den soll. Allerdings bedeutet der Wandel von Marketing zu Management eine Änderung des grundlegenden Zwecks und der Funktionsweise der jeweiligen Organisation. Die Aufgaben für die DMOs werden umfassender und herausfordernder, wenn neben den lange Zeit im Mittelpunkt stehenden wirtschaftlichen (Wachstums-)Interessen und der Belange der Besucher: in‐ nenbedürfnisse gleichwertig auch die Bewohner: innenbedürfnisse einbezo‐ gen werden sollen. Dieser Wandel betrifft demnach auch die Kompetenzen der DMO-Mitarbeitenden. Dabei wird der oftmals verwendete Ausdruck von Tourismus als ‚Querschnittsaufgabe‘ mit einer erweiterten Konnotation 256 6 Spannungsfeld Destination-Lebensraum <?page no="257"?> versehen, die letztendlich auf die gesamte Stadtpolitik ausstrahlen müsste, um soziales Kapital und Empowerment in der Stadtgesellschaft zu fördern. Dies wurde z. B. bereits im Konzept für einen stadtverträglichen und nachhaltigen Berlin-Tourismus gesehen. Dort wird es wie folgt formuliert: „Ein stadtverträglicher, nachhaltiger Tourismus ist eine administrative Quer‐ schnittsaufgabe und muss daher als Bestandteil einer ganzheitlichen, integrati‐ ven und räumlich differenzierten Stadtentwicklungspolitik betrachtet werden“ (visitBerlin 2017b, S. 25). Denn was die Empfindung von Overtourism seitens Bewohner: innen verdeutlicht hat, ist dass stets bedacht werden muss, dass touristische Destinationen in sehr vielen Fällen auch Lebensräume sind und demnach auch als solche geplant und verwaltet werden sollten. Nichtsdestotrotz kann diese Transformation oft nicht ganz so einfach umgesetzt werden, wie es auf der Konferenz der City Destinations Alliance suggeriert wurde. Vielmehr müssen tiefgreifende Strukturen, Vernetzungen und das Selbstverständnis der DMOs, die Teil komplexer Governance-Struk‐ turen sind, aktualisiert werden. Oder wie es in einem internationalen Projekt unter DMOs sehr passend bezeichnet wurde: es ist „Zeit für DMOkratie“ (übersetzt nach Time for DMOcracy 2025). Impulse & Inspirationen für einen Wandel „Time for DMOcracy“ Time for DMOcracy ist ein internationales Projekt, das von GroupNAO ins Leben gerufen wurde, um partizipative Ansätze im Tourismus- und Destinationsmanagement zu erkunden. Das Projekt untersucht dabei auch die Rolle von Destination Management Organizations (DMOs), welche eine zentrale Rolle in dem Projekt spielten. Im Januar 2023 veröffentlichte Time for DMOcracy ein Whitepaper, in dem acht identifizierte partizipative Ansätze präsentiert werden: 1. Einstellungen der Bewohner: innen und Citizen Science 2. Strategische Planung und Ideengenerierung 3. Digitale Beteiligung und Online-Partizipation 4. Bürgerversammlungen, -räte und -panels 5. Partizipative Markenbildung und Storytelling 6. Placemaking durch die Gemeinschaft 7. Freiwilligenarbeit für den Tourismus 8. Gemeinschaftsfinanzierung und partizipative Haushaltsplanung 6.3 Die Rolle der DMO: von Destinationsmarketing zu Lebensraummanagement 257 <?page no="258"?> Ziel dieser Ansätze ist die Förderung einer demokratischen Beteiligung der gastgebenden Gemeinschaften an der lokalen Tourismusentwick‐ lung und Destination Governance. Durch die Einbindung der Bewoh‐ ner: innen in Entscheidungsprozesse können negativen Auswirkungen des Overtourism identifiziert und effizienter reduziert werden. Partizi‐ pative Modelle geben außerdem die Möglichkeit, die Bedürfnisse der Einheimischen zu berücksichtigen, und damit zu einer nachhaltigen Lebensraumentwicklung, Lebensqualität und Zufriedenheit mit dem Wohnort beizutragen. Basierend auf dem Whitepaper, das als Inspiration und Good Practice dienen soll, motiviert Time for DMOcracy DMOs ihre Funktionen und Verantwor‐ tungen zu überdenken und demokratischere Modelle zu übernehmen. Quelle: Time for DMOcracy (2025): 🔗 -https: / / timefordmocracy.com/ 6.3.1 Monitoring & Evaluation: Am Puls der Bewohner: innen bleiben Wie die Befunde aus München und anderen Fallbeispielen zeigen, können DMOs und die Kommunen nicht sicher sein, dass die Bewohner: innen von sich aus ihre subjektiven Gefühle gegenüber dem Tourismus zum Ausdruck bringen, solange sie die Situation noch als erträglich empfinden. Dies be‐ deutet, dass andere Methoden gefunden und implementiert werden müssen, um die Befindlichkeit der Bewohner: innen hinsichtlich der Auswirkungen des Tourismus in ihrem Lebensraum zu ermitteln. Erstens sind sicherlich systematische quantitative Erhebungen unter den Bewohner: innen über ihre Wahrnehmung von Tourist: innen und mögliche Streitpunkte, die sich aus dem Tourismus ergeben, durchzuführen. Dies schlägt ja auch die UN Tourism als eine Strategie vor (→ Kap. 5.3.11). Wie die Untersuchungen in der Fallstudie München gezeigt haben, könnten solche Umfragen als erstes Frühwarninstrument dienen (Kagermeier und Erdmenger 2019), das den lokalen politischen Entscheidungsträgern helfen würde, mögliche zukünftige Konflikte zu identifizieren. Dabei gilt es aber, nicht nur über entsprechende Erhebungen die Be‐ findlichkeit bei den Bewohner: innen systematisch zu verfolgen. Einfache quantitative Befragungen sind nur partiell geeignet, sich entwickelnde po‐ tenzielle Konflikte frühzeitig nicht nur zu erkennen, sondern auch inhaltlich 258 6 Spannungsfeld Destination-Lebensraum <?page no="259"?> angemessen auszuloten. Hierfür bedarf es wohl noch deutlich umfassen‐ derer Aktivitäten, um die Entwicklung von Einstellungen in der lokalen Zivilgesellschaft zu verfolgen und intensiv Kontakt und Interaktion mit dieser zu suchen. Eine Option könnte z. B. sein, dass Delegierte von DMOs oder kommunalpolitische Mandatsträger: innen systematisch an Treffen lokaler NGOs, von lokalen Verbänden, Ausschüssen und Interessengruppen teilnehmen. Die Verfolgung der dort geführten Diskurse könnte eine weitere Möglichkeit sein, rechtzeitig Unbehagen und Missfallen in Statu Nascendi zu entdecken und am Puls der Diskurse dieser zivilgesellschaftlichen Struktu‐ ren zu bleiben. So verwiesen auch Foksugruppenteilnehmende in München auf die Frage, ob Mitspracherecht bei Tourismus-Angelegenheiten im eige‐ nen Wohnviertel (hier Haidhausen) gewünscht sei (Bew. 23 2020): „Also, wenn [die] jetzt Haidhausen bewerben, dann würde es mich interessieren und dann würde ich vielleicht sagen, hätte ich ganz gerne ein Vetorecht. Also nicht ich alleine aber der Bezirksausschuss, der kümmert sich schon drum. Das wäre mir dann wichtig, dass der Bezirksausschuss etwas dazu zu sagen hat. Ja.“Auch die systematische Auswertung von Leserbriefen in lokalen Zeitungen, oder Online-Plattformen, wie die sozialen Medien oder Reiseplattformen mit Kommentarfunktion, könnte ein weiterer Weg sein, um aufkommendes Unbehagen frühzeitig zu erkennen, bevor es in breiteren Protest umschlägt. Auch der bereits erwähnte Ansatz von AKIM in München, am Gärtnerplatz nicht nur das Gespräch mit den Besucher: innen, sondern auch mit den Bewohner: innen zu suchen, kann als ein Baustein eines solchen Frühwarn-Monitoring- und Kommunikationsansatzes darstel‐ len (Landeshauptstadt München. Sozialreferat 2019). Bislang wurden Frühwarn-Symptome kaum systematisch dokumentiert und analysiert - oder sogar wirklich berücksichtigt. Die Destinationen, die seit 2017/ 2018 mit jährlichen Tourismus-Sentiment-Monitorings begonnen ha‐ ben, haben diese wegen Hinfälligkeit seit der COVID-19-Pandemie eingestellt. Ob basierend auf der Vielzahl an erneuten Overtourism-Protesten im Sommer 2024 eine neue Welle an solchen meist rein quantitativen Befragungen losgetreten wird, dürfte sich zeitnah abzeichnen. Um die Wahrnehmung und Empfindung von Overtourism im eigenen Lebensraum zu verhindern, müssen solche Frühwarnanzeichen ernst genommen werden. Die lokalen/ regionalen Entscheidungstragenden müssen entsprechende Maßnahmen ergreifen, um die Frustrationen der Bewohner: innen zu verringern - manchmal wohl auch auf Kosten der Besucher: inneninteressen. Genau so wurde es auch während der Fokusgruppen-Diskussionen gefordert (Bew.-4 2020): 6.3 Die Rolle der DMO: von Destinationsmarketing zu Lebensraummanagement 259 <?page no="260"?> „Und Lebensfreude, das kann man auch, das muss man für die Bürger und Bürgerinnen machen. Und erst wenn die Lebensfreude haben, ist das für die Tou‐ risten interessant. Wenn wir alle grantlig sind, weil die S-Bahn nicht passt, nicht pünktlich ist und wir finden keine Wohnung, dann kommt keine Lebensfreude auf. Also es muss mehr auf die Einheimischen gemünzt sein, denke ich.“ Impulse & Inspirationen für einen Wandel „Tourismusakzeptanzsaldo“ Der Tourismusakzeptanzsaldo (TAS) ist ein wissenschaftliches Instru‐ ment, das Ergebnis eines auftragsunabhängigen Forschungsprojektes des Deutschen Institut für Tourismusforschung (FH Westküste) ist. Er soll die Haltung bzw. spezifisch die Akzeptanz der lokalen Bevölkerung gegenüber touristischen Auswirkungen im Wohnort erfassen. Der TAS wird als Differenz zwischen den Anteilen der positiven und negativen Bewertungen des Tourismus berechnet. Auch wenn der Großteil der zu‐ grundeliegenden Daten auf bevölkerungsrepräsentativen Erhebungen mit einem standardisierten Fragebogen besteht, so werden zusätzliche Daten für die empirische Überprüfung des Konstrukts Tourismusakzep‐ tanz genutzt. Der TAS wurde bisher auf Bundes-, Bundesland-, Regions- und Ortsebene in Deutschland angewendet. Er bietet Destinationen eine fundierte Grundlage, um Stimmungen und Bedürfnisse der Wohnbevölkerung zu verstehen und darauf zu reagieren. Damit kann der TAS genutzt werden um frühzeitig Spannun‐ gen zwischen Bewohner: innen und Besucher: innen einer Designation zu identifizieren. Eine regelmäßige Erhebung des TAS kann als Mo‐ nitoring-Maßnahme genutzt werden. Es wird erhofft, dass der TAS die Identifizierung des destinationsindividuellen Tipping Points, der Schwelle von Akzeptanz zu Inakzeptanz, ermöglicht. Quelle: Deutsches Institut für Tourismusforschung (2025): Tourismusakzeptanz in der Wohnbevölkerung (TAS). 🔗 https: / / www.di-touris‐ musforschung.de/ projekte/ tourismusakzeptanz-in-der-wohnbevoelkerung -tas-2/ . Ein vergleichbares Instrument ist bspw. der TRAVELSAT© Resident Sentiment Index. 260 6 Spannungsfeld Destination-Lebensraum <?page no="261"?> Es lässt sich festhalten, dass neben existierenden standardisierten Umfragen Frühwarnansätze mit niedrigen Schwellenwerten sowie ergänzend tiefgrei‐ fendere qualitative Evaluationsansätze entwickelt werden müssen, um si‐ cherzustellen, dass die subjektiven Befindlichkeiten der Bewohner: innen gehört werden, bevor sie laut auf Straßenprotesten kundgegeben werden. 6.3.2 Kommunikation: Förderung eines ganzheitlichen Community-Diskurses Mit den Bewohner: innen in intensiven - auch persönlichen Kontakt - zu treten und zu bleiben bietet den Vertretenden der öffentlichen Hand und den DMOs auch die Möglichkeit, hier als Advokaten für touristische Belange aufzutreten. Wie gezeigt wurde, gibt es keinen fixen absoluten Grenzwert für die soziale Tragfähigkeit (ähnlich Eisenstein und Schmücker 2020, S. 36 oder Postma, Koens und Papp 2020, S. 233ff.). Die Schwelle an der die Stimmung wie an einem Tipping Point umschlägt, hängt auch von der Befindlichkeit in der örtlichen Community ab. Das Toleranzlevel gegenüber auswärtigen Besucher: innen hängt sowohl von der übergreifenden Befind‐ lichkeit in der lokalen Gemeinschaft als auch den Wahrnehmungen und Empfindungen der jeweiligen Individuen ab. Aber auch hier muss festgehalten werden, dass es nicht einfach ist, die Bewohner: innen anzusprechen, um positive Meinungen über den Tou‐ rismus in einer Stadt zu fördern. Der Vorschlag der UNWTO, sich auf die positiven wirtschaftlichen Auswirkungen touristischer Aktivitäten zu konzentrieren (UNWTO bzw. UN Tourism 2018, S. 49; → Kap. 5.3.6), scheint zu kurzsichtig und zu stark von rein rationalen Aspekten abhängig zu sein. Die Berliner: innen, Katalan: innen und Venezianer: innen protestierten gegen den Tourismus, obwohl sie sich seiner wichtigen Rolle für den Arbeitsmarkt und die lokale Wirtschaft bewusst sind. Das subjektive Gefühl, sich in der eigenen Nachbarschaft nicht mehr wohl oder gar sicher zu fühlen bzw. das Gefühl von Entfremdung in der eigenen Wohnumgebung wirkt stärker als jedes kognitive Wissen über positive wirtschaftliche Auswirkungen (dwif und Humboldt-Innovation 2017, S.-10). Wenn eine DMO versucht, proaktiv mit den Bewohner: innen zu kommunizieren, um die Akzeptanz der Bewoh‐ ner: innen für die Herausforderung einer intensiven Tourismusfrequenz zu erhöhen, müssen subtilere Kommunikationsthemen gefunden werden als der wirtschaftliche Beitrag des Tourismus. Wie die Beispiele aus München nahelegen, könnte ein differenzierterer, indirekter Weg darin bestehen, sich 6.3 Die Rolle der DMO: von Destinationsmarketing zu Lebensraummanagement 261 <?page no="262"?> auf den lokalen Stolz und die Identifikation der Einwohner: innen mit der Stadt zu konzentrieren. So wie es ein: e Bewohner: in Münchens während der Fokusgruppengespräche beschrieben hatte (Bew.-25 2020): „Ich möchte schon meine Stadt repräsentieren als einen netten Einwohner, der auch dazu beiträgt, dass das hier eine coole Stadt ist. Und dass sie [Tourist: innen] es empfehlen dann wiederzukommen. Das ist mir schon wichtig. … Ich bin jetzt auch nicht so viel in Deutschland rumgekommen, aber die Städte, die ich gesehen habe, da finde ich eben München auch sehr schön und sehr sauber. Und mein Gott, wirtschaftlich kriegen wir uns ja auch ganz gut auf die Beine. Auch wenn ich jetzt nicht unbedingt immer politisch einer Meinung bin, was da gerade herrscht, aber ja. Und deswegen bin ich halt auch stolz.“ Die Förderung der Identifikation mit der Heimatstadt oder Wahlheimat der Einheimischen könnte auch als indirekter Weg zur Förderung des Sozi‐ alkapitals angesehen werden (Erdmenger 2019). Dies würde wiederum die Integration der Tourismusakzeptanz in einen umfassenden und ganzheitli‐ chen Kommunikationsdiskurs unter Bezugnahme auf das Wohlergehen und das soziale Klima in einer Stadt oder einer Region insgesamt beinhalten. Gleichzeitig könnte ein Ansatz auch sein, Informationen über bestimmte Freizeitangebote verstärkt an die Bewohner: innen zu kommunizieren. Das Aufzeigen von wenig von auswärtigen Besucher: innen frequentierten Orten könnte dazu beitragen, die Coping-Kapazität zu verbessern und eben auch Alternativen zu den stark von auswärtigen Besucher: innen frequentierten Hotspots in der Tourist Bubble anzubieten. In Zeiten von Social Media steht allerdings zu befürchten, dass auch diese Ecken irgendwann zu geposteten sog. Geheimtipps degenerieren. Hier besteht die Herausforderung in der Kommunikation auch darin, die geschützten Bereiche auch wirklich als Rückzugsräume ins Bewusstsein zu bringen, die eben nicht über alle mög‐ lichen Kanäle dann weltweit gepostet werden. Impulse & Inspirationen für einen Wandel „Kommunikationsmaßnahme beim Kunstareal Festival 2019“ Während des Kunstareal-Festes in München 2019 hatte die lokale DMO München Tourismus erstmalig einen eigenen Pavillon. Neben Impro‐ theater Aufführungen unter dem Motto „Ein Herz für Touristen? “ und anderer Live-Acts wurden die Festival-Besucher: innen auch zu einem 262 6 Spannungsfeld Destination-Lebensraum <?page no="263"?> Gespräch über den Tourismus in München eingeladen. Damit wurde angestrebt eine lockere Alternative zur standardisierten Akzeptanzbe‐ fragung auszuprobieren. Nach Angaben der DMO haben rund 650-Per‐ sonen den Pavillon besucht. Die Erfahrungen aus dem Kunstareal-Fest sollten dann ursprünglich für die Entscheidung herangezogen werden, ob „Gesprächsinseln“ (Graf 2019) dauerhaft in der Münchner Innenstadt angeboten werden sollten. Auch wenn die München Tourismus ein positives Fazit gezogen hat, so wurden solche Gesprächsinseln bis dato nicht implementiert. Quelle: München Tourismus (2019): Pressemitteilung. München Touris‐ mus beim Kunstareal-Fest 2019 🔗 https: / / www.muenchen.travel/ artik el/ ueber-uns/ muenchen-tourismus-beim-kunstareal-fest-2019 In anderen Städten wurden solche Gesprächsanlaufstellen für Bewoh‐ ner: innen jedoch bereits mehrfach durchgeführt und haben sich be‐ währt. So gibt es in Amsterdam die „ENSUT Regenerative Story Bank“ und in Berlin geht das „HIER-Mobil“ regelmäßig auf Kiez-Tour. Dementsprechend kann dem Unbehagen über Overtourism auch nicht allein durch die touristischen Akteur: innen begegnet werden. Damit ist nicht nur die Entwicklung smarter Interaktions- und Kommunikationswege mit den Bewohner: innen essentiell (→ Kap. 5.5.1). Vor allem das Akzeptieren, dass wirtschaftliche Perspektiven bei den Bewohner: innen dem Selbstverständ‐ nis von Wohlbefinden untergeordnet sind, zählt wohl zu den zentralen Herausforderungen für tourismuspolitische und tourismuswirtschaftliche Beteiligte. Damit stellt der Umgang mit dem Overtourism-Phänomen eine große Herausforderung für die Akteur: innen der Destination Governance und der Tourismusforschung dar. Umfassende zivilgesellschaftliche Dis‐ kurse auf der gesamten Stadtgesellschaftsebene mit dem Ziel der Vermei‐ dung bzw. Reduzierung von zu großen Spannungen sowie das Induzieren einer positiven generellen Befindlichkeit in einer Stadtgesellschaft sind notwendig dafür, dass touristische Beteiligte mit ihren Handlungsoptionen auch erfolgreich eine Balance zwischen den ökonomischen und den sozialen Interessen erreichen können (ähnlich Novy und Colomb 2020, S. 79). Over‐ tourism ist damit deutlich mehr als ein rein sektorales touristisches Problem. 6.3 Die Rolle der DMO: von Destinationsmarketing zu Lebensraummanagement 263 <?page no="264"?> 6.4 Proaktive Vermeidungsstrategien Für reaktive Maßnahmen gegen Overtourism-Empfindungen und -Artiku‐ lationen bei der Bewohnerschaft sind sicherlich die von der UN Tourism vorgeschlagenen Strategieansätze (→-Kap.-5.3) der räumlichen und zeit‐ lichen Entzerrung sowie der Regulierung und auch Limitierung wohl die angemessenen, um kurzfristig eine Reduzierung des Nachfragedrucks zu erzielen. Allerdings sollte aus dem bisher Formulierten deutlich geworden sein, dass solche ‚harten‘ Maßnahmen eher die ultima ratio sein sollten, wenn es eben versäumt wurde, Frühwarnzeichen zu erkennen und ent‐ sprechend vor dem Umkippen der öffentlichen Stimmung gegenzusteuern. Ziel eines vorhersehenden Destinationsmanagements sollte es definitiv sein, genau dieses Erreichen bzw. Überschreiten des Tipping Points durch entsprechende Ansätze bereits im Vorfeld möglichst zu vermeiden. Gleichzeitig haben die Befunde aus München verdeutlicht, dass die Bereitschaft, am zivilgesellschaftlichen Diskurs proaktiv teilzunehmen, normalerweise sehr gering ist, solange die Bewohner: innen nicht direkt von negativen Auswirkungen betroffen sind. An dieser Stelle bestätigt sich wieder das NIMBY-Phänomen (→ Kap. 6.2). Bereitschaft zur Aktion entsteht oft nur, wenn die Person direkt (in ihrem Lebensraum) betroffen ist oder ein bestimmter Wendepunkt in ihrem Leben erreicht wurde. So antwortete ein: e Münchner: in auf die Frage, ob Mitspracherecht im Tourismus gewünscht sei, mit (Bew. 18 2020): „was jetzt speziell mein Stadtviertel oder Umgebung betrifft, ja dann schon.“ Auf der anderen Seite muss die Initiative ja nicht von den Bewohner: innen getroffen werden, sondern kann vielmehr von den verantwortlichen Ak‐ teur: innen wie der lokalen Regierung oder der zuständigen DMO ‚top-down‘ initiiert werden. Kritisch wird es jedoch, wenn auch diese proaktiven Maßnahmen als „nice-to-haves“ (persönliche Kommunikation mit München Tourismus 2020) abgetan und ihre Ressourcen lieber in ein stetiges Touris‐ muswachstum investiert werden. Daher die zuvor genannte Dringlichkeit die Rolle der DMO neu zu denken und an dieser Stelle soll festgehalten werden, dass dies nicht nur privatwirtschaftliche und public-private DMOs betrifft, sondern auch solche, wie München Tourismus, die bereits der Stadtverwaltung angesiedelt sind. Dies verdeutlicht die Wichtigkeit einer reflektierten, an dem Leitbild der Nachhaltigkeit ausgerichteten Führungs‐ kraft, die eine Destination nicht nur als Produkt vermarktet, sondern auch als Lebensraum kollaborativ managet. Dies hat auch die Resilienz-Studie 264 6 Spannungsfeld Destination-Lebensraum <?page no="265"?> ‚CoReTour‘ von Pillmayer, Change und Eberhardt (2023, S. 3) ergeben. Denn die zwei am häufigsten gewählten Antwortoptionen auf die Frage, was eine DMO resilient macht waren „eine kompetente Führungskraft auf Organisationsebene (84 %), eine kompetente Führungskraft auf politischer Ebene in der Region (84-%).“ Es wird deutlich, dass proaktives Gegensteuern weder auf der Seite der Betroffenen noch der Steuernden selbstverständlich als effizientere und nachhaltigere Strategie wahrgenommen wird. Die (meist) rationalen Logi‐ ken der professionellen Tourismusakteur: innen finden sich bei proaktiven Ansätzen eben mit auch emotional geprägten Logiken bei den Bewohner: in‐ nen konfrontiert. Wenn allerdings die Bewohner: innen ihre Besorgnis über den wahrgenommenen Tourismusdruck und die negativen Auswirkungen dessen erst zum Ausdruck bringen, wenn ihre Toleranzschwelle überschrit‐ ten wurde, dann ist das ‚Kind bereits in den Brunnen gefallen‘, sprich es ist dann meist zu spät, noch präventive Ansätze umzusetzen. Um dem dennoch entgegenzuwirken, sind es vor allem weiche und diskursiv angelegte Ansätze, die hier zu entwickeln und anzuwenden sind. So versprechen die UN Tourism Managementansätze 6, 7, 9 und 11 einen Ansatz, der das soziale Kapital fördert und dadurch auch proaktiv zu einer höheren Toleranzgrenze gegenüber dem Tourismus führen kann. Die Entwicklung weiterer proaktiver Overtourism-Ansätze, welche auf die Vermeidung des Hochkochens der Stimmungslage bei den Bewohner: innen absetzt und damit die Stärkung der Resilienz fördert, findet dabei nicht im luftleeren Raum statt. So haben bspw. Guitart und Serrat (2020) die Einbeziehung neuer Wissensquellen, Informationen und Perspektiven für einen fundierten Entscheidungsprozess vorgeschlagen. Auch hat die CO‐ VID-19-Pandemie und die daraus resultierenden Bemühungen um Resilienz (oder eher PROsilienz) und Regeneration haben nochmal verdeutlich, wie wichtig es ist, für Destinationen und Tourismusakteur: innen vorbereitet und stark zu sein (→-Kap. 5.5.3). Es lässt sich festhalten, dass die Effizienz und Relevanz proaktiver Overtourism-Vermeidungsstrategien auch von zentralen Akteur: innen oft ignoriert werden. Dies verdeutlicht, dass ein Umdenken und ein neues Selbstverständnis der DMOs dringend notwendig ist, denn diese werden meist als Initiatoren für solche Ansätze erwartet. Gleichwohl gilt es zu betonen, dass die zentrale Rolle der DMOs sich zusätzlich, und auch zu deren Entlastung, dezentralisieren sollte und Teil eines diversen Governance-Mo‐ 6.4 Proaktive Vermeidungsstrategien 265 <?page no="266"?> dells werden sollte. Wie solche Modelle aussehen können, wird in dem folgenden Kapitel skizziert. 266 6 Spannungsfeld Destination-Lebensraum <?page no="267"?> 7 Governance-Ansätze als Antwort auf Overtourism Bei Durchsicht der Literatur zur Tourismusplanung und Destinationsma‐ nagement wird deutlich, dass in den letzten Jahren in vielen Feldern eine Neuorientierung der Steuerungsansätze gesucht wird. Lange Zeit dominier‐ ten klassische Top-Down-Managementansätze. In den letzten Jahren sind - auch vor dem Hintergrund der nur partiellen Wirksamkeit dieser tradi‐ tionellen Steuerungsformen, aber auch angesichts einer sich immer weiter‐ verbreitenden Unzufriedenheit mit den klassischen Interventionsstrategien der Öffentlichen Hand - verstärkt kooperative Ansätze gesucht worden. Unzufriedenheit und Ärger der Bewohner: innen beschränken sich ja nicht nur auf den Overtourism. Auch in vielen anderen Bereichen artikulieren sich mehr und mehr Unmut, so dass der Begriff ‚Wutbürger: in‘ ja fast schon zum geflügelten Wort geworden ist. Unabhängig davon, ob diese Unmutsbekundungen auch immer auf rational nachvollziehbaren Ursachen basieren, stellt sich für die Steuerung durch die öffentliche Hand die Frage nach einem angemessenen Umgang mit diesen Befindlichkeiten. So hat sich seit der 1990er-Jahre im Tourismus aber auch darüber hin‐ aus ein Wandel von zentralen, öffentlichen/ staatlichen Regierungen (‚Go‐ vernments‘) hin zu dezentralen privat-öffentlichen Governance-Strukturen entwickelt. Im Zuge dessen wurde die Verwaltung sowie Vermarktung von Destinationen meist depolitisiert und von der lokalen Regierung an (oft privatwirtschaftlich organisierte) DMOs transferiert. Definitionen des Begriffs Governance sind so vielfältig wie dessen Auslegungen, weshalb die Idee dahinter oft sehr unterschiedlich oder schlichtweg nicht verstanden wird. Egal ob es ein abstrakter Begriff der Wissenschaft oder ein Modewort der Consulting-Unternehmen ist, die Idee dahinter kann auf Netzwerke, Zu‐ sammenarbeit und Austausch runtergebrochen werden. Der Ansatz, diese leichter verständlichen Worte (,die jedoch auch schnell zu leeren Worthülse werden) unter einem Begriff zusammenzufassen, hat die Funktion, die gemeinsame, interdependente Steuerung diverser Aufgaben aller Beteiligten zu betonen. Zu diesen Aufgaben gehören, neben den aktiv zu pflegenden Kollaborationen und Kooperationen, die Auseinandersetzung mit unter‐ schiedlichen und nicht selten divergierenden Interessen, die gemeinsame Visionsentwicklung und -umsetzung und das Sammeln sowie Austauschen <?page no="268"?> von Ressourcen (inkl. Wissen und Macht). Oft werden auch Planung, ‚Politikgestaltung‘ (policymaking), Management, und Netzwerkpflege zu den Aufgaben der Governance dazugezählt. Ziel einer Governance ist es, selbst organisiert, effektiv, adaptiv und transformativ die neue Komplexität der Systeme, Umwelt und Gesellschaft zu steuern. Wer zu einem solchen Governance-Netzwerk dazugezahlt wird, wird genauso oft unterschiedlich ausgelegt, wie die Definition des Begriffs selbst. Sie kann jedoch auf diversen Ebenen (lokal, regional, national und international) sowie als multi-Ebe‐ nen-Netzwerk umgesetzt werden. Eine exemplarische Übersicht für solche kollaborativen oder partizipativen Governance-Modelle, soll daher in dem folgenden Kapitel gegeben werden. 7.1 Kollaborative und Partizipative Governance-Modelle Die Suche nach neuen Ansätzen des Verhältnisses zwischen der öffentlichen Hand und den anderen Involvierten sowie Betroffenen ist dabei geprägt von Begriffen wie „kollaborativ“, „gemeinschaftsbasiert“ oder „partizipativ“ (Lalici und Önder 2018). Hinter diesen Schlagworten steht letztendlich aber ein grundsätzlich anderes Verständnis der Rolle der öffentlichen Hand. Abb. 98: Wandel von hierarchischen zu kooperativen Steuerungsansätzen Werden partizipative und kollaborative Ansätze ernst genommen, steht dahinter, wie bereits gesagt, ein grundsätzlicher Paradigmenwechsel, der im Neoliberalismus verwurzelt ist, der Rolle des Staates. Seit der Depoli‐ tisierung des Destinations-Governance in den 1990er-Jahren wird meist die DMO als zentraler Akteur verstanden. Wirklich kollaborativ ist die 268 7 Governance-Ansätze als Antwort auf Overtourism <?page no="269"?> Destinations-Governance daher bisher eher selten. Interaktion auf Augen‐ höhe bedeutet insbesondere auch, dass alle Akteur: innen sich wechselseitig als gleichwertig respektieren und die unterschiedlichen Positionen und Sichtweisen - entsprechend der Social Exchange Theory (nach Homans 1958, siehe auch Rasoolimanesh und Seyfi 2020) - auch untereinander anerkannt werden. Das kontinuierliche Wachstum sowie die kapitalistische Motivation die‐ ses Wachstum stets aufrechtzuerhalten, haben in der vergangenen Dekade das Konzept der Destinations-Governance neu unterstrichen. Zum einen wurde deutlich, dass einzelne Akteur: innen das zunehmend komplexere Tourismussystem alleine nicht mehr effizient bewältigen können. Zum anderen wird erwartet, dass ein Governance-Netzwerk durch Ressourcen‐ teilung und stärkerer Positionierung am Markt wiederum zu einer Kapital‐ akkumulation führen kann. Diese Interaktion auf Augenhöhe soll auch in dem sogenannten ‚Münch‐ ner Modell‘ stattfinden. Seit 2012 bilden die öffentliche DMO München Tourismus und die Tourismus Initiative München e. V. (TIM), die die private Tourismuswirtschaft Münchens vereinigt und vertritt, eine öffentlich-pri‐ vate Partnerschaft (public-private partnership). In → Abb. 99 wird eine leicht vereinfachte Version des Münchner Modells visualisiert. Tourismus Initiative München e.V. (TIM) Vorstand Mitglieder Geschäftsführer PRIVAT- WIRTSCHAFTLICH Tourismus, Veranstaltungen & Hospitality München Tourismus (DMO) ÖFFENTLICH/ STAATLICH Referat für Arbeit und Wirtschaft ÖFFENTLICH-PRIVATE PARTNERSCHAFT ‘Münchner Modell’ Sprint-Teams Tourismus- Kommission Strategiebeirat Tourismusfonds Tourismus Initiative München e.V. (TIM) Abb. 99: Vereinfachte Destinations-Governance-Struktur in München, die auch als „Münchner Modell“ bezeichnet wird 7.1 Kollaborative und Partizipative Governance-Modelle 269 <?page no="270"?> Abb. 100: Governance-Ansätze differenziert nach Interaktionsdichte und Zentralisierung Wie im mittleren Teil der Grafik dargestellt wird, umfasst das Münchner Modell vier Ebenen (von oben nach unten): [1] den Tourismusfonds, in den die Kommune und TIM zu gleichen Teilen (je 50-%) einzahlen; [2] die entscheidungsbefugte Tourismus-Kommission, die vom Leiter des Wirtschaftsreferates geleitet wird und sich aus sieben ernannten Stadt‐ rats- (CC) und sieben TIM-Mitgliedern zusammensetzt; [3] die operativen und themenorientierten Sprint-Teams, die vom Wirt‐ schaftsreferenten und dem Geschäftsführer von TIM gemeinsam gelei‐ tet werden; und [4] der Strategiebeirat, der die Tourismusstrategie entwirft, setzt sich aus dem Leiter der DMO und den Vorstandsmitgliedern von TIM zusammen. In den vergangenen 13 Jahren hat sich das Münchner Modell für die zwei Hauptakteure bewiesen. Beide Seiten berichten in Interviews von Ihrer Zufriedenheit und gewinnbringenden Ergänzung. Auch wenn eine tiefgreifendere Analyse des Modells an dieser Stelle keinen Platz findet, so kann zusammenfassend festgehalten werden, dass diese public-private-Part‐ nership durchaus ein positives Beispiel für eine, wenn auch begrenzte, kollaborative Destinations-Governance ist. Jedoch wird mit kollaborativen und vor allem mit partizipativen Ansätzen oft auch die Bevölkerung mitgedacht, welche im Münchner Modell keinen Platz findet. Bezo‐ gen auf das von Bodega, Cioccarelli und Denicolai (2004) vorgelegte Konzept unterschiedlicher Gover‐ nance-Ansätze in dem die bei‐ den Dimensionen „Centralisation“ (Zentralisierung) und „Density“ (Interaktionsdichte; → Abb. 100) zu Charakterisierung verwendet worden sind, bedeutet dies letzt‐ endlich einen Wechsel vom „Corpo‐ rative Model“ mit einer ausgepräg‐ ten Hierarchie und relativ geringer 270 7 Governance-Ansätze als Antwort auf Overtourism <?page no="271"?> Interaktionsintensität hin zu dem diagonal gegenüber liegendem „Commu‐ nity Model“ mit geringer Zentralisierung und einem hohen Maß an Inter‐ aktionsdichte. Einen ähnlichen Ansatz hat Hall (2011) gewählt, der vier Governance Typologien anhand der Dimensionen „Akteur: innen“ und „Steuerungsmodus“ differenziert: [A] Hierarchien (öffentliche Akteur: innen und hierarchischer Steuerungs‐ modus); [B] Märkte (private Akteur: innen und hierarchischer Steuerungsmodus); [C] Netzwerke (öffentliche Akteur: innen und nicht-hierarchischer Steuer‐ ungsmodus); und [D] Gemeinschaften (private Akteur: innen und nicht-hierarchischer Steu‐ erungsmodus). Folgend soll das Augenmerk auf dem gemeinschaftlichen „Community Model“ liegen. Hier haben Prakasa, Danar und Fanani (2019, S. 41) sich bspw. an einem sog. „Collaborative Governance Model in Urban Tourism Develop‐ ment“ versucht, das auf dem Konzept des Sozialkapitals basiert. Dabei werden aber letztendlich auch nur die unterschiedlichen Akteursgruppen - neben „Business“, „Community“ und „Government“ auch noch „Media“ und „Academics“ - nebeneinandergestellt. Dabei wird unterstellt, dass das Zusammenwirken dieser Gruppen als Ergebnis eine Nachhaltigkeit der Tourismusentwicklung hervorbringen würde. Allerdings wird keine weitere Erläuterung gegeben, wie dieser Prozess funktionieren soll. Diese zentrale Frage nach der Herangehensweise ist damit unbeantwortet. Etwas konkreter ist das ‚Collaborative Governance‘-Modell von Ansell und Gash (2007). Erdmengers (2015) leicht angepasste Version des Modells kann in →-Abb.-101 nachvollzogen werden. Von links beginnend zeigt dieses Modell, dass diverse Ausgangsbedingun‐ gen, wie der Besitz von Macht und Ressourcen, den Kollaborationsprozess bedingen. Der Prozess selbst, wird zirkulär dargestellt. Dieser Kreislauf inkludiert den Dialog, die Vertrauensbildung, das Engagement, ein gemein‐ sames Verständnis und die Gewinnung von Zwischenergebnissen. Der Prozess soll von einer nicht-politischen Führung geleitet werden und basiert auf einem institutionellen Konzept, das regelmäßig überprüft wird. Darüber hinaus wird der Prozess von externen Veränderungen und Störungen beein‐ flusst, während er auch Ergebnisse an diese abgeben soll. 7.1 Kollaborative und Partizipative Governance-Modelle 271 <?page no="272"?> Abb. 101: Modell zur kollaborativen Governance Auch wenn die Vielzahl an theoretischen Konzepten, wissenschaftlich fundierten Theorien und Idealmodellen äußerst attraktiv und lösungsori‐ entiert den Eindruck vermittelt, dass es mittlerweile für jede Destination einen passenden Ansatz geben müsste, so erlebt man mit Blick in die Praxis anderes. Die Umsetzung und Implementierung kollaborativer und partizipativer Governance-Modelle ist bislang eine Seltenheit. Daher wurde bereits an anderer Stelle (Erdmenger und Kagermeier 2021) postuliert, dass partizipative Destinations-Governance eher einem ‚Luftschloss‘ entspricht und neugedachte Ansätze sich mehr mit den Ursachen der mangelnden Umsetzung auseinandersetzen müssen, anstatt idealistische und zugleich utopische Konzepte zu entwickeln, die entweder zu abstrakt oder zu un‐ attraktiv sind, um sie umzusetzen. Gleichzeitig müssen die Akteur: innen der Praxis einer solchen Governance-Struktur auch mutiger werden und mögliche Modelle ausprobieren und erkunden. Denn wie wir von Albert Einstein lernen durften „wer noch nie einen Fehler gemacht hat, hat sich noch nie an etwas Neuem versucht.“ Einen spannenden Impuls liefert hier 272 7 Governance-Ansätze als Antwort auf Overtourism <?page no="273"?> das Pilotprojekt des Bürger: innenbeirates Berlin-Tourismus (siehe folgende Impuls-Box). Entsprechend kann so eine grundlegende Veränderung der Rollenvers‐ tändnisse hin zu einem dem Governance-Prinzip verpflichteten Ansatz nicht ohne Weiteres von allen Beteiligten eingenommen werden. Insbesondere mit Blick auf die Einbeziehung der Bewohner: innen wird deswegen oftmals auch darauf hingewiesen, dass Ansätze für ein entsprechendes Empower‐ ment notwendig sind (Nijs 2017). Impulse & Inspirationen für einen Wandel Pilotprojekt: „Bürger: innenbeirat Berlin-Tourismus“ Der Bürger: innenbeirat Berlin-Tourismus ist ein unabhängiges Gre‐ mium, bestehend aus 24 Berliner: innen, das als Schnittstelle zwischen Politik, Verwaltung und Stadtgesellschaft fungiert. Ziel des Pilotprojek‐ tes ist es durch Partizipation und Mitspracherecht der Bewohner: innen eine nachhaltige und stadtverträgliche Tourismusentwicklung in Berlin zu fördern. Dabei stehen vier Aspekte im Fokus: 1. Informationsaustausch: Der Beirat sammelt und kommuniziert Informationen, um so Wissen über gesellschaftliche, ökonomische und ökologische Zusammen‐ hänge im Tourismus an die Gesellschaft zu tragen. 2. Identifikation von Konfliktpotenzialen: In dem Beirat sollen Missstände frühzeitig erkannt werden, um Lösungsstrategien zu entwickeln, und dadurch negative Auswir‐ kungen des Tourismus für die Berliner: innen zu reduzieren. 3. Förderung der Bürger: innenbeteiligung: Durch partizipative Foren und Arbeitsgruppen werden Freiwillige der Stadtgesellschaft in die Diskussion eingeladen und einbezogen, um gemeinsam attraktive Entwicklungsansätze zu erarbeiten. 4. Beitrag zu einem stadtfreundlichen Tourismus: Der Beirat setzt sich mit Themen wie der touristischen Attraktivität der Außenbezirke, dem Erhalt der Clubkultur und dem touristischen Verkehr auseinander. Ziel ist es, eine ausgewogene Tourismusent‐ wicklung zu fördern, die die Bedürfnisse von Gästen, Anwohner: in‐ nen und der lokalen Wirtschaft gleichermaßen berücksichtigt. 7.1 Kollaborative und Partizipative Governance-Modelle 273 <?page no="274"?> Durch die aktive Einbindung der Bürger: innen in Entscheidungspro‐ zesse soll der Beirat dazu beitragen, die negativen Auswirkungen von Overtourism in Berlin zu reduzieren und eine nachhaltige Stadtentwick‐ lung zu gewährleisten. Ob sich das Pilotprojekt bewährt, ob und wie der Bürger: innenbeirat fortgesetzt wird, bleibt abzuwarten. Sicher ist jedoch, dass mit diesem Projekt neue, praktische Erkenntnisse zur Bewohner: innen-Partizipation am Tourismus und dessen Governance gewonnen werden können. Quelle: Mein Berlin (2025): 🔗 -https: / / mein.berlin.de/ vorhaben/ 2023-00648/ 7.2 Empowerment anstatt Partizipation der Bewohner: innen Die Frustration, die auf Anti-Tourismus und Overtourism-Protesten der Bewohner: innen beliebter Reiseziele, öffentlich und laut kundgegeben wird, richtetet sich meist nicht gegen Tourist: innen per se (wenn auch die Wasser‐ pistolen Aktion in Barcelona am 6. Juli 2024 anderes suggeriert hat; Hanigk 2024), sondern adressiert vielmehr die Lokalpolitik und verantwortliche Tourismus-Akteur: innen. Es wird ihnen, u. a., vorgeworfen, die Bedürfnisse und die Lebensqualität der Einheimischen den wirtschaftlichen Erfolg des Tourismus unterzuordnen. Diese Proteste haben in jüngster Vergangenheit nochmals verdeutlicht, dass Bewohner: innen auch ein Tourismus-Stakehol‐ der sind und entsprechend an dessen Planung und Politikgestaltung am Tourismus in München partizipieren sollten. Dies spiegelt sich auch in der Wissenschaft wider, denn nahezu jeder Artikel, der sich mit Overtou‐ rism befasst, konkludiert, dass die Bevölkerung einer Destination an der Destinations-Governance partizipieren muss, um eine sozial nachhaltige Tourismusentwicklung zu erreichen. Auch wenn der Forderung prinzipiell zugestimmt wird, so wird sie auch gleichzeitig als idealistisch kritisiert. Oft sind diese Studien in positivistischen Erkenntnistheorien fundiert und suggerieren, dass die Beteiligung der Bewohner: innen das Allheilmittel für eine sozial nachhaltige Tourismusentwicklung sei. In den letzten Jahren ventilierten in unterschiedlichen Kontexten An‐ sätze, die jedoch nichts grundlegend Neues sind. Letztendlich basieren sie explizit oder implizit auf der, vor mehr als 50 Jahren von Arnstein (1969) 274 7 Governance-Ansätze als Antwort auf Overtourism <?page no="275"?> formulierten, „Ladder of Citizen Participation“ (vgl. bspw. Boley et al. 2014; Herntrei 2019; Hung et al. 2011; Moscardo 2019). Jede höhere Stufe der Einbeziehung der Zivilgesellschaft über Information und Konsultation bis hin zur Partnerschaft impliziert gleichzeitig eine Zurücknahme von Macht‐ verständnis der Öffentlichen Hand. Was dabei meist außer Acht gelassen wird, ist die Meinung derer, die partizipieren sollen: die Bewohner: innen. Es lässt sich festhalten, dass das in der von Roland Berger (2018) erstellten Studie proklamierte „Involvement“ und „Engagement“ der Bewohner: innen (→ Kap. 5.2.3) sich wohl leicht in einer Consulting-Studie formulieren lässt. Wie bereits an anderer Stelle kritisiert (Erdmenger 2024), sind solche synonym verwendeten Begriffe (Partizipation, Einbeziehung, Inklusion, etc.) oft undefinierte und synonym verwendete Worthülsen, die aus einer idealistischen Weltanschauung stammen, ohne dabei die konkreten Bedeu‐ tungen, Relevanzen und Umsetzungen dieser Begriffe zu hinterfragen. Wie (oft), wann und wo sich eine solche Beteiligung, Kollaboration, oder gar Koproduktion umgesetzt werden sollte, bleibt in Consulting-Berichten sowie auch in vielen wissenschaftlichen Studien meist abstrakt und damit ausladend. Dies stellt partizipative Governance-Ansätze vor eine große Herausforderung, die mit tiefgreifenden Studien, die an dem Ursprung der mangelnden Umsetzung einer partizipativen Governance ansetzt, angegan‐ gen werden muss. Dieses Ziel hat sich Erdmenger mit ihrem Governance-Forschungspro‐ jekt (2022c) gesetzt. Als empirische Fundierung diente die Perspektive der Bewohner: innen, die mittels Fokusgruppen-Gesprächen in München und Kopenhagen analysiert wurde (vgl. Erdmenger 2022c). Relativ schnell hat die Datenanalyse ergeben, dass die Bewohner: innen kaum bereit sind, sich im Tourismus, vor allem nicht in dessen Steuerung, Politikgestaltung und Planung, zu engagieren, solange die Verhältnisse für sie akzeptabel sein (Erdmenger 2021 sowie Erdmenger und Kagermeier 2021). Zur Orientierung und vergleichbaren Einstufung wurden den Teilnehmenden fünf Level an Interaktionsausmaß präsentiert und sich gebeten einzustufen und dies unter‐ einander zu diskutieren. Auch wenn die größte Gruppe qualitativ angelegte Forschungsmethode der Fokusgruppen Diskussion keine gesellschaftliche Repräsentativität aufzeigt, so konnte die konkrete Einstufung dennoch quan‐ titativ zusammengefasst werden, wie in → Abb. 102 dargestellt (angelehnt an Erdmenger 2022b). Dort wird deutlich, dass mit 35 % der Teilnehmenden die größte Gruppe tatsächlich gerne mit Tourist: innen interagieren würde, wobei diese Angaben während der Diskussion stets genauer eingeschränkt 7.2 Empowerment anstatt Partizipation der Bewohner: innen 275 <?page no="276"?> wurde. Genannte Bedingungen für solche Interaktionen umfassten, dass 1) man über solche Möglichkeiten informiert und dazu eingeladen werden müsste, 2) die Bewohner: innen davon konkrete Vorteile haben müssten, 3) die Interaktion auf Ihrem persönlichen Interesse oder Hobby basieren müsste, 4) die Interaktion gemeinnützig sein müsste oder etwas zu einem der globalen Herausforderungen wie den Klimawandel beitragen müsste, 5) sie dabei ihre Version der Stadt präsentieren können und nicht die Geschichte der Tourist: innen Guides (genauer siehe Erdmenger 2022b). Abb. 102: Interessen der Bewohner: innen in München an verschiedenen Partizipations‐ möglichkeiten Statt der persönlichen, direkten Partizipation im Tourismus wurde auch mehrfach, wie bereits bei einem vorherigen Zitat (Bew. 23 2020, → Kap. 6.3.1) exemplarisch gezeigt, auf die lokalen Bezirksausschüsse als Interes‐ sensvertretende verwiesen (Bew.-3 2020): „Ich möchte mitentscheiden, also indirekt schon. Manchmal sind es halt parti‐ kular Interessen, da wird dann für den einen wird dann halt eine bestimmte Entscheidung getroffen oder so. Deshalb fänd‘ ich tatsächlich diesen Gedanken, den du [Bew. 2] geäußert hast mit so einer Art, es gibt ja auch einen Mieterbeirat in München. Könnte ja auch einen Tourismusbeirat oder so etwas geben, wo halt jeder Bezirksausschuss jemanden hinschickt. Weil es hat wahrscheinlich nicht jeder Stadtteil immer unbedingt einen Stadtratsbetrieb. Von daher wäre das vielleicht gar nicht so blöd, dass dann trotzdem, ohne dass jetzt der Bezirks‐ ausschuss direkt darüber entscheidet, dass die Position, die im Bezirksausschuss 276 7 Governance-Ansätze als Antwort auf Overtourism <?page no="277"?> gefasst wurde, auch in ein gesamtes Gremium, wo jeder Stadtbezirk präsentiert ist, wieder übertragen wird.“ Nijs hat in seiner ähnlichen Untersuchung der Einstellung von Einwoh‐ ner: innen zum Tourismus in Brügge das Konzept des Empowerments nach Boley et al. (2014) RETS-Modell (Resident Empowerment through Tourism Scale) gewählt. Dabei wurde nachgewiesen, dass eine Förderung von Stolz und Selbstwertgefühl in der Bevölkerung auch die Resilienz bezüglich des Tourismus fördern kann (Boley, Strzelecka und Watson 2018). Weiterhin wurde auch bei dieser Untersuchung bestätigt, dass Stolz, positive soziale Auswirkungen und insbesondere die Tatsache, über eine ernst genommene Stimme im kommunalpolitischen Diskurs zu verfügen, zu Empowerment und in der Folge auch zu einer Akzeptanz und Unterstützung des Tourismus durch die Anwohner: innen führten (Nijs 2017, S. 14). Dabei wurde zwischen sozialem, psychologischem und politischem Empowerment unterschieden (vgl. Scheyvens 1999) und auf der Basis einer Faktorenanalyse (Nijs 2017, S. 60) die entsprechenden Zusammenhänge nachgewiesen, die letztendlich auch auf die Stärkung des sozialen Kapitals (→ Kap. 4.4.4) abzielen. Da es sich aber nur um eine standardisierte Erhebung handelt, fordert auch Nijs (2017, S. 85) weitere Untersuchungen, um die Zusammenhänge und die Empowerment-Wirkung und auch die konkrete Partizipationsbereitschaft näher zu fassen. Zwar hatten bei dieser standardisierten Befragung in Brügge 42 % der befragten Einwohner: innen geantwortet, dass sie sich eine stärkere Einbeziehung in die lokale Tourismuspolitik wünschen. Dabei ergab sich wiederum, dass die stärker vom Overtourism betroffenen Einwohner: innen der Innenstadt die Frage zu mehr als der Hälfte bejahten (Nijs 2017, S. 73). Auch ist Brügge eben eine Stadt, die mit einer Tourismusintensität von ca. 100 Übernachtungen pro Einwohner: innen bei Berücksichtigung nur des historischen Stadtkerns (Nijs 2017, S. 21 und S. 25) sowie mehr als 6 Mio. Tagesreisende (Nijs 2017, S. 39) wohl - insbesondere durch Tagesreisende- bereits nahe an der physischen Tragfähigkeitsgrenze angekommen ist. Aus diesem Befund kann jedoch nicht direkt geschlossen werden, dass auch bei proaktiven partizipativen Ansätzen in Städten mit aktuell noch kaum virulenter Overtourism-Diskussion eine entsprechend hohe Bereitschaft zu einer aktiven Beteiligung bestünde. Zwischen der relativ unverbindlichen Antwort auf eine standardisierte Frage und dem Engagement, sich auch ak‐ 7.2 Empowerment anstatt Partizipation der Bewohner: innen 277 <?page no="278"?> tiv durch persönliche (und auch kontinuierliche) Präsenz bei formalisierten Runden einzubringen, besteht sicherlich ein deutlicher Unterschied. So hatte Nijs bei einer Präsentation seiner Ergebnisse bei visitFlanders als zusätzliche Information beigefügt, dass von denen, die auf die Frage nach einer Beteiligung positiv geantwortet hatten, die überwiegende Mehrheit darunter zusätzliche Informationen (durch die DMO, die Kommune oder die Medien) verstanden hatten und nur 3 % auch wirklich aktiv in entsprechende Foren eingebunden werden wollten (Nijs 2016, S.-20). Impulse & Inspirationen für einen Wandel „Von Bewohner: innen, für Bewohner: innen“ Nicht selten wird für und über die Bewohner: innen von Destinationen gesprochen wird, selten aber mit ihnen. Um dieser wichtigen Stake‐ holder-Gruppe eine Stimme zu geben, wurden Bewohner: innen der Städte Kopenhagen (Dänemark) und München (Deutschland) während Fokusgruppengesprächen dazu eingeladen, ihre Handlungsempfehlun‐ gen und -wünsche für den lokalen Bürger: innenbeirat Berlin-Tourismus mitzuteilen. Diese wurden von Erdmenger (2022a) in drei Kategorien des Empowerments (nach Scheyvens 1999) unterteilt: „Psychologisches Empowerment: Persönliche Vorteile: Aktivitäten schaffen, die die Lebensqualität der Bewohner: innen verbessern, z. B. Verschönerung gemeinschaftlich ge‐ nutzter Räume. (Lokal-)Stolz fördern: Bewohner: innen einladen, ihre Stadt (neu) zu ent‐ decken, z. B. durch Teilnahme an geführten Touren und Beantwortung der Fragen von Tourist: innen aus ihrer eigenen Perspektive. Bewohner: innen vor Tourist: innen priorisieren: Finanzielle Vorteile für Bewohner in Freizeiteinrichtungen und Kultureinrichtungen anbieten. Ein ‚Bewohnerkontingent‘ für beliebte Veranstaltungen/ Attraktionen reservieren. „Lokale Held: innen“ einladen: Interessierte Bewohner zu Gemeinschafts‐ vertretern ausbilden, die Besucher mit der lokalen Gemeinschaft ver‐ binden. 278 7 Governance-Ansätze als Antwort auf Overtourism <?page no="279"?> Soziales Empowerment Lokale Identität schützen: Bewohner: innen entscheiden lassen, wie sie ihre Identität, Traditionen und Lebensweise in Marketingbroschüren, Werbeslogans, Stadtführungen usw. teilen möchten. Möglichkeiten für ehrenamtliche Tätigkeiten bieten: Tourismus mit Um‐ welt- und Sozialprojekten verbinden, um Zusammenhänge hervorzuhe‐ ben und Vorrang für solche Aktivitäten zu schaffen. Über Kulturen aufklären: Zu interkulturellen Veranstaltungen einladen, um kulturelles Bewusstsein und Toleranz zu fördern, z. B. durch Stra‐ ßenfeste oder soziale Veranstaltungen. Nachhaltigen Tourismus erklären: Bewohner: innen über nachhaltigen Tourismus informieren und zeigen, wie sie zu dessen Umsetzung in ihrem Wohnort beitragen können. Politisches Empowerment Bewohner: innen aktiv ansprechen: Bewohner: innen direkt aufsuchen, anstatt sie nur zu politischen Anhörungen einzuladen. Kommunikation auf Augenhöhe: Moderne und vielfältige Kommunikations‐ wege nutzen, z.-B. (soziale) Medien, Theater, Apps und Gamification. Über Tourismus informieren: Informationen auf ansprechende Weise be‐ reitstellen. Eine Anlaufstelle für Bewohner: innen einrichten, wo sie sich über Tourismus informieren, Fragen stellen oder Bedenken äußern kön‐ nen. Positive Auswirkungen aufzeigen: Bewusstsein dafür schaffen, wie der Tourismus die lokale Infrastruktur, Freizeitangebote und die Atmo‐ sphäre verbessert. Proaktiv sein: Keine ‚scheinbare‘ Bürger: innenbeteiligung betreiben; stattdessen frühzeitig mit den Bewohner: innen sprechen und ihre Vor‐ schläge in den Prozess integrieren, bevor Unmut entsteht und Vertrauen verloren geht.“ Quelle: Erdmenger (2022a, S.-302f.) Den Wirkmechanismen für die Stärkung von sozialem Empowerment und die Förderung von sozialem Kapital in einer Stadtgesellschaft nachzuspüren, dürfte demnach eine der zentralen Forschungsrichtung für die sozialwissen‐ schaftlich ausgerichtete Tourismuswissenschaft darstellen. 7.2 Empowerment anstatt Partizipation der Bewohner: innen 279 <?page no="280"?> Deutlich geworden ist, dass Bewohner: innen nicht nur die Möglichkeit zur Teilnahme gegeben sein muss, sondern sie müssen auch Interesse daran haben und das Gefühl haben etwas beitragen zu können. Genau an die‐ sen drei Kriterien setzt das Motivation-Möglichkeit-Fähigkeit-Konzept (original: Motivation-Opportunity-Ability) von MacInnis und Jaworski (1989) an (vgl. auch; Erdmenger 2024; Hung et al. 2011). Alle drei Aspekte müssen gegeben sein, damit eine Person am Tourismus oder dessen Governance partizipieren möchte, darf und kann. Bislang wird unter partizipativen Governance-Ansätzen lediglich die Möglichkeit und damit das Vorhanden‐ sein der strukturellen Voraussetzungen verstanden. Wie die Forschungser‐ gebnisse aus München und Kopenhagen aber gezeigt haben, mangelt es unter den Bewohnerinnen außerdem an Anreizen/ Motivation und an dem Selbstbewusstsein als Laien etwas beitragen zu können. Diese drei Kriterien können durch ein gezieltes Empowerment adressiert werden: Motivation durch psychologisches Empowerment, Möglichkeit durch politisches und Fähigkeit wiederum durch soziales Empowerment. Wer also möchte, dass die Bewohner: innen am Tourismus partizipieren, sollte sich auf dieses dreigliedrige Konzept konzentrieren. Einen möglicherweise tragfähigen Ansatz, der alle drei Aspekte anspricht, hat Moscardo (2019) vorgelegt. Auch sie hat darauf hingewiesen, dass die Tourismusplanung seit den 1980er-Jahren in ihren strategischen Manage‐ ment-Konzepten stecken geblieben ist. Damit würde unter Beteiligung immer noch nur Informationsaustausch, öffentliche Veranstaltungen oder Informationen auf der Webseite verstanden. Auch von ihr wird angeführt, dass es stattdessen eher um Community Empowerment und die Stärkung des Sozialkapitals gehen müsse. Dabei wurden von ihr auch Theater-Vor‐ stellungen und Performances als kreative Ansätze miterwähnt (Moscardo 2019, S. 49f.). Unter dem Blickwinkel der „Gamification“ der Tourismus Governance könnten sich hier zukünftige Perspektiven abzeichnen, mit der die Motivation zur Teilnahme an partizipativen Prozessen und Forma‐ ten gesteigert werden könnte. Ob die spielerische Kampagne „CopenPay“ (→ Kap. 5.3.10) als Partizipation an der Tourismus Governance gesehen werden kann, ist wohl Auslegungssache. Nichtsdestotrotz bietet sie Inspi‐ ration für Gamification-Ansätze in der Interaktion von Besucher: innen und Bewohner: innen. Festzuhalten bleibt, dass nur ein ausgewogenes Verhältnis bei der Einbe‐ ziehung der unterschiedlichen beteiligten Akteursgruppen zu tragfähigen Ergebnissen bezüglich der künftigen Gestaltung des Tourismus führen kann. 280 7 Governance-Ansätze als Antwort auf Overtourism <?page no="281"?> Dabei sind die Interessen und die Einschätzungen der Bewohner: innen und Beschäftigten genauso zu berücksichtigen wie die Sichtweisen der Touris‐ muswirtschaft und der Besucher: innen, denn als dies sind Akteur: innen des Tourismus (→ Abb. 103). Letztendlich gilt damit für das Austarieren von - teilweise divergierenden, manchmal sogar antagonistischen Interes‐ senslagen - dass eine Balance zwischen den unterschiedlichen Positionen eventuell genauso ein Idealbild bleibt wie das Leitmotiv einer ‚Nachhaltigen Entwicklung‘. Abb. 103: Relevante Stakeholder beim Phänomen Overtourism Bei der konkreten Umsetzung sind nicht nur bei den professionellen Tou‐ rismusakteur: innen grundlegende Veränderungen des Rollenverständnisses und der Interaktionsmuster notwendig. Darüber hinaus ist auch die Frage, wie die Bewohner: innen das Bedürfnis erhalten, eingebunden zu sein - vor allem, wenn die Bereitschaft zu direktem aktivem Engagement nur gering ausgeprägt ist. Hier allein auf Informations- und Kommunikationstechnik im Kontext einer sog. Smart City (→ Kap. 5.5.1) zu setzen, wie es aktuell en vogue ist (vgl. z. B. Ivars-Baidal, Hernández und Mendoza de Miguel 2019, Vargas-Sànchez 2020), erscheint etwas kurz gegriffen. 7.2 Empowerment anstatt Partizipation der Bewohner: innen 281 <?page no="283"?> 8 „The end of tourism as we know it“ - oder Impulse und Inspirationen für einen Wandel Tourismus, eine der Leitökonomien des 21. Jahrhunderts, war seit Mitte des 20. Jahrhunderts ein global von relativ kontinuierlichem Wachstum gekennzeichnetes Wirtschaftssegment. Gleichzeitig haben sich die Wett‐ bewerbskonstellationen in den letzten Jahrzehnten deutlich akzentuiert. Dementsprechend war der primäre Fokus in der Tourismuspolitik, der Tou‐ rismuswirtschaft und auch in weiten Teilen der Tourismuswissenschaften auf die Gestaltung des Wachstums und die Optimierung der Wettbewerbs‐ fähigkeit von Destinationen ausgerichtet. Schwerpunkte lagen damit mehr auf der Optimierung des Qualitätsmanagements, der Erlebnisbedürfnisse der Kund: innen oder der Ausdifferenzierung digitaler Kommunikations- und Distributionsansätze. Das Primat lag dabei auf der Sichtweise des Tourismus als Wirtschaftssegment, das regionalökonomische Impulse ver‐ sprach - insbesondere auch in Regionen mit geringerer Dynamik in anderen wirtschaftlichen Bereichen. Zwar ist vor dem Hintergrund der Nachhaltigkeitsdiskussion in den letzten 35 Jahren die Berücksichtigung ökologischer Aspekte und der Be‐ grenztheit von endlichen Ressourcen teilweise in den Fokus gerückt. Das Wachstumsparadigma wurde aber kaum grundsätzlich in Frage gestellt und die Sichtweise des Tourismus als Wirtschaftssegment weitgehend beibehal‐ ten. Auch die Diskussion über den Klimawandel in den letzten Jahren hat bislang nicht zu einem grundsätzlichen Überdenken der Sichtweise des Tou‐ rismus geführt, obwohl der hohe Anteil des Flugverkehrs in den Blickwinkel geriet. Damit gewannen Überlegungen nach der Beeinflussung des Modal Split hin zu weniger CO 2 -intensiven Verkehrsmitteln zum Erreichen der Destinationen an Bedeutung. Auch wurde die Frage nach einer Stärkung von nicht so weit von den Quellgebieten entfernten Reisezielen, die dann eben leichter mit terrestrischen Verkehrsmitteln erreichbar sind, teilweise ventiliert. Gleiches gilt auch für die Ansätze, statt fossiler Brennstoffe aus regenerativen Energiequellen gewonnene Energieträger - insbesondere Wasserstoff - für den Flugverkehr einzusetzen. Ab wann solche technolo‐ gischen Entwicklungen und Fortschritte in der Mobilität die negativen Auswirkungen des Massentourismus beeinflussen werden, gilt abzuwarten. <?page no="284"?> Auch seit der COVID-19-Pandemie 2020-2022 wurde trotz erheblicher temporärer Rückgänge der touristischen Aktivitäten nicht erkennbar, dass diese wachstumsgetriebene Perspektive auf den Tourismus als Wirtschafts‐ sektor in Frage gestellt werden würde. Ein ‚besserer‘ Wiederaufbau des Tourismus nach der Pandemie, wie er von der UN Tourism umworben wurde, wurde sehr schnell durch die Existenzängste der Unternehmen und deren Wunsch nach ‚building back business as usual‘ erdrückt. Um genauer zu sein: die meisten Anstrengungen für ein ‚Recovern‘ und ein Wiederer‐ reichen zielten die von Prä-Corona-Niveaus der Übernachtungszahlen ab, welche bereits 2023 teilweise und 2024 global wieder erreicht wurden. Es lässt sich das Fazit ziehen, dass auch wenn das Wachstumsparadigma erste ‚kleinere Risse‘ bekommen hat, wurde die Sichtweise auf den Tourismus als ökonomischer Generator von Arbeitsplätzen und Einkommen letztendlich nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Dennoch geben eben diese ‚kleinen Risse‘ die Hoffnung, dass die das Revival der Overtourism-Diskussion seit Sommer 2023 möglicherweise doch noch zu einem grundlegenden Paradigmenwechsel in Tourismuspolitik, Tourismuswirtschaft und Tourismuswissenschaften beitragen könnte. Der „Aufstand der Bereisten“, Wasserpistolen-Attacken, Degrowth Manifests und regenerative Tourismusangebote könnten als ‚Weckrufe‘ wirken, um die bisherige stark ökonomische Perspektive zu relativieren. Das Ernstnehmen der Belange der Einwohner: innen in den Destinationen - im Sinne eines umfassend und grundsätzlich verstandenen Nachhaltigkeitsansatzes - und deren umfassende partizipative Integration würde den Blickwinkel der Destinationsentwicklung grundsätzlich und nachhaltig verändern. Gleichzeitig wurde in diesem Band deutlich gemacht, dass die Integration der Bewohner: innen eben nicht nur eine reine mono-sektoral auf den Tou‐ rismus ausgerichtete Beteiligung bedeutet, die versucht, Akzeptanzgrenzen auszuloten und Maßnahmen gegen negative Auswirkungen der Präsenz von Tourist: innen in bestimmten räumlichen Settings umzusetzen. Vor dem Hintergrund des Vulnerabilitätskonzeptes mit dem Resilienz-An‐ satz wurde argumentiert, dass die Ursachen für Overtourism-Artikulatio‐ nen sehr viel tiefer gehende und weiter reichende Wurzeln aufweisen. Damit werden Fragen nach der psychischen und sozialen Befindlichkeit der Stadtgesellschaft berührt. Soziale Balance, Toleranz und lokale/ regionale Identität sind ebenso mit der Empfindsamkeit gegenüber Irritationen durch auswärtige Besucher: innen bzw. deren Auftreten konnotiert wie Friktionen 284 8 „The end of tourism as we know it“ - oder Impulse und Inspirationen für einen Wandel <?page no="285"?> und Spannungen in anderen Lebensbereichen, die durch teilweise disruptive Transformationsprozesse ausgelöst werden. Der Ansatzpunkt für einen umfassenden und integrierten Umgang mit dem Overtourism-Phänomen kann sich dementsprechend auch nicht auf ein ‚Herumdoktern‘ an den Symptomen beschränken (ähnlich Benner 2019, S. 8). Um wirksam zu werden, muss der gesamte zivilgesellschaftliche Kontext einbezogen werden. In diesem Sinne könnte die Auseinanderset‐ zung mit Overtourism auch ein Überdenken und ein Umgestalten des Verhältnisses der unterschiedlichen Sphären von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft bedeuten. Auch wenn bislang kaum Anzeichen für eine solche holistische Herangehensweise erkennbar sind, wäre damit eben verbunden, dass Tourismus aus dem Primat der wirtschaftlichen Betrachtungsweise herausgelöst und als Teil des gesamtgesellschaftlichen Systems verstanden und behandelt wird. Auch wenn dieser Band wieder nur eine Reflektion und Weiterentwicklung des ersten Herantastens an künftige Entwicklun‐ gen ist, wäre es diesmal dann vielleicht „the end of tourism as we know it“ geleitet von den Impulsen und Inspirationen, die seit Ausbruch der COVID-19-Pandemie den Weg raus aus dem wachstumsorientierten hin zu einem smarten, stabilen, regenerativen und inklusiven Tourismus für eine nachhaltige Entwicklung leiten. 8 „The end of tourism as we know it“ - oder Impulse und Inspirationen für einen Wandel 285 <?page no="287"?> Literatur A B E L , Andreas (2015): Zweckentfremdung. Bezirke spüren Hunderte illegale Feri‐ enwohnungen in Berlin auf. In: Berliner Morgenpost vom 15.06.2015. 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München. 324 Literatur <?page no="325"?> Abbildungs- und Tabellenbelege Abbildungen Abb. 1: Eigene Darstellung nach Daten: UNWTO bzw. UN Tourism div. Jahrgänge Abb. 2: Eva Erdmenger Abb. 3: Eigene Darstellung nach Daten: UNWTO bzw. UN Tourism div. Jahrgänge Abb. 4: Andreas Kagermeier Abb. 5: Eva Erdmenger Abb. 6: Eigener Entwurf Abb. 7: ZDF/ Docuvista 2023 Abb. 8: Eva Erdmenger Abb. 9: Statistisches Bundesamt div. Jg., Statistik Austria div. Jg. Abb. 10: Statistisches Bundesamt div Jg., München Tourismus 2024a, Sta‐ tistik Austria div. Jg., Observatori del Turisme a Barcelona div. Jg., Modul Universität Wien 2024 Abb. 11: Eigener Entwurf nach Daten Skowronek, Vogel und Parnow 2015 sowie Land Berlin 2015 Abb. 12: Eva Erdmenger Abb. 13: Eva Erdmenger Abb. 14: Andreas Kagermeier Abb. 15: Andreas Kagermeier Abb. 16: Andreas Kagermeier Abb. 17: Andreas Kagermeier Abb. 18: Andreas Kagermeier Abb. 19: Eigene Erhebung Abb. 20: Eigene Erhebung Abb. 21: Eigene Erhebung Abb. 22: Eigene Erhebung Abb. 23: Eigene Erhebung Abb. 24: Eigene Erhebung Abb. 25: Eigene Erhebung Abb. 26: Eigene Erhebung Abb. 27: Modul University Vienna (TourMIS 2023) <?page no="326"?> Abb. 28: Eigener Entwurf auf Basis der Daten von Eurostat 2020 Abb. 29: Eigener Entwurf nach McKinsey 2017, S.-54f. Abb. 30: Eigener Entwurf nach McKinsey 2017, S.-54f. Abb. 31: Eigener Entwurf unter Verwendung einer Basiskarte von Landes‐ hauptstadt München 2015 und TripAdvisor 2020c Abb. 32: Eigene Bearbeitung unter Verwendung von Roland Berger 2018, S.-8 Abb. 33: Eva Erdmenger Abb. 34: Eigene Darstellung nach Daten: Bayerisches Landesamt für Sta‐ tistik 2020 Abb. 35: Eigene Darstellung nach eigenen Erhebung für München 2018, Wittig 2017, S.-8 für Bamberg 2016 und Heger 2020, S.-1 für Bamberg 2019 Abb. 36: Eigene Darstellung nach Daten von BAMBERG Tourismus & Kongress Service 2018 und Bayernhafen Bamberg 2020 Abb. 37: Eigene Darstellung nach Daten: Hentschel 2015, S.-7ff. Abb. 38: Andreas Kagermeier Abb. 39: Eigene Darstellung nach Daten: dwif 2019, S.-13 Abb. 40: Eigene Darstellung nach Daten: Zednik 2018 und Landeshaupt‐ stadt München 2018a Abb. 41: Reif 2019, S.-271 Abb. 42: Reif 2019, S.-274 Abb. 43: Eigene Darstellung nach Daten: Berlin Tourismus & Kongress GmbH 2017, S.-7f.; Bezirksgrenzen Stand 2000 Abb. 44: Eigene Darstellung nach Daten: Berlin Tourismus & Kongress GmbH 2019, S.-7; Bezirksgrenzen Stand 2000 Abb. 45: Andreas Kagermeier Abb. 46: Eigene Erhebung; Bewohner: innen München 2018 Abb. 47: Modifiziert nach www.sightsmap.com Abb. 48: Modifiziert nach www.sightsmap.com Abb. 49: Eigene Erhebung 2016, nur Übernachtungsgäste Abb. 50: Modifiziert nach www.sightsmap.com Abb. 51: Stors und Kagermeier 2013, S.-119 Abb. 52: Andreas Kagermeier Abb. 53: Andreas Kagermeier Abb. 54: Eva Erdmenger Abb. 55: Andreas Kagermeier Abb. 56: München Tourismus 2024a 326 Abbildungs- und Tabellenbelege <?page no="327"?> Abb. 57: Andreas Kagermeier Abb. 58: Andreas Kagermeier Abb. 59: Eigene Erhebung 2018 Abb. 60: Eva Erdmenger Abb. 61: Eva Erdmenger Abb. 62: Eigene Erhebung Abb. 63: Andreas Kagermeier Abb. 64: Elisabeth Kagermeier Abb. 65: Eva Erdmenger Abb. 66: Eigene Darstellung nach Gerritsma und Vork 2017, S.-91 Abb. 67: Eigene Erhebungen Abb. 68: Eigene Darstellung nach Bouchon und Rauscher 2019, S.-602 Abb. 69: Eigene Darstellung in Anlehnung an Turner et al. 2003, 8077 sowie Bohle und Glade 2007, S.-211 Abb. 70: Eigene Erhebung Abb. 71: Andreas Kagermeier Abb. 72: Andreas Kagermeier Abb. 73: Erdmenger 2022a, S.-290 Abb. 74: Eigene Darstellung Abb. 75: Erdmenger 2022c, S.-163 Abb. 76: Eigene Erhebung Abb. 77: Andreas Kagermeier Abb. 78: Andreas Kagermeier Abb. 79: Andreas Kagermeier Abb. 80: Eigene Darstellung in Anlehnung an Weber et al. 2017, S.-190 Abb. 81: Andreas Kagermeier Abb. 82: Eigene Bearbeitung unter Verwendung von Roland Berger 2018, S.-11 Abb. 83: Eigene Bearbeitung unter Verwendung von Roland Berger 2018, S.-15 Abb. 84: visitBerlin 2017a, S.-1 Abb. 85: Eigene Darstellung nach Daten: Wybraniec 2018, S.-66 Abb. 86: Eigene Darstellung nach Daten Govern de les Illes Balears 2020, S.-15 Abb. 87: Eigene Darstellung nach Daten TIT 2007 Abb. 88: Eigene Darstellung nach Daten TIT 2007 Abb. 89: Eva Erdmenger Abb. 90: Eigene Darstellung nach Daten: Wybraniec 2018, S.-73 Abbildungs- und Tabellenbelege 327 <?page no="328"?> Abb. 91: Eigene Erhebung Abb. 92: Eigene Darstellung nach Daten: visitBerlin 2019, S.-3 Abb. 93: Andreas Kagermeier Abb. 94: Eva Erdmenger Abb. 95: Andreas Kagermeier Abb. 96: Eigene Darstellung in Anlehnung an Turner et al. 2003, S.-8077 und UNWTO bzw. UN Tourism 2018, S.-48f. Abb. 97: Eva Erdmenger Abb. 98: Eigener Entwurf nach Fürst und Knieling 2004, S.-280 Abb. 99: Eigener Entwurf nach Tourismus Initiative München 2024 Abb. 100: Eigener Entwurf nach Bodega, Cioccarelli und Denicolai 2004, S.-17 Abb. 101: Eigene Darstellung basierend auf Ansell und Gash 2007 Abb. 102: eigene Erhebung Abb. 103: Quelle: Eigene Darstellung nach Koens und Postma 2017, S.-30s Tabellen Tab. 1: European Parliament 2018, S. 150ff. ergänzt durch eigene Berech‐ nungen Tab. 2: McKinsey 2017, S.-21 Tab. 3: Eigene Darstellung nach: Nahapiet und Ghoshal 1998, S.-251 Tab. 4: Eigene Darstellung basierend auf Stockholm Resilience Center 2015 328 Abbildungs- und Tabellenbelege <?page no="329"?> Register Airbnb-21, 54, 120, 179 Akzeptanz 76, 79, 123, 152, 241, 247, 263 Akzeptanzgrenze-218 Akzeptanzsteigerung-219 Amsterdam-100, 105, 130, 137, 153 arabische Tourist: innen-127 Artificial Intelligence-220 asiatische Tourist: innen-127 Aufstand der Bereisten-19, 24 Awareness-177 Ayia Napa-86 Bamberg-101f., 135, 141, 184, 190, 193f. Barcelona-21, 81, 92, 97, 100, 141, 153, 193 Befindlichkeit-251 Begriffsfassung Overtourism-22 Bepreisung-194 Berlin-21, 49, 55, 91f., 96f., 99, 110, 112, 116, 131, 140, 183, 206 Bern-100 Besucher: innenbedürfnisse-256 Besucher: innensegmentierung-214 Beteiligung-258, 277 Betroffenheit-107 Bewohner: innenbedürfnisse-256 Big Data-220, 222ff. Binnenmarketing-169, 204 Brügge-85, 277 Bruttowertschöpfung-18 Bürger: innenbeirat-273 Carrying Capacity-71 chinesische Tourist: innen-125 Collaborative Governance-271 Commitment-277 Community Model-271 Coping-126, 143, 164, 187 Corporative Model-270 Crowding-61, 71 Degrowth-231, 233-236, 239, 284, 312 Dekarbonisierung-175 Demokratisierung des Reisens-16 Destination-247, 251 Destination Governance 9, 169, 258, 263 Destinationsmanagement 169, 205, 257, 264, 267 direkte negative Effekte-64 disruptive Veränderungen-250 Distinktion-53 Doxey-136 Dresden-100 Dublin-100, 132, 177, 184, 206 Dubrovnik-21, 80, 91, 176, 193, 195 Dysfunctional Tourism City-140 Einbindung-204 Empowerment-257, 273, 277f., 280 Entfremdung-92, 137 Erlebnis-52 Erstbesucher: innen-116 Exposition-142, 164, 187 Extended Reality-220f. Fairbnb-57 Flugverkehr-174 Flusskreuzfahrt-102, 136, 190, 193 <?page no="330"?> Friedrichshain-55, 110, 112, 116 Frühwarninstrument-258 Gentrifizierung-52, 60, 69, 112 Geschäftsreisende-189 Gewöhnungseffekt-135, 152 Globalisierung-250 Going Local-183 Governance-240, 248, 267f., 273, 280 Hallstadt-176, 193 Hamburg-49, 63, 100, 109, 186, 197 Identifikation-135, 262 Impulse-57, 185, 208, 225, 236, 243, 257, 260, 262, 273, 278, 283 Infrastruktur-203 Interaktion-269 Internet of Things-223 Involvement-275 Irritation-65, 137 Irritation Index-136 Juist-86 Junggesellenabschiede-128 Kapitalismus-233 kaufkraftstarke Zielgruppen-194 Klimawandel-41, 174, 283 kollaborativ-268 Köln-100 Kommodifizierung-40, 42, 54, 60, 248 kommunikative Ansätze-205 Kommunkation-219 Konsum-233 Kopenhagen-100, 105, 118f. Kreuzberg-21, 55, 110, 112, 116 Kreuzfahrttourismus 21, 62, 80, 103, 192 Kroatien-87 kulturelle Distanz-123 Künstliche Intelligenz-191, 220 Kurzurlaubsreisen-49 Lebensraum-248, 252 Limitierung-176f., 179, 192 Lokalstolz-135 London-99 Low Cost Carrier-128, 130, 134, 196f. Luzern-82, 85, 100 Mallorca-86, 184, 198 Managementansätze-175 Marktliberalisierung-250 Marrakesch-94 Mass Trap-100 McKinsey-89 Medien-20, 25f., 33, 81 soziale Medien-229 Medizintourismus-125 Metaverse-222, 224, 305 MIC-Markt-198 Monitoring-210 München 49, 70, 82, 91f., 97, 99, 105, 107, 114f., 124, 137, 140, 144, 186, 196, 198, 203, 217, 275 Münchner Modell-270 Nachhaltige Entwicklung-281 Neoliberalisierung-233 New Urban Tourism-52, 112 NIMBY-252, 264 Nutzenstiftung-201 Nutzungskonkurrenz-67 Off the beaten track-51 Oktoberfest-133, 190 330 Register <?page no="331"?> ÖPNV-72, 156, 201f., 208, 214 Ostasien-125 Overtourism-22 Pantomime-206 Paradigmenwechsel-256, 270, 284 Paris-100, 141 partizipativ-268 Partytourismus-128, 132, 198, 206, 253 Peak Performance-100 Peer-to-Peer-Übernachtungsangebote 55 persuasive Maßnahmen-205 Perzeption-106 physische Tragfähigkeitsgrenze-61, 72 Postwachstum-233 Prag-100 Preisniveau-98 Prenzlauer Berg-55, 111, 116 Privatsphäre-252 PROsilienz-240ff., 265 Qualitätsmanagement-283 Qualitätstourismus-198 Rache-Tourismus-231 räumliche Entzerrung-183 regenerativen Tourismus-242 Regenerative Story Bank-263 Regensburg-141 Regulierung-179, 192 Resilienz-142, 205, 214, 277 Revenge Tourism-231 Roland Berger-98, 178, 275 Rom-99 Rückzugsräume-186, 254 Saisonalität-95, 189, 198 Salzburg-85, 100 Sättigung-141 Schwachlastzeiten-188 Selbstwertgefühl-277 Sensitivität-142, 164, 187, 215, 218 Sharing Economy-21, 112, 179 Shining Stars-98 Smart Tourism-221 soziale Carrying Capacity-107 soziale Medien-259, 262 sozialer Frieden-255 Soziales Kapital-166, 257, 277, 279 soziales Klima-262 soziale Tragfähigkeit-79 Sozialkapital-271 Sozialverhalten-128, 177 Städtetourismus-47, 196 Stadtgesellschaft-180, 250f. Stadtpolitik-257 Stockholm-100 Stolz-216, 241, 262, 277 Störung durch das Verhalten der Touristen-64 Straße der Ameisen-66 Stressfaktoren-180 Strukturwandel im Einzelhandel-66 Sustainable Quality-100 Tagesausflügler: innen-85 Tagesbesucher: innen-109 Tagesgäste-109 Toleranz-135 Toleranzlevel-261 Tourism Emerging City-141 Tourism Integrated City-140 Tourism Penetration Rate-83 Tourismusakzeptanzsaldo-260 Tourismusdichte-92 Tourismusintensität-93, 98, 106 Register 331 <?page no="332"?> Tourismusplanung-267 Tourist Bubble-51, 118 Touristifizierung-68 Tragfähigkeitsgrenze-71 Trier-188 überlastete Infrastruktur-64, 95 Überlastung des ÖPNV-72, 214 Under Pressure-100 UN Tourism-14, 16, 182f., 196, 211, 213, 216, 220, 232, 253, 265 Unused Potential-100 UNWTO-264 Venedig 21, 80, 85, 91, 100, 140, 176, 193, 195 Vertrautheit-136 VFR-93 Vulnerabilitätskonzept-142, 211 Wachstumsgeschwindigkeit-106 Wettbewerbsfähigkeit-283 Wiederholungsbesucher-118 Wien-47, 98 Wirtschaftsfaktor-199 Wohnumfeld-252 Wohnungsmarkt-153 WTTC-89, 96 zeitliche Entzerrung-188 Zielgruppen-177, 197 Zugangsbeschränkung-179 Zürich-100 332 Register <?page no="333"?> ISBN 978-3-8252-6260-0 Andreas Kagermeier Eva Erdmenger Overtourism 2. Auflage Die Schattenseiten des Massentourismus Venedig, Barcelona und Mallorca! Immer mehr Destinationen leiden unter Overtourism - der massiv auf Gesellschaft und Natur wirkt. Andreas Kagermeier und Eva Erdmenger gehen dem Phänomen auf den Grund. Sie beleuchten Auslöser und Treiber und zeigen die Tragfähigkeit einer Destination auf. Management-Ansätze erörtern sie und regen einen Paradigmenwechsel in der Tourismuswissenschaft an. Die 2. Auflage wurde überarbeitet und u.a. um neue Governance-Ansätze sowie Beispielprojekte aus der Praxis als Antwort auf Overtourism erweitert. Auch der ländliche Raum und der Globale Süden finden stärker Berücksichtigung. Das Buch richtet sich an Studierende und Forschende aus den Bereichen Tourismus und Geographie sowie der Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Tourismus | Geowissenschaften Sozialwissenschaften Overtourism 2. A. Kagermeier | Erdmenger Dies ist ein utb-Band aus dem UVK Verlag. utb ist eine Kooperation von Verlagen mit einem gemeinsamen Ziel: Lehr- und Lernmedien für das erfolgreiche Studium zu veröffentlichen. utb.de QR-Code für mehr Infos und Bewertungen zu diesem Titel mit aktuellen Beispielen 2025-06-17_6260-0_Erdmenger_Kagermeier_M_5417_PRINT.indd Alle Seiten 2025-06-17_6260-0_Erdmenger_Kagermeier_M_5417_PRINT.indd Alle Seiten 17.06.25 12: 41 17.06.25 12: 41
