Rassismus in den USA
Handbuch zu Geschichte, Gesellschaft, Politik
0811
2025
978-3-8385-6293-3
978-3-8252-6293-8
UTB
Silvan Niedermeier
10.36198/9783838562933
Von der Kolonialzeit bis zu Black Lives Matter
Rassismus ist bis heute in zahlreichen Bereichen der US-amerikanischen Gesellschaft verankert. Das vorliegende Handbuch blickt in 50 Beiträgen auf die Geschichte des Rassismus in den USA seit dem 17. Jahrhundert.
Ausgewiesene Expert:innen erklären relevante Konzepte wie
"Rasse", struktureller Rassismus und Intersektionalität und
zeigen auf, welche Gruppen in den USA von Rassismus betroffen sind. Sie erläutern rassistische Praktiken und Institutionen in der Geschichte der USA, wie Segregation, Lynchjustiz und Eugenik. Ebenso betrachten sie den Rassismus in zentralen strukturellen Bereichen der Gesellschaft wie Religion, Wirtschaft und Gesundheit und analysieren, wie rassistische Vorstellungen in Kriegen mobilisiert wurden. Der letzte Teil des Buches widmet sich dem antirassistischen Widerstand und beleuchtet u.a. Abolitionismus, Schwarzen Feminismus und die Red-Power-Bewegung.
Ein umfassendes Werk für Studierende der Amerikanistik,
Geschichte und Politikwissenschaft.
9783838562933/9783838562933.pdf
<?page no="0"?> Silvan Niedermeier (Hg.) Rassismus in den USA Handbuch zu Geschichte, Gesellschaft, Politik <?page no="1"?> utb 6293 Eine Arbeitsgemeinschaft der Verlage Brill | Schöningh - Fink · Paderborn Brill | Vandenhoeck & Ruprecht · Göttingen - Böhlau · Wien · Köln Verlag Barbara Budrich · Opladen · Toronto facultas · Wien Haupt Verlag · Bern Verlag Julius Klinkhardt · Bad Heilbrunn Mohr Siebeck · Tübingen Narr Francke Attempto Verlag - expert verlag · Tübingen Psychiatrie Verlag · Köln Psychosozial-Verlag · Gießen Ernst Reinhardt Verlag · München transcript Verlag · Bielefeld Verlag Eugen Ulmer · Stuttgart UVK Verlag · München Waxmann · Münster · New York wbv Publikation · Bielefeld Wochenschau Verlag · Frankfurt am Main <?page no="2"?> PD Dr. Silvan Niedermeier ist wissenschaftlicher Mitarbei‐ ter am Historischen Seminar der Universität Erfurt. Zu sei‐ nen Forschungsschwerpunkten gehören die Geschichte des Rassismus in den USA, Imperialismusgeschichte und Visual History. <?page no="3"?> Silvan Niedermeier (Hg.) Rassismus in den USA Handbuch zu Geschichte, Gesellschaft, Politik <?page no="4"?> DOI: https: / / doi.org/ 10.36198/ 9783838562933 © UVK Verlag 2025 ‒ Ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Einbandgestaltung: siegel konzeption | gestaltung Druck: Elanders Waiblingen GmbH utb-Nr. 6293 ISBN 978-3-8252-6293-8 (Print) ISBN 978-3-8385-6293-3 (ePDF) ISBN 978-3-8463-6293-8 (ePub) Umschlagabbildung: © shutterstock - Michal Urbanek Das Titelbild entstand bei Black-Lives-Matter-Protesten am 31. Mai 2020 in Vancouver, Kanada. Herausgeberfoto: Hamish John Appleby Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. <?page no="5"?> 9 19 1 21 2 27 3 37 47 4 49 5 63 6 83 7 103 8 115 9 131 143 10 145 11 155 12 173 Inhalt Einleitung: Rassismus in den USA | Silvan Niedermeier . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . I Konzepte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Rassismus und „Rasse“ als Praxis | Jürgen Martschukat . . . . . . . . . . . . . . . . . Institutioneller, struktureller und systemischer Rassismus | Katharina Gerund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Critical Race Theory und Intersektionalität | Cedric Essi . . . . . . . . . . . . . . . . II Gruppenspezifische Rassismen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Antijudaismus und moderner Antisemitismus | Kristoff Kerl . . . . . . . . . . . . . Antimuslimischer und antiarabischer Rassismus | Katharina Motyl . . . . . . . Antischwarzer Rassismus | Sebastian Jobs, Silvan Niedermeier, Simon Wendt Rassismus gegen American Indians | Aram Mattioli . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Rassismus gegen Asian American Pacific Islanders | Selma Siew Li Bidlingmaier . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Rassismus gegen Latina/ o/ x Americans | Stephanie Gibb-Clark . . . . . . . . . . III Institutionen und Praktiken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Alt-right und Neue Rechte | Johannes von Moltke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einwanderungspolitik | Barbara Lüthi . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Eugenik und Zwangssterilisation | M. Michaela Hampf . . . . . . . . . . . . . . . . . <?page no="6"?> 13 183 14 197 15 207 16 215 17 225 18 243 19 253 20 267 21 283 22 291 23 311 24 319 25 337 26 345 27 355 28 367 373 29 375 30 383 31 391 Imperialismus | Fabian Hilfrich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der erste und zweite Ku-Klux-Klan | Katherine Kuehler Walters . . . . . . . . . Lynchjustiz | Michael J.-Pfeifer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Minstrelshows/ Minstrelsy | Ilka Saal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Masseninhaftierung | Katharina Motyl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Masseninternierung der Japanese Americans im Zweiten Weltkrieg | Konrad Linke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Polizeisystem und Polizeigewalt | Silvan Niedermeier . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Rassenmassaker | Jama Grove . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Rassistischer Terrorismus zur Zeit der Bürgerrechtsbewegung | Scout Johnson . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Segregation | Rebecca Brückmann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Siedlerkolonialismus | Julius Wilm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sklaverei und Sklavenhandel | Sebastian Jobs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Todesstrafe | Jürgen Martschukat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wahlrechtsdiskriminierung | Manfred Berg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Werbung | Silke Hackenesch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zwangsassimilation der American Indians | Aram Mattioli . . . . . . . . . . . . . . IV Kriege . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Mexikanisch-Amerikanische Krieg | Andreas Riffel . . . . . . . . . . . . . . . . . Vernichtungskriege gegen American Indians | Aram Mattioli . . . . . . . . . . . . Der Pazifikkrieg | Marcel Hartwig . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 Inhalt <?page no="7"?> 32 399 33 407 415 34 417 35 435 36 445 37 463 38 481 495 39 497 40 507 41 519 42 527 43 539 44 549 45 559 46 569 47 577 48 589 Der Koreakrieg | Christine Knauer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Vietnamkrieg | Iris-Aya Laemmerhirt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . V Strukturen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gesundheit | Nina Mackert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Rassismus und Religion | Michael J. Pfeifer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Rassismus und Wirtschaft | Felix Krämer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Rassismus und Wissenschaft | Jakob Tanner . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Umweltrassismus | Aram Mattioli . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . VI Antirassistischer Widerstand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abolitionismus | Mischa Honeck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anti-Lynching-Aktivismus | Sarah L.-Silkey . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Kampf um das Wahlrecht | Manfred Berg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Kampf gegen die Segregation in öffentlichen Verkehrsmitteln und Einrichtungen | Sarah Riva . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Kampf gegen die Schulsegregation | Sarah Riva . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die schwarzen städtischen Rebellionen der 1960er-Jahre | Menika Dirkson . Schwarze bewaffnete Selbstverteidigung und Black-Power-Bewegung | Simon Wendt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Schwarzer Feminismus | Gloria Fears-Heinzel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Kampf der Latino/ a/ x Americans gegen Rassismus | Brian D.-Behnken Red Power. Der Kampf der Native Americans um Selbstbestimmung und Souveränität | Rachel Huber . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inhalt 7 <?page no="8"?> 49 601 50 609 621 623 628 641 Der Kampf um Reparationen | M.-J. Packo . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Black Lives Matter | Luvena Kopp . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Autor: innenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Inhalt <?page no="9"?> Einleitung: Rassismus in den USA Silvan Niedermeier Am 18. März 2008 hielt Barack Obama als Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur der Demokratischen Partei eine vielbeachtete Rede im National Constitution Center in Philadelphia. Anlass waren kontroverse Aussagen von Obamas ehemaligem Pastor Jeremia Wright. Dieser hatte unter anderem in einer Predigt im Jahr 2003 gesagt, dass die US-amerikanische Regierung die Schwarze Bevölkerung in den USA mit Drogen versorge und größere Gefängnisse baue und dann von ihr erwarte „God Bless America“ zu singen (Wright 2003). Obama, der in den Wochen zuvor seine Kontrahentin Hillary Clinton in den Vorwahlen deutlich distanziert hatte, wurde daraufhin wegen seiner Verbindung zu Wright kritisiert. In seiner Rede verurteilte Obama die Aussagen Wrights und bezeichnete sie als „aufwieglerisch“ und „spaltend“. Zugleich nahm er die Debatte zum Anlass, um auf die anhaltende Bedeutung von „Rasse“ für die US-amerikanische Gesellschaft hinzuweisen. Wie er befand, könnten es sich die USA „aktuell nicht leisten, dieses Thema zu ignorieren“. Obama verwies auf die „Ursünde der Sklaverei“, die die Verfassung der USA „befleckt“ habe. Zudem erinnerte er an die „Generationen“ von US-Amerikaner: innen, die „auf den Straßen und vor Gericht, durch einen Bürgerkrieg und durch zivilen Ungehorsam“ für das in der Verfassung niedergelegte „Ideal der gleichen Bürgerrechte vor dem Gesetz“ gekämpft hätten. Dieser Weg hin zu einem „gerechteren, gleicheren, freieren, mitfühlenderen und prosperierenderen Amerika“, so Obamas Credo, müsse fortgeführt werden (Obama 2008, Übers. SN). Dazu forderte er die US-Gesellschaft auf, das Erbe des Rassismus anzuerkennen. Dass Schwarze Amerikaner: innen über Generationen hinweg oft gewaltsam davon abgehalten worden seien, Eigentum zu besitzen, Kredite zu erhalten, Gewerkschaften beizutreten oder bei der Polizei und der Feuerwehr zu arbeiten, habe zur Folge gehabt, dass Schwarze Familien weniger Wohlstand aufbauen und vererben konnten. „Diese Geschichte“ helfe, so Obama, die anhaltenden „Einkommens- und Vermögensunter‐ schiede zwischen Weiß und Schwarz“ zu verstehen. Sie erkläre auch den „Zorn“ vieler Schwarzer US-Amerikaner: innen, der aus einem „Vermächtnis der Niederlage“ gegen rassistische Diskriminierung resultiere (ebd., Übers. SN). Obama ergänzte, dass diese Geschichte bis heute auf die Beziehungen zwischen Schwarzen und weißen Menschen in den USA einwirke. Auch Angehörige der weißen Arbeiter- und Mittelklasse hätten mit stagnierenden Löhnen und einer unsicheren ökonomischen Lage in Zeiten des globalen Wettbewerbs zu kämpfen. Wenn Schwarze Bewerber: innen bei Jobvergaben ihnen gegenüber bevorzugt würden, um ein Unrecht auszugleichen, das sie persönlich nicht begangen hätten, bauten sich „Ressentiments“ auf. Obama warf Republikanischen Politiker: innen vor, sie hätten diese „Wut“ über staatliche Ausgleichsmaßnahmen wie Sozialhilfe und affirmative action seit den 1980er <?page no="10"?> Jahren geschürt. Damit hätten sie davon abgelenkt, dass die „Gier“ von Unternehmen und eine verfehlte Wirtschaftspolitik der Grund für die schwierige Lage der Mittel‐ klasse sei. Dennoch, so Obama, sei er überzeugt, dass die „rassischen Trennlinien“ überwunden werden können. Die USA hätten immer wieder ihre Bereitschaft zur Veränderung bewiesen: „America can change. This is the true genius of this nation. What we have already achieved gives us hope - the audacity of hope - for what we can and must achieve tomorrow“ (ebd., Übers. SN). Obamas Rede war bemerkenswert, weil sie das Erbe des Rassismus in den USA in das Zentrum der Demokratischen Vorwahlen und des Präsidentschaftswahlkampfs stellte. Sein Sieg in der Präsidentschaftswahl 2008 zeigte, dass viele Wähler: innen ihm zutrauten, die Versöhnung innerhalb der US-amerikanischen Nation voranzubringen. Zumindest ein Teil der weißen Wählerschaft hegte zudem die Erwartung, mit Obamas Wahl das Vermächtnis des Rassismus für immer hinter sich lassen zu können (Love und Tosolt 2010). Die Entwicklungen nach Obamas Amtsantritt haben allerdings gezeigt, dass die Hoffnung auf eine Ära des Postrassismus nicht in Erfüllung gegangen ist. Stattdessen begann sich eine weiße populistische und in Teilen rechtsradikale Gegenbewegung zu formieren, die insbesondere das Internet nutzte, um ihre Ansichten zu verbreiten (Skoc‐ pol und Williamson 2016; Nagle 2017; Wendlin 2018; Stern 2019; → Kapitel Alt-right und Neue Rechte). Ab den 2010er Jahren stieg die Zahl rechtsextremer Terroranschläge in den USA, aber auch weltweit sprunghaft an (Auger 2020). Die tödlichen Attacken weißer suprematistischer Täter richteten sich sowohl gegen Afroamerikaner: innen als auch gegen Asian Americans, Juden: Jüdinnen, Muslim Americans, Arab Americans, Latino/ a/ x Americans und Angehörige weiterer Minderheiten. Zudem wurde vielen US-Amerikaner: innen spätestens mit der Erschießung von Trayvon Martin im Februar 2012 und dem anschließenden Freispruch für den Todesschützen George Zimmerman klar, dass sich ihre Hoffnung auf ein Ende der Benachteiligung Schwarzer Menschen durch die Justiz nicht erfüllte. Diese Auffassung wurde bestärkt durch zahlreiche Fälle exzessiver Polizeigewalt gegen Afroamerikaner: innen, die während Obamas Präsident‐ schaft in den Fokus der Öffentlichkeit rückten. Die 2013 gegründete Black-Lives-Mat‐ ter-Bewegung trug hierzu maßgeblich bei, indem sie die anhaltende Missachtung Schwarzen Lebens durch die Polizei und die US-Justiz durch Proteste anprangerte (→ Kapitel Black Lives Matter und → Kapitel Polizeisystem und Polizeigewalt). Die daraufhin einsetzende Debatte über Polizeigewalt verstärkte die Polarisierung in der US-amerikanischen Gesellschaft, auch weil sie vom rechten politischen Lager gezielt angeheizt wurde. Verschärft wurde die politische Auseinandersetzung durch ein Attentat auf Polizisten in Dallas, Texas, am 7. Juli 2016, bei dem fünf Polizisten getötet wurden. Im Präsidentschaftswahlkampf 2016 erklärte die Demokratische Kandidatin Hillary Clinton, dass sie das Polizeisystem reformieren und gegen „impliziten Bias“ in der Polizeiarbeit vorgehen wolle (Clinton 2016). Der Republikanische Kandidat Donald Trump dagegen warf seiner Kontrahentin vor, „ein Narrativ von Polizisten als rassistische Kraft in unserer Gesellschaft“ zu verbreiten ( Jacobs 2016, Übers. SN). 10 Einleitung: Rassismus in den USA <?page no="11"?> Als sich im Mai 2020, kurz nach Beginn der Covid-19-Pandemie, die schockierenden Aufnahmen des Mordes an George Floyd durch den Polizisten Derek Chauvin verbrei‐ teten, spitzten sich die Entwicklungen in den USA zu. Millionen Menschen gingen landesweit gegen Polizeigewalt und Rassismus auf die Straße. Dabei erhoben sie auch die Forderung, sich auf politischer Ebene grundlegend mit der Rolle von Rassismus in den USA auseinanderzusetzen. In der Folgezeit machte die Covid-19-Pandemie die „rassisch“ geprägten Ungleichheiten in der US-amerikanischen Gesellschaft besonders deutlich. Dies zeigte sich unter anderem in den Todesraten. Bezieht man den Faktor Alter ein, war die Indigene Bevölkerung in den USA von der höchsten Sterblichkeits‐ rate betroffen, gefolgt von Latino/ a/ x Americans, Pacific Islanders und Schwarzen Amerikaner: innen (Gawthrop 2023). Zudem waren Schwarze Amerikaner: innen und Latino/ a/ x Americans am stärksten von der drastisch steigenden Arbeitslosigkeit nach Ausbruch der Pandemie betroffen (Congressional Research Service 2021). Die gravierenden Auswirkungen der Pandemie lösten allerdings keine langfristige politische Auseinandersetzung darüber aus, wie die „rassischen“ Disparitäten in den USA verringert werden könnten. Stattdessen rückten insbesondere Republikanische Politiker: innen das Thema Rassismus mit verstärkter Vehemenz in das Zentrum eines Kulturkampfes (Niedzwiadek 2020). Seit 2021 haben Republikanisch geführte Bundes‐ staaten dutzende Verfügungen erlassen, die die Verbreitung von rassismuskritischen Büchern und Theorieansätzen in Schulen und Universitäten einschränken, mit dem Argument, dass diese eine Gefahr für die gesellschaftliche Einheit darstellten (PEN America 2021: → Kapitel Critical Race Theory und Intersektionalität). Zudem schürte Donald Trump im Wahlkampf 2024 gezielt Ressentiments gegen Maßnahmen, die Di‐ versität, Verteilungsgerechtigkeit und Inklusion in der US-amerikanischen Gesellschaft fördern sollen. Eine kurz vor den Wahlen veröffentlichte Umfrage zeigte, dass er damit erfolgreich war: 45 % der Befragten erklärten, dass „umgedrehte Diskriminierung gegen weiße Menschen ein großes Problem in der heutigen Gesellschaft“ sei (Leadership Conference Resources 2024). Während Barack Obama 2008 das Ziel ausrief, die Kluft zwischen den „Rassen“ zu verringern, verstärkt Donald Trump bewusst Konfliktlinien in der US-amerikanischen Gesellschaft. Die Präsidentschaftswahl 2024 hat deutlich gemacht, dass Rassismus und die Ausei‐ nandersetzungen über ihn weiterhin von bestimmender Bedeutung für die USA sein werden. Das vorliegende Handbuch hat das Ziel, den Leser: innen Orientierung in den aktuellen Debatten zu bieten, indem es vertiefte Informationen zur Geschichte und Gegenwart des Rassismus in den USA bereitstellt. Die Kapitel beleuchten die vielschichtigen Erscheinungsformen des Rassismus im Gebiet der heutigen USA, von der Kolonialzeit bis ins 21. Jahrhundert. Zudem dokumentieren sie die vielfältigen Formen individuellen und kollektiven Widerstands gegen rassistische Diskriminierung und Unterdrückung. Sie zeigen dabei auch, dass der Kampf gegen Rassismus in den USA ein Impulsgeber für maßgebliche gesellschaftliche Veränderungen war und ist. Einleitung: Rassismus in den USA 11 <?page no="12"?> Begriffe Der Duden definiert Rassismus als „Lehre, Theorie, nach der Menschen bzw. Bevöl‐ kerungsgruppen mit bestimmten biologischen oder ethnisch-kulturellen Merkmalen anderen von Natur aus überbzw. unterlegen sein sollen“. Darüber hinaus benenne der Begriff eine „dem Rassismus entsprechende (bewusste oder unbewusste) Einstellung, Denk- und Handlungsweise“ sowie „dem Rassismus entsprechende […] Strukturen durch die Menschen diskriminiert werden“. Weiterhin stehe er für die „dem Rassis‐ mus entsprechende systematische Unterdrückung von Menschen“ (Duden 2024). Das Wort Rassismus bezeichnet damit sowohl eine Weltanschauung als auch Praktiken, Einstellungen und Strukturen, die auf dieser Weltanschauung beruhen und auf deren Durchsetzung zielen. Die Soziologen Martin Bulmer und John Solomos definieren Rassismus folglich auch als eine „Ideologie rassischer Beherrschung“, die angenom‐ mene „rassische“ Unterschiede dazu nutze, um die Ungleichbehandlung bestimmter gesellschaftlicher Gruppen zu „rationalisieren“ oder „vorzuschreiben“ (Bulmer und Solomos 1999, 4; Übers. SN). Da Rassismus darauf ausgerichtet ist, eine „dauerhafte Hierarchie“ zwischen „rassischen“ Gruppen zu errichten, war und ist er eng verknüpft mit Formen der Macht- und Herrschaftsausübung (Fredrickson 2004, 14). Für das Gebiet der heutigen USA lässt sich dieser Zusammenhang bis ins 17. Jahr‐ hundert zurückverfolgen. Im Zuge der europäischen Besiedlung formierte sich in den englischen Kolonien eine Ideologie der weißen Vorherrschaft. Die damit verknüpften rassistischen Praktiken, Einstellungen und Strukturen richteten sich zunächst insbe‐ sondere gegen Menschen aus Afrika, die durch den transatlantischen Sklavenhandel in die nordamerikanischen Kolonien verschleppt wurden sowie gegen die Indigene Bevölkerung (Fredrickson 1999; → Kapitel Sklaverei und Sklavenhandel , → Kapitel Antischwarzer Rassismus und → Kapitel Rassismus gegen American Indians). Nach der Gründung der USA im Jahr 1776 rückten zudem bestimmte Einwanderungsgruppen in den Fokus. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden insbesondere Menschen asiatischer und lateinamerikanischer Herkunft, die in die USA migrierten, Ziel rassis‐ tischer Angriffe und politischer Agitation. Zudem richtete sich Rassismus in den USA im 19. und frühen 20. Jahrhundert auch gegen süd- und osteuropäische Migrant: innen, die als „inferiore europäische Rassen“ bezeichnet und entsprechend behandelt wurden (Roediger 2006; → Kapitel Rassismus gegen Asian American Pacific Islanders und → Kapitel Einwanderungspolitik). Darüber hinaus gerieten auch Bevölkerungsgruppen ins Visier rassistischer Strömungen, die in erster Linie als religiös andersartig definiert wurden. Ein besonders prägnantes Beispiel ist der Antisemitismus gegen jüdische Einwanderer: innen, der ab dem späten 19. Jahrhundert auch biologistisch geprägt war (Brodkin 2004; → Kapitel Antijudaismus und moderner Antisemitismus). Sowohl in den USA als auch in Europa war Rassismus eng verknüpft mit der Idee physisch und biologisch unterschiedlicher „Rassen“, die im späten 18. Jahrhundert ent‐ stand. Sie war mit der Vorstellung verbunden, dass die Zugehörigkeit von Menschen zu bestimmten „Rassen“ deren Charakter sowie deren kulturelle Fähigkeiten determiniere und dass es eine Rangordnung überlegener und unterlegener „rassischer“ Gruppen 12 Einleitung: Rassismus in den USA <?page no="13"?> gebe. In der Folgezeit versuchten Vertreter: innen der sogenannte „Rassenkunde“ diese Behauptungen durch unterschiedlichste Methoden zu belegen (O’Brien 2008; → Kapitel Rassismus und Wissenschaft). Heute ist es wissenschaftlich erwiesen, dass es keine biologische Grundlage für die Anwendung des Begriffs „Rasse“ auf menschlichen Gruppen gibt (Fischer et. al. 2019). Dieser Befund stützt sich unter anderem auf die Erkenntnis, dass es größere genetische Unterschiede zwischen den Angehörigen einer bestimmten „Rasse“ gibt, als zwischen den Angehörigen verschiedener „Rassen“. Zudem wies das Human Genom Project im Jahr 2003 nach, dass Menschen weltweit heute zu durchschnittlich 99,9 Prozent über das gleiche Genom verfügen (Duello et al. 2021). „Rasse“ ist demnach keine wissenschaftliche Kategorie. Das Handbuch trägt diesem Umstand Rechnung, indem es die Begriffe „Rasse“ und „rassisch“ durchgehend in An‐ führungszeichen setzt. Diese Vorgehensweise unterscheidet sich von der akademischen und journalistischen Praxis in den USA. Hier wird das Wort „race“ in der Regel nicht in Anführungszeichen gesetzt, auch weil der Begriff im US-Sprachgebrauch breiter kon‐ notiert ist. In Deutschland hat „Rasse“ bis heute eine biologistische Aufladung und wird mit der Shoa und der ihr zugrundliegenden Rassenideologie des Nationalsozialismus sowie mit der Geschichte des Kolonialismus verknüpft. Der Begriff ist daher aus dem allgemeinen Sprachgebrauch weitgehend verschwunden. In den USA hingegen ist er auch mit emanzipatorischen und antirassistischen Bestrebungen verbunden. So dient etwa der Bezug auf Schwarzsein dazu, um eine „eigene widerständige Identität“ in einer mehrheitlich weißen Gesellschaft zu betonen (Hund 2018, 11). Zudem sind „rassische“ Zuordnungen in den USA Grundlage staatlicher Politik. Angaben zur eigenen „Rasse“ werden alle zehn Jahre im Bevölkerungszensus erhoben. Behörden nutzen sie, um Förderprogramme so zu gestalten, dass sie den spezifischen Gruppen in statistisch angemessener Weise zugutekommen. Darüber hinaus werden die Angaben eingesetzt, um die Einhaltung von Gesetzen und Maßnahmen gegen die Diskriminierung spezi‐ fischer „rassischer“ Gruppen zu überprüfen (United States Census Bureau, o. D.). „Rasse“ beziehungsweise „race“ ist daher bis heute ein unverzichtbarer Bestandteil der US-amerikanischen Gesellschaft, trotz der historischen und ideologischen Belastung des Begriffs (O’Brien 2008, 7). Die meisten Verlage und Zeitungen in den USA schreiben heutzutage das Adjektiv „Black“ in Bezug auf Menschen und Kulturen afrikanischer Abstammung groß. Dies ist ein Ergebnis jüngerer Entwicklungen. So führten etwa die Nachrichtenagentur Associated Press und die New York Times die Großschreibung im Juni 2020 ein. Der Entscheidung vorausgegangen waren die landesweiten Proteste gegen den Mord an George Floyd am 25. Mai 2020. Wie Verantwortliche der New York Times in einer Stellungnahme erklärten, sei man zur Auffassung gelangt, dass die Großschreibung von „Black“ „am besten Elemente einer gemeinsam geteilten Geschichte und Identi‐ tät“ ausdrücken könne. Sie reflektiere das eigene Ziel „respektvoll gegenüber allen Menschen und Gemeinschaften zu sein“, über die man berichte (AP 2020; Baquet und Corbett 2020). Zeitschriften wie Ebony und Jet, die sich vornehmlich an eine Einleitung: Rassismus in den USA 13 <?page no="14"?> Schwarze US-amerikanische Leserschaft richten, hatten die Großschreibung bereits in den 1970er Jahren eingeführt. Sie griffen damit eine Praxis auf, die Aktivist: innen der Black-Power-Bewegung etabliert hatten, um dem Stolz auf die eigene Identität Ausdruck zu verleihen (Jet, 11. Juni 1970; Ebony, Juni 1977; Painter 2024). Auch der Begriff „Indigenous“ wird in US-amerikanischen Zeitungen und Publika‐ tionen sowie im britischen Sprachraum seit einigen Jahren großgeschrieben, wenn er sich auf Menschen bezieht, die bestimmte Landgebiete als Erste bewohnt und eine lange siedlungsgeschichtliche Verbindung zu ihnen haben. Seit den 1970er Jahren haben sich Indigene Bevölkerungsgruppen weltweit den Begriff angeeignet, um ihre kulturelle Identität kenntlich zu machen. Dabei war und ist der Begriff ein wichtiges Mittel im Kampf für Indigene Rechte und Selbstbestimmung. Er dient dabei auch dazu, um auf die geteilte Erfahrung von kolonialer Unterdrückung und Ausbeutung aufmerksam zu machen (Weeber 2020). Die neu etablierte Großschreibung von „Indigenous“ soll die identitätsstiftende Bedeutung des Begriffs für Indigene Gruppen unterstreichen (Younging 2018, 77-81). Das Handbuch spiegelt diese Entwicklung. In der Mehrzahl der versammelten Beiträge werden die Adjektive „Schwarz“ und „Indigen“ in Bezug auf Personen bzw. Personengruppen großgeschrieben. Aufbau des Buches Das Handbuch bietet einen umfassenden Überblick über das Phänomen des Rassismus im Gebiet der heutigen USA seit dem Beginn der britischen Kolonialisierung im 17. Jahrhundert. Der Schwerpunkt der Beiträge liegt dabei auf dem 19., 20. und frühen 21. Jahrhundert. Abschnitt I stellt zentrale konzeptionelle Perspektiven auf Rassismus in den USA vor. Abschnitt II beleuchtet maßgebliche Formen des gruppenspezifischen Rassismus in der US-amerikanischen Gesellschaft. Im Fokus von Abschnitt III stehen Praktiken und Institutionen, die die Geschichte des Rassismus im Gebiet der heutigen USA seit der Kolonialzeit maßgeblich geprägt haben. Die Kapitel in Abschnitt IV un‐ tersuchen, wie rassistische Vorstellungen im Kontext von Kriegen mobilisiert wurden. Die Beiträge in Abschnitt V wiederum diskutieren die strukturellen Dimensionen des Rassismus in zentralen Bereichen der US-amerikanischen Gesellschaft. Schließlich rücken die Kapitel in Abschnitt VI antirassistische Bewegungen und Praktiken in der US-amerikanischen Geschichte und Gegenwart in den Mittelpunkt. Dank Das vorliegende Handbuch ist das Ergebnis eines mehr als vierjährigen Arbeitsprozes‐ ses, an dem zahlreiche Personen beteiligt waren. Als Herausgeber möchte ich zunächst allen Autor: innen dafür danken, sich in das Projekt eingebracht zu haben. Ihre Exper‐ tise, ihre Bereitschaft zur Mitarbeit und ihr Engagement haben dieses Projekt möglich gemacht. Ganz besonders danke ich Jürgen Martschukat dafür, dass er die Arbeit an dem Handbuch auf vielfältige Weise unterstützt hat. Victoria Jentschke gilt mein Dank 14 Einleitung: Rassismus in den USA <?page no="15"?> für die Formatierung des Manuskriptes und die sorgfältige Erarbeitung des Indexes. Zudem danke ich Maria Ewald und Nina Glaser für ihre präzisen Übersetzungen der Beiträge englischsprachiger Autor: innen in die deutsche Sprache. Weiterhin danke ich den Teilnehmer: innen des Kolloquiums Nordamerikanische Geschichte an der Universität Erfurt für das Feedback zur Idee und zum Aufbau des Buches. Cedric Essi, Helen Gibson, Scout Johnson, Barbara Lüthi, Christine Knauer, Nina Mackert, Jürgen Martschukat, Michael Pfeifer und Simon Wendt danke ich für ihre Hinweise auf potentielle Beiträger: innen für das Handbuch. Schließlich gilt mein herzlicher Dank Nadja Hilbig vom UVK Verlag, die das Projekt angestoßen und begleitet hat. Literatur Associated Press. 2020. „Explaining AP Style on Black and White.“ Abgerufen am 27.01.2025. https: / / apnews.com/ article/ archive-race-and-ethnicity-9105661462. Appiah, Kwame Anthony. 2022. „The Case for Capitalizing the B in Black.“ The Atlantic. 18. Juni 2020. 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Einleitung: Rassismus in den USA 17 <?page no="19"?> I Konzepte <?page no="21"?> 1 Rassismus und „Rasse“ als Praxis Jürgen Martschukat Abstract | Rassismus und „Rasse“ als Praxis zu verstehen, bedeutet davon auszu‐ gehen, dass diese aus einer Vielzahl von Handlungen und Sprechakten und in actu bestehen. Konzeptionell ist eine entsprechende analytische Perspektive aus dem practice turn und seinen verschiedenen Strängen gespeist. Diese verschieben den Forschungsakzent weg von Großkonzepten und hin zu sozialen Praktiken und ihrer Wirkungsmacht. Ein Konzept wie „Rasse“ wird somit seiner angenom‐ menen biologischen Letztbegründung enthoben und als Effekt sich wiederholender Handlungsweisen konturiert. Dies bedeutet auch, dass Rassismus und „Rasse“ grundsätzlich instabil sind und offen für Veränderungen bis hin zu ihrer Auflösung, wenn die Kette der zitierenden Wiederholungen unterbrochen und umgelenkt werden kann. Einen versklavten Menschen auspeitschen; das Foto eines Lynchings als Ansichtskarte an die eigenen Eltern senden; im Bus einen bestimmten Sitzplatz einfordern; die eigenen Kinder auf eine Privatschule schicken; eine willkürliche Verkehrskontrolle durchführen - dies sind nur fünf von zahllosen Praktiken, die Rassismus ausmachen, eine rassistische Gesellschaftsordnung konturieren und eine Existenz als z. B. Schwarz oder weiß prägen. Mehr noch: Aus praxeologischer Perspektive besteht nicht nur Rassismus aus einer Fülle von Praktiken. Auch „Rasse“ ist nichts, was Menschen haben oder sind, sondern vielmehr etwas, was sie tun. Wie Paula M. L. Moya und Hazel Rose Markus in ihrem Buch Doing Race betonen, entsteht „Rasse“ in sozialen Transaktionen zwischen verschiedenen Menschen, die in einer Vielzahl institutioneller Strukturen (z. B. Schulen, Arbeitsplätzen, Verwaltungsbüros, Gerichten, Medien) und in allen Arten von Situationen vollzogen werden (Moya und Hazel 2021, 4; siehe auch Kimmich 2017, 19). Folglich gründen rassistische Praktiken nicht in irgendeiner Form von Substanz, die als „Rasse“ bezeichnet werden könnte, sondern vielmehr wird „Rasse“ erst durch diese rassistischen Praktiken hervorgebracht. „Race is the child of racism, not the father,“ wie der US-amerikanische Journalist und Schriftsteller Ta-Nehisi Coates (2015, 7) schreibt. Erläuterung | Practice turn: Seit den 1970er Jahren hat sich in den Sozial- und Kul‐ turwissenschaften eine wachsende Unzufriedenheit bezüglich der Erklärungskraft von Großtheorien und -kategorien wie ‚Gesellschaft‘ und ‚Struktur‘ ausgebreitet. Stattdessen begann man in zahlreichen Feldern von der Figurationssoziologie <?page no="22"?> (Elias 2004) und der Praxeologie (Bourdieu 2022; Schatzki, Knorr-Cetina und von Savigny 2001) über die performance studies (Fischer-Lichte 2004) und die Geschlech‐ terforschung (Butler 1991) bis zur Akteur-Netzwerk-Theorie (Latour 2010) die Wirkungsmacht sozialer Praktiken zu betonen, die Großkategorien erst ent- und bestehen lassen, und zwar im Moment ihres Vollzugs. Der practice turn verschob die Forschungsakzente ebenfalls weg von ‚rationalen Akteur: innen‘ und deren Texten hin zu Körpern und deren (nicht notwendig intendierten) Handlungen, Routinen und Befähigungen. Konzeptionelle Stränge Ein Verständnis von Rassismus und „Rasse“ als Praxis soll hier aus drei konzeptionellen Strängen hergeleitet werden (Martschukat und Patzold 2003). Diese sind nicht die einzigen möglichen Stränge, auf die hier verwiesen werden kann. Auch sind sie nicht unbedingt eng ineinander verschränkt, sie beziehen sich aber doch aufeinander und betonen sämtlich die konstitutive Dynamik des Handelns. Erstens ist hier die performative Wende zu nennen, die die Theaterwissenschaftlerin Erika Fischer-Lichte bis zum avantgardistischen Theater und zur entstehenden Theaterwissenschaft um 1900 zurückverfolgt. Fortan sei „der Kunstcharakter von Theater“, so Fischer-Lichte, weniger durch den „Bezug auf dramatische Kunstwerke, auf literarische Texte garan‐ tiert“ gewesen, sondern vielmehr als Effekt der Interaktionen zwischen Aufführen‐ den, Publikum und Setting verstanden worden (Fischer-Lichte 2000, 8; siehe auch Fischer-Lichte 2004). Fischer-Lichte beschreibt diese Performativität des Theaters als paradigmatisch auch für ein sich damals herausbildendes neuartiges Verständnis von Lebenswelt und Gesellschaft. Diese wurden nun vermehrt als aus dem Handeln von Akteur: innen heraus entstehend und bestehend gedacht. Zweitens wurde ein solches performatives Verständnis von Kultur, Gesellschaft und menschlicher Existenz ab den 1970er Jahren in zunehmendem Maße in der Geschlechterforschung geschärft. Wegweisend war die wachsende Aufmerksamkeit auf gender als soziales Geschlecht, das dem damals noch bestehenden Determinismus von sex als biologisches Geschlecht etwas entgegensetzte. Gender betonte stattdessen, wie Geschlecht gelebt und aufgeführt wird - im Alltag wie auf den verschiedensten Bühnen. Doing Gender (West und Zimmerman 1987) lautete die Maxime: Geschlecht ist nicht, was wir haben, sondern was wir tun, und in diesem Tun wird auch Differenz erst hervorgebracht (West und Fenstermaker 1995). Geschlecht als Vielzahl gelebter Praktiken zu konzipieren, bedeutete zugleich zu zeigen, in welcher Weise diese Praktiken in institutionelle, diskursive und identitäre Muster und Strukturen verwoben sind (Scott 1986). Die Philosophin Judith Butler bahnte den Weg, auch das biologische Geschlecht sex und damit Körperlichkeit als Effekt von Praktiken zu verstehen. Sie bezog sich dabei auf die performative Theatertheorie ebenso wie auf die Sprechakttheorie. Butler 22 1 Rassismus und „Rasse“ als Praxis <?page no="23"?> argumentierte in ihren Büchern über Das Unbehagen der Geschlechter (1991) und Körper von Gewicht (1995), auch das biologische Geschlecht müsse als ritualisierte, tagtägliche Wiederholung von Handlungsweisen und Zuschreibungen gedacht werden. Körper existierten nur in einem permanenten Prozess der Verkörperung. So entstehe „der Anschein von Substantialität […]: eine konstruierte Identität, eine performative Leis‐ tung, an welche das weltliche gesellschaftliche Publikum einschließlich der Akteure selbst nun glaubt und die es im Modus des Glaubens performiert“ (Butler 2002, 302 - Betonung im Original). Biologie als körperliche Letztbegründung und als Schicksal verflüchtigen sich damit, denn Körper erfahren ein gewisses Maß an Stabilisierung nur in der beständigen Wiederholung. Judith Butler (2002, 304) fordert uns dazu auf, im Partizip Präsens zu denken. Erläuterung | Sprechakttheorie: In den 1950er Jahren lenkte der britische Sprach‐ philosoph John L. Austin (1994) in seiner Sprechakttheorie die Aufmerksamkeit auf die Performativität des Sprechens. Wegweisend waren Austins Vorlesungen How to Do Things With Words. Anders als konstative Äußerungen, so Austin, beschreiben performative Sprechakte keine Zustände in der realen Welt, sondern sie vollziehen im Moment des Sprechens eine Handlung. Ein klassisches Beispiel ist das „Ja“ bei der Eheschließung. Ob Sprechakte gelängen, hänge dabei auch von den Äußerungsbedingungen ab. Austin gab die Unterscheidung zwischen konstativen und performativen Äußerungen bald als zu schablonenhaft auf: Auch Feststellungen seien Handlungen bzw. können solche unmittelbar evozieren. Ein dritter konzeptioneller Strang für das Verständnis von Rassismus und „Rasse“ als Praxis führt über die Critical Race Theory (→ Kapitel Critical Race Theory und Inter‐ sektionalität) zurück bis zur frühen postkolonialen Kritik. Frantz Fanon, geboren und aufgewachsen in Martinique, franko-afro-karibischer Psychiater, algerischer Wider‐ standskämpfer und postkolonialer Theoretiker avant la lettre, beschrieb 1952 in seinem Buch Schwarze Haut, weiße Masken, wie er sich erst in Lyon durch die Anrufung eines weißen französischen Jungen als Schwarz zu empfinden begann: „Tiens, un nègre! “, habe der Junge seiner Mutter im Angesicht Fanons zugerufen (Fanon 1952, 88; siehe auch Macey 1999; Young 2010, 1). Fanon hatte auf Martinique gelernt Franzose zu sein, doch in Frankreich selbst wurde er durch diesen performativen Sprechakt als anders konstituiert. Rassismus und „Rasse“ erscheinen hier also als Praxis der Anrufung, aber auch als Fixierung durch Blicke, Verhaltensweisen und Gesten, wie Fanon schreibt. Fanon referierend beschrieb über 30 Jahre später auch der Soziologe und Mitbegründer der Cultural Studies, Stuart Hall (2017, 172), Rassismus als „soziale Praxis, bei der körperliche Merkmale zur Klassifizierung bestimmter Bevölkerungsgruppen benutzt werden“. Solche Klassifizierungen begründeten dann wiederum rassistische Praktiken, die den alltäglichen Zugang zu Ressourcen regulierten und bestimmte Menschen ein- und andere ausschlössen. Damit betonte Hall die Simultaneität von Praktiken und ihren 1 Rassismus und „Rasse“ als Praxis 23 <?page no="24"?> vielfältigen Formen diskursiver und institutioneller Verfestigung (siehe auch Moya und Hazel 2021, 21). Auf einer solchen allgemeinen Ebene, so Hall (2017, 173), seien sich rassistische und sexistische Praktiken recht ähnlich (siehe auch Bergmann 2017). In der Folge ist auch „Rasse“ ähnlich wie Geschlecht als performativ konzipiert worden. Inspiriert von den Arbeiten Judith Butlers betont die Soziologin und Kultur‐ wissenschaftlerin Nadine Ehlers (2006, 2008), dass „Rasse“ alles andere als natürlich und unveränderlich sei, sondern vielmehr als regulierende Praxis verstanden werden müsse, die rassifizierte Körper hervorbringe (anstatt in ihnen zu gründen) und da‐ für der ständigen Wiederholung rassistischer Handlungsweisen bedürfe. So wurde etwa die rassistische Gesellschaftsordnung des Jim-Crow-Amerika in unzähligen und vielfältigen Mechanismen und Handlungsweisen wieder und wieder, Tag für Tag erneut hergestellt (Martschukat 2007, 273). Schwarzwie Weißsein sind als Effekt performativer Praktiken zu verstehen. Diese Praktiken bilden eine rassistische Macht- und Herrschaftsordnung, die zutiefst diskriminierend und gewalthaft ist und bis heute fortwirkt. Entsprechend schreibt Ta-Nehisi Coates (2015, 8): The elevation of the belief in being white was not achieved through wine tastings and ice cream socials, but rather through the pillaging of life, liberty, labor, and land; through the flaying of backs; the chaining of limbs; the strangling of dissidents; the destruction of families; the rape of mothers; the sale of children. „Rasse“ und Rassismus als Amalgam performativer Praktiken zu verstehen, bedeutet also mitnichten, ihre sehr reale Wirkungsmacht zu übersehen. Konsequenzen der perspektivischen Verschiebung Rassismus und „Rasse“ als Praxis zu verstehen, hat mehrere gleichermaßen wissen‐ schaftliche wie politische Konsequenzen, von denen hier drei hervorgehoben werden sollen. Erstens verweist das Verständnis von Rassismus und „Rasse“ als Praxis auf die Wirkungsmacht menschlichen - unseres - Verhaltens und Handelns. Wie wir anderen gegenübertreten, wie wir über sie und mit ihnen sprechen und wie wir handeln, hat Auswirkungen auf die Möglichkeiten von Menschen, an Gesellschaft teilzuhaben und ihre Leben zu gestalten. Zweitens: Die Möglichkeiten verschiedener Menschen zur gesellschaftlichen Teil‐ habe sind mitnichten in körperlichen und zeitlosen Wesenhaftigkeiten fixiert. Sie entstehen vielmehr als Folge zahlloser Handlungen in der Geschichte. Hinter den Dingen, betonte Michel Foucault schon 1971 in seinem Aufsatz über „Nietzsche, die Genealogie, die Historie“, gebe es kein „wesenhaftes Geheimnis, sondern das Geheimnis, dass sie ohne Wesen sind oder dass ihr Wesen Stück für Stück aufgebaut worden ist“ (Foucault 1998, S. 45-46). Erst die beständige Wiederholung führt zu einer Stabilisierung, die, wie Judith Butler (2002) betont, substanziell scheinen kann, es aber nicht ist. 24 1 Rassismus und „Rasse“ als Praxis <?page no="25"?> Dies führt zu einer dritten und ganz entscheidenden Konsequenz. Rassismus und „Rasse“ als Praxis zu verstehen, verweist auf deren grundsätzliche Fragilität und Insta‐ bilität sowie auf den Raum, der sich für Widerstand eröffnet. Nur diese grundsätzliche Instabilität von „Rasse“ und von rassistischen Grenzziehungen erklärt die Obsession, mit der diese Grenzen wieder und wieder gezogen werden. Schließlich würden sie ohne ständige Wiederholung gar keine Stabilität suggerieren können. Warum sonst musste etwa die rassistische Gesellschaftsordnung in den USA der Segregation Tag für Tag durch zahllose Praktiken erneut hergestellt werden, von der Anrede über die Begegnungen auf der Straße bis zu den Lynchmorden? Nadine Ehlers (2006) spricht auch vom Modus der Krise, in dem sich „Rasse“ und Rassismus immer befinden. Schließlich können sie und die an sie gebundenen Machtverhältnisse durch eine Abwandlung oder Unterbrechung der Wiederholungen verschoben, in Frage gestellt und sogar zerschmettert werden. Diese Krise ist im System verankert, denn keine Wiederholung entspricht exakt der vorangegangenen Handlung, weil die Aufführung eben eine andere ist; kein Zitat entspricht dem Original (das ja gar kein Original ist, weil es immer schon ein Zitat ist). Stabilisierung als Effekt von Wiederholungen zu verstehen, bedeutet die Möglichkeit der Unterbrechung und Umlenkung der Kette von Zitationen und damit des Widerstands mitzudenken. Rassismus und „Rasse“ als sich wiederholende Praxis zu verstehen, birgt damit die Chance und die Aufforderung, diese Praxis zu verändern. Literatur Austin, John L. 1994 [1955]. Zur Theorie der Sprechakte. Stuttgart: Reclam. Bergmann, Franziska. 2017. „Race und Gender“. 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Mit den Erfolgen der Befreiungskämpfe Mitte des 20. Jahrhunderts, insbesondere der afroamerikanischen Bürgerrechts- und Black-Power-Bewegungen, haben sich die dominanten Ausprägungen des Rassismus in den USA verschoben. Offen und explizit rassistische Handlungen und Aussagen, die oft als ‚alter‘ oder ‚traditioneller‘ Rassismus diskutiert werden, sind zwar nach wie vor virulent, aber sie sind gesamtgesellschaftlich betrachtet stärker in den Hintergrund getreten zugunsten von eher versteckten, subtilen und partiell nicht-intendierten Formen der Diskriminierung, Ausgrenzung und Benachteiligung. Zahlreiche Begriffe wurden geprägt, um diesen scheinbar neuen Rassismus zu begreifen: „symbolic racism, modern racism, subtle racism, racial resentments, ambivalent racism, laissez-faire racism, […] aversive racism“ (Perry 2011, 18). Ob es sich hierbei um genuin neue Formen des Rassismus handelt oder eher um ‚alten‘ Rassismus im neuen Gewand ist Gegenstand wissenschaftlicher Auseinander‐ setzungen. In jedem Fall lässt sich die Geschichte des Rassismus in den USA bis in das koloniale Amerika und zur Gründung der Vereinigten Staaten zurückverfolgen und zeugt von dessen historischer Wandelbarkeit. Nur kurzfristig schien die Wahl von Barack Obama zum US-Präsidenten im Jahr 2008 als Beleg dafür, dass Rassismus kein signifikantes Problem mehr darstelle oder zumindest auf dem Rückzug wäre (vgl. Murji 2018, 2). Tatsächlich haben sowohl die Präsidentschaft Donald Trumps, das Wiedererstarken von rechten Gruppierungen und die Zunahme an Hassverbrechen als auch die ‚doppelte Pandemie‘ (COVID-19 mit seinen ungleichen Auswirkungen auf unterschiedliche Bevölkerungsgruppen und die massive Polizeigewalt gegen People of Color) eindeutig gezeigt, dass weder offenkundige, individuelle noch subtile, syste‐ <?page no="28"?> mische Formen des Rassismus der Vergangenheit angehören und sich sogar in den vergangenen Jahren ein „Whitelash“ im Sinne eines „white America’s backlash against racial inequality“ (Lippard, Carter und Embrick 2020, 6) diagnostizieren lässt. Institutionell, strukturell und systemisch sind Begriffe, die häufig im Zusammen‐ hang mit neuen Formen des Rassismus benutzt werden und im alltäglichen Sprach‐ gebrauch sowie teils im wissenschaftlichen Diskurs nahezu synonym Verwendung finden. Institutioneller Rassismus bezieht sich primär auf spezifische Einrichtungen (z. B. den Polizeiapparat oder das Schulsystem), mit strukturellem Rassismus geraten individuelle und institutionelle Formen der Diskriminierung in ihrem Zusammenspiel in den Blick und systemischer Rassismus geht noch weitreichender davon aus, dass alle Mitglieder einer rassisierten Gesellschaft in gewissem Umfang von diesem betroffen und/ oder an diesem beteiligt sind. Die drei Konzepte eigenen sich jeweils dazu, die rassistischen Grundlagen der US-amerikanischen Gesellschaft sichtbar zu machen, so etwa im Rechtswesen oder im politischen System (z. B. hinsichtlich des Wahlrechts oder der Kriminalisierung bestimmter Bevölkerungsgruppen), in Bereichen der sozialen Infrastruktur (etwa bei der medizinischen Versorgung oder beim Zugang zu Bildung) und im kulturellen Imaginären (u. a. bezüglich der Repräsentationen marginalisierter Gruppen in Literatur, Film und Fernsehen). Gemeinsam ist den Konzepten, dass sie den Fokus verschieben von individuellen Vorurteilen oder explizit rassistischen Aussagen und Verhaltensweisen hin zu einer kollektiven und fundierenden Dimension rassisti‐ schen Handelns und Denkens. Damit richten sie die Aufmerksamkeit von (einzelnen) Rassist: innen hin zu nicht-intendiertem rassistischem Agieren und teils unbewusstem komplizitärem Verhalten im Rahmen einer rassisierten gesellschaftlichen ‚Normalität‘. Versteht man Rassismus als Prozess bzw. pluralistisch als verschiedene Rassismen, dienen diese Konzepte auch dazu, Veränderungen und Kontinuitäten zwischen histo‐ risch und soziokulturell spezifischen Settings zu analysieren. Institutioneller Rassismus In ihrem 1967 erschienenen Buch Black Power differenzieren Stokely Carmichael und Charles V. Hamilton zwischen individuellem Rassismus, der offen zu Tage tritt und sich einzelnen Akteur: innen zuschreiben lässt und institutionellem Rassismus, der eher verdeckte und subtile Formen annimmt und auf kollektiver Ebene angesiedelt ist. Während ersterer in der Regel einfach zu erkennen ist und öffentlich verurteilt wird, ist letzterer etablierten gesellschaftlichen Strukturen und Einrichtungen eingeschrieben und damit schwieriger zu identifizieren und zu bekämpfen; nicht zuletzt, weil sich einzelne weiße Akteur: innen leicht davon distanzieren können. Carmichael und Hamilton erläutern ihre Unterscheidung beispielhaft so: Wenn weiße Terroristen in der Kirche einer Schwarzen Gemeinde Bomben legen und dabei fünf Schwarze Kinder töten, ist das ein Akt von individuellem Rassismus, der von weiten Kreisen der Gesellschaft lebhaft bedauert wird. Wenn aber in derselben Stadt - Birmingham in Alabama - nicht fünf, sondern fünfhundert Schwarze Säuglinge jedes Jahr sterben, weil 28 2 Institutioneller, struktureller und systemischer Rassismus <?page no="29"?> es an richtiger Nahrung, an Wohnung und ärztlicher Betreuung fehlt, […] dann ist das eine Auswirkung des institutionellen Rassismus (Carmichael und Hamilton 1969, 13). Institutioneller Rassismus fußt auf Vorstellungen weißer Überlegenheit und insbeson‐ dere gegen Schwarze gerichteten Ressentiments und Einstellungen. Diese rassistischen Überzeugungen prägen in offensichtlichen und versteckteren Formen die gesamte Gesellschaft und sichern als weiß wahrgenommenen Menschen Privilegien und Macht (ebd.). Zwar sind individueller und institutioneller Rassismus miteinander verbunden, doch funktioniert letzterer weitgehend losgelöst von Individuen und Intentionen und sorgt dafür, dass weiße Menschen in nahezu allen Bereichen profitieren - von der Wohnung bis zur Gesundheitsversorgung, von Bildung und Möglichkeiten der beruflichen Entwicklung bis zur persönlichen und finanziellen Sicherheit. Der Soziologe Ali Rattansi erklärt, dass der Begriff des institutionellen Rassismus hier genutzt wird, um aufzuzeigen, dass für weiße und Schwarze Menschen in den USA keine Chancengleichheit besteht, sondern die Bedingungen systematisch für Schwarze Menschen schlechter sind (Rattansi 2020, 97). Die Erkenntnis, dass Rassismus nicht nur auf individuelle Vorurteile und Stereotype zurückgeführt werden kann, sondern sich auch in gänzlich unpersönlichen, bürokratischen Prozessen manifestiert, die entscheidend zur Aufrechterhaltung rassisierter Ungleichheit in der Gesellschaft beitragen, gilt mittlerweile in weiten Teilen von Wissenschaft, Politik und (antiras‐ sistischem) Aktivismus als Konsens. Im gegenwärtigen Verständnis des Konzepts finden unterschiedliche Faktoren Berücksichtigung. Dichotome Vorstellungen eines intendierten/ nicht-intendierten oder offensichtlichen/ versteckten Rassismus werden, wie etwa in folgender Definition von Karim Murji, zu überwinden versucht: [I]nstitutional racism can be seen as a combination of the occupational culture of an organization, combined with discriminatory practices (which may be intended or unintended) and the racially disadvantageous outcomes produced by the actions and policies of an organization (Murji 2018, 2). Institutioneller Rassismus zeigt sich also in alltäglichen, routinisierten Praktiken und im Zusammenwirken von institutionalisierten, kollektiven und individuellen Faktoren. Nimmt man institutionellen und individuellen Rassismus gemeinsam in den Blick, wird häufig von strukturellem oder systemischem Rassismus gesprochen. Struktureller und systemischer Rassismus Der Begriff des strukturellen Rassismus impliziert, dass nicht nur Individuen oder einzelne Institutionen, sondern eine gesamte Gesellschaft grundlegend rassisiert ist. In einer solchen Perspektivierung wird deutlich, dass Strategien wie etwa die Ideologie einer vermeintlichen Farbenblindheit, proklamierte Neutralität hinsichtlich Rassisie‐ rungen oder Tokenismus (im Sinne einer symbolischen Quoten- oder Vorzeigefunktion einzelner Personen of Color), die von der dominanten Gruppe zur Leugnung der Existenz von Rassismus herangezogen werden, Teil (neo-)kolonialer und rassistischer 2 Institutioneller, struktureller und systemischer Rassismus 29 <?page no="30"?> Vorstellungswelten sind, in die weiße Privilegien und damit auch Rassismus einge‐ schrieben sind (Murji 2018, 2). Ganz ähnlich definieren die Soziolog: innen Kimberley Ducey und Joe Feagin systemischen Rassismus: Systemic racism is the racial exploitation and institutionalized subordination of people of color by whites of European descent. It encompasses the racial stereotyping, prejudices, and emotions of whites, as well as the discriminatory practices and racialized institutions generated for the continuing domination of people of color. At the core of systemic racism are discriminatory practices that fundamentally deny people of color the dignity, opportunities, and privileges available to whites individually and collectively (Ducey und Feagin 2017, 12). Nach diesem Verständnis umfasst systemischer Rassismus ausbeuterische und diskri‐ minierende Praktiken, Macht und Ressourcen, die weißen Menschen zur Verfügung stehen, die Aufrechterhaltung und Reproduktion von materiellen und anderen Un‐ gleichheiten sowie die rassisierten Vorurteile, Stereotype, Bilder, Interpretationen, Narrative, Emotionen und Erzählungen im dominanten „white racial frame“ (ebd., 13). Erläuterung | White Racial Frame: Unter dem „white racial frame“ verstehen Kim‐ berly Ducey und Joe Feagin eine etablierte Sicht auf die Welt aus der Perspektive weißer Unterdrückender. Diese kombiniert rassisierte Stereotype sowie Metaphern und interpretative Konzepte auf kognitiver Ebene mit visuellen Repräsentationen, Gefühlen, Erzählungen - auch im Sinne historischer Mythenbildung - und wie‐ derholten Neigungen zum diskriminierenden Handeln. Rassisierte Hierarchien, materielle Unterdrückung und der zur Rationalisierung herangezogene „white racial frame,“ so erläutern Ducey und Feagin weiter, sind Schlüsseldimensionen eines systemischen Rassismus, der auf oberster Entscheidungsebene von einer weißen männlichen Elite geschaffen wird (Ducey und Feagin 2017, 14). Im Unterschied zum strukturellen Rassismus markiert systemischer Rassismus, wie ihn z. B. der Soziologe Eduardo Bonilla-Silva definiert, dass wir alle zwangsläufig an diesem System partizipieren, es also in einer grundlegend rassisierten Gesellschaft keine Position(ierung) ‚außerhalb‘ gibt (Bonilla-Silva 2021, 514). Systemischer Rassismus produziert rassisierte Individuen (Bonilla-Silva 2022, 20). Bonilla-Silva erklärt: „Racism is systemic because it incorporates all actors into the game. We are all participants because we are racialized subjects, but also because we act racially in conscious and unconscious ways“ (Bonilla-Silva 2021, 520, Hervorhebung im Original). Damit kann es im Kampf gegen systemischen Rassismus nicht in erster Linie darum gehen, offenkun‐ dige Rassist: innen oder explizite Diskriminierungsformen zu identifizieren. Vielmehr gilt es aufzuzeigen, wie alle Mitglieder der Gesellschaft in diesem System impliziert sind und wie v. a. als weiß identifizierte Menschen davon profitieren. Dies bedeutet nicht, dass alle Personen in gleichem Ausmaß ‚mitschuldig‘ sind und schließt dezidiert die Möglichkeit ein, dass weiße Menschen in unterschiedlichem Maße partizipieren oder 30 2 Institutioneller, struktureller und systemischer Rassismus <?page no="31"?> aktiv gegen dieses System kämpfen können (ebd.). Diese Herangehensweise macht zudem sichtbar, dass gerade solche Entscheidungen, normativen Verhaltensweisen und habitualisierte, alltägliche Handlungen, die als nicht-rassisiert gelten (etwa die Wahl einer Schule oder einer Nachbarschaft, Freundschaften und soziale Beziehungen), Auswirkungen haben, die den rassisierten Status Quo erhalten: „In fact, the average White person participates in SR [systemic racism] by simply keeping a ‚(White) Leave it to Beaver‘ life […] which oils the wheels of the racial regime“ (Bonilla-Silva 2021, 524). Systemischer Rassismus ist fundierend für alle Bereiche der US-amerikanischen Gesellschaft und die Zuschreibung rassisierter Identitäten und Positionalitäten bedingt, insbesondere im Zusammenspiel mit anderen Differenzierungen, Ungleichheiten so‐ zialer, politischer, ökonomischer, kultureller und psychologischer Art (Bonilla-Silva 2021, 519). Daher haben sich zunehmend intersektionale Analyseansätze durchgesetzt, die verschiedene Unterdrückungs- und Diskriminierungsformen untersuchen und z. B. auch Geschlecht, Alter, Staatsangehörigkeit und andere Differenzkategorien miteinbeziehen (→ Kapitel Critical Race Theory und Intersektionalität). Mit Blick auf die Geschichte der USA als Nation, die aus dem Siedlerkolonialismus entstand und in diesem Kontext bis heute relevante rassisierte Identitätszuschreibungen und soziale Positionierungen generierte, lässt sich auch überzeugend argumentieren, dass der Kampf gegen Rassismus nur im Tandem mit Dekolonialisierung gewonnen werden kann (Taylor Saito 2020, 4). Strategien des Widerstands und der Weg zur systemischen Veränderung Alle drei Konzepte - institutioneller, struktureller und systemischer Rassismus - machen deutlich, dass Veränderung hin zu einer gerechten und antirassistischen Gesellschaft nicht nur auf individueller Ebene bewirkt werden kann, sondern eben institutionell, strukturell oder systemisch gedacht werden und erfolgen muss. Wider‐ stand gegen systemische Ausschlüsse, Diskriminierungen und Benachteiligungen hat es dabei, zumindest seitens der Betroffenen, von jeher geben. Denn diese haben ihre Situation in einem rassistischen System weder hingenommen noch passiv erlitten, sondern sind vielmehr auf juristischem, gesellschaftspolitischem und/ oder aktivisti‐ schem Wege dagegen vorgegangen. Widerstand ist also dem systemischen Rassismus eingeschrieben (vgl. Ducey und Feagin 2017, 13). In Bezug auf die USA erklären Ducey und Feagin: „While most whites rarely acknowledge white racism’s systemic character and regularly perpetuate the white racial frame, the anti-oppression counter-frames of Americans of color are also prevalent throughout US history“ (ebd., 16). Ohne die aktive Beteiligung und stille Akzeptanz einer Mehrheit der weißen Bevölkerung, so argumentiert Bonilla-Silva, wäre dieses System aufgrund dieses beständigen Wider‐ standes nicht aufrechtzuerhalten (Bonilla-Silva 2021, 525). Ein erster Schritt hin zu einer gerechten und antirassistischen Gesellschaft wäre es damit, zu erkennen und anzuerkennen, dass Rassismus ein systemisches Phänomen ist, 2 Institutioneller, struktureller und systemischer Rassismus 31 <?page no="32"?> das alle Mitglieder einer Gesellschaft impliziert. Diese Einsicht macht auch deutlich, wie wenig erfolgversprechend es ist, Rassismus aus den ihn tragenden Institutionen heraus bekämpfen wollen. Schon Carmichael und Hamilton argumentierten, dass bestehende Institutionen nicht die notwendige Möglichkeit zur Veränderung bergen, da sie Teil des Problems sind. Entsprechend brauche es womöglich die Entwicklung neuer politischer Institutionen (Carmichael und Hamilton 1969, 135-36). Auch Maßnahmen wie affirmative action oder andere Programme einer Diversitätspolitik, die versuchen, bestehende Ungleichheiten zu nivellieren, sind nur bedingt geeignet, dem Problem des Rassismus auf systemischer Ebene zu begegnen. Wie etwa die Rechtsanwältin, Aktivistin und Autorin Michelle Alexander argumentiert, ist eine repräsentative Di‐ versifizierung von Institutionen eben noch keine strukturelle Veränderung oder gar ein weitreichender Kulturwandel. Sie gibt u. a. zu bedenken: „Die Affirmative Action, vor allem wenn sie mit der ethnischen Diversität und nicht mit dem gleichen Recht für alle begründet wird, verschleiert die Schwere der Ungleichheit in Amerika und führt dazu, dass die Fortschritte in den Rassenbeziehungen übertrieben dargestellt werden und man die Zukunft für Afroamerikaner viel zu optimistisch einschätzt“ (Alexander 2017, 333). Inwieweit solche Programme zur Herstellung von Chancengleichheit geeignet sind, um die Effekte von systemischem Rassismus nicht nur kurzfristig abzumildern, sondern langfristig zu verändern, ist Teil kontroverser Debatten. Es handelt sich bei einer solchen Diversitätspolitik jedoch keinesfalls um eine Art der umgekehrten Diskriminierung oder des umgekehrten Rassismus. Erläuterung | Umgekehrter Rassismus: Unter dem Begriff des „umgekehrten Rassismus“ versteht man die Vorstellung, dass weiße Personen durch (politische) Programme, die People of Color unterstützen, strukturell benachteiligt würden. Joe Feagin stellt dazu klar, dass es sich beim Begriff des „umgekehrten Rassismus“ faktisch um ein Oxymoron handelt, mit dessen Hilfe primär vom nach wie vor prävalenten strukturellen Rassismus gegen People of Color ablenkt wird (vgl. Fea‐ gin 2001, 250). Zudem, so argumentiert die Anthropologin Jane Hill, negiert diese Vorstellung die real existierende weiße Vormachtstellung und weiße Privilegien (vgl. Hill 2008, 79). Die Idee eines umgekehrten Rassismus wird oft durch eine Ideologie der Farbenblindheit gestützt. Eduardo Bonilla-Silva fordert nicht weniger als eine „konzertierte Aktion“ auf allen gesellschaftlichen Ebenen, um einen systemischen Wandel herbeizuführen (vgl. Bo‐ nilla-Silva 2021, 524). Dies mag zunächst nach einem aussichtslosen Unterfangen klingen. Stephen Ostertag und William Armaline schlagen in diesem Sinne vor, als erstes mit dem Strafjustizsystem zu beginnen, da es ihrer Ansicht nach das vorherrschende Werkzeug zur Aufrechterhaltung des systemischen Rassismus ist (Ostertag und Armaline 2011, 280). Trotz eines wissenschaftlichen Konsenses und der Anerkennung der Problematik von systemischem Rassismus in Teilen der US-ame‐ 32 2 Institutioneller, struktureller und systemischer Rassismus <?page no="33"?> rikanischen (weißen) Bevölkerung und der Politik, bleibt eine breite Verankerung dieser Erkenntnis und eine substanzielle Diskussion der sich daraus abzuleitenden Konsequenzen nach wie vor eine relevante und notwendige Aufgabe. Denn, so stellt Michelle Alexander fest, es braucht ein weitreichendes öffentliches Umdenken, damit sich, etwa im Bereich der US-amerikanischen Strafjustiz und dem dort etablierten System der Masseninhaftierung Schwarzer Menschen, eine systemische Veränderung realisieren lässt: Zweifellos können einzelne Siege oder ganze Reihen von Siegen errungen werden doch ohne eine grundlegende Veränderung im öffentlichen Bewusstsein wird das System als Ganzes intakt bleiben. Selbst wenn ohne diese Veränderungen wichtige Reformen durchgesetzt werden, wird sich das System davon erholen. Das Kastensystem wird in einer neuen Form zurückkehren, so wie das Verleihen von Gefangenen an die Stelle der Sklaverei trat, oder es wird wiederauferstehen wie Jim Crow in Gestalt der Masseninhaftierung (Alexander 2017, 316-17, Hervorhebungen im Original → Kapitel Masseninhaftierung). Für eine systemische Veränderung bleibt es damit notwendig, die Ablenkungsdiskurse um einen vermeintlich umgekehrten Rassismus und vor allem um eine Ideologie der Farbenblindheit nachhaltig zu entkräften und die Politik des Leugnens von systemi‐ schem Rassismus auf unterschiedlichen Ebenen zu brechen. Farbenblinder Rassismus oder Rassismus ohne Rassist: innen Zunächst klingt der Gedanke einer ‚farbenblinden‘ Gesellschaft, in der Rassisierung keine Rolle spielt, verführerisch und scheint ein erstrebenswertes Ziel zu sein. Im Kontext einer rassisierten und strukturell rassistischen Gesellschaft ist jedoch die Ideologie der Farbenblindheit Teil einer Strategie, um systemischen Rassismus zu negieren und den Status Quo zu erhalten. Diese Ideologie fußt auf den Annahmen, dass Rassismus nicht (mehr) existiere, Ungleichheiten auf individuelle Anstrengungen bzw. individuelles Scheitern zurückzuführen oder durch andere Unterdrückungsformen bedingt seien und viele (weiße) Menschen Hautfarbe und damit Rassisierung gar nicht (mehr) wahrnähmen (vgl. Ostertag und Armaline 2011, 268 und Burke 2019, 1). Meghan Burke benennt drei zentrale Charakteristika dieses farbenblinden Rassismus: Seine Ideologie diene erstens in reaktiver Weise dazu, bestehende rassisierte Ungleichheit und weiße Dominanz zu legitimieren (etwa durch Ignoranz oder Leugnung). Zweitens gehe er Hand in Hand mit neoliberaler Politik und Ideologie und sei eng verbunden mit dem Mythos einer meritokratischen Leistungsgesellschaft; und drittens nutze er rassisierende Stereotype, die in der Regel als Realität oder Fakten präsentiert würden (Burke, 2019, 3-5). In seinem Standardwerk zum systemischen Rassismus, Racism without Racists, welches inzwischen in sechster Auflage vorliegt, erläutert Bonilla-Silva, wie sich seit den 1960er Jahren in den USA eine Ideologie des farbenblinden Rassismus entwickelt hat, vor deren Hintergrund sich die meisten US-Amerikaner: innen nicht als Rassist: in‐ 2 Institutioneller, struktureller und systemischer Rassismus 33 <?page no="34"?> nen sehen und verstanden wissen wollen, aber rassisierte Ungleichheit systemisch fortbesteht. Um diesen Zustand zu legitimieren, verwenden Weiße verschiedene Raster: So werden Ideen des politischen und ökonomischen Liberalismus benutzt, um auf abstrakter Ebene für Chancengleichheit und Entscheidungsfreiheit zu argumentieren - und gleichzeitig auf konkreter Ebene Maßnahmen, wie z. B. affirmative action, mit dem Verweis auf Gleichbehandlungsgrundsätze und individuelle Wahlfreiheit zu verhindern. Die Strategie der Naturalisierung lässt Ungleichheiten als ‚natürlich‘ erscheinen, wenn etwa Segregation dadurch erklärt wird, dass sich Menschen eben gerne zu ihresgleichen gesellen. Kultureller Rassismus nutzt dagegen kulturelle Dif‐ ferenz als Begründungshorizont für rassisierte Ungleichheiten. Die Minimalisierung von Rassismus schließlich postuliert eine positive historische Entwicklung und die vermeintlich schwindende Bedeutung von Diskriminierung (vgl. Bonilla-Silva 2022, 82-83). Mit dieser interpretativen Matrix lassen sich rassisierte Ungleichheiten aus weißer Perspektive erklären, ohne systemischen Rassismus als Problem anzuerkennen. Mit seiner Theorie von racialized social systems und seiner Analyse eines farbenblinden Rassismus argumentiert Bonilla-Silva, dass nicht allein die vergleichsweise wenigen, klar identifizierbaren Rassist: innen das Problem seien, sondern vielmehr eine Mehrheit, die sich selbst für nicht-rassistisch hält, aber dennoch zum Erhalt von systemischem Rassismus beiträgt (vgl. Bonilla-Silva 2021 und 2022). Für eine breite gesellschaftliche Transformation braucht es somit zahlreiche persönliche Veränderungen ebenso wie große Umbrüche auf institutioneller, struktureller und systemischer Ebene. Literatur Alexander, Michelle. 2017. The New Jim Crow: Masseninhaftierung und Rassismus in den USA. Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung. Bonilla-Silva, Eduardo. 2021. „What Makes Systemic Racism Systemic? “ Sociological Inquiry 91,3: 513-33. Bonilla-Silva, Eduardo. 2022. Racism Without Racists: Color-Blind Racism and the Persistence of Racial Inequality in America. 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Los Angeles: Sage. 34 2 Institutioneller, struktureller und systemischer Rassismus <?page no="35"?> Hill, Jane. 2008. The Everyday Language of White Racism. Malden, MA: Wiley & Sons. Lippard, Cameron D., J. Scott Carter und David G. Embrick (Hg.), 2020. Protecting Whiteness: Whitelash and the Rejection of Racial Equality. Seattle: University of Washington Press. Murji, Karim. 2018. „Racism, Structural and Institutional.“ In The Blackwell Encyclopedia of Sociology, hrsg. von George Ritzer und Chris Rojek, 1-2. Hoboken, NJ: John Wiley & Sons. Ostertag, Stephen F. und William T. Armaline. 2011. „Image Isn’t Everything: Contemporary Systemic Racism and Antiracism in the Age of Obama.“ Humanity & Society 35: 261-89. Perry, Imani. 2011. More Beautiful and More Terrible: The Embrace and Transcendence of Racial Inequality in the United States. New York: New York UP. Rattansi, Ali. 2020. Racism: A Very Short Introduction. Oxford: Oxford UP. Ray, Rashawn und Hoda Mahmoudi (Hg.), 2022. 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Darauffolgend wird exemplarisch das besonders einfluss‐ reiche CRT-Konzept „Intersektionalität“ erläutert und abschließend der aktuelle Backlash gegen CRT in den USA skizziert. Aktuell ist Critical Race Theory in den USA heftig umkämpft. Dabei ist die Bedeutung von CRT in aktuellen Kontroversen selten klar, die in verschiedensten Bereichen der Gesellschaft ausgetragen werden. Die CRT-Bewegung selbst verstand sich bei ihrer Gründung an US-amerikanischen Rechtsfakultäten der 1980er Jahre als eine wissenschaftliche Intervention, die das Verhältnis zwischen Recht und Rassismus völlig neu bewertet (Crenshaw et al. 1995, xiii-xxxii). In den letzten zehn Jahren ist CRT aber in das Kreuzfeuer eines weitreichenden Kulturkampfs um Diversität geraten. So protestiert beispielsweise die rechtspopulistische Organisation Moms for Liberty me‐ dienwirksam gegen Schulmaterialien als vermeintliche Lehre von CRT, wenn jene die US-Geschichte von Versklavung und Kolonialisierung oder aktuelle Diskriminierungs‐ erfahrungen thematisieren. Ein weiteres Beispiel wäre die konfrontative Anhörung von Ketanji Brown Jackson im Jahr 2022 zur Berufung an den Obersten Gerichtshof. Hier schien für den Republikanischen Senator Ted Cruz die alles entscheidende Frage zu sein, in welchem Verhältnis Brown zu CRT stehe. Im selben Jahr musste sich bei einer ähnlich aufgeheizten Anhörung außerdem der Generalstabschef der US-Streitkräfte, Mark Milley, für die Auseinandersetzung mit CRT in der Militärausbildung öffentlich rechtfertigen. Aber was ist CRT genau und warum ist es ausgerechnet jetzt ein so umstrittenes Thema? Kurz gesagt handelt es sich bei CRT ursprünglich um ein Forschungsfeld, welches das Verhältnis zwischen Recht und Rassismus untersucht und Diskriminierung sowohl über Rechtsreformen als auch einen breiteren Kulturwandel abbauen will. Im Folgen‐ den soll dieser Ansatz theoretisiert und anhand einer Fallstudie konkretisiert werden. Zum besseren Verständnis dieses speziellen Ansatzes wird anschließend die Entwick‐ lung von CRT als wissenschaftliche Intervention in den Rechtswissenschaften der 1980er Jahre umrissen, die eine Bandbreite von einschlägigen Konzepten entwickelte, <?page no="38"?> welche mittlerweile auch jenseits der Forschung den öffentlichen Diskurs zu Rassismus verändert haben. Beispielhaft wird das besonders einflussreiche CRT-Konzept der „In‐ tersektionalität“ diskutiert und abschließend aufgezeigt, warum CRT im Mittelpunkt aktueller Kontroversen steht. Was ist Critical Race Theory? Ein Fallbeispiel CRT hat gegenwärtig auf beiden Seiten des Atlantiks ein „Imageproblem“. Das hat unter anderem mit dem Wort „Theory“ im Namen zu tun. Anders als in gegenwärtigen Kontroversen immer wieder auch bewusst falsch dargestellt wird, handelt es sich bei CRT weder um Spekulation noch um eine einzelne Theorie oder Methodik (Crenshaw et al. 1995, xxvii). CRT ist nämlich ein äußerst vielseitiges Bündel an Forschungsansät‐ zen. Der ursprünglich gemeinsame Nenner war die Auseinandersetzung mit der Frage, in welchem Verhältnis Recht und Rassismus zueinanderstehen. Um das Verhältnis zwischen Gesetzestext und Gesellschaft zu ergründen, werden rechtswissenschaftliche Methoden mit Ansätzen anderer Disziplinen kombiniert - z. B. mit der sogenannten „kritischen Theorie“, welche auch den Namen critical race theory prägt (Crenshaw et al. 1995, xiii). In einem transdisziplinären Vorgehen, das Rechtstheorie unter anderem mit Literaturtheorie und Soziologie verbindet, wird das Gesetz als nur scheinbar neutraler „Text“ interpretiert, der von ökonomischen und politischen Interessen beeinflusst wird, dadurch diskriminierende Machtverhältnisse herstellt und sie mit einem Diskurs von rechtlicher Neutralität normalisiert und legitimiert (Lawrence 1987; Gotanda 1991; Bell 1992b; Williams 1993, Crenshaw et al. 1995, xviii). Rassismus ist für CRT ein weitreichendes Phänomen, das verschiedenste Lebens‐ bereiche durchdringt und sich mit anderen Diskriminierungsformen wie Sexismus, Klassismus, Ableismus und Queerfeindlichkeit zu vielschichtigen Formen der Unter‐ drückung verbindet (Crenshaw 1989). Das Hauptaugenmerk richtet sich dabei nicht auf die Vorurteile oder Taten einzelner Akteure, sondern auf „strukturellen Rassismus“ als den Effekt von unbeabsichtigter, unbewusster und bewusster Benachteiligung durch zentrale Bereiche der Gesellschaft (z. B. Rechtsystem, Gesundheitswesen, Politik, Bil‐ dungsinstitutionen, Wohnungsmarkt). Die CRT-Forschung wendet dabei häufig ana‐ lytische Erzählverfahren an (legal storytelling), um zu konkretisieren, wie rassistische Diskriminierung durch neutral formulierte Gesetzesregelungen (re)produziert werden kann (Delgado u. Stefancic 2023, Williams 2024). Ein weiteres zentrales Merkmal traditioneller CRT-Forschung ist es, über die kritische Analyse hinaus auch konkrete Lösungsvorschläge zu entwickeln, die über Gesetzesänderungen aber auch durch ein verändertes Verständnis von Rassismus eine gerechtere Gesellschaft anstreben (Harris 1993, Williams 1997). Die Rechtswissenschaftlerin Khiara Bridges illustriert in ihrem umfangreichen wie zugänglichen CRT-Handbuch das oben skizzierte Forschungsprinzip erzählerisch mit dem prominenten Fall von Eric Garner, der einen wichtigen Bezugspunkt der Black-Lives-Matter-Bewegung (→ Kapitel Black Lives Matter) darstellt (Bridges 2019, 38 3 Critical Race Theory und Intersektionalität <?page no="39"?> 38-40). 2014 wird der asthmatische, unbewaffnete, afroamerikanische Cis-Mann durch Polizeigewalt getötet, als er für den illegalen Verkauf von Einzelzigaretten von der Polizei angehalten und in einen verbotenen Würgegriff genommen und gehalten wird - trotz seiner mehrmaligen und verzweifelten Hinweise auf Atemnot: „I can’t breathe“. Nach Bridges stellt eine CRT-Analyse dieses Falls u. a. folgende Fragen: Wie kam es dazu, dass die Gesetzgebung des Bundesstaates New York speziell den Verkauf von Einzelzigaretten als kriminelle Handlung einstuft und ahndet? Was sagt uns der Verkauf von Einzelzigaretten über Garners ökonomischen Handlungsspielraum? Warum initiierte der Polizist eine gewaltsame Intervention für eine gewaltlose Straftat? Welche empirischen Daten liegen zum polizeilichen Umgang mit beispielsweise wei‐ ßen Cis-Männern oder Schwarzen und Indigenen Trans-Frauen bei vergleichbaren Ver‐ gehen vor? Und warum litt Garner wie so viele ärmere Menschen of Color in den USA an einer chronischen Krankheit? Bridges zufolge richtet CRT in einem solchen Fall die Aufmerksamkeit nicht nur auf den individuellen Polizisten oder potenziell rassistische Vorannahmen polizeilicher Überwachungspraktiken allgemein. Darüber hinaus würde untersucht, wie und wo sowohl spezifisch armutsbedingte als auch gewaltlose Hand‐ lungen kriminalisiert, überwacht und bestraft werden - und wo nicht. Zudem würde erörtert, wie das Vorgehen gegen Garner als neutrale Umsetzung des Gesetzes geltend gemacht wird und wieso das formelle Recht gegen unverhältnismäßige körperliche Durchsuchungen im konkreten Fall offensichtlich nicht ausreicht, um Garners Leben zu schützen. Außerdem würde eine solche CRT-Fallstudie Ideen entwickeln, wie soziale Ordnung nicht primär über Bestrafung hergestellt wird, sondern durch eine veränderte Ressourcenverteilung, die legale Verdienstmöglichkeiten für Menschen in prekären Lebenslagen bereitstellt und über ein verändertes Gesundheits- und Sozialwesen sowie Umweltschutz ihr Leben schützt oder zumindest ihre Verletzlichkeit drastisch mindert. Dieser ganzheitliche Ansatz in der Analyse von Recht und Rassismus erklärt sich durch den spezifischen Entstehungskontext von CRT. Die Entstehung von Critical Race Theory als wissenschaftliche Intervention In den 1980er Jahren standen weite Teile der progressiven wie konservativen Lager der USA hinter einem Prinzip der sogenannten colorblindness (z. Dt. Farbenblindheit). Konkret geht es um die Vorstellung, dass die Erfolge der Bürgerrechtsbewegung Rassismus im Rechtssystem beseitigt hätten und dass das Rechtssystem nun ungeachtet der ‚Hautfarbe‘ mit allen US-amerikanischen Bürger: innen gleich verfahre (Bridges 2019, 35-50). Darüber hinaus wurde das Prinzip der „Farbenblindheit“ zu einem Ideal für alle anderen Gesellschaftsbereiche, indem das Entthematisieren von ethnischen Unterschieden zum Königsweg in der Bekämpfung von Rassismus allgemein erklärt wurde (Flagg 1993, 953-954). Da historisch ethnische Zugehörigkeit im Recht benannt wurde, um rassistische Ausgrenzung zu betreiben, erschien es zunächst logisch, dass formale Neutralität im Recht das offensichtliche „Gegenmittel“ darstellt (Williams 1993, 48). Wenn mit der neuen Neutralität im Recht alle US-Amerikaner: innen formal 3 Critical Race Theory und Intersektionalität 39 <?page no="40"?> gleichgestellt waren und Gesetzesregelungen keine Unterscheidung nach ethnischer Zugehörigkeit vornehmen dürfen, erschien Rassismus nicht mehr als ein strukturelles Problem. Nachdem Diskriminierung damit in der Form von etwa Segregationsgesetzen augenscheinlich gebannt worden war, wurde Rassismus im dominanten Diskurs als ein Randphänomen ausgelegt, das sich auf scheinbare Außenseitergruppen wie den Ku-Klux-Klan und individuelle Vorurteile beschränke (Bridges 2019, 35-50). Auch die‐ ser vermeintliche Rest an Rassismus kann, laut der Logik von colorblindness, auf lange Sicht getilgt werden, indem ethnische Unterschiede bis zur mentalen Verinnerlichung entthematisiert werden und damit letztlich vorgeblich nicht mehr bedeutsam oder überhaupt wahrnehmbar sind. Vor diesem gesellschaftlichen Hintergrund identifizierten Rechtswissenschaftler: in‐ nen of Color in den 1980er Jahren zwei Dynamiken. Erstens beobachten sie, dass sich der Paradigmenwechsel zu formal-rechtlicher Gleichstellung nicht in eine Angleichung sozio-ökonomischer Erfolgsraten zwischen ethnischen Gruppen übersetzt (Bell 1987). Zweitens verfolgen sie, wie mit dem Argument der angeblich realisierten Gleichstel‐ lung neu errungene Bürgerrechte wie Fördermaßnahmen zugunsten historisch ausge‐ grenzter Gruppen (affirmative action) bekämpft und eingeschränkt wurden. Da die erfochtene Gleichstellung vor dem Gesetz keine ausreichende Lösung für rassistische Diskriminierung darzustellen scheint, begannen Vordenker: innen der CRT-Bewegung wie der Anwalt und Rechtswissenschaftler Derrick Bell, ein neues Verständnis vom Verhältnis zwischen Recht und Rassismus zu entwickeln. Das damalige Antidiskriminierungsrecht bezog sich in erster Linie auf vorsätzliche und explizite Formen des Ausschlusses und der Abwertung durch Institutionen oder Personen (Bridges 2019, 36). CRT erweitert diesen Rassismusbegriff, um zu analysieren, wie Diskriminierung auch trotz formalrechtlicher Gleichstellung wirken kann. Dabei schwenkt CRT den Blick von expliziten Formen auf implizite Formen der Diskrimi‐ nierung und identifiziert Rassismus nicht als Ausnahme, sondern Regel, die über verschiedene Schaltstellen der Gesellschaft den Machterhalt einer mehrheitlich weißen Oberschicht in Amerika unterstützt (Crenshaw et al. 1995 xiv; Lopez u. Stefancic 2017, 7). In diesem Kontext wird das Recht nicht zwangsläufig als Lösung, sondern auch als Teil des Problems verstanden. Für CRT-Forschende ist das Recht nämlich grundlegend ambivalent (Matsuda 1989). Auf der einen Seite beleuchtet CRT, wie formalrechtliche Gleichstellung ethnische Diskriminierung aufrechterhält: Wenn etwa öffentliche Schulen durch lokale Eigentumssteuern finanziert werden, BIPoC-Viertel im Umkehrschluss besonders häufig mit unterfinanzierten Schulen auskommen kom‐ men müssen, formalrechtliche Gleichstellung aber mit Chancengleichheit gleichgesetzt wird, um die statistische Bildungskluft zwischen weißen und nicht-weißen US-Ameri‐ kaner: innen als grundsätzlich selbstverdient bzw. selbstverschuldet zu rahmen (Bridges 2019, 437-73). Auf der anderen Seite sieht die CRT-Forschung in der fortwährenden Reformierung des Rechts aber ein unverzichtbares Mittel für den Abbau von Rassismus, wie dies etwa an der Durchsetzung des Wahlrechts deutlich wird. 40 3 Critical Race Theory und Intersektionalität <?page no="41"?> Erläuterung | Derrick Bell (1930-2011): Der Bürgerrechtsanwalt und Rechtswis‐ senschaftler Derrick Bell gilt als entscheidender Vordenker und Netzwerker der CRT-Bewegung. Als Rechtsprofessor an der Harvard University stellte er neuartige Thesen zum Verhältnis von Recht und Rassismus auf und unterrichtete sowie publizierte sie mittels innovativer Formen. Insbesondere seine Parabeln als Form der Rechtsdeutung finden Beachtung und sind wegweisend für eine Tradition der erzählerischen Analyse in der CRT-Forschung. Sein vielleicht bekanntestes Para‐ digma ist die „Convergence Theory“. Damit argumentierte Bell, dass antirassisti‐ sche Reformierungen der 1960er Jahre nicht primär durch moralischen Fortschritt, sondern durch die Überlappung der Interessen von ethnischen Minderheiten und der dominierenden Klasse entstanden. So erklärte Bell die Aufhebung von Segregationsgesetzen vor allem durch den politischen Druck des Kalten Krieges, in dem sich die USA in Konkurrenz zum Kommunismus als gerechtere politische Ordnung durchsetzen wollten. Obwohl zunächst hochumstritten, wurde seine These später durch die Recherchen von Historiker: innen wie Mary L. Dudziak bestätigt. CRT entwickelte diesen zwiespältigen Blick auf das Verhältnis von Recht und Rassis‐ mus durch theoretische und institutionelle Auseinandersetzungen an den US-ameri‐ kanischen Rechtsfakultäten der 1980er Jahre. Auf der theoretischen Ebene setzte sich Critical Race Theory von den etablierten „Critical Legal Studies“ ab, um Rassismus statt Klassismus ins Zentrum der rechttheoretischen Analyse zu rücken (Crenshaw et al. 1995 xxvii). Auf der Ebene von institutionellen Auseinandersetzungen stellen die Stu‐ dierendenproteste rund um Rechtsprofessor Derrick Bell an der Harvard University den prominesten Bezugspunkt in der CRT-Geschichte da. Als er seine Professur in Protest verließ, weil die Universität mit Argumenten der ethnischen Neutralität keine der offenen Stellen an der Rechtsfakultät mit einer Forscherin of Color besetzt hatte, regte sich studentischer Widerstand - zu dem u.-a. die spätere Intersektionalitätsforscherin Kimberlé Crenshaw gehörte (Nash and Pinto 2023, 5). Die Student: innen forderten die Nachbesetzung durch eine BIPoC-Professor: in mit Fokus auf rassismuskritischer Lehre. Im Zuge des Protestes erstellten die Studierenden selbst einen rassismuskritischen Lehrplan, luden einschlägige BIPoC-Rechtswissenschaftler: innen für Workshops ein und gründeten eine inoffizielle Forschungsgemeinschaft, die dann als „Critical Race Theory“ Schule machte (Crenshaw et al. 1995, xx-xxiii). Diese CRT-Schule hat seitdem zahlreiche Konzepte entwickelt, die mittlerweile in verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen, der Bildungspolitik und im Aktivismus anzutreffen sind. Im Folgenden soll beispielhaft das einflussreiche Konzept der Intersektionalität umrissen werden, welches auch einen zentralen Platz in aktuellen Kontroversen um CRT einnimmt. 3 Critical Race Theory und Intersektionalität 41 <?page no="42"?> Das CRT-Konzept Intersektionalität Die Herausbildung des CRT-Konzepts „Intersektionalität“ wird insbesondere mit den Arbeiten Kimberlé Crenshaws verbunden, die untersuchen, wie neutral formulierte Regelungen marginalisierte Gruppen auf mehrfache Weise unterdrücken können. Dieses Phänomen beschreibt Crenshaw mit dem Wort „intersectionality“, als Über‐ schneidung verschiedener Unterdrückungsachsen. Der Begriff greift die Metapher der Verkehrskreuzung (engl. „intersection“) auf, an der es aus verschiedenen Richtungen gleichzeitig zu gewaltvollen Schädigungen kommen kann (Crenshaw 1989, 149). Crenshaws Konzept der Intersektionalität versteht Rassismus nicht als isolierbare Diskriminierungsform, sondern untersucht ihn immer in der Verschränkung mit ande‐ ren Marginalsierungsachsen und argumentiert, dass Rassismus nur effektiv bekämpft werden könne, wenn er in seiner Verflechtung mit anderen Diskriminierungsformen erkannt wird. Um diese Zusammenhänge zu veranschaulichen, diskutiert Crenshaw unter ande‐ rem den Fall Degraffenreid v. General Motors, in dem 1976 eine Entscheidung eines U.S. District Court in Missouri erfolgte (Crenshaw 1989, 141-43). Der Autokonzern General Motors hatte mit Verweis auf das scheinbar rein formale Prinzip der Stellenstreichung nach Senioritätsgrad insbesondere die Stellen von Schwarzen Frauen gestrichen. Crenshaw führt aus, dass das Gericht die Diskriminierungsklage gegen den Konzern abwies, weil es sich vorgeblich weder um rassistische noch sexistische Diskriminie‐ rung handelt, da der Konzern sowohl weiße Frauen als auch Afroamerikaner weiter beschäftigt. Allerdings, so Crenshaw, hatte der Konzern Schwarze Frauen erst seit 1964 angestellt. Mit der Einführung des „neutralen“ Senioritätsprinzips setzte er in den 1970er Jahren alte Diskriminierungspraxen fort. Das Antidiskriminierungsrecht konnte die Mehrfachbenachteiligung von Schwarzen Frauen nicht verhindern, da es Diskriminierung formal nur als Rassismus oder Sexismus adressieren und regulieren kann. Crenshaw verdeutlichte mit dieser und weiteren Analysen, dass weder Rassismus noch Sexismus eine allgemeine Erfahrung darstellt und schlussfolgerte, dass sich anti‐ rassistische Bewegungen auch in Rechtsfragen immer damit auseinandersetzen sollten, wie sich Sexismus, Klassismus, Queerfeindlichkeit, und Ableismus verschränken. Wer an der Kreuzung von Unterdrückungsachsen vulnerabler positioniert ist, komme ansonsten wie im Fall Degraffenreid v. General Motors automatisch schneller und härter zu Schaden (Crenshaw 1989, 151). Mit dem Begriff der Intersektionalität veränderte sich langfristig auch der allgemeine Diskurs zu Diskriminierung. Vorher wurde, trotz zahlreicher Interventionen auf wissenschaftlicher und aktivistischer Ebene, mehrheit‐ lich eindimensional von Rassismus oder Sexismus oder Homophobie oder Klassismus gesprochen, als wenn diese Diskriminierungserfahrungen getrennt voneinander erlebt würden und Rassismus beispielsweise geschlechtsunabhängig für Menschen dieselben Konsequenzen hätte. Intersektionalität behält diese Achsen gleichzeitig im Blick und untersucht, wie sie sich gegenseitig beeinflussen. Aufgrund von Crenshaws einflussreichem Begriff der Intersektionalität wird sie zuweilen als eine Art Entdeckerin von Mehrfachunterdrückung wahrgenommen. 42 3 Critical Race Theory und Intersektionalität <?page no="43"?> Deshalb merken Forscher: innen immer wieder kritisch an, dass die Verschränkung von Unterdrückungsachsen sowohl vor als auch zeitgleich mit Crenshaw auf unter‐ schiedlichste Weise bearbeitet wurde, von Sojourner Truths ikonischer Rede „Ain’t I a Woman“ (1851) zum Aktivismus des Combahee River Collective (1977) und dem Modell der Unterdrückungsmatrix (matrix of domination) der Soziologin Patricia Hill Collins (Hill Collins 1990, 227-28; → Kapitel Schwarzer Feminismus). Solche Hinweise sind überraschend, da sich Crenshaw in ihren Studien selbst explizit auf diese Vorgeschichte beruft und ihren Forschungsbeitrag darin sieht, die Analyse von Mehr‐ fachunterdrückung auf Rechtstheorie in einer Ära formal-rechtlicher Gleichstellung zu übertragen (Crenshaw 1989, 139). Zugleich verstellt der Fokus auf Crenshaws Arbeiten den Blick darauf, dass andere CRT-Forscherinnen zur selben Zeit zur rechtlichen Mehrfachdiskriminierung forschten (Matsuda 1987) und sich zudem intensiv mit Fragen von mentaler wie physischer Gesundheitsdiskriminierung und reproduktiven Rechten beschäftigten (Roberts 1991; Williams 1993). Mittlerweile ist das Konzept „Intersektionalität“ in verschiedenste Richtungen expandiert. Einerseits konstatiert Bridges, dass Rassismus durch CRT zunehmend differenziert-intersektional beforscht wird und neben Sexismus und Klassismus auch Einflussfaktoren wie Queerfeindlichkeit, Ableismus oder Religionszuschreibungen verstärkt in den Blick gelangen (Bridges 2019, 253-314). Andererseits ist bei der Expansion des Begriffs auch eine Dynamik entstanden, die als eine Form von “color‐ blind intersectionality” verstanden werden kann (Carbado 2019). Dabei wird zwar explizit Intersektionalität als wissenschaftlicher Ansatz benannt, Rassismus aus der Gleichung aber entfernt und die Schwarz-feministische Theorie als Methodenursprung in der Untersuchung von Mehrfachunterdrückung häufig übergangen (Tomlinson 2019). In diesem Zusammenhang werden im akademischen und öffentlichen Raum auch immer häufiger die Variablen Recht und Unterdrückung ausgeklammert, so dass Intersektionalität dazu benutzt wird, um lediglich die Verschränkung von Identitäts‐ merkmalen zu beschreiben. Dies wird von CRT-Forscherinnen zuweilen nicht nur als Verwässerung des Konzepts, sondern auch als eine intellektuelle Form kultureller Aneignung kritisiert, bei der Schwarze Frauen als Entwicklerinnen des Konzepts und als mehrfach Diskriminierte aus dem Blickfeld geraten (Tomlinson 2019). Allerdings sprechen sich auch prominente Intersektionalitätsforscher: innen wie Jennifer Nash dafür aus, sich von einer Diskurshoheit über den Begriff und dessen disziplinärer Zugehörigkeit zu lösen und die wissenschaftliche wie politische Energie stattdessen beispielsweise dezidiert in Schwarz-feministische Anliegen zu investieren (Nash 2018; Nash u. Pinto 2023). Da Intersektionalität in dem breiteren Kulturkampf um CRT in den letzten Jahren zu einem polarisierenden Schlagwort entleert wurde, erscheint es mir zudem sinnvoll ursprüngliche CRT-Konzepte in der eigenen Anwendung genau zu definieren und ihre Entstehungskontexte zu berücksichtigen. 3 Critical Race Theory und Intersektionalität 43 <?page no="44"?> Ausblick: CRT als umkämpftes Wissen In den Konflikten über Diversität in der US-amerikanischen Gesellschaft in der letzten Dekade wird CRT und insbesondere der Begriff Intersektionalität von ver‐ schiedenen Seiten als eine Art neues „Kastensystem“ skandalisiert. Anstelle eines vorgeblich bewährten Gesellschaftsmodells der Meritokratie würden Menschen nun rigide nach Grad der Minderheitszugehörigkeiten eingeteilt und übervorteilt, so dass nicht Chancengleichheit entsteht, sondern Identitätsmerkmale wie Weißsein, Heterosexualität und (Cis-)Männlichkeit automatisch zu Benachteiligung führten (Coasten 2019). Dieser Vorwurf ignoriert, dass Intersektionalität erstens eigentlich einen (rechts)wissenschaftlichen Forschungsansatz darstellt und zweitens die Über‐ kreuzung von Unterdrückungsstrukturen in den Mittelpunkt einer Analyse rückt. In aktuellen Kontroversen zu Diversität dienen „Intersektionalität“ und „CRT“ als Worthülsen, um unterschiedlichste Formen der Diskriminierungssensibilisierung als eine Identitätspolitik zu kritisieren, welche die Gesellschaft spalte und aus öffentlichen Bereichen getilgt werden müsse. Diese Logik leitet auch Donald Trumps Politik. Kurz vor Ende seiner ersten Amtszeit inszenierte er im Wahlkampf das Verbot von vorgeblicher CRT-Lehre an US-amerikanischen Schulen als „eine Frage des Überlebens der Nation“ (zit. Levin 2022). Und zu Beginn seiner zweiten Amtszeit erließ er eine erneute Präsidentenverfügung gegen „radikale Indoktrination“ durch Konzepte wie „white privilege“ an öffentlichen Schulen (EO 2025). In der Presse wurde dies gemeinhin als CRT-Bann im Bildungswesen aufgegriffen, obwohl die rechtswissenschaftliche Forschung CRT nach wie vor zum Lehrplan von universitären Studiengängen gehört. Einerseits zeigt die breite Zirkulation des CRT-Begriffs den Erfolg einer Forschungs‐ bewegung an, die das Verhältnis zwischen Recht und Rassismus erstens transdisziplinär beforscht, zweitens verändern will und dabei drittens eine Bandbreite von Konzepten entwickelt, deren Strahlkraft auch jenseits von wissenschaftlichen Disziplinen die öffentliche Debatte zu Diskriminierung verändert hat. Andererseits erfolgt auf diese Bewusstseinsveränderung nun eine massive Abwehrreaktion. In seinem Buch The War on Critical Race Theory rekonstruiert der Philosoph David Theo Goldberg jene Abwehr als eine orchestrierte Hetzkampagne konservativer Kräfte, die den Diskurs und den praktischen Umgang mit Diskriminierung in Amerika wirkmächtig verschieben (Gold‐ berg 2023). Dabei wird CRT von der Bedeutung einer praxis-orientierten Forschung zum Verhältnis von Recht und Rassismus entkoppelt und in eine aktivistische Praxis umgedeutet, deren Thematisierung von Ethnizität und speziell weißer Dominanz als antiweißer Rassismus ausgelegt wird. Bezeichnenderweise setzen sich die Protagonist: innen der Kampagne in der Regel nicht mit konkreter CRT-Forschung auseinander, sondern verwenden CRT als einen vagen aber bedrohlichen Kampfbegriff für verschiedenste Phänomene, bei denen Diversität gefördert bzw. für Diskriminierung sensibilisiert werden soll. Dabei werden beispielsweise die antirassistischen Veröffentlichungen der Journalistin Nicole Han‐ nah-Jones (The 1619 Project), der Soziologin Robin DiAngelo (White Fragility) oder des Historikers Ibram Kendi (How to Be an Antiracist) zum Inbegriff von CRT als spaltenden 44 3 Critical Race Theory und Intersektionalität <?page no="45"?> Aktivismus erklärt, obwohl sich keiner von ihnen der CRT-Forschung zurechnet. Der prominenteste Ausdruck der „Fake News“-Kampagne sind wohl die sogenannten book bans. Insbesondere durch den Aktivismus der bereits erwähnten Moms for Liberty - die als verlängerter Arm der einflussreichen rechtskonservativen Organisation Heritage Foundation agieren - wird aktuell in einer drastisch steigenden Zahl von Distrikten und Staaten der Einsatz von Schulmaterial als vermeintliche CRT-Lehre verboten, das für historische oder aktuelle Diskriminierung sensibilisiert. So richten sich die book bans mitunter gegen Romanklassiker wie Toni Morrisons Beloved zur Geschichte der Versklavung oder Angie Thomasʼ Bildungsroman-Bestseller The Hate U Give zur Black-Lives-Matter-Bewegung (ALA 2024). Während diese breite Agitation gegen CRT in der Presse häufig als ein neues Spekta‐ kel der politischen Kultur in der Trump-Ära diskutiert wird, sehen Vertreter: innen der CRT dies als eine Dynamik nach dem altbekannten Muster von reform and retrench‐ ment. Nach diesem Paradigma treffen antirassistische Transformationsprozesse auf Gegenbewegungen, die jene Fortschritte untergraben und alte Machtstrukturen in veränderter Form wiederaufbauen (Crenshaw 1988). Wenn die formale Abschaffung der Sklaverei unter anderem mit Segregationsgesetzen kompensiert wurde und die Errungenschaften der Bürgerrechtsbewegung etwa mit der Aushöhlung von affirma‐ tive action eingeebnet wurden und werden, erleben wir aktuell, wie die intersektionale Bewusstseinsbildung einen massiven Backlash erlebt, nachdem sie durch die Black-Li‐ ves-Matter-Proteste der vergangenen Jahre eine breite Sichtbarkeit und Unterstützung erfahren hatte (→ Kapitel Black Lives Matter). Literatur American Library Association. 2024. „Censorship by the Numbers.“ Sept. 23, 2024. https: / / www .ala.org/ bbooks/ censorship-numbers. Bell, Derrick. 1987. We Are Not Saved: The Elusive Quest for Racial Justice. New York: Basic Books. Bell, Derrick. 1992a. Faces at the Bottom of the Well: The Permanence of Racism. New York: Books. Bell, Derrick. 1992b. „Racial Realism.“-Connecticut Law Review-24 (2): 363-79. Bonilla-Silva, Eduardo.-2023. 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Jahrhunderts traten auch bereits einzelne Versatzstücke eines modernen Antisemitismus auf. Dessen Formierung vollzog sich aber erst im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert. Nachdem moderner Antisemitismus in den Dekaden nach dem Holocaust gesamtgesellschaftlich an Wirkmacht verlor, lässt sich seit der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA im Jahr 2016 ein enormer Bedeutungsgewinn antisemitischer Verschwörungsnarrative und ein Anstieg antisemitischer Gewalt beobachten. Um die Geschichte der Judenfeindschaft in den USA zu verstehen, sind zweierlei Vorüberlegungen hilfreich. Erstens lassen sich historisch verschiedene Formen der Judenfeindschaft identifizieren. So unterscheidet sich die religiös begründete Juden‐ feindschaft, die auch als Antijudaismus bezeichnet wird und in der Topoi wie der Jesusmord eine wichtige Rolle spielen, in wichtigen Aspekten von einem biologisch begründeten modernen Antisemitismus, der auf der unhaltbaren Vorstellung distinkter „Rassen“ aufbaut und zudem Juden: Jüdinnen für verschiedene Facetten einer kapital‐ istischen Moderne verantwortlich macht, die als bedrohlich wahrgenommen werden. Obwohl sich die verschiedenen Formen der Judenfeindschaft typologisch voneinander trennen lassen, waren religiöse Judenfeindschaft und moderner Antisemitismus in der Geschichte der USA seit den letzten Dekaden des 19. Jahrhunderts häufig miteinander verwoben. Auch lassen sich im modernen Antisemitismus viele Topoi wiederfinden, die bereits Bestandteil der religiös motivierten Judenfeindschaft waren. Zweitens lässt sich die Geschichte der Judenfeindschaft und insbesondere die des modernen Antisemitismus in den USA nur verstehen, wenn wir sie in Verbindung mit anderen gesellschaftlichen Machtkategorien untersuchen. Wie es das Konzept der Intersektionalität (→ Kapitel Critical Race Theory und Intersektionalität) vorschlägt, sollten wir Kategorien wie „Rasse“/ Ethnie, Geschlecht, Klasse, Sexualität, Religion oder Region als miteinander verflochten begreifen. Eine derartige Perspektivierung ermöglicht es, das Zusammenspiel von Antisemitismus mit Rassismus, Sexismus, Heteronormativität und anderen gesellschaftlichen Machtstrukturen in den Blick zu bekommen. <?page no="50"?> Im Folgenden werde ich einen kursorischen Überblick über die Geschichte der Ju‐ denfeindschaften von der Staatsgründung bis in die Gegenwart geben und dabei einen kurzen Blick auf das koloniale Zeitalter werfen. Ich identifiziere zwei Zeitpunkte, an denen sich wichtige qualitative Veränderungen in der Geschichte der Judenfeindschaft ereigneten: die Dekaden um die Wende zum 20. Jahrhundert, in denen sich die Genese eines modernen Antisemitismus vollzog, und die Shoah, die zu einer weitgehenden Delegitimierung von Antisemitismus führte. Einen weiteren bedeutenden Umschlags‐ punkt in der Geschichte des Antisemitismus bildet das frühe 21. Jahrhundert und insbesondere die Präsidentschaft von Donald Trump. Religiöse Judenfeindschaft von der Kolonialzeit bis zum Bürgerkrieg Obwohl die Bedingungen für Juden: Jüdinnen im kolonialen Nordamerika besser waren als in Europa, zirkulierte auch dort bereits judenfeindliches Wissen. Der wohl bekannteste Fall aus der Kolonialzeit ereignete sich in New Amsterdam, dem heutigen New York City, im Jahr 1654. Der dortige Gouverneur, Peter Stuyvesant, wollte 23 Juden: Jüdinnen, die aus dem heutigen Brasilien geflohen waren, vertreiben, was ihm allerdings die Dutch West India Company untersagte ( Jaher 1994, 89-91). Ebenso waren Juden: Jüdinnen anderer nordamerikanischer Kolonien von antijudais‐ tischen Diskriminierungen betroffen. In fast allen Kolonien, die im späten 18. Jahr‐ hundert die Vereinigten Staaten von Amerika begründen sollten, war eine Spielart des Christentums als offizielle Religion festgelegt. Obschon sich die verschiedenen christlichen Konfessionen in ihrem Verhältnis zum Judentum unterschieden, waren antijudaistische Stereotype und Topoi weit verbreitet. Antijudaismus resultierte in Diskriminierungen, die auch gesellschaftliche Felder wie die Ökonomie oder die Politik betrafen. Häufig wurde Juden: Jüdinnen das aktive und das passive Wahlrecht vorenthalten. Auch untersagten es die sogenannten sunday laws, sonntags einen Beruf auszuüben. Für Juden: Jüdinnen, die den Schabbat einhalten wollten und deshalb samstags nicht arbeiteten, bedeutete dies eine ökonomische Benachteiligung. Mitunter mündete die religiös motivierte Judenfeindschaft auch in Gewaltakten. Trotz der weiten Verbreitung des Antijudaismus gestaltete sich das alltägliche Zusammenleben in der Kolonialzeit jedoch zumeist relativ friedlich (Dinnerstein 1994, 5-11; Jaher 1994, 87 f., 112; Michael 2005, 61). Wie auch in anderen zukünftigen Krisensituationen, kam es in den Jahren der Amerikanischen Revolution zu einer Intensivierung der Judenfeindschaft. Juden: Jüdin‐ nen wurden verdächtigt, von den kriegerischen Auseinandersetzungen in finanzieller Hinsicht zu profitieren. Außerdem wurden sie der Illoyalität und des Verrates geziehen - eine Vorstellung, die auch später wiederholt eine wichtige Rolle spielen sollte ( Jaher 1994, 106-9). Auch nach der Gründung der USA existierten Diskriminierungen gegen Juden: Jü‐ dinnen und judenfeindliches Wissen war weiterhin weit verbreitet, auch unter zahl‐ reichen politischen Führern der jungen Republik (Michael 2005). Jedoch brachte die 50 4 Antijudaismus und moderner Antisemitismus <?page no="51"?> Unabhängigkeit der USA für die ca. 1.600 Juden: Jüdinnen, die dort um 1800 lebten, Verbesserungen mit sich. Im Jahr 1777 gewährte ihnen New York als erster Staat in der sogenannten westlichen Welt die vollen Staatsbürgerrechte. Auch in South Carolina erhielten sie das aktive und das passive Wahlrecht. In den anderen Bundesstaaten blieben die Rechte von Juden: Jüdinnen eingeschränkt, obschon die diskriminierenden Gesetze in der Realität nicht immer Anwendung fanden. In den folgenden Dekaden wurden in vielen Bundesstaaten zumindest einige der rechtlichen Diskriminierungen aufgehoben. Juden: Jüdinnen fanden Zugang zu vielen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, aus denen sie zuvor ausgeschlossen waren. Prestigeträchtige Bildungseinrich‐ tungen wie die Yale University (1809) und die Harvard University (1837) öffneten ihre Tore für sie. Sie wurden Mitglieder in wichtigen Freimaurerlogen, angesehenen Berufsorganisationen und sozialen Clubs. Auch heirateten Juden: Jüdinnen in bekannte protestantische Familien ein, was allerdings mit der Konversion zum Christentum einherging ( Jaher 1994, 121 f., 143 f.). Ab den 1840er Jahren stieg die Zahl der aus Europa kommenden Immigrant: innen stark an. Allein in den 1840er und 1850er Jahren ließen sich über 4.000.000 Menschen in den Vereinigten Staaten nieder. Unter ihnen waren auch zahlreiche Juden: Jüdinnen, die überwiegend aus deutschen Staaten kamen. Lebten 1830 gerade einmal ungefähr 4.500 jüdische Menschen in den USA, waren es 1846 bereits 40.000 und zur Zeit des Bürgerkriegs gar 150.000. Viele Menschen reagierten auf die deutlich gestiegenen Immigrationszahlen mit einer Hinwendung zu nativistischen Ressentiments, die sich primär gegen irische Katholik: innen richteten, aber auch Juden: Jüdinnen betrafen (Dinnerstein 1994, 23 f.). Die Immigration erfolgte in einer Zeit, in der sich in der öko‐ nomischen Ordnung bedeutende Veränderungen ereigneten und es insbesondere im Nordosten des Landes zum deutlichen Ausbau des industriellen Sektors kam. In diesem Zusammenhang verbreitete sich seit den 1840er Jahren das Stereotyp des neureichen Juden, der sich unter Einsatz rücksichtsloser Geschäftspraktiken bereichere und seinen neu erworbenen Wohlstand protzig zur Schau stelle. Ökonomische Diskriminierungen gegen Juden: Jüdinnen nahmen zu. Beispielsweise weigerten sich viele Institute, Kredite an diese zu vergeben (Gerber 1998, 32 f.; Jaher 1994, 170). Die zunehmenden Spannungen zwischen den Nord- und Südstaaten sowie der Bürgerkrieg (1861-1865) führten zu einer weiteren Intensivierung judenfeindlicher Ressentiments. Auch Topoi aus dem Arsenal des modernen Antisemitismus lassen sich zu der Zeit bereits verstärkt ausmachen. Auf beiden Seiten wurden Juden: Jüdinnen als gewissenlose und unpatriotische Profiteure des Konfliktes attackiert, die sich zudem vor dem Einsatz in der jeweiligen Armee drücken würden. Im Süden wurde Judah P. Benjamin, der im Verlauf des Krieges als Oberstaatsanwalt, Kriegsminister und zuletzt als Außenminister tätig war und somit eine hohe Sichtbarkeit aufwies, häufig zur Zielscheibe judenfeindlicher Attacken. Das wohl bekannteste Beispiel der Judenfeindschaft ereignete sich während des Bürgerkriegs jedoch auf Seiten der Nordstaaten. Im Dezember 1862 erließ der General und spätere Präsident, Ulysses S. Grant, die Order #11, die helfen sollte, Schmuggel zu unterbinden. Betroffen von ihr 4 Antijudaismus und moderner Antisemitismus 51 <?page no="52"?> waren aber lediglich Juden: Jüdinnen. Präsident Abraham Lincoln intervenierte jedoch gegen Grants Vorhaben und hob die Verfügung auf. Nach dem Bürgerkrieg verloren Stereotype wie die des unpatriotischen Kriegsprofiteurs wieder an Wirkmacht (Bunker und Appel 1994; Dinnerstein 1994, 3 f.; Michael 2005, 88 f.; Simon 2010). Die Genese des modernen Antisemitismus im späten 19. und frühen 20.-Jahrhundert Zwischen 1880 und 1923 emigrierten ungefähr 2,5 Millionen Juden: Jüdinnen aus osteuropäischen Ländern, um dem dortigen Antisemitismus zu entfliehen. Der weit überwiegende Teil von ihnen wanderte in die USA aus. Waren 1880 gut 250.000 jüdische Menschen in den USA beheimatet, lebten dort 1920 bereits um die vier Millionen. Diese Immigrationsbewegung veränderte auch die Zusammensetzung der in den USA lebenden jüdischen Communities. Während 1880 lediglich ein Sechstel der jüdischen Bevölkerung aus Osteuropa stammte, waren es 40 Jahre später fünf Sechstel (Diner 2004, 74, 79-81, 88-92). Diese Entwicklung vollzog sich zu einem Zeitpunkt, als sich in den USA mannig‐ faltige Veränderungen im Feld der Judenfeindschaft ereigneten. In Reaktion auf die fortschreitende Durchsetzung einer kapitalistischen Moderne kam es zur Genese des modernen Antisemitismus, ohne dass der Antijudaismus jedoch verschwand. Ein zent‐ raler Aspekt dieser Entwicklung war das Aufkommen des Rasseantisemitismus. Bereits in vorherigen Jahrzehnten hatten nicht-jüdische US-Amerikaner: innen Juden: Jüdinnen eine distinkte physiognomische Erscheinung und spezifische (moralische) Verhaltens‐ weisen attribuiert. Aber erst im späten 19. Jahrhundert wurden sie unter Rückgriff auf wissenschaftlich-biologistische Theorien als „Rasse“ gefasst (Goldstein 2006, 35). Die rassische Kategorisierung von Juden: Jüdinnen erfolgte vor dem Hintergrund der in den USA dominanten color line, der strikten Grenzziehung zwischen Menschen, die als weiß bzw. als nicht-weiß kategorisiert wurden. Juden: Jüdinnen wurde dabei häufig eine ambivalente Position zwischen weiß und Schwarz attribuiert, wobei sie als ‚orientalisch‘ und ‚asiatisch‘ galten (Dinnerstein 1994, 94; Goldstein 2006, 36). Vor dem Hintergrund der ihnen zugeschriebenen ‚rassischen Minderwertigkeit‘ sahen viele Rasseantisemit: innen und Eugeniker: innen in jüdischen Immigrant: innen eine Bedrohung und wollten deshalb ihre Einwanderung drastisch beschränken. Als 1924 der Immigration Restriction Act verabschiedet wurde, hatten sie ihr Ziel erreicht. Das Gesetz legte strikte Einwanderungsquoten fest. Basierend auf dem Zensus von 1890 durften lediglich zwei Prozent der Gesamtzahl der damals in den USA lebenden Ange‐ hörigen einer Bevölkerungsgruppe in die USA einwandern. Menschen aus asiatischen Staaten wurde die Immigration komplett untersagt. Das Gesetz begünstigte deutlich die Zuwanderung von Menschen aus nord- und westeuropäischen Staaten und sollte dem Erhalt einer stabilen weißen bzw. angelsächsischen Bevölkerungsmehrheit dienen (Dinnerstein 1994, 96). 52 4 Antijudaismus und moderner Antisemitismus <?page no="53"?> Neben der Rassifizierung von Juden: Jüdinnen war der sich herausbildende moderne Antisemitismus auch dadurch charakterisiert, dass jüdische Menschen mit der fort‐ schreitenden Umformung gesellschaftlicher Strukturen in Verbindung gesetzt wurden. So wurden sie eng mit urbanen Räumen und der voranschreitenden Urbanisierung assoziiert. Beispielsweise beschrieb der Soziologe und Eugeniker Edward A. Ross Juden: Jüdinnen in seinem Buch The Old World in the New als „städtisch“ („town-bred“) (Ross 1914, 30). Zudem wurden Juden: Jüdinnen für Veränderungen im sozialen, ökono‐ mischen und kulturellen Leben verantwortlich gemacht, die als problematisch erachtet wurden. Häufig wurden diese Bedrohungen vergeschlechtlicht wahrgenommen. So galten Juden: Jüdinnen einigen Zeitgenoss: innen als die Hauptakteure der sogenann‐ ten white slavery, dem Menschenhandel mit weißen Frauen. Aber auch in anderer Hinsicht wurden jüdische Männer als Bedrohung für die ‚sexuelle Reinheit‘ weißer Frauen und damit als Gefahr für die Kontrolle und Verfügungsgewalt weißer Männer über die Körper ihrer weiblichen Familienangehörigen konstruiert. Edward A. Ross sah beispielsweise in „vergnügungsliebenden jüdischen Geschäftsleuten“ eine große sexuelle Gefahr für nicht-jüdische junge Frauen (Ross 1914, 150). Unter Angehörigen der nicht-jüdischen Oberschichten löste der ökonomische Auf‐ stieg zahlreicher, insbesondere deutschstämmiger Juden: Jüdinnen - viele jüdische Menschen lebten aber auch um die Jahrhundertwende weiterhin in Armut - zudem Ängste aus, ihre gesellschaftlich dominante Stellung zu verlieren. Sie reagierten darauf u. a. mit dem Ausschluss von Juden: Jüdinnen aus sozialen Räumen. 1877 rief die Hilton-Seligman-Affäre monatelange Debatten hervor, nachdem einem jüdischen Banker namens Joseph Seligman im Juni desselben Jahres der Aufenthalt im Luxushotel Grand Union Hotel in Saratoga Springs, New York, untersagt worden war. In den folgenden Jahren und Dekaden wurde Juden: Jüdinnen der Zugang zu vielen sozialen Clubs, Privatschulen oder Universitäten verwehrt oder beschränkt. An Universitäten der Ivy League wurden sie bis in die 1950er bei der Aufnahme an Graduiertenschulen diskriminiert (Livney 1994; Michael 2005, 132). Ein zentrales Denkmuster des modernen Antisemitismus bildet(e) die Fantasie einer jüdischen Verschwörung, die auf die Ausbeutung und Unterdrückung nicht-jüdischer Menschen ziele. Als Mittel der Konspiration gilt dabei der vermeintliche Reichtum und die daraus resultierende gesellschaftliche Macht, die es Juden: Jüdinnen erlaube, die Gesellschaft aus dem Verborgenen zu beherrschen. Derartige Vorstellungen verbreite‐ ten sich in den letzten Dekaden des 19. Jahrhunderts rasant und fanden zudem Eingang in die politische Arena. Eine große Bedeutung für die Verbreitung judenfeindlicher Denkmuster kam den Anhänger: innen der populistischen Bewegung zu, die sich wesentlich aus Farmer: innen, aber auch Arbeiter: innen rekrutierte und ab 1891 von der People’s Party politisch repräsentiert wurde. Vor dem Hintergrund der Rezessionen in den 1870er und 1890er Jahren und dem Preisverfall für Agrarprodukte griffen zahlreiche Populist: innen zur Erklärung ökonomischer Probleme auf antisemitische Verschwörungsnarrative zurück. In diesen Narrativen traten Juden als ‚internationale Banker‘ in Erscheinung, die die Politiker in den USA kontrollierten und ökonomische 4 Antijudaismus und moderner Antisemitismus 53 <?page no="54"?> Entscheidungen durchsetzten, die die Verarmung der Farmer: innen und Lohnarbei‐ ter: innen verursachen würden. Allerdings waren weder religiöse Judenfeindschaft noch moderner Antisemitismus in den politischen Programmen der populistischen Bewegung verankert (Kerl 2017, 150 - 96; Michael 2005, 94; Rockaway und Gutfeld 2001, 379 f.). Auch unter Mitgliedern anderer Reformbewegungen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, z. B. unter Prohibitionist: innen, waren antisemitische Verschwörungsnarrative verbreitet, ohne dass sich diese Bewegungen insgesamt als antisemitisch charakterisieren lassen (Davis 2012, 104-24). Die gesteigerte Wirkmacht antisemitischer Diskurse resultierte in den Dekaden um die Wende zum 20. Jahrhundert, die generell durch ein hohes Maß an rassistischer Gewalt gekennzeichnet waren, auch in einer Zunahme judenfeindlicher Gewalt. In einigen Staaten des Südens wie Louisiana, Alabama und Mississippi verübten verarmte Farmer Gewalttaten gegen jüdische Kaufleute. In urbanen Räumen belästigten, über‐ fielen und verprügelten Gruppen christlicher Jugendlicher in steter Regelmäßigkeit Juden: Jüdinnen oder bewarfen diese mit Steinen (Kerl 2017, 192-96; Norwood 2009, 172). Sowohl quantitativ als auch qualitativ blieb die gegen Juden gerichtete Gewalt jedoch deutlich hinter der alltäglichen Gewalt und den tausenden Lynchmorden gegen Afroamerikaner: innen sowie der Gewalt gegen andere Immigrant: innengruppen wie Italiener: innen zurück (→ Kapitel Lynchjustiz). In den 1910er Jahren kam es dann zur Formierung des modernen Antisemitismus als einer allumfassenden Weltsicht. Dies zeigte sich eindrücklich im Leo Frank-Fall, einer antisemitischen Affäre, die sich zwischen 1913 und 1915 in Atlanta, Georgia, ereignete. Seinen Anfang nahm der Fall am Morgen des 26. April 1913 als Mary Phagan, die als Arbeiterin in der von Leo Frank geleiteten National Pencil Company angestellt war, auf dem Gelände der Fabrik tot aufgefunden wurde. Ende Juli desselben Jahres wurde der Prozess gegen Frank eröffnet und am 25. August 1913 wurde er trotz einer äußerst fragwürdigen Beweislage von der Jury zum Tode verurteilt. Nachdem der damalige Gouverneur Georgias, John M. Slaton, die Todesstrafe am 20. Juni 1915 in eine lebenslange Haftstrafe umgewandelt hatte, entführte eine Gruppe weißer Männer Frank in der Nacht zum 16. August 1915 aus dem Gefängnis und ermordete ihn (Dinnerstein 2008; Oney 2003). Seit Prozessbeginn hatte Antisemitismus eine wichtige Rolle in dem Fall gespielt. Juden: Jüdinnen wurden auf vielfältige Weise als Triebkräfte des gesellschaftlichen Wandels beschrieben, die sich im Süden und insbesondere in Atlanta seit dem späten 19. Jahrhundert vollzogen. Vielen weißen Südstaatler: innen galten sie als verantwortlich für den Niedergang der agrarischen Ordnung. Und als ‚jüdische Kapitalisten‘ wurden sie als maßgebliche Akteure des Aufstiegs einer kapi‐ talistischen Moderne konstruiert. Zudem bedrohten sie in der antisemitischen Fantasie weiße Frauen, zum Beispiel als Menschenhändler oder als lüsterne Vorgesetzte; oder gar als Menschen, die afroamerikanischen Männern (sexuelle) Kontakte mit weißen Frauen ermöglichten und damit die im Süden so gewaltvoll gehütete white supremacy bedrohten. Im Verlauf der Affäre wurden zahlreiche antisemitische Versatzstücke, die bereits zuvor in den USA zirkulierten, aufgegriffen und ihre Verbreitung deutlich 54 4 Antijudaismus und moderner Antisemitismus <?page no="55"?> gesteigert. Neben dieser quantitativen Zunahme trug der Fall auch zu einer qualitativen Veränderung des Judenhasses bei. Die zuvor unverbundenen antisemitischen Elemente wurden zu einer umfänglichen Weltsicht zusammengefügt, die es erlaubte die sozialen, kulturellen und ökonomischen Verwerfungen - die realen wie auch die nur unter Einsatz einer rassistisch und patriarchalisch eingefärbten Linse sichtbaren - in einer industriell-kapitalistisch verfassten Gesellschaft mit Juden: Jüdinnen zu identifizieren und sie dafür verantwortlich zu machen (Imhoff 2017, 225-43, Kerl 2017, Melnick 2000, 47-87). Aber auch in anderer Hinsicht war der Leo Frank-Fall für die Geschichte des Anti‐ semitismus in den USA von großer Bedeutung, trug er doch dazu bei, dass nur wenige Wochen nach dem Lynchmord der Ku-Klux-Klan (KKK) seine Wiedergeburt erleben sollte. In den frühen 1920er Jahren stieg er zu einer nationalen Organisation mit einer dezidiert antisemitischen Weltsicht auf, die großen Einfluss auf der politischen Ebene ausüben konnte. Wie es auch im Leo Frank-Fall geschah, verknüpfte der KKK seinen Antisemitismus mit Rassismus gegen Afroamerikaner: innen, Antikatholizismus und einer Gegnerschaft gegen die Facetten des Lebens in der kapitalistischen Moderne, die die gesellschaftliche Vorherrschaft weißer, protestantischer Männlichkeit zu gefährden drohten. Neben einem modernen Antisemitismus war im KKK zudem die religiös begründete Judenfeindschaft von enormer Wirkmacht (Gordon 2017, 49-53; Kerl 2017, 268-320) (→ Kapitel Der erste und zweite Ku-Klux-Klan). Ein weiterer Akteur, der in den 1920er Jahren zur rasanten Verbreitung antisemitischer Weltsichten in den USA beitrug, war Henry Ford. 1920 begann die Zeitung The Dearborn Independent, die im Besitz des Autofabrikanten war, mit der Veröffentlichung einer Reihe antisemitischer Artikel, die die Idee einer Verschwörung des sogenannten ‚internationalen Judentums‘ verbreiteten, darunter auch Ausschnitte aus dem antisemitischen Verschwö‐ rungspamphlet Die Protokolle der Weisen von Zion. Die Resonanz, die derartige Ideen in den frühen 1920er Jahren hatte, zeigt sich auch in der in die Höhe schießenden Auflage der Zeitung, die im Jahr 1924 bei 700.000 lag (Frankel 2013, 241-42). In der zweiten Hälfte der 1920er Jahre verlor der zweite Klan rasant an Bedeutung. Auch Henry Ford beendete zu diesem Zeitpunkt seinen antisemitischen Feldzug. Aber der Glaube an antisemitische Verschwörungsnarrative lebte fort und kam in den 1930er Jahren mit neuer Kraft zur Geltung. Über 100 explizit antisemitische Gruppen und Organisationen waren in dieser Dekade in den USA aktiv (Dinnerstein 1994, 111; Frankel 2013, 247). Erläuterung | Führende Köpfe der antisemitischen Bewegungen der 1930er Jahre waren der katholische Radiopriester Charles Coughlin, der seit 1936 auch die Zeitung Social Justice herausgab, der fundamentalistisch-protestantische William D. Pelley, der Adolf Hitler verehrte und 1933 die faschistische Silver Legion, zumeist als Silver Shirts bekannt, gründete, und Gerald Winrod, ein protestantischer Pfarrer aus Kansas. 4 Antijudaismus und moderner Antisemitismus 55 <?page no="56"?> Die seit der sogenannten Red Scare der späten 1910er Jahre zirkulierende antisemitische Fantasie, dass Juden: Jüdinnen hinter dem Aufstieg und der Verbreitung radikaler Ideologien wie dem Kommunismus oder Anarchismus stünden, spielte auch im Kontext des Antisemitismus der 1930er Jahre eine bedeutende Rolle (Bendersky 2001, 411-13). Auch die Administration des Präsidenten Franklin D. Roosevelt, in der zahlreiche Juden, teilweise in Führungspositionen, tätig waren, und die seit 1933 verfolgte Politik des New Deal, im antisemitischen Sprech häufig ‚Jew Deal‘ genannt, wurden von Antisemit: innen als Resultat einer jüdischen Verschwörung denunziert. Die sich ab 1939 vollziehende Abwendung der FDR-Administration von dem in den 1930er Jahren in den USA enorm wirkmächtigen außenpolitischen Grundsatz des Isolationismus verstanden zahlreiche antisemitisch eingestellte US-Amerikaner: innen als Ausdruck der vermeintlichen Macht von Juden: Jüdinnen (Frankel 2013, 249-50). Antisemitische Einstellungen waren in den 1930er und 1940er Jahren nicht nur auf die Anhänger: innen der antisemitischen Organisationen beschränkt, sondern wurden von einem großen Teil der Bevölkerung geteilt. In einer Umfrage von 1938 gab mehr als die Hälfte der Befragten an, dass sie generell eine negative Einstellung gegenüber jüdischen Menschen hätten, 35 Prozent äußerten, dass Juden: Jüdinnen teilweise oder gänzlich verantwortlich für ihre Verfolgung im Dritten Reich seien (Dinnerstein 1994, 119). Der Bedeutungsgewinn des Antisemitismus führte auch zu einem Anstieg antisemitischer Gewaltakte, die laut Stephen H. Norwood 1943 ihren Höhepunkt erreichten. In Städten wie Boston oder New York City kam es tagtäglich zu körperlichen Angriffen auf Juden: Jüdinnen (Norwood 2009, 174). Gleichwohl die weite Verbreitung judenfeind‐ licher Ressentiments auch die Flüchtlingspolitik der USA gegenüber europäischen Juden: Jüdinnen, die nach Schutz vor dem antisemitischen Furor der Nazis suchten, negativ beeinflusste, fanden tausende jüdische Menschen Zuflucht in den USA. Im Zeitraum zwischen den Angriffen auf Pearl Harbor und dem Kriegsende waren es 21.000 Juden: Jüdinnen. Zudem konnten zwischen 1934 und 1945 ungefähr 1.000 jüdische Kinder vor der nationalsozialistischen Raserei in die USA gerettet werden (Michael 2005, 178-90). Antisemitismus in den USA nach dem Holocaust Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs beeinflussten antisemitische Haltungen weiterhin den Umgang mit jüdischen Opfern der Shoah und behinderten die Einwan‐ derung jüdischer Displaced Persons (DP) in die USA. Der im Juni 1948 vom Kongress verabschiedete erste Displaced Person Act diskriminierte jüdische DPs und bevorzugte baltische und polnische Flüchtlinge sowie nicht-jüdische Deutsche (Bendersky 2001, 426; Michael 2005, 196). Die Verbreitung antisemitischer Stereotype verharrte auf einem hohen Niveau. Auch auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt bestanden antijüdi‐ sche Diskriminierungen fort, auch wenn zahlreiche Bundesstaten im Verlauf der 1940er Jahre Gesetze verabschiedeten, die rassistisch oder religiös begründete Diskriminierun‐ gen am Arbeitsplatz verboten. Viele exklusive Freizeitclubs nahmen bis in die frühen 56 4 Antijudaismus und moderner Antisemitismus <?page no="57"?> 1960er Jahre keine jüdischen Mitglieder auf. Dennoch wurden in den 1950er und 1960er Jahren zahlreiche bestehende Diskriminierungen, beispielsweise im Bildungswesen, aufgehoben oder verloren an Wirkmacht, wozu auch die Interventionen von Organi‐ sationen wie der Anti-Defamation League (ADL) und des American Jewish Committee beitrugen (Dinnerstein 1994, 154-60, 169). Jüdische Menschen wurden nun von der ganz überwiegenden Bevölkerungsmehrheit als weiß wahrgenommen (Arnold 2016, 74). Antisemitische Verschwörungsnarrative und religiöse Judenfeindschaft erfuhren auch deshalb in den 1950er und 1960er Jahren einen signifikanten Bedeutungsverlust, weil die offene Artikulierung judenfeindlicher Aussagen wegen des zunehmenden Wissens über den Holocaust weitgehend delegitimiert war. Allerdings fanden juden‐ feindliche Topoi und Stereotype weiterhin Verbreitung, was sich beispielsweise in den frühen 1950er Jahren im Rosenberg Fall äußerte. Erläuterung | Rosenberg Fall: Als in den 1950er Jahren vor dem Hintergrund des Kalten Krieges Hatz auf tatsächliche und vermeintliche Kommunist: innen gemacht wurde, wurde ersichtlich, dass die antisemitische Fantasie einer engen Verbindung zwischen Juden: Jüdinnen und Kommunismus nach wie vor Verbreitung fand. Dies zeigte sich in dem Spionageprozess, der im März 1950 gegen Julius und Ethel Rosenberg geführt wurde und der mit dem Todesurteil gegen das jüdische Ehepaar endete (Arnold/ Kistenmacher 2016). Während Antisemitismus in weiten Teilen der Bevölkerung an Bedeutung verlor, lebte er in der extremen Rechten ungebrochen fort. Der Holocaust führte hier nicht zu einer Delegitimierung des Antisemitismus, sondern wurde vielmehr in antisemitische Weltsichten integriert (Lipstadt 1993). Die Fantasie einer jüdischen Verschwörung bildete weiterhin die Folie, durch die zahlreiche gesellschaftliche Phänomene und (internationale) Entwicklungen gelesen wurden. Dies zeigte sich eindrucksvoll in Zeiten der Bürgerrechtsbewegung der 1950er und 1960er Jahre, in denen es zu einem hohen Maß an Solidarität zwischen Juden: Jüdinnen und Afroamerikaner: innen kam (Arnold 2022a, 252-53). Antisemitische Anhänger: innen der Segregation und der white supremacy sahen in der Bürgerrechtsbewegung keine Bewegung, die auf die Aufhe‐ bung rassistischer Diskriminierungen zielte, sondern lediglich ein weiteres Element der von Juden: Jüdinnen betriebenen Verschwörung. So sahen sie in der Aufhebung der Segregation u. a. ein Mittel, um die miscegenation, also sexuelle Kontakte zwischen afroamerikanischen und weißen Menschen, zu befördern und somit die weiße „Rasse“ zu schwächen. In einigen Staaten des Südens resultierte diese Imagination in einer Reihe an Bombenanschlägen, die in den 1950er und 1960er Jahren auf jüdische Einrichtungen verübt wurden (Webb 2009) (→ Kapitel Rassistischer Terrorismus zur Zeit der Bürgerrechtsbewegung). Trotz des gemeinsamen Kampfes von Afroamerikaner: innen und Juden: Jüdinnen gegen Rassismus und für Bürgerrechte, begannen sich antisemitische Sichtweisen und 4 Antijudaismus und moderner Antisemitismus 57 <?page no="58"?> Topoi im Zuge des Aufschwungs des Black Nationalism und der Black-Power-Bewegung seit den späten 1950er Jahren auch verstärkt unter Afroamerikaner: innen auszubreiten. Die wohl sichtbarste und stimmgewaltigste Organisation, die einen mit Antisemitis‐ mus verquickten Schwarzen Nationalismus vertrat und bis heute vertritt, war/ ist die Nation of Islam (NOI). In den 1930er Jahren von Elijah Muhammad gegründet, wird die Organisation seit 1978 von Louis Farrakhan geführt. Rassifiziertes Denken und antisemitische Verschwörungstheorien spielen in dem Weltbild, das die NOI vertritt, eine bedeutende Rolle. So vertritt die Organisation beispielsweise die Ansicht, dass Juden: Jüdinnen die Hauptakteur: innen und -profiteur: innen des Sklavenhandels gewesen seien (Reid-Pharr 1996). Befeuert wurden judenfeindliche Haltungen unter Afroamerikaner: innen auch durch eine Entwicklung, die sich in der Neuen Linken und unter Schwarzen Militanten nach dem Sechstagekrieg zwischen Israel und einigen arabischen Staaten im Jahr 1967 ereignete: der radikalen Hinwendung zum Antizionismus. In diesen antizionistischen Diskursen verkörperte die Figur des ‚Zionisten‘ gesellschaftliche Übel wie Rassismus, Kolonialismus und Imperialismus, und die Grenzen zwischen Antizionismus und Antisemitismus waren nicht selten fließend. Zudem lässt sich die dämonisierende Gleichsetzung Israels mit Nazi-Deutschland in Artikeln und Schriften einiger linker und antirassistischer Organisationen finden - eine Gleichsetzung, die von prominenten afroamerikanischen Bürgerrechtlern wie A. Philip Randolph und Bayard Rustin als antisemitisch kritisiert wurde (Arnold 2022a, 254; Norwood 2013, 2-3). Linke und gegenkulturelle Bewegungen und Milieus wurden seit den 1960er Jahren wiederum selbst zum Gegenstand antisemitischer Verschwörungsnarrative. Die soge‐ nannte sexuelle Revolution, die feministischen Bewegungen oder auch die sogenannte gay liberation wurden in der antisemitischen extremen Rechten als weitere Facetten der von Juden: Jüdinnen ausgehenden Verschwörung gegen die white supremacy und die damit verknüpfte Herrschaft weißer, nicht-jüdischer, heterosexueller Männer verstanden - eine Fantasie, die auch gegenwärtig beträchtlich zur extrem rechten Mobilisierung beiträgt (Kerl 2020; Kerl 2022). Obwohl antisemitisches Wissen und christliche Judenfeindschaft auch in den letzten Dekaden des 20. Jahrhunderts noch eine relativ weite Verbreitung fanden, verlor Antisemitismus seit den 1970ern an Bedeutung. Ein Indikator für die fortschreitende Akzeptanz von Juden: Jüdinnen war auch die Normalisierung von Hochzeiten zwischen Juden: Jüdinnen und Nicht-Juden und -Jüdinnen (Dinnerstein 1994, 241). 1991 flamm‐ ten Spannungen im Verhältnis zwischen Juden: Jüdinnen und Afroamerikaner: innen wieder auf, als es in Crown Heights - einer Nachbarschaft im New Yorker Stadtteil Brooklyn - zu antisemitischen Ausschreitungen kam, die mehrere Tage währten und in der Ermordung eines Juden mündeten (Arnold 2022b, 223 f.). Die islamistischen Terro‐ ranschläge, die Al-Qaida am 11. September 2001 auf das World Trade Center in New York City verübte, verstärkten den Glauben an antisemitische Verschwörungsnarrative in verschiedenen ideologischen Spektren (ADL 2021). 58 4 Antijudaismus und moderner Antisemitismus <?page no="59"?> Antisemitismus in der Präsidentschaft Donald Trumps Antisemitismus und Debatten um Antisemitismus haben in den letzten Jahren einen enormen Bedeutungsgewinn erfahren. Laut einer Studie der Anti-Defamation League aus dem Jahr 2019 kam es in diesem Jahr zu den meisten antisemitischen Zwischenfäl‐ len seit die ADL 1979 begonnen hatte, derartige Daten zu erheben (Myers 2021, 155). Nicht zufällig fällt der rasante Anstieg an Antisemitismus in die Zeit, in der Donald Trump die politische Bühne betrat. Zum Repertoire von Trumps populistischer Politik gehört(e) es, in steter Regelmäßigkeit rassistische, sexistische und antisemitische Topoi und Stereotype zu aktivieren, eine klare Distanzierung von extrem rechten Akteur: innen zu vermeiden und das liberal-demokratische System in den USA zu de‐ legitimieren. Bereits in seiner Wahlkampagne im Jahr 2016 hatte Trump wiederholt auf antisemitische Verschwörungsnarrative zurückgegriffen. Im Januar 2017, nur wenige Tage nach seiner Amtseinführung, unterließ er es in seiner Rede am Internationalen Holocaustgedenktag, Juden: Jüdinnen als Opfer des Holocaust zu erwähnen. Auch lässt sich Trumps Weigerung, die Teilnehmer: innen an der ‚Unite the Right‘-Demonstration, die im August 2017 in Charlottesville, Virginia, stattfand, zu verurteilen, zumindest als implizite Unterstützung von Antisemitismus verstehen, wurde doch auf der extrem rechten Demonstration u. a. der Slogan „Jews will not replace us“ skandiert (Myers 2021, 158-59; Rothberg und Levi 2020, 6-7) (→ Kapitel Alt-right und Neue Rechte). Trumps antisemitisch codierte Aussagen und sein Kuschelkurs mit der extremen Rechten beförderten einen dramatischen Anstieg antisemitisch motivierter Straf- und Gewalttaten. In den ersten Wochen und Monaten nach der Wahl Trumps kam es zu Hakenkreuzschmierereien und der Verwüstung jüdischer Friedhöfe. Auch ereigneten sich in der Amtszeit Trumps Anschläge auf jüdische Einrichtungen, der blutigste am 27. Oktober 2018 in Pittsburgh. An diesem Tag griff Robert Bowers die Tree of Life-Synagoge an und erschoss elf Juden: Jüdinnen. Bowers war ein weißer Nationalist und Anhänger der Verschwörungstheorie des Großen Austauschs. Diese besagt, dass Juden: Jüdinnen beabsichtigen würden, die weiße Bevölkerung in westlichen Staaten durch nicht-weiße Menschen zu ersetzen (Arnold 2022b, 228; Rothberg und Levi 2020, 5-6; Winston 2021). Die Reihe antisemitisch motivierter Terroranschläge, die von extrem rechten Verschwörungsanhänger: innen verübt wurde, endete nicht mit dem Ende der ersten Amtszeit Trumps. Beispielsweise glaubte der Angreifer, der im Oktober 2022 den Ehemann von Nancy Pelosi schwer verletzte, an antisemitische Verschwö‐ rungstheorien und sah den Krieg in der Ukraine als Resultat des verschwörerischen Handelns von Juden: Jüdinnen an ( JTA/ Kampeas 2022, 4). Obwohl Donald Trump zu der Steigerung antisemitischer Verschwörungsnarrative und Gewalt beigetragen hat, vermögen er und seine politischen Gefolgsleute sich auf Grund ihrer Inszenierung als Unterstützer: innen Israels nach wie vor häufig als die politische Kraft darzustellen, die Juden: Jüdinnen vor Antisemitismus beschütze. Grundlegend für das Verständnis dieser auf den ersten Blick äußerst paradoxen Situation sind die in den USA seit einigen Jahren tobenden Debatten um Antizionismus, israelbezogenen Antisemitismus und die häufig damit einhergehende Verharmlosung 4 Antijudaismus und moderner Antisemitismus 59 <?page no="60"?> islamistischer Organisationen wie der Hamas. Auch in Teilen linker Bewegungen wie Occupy Wall Street ließen sich antisemitische Topoi und Verschwörungsnarrative beobachten (Arnold/ Taylor 2019, 8). Ebenso entbrannten Diskussionen um Antisemi‐ tismus in intersektional-feministischen Initiativen wie dem Women’s March (Arnold 2022a, 249-250). Auch haben sich in den letzten zwei Dekaden an zahlreichen Uni‐ versitäten Bewegungen formiert, die eine starke Gegnerschaft zum Staat Israel propa‐ gieren. In Israel sehen sie ein siedlerkolonialistisches Regime oder wahlweise einen Apartheid-Staat - ein Vergleich, der die Gewalt der historischen Apartheidsregime in Südafrika und im Süden der USA relativiert (Ben-Atar 2021, 225; Arnold 2016, 410). Literatur Anti-Defamation League. 2021. „Antisemitic Conspiracies about 9/ 11 Endure 20 Years Later.“ Abgerufen am 5. November 2022. https: / / www.adl.org/ resources/ reports/ antisemitic-conspi racies-about-911-endure-20-years-later. Arnold, Sina. 2016. Das unsichtbare Vorurteil. Antisemitismusdiskurse in der US-amerikanischen Linken nach 9/ 11. Hamburg: Hamburger Edition. Arnold, Sina. 2022a. „Jüdisches Weißsein, Schwarzer Antisemitismus und die Color-Line. Das Fallbeispiel USA.“ In FRENEMIES. 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Die Diskriminierung von Ara‐ ber: innen und Muslim: innen stellt kulturellen Rassismus dar, dessen rhetorischer Nährboden im Kontext westlicher kolonialer Bestrebungen im Nahen Osten im 18. und 19. Jahrhundert bereitet wurde. Obwohl Araber: innen und Muslim: innen in den USA in ihrer Alltagserfahrung Rassismus ausgesetzt sind, bleibt ihnen der Zugang zu Programmen der Minderheitenförderung verwehrt, da sie gesetzlich als weiß klassifiziert werden. Eine Reform dieser Klassifikation erscheint nicht zuletzt deshalb erstrebenswert, weil angesichts des Erstarkens der Neuen Rechten, die in der ersten Präsidentschaft Donald Trumps (2017-21) Ausdruck fand, eine erneute, nicht zuletzt durch die Trump-Administration beflügelte Verstärkung antiarabischer und antimuslimischer Diskriminierung zu verzeichnen ist. Da hegemoniale Diskurse in den USA, wie sie in Hollywood-Filmen, aber auch im Nachrichtenjournalismus transportiert werden, die Begrifflichkeiten Arab, Muslim und Middle Eastern typischerweise synonym verwenden (vgl. Naber 2008a, 1-2), muss ein Artikel über antimuslimischen und antiarabischen Rassismus diese Begrifflichkeiten zuallererst korrekt definieren und ein Bild der tatsächlichen demografischen Diversität der arabisch-amerikanischen und muslimisch-amerikanischen Communities vermit‐ teln. Arab American bezieht sich auf diejenigen in den USA lebenden Menschen, de‐ ren kulturelle Wurzeln in den 22 arabischsprachigen Ländern in Nordafrika und Südwestasien liegen, die Mitgliedsstaaten der Arabischen Liga sind: Ägypten, Alge‐ rien, Bahrain, Dschibuti, Irak, Jemen, Jordanien, Katar, Komoren, Kuwait, Libanon, Libyen, Marokko, Mauretanien, Oman, Palästina, Saudi-Arabien, Somalia, Sudan, Syrien, Tunesien und Vereinigte Arabische Emirate. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts waren 3,7 Millionen Bürger: innen der USA arabischstämmig (unabhängig des Staats‐ bürgerschaftsstatus) (Arab American Institute 2024). Während die Gesellschaften der arabischen Länder mehrheitlich muslimisch sind, zeigen sie dennoch eine außerordent‐ liche religiöse Diversität (z. B. orthodoxes Christentum, Katholizismus, Judaismus), die sich auch in der arabischen Diaspora in den USA widerspiegelt. So waren zu <?page no="64"?> Beginn des 21. Jahrhunderts 35 Prozent der arabischstämmigen Bevölkerung in den USA katholisch, 24 Prozent muslimisch, 18 Prozent christlich-orthodox, 10 Prozent protestantisch, und 13 Prozent gehörten einer anderen Religion an (z. B. Judaismus) oder waren atheistisch (Arab American Institute 2002). (Es sei darauf verwiesen, dass demografische Daten bezüglich der arabischstämmigen Community rar sind, da die staatliche Bevölkerungszählung - anders als im Falle der Latina/ o/ x Americans oder der asiatischen Community - arabische Herkunft nicht systematisch erfasst, wie noch detailliert erläutert werden wird. Wissenschaftler: innen gehen davon aus, dass sich der Anteil der muslimischen Bevölkerung an der arabischstämmigen Community mittlerweile erhöht hat.) Studien haben darauf verwiesen, dass eine arabische und muslimische Präsenz in Nordamerika bereits kurz nach Beginn der europäischen Besiedelung zu verzeichnen war (vgl. Waller 2011; GhaneaBassiri 2010). Von einer signifikanten arabischen Ein‐ wanderung in die USA lässt sich aber erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts sprechen. Bis 1924, als der Johnson-Reed Act die Einwanderung aus der arabischen Region (und anderen Regionen außerhalb Westeuropas) stark drosselte, war die große Mehrheit der arabischen Migrant: innen christlich; nach Abschaffung des Johnson-Reed Act im Jahr 1965 waren es dann mehrheitlich Muslim: innen, die aus der arabischen Welt in die USA einwanderten. Wie die Zahlen zeigen, ist weder arabisch gleichzusetzen mit muslimisch - noch ist muslimisch gleichzusetzen mit arabisch. Nur ein Viertel (etwa 300 Millionen) der weltweit etwa 1,2 Milliarden Muslim: innen lebt in der arabischen Welt (Naber 2008a, 5-6). 2017 lebten circa 3,45 Millionen Muslim: innen in den USA (Pew Research Center 2017). Die muslimische Community in den USA hat ihre Wurzeln teilweise in der arabischen Welt, aber auch in Südasien (z. B. Pakistan) und Südostasien (z. B. Indonesien) sowie in nicht-arabischen Ländern des Nahen Osten wie Iran. Etwa ein Fünftel der US-Muslim: innen ist afroamerikanisch (Pew Research Center 2017); hier muss auch noch einmal unterschieden werden zwischen afroamerikanischen Mitgliedern der von Louis Farrakhan angeführten Nation of Islam und sunnitischen Afroamerikaner: innen (vgl. Gibson 2012; Turner 2003). 32 Prozent der Muslim: innen in den USA leben dort erst seit 2000 oder später (Pew Research Center 2017). Orientalistische Diskurse (siehe Erläuterungsbox) über Araber: innen und den Islam haben in der expressiven Kultur der USA (beispielsweise in Hollywoodfilmen) eine lange Geschichte. Sie griffen und greifen auf Narrative der muslimischen Kultur als unzivilisiert, gewaltbereit und inhärent frauenfeindlich zurück, die im Kontext europäischer kolonialer Bestrebungen im Nahen Osten im 19. Jahrhundert entstanden sind. Bevor ich diese Diskurse detailliert vorstelle und auf die besondere Rolle US-ame‐ rikanischer Unterhaltungssowie Nachrichtenmedien bezüglich ihrer Zirkulation eingehe, schlage ich vor, dass antiarabische und antimuslimische Diskriminierung am zutreffendsten mit dem Konzept des kulturellen Rassismus gefasst werden kann. Sodann skizziert der Artikel das „rassische“ Dilemma arabischstämmiger/ nahöstlicher US-Amerikaner: innen: Obwohl sie im Alltag Rassismus erfahren, haben sie keinen 64 5 Antimuslimischer und antiarabischer Rassismus <?page no="65"?> Zugang zu Programmen der Minderheitenförderung (affirmative action), die erschaffen wurden, um rassistische Diskriminierung abzumildern - denn diese Programme sind für „rassische“ Minderheiten vorgesehen. Arab Americans/ Middle Eastern Americans werden von staatlicher Seite aber als „weiß“ klassifiziert. Abschließend wird die Verschärfung des antimuslimischen und antiarabischen Rassismus angesichts des Erstarkens der Neuen Rechten in den USA vorgestellt, das sich nicht zuletzt durch die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten 2016 niederschlug. Antiarabische und antimuslimische Diskriminierung im War on Terror Bereits kurz nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 nährte die Administ‐ ration des Republikanischen Präsidenten George W. Bush das Narrativ, der Anschlag sei von in den USA lebenden Araber: innen verübt worden, und zeichnete damit das Bild eines inneren Feindes. (Tatsächlich, so ergaben die Ermittlungen, waren die Terroranschläge von 19 Männern ausgeführt worden, die der militant-islamistischen Organisation al-Qaida angehörten, Staatsbürger verschiedener Staaten in Nahost waren und mithilfe von Touristenvisa auf US-amerikanischen Boden gelangt waren.) So sagte der damalige US-Justizminister John Ashcroft am 25. Oktober 2001: Die Anschläge des 11. September waren Terrorakte gegen Amerika, die von Menschen geplant und ausgeführt wurden, die innerhalb unserer Grenzen leben. Die heutigen Terroristen genießen die Privilegien unserer freien Gesellschaft, obwohl sie sich unserer Zerstörung verschrieben haben. Sie leben in unseren Gemeinden - während sie sich verschwören und darauf warten, erneut Amerikaner: innen zu töten. […] Die Bundesregierung kann diese Terrorherrschaft nicht alleine bekämpfen. Jede Amerikanerin und jeder Amerikaner muss uns helfen, unsere Nation gegen diesen Feind zu verteidigen (Ashcroft 2001; Übers. KM). Die Erschaffung eines arabischen, muslimischen Feindbildes seitens der Bush-Admi‐ nistration wurde anschließend von ihr mobilisiert, um zwei Kriege gegen mehrheitlich muslimische Länder zu rechtfertigen - die von der UNO unterstützte Operation Enduring Freedom gegen Afghanistan und die von der UNO nicht unterstützte Operation Iraqi Freedom gegen Irak - und um die völkerrechtswidrige Behandlung ein‐ schließlich Folter von gefangen genommenen arabischen und muslimischen Terrorver‐ dächtigen in Guantánamo Bay, Abu Ghraib und auf US-Militärstützpunkten rund um den Globus (black sites) zu relativieren (vgl. Danner 2004; Sadat 2006; Margulies 2007). Innenpolitisch wurde das Narrativ des arabischen, muslimischen Feindes bemüht, um drakonische Sicherheitsmaßnahmen gegen arabischstämmige und muslimische Menschen - besonders jene ohne US-Staatsbürgerschaft - zu legitimieren. Die von der Bush-Administration gezogene rhetorische Trennlinie zwischen freiheitsliebenden US-Amerikaner: innen und arabischen/ muslimischen Terrorverdächtigen ließ Arab American und Muslim American zu oxymoronischen Identitäten werden. Damit ist gemeint, dass es Arab Americans und Muslim Americans substanziell erschwert wurde, 5 Antimuslimischer und antiarabischer Rassismus 65 <?page no="66"?> sich gleichzeitig als Araber: innen bzw. Muslim: innen und als US-Bürger: innen zu identifizieren und als solche wahrgenommen zu werden. 25 der 37 bekannt gewordenen Sicherheitsmaßnahmen, die die US-Regierung zwi‐ schen dem 12. September 2001 und Mitte des Jahres 2003 erließ - unter anderem durch den im Oktober 2001 verabschiedeten Patriot Act, der im März 2006 fast unverändert verlängert wurde - zielten explizit oder implizit auf Araber: innen und Muslim: innen in den USA ab (Tsao und Gutierrez 2003). Die Soziologin Louise Cainkar schreibt in ihrer Studie Homeland Insecurity: The Arab American and Muslim American Experience after 9/ 11: Diese [Sicherheits-]Maßnahmen beinhalteten Massenfestnahmen, geheime und zeitlich un‐ begrenzte Haft, ausgedehnte Inhaftierung von ‚unentbehrlichen Zeug: innen‘ [material witn‐ esses], nicht öffentliche Anhörungen und die Verwendung geheimer Beweismittel, staatliches Abhören von Gesprächen zwischen Anwält: innen und Mandant: innen, Besuche des FBI zuhause und am Arbeitsplatz, staatliche Lauschangriffe, Beschlagnahmung von Eigentum, Abschiebung von Ausländer: innen, die gegen Visumsauflagen verstoßen hatten, Einfrieren des Vermögens von Wohltätigkeitsorganisationen und verpflichtende Spezialregistrierung [special registration] (2009, 119; Übers. KM). Am 11. September 2002 führte die Bush Administration das National Security Entry-Exit Registration System (NSEERS) ein, das als Spezialregistrierung bekannt wurde. Das System verpflichtete mindestens 16 Jahre alte männliche Ausländer ohne Einwanderungsvisum, die Staatsbürger ausgewählter Staaten waren, sich einem Ge‐ spräch unter Eid mit einem Justizbeamten zu unterziehen, Fingerabdrücke abzugeben und fotografiert zu werden (Cainkar 2009, 128; Bayoumi 2006, 271). Die Staaten, die Spezialregistrierung unterlagen, waren - bis auf die Ausnahme Nordkoreas - ausschließlich mehrheitlich muslimische Länder: Ägypten, Afghanistan, Algerien, Bahrain, Bangladesch, Eritrea, Indonesien, Iran, Irak, Jemen, Jordanien, Katar, Kuwait, Libanon, Libyen, Marokko, Nordkorea, Oman, Pakistan, Saudi-Arabien, Somalia, Su‐ dan, Syrien, Tunesien, und Vereinigte Arabische Emirate. Diejenigen Männer, die in die USA einreisten, mussten sich am Ankunftsort registrieren (port-of-entry registration); bis Dezember 2003 mussten sich diejenigen Männer aus den genannten Ländern, die sich bereits in den USA aufhielten, bei Behörden registrieren (call-in registration). Die call-in registration wurde am 2. Dezember 2003 außer Kraft gesetzt (vgl. Bayoumi 2006, 290). Am 5. Dezember 2003 wurde NSEERS in das Programm US-VISIT subsu‐ miert. US-VISIT schrieb allen Visumsinhaber: innen vor, bei Ankunft in den USA elektronisch fotografiert zu werden und Fingerabdrücke abzugeben. Da US-VISIT nicht gezielt auf Männer aus mehrheitlich muslimischen Ländern abzielt, stellt es eine Verbesserung gegenüber NSEERS dar. Jedoch mussten sich auch nach Implementierung von US-VISIT Männer aus mehrheitlich muslimischen Ländern jahrelang zusätzlich der Ankunftsregistrierung unterziehen (Bayoumi 2006, 289-90). Am 27. April 2011, rund zwei Jahre nach der Vereidigung Barack Obamas als US-Präsident, schaffte 66 5 Antimuslimischer und antiarabischer Rassismus <?page no="67"?> das US-Heimatschutzsministerium schließlich die Ankunftsregistrierung ab (Seyfarth Shaw Attorneys 2011). Die Spezialregistrierung ist von Aktivist: innen und Wissenschaftler: innen aus vie‐ lerlei Gründen kritisiert worden. Erstens stiftete das Programm große Verunsicherung. Bis Juni 2003 hatten sich laut US-Heimatschutzministerium 82.880 Männer der call-in Registrierung unterzogen; bei 13.434 von ihnen wurden Abschiebeverfahren wegen Visumsunregelmäßigkeiten eingeleitet (Cainkar 2009, 128). Viele dieser Männer hatten seit über 10 Jahren in den USA gelebt und hatten Kinder, die US-Bürger: innen waren (Bayoumi 2006, 272). Zweitens war die Spezialregistierung ineffizient. Obwohl die US-Regierung das Programm als ein essentielles Instrument im Kampf gegen den Terrorismus verteidigte, führte das Programm nicht zu einer einzigen Anklage mit Terrorismus-Bezug (Bayoumi 2006: 272). Dies ist angesichts der fehlerhaften Logik, die dem Programm innewohnte, aber nicht überraschend. Moustafa Bayoumi schreibt: Dieses ungeschliffene Programm […] war nicht dazu geeignet eine: n Terroristen/ Terroristin zu erfassen, der oder die, sollte er oder sie sich schon im Land befunden haben, dem Aufruf zur Registrierung logischerweise nicht Folge leisten würde […] Nachdem der Mechanismus (das heißt, das Profil) des Programms bekannt war, war letzteres auch in keiner Weise dazu angetan, eine: n einreisende: n Terroristen/ Terroristin zu erfassen, der oder die logischerweise nach Möglichkeiten suchen würde, um die Kategorien der Spezialregistrierung zu unterlaufen (Bayoumi 2006, 273; Übers. KM). Nicht zuletzt übertrug die Spezialregistrierung die kulturelle Annahme ins Gesetz, dass Muslim: innen potentielle Terrorist: innen sind. Von den 25 Ländern auf der Registrierungsliste sah das US-Außenministerium sechs als staatliche Unterstützer des Terrorismus an (Iran, Irak, Libyen, Sudan, Syrien und Nordkorea). Die meisten der restlichen Staaten waren zum Zeitpunkt der Einführung des Programms Verbündete der USA (Bayoumi 2006, 273). Regierungsvertreter: innen erklärten, die Länder auf der Liste seien aufgrund der Präsenz von al-Qaida in diesen Ländern ausgewählt worden (Cainkar 2009, 129). Jedoch fanden sich manche Länder, in denen al-Qaida nachgewiesenermaßen aktiv war - etwa das Vereinigte Königreich oder Deutschland - nicht auf der Liste. Was die Länder auf der Liste de facto vereinte: Es waren mehrheitlich muslimische Länder (mit Ausnahme Nordkoreas). Bayoumi schreibt: Die Spezialregistierung „verdinglichte mittels eines rechtlichen Mechanismus die kulturelle Annahme, dass ein Terrorist im Ausland geboren wurde, ein Ausländer [alien] in den USA und Muslim ist, und dass alle muslimischen Männer, die zu diesem Profil passen, potentielle Terroristen sind“ (Bayoumi 2006, 275; Übers. KM). Die Spezialregistrierung zählte zu den innenpolitischen Sicherheitsmaßnahmen, die das Leben von Araber: innen und Muslim: innen in den USA nach dem 11. September 2001 am stärksten beeinflussten. Diese Sicherheitsmaßnahmen, die der Rechtswis‐ senschaftler David Cole als „aggressivste bundesweite Kampagne des ethnischen profiling seit dem 2. Weltkrieg“ (2006, 17; Übers. KM) bezeichnete, erreichte nicht, was Regierungsvertreter: innen als deren Ziel ausgegeben hatten: Trotz 5.000 präventiven 5 Antimuslimischer und antiarabischer Rassismus 67 <?page no="68"?> Inhaftierungen, der bereits erwähnten call-in Registrierung von mehr als 80.000 Män‐ nern und mehreren hunderttausend Interviews durch das FBI wurde nicht ein einziger der Betroffenen wegen eines terroristischen Verbrechens verurteilt (Cole 2006, 17). Was diese Sicherheitsmaßnahmen allerdings erreichten, war ein tiefgreifendes Gefühl der Verunsicherung unter arabischstämmigen und muslimischen Amerikaner: innen. In ihrer ethnografischen Studie fand Cainkar heraus, dass das Vertrauen in den US-amerikanischen Rechtsstaat unter muslimischen Arab Americans infolge des War on Terror großenteils erodiert war; manche befürchteten gar in Internierungslager gesteckt zu werden (2009, 116). In den ersten Jahren nach dem 11. September 2001 waren darüber hinaus derart viele arabische und/ oder muslimische Männer vom Boarding von gebuchten Flügen abgehalten oder aus Flugzeugen entfernt worden, dass „flying while Arab“ zum stehenden Begriff in der Community für erfahrene Diskriminierung im öffentlichen Raum wurde (Cainkar 2009, 182). Araber: innen und Muslim: innen in den USA sahen sich aber nicht nur den eben diskutierten staatlichen Repressalien ausgesetzt. Es kam in der Frühphase des War on Terror auch zu Anfeindungen und Hassverbrechen seitens der Zivilbevölkerung. Es ist anzunehmen, dass die bereits erwähnten Aufrufe der Bush-Administration, die US-Bürger: innen müssten der Regierung bei der Bekämpfung des Terrorismus helfen, zur Enthemmung von einzelnen Zivilist: innen beitrugen, die arabische und muslimi‐ sche Mitbürger: innen sodann ausgrenzten oder gar gewalttätig angriffen. Laut dem FBI stiegen Hassverbrechen gegen Personen, die als arabisch, muslimisch oder südasiatisch wahrgenommen wurden, zwischen 2000 und 2001 um 1.600 Prozent (sic! ) an (Takyar 2019, 232). Im ganzen Land sahen sich Araber: innen und Muslim: innen rassistischen Beleidigungen wie „Kameltreiber [camel jockey], geh nach Hause“ und herabwürdigen‐ den Gesten (beispielsweise Bespucken) ausgesetzt; manche berichteten, ihre Häuser seien mit Eiern oder Fäkalien beworfen worden; Moscheen wurden geschändet (vgl. Cainkar 2009; Naber 2008b). Es kam aber auch zu gewalttätigen Angriffen; mindestens vier Menschen wurden getötet, weil sie arabisch oder muslimisch waren - oder fälschlicherweise für arabisch oder muslimisch gehalten wurden (Naber 2008b: 289). So wurde am 15. September 2001 Balbir Singh Sodhi, ein indischstämmiger Sikh, auf dem Gelände der von ihm betriebenen Tankstelle in Mesa, Arizona, erschossen, weil er die traditionelle Kopfbedeckung und Bartbehaarung der Sikhs trug. Sein Mörder hatte vor der Tat seine Absicht öffentlich kundgetan, er wolle wegen der Taten Osama bin Ladens „ein paar Lumpenköpfe [towel heads] erschießen“ (zit. in. Basu 2016; Übers. KM). Laut Cainkar zielten die politischen Maßnahmen des Staats vor allem auf arabi‐ sche oder muslimische Männer ab, während Hassverbrechen der Bevölkerung sich in besonderer Weise gegen arabische oder muslimische Frauen richteten (Cainkar 2009, 232). In ihrer ethnographischen Studie über die Erfahrung arabischstämmiger Muslim: innen im Raum Chicago im frühen War on Terror fand Cainkar heraus, dass muslimische Frauen, die Hijab trugen, in besonderem Maße von Belästigung oder Hassverbrechen betroffen waren. Da diese Anfeindungen in Stadtteilen stattfanden, in 68 5 Antimuslimischer und antiarabischer Rassismus <?page no="69"?> denen muslimische Männer (beispielsweise aufgrund ihrer Kleidung oder Barttracht) oder arabische Institutionen (beispielsweise Kioske mit arabischer Inschrift) leicht zu erkennen waren, lässt Cainkar die Erklärung nicht gelten, durch das Tragen des Hijab seien diese Frauen leicht als muslimisch identifizierbar gewesen. Vielmehr argumen‐ tiert Cainkar, hier liege das Verständnis des Hijab als Zeichen der Frauenfeindlichkeit des Islam zugrunde; die Täter: innen hätten Frauen, die in den freiheitlichen USA Hijab tragen, dafür bestrafen wollen, dass letztere sich bewusst für Unterdrückung und gegen Freiheit entschieden hätten (Cainkar 2009, 242). Cainkar beschreibt den aus ihrer Sicht zugrunde liegenden Mindset wie folgt: Durch ihr Tragen des Hijab […] haben diese […] Frauen es nicht verdient, in den USA zu leben, weil - ob sie Hijab nun gezwungenermaßen oder freiwillig tragen - sie die Verheißungen amerikanischer Freiheit aktiv zurückweisen (Cainkar 2009, 242; Übers. KM). Es wäre jedoch falsch, den War on Terror als Startpunkt antiarabischer und antimusli‐ mischer Diskriminierung in den USA anzusehen; Wissenschaftler: innen haben darauf verwiesen, dass sich Arab Americans und Middle Eastern Americans in den USA seit den 1960er Jahren immer dann gesellschaftlichem Ressentiment und staatlicher Über‐ wachung ausgesetzt sahen, wenn sich die USA in einem politischen Konflikt mit einem Staat im Nahen Osten befanden, wie beispielsweise die Geiselnahme von US-Diplo‐ mat: innen durch islamistische Revolutionäre in Teheran (Iran) in den Jahren 1979 und 1980 (Naber 2008a, 33-34). So autorisierte der Republikanische Präsident Richard Nixon die Operation Boulder des FBI im Jahr 1972, die telefonische oder persönliche Befragungen arabischstämmiger Menschen beinhaltete, ohne dass ein Verdacht auf kriminelles Verhalten bestehen musste (Naber 2008a, 34); Wissenschaftler: innen gehen davon aus, dass Operation Boulder beabsichtigte, Arab Americans einzuschüchtern, um sie von der Äußerung von Kritik an US-amerikanischer und israelischer Geopolitik im Nahen Osten abzuhalten (Akram 2002, 68). Der 11. September ist also vielmehr als Kristallisationspunkt antiarabischer und antimuslimischer Diskriminierung zu verstehen, die fortan ein neues Ausmaß und eine neue Intensität annahm (Motyl 2024a, 43-127). Kultureller Rassismus Die Charakteristika, die zur Wahrnehmung einer Person als arabisch/ nahöstlich/ mus‐ limisch führen, beinhalten Name (beispielsweise Mohammed), in der Öffentlichkeit gesprochene Sprache (z. B. arabisch oder farsi), Hautfarbe, Kleidungsstil (beispielsweise Hijab) und/ oder Ursprungsnation (vgl. Naber 2008b, 279). Wie diese Aufzählung zeigt, basiert das Othering von arabischstämmigen oder muslimischen Amerikaner: innen nicht primär auf physischen Merkmalen (während das Othering von Schwarzen Men‐ schen beispielsweise auf körperlichen Merkmalen basiert). Dennoch argumentiere ich, dass die Diskriminierung arabischstämmiger und muslimischer US-Amerikaner: innen Rassismus darstellt, da sie als inhärent anders konstruiert werden - jedoch ist diese 5 Antimuslimischer und antiarabischer Rassismus 69 <?page no="70"?> Alterität kulturell, nicht biologisch. Auf dem Werk Étienne Balibars aufbauend, fasse ich die Diskriminierung, der Arab Americans und Muslim Americans ausgesetzt waren und sind, als kulturellen Rassismus. Balibar leitet sein Konzept des kulturellen Rassismus aus der Situation von Migrant: innen in Frankreich ab: Der neue Rassismus ist ein Rassismus der Ära der ‚Dekolonisation‘, der Umkehrung von Bevölkerungsströmen zwischen den alten Kolonien und den alten Metropolen […]. Ideologisch passt der aktuelle Rassismus […] in ein Bezugssystem eines ‚Rassismus ohne Rassen‘, der in anderen Ländern, vor allem den angelsächsischen, schon weit entwickelt ist. Es ist ein Rassismus, dessen dominante Logik nicht biologische Vererbung, sondern die Unüberwindbarkeit kultureller Unterschiede ist - ein Rassismus, der auf den ersten Blick nicht die Überlegenheit bestimmter Gruppen oder Völker gegenüber anderen postuliert, sondern ‚nur‘ auf das Risiko von Grenzabschaffungen verweist sowie auf die Unvereinbarkeit von Lebensstilen und Traditionen (Balibar 1991, 21; Übers. KM). Kultureller Rassismus rahmt kulturelle Unterschiede - etwa Unterschiede zwischen US-amerikanischer Kultur und arabischer Kultur, zwischen Christentum und Islam oder zwischen westlicher Kultur und ‚orientalischer‘ Kultur - als unüberwindbar. Laut Balibar führt der kulturelle Rassismus das Verhalten von Individuen nicht auf Gene zurück, sondern sieht es als Ergebnis der Zugehörigkeit zu einer spezifischen Kultur an. Jedoch werden die Unterschiede zwischen Kulturen damit einer Naturalisierung unterzogen. Balibar erklärt: „Kultur kann auch wie Natur funktionieren, und im Besonderen kann sie Individuen und Gruppen a priori in einer Genealogie festhalten, in einer Festlegung, die unveränderbaren und nicht greifbaren Ursprungs ist“ (Balibar 1991, 22; Übers. KM). Der Diskurs der Islamophobie ist besonders relevant bezüglich der Rassifizierung von arabischen/ nahöstlichen/ muslimischen US-Amerikaner: innen. Die zeitgenössi‐ sche Islamophobie hat strukturelle Ähnlichkeit mit dem modernen Antisemitismus, dem „Prototyp“ (Balibar 1991, 23) des kulturellen Rassismus. Zeitgenössische islamo‐ phobe Diskurse schreiben dem Islam ein inhärent rückwärtsgewandtes und bösartiges Wesen zu. Hier ist George Fredricksons Beobachtung aufschlussreich, dass Antijuda‐ ismus zu Antisemitismus und somit zu Rassismus wurde, „als sich die Ansicht verbrei‐ tete, dass Jüdinnen und Juden instrinsisch […] böse waren, anstatt lediglich falsche Glaubensansichten zu haben“ (2002, 19; Übers. KM; → Kapitel Antijudaismus und moderner Antisemitismus). Es sei noch einmal auf die paradoxe Situation verwiesen, dass nicht nur muslimische Araber: innen, sondern auch christliche Araber: innen, süda‐ siatische Sikhs oder Hindus etc. islamophober Diskriminierung ausgesetzt sein können, da eine Vielzahl an Merkmalen zur Wahrnehmung einer Person als muslimisch, beson‐ ders aber als dem monolithischen Amalgam arabisch/ nahöstlich/ muslimisch zugehörig, führen können. Erik Love argumentiert, dass muslimisch in den zeitgenössischen USA weniger als religiöse Kategorie funktioniere, sondern vielmehr als „rassische“ Kategorie: 70 5 Antimuslimischer und antiarabischer Rassismus <?page no="71"?> Die Erkenntnis, dass sich eine einzige ‚rassische‘ Identität über Araber: innen, Muslim: innen, Sikhs und Südasiat: innen erstreckt, zieht weit reichende Schlussfolgerungen nach sich. Die meisten Amerikaner: innen, die heute die Bezeichnung ‚muslimisch‘ verwenden, beziehen sich wahrscheinlich gar nicht auf Muslim: innen. Stattdessen rufen sie diese vor langer Zeit etablierte ‚rassische‘ Kategorie auf, die willkürlich hunderte ethnischer Gruppen umfasst und sowohl Muslim: innen als auch Nicht-Muslim: innen beinhaltet. Da diese bestimmte ‚rassische‘ Kategorie - muslimisch - auch zur Bezeichnung einer Religion verwendet wird, hat sie den bedauerlichen, verwirrenden Effekt, einem wahllosen Zusammenschluss unterschiedlicher Communities sowohl eine religiöse als auch eine ‚rassische‘ Identität zuzuschreiben (Love 2017, 6; Übers. KM). Um die Rassifizierung der Kategorie muslimisch nachvollziehen zu können, bedarf es eines Blicks in die Geschichte. Blick in die Diskursgeschichte: Die kolonialen Ursprünge islamophober Narrative Wie Edward Said in seiner einflussreichen Studie Orientalism (1978) zeigte, prägten im 18. Jahrhundert europäische Intellektuelle und Schrifsteller: innen den Diskurs des Orientalismus, der einen mythischen ‚Orient‘ entwarf, dessen Kultur sich vermeintlich fundamental von der Kultur des ‚Okkizents‘ bzw. des Westens unterschied (siehe Erläuterungsbox). Erläuterung | Orientalismus: Der Orientalismus ist laut Edward Said eine im Europa des 18. Jahrhunderts entstehende und sich in wissenschaftlichen Schriften wie künstlerischen Romanen niederschlagende Denkschule, die die Fiktion ‚des Orients‘ erfindet, um fundamentale Unterschiede zwischen ‚Orient‘ und ‚Okkzi‐ dent‘ bzw. dem Westen zu postulieren, die sich auf die Behandlung real im Nahen Osten existierender Menschen und Gesellschaften durch den Westen auswirken. Der ‚Orient‘ fungiert nicht nur als Ort, in dem im Westen verbotene Fantasien aus‐ gelebt werden können (z. B. der Harem als Ort männlicher sexueller Promiskuität), sondern dient auch als Negativschablone, mithelfe derer der Westen sich seiner eigenen Überlegenheit vergewissert: Während der ‚Orient‘ als rückwärtsgewandt und triebgesteuert gefasst wird, erscheint der Westen als rational und zivilisiert. Said betont, dass der orientalistische Diskurs die notwendige epistemologische Voraussetzung für den westlichen politischen Kolonialismus in der arabischen Welt darstellte. Der Orientalismus schlug sich sodann in der Rhetorik und Politik der westlichen Kolonialmächte gegenüber den arabischen Kolonien nieder. Beispielhaft sei hier Lord Cromer (Zivilname: Evelyn Baring) abgehandelt, der während der britischen Besatzung Ägyptens (1882 bis 1922) das Land von 1883 bis 1907 als Generalkonsul de facto 5 Antimuslimischer und antiarabischer Rassismus 71 <?page no="72"?> regierte. In seinem Werk Modern Egypt (1908) argumentierte Lord Cromer, die britische Besatzung Ägyptens sei gerechtfertigt, da die ägyptische Bevölkerung unfähig zur Selbstregierung sei, was er auf die muslimische Kultur zurückführte: „Die Gründe, warum der Islam als soziales System komplett versagt hat, sind zahlreich.“ (Baring 1916, 134; Übers. KM). Als wichtigsten Grund führte er an, dass der Islam inhärent frauenfeindlich sei: „Die Abwertung der Frauen im Osten ist ein Krebsgeschwür, das seine zersetzende Arbeit in früher Kindheit beginnt, und sich im ganzen System des Islam ausgebreitet hat“ (134; Übers. KM). Die Abwertung muslimischer Frauen sei vor allem in den Praktiken der Verschleierung und der räumlichen Geschlechtertrennung ersichtlich. Da der britische Aristokrat die Unterdrückung der Frauen in „mohamme‐ danischen Ländern“ als „verheerendes Hindernis“ ausmachte, das „die Aufwertung des Denkens und des Charakters“ der ägyptischen Gesellschaft verhindere, „das mit der Einführung europäischer Zivilisation eigentlich einhergehen sollte“ (539; Übers. KM), empfahl er die Abschaffung der Verschleierung und der räumlichen Geschlechtertren‐ nung. Die Islamwissenschaftlerin Leila Ahmed hat die Selbstlegitimation des britischen Kolonialismus mit Verweis auf die angebliche Unterdrückung „eingeborener“ Frauen als „kolonialen Feminismus“ bezeichnet (1992, 152). Ahmed schreibt: Die viktorianische koloniale paternalistische Elite kooptierte die Sprache des Feminismus im Namen ihres Angriffs auf die Religionen und Kulturen Anderer Männer [Other men], und im Besonderen auf den Islam, um diesem Angriff die Aura moralischer Rechtfertigung zu verleihen (1992, 152; Übers. KM). Ich selbst habe an anderer Stelle argumentiert, die George-W.-Bush-Administration habe das Erbe des britischen imperialen Feminismus in Ägypten angetreten, indem sie die Invasion Afghanistans und - in abgeschwächter Form - die Invasion des Irak im War on Terror auch mit dem Verweis auf die Unterdrückung afghanischer und irakischer Frauen rechtfertigte (Motyl 2024b). Diese orientalistischen Stereotype schlugen sich im Zeitalter der Massenmedien auch in hegemonialen Diskursen über die arabische Welt/ den Islam in den westli‐ chen Unterhaltungssowie Nachrichtenmedien nieder, und überdauerten auch das Ende des klassischen westlichen Kolonialismus in der arabischen Welt (Mitte des 20. Jahrhunderts). Während ‚der Orient‘ in frühen Hollywoodfilmen, beispielsweise im überaus erfolgreichen Stummfilm The Sheik (1921), als „exotischer“ Ort fungierte, in dem im Westen tabuisierte Praktiken ausgelebt werden konnten - das Tabu gegen Gewalt ebenso wie sexuelle Tabus (z. B. Homosexualität, männliche Polygamie, etc.) - so stellten Hollywoodproduktionen seit den späten 1960er Jahren die arabische Welt zunehmend als gewalttätig dar (z. B. in der Figur des Terroristen), als gierig (beispielsweise in der Figur des Ölscheichs) und als singulär frauenfeindlich (z. B. in der Figur der unterdrückten und verschleierten Frau) (Shaheen 2009; Alsultany 2012, 7-9). Beispielsweise spielte der weltbekannte Popstar Elvis Presley im Film Harum Scarum (1967) einen reichen und korrupten arabischen Scheich, der eine Frau an einen Pfahl fesselte. Der Medienwissenschaftler Jack Shaheen, der die Darstellung 72 5 Antimuslimischer und antiarabischer Rassismus <?page no="73"?> von Araber: innen und Muslim: innen in Filmen und TV-Serien Hollywoods ausführlich untersucht hat, stellte fest, dass TV-Serien der 1970er und 1980er Jahre vier Mythen über Araber: innen transportierten: Araber: innen sind „sagenhaft reich“, „barbarisch und unkultiviert“, „sexbessessen“ und „schwelgen in terroristischen Handlungen“ (Shaheen 1984, 4; Übers. KM). Zudem stellten popkulturelle Erzeugnisse arabische Frauen typischerweise als unterdrückte Opfer des Islam dar, den sie gleichzeitig für das Hervorbringen gewalttätiger, sexuell übergriffiger Männer verantwortlich machten (Shaheen 1984). US-amerikanische Filme, deren (globale) Reichweite jene von TV-Serien noch übertrifft, haben in besonderem Maße zur Verfestigung orienta‐ listischer Stereotype beigetragen. Shaheen schreibt in seiner Studie Reel Bad Arabs: How Hollywood Vilifies a People: „Entgegen der landläufigen Meinung hatte Hollywood bereits vor dem 11. September 2001 fast 1.100 Filme mit arabischen Figuren oder Bildern produziert, von denen die überwältigende Mehrheit erniedrigend war“ (Shaheen 2009, 2; Übers. und Hervorhebung KM). Insbesondere wurden Araber: innen seit den späten 1960er Jahren, als die geopolitischen Interessen der USA und Israels, dem engsten Verbündeten der USA im Nahen Osten, zunehmend im Konflikt mit den Interessen der arabischen Länder standen, verstärkt als bedrohlich und als Feinde der westlichen Welt dargestellt. Es muss betont werden, dass sich einseitige Darstellungen der arabischen Welt aber nicht nur in den kommerziellen Unterhaltungsmedien, sondern auch in den westlichen Nachrichtenmedien fanden, die der Wahrhaftigkeit verpflichtet sind (und zudem eine zentrale Rolle für die politische Willensbildung in Demokratien spielen). In seiner Studie Covering Islam (1981) beobachtete Edward Said, dass westliche Nachrichten‐ medien nur über solche Vorkommnisse im Nahen Osten berichteten, die Relevanz bezüglich der geopolitischen Interessen der USA besaßen (beispielsweise Terrorismus oder die Ölpreispolitik der OPEC), während sie über andere Gegebenheiten in Nahost, beispielsweise über das Alltagsleben der Menschen, nicht berichteten. Diese Art der Berichterstattung fasst Said mit dem polysemen Ausdruck covering Islam, denn to cover bedeutet sowohl berichterstatten als auch verdecken; während die US-Nachrich‐ tenmedien laut Said nur über spektakuläre und gewaltsame Vorkommnisse in der islamisch geprägten Welt berichten, verdecken sie dabei die dortige kulturelle Vielfalt, die Lebensrealitäten der Menschen, etc., wodurch ein verzerrtes Bild entsteht. Nach den Terrorattacken des 11. September fand sich selbst in liberalen Nachrich‐ tenmedien wie der New York Times prominent das Narrativ, „die ‚Kultur‘ arabischs‐ tämmiger Amerikaner: innen und muslimischer Amerikaner: innen [sei] nicht nur unvereinbar mit ‚US-amerikanischer‘ Kultur, sondern auch verdächtig“ ( Joseph und D’Harlingue 2008, 233; Übers. KM). Zudem zeigten Nachrichtenmedien die Tendenz, in der Berichterstattung über Terrorattacken auf arabische Täterschaft/ islamistische Motive zu schließen, selbst wenn es keine Anhaltspunkte dafür gab, und den Terminus Terrorismus lediglich für solche Gewaltakte zu verwenden, die von Islamist: innen begangen wurden. Beispielsweise bezeichnete eine breite Reihe an Nachrichtenme‐ dien im Sommer 2011 die Bombendetonation im Regierungsviertel Oslos und die 5 Antimuslimischer und antiarabischer Rassismus 73 <?page no="74"?> Massenerschießung von Jugendlichen auf einer benachbarten Insel zunächst als Ter‐ rorakte; einige Medien inklusive der Washington Post berichteten anfangs, „Jihadisten“ seien verantwortlich (Rubin 2011). Sobald die Ermittlungen ergeben hatten, dass der Verdächtige ein weißer Suprematist namens Anders Behring Breivik war, der vorgab, Europa vor „islamischer Kolonisierung“ bewahren zu wollen, unterließen einige Nachrichtenmedien inklusive der New York Times die Verwendung des Terminus Terrorismus, sondern bezeichneten die Gewalttaten etwa als „Massaker“ oder „Massen‐ mord“ (vgl. Greenwald 2011). Bezüglich der Unterhaltungsmedien begann im frühen War on Terror eine Phase, in der Hollywood-Filme und TV-Serien wie 24, Sleeper Cell oder Law & Order nicht nur bevorzugt die Figur des arabischen Terroristen als Bösewicht einsetzten, sondern im Speziellen auch Arab Americans und Muslim Americans als bedrohlich für die nationale Sicherheit darstellten, als „rückwärtsgewandte religiöse Fanatiker: innen, die zu Recht staatliche Überwachung, Inhaftierung, Folter und Tod erfahren“ (Shaheen 2008, 47, Übers. KM). Die Hitserie 24 (2001-2010) des Senders Fox ist als besonders problematisch hervorzuheben: Gerade in den frühen Staffeln der Serie bekämpft Su‐ peragent Jack Bauer (dargestellt von Kiefer Sutherland) arabischstämmige und musli‐ mische Bösewichte, die Selbstmordattentate oder nukleare Terrorattacken planen. Der Superagent setzt dabei Foltermethoden wie Waterboarding ein, die US-amerikanische Agent: innen im realen War on Terror gegenüber Terrorverdächtigen in Guantanámo zum Einsatz brachten. Auch der für den Oscar nominierte Film Zero Dark Thirty (2012) der Regisseurin Kathryn Bigelow, der die jahrelange Suche nach Osama bin Laden, dem Anführer des Terrornetzwerks al-Qaida, fiktionalisiert, repräsentiert Folter von arabischen/ muslimischen Figuren als legitim, indem er sie als Praxis darstellt, die wertvolle Informationen zu Tage fördert. Ein paar Jahre nach Beginn des War on Terror wurden allerdings zunehmend auch TV-Serien wie The Guardian oder The Education of Max Bickerford produziert, die arabischstämmige und muslimische Amerikaner: innen als Opfer von Hassverbrechen und staatlicher Diskriminierung darstellten (Alsultany 2012). Jedoch zeigten einige dieser TV-Serien laut Evelyn Alsultany die Tendenz, die Beschränkung der Bürgerrechte von Arab Americans und Muslim Americans als notwendiges Übel im Interesse der nationalen Sicherheit darzustellen (2012, 208). Weiß per Gesetz: Kein Zugang zu Programmen der Minderheitenförderung trotz Rassismuserfahrung Obwohl Arab Americans, wie soeben dargelegt wurde, nach dem 11. September 2001 verstärkt rassistischer Diskriminierung ausgesetzt sind, ist ihnen der Zugang zu Programmen der Minderheitenförderung (affirmative action) verwehrt, da sie von staatlicher Seite als weiß klassifiziert werden. Der Code of Federal Regulations definiert als „weiß, nicht hispanischen Ursprungs“ „eine Person, die von den ursprünglichen Völkern Europas, Nordafrikas oder des Nahen Ostens abstammt“ (28 CFR. § 42.402; Übers. KM). Während das statistische Bundesamt bei der Bevölkerungszählung Befrag‐ 74 5 Antimuslimischer und antiarabischer Rassismus <?page no="75"?> ten die Option anbietet, ihre „rassische“ Zugehörigkeit selbst einzutragen, werden die Antworten derjenigen, die die Option „andere Rasse“ ankreuzen und sodann „arabisch“, eine arabische Nationalität oder „nahöstlich“ eintragen, in der Auswertung als „weiß“ gezählt (Cainkar 2009, 99). Programme des Bundes zur Minderheitenförderung, wie beispielsweise das Programm des US-Verteidigungsministeriums, beziehen sich auf „Personen, die als Schwarz (nicht hispanischen Ursprungs), hispanisch, asiatisch oder als Pacific Islanders, American Indian oder Alaskan Native eingestuft werden“ (U.S. Department of Defense, DIRECTIVE no. 14401.1; Übers. KM). Die Richtlinien der Bundesstaaten sind in der Regel ähnlich (Tehranian 2009, 37). Somit hat die arabische/ nahöstliche Diaspora in den USA keinen Zugang zu Programmen der Minderheitenförderung. (Es sei darauf verwiesen, dass sich arabischstämmige Ameri‐ kaner: innen zu Beginn des 20. Jahrhunderts - als das Recht, Staatsbürgerschaft per Einbürgerung zu erwerben, Weißen vorbehalten war - durch politischen Aktivismus und Rechtsstreit für die Klassifikation ihrer Community als weiß eingesetzt hatten. Gualtieri 2009.) John Tehranian beschreibt in seiner Studie Whitewashed: America’s Invisible Middle Eastern Minority das „rassische“ Dilemma von US-Amerikaner: innen mit Wurzeln in der arabischen Welt/ Nahost wie folgt: Amerikanerinnen nahöstlicher Abstammung sind in einer bizarren Zwickmühle gefangen. Sie werden vom Gesetz als weiß gebrandmarkt, werden aber gleichzeitig als die Anderen be‐ handelt. Sie haben weder Zugang zu Programmen der Minderheitenförderung, noch genießen sie die Vorteile, die weißes Privileg mit sich bringt (2009, 36; Übers. und Hervorhebung KM). Aus meiner Sicht ist eine Reform der „rassischen“ Klassifikation beziehungsweise der Richtlinien, die den Zugang zu Programmen der Minderheitenförderung regeln, angezeigt, insbesondere nachdem die erste Präsidentschaft Trumps einer Verschärfung des antiarabischen und antimuslimischen Rassismus den Weg bereitete und sich die Neue Rechte in den USA auch nach Ende der ersten Präsidentschaft Trumps (2017- 2021) deutlich islamophob artikuliert. Verschärfung des antiarabischen und antimuslimischen Rassismus in der Ära Trump Unter Präsident Barack Obama (2009-2017) verbesserte sich die innenpolitische Situation von Araber: innen und Muslim: innen im Allgemeinen. So beendete die Obama-Administration die Spezialregistrierung bei Ankunft in den USA im April 2011 (Seyfarth Shaw Attorneys 2011). Jedoch verlängerte Obama im Mai 2011 auch zentrale Maßnahmen des Patriot Act - unter anderem das Abhören terrorverdächtiger Bürger: innen - für vier Jahre (Abrams 2011). Den Drohnenkrieg in Pakistan und im Jemen, dem zahlreiche lokale Zivilist: innen zum Opfer fielen, verschärfte die Obama-Administration im Vergleich zur Bush-Administration sogar deutlich (Purkiss und Serle 2017). 5 Antimuslimischer und antiarabischer Rassismus 75 <?page no="76"?> Doch auch während der Amtszeit Obamas kam es zu gewalttätigen Hassverbrechen gegen Muslim: innen oder Menschen, die für muslimisch gehalten wurden. So stürmte ein Neonazi im August 2012 einen Sikh-Tempel in Oak Creek, Wisconsin, und schoss auf die dort versammelte Gemeinde, wodurch er sechs Menschen tötete und vier weitere verletzte, bevor er sich selbst richtete (Kaur 2022). Im Februar 2015 erschoss ein weißer Mann mittleren Alters drei arabischstämmige muslimische Studierende in Chapel Hill, North Carolina; er wurde zu dreimal lebenslänglicher Haftstrafe verurteilt (Watts und Hanna 2019). Schließlich geriet Barack Obama selbst zur Figur, an der sich islamophobe und nativistische Verschwörungserzählungen entzündeten, die zum Erstarken der Neuen Rechten (Alt-Right) in den USA beitrugen (→ Kapitel Alt-right und Neue Rechte). So verbreiteten Anhänger: innen der nach Amtsübernahme Obamas gegründeten Tea-Party-Bewegung - einer Abspaltung der Republikanischen Partei - die Erzählung, Obama sei Muslim (und damit, so legten sie nahe, für das Amt des Präsidenten ungeeig‐ net) sowie die Erzählung, Obama wäre nicht auf US-Territorium geboren worden und hätte somit von der Präsidentschaftswahl disqualifiziert werden müssen (Turner 2022). Da das Äußern offen rassistischer (d. h. explizit mit „Rasse“ argumentierender) Positio‐ nen in den späten 2000er Jahren noch nicht wieder salonfähig geworden war, bedienten sich Politiker: innen und Bürger: innen, die einen Schwarzen Menschen als Präsidenten ablehnten, des rhetorischen Feigenblattes (und damit einer kulturalistischen Argumen‐ tation), ihre Ablehnung Obamas sei in dessen (angeblichem) muslimischen Glauben begründet (ebd.). Bezeichnenderweise verteidigte eine zentrale politische Figur der Republikanischen Administration von Präsident George W. Bush, der vormalige Außenminister Colin Powell, den Demokratischen Präsidentschaftskandidaten Obama und kritisierte gleichsam das binäre Narrativ, der Islam und US-amerikanische Werte seien unvereinbar. Powell sagte im Jahr 2008: Die korrekte Antwort ist, er [Obama] ist kein Muslim; er ist Christ. […] Aber die wirklich richtige Antwort ist, ‚Was wäre denn, wenn er muslimisch wäre? ‘ […] Was ist falsch daran, wenn ein siebenjähriges muslimisches Kind in Amerika glaubt, eines Tages Präsident oder Präsidentin werden zu können? (zit. in Wise 2021, Übers. KM). Solch parteiübergreifendes Eintreten für demokratische Prinzipien und kulturellen Pluralismus ist im stark polarisierten politischen Klima der USA des Jahres 2025 schwer vorstellbar. Denn die Neue Rechte in den USA, die seit den späten 2010er Jahren verstärkten Zulauf findet, artikuliert sich unzweifelhaft islamophob; die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten im Jahr 2016 - und die Unterwerfung eines Großteils der Republikanischen Partei unter seine rechtspopulistische Agenda - ist Zeichen des Erstarkens der Neuen Rechten. Die Rhetorik und Politik Trumps trug ihrerseits wiederum zu einer neuen Salonfähigkeit der Islamophobie bei. Trump äußerte sich während des Wahlkampfs wiederholt islamophob; so behauptete er, Muslim: innen „hassten“ die USA (Holpuch, Pilkington und Goyette 2016), rief nach der islamistischen Terrorattacke von San Bernardino im Herbst 2015 dazu auf, 76 5 Antimuslimischer und antiarabischer Rassismus <?page no="77"?> Muslim: innen die Einreise in die USA zu versagen (Foran 2016), und stellte in den Raum, als Präsident eine Registrierung von Muslim: innen einführen und die Spezialregistrie‐ rung wiedereinführen zu wollen (Siddiqui 2016). Nach seinem Amtsantritt besetzte er zentrale Positionen seiner Administration mit berüchtigten islamophoben Figuren wie Steve Bannon und Michael Flynn und autorisierte innerhalb der ersten Woche seiner Amtszeit den so genannten „Muslim ban“ (Patel und Levinson-Williamson 2017), der die Einreise von Bürger: innen aus sieben mehrheitlich muslimischen Ländern unterband und die Aufnahme syrischer Geflüchteter in den USA auf unbestimmte Zeit aussetzte. (Aufgrund mehrerer Gerichtsurteile wurde im März 2017 ein neues Gesetz verabschiedet, das Bürger: innen der genannten Länder, die bereits Visa hatten, die Einreise in die USA erlaubte und syrischen Geflüchteten die Aufnahme in den USA ermöglichte. Präsident Joe Biden hob den „Muslim ban“ am ersten Tag seiner Amtszeit auf.) Bereits während Donald Trumps Wahlkampf 2015/ 16 stieg die Zahl antimuslimischer Hassverbrechen sprunghaft an. Laut dem FBI waren im Jahr 2015 67 Prozent mehr antimuslimische Hassverbrechen zu verzeichnen als im Vorjahr, sowie die höchste Zahl islamopher Hassverbrechen seit 2001 und damit seit der Frühphase des War on Terror (Sidahmed 2016). Im Jahr 2016 stieg die Anzahl antimuslimischer Hassverbrechen im Vergleich zu 2015 noch einmal um 19 Prozent an (Willingham 2017). Zudem berichteten Araber: innen und Muslim: innen gegenüber Journalist: innen und auf sozialen Medien von einem Gefühl der Verunsicherung bis hin zu Angst, da sie ein nie gekanntes Maß an Anfeindung erführen (Holpuch, Pilkington und Goyette 2016). So gab Fariha Nizam, eine im New Yorker Stadtteil Queens wohnende junge bengalisch-amerikanische Frau gegenüber dem Guardian an, in den Tagen nach Trumps Wahl sei sie in einem Stadtbus von einem älteren weißen Ehepaar angeschrien worden, sie solle ihren Hijab abnehmen (ebd.). Einige Täter: innen von Hassverbrechen bezogen sich nachweislich auf Trump; beispielsweise musste sich ein weißer Geschäftsmann in New York vor einem Gericht verantworten, weil er im Januar 2017 eine Mitarbeiterin einer Fluglinie in Hijab tätlich angegriffen und dabei gesagt hatte: „Trump ist jetzt hier [und] er wird euch alle beseitigen“ (Bever 2017; Übers. KM). Wissenschafter: innen haben gezeigt, dass es einen Zusammenhang zwischen Trumps Rhetorik und Hassverbrechen gibt - dieses Phänomen wird „Trump Effekt“ genannt (Edwards und Rushin 2018; Newman et al. 2021). Nach der Wahl Trumps zum US-Präsidenten stieg die Zahl gemeldeter Hassverbrechen (jeglicher Art, nicht nur antimuslimischer Art) an und blieb nicht nur im 4. Quartal des Jahres 2016, sondern auch im gesamten Jahr 2017 hoch. Griffin Edwards und Stephen Rushin schreiben: Die Wahl Trumps zum Präsidenten ging mit einem statistisch signifikanten Anstieg gemelde‐ ter Hassverbrechen in den gesamten USA einher […] Landkreise, die mit deutlicher Mehrheit für Trump gestimmt hatten, erfuhren den größten Anstieg gemeldeter Hassverbrechen (Edwards und Rushin 2018, 1; Übers. KM). Besonders interessant ist folgende These von Edwards und Rushin: Sie argumentieren, dass Bürger: innen in ihrem alltäglichen Leben oft genug rassistische Rhetorik rezipie‐ 5 Antimuslimischer und antiarabischer Rassismus 77 <?page no="78"?> ren, ohne sich zu Hassverbrechen anstiften zu lassen; dass diese rassistische Rhetorik aber vom (zukünftigen) Präsidenten geäußert wurde, habe Islamophobie „geadelt“ und die eigenen islamophoben Gefühle validiert (Edwards und Rushin 2018, 19). Seit der Jahrtausendwende hat es auch Fortschritte bezüglich der Inklusion von ara‐ bischstämmigen und muslimischen Amerikaner: innen in die US-Gesellschaft gegeben. So wurden im November 2016 zwei muslimische Frauen in das US-Repräsentantenhaus gewählt, die somalischstämmige Ilhan Omar, die Hijab trägt, und die palästinen‐ sisch-amerikanische Rashida Tlaib. Auch solidarisierten sich in der Frühphase des War on Terror sowie in der Trump-Ära zahlreiche US-Bürger: innen mit arabischstämmigen und muslimischen Amerikaner: innen. Jedoch gibt Evelyn Alsultany zu bedenken, dass spektakuläres Offensichtlich-Werden von Islamophobie - in Form von Hassverbrechen oder Regierungspolitik - meist zu Solidarisierungen und Diversitätsinitiativen durch Unternehmen, Universitäten etc. führen, die strukturellen Bedingungen von Islamo‐ phobie jedoch meist nicht diskutiert und schon gar nicht politisch verändert werden: Der scheinbare Zyklus aus gewalttätigem Vorfall, Reaktionen der Regierung, Hassverbre‐ chen, und Gegen-Reaktionen führt zu dem, was ich als Krisendiversität [crisis diversity] fasse. Krisendiversität besteht darin, dass ein krisenhafter Vorfall […] einen Dominoeffekt an Reaktionen hervorruft: Die allgemeine Bevölkerung wird auf ein schon lange beste‐ hendes Problem aufmerksam (antimuslimischer Rassismus); Angehörige dieser speziellen Gruppe (Muslim: innen und Islam-Expert: innen) werden eingespannt, um dringlichst die Öffentlichkeit aufzuklären und die politische Elite zu beraten, was sich verändern muss; Medienunternehmen, Unternehmen, Universitäten […] reagieren, indem sie Verlautbarungen veröffentlichen oder neue Diversitätsinitiativen lancieren. Die Krise geht vorüber und das Problem erhält wenig Aufmerksamkeit, bis die nächste Krise passiert und der Zyklus von vorne beginnt. Es […] lässt sich darüber diskutieren, wie viel sozialer Wandel durch diese Krisen und die Reaktionen darauf erreicht wird (2022, 15; Übers. KM). Literatur Abrams, Jim. 2011. „Patriot Act Extension Signed by Obama.“ Huffington Post, 27. Mai 2011. Letzter Zugriff 08. 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Antischwarze Stereotype und Feindbilder prägen seit Jahrhunderten machtvoll den Blick auf Schwarz gelesene Menschen. Ihre Ausformungen mögen sich im Laufe der Zeit ändern und doch ist der Effekt immer wieder der gleiche: gewaltvolle und systematische Ausgrenzung, Ausbeutung und Unterdrückung. Dabei ist antischwarzer Rassismus freilich keine „Erfindung“ der US-amerikanischen Geschichte, sondern ein globales Phänomen, das vor allem mit der Geschichte der europäischen Kolonisierung und damit einhergehenden politischen, religiösen und wissenschaftlichen Diskursen verbunden ist. Und doch hat sich im Laufe der Jahrhunderte in Nordamerika eine spe‐ zifische Form rassistischer Diskriminierung gegen Schwarze Menschen herausgebildet, die mit der Geschichte der Sklaverei und ihren bis heute spürbaren Folgen verknüpft bleibt. Zugleich zeigt der Blick in die Vergangenheit, dass Schwarze Menschen sich ihrer Herabsetzung und Ausbeutung beständig widersetzten und entzogen. Seit der frühen Kolonisierung Nordamerikas präsentiert sich antischwarzer Rassismus als kraftvolles und beharrliches Machtgefüge, das immer wieder herausgefordert wurde und deswegen andauernder Bestätigung und Anpassung bedurfte. Aufgrund dieses beständigen Wandels können wir nicht von antischwarzem Rassismus als kohärentem und zeitlich stabilen Konstrukt sprechen. Stattdessen handelt es sich um ein Phänomen, das bestimmten Konjunkturen und wechselnden Interessen unterlag. Seine Geschichte ist eng verbunden mit Schwarzen Emanzipierungsbestrebungen wie Sklavenaufstän‐ den, Formen alltäglichen Widerstands oder den Bürgerrechtsbewegungen seit dem Ende des 18. Jahrhunderts. Antischwarzer Rassismus in den USA kann dabei als machtvolle Wissensformation und als soziale Praxis verstanden werden, durch die Annahmen und Diskurse über die natürlichen Qualitäten und Eigenschaften Schwarzer Menschen immer wieder neu ausgehandelt wurden. <?page no="84"?> Stereotype über Schwarze Menschen blieben über Jahrhunderte stabil: Ausgrenzung und Unterdrückung fußten auf der Zuschreibung vermeintlich natürlicher Körper- und Charaktereigenschaften wie Kindlichkeit und Naivität oder Gewalttätigkeit und Promiskuität. Beispielhaft dafür steht Thomas Jefferson, einer der prominentesten Politiker der frühen US-amerikanischen Republik. Bei allem Zweifel an der Institution Sklaverei befand er in seinen 1787 veröffentlichten Notes on the State of Virginia, dass Schwarze Menschen natürlich unterlegen seien: „their inferiority is not the effect merely of their condition of life“ ( Jefferson 1788, 151). Dieser weiße Blick erlaubte es einerseits, Schwarze Menschen beständig als ein „Anderes“ und als nicht-dazuge‐ hörig zu denken, und in Abgrenzung eine US-amerikanische „imagined community“ zu konstruieren, die dominant weiß war und ist. Andererseits rechtfertigte er die Herrschaft über die Körper Schwarzer Menschen und deren Behandlung als Eigentum, als Rechtsgegenstände oder als Objekte sexuellen Begehrens (Morgan 1997). Die vielen Formen der Unterdrückung und Diskriminierung, die auf diesen Grund‐ annahmen basierten, fanden sowohl konzeptionell-intellektuell als auch sinnlich-kör‐ perlich ihren Niederschlag (Smith 2006, 1-19): legislative Ausgrenzung vor Gericht und bei politischen Entscheidungsprozessen, körperliche Gewalt und Züchtigung oder selektive Erinnerungskulturen und Geschichten, die bis heute Schwarze Stimmen und den Beitrag Schwarzer Menschen in der Geschichte der USA symbolisch wie materiell marginalisieren (Schwarz 1988, 1-20; Trouillot 1995, 70-107). Und doch war die ideologische Grundlage antischwarzen Rassismus nur schein‐ bar stabil und kohärent, sah sich immer wieder Kritik ausgesetzt und musste sich immer wieder wandeln. Kritiker: innen forderten diese Bilder immer wieder heraus. Zudem stellten sie Schwarze Menschen durch situativ eigensinniges Abweichen von antischwarzen Stereotypen oder durch offenen politischen Widerstand und Emanzi‐ pierungsbemühungen in Frage. Rassismus lässt sich folglich nicht als abgeschlossenes Gefüge begreifen, sondern muss auch relational und in Reaktion zu den vielfältigen Kritiken und Widerständen gesehen werden. Um die Ausgrenzung und Gewalt gegen‐ über Schwarzen Menschen aufrechtzuerhalten, zeigte sich antischwarzer Rassismus immer wieder erstaunlich wandlungs- und anpassungsfähig. Kolonialgeschichte und Sklaverei Die Herkünfte antischwarzen Rassismus reichen in die Geschichte der europäischen Kolonisierung zurück und öffneten den Raum für die Versklavung Schwarzer Men‐ schen innerhalb des transatlantischen Sklavenhandels. Sie basierten auf einem weißen Blick, der Schwarze Menschen als unterlegen und minderwertig begriff. Dieser fand zunächst seine Begründung in religiösen Erzählungen, die Schwarze Menschen bei‐ spielsweise als Nachfahren von Ham, einem der Söhne Noahs, sahen, der dazu verflucht sei, „Knecht aller Knechte“ zu sein. Ab dem späten 17.-Jahrhundert wurden zusätzlich wissenschaftliche Traktate von Philosophen wie Jean-Jaques Rousseau oder Montes‐ quieu zurate gezogen, die Menschen afrikanischer Herkunft im Vergleich zu weißen 84 6 Antischwarzer Rassismus <?page no="85"?> Europäer: innen einen Mangel an Intellekt und „Zivilisation“, einerseits, und eine übermäßige Emotionalität und Animalität, andererseits, bescheinigten (Buck-Morss 2000) Solche Studien dienten letztlich als Rechtfertigungen für die Versklavung und Unterdrückung Schwarzer Menschen. Und doch waren es besonders seit Mitte des 17. Jahrhunderts vor allem wirtschaftliche Interessen, die dazu führten, dass mehr als zwölf Millionen Menschen zwischen 1500 und 1875 Menschen aus Afrika entführt und in der sogenannten Neuen Welt versklavt und ausgebeutet wurden (→ Kapitel Sklaverei und Sklavenhandel). Besonders in den britischen Kolonien der Atlantischen Welt bedingten Sklaverei und Rassismus einander und waren gleichzeitig immer wieder Kritik und Widerstand aus‐ gesetzt: Rassistische Unterdrückung ermöglichte einerseits die Versklavung Schwarzer Menschen als lebenslanges Eigentum. Andererseits wurden rassistische Feindbilder beständig nachgeschärft und den ökonomischen und machtpolitischen Bedingungen von Sklaverei angepasst. Sklavenaufstände und alltägliches Auflehnen (z. B. Lesen) erzeugten beständig reaktive Gewalt, die die kulturelle und politische Unterdrückung Schwarzer Menschen immer weiter vertiefte. So erließ das Parlament von Virginia 1662 in Reaktion auf die erfolgreiche Klage von Elizabeth Key, einer versklavten Frau, ein Gesetz, das jeden Zweifel über den Status versklavter Menschen zu beheben versuchte. In Abkehr vom englischen Common Law machte es den politischen Status eines Menschen von dem seiner Mutter abhängig. Die aus sexuellen Beziehungen zwischen weißen Männern und Schwarzen Sklavinnen resultierenden Kinder wurden somit fortan in Unfreiheit geboren und waren nicht erbberechtigt. Dadurch eröffnete sich nicht nur die rechtlich weitgehend risikofreie Möglichkeit zum sexuellen Missbrauch Schwarzer Frauen durch weiße Männer, das Gesetz schrieb gleichzeitig auch die Vererbung von Sklaverei als Status und damit deren rassistisch biopolitische Basis fest. Damit wurde der reproduktive Charakter der chattel slavery (Besitzsklaverei) endgültig definiert, der nicht nur auf die körperliche Ausbeutung auf Feldern, in Minen und in Haushalten abzielte, sondern auch die Kinder versklavter Frauen zur Ware machten und damit zugleich zum Teil des wirtschaftlichen Modells der Sklaverei (Morgan 2018; Spillers 1987; Weinbaum 2019, 39-43). Ab dem 17. Jahrhundert entwickelte sich ein Netz von Bestimmungen, Gesetzen und Praktiken, das die Handlungsfreiheit versklavter Menschen immer weiter einschränkte: der Alltag schwarzer Menschen (z. B. ihre Mobilität, Sexualität oder Bekleidung) wurde unter den Verdacht potentiellen Widerstands gestellt und heftig reguliert. Die Grundannahmen des antischwarzen Rassismus blieben dabei über Jahrhunderte stabil, auch wenn sich das Vokabular immer wieder änderte. Während im frühen 19. Jahrhundert Abolitionist: innen die Kritik an der Sklaverei und die Forderungen nach der sofortigen Freilassung der versklavten Menschen verstärkten, gewann in Reaktion darauf im US-amerikanischen Süden die Ideologie des Paternalismus an Popularität und wurde zum Teil der politischen Alltagskultur. Angesichts der vermeintlich kindhaften und unselbständigen Natur Schwarzer Menschen, erklärten es Sklavenhalter zu ihrer Pflicht, gleichsam wie Eltern, 6 Antischwarzer Rassismus 85 <?page no="86"?> für Schwarze Menschen zu sorgen und dafür deren Loyalität und Arbeitskraft zu empfangen. Gleichzeitig zeigt die Abolitionismusbewegung ab dem frühen 19. Jahrhundert auch, wie breit rassistische Grundannahmen innerhalb der weißen Mehrheitsbevölkerung überall im politischen Spektrum verbreitet waren. Schwarze Bügerrechtler: innen des 19. Jahrhunderts wie Frederick Douglass sahen sich wiederholt damit konfrontiert, dass weiße Abolitionist: innen (wie William Lloyd Garrison) sie zwar als prominen‐ tes Gesicht für ihre scharfe Kritik an der Sklaverei nutzen wollten, ihnen jedoch gleichzeitig keine eigene politische Agenda zugestanden. Selbst in der weißen Kritik von Sklaverei verblieben schwarze Menschen häufig Objekte weißer Gnade und Mildtätigkeit, die gerettet werden mussten, sie verblieben häufig ohne eigene Stimme im Status der Unterlegenheit und Abhängigkeit (→ Kapitel Abolitionismus). Das Bild vom hilflosen Schwarzen Individuum blendete freilich die zahlreichen Orte Schwarzer Handlungsmacht und Emanzipation aus, seien es Schulen, Kirchen oder Bibliotheken, die von Afroamerikaner: innen für Afroamerikaner: innen seit Ende des 18. Jahrhun‐ derts etabliert wurden - oder seien es die vielen individuellen und kollektiven Momente des Widerstands gegen Sklaverei in den Südstaaten, die von einem eigensinnigen Lachen über weiße Panik bis hin zu Klagen bei Gericht oder Streiks und kollektiven Aufständen reichten (Sinha 2013, 5-10; Rael 2015, 300-27). Trotz dieser vielen Akte des Auflehnens, blieb die Vorstellung Schwarzer politisch mündiger Bürger: innen für viele Weiße undenkbar. Ab den 1830er Jahren gewannen zudem pseudowissenschaftliche Rechtfertigungen der Sklaverei an Bedeutung. Verteidiger der Sklaverei und Gegner des Abolitionismus stützen sich verstärkt auf die Theorie der Polygenese um die Versklavung Schwar‐ zer Menschen zu begründen. Aufbauend auf Samuel G. Mortons Schädelmessung postulierten sie, dass Schwarze Menschen einer separaten und inferioren „Rasse“ angehörten. Da die Idee der Polygenese in Konflikt mit der Genesis-Erzählung der Bibel stand, fand sie nur bei Teilen der Südstaaten-Elite Anklang. Aber auch die Fürsprecher der Theorie der Monogenese im Süden bereiteten einem biologischen Rassismus den Weg, indem sie argumentierten, dass Schwarze Menschen aufgrund von Umwelteinflüssen permanent einer inferioren „Art“ („variety“) der menschlichen „Rasse“ angehörten (Fredrickson 1971, 71-90). Pseudowissenschaftliche Theorien über eine vermeintlich „natürliche“ Unterlegenheit Schwarzer Menschen fanden auch im Norden und Westen der USA weite Verbreitung. Dies gilt auch für den US-Bürgerkrieg (1861-65) und die nachfolgende Phase des Wiederaufbaus (Reconstruction). Bürgerkrieg und Reconstruction Der antischwarze Rassismus war eine treibende Kraft des US-amerikanischen Bürger‐ krieges. Um einer möglichen Abschaffung der Sklaverei zuvorzukommen, spalteten sich die Konföderierten Südstaaten nach der Wahl von US-Präsident Abraham Lincoln 1860 von den USA ab und forderten damit den Bürgerkrieg heraus. Lincoln erklärte 86 6 Antischwarzer Rassismus <?page no="87"?> wiederholt, den Krieg nicht zur Beendigung der Sklaverei, sondern zur Wiederherstel‐ lung der Union zu führen. Mit dem Inkrafttreten der Emanzipationserklärung am 1. Januar 1863 machte er jedoch die Befreiung der Versklavten zu dem zentralen Thema des Kriegs. Die Erklärung verfügte die Freilassung aller Sklav: innen in den „Rebellenstaaten“. Zugleich erkannte sie Schwarzen Männern das Recht zu, in der Unionsarmee zu kämpfen. Schwarze Soldaten trugen daraufhin maßgeblich zum Sieg über die Konföderierte Armee bei und forderten damit das rassistische Stereotyp Schwarzer Unterlegenheit heraus. Zugleich erlaubte es ihnen der Kriegsdienst in Uniform selbstbewusst für ihre Bürgerrechte einzutreten (Smith 2002). Die Niederlage der Konföderierten Südstaaten im Bürgerkrieg und die anschließende Befreiung von etwa vier Millionen versklavten Menschen, welche durch die militär‐ ische Besetzung der Südstaaten durchgesetzt werden sollte (Reconstruction), führte jedoch nicht zu einer Abschwächung des antischwarzen Rassismus in den USA, im Ge‐ genteil. In den politischen Debatten der Nachkriegszeit nahmen rassistische Vorurteile eine zentrale Rolle ein. Dies galt im Besonderen für die Auseinandersetzungen um die Verabschiedung und Ratifizierung des 14. Zusatzes zur US-amerikanischen Verfassung, der Schwarzen US-Amerikaner: innen die Bürgerrechte zuerkannte sowie des 15. Verfassungszusatzes, der Schwarzen Männern das Wahlrecht zusicherte. Vertreter der Demokratischen Partei im US-Kongress kritisierten die Gesetzesvorhaben, indem sie behaupteten, dass es Schwarzen Menschen an der Fähigkeit zur Selbstregierung mangele (Fredrickson, 190). Zudem postulierten sie, dass die angeblichen „rassischen“ Unterschiede zwischen Weißen und Schwarzen zu groß seien, um ein politisches Gemeinwesen zu bilden (Foner 1990, 122 f.). Die Anerkennung des afroamerikanischen Wahlrechts sorgte im Süden der USA für einen Aufschwung der rassistischen Demagogie. Nachdem zahlreiche Schwarze Republikanische Abgeordnete in die Parlamente der Südstaaten einzogen, warnten Politiker der Demokratischen Partei vor einer Übernahme des Südens durch eine „halb-barbarische Rasse“ (ebd., 145, Übers. SN). Gleichzeitig stellten die neugewählten Schwarzen Abgeordneten mit ihrer Arbeit gängige rassistische Vorurteile über die an‐ geblich mangelhaften intellektuellen und politischen Fähigkeiten Schwarzer Menschen nachdrücklich in Frage. Mit der Nutzung des neu zuerkannten Wahlrechts, dem Aufbau und Besuch von Schulen sowie dem Streben nach ökonomischer Eigenständigkeit unterstrichen Schwarze Bürger: innen im Süden während der Reconstruction-Ära ihren Anspruch auf gleichberechtige gesellschaftliche Teilhabe (Du Bois 1992 [1935], 637-69; Foner 1990, 148-79). In Reaktion darauf griffen weiße Südstaatler: innen verstärkt zum Mittel der Gewalt. Terroristische Gruppierungen wie der Ku-Klux-Klan attackierten insbesondere Afroamerikaner: innen, die sich dem Bild Schwarzer Untergebenheit dezidiert widersetzten (Foner 1990, 185-86). Der Kompromiss von 1877, der den Konflikt über die umkämpfte US-Präsident‐ schaftswahl von 1876 beilegte, beendete die Reconstruction. Als Ausgleich für die Anerkennung seiner Wahl zum US-Präsidenten gestand der Republikaner Rutherford B. Hayes Politikern in den Südstaaten eine Politik der Nichteinmischung des Bundes 6 Antischwarzer Rassismus 87 <?page no="88"?> in die Belange des Südens (home rule) zu, die maßgebliche Auswirkungen auf die Lage der afroamerikanischen Bevölkerung im Süden hatte. Antischwarzer Rassismus nach dem Ende der Reconstruction In den folgenden Dekaden nahmen die Amtsträger der Demokratischen Partei im Süden die Errungenschaften der Reconstruction Schritt für Schritt zurück und errich‐ teten ein neues System der weißen Vorherrschaft. Repressive Gesetze sicherten den Pflanzern umfassende Kontrollbefugnisse über Schwarze Arbeiter: innen zu. Die Ver‐ abschiedung breit gefasster vagrancy laws (Gesetze gegen die Vagabundiererei) und die Verschärfung von Strafen für Bagatelldelikte führten zu einer massiven Ausweitung des Convict-lease-Systems, mit dem Schwarze Häftlinge zur unentgeltlichen Arbeit auf Plantagen, Minen oder anderen Bereichen gezwungen wurden (Foner 1990, 247-53; → Kapitel Rassismus und Wirtschaft). In den 1880er und 1890er Jahren etablierten die Staaten des Südens zudem ein umfassendes, rechtlich gestütztes System der Segre‐ gation, das eine strenge Trennung weißer und Schwarzer Lebensbereiche vorschrieb und durchsetzte. Mit seinem Urteil in Plessy v. Ferguson legitimierte der U.S. Supreme Court 1896 die Rassentrennung im Süden der USA. Die verabschiedeten Segregations‐ gesetze rekurrierten implizit und explizit auf eine rassistische, biologistisch fundierte Rassenideologie, die behauptete, dass es unüberbrückbare Unterschiede zwischen der herrschenden Gruppe der „Weißen“ und den ihnen untergeordneten Angehörigen anderer „Rassen“ gebe und sich gegen jedwede Form der „Mischung“ zwischen weißen und nicht-weißen Menschen richtete. Die nach dem Ende der Reconstruction verab‐ schiedeten Anti-Miscegenation-Gesetze waren integraler Bestandteil dieser Ideologie. Indem sie sexuelle Beziehungen und Heiraten zwischen weißen und Schwarzen Menschen untersagten und unter Strafe stellten, sollten sie die Fiktion einer „reinen“ „weißen Rasse“ aufrechterhalten (→ Kapitel Segregation). Rassistische Gewalt fand überall in den USA statt. Sie war aber vor allem zentral für die Aufrechterhaltung der neu errichteten segregierten Ordnung des Südens. Ihre Ausübung hatte das Ziel, Schwarze Menschen auf eine den Weißen untergeordnete Position innerhalb der „rassischen“ Hierarchie des Südens zu verweisen und Verstöße gegen diese Ordnung harsch zu sanktionieren. Am drastischsten kam dies in der Lynchgewalt zum Ausdruck. Zwischen 1882 und 1946 ermordeten weiße Mobs im Süden der USA über 3.200 Afroamerikaner: innen. Ihren höchsten Stand erreichte die Lynchgewalt im Süden in den 1890er Jahren, als Lynchmobs jährlich durchschnittlich 104 Schwarze Menschen töteten (Smith und Horton 1995, 495; → Kapitel Lynchjustiz). Angetrieben wurde die Lynchgewalt vom Angstbild der sexuellen Bedrohung weißer Frauen durch Schwarze Männer, das von politischen Amtsträgern und Publizist: innen im Süden aufgegriffen und befeuert wurde. Bereits zeitgenössische Anti-Lynching-Ak‐ tivist: innen wie Ida B. Wells wiesen das Narrativ vom Lynchen als Antwort auf sexuelle Gewalt zurück, indem sie darauf aufmerksam machten, dass Lynchmobs auch 88 6 Antischwarzer Rassismus <?page no="89"?> Schwarze Männer und Frauen töteten, die des Mordes oder anderer Delikte beschuldigt wurden (→ Kapitel Anti-Lynching-Aktivismus; Brundage 1993, 49-85). Auch die im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert verstärkt auftretenden Pogrome gegen Schwarze Gemeinden, wie das Wilmington-Massaker 1898, waren ein Mittel zur Aufrechterhaltung der weißen Vormachtstellung. Wie die Lynchings fanden antischwarze Rassenpogrome auch außerhalb des Südens statt, wie etwa 1908 in Springfield, Illinois. Gewaltausbrüche gegen Schwarze Gemeinschaften hatten das Ziel, die Machtpositionen der lokalen weißen Bevölkerung zu behaupten. Zugleich waren sie in vielen Fällen eine Reaktion auf den ökonomischen Erfolg Schwarzer Communities, der als Bedrohung wahrgenommen wurde (→ Kapitel Rassenmassaker). Einen dramatischen Höhepunkt erreichten die Gewaltausbrüche im Jahr 1919, als es in dutzenden US-Städten zu Rassenpogromen kam, die mindestens 150 Todesopfer forderten. In der Folgezeit richteten sich solche Gewaltakte häufig auch gegen Bür‐ ger: innen der afroamerikanischen Mittelschicht, wie 1921 in Tulsa, Oklahoma, als weiße Gewalttäter zielgerichtet ein Schwarzes Geschäftsviertel angegriffen und dabei bis zu 300 Menschen töteten (→ Kapitel Der Kampf um Reparationen). In zahlreichen Fällen widersetzten sich Schwarze Bürger: innen dem weißen Mob, indem sie bewaff‐ neten Widerstand leisteten. Angeführt wurden sie oftmals von Schwarzen Veteranen, die im Ersten Weltkrieg gedient hatten und mit einem gestärkten Selbstbewusstsein in ihre Heimat zurückgekehrt waren ( Jobs 2012, 41-45; Krugler 2015). Zwischenkriegszeit und Zweiter Weltkrieg In den Dekaden nach dem Ersten Weltkrieg verstärkte sich die Kritik an spezifischen Formen des antischwarzen Rassismus. Zugleich machten die sozialen Verwerfungen der Great Depression die Beharrungskraft des antischwarzen Rassismus in der US-Ge‐ sellschaft deutlich. In den 1910er Jahren rief die 1909 gegründete National Association for the Advan‐ cement of Colored People (NAACP) eine Öffentlichkeitskampagne gegen das Lynching ins Leben. 1918 wurde im US-Kongress über ein nationales Anti-Lynching-Gesetz diskutiert, dass es Bundesgerichten erlauben sollte, Angehörige von Lynchmobs zu bestrafen. In den folgenden Jahrzehnten scheiterte die Verabschiedung eines solchen Gesetzes allerdings wiederholt am Widerstand der Südstaatensenatoren im US-Kon‐ gress. Zugleich verstärkte sich, vermutlich auch aufgrund des anhaltenden Anti-Lyn‐ ching-Aktivismus der NAACP, die ablehnende Haltung der US-Bevölkerung gegen die Lynchgewalt. 1937 befürworteten laut einer Gallup-Umfrage 72 Prozent aller US-Ame‐ rikaner: innen die Verabschiedung eines Anti-Lynching-Gesetzes (McCarthy 2018). Auch im Süden der USA traten Geistliche und Aktivisit: innen wie Jesse Daniel Ames in den 1930er Jahren verstärkt gegen Lynchmorde ein. Um das staatliche Gewaltmonopol durchzusetzen, ergriffen Sheriffs und Polizeivertreter im Süden zunehmend Maßnah‐ men, um drohende Lynchmorde zu verhindern (Berg 2006). Dies führte zu einem zahlenmäßigen Rückgang der Lynchgewalt. Gleichzeitig kamen Gerichte verstärkt 6 Antischwarzer Rassismus 89 <?page no="90"?> der Forderung nach, Schwarze Tatverdächtige, die Verbrechen gegen weiße Personen beschuldigt wurden, harsch und rasch zu bestrafen, indem sie diese in Schnellverfahren zum Tode verurteilten. Sheriffs und Polizisten trugen zu dieser Entwicklung bei, indem sie vielfach Foltermethoden einsetzen, um Schwarze Beschuldigte zu Geständnissen zu zwingen (Niedermeier 2014; → Kapitel Polizeisystem und Polizeigewalt). Im Zuge der Great Depression verstärkte sich in allen Regionen der USA die rassistische Diskriminierung Schwarzer Arbeitnehmer: innen. 1935 betrug die Arbeits‐ losenrate der Schwarzen Bevölkerung in US-Städten 50 Prozent und war damit mehr als doppelt so hoch wie die der weißen Bevölkerung. Schwarze Arbeiter: innen wurden vorrangig für schwere und niedrig bezahlte Jobs eingesetzt und waren weitaus häufiger von Entlassungen betroffen, auch weil ihnen zahlreiche Gewerk‐ schaften Mitgliedschaften verweigerten (Trotter 2000, 411). Besonders extrem war die rassistische Ausgrenzung auf dem Arbeitsmarkt im Süden der USA. In Reaktion darauf siedelten tausende Afroamerikaner: innen in die urbanen Zentren des Nordens über (ebd., 409-12). Die ersten Programme des New Deal änderten wenig an der ökonomischen Diskriminierung Schwarzer Arbeitnehmer: innen. Bis Ende der 1930er Jahre jedoch nahm der Anteil von Afroamerikaner: innen, die von den Projekten und Hilfsprogrammen profitierten, stetig zu, auch da der Demokratische Präsident Franklin D. Roosevelt verstärkt das Ziel verfolgte, die Unterstützung der Schwarzen Wählerschaft zu gewinnen (ebd., 416-19). Der Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg 1941 wirkte sowohl als Katalysator für antischwarzen Rassismus als auch für den afroamerikanischen Bürgerrechtskampf. Fast eine Million Schwarze Männer und Frauen diente während des Kriegs in den weiterhin segregierten Einheiten der US-Streitkräfte. Etwa 1,6 Millionen Afroamerika‐ ner: innen zogen in Städte, um von den neuen Jobs in der Kriegsindustrie zu profitieren. Ihre Zuwanderung führte zu Spannungen und massiven Gewaltausbrüchen. In Harlem und Detroit kam es 1943 zu gewaltsamen Ausschreitungen zwischen weißen und Schwarzen Anwohner: innen, die dutzende Todesopfer forderten und Millionenschäden verursachten. In Reaktion auf die Ausgrenzung Schwarzer Arbeitskräfte in der boo‐ menden Kriegsindustrie initiierten Schwarze Zeitungen die „Double V-Kampagne“ („V“ für „Victory“). Darin verknüpfte sie den Krieg mit dem Kampf gegen den antischwarzen Rassismus, indem sie den Sieg der Demokratie in Übersee und zuhause zum Ziel der Kriegsanstrengungen erklärten (ebd., 435-42). Einen wichtigen Etappensieg gegen die antischwarze Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt errang das vom Schwarzen Gewerkschaftsführer A. Philip Randolph initiierte March on Washington Movement. Die Androhung tausende Schwarze Arbei‐ ter: innen zu einem Protestmarsch auf das Weiße Haus zu mobilisieren, führte zum Erlass der Executive Order 8802 durch Präsident Roosevelt. Die Anweisung verbot die rassistische Diskriminierung in der Verteidigungsindustrie und den dazugehörigen beruflichen Trainingsprogrammen. Sie schuf damit die Grundlage für den Zugang von Schwarzen Arbeitnehmer: innen zu höherbezahlten Facharbeiter: innenstellen (ebd., 442-44). Eine maßgebliche Folge des Kriegs war auch, dass die politische Elite den 90 6 Antischwarzer Rassismus <?page no="91"?> antischwarzen Rassismus in den USA zunehmend als ein nationales Problem begriff. Auch um dem in Übersee geführten Kampf für Demokratie Glaubwürdigkeit zu verleihen, ordnete das US-Justizministerium in den frühen 1940er Jahren FBI-Ermitt‐ lungen in ausgewählten Fällen von rassistischer Polizeigewalt und Lynchmorden im Süden der USA an. Allerdings weigerten sich die südstaatlichen Geschworenen in den US-Bundesgerichten in aller Regel Schuldsprüche zu verhängen (Niedermeier 2014, 181-232). Vom Ende des Zweiten Weltkrieg zur Bürgerrechtsbewegung In den zwei Jahrzehnten nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam es in den USA zu umfassenden Umwälzungen in der Bürgerrechtsfrage. Vorangetragen wurde diese Entwicklung unter anderem von der Rückkehr der Schwarzen Soldaten aus dem Kriegs‐ dienst in Übersee. Wie bereits nach dem Ersten Weltkrieg, zeigten sich viele Veteranen nicht länger gewillt, rassistische Diskriminierung widerstandslos hinzunehmen, und forderten mit neuer Vehemenz die Anerkennung ihrer Bürgerrechte ein. Dabei gerieten sie in Konflikt mit der südstaatlichen Polizei. 1946 wurde in Batesburg, South Carolina, der Schwarze Veteran Isaac Woodard nach einem Streit mit einem Busfahrer vom Polizeichef der Kleinstadt blind geschlagen. Nachdem ein Bundesgericht in South Carolina den Polizeichef freisprach, organisiert die NAACP eine Tour des erblindeten Woodard durch US-amerikanische Großstädte, um auf die Dringlichkeit des Schwarzen Bürgerrechtskampfes aufmerksam zu machen (ebd., 150 f.). In Reaktion auf den Fall Woodard und weitere rassistische Vorfälle im Süden der USA rief US-Präsident Harry S. Truman im Dezember 1946 das President’s Committee on Civil Rights ins Leben, das Empfehlungen zum Schutz der Bürgerrechte aller US-Amerikaner: innen erarbeiten sollte. Die Initiative machte deutlich, dass die US-Regierung den Rassismus im Süden und darüber hinaus zunehmend als ein nationales Problem wahrnahm. Der Kalte Krieg verstärkte in den Folgejahren den Druck auf die politische Führung der USA im Kampf gegen den Rassismus Fortschritte vorzuweisen, auch da die Sowjetunion Fälle rassistischer Gewalt und Diskriminierung nutze, um das Selbstbild der USA als Hort der Freiheit und der Demokratie in Frage zu stellen (Dudziak 2000). In den Folgejahren erkämpften Bürgerrechtler: innen im Süden der USA maßgebliche Erfolge, die vielfach zu gewalttätigen Protesten und Gegenmaßnahmen führten. Ein Beispiel hierfür waren die Geschehnisse in Montgomery, Alabama, 1955 und 1956. Nachdem Rosa Parks am 1. Dezember 1955 festgenommen wurde, weil sie sich geweigert hatte, ihren Busplatz für einen weißen Passagier freizugeben, initiierte die Schwarze Einwohnerschaft Montgomerys unter der Führung von Martin Luther King Jr. einen mehr als einjährigen Boykott der lokalen Busgesellschaft. Knapp zwei Monate später verübten Unbekannte einen Bombenanschlag auf Kings Wohnhaus, den seine Familie nur durch Glück unbeschadet überstand. Kurz darauf ließen städtische Funktionäre die Anführer des Busboykotts unter dem Vorwurf der Verschwörung vorübergehend festnehmen. Der weiße Widerstand bestärkte die Schwarzen Bürger: in‐ 6 Antischwarzer Rassismus 91 <?page no="92"?> nen Montgomerys darin den Boykott trotz der damit verbundenen Einschränkungen aufrechtzuerhalten, bis die Stadt im Dezember 1956 die Segregation im öffentlichen Verkehrswesen auf Anweisung des US Supreme Court aufhob (Harding et al. 2000, 457-470). Eine ähnliche Dynamik zeigte sich nach der Entscheidung des US Supreme Court im Fall Brown v. Board of Education im Jahr 1954. In Reaktion auf das Urteil formierte sich im Süden der USA eine breite Protestbewegung weißer Suprematist: innen, die das Ziel verfolgte, die Integration des südstaatlichen Schulwesens zu verhindern. In ihren Aktionen vertraten die Vertreter: innen der Massive-Resistance-Bewegung explizit rassistische bzw. rassenideologische Positionen. So warnten sie davor, dass die Integration von Schulen die „rassische“ Reinheit der weißen Südstaatenbevölkerung bedrohe (Brückmann 2021, 18-39). Weiße Demonstrant: innen beschimpften, beleidig‐ ten und bedrohten Schwarze Kinder und Jugendliche, die durch ihren Schulbesuch die Desegregation der Schulen im Süden durchsetzen sollten. In Arkansas eskalierten 1957 die Proteste, als Gouverneur Orville Faubus die Nationalgarde mobilisierte, um die Integration der Little Rock Central Highschool durch neun Schwarze Schüler: innen zu unterbinden. Weiße Frauen nahmen eine maßgebliche Rolle bei der Organisation und Durchführung der Proteste ein. Nachdem US-Präsident Dwight Eisenhower die Nationalgarde von Arkansas unter den Befehl des Bundes gestellt und dazu beordert hatte, die Integration der Schule durchzusetzen, erlangten die sogenannten „Little Rock Nine“ letztendlich Zugang zum Unterricht (ebd., 40-89; → Kapitel Der Kampf gegen die Schulsegregation). Rassistische Gewalt und Einschüchterung begleiteten auch den Kampf um die Des‐ egregation öffentlicher und privater Einrichtungen. Als Schwarze Studierende Anfang der 1960er Jahre in weiten Teilen des Südens Sit-ins initiierten, um den gleichberech‐ tigten Zugang zu Restaurants, Schwimmbädern, Bowlinghallen und Bibliotheken einzufordern, griffen weiße Bürger: innen sie vielfach tätlich an. Aktivist: innen der Freedom Rides, die 1961 in den Süden reisten, um die Integration der Überlandbusse und südstaatlicher Busterminals durchzusetzen, wurden von weißen Suprematist: innen attackiert und zum Teil lebensgefährlich verletzt (→ Kapitel Der Kampf gegen die Segregation in öffentlichen Verkehrsmitteln und Einrichtungen). In den folgenden Jah‐ ren versuchten weiße Terrorist: innen durch Gewaltandrohung, politische Morde und sogar Bombenanschläge die Freiheitsbemühungen zu unterbinden und Aktivist: innen einzuschüchtern (→ Kapitel Rassistischer Terrorismus zur Zeit der Bürgerrechtsbe‐ wegung). Die Medienberichterstattung über den eskalierenden Rassismus im Süden trug maßgeblich zum Erfolg der Bürgerrechtsbewegung bei. 1964 verabschiedete der US-Kongress den Civil Rights Act; ein Jahr später untersagte der Voting Rights Act den Einzelstaaten, das Wahlrecht ihrer Bürger: innen aufgrund deren „Rasse“ oder Hautfarbe einzuschränken (→ Kapitel Der Kampf um das Wahlrecht). Die Erfolge der Bürgerrechtsbewegung schufen die Voraussetzung für das Ende der Segregation im Süden der USA und die Durchsetzung der Bürgerrechte für alle Afroamerikaner: innen. Zugleich verschärften sich in den 1960er Jahren die sozialen 92 6 Antischwarzer Rassismus <?page no="93"?> Konflikte in den Städten der USA. Marode Wohnhäuser, unterfinanzierte Schulen, unzureichende Müll- und Reinigungsdienste und das Verschwinden gutbezahlter Arbeitsplätze erzeugten ein Gefühl der Perspektivlosigkeit in Schwarzen städtischen Communities. Gleichzeitig bestärkte die revolutionäre Rhetorik der Black-Power-Be‐ wegung insbesondere junge Afroamerikaner: innen darin, sich gegen rassistische Übergriffe durch die Polizei und erfahrene Diskriminierung und sozioökonomische Ausgrenzung zur Wehr zu setzen (→ Kapitel Schwarze bewaffnete Selbstverteidigung und Black-Power-Bewegung). Zwischen 1964 bis 1972 eskalierten diese Spannungen. Meist angestoßen von Fällen von Polizeigewalt oder diesbezüglichen Gerüchten, rebellierten mehrheitlich junge Schwarze Menschen in hunderten US-amerikanischen Städten gegen die herrschenden Zustände. Vielfach setzten die Beteiligten die Zerstörung von Eigentum als Mittel des Protestes ein und setzten zum Teil ganze Wohnviertel in Brand (Hinton 2021). In Los Angeles kam es 1965 nach einer Verkehrskontrolle zu einer Auseinandersetzung zwischen einer Schwarzen Familie und der Polizei. Kurze Zeit später verbreitete sich das Gerücht, Polizisten hätten eine schwangere Schwarze Frau geschlagen. Bei den darauffolgenden sechstägigen Unruhen kamen 34 Menschen ums Leben, mehr als 1.000 weitere wurden verletzt. Gelegte Brände zerstörten hunderte Gebäude und verursachten Schäden in Millionenhöhe (Horne 1995, 3). Nachdem Martin Luther King Jr. am 4. April 1968 von dem weißen Kriminellen und geflüchteten Häftling James Earl Ray erschossen wurde, kam es zu Rebellionen in mehr als einhundert US-Städten mit insgesamt 39 Toten (Harding et al. 2000, 528 f.). Bereits vor Beginn der Ausschreitungen hatte US-Präsident Lyndon B. Johnson 1964 zu einem War on Poverty aufgerufen. Allerdings hatten die aufgelegten Programme nur begrenzte Wirkung, auch weil sie nicht darauf zielten, die niedrigen Löhne der arbeitenden armen Bevölkerung zu erhöhen. Stattdessen war eine Vielzahl der Programme darauf ausgerichtet, das Verhalten der von Armut betroffenen Menschen zu beeinflussen. Da‐ hinter standen sozialwissenschaftliche Studien (u. a. der Moynihan-Report von 1965), die „Pathologien“ innerhalb der Schwarzen Familie und Gemeinschaft für Schwarze Armut verantwortlich machten (Hinton 2016, 57-62). In Reaktion auf Berichte über die ansteigende Kriminalität in den US-amerikanischen Innenstädten initiierte Präsident Johnson 1965 zudem den War on Crime. Die daraufhin ansteigenden Ausgaben für Polizeibehörden hatte langfristige nachteilige Auswirkungen. Zum einen gingen sie zulasten der Sozialhilfeprogramme für armutsbetroffene Afroamerikaner: innen und anderer People of Color. Zum anderen kam es im Gefolge des War on Crime zu einer verstärkten Stigmatisierung Schwarzer Jugendlicher und junger Erwachsener, denen - in Anknüpfung an rassistische Stereotype - eine Neigung zur Kriminalität unterstellt wurde. Dies bereitete den Weg für eine zunehmende Härte gegenüber Schwarzen Beschuldigten in der US-amerikanischen Strafjustiz (→ Kapitel Die schwarzen städti‐ schen Rebellionen der 1960er-Jahre). 6 Antischwarzer Rassismus 93 <?page no="94"?> Von den 1970er Jahren zur Jahrtausendwende Nach 1970 wurde deutlich, dass die Bürgerrechtsgesetzgebung der 1960er Jahre viele Formen des antischwarzen Rassismus unterbunden hatte. So konnten afroamerikani‐ sche Menschen im Süden der USA aufgrund ihres wiedergewonnenen Wahlrechts politische Prozesse mitbestimmen und selbst politische Ämter bekleiden. Das Ende der Rassentrennung und die Möglichkeit, gegen Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt und im Bildungsbereich vorzugehen, erlaubte es zudem vielen Afroamerikaner: innen, Teil der US-amerikanischen Mittelklasse zu werden. Rassistische Ideologien und Praktiken bestimmten indes nach wie vor das Leben vieler Schwarzer Menschen. So versuchten Mitte der 1970er Jahre einige weiße US-Amerikaner: innen immer noch, das Ende der Rassentrennung in Schulen aufzu‐ halten. Besonders in Boston protestierten weiße Eltern gegen den in Massachusetts im Jahr 1965 verabschiedeten Racial Imbalance Act, der integrierte Schulen unter anderem dadurch erreichen wollte, dass afroamerikanische Kinder mit Bussen in die „weißen“ Schulen der Stadt gebracht wurden. Zwischen 1974 und 1976 wurden diese Busse regelmäßig von wütenden Gegner: innen des Gesetzes angegriffen, die zudem zahlreiche Demonstrationen organisierten und ihre Kinder in vielen Fällen von öffentlichen Schulen abmeldeten (Formisano 2004; → Kapitel Segregation). Antischwarzer Rassismus zeigte sich auch in der nicht enden wollenden Polizeige‐ walt gegen Afroamerikaner: innen und ihrer massenhaften Verhaftungen im Kontext des War on Crime und des War on Drugs. Seit Mitte der 1960er Jahre reagierten Politiker: innen auf nationaler Ebene und in den einzelnen Bundesstaaten auf Aufstände in armen Schwarzen Stadtvierteln mit der Erhöhung der Anzahl von Polizisten und zusätzlichen Ausgaben für deren Bewaffnung. Auf das Aufkommen von crack cocaine in den 1980er Jahren reagierte die Regierung von Präsident Ronald Reagan mit zusätzlichen finanziellen Mitteln für noch mehr Polizisten und drakonischen Strafen für Drogendealer, von denen sehr viele Afroamerikaner: innen waren (Murch 2015). Die Kombination dieser Maßnahmen führte zu einer Explosion der Zahl inhaftierter Menschen in den USA von ca. 300.000 Ende der 1970er Jahre auf fast zwei Millionen Ende des 20. Jahrhunderts. Obwohl weiße US-Amerikaner: innen ebenso wie Schwarze Menschen mit Drogen handelten, war es um ein vielfaches wahrscheinlicher, dass letztere für ihr Vergehen zu langen Gefängnisstrafen verurteilt wurden (→ Kapitel Masseninhaftierung). In diesem Zusammenhang verfestigten sich in der US-ameri‐ kanischen Gesellschaft lang vorherrschende, rassistische Stereotype, die Schwarze Menschen als Kriminelle und Drogendealer darstellten (Alexander 2012, 7). Diese Stereotype spielten auch in der US-amerikanischen Politik eine große Rolle. Zwar sprachen die Präsidentschaftskandidaten der Republikanischen Partei, die in den 1960er Jahren zunehmend nach rechts gerutscht war, ihren Rassismus nicht offen aus, bedienten aber nach wie vor rassistische Ressentiments weißer Wähler: innen, um Wahlen zu gewinnen. Im Jahr 1980 begann Ronald Reagan seine Kandidatur in Neshoba County, Mississippi, wo 1964 drei Bürgerrechtsaktivisten von Mitgliedern des Ku-Klux-Klans ermordet worden waren. Damit signalisierte er seine Unterstützung für 94 6 Antischwarzer Rassismus <?page no="95"?> rassistischen Widerstand gegen das Ende der Rassentrennung im US-amerikanischen Süden. Während seiner Präsidentschaft beschwerte sich Reagan zudem lautstark über afroamerikanische Frauen, denen er vorwarf, Sozialhilfe zu missbrauchen, weshalb er sie als „Welfare Queens“ verunglimpfte (Mendelberg 2001). Reagans Vizepräsident, George H.W. Bush, ging in seiner eigenen Präsidentschaftskandidatur 1988 noch einen Schritt weiter. In einem Wahlwerbespot bezichtigte er seinen Demokratischen Gegner, Michael Dukakis, Kriminalität Vorschub zu leisten, indem er darauf verwies, dass verurteilte Mörder während seiner Amtszeit als Gouverneur von Massachusetts Wo‐ chenendfreigang erhalten hätten. Als Beispiel wurde der afroamerikanische Häftling William Horton vorgestellt, der während eines Freigangs geflohen war und einen weißen Mann und seine Verlobte attackiert hatte. Die Tatsache, dass Horton letztere vergewaltigt hatte, schürte zusätzliche stereotype Ängste vor Schwarzen Männern. Nicht zuletzt aufgrund dieser rassistischen Wahlstrategie gewann George H.W. Bush die Präsidentschaftswahl im Jahr 1988 (Mendelberg 2001). Obwohl die Demokratische Partei sich seit der Bürgerrechtsbewegung vermehrt für die Rechte Schwarzer Bürger: innen einsetzte, reagierte Präsident Bill Clinton während seiner Amtszeit (1993-2001) auf die rassistischen Kampagnen der Republikaner mit Gesetzesvorhaben, die derartige Ressentiments weiter verstärkten und zahlreiche Afroamerikaner: innen für Jahrzehnte ins Gefängnis brachten. Der von Clinton unter‐ stützte Violent Crime Control and Law Enforcement Act von 1994 beinhaltete unter anderem eine „three strikes and you’re out“-Regel, die eine lebenslange Haftstrafe für solche Menschen vorsah, die zum dritten Mal ein Gewaltverbrechen begangen oder mit Drogen gehandelt hatten. Zwar betraf diese Regel nur Angeklagte vor Bundesgerichten, sie verstärkte aber den bereits in den 1980er Jahren einsetzenden Trend zur Verabschiedung ähnlicher Gesetze auf der Ebene der Bundesstaaten. Das Gesetz sah auch eine drastische Erhöhung der Budgets für die Polizei und Gefängnisse vor und versprach, den War on Drugs mit unverminderter Härte weiterzuführen. Zusammen mit den anderen Initiativen seiner Republikanischen Vorgänger wird Clintons „tough on crime“-Ansatz von vielen Expert: innen für den enormen Anstieg afroamerikanischer Häftlinge in US-amerikanischen Gefängnissen im 21. Jahrhundert verantwortlich gemacht. Auch in Bezug auf Sozialhilfekürzungen stand Clinton Re‐ publikanischen Präsidenten wie Ronald Reagan in nichts nach. So sah ein neues Sozialhilfegesetz beispielsweise vor, dass Menschen, die für ein mit Drogen zusam‐ menhängendes Kapitalverbrechen verurteilt worden waren, für den Rest ihres Lebens von Sozialhilfeleistungen ausgeschlossen würden. Auch in diesem Fall traf das Gesetz vor allem die afroamerikanische Bevölkerung (Alexander 2012, 56-57), während sich vorherrschende Stereotype über den scheinbaren Zusammenhang zwischen „Rasse“ und Kriminalität weiter verfestigten. Afroamerikanische Menschen hatten trotz ihres größeren politischen Mitsprache‐ rechts nur wenige Möglichkeiten, solchen rassistischen Ideologien, Praktiken und Gesetzen entgegenzutreten. Als Reaktion auf Polizeigewalt entlud sich Schwarze Frustration und Wut jedoch wiederholt in städtischen Rebellionen, so z. B. in Miami, 6 Antischwarzer Rassismus 95 <?page no="96"?> Florida (1980), Los Angeles, Kalifornien (1992) und Cincinnati, Ohio (2001). Wie bereits in den Jahrzehnten davor protestierten besonders junge Afroamerikaner: in‐ nen, indem sie vor allem „weißes“ Eigentum (z. B. von weißen Menschen geführte Geschäfte) zerstörten und damit auf die Auswirkungen des Rassismus auf Schwarze innerstädtische Gemeinden aufmerksam machten. Besonders zerstörerisch war der Aufstand in Los Angeles im Jahr 1992, der ausbrach, nachdem vier weiße Polizisten vor Gericht freigesprochen wurden, obwohl sie dabei gefilmt worden waren, wie sie einen Schwarzen Autofahrer namens Rodney King krankenhausreif schlugen (Hinton 2016). Kontinuitäten des antischwarzen Rassismus bis in die Gegenwart Im 21. Jahrhundert sehen sich Schwarze Menschen weiterhin mit rassistischen Stere‐ otypen und Praktiken konfrontiert. Viele weiße US-Amerikaner: innen sehen sie nach wie vor als minderwertig und als potentielle Kriminelle an, was Ungleichbehandlung in Bereichen wie der Polizeiarbeit und dem Strafrecht nach sich zieht, aber auch häufig in scheinbar alltäglichen Situationen zu Benachteiligungen, Anfeindungen und Gewalterfahrungen führen kann. In den letzten zwei Jahrzehnten haben insbesondere Fälle rassistischer Gewalt gegen Afroamerikaner: innen mediale Aufmerksamkeit erhalten. Dies hängt zum einen mit den sozialen Medien und neuen technologischen Möglichkeiten zusammen, die es Aktivist: innen ermöglicht, diese Gewalt zu dokumentieren und zu verbreiten (Mundt, Ross, Burnett 2018). Zum anderen entstand mit Black Lives Matter (BLM) eine neue antirassistische soziale Bewegung, die gegen derartige Gewalt lautstark protestierte und die US-amerikanische Öffentlichkeit dafür sensibilisierte. BLM-Aktivist: innen fordern regelmäßig auch Gerechtigkeit in solchen Fällen rassistischer Gewalt, von denen keine Handyaufnahmen existierten. Der Tod des afroamerikanischen Teenagers Trayvon Martin, der 2012 von einem Nachbarschaftswachmann in Florida erschos‐ sen wurde, führte zu landesweiten Protesten und wurde zur Geburtsstunde der Black-Lives-Matter-Bewegung. Nach dem Tod eines weiteren jungen Afroamerikaners namens Michael Brown, der 2014 von einem weißen Polizisten in Ferguson, Missouri, erschossen wurde, trat BLM auch in den nationalen Medien in Erscheinung und versuchte, die US-amerikanische Öffentlichkeit auf die tägliche Gewalt gegen Schwarze Bürger: innen aufmerksam zu machen und das weiße Amerika davon zu überzeugen, dass nur tiefgreifende Veränderungen in der Arbeit der Polizei zu einem Ende der Gewalt führen würden (Ransby 2018; → Kapitel Polizeisystem und Polizeigewalt sowie → Kapitel Black Lives Matter). Im 21. Jahrhundert müssen afroamerikanische Menschen aber nicht nur Gewalt seitens der Polizei befürchten. Immer wieder werden sie auch von rassistischen Bürger: innen angegriffen und getötet, was auf unübersehbare Kontinuitätslinien in der Geschichte des antischwarzen Rassismus in den USA aufmerksam macht. Im Jahr 2015 ermordete ein Neonazi namens Dylann Roof neun Afroamerikaner: innen in einer 96 6 Antischwarzer Rassismus <?page no="97"?> Schwarzen Kirche in Charleston, South Carolina, mit dem erklärten Ziel, einen „Rassen‐ krieg“ auszulösen (Boyce und Brada 2015). Fünf Jahre später wurde der Afroamerikaner Ahmaud Arbery von zwei weißen Männern in einem kleinen Ort in Georgia beim Joggen erschossen. Die Männer hatten ihn zuvor mit einem Auto verfolgt und gaben an, Arbery für einen Einbrecher gehalten zu haben (Yankah 2021). Im Jahr 2022 wurde ein weiterer rassistischer Terroranschlag auf Afroamerikaner: innen verübt. Der 18-jährige Payton S. Gendron ermordete zehn Schwarze Menschen in einem Supermarkt in Buffalo, New York. Er sah seine Tat als Teil eines Plans an, den Untergang der „weißen Rasse“ zu verhindern (Lloyd and Stewart 2022). Im 21. Jahrhundert unterscheiden sich die von diesen weißen Tätern verbreiteten rassistischen Ideologien schlussendlich kaum von den Ressentiments, die bereits vor dem US-amerikanischen Bürgerkrieg eine bestimmte Sichtweise auf die afroamerikanische Bevölkerung kolportierten: Schwarze Menschen werden darin als potentielle Bedrohung weißen Lebens gesehen, was auch tödliche Gewalt gegen sie rechtfertigt. Es ist bezeichnend, dass die Black-Lives-Matter-Proteste gegen solche Formen der Gewalt während der Amtszeit Barack Obamas (2009-2017), der voller Hoffnung als erster Schwarzer Präsident der USA gefeiert wurde, aufkamen. Viele junge Menschen erkannten jedoch, dass Obama die Situation Schwarzer US-Amerikaner: innen nicht nachhaltig verbessern konnte. Vor allem afroamerikanische Männer wurden und wer‐ den im Vergleich mit weißen US-Amerikaner: innen öfter von der Polizei kontrolliert und härter behandelt, erhalten härtere Strafen für gleiche Vergehen und werden auf dem Arbeitsmarkt diskriminiert, vor allem dann, wenn sie eine Gefängnisstrafe verbüßt haben. Die Juristin Michelle Alexander hat in diesem Zusammenhang von einem „neuen Jim Crow-System“ gesprochen, in dem afroamerikanische Häftlinge in ähnlicher Weise diskriminiert würden wie im US-amerikanischen Süden vor der Bürgerrechtsbewegung (Alexander 2012). Gleichzeitig werden Schwarze Menschen weiterhin Opfer von Alltagsrassismus, der sich häufig darin ausdrückt, das weiße US-Amerikaner: innen sich in Alltagsituationen allein aufgrund der Anwesenheit von Menschen mit dunkler Hautfarbe bedroht fühlen und diese ohne Grund einer Straftat bezichtigen bzw. die Polizei rufen, um sie kontrollieren zu lassen (Victor 2018). Es ist dieser systemimmanente, strukturelle Rassismus, den BLM anprangerte (Ransby 2012). In diesem Zusammenhang machen aktivistische Gruppen auch auf Rassismus gegen Schwarze Frauen aufmerksam. Bezeichnend ist der Fall von Marissa Alexander, einer Afroamerikanerin aus Florida, die sich im Jahr 2012 gegen ihren von ihr entfremdeten Mann mit einem Warnschuss verteidigt hatte. Obwohl sie die rechtmäßige Besitzerin ihrer Waffe war und bei der Konfrontation niemand zu Schaden kam, wurde sie zu zwanzig Jahren Gefängnis verurteilt. Die von einer Koalition verschiedener Gruppen (darunter die African American/ Black Women’s Cultural Alliance und das New Jim Crow Movement) organisierte „Free Marissa Now“-Bewegung erreichte, dass Marissa Alexanders Haftstrafe auf 3 Jahre reduziert wurde (Ransby 2018, 44-45). Die landesweiten, von BLM organisierten Demonstrationen, die im Mai und Juni 2020 nach dem gewaltsamen Tod des Afroamerikaners George Floyd stattfanden, 6 Antischwarzer Rassismus 97 <?page no="98"?> schienen in den USA ein Umdenken bezüglich antischwarzen Rassismus einzuläuten. Am 25. Mai 2020 war Floyd während seiner Verhaftung in Minneapolis, Minnesota, durch einen weißen Polizisten erstickt worden. In den darauffolgenden Wochen beteiligten sich Schätzungen zufolge 15-26 Millionen Menschen in den USA an Protesten gegen rassistische Polizeigewalt. Es waren die größten Demonstrationen seit der Bürgerrechtsära, an denen nicht nur afroamerikanische, sondern auch Millionen weißer und hispanischer Menschen teilnahmen (Edmonds 2023). Die Proteste führten vor allem zu Veränderungen im Umgang mit rassistischen Symbolen in der US-amerikanischen Kultur. Seit Jahrzehnten hatten Schwarze Ak‐ tivist: innen gefordert, dass die Flagge der Konföderierten Staaten sowie Statuen, die an Generäle der Armee der Südstaaten im US-amerikanischen Bürgerkrieg im 19. Jahrhundert erinnern, als Symbole der Sklaverei und rassistischer Unterdrückung von öffentlichen Plätzen entfernt werden sollten. Innerhalb weniger Wochen nach dem Beginn der Solidaritätsbekundungen für George Floyd verschwanden zahlreiche Denkmäler und andere rassistische Symbole auf Anweisung örtlicher Verwaltungsstel‐ len (Burch 2022). Viele Unternehmen fingen zudem damit an, das Design ihrer Produkte neu zu gestalten, da diese teilweise immer noch rassistische Stereotype verwenden. So beschloss z. B. die Firma Quaker Oats im Juni 2020, das Logo ihres Produkts Aunt Jemima vollständig zu überarbeiten. Das Logo war ab dem späten 19. Jahrhundert das Gesicht einer meist als Sklavin interpretierten Frau, später das Porträt einer lachenden Schwarzen Frau mit Ohrring. Indem das Logo eine Teigmischung für Pfannkuchen anpries, erinnerte es an rassistische und nostalgisch verklärte Bilder der Sklaverei vor dem US-amerikanischen Bürgerkrieg (Olson and Ott 2020; → Kapitel Werbung). Schon während der George Floyd Proteste wurde jedoch deutlich, dass der Einfluss des antirassistischen Aktivismus von BLM durch eine starke konservative Gegenbe‐ wegung abgeschwächt bzw. teilweise zunichtegemacht wird. Angeführt von Donald Trump, dem 45. und 47. Präsidenten der USA, argumentieren die Republikanische Partei und viele ihrer Anhänger, dass es in der US-amerikanischen Gesellschaft keinen strukturellen Rassismus gäbe. Aus diesem Grund versuchen Republikanische Politi‐ ker: innnen, sämtliche, von öffentlichen Geldern finanzierte, Maßnahmen zu stoppen, die Menschen für Rassismus sensibilisieren oder die afroamerikanische Bevölkerung und andere marginalisierte Gruppen unterstützen sollen. In diesem Sinne hat etwa der Bildungsausschuss des Bundesstaats Florida 2021 Regelungen erlassen, die es Leh‐ rer: innen explizit verbieten, an Schulen die rassismuskritischen Konzepte der Critical Race Theory zu unterrichten, damit sich weiße Schüler: innen nicht angeklagt oder schuldig fühlen. Diese Gegenbewegung hat dazu beigetragen, dass Black Lives Matter und ihre Forderungen nach 2022 immer weniger Gehör und Unterstützung fanden (Confessore 2024; Peters 2024; → Kapitel Critical Race Theory und Intersektionalität). Während der Präsidentschaftswahlen des Jahres 2024 trat die Bewegung kaum in Erscheinung. Grundlegende Reformen der Polizei stehen nach wie vor aus. Vor diesem Hintergrund und der Wahl Donald Trumps zum 47. Präsidenten der USA ist davon 98 6 Antischwarzer Rassismus <?page no="99"?> auszugehen, dass antischwarzer Rassismus die US-amerikanische Gesellschaft noch lange begleiten wird. Literatur Alexander, Michelle. 2012. 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Nach 1880 brachten Regierung und Kongress schließlich ein rassistisches Programm der Zwangsassimilation. auf den Weg. Von einem gleichberechtigten Menschsein waren die in internen Kolonien lebenden American Indians bis in die 1970er Jahre weit entfernt. Niemand vermag mit Gewissheit zu sagen, wie viele Menschen Nordamerika in der späten Vorkontaktzeit bevölkerten. In der Forschung gehen die diesbezüglichen Schätzungen weit auseinander. Die mittlere Annäherung geht davon aus, dass 1491 rund 7 Millionen American Indians nördlich des Rio Grande lebten (Thornton 1990, 36). Am dichtesten bevölkert waren die Küstenstriche entlang des Atlantiks und Pazifiks, das Gebiet um die Großen Seen und jenes am Mittellauf des Mississippi. In der Vorkontaktzeit bestand in Nordamerika ein buntes Mosaik von bis zu 700 Indigenen Nationen, die in zehn Kulturarealen mannigfaltige Sozial- und Wirtschaftsformen hervorgebracht hatten. Neben Wildbeutern existierten auf Lachsfang basierende Ge‐ sellschaften, aber auch Bisonjäger, Handelsdörfer und zahlreiche Ackerbau treibende Kulturen, die Mais, Bohnen, Kürbisse und andere Feldfrüchte anbauten. Bei diesen zumeist egalitär organisierten Gesellschaften handelte es sich nicht um zivilisatorisch zurückgebliebene Steinzeitkulturen, wie konservative US-Amerikaner: innen noch bis vor Kurzem glaubten. Um in den zum Teil unwirtlichen Gegenden Nordamerikas erfolgreich zu überleben, hatten die First Peoples ausgeklügelte Subsistenztechniken und Bewässerungsmethoden entwickelt, aber auch transkontinentale Handelsnetze geschaffen (Calloway 2003). Die erste Kolonialzeit Als mit Juan Ponce de Leóns Fahrt um Florida 1513 die erste spanische Erkundung von Nordamerika begann, trafen er und die auf ihn folgenden Konquistadoren, Missi‐ <?page no="104"?> onare, Händler und Siedler auf Hunderte von blühenden Indigenen Gemeinschaften, denen die nachhaltigsten Veränderungen ihrer Geschichte bevorstanden. Durch die europäische Invasion entstand in Nordamerika eine streng hierarchisch gegliederte Welt, in der weiße Neuankömmlinge aus Westafrika verschleppte Sklaven auf den ehemaligen Ländereien der First Peoples ausbeuteten (Calloway 2013). Parallel dazu setzten eingeschleppte Krankheiten und ein unerbittlicher Verdrängungswettbewerb, aber auch physische Gewalt und zerstörte Subsistenzgrundlagen eine demografische Katastrophe in Gang, der im Lauf von 300 Jahren Millionen von American Indians zum Opfer fielen. Bis 1800 brach die Indigene Bevölkerung in Nordamerika auf 600.000 Menschen ein und 1890 lebten bloß noch 250.000 American Indians auf US-Territorium (Thornton 1990, 43). Erläuterung | „Indios“: Die auf Christoph Kolumbus zurückgehende Sammelbe‐ zeichnung „Indios“ (englisch: „Indians“, deutsch: „Indianer“) entstand und verbrei‐ tete sich vor mehr als 500 Jahren in einem kolonialen Expansionskontext. Sie verdankt sich einem krassen geographischen Irrtum und zeugt von eurozentrischer Blickverengung. Denn die nordamerikanischen First Peoples selber haben sich nie als ein einziges Großvolk verstanden und mit Westindien, das Kolumbus zu entdecken glaubte, hatten ihre Lebensräume nichts zu tun. Bis heute existiert keine von allen American Indians gleichermaßen akzeptierter Oberbegriff für die Gesamtheit aller Indigenen Völker in Nordamerika. Wer die verquasten Assoziati‐ onen vermeiden will, die der Begriff „Indianer“ mittlerweile auch im deutschen Kulturraum weckt, spricht besser von American Indians, Native Americans oder First Peoples. Am respektvollsten ist es, sie jeweils mit ihren selbstgewählten Namen zu adressieren: also etwa mit Lakota, Diné oder Haudenosaunee. Die Europäer betrachteten die First Peoples, die den Kontinent seit mindestens 12.500 Jahren bevölkerten, nie als Völker auf Augenhöhe, sondern als zivilisatorisch Unter‐ legene. Anfänglich stand die Differenzbestimmung noch stark im Zeichen religiöser Kategorien. Von Anbeginn sahen sie in ihnen „Wilde“, die man zivilisieren und zum christlichen, weil alleinseligmachenden Glauben bekehren müsse. Mit Inferiori‐ tätsannahmen rechtfertigten sie auch ihre Landnahmen - unabhängig davon, ob es sich um Spanier, Franzosen oder Engländer handelte. So räumte die „Doctrine of discovery“ europäischen Erstentdeckern das Recht ein, fremde Länder samt den auf ihnen lebenden „Heiden“, die noch nicht zu einem Reich eines christlichen Monarchen gehörten, auch ohne deren Wissen und Zustimmung in Besitz zu nehmen. Die Entde‐ ckungsdoktrin war ein auf die Bullen der Päpste Nikolaus V. (1455) und Alexander VI. (1493) zurückgehendes internationales Rechtsprinzip, mit dem europäische Kolonisten in der westlichen Hemisphäre Anspruch auf die Länder Indigener Völker erhoben und die über sie etablierte Kolonialherrschaft rechtfertigten - vom späten 15.-Jahrhundert an bis ins frühe 20. Jahrhundert. Noch 1823 entschied der Oberste Gerichtshof der USA, 104 7 Rassismus gegen American Indians <?page no="105"?> dass die Doktrin der Entdeckung die maßgebliche Rechtsgrundlage für die Autorität der USA über das ehemals Indigene Land innerhalb ihrer Grenzen sei und dass die weiße Republik abgeleitet davon die volle Souveränität über die unzivilisierten First Peoples besäße (Miller 2008, 50 ff.). Wie selbstverständlich gingen die Neuankömmlinge davon aus, dass ihre Spezies von Gott als erste erschaffen worden sei und die europäische Zivilisation weit näher an der Perfektion wäre als die der First Peoples. Als durch höheres Recht legimitierte Eroberer seien sie von Gott dazu ausersehen, Nordamerikas „Wildnis“ in einen neuen Garten Eden zu verwandeln und die dort lebenden American Indians zu dominieren (Kaplan 2022, 53). Als die Puritaner 1620 die Plymouth Colony gründeten, glaubten Gouverneur William Bradford und seine Glaubensbrüder, dass diese einem göttlichen Heilsplan folge. Denn sie fanden die Küste des späteren Massachusetts entvölkert vor. Gott hätte ihr Kommen vorbereitet und den Puritanern durch eine schwere Epidemie, die er nur wenig zuvor über die Urbevölkerung schickte, den Weg bereitet (Calloway 2013, 36). Diese Lesart der Geschichte blieb auch in den Jahrzehnten danach vorherrschend, lasen die Puritaner die fortlaufende Verdrängung und Dezimierung der First Peoples in Neu-England und selbst das genozidale Massaker an den Pequot am Mystic River (1637) als Fingerzeig Gottes, dass sie mit ihrer Landnahme in fremdem Territorium im Recht waren (Bungert 2020, 69). Unter den englischen Siedlern der Atlantik-Kolonien galten die Indianer fast von Beginn weg als bösartig, heimtückisch und unmenschlich grausam. Sie nahmen sie als „barbarische Waldmenschen“, „Satanskinder“ und „verstockte Heiden“ wahr, die nur Böses gegen die Siedler im Schilde führten“ (Berkhofer 1979, 14-16). Solche Haltungen flossen in etliche „Captivity narratives“ ein, in denen Weiße ihre Erlebnisse als Gefangene von American Indians schilderten. In ihrem Erfahrungsbericht beschrieb Mary Rowlandson ihre Indigenen Entführer schon 1682 genreprägend als „teuflische Kreaturen“ und „schlimmste der Heiden“ (Berkhofer 1979, 84). Indem die englischen Siedler die europäische Kultur zur höchsten Form der Zivilisation erklärten, etablierten sie eine Hierarchie, an deren Spitze sie selber standen und die American Indians und die Sklaven aus Afrika unter ihnen rangierten (Kaplan 2022, 53). Diese protorassistischen, noch stark religiös eingefärbten Haltungen verschleierten das Unrecht, das sich hinter der Enteignung, kolonialen Unterwerfung und Verdrängung der First Peoples verbarg, und machten blind für die Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes, welche die Indigene Gesamtbevölkerung in Nordamerika bis 1700 auf geschätzte 1,5 Millionen Menschen einbrechen ließ (Thornton 1990, XVII). Überdies ermöglichten sie, dass im spanischen Florida und in den Carolinas zwischen 1651 und 1750 bis zu 130.000 American Indians auf den dortigen oder den karibischen Plantagen als Sklaven ausgebeutet wurden (Reséndez 2016, 324). Während des 18. Jahrhunderts verschlechterte sich innerhalb der 13 englischen Kolonien entlang der Atlantikküste die Situation der Indigenen zusehends, weil die Engländer eine color line gegen ihre Indigenen Nachbarn zogen. So durften American Indians nicht mehr länger privaten Grund und Boden besitzen, keine Mischehe mehr eingehen, keine Zeugenaussagen mehr vor Gericht machen, 7 Rassismus gegen American Indians 105 <?page no="106"?> nicht länger Waffen tragen und sich in der Nacht nicht mehr ohne Pass und Laterne frei bewegen (Hämäläinen 2022, 208). Viele dieser ausgrenzenden Praktiken blieben in Kraft, als sich die Vereinigten Staaten von Amerika für unabhängig erklärten. Erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die im östlichen Teil des Kontinents im Zeichen brutaler Frontierkonflikte stand, bildete sich ein moderner Rassismus gegen American Indians heraus. Teilweise an ältere Stereotype anknüpfend, teilweise auch als Reaktion auf Indigene Überfälle, Hinterhalte und Entführungen entstanden, kam in den Grenzregionen unter den Weißen ein toxischer Indianerhass auf. Seit dem French and Indian War (1754-1763) setzten sich in den Köpfen von Siedlern und Soldaten rassistische Bilder von einer kaum menschlichen „Rasse“ fest. Fortan entmenschlichten viele von ihnen die American Indians als „Ungeziefer“, „Geschmeiß“ und „Bestien“ . Sogar Jeffery Amherst, der Oberkommandierende der britischen Armee in Nordame‐ rika, sprach von einer „abscheulichen Rasse“, die es auszurotten gelte (Silver 2008, 132 f.). Um den Pontiac-Aufstand gegen die britische Herrschaft niederzuschlagen, war er 1763 zur „totalen Ausrottung“ der Stämme in der Region der Großen Seen bereit, in Form einer biologischen Kriegsführung. Daraufhin ließen britische Kommandeure im Ohio-Tal mit Pockenviren verseuchte Decken unter den Indigenen verbreiten (Finzsch 2021, 53 ff.). Die Saat dieses rassistischen, mit Vernichtungsfantasien versetzten Hasses ging in der Amerikanischen Revolution auf. So führte die Unabhängigkeitserklärung der USA vom 4. Juli 1776 als einen der Klagepunkte gegen König Georg III. auf, dass dieser die „gnadenlosen indianischen Wilden“ („the merciless Indian Savages“) gegen die Frontierbewohner aufgehetzt habe. In US-amerikanischem Verständnis standen die um ihre Unabhängigkeit kämpfenden American Indians damit auf der falschen Seite der Geschichte, auch weil die First Peoples in ihrer großen Mehrheit Partei für die Briten ergriffen hatten, von denen sie sich ein konfliktfreieres Zusammenleben erhofften als von den Vereinigten Staaten, die sich gerade von ihrer ehemaligen Kolonialmacht emanzipierten (Calloway 2012, 223). Die weiße Republik Mit der auf weitere territoriale Ausdehnung getrimmten US-amerikanischen Sied‐ lerrepublik begann für die Indigenen Nationen ein neues Zeitalter, das ihnen ekla‐ tante Souveränitätseinbussen, permanenten Landverlust und koloniale Unterwerfung brachte. Denn im Unabhängigkeitskrieg hatten die US-Amerikaner: innen zwar für nationale Selbstbestimmung und politische Teilhabe gefochten, aber auch für eine weitere Besiedlung des Indigenen Westens (Mattioli 2017, 66 f.). Die USA traten als „Ethnokratie“ (Oren Yiftachel) ins Leben, als eine Republik, die Staatsbürgerschaft und politische Rechte an die weiße Hautfarbe band. Bis ins 20. Jahrhundert hinein wurden die Indigenen juristisch nicht als mit weißen US-Amerikaner: innen gleichberechtigte Rechtssubjekte behandelt. Sie genossen kaum Rechtsschutz und konnten in Streitfällen nicht selber als Zeugen vor Gericht aussagen, so dass auch schwerste gegen sie verübte Gewalttaten wie Vergewaltigungen, Mord oder Massaker meist straflos blieben. Ihre 106 7 Rassismus gegen American Indians <?page no="107"?> Rechtsstellung war so prekär, dass Gouverneure oder Frontierstädte Tötungsprämien auf „feindliche Indianer“ aussetzten konnten: im Kalifornien der Goldrausch-Jahre oder in Minnesota nach der Niederschlagung des Dakota-Aufstands (1863) (Madley 2016; Routel 2013). Nach dem zweiten Britisch-Amerikanischen Krieg (1812-1814) weiteten die meisten Gliedstaaten der Union das Männerwahlrecht aus und vergrößerten so den Kreis des Wahlvolks. Just in diesem Moment wurde das Denken in Kategorien weißer Superio‐ rität in den USA zu einem Massenphänomen und ein gegen die American Indians gerichteter Rassismus zu einem politischen Faktor ersten Ranges (Remini 2002, 279). Der Populist Andrew Jackson, der 1829 als erster an der Frontier geborener Präsident ins Weiße Haus einzog, versprach seinen Wählern eine systematische Umsiedlung der „Wilden“ und ihre vollständige Enteignung in den östlich des Mississippi gelegenen Gebieten. Mit dem Indian Removal Act (1829) beschloss der Kongress ein für die American Indians verheerendes Gesetz, das eine systematische Politik der Separation und Konzentration einleitete, die weit über die Zeit hinaus für die US-amerikanische Indianerpolitik bestimmend blieb. Unter Jackson und seinen Nachfolgern siedelten die USA bis zu 100.000 American Indians aus den östlichen Landesteilen um - durch erschlichene Verträge und ohne wirkliche Zustimmung von den Betroffenen. Nach teilweise schlecht organisierten Trecks, die Tausende von Todesopfern kosteten, zwang die Regierung sie zu einem Leben in den Reservationen des Indian Territory (Mattioli 2017, 150). Seit 1851 siedelte die Bundesregierung dann auch alle übrigen American Indians in Reservationen auf einem Bruchteil ihres einstigen Territoriums an. Sie lagen oft in „Badlands“, die bei den Siedlern keine Begehrlichkeiten weckten. Bei den Reservationen handelte es sich um interne Kolonien der USA, in denen die American Indians als „Mündel der Bundesregierung“ räumlich segregiert nach dem Willen ihrer weißen Oberherren leben mussten. Das Leben in den Reservationen glich anfänglich dem in Gefangenenlagern, bevor sich diese Sonderzonen kolonialer Macht zu vernachlässigten Notstandsgebieten entwickelten. Durch die Annexion der Republik Texas, des Südwestens und großer Teile des Oregon-Territoriums taten die USA vor und nach dem siegreichen Krieg gegen Mexiko (1846-1848) einen neuerlichen Expansionsschritt, der weitere Zehntausende von neuen American Indians unter US-amerikanische Kolonialherrschaft brachte (→ Kapitel Der Mexikanisch-Amerikanische Krieg). In der populäreren Manifest Destiny-Doktrin, die besagte, dass Gott die USA auserwählt habe, um Nordamerika im Namen der Zivilisation und des großen Freiheitsexperiments in Besitz zu nehmen, schwangen rassistische Annahmen mit: die von der Inferiorität und Entbehrlichkeit der „wilden Stämme“, deren Aussterben die Welt nicht wirklich ärmer machen würde (Greenberg 2012, 16). Wie selbstverständlich glaubten viele US-Amerikaner: innen nach 1840 an die Überlegenheit des eigenen Zivilisationsmodells und rechtfertigten damit die Verdrängung, Dezimierung und koloniale Unterwerfung der First Peoples im Indigenen Westen (Horsman 1981, 189 f.). Vielgelesene Groschenromane und bald die nicht minder populären Wild-West-Shows erzählten einem sensationslüsternen 7 Rassismus gegen American Indians 107 <?page no="108"?> Publikum heroische Frontiergeschichten, in denen die Krieger einer „barbarischen Rasse“ den Pionieren der „superioren angelsächsischen Rasse“ unterlagen (Slotkin 1998, 80-f.). In den Frontierkonflikten verübten Staatsmilizen oder die US-Kavallerie nach 1854 immer wieder genozidale Massaker (wie das in Sand Creek, am Marias River oder in Wounded Knee) oder führten staatlich bezahlte Mordkommandos regionale Ausrot‐ tungsaktionen durch: besonders häufig in Kalifornien nach 1848 und auf den Great Plains, wo sich die Indigenen Nationen mit Waffengewalt gegen ihre Unterjochung und Ansiedlung in Reservationen zur Wehr setzten (Madley 2016, → Kapitel Vernichtungs‐ kriege gegen American Indians). Vergessen ging dabei in der Mehrheitsgesellschaft, dass die First Peoples in diesen Kriegen um ihr Überleben als selbstbestimmte Nationen und ihre traditionelle Subsistenzbasis kämpften. Der Indigene Widerstand vertiefte unter Siedlern und Soldaten den Hass gegen die „Rothäute“ („injuns“). In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts galt drei von vier US-Amerikanern nur ein toter Indianer als ein guter Indianer (Mieder 1993, 42). Offen rassistische Ansichten waren nicht nur im einfachen Volk, bei Soldaten und Siedlern verbreitet, sondern auch bei hohen Offizieren, Gelehrten und Politikern. Ungeschminkt meinte der aus Montana stamm‐ ende Abgeordnete James M. Cavanaugh 1868 im Repräsentantenhaus: „I believe in the policy that exterminates the Indians, drives them outside the boundaries of civilization, because you cannot civilize them“ (Mieder 1993, 48). Einzelne Gliedstaaten, aber auch die Union setzten im 19. Jahrhundert zuweilen offen rassistische Gesetze oder Dekrete in Kraft. So verabschiedete das Parlament von Kalifornien 1850 einen Act for the Government and Protection of Indians, der für herumstreunende oder verwaiste Indigene Kinder eine jahrelange Versklavung vorsah. Mit dem Code of Indian Offenses verbot die Bundesregierung 1883 die traditionellen Zeremonien und spirituellen Praktiken der First Peoples - im Widerspruch zum ersten Zusatzartikel der Verfassung, der allen US-Amerikanern eine freie Religionsausübung garantierte. Seit dem späten 19. Jahrhundert stand das Leben in den Reservationen immer stärker im Zeichen von kolonialer Fremdbestimmung, während die Bundesre‐ gierung ihren „Mündeln“ gleichzeitig Bürgerrechte und Rechtsgleichheit vorenthielt. Rassistischen Prämissen folgte die um 1880 begonnene Zwangsassimilation der Ame‐ rican Indians. Bis 1934 versuchten alle US-Administrationen, die First Peoples kulturell auszulöschen und die entindianisierten Indianer als Kopien der Weißen in die Gesell‐ schaft einzuschmelzen. Besonders hart fassten sie die Indigenen Kinder an, denen sie in Boarding Schools ihr als inferior betrachtetes Indianisch-Sein nach dem Motto „Kill the Indian, save the man“ auszutreiben versuchten, um sie so auf eine Existenz in untergeordneter Position in der weiß dominierten Gesellschaft vorzubereiten (→ Kapitel Zwangsassimilation der American Indians). Der Beginn des 20. Jahrhunderts markierte den Tiefpunkt der Indigenen Geschichte in den USA: Weitgehend enteignet, in Reservationen eingegrenzt, kolonial fremdbestimmt, von Lebensmittellieferungen abhängig und einem versuchten Ethnozid ausgesetzt, schien ihr Aussterben bloß eine Frage der Zeit zu sein (Dippie 1982). Doch das 20. Jahrhundert wurde zu einer 108 7 Rassismus gegen American Indians <?page no="109"?> Zeit ihres demografischen und kulturellen Wiederaufstiegs, unbesehen davon, dass sich in der US-amerikanischen Populärkultur (Schundromane, Hollywoodwestern, Karikaturen, Textbooks, Produktwerbung, Columbus Day-Paraden, Pionierfestivals, Sportanlässe etc.) fast die ganze Zeit über indianerfeindliche Stereotype hielten und ständig reproduzierten (Slotkin 1998; Kaplan 2022). Die neuen Gesichter rassistischer Diskriminierung Mit dem Indian Citizenship Act gewährte der Kongress 1924 zwar allen in den Vereinigten Staaten geborenen Ureinwohnern die Staatsbürgerschaft. Doch die Bun‐ destaaten Arizona, New Mexico und Utah hielten diese bis 1948 resp. 1953 von den Wahlurnen fern (Burke 2017, 129). Die mehr als 300 Reservationen verurteilten die American Indians zu sozioökonomischer Marginalisierung und enthielten ihnen gleiche Lebenschancen vor, wie der von Innenminister Hubert Work in Auftrag gegebene „Meriam Report“ (1928) auf breiter Grundlage feststellte. In den vom Bureau of Indian Affairs und seinen Indianeragenten geführten Reservationen herrschten fast durchwegs extreme Armut, Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit vor, die sich in weit höheren Krankheits-, Alkoholismus- und Sterblichkeitsraten manifestierten als in der weißen Durchschnittsbevölkerung. Der Indian New Deal unter Präsident Franklin D. Roosevelt sicherte zwar die Landbasis der Reservationen, eröffnete erste kulturelle Freiräume und brachte durch Arbeitsprogramme bezahlte Jobs. Doch änderte auch Roosevelts Reformpolitik nichts daran, dass die Bundesregierung für die in den Reservationen lebenden Menschen - ganz in kolonialer Tradition - nach wie vor wichtige Lebensentscheidungen traf. Nach 1953 versuchte die Administration von Dwight D. Eisenhower, das aus dem 19. Jahrhundert ererbte Reservationssystem vollständig abzuwickeln und die American Indians zu ihrem eigenen Besten in Städte umzusiedeln. Nicht auf ein Leben in den pulsierenden Industriezentren vorbereitet strandeten die meisten von ihnen in heruntergekommenen Vierteln oder auf der Straße, während sie bei der Job- und Wohnungssuche oft benachteiligt und in ihren Anstellungen ausgebeutet wurden (Edmunds et al. 207, 398 ff.). Bis in die 1960er Jahre gab es kaum American Indians, die in führende Positionen in Wirtschaft, Gesellschaft oder Politik gelangten, und auch danach kam der Aufstieg in die Mittelschicht nur langsam in Gang. Während des Kalten Krieges brachten nationale Sicherheitsinteressen und der gewaltige Energiebedarf der Massenkonsumgesellschaft neue Formen der Bevormun‐ dung hervor. Einige im Südwesten und Mittleren Westen gelegene Reservationen verwandelten sich in eigentliche Energiekolonien der USA, in denen Großkonzerne Uran, Kohle und andere Rohstoffe ohne Rücksicht auf Umwelt, Wasser und die dort lebenden Menschen förderten. In diesen „nationalen Opferzonen“ verursachten sie nicht nur schwere, bis heute nicht restlos sanierte Gefahrenherde, sondern trugen auch dazu bei, dass Indigene Minenarbeiter und ihre Angehörigen schwer an Krebs erkrankten und manche von ihnen auch vorzeitig starben. Stark betroffen waren die 7 Rassismus gegen American Indians 109 <?page no="110"?> Navajo-Reservation in der Four Corner-Region, aber auch die der Western Shoshone, deren Reservation sich in der Nähe der Nevada Test Site befindet, auf der das US-Militär bis 1960 Dutzende von atmosphärischen Atomtests durchführte (Mattioli 2023, 113 ff.). Ein Dammbruch in einem Rückhaltebecken der Uranmühle von Church Rock, New Mexico lies 1979 riesige Mengen radioaktiv verseuchter Abwässer in den Puerco River, die Lebensader vieler Navajo und anderer Indigener, gelangen, ohne dass diese weit gravierendere Katastrophe die Aufmerksamkeit erhalten hätte wie der Reaktorunfall bei Three Mile Island in Harrisburg, Pennsylvania drei Monate zuvor (Voyles 2015, 166 ff., → Kapitel Umweltrassismus). Fast zeitgleich mit der Terminationspolitik, die seit 1953 versuchte, alle Reservatio‐ nen und die dort ansässigen Indigenen Nationen aufzulösen, brachten das Bureau of Indian Affairs und die Child Welfare League 1958 resp. 1966 zwei Adoptionsprogramme auf den Weg. Bis 1977 wurden Tausende von Indigenen Kindern ihren Herkunftsfa‐ milien entrissen, zur Adoption durch weiße Mittelstandsfamilien freigegeben oder in zumeist weißen Pflegefamilien platziert. Es wird geschätzt, dass zwischen 25 und 35 Prozent aller Indigenen Kindern von dieser Politik betroffen waren. Neben sozial‐ staatlichem Paternalismus und einer assimilatorischen Zielsetzung spielten bei diesen Kindswegnahmen auch ethnozentrische Vorurteile eine Rolle ( Jacobs 2014, xxvi). Viele weiße US-Amerikaner: innen, die im Mittleren Westen oder Südwesten in nahe von Reservationen gelegenen Städten wie Farmington (New Mexico), Hardin (Montana) oder Rapid City (South Dakota) lebten, waren noch in den 1960er Jahren in einer Welt antiindianischer Vorurteile gefangen. In den Schaufenstern von Restaurants, Bars und Läden fanden sich in diesen Regionen zuweilen Schilder mit der Aufschrift „No Dogs and Indians“ Bis in die späte Red-Power-Ära (1961-1978) ereigneten sich immer wieder Hassverbrechen gegen American Indians bis hin zu rassistisch motivierten Morden (→ Kapitel Red Power. Der Kampf der Native Americans um Selbstbestimmung und Souveränität). Unter weißen Jugendlichen war in New Mexico das „Indian rolling“, mit dem sie Indigene misshandelten und demütigten, eine beliebte Freizeitbeschäftigung. In der Nähe von Farmington prügelten 1974 drei weiße Teenager drei betrunkene Navajo-Männer zu Tode und kamen vor Gericht wegen ihres Alters mit milden Strafen davon (Barker 1992). In den USA wurden und werden Indigene Frauen regelmäßig von weißen Männern sexuell belästigt und vergewaltigt sowie zum Teil sogar ermordet. Weiße sexuelle Übergriffe gegen Indigene Mädchen und Frauen reichen sehr weit in die Vergangenheit zurück und müssen als ein wichtiger, aber verborgener Teil der Eroberungs- und Kolonisierungsgeschichte Beachtung finden. Die Täter - Siedler, Soldaten, Geistliche und Lehrer - kamen nahezu immer straflos davon (Amnesty International 2007). Gegen die körperliche Integrität Indigener Frauen verstieß in den 1970er Jahren auch ein staatliches, mit Anti-Armuts-Dollars finanziertes Programm, das Tausende von Indigenen Frauen zusammen mit Unterschichtsfrauen aus anderen sozialen Gruppen und ethnischen Minderheiten ohne medizinische Notwendigkeit und deren freie und informierte Zustimmung zwangssterilisieren ließ, um so die 110 7 Rassismus gegen American Indians <?page no="111"?> Sozialausgaben des Staates niedrig zu halten (Mattioli 2023, 261 ff., → Kapitel Eugenik und Zwangssterilisation). Nach dem Kalten Krieg schwächte sich der Rassismus gegen American Indians in der US-Gesellschaft ab. Dem Beispiel South Dakotas folgend, widmeten immer mehr Städte und Bundesstaaten seit 1990 den alljährlich durchgeführten „Columbus Day“ zum „Indigenous Peoples Day“ um. Präsident Barack Obama entschuldigte sich 2009 für das Unrecht, das die USA an den First Peoples in der Vergangenheit verübt hatten. Doch ganz in Luft aufgelöst hat sich der Rassismus gegen American Indians nicht - trotz einer Reihe von kommerziell erfolgreichen Spielfilmen wie Dances with Wolves (1990) und Geronimo. American Legend (1993), in denen die American Indians im Unterschied zum klassischen Western als menschliche Wesen mit Verstand und Gefühlen gezeichnet werden. Bis heute erzählen Vorurteile und Verunglimpfungen („injuns“, „redskins“ oder „squaw“) von seiner Wirkmächtigkeit. Bis vor wenigen Jahren und zum Teil bis in die Gegenwart fand und findet er seinen Widerhall in Frontierlegenden, aber auch Pionierdenkmälern (wie das für Hannah Duston in Haverhill), triumphalen Reiters‐ tandbildern (wie für Don Juan de Onate in El Paso und Andrew Jackson in Washington, D.C. oder, mittlerweile entfernt, von Theodore Roosevelt in New York), unsensiblen Nationaldenkmäler (wie das Mount Rushmore Memorial oder das Jefferson National Expansion Memorial in St. Louis), Städte- und Flurnamen (wie Custer, Sheridan oder Squaw Lake), Gemälden in staatlichen Repräsentationsgebäuden (wie dem Capitol), Namen von Sportteams (wie die inzwischen aufgegebenen Namen „Washington Reds‐ kins“ und „Cleveland Indians“), respektlosen Fanritualen (wie der „tomahawk chop“) und Maskottchen (wie das inzwischen aufgegebene von „Chief Wahoo“) (King 2016). Der Rassismus gegen die American Indians war und ist in den USA nicht nur eng mit der gewalttätigen Entstehungs- und weißen Suprematiegeschichte des Landes verknüpft, sondern wirkt in Form von weiterbestehenden Diskriminierungen, irreführenden Präsentationsweisen und psychischen Erkrankungen bis heute nach. Literatur Amnesty International. 2007. „Maze to Injustice. The Failure To Protect Indigenous Women from Sexual Violence in the USA.“ New York: Amnesty International Publications. Abgerufen am 14. Juli 2023. https: / / web.archive.org/ web/ 20180724015602/ https: / / www.amnestyusa.org/ pdf s/ mazeofinjustice.pdf. Barker, Rodney. 1992. The Broken Circle. A True Story of Murder and Magic in Indian Country. New York: Simon & Schuster. Berkhofer Jr., Robert F. 1979. The White Man’s Indian. Images of the American Indian from Columbus to the Present. New York: Vintage Books. Bungert, Heike. 2020. Die Indianer. Geschichte der indigenen Nationen in den USA. München: C.H. Beck. 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Einige Tage später schrieb er unter weiterer Zuspitzung seiner Rhetorik in einem Tweet vom „Chinese virus“ (Yam 2020). Eine im Journal of Public Health veröffentlichte Studie ergab, dass die Verwendung des xenophoben Ausdrucks durch den Präsidenten einen unmittelbaren Anstieg von antiasiatischen Hashtags nach sich zog (Hswen et al. 2020, 956). Dieses Echo veranlasste Trump, Politiker: innen und rechte Medien wiederum dazu, diesen und weitere hetzerische Begriffe wie „Wuhan Flu“ und „Kung Flu“ in Umlauf zu bringen. Laut Historikerin Erika Lee diente diese Rhetorik dem Zweck, von politischen Versäumnissen der Regierung abzulenken und rassistische Schuldzuweisungen zu befeuern: While deflecting anger at the Trump administration’s failure to control the coronavirus, this rhetoric fueled racism by urging Americans to view the high number of infections, mortality rates, job losses, school closures, heightened anxieties, and other tragedies of the pandemic through a racial lens instead (Lee-2021, 404). Zu diesem Zeitpunkt sah sich die AAPI-Community bereits mit einer deutlich gestie‐ genen Anzahl von Übergriffen und Hassverbrechen konfrontiert. Eine frühe Studie des Center for the Study of Hate and Extremism kommt zu dem Ergebnis, dass Hassverbrechen gegen die Community im Jahr 2020 in den betrachteten 26 der größten Verwaltungsbezirke der USA um insgesamt 146 Prozent zunahmen. Für das erste Jahresviertel 2021 ergab sich ein erneuter Anstieg um 164 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum (Center 2021). Da die Daten auf Polizei- und FBI-Statistiken beruhen, liegen die tatsächlichen Zahlen nach Meinung von Expert: innen eher noch höher - viele Mitglieder der AAPI-Community brächten solche Straftaten demnach gar nicht erst zur Anzeige. Im ganzen Land erlebte AAPI-feindliche Gewalt Konjunktur <?page no="116"?> und richtete sich insbesondere gegen Frauen, Ältere und Niedriglohnarbeiter: innen (Lee & Huang 2021). Am 16. März 2021 verübte der 21-jährige Robert Aaron Long ein Attentat in drei Massagesalons asiatischstämmiger Betreiber: innen. Er ermordete acht Menschen, darunter sechs Frauen mit asiatischer Abstammung. Zwar wurde der Schütze zu lebenslanger Haft verurteilt, jedoch nicht wegen Hassverbrechen; und das, obwohl Zeug: innen zu Protokoll gaben: „he had said he wanted to ‚kill all Asians‘ before shooting victims in their faces and chests“ (Lee 2021, 404). Auch aus wirtschaftlicher Sicht sah sich die AAPI-Community infolge der zunehmenden Feindseligkeit bedroht. In den gesamten USA verzeichneten Geschäfte und Restaurants von Angehörigen der AAPI-Community im Zuge dieser Entwicklung massiven Einnahmeeinbußen. Zahlreiche Kleinunternehmen bangten um ihre Existenz, andere mussten ihr Geschäft aufgeben. Tourist: innen und regelmäßige Besucher: innen von Chinatowns begannen aus Angst vor Ansteckung, die Viertel zu meiden. Erläuterung | Asian American und Asian American Pacific Islander (AAPI): Die Bezeichnung „Asian American“ wurde im Jahr 1968 geprägt, um verschiedene Communitys während der Bürgerrechtsbewegung unter einem Dachbegriff zu vereinen und ihre Position als politische Gruppe zu festigen. Tatsächlich trug der Begriff anfangs wesentlich dazu bei, Veränderungsprozesse anzustoßen. Im Laufe der Jahre hat er sich jedoch aufgrund der sprachlichen Homogenisierung von 24 Millionen Menschen aus 26 asiatischen und pazifischen Staaten zunehmend als problematisch erwiesen. Der Kürze halber wird in diesem Beitrag in Bezug auf die heutige breite Community die Bezeichnung „AAPI“ verwendet (U.S. Census Bureau-2023). Trumps Verwendung des Begriffs „China virus“ war nicht nur deshalb gefährlich, weil er die chinesische Community stigmatisierte. Vielmehr berief er sich damit auch auf einen Hassdiskurs gegen AAPI, der deutlich weiter zurückreicht und seit dem 19. Jahr‐ hundert in den USA zu Enteignung, Vertreibung, Ausschluss und Inhaftierung von Menschen asiatischer Abstammung geführt hat. Der rassistische Diskurs, der Asian American Pacific Islanders als Träger: innen von Krankheiten sowie ökonomische und moralische Bedrohung für die Nation konzeptualisiert, wurde im Laufe der US-Ge‐ schichte wiederholt von Politiker: innen, Demagog: innen und den Medien aufgegriffen. Um zu verstehen, warum der Ausdruck „China virus“ eine solche Welle der Angst, des Hasses und der Gewalt heraufbeschwor, müssen die lange Tradition von Rassismus und weißer Vorherrschaft in den USA sowie die Frage beleuchtet werden, wie der Rassismus gegen Asian American Pacific Islanders mit dieser Geschichte verflochten ist. Eine Betrachtung der historischen Überschneidungen und Verknüpfungen kann im Rahmen dieses kurzen Beitrags nicht für alle AAPI-Communitys vorgenommen werden. Stattdessen beschränkt er sich auf drei zentrale Phänomene des 19. und 116 8 Rassismus gegen Asian American Pacific Islanders <?page no="117"?> 20. Jahrhunderts, die, wie im Folgenden darlegt wird, den Rassismus gegen diese Gruppe entscheidend geprägt haben: 1. die chinesische Immigration im 19. Jahrhundert und die Konstruktion von Krank‐ heitsideologien 2. der Diskurs um Arbeitsmarktkonkurrenz durch „Kulis“ 3. der Model-Minority-Mythos Da die Chines: innen die Ersten waren, die in großer Zahl in die Vereinigten Staaten kamen, liegt der Fokus im Folgenden insbesondere auf dieser Bevölkerungsgruppe. Es sei jedoch erwähnt, dass Mitglieder anderer ethnischer Gruppen-- etwa Menschen aus den Philippinen, Japan und Südasien - zu dieser Zeit ebenfalls in den USA lebten und Pacific Islanders sowie Native Hawaiians mitunter koloniale Subjekte des US-amerikanischen Imperiums waren. Chinesische Immigration im 19.-Jahrhundert und Krankheits- und Rassismusdiskurse Arbeiter: innen aus China und den Philippinen gab es in den USA seit dem 16. Jahrhun‐ dert. Damals brachte man sie auf spanischen Handelsschiffen aus Manila nach Mexiko und in den Süden Kaliforniens. Bis zum 19. Jahrhundert zeigten Politik und breite Öffentlichkeit kaum Interesse an dieser Bevölkerungsgruppe. Das änderte sich erst, als insbesondere der Goldrausch in den 1850er Jahren und der Bau der transkontinentalen Eisenbahnstrecke in den 1860er Jahren zahlreiche Chines: innen nach Kalifornien führten. Für die weiße Öffentlichkeit wurden sie nun zu einer „sichtbaren“ Minderheit. Zu diesem Zeitpunkt waren struktureller Rassismus und weiße Vorherrschaft jedoch bereits tief in den politischen, rechtsprechenden, sozialen und kulturellen Institutionen der USA verankert. Als der Goldabbau zurückging und das Land in eine allgemeine Re‐ zession rutschte, erließ man in Kalifornien, wo besonders viele Chines: innen arbeiteten, ab Mitte der 1850er Jahre eine Vielzahl von einschränkenden Gesetzen. Verordnungen wie die Festlegung einer Foreign Miner’s Tax im Jahr 1855, der Anti-Coolie Act von 1862 sowie die Cubic Air Ordinance von 1870, die sich gegen in Massenunterkünften untergebrachte Arbeiter: innen richtete, zielten auf die Unterdrückung und Kontrolle chinesischer Einwohner: innen ab. Die zunehmend feindselige Einstellung gegenüber Chines: innen äußerte sich in vermehrten Fällen von Massakern, Lynchverbrechen, Morden, rassistischen Ausschreitungen und Vertreibungen aus kleinen und großen Städten des Westens, Mittleren Westens und der Ostküste. Zur gleichen Zeit entstanden überall im Land chinesische Enklaven, die in den Städten als zentrale Knotenpunkte fungierten. Sie boten soziale Netzwerke, Arbeit sowie Schutz vor der wachsenden Ablehnung und Diskriminierung, die die Menschen erfuhren. In Nordamerika trieben Industrialisierung und Massenmigration aus Europa Mitte des 19. Jahrhundert die städtische Transformation voran. Die Einwohnerzahlen von Hafenstädten wie San Francisco, New York und Boston stiegen exponentiell. Ein 8 Rassismus gegen Asian American Pacific Islanders 117 <?page no="118"?> Großteil der neu immigrierten und ethnisch marginalisierten Gruppen lebte in herun‐ tergekommenen Gebäuden, Mietskasernen und „Slums“, in denen Überfüllung und mangelhafte hygienische Bedingungen herrschten und die von den Eigentümern häufig vernachlässigt wurden. Regelmäßig kam es zu Ausbrüchen von Cholera, Tuber‐ kulose, Pocken und anderen Epidemien, für die die städtischen Gesundheitsbehörden und Angehörige der Ärzteschaft häufig die chinesischen Bewohner: innen verantwort‐ lich machten. In dieser Entwicklung zeigt sich die Verknüpfung von „Rasse“ und Krankheit, die mit der Verbreitung des wissenschaftlichen Rassismus zusammenfällt. Dieses pseudowissenschaftliche Ideensystem, das seinen Ursprung in der Aufklärung hat, strebte die hierarchische Klassifizierung verschiedener „Rassen“ an, wobei die weiße „Rasse“ als anderen überlegen betrachtet wurde (→ Kapitel Rassismus und Wissenschaft). Im 19. Jahrhundert war die Forschung zu Mikroben und Krankheiten häufig von rassistischen Vorstellungen durchzogen, die von der genetischen Inferiorität des nicht weißen Körpers ausgingen (Shah-2001; → Kapitel Gesundheit). In San Francisco war der Anteil chinesischer Einwohner: innen zwischen 1848 und 1852 sprunghaft von einigen wenigen auf über 2.000 angestiegen. Damit machten sie dort nun etwa 12 Prozent der Gesamtbevölkerung aus (Shah 2001, 20). Im Jahr 1854 ordnete die Stadt eine Untersuchung des chinesischen Viertels an, nachdem ein orts‐ ansässiger Arzt, Dr. William Rabe, sich angesichts der dort herrschenden hygienischen Bedingungen besorgt gezeigt und diese als „filthy“ bezeichnet hatte (zitiert nach ebd.). Tatsächlich stellte man den „verschmutzten“ und „überfüllten“ Zustand der Unterkünfte fest und sah in ihm den idealen Nährboden für die Ausbreitung der Cholera. Von zuständiger Stelle hieß es, sofern man keine drastischen Maßnahmen zur Ausweisung der Chines: innen ergreife - „removing from our midst the germs of pestilence“ -, würde die Cholera auch „our own citizens“ erreichen (zitiert nach ebd., 21 f.). In Bezug auf die verwendete Rhetorik bemerkt der Historiker Nayan Shah: „[T]he committee members shifted from attributing the health threat to collective Chinese behavior to denouncing the Chinese as the very embodiment of disease.“ Shah hebt zudem die getroffene Unterscheidung zwischen den „fremden“ Chines: innen und den einheimischen Bürger: innen hervor. Durch diese Gegenüberstellung ließ sich das harte Vorgehen legitimieren, das der eingesetzte Ausschuss empfahl, um die Kranken der Stadt zu verweisen (ebd., 22; Hervorhebungen im Original). Durch die Massenmedien verbreitete sich zu dieser Zeit außerdem die These von der Nichtassimilierbarkeit der Chines: innen: Ihre soziale und moralische Prägung sehe demnach ein Leben in verwahrlosten und unhygienischen Verhältnissen vor, biologisch seien sie prädestiniert für Krankheiten. Wochenzeitschriften wie The Wasp griffen diese Erzählung wirkungsvoll in Form von Karikaturen auf, in denen sie die Chines: innen als Ratten abbildeten - als Nagetiere also, die als Krankheitsüberträger bekannt sind. Die 1881 veröffentlichte Illustration A Statue for Our Harbor von George Frederick Keller zeigt etwa die Statue eines Chinesen, die über dem Hafen von San Francisco aufragt; eine spöttische Anspielung auf die Freiheitsstatue, die man zu dieser Zeit errichtete. Die rattenähnliche Figur ist in einen zerrissenen Umhang gehüllt und hält 118 8 Rassismus gegen Asian American Pacific Islanders <?page no="119"?> in der einen Hand eine Opiumpfeife, in der anderen eine Fackel, die sich außerhalb des Bildes befindet. Anstelle der Krone, die die Freiheitsstatue trägt, sind um den Kopf der Figur verschiedene Wörter strahlenförmig angeordnet: „Filth“, „Immorality“, „Disease“ und „Ruin to White Labor“. Ihr Fuß ruht auf einem Totenschädel, dem Symbol für Tod und Verfall. Um den Sockel der Statue tummeln sich Ratten, während sich über das Wasser zahlreiche Schiffe der Küste von San Francisco nähern - vermutlich mit neuen chinesischen Arbeiter: innen an Bord. In Kellers Illustration spiegelt sich die wachsende Überzeugung vieler US-Amerikaner: innen wider, dass es sich bei den Chines: innen um ein minderwertiges, krankheitbringendes Volk handele, das eine ernsthafte Bedrohung für die weiße Arbeiterschaft und die weiße Nation darstelle. Abbildung 1: „A Statue for Our Harbor“, 11.-November-1881, von George Frederick Keller für die San Francisco Illustrated Wasp. 8 Rassismus gegen Asian American Pacific Islanders 119 <?page no="120"?> In seinem Buch How the Other Half Lives, das 1890 erschien, bespricht der Journalist und Fotograf Jacob Riis die Situation neu Zugewanderter im damaligen New York City. Anders als die Neuankömmlinge aus Europa, die er für assimilierbar hielt, betrachtete er chinesische Immigranten ohne Familien als „victims of his drug and base passions“ und prognostizierte ihnen „neither hope nor recovery, nothing but death - moral, mental, and physical death“ (Riis 1890, 127 f.). Bis zur Jahrhundertwende hatten sich die „Rassendiskurse“ in Richtung einer klaren Abgrenzung von „Weißen“ und „Chines: innen“ entwickelt. Weißsein stand dabei für Gesundheit, freien Willen und moralische Integrität; ein Konstrukt, dem das der chinesischen Bevölkerung diametral gegenüberstand. „Kuliarbeit“ als Bedrohung für Amerika Die zweite historische Entwicklung, die den Rassismus gegen Asian American Pacific Islanders in den USA geprägt hat, lässt sich im Kontext der nationalen Arbeitsdebatte verorten. Vom 19. Jahrhundert an trugen Arbeitskräfteüberschuss und -mangel in den Vereinigten Staaten entscheidend dazu bei, dass Einwanderungspolitik und öffentliche Meinung zu chinesischen Immigrant: innen Schwankungen unterlagen. Chines: innen wurden in großer Zahl ins Land geholt und als Vertragsarbeiter: innen in verschiedenen Wirtschaftszweigen beschäftigt, darunter die Zucker- und Baumwollindustrie im Süden und die Eisenbahnindustrie im Westen. Erläuterung | Kuliarbeit: Bei „Kuli“ handelt es sich um eine abwertende Bezeich‐ nung für Niedriglohnarbeitende. Sie hat ihren Ursprung im System der Vertrags‐ knechtschaft, das im 18. Jahrhundert in den britischen Kolonien Anwendung fand. In den USA und Hawaii wurden chinesische Vertragsknechte zunächst auf Planta‐ gen beschäftigt. Später setzte man sie auch für die Arbeit an der transkontinentalen Eisenbahnstrecke ein. Da die chinesischen Arbeiter: innen eine geringe Entlohnung und unwürdige Lebensbedingungen in Kauf nahmen, begann man, den Begriff „Kuli“ mit dieser Bevölkerungsgruppe zu assoziieren. „Kuliarbeit“ wurde sowohl politisch als auch gesellschaftlich kontrovers debattiert. Während ihre Befürwor‐ ter: innen in der Nachbürgerkriegsära von „freier Arbeit“ sprachen, lehnten ihre Gegner: innen sie als neue Form der Sklaverei ab. Chinesische Arbeiter: innen waren nicht nur harten Arbeitsbedingungen und niedrigen Löhnen ausgesetzt, sondern mussten häufig auch als Streikbrecher: innen herhalten und wurden zur Zielscheibe von Feindseligkeiten, als sich der US-amerikanische Arbeitsmarkt während der Reconstruction-Ära neu ordnete (Lee-2021, 34-56). Industrielle, Plantagenbesitzer: innen und Eisenbahnmagnaten, die von der billigen Arbeitskraft der Chines: innen profitierten, lobten deren Fleiß und Moral und spielten sie häufig gegen andere rassistisch diskriminierte Arbeiter: innen aus. Zwischen 1866 120 8 Rassismus gegen Asian American Pacific Islanders <?page no="121"?> und 1870 begannen wohlhabende Plantagenbesitzer: innen in Louisiana, Tausende chinesischer Arbeiter: innen aus der Karibik, China und Kalifornien anzuwerben. Ziel war es, die Schwarzen Sklav: innen zu ersetzen, durch deren Ausbeutung die Zucker‐ imperien des Südens errichten worden waren. Ein Jahr nach Abschaffung der Sklaverei schlug der Journalist Whitehead Reid den Südstaaten in seiner Bestandsaufnahme der dortigen Arbeitsmarktsituation vor, ehemals versklavte Schwarze Arbeiter: innen fortzuschicken („drive out“) und „import coolies that will work better, at less expense“ ( Jung 2022). Der Historiker Moon-Ho Jung schreibt dazu: „When 140 Chinese laborers arrived on Millaudon plantation near New Orleans on July 4, 1870 […], the New Orleans Times reported that they were ‚young, athletic, intelligent, sober and cleanly‘ and superior to ‚the vast majority of our African population‘“ (zitiert nach Jung 2022). Viele der chinesischen Arbeiter: innen, die in Louisiana auf Plantagen wie Millaudon einge‐ setzt wurden, blieben jedoch nicht bis zum Ende der Vertragslaufzeit, sondern begaben sich vorzeitig auf die Suche nach anderen Anstellungen mit besseren Bedingungen. In Sacramento begann einer der Gründer der Eisenbahngesellschaft Central Pacific Railroad (CPRR) im Jahr 1865, chinesische „Kuliarbeiter: innen“ einzustellen. Die CPRR wurde 1862 vom Kongress mit dem Bau der ersten transkontinentalen Eisenbahnstre‐ cke beauftragt, die Sacramento mit dem Schienennetz im Osten verbinden sollte. Zwischen 1865 und 1869 verlegten schätzungsweise 15.000 zumeist kantonesische Chines: innen über 1.100 Kilometer Schiene von Kalifornien über die unwegsamen Bergregionen der Sierra Nevada bis zum Promontory Point in Utah. Richter E. B. Crocker, der als Rechtsberater der CPRR fungierte, bezeichnete die chinesischen Arbeiter: innen in einem 1865 verfassten Brief an einen Bekannten als „nearly equal to white men, in the amount of labor they perform, and […] far more reliable“ (zitiert nach Phillips 1929, 138). Er zeigte sich zudem angesichts der Tatsache zufrieden, dass „no danger of strikes among them“ drohe (zitiert nach ebd.). Im Jahr 1867 beschäftigte die CPRR zu 80 bis 90 Prozent Arbeitskräfte aus China. Diese wurden nicht nur schlechter bezahlt als aus Europa stammende Arbeitsmigrant: innen, sondern hatten auch längere Arbeitszeiten und übernahmen gefährlichere Aufgaben. Zwischen irischen und chinesischen Arbeitskräften entzündeten sich tödliche Konflikte. Im Jahr 1867 streikten chinesische Arbeiter: innen unter der Devise „Eight hours a day good for white, all the same good for Chinamen“ (zitiert nach Lee 1999, 64). Die CPRR führte keine Aufzeichnungen über die beschäftigten Chines: innen, doch Schätzungen einer Zeitung zufolge kamen 1.200 von ihnen beim Bau der Eisenbahnstrecke ums Leben (Lee-2015, 73). Chinesische Vertragsarbeiter: innen wurden häufig auch als Streikbrecher: innen eingesetzt. Im Jahr 1870 verpflichtete Calvin T. Sampson, Inhaber der Model Shoe Factory in North Adams, Massachusetts, 75 chinesische Arbeiter: innen aus Kalifornien, um die gewerkschaftliche Vereinigung zu schwächen (Tchen 2014, 175-77). Sie wurden bei ihrer Ankunft am Bahnhof von bereitstehenden Gewerkschaftsmitgliedern mit „hoots and all kinds of taunting shouts“ (ebd., 177) feindselig in Empfang genommen. Sampsons „chinesisches Experiment“ zog Kreise: James Hervey, Inhaber der Passaic 8 Rassismus gegen Asian American Pacific Islanders 121 <?page no="122"?> Steam Laundry in South Bellville, New Jersey, folgte seinem Beispiel und holte 68 Chines: innen aus Kalifornien in seinen Betrieb (ebd., 178). Gewerkschaften und Politiker: innen reagierten auf das Eintreffen der Chines: innen in New Jersey, indem sie in New York City Proteste organisierten. Am 30. Juni 1870 fand eine Kundgebung am Tompkins Square statt. In seinen Worten an die Menge verurteilte New Yorks Bürgermeister A. Oakey Hall die „importation of tawny slaves“ durch „capitalists“ und nannte die Chines: innen „debased in race, irreligious, and in many respects incapable of free reason“ (zitiert nach ebd., 179). In den 1870er und 1880er Jahren schlugen Gewerkschaften und Politiker: innen im ganzen Land Alarm und erhöhten so den Druck auf die Regierung, Maßnahmen gegen die „Kuliarbeit“ zu ergreifen. Am 6. Mai 1882 unterzeichnete Präsident Chester A. Arthur den Chinese Exclusion Act. Dieses Gesetz war das erste in der Geschichte der USA, das einer Bevölkerungsgruppe allein aufgrund ihrer ethnischen Herkunft die Zuwanderung verwehrte. Als das Gesetz zehn Jahre später auslaufen sollte, legte Sa‐ muel Gompers, Gründer der American Federation of Labor, dem Kongress ein Pamphlet mit dem Titel „Meat vs. Rice. American Manhood against Asiatic Coolieism. Which shall survive? “ vor. Darin beschrieben Gompers und sein Co-Autor Herman Gutstadt chinesische Arbeiter: innen als „living on the most meagre food, having no families to support, inured to deprivation and hoarding their wages for use in their native land“ und als ernsthafte Bedrohung für „American labor“. Eine US-amerikanische Staatsbür‐ gerschaft sei undenkbar: „[they] do not, will not and can not take up the burdens of American citizenship“ (Gompers und Gutstadt 1902, 29). Die Schrift argumentierte für den Ausschluss der Chines: innen aus der US-amerikanischen Gesellschaft und legte systematisch und unter Rückgriff auf Ideologien weißer Vorherrschaft dar, warum sie angeblich über keine entsprechende biologische und moralische Eignung verfügten. Ihre Anwesenheit im Land wäre demnach eine Bedrohung für dessen Wirtschaft und das Überleben der weißen „Rasse“. Am 3. März 1882 erschien eine weitere Karikatur von George Frederick Keller in der Wasp. Sie zeigt einen chinesischen Arbeiter mit zahlreichen Armen, ähnlich denen eines Kraken. Mit seiner flexiblen Einsatzfähigkeit in verschiedensten Branchen, so die vermittelte Botschaft, hat er „our boys“ - verkörpert durch die weißen Männer, die vor der Ein-Mann-Fabrik herumlungern - in die Arbeitslosigkeit gedrängt. Im Hintergrund führt ein Polizeibeamter einen Mann in Richtung dreier Gebäudekomplexe ab, die in der Ferne zu sehen und durch entsprechende Beschriftungen als „San Quentin Prison“, „House of Corrections“ und „Industrial School“ zu erkennen sind. 122 8 Rassismus gegen Asian American Pacific Islanders <?page no="123"?> Abbildung 2: „What Shall We Do With Our Boys“, 3. März 1882, von George Frederick Keller für die San Francisco Illustrated Wasp. Auch im Verlauf des 20. und 21. Jahrhunderts fand die diskursive Konstruktion von Asiat: innen als wirtschaftliche Bedrohung für die USA weiter Ausdruck. In den frühen 1980er Jahren geriet die Automobilindustrie in den USA in eine Krise. Grund waren der immer stärker globalisierte Handel und die Zunahme von Fahrzeugimporten aus Japan. 1982 kam es in Detroit zu einem Angriff auf den chinesischstämmigen US-Amerikaner Vincent Chin, der von den weißen Automobilarbeitern Ronald Ebens und Michael Nitz brutal zusammengeschlagen wurde. Chin verstarb vier Tage später. Zeugenaussagen zufolge machten Ebens und Nitz die japanische Automobilindustrie für die Schwä‐ chung des Sektors in den USA verantwortlich und erklärten, sie hätten Chin irrtümlich für einen Japaner gehalten. Beide Täter erhielten drei Jahre auf Bewährung und eine Geldstrafe in Höhe von 3.720 US-Dollar, zu einem Gefängnisaufenthalt wurden sie nicht verurteilt (Guillermo 2017). Der Mord und die Milde der Rechtsprechung riefen landesweite Proteste der AAPI-Community hervor (die Dokumentation „Who Killed Vincent Chin? “ von Christine Choy und Renee Tajima-Peña aus dem Jahr 1987 beleuchtet weitere Hintergründe zum Mord, zum Prozess und zur Reaktion der AAPI-Community). Erst 2018 startete das Justizministerium unter der Trump-Regierung die sogenannte „China Initiative“, um chinesische Wirtschaftsspionage zu bekämpfen (US Department of Justice 2018). In der Folge kam es zu zahlreichen Anschuldigungen gegen und Festnahmen von chinesischen und chinesischstämmigen Professor: innen durch das 8 Rassismus gegen Asian American Pacific Islanders 123 <?page no="124"?> FBI, darunter MIT-Professor Gang Chen, Professor Xiaoxing Xi von der Temple University sowie Professor Anming Hu von der University of Tennessee. Zwar wurden alle Anklagepunkte gegen die drei Wissenschaftler offiziell fallen gelassen, die Auswirkungen für die Betroffenen, ihre Familien und die Community waren jedoch erheblich. Die Initiative ebnete der US-Gesetzgebung den Weg für strengere Kontrollen chinesischer Akademiker: innen und erzeugte einen Diskurs und die damit verbundene Wahrnehmung einer wirtschaftlichen Bedrohung durch Chines: innen. Im Jahr 2022 erließ die Biden-Regierung den Competes Act, um die USA vor dem Einfluss Chinas im Bereich Technologie und Kommunikation zu schützen - aller Warnungen vonseiten des Congressional Asian Pacific American Caucus (CAPAC) zum Trotz, dass die damit verbundene politische und juristische Rhetorik weiteren Hass gegen AAPI schüren könnte (Wells 2022). Angesichts des sprunghaften Anstiegs von Hassverbrechen gegen AAPI während der Pandemie mahnte Mark Takano, Mitglied des Repräsentantenhauses: „A political environment in which politicians are trying to outdo each other in terms of playing to nascent fears in the public about China as a rival will boomerang back on Asian Americans“ (zitiert nach ebd.). Der Model-Minority-Mythos Die Ursprünge des dritten wesentlichen Einflussfaktors für den Rassismus gegen Asian American Pacific Islanders datieren etwa auf die Zeit der Bürgerrechtsbewegung. Als der Chinese Exclusion Act im Jahr 1943 schließlich aufgehoben wurde, immigrierten Menschen aus Ost-, Süd- und Südostasien in größerer Zahl in die USA. Ermutigt von den Vorstößen der Black-Power-Bewegung (→ Kapitel Schwarze bewaffnete Selbst‐ verteidigung und Black-Power-Bewegung), der Red-Power-Bewegung (→ Kapitel Red Power. Der Kampf der Native Americans um Selbstbestimmung und Souveränität) sowie der Antikriegsbewegung, begannen asiatischstämmige Bürger: innen im ganzen Land, sich in Gruppen zu organisieren und politische Treffen an Universitäten abzu‐ halten. Emma Gee und Yuji Ichioka, Absolvent: innen der University of California in Berkeley, verwendeten den Begriff „Asian American“, um die Sichtbarkeit von Akti‐ vist: innen asiatischer Herkunft zu erhöhen. In den 1950er und 1960er Jahren kämpften asiatische und Schwarze Communitys oft Seite an Seite um soziale, wirtschaftliche und politische Rechte. Am 9. Januar 1966 verbreitete sich durch einen Artikel der New York Times ein Mythos, der Zwietracht zwischen den verschiedenen rassistisch marginalisierten Bevölkerungsgruppen in den USA säte. Der Soziologe William Petersen beschrieb darin unter dem Titel „Success Story, Japanese-American Style“, wie es die japanische Community selbst angesichts der unrechtmäßigen Internierung während des Zweiten Weltkriegs durch fügsame Standhaftigkeit zu Erfolgen gebracht hatte (→ Kapitel Die Masseninternierung der Japanese Americans im Zweiten Weltkrieg). Während es andere Minderheiten wie Afroamerikaner: innen aufgrund der rassistischen Diskrimi‐ nierung in der Gesellschaft bis heute schwer hätten, sei es Japanese Americans gemäß 124 8 Rassismus gegen Asian American Pacific Islanders <?page no="125"?> Petersens Argumentation gelungen, sich über diese vorurteilsbedingte Ungleichbe‐ handlung zu erheben („risen above […] prejudicial criticism“ [Petersen 1966]). Seiner Auffassung nach hätten sich die Japaner: innen in den USA - wie bereits weiße Immigrant: innen vor ihnen - erfolgreich die Vorzüge der kostenlosen Schulbildung und der Demokratie zunutze gemacht und seien so den Armenvierteln entflohen („climbed out of the slum“); anders als „nonwhites“, zu denen er „Negroes, Indians, Mexicans, Chinese and Filipinos“ zählt (ebd.). Im Dezember desselben Jahres erschien im U.S. News and World Report mit „Success Story of One Minority in the US“ ein Artikel über Chinese Americans, der an diese Ausführungen anknüpfte. Im Gegensatz zu anderen Minder‐ heiten, so die pauschalisierende Aussage, kämen Chinese Americans gänzlich ohne staatliche Unterstützung zurecht: „At a time when it is being proposed that hundreds of billions be spent to uplift Negroes and other minorities, the nation’s 300,000 Chinese Americans are getting ahead on their own, with no help from anyone else“ (Nachdruck des Artikels in Wu und Song 2000, 158). 1971 veröffentlichte das Magazin Newsweek den Artikel „Success Story: Outwhiting the Whites“, der ebenfalls nicht asiatische Minderheiten attackierte. Gleichzeitig warf er weißen US-Amerikaner: innen vor, nicht mit asiatischen Einwander: innen mithalten zu können, deren kulturelle Traditionen doch denjenigen ähnelten, die Nordwesteuropa zum Aufstieg als Weltmacht verholfen hätten („Success Story“-1971). Die Konstruktion des Model-Minority-Mythos geschah keinesfalls im soziopoliti‐ schen Vakuum. Zur Zeit der Veröffentlichung dieser Artikel befand sich die Bürger‐ rechtsbewegung auf ihrem Höhepunkt. Auch nach Verabschiedung des Civil Rights Act im Jahr 1964, der Diskriminierung aufgrund von „race, color, religion, sex or national origin“ auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt verbot, litten insbesondere Afroamerikaner: innen weiterhin unter Armut und Arbeitslosigkeit. 1965 und damit ein Jahr vor der Artikelserie zum Model-Minority-Mythos erschien der Report on the Black Family von Daniel Patrick Moynihan, Assistant Secretary of Labor unter US-Präsident Lyndon B. Johnson. Der Bericht war in Auftrag gegeben worden, um die Armut innerhalb der Schwarzen Bevölkerung zu untersuchen. Er kam zu dem Schluss, dass die Arbeitslosigkeit Schwarzer Männer zur strukturellen Zersetzung der Kernfamilie führe, was sie zu einer dysfunktionalen Einheit mache. Schwarze Familien mit geringem Einkommen seien demnach gefangen in einem „tangle of pathology“ (Office of Policy Planning and Research 1965, 29). Anders ausgedrückt sah der Bericht die Schwarze Bevölkerung selbst verantwortlich für ihre Armut und nicht etwa die weitreichende rassistische Politik, die diese verursacht hatte und aufrechterhielt (→ Kapitel Die schwarzen städtischen Rebellionen der 1960er Jahre). Ähnlich verhält es sich mit dem Model-Minority-Mythos: Indem man Asiat: innen dafür lobte, Rassismus durch harte Arbeit und stille Unerschütterlichkeit überwunden zu haben, rückte man zugleich die lange Tradition von weißer Vorherrschaft und Rassismus im Land in den Hintergrund. Wie Linh Thủy Nguyễn beschreibt, sahen sich Schwarze Communitys, die auf die Straße gingen, um gleiches Wahlrecht sowie Zugang zu Arbeitsplätzen, Wohnraum und Bildung einzufordern, mit dem Vorwurf einer falschen Einstellung 8 Rassismus gegen Asian American Pacific Islanders 125 <?page no="126"?> und fehlender Arbeitsmoral konfrontiert: „[T]he myth blamed them for not cultiva‐ ting the individual attitudes and work ethic that would supposedly allow them to overcome racism“ (Eckart und Shock Rule 2021). Zusammengefasst diente der Mo‐ del-Minority-Mythos als Mittel, um „Asiat: innen“ und andere rassistisch diskriminierte Gruppen sowie wirtschaftlich schlechter gestellte Weiße gegeneinander auszuspielen und Erstere als Vorzeigeminderheit zu instrumentalisieren. Ihre Erfolge in Bildung und Wirtschaft sollten die gesellschaftlichen Auswirkungen des US-amerikanischen Rassismus widerlegen, die die Bürgerrechtsaktivist: innen anprangerten, und demonst‐ rieren, dass vielmehr Duldsamkeit, Unauffälligkeit und harte Arbeit ausschlaggebende Faktoren waren. Geopolitisch betrachtet geht der Model-Minority-Mythos laut Robert G. Lee auf den Kalten Krieg zurück. Demnach hätte sich der Liberalismus - „with its universalist claims on science and progress“ - in den 1950er und 1960er Jahren zur „hegemonic ideology of the American imperium“ entwickelt (Lee 1999, 159). Die „Erfolgsgeschichten“ der Asian Americans wurden häufig als Paradebeispiel für die Effektivität der US-amerikanischen Doktrin von ethnischer Gleichberechtigung und Assimilation herangezogen. Auf diese Weise wollte man Vorwürfe von kommunisti‐ scher Seite entkräften, die auf die von Sklaverei und Intoleranz geprägte Geschichte des Landes verwiesen. Im Rahmen einer Soft-Power-Offensive entsandte das US-Außen‐ ministerium die Autorin Jade Snow Wong 1953 auf eine viermonatige Lesereise, auf der sie als Botschafterin eines liberalen und toleranten Staates auftreten sollte (Wu-2000). Festzuhalten ist außerdem, dass der Model-Minority-Mythos die sozioökonomische Realität von Asian American Pacific Islanders bewusst verharmlost. Wie zuvor er‐ wähnt, umfasst die Community heute 24 Millionen Menschen aus 26 asiatischen und pazifischen Staaten. Die Geschichte ihrer Einwanderung in die USA reicht ins 16. Jahrhundert zurück und setzt sich bis in die Gegenwart fort. Vertreter: innen dieser Bevölkerungsgruppen kamen aus den verschiedensten Gründen und unter den ver‐ schiedensten Umständen in das Land. Der Model-Minority-Mythos lässt „Asiat: innen“ als monolithische Gesamtheit erscheinen und stützt sich dabei auf Daten, die die so‐ zioökonomische Ungleichheit zwischen den einzelnen Communitys vernachlässigen. Unterschiede zeigen sich etwa beim Einkommen nach nationaler Herkunft: Angaben des Center for Economic and Policy Research zufolge gelten nur 9,1 Prozent der Indian Americans als einkommensschwach, während es bei den Burmese Americans 32,6 Prozent sind. Bei Laotian Americans liegt der entsprechende Wert bei 20 Pro‐ zent und damit zwischen diesen beiden Extremen (Austin 2022). Mit Blick auf den Bildungsstand zeigt sich, dass drei Viertel der Indian Americans mindestens über einen Bachelorabschluss verfügen und zwei Drittel eine leitende Position innehaben oder einer fachlichen Tätigkeit nachgehen. Im Vergleich dazu hat ein Fünftel der Vietnamese Americans keinen Schulabschluss und ist in gering entlohnten Dienstleistungs- oder Pflegeberufen tätig (Simms 2017). Bei wichtigen politischen Entscheidungen, in den Medien oder im Zuge von Zensuserhebungen wird die AAPI-Community häufig als homogene Gruppe abgebildet und interne Disparitäten durch die aggregierten 126 8 Rassismus gegen Asian American Pacific Islanders <?page no="127"?> Informationen übergangen. Auf diese Weise verschwinden die sozial und wirtschaftlich Benachteiligten hinter bloßen Datenpunkten. In der Covid-19-Pandemie hat sich gezeigt, dass die verbreitete Annahme einer vom Rassismus befreiten „Vorzeigeminderheit“ nicht der Realität entspricht. Vielmehr wird die AAPI-Community trotz ihrer langen Geschichte als Teil der USA dort bis heute als fremde und ethnisch andersartige Bevölkerungsgruppe wahrgenommen. Als andauernde Nachwirkung des Model-Minority-Mythos wird diese Tradition von Ausgrenzung und Rassismus in Lehrplänen, kollektivem Gedächtnis und Nationalge‐ schichte häufig ausgeblendet. Als die transkontinentale Eisenbahn 1869 fertiggestellt wurde und als Verbindung von Ost- und Westküste wesentlich zum Aufbau des Staates beitrug, entstand ein Erinnerungsfoto, das diesen denkwürdigen Moment für die Nachwelt festhalten sollte. Chinesische Arbeiter: innen waren auf dem Foto nicht zu sehen. Heute hängt die Aufnahme in der National Portrait Gallery in Washing‐ ton, D.C., wo sie neben anderen kulturellen und historischen Artefakten ausgestellt ist, die von der Gründungsgeschichte der Vereinigten Staaten erzählen. Die dort angebrachte Beschriftung des von Andrew J. Russell aufgenommenen Fotos erwähnt „many immigrants [that] were necessary to finish the railroad“, ohne jedoch darauf hinzuweisen, dass es sich dabei größtenteils um Chines: innen handelte. Der Hass und die Gewalt, mit denen die AAPI-Community während der Pande‐ mie konfrontiert war, zog eine neue Welle von gesellschaftlichem und politischem Aktivismus nach sich. Bestärkt von der Black-Lives-Matter-Bewegung, reagierten verschiedene soziale Bewegungen wie #StopAAPIHate und #StopAsianHate mit lan‐ desweiten Protestaktionen. Nach der Tragödie in Atlanta gewann #StopAAPIHate weiter an Zulauf und erfuhr breitere Unterstützung und Fürsprache durch Politik, Medien, Gesetzgebung, Prominenz, Wirtschaft und einflussreiche Vertreter: innen der Community. Die neue Welle des AAPI-Aktivismus hat zudem erneut aufgezeigt, welche entscheidende Rolle Zusammenhalt und Solidarität zwischen den unterschiedlichen asiatischstämmigen sowie Schwarzen, Indigenen, Latinx- und anderen rassistisch marginalisierten Gruppen in den USA im „shared fight against white supremacy“ spielen (Lee 2021, 416). Die traumatischen Erfahrungen der AAPI-Community während der Covid-19-Pandemie können als Erinnerung daran verstanden werden, dass der Rassismus gegen diese Bevölkerungsgruppe nach wie vor tief in der US-amerikani‐ schen Gesellschaft verwurzelt ist. Um die Machtstrukturen aufzubrechen, die sein Fortbestehen möglich gemacht haben, muss er zunächst historisch zurückverfolgt und in Zusammenhang mit weißer Vorherrschaft, Kolonialismus und der Geschichte der USA gesetzt werden. Das Erinnern an die oftmals ausgelöschte Geschichte der AAPI-Community sowie ihre Wiederaneignung werden dabei zum Akt des Wider‐ stands und der Ermächtigung. Deutsche Übersetzung durch Maria Ewald. 8 Rassismus gegen Asian American Pacific Islanders 127 <?page no="128"?> Literatur Austin, Algernon. 2022. „A Brief Look at Low-Income Asian Americans and Pacific Islanders.“ Center for Economic and Policy Research, 12.-Mai-2022. Abgerufen am 30. August 2022. htt ps: / / cepr.net/ a-brief-look-at-low-income-asian-americans-and-pacific-islanders/ . Baker, Peter. 2020. „U.S. to Suspend Most Travel from Europe as World Struggles to Fight Pandemic.“ New York Times, 11.-März-2020. Abgerufen am 30. 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Auch die genderinklusive Alternative „Latinx“ steht als kolonialistisch auferlegter Ausdruck nordamerikanischer Akademiker: innen in der Kritik. Angesichts der anhaltenden Debatte über die angemessene Benennung einer solch breiten und heterogenen Gruppe habe ich mich für die Bezeichnung „Latina/ o/ x“ entschieden. Als Ausdruck einer sprachlichen Haltung soll sie Solidarität mit von der Geschichtsschreibung übergangenen Frauen und genderqueeren Personen sowie das derzeitige Fehlen einer endgültigen Lösung widerspiegeln. 9 Rassismus gegen Latina/ o/ x Americans Stephanie Gibb-Clark Abstract | In diesem Kapitel werden die Geschichte und Ausprägung des Ras‐ sismus gegen Latina/ o/ x Americans in den Vereinigten Staaten untersucht. Um diese besser verständlich zu machen, behandelt das Kapitel so unterschiedliche Themen wie Abstammung und Herkunftsland, Imperialismus und Kolonialisie‐ rung, Colorismus, Sprachverwendung, Einwanderungs- und sozioökonomischen Status sowie Segregation und Gewalt. Durch die Abbildung dieser vielfältigen Dimensionen und ihrer Verbindungen soll das Kapitel die Prozesse verdeutlichen, durch die die Diskriminierung und Enteignung von Latina/ o/ x Americans bis heute fortbestehen. Meine Ausführungen konzentrieren sich hauptsächlich auf die Erfah‐ rungen vier verschiedener Gruppen - Mexican Americans, Puerto Ricaner: innen, Cuban Americans und Colombian Americans -, um einige der zahlreichen Formen von Rassismus gegenüber Latina/ o/ x Americans kontextuell einzuordnen und zu vergleichen. Wer gilt als Latina/ o/ x 1 American? Nach der aktuellen Erhebung des United States Census leben derzeit 62.080.044 La‐ tina/ o/ x Americans in den Vereinigten Staaten. Damit stellen sie die größte ethnische Gruppe mit Minderheitenstatus im Land dar (US Census Bureau 2020). Vertreter: innen der heute als solche bezeichneten Latina/ o/ x Americans haben seit dem 16. Jahrhundert in zahlreichen Teilen Nordamerikas gelebt. Von ihnen als einer konkreten Gruppe von Menschen zu sprechen, ist daher in gewisser Weise irreführend. Die heutige Be‐ zeichnung „Latina/ o/ x Americans“ schließt Menschen unterschiedlichster Herkunfts‐ länder ein, zu deren Vorfahren nicht nur spanischen Siedler: innen, sondern auch Indigene Bewohner: innen des gesamten amerikanischen Kontinents sowie gewaltsam als Sklav: innen importierte Afrikaner: innen zählen. <?page no="132"?> Vor allem umfasst der Begriff Menschen, deren Herkunftsland einst eine spanische Kolonie war. Sie werden aus diesem Grund auch als „Hispanics“ oder „Hispanic Americans“ bezeichnet. Zahlreiche moderne Staaten in Zentral- und Südamerika und der Karibik befanden sich ehemals in spanischem Kolonialbesitz und bilden daher ein historisch konstruiertes Gebiet, das als Lateinamerika bekannt ist. Die Gesamtheit dieser Menschen und ihrer Vorfahren, die aus Lateinamerika immigriert oder durch die Annexion ihrer Heimatländer zwangseingebürgert wurden, wird sozial und kulturell als Latina/ o/ x Americans verstanden. Abstammung, Herkunftsland und das Erbe des spanischen und US-amerikanischen Imperialismus Die längste durchgehende Beziehung haben die Volksgruppen des heutigen Mexikos mit den USA, angefangen mit den europäischen Kolonisator: innen, die sich nach dem Sieg Spaniens über das Aztekenreich im Jahr 1521 auf dem amerikanischen Kontinent ausbreiteten, bis hin zum späteren Staat. Aufgrund von Krankheit, Enteignung und Gewalt kam es zu einem Einbruch der Indigenen Bevölkerung Neuspaniens. Schätz‐ ungen zufolge lebten dort im Jahr 1646 zu etwa gleichen Teilen Menschen spanischer Herkunft und versklavte Afrikaner: innen, während der Anteil Indigener drastisch sank (Gómez 2020). 1810 erklärte Mexiko seine Unabhängigkeit von Spanien. Zu dieser Zeit erstreckte sich die Landesfläche über das Gebiet der heutigen Bundesstaaten Colorado, Kalifornien, Texas, New Mexico, Utah, Nevada und Arizona (Marger 2009, 214). Mitte der 1830er Jahre kam es zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten zu Spannungen aufgrund der zunehmenden Ansiedlung weißer US-Amerikaner: innen im mexikanischen Texas sowie der Einfuhr von Sklav: innen aus Afrika, obwohl die Sklaverei durch ein 1829 beschlossenes mexikanisches Gesetz auf dem gesamten Territorium verboten worden war (Gómez-2018, 7, 18). Ganz im ideologischen Sinne der weißen Vorherrschaft erklärten die Vereinigten Staaten, dass alle Angloamerikaner: innen, die in mexikanischen Gebieten ansässig waren und dort den größten Bevölkerungsanteil stellten, vor der „colored mongrel race, and barbarous tyranny, and superstitions of Mexico“ geschützt werden müssten, und fielen 1846 in Mexiko ein (ebd., 12) (→ Kapitel Der Mexikanisch-Amerikanische Krieg). Im Jahr 1848 siegten die Vereinigten Staaten über die mexikanische Armee und der Vertrag von Guadalupe Hidalgo wurde unterzeichnet, durch den die Hälfte des mexikanischen Territoriums den USA zufiel und 115.000 Mexikaner: innen durch Einbürgerung die US-amerikanische Staatsbürgerschaft erhielten. Der Vertrag sah auch vor, dass Mexikaner: innen, die der US-amerikanischen Autorität unterstellt wurden, gleichberechtigt behandelt und ihr Eigentum, ob in privatem oder gemeinschaftlichem Besitz, geschützt werden sollte (Gómez 2020, 24). Aufgrund von antimexikanischem Rassismus hielten sich weder die US-Regierung noch die angloamerikanischen Sied‐ ler: innen an diese Bedingungen. 132 9 Rassismus gegen Latina/ o/ x Americans <?page no="133"?> Angetrieben durch wirtschaftliche Interessen und legitimiert durch das Konzept der Manifest Destiny begannen die Vereinigten Staaten im Jahr-1898 den Spanisch-Ameri‐ kanischen Krieg. Nach der Niederlage Spaniens im August 1898 und der Ratifizierung des Vertrags von Paris im Februar 1899 zählten die USA Puerto Rico, Guam und die Philippinen zu ihrem Hoheitsgebiet. Kuba wurde umgehend die nationale Souveränität zuerkannt, was sich weitgehend auf den jahrelangen Aufstand des Landes gegen die spanische Herrschaft sowie das angloamerikanische Interesse an einer Monopoli‐ sierung der kubanischen Zuckerwirtschaft zurückführen lässt (Herring 2008). 1903 berechtigte die Annahme des Platt Amendment die USA zu massiven Interventionen in internationalen und nationalen Angelegenheiten Kubas. Erläuterung | Manifest Destiny: Der Ausdruck Manifest Destiny wurde 1845 vom Journalisten John O’Sullivan geprägt und ist eine Allegorie für die scheinbar unvermeidliche territoriale Expansion der USA im 19. Jahrhundert. Demnach sei die US-amerikanische Bevölkerung von Gott auserwählt und dazu bestimmt, „Zi‐ vilisation“ und Demokratie auf dem nordamerikanischen Kontinent zu verbreiten, um die als „debased civilizations and decaying races“ charakterisierten Indigenen Volksgruppen und Mexican Americans zu vertreiben (Gómez-2018, 78). Anders als Kuba erlangte Puerto Rico niemals seine Unabhängigkeit und steht als Au‐ ßengebiet mit Commonwealth-Status bis heute in einem kolonieähnlichen Verhältnis zu den Vereinigten Staaten. Die Insel untersteht der Autorität des US-Kongresses, hat jedoch keinen Anspruch auf eine stimmberechtigte Vertretung in den beiden Kammern. Gleichzeitig besitzen Puerto Ricaner: innen von Geburt an die US-Staatsbürgerschaft und verfügen seit 1917 über das Recht zur Ein- und Ausreise nach beziehungsweise aus Puerto Rico, ganz ähnlich wie dies bei Bundesstaaten der Fall ist (Gómez 2020, 48). Dennoch dürfen Puerto Ricaner: innen nicht an Präsidentschaftswahlen teilnehmen; es sei denn, ihr Wohnsitz befindet sich auf dem Festland (Novas-2008). Neben der langen Tradition des US-amerikanischen Nationalismus und Kolonialis‐ mus gegenüber Lateinamerika ist die Herabsetzung oder Auslöschung der Herkunfts‐ identität ein weiteres zentrales Merkmal des Rassismus gegen Latina/ o/ x Americans. Während viele Latina/ o/ x Americans sich ausschließlich als Nachfahr: innen spani‐ scher Kolonisator: innen betrachten (Ramos 2011), beanspruchen andere Gruppen daneben auch die Abstammung von Indigenen Völkern Amerikas und versklavten Afrikaner: innen. Als Träger: innen dieser „mixed-race“-Identität fanden sich Latina/ o/ x Americans noch unterhalb der niedrigsten gesellschaftlichen Hierarchiestufe wieder (Omi und Winant 2015). Gleichzeitig waren Latina/ o/ x Americans von der rassifizierten Schwarz-Weiß-Binärhierarchie der USA ausgenommen und daher mutmaßlich weni‐ ger von der herrschenden rassistischen Praxis betroffen (Echeverría-2008, 104). Darüber hinaus argumentiert Ibram Kendi, dass Latina/ o/ x Americans unabhängig von ihrer Staatsangehörigkeit Opfer von Colorismus sind. So stellt er fest: „Helle Latinx 9 Rassismus gegen Latina/ o/ x Americans 133 <?page no="134"?> Eigewanderte [erhalten] höhere Löhne, Dunkle Latinx Eingewanderte werden eher von einem ethnisch homogenen Unternehmen beschäftigt.“ (Kendi 2022, 172). Er beschreibt Colorismus außerdem als ein Instrument der Assimilation, das die Annäherung an das Weißsein und den weißen Körper begünstigt (ebd., 171). Als ein solches Instrument der Assimilation stützt sich Colorismus auf die Beeinflussung von Frauen in Bezug auf ihre Reproduktionsentscheidungen und zielt darauf ab, dass weibliche Latina/ x Americans Kinder mit „heller“ Haut zur Welt bringen. Erläuterung | Colorismus: Colorismus beschreibt ein System der Unterdrückung und Diskriminierung auf Basis der menschlichen Hautfarbe. Kendi definiert Colo‐ rismus als „Ansammlung rassistischer politischer Maßnahmen, die für Ungleich‐ heit zwischen Hellen Menschen und Dunklen Menschen sorgt.“ Er fügt hinzu: „Diese Ungleichheit basiert auf rassistische Vorstellungen von Hellen und Dunklen Menschen“ und ergänzt, dass „Colorismus gegen Dunkle Menschen der Logik des verhaltensspezifischen Rassismus [folgt], weil er Verhalten und Color verbin‐ det“ und die Idealisierung weißer Verhaltensweisen und Physiologie normalisiert (Kendi 2022, 170 f.). In seinem Buch How to Be An Antiracist vertritt Kendi die Auffassung, dass Diskriminierung aufgrund der Hautfarbe - oder Colorismus - von ebenso großer Relevanz ist wie Rassismus, denn „[w]enn die Vorteile einer multicolored Race-Gruppe vor allem bei Hellen Menschen liegen und die Nachteile bei Dunklen Menschen liegen, dann zeigen die Ungleichheiten innerhalb der Race die Ungleichheiten zwischen Races“ (ebd., 171) und untermauern die Logik der weißen Assimilation. Hinzu kommt, dass weibliche Latina/ x Americans sich mit einer zweifachen Kolo‐ nisierung durch Spanien und die USA konfrontiert sahen. So wurde während des 19. Jahrhunderts in den meisten der spanischen Kolonien mit der sogenannten blan‐ queamiento (spanisch für „Weißwerdung“) eine rassistische Politik praktiziert, mit der Frauen dazu gebracht werden sollten, Partnerschaften mit Männern hellerer Hautfarbe einzugehen. Die Kinder, die aus solchen Beziehungen entstanden, profitierten häufig von den mit Assimilation verbundenen Privilegien (Gómez 2018). Diese Dynamik ist bis heute in den USA spürbar, wo Latina/ x-Frauen nach wie vor durch das System der Rassifizierung geprägt werden. Dieses schafft ein „desire for a white appearance and the ambition of having children who are lighter in appearance through the vehicle of interracial intimacy“, sorgt also dafür, dass Latina/ x Americans ein weißes Aussehen als erstrebenswert betrachten und das Ziel verfolgen, durch interethnische Verbindungen Kinder mit hellerer Hautfarbe zu zeugen (Hernández 2013). Tatsächlich ist das hege‐ moniale Streben nach Weißsein eine Folge des Rassismus gegen Latina/ o/ x Americans und wird von den Reproduktionsentscheidungen der Frauen sowohl beeinflusst als auch durch sie erzeugt. 134 9 Rassismus gegen Latina/ o/ x Americans <?page no="135"?> Im Latina/ x-Feminismus wird außerdem betont, dass die Überschneidung verschie‐ dener Identitäten - wie Geschlecht, Sexualität, Klasse, Sprache oder geografischem Raum - zu ganz individuellem Erleben des Rassismus gegen Latina/ o/ x Americans führt. In Anlehnung an den Begriff Nepantla, der in der Indigenen Sprache Nahuatl „dazwischen“ oder „im Wandel“ bedeutet, sieht Gloria Anzaldúa Women of Color und insbesondere Latina Americans in ständiger Auseinandersetzung mit und Beeinträch‐ tigung durch dynamische Systeme der Macht und Unterdrückung wie Rassismus und Sexismus. Anzaldúa argumentiert auch, dass das Erleben von Rassismus für Latina/ x Americans untrennbar mit den soziokulturellen Erwartungen an weißes Frausein verbunden war (Anzaldúa-1991). So existieren Darstellungen von Latina Americans als sexuell verfügbare „Cantina girls“, treue und besitzergreifende „self-sacrificing señoritas“ oder bedrohliche, gewalt‐ tätige „Vamps“ (Merskin 2007, 137). Merskin zufolge dienen diese rassistischen Stere‐ otype dazu, die exotisierte, erotisierte Figur der Latina als das Andere zu kennzeichnen und damit auch als für weiße Männer verfügbarer. Sie bemerkt allerdings auch, dass die Kennzeichnung als das Andere durch solche Stereotype entscheidend davon abhängt, inwiefern eine Frau „mainstream expectations of Latina beauty“ (ebd., 136) entspricht, also bedeutungstragende Merkmale wie eine hellere Hautfarbe und einen höheren sozioökonomischen Status aufweist. Segregation und Immigration Die berufs-, bildungs- und raumbezogene Segregation trug lange Zeit dazu bei, den Rassismus gegen Latina/ o/ x Americans aufrechtzuerhalten (→ Kapitel Segrega‐ tion). Im Laufe des 20. Jahrhunderts versuchten die Vereinigten Staaten im Rahmen verschiedener Arbeitsprogramme, die sich an mexikanische und puerto-ricanische Arbeiter: innen richteten, billige Arbeitskräfte für US-amerikanische Landwirtschafts‐ betriebe zu beschaffen. Nachdem US-amerikanische Privatunternehmen bereits ab den 1890er Jahren begonnen hatten, sich um mexikanische Arbeitskräfte zu bemühen, waren 1950 250.000 Mexican Americans und Mexikaner: innen in Texas und Kalifornien in der US-amerikanischen Agrarwirtschaft beschäftigt, während weitere 60.000 Wan‐ derarbeiter: innen mexikanischer Herkunft einer saisonalen Tätigkeit im Südwesten nachgingen (Vargas 2010, 275). Zurückführen lässt sich dieser starke Anstieg auf das Bracero-Programm, eine staatliche Initiative zur Anwerbung mexikanischer Landar‐ beiter. Es wurde 1942 als Maßnahme gegen den Arbeitskräftemangel ins Leben gerufen, den der Zweite Weltkrieg ausgelöst hatte, und 1964 eingestellt. Zu diesem Zeitpunkt machten im Rahmen des Programms beschäftigte Arbeitskräfte etwa 25 Prozent aller Landarbeiter: innen in den Vereinigten Staaten aus (Novas 2008, 92; Gómez 2020, 29 f.). Auf ähnliche Weise richteten sich ab den 1940er Jahren zahlreiche staatliche Initiativen zur Ausbildung von Arbeitskräften gezielt an Puerto Ricaner: innen, die man als ungebildet und rückständig stereotypisierte und deren Fähigkeiten durch diese Maßnahme ausgebaut werden sollten. Im Rahmen eines dieser Programme wurden 9 Rassismus gegen Latina/ o/ x Americans 135 <?page no="136"?> puerto-ricanische Frauen in Zusammenarbeit mit dem New York Employment Service umgesiedelt und in der Kinderbetreuung, im Putzen, Kochen und in anderen häuslichen Arbeiten ausgebildet, um ihnen einen Arbeitsplatz zu verschaffen (Gómez 2020, 49). Weiterhin schickte man durch die Operacion Manos a la Obra oder Operation Bootstrap ab 1947 gemeinsam mit dem Puerto Rican Bureau of Employment and Migration puerto-ricanische Männer und Frauen in Ballungszentren auf dem Festland - wie New York City, Chicago und Camden, New Jersey-- und warb dabei mit Unterstützung bei der Suche nach Arbeitsplätzen in der verarbeitenden Industrie. Im Jahr 1960 hatten sich bereits fast 900.000 Puerto Ricaner: innen auf dem Festland niedergelassen, größtenteils im Nordosten (Duany 2011). Bis heute sind der Großteil der Hausangestellten in den USA weibliche Latina/ x Americans und Afroamerikanerinnen. Damit sind sie in einem Sektor des Arbeitsmarktes tätig, in dem Beschäftigte beständig weniger Sozialleistungen und niedrigere Löhnen erhalten als in anderen Branchen (Wolfe et-al.-2020). Die vorangegangenen Ausführungen zeigen, was auch der Historiker Brian Behnken feststellt: In der Regel arbeiteten Mexican Americans, häufig Seite an Seite mit Schwarzen US-Amerikaner: innen, in „low-wage, menial jobs, which forced them to live in communities that, if not segregated through de jure laws, were segregated along de facto lines because of economics“ (Behnken 2011, 6 f.). Zwar wurden La‐ tina/ o/ x Americans nicht durch Gesetze aus Wohngebieten verdrängt; beträchtliche Unterschiede zur dominanten weißen Bevölkerung in Bezug auf ökonomischen Status und Erwerbstätigkeit führten aber dennoch zu massiver Wohnsegregation in den gesamten Vereinigten Staaten. Selbst in Miami, wo sich eine florierende kubanische Gemeinschaft entwickelt hatte, verwies man eingewanderte Kubaner: innen zunächst in ein Viertel namens Little Havana. Puerto Ricaner: innen, die vor allem nach New York City immigrierten, konzentrierten sich dort größtenteils in einer als El Barrio bekannten Gegend. El Barrio erstreckte sich ursprünglich auf Teile der South Bronx, East Harlems und der Lower East Side; Viertel, in denen auch Afroamerikaner: innen stark vertreten sind (Novas 2008). In Bezug auf Los Angeles beschreibt Laura Pulido, dass es - bedingt durch die Attraktivität der verarbeitenden Industrie während des Zweiten Weltkrieges sowie die Suburbanisierung im Zuge von white flight - zur Entstehung sogenannter barrios kam, die seit den 1950er Jahren als segregierte Innenstadtviertel existierten. In Los Angeles, so Pulido, setzte die Wahrung weißer Privilegien die Abgrenzung von armutsbetroffenen Menschen und People of Color, also Afroamerikaner: innen und Mexican Americans, voraus (Pulido-2006, 38). Dabei ist Wohnsegregation sowohl Symptom als auch Ursache von Rassismus gegen Latina/ o/ x Americans, da der Rückzug der weißen Bevölkerung aus bestimmten Wohngebieten sich negativ auf die dortige Wirtschaft auswirkt und eine geringere Verfügbarkeit von Ressourcen und Dienstleistungen für den Erhalt der Infrastruktur vor Ort zur Folge hat. Zudem geht Wohnsegregation historisch gesehen häufig mit Bildungssegregation einher: In den meisten Städten der USA besuchen Kinder die öffentliche Schule, die ihrem Zuhause am nächsten liegt; die Schule also, die von den 136 9 Rassismus gegen Latina/ o/ x Americans <?page no="137"?> Steuergeldern des jeweiligen Bezirks finanziert wird. Das wiederum führt dazu, dass Latina/ o/ x Americans in ärmeren Schulbezirken unverhältnismäßig stark vertreten sind und diese Schüler: innen zunehmend segregierte Schulen besuchen. Wer von ihnen dagegen eine integrierte Schule besucht, tut dies deutlich häufiger gemeinsam mit afroamerikanischen als mit weißen Kindern (Gómez 2020). Fuller et. al. kommen weiterhin zu dem Ergebnis, dass Kinder aus Familien von Latina/ o/ x Americans mit niedrigem sozioökonomischem Status „will more likely attend segregated schools, compared to middle-class Latinos“ (Fuller et-al.-2022, 251). Erläuterung | White flight als Form von Rassismus: Laut der American Psycholo‐ gical Association (APA) besteht ein Zusammenhang zwischen white flight, also dem Wegzug der weißen Bevölkerung aus bestimmten Wohngegenden, einerseits und einer empfundenen Bedrohung der Hegemonialkultur sowie rassistisch bedingten Ängsten andererseits. Nach Einschätzungen der APA lässt sich white flight heute insbesondere mit den schnellen demografischen Veränderungen innerhalb der Bevölkerungsgruppen der Latina/ o/ x Americans und Asian Americans erklären. Diese schüren die Angst vor einem kulturellen Wandel, von dem weiße US-Ame‐ rikaner: innen betroffen wären. Dazu erklärt die APA: „White Americans tended to perceive a greater cultural threat from both Latino American and Asian American population growth (compared with no projected demographic change)“. Dieses Gefühl der kulturellen Bedrohung empfanden Teilnehmende der Studie selbst unter Hinweis auf die Tatsache, dass ein Bevölkerungswachstum bei Minderheiten nicht auf verstärkte Zuwanderung sondern vielmehr auf eine gestiegene Zahl in den USA geborener Latina/ o/ x Americans und Asian Americans zurückzuführen sei (American Psychological Association-2021). Noch erschreckender sind die Beispiele für gesetzlich verankerten Rassismus. In Texas war es beispielsweise von mindestens 1930 bis 1970 per Gesetz verboten, eine andere Sprache als Englisch in öffentlichen Schulen zu verwenden. Zudem wurden Latina/ o/ x Americans mittels Sprache auf subtile Weise von weißen Kindern getrennt. Aufgrund ihrer geringeren Englischkenntnisse schickte man sie größtenteils auf von Schwarzen Schüler: innen besuchte Schulen, wo Förderunterricht angeboten wurde. Während zahlreiche Kinder von Latina/ o/ x Americans nahegelegene „Schwarze“ Schulen besuchten, existierten daneben auch von Eltern organisierte Mexican Schools sowie später Huelga Schools (vom spanischen Wort für „Streik“), die freiwillige Lehrer: innen beschäftigten, von Eltern geleitet wurden und in katholischen Kirchen und Gemeindezentren untergebracht waren (Gómez-2020, 111). Bis heute zeigen sich im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen Unterschiede hinsichtlich Bildungsabschluss und -qualität, da Sprache für Latina/ o/ x Americans nach wie vor eine der größten Hürden bei der Erlangung eines Highschool-Abschlus‐ ses darstellt. Tatsächlich spielt Diskriminierung auf Basis von Sprache heutzutage 9 Rassismus gegen Latina/ o/ x Americans 137 <?page no="138"?> möglicherweise eine noch bedeutendere Rolle für den Rassismus gegen Latina/ o/ x Americans als im frühen 20. Jahrhundert. So beschreibt Laura Gómez die jüngsten English-Only-Bewegungen, die die Vereinigten Staaten zu einem Land mit einer offi‐ ziellen Sprache - nämlich Englisch - erklären, als direkte Reaktion auf das erfolgreiche gerichtliche Vorgehen von Latina/ o/ x Americans gegen Schulsegregation. Diese Art von Sprachimperialismus trägt entscheidend zur soziokulturellen Stigmatisierung von Latina/ o/ x American als faul oder dumm bei, da weiße US-Amerikaner: innen die fehlende Übernahme des Englischen häufig als Zeichen sowohl einer unterlegenen individuellen und beziehungsweise oder ethnischen „Natur“ als auch als Bedrohung für die eigene Dominanz auslegen (ebd., 112 f.). Neben sprachimperialistischen Tendenzen lässt sich im 21. Jahrhundert auch eine erneut auflebende Ablehnung von Immigrant: innen in den Vereinigten Staaten be‐ obachten, die sich insbesondere gegen Familien aus der Gemeinschaft der Latina/ o/ x Americans richtet. Dahinter steht eine lange Geschichte landes- und bundesstaaten‐ weiter Einwanderungspolitik zugunsten von Menschen aus Nord- und Westeuropa, Razzien gegen Migrant: innen und ihrer Zwangsdeportation - wie im Zuge der Opera‐ tion Wetback im Jahr 1954, bei der über drei Millionen Menschen, darunter Zehntau‐ sende US-Bürger: innen, abgeschoben wurden-- sowie mangelnder Durchsetzung von Sanktionen gegen private Arbeitgeber: innen, die irreguläre Arbeitskräfte anwerben und beschäftigen. Daten aus dem Jahr 2019 zeigen, dass sich sowohl die Anzahl der Abschiebungen als auch die der Fälle von undokumentierter Immigration auf einem Höchststand befinden (Gómez 2020, 31-33; Portes und Rumbaut 2014, 32-34) (→ Kapitel Einwanderungspolitik). Überschneidungen von „Rasse“ und Klasse Beim sozioökonomischen Status, einer die Klassenzugehörigkeit bestimmenden Zuord‐ nung auf Basis von Faktoren wie Haushaltseinkommen, Bildungsabschluss, Beruf und Wohnort (O’Leary 2007) lassen sich innerhalb der Bevölkerungsgruppe der Latina/ o/ x Americans starke Abweichungen feststellen. Trotz dieser erheblichen Unterschiede sind Haushalte von Latina/ o/ x Americans im Durchschnitt mit wesentlich höherer Wahrscheinlichkeit von Armut betroffen als weiße Haushalte. Einem Bericht des United States Census Bureau aus dem Jahr 2019 zufolge lag das mittlere Haushaltsein‐ kommen weißer Familien 2018 bei etwa 70.000 US-Dollar, während es bei Latina/ o/ x Americans nur 51.000-US-Dollar betrug (Semega et-al. 2019, 1). Der Wert verrät dabei nichts über die Unterschiede im beruflichen Status und Einkommen, die häufig mit Colorismus, Herkunftsland und Einwanderungsstatus zu‐ sammenhängen. So ermittelte das Pew Research Center, dass Haushalte mit Latina/ o/ x Americans argentinischer Herkunft durchschnittlich 68.000 US-Dollar im Jahr verdien‐ ten; stammten die Personen aus Honduras, waren es dagegen nur durchschnittlich 41.000 US-Dollar. Weiterhin waren im Jahr 2017 nur 38 Prozent der Puerto Ricaner: in‐ nen Hauseigentümer: innen, während 51 Prozent der Cuban Americans ein Eigenheim 138 9 Rassismus gegen Latina/ o/ x Americans <?page no="139"?> besaßen (Noe-Bustamante 2019). Diese Zahlen verdecken jedoch die Einkommens- und Statusunterschiede zwischen Latina/ o/ x Americans, die als dokumentierte oder undokumentierte Immigrant: innen in die Vereinigten Staaten kommen, und denjeni‐ gen Latina/ o/ x Americans, die die US-Staatsbürgerschaft von Geburt an innehaben. Insbesondere Latina/ o/ x Americans ohne Aufenthaltserlaubnis bewegen sich in liminalen Räumen und leisten unsichtbare Arbeit, vor allem in der Landwirtschaft und verarbeitenden Industrie (Marger 2009). Beinahe 17 Millionen Menschen in den Vereinigten Staaten sind mit eingewanderten Latina/ o/ x Americans ohne Aufenthalts‐ erlaubnis verwandt. Dennoch besitzen undokumentierte Immigrant: innen keinerlei Anspruch auf öffentliche Leistungen und werden häufig unterbezahlt oder als Arbeits‐ kräfte ausgebeutet, ohne Unterstützung erhalten zu können. Diese Immigrant: innen und ihre Familien sind täglich physischer, ontologischer und epistemischer Gewalt ausgesetzt (Gómez-2020, 95-97). Rassismus gegen Latina/ o/ x Americans: Ein Erbe der Gewalt Kennzeichnend für jede Form von Rassismus sind die Abwertung von Unterschiedlich‐ keit, die Markierung des „Andersseins“ durch Stereotype und die Bekämpfung der Gleichstellung; gleichzeitig spielt Gewalt dabei immer eine grundlegende Rolle. Zum Abschluss des Kapitels soll das Erbe der Gewalt in Rassismen gegen Latina/ o/ x Ame‐ ricans anhand von gegenwärtigen Erfahrungen von Columbian Americans betrachtet werden. Während des Contra-Krieges (1981-1990) gegen die Sandinist: innen in Nicaragua verstärkten die USA ihre Einflussnahme in Kolumbien. Tatsächlich gründeten sich zahlreiche der gewalttätigen Drogenkartelle, die heute den Großteil Kolumbiens kontrollieren, im Zuge des von der CIA unterstützten Kokainschmuggels aus Kolum‐ bien, mit dem man den Konflikt in Nicaragua finanzierte (Alvarado, Estrada und Hernández 2017). Zur selben Zeit begannen die Vereinigten Staaten, der Polizei und dem Militär in Kolumbien Millionen Dollar an Hilfsgeldern für die Bekämpfung des Drogenhandels zur Verfügung zu stellen (Gómez 2020). Ab den 1980er Jahren migrier‐ ten Kolumbianer: innen in die USA, um vor der täglich stattfindenden Gewalt zwischen der kolumbianischen Regierung und paramilitärischen Kräften im Rahmen des War on Drugs zu fliehen (Alvarado, Estrada und Hernández 2017). Diese Geschichte eines Lebens mit und in Gewalt hat dazu geführt, dass neuere Gruppen von Immigrant: innen von einem der hartnäckigsten Stereotype über Latina/ o/ x Americans betroffen sind - dem der gewalttätigen Verbrecher: innen. Im Jahr 2019 war eine große Gruppe Migrant: innen, die mehrheitlich aus El Salvador, Honduras und Kolumbien stammten, zu Fuß von Zentralamerika in Richtung der USA unterwegs. Der damalige US-Präsident Donald Trump diskreditierte sie als gewalttätigen Mob und erklärte, „shooting them in the legs would be the best way“, um sie von der Wahrnehmung ihres Asylrechts abzuhalten (Gómez 2020). Solche Drohungen stellen ein sehr reales Risiko für die neu zugewanderten Colombian 9 Rassismus gegen Latina/ o/ x Americans 139 <?page no="140"?> Americans dar. Kolumbianische Immigrant: innen, die seit 2015 im Zuge des jüngsten Zustroms aus Zentralamerika eintreffen, müssen fürchten, gewaltsam von ihrer Fami‐ lie getrennt zu werden - insbesondere diejenigen, die keine Papiere haben. Dabei kommt es nicht nur zur Unterbringung von Kindern in separaten Auffanglagern, sondern auch zu Zwangssterilisationen in Gewahrsam der verantwortlichen Polizei- und Zollbehörde Immigration and Customs Enforcement (Bekiempis 2020; Southern Poverty Law Center 2022). Anhand solcher Erfahrungen von Kolumbianer: innen in den Vereinigten Staaten zeigt sich die Aufrechterhaltung des Stereotyps der „gewalttätigen Verbrecher: innen“. Darüber hinaus führt Gewalt gegen Kolumbianer: innen durch Familientrennung und Zwangssterilisation zu einer Neubelebung der stereotypen Darstellung kolumbianischer Immigrant: innen als dumm und als unfähig, eigene Verantwortungen zu begreifen und selbstständig Entscheidungen zu treffen. Das paternalistische Vorgehen, das laut Medien und Politik dem Schutz Minderjähriger dienen soll, schränkt in Wahrheit die Autorität von Individuen und Familien ein. Trotz - oder wegen - dieser Herausforderungen haben Colombian Americans immer wieder bewiesen, dass ihnen zu Unrecht Gewalttätigkeit und Dummheit vorgeworfen werden. Unter den Colombian Americans der zweiten Generation finden sich heute überwiegend Angestellte sowie Fachkräfte im Dienstleistungsbereich, deren Einkommen in etwa dem mittleren Einkommen in den USA entspricht und die die Highschool häufiger abschließen als Mexican Americans (Noe-Bustamante 2019; Semega et al. 2019). Vor allem aber wehren sich kolumbianische Immigrant: innen und Colombian Americans, so wie alle Gemeinschaften von Latina/ o/ x Americans, aktiv gegen den gewaltsamen Rassismus, dem Latina/ o/ x Americans in den und außerhalb der USA ausgesetzt sind, um deren anhaltende Ausbeutung und Diskriminierung sichtbar zu machen (Bonlarron Martinez 2021) (→ Kapitel Der Kampf der Latino/ a/ x Americans gegen Rassismus). Fazit Die Rassismuserfahrungen von Latina/ o/ x Americans in den Vereinigten Staaten sind komplex, nehmen vielfältige Formen an und basieren auf der Überschneidung ver‐ schiedener Machtsysteme wie Klassismus, Sexismus und Imperialismus. Sie gehen mit der Auferlegung schädlicher, reduktiver rassifizierter Stereotype einher, die eine von weißem Überlegenheitsdenken geprägte soziale Ordnung in den USA aufrechterhalten sollen. Latina/ o/ x Americans waren jahrhundertelanger Gewalt und Unterdrückung durch Angloamerikaner: innen ausgesetzt, bestimmt durch die ideologischen Gesetz‐ mäßigkeiten der weißen Vorherrschaft, und sind dies bis heute. Im Laufe der Geschichte haben Latina/ o/ x Americans diese Missstände nicht hingenommen, sondern für die Schaffung einer Kultur in den USA gekämpft, in der das eigene Erbe des Überlebens und des Widerstands gefeiert und anerkannt wird. Deutsche Übersetzung durch Maria Ewald. 140 9 Rassismus gegen Latina/ o/ x Americans <?page no="141"?> Literatur Alvarado, Karina Oliva, Alicia I. Estrada und Ester E. Hernández (Hg.), 2017. U.S. Central Americans: Reconstructing Memories, Struggles, and Communities of Resistance. Tucson: The University of Arizona Press. Behnken, Brian D. 2011. „Introduction.“ In The Struggle in Black and Brown: African American and Mexican American Relations during the Civil Rights Era, hrsg. von Brian Behnken, 1-18. Lincoln: University of Nebraska Press. 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Von diesen unterschied sich die neue Bewegung in zweierlei Hinsicht: zum einen durch die Vernetzung im Internet und auf sozialen Medien, zum anderen durch unverhohlene, offensive Markierung identitärer und rassistischer Positionen. Zwar war die Verwendung von alt-right zur Bezeichnung rechtspopulistischer Energien gegen Ende des Jahrzehnts rückläufig, doch ist dies eher als ein Zeichen der Durchsetzung und Normalisierung der alt-right zu verstehen, denn als Indiz ihres Abflauens. Hat sich auch in den zwanziger Jahren für diese transnationalen Entwicklungen eher die Bezeichnung „Neue Rechte“ durchgesetzt, so knüpfen Bewegung und die erstarkenden Parteien unter diesem Begriff durchaus an die Inhalte und Strategien der alt-right an. Die zehner Jahre des 21. Jahrhunderts waren das Jahrzehnt der alt-right. 2 Als „Alter‐ native“ zum herkömmlichen Republikanischen Konservatismus sowie zu „neo-“ und „paleokonservativen“ Spielarten US-amerikanischer Politik ins Feld geführt, bündelt der Begriff verschiedene radikal rechte Gruppierungen und Ideologien. Unter dem Begriff der alt-right firmieren Attacken auf Gamerinnen, die Mobilisierung der Mann‐ osphäre gegen jegliche Form des Feminismus, verschiedene Spielarten der weißen Vorherrschaft, Holocaustleugner, Meme-Kriege gegen „cultural Marxism“/ „Kulturmar‐ xismus“. Gemeinsam ist diesen unter anderem, dass sie ihre ethnonationalistischen, identitären, und rassistischen Bestrebungen nicht verstecken, sondern offensiv ins Feld führen: Die alt-right, so der Politikwissenschaftler George Hawley, „views all of politics through a racial lens, and it has little interest in politics and policy questions that do not have an obvious racial angle“ (Hawley 2019, 4; Hawley 2017). Erläuterung | „Cultural Marxism“: Bei “cultural Marxism” handelt es sich um eine Verschwörungstheorie, die Mitte der 1990er Jahre Fuß fasste und eine gefährliche Übernahme kultureller Positionen von links behauptet: „cultural Marxists“, so der Tenor, trieben christliche, westliche Gesellschaften mit Hinterlist in den Abgrund. Schuld an diesem Verfall seien Vertreter der „Frankfurter Schule“, in <?page no="146"?> die, neben tatsächlichen Mitgliedern wie Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, und Herbert Marcuse, fälschlicherweise auch der italienische Marxist Antonio Gramsci und der ungarische Kritiker Georg Lukács eingemeindet werden. Die Verschwörungstheorie verbreitet sich mit Hilfe von krass antisemitischen und antikommunistischen Memes im Netz, findet in der MAGA-Bewegung Gehör und wird auch von der europäischen Neuen Rechten bedient. Letztlich handelt es sich beim mittlerweile eingedeutschten „Kulturmarxismus“, wie bei vielen anderen Begriffen und Theorien der Neuen Rechten, um eine Projektion: die Verschwörungstheorie einer Unterwanderung von links kaschiert das eigene Ziel, kulturelle Positionen „metapolitisch“ von rechts neu zu besetzen. Dabei fungieren das Netz und insbesondere anonyme Internetforen wie 4chan als Brandverstärker. Es entstehen im Laufe der zehner Jahre ganze Netzwerke von neurechten „alternativen“ Influenzer: innen, die in den amerikanischen Kulturkämpfen verschärft Position beziehen (Lewis 2018). Neue identitäre Gruppierungen formieren sich seither zu einer sogenannten groupuscular right, einem „amorphen, führerlosen, zellulären Netzwerk politischer Ideologien, politischer Organisation und politischen Aktivismus,“ wie Richard Griffin es schon für den Faschismus zwischen den Weltkrie‐ gen beschrieben hatte (Griffin 2003). Dazu gehören in den USA etwa die Proud Boys oder bis 2020 Identity Evropa (ab 2019 American Identity Movement). Aber auch in Europa und anderswo formieren sich seitdem Gruppierungen wie etwa die génération identitaire bzw. die Identitäre Bewegung, die sich allesamt der alt-right zuordnen lassen. Mit den kursierenden, neurechten Ideologemen identifizieren sich nicht zuletzt Terroristen in Texas, Kalifornien, Schweden und Neuseeland. Auch der erste Wahl‐ kampf Donald Trumps erfolgte zunächst unter dem Siegel der alt-right, bevor sich das Make-America-Great-Again-Akronym MAGA als Motto etablierte. Im Mai 2017 sollte schließlich eine groß angelegte Demonstration in Charlottesville diese ideologischen Versatzstücke unter dem programmatischen Slogan „Unite the Right“ bündeln - mit tödlichem Ausgang für Heather Heyer, eine der Gegendemonstrant: innen, die von einem Anhänger der alt-right mit seinem Auto ermordet wurde. Vier Jahre später, am 6. Januar 2021, waren es ebenfalls Anhänger: innen der alt-right die sich nun durch den Präsidenten Donald Trump legitimiert sahen und das Kapitol in Washington stürmten, um die für Demokratien maßgebliche friedliche Übergabe der Macht zu verhindern. Trump hatte den Proud Boys anlässlich einer der Debatten im Wahlkampf gegen Joe Biden zugerufen „stand back and stand by“, was jene ebenso als direkte Aufforderung auffassten, wie sie Trumps Rede am 6. Januar als Aufruf zum Sturm aufs Kapitol begriffen (Ronayne und Kunzelman 2020). Gruppierungen der alt-right fungierten in dieser Hinsicht zu Beginn der zwanziger Jahre praktisch als Stoßtrupps des scheidenden Präsidenten. Spätestens zum Zeitpunkt von Trumps Wahlerfolg 2016 hatte sich die Frage aufgedrängt, was an der alt-right eigentlich noch „alt“ - also alternativ - war: schien doch der Marsch durch die 146 10 Alt-right und Neue Rechte <?page no="147"?> Internetzonen „from 4chan to the White House“ erfolgreich zum Abschluss gekommen und die populistische Rechte im Zentrum der Macht angelangt zu sein (Wendling 2018). Aus der alt-right war die neue Rechte geworden, der Unterschied zwischen right und alt-right scheint seither verschliffen. So ließe sich auch der deutliche Rückgang der Google-Suchanfragen zu alt-right nicht etwa als Abflauen der Bewegung erklären, sondern vielmehr als deren erfolgreiche Besetzung des politischen Mainstreams. Konjunktur eines Begriffs Es gibt einige gute Gründe, am Begriff alt-right festzuhalten. So bezeichnet dieser nach wie vor eine politische Abgrenzung vor allem von vormaligen konservativen Werten und Normen - in den USA also vor allem von traditionellen Republikanern aber auch von den wirtschaftsliberalen Neokonservativen -, gegen die der Begriff der alt-right 2008 von Richard Spencer geprägt wurde. Angesichts des Quietismus der Re‐ publikanischen Partei unter Trump scheint allerdings das Fortbestehen irgendwelcher politischer Normen, von denen eine alt-right abwiche, inzwischen mehr als fraglich. Vom traditionellen, von rassistischen Tendenzen keineswegs freien rechten Spektrum distanziert sich die „alt-right“ auch in ihrem unverhohlenen Ethnozentrismus, weshalb zum Beispiel die Historikerin Alexandra Stern 2020 in ihrem Buch zum Thema an der Bezeichnung alt-right festhält (Stern 2020). Hinzu tritt die transatlantische, ja transna‐ tionale Anschlussfähigkeit an andere „Alternativen“, ob die AfD in Deutschland, die „Alternativ för Sverige“ in Schweden, das „Rassemblement National“ in Frankreich, die „Fidesz“ in Ungarn oder - wenn auch unter anderen religiösen Vorzeichen - die „Hindutva“ in Indien. Vor allem steht alt-right in Bezug zu einer neuen politischen Kultur, die aufs Engste mit dem Internet und sozialen Medien verbunden ist: Deren Affordanzen bilden den Nährboden, auf dem sich die dezentralen Netzwerke der alt right ausprägen konnten. Anonyme message boards wie 4-chan und 8-chan, Plattformen wie YouTube, deren Algorithmen schon aus betriebsökonomischen Gründen die politische Radikalisierung begünstigen, leicht manipulierbare Foren wie Facebook und Twitter, denen Jessie Daniels eine strukturelle Affinität zu weißer Vorherrschaft nachgewiesen hat (Daniels 2017), rechtsfreie Räume auf Telegram - sie alle machen das Ökosystem aus, in dem sich in der Tat „alternative“ Formen zur traditionellen Rechten herausbilden konnten. Dennoch scheint der Begriff alt-right mit Beginn der zwanziger Jahre sowohl an Bindungswie an Sprengkraft zu verlieren und Hypothesen über sein Fortdauern haben sich nicht bewahrheitet. So revidiert Hawley seine eigene, noch 2017 aufgestellte Ver‐ mutung „that the Alt-Right will stick around for the foreseeable future“ (Hawley 2017, 159) schon zwei Jahre später und begründet nun seinen Verdacht „that the Alt-Right is already declining as a political and cultural force“ mit der Schnelllebigkeit und inneren Zerstrittenheit der Bewegung (Hawley 2019, 3). Doch drängt sich eine dritte Vermutung auf, dass nämlich nur die Bezeichnung alt-right, nicht aber die damit bezeichneten politischen, diskursiven und kulturellen Konstellationen an Wirkungskraft verloren 10 Alt-right und Neue Rechte 147 <?page no="148"?> haben. Nach dem Tod von Heyer in Charlottesville versuchten zwar einige prominente Vertreter: innen der Szene in den USA, sich von diesem Begriff zu distanzieren und zu dezentralen Formen politischer Organisation im Netz zurückzukehren (Stern 2020, 7). Doch verlassen sie damit keineswegs die zuvor eingenommenen ideologischen Positionen, nur die Etikette verändern sich. Während Publizistik und Forschung heute eher von der Neuen Rechten oder New Right sprechen als von der alt-right, führen deren Verfechter: innen inzwischen andere Schlagworte ins Feld, unter denen das politische Projekt fortgesetzt werden und neue Konturen gewinnen soll - sei es als (weiße) Identitäre, als unverblümte „white/ Christian nationalists“ oder (genauer) als „Ethnonationalisten“, sei es als „affirmative right“ oder gar als „dissident right“. Verkehrungen ins Gegenteil Nicht zufällig erinnert letzterer Begriff, der unter anderem im rechtsintellektuellen Umfeld von Greg Johnsons Publikationsplattform Counter-Currents.com favorisiert wird, an ehemals linke Positionen. Explizit und strategisch ist die Neue Rechte bestrebt, genau jene politischen Formen zu kapern und zu beerben, welche die neuen sozialen Bewegungen der 1960er Jahre ausgeprägt hatten. Ein informatives Handbuch über die europäischen „Identitären“ beschreibt dies mit den Begriffen der „Mimikry“ und der „Retorsion“; Sylvia Sasse spricht in einem kurzen Buch zum Thema von „Verkeh‐ rungen ins Gegenteil“; (Glösel, Bruns und Strobl 2014; Sasse 2023). Viele Strategien der Identitären unterscheiden sich von linken Protestaktionen der 1960er Jahre wie Pudding-Attentaten, der Sprengung von Vorlesungen und Theateraufführungen oder dem Anbringen von Spruchbändern im öffentlichen Raum vor allem hinsichtlich des neuen Verstärkereffekts der sozialen Medien - freilich unter verkehrten inhaltlichen und politischen Vorzeichen: Auf Counter-Currents.com definiert der Hausautor Robert Hampton die „dissident right“ nicht zuletzt durch das explizite Einfordern eines verstärkten Rassismus, wo andere rechte Gruppierungen „sich weigern, für den weißen Mann einzustehen“ (Hampton 2022). Counter-Currents, so ist auf der „About“ Seite der Plattform zu lesen, widmet sich der Identitätspolitik - allerdings einer weißen: „The purpose of Counter-Currents is to promote white identity politics“. Dieses Projekt beschreibt Greg Johnson, einschlägig bekannt als weißer Suprematist, als „inevitable“, „necessary“, „moral“ und „humane“ ( Johnson; Southern Poverty Law Cen‐ ter). Ähnlich perfide sind die Umdeutungen demokratischer Grundbegriffe von linksin rechtsalternative Parolen, die unter dem Deckmantel semantischer Anleihen die ehemals progressiven, demokratischen Gehalte durch rassistische ersetzen: Identität wird identitär, auch dies ein Begriff, den Hampton in rassistischer Absicht für die „dissident right“ reklamiert. Als zwei Beispiele unter vielen ließe sich zum einen verweisen auf die Spezifizierung von demokratischem Pluralismus als Ethnopluralismus - als Begriff für die hierarchi‐ sche, antidemokratische Unterscheidung und geographische Trennung von ethnischen Gruppen. Ein zweites Beispiel liefert die derzeitige Umdeutung von Remigration im 148 10 Alt-right und Neue Rechte <?page no="149"?> deutschen Sprachraum: meinte dieser Begriff ehemals eine Rückkehr, zu der sich Exilant: innen entschieden, so dient er heute als Parole für Deportationen. So propagiert die Neue Rechte durch eine Neubesetzung der Begriffe rassistische Formen sozialer Aus- und Abgrenzung. Diese werden dann noch mit rhetorischem Augenzwinkern biologistisch ausgebaut, wenn sich alt-right und Neue Rechte mit der Rede von „human biodiversity“ selbst auf den Schutz von Artenvielfalt bezieht (aber den Schutz einer weißen „Rasse“ vor dem angeblich bevorstehenden „großen Austausch“ meint). Die Floskeln sollen ebenso wie der verbreitete und verharmlosende Slogan „it’s OK to be white“ dazu dienen, die unübersehbaren faschistischen Inhalte („Rasse“, Lebensraum, Hierarchie, Demokratiefeindlichkeit) durch den Verweis auf scheinbar unverfängliche, ja demokratiefreundliche Begriffe von Pluralität und Diversität abzustreiten: in einer liberalen, pluralistischen Demokratie seien ja, so der passiv-aggressive Unterton, unterschiedliche - also auch majoritäre - Lebensentwürfe „o.k.“. Angesichts dieser rhetorischen Anleihen und strategischen Überschneidungen bezüglich progressiver demokratischer Positionen ist es kaum verwunderlich, dass das polemische „dissident“ das Präfix „alt“ allmählich abzulösen beginnt - womit gleichzeitig der Vereinnahmung durch jegliches politisches Establishment vorgebeugt werden soll. Dieser Tendenz steht, ebenfalls in Entsprechung zur Geschichte der Linken, vor allem im europäischen Kontext ein Prozess gegenüber, der an den langen Marsch der ehemals außerparlamentarischen Opposition (APO) der 1960er Jahre durch die Institutionen gemahnt. Zwar bestehen einige Thinktanks und sogenannte „meta‐ politische“ Initiativen durchaus darauf, weiter außerparlamentarisch im „Vorfeld“ zu wirken, wie es in typisch kriegerischem Vokabular heißt. Auf diesem Feld arbeitet die Neue Rechte nunmehr seit Jahrzehnten beharrlich daran, den Diskurs - und damit auch das, was man noch als „Mitte“ begreift - nach rechts zu verschieben, ein Projekt das sich in den vergangenen Jahren die alt-right explizit zu eigen gemacht hatte. Inzwischen zeugen indes die Wahlsiege und Umfragehochs von Parteien wie der AfD, der britischen UKIP und dem französischen Rassemblement National ebenso von dem Erfolg dieser „Kulturrevolution von rechts“ (Benoist 1985) wie die zweifache Präsidentschaft eines Donald Trump . Für die rechtspopulistischen Parteien in Europa spielt zwar der Begriff der alt-right auf den ersten Blick keine wesentliche Rolle mehr (ein zweiter Blick würde sich jedoch lohnen). Wenn aber der Eindruck stimmt, dass die Suchanfragen wie auch die Verwendung des Begriffs rückläufig sind, sollten wir uns zur Begründung für diesen Trend nicht mit den Selbstaussagen derer begnügen, die ein strategisches Interesse daran haben, die politische Semantik neu zu besetzen. Legen solche Versuche einer Neubestimmung - ob als ethnonationalistisch, dissident, oder schlicht „neu“ - zumal nach Charlottesville das Eingeständnis politischer Fehler nahe, so scheint letztlich doch das Gegenteil der Fall zu sein: Die tendenziell rückläufige Verwendung von alt-right zur Bezeichnung rechtspopulistischer Energien ist ein indirekter Beleg ihrer Durchsetzung. 10 Alt-right und Neue Rechte 149 <?page no="150"?> Alt-right und Neue Rechte im Netz Die Räume, die die alt-right und die Neue Rechte im Netz und auf sozialen Medien besetzen, haben materielle Eigendynamiken: die Möglichkeiten, die sie bieten, sind in erster Linie technologische, die zugrunde liegenden Interessen ökonomische. Der dort ausgetragene Kampf aber ist politisch. Genauer: er ist, wie es Vertreter der alt-right und der Neuen Rechten gerne ausdrücken „metapolitisch“. Es geht, wie die Protagonist: innen freimütig eingestehen, um die Eroberung von Diskurshoheit. Andrew Breitbart, Gründer von Breitbart News als eines der wichtigsten Sprachrohre der Bewegung, hat für diesen Kampf das Bild geprägt, „politics is downstream from culture“. Wer Einfluss auf die Kultur ausübt, bestimmt stromabwärts den politischen Mainstream. Es kommt also, um die Welt zu verändern, doch darauf an, sie zunächst anders zu interpretieren. Frei nach dem italienischen Kommunisten Antonio Gramsci, den die alt-right sich im gleichen Atemzug aneignet, in dem sie ihn als „Kulturmarxist“ verteufelt, geht es um die Besetzung hegemonialer Positionen im Stellungskrieg um kulturelle Macht. Der Erfolg dieser Strategie lässt sich nicht zuletzt an den sozialen Medien ablesen. Twitter zeigte sich schon vor der Übernahme und Umbenennung der Plattform durch Elon Musk außer Stande, den weißen Suprematismus einzudämmen. Zwar ließen sich, wie Twitters Vorgehen gegen den IS im Netz schon lange zeigte, Algorithmen entwickeln, welche die Verbreitung von Hass und Hetze eindämmen. Doch scheiterte der Versuch, solche Algorithmen auch für die ethnonationalistische, rechtsextreme Hetze durch weiße Suprematist: innen zu entwickeln. Zu viele Twitterkonten im Republikanischen Mainstream, darunter auch solche von Abgeordneten der Partei, wären in die Fangnetze geraten. Jeglicher Algorithmus zum Aufspüren und Entfernen entsprechender tweets, stellten Mitarbeiter: innen bei Twitter fest, hätte unweigerlich zu einem automatischen Ausschluss von Republikanischen Parteimitgliedern geführt (Pink 2019). Was andererseits nicht im geschäftlichen Interesse eines Medienkonzerns lag, dessen ökonomische Macht in der Akkumulation von accounts, clicks und retweets begründet ist. In dieser Hinsicht ist die Politisierung und Radikalisierung der Plattform seit der Übernahme des Konzerns durch Elon Musk und der Umbenennung in „X“ nur Ausdruck einer Tendenz, die dem Geschäftsmodell von Twitter schon von Beginn an eingeschrieben war. Die zehner Jahre des 21. Jahrhunderts lassen sich auch aus dieser Perspektive rückblickend als diskurspolitische Erfolgsgeschichte der alt-right lesen. Im selben Maß, in dem einerseits deren führende Köpfe, von Richard Spencer über Milo Yianno‐ poulos bis Steve Bannon, an persönlichem Einfluss verloren, baute Bannon diesen prompt wieder auf - zuerst auf der europäischen Seite des Atlantiks und dann in täglichen podcasts wie „WarRoom“, bevor er im Sommer 2024 wegen „Contempt of Congress“ (das Verweigern der Mitwirkung an einem Komitee des US-Kongresses) für vier Monate ins Gefängnis wanderte. Unterdessen haben sich ihre Provokationen im medialen Diskurs normalisiert. In der Sprache der Rechten verschob sich das sogenannte „overton window“, beziehungsweise der Bereich des Sagbaren im Laufe des 150 10 Alt-right und Neue Rechte <?page no="151"?> Jahrzehnts derart, dass vordem als extremistisch tabuisierte Begriffe und Meinungen - etwa zum „Ethnonationalismus,“ zur „Invasion“ durch Migration, zur „WQ“ (women question) oder gar zur „JQ“ ( Jewish question) - hoffähig wurden. In Deutschland sind mit der AfD Teile der Bevölkerung politisch durch prominente Abgeordnete vertreten, die ungehemmt neurechte Verschwörungstheorien propagieren und gegen den „Kulturmarxismus“ mobil machen. Derweil schaffte der „cultural Marxism“ es in den USA bis in die Strategiepapiere ranghoher Mitarbeiter der Trump-Regierung, und Kongressabgeordnete nutzten ihr Sprachrohr, um QAnon-Theorien zu verbreiten. Diskurse, die zunächst auf 4chan und 8chan geschürt wurden, sprangen auf die soge‐ nannten „Mainstream-Medien“ über, deren Brandmarkung als „mainstream“ oder - im Fall der öffentlich-rechtlichen in Deutschland - als quasi totalitäres „Staatsfernsehen“ wiederum zu den diskursiven Strategien der Neuen Rechten gehört. Projektion In solchen Zuschreibungen liegt eine stets wiederkehrende Form der Projektion: auf demokratische Medien wird genau der Schulterschluss mit der Macht projiziert, den ein Sender wie Fox News während der Trump-Präsidentschaft bis zum Exzess praktiziert. Wenn innerhalb einer Demokratie von „Staatsfernsehen“ die Rede sein kann, dann hier. Der Sender hatte nicht nur die Distanz einer vermeintlich freien Presse zu Regierungsorganen, geschweige denn zu Trumps twitter-feed aufgegeben, sondern auch jegliche Abgrenzung zum Internetdiskurs der „alt-right“ auf 4chan und YouTube. So wurden etwa die wirren Manifeste, welche die Attentäter von Christchurch, Poway, El Paso und andere auf 4chan und Facebook veröffentlichten, in Nachrichtensendungen auf Fox kaum entwirrt - im Gegenteil, der Sender verwandelte sich die Sprache der Attentäter an (Gertz 2019). Tucker Carlson und Laura Ingraham bedienten sich in den Monologen, mit denen sie bis zu Carlsons unrühmlichem Abgang allabendlich ihre massiv populären Shows begannen, der gleichen Begriffe und Phrasen wie die Attentäter und leisteten deren Verschwörungstheorien Vorschub: die USA sei an der mexikanischen Grenze einer lateinamerikanischen „Invasion“ ausgesetzt, weiße US Amerikaner stünden unmittelbar vor dem demographischen Abgrund eines kulturellen und ethnischen „Austauschs“ („replacement“) - ein Ideologem, das in Frankreich vom Verschwörungstheoretiker Renaud Camus geprägt und dann in bei der „Unite the Right“ Demonstration in Charlottesville mit tödlichen Folgen skandiert wurde. Andere Formen der Projektion lassen sich besonders an den Retourkutschen eines Donald Trump im Wahlkampf 2024 ablesen, der seine eigene Gewalt-Rhetorik auf die Demokraten projiziert, denen er vorwarf, sie und nicht er hätten das Klima so angeheizt, dass es zu wiederholten Attentatsversuchen kam. Hierbei handelt es sich um ein charakteristisches Merkmal faschistischer Ideologie, das Theodor W. Adorno schon Mitte des vorigen Jahrhunderts am Beispiel des rechtsradikalen Predigers Martin Luther Thomas diagnostiziert hatte: 10 Alt-right und Neue Rechte 151 <?page no="152"?> It is incidentally one of the most outstanding characteristics of fascist and anti-Semitic propagandists that they blame their victims in an almost compulsory way for exactly the things which they themselves are doing or hope to do. […] It is this pattern through which the mechanism of psychological ‚projection‘ makes itself felt throughout fascist ideology (Adorno 2000). Trumps Wahlsieg 2016 war daher auch insofern ein Erfolg der alt-right, als deren Rassismus regierungsfähig wurde. Der antimuslimische Vorstoß gegen Einreisen aus islamischen Ländern war hierfür nur ein früher Vorbote, und auch Trumps Retweets britischer rechtsextremer Videos und antisemitischer Bilder führender Politiker: innen wie Hillary Clinton waren bloße Symptome der strukturellen Verankerung des weißen Suprematismus in der US-Regierung und deren Medienstrategien (East 2016; → Kapitel Antimuslimischer und antiarabischer Rassismus und → Kapitel Antijudaismus und moderner Antisemitismus). Ein Präsident, dessen Twitter-Feed nachhaltig im ver‐ schwörungstheoretischen Milieu vernetzt war, konnte kein politisches Interesse daran haben, rechtsextremen Terrorismus zu thematisieren oder konsequent zu verfolgen. Denn das hätte der Distanzierung vom Rassismus der alt-right und deren Verwurzelung in gewaltbereiten, rechtsextremen Milieus bedurft. An einer solchen Distanzierung bestand allerdings ausdrücklich kein Interesse: „that is not something this administra‐ tion is comfortable speaking out against“ - so ein ehemaliger Mitarbeiter der Regierung Trump, der damit zu erklären versuchte, warum das Ministerium für Heimatschutz sich sträubte, den „domestic terrorism“ zur strategischen Priorität zu machen (New York Times 2019). Mit der nahtlosen Rückkoppelung zwischen Fox News und Trumps Twitternetzwer‐ ken und dank der politischen Unfähigkeit, ihrer Verbreitung im Netz Einhalt zu gebieten, gelangte die alt-right in eben den Mainstream, gegen den sie angetreten war und den sie erfolgreich nach rechts verbogen hatte. Die Geschichte der alt-right wird noch zu schreiben sein, sie sollte sich aber von den semantischen Verwirrspielen ebenso wenig hinters Licht führen lassen, wie vom vordergründigen Abflauen des Gebrauchs des Begriffs, unter dem die neuen Rechten zumal im englischen Sprachraum - und damit auch im globalen Netz - zu Beginn der zehner Jahre angetreten waren. Angesichts der dezentralen Formen politischer Organisation im Netz verliert die dafür geprägte Bezeichnung alt-right in dem Maße an Gewicht, in dem deren Inhalte sich gesellschaftlich durchsetzen. Das vergangene Jahrzehnt begann mit der Kür von „alternativlos“ zum Unwort des Jahres (dpa 2011). Es endete mit nachhaltigen Erfolgen einer als „alternativ“ konnotierten Neuen Rechten (nicht nur) im Netz. Diese nicht alternativlos wirken zu lassen bleibt auch in den zwanziger Jahren des 21. Jahrhunderts eine der dringlichsten Aufgaben für die Demokratie. 152 10 Alt-right und Neue Rechte <?page no="153"?> Literatur Adorno, Theodor W. 2000. 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Ich konzentriere mich dabei hauptsächlich auf die größeren Einwanderungsgruppen - chinesische, jüdische und mexikanische Immigrant: innen -, um einige der Antiimmigrationsrassismen über die Jahrzehnte hinweg besser lokalisieren zu können. Oscar Handlins berühmte Aussage „the immigrants were American history“ muss erweitert werden um die Feststellung, dass Immigrant: innen durch die gesamte US-Ge‐ schichte hindurch rassifiziert wurden ( Jacobson 2000, 11). Versuche, die Nation auch durch Migrationspolitik zu formen, waren schon immer ein Merkmal der US-Politik (Zolberg 2006, 1), wobei Vorstellungen von „Rasse“ in diesem Prozess seit den frühen Jahren der Republik einen wichtigen Aspekt ausmachten. Bereits 1899 begannen die Immigrationsbehörden mit der Kategorisierung der Neuankommenden nach ihrer „Rasse“ (Gabaccia 2002, 118, 125). Zunächst entfaltete sich in den USA - vor dem Hintergrund der Sklaverei und der Vertreibung der Native Americans - eine eigene Variante der „Klassifikation“ (Shapiro 1998, 155-73). Grundlegend blieb von der Staatsgründung an die Unterscheidung zwi‐ schen „weißen“ Menschen und People of Color. Vor allem seit den 1870er Jahren erfuhr dann ein auf sozialdarwinistischem Gedankengut basierendes Denken einen enormen Aufwind, das breite Gruppen der Nation umfassen sollte. Die anhaltende Betonung der angelsächsischen Überlegenheit verband sich in der Zeit mit der Abwertung von neuankommenden Immigrant: innen, Afroamerikaner: innen und anderen Minoritäten - ein Phänomen, das bis in die Gegenwart anhält. Nativismus und Exklusion Zwischen 1870 und 1931 erreichten rund 30 Millionen Migrant: innen die USA und arbeiteten in Fabriken, Minen und auf Feldern. Ihre Arbeit machte die USA zu einer Weltmacht und zu einem Zentrum des globalen Kapitals (Daniels 2004, 217, 221; Jacobson 2000, 63f.) Die Neuangekommenen sahen sich mit den zunehmend einflussreicher werdenden nativistischen Bewegungen konfrontiert, die auf Ghettos und Chinatowns, Krankenhäuser und Gefängnisse blickten und die Neuangekommenen negativ stereotypisierten. <?page no="156"?> Erläuterung | Nativismus: Der Historiker John Higham definiert Nativismus als „intense opposition to an internal minority on the grounds of its foreign (i. e. un-American) connections“ (Higham 1972, 4). Demnach kann Nativismus als ein ethnischer Mehrheitsnationalismus verstanden werden, der sich auf Menschen bezieht, die sich als Einheimische oder ursprüngliche Siedler: innen eines Landes verstehen und ihre demografische Vorherrschaft verteidigen wollen. US-Amerika‐ ner: innen haben sich in verschiedenen Phasen gegen unterschiedliche Gruppen von Neuankommenden gerichtet, von denen angenommen wurde, dass sie die Gegenwart oder Zukunft der Nation gefährden. Die angebliche Gefahr wurden je nach historischem Zeitpunkt religiös (Katholik: innen), politisch (Bolschewist: in‐ nen) oder „rassisch“ (Asiat: innen, Südosteuropäer: innen u. a.) definiert (Higham 1972, 5-10) . Die Ursprünge des Begriffs sind in den politischen Bewegungen Mitte des 19.-Jahrhunderts zu finden, allen voran bei der „Know-Nothing-Partei“. Die restriktiven Immigrationsgesetze der USA, vor allem ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, basierten auf der Annahme einer politisch zwischen souveränen Nationen und sozial zwischen verschiedenen „Rassen“ geteilten Welt (McKeown 2003, 382). Immigrationsrestriktionen in den USA bezogen sich aber nicht nur auf „Rasse“, Nationalität oder ethnische Zugehörigkeit. Spätestens seit den „Quarantänegesetzen“ in den 1830er Jahren waren „rassische“ Kriterien für den gesetzlichen Ausschluss mit gesundheitspolitischen, moralischen und anderen Kriterien eng verknüpft (Bash‐ ford 2014, Fahrmeir et al. 2003). Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts setzten weit‐ greifende Reformen in der Immigrationspolitik ein, die - in einem Zusammenspiel von politischen Institutionen, ideologischen Traditionen und sozialen Interessen - eine massive Wandlung bewirkten (Zolberg 2006). Zwischen 1882 und 1924 standen unterschiedlichste Aspekte der Immigration zur Debatte: von der Reglementierung der chinesischen Immigration über die Vertragsarbeit („contract labor“) bis hin zur selektiven Auswahl und der fast vollständigen Beschränkung bestimmter Immigrati‐ onsgruppen. Ein Hauptanliegen der Regierung in dieser Phase war es, ein effektives System für die Einschränkung der Einwanderung durchzusetzen. Ebenso verweisen die Einrichtungen von zentralen Ankunftsstationen vor dem Hintergrund zunehmender Immigrationszahlen auf eine verstärkte Zentralisierung der Immigrationskontrolle durch den Staat. Es herrschte ein Protektionismus der einheimischen Arbeitskraft gegenüber der als wahrgenommene Konkurrenz der neu Eingewanderten vor (Hut‐ chinson, Legislative History, 156). Während wirtschaftliche Argumente zwar einen Aspekt der Regulierung von Immigration ausmachten, stellte eine problematischere Seite der Diskussionen in dieser Zeit der unübersehbare Einfluss von rassistischem und ethnozentristischem Gedankengut dar. Die vermeintliche „rassische“ Minderwertigkeit wurde eng mit gewissen Neuangekommenen in Zusammenhang gebracht. Die antichinesische Agitation seit dem 19. Jahrhundert (→ Kapitel Rassismus gegen Asian American Pacific Islanders) ist einzigartig in der Geschichte des US-amerikani‐ 156 11 Einwanderungspolitik <?page no="157"?> schen Nativismus wegen deren kontinuierlichen Gewalt, wegen ihres Erfolgs innerhalb der großen Arbeiterorganisationen sowie beider nationaler politischer Parteien und wegen der rigiden Durchsetzung von Gesetzen, die eine nationale Gruppe fast voll‐ ständig ausgrenzte ( Jacobson 2000, 81; Daniels 2004). Die Chines: innen hätten, so die Historikerin Mae Ngai, „the dubios distinction of being the only group to be excluded from immigration into the United States explicitly by name“ (Ngai 2004, 202). Der gegen Chines: innen gerichtete Chinese Exclusion Act von 1882 stellte eine Ausnahme von der Förderung der Freizügigkeit dar, die seit den 1860er Jahren in liberalen Gemeinwesen vorherrschte (McKeown 2003, 383). Sie wurden nicht nur von der Einwanderung ausgeschlossen, ihnen wurde auch das Privileg der Staatsbürgerschaft verweigert (Ngai 2007, 238). Laut der Historikerin Erika Lee (2003, 24) stellte das Gesetz einen Wendepunkt dar, da es den Weg für den „Gatekeeper-Staat“ bereitete, dessen Kontrollbürokratie und Identitätsdokumentation die Grundlage für zukünftige Ausgrenzungen schuf. Die gegen die Chines: innen vorgebrachten „rassischen“ und ökonomischen Ausschlussgründe wurden in den nachfolgenden Jahren auch gegen andere ethnische und nationale Gruppen - wie die Juden und Jüdinnen, Italiener: innen oder Slaw: innen - vorgebracht. In der Phase der „asiatischen Exklusion“ (1882-1952) waren auch andere Menschen asiatischer Herkunft betroffen. Als Alliierte während des Zweiten Weltkrieges wurden Chines: innen 1943 davon wieder ausgenommen. Bezüglich der über die Jahrzehnte schnell wachsenden Gruppe der Chinese Americans - von 78.000 im Jahre 1940 zu 2,5 Millionen im Jahr 2000 - und der Japanese American entwickelte sich erst nach dem Zweiten Weltkrieg der Mythos der „model minority“ (→ Kapitel Rassismus gegen Asian American Pacific Islanders). Dass die asiatischen Filipinos bis 1934 ohne signifikante Beschränkungen in die Vereinigten Staaten einreisen konnten, war eine unintendierte Folge des US-amerikani‐ schen Imperialismus, der das Land zu US-amerikanischem Besitz machte. Der US-Kon‐ gress hat 1902 entschieden, dass es sich bei ihnen um „amerikanische Staatsangehörige“ („US nationals“) handele, aber da sie nicht als weiß betrachtet wurden, kamen sie für die Anerkennung als Staatsbürger („US citizens“) nicht in Frage. Die meisten Filipinos kamen nach der Einwanderungsbeschränkung für Chines: innen und Japaner: innen 1907-1908 nach Hawaii und an die US-amerikanische Westküste und füllten dieselben niedrig qualifizierten Nischen in der Arbeitswelt, die die Eingewanderten vor ihnen besetzt hatten (Daniels 2004, 67). Der Historiker Adam McKeown zeigt auf, dass viele Prinzipien der Grenzkontrolle und Techniken zur Identifizierung des Personenstatus von den 1880er bis 1910er Jahren im Zuge des Ausschlusses der Asiat: innen aus den weißen Siedlernationen - allen voran den Vereinigten Staaten, Kanada, Australien, Neu Zeeland und Südafrika - entwickelt wurden (McKeown 2008). In den 1930er Jahren wurden diese Praktiken zur Grundlage der Migrationskontrolle für viele innerhalb des internationalen Staatensys‐ tems. Diese US-Einwanderungsgesetze inspirierten auch weitere Länder - etwa ab den 1950er die postkolonialen Nationen im pazifischen Raum und dem indischen Ozean - und schufen so ein globales Restriktionsregime (Bashford 2014). 11 Einwanderungspolitik 157 <?page no="158"?> Basierend auf dem seit den 1870er Jahren populär gewordenen eugenischen und sozialdarwinistischen Gedankengut wurde „Weißsein“ - als eine privilegierte „rassi‐ sche“ Kategorie und soziale Identität - neu konnotiert (→ Kapitel Rassismus und Wissenschaft). Neben den asiatischen Neuangekommenen wurden die sogenannten „neuen Immigrant: innen“ aus dem südosteuropäischen Raum nun als „rassisch“ unerwünschte Personen definiert. Ihnen wurde eine angeblichen Unfähigkeit zur Selbstverwaltung vorgeworfen. Zudem wurde ihre kulturelle Fremdartigkeit und die Furcht vor Krankheiten und defekten Körpern betont (Fairchild 2003; Lüthi 2009). Wie John Higham (1972, 133) ausführt, mussten klare physische Differenzen zwischen den „alten“ und „neuen“ Immigrant: innen erst erfunden werden, da diese nicht leicht erkennbar waren. Die new immigrants wurden etwa als „Hebrew“, „Celtic“, „Slavic“ und „Iberic“ klassifiziert. Die Reden von einer “mongrelization“ verwiesen auf die Angst vor der möglichen Verunreinigung des nationalen Körpers (Gerstle 2001, 107). Sehr bild‐ lich stellte das einer der führenden Eugenik- und Immigrations-Reform-Befürworter, Robert de C. Ward, 1913 dar. Jährlich, so Ward, würden Millionen von Immigrant: innen importiert “whose blood is to be mixed with ours in the production of the ‚American’ race. […] Our public health is being well protected against diseased cattle, but we have not as yet done nearly as much as we should to guard against the far greater danger that lies in bad human blood” (Ward 1913, 3). Klassischerweise wird die US-amerikanische Migrationsgeschichte wie folgt perio‐ disiert: Angefangen ab dem 15. Jahrhundert eine Phase der Begegnungen zwischen Europäer: innen und der Indigenen Bevölkerung über die „koloniale Immigration“ im 17. und 18.-Jahrhundert als vorwiegend Personen aus britischer, deutscher, nieder‐ ländischer, schwedischer, schottischer, irischer, französischer und spanischer ebenso wie versklavte Menschen afrikanischer Herkunft in den Kolonien ankommen. Darauf folgt zwischen 1820-1924 die Ankunft der „alten“ Immigrant: innen aus Nord- und Westeuropa und der „neuen“ Immigrant: innen vor allem Südosteuropa (King 2000, 59- 65). Nach 1965 findet eine verstärkte mexikanischer Einwanderung statt, ab den 1970er Jahren dann kommen Flüchtende aus Zentralamerika (Nicaragua, El Salvador und Guatemala) und, im Kontext von „Flüchtlingsprogrammen“, auch aus Südostasien und Kuba in die USA. Die Einwanderung aus China hält zudem an (Daniels 1990; Daniels 2004). Seit der Jahrtausendwende kommen in größeren Zahlen auch Migrant: innen aus afrikanischen Ländern (u. a. Nigeria, Äthiopien, Ägypten, Süd Afrika, Ghana, Marokko, Somalia, Sudan und Demokratische Republik Congo) (Corra 2023) und aus Ländern des Nahen Ostens (u.-a. Irak, Palästina, Libanon, Syrien) in die USA. 158 11 Einwanderungspolitik <?page no="159"?> Abbildung 3: „I am the undesirable immigrant“, 1921, Comicstreifen von Herbert Johnson, der die vielfältigen Ängste der USA gegenüber den „neuen“ Immigrant: innen aus Süd- und Osteuropa bündelt. Library of Congress, Prints and Photographs Division, https: / / www.loc.gov/ resource/ cph.3c26491/ . Mit einem spezifischen Blick auf die Geschichte von Weißsein schlägt Matthew Frye Jacobson (1998, 7 f.) eine Periodisierung vor, die vor allem auf Repräsentationen und Wahrnehmungen von Immigrant: innen fokussiert: In einer ersten Phase (1790-1840), in der es relativ wenige neu Eingewanderte gab, wurden die Menschen als weiß oder nicht-weiß wahrgenonmen. „Rasse“ und die „Fähigkeit zur politischen Selbsverwal‐ tung“ waren die dafür bestimmenden Kriterien. In einer zweiten Phase (1840-1930) der massiven Einwanderung und allgegenwärtigen Vorurteile gegenüber verschiedene Einwanderungsgruppen, entstand die Vorstellung eines vielfältigen Weißseins (varie‐ 11 Einwanderungspolitik 159 <?page no="160"?> gated whiteness), nach der gewisse Gruppen „weißer“ wirkten als andere. Es fand eine Auffächerung zwischen den „alten“ und „neuen“ Immigrant: innen statt. In einer dritten Phase (ab 1920) setzte sich schließlich mit der Einwanderungsbeschränkung und als Reaktion auf die afroamerikanische Migration aus den Südstaaten in den Norden und Westen des Landes („Great Migration“) die Hautfarbe erneut als ein Zeichen von „Rasse“ durch. Das Weißsein wurde wieder konsolidiert und die zuvor als „rassisch“ defizitär wahrgenommenen „neuen“ Immigrant: innen wurden nun zum vollwertigen Bestandteil der „weißen“ Bevölkerung. Prägend für die Debatten um strengere Immigrationsgesetzgebungen vor dem Ersten Weltkrieg waren die um 1907 einsetzenden Untersuchungen der Expertengruppe der Dillingham Commission. Die von der Regierung beauftragte Studie zu Immigrations‐ fragen formalisierte und generalisierte die Dichotomie zwischen den sogenannten „alten“ und „neuen“ Immigrant: innen, indem die ersteren glorifiziert und die letzteren als eine Gefahr identifiziert wurden. Zudem verstärkte der Fokus der Kommission auf die new immigrants unweigerlich die politische Außenseiterposition der Afroamerika‐ ner: innen und der anderen nicht-weißen Gruppierungen, indem die Diskussion um Einwanderung, Staatsbürgerschaft und Amerikanisierung lediglich bezüglich der (po‐ tentiell) weißen Immigrant: innen geführt wurde. Zudem ging die Kommission bei der Frage der Assimilationsfähigkeit der neuen Immigrant: innen von der Vorstellung einer von den West- und Nordeuropäer: innen ableitbaren angelsächsischen Identität aus. Der Bericht verdeutlichte, wie stark Weißsein und Amerikanisierung die US-amerikanische Immigrationspolitik prägten (King 2000, 40-9; Daniels 2004, 45-8) Wesentlich für den Übergang zu einer restriktiven Immigrationspolitik war jedoch schon bald die zeitgenössische Kritik, dass der 1917 eingeführte literacy test auf Grund der steigenden Immigrationszahlen bei Ausbruch des Krieges keine effektive Maßnahme mehr zur Eindämmung der Einwanderung darstellte. Neues Ziel wurden die bereits früher vorgeschlagenen Quotenregelungen, die in den 1920er Jahren schließlich in Form von verschiedenen Immigration Acts (1921 und 1924 eingeführt wurden und die Einwanderung nach nationaler Herkunft („national origins“) regulierten. In den Gesetzen spiegelten sich unterschiedliche Vorstellungen und Ängste: dass der Eintritt von Fremden in die US-amerikanische Gesellschaft einer Regulierung bedürfe und dass eine Massenimmigration den US-amerikanischen Institutionen und dem American way of life schade; ebenso die Furcht vor einer sozialen und „rassischen Kontamination“ und vor vermeintlich verarmten und kriminellen ausländischen Grup‐ pen. Zudem spielten regionale Interessen, eine starke nativistische Strömung und der Protektionismus gegenüber dem US-amerikanischen Arbeiter hinein. Die restriktiven Gesetze und Praktiken blieben jedoch nicht unwidersprochen und führten zu vielfältigen widerständigen Praktiken. Die komplexen Mechanismen, umfassenden Ermittlungen und Dokumentationen an den Immigrationsstationen, die darauf abzielten, „wahre“ Ansprüche auf Einreise festzustellen und betrügerische Praktiken zu verhindern, führten letztendlich dazu, Übertretungen zu erleichtern (McKeown, 2003, 379; Salyer 1995; Calavita 2000). Zudem versuchten ab Ende des 160 11 Einwanderungspolitik <?page no="161"?> 19. Jahrhunderts verschiedene Personen und Organisationen (z. B. das Board of Dele‐ gates on Civil and Religious Rights of the Union of American Hebrew Congregations oder das American Committee on Italian Migration) restriktive Immigrationsgesetze abzuwehren. In Korrespondenz mit Immigrationsbeamten, in Auftritten vor US-Kon‐ gressausschüssen, vor Gericht und in öffentlichen Foren machten sie sich für die Anliegen der Neuankommenden stark und bildeten punktuell interethnische Allianzen. Im Vordergrund dieser Aktivist: innen stand die Sorge um den Verlust unveräußerlicher Menschen- und Bürgerrechte vor allem auf Grund der Missinterpretation des Immi‐ grationsgesetzes (Howe, 1989; Marinari et al. 2019; Marinari 2020). Während Historiker: innen die Zeit zwischen 1924 und 1965 lange als Interregnum in der US-Einwanderungspolitik definiert haben, zeichnet die neuere Forschung ein dif‐ ferenzierteres Bild. Während die Tür sich nie gänzlich schloss, ging die Einwanderung stark zurück und die Zulassungskriterien änderten sich. Die Phase nach 1924 bis 1965 stellte eine prägende Zeit dar, in der Einwanderung und Politik nicht einfach stagnier‐ ten, sondern ihre „Form, Zusammensetzung, Bestrebungen und rechtlichen Ausdruck“ änderten (Marinari et al. 2019, 2). Mae Ngai (2004) verdeutlicht, dass Rassismus die Idee der „national origins“ untermauerte und als Grundlage für Ausgrenzungen diente, die sich unterschiedlich ausgestalteten. Die Kontrolle der Arbeiter: innen in einer wachsenden globalen kapitalistischen Wirtschaft spielte während des gesamten 20. Jahrhunderts eine wichtige Rolle; auch in der Landwirtschaft, in der vielfach Mexikaner: innen beschäftigt waren (→ Kapitel Rassismus gegen Latina/ o/ x Americans). Die mexikanische Einwanderung war lange Zeit ein Thema, das die Restriktionsbefürworter: innen spaltete, auch wenn erst 1965 numerische Beschränkungen eingeführt wurden. Aber mit der zunehmenden Einwan‐ derung in den 1910er und 1920er Jahren kündigten gesetzliche Regulierungen eine sich verstärkende Einwanderungsbeschränkung an. In den 1920er Jahren durften Mexika‐ ner: innen zwar noch in das Land einreisen, mussten jedoch ein Visum beantragen, und da dies sowohl eine bürokratische als auch kostspielige Angelegenheit war, reisten die meisten ohne eins ein. Dies ebnete den Weg für die Gleichsetzung von Mexikaner: innen mit „illegaler“ Einwanderung, und schuf gleichzeitig eine neue Art von rechtlichem und politischem Subjekt: der: die „illegale“ Ausländer: in (Ngai 2004, 7; De Genova 2005). Solche Gesetze waren wegweisend für die Kriminalisierung von unrechtmäßigen Grenzübertritten auch in späteren Dekaden. Menschen mexikanischer Abstammung wurden als arm, ungebildet, unhygienisch und „rassisch“ minderwertig charakterisiert und erhielten zudem schlecht bezahlte Arbeitsplätze, zweitklassige Wohnungen und zweitklassige staatliche Dienstleistungen (Ngai 2011, 182). Ihr gesetzlich festgelegter Status als „weiß“ war äußerst instabil (Ngai 2004, 53). Der Politiker John Box charak‐ terisierte den mexikanischen Immigrant im Jahre 1928 als “[a] blend of low-grade Spaniard, peonized Indian, and negro slave” (Ngai 2011, 182; Daniels 2004, 62). Jedoch betraf die Definition von bestimmten Immigrant: innen als „illegale“ Auslän‐ der: innen auch andere Gruppen, wie etwa die Japanese Americans. Diese wurden gezwungen zwischen der japanischen und der US-amerikanischen Seite zu wählen und 11 Einwanderungspolitik 161 <?page no="162"?> wurden während des Zweiten Weltkrieges von der U.S.-Regierung interniert, während italienische und deutsche US-Amerikaner: innen nun als US-Amerikaner: innen galten (Ngai 2004 → Kapitel Die Masseninternierung der Japanese Americans im Zweiten Weltkrieg). Während des und kurz nach dem Zweiten Weltkrieg schien es eine kurze Phase der Öffnung innerhalb der US-amerikanischen Immigrationspolitik zu geben. Aber schnell schlug der Kalte Krieg diese Türen im Kampf zwischen Ost und West wieder zu. 1952 wurde der McCarran-Walter Act rechtsgültig. Es behielt das in den Quotengesetzen der 1920er Jahre festgelegte nationale Herkunftssystem bei und löste die „asiatische Sperr‐ zone“ (Asiatic Barred Zone), das Bürger: innen aus Ostasien und den pazifischen Inseln gemeinsam mit den Chines: innen ausgeschlossen hatte, auf. Wie die Amerikanistin Lisa Lowe (1996, 193, Fn. 53) allerdings betont, wurde dies durch eine strikte Quote von 2.000 Einwanderern pro Jahr aus dem Asian-Pacific Triangle ersetzt, einschließlich einer Obergrenze von 100 ethnischen Chines: innen. Dies bedeutete eine anhaltende Rassifizierung und Ausschluss der Asiat: innen. Quotensystem nach nationaler Herkunft ebenso wie die Beschränkung der Ein‐ wanderung aus dem Asian-Pacific Triangle wurden erst mit der Verabschiedung des Hart-Celler Act von 1965 abgeschafft. Jedoch war die aus liberalen religiösen, ethnischen und Arbeitergruppen gebildete Koalition für die Reform der US-Einwan‐ derungspolitik blind gegenüber der sogenannten „Dritten Welt“ und Menschenrecht‐ sperspektiven. Sie arbeitete von einer Position aus, die der Politik des Kalten Krieges entsprach. Der Hart-Celler Act führte nicht zu dem vom Kongress erwünschten Anstieg von Einwander: innen europäischer Herkunft, deren Zahlen in den letzten Dekaden des 20. Jahrhunderts aufgrund der Erholung der westeuropäischen Wirtschaft nach dem Krieg zunehmend abnahmen. Die Neuankommenenden kamen stattdessen verstärkt aus Asien, Lateinamerika und Afrika. Mexiko erwies sich als eines der stärksten Herkunftsländer (ca. 25 Prozent der Immigration seit 1965) und die Demographie der USA änderte sich maßgeblich. Das Gesetz von 1965, das Quoten auf die Immigration aus der westlichen Hemi‐ sphäre - und somit auch auf Mexiko - festlegte und mit dem offiziellen Ende des Bracero-Programms zusammenfiel, wird oftmals als Ursache für den Anstieg an nicht dokumentierten Personen in den USA gesehen wird. Unter dem Bracero-Programm konnten Anfang der 1960er Jahe noch 200.000 mexikanische Arbeiter: innen pro Jahr einreisen während unter dem neu erlassenen Gesetz die Zahl der legalen Einreise auf 20.000 beschränkt wurde (Ngai 2004, 261). Waren die Migrierenden aus Mexiko und anderen Ländern Zentralamerikas wie auch der spanischen Karibik zuvor zudem aufgrund fehlender Quoten relativ frei in und aus den USA zirkuliert, wurden diese seit langem etablierten Migrationsmuster nun unterbrochen (Marinari et al. 2019). Ab 1965 bis hin zu dem Einwanderungsgesetz von 1996 zeigte sich zunehmend eine explizite Auseinandersetzung mit dem Gegenstand der Illegalität. Mit dem Verfassungszusatz von 1976 war es zudem mexikanischen Einwanderer: innen ohne Papiere mit in den Vereinigten Staaten geborenen Kindern nicht mehr erlaubt, ihren Aufenthaltsstatus zu 162 11 Einwanderungspolitik <?page no="163"?> legalisieren (Ngai 2004, 261). Auch die Repräsentationen der mexikanischen Einwan‐ derer: innen - seit 1965 vermehrt auch Frauen - wurden verstärkt von einer stark aufgeladenen politischen Rhetorik geprägt, die mexikanische Migrant: innen nun für ein Vielzahl an sozioökonomischen Missständen verantwortlich machten: Verbreitete Arbeitslosigkeit, Kriminalität, die Überbeanspruchung der Sozialhilfe stellten neue Vorwürfe dar. Die politischen Effekte dieser Rhetorik und Repräsentationsweisen führte zu einer Reihe von Interventionen seitens des Staates, durch die undokumen‐ tierte Immigrant: innen immer mehr vom Zugang zum Staat selbst ausgeschlossen wurden. Dazu gehört seit den 1980er Jahren etwa der Ausschluss von der allgemeinen Gesundheitsvorsorge sowie eine militärähnliche Abschottung der Grenze. Die inhä‐ rente Logik davon war, dass die undokumentierten Immigrant: innen das öffentliche Wohl gefährden und deren Ausschluss notwendig war, um das Wohlergehen der Nation zu sichern - trotz des beständigen Bedarfs an billiger Arbeitskraft (Ngai, 2004). Zwischen 1990 und 2007 verdreifachte sich die nicht dokumentierte Bevölkerung von 3,5 Millionen auf 12,2 Millionen (Marinari et al. 2019, 3). Dies war einerseits auf die sich verändernden ökonomischen Bedingungen zurückzuführen, wie etwa die Einführung des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens (NAFTA) von 1994, das durch die Aufhebung der Tarife für US-amerikanische Landwirtschaftsprodukte die Lebensgrundlage vieler lateinamerikanischer Kleinbauern zerstörte und sie zur Migration veranlasste. Andererseits entwickelten sich neue gesetzliche Grundlagen, die die Gruppe der mexikanischen Migrant: innen besonders betrafen. Mit dem Immigration Reform and Control Act (IRCA) von 1986 wurde das Budget des Immigration and Naturalization Service (INS) wie auch des Executive Office of Immigration Review (EOIR) finanziell besser ausgestattet, das Personal der Border Patrol aufgestockt und härtere Sanktionen für Aktionen im Zusammenhang mit Illegalität eingeführt. In den 1990er Jahren wurden auf der einen Seite Visa erwei‐ tert, um die legale Einwanderung ins Land zu ermöglichen, andererseits aber auch drastischere Strafen für Arbeitgeber: innen bei der Anwerbung und Anstellung von undokumentierten Personen durchgesetzt (Marinari et al. 4). Auch die US-Flüchtlings- und Asylpolitik ist in der Praxis seit langem rassistisch und religiös diskriminierend geprägt (Alexander et al. 2022). Einen gesetzlichen Status erhielt die Flüchtlingspolitik in den USA erst 1948 mit den Displaced Persons Acts von 1948 und 1950. Darauf folgten weitere gesetzliche Bestimmungen für Flüchtende, im McCarran-Walter Act 1952, Refugee Relief Act 1953, Hart-Celler Act 1965 und dem Refugee Act 1980. Mit dem Refugee Act von 1980 wurde zugleich die neue gesetzliche Kategorie des asylee kreiert. Geflüchtete mussten nun alle Kriterien nach dem Protokoll der Vereinten Nationen von 1968 erfüllen und mussten ihren Asylantrag direkt in den USA stellen. Viele Flüchtende - wie etwa aus Bosnien in den 1990er Jahren - kamen jedoch über andere Wege ins Land (z. B. Familiennachzug). Während des Kalten Krieges kamen Flüchtende vor allem aus Ungarn, aus Südostasien (im Kontext der von den USA geführten Kriege in Vietnam, Kambodscha, Laos) aus Kuba und Haiti und jüdische Personen aus der Sowjetunion. Mit dem Ende des Kalten Krieges umfassten 11 Einwanderungspolitik 163 <?page no="164"?> die Herkunftsländer in den 1990er Jahren zunächst die ehemalige Sowjetunion, dann vermehrt auch afrikanische Länder und Länder des Nahen Ostens. Die nativistischen Dimension der Flüchtlingspolitik zeigt sich gegenwärtig wieder besonders an der Gruppe der ukrainischen Flüchtenden: Als vor dem Krieg flücht‐ ende Ukrainer: innen 2022 an der U.S.-mexikanischen Grenzen ankamen, wurden sie mit zwei Richtlinien konfrontiert, die Migrant.innen allgemein fernhalten sollten: Den Migrant Protection Protocols, eine Maßnahme der US-Regierung, die von der Trump-Regierung im Dezember 2018 initiiert wurde und inoffiziell als „Remain in Mexico“ bekannt ist. Die zweite war Title 42, eine Richtlinie des Centers for Disease Control and Prevention aus dem Jahr 2020, vermeintlich zum Schutz der öffentlichen Gesundheit während der COVID-19-Pandemie. Die Richtlinie wies alle Einwanderer ohne ständigen Wohnsitz oder ein Visum und Asylsuchende zurück, die versuchten, auf dem Landweg in die USA einzureisen. Am 11. März 2022 stellte die Biden-Regierung jedoch neue Richtlinien auf, die es Zoll- und Grenzschutzbeamt: innen ermöglichten, Ukrainer: innen im Einzelfall davon auszunehmen, was vielen Familien die Einreise ermöglichte. Seitdem kamen einige unter einem regulären Flüchtlingsprogramm wie auch unter dem „Uniting for Ukraine“-Programm (USCIS) der Biden-Regierung ins Land. Die unterschiedliche Behandlung von ukrainischen gegenüber zentralamerika‐ nischen, afrikanischen, haitianischen und anderen Asylbewerber: innen gab Anlass zu der Kritik, dass die Einwanderungspolitik der Regierung weiße, europäische, meist christliche Flüchtende anderen Gruppen bevorzuge (Alexander et al. 2022). Selektion und Deportation Deportationen stehen in den USA in einer langen Genealogie von rassifizierten Zwangsmobilitäten (Walters 2002, 10). Den Auftakt bildete die Middle Passage mit seiner Zwangsverschleppung von Sklav: innen aus afrikanischen Ländern in die Amerikas und die Karibik. Als Händler ihre Sklav: innen in neue Gebiete verschleppten, um weiteren Boden zu roden oder Baumwolle anzubauen, wodurch die Kreisläufe von Kapital und Arbeit erweitert wurden, kreuzte sich die Geschichte dieser Zwangsmobilität mit den staatlichen Be‐ mühungen, die Native Americans von ihrem Land zu vertreiben (Blue 2021, 7 ff.; Gerstle 2001, 19 ff.). Das sich im 20. Jahrhundert allmählich entfaltende Deportationsregime muss folglich als ein Prozess der selektiven Vertreibungen verstanden werden, der auf Bevölkerungsmanagement und soziale Reproduktion abzielte. Erläuterung | Deportation: Deportation wird definiert als „die Ausweisung von unerwünschten Personen ohne Staatsbürgerschaft durch die angedrohte oder tatsächliche Anwendung von Zwang durch einen Staat“ (Gibney 2011). In der Moderne sind Deportationen für die herrschende politische Elite, neben ihrer Funktion als Migrationssteuerung und Bevölkerungsregulierung, auch ein Instru‐ 164 11 Einwanderungspolitik <?page no="165"?> ment der nationalstaatlichen Selbstvergewisserung bzw. der Herstellung politi‐ scher Souveränität. Zugleich sind sie ein mächtiges Instrument der willkürlichen sozialen Kontrolle, ein Hauptmerkmal des nationalen Sicherheitsstaates und ein erkennbarer Bestandteil der wiederkehrenden Episoden von Fremdenfeindlichkeit, die das Einwanderungsland USA geprägt haben und prägen (Kanstroom 2010, 5). Wissenschaftler: innen sprechen in den USA vor allem für die Phase seit Ende des 19.-Jahrhunderts von einem sich allmählich entfaltenden „Deportationsregime“. Die Geschichte der Sklaverei und die Vertreibung der Native Americans können - neben anderen frühen Formen der Ausweisungen aus ideologischen und religiösen Gründen - als Vorgeschichte des föderalen Deportationssystem verstanden werden, das sich ab dem Ende des 19. Jahrhunderts langsam zu formieren begann. Denn wie der Rechtswissenschaftler Daniel Kanstroom schreibt: „Forced removal from U.S. territory was a central feature of Indian law long before it became such for immigrants“ (Kanstroom 2010, 64). Bis 1840 wurden mehr als 70.000 Native Ameri‐ cans von ihrem Territorium vertrieben (→ Kapitel Siedlerkolonialismus). Historische Zusammenhänge zur Sklaverei sind erkennbar: Die Einschränkung der Bewegung und des Aufenthalts von Menschen afrikanischer Abstammung boten konzeptionelle Modelle für künftige Deportationsgesetze. Insbesondere die Fugitive Slave Law von 1850 legte den Grundstein für ein umfassendes, föderales, bürokratisiertes System für die Zwangsbewegung von Menschen. Solche Entwicklungen machten die US-ameri‐ kanische Öffentlichkeit mit Praktiken der Deportation bekannt, die dann im späten 19. Jahrhundert gegen die Chines: innen angewandt wurden (Kanstroom 2010, 74). Erst in der Periode zwischen 1862 und dem Beginn des 20. Jahrhunderts formte sich das moderne Deportationssystem heraus. Es gründete auf der Föderalisierung der Einwanderungskontrolle, der Legitimation bundesstaatlicher Deportationsgesetze und schließlich der Ergänzung der Grenzkontrollgesetze um „post-entry social control deportation laws“ (Kanstroom 2010, 92). Die konkrete Ausformung des modernen De‐ portationsystems ist jedoch auf den Chinese Exclusion Act und dem damit verbundenen Recht, chinesische Arbeiter: innen auszuweisen, zurückzuführen. Der Historiker Ethan Blue hat überzeugend aufgezeigt, wie das US-amerikanische Eisenbahnnetz seit Beginn des 20. Jahrhunderts umfunktioniert und für Deportationen adaptiert wurde (Blue 2015; 2021). Ab den 1920er Jahren fanden dann vermehrt Deportationen im Kontext des War on Crime, des „Red Scare“ (die Palmer-Razzien) während der Prohibition und während der McCarthy-Ära des Kalten Krieges statt (Kanstroom 2010, 6). Was diese verschiedenen Phasen, trotz Unterschiede, vereint, ist, dass eine „Mehrheitsmacht“ mit Hilfe rechtliche Strukturen und unter Anwendung von Gewalt gegen eine bestimmte Gruppe von Menschen eingesetzt wurde, die größtenteils anhand ihrer „Rasse“ oder Nationalität identifiziert und deren Umsiedlung erzwungen wurde. 11 Einwanderungspolitik 165 <?page no="166"?> Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts deportierten die Einwanderungsbehörden jedes Jahr nur wenige hundert Menschen. Mit dem Erstarken der Antiimmigrations‐ bewegungen jedoch stieg ab den 1920er Jahren die jährliche Zahl der Deportationen in die Tausende (Ngai, 2004). Insgesamt sind zwischen 1892 und 2000 mehr als 40 Millionen Menschen deportiert worden (Ngai, 2004, 274). Im 21. Jahrhundert ist die Zahl der „Unerwünschten“ - nun fast vollständig als „illegale“ Ausländer: innen definiert - stetig gewachsen (Blue 2015, 2). Die jüngsten Zahlen verdeutlichen den Wandel in den ersten Dekaden des 21. Jahrhunderts: Bis zum Ende des Fiskaljahres 2016 hatte die Obama-Regierung in seiner Amtszeit bereits offiziell mehr als 3,4 Millionen Nichtstaatsangehörige aus den Vereinigten Staaten deportiert; eine steigende Tendenz zu den 2,2 Millionen, die während der Amtszeit von G. W. Bush sowie die knapp 870.000 während der Clinton-Administration, deportiert wurden (Martínez et al. 2018, 173). Wie Ethan Blue argumentiert, begann die moderne US-Staatsmacht zu Beginn des 20. Jahrhunderts Formen der Mob-Gewalt in ihre neuen Deportationsapparate zu integrieren: Migrant denizens and travelers who could or would not adhere to the eugenic contours of settler citizenship […] risked capture, arrest, and expulsion as undesirable aliens. […] Depor‐ tation asserted sovereignty over national territories by regulating community membership through the partitioning of citizenship, undesirable alienage, and criminality (Blue 2022, 369 f.). Während die Gründe für Deportationen in der Geschichte der USA immer vielfältig waren - angefangen vom Vorwurf der drohenden ökonomischen Abhängigkeit vom Staat, der Prostitution bis hin zur politischen Abwehr gegen radikale Gruppierungen - zeigten gerade auch medizinische Begründungen eine deutliche Verbindung zu Rassekonzepten (Kraut 1994). Beispielsweise wurden die new immigrants aus Süd- und Osteuropa ab den 1880er Jahren bis zu den restriktiven Gesetzgebungen von 1921 und 1924 in populärwissenschaftlichen Diskursen als „Krankheitsherde“ beschrieben und als eine Bedrohung für den US-amerikanischen Volkskörper stilisiert. Bezüglich Vorstellungen von einer Verunreinigung der US-amerikanischen Nation wurden auch jüdische Körper pathologisiert. Im Jahr 1912 behauptete Alfred Reed (1912; 1913) vom United States Public Health Service, der für die medizinischen Inspektionen an den Einwanderungsstationen verantwortlich war, dass die „medizinischen Beweise“ sowie die „Rassenreinheit“ nicht zugunsten der „Hebrews“ spreche. Dies sei teilweise auf ihre „Veranlagung zu funktionellen Geisteskrankheiten“ und ihre körperliche Entwicklung zurückzuführen. Die Vorstellung von der „körperlichen Untauglichkeit“ der ankomm‐ enden jüdischen Migrant: innen und Zweifel an ihrer rassischen Assimilationsfähigkeit aufgrund ihrer „orientalischen“ Herkunft waren weit verbreitet. Die konstitutiven Folgen solcher Pathologisierungen zeigen sich etwas in der Deportation der in Russland geborenen jüdischen Immigrantin Chane Wernik im Jahre 1913. Die Behörden erachteten ihre finanziellen Mittel als unzureichend; ihr „physischer Defekt“ - eine Schwangerschaft - sei von „schwerwiegender Natur“ 166 11 Einwanderungspolitik <?page no="167"?> und hinderlich für das Aufkommen des eigenen Lebensunterhaltes. Der zuständige Commissioner of Immigration auf Ellis Island, William Williams, bekräftigte gegen die Einsprache der Immigrantin den Entscheid der Behörden mit der Aussage: „She is a very undesirable type of immigrant“. Zehn Tage nach ihrer Ankunft auf Ellis Island wurde Chane Wernik wieder aus den USA ausgeschafft (Lüthi 2005, 9-10). An der Westküste wurden die chinesischen Neuankommenden einer ebenso rigorosen Kontrolle unterzogen (McKeown 2003, Lee 2003). Die Geschichte der „deportability“ (De Genova 2002) - der permanenten Möglich‐ keit, deportiert zu werden - im 20. und 21. Jahrhundert ist unmittelbar mit der Geschichte der mexikanischen Immigration verbunden. Deportationen betreffen zu‐ nehmend auch US-Bürger: innen mexikanischen Ursprungs. Die Schaffung des neuen rechtlichen und politischen Subjekts des „illegalen“ Ausländers, erwies sich für die US-Regierung seit dem 20.-Jahrhundert als Vorteil. Während der Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren wurden 400.000 Mexikaner „repatriiert“ (Balderama/ Rodríguez 2006). Sobald sich jedoch die Wirtschaft eine Dekade später erholte, rekrutierte die Regierung im Rahmen des nationalen Bracero-Programms wieder Arbeitskräfte aus Mexiko. Deportationen intensivierten sich dann vor allem ab den 1950er Jahren mit Hilfe verschiedener Technologien: Einerseits fanden eine Vielzahl staatlicher Interventionen statt, angefangen mit der Operation Wetback in den Jahren 1954, einer aggressiven Massendeportation von beinah vier Millionen undokumentierten mexikanischen Ar‐ beiter: innen. In den 1990er und 2000er Jahren wurde die Strategie der „prevention through deterrence“ anhand unterschiedlicher Regierungsoperationen und einer ver‐ stärkten Militarisierung der US-mexikanischen Grenze noch erweitert (Andreas 2000; Nevins 2002). In diesem Zusammenhang spricht der Ethnologe Jonathan Xavier Inda (2006) von der Herausbildung von “anti-citizenship Technologien”, die ein Ensemble von praktischem Wissen, architektonischen Strukturen und technischen Instrumenten darstellen, um die unerlaubten Grenzübertritte regulieren zu können. Andererseits wurden die Undokumentierten vor allem ab den 1970er Jahren über die zahlenmäßige Erfassung problematisiert und sichtbar gemacht. Statistiken über Festnahmen von Undokumentierten durch den Immigration and Naturalization Service und statistische Schätzungen von Demograph: innen, Akademiker: innen und anderen Institutionen produzierten über die im Land lebenden nicht dokumentierten Menschen ein spezi‐ fisches Wissen. Schlagworte wie „Flut“, „außer Kontrolle“ und „Invasion“ wurden in diesem Zusammenhang benutzt, um die Bewegung von Undokumentierten zu charakterisieren und einen Handlungsbedarf zu generieren. Der Commissioner des Immigration and Naturalization Service, Leonard Chapman drückte dies 1976 folgen‐ dermaßen aus: „The number of illegal aliens in the United States is, quite simply, alarming […] Despite our best efforts, the problem - critical then - now threatens to become a national disaster“ (Inda 2006, 85). Eine direkte Konsequenz in den darauffolgenden Jahren war der Ruf nach verstärkter Grenzregulierung. 11 Einwanderungspolitik 167 <?page no="168"?> Die Illegalisierung der mexikanischen Migrant: innen muss jedoch, wie es Mae Ngai formuliert, vor dem Hintergrund eines grundlegenden Paradoxes verstanden werden: Während im 20. Jahrhundert aus keinem Land so viele Arbeitskräfte wie aus Mexiko in den US-amerikanischen Arbeitsmarkt integriert wurden, betraf die US-amerikanische Migrationsgesetzgebung und -praxis in ihrer Hervorbringung der Illegalität gerade sie am stärksten. Die wiederholt selektive Umsetzung der Gesetze hat - parallel zur saisonalen Arbeitsnachfrage - bis heute eine sogenannte „Drehtürpolitik“ ermöglicht (Ngai 2004). Das heißt konkret, dass Phasen der Deportation von illegalisierten Migrant: innen mit einem kontinuierlichen Import von mexikanischen Arbeiter: innen einhergingen. Seit 9/ 11 hat sich die „Deportationsmaschine“ (Goodman 2020) in wesentlichen Aspekten nochmals verändert. Erstens kam es zu einem verstärkten Einsatz des Grenzkontrollregimes, das auf bestimmte Gruppen abzielte. Zweitens kam es zu einem dramatischen Anstieg von Deportationen von nicht dokumentierten Personen innerhalb des Landes (Kanstroom 2010, 8; Coleman 2007). Damit ist zugleich ein Anwachsen von Internierungsgefängnissen im Innern und an den Grenzen des Landes zu beobachten. Grenzregime An der Geschichte der US-mexikanischen Grenze zeigen sich die Ambivalenzen der Immigrationspolitik der USA. Grenzüberschreitende Bewegungen stellten bis ins 20. Jahrhundert eine Normalität dar. Gleichzeitig verdeutlicht sich hier besonders klar, wie sehr die Formierung eines Grenzregimes mit Rassismus, Sexismus und brachialer Gewalt verschränkt war und ist. Die Grenze manifestiert sich als „Sortiermaschine“ (Mau 2021), an der entschieden wird, wer in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt wird. Ein Blick in die Genealogien der Rassifizierungen innerhalb der US-mexikanischen Borderlands spiegeln die kontinuierliche Angst der europäischen und anglo-amerika‐ nischen Kolonialist: innen vor Verunreinigung, Vermischung und „Bastardisierung“, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dann vor der drohenden „Invasion“ aus dem Süden. Als Folge des Mexikanisch-Amerikanischen Krieges fanden in den 1850er Jahren erste physische Markierungen entlang der Grenze statt, auch wenn keiner der beiden Staaten Souveränität über die neu gezogenen Grenzlinien und in den Grenzregionen lebenden Native Americans beanspruchen konnte. Durch die gemein‐ same Unterwerfung der Native Americans und durch Grenzübertritts-Vereinbarungen erlangten beide Staaten in den 1880er Jahren jedoch militärische Souveränität über das Grenzgebiet. Die Region war gezeichnet von den Konturen des US-amerikanischen Imperialismus, der Entstehung eines kapitalistisch geprägten Raumes, die Millionen von Arbeitskräften wie ein Magnet anzog (St. John 2011). Während die meisten Einwanderer an den Hafenstädten der USA ankamen, verla‐ gerten sich um die Jahrhundertwende mit den wachsenden Einwanderungsbeschrän‐ 168 11 Einwanderungspolitik <?page no="169"?> kungen die Grenzübertritte an die zunächst noch relativ lax kontrollierten kanadischen und mexikanischen Grenzen. Im Zuge der Mexikanischen Revolution (1910-1920) und des Ersten Weltkrieges verschlechterten sich die US-Mexikanischen Beziehungen, was zugleich eine verstärkte Kontrolle und Befestigung der Grenzgebiete bedeutete (St. John 2011, 2-9). Die sich entwickelnden ökonomischen und politischen Machtasymmetrien verstärk‐ ten sich mit der Entwicklung der USA hin zu einer Weltmacht seit den 1930er Jahren, was sich mit den Worten der Autorin und Aktivistin Gloria Anzalduá (2012, 25) auch an der Grenze manifestierte: „The U.S.-Mexican border es una herida abierta [ist eine Wunde; Anm. d. Verf.] where the Third World grates against the first and bleeds“. Trotz der zunehmenden Migrationsbewegungen und den engen ökonomischen Beziehungen, die im Allgemeines Zoll- und Handelsabkommen (GATT) von 1986 und dem Nordamerikanischen Freihandelsabkommen (NAFTA) von 1994 kulminierten, spiegelten sich die anhaltenden Machtasymmetrien in einer zunehmen rigiden Politik der Grenzkontrolle. Vor allem seit 1970 stehen die sogenannten „illegals“ im Brenn‐ punkt anhaltender politischer Debatten. „The wall“, wie die wachsende Mauer an der US-mexikanischen Grenze genannt wird, ist Ausdruck eines seit Jahrzehnten anhaltenden Bemühens von Demokraten und Republikaner, die Einwanderung von mexikanischen und aus anderen Ländern ankommenden Migrant: innen zu regulieren. Mit ihrem Bemühen, zusätzliche Zäune und Mauern zu errichten, hat sich das Grenzgebiet unter den Präsidenten Donald Trump und Joe Biden nochmals verstärkt in einen „racialized graveyard“ verwandelt (Mendoza 2023). Neu war unter Trump die Verschiebung der Grenzen eines akzeptablen öffentlichen Diskurses über Immigration, bei dem eine nativistische und rassistische Demagogie vom Präsidenten bewusst instrumentalisiert wurde (Foner 2022, 9). Aber dies hat die Menschen nicht daran gehindert zu migrieren. In einer Zukunft, in der Klimakrisen, Kriege und politische Unruhen weiter bestehen, werden auch Migration und Mobilität über die Grenzen hinweg anhalten. Literatur Alexander, Laura E., Alexander, Laura E., Jane Hong, Karen Hooge Michalka und Luis A. Romero. 2022. „How Race and Religion Have Always Played a Role in Who Gets Refuge in the-US.“ Conversation, April 18, 2022. https: / / theconversation.com/ how-race-and-religion-have-alwa ys-played-a-role-in-who-gets-refuge-in-the-us-181700. Andreas, Peter. 2000. Border Games: Policing the US-Mexican Divide. New York: Cornell Univer‐ sity Press. Anzaldúa Gloria. 2012. Borderlands/ La Frontera: The New Mestiza. San Francisco: Aunt Lute. 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Ausgehend von England wurde die Eugenik zu einer inter- und transnationalen Wissensformation und einer sozio-kulturellen Bewegung, innerhalb derer die Vereinigten Staaten eine prominente Position einnahmen (Kevles 1985). Seit den 1960er Jahren werden die Auswirkungen eugenischen Denkens in den USA in der Forschung thematisiert (Haller 1963). Häufig lag dabei der Fokus auf den vermeint‐ lichen US-amerikanischen Ursprüngen der nationalsozialistischen Rassenlehre (Kühl 1999; Weiss 2010). Zwar haben diese Studien die Verflechtungen deutscher und US-amerikanische Eugenik aufgezeigt, zugleich aber die tiefe Verankerung der Eugenik in der US-amerikanischen Kultur- Medizin- und Sozialgeschichte eher verschleiert. Die eugenischen Organisationen, Akteur: innen und Gesellschaften in den USA waren Teil eines regionalen wie internationalen Netzwerks mit zahlreichen engen persönli‐ chen und institutionellen Kontakten. Die Epizentren der eugenischen Forschung waren Cold Spring Harbor in New York, mehrere Organisationen im Bundesstaat Kalifornien, der schon 1909 das erste Gesetz zur Zwangssterilisation erlassen hatte, und andere Einrichtungen wie etwa das Sanatorium von John Harvey Kellogg in Battle Creek, Michigan. Eine der ersten Organisationen, die sich für eugenische Forschung und Praktiken einsetzten, war die 1903 in Washington D.C. gegründete American Breeders Associ‐ ation (ABA). Die ABA basierte auf der Idee Willet M. Hays, dem stellvertretenden Landwirtschaftsminister unter US-Präsident Theodore Roosevelt, der versuchte, die Zusammenarbeit zwischen akademischen Vererbungswissenschaftlern und Fachleuten für landwirtschaftliche Züchtung zu fördern. Eine der drei Sektionen (neben „Pflanzen“ und „Tieren“) war die Eugenics Section, der der Biologe Charles Benedict Davenport, der Erfinder und Industrielle Alexander Graham Bell, der Biologe Vernon Lyman Kellogg, der Zoologe William Ernest Castle und ihr Vorsitzender, der Ichtyologe und Präsident der Stanford University, David Starr Jordan angehörten (Davenport 1910; Jordan 1902). Ziel der Eugenics Section der ABA war es nicht nur, die „Vererbung in der menschlichen <?page no="174"?> Rasse“ zu untersuchen und darüber zu berichten, sondern auch den Wert von „superior blood“ und die Bedrohung der Gesellschaft durch „inferior blood“ zu betonen (Allen 1986, 232). Das Eugenics Record Office (ERO) wurde 1910 von Charles Benedict Davenport als Teil der Station for Experimental Evolution (SEE) in Cold Spring Harbor, Long Island, gegründet. Das ERO wurde bald zu einem Zentrum der US-amerikanischen mainline Eugenik-Bewegung und diente als institutionelle Basis für die Eugenik-Forschung sowie als Treffpunkt für Eugeniker von beiden Seiten des Atlantiks. Zwischen 1918 und 1939 erhielt das Institut eine großzügige Finanzierung durch die Carnegie Institution of Washington. Davenports Stellvertreter Harry Hamilton Laughlin setzte sich aktiv für die Verabschiedung von eugenischen Sterilisationsgesetzen in verschiedenen Bundes‐ staaten ein. Auch an der Verabschiedung des Immigration Restriction Act von 1924 war Laughlin maßgeblich beteiligt. Zu den ERO-Publikationen gehörten die Eugenical News, die erstmals 1916 unter der Leitung von Davenport und Laughlin veröffentlicht wurden (Allen 1986, 245 f.). Das ERO unterhielt auch eine Datenbank und einen analytischen Index der menschlichen Erbanlagen sowie ein Archiv für eugenische Aufzeichnungen. Es bot auch Beratung zur eugenischen Eignung von Heiratskandidat: innen an und diente als Ausbildungszentrum für Außendienstmitarbeiter: innen, die eugenische Daten sammelten (Allen 1986, 242 f.). Die 1918 von Madison Grant, Charles Osborn und Charles Davenport in New York City gegründete Galton Society war vielleicht die biologisch deterministischste der US-amerikanischen Eugenik-Organisationen. Sie vertrat einen Gegenkonzept zur Kulturanthropologie Franz Boasʼ und anderer, die maßgeblich die 1902 gegründete American Anthropological Society prägten (Allen 2013, 56). Die American Eugenics Society (AES), die nach der zweiten internationalen Euge‐ nik-Konferenz im Jahr 1922 gegründet wurde und das enorm einflussreiche Journal of Heredity herausgab, ist ein Beispiel für die internationale wie regionale Vernetzung der Aktivitäten der US-amerikanischen Eugeniker: innen. Madison Grant, der Gründer der AES, saß im Kuratorium des American Museum of Natural History, war Direktor der American Eugenics Society, Vizepräsident der Immigration Restriction League, Gründungsmitglied der Galton Society und Mitglied des International Committee of Eugenics. Eine Vielzahl von bundesstaatlichen Komitees der AES arbeitete in den zwanziger Jahren daran, die Eugenik im Mainstream des US-amerikanischen Bildungswesens und der Populärkultur zu verankern. So setzte sich etwa das von Mary T. Watts geleitete education commitee dafür ein, die Eugenik auf staatlichen Messen und Landwirtschaftsausstellungen zu propagieren. Neben New York war Kalifornien ein weiteres wichtiges Zentrum der Eugenik. Die Human Betterment Foundation (HBF) wurde 1928 in Pasadena, Kalifornien, von dem Philanthropen Ezra Seymour Gosney und dem Herausgeber des Journal of Heredity, Paul Bowman Popenoe, gegründet, um die eugenische Sterilisation in Kalifornien zu fördern (Gosney und Popenoe 1929). Zu den Eugenikern in Kalifornien gehörten auch der Immobilienmakler und Philanthrop Charles Goethe aus Sacramento sowie 174 12 Eugenik und Zwangssterilisation <?page no="175"?> Mitglieder des California State Board of Charities and Corrections, der Anatom Herbert McLean Evans und der Zoologe Samuel Jackson Holmes, beide Professoren an der University of California in Berkeley (Schoenl und Peck 2010). Die Stiftung arbeitete auch mit dem California Institute of Technology (Caltech) zusammen. 1937 trat der mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Physiker Robert Andrews Millikan dem Vorstand der HBF bei. Einwanderungsbeschränkung Eugeniker wie Lothrop Stoddard und Harry Laughlin und Mitglieder der 1894 ge‐ gründeten Immigration Restriction League vertraten im frühen 20. Jahrhundert die Auffassung, die zunehmende Einwanderung aus Süd- und Osteuropa, vor allem die jü‐ dische Einwanderung, gefährde die Vorherrschaft des „superior American racial stock“, wie die Eugeniker die US-Amerikaner: innen nordeuropäischer und angelsächsischer Abstammung bezeichneten, und setzten sich für eine Beschränkung der Einwanderung ein. Laughlin wurde als Experte in das Committee on Immigration and Naturalization des US-Repräsentantenhauses berufen, wo er Aussagen und statistische Daten zur vermeintlich „übermäßigen Geisteskrankheit“ unter bestimmten Einwanderungsgrup‐ pen präsentierte. Der Immigration Act von 1924 (Johnson-Reed Act) begrenzte die Zahl von Immigrant: innen in die USA durch Quoten, die die nationale Herkunft der Immigrant: innen als Ausschlusskriterium definierte. Die Quoten sahen vor, die Zahl der jährlichen Imigrant: innen pro Land auf zwei Prozent der Zahl der in den USA lebenden Einwohner: innen aus dem jeweiligen Land zu begrenzen. Als Grundlage für die Berechnung wurde der Zensus von 1890 gewählt. Menschen aus Asien wurden vollständig von der Einwanderung ausgeschlossen. Das Gesetz verschärfte die seit 1917 eingeführte Begrenzung der Einwanderung, die u. a. einen Rechtschreibtest für Imigrant: innen vorgesehen hatte. 1924 passierte es mit großer Mehrheit beide Kammern des Kongresses (United States, 68th Congress 1924). Das Gesetz begrenzte auf Grundlage des Quotensystems neben der asiatischen vor allem die Zuwanderung von süd- und osteuropäischen Immigrant: innen (→ Kapitel Einwanderungspolitik). Erläuterung | Better Baby Contests: Besonders in der Zeit zwischen den Weltkrie‐ gen wurden eugenische Ideen auf Landwirtschaftsausstellungen und Jahrmärkten präsentiert und popularisiert. Mary de Garmo hatte 1908 zusammen mit dem Kinderarzt Jacob Bodenheimer die Idee entwickelt, zur Bekämpfung der Säuglings‐ sterblichkeit Wettbewerbe wie den „Scientific Baby Contest“ auf der Louisiana State Fair zu etablieren, bei denen Säuglinge Intelligenztests und physischen Vermessungen unterzogen und nach als wissenschaftlich geltenden Kriterien bewertet wurden. Die Teilnahme war zumeist auf weiße Säuglinge beschränkt; af‐ roamerikanische Kinder und Kinder von Immigrant: innen waren vom Wettbewerb um Schleifen und Geldpreise ausgeschlossen. Die Wettbewerbe wurden ab 1911 12 Eugenik und Zwangssterilisation 175 <?page no="176"?> unter der Leitung von Mary Tirrell Watts und Florence Brown Sherbon in Iowa als „Better-Babies-Wettbewerbe“ organisiert und gewannen an Popularität. Auf der Kansas Free Fair 1920 wurden sie als „Fitter Families for Future Firesides“-Wettbe‐ werbe schließlich vollends mit der eugenischen Bewegung assoziiert (Selden 2005, 216 f.). In Indiana, wo von 1920 bis 1930 Better Baby Contests stattfanden, erreichte die Zahl der Teilnehmer: innen im Jahr 1930 mit 1.301 Säuglingen ihren Höhepunkt. Sterilisationspraxis und Widerstand Die Zwangssterilisation aus eugenischen Gründen wurde von Intellektuellen, Forsch‐ enden, und Sozialreformer: innen besonders während der Progressive Era befürwortet (Tornquist 2014). Zwischen den 1920er und 1970er Jahren wurden in den USA zwischen 60.000 und 70.000 Menschen, vor allem Frauen, zwangssterilisiert. Die überwiegende Mehrheit der US-amerikanischen Bundesstaaten verabschiedete Gesetze zur Zwangs‐ sterilisation. Obwohl es vordergründig um die Verbesserung der genetischen Qualität der Bevöl‐ kerung ging, wurde bald deutlich, dass die Eugenik vor allem die gesellschaftliche Position der dominanten sozialen Gruppen erhalten sollte. Rassistisch oder klassistisch marginalisierte Gruppen und Menschen, die als minderwertig oder untauglich für die Gesellschaft angesehen wurden---Angehörige der Unterschichten, Native Americans, Immigrant: innen, körperlich Behinderte und psychisch Kranke wurden zur Zielscheibe der Eugenikbewegung. Kalifornien hatte bis in die 1970er Jahre eine der höchsten Sterilisationsraten der USA: Etwa 20.000 Menschen wurden zwischen 1909 bis 1979 zwangsweise sterilisiert (California and Alpert 2003, 2019; Sohoni 2007). Ab 1909 wurden die Sterilisationsver‐ fahren von Bundesbehörden unterstützt, die ab 1916 in Verbindung mit verschiedenen Familienplanungsinitiativen Gelder verteilten. Die Zwangssterilisationen erfolgten zum Teil aufgrund der Vorstellung, dass Einwandererfamilien den Staatshaushalt belasten würden und die Sterilisation somit ein Mittel zur Bevölkerungskontrolle und lebenslangen Geburtenkontrolle darstellte. Im Fall Madrigal v. Quilligan (1978) zeigte eine Sammelklage aus Los Angeles County, Kalifornien, dass viele Sterilisationen an Latinas entweder ohne deren informierte Zustimmung oder unter Zwang durchgeführt wurden (Whatcott 2018, 139; Carpio 2004, 50; Kluchin 2007, 137 f.; Stern 2005). Zwangssterilisationen dienten dem erklärten Ziel, „Rassenmischung“ zwischen Weiß und Schwarz zu verhindern. Noch 1960 wurden in Alabama, Arkansas, Dela‐ ware, Florida, Georgia, Kentucky, Louisiana, Mississippi, Missouri, North Carolina, Oklahoma, South Carolina, Tennessee, Texas, Virginia, West Virginia und Wyoming „Miscegenation Laws“ angewendet (Barnett 1964, 96 f.), die Ehen zwischen Schwarzen und weißen Menschen verboten (→ Kapitel Segregation). 30 Bundestaaten und zwei kanadische Provinzen hatten Gesetze, die die Sterilisierung von „Kriminellen“, „Schwachsinnigen“ und „Geisteskranken“ forderten (Cruz und Berson 2001; Sohoni 176 12 Eugenik und Zwangssterilisation <?page no="177"?> 2007; Anonym 1942). In dieser Zeit begannen private Stiftungen und Geburtenkontroll‐ organisationen mit experimentellen Bevölkerungskampagnen in Puerto Rico, Jamaika und Barbados, obwohl die Geburtenraten dort selbst im Vergleich zu Industrieländern vergleichsweise niedrig waren (Mass 1977, 67; Briggs 2002, 98-110). In Puerto Rico wurden in den 1930er Jahren von Clarence Gamble (dem Chef von Procter & Gamble) spezielle Kliniken eingerichtet, in denen unfreiwillige Sterilisationen durchgeführt und die neue „Antibaby-Pille“ zum Einsatz kamen (Ordover 2003, 150; Doyle 2004, 532). Margaret Sanger, die Geburtenkontrolle aus einer feministischen Perspektive vertrat und sich später für die Entwicklung der oralen Kontrazeption einsetzte, befürwortete in den frühen Jahren widerwillig die zwangsweise Sterilisation von als „schwachsinnig“ („feeble-minded“) eingestuften Frauen (Baker 2011, 147; O’Brien 2013). Buck v. Bell Obwohl einzelne Staaten wie Indiana bereits im Jahr 1907 das erste eugenische Sterilisationsgesetz verabschiedet hatten, ging dies Harry H. Laughlin vom Eugenics Record Office (ERO) in Cold Spring Harbor nicht weit genug. Im Jahr 1922 veröffent‐ lichte er ein Mustergesetz zur eugenischen Sterilisation, das auch die Grundlage des 1924 verabschiedeten eugenischen Sterilisationsgesetzes des Staates Virginia bildete (Laughlin 1922, 445-52). Kurz darauf nutzten Eugeniker den Fall der Carrie Buck als Testfall, um das Gesetz gerichtlich legitimieren zu lassen (Lombardo 2022). Der Leiter der Virginia State Colony for Epileptics and Feebleminded, Dr. Albert Sidney Priddy, strengte den Prozess an. Als er während des Verfahrens starb, übernahm sein Nachfolger John Hendren Bell den Fall. Priddy war ein glühender Verfechter der Eugenik, der bereits hunderte von Zwangssterilisationen an Patient: innen vorge‐ nommen hatte. Auch die 18-jährige Carrie Buck war eine seiner Patientinnen. Carrie Buck hatte nach einer Vergewaltigung durch Clarence Garland, den Neffen ihrer Pflegemutter Alice Dobbs, eine Tochter geboren. Am 23. Januar 1924 brachte die Familie Dobbs sie aufgrund von „Schwachsinn, unverbesserlichem Verhalten und Promiskui‐ tät“ zusammen mit ihrer Mutter Emma Buck in der Virginia Colony for Epileptics and Feeble-Minded unter. Nachdem Carrie Buck als „unfähig zur Kindererziehung“ eingestuft wurde, adoptierten die Dobbs ihre Tochter und nannten sie Vivian Alice Elaine Dobbs. Während des Prozesses gegen Carrie Buck verfolgten Priddy und Bell das Ziel, zu beweisen, dass Bucks gesamte Familie genetisch „minderwertig“ sei. Zeugenaussagen basierten auf Gerüchten und Hörensagen. Am 2. Mai 1927 urteilte der Oberste Gerichtshof der USA nach mehreren Instanzen in Buck v. Bell in einer 8: 1-Entscheidung, dass Buck, ihre Mutter und ihre Tochter „feeble-minded“ und „promiscuous“ seien, so dass ihre Sterilisation verfassungsgemäß sei und im Interesse des Staates Virginia läge. Er bestätigte damit den drei Jahre zuvor in Virginia verabschiedeten Eugenical Sterilization Act, der die eugenische Sterilisation von Menschen vorsah, die als genetisch untauglich angesehen wurden. Richter Oliver 12 Eugenik und Zwangssterilisation 177 <?page no="178"?> Wendell Holmes Jr. begründete die Entscheidung des Gerichts mit dem berüchtigten Satz „Drei Generationen von Schwachsinnigen sind genug“ (274 U.S. 200, 1927). Für Harry H. Laughlin, der auch schriftlich im Prozess ausgesagt hatte, bedeutete Bucks juristische Niederlage, dass der Weg frei war für eine weitreichende praktische Anwendung der eugenischen Zwangssterilisation (Laughlin 1922, 97). Buck wurde am 19. Oktober 1927 sterilisiert. Insgesamt hatten 30 Bundestaaten Sterilisationsgesetze, die teils bis in die 1970er Jahre in Kraft waren und auf deren Grundlage, wie bereits erwähnt, zwischen 60.000 und 70.000 US-Amerikaner: innen einer zwangsweisen Ste‐ rilisation unterzogen wurden, wobei hier Native Americans nicht eingerechnet sind (Kevles 1985, 6). Erst im Jahr 2001 räumte das Parlament von Virginia ein, dass das Sterilisationsgesetz auf fehlerhaften wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhte, und drückte sein „tiefes Bedauern über die Rolle des Staates Virginia in der Eugenikbewegung in diesem Land und über den im Namen der Eugenik verursachten Schaden“ aus (Anonym 2002). Am 2. Mai 2002 wurde zu Ehren von Carrie Buck in ihrer Heimatstadt Charlottesville ein Denkmal errichtet. Obwohl der Oberste Gerichtshof 1942 mit der Entscheidung in Skinner v. Oklahoma ein Gesetz kassierte, das die unfreiwillige Sterilisation von Straftätern erlaubte, wurde das Urteil im Fall Buck v. Bell aus dem Jahr 1927 bis heute nicht formell aufgehoben. Indigene Frauen Indigene Frauen wurden überdurchschnittlich häufig Opfer staatlich angeordneter Sterilisation (Lawrence 2000; Lawrence 2014; Mattioli 2023, 260). Die Bundesregierung und lokale Behörden haben lange Zeit versucht, die Fortpflanzung von Indigenen zu kontrollieren, indem sie Instrumente wie Zwangssterilisationen und die Unterbringung Indigener Kinder in staatlichen boarding schools und Pflegeeinrichtungen einsetzten (→ Kapitel Zwangsassimilation der American Indians). Unter Native Americans etablierte sich innerhalb von Familien, Stammesnetzwerken und Aktivistinnengruppen bald organisierter Widerstand gegen diese Praktiken (O’Sullivan 2007, 72-105). Die Organisation Women of All Red Nations (WARN) war hier besonders aktiv (O’Sullivan 2007, 91-94; Theobald 2019, 173-84). Anders als bei weißen Frauen wurde hier auch zum irreversiblen Mittel der Hysterektomie gegriffen. In den 1960er und 1970er Jahren führte der Indian Health Service (IHS) und mit ihm zusammenarbeitende Ärzte Sterilisationen an Indigenen Frauen durch, in vielen Fällen ohne Information oder Zustimmung der Patientinnen. In einigen Fällen wurde den Frauen vorgegaukelt, dass die Sterilisationen reversibel seien. In anderen Fällen wurden die Sterilisationen an minderjährigen Patientinnen durchgeführt. Auch andere Fälle von Missbrauch oder Nötigung wurden dokumentiert, etwa die Androhung, ihnen im Falle der Weigerung Sozialhilfe oder Gesundheitsversorgung zu entziehen (→ Kapitel Red Power. Der Kampf der Native Americans um Selbstbestimmung und Souveränität). 178 12 Eugenik und Zwangssterilisation <?page no="179"?> Eine Studie des U.S. General Accounting Office (GAO) stellt fest, dass der Indian Health Service zwischen 1973 und 1976 in vier der von ihm betreuten zwölf Regionen fast 4.000 indianische Frauen oft unter Druck und ohne deren informierte Zustimmung sterilisiert hat (Agosto 2022, 1015 f.). Zudem wurden in diesem Zeitraum 36 Frauen unter 21 Jahren sterilisiert, obwohl ein gerichtlich angeordnetes Moratorium für Sterilisationen bei Frauen unter 21 Jahren bestand. Versuche, die Gesamtzahl der in diesem Zeitraum durchgeführten Sterilisationen zu ermitteln, kommen zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Während die Zählung des GAO ein Minimum darstellt, haben verschiedenen Untersuchungen, darunter eine der Choctaw/ Cherokee-Ärztin und Anwältin Dr. Constance Redbird Pinkerton-Uri, dem IHS vorgeworfen, zwischen 1970 und 1976 zwischen 25 und 50 Prozent der Indigenen Frauen im geburtsfähigen Alter sterilisiert zu haben (Berland und Uri 1974; Ralstin-Lewis 2005, 71 f.). Sollte die Schätzung zutreffen, könnten in diesem Zeitraum bis zu 70.000 Frauen sterilisiert wor‐ den sein. Neben dem IHS waren der Public Health Service (PHS) und das Department of Health, Education and Welfare (HEW) an diesen Sterilisationen beteiligt, die nach 1970 exponentiell zunahmen, u. a. weil Indigene Frauen gezwungen wurden, Geburten in der Klinik durchzuführen (Agosto 2022, 996 f.). Die Situation wurde noch dadurch verschärft, dass die große Mehrzahl Indigener Frauen auf den IHS angewiesen und deshalb leicht erpressbar waren. Mit dem Family Planning Services and Population Research Act (Title X des Bundesgesetzes Public Health Service Act) von 1970 wurde die Sterilisation einkommensschwacher oder nicht krankenversicherter Menschen vom Bund finanziell unterstützt (Knispel 2019; Ralstin-Lewis 2005, 78; Ordover 2003, 184). Es kann festgehalten werden, dass zu einer Zeit, in der einige weiße Frauen sich für das Recht auf freiwillige Sterilisation einsetzten, Women of Color statistisch signifikant häufiger sterilisiert wurden. Während zwischen 1968 bis 1982 15 Prozent aller sterilisierten Frauen im geburtsfähigen Alter weiß waren, lag der Prozentsatz bei African Americans bei 24 Prozent, bei Frauen aus Puerto Rico bei 35 Prozent und bei Native Americans bei 42 Prozent (Ralstin-Lewis, 75 f.). In New York City waren 1965 95-Prozent aller sterilisierten Frauen Puerto-Ricanerinnen (Doyle 2004, 532). 1991 wurde das Kontrazeptivum Norplant auf den Markt gebracht. Es handelt sich dabei um eine Form der reversiblen „chemischen Sterilisation“, bei der ein wirkstoffhal‐ tiges Stäbchen von einem Arzt oder einer Ärztin unter der Haut eingesetzt wird, das für fünf Jahre wirksam ist. Obwohl der Einsatz von Norplant als Verhütungsmittel in der Theorie freiwillig erfolgte, diskriminierten die zahlreichen Versuche seine Verwendung durchzusetzen, besonders Frauen mit niedrigem Einkommen und BIPoC-Frauen. Diese Maßnahmen können als eine Fortsetzung eugenischer Maßnahmen zwischen 1920 und 1960 gedeutet werden. So korreliert die Abnahme chirurgischer Sterilisation mit der Zunahme der Verwendung von chemischen Kontrazeptiva in den Native American Communities trotz ihrer massiven Nebenwirkungen. Bezeichnenderweise dienten die Indigenen Gemeinschaften zwei Jahrzehnte als Testgruppen für die Erprobung von Depo-Provera (einem Konkurrenzprodukt von Norplant), bevor das Medikament 1992 von der Food and Drug Administration (FDA) zugelassen wurde (Gurr 2011, 76). 12 Eugenik und Zwangssterilisation 179 <?page no="180"?> Mit der Entschuldigung für zwangsweise vollstreckte Sterilisationen in Staaten wie Kalifornien und Virginia und der Zahlung von Entschädigungen an die Opfer wurde das Kapitel Zwangssterilisationen abgeschlossen (California Victim Compensation Board 2024; Encyclopedia Virginia 2019). Nicht beendet ist allerdings die Tendenz in der US-amerikanischen Gesellschaft, Intelligenz mit dem Faktor Erbgut zu assoziieren und zu behaupten, verschiedene Ethnien in der US-amerikanischen Gesellschaft seien von ihren Genen her unterschiedlich intelligent (Herrnstein und Murray 1996). 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Während alle Diskutant: innen von einer generellen Minderwertigkeit nicht-weißer Bevölkerungen sprachen, bestand eine besondere Spielart des Rassismus darin, dass Länder daran gemessen wurden, ob sie in der Lage seien, sich demokratisch selbst zu regieren. Die stark rassistische Ausprägung der Imperialismusdebatte hatte auch drastische Auswirkungen für nicht-weiße Minderheiten in den USA, in Form von wachsenden Repressalien. Es wird kaum überraschen, dass der Rassismus ein zentraler Bestandteil der Legiti‐ mation, vielleicht sogar der Motivation des US-amerikanischen Imperialismus um 1900 war. Bei anderen imperialen Großmächten im 19. Jahrhundert war das kaum anders. Allerdings bedienten sich die Gegner kolonialer Expansion in den USA ebenso rassistischer Stereotypen, und ihre Abwehrbemühungen waren erfolgreich, bis der Spanisch-Amerikanische Krieg von 1898 als Katalysator den Widerstand gegen kolo‐ niale Erwerbungen brach. Vielleicht typisch US-amerikanisch in dieser Diskussion war, dass alle weißen Diskutant: innen neben herkömmlichen Stereotypen über nicht-weiße Bevölkerungen vor allem Zweifel daran äußerten, dass diese Bevölkerungen in der Lage sein würden, sich demokratisch selbst zu regieren. Paradoxerweise wurde also die universelle Idee der Demokratie zur Legitimation rassistischer Diskriminierung und Exklusion herangezogen. Die Tatsache, dass rassistische Stereotypen so selbstver‐ ständlich im öffentlichen Diskurs zirkulierten, hatte auch dramatische Konsequenzen für nicht-weiße Minderheiten in den USA, besonders für Afroamerikaner: innen, deren Unterdrückung in der Folge noch zunahm und die Schwierigkeiten hatten, sich gegenüber den Kolonialerwerbungen und dem folgenden Krieg auf den Philippinen zu positionieren. Diese Konstellation sorgte dafür, dass die imperialistische Phase einen dramatischen Höhepunkt in der Geschichte des US-amerikanischen Rassismus markiert. Spanisch-Amerikanischer Krieg Seit Staatsgründung betrachteten sich die USA als antiimperialistisch und Vorkämpfer der Demokratie. Mit der Monroe-Doktrin von 1823 hatten sie den europäischen Mächten zu Verstehen gegeben, dass sie eine Rekolonisierung der in Lateinamerika <?page no="184"?> unabhängigen Staaten als feindlichen Akt betrachten würden. Dieser scheinbare antiimperialistische Konsens hielt bis zum Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898. Allerdings muss man einschränkend hinzufügen, dass viele Historiker: innen heute mit Recht die Besiedlung des nordamerikanischen Kontinents als imperialistischen Akt interpretieren (z.-B. Gleijeses, 2022; Kaplan und Pease, 1993). Erläuterung | Monroe Doktrin und Roosevelt Corollary: 1823 warnte Präsident James Monroe europäische Großmächte vor dem Versuch, in Lateinamerika unab‐ hängig gewordene Kolonien wiederzuerobern. Im weiteren Verlauf des 19. Jahr‐ hunderts verwandelte sich dieses „Verbot“ europäischer Interventionen in ein US-amerikanisches Interventionsgebot. Das kulminierte in einer Rede von Präsi‐ dent Theodore Roosevelt 1904, in der er den Rest der Hemisphäre warnte, dass die USA eingreifen würden, wenn sie die politische und wirtschaftliche Stabilität in der Region bedroht sahen. In der Monroe-Doktrin und ihren „Nachfolgern“ ist die Auffassung begründet, die westliche Hemisphäre sei der „Hinterhof “ der USA. Erläuterung | Spanisch-Amerikanischer Krieg: Am 12. April 1898 erklärten die USA Spanien den Krieg, um Kuba zu „befrieden,“ das sich seit 1895 in Rebellion gegen die spanischen Kolonialherren befand. Nach einem überwältigenden US-amerika‐ nischen Sieg regelte der Friede von Paris die Abtretung der meisten verbliebenen spanischen Kolonien an die USA. Für die USA markierte der Krieg den Auftritt auf der Weltbühne und den Erwerb einiger Territorien als Kolonien. Im Zuge des Krieges gegen Spanien geriet der antiimperialistische Konsens unter Druck. Schon vor Ausbruch des Spanisch-Amerikanischen Krieges waren Bilder über „die Anderen“ relevant. Inmitten zunehmend brutaler Maßnahmen der spanischen Kolonialmacht, einer auf Kuba ausgebrochenen Rebellion Herr zu werden, schürte die US-amerikanische Boulevardpresse Emotionen, während auch die politische Elite be‐ unruhigt war über die Krise gut hundert Meilen vor der Küste Floridas. Journalist: innen konzentrierten sich auf humanitäre Themen und es ist bezeichnend, dass auch Kari‐ katurist: innen kubanische Rebell: innen als mehrheitlich weiß darstellten. Besonders beliebt waren Bilder, die Kuba als Frau in Not darstellten, bedrängt von den Avancen spanischer Männer. Damit wollte die Presse Sympathien für die kubanischen Rebell: in‐ nen wecken. Wenn in dieser Phase rassistische Stereotypens zum Tragen kamen, dann mehrheitlich gegen die Spanier gerichtet, die als unaufrichtig und verschlagen dargestellt wurden (Linderman 1974, 120-37). Die Explosion eines US-amerikanischen Kriegsschiffs auf Flottenbesuch in Havanna - die sich später als Unfall herausstellen sollte - tat ein Übriges, um die US-amerikanische Öffentlichkeit vom hinterhältigen Charakter des Feindes zu überzeugen. Im April 1898 ebnete der US-Kongress den Weg zum Feldzug gegen die spanische Kolonialmacht - allerdings mit einem Zusatz, dem 184 13 Imperialismus <?page no="185"?> sogenannten Teller-Amendment, das den Kubaner: innen Unabhängigkeit garantierte und US-amerikanische Annektierungsinteressen in Abrede stellte. Dennoch sorgten politische Annektierungswünsche (oder: Begehrlichkeiten) einiger Entscheidungsträger: innen in Washington und die „Entdeckung,“ dass es sich bei vielen Rebell: innen um Nachfahr: innen afrikanischer Sklav: innen handelte, für eine rassistische Kehrtwende. Obwohl die Rebell: innen die US-amerikanischen Streitkräfte zumindest mittelbar unterstützt hatten, wies Washington jegliche Art von Allianz von sich und schloss die Rebell: innen von Siegesfeierlichkeiten aus. Die ursprüngliche Sympathie für die Kubaner: innen sank rapide und schlug in Misstrauen dahingehend um, ob man eine kubanische Unabhängigkeit tatsächlich unterstützen könne, obwohl der Kongreß das Teller-Amendment verabschiedet hatte (Smith 1992). Rassismus in der Imperialismusdebatte Viel drastischer aber offenbarte sich der allgegenwärtige Rassismus in der Debatte, die sich über das Schicksal der anderen im Krieg von den USA besetzten spanischen Kolo‐ nien entspann. Konkret handelte es sich um Puerto Rico, einige pazifische Territorien, vor allen Dingen die Philippinen, wo die US-amerikanische Pazifikflotte ihr spanisches Pendant versenkt und die Hauptstadt Manila eingenommen hatte, und um Hawaii, das unabhängig vom Krieg schon früher ins Visier US-amerikanischer Expansionisten geraten war. Nachdem die Kriegshandlungen Mitte August eingestellt und Friedensver‐ handlungen in Paris aufgenommen worden waren, diskutierten US-Amerikaner: innen, ob sie einige oder alle eingenommenen Territorien annektieren sollten. Während dabei nationale demokratische und antiimperialistische Traditionen eine wichtige Rolle spielten, führten beide Seiten auch rassistische Argumente ins Feld. Das mag bei den Befürworter: innen territorialer Annektierung weniger erstaunen, da Argumente über Rassenhierarchien in vielen historischen Kontexten zur Enteignung Indigener Bevölkerungen instrumentalisiert worden sind. Ebenso wenig erstaunt der Rassismus Demokratischer Antiimperialist: innen aus den Südstaaten, die in dieser Phase versuchten, die seit dem US-Bürgerkrieg befreiten Sklav: innen durch legalisierte Rassentrennung zu unterdrücken. Sie argumentierten ganz offen, dass es undenkbar sei, dass die USA dem schon existierenden „Rassen‐ problem“ mit den Afroamerikanner: innen ein weiteres durch die Annektierung der spanischen Kolonialgebiete hinzufügten. Für ihre Ablehnung von Gebietserwerbungen war der Rassismus nicht nur zentrales Argument, sondern auch Motivation. Bei ihren antiimperialistischen „Verbündeten“ aus dem Norden war das allerdings anders. Dort stellten sich vor allem Republikaner und politisch Unabhängige gegen die Politik der US-Regierung unter Präsident William McKinley. Viele hatten sich im Kampf gegen die Sklaverei, im Bürgerkrieg und gegen die Segregationsgesetzgebung in den Südstaaten verdient gemacht (Tompkins 1968, 378-79). Warum bedienten sich ausgerechnet Veteran: innen dieser vordergründig antirassistischen Anliegen nun der Argumente über die angebliche Minderwertigkeit der Bevölkerungen der ehemaligen spanischen 13 Imperialismus 185 <?page no="186"?> Kolonialgebiete? Darüber mag ein Brief von Charles Francis Adams Jr., Mitglied einer Bostoner Familie, die einen Präsidenten und einen Außenminister gestellt hatte, an den Deutsch-Amerikaner Carl Schurz, einen der aktivsten Antiimperialisten, Aufschluss geben. Adams betonte, dass die Benutzung rassistischer Argumente, besonders anti‐ chinesischer und antiasiatischer Vorurteile, in der antiimperialistischen Kampagne positiven Widerhall in der Bevölkerung finden würde (Hilfrich 2012, 55). Im Gegensatz zu den Südstaatlern handelt es sich hier also eher um eine taktische Entscheidung, die trotzdem verdeutlicht, wie stark verankert der Rassismus in der US-amerikanischen Gesellschaft der Jahrhundertwende war. Ebenso bemerkenswert ist die konkrete Instrumentalisierung des Rassismus in den Argumenten beider Seiten, denn er stand in enger Verbindung mit demokratischen Überzeugungen. Bei den Antiimperialist: innen dominierte ein Zirkelschluss, den Carl Schurz so kontinuierlich seit frühen Expansionsbestrebungen in den siebziger Jahren ins Feld geführt hatte, dass der Historiker Robert Beisner ihn als „Schurz’s Law“ bezeichnet hat (Beisner 1985, 22). Dieses „Gesetz“ besagte, dass der Imperialismus auf zweierlei Art zum Untergang der US-amerikanischen Demokratie führen müsse. Ent‐ weder würden die Imperialist: innen die Verfassung missachten, die nach Meinung der Antiimperialist: innen Gebietserwerb nur zulasse, wenn diese Territorien als Staaten in die Union aufgenommen würden. Würde die Verfassung mißachtet, dann würden die Fundamente der Demokratie ausgehöhlt. Anderenfalls kam der Rassismus zum Tragen: Wenn die Philippinen tatsächlich als Staat der Union beitreten würden, dann würde die mangelnde Demokratiefähighkeit ihrer Bevölkerung die US-amerikanische Demokratie von innen zerstören. Paradoxerweise bezog sich der Rassismus also auf das universelle Prinzip der Demokratie, das hier allerdings zweckentfremdet wurde, um bestimmte Gruppen auszuschließen, besonders von einer eventuellen Aufnahme in den US-amerikanischen Staatenverbund. Während diese Auslegung des Rassismus in antiimperialistischen Zirkeln domi‐ nierte, gab es noch auf spezifische Gruppen zugeschnittene Spielarten. Beispielsweise wurde für die Arbeiterklasse ein Horrorszenario beschworen, das selbst eintreten würde, wenn die Philippinen und andere Territorien im Kolonialstatus verharrten - die massive Einwanderung philippinischer Arbeitskräfte, die zu Dumpinglöhnen mit US-Amerikaner: innen konkurrieren würden. Dieses Szenario war gerade im Westen der USA wirksam, der den Philippinen am nächsten lag und wo es schon Erfahrungen mit chinesischen Arbeiter: innen gegeben hatte. Tatsächlich hatte die antichinesische Stimmung im Westen dazu geführt, dass mit dem Chinese Exclusion Act von 1882 zum ersten Mal eine klar definierte Bevölkerungsgruppe von der Einwanderung in die USA ausgeschlossen worden war (→ Kapitel Rassismus gegen Asian American Pacific Islanders). Die essentialistische Annahme im Hinblick auf Chines: innen, Filipinos und andere Asiat: innen war, dass diese in der Lage seien, mit weniger Geld und Essen auszukommen und deshalb bereit sein würden, ortsübliche Löhne zu unterbieten. Solche Argumente kursierten vor allem im Umfeld der damals größten Gewerkschaft, 186 13 Imperialismus <?page no="187"?> der American Federation of Labor, und ihrem Präsidenten Samuel Gompers (Hilfrich 2012, 52). Der antiimperialistische Rassismus war also komplett pessimistisch in seiner An‐ nahme, dass diese „Charaktereigenschaften“ nicht-weißer Bevölkerungen konstant blieben. Filipinos und Hawaiianer: innen würden der demokratischen Regierungsform niemals mächtig sein, was auch mit der Montesquieu’schen Klimatheorie begründet wurde, nach der Demokratie in tropischen Breitengraden nicht gedeihen könne. Wollte man es trotzdem versuchen und US-Amerikaner: innen zur Verwaltung und Erziehung, oder sogar als Siedler: innen, in die tropischen Kolonien entsenden, dann würde die überlegene Rasse degenerieren. Es wurde also fast jeglicher Kontakt mit den Filipinos abgelehnt - und ganz sicher ihre Inkorporation in den US-amerikanischen Staatenverbund (Hilfrich 2012, 39-76). Während viele Imperialist: innen sich instinktiv ähnlich abfällig über die Filipinos und andere nicht-weiße Bevölkerungen in den ehemals spanischen Kolonien äußerten, bedurften ihre Annektierungsabsichten einer „optimistischeren“ Auslegung. Sie bestä‐ tigten, dass die Filipinos und Andere zwar noch nicht in der Lage seien, demokratisch zu regieren, dass aber eine längere Trainingsphase durch eine überlegene Nation wie die USA sie dazu befähigen würde. Zu dieser paternalistischen Spielart des Rassismus pass‐ ten die Karikaturen, die nicht-weiße Bevölkerungen als Kinder darstellten, oft in einem Klassenzimmer, und Uncle Sam als weisen und geduldigen Lehrmeister. Diese Karika‐ turen enthüllten auch weiter gehende Hierarchisierungen - von lateinamerikanischen Personifikationen als junge Frauen - also bereits fortgeschritten - bis zu den Filipinos als kleine Kinder und Afroamerikaner: innen und Indigenen US-Amerikaner: innen als unbeteiligte Zuschauer, was suggerierte, dass manche Bevölkerungsgruppen nicht erfolgreich erzogen werden konnten („School Begins“ 1899). Zusätzlich zu diesem paternalistischen Rassismus, der koloniale Herrschaft im Einzelnen rechtfertigen sollte, bemühten die Imperialist: innen einen größeren binären Gegensatz, der lokale Fragen transzendierte. Theodore Roosevelt, der publikumswirk‐ sam in Kuba gekämpft hatte, Präsident McKinley als Vizepräsident diente und nach dessen Ermordung 1901 selbst Präsident wurde, betonte eine sozialdarwinistische Dichotomie zwischen Zivilisation und Barbarei. Diese Weltanschauung postulierte als Naturgesetz, dass Krieg zwischen Zivilisationen ein für alle Mal überwunden sei, dass er zwischen Zivilisationen und „Barbar: innen“ allerdings unvermeidlich sei, bis die „Barbarei“ endgültig verschwände. „Barbarische Gesellschaften“ galten dabei nicht nur als gestrig aggressiv und kriegerisch, sondern sie seien angeblich auch nicht in der Lage, verantwortlich mit ihrem Land und ihren Rohstoffen umzugehen (Drinnon 1990, 232-42; Kramer 2006b, 194-200). Ähnliche Argumentationen waren schon verwendet worden, um die Indigene Bevölkerung Nordamerikas zu enteignen, und sie wurden nun auf globaler Ebene wieder zum Einsatz gebracht: Koloniale Herrschaft diene dem Wohle der gesamten Menschheit, insbesondere der zivilisierten Nationen, indem sie die Entwicklung unterentwickelter Gebiete voranbringe. In Bezug auf die Frage, wie die „Barbarei“ der Kolonisierten verschwände, blieb dieser Diskurs bequemerweise 13 Imperialismus 187 <?page no="188"?> nebulös, aber man konnte damit den Krieg auf den Philippinen rechtfertigen, der im Februar 1899 ausbrach, nachdem die USA den Archipel offiziell im Frieden von Paris erworben hatten. Dieses binäre Gegensatzpaar, das beileibe nicht nur ein US-amerikanisches, son‐ dern ein gesamt-imperialistisches Narrativ war, hatte unter den Filipinos selbst tra‐ gisch-ironische Konsequenzen. Wie der Historiker Paul Kramer eindrucksvoll gezeigt hat, waren sich philippinische Militärs durchaus bewusst, dass der Übergang zum Guerrillakrieg, der aufgrund der US-amerikanischen Überlegenheit geboten war, die Vorurteile über die „Barbarei“ auf den Philippinen noch befeuern würde (Kramer 2006a, 132). Allerdings sahen sie militärisch keine Alternative. US-Amerikanische Imperialist: innen nutzten diese Vorlage als „Beweis“ für ihre Behauptungen über das niedrige zivilisatorische Niveau der Philippinen und die Notwendigkeit, sie zu „verbessern“ - obwohl die USA selbst mit extrem brutalen Maßnahmen gegen die Filipinos vorgingen. Sie übernahmen das spanische Vorgehen, Zivilist: innen in soge‐ nannten Konzentrationslagern einzupferchen und jeden Filipino ausserhalb der Lager für vogelfrei zu erklären. Darüber hinaus brachten US-Soldaten die Foltermethode der sogenannte „Wasserkur“ zum Einsatz, die im 21. Jahrhundert als waterboarding von Terrorismusverdächtigen wieder auferstehen sollte. Insgesamt erleichterte der Rassismus gegenüber den Filipinos eine brutale Kriegführung und Massaker. Rassismus nach dem Pariser Friedensschluss Das geschilderte Muster eines rein negativen und eines paternalistisch geprägten Rassismus wandelte sich auf subtile Weise im Laufe der Zeit. Während Antiimperi‐ alist: innen aus den Südstaaten am rassistischen Narrativ unverändert festhielten, verschwanden rassistische Argumente aus den Texten und Ansprachen prominenter Antiimperialist: innen aus den Nordstaaten. Carl Schurz oder Moorfield Storey, ein Bos‐ toner Anwalt, der bald erster (weißer) Präsident der National Association for the Ad‐ vancement of Colored People werden sollte, betonten stattdessen den Freiheitskampf der Filipinos und griffen dabei auch auf Vergleiche mit General George Washington, dem Helden des US-amerikanischen Unabhängigkeitskrieges, zurück. Dieser Wandel lässt sich mit der Tatsache erklären, dass es den Imperialist: innen gelungen war, eine Hälfte von Schurz‘ Zirkelschluss auszuhebeln. So regelte der Frieden von Paris unter anderem die Abtretung der Philippinen an die USA für eine Zahlung von 20 Millionen Dollar. Ende Dezember 1898 erliess Präsident McKinley die sogenannte „Benevolent Assimilation“-Proklamation, die den Filipinos persönliche Freiheiten und Rechte zusi‐ cherte, aber die staatliche Oberhoheit für die USA reklamierte. Mit anderen Worten, die Philippinen sollten US-amerikanische Kolonie werden. Wie jeder Vertrag musste auch dieser noch mit Zweidrittelmehrheit im Senat verabschiedet werden. Allen Senatoren und politischen Beobachter: innen war damit klar, dass eine erfolgreiche Verabschie‐ dung der Anerkennung des Kolonialprinzips gleichkam - und damit der Ablehnung des verfassungsrechtlichen Automatismus, dass jedes annektierte Territorium eines Tages 188 13 Imperialismus <?page no="189"?> den Status eines Einzelstaates der Union haben würde. Zwar dauerte es noch bis 1901, bis der US-amerikanische Oberste Gerichtshof diese Auslegung offiziell in den „Insular Cases“ anerkannte, aber Antiimperialist: innen aus den Nordstaaten realisierten, dass die rassistischen Argumente viel von ihrer Wirkung einbüßten, wenn Filipinos nicht mehr automatisch US-Amerikaner: innen werden oder am politischen System teilhaben würden. Zudem war kurz vor der Ratifizierung des Vertrages ein Krieg zwischen den USA und den Filipinos ausgebrochen, als letztere erkannten, dass die USA den Archipel nicht in die Unabhängigkeit entlassen würden. Die Antiimperialist: innen nutzten diese Umstände für eine konsequente Argumentation, die Freiheit und das universelle Recht auf Selbstbestimmung in den Mittelpunkt stellte und die nicht mehr vom impliziten Widerspruch belastet war, dass diese Indigenen Bevölkerungen die Selbstbestimmung angeblich gar nicht verdienten. Allerdings muss man einschränkend hinzufügen, dass selbst nördliche Antiimperi‐ alist: innen nicht so weit gingen, die Filipinos auf dieselbe Entwicklungstufe zu stellen wie US-Amerikaner: innen. Wenn sie den Präsidenten der Philippinischen Republik, Emilio Aguinaldo, mit George Washington verglichen, dann fügten sie hinzu, dass er ein philippinisches Pendant sei und nicht dem historischen Washington ebenbürtig. Und wenn sie sich nun zuversichtlich äußerten, dass die Philippinen in der Lage wären, ihre eigene Regierung zu bilden, dann betonten sie gleichzeitig, dass eine solche Regierung zwar gut genug für die Philippinen sein würde, aber nicht mit US-amerika‐ nischen Standards vergleichbar (Hilfrich 2012, 25, 54). Unterschwellige rassistische Töne blieben also hörbar und Antiimperialist: innen schreckten nicht vor Widersprüch‐ lichkeiten zurück, wenn es ihren politischen Zielen diente. Zwei Republikanische Annektierungsgegner liefern dafür gute Beispiele. Der schottisch-amerikanische In‐ dustriemagnat Andrew Carnegie lehnte zwar die Annektierung der Philippinen ab, aber er hatte nichts gegen den Erwerb kleinerer Territorien in der Karibik einzuwenden, weil das US-amerikanischen Wirtschaftsinteressen diente. Um das zu rechtfertigen, schreckte Carnegie auch nicht vor den üblichen rassistischen Stereotypen über die dort ansässigen Bevölkerungen zurück, denen auch er Unfähigkeit unterstellte, ihre eigenen Belange vernünftig zu regeln. Senator George F. Hoar aus Massachusetts, einer der wortgewaltigsten und prinzipientreusten Antiimperialist: innen, befürwortete die Annektierung von Hawaii im Jahr 1898, wenn auch mit der Absicht, die Inseln eines Tages als Staat der Union aufzunehmen. Seine Zuversicht, dass dies möglich sein würde, begründete er mit der Aussicht, dass Indigene Hawaiianer: innen, die er als minderwertig und degeneriert beschrieb, eines Tages aussterben und von US-Ameri‐ kaner: innen ersetzt werden würden. Hier unterschied er sich kaum von Roosevelt und seiner rassistischen Rhetorik über den Sieg der Zivilisation (Hilfrich 2012, 31-32). Die Kehrtwende und die fortbestehenden Widersprüchlichkeiten in den Argumen‐ ten vieler Antiimperialist: innen aus dem Norden belegen einmal mehr ihr ursprünglich zynisches Kalkül. Wenn es ihnen so leicht fiel, den Rassismus fallen zu lassen, sobald er nicht mehr nützlich war, ist es sehr wahrscheinlich, dass er ihnen kein Herzensanliegen war, sondern - wie von Adams angedeutet - instrumentalisiert wurde, weil sie sich 13 Imperialismus 189 <?page no="190"?> davon Nachhall in der Bevölkerung versprachen. Überhaupt betonten Antiimperia‐ list: innen stets, dass es ihnen in erster Linie um die USA ging, um die „Reinhaltung“ der US-amerikanischen Demokratie - von imperialistischen Bestrebungen, aber eben auch von anderen Bevölkerungsgruppen. Was mit diesen Bevölkerungen und Nationen geschehen sollte, war erklärtermaßen zweitrangig. Auswirkungen in der Region Auch wenn Antiimperialist: innen aus dem Norden der USA ihren Rassismus zumindest abmilderten, bestand das Misstrauen der politischen Öffentlichkeit gegenüber den de‐ mokratischen Fähigkeiten nicht-weißer Bevölkerungen fort. Es beeinflusste nicht nur die US-amerikanische Außenpolitik gegenüber den übrigen von Spanien erworbenen Kolonien, sondern gegenüber dem gesamten karibischen und pazifischen Raum. Die erste Annektierung hatte nur bedingt etwas mit dem Krieg gegen Spanien zu tun, aber viel mit dem grassierenden Rassismus. Noch während des Krieges, im Juli 1898, annektierte der US-amerikanische Senat Hawaii, basierend auf einem Annektierungsvertrag von 1893. Damals hatte der Demokratische Präsident Grover Cleveland noch sein Veto eingelegt, weil der Vertrag von einer pro-amerikanischen Putschregierung aufgesetzt worden war, die die hawaiianische Monarchin gestürzt hatte. Präsident McKinley teilte diese Skrupel nicht und legte den Vertrag erneut vor. In der folgenden Debatte betonten die Befürworter: innen nicht nur die Tatsache, dass Pearl Harbor der US-amerikanischen Pazifikflotte im Krieg gegen Spanien gute Dienste geleistet habe, sondern sie führten die üblichen rassistischen Argumente ins Feld, dass die Hawaiianer: innen den Archipel nicht kontrollieren könnten und dass sie zum Aussterben verdammt seien. Besonders letztere Annahme - und die Tatsache, dass es relativ wenige Indigene gab (laut U.S. Census waren es 1920 ca. 20.000, obwohl die Zahlen bis heute wieder deutlich angestiegen sind) - trugen dazu bei, dass sich deutlich weniger Senatoren diesem Gebietserwerb widersetzten als dem der Philippinen. Anfang Juli 1898 stimmten 42 Senatoren für die Annexion, 21 dagegen (New York Tribune 1898, 9). Puerto Rico war neben den Philippinen die größte spanische Kolonie, die den USA im Pariser Friedensvertrag zufiel, da Kuba in die Unabhängigkeit entlassen werden sollte. Der sogenannte Foraker Act von 1900 etablierte US-amerikanische Souveränität und einen puertorikanischen Kongreß. Anders als US-amerikanische Einzelstaaten entsandte dieser Kongreß keine Repräsentant: innen mit Stimmrecht nach Washington. Zumindest vorerst bekamen die Einwohner: innen der Insel auch keine US-amerikani‐ sche Staatsbürgerschaft. Die Debatte über die Zukunft Puerto Ricos hatte noch einmal deutlich gemacht, dass es der US-Regierung vor allem darum ging zu beweisen, dass sie die Insel verwalten konnte, ohne die Aufnahme in den Staatenverbund zu avisieren. Der Slogan der Antiimperialist: innen, dass die Verfassung der US-amerikanischen Flagge in die Territorien folgen müsse, war widerlegt - und damit war auch die Angst ge‐ bannt, dass Puertorikaner: innen automatisch die US-amerikanische Staatsbürgerschaft 190 13 Imperialismus <?page no="191"?> erlangen würden. Noch heute lebt die Insel im konstitutionellen Zwielicht: Zwar bekamen ihre Einwohner: innen 1917 die US-Staatsbürgerschaft, aber die politischen Institutionen haben noch immer kein Mitspracherecht in Washington (Ayala und Bernabe 2007, 57-58). Der schwierigste Fall war Kuba. Natürlich hatte der Kongreß im Teller-Amend‐ ment die Unabhängigkeit Kubas zugesichert, aber US-amerikanische Beobachter: innen waren sich nicht mehr sicher, ob diese Entscheidung gut gewesen war. Das Bild der (weißen) kubanischen Freiheitskämpfer: innen wandelte sich schnell in das einer desorganisierten, schlecht ausgerüsteten und vor allem nicht-weißen Bande von Auf‐ rührer: innen, deren militärische Leistungen gegen Spanien nicht anerkannt wurden. Unter den US-amerikanischen Imperialist: innen waren einige, die das Teller-Amend‐ ment deshalb gerne ignoriert hätten. Unmittelbar nach dem Krieg herrschte eine US-amerikanische Militärregierung, bevor Kuba 1901 zu einem US-amerikanischen Protektorat wurde. Um nominelle Unabhängigkeit zu erlangen, musste die erste kubanische Regierung das sogenannte Platt Amendment in die Verfassung aufnehmen. Dieses sicherte den USA weitgehende Interventionsrechte zu, wenn eine US-Regierung die politische Lage auf Kuba als hinreichend instabil betrachtete, und es regelte auch die Abtretung von Guantanamo Bay, wo die USA seitdem eine Militärbasis unterhalten, auf der heute Terrorismusverdächtige interniert werden. Interventionen und US-amerikanische Besatzungen der Insel folgten 1906-1909, 1912 und 1917-1922. Und wieder einmal war es das rassistisch eingefärbte Bild der Kubaner: innen gewesen, das maßgeblich zu einer Einschränkung der nationalen Souveränität geführt hatte (Gleijeses 2022, 219-20). Diese Praxis machte auch vor Staaten nicht halt, die lange vor dem Spanisch-Ame‐ rikanischen Krieg ihre Unabhängigkeit erhalten hatten. In der sogenannten Roosevelt Corollary zur Monroe-Doktrin von 1823 hatte Präsident Theodore Roosevelt 1904 angekündigt, dass die USA sich das Recht vorbehielten, bei „chronic wrongdoing“ ihrer Nachbarn militärisch zu intervenieren (Roosevelt 1904). Schon die Annahme, dass die Nachbarn der USA auf diese Art und Weise „schuldig“ werden würden, war rassistisch. Dass das keine leere Drohung war, beweisen US-amerikanische Interventionen und Okkupationen in der Dominikanischen Republik, Haiti, Nicaragua und Honduras zwischen 1903 und 1935. Konkreter Anlass war in den meisten Fällen das angebliche lokale Unvermögen, Importzollgebühren zu erheben und damit die Regierung zu finanzieren. Das rassistische Vorurteil über die Fähigkeiten nicht-weißer, in diesem Fall Indigen, hispanisch und afrikanisch geprägter Bevölkerungen wurde über die ge‐ samte Region ausgedehnt und zur Legitimations-, wenn nicht gar Motivationsmaxime US-amerikanischer Außenpolitik in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Woodrow Wilson, der vorgebliche Apostel der Demokratie im Ersten Weltkrieg, intervenierte wiederholt im Nachbarland Mexiko, weil ihm die dortige politische Instabilität während der Revolution, aber auch einige revolutionäre Regierungen nicht behagten. Wieder einmal wurde Demokratie, ein universal-inklusives Prinzip, zur Grundlage von Exklusion, Hierarchisierung und Intervention (Gleijeses 2022, 241-46). 13 Imperialismus 191 <?page no="192"?> Auswirkungen für ethnische Minderheiten in den USA Ebenso dramatische Konsequenzen hatte der von der zeitgenössischen Außenpolitik befeuerte Rassismus für Afroamerikaner: innen in den USA. Der Zeitraum zwischen 1890 und 1910 gilt allgemein als Höhepunkt der Rassentrennung in den USA, was durch den Diskurs über die mangelnde demokratische Kompetenz nicht-weißer Rassen unterstützt wurde (→ Kapitel Lynchjustiz und → Kapitel Segregation). Antiimperia‐ list: innen aus den Südstaaten bezeichneten sich als „Expert: innen“ für die angeblich desaströsen Konsequenzen des Zusammenlebens verschiedener „Rassen“. Wie konnten die Imperialist: innen planen, den USA ein neues „Rassenproblem“ auf den Philippinen hinzuzufügen, fragten sie rhetorisch. Politisch brisanter für Afroamerikaner: innen war allerdings, dass ihre traditionelle Unterstützung durch die Republikaner aus den ehemaligen Nordstaaten geschwächt wurde. Das lag einerseits daran, dass die Regierung McKinley den Spanisch-Amerikanischen Krieg nutzte, um die Versöhnung zwischen dem (weißen) Norden und Süden voranzutreiben. Dabei übersahen sie stillschweigend die Unterdrückung der Afroamerikaner: innen im Süden. Zudem verglichen auch die Republikaner Afroamerikaner: innen direkt mit den Filipinos. Im Präsidentschaftswahlkampf von 1900 betonten Pamphlete, dass die Republikaner die Filipinos genauso „aufrichten“ würden, wie sie es mit den ehemali‐ gen Sklav: innen getan hätten. Der Paternalismus feierte also auch intern fröhliche Urstände, ebenso in Diskussionen darüber, dass eine praktische Berufsausbildung für Indigene Amerikaner: innen, Afroamerikaner: innen und Filipinos wesentlich ge‐ eigneter sei als ein Universitätsstudium, das angeblich ihren Intellekt überforderte. Afroamerikaner: innen wurden also auf Diskursebene zu einem kolonialisierten „An‐ deren“ wie die Filipinos (Hilfrich 2012, 65-66). Zwar empfing Roosevelt als erster US-Präsident einen Afroamerikaner im Weißen Haus, Booker T. Washington. Zugleich aber hatte er in Erinnerungen über seine Zeit im Krieg fälschlicherweise behauptet, dass ein afroamerikanisches Regiment, das ihn und seine sogenannten „Rough Riders“ in einer Schlacht auf Kuba tatsächlich gerettet hatte, nur unter Anleitung weißer Offiziere kämpfen konnte. Diese Behauptung sollte nicht nur Roosevelts Ruhm befördern, sondern sie unterfütterte auch das gängige Narrativ von nicht-weißen Rassen, die der leitenden Hand ihrer weißen „Herren“ bedurften (Kaplan 1993, 229). Die Reaktionen der Afroamerikaner: innen selbst demonstrierten das ganze Ausmaß des politischen Dilemmas, in dem sie sich befanden. Wie ein Kommentator es aus‐ drückte, befanden sie sich „between the devil and the deep sea“ (Kelly Miller, zitiert nach Bresnahan 1981, 161). Anders als ihre weißen Mitbürger: innen waren sich viele Afroamerikaner: innen von Anfang an bewusst, dass auf Kuba viele Nachfahr: innen af‐ rikanischer Sklav: innen gegen die spanische Herrschaft aufbegehrten. Gerade deshalb setzten sie vor dem Krieg große Hoffnungen in ein unabhängiges Kuba, das beweisen würde, dass auch nicht-weiße Rassen sich selbst regieren konnten. Umso enttäuschter waren sie deshalb von der Einschränkung kubanischer Souveränität durch das Platt Amendment und die unverhohlen rassistischen Diskussionen über die Insel (Brock 1993, 14-15). 192 13 Imperialismus <?page no="193"?> Im Hinblick auf die Philippinen waren ihre Ansichten zwiespältiger und es gab auch unter Afroamerikaner: innen keinen Konsens über die nächsten Schritte. Erschwerend kam noch hinzu, dass Afroamerikaner: innen im Spanisch-Amerikanischen Krieg und nun auch im Krieg auf den Philippinen kämpften, in der (vergeblichen) Hoffnung, dass ihr Militärdienst zur Anerkennung als volle Staatsbürger und Patrioten führen würde. Trotzdem zeigten gerade zu Anfang einige Kommentator: innen viele Sympathien für den philippinischen Freiheitskampf. Dabei wiesen sie explizit darauf hin, dass die Filipinos dunkelhäutig seien und dass ihre Behandlung durch die USA Parallelen zur Diskriminierung und zur Lynchjustiz gegen Afroamerikaner: innen habe. In beiden Fällen zeige sich das ganze Ausmaß des US-amerikanischen Rassismus, so diese Beobachter: innen. Radikalere Kommentator: innen gingen sogar so weit, afroameri‐ kanische Soldaten zur Desertion aufzurufen, weil Gewalt gegenüber den Filipinos undenkbar sei. Das passierte allerdings nur in ganz wenigen Einzelfällen (Gatewood 1975, 210). Die überwiegende Mehrheit der Afroamerikaner: innen, selbst Antiimperialist: innen wie die wenigen auf Seiten der Demokratischen Partei stehenden Zeitungsherausge‐ ber: innen, war extrem vorsichtig, kritische Argumente gerade nicht mit ethnischer Affinität zu begründen. Stattdessen betonten sie wie weiße Antiimperialist: innen den Widerspruch des Imperialismus zu US-amerikanischen Freiheitsidealen und universel‐ len Werten. Sie ließen es sich allerdings nicht nehmen hinzuzufügen, dass sie als Angehörige einer unterdrückten Minderheit nur zu gut die Probleme und Gefühle der Filipinos verstünden (Hilfrich 2012, 69-74). Sympathien für die Filipinos gab es auch unter der Mehrheit der Afroamerika‐ ner: innen die den Republikanern die Treue hielten. Das Ringen mit diesen Gefühlen und der politischen Loyalität konnte zu Schweigen oder auch widersprüchlichen Äußerungen führen. Beispielsweise gestand Herausgeber Edward Cooper in ein und demselben Kommentar seine Bewunderung für den philippinischen Freiheitskampf, argumentierte aber gleichzeitig, dass afroamerikanische Soldaten ihren Patriotismus im Kampf gegen die Filipinos zu beweisen hätten (Cooper 1899). Auch Booker T. Washington schwenkte nach anfänglichen Empfehlungen, die Philippinen in die Unabhängigkeit zu entlassen, auf die Republikanische Regierungslinie ein. Bis zur Wahl von 1900 waren die meisten afroamerikanischen Kommentator: innen in das Lager der Republikanischen Partei zurückgekehrt, obwohl die Republikanische Außenpolitik den heimischen Rassismus nicht nur legitimierte, sondern verstärkte. Allerdings hatten Afroamerikaner: innen eben keine wirkliche politische Alternative. Die antiim‐ perialistischen Demokraten waren weitaus offener rassistisch und sie waren für die Rassentrennung in den ehemaligen Südstaaten verantwortlich. Von ihnen war keine Unterstützung zu erwarten (Gatewood 1975, 222-60). Eine letzte argumentative Variante unter weißen und afroamerikanischen Antiimpe‐ rialist: innen nahm imperialistische Argumente ernst, wandelte sie aber in eine Anklage gegen die Zustände zuhause ab. Wenn es denn wahr sei, dass die Imperialist: innen nichts anderes wünschten als die Befreiung und „Erziehung“ anderer Rassen, so das 13 Imperialismus 193 <?page no="194"?> Argument, warum konzentrierte sich dieser Wunsch auf die Ferne? Warum widmeten sich die Republikaner nicht eher der Emanzipation der Afroamerikaner: innen und gingen gegen die sie unterdrückenden Weißen in den ehemaligen Südstaaten vor? Dieses Argument war eine Spielart typischer Antikriegsrhetorik, dass Krieg zur Vernachlässigung der Heimat führe, aber es hatte in diesem Fall noch eine weitere Zielrichtung, denn es warf ironische Zweifel über die wahren Motivationen der Imperialist: innen auf: Wenn es ihnen tatsächlich um die Verbesserung der Lage für andere ethnische Gruppen ging, warum gaben sie den Feldzug zuhause auf ? Insgesamt war die Debatte innerhalb der afroamerikanischen Minderheit sehr vielschichtig, verworren und widersprüchlich, aber sie zeigte eine Brisanz der „Rassen‐ frage“, die sie unter weißen Diskutant: innen nicht hatte. Für Afroamerikaner: innen war diese Frage nicht akademisch; sie konnten sich den „Luxus“ nicht leisten, rassistische Argumente taktisch einzusetzen, sondern ihnen war klar, dass sowohl imperialistische als auch antiimperialistische Lesarten den Rassismus insgesamt verschärfen und ihre Lage in den USA weiter komplizieren würden. Die Grundfrage, ob nicht-weiße Bevölkerungen der Demokratie mächtig seien, hatte direkte Konsequenzen für die Integration der Afroamerikanner: innen in den USA der Jahrhundertwende. Wie es ein (weißes) Mitglied des Stadtrats von Cambridge, Massachusetts, zusammenfasste: „[America] stands offering liberty to the Cubans with one hand, ramming liberty down the throat of the Filipinos with the other, but with both feet planted upon the neck of the negro“ (W.H. Lewis, zitiert nach Schirmer 1972, 146). Schluss Das Ende des 19. Jahrhunderts war ein Höhepunkt in der Geschichte des US-ameri‐ kanischen Rassismus. Das lag einerseits an den sich radikalisierenden Versuchen, die Emanzipation der Afroamerikaner: innen zu untergraben, aber eben auch an der Phase des formellen Imperialismus der USA, der auch bei anderen Kolonialmächten zu einer Verstärkung nationaler rassistischer Diskurse geführt hatte. In den USA half die Abqualifizierung nicht-weißer Gruppen der Verwirklichung aktueller politi‐ scher Eroberungs- und Herrschaftsziele. Allerdings bedienten sich auch die Gegner kolonialer Expansion rassistischer Argumente. Zusätzlich zu hinreichend bekannten Argumenten über angeblich „minderwertige Rassen“ dominierte auf allen Seiten ein Diskurs, der den Rassismus auf ein universelles Prinzip, die Demokratie, bezog. Weiße US-Amerikaner behaupteten, dass nicht-weiße Bevölkerungen überall in der Welt demokratieunfähig seien. Während Antiimperialist: innen daraus folgerten, dass Kolonialisierung vermieden werden müsse, wandelten Imperialist: innen die Formel paternalistisch ab und behaupteten, dass es die Pflicht der USA und der Welt sei, die Ein‐ heimischen zu „erziehen.“ Um die Jahrhundertwende war die imperialistische Version nicht etwa erfolgreich, weil die US-amerikanische Öffentlichkeit der paternalistischen Version folgte, sondern weil es den Imperialist: innen gelang, die Verbindung zwischen territorialer Annektierung und Aufnahme in den US-amerikanischen Staatenverbund 194 13 Imperialismus <?page no="195"?> aufzulösen. Weiße Amerikaner: innen konnten beruhigt sein, dass beispielsweise die Filipinos nicht Mitbürger: innen werden würden. Zwar fanden in der Folge keine territorialen Annektierungen durch die USA mehr statt, aber die Koppelung des Rassismus an demokratische Normen hatte Bestand, weit über die Jahrhundertwende hinaus. Im Kalten Krieg wurden Interventionen häufig von den Bildern beeinflusst, die sich US-amerikanische Entscheidungsträger: innen und die Öffentlichkeit vom Demokratievermögen anderer Nationen machten. So hat Mark Philip Bradley gezeigt, dass die Überzeugung, dass Vietnames: innen unfähig seien, sich selbst zu regieren, leicht beeinflußbar und deshalb anfällig für den Kommunismus, zur Entscheidung beigetragen hat, in Südostasien zu intervenieren (Bradley 2000) (→ Kapitel Der Vietnamkrieg). Dabei fällt immer wieder auf, wie essentialistisch diese Urteile ausfallen; hier wird nicht mit historischer Kontingenz argumentiert, sondern man konstatiert essenzielle „Probleme“ im Charakter anderer Völker. Literatur „Annexation now Assured.“ New York Tribune, 7. Juli 1898, 9. Ayala, César J. und Rafael Bernabe. 2007. Puerto Rico in the American Century a History Since 1898. Chapel Hill, N.C., London of North Carolina Press. Beisner, Robert. 1968. 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Der zweite Klan formierte sich nach dem Vorbild des ersten Klans und unterzog dessen Ansatz dabei einer Modernisierung, Nationalisierung und Kommerzialisierung. Durch die Taten beider KKK-Inkar‐ nationen wurden sein Name, die Roben und Kapuzen seiner Anhänger: innen und das brennende Kreuz zu vorherrschenden Symbolen des US-amerikanischen Rassismus und seine Propagandarhetorik zum Fundament späterer weißer Natio‐ nalist: innen. Der erste Ku-Klux-Klan Während der Ära der Reconstruction war der Ku-Klux-Klan gleichbedeutend mit rassistischer Gewalt und der Aufstandsbewegung gegen die Vereinigten Staaten mit ihrem Versuch, eine demokratischere soziale Ordnung zu schaffen. Er umfasste Hun‐ derte unabhängiger Gruppen von nightriders, die auf nächtlichen Ausritten Schwarze Männer, Frauen und Kinder, US-amerikanische Soldaten, Amtsträger: innen und lokale weiße Verbündete ermordeten; sexuelle Übergriffe auf Schwarze Frauen und Männer verübten; Wohnungen, Kirchen und Schulen von Afroamerikaner: innen sowie Regie‐ rungseinrichtungen niederbrannten; Schwarze Familien zwangen, ihre Häuser zu verlassen; Schwarze Arbeiter: innen vertrieben und Kommunalsowie Bundeswahlen durch Bedrohung, Einschüchterung, physische Gewalt und Mord manipulierten (Par‐ sons-2015, 6). Der erste Ku-Klux-Klan wurde Mitte des Jahres 1866 in Pulaski, Tennessee, von einer kleinen Gruppe Kriegsveteranen der Konföderiertenarmee gegründet. Unter ihnen befanden sich einige Anwälte und der Herausgeber der Lokalzeitung Pulaski Citizen. Um die internen Tätigkeiten der Gruppe, besonders in den Anfangsjahren, ranken sich beträchtliche Spekulationen. Die Kultur der Verschleierung, Falschdarstellung und Übertreibung lässt sich bis zu ihrem Ursprung zurückverfolgen. Der Herausgeber <?page no="198"?> des Pulaski Citizen kaschierte Details in Berichten über die Gruppe und Anwälte schützten Mitglieder vor strafrechtlicher Verfolgung durch förderale und lokale Be‐ hörden. Jahrzehnte später, nachdem sich ein romantisiertes Narrativ des Krieges der Konföderation gegen die Vereinigten Staaten (die Erzählung des sogenannten Lost Cause) herausgebildet hatte, veröffentlichten einige frühe Mitglieder des Klans ihre Berichte und verbreiteten Dokumente. Zahlreiche Historiker: innen haben überzeu‐ gend gegen die Behauptungen einiger Gründungsmitglieder argumentiert, der KKK sei als Geselligkeitsverein zu reinen Vergnügungszwecken ins Leben gerufen worden (ebd., 27-37, 43-47, 52 f.; Harcourt 2005, 23-35). Die Herkunft des Gruppennamens ist ähnlich unklar. Eine mögliche Erklärung ist die Ableitung vom griechischen Wort kuklos, das für „Kreis“ oder „Ring“ steht; eine andere, dass es sich um eine bewusst mysteriös anmutende Wortschöpfung ohne Bedeutung handelt (Trelease 1971, 3; Parsons 2015, 41). Einigen Quellen zufolge wuchs die Gruppe so schnell, dass es 1867 in Nashville, Tennessee, zur Umstrukturierung und Aufsetzung einer Verfassung, „Prescript“ genannt, kam (Trelease 1971, 3-5, 10); hierbei scheint es sich jedoch eher um eine fiktive Übertreibung zu handeln (Parsons-2015, 51-56). Unabhängig von seiner ursprünglichen Zielsetzung war der Ku-Klux-Klan eine von vielen weißen vigilanten Gruppierungen, die als Reaktion auf die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Umwälzungen entstanden, die das Ende der Sklaverei und die Niederlage der Konföderation mit sich brachten. Tennessee wurde zur frühen Brutstätte für solche Zusammenschlüsse, da es 1862 den Vereinigten Staaten zufiel und seine Staatsregierung damit eher von den Republikanern übernommen wurde, als dies in anderen konföderierten Staaten der Fall war. Die Regierung führte 1867 das Wahlrecht für Afroamerikaner ein und ermöglichte durch die Neueinrichtung eines bundesstaatenweiten öffentlichen Schulsystems sowohl Schwarzen als auch weißen Schüler: innen eine Ausbildung. Mit dem 13. Zusatzartikel zur Verfassung der Vereinigten Staaten schaffte die Bundesregierung die Sklaverei ab und verlieh den Afroamerikaner: innen mit dem 14. und 15. Zusatzartikel die Bürgerrechte, die durch die U.S. Armee und durch das Bureau of Refugees, Freedmen, and Abandoned Lands (allgemein als Freedmen’s Bureau bekannt) durchgesetzt wurden. Vor ihrer Emanzipation wurden Arbeit, Bewegungsfreiheit, Versammlungsrecht, Möglichkeiten zur Versorgung und zum Schutz der Familie sowie persönliche Beziehungen von Afroamerikaner: innen zu einem großen Teil von weißen Südstaatler: innen kontrol‐ liert. Nach dem Krieg reagierten zahlreiche Weiße im US-amerikanischen Süden mit Gewalt, wenn sie mit dem Verlust dieser Kontrolle konfrontiert wurden, ohne sich dabei nennenswerte Sorgen um strafrechtliche Folgen zu machen. Als föderale und Republikanische Offizielle verstärkt Konsequenzen aus Berichten betroffener Afro‐ amerikaner: innen und ihrer weißen Verbündeten zogen und Maßnahmen ergriffen, nahm auch die kollektive Gewalt durch Maskierte zu. Bis zum Sommer 1866 hatten sich in Pulaski und der umliegenden Gegend weiße Männer zusammengeschlossen und begonnen, Angriffe auf Afroamerikaner: innen, die von ihren Selbstbestimmungs- 198 14 Der erste und zweite Ku-Klux-Klan <?page no="199"?> und Bürgerrechten Gebrauch machten, sowie ihre weißen Verbündeten zu verüben (Harcourt-2005, 40-42). Die kulturelle Tradition des Ku-Klux-Klans reicht zu einem wesentlichen Teil in seine Anfangsjahre zurück. Unter Einsatz absichtlich bizarrer Sprache entwickelten die Mitglieder einen Treue- und Geheimhaltungseid, zeremonielle Rituale, ominöse Geheimcodes und -symbole sowie Rangtitel wie Grand Cyclops („Großer Zyklop“; Vorsitzender eines Ortsverbandes bzw. eines „Den“). Die Gruppen trafen sich häufig nachts und verübten ihre Angriffe teilweise in karnevalesker Kostümierung und in Anknüpfung an Traditionen des Charivari (Rügebrauchtum). Schon früh wurden die Mitglieder dazu verpflichtet, ihre Identität durch Verkleidungen zu verbergen. Im Gegensatz zu den Gewändern des 20. Jahrhunderts unterschieden sich diese Kostüme deutlich in Aussehen, Farbe und Ausarbeitung. Üblicherweise bestanden sie aus einer Robe oder einem Kittel sowie einer Maske mit von Hand aufgemalten Gesichtsmerkmalen und Löchern für Augen und Nase. Viele Masken hatten eine längliche oder konische Form, um die Größe ihrer Träger zu verstecken, und einige waren mit Hörnern, Stacheln oder Quasten ausgestattet (Parsons 2015, 5, 40-49, 80-84). Am 6. Juni 1867 trat der KKK erstmal öffentlich auf, als seine Mitglieder in vollständiger Aufmachung durch Pulaski zogen (ebd., 51). Einige Zeitungen und das Freedmen’s Bureau schrieben dem Klan im mittleren Tennessee zahlreiche im Dezember 1867 und Januar 1868 verübte Morde und andere Gräueltaten zu. Berichte von Angriffen durch den Klan verbreiteten sich im Jahr 1868 und insbesondere während der US-Wahl im gesamten Süden (ebd., 7). Der Klan war nicht immer leicht von anderen vigilanten Gruppen zu unterscheiden. Zeitungen beschrieben jeden gemeinschaftlichen Angriff Maskierter auf Afroamerikaner: innen oder Anhänger: innen der Union als „Ku-Klux“ und rechneten Gruppen wie Order of Pale Faces, Knights of the White Camelia, Black Horse Cavalry und Seventy-Six Asso‐ ciation einer solchen Bewegung zu (Kosary 2006, 35). Die Terrorkampagne richtete sich gegen Lehrer: innen afroamerikanischer Schüler: innen, Vertreter: innen des Freedmen’s Bureau, politische Organisationen Schwarzer US-Amerikaner: innen und Schwarze Familien. Maskierte Männer raubten Schwarze Familien aus und vertrieben sie von ihrem Land. Von Plantagenbesitzer: innen wurden sie engagiert, um Arbeiter: innen zum Einsatz auf den Plantagen oder vor Beendigung eines Arbeitsvertrags zur Flucht zu zwingen, sodass ihnen kein Lohn gezahlt werden musste (ebd., 20-29, 34-36). Weitere Kontrolle übten die Mitglieder durch sexualisierte Gewalt gegenüber Schwarzen Frauen, Männern und Kindern aus (ebd., 3, 4). Mit seiner losen, dezentralen Organisation und Geheimhaltungskultur untermi‐ nierte der Ku-Klux-Klan jeglichen Versuch, seine im Rahmen einer weißen nationa‐ listischen Aufstandsbewegung verübten Angriffe effektiv einzudämmen oder ihn zur Rechenschaft zu ziehen (Parsons 2015, 5 f.). Den Republikanisch kontrollierten kommunalen und bundesstaatlichen Regierungen fehlte es an materiellen Ressourcen und Personal. Mitglieder der Demokratischen Partei - die sich zu dieser Zeit selbst als Vertretung der weißen Vorherrschaft sah - unterstützten die nightriders häufig 14 Der erste und zweite Ku-Klux-Klan 199 <?page no="200"?> als ideologische Verbündete und profitierten direkt von der Gewalt im Vorfeld von Wahlen. Obwohl US-Präsident Ulysses S. Grant durch den Einsatz der US-Armee in Klan-Hochburgen vereinzelt Erfolge erzielen konnte, fielen die meisten Verbrechen, die der Klan verübte, nicht in die Gerichtsbarkeit des Bundes (Trelease 1971, 384). In den Jahren 1870 und 1871 verabschiedete der Kongress die Enforcement Acts, die Korrup‐ tion und Einschüchterung von Wähler: innen zu Bundesverbrechen erklärten und die staatliche Wahlaufsicht stärkten, sowie den Ku Klux Klan Act, der sich gezielt gegen entsprechende Organisationen richtete. Dazwischen hielt der Kongress Anhörungen ab, um die Gewalt im US-amerikanischen Süden zu untersuchen (Trelease 1971, 385- 87). Afroamerikanische Überlebende von Angriffen bezeugten vor einem gemeinsamen Ausschuss auf anschauliche Art und Weise die an ihnen begangenen Verbrechen, während einige Weiße die Gewalt des Ku-Klux-Klans rechtfertigten. Teilweise bestritt man die Existenz des Klans; eine Behauptung, die von vielen Zeitungen aufgegriffen wurde (ebd., 155-64). Zwar führten die föderalen Bemühungen zur Erfassung solcher Verbrechen, gleichzeitig hingen sie jedoch wesentlich von den lokalen Strafverfol‐ gungskräften ab, die häufig Weiße waren und mit dem Klan sympathisierten oder sogar kooperierten, sodass sie ihre Wirkung verfehlten. Darüber hinaus hatten weiße Mobs in vielen Teilen des Südens ihre Ziele bereits erreicht, als die Anhörungen begannen. Berichte von nächtlichen Aktionen, wie sie der Klan durchführte, gingen 1871 deutlich zurück, setzten sich aber bis zur Bundeswahl 1872 fort (ebd., 15-20, 303). Zu diesem Zeitpunkt waren sie - ob als Schreckens- oder Heldentaten - bereits fest im Bewusstsein Schwarzer und weißer Südstaatenbewohner: innen verankert. Im Jahr 1877 zog die Bundesregierung US-Truppen aus dem Süden ab und führte dort erneut das Prinzip der Selbstverwaltung (home rule) ein. Die Republikaner hatten mittlerweile in beinahe allen Teilen der früheren Konföderation an Macht eingebüßt, die Sklaverei war durch Verpachtung von landwirtschaftlichen Flächen und den Einsatz von Strafgefangenen als Arbeitskräfte (convict leasing) ersetzt worden und in den meisten gesellschaftlichen Bereichen dominierte das Prinzip der weißen Vorherrschaft. Übergangszeit Während des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts setzte sich rassistische Gewalt auf individueller und struktureller Ebene fort und nahm im Rahmen von Lynchjustiz und sogenannten „Rassenunruhen“ (race riots) auch kollektive Formen an, wobei die Täter: innen nur vereinzelt Masken trugen oder ganz darauf verzichteten (siehe dazu auch → Kapitel Lynchjustiz sowie → Kapitel Rassenmassakern). Gelegentlich gab es Berichte von nächtlichen Gräueltaten, die von maskierten Männern auf Pferden verübt wurden. Auch der Ku-Klux-Klan blieb ein prägendes Symbol der weißen Vorherrschaft und des Widerstands gegen die Bundesregierung. In Büchern, Zeitungen und Reden zeigte sich ein neuerliches Interesse am Ku-Klux-Klan, wobei seine Mitglieder größ‐ tenteils als ritterliche Helden dargestellt wurden, die die korrupten Eindringlinge aus dem Norden bekämpften und weiße Frauen beschützten. John C. Lester, selbsterklärtes 200 14 Der erste und zweite Ku-Klux-Klan <?page no="201"?> Gründungsmitglied des Klans, und Daniel L. Wilson veröffentlichten eine äußerst schmeichelhafte Darstellung von dessen Geschichte sowie seine Verfassung; beides wurde zusammen mit anderen Dokumenten der Gruppe im Jahr 1905 erneut publiziert (Walters 2018, 32, Fn. 5). Die überregionale Frauenorganisation United Daughters of the Confederacy, die sich dem Gedenken an die Konföderation verschrieben hatte, spendete Lehrbücher an segregierte Schulen und verankerte den Mythos vom Klan als Ausdruck weißen Heldentums damit weiter in der US-amerikanischen Kultur. Dieser Mythos fand auch in Werken wie Thomas Dixons sentimentaler Trilogie über die Zeit der Reconstruction sowie im 1915 erschienenen Film Birth of a Nation von D. W. Griffith Ausdruck. In dieser Adaption von Dixons Roman The Clansman wird erzählt, wie sich weiße Veteranen der Union und der Konföderation im KKK vereinen, um die weiße Frau vor der grotesk dargestellten Figur des Schwarzen Mannes zu beschützen. Führende afroamerikanische Bürgerrechtler: innen protestierten gegen den Film; namhafte ranghohe Vertretungen von Kirche und Politik zeigten sich von ihm begeistert (→ Kapitel Minstrelshows/ Minstrelsy). Der zweite Ku-Klux-Klan Am 25. November 1915 hielt der moderne Ku-Klux-Klan seinen ersten Initiationsritus ab und verbrannte ein großes Kreuz auf dem Gipfel des Stone Mountain - nur wenige Stunden, nachdem Birth of a Nation im nahegelegenen Atlanta, Georgia, seine lokale Premiere gefeiert hatte (Feldman 1999, 12 f.). William J. Simmons, der die Zeremonie leitete, hatte sich Berichten zufolge nach dem Lynchmord an Leo Frank, einem jüdi‐ schen Fabrikaufseher aus Atlanta, zur Neugründung der Organisation entschlossen. Frank war für den Mord an einer jungen weiblichen Fabrikarbeiterin verurteilt worden (Gordon 2017, 11-13; → Kapitel Antijudaismus und moderner Antisemitismus). Frühe Anwerbungsbemühungen machten sich die Nostalgie weißer Südstaatenbewohner: in‐ nen sowie die Begeisterung zunutze, die Griffiths viel beachteter Film ausgelöst hatte. Zwar bediente sich Simmons zu einem großen Teil der Grundsätze, Verfassung, Rangtitel und Rituale des ersten KKK, die Bruderschaft war jedoch statt durch regionale Auflehnung vielmehr durch eine nationalistische Ausrichtung gekennzeichnet. Der zweite Klan wuchs langsam und hatte 1919 vor allem in Georgia, Alabama und Mississippi Ortsverbände. Die von wenigen Hundert Mitgliedern verübten Angriffe erregten kaum Aufmerksamkeit. Lynchmobs, Rassenpogrome und Ordnungstrupps, die in ausschließlich von Weißen bewohnten sogenannten sundown towns dafür sorgten, dass Schwarze vom öffentlichen Leben ausgeschlossen blieben, waren im Land zur Normalität geworden. Die nationalen Probleme, die die Mexikanische Revolution, der Erste Weltkrieg und die Ausschreitungen des Red Summer mit sich brachten, heizten den Fanatismus vieler US-Amerikaner: innen weiter an und führten zu Angriffen auf Immigrant: innen, Gewerkschaftsmitglieder, Sozialist: innen, Katholik: innen, jüdische Menschen, Afroamerikaner: innen und andere, die man für „unamerikanisch“ hielt, 14 Der erste und zweite Ku-Klux-Klan 201 <?page no="202"?> wie Wehrdienstverweigerer oder Deutschamerikaner: innen, die keine Kriegsanleihen erwarben. Erläuterung | Das Rassenverständnis des zweiten Klans: In den 1920er-Jahren ver‐ traten Klansmänner in ihren Äußerungen und Aktionen den Sozialdarwinismus. Während des 19. und frühen 20. Jahrhunderts entwickelten US-amerikanische und englische Sozialwissenschaftler: innen ein System zur Klassifizierung von „Rassen“ anhand des „Entwicklungsfortschritts“. Sie gingen dabei von ihrer eigenen Kultur als Standard aus, der der höchsten Entwicklungs- oder Anpassungsstufe entsprach. Gemäß dieser Taxonomie galten die Merkmale der „angelsächsischen Rasse“, zu denen die englische Sprache, der Protestantismus, eine parlamentarische Regie‐ rung, der Kapitalismus sowie wissenschaftliche, historische, künstlerische und militärische Errungenschaften zählten, als hochentwickelt und als Konsequenz einer biologischen Überlegenheit. Gleiches traf auf die „nordische“ sowie die „teu‐ tonische Rasse“ zu. Das Konzept knüpfte nahtlos an Ideen des Nationalismus an und stützte zahlreiche Leitsätze des Klans wie „America First: One God, One Country, One Flag“, der dem Kampagnenslogan von US-Präsident Woodrow Wilson aus dem Jahr 1916 entlehnt war. Dieser hatte mit „America First“ während des Ersten Weltkrieges die US-amerikanische Neutralität verteidigt und Immigrant: innen zur Loyalität gegenüber den USA aufgefordert. 1920 beauftragte Simmons Elizabeth Tyler und Edward Young Clarke von der Southern Publicity Association mit der Betreuung der Öffentlichkeitsarbeit (Gordon 2017, 13- 15). Sie stellten Rekrutierer: innen ein und richteten die Außendarstellung auf die landesweite Anwerbung patriotischer, protestantischer und in den USA geborener weißer Männer (und später Frauen) aus. Ihre Mitglieder nannten sie „100 percent American“ und setzten nationale Identität mit angelsächsischer Vorherrschaft gleich. Der Orden engagierte Vortragende, die durchs Land reisten und die Organisation in ihren Reden als Bewahrerin der moralischen Ordnung darstellte, die Schmuggler: innen, Drogenhändler: innen, Prostituierte, Ehebrecher: innen, misshandelnde oder vernach‐ lässigende Väter sowie Menschen, die sie der „Rassenvermischung“ beschuldigte, zur Rechenschaft zog, um das Land durch Schutz der „angelsächsischen Rasse“ vor Übel zu verteidigen. Auch Katholik: innen, jüdischen Menschen, nicht eingebürgerten Mig‐ rant: innen und Afroamerikaner: innen gegenüber war der Klan feindselig eingestellt und setzte sich in Kampagnen gegen deren Beschäftigung in öffentlichen Ämtern oder, in einigen Fällen, als Lehrer: innen ein. Clarke, Tyler und Simmons erschlossen Mitgliedschaften als Einnahmequelle und verstärkten die zentralisierte Hierarchie der Organisation, um Uniformität, Loyalität und Profit zu fördern. Macht- und Kommunikationsautorität ging von der nationa‐ len Verwaltungszentrale des Klans aus, dem sogenannten Imperial Palace, dem die Vorsitzenden von Bundesstaats-, Bezirks- und Ortsverbänden nachgeordnet waren. 202 14 Der erste und zweite Ku-Klux-Klan <?page no="203"?> Andersherum flossen die Gelder aus Beiträgen für Mitgliedschaften und Würdentitel von den Ortsverbänden zurück zur Führungsspitze und schufen Anreize für Ange‐ hörige jeder Hierarchieebene. Frühere Klansmänner aus der Zeit der Reconstruction durften kostenlos beitreten. Der Klan produzierte und verkaufte außerdem offizielle Kultobjekte wie Roben, Kapuzen, eine Zeitung, Flugblätter, Formulare sowie sein Handbuch, den „Kloran“. Als der Klan an Popularität gewann, erschien ein Katalog mit einer breiten Auswahl vermarkteter Artikel, die von Puppen und Lampen über Taschenmesser bis hin zu Gürtelschnallen reichte (Gordon 2017, 13-16; Harcourt 2017, 7-11; Walters-2018, 30-33). Im Jahr 1920 begannen Rekrutierer: innen des Klans in Louisiana, Florida und Texas mit der Anwerbung neuer Mitglieder. Die Mitgliederzahlen stiegen rasant an. Orts‐ verbände kündigten sich normalerweise mit Aufmärschen, öffentlichen Warnungen oder Gewalttaten an und arbeiteten mit anderen Ortsverbänden zusammen, um die Identitäten und Anzahl ihrer Mitglieder geheim zu halten. Die Anwerbung neuer Mitglieder zielte auf strukturell bedeutende Berufszweige ab und konzentrierte sich beispielsweise auf Angestellte in der Strafverfolgung, Telegrafen- und Telefonzentra‐ len, Zeitungsredaktionen, der Justiz, im Postwesen, an Bahnhöfen und in örtlichen Bezirksgerichten. Solche Mitglieder verschafften der Organisation die Möglichkeit zur Überwachung und zur Steuerung von Propaganda sowie die Aussicht auf Rechtsschutz; Vorteile, von denen sie vor und nach ihren Angriffen sowie währenddessen Gebrauch machte. Die Mitglieder selbst profitierten wiederum von der Anonymität, die die Or‐ ganisation bot und unter deren Deckmantel sie ganz persönliche Vendetten austrugen (Walters 2018, 143-67). Zwischen 1920 und 1922 wurde der Süden der Vereinigten Staaten von einer Welle der Klangewalt erfasst. Mitglieder sprachen Drohungen aus und nutzten Aufmärsche sowie Kreuzverbrennungen zur Einschüchterung. Sie spionierten ihre Opfer mithilfe des umfangreichen Netzwerks der Organisation aus, um sie anschließend mit Schlägen, Auspeitschung, Teerung und Federung oder Säurever‐ ätzungen zu misshandeln oder zu ermorden. Verdeckte Klansmänner im Verlagswesen druckten die Propaganda der Gruppe und stellten die Opfer als Kriminelle dar. Wenn es zu Verhaftungen kam, manipulierten die Beschuldigten das Rechtssystem durch Verbündete auf der Richterbank, im Zeugenstand oder unter den Geschworenen. In Florida bedrohten Klanmitglieder am Tag der Bundeswahlen 1920 Wahlleiter, setzten einen Schwarzen Stadtteil in Brand und töteten zahlreiche seiner Bewohner: innen (→ Kapitel Rassenmassaker). Die Anwerbungsbemühungen litten darunter jedoch keineswegs. Vielmehr sorgte die nationale Berichterstattung der Presse - insbesondere die Exposés und Artikel der New York World über die Anhörung des Klans vor dem US-Kongress 1921 - überall in den Vereinigten Staaten für einen exponentiellen Anstieg der Mitgliederzahlen (Harcourt-2017, 3-10). Im Jahr 1922 wurde die Führungsspitze rund um Simmons im Zuge eines internen Putsches unter Hiram Evans, einem Zahnarzt aus Dallas, abgesetzt. Unter Imperial Wizard Evans entstanden Junior-Abteilungen des Klans sowie die Organisation Wo‐ men of the Ku Klux Klan, die unabhängig von den männlichen Gruppierungen agierte, 14 Der erste und zweite Ku-Klux-Klan 203 <?page no="204"?> aber ebenso dem Imperial Palace als Verwaltungszentrale unterstellt war. Weibliche und männliche Gruppen arbeiteten jedoch häufig zusammen und organisierten ge‐ meinsame öffentliche Veranstaltungen wie Theateraufführungen, opulente Paraden, große Familienpicknicks, die mit Einführungszeremonien verbunden waren, sowie den „Klan Day“ auf Landes- und Bezirksmessen. In größeren Ortsgruppen gab es Marschkapellen und Baseballteams. In seiner Anfangszeit bekannte sich der Orden zu zahlreichen der von seinen Mitgliedern verübten Angriffe. Angesichts zunehmender Negativschlagzeilen und Gerichtsprozesse begann die Klanführung, die Beteiligung von Mitgliedern an solchen Angriffen zu leugnen. Dies lag in dem Vorhaben begründet, mithilfe der breiten und loyalen Anhängerschaft eigene politische Kandidaten in öf‐ fentliche Ämter zu wählen. Man begann damit, für gemeinnützige Zwecke zu spenden, insbesondere an Kirchen und bedürftige weiße und Schwarze Familien. Darüber hinaus wurden Einrichtungen für mittellose weiße Frauen und Kinder ins Leben gerufen (Walters 2018, 143-67). Der Orden, der seine Mitgliederlisten geheim hielt, manipu‐ lierte Wahlen, indem er private interne Parteivorwahlen abhielt und seine Mitglieder aufforderte, den ausgewählten Kandidaten zu unterstützen und für ihn abzustimmen. So wurden Klanmitglieder überall im Land in Schulvorstände, Gouverneursämter und den US-Kongress gewählt. 1924 war der KKK nach eigenen Angaben auf vier Millionen Mitglieder angewachsen und hatte erfolgreich Druck auf den Kongress ausgeübt, um die Verabschiedung des bis dahin restriktivsten Zuwanderungsgesetzes der USA durchzusetzen. Im selben Jahr ermittelte der US-Senat erneut gegen den Klan, diesmal wegen Wahlbetrugs in Texas bei der Wahl zum Senat der Vereinigten Staaten 1922. Obwohl ehemalige Mitglieder des Klans zu dessen verdeckten politischen Aktivitäten aussagten, blieb der Senat untätig (ebd., 141-43). 1925 verlor der Klan in einigen ländlichen Regionen wie Texas, wo Farmer: innen mit finanziellen Problemen zu kämpfen hatten, an Macht, während sie in den Städten und im Mittleren Westen weiter zunahm. In einer Demonstration seiner Stärke strömten in den Jahren 1925 und 1926 Tausende von Männern, Frauen und Kindern des Klans aus dem ganzen Land nach Washington, D.C., und marschierten vom Kapitol bis zum Washington Monument. Zu dieser Zeit verfolgte Evans erneut ein aggressives militaristisches Programm der Amerikanisierung; gleichzeitig entstanden im selben Jahr die ersten Ortsgruppen des Ordens in Kanada. In den 1930er Jahren zählte er Mitglieder in der Panamakanalzone, China, Wales, Deutschland, England, Frankreich, Mexiko und Neuseeland (Feldman 1999, 16). 1926 sanken die Mitgliederzahlen des KKK in den USA und brachen als Folge der skandalösen Berichte über einen Grand Dragon in Indiana und des anschließenden Gerichtsverfahrens gegen ihn endgültig ein. Der Mann hatte eine Frau unter Drogen gesetzt, sie vergewaltigt und verstümmelt; später beging sie Selbstmord (Fox-2011, 206 f., 232). 204 14 Der erste und zweite Ku-Klux-Klan <?page no="205"?> Abbildung 4: Parade des Ku-Klux-Klans vom 13. September 1926, mit dem US-Kapitol im Hintergrund. National Photo Company Collection, Library of Congress, https: / / www.loc.gov/ item/ 93513529/ . Anhand der Popularität des Ku-Klux-Klans in den 1920er Jahren zeigt sich die Allge‐ genwärtigkeit von Rassismus, Nativismus, Antisemitismus und Antikatholizismus im gesellschaftlichen Mainstream der weißen angloamerikanischen Bevölkerung. Viele stellten sich dem Orden entgegen, darunter jüdische und katholische Organisationen sowie die National Association for the Advancement of Colored People. Auch unter Angehörigen der angloprotestantischen Oberschicht formierten sich Widerstands‐ gruppen gegen den KKK. Ihre Mitglieder stimmten jedoch mit den Prinzipien des Klans überein und schwiegen häufig zu dessen vigilanten Praktiken, es sei denn, diese richteten sich gegen weiße Frauen. Nur für wenige zivile, öffentlich-rechtliche und politische Autoritäten, die Robe und Kapuze getragen hatten, zog die Beteiligung am Invisible Empire negative Konsequenzen nach sich. Der moderne Klan bestand bis in die 1930er und 1940er Jahre, mit einem Bruchteil der früheren Mitgliederzahlen und ohne nennenswerten Einfluss, bis er in den 1950er Jahren als Protestbewegung gegen den Bürgerrechtsaktivismus erneut auflebte und schließlich als Teil eines Netzwerks 14 Der erste und zweite Ku-Klux-Klan 205 <?page no="206"?> der Alt-Right nationale Präsenz wiedererlangte (→ Kapitel Rassistischer Terrorismus zur Zeit der Bürgerrechtsbewegung sowie → Kapitel Alt-right und Neue Rechte). Deutsche Übersetzung durch Maria Ewald. Literatur Feldman, Glenn. 1999. Politics, Society, and the Klan in Alabama, 1915-1949. Tuscaloosa: University of Alabama Press. Fox, Craig. 2011. Everyday Klansfolk: White Protestant Life and the KKK in 1920s Michigan. East Lansing: Michigan State University Press. Gordon, Linda. 2017. The Second Coming of the KKK: the Ku Klux Klan of the 1920s and the American Political Tradition.. New York: Liveright Publishing Corporation. Harcourt, Edward John. 2005. „Who Were the Pale Faces? New Perspectives on the Tennessee Ku Klux.“-Civil War History-51, 1: 23-66.-doi: 10.1353/ cwh.2005.0011. Harcourt, Felix. 2017. Ku Klux Kulture: America and the Klan in the 1920s. Chicago: University of Chicago Press. Horowitz, David A. (Hg.). 1999. Inside the Klavern: The Secret History of a Ku Klux Klan of the 1920s. Carbondale, IL: Southern Illinois University Press. Kosary, Rebecca A. 2006. „To Degrade and Control: White Violence and the Maintenance of Racial and Gender Boundaries in Reconstruction Texas, 1865-1868.“ Dissertation, Texas A&M University. Parsons, Elaine Frantz. 2015. Ku-Klux: The Birth of the Klan During Reconstruction. Chapel Hill: University of North Carolina Press. Pegram, Thomas. 2011. One Hundred Percent American: The Rebirth and Decline of the Ku Klux Klan in the 1920s. Chicago: Ivan R. Dee. Trelease, Allen W. 1971. White Terror: The Ku Klux Klan Conspiracy and Southern Reconstruction. 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Die Entstehung der US-amerikanischen Lynchjustiz lässt sich als nationaler, im Grunde transnationaler Prozess kultureller und rechtlicher Herausbildung begreifen. Im Ge‐ gensatz zu England und Westeuropa ging der Übergang der Vereinigten Staaten zu einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung nicht mit der Entstehung eines starken, zentralisierten Nationalstaates einher, der ein exklusives Monopol auf Gewalt und strafrechtliche Verfolgung zur Sicherung der Rechtsstaatlichkeit beanspruchte und durchsetzte. Stattdessen verlief die Entwicklung der US-amerikanischen Strafjustiz in ganz eigenen Bahnen und brachte ein System hervor, das sich durch eine Sonder‐ stellung lokaler Autoritäten und Ansichten sowie eigenmächtiger und spontaner Rechtsdurchsetzung und durch Duldung extralegaler Gewalt auszeichnete. Die Lynch‐ justiz war ein wichtiger Aspekt dieser charakteristisch US-amerikanischen Entwick‐ lung vom späten 18. bis ins frühe 20. Jahrhundert. Sie wurde von Traditionen der Volksgewalt beeinflusst, die sich bis auf die Britischen Inseln der Frühen Neuzeit zurückverfolgen lassen, und spiegelte gleichzeitig die ablehnende Haltung wider, die zahlreiche US-Amerikaner: innen gegenüber formalisierten Gerichtsverfahren und der ausschließlich staatlichen Zuständigkeit für das Strafrecht einnahmen. Die Entstehung der US-amerikanischen Strafjustiz war ein hart umkämpfter Prozess: Anwälte, Richter und Reformer aus der Mittelschicht forderten ordentliche Verfahren und Rechtsstaat‐ lichkeit und stießen dabei auf den Widerstand ländlicher Eliten und Angehöriger der Arbeiterklasse, die an einer „rauen Justiz“ (rough justice) festhielten, einer Justiz also, die auf lokalen Vorrechten in Zusammenhang mit „Rasse“, ethnischer Zugehö‐ rigkeit, Klasse, Ehre, Geschlecht und Verbrechensbekämpfung beruhte. Aufgrund von demografischen, wirtschaftlichen und historischen Faktoren wie Versklavung, Abwanderung nach Westen, Verstädterung und Industrialisierung hatten die Befür‐ <?page no="208"?> worter: innen ordentlicher Gerichtsverfahren besonders im Nordosten großen Einfluss, weniger stark waren sie im Westen und Mittleren Westen und am schwächsten im Süden. US-amerikanische Mobs lynchten im Sinne einer hart durchgreifenden „rauen Justiz“ im Laufe des 19. und frühen 20. Jahrhunderts Tausende von Menschen, darunter mehrere Tausend Afroamerikaner: innen, Hunderte von Mexikaner: innen, Angehörigen Indigener Volksgruppen und Weißen sowie Dutzende von Chines: innen und Sizilianer: innen (Pfeifer-2011, 1-31, 54-66). Während der Antebellum-Periode setzte sich die Praxis des kollektiv verübten Mordes im von Baumwollindustrie und Rohstoffabbau geprägten Grenzland durch, als weiße Plantagenbesitzer: innen, Farmer: innen und Bergleute außergesetzlich Sklav: in‐ nen, freie Schwarze, Native Americans und Mexikaner: innen hinrichteten, die die weiße Autorität durch Widerstand oder kriminelle Handlungen herausgefordert hatten. Weiße Amerikaner: innen in den sich entwickelnden Regionen des Südens, Mittleren Westens und Westens rechtfertigten im Schnellverfahren vollzogene Hin‐ richtungen mit „Rassen“- und Klassenrepublikanismus: Demnach seien sie in ihrer selbsterklärten Überlegenheit als rechtschaffene, produktive weiße Bürger: innen dafür verantwortlich, die Sicherheit der Weißen und die Lebensfähigkeit der noch jungen, komplexen sozioökonomischen Ordnung zu gewährleisten und gegen mögliche Bedro‐ hung durch vermeintlich unterlegene „Rassen“ und gefährliche kriminelle Klassen zu verteidigen. In den Jahren vor dem Amerikanischen Bürgerkrieg demonstrierten Weiße aus dem Süden, Mittleren Westen und Westen anhand von rassistischen Lynchprakti‐ ken, dass sie ihren Anspruch auf Durchsetzung eines „White man’s country“ in diesen Regionen selbst dann behaupten würden, wenn ein ausgeweitetes Recht auf ordentliche Gerichtsverfahren auch Schwarzen, Indigenen und hispanischen Angeklagten Schutz gewähren sollte. Im September 1852 wurden in der Nähe von Mora, New Mexico, ein älterer Mann namens Edward Conn, ein nicht näher identifizierter Junge, der bei ihm gelebt hatte, und eine Frau, Paula Jaramillo, in Conns Haus ausgeraubt und ermordet aufgefunden. Kurz darauf verhafteten Polizeikräfte Jose de la Cruz Vigil, einen Angehörigen der Navajo, sowie Gabriel Luhan, einen Mexikaner, und übergaben ihn an den Alcalde, den Bürgermeister von Mora. Berichten zufolge gestanden die Beschuldigten die Tat, woraufhin der Bürgermeister sie zur Verwahrung ins Gefängnis nach Taos überführen ließ. Am selben Abend verschafften sich unbekannte Personen Zutritt zum Gefängnis, entführten die beiden Männer und erhängten sie. Vigil und Luhan galten als Vertreter einer kriminellen Unterschicht des Grenzgebiets, die unter anderem (aber nicht ausschließlich) Angehörige Indigener Volksgruppen und Mexikaner: innen umfasste, und gehörten zu den ersten Lynchopfern im New-Mexico-Territorium. Die Mitte des 19. Jahrhunderts gemeinschaftlich ausgeübte rassistische Gewalt im Grenzland des Mittleren Westens und Westens entsprang den Bestrebungen weißer US-Amerikaner: innen, eine „rassische“ und kulturelle Unterwerfung der Indigenen und hispanischen Bevölkerung zu bewirken sowie die neu gegründeten Institutionen der US-amerikanischen Strafjustiz zu ersetzen, die sie als unzulänglich für solche 208 15 Lynchjustiz <?page no="209"?> Zwecke erachteten. Die jüngsten kriegerischen Auseinandersetzungen mit Indigenen und mexikanischen Bevölkerungsgruppen machten kollektive Gewalt attraktiv: Die Komplexität von Fragen der Gerichtsbarkeit über Native Americans führte unter Weißen zur Frustration, sodass einige von ihnen auf Lynchgewalt zurückgriffen, wenn es zu Konflikten mit Indigenen Gruppen kam. Für weiße Amerikaner: innen wurde rassistische und klassistische Gewalt zum effektiven Mittel, um Fragen politischer und kultureller Vorherrschaft zu klären (Pfeifer-2011, 32-53). Die Ära der Lynchmorde: Rassistische Gruppengewalt im späten 19.-und frühen 20.-Jahrhundert In den Regionen jenseits der Alleghenies hielt der Konflikt zwischen Anhänger: innen der „rauen Justiz“ und denen ordentlicher Gerichtsverfahren nach dem Bürgerkrieg und der Reconstruction noch jahrzehntelang an. Als es in den 1890er Jahren angesichts einer angeschlagenen Baumwollindustrie in den Südstaaten zu „rassischen“ und politischen Konflikten kam, wandte man sich dort erneut dem außergesetzlichen kollektiven Morden zu. Die zunehmenden Fälle von Lynchjustiz in dieser Zeit waren weniger offenkundig politisch und weniger systematisch organisiert, jedoch noch stärker von Rassismus geprägt als die kollektive Gewalt der Reconstruction (→ Kapitel Der erste und zweite Ku-Klux-Klan). Lynchpraktiken wurden für weiße Südstaatenbe‐ wohner: innen, die die weiße Vorherrschaft im ‚Neuen Süden‘ aufrechterhalten wollten, zum zentralen Instrument für die Bestrafung von Widerstand und Kriminalität der Schwarzen Bevölkerung. Zwar war Lynchjustiz in allen Staaten des Upper und Lower South verbreitet - insbesondere in Gegenden, in denen die Bevölkerungsanteile von Afroamerikaner: innen und Weißen nahezu ausgeglichen waren -, die meisten Fälle gab es jedoch in Texas, Mississippi, Georgia und Louisiana und damit in Staaten des Deep South. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert fielen ihr dort jeweils zwischen 400 und 500-Menschen zum Opfer. Einige Lynchmorde wie die gemeinschaftliche Tötung von Sam Hose in Newnan, Georgia, am 23. April 1899 wurden zu öffentlichen Spektakeln und ritualisierten Demonstrationen der weißen Vorherrschaft, die Tausende Teilnehmer: innen und Zuschauer: innen anzogen. Weiße verteilten anschließend Fotografien von Leichna‐ men gelynchter Afroamerikaner: innen und erzeugten so zusätzliche Öffentlichkeit. Zahlreiche andere Fälle von Lynchjustiz wurden wiederum von kleineren Gruppen von weniger als hundert Personen verübt, die sich mit ihren rassistischen Taten als Vertreter: innen weißer Interessen sahen. Obwohl man im Süden Lynchjustiz häufig zum Mittel erklärte, um Schwarze Männer von der Vergewaltigung weißer Frauen abzuhalten, betraf ein solcher Vorwurf vermutlich nur ein Viertel der dortigen Fälle von Lynchjustiz. Den meisten Lynchtaten weißer Bürger: innen lag die Behauptung zugrunde, die Schwarzen Opfer ihrer tödlichen Gewalt hätten Weiße ermordet oder angegriffen. 15 Lynchjustiz 209 <?page no="210"?> In Texas war die Geografie rassistischer Lynchmorde besonders komplex. Dort ermordeten weiße Mobs in den Baumwollgürtel-Regionen des Ostens zahlreiche Afroamerikaner: innen und in südlichen Grenzgebieten zu Mexiko zahlreiche Personen mexikanischer Herkunft (Pfeifer 2004, 1-37; Brundage 1993, 103-39; Tolnay und Beck-1995, 270; Seguin und Rigby-2019). Im Norden Louisianas folgte die Lynchjustiz einem ähnlichen Muster wie im Baum‐ wollgürtel-Süden. Im September 1893 wurde der Schwarze Baumwollarbeiter Henry Coleman in Bossier Parish, Louisiana, beschuldigt, den weißen Plantagenbesitzer Captain Thomas Lyles erschossen zu haben, aus Angst, er würde seine Ernte beschlag‐ nahmen. Zur Mittagszeit brachen 80 bis 100 Personen in das Bezirksgefängnis ein. Berichten zufolge war Coleman am Morgen, vermutlich in der Erwartung eines solchen Falles von Lynchjustiz, von einem Schwarzen Prediger getauft worden. Coleman wurde das Recht auf ein letztes Gebet zugesprochen, bevor man das Pferd antrieb, auf dessen Rücken man ihn gesetzt hatte. Zuvor war ein Seil um seinen Hals gelegt und an einem Baum festgebunden worden. Colemans Tod durch die Hand weißer Bewohner: innen von Bossier Parish war ein erschreckend typisches Beispiel für das rassistische Regime im Norden Louisianas. In nördlichen Gemeinden wurden zwischen 1878 und 1946 263 Personen gelyncht; mindestens 219 von ihnen waren Schwarz. In mehr als 40 Prozent der Fälle lautete der Vorwurf Mord, beinahe ein Viertel der Lynchtaten wurde von großen Menschengruppen begangen und ein Großteil der kollektiven Tötungen geschah vor-1900 (Pfeifer-2004, 15-22). Plantagenbesitzer: innen im Norden Louisianas griffen auf Lynchjustiz zurück, um ihre uneingeschränkte Autorität gegenüber Schwarzen Arbeiter: innen zu behaupten und weiße Privilegien einzufordern, die sie durch die Institutionen des formellen Rechts nicht ausreichend vertreten sahen. Rückhalt erfuhren sie dabei durch einen weißen Konsens über die Befürwortung der Rassenhierarchie und der konsequenten Durch‐ setzung von sozialer Kontrolle über Afroamerikaner: innen. In bestimmten Gegenden des Baumwollgürtels kamen Gruppentötungen in besonders hoher Dichte vor: im Red River Delta im Nordwesten sowie im Ouachita River Valley im zentralen Norden Louisianas. Fast 60 Prozent der Lynchtaten entfielen auf nur elf Gemeindebezirke. Die gemeinschaftlichen Morde, die in diesen Subregionen verübt wurden, gingen aus Spannungen im Zusammenhang mit den ausbeuterischen Verhältnissen hervor, die in der ländlichen Baumwollwirtschaft, im Haushaltsdienst und im kreditbasierten Handelssystem herrschten. Das aufkeimende Rassenbewusstsein der Schwarzen Be‐ völkerung führte zur Auflehnung gegen die Beschneidung afroamerikanischer Rechte und befeuerte die kollektive Gewalt der Weißen. In Gemeinden des Baumwollgürtels, in denen Lynchjustiz besonders häufig vorkam, setzten weiße Plantagenbesitzer: innen das formelle Rechtssystem außer Kraft und führten informelle polizeiliche Befugnisse ein, um Schwarze Arbeiter: innen für abweichendes Verhalten zu bestrafen. In einigen Gegenden wandten Afroamerikaner: innen selbst Lynchpraktiken gegen Schwarze Personen an, um für schwere Verbrechen wie die Tötung oder Vergewaltigung anderer Schwarzer Personen Vergeltung zu üben. Im späten 19.-Jahrhundert migrierten weiße 210 15 Lynchjustiz <?page no="211"?> und Schwarze US-Amerikaner: innen aus dem Baumwollgürtel im Landesinneren in die wachsenden urbanen Zentren Monroe und Shreveport. Weiße Angehörige der Arbeiterklasse provozierten Ausbrüche kollektiver Gewalt mit dem Ziel, die gesell‐ schaftlichen Parameter im Zusammenhang mit „Rasse“ und Geschlecht in diesen sich wandelnden städtischen Räumen zu definieren (Pfeifer-2004, 15-22). In Monroe töteten Mobs zwischen 1906 und 1914 neun Afroamerikaner - in vier Fäl‐ len wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung oder sexuellen Belästigung, in drei Fällen unter Beteiligung großer Menschenmengen. In der Caddo Parish wurden von 1900 bis 1923 21 Schwarze Personen Opfer von Lynchjustiz - in acht Fällen wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung oder sexuellen Belästigung, in sieben Fällen unter Beteiligung großer Menschenmengen. Viele dieser Vorfälle ereigneten sich in ländlichen Gegen‐ den westlich von Shreveport. Dort setzte nach der Jahrhundertwende eine radikale Elite von Plantagenbesitzer: innen einen Kreislauf kollektiver Vergeltungsmaßnahmen gegen Afroamerkaner: innen in Bewegung. Vier der Lynchmorde geschahen jedoch in Shreveport, alle aufgrund von Vergewaltigungs- oder anderen Vorwürfen sexueller Vergehen. Nachdem dort Schwarze Männer beschuldigt worden waren, junge weiße Frauen vergewaltigt zu haben, schlossen sich weiße Angehörige der Arbeiterklasse zu Menschenmengen ungeheurer Größe zusammen und verübten zwei der kollektiven Morde in Shreveport. Kleinere Gruppen von weniger als zehn Personen töteten im Jahr 1923 Leslie Leggett, dem man vorwarf, mit einem italienischen Mädchen intim geworden zu sein, und im Jahr 1912 Thomas Miles, der einer weißen Frau Briefe ge‐ schrieben hatte. Im April 1919 griff ein Mob George Holden während einer Zugfahrt auf und erschoss ihn, weil er eine beleidigende Botschaft an eine weiße Frau verfasst haben sollte. In der todbringenden Reaktion städtischer Weißer auf den ungewöhnlichen Vorwurf, Schwarze Männer hätten Nachrichten an weiße Frauen geschrieben, zeigten sich womöglich die Schwierigkeiten Schwarzer und weißer Landbewohner: innen bei der Anpassung an das städtische Leben und die damit einhergehende unweigerliche Neuordnung von Rassen- und Geschlechterbeziehungen (Pfeifer-2004, 142-47). Der Rückgang der Lynchjustiz Um die Wende zum 20. Jahrhundert schürten Urbanisierung und Industrialisierung im gesamten Süden Ängste vor ethnischer Vermischung und führten in einigen Fällen zu regelrechten Lynchspektakeln. Schließlich wandte sich dort jedoch eine weiße Mittelklasse geschlossen gegen die Mobgewalt. Der Nordwesten Louisianas steht stellvertretend für diese Entwicklung. Im Norden des Bundesstaates hatten die Urba‐ nisierung und Industrialisierung widersprüchliche Folgen. Die räumliche Ballung von Afroamerikaner: innen und Weißen aus ländlichen Gegenden in urbanen und industrie‐ llen Zentren rief erhebliche Spannungen hervor, die insbesondere „rassisch“-sexueller Natur waren und sich teilweise in den Taten teilnahmestarker Mobs entluden, die sich aus weißen Angehörigen der Arbeiterklasse zusammensetzten. Gleichzeitig bildete sich in den Städten Nordlouisianas eine Mittelklasse aus Geschäftsleuten und Juristen 15 Lynchjustiz 211 <?page no="212"?> heraus, die ordentliche Verfahren im Sinne der Rechtsstaatlichkeit ohne die Züge abwägender Justiz für gewinnbringender sowie besser geeignet hielten, die soziale Ordnung herzustellen. Diese städtische Bourgeoisie prangerte Lynchpraktiken an und stellte damit die von „rauer Justiz“ geprägte Perspektive der weißen Arbeiterklasse und weißer Grundbesitzer: innen ländlicher Gegenden infrage. Die Zunahme solcher kritischen Stimmen gegenüber Mobgewalt untergrub die Legitimität, unter deren Schutz Lynchjustiz im Norden Louisianas im späten 19. Jahrhundert gestanden hatte (Pfeifer-2004, 142-47). Während seiner Amtszeit als Gouverneur von Louisiana 1904 bis 1908 verurteilte Newton Blanchard einzelne begangene Lynchtaten öffentlich, hielt Geschworene und die örtlichen Strafverfolgungskräfte persönlich zur Bestrafung der Beteiligten an und kümmerte sich wie im Fall von Charles Coleman im Jahr 1906 darum, dass Gefängnisse, in denen Gefangene einer Bedrohung ausgesetzt waren, ausreichend gesichert wurden. Erläuterung | Der Lynchmord an Charles Coleman: Im Februar 1906 griff Gou‐ verneur Newton Blanchard ein, um einen Lynchmord an Charles Coleman zu verhindern. Dem Afroamerikaner wurde der Mord an Margaret Lear, einer weißen Teenagerin, vorgeworfen. Blanchard ließ eine Miliz um das Bezirksgericht postie‐ ren und wohnte der Verhandlung bei, in der Coleman vier Stunden lang der Prozess gemacht wurde, bevor die Jury innerhalb von drei Minuten ihr Urteil fällte. Eine Woche nach der Verkündung, wie es das Gesetz von Louisiana vorschrieb, wurde das Urteil schließlich vollstreckt und Coleman unter Ausschluss der Öffentlichkeit im Bezirksgefängnis gehängt. Als Verantwortlicher für die Umsetzung einer gewissermaßen legalen Form von Lynchjustiz erklärte Blanchard, dass die Gesetze über den Geist der Volksgewalt in Shreveport triumphiert hätten (Pfeifer 2004, 142-47). Das Phänomen der Lynchjustiz war im späten 19. Jahrhundert von den Gouverneuren Louisianas ignoriert worden - selbst, als die Zahl der Fälle in den 1890er Jahren explodierte. Doch das aggressive Vorgehen Blanchards beruhte zumindest teilweise auf politischem Kalkül und Selbstinszenierung. Zudem war es nicht besonders effektiv. Allein im Norden Louisianas ereigneten sich während Blanchards Amtszeit 26-Morde durch Lynchmobs, und die Gewalt nahm in den Jahren 1907 und 1908 zusätzlich an Fahrt auf. Darüber hinaus versäumte es der Gouverneur, eine weiterreichende Gesetzgebung zur Sanktionierung von Gemeinden, die Hinrichtungen durch den Mob zuließen, sowie die Strafverfolgung vor Ort voranzutreiben. Mit seiner Kritik an den von Mobs verübten Tötungen verärgerte Blanchard Teile der Bevölkerung Louisianas - weiße Plantagenbesitzer: innen, Yeoman-Farmer: innen und die städtische Arbeiterklasse -, die die Lynchjustiz nach wie vor als legitimes Mittel betrachteten, das mutmaßliche Problem der Rassenkontrolle zu lösen. Das Auftreten des einflussreichen Gouverneurs stellte eine bedeutsame Abkehr vom nicht interventionistischen Ansatz 212 15 Lynchjustiz <?page no="213"?> dar, den südstaatliche Politiker auf Lokal- und Bundesstaatsebene in der Vergangenheit verfolgt hatten. Es unterstützte außerdem die Herausbildung einer ablehnenden Hal‐ tung innerhalb der städtischen Mittelklasse gegenüber der Lynchpraxis in Louisiana (Pfeifer-2004, 142-47). Im Laufe des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts erwies sich der anhaltende Widerstand Schwarzer Communitys und Aktivist: innen gegen Lynchjustiz als aus‐ schlaggebend. Die Schwarze Bevölkerung beantwortete Lynchgewalt mit bewaffneter Gegenwehr und vereitelte sie in manchen Fällen. Gleichzeitig gelang es durch den Anti-Lynching-Aktivismus von Ida B. Wells und der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) letztlich, die Mobgewalt als eine Schande herauszustellen, die Unternehmensinvestitionen verhinderte und die Behauptungen einer US-amerikanischen Demokratie auf internationaler Bühne Lügen strafte (→ Kapitel Anti-Lynching-Aktivismus). Dessen ungeachtet beharrten Bundesbeamte bis in die 1940er Jahre darauf, dass Lynchjustiz eine lokale Angelegenheit sei. Erst im Kontext des Zweiten Weltkrieges und des frühen Kalten Krieges begann das Justizministerium, Lynchverbrechen zu untersuchen und Täter: innen strafrechtlich zu verfolgen - eine entscheidende Maßnahme für den Rückgang der Lynchjustiz, wenn sie auch deutlich zu spät kam. Im Vergleich zum Süden hatten der Mittlere Westen und Westen der USA weniger mit den Folgen der rassistischen Versklavung der Antebellum-Periode zu kämpfen, sodass die „raue Justiz“ und die Lynchjustiz sich dort in andere Richtungen entwi‐ ckelten. Nördlich und westlich des US-amerikanischen Südens kam es ebenfalls bis Mitte des 20. Jahrhunderts zu Fällen von Lynchjustiz. Dies geschah als Reaktion auf Verbrechen, die als besonders ruchlos angesehen wurden, sowie unter dem Einfluss afroamerikanischer Zuwanderung und des verschärften Rassismus der Jim-Crow-Ära, der Mexikanischen Revolution (während der es zu Lynchmorden an Personen mexi‐ kanischer Herkunft kam), des Ersten Weltkrieges (der zu Migration und Nivellierung von Rassenunterschieden führte, was in nördlichen Gegenden den Nährboden für Lynchverbrechen an Afroamerikaner: innen bot, während im Westen und Mittleren Westen nativistische und antiradikale Einstellungen ausschlaggebend für die kollek‐ tiven Tötungen waren) sowie der sozialen Spannungen der Great Depression. Wie im Süden wurde die Gesetzgebung zur Todesstrafe auch im Mittleren Westen und Westen zu Beginn des 20. Jahrhunderts überarbeitet, um sie effizienter und explizit „rassischer“ zu gestalten. Das Ergebnis war ein Kompromiss zwischen einer Wahrung der Rechtsform, wie sie Befürworter: innen rechtsstaatlicher Verfahren forderten, und den tödlichen, ritualisierten Vergeltungsmaßnahmen, die die Anhänger: innen der „rauen Justiz“ unterstützten (Pfeifer-2013, 4-12). Als in den mittleren Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts die Zahl der Lynchtaten im Süden der USA zurückging, verlagerte sich die Praxis in den Untergrund. Nun waren es nicht mehr große, öffentliche Mobs, sondern kleine Gruppen, die im Verborgenen agierten und deren Taten Ausdruck von rassistischem Hass waren, sodass sie im späten 20. Jahrhundert eher als „Hassverbrechen“ denn als „Lynchmorde“ bezeichnet 15 Lynchjustiz 213 <?page no="214"?> wurden. Dieser Übergang von höchst öffentlicher zu verdeckter Einschüchterungspra‐ xis zeigte sich in der kollektiven Tötung des Schwarzen Teenagers Emmett Till am 28. August 1955 und der Bürgerrechtsaktivisten Michael Schwerner, Andrew Goodman und James Chaney am 21. Juni 1964 im ländlichen Mississippi (→ Kapitel Rassistischer Terrorismus zur Zeit der Bürgerrechtsbewegung). Der Fall des Afroamerikaners James Byrd Jr., der am 7. Juni 1998 von drei weißen Männern im ländlichen Osten von Texas mit einem Fahrzeug zu Tode geschleift wurde, ist ein weiteres Beispiel für die veränderte Praxis tödlicher rassistischer Gewalt im späten 20. Jahrhundert. In den 2010er und frühen 2020er Jahren wurden stichhaltige Argumente dafür hervorge‐ bracht, dass es sich bei rassistisch motivierten Morden an Afroamerikaner: innen durch Bürgerwehren und die Polizei - etwa im Fall von Trayvon Martin am 26. Februar 2012 in Sanford, Florida, und von George Floyd am 25. Mai 2020 in Minneapolis - faktisch um Lynchmorde handele (siehe u.-a. Ore-2019; Scott-2022, 239-46). Deutsche Übersetzung durch Maria Ewald. Literatur Brundage, W. Fitzhugh. 1993. Lynching in the New South: Georgia and Virginia, 1880-1930. Urbana: University of Illinois Press. Carrigan, William D. und Clive Webb. 2013. Forgotten Dead: Mob Violence against Mexicans in the United States, 1848-1928. New York: Oxford University Press. Ore, Ersula. 2019. Lynching: Violence, Rhetoric, and American Identity. Jackson: University Press of Mississippi. Pfeifer, Michael J. 2013. Lynching Beyond Dixie: Mob Violence Outside the American South. Urbana: University of Illinois Press. Pfeifer, Michael J. 2004. Rough Justice: Lynching and American Society, 1874-1947. Urbana: University of Illinois Press. Pfeifer, Michael J. 2011. The Roots of Rough Justice: Origins of American Lynching. Urbana: University of Illinois Press. Scott, Terry Anne. 2022. Lynching and Leisure: Race and the Transformation of Mob Violence in Texas. Fayetteville: The University of Arkansas Press. Seguin, Charles und David Rigby. 2019. „National Crimes: A New National Data Set of Lynchings in the United States, 1883 to 1941.“ Socius: Sociological Research for a Dynamic World. doi: 10. 1177/ 2378023119841780. Tolnay, Stewart E. und E. M. Beck. 1995. A Festival of Violence: An Analysis of Southern Lynchings, 1882-1930. Urbana: University of Illinois Press. Waldrep, Christopher. 2008. African Americans Confront Lynching: Strategies of Resistance from the Civil War to the Civil Rights Era. Lanham, Md.: Rowman and Littlefield Publishers. Williams, Kidada E. 2012. They Left Great Marks on Me: African American Testimonies of Racial Violence from Emancipation to World War I. New York: New York University Press. 214 15 Lynchjustiz <?page no="215"?> 16 Minstrelshows/ Minstrelsy Ilka Saal Abstract | Bei Minstrelshows handelt es sich um eine Form burlesker Theater‐ unterhaltung, in deren Mittelpunkt die komische Darstellung erniedrigender Stereotypen von Schwarzen Menschen durch weiße Performer: innen in Blackface steht. Die in den 1830er Jahren in den USA entstandenen und in den 1840er Jahren zunehmend formalisierten Minstrelshows spielten eine wichtige Rolle bei der Verhandlung von kulturellen, sozialen und wirtschaftlichen Spannungen dieser Zeit, insbesondere in den sich rasant industrialisierenden Städten des Nordens. Im 19. Jahrhundert erfreuten sie sich sowohl in den USA als auch in Großbritannien größter Beliebtheit. Die rassifizierenden Stereotypen der Minst‐ relshows beeinflussten auch die im 20. Jahrhundert aufkommende Film-, Radio- und Fernsehindustrie und üben deshalb bis heute einen starken Einfluss auf die US-amerikanische Kultur aus. In Branden Jacobs-Jenkins’ Theaterstück Neighbors (2010) finden sich zwei sehr unter‐ schiedliche afroamerikanische Familien in direkter Nachbarschaft in einem weißen Mittelschichtviertel wieder: die Pattersons, eine „mixed-race“ Familie aufstrebender Akademiker: innen, und die Crows, eine Familie von Minstrelshow-Performer: innen. Während Richard Patterson sich bemüht, am überwiegend weißen College der Stadt als Dozent für Klassische Philologie Fuß zu fassen, probt die Nachbarfamilie Crow fleißig für ihr Comeback. Durch sein Küchenfenster sieht Richard völlig fassungslos dabei zu, wie Nachbar Zip Coon mit Musikinstrumenten eine geschmacklose Slap‐ stick-Nummer voller sexueller Anspielungen aufführt, während Nachbarin Mammy Crow zwei weiße Babys an ihren entblößten Brüsten in einem „Mata-Hari-esque belly dance“ ( Jacobs-Jenkins 2012, 387) herumwirbelt und der jugendliche Sohn Sambo Crow eine Wassermelone lassoartig mit einem „enormous fire-hose-esque phallus“ einfängt (ebd., 358). Für Richard, der zunächst verblüfft, dann zunehmend empört zuschaut, ist es schlicht unbegreiflich, warum jemand heutzutage aus freien Stücken und mit sichtlichem Vergnügen die verabscheuenswürdigsten rassistischen Klischees der Minstrelshows des 19. Jahrhunderts aufführen würde - und das auch noch in Blackface, in mit Schminke geschwärztem Gesicht. Richard ärgert sich nicht nur über die muntere Reproduktion grotesker Stereotypen des Schwarzseins durch die Crows, sondern befürchtet auch, dass seine weißen Nachbar: innen (darunter der Dekan der Fakultät seines Colleges) seine eigene Familie metonymisch mit den Crows verwechseln und ihn durch die Brille eben jener Stereotypen sehen könnten, die er so lange bekämpft hat und die die Crows nun so unbeschwert darbieten. Als seine <?page no="216"?> Frau und seine Tochter beginnen, freundschaftliche und romantische Beziehungen zur Nachbarsfamilie aufzubauen, wächst Richards Entsetzen. Das Stück endet damit, dass sich Richard auf einen tödlichen Ringkampf mit seinem Antagonisten Zip Coon einlässt, um das double consciousness - das doppelte oder gespaltene Bewusstsein Schwarzer Identität -, welches Coon bei ihm auslöst, endgültig auszulöschen. Der berühmte afroamerikanische Soziologe W. E. B. Du Bois beschrieb dieses doppelte Bewusstsein 1903 erstmals als „dieses [sonderbare] Gefühl, sich selbst immer nur durch die Augen anderer wahrzunehmen, der eigenen Seele den Maßstab einer Welt anzulegen, die nur Spott und Mitleid für einen übrig hat“ (Du Bois 35). In parabelhafter Weise unterstreicht Jacobs-Jenkins’ Stück die noch stets verheerende Wirkmacht dieses doppelten Bewusstseins für zeitgenössische Afroamerikaner: innen, welches unter anderem auf der hartnäckigen Langlebigkeit von rassistischen Stereotypen gründet, die auf den Minstrelbühnen des 19. Jahrhunderts entwickelt wurden. Diese Minstrelkarikaturen des Schwarzseins - Zip Coon, Mammy, Sambo, Jim Crow und Topsy- dienen seither als Blaupause für weiße, rassifizierende Projektionen. Ursprünge und Formen Minstrelshows sind eine Form burlesker Theaterunterhaltung, in deren Mittelpunkt die komische Darstellung erniedrigender Stereotypen von Schwarzen durch weiße Performer: innen in Blackface steht. Die Theaterform entwickelte sich in den frühen 1830er Jahren in den urbanen Zentren des US-amerikanischen Nordens und Südwes‐ tens aus verschiedenen populären Quellen. Dazu zählte die seit langem bestehende Theatertradition, dass Schauspieler: innen ihre Haut dunkler schminkten, wenn sie die Rolle eines ethnischen Anderen spielten (z. B. in Aufführungen von Shakespeares Othello), aber auch folkloristische Rituale des Maskentragens (z. B. Karneval, Morris Dancing) sowie afroamerikanische Performance-Kulturen, insbesondere die virtuosen Darbietungen freier und versklavter Afroamerikaner: innen in öffentlichen Räumen wie dem Catherine Market in New York (Lhamon 1998, Cockrell 1997). In den frühen 1830er Jahren machten weiße, männliche Performer wie George Dixon Washington und Thomas Dartmouth Rice sich diese verschiedenen Traditionen gekonnt zu eigen, in dem sie begannen, Schwarze Menschen auf der Bühne parodistisch nachzuahmen. Damit hatten sie großen Erfolg; besonders Zuschauende aus der Arbeiterschicht strömten in Scharen herbei um zu bestaunen, wie weiße Darsteller sich teilweise vor ihren Augen in das, was sie als „Schwarz“ verstanden, verwandelten und „Schwarzes“ Dasein vermittelten. T.D. Rice wurde zum Star, als er 1832 auf den Theaterbühnen New Yorks erstmals seine Version der folkloristischen Figur des Jim Crow aufführte. Mit geschwärztem Gesicht und in Lumpen gehüllt, sang er mit gekünsteltem „Schwarzen“ Akzent und tanzte mit grotesken Bewegungen zum beliebten Lied „Jump Jim Crow“. Die Aufführung wurde über Nacht zum Hit und Rice machte mit Jim Crow auf Bühnen in den USA und im Ausland Karriere. 1838 schrieb die Boston Post: „The two most popular characters in the world at the present time are [Queen] Victoria and Jim Crow“ 216 16 Minstrelshows/ Minstrelsy <?page no="217"?> (zitiert nach Cockrell 1996, 161). Angeregt durch Rices Erfolg bildeten sich in den 1840er Jahren mehrere Minstreltruppen, die das Land bereisten; die prominentesten unter ihnen waren die Virginia Minstrels unter der Leitung von Daniel Decatur Emmett und die Christy Minstrels unter der Leitung von Edwin Pearce Christy. Auch weiße Darstellerinnen traten schon bald in Minstrelshows auf, wobei jedoch rein männliche Truppen üblicher waren (Voracheck 2013). Letztere erfreuten ihr Publikum auch gern mit Travestien weiblicher „Schwarzer“ Figuren (Bean 1996). Blackface Minstrelsy entwickelte sich schon bald zur führenden Form der Massenunterhaltung in den USA und brachte eine ganze Industrie an Begleitprodukten hervor, darunter Karikatu‐ ren, Amateur-Blackface-Sets sowie Notenblätter und Liederbücher. Insbesondere die Minstrellieder von Stephen Foster wie „Camptown Races“ und „Oh! Susanna“ erfreuten sich großer Beliebtheit und sind auch heute noch bekannt (Shaftel 2007). Dank der transatlantischen Reisen von T. D. Rice, der Virginia Minstrels, der Christy Minstrels und anderer Ensembles verbreitete sich Minstrelsy schon bald weltweit, insbesondere in Großbritannien, aber auch in Westeuropa und Südafrika (Pickering 2016, Cockrell 1987). Erläuterung | Jim Crow: Der Name Jim Crow wird heute in der Regel mit der Gesetzgebung von US-Bundesstaaten, welche im späten 19. Jahrhundert die Rassentrennung einführten, in Verbindung gebracht. Ursprünglich stand er jedoch für eine volkstümliche, afroamerikanische Trickster-Figur. Der weiße Darsteller T. D. Rice eignete sich diese Figur 1830 erstmals für eine Minstrelshow an, indem er, in Lumpen gehüllt und sein Gesicht mit verbranntem Kork zum Blackface geschminkt, zum beliebten Lied „Jump Jim Crow“ sang und tanzte. Obwohl die frühen Minstrelversionen von Jim Crow Schwarze Menschen auf krude Weise karikierten und rassifizierten, besaßen sie durchaus mehrdeutiges Potenzial und faszinierten Zuschauende der Unterschicht mit ihrer einfallsreichen, autarken und transgressiven Art. Bei den frühen Minstrelshows, wie der von Rice, handelte es sich um komische, narrative und mit Gesangseinlagen angereicherte Aufführungen, in deren Mittelpunkt die Taten einer trickreichen Schelmenfigur wie der des zerlumpten, entflohenen Skla‐ ven Jim Crow stand. Obwohl diesen Aufführungen krude, rassifizierende Stereotypen Schwarzer Menschen zu Grunde lagen, waren sie nichtsdestotrotz häufig von einer gro‐ ßen Ambiguität gekennzeichnet und boten komplexe, charismatische Protagonist: in‐ nen dar. Diese frühen Figuren waren zwar zerlumpt, aber auch autark und einfallsreich und verstanden es immer wieder, die weißen Machthaber und Strukturen, die sie zu kontrollieren suchten, zu überlisten. Wissenschaftler: innen haben wiederholt die An‐ ziehungskraft dieser Figuren für Zuschauende aus der Unterschicht unterstrichen. Dale Cockrell hebt das antielitäre Moment der frühen Minstreltradition hervor, den Reiz der Transgression, der Umkehrung von Machtstrukturen und die Aufhebung etablierter 16 Minstrelshows/ Minstrelsy 217 <?page no="218"?> Ordnungen. Diese sprachen insbesondere desillusionierte Angehörige der urbanen (vor allem männlichen, eher jungen) Arbeiterschicht an, die damit rangen inmitten rasant voranschreitender gesellschaftlichen Veränderungen, wie rapider Industrialisierung, territorialer Ausbreitung und Massenimmigration, Fuß zu fassen (Cockerell 1996). Auch W.T. Lhamon Jr. betont die Attraktivität der Spitzbüberei dieser „Schwarzen“ Minstrelfiguren für weiße Zuschauende: hier wussten Unterdrückte und Ausgegrenzte das System allen Widrigkeiten zum Trotz mit Pfiffigkeit zu überlisten und für ihre eigenen Zwecke zu nutzen. Jim Crow und seine Kumpanen Ginger Blue, Gumbo Chaff und Bone Squash wurden so zum Inbegriff der Vitalität und Widerstandskraft der Unterschicht, zum wirkmächtigen Symbol, das breite Gruppen Missachteter in London, New York und New Orleans ansprach (Lhamon 2003, 5). Ab den 1840er Jahren wurden die Strukturen und Charaktere der Minstrelshows stärker formalisiert und zunehmend dem Geschmack eines breiten, bürgerlichen Pub‐ likums angepasst. Die Christy Minstrels entwickelten einen dreiteiligen Aufbau, der von vielen anderen Ensembles übernommen wurde. Im Eröffnungsteil marschierten die Minstrelperformer: innen feierlich ein und nahmen dann im Halbkreis, dem Publikum zugewandt auf der Bühne Platz. Jeweils am Ende des Halbkreises saßen zwei, auf Stereotypen beruhende und in Blackface geschminkte Standardcharaktere: Mr. Tambo (der Tamburin spielte) und Mr. Bones (der ein einfaches Perkussionsinstrument, wie rhythm bones oder Klappern spielte). Diese endmen lieferten sich nun geistreiche Wortgefechte und tauschten ausgelassene Scherze mit dem middleman oder interlocutor aus. Im Gegensatz zu den zerlumpten endmen war der förmlich gekleidete interlocutor weiß geschminkt. In seiner Rolle als Zeremonienmeister führte er sich wichtigtuerisch und pompös auf. Der humoristische Schlagabtausch zwischen endmen und middleman wurde von diversen Musiknummern umrahmt und durchbrochen, wobei insbesondere Banjo und Fiedel eingesetzt wurden. Der zweite Teil, auch olio genannt, bestand aus einem Medley aus Varieténummern, die von verschiedenen Performer: innen dargeboten wurden und seinen Höhepunkt in der parodistischen Nachahmung einer öffentlichen Rede (stump speech) durch einen der endmen fand. Der Gegenstand solcher Minstrelsy stump speeches variierte stark; manche waren blanker Unsinn, während andere auf witzige Art zu aktuellen Themen improvisierten. Diese Reden wurden in der Regel in einer grotesk verzerrten Version der afroamerikanischen Mundart vorgetragen und mit ironischen Malapropismen, unlogischen Folgerungen und ver‐ meintlich unbeabsichtigten Wortspielen gespickt. Trotz Virtuosität der Darbietung, Witz der Form und Originalität des Inhaltes dienten die stump speeches letztlich dazu, existierende Klischees von Schwarzer Ignoranz und Possenreißerei zu untermauern. Im dritten und letzten Teil der Minstrelshow, dem sogenannten afterpiece, führten stark rassifizierte Typen namens Mammy, Sambo, und Zip Coon einen slapstickhaften Sketch auf, der ebenfalls die Inferiorität der Schwarzen belegen sollte. Im Unterschied zu den Jim-Crow-Trickster-Figuren der frühen Minstrelshows fehlte diesen plumpen rassistischen Karikaturen jegliche Ambiguität. Die Sketche im afterpiece zeichneten ein idyllisches Bild des Plantagenalltags mit gütigen, väterlichen Sklavenbesitzern und 218 16 Minstrelshows/ Minstrelsy <?page no="219"?> zufriedenen, unbekümmerten Versklavten, die wiederholt auf infantile Art ihre Unfä‐ higkeit zur Eigenverantwortung und Selbstbeherrschung ausstellten. Damit bedienten die Aufführungen genau die Vorstellung von Afroamerikaner: innen, die weiße Nord‐ staatler: innen bereits hatten und haben wollten. Tatsächlich hielten viele Zuschauende, diese Inszenierungen Schwarzer Menschen für völlig authentisch (Roediger 1991, 124). Als Harriet Beecher Stowes abolitionistischer Roman Uncle Tom’s Cabin 1852 zu einem nationalen und internationalen Bestseller wurde, adaptieren Minstrelshows ausgiebig Episoden und Charaktere für die Bühne (wie z. B. Topsy, welche Stowe zuvor selbst Figuren der Minstrelshow nachempfunden hatte). Während einige Adaptionen Stowes Roman ins Lächerliche zogen, schrieben andere dessen politisches Programm so um, dass das adaptierte Material nicht mehr den Abolitionismus, sondern, im Gegenteil, die Sklaverei selbst entschieden befürwortete. Dies betraf insbesondere den Protagonisten Uncle Tom. Sarah Meer weist darauf hin, dass die Minstrelsy-Verwandlung von Stowes klugem, mitfühlenden Protagonisten Tom in eine komische Figur oder, noch schlimmer, in eine duldsame Marionette der Sklavenbesitzer, wesentlich dazu beigetragen hat, wie diese Figur im heutigen populärkulturellen Gedächtnis wahrgenommen wird (Meer 2005, 15). Blackface: Ästhetik und Politik Blackface Minstrelsy erwies sich als widersprüchliches Medium der populärkulturellen Massenunterhaltung, das in seiner Verunglimpfung Schwarzer Menschen zutiefst rassistisch war und zugleich von starker Faszination für Schwarzsein zeugte. Denn, so Eric Lott, die Anziehungskraft von Blackface für Darstellende und Zuschauende im 19. Jahrhundert bestand nicht darin, dass weiße Comedians abfällige Witze über Schwarze machten, sondern vielmehr darin, dass weiße Performer: innen ihre eigenen Vorstellungen von Blackness temporär verkörpern und ausagieren konnten. Diese Vorstellungen offenbarten eine ambivalente Mischung aus libidinösem und psychi‐ schem Interesse an Alterität: Sehnsucht nach und Angst vor Blackness, Wunsch nach Identifikation, aber auch Abscheu. Sie zeugten auch von einer Obsession mit Schwarzen Körpern und einer imaginierten Schwarzen Männlichkeit. Lott merkt hierzu an: „To wear or even enjoy blackface was literally, for a time, to become black, to inherit the cool, virility, humility, and abandon, or gaité de coeur that were the prime components of white ideologies of black manhood“ (Lott 1993, 52). Blackface Performances brachten zwar rassenübergreifende Sehnsüchte zum Aus‐ druck, förderten jedoch keinerlei Allianzen, geschweige denn Solidarität, über die Rassengrenzen hinweg. Minstrelshows waren stets ein Forum von Weißen, für Weiße und über Weiße ( Jones 2013, 22). Lhamon Jr. und Douglas Jones Jr. beschreiben, wie Zuschauende der Unterschicht Blackness auf der Bühne als Metapher der „worst-case condition“, der maximalen gesellschaftlichen Benachteiligung, begriffen und daher Blackness als Platzhalter für ihren eigenen prekären Status wahrnehmen konnten (Lhamon 2003, 4). Andererseits markierte das Blackface jedoch auch ihre soziale Distanz 16 Minstrelshows/ Minstrelsy 219 <?page no="220"?> zu dieser „worst-case condition“ des Schwarzseins, indem es das eigene Weißsein und die damit verbundenen politischen und wirtschaftlichen Vorrechte visuell hervorhob ( Jones 2013, 30). Was auch immer man in Bezug auf seinen sozialen Status war, man war nicht „Schwarz“. Deshalb war es von zentraler Bedeutung, dass die Darstellenden unter der Blackface-Maske als Weiße erkennbar blieben. Dies erreichte man, indem man die Verwandlung der Performer: innen von weiß zu „Schwarz“ und zurück auf der Bühne inszenierte bzw. in den begleitenden Programmheften ausstellte oder indem man in der Darstellung Schwarzer Charaktere Anspielungen auf weitverbreitete ethnische Typen (wie die „Deutschen“, die „Iren“) anklingen ließ. Auf diese Weise gelang es den rassifizierenden Blackface Darbietungen, ein eher heterogenes, von sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Unterschieden geprägtes Publikum unter der Kate‐ gorie eines gemeinsamen, respektablen und zunehmend selbstgefälligen „Weißseins“ zu vereinen (Roediger 1991, 118). Insbesondere Zuschauende aus der Unterschicht konnten so ihren sozialen Status gegenüber freien Schwarzen verhandeln, mit denen sie in den industriellen Ballungszentren des Nordens um Arbeitsplätze konkurrierten. In dieser Hinsicht erwies sich Blackface Minstrelsy als besonders effektive Strategie für irische, deutsche und später auch jüdische Immigrant: innen. David Roediger zufolge förderte die Inszenierung eines verbindenden “Weißseins” auf der Minstrelbühne selbst in Zeiten von Antiimmigrationshysterie eine erstaunliche ethnische Diversität (Roediger 1991, 117). Ungeachtet der antielitären Ausrichtung dieser Theaterform sowie ihrer Bereitschaft ethnische Diversität und rassenübergreifendes Begehren zuzulassen, verkörperte und konzentrierte Blackface Minstrelsy jedoch die volle Wucht des weißen Rassismus (Saxton 1996, 67). Diese Aufführungen verhandelten nicht nur mit Hilfe antischwarzer Karikaturen die für das urbane Arbeiterpublikum im Norden typischen kulturellen, ethnischen und sozialen Spannungen, sondern schmiedeten mittels der Befürwortung und Verbreitung des Plantagenmythos auch eine symbolische Allianz zwischen der Arbeiterschicht des Nordens und der Plantokratie der Südstaaten. Blackface Minstrels‐ hows erwiesen sich somit, trotz ihrer Genese in der Populärkultur der westlichen Frontier und der Massenkultur der urbanen Zentren des Nordens, als klare Unterstüt‐ zung von Sklaverei und weißer Vorherrschaft. Schwarze Blackface Performer: innen Der ausgeprägten antischwarzen Ästhetik und Politik der Minstrelshows zum Trotz drängten im Verlauf der zweiten Hälfte des 19.-Jahrhunderts verstärkt auch Schwarze Künstler: innen auf die Minstrelbühne, da diese die einzige Möglichkeit bot, ihr künst‐ lerisches Talent zu zeigen und im Bereich der Schauspielerei einen Lebensunterhalt zu verdienen. In der Zeit vor dem Bürgerkrieg standen die Minstrelbühnen ausschließlich weißen Performer: innen offen - mit der bemerkenswerten Ausnahme von William Henry Lane, auch bekannt als Master Juba, der sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Großbritannien für seine innovative Verschmelzung verschiedener Tanzstile 220 16 Minstrelshows/ Minstrelsy <?page no="221"?> bekannt wurde. Nach Ende des Sezessionskrieges drängten zunehmend afroamerika‐ nische und afrokaribische Künstler: innen auf die Bühne und bildeten teilweise eigene Minstrelensembles, zuweilen sogar unter Schwarzer Leitung, wie etwa die Charles Callender’s Original Georgia Minstrels. Wollten sie jedoch auf Vaudeville-Bühnen auftreten, mussten sie sich an die gängigen Minstrelsy Konventionen halten - d. h. sie mussten in einer erfundenen „Schwarzen“ Sprache sprechen und sich das Gesicht mit verbranntem Kork schwärzen. Auch sie fungierten als Projektionsfläche für weiße Vorstellungen des Schwarzseins. Gleichzeitig vermarkteten Schwarze Blackface Performer: innen ihre Darbietungen geschickt als „die echte“ oder „authentischere“ Repräsentation des Schwarzseins, um sich einen Teil des profitablen Unterhaltungs‐ marktes zu sichern. Das berühmte Minstrel Duo Charles Walker und Bert Williams zum Beispiel trat unter dem selbstgewählten Namen „Two Real Coons“ auf, um sich von weißen Blackface Darbietungen abzuheben (Krasner 1998, 26). Natürlich war an den Blackface Darbietungen von Schwarzen Künstler: innen genauso wenig echt wie an denen von weißen. Der aus der Karibik stammende Bert Williams etwa musste den erwarteten Schwarzen Bühnendialekt erst sorgfältig einstudieren. Williams wurde zu einem der berühmtesten Schwarzen Comedians des frühen 20. Jahrhunderts. 1903 produzierte er zusammen mit Walker das erste all-Black Broadway Musical (In Dahomey), in dem er gleichzeitig eine der Hauptrollen spielte, und in den 1910er Jahren trat er als erstes und einziges Schwarzes Mitglied in den berühmten Ziegfeld Follies auf (Chude-Sokei 2006). Der Erfolg hatte seinen Preis: Williams musste Blackface tragen. Sein Freund und Kollege W.C. Fields beschrieb Bert Williams daher mit den Worten: „the funniest man I ever saw, and the saddest man I ever knew“ (zitiert nach Chude-Sokei 2006, 20). Dank des Erfolgs von Darstellenden wie Walker und Williams konnten Schwarze Künstler: innen mit der Zeit einige wichtige Änderungen an der Minstrelform vorneh‐ men. Nach und nach führten sie komplexe und weltgewandte Figuren in ihre Shows ein, die die gängigen weißen Stereotypen von Afroamerikaner: innen widerlegten. Sie brachten auch einen sogenannten straight man auf die Bühne, einen Minstrelperformer ohne Blackface, der mit realistischer Aussprache, Mimik und Gestik einen scharfen Kontrast zu den karikierten Figuren bot. Diese realistischeren Darstellungen des Schwarzseins durch einen straight man waren, wie Harvey Young betont, jedoch nur möglich, solange sie durch die Präsenz und physische Nähe der Blackface Maske autorisiert wurden (Young 2013, 44). Veränderungen und Auswirkungen Mit den 1920er Jahren begann die Beliebtheit von Minstrelshows auf den Theater‐ bühnen zu schwinden - dies nicht zuletzt dank der vereinten Anstrengungen afro‐ amerikanischer Intellektueller und Künstler: innen. Besonders während der Periode der Harlem Renaissance (ca. 1917 bis 1935) bemühten sich diese das Erbe des „Old Negro“, wie Alain Locke es nannte, zu überwinden und ein realistisches und positives 16 Minstrelshows/ Minstrelsy 221 <?page no="222"?> Bild der afroamerikanischen Bevölkerung zu vermitteln (Locke 1995, 47). In anderen Medien blieb das Genre jedoch lebendig wie eh und je. Es bot der aufkommenden Stummfilmindustrie der frühen 1900er Jahre eine willkommene Vorlage für die Dar‐ stellung von People of Color. So stellten in D.W. Griffiths bahnbrechendem Werk The Birth of a Nation (1915) - dem ersten Stummfilm in Spielfilmlänge, welcher den Aufstieg des Ku-Klux-Klans währender der Reconstruction Era feierte - weiße Darsteller: innen in Blackface Schwarze Menschen als wilde und renitente Subjekte dar, die ihrer neugewonnenen Freiheit unwürdig waren (→ Kapitel Der erste und zweite Ku-Klux-Klan). Zwölf Jahre später läutete Warner Bros. Pictures mit The Jazz Singer (1927) die Ära des Tonfilms ein. Der Film erzählt die Geschichte eines jungen jüdischen Künstlers (gespielt von Al Jolson), der seinen Wunsch, Jazzsänger zu werden, erfüllt, indem er sein Gesicht schwarz schminkt (Rogin 1998). 1928 strahlten die weißen Stimmkünstler und ehemaligen Minstrelperformer Freeman Gosden und Charles Correll die erste Folge der Radiosendung Amos ‚n‘ Andy aus, in der die Charaktereigenschaften und Sprechweise der Titelfiguren den Minstrelshows von einst nachempfunden wurden. Die Sendung blieb in verschiedenen Versionen bis weit in die 1950er Jahre hinein ein nationaler Hit. In der Filmadaption der Radiosendung von 1930, Check and Double Check, spielten Gosden und Correll Amos und Andy in Blackface. Selbst als die Rollen in einer späteren Fernsehadaption, The Amos ‚n‘ Andy Show (1951-53), von afroamerikanischen Schauspielern ohne Blackface gespielt wurden, wurde von ihnen noch stets verlangt, die „Schwarze“ Stimme der weißen Schöpfer Gosden und Correll nachzuahmen (Young 2013, 45). Das Erbe der Minstrelsy reichte also bis weit ins 20. Jahrhundert hinein und setzt sich auch im 21. Jahrhun‐ dert noch fort. Wann immer die weiße Unterhaltungsindustrie auf entwürdigende Schwarze Stereotypen zurückgreift, oder wann immer weiße Künstler: innen, von Shirley Temple und Judy Garland bis hin zu Elvis und Amy Winehouse, ihr Gesicht schwarz schminken oder eine „Schwarze“ Stimme aufsetzen, um von stereotypischen Vorstellungen von Blackness zu profitieren, begegnen wir Varianten der ursprünglichen Minstrelshows. Der afroamerikanische Regisseur Spike Lee schuf 2000 mit seinem Spielfilm Bamboozled eine beißende Satire über das fortwährende Erbe der Blackface Minstrelsy in der US-amerikanischen Unterhaltungsindustrie und deren anhaltenden Einfluss auf heutige Darstellungen und Wahrnehmungen von Schwarzen Menschen. Der Film verweist auch auf ergreifende Weise auf den emotionalen und psychischen Tribut hin, den dieses Erbe von afroamerikanischen Darstellenden und Zuschauenden gefordert hat und noch stets fordert. Jacobs-Jenkins’ Theaterstück Neighbors aus dem Jahr 2010 endet damit, dass wäh‐ rend Richard mit Zip Coon im Hintergrund erbittert kämpft, die Familie Crow sich auf der Vorderbühne für ihre große Minstrelshow in Stellung bringt. Aber dann geschieht nichts. Das muss es auch nicht, denn das Klischee der singenden, tanzenden, lachenden und den Clown spielenden Schwarzen hat sich beim zeitgenössischen Publikum so tief eingeprägt, dass es automatisch aufgerufen wird, sobald eine dunkelhäutige Person die Bühne betritt - mit oder ohne Blackface. Mammy kann daher ihren lampenfiebrigen 222 16 Minstrelshows/ Minstrelsy <?page no="223"?> Sohn Jim Crow mit dem doppeldeutigen Hinweis beruhigen, einfach er „selbst“ zu sein, da auch dies nur eine weitere Performance in seinem Leben ist. Statt einmal mehr weiße Erwartungen schauspielerisch zu bedienen, richtet die Familie ihren Blick auf das Publikum. In der Regieanweisung heißt es: „they don’t move. They simply look into every face in the room. Zip and Richard are still fighting in half-light, and they are the only sound we hear as the entire family looks the entire audience over. […] It is awkward and goes on forever. We watch them. They watch us“ ( Jacobs-Jenkins 2012, 402). Mit diesem dénouement spielt Jacobs-Jenkins den white gaze, den rassifizierenden weißen Blick gekonnt an die weißen Zuschauenden des 21. Jahrhunderts zurück. Diese Konfrontation mit eigenen Projektionen auf Schwarze Menschen und dem damit verbundenen affektivem und epistemischen Begehren macht u. a. auch die noch stets ausstehende Auseinandersetzung mit Weißsein sichtbar. Übersetzt mit Unterstützung von Teresa Teklić Literatur Bean, Annemarie. 1996. „Transgressing the Gender Divide: The Female Impersonator in Nine‐ teenth Century Blackface Minstrelsy.“ In Inside the Minstrel Mask: Readings in Nineteenth-Cen‐ tury Blackface Minstrelsy, hrsg. von Annemarie Bean, James Hatch und Brooks McNamara, 245-56. Middletown: Wesleyan University Press. 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Im Rahmen des War on Drugs wurden drakonische Drogengesetze erlassen und eine polizeiliche Hyperüberwachung der vor allem von ethnischen Minderheiten bewohnten Innenstädte etabliert. Die „Masseninhaftierung“ sozial schwacher Af‐ roamerikaner: innen ist als ein System „rassischer“ Kontrolle in neoliberalen Zeiten anzusehen, das ein Gefühl von Sicherheit und Überlegenheit unter Weißen erzeu‐ gen sollte, die den afroamerikanischen Erwerb der Bürgerrechte als persönlichen Statusverlust empfunden hatten und im Lichte des Neoliberalismus wirtschaftliche Unsicherheit erfuhren beziehungsweise befürchteten. Der damalige Präsident der traditionsreichen afroamerikanischen Bürgerrechtsorga‐ nisation NAACP, Benjamin Jealous, bezeichnete 2009 die Gefängnisexpansion als die größte Herausforderung für afroamerikanische Bürgerrechte dieser Generation (Serwer 2009). Die Gefängnisexpansion, die seit Anfang der 1980er Jahre in den USA zu verzeichnen ist - die USA stellten im Jahr 2018 etwa 4,4 Prozent der Weltbevölkerung, aber 19,7 Prozent der weltweit Gefangenen (Walmsley 2018, 6; 17) - hat die afroame‐ rikanische Community überdurchschnittlich betroffen: Obwohl Afroamerikaner: innen im Jahr 2010 nur 12,6 Prozent der amerikanischen Bevölkerung ausmachten (Rastogi et al. 2011, 2), betrug ihr Anteil an der Gefangenenpopulation im Jahr 2009 laut dem statistischen Amt des US-Justizministeriums 39,4 Prozent (West 2010, 19). Die Anzahl inhaftierter afroamerikanischer Männer hat sich von 143.000 im Jahr 1980 auf 791.600 im Jahr 2000 erhöht, und damit in einem Zeitraum von zwanzig Jahren etwa verfünffacht (Butterfield 2002). Erläuterung | Gefängnisexpansion: Die Gefängnisexpansion hat nicht die breite Masse der Bevölkerung betroffen, sondern speziell auf sozial schwache Afroame‐ rikaner: innen abgezielt. Dies soll in diesem Beitrag Berücksichtigung finden, indem der Begriff „Masseninhaftierung“ in Anführungszeichen gesetzt wird. Der Soziologe Loïc Wacquant schreibt dazu: „[H]ätte sich der Strafstaat flächendeckend durch eine Politik ausgebreitet, die eine große Anzahl Weißer und Angehöriger der Mittelschicht ins Gefängnis gebracht hätte, wäre sein Ausbau schnell politisch gestoppt und aufgehalten worden“ (2010a, 105). <?page no="226"?> Diese überproportionale Repräsentation von Afroamerikaner: innen in Gefängnissen ist nicht etwa darauf zurückzuführen, dass Afroamerikaner: innen deutlich häufiger das Gesetz brächen als andere ethnische Gruppen. Vielmehr ist die „Masseninhaftierung“ von Schwarzen Amerikaner: innen - um genau zu sein, von Schwarzen Amerikaner: in‐ nen der unteren sozialen Schichten - als ein System „rassischer“ Kontrolle anzusehen. Als zentrales Instrument dieses Systems hat der War on Drugs fungiert, den der Republikanische Präsident Richard Nixon 1972 ausrief und Präsident Ronald Reagan, ebenfalls Republikaner, nach seinem Amtsantritt 1981 verschärfte, der seither jedoch von Politiker: innen beider Parteien „ausgefochten“ wurde. Der War on Drugs ist Teil der strafenden Wende im US-Strafjustizsystem, die bedeutsamer Weise parallel zur Neoliberalisierung der Sozial- und Wirtschaftspolitik eingeläutet wurde. Nachdem er zunächst die wichtigsten Mechanismen des War on Drugs darlegt, stellt dieser Artikel die sozialen, ökonomischen und politischen Auswirkungen der afroamerikanischen „Masseninhaftierung“ vor. Sodann wird die „Masseninhaftierung“ Schwarzer Menschen als „rassische“ Kontrolle in neoliberalen Zeiten theoretisch eingeordnet und diskutiert, inwieweit sie historische Regime der Unterdrückung und Ausbeutung Schwarzer fortschreibt. Abschließend werden Vorschläge zur Reform des Strafjustizsystems sowie die prison abolition-Bewegung vorgestellt, die sich für die Abschaffung des Gefängnisses einsetzt. Mechanismen des War on Drugs Wie bereits angedeutet, ist der War on Drugs als der Hauptgrund anzusehen, warum Afroamerikaner: innen aus der Unterschicht derart häufig im Netz der Strafjustiz landen (Alexander 2011; Provine 2007; Wacquant 2001). Die Rechtswissenschaftlerin und Aktivistin Michelle Alexander schreibt: „Nichts hat stärker zur systematischen Masseninhaftierung ethnischer Minderheiten in den USA beigetragen als der War on Drugs“ (Alexander 2012, 60; Übers. KM). Wie die Analysen des Soziologen Loïc Wacquant gezeigt haben, sind es vor allem Afroamerikaner: innen aus den unteren sozialen Schichten, die von Inhaftierung betroffen sind. Während das Risiko einer Inhaftierung für afroamerikanische Männer ohne Highschool-Abschluss 1998 bei 59 Prozent lag und sich gegenüber 1978 verdreifacht hatte, war für Schwarze Männer mit Hochschulbildung die lebenslange Wahrscheinlichkeit einer Inhaftierung im glei‐ chen Zeitraum von 6 auf 5 Prozent gesunken. Dies zeigt laut Wacquant, dass die afroamerikanische Mittel- und Oberschicht von der Gefängnisexpansion verschont geblieben sei (Wacquant 2010a, 106). Der wichtigste Mechanismus des War on Drugs war der Erlass drakonischer Dro‐ gengesetze verbunden mit einer polizeilichen Hyperüberwachung (hyperpolicing) der Innenstädte. In den 1970er Jahren lebte hier nun überwiegend die afroamerikanische Unterschicht, nachdem Weiße ab 1945 als Reaktion auf die afroamerikanische Great Migration in den Norden zunehmend in die Vororte abgewandert waren (white flight) und wirtschaftlich besser gestellte Afroamerikaner: innen in die ehemals von Weißen 226 17 Masseninhaftierung <?page no="227"?> bewohnten städtischen Gegenden gezogen waren. Der War on Drugs ist Teil der strafenden Wende (punitive turn) im US-Strafjustizsystem. In deren Rahmen wurden zum einen unter dem Leitbild des broken windows policing gewaltfreie Verbrechen wie Drogenbesitz unter Strafe gestellt. (Broken windows policing fußt auf der Annahme, dass Verstöße gegen die öffentliche Ordnung, wenn man diese nicht bestraft, in schwerwiegenden Verbrechen münden, vgl. Harcourt 2001, 2-3.) Zum anderen bein‐ haltete die strafende Wende eine schärfere Bestrafung von Kapitalverbrechen sowie die Aushöhlung des Prinzips der Bewährung. Während beispielsweise eine wegen Mordes zu einer lebenslangen Haftstrafe Verurteilte früher die Möglichkeit hatte, wegen guter Führung nach 15 Jahren auf Bewährung entlassen zu werden, sind Kapitalverbrechen in den letzten Jahrzehnten zunehmend mit lebenslanger Haft ohne Möglichkeit auf frühzeitige Entlassung geahndet worden (Gottschalk 2015a, xvii). Die Anzahl derjenigen, die de facto eine lebenslange Strafe hinter Gittern verbüßen, stieg somit drastisch an (Gottschalk 2015a, 166). Afroamerikaner: innen werden überproportional häufig wegen Drogendelikten ver‐ haftet und verurteilt. Zwischen 1983, kurz bevor der War on Drugs unter Präsident Reagan auf Bundesebene verschärft wurde, und 2000 haben sich die Gefängnisein‐ weisungen von Afroamerikaner: innen wegen Drogendelikten mit dem Faktor 26 multipliziert. Die Zahl der Gefängniseinweisungen von Weißen wegen Drogendelikten im Jahr 2000 hat sich zwar auch gegenüber 1983 erhöht; sie hat sich aber lediglich verachtfacht (Travis 2002, 28). Manch eine: r mag sich nun fragen, ob Drogenkonsum und Drogenhandel in der afroamerikanischen Community weiter verbreitet seien als unter weißen Amerika‐ ner: innen. Verschiedene Studien haben jedoch gezeigt, dass alle ethnischen Gruppen in etwa gleich häufig Drogen konsumieren und verkaufen (vgl. Alexander 2011, 99). Da die Polizei aber in den Vororten und Stadtteilen, die überwiegend von Weißen bewohnt werden, nicht annähernd so präsent ist wie in den verarmten, hauptsächlich von ethnischen Minderheiten bewohnten Innenstädten, fällt der Drogenkonsum von Weißen der Obrigkeit weniger auf. Seit die Bundesregierung unter Präsident Nixon 1972 den War on Drugs erklärte und sich damit in die Drogenpolitik einmischte, die bis dato Sache der Bundestaaten und Landkreise gewesen war, hat sich die Kontrolle der Innenstädte durch die Polizei erheblich verschärft; man spricht von einer Hyperüberwachung. Die Bundesregierung versprach jenen Strafverfolgungsbehörden der Bundesstaaten und der Landkreise, die gewillt waren, dem Krieg gegen die Drogen höchste Priorität einzuräumen, großzügige finanzielle Unterstützung. Ferner erhielten Polizeibehörden, die den War on Drugs priorisierten, vom Verteidigungsministerium militärische Ausrüstung. Präsident Ronald Reagan gab den Strafverfolgungsbehörden dann einen weiteren Anreiz für rigorosen Einsatz im Krieg gegen die Drogen, indem er ihnen erlaubte, bei Drogenoperationen konfisziertes Bargeld und Besitztümer in ihr Behördenbudget zu überführen (Alexander 2011, 73-78). Hinzu kam, dass seit der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs Terry v. Ohio (1968) die so genannte Stop-and-frisk-Praktik erlaubt ist: Polizist: innen dürfen jemanden, den oder die sie aus 17 Masseninhaftierung 227 <?page no="228"?> plausiblem Grund verdächtigen, gefährlich zu sein und einer kriminellen Tat nachzu‐ gehen, anhalten und durchsuchen (Alexander 2011, 63). Wie die Fälle tödlicher Polizei‐ gewalt gegenüber unbewaffneten Afroamerikaner: innen nahelegen, die in den letzten Jahren gehäuft bekannt wurden und zur Gründung der Black-Lives-Matter-Bewegung führten, nehmen Polizeibeamt: innen Schwarze tendenziell als inhärent kriminell wahr (→ Kapitel Black Lives Matter und → Kapitel Polizeisystem und Polizeigewalt). Gleichzeitig wurden auf Bundesebene Gesetze verabschiedet, die nicht nur Drogen‐ handel, sondern auch Drogenbesitz mit drakonischen Strafen belegten. Zum einen legte der Kongress im Anti-Drug Abuse Act (1986) verbindliche Mindeststrafen für eine Vielzahl an Drogendelikten fest. Um ein Beispiel anzuführen: Wenn einem Drogenhändler, dem vor einem Bundesgericht der Prozess gemacht wird, der Besitz von einem Kilogramm Heroin nachgewiesen wird, ist die Richterin gesetzlich verpflichtet, ihn zu mindestens zehn Jahren Haft zu verurteilen. Doch auch die Bundesstaaten waren gesetzgeberisch aktiv: Um die Jahrtausendwende hatten 24 Bundesstaaten Three-strikes-and-you’re-out-Gesetze erlassen, die so genannte Gewohnheitstäter bei der dritten Verurteilung für den Rest ihres Lebens hinter Gitter bringen; 1980 hatte es in keinem Bundesstaat ein solches Gesetz gegeben. Ferner hatten zur Jahrtausendwende 40 Staaten sogenannte Truth-in-sentencing-Gesetze verabschiedet, die eine vorzeitige Haftentlassung auf Bewährung unmöglich machen; 1980 hatte es diese Gesetze nur in 3 Bundesstaaten gegeben (Thompson 2010, 710). Im Zuge des War on Drugs wurden außerdem Gesetze verabschiedet, die implizit rassistisch sind, weil sie Vergehen, die angeblich vor allem von Schwarzen begangen werden, härter bestrafen als vergleichbare Vergehen, die vermeintlich vor allem von Weißen begangen werden. So verhängte der bereits erwähnte Anti-Drug Abuse Act ein Mindeststrafmaß von fünf Jahren Gefängnis ohne die Möglichkeit vorzeitiger Haftentlassung für den Besitz von 5 Gramm Crack (d. h. Kokain in Kristallform, welches in Pfeifen geraucht wird), während erst der Besitz von 500 Gramm Kokain in Puderform zum gleichen Strafmaß führte (vgl. Beaver 2010, 2548). Die Disparität im Strafmaß war also 1 zu 100, obwohl es sich um die chemisch identische Substanz handelt. Crack galt in der gesellschaftlichen Vorstellung als Droge des Schwarzen Ghettos, während Puderkokain teuer und somit die Droge der Wahl von besserverdienenden Weißen ist. Nachdem Ronald Reagan 1981 die Präsidentschaft übernommen hatte, verschärfte seine Administration den War on Drugs und nährte das Narrativ des epidemischen Crackmissbrauchs in den Innenstädten, noch bevor Crack zu einem krisenhaften Problem in verarmten Schwarzen Nachbarschaften wurde (Alexander 2011, 5). Im Jahr 1986 verabschiedete der Kongress dann die drakonischen Mindeststrafmaße für Crackdelikte und kriminalisierte somit in besonderem Maße Verhalten, das implizit als Schwarz galt. Auch Staatsanwält: innen und Richter: innen legten ihre Handlungsspielräume zu‐ nehmend strenger aus. Staatsanwält: innen, die die mächtigsten Akteur: innen innerhalb des amerikanischen Strafjustizsystems sind (Alexander 2011, 87), klagen afroamerika‐ nische Männer zum Beispiel mit doppelt so hoher Wahrscheinlichkeit wie weiße Män‐ 228 17 Masseninhaftierung <?page no="229"?> ner wegen eines Delikts an, das ein vorgeschriebenes Mindeststrafmaß vorsieht (Starr und Rehavi 2013, 28). Afroamerikaner: innen werden darüber hinaus von Richter: innen für das gleiche Drogendelikt durchschnittlich zu längeren Haftstrafen verurteilt als Weiße (Weiman und Weiss 2009, 84). Soziale, ökonomische und politische Auswirkungen der afroamerikanischen „Masseninhaftierung“ Entgegen dem Narrativ von Law and Order haben Studien gezeigt, dass hohe Inhaf‐ tierungsraten zu mehr Verbrechen führen, wodurch logischerweise die öffentliche Sicherheit sinkt. Orte, die bezüglich der sozialen, kulturellen und wirtschaftlichen Eigenschaften ihrer Einwohner: innen ähnlich sind, weisen laut der Geografin Ruth Wilson Gilmore bald drastische Unterschiede bezüglich des sozialen Zusammenhalts und der Häufigkeit von Verbrechen auf, wenn ihre jeweiligen Inhaftierungsraten voneinander abweichen (Gilmore 2007, 16-17). Eine Inhaftierung bestraft also nicht nur die Gefangenen selbst, sondern destabilisiert auch ihre soziale Umwelt. Ferner endet die Bestrafung von Gefangenen in den meisten Fällen nicht mit der Haftentlassung. Wer erst einmal wegen einer felony verurteilt wurde - also wegen eines Verbrechens, das ein Strafmaß von mindestens einem Jahr Haft nach sich zieht - ist mit verschiedenen Diskriminierungen konfrontiert, unter anderem von staatlicher Seite; diejenigen, die Haftstrafen wegen Drogendelikten verbüßten, sehen sich besonders eklatanten Benachteiligungen ausgesetzt. Ein Eintrag im Strafregister wegen „kleinster Vergehen“ (Alexander 2011, 145; Übers. KM) reicht bereits, um den Anspruch auf eine Sozialwohnung zu verwirken. Der 1986 verabschiedete Anti-Drug Abuse Act weist außerdem Sozialwohnungsverwaltungen an, Räumungsklage gegen Mieter: innen einzuleiten, die wegen Drogendelikten verurteilt wurden oder auch nur im Verdacht stehen, Drogen zu missbrauchen. Familien ohne festen Wohnsitz droht nicht nur die Obdachlosigkeit; das Jugendamt ist autorisiert, Kinder von Eltern zu trennen, die keinen Wohnort nachweisen können, und sie in Pflegefamilien unterzubringen (Alexander 2011, 145-146). Auch auf dem Arbeitsmarkt stoßen Ex-Gefangene auf Benachteiligungen. Studien zeigen, dass ein Eintrag im Strafregister die Jobchancen um bis zu 59 Prozent und das Gehalt, falls doch eine Einstellung erfolgt, um bis zu 28 Prozent verringert (Thompson 2010, 714). Afroame‐ rikaner: innen mit geringer Qualifikation und einem Eintrag im Strafregister haben nahezu keine Chance, nach der Haftentlassung Arbeit zu finden: Nur 5 Prozent werden zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen, verglichen mit 17 Prozent niedrigqualifi‐ zierter Weißer mit einem Eintrag im Strafregister (Pager 2003, 955-56). Diejenigen mit Drogendelikten im Strafregister können auch nicht auf staatliche Hilfen zurückgreifen, um Arbeitslosigkeit auszugleichen: Der unter Präsident Bill Clinton 1996 verabschie‐ dete Personal Responsibility and Work Opportunity Reconciliation Act versah sie mit einem lebenslangen Verbot, Essensmarken zu beziehen. Gleiches galt für Sozialhilfe, die dieses Gesetz ansonsten jeder oder jedem Bedürftigen für insgesamt fünf Jahre 17 Masseninhaftierung 229 <?page no="230"?> zubilligte (Thompson 2010, 714). Die Bundesstaaten hatten jedoch die Möglichkeit, das Essensmarken-Verbot beziehungsweise das Sozialhilfe-Verbot für Drogendelinquenten aufzuheben. Im Zuge strafrechtsreformatorischer Bemühungen seit den 2010er Jahren, die noch Thema dieses Beitrags sein werden, setzten die meisten Bundesstaaten diese Verbote außer Kraft oder ließen Ausnahmen zu: Im Jahr 2023 hatten 25 Bundesstaaten das lebenslange Verbot Sozialhilfe zu beziehen außer Kraft gesetzt und 18 hatten Ausnahmen zugelassen, während 7 das lebenslange Verbot weiterhin durchsetzten. Das lebenslange Verbot, Essensmarken zu beziehen, wurde im Jahr 2023 nur noch von South Carolina durchgesetzt; 20 Bundesstaaten hatten Ausnahmen zugelassen, während 29 das Verbot außer Kraft gesetzt hatten (Love und Sibilla 2023). Diese sozioökonomischen Bedingungen, die in den 1980er bis 2000er Jahren im Fall von Drogendelinquenten besonders belastend waren, erhöhen die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls in die Kriminalität. Marie Gottschalk bezeichnet die soeben ausgeführten Praktiken als die gesellschaftliche Verdammung Ex-Gefangener zum „zivilen Tod“ (2015a, 260; Übers. KM). Außerdem zieht eine felony eine drastische Einschränkung der Bürgerrechte nach sich. Felons verlieren während der Haft das Wahlrecht. (Zum Vergleich: In der Bun‐ desrepublik verlieren Straftäter: innen, die zu mindestens einem Jahr Haft verurteilt werden, automatisch das passive Wahlrecht für fünf Wahre; das aktive Wahlrecht kann Straftäter: innen von den verurteilenden Richter: innen für zwei bis fünf Jahre aberkannt werden, vgl. Oelbermann 2011.) Ob jemandem in den USA das Wahlrecht nach Haftentlassung wieder zugesprochen wird, hängt vom Bundesstaat ab. In einigen Bundesstaaten resultiert bereits eine Bewährungsstrafe in der Aberkennung des Wahlrechts. Bei den Präsidentschaftswahlen 2012 durften 5,85 Millionen Menschen - oder 2,5 Prozent der gesamten potentiellen Wähler: innen - aufgrund einer felony nicht wählen; darunter waren 8-Prozent der potentiellen afroamerikanischen Wähler: innen (Uggen, Shannon und Manza 2012, 1-2). Wie ich im Folgenden darlegen werde, ist die „Masseninhaftierung“ Schwarzer Menschen, deren profunde Auswirkungen auf die Schwarze Community ich soeben vorgestellt habe, als „rassische“ Kontrolle in neoliberalen Zeiten anzusehen. Um dies nachzuvollziehen, bedarf es eines Blicks in die Geschichte. Die „Masseninhaftierung“ sozial schwacher Afroamerikaner: innen als „rassische“ Kontrolle in neoliberalen Zeiten In den späten 1950er Jahren bemühten weiße Gouverneure und Polizeibehörden in den Südstaaten die Rhetorik von Law and Order, um gegen die Bürgerrechtsbewegung Stimmung zu machen. 1954 hatte der Oberste Gerichtshof im Fall Brown v. Board of Education die Rassentrennung in den Schulen für verfassungswidrig erklärt und damit die gesetzlich verankerte Diskriminierung Schwarzer Menschen in den Südstaaten insgesamt in Frage gestellt. Die Bürgerrechtsbewegung forderte nun durch politische Aktionen wie gemeinsame Sit-ins von Schwarzen und Weißen in segregierten Restau‐ 230 17 Masseninhaftierung <?page no="231"?> rants und gemeinsamen freedom rides in segregierten Langstreckenbussen ein Ende des gesamten Systems rassistischer Unterdrückung, das auch Jim-Crow-System genannt wurde (→ Kapitel Der Kampf gegen die Segregation in öffentlichen Verkehrsmitteln und Einrichtungen). Die weißen Eliten des Südens bezeichneten diese politischen Aktionen als kriminell. Seit Mitte der 1950er Jahre verbanden Konservative ihre Ablehnung der Bürgerrechtsbewegung systematisch mit Appellen für Law and Order, indem sie argumentierten, Martin Luther Kings Philosophie des zivilen Ungehorsams begünstige Kriminalität (Alexander 2011, 40-41). 1966 behauptete der damalige Vi‐ zepräsident Nixon beispielsweise in einer Rede, steigende Kriminalität ließe sich „direkt auf die Verbreitung der schädlichen Doktrin zurückverfolgen, dass jeder Bürger ein inhärentes Recht besitze, selbst zu entscheiden, wann er Gesetze befolgt und wann nicht“ (Nixon 1966, 64, Übers. KM). Die Law-and-Order-Rhetorik fungierte hier als euphemistischer Deckmantel für rassistische Einstellungen. Nachdem die Konservativen den Kampf um die Rassentrennung verloren hatten, dauerte es nicht lange, bis sie eine Law-and-Order-Rhetorik bemühten, um im Feld der Strafjustiz gegen afroamerikanische Bürgerrechte vorzugehen. Mittlerweile hat John Ehrlichmann, der Anfang der 1970er Jahre Präsident Nixons wichtigster innenpolitischer Berater war, zugegeben, dass der War on Drugs die afroamerikanische Community und die Gegner: innen des Vietnamkriegs zersetzen sollte: Wir wussten, dass wir es nicht verbieten konnten, gegen den Krieg oder Schwarz zu sein, doch indem wir die Öffentlichkeit dazu bewegten, die Hippies mit Marihuana und Schwarze mit Heroin zu assoziieren, und dann beides stark kriminalisierten, konnten wir diesen Gruppen schaden. Wir konnten ihre Anführer festnehmen, ihre Wohnungen durchsuchen, ihre Treffen beenden, und sie jeden Abend in den 20-Uhr Nachrichten verleumden. Wussten wir, dass wir Lügen über die Drogen erzählten? Natürlich wussten wir das (zit. in Baum 2016; Übers. KM). Überraschenderweise wurde die Tough-on-crime-Politik von Teilen der afroamerika‐ nischen Eliten mitgetragen. Wie James Forman Jr. in seiner Studie Locking up Our Own zeigt, erwiesen sich in den 1980er und 1990er Jahren Schwarze Staatsanwält: innen und Richter: innen als besonders streng gegenüber afroamerikanischen Angeklagten, deren delinquentes Verhalten sie zum Teil als Verrat an Martin Luther Kings Traum werteten, der durch die Bürgerrechtsgesetze Verwirklichung gefunden hätte. Durch diese Einstellung erwiesen sich die Schwarzen Eliten - wohl überwiegend ungewollt - als Unterstützer: innen weißer und neoliberaler Eliten, die darauf abzielten, unliebsame Bevölkerungsteile durch die strafende Wende in Schach zu halten. Michelle Alexander bezeichnet die „Masseninhaftierung“ von Afroamerikaner: innen als „the new Jim Crow“, d. h. als ein System „rassischer“ Kontrolle, das Schwarze - ähnlich wie zu Zeiten rechtlich festgeschriebener Rassentrennung in den Südstaaten - permanent in einem Status zweitklassiger Staatsbürgerschaft festhalte und ihre gesellschaftliche Teilhabe verhindere (2011, 12-13). Alexander schreibt: „Die Massen‐ inhaftierung funktioniert als ein eng abgestimmtes System von Gesetzen, Politiken, 17 Masseninhaftierung 231 <?page no="232"?> Bräuchen und Institutionen, die zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass eine Gruppe, die hauptsächlich durch Rasse gekennzeichnet ist, in einem untergebenen Status verbleibt“ (2011, 13; Übers. KM). Der ‚Geniestreich‘ - aus Sicht der weißen gesellschaftlichen Eliten - sei, dass Afroamerikaner: innen nicht mehr explizit aufgrund ihrer Identität gesetzlich benachteiligt würden. Man stigmatisiere sie vielmehr auf‐ grund von kriminellem Verhalten (2011, 2). Da die Gesellschaft gewohnt sei, dass die Rechte von Kriminellen eingeschränkt würden, so Alexander, sei eine breite öffentliche Auseinandersetzung über die „Masseninhaftierung“ von Schwarzen und die lebenslangen negativen Konsequenzen eines Eintrags im Strafregister bislang weitestgehend ausgeblieben. Loïc Wacquant kritisiert die Bezeichnung der „Masseninhaftierung“ als „the new Jim Crow“, da vom Jim-Crow-System im Süden der USA alle Afroamerikaner: innen - unabhängig von ihrer Klassenzugehörigkeit - betroffen gewesen seien. Aus Wacquants Sicht ist die „Masseninhaftierung“ der Schwarzen Unterschicht als Antwort auf den Zerfall des Ghettos in neoliberalen Zeiten zu interpretieren. Traditionell hatten im Norden Schwarze aller sozialen Klassen in städtischen Enklaven wie Harlem zusam‐ mengelebt. Laut Wacquant diente das Ghetto der „rassischen“ Kontrolle, indem es Weißen ermöglichte, Schwarze von ihrer eigenen Lebenssphäre fernzuhalten und ihre Arbeitskraft ausbeuteten. Das Ghetto zerfiel, erstens, aufgrund des postfordistischen Wandels, durch den die industrielle Produktion von den USA größtenteils in die Nied‐ riglohnländer ausgelagert wurde, während in den USA nun schwerpunktartig Güter in den Bereichen Dienstleistung und Technologie produziert wurden (vgl. Schimank 2012). Im Zuge dessen wurde die Arbeitskraft niedrigqualifizierter Schwarzer, die im Fordismus zentral gewesen war, überflüssig, und damit auch das Ghetto als Reservoir für ungelernte Schwarze Arbeitskräfte. Zweitens, so Wacquant, habe white flight eine Rolle gespielt, also der Wegzug Millionen Weißer aus den Städten in die Vororte als Reaktion auf den Zuzug von Afroamerikaner: innen. Infolgedessen zogen Afroameri‐ kaner: innen der Mittelklasse in die zuvor von Weißen bewohnten städtischen Gebiete, wodurch die Mischung verschiedener Klassen im (vormaligen) Schwarzen Ghetto nicht mehr gegeben war (Wacquant 2010a, 108-09). Wacquant argumentiert, dass nun auf das Gefängnis zurückgegriffen wurde, um eine Bevölkerungsgruppe - also sozial schwache Afroamerikaner: innen - in Schach zu halten, die von der Mehrheitsgesellschaft für „deviant, verarmt und gefährlich“ gehalten wurde (Wacquant 2010a, 109). Wacquants Einwand, die „Masseninhaftierung“ diene speziell der Kontrolle der afro‐ amerikanischen Unterschicht, und nicht etwa der gesamten afroamerikanischen Com‐ munity, ist aufgrund der von ihm zitierten empirischen Daten ernst zu nehmen. Man sollte aber bedenken, dass ein beachtlicher Teil der afroamerikanischen Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze lebt: Im Jahr 1980, kurz bevor die Gefängnisexpansion an Fahrt aufnahm, waren 32 Prozent der Afroamerikaner: innen arm, verglichen mit 9 Prozent der weißen Bevölkerung (Mather 2007). Angesichts dieser Zahlen sollte man sich vergegenwärtigen, dass die meisten Afroamerikaner: innen der Unterschicht oder 232 17 Masseninhaftierung <?page no="233"?> Arbeiterklasse angehören, und die Gefängnisexpansion ergo Auswirkungen für einen signifikanten Teil der afroamerikanischen Bevölkerung hatte. Ich bin der Ansicht, dass die materiellen wie symbolischen Gründe für die „Massen‐ inhaftierung“ Schwarzer am zutreffendsten durch eine Synthese der von Alexander und Wacquant vorgebrachten Erklärungsmuster erfasst werden können. Zwar halte ich Alexanders These, die afroamerikanische „Masseninhaftierung“ in der Post-Bür‐ gerrechtsära stelle ein neues Jim-Crow-System dar, für weitgehend überzeugend. Aber ich gebe zu bedenken, dass ein unvollständiges Bild der Dynamik hinter der „Massenin‐ haftierung“ entsteht, wenn die postfordistisch-neoliberale Wende außer Acht gelassen wird. Ein auf verarmte Schwarze abzielendes, strenges Strafjustizsystem schuf ein Ge‐ fühl von Sicherheit und Überlegenheit unter Weißen der Arbeiter- und Mittelklasse, die den afroamerikanischen Erwerb der Bürgerrechte als einen persönlichen Statusverlust wahrgenommen hatten, und nun angesichts der neoliberalen Wende ökonomische Unsicherheit erfuhren (oder befürchteten). Es waren nämlich bezeichnenderweise dieselben präsidentiellen Administrationen, die die Gefängnisexpansion deutlich be‐ feuerten und die Neoliberalisierung der Wirtschafts- und Sozialpolitik vorantrieben - die Administrationen Ronald Reagans (1981-1989) und Bill Clintons (1993-2001). So stieg die Zahl der Gefangenen in den USA von 474.000 im Jahr 1980 auf 1.966.000 im Jahr 2000 an ( Justice Policy Institute 2000). Ferner erhöhte sich das gemeinsame Strafjus‐ tizbudget des Bundes und der Länder zwischen 1980 und 2000 von 7 auf 57 Milliarden Dollar (Wacquant 2010c, 76). Zwar widerspricht die für Steuerzahler: innen kostspielige Gefängnisexpansion auf den ersten Blick Reagans und Clintons neoliberalem Credo des small government; wie Wacquant jedoch überzeugend argumentiert, kombiniert der Neoliberalismus typischerweise big government im Bereich der Strafjustiz mit small government in der Wirtschafts- und Sozialpolitik. Er schreibt: „Ein teures und umfangreiches Gefängnissystem ist nicht nur eine Konsequenz des Neoliberalismus … sondern ein integraler Bestandteil des neoliberalen Staats selbst“ (2009, 175; Übers. KM; Hervorhebung im Original). Es ergibt sich die Schlussfolgerung, dass Reagan, Clinton und andere neoliberale Kräfte durch die drakonische Bestrafung der Schwarzen Unterschicht ein (rassifiziertes) Gefühl von Sicherheit und Überlegenheit unter Weißen zu erschaffen versuchten. Erläuterung | Prison-Industrial Complex: Das Konzept des prison-industrial com‐ plex bringt zum Ausdruck, eine Kopplung rassistischer Ideologien mit dem neoli‐ beralen Profitmotiv sei der Motor der Gefängnisexpansion gewesen. Das Konzept kritisiert das privatwirtschaftliche Betreiben von Gefängnissen sowie die Praxis, die Arbeitskraft Gefangener an Unternehmen wie Victoria’s Secret „auszuleihen“, die den Gefangenen vernachlässigbare Löhne zahlen. Das Konzept ist empirisch jedoch nicht haltbar: So waren 2021 „nur“ 8 Prozent der US-Gefangenen in privat betriebenen Gefängnissen (Budd und Monazzam 2023). Auch wenn Profite der Privatwirtschaft nicht Motor, sondern Nebeneffekt der Gefängnisexpansion waren, 17 Masseninhaftierung 233 <?page no="234"?> ist zu fragen, ob es ethisch vertretbar ist, Unternehmen Kapital aus dem Einsperren von Bürger: innen schlagen zu lassen. Die „Masseninhaftierung“ als Fortsetzung historischer Regime der Unterdrückung und Ausbeutung Schwarzer Wenn auch Michelle Alexanders Analogie zwischen dem Jim-Crow-System und der „Masseninhaftierung“ nicht hundertprozentig zutrifft, so konzediert auch Wacquant, dass die „Masseninhaftierung“ in der beklagenswerten Tradition des Einsperrens (confinement), der Ausbeutung und Entrechtung von Afroamerikaner: innen steht, die mit der Sklaverei ihren Anfang nahm, und sich nach Abschaffung der Sklaverei durch den 13. Zusatzartikel zur US-Verfassung im Convict-lease-System und im sharecropping fortsetzte, um dann in Form des Jim-Crow-Systems in Erscheinung zu treten (Alexan‐ der 2011; Wacquant 2001). Die Formulierung des 13. Zusatzartikels, der 1865 in Kraft trat und bis heute gilt, ist höchst aufschlussreich: „Weder Sklaverei noch unfreiwillige Knechtschaft sollen in den USA […] bestehen, außer als Strafe für ein Verbrechen, dessentwegen die Person rechtsmäßig verurteilt wurde“ (Übers. KM; Hervorhebung KM). Nach dem Ende der Reconstruction 1877, als sich der Norden aus dem Süden zurückzog, nutzten die Südstaaten diese Gesetzesformulierung aus, um wieder der Sklaverei ähnelnde Zustände zu schaffen. So verabschiedeten die Südstaaten Gesetze, die eine Reihe alltäglicher Verhaltensweisen (z. B. „Herumlungern“) kriminalisierten, was eine Inhaftierung ehemaliger Sklav: innen im großen Stil ermöglichte. Die Arbeitskraft der Gefangenen wurde dann an Unternehmen „vermietet“, die dem Landkreis eine geringe Pauschale zahlten, die Gefangenen jedoch nicht entlohnten und somit erhebliche Lohn‐ kosten sparten, die sie freien Arbeiter: innen hätten zahlen müssen. Erst 1928 hatten die Bundesstaaten des Südens das Convict-lease-System allesamt verboten, das jedoch in einzelnen Fällen weiter existierte, bis das US-Justizministerium 1941 die Praktik illegalisierte und Verstöße gegen das Verbot strafrechtlich verfolgte (Blackmon 2008, 371-82). Nach 1877 verpachteten außerdem viele Plantagenbesitzer: innen Land und vormalige Sklavenunterkünfte an ehemalige Versklavte (sharecropping), verlangten im Gegenzug jedoch einen Löwenanteil der Ernte (Royce 2010). In den meisten Fällen wies die Beziehung zwischen weißen Gläubiger: innen und Schwarzen Schuldner: innen eine deutliche Benachteiligung der Schuldner: innen auf, so dass Schwarze ihre Schulden durch unentlohnte Arbeit zu tilgen hatten, was Lohnknechtschaft gleichkam. Für viele Afroamerikaner: innen änderten sich also ihre materiellen Lebensumstände trotz der Abschaffung der Sklaverei erst einmal nur wenig (→ Kapitel Rassismus und Wirtschaft). Einige Wissenschaftler: innen und Kulturschaffende sehen die gegenwärtige „Mas‐ seninhaftierung“ als Manifestation des im 13. Zusatzartikel formulierten Passus an, der Sklaverei als Strafe für Verbrechen legitimiert: Laut dieser Sicht, die besonders eindrücklich im 2016 veröffentlichten Dokumentarfilm 13th der Regisseurin Ava 234 17 Masseninhaftierung <?page no="235"?> DuVernay zum Ausdruck kommt, besteht die Sklaverei in Form der von einem willkürlichen Justizsystem erzeugten „Masseninhaftierung“ Schwarzer fort, da Afro‐ amerikaner: innen in Haft unfrei seien, ihre Arbeitskraft ausgebeutet werde und sie (teilweise über die Haftentlassung hinaus) keine Bürgerrechte genössen - ähnlich wie Schwarze zu Zeiten der Sklaverei. Strafrechtsreform oder Gefängnisabschaffung? Nachdem die politischen Eliten der Gefängnisexpansion lange keine Beachtung ge‐ schenkt hatten, erkennen mittlerweile einflussreiche Politiker: innen sowohl der De‐ mokratischen als auch der Republikanischen Partei die Schwarze „Masseninhaftierung“ als politisches Problem an. Es gibt eine Reihe politischer Bewegungen, die sich für eine Reduktion der Gefangenenzahl stark machen - zum Beispiel das parteiübergrei‐ fende Projekt #cut50. Die Frage, wie der afroamerikanischen „Masseninhaftierung“ beizukommen ist und wie die Gefangenenzahl im Allgemeinen reduziert werden kann, beantworten soziale Bewegungen, Wissenschaftler: innen und Politiker: innen mit zwei unterschiedlichen Argumentationslinien: Die Gruppe der Reformer: innen nennt als wichtigste Schritte Veränderungen hinsichtlich der Strafzumessung, besonders bezüg‐ lich Drogendelikten und anderer gewaltfreier Verstöße (sentencing reform). Marie Gottschalk schreibt: Wir müssen die Zahl derer reduzieren, die überhaupt erst ins Gefängnis geschickt werden, und für eine Verringerung der Strafmaße sowie der tatsächlich verbüßten Haft sorgen. Kurzum, wir brauchen eine umfassende Reform der Strafzumessung basierend auf dem Prinzip, dass das Gefängnis in erster Linie für diejenigen vorgesehen sein soll, die eine gravierende Bedrohung der Gesellschaft darstellen (Gottschalk 2015a, 259; Übers. KM). Eine Beendigung des War on Drugs würde nicht nur der Benachteiligung von Afro‐ amerikaner: innen im Strafjustizsystem entgegenwirken, sondern die Gefangenenzahl insgesamt deutlich reduzieren. Denn 2014 saßen allein 20 Prozent aller Gefangenen in state prisons und 50 Prozent aller Gefangenen in federal prisons wegen (gewaltfreier) Drogendelikte ein (Carson 2015). In den letzten Jahren sind auf Bundesebene partei‐ übergreifend Gesetze verabschiedet worden, die eine Abmilderung des War on Drugs darstellen. (Diese Gesetze beziehen sich auf Verurteilungen in Bundesgerichten und somit Haftstrafen in Bundesgefängnissen.) 2010 reduzierte der Fair Sentencing Act die Disparität im Strafmaß zwischen Kokain in Puderform und Crack von 1: 100 auf 1: 18, indem er das Mindeststrafmaß für Crack-Delikte deutlich senkte (Grawert und Richman 2022). Mit Unterstützung von Präsident Trump und beiden großen politischen Parteien im US-Kongress wurde 2018 der First Step Act erlassen (vgl. Diamond und Rogers 2018), der es Richter: innen erlaubt, unter bestimmten Bedingungen die Verhängung des Mindeststrafmaßes zu umgehen. Außerdem machte das Gesetz den Fair Sentencing Act von 2010 retroaktiv; Gefangene, die vor 2010 wegen Crack-Delikten zu Haftstrafen in Bundesgefängnissen verurteilt wurden, können nun bei Gericht um 17 Masseninhaftierung 235 <?page no="236"?> eine Verkürzung ihrer Haftstrafen ansuchen (Grawert und Richman 2022). Präsident Joe Biden, der als Senator im Kongress in den 1980er und 1990er Jahren drakonische Drogenpolitik unterstützte (Glueck 2019), begnadigte im Herbst 2022 diejenigen, die wegen Marihuana-Besitzes Haftstrafen in Bundesgefängnissen verbüßten (Grawert et al. 2023). Diese Gesetzesinitiativen haben anscheinend Wirkung gezeigt: Nachdem die Anzahl der Gefangenen (in Gefängnissen der Landkreise, der Bundesstaaten und des Bundes zusammengenommen) im Jahr 2009 mit 2,3 Millionen den Höchststand erreicht hatte (West 2010, 18), war sie im Jahr 2020 auf 1,81 Millionen gesunken (Kang-Brown, Montagnet und Heiss 2021, 1). Wie bereits erwähnt, ist der War on Drugs aber nicht allein auf Tough-on-crime-Ge‐ setze zurückzuführen. Zusätzlich begannen die Polizei, Staatsanwält: innen, Richter: in‐ nen und Bewährungskommissionen in den 1970er Jahren, ihren Handlungsspielraum strafender auszulegen als zuvor (Gottschalk 2015b). Staatsanwält: innen haben die Macht, für weniger Gefängniseinweisungen und weniger „rassische“ Disparitäten beim Strafmaß zu sorgen. Sie könnten beispielsweise entscheiden, bei niederschwelligen Vergehen wie Drogenbesitz in Eigenbedarfsmenge keine Anklage zu erheben. Der Bezirksstaatsanwalt von Milwaukee im Bundesstaat Wisconsin, John Chisholm, ent‐ schloss sich beispielsweise nach seinem Amtsantritt im Jahr 2007 dazu, keine Anklage zu erheben bei Drogendelinquent: innen, die zum ersten Mal straffällig geworden waren (Gottschalk 2015a, 267). Da ein Teil der Staatsanwaltschaft und der Richterschaft in den USA vom Volk gewählt werden, haben Bürger: innen, denen die Diskriminierung von Schwarzen im Justizsystem ein Dorn im Auge ist, die Möglichkeit, besonnene Kandidat: innen zu wählen. Wie ist nun der Hyperüberwachung der Innenstädte beizukommen? Laut dem Kriminologen Joseph Margulies basierte Polizeiarbeit jahrzehntelang auf dem Prinzip, „kleine Räder“ im Getriebe der Drogenwirtschaft zu überwachen und verhaften, um über sie an die Drogenbosse zu gelangen. So erfolgten im Jahr 2005 vier von fünf Verhaftungen für Drogenbesitz und nur eine von fünf für Drogenhandel (Alexander 2011, 60). Margulies hält diese Art der Polizeiarbeit für gescheitert; er empfiehlt den Polizeibehörden damit zu beginnen, niederschwellige Delikte wie Drogenbesitz als soziale Probleme statt als Verbrechen anzusehen, und sich stattdessen auf die Drogenbosse zu konzentrieren (Margulies 2015). Schließlich plädieren Reformer: innen für ein Ende des „Gefängnisses jenseits des Gefängnisses“ (Gottschalk 2015a, 260; Übers. KM), d. h. der umfangreichen Einschrän‐ kungen der Bürgerrechte, denen aus der Haft entlassene Menschen ausgesetzt sind. Es wäre weniger wahrscheinlich, dass Ex-Häftlinge rückfällig würden, wenn sie uneingeschränkt Sozialleistungen (Zugang zu Sozialwohnungen, Sozialhilfe, Essens‐ marken, etc.) erhielten. Ein Pilotprojekt im Bundesstaat New York hat beispielsweise gezeigt, dass die Auslastung der Gefängnisse des Bundesstaats um 74 Prozent und der Gefängnisse der Landkreise um 40 Prozent sank, nachdem Menschen mit Eintrag im Strafregister Zugang zu Sozialwohnungen erhalten hatten (Culhane et al. 2001, 4). 236 17 Masseninhaftierung <?page no="237"?> Um einen deutlichen Rückgang der Gefangenenzahl zu erzielen, reichen Reformbe‐ mühungen, die sich auf Drogendelikte und andere gewaltfreie Verbrechen konzentrie‐ ren, jedoch nicht aus, wie Marie Gottschalk argumentiert. Gottschalk macht sich für eine Abschaffung der Praxis der Verurteilung zu lebenslanger Haft ohne Möglichkeit auf vorzeitige Haftentlassung stark (2015a, 262). Zwar ist die Strafrechtsreform in letzter Zeit zunehmend zum überparteilichen Thema geworden; allerdings kritisieren Republikaner: innen und Gruppen wie Right on Crime die Gefängnisexpansion in erster Linie als Belastung der Staatskasse (Gottschalk 2015b). Jedoch besteht, wie ich mit Verweis auf Wacquant gezeigt habe, ein kausaler Zusammenhang zwischen dem neoliberalen Rückzug des Sozialstaats und der Gefäng‐ nisexpansion. Um die Gefangenenzahl insgesamt zu verringern und den bevorzugten Zugriff des Strafjustizsystem auf die afroamerikanische Unterschicht abzumildern, bedarf es auch umfangreicher staatlicher Investitionen in das Bildungssystem, ei‐ ner besseren medizinischen Versorgung (besonders von Menschen mit psychischen Störungen, die aktuell häufiger in Gefängnissen landen als in Psychiatrien), eines Aufstockens kostenloser oder zumindest kostengünstiger Drogentherapieplätze und eines Wiederausbaus sozialstaatlicher Leistungen (vgl. Gottschalk 2015a, 260). Der zweiten Gruppe, der Prison-Abolition-Bewegung, gehen die oben genannten Reformen nicht weit genug; sie setzt sich für die Abschaffung der Institution Gefängnis an sich ein. Die Abolitionist: innen, die in ihrer Namenswahl bewusst an die soziale Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei anknüpfen, halten das Gefängniswesen für inhärent rassistisch und kritisieren damit diejenigen, die annehmen, durch Reformen könne das Gefängniswesen gerecht gestaltet werden. Sie halten es nicht für probat, das Gefängnis durch eine andere strafende Institution (z.-B. Hausarrest mit Fußfessel) zu ersetzen (Davis 2003, 107). Stattdessen fordern sie Veränderungen der sozialen, ökonomischen und politischen Konstellationen, die zur Gefängnisexpansion und zur Diskriminierung von Afroamerikaner: innen im Justizsystem geführt haben; das Endziel der Abolitionist: innen ist die Gefängnisabschaffung. Das Alleinstellungsmerkmal der abolitionistischen Sichtweise ist sicherlich der Vorschlag, das Konzept Verbrechen durch das Konzept Schaden anderer zu ersetzen, und damit einhergehend Strafjustiz durch restaurative Justiz zu ersetzen; Gesetzes‐ bruch wird also nicht mit Strafe geahndet, sondern als moralische Verpflichtung zur Wiedergutmachung gefasst. Als Modell einer alternativen Gerechtigkeitsfindung führen die Abolitionist: innen den „Kreis“ an, wie er von den indigenen Yukon in Kanada praktiziert wird. Hier kommen die Geschädigte, der Verantwortliche sowie Vertreter: innen der Familien und der Community zusammen und überlegen, wie es zur Schädigung kommen konnte. Man einigt sich darauf, wie der Verantwortliche den Schaden wiedergutmachen kann (Critical Resistance 2012). Es ist im Falle von Schwerverbrechen wie Mord jedoch kritisch zu hinterfragen, ob es der Familie der Ermordeten zuzumuten ist, mit dem Mörder der Angehörigen sprechen zu müssen, und ob sich dieses Modell in einer modernen Massengesellschaft wie den USA umsetzen ließe. 17 Masseninhaftierung 237 <?page no="238"?> Die abolitionistische Position mag unter der US-Bevölkerung nicht mehrheitsfähig sein; eine weitere Abmilderung des War on Drugs ist aber nicht zuletzt deswegen wahrscheinlich, weil seit einigen Jahren eine Heroinepidemie unter weißen Jugendlichen grassiert. Zuletzt kursierten in den Medien verstärkt Schlagzeilen wie diese: „In der Heroinkrise wollen weiße Eltern einen sanfteren War on Drugs“ (Seelye 2015; Übers. KM). Die afroamerikanische Community kritisiert, dass Appelle weißer Eltern, man müsse Drogenabhängigkeit als Krankheit anstatt als Verbrechen auffassen, schnell das Gehör von Politiker: innen gefunden hätten, die ungerührt geblieben seien, solange Verurteilungen wegen Drogendelikten vor allem Afroamerikaner: innen betrafen (Savali 2016). Es bleibt zu hoffen, dass sich eine weitere Abmilderung beziehungsweise eine Beendigung des War on Drugs für alle ethnischen Gruppen positiv auswirken wird und auch die eklatante Benachteiligung von Afroamerikaner: innen im Justizsystem zu verringern vermag. Literatur Alexander, Michelle. 2011. The New Jim Crow: Mass Incarceration in the Age of Colorblindness. New York: The New Press. Baum, Dan. 2016. „Legalize It All: How to win the war on drugs.“ Harper’s Magazine, April 2016. Abgerufen am 13. November 2023. https: / / harpers.org/ archive/ 2016/ 04/ legalize-it-all/ . 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Japanische Einwanderung und Diskriminierung, 1900-1941 Die meisten japanischen Einwanderer kamen zwischen 1900 und 1924 in die Vereinig‐ ten Staaten. Ein Großteil der Immigranten wurde an der Westküste sesshaft. 1920 lebten etwa 110.00 Japaner in den USA, 95.000 davon in Kalifornien, Oregon und Washington; 1940 waren es 127.00 in den USA, davon 112.000 in den drei Westküste-Staaten. Die Einwanderer selbst nannten sich Issei („erste Generation“). Ihnen blieb die US-Staatsbürgerschaft vorenthalten, da gemäß den Einbürgerungsstatuten von 1790 nur „freie weiße Personen“ US-Bürger werden durften und der Oberste Gerichtshof 1922 entschieden hatte, dass „weiß“ gleichzusetzen sei mit „kaukasisch“. Die auf amerikanischem Boden geborenen Kinder hingegen, die „Nisei“, erhielten gemäß dem Vierzehnten Verfassungszusatz automatisch die amerikanische Staatsbürgerschaft. Nikkei steht für „Japanese Americans“ und bezeichnet die Einwanderergeneration sowie ihre Nachfahren. Die Kritik an den japanischen Immigranten erreichte einen ersten Höhepunkt 1902, als der Chinese Exclusion Act auf unbegrenzte Zeit verlängert wurde, während Japaner weiterhin einwandern durften. Das von den Nativisten an der Westküste geforderte Einwanderungsverbot für Japaner oblag indes der Zentralregierung in Washington. Es erfolgte in zwei Schritten: 1907-1908 vereinbarten die japanische und die amerikanische Regierung in dem sogenannten Gentlemen’s Agreement, dass Tokio keine Pässe mehr an Arbeitsmigranten ausstellte. Lediglich Ehefrauen und Kinder bereits ansässiger Issei durften nachreisen. Die Ehen wurden in der Regel <?page no="244"?> von den Familien arrangiert, lediglich Fotografien der Ehepartner wurden vor der Eheschließung ausgetauscht. Die meisten der nachziehenden Ehefrauen wurden daher im Zeitkontext als Picture Brides bezeichnet. Der zweite Schritt erfolgte 1924, als im Rahmen eines neuen Immigrationsgesetzes japanische Einwanderung gänzlich untersagt wurde (Hirobe 2001). Nach dem Einwanderungsverbot änderte sich auch der antijapanische Diskurs. Bis 1908 agitierten insbesondere Gewerkschaften gegen japanische Einwanderer; sie fürchteten die Konkurrenz billiger Arbeitskräfte und charakterisierten Japaner als Vertreter einer minderwertigen und unassimilierbaren „Mongolian race“. Ungeachtet dessen gründeten viele Einwanderer Existenzen als Farmer und Kleinunternehmer. Daraufhin entstand eine neue Allianz aus nativistischen Bürgervereinen, Reformpoli‐ tikern und Zeitungsherausgebern, die die unternehmerischen Erfolge der Immigranten anerkannte, gleichzeitig jedoch warnte, dass eine Vermischung von Japanern und Euroamerikanern die „natürliche Reinheit der Rassen“ gefährde und zu ihrer Degene‐ ration führe (Daniels 1991, 49). Infolge ihrer Lobbyarbeit verabschiedeten Gemeinden und Parlamente der West‐ küste-Staaten zahlreiche Gesetze, welche die japanischstämmige Bevölkerung entrech‐ tete und ausgrenzte. Dazu gehörte die Einschränkung von Landbesitz, Jagd- und Fischereiverbote sowie der Ausschluss aus dem Staatsdienst. Zudem charakterisierte die Presse das zur Großmacht aufgestiegene Japan als „gelbe Gefahr“ und als Bedro‐ hung für die „westliche Zivilisation“. Dieser Diskurs vermischte oft Fakt mit Fiktion und etablierte ein Feindbild, das sich mit dem Überfall Japans auf Pearl Harbor, am 7. Dezember 1941, vermeintlich bestätigte (Daniels 1993, 29-32). Die Entscheidung für Deportation und Masseninternierung, 1941-1942 Einen Tag nach dem Überfall auf Pearl Harbor erklärte die USA Japan den Krieg (→ Kapitel Der Pazifikkrieg). FBI und Militärgeheimdienste waren sich indes einig, dass von den Japanese Americans, als Bevölkerungsgruppe, keine größere Gefahr ausging als von Deutsch- oder Italoamerikanern. Das FBI verhaftete in den Wochen nach Pearl Harbor zwar rund 2.200 Issei, die nach Einschätzung der Bundesbehörde mit Japan sympathisierten und potenziell eine Bedrohung darstellten, doch genauso wurden Deutsche, Italiener, Rumänen und andere feindliche Ausländer (enemy aliens) festge‐ nommen. Diese auf individuellen Verdachtsmomenten basierenden Verhaftungen sind zu unterscheiden von den summarischen Masseninternierungen, die in diesem Beitrag behandelt werden (Kashima 2003, 125). Abgesehen von den FBI-Razzien gab es während der ersten Kriegstage keine Übergriffe gegen Japanese Americans. Doch in den folgenden Wochen schürten Journalisten, Politiker und Militärs die Angst vor Folgeangriffen auf die Westküste und verbreiteten Gerüchte von Sabotage und Spionage lokaler Japanese Americans. Exemplarisch hierfür steht Marineminister Frank Knox, der, auf der Suche nach einem Sündenbock für das Desaster von Pearl Harbor, kurz darauf der Presse mitteilte, 244 18 Die Masseninternierung der Japanese Americans im Zweiten Weltkrieg <?page no="245"?> dass der Angriff nur aufgrund japanischstämmiger Spione und Saboteure vor Ort so erfolgreich gewesen sei. FBI-Chef J. Edgar Hoover und Hawaiis Militärgouverneur dementierten die Behauptungen umgehend, doch die Dolchstoßlegende des Marine‐ ministers wurde in den kommenden Wochen von Journalisten und Politikern weiter verbreitet und mit Forderungen nach der kollektiven Bestrafung der Japanese Ameri‐ cans verbunden. Bemerkenswert ist, dass auch angesehene Journalisten wie Walter Lippmann und Edward Murrow sich an der Verbreitung von Gerüchten und antiasi‐ atischen Stereotypen beteiligten, die Stimmung in der Bevölkerung anheizten und damit die Entscheidung über die Deportation der Japanese Americans beeinflussten (Robinson 2009, 84-85) (→ Kapitel Rassismus gegen Asian American Pacific Islanders). Während die Kriegshysterie an der Westküste zunahm, drängte das Kriegsministe‐ rium die zuständigen Justizbehörden, über die Festnahmen einzelner Personen hinaus Maßnahmen gegen die japanischstämmige Bevölkerung zu ergreifen. Die Idee der Deportation einer ganzen Bevölkerungsgruppe wurde insbesondere von General John L. DeWitt forciert, dem Befehlshaber des Western Defense Command. Er bezeichnete die Japanese Americans als Angehörige einer japanischen „Feindrasse“, denen man aufgrund ihrer „Rasseveranlagung“ nicht trauen könne (United States 1943, 34). DeWitt überzeugte schließlich Vize-Kriegsminister John J. McCloy, dass die summarische Deportation aller Japanese Americans zum Schutz der Westküste notwendig sei. Mitte Februar 1942 empfahl McCloy dem US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt den Erlass einer entsprechenden Notverordnung. Roosevelts Executive Order 9066 autorisierte das Militär beliebige Personen zu deportieren - ungeachtet ihrer Staatsbürgerschaft und ohne Gerichtsverfahren. Obwohl der Exekutiverlass mit keiner Silbe Japanese Americans erwähnt und er theoretisch auch gegen deutsch- und italienischstämmige Personen hätte genutzt werden können, wendete die US-Regierung die Executive Order 9066 ausschließlich auf japanischstämmige Personen an. Die Deportation der Japanese Americans wurde von einer großen Mehrheit der Bevölkerung begrüßt. Selbst die American Civil Liberties Union bezog keine klare Stel‐ lung gegen die Notverordnung des Präsidenten. Einige Japanese Americans gingen vor Gericht, ansonsten waren es vor allem kirchliche Gruppen, die gegen die Behandlung der Japanese Americans protestierten (Bangarth 2008, 41-59, 71-88). Erläuterung | Die Masseninternierung vor den Gerichten: Mehrere Japanese Ame‐ ricans fochten ihre Deportation vor Gericht an. Zwei Fälle gelangten bis zum Obersten Gerichtshof. In beiden Fällen befanden die Richter die Maßnahmen des Militärs - Ausgangssperren und Deportation - als verhältnismäßig. Die Richter gaben zu, dass Japanese Americans rassistisch diskriminiert wurden. Zugleich zeigen die Urteilsbegründungen, dass einige Richter die rassistischen Vorurteile der Militärs teilten. Zudem vertrauten die Richter blind den Behauptungen des Militärs, während sie Belege für die Loyalität der Japanese Americans, die ihnen das Justizministerium vorlegte, ignorierten (Irons 1984). 18 Die Masseninternierung der Japanese Americans im Zweiten Weltkrieg 245 <?page no="246"?> Deportation und Lagerhaft, 1942-1945 Zwischen März und August 1942 deportierte die US-Armee sämtliche Personen japanischer Abstammung aus Kalifornien, Washington, Oregon und Arizona. Die Nikkei wurden zunächst mit Bus und Bahn in sogenannte Assembly Centers an der Westküste gebracht. In diesen Auffanglagern verbrachten sie drei bis sechs Monate, während das Militär im Landesinneren zehn Relocation Camps für ihre dauerhafte Unterbringung baute. Betroffen waren rund 112.000 Menschen - 90 Prozent aller Japanese Americans auf dem US-amerikanischen Festland. Mehr als zwei Drittel von ihnen waren amerikanische Staatsbürger. Erläuterung | Die Japanese Americans auf Hawaii: Japanese Americans machten 37 Prozent der Bevölkerung des Inselarchipels aus. Unmittelbar nach Kriegsaus‐ bruch wurde das Kriegsrecht auf Hawaii verhängt und damit die Freiheiten aller Inselbewohner erheblich eingeschränkt. Dennoch forderte das Kriegsministerium die summarische Deportation aller japanischstämmigen Personen. Doch die Mi‐ litärs auf Hawaii, anders als die an der Westküste, ließen sich, trotz der Nähe zum Kampfgeschehen, nicht von der Kriegshysterie beeinflussen. Der zuständige Militärgouverneur argumentierte, dass Japanese Americans während des Überfalls Brände gelöscht, Blut gespendet und sich in Scharen zum Kriegsdienst gemeldet hatten. Zudem waren sie für die Kriegswirtschaft auf Hawaii unverzichtbar. Das FBI internierte zwar eine begrenzte Zahl „enemy aliens“, doch Hawaiis Militärverwaltung blockierte erfolgreich die vom Kriegsministerium geforderte Massendeportation ihrer japanischstämmigen Bevölkerung (Odo 2004). Assembly Centers waren notdürftig umgebaute Messehallen und Pferderennbahnen, die unter Militärverwaltung standen. Die Insassen wurden in hastig errichteten Barra‐ cken untergebracht, zum Teil in Pferdeställen, die lediglich mit Feldbetten und Decken ausgestattet waren. Familien wurden nach Möglichkeit in einem Raum untergebracht. Die Wohnfläche sollte den Standards für kasernierten Soldaten (5-8 m 2 pro Person) ent‐ sprechen. Es kam vor, dass sich drei bis sechs Personen einen Pferdestall teilen mussten. Unverheiratete Insassen waren oft zu Hunderten in Schlafsälen untergebracht. Mahlzeiten wurden in Kantinen eingenommen, wobei pro Kantine 500 bis 2.000 Menschen versorgt wurden. Zunächst gab es Feldrationen. Die Verpflegung verbesserte sich, nachdem die Mahlzeiten in den Lagern zubereitet werden konnte. Rund ein Drittel der erwachsenen Insassen arbeitete in Kantinen, in Bau- und Instandsetzung und anderen Bereichen und senkte so die Kosten für die Verwaltung der Lager. Je nach Tätigkeit betrug der Monatslohn 8, 12 oder 16 Dollar (zum Vergleich: 1942 betrug der Einstiegssold eines US-Soldaten 31 Dollar). In den Sammellagern gab es zweimal täglich einen Anwesenheitsappell sowie mehrere lagerweite Razzien, bei denen Kurzwellenradios, Kameras, Alkohol und japanische Literatur beschlagnahmt wurden (Linke 2014). 246 18 Die Masseninternierung der Japanese Americans im Zweiten Weltkrieg <?page no="247"?> Im Herbst 1942 wurden die Insassen aus den Sammellagern in die zehn Relocation Camps im Landesinneren deportiert. Diese befanden sich in abgelegenen Gegenden, oftmals auf Gebiet von Indianerreservaten (siehe Abbildung). Die Lebensbedingungen unterschieden sich nicht grundlegend von denen in den Sammellagern. Obwohl die Insassen nicht mehr in Pferdeställen oder zu Hunderten in Messehallen hausen mussten, waren die Barracken ungeeignet für die teils extremen Wetterbedingungen. Auch die medizinische Versorgung blieb mangelhaft, worunter besonders alte und chronisch kranke Menschen litten ( Jensen 1999). Erläuterung | Die Lager - umkämpfte Begriffe: Die auf einer präsidialen Notverord‐ nung basierende summarische Deportation der Japanese Americans unterschied sich fundamental von der, gesetzlich geregelten, Internierung feindlicher Auslän‐ der. Einige Historiker haben daher vorgeschlagen, die sogenannten Assembly Centers und Relocation Camps nicht als „Internierungslager“, sondern als „con‐ centration camps“ zu bezeichnen. Roosevelt selbst, wie viele seiner Zeitgenossen, nannte die Lager concentration camps. Bis heute sind Historiker uneins, welche Be‐ griffe die Lager am treffendsten charakterisieren. Einerseits gilt es den Unterschied zur selektiven Internierung feindlicher Ausländer herauszustellen, andererseits sollen die Lager nicht mit den Nazi-Gräueltaten assoziiert werden, die seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs mit dem Begriff „Konzentrationslager“ verbunden sind (Daniels 2005, Robinson 2009, vii-vii). Anders als die Assembly Centers wurden die Relocation Camps von einer Zivilbe‐ hörde verwaltet, der War Relocation Authority (WRA). Die Anwesenheitsappelle wurden abgeschafft und die Insassen regelten ihren Lageralltag weitestgehend selbst. Für Kinder und Jugendliche gab es Schulpflicht; in den provisorisch eingerichteten Schulen unterrichteten teils euroamerikanische Lehrer, teils Insassen. Wöchentlich erscheinenden Lagerzeitungen informierten die Insassen u. a. über Kantinenöffnungs‐ zeiten, Sperrstunden, Freizeitangebote, Gottesdienstzeiten und Dienstleistungen der Lagerverwaltung. Die Bevölkerung der umliegenden Orte beargwöhnte die Relocation Camps und viele Lokalzeitungen warfen der WRA vor, sie würde die Insassen verhät‐ scheln (Commission 2004, 177). 18 Die Masseninternierung der Japanese Americans im Zweiten Weltkrieg 247 <?page no="248"?> Abbildung 5: „Map of World War II Japanese American internment camps“. Die Karte zeigt die unter‐ schiedlichen Lager, in denen Japanese Americans während des Zweiten Weltkriegs eingesperrt waren. Die mit einem Stern gezeichneten Internierungslager behausten ausschließlich feindliche Ausländer, die aufgrund individueller Verdachtsmomente vom Justizministerium verhaftet worden waren. Die Internierten konnten eine Anhörung beantragen und damit ihre Freilassung bewirken. Anders als Deutsche und Italiener wurden die freigesprochenen Japaner allerdings in Relocation Camps überstellt, da sie in den Augen der US-Regierung als „enemy race“ galten (Burton et al. 2002). Wikimedia Commons. Obwohl die Regierung ein harmonisches Bild vom Lagerleben zeichnete, gab es durchaus Konflikte in den Relocation Camps: In Manzanar wurden 1942 bei Unruhen elf Insassen angeschossen, zwei starben. In anderen Lagern schoss die Militärpolizei auf Insassen, die dem Zaun zu nahe kamen (Robinson 2009, 157, 163-67). 1943 beschloss das Kriegsministerium die Nisei als kriegsdiensttauglich einzustufen. Alle Insassen wurden aufgefordert, jegliche Verbindung zu Japan zu entsagen; die Nisei mussten zudem angeben, ob sie bereit waren in den Kriegsdienst bzw. dem Women’s Army Corps einzutreten. Die Fragen führten zu Spannungen innerhalb der Gefangenen. Viele nutzten die Gelegenheit, um ihre Verbitterung über ihre Behandlung auszudrücken 248 18 Die Masseninternierung der Japanese Americans im Zweiten Weltkrieg <?page no="249"?> und beantworteten eine oder beide Fragen negativ. Diese als „unloyal“ eingestuften Personen wurden in sogenannten Segregation Camps isoliert (Commission 2004, 206- 12). Einige Nisei weigerte sich der Einberufung zu folgen, solange sie und ihre Familien in Lagern eigesperrt waren. Sie wurden zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt (Muller 2001). 33.000 Insassen folgten der Einberufung (oder meldeten sich freiwillig) und dienten in zwei segregierten Infanterieregimentern, die, gemessen an ihrer Größe, bis heute die höchstdekorierten Einheiten in der Geschichte des US-Militärs sind (Asahina 2006). Ab Mitte 1943 war es für Nisei möglich, ihre Freilassung zu beantragen. 1945 waren jedoch immer noch drei Viertel der Nikkei in Lagern eingesperrt, da die Militärs an der Westküste behaupteten, dass es unmöglich sei, die Loyalität von Japanese Americans zu bestimmen. Zudem protestierten viele Menschen an der Westküste gegen die Rückkehr ihrer japanischstämmigen Mitbürger (Commission 2004, 202-06). Nach dem Krieg: Entschädigung und Widergutmachung Nach dem Krieg drängte US-Präsident Harry Truman den Kongress, Japanese Ame‐ ricans für ihre materiellen Verluste zu entschädigen, die infolge ihrer Deportation entstanden waren. Der Evacuation Claims Act (1948) erlaubte es ehemaligen Insassen eine Entschädigung für Eigentumsverluste zu beantragen. Von den 131 Millionen Dollar Schadensersatz, die beantragt wurden, zahlte die Regierung 38 Millionen Dollar aus. Eine spätere Überprüfung durch den Kongress ergab, dass die Verluste wesentlich höher waren: zwischen 810 Millionen und 2 Milliarden Dollar an Einkommen und Eigentum (Commission 2004, 459). 1976 hob Präsident Gerald Ford Executive Order 9066 auf und erklärte, dass die Japanese Americans erwiesenermaßen zu Unrecht deportiert worden seien. Diese Erkenntnis entsprach dem akademischen Konsens; selbst Historiker der US-Armee waren zu dem Schluss gekommen, dass die Deportationen aus militärischer Sicht nicht notwendig gewesen seien (Conn 1959). Nach jahrelanger Lobbyarbeit durch Bürgerrechtler setzte der Kongress 1980 eine Kommission ein, die offiziell prüfen sollte, inwieweit die Deportation und Massenin‐ ternierung der Japanese Americans gerechtfertigt und rechtmäßig war. Nach umfas‐ senden Recherchen und öffentlichen Anhörungen veröffentlichte die Kommission 1983 ihren Abschlussbericht, in dem sie das Argument der militärischen Notwendigkeit als Vorwand bezeichnete. Tatsächlich hätten rassistische Vorurteile, Kriegshysterie und das Versagen der politischen Führung die Deportation und Masseninternierung herbei‐ geführt (Commission 2004, 18). Als Wiedergutmachung empfahl die Kommission u. a. eine offizielle Entschuldigung der Regierung sowie eine einmalige Entschädigungszah‐ lung von 20.000 Dollar an jeden Überlebenden. Die Empfehlungen der Kommission wurden im Civil Rights Restoration Act umgesetzt, der 1988 von US-Präsident Ronald Reagan unterzeichnet wurde. 1990 begann die Regierung Entschädigungen an die rund 80.000 noch lebenden ehemaligen Insassen zu zahlen (Yang Murray 2008, 364-78). 18 Die Masseninternierung der Japanese Americans im Zweiten Weltkrieg 249 <?page no="250"?> Ebenfalls in den 1980er Jahren revidierten US-Bezirksgerichte ihre Entscheidungen über die Rechtmäßigkeit der Deportationen und hoben die Urteile gegen die Nisei auf, die gegen ihre Deportation geklagt hatten (Irons 2000, 76-77). Obwohl damit alle drei Staatsgewalten das Unrecht der Masseninternierungen bestätigt haben, gibt es immer wieder Journalisten und Akademiker, die argumentieren, dass die summarische Entrechtung der Japanese Americans im Zweiten Weltkrieg militärisch notwendig war, und dass rassistische Vorurteile keine Rolle spielten (Malkin 2004 und Lotchin 2019). Literatur Asahina, Robert. 2006. 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Das Kapitel macht deutlich, dass ihre Anwendung eng mit der Geschichte des Rassismus und der weißen Vorherrschaft in den USA verknüpft ist. Zugleich zeigt es, dass die Polizei bis weit ins 20. Jahrhundert hinein eine vorrangig „weiße“ Institution war, zu der Schwarze Bürger: innen nur schrittweise und gegen massive gesellschaftliche Widerstände Zugang erlangten. Darüber hinaus beleuchtet das Kapitel die Hintergründe, die es ermöglichen, dass die überproportional hohe Anwendung von Polizeigewalt gegen Afroameri‐ kaner: innen und Angehörige anderer Minderheiten bis in die Gegenwart kaum rechtlich sanktioniert wird. Im 17. Jahrhundert gründeten die weißen Siedler: innen in den englischen Kolonien Nordamerikas ein kommunal organisiertes Polizeisystem, das sich aus Konstablern, Milizen und Nachtwachen zusammensetzte. Erst die beginnende Industrialisierung führte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu maßgeblichen Veränderungen im US-amerikanischen Polizeisystem. In Reaktion auf die ansteigende Arbeitsmigration und die daraus resultierenden ethnischen Spannungen entstanden in Boston (1838) und New York City (1845) die ersten professionell organisierten städtischen Polizeidepart‐ ments in den USA, die zunächst ausschließlich weiße Polizisten beschäftigten (McNair 2023, 16). In den 1870er Jahren beriefen die Polizeidepartments in Chicago, Pittsburgh, Indianapolis und Boston erstmals auch Schwarze Polizisten in den Dienst. Auch aufgrund von Protesten seitens der weißen Bevölkerung blieben ihre Machtbefugnisse allerdings erheblich eingeschränkt. Sie durften in der Regel nur in afroamerikanischen Vierteln patrouillieren und keine weißen Personen festnehmen (Dulaney 1996, 19-29; 117). In den Südstaaten war das Polizeisystem in erster Linie auf die Kontrolle und Unterdrückung der versklavten und freien Schwarzen Bevölkerung ausgerichtet, die als beständige Bedrohung der rassistischen Ordnung des Südens wahrgenommen wurde. Die zentrale Institution zur Aufrechterhaltung dieser Ordnung waren die sogenannten Sklavenpatrouillen. Ihre Aufgabe bestand unter anderem darin, Skla‐ venquartiere zu kontrollieren, um Aufständen zuvorzukommen. Zudem sollten sie entlaufene Sklav: innen verfolgen und gefangen nehmen. Dabei waren sie berechtigt, die Gefangenen mit einer begrenzten Anzahl von Peitschenhieben standesrechtlich zu bestrafen. Die neben den Sklavenpatrouillen bestehenden staatlichen Milizeinheiten waren beauftragt Sklavenaufstände niederzuschlagen. Zudem waren alle weißen <?page no="254"?> Männer in den Südstaaten aufgefordert, sich an der Überwachung der versklavten und freien Schwarzen Bevölkerung zu beteiligen. Darüber hinaus hielten Sheriffs, Schutzmänner und Nachtwachen die öffentliche Ordnung in den Gemeinden des Südens aufrecht (ebd., 17-20). In den Städten des Südens wurden die Sklavenpatrouillen im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert durch bewaffnete Polizeieinheiten ersetzt, mit dem Ziel, innerstädti‐ sche Sklavenaufstände effektiver unterbinden zu können. Damit wurde im Süden der USA früher als im Norden ein System der engmaschigen polizeilichen Überwachung urbaner Räume etabliert (ebd., 20 f.). In der Regel war der Dienst in den Milizen und den Strafverfolgungsbehörden im Süden weißen Männern vorbehalten. Die einzige Ausnahme von dieser Regel war New Orleans, Louisiana, das 1803 durch den Louisiana Purchase Teil der USA geworden war. Hier dienten im frühen 19. Jahrhundert freie Schwarze Männer in der städtischen Polizei und der Miliz. Der Anstieg rassistischer Feindseligkeiten gegen die freie Schwarze Stadtbevölkerung in den 1820er Jahren beendete deren Beteiligung an der Polizeiarbeit. 1822 beschloss der Stadtrat von New Orleans, dass fortan nur noch weiße Personen in den städtischen Dienst berufen werden durften. 1830 diente kein Schwarzer Polizist mehr in New Orleans (Dulaney 1996, 8-10). Polizeisystem und Polizeigewalt nach dem US-amerikanischen Bürgerkrieg Nach der Niederlage der Südstaaten im US-Bürgerkrieg (1861-1865) beteiligten sich weiße Polizisten an gewaltsamen Ausschreitungen, die auf die Wiederherstellung der weißen rassistischen Ordnung im Süden zielten. In Memphis, Tennessee, kam es am 1. Mai 1866 zu gewaltsamen Konflikten zwischen Polizisten irischer Abstammung und Schwarzen Veteranen, die kurz zuvor aus der Unionsarmee entlassen worden waren. Nachdem es dorthin entsandten Unionstruppen zunächst gelang die Kämpfe einzudämmen, fiel am späten Abend ein Mob aus weißen Anwohnern und Polizisten in das Schwarze Viertel ein. 46 Schwarze und zwei weiße Bürger: innen wurden getötet, 75 Beteiligte erlitten Schusswunden. Die Angreifer vergewaltigten mindestens fünf Schwarze Frauen (Ryan 1977, 243). Zeug: innen machten beteiligte Polizisten für zahl‐ reiche der Angriffe und Morde verantwortlich (ebd., 248-250). In New Orleans nahmen im selben Jahr weiße Polizisten an einem Angriff auf die Louisiana Constitutional Convention teil. Zuvor hatte der wieder eingesetzte Bürgermeister von Louisiana zahlreiche Polizisten aus dem Dienst entlassen, die in der Unionsarmee gedient hatten, und durch Veteranen der konföderierten Armee ersetzt. Mit der Attacke wollten die neu eingesetzten Polizisten unter anderem ihren drohenden Ausschluss aus dem Polizeidienst verhindern. Die Versammlung hatte das Ziel, das Wahlrecht für Schwarze Männer in Louisiana durchzusetzen und es Veteranen der Konföderierten Armee zu entziehen. Zudem sollte beschlossen werden, dass nur registrierte Wähler als Polizisten dienen konnten (Hollandsworth 2004, 72-73). Polizisten und weiße Zivilisten griffen die vor dem Gebäude versammelten Schwarzen Unterstützer des Kongresses an, unter 254 19 Polizeisystem und Polizeigewalt <?page no="255"?> ihnen zahlreiche ehemalige Unionssoldaten, und stürmten die Versammlung (edb., 97- 137). Nach offiziellen Angaben starben bei der Attacke 38 Menschen, 146 wurden zum Teil schwer verwundet. 34 der Toten und 119 der Verwundeten waren Schwarz. Keiner der am Angriff beteiligten Polizisten wurde festgenommen oder bestraft (Reynolds 1964, 13). Die Ereignisse in New Orleans trugen dazu bei, dass der US-Kongress im Jahr 1867 den Reconstruction Act verabschiedete. Er machte unter anderem die Anerkennung des Wahlrechts für Schwarze Männer zur Bedingung für den Wiedereintritt der Konföderierten Staaten in die Union. Die folgende Durchsetzung des Wahlrechts für Schwarze Männer im Süden führte dazu, dass zahlreiche Schwarze Abgeordnete in südstaatliche Parlamente und den US-Kongress gewählt wurden. Die neu erlangte politische Repräsentation Schwarzer Bürger: innen im Süden hatte auch Folgen für das Polizeisystem. Zwölf Städte, u. a. Selma (Alabama), Jackson (Mississippi), Houston (Texas) und New Orleans (Louisiana), stellten Schwarze Polizisten ein. 1870 belief sich ihre Zahl im Süden auf etwa 350, davon allein 182 in New Orleans (Rousey 1987, 225). Eine der maßgeblichen Aufgaben der neuangestellten Schwarzen Polizisten bestand darin, die afroamerikanische Bevölkerung vor der grassierenden rassistischen Gewalt seitens der weißen Bevölkerung zu schützen. Anders als in anderen Städten des Südens dienten Schwarze Polizisten in New Orleans auch in hohen Dienstgraden. Sie hatten zudem das Recht weiße Personen festzunehmen. Dies war ihnen in dem meisten anderen Städten des Südens, wie auch in den Städten des Nordens, untersagt, ebenso wie das Patrouillieren in weißen Vierteln (Dulaney 1996, 10-18). Mit der US-Präsidentschaftswahl von 1876 endete die Phase der Reconstruction. Es folgte die sukzessive Entrechtung der afroamerikanischen Bevölkerung und die Etablierung eines umfassenden Systems der Rassentrennung. Schwarze Polizisten wurden im gesamten Süden aus dem Polizeidienst ausgeschlossen. In New Orleans waren 1880 noch vier Schwarze Polizisten beschäftigt. Zwischen 1911 und 1950 stand kein Schwarzer Polizist mehr im Dienst der Stadt. Erst Mitte des 20. Jahrhunderts wurden nach lokalen Kampagnen erstmal wieder Schwarze Polizisten im Süden in den Polizeidienst berufen (ebd., 14-18; 30-46). Der Ausschluss Schwarzer Männer aus dem Polizeidienst verstärkte die Rolle der südstaatlichen Polizei als eine Institution, die der Aufrechterhaltung der weißen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Vorherrschaft diente. Die Anwendung von Polizeigewalt war hierfür von zentraler Bedeutung. Sie hatte das Ziel, „unangepasste“ oder mutmaßlich straffällige Afroamerikaner: innen zu disziplinieren und auf den ihnen zugewiesenen untergeordneten Platz innerhalb der Gesellschaftsordnung des Südens zu verweisen. Gleichzeitig sollte sie die Schwarze Bevölkerung einschüchtern (Myrdal 1944, 535). Besonders drastisch kam dies in der Anwendung polizeilicher Foltermethoden gegen afroamerikanische Tatverdächtige zum Ausdruck. Deren Aus‐ übung war eng mit dem Phänomen der Lynchgewalt verknüpft, der zwischen 1882 und 1946 im US-amerikanischen Süden etwa 3.900 Menschen zum Opfer fielen. 80-Prozent der Getöteten waren Afroamerikaner: innen (Smith und Horton 1995, 495). 19 Polizeisystem und Polizeigewalt 255 <?page no="256"?> Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurden Lynchmorde an Afroamerikaner: innen von südstaatlichen Polizeibehörden unterstützt, in dem sie Lynchmobs gewähren ließen oder sogar mit ihnen kooperierten (Raper 1930, 13-19; Brundage, 180-182; → Kapitel Lynchjustiz). Als in den 1920er und 1930er Jahren auch im Süden die Kritik an der Lynchgewalt zunahm, bemühten sich südstaatliche Sheriffs und Polizisten vermehrt, Lynchmorde zu verhindern. Dies trug zu einem zahlenmäßigen Rückgang der Lynchings bei (Berg 2006; Brundage 1993, 238-244). Zugleich setzen Polizisten gehäuft Foltermethoden gegen afroamerikanische Beschuldigte ein, um Geständnisse zu erzwingen und eine zügige Verurteilung durch die lokalen Gerichte sicherzustellen. Häufig handelte es sich dabei um Fälle, in denen Schwarze Beschuldigte des Mordes an weißen Personen oder der Vergewaltigung weißer Frauen beschuldigt wurden und ihnen dafür die Todesstrafe drohte (Niedermeier 2014, 32-75). Im Süden der USA führten aggressive Polizeitaktiken darüber hinaus zur über‐ proportional häufigen Tötung von Afroamerikaner: innen. Zwischen 1917 und 1945 wurden in Memphis, Tennessee, nach Zählung der Polizeibehörde 93 Afroamerika‐ ner: innen von Polizisten getötet. In New Orleans kamen nach Angaben der Polizei zwischen 1926 und 1945 95 Menschen durch Polizisten ums Leben. 61 Prozent der Opfer waren Schwarz, obwohl diese nur 29 Prozent der Stadtbevölkerung ausmachten ( Jett 2021, 37-39). Weder wegen Folterungen noch Tötungen von Afroamerikaner: innen wurden Polizeikräfte in nennenswerten Umfang von lokalen Gerichten zur Rechen‐ schaft gezogen. Diese weitgehende Straflosigkeit für die Polizei wurde im Laufe der 1940er Jahre erstmalig von Bundesbehörden herausgefordert. Vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkriegs und des ausgerufenen Ziels der Verteidigung der Demokratie weltweit, initiierte das US-Justizministerium unter Bezug auf Gesetzesbestimmungen der Re‐ construction-Ära vereinzelte FBI-Ermittlungen gegen gewalttätige südstaatliche Poli‐ zeibeamte. Allerdings endeten die Prozesse vor den Bundesgerichten im Süden in der Regel mit Freisprüchen, da die lokalen weißen Geschworenen nicht gewillt waren, die Machtposition der Polizei anzutasten (Niedermeier 2014, 181-252). Gleichzeitig muss betont werden, dass Polizeigewalt auch im Norden und Westen der USA weit verbreitet war und dort ebenfalls als Mittel zur Aufrechterhaltung einer rassistischen sozialen Ordnung diente. Der Schwarze Soziologe und Bürgerrechtsakti‐ vist W. E. B. Du Bois fasste 1940 die Machtausübung weißer Polizisten in Schwarzen städtischen Wohnvierteln wie folgt zusammen: „Die Bevölkerung in diesen Bezirken wird üblicherweise nicht durch die Polizei geschützt - sondern vielmehr schikaniert und tyrannisiert. Niemand, der diese Situation nicht kennt, kann nachvollziehen, welche Gewaltherrschaft ein einfacher Polizist in einem farbigen Viertel ausüben kann.“ (Du Bois 1940, 182, Übers. SN) Eine in den späten 1930er Jahren durchgeführte Studie kam zu dem Ergebnis, dass die Wahrscheinlichkeit von der Polizei getötet zu werden, für Afroamerikaner: innen in den Staaten des nördlichen Mittleren Westen, wie etwa in Michigan und Illinois, siebenmal höher war als für Weiße, und damit genau so hoch wie im Süden der USA (Raper 1940, Appendix D). 256 19 Polizeisystem und Polizeigewalt <?page no="257"?> Auch polizeiliche Folter war kein auf den Süden der USA begrenztes Phänomen. Im Jahr 1931 stellte die von US-Präsident Herbert Hoover etablierte National Commission on Law Observance and Enforcement fest, dass die Polizeifolter (der sogenannte „Dritte Grad“, englisch „Third Degree“) „im ganzen Land“ und insbesondere in US-amerikani‐ schen Großstädten wie New York, Chicago, Detroit und Los Angeles „weit verbreitet“ war und sich auch gegen weiße Tatverdächtige richtete (Chafee et al., 153, 158). Wie der Report feststellte, kamen polizeiliche Folterpraktiken besonders gegen die „Armen und Einflusslosen“ zum Einsatz (ebd., 159). Auch außerhalb des Südens blieb die Polizei in den USA bis zur Mitte des 20. Jahr‐ hundert eine vornehmlich weiße Institution. In New York City, wo erst 1911 der erste Afroamerikaner in den Dienst berufen wurde, waren 1943 nur 155 der insgesamt 16.000 Polizist: innen Schwarz. Aufgrund lokaler Initiativen stieg die Zahl Schwarzer Polizisten zehn Jahre später auf 600 und damit auf drei Prozent der Belegschaft an. Die große Mehrheit war im überwiegend von Schwarzen bewohnten Stadtteil Harlem im Patrouillendienst tätig. 1943 begannen Schwarze Polizisten in New York gegen den Widerstand ihrer weißen Dienstvorgesetzten mit der Organisation der Guardians Association, eines eigenständigen Interessenverbandes für Schwarze Polizisten, den die Stadtverwaltung 1949 offiziell anerkannte ( Johnson 2003, 202 f.; Dulaney 1996, 69). Ab den 1960er Jahren äußerten die Guardians verstärkt öffentlich Kritik an Fällen antischwarzer Polizeigewalt in New York City ( Johnson 2003, 246, 269, 282-83). Wie bereits erwähnt, wurden im Süden der USA erst zur Mitte des 20. Jahrhunderts wieder Schwarze Polizisten angestellt, nachdem afroamerikanische Interessengruppen in mehreren Städten Kampagnen initiierten (Dulaney 1996, 30-46; 118). Allerdings blieb ihre Zahl lange Zeit äußerst gering. In Atlanta zum Beispiel waren 1949 sechs, in Memphis zwölf Schwarze Polizisten im Dienst. Bis 1959 stieg die Zahl in Atlanta auf 31 und in Memphis auf zehn an (ebd., 119). Zudem blieben ihre Befugnisse einge‐ schränkt. Sie durften üblicherweise nur in afroamerikanischen Vierteln patrouillieren und ausschließlich Schwarze Tatverdächtige festnehmen. Die Verhaftung von weißen Tatverdächtigen war ihnen entweder aus Gepflogenheit oder gesetzlich weiterhin untersagt (ebd., 52). Erst der umfassende Anstieg der afroamerikanischen Wählerre‐ gistrierungen im Süden der späten 1960er und 1970er Jahre sorgte dafür, dass Schwarze Polizisten im Süden in größerem Umfang in den Dienst berufen wurden. Polizeisystem und Polizeigewalt ab den 1960er Jahren In den 1960er Jahren waren südstaatliche Polizeieikräfte an der Gewalt gegen die Bürgerrechtsbewegung direkt und indirekt beteiligt. Als etwa Aktivist: innen der Freedom Rides im Mai 1961 in den Süden reisten, um die Rassentrennung in den Überlandbussen und in den südstaatlichen Busterminals herauszufordern, wurden sie mehrfach brutal von weißen Suprematisten, unter ihnen Mitglieder des Ku-Klux-Klans, attackiert und zum Teil lebensgefährlich verletzt. Obwohl örtlichen Polizeikräfte bei den meisten Attacken vor Ort waren, griffen sie in der Regel nicht ein (Dierenfeld 2021, 19 Polizeisystem und Polizeigewalt 257 <?page no="258"?> 74-83; → Kapitel Der Kampf gegen die Segregation in öffentlichen Verkehrsmitteln und Einrichtungen). 1963 befahl der Polizeichef Theophilus Eugene „Bull“ Connor der Feuerwehr und Polizei in Birmingham gewaltsam gegen die anhaltenden Bürgerrechtsdemonstratio‐ nen unter der Führung von Martin Luther King Jr. vorzugehen. Feuerwehrleute griffen daraufhin Demonstrierende mit Hochdruckschläuchen an. Polizisten attackierten die Protestierenden vor laufenden Kameras mit Schlagstöcken und Polizeihunden. Die Bilder rückten den Schwarzen Bürgerrechtskampf in den Fokus der nationalen und globalen Aufmerksamkeit (ebd., 95-97). Als Aktivist: innen des Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) zehn Monate später, am 7. März 1965, den ersten Marsch von Selma nach Montgomery initiierten, um gegen die massive Einschränkung des Wahlrechts von Afroamerikaner: innen im Süden der USA zu demonstrieren, schlugen Hilfssheriffs und Landespolizisten die Protestierenden gewaltsam zurück. Mehr als 50 von ihnen mussten ins Krankenhaus eingeliefert werden (ebd., 131-32). Polizeigewalt gegen Afroamerikaner: innen war zudem ein zentraler Auslöser für die massiven urbanen Aufstände in Harlem, Watts, Newark, Detroit, und hunderten weiteren Städten und Gemeinden zwischen 1964 und 1972 (Hinton 2021; → Kapitel Die schwarzen städtischen Rebellionen der 1960er Jahre und → Kapitel Antischwarzer Rassismus). Die 1967 eingesetzte Kerner Commission, die die Ursachen der Ausschrei‐ tungen untersuchen sollte, stellte fest: „Für manche Schwarze symbolisiert die Polizei mittlerweile nichts anderes als weiße Macht, weißen Rassismus und weiße Unterdrü‐ ckung. Tatsache ist, dass weiße Polizeibeamte entsprechende Haltungen an den Tag legen“ (zit. nach Taylor 2017, 139). Die sich in sich in den späten 1960er Jahren formierende Black-Power-Bewegung rückte Schwarze Selbstverteidigung und Widerstand gegen Polizeigewalt ins Zent‐ rum ihrer Agenda. Die in Oakland, Kalifornien, gegründete Black Panther Party for Self-Defense sah sich als Schutzschild der Schwarzen Community vor Polizeigewalt (Strain 2005, 145-74). Eine ihrer zentralen Maßnahmen war die Etablierung von Selbstverteidigungseinheiten, die Polizeieinsätze begleiteten und überwachten und dabei Waffen, Kameras, Aufnahmegeräte sowie Gesetzestexte mit sich trugen (Baldwin 2006, 80-82). In ihrem Zehn-Punkte-Programm forderte die Black Panther Party „ein sofortiges Ende der Polizeibrutalität und der Ermordung Schwarzer Menschen“ und rief Afroamerikaner: innen dazu auf, sich zu ihrer Selbstverteidigung zu bewaffnen (→ Kapitel Schwarze bewaffnete Selbstverteidigung und Black-Power-Bewegung). Die Erfolge der Bürgerrechtsbewegung und die schrittweise Durchsetzung des Schwarzen Wahlrechts im Süden der USA verstärkten die Forderung nach der Diver‐ sifizierung der Polizei. Im Jahr 1970 waren nur sechs Prozent aller Polizist: innen in den 300 größten Polizeibehörden in den USA Schwarz. Im Jahr 2006 war der Anteil landesweit auf sechzehn Prozent angewachsen, wobei die Diversifizierungsrate in vielen Orten erheblich höher lag. In Washington, D.C., waren 2006 70 Prozent der Polizist: innen Angehörige von Minderheiten (Taylor 2017, 142). Aktuelle Erhebungen zeigen allerdings, dass sich der Trend der Diversifizierung in den Polizeidepartments 258 19 Polizeisystem und Polizeigewalt <?page no="259"?> in den USA in den vergangenen Jahren verlangsamt oder umgedreht hat (Leatherby und Oppel Jr. 2020). Studien belegen auch, dass nicht-weiße Polizisten weniger häufig Verdachtskontrollen und Festnahmen durchführen und weniger oft zu Mitteln der Gewalt greifen, insbesondere gegen Schwarze Zivilist: innen. Zudem zeigen Untersu‐ chungen, dass die geschlechtliche und „rassische“ Diversität von Polizeiteams die Gewaltausübung im Dienst reduziert (Ba et al. 2021). Trotz der zunehmenden Diversifizierung haben sich die Spannungen zwischen der Schwarzen US-Bevölkerung und der Polizei in den vergangenen Jahrzehnten nicht maßgeblich verringert. Einer der Gründe hierfür ist die gleichzeitig voranschreitende Militarisierung der Polizeibehörden. Der von US-Präsident Lyndon B. Johnson 1965 ausgerufene War on Crime führte zu umfassenden Investitionen in die polizeiliche Ausrüstung, die auch Mittel für militärische Waffen und gepanzerte Fahrzeuge umfassten (Hinton 2021, 11). Noch einmal verstärkt wurde dieser Trend während der Präsidentschaft Bill Clintons (1993-2001). Der 1997 verabschiedete National De‐ fense Authorization Act erlaubte es dem US-Verteidigungsministerium, überschüssige Militärausrüstung wie Maschinengewehre, Granatwerfer und gepanzerte Truppen‐ transporter an Polizeibehörden zu übergeben (Taylor 2017, 145f.). Das zunehmend militärische Auftreten der Polizei sowie der ansteigende Einsatz militärisch geschulter polizeilicher Spezialeinheiten (sogenannte Special-Weapons-And-Tactics-Einheiten, kurz: SWAT-Einheiten) haben in den vergangenen Jahrzehnten das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Polizei verringert (Dang 2022, 29). Dies trifft insbesondere für Minderheiten zu, die überproportional häufig mit der Zuschaustellung und Anwen‐ dung militarisierter Polizeimacht konfrontiert sind. Innerhalb der Polizei wiederum hat die fortschreitende Militarisierung eine Wir-gegen-sie-Mentalität verstärkt (ebd., 30-31). Rassistische Polizeigewalt und die damit verbundene Erfahrung von Unterdrückung und ausbleibender Gerechtigkeit führte auch in den 1980er, 1990er und 2000er Jahren zu wiederholten und zum Teil massiven Ausschreitungen in den USA (Hinton 2021, 201-86). 1992 kam es in Los Angeles zu dem bislang tödlichsten und zerstörerischsten urbanen Aufstand in der US-amerikanischen Geschichte. Im März 1991 schlugen vier weiße Polizisten nach einer Verfolgungsjagd mit Schlagstöcken brutal auf den 25-jährigen Rodney King ein und verletzten ihn schwer. Die Geschehnisse wurden von einem Anwohner mit einer Videokamera aufgezeichnet und anschließend von Nachrichtensendern weltweit ausgestrahlt. Nach dem Freispruch für die vier weißen Polizisten Ende April 1992 kam es zu fünftägigen Ausschreitungen, bei denen mehr 50 Menschen starben und über zweitausend verletzt wurden. Es entstand ein Sachschaden in Höhe von einer Milliarde US-Dollar (ebd., 229-56). 19 Polizeisystem und Polizeigewalt 259 <?page no="260"?> Der Fall Michael Brown und die Kontinuitäten der Polizeigewalt bis in die Gegenwart Im Jahr August 2014 rückte die Polizeigewalt gegen Afroamerikaner: innen in den USA erneut in den Blickpunkt der nationalen und internationalen Öffentlichkeit. Anlass war die Erschießung des 18-jährigen Michael Brown durch den weißen Polizisten Darren Wilson in Ferguson, Missouri. Wilson hatte den unbewaffneten Brown im Anschluss an eine handgreifliche Auseinandersetzung an seinem Polizeiauto mit sechs Schüssen ge‐ tötet. Laut der Aussage des mit Brown befreundeten Zeugen Dorian Johnson sei Brown zunächst vor Wilson geflohen. Nachdem Wilson einen ersten Schuss auf ihn abgegeben habe, habe er sich umgedreht und seine Hände erhoben, worauf Wilson mehrmals auf Brown gefeuert habe. Wilson dagegen behauptete, Brown habe sich umgedreht und sei auf ihn zugelaufen, bevor er die tödlichen Schüsse auf Brown abgegeben habe. In seinen Aussagen bediente Wilson das Stereotyp des gewaltsamen und unkontrollierbaren Schwarzen Mannes, vor dem er sich mit den Schüssen verteidigt habe (Cave 2014). Im Zuge der anschließenden Ermittlungen bestätigten mehrere Augenzeugen, dass Brown auf Wilson zu gelaufen sei (U.S. Department of Justice 2015a). Nach Browns Erschießung kam es zu Protesten und Konfrontationen mit der Polizei, die sich auch daran entzündeten, dass die Ermittler: innen Browns Leiche vier Stunden lang in der heißen Sonne liegen ließen. Der Fall Brown hatte eine umfassende Untersuchung der Polizeiarbeit in Ferguson durch das US-Justizministerium zur Folge. Diese kam zu dem Schluss, dass Afroame‐ rikaner: innen in Ferguson unverhältnismäßig häufig von der Polizei kontrolliert und Geldstrafen wegen Verkehrsverstößen erhielten. Aufgrund der knappen Finanzlage hatte die Stadtverwaltung Druck auf Polizei und Gerichte ausgeübt, um höhere Einnah‐ men aus Ordnungsstrafen zu generieren. 85 Prozent aller Verkehrsteilnehmer: innen, die zwischen 2012 und 2014 in Ferguson von der Polizei angehalten wurden waren Afroamerikaner: innen, obwohl diese nur 67 Prozent der Bevölkerung ausmachten. Sie erhielten zudem bei Kontrollen doppelt so häufig Geldstrafen wie Weiße. In 88 Prozent der Fälle, in denen es bei Kontrollen zu Gewalt durch die Polizei kam, waren die Betroffenen Schwarz (U.S. Department of Justice. 2015b, 62). Neben der Erschießung von Michael Brown wurde 2014 auch der Fall des von der Polizei in New York getöteten Afroamerikaners Eric Garner zum Ausgangspunkt landesweiter Proteste. Garner war im Zuge seiner Festnahme gestorben, nachdem ihn der Polizist Daniel Pantaleo mit einem Würgegriff zu Boden gerissen und fixiert hatte. Der Ruf „I can’t breathe“, den Garner vor seinem Tod elf Mal wiederholt hatte, wurde zu einem Slogan der 2013 ins Leben gerufenen Black-Lives-Matter-Bewegung (→ Kapitel Black Lives Matter). Die Proteste in den Fällen Brown und Garner richteten sich auch gegen die ausbleibende rechtliche Ahndung von Polizeigewalt gegen Afroamerikaner: innen. In beiden Fällen entschieden sich die lokalen Grand Juries gegen eine Anklage. Zudem hatte das US-Justizministerium in beiden Fällen FBI-Untersuchungen angeordnet und sich nach deren Ergebnissen gegen eine Anklage nach Bundesrecht entschieden. 260 19 Polizeisystem und Polizeigewalt <?page no="261"?> Die Fälle Brown und Garner machen deutlich, wie schwer es ist, Polizisten in den USA für übermäßige Gewaltanwendung zur Rechenschaft zu ziehen. In der großen Mehrzahl der vor Gericht gebrachten Fälle von Polizeigewalt kommen die Geschwo‐ renen zur Ansicht, dass die Anwendung tödlicher Gewalt durch die Beschuldigten innerhalb des gesetzlichen Rahmens stattgefunden hat. Beurteilt wird dabei die Frage, ob ein berechtigter Grund für die Annahme bestand, dass von der Person gegen die Gewalt angewendet wurde, eine unmittelbare Bedrohung für das Leben oder eine unmittelbare Gefahr einer ernsthaften körperlichen Verletzung der Polizist: innen oder anderer Personen ausging. Die Einschätzung, ob das polizeiliche Verhalten angemessen („reasonable“) war, muss berücksichtigen, dass Polizist: innen nur den Bruchteil einer Sekunde für die Abwägung ihrer Reaktion zur Verfügung haben. Die Rechtslage führt dazu, dass Geschworene die Anwendung tödlicher Gewalt durch die Polizei nur selten beanstanden. Auch die Anklage von Polizist: innen durch das US-Justizministerium unterliegt hohen rechtlichen Hürden. Die Anklage muss beweisen, dass der oder die beschuldigte Polizist: in das Opfer „absichtlich“ („willfully“) um dessen verfassungsmäßigen Rechte gebracht hat. Diese Bestimmung verhindert in vielen Fällen, dass Polizeikräfte über‐ haupt vor Bundesgerichten angeklagt werden. Unter anderem aus diesen Gründen blieb die Zahl der wegen tödlicher Gewalt verurteilten Polizist: innen in den USA auch in den letzten Jahren niedrig, trotz der Zunahme von Protesten. Zwischen 2015 und 2019 kam es in den USA nur in 44 Fällen zu Urteilssprüchen gegen Polizist: innen, die wegen Mordes oder Totschlags vor Gericht standen. In 57 Prozent der Fälle entschieden sich die Geschworenen für Freisprüche (Berman und Kindy 2020). Aufgrund der politischen Lobbyarbeit der mächtigen Polizeigewerkschaften in den USA erhalten Polizist: innen in derzeit 24 Bundesstaaten der USA besonderen Schutz in innerpolizeilichen Disziplinarverfahren. Weiterhin sehen viele Verträge zwischen Polizeigewerkschaften und Polizeibehörden vor, dass Disziplinarakten nach einer bestimmten Zeit, in manchen Fällen bereits nach sechs Monaten, gelöscht werden müssen (Greenhouse 2020; Lyle 2023, 506). Sowohl in innerpolizeilichen Untersuchun‐ gen als auch in Strafprozessen weigern sich Polizist: innen häufig gegen beschuldigte Kolleg: innen auszusagen. Im US-amerikanischen Sprachgebrauch spricht man hierbei vom „Blue Code of Silence“ bzw. der „Blue Wall of Silence“. Ein einschneidender Moment in der langen Geschichte der Polizeigewalt in den USA war die Ermordung des 46-jährigen Afroamerikaners George Floyd durch den weißen Polizisten Derek Chauvin in Minneapolis am 25. Mai 2020. Chauvin hatte sein Knie über neun Minuten lang in den Nacken des mit Handschellen gefesselten und auf dem Boden liegenden Floyd gedrückt und ihn dadurch getötet. Das von Umstehenden angefertigte und auf sozialen Medien geteilte Video der Geschehnisse führte zu einer weltweiten Protestbewegung gegen antischwarzen Rassismus. Im Juni 2020 kam es in 48 Ländern der Welt zu insgesamt 8.700 Demonstrationen (Hinton 2017, 288). Verstärkt 19 Polizeisystem und Polizeigewalt 261 <?page no="262"?> wurden die Proteste durch den Fall der 26-jährigen Breonna Taylor, die am 13. März 2020 in Louisville, Kentucky, bei einem Polizeieinsatz getötet worden war. Anders als in vielen anderen Fällen von Polizeigewalt hatte der Mord an George Floyd strafrechtliche Konsequenzen. Im April 2021 wurde Derek Chauvin vor dem Ge‐ richt des Fourth Judicial District of Minnesota des Mordes schuldig gesprochen und zu 22 ½ Jahren Haft verurteilt. Ebenso wurde Chauvin vor dem Bundesgericht des District of Minnesota für schuldig befunden, Floyd absichtlich um seine verfassungsmäßigen Rechte gebracht zu haben und zu 21 Jahren Haft verurteilt. Das Gericht legte fest, dass Chauvins Bundeshaftstrafe parallel zu der vom Gericht des Fourth Judicial District of Minnesota verhängten Haftstrafe abgeleistet werden soll. Zuvor hatte Chauvin vor Gericht seine Schuld eingeräumt, vermutlich um einer lebenslangen Freiheitsstrafe zu entgehen. Weiterhin werden Afroamerikaner: innen in den USA überproportional häufig Opfer polizeilicher Tötungsgewalt. 45 Prozent der in den USA von der Polizei zwischen 2015 und 2021 Getöteten waren weiß, 23 Prozent Schwarz. Da 13 Prozent der US-Bevölke‐ rung Schwarz und 60 Prozent weiß sind, bedeutet dies, dass Polizist: innen doppelt so häufig Schwarze Menschen töten wie weiße (Berman et al. 2022). Gleichzeitig ist die Zahl der Opfer von tödlicher Polizeigewalt in den USA extrem hoch. Zum Vergleich: in Deutschland erschoss die Polizei zwischen 2015 und 2021 84 Menschen (Statista 2024). In den USA, wo etwa vier Mal so viel Einwohner: innen wie in Deutschland leben, töteten Polizist: innen im selben Zeitraum mehr als 6.400 Menschen (Berman et al. 2022). Die massiven Proteste wegen des Mordes an George Floyd gingen mit der Forderung nach einer tiefgreifenden und nachhaltigen Reform der Polizei in den USA einher. Als Reaktion darauf verabschiedete das US-Repräsentantenhaus 2021 den George Floyd Justice in Policing Act. Unter anderem sah das Gesetz die Schaffung einer nationalen Datenbank zur Registrierung polizeilichen Fehlverhaltens vor. Zudem sollte es Polizeibehörden in den gesamten USA zur Teilnahme an Trainingseinheiten über racial profiling und impliziten Bias in der Polizeiarbeit verpflichten. Das Inkrafttreten des Gesetzes wurde durch die Republikanischen Mitglieder des US-Senats verhindert. Allerdings führten die Proteste zu Reforminitiativen auf der Ebene der Einzelstaaten. Mehrere Staaten verschärften etwa die Rechenschaftspflicht der Polizei in Fällen von Gewaltanwendung und verboten polizeiliche Würgegriffe. Erläuterung | Racial profiling: Unter dem Begriff racial profiling versteht man das verdachtsunabhängige Kontrollieren von Personen einzig aufgrund ihrer „Rasse“, Ethnie, Religion oder nationalen Herkunft. Obwohl politische Amtsträger: innen in den USA wiederholt die Absicht erklärt haben, racial profiling zu beenden, ist die Praxis in den USA - wie auch in Deutschland und anderen Ländern der Welt - bis heute weit verbreitet. Studien betonen, dass racial profiling massive Auswirkungen auf die mentale und physische Gesundheit von Betroffenen hat. 262 19 Polizeisystem und Polizeigewalt <?page no="263"?> Der Effekt von racial profiling hinsichtlich der Eindämmung von Kriminalität ist umstritten. Einige US-Bundesstaaten haben sich dazu verpflichtet, jährliche Berichte über die Anwendung von racial profiling zu veröffentlichen. Der Report zu Kalifornien aus dem Jahr 2021 zeigt, dass Schwarze Bürger: innen mehr als doppelt so häufig von der Polizei kontrolliert wurden wie weiße. Latino/ a/ x Americans 1,4 mal so häufig. Schwarze Jugendlichen wurden sechs Mal häufiger kontrolliert als weiße, jugendliche Latino/ a/ x Americans beinahe vier Mal häufiger (Levin 2023). Nur sehr begrenzten Erfolg hatte die von Teilen der Protestbewegung vorgebrachte Forderungen nach einem teilweisen oder kompletten Entzug der staatlichen Mittel für die Polizei („Defund the police“). Vertreter: innen der Defund-Kampagne fordern, die massiven Aufwendungen für die Polizeiarbeit zu kürzen und stattdessen in „neue Formen gerechteren Zusammenlebens“ zu investieren (McLeod 2022, 558). Zudem sprechen sie sich für eine langfristige Abschaffung („abolition“) der Institution der Polizei aus. Während Republikanische Politiker: innen jegliche Kürzung polizeilicher Mittel ablehnen, geben auch Demokratische Politker: innen zu Bedenken, dass um‐ fassende Kürzungen die Bemühungen um eine Reform der Polizei beeinträchtigen würden. In einer repräsentativen Umfrage aus dem Jahr 2021 lehnte die Mehrheit der befragten US-Amerikaner: innen eine Reduzierung polizeilicher Mittel ab. Auch die befragten Afroamerikaner: innen lehnten Kürzungen mehrheitlich ab, da sie nicht davon überzeugt waren, dass dies ihre Communities sicherer mache (Levy Armstrong 2021). Literatur Ba, Bocar A., Dean Knox, Jonathan Mummolo und Roman Rivera. 2021. „The Role of Officer Race and Gender in Police-Civilian Interactions in Chicago.“ Science 371, 6530: 696-702. 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Während dieser Zeit flohen mehr als eine Million Afroamerikaner: innen in der Hoffnung auf ein sichereres Leben unter besseren wirtschaftlichen Bedingungen aus dem Süden in den Norden und Westen der USA. Sie lösten damit eine Wanderungsbewegung aus, die später als Great Migration bekannt werden sollte (Gregory 2005, 330). Bei den von der weißen Bevölkerung als „Rassenausschreitungen“ (race riot) bezeichneten Vorfällen handelte es sich in Wahrheit um gewalttätige Übergriffe auf Schwarze US-Amerikaner: innen durch Weiße, an denen auch Vertreter: innen verschiedener Regierungsebenen beteiligt waren. Ziel der Angriffe war es, die wirtschaftliche Konkurrenz durch Schwarze Mitbürger: innen auszuschalten und Schwarze Gemeinschaften zu zerschlagen. Rassenmassaker als Pogrome gegen die Schwarze Bevölkerung Vom Ende des Bürgerkriegs bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts kam es regelmäßig zu Ausbrüchen rassistischer Gewalt in Form von Angriffen weißer Mobs auf afro‐ amerikanische Gemeinschaften und Geschäftsviertel. Durch diese Übergriffe sollte der wirtschaftliche oder politische Aufstieg der afroamerikanischen Bevölkerung verhindert werden, der eine Bedrohung für die Ideologie der weißen Vorherrschaft sowie die bestehende politische und wirtschaftliche Macht der Weißen darstellte. Zwar ereigneten sich viele dieser Angriffe in den früheren Konföderierten Staaten, die Ge‐ walt beschränkte sich jedoch nicht auf den Süden. Mit zunehmender Abwanderung der afroamerikanischen Bevölkerung aus dem Süden-- wo sich ihre beruflichen Möglich‐ keiten in der Regel auf landwirtschaftliche und häusliche Tätigkeiten beschränkten - in die von Militär und Industrie geprägten Ballungszentren des Nordens mehrten sich die Versuche Weißer, in Form brutaler Gewaltausbrüche gegen Schwarze Gemeinschaften, die eigene Machtposition zu behaupten. Während der Ära der Reconstruction verpflichtete die Bundesregierung die früheren Konföderierten Staaten zur Einhaltung der neuen Verfassungszusätze, die ehemaligen Sklav: innen nun Freiheit sowie Bürger- und Wahlrecht zugestanden. Angesichts dieser veränderten Situation begannen Afroamerikaner: innen, sich politisch zu organisieren und von ihren neu gewonnenen Rechten Gebrauch zu machen. Bereits in den weni‐ gen Jahren der Reconstruction erzielten sie dabei beachtliche Erfolge und, obwohl weiße Südstaatler: innen fest entschlossen waren, diesen Aufstieg aufzuhalten und die <?page no="268"?> politischen, ökonomischen und sozialen Strukturen der Sklaverei wiederherzustellen, gelang ihnen das zu diesem Zeitpunkt nicht. Durch Initiativen Schwarzer US-Ame‐ rikaner: innen entstanden Bildungseinrichtungen, wirtschaftliche Möglichkeiten und politische Organisationen; Errungenschaften, die ihnen die politischen Gegner: innen im Süden, wo man auf eine Rückkehr zur alten sozialen Ordnung hoffte, nicht ohne Weiteres wieder nehmen konnten. Obwohl viele Afroamerikaner: innen in ländlichen Gegenden durch Sharecropping-Verträge in Schuldknechtschaft geraten und an ein Stück Land gebunden waren, entstanden in den Städten des Südens ethnische Enklaven, die die Herausbildung einer aufstrebenden Schwarzen Mittelschicht ermöglichten. Diese Mittelschicht bedrohte das „rassische“ Kastensystem, da sie wirtschaftliche Unabhängigkeit von der weißen Gesellschaft sowie gemeinschaftlichen Schutz vor einzelnen rassistischen Angriffen bot und einen Wahlblock bildete, der die Interessen der Republikanischen Partei Abraham Lincolns vertrat. Zwar stellten Schwarze Wähler im Süden der USA insgesamt nur eine Minderheit, dennoch wurden sie in mehrheitlich afroamerikanischen Bezirken zur Gefahr für die Demokratische Partei; insbesondere, wenn sie Koalitionen mit weißen Republikanern eingingen. Aufgrund des drohenden Machtverlustes der weißen über die Schwarze Bevölkerung griffen weiße Südstaaten‐ bewohner: innen zunehmend zu Gewalt, um die Kontrolle über Afroamerikaner: innen und ihre Arbeitskraft zurückzugewinnen. Infolgedessen erreichten Fälle rassistischer Lynchjustiz während der 1890er Jahre einen Höchststand (→ Kapitel Lynchjustiz). Angriffe auf ganze Schwarze Gemeinschaften kamen dann seltener vor, wenn Weiße zur Sicherung ihres Wohlstandes auf afroamerikanische Arbeiter: innen angewiesen waren. In der Landwirtschaft des Südens war dies überwiegend der Fall. Urbanisierung und Industrialisierung eröffneten Afroamerikaner: innen Alternativen zur abhängigen Arbeit für Weiße. Rassenmassaker waren eine Folge dieser Entwicklung und sollten das „rassische“ Kastensystem insbesondere in städtischen Gebieten durchsetzen, die im Zuge der Great Migration einen demografischen Wandel durchliefen. Anders als Lynchverbrechen, night ridings des Ku-Klux-Klans und andere Formen von weißem Terrorismus, mit denen Schwarze Arbeitskräfte kontrolliert werden sollten, zielten Rassenmassaker häufig darauf ab, Schwarze Gemeinschaften durch Mord oder Vertrei‐ bung vollständig auszulöschen (Kruger-2015, 15-28). An den Ereignissen in Elaine, Philipps County, Arkansas im Oktober 1919 zeigt sich, wie wenig die Bezeichnung „Ausschreitung“ dem tatsächlichen Ausmaß der Gewalt gerecht werden kann, der Schwarze Gemeinschaften ausgesetzt waren. „They were shooting them down like rabbits“, beschrieb ein weißer Nationalgardist das Massaker an Schwarzen Bewohner: innen Arkansas’ (Whitaker 2008, 112). Die National Associ‐ ation for the Advancement of Colored People (NAACP) - eine von Schwarzen und Weißen gegründete Organisation, die sich für die Rechte von Afroamerikaner: innen einsetzt - entsandte ihren damaligen stellvertretenden Geschäftsführer Walter White, um die Vorfälle in Elaine zu untersuchen, während die Aktivistin und Journalistin Ida B. Wells einige der Schwarzen Gefangenen befragte (zu Ida B. Wells → Kapitel Anti-Lynching-Aktivismus). In ihrem Pamphlet The Arkansas Race Riot übernahm 268 20 Rassenmassaker <?page no="269"?> Wells zwar die von weißen Zeitungen genutzte Bezeichnung der Geschehnisse, mit der diese das Massaker an der Schwarzen Community als Folge von Ausschreitungen aufseiten der afroamerikanischen Bevölkerung legitimierten. Gleichzeitig wich die von ihr und Walter White dokumentierte Darstellung der Ereignisse aber stark von der Behauptung Weißer ab, Schwarze Aufständische wären in Tötungsabsicht auf weiße Einwohner: innen losgegangen. Vielmehr waren Hunderte weißer US-Amerikaner: in‐ nen in Elaine zusammengekommen und hatten begonnen, willkürlich Schwarze Men‐ schen anzugreifen. Reihen bewaffneter weißer Männer bewegten sich systematisch durch die Siedlung und zielten auf Büsche, um Schwarze Einwohner: innen ausfindig zu machen - man jagte sie, in den Worten des Nationalgardisten, wie Kaninchen (ebd.). Was in Phillips County geschah, war keine „Ausschreitung“, sondern ein vorsätzliches Massaker, das sich gegen die gesamte Schwarze Community vor Ort richtete. Auch wenn sich die NAACP um Dokumentation und Verbreitung der wahren Umstände von Massakern wie dem in Elaine bemühte, übernahmen und reprodu‐ zierten Journalist: innen und Wissenschaftler: innen jahrzehntelang die irreführende Beschreibung der Angriffe durch Weiße als „Ausschreitungen“. Dieses Ereignis und zahlreiche andere Überfälle auf Schwarze Gemeinschaften im ganzen Land wurden daher selbst dann noch als „Rassenausschreitungen“ bezeichnet, als sich anhand der Fakten längst ein anderes Bild zeigte: Weiße US-Amerikaner: innen hatten Schwarze US-Amerikaner: innen und ihre Gemeinschaften brutal angegriffen, um nicht nur ihren wirtschaftlichen und politischen Einfluss, sondern ihre gesamte Existenz zu vernich‐ ten. Für die Täter: innen diente die Bezeichnung als rhetorischer Schutzschild, der die eigene Verantwortung für die Gewalt verschleierte und zu einem falschen historischen Narrativ beitrug, in dem sie selbst zu Opfern wurden. Manche Wissenschaftler: innen sprechen weiterhin von „Rassenausschreitungen“, machen aber inzwischen deutlich, dass dies nicht auf gleichwertige Gewaltanwendung auf beiden Seiten verweisen soll, sondern sich auf die Angriffe auf Schwarze Gemeinschaften und die Ermordung Schwarzer Bürger: innen durch Weiße bezieht. Die meisten englischsprachigen Wissen‐ schaftler: innen bevorzugen heute die Bezeichnung „Rassenmassaker“ (race massacre) als weitaus treffendere Beschreibung der Ereignisse. Einige Wissenschaftler: innen wie Charles L. Lumpkins, Edward González-Tennant und Isabel Wilkerson gehen sogar noch weiter, indem sie die Bezeichnung „Pogrom“ für zahlreiche Rassenmassaker in den Vereinigten Staaten wählen. Dabei betonen sie die Rolle von Kommunal-, Bundesstaats- und Bundesregierung, die die Gewalt unterstützten (Lumpkins 2008, 8; González-Tennant-2012; Wilkerson-2020, 229). Afroamerikaner: innen wurden nicht einfach nur auf extralegale Weise von weißen Mobs getötet; vielmehr waren es quasi- oder ausdrücklich legale weiße Mobs, denen bewusst war, dass sie für ihre illegalen Handlungen keine Konsequenzen zu befürchten hatten. Die Beschreibung als „Pogrom gegen die Schwarze Bevölkerung“ widerspricht darüber hinaus der exzeptionalisti‐ schen Annahme, dass Bezeichnungen wie „Pogrom“ und „Coup d’État“ Ereignissen in anderen Ländern als den USA vorbehalten sind. Auch wenn „Rassenmassaker“ und „Pogrom“ die tatsächlichen Vorfälle also wesentlich präziser benennen als „Ras‐ 20 Rassenmassaker 269 <?page no="270"?> senausschreitungen“, erfasst keine dieser Varianten die organisierten Anstrengungen, die Afroamerikaner: innen auch angesichts der von Weißen kontrollierten Regierung unentwegt zu ihrem eigenen Schutz und dem ihrer Gemeinschaft unternahmen. Konfrontiert mit der drohenden Gefahr, begannen Schwarze Gemeinschaften, sich zu bewaffnen und zum Zweck der Selbstverteidigung zu organisieren, die wahren Umstände der Angriffe öffentlich zu machen sowie Regierungsverantwortliche zur Durchsetzung des geltenden Rechts anzuhalten (Krugler-2015). Wilmington, North Carolina, 1898 Am Beispiel der Stadt Wilmington in North Carolina, deren Einwohnerschaft mehr‐ heitlich Schwarz waren, zeigt sich, wie Afroamerikaner: innen auf dem gesamten Gebiet der ehemaligen Konföderation durch Angehörige der Demokratischen Partei ihrer Rechte beraubt wurden. Die dortigen Ereignisse weisen ein Muster auf, das sich in den folgenden Jahrzehnten in den landesweit ausbrechenden Massakern wiederfinden sollte. In den 1890er Jahren erreichten afroamerikanische Wähler in Wilmington das, wovor sich Angehörige der Demokratischen Partei im Süden gefürchtet hatten: Sie gingen erfolgreich eine Wahlkoalition mit der weißen Republikanischen Minderheit ein, um eine gemeinsame Liste weißer und Schwarzer politischer Kandidaten aufzu‐ stellen. Nachdem die Demokratische Partei bereits bei der Wahl im Jahr-1894 die politische Kontrolle im Bundesstaat eingebüßt hatte, verlor sie weiter an Einfluss, als der Republikaner Daniel L. Russell 1896 zum Gouverneur gewählt wurde. Als Reaktion darauf fand sich eine Kerngruppe führender Demokratischer Politiker zusammen, um künftige Wahlniederlagen dieser Art zu verhindern. Furnifold M. Simmons, Charles Brantley Aycock und Josephus Daniels, die im folgenden Jahrhundert in die politi‐ sche Elite North Carolinas aufsteigen sollten, riefen eine bundesstaatenweite „White Supremacy Campaign“ ins Leben. Im Rahmen dieser Kampagne wurden massenhaft Falschnachrichten über angebliche Vergewaltigungen weißer Frauen durch Schwarze Männer sowie politische Cartoons verbreitet, die Afroamerikaner: innen als Tiere und Dämonen darstellten. Außerdem veranstaltete man öffentliche Reden, in denen rassis‐ tische Ressentiments geschürt wurden. Neben dieser Propagandakampagne entstand mit den Red Shirts ein paramilitärischer Flügel der Demokratischen Partei, der von deren politischer Spitze organisiert, unterstützt und beauftragt wurde, um Wähler einzuschüchtern, politische Gegner auszuschalten oder in einer Demonstration von Macht und Gewalt wahllos auf die Wohnungen Schwarzer Bürger: innen zu schießen (Zucchino-2020, 97 f., 159-61). Als Vertreter der Demokratischen Partei zunehmend das falsche Narrativ propa‐ gierten, die politische Teilhabe Schwarzer US-Amerikaner: innen führe zu sexuellen Übergriffen auf weiße Frauen, setzten sich Schwarze Bürger: innen zur Wehr. Im Vorfeld der Zwischenwahlen zum US-Kongress 1898, bei denen auch wichtige Bundesstaats- und Kommunalvertretungen gewählt wurden, verfasste der afroamerikanische Zei‐ 270 20 Rassenmassaker <?page no="271"?> tungsredakteur Alexander Manly einen viel beachteten Leitartikel. Darin prangerte er die Doppelmoral der weißen Mobs an, die die Lynchverbrechen an Schwarzen Män‐ nern mit haltlosen Anschuldigungen angeblicher sexueller Übergriffe legitimierten, während es in Wahrheit wesentlich häufiger vorkam, dass weiße Männer Schwarze Frauen vergewaltigten (Zucchino 2020, 64-68). Infolge dieses Artikels gerieten Manly und seine Zeitung in den Monaten vor der Wahl ins Visier der White Supremacy Campaign. Durch eine Kombination aus Propaganda, Einschüchterung der Wähler und unverhohlenem Betrug gewannen Demokratische Politiker die Wahl. Dennoch warnten weiße Zeitungen im gesamten Bundesstaat weiterhin, Schwarze Bürger: innen würden sich bewaffnen und gemeinsam mit ihren politischen Unterstützern Pläne schmieden, um die Wahl an sich zu reißen. Nicht alle städtischen Ämter standen 1898 zur Wahl: in einigen Fällen behielten die zuvor gewählten Vertreter trotz des Erfolgs der White Supremacy Campaign ihr Mandat. Der frühere Vertreter North Carolinas im Repräsentantenhaus Alfred Waddell gründete ein Komitee aus führenden Mitgliedern der Demokratischen Partei. Gemeinsam stellten sie einen Forderungskatalog auf, den sie „White Declaration of Independence“ nannten und in dem sie unter anderem die sofortige Amtsniederlegung dieser gewählten Vertreter verlangten. Unterstützt von zwei Staatsmilizen unter der Befehlsgewalt weißer Suprematisten, darunter die Wilmington Light Infantry, führte Waddell einen Mob von über 2.000 Männern an, die das Büro von Manlys Zeitung zerstörten. Bei einem darauffolgenden Zusammenstoß zwischen bewaffneten Angehörigen beider Seiten wurde ein weißer Mann durch einen Schuss verletzt, worauf der weiße Mob mit einer Schusssalve reagierte und anschließend in kleinen Gruppen gegen die Schwarze Community vorging. Einem Bericht des Schwarzen amtlichen Leichenbeschauers zufolge starben während des Massakers vierzehn Afroamerikaner: innen durch Schussverletzungen, während eine unbekannte Anzahl weiterer Opfer heimlich verscharrt wurde (Prather-1998). Erläuterung | Eine genaue Erfassung der Todesfälle in Rassenmassakern ist na‐ hezu unmöglich. Gründe dafür liegen in der fehlenden Dokumentation, Verschlei‐ erung von Tatsachen oder sogar vorsätzlichen Fälschung von Aufzeichnungen. So ermittelte im Jahr 2006 eine staatlich eingesetzte Untersuchungskommission zum Wilmington-Massaker anhand unterschiedlicher Quellen eine Zahl von mindes‐ tens 60 Toten; mündliche Überlieferungen innerhalb der Schwarzen Gemeinschaft Wilmingtons legen sogar noch höhere Opferzahlen nahe (Umfleet-2006, 175-79). Unmittelbar nach den gewaltsamen Ereignissen wurde die gewählte städtische Vertre‐ tung von den Aufständischen zum Rücktritt gezwungen und Waddell als Bürgermeister eingesetzt. Einen Tag später verbannte die neue Regierung führende Schwarze und weiße Politiker aus der Stadt (Prather 1998). Über Nacht übernahmen weiße Suprema‐ tisten die Kontrolle über die bevölkerungsreichste Stadt North Carolinas und etablier‐ 20 Rassenmassaker 271 <?page no="272"?> ten dauerhaft eine weiße Mehrheit, wo Afroamerikaner: innen zuvor mit 56 Prozent den überwiegenden Anteil der Einwohnerschaft gestellt hatten (Umfleet 2006, 222-58). Erläuterung | Alfred Waddell, Furnifold Simmons, Charles Brantley Aycock und Josephus Daniels profitierten erheblich von dem Putsch. Nach dem Sturz des gewählten Bürgermeisters von Wilmington hatte Waddell das Amt bis 1906 inne. Furnifold Simmons wurde zu einem der am längsten amtierenden Senatoren North Carolinas. Der politische Block des sogenannten Solid South, den er maßgeblich mitgestaltet hatte, verhalf demokratischen Senatoren zu einflussreichen Positio‐ nen in Kongressausschüssen wie dem Finanzausschuss, dessen Vorsitz Simmons selbst sechs Jahre innehatte. Charles Brantley Aycock wurde im Jahr 1901 zum Gouverneur ernannt - nur ein Jahr nach der faktischen Entrechtung Schwarzer Wähler in North Carolina durch die Demokratische Partei. Josephus Daniels diente während des Ersten Weltkrieges als Marineminister und war unter Franklin D. Roosevelt als Botschafter in Mexiko tätig. Demnach entgingen die Männer hinter der White Supremacy Campaign in North Carolina nicht nur jeglicher Bestrafung, sondern konnten den Putsch darüber hinaus nutzen, um ihre politischen Karrieren voranzutreiben und dadurch die Politik auf städtischer, einzelstaatlicher und nationaler Ebene entscheidend mitzugestalten (Zucchino-2020, 307-09). Der Coup d’État, der sich in Wilmington ereignete, offenbart zahlreiche Merkmale, die sich - trotz einiger Unterschiede - auch in späteren Rassenmassakern wiederfinden. In allen Fällen führten weitreichende demografische, wirtschaftliche oder politische Umbrüche zu „rassischen“ Spannungen, die sich schließlich infolge eines auslösenden Ereignisses entluden, das das Ausmaß der weißen Aggressionen jedoch häufig nur unzureichend erklären konnte. Ähnlich wie bei Fällen der Lynchjustiz zeichnete man aufseiten der weißen Bevölkerung das Bild des hypersexualisierten, bedrohlichen und bestialischen Schwarzen Mannes, um die Menschen zu Gewalttaten anzustacheln und Brutalität zu rationalisieren. Rassenmassaker unterschieden sich allerdings insofern, als dass sie auf weit mehr als nur einzelne Personen abzielten. Während der Massa‐ ker konnte es durchaus zu Lynchverbrechen an einzelnen oder mehreren Personen kommen. Durch Pogrome sollten afroamerikanische Gemeinschaften jedoch nicht nur kontrolliert, sondern vielmehr vollständig ausgelöscht werden. Das galt insbeson‐ dere, wenn gesellschaftliche Erfolge Schwarzer Bürger: innen die engen Grenzen des „rassischen“ Kastensystems herausforderten. Die Täter: innen kamen aus der weißen Bevölkerung, doch weiß besetzte Behörden (und die Dokumente, die sie vorlegten) gaben der Schwarzen Gemeinschaft die Schuld an der Gewalt und stellten die ortsan‐ sässigen Weißen als Opfer dar. Kommunal-, Bundesstaats- oder Bundesregierungen unterstützten (häufig auch auf mehreren Ebenen) das gewaltsame Vorgehen der weißen Bevölkerung auf direkte oder indirekte Weise und verwehrten Schwarzen Bürger: innen jeglichen Schutz. Außerdem lässt sich festhalten, dass von Weißen verübte Gewalt 272 20 Rassenmassaker <?page no="273"?> toleriert oder gar belohnt wurde, während die Selbstverteidigungsmaßnahmen der Schwarzen Bevölkerung mit der ganzen Härte staatlich gestützter Gewalt beantwortet wurden (Zucchino-2020, 310-39). Springfield, Illinois, 1908 Um die Wende zum 20. Jahrhundert ereignete sich ein Großteil der Gewalt gegen die Schwarze US-Bevölkerung in den Südstaaten. Doch auch der Rest des Landes war durch das rassistische Kastensystem geprägt. Als immer mehr Schwarze Bürger: innen aus Angst vor der Gewalt oder in der Hoffnung auf bessere wirtschaftliche Möglichkeiten den Süden verließen, kam es dort, wo ihr Anteil an der lokalen Bevölkerung stieg, ebenfalls zu Ausbrüchen weißer Gewalt. Auslöser für die Aggressionen waren der verschärfte wirtschaftliche Wettbewerb, die verschwimmenden Grenzen segregierter Wohnviertel oder der zunehmende politische Einfluss der Schwarzen Bevölkerung. Zu einem weiteren Rassenmassaker kam es 1908 in Springfield, Illinois, dem langjährigen Wohnort von Abraham Lincoln. Der Vorfall macht deutlich, dass sich rassistische Machtausübung weit über die Grenzen der früheren Konföderation hinaus erstreckte. Im Jahr 1908 war Springfield wesentlich vom Bergbau geprägt. Innerhalb von weni‐ ger als zwanzig Jahren hatte sich die Gesamtbevölkerung der Stadt mehr als verdoppelt, wobei unter sechs Prozent der Einwohner: innen Schwarz waren. Die Wohngebiete, in denen sich zugezogene Afroamerikaner: innen drängten, dienten zugleich als städtische Vergnügungsviertel. Illegale Geschäfte konnten hier weitgehend straffrei betrieben werden, solange die örtlichen Amtsträger ausreichend Bestechungsgelder oder Wahl‐ stimmen erhielten. Infolgedessen sahen sich Angehörige der Schwarzen Gemeinschaft Springfields mit Segregation, Korruption und Ressentiments aufseiten der „ehrbaren“ Weißen konfrontiert. Darüber hinaus hatten sie unter den ausbeuterischen Bedingun‐ gen ihrer Arbeit zu leiden, bei der sie häufig zum Zweck der Streikbrechung eingesetzt wurden, was wiederum die Feindseligkeit der weißen Arbeiterklasse weiter schürte. Inmitten dieser Spannungen drang ein Schwarzer Mann in ein fremdes Haus ein, mit dem vermeintlichen Ziel, sich sexuell an einer Teenagerin zu vergehen. Als der Vater des Mädchens den Mann vertrieb, verletzte ihn dieser so stark, dass er wenig später starb. Auf seiner Flucht griff der Täter offenbar auch einen Schwarzen Mann in derselben Gegend an. Die Lokalzeitungen zogen den Vorfall als Beweis für die sexualisierte Gefahr heran, die angeblich von Schwarzen Migrant: innen aus dem Süden ausging. Als einen Monat später eine weiße Frau von einem sexuellen Übergriff durch einen Schwarzen Mann berichtete, verbreitete die weiße Presse Warnungen vor der Kriminalität der Schwarzen Bevölkerung und insbesondere dem Risiko sexueller Gewalt, dem weiße Frauen ausgesetzt seien. Man verlangte, die afroamerikanischen Zugezogenen aus der Stadt auszuschließen oder zumindest ihre Zahl zu reduzieren, was die Spannung weiter erhöhte (Carlson-2020, 28). Bei der Verhaftung der mutmaßlichen Angreifer erschien es in den beiden beschrie‐ benen Fällen zunächst so, als würden diese ordnungsgemäß vor Gericht gebracht. Der 20 Rassenmassaker 273 <?page no="274"?> Sheriff beauftragte hastig einige Männer, die das Gefängnis bewachen und den sich versammelnden Mob fernhalten sollten. Angesichts der immer weiter anwachsenden aufgebrachten Menge ließ der Sheriff die Gefangenen von einem weißen Ortsansässi‐ gen in Sicherheit bringen. Als die Menge erfuhr, dass die Gefangenen aus Springfield fortgeschafft worden waren, richteten sie ihre Wut gegen den weißen Unterstützer der Aktion, dessen Restaurant sie verwüsteten, sowie gegen Einrichtungen im Schwarzen Geschäftsviertel. Zwei Tage lang attackierte der Mob die Schwarze Gemeinschaft in Springfield. Dabei wurden zwei Lynchmorde an namhaften Schwarzen Einwohnern der Stadt begangen, ohne dass ihnen ein Verbrechen vorgeworfen worden wäre, über 120.000 US-Dollar (entsprechend dem damaligen Wert im Jahr 1909) an Eigentum zerstört und die Wohnungen und Geschäftsräume Schwarzer Einwohner: innen ange‐ zündet (de la Roche 2008, 1 f., 181 f.). Der Bürgermeister von Springfield wandte sich hilfesuchend an den Gouverneur, der die Gewalt aus nur wenigen Häuserblocks Ent‐ fernung beobachtete. Dieser gewährte zwar die erbetene Unterstützung, beschränkte gleichzeitig jedoch den Waffeneinsatz der Miliz. Letztendlich überwältigten Teilneh‐ mende des Mobs die Milizionäre, nahmen ihnen ihre teils ungeladenen Waffen ab und setzten den zerstörerischen Aufstand fort (Carlson-2020, 30-37). In der Folge der Ereignisse kam es zu einem dramatischen Schwund der Schwarzen Bevölkerung in Springfield, da schätzungsweise 2.000 Afroamerikaner: innen aus der Stadt flohen. Der Mann, der des Einbruchs beschuldigt worden war, wurde schließlich vor Gericht gestellt, verurteilt und gehängt. Den des sexuellen Übergriffs bezichtigten Mann ließ man dagegen frei, als sich herausstellte, dass das scheinbare Opfer die Anschuldigungen nur erfunden hatte, um eine Affäre mit einem weißen Mann zu vertuschen (de la Roche 2008, 158 f.). Für afroamerikanische Aktivist: innen und ihre Verbündeten bedeuteten die brutalen Übergriffe im ehemaligen Wohnort Lincolns, dass rassistische Gewalt überall im Land stattfinden konnte (Carlson-2020, 23-f., 38). Anders als in Wilmington wurden Teilnehmende des Mobs in Springfield für ihre Verbrechen angeklagt; die Geschworenen entschieden sich jedoch in allen Fällen bis auf einen gegen eine Verurteilung. Abraham Raymer, der Aussagen von Zeug: innen zufolge einem der Lynchopfer die Kehle durchgeschnitten hatte, wurde vom Vorwurf des Mordes freigesprochen und dafür des Bagatelldiebstahls für schuldig befunden, da er einen Säbel aus dem geplünderten und niedergebrannten Haus eines Schwarzen Milizionärs gestohlen hatte. Wenn die örtlichen Behörden auch nicht unmittelbar an der Gewalt in Springfield beteiligt waren, so gelang es ihnen doch ebenso wenig, die Opfer zu schützen. Rückblickend berichtete eine Anwohnerin, dass die Gewalt nach allgemeiner Annahme bereits durch minimale polizeiliche Intervention hätte abgewendet werden können, wäre diese bereits zu Beginn der Mobbildung erfolgt (Carlson 2020, 37). Als Reaktion auf das Springfield-Massaker und das anschließende Versagen der Justiz riefen afroamerikanische Aktivist: innen und ihre Verbündeten die bereits zuvor erwähnte National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) ins Leben. Beginnend mit der Gründung im Jahr 1909 sollte die NAACP maß‐ geblich den Widerstand gegen weiße Gewalt stärken, rechtliche Unterstützung leisten 274 20 Rassenmassaker <?page no="275"?> und sich für den gleichberechtigten gesetzlichen Schutz aller US-Amerikaner: innen einsetzen, ungeachtet ihrer ethnischen Herkunft (→ Kapitel Der Kampf gegen die Segregation in öffentlichen Verkehrsmitteln und Einrichtungen, → Kapitel Der Kampf gegen die Schulsegregation, → Kapitel Der Kampf um das Wahlrecht sowie → Kapitel Wahlrechtsdiskriminierung). Red Summer, 1919 Rassistische Gewalt und der mangelnde Schutz der Schwarzen Bevölkerung vor Angrif‐ fen durch Weiße erreichten im Jahr 1919 einen dramatischen Höhepunkt, als Schwarze Soldaten aus Übersee zurückkehrten und es landesweit zu Rassenmassakern kam. Trotz der Segregation, Entrechtung und Gewalt, die sie in ihrem Heimatland erlebten, folgten Teile der afroamerikanischen Bevölkerung dem Aufruf zum Kriegsdienst, um die Demokratie während des Ersten Weltkrieges im Ausland zu verteidigen. W. E. B. Du Bois, Aktivist und Herausgeber der NAACP-Zeitschrift The Crisis, hatte unter Schwarzen US-Amerikanern für die Beteiligung am militärischen Einsatz geworben und argumentiert, dass ein solcher patriotischer Dienst den Weg für mehr Bürgerrechte im eigenen Land ebnen würde. Über 350.000 Männer meldeten sich freiwillig und etwa 500.000-weitere Afroamerikaner: innen verließen den Süden in Richtung Norden und Westen, um dort den kriegsbedingten Bedarf an Arbeitskräften in der Industrie zu decken. Bereits vor der Rückkehr der Schwarzen Soldaten machten weiße US-Ame‐ rikaner: innen allerdings deutlich, dass sie der geleistete Wehrdienst nicht von den Restriktionen der „rassischen“ Kastenzugehörigkeit befreien würde (Krugler 2015, 57). NAACP-Aktivist und Autor James Weldon Johnson prägte den Begriff Red Summer und bezog sich damit auf das Blutvergießen des Sommers 1919, als Weiße im ganzen Land brutale Lynchverbrechen an Afroamerikaner: innen begingen und ihre Wohnvier‐ tel zerstörten. Die meisten Massaker ereigneten sich in der Zeit zwischen März und November 1919. Zur Ursache erklärte die weiße Bevölkerung dabei den Übermut der heimgekehrten afroamerikanischen Soldaten. Tatsächlich begannen die gewaltsamen Übergriffe aber schon vor der Ankunft der Truppen in den USA und setzten sich auch danach weiter fort. Waren während eines Angriffs Schwarze Kriegsveteranen anwesend, konnten die bedrohten Communitys mit deren Hilfe oft erfolgreich gegen den Mob verteidigt werden. Obwohl man aufseiten der weißen Bevölkerung hartnäckig behauptete, dass afroamerikanische Veteranen für die Gewaltexzesse verantwortlich seien, gingen die Angriffe in nahezu jedem Fall von Weißen aus. Diese reagierten damit auf die veränderten ökonomischen und sozialen Bedingungen, die das rassistische Kastensystem gefährdeten. So stellten etwa im Jahr 1917 Unternehmen in East St. Louis Schwarze zum Zweck der Streikbrechung ein. Weiße Bürger rächten sich anschließend, indem sie Wohnviertel der Schwarzen Bevölkerung überfielen. Zwar konnte die Nationalgarde die Ordnung vorübergehend wiederherstellen, die Gewalt entzündete sich jedoch innerhalb weniger Wochen erneut. Einigen Berichten zufolge nahmen die Gardisten teilweise selbst an den Lynchtaten und Angriffen des Mobs teil. Trotz der 20 Rassenmassaker 275 <?page no="276"?> ausbleibenden staatlichen Schutzmaßnahmen gelang es der Schwarzen Bevölkerung von East St. Louis durch bewaffnete Selbstverteidigung, die vollständige Zerstörung abzuwenden (Lumpkins-2008, 74-142, 127). Im Laufe des Jahres 1919 wurden im Zuge rassistischer Pogrome Dutzende Schwar‐ zer Communitys zerschlagen. Unter Beteiligung lokaler Behörden ermordeten weiße Bürger: innen Schwarze Familien, brannten ihr Hab und Gut nieder und vernichteten ganze Gemeinden. Auslöser waren (zumeist unbedeutende) Auseinandersetzungen, die die weißen Angreifenden den Zusammenbruch des rassistischen Kastensystems befürchten ließen. Überall im Land wurden haltlose Anschuldigungen sexueller Über‐ griffe auf weiße Frauen von weißen Zeitungen aufgegriffen und weiterverbreitet und geringfügige Übertretungen von Rassengrenzen kriminalisiert. Währenddessen fuhr die weiße Bevölkerung fort, sich auf bewährte Weise als Opfer zu inszenieren und das brutale Vorgehen gegen Afroamerikaner: innen zu legitimieren. Während des Sommers 1919 wuchsen die anfänglichen Vorfälle zu einer Welle verheerender Gewalt an, wenn die Schwarze Bevölkerung sich gegen Angriffe von Weißen wehrte oder Gerechtigkeit forderte. In Bisbee, Arizona, und Chicago, Illinois, entluden sich die Konflikte in gewaltsamen Massakern, als die Rechtsdurchsetzung durch die Polizei vor Ort ausblieb. In Bisbee versuchten städtische Polizeikräfte, US-amerikanischen Soldaten des 10. Bataillons ihre Waffen abzunehmen. Als diese sich widersetzten, kam es zu einem Schusswechsel. In Chicago reagierten Schwarze Einwohner: innen mit Protest, als die Polizei die Verhaftung eines weißen Mannes verweigerte, der unter den Augen etlicher Zeug: innen einen Schwarzen Teenager getötet hatte. Was folgte, war ein fünftägiges Massaker. In Knoxville, Tennessee, Omaha, Nebraska, und Longview, Texas, gingen Weiße gegen Schwarze Gemeinschaften vor, nachdem diese angesichts begangener oder versuchter Lynchverbrechen aufbegehrt hatten. In Washington, D.C., griff ein Mob aus weißen Soldaten nach Berichten über Vergewaltigungen wahllos Schwarze Männer an. In Charleston, South Carolina, kam es zu Angriffen durch Soldaten, nachdem ihnen ein Schwarzer Mann auf dem Bürgersteig nicht aus dem Weg gegangen war. In Garfield Park, Illinois, versammelte sich eine Gruppe weißer Jungen im Teenageralter und begann, Schwarze Bürger: innen mit Schlägern zu attackieren. Die Zahl der Menschen, die in diesem Jahr Opfer der Gewalt wurden, wird nie vollständig ermittelt werden können. In jedem Fall aber haben Afroamerikaner: innen durch die Ereignisse körperlichen und wirtschaftlichen Schaden erlitten und mussten meist ohne den Schutz des Gesetzes, das Eingreifen der Justiz oder eine Art der Entschädigung für ihre Verluste auskommen (Krugler-2015, 15-157). Elaine, Arkansas, 1919 Zahlreiche der Rassenmassaker von 1919 konzentrierten sich auf die städtischen Ballungsräume und spiegelten die dortige Situation wider, die infolge der Great Migration von demografischen Veränderungen und einer verschärften Arbeitsmarkt‐ konkurrenz zwischen der städtischen weißen Einwohnerschaft und Schwarzen Zuge‐ 276 20 Rassenmassaker <?page no="277"?> zogenen geprägt war. Ziel des Massakers in Longview, Texas, waren einflussreiche Schwarze Bürger, die sich für die Erhöhung des Baumwollpreises zugunsten Schwarzer Farmer: innen eingesetzt hatten. Die Gewalt selbst beschränkte sich dennoch vorrangig auf das Stadtgebiet. Anders sah es in Elaine, Arkansas, aus, wo das ausbeuterische Sharecropping-System eine prägende Rolle spielte und Schwarze Pächter: innen an das Land band. In Phillips County, Arkansas, schlossen sich Schwarze sharecroppers der Progressive Farmers and Household Union of America an, in der Hoffnung, im Rahmen von Tarifgesprächen faire Preise für ihre Baumwollernte verhandeln zu können. Ihnen war jedoch bewusst, dass ortsansässige Weiße versuchen würden, diese Bemühungen gewaltsam zu sabotieren. Während einer Versammlung am 30. September 1919, die in einer kleinen Kirche etwas außerhalb von Elaine stattfand, setzten die Mitglieder der Gewerkschaft bewaffnete Wachposten ein, um für Sicherheit zu sorgen. Als ein weißer Hilfssheriff und ein Vertreter der Missouri-Pacific Railroad das Treffen unterbrachen, kam es zu einer Schießerei, bei der einer der beiden getötet und der andere verletzt wurde. Die Vergeltung dieser Tat durch die weiße Bevölkerung sollte den blutigsten Rassenkonflikt in der Geschichte des Bundesstaates darstellen und eines der blutigsten Beispiele für Gewalt gegen die Schwarze Bevölkerung in der Geschichte des gesamten Landes. In Bezug auf die Bezifferung der Opfer stellt Historiker Robert Whitaker fest: „Even a very conservative effort today would put the number of blacks killed at well over one hundred, and perhaps the real toll was two or three times that many“ (Whitaker 2008, 107). Beinahe 300 Afroamerikaner wurden verhaftet und in provisorische Gefängnislager verbracht; ein Dutzend Männer erhielt für die Tötung fünf weißer Angreifender die Todesstrafe. Auch wenn sich das Massaker von Elaine durch seinen ländlichen Schauplatz von vergleichbaren Vorkommnissen im Sommer 1919 unterschied, folgte es ähnlichen Mus‐ tern wie die Angriffe in städtischen Umgebungen: Als die Schwarze Bevölkerung sich gegen wirtschaftliche Ausbeutung zur Wehr setzte, begegneten Weiße diesem Vorstoß mit erbittertem Widerstand. Obwohl die Gewalt von Weißen ausging, unterstellten diese der Schwarzen Bevölkerung die geplante Tötung aller weißen Einwohner: innen von Phillips County und forderten Unterstützung von außerhalb an. Das Massaker geschah unter dem Schutz des Staates: Polizisten vor Ort initiierten die Angriffe, lokale Behörden organisierten Verstärkung und Nationalgardisten beteiligten sich im Auftrag des Friedens aktiv an der Gewalt. Auch blieb ein Einschreiten der Bundesbehörden aus, als anstelle der weißen Angreifer die afroamerikanischen Opfer der Ausschreitungen strafrechtlich verfolgt wurden. Es blieb damit allein der NAACP und Schwarzen Aktivist: innen vor Ort überlassen, für das Leben der unschuldig zum Tode Verurteilten zu kämpfen. Gegen alle Zweifel und die Voreingenommenheit des Gerichts, das die rassistischen Täter deckte, gelang es dem Schwarzen Anwalt Scipio Africanus Jones aus der Bundesstaatshauptstadt Little Rock, die Todesurteile der „Elaine Twelve“ abzuwenden (Whitaker-2008). 20 Rassenmassaker 277 <?page no="278"?> Ocoee, Florida, 1920 Im Zuge der Präsidentschaftswahl am 2. November 1920 erlebten Bewohner: innen von Orange County, Florida, die heftigsten Wahlausschreitungen des 20. Jahrhunderts in den USA, als Schwarze Bürger: innen von ihrem Stimmrecht Gebrauch machen woll‐ ten. Weiße ermordeten Dutzende Afroamerikaner: innen und vertrieben die gesamte Schwarze Bevölkerung von Ocoee - insgesamt 255 Menschen - aus ihren Häusern. Erneut ging die Gewalt auf wirtschaftliche Spannungen zurück. 1920 litt ein Großteil der Landwirtschaft in den USA unter dem unerwarteten Preiseinbruch, der auf die historisch hohen Agrarpreise während des Ersten Weltkrieges folgte. Der Anbau von Orangen blieb jedoch ein relativ lukrativer Wirtschaftszweig. In Ocoee hatten sich einige Schwarze Familien mit Landbesitz einen gewissen Wohlstand erarbeitet, was zunehmend die Missgunst ihrer weißen Nachbar: innen schürte (Hoffman und Strom-2014, 25-35). Im Vorfeld der Wahl 1920 organisierten einflussreiche Schwarze Bürger: innen eine bundesstaatenweite Kampagne zur Wahlregistrierung. Der Ku-Klux-Klan (KKK) beantwortete dies mit gezielter Einschüchterung und Gewalt (→ Kapitel Der erste und zweite Ku-Klux-Klan). Einige Schwarze Wähler machten sich dennoch auf den Weg, um ihre Stimme abzugeben, wurden vor Ort aber vom Wählen abgehalten. In Ocoee wandte sich Mose Norman an einen weißen Anwalt, nachdem er im Wahllokal abgewiesen worden war, und kehrte anschließend dorthin zurück. Es gibt unterschied‐ liche Angaben darüber, ob Norman sich dafür mit einer Schrotflinte bewaffnete oder ob weiße Bürger nach seinem zweiten Wahlversuch eine Waffe in seinem Auto fanden. In jedem Fall wurde Norman das Stimmrecht erneut verwehrt und angesichts seiner Bewaffnung war die Menge umso aufgebrachter. Norman flüchtete sich zu July Perry, einem weiteren Initiator der Kampagne zur Wahlregistrierung. Norman gelang es ebenso wie Perrys Familie, den Bundesstaat vor dem Angriff des Mobs zu verlassen. Währenddessen blieb Perry zurück, um sein Zuhause zu verteidigen. Nachdem der Mob das Feuer eröffnet hatte, wurde einer der Angreifer von Perry angeschossen und zwei weitere getötet. Der schwer verletzte Perry versuchte, sich in einem nahegelegenen Feld zu verstecken, wurde jedoch aufgespürt, gefoltert und gelyncht. Seine Leiche stellte man öffentlich zur Schau, um Schwarze Wahlwillige und ihre Unterstützer: innen abzuschrecken. Als Nächstes fielen die weißen Angreifer über die Schwarze Ortsgemeinschaft her. Widersprüchliche Aussagen und gefälschte Aufzeichnungen verschleiern die tat‐ sächlichen Umstände der Ereignisse und erschweren die Bestimmung aller Einzelhei‐ ten. Fest steht jedoch, dass die weißen Behörden die Gewalt nicht nur zuließen, sondern bewaffnete, kurz zuvor ernannte Ordnungskräfte in Wahllokalen einsetzten, um Afroamerikaner: innen an der Abstimmung zu hindern. Auf der Seite der Angegriffenen bewaffnete man sich, schaffte Frauen und Kinder aus der Stadt und in Sicherheit und versuchte zu fliehen. Gegen die Übermacht der weißen Verstärkung, die die örtlichen Behörden aus der Umgebung angefordert hatten, war man jedoch chancenlos. Hunderte bewaffneter Weißer zündeten Häuser an, schossen auf Familien, die vor den 278 20 Rassenmassaker <?page no="279"?> Flammen flohen, und machten Jagd auf Menschen, die sich im Röhricht versteckten. Ein ortsansässiger Reverend erinnerte sich, dass Mitglieder des Mobs die Knochen der lebendig verbrannten Opfer als Souvenir mitnahmen (Ortiz-2005, 217-22). Wenn Schwarzen Familien die Flucht gelang, retteten sie damit zwar ihr Leben, opferten aber das Land, dem sie ihren Wohlstand verdankten und dessen Besitz die weiße Gemeinschaft gegen sie aufgebracht hatte. Nur wenige Schwarze Familien wur‐ den für die Besitztümer entschädigt, die sie durch die von offizieller Seite unterstützte rassistische Gewalt verloren. Aufzeichnungen über das Massaker in Ocoee wurden von den weißen Behörden vorsätzlich vernichtet, verschleiert oder verfälscht, doch die Schwarze Bevölkerung in Orange County bewahrte die Erinnerung daran. Nach den gewaltsamen Vorfällen lebten 1920 in Ocoee keine Schwarzen Einwohner: innen mehr. Es sollte mehr als sechzig Jahre dauern, bis sich dieser Zustand wieder änderte (Orange County Regional History Center-2021). Tulsa, Oklahoma, 1921 Im Jahr 1921 war Greenwood, das afroamerikanische Geschäftsviertel von Tulsa, als autarke Bastion der florierenden Schwarzen Mittelklasse bekannt. Wie keine andere Gegend stand die sogenannte Black Wall Street für wirtschaftlichen und sozialen Erfolg der Schwarzen US-Bevölkerung im frühen 20. Jahrhundert. Dennoch waren Schwarze Stadtbewohner: innen unverändert dem rassistischen Kastensystem und den Regeln der geltenden Rassenhierarchie unterworfen. Als eine weiße Zeitung über einen Vorfall zwischen einem jungen Schwarzen Mann und einer jungen weißen Frau berichtete und ihn als „tätlichen Übergriff “ und „versuchte Gewaltanwendung“ bezeichnete, strömten weiße Einwohner: innen Tulsas zum örtlichen Justizgebäude, wo die Polizei den Beschuldigten gefangen hielt. In der Schwarzen Bevölkerung erinnerte man sich, dass ein Jahr zuvor ein weißer Mann unter Mordverdacht von einem Mob gelyncht worden war. Man traf daher Sicherheitsvorkehrungen, bewaffnete sich und bot an, die polizeiliche Bewachung des Gefangenen durch zusätzliche Wachposten zu unterstützen. Der Sheriff lehnte das Angebot ab, ergriff aber keine Maßnahmen zur Zerschlagung des anwachsenden weißen Mobs. Ein Einbruchsversuch in die Waffenkammer zur Beschaffung von Schusswaffen und Munition wurde allerdings durch die Polizei vereitelt. Als sich die falsche Nachricht verbreitete, dass das Gefängnis von Weißen gestürmt würde, machten sich Schwarze Bürger erneut und bewaffnet auf den Weg zum Justizgebäude. Die Männer setzten bald wieder zur Umkehr an. Unterwegs kam es jedoch zu einem Zwischenfall, als ein weißer Mann versuchte, einem von ihnen seine Waffe abzunehmen. Schüsse fielen und die Ereignisse nahmen ihren Lauf. Da die Menge am Justizgebäude über 1.000 Weiße umfasste und damit in der Überzahl war, zogen sich die Schwarzen Männer nach Greenwood zurück, wo sie sich in Verteidigungsstellung brachten (Ellsworth-1992, 49-67). Am Abend beruhigte sich die Gewalt vorübergehend, während weiße Bürger: innen auf der Suche nach Waffen mehrere Geschäfte im Zentrum von Tulsa plünderten und 20 Rassenmassaker 279 <?page no="280"?> die Schwarze Bevölkerung Verteidigungsanlagen errichtete, aus der Stadt floh oder andere vor dem bevorstehenden Angriff warnte. Weiße Zivilpersonen wurden kurzer‐ hand durch die Polizei mit offiziellen Sicherheitsaufgaben betraut, um gemeinsam mit regulären Polizeieinheiten so viele Schwarze Bürger: innen wie möglich zusammenzu‐ treiben und festzunehmen. Da dieses Vorhaben die gesamten personellen Kapazitäten beanspruchte, standen keine Einsatzkräfte zur Verfügung, die den Überfall weißer Bür‐ ger: innen auf Greenwood hätten zurückdrängen können. Schwarze Heckenschützen brachten sich auf Hausdächern in Stellung, doch das Vordringen der Aggressoren war nicht aufzuhalten. In der Nacht wurden Wohnungen und Geschäftsräume Schwarzer Einwohner: innen in Brand gesetzt. Die Nationalgarde traf am folgenden Morgen ein, doch zu diesem Zeitpunkt lag das afroamerikanische Viertel Tulsas bereits in Schutt und Asche. Der Gouverneur verhängte das Kriegsrecht und die Nationalgarde kümmerte sich nun um die Festnahme von Afroamerikaner: innen, während Weiße bloß entwaffnet wurden. Über das Ausmaß der Beteiligung offizieller Stellen an den Ausschreitungen herrscht Unklarheit. So behauptete die Polizei etwa, der Mob sei in ein von Weißen geführtes Eisenwarengeschäft eingebrochen, um Waffen zu entwenden. Abweichend davon gab der Ladenbesitzer jedoch an, ein Hauptmann der Tulsa Police Force hätte sich Zutritt verschafft und Waffen an den Mob verteilt (Ellsworth 2001, 64). Von offizieller Seite versicherte man, dass Flugzeuge nur zur Schadensbegutachtung eingesetzt worden seien. Im Gegensatz dazu konnten sich Schwarze Einwohner: innen Tulsas lebhaft daran erinnern, wie man daraus Terpentinbomben und Dynamit auf Greenwood abwarf (Warner 2001, 105). Nach Aussage des Generaladjutanten der Nationalgarde sollen es vor allem die kurzfristig deputierten Weißen gewesen sein, die die Gewalt vorantrieben. Trotz anhaltender Bemühungen um die Identifizierung von Leichen in Massengräbern gehen auch bei den Todeszahlen die Einschätzungen auseinander und reichen von 27 bis zu 300 Toten. Mindestens 4.000 Schwarze Ein‐ wohner: innen Tulsas wurden verhaftet. Greenwood lag in Trümmern (Brooks und Witten-2001, 123 f.). Da ihre Wohnungen und Geschäfte zerstört worden waren, blieben zahlreiche Afroamerikaner: innen in provisorischen Internierungslagern in Gewahrsam. In den folgenden Tagen zeigte sich, dass man durch die Verhängung des Kriegsrechts in erster Linie die Schwarze Bevölkerung kontrollieren und die weiße schützen wollte. Anfänglich wurden Schwarze Inhaftierte nur dann freigelassen, wenn sich weiße Arbeitgeber: innen für sie verbürgten. Afroamerikaner: innen war es noch Wochen nach den Ereignissen verboten, Schusswaffen zu besitzen. Selbst wenn Gefangene die Viehanlagen des örtlichen Veranstaltungsgeländes verlassen durften, in denen man sie vorübergehend untergebracht hatte, mussten sie jederzeit Erkennungsmarken tragen. Neue Verordnungen verboten es Schwarzen Bürger: innen zudem, in den Bedienstetenunterkünften weißer Haushalte zu wohnen, wenn sie dort nicht über eine dauerhafte Anstellung verfügten. Durch die Zerstörung Greenwoods wurden die meisten von ihnen daher obdachlos. Anders als der verschwindend geringe Schwarze Bevölkerungsanteil von Ocoee errichteten die Schwarzen Einwohner: innen 280 20 Rassenmassaker <?page no="281"?> Tulsas ihr Viertel auf den Trümmern neu. Von der Regierung erhielten sie dabei keine Unterstützung: Zwar wurden im Zusammenhang mit den Ausschreitungen Schadensersatzforderungen in Höhe von über 1,8 Millionen Dollar eingereicht, die Stadtverwaltung in Tulsa wies diese jedoch allesamt ab (Ellsworth-1992, 66-69). Beinahe hundert Jahre lang war die Zerstörung der Black Wall Street eine historische Episode, die man nicht nur verschwieg oder abstritt, sondern deren Erwähnung sogar gefährliche Konsequenzen haben konnte. Im Jahr 1997 gab die Stadt Tulsa eine Studie zur Untersuchung der Geschehnisse von 1921 in Auftrag. Im abschließenden Bericht aus dem Jahr 2001 heißt es: „The majority of Commissioners declared that reparations to the historic Greenwood community in real and tangible form would be good public policy […]. While each Commissioner has their own opinion about the types of repara‐ tions that they would advocate, the majority has no question about the appropriateness of reparations“ (Oklahoma Commission 2001, ii). Doch die empfohlenen Entschädi‐ gungsleistungen blieben aus. Auch im Jahr 2022 kämpften die drei letzten Überlebenden des Massakers weiter um Reparationen durch die Stadt Tulsa (Miller 2022). Zunehmend wird anerkannt, dass Schwarzen Gemeinschaften durch Gewalt die wirtschaftliche Grundlage zu Aufbau und Weitergabe von Generationenvermögen entzogen wurde; dass Kommunal-, Bundesstaats- oder Bundesregierungen Zerstörung und Diebstahl von Besitztümern der Opfer in Auftrag gaben oder heimlich unterstützten; dass Weiße unmittelbar von der Ermordung und Vertreibung Schwarzer Bürger: innen profitierten und dass die Wunden, die diese Ungerechtigkeiten hinterlassen haben, auch über hundert Jahre später noch nicht verheilt sind. Dennoch scheint es, als sei man innerhalb der weißen Bevölkerung heute ebenso wenig bereit zu Entschädigungen wie im Jahr-1921 (Brophy-2001, 169, Fn.-5) (→ Kapitel Der Kampf um Reparationen). Deutsche Übersetzung durch Maria Ewald. Literatur Brophy, Alfred. 2001. „Assessing State and City Culpability: The Riot and the Law.“ In Tulsa Race Riot: A Report by the Oklahoma Commission to Study the Tulsa Race Riot of 1921, 153-74. Tulsa: State of Oklahoma. 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Diese Zuspitzung stand in unmittelbarem Zusammenhang mit der Entscheidung im Fall Brown v Board of Education aus dem Jahr 1954 und dem darauffolgenden Versuch weißer Rassist: innen, die Segregation um jeden Preis aufrechtzuerhalten. Je nachdem, gegen welche Art von Gruppe sie sich richtete - ob gegen Menschen, die sich in unabhängiger Weise für Gleich‐ stellung einsetzten, oder solche, die in Bürgerrechtsorganisationen aktiv waren -, nahm die Gewalt zahlreiche verschiedene Formen an. Bürgerrechtsorganisationen waren häufig das Ziel physischer, politischer sowie wirtschaftlicher Gewalttaten. Auf afroamerikanische Einrichtungen, insbesondere Kirchen oder Schulen, wurden Bomben- und Brandanschläge verübt. Während Demonstrationen, Sit-ins und Ver‐ sammlungen von Bürgerrechtler: innen kam es ebenfalls zu Angriffen. In ähnlichem Maße unterschieden sich die Täter: innen voneinander, unter denen sich sowohl Einzelpersonen und Gruppen als auch staatliche Akteur: innen und Institutionen fanden. Die klassische Phase der Bürgerrechtsbewegung von 1954 bis 1968 ist auch als Ära des Massive Resistance bekannt, des massiven Widerstands gegen die Aufhebung der Rassentrennung. Rassistische Gewalt war für den Großteil der US-amerikanischen Ge‐ schichte fest in der Struktur des Landes verankert, verschärfte sich jedoch insbesondere in der Zeit nach der Entscheidung im Fall Brown v. Board of Education of Topeka vom 17. Mai 1954. Angefangen bei den öffentlichen Schulen läutete diese Entscheidung das Ende der Rassentrennung in den Vereinigten Staaten ein (→ Kapitel Der Kampf gegen die Schulsegregation). Die Ausweitung der Gewalt, die häufig auf physischer Ebene ausgeübt wurde, aber auch politische oder wirtschaftliche Formen annehmen konnte, war eine Reaktion auf das Gerichtsurteil und auf die Bedrohung, die es für rassistische Weiße darstellte. Sie richtete sich gegen Individuen, Organisationen, Institutionen sowie Veranstaltungen und konzentrierte sich vor allem auf den Süden der USA, war aber keineswegs auf diese Region beschränkt. Verübt wurde sie von Einzelpersonen, organisierten Gruppen und staatlichen Akteur: innen. Neben dem Ku-Klux-Klan (KKK), dem wohl bekanntesten Vertreter gewalttätiger Gruppierungen (→ Kapitel Der erste und zweite Ku-Klux-Klan), waren unter anderem auch Citizens’ Councils, Minutemen <?page no="284"?> und State Sovereignty Commissions an der Gewalt in dieser Zeit beteiligt. Durch das COINTELPRO, das Counterintelligence Program des FBI, spielte außerdem die Bundesregierung der USA eine Rolle bei der Ausübung politischer Gewalt gegen Bürgerrechtsaktivist: innen. Dazu kamen staatliche Akteur: innen - von Gouverneuren bis hin zu lokalen Strafverfolgungskräften -, die sich ebenfalls der rassistischen Widerstandsbewegung anschlossen. Im Laufe der klassischen Phase der Bürgerrechts‐ bewegung lieferten sich Rassist: innen und Antirassist: innen einen erbitterten Kampf, der national und international von Zeitungs- und Fernsehberichten begleitet wurde. Dies hatte zur Folge, dass antirassistische Vorstöße immer wieder mit rassistischer Gewalt beantwortet wurden und umgekehrt. In einem sich ständig wiederholenden Kreislauf löste jede Errungenschaft im Bürgerrechtskampf eine neue Welle der Gewalt von Rassist: innen aus, die den segregationistischen Status quo aufrechtzuerhalten versuchten, was wiederum eine heftigere Reaktion der Antirassist: innen nach sich zog. Gewalt gegen Einzelpersonen In einigen Fällen basierten die Angriffe rassistischer Gewalttäter: innen auf bloßer Gelegenheit oder dienten vorgeblich dem Zweck, Afroamerikaner: innen eine Lektion zu erteilen; so beispielsweise beim Mord an Emmett Till. Erläuterung | Emmett Till: Emmett Till war ein afroamerikanischer Teenager, der in Chicago geboren wurde und aufwuchs. Im August 1955 brach er in den Süden auf, um in Mississippi Verwandte zu besuchen. Obwohl seine Mutter ihn vor dem offeneren Rassismus und den abweichenden gesellschaftlichen Regeln gewarnt hatte, die ihn dort erwarten würden, kam es zu einem Zwischenfall bei der Begegnung mit Carolyn Bryant. Diese arbeitete als Verkäuferin im örtlichen Le‐ bensmittelgeschäft, das ihrem Ehemann gehörte. Die Begegnung führte vier-Tage später zum Lynchmord an Emmett Till durch Bryants Ehemann und Schwager. Tills Mutter Mamie Till-Mobley bestand auf eine Beerdigung mit offenem Sarg und verständigte überregionale afroamerikanische Medien, wodurch die Entführung und Ermordung Emmett Tills weltweit Entsetzen auslöste. Die Menschen waren bestürzt über die Verstümmelung des vierzehnjährigen Jungen und die Fotos seiner Leiche, die eine breite Veröffentlichung erfuhren, wurden zum Symbol der Gewalt, die den Körpern Schwarzer Menschen in der Geschichte des Landes angetan wurde (Tyson 2017, 51-55, 67-75). Obwohl der Mord wie ein Großteil der Gewalttaten im Süden lange Zeit als klassische Demonstration des weißen, rassistischen Patriarchats angesehen wurde, lässt sich Tills Tod zumindest teilweise auch als Folge der Entscheidung Brown v. Board of Education auffassen. Im Zuge des Gerichtsurteils heizten einige der führenden Politiker des Staates mit ihren Äußerungen die Stimmung auf und mindestens ein Gesetzgeber rief dazu auf, Schwarze Personen frühzeitig in kleiner Zahl zu ermorden; angeblich, um das 284 21 Rassistischer Terrorismus zur Zeit der Bürgerrechtsbewegung <?page no="285"?> spätere Auftreten schwererer Gewalt zu verhindern (zitiert nach Tyson 2017, 107). Rosa Parks nannte den Mord an Emmett Till als Inspiration für den Busboykott von Montgomery und Mississippi wurde zum Epizentrum rassistischer Gewalt während der Zeit der Bürgerrechtsbewegung (Bartley-1969, 67-81). Andere Personen wurden als Stellvertreter: innen einer Organisation oder Idee at‐ tackiert. Das betraf etwa die vom Congress of Racial Equality (CORE) und dem Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) unterstützten Freedom Riders; College-Studierende, die in Überlandbussen durch den Süden fuhren, um gegen die Rassentrennung im Busverkehr zu protestieren. An verschiedenen Haltestellen wurden sie mit Brand- und Schusswaffen, Fäusten und Knüppeln erwartet und trugen häufig schwere Verletzungen davon (→ Kapitel Der Kampf gegen die Segregation in öffentlichen Verkehrsmitteln und Einrichtungen). Im Jahr 1963 wurde Medgar Evers ermordet, der zu dieser Zeit in der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) eine führende Rolle bei der Bekämpfung der geltenden Jim-Crow-Gesetze in Mississippi innehatte (Webb 2005, 39-52). Ein weiterer Fall von Gewalt gegen Einzelpersonen waren die berüchtigten Philadelphia-Burning-Morde an den drei Wahlrechtsaktivisten James Chaney, Andrew Goodman und Michael Schwerner, die 1964 in Philadelphia, Mississippi, entführt, gefoltert und getötet wurden (Chalmers 2003, 48 f.). Als wohl berühmtestes Opfer des rassistischen Widerstands starb Rev. Dr. Martin Luther King Jr. am 4. April 1968 in Memphis, Tennessee, durch ein Attentat. Er hatte sich in der Stadt aufgehalten, um streikende Müllwerker: innen zu unterstützen. Organisationen als Zielscheibe Auch Organisationen waren Gewalt ausgesetzt, nicht immer jedoch war diese physi‐ scher Natur. Die NAACP war ein ständiges Ziel rassistischer Angriffe durch Südstaat‐ ler: innen. Auf die Büros verschiedener Ortsverbände wurden Anschläge mit Dynamit oder Molotowcocktails verübt. In zahlreichen Staaten verpflichtete man Organisatio‐ nen per Gesetzesbeschluss dazu, Mitgliederlisten an offizieller Stelle einzureichen. Obwohl solche Gesetze in der Regel neutral formuliert waren, zielten sie darauf ab, die Namen von Antirassist: innen zu ermitteln. Diese erschienen anschließend in lokalen Zeitungen oder wurden über Telefonketten weitergegeben, um personenbezogene Daten von Bürgerrechtsaktivist: innen öffentlich zu machen. Einige von ihnen waren dadurch physischer Gewalt ausgesetzt, die meisten jedoch sahen sich mit wirtschaft‐ licher oder politischer Gewalt konfrontiert oder wurden damit bedroht. Mitglieder der NAACP, des CORE und anderer Organisationen verloren ihren Arbeitsplatz, ihr Haus oder ihren Betrieb, sobald ihre Aktivitäten öffentlich wurden (Webb 2005, 21-27, 58-61). Einige Südstaaten bildeten State Sovereignty Commissions und beauftragten 21 Rassistischer Terrorismus zur Zeit der Bürgerrechtsbewegung 285 <?page no="286"?> diese mit der Überprüfung von Organisationen und Personen, die man als Bedrohung für die segregationistische Ordnung und damit auch den Staat empfand. Erläuterung | State Sovereignty Commissions: Zahlreiche Südstaaten gründeten während der klassischen Phase der Bürgerrechtsbewegung sogenannte State So‐ vereignty Commissions (teilweise auch als Constitutional Committees bezeichnet). Sie verfolgten das Ziel, die Rechte der Einzelstaaten gegen die vermeintliche Übermacht der Bundesregierung zu verteidigen. Den Kommissionen wurde bei der Erarbeitung von Strategien und Taktiken weitgehend freie Hand gewährt. Zahlreiche von ihnen erhielten nicht nur Untersuchungs-, sondern auch umfas‐ sende Polizeibefugnisse. Diese Befugnisse ermöglichten die Überprüfung und Einschüchterung von Vertreter: innen der Bürgerrechtsbewegung. In mehr als der Hälfte der früheren Konföderierten Staaten entstanden durch legislative oder exekutive Maßnahmen State Sovereignty Committees. Den Anfang machte Mis‐ sissippi - und der Einfluss des dortigen Komitees war überwältigend. Nach über zwanzig Jahren wurde das Komitee aufgelöst. Es hinterließ Aufzeichnungen zu beinahe 90.000 Personen, über die man Untersuchungen angestellt hatte, sowie belastende Beweise für die staatliche Beteiligung an der Ermordung von John Chaney, Andrew Goodman und Michael Schwerner im Jahr 1964 (Katagiri 2007, 3-35, 227-42). Institutionen unter Beschuss Als die Bürgerrechtler: innen in den Süden vordrangen, um die Aufhebung der Rassen‐ trennung, das Wahlrecht und andere Bürgerrechte durchzusetzen, breitete sich die Gewalt weiter aus und zielte auf die Zerstörung afroamerikanischer Einrichtungen ab. Hierbei gerieten insbesondere Kirchen und Schulen in den Fokus. Im gesamten Süden gab es rassistische Angriffe auf Gotteshäuser, die für die afroamerikanische Gemeinschaft nicht nur spirituelle, sondern auch kulturelle und politische Zentren darstellten. Das vielleicht bekannteste Beispiel ist das der 16 th Street Baptist Church in Birmingham, Alabama, die am 15. September 1963 zum Schauplatz einer verheerenden Explosion mit Dynamit wurde, bei der vier Mädchen ums Leben kamen (Eskew 1997, 318-22). Erläuterung | „Bombingham“: Birmingham, Alabama, wurde zum Brennpunkt des Massive Resistance und bald aufgrund der ausufernden Gewalt auch „Bombingham“ genannt. Die 1940er Jahre markierten den Beginn rassistischer Gewalt in Form von Sprengstoffanschlägen. Zu dieser Zeit ließen sich afroamerikanische Familien zunehmend auch jenseits der Grenzen ihrer segregierten Wohngebiete nieder. Unter Missachtung der verfassungswidrigen Zoneneinteilung der Wohngebiete 286 21 Rassistischer Terrorismus zur Zeit der Bürgerrechtsbewegung <?page no="287"?> erwarben sie Eigenheime am westlichen Ende der Center Street, wo zwei „rassisch“ getrennte Viertel aufeinandertrafen. Die zahlreichen Sprengstoffanschläge, denen der Stadtteil ausgesetzt war, brachten ihm den Beinamen „Dynamite Hill“ ein. Zwischen 1947 und 1965 verzeichnete man mehr als vier Dutzend Explosionen im Stadtgebiet von Birmingham. Verantwortlich waren größtenteils bekannte Klansmänner, von denen allerdings nur wenige strafrechtlich belangt wurden. Hatten frühere Angriffe noch diejenigen ins Visier genommen, die sich für die Integration vormals weißer Nachbarschaften einsetzten, richteten sie sich Ende der 1950er Jahre zunehmend gegen die breitere Gemeinschaft von Bürgerrechtsakti‐ vist: innen. In der Folge wurden mehrere Kirchen Opfer von Bombenanschlägen; ein bekanntes Beispiel ist das der 16 th Street Baptist Church in Birmingham, Alabama (Eskew-1997, 53-84). Auf andere Kirchen wurden Dynamit- oder Brandanschläge verübt oder nachts Schüsse aus vorbeifahrenden Autos abgefeuert. Auch Synagogen wurden angegriffen, da viele Anhänger: innen der white supremacy antisemitische Ansichten vertraten und an eine jüdische Verschwörung als treibende Kraft hinter den Bürgerrechtsforderungen glaubten (→ Kapitel Antijudaismus und moderner Antisemitismus). In den Jahren 1967 und 1968 traf eine Reihe von Bombenanschlägen in und um Jackson, Mississippi, mehrere Synagogen sowie die Privathäuser und Geschäftsräume namhafter jüdischer Persönlichkeiten (Chalmers 2003, 19 f., 83 f.). In zahlreichen Bundesstaaten wie Arkan‐ sas, Mississippi und Virginia versuchte man außerdem per Gesetzgebung, öffentliche Schulen zu schließen, anstatt die dortige Rassentrennung aufzuheben (Webb 2005, 21 f., 29-33) (→ Kapitel Der Kampf gegen die Schulsegregation). Auf einige Schulen wurden Brand- und Sprengstoffanschläge verübt, um afroamerikanische Schüler: innen vom Besuch abzuhalten (siehe zum Beispiel „Troubles Beset School Opening“-1957). Angriffe auf Veranstaltungen Während Gewalttaten gegen Organisationen und Institutionen zu einem Großteil von langer Hand geplant wurden, kam es auch zu spontanen Gewaltausbrüchen auf Bürgerrechtsveranstaltungen. Häufig erschienen weiße Gegendemonstrant: innen auf Kundgebungen und Sit-ins, um Gewalt gegen die Teilnehmenden zu schüren. Viele Demonstrationen wurden durch rassistisch motivierte weiße Angreifer: innen gestört, während anwesende Polizeikräfte untätig blieben und die Gewalt geschehen ließen. Genauso häufig kam es jedoch auch vor, dass sie sich selbst aktiv daran beteiligten. Rev. James Bevel organisierte den Children’s Crusade („Kinderkreuzzug“) in Birmingham, Alabama, um den effektiven Maßnahmen des örtlichen Commissioner of Public Safety, Bull Connor, zur Unterdrückung gewaltfreier Proteste in der Stadt entgegenzuwirken. Über 5.000 Schulkinder nahmen am Protestmarsch teil, wurden jedoch von der lokalen Feuerwehr aufgehalten, die mit Löschschläuchen gegen sie 21 Rassistischer Terrorismus zur Zeit der Bürgerrechtsbewegung 287 <?page no="288"?> vorging, während Polizist: innen Polizeihunde einsetzten (Eskew 1997, 265 f.). Einer der berühmtesten Fälle von gewaltsamer Zerschlagung einer Bürgerrechtsveranstaltung durch staatliche Kräfte ereignete sich im Frühling 1965 auf der Edmund Pettus Bridge in Selma, Alabama. Der Gouverneur von Alabama, George C. Wallace, hatte angeordnet, den Protestzug mit allen erforderlichen Mitteln aufzuhalten. Am 7. März 1965 wurden die Demonstrierenden nach dem Überqueren der Brücke von Landespo‐ lizisten sowie lokalen Polizeikräften und weißen Bürgern erwartet, die man kurzfristig mit Polizeibefugnissen ausgestattet hatte. Der Marsch wurde von Fernsehkameras aufgezeichnet und anschließend vor Millionen von Zuschauer: innen übertragen, die am Bildschirm mitverfolgen konnten, wie Ordnungskräfte die Demonstrant: innen auf Pferden niederritten und neben Schlagstöcken und Peitschen auch Tränengas gegen sie einsetzten. Über fünfzig Demonstrationsteilnehmende, darunter der spätere US-Kongressabgeordnete John Lewis, mussten im Krankenhaus behandelt werden. Zwei Wochen nach der Gewalt des Bloody Sunday wiederholte man den Protestmarsch, wobei die Strecke von Selma nach Montgomery vom 21. bis 25. März erfolgreich bewältigt werden konnte (Webb-2005, 167-72). In der letzten Nacht ereignete sich ein weiterer gewaltsamer Vorfall. Klansmänner verfolgten ein Auto, das Demonstrant: in‐ nen zurück nach Selma brachte, und feuerten Schüsse auf das Fahrzeug ab. Dabei kam die Fahrerin Viola Liuzzo ums Leben, die als freiwillige Helferin aus Michigan angereist war. Im Februar 1968 eröffneten Polizisten der South Carolina Highway Patrol das Feuer auf eine Menge aus Studierenden. Sie hatten auf dem Campus der South Carolina State University, einer historisch afroamerikanischen Universität in Orangeburg, South Carolina, gegen die lokale Rassentrennung demonstriert. Bei dem Vorfall, der als Orangeburg Massacre Bekanntheit erlangte, verloren die Studenten Samuel Hammond Jr. und Henry Smith sowie Delano Middleton, ein Schüler der örtlichen Highschool, ihr Leben. Letzterer war nicht Teil der Menge gewesen, sondern hatte auf dem Campus auf die Rückkehr seiner Mutter von der Arbeit gewartet (siehe Bass und Nelson 1996). Fazit Die klassische Phase der Bürgerrechtsbewegung war ein von besonders blutiger rassistischer Gewalt geprägter Abschnitt in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Ein Großteil der Gewalt war physischer Natur, doch es kam auch zur Anwendung politischer und wirtschaftlicher Gewalt. Die Folgen waren dramatisch: Nicht nur wurden Leben ausgelöscht und für immer verändert, auch Eigentum, Institutionen und die Demokratie selbst erlitten schwere Schäden. Deutsche Übersetzung durch Maria Ewald. 288 21 Rassistischer Terrorismus zur Zeit der Bürgerrechtsbewegung <?page no="289"?> Literatur Bartley, Numan-V. 1969. The Rise of Massive Resistance: Race and Politics in the South during the 1950s. Baton Rouge: Louisiana State University. Bass, Jack und Jack Nelson. 1996. The Orangeburg Massacre. Macon, GA: Mercer University Press. Chalmers, David. 2003. Backfire: How the Ku Klux Klan Helped the Civil Rights Movement. Lanham, MD: Rowman & Littlefield. Eskew, Glenn T. 1997. But for Birmingham: The Local and National Movements in the Civil Rights Struggle. Chapel Hill, NC: The University of North Carolina Press. Katagiri, Yasuhiro. 2007. The Mississippi State Sovereignty Commission: Civil Rights and States Rights. Jackson, MS: University Press of Mississippi. Rolf, Stephanie-R. 2018. Resisting Equality: The Citizens’ Council, 1954-1989. Baton Rouge: Louisiana State University. Sokol, Jason. 2006. There Goes My Everything: Southerners in the Age of Civil Rights: 1945-1975. New York: Alfred A. Knopf. „Troubles Beset School Opening.“ 1957. Life Magazine, 16.-September-1957. Tyson, Timothy-B. 2017. The Blood of Emmett Till. New York: Simon & Schuster. Webb, Clive. 2005. Massive Resistance: Southern Opposition to the Second Reconstruction. New York: Oxford University Press. 21 Rassistischer Terrorismus zur Zeit der Bürgerrechtsbewegung 289 <?page no="291"?> 22 Segregation Rebecca Brückmann Abstract | Segregation bezeichnet die „rassische“ Trennung Schwarzer und weißer Menschen in öffentlichen sowie in privaten Räumen, die zugleich mit einer gesell‐ schaftlichen Hierarchisierung einhergeht, um weiße Vorherrschaft zu forcieren. Dieses Kapitel erläutert die historischen Entwicklungen der Rassentrennung von ihren Ursprüngen in der Kolonialzeit des britischen Nordamerikas, über die gesetz‐ liche Verankerung eines „rassischen“ Kastensystems in US-Südstaaten ab Ende des 19. Jahrhunderts, bis hin zu den Auswirkungen systematischer segregationistischer Praktiken, beispielsweise auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt, im gesamten Land sowie deren heutige Konsequenzen für Afroamerikaner: innen. Jeden Morgen lief Sarah Roberts, eine fünfjährige Afroamerikanerin, an fünf Grund‐ schulen vorbei, bis sie die weit entfernte Abiel Smith School in Bostons Beacon Hill-Bezirk erreichte. Zahlreiche Petitionen ihres Vaters Benjamin Roberts, Journalist und Buchdrucker, an die Bostoner Schulbehörde im Jahr 1847, Sarah eine Schule in ihrer Nachbarschaft besuchen zu lassen, scheiterten. Die besser finanzierten Grundschulen im Wohnbezirk der Familie unterrichteten ausschließlich weiße Kinder. Versklavung war seit den 1780er Jahren in Massachusetts abgeschafft; Diskriminierung bestand fort. Mithilfe des afroamerikanischen Rechtsanwalts Robert Morris sowie dem Aboli‐ tionisten Charles Sumner, der 1851 in den U.S.-Senat einzog, wehrte sich Roberts juristisch gegen die staatliche Ungleichbehandlung. Massachusetts’ Verfassungsgericht gab Roberts 1855 Recht, und die Legislative verabschiedete im gleichen Jahr ein Gesetz, das die räumliche Trennung unterschiedlich rassifizierter Kinder im öffentlichen Schulwesen verbot (Omori 2002, 32-35; Roberts 1849). Sarah Roberts Erlebnisse illustrieren vier Kernaspekte der U.S.-Geschichte von Segregation: 1. Segregation war die systematische, soziopolitische und gesetzlich legitimierte Trennung öffentlicher Räume für Schwarze und weiße Amerikaner: innen, die pa‐ rallel in privaten Räumen (wie Restaurants, Kaufhäusern, Hotels, etc.) durchgesetzt wurde. 2. Segregation war grundsätzlich mit sozialer Hierarchisierung und institutionali‐ siertem Rassismus gegen Afroamerikaner: innen verbunden und setzte ein rassifi‐ ziertes Kastensystem durch. Segregation war sowohl Ausdruck als auch Forcierung von weißer Vorherrschaft (white supremacy). Ab den 1880er Jahren etablierten Segregationist: innen im Süden der USA ein umfassendes, tägliche Interaktionen <?page no="292"?> dominierendes System, das unter dem Begriff Jim Crow bekannt wurde. Jim Crow war der Name einer rassistischen Karikatur Schwarzer Menschen, die in Minstrelshows des 19. Jahrhunderts Berühmtheit erlangte (siehe hierzu die Erläuterungsbox und → Kapitel Minstrelshows/ Minstrelsy). 3. Rassifizierte Segregation in den USA war historisch jedoch nicht auf die ehemali‐ gen Konföderationsstaaten nach Ende des US-Bürgerkrieges begrenzt, sondern hat eine längere und komplexe Geschichte. 4. Kontinuierliches Merkmal dieser Geschichte ist afroamerikanischer Widerstand gegen forcierte Segregation als Ausdruck weißer Vorherrschaft, rassistischer Diskriminierung und sozialer Hierarchisierung. Anti-Miscegenation-Gesetze und Segregation in Kolonialzeit und Früher Republik Rassifizierte Segregation als systematische Gesellschaftsordnung wurde in den USA lange im späten 19. Jahrhundert bis Mitte des 20. Jahrhunderts verortet. Allerdings wurde der Grundstein segregationistischer Ideologie und Praxis bereits in den bri‐ tischen Kolonien und der Frühen Republik im 17. und 18. Jahrhundert gelegt. Im September 1630, mehr als dreißig Jahre, bevor Virginia rassifizierte Versklavung gesetzlich legitimierte, dokumentierte die koloniale Judikative den ersten bekannten Fall von miscegenation (d. h. einer sexuellen Beziehung unterschiedlich rassifizierter Menschen; Pascoe 2009). Der englische Siedler Hugh Davis habe eine sexuelle Bezie‐ hung zu einer (nicht namentlich identifizierten) Schwarzen Frau unterhalten. Hugh musste sich öffentlich zu der vermeintlichen Sünde bekennen und wurde außerdem zu Peitschenhieben verurteilt - eine Form der Bestrafung, zu der in den nächsten Jahrzehnten sowohl versklavte als auch freie Afroamerikaner, die sexuelle Beziehungen zu weißen Siedlerinnen eingingen, verurteilt wurden (Mumford 1999, 280-84). Die Kolonie Maryland legalisierte Versklavung 1664, definierte Schwarze grundsätzlich als versklavt, und verbot zugleich Ehen zwischen Schwarzen und Weißen. Unterhielt eine weiße Siedlerin dennoch eine sexuelle Beziehung zu einem versklavten Mann, musste sie ihrem Ehemann als nun ebenfalls Versklavte dienen (Mumford 1999, 285). Bereits 1662 hatte Virginia festgelegt, dass Kinder weißer Väter und sowohl versklavter als auch freier Schwarzer Frauen den Status ihrer Mutter erbten. Dies bedeutete eine Umkehrung des English Common Law, sicherte Versklaver gegen die rechtlichen und finanziellen Folgen sexualisierter Gewalt an versklavten Frauen ab, und begrenzte den potenziellen Zuwachs der freien Schwarzen Bevölkerung (Brückmann 2024, 374; Goodwin 2021, 270 f.). Gebar eine weiße Frau das Kind eines Schwarzen Vaters, musste sie ab dem Jahr 1691 in Virginia eine Geldstrafe zahlen oder für fünf Jahre als Schuldknechtin dienen - ihr nichtweißes Kind für 30 Jahre (Cruz und Berson 2001, 81). Ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts erließen Kolonien von New England bis South Carolina Anti-Miscegenation-Vorschriften. Massachusetts verabschiedete 1705 ein Anti-Miscegenation-Gesetz, das bis zur Aufhebung im Jahr 1843 Ehen von Weißen 292 22 Segregation <?page no="293"?> mit Schwarzen und Personen „gemischter“ Herkunft verbot. In Delaware, Georgia, Pennsylvania, North Carolina, South Carolina und der französischen Kolonie Louisiana folgten ähnliche Gesetze (Pascoe 2009, 20). Im Jahr 1750 annullierte Georgia alle bereits bestehenden Ehen zwischen Menschen unterschiedlich rassifzierter Herkunft; Arizona folgte 1864. Während des 19. Jahrhunderts etablierten US-Staaten von Maine und Rhode Island über Ohio und Illinois bis nach Kansas und Oregon Anti-Misce‐ genation-Gesetze. Noch 1913 initiierte Massachusetts’ Legislative ein Gesetz, dass „gemischten“ Paaren, die in anderen Staaten keine Heiratserlaubnis erhalten konn‐ ten, diese ebenfalls verwehrte (Goodwin 2021, 277 f.). Anti-Miscegenation-Gesetze verstärkten und formten weiße Vorherrschaft und Segregation, indem sie rassifizierte Kategorien kodifizierten, die soziokulturelle Trennung von Menschen entsprechend dieser Kategorien festlegten, und der Entwicklung eines (proto-)biologistischen Narra‐ tivs von „Rassenintegrität“ Vorschub leisteten. Erst 1967 urteilte der US-Supreme Court in Loving v. Virginia, dass gesetzliche Einschränkungen von Beziehungen zwischen unterschiedlich rassifzierten Menschen verfassungswidrig seien - zu diesem Zeitpunkt verboten noch 16 U.S.-Staaten sogenannte „interracial marriages“ (Goodwin 2021, 276). Anti-Miscegenation-Gesetze waren somit eine Basis für Segregationspolitiken, die sich in den Kolonien und der Frühen Republik fortsetzten, sowohl in Form von slave codes als auch in Form von spezifischen Gesetzen, die die Bewegungs-, Handels- und Berufsfreiheit aller Afroamerikaner: innen einschränkten. Zu der Einschränkung Schwarzer Bürger: innenrechte gehörte auch die Wohnsegregation. Diese drückte sich im Süden vor dem Bürgerkrieg nicht nur in getrennten Unterkünften für Versklaver: in‐ nen und Versklavte sowie der Ausgrenzung Versklavter in öffentlichen Räumen aus, sondern auch in der bewusst forcierten, landesweiten Segregation der Wohnviertel freier Afroamerikaner: innen (Ruef 2022). Zwar verbot die Northwest Ordinance von 1787 Versklavung in den nordwestlichen Territorien der USA, doch war Emanzipation nicht gleichbedeutend mit Gleichstellung. So verabschiedete z. B. Ohio zu Beginn des 19. Jahrhunderts eine Reihe von Gesetzen, die abschreckend auf potentielle, Schwarze Migrant: innen wirken sollten. Die soge‐ nannten Black Laws sahen unter anderem vor, dass Afroamerikaner: innen grundsätz‐ lich nicht vor Gericht als Zeug: innen gegen weiße Personen aussagen (auch Kalifornien verabschiedete ein solches Gesetz 1850), einer Gerichtsjury angehören oder öffentliche Schulen besuchen konnten (Masur 2021, 1-41; Middleton 2021, 11-12). Die Segregation bestimmter öffentlicher Räume und eine damit einhergehende soziale Hierarchisierung waren somit bereits Bestandteile staatlicher Politiken der Frühen Republik. Darüber hinaus mehrten sich ab dem späten 18. Jahrhundert unterschiedlich motivierte politi‐ sche Stimmen (etwa von Thomas Jefferson oder zeitweise auch Abraham Lincoln), die ein mögliches Ende der Sklaverei mit der Expatriierung und Emigration Schwarzer Menschen verbanden. Die 1816 gegründete American Colonization Society setzte sich die ultimative Segregationsvision zum Ziel: Afroamerikaner: innen sollten die USA verlassen und an die Westküste Afrikas umsiedeln (Guyatt 2016, 4-12). 22 Segregation 293 <?page no="294"?> Das System Jim Crow „The slave went free; stood a brief moment in the sun; then moved back again toward slavery. The whole weight of America was thrown toward color caste,“ resümierte der afroamerikanische Historiker, Autor und Aktivist W. E. B. Du Bois bezüglich des Endes des US-Bürgerkriegs (1861-1865) und der Reconstruction (1865-1877; Du Bois 1935, 30). Nach der Emanzipation von vier Millionen versklavten Afroamerikaner: innen in den ehemaligen Konföderationsstaaten institutionalisierten die besiegten Südstaaten 1865-1866 sogenannte Black Codes, die an slave codes angelehnt waren und die neu gewonnenen gesellschaftlichen, politischen, und ökonomischen Freiheiten der Schwarzen Bevölkerung einschränkten. Mississippis Gesetzgebung sah vor, dass Afro‐ amerikaner jährlich ihren Erwerbstätigkeitsstatus nachweisen mussten, um nicht der „Landstreicherei“ („vagrancy“) bezichtigt und zu Zwangsarbeit verpflichtet zu werden (Middleton 2021, 12; siehe auch Bardes 2018). Die Verabschiedung der Civil Rights Acts der Jahre 1866 und 1875, die Ratifizierung des 13., 14., und 15. Verfassungszusatzes (Abschaffung von Versklavung in den meisten Fällen, Staatsbürgerschaft, rechtliche Gleichstellung und Bürger: innenrechte für Afroamerikaner: innen sowie das Wahlrecht für Afroamerikaner) sowie die vom US-Kongress dominierte Phase der Reconstruction führten zur Abschaffung der Black Codes und revolutionierten den rechtlichen Status von Afroamerikaner: innen bis in die frühen 1880er Jahre. Der Civil Rights Act des Jahres 1875 schrieb fest, dass Afroamerikaner: innen weder der gleichberechtigte Zutritt zu Hotels, Theatern, Restaurants, noch öffentlichen Transportwesen verwehrt werden konnte (Wilson 2022). 1883 erklärte der US-Supreme Court diesen Civil Rights Act für verfassungswidrig, da das Gesetz die Interventions‐ kompetenz des US-Kongresses in einzelstaatliche Angelegenheiten überschritten habe, und bereitete somit dem Wiedererstarken der Segregation den Weg. Zwischen den 1890er und 1920er Jahren infiltrierte und umschloss Segregation systematisch das alltägliche Leben im Süden. Sie ging einher mit afroamerikanischem Wahlrechtsent‐ zug, rassistischem Terror und Lynchings (→ Kapitel Lynchjustiz und → Kapitel Rassenmassaker), und zeigte sich über den US-Süden hinaus in Gestalt von Wohnvier‐ telsegregation in weiten Teilen der USA. Diese Entwicklungen bezeichnete der Historiker Comer Vann Woodward als „The Strange Career of Jim Crow“ (Woodward 1955). Er formulierte drei Kernthesen: 1. Systematische Segregation während der Sklaverei sei unnötig gewesen, da trotz räumlicher Nähe und täglichen Interaktionen der gesellschaftliche Status Ver‐ sklavter eindeutig und die Kontrolle über Versklavte absolut gewesen sei. Freie Afroamerikaner: innen, mehrheitlich in urbanen Zentren ansässig, hätten hingegen „rudimentäre Muster“ an Segregation erfahren (ebd., 13; Lewis und Lewis 2009, XII). 2. Segregation sei ursprünglich kein Phänomen des Südens, sondern des Nordens und Westens der USA gewesen. Freie Staaten wie Massachusetts, Illinois und Oregon hätten Jim Crow den Weg bereitet (Woodward 1955, 18-20). 294 22 Segregation <?page no="295"?> 3. „The cumulative weakening of resistance to racism,“ ausgelöst durch das Ende der Reconstruction, Rezessionen und Schwächung politischer Allianzen, habe ab den 1890er Jahren zur gesetzlichen und gesellschaftlichen Institutionalisierung einer allumfassenden Ausgrenzung von Afroamerikaner: innen im Süden geführt; race relations seien zuvor waren stärker im Wandel begriffen gewesen (ebd., 70, 102-103). Der Historiker Daryl Scott argumentiert, dass Segregation ein zentraler Bestandteil der Ideologie der weißen Vorherrschaft sei. Forciert wurde diese insbesondere durch Südstaatler: innen während und nach der Reconstruction-Phase, in der Afroamerikaner z. B. öffentliche Ämter bekleideten. Dabei charakterisierten Redeemers, der reaktionäre Flügel der Demokratischen Partei des Südens, die Reconstruction-Phase als vermeintli‐ che Ära von Korruption, Chaos und Gewalt unter Schwarzer Führung (Lewis und Lewis 2009, XVI-XX). Kern der Ideologie weißer Vorherrschaft sei weißer Nationalismus, d. h. der Glaube, dass weiße US-Bürger: innen die einzig legitimen Einwohner: innen und Staatsbürger: innen ihres „Heimatlands“ seien und somit exklusive Macht über sich selbst sowie alle nichtweißen Bewohner: innen innehaben sollten (Scott 2013, 226-227). Weißer Nationalismus sei somit der Kern jeder Segregationsideologie. Abbildung 6: Druckgrafik „Jim Crow“, zwischen 1835 und 1945. Veröffentlicht von Hodgson, Turner & Fisher, New York/ Philadelphia. Library of Congress Prints and Photographs Division, Washington, D.C., http: / / hdl.loc.gov/ loc.pnp/ ds.00886. 22 Segregation 295 <?page no="296"?> Erläuterung | Jim Crow: Der Terminus Jim Crow geht zurück auf einen Minstrel‐ show-Charakter, den der weiße Darsteller Thomas Dartmouth in Blackface (→ Kapitel Minstrelshows/ Minstrelsy) im Jahr 1832 zum ersten Mal auf die Bühne brachte. Minstrelshows waren beliebte Spektakel im 19. Jahrhundert, die sich rassistischer Stereotype bedienten. Als „Jim Crow“ führte Rice einen Tanz zum Lied „Jump Jim Crow“ auf. Jim Crow wurde nach Ende des US-Bürgerkriegs zum Sammelbegriff für das segregationistische Gesellschaftssystem im Süden der USA. 1963 führte die Juristin und Aktivistin Pauli Murray den Begriff „Jane Crow“ ein, um auf die besondere Situation Schwarzer Frauen, die sowohl von Rassismus als auch Sexismus betroffen waren, hinzuweisen (Murray 1963). Als juristisches und gesellschaftliches System rassifzierter Segregation und Hierarchi‐ sierung, das den Wahlrechtsentzug miteinschloss, re-etablierte und perpetuierte Jim Crow weiße Vorherrschaft (Dailey et al. 2000, 3). Jim Crow war sowohl ein Geflecht aus lokalen, regionalen, und einzelstaatlichen Gesetzen als auch impliziten Verhaltensko‐ dexen, die afroamerikanisches (Über-)Leben von der Geburt bis zum Tod dominierten und reglementierten. Dieses System operierte vorwiegend in den US-amerikanischen Südstaaten und den an diese angrenzenden Staaten; weiße Vorherrschaft war jedoch zugleich ein nationales Phänomen. Erstarkender Sozialdarwinismus und biologistischer Rassismus, die Afroamerika‐ ner: innen Ende des 19. Jahrhunderts als irrational und animalisch degradierten, fungierten als Legitimation weißer Vorherrschaft (Fredrickson 1987, 228-77). Zudem fokussierten sich weiße Suprematist: innen auf eine von Geschlechterstereotypen geprägte Propaganda, die weiße Frauen als wehrlose Opfer Schwarzer Männer stili‐ sierte und zu deren Schutz qua Segregation und expliziter Gewaltausübung aufrief. Indes waren weiße Frauen ebenfalls überzeugte weiße Suprematistinnen, die in ihren Communities z. B. die strikte Einhaltung von Segregation überwachten (siehe Brown und Webb 2007, 185-87; Brückmann 2021; McRae 2020). Segregation im Transportwesen und Plessy v. Ferguson Am 7. Juni 1892 erwarb der 30-jährige Homer Plessy ein Erste-Klasse-Ticket für seine Zugfahrt von New Orleans nach Covington, Louisiana, und nahm Platz in einem für Weiße reservierten Waggon der East Louisiana Railroad. Zwei Jahre zuvor hatte Louisianas Legislative den „Separate Car Act“ verabschiedet, der segregierte Waggons für Schwarze und Weiße vorschrieb. Zwischen 1881 und 1894 verabschiedeten fast alle Südstaaten ähnliche Gesetze und segregierten das öffentliche Transportwesen (Brown und Webb 2007, 192). Plessy, dessen Urgroßmutter Schwarz war, brach somit das Gesetz. Wie Rosa Parks’ Bus-Protest in Montgomery, Alabama, 63 Jahre später, war Plessys Handlung ein geplanter Protest, organisiert von der Schwarzen Bürger‐ rechtsorganisation Comité des Citoyens in New Orleans, der Plessy angehörte. Als der 296 22 Segregation <?page no="297"?> Zugführer ihn fragte, ob er Schwarz sei, antwortete der Fahrgast mit Ja, weigerte sich jedoch, in den „Colored“-Waggon zu wechseln. Der Zug wurde angehalten, und Privatdetektiv Chris Cain verhaftete Homer Plessy und brachte ihn zu einer Polizeistation in New Orleans. Homer Plessys Fall illustriert bedeutende historische Entwicklungen bezüglich der Segregation zur Jahrhundertwende. Die Einstufung Plessys als Schwarze Per‐ son veranschaulicht die politische Institutionalisierung von hypodescent (d. h. der gesellschaftlichen Einordnung von Menschen mit Schwarzen Vorfahren als Schwarz, unabhängig von deren anders rassifizierten, einschließlich weißen, Vorfahren) nach Ende des Bürgerkriegs bis ins 20. Jahrhundert. Florida verabschiedete ein Anti-Misce‐ genation-Gesetz im Jahr 1865, das weißen Frauen sexuelle Beziehungen zu Schwarzen, Männern „gemischter“ Herkunft und jeder anderen „Person of Color“ untersagte, und definierte eine Person of Color als jede Person die 1/ 8 oder mehr Schwarzes „Blut“ habe (Laws 1866, 30; nachdem Florida auf Druck der Bundesregierung das Gesetz zunächst zurücknehmen musste, führte der Staat ein ähnliches Gesetz 1881 wieder ein). Virginias Racial Integrity Act aus dem Jahr 1924 etablierte die „One Drop Rule,“ die besagte, dass, unabhängig vom Phänotyp, jeder Anteil an Schwarzem „Blut“ eine Person als nicht-weiß klassifiziere. Dabei führte die Legislative explizit aus, dass man somit nicht nur „gemischte“ Ehen, sondern auch die Zulassung „nur vermeintlich“ weißer Kinder an weiße Schulen verhindern wolle (Virginia Health Bulletin 1924, 1). Hautfarbe wurde somit zu nur einem von verschiedenen Markern von „Rasse“; ein imaginiertes Blutquantum war der entscheidende Faktor. Versuche des passing (d. h. die Möglichkeit hellhäutiger Afroamerikaner: innen, erfolgreich als weiß wahrgenommen zu werden, somit rassistischer Diskriminierung zu entgehen und soziale Mobilität für sich und die eigene Familie zu erlangen) sollte verhindert werden, um das Kastensystem rassifizierter Segregation mit jeder Generation aufrecht zu erhalten (Goodwin 2021, 271). Privatdetektiv Cain, der Plessy verhaftete, war vom Comité des Citoyens heimlich beauftragt worden sicherzustellen, dass Plessy mit den adäquaten Vorwürfen angeklagt würde. Sein Fall sollte als Testfall fungieren, um vor Gericht die Verfassungsmäßigkeit des Separate Car Act im Hinblick auf den Gleichstellungsgrundsatz des 14. Verfassungs‐ zusatzes in Frage stellen zu können (Medley 2013, 184). Das strategische Austesten segregationistischer Gesetzgebung vor Bundesgerichten entwickelte die National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) im 20. Jahrhundert zu einer erfolgreichen Rechtsstrategie, die in bahnbrechenden Desegregationsurteilen wie Brown v. Board of Education (1954/ 1955) resultierte (siehe Tushnet 2014, → Kapitel Der Kampf gegen die Segregation in öffentlichen Verkehrsmitteln und Einrichtungen). Anders als die NAACP in Brown v. Board of Education, unterlag Homer Plessy sowohl in lokalen als auch regionalen Gerichten und schließlich vor dem Supreme Court der USA. Das Urteil in Plessy v. Ferguson im Jahr 1896 verkündete, dass segregierte Ein‐ richtungen dem Gleichheitsgrundsatz nicht widersprächen, solange diese gleichwertig seien. Der Supreme Court etablierte damit den Grundsatz von „separate but equal“ 22 Segregation 297 <?page no="298"?> („getrennt aber gleich“) und legitimierte gesetzlich forcierte Segregation. Mehrere Südstaaten reagierten prompt mit einer neuen Welle an Segregationsbestimmungen. Keine der segregierten Einrichtungen für Afroamerikaner: innen war indes gleichwer‐ tig. Dies zeigte sich nicht nur in älteren, kleineren und vernachlässigten Trinkbrunnen, Warteräumen und schlechter ausgestatten Krankenhäusern, sondern beispielsweise auch in den öffentlichen Fördermitteln, die Schwarzen Bildungseinrichtungen im Vergleich zu weißen zur Verfügung gestellt wurden: In South Carolina waren dies im Jahr 1910 5,95 Dollar für eine: n Schwarze: n Schüler: in, im Vergleich zu 40,68 Dollar für eine: n weiße: n (Brown und Webb 2007, 193-95). Segregation im öffentlichen Raum Im Jahr 1904 hielt die afroamerikanische Lehrerin, Aktivistin, und Mitbegründerin der National Association of Colored Women’s Clubs, Mary Church Terrell, beim Internatio‐ nalen Frauenkongress in Berlin 1904 eine Rede in deutscher Sprache. Optimistisch im Ton, resümierte Terrell afroamerikanische Fortschritte seit Ende der Versklavung, mahnte aber zugleich, dass „nicht nur ihr Geschlecht“ Afroamerikanerinnen „hindernd entgegen“ stünde, sondern sie „in manchen Theilen der […] Staaten verhöhnt und verspottet“ würden „ihrer Rasse wegen“ und daher gezwungen seien, „fortwährend gegen eine Opposition zu kämpfen, die nur auf einem grausamen, gänzlich unbe‐ rechtigten Vorurtheile beruht“ (Terell 1904, 3-4). Drei Jahre später, als Mitglied der Women’s Republican League in Washington, D.C., beschrieb Terrell die demütigenden Auswirkungen von Segregation: I may walk from the capitol to the White House, ravenously hungry and abundantly supplied with money with which to purchase a meal, without finding a single restaurant in which I would be permitted to take a morsel of food if it was patronized by white people, unless I were willing to sit behind a screen. […] If I refuse to be humiliated, I am cast into jail and forced to pay a fine (Terrell 1907, 379). Terrells Bericht verdeutlicht, dass Segregation als Institutionalisierung von weißer Vorherrschaft und als gesellschaftliches Kastensystem im öffentlichen (und privaten) Raum sowohl praktische als auch psychologische Folgen für Afroamerikaner: innen hatte. Das Geflecht an lokalen, regionalen, und einzelstaatlichen Segregationsgesetzen für den öffentlichen Raum wurde ergänzt durch parallele Regelungen in privaten Räumen wie Restaurants, Kaufhäuern, Tankstellen, Hotels und gar Getränkeautomaten. Jim Crow war ein autoritäres System, das sowohl eine strenge gesellschaftliche Trennung als auch Hierarchisierung vorschrieb und durchsetzte (Goodwin 2021, 300 f.). Jim Crow segregierte Wohnbereiche, Schulen und Universitäten, Schwimmbädern, Textilreini‐ gungen und Parkbänke bis hin zu Blutkonserven und Friedhöfen. 298 22 Segregation <?page no="299"?> Abbildung 7: Schild an einer Busstation in Rome, Georgia, September 1943 (Fotografin: Esther Bubley). Library of Congress Prints and Photographs Division Washington, D.C., https: / / www.loc.gov/ pictures/ re source/ cph.3b22541/ . Jim-Crow-Gesetze und -Praxen waren zahlreich und ineinander verwoben, wie eine Übersicht der Juristin Michele Goodwin illustriert (Goodwin 2021, 302-07): In Atlanta, Georgia, war es Schwarzen Friseuren nicht erlaubt, weiße Kundinnen zu bedienen. Birmingham, Alabama, verbot Restaurants und Speisesäle, in denen weiße und Schwarze Amerikaner: innen gemeinsam saßen, es sei denn, eine feste Trennwand wurde errichtet. Schilder, die „for white people only“ deklarierten, wurden hier gesetzlich vorgeschrieben. Die Stadt verabschiedete außerdem Verordnungen, die besagten, dass weiße und Schwarze Kinder nicht miteinander spielen durften, und dass alle Freizeiteinrichtungen wie Theater, Parks und Auditorien zwingend segregierte Ein- und Ausgänge sowie Sitz- und Stehplätze aufweisen müssten. Wurden Weiße und Schwarze bei einer gemeinsamen Partie von Poker oder Dominos ertappt wurde, mussten sie eine Strafe von 100 Dollar zahlen oder konnten bis zu sechs Monate inhaftiert werden. New Orleans, Louisiana, untersagte Behörden Baugenehmigungen für Häuser zu erteilen, sollten diese in weißen Nachbarschaften errichtet, aber von Afroamerikaner: innen bewohnt werden. Jacksonville, Florida, verbot weißen und Schwarzen Bewohner: innen sich ein Taxi zu teilen, und Houston, Texas, designierte alle Parks der Stadt als „weiß“, mit einer Ausnahme: „Emancipation Park,“ der exklusiv 22 Segregation 299 <?page no="300"?> für Schwarze zur Verfügung stand. Freilich zahlten Afroamerikaner: innen dennoch die gleichen Steuern wie weiße Amerikaner: innen, obwohl ihnen die Nutzung vieler öffentlicher Einrichtungen untersagt war. Segregation war Zeichen und Mittel von Machtausübung. Zwischenmenschliche Kommunikation und Interaktion erforderten Übersetzungsarbeit dieser Machtaus‐ übung in soziale Normen und Etikette. Die Jim-Crow-Etikette wird von der Historike‐ rin Jennifer Ritterhouse definiert als „a set of discrete and specific rules, [that] served in practices as a sort of script, guiding interracial encounters and providing a framework in which blacks and whites alike understand their experiences“ (Ritterhouse 2006, 5). Segregation etablierte räumliche Trennung, vor allem aber soziale Distanz. Jim Crow war auch ein performativer Akt im alltäglichen Leben. Afroamerikaner: innen und Weiße navigierten soziale Begegnungen durch forciert rassifizierte Verhaltensweisen, in denen Weiße die Rolle der vermeintlich wohlwollenden (Be-)Herrscher: innen und Afroamerikaner: innen die Rolle vermeintlich zufriedener und loyaler Bediensteter einnahmen und Weißen Ehrerbietung erwiesen (Berrey 2015, 11). Beispielsweise wurde von Afroamerikaner: innen erwartet, Gehwege für Weißen Passant: innen zu verlassen oder in Geschäften so lange zu warten, bis alle Weißen vor ihnen bedient waren. Afroamerikaner: innen wiederum wurden von Weißen herablassend behandelt und oft nur beim Vornamen genannt - unabhängig von deren Geschlecht oder ökonomischem Status (Brown und Webb 2007, 195 f.). Die fortwährend produzierte soziale Distanz und Hierarchisierung in täglichen Interaktionen sollte eine vermeintlich natürliche Ordnung weißer Vorherrschaft bewahren - ein Unterfangen, das bereits in der Kindheit begann (Ritterhouse 2006, 13-15; Berrey 2015, 10). Erläuterung | Segregation im Sport: Beliebte Sportarten in den USA waren bis Mitte des 20. Jahrhunderts segregiert. Trotz der Segregation erreichten afroamerikani‐ sche Sportler: innen wie die Boxer Jack Johnson und Joe Louis und der Leichtathlet Jesse Owens internationale Bekanntheit. Jedoch war es Afroamerikanern z. B. un‐ tersagt in der Major League (MLB) professionell Baseball zu spielen. Jack Robinson wurde zum ersten Afroamerikaner in der MLB, als er 1947 für die Brooklyn Dodgers antrat. Wie Bildungseinrichtungen im US-Süden selbst war auch der College-Sport segregiert. Weiße American Football-Teams in den Südstaaten weigerten sich lange gegen Schwarze anzutreten. Die Professionalisierung von Sportarten und die damit einhergehenden finanziellen Anreize führten schließlich zur Desegregation, z. B. in der 1950/ 1951-Saison der National Basketball Association (NBA). Segregation im Militär Das Militär spielte eine ambivalente und doch wesentliche Rolle in der Geschichte von Segregation und Desegregation. Formalen Militärdienst leisteten Afroamerikaner seit dem Unabhängigkeitskrieg. Mit Gründung der Republik wurden Afroamerikaner 300 22 Segregation <?page no="301"?> jedoch durch den Federal Milita Act aus dem Jahr 1792 offiziell vom Armeedienst ausgeschlossen; aus Gründen des Personalmangels erlaubte die Marine freie Afroame‐ rikaner als Rekruten im frühen 19. Jahrhundert. Erst nach Beginn des US-Bürgerkriegs etablierte das US-Militär Regimente Schwarzer Soldaten. Durch die vom U.S.-Kongress verabschiedeten Confiscation und Milita Acts der Jahre 1861-62 war es Präsident Abraham Lincoln fortan möglich, befreite Versklavte in den Konföderationsstaaten in die Unions-Armee aufzunehmen. Im Mai 1863 etablierte das Kriegsministerium das Bureau of Colored Troops, um weitere Afroamerikaner für segregierte Einheiten zu rekrutieren (Spurgeon 2014, 22-106). Über 400.000 Afroamerikaner: innen dienten im Militär während des Ersten Welt‐ kriegs; alle davon in segregierten und schlechter finanzierten Einheiten. Darüber hinaus wurde afroamerikanischen Soldat: innen nach ihrer Rückkehr von weißer Seite wenig Respekt entgegengebracht - im Gegenteil: nach Ende des Kriegs ging eine Welle an Gewalt gegen Schwarze Communities durch das Land, die ihren Ausgangspunkt oft in Angriffen auf Schwarze Veteranen hatten, die sich weißer Diskriminierung widersetzten (Brown und Webb 2007, 235). Noch im Zweiten Weltkrieg wurden eine Million Schwarze Soldat: innen in der US-Armee grundsätzlich segregiert. Afroame‐ rikaner wurden vom Dienst im Fliegerkorps, der Küstenwache und den Marines ausgeschlossen, und die Armee delegierte Schwarze Soldat: innen mehrheitlich zu Hilfsarbeiten. Afroamerikanerinnen unterlagen einer Begrenzungsquote für den Mi‐ litärkrankenschwesterndienst im Women’s Army Corps. Gerade auf den im Süden liegenden Armeebasen wurden Afroamerikaner: innen Opfer rassistischer Gewalt (Brown und Webb 2007, 252 f.). Dennoch stellt der Zweiten Weltkrieg einen Wendepunkt bezüglich Segregation im Militär dar. Die Rüstungsindustrie beschleunigte eine neue Welle der Migration von Afroamerikaner: innen aus dem ländlichen Süden in urbane Zentren sowie Industriere‐ gionen des Nordens, Ostens und Westens. Mehr als eine Million Afroamerikaner: innen verließ den Süden während des Zweiten Weltkriegs. Anhaltende afroamerikanische Proteste (und militärische Notwendigkeit) zwangen das Militär dazu, die Bedingungen für Schwarze Soldat: innen zu verbessern. Die Tuskegee Airmen waren ab 1941 das erste Schwarze Fliegerregiment, das auch in Kampfzonen eingesetzt wurde (Brown und Webb 2007, 253-54). Afroamerikanische Aktivist: innen berichteten außerdem von ei‐ nem neuen Selbstbewusstsein, das sich u. a. in massiv steigenden Mitgliederzahlen der NAACP sowie der „Double-V“-Kampagne ausdrückte. Letztere wurde vom Pittsburgh Courier, einer Zeitung mit mehrheitlich Schwarzer Leserschaft, ausgerufen mit dem Ziel, einen Doppelsieg („double victory“) gegen den Faschismus der Achsenmächte sowie den Rassismus im eigenen Land zu erringen (Brown und Webb 2007, 256). Am 26. Juli 1948 erließ Präsident Harry Truman schließlich die Durchführungsverordnung 9981, die die Gleichbehandlung aller US-Soldat: innen festschrieb und somit als Aufruf zur Desegregation des Militärs verstanden werden konnte. Die Umsetzung der Dese‐ gregation des U.S.-Militärs erfolgte indessen erst während des Koreakriegs (Huff und Schub 2021, 861 f., → Kapitel Der Koreakrieg). 22 Segregation 301 <?page no="302"?> Segregation im Bildungswesen und Massive Resistance Wie Sarah Roberts bereits 1847 in Boston erfuhr, war Segregation im Bildungswesen und die damit einhergehende Einschränkung afroamerikanischer Bildungschancen ein fundamentaler Bestandteil weißer Vorherrschaft. Seit jeher legten afroamerikanische Communities hohen Wert auf Bildung. Von heimlichen Versuchen Versklavter, sich selbst das Lesen und Schreiben beizubringen, über die Freedpeople’s Schools nach dem Bürgerkrieg und unterschiedliche Bildungsaufrufe durch afroamerikanische Ak‐ tivist: innen wie Booker T. Washington, Church Terrell und Anna Julia Cooper, bis hin zu den nationalen Kampagnen durch die NAACP ab den 1940er Jahren war Bil‐ dung stets verwoben mit Schwarzem Befreiungsaktivismus und Empowerment-Idealen (Fairclough 2000, 66-64). Gerade in den ländlichsten Gebieten des Südens waren Schulen für afroamerikanische Kinder in desolatem Zustand. Schüler: innen stand, auch für den Weg zu weit entfernten Schulen, meist kein Schulbus zur Verfügung, und Schulbücher waren veraltet (Brown und Webb 2007, 195). Selbst in urbanen Zentren wie New Orleans, wo zwischen 50 und 57 Prozent aller Schüler: innen in den 1940er und 50er Jahren afroamerikanisch waren, unterhielt die Stadt 87 Schulen für weiße, aber nur 34 Schulen für afroamerikanische Kinder. Aufgrund dieses Mangels an Schulgebäuden und Lehrer: innen mussten über 10.000 afroamerikanische Schüler: innen am sogenann‐ ten Platoon-System teilnehmen, d. h. sie konnten die Schule nur stundenweise besuchen und mussten dann ihren Platz für die nächste Kohorte räumen (Brückmann 2021, 26). Wie in Sarah Roberts Fall gingen afroamerikanische Schüler: innen, vertreten durch Eltern, sowie Studierende in den 1940er Jahren nach jahrelang erfolglosen Petitionen an Schulbehörden schließlich juristisch gegen diese Ungleichbehandlung vor. Mithilfe des 1940 gegründeten Legal Defense and Education Fund klagten NAACP-Juristen wie Charles H. Houston und Thurgood Marshall (der 1967 zum ersten Schwarzen Supreme Court-Mitglied ernannt wurde) gegen rassistische Diskri‐ minierung im Bildungswesen. Dabei verfolgte die NAACP zunächst die Strategie, nicht Segregation selbst in Frage zu stellen, sondern den „separate but equal“-Grundsatz von Plessy v. Ferguson zu nutzen, um gerichtlich eine finanzielle und soziale Gleichstellung der Bildungsinstitutionen für Afroamerikaner: innen zu erreichen. Tatsächlich ging die NAACP davon aus, dass eine effektive Gleichstellung aller Einrichtungen so kostspielig sein würde, dass Bildungsbehörden de facto gezwungen sein würden, Segregation abzuschaffen. Zunächst konzentrierten sich Houston und Marshall dabei auf Hochschulen, um die Kampagne in Gang zu setzen (Brown und Webb 2007, 272 f., → Kapitel Der Kampf gegen die Schulsegregation). Bekannt als die vier „Graduate School Cases,“ wurden die Supreme Court-Urteile in Missouri ex rel. Gaines v. Canada (1938), Sipuel v. Board of Regents (1948), Sweatt v. Painter (1950) und McLaurin v. Oklahoma State Regents (1950) zu Wegbereitern für die Desegregation öffentlicher Bildungseinrichtungen. In allen vier Fällen urteilte das Gericht, dass die Staaten ihrer Pflicht, segregierte und doch gleichwertige Bildung zu ermöglichen, nicht nachgekommen seien. Als Konsequenz mussten die Kläger: innen an den Universitäten zugelassen werden, auch wenn sie weiterhin von Mitstudierenden 302 22 Segregation <?page no="303"?> segregiert wurden. Ende der 1940er Jahre ging die NAACP einen Schritt weiter, forderte Segregation selbst heraus und weitete die Kampagne auf öffentliche Schulen aus (Brown und Webb 2007, 273). Zu diesem Zweck brachte die NAACP fünf unterschiedli‐ che Fälle vor Gericht, die schließlich vom Supreme Court als Brown v. Board of Education konsolidiert wurden (→ Kapitel Der Kampf gegen die Schulsegregation). Am 17. Mai 1954 verkündete der Supreme Court das einstimmige Urteil in Brown: Segregation in öffentlichen Schulen war verfassungswidrig und Plessy v. Ferguson somit überstimmt. Über ein Jahr später folgte das Gericht mit einem Umsetzungsurteil, bekannt als Brown II (1955): Lokale Schulbehörden und Gerichte seien für den Prozess der Desegregation öffentlicher Schulen verantwortlich, der zeitnah starten und dann „with all deliberate speed“ voranschreiten solle. Eine Frist für die Desegregation von Schulen setzte das Gericht nicht (Brückmann 2021, 18). Daisy Bates, Präsidentin der NAACP in Arkansas, verkündete, dass nun die „komplette Integration“ der Schulen folgen müsse („Arkansas“ 1955). Die Reaktionen auf das Urteil in Jim-Crow-Staa‐ ten fielen unterschiedlich aus. Während einige Grenzstaaten die Desegregation des Schulwesens in Angriff nahmen, formierte sich regionsweit eine segregationistische Gegenbewegung aus Politikern, Unternehmern und Graswurzelaktivist: innen: Massive Resistance. In der Declaration of Constitutional Principles, bekannt als das Southern Manifesto, beschworen fast alle Südstaaten-Mitglieder des US-Kongresses im März 1956 ihre Opposition zum Brown-Urteil und kündigten an, Desegregation mit allen „gesetzmäßigen Mitteln“ zu bekämpfen (Brückmann 2021, 19). Erläuterung | Massive Resistance: Massive Resistance ist ein Sammelbegriff für die segregationistische Gegenbewegung weißer Politiker (Bartley 1995) und Graswur‐ zelaktivist: innen (Lewis 2006; Brückmann 2021), primär, aber nicht ausschließlich, aus den Südstaaten. Sie war eine reaktionäre Antwort auf die zunehmende politi‐ sche und juristische Begrenzung von Segregation sowie die Erfolge der Schwarzen Befreiungsbewegung zwischen 1950 und 1970. Massive Resistance war zugleich Teil einer langen Geschichte von weißer Vorherrschaft und eine spezifische Reaktion auf den Desegregationsaktivismus, insbesondere auf das Brown v. Board of Educa‐ tion-Urteil. Die segregationistischen Aktivist: innen der Massive-Resistance-Bewe‐ gung bedienten sich juristischer, politischer, ökonomischer und terroristischer Mittel, um Desegregation zu verhindern. Durch eine Kombination zahlreicher neuer, (de facto) segregationistischer Gesetzge‐ bungen (z. B. durch die Einführung sogenannter Pupil Placement-Gesetze, die, obwohl vom Wortlaut her farbenblind, dennoch Schwarze und weiße Schüler: innen unter‐ schiedlichen Schulen zuteilten), juristische Manöver, Tokenismus, strategische Verzö‐ gerungen und Verschleppung, Diskreditierung und Kriminalisierung der NAACP, sowie Terrorismus gegen Afroamerikaner: innen verhinderte die Mehrzahl der Süd‐ staaten die Desegregation öffentlicher Bildungseinrichtungen über Jahre hinweg. Die 22 Segregation 303 <?page no="304"?> Weigerung des Gouverneurs Orval Faubus, neun afroamerikanische Schüler: innen trotz eindeutiger Gerichtsurteile den Zutritt zu Little Rocks Central High School in Arkansas zu gewähren, resultierte schließlich in dem Eingreifen von US-Truppen im Jahr 1957, angeordnet durch Präsident Eisenhower. Segregationist: innen verstanden Schul-Desegregation als das ultimative Bedrohungsszenario für weiße Vorherrschaft. Die räumliche Nähe von Kindern würde nicht nur zu sozialer Nähe und zu gleich‐ berechtigten Freundschaften, sondern dadurch auch zu künftiger „miscegenation“ führen. Erst durch die Forcierung des 1964 verabschiedeten Civil Rights Act, der u. a. rassistische Diskriminierung und Segregation im Bildungswesen, in öffentlichen Ein‐ richtungen und auf dem Arbeitsmarkt untersagte, fand in der zweiten Hälfte der 1960er Jahre eine großflächige Desegregation des Bildungswesens im Süden der USA statt. Nichtsdestotrotz blieb Segregation nicht in gesetzlicher, aber praktischer Form erhalten. Privatschulen, unterstützt durch einzelstaatliche Gutschein-Systeme und Steuervergünstigungen, forcierten weiterhin Segregation, bis der Supreme Court diese Praxis in Runyon v. McCrary (1976) für ebenfalls verfassungswidrig erklärte. Ein legales und effektives Mittel, um der Schul- und Wohnvierteldesegregation aus dem Weg zu gehen, war außerdem white flight, d. h. die Migration weißer Anwohner: innen aus sich diversifizierenden Wohnvierteln und Regionen in weiß dominierte Nachbarschaften sowie die Einschulung ihrer Kinder in primär weißen Privatschulen (Minchin und Salmond 2011). Nachdem in Boston in den 1970er und 80er Jahren erneut ein Desegre‐ gationskonflikt aufflammte, verließen tausende weiße Familien die Stadt und/ oder die öffentlichen Schulen. Diese Entwicklung zieht sich bis in die Gegenwart: Im Jahr 2022 waren 49 Prozent der Bostoner: innen weiß, aber nur 15 Prozent der Schüler: innen an Bostons staatlichen Schulen (U.S. News 2023). De Jure und De Facto Segregation Jahrzehntelang beschrieben Historiker: innen die Wohn- und damit einhergehende Schulsegregation außerhalb des Südens als de facto-Segregation, die sich von der de jure-Segregation des Südens unterschied, da sie nicht auf rechtlicher, sondern auf ge‐ wohnheitsmäßiger Segregation beruhe (Lassiter 2009, 25-27). Dieses Narrativ erlaubte lange, weiße Vorherrschaft als unamerikanische Anomalie zu begreifen, die primär ein Problem des US-Südens gewesen sei. Tatsächlich waren für die Wohnsegregation außerhalb des Südens ebenfalls ein lokales bis bundesstaatliches Geflecht an Gesetzen mitverantwortlich. Ab Ende der 1930er Jahre steuerten kommunale Stadtplanung und Zoneneinteilung, rassistische Diskriminierung sowohl im sozialen Wohnungsbau als auch in staatlichen Hypothekendarlehen, Redlining, und Stadterneurungsmaßnahmen rassifizierte Wohnsegregation und afroamerikanische Ghettoisierung landesweit (Las‐ siter 2009, 29; → Kapitel Rassismus und Wirtschaft). Der Historiker Richard Rothstein resümierte, dass bis in das letzte Viertel des 20. Jahrhunderts rassistische Politiken auf bundesstaatlicher, einzelstaatlicher und lokaler Ebene definierten, wo weiße and 304 22 Segregation <?page no="305"?> Schwarze Amerikaner: innen leben durften: „The policy was so systematic and forceful that its effects endure to the present time. […] Segregation by intentional government action is not de facto.“ (Rothstein 2018, VIII). Deutlich wird dies z. B. in staatlichen Baumaßnahmen, die die US-Bundesregierung während des Zweiten Weltkriegs ergriff, um steigender Zuwanderung von Arbeiter: in‐ nen zu begegnen, dabei jedoch meist nur temporäre Unterkünfte für Afroamerika‐ ner: innen errichtete und segregierte Wohn- und Freizeitanlagen favorisierte (Rothstein 2018, 4-14). Begleitet wurde die staatlich vorangetriebene Segregationspolitik von rassistischen Protesten, die auch außerhalb des Südens stattfanden. Als im Jahr 1941 die US-Bundesregierung und die Wohnungsbaukommission Detroits das „Sojourner Truth Housing Project“ für afroamerikanische Arbeiter: innen im Rüstungssektor genehmigten, demonstrierten weiße Anwohner: innen. Der Wohnungskomplex solle, so die weißen Nachbar: innen, exklusiv für weiße Bewohner: innen zur Verfügung stehen. Nach afroamerikanischen Gegenprotesten und erfolgloser Suche nach einem alternativen Bauplatz wurde der Wohnungsbau fortgesetzt. Damit die erste afroame‐ rikanische Familie einziehen konnte, musste Detroits Bürgermeister Edward Jeffries jedoch Michigans Nationalgarde einberufen, um die gewaltsamen Ausschreitungen weißer Anwohner: innen einzudämmen (Wayne State University 2024). Im Wohnsektor gingen de jure- und de facto-Segregation landesweit Hand in Hand. Abbildung 8: Rassistischer Widerstand gegen das „Sojourner Truth Housing Project“ in Detroit, Michi‐ gan, Februar 1942 (Fotograf: Arthur S. Siegel). Library of Congress, Prints and Photographs Division, Washington, D.C., https: / / www.loc.gov/ pictures/ resource/ fsa.8d13572/ . 22 Segregation 305 <?page no="306"?> Post-Jim Crow? Afroamerikanische Massenproteste, politisches Kalkül, internationaler Druck sowie moralischer Impetus führten in den 1960er Jahren schließlich zur gesetzlichen Ab‐ schaffung des Jim-Crow-Systems als rechtlich legitimiertem, sozialen Kastensystem. Nach dem Civil Rights Act verbot der Voting Rights Act 1965 die Einschränkung afroamerikanischen Wahlrechts, und der Fair Housing Act des Jahres 1968 untersagte u. a. rassistische Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt. Dieser politische Wandel war revolutionär: Segregation wurde illegal. Abbildung 9: Bürgerrechtsmarsch in Washington, D.C., 28. August 1963 (Fotograf: Warren Leffler). Library of Congress, Prints and Photographs Division, Washington, D.C., https: / / www.loc.gov/ pictures/ resource/ ppmsca.03128/ . Ging das Ende legaler Segregation mit der sozialen Gleichstellung der Afroamerika‐ ner: innen einer? Die Juristin Michelle Alexander argumentiert, dass die Massenin‐ haftierung von Afroamerikaner: innen seit Beginn des War on Drugs in den 1970er Jahren zu einem veränderten Jim-Crow-System geführt hat. Die überproportionale Bestrafung und Inhaftierung insbesondere Schwarzer Männer für vergleichsweise kleine Delikte (wie Marihuana-Besitz) habe erneut ein rassifziertes Kastensystem geschaffen, da Verurteilte oftmals Wahlrecht und Bürger: innenrechte verlieren sowie langfristig sozialer Ausgrenzung ausgesetzt sind (Alexander 2010, 1-57, → Kapitel Masseninhaftierung). 306 22 Segregation <?page no="307"?> Darüber hinaus höhlte der US-Supreme Court 2013 in Shelby County v. Holder wesentliche Teile des Voting Rights Act aus; dies hatte zur Folge, dass allein im Jahr 2023 in 32 US-Staaten 150 wahlrechtsausübungs- und wahlrechtseinschränkende Maßnah‐ men verabschiedet wurden (Stewart 2023, → Kapitel Wahlrechtsdiskriminierung). Im Jahr 2020 besaßen Afroamerikaner: innen durchschnittlich ein Sechstel des Vermögens weißer Amerikaner: innen, und seit den 1950er Jahren gab es keine signifikante Annäherung der Wohlstandslücke (Derenoncourt et al. 2022). Im Jahr 2023 betrug die Arbeitslosenquote unter Afroamerikaner: innen 5,5 Prozent und lag damit 50 Prozent über dem nationalen Durchschnitt (Bureau 2024). Doch auch afroamerikanischer Protest setzt sich fort: Die NAACP führt den Rechtskampf fort, und lokale Gruppen wie #BlackLivesMatter demonstrieren gegen Polizeigewalt, Wohnviertelsegregation und Diskriminierung (→ Kapitel Black Lives Matter). Literatur Alexander, Michelle. 2010. The New Jim Crow: Mass Incarceration in the Age of Colorblindness. 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Als übergreifendes Charakteristikum zeichnet den Siedlerkolonialismus deshalb eine „logic of elimination“ (Wolfe 2006, 388) aus, die in unterschiedlicher Weise die physische oder soziale Beseitigung einer Indigenen Bevölkerung anstrebt. Siedlerkolonialismus fasst daher ein breites Spektrum von Politiken und Praktiken zusammen, die die Übernahme Indigenen Territoriums durch euroamerikanische Siedler: innen unterstützen: von Vertreibungskriegen und genozidalen Massakern über Umsiedlungen mittels ungleicher Verträge bis hin zu Zwangsassimilations‐ maßnahmen und dem Leugnen der Fortexistenz der American Indians. Seit dem 16. Jahrhundert stellten europäische Kolonialmächte umfangreiche Gebiets‐ ansprüche auf dem nordamerikanischen Kontinent, welche die von den entstehenden Siedlerkolonien dominierten Territorien bei Weitem übertrafen. Unter einer ursprüng‐ lich auf zwei päpstliche Bullen zurückgehende Doktrin der Entdeckung sprachen sich europäische Herrscher ein prinzipiell vorrangiges Recht auf die von First Peoples bewohnten und bewirtschafteten Gebiete zu (Dunbar-Ortiz 2015, 3). Mit seinem „Second Treatise of Government“ von 1689 popularisierte John Locke zudem den Gedanken, dass europäische Siedler: innen durch die Bearbeitung unbebauten Bodens auch ein individuelles Eigentumsrecht an Land erwerben könnten, das zugleich den First Peoples abgesprochen wurde (Locke 1986, 80, 123). Umsetzen ließ sich diese territoriale Anmaßung und die Rechtfertigung des völligen Übergehens aller Indigener Ansprüche in der frühen Kolonialära nicht. Die Siedlerkolonien unter europäischer Oberhoheit setzten zwar gewaltsam Gebietsabtretungen und Indigene Tributverpflich‐ tungen durch; zugleich erlaubte das relative demographische, wirtschaftliche und politische Gewicht der Indigenen Nationen es nicht, sie völlig zu übergehen. Trotz aller vollmundigen Bekundungen mussten die Siedlerkolonien und ihre europäischen Herren die First Peoples als Machtfaktoren einkalkulieren und ihnen auf einer dip‐ <?page no="312"?> lomatischen Ebene begegnen (Greer 2018). Aus imperialem Kalkül begrenzte die britische Krone 1763 per Dekret die Expansionsinteressen ihrer nordamerikanischen Kolonist: innen zeitweilig auf Gebiete östlich der Appalachen. Mit der Gründung der USA nach dem Unabhängigkeitskrieg (1775-1883) entstand eine politische Macht, die sich ganz den Expansionsinteressen ihrer europäischstäm‐ migen Bürger: innen verpflichtet sah (Hixson, 2014, 66). Soweit es militärisch und politisch durchsetzbar war, setzte sich Washington dafür ein, Zug um Zug sämtliche verwertbaren Ländereien und Naturressourcen aus dem Besitz von American Indians in das Eigentum weißer US-Bürger: innen zu überführen. Dem expansiven Drängen weißer Bürger: innen auf die Inbesitznahme weiterer Territorien trat die US-Regierung nur insofern entgegen, als sie eine strategisch geordnete Landnahme einforderte, die für unnötig erachtete Kriege vermied. „However our present interests may restrain us within our own limits,“ schrieb Präsident Thomas Jefferson 1801, „it is impossible not to look forward to distant times, when our rapid multiplication will expand itself beyond those limits and cover the whole northern, if not the southern continent, with a people speaking the same language, governed in similar form by similar laws“ (Dunbar-Ortiz 2015, 3). Erläuterung | Siedlerkolonialismus und Genozid: Siedlerkolonialismus wohnte ein genozidales Potential inne, weil er sich hauptsächlich auf die Aneignung von Ländereien und anderer Naturressourcen richtete. Die angestrebte Inbesitz‐ nahme von Land und Ressourcen gelang, insofern die Indigenen Gemeinwesen eliminiert oder ausgeschaltet werden konnten, was jedoch nicht zwangsläufig auf die Tötung ihrer Mitglieder hinauslaufen musste (Wolfe 2006, 387). In der Kolonisationsgeschichte Nordamerikas haben Siedlermilizen und die US-Armee zahlreiche Massaker verübt, die auf die Vernichtung ganzer ethnischer Gruppen zielten (→ Kapitel Vernichtungskriege gegen American Indians). Eine generelle Politik der Vernichtung aller American Indians hat es seitens der US-Regierung aber nicht gegeben. Vielmehr setzte die Regierung auf Zwangsumsiedlungen (1780er bis 1870er Jahre) und -assimilation (1880er bis 1930er Jahre). Wenn First Peoples entschieden militärischen Widerstand leisteten, waren Siedler: innen, Mili‐ tärs und Politiker schnell zu einer entgrenzten Kriegführung bereit. In Form daraus resultierender Massaker und als permanente Drohung der möglichen Eskalation war Genozid stets präsent in der Kolonisationsgeschichte (Ostler 2019). Vor dem Hintergrund des generellen Einverständnisses, dass die US-Regierung ver‐ pflichtet sei, die Überführung der Ländereien von American Indians in das Eigentum von US-Bürger: innen zu fördern, entfalteten sich durch das ganze 19. Jahrhundert Auseinandersetzungen in der weißen US-Gesellschaft über die Geschwindigkeit und den Modus der Landnahme (durch militärische Eroberung oder erzwungenen Vertrags‐ schluss) sowie über die spezifischen Bedingungen der individuellen Aneignung. Die 312 23 Siedlerkolonialismus <?page no="313"?> US-Regierung war gemäß der Verfassung von 1789 als einzige staatliche Instanz dazu befugt, Verträge über Gebietsabtretungen mit American Indians einzugehen, und sie finanzierte sich zu einem bedeutenden Teil durch den Verkauf von Ländereien, die so ihr Eigentum geworden waren (Wilm 2018, 26). Westliche Siedler: innen und ihre direkten politischen Repräsentanten klagten vielfach über ein ihnen zu zögerliches Vorgehen Washingtons bei der Erzwingung weiterer Landabtretungen und über zu hohe Verkaufspreise für die als „öffentliche Ländereien“ für die Besiedlung durch weiße Siedler: innen freigegebenen Gebiete. Obwohl im individualistischen Selbstverständnis weißer Siedler: innen und der Frontier-Kultur auf den Staat als ermöglichende Instanz der Landnahme kaum Bezug genommen wurde (und wird), war die Vertreibung der American Indians und die Neubesiedlung des Westens stets auch das Werk der zentralen Staatsgewalt, die mit erzwungenen Verträgen und Kriegen den Siedler: innen den Weg frei machte. Versuche in den 1840er und 1850er Jahren, die Eroberung von Gebieten in Florida und im Pazifischen Nordwesten per Landschenkungen an Siedlerhaushalte zu dele‐ gieren, scheiterten nach dem Dafürhalten von politischen Entscheidungsträgern in Washington. In Florida sollten Siedler: innen unter dem Armed Occupation Act 1842 die verbliebenen Seminolen durch das Abdrängen in den Süden der Halbinsel, wo kaum Subsistenzquellen vorhanden waren und tropische Krankheiten grassierten, entweder vernichten oder zur Aufgabe zwingen. Bevor es so weit kommen konnte, wurden Siedlerfamilien jedoch selbst in erheblicher Anzahl krank und flohen, so dass sie kaum Druck auf die Seminolen ausübten. Im Pazifischen Nordwesten unternahmen US-Siedler: innen, die unter dem Donation Land Claim Act von 1850 den Anschluss der Region an die USA gegen die territorialen Bestrebungen Großbritanniens sichern sollten, 1855 auf eigene Faust genozidale Massaker gegen American Indians im Rogue River Valley, was zu einem für die US-Regierung kostspieligen Krieg führte. Infolge der beiden gescheiterten Experimente sah die US-Regierung sich bestärkt darin, die militärische Durchsetzung und Absicherung weitgehend der Armee zu überlassen und die Befehlsgewalt über Milizen zu zentralisieren (Wilm 2018). Trotz der im Normalfall politisch sanktionierten Trennung der Prozesse von Ero‐ berung und Besiedlung gerieten weiße Siedlerhaushalte immer wieder in Konflikt mit American Indians, die sie verdrängten. Weiße squatter auf Indigenem Gebiet versuchten eine erwartete spätere Landabtretung vorwegzunehmen und sich so eine besonders attraktive Parzelle zu sichern. Zudem bedienten sich die Verhandlungsführer der Regierung vielfach absichtlich unklar formulierter bis betrügerischer Abtretungs‐ verträge, so dass Gebiete von der US-Regierung für die weiße Besiedlung freigegeben wurden, die nach wie vor von American Indians bewohnt und gegen einströmende Siedler: innen verteidigt wurden (Monnett 2011; Wilm, Nelson und Madron 2022). Die US-Armee intervenierte bei diesen Zusammenstößen nahezu ausschließlich zugunsten der weißen Eindringlinge. 23 Siedlerkolonialismus 313 <?page no="314"?> Reform und Ethnozid Im Zuge des Wachstums und der staatlichen Konsolidierung der US-Gesellschaft maßte sich die US-Regierung im Laufe des 19. Jahrhundert eine zunehmend übergriffige rechtliche Position gegenüber den First Peoples des nordamerikanischen Halbkonti‐ nents an. Galten die Indigenen Nachbargebiete zur Zeit der Staatsgründung 1776-1789 noch als Ausland, so erklärte der Oberste Gerichtshof unter dem Vorsitz von John Marshall 1831 im Prozess Cherokee Nation v. Georgia die American Indians zu „domestic dependent nations“, denen zwar ein gewisser Grad an politischer Autonomie zukomme, die gleichzeitig jedoch der Macht und Fürsorgepflicht der US-Regierung unterstehen sollten. Landabtretungen mussten nach dieser Doktrin in Vertragsform abgewickelt werden. Ein Verhältnis gleicher Parteien, die einem Abschluss nach eigenem Ermessen zustimmen und ihn ablehnen konnten, wurde gleichzeitig durch eine offensichtlich von Erpressung, Bestechung und Betrug charakterisierte Praxis ausgehöhlt. 1871 erklärte der US-Kongress den US-Präsidenten dazu befugt, allein per Dekret über Landabtretungen zu entscheiden; ein formaler Vertragsabschluss mit den betroffenen First Peoples sei nicht mehr notwendig (Wolfe 2016). Seit den späten 1870er Jahren gingen Politiker in Washington offen dazu über, den Fortbestand der Indigenen Nationen als gesonderte Gemeinwesen insgesamt anzugreifen. Die Indigenen-Politik hatte sich in den früheren Jahrzehnten darauf gerichtet, Indigene Ländereien in das Eigentum weißer US-Amerikaner zu überführen, wobei in die gesellschaftliche Struktur der American Indians nicht umfassend einge‐ griffen wurde. Humanitär argumentierende Reformer kreideten nun ausgerechnet diese Einschränkung als Versäumnis an, das es American Indians unmöglich mache, sich erfolgreich in der US-Gesellschaft zu entwickeln (Washburn 1975; Genetin-Pilawa 2012). Im Einklang mit den Expansionsinteressen von weißen Siedlern und Eisenbahn- und Minengesellschaften, die sich auf die Ländereien in den verbliebenen Reservaten richteten, forderten die Reformer die Zuteilung von individuellen Parzellen von 65 Hektar (160 acres) pro Indigene Kernfamilie und den Verkauf des „überschüssigen Landes“ (wörtlich: „surplus land“) an US-Siedler. Neben dem Ausverkauf der Reservate, der mit der Verabschiedung des Dawes General Allotment Act 1887 zur offiziellen Leitlinie wurde, setzte die Politik zunehmend auf Zwangsassimilation. durch Umerzie‐ hung Indigener Kinder in gesonderten Internaten (→ Kapitel Zwangsassimilation der American Indians). Erläuterung | Siedlerkolonialismus und rassistische Stereotype: Naturalisierende Abwertungen von American Indians waren integraler Teil des nordamerikanischen Siedlerkolonialismus seit seinen Anfängen. Wissenschaftler: innen in der Tradition um Patrick Wolfe betonen dabei die Wandelbarkeit der jeweils hegemonialen rassistischen Stereotype gemäß spezifischen Aneignungsinteressen der Siedlerge‐ sellschaft (Wolfe 2016). In der Zeit der erzwungenen Umsiedlungen in den Westen (1780er bis 1840er Jahre) wurde die Naturgebundenheit und Unveränderbarkeit der 314 23 Siedlerkolonialismus <?page no="315"?> First Peoples betont. Mit der Expansion der USA an den Pazifik in den 1840er Jahren wurde die weitere Abschiebung von American Indians in den Westen unmöglich. In den 1850er Jahren brach sich die Vorstellung Bahn, dass Reservate vielleicht doch eine - örtlich getrennte - relative ‚Zivilisierung‘ ermöglichen. Im Zuge der Siedlungsexpansion in die Great Plains-Staaten in den 1870er Jahren wurde schließlich betont, der völligen Assimilation der American Indians - allerdings in die niederen Ränge der Mehrheitsgesellschaft - stehe einzig ihr verbliebener kollektiver Landbesitz und ihre Sozialstruktur im Wege. In den Reformen, die in den 1870er und 1880er Jahren eingeleitet wurden, aber vor allem in den Folgejahrzehnten zum Tragen kamen, zeigte sich eine bemerkenswerte Wandelbarkeit der von Patrick Wolfe beschriebenen „logic of elimination“. In früheren Jahrzehnten lag das Hauptgewicht siedlerkolonialer Praktiken auf der Verdrängung von American Indians aus dem Siedlungsraum euroamerikanischer Siedler. Nun wurde die Assimilationsfähigkeit der First Peoples dagegen betont, welche zur gleichen Zeit Afroamerikaner: innen weithin abgesprochen wurde (Wolfe 2016). Die Auslöschung von separaten Gemeinwesen der American Indians sollte die mit der Fortexistenz verbundenen Landansprüche aus dem Weg räumen. Dieses Motiv bestimmte die offizielle Politik der US-Regierung bis zur Verabschiedung des Indian Reorganization Act im Jahr 1934, wodurch dem sozialen Zusammenhang der First Peoples eine geringe Unterstützung vonseiten der US-Politik zuteilwurde. In den 1950er und 1960er Jahren versuchte die US-Regierung erneut unter dem Schlagwort „Termination“, Gemeinwesen und Reservate der American Indians ganz aufzulösen. Im Zuge der von der Red-Power-Bewegung der 1960er und 1970er Jahre angestoßenen Debatten hat sich die US-Regierung dazu verpflichtet, die sozialen Zusammenhänge der American Indians mehr zu respektieren und fördert diese seit einigen Jahren - stellenweise und abhängig von der politischen Konjunktur (→ Kapitel Red Power. Der Kampf der Native Americans um Selbstbestimmung und Souveränität). In der nationalen Debatte sind Stimmen, welche die Fortexistenz der First Peoples infrage stellen, jedoch bis heute nie völlig verstummt. „I think I might have more Indian blood than a lot of the so-called Indians,“ behauptete der Spielkasinobetreiber und spätere US-Präsident Donald Trump 1993, als sich die von American Indians unter vorteilhaften Bedingungen des Indian Gaming Regulatory Act von 1988 gegründeten Kasinos als ernstzunehmende Konkur‐ renz herausstellten (Newland 2016; zum Phänomen: Dunbar-Ortiz und Gilio-Whitaker 2016, 7-13). Kontroversen über das analytische Potential des Begriffs „Siedlerkolonialismus“ Der Begriff „Siedlerkolonialismus“ stammt ursprünglich aus der australischen Ge‐ schichte. Spätestens seit den 2010er Jahren ist der Begriff zunehmend dominant 23 Siedlerkolonialismus 315 <?page no="316"?> geworden in den US-amerikanischen Ethnic und Indigenous Studies sowie der Western History. Die weit verbreitete Verwendung des Begriffs zeigt einerseits an, dass ihm ein bedeutendes analytisches Potential zugemessen wird; andererseits sind Stimmen zu vernehmen, die ihn kritisch sehen. Kritiker: innen bemängeln, dass der Begriff vielfach zu einer Art Generalschlüssel der Interaktion von weißen Siedlern mit American Indians erhoben wird, was der Vielschichtigkeit der historischen Prozesse nicht gerecht werde. Keineswegs sei die Kolonisierung des US-amerikanischen Westens auf eine „logic of elimination“ redu‐ zierbar, denn schließlich griffen Kolonist: innen und die US-Armee immer wieder auch auf die Arbeits- und Kampfkraft von American Indians zurück. Kolonisation umfasste daher auch hierachisierende Formen der Einbindung (Isenberg und Kessler 2017). Der methodische Fokus vernachlässige zudem die Handlungsmacht der First Peoples, die sich durchaus effektiv zu widersetzen wussten und manches Vorhaben der Kolonisatoren durchkreuzten (Shoemaker 2015; Limerick 2017; Greer 2019). Die tendenzielle Reduzierung der Situation der Landnahme auf einen Gegensatz von Sied‐ lerkolonist: innen und American Indians übersehe die Position von Versklavten oder anderen Marginalisierten in der Siedlergesellschaft (O’Brien 2017; Miles 2019). Obwohl der Begriff des Siedlerkolonialismus Momente von Geschichte und Gegenwart durch‐ aus zutreffend beschreibe, berge die Erhebung des Begriffs zum Erklärungsschema Gefahren, so der Tenor verschiedener Kritiken (Überblick bei: Carey und Silverstein 2020). Eine anders gelagerte Kritik nimmt Anstoß am unklaren Subjektbegriff des Kon‐ zepts. Sowohl in den theoretischen Texten von Patrick Wolfe und Lorenzo Veracini (2010, 2021) als auch in vielen historischen Werken, welche die Theorie operationali‐ sieren, wird in Bezug auf die Kolonisierung von einer weitgehenden Interessenidentität der Siedlerkolonist: innen ausgegangen. Diese Gruppe umfasst sämtliche Privatinteres‐ sen, die sich an der Kolonisation beteiligen, als auch Vertreter von Politik und Militär. Die Binnendifferenzierung und -dynamiken der kolonisierenden Gesellschaft werden so weitgehend ausgeblendet, obwohl diese Prozesse in der Schule der New Western History seit den 1980er Jahren als wichtige Antriebsfedern der kolonialen Aggression analysiert worden sind (siehe Limerick 2017, Wilm 2022). Das von Norbert Finzsch geprägte Paradigma des „Siedlerimperialismus“ setzt an dieser Leerstelle an (Finzsch 2008; Finzsch 2017). Als Siedlerimperialismus beschreibt Finzsch ein interdependentes Verhältnis von Siedler: innen an der Besiedlungsgrenze sowie wirtschaftlichen und politischen Eliten in den Metropolen. In dieser Konstellation verteilt sich Handlungs‐ macht rhizomatisch; imperiale, wirtschaftliche und politische Imperative überlagern sich und stehen teilweise im Widerspruch zu individuellen Aneignungsinteressen von weißen Siedler: innen. 316 23 Siedlerkolonialismus <?page no="317"?> Literatur Carey, Jane und Ben Silverstein. 2020. „Thinking with and beyond Settler Colonial Studies: New Histories after the Postcolonial.“ Postcolonial Studies 23, 1: 1-20. https: / / doi.org/ 10.1080/ 1368 8790.2020.1719569. Dunbar-Ortiz, Roxanne. 2021. Not „A Nation of Immigrants“: Settler Colonialism, White Supre‐ macy, and a History of Erasure and Exclusion. Boston, MA: Beacon Press. Dunbar-Ortiz, Roxanne und Dina Gilio-Whitaker. 2016. „All the Real Indians Died Off“: And 20 Other Myths About Native Americans. Boston, MA: Beacon Press. Dunbar-Ortiz, Roxanne. 2015. An Indigenous Peoples’ History of the United States. Boston, MA: Beacon Press. 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Der Beginn des atlantischen Sklavenhandels Als Anfang der Sklaverei in Nordamerika wird häufig die Ankunft eines Schiffs im August 1619 genannt. „20. and odd Negroes“, also ungefähr zwanzig Schwarze Männer, die aus der Hafenstadt Luanda im heutigen Angola entführt worden waren, wurden in Jamestown, der Hauptstadt der englischen Kolonie Virginia, für Lebens‐ mittel als Ware eingetauscht und versklavt. Während in historischen Darstellungen dieser Handel meist als Beginn der Ära von Sklaverei in den nordamerikanischen Kolonien dargestellt wird und diese Episode zweifellos ein wichtiges Ereignis in der Geschichte der englischen Kolonien darstellt, blendet diese Perspektive doch die längere Geschichte des Rassismus in der atlantischen Welt und dessen räumliche Vernetzung aus. Zum einen waren schon im 16. Jahrhundert afrikanische Versklavte in der spanischen Kolonie Florida bekannt und prägten damit den Diskurs über Rasse und Leibeigenschaft. Zum anderen ignoriert die Erzählung von 1619 die vorangegangen und meist gescheiterten Versuche, indigene Amerikaner: innen auf den Feldern und Plantagen der englischen Besitzungen zu versklaven und für den Aufbau der kolonialen Wirtschaft zu missbrauchen. Und dennoch: Auch wenn die Ankunft dieser zwanzig afrikanischen Männer kein eindeutiger Ursprungsmoment ist, so stellt diese Episode dennoch einen Wendepunkt für die Geschichte der Sklaverei dar - verdeutlicht sie doch, wie sehr Sklaverei und Rassismus von Beginn an mit der Wirtschaft, Politik und Kultur in Nordamerika verflochten waren. Zudem markiert sie ein wichtiges Ereignis im atlantischen Sklavenhandel, der nach heutigen Schätzungen zwischen dem 16. und <?page no="320"?> 19. Jahrhundert für mindestens zwölf Millionen Afrikaner: innen Entführung, Leid, Gewalt und oft auch Tod bedeutete (Eckert 2021, 8). Um die komplexe Verbindung von Rassismus und Sklaverei in Nordamerika zu erfassen, ist es wichtig zu verstehen, wie beide Konzepte in der Frühzeit der nordame‐ rikanischen Kolonien seit dem 17. Jahrhundert immer stärker aufeinander bezogen und miteinander verzahnt waren. Ein entscheidender Faktor hierfür war der Menschen‐ handel, der in dieser Zeit im atlantischen Raum ein immer wichtigerer Wirtschafts‐ bereich wurde. Im Kielwasser der ersten europäischen Entdecker und Eroberer, die im 15. Jahrhundert vor allem die atlantische Küste Afrikas erforschten, nutzten vor allem spanische und portugiesische Händler die Gelegenheit, dort regelmäßig Sklaven zu erwerben. Westafrika wurde damit neben dem Schwarzmeerraum und Indien eine Schwerpunktregion des weltweiten Sklavenhandels. Diese Händler konnten jedoch jenseits der Küsten Afrikas nicht einfach Menschen vom Kontinent entführen. Mangelnde geografische Kenntnisse und die politische Macht lokaler Stämme und Herrscher verhinderten einen einfachen Zugriff auf die Bewohner des afrikanischen Hinterlands. Europäer waren auf eine enge Kooperation mit arabischen und afrika‐ nischen Zwischenhändlern angewiesen, die ihre ‚Ware‘ im Inneren des Kontinents beschafften, in Depots an der Küste sammelten und dann an ihre Geschäftspartner verkauften. Schwerpunkte dieses Handels waren die Regionen Senegambia (heute Se‐ negal und Gambia), die Bucht von Benin sowie vor allem die Westküste Zentralafrikas (heute u. a. Angola). Gleichwohl fanden diese bilateralen Handelsbeziehungen nie auf Augenhöhe statt. Europäische Geschäftsleute agierten vor dem Hintergrund einer rassistisch geprägten Machtasymmetrie, ihre höhere Mobilität verschaffte ihnen einen wirtschaftlichen Vorteil, sie dominierten den Handel mit den vermeintlich ‚Wilden‘. Mit der neuen Machtverteilung im kolonialen Raum des Atlantiks wurde der Handel ab 1600 vor allem von englischen und niederländischen Unternehmern dominiert und er wurde zunehmend lukrativer (Zeuske 2013, 406-29). In diesen Handelsbeziehungen entstand ein entscheidend neues Modell von Skla‐ verei: Besitzsklaverei. Leibeigenschaft war zwar historisch gesehen kein neues Phä‐ nomen, aber in anderen Regionen der Welt wie in Afrika war es auch kein rein wirtschaftliches Unternehmen. In den arabischen und subsaharischen Regionen wur‐ den beispielsweise vor allem Kriegsgefangene und verurteilte Straftäter, teilweise zeitlich begrenzt, versklavt. Dadurch unterschieden sich diese Formen der unfreien Arbeit von dem europäisch geprägten System der Besitzsklaverei, das sich durch den atlantischen Sklavenhandel schrittweise etablierte. Hier gingen Individuen und ihre Nachkommen vollständig in den Besitz eines Sklavenhalters über, galten als Ware und nutzbares Eigentum. Europäische Händler transportierten ihre menschliche Fracht auf Schiffen zu Hunderten unter Deck zusammengepfercht in die Kolonien Nord- und Südamerikas und der Karibik. Die Enge, spärliche Ernährung, Krankheiten und körperliche Gewalt setzten den Gefangenen stark zu - Schätzungen zufolge lag die Sterblichkeitsrate während der Überfahrt bei etwa 15 Prozent. Einige Forscher: innen haben Sklaverei auch als sozialen Tod bezeichnet (Patterson 1982), da die Menschen aus 320 24 Sklaverei und Sklavenhandel <?page no="321"?> all ihren sozialen Beziehungen herausgelöst werden; meist blieb ihnen wenig mehr als ihre Kleidung oder kleinere Habseligkeiten, mit denen sie materiell an ihrer vormaligen Heimat festhalten konnten (Smallwood 2007, 122-52). Da Sklav: innen auf den Schiffen häufig aus verschiedenen Regionen Afrikas kamen, teilten sie selten eine gemeinsame Sprache oder kulturellen Hintergrund, konnten sich also nur schwer miteinander verständigen. Und doch war diese erzwungene Mittelpassage (engl. middle passage), der Transport von Sklav: innen in die „Neue Welt“, oft der erste Schritt zu einer neuen afro-amerikanischen Kultur, Solidarität und Zusammengehörigkeit, die sich in ihrer neuen Umgebung der Diaspora fortsetzte (Sidbury 2007, 17-91). Die Entstehung von Sklaverei, die auf rassistischer Unterdrückung und Gewalt basierte, war jedoch kein Automatismus, sondern ein schrittweiser Prozess, der mit wirtschaftlichen wie kulturellen Entwicklungen zusammenhing. Anfangs folgte die Ausbeutung afrikanischer Menschen in Nordamerika einem bereits aus Europa vertrauten Modell der Leibeigenschaft, der Indentur (engl. indentured servitude). Hier verpflichteten sich Arbeiter: innen dazu, für einen gewissen vertraglich festgelegten Zeitraum (meist sieben Jahre), ihre Arbeitskraft ohne Bezahlung in den Dienst eines Unternehmers oder Plantagenbesitzers zu stellen. Dafür versprach dieser, die Kosten für die Überfahrt zu begleichen sowie für die Zeit der Indentur für Kleidung, Unterkunft und Nahrung zu sorgen. Innerhalb dieses Modells versuchten angesichts der zu Beginn des 17. Jahrhunderts herrschenden wirtschaftlichen Krise in England vor allem verarmte Arbeiter: innen aus England und Irland, ihrer Lebenssituation zu entkommen (K. Morgan 2022, 8-25). Freilich war auch die Indentur eine Vereinbarung, die mit einer erheblichen Abhängigkeit und Machtasymmetrie einherging. So wurden Verstöße gegen den Vertrag, wie bspw. Fluchtversuche, harsch sanktioniert, meist indem der Zeitraum der Leibeigenschaft erheblich verlängert wurde. Nach dem Vorbild der Indentur fanden zu Beginn auch die meisten Arbeitsverhältnisse von Afrikaner: innen statt, was dafür sorgte, dass ihr rechtlicher Status zu dieser Zeit dem von weißen Lohnarbeitenden ähnlich war. Zu Beginn der 1630er Jahre hatten viele Schwarze Menschen ihre Arbeitspflicht erfüllt und in Regionen wie Massachusetts gab es dadurch Afroamerikaner: innen, die frei waren und sogar Land besaßen. Ab Mitte des 17. Jahr‐ hunderts änderte sich jedoch der Blick auf die wachsende Gruppe der Afrikaner: innen, die in den Kolonien lebten bzw. hierher entführt wurden: Ihr „Schwarzsein“ trat in den Mittelpunkt wirtschaftlicher und kultureller Erwägungen. Im rassistischen Weltbild europäischer Händler brachten afrikanische Arbeiter: in‐ nen wegen ihrer vermeintlichen körperlichen Stärke ideale Voraussetzungen mit, um den steigenden Bedarf an Arbeitskräften zu erfüllen - zugleich rechtfertigten die Europäer die Versklavung mit der vermeintlichen intellektuellen und kulturellen Unterlegenheit der Entführten. Mit einem wirtschaftlichen Aufschwung im Zeitalter des Merkantilkapitalismus ab Mitte des 17. Jahrhunderts ging auch ein sinkendes Interesse europäischer Einwanderer an der Indentur einher. Gleichzeitig stieg in den Kolonien mit dem verstärkten Fokus auf die Plantagenwirtschaft der Bedarf an Ar‐ beitskräften, da die klimatischen und natürlichen Gegebenheiten in den Regionen die 24 Sklaverei und Sklavenhandel 321 <?page no="322"?> Produktion sehr gewinnträchtig, aber auch enorm aufwendig machten. Lateinamerika (besonders Brasilien), die karibischen Inseln ( Jamaica, Barbados, Haiti) sowie die nordamerikanischen Festlandkolonien boten ideale Anbaubedingungen für Zucker, Tabak, Indigo und Reis. Um den Anbau ihrer Produkte effizient und profitabel zu gestalten, wurden die Pflanzen meist auf großen monokulturellen Plantagen angebaut. Hier bauten Hunderte von Sklav: innen die Pflanzen an und ernteten in mehreren Zyklen pro Jahr. Die Arbeiter: innen lebten unter ärmlichen Bedingungen vor Ort, während die Besitzer ihre Plantagen zumeist von Verwaltern und Aufsehern kontrollieren ließen. Auf den Plantagen lag die Überlebenszeit von Sklav: innen aufgrund der harten Arbeit, dem tropischen Klima sowie Infektionskrankheiten im 18. Jahrhundert bei gerade einmal sechs bis sieben Jahren (Eltis, Lewis, and Richardson 2005, 681). Ein Großteil der Ernte wurde nach Europa exportiert und dort weiterverarbeitet. Das Tätigkeitsfeld von Sklav: innen reichte jedoch über die reine Feldarbeit hinaus. Sie wurden in den Haushalten u. a. als Kutschenfahrer, Handwerker, Köche und Haussklav: innen eingesetzt. Abbildung 10: „Ploughing Rice“, zwischen 1868 und 1899 (Fotograf: O. Pierre Havens). Afroamerika‐ ner: innen bei der Arbeit auf einem Reisfeld (Stereografie). New York Public Library, New York, https: / / nypl.getarchive.net/ media/ ploughing-rice-plowing-rice-da8d3c. Die sich im 17. und 18. Jahrhundert verstärkenden globalen Verflechtungen hatte direk‐ ten Einfluss auf die Konsumgewohnheiten europäischer Verbraucher: innen. Zucker, Schokolade oder Tabak - Produkte, die wir heute als selbstverständlich wahrnehmen - waren durch die Plantagenwirtschaft erstmals nicht mehr nur einer wirtschaftlichen Elite vorbehalten, sondern wurden einer breiteren Schicht von Konsument: innen 322 24 Sklaverei und Sklavenhandel <?page no="323"?> zugänglich (Mintz 1986). Den Preis für diese neuen und günstigen Konsumgüter zahlten jedoch die Arbeitenden, die unter widrigen klimatischen Bedingungen diese Produkte erzeugten. Diese Verzahnung von rohstofforientierter Kolonialwirtschaft und zunehmender Industrialisierung in Europa setzte sich bis zur endgültigen Abschaffung der Sklaverei in Europa und den USA in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts fort. Bis zum amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) landete die hochprofitable Baumwolle von den Plantagen in Georgia und Mississippi in den neu entstehenden Textilmühlen Englands und machte damit sowohl Unternehmer wie Verbraucher: innen in Europa zumindest indirekt zu Komplizen der Sklavenwirtschaft des amerikanischen Südens. Diese Verflechtungen waren bereits in den Anfängen der Sklaverei in den englischen Kolonien im 17. Jahrhundert angelegt. Gleichwohl kristallisierten sich bereits zu dieser Zeit spezifische Charakteristika der Sklaverei in Nordamerika heraus. Indentured Servitude und Chattel Slavery: Zur schrittweisen Amerikanisierung von Sklaverei Die wirtschaftliche Expansion von Sklaverei in Nordamerika seit Mitte des 17. Jahr‐ hunderts bedeutete eine Zäsur und Abkehr vom Modell der indentured servitude hin zu einer rassistisch motivierten Rechtfertigung von Sklaverei und aus zeitlich begrenzter Leibeigenschaft wurde schrittweise eine dauernde und vererbte Sklaverei, die auf ras‐ sistischen Grundannahmen und Praktiken beruhte. Die Veränderung in der Ideologie und dem Blick auf Afroamerikaner: innen lässt sich vor allem in der Rechtsprechung und Gesetzgebung erkennen, die in den atlantischen Kolonien ab Beginn der 1660er Jahre erlassen wurden. Sie markieren die Hinwendung zu einer genuin atlantischen und vor allem nordamerikanischen Fassung von Sklaverei: Besitzsklaverei (engl. chattel slavery) (K. Morgan 2022, 26-43). 1661 erließ das Parlament von Barbados ein Gesetz, das zum Vorbild für den Umgang mit afrikanischen Versklavten im gesamten atlantischen Raum dienen sollte. Dieses Gesetz war nicht nur scheinbar pragmatischer Umgang mit den wirtschaftlichen Notwendigkeiten der Kolonialwirtschaft, sondern erschuf auch ein spezifisches Bild von Menschen afrikanischer Herkunft, das auf den Imaginationen von Schwarzer Gewalt und Kriminalität beruhte. Im Barbados Slave Code wurden diese explizit als Ware und Besitz ohne Bürgerrechte bezeichnet. Dabei wurde nicht nur die Ausbeutung ihrer Arbeitskraft als vermeintlich zivilisierende Maßnahme definiert, zugleich wurden in den verschiedenen slave codes auch auf diese Gruppe zugeschnittene Verbrechen (z. B. Flucht), Strafen und Gerichtsbarkeiten definiert. Gerechtfertigt wurde dieser neue Rechtsstatus der versklavten Menschen mit rassistischen Beschreibungen ihres Charakters, die sie außerhalb der vermeintlich zivilisierten westlichen Welt stellten: „an heathenish, brutish and uncertaine, dangerous kinde of people“ (Barbados Slave Code 1661). Die Bedingungen, unter denen Afrikaner: innen in den englischen Kolonien leb‐ ten, änderten sich damit dramatisch, da die Unterscheidung von Schwarz und weiß als dominierendes Merkmal in den Vordergrund trat und als ideologische Begründung zur 24 Sklaverei und Sklavenhandel 323 <?page no="324"?> Entmenschlichung von Afrikaner: innen und deren Nachkommen diente. Auch wenn das Gesetz aus Barbados bald in Kolonien im gesamten atlantischen Raum Widerhall fand und teilweise kopiert wurde, zeigt sich in Gerichtsprozessen aus dieser Zeit auch, wie instabil die vermeintlich klare Schwarz/ weiß-Trennung war. Als Elizabeth Key Grimstead 1655 ihre Freiheit vor Gericht einklagte, fußte ihr Argument darauf, dass ihr Vater ein englischer Siedler war (Banks 2008). Nachdem ihre Klage Erfolg hatte, erließ das Parlament von Virginia 1662 ein Gesetz, das, in Abkehr vom englischen Common Law, den politischen Status eines Menschen von dem seiner Mutter abhängig machte. Dieses Rechtsprinzip, das als partus sequitur ventrem in die Rechtsgeschichte der Sklaverei einging, eröffnete nicht nur die rechtlich risikofreie Möglichkeit zum sexuellen Missbrauch von Schwarzen Frauen durch weiße Männer - waren doch die Kinder, die aus diesen meist asymmetrischen Beziehungen hervorgingen, nicht erbberechtigt -, es schrieb gleichzeitig die Vererbung von Sklaverei als Status und damit deren rassistisch biopolitische Basis fest ( J. L. Morgan 2018). Diese beiden Merkmale zeichneten die spezifische Form von Sklaverei in Nordamerika, chattel slavery, aus: das Verständnis von Versklavten als Ware sowie der erbliche Charakter der Institution. Sie basierten auf zeitgenössischen Vorstellungen von race und prägten diese gleichzeitig mit - Rassismus und Sklaverei bedingten einander und kreierten eine dynamische Konstellation von wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen, die die Geschichte der USA bis heute prägen (W. Johnson 1999, 19-44). Erläuterung | Indentured servitude und chattel slavery: Zu Beginn der Kolonialzeit griffen Grundbesitzende in den englischen Kolonien auf Arbeitskräfte zurück, die sich als Gegenleistung für freie Kost und Logie für einen gewissen Zeitraum (meist sieben Jahre) dazu verpflichteten für sie zu arbeiten (indentured servitude). Anfangs diente die Indentur auch als Modell für die Versklavung von Schwarzen Männern und Frauen. Mit dem gesteigerten Bedarf für Arbeitskräfte ab der Mitte des 17. Jahrhunderts rückten allerdings rassistische Begründungen ins Zentrum der Zwangsarbeit von Afroamerikaner: innen - Versklavte wurden dauerhaft als Besitz einer Person begriffen, ihre Leibeigenschaft wurde permanent und erblich (chattel slavery). Bis zur Amerikanischen Unabhängigkeit 1776 wurde dieses System, das auf einer vermeintlichen Logik von ökonomischer Notwendigkeit und zivilisierender Arbeit beruhte, in den nordamerikanischen Kolonien immer weiter entwickelt, ohne jedoch grundsätzlich in Frage gestellt zu werden: Nur wenige Gruppen wie die Quäker in Pennsylvania kritisierten die Sklaverei aufgrund ihrer religiösen und moralischen Überzeugungen. Dabei unterschied sich die Art, wie stark Sklaverei, Wirtschaft und letztlich Kultur miteinander verflochten waren, in den verschiedenen Regionen erheblich. In den nördlichen Teilen Nordamerikas wie Neuengland ließen zum ei‐ nen gesellschaftliche Eliten wie Priester, Kaufleute oder Ärzte in ihren Häusern 324 24 Sklaverei und Sklavenhandel <?page no="325"?> Haushaltspflichten und Handwerksaufgaben von einzelnen wenigen Versklavten oder kleineren Gruppen versehen. Auf kleineren Farmen waren sie auch auf den Feldern im Einsatz, häufig waren es jedoch handwerklich anspruchsvollere Berufe wie Schreiner, Schneider, Segeltuchmacher oder Bäcker, mit denen Schwarze Sklaven direkt zum wirtschaftlichen Aufschwung und der zunehmenden Industrialisierung der Region beitrugen. Nicht nur gab es mit diesen Qualifikationen und Ausbildungen für versklavte Afroamerikaner: innen die Möglichkeit teilweise selbständig wirtschaftlich tätig zu sein, der Charakter der Sklaverei in den Regionen des Nordens unterschied sich damit auch stark von denen im Süden, wo Schwarze Versklavte vornehmlich als günstige Arbeitskräfte auf den Feldern eingesetzt wurden. Anfangs Tabak und Reis, später vor allem Baumwolle brachten oft mehrere hochprofitable Ernten im Jahr, der Anbau war jedoch äußerst arbeitsintensiv - in den Augen der Regionalregierungen sowie der der Wirtschaftstreibenden ließ sich dieser Profit nur durch die Zwangsarbeit Schwarzer Amerikaner: innen realisieren (K. Morgan 2022, 102-28). Abbildung 11: Handelskontor für Versklavte in Atlanta, GA, 1864, [„‚Auction & Negro Sales‘, Whitehall Street“]. Library of Congress Prints and Photographs Division, Washington, D.C., https: / / hdl.loc.gov/ lo c.pnp/ cwpb.03351. 24 Sklaverei und Sklavenhandel 325 <?page no="326"?> Gleichzeitig war es für die Versklavenden eine beständige Herausforderung ihren Bedarf an unfreier Arbeit zu erfüllen. Ab den 1820er Jahren war die Sklaverei in fast allen Nordstaaten der USA abgeschafft und auch der Handel mit Versklavten erfuhr zur gleichen Zeit eine massive Änderung. 1807/ 08 wurde der transatlantische Sklavenhandel zeitgleich in England und den USA verboten - andere Staaten folgten in den nächsten Jahren. Mit der Abschaffung des ausländischen Sklavenhandels verstärkte sich der spezifische regionale Charakter der Sklaverei in Nordamerika. Zum einen wurden ausländische Sklav: innen - besonders aus dem karibischen Raum - nach der Haitianischen Revolution (1791) als gefährlicher Einfluss angesehen (Geggus 2001; Scott 2018; S. E. Johnson 2012). Zum anderen entstand besonders im US-ameri‐ kanischen Süden ein heimischer Markt für Sklav: innen, und damit ein selbsterhalten‐ des System von Sklaverei, das keiner afrikanischen Importe mehr bedurfte. Freilich funktionierte dies nur, weil es durch das Rechtsprinzip partus sequitur ventrem eine biopolitische Grundlage für ein demografisches Wachstum der Gruppe der Versklavten gab - Kinder von versklavten Müttern wurden wiederum in Unfreiheit geboren und waren damit profitable Ware für die Versklavenden (Weinbaum 2019, 29-60). Mit der Neuausrichtung auf den heimischen Sklavenmarkt setzten Bundesstaaten wie Maryland und Virginia ab 1810 verstärkt auf den Handel mit Sklav: innen anstatt die Arbeitskraft der Versklavten für ihre Landwirtschaft zu nutzen (Rothman 2004). Gerade mit dem rapiden Aufschwung der Baumwollwirtschaft in Staaten wie Georgia und Mississippi eröffnete sich hier ein lukratives Geschäft, aber strategisch bot sich diesen Staaten auch die Möglichkeit den Bevölkerungsanteil von Afroamerikaner: innen zu verkleinern und damit die Gefahr von Sklavenaufständen zu verringern. Mit dieser Ausweitung von Sklaverei im Deep South veränderte sich nicht nur der regionale Schwerpunkt, sondern auch die ideologisch-kulturelle Begründung von Sklaverei. Erläuterung | Paternalismus: Paternalismus beschreibt vor allem im 19. Jahrhun‐ dert ein kulturelles und soziales Selbstverständnis weißer Sklavenhalter, mit dem sie ideologisch die Verbrechen gegen Schwarze Versklavte (z. B. Sklavenhandel oder physische Bestrafung) rechtfertigten. Dabei waren rassistische Stereotype eng aufeinander bezogen. Auf der einen Seite der wohlmeinende männliche Familien‐ vorstand (lat. pater), der für bedürftige und unselbstständige Schwarze Menschen sorgte, auf der anderen Seite die loyalen Sklav: innen, die dankbar und treu ergeben ihren Dienst in Haushalt und auf der Plantage verrichteten. Diese Romantisierung familienähnlicher Beziehungen diente als politisches Kampfkonzept, um die Kritik der Abolitionismusbewegung aus den Nordstaaten als unbegründet und ignorant darzustellen. Die stark auf Agrarprodukte ausgerichtete Wirtschaft der Südstaaten hatte nicht nur einen starken Einfluss auf das Bild von Versklavten als grundsätzlich arm, eher körperlich begabt und intellektuell unterqualifiziert, der hohe Bedarf an Arbeitskräften 326 24 Sklaverei und Sklavenhandel <?page no="327"?> prägte auch die Demografie dieser Region. Dadurch lebten auf den Reis- und Baum‐ wollplantagen des Südens anders als im Norden größere Gruppen von bis zu 1.000 Versklavten zusammen. Dadurch stieg hier auch Anteil der Schwarzen Bevölkerung in den Südstaaten, z. B. in South Carolina, wo der Anteil der Schwarzen Bevölkerung schon ab 1708 bei über 50 Prozent lag (Wood 1974). Damit war die Wirtschaft des Südens, mit ihrem Fokus auf Landwirtschaft, wesentlich stärker von der Existenz der Sklaverei abhängig als im Norden, aber auch Gesellschaft, Kultur und Politik wurden stärker auf den Erhalt der peculiar institution, wie sie John C. Calhoun, ein Verteidiger der Sklaverei, 1837 nannte, ausgerichtet. Aus Angst vor der Widerständigkeit von Afroamerikaner: innen wurden die Gesetze zur Unterdrückung immer brutaler, die Reaktionen auf Kritik an der Sklaverei im 19.-Jahrhundert immer harscher. Vor allem in Reaktion auf die stärker werdende Abolitionismusbewegung, änderte sich ab den 1820er Jahren die Logik der Sklaverei hin zu einer vor allem kulturell orientierten und strukturierten rassistischen Begründung (→ Kapitel Abolitionismus). Vertreter: innen der Südstaaten griffen die Argumente von Kritiker: innen der Sklaverei aus dem Norden auf und verteidigten sie als wohlwollende Fürsorge und Zivilisierung von Schwarzen Menschen, während, so die Ideologie, in den Fabriken des Nordens verwahrloste Arbeiter: innen vollkommen allein gelassen und vernachlässigt als sog. wage slaves schuften mussten. In dieser Logik des Paternalismus stellten Befürworter die Sklaverei des Südens als wesentlich humaner dar, da Schwarze Menschen hier als Mitglieder des Haushalts behandelt würden, für deren Wohlergehen ein männliches Familienoberhaupt sorge. Versklavte nahmen ihr Schicksal jedoch keinesfalls passiv hin, sondern gestalteten ihre Lebenswelt aktiv mit. Widerstand gegen Sklaverei Angesichts der langfristigen Stabilität von Sklaverei - gerade in Nordamerika - stellt sich die Frage nach Widerstand bzw. nach dessen vermeintlicher Abwesenheit. Lange Zeit konzentrierte sich die Forschung vor allem auf offensichtliche Formen des Widerstands: Rebellionen und Aufstände. In der historischen Analyse drängt sich dabei eine Frage geradezu auf: Warum gab es so wenige Sklavenaufstände und warum hatten weiße Sklavenhalter gleichzeitig beständig Angst vor rebellischen Sklaven? Anstatt dieser verengenden Frage nachzugehen, ist es produktiver die Vielfalt verschiedener Widerstandsformen in den Blick zu nehmen. Wie im Fall des Handels mit Versklavten ist es auch für das Verständnis von Widerstand und Kritik an Sklaverei in Nordamerika wichtig eine atlantische Perspektive einzunehmen. Der bekannteste Sklavenaufstand, der erheblichen Einfluss auf die Debatte über Sklaverei und Rassismus in den noch jungen Vereinigten Staaten hatte, fand, inspiriert von den Umwälzungen der Pariser Revolution, 1791 in der französischen Zuckerkolo‐ nie Saint Domingue (heute Haiti) statt. In der Wahrnehmung der erfolgreichen Haiti‐ anischen Befreiung waren atlantische Ideengeschichte und rassistische Stereotype eng miteinander verzahnt. Politiker der frühen Amerikanischen Republik vor sahen die 24 Sklaverei und Sklavenhandel 327 <?page no="328"?> Revolution auf Haiti als existentielle Bedrohung für die Fortführung der Sklaverei in den USA an. In diesem Sinne wurde die Befreiungsbewegung auf Saint Domingue von vielen Zeitgenossen nicht als politische Revolution, sondern als Aufstand oder Blutbad angesehen, das auf keinen Fall die gleiche Tiefe und intellektuelle Begründung wir die Französischen und Amerikanischen Revolutionen aufwies. Während Thomas Jefferson und Maximilien de Robespierre als revolutionäre Köpfe gefeiert wurden, galt Toussaint Louverture, einer der Anführer der haitianischen Freiheitskämpfe, vielen weißen Zeitgenossen als gewalttätiger Schlächter. Als Bezugspunkt und Feindbild blieb Haiti auch in der Folge lebendig: Sklavenaufstände in den Amerikas wurden danach oft vor der Folie dieser erfolgreichen Revolution diskutiert - so z. B. Gabriels Verschwörung 1800 (in Virginia), die Sklavenrevolte auf Barbados 1816 oder Nat Turners Aufstand 1831 (in Virginia). Das Bild von Haiti als Aufstand aller Versklavten prägte die Wahrnehmung Schwarzen Widerstands in den USA bis in die 1850er Jahre und stellte ein warnendes Menetekel dar. Sklavenaufstände in den USA gewannen dadurch eine nationale Bedeutung, deuteten viele weiße Amerikaner: innen in der Ära nach Haiti diese nicht nur als Zeichen der Widerständigkeit einiger weniger, sondern als Omen für eine Revolution der Schwarzen Bevölkerung. Seit der Kolonialzeit waren Sklavenaufstände eine der etablierten und unter der weißen Bevölkerung meist gefürchteten Formen des Widerstands gegen Sklaverei. Die Liste prominenter Rebellionen ist lang: 1712 in New York, 1739 in Stono, South Carolina, 1800 in Virginia, 1811 in Louisiana, 1822 in Charleston, SC, 1831 in Southampton, Virginia, markieren die Versuche Versklavter sich mit Gewalt selbst zu befreien und ihre Freiheit zu erringen. Stets handelte es sich jedoch um lokal begrenzte Aufstände von kurzer Dauer, die selten Opfer unter der weißen Bevölkerung forderten, gewalttä‐ tige Racheaktionen sowie die gerichtliche Aufarbeitung dieser Rebellionen resultierten jedoch häufig in Toten und Verletzten in der Gruppe der Versklavten. Es ist jedoch umstritten, welchen Umfang diese Aufstände hatten und teilweise ist nicht einmal klar, ob sie überhaupt stattfanden oder reine weiße Erfindung und strategisches Kalkül waren, um die öffentliche Meinung für eigene politische Zwecke zu beeinflussen. Fest steht jedoch, dass sich in den phantasmagorischen Beschreibungen und auch in den gerichtlichen Aufarbeitungen der Revolten häufig Ängste der weißen Bevölkerung und die krisenhafte Instabilität von Sklaverei spiegelten. Rebellion und unkooperatives Verhalten wurden kompromisslos mit harten körper‐ lichen Züchtigungen bis hin zum Tod bestraft. Schon die ersten slave codes (u.-a. 1661 auf Barbados oder 1712 in South Carolina) zielten auf die körperliche Regulierung und Züchtigung von Sklaven ab. Die gesetzliche Regulierung der Sklaverei war Ergebnis eines intensiven Wissensaustauschs zwischen den verschiedenen Kolonien, der rassistische Ideologie mit wirtschaftlichen Interessen verknüpfte. Angesichts dieses harschen Strafregimes ist es wichtig, auch andere häufigere rebellische Verhaltenswei‐ sen in den Blick zu nehmen: Arbeitsverweigerung und Sabotage wurden zumindest von vielen Weißen auch als gefährliches Verhalten und als Vorzeichen einer möglichen Rebellion verstanden und gewertet (Schwarz 1984, 134). 328 24 Sklaverei und Sklavenhandel <?page no="329"?> Formen des Sich-Widersetzens oder -Entziehens waren auch jenseits gewalttätiger Aufstände vielfältig. Kleinere, scheinbar banale Akte wie das Zerbrechen von Werk‐ zeugen, das Vortäuschen von Krankheit oder absichtliches Trödeln bei der Arbeit konnten Momente des Widerstands sein und wurden von Versklavenden auch als solche interpretiert (Schwarz 1984, 134). Vor dem Hintergrund, dass Versklavte für ihre Besitzer und Händler lebendes Kapital darstellten, ergibt es beispielsweise Sinn, auch Selbstmord und Flucht als Akte des Sich-Auflehnens zu verstehen, da sie es Versklavten ermöglichten, Kontrolle über ihren eigenen Körper auszuüben. Das Bild gefährlicher Schwarzer Sklaven entstand damit sowohl als Schwarze Praxis als auch als weiße Imagination. Ferner gab es immer wieder Versklavte, die ihr Wissen über vermeintliche oder tatsächliche Widerstandsaktivitäten an Behörden oder ihre Besitzer weitergaben und dafür Vergünstigungen oder manchmal selbst ihre Freiheit erhielten. Diese Art der Komplizenschaft enthüllt die Vielschichtigkeit von Sklaverei als Machtformation - so konnte sie auch Kollaboration als Akt des Sich-Entziehens und das Ausnutzen der Hierarchie für eigene Zwecke umfassen (Dennis 2013; Jobs 2021). Gerade Flucht war einer der wichtigsten Akte des Widerstands, weil hier Afro‐ amerikaner: innen die Kontrolle über sich selbst und ihre Körper wieder gewannen (Bell 2012). Wegen des erheblichen wirtschaftlichen Verlustes, der für die Versklav‐ enden mit Flucht einherging, wurde diese meist mit brutalen körperlichen Strafen sanktioniert. Neben individuellen Bemühungen waren es vor allem die Aktivist: innen der Underground Railroad, die ab 1800 bis zu 100.000 Versklavten halfen, die freien Staaten des Nordens oder nach Kanada zu entkommen. Fluchthelfer: innen wie Harriet Tubman organisierten darin ein Netzwerk geheimer Schutzhäuser mit verschlüsselter Kommunikation, das darauf ausgerichtet war, sichere Fluchtrouten zu schaffen. Diese Unternehmungen standen in der Tradition Schwarzer Befreiung seit der Amerikani‐ schen Revolution (1776). Besonders in den Städten des Nordens gründeten sich afroa‐ merikanische Kirchen, Schulen oder soziale Clubs, als Institutionen Schwarzen Lebens, Schwarzer Intellektualität und Schwarzer Emanzipation, die Sklaverei kritisierten und bekämpften (Rael 2015, 143-51). 24 Sklaverei und Sklavenhandel 329 <?page no="330"?> Abbildung 12: Harriet Arminta Tubman, ca. 1885 (Fotograf: H. Seymour Squyer). National Portrait Gallery, Smithsonian Institution, https: / / npg.si.edu/ object/ npg_NPG.2006.86. Kollektive Befreiungsversuche sowie das Ausloten individueller Handlungsräume wurden seit Beginn des 19. Jahrhunderts durch politisch-publizistischen Widerstand gegen Sklaverei verstärkt. Einen großen Anteil daran hatten organisierte und weltweit vernetzte Bewegungen zur Abschaffung der Sklaverei (zur Abolitionismusbewegung → Kapitel Abolitionismus). Wie auch die Entstehung der Sklaverei in Nordamerika so ist auch ihr Ende nur in einem atlantischen Kontext zu verstehen. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts setzten weltweit Bestrebungen ein, erst den Handel mit Menschen und schließlich auch Sklaverei generell abzuschaffen. Ironischerweise waren es die gleichen Netzwerke und Verknüpfungen, in denen der globale Warenaustausch stattfand, die eine großflächige Kritik an der Sklaverei ermöglichten. In Großbritannien nahmen Gegner der Sklaverei beispielsweise Verbraucher: innen und Unternehmer: innen in die Pflicht und riefen 1791 zu einem Boykott von Zucker und Rum aus den Kolonien auf, um auf die unmenschlichen Arbeitsbedingungen hinzuweisen. Diese Strategie sollte 330 24 Sklaverei und Sklavenhandel <?page no="331"?> sich langfristig als erfolgreich herausstellen (Midgley 1996). In Lateinamerika war die Abschaffung der Sklaverei eng mit den Unabhängigkeitsbewegungen verknüpft. In den 1820er Jahren gründeten sich weltweit Organisationen, Zeitungen und Verlage, die vehement die Abschaffung der Sklaverei forderten. Diese Bewegungen agierten auch auf globaler Ebene. In London trafen sich 1840 Vertreter (nur Männer, denn Frauen waren explizit ausgeladen) von Abolitionisten hauptsächlich aus Europa und Nordamerika zur World Anti-Slavery Convention, um ihre Ideen auszutauschen und Aktivitäten zu koordinieren. Dieser politische Druck bewirkte eine Änderung der öffentlichen Meinung in den jeweiligen Ländern, sodass zwischen 1833 und 1865 Sklaverei auch offiziell in den USA und weiten Teilen Europas bzw. deren Kolonien verboten wurde (Eckert 2021, 74-91). Erläuterung | Dred Scott v. Sandford, 1857: Dred Scott, ein versklavter Schwarzer Mann, zog 1856 vor den Obersten Gerichtshof der USA, um seine Freiheit zu erstreiten. Der Supreme Court wies seinen Anspruch jedoch zurück, ohne dabei die rechtliche Logik zu prüfen und erklärte sich für nicht zuständig. In seiner zutiefst rassistischen Urteilsbegründung bezeichnete Chief Justice Taney Afroame‐ rikaner: innen als Menschen niederer Ordnung, die nicht dafür geeignet wären am politischen Leben der USA teilzuhaben („beings of an inferior order, and altogether unfit to associate with the white race, either in social or political relations“) und etablierte damit auf Jahrzehnte eine Rechtsdoktrin, die es Afroamerikaner: innen erschwerte für ihre Rechte einzutreten. In den USA fasste die Abolitionismusbewegung vor allem ab den 1820er Jahren Fuß. Organisationen wie die American Anti-Slavery Society und Aktivist: innen wie William Lloyd Garrison kritisierten in Publikationen und Reden Sklaverei als moralische Sünde. Sie traten für eine sofortige Abschaffung (immediatism) der Sklaverei ein und kämpften damit gegen das bis dahin vorherrschende Modell einer allmählichen Befreiung (gradualism). Die Radikalität dieser Idee sorgte vor allem in den Südstaaten für große Verunsicherung - die dortigen weißen Eliten befürchteten, dass solche Ideen zu Widerstand und Rebellion unter der afroamerikanischen Bevölkerung führen würden. Ehemalige Versklavte wie Frederick Douglass waren wort- und bildreiche Vertreter: innen dieser Bewegung, blieben jedoch letztlich in der Minderheit in einer Bewegung, in der weiße Aktivist: innen angaben, für die Interessen afroamerikanischer Menschen einzutreten (Blight 2018). Hier offenbart sich jedoch auch eine Unschärfe dieser Bewegung. Während sie Sklaverei als destruktives Element der amerikanischen politischen Verfasstheit verurteilten, traten Abolitionist: innen nur bedingt für die die politische und soziale Gleichberechtigung Schwarzer Menschen in den USA ein. Dies zeigte sich besonders in der Kolonisierungsbewegung (colonization), die vorschlug Sklaverei dadurch abzuschaffen, indem alle Afroamerikaner: innen befreit und anschließen in ihre vermeintlich eigentliche Heimat Afrika verschifft werden 24 Sklaverei und Sklavenhandel 331 <?page no="332"?> sollten. Ihnen wurde damit der Status als US-Amerikaner: in und die Möglichkeit Teil der politischen Gemeinschaft zu sein abgesprochen. Als besonders negatives Beispiel für diese Sichtweise ging der Fall von Dred Scott, einem versklavten Mann aus Virginia, in die amerikanische Geschichte ein. Als dieser 1857 vor dem Obersten Gerichtshof seine Freiheit einklagen wollte, vermieden die Richter eine Stellungnahme zu diesem Anliegen. Vielmehr reduzierten sie ihr Urteil auf die Frage, ob ein Schwarzer Mann überhaupt den politischen Status haben könne, vor diesem Gericht als Kläger aufzutreten: „Can a negro, whose ancestors were imported into this country, and sold as slaves, become a member of the political community formed and brought into existence by the Constitution of the United States […]? “. In ihrer Antwort verneinten sie diesen Anspruch und erhoben damit rassistische Strukturen zur Rechtsnorm: We think that [black people] are not included, and were not intended to be included, under the word ‘citizens’ in the Constitution, and can therefore claim none of the rights and privileges which that instrument provides for and secures to citizens of the United States. […] They had for more than a century before been regarded as beings of an inferior order (Dread Scott, 60 US, 403-07). Es sollte fast ein Jahrhundert dauern, bis der Supreme Court im Fall von Brown v. Board of Education of Topeca 1954 einstimmig eine Stellungnahme formulierte, die die Verfassung der Vereinigten Staaten eindeutig in Unterstützung Schwarzer Bürgerrechte interpretierte. Sklaverei im kulturellen Gedächtnis der USA Auch nach dem Ende der Sklaverei bestanden weiterhin politische, ideologische und kulturelle Kontinuitäten zu den Ideen und Annahmen aus dieser Zeit. Vorstellungen Schwarzer Gewalttätigkeit und Kriminalität, wie sie in den slave codes imaginiert worden waren, sowie das Bild abhängiger und untätiger Afroamerikaner: innen, die nicht allein für sich sorgen könnten und nicht fähig seien, politisch eigenständig zu handeln, bildeten Kernelemente für die Fortführung der rassistischen Gewalt und Un‐ terdrückung von Afroamerikaner: innen nach dem Ende der Sklaverei in Institutionen wie der Segregation und den Jim-Crow-Gesetzen (→ Kapitel Segregation und → Kapitel Wahlrechtsdiskriminierung). Ferner fanden ähnliche Bilder in den politischen Debatten der letzten vierzig Jahre immer wieder ihre Entsprechung in der Stigmati‐ sierung von Schwarzer Armut als selbstgewähltem Schicksal und Lebensmodell - ikonisch kristallisiert in Ronald Reagans Verwendung des Begriffs „welfare queen“, um angeblichen Sozialbetrug durch arbeitsunwillige Schwarze Frauen anzuprangern. Somit prägen die historische Aufarbeitung und die geschichtliche Bewertung der Sklaverei bis heute politische und kulturelle Debatten in den USA und spaltet die Bevölkerung. 332 24 Sklaverei und Sklavenhandel <?page no="333"?> Soziale Benachteiligung und Rassismus sind für die Nachkommen der ehemaligen Sklav: innen immer noch alltägliche Erfahrungen. Dies wurde in den letzten Jahren in den USA vor allem in den Debatten über rassistische Polizeigewalt sichtbar, die als Katalysator für eine generelle historische Bewertung der Sklaverei und des amerikani‐ schen Bürgerkriegs dienten (→ Kapitel Polizeisystem und Polizeigewalt und → Kapitel Black Lives Matter). Am historischen Gedächtnis des amerikanischen Bürgerkriegs re‐ produzieren sich rassistische Strukturen und Ideen. Bereits kurz nach dem Bürgerkrieg rechtfertigten hochrangige Südstaatenoffiziere und Veteranen ihren Kampf für die Sklaverei als heroische Pflicht für ihr Vaterland, der vollkommen außerhalb politischer Motive stattfand. Dieser Mythos des ‚lost cause‘ hob den ehrenhaften Einsatz der konföderierten Soldaten sowie den Kampf für die Rechte der Bundesstaaten hervor, während der Konflikt über den Fortbestand von Sklaverei und die damit verbundenen rassistischen Strukturen weitgehend verschwiegen wurden. Hierin reproduzierte sich ein paternalistisches Bild, das in den Südstaaten schon vor dem Bürgerkrieg zur Rechtfertigung von Sklaverei gedient hatte. Dabei blieben im kulturellen Gedächtnis der Südstaaten vorhandene Ideologien und Stereotype wie die Konstellation des wohl‐ tätigen Sklavenhalters und der schutzbefohlenen Versklavten intakt, die es erlaubten Rassismus, Unterdrückung und Ausbeutung als Elemente von Sklaverei systematisch zu vergessen oder zu ignorieren. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verbreitete sich dieser Mythos im Sinne einer nationalen Versöhnung der einstigen Kriegsparteien auch immer stärker in den Nordstaaten (Domby 2020, Kap. 2). In Filmen wie Gone with the Wind (USA, 1939) oder in Denkmälern wurden die Südstaaten als aristokratisch ehrenvolle Gesellschaft idealisiert, die rassistische Gewalterfahrung von Versklavten und damit ihre Stimmen im politischen Diskurs verblieben wurde fast vollständig marginalisiert. Gerade in Denkmälern wurde ein Bild der Südstaatenvergangenheit und Sklaverei gezeichnet, das die Gewalt gegen Afroamerikaner: innen beinahe vollständig ausblendete und das ab Mitte des 20. Jahrhunderts als erinnerungspolitisches Statement gegen die Aktivist: innen der Bürgerrechtsbewegung gerichtet war. In der Darstellung von Afroamerikaner: innen als kindlich Abhängigen oder in ihrer Ausblendung bei gleichzeitiger heroischen Überhöhung des weißen und männlichen Heldentums der abtrünnigen Südstaaten wurde Schwarzes Leben komplett ignoriert und Schwarze politische Rechte als gegenstandslos oder unwichtig entwertet. Daher ist es kein Zufall, dass sich die Kritik der modernen Bürgerrechtsbewegungen wie Black Lives Matter vor allem an diesen Monumenten rassistischer Geschichtsromantisierung entzündet. Die mangelhafte kritische Auseinandersetzung mit Sklaverei in den USA, erlaubte es im 20. Jahrhundert, die politischen Rechte von Afroamerikaner: innen weiterhin durch Jim-Crow-Gesetze zu unterdrücken und dabei rassistische Feindbilder aus der Zeit der Sklaverei weiterhin zu pflegen. Im Umgang mit „black lives“ leben diese Stereotype bis heute fort. Die historische Vorstellung des gefährlichen Schwarzen Mannes, der sich einem beständigen Kriminalitätsverdacht ausgesetzt sieht, bleibt bis heute z. B. im Umgang der Polizei mit afroamerikanischen Männern ein wirkmächtiger Bezugspunkt. Die Idee hat ihre historischen Wurzeln im Bild des geflüchteten versklavten Mannes, 24 Sklaverei und Sklavenhandel 333 <?page no="334"?> der eine beständige Gefahr für die weiße politische Stabilität darstellt und sich ver‐ meintlich permanent in den Grenzbereichen der Rechtsordnung bewegt. Somit bleiben rassistische Logiken und Bilder, die weit in die koloniale Geschichte zurückreichen, als Echos in dem zeitgenössischen Blick auf Schwarzes Leben in Amerika erhalten. In Reaktion darauf ist es erklärtes Ziel von Geschichtsprojekten wie dem 1619 Project, die Geschichte der USA sowie ihre politische und wirtschaftliche Ordnung stärker von der Sklaverei und Unterdrückung her zu denken, vormals marginalisierte Stimmen hörbar zu machen und damit die Heldenerzählung der andauernden (weißen) amerikanischen Revolution seit 1776 zu ersetzen. Erfahrungen von rassistischer Gewalt, Unterdrückung und Diskriminierung, die ihre Wurzeln in der Sklaverei haben, verbleiben damit im Mittelpunkt aktueller politischer Debatten, wie bspw. über Frage von Entschädigungs‐ zahlungen an die Nachkommen versklavter Afroamerikaner: innen (→ Kapitel Der Kampf um Reparationen). Literatur Banks, Taunya Lovell. 2008. „Dangerous Woman: Elizabeth Key’s Freedom Suit - Subjecthood and Racialized Identity in Seventeenth Century Colonial Virginia.“ Akron Law Review 41, 3: 799-837. „Barbados Slave Code (1667), Page 1“. Slavery, Law, and Power. Abgerufen am 25. 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Doch seit 1999 ist die Zahl der Hinrichtungen von 98 auf elf im Jahr 2021 gesunken: Drei in Texas, zwei in Oklahoma, jeweils eine in Alabama, Mississippi und Missouri und drei nach Bundesrecht noch in den letzten Tagen der ersten Amtszeit Präsident Donald Trumps. Zudem haben seit 2004 elf US-Staaten die Todesstrafe abgeschafft, und drei weitere haben ein Moratorium verhängt, so dass derzeit nur noch die Hälfte aller US-Staaten in ihren Rechtsordnungen den Tod als Strafe vorsieht. Als Meilenstein gilt die Abschaffung der Todesstrafe in Virginia, das sich im Jahr 2021 als erster Staat des Südens von ihr verabschiedet hat. In der jüngeren US-Geschichte sind fast alle Exekutionen im US-amerikanischen Süden vollstreckt worden, und Virginia ist der Staat bzw. die Kolonie mit den meisten Hinrichtungen in der nordamerikanischen Geschichte seit 1608 (Death Penalty Information Center 2022). Dieser Rückzug der Todesstrafe ist vor allem auf zwei Gründe zurückzuführen. Erstens hat sich die befremdliche Vorstellung, eine Gesellschaft könne modern und zivilisiert töten, als Phantasma erwiesen. Seit dem späten 19. Jahrhundert wurde diese Vorstellung mit dem elektrischen Stuhl, der Gaskammer und dann seit den 1970er Jahren mit der tödlichen Injektion verbunden, die jedoch immer wieder zu quälend langwierigen, sichtbar schmerzhaften und grausamen Hinrichtungen geführt haben. Darüber hinaus sind die Substanzen, die zur Hinrichtung mit der Giftspritze vorge‐ schrieben sind, mittlerweile oft schwer oder gar nicht mehr zu bekommen. Zweitens ist die Todesstrafe in ihrer Anwendung rassistisch und trifft immer wieder Unschuldige. Auch verschiedene Reformen seit den 1970er Jahren haben an der Fehlerhaftigkeit und dem Rassismus der Todesstrafe nur wenig ändern können. Als Gouverneur <?page no="338"?> Ralph Northam am 24. März 2021 in Richmond, der ehemaligen Hauptstadt der Konföderation, das Gesetz zur Abschaffung der Todesstrafe in Virginia unterzeichnete, begründete er diesen Schritt damit, dass die Todesstrafe ineffektiv und grundlegend fehlerhaft sei sowie unverhältnismäßig häufig Schwarze Menschen treffe: „Virginia has come within days of executing innocent people, and Black defendants have been disproportionately sentenced to death“ (Office of the Governor 2021). Von der Kolonialzeit bis 1865 Die historischen Spuren der Todesstrafe als rassistische Praxis führen bis zur frühen amerikanischen Kolonialzeit zurück (Banner 2006). Sklaverei gab es in allen britischen Kolonien in Nordamerika, doch vor allem in den Kolonien des Südens gründeten der Anbau von Tabak in Virginia, von Reis in den Carolinas und dann im 19.-Jahrhundert von Baumwolle auf den Plantagen des Deep South in der Versklavung Schwarzer Menschen. Einen formalen Rahmen erhielt die Sklaverei durch sogenannte slave codes wie die in South Carolina von 1695, 1712 und 1739 oder in Virginia von 1705. Verstümmelungen, die Peitsche und der Tod waren die vorrangigen Instrumente, die sie vorsahen, um Sklav: innen zu strafen. Vor allem auf Widerstand und Gewalt gegen Weiße, auf Flucht und Rebellion, aber auch auf zahlreiche weitere Vergehen stand der Tod. Slave codes hüllten das Unrecht in den Mantel des Rechts (Dayan 2007, 9-16). Erläuterung | Slave Codes: Slave codes legten Regelsysteme für die Praxis der Sklaverei fest. Als erster slave code gilt der von Barbados aus dem Jahr 1661, der zu einer Art Modell in der britischen atlantischen Welt werden sollte. Er beeinflusste auch die nordamerikanischen Kolonien, die um 1700 begannen, slave codes zu verabschieden. Diese verrechtlichten die Vorstellung von Schwarzen Menschen als Eigentumsobjekte, deren Rechte nicht denen weißer Menschen entsprachen. In der Geschichte der Todesstrafe als rassistische Praxis sind sie wichtig, weil sie die Ungleichbehandlung und die Möglichkeit der willkürlichen Tötung Schwarzer Menschen rechtlich legitimierten und Schwarzem Leben einen geringeren Wert zuwiesen. Die ersten slave codes bündelten und systematisierten einzelne Verordnungen und Gesetze, die schon in den zurückliegenden Jahrzehnten erlassen worden waren. So war die lebenslange Versklavung Schwarzer Menschen in Virginia schon 1661 kodifiziert worden, und auch zu diesem Zeitpunkt war sie schon seit längerem gängige Praxis gewesen. Eine Verordnung von 1669 besagte zudem, dass ein Sklav: innenhalter, der eine: n Versklavte: n im Zuge einer Züchtigung tötete, nicht eines Kapitalverbrechens angeklagt werden könne, da niemand sein Eigentum willentlich zerstöre. Ein solcher Passus sollte bald in zahlreichen slave codes zu finden sein (Martschukat 2002). Während Gewalt Schwarzer Sklav: innen gegen Weiße ein Kapitalverbrechern war, ist 338 25 Todesstrafe <?page no="339"?> kaum ein weißer Mensch für die Tötung eines Schwarzen Sklaven verurteilt worden, geschweige denn zum Tode (Martschukat 2002, 67-72; Fede 2017). Stattdessen sahen slave codes - etwa der von South Carolina aus dem Jahr 1740 - eine Geldstrafe und möglicherweise eine Kompensation des Besitzers vor, z. B. wenn Versklavte auf der Flucht von ihren Verfolger: innen getötet wurden. Das herrschende weiße Recht maß Schwarzem Leben keinen Wert sui generis bei, jenseits der ökonomischen Dimension war dessen Verlust nicht als beklagenswert anerkannt (Hartman 1997; Butler 2009). Von den 1880er bis zu den 1920er Jahren Über 80 Prozent der Hinrichtungen in den USA seit 1977 sind im Süden vollzogen worden und somit in der Region, deren Gesellschafts- und Wertesystem historisch in der Sklaverei wurzelt. Folgt man den historischen Spuren der Todesstrafe und ihres Rassismus, so führen diese nicht nur zur Sklaverei und den slave codes, sondern unweigerlich auch zum Lynching (→ Kapitel Lynchjustiz). Von den 1880er bis zu den 1920er Jahren, als mehr Menschen als in jeder anderen Epoche der Lynchgewalt zum Opfer fielen, sind über 80 Prozent der erfassten Lynchings im Süden vollzogen worden - dem sogenannten „death belt“. Die Kontinuität vom Lynching zur Todesstrafe ist frappierend (Zimring 2003, v.-a. 89-118; Ogletree und Sarat 2006). Die Teilnehmer: innen von Lynchmobs waren vorwiegend weiß. Die meisten Opfer waren Schwarze Männer, die beschuldigt wurden, gegen die rassistischen Grenzzie‐ hungen der südstaatlichen Gesellschaft verstoßen zu haben. In einem Lynching eignete sich der Mob die souveräne Gewalt an, um wieder und wieder diejenigen Grenzen zu ziehen, die brüchiger geworden zu sein schienen, seitdem die Sklaverei abgeschafft und African Americans durch den 14. Verfassungszusatz von 1868 die Bürgerrechte erhalten hatten. Wie David Garland (2010, 33) betont, speisten sich die Lynchings um 1900 und die Todesstrafe um 2000 aus denselben sozialen Kräften, sie teilten viele soziale Funktionen und waren von ähnlichen politischen, lokal und regional verankerten Strukturen ermöglicht. Ihr Ziel war und ist die Aufrechterhaltung einer rassistischen Ordnung durch tödliche Gewalt. Besonders prägnant zeigte sich dies in den 1920er Jahren, als zum Beispiel in Georgia die Kritik sowohl an den Lynchings als auch an der herrschenden Praxis der Todesstrafe, die dort noch durch Erhängen vollstreckt wurde, immer lauter wurde. Es hieß, beide ähnelten sich zu sehr, was den Staat als Institution diskreditiere. Mit der Einführung des elektrischen Stuhls sollte die Todesstrafe ab 1924 auch in Georgia zu einer Praxis werden, die Modernität und Zivilisiertheit zum Ausdruck brachte. Zugleich nahmen Gerichtsverfahren bei Kapitalanklagen vor allem gegen Schwarze Angeklagte nur selten viel Zeit in Anspruch, und wenn ein Schwarzer Mann eines Gewaltverbrechens gegenüber einem Weißen und vor allem der sexuellen Gewalt gegen eine weiße Frau beschuldigt war, war ein Todesurteil so gut wie sicher. Zeitgenossen sprachen von „legal lynchings“. Der Staat Georgia sollte zwischen 1924 und 1964 422 Hinrichtungen und damit in dieser Zeit mehr als jeder andere US-Staat 25 Todesstrafe 339 <?page no="340"?> vollstrecken; 80 Prozent davon an Schwarzen Männern. Modern, regelhaft und rational, wie sich die tödliche Strafgewalt nun gab, war es noch schwieriger geworden, ihren Rassismus zu bekämpfen (Martschukat 2007). Ebenso wie die slave codes und die Lynchings ist die Praxis der Todesstrafe nicht nur eine Folge von Rassismus und der Effekt einer rassistischen Gesellschaftsordnung, sondern sie trägt als Praxis dazu bei, diese hervorzubringen (Banner 2006; Sarat 2006). Von den 1930er Jahren bis 1972 Ab den 1930er Jahren sah sich der Rassismus der Justiz und der Todesstrafe mit wachsender Kritik von verschiedenen Seiten konfrontiert. Zum Beispiel organisierten sowohl die National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) als auch die American Communist Party Solidarität und Unterstützung für die soge‐ nannten Scottsboro Boys (1931), der Schriftsteller Richard Wright prangerte in seinem Roman Native Son (1940) den Rassismus der US-amerikanischen Justiz und Gesellschaft auch im Norden an, und verschiedene soziologische Studien begannen, ein zunehmend solides empirisches Fundament für die Kritik an der Todesstrafe zu schaffen. Der Sozi‐ ologe Gunnar Myrdal beschrieb deren Rassismus als Teil des American Dilemma (1944), das im Süden des Landes besonders virulent sei. Die NAACP, aber auch die American Civil Liberties Union (ACLU) gingen fortan in mehr und mehr entsprechenden Fällen in die Revision, wodurch sie immer wieder die Ungerechtigkeiten der Justiz aufzeigten (Martschukat 2002, 122-29). Die Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre erhöhte den Reformdruck auf Poli‐ tik und Justiz. Kritiker der Todesstrafe arbeiteten zahlreiche Faktoren systemischer Diskriminierung heraus, wie z. B., dass die Zusammensetzung der Jurys nicht die Bevölkerung abbildete und in zahlreichen Bezirken noch nie ein: e African American als Geschworene: r fungiert hatte, Jurys auch von daher zu Schuldurteilen neigten und strafmildernde Umstände oft unter den Tisch fielen. Dies alles bedeutete eine systematische Benachteiligung vor allem von Schwarzen Amerikanern, was dem 14. Verfassungszusatz widersprach und in dem gesellschaftlichen Reformklima der 1960er Jahre endlich auf entsprechend vehemente und anhaltende Kritik stieß. Außerdem konnten Bürgerrechtler: innen mit der Zeit argumentierten, dass die Verfahren auf‐ grund ihrer vielen Probleme immer seltener zu Todesurteilen führten, so dass die Todesstrafe nicht nur als „grausam“, sondern auch als „ungewöhnlich“ zu betrachten sei und damit dem 8. Zusatz zur amerikanischen Verfassung widersprach. Am 29. Juni 1972 folgte der Oberste Gerichtshof in dem Fall Furman v. Georgia dieser Argumentation und erklärte die Todesstrafe für verfassungswidrig. Zu diesem Zeitpunkt war in den USA schon seit vier Jahren kein Todesurteil mehr vollstreckt worden. 340 25 Todesstrafe <?page no="341"?> Erläuterung | Furman v. Georgia, 408 U. S. 238 (1972): Gegner: innen der Todesstrafe veränderten im Laufe der 1960er Jahre ihre Strategie. Sie sahen, dass eine Abschaf‐ fung der Todesstrafe per Gesetz in den am stärksten betroffenen Einzelstaaten nicht gelingen würde, weil die politischen Mehrheiten nicht organisierbar waren. Also arbeiteten sie auf eine Entscheidung des Verfassungsgerichtes hin, die die Todesstrafe zu einem Verstoß unter anderem gegen den 14. Verfassungszusatz erklärte, weil sie rassistisch diskriminierte. Im Juni 1972 stellte der Supreme Court tatsächlich in Furman v. Georgia mangelnde Präzision und damit eine Ungleichbe‐ handlung in Kapitalverfahren fest, die Schwarze Amerikaner benachteiligte, womit die Todesstrafe verfassungswidrig war. Von 1976 bis 1999 Mit 5: 4 Richterstimmen war die Furman-Entscheidung denkbar knapp ausgefallen. Zudem richtete sie sich nicht grundsätzlich gegen die Todesstrafe, sondern nur gegen die gängige Verfahrenspraxis. In den folgenden Jahren listeten verschiedene Staaten des Südens vermeintlich präzise Umstände auf, derer es für ein Todesurteil bedurfte und die verfassungswidrige Ungleichbehandlung unmöglich machen sollten. Schon 1976 erkannte der Supreme Court in dem Fall Gregg v. Georgia die neuen Kapitalverfahren als verfassungskonform an und revidierte so das Furman-Urteil mit 7: 2 Stimmen. Dass präzisierte Entscheidungskriterien ein Ende des Rassismus der Todesjustiz bedeuteten, war jedoch eine Illusion. Im Laufe der 1980er Jahre nahm die Zahl der Hinrichtungen ebenso wie die Kritik am Rassismus der Todesjustiz ständig zu. Denn Todesurteile wurden nach wie vor häufiger gefällt, wenn der Angeklagte Schwarz und vor allem wenn das Opfer weiß waren. So war ein Todesurteil z. B. in Georgia 22-mal wahrscheinlicher, als wenn der Täter weiß und das Opfer Schwarz waren. Nach wie vor zählte in der Justiz ein weißes Leben offenbar mehr, und dies schien vor allem für den US-amerikanischen Süden zu gelten. Gleichwohl erklärte das Verfassungsgericht im Jahr 1987 in McCleskey v. Kemp, dass es sich in der Frage der Todesstrafe nicht mehr in die Angelegenheiten der Einzelstaaten einmischen würde. Fortan stieg die Zahl der jährlichen Exekutionen von 18 im Jahr 1986 auf 98 im Jahr 1999, die weitaus meisten davon in den Südstaaten. Wer in den USA politische Karriere machen wollte, musste sich „tough on crime“ zeigen, auch nördlich der Mason-Dixon-Line. Dies bedeutete, ohne Wenn und Aber für die Todesstrafe zu sein, auch wenn immer klarer wurde, dass Zeug: innenaussagen bisweilen von der Polizei erpresst und Geständnisse erzwungen wurden. Todesurteile trafen diejenigen, die arm waren und sich auf einen Pflichtver‐ teidiger stützen mussten, der häufig inkompetent und immer schlecht bezahlt war. Und dies waren und sind auch heute noch überproportional oft Schwarze Menschen (Martschukat 2002, 164-80). Doch die Gegner: innen der Todesstrafe gaben den Kampf auch in den 1990er Jahren nicht auf. Hartnäckig zeigten sie die Anfälligkeit des Systems für Fehler und die 25 Todesstrafe 341 <?page no="342"?> Verurteilung Unschuldiger immer deutlicher auf. Dies war auch den mittlerweile üblichen DNA-Analysen und der nun ständig wachsenden Zahl von Personen und Projekten zu verdanken, die sich dem Kampf gegen die Todesstrafe verschrieben. In Illinois zum Beispiel rollten der Journalismus-Professor David Protess und seine Studierenden an der Northwestern University zweifelhafte Todesurteile neu auf, und teilweise gelang es ihnen, in irritierendem Tempo Zeug: innen aufzuspüren, derer die Justiz nie hatte habhaft werden können. Berühmtheit erlangten die Studierenden, als sie am 3. Februar 1999 die Unschuld des Todeskandidaten Anthony Porter nur 48 Stunden vor dessen geplanter Hinrichtung nachwiesen. Hätten die Studierenden in dem Semester einen anderen Kurs als „investigativen Journalismus“ belegt, wäre Porter am 5. Februar 1999 exekutiert und nicht freigelassen worden. Diese Willkür war für mehr und mehr Menschen schwer erträglich (Warden 2012). Von 1999 bis heute Der Fall Porter war ein entscheidender Anstoß für den Gouverneur von Illinois, George Ryan, Republikaner und langjähriger Befürworter der Todesstrafe, im Jahr 2000 ein Moratorium in Illinois zu verhängen, bis die vielen Fehlurteile und dubiosen Praktiken in Kapitalverfahren geklärt seien. „Rasse“ war nicht im Kern von Ryans Argumentation, aber es war unbestritten, dass „Rasse“ in den Unregelmäßigkeiten der Todesjustiz eine zentrale Rolle spielte. Am 11. Januar 2003, unmittelbar vor dem Ende seiner Amtszeit, begnadigte Ryan alle 167 Todeskandidaten in Illinois. Zwischenzeitlich hatte auch der Gouverneur des Staates Maryland ein Moratorium verhängt, und eine Studie der University of Maryland belegte, dass Schwarze Angeklagte mit einer deutlich höheren Wahrscheinlichkeit zum Tode verurteilt wurden als weiße (Paternoster u. a. 2004; Ogletree u. Sarat 2006). Eine bereits kurz zuvor erschienene, umfassende Untersuchung aller Todesurteile in den gesamten USA von 1977 bis zur Mitte der 1990er Jahre war zu denselben Ergebnissen gekommen. Das Todesstrafensystem sei so fehlerhaft, dass man es nur als Broken System bezeichnen könne, und im Zentrum seiner Fehlerhaftigkeit wirke der Rassismus (Liebman u.-a. 2000 u. 2002). Seitdem haben von New Jersey im Jahr 2007 bis Virginia im Jahr 2021 elf Staaten die Todesstrafe aus ihren Strafgesetzbüchern gestrichen. Was auf den ersten Blick als Zeichen eines postrassistischen Zeitalters in der Strafjustiz anmuten könnte, stellt sich ungleich komplizierter dar, wenn man genauer hinschaut. Erstens ist das schlagende Argument gegen die Todesstrafe, das sogar so manche ihrer ehemaligen Befürworter zu überzeugen vermag, weniger der Rassismus als solcher, als vielmehr die Sorge, aufgrund von Fehlurteilen Unschuldige zu töten (Sarat 2006). Zweitens erscheint die lebenslange Gefängnisstrafe ohne Chance auf Bewährung vielen Menschen, die die Todesstrafe grundsätzlich befürworten würden, wenn das System nicht so fehlerhaft arbeitete, als alternative Strafe, die das gleiche Maß an Sicherheit gewährleistet. Aller‐ dings sehen Kritiker: innen in „life without possibility of parole“ nur eine andere Form der Todesstrafe, denn auch diese Strafform kennt keinen Ausweg und keine Gnade. 342 25 Todesstrafe <?page no="343"?> Der Preis für den schrittweisen Rückgang der Todesstrafe ist also hoch (Dayan 2011; Gottschalk 2011). Drittens: Wie hoch dieser Preis ist, lässt sich dann erahnen, wenn man bedenkt, dass die USA mit rund zwei Millionen Insassen im Jahr 2022 das größte Gefängnissystem der Welt unterhalten und die Inhaftierten weit überproportional Schwarz sind (The Sentencing Project 2022) (→ Kapitel Masseninhaftierung). Die Rechtswissenschaftlerin und Bürgerrechtlerin Michelle Alexander betonte bereits 2010 in ihrer Kritik des Gefängnissystems, dass die Justiz alles andere als farbenblind sei. Im Gegenteil: Das Gefängnis etabliere eine neue Form von Segregation, indem es vor allem Schwarze Männer von sozialer und politischer Teilhabe ausschließe. Literatur Alexander, Michelle. 2010. The New Jim Crow. Mass Incarceration in the Age of Colorblindness. New York: The New Press. Banner, Stuart. 2006. „Traces of Slavery. Race and the Death Penalty in Historical Perspective.“ In From Lynch Mobs to the Killing State. Race and the Death Penalty in America, hrsg. von Charles J. Ogletree Jr. und Austin Sarat, 96-115. New York: New York UP. Butler, Judith, 2009. Frames of War. When Is Life Grievable? New York: Verso. Dayan, Colin, 2007. The Story of Cruel and Unusual. Boston, MA: MIT Press. Dayan, Colin, 2011. „Did Anyone Die Here? 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Obwohl die US-Verfassung seit 1870 die Verweigerung des Wahlrechts aufgrund von „Rasse, Hautfarbe oder früherem Sklavenstatus“ verbietet, hat Rassendiskriminierung die amerikanische Politik- und Wahlrechts‐ geschichte bis in die Gegenwart geprägt. Die Praxis, wahlberechtigte Personen durch legale oder pseudolegale Restriktionen an der Ausübung ihres Wahlrechts zu hindern, wird als disfranchisement bezeichnet. Die Bürgerrechtsreformen der 1960er Jahre machten zwar den „klassischen“ Methoden der Wahlrechtsdiskrimi‐ nierung ein Ende, aber die Versuche, den politischen Einfluss der Afroamerikaner und anderer Minderheiten möglichst zu beschränken, dauerten an und haben vor dem Hintergrund der politischen und gesellschaftlichen Polarisierung der USA wieder erheblich an Sprengkraft gewonnen. Die US-Bundesverfassung von 1787 enthielt kein allgemeines Wahlrecht, sondern überließ die Festlegung der Wahlrechtsqualifikationen den Einzelstaaten. Bis zum Bürgerkrieg (1861-1865) setzte sich fast überall das allgemeine und gleiche Wahlrecht für weiße Männer durch, aber nur in fünf Neuenglandstaaten durften freie Schwarze gleichberechtigt wählen (Keyssar 2000; Lichtman 2018, 8-35). Der Bürgerkrieg führte jedoch zu einer Verfassungsrevolution, die aus der versklavten schwarzen Bevölke‐ rung gleichberechtigte Staatsbürger machte. Der Dreizehnte Verfassungszusatz (1865) verbot die Sklaverei, der Vierzehnte (1868) erklärte die befreiten Sklaven zu US-Bür‐ gern und garantierte ihnen die Gleichheit vor dem Gesetz, und der Fünfzehnte (1870) untersagte die Verweigerung oder Beschränkung des Wahlrechts aufgrund von „Rassenzugehörigkeit, Hautfarbe oder früherem Sklavenstatus“. Allerdings behiel‐ ten die Einzelstaaten die Kompetenz zur konkreten Ausgestaltung des Wahlrechts. Der Vierzehnte und der Fünfzehnte Verfassungszusatz verpflichtete sie lediglich zur unparteiischen, nicht nach Rassenzugehörigkeit diskriminierenden Anwendung der Wahlgesetze. Während der Reconstruction (1866-1877), als die Republikanische Partei die Re‐ gierungen und die Gesetzgebung der besetzten Südstaaten kontrollierte und das Wahlrecht der Ex-Sklaven auch aus parteipolitischem Kalkül schützte, machten die Afroamerikaner von ihrem Stimmrecht regen Gebrauch und wählten zahlreiche eigene Repräsentanten in die gesetzgebenden Körperschaften. So hatte die Staatsver‐ <?page no="346"?> sammlung von South Carolina zeitweilig eine schwarze Mehrheit, und insgesamt 22 Afroamerikaner gehörten dem US-Kongress an. Der weiße Süden wehrte sich jedoch mit Gewalt gegen das Gespenst der sogenannten „Negerherrschaft“. Der Terror, den Vigilanten wie der berüchtigte Ku-Klux-Klan gegen die politische Selbstorganisation der Afroamerikaner ausübten, nahm zeitweise bürgerkriegsähnliche Ausmaße an (→ Kapitel Der erste und zweite Ku-Klux-Klan). Unzählige Schwarze, die ihre Stimme abgeben wollten oder für ein Wahlamt kandidierten, wurden bedroht, misshandelt oder ermordet (Berg 2014, 112-25). Auch nach dem Ende der militärischen Besetzung durch Unionstruppen blieben Einschüchterung, Repression und Gewalt probate Mittel, Afroamerikaner von den Wahlurnen fernzuhalten. Bis in die 1960er Jahre sahen sich Bürgerrechtler bei ihrem Einsatz für das Wahlrecht erheblichen Risiken für Leib und Leben ausgesetzt (Berg 2000, 260-64, passim). Das politische System der weißen Vorherrschaft Institutionell beruhte das politische System der weißen Vorherrschaft auf legalen bzw. pseudolegalen Restriktionen, die in den USA als disfranchisement bezeichnet werden. Unter dem Vorwand, Gewalt, Korruption und Wahlbetrug eindämmen zu müssen, verabschiedeten die Südstaaten zwischen 1890 und 1910 eine Vielzahl angeblicher „Wahlreformen“, die dazu führten, dass zu Beginn des 20. Jahrhunderts fast alle wahlberechtigten Afroamerikaner des Südens ihr Stimmrecht verloren (Kousser 1974). Die Strategie der „Reformer“ bestand darin, „farbenblinde“ Wahlrechtsbeschränkungen zu formulieren, die formal nicht die Diskriminierungsverbote des Vierzehnten und Fünfzehnten Amendments verletzten, in der Praxis aber zum Ausschluss einer mög‐ lichst hohen Zahl schwarzer Wähler führten. Im Rest der USA, wo afroamerikanische Wähler kaum ins Gewicht fielen, gab es zwar keine systematischen Versuche, diese vom Wählen auszuschließen, allerdings regte sich kaum Widerspruch gegen die Wahl‐ rechtsdiskriminierung im Süden. Solange das Wahlrecht nicht ausdrücklich aufgrund von ‚Rasse‘ oder Hautfarbe verweigert wurde und wenigsten einige Afroamerikaner wählen durften, ließ der Oberste Gerichtshof der USA die Wahlgesetze der Südstaaten passieren (Berg 2006, 74-75). Erläuterung | Disfranchisement: Der Begriff disfranchisement bezeichnet in den USA die Praxis, Wahlberechtigte durch Schikanen und restriktive Wahlgesetze an der Ausübung ihres Wahlrechts zu hindern. Die wichtigsten Methoden, mit denen die Südstaaten seit dem späten 19. Jahrhundert die weiße Vorherrschaft in der Politik sicherstellten, waren Lese- und Schreibtests, Kopfsteuern und die weiße Vorwahl. Dem Anschein nach „farbenblind“, verletzten sie nicht den Wortlaut der Verfassung, ermöglichten aber den nahezu völligen Ausschluss schwarzer Wähler. Noch 1940 waren nur 5 Prozent aller erwachsenen Afroamerikaner als Wähler registriert (Berg 2000, 245-47). 346 26 Wahlrechtsdiskriminierung <?page no="347"?> Die Methoden des disfranchisement, die bis in die 1960er in weiten Teilen des Südens praktiziert wurden, spiegelten einen nahezu unbegrenzten Einfallsreichtum. Hier können nur die wichtigsten knapp skizziert werden (zum Folgenden Berg 2000, 31-56). Voraussetzung für die Zulassung zur Stimmabgabe ist in den USA die Registrierung als Wähler, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts in allen Bundesstaaten eingeführt wurde, um die Wahlberechtigung zu überprüfen. Um schwarze Wähler abzuschrecken, perfekti‐ onierten die Behörden der Südstaaten das Registrierungsverfahren zur hohen Kunst der Schikane. Die Öffnungszeiten der Registrierungsbüros waren unregelmäßig und die Wartezeiten endlos; Afroamerikaner wurden ohne Begründung abgewiesen oder ihre Anträge blieben unbearbeitet. Darüber hinaus wurden die Registrierungslisten regelmäßig von angeblich nicht Wahlberechtigten „gesäubert“. Dass viele schwarze Wähler unter diesen Umständen erst gar nicht versuchten, sich registrieren zu lassen, galt als Beleg für ihre „politische Apathie“. Wer sich nicht entmutigen ließ, musste in vielen Staaten nachweisen, dass er lesen und schreiben konnte. Literacy tests waren aus mehreren Gründen ein bevorzugtes Instrument der Wahlrechtsverweigerung. Das Argument, dass nur ein Mindestmaß an Bildung zu verantwortlicher politischer Teilhabe befähige, genoss überall in den USA breite Akzeptanz. Der Nachweis der Lese- und Schreibfähigkeit wurde auch in vielen Staaten außerhalb des Südens bei der Registrierung als Wähler verlangt. Da die Analphabetenrate der afroamerikanischen Bevölkerung, bedingt durch das Erbe der Sklaverei und das segregierte Schulwesen, viermal so hoch lag wie die der weißen Südstaatler führten literacy tests automatisch zum Ausschluss einer hohen Zahl schwarzer Wähler, selbst wenn sie fair administriert wurden. Tatsächlich war es üblich, dass die Registrierungsbeamten weiße Analphabeten großzügig durchschlüpfen ließen, während Schwarze beim kleinsten Fehler disqualifiziert wurden. Um Weißen den literacy test zu ersparen, führten mehrere Staaten sogenannte grandfather clauses ein, die es allen Männern, die vor 1867 - also vor der Einführung des schwarzen Männerwahlrechts - wahlberechtigt gewesen waren sowie deren Söhnen und Enkeln, gestatteten, sich ohne Test registrieren zu lassen. Da die Großvaterklauseln offenkundig ausschließlich Weiße begünstigen sollten, wurden sie allerdings 1915 vom Supreme Court für verfassungswidrig erklärt (Berg 2000, 38-39; 155). Auch die Verständnisklauseln, understanding clauses genannt, waren zunächst als Alternative zum Lese- und Schreibtest eingeführt worden. Analphabeten wurde ein Abschnitt der Bundes- oder Staatsverfassung vorgelesen, den sie dann erläutern sollten. Was die Registrierungsbeamten als „vernünftige Interpretation“ akzeptierten, stand in ihrem Belieben. Mit wachsender Alphabetisierung der Afroamerikaner machten mehrere Südstaaten die Verständnistests obligatorisch. Statt eines einfachen Nachweises, dass sie lesen und schreiben konnten, mussten schwarze Wähler jetzt z. B. die Steuerge‐ setzgebung oder das Recht auf habeas corpus erläutern. Ungeachtet ihrer scheinbaren Farbenblindheit und staatsbürgerlichen Maskerade waren die literacy tests in den Südstaaten „nichts anderes als Betrug“, wie der Politikwissenschaftler V. O. Key bündig resümierte (1984, 576). 26 Wahlrechtsdiskriminierung 347 <?page no="348"?> Im Unterschied zu Lese- und Schreibtests genoss die poll tax, die Kopfsteuer - eine Form der direkten Besteuerung von Personen - außerhalb des Südens wenig Sympa‐ thien. Wo die Zahlung der poll tax Voraussetzung für die Registrierung als Wähler war, wirkte sie de facto als Wahlsteuer. Die nominal geringen Beträge von einem bis zwei Dollar pro Jahr bedeuteten für die kaum über Bargeld verfügende Landbevölkerung ein erhebliches Opfer, besonders wenn sie über mehrere Jahre kumuliert verlangt wurden. Da die Kopfsteuer auch das Wahlrecht der weißen Unterschichten beschränkte, galt sie Kritikern als Mittel, mit dem sich die Südstaatenoligarchie ihr Machtmonopol sicherte und als Hauptgrund für die niedrige Wahlbeteiligung in der Region. Die Abschaffung der Wahlsteuer gelang freilich erst im Zuge der Bürgerrechtsrevolution der 1960er Jahre. Der Vierundzwanzigste Zusatzartikel (1964) verbietet die poll tax als Wahlqualifikation für Bundeswahlen, und der Supreme Court dehnte dieses Verbot 1966 auch auf lokale und einzelstaatliche Wahlen aus (Berg 2000, 41-42, 228-35). Die einfachste und wirksamste Form des disfranchisement war die weiße Vorwahl - die white primary. Die zu Beginn des 20. Jahrhunderts in zahlreichen US-Staaten eingeführten direkten Vorwahlen sollten den Wahlprozess demokratisieren, wurden im Süden jedoch zum Instrument der rassistischen Wahlrechtsdiskriminierung umfunkti‐ oniert. Da Parteien als private Vereinigungen galten, waren sie nicht an die Diskrimi‐ nierungsverbote der Bundesverfassung gebunden und konnten frei entscheiden, wen sie zu ihren internen Vorwahlen zuließen. Da die Republikanische Partei seit Ende des 19. Jahrhunderts den Süden praktisch aufgegeben hatte, zählte allein die Vorwahl der Demokratischen Partei für die Besetzung politischer Ämter. Vom Standpunkt der weißen Vorherrschaft aus betrachtet, war die white primary ideal, denn sie erlaubte es den Südstaaten-Demokraten, ganz legal alle Afroamerikaner auszuschließen, ohne dabei einen einzigen weißen Wähler disqualifizieren zu müssen. Erst 1944 entschied der US-Supreme Court, dass Vorwahlen ein integraler Bestandteil des öffentlichen Wahlprozesses sind und daher unter die Verbote des Vierzehnten und Fünfzehnten Verfassungszusatzes fallen (Kousser 1974, 72-82; Berg 2000, 42-43, 160-79; Zelden 2004). Literacy tests, poll taxes, die white primary und andere Schikanen führten nicht allein zur politischen Entrechtung der Afroamerikaner, sondern schufen im Süden ein politisches System sui generis, das der Demokratischen Partei ein faktisches Monopol sicherte und dem Solid South in der nationalen Politik und im Kongress eine Vetomacht verschaffte, an der lange Zeit alle Versuche, die schwarzen Bürger‐ rechte durch Bundesgesetze zu stärken, scheiterten. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde dieses System jedoch zunehmend als Anachronismus empfunden, der mit dem Anspruch der USA auf die Führung der „Freien Welt“ unvereinbar war. Vor allem die beharrlichen Registrierungskampagnen und gewaltlosen Protestaktionen der Bürgerrechtsbewegung entfalteten eine politische Dynamik, die in den 1960er Jahren schließlich zur Abschaffung der Rassentrennung und zur Verabschiedung eines Wahlrechtsgesetzes führte, das es Afroamerikanern ermöglichte, auch in den Südstaaten ihr Wahlrecht frei auszuüben (→ Kapitel Der Kampf um das Wahlrecht). 348 26 Wahlrechtsdiskriminierung <?page no="349"?> Vom Disfranchisement zur Minority Vote Dilution Der Voting Rights Act von 1965 gehört zu den bedeutendsten Gesetzen, die der US-Kongress im 20. Jahrhundert verabschiedete. Das Gesetz unterstellte in sieben Staaten des Südens, wo die schwarze Registrierungsquote besonders niedrig war, die Registrierung der Wähler und die Stimmabgabe der Bundesaufsicht und suspendierte alle literacy tests für zunächst fünf Jahre. Um neuen Verfahrenstricks einen Riegel vorzuschieben, verpflichtete es die unter das Gesetz fallenden Staaten, alle Änderungen ihrer Wahlverfahren dem Bundesjustizministerium bzw. dem Bundesbezirksgericht in Washington, D.C. zur „Vorklärung“ vorzulegen, bevor diese in Kraft treten konnten (Valelly 2006, 259-67). Bis Anfang der 1990er überprüften die Bundesbehörden fast 190.000 Wahlvorschriften darauf, ob sie möglicherweise zur Diskriminierung von Minderheiten führen könnten (Davis/ Graham 1995, 235). Kurzfristig stellte der Voting Rights Act sicher, dass sich schwarze Wählerinnen und Wähler ohne Behinderung registrieren und ihre Stimmen abgeben konnten. Die Konsequenzen waren bahnbre‐ chend. In Mississippi stieg die Zahl der registrierten Afroamerikaner zwischen 1964 und 1966 von 29.000 auf 175.000; schon Anfang der 1970er Jahre lag die Registrierungs‐ quote der Afroamerikaner im Süden mit knapp 60 Prozent fast so hoch wie die der weißen Südstaatler. Die Zahl der schwarzen Mandatsträger im Süden verzehnfachte sich bis 1970 auf über 700 und stieg in den folgenden zehn Jahren auf über 3000 an. Angefangen mit Atlanta, Georgia, im Jahre 1973 wurden in fast allen Großstädten des Südens schwarze Bürgermeister gewählt (Berg 2000, 471). Mit dem Voting Rights Act kehrte auch der Parteienwettbewerb in den Süden zurück, doch nach wie vor blieb die politische Landschaft nach Rassenzugehörigkeit polarisiert. Die Republikaner wurden nun zur Partei der mehrheitlich konservativen Weißen, wäh‐ rend die Demokraten im Süden auf die Stimmen schwarzer Wähler angewiesen waren. Nur eine liberale Minderheit weißer Südstaatler war bereit, für afroamerikanische Kandidaten zu stimmen. Trotz der Vorklärungsklausel des Voting Rights Acts hörten die Versuche, den politischen Einfluss der Afroamerikaner zu minimieren, keineswegs auf, sondern wurden lediglich subtiler. Nach 1965 richteten sich die Anstrengungen vor allem darauf, den Erfolgswert schwarzer Stimmen zu verwässern. Diese Praxis wird in den USA minority vote dilution genannt und zielt darauf ab, die Wahlverfahren so zu gestalten, dass schwarze Kandidaten möglich geringe Siegeschancen haben. Die Wahlrechtsdiskriminierung verschob sich dadurch von der Verweigerung der Stimmabgabe zur Verweigerung gleicher Repräsentationschancen (zum Folgenden Davidson 1984; Berg 2000, 50-55). Erläuterung | Minority vote dilution: Unter minority vote dilution versteht man Wahlverfahren, die das Stimmenpotenzial von Minderheiten verwässern und die Chancen der von ihnen bevorzugten Kandidaten mindern sollen. Dazu zählen u. a. die manipulative Ziehung der Wahlkreise (gerrymandering) und at-large elections, bei denen alle Mandate in einem einzigen Wahlgang vergeben werden. 26 Wahlrechtsdiskriminierung 349 <?page no="350"?> Umstritten ist, ob die Feststellung von minority vote dilution den Nachweis einer Diskriminierungsabsicht erfordert oder ob die demografische Unterrepräsentation einer Minderheit als solche bereits das Kriterium der Diskriminierung erfüllt. Da in den USA traditionell fast überall nach dem relativen Mehrheitswahlrecht (wer in einem Wahlkreis die meisten Stimmen erhält, gewinnt) gewählt wird, kommt der Festlegung der Wahlgebiete entscheidende Bedeutung zu. Zwar bestimmt die US-Ver‐ fassung, dass die Mandatsverteilung im Repräsentantenhaus auf die Bundesstaaten gemäß ihrer Bevölkerungszahl erfolgen muss, aber wie die Wahlkreise bei Bundes- oder Einzelstaatswahlen gezogen werden, fällt in die Zuständigkeit der Staaten. Bis weit ins 20. Jahrhundert waren dünn bevölkerte ländliche Gebiete gegenüber Städten und Großstädten oft grotesk überrepräsentiert. So wurde in Georgia die Staatslegisla‐ tive auf der Basis von Wahlmännerstimmen aus den einzelnen Countys bestimmt. Dieses Wahlverfahren gab den ländlichen Gebieten, wo Afroamerikaner vom Wählen ausgeschlossen waren, weit überproportionalen Einfluss im Vergleich zur Großstadt Atlanta, wo schwarze Wähler fast ein Drittel der Wahlberechtigten ausmachten und seit Mitte des 20. Jahrhunderts relativ frei wählen konnten. Erst in den 1960er Jahren entschied der Oberste Gerichtshof, dass signifikante Bevölkerungsunterschiede bei der Wahlkreiseinteilung - das malapportionment - gegen den Gleichheitsgrundsatz der Verfassung verstoßen. Auch die als gerrymandering bekannte Kunst der manipulativen Wahlkreisziehung hat eine lange Geschichte und ist keine spezifische Form der Rassendiskriminierung, eignet sich aber besonders für diesen Zweck. Da Schwarze und Weiße vielerorts relativ klar voneinander getrennt wohnen, lassen sich die Grenzen der Wahlkreise so ziehen, dass das Stimmenpotenzial der Minderheit verwässert wird. Dies geschieht auf zwei‐ erlei Weise: Entweder werden kompakte afroamerikanische Wohngebiete zerschnitten und die dort lebenden schwarzen Wähler auf die angrenzenden, mehrheitlich weißen Distrikte aufgeteilt (cracking) oder das schwarze Stimmenpotenzial wird in einigen wenigen Wahlgebieten konzentriert (packing). Dort werden dann zwar schwarze Kandidaten mit großen Mehrheiten gewählt, in den übrigen Wahlkreisen aber spielen schwarze Stimmen keine Rolle. In Städten und Gemeinden, die ein einheitliches Wahlgebiet bilden, können die Ein- oder Ausgliederung von Stadtteilen dieselben Effekte wie die manipulative Ziehung von Wahlkreisen haben. Auch Änderungen am Wahlmodus, wie der Übergang von der relativen Mehrheitswahl in Wahlkreisen zu sogenannten at-large elections, können das Stimmenpotenzial von Afroamerikanern verwässern. At-large elections sehen vor, dass alle Mandate - beispielsweise eines Stadtrates - in einem einzigen Wahlgang mit qualifizierter Mehrheit gewählt werden. Wenn z.-B. zehn Mandate zu besetzen sind, haben alle Wähler zehn Stimmen, und die zehn Bewerber mit den meisten Stimmen sind gewählt. Bei diesem System benötigen Afroamerikaner, die in mehrheitlich von Schwarzen bewohnten Wahlkreisen gute 350 26 Wahlrechtsdiskriminierung <?page no="351"?> Chancen gehabt hätten, auch außerhalb ihrer Wählerbasis starke Unterstützung, um gewählt zu werden. Bürgerrechtler argumentierten, dass die Praktiken der minority vote dilution das Wahlrechtsgesetz und die Diskriminierungsverbote der Verfassung verletzten, und der Oberste Gerichtshof schloss sich seit Ende der 1960er Jahre dieser Auffassung in einer Serie von Entscheidungen an (Davis/ Graham 1995, 228-38; Berg 2006, 77-86). Allerdings blieb umstritten, ob die Kläger den Nachweis einer Diskriminierungsabsicht erbringen müssen oder ob die demografische Unterrepräsentation einer Minderheit per se bereits als Diskriminierung zu werten ist. Der Supreme Court entschied 1986, Wahlverfahren seien dann als verfassungswidrig einzustufen, wenn sie dazu führten, dass eine politisch und geografisch kompakte Minderheit regelmäßig daran gehindert werde, für Kandidaten ihrer Wahl zu stimmen. Jedoch stellte sich das Gericht seit Anfang der 1990er Jahre auch gegen Versuche, die Zahl der afroamerikanischen Kon‐ gressabgeordneten durch die Schaffung neuer, mehrheitlich von Schwarzen bewohnter Wahlkreise zu erhöhen, wenn Rassenzugehörigkeit das einzige Kriterium für die Ziehung solcher majority-minority districts sei. Kritiker des Gerichts befürchteten eine „Resegregation der amerikanischen Demokratie“. Tatsächlich stieg die Zahl der schwarzen Amts- und Mandatsträger auf kommunaler, einzelstaatlicher und Bundes‐ ebene jedoch weiter an. Um 2010 hatten etwa 10.000 schwarze Amerikanerinnen und Amerikaner ein Wahlamt inne, darunter der Präsident der Vereinigten Staaten (Berg 2000, 472-74; Berg 2016, 86). Voter Suppression im Zeitalter der Polarisierung Versuche, schwarze Wählerinnen und Wähler an der Stimmabgabe zu hindern, hörten auch nach der Jahrhundertwende nicht auf, doch mit der Wahl Barack Obamas zum US-Präsidenten im Jahre 2008 schien die Ära der rassistischen Wahlrechtsdiskrimi‐ nierung endgültig der Vergangenheit anzugehören. Der Voting Rights Act, den der Kongress seit 1970 kontinuierlich verlängert und erweitert hatte, sicherte das schwarze Wahlrecht institutionell, aber noch wichtiger war, dass sich die politische Kultur der USA augenscheinlich auf eine multiethnische Demokratie zubewegte. In der Rückschau wird freilich offenkundig, dass Obamas zweimaliger Wahlerfolg einen massiven white backlash auslöste, der im demografischen Wandel der amerikanischen Gesellschaft und der damit einhergehenden Furcht vor dem Hegemonieverlust der weißen Mehrheit wurzelte. Als eine Partei, deren Basis vorwiegend aus konservativen Weißen besteht, standen die Republikaner vor der Alternative, sich entweder für nichtweiße Wähler zu öffnen oder die politische Partizipation der nichtweißen Minderheiten, die weit überproportional den Demokraten zuneigen, einzuschränken. Seit 2010 verabschiede‐ ten zahlreiche republikanisch dominierte Bundesstaaten neue Wahlgesetze, die Regist‐ rierung und Stimmabgabe erheblich erschweren. Kritiker sprachen bald von voter suppression, also vom Versuch, die Wahlbeteiligung missliebiger Bevölkerungsgruppen systematisch zu unterdrücken. Was zunächst als Rückzugsgefecht erschien, gewann 26 Wahlrechtsdiskriminierung 351 <?page no="352"?> an Dynamik, nachdem der Oberste Gerichtshof 2013 in Shelby v. Holder wesentliche Bestimmungen des Voting Rights Act außer Kraft setzte und den Einzelstaaten erheblich mehr Spielraum bei der Ausgestaltung ihrer Wahlgesetze einräumte (umfassend Anderson 2018; Berg 2015, 42-45; Berg 2016, 86-87). Mit dem von Kritikern vehement bestrittenen Argument, Wahlbetrug und die Stimmabgabe illegaler Einwanderer verhindern zu müssen, wurden Briefwahl und vorzeitige Stimmabgabe eingeschränkt. Wähler müssen bei der Registrierung und im Wahllokal amtliche Lichtbildausweise vorlegen, über die vor allem Arme und Angehörige ethnischer Minderheiten häufig nicht verfügen. Zudem schließen viele Bundesstaaten Vorbestrafte vom Wahlrecht aus, sodass schätzungsweise 13 Prozent aller afroamerikanischen Männer aus diesem Grund nicht wählen können. Hinzu kom‐ men regelmäßige „Säuberungen“ der Wählerverzeichnisse von Wählern, die längere Zeit keine Stimme abgegeben haben. Auch das gerrymandering, das im 21. Jahrhundert mithilfe der Computertechnologie perfektioniert worden ist, dient unverändert dazu, den Einfluss von Minderheiten einzudämmen. Spätestens mit Donald Trumps Aufstieg ist zudem die demokratische Norm, dass auch die Verlierer das Resultat einer fairen Wahl anerkennen, brüchig geworden. Seit Trumps Niederlage 2020 konzentrieren sich die Anstrengungen der Republikaner darauf, die Kontrolle über die Auszählung und Zertifizierung der Wahlergebnisse zu gewinnen (New York Times Editorial Board 2022). Die neue Welle der Wahlrechtsdiskriminierung spiegelt die extreme parteipolitische Polarisierung der USA und ist kein spezifisches Problem des Südens mehr, sondern gefährdet die Demokratie auf nationaler Ebene. Zugleich sind die Analogien zum spä‐ ten 19.-Jahrhundert evident. Denn damals wie heute zielt das disfranchisement primär darauf, die politische Dominanz einer weißen Bevölkerung zu konservieren, die sich demografisch, kulturell und wirtschaftlich bedroht fühlt. Dass es im 21. Jahrhundert gelingen könnte, die USA erneut zu einer Herrenvolkdemokratie zu machen, erscheint bislang unvorstellbar. Zu erwarten steht jedoch, dass die Auseinandersetzungen darü‐ ber, wer wählen darf und wessen Stimme zählen soll, weiter an Schärfe gewinnen werden. 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Besonders in der Schokoladenwerbung wurden Schwarze Menschen und People of Color auf stereotype und rassistische Art und Weise dargestellt, um Produkte als „exotisch“ zu vermarkten. Im frühen 20. Jahr‐ hundert veränderte sich die visuelle Rhetorik der Werbung; Schokolade wurde zunehmend mit weißem Konsumverhalten assoziiert, während einige rassistische Bilder allmählich verschwanden. Dennoch blieben rassifizierte Darstellungen bis ins 21.-Jahrhundert hinein ein zentrales Element der Werbung. Die Geschichte der Werbung ist in den USA eng verflochten mit der Geschichte des Rassismus. Rassistische Motive und visuelle Stereotype lassen sich seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert auf unzähligen Verpackungen und Reklamebildern feststellen. Eines der bekanntesten Beispiele ist die berüchtigte Aunt-Jemima-Werbung, die mit einer lachenden Schwarzen Köchin einen Mix für Pfannkuchen anpries und dabei ein Bild von der Geschichte der Südstaaten und der Versklavung von Afroamerikaner: innen propagierte, dass bei der weißen Mehrheitsgesellschaft (und primären Käuferschaft) nostalgische Sehnsucht auslöste und weiße Überlegenheitsfantasien bestätigte. Werbebotschaften wie das Bild der Aunt Jemima, aber auch stereotype Darstellungen von Indigenen Amerikaner: innen als Krieger: innen oder „edle Wilde“ auf Tabakprodukten greifen Rassismen auf, die in der Mehrheitsgesellschaft verankert sind (Behnken und Smithers 2015, 36-39). Durch ihre Popularität und Allgegenwärtigkeit normalisiert Werbung antischwarzen Rassismus, die Herabwürdigung von Indigenous Americans sowie die Diskriminierung von verschiedenen Gruppen von Immigrant: innen. Die Historikerin Anne McClintock bezeichnet dies als Kommodifizierung von Rassismus (McClintock 1995). Dieser „Warenrassismus“ führte dazu, dass es weißen US-Amerikaner: innen „normal“ und „natürlich“ erschien, dass etwa Schwarze Amerikaner: innen in einer nachrangigen gesellschaftlichen Position verharrten, als Bedienstete und Arbeiter: innen, die für das Wohlergehen weißer Konsument: innen sorgten (siehe auch ebd., 45). Anhand der Reklame für Schokolade nimmt dieser Beitrag exemplarisch die Ver‐ flechtungen von Rassismus und Werbung in den Vereinigten Staaten in den Blick und zeigt den visuellen Wandel in der Art der Bewerbung. Wurden Kakao und Schokolade im ausgehenden 19. Jahrhundert als ein vermeintlich authentisches Plantagenprodukt beworben, dessen Genuss durch die Arbeit Schwarzer Menschen ermöglicht wurde, <?page no="356"?> verschwand dieses Motiv im frühen 20. Jahrhundert weitestgehend, nachdem sich Schokolade zu einem Massenprodukt entwickelt hatte. Zu Beginn, als Kakao und Schokolade noch relativ neue Konsumgüter waren, zeigte Werbung stereotype Bilder zur Herkunft des Kakaos. Ein halbes Jahrhundert später verlagerte sich der Fokus dann zunehmend auf die weißen Konsument: innen von Schokolade. Was diese Ent‐ wicklungslinie zeigt, ist die Popularisierung von Stereotypen und Rassismen durch Werbung, beziehungsweise die Verknüpfung bestimmter Waren mit rassifizierenden Darstellungen. Massenprodukt Schokolade Seit dem 18. Jahrhundert wurden Kakao und Schokolade in Westeuropa und Nordame‐ rika zunehmend konsumiert. Die Verbreitung ist auf mehrere Faktoren zurückzufüh‐ ren. Zwei Gründe, die für die Popularisierung von Kakao im bürgerlichen Milieu des 18. Jahrhunderts verantwortlich zeichneten, waren die ihm zugeschriebenen medizin‐ ischen Vorzüge (dazu gehörte auch der Mythos, der Verzehr sei sexuell anregend) sowie das Distinktionspotential, galt der Konsum von heißer Schokolade doch als kostspielig. Weitere Gründe waren die Etablierung von chocolate houses (etwa wie Kaffeehäuser) sowie freilich die Industrielle Revolution, die die Herstellung von Kakaoprodukten in großen Mengen ermöglichte. Davor war die Verarbeitung von Kakaobohnen zu flüssiger Schokolade kaum rentabel, weil sie kostspieliger, zeitaufwändiger und kom‐ plizierter als etwa der Anbau, die Verarbeitung und der Handel mit Kaffee und Tee war. Die Industrielle Revolution führte zur Mechanisierung des Produktionsprozesses und senkte damit die Kosten erheblich, sodass Schokolade jenseits des Bürgertums und der Mittelschicht erschwinglich wurde (Poelmans und Swinnen 2016, 22). Am Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich Schokolade in flüssiger, pulverförmiger und fester Form zu einer Ware entwickelt, die in den Vereinigten Staaten täglich verzehrt wurde. Um den rasant steigenden Bedarf befriedigen zu können, bedurfte es billiger und schnell verfügbarer Arbeitskraft auf den Kakaoplantagen. So führte die Popularität der Schokolade parallel zu einem Wiederaufleben der Sklaverei und sklavereiähnlichen Arbeits‐ bedingungen, vor allem auf den kleinen Inseln Sao Thomé und Principé, die zu der Zeit unter portugiesischer Kolonialherrschaft standen und zu den größten Kakaoproduzenten auf dem globalen Markt zählten. Sie entwickelten sich im frühen 20. Jahrhundert zu wahren „Kakaofabriken“, deren Profit auf der Ausbeutung von Arbeitskräften basierte (Satre 2005). Erläuterung | Die Kakaoinseln S-o Tomé und Príncipe: Nachdem Brasilien 1822 seine Unabhängigkeit von der portugiesischen Kolonialherrschaft erlangt hatte, konzentrierte sich Portugal auf seine afrikanischen Kolonien und den wirtschaft‐ lichen Profit durch den Ausbau der Kakaoproduktion. S-o Tomé und Príncipe erlebten einen kurzen, aber sehr intensiven Boom ihrer Kakaoindustrie, so dass sich die nur 320 Quadratmeilen kleinen Inseln (umgerechnet etwa 830 Quadratki‐ 356 27 Werbung <?page no="357"?> lometer und damit nicht einmal so groß wie Berlin) zu einem der weltweit größten Kakaoproduktionszentren entwickelten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden zehn Prozent des global gehandelten Kakaos dort produziert (Clarence-Smith 1996). Dies gelang vor allem mit dem Einsatz von Zwangsarbeiter: innen und Versklavten, die die Portugiesen in Angola kauften und die aus Benin, Dahomey, Gabun und China kamen. Zwischen 1880 und 1908 wurden etwa 70.000 versklavte Menschen auf die Inseln verschleppt (Grant 2005, 115; Clarence-Smith, 163). Die Produktionsbedingungen in Sao Thomé und Principé wurden sowohl in den USA als auch in England von Abolitionist: innen und kritischen Verbraucher: innen wahrgenommen. Sie mündeten 1908 in einem Gerichtsprozess zwischen der britischen Schokoladenfirma Cadbury und der Zeitung London Standard, die seit 1901 über den Einsatz von Sklavenarbeit auf Kakaoplantagen berichtet hatte, von denen Cadbury Kakaobohnen bezog. Dies wurde besonders deshalb als Widerspruch wahrgenommen, da Cadbury wie viele andere Quäker Mitglied der britischen Anti-Slavery Society war (Sartre; Hackenesch 38-42). Vergleicht man die Produktionsbedingungen zu der Zeit mit den Repräsentations‐ formen, tut sich ein wenig überraschender Kontrast auf. Die zeitgenössische Werbung griff den Plantagenkontext auf, es wurden jedoch keine ausbeuterischen Arbeitsbedin‐ gungen gezeigt, sondern koloniale Konsumfantasien erzeugt. Schokoladenwerbung: Koloniale Fantasien Um die rassifizierte Schokoladenwerbung des späten neunzehnten und frühen zwanzigsten Jahrhunderts besser einordnen zu können, ist ein Blick auf die Professionalisierung und Po‐ pularisierung von Werbung aufschlussreich. Die ersten Werbeagenturen entstanden in den 1860er und 1870er Jahren im urbanen Norden der USA, aber erst um die Jahrhundertwende kam Massenwerbung auf, die sich parallel zu anderen Formen der Massenkommunikation entwickelte. Zu dieser Zeit erlebten sogenannte trade cards, zu deutsch etwa Reklamekarten, ihre größte Popularität (Jay 1987; Behnken und Smithers 2015, 39). Auf den Vorderseiten der Karten waren meist Bilder des zu bewerbenden Produkts abgebildet, auf den Rückseiten befanden sich Informationen und Werbebotschaften, oder ein Hinweis auf das Geschäft, welches den Konsumartikel führte. Die Bilder auf diesen Karten waren häufig von rassis‐ tischen Stereotypen gekennzeichnet, die visuell die vom wissenschaftlichen Rassismus postulierte Vorstellung von der Minderwertigkeit nicht-weißer Menschen widerspiegelten. Wie der Historiker Robert Jay erläutert, war diese rassifizierte Werbung auf trade cards im ausgehenden 19. Jahrhunderts integraler Bestandteil der neuen Warenkultur. Dadurch trug Werbung zur Popularisierung geschlechtsspezifischer und rassifizierter Stereotype Schwarzer Menschen bei (Jay 1987, 67). Nach dem Ende des US-amerikanischen Bürgerkriegs (1861-65) und der Abschaffung der Sklaverei, die allerdings insbesondere nach dem Scheitern der Reconstruction zu neuen Formen Schwarzer Unfreiheit im Süden der USA 27 Werbung 357 <?page no="358"?> führte, kommentierte rassistische Werbung die sich verändernde Stellung von Afroameri‐ kaner: innen kritisch, etwa indem diese als faul, dumm und infantil dargestellt wurden und gerade nicht als Subjekte, denen man Verantwortungsbewusstsein und Staatsbürgerschaft zutraute. Damit bauten die Werbetreibenden eine Beziehung auf zwischen Produkt und Verbraucher: innen, die als weiß und aus der Mittelschicht stammend imaginiert wurden (Mehaffy 1997, 141). Stereotype Darstellungen waren aus diesem Grund geläufige Motive in der Werbung. Besonders Tabak, Kaffee und Kakao wurden auch mit rassistischen Motiven von Schwarzen und Indigenen beworben, um die proklamierte „Authentizität“ des Produkts zu unterstreichen. Exotik und Primitivität waren weitere Vermarktungsstrategien, die sich vor allem auf Reklamekarten für Kakaoprodukte finden lassen. Die Bilder von Plantagen an fernen, „tropischen“ Orten vermittelten dabei eine stark idealisierte Version tatsächlicher Arbeits- und Lebensbedingungen (Mayer 2010). Etliche Reklamekarten zeigten eine naive, romantisierende Vision von vormodernen Plantagenszenen, in denen die Arbeiter: innen mit „Mutter Natur“ und vorindustriellen Technologien assoziiert werden. Zudem zeigten sie als Menschen, die es zu domesti‐ zieren und zivilisieren galt (Mehaffy 1997, 148). Die folgende Darstellung verdeutlicht dies exemplarisch. Die Werbekarte ist in warmen Farben gemalt. Sowohl die Kakaoschoten und die Landschaft sind in Brauntönen gehalten und verstärken so auch eine visuelle Verbin‐ dung zwischen Kakao und Schokolade und (der Arbeit von) People of Color. Die Frau trägt ein weißes Kleid. Sie kniet auf dem Boden und sammelt Kakaoschoten ein, vor ihr ein übervoller Erntekorb, im Hintergrund mehrere Kakaobäume. Die Reklamekarte suggeriert eine Fülle von Rohstoffen in den Kolonien, ähnlich einem Garten Eden, die leicht geerntet werden können von einer Indigenen Bevölkerung, die diese Arbeit scheinbar mühelos und bereitwillig erledigt. Ihr Wissen, wie Kakao angebaut, geerntet und verarbeitet wird, ermöglichten zugleich den Konsum und Genuss von Schokolade in Nordamerika und Europa (Lears 1994, 147). In diesem Bild werden sowohl das Produkt (Kakao) als auch die Identität der Frau durch ihre räumliche und kulturelle Entfernung von den „zivilisierten“ und „modernen“ Vereinigten Staaten definiert. Das Bild schafft auch eine visuelle Verbindung zwischen dem beworbenen Produkt und der Hautfarbe der abgebildeten Frau. Es verdeutlicht wie Schokolade rassifiziert und wie eine Verschränkung zwischen Schokolade und (Variationen von) Schwarzsein hergestellt wurden. Die Bewerbung von Kakaoprodukten mit Darstellungen von People of Color korrespondiert visuell mit den materiellen Arbeitspraktiken in der Kakaowirtschaft, denn es ist die körperliche Arbeit und das know-how von People of Color, die Konsument: innen in den USA den Genuss von Kakao und Schokolade ermöglichen. Die Arbeitsbedingungen auf Kakaoplantagen finden somit in geschönter Form Eingang in die Reklame. Zusammengenommen verstärken beide die Rassifizie‐ rung von Schokolade und Schwarzen Körpern sowie das rassifizierte Verlangen nach dem Genuss von Schokolade. 358 27 Werbung <?page no="359"?> Abbildung 13: „Collecting the Cocoa“, ca. 1890er (Warshaw Collection of Business Americana). Cocoa and Chocolate, Archives Center, National Museum of American History, Smithsonian Institution. Die Reklamekarte verspricht Verbraucher: innen außerdem Genuss und Gefallen am Konsum tropischer Reichtümer und damit verbunden die Erkundung einer fremden „exotischen“ Welt. Durch die Assoziation mit einer Schwarzen Frau in einer „tropi‐ schen“ Umgebung wird Schokolade umdefiniert; sie wird nicht als ein industriell gefertigtes Nahrungsmittel wahrgenommen, sondern als ein Genussmittel, das mit dem Reichtum der Natur, mit Exotik und Primitivität verbunden ist. Was die Reklamekarte allerdings verschweigt sind die harschen Arbeitsbedingungen, die das Leben von People of Color in den Kolonien sowie von Schwarzen US-Amerikaner: innen auf Plantagen im Süden der USA prägten. (Buell 1996, 36). 27 Werbung 359 <?page no="360"?> Mythos Schokolade Die aus dieser und ähnlichen Werbungen hervorgegangene Assoziation von Schoko‐ lade mit Schwarzsein ist keine Abbildung der Realität, sondern konstruiert und diskur‐ siv vermittelt durch zahlreiche Wiederholungen, auch und gerade in der Werbung. Sie kann als Mythos im Sinne von Roland Barthes verstanden werden (Barthes 1993). Mythische Konzepte sind bedeutungsoffen und temporär, sie können je nach Motiva‐ tion appropriiert werden. Konstruktionen von „Rasse“ sind ideal als Mythos, da das unvollständige, instabile Konzept „Rasse“ jederzeit angeeignet werden kann, sowohl affirmativ als auch herabwürdigend (Hackenesch 2017). Der Karte in Abbildung 13 gelingt es, eine friedliche Plantagenumgebung zu vermitteln, ohne sofort an Sklaverei, Ausbeutung und Gewalt zu erinnern, weil sie Schokolade als Mythos ent-historisiert, obwohl sie einen historischen Kontext hat. Auch wenn diese historischen Tatsachen nicht explizit adressiert werden, sind sie auch nicht völlig abwesend. Die visuelle Rhetorik der Plantage, die indirekt auf den historischen Produktionsprozess von Kolonialherrschaft und Sklaverei zurückgreift, erwies sich in der Werbung als attraktiv. Anders ausgedrückt: Diese Verkaufsstrategien für Schokolade waren auf die eher verborgenen Arbeitsbedingungen auf den Plantagen angewiesen, weil sonst eine breite Palette von Bildern und Assoziationen nicht zur Verfügung gestanden hätte und nicht als Konsumfantasie hätten aufgewertet werden können. Was Konsument: innen präsentiert wurde, ist eine Welt ohne Widersprüche, in der nicht-weiße Menschen die Aufgabe haben für weiße Konsument: innen zu arbeiten. Diese Welt der klaren Abgrenzungen zwischen Indigenen und der „zivilisierten Welt“, zwischen Rohstoffen (Kakao) und industriell gefertigten Produkten (Schokolade), zwischen Schwarz und weiß, vermittelt auch die folgende Reklamekarte. Abbildung 14: „Runkel’s Cocoa“, ohne Datum (Warshaw Collection of Business Americana). Cocoa and Chocolate, Archives Center, National Museum of American History, Smithsonian Institution. 360 27 Werbung <?page no="361"?> Auf der Werbekarte für Runkelʼs Cocoa, einer Firma, die 1870 in New York gegründet wurde und rund 30 Jahre lang im Geschäft war, ist eine Gruppe von Frauen und teils unbekleideten Kindern abgebildet. Zur geografischen Herkunft der Menschen gibt es auf der Vorderseite der Karte keine Auskunft. Laut der Textunterschrift zeigt das Bild Indigene („Natives“), die die Kakaobohnen „vorbereiten“, die dann zur Herstellung von Runkelʼs Cocoa verwendet werden. Auch dieses Bild suggeriert, dass es das Wissen und die Erfahrung der People of Color (hier Frauen und Kinder) sind, die den westlichen Genuss von Schokoladenprodukten ermöglichen. Der Text auf der Rückseite der Reklamekarte identifiziert die Frauen und Kinder als Arbeiterinnen für das Unternehmen: Thousands of miles away in the quaint islands of the tropical oceans, untold numbers of men, women and children are helping us to produce the cup of cocoa that you drank at your breakfast this morning. Runkel facilities are so great and Runkel production is so gigantic, that it is possible to give you at all times a better, a more nourishing, satisfying and delicious cup of breakfast cocoa than any other makers. If you have never tasted Runkel’s, you cannot know real cocoa-delight. If you have tasted it, you will never be satisfied with a substitute. Es ist die Arbeit dieser Frauen und Kinder, die es den Verbraucher: innen ermöglicht, Kakao zu genießen. Der Text romantisiert Kinderarbeit und suggeriert einen unend‐ lichen Reichtum an Arbeitskräften. Er verortet den Kakao auf geografisch vage gehaltenen, tropischen Inseln und verstärkt so die vermeintliche Exotik des Produkts. Ein weiterer Aspekt beider Werbekarten ist der implizite Kontrast, den sie zwischen den „primitiven“ Menschen, die ein vormodernes Leben führen, und den Käufer: innen in einer geordneten, industrialisierten Welt konstruieren, in der der Rohkakao veredelt und verkauft wird. Im späten neunzehnten Jahrhundert und um die Jahrhundertwende waren rassifi‐ zierte Bilder von People of Color in der Werbung scheinbar unverzichtbar. Diese Art der Werbung machte weiße Konsument: innen in den USA vertraut mit einem vermeintlich „exotischen“ Produkt, dessen Genuss durch die körperliche Arbeit von nicht-weißen Menschen ermöglicht wurde. Sie popularisierte Bilder von kolonialen Plantagenkontexten einerseits und korrespondierten andererseits mit Vorstellungen von der Unterlegenheit von Minderheiten in der US-amerikanischen Gesellschaft. Diese Bilder verschwanden weitestgehend zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts und es vollzog sich ein visueller Wandel, der bis in die Gegenwart andauert. Weiße Schokolade Im frühen 20. Jahrhundert war Reklame wie die oben beschriebene zunehmend entbehrlich geworden. Die zuvor häufig gezeigten Ursprungsorte und Herstellungs‐ bedingungen von Kakao und Schokolade waren bekannt und die Produkte wurden weniger als „exotisch“ wahrgenommen; dadurch verschob sich der (visuelle) Diskurs hin zu einem Fokus auf Ethnizität und der Abbildung von Klassenunterschieden, etwa 27 Werbung 361 <?page no="362"?> in Darstellungen von euroamerikanischen Frauen und ihren (meist irischen) Dienst‐ mädchen. Zudem wurden Kakao und Schokolade nun häufig mit populären Bildern des bürgerlichen Weißseins verbunden. In diesen Darstellungen ist der Herstellungspro‐ zess verdächtig abwesend und Schokolade wird mit weißer weiblicher Eleganz, weißer unschuldiger Kindheit und mit moderner Subjektivität verknüpft (Mehaffy 1997, 159; Hackenesch 2017, 69-70). Die visuelle Quelle (Abbildung 15) verbindet Schokolade mit weißem (und weiblichem) Konsumverhalten und verdeutlicht exemplarisch, dass Kakao und Schokolade „weiß gemacht“ wurden. Abbildung 15: „Baker’s Cocoa advertisement“, 1923 (Lightner Collection of Antique Advertising, John W. Hartman Center for Sales, Advertising and Marketing History, David M. Rubenstein Rare Book and Manuscript Library, Duke University). 362 27 Werbung <?page no="363"?> Die Anzeige für Baker’s Cocoa, die im November 1923 in der Monatszeitschrift Good Housekeeping erschien, zeigt drei elegant gekleidete weiße Frauen sowie das Marken‐ zeichen des Unternehmens, Jean-Étienne Liotards Gemälde „La Belle Chocolatière“, im Hintergrund auf der linken Seite der Zeichnung. In dem an die weiße, weibliche, bürgerliche Leserschaft gerichteten Begleittext zur Illustration heißt es, „the exquisite flavor of Baker’s cocoa makes it the favorite beverage to serve at all afternoon and evening social affairs“. Die Werbung unterstreicht den sozialen Wert einer Tasse Schokolade in Gesellschaft, indem sie eine Verbindung zwischen Schokolade, Weißsein und Klasse herstellt. Die weißen Frauen, die gemeinsam eine heiße Schokolade trinken, assoziierten diesen Vorgang mit Eleganz und Geselligkeit. Kakao wurde als geeignetes Getränk für den Abend angepriesen, was wiederum mit der Prohibition, also der Phase des Verbots alkoholischer Getränke in den USA zwischen 1919 und 1933, in Verbindung stand. Schokoladenhersteller bewarben heiße Schokolade in diesen Jahren oft als Alternative zu alkoholischen Getränken. Die feine Kleidung der Frauen machte den Genuss der beworbenen Schokolade zu einem Distinktionsmerkmal, welches Klassenunterschiede kommunizierte und ihren Konsument: innen zu Prestige verhelfen konnte. Ihr Erscheinungsbild, ihre Frisuren, Hüte, Schmuck und locker sitzenden Kleider erinnern an die Subkultur der Flapper, jener jungen urbanen Frauen, die sich mit kurzen Haaren und kurzen Kleidern bewusst über traditionellere Geschlechternormen hinwegsetzten. Diese Frauen amüsieren sich offensichtlich ohne männliche Begleitung, was ihre Unabhängigkeit betont (Dumenil 1996, 321-25). Bis heute zeigt die Werbung Frauen eher als zurückhaltende und sich selbst kontrollierende Konsumentinnen von Schokolade und anderen Lebensmitteln. Die visuelle Rhetorik dieser Reklame assoziierte Schokoladenkonsum mit Luxus und weiblicher Geselligkeit, und vermittelte beides implizit als Teil weißer Subjektivität. Während die Analyse der Reklamepostkarten aus dem späten 19.-Jahrhundert gezeigt hat, dass Kakao als Rohstoff visuell mit People of Color, „tropischen“ Orten und Darstellungen von Indigener Arbeit in Verbindung gebracht wurde, deutet das letzte Beispiel auf eine andere Reihe von Assoziationen und Bedeutungen hin. Kakao wird nicht mehr als exotisch dargestellt; die Werbung zeigt keine Szenen von Plantagen und körperlicher Arbeit. Stattdessen ist Kakao zu einem modernen industriellen Nahrungsmittel geworden, das eine Vielzahl von Bedürfnissen und Geschmäckern der vorrangig weißen Verbraucher: innen befriedigt. So unterschiedlich die ausgewählten Beispiele in ihrer Bildsprache sind, sie alle bewerben Kakao und Schokolade mit Hilfe von rassifizierenden Darstellungen. Die Popularisierung rassistischer Stereotype ist dabei freilich nicht auf diese Produkte begrenzt, sondern findet sich in zahlreichen (historischen) Werbekampagnen, unter anderem für Tabak, Seife, Zahnpasta, Backmischungen, Alkohol und Süßigkeiten. Seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts sind explizit rassistische und offen exotisierende Darstellungen Schwarzer Menschen in den USA weitestgehend aus der Werbung verschwunden, was auf die Erfolge der Bürgerrechtsbewegung, verän‐ derter Sensibilitäten und die Tatsache zurückzuführen ist, dass African Americans 27 Werbung 363 <?page no="364"?> zunehmend als potentielle Konsument: innen von Werbeagenturen mitgedacht werden. Mit Blick auf andere Minderheiten wie etwa Latina/ o/ x Americans oder Indigenous Americans erweisen sich andere rassistische Stereotypen als unerfreulich langlebiger. Die Sensibilisierung für problematische und rassistische Darstellungen verläuft zum Teil schleppend und unterschiedlich. Die Kritik an Aunt Jemima riss nicht ab; sie wurde auf vielfältige wissenschaftliche und künstlerische Art und Weise hervorgebracht (etwa durch Betye Saars Installation „The Liberation of Aunt Jemima“ aus dem Jahr 1972), so dass diese Markenwerbung 2020 schließlich eingestellt und durch einen neuen Namen und ein neues Logo ersetzt wurden. Auf Zigarettenpackungen hingegen, zum Beispiel der Marke „American Spirits“, finden sich weiterhin stereotype Darstellungen von Pfeife rauchenden Indigenen - und auch diese Art der Reklame wird weiterhin begleitet von kritischen Diskussionen und politischen Kämpfen um Motive und ihre Repräsentationsmacht. Literatur Barthes, Roland. 1993. Mythologies. London: Vintage. Behnken, Brian D. und Gregory D. Smithers. 2015. Racism in American Popular Media: From Aunt Jemima to the Frito Bandito. London: Bloomsbury. Buell, Lawrence. 1996. The Environmental Imagination: Thoreau, Nature Writing, and the Forma‐ tion of American Culture. 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Einer kolonialen Zivilisierungsmission folgend, versuchten alle US-Regierungen nach 1880 den American Indians ihre angestammten Lebensweisen auszutreiben und sie zu guten, an die Mehrheitsgesellschaft angepassten Amerikanern umzuerziehen, die sich in der modernen Zeit zurechtfinden (Barth, Osterhammel 2005). In unhinterfragtem Überlegenheitsgestus betrachteten sie American Indians als primitive und ignorante Wilde, und sahen in ihnen als ihre Mündel keine Menschen mit gleichwertigen Kulturen. Bis der „Indian New Deal“ 1934 einen ersten sanften Kurswechsel einleitete, ging die Reservationszeit Hand in Hand mit dem umfassendsten und nachhaltigsten Anschlag auf Indigene Lebensweisen in der US-Geschichte (Ostler 2011, 150). Die neue Indigenenpolitik Nach dem Ende der sogenannten „Indianerkriege“ waren es die Indian Rights Associa‐ tion, der Board of Indian Commissioners, die Women’s National Indian Association und das Boston Indian Citizenship Committee, die sich aus einer wohlmeinend paternalis‐ tischen Haltung heraus für einen neuen Lösungsansatz des „Indianerproblems“ stark machten (Prucha 1976). Zu diesen Reformern zählten Philanthropen, Kirchenleuten, hohe Beamten und Politiker, aber auch US-Innenminister Carl Schurz, ein einst aus Deutschland geflüchteter 1848er-Revolutionär. Schurz sprach sich 1881 dafür aus, „die Indianer“ darin zu unterweisen, wie sie richtig zu leben hätten, damit sie schliesslich als Bürger vollständig in der Mehrheitsgesellschaft aufgehen könnten. Wie andere So‐ zialreformer seiner Zeit wollte Schurz die American Indians durch Arbeit und Bildung an die weiße Kultur anpassen und zur Teilhabe in der weißen Dominanzgesellschaft ertüchtigen (Prucha 1973, 16 ff.). In den 1880er Jahren wurde dieses Programm, das auf die kulturelle Auslöschung zielte, mehrheitsfähig. Fast ausnahmslos sahen die Eliten <?page no="368"?> die First Peoples als barbarische Relikte aus einer finsteren Vorzeit, die der weiteren Entwicklung der USA und ihrer Modernität im Wege standen (Hoxie 2001, 39). Die Politik der Zwangsassimilation ruhte auf drei Säulen: 1883 kriminalisierte der Code of Indian Offenses spirituelle Zeremonien und kulturelle Praktiken (wie den Sonnentanz, die Polygynie, den Potlatch und die Brautpreise) und versuchte diese unter Strafandrohung zu unterdrücken. Vier Jahre später parzellierte und privatisierte der „Dawes Act“ das verbliebene Reservationsland, mit dem Ziel, jeden indianischen Mann zu einem auf eigene Rechnung wirtschaftenden Farmer zu machen. Das Land‐ zuteilungsgesetz wollte die alte tribale Welt mit ihren Gemeinschaftstraditionen pulverisieren und die Reservationen mittelfristig dadurch zum Verschwinden bringen, dass das „Überschussland“ über den freien Bodenmarkt in weiße Hände gelangte (Washburn 1986). Tatsächlich schwand der Umfang des Reservationslandes zwischen 1881 und 1934 noch einmal beträchtlich, von 629.000 auf 212.000 Quadratkilometer. Ein radikales Umerziehungsprogramm für Indigene Kinder und Jugendliche, die als die am leichtesten zu verbessernden „Wilden“ angesehen wurden, bildete die dritte Säule ( Jacobs 2009, 26). „Kill the Indian, save the man“ - die Boarding Schools Die USA unterhielten von 1860 bis 1978 mehr als 400 Internate für Indigene in 37 Territorien oder Bundesstaaten, davon 21 in Alaska und 7 in Hawaii. 76 dieser Boarding Schools waren allein in Oklahoma in Betrieb, gefolgt von Arizona mit 47, New Mexico mit 43, South Dakota mit 30 und Minnesota mit 21 (Newland 2022, 83). Die Boarding Schools waren der institutionelle Ausdruck eines nach Rassenkriterien segregierten Bildungssystems, das letztlich nur den Interessen der weißen Mehrheit diente (Child 2012, V). Vielfach mit wenig kompetenten Lehrkräften betrieben, sollten sie die Zöglinge auf ein Leben am Fuss der gesellschaftlichen Pyramide vorbereiten. In der Hälfte dieser staatlich grundfinanzierten Internate trugen Angehörige christlicher Denominationen die pädagogische Verantwortung, in den anderen weltliche Lehrper‐ sonen und ehemalige Armeeoffiziere. Seit 1891 konnte die Regierung Indigene Kinder und Jugendliche gegen den Willen ihrer Eltern zum Besuch von Boarding Schools zwingen. Selbst das Zurückhalten von vertraglich zugesicherten Hilfslieferungen von Lebensmitteln, Kleidern und Werkzeugen war ab 1893 gesetzlich erlaubt, um renitente Eltern dazu zu bewegen, ihre Kinder in die Internate zu geben (Churchill 2004, 16 f.). Erst der Indian Child Welfare Act von 1978 räumte den Eltern das Recht ein, selber darüber zu befinden, ob ihre Kinder eine Boarding School besuchen oder nicht. Die Internate folgten einer rassistischen Logik, weil ihr Ziel darin bestand, den Zöglingen ihre „inferiore Kultur“ auszutreiben und sie zu einer zivilisierten Lebensweise empor‐ zuhieven (Hoxie 2001, 68). Systematisch kamen in den Boarding Schools „militarisierte und identitätsverändernde Methodiken“ zur Anwendung, die sich in der Regel über die Bedürfnisse der auf sich allein gestellten Kinder hinwegsetzten (Newland 2022, 7). 368 28 Zwangsassimilation der American Indians <?page no="369"?> Das System der Boarding Schools erlebte zwischen 1879 und 1933, als Franklin D. Roosevelt zum Präsidenten gewählt wurde, seine hohe Zeit. Mit Fort Simcoe wurde 1860 in der Yakima Reservation das erste dieser Internate ins Leben gerufen. Doch erst mit der Gründung der Carlisle Indian Industrial School entstand 1879 der Prototyp dieser „totalen Institution“ (Adams 1995, 101), der bald in vielen anderen Internaten Nachahmung fand. Bewusst lag dieses in Pennsylvania domizilierte Internat Hunderte von Meilen entfernt von den meisten Reservationen. Der langjährige Leiter Richard Henry Pratt brachte das pädagogische Kredo der Anstalt 1892 auf die Formel „Kill the Indian in him, and save the man“ (Prucha 1973, 261). Christliche Werte, eine protestantische Arbeitsethik und Patriotismus sollten an die Stelle der als inferior betrachteten Indigenen Kulturen treten. Tausende von American Indians aus allen Teilen des Landes verbrachten in Carlisle wie in den anderen Internaten ihre Kindheit, oft viele Jahre lang getrennt von ihren Familien und Gemeinschaften. Erläuterung | Ethnozid: Die versuchte Politik der Zwangsassimilation von Ame‐ rican Indians entspricht dem, was in der Forschung seit Pierre Clastres unter „Ethnozid“ gefasst wird. Im Unterschied zu Genozid zielte der versuchte Ethnozid an den First Peoples in den USA nicht auf deren physische Vernichtung, sondern auf ihre vollständige kulturelle Auslöschung durch die systematische Zerstörung ihrer Lebensweisen und ihres traditionellen Denkens. Seit dem späten 19. Jahrhundert unterwarf auch Kanada die Angehörigen der First Nations einem ethnozidalen Programm. Am Beginn eines jeden Ethnozids steht die Unfähigkeit, die Anderen in ihrem Anderssein als gleichwertige Menschen zu akzeptieren. Insbesondere den Eintritt erlebten die Kinder als veritablen Kulturschock. Die Neuan‐ kömmlinge mussten ihr traditionelles Outfit ablegen, wurden von fremden Menschen gebadet und in Schuluniformen gesteckt. Man schnitt ihnen die Haare ab, verpasste ihnen neue Vornamen und setzte ihnen unvertrautes Essen vor. Bei Strafe war ihnen der Gebrauch ihrer angestammten Sprachen fortan untersagt. Sie durften sich nur noch auf Englisch verständigen, das sie anfänglich nur radebrechen konnten. In den Internaten waren sie in streng reglementierte Alltagsroutinen eingespannt, die unter anderem den Besuch christlicher Gottesdienste und regelmässiges Beten, aber auch ihnen fremde patriotische Feiern und Rituale einschlossen. Die Morgen dienten dem Elementarunterricht auf Volksschulniveau, an den Nachmittagen mussten die Zöglinge körperlich hart arbeiten - die Jungen auf Feldern und in Werkstätten, die Mädchen in der Hauswirtschaft und in Wäschereien. Die Boarding Schools waren chronisch unterfinanziert. Durch Kinderarbeit, mit der sie verkäufliche Güter, saubere Wäsche oder auch Lebensmittel produzierten, trugen die Zöglinge selber zum Unterhalt der Institutionen bei (Meriam 1928, 376). Die Arbeitstage waren überlang, so dass die Kinder kaum Freizeit hatten. Verstösse gegen die Internatsregeln wurden mit wenig kindgerechten Strafen geahndet. Dazu zählten nicht nur das Bloßstellen vor den 28 Zwangsassimilation der American Indians 369 <?page no="370"?> Mitschülern, langes Stehen in Ecken und das Putzen von Fluren, Duschräumen und Toiletten, sondern auch Essensentzug, das Wegsperren in dunkle Verliesse und schwere körperliche Züchtigungen (Trafzer et al. 2006, 21). Die Lebensbedingungen in den oft überbelegten Boarding Schools waren meist ungenügend und hygienisch bedenklich. In manchen Internaten mussten sich zwei oder gar drei Kinder ein Bett teilen. Es kam eintöniges und zuweilen zu wenig Essen auf den Tisch, so dass die Kinder mitunter Mangel oder Hunger litten. Tuberkulose, Trachom und Grippe grassierten in etlichen Internaten, die oft über keine funkti‐ onstüchtigen medizinischen Abteilungen verfügten. Dutzende dieser Einrichtungen besassen einen eigenen Friedhof, auf denen hunderte Schüler und Schülerinnen begraben liegen. Überlebende berichten von sexuellen Übergriffen, die sie durch Lehrpersonen erlitten. Unlängst kam ein von US-Innenministerin Deb Haaland in Auftrag gegebener staatlicher Untersuchungsbericht zum Befund, dass „körperlicher, sexueller und emotionaler Missbrauch, Krankheiten, Unterernährung, Überbelegung und fehlende Gesundheitsversorgung“ in den Boarding Schools für Indigene verbreitet waren (Newland 2022, 56). Obschon nicht alle Kinder ihre Internatszeit als gleicher‐ weise furchtbar erlebten, schlug die „heimtückische Politik des kulturellen Genozids bei vielen Absolventen lebenslange „Seelenwunden“, die sich in ihren Gemeinschaften als generationenübergreifende Traumen auswirkten, wie Oral History-Interviews belegen (Lajimodiere 2019, 7, 9 u. 14). Dass der „versuchte Ethnozid“ (Mattioli 2017, 294) trotz des von ihm verursachten Leids letztlich ein „erfolgreicher Fehlschlag“ (Trafzer et al. 2006, 1) blieb, weil es den Boarding Schools nie gelang, die Schülerschaft vollständig zu assimilieren, verdankt sich der Stärke und Resilienz der First Peoples. Literatur Adams, David Wallace 1995. Education for Exstinction. American Indians and the Boarding School Experience 1875-1928. Lawrence: University Press of Kansas. Barth, Boris und Jürgen Osterhammel (Hg.), 2005. Zivilisierungsmissionen. Imperiale Weltverbes‐ serung seit dem 18.-Jahrhundert. Konstanz: UVK Verlag. Child, Brenda J. 2012. Boarding School Seasons. American Indian Families, 1900-1940. Lincoln, London: University of Nebraska Press. Churchill, Ward. 2004. Kill the Indian, Save the Man. The Genocidal Impact of American Indian Residential Schools. San Francisco: City Lights Books. Hoxie, Frederic E. 2001. A Final Promise. The Campaign to Assimilate the Indians 1880-1928. 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Der Texanische Unabhängigkeitskrieg und Scharmützel in den Folgejahren potenzierten rassistisch konnotierte Mexiko-Bilder in den USA. Trotz Kriegsdrohungen Mexikos trat Texas 1845 den USA bei. US-Präsident James K. Polk provozierte sodann einen Krieg gegen Mexiko, indem er Truppen in umstrittenes Gebiet entsandte. Die Sicherung der Grenze stand bei der Entscheidung im Hintergrund; das eigentliche Motiv war die territoriale Expansion auf Kosten Mexikos (Bauer 1992; Clary 2009). Die USA kämpften anfangs mit wenigen Tausend Berufssoldaten. Doch da viele junge Männer dem Kriegsziel zur Eroberung der „Hallen der Montezumas“ nacheiferten, füllten sich rasch neue einzelstaatliche Freiwilligenregimenter ( Johannsen 1985). Der Schlachtruf vieler war „Remember the Alamo! “, eine Anspielung auf die zu Märtyrern stilisierte Schar Texaner, die 1836 eine Missionsstation gegen eine mexikanische Übermacht verteidigt hatte und schließlich exekutiert wurde. Sehr viele US-Kriegsteilnehmer hatten an früheren Kämpfen teilgenommen und wollten Rache (Riffel 2016, 288-93). Die US-Truppen gewannen alle folgenden Schlachten gegen die mexikanische Armee und nahmen im September 1847 Mexiko-Stadt ein. Großen Anteil daran hatte die soziale und politische Spaltung Mexikos in den Kriegsjahren, einschließlich Dutzender Bauernaufstände und bürgerkriegsähnlicher Zustände. Der Krieg endete Mitte 1848 mit dem Vertrag von Guadalupe Hidalgo, dessen Bedingungen die USA diktierten und der diesen die heutigen Staaten Texas, New Mexico, Kalifornien und Teile von Arizona, Utah, Nevada, Kansas, Wyoming und Colorado übereignete. Mexiko verlor gegen die Zahlung von 15 Millionen Dollar die Hälfte seines Staatsgebiets. Die Zustimmung erfolgte, um angesichts des All of Mexico Movement in den USA noch größere Gebietsverluste abzuwenden (Levinson 2005; Greenberg 2012; Griswold 1990). <?page no="376"?> Gräueltaten In Mexiko operierten mehrere US-Heere. In der Befehlszone des späteren US-Präsiden‐ ten General Zachary Taylor eskalierten illegitime Formen der Gewalt in Gestalt von Massakern und anhaltenden Morden an Zivilisten. Taylor ahndete Vergehen kaum und bewahrte seine Truppen vor Strafverfolgung trotz einer Order des Oberbefehlshabers Winfield Scott zur Ahndung von Gräueltaten. Scotts Maßnahmen halfen insgesamt, die Gewalt und das Klima der Straflosigkeit innerhalb der US-Truppen einzudämmen, doch waren Willkür, fehlende Zeugen und parteiische Militärgerichtsgeschworene an der Tagesordnung. Das Gros der illegitimen Gewalt blieb daher ungesühnt. Die meisten Gräueltaten verübten die Texas Rangers. Bei den Freiwilligeneinheiten verübten vor allem aus den westlichen Bundesstaaten stammende, vom Frontierleben geprägte Soldaten, die den Großteil der Truppen stellten, illegitime Gewalttaten. Meist mordeten Kleingruppen oder Einzeltäter, doch gab es Massaker mit Dutzenden Tätern. Bestimmte Kompanien und Soldaten mordeten regelmäßig, teils unter dem Vorwand summari‐ scher Vergeltung. Vergewaltigungen und sexuelle Gewalt wurden kaum geahndet, obgleich es viele Fälle gab. Wegen Vergewaltigung einer Mexikanerin hingerichtet wurde einzig der freie Afroamerikaner Isaac Kirk, an dem Scott ein Exempel statuierte (Riffel 2016, 78-163, 293-304, 327-35, 341-53, 457-62). Erläuterung | Gräueltaten: 1846 existierte keine anerkannte formalrechtliche Definition von Kriegsverbrechen im heutigen Sinne, doch gab es Handlungen, die gewohnheits- und völkerrechtlich als verboten galten. Unter Berufung auf den „ungeschriebenen Kodex“ des Kriegsrechts erließ Scott anlässlich seiner Übernahme des Oberbefehls 1847 einen Generalbefehl, da die US-Regierung und die Armeekommandeure seine vorherigen Bemühungen wie auch die Gräueltaten bis dato ignoriert hätten. Als verbotene Atrocities definierte er: „Assassination; murder; malicious stabbing or maiming; rape; malicious assault and battery; robbery, theft; the wanton desecration of churches, cemeteries, or other religious edifices and fixtures, and the destruction, except by order a superior officer, of public private property“ (zitiert nach Riffel 2016, 4). Die US-Regierung wusste früh um das Ausmaß illegitimer Gewalt. Dennoch instruierte sie die Befehlshaber, die mexikanische Bevölkerung den Krieg stärker spüren zu lassen, um Friedensverhandlungen zu beschleunigen. Vorherrschend war die Überzeugung des „Bürgersoldatenideals“: Freiwilligensoldaten und Milizen seien edel und demokratisch, anders als „stehende Heere“. Der Präsident und viele Freiwilligenoffiziere disziplinier‐ ten die Truppen nicht stärker, um ihre weiteren politischen Ambitionen nicht durch den Vorwurf zu gefährden, sie agierten undemokratisch (Foos 2002; McCaffrey 1992). Das Gebaren der US-Truppen trug dazu bei, dass die mexikanische Regierung Anfang 1847 den Guerillakrieg proklamierte. Die Taktik der Guerilleros, keine Gnade zu gewähren und Opfer zu verstümmeln, brutalisierte die Kriegführung. Sie töteten 376 29 Der Mexikanisch-Amerikanische Krieg <?page no="377"?> Hunderte US-Soldaten und Fuhrleute und schnitten die Besatzer im Landesinnern monatelang vom Nachschub ab. Dies schürte summarische Vergeltungsmaßnahmen durch die US-Truppen, die betroffenen Gemeinden Strafzahlungen auferlegten, ganze Landstriche niederbrannten und die Guerilleros gnadenlos bekämpften. Dabei ver‐ schwamm die Grenze zu Nichtkombattanten zusehends (Levinson 2005). Alkohol, Monotonie, Krankheiten und Disziplinlosigkeit begünstigten US-Gräueltaten weiter. Gepaart mit dem Guerillakrieg entstanden lokale Gewaltspiralen, auch in Städten, in denen Hunderte US-Soldaten ermordet wurden. Zehntausende Mexikaner flohen vor den Kampfhandlungen. Das harte Vorgehen sowie die Früchte tragende Strategie der USA, für Güter zu bezahlen und Lokalverwaltungen einzubinden, verhinderten noch größere Ausmaße des Guerillakriegs. Zugleich wurde dieser durch innermexikanische Konflikte und die Besatzung aller wichtigen Städte eingebremst. Die US-Kriegsführung umfasste Härte und großzügige Befriedungsmaßnahmen zugleich. Der Oberbefehlsha‐ ber Scott legte zwar viel Wert auf die Disziplinierung seiner Soldaten, nutzte aber illegitime Gewalt für strategische Ziele: Er befahl ein rücksichtloses Vorgehen gegen Guerilleros sowie die gezielte Bombardierung von Wohnhäusern in Veracruz und Me‐ xiko-Stadt, die jeweils Hunderte zivile Opfer forderte und zu Protesten ausländischer Diplomaten führte (Riffel 2016, 323-26, 450-55, 489-92). Manifest Destiny und rassistische Stereotypen Wie in vielen späteren Kriegen beschworen die USA das Motiv der Ausbreitung der Zivilisation und republikanisch-demokratischer Grundsätze, doch am wirkmäch‐ tigsten war der Glaube an die Manifest Destiny ihrer Nation. Viele US-Soldaten waren überzeugt, im Auftrag Gottes zu handeln und Mexikanern in „rassischer“, geistiger, moralischer, gesellschaftlicher und politischer Hinsicht überlegen zu sein. Soldatenzeitungen schrieben beständig von US-Soldaten als „Anglo-Saxons“ und deren göttlicher Mission, das Schicksal Mexikos und der Einwohner zu diktieren. Damit brachten sie Ansichten weiter Teile der weißen US-Bevölkerung zum Ausdruck (Riffel 2016, 248-67; Winders 2008, 180-85; McCaffrey 1992, 66-79). Erläuterung | Manifest Destiny: Das Streben nach territorialer Expansion galt im 19. Jahrhundert als „Manifest Destiny“ der USA, als gottgewollte, offenkundige Bestimmung und Mission, die Grenzen des Landes stetig auszudehnen. Der reli‐ giöse Exzeptionalismusglaube der weißen US-Bevölkerung reicht Jahrhunderte zurück und wurde in den 1840er Jahren virulent und zunehmend rassistischnationalistisch aufgeladen. Die Überzeugung, von Gott auserwählt und allen anderen Nationen überlegen zu sein, half, die gewaltsame Expansion zu Lasten „schwächerer“ oder „unfähiger“ Bevölkerungsgruppen zu rechtfertigen, auch unter dem Postulat der Ausbreitung von Fortschritt und Demokratie. Waren bis dato American Indians und Afroamerikaner die Leidtragenden gewesen, traf es im 29 Der Mexikanisch-Amerikanische Krieg 377 <?page no="378"?> Zuge des Mexikanisch-Amerikanischen Kriegs die mexikanische Bevölkerung (Greenberg 2012; Horsman 1981). In den 1840er Jahren wurde der Auserwähltheitsglaube innerhalb der weißen US-Be‐ völkerung zunehmend rassistisch konnotiert. Als auserwählt galt nur mehr die „angelsächsische Rasse“. Die Verstärkung der Ideologie der weißen Vorherrschaft wirkte längerfristig gegenüber europäischen Einwanderern ohne britische Wurzeln inklusiv, während sie die Herabsetzung von Afroamerikanern, American Indians und Mexikanern festigte und gewaltsame Expansion göttlich legitimierte. Die Mehrheit der US-Kriegsteilnehmer, zumal der Freiwilligensoldaten, war überzeugt, Gott habe die Annexion mexikanischer Gebiete durch die USA vorherbestimmt. In dieser Lesart mussten die US-Amerikaner zwangsläufig die angeblich minderwertigen Mexikaner verdrängen, ihr Land nutzbar machen und so zum gottgewollten Fortschritt der Menschheit beitragen. Politiker, die Presse und Soldatenzeitungen prägten und ver‐ breiteten diese rassistisch konnotierte Wahrnehmung (Horsman 1981; Paredes 1977; Riffel 2016). Der Krieg zeichnete sich durch eine nie gekannte Fülle und Unmittelbarkeit medialer Berichterstattung aus, zumal sich zahlreiche US-Soldaten als Korrespondenten betätig‐ ten. In besetzten Städten erschienen mit Unterstützung der Armee Soldatenzeitungen, die weithin gelesen und deren Artikel von US-Zeitungen nachgedruckt wurden. Viele Beiträge begrüßten die Expansion, verunglimpften Mexikaner oder verharmlosten Gräueltaten. Vor Kriegsausbruch wurden in den USA verbreitet Groschenzeitungen und Berichte von Reisen nach Mexiko rezipiert. Sie perpetuierten antimexikanische, rassistische und antikatholische Darstellungen und ebneten der Expansion den Weg, indem sie US-Siedlern in Mexiko fruchtbares Land, verfügbare Frauen und eine aktive Rolle bei der Verbreitung von Fortschritt und Zivilisation verhießen. Zahlreiche Ego-Dokumente belegen, dass die Berichte die Verhaltens- und Wahrnehmungsweisen der US-Soldaten prägten. Vielfach hallt das Argument wider, es sei Gottes Wille, dass die Gebiete der „angelsächsische“ Rasse zugeschlagen und von ihr genutzt werden und nicht von der mexikanischen „mongrel race“. Auch Soldatenzeitungen trommelten für die Annexion ganz Mexikos. Der Glaube an die Manifest Destiny wurde durch protes‐ tantische Priester, die mit der Armee zogen und den Kriegsverlauf bestärkt. Da sie alle Schlachten gewannen, stand Gott ihnen bei, so die Überzeugung vieler US-Soldaten. Zudem profitierten die Soldaten durch Landprämien selbst von der Expansion. Viele nahmen später an Expeditionen von sogenannten Filibusters teil, US-amerikanische Söldner und Abenteurer, die danach strebten, Gebiete in Mittelamerika für die USA in Besitz zu nehmen (Paredes 1977; Riffel 2016, 46-53, 248-64; Greenberg 2012). Der Glaube vieler US-Kriegsteilnehmer an ihre göttliche Auserwähltheit und „ras‐ sische“ Überlegenheit legitimierte illegitime Gewalt und die Expansion zugleich. Auf Exklusion zielende Stereotype waren dafür zentral. Die meisten Soldaten perzipierten Mexikaner als „rassisch“ minderwertig und in jeder Hinsicht unterlegen. Rassistische 378 29 Der Mexikanisch-Amerikanische Krieg <?page no="379"?> Sprachbilder und Manifest Destiny-Rhetorik waren weit verbreitet, auch unter hoch‐ rangigen Offizieren. Soldatenzeitungen stellten den Krieg als Konflikt verschiedener „Rassen“ dar. Manche Kommentatoren sprachen den Mexikanern sogar die Mensch‐ lichkeit ab und setzten sie mit Affen und niederen Kreaturen gleich. Antimexikanischer Rassismus diente auch als Argument gegen die Expansion: Die USA, so die Forderung, sollten keine „minderwertige Rassen“ aufnehmen. Dabei wurde die Gefahr der „Rassen‐ vermischung“ beschworen und Mexikaner als Nachkommen „minderwertiger Rassen“, als half-breeds, mongrels oder greasers bezeichnet. Zahllose US-Soldaten zeigten sich entsetzt über die ethnische Vielfalt in Mexiko, wobei sie im Falle der Eliten und Frauen (vor dem Hintergrund realer und imaginierter sexueller Beziehungen) positiver urteilten. Die meisten Mexikaner galten den Soldaten als nicht-weiß und minderwertig. Je hellhäutiger Mexikaner schienen, desto höherwertiger, je dunkelhäutiger, desto niedriger wurde ihre soziale Stellung beurteilt. Angehörige der Unterschicht, an denen die Besatzer die meisten Gräuel verübten, galten als bedrohlich und besonders minderwertig (Riffel 2016, 210-263; Horsman 1981, 208-248). Von US-Publikationen geschürte Vorurteile gegen die katholische Religion mehrten die Geringschätzung noch, wozu auch mexikanische Priester beitrugen, die zum Widerstand aufwiegelten oder Guerilleros anführten. Antikatholizismus führte auch zu Spannungen innerhalb der US-Truppen und trug maßgeblich zur Desertion von über 9.000 Soldaten bei. Die Desertionsrate war mit 8,3 Prozent höher als bei allen späteren Auslandskriegen der USA. Insbesondere katholische irischstämmige Soldaten desertierten; viele von ihnen traten dem San Patricio-Battalion Mexikos bei und wurden später von den US-Truppen gehängt oder ausgepeitscht und gebrandmarkt (Pinheiro 2001; Stevens 1999, 2-3, 247-79). Mexikanische Reaktionen Viele Mexikaner zürnten ob der Geringschätzung der Besatzer. Um die Bevölkerung zum Widerstand aufzurufen, schürten Politiker, Publizisten und Teile des Klerus Ängste vor dem Untergang ihrer „Rasse“, ihres Landes und der katholischen Religion sowie vor der Annexion des gesamten Landes. Sie verurteilten die Expansionslust und Überlegenheitsgefühle der US-Amerikaner und empörten sich, dass diese speziell dunkelhäutige Mexikaner wie „Barbaren und Wilde“ behandelten. Mexikanern drohe von den USA die gleiche Behandlung wie den American Indians und Afroamerikanern, ja die „Versklavung“ oder „Vernichtung unserer Rasse“ in ganz Lateinamerika (zitiert nach Riffel 2016, 229-30). Wie die Bevölkerung auf die Besatzung durch die US-Truppen reagierte, hing vom Kriegsverlauf, vom Verhalten der Besatzer vor Ort und von sozialen Faktoren ab. Manche konservativen Eliten hatten Vorbehalte gegen Teile ihrer Landsleute, verurteilten jedoch den rassistischen antimexikanischen Diskurs in den USA und bezeichneten die dortige Sklaverei als institutionalisierte Diskriminierung von Nichtweißen. Mexikanerinnen, die sich, teils aus sozialer Not, auf Beziehungen mit den Besatzern einließen, wurden von Landsleuten oft grausam bestraft, vor allem 29 Der Mexikanisch-Amerikanische Krieg 379 <?page no="380"?> gegen Kriegsende. Der Klerus war gespalten: Priester agitierten oft gegen die Besatzer, höhere Geistliche blieben oft aus Angst vor Machtverlust neutral oder kollaborierten in gewissem Ausmaß. Es kam vor, dass US-Soldaten Kirchen plünderten oder Gläubige und Priester attackierten, doch setzen die US-Regierung und US-Armee Maßnahmen zum Schutz des Katholizismus durch. Dies untergrub mexikanische Vorwürfe, sie bekriegten diese Religion (Vázquez 1998; De Vega 2001). Die Gräueltaten der US-Truppen waren maßgebliche Ursache für die Ausrufung des Guerillakriegs und trugen dazu bei, dass Mexiko lange Zeit Friedensverhandlungen mit den USA verweigerte. Letztlich hatten weder die Kriegsgräuel noch der Guerilla‐ krieg größeren Einfluss auf den Ausgang des Kriegs, da die mexikanischen Eliten die Guerilleros nur zögerlich unterstützten. Viele Vertreter der Elite fürchteten, der Guerillakampf könnte soziale Unruhen auslösen, die sich gegen sie richten würden. Zudem verübten die Besatzer Gräueltaten meist an Angehörigen der Unterschicht, was von der Öffentlichkeit oft unbeachtet blieb. Die Bevölkerung fürchtete insbesondere die Texas Rangers und die Freiwilligensoldaten, die die stärkste Verachtung gegenüber den Mexikanern an den Tag legten und die meisten Gräueltaten verübten. Summarische Vergeltung an Gemeinden, in deren Nähe Guerilleros agierten, einerseits und das Bezahlen von Gütern durch die US-Truppen andererseits nährten innermexikanische Konflikte, zumal Widerstand angesichts des Kriegsverlaufs bald aussichtslos schien. Viele fürchteten, dass die USA in Zukunft ganz Mexiko annektieren und die Bevölke‐ rung aufgrund ihrer „Rasse“ enteignen und entrechten werden (Levinson 2005; De Vega 2001; Riffel 2016, 18-21, 229-32, 533-40). Der Mexikanisch-Amerikanische Krieg spielt eine zentrale Rolle in der gewalt‐ geprägten Geschichte des Südwestens der USA. Heute hat die euroamerikanische US-Bevölkerung den Krieg weitgehend „vergessen“ (Van Wagenen 2012), trotz seiner enormen sozialen, wirtschaftlichen und politischen Folgen sowohl für das eigene Land als auch für Mexiko. Literatur Bauer, K. Jack. 1992. The Mexican War, 1846-1848. Lincoln: University of Nebraska Press. Clary, David. 2009. 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Doch unbestritten ist, dass bereits die Puritaner die sogenannten Indianer als kaum menschlich und barbarisch wahrnahmen und die Dezimierung dieser „Satansbrut“ als Fingerzeig Gottes darauf lasen, dass sie mit der Landnahme moralisch richtiglagen (Cave 1996, 152). Seit der Amerikanischen Revolution dämonisierten die Siedler die American Indians, die um ihr schieres Überleben kämpften, zunehmend als „blutrünstige Wilde“ und „rote Teufel“. Solch rassistische Haltungen rechtfertigten die siedlerkoloniale Verdrängung und Dezimierung der First Peoples sowie die territoriale Expansion der USA. Nordamerika war nie eine friedliche Welt, auch vor der Invasion durch europäische Eroberer nicht. Innerindigene Konflikte wurden jedoch lange durch Beutemachen, Rachenehmen für getötete Verwandte und den Wunsch nach Kriegsruhm angetrieben. In kurzen Feldzügen überfielen mobile „war parties“ ihre Nachbarn und holten sich in den angegriffenen Dörfern, was ihnen nützte oder zur Ehre gereichte. So grausam sich Angreifer zuweilen gegen einzelne Feinde verhielten, ging es in diesen Konflikten bis ins frühe 17. Jahrhundert nicht so sehr um die Eroberung fremden Landes und schon gar nicht um die Auslöschung ganzer Indigener Nationen. In der frühen Kolonialzeit bildete sich in Nordamerika eine „neue Welt des Krieges“ (Calloway 2013, 94) aus. Englische, französische und niederländische Kolonisten führten tödlichere Waffen ein. Zudem übertrugen sie auf systematische Zerstörung bedachte Kriegsmethoden, die im Europa des konfessionellen Zeitalters und besonders bei der brutalen Eroberung von Irland erprobt worden waren, auf die Frontierkonflikte mit ihren Indigenen Widersachern (Takaki 2008, 30 ff.). Über den Goldrausch in Kalifornien zur Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus umschrieben angloamerikanische Quellen diese Gewaltform mit „to extirpate“, „mit der Wurzel ausreissen“ (Ostler 2015, 587 f.). <?page no="384"?> Kolonialzeit Für die Zeit zwischen 1540 und 1880 sind hunderte von kleineren und größeren Vernichtungsaktionen gegen Indigene Gemeinschaften belegt. Dabei lassen sich zwei Typen der Vernichtung unterscheiden: erstens die Verwüstungsfeldzüge, die auf eine dauerhafte Vertreibung von Indigenen Gemeinschaften zielten, indem sie deren materielle Ressourcen in ihren ursprünglichen Lebensräumen zerstörten, und zweitens die selteneren Ausrottungsmassaker mit zuweilen Hunderten von Opfern. Schon Hernado de Sotos Erkundungszug (1539-1543) hinterließ im späteren Südosten der USA eine Zone der Verwüstung. Nach einer erbitterten Schlacht ließen de Sotos Leute 1540 die befestigte Siedlung Mabila in Flammen aufgehen und töteten bis zu 3.000 Choctaw. Als im 17. Jahrhundert die Landnahme an der Atlantikküste begann, brannten bald auch englische, niederländische und französische Milizen Indigene Dörfer, Speicher und Maisfelder nieder und griffen damit die Lebensgrundlagen der First Peoples an. In den „Tidewater Wars“ zwischen englischen Siedlern und der mächtigen Powhatan-Föderation, die zwischen 1609 und 1646 an der an der Chesapeake Bay und in die sie mündenden Flüssen tobten, geschah dies erstmals. Von Beginn der weißen Besiedlung an zeigte sich, dass die Siedler die sich häufenden Konflikte mit den First Peoples auch als einen „Kampf der Rassen“ sahen (Grimm 2015, 19). Das erste Ausrottungsmassaker ereignete sich 1637 im südlichen Connecticut. Als Vergeltung für einen Angriff auf Wethersfield führten die New England-Kolonien einen Rachefeldzug gegen die Pequot. Schließlich umstellte eine englische Miliz am 26. Mai 1637 ihr Hauptdorf am Mystic River und ließ es durch Indigene Krieger, die mit ihr verbündet waren, in Brand schießen. An den Ausgängen töteten die Angreifer die in Panik Fliehenden oder trieben sie in die Flammen zurück. Bis zu 700 Pequot verloren ihr Leben, darunter viele Frauen, Kinder und Alte. Nach diesem Blutbad zeigten sich selbst die mit den Engländern kämpfenden Narrangansett geschockt über den Gewaltexzess. Nicht genug damit: die Miliz setzte den verbliebenen Pequot nach, tötete weiter und verschickte Hunderte von Frauen und Kindern auf die Sklavenplantagen von Barbados (Cave 1996, 148-52). Der King Philip’s War (1975/ 76) zwischen den Narrangansett und Wampanoag auf der einen und den New England-Kolonien auf der anderen Seite geriet zum tödlichsten Konflikt der frühen Kolonialzeit. In ihm entluden sich Spannungen um Land und eine aufgestaute Wut über kulturelle Übergriffe der Engländer. Im King Philip’s War machten englische Milizen etliche Indigene Dörfer dem Erdboden gleich, nachdem Narragansett zuvor hunderte Siedler getötet hatten. Wenig später, im Dezember 1675, ereignete sich im „Great Swamp“ in Rhode Island ein weiteres Massaker, als eine englische Miliz mit verbündeten Mohegan und Pequot ein befestigtes Dorf der Narragansett überfiel. Die Angreifer metzelten Hunderte nieder und ließen nahezu alle Häuser und die ihnen gelagerten Maisvorräte ein Raub der Flammen werden (Brooks 2018, 243 f.). Im englischen Machtbereich wiederholte sich diese Art der Kriegsführung im Tuscarora-Krieg, der 1715 in North Carolina mit der dauerhaften Vertreibung 384 30 Vernichtungskriege gegen American Indians <?page no="385"?> der Tuscarora endete, und 1760/ 61, als britische Truppen Teile des Cherokee-Landes schwer heimsuchten. Allerdings bildete die Taktik der verbrannten Erde keine britische Besonderheit: 1692 ging eine französische Miliz so gegen drei Mohawk-Dörfer vor. In ihrer Provinz Louisiana zeigten sich Franzosen und ihre Indigenen Söldner gegenüber aufständischen Natchez gnadenlos, indem sie deren Nation durch zwei Strafexpediti‐ onen in den vollständigen Ruin trieben. Sie töteten viele Dutzende Natchez, zerstörten ihre Forts, Häuser und Kanus und verkauften Hunderte von ihnen auf die Sklavenplan‐ tagen von Saint-Dominigue (Barnett 2007, 119-26). Amerikanische Revolution und frühe Republik Während des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges tobte in den Frontiergebieten ein Konflikt um die weitere Expansion in Indigenes Land (Nash 2005, 345). Bezeich‐ nenderweise stellte bereits die Unabhängigkeitserklärung die First Peoples 1776 auf die falsche Seite der Geschichte. Unter den Klagepunkten gegen König Georg III. führte die Erklärung an, dass er die weitere Besiedlung des Landes jenseits der Appalachen untersagt und „erbarmungslose indianische Wilde“ auf „unsere Frontierbewohner“ gehetzt habe. Unter den Rebellen gegen die Krone nahm der Indianerhass jetzt nie zuvor gekannte Dimensionen an. Als Folge davon nahmen in den Frontierzonen zerstörerische Attacken gegen American Indians an Zahl und Häufigkeit zu (Griffin 2008, 166 f.). Die Chicamauga Cherokee, Shawnee und die irokesischen Six Nations bekamen dies in besonderer Weise zu spüren. Ihr Lebensraum stand der Expansion weißer Siedler in Tennessee, Kentucky, im Tal des Ohio und in New York im Weg. Ein Zyklus von Gewalt und Rache kam in Gang. Als Reaktion auf Indigene Überfälle an der Frontier griffen Milizen zur bewährten Methode, die Dörfer „feindlicher Indianer“ und die sie umgebenden Fruchtfelder mit Schwert und Feuer zu verheeren. Flucht, Hunger und Tod waren die Folge. Mehrfach mussten die Shawnee ihre Dörfer zwischen 1774 und 1794 wiederaufbauen, nachdem die Siedlungsgrenze erneut an sie herangerückt war (Calloway 1995, 53 ff.). Das nämliche Schicksal erlitten die Chicamauga Cherokee 1780/ 81, als eine Staatsmiliz aus Virginia mehr als zehn ihrer Dörfer am Tennessee River unbewohnbar machte (Grenier 2005, 17 f.). Keineswegs nur die Milizen, sondern auch Armeen der gegen England rebellierenden Kolonien bediente sich der Methode der verbrannten Erde, als drei ihrer regulären Einheiten 1779 tief in das Land der Onondaga und Seneca eindrangen. Als Ziel gab George Washington die „totale Zerstörung“ von Siedlungen und Maisfeldern sowie die Gefangennahme von so vielen Indians wie nur möglich aus (Calloway 2018, 250). Truppen unter Generalmajor John Sullivan verwüsteten Dutzende von Dörfern mit ihren Langhäusern, Feldern und Obstplantagen. Tausende Irokesen mussten auf briti‐ sches Gebiet ausweichen, wo um Fort Niagara ein riesiges Flüchtlingslager entstand, in dem viele der Geflüchteten hungers starben. Ein Chief kommentierte, dass die Amerikaner nichts weniger wollten, als die Irokesen vom Antlitz der Erde zu tilgen, um deren Land zu stehlen (Calloway 2018, 257). Tatsächlich konnten die Geflohenen 30 Vernichtungskriege gegen American Indians 385 <?page no="386"?> nach dem Krieg nicht in ihre alte Heimat zurückkehren. Nie zuvor hatten Europäer so viele Indigene Dörfer über ein so großes Gebiet ausradiert wie die Amerikaner in ihrem Unabhängigkeitskrieg (Ostler 2019, 75). Rassistische Entmenschlichung war auch eine Ermöglichungsbedingung des Massakers von Gnadenhütten. Gnadenhütten war ein Missionsdorf der Mährischen Brüder am Muskingum River, in dem zum Christentum konvertierte Delaware lebten. Am 8. März 1782 ermordete eine Pennsylvania-Miliz 96 von ihnen, darunter 29 Frauen und 39 Kinder, unter der falschen Anschuldigung, dass sie an der Frontier marodierende Indians unterstützt hätten (Sterner 2020, 147 ff.). Erläuterung | Schon lange vor dem deutschen Vernichtungskrieg gegen die Sowjet‐ union (1941-1945), dem 27 Millionen Sowjetbürger zum Opfer fielen, kam es besonders in kolonialen Kontexten immer wieder zu Gewaltexzessen, während denen fremde Eroberer die Menschen ganzer Städte oder Dörfer umbrachten. Dies war 1649 etwa bei der englischen Rückeroberung Irlands durch Oliver Cromwell der Fall, als dieser allein in Drogheda 3000 Menschen massakrieren ließ. Diese Form entgrenzter Kriegführung machte in den Frontierkonflikten Nordamerikas Schule und gab ihnen bis weit ins 19. Jahrhundert hinein ihr besonders grausames Gepräge. In den Quellen findet sich dafür oft der Ausdruck „war of extirpation“, Ausrottungskrieg. Kaum unabhängig geworden griff die US-Armee während des North West Indian War (1786-1795) immer auch wieder zivile Ziele an. Eine Indigene Konföderation wehrte 1790/ 91 zwar zwei amerikanische Vorstösse in ihr Gebiet ab. Doch dann liess der neue Kommandeur Anthony Wayne einen Verheerungskrieg im südlichen Ohio-Tal führen, während dem seine Truppen systematisch Indigene Dörfer und ihr agrarisches Umland entlang des Maumee River verwüsteten. An der schwächsten Stelle getroffen, brach der Widerstand der Ohio-Konföderation 1794 nach der Schlacht von Fallen Timbers zusammen. Nach ähnlichem Muster gingen Staatsmilizen im Britisch-Amerikanischen Krieg gegen die Upper Creek vor, die sich gegen ihre drohende Enteignung und Verdrängung wehrten. Nach einem Massaker, das Upper Creek im August 1813 in Fort Mims an 250 Milizen und Zivilisten verübt hatten, meldeten sich in Tennessee, Georgia und im Mississippi-Territorium Hunderte von Freiwilligen zu den Waffen. Unter dem Kommando von Generalmajor Andrew Jackson drangen vier Milizverbände ins Kernland der Upper Creek ein, um den „wilden Bluthunden“ und „blutdurstigen Barbaren“ eine unvergessliche Lektion zu erteilen (Takaki 2008, 80). Am schlimmsten traf es am 27. März 1814 das am Tallapoosa River gelegene Dorf Tohopeka. Es wurde umstellt, mit Artillerie beschossen und dann von zwei Seiten in die Zange genommen. Die Upper Creek wehrten sich tapfer, blieben aber gegen die Übermacht ohne Chance. Jacksons Leute töteten über 850 Krieger und nahmen 350 Frauen und Kinder gefangen. Kein anderer Konflikt mit den USA verlief für die First Peoples verlustreicher als das weithin vergessene Blutbad von Tohopeka (Holland Braund 2012, 6). Der Niederlage folgte ein Diktatfrieden. In diesem musste die Creek-Nation, auch die im Krieg 386 30 Vernichtungskriege gegen American Indians <?page no="387"?> unbeteiligten Fraktionen, über 93.000 Quadratkilometer Land im südlichen Georgia und in Alabama abtreten, auf dem neue Baumwollplantagen mit afroamerikanischer Sklavenarbeit entstanden (Beckert 2014, 115). Entindigenisierung des Ostens und Invasion des Westens, 1840-1890 Mit dem Kriegshelden Andrew Jackson trat 1829 ein Mann an die Spitze des Landes, der wie viele seiner Landsleute ein Rassist voller antiindianischer Vorurteile war (Remini 2001, 228). Rasch begann seine Administration, die im Osten des Landes verbliebenen Indigenen Nationen ins „Indian Territory“ - weit jenseits des Mississippi - umzusiedeln. Jacksons Politik lief auf eine geographische Segregation zwischen weißen Siedlern und First Peoples hinaus. In der Umsiedlungsära wurden Dutzende von Indigenen Nationen mit einer Bevölkerung von fast 100.000 American Indians in den Westen deportiert, wo sich bis heute die Mehrzahl der Reservationen befinden. Schlecht organisiert, forderten die von der Armee organisierten Umsiedlungstrecks Tausenden von American Indians das Leben. Allein auf dem „Trail of Tears“ starben 1838/ 39 mindestens 4.000 Cherokee (Mattioli 2017, 165). Unter Chief Black Hawk weigerten sich Sauk und Mesquakie hartnäckig, ihren angestammten Lebensraum dauerhaft aufzugeben. Als sie im Frühjahr 1832 ins westliche Illinois zurückkehrten, kam es zu einem kurzen Krieg. Dieser kulminierte in einem Massaker, als US-Soldaten und Freiwillige am Bad Axe River mindestens 260 American Indians töteten und grausam verstümmelten (Jung 2008, 172). Nirgendwo sonst fielen in den USA in bloß 25 Jahren so viele American Indians Massakern, Kopfgeldjagden und Ausrottungsaktionen zum Opfer wie im Gliedstaat Kalifornien, der erst 1850 der Union beitrat. Ausgelöst durch den Goldrausch nach 1848 brach die Indigene Bevölkerungszahl bis 1873 von 150.000 auf 30.000 Menschen ein. Neben eingeschleppten Krankheiten, Zwangsarbeit und Hunger zeichnete dafür die übermäßige Frontiergewalt verantwortlich (Mattioli 2017, 207). Nicht nur Gold‐ schürfer und Rancher, sondern auch Bürgerwehren und reguläre US-Einheiten (wie während des Clear Lake-Massakers von 1850) beteiligten sich an der Dezimierung der California Indians. Die weißen Eindringlinge betrachteten die dort ansässigen Indigenen nicht als menschliche Wesen, sondern als „diggers“ (in Anspielung auf die angebliche Ernährung mit essbaren Wurzeln), die der Zivilisation bloss im Wege stünden (Lindsay 2012, 41). Rassistische Haltungen waren auch in den Eliten des neuen Bundesstaates verbreitet. So sagte Gouverneur Peter Burnett 1851 für die kommenden Jahre einen „Exterminationskrieg“ voraus (Madley 2016, 186 f.). In der darauffolgenden Genozidkampagne gegen die Indigene Bevölkerung (Lindsay 2012, 40), die der neue Bundesstaat moralisch und finanziell unterstützte, wurden nach und nach Tausende von Pomo, Wintun, Tolowa, Wiyot, Yana, Yuki, Wailaki und andere getötet. Sich selbst ermächtigende Bürgerwehren löschten ganze Dörfer aus und machten so den Weg für die weiße Besiedlung frei. Mehrfach übernahm das Parlament die Kosten für regionale Mordaktionen, die es dann selber durch Bundesmittel erstattet bekam (Madley 2016, 320 f.). Die Gewaltexplosion in Kalifornien gilt als „klarster Fall von Genozid in der 30 Vernichtungskriege gegen American Indians 387 <?page no="388"?> Geschichte der amerikanischen Frontier“ (Hine, Mac Faragher 2007, 100) und übertraf auch die antiindigene Gewalt, die im benachbarten Oregon während des Rogue River War (1855/ 56) zur Anwendung kam. Als die Great Plains nach der Verabschiedung des Homestead Act (1862) verstärkt in den Fokus amerikanischer Siedlungsbestrebungen gerieten, kam es wiederholt zu „Straf‐ expeditionen gegen feindliche Indianer“, die sich ihrer Unterwerfung widersetzten (→ Kapitel Siedlerkolonialismus). Zuweilen nahmen sie die Gestalt genozidaler Massaker an. Im Schatten des Bürgerkrieges metzelte die US-Militär 1863 am Bear River im südlichen Idaho mehr als 350 Shoshone (Parry 2019) und nur Monate später am Whitestone Hill im heutigen North Dakota bis zu 300 Sioux nieder. Schlimm wütete das Colorado Third Volunteer Regiment, das Ende November 1864 am Sand Creek ein friedliches Lager der Cheyenne und Arapaho angriff. Oberst John M. Chivington gab die Ordre aus, keine Gefangenen zu machen. In diesem Blutbad ermordeten Chivingtons entfesselte Soldaten 230 Indigene, darunter alte Leute, Frauen und Kinder (Kraft 2020, 216). Nur vier Jahre später überfiel die 7. Kavallerie unter Oberstleutnant George Armstrong Custer ein Cheyenne-Dorf am Washita River, tötete Dutzende, vor allem männliche Dorfbewohner und erschoss nach dem Massaker 875 ihrer Pferde (Greene 2004, 125 u. 213-14). 1870 folgten eine militärische Strafaktion gegen ein schlafendes Blackfeet-Dorf am Marias River mit rund 170 Toten, 1877 ein Massaker an bis zu 90 Nez Percé am Big Hole River und schliesslich Ende Dezember 1890 das Blutbad von Wounded Knee, in dem die 7. Kavallerie bis zu 300 Mineconjou Lakota, die sich bereits ergeben hatten, nach einem Zwischenfall im Zuge ihrer Entwaffnung massakrierte (Yenne 2008). Resümierend lässt sich festhalten: Sowohl in der Kolonialzeit als auch unter US-Herrschaft waren militärische Aktionen nie auf eine vollständige Vernichtung aller American Indians aus, schreckten aber, wie die hier ausgewählten Beispiele belegen, nicht vor regionalen Auslöschungsaktionen zurück. Mit exzessiver Gewalt sollte immer auch ein Exempel statuiert werden, um die benachbarten „Stämme“ in die koloniale Unterwerfung zu zwingen. Über Jahrhunderte wurden die euroamerika‐ nischen Vernichtungskriege durch weitverbreitete antiindianische Einstellungen mit ermöglicht und moralisch legitimiert. Literatur Barnett Jr., James F. 2007. The Natchez Indians. A History to 1735. Jackson: University Press of Mississippi. Beckert, Sven. 2014. King Cotton. Eine Geschichte des globalen Kapitalismus. München: C.H. Beck. Brooks, Lisa. 2018. Our Beloved Kin. A New History of King Philip’s War. New Haven; London: Yale University Press. Calloway, Colin G. 1995. The American Revolution in Indian Country. Crisis and Diversity in Native American Communities. Cambridge, New York: Cambridge University Press. Calloway, Colin G. 2013. New Worlds for All: Indians, Europeans, and the Remaking of Early America, Second Edition. 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Yardley: Westholme Publishing. 30 Vernichtungskriege gegen American Indians 389 <?page no="391"?> 31 Der Pazifikkrieg Marcel Hartwig Abstract | Der Pazifikkrieg bezeichnet aus US-amerikanischer Sicht die Kriegs‐ handlungen im pazifischen Ozean nach dem Angriff auf Pearl Harbor am 7. De‐ zember 1941 und der Kriegserklärung der USA gegen Japan am darauffolgenden Tag. Dieser im Kontext des Zweiten Weltkrieges ausgetragene Konflikt dauert bis zum 14. August 1945 und endet mit der bedingungslosen Kapitulation Japans und der damit verbundenen Annahme der Potsdamer Erklärung vom 26. Juli 1945. Die wichtigsten Stationen in diesem Krieg sind die Schlacht im Korallenmeer im Mai 1942, die Schlacht um Midway im Juni 1942 - beide gelten als Kriegswende - sowie die Offensiven um Guadalcanal vom August bis November 1942, die See- und Luftschlacht im Golf von Leyte im Oktober 1944 und Angriffe auf Iwo Jima und Okinawa von März bis Juni 1945. Während Hiroshima und Nagasaki für die exter‐ minatorische Kriegsführung der US-Armee gegen die japanische Zivilbevölkerung stehen, war auch der Krieg zwischen den japanischen und US-amerikanischen Streitkräften von einer gleichen Logik geprägt. Wie der Journalist Steve Kemper (2022) zeigt, wies der 1932 nach Japan entsandte US-Botschafter Joseph C. Grew schon früh auf ein mögliches Kriegsmoment mit Japan hin. Ein vorgeschlagenes Friedenstreffen mit Premierminister Konoe Fumimaro im Herbst 1941 schlug US-Außenminister Cordell Hull mit der Begründung aus, die Japaner seien zu heimtückisch. Diese Einstellung entsprach der seit der Jahrhundert‐ wende in den USA von William Randolph Hearsts Medienimperium geschürten Angst vor japanischen und chinesischen Immigranten, der so genannten „Gelben Gefahr“ (Yellow Peril). Die Hearst-Medien prägten das rassistische Feindbild des Jap, als ein gieriges, unersättliches, verräterisches und geheimnistuerisches „orientalisches Ärger‐ nis“ (Denham 2022, 27). Dazu reihten sich seit der Mandschurei-Krise in den 1930er Jahren Medienbilder, die Japaner als Vergewaltiger, Folterer und Messerstecher zeigten (Dower 1986, 42). Diese Bilder prägten das Klima vor dem Kriegseintritt der USA. In einer am 8. Dezember 1941 per Radio übertragene Rede, bezeichnete US-Präsident Franklin Delano Roosevelt über den am Vortag erfolgten Angriff auf Pearl Harbor als „infame“ Tat und verband dies mit einer Dolchstoß-Rhetorik (Rosenberg 2003, 15). Diese Rahmung sollte die Kriegspolitik sowie alle weiteren medienöffentlichen Dar‐ stellungen Japans in den USA während des Zweiten Weltkrieges maßgeblich prägen. Fast zeitgleich richtete die Regierung das Office of Censorship ein und übernahm so auch die Kontrolle über die Angriffserzählung und das Verteidigungsnarrativ. Bereits im Februar-1942 ließ Roosevelt die Executive Order 9066 ausstellen, die der forcierten <?page no="392"?> Umsiedlung und Internierung der Japan-stämmigen Issei und Nisei als feindliche Kollaborateure in den USA erlaubte (→ Kapitel Die Masseninternierung der Japanese Americans im Zweiten Weltkrieg). Die neugeschaffene War Relocation Authority nahm im März 1942 ihre Arbeit auf und plante die Platzierung und Besiedlung der Internierungslager größtenteils auf den Reservaten der First Nations. Im Juni 1942 entstand das Office of War Information (OWI), welches mit über 4.000 Medien- und Kommunikationsfachkräften Einfluss auf die Kriegspropaganda in Ton- und Bildmedien übernahm. Feindbilder Bereits zwei Wochen nach dem Angriff auf Pearl Harbor druckte TIME einen Artikel mit der Überschrift „How to Tell Your Friends from the Japs“, der den Phänotyp des „Japa‐ ners“ dem des „Chinesen“ gegenüberstellte und zum Beispiel anhand der Hautfarben „pergamentgelb“ und „ockergelb“ unterschied. Entlang der Westküste mehrten sich im Dezember 1941 Berichte von Übergriffen gegenüber Japanese Americans (Mabalon 2013). Viele Chinese Americans und Filipino Americans fürchteten in Mitleidenschaft gezogen zu werden und trugen Schilder oder Anhänger mit Aufschriften wie „I AM FILIPINO“ oder „I am American“, um auf ihre korrekte ethnische Zugehörigkeit hinzuweisen (ebd. 231). Vor allem die Hearst-Medien schürten die Wahrnehmung des Pazifikkriegs als einen race war. Walter B.-Clausens Buch Blood for the Emperor (1943) regte auf der 1. Sitzung des 78. US-Kongresses südstaatliche Abgeordnete und andere zur Aussage an, der Gefahr eines neuen Dschingis Khan gegenüberzustehen, die die Auslöschung der „weißen Rasse“ zur Folge haben könne (Dower 1986, 161). Der Zweite Weltkrieg war auch der erste filmische Krieg (Shimizu 1994, 33). Das OWI inszenierte auf Plakaten, im Radio und im Kino den Pazifikkrieg als moralischen Vernichtungskrieg. Feindpropaganda auf Plakaten gab es bundesweit, die Kriegspos‐ terausstellung „Artists for Victory“ im New Yorker Museum of Modern Art im Herbst 1942 sammelte die zentralen Motive: Darstellungen von Japanern zeigten sie als Ver‐ gewaltiger mit tierischen Zügen und symbolisierten einen Dolchstoß. Ein bekanntes Motiv waren die Tokio Kid Say-Poster von Jack Campbell und der Douglas Aircraft Company. Sie zeigten Tokio Kid als eine mit Fangzähnen ausgestattete, monsterhafte Menschengestalt neben Slogans, die US-Amerikaner zu einem sorgsameren Umgang mit ihren Ressourcen aufriefen. Die Cartoonfigur steht archetypisch für die rassistische Darstellung des „Japaners“ als Feindbild auf weiteren illustrierten Plakaten und Wer‐ bematerialien in den USA: ein entstelltes Gesicht, runde Hornbrille, schielende Augen und Überbiss. So etwa kehrten diese charakteristischen Merkmale im Dezember 1942 in einem Coverdesign von Arthur Szyk für das damals bundesweit populäre Collier’s Magazin wieder. Dies zeigte eine mit den genannten Charakteristika gestaltete und damit als „japanisch“ erkennbare Fledermaus, die vampirhaft die USA leersaugt (Wang 2011, 86). Diese Form der Feindbilder prägte populäre Annahmen über die Japaner 392 31 Der Pazifikkrieg <?page no="393"?> und kodierte ideale Haltungen, Handlungen und Zuschreibungen auf bewusster wie unbewusster Ebene (Buxton 2022, 18). Feindbilder wurden auch im Leitmedium der Zeit, dem Radio, verbreitet. Es über‐ trug neben Swing-Musik auch populäre Songs, die den japanischen Gegner nicht nur als Feiglinge und Betrüger herabwürdigten, sondern auch über Tiervergleiche entmenschlichten. Beispiele sind Carson Robisons We’re Gonna Have To Slap, The Dirty Little Jap (And Uncle Sam’s the Guy Who Can Do It) (1941), Ned Washingtons und Lew Pollacks We’ll Knock the Japs Right into the Laps of the Nazis (1942) oder Cliff Friends and Charles Tobias We Did It Before And We Can Do It Again (1941), welches die Songzeile „we’ll take the ‚nip‘ out of nipponese and chase them back to their cherry trees“ enthielt, die auch als Rekrutierungsslogan Verwendung fand. In Zeitungskarikaturen und Zeichentrickfilmen erschienen Japaner in den Jahren 1942 und 1943 als Tokio Kid-ähnliche Figuren, hiernach bis Kriegsende oft auch als Ratten oder Affen. Die populärsten Cartoons waren die 1942 entstandenen Popeye-Kurzfilme You’re A Sap, Mr. Jap und Scrap the Japs sowie der Superman-Cartoon Terror on the Midway. Sie stellten die Japaner als doppelgesichtige Betrüger und suizidäre Fanatiker dar, deren Kriegsmaschinerie lediglich Kulissen, aber keine wahre Bedrohung seien. Gleichzeitig zeigten aber auch japanische Medien die USA als Dämonen, Menschenfresser und Teufel (Dower 1986, 255). In den USA prägte weiterhin das Kino in den Kriegsjahren den World War II Combat Film, der den Krieg gegen Japan als „Rassenkrieg“ (Basinger 2003, 26) zeigte. Hierzu bildeten die Filme Bataan (1943) Stereotype wie die der „no tail baboons“ oder „yellow-skinned, slanty-eyed bastards“, der „Nips“, „Japs“ oder „little yellow bastards“ in The Purple Heart (1944), oder den „apes in khaki“ in Frank Capras Why We Fight-Serie (1942) ab, letztere gehörte auch zum Pflichtprogramm in der Rekrutenausbildung. Capras Propagandafilm Know Your Enemy: Japan (1945), dessen Produktion im Auftrag des US-amerikanischen Kriegsministeriums erfolgte, und die Japaner als homogene, fanatische Masse darstellte, sollte den Truppen im Pazifik als Instruktionsfilm gezeigt werden. Doch mit dem abrupten Kriegsende bleibt der Film mit seiner ersten öffentlichen Vorführung 1977 auf PBS ein letztes Zeitdokument der unter Regierungsauftrag entstandenen, rassistischen Filmpropaganda. Diese und zahlreiche weitere Filme prägten die Idee der japanischen Kriegsführung als ein bewusstes Selbstmordkommando, in dem „die Japaner“ ihren Todestrieb kollektiv auslebten. Auch in aktuellen Filmen über den Angriff auf Pearl Harbor oder entscheidende Schlachten im pazifischen Krieg finden sich weiterhin Bestandteile dieser Propagandaerzählungen und -bilder. Sie zeigen die militärische Übermacht US-amerikanischer Streitkräfte, Stationen des Krieges, in denen die Japaner Niederlagen erlitten und zudem häufig über ein „Othering“ als fremde, homogene Masse markiert sind. Kriegspropaganda Die durch diese Feindbilder geprägte Wahrnehmung der Japaner als das Andere rahmte nicht nur die Propaganda bezüglich der Internierung von 120.000 Japanese 31 Der Pazifikkrieg 393 <?page no="394"?> Americans an der Heimatfront, sondern auch das Verhalten der Truppen an der Kriegsfront. Das Marine Corps Magazine Leatherneck leitete rassistische Cartoons und Slogans wie „Remember Pearl Harbor - Keep ‘Em Dying“ als Direktive an die Truppen weiter. 1943 druckte das Magazin zudem Geschichten von Trophäenjägern ab (Dower 1986, 65). Abgeschnittene Ohren, Skalps und Schädel des Feindes galten laut John Dower zwar als seltene Sammlerstücke, dennoch waren Verfahren, wie man das Fleisch von Schädeln kocht, unter den US-amerikanischen Truppen wohlbekannt (ebd.). US-Präsident Roosevelt selbst bekam von einem Soldaten einen Brieföffner geschickt, der aus dem Arm eines toten japanischen Militärs gefertigt war, er lehnte die Annahme des Geschenks jedoch ab. Das Magazin LIFE druckte im Mai 1944 das Bild einer jungen Frau ab, die am Schreibtisch saß, neben ihr der Schädel eines Japaners, ein ihr vermachtes Souvenir vom Ehemann an der Front. Souvenirs wie diese waren auch das Ergebnis kruder Befehlsketten. Admiral William Halsey Jr. etwa war dafür bekannt, seine Truppen mit Vernichtungsslogans wie „Kill Japs, kill Japs, kill more Japs“ anzuheizen. Er inspirierte damit auch Captain H.L. Pence, Leiter der Civil Affairs Division, derartige Auslöschungsfantasien in militärischen Besprechungen in Washington, D.C. zu verlautbaren. Im Kontext der Sitzungen des Sicherheitskomitees, das im Dezember 1942 eingerichtet wurde, um den Umgang mit Japan nach dem Ende des Krieges zu klären, bezeichnete Pence die Japaner als Banditen, vor denen die Erde nur sicher sei, wenn sie gänzlich ausgelöscht würden (Iriye 1981, 123). Auch der Präsidentensohn Elliott Roosevelt teilte offenbar diese Fantasien, schlug er doch US-Wirtschaftsminister Henry A. Wallace vor, dass die US-amerikanischen Streitkräfte Japan so lang bombardieren sollten, bis die Hälfte der Bevölkerung ausgelöscht sei (Dower 1986, 55). Er nahm damit Bezug auf die Brandbombenabwürfe über Tokio im März 1945, die eine sechsmonatige Bombardierung der Städte Japans nach sich zogen. Der Vorsitzende der War Manpower Commission, Paul V. McNutt, erklärte öffentlich, die Bombardierungen fortzusetzen, bis die Japaner „in toto“ vernichtet seien (ebd.). Derartige exterminatorischen Fantasien mögen auch die Entscheidung zum Atombombenabwurf über Hiroshima und Nagasaki beeinflusst haben, doch ein Beleg hierfür steht aus. Präsident Trumans Aussage nach den nuklearen Bombardierungen deutet einen rassistisch gefärbten Unterton an: „When you have to deal with a beast you have to treat him as a beast“ (zit. in Asada 2007, 228). Der Historiker John L. Gaddis ist sich sicher, dass eine weitere Verwendung der Atombombe in Asien einen nachhaltig verheerenden Effekt auf den Stellenwert der Vereinigten Staaten in diesem Teil der Welt gehabt hätte. Er verweist damit auf die rassistische Bedeutungsdimension dieser Waffe. Denn so eine Waffe sei, so die allgemeine Wahrnehmung in den unmittelbaren Nachkriegsjahren, wegen der rassistischen Vorurteile in Japan eingesetzt worden, nicht aber in Deutschland (ebd., 227). Mit der Kapitulation Japans wendete sich die US-amerikanische Haltung zum vormaligen Kriegsgegner zu einer väterlichen Bevormundung. 394 31 Der Pazifikkrieg <?page no="395"?> Erläuterung | Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki: Am 6. Au‐ gust 1945 warf der B-29 Bomber Enola Gay um 9.15 Uhr Ortszeit die erste Atombombe mit dem Namen Little Boy ab. Sie tötete knapp 100.000 Menschen und weitere 100.000 starben an den Folgen der Strahlung. Am 9. August 1945 wurde Nagasaki Ziel eines weiteren Atombombenabwurfs. Die B-29 Bockscar warf die Bombe Fat Boy ab, zerstörte damit die Stadt und tötete nahezu 60.000 Menschen. Wahrnehmung der japanisch-amerikanischen Bevölkerung nach 1945 Die Japaner galten nach dem Zweiten Weltkrieg als Faszinosum, eine zentrale Studie über ihre „Natur“ legte 1946 Ruth Benedict vor. Bereits 1944 beauftragte das OWI die Kulturanthropologin damit, das Wesen der „Japaner“ zu untersuchen. Statt diese Untersuchungen direkt in Japan anzustellen, reiste Benedict in die amerikanischen Internierungslager, um den „Japaner“ zu theoretisieren. Ihre Studie The Chrysanthe‐ mum and the Sword (1946) wird bis heute nachgedruckt. Der Ethnologe Clifford Geertz (1988, 116-17) hat in seiner Besprechung des Buches die Erkenntnisse wie folgt zusammengefasst: „Japan […] has been the Impossible Object. An enormous something, trim, intricate, and madly busy, that, like an Escher drawing, fails to compute.“ Derartige Sichtweisen gegenüber Japan sollten jedoch nicht allein auf die Erfahrung in den Kriegsjahren begrenzt bleiben. Die im Pazifikkrieg geschürten rassistischen Vorurteile erfuhren in den 1970er und 1980er Jahren eine Renaissance, als sich die USA mit Japan in einem so genannten „Wirtschaftskrieg" befand. Die US-amerikanischen Medien tauften die japanischen Immobilienankäufe auf Hawaii ein neues Pearl Harbor (Rosenberg 2003, 67). Auch das Kino nahm Bezug auf diesen „Wirtschaftskrieg“ und färbte Filme mit der Rheto‐ rik aus dem Zweiten Weltkrieg. In Paul Schraders The Yakuza (1974), dem ersten US-amerikanischen Yakuza-Film, steht der Konflikt um den Handel von Waffen durch ein US-amerikanisches Transportunternehmen im Mittelpunkt. Die Hauptfigur Harry Kilmer (Robert Mitchum) ist als ehemaliger Besatzungssoldat zur Verständigung zwischen US-Amerikanern und Japanern in Japan unterwegs. Die Filme The Challenge ( John Frankenheimer 1982) und Black Rain (Ridley Scott 1989) betteten den Yakuza als ein Mitglied mafiöser Organisationen in Japan immer stärker in einen wirtschaftlichen Kontext ein und bestärkten damit das Bild Japans als korrupte Handelsmacht. Die ne‐ ongebadeten Aufnahmen japanischer Großstädte und des technologischen Fortschritts in diesen Filmen, ließ die Filmwissenschaftler David Morley und Kevin Robins eine Japan Panic im politischen und kulturellen Unbewussten der USA erkennen. Dadurch entstünde ähnlich der Propaganda zu Kriegszeiten ein manichäisches Weltbild, das Freund vom Feind voneinander trennt: Japaner seien heute gefühlskalte Fremde, Cbyorgs und Replikanten (Morley und Robins 1995, 170). Ebenso machte sich ein neuer Kriegsduktus in populärwissenschaftlichen Monografien Anfang der 1990er Jahre breit. Mit Bezug auf durch die Feindbilder des Zweiten Weltkrieges geprägte stilistische 31 Der Pazifikkrieg 395 <?page no="396"?> Figuren verkündeten George Friedman und Meredith Lebard 1992 den Coming War with Japan. William S. Dietrich erkannte in In the Shadow of the Rising Sun (1991) die Wirtschaftsmacht Japan als ein neues Nazideutschland. Bereits 1989 entschlüsselte der Journalist Karel van Wolferen The Enigma of Japanese Power. Diese Beobachtungen beflügelten schon bald Michael Crichton und weitere Roman- und Drehbuchautoren. So entstanden neben Crichtons Rising Sun (1992, verfilmt 1993) auch Jack Andersons The Japan Conspiracy (1993) oder Fred Hiatts The Secret Sun (1993), die Japan erneut als „gelbe Gefahr“ für ein Massenpublikum stilisierten. Umfragen in den USA zum 50. Jahrestag des Angriffs auf Pearl Harbor machten auf fortbestehende Alltagsrassismen gegenüber Japanese Americans aufmerksam: Hassbriefe, rassistische Beleidigungen und „Go back to your country“-Aufforderungen sowie mit rassistischen Äußerungen beschmierte kulturelle Begegnungsstätten gehör‐ ten noch in den 1990er Jahren zu alltäglichen Erscheinungen (Efron 1991). Erst 1991 wurde der am Pearl Harbor National Memorial gezeigte Erinnerungsfilm erneuert, der bis dahin noch immer die in den USA lebenden Issei und Nisei als Kollaborateure mit dem Feind zeigte (Rosenberg 2003, 20-21). 2008 etablierte US-Präsident Bush das World War II Valor in the Pacific National Monument, das die Erinnerungsstätten des Pearl Harbor National Memorial, das Aleutian Islands World War II National Monument und das an die Internierung erinnernde Tule Lake National Monument vereinte. US-Präsi‐ dent Donald Trump spaltete das Nationaldenkmal 2019 mit dem John D. Dingell Jr. Conservation, Management, and Recreation Act wieder in einzelne Erinnerungsorte auf. Bis heute fehlt eine Einrichtung, welche die Internierung von Japanese Americans im Zweiten Weltkrieg angemessen vermittelt. Die Fläche des Tule Lake National Monument ist größtenteils in Privatbesitz und die Verwaltung ist dem National Park Service übergeben. 2020 wurde das auf dem Gelände befindliche Gefängnis erstmals restauriert und ist heute über eine geführte Tour zugänglich. Im August 2020 bis zum Februar 2021 widmet sich erstmals die Sonderausstellung „Of Silhouettes and Ash: The Atomic Bombings of Hiroshima and Nagasaki“ am Pearl Harbor National Memorial der Aufarbeitung des Kriegsendes. Während die Bewältigung der Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg und damit auch die Wirkungsgeschichte der Kriegspropaganda nur schleichend erfolgt, sind die Auswirkungen der über das letzte Jahrhundert gepflegten Feindbilder bis heute nicht verschwunden. Im Zuge der jüngsten Corona-Pandemie erfuhr vor allem die Gemeinschaft der Asian Americans rassistische An- und Übergriffe (Gover, Harper, Langton 2020) (→ Kapitel Rassismus gegen Asian American Pacific Islanders). Diese Verbrechen zeigen, dass die Idee der „gelben Gefahr“ bis heute ein dynamisches Werkzeug des Hasses ist. Literatur Asada, Sadao. 2007. Culture Shock and Japanese American Relations: Historical Essays. Columbia, MO: University of Missouri Press. Basinger, Jeanine. 2003 [1986]. The World War II Combat Film: Anatomy of a Genre. Biddletown, CT: Wesleyan University Press. 396 31 Der Pazifikkrieg <?page no="397"?> Buxton, Carly A. 2022. Unthinking Collaboration: American Nisei in Transwar Japan. Honolulu, HI: University of Hawai‘i Press. Denham, Bryan. 2022. „Oriental Irritants and Occidental Aspirants: Immigrant Portrayals in Hearst Magazines, 1905-1945.“ Journalism & Communication Monographs 24, 1: 4-64. Dower, John W. 1986. 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Trotz seiner geopolitischen Bedeutung, der vielen Todesopfer - über vier Millionen, darunter knapp 37.000 US-Amerikaner - und des ungelösten Konflikts zwischen den zwei koreanischen Staaten ging er als „vergessener Krieg“ in die US-Geschichte ein. Ebenso wird oft der Rassismus vergessen, der den Krieg besonders auf zwei Ebenen beeinflusste. Zum einen sahen US-Amerikaner: innen Koreaner: innen oft als minderwertig an und enthumanisierten vor allem die auf kommunistischer Seite stehenden Soldat: innen und Zivilist: innen. Zum anderen existierte Rassis‐ mus im US-amerikanischen Militär, besonders in Form von Rassentrennung und Diskriminierung. Entgegen der öffentlichen Erinnerung dienten zu Beginn des US-amerikanischen Einsatzes in Korea Schwarze Soldat: innen noch getrennt von weißen. Am 25. Juni 1950 überquerten Truppen der kommunistischen Demokratischen Volks‐ republik Korea den 38. Breitengrad und griffen die Republik Korea an, um die beiden Landesteile unter kommunistischer Führung wiederzuvereinigen. Aus den zuvor immer wieder aufflammenden Gewaltausbrüchen zwischen dem von der Sowjetunion gestützten Norden und dem von den USA unterstützten Süden wurde über Nacht ein brutaler Krieg. Vor dem Angriff hatte der nordkoreanische Premier Kim Il-sung Josef Stalin und Mao Zedong davon überzeugt, seine militärische Offensive zu unterstützen. Schon lange lieferte die Sowjetunion Waffen und Ausrüstung sowie Berater und Aus‐ bilder. Mit seiner hochgerüsteten Armee war Kim sich sicher, die Wiedervereinigung schnell im Alleingang zu erreichen. Doch anders als von Nordkorea, der Sowjetunion und China erwartet entsandten die USA - ohne Kriegserklärung durch den Kongress, aber mit einem am 27. Juni 1950 verabschiedeten UN-Mandat - Truppen. Unterstützung der UN-Mission kam von einer Vielzahl von Ländern, darunter Australien, Äthiopien, Schweden und der Türkei, doch die überwiegende Mehrheit der Kämpfenden waren Amerikaner und Südkoreaner (Steininger 2009, 13-39, Stöver 2013, 55-70). Erläuterung | Korea vor 1950: Seit 1910 stand Korea unter japanischer Koloni‐ alherrschaft und wurde ausgeplündert. Mit Japans Niederlage im August 1945 wurde das Land zwar befreit, aber nicht gleich dekolonisiert. Vielmehr wurde das Land entlang des 38. Breitengrads in eine US-amerikanische Besatzungszone im <?page no="400"?> Süden und eine sowjetische im Norden geteilt. Beide Besatzungsmächte suchten die Landesteile nach ihren Systemvorstellungen zu formen, auch mit Gewalt und Repression. Die Sowjetunion widersetzte sich den von der UN im Jahr 1948 geplanten gesamtkoreanischen Wahlen. Die nominellen Wahlen im Süden gewann der Nationalist Rhee Syng-man, der am 15. August 1948 die Republik Korea ausrief und diese zu einem Polizeistaat ausbaute. Im Norden gründete der Kommunist Kim Il-sung am 9. September die Demokratische Volksrepublik Korea. Beide hatten zum Ziel, Korea wiederzuvereinigen. Regimekritiker: innen wurden in beiden Landesteilen verfolgt. Es kam immer wieder zu Gewaltausbrüchen, bei denen schon vor Kriegsbeginn im Juni 1950 über 100.000 Menschen starben. In den ersten Wochen des von US-Präsident Harry Truman lange Zeit als „Polizeiak‐ tion“ bezeichneten Krieges hatte das UN Command unter US-amerikanischer Führung der nordkoreanischen Armee wenig entgegenzusetzen, die daher fast bis zur Südspitze des Landes vorstoßen konnte. Seit Ende der Besatzung hatte das US-amerikanische Militär seine personelle Präsenz und die Zahl seiner Waffensysteme im Land stark reduziert, und die anfangs zum Einsatz kommenden Truppen hatten während der Besatzung in Japan wenig Training erfahren. Auch das südkoreanische Militär war unzureichend trainiert und ausgerüstet (Pash 2012, 94; Stöver 2013, 49). Erst Mitte September 1950 begannen sich, vor allem mit der Landung bei Incheon, erste wirkliche Erfolge seitens der Alliierten einzustellen. Sie drängten nordkoreani‐ sche Truppen zurück, eroberten weitläufig Gebiete im Süden, überquerten den 38. Breitengrad und drangen fast bis zur chinesischen Grenze vor (Stöver 2013, 55-89). Dies führte jedoch im Oktober 1950 zum direkten Einstieg des kommunistischen Chinas in den Krieg. Hunderttausende chinesische Soldaten überquerten die Grenze, um die nordkoreanischen Truppen zu unterstützen, die UN-Truppen unter amerikanischer Führung zurückzudrängen und letztlich die Wiedervereinigung unter kommunisti‐ scher Führung zu erzwingen. Doch ging es Mao Zedong ebenso um den Schutz der eigenen Grenzen, die Fortsetzung der Revolution in China selbst und die Vollendung der kommunistischen Weltrevolution ohne Rücksicht auch auf eigene Verluste (Stöver 2013, 57, 93). Mit dem Einstieg Chinas entwickelte sich der Krieg mehr und mehr zu einem Stel‐ lungskampf, der von weitreichenden Bombardements vor allem des Nordens durch die US-amerikanische Luftwaffe begleitet wurde. Gleichzeitig führten die Kriegsparteien zähe Friedensverhandlungen, in denen die Rückführung der Kriegsgefangenen in ihre Heimatländer ein besonderer Streitpunkt war. Am 27. Juli 1953 wurde der Waffenstill‐ stand unterzeichnet. Das Land blieb entlang des 38. Breitengrads geteilt und eine vier Kilometer breite entmilitarisierte Zone zwischen den Ländern wurde eingerichtet. Kriegsgefangene durfte selbst entscheiden, in welche Länder sie zurückkehren wollten. Insgesamt starben geschätzt mehr als vier Millionen Menschen, darunter mindestens eineinhalb Millionen Zivilist: innen. Millionen verloren ihr Hab und Gut und mussten 400 32 Der Koreakrieg <?page no="401"?> fliehen. Das Land war großflächig zerstört, vor allem der Norden, in dem bis dahin ein Großteil der Industrie angesiedelt gewesen war (Stöver 2019, 118-29, Steininger 2009, 190). Stereotypen des „Asiatischen“: Freund und Feind Als der Krieg begann, hatten US-Amerikaner: innen und ihre ausländischen Unterstüt‐ zer: innen nur eine begrenzte Vorstellung von Korea. Die ersten Kontakte westlicher Länder mit Korea entwickelten sich im 19. Jahrhundert. Seitdem dominierten in den USA rassistische Vorstellungen über die koreanische Bevölkerung. So sah man die Koreaner: innen als „orientalische Rasse“ und damit der „weißen Rasse“ unterlegen an. Sie waren, so die vorherrschende Meinung, in Bildung und Wirtschaft zurückgeblieben, primitiv und kindlich, gleichzeitig gottlose „Wilde“, brutal und rücksichtslos im Kampf. Sie bräuchten jahrzehntelange Führung, um einen akzeptablen Entwicklungsstand zu erreichen (Chang 2003, 1336; Gauthier 2016, 17-24, Daeyeol 2019, 182-83). Mit Ende des Zweiten Weltkriegs kam Korea im globalen Mächtespiel nunmehr eine wichtige Rolle zu, doch dominierten in den USA weiterhin gewisse stereotypisierende Bewertungen des Landes und seiner Bevölkerung. Die in den USA noch immer existie‐ rende Rassentrennung und die Idee der weißen Überlegenheit waren hierfür prägend. Zudem galten in den USA rassistisch begründete Einwanderungsbeschränkungen für Asiat: innen. US-Soldat: innen verhielten sich seit Beginn der Besatzung in Südkorea im August 1945 oft mehr als Vertreter einer paternalistischen Kolonialmacht denn als Be‐ freier. Überheblichkeit und Machtmissbrauch, Erniedrigungen und Gewalt waren nicht selten. Besonders betroffen von dieser Überlegenheits- und Anspruchshaltung waren koreanische Frauen, die als devot und sexuell verfügbar angesehen wurden. Während des Kriegs etablierte die südkoreanische Regierung Lager, in denen Sexarbeiterinnen für US-Soldaten bereitgestellt wurden (Moon 2010, 42-56). Die innerkoreanischen Auseinandersetzungen nach dem Zweiten Weltkrieg wurden seitens der USA vornehmlich durch das Prisma des Kalten Krieges betrachtet. Andere Beweggründe der Koreaner: innen für ihren Kampf - antikoloniale Bestrebungen vor allem vor dem Hintergrund der jahrzehntelangen japanischen Besatzung und interne Konflikte über die Regierungs- und Staatsform sowie Macht- und Besitzverhältnisse - wurden dabei nur selten berücksichtigt. Zur Stabilisierung der politischen Situation im Süden bauten die US-amerikanischen Besatzer: innen oft auf Eliten und Kollabora‐ teur: innen, die während der Kolonialzeit mit Japan zusammengearbeitet hatten (Stöver 2013, 95). Für die große Mehrheit der US-amerikanischen Entscheidungsträger: innen, weite Teile der Presse und damit für die Öffentlichkeit galt die Sowjetunion als Anstifter des Angriffs der nordkoreanischen Truppen auf den von den USA gestützten Süden Koreas. Kim Il-sung wurde dabei als reine Marionette Josef Stalins verstanden (siehe zum Beispiel Arizona Republic 1950). Nicht zuletzt aufgrund der rassistischen Arroganz der USA wurde der nordkorea‐ nische Gegner vor allem zu Beginn des Krieges unterschätzt. Jedoch waren die 32 Der Koreakrieg 401 <?page no="402"?> unter Kim Il-sung kämpfenden Truppen hervorragend vorbereitet, trainiert und aus‐ gerüstet. Der Krieg wurde von beiden Seiten brutal geführt. Kriegsverbrechen an Soldat: innen und Zivilist: innen waren weit verbreitet (Stöver 2013, 110-18). US-Ame‐ rikaner: innen codierten die Brutalität der nord-südkoreanischen Kriegsbeteiligten oft in ‚rassischer‘ beziehungsweise rassistischer Weise. Alle Koreaner: innen galten als verdächtig, da man kaum Feind von Freund unterscheiden konnte. Kommunistische Guerillakämpfer verkleideten sich auch als Zivilist: innen und Flüchtende und griffen so die US-amerikanischen Truppen und ihre Verbündeten an. Es herrschte die Meinung vor, dass Asiat: innen im Gegensatz zu Menschen aus dem westlichen Kulturkreis wenig Respekt für menschliches Leben hätten. Vor allem Nordkoreaner: innen und später Chines: innen wurden nicht selten als fanatische „Wilde“, „Barbaren“ und „Horden“ bezeichnet und entmenschlicht (z. B. Baldwin 1950, 4). Der angeblich saubere westliche Kampfstil wurde explizit oder implizit einem vermeintlich hinterlistigen asiatischen gegenübergestellt. Während des Koreakriegs wurde der derogative Begriff gooks vor allem für Nordkoreaner: innen verwendet, wie auch später im Vietnamkrieg für die vietnamesischen Gegner: innen (Cumings 2012, 45-65, Kindsvatter 2003, 203-13). Die rassistische Entmenschlichung der Koreaner: innen, gepaart mit einem zum Teil fanatischen Antikommunismus, erlaubten es der US-amerikanischen politischen und militärischen Führung und ihren Truppen, brutal gegen ihre Gegner: innen vorzugehen. Gräueltaten auch gegen Zivilist: innen wie das Massaker von Nogeun-ri, bei dem US-amerikanische Truppen Ende Juli 1950 hunderte koreanische Flüchtende töteten, waren nicht selten. Auch bombardierte die amerikanische Luftwaffe vor allem den Norden des Landes rücksichtslos. Städte und kritische Infrastruktur wurden dem Erdboden gleichgemacht, Napalm verseuchte ganze Landstriche. Hunderttausende starben, und Millionen befanden sich besonders deswegen auf der Flucht. Jedoch fanden die begangenen Gräueltaten in den USA kaum Einzug in die sowieso limitierte kollektive Erinnerung an den Koreakrieg (Cumings 2010, 149-61, Kim 2009). Eine Minderheit im Krieg Unter den ersten US-amerikanischen Truppen, die im Juli 1950 eilig nach Korea ver‐ schifft wurden, waren auch zahlreiche afroamerikanische Soldat: innen. Mit Präsident Trumans Executive Order 9981 im Jahr 1948 sollte das Militär gerechter und integrierter werden. Afroamerikaner: innen protestierten schon lange gegen Diskriminierung und Rassentrennung im Militär (Guglielmo 2021) und spielten eine zentrale Rolle bei der Verabschiedung von Trumans Executive Order (Knauer 2014, 64-120). Viele afroamerikanischen Soldat: innen sahen das Militär vor allem auch als Aufstiegschance (Green 2012, 9-29). Doch hatte sich bis zum Einsatz in Korea am Aufbau des Militärs, vor allem der Armee, nur wenig geändert, da die Militärführung kaum Bereitschaft zeigte, Rassentrennung und Diskriminierung zu beenden. Die ersten Schwarzen Soldat: innen, die in Korea landeten, dienten in rein Schwarzen Einheiten meist unter weißen Offizieren mit wenigen Aufstiegschancen. Im inner‐ 402 32 Der Koreakrieg <?page no="403"?> militärischen und öffentlichen Diskurs wurden sie, wie schon in anderen Kriegen, häufig als unzuverlässig, kampfesunwillig und nur unter weißer Führung einsatzfähig dargestellt. Dies spiegelt sich auch in der vergleichsweisen hohen Zahl Schwarzer Soldaten wider, die wegen Fehlverhaltens im Kampf vor Kriegsgerichte gestellt wur‐ den. Afroamerikanische Bürgerrechtsgruppen und Zeitungen wehrten sich vehement gegen diese Stigmatisierung. Ende 1950 schickte die National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) den Anwalt und späteren US-Supreme Court Richter Thurgood Marshall nach Korea, um die Gründe für die hohe Zahl angeklagter afroamerikanischen Soldaten zu untersuchen (Knauer 2014, 206-15, Maxwell 2018, 123-28, Widener 2024, 276-83). Die anhaltende Rassentrennung hatte schwerwiegende Folgen für die Einsatzbereit‐ schaft der Truppen, da Ersatzsoldaten nach ‚Rasse‘ auf Einheiten verteilt wurden und personelle Verluste an der Front oft nur verspätet oder gar nicht ersetzt werden konnten. Als Effizienz und Schlagkraft der Truppen immer stärker litten, setzte das Militär im Laufe des Jahres 1951 schrittweise auf gemischte Einheiten. 1954 wurde die Rassentrennung im Militär offiziell für beendet erklärt, wenn auch Diskriminierung und Stereotypisierung von Schwarzen Soldaten weiter anhielten (→ Kapitel Der Vietnamkrieg). Wie innerhalb der US-amerikanischen Mehrheitsgesellschaft gab es auch unter Afroamerikaner: innen Kriegsgegner: innen, allen voran der lange Zeit führende Bür‐ gerrechtsaktivist W. E. B. Du Bois, der gefeierte afroamerikanische Opernsänger und Sportler Paul Robeson oder Charlotta Bass, die Gründerin und Herausgeberin der linksgerichteten Zeitung California Eagle. Sie sahen den Krieg als eine imperialistische Intervention gegen People of Color an, die eng mit der Unterdrückung und Segregation Schwarzer Amerikaner: innen in den USA verknüpft war (Green, 120 f., Widener 2008, 64). Doch blieb dies eher eine Minderheitenmeinung unter Afroamerikaner: innen, auch wenn diskutiert wurde, ob der Krieg ein „Krieg der ‚Rassen‘“ sei und sich manche Schwarze Soldat: innen, wie in anderen Kriegen zuvor, die Frage stellten, weshalb sie ihr Leben für ein diskriminierendes und segregiertes Land im Kampf gegen andere People of Color aufs Spiel setzen sollten. Die meisten Afroamerikaner: innen, allen voran Bürgerrechtsgruppen wie die NAACP, stützten die antikommunistische Ausrichtung der US-amerikanischen Regierung und sahen den Krieg als notwendig für die Bekämpfung einer befürchteten kommunistischen Expansion sowie als Chance auf mehr Gleichberechtigung (Knauer 2014, 143-46; vgl. Widener 2024, 283-90, 302-11). Die Sowjetunion und China nutzten die rassistische Ungleichheit und Segregation in den USA geschickt in ihrer Propaganda, um das US-amerikanische System als un‐ terlegen darzustellen. Afroamerikaner: innen griffen dies auf und warnten davor, dass Segregation und Diskriminierung in den USA den Kommunisten in die Hände spielten und Peoples of Color weltweit den Glauben an die USA zugunsten der Sowjetunion verlieren könnten. Sie kritisierten zwar die erniedrigende Haltung weißer US-Ameri‐ kaner: innen gegenüber Asiat: innnen, aber auch Afroamerikaner: innen teilten allzu oft die rassistischen Vorurteile vor allem gegen nordkoreanische und chinesische 32 Der Koreakrieg 403 <?page no="404"?> Soldat: innen. Asiatische Frauen wurden auch in afroamerikanischen Zeitungen oft als exotisch und devot dargestellt. Auch hier bestand eine Hierarchie entlang von Klasse, ‚Rasse‘ und Sexualität (Moon 2010, 44). Einen Schulterschluss zwischen Peoples of Color gab es im Koreakrieg wohl mehrheitlich nicht (Knauer, 144-66, Green 2012, 119-35 vgl. Widener 2024, 290-99). Und wie schon frühere Kriege bestärkte auch der Koreakrieg die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung im Kampf für die Rechte Schwarzer und führte zur Radikalisierung mancher afroamerikanischer Veteranen (Widener 2025, 311-12; Knauer 2014, 232). Literatur Baldwin, Hanson W. 1950. „The Lesson of Korea; Reds’ Skill, Power Call for Reappraisal of Defense Needs Against Sudden Invasion.“ New York Times, 14. Juli 1950, 4. “Crucial 2 Years Ahead.” Arizona Republic, 9. Juli 1950, 6. Cumings, Bruce. 2012. „American Orientalism at War in Korea and the United States: A Hegemony of Racism, Repression, and Amnesia.“ In Orientalism and War, hrsg. von Tarak Barkawi and Keith Stanski, 39-82. London: Hurst and Company. Chang, Gordon H. 2003. „Whose ‚Barbarism‘? 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Durham: Duke University Press. 32 Der Koreakrieg 405 <?page no="407"?> 33 Der Vietnamkrieg Iris-Aya Laemmerhirt Abstract | Der Vietnamkrieg oder Widerstandskrieg gegen Amerika, wie er in Vietnam genannt wird, war einer der längsten, komplexesten und umstrittensten militärischen Konflikte nach dem Zweiten Weltkrieg. Er wurde hauptsächlich von Südvietnam, Nordvietnam und den Vereinigten Staaten geführt, hatte jedoch auch erhebliche Auswirkungen auf die Nachbarstaaten Laos und Kambodscha und zwang Tausende Vietnames: innen, Laot: innen und Kambodschaner: innen, ihre Heimatländer zu verlassen. Obwohl sich die Ursprünge des Krieges bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen lassen, wurde seine Wahrnehmung entscheidend durch die Kriegsbeteiligung der USA geprägt. Dies ist zum Teil den dominanten Narrativen des Konflikts zuzuschreiben, die in erster Linie von westlichen Ländern und insbesondere Hollywood geprägt wurden. Solche Narrative lassen häufig nicht nur die Perspektive Vietnams auf den Krieg außer Acht, sondern auch die rassistische Haltung zahlreicher US-Amerikaner: innen sowohl gegenüber dem nordvietnamesischen Gegner als auch gegenüber dem südvietnamesischen Ver‐ bündeten. Auch die Diskriminierung Schwarzer US-amerikanischer Soldaten im In- und Ausland bleibt dabei zumeist unberücksichtigt. Der Krieg Unter „Vietnamkrieg“ verstehen heutzutage die meisten Menschen die bewaffnete Auseinandersetzung zwischen Süd- und Nordvietnam, in die die Vereinigen Staaten eingriffen, um die Ausbreitung des Kommunismus in Südostasien zu verhindern. In Wahrheit ist dieser von 1955 bis 1975 andauernde Konflikt jedoch weitaus komplexer. Bereits die vielfältigen Bezeichnungen verweisen darauf, dass der Krieg von den betei‐ ligten Parteien unterschiedlich wahrgenommen wurde. Der Ausdruck „Vietnamkrieg“, der vor allem in westlichen Ländern verwendet wird, vernachlässigt die Rolle Laos’ und Kambodschas und entspricht dem Narrativ eines „gerechten“ Krieges gegen den Kom‐ munismus, in dem die Vereinigten Staaten Südvietnam zur Seite standen. In Vietnam spricht man auch vom „Widerstandskrieg gegen Amerika“ und kennzeichnet den Krieg gegen die USA damit als Fortführung des Kampfes gegen die lange und gewaltsame koloniale Unterdrückung und Ausbeutung Vietnams und anderer asiatischer Nationen durch westliche Länder. Am treffendsten - wenn auch aufgrund des Kolonialbegriffes „Indochina“ nicht unproblematisch - ist vermutlich die Bezeichnung als „Zweiter Indochinakrieg“, da der Konflikt aus dem Ersten Indochinakrieg (1946-1954) zwischen der französischen Kolonialregierung und der linksrevolutionären Bewegung Việt <?page no="408"?> Minh hervorging. Auf die französische Niederlage in der Schlacht um Điện Biên Phủ im Mai 1954 folgte am 21. Juli 1954 die Genfer Indochinakonferenz, in der die Unabhängigkeit Laos’ und Kambodschas von der französischen Kolonialherrschaft erklärt und Vietnam vorläufig am 17. Breitengrad in einen antikommunistischen Süden und einen kommunistischen Norden geteilt wurde. Im Jahr 1956 sollten sowohl in Nordals auch in Südvietnam Wahlen abgehalten werden, um über die Zukunft des Landes zu bestimmen. Der römisch-katholische Präsident Südvietnams, Ngô Đình Diệm, widersetzte sich den Wahlen jedoch, da er von einem Sieg des bevölkerungsstärkeren Nordens ausging und die Errichtung eines kommunistischen Regimes befürchtete. Diese Entscheidung wurde durch die US-ame‐ rikanische Außenpolitik im Kalten Krieg unterstützt, die stark von der Dominotheorie beeinflusst war. Diese Theorie besagt, dass Vietnams „Fall“ an den Kommunismus eine Kettenreaktion auslösen würde, die eine Ausbreitung des Kommunismus in ganz Südostasien zur Folge hätte. Bereits im Jahr nach der Verabschiedung des Genfer Abkommens begannen die USA daher, dem südvietnamesischen Präsidenten ihre Unterstützung anzubieten. Diệms Regime stellte sich jedoch als repressiv und korrupt heraus, was in Südvietnam vermehrt zu Widerstand und Unruhen führte. Sein extre‐ mistischer antikommunistischer Kurs, der die Inhaftierung, Folter und Hinrichtung mutmaßlicher Kommunist: innen beinhaltete, machte ihn in Nord- und Südvietnam gleichermaßen unbeliebt. Als überzeugter Katholik unterdrückte Diệm zudem den buddhistischen Glauben und löste damit Demonstrationen von Buddhist: innen aus, die schließlich eskalierten, als ein buddhistischer Mönch sich öffentlich selbst verbrannte. Zur selben Zeit gründeten Hồ Chí Minh und seine kommunistische Regierung in Hanoi, der Hauptstadt Nordvietnams, die Nationale Front für die Befreiung Südvietnams, besser bekannt als Vietcong, die die Regierung Südvietnams durch Guerillaoperationen destabilisieren sollte. Die US-Regierung hatte immer wieder Berater nach Südvietnam entsandt und das Land finanziell und militärisch unterstützt. Als die Kennedy-Regie‐ rung 1963 jedoch erkannte, dass das Diệm-Regime nicht tragbar war, billigte es einen Putsch, in dessen Verlauf Diệm gestürzt und getötet wurde. Auf den Putsch folgte in Südvietnam eine Phase politischer Instabilität, in der immer wieder unterschiedliche Militärgruppierungen an die Macht kamen und gestürzt wurden, während Nordviet‐ nam jede neue südvietnamesische Regierung als bloße Marionette der USA betrachtete. Unterdessen waren immer mehr Militärberater aus den Vereinigten Staaten in den südvietnamesischen Streitkräften eingesetzt worden und hatten die US-amerikanische Präsenz in Vietnam verstärkt (Kiernan-2017, 395 ff.). Nach dem tödlichen Attentat auf John F. Kennedy empfahl Verteidigungsminister Robert McNamara dem neuen US-Präsidenten Lyndon B. Johnson, die kommunisti‐ schen Kräfte Nordvietnams militärisch zu überwältigen, um deren Rückzug zu erzwin‐ gen. Im August 1964 kam es zum Tonkin-Zwischenfall, bei dem US-Seestreitkräfte nach Angaben der Vereinigten Staaten während eines Einsatzes in den Golfgewässern in zwei Fällen von nordvietnamesischen Torpedobooten angegriffen wurden. Diese Ereignisse führten zur dramatischen Ausweitung des US-Einsatzes in Vietnam und 408 33 Der Vietnamkrieg <?page no="409"?> zur Verabschiedung der Tonkin-Resolution durch den Kongress, die es Johnson ermög‐ lichte, US-amerikanische Truppen nach Vietnam zu entsenden. Der Krieg eskalierte zwischen 1965 und 1968; in dieser Zeit setzten die Vereinigten Staaten Hunderttausende US-amerikanischer Soldaten ein. Während des gesamten Krieges unterschätzten die US-amerikanischen Befehlshaber den Widerstandswillen des Vietcongs, der sich vor allem in der taktischen Guerillakriegsführung zeigte. Da die Kämpfer: innen des Viet‐ congs sich im Schutz des Dschungels bewegten, um unentdeckt zu bleiben, begannen die USA mit dem Einsatz von Napalm zur Entlaubung der Wälder. Trotzdem gelang es den Kämpfer: innen des Vietcongs mithilfe eines ausgebauten Tunnelsystems in vielen Fällen, den gegnerischen Soldaten zu entkommen. Die USA befahlen außerdem Flächenbombardierungen, etwa bei der Operation Rolling Thunder von 1965 bis 1968, die strategisch wichtige Infrastrukturen der nordvietnamesischen Truppen zerstören und die gegnerische Moral brechen sollten. Die Bombenangriffe der Vereinigten Staaten trafen nicht nur Vietnam, sondern auch Laos und Kambodscha. Tatsächlich wurden über Laos zwischen 1964 und 1973 während eines verdeckten Versuchs der CIA, die mit Nordvietnam verbündete Widerstandsbewegung Pathet Lao zu schwächen, mehr als zwei Millionen Tonnen Streumunition abgeworfen. Es ist damit das am stärksten bombardierte Land der Geschichte (McCoy 2002, 307). Im unerbittlichen Bombenabwurf zeigte sich weiterhin die Überzeugung vieler US-Amerikaner: innen, die Bewohner: innen Südostasiens seien - ebenso wie Menschen aus anderen Teilen Asiens sowie Afrikas - im Vergleich zu den USA weniger entwickelt und daher eine primitive, unterlegene Bevölkerungsgruppe (Bradley 2000, 12, 50 ff.). Diese Entmenschlichung der Bevölkerung Vietnams, Laos’ und Kambodschas war ein zentrales Mittel, um den Soldaten das Töten des Feindes zu erleichtern. Am 30. Januar 1968 begannen der Vietcong und andere nordvietnamesische Kräfte die Tet-Offensive, eine Reihe kombinierter Angriffe auf südvietnamesische und US-Truppen. Zunächst war der Vorstoß erfolgreich und zahlreiche Städte Südvietnams wurden eingenommen. Innerhalb einiger Wochen konnte die Offensive von US-Streit‐ kräften zurückgedrängt werden, hinterließ jedoch eine schockierte US-amerikanische Öffentlichkeit: Dass Nordvietnam eine solche Operation hatte ausführen können, wo man doch davon ausgegangen war, ein Sieg über den Gegner stehe kurz bevor, gab den US-amerikanischen Protestbewegungen gegen den Krieg weiteren Auftrieb. Im Jahr 1969 verstärkten sich die Forderungen nach Beendigung des Krieges und wurden umso lauter, als das Massaker US-amerikanischer Soldaten an Frauen und Kindern im kleinen Ort Mỹ Lai in Südvietnam öffentlich wurde. In den frühen 1970er Jahren griff der Konflikt schließlich vollumfänglich auf die Nachbarländer Laos und Kambodscha über, während die Vereinigten Staaten und Nordvietnam in Verhandlungen über einen Waffenstillstand traten, der letztendlich das Ende des Krieges bedeuten sollte. Nordvietnam bestand dabei auf den vollständigen Rückzug der USA. Im Jahr 1972 waren die Vereinigten Staaten schließlich dazu bereit, ihre Truppen aus dem Krieg abzuziehen. Im Januar 1973 wurde ein Friedensabkommen unterzeichnet. Die Bedingungen umfassten einen Abzug aller US-amerikanischen 33 Der Vietnamkrieg 409 <?page no="410"?> Truppen aus Vietnam. Nordvietnamesische Truppen sollten in Südvietnam verbleiben dürfen, um dort zu kämpfen. Am 29. März 1973 verließen die letzten US-amerikanischen Soldaten Vietnam. Der Krieg zwischen Nord- und Südvietnam dauerte an und endete erst, als Saigon, die Hauptstadt Südvietnams, am 30. April 1975 von Nordvietnam eingenommen und in Ho-Chi-Minh-Stadt umbenannt wurde. Die Auswirkungen des Krieges sind bis heute spürbar. Mehr als drei Millionen Vietnames: innen, einschließlich Soldaten und Zivilist: innen, kamen darin um. Mehr als 58.000 US-amerikanische Soldaten verloren ihr Leben und von denjenigen, die nach Hause zurückkehrten, hatten und haben zahlreiche mit einer posttraumatischen Belastungsstörung zu kämpfen (Wiest 2002, vi). In den Vereinigten Staaten löste der Vietnamkrieg heftige Kontroversen aus und eine breite Antikriegsbewegung entstand, da viele - insbesondere junge - Menschen den Einsatz US-amerikanischer Streitkräfte auf den Schlachtfeldern Vietnams ablehnten. Zusätzlich zeigten Fernsehbilder die brutale Realität des Krieges und erinnerten Zuschauer: innen fortwährend an die entsetzlichen Bedingungen, denen die Soldaten ausgesetzt waren. Rassismus Der Vietnamkrieg war auch deshalb höchst kontrovers, weil in den USA vor allem Angehörige niedriger sozialer Schichten oder Minderheiten eingezogen wurden. Afro‐ amerikaner wurden mit wesentlich höherer Wahrscheinlichkeit eingezogen als Weiße. Nach Angaben des Verteidigungsministeriums machten Afroamerikaner: innen zur Zeit des Vietnamkrieges etwa 12 Prozent der US-Bevölkerung aus und stellten auf dessen Höhepunkt zwischen 1965 und 1970 14,3 Prozent aller eingezogenen Soldaten (Westheider 2008, 23). Im Laufe des Krieges und angesichts der steigenden Anzahl Schwarzer Gefallener wurden diese rassenspezifischen Unterschiede bei der Einberu‐ fung immer mehr Afroamerikaner: innen bewusst. Insbesondere die Möglichkeit zum studienbedingten Aufschub des Wehrdienstes, die Hochschulen zum Zufluchtsort vor dem Krieg machte, war mit weißen Privilegien verbunden, da die Mehrheit der afroamerikanischen Eingezogenen aufgrund eines niedrigeren durchschnittlichen Jahreseinkommens keinen Zugang zu höherer Bildung hatte. Darüber hinaus zwang die anhaltende Segregation zahlreiche Afroamerikaner: innen zum Besuch zweitklassiger öffentlicher Schulen, an denen sie nicht ausreichend auf die Zugangsvoraussetzungen der Hochschulen vorbereitetet wurden (Westheider 2008, 26). Aus Protest gegen Rassismus und das unfaire Einberufungssystem weigerte sich Boxweltmeister Muham‐ mad Ali am 28. April 1947, seine Wehrpflicht im US-Militär zu erfüllen. Er wurde wegen Kriegsdienstverweigerung zu einer fünfjährigen Gefängnisstrafe sowie einer Geldstrafe über 10.000 US-Dollar verurteilt und verlor seinen Schwergewichtstitel (Westheider 2008, 31). Anerkennung für seine Entscheidung erhielt Ali unter ande‐ rem vom Bürgerrechtsaktivisten Dr. Martin Luther King Jr., der den Vietnamkrieg entschieden ablehnte. Er prangerte den Einsatz der Vereinigten Staaten in Südostasien an und forderte eine gewaltfreie Lösung von den Vereinten Nationen. In seiner Rede 410 33 Der Vietnamkrieg <?page no="411"?> „Beyond Vietnam: A Time to Break the Silence“, die King im April 1967 in New York City hielt, sprach er sich für soziale Gerechtigkeit und gegen den Krieg in Vietnam aus. Er kritisierte die Aufwendung finanzieller Ressourcen für den Krieg, anstatt sie in Sozialhilfe zu investieren, sowie den Umgang der Vereinigten Staaten mit Schwarzen Soldaten: „We were taking the black young men who had been crippled by our society and sending them eight thousand miles away to guarantee liberties in Southeast Asia which they had not found in southwest Georgia or East Harlem“ (King 1967). Tatsächlich herrschten, abgesehen von der inhärenten Ungerechtigkeit des Einberufungssystems, innerhalb der Armee nach wie vor Diskriminierung und Segregation, obwohl Schwarze und weiße Truppen seit dem Koreakrieg offiziell integriert waren (→ Kapitel Der Koreakrieg). Schwarze Kriegsteilnehmer hatten also nicht nur mit gegnerischem Beschuss zu kämpfen, sondern auch mit Ausgrenzung in den eigenen Reihen. Flucht Obwohl der Vietnamkrieg formell mit der Kapitulation Südvietnams gegenüber dem Norden und der Wiedervereinigung des Landes endete, hatte er auch darüber hinaus erhebliche Auswirkungen auf die Bevölkerung Vietnams, Laos’ und Kambodschas. Die erste Fluchtwelle umfasste vor allem Mitglieder der südvietnamesischen Armee und ihre Familien sowie südvietnamesische Intellektuelle und angebliche Feinde der kommunistischen Revolution, die von „Umerziehung“ und Folter durch die neue kommunistische Regierung bedroht waren. US-Präsident Gerald R. Ford und der Kongress gaben zunächst Anweisungen zur Evakuierung und Umsiedlung von etwa 140.000 Flüchtenden aus Südvietnam und Kambodscha. Da die Zahl derjenigen, die um ihr Leben fürchten mussten, jedoch wesentlich höher lag, verließen zahlreiche weitere Menschen ihr Heimatland. Nach dem Fall von Saigon kamen mehr als eine halbe Million Geflüchtete aus Vietnam, Laos und Kambodscha in den Vereinigten Staaten an (Rumbaut 1996, 2). In den meisten Fällen waren diese Menschen Hunderte von Kilometern gelaufen, durch Flüsse geschwommen oder in kleinen Flussbooten geflohen, um die Grenzen der Nachbarländer zu erreichen. Manche überquerten sogar den Ozean in Richtung der Philippinen. Für diejenigen, die überlebten und es bis in die Flüchtlingslager schafften, bedeutete dies dennoch nicht das Ende der Strapazen: Auf ihre Evakuierung in die Vereinigten Staaten, nach Kanada, Australien oder Frankreich mussten sie in den Lagern mitunter jahrelang warten. Tatsächlich existierte das letzte Flüchtlingslager in Malaysia bis zum 30. August 2005. An diesem Tag verließ der letzte verbliebene Geflüchtete aus Vietnam den Ort, an dem er zuvor 20 Jahre lang gelebt hatte (Steenhuisen 2005). Erläuterung | „Boatpeople“: Die Bezeichnung bezog sich ursprünglich auf die Menschen, die 1975 nach dem Fall von Saigon in Booten aus Vietnam flohen. Man 33 Der Vietnamkrieg 411 <?page no="412"?> wählte den Ausdruck vermutlich bewusst, um ihre Anerkennung als Flüchtlinge zu vermeiden; ein Status, der ihnen bestimmte Rechte eingeräumt hätte. Die Reise der Geflüchteten war nicht nur wegen der häufig zu kleinen und überfüllten Boote gefährlich, sondern auch, weil sie Überfällen durch Piraten ausgesetzt waren. Zahlreiche Vietnames: innen lehnen den Begriff ab. Sie empfinden ihn als beleidigend, da er vietnamesische Geflüchtete auf stigmatisierende und rassistische Weise als ungebildet, arm und verzweifelt darstellt. Heute wird er auch in einem allgemeineren Sinne für Menschen verwendet, die mit dem Boot aus ihrem Heimatland fliehen. Die Zahl der Geflüchteten erhöhte sich erneut, als Vietnam Ende des Jahres 1978 in Kambodscha einfiel und das Terrorregime der Roten Khmer beendete. Hunderttau‐ sende Kambodschaner: innen, die den Genozid unter der Herrschaft der Roten Khmer überlebt hatten, flohen nach Thailand (Rumbaut 1996, 6). Zur selben Zeit begann die vietnamesische Regierung mit der Umsetzung sozialistischer Reformen, einschließlich der Konfiszierung von Unternehmen und landwirtschaftlichen Flächen, was abermals zu Abwanderung führte. Zahlreiche Flüchtende dieser zweiten Welle entkamen auf dem Wasserweg und trugen so zur Prägung des mittlerweile umstrittenen Ausdrucks „Boatpeople“ bei. Viele von ihnen überlebten die Überfahrt in überfüllten Booten nicht. Diejenigen, die ihr neues Zuhause erreichten, standen vor der Herausforderung, sich eine ihnen völlig fremde Sprache und Kultur anzueignen und gleichzeitig das Trauma der verlorenen Heimat und oft auch den Verlust von Familie und Freund: in‐ nen zu bewältigen. Meist fanden sie sich in im Vergleich zu ihrem früheren Leben schlechteren sozialen und wirtschaftlichen Umständen wieder, während sie sich darum bemühten, ein neues Leben aufzubauen. Geflüchtete waren in den USA zudem nicht immer willkommen. Viele US-Amerikaner: innen waren gegen die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen aus Südostasien und begegneten ihnen häufig mit Feindseligkeit (Kelly 1986, 148). So argumentiert Viet Thanh Nguyen in seinem einleitenden Essay zu The Displaced, einem Sammelband mit Beiträgen geflüchteter Schriftsteller, Flüchtlinge und Vertriebene seien „[…] mostly unwanted where they fled from; unwanted where they are, in refugee camps; and unwanted where they want to go“ (Nguyen-2018, 17). Diese Haltung gegenüber südostasiatischen Geflüchteten lässt sich teilweise durch ihre mediale Darstellung als bedauernswerte Menschen ohne Handlungsmacht erklären, die vor vermeintlich unzivilisierten Regierungen in demokratische Länder fliehen müssen. Ein solcher Diskurs führt zu der Annahme, dass tragische Schicksale dieser Art keine westlichen Gesellschaften treffen können, und ignoriert die Rolle des Westens in Konflikten, die Menschen zur Flucht zwingen. 412 33 Der Vietnamkrieg <?page no="413"?> Darstellung des Krieges Während der Vietnamkrieg in den US-Medien bis vor Kurzem hauptsächlich aus einer weißen, männlichen Perspektive abgebildet wurde, haben in jüngster Zeit Autor: innen wie Viet Thanh Nguyen, Thi Bui, Ocean Vuong, Brian Thao Worra und Vaddy Ratner den komplexen Diskurs über den Krieg um vietnamesische, laotische und kambodschanische Stimmen bereichert. Ihre Romane, autobiografischen Comics, Kurzgeschichten und Gedichte erzählen aus südostasiatischer Perspektive vom Erleben des Krieges und dessen Nachwirkungen und zeichnen dabei ein völlig anderes Bild. Anstatt US-amerikanischer Soldaten, die erst im Krieg und dann mit ihren eigenen Traumata kämpfen mussten, stehen Zivilist: innen im Mittelpunkt, die den Krieg überlebten und gezwungen waren, ihr Heimatland zu verlassen. Die Texte behandeln Themen wie Verlust, Überlebensschuld, Entfremdung sowie individuelles und genera‐ tionsübergreifendes Trauma. In ihren literarischen Arbeiten beschäftigen sich viele dieser Geflüchteten der zweiten Generation mit dem Trauma ihrer Eltern und ihrem eigenen Platz in der US-amerikanischen Gesellschaft, zu der sie sich oft auf seltsame Weise nicht zugehörig fühlen. Eine weitere lang vernachlässigte Perspektive des Vietnamkrieges rückte durch das Kriegsdrama Da 5 Bloods von Spike Lee, das 2020 von Netflix veröffentlicht wurde, in den Fokus. Lees Film folgt einer Gruppe afroamerikanischer Kriegsveteranen, die nach Vietnam zurückkehren, um die sterblichen Überreste ihres im Kampf gefallenen Gruppenführers zu finden. Im Zentrum des Films steht vor allem der Konflikt, mit dem Afroamerikaner: innen angesichts eines Krieges konfrontiert waren, in dem sie für ein Land kämpften, das sie nicht als gleichberechtigt anerkannte. Lees Film gingen nur einige wenige und nahezu unbekannte Romane voraus, in denen afroamerikanische Perspektiven auf den Krieg thematisiert wurden: Coming Home (1971) von George Davis, Captain Blackman (1972) von John A. Williams und zuletzt A Long Way Back (2015) von J. Everett Prewitt. Solche Perspektivwechsel erhöhen die Komplexität des Krieges umso mehr und machen deutlich, dass dieser und jeder andere militärische Konflikt aus allen damit verbundenen Blickwinkeln beleuchtet werden muss, um ihn umfassend verstehen zu können. Deutsche Übersetzung durch Maria Ewald. Literatur Bradley, Mark Philip. 2000. Imagining Vietnam & America. The Making of Postcolonial Vietnam 1919-1950. Chapel Hill: The University of North Carolina Press. Davis, George. 1971. Coming Home. 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Er argumentiert auch, dass Vorstellungen von Gesundheit und Krankheit selbst von rassistischen Unterscheidungen zwischen gefährlichen und gefährdeten Körper geprägt und so an der Aufrechterhaltung rassistischer Hierarchien und Ausschlüsse beteiligt sind. In der Gegenwart - diese Zeilen sind 2023 entstanden - liegt es nahe, einen Text zum Nexus von Rassismus und Gesundheit mit der Covid-19-Pandemie zu beginnen. Wie ein Brennglas hat diese rassistische Ungleichheiten im US-Gesundheitssystem ans Licht gebracht und verstärkt. Bereits kurz nach ihrem Beginn begann das zunächst vielbe‐ schworene Diktum zu wackeln, dass das Virus alle gleich beträfe. Stattdessen zeigten Statistiken, dass vor allem People of Color und sozial benachteiligte Menschen deutlich stärker betroffen waren, sowohl in Bezug auf Infektionsals auch auf Sterblichkeits‐ raten (APM Research Lab, n.d.). Eine besonders einflussreiche Interpretation für diesen Umstand war die einer gleichzeitig verlaufenden „Pandemie“ von nicht-ansteckenden, chronischen Krankheiten (die sogenannten „Lifestyle Diseases“ oder fachsprachlich „non-communicable diseases“, kurz NCDs) wie Diabetes, Herz-Kreislauferkrankungen oder „Adipositas“. Mediziner: innen und Public-Health-Expert: innen erklärten, dass diese Krankheiten als „Vorerkrankungen“ zu schwereren Verläufen von Covid-19 und häufigeren Todesfällen führten. In afroamerikanischen Communities, hieß es, seien NCDs besonders stark verbreitet, was deren höhere Krankheits- und Todesraten in der Covid-19-Pandemie erkläre (Sanchis-Gomar, Lippi, und Lavie 2020). Auffällig an diesen Deutungen und der sie begleitenden öffentlichen Debatte war, dass es in ihnen kaum um strukturelle Gesundheitsgefahren und Rassismus ging. Es ging weniger um soziale Ungleichheit oder unsichere und gesundheitsschädliche Wohn- und Arbeitsbedingungen, nicht einmal um eine mangelnde Gesundheitsversor‐ gung (Strings 2020). Stattdessen standen, wie es in Bezug auf NCDs auch seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts typisch geworden ist, individuelle Lebensstile im Vordergrund: vermeintliche Defizite im Verhalten von Individuen, ihre Versäum‐ nisse in der Prävention chronischer Krankheiten - Unwissenheit, Unwillen, und Unverantwortlichkeit (Mackert und Möhring 2020). An der Bedeutung von NCDs <?page no="418"?> für Covid-19-Verläufe interessierte Studien argumentierten, dass ein Großteil der schweren Verläufe vermieden werden könnte, wenn die Menschen gesünder äßen und sich mehr bewegten. Ergo sollten Ärzt: innen ihre Patient: innen darüber „aufklären“ und „präventive Lifestyle-Maßnahmen“ empfehlen (O’Hearn et al. 2021). Diese Diskussion verlagerte die Verantwortung für schwere Covid-19-Verläufe auf die Individuen, indem sie sie als vermeidbares Resultat von riskantem Verhalten markierte. „The cultural narrative that black people’s weight is a harbinger of disease and death has long served as a dangerous distraction from the real sources of inequality, and it’s happening again,“ schrieb die Soziologin Sabrina Strings im Mai 2020. Schwarze Amerikaner: innen wurden in diesen Debatten nicht nur als individuell verantwortlich für ihre Gesundheit, sondern auch als unfähig gezeichnet, sich „richtig“ präventiv zu verhalten. Diese Botschaft war eine wirkmächtige Intervention in einem historischen Moment, in dem eine wachsende Black-Lives-Matter-Bewegung (→ Kapitel Black Lives Matter) systematische rassistische Ungleichheit und Gewalt skandalisierte. Wie sehr der Vorwurf ungesunden Verhaltens von rassistischer Gewalt abzulenken ver‐ mochte, zeigte sich nach dem Mord an George Floyd am 25. Mai 2020, der Auslöser einer neuen Welle an Protestbewegungen war. Verschiedene Akteur: innen in Medien, Politik und Öffentlichkeit versuchten, diesen Mord zu relativieren, indem sie argumentierten, dass Floyd an einer Herzattacke gestorben sei, ausgelöst durch Arteriosklerose und Bluthochdruck, und nicht etwa, weil der Polizist Derek Chauvin für neun Minuten und 29 Sekunden auf seinem Hals kniete (Levenson und Cooper 2021). Solche Politiken des „Blaming“ von People of Color über Gesundheit haben eine lange Tradition in den USA. Historisch fungierte deren vermeintlich mangelnde Fä‐ higkeit, gesund zu sein, zu werden, oder zu bleiben, immer wieder als Begründung von Ungleichheit, Unterdrückung, Gewalt und weißer Vorherrschaft - sei es in der Figur der „unreinen“, „ansteckenden“ Migrant: innen, der vermeintlich „primitiven“ und nun „übergewichtigen“ Native Americans, die nicht in der Lage seien, mit modernen Lebensstilen umzugehen, oder zuletzt in der Covid-19-Pandemie: Aus Menschen, die besonders krankheitsvulnerabel sind, werden rassifizierte Superspreader (Stern 1999; Schlabach 2019; Tuchman 2020; Mackert und Meier zu Biesen 2022). Die Geschichte und Gegenwart von Public Health in den USA ist in mehrfacher Hinsicht von Rassismus durchzogen. Dies zeige ich auf den folgenden Seiten mit Blick auf die Geschichte von Afroamerikaner: innen und einem Schwerpunkt auf der Wende zum 20. Jahrhundert. Erstens war das Gesundheitswesen in den USA von Beginn an „rassisch“ segregiert und höchst ungleich. Zweitens bedrohten rassistische Ausgren‐ zung und Gewalt das Leben und die Gesundheit von People of Color. Drittens, und dies ist möglicherweise die am tiefsten verwurzelte, oft subtilste Form des Rassismus in diesem Bereich, waren und sind Verständnisse von Gesundheit und Krankheit selbst rassialisiert, das heißt, von rassistischen Konzepten gefährdender vs. gefährdeter Körper durchzogen (van Loon 2005, 11). Historisch und in der Gegenwart lässt sich zeigen, wie ein gesunder Körper mit Weißsein und Krankheit und Ansteckung mit Schwarzen Körpern verbunden sind. In einer Gesellschaft, in der Gesundheit zunehmend dazu 418 34 Gesundheit <?page no="419"?> diente, zwischen „tatsächlichen, potenziellen, lästigen und unmöglichen Bürger: innen“ (Rose und Novas 2004, 440, Übersetzung NM) zu unterscheiden, fungierte die Patholo‐ gisierung von People of Color als Rechtfertigung von Gewalt, Diskriminierung und Ausschluss. Besitzsklaverei und die Anfänge von Public Health Das moderne Gesundheitssystem in den Vereinigten Staaten war bereits zu seiner Entstehung von rassistischen Differenzierungen, Ungleichheiten und Gewalt durch‐ zogen und von der Institutionalisierung der Besitzsklaverei bestimmt. Noch vor der Gründung der USA waren die ersten größeren Krankenhäuser und medizinischen Ausbildungsstätten in den Kolonien, die seit etwa Mitte des 18. Jahrhunderts gegrün‐ det wurden, segregiert. Sofern sie überhaupt Schwarze Patient: innen aufnahmen, wurden diese in Kellern oder Nebengebäuden untergebracht und erhielten eine noch schlechtere als die insgesamt ohnehin dürftige Versorgung. Zwar unterschied sich die Gesundheitsversorgung in den einzelnen Kolonien und auch noch in der Zeit der Frühen Republik stark. Gleichwohl lässt sich sagen, dass Krankenhäuser bis ins 19. Jahrhundert hinein in der Regel steuer- oder spendenfinanzierte Einrichtungen waren, die eher die Funktion von Armenhäusern hatten. In diesem Rahmen übernah‐ men sie die medizinische Pflege einer wachsenden städtischen Unterklasse, die im Zweifelsfall als „undeserving“ galten, also die Hilfe vermeintlich nicht verdient hatten. Der Großteil der weißen Amerikaner: innen, von Arbeitenden bis in die Oberklasse, wurde von teuren, privat zu zahlenden Ärzten zu Hause versorgt - eine Versorgung, die für freie Schwarze in der Regel zu kostspielig oder gar nicht zugänglich war (Rosenberg 1987; Byrd und Clayton 2000; → Kapitel Sklaverei und Sklavenhandel). Die Gesundheitsversorgung versklavter Menschen auf den Plantagen des US-ame‐ rikanischen Südens unterlag im Wesentlichen der Kontrolle der Versklaver: innen und war an der Logik der Besitzsklaverei ausgerichtet. Zwar konnten Versklaver: innen in einem System, in dem der Wert eines Schwarzen Körpers über dessen Leistungsfähig‐ keit und Gesundheit gemessen wurde, ein Interesse an der Gesundheit der von ihnen Versklavten haben. Dieses Interesse bezog sich jedoch nur auf deren Arbeitsfähigkeit und Wertmaximierung, und konnte auch zur Entscheidung führen, keine Ressourcen aufzuwenden, um eine: n Kranke: n behandeln zu lassen. Wenn ein Arzt konsultiert wurde, waren dessen „Behandlungen“ nicht nur qualitativ schlechter als die für Weiße, sondern oft auch gewaltsamer und experimenteller (Savitt 2007; Washington 2006). In diesem Zusammenhang entwickelte sich ein eigenständiges, informelles „slave health subsystem“ auf den Plantagen des US-amerikanischen Südens, das im Wesentlichen auf der Versorgung durch versklavte Hebammen und Heiler: innen beruhte, die der Eigentumslogik andere Konzepte von Heilung und Gesundheit entgegensetzten (Byrd und Clayton 2000; Fett 2002). Dabei produzierte die Besitzsklaverei systematisch kranke und verletzte Körper, indem sie sie unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen und andauernder 34 Gesundheit 419 <?page no="420"?> Gewalt aussetzte (Savitt 1978). Die Versklavung Schwarzer Menschen wurde diskursiv von dem rassistischen Mythos getragen, dass diese robuster und besser zu harter kör‐ perlicher Arbeit geeignet seien, auch weil sie weniger Schmerzen empfinden würden als weiße Menschen (ein Mythos, der sich bis heute hält und unter anderem dazu führt, dass Afroamerikaner: innen seltener Schmerzmittel verschrieben werden (Hoffman et al. 2016)). Zeitgenössische medizinische Publikationen versahen diese Annahme mit wissenschaftlicher Autorität, und Ärzte zogen sie heran, um die zahlreichen medizinischen Experimente zu rechtfertigen, die, bisweilen unter dem Deckmantel der Gesundheitsversorgung, an versklavten Menschen durchgeführt wurden. Deirdre Cooper Owens (2017) hat in diesem Zusammenhang gezeigt, dass sowohl die Medizin die Besitzsklaverei diskursiv und praktisch aufrecht zu erhalten half (beispielsweise, indem ärztliche Untersuchungen die Grundlage dafür bildeten, den Marktwert von Sklav: innen festzulegen), als auch umgekehrt die Sklaverei zur Professionalisierung der Medizin beitrug. Zentrale Errungenschaften etwa der modernen Gynäkologie beruhen auf experimentellen Operationen an versklavten Schwarzen Frauen - Operationen, die Ärzte in der Regel ohne Anästhesie durchführten, auch als diese schon zur Verfügung stand (siehe auch Washington 2006). Dass Ärzte, Politiker und Plantagenbesitzer gleichzeitig versuchten, die gewaltsame Unterjochung von Afroamerikaner: innen mit dem Verweis auf vermeintlich spezifisch Schwarze Krankheiten und Behinderungen zu legitimieren, verdeutlicht die zentrale Funktion, die Narrative von Gesundheit und Krankheit für die Stabilisierung wider‐ sprüchlicher, rassistischer Ordnungen hatten und haben. Zeitgenössische Diagnosen wie die der „dysaesthesia aethiopis“, einer Krankheit, die zu Trägheit und Unkontrol‐ liertheit führen würde, fungierten als Begründung, warum African Americans der Autorität Weißer unterstellt werden müssten. Die „Drapetomanie“, eine vermeintliche psychische Krankheit, die Versklavte weglaufen ließe, illustriert, auf welche Weise widerständiges Verhalten Versklavter entpolitisiert werden konnte, indem es als Pathologie dargestellt wurde (Barclay 2021). Segregation und Auseinandersetzungen um „Schwarze Ansteckung“ Im 19. Jahrhundert gesellten sich andere Formen der Pathologisierung Schwarzer Kör‐ per dazu. Unter dem Eindruck verheerender Epidemien von Infektionskrankheiten, die die wachsenden Städte heimsuchten, entstand seit Mitte des Jahrhunderts ein modernes Public-Health-System. Es fußte zunächst primär auf sanitären Reformen, wie dem Ausbau von Kanalisation und Wasserversorgung, später auch auf Massenimpfungen (Rosenberg 1962; Porter 1994). Zunehmend wurde aber die Fähigkeit zur individuellen Prävention zur Norm moderner Gesundheitsvorsorge. Der Hygienediskurs entwarf das aufgeklärte Subjekt, das sich selbstverantwortlich um die eigene Gesundheit kümmerte, als Blaupause für moderne Verständnisse von citizenship: selbständig handelnd, die Freiheiten einer modernen Ordnung ‚richtig‘ nutzend (Rosenberg 1997; Tomes 1997; Mackert 2023). 420 34 Gesundheit <?page no="421"?> Erläuterung | Public Health: Public Health, definiert als „the science and art of preventing disease, prolonging life, and promoting physical and mental health“ (Winslow 1920, 23), erwuchs aus der naturwissenschaftlich und biopolitisch in‐ spirierten Überzeugung heraus, dass die Prävention von Krankheiten möglich, wünschenswert und Aufgabe moderner Staaten ist (Porter 1994). Im Unterschied zu früheren Verständnissen legte das Konzept von „New Public Health“ (Hill 1916) in den USA des frühen 20. Jahrhunderts (in Europa später) ein größeres Augenmerk auf die Verantwortung des Individuums für die Prävention von Krankheiten (Stoff 2022). Hier wurde nicht nur ein zutiefst bürgerliches Verständnis von Prävention entworfen, sondern auch ein weiß grundiertes. People of Color tauchen in den medizinischen und populärwissenschaftlichen Abhandlungen des 19. Jahrhunderts in der Regel nicht als gesundheitsbewusste, selbstverantwortlich handelnde Subjekte auf, im Gegenteil. Gesundheitsbezogene Selbstsorge avancierte zum Merkmal, über das sich die weißen bürgerlichen Klassen von den „working poor“ und People of Color abgrenzten. Die epidemische Gefahr von Infektionskrankheiten fungierte seitdem immer wieder als Motiv, um nicht-weiße und arme Menschen als verantwortungslos und moralisch oder physisch ansteckend zu markieren und dies politisch nutzbar zu machen (Roberts 2009; Bashford und Hooker 2001). Damit war das Public-Health-System des 19. Jahrhunderts nicht nur durch die Segregation der Gesundheitsversorgung rassialisiert, sondern auch von rassistischen und klassistischen Konzeptionen von Krankheit, Gesundheit und der Fähigkeit zu gesundem Verhalten durchzogen. Diese Form des Rassismus über Gesundheit war dabei nicht auf antischwarzen Rassismus beschränkt. Die Geschichte von Quarantä‐ nemaßnahmen etwa zeigt, wie diese gerade in der Moderne systematisch eingesetzt wurden, um People of Color als riskante Körper zu markieren und auszugrenzen. Mit der bakteriologischen Wende zum Ende des 19.-Jahrhunderts reicherten sich die sym‐ bolischen Register von Krankheitsbekämpfung und Rassismus mit einer Metaphorik an, die „fremde“ Körper mit „fremden“ Keimen gleichsetzte und deren „Ausmerzung“ mit „rassischer Reinheit“ verband (Kraut 1994). In diesem Zusammenhang wurde Einwanderung in die USA als Gefahr für die öffentliche Gesundheit dargestellt, und dies durch Immigrationsbeschränkungen und drakonische Quarantänemaßnahmen in den Einwanderungsstationen flankiert. Ob in den Quarantänestationen auf Ellis Island und in El Paso (Stern 1999), bei der Quarantäne ganzer migrantischer Stadtviertel, wie etwa von San Franciscos Chinatown während einer Pestepidemie 1905 (Shah 2001): In solchen Praktiken der räumlichen Anordnung und Trennung von Körpern verschränkten sich Fragen von Krankheit und Gesundheit mit solchen von Migration und Zugehörigkeit. Quarantänestrategien waren Teil einer sich räumlich manifestier‐ enden lokalen und globalen color line (Bashford 2006). 34 Gesundheit 421 <?page no="422"?> Die Rhetorik von Krankheit und Ansteckung diente insbesondere nach der Abschaf‐ fung der Sklaverei vielen Weißen dazu, ihren Anspruch auf weiße Vorherrschaft zu untermauern, Schwarze politische Ermächtigung und Mobilität zurückzudrängen und räumliche wie biologische „Rassengrenzen“ zu ziehen. Nach der Reconstruction wurden Lynchings und Black Codes von Debatten über eine vermeintliche Krankheits‐ anfälligkeit von African Americans und eugenischen Verboten der „Rassenmischung“ begleitet. Weiße Ärzte, Politiker und Öffentlichkeiten zitierten hohe Krankheits- und Sterblichkeitsraten in Schwarzen Communities als Beleg für die angebliche Unfähigkeit ehemals Versklavter, in Freiheit zu leben. In einer medikalisierten Variante der rassis‐ tischen Ideologie des Lost Cause behaupteten sie, dass die Emanzipation zu einer sich stetig verschlechternden Gesundheit von ehemaligen Versklavten führe. Weil diese körperlich und geistig nicht „entwickelt“ genug für „zivilisierte“ Gesellschaften seien, führe das Leben in einer solchen bei ihnen zur „Degeneration“. Hohe Tuberkuloseraten in Schwarzen Communities wurden vor diesem Hintergrund als Beweis für deren graduelles „Aussterben“ herangezogen und in Stellung gebracht, um sie als inhärent „infektiös“ zu markieren (Roberts 2009). Als während der Great Migration im frühen 20. Jahrhundert Millionen von Afroamerikaner: innen aus dem US-amerikanischen Süden in die Städte des Nordens migrierten, schürten weiße Zeitungen die Angst vor Schwarzer Mobilität, indem sie die Migrationsströme als Gefahr für die öffentliche Gesundheit und als Einfallstor von Geschlechts- und anderen Infektionskrankheiten porträtierten (Schlabach 2019). Wie die Historikerin JoAnn Brown (2001) hervorgehoben hat, waren es auch wesentlich rassistische Metaphern der Ansteckung, die der Segregation in den USA ihre semantische Bedeutung und diskursive Legitimation verschafft haben. Brown zeigt dies unter anderem an der Geschichte von Tuberkulose. Bis ins späte 19. Jahr‐ hundert galt Tuberkulose nicht als ansteckende, sondern vererbbare Krankheit, und Tuberkulosekranke mithin nicht als unmittelbar ansteckend, ergo „gefährlich“ (ebd., 103). Mit der Entdeckung des Tuberkelbazillus durch Robert Koch 1882 änderte sich dies, und in den folgenden Dekaden wurde die Krankheit nicht nur zum Ziel zahlloser Gesundheitskampagnen und Public-Health-Interventionen, sondern auch eng mit afroamerikanischen Körpern assoziiert. Wie Brown argumentiert, verschränkte sich die „Segregation“ von Tuberkulose-Patient: innen zur Jahrhundertwende mit Praktiken der „Separation“ von Schwarzen und Weißen und gab der Segregation schließlich ihren - medikalisierten - Namen. De-jure- und De-facto-Segregation lassen sich mithin nicht ohne die rassistische Figur „Schwarzer Ansteckung“ verstehen (→ Kapitel Segregation). Es war also kein Zufall, dass weiße Suprematist: innen den Gesundheitszustand von African Americans zum Argument machten, sie von politischer Teilhabe aus‐ zuschließen. Ebenso wenig zufällig war es, dass ihre Gesundheit gleichzeitig sys‐ tematisch angegriffen wurde. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert wurden Afroamerikaner: innen nicht nur Zielpunkt gewaltsamer Lynchings, sondern auch durch eine alltägliche Gewalt zermürbt, die über Armut und Diskriminierung, schlechte 422 34 Gesundheit <?page no="423"?> Lebensbedingungen und eine mangelnde Gesundheitsversorgung operierte (Knadler 2019; → Kapitel Lynchjustiz). Schon 1872 schloss die US-Regierung fast alle der in der Reconstruction vom Freedmen’s Bureau eröffneten Schwarzen Krankenhäuser wieder und versperrte vielen Afroamerikaner: innen in den Südstaaten nicht nur den Zugang zu medizinischer Versorgung, sondern auch zur Versorgung mit anderen Grundbedürfnissen, wie Nahrung und Unterkunft (Byrd und Clayton 2000; Savitt 2007). Auch in den Städten des Nordens hatten Schwarze weniger und schlechtere Möglichkeiten, medizinisch versorgt oder ausgebildet zu werden als die meisten Weißen. Zudem führten rassistische Wohnpolitiken dazu, dass Afroamerikaner: innen oft dicht gedrängt in unsanierten Wohnungen und Stadtvierteln ohne ausgebautes sanitäres System leben mussten. Gesundheit wurde hier also in mehrfacher Hinsicht zum Ort von Rassismus: Rassistische Praktiken und Strukturen zerrütteten die Körper von Afroamerikaner: innen; diese Zerrüttung wurde als Zeichen ihrer Unterlegenheit und Verantwortungslosigkeit gelesen, was das weiße Amerika wiederum als diskursive Legitimation heranzog, ihnen Subjektstatus abzusprechen (Roberts 2009; Knadler 2019). Gesundheit als Terrain gesellschaftlicher Auseinandersetzungen im frühen 20.-Jahrhundert Die Bedeutung von Gesundheit und Gesundheitspolitiken für die US-amerikanische Gesellschaft im frühen 20. Jahrhundert ist mithin kaum zu überschätzen. Mit der bakteriologischen Wende hoffte man auf ein Ende der Epidemien, und auch wenn dieser Optimismus mit der Influenzapandemie 1918-1920 („Spanische Grippe“) einen Dämpfer erlitt, war die sogenannte Progressive Era von gesundheitsbezogenen Mach‐ barkeitsfantasien geprägt. Mit Erkenntnissen aus den neuen Wissenschaften vom Körper (u. a. Physiologie und Ernährungswissenschaft) und neuen staatlichen Zugriffs‐ möglichkeiten hofften Reformer: innen verschiedenster Richtungen, die individuelle wie kollektive Gesundheit der Menschen zu verbessern. Dass zu den staatlichen Maßnahmen neben Verbraucherschutzgesetzgebungen oder Impfprogrammen auch Immigrationsbeschränkungen zählten, verdeutlicht, dass diese Projekte im direkten Zusammenhang mit eugenischen Bemühungen standen, die im frühen 20. Jahrhunderts breit anschlussfähig waren und gesellschaftlichen Fortschritt mit „rassischem“ Fort‐ schritt verknüpften (Leonard 2017; Stern 2005). Einen solchen Fortschritt sahen zu diesem Zeitpunkt viele weiße Amerikaner: innen als gefährdet an. Die moderne Lebensweise, so hieß es um die Jahrhundertwende in vielgestaltigen Reformbewegungen, gefährde die Körper von US-Amerikaner: innen und mache sie weniger widerstandsfähig gegen sowohl Krankheiten als auch politische Feinde. Die Individuen und Körper, die hier im Vordergrund der Sorge standen, waren weiß, männlich und der recht neu entstandenen Mittelklasse zugerechnet. Dies war es auch, was den Diskussionen zeitgenössisch einen solchen Problemdruck verlieh: Ausgerechnet diejenigen Körper, die eugenische und darwinistische Lesarten 34 Gesundheit 423 <?page no="424"?> als überlegen einordneten, schienen durch ihre fortschrittlichen Lebensweisen bedroht und weniger in der Lage zu sein, etwa das „strapaziöse“ Leben der Kolonisatoren zu führen (Bederman 1995; Martschukat 2019). Die Flut an Ratgebern zum „richtigen“ Essen und Leben, die im frühen 20. Jahr‐ hundert ein neues Marktsegment der Selbsthilfe-Literatur begründete, zielte mithin besonders auf die weiße, männliche Mittelklasse (Graaff und Klepper 2019). Diese sollte sich selbstverantwortlich, aber expert: innengeleitet auf den Weg begeben, ihren Teil zu einer gesunden Nation und „Rasse“ beizutragen. Dass diese Bewegung so stark von der Idee der Hilfe zur Selbsthilfe geprägt war, hat zum einen mit der enormen politischen Zugkraft von Idealen der Selbstverantwortung in der US-amerikanischen Geschichte zu tun (Martschukat 2019). Zum anderen trugen dazu neo-lamarckistische Lesarten von Vererbung bei, die in den eugenischen Bewegungen der USA und Europa zum Ende des 19. Jahrhundert ein Revival erlebten und den Einfluss von individuellem Verhalten oder „erworbenen Fähigkeiten“ auf die eugenische Fitness betonten (Leonard 2017; → Kapitel Eugenik und Zwangssterilisation). In den USA gab es für einige Zeit einen eigenen Begriff für diese Spielart der Eugenik, „euthenics“, der von der Chemikerin und Haushaltsökonomin Ellen Richards geprägt wurde. In ihrem gleichnamigen, 1910 erschienen Buch bezog sich Richards zwar auch auf eine notwendige Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen, mehr noch betonte sie aber die Verantwortung der Individuen dafür, „hygenisch“ zu essen, zu lüften, und zu leben. Diese Aufrufe reflektieren einen Wandel in der rassialisierten Logik von Public Health, den vor allem Historiker: innen afroamerikanischer Gesundheit hervorgehoben haben. Im frühen 20. Jahrhundert funktionierte Public Health nicht mehr primär über den kategorischen Ausschluss von People of Color, sondern über „qualified inclusion“, wie Samuel Roberts (2009, 5) es nennt: eine Politik „based on specific notions of care, expertise, public utility, citizenship, social control, and responsibility“. Es ging nicht mehr vor allem um den Ausschluss von Körpern, die von der weißen, „gesunden“ Norm abwichen, schreibt auch die Historikerin Nayan Shah (2001), sondern darum, diese Körper und Individuen an dieser Norm auszurichten. People of Color konnten, so der Subtext von Public-Health-Diskursen und -Praktiken seit dem frühen 20. Jahrhundert, als Teil der US-amerikanischen Gesellschaft anerkannt werden, wenn sie eigenverantwortlich nach Glück und Gesundheit strebten. Andersherum dienten diese Politiken der Responsibilisierung dazu, denjenigen, die diese Fähigkeit vermeintlich nicht zeigten, die Anerkennung als gleichberechtigte Staatsbürger: innen zu verweigern. In diesem Zusammenhang hat Stephen Knadler (2019) die doppelte rassistische Logik hervorgehoben, mit der African Americans nicht nur ihrer Gesund‐ heit beraubt wurden, sondern auch ihrer Anerkennung als Staatsbürger: innen, ja sogar als vollwertige Menschen. Dabei wurde Gesundheit aber nicht nur zu einem Vehikel von Rassismus, sondern auch zu einem Terrain des Kampfes dagegen. Afroamerikanische Ärzt: innen, Sozio‐ log: innen und Aktivist: innen verwiesen auf hohe Krankheits- und Sterblichkeitsraten in den Schwarzen Communities, um schlechte Wohnverhältnisse, Unterernährung 424 34 Gesundheit <?page no="425"?> und Armut als Folgen von Rassismus sichtbar zu machen und eine bessere Gesund‐ heitsversorgung einzufordern (Roberts 2009; McBride 2018). Die „übermäßig hohe Sterblichkeits- und Morbiditätsrate“ sei nicht auf „konstitutionelle Defekte“ oder die „Psyche“ Schwarzer zurückzuführen, sondern eine Frage struktureller Defizite, auf die sie keinen Einfluss hatten, betonte etwa der Arzt Charles V. Roman 1924 in Opportunity, dem Magazin der Bürgerrechtsorganisation National Urban League (Roman 1924, 238). Überdies fungierte Gesundheit als zentraler Pfeiler von „Black uplift“, einer bedeut‐ samen Emanzipationsstrategie von African Americans im frühen 20. Jahrhundert. Zu diesem Zeitpunkt verwies „Black uplift“ auf die Annahme Schwarzer Eliten, dass Afroamerikaner: innen Zugang zu Bürgerrechten und gesellschaftliche Mobilität erlangen könnten, wenn sie sich moralisch und körperlich verbesserten und auf diese Weise ihre Fähigkeit zu gesellschaftlicher Teilhabe und citizenship demonstrie‐ ren würden (Gaines 1996). Angesichts der Bedeutung, die Gesundheit zu diesem Zeitpunkt sowohl für hegemoniale Konzepte von Staatsbürgerschaft und Fortschritt als auch für das Überleben der Black Community hatte, ist es nicht überraschend, dass Uplift-Strateg: innen Gesundheit und Gesundheitserziehung eine große Bedeutung zuwiesen. An Afroamerikaner: innen gerichtete Gesundheitsratgeber und die 1915 von Booker T. Washington ins Leben gerufene „National Negro Health Week“ sollten darüber aufklären, wie es sich gesund lebte. „[You must have health] to be a regular human being,“ umschrieb Algernon B. Jackson (1924, 235), Medizinprofessor an der Howard University, die doppelte Uplift-Strategie über Gesundheitsaufklärung. Erstens ging es darum, die Gesundheit der Afroamerikaner: innen zu verbessern und hohe Krankheits- und Sterblichkeitsraten zu senken. Zweitens sollten jene in die Lage versetzt werden, selbstverantwortlich an sich und ihren Körper zu arbeiten und auf diese Weise zu „wertvollen und anerkennbaren“ Bürger: innen werden, wie es Jackson (ebd., Übersetzung NM) formulierte. In den Augen der Schwarzen Eliten hing der Fortschritt des Bürgerrechtskampfes mithin auch davon ab, dass Afroamerikaner: innen dem weißen Amerika auf diese Weise ihre Fähigkeit demonstrierten, sich selbst zu regieren. Historiker: innen haben auf die Ambivalenz solcher Strategien verwiesen. Einerseits sei der Bürgerrechtskampf damit auf diejenigen Schwarzen beschränkt worden, die die afroamerikanischen Eliten für gebildet genug und fähig hielten, sich selbstverant‐ wortlich zu verhalten, womit Klassen- und Geschlechterhierarchien innerhalb der Schwarzen Community reproduziert worden seien. Überdies hatte „Black uplift“ eine Assimilierung in eine fundamental rassistische und patriarchale Gesellschaft zum Ziel. Andererseits war die Behauptung (gesundheitlicher) Selbstverantwortung ein Schlüs‐ sel zur emanzipatorischen Funktion von „Black uplift“, weil sie etwas beanspruchte, das Afroamerikanerinnen diskursiv und auch strukturell verwehrt wurde - Gesundheit und Handlungsfähigkeit der eigenen Gesundheit gegenüber - und auf diese Weise Black Citizenship reklamierte (Hartman 2021, 81-120; Mitchell 2004; Lawrie 2016). 34 Gesundheit 425 <?page no="426"?> „Lifestyle Diseases“ und Rassismus im 20.-Jahrhundert Etwa in die Zeit von Segregation und rassistisch induzierter Krise Schwarzer Ge‐ sundheit fällt auch die zunehmende Ausdifferenzierung von Infektionskrankheiten einerseits und nicht-übertragbaren oder chronischen Krankheiten andererseits. Ent‐ scheidend für diese epidemiologische Unterscheidung war freilich die zentrale Er‐ kenntnis der Bakteriologie, dass es kleine Mikroorganismen waren - und nur die -, die bestimmte Krankheiten auslösten. Diskursiv war es für diese Ausdifferenzierung jedoch ebenso wichtig, dass sie sich in die zeitgenössische Kritik an der Moderne einklinkte, die weiße Körper durch Technisierung und Komfort gefährdet sah. In diesem Zeitraum entwickelten sich die ersten publikumswirksamen Diskussionen um die gesundheitlichen Gefahren des Dickseins und chronischer Herz-Kreislauf-Erkran‐ kungen, die mit modernen Lebensstilen einhergehen würden (Mackert 2023). Vor diesem Hintergrund hat Arleen Marcia Tuchmans (2020) Geschichte von Dia‐ betes darauf verwiesen, dass bereits die Ausdifferenzierung von Infektionskrankheiten und NCDs von rassialisierten Annahmen durchzogen ist. Tuchman zeigt, wie sich das wissenschaftliche und populäre Verständnis von Diabetes im Laufe des 20. Jahr‐ hunderts grundlegend gewandelt hat. In den ersten Dekaden rückte die Krankheit als Problem weißer Amerikaner: innen auf die Agenda. Zwar wurde Diabetes schon zu die‐ sem Zeitpunkt als Folge von übermäßigem Essen und mangelnder Bewegung begriffen, gleichzeitig wurde er aber mit spezifischen Befähigungen in Verbindung gebracht und galt als typische Krankheit der Erfolgreichen und Modernen. 1936 beschrieb ein Artikel im Magazin Collier’s Diabetiker: innen etwa als „bessere Bürger“, die besonders selbstständig und intelligent sein mussten, um ihre Krankheit managen und mit ihr überleben zu können (zit. nach ebd., 32). Schwarze dagegen waren in den Augen weißer Ärzt: innen und Wissenschaftler: innen zu diesem Zeitpunkt gar nicht von Diabetes betroffen, weil sie sie nicht für „zivilisiert“ genug hielten, diese Krankheit zu bekommen oder sie lang genug zu managen, dass sie als chronisch gelten konnte. Hier zeigt sich der rassistische Hintergrund, vor dem NCDs als „Zivilisationskrankheiten“ gerahmt wurden - eine Bezeichnung, die bis heute gebräuchlich ist. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts dagegen wurden (vor allem weibliche) African Americans, Mexican Americans und Native Americans zu typischen Diabe‐ tes-Patient: innen. Die Krankheit wandelte sich zum Signum von Verantwortungslosig‐ keit, ungesundem Lebensstil und Armut - in Verbindung mit „Adipositas“, für die sich eine ähnliche Geschichte nachzeichnen lässt. Während und nachdem die den 1960er Jahren initiierten staatlichen Armutsbekämpfungsmaßnahmen (der War on Poverty) Licht auf die strukturellen Vulnerabilitäten von People of Color werfen sollten, betonte ein medizinischer und öffentlicher Diabetes-Diskurs „biologische“ Unterschiede (ebd., 181), um höhere Diabetesraten in marginalisierten Communities zu erklären. Die zum Ende des 20. Jahrhunderts etablierte Unterscheidung von Typ-1- und Typ-2-Diabetes reflektierte die Rassialisierung der Krankheit, indem Typ 1 mit „unschuldigen“ Weißen und Typ 2 mit der „unverantwortlichen“ Lebensführung von People of Color assoziiert wurde (ebd., 149). Auch hier ging es nicht um die Konsequenzen von strukturellem 426 34 Gesundheit <?page no="427"?> Rassismus, dramatischer gesundheitlicher Unterversorgung oder des Stresses, in einer rassistischen Gesellschaft zu leben, sondern um das vermeintliche Unvermögen einer Person of Color, „ein „präventives Selbst“ zu sein (Lengwiler und Madarasz 2010). Erläuterung | Das „präventive Selbst“: Mit diesem Begriff beschreiben Martin Leng‐ wiler und Jeanette Madarasz „jenes rationale, krankheitsminimierend agierende Subjekt, das in den neueren gesundheitspolitischen Debatten vermehrt beschwo‐ ren wird“ (Lengwiler und Madarasz 2010, 16). Es ist also ein normatives Ideal, das Individuen zugeschrieben oder abgesprochen werden kann und als solches in hohem Maße verschränkt ist mit Praktiken der Selbstoptimierung: Das „richtige“ Essen und Schlafen, sich Bewegen und Entspannen ist in diesem Zusammenhang nicht nur eine individuelle Frage, sondern Ausweis selbstverantwortlicher Subjekte und Grundlage gesellschaftlicher Ordnungsbestrebungen (Mackert und Möhring 2020). Die Verknüpfung von NCDs mit modernen Lebensstilen hat bis heute Auswirkungen auf die Historiographie von race und Gesundheit. Ein Großteil der Publikationen zur Gesundheitsgeschichte von People of Color beschäftigt sich nach wie vor mit Infektionskrankheiten, während es bisher nur wenige Arbeiten zu NCDs gibt (Aus‐ nahmen sind Wailoo 2011; Pollock 2012; Tuchman 2020). Vor allem war sie für die Gesundheitsgeschichte des Rassismus im 20. Jahrhundert folgenreich. Denn sie beför‐ derte ein Verständnis von Prävention, das in besonders hohem Maße auf individuelle Lebensführung setzte. Seitdem Mediziner: innen in den 1950er Jahren eine Reihe von „Risikofaktoren“ für chronische Krankheiten identifizierten, darunter Rauchen, „Übergewicht“ und Alkoholkonsum, konzentrierten sich Public-Health-Programme auf die alltäglichen Entscheidungen von Individuen, die sich richtig ernähren, bewegen und verhalten sollten (Aronowitz 1998). Als die American Diabetes Association in den 1990er Jahren plakatierte „Diabetes Favors Minorities“, forderte sie die Individuen auf: „See your doctor about how you can prevent and control diabetes. And stop this discrimination.“ 34 Gesundheit 427 <?page no="428"?> Abbildung 16: „Diabetes Favors Minorities“, Plakat von 1990. Abgedruckt mit der Erlaubnis der Ameri‐ can Diabetes Association (Copyright 1990 by the American Diabetes Association). Ein solches Verständnis von Gesundheit leistete rassistischen Differenzierungen in der Gesundheitspolitik Vorschub, weil es den Fokus auf individuelle Verantwortung verlagert und dabei historisch gewachsene, systematische Ungleichheiten unsicht‐ bar macht, die die Gesundheit von Afroamerikaner: innen bis heute gefährden und schädigen - das, was Saidiya Hartman (2007, 6) als „afterlife of slavery“ bezeichnet hat: „skewed life chances, limited access to health and education, premature death, incarceration, and impoverishment,“ sowie verschiedene Formen des medizinischen und Umweltrassismus (Reverby 2009; Zimring 2015; → Kapitel Umweltrassismus). Während die Gesundheitsrisiken und Krankheitsraten von African Americans schon seit Jahrhunderten herangezogen werden, um sie zu pathologisieren oder gewaltsame Interventionen zu rechtfertigen, wurde mit dem Office of Minority Health erst in den 1980er Jahren eine Regierungsbehörde eingerichtet, die sich eigens der Verbesserung 428 34 Gesundheit <?page no="429"?> der Gesundheit von People of Color widmet und zu diesem Zweck sowohl Strategien entwickelte als auch Projekte finanzierte. Wie sich zeigte, geht es beim Zusammenhang von Rassismus und Gesundheit um ungleich verteilte Ressourcen, Krankheitsvulnerabilitäten und um viel mehr. Das Prob‐ lem ist nicht nur der lange Schatten der rassistischen Segregation im Gesundheitswesen und der nach wie vor erschwerte Zugang von People of Color zur Gesundheitsversor‐ gung. Es geht auch darum, wie ganz grundsätzliche Verständnisse von Gesundheit und Krankheit von rassistischen Differenzierungen in gefährliche und gefährdete Körper durchzogen sind. Dazu gehören bis in die Gegenwart rassistische Mythen von „ansteckenden“ Schwarzen Menschen oder aus vermeintlich „primitiven“ Kontexten in die westliche „Zivilisation“ gekommenen und nun „übergewichtigen“ Migrant: innen (Mackert und Meier zu Biesen 2022). Rassismus, das zeigen diese Dynamiken, ist nicht Zeichen von „Zivilisationsbrüchen“ oder ein archaisches Überbleibsel überkommener Zeiten, sondern inhärenter Teil moderner Gesellschaften und ihrer Wissensordnungen. Die moderne Wucht von Rassismus speist sich wesentlich aus seiner historisch gewachsenen Verschränkung mit Gesundheitsdiskursen und -praktiken. Gegen diese vielschichtige Rassialisierung von Gesundheit haben Aktivist: innen in den verschiedenen Zweigen der Bürgerrechtsbewegung gekämpft und tun dies noch immer (Gamble 1995; McBride 2018). Ob Schwarze Krankenschwestern während der Influenzapandemie 1918-1920 ( Jones und Saines 2019), die Black Panther Party in ihren „People’s Medical Centers“ (Nelson 2011) oder afroamerikanische AIDS-Akti‐ vist: innen (Royles 2020; Berger 2004): In diesen Bewegungen ging es nicht nur um eine bessere Gesundheitsversorgung für Schwarze, sondern auch darum, hegemoniale Vorstellungen von Krankheit und Gesundheit zu rekonfigurieren. Statt auf individu‐ ellem Risikoverhalten zu beharren und von „Adipositas-Krisen“ oder dergleichen zu sprechen, erinnert uns auch die jüngste Black-Lives-Matter-Bewegung eindringlich daran: „Racism is a Public Health Crisis“ (Leitch et al. 2021). Literatur APM Research Lab. „The Color of Coronavirus.“ Abgerufen am 14. November 2022. https: / / www.apmresearchlab.org/ covid/ deaths-by-race. Aronowitz, Robert A. 1998. Making Sense of Illness: Science, Society, and Disease. Cambridge: Cambridge University Press. Barclay, Jenifer L. 2021. 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Während die Wahrnehmung der Indigenen Einwohner: innen Nordamerikas durch Kolonialengland als „barbarisch“ wesentlich durch protestantisch-christliche Identi‐ täten geprägt wurde, unternahmen anglikanische und puritanische Siedler: innen vergleichsweise wenig Anstrengungen, die Indigene Bevölkerung zum Christentum zu bekehren. Erst mit dem Aufkommen des evangelikalen Protestantismus ab Ende des 18. Jahrhunderts gewannen solche Absichten an Bedeutung. Der evangelikale Protestantismus brachte widersprüchliche Implikationen für den US-amerikanischen Rassismus mit sich: So fungierte er als Impulsgeber für die Bemühungen der Abolitio‐ nist: innen im Norden um die Abschaffung der Sklaverei, lieferte Sklavenhalter: innen im Süden jedoch gleichzeitig scheinbare biblische Belege, um die Versklavung der Schwarzen Bevölkerung zu legitimieren. Afroamerikaner: innen verbanden protestan‐ tischen Evangelikalismus mit der kulturellen Tradition Westafrikas zum afroamerika‐ nischen Protestantismus, der sich zu einer schöpferischen und wirkmächtigen Form des Widerstands und der Befreiung von Rassismus entwickeln sollte. Innerhalb der verschiedenen christlichen Glaubensrichtungen der USA herrschte ein komplexes Verhältnis zu rassistischer Gewalt, einschließlich Lynchjustiz - häufig wurde sie gebilligt, teilweise geschürt und gelegentlich entschieden abgelehnt. Im 20. Jahrhundert begannen weiße evangelikale Protestant: innen, der breiter werdenden US-amerikani‐ schen Kultur pessimistisch entgegenzublicken; eine Haltung, die die Resonanz erklären dürfte, die Donald Trumps Beschwörung des weißen christlichen Nationalismus bei den Präsidentschaftswahlen-2016, 2020 und 2024 unter weißen Evangelikalen hervor‐ rief. Die „rassischen“ Identitäten US-amerikanischer Katholik: innen unterschieden sich in einigen, wenn auch nicht in allen Punkten von denen US-amerikanischer Protestant: innen. Zwar billigte die US-amerikanische katholische Kirche die Sklaverei und das Vorgehen der Sklavenhalter: innen Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts, Katholik: innen im New Orleans des 19. Jahrhunderts blieben in ihren Ansichten jedoch der gallischen Vergangenheit der Stadt treu und legten Wert auf universalistische (wenn auch rassen- und klassenbewusste) Inklusion. Im frühen 20. Jahrhundert <?page no="436"?> durchlief das katholische New Orleans eine verzögerte Amerikanisierung und führte die Jim-Crow-Gesetze ein, während die Schwarze katholische Bevölkerung gleichzei‐ tig ihre Traditionen der religiösen Selbsttätigkeit bewahrte und den Protest gegen rassistisch motivierte Ungerechtigkeit fortsetzte. Im frühen 21. Jahrhundert, Jahrzehnte nach der Desegregation, zeigten sich einige weiße Katholik: innen und zahlreiche weiße Evangelikale empfänglich für politische Appelle an den weißen christlichen Nationalismus. „Rasse“ und Rassismus im Protestantismus des Südens und Nordens Der evangelikale Protestantismus stellte vom späten 18. bis ins 20. Jahrhundert die dominante Strömung des US-amerikanischen Christentums dar und rief in Bezug auf „Rasse“ und Rassismus widersprüchliche Tendenzen hervor. Im Gegensatz zu spani‐ schen und französischen Kolonist: innen, die den christlichen Glauben im gesamten kolonisierten Gebiet durchsetzen wollten, hatten Anglikaner: innen und Puritaner: in‐ nen gegenüber der Indigenen Bevölkerung verhältnismäßig wenige Missionierungs‐ versuche unternommen. Erst die evangelikale Ausrichtung des US-amerikanischen Protestantismus ab dem späten 18. Jahrhundert trieb die Missionen voran, durch die Native Americans zum protestantischen Glauben bekehrt werden sollten. Dies geschah unter anderem durch die Einrichtung von Internaten, die der „Umerziehung“ von Kindern Indigener Gemeinschaften im euroamerikanischen protestantischen (oder katholischen) Sinne dienten. Die evangelikale Betonung der menschlichen Fehlbarkeit und Sünde sowie der Notwendigkeit, die Welt nach christlichen Idealen umzugestalten, bildete die Grundlage der abolitionistischen Bewegung mit ihrem Ziel, den sozialen Missstand der Sklaverei zu beseitigen. Nichtsdestotrotz scheiterte die Bewegung oftmals daran, Afroamerikaner: innen als gleichwertige Menschen anzuerkennen (→ Kapitel Abolitionismus). Die evangelikalen Sklavenhalter: innen des Südens vertraten jedoch eine andere Auslegung der Bibel und argumentierten stattdessen, dass diese die Sklaverei und eine auf „Rasse“ basierende Hierarchie befürworte, in der Weiße von der Arbeit der Schwarzen Bevölkerung im Rahmen einer patriarchalen familien‐ ähnlichen Beziehung profitieren könnten; eine Vorstellung, die der Realität ständiger Gewalt und Ausbeutung im Zusammenhang mit der Sklaverei nicht standhalten konnte (Mathews 1977; Noll 2010; → Kapitel Sklaverei und Sklavenhandel). Im Süden beteiligten sich die weiße und die Schwarze Bevölkerung gemeinsam, wenn auch nicht gleichberechtigt, an den evangelikalen Erweckungsbewegungen des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts. Als Teil der evangelikalen Bewegung entwickelten weiße Angehörige niedrigerer sozialer Schichten vor dem Hintergrund einer schwindenden kolonialen Gesellschaftsordnung ein Bewusstsein für die eigene Würde und Selbster‐ mächtigung gegenüber der bürgerlichen Elite. Da sich Besitzer: innen von Sklav: innen über weite Phasen der Kolonialzeit einer Christianisierung der Schwarzen Bevölkerung widersetzten, berief diese sich auf das Erbe westafrikanischer Kulturen, an die sie prägende, teilweise miteinander vermischte Erinnerungen bewahrt hatte. Durch Ver‐ 436 35 Rassismus und Religion <?page no="437"?> bindung ihrer eigenen Traditionen mit Lehre und Ausdrucksformen des evangelikalen Protestantismus begründeten Afroamerikaner: innen den Schwarzen Protestantismus, den sie bisweilen Seite an Seite mit weißen Gläubigen in gemischten Gottesdiensten, teilweise heimlich und selbstorganisiert in ihren Vierteln praktizierten. Nach dem Amerikanischen Bürgerkrieg gingen Schwarze und weiße Evangelikale getrennte Wege und übten ihren Glauben in nach „Rasse“ segregierten Gemeinden aus. Eine wichtige Ausnahme bildete die Anfang des 20. Jahrhunderts aufkommende Pfingstbe‐ wegung. Im Schwarzen Protestantismus betonte man die befreiende Kraft biblischer Analogien und der christlichen Erlösungsbotschaft und begriff sie als Trost angesichts der Unmenschlichkeit des Rassismus sowie als Mittel des Widerstands gegen rassistisch motivierte Unterdrückung. Besondere Wirkungskraft entfaltete die Perspektive des Schwarzen Protestantismus in den Worten und Taten von Dr. Martin Luther King Jr. sowie in den Arbeiten Schwarzer Theolog: innen wie James H. Cone im 20. Jahrhundert. Ein zentrales Merkmal von Gottesdiensten und Musik im Schwarzen Protestantismus war die dynamische, ausdrucksbetonte gemeinschaftliche Erfahrung von call and response, einem auf Ruf und Antwort basierenden Gestaltungsmittel mit Wurzeln in der kollektiven Erinnerung an kulturelle Traditionen Westafrikas. Im Gegensatz dazu war der weiße Südstaaten-Evangelikalismus des frühen 20.-Jahrhunderts von Abgrenzung und Pessimismus geprägt. Viele Anhänger: innen übernahmen die wiedererstarkte Ideologie der weißen Vorherrschaft und lehnten neue Ansätze der Bibelwissenschaft und christlichen Theologie ab, in denen sie eine Abkehr von religiöser Frömmigkeit zugunsten einer übermäßigen Anpassung an zunehmend einflussreiche wissenschaft‐ liche und säkulare Ansichten sowie die aufstrebende amerikanische Massenkultur sahen (Raboteau-1978; Mathews-1977; Noll-2010; Cone-1970). Im Zuge der Desegregation in den 1950er und 1960er Jahren nahmen weiße Evan‐ gelikale in den Südstaaten ihre Kinder von öffentlichen Schulen, um sie stattdessen auf sogenannte christliche Schulen zu schicken, in denen Bildung weiterhin nach „Rassen“ getrennt stattfand (→ Kapitel Der Kampf gegen die Schulsegregation). In den 1970er-Jahren kam mit der Neuen Rechten (New Right) eine rechte Strömung auf, in der Evangelikale wie Jerry Falwell und Pat Robertson für energischen politischen Einsatz im Sinne des Evangelikalismus eintraten, um die soziale Agenda der Moral Majority voranzutreiben. Falwell und Robertson sprachen sich für eine umfassende Einbeziehung der christlich-evangelikalen Perspektive in der öffentlichen Sphäre aus und reagierten damit auf die Forderungen nach sozialen Veränderungen im Rahmen von Frauenrechtsbewegung und sexueller Revolution. Die Neue Rechte stellte sich nicht nur gegen das Equal Rights Amendment (ERA), die Ausweitung der Abtreibungs‐ rechte und das Entstehen einer offen gelebten schwulen Identität, sondern trat als Antwort auf die jüngsten Erfolge der Bürgerrechtsbewegung außerdem für eine reak‐ tionäre Rassenpolitik ein. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts äußerten zahlreiche weiße Evangelikale im Sinne eines weißen christlichen Nationalismus unberechtigte Zweifel an der US-amerikanischen Staatsbürgerschaft des ersten Schwarzen Präsidenten der USA, Barack Obama, und sprachen ihm sein Selbstverständnis als Christ ab, indem sie 35 Rassismus und Religion 437 <?page no="438"?> fälschlicherweise behaupteten, er sei Muslim. Der Nachfolger Obamas, Donald Trump, der dessen Staatsbürgerschaft öffentlich infrage gestellt hatte, erfuhr starken Rückhalt sowohl bei weißen Evangelikalen als auch bei einem Großteil weißer Katholik: innen. Trump machte sich dabei den rassifizierten christlichen Nationalismus zunutze, den viele weiße Evangelikale und einige weiße Katholik: innen vertraten und der von einer Bedrohung der christlichen und weißen Identität durch die zunehmende ethnische und religiöse Diversität der USA sowie durch Bemühungen um eine Beseitigung rassistisch motivierter Ungerechtigkeit ausging (Nol-2010; Marti-2019; Pfeifer-2020, 168 f.). Amerikanische Religiosität und rassistisch motivierte Gewalt In Bezug auf die rassistische Praxis des Lynchens spielten die religiösen Kulturen Amerikas eine zwiespältige Rolle: Teilweise unterstützten sie die kollektiv verübten Morde, teilweise wirkten sie ihnen entgegen (→ Kapitel Lynchjustiz). Mit ihren Ele‐ menten des „Blutopfers“ und der „vergeltenden Gerechtigkeit“ wies die Lynchpraxis als schuldzuweisende ritualisierte Form der Sühne besonders im Süden Gemeinsamkeiten mit protestantisch-evangelikaler Symbolik und Theologie auf. Darüber hinaus hatten Rassengrenzen für zahlreiche weiße US-Amerikaner: innen, auch in den Südstaaten, im späten 19. Jahrhundert sakrale Bedeutung erlangt. So argumentierte der Historiker Donald G. Mathews, die Lynchjustiz hätte ihren Ursprung nicht in Religion gehabt, sondern sei vielmehr selbst ein religiöser Akt gewesen („religion did not cause lynching; lynching was religion“). Im katholisch geprägten Süden Louisianas kam es zu weit weniger Fällen von Lynchjustiz als im protestantisch-evangelikalen Norden des Bundesstaates. Auch die Rassentrennung wurde dort später umgesetzt und früher aufgehoben. Daneben trugen jedoch auch unzählige kulturelle Unterschiede, darunter das soziale Verhältnis zwischen der Baumwoll- und der Zuckerindustrie, sowie der Einfluss einer angloamerikanischen gegenüber einer französischen Rechtstradition dazu bei, dass zwischen den Regionen Louisianas unterschiedliche Ansichten zu „Rasse“ und Gesetz herrschten (Pfeifer-2004, 60 f.; Mathews-2018, 2). Unabhängig davon, ob das Christentum im Einklang mit Lynchjustiz oder im Widerspruch dazu stand, verraten Primärquellen in der Regel nichts darüber, wie die Religiosität von Täter: innen und Opfern die Durchführung und die Auffassung von kollektiv verübtem Mord beeinflusste. Vereinzelt gab es Fälle, in denen christliche Vertreter: innen der Kirche solche Praktiken offen billigten. Reverend Robert A. Elwood, Pfarrer der Olivet Presbyterian Church in Wilmington, Delaware, gab im Juni 1903 den Anstoß zum Mord an George White, einem Afroamerikaner, der mutmaßlich eine junge weiße Frau namens Helen Bishop vergewaltigt und getötet hatte. Mehrere Tausend Menschen waren an dem Lynchmord beteiligt. Elwood verband ein biblisches Verständnis der notwendigen Bestrafung von Verbrechen mit Kritik am herrschenden Strafrechtssystem. In einer Predigt unter freiem Himmel, die in den Wilmington Morning News veröffentlicht wurde, zitierte der Pfarrer aus dem 1. Korintherbrief 5,13, „Schafft den Übeltäter weg aus eurer Mitte“, sowie aus dem 6. Zusatzartikel zur Verfas‐ 438 35 Rassismus und Religion <?page no="439"?> sung der Vereinigten Staaten, in dem Angeklagten „Anspruch auf einen unverzüglichen und öffentlichen Prozess“ garantiert wird. Die Presbyterian Church (U.S.A.) tadelte Elwood daraufhin mit der Begründung, er habe Gottes Wort entehrt. Helen Bishops eigener Vater, ebenfalls ein Geistlicher, hatte derweil eine andere theologische Richtung eingeschlagen und argumentierte in einem Brief an die aufgebrachte Menge, die beste Strafe für George White sei nicht Lynchjustiz, sondern „his guilty conscience, a hell of itself “ (Pfeifer-2004, 60 f.). Im Juni 1920 bemühten sich in Duluth, Minnesota, zwei katholische Priester, Pater William Powers und Pater P. J. Maloney, entschlossen, ihre Gemeindemitglie‐ der - junge Männer der Arbeiterklasse - davon abzuhalten, sich einem mehrere Tausend Menschen umfassenden Lynchmob anzuschließen. Dieser hatte infolge eines fadenscheinigen Vergewaltigungsvorwurfs drei afroamerikanische Zirkusangestellte in seine Gewalt gebracht, die ihm kurze Zeit später zum Opfer fallen sollten. Der Großteil der Gläubigen hörte jedoch nicht auf die Beschwörungen der Priester; einer reagierte mit den Worten: „Haltet Euch da raus, Pater. Das hier hat nichts mit Gott zu tun.“ Auch andere katholische und presbyterianische Pfarrer sprachen sich in Predigten gegen die Lynchmorde von Duluth aus, nachdem diese verübt worden waren (ebd., Übers.). Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Lehren, Symbole und Klerus der verschiedenen christlichen Konfessionen im Süden, Mittleren Westen und Westen - vom liberalen Mainline-Protestantismus mit seinen reformistischen und humanitär-idealistischen Tendenzen über den konservativen evangelikalen Protestan‐ tismus und dessen Betonung der Notwendigkeit, Vergehen zu sühnen, bis hin zum Katholizismus der Land- und Arbeiterbevölkerung französischer, irischer, deutscher und polnischer Abstammung, der die Sündhaftigkeit des Menschen und die Möglichkeit der Erlösung durch kirchliche Fürbitte herausstellte - die ritualisierte kollektive Tötung im Rahmen von Lynchjustiz sowohl untermauerten als auch unterminierten. „Rasse“ und Rassismus im Katholizismus des Südens New Orleans, die am stärksten katholisch geprägte Stadt der Südstaaten, liefert ein zentrales Fallbeispiel für die rassismusbezogenen Dynamiken im US-amerkanischen Katholizismus. Der Katholizismus im New Orleans des 19. Jahrhunderts war durch eine universalistische Haltung geprägt, die im französischen und spanischen Kolonialismus wurzelte und die verlangte, dass alle Einwohner: innen, ob europäischer, Indigener, afrikanischer oder gemischter Abstammung, eine katholische Identität besitzen muss‐ ten. New Orleans, das 1718 im Zuge der französischen Kolonialisierung gegründet worden war, blieb zunächst ein entlegener Hafen, der Frankreich und Spanien für den Transport von Tabak und Indigo diente. Mit dem Erwerb Louisianas durch die Vereinigten Staaten im Jahr 1803 erlangte die sogenannte Crescent City zentrale Bedeutung für den lukrativen Export von Baumwolle und Zucker sowie den interna‐ tionalen Sklavenhandel. Die Vereinigten Staaten übernahmen damit eine ethnische und religiöse Landschaft, die von ihrer französischen und spanischen Vergangenheit 35 Rassismus und Religion 439 <?page no="440"?> sowie den engen Beziehungen zur französischen und spanischen Karibik geprägt war. Französischsprachige katholische Kreol: innen mit einer Vielzahl französischer, hispanischer und westafrikanischer Hintergründe lebten in Vierteln nahe dem Fluss, die sich Versklavte, ihre Besitzer: innen und freie Persons of Color (gens de couleur libre), die eine dritte soziale Kaste bildeten, teilten. Zehntausende Menschen, die im Zuge der erfolgreichen Rebellion von Sklav: innen gegen die französische Herrschaft in Saint-Domingue geflohen waren, sorgten in der Crescent City für einen Bevölke‐ rungsanstieg auf nahezu das Doppelte. Nach ihrer Vertreibung aus Kuba durch Spanien in den Jahren 1809 und 1810 wuchs der Anteil kreolischer Persons of Color an der Gesamteinwohnerschaft erheblich. Die Eingliederung in die Vereinigten Staaten brachte außerdem eine zunehmende Zahl von US-Amerikaner: innen in die Stadt und mit ihnen deren binäre Vorstellung von „Rasse“, die dem unter französischer und spanischer Führung vorherrschenden dreigeteilten Kastensystem gegenüberstand, so‐ wie ein angloamerikanisches Verständnis von Handel, Gesetz und öffentlicher Kultur. Der frankophone Katholizismus der Stadt war mit einer universalistischen Haltung verbunden, die die Christianisierung von Personen mit afrikanischen Wurzeln und deren Teilhabe am sakramentalen Leben der Kirche begrüßte. Im Gegenzug ergriffen die in der Stadt lebenden Schwarzen Kreol: innen katholischen Glaubens die Chance auf die würdevolle Behandlung und den sozialen Aufstieg, die ihnen die Beteiligung in kirchlichen Einrichtungen bot. Auch die Ankunft Tausender Katholik: innen aus Irland, Deutschland und Sizilien im 19. Jahrhundert änderte wenig an der Vormacht‐ stellung französischsprachiger kirchlicher Würdenträger und französischstämmiger Geistlicher in der Stadt (Pfeifer-2020, 19-21). Im 18. und frühen 19. Jahrhundert, als die Unterstützung katholischer Institutionen durch den französischen Staat aufgrund der Französischen Revolution abriss und der Verkauf Louisianas an die USA scharenweise anglophone Protestant: innen in die Stadt trieb, hielten freie Women of Color den Katholizismus in New Orleans aufrecht. Selbst als die einsetzende Amerikanisierung die vergleichsweise inklusive Haltung kreolischer Katholik: innen New Orleans’ und ihr komplexeres und flexibleres Verständnis von „Rasse“ zunehmend herausforderte, schloss sich die freie Woman of Color Henriette Delille, Nachfahrin einer von Ursulinenschwestern getauften und kathechisierten Sklavin, mit Gleichgesinnten zusammen und gründete im Jahr 1842 in New Orleans die Soeurs de Sainte Famille oder auch Sisters of the Holy Family. Als erste katholische Gemeinde von Schwarzen Frauen für Schwarze Frauen bot sie Unterstützung für freie Women of Color und versklavte Menschen afrikanischer Abstammung. Einen entscheidenden Beitrag leisteten die freien Persons of Color zudem durch die Einrichtung und Förderung katholischer Schulen, die sich zu Zentren für die Herausbildung afrokreolischer katholischer Identitäten in der Crescent City entwickelten. Die Inklusivität, die den Katholizismus der Antebellum-Periode in New Orleans auszeichnete, hatte jedoch Grenzen. Schwarze Kreol: innen und Weiße saßen auf getrennten Kirchenbänken, obwohl sie häufig miteinander verwandt waren, während Sklav: innen auf Emporen oder Seitenbänken Platz nehmen mussten. Darüber 440 35 Rassismus und Religion <?page no="441"?> hinaus schrieb die Diözese gesonderte Sakramentbücher für Weiße, Kreol: innen of Color und Sklav: innen sowie Friedhöfe mit separaten Bereichen für verstorbene Weiße und Schwarze vor. Kreol: innen of Color pflegten komplexe Beziehungen zu Sklav: innen: In einigen Fällen waren sie durch ein vertrautes Verhältnis mit ihnen verbunden und bemühten sich um ihre Freilassung und Katechisierung, in anderen Fällen besaßen sie selbst Sklav: innen und wahrten den sozialen Rangunterschied bewusst (Pfeifer-2020, 21 f.). Im 19. Jahrhundert geriet die unverändert gallisch geprägte Kirche in New Orleans unversehens unter den Einfluss der sklavereifreundlichen, in Rassenfragen reaktionä‐ ren Führung der US-amerikanischen katholischen Kirche, die sich mit den städtischen irischen Einwander: innen des Nordens und den Sklavenhalter: innen des Südens in der Demokratischen Partei verbündete. Vor diesem Hintergrund griffen Schwarze Kreol: innen auf alte und neue religiöse Ideologien und Praktiken zurück, um eine Form des gemeinschaftlichen Zusammenschlusses und des politischen Radikalismus zu entwickeln, die sich gegen die sich abzeichnenden Tendenzen der systematischen rassistischen Diskriminierung in den USA richtete. Schwarze Kreol: innen, von denen 1860 beinahe 11.000 in der Crescent City lebten und die damit sechs Prozent der Stadtbevölkerung ausmachten, machten sich französisch-katholische Traditionen und Ideale der französischen Republik zunutze, um Würde, Gleichheit und Inklusivität gegen die drohende Gefahr rassistischer Subordination und Separation zu behaupten (Pfeifer-2020, 22 f.). Kreol: innen of Color schlossen sich unzähligen Interessen- und Berufsvereinigun‐ gen, religiösen Bruderschaften und Wohltätigkeitsorganisationen an und nahmen als Teil der konföderierten sowie später (nach der Besetzung durch die Union) der föderalen Milizarmee am Bürgerkrieg teil. Zwei Jahrzehnte später fand die Tradition des Schwarzen katholischen Protests in der Crescent City weiteren Ausdruck, als Homer Plessy, der 1888 in der St. Augustine Church getraut worden war, die rechtliche Grundlage der Rassentrennung in den städtischen Straßenbahnen anzweifelte. Dies gipfelte 1896 in der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs der USA im Fall Plessy v. Ferguson, der die Rassentrennung für verfassungsgemäß erklärte und damit die juristische Basis für die Jim-Crow-Gesetze legte (→ Kapitel Segregation und → Kapitel Der Kampf gegen die Segregation in öffentlichen Verkehrsmitteln und Einrichtungen). Im späten 19. Jahrhundert beriefen sich Schwarze Katholik: innen auf die Tradition von Inklusion, Egalitarismus und Selbsttätigkeit und widersetzten sich der Segregation in den Kirchen der Crescent City (Pfeifer-2020, 24-27). Erläuterung | Obwohl Schwarze Katholik: innen im späten 19. Jahrhundert ver‐ stärkt die Priesterweihe für Afroamerikaner forderten, ging es in dieser Hinsicht nur langsam voran. Augustus Tolton, 1854 als Sklave in geboren, wurde 1886 in Rom zum Priester geweiht und gilt damit als erster Schwarzer US-Amerikaner in diesem Amt. Anschließend kehrte er in die Vereinigten Staaten zurück und 35 Rassismus und Religion 441 <?page no="442"?> wirkte in Quincy, Illinois, wo er erheblichen Anfeindungen weißer Katholik: innen ausgesetzt war. Vor seinem Tod während einer Hitzewelle im Jahr 1897 war Tolton Begründer und Pfarrer von St. Monica’s, einer afroamerikanischen Nationalge‐ meinde im Chicagoer Stadtviertel South Side. Die erste Ordination eines Schwarzen Priesters innerhalb der Vereinigten Staaten wurde 1891 in Baltimore vollzogen. Danach empfing erst 1902 wieder ein Schwarzer US-Amerikaner das Sakrament der Weihe (Pfeifer-2020, 26 f.). Unter dem Einfluss der verstärkten Jim-Crow-Gesetzgebung in Louisiana und des sich verhärtenden kulturellen Klimas der Rassismus, das damit einherging, kam es in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in New Orleans zur Wiederbelebung einer Politik der Amerikanisierung und Segregation durch die katholische Spitze. In der Folge spaltete sich die städtische katholische Kirche in zwei parallele Systeme weißer und Schwarzer Gemeinden und Schulen auf. Nichtsdestotrotz wurde die Ras‐ sentrennung in den Kirchen der Crescent City nie vollständig vollzogen. Zwar hielten Jim-Crow-Praktiken zunehmend Einzug in die katholischen Diözesen der Vereinigten Staaten, gleichzeitig sah das Kirchenrecht jedoch unverändert vor, dass Geistliche nicht von Afroamerikaner: innen verlangen durften, den Gottesdienst in getrennten Kirchen abzuhalten. Ebenso räumte es ihnen die Freiheit ein, die Verpflichtung zum Besuch der Sonntagsmesse in jeder beliebigen katholischen Kirche zu erfüllen (Pfeifer 2020, 29 f.). Im Zuge der Bürgerrechtsbewegung kam es 1962 zur verspäteten Integration an katholischen Parochialschulen in New Orleans. Erzbischof Joseph Rummel hatte die Integration seit 1949 öffentlich unterstützt. So hatte er sich beispielsweise geweigert, ei‐ nen segregierten Gottesdienst zu besuchen, und Schilder mit den Aufschriften „White“ und „Colored“ von den Kirchenbänken entfernt. Auch wenn die Rassentrennung in den 1950er Jahren in zahlreichen Gemeinden der Erzdiözese de facto weiter bestand, waren die Kirchen nun zur Integration angehalten, während Krankenhäuser und Schulen nach wie vor dem Prinzip der Segregation folgten. Das Gerichtsurteil im Fall Brown v. Board of Education von 1954, das ausschließlich für öffentliche Schulen galt, hatte insbesondere Konsequenzen für die Parochialschulen in New Orleans, einer Stadt, in der 11 Prozent aller Schwarzen Katholik: innen der Vereinigten Staaten zu Hause waren - von denen viele katholische Schulen besuchten -, deren weiße politische Führung sich jedoch der Integration widersetzte (→ Kapitel Der Kampf gegen die Schulsegregation). Im Zuge der Bürgerrechtsbewegung kam es unter Erzbischof Joseph Rummel zur verspäteten Integration an katholischen Parochialschulen in New Orleans (Pfeifer-2020, 44). „Rasse“ und Rassismus im Katholizismus des Nordens „Rasse“ und Rassismus spielten im katholischen Norden eine ebenso bedeutende Rolle wie im katholischen Süden. Im späten 19. Jahrhundert waren ethnische und „rassische“ 442 35 Rassismus und Religion <?page no="443"?> Identität gleichbedeutend mit Gemeindeidentität geworden. Dieser Prozess sorgte etwa in New York City für die Auflösung der strukturell eher dynamischen katholischen Kirchengemeinden des frühen 19. Jahrhunderts. Wie in New Orleans rückte die katholi‐ sche Kirche mit der Abkehr von einer Kultur der Mitwirkung Schwarzer Katholik: innen in gemischten Gemeinden hin zu segregierten Gotteshäusern entscheidend von ihrer universalistischen Haltung ab und näherte sich einer Jim-Crow-Religiosität an, die sich in verschiedenen Regionen der Vereinigten Staaten beobachten ließ (Pfeifer 2020, 150 f.). Der Katholizismus der Jim-Crow-Ära, der eine Trennung in weiße und Schwarze Katholik: innen vorsah und aus der Anpassung der katholischen Kirche an den US-amerikanischen Rassismus im 19. und frühen 20. Jahrhundert hervorgegangen war, erwies sich im Norden zur Mitte des 20. Jahrhunderts als ebenso schwer umkehrbar wie im Süden. Auf der einen Seite gab es Priester und Nonnen, die in den 1950er und 1960er Jahren an Bürgerrechtsmärschen teilnahmen und sich damit für die Überwindung eines Zustands einsetzten, den sie als das sündhafte Götzenbild der weißen Vorherrschaft betrachteten. Auf der anderen Seite wehrten sich ihre weißen Gemeindemitglieder aus der Arbeiterklasse jedoch oft vehement gegen die Aufhebung der Rassentrennung in Städten des Nordens wie Milwaukee, Chicago und Boston. Dies führte teilweise zu Gewalt und schließlich dazu, dass weiße Katholik: innen sich aus den städtischen katholischen Gemeinden zurückzogen und sich solchen in Vorstädten an‐ schlossen, die eine homogene Zusammensetzung von Viertel und Kirchengemeinschaft gewährleisteten. Zur Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) sowie in den Jahren danach kam es zu tiefgreifenden Neuerungen in der Liturgie. Afroamerikanische katholische Gemeinden übernahmen die traditionelle Gospelmusik des Schwarzen Protestantismus, von dem zahlreiche Schwarze Katholik: innen in den Jahren zwischen 1940 und 1965 konvertiert waren - eine Folge der Negro Apostolates, katholischen Evangelisierungsbemühungen unter Afroamerikaner: innen. In den ersten Jahrzehn‐ ten des 21. Jahrhunderts spiegelten die Abstimmungsergebnisse der katholischen Wählerschaft Rassenzugehörigkeiten wider. Unter Katholik: innen waren die Anteile Schwarzer und weißer Wähler: innen von allen US-amerikanischen Konfessionen am gleichmäßigsten verteilt, sodass sie eine entscheidende Gruppe der Wechselwähler: in‐ nen repräsentierten. Die Mehrheit der weißen katholischen Wählerschaft stimmte für Donald Trump, während Schwarze Katholik: innen sowie solche hispanischer Herkunft bei den Präsidentschaftswahlen 2016, 2020 und 2024 eher Trumps jeweilige Gegen‐ kandidat: innen, Hillary Clinton beziehungsweise Joe Biden, unterstützten. Ähnlich wie weiße Evangelikale zeigten sich auch viele weiße Katholik: innen für Trumps Beschwörung des weißen christlichen Nationalismus empfänglich; ungeachtet der Tatsache, dass Katholik: innen in der Vergangenheit von protestantischen Definitionen der US-amerikanischen Nationalität ausgeschlossen worden waren (McGreevy 2016; Pfeifer-2020, 48, 132-57, 168 f.). Deutsche Übersetzung durch Maria Ewald. 35 Rassismus und Religion 443 <?page no="444"?> Literatur Bailey, Amy Kate und Karen A. Snedker. 2011. „Practicing What They Preach? Lynching and Religion in the American-South, 1890-1929.“ American Journal of Sociology-117, 3: 844-87. Cone, James H. 1970. A Black Theology of Liberation. Philadelphia: J.P. Lippincott Company. Davis, Cyprian. 1995. The History of Black Catholics in the United States. 1995. New York: Crossroad. Marti, Gerardo. 2019. „The Unexpected Orthodoxy of Donald J.-Trump: White Evangelical Support for the 45 th President of the United States.“ Sociology of Religion: A Quarterly Review 80, 1: 1-8. Mathews, Donald G. 2018. At the Altar of Lynching: Burning Sam Hose in the American South. New York: Cambridge University Press. Mathews, Donald G. 1977. Religion in the Old South. Chicago: University of Chicago Press. McGreevy, John T. 2016. Parish Boundaries: The Catholic Encounter with Race in the Twen‐ tieth-Century Urban North. Chicago: University of Chicago Press. Noll, Mark. 2010. God and Race in American Politics: A Short History. Princeton, NJ: Princeton University Press. Pfeifer, Michael J. 2004. Rough Justice: Lynching and American Society, 1874-1947. Urbana: University of Illinois Press. Pfeifer, Michael J. 2020. The Making of American Catholicism: Regional Culture and the Catholic Experience. New York: New York University Press. Raboteau, Albert J. 1978. Slave Religion: The „Invisible Institution“ in the Antebellum South. New York: Oxford University Press. 444 35 Rassismus und Religion <?page no="445"?> 36 Rassismus und Wirtschaft Felix Krämer Abstract | Der Beitrag beschreibt eine spezifische Ökonomie des modernen Rassismus, welche sich nirgends deutlicher zeigt als in den USA. Er fächert die Geschichte rassistischen Wirtschaftens in Nordamerika vom 17. Jahrhundert bis ins 21. Jahrhundert auf und versucht, sich ihrer Bedeutung durch Lebensgeschichten von Menschen zu nähern. Im besonderen African Americans rücken mit ihren Erfahrungen ins Zentrum dieser Betrachtung. Dabei werden die Verbindungen zwischen den ökonomischen Dimensionen des Kapitalismus und dem modernen Rassismus von der Sklaverei bis in die Gegenwart herausgestellt. Die Geschichte der europäischen Kolonisierung der Amerikas ist die eines racial capitalism, der das Leben der Menschen bestimmte und seit dem Erscheinen von Cedric Robinsons Buch Black Marxism in der Wissenschaft diskutiert wird (Robinson 1983; Melamed 2015). Erläuterung | Racial capitalism: Der Begriff racial capitalism verweist darauf, dass sich Kapitalismus und rassistische Ausbeutungsstrukturen in der Neuzeit und insbesondere in der Geschichte Nordamerikas nicht voneinander getrennt sehen und verstehen lassen (Gaido 2006). In der Sklaverei verbanden sich Ökonomie und Rassismus, wie einschlägige Arbeiten gezeigt haben (Baptist 2014; Beckert/ Rock‐ man 2016). Auch nach Ende der Sklaverei blieb die rassistische Spaltung der arbeitenden Menschen ein zentrales Mittel für die kapitalistische Ausbeutung insbesondere der Schwarzen Amerikaner: innen. Zunächst ist für den Zusammenhang von Rassismus und Wirtschaft darauf hinzuwei‐ sen, dass im Siedlerimperialismus europäische Kolonisten in den Amerikas Native Americans ihres Landes und ihrer Lebensgrundlagen beraubten und diese auch ver‐ sklavten (Newell 2015). Neben der Landnahme im Siedlerkolonialismus entwickelte sich die brutale transatlantische Verschleppung und Versklavung von Menschen aus Afrika vor allem ab dem 17. Jahrhundert (Zeuske 2022, 196 ff.). Daher verbinden Forschende aus den Indigenous Studies und den Black Studies mittlerweile ihre Ansätze. Dabei rücken sie auch die ökonomische Dimension des sich bildenden Rassismus in den Fokus, und zwar von der europäischen Besiedlung der Amerikas bis in die Finanzkrisen der Gegenwart (Byrd et al. 2018). Ausgehend von diesen Zusammenhängen wird der Beitrag anhand von einzelnen biografischen Beispielen <?page no="446"?> zeigen, wie die ökonomischen Dimensionen des Rassismus das Leben verschiedener Menschen vom 17. bis ins 20. Jahrhundert prägten. Auch nach dem Ende der Sklaverei in den USA 1865 setzten sich durch Segregation, unterschiedliche Löhne, äußerst ungleiche Eigentumsverhältnisse und die Kriminalisierung sowie politische Diskrimi‐ nierung von nicht-weißen Gruppen Ungleichheiten fort und führten zu einem bis in die Gegenwart dauernden, eklatanten racial wealth gap. Das bedeutet unter anderem, dass weiße Amerikaner: innen heute durchschnittlich über sechs Mal so viel Vermögen wie Schwarzen Amerikaner: innen verfügen (Derenoncourt et al. 2022). Arbeit und Sklaverei im 17. und 18.-Jahrhundert Bereits diejenigen Menschen, welche im 17. Jahrhundert in den Kolonien Nordamerikas ankamen, sahen sich unterschiedlichsten Lebens- und Arbeitsbedingungen ausgesetzt. Viele der europäische Immigrant: innen waren Schuldknechte oder Schuldmägde und arbeiteten die Indentur (Zeit der Schuldknechtschaft) in 4 bis 7 Jahren ab, wonach sie gegebenenfalls selbst zu Eigentum und Landbesitz kommen konnten. Seit 1619 landeten versklavte Menschen aus Afrika in den englischen Kolonien und wurden in den Ostküstenorten wie Jamestown verkauft und dann zur Arbeit auf Tabakplantagen in Virginia gezwungen (Hannah-Jones 2021). Doch in den Kolonien waren die Grenzen zwischen weißen Schuldknechten und -mägden auf Zeit und Schwarzen Sklav: innen keineswegs von Beginn an eindeutig gezogen. Obwohl die Sklaverei die unfreiste Praxis der Ausbeutung war und vor allem für Millionen von Menschen aus Afrika und ihre Nachkommen brutale Realität wurde, konnten manche der versklavten Afrikaner: innen nach einer Zeit auch wieder freikommen. Einige konnten sogar Eigentum erwerben und auf eigene Rechnung wirtschaften (Morgan 2018, 8). Erst im Verlauf des 17. Jahrhunderts etablierten die sogenannten Virginia Slavery Laws rechtlich eine rassistische Demarkationslinie und machten Schwarzsein zum Unterscheidungsmerkmal für dauerhafte Versklavung an der nordamerikanischen Ostküste (Gerstenberger 2016, 86). Die Sklavereigesetze, die in Virginia und anderen Staaten erlassen wurden, legten fest, wer als Eigentum anderer Menschen ein Leben lang arbeiten musste und nie freikommen sollte (Harris 1993, 1716 ff.). Das wichtigste dieser Gesetze hatte mit dem Leben einer jungen Frau namens Elizabeth Key zu tun. Als sie in den späten 1620er Jahren geboren wurde, war von Beginn an bekannt, dass ihr weißer Vater der Besitzer ihrer aus Afrika verschleppten und ebenfalls auf dem Markt in Jamestown gehandelten Mutter war. Und Elizabeth Keys Kampf um Freiheit sollte eine gewichtige Bedeutung in der Rechtsgeschichte der Sklaverei bekommen (Morgan 2018: 11). Von ihrer Mutter ist nicht einmal ein Eintrag zu deren Namen in den Akten überliefert. Doch erst der Tod ihres Vaters Thomas Key brachte Uneindeutigkeit in den rechtlichen Personenstand der Tochter (Morgan 2018, 11). So befand sich Elizabeth Key nach dem Tod des Vaters plötzlich in der Schuldknechtschaft einer anderen weißen Familie, wogegen sie - auch in Sorge um den rechtlichen Status ihrer eigenen Nachkommen - mit ihrem Partner William Grinstead, einem juristisch 446 36 Rassismus und Wirtschaft <?page no="447"?> gebildeten jungen Mann aus England und Vater ihrer beiden Kinder, mehrfach vor Gericht zog. 1655 bestätigte das General Assembly in Virginia ihre Freiheit (Morgan 2018, 12). Als unmittelbare Gegenreaktion darauf wurde 1662 jenes zentrale Gesetz der Virginia Slavery Laws erlassen, das den Grundsatz partus sequitur ventrem (child follows belly) etablierte. Der Freiheitsstatus jedes Kindes sollte von nun an immer dem Status der Mutter folgen (Baptist/ Hyman 2017, 52-55). Das Urteil war eine entscheidende Zäsur im entstehenden slave capitalism (Beckert/ Rockman 2016), da es für Schwarze Amerikanerinnen bedeutete, dass ihre Kinder de jure immer Eigentum des weißen Besitzers wurden, selbst wenn diese dessen leibliche Kinder waren. Die Nachfrage nach Arbeitskräften und die Versklavung von Menschen war in Nordamerika im 17. und über weite Strecken des 18. Jahrhunderts zunächst mit dem Absatz des Produkts Tabak verbunden. Je nach Region mussten unfreie und versklavte Menschen zudem aber auch Zucker, Reis, Mais und später Baumwolle anbauen. Die wechselseitige Entwicklung des Tabak- und Sklav: innenmarktes war keine marginale Facette der politischen Ökonomie. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, dass bekannte historische Persönlichkeiten der US-Politikgeschichte an ihr beteiligt waren. So hatte bereits John Washington, der aus England stammende Urgroßvater des ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten, 1656 in ein Schiff investiert, das Tabak aus der Chesapeake Bay auf die europäischen Märkte bringen sollte und Teil des transat‐ lantischen Dreieckshandels war. Nach seiner Übersiedlung blieb John Washington in Nordamerika und kam durch Heirat mit der Tochter eines Tabak-Plantagebesitzers selbst zu Landbesitz. Neben dem Absatz der Produktion waren Arbeitskräfte das zentrale ökonomische Thema, insbesondere nach Ende des transatlantischen Sklavenhandels 1808. Etwas über eineinhalb Jahrhunderte nach der Einführung des beschriebenen child follows belly-Gesetzes 1662 schrieb Thomas Jefferson, einer der Gründerväter der USA und ihr dritter Präsident (1801-1809), über versklavte Frauen: „It is not their labor, but their increase which is the first consideration.“ ( Jefferson 1819) Dies ist nicht zuletzt deshalb bemerkenswert, da auch Jeffersons eigene Kinder, die er mit seiner Sklavin Sally Hemings hatte, und zu denen er sich selbst nicht offiziell bekannte, bis zu seinem Tode versklavt auf seinem Anwesen auf Monticello leben mussten (Gordon-Reed 2008). Wirtschaft, Politik und Sklaverei blieben somit auch im Zeitalter der Amerika‐ nischen Revolution und der Frühen Republik untrennbar miteinander verbunden, aller Revolutions- und Freiheitsrhetorik zum Trotz, welche den Emanzipationskampf der Kolonisten gegen das britische Commonwealth umrankten. Venture Smith und der Besitzindividualismus des 18.-Jahrhundert Im 18. Jahrhundert hatte sich in Nordamerika ein Besitzindividualismus entwickelt, der konkrete Wirkungen auf das Leben von arbeitenden Menschen hatte. Neben lebenslanger Unfreiheit von Geburt an barg der Besitzindividualismus auch vereinzelt Möglichkeiten für Sklav: innen, mit dem Wert der eigenen Arbeitskraft zu spekulieren 36 Rassismus und Wirtschaft 447 <?page no="448"?> (Greeson 2012). Dies möchte ich am Beispiel des 1798 publizierten „A Narrative of the Life and Adventures of Venture, a Native of Africa: But Resident above Sixty Years in the United States of America. Related by Himself “ zeigen. „Venture“ (Geschäft) nannte ihn sein erster Besitzer, der Kapitän des Schiffes, auf dem Broteer Furro 1735 mit anderen künftigen Sklav: innen in Richtung Rhode Island eingeschifft worden war (Smith 1798, 13). Die Geschichte seiner Enteignung begann damit bereits mit seinem Namen. Im Alter von sechs Jahren war Broteer aus seiner Heimat Guinea an der Goldküste entführt worden (Desrochers 1997, 40). Auch sein später angenommene Nachnahme Smith stand mit seiner Unfreiheit in Verbindung. Es handelte sich dabei um die Namen seines letzten Besitzers, den er annahm und schließlich auch auf seine Memoiren drucken ließ, die 1798 erschienen, als er frei war und es zu so viel Wohlstand gebracht hatte, dass er seine Lebensgeschichte verlegen lassen konnte. Venture Smiths Lebensgeschichte ist eines der raren Zeugnisse von Sklav: innen, worin die Selbstsicht auf die Geschichte einer Aneignung der eigenen Arbeitskraft beschrieben ist. Ventures Text erinnert daran, dass auf der sogenannten Middle Passage, dem Transport der Sklav: innen in die Amerikas, bis zu zwei Millionen Menschen ums Leben kamen. So schreibt er, dass viele der mit ihm aus Afrika entführten Sklav: innen an Bord seines Schiffes in Folge eines Pockenausbruch starben. Die meisten der Überlebenden wurden an Plantagenbesitzer auf Barbados verkauft. Nur Venture und wenige andere gelangten bis nach Narraganset (Rhode Island). Mit 22 Jahren heiratete er Meg, eine versklavte Frau, die ebenfalls für seinen Sklav: in‐ nenbesitzer Robertson Mumford arbeiten musste. Trotz dieser Bindung überredete ihn ein irischer Schuldknecht zu einem Fluchtversuch, der allerdings scheiterte. Der Schuldknecht kam ins Gefängnis und Venture wurde einige Zeit danach an einen anderen Sklav: innenhalter namens Thomas Stanton verkauft und dadurch von seiner Familie getrennt. Meg und Venture hatten zu diesem Zeitpunkt bereits eine einjährige Tochter, die sich entsprechend der beschriebenen Gesetzeslage ebenfalls im Besitz von Mumford befand (Smith 1798, 17 f.). Nach einem Wechsel der Besitzverhältnisse gelangte Venture bei Colonel O. Smith in die Position, dass er - neben vergrabenen Ersparnissen - immer wieder Phasen aus‐ handeln konnte, in denen er seine Arbeitskraft gegen einen Teilabschlag an den Besitzer auf eigene Rechnung vermarkten konnte (ebd., 21 f.). Die Verpfändungen menschlicher Arbeitskraft, die sich Mitte des 18. Jahrhunderts dynamisierten, boten auch versklavten Menschen die Chance, an der Spekulation auf die eigene Arbeitskraft mitzubieten, vorausgesetzt ihnen wurde von ihren Besitzern die Möglichkeit zugestanden, selbst Geld zu verdienen, weil diese wiederum auf eigenen Profit dabei spekulierten. Die Kulturwissenschaftlerin Jennifer Greeson (2012, 921) zeigt, wie die Einbindung der Kolonialwirtschaft in den transatlantischen Konsumgütermarkt Verhältnisse schuf, über die sich generell Spekulation auf Arbeit und ihre Erträge katalysierten, sodass es folgerichtig ist, dass Smith sich selbst und auch seine Familie als käufliche und vermarktbare Güter betrachtete (ebd., 922 f.). Er berichtet zu den Schritten und Kosten auf seinem Weg selbst: „I left Col. Smith once for all. I had already been sold three 448 36 Rassismus und Wirtschaft <?page no="449"?> different times, made considerable money with seemingly nothing to derive it from, been cheated out of a large sum of money, lost much by misfortunes and paid an enormous sum for my freedom.“ (Smith 1798, 24). Wie Greeson argumentiert, war Venture Smith damit selbst in der Besitzlogik seiner Zeit verstrickt, was sie daran festmacht, dass er selbst das Freikaufen seiner Frau Meg als monetären Akt beschreibt: „Meg, the wife of my youth, whom I married for love and bought with my money“ (Greeson 2012, 922 f.). Und auch wenn in Venture Smith‘ Beschreibungen der eigenen Wirtschaftspraxis Besitzindividualismus durchscheint, bedeutet das nicht, dass alle die gleichen Bedingungen gehabt hätten oder dass Rassismus nicht die auch ökonomische bestimmende Differenzkategorie im 18. Jahrhundert gewesen wäre. Aus seiner Erzählung geht nämlich auch klar hervor, dass er immer höhere Risiken zu tragen hatte als seine weißen Verhandlungspartner: innen. Er musste, laut eigener Aussage, viele Verluste hinnehmen und höhere Preise für den Besitz an seiner eigenen Arbeitskraft und den Erwerb seiner Familie zahlen. Das ist eine rassistische Dividende, von der Weiße profitierten. Seine eigene Freiheit hatte Venture Smith im Alter von 36 Jahren erworben, also zu jener Zeit Mitte der 1760er Jahre, als die weißen Kolonisten in Nordamerika über eine Revolution nachzudenken begannen, weil sie ihre Freiheitsrechte durch die britische Besteuerung und Bevormundung aus London bedroht sahen. Während Venture Smith sich für umgerechnet 200 acres Land die eigene Freiheit bei seinem letzten Besitzer erkauft hatte und diese so sehr teuer bezahlen musste, klagten die Plantagenbesitzer und künftigen Gründerväter George Washington und Thomas Jefferson über schlechte Kreditkonditionen, die ihnen von schottischen Händlern in den 1760er und 1770er Jahren aufgezwungen wurden, und dass sie deshalb Sklav: innen verkaufen müssten. Und während Smith seine Familienmitglieder aus ihrer Enteignung freikaufte und mit 46 Jahren darüber hinaus drei Schwarze Männer aus der Sklaverei herausführte, vollzog sich die Amerikanische Revolution der weißen Kolonisten. Einige Jahre bevor Smith seine Memoiren drucken ließ, gaben sich die USA jene Verfassung, die der Historiker Woody Holton (2019) als „Capitalist Constitution“ bezeichnet. Ausbeutung und Spekulation vor dem Bürgerkrieg Die Geschichte der Frühen Republik war für viele versklavte Menschen weder durch einen Zugewinn an Freiheit noch an Rechten geprägt. Im Gegenteil verschärfte sich das Regime des slave capitalism im ausgehenden 18. und in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in vielfältiger Weise. Was die angesprochene Verbindung von Wirt‐ schaftsentwicklung und rassistischer Ausbeutung für das Leben einzelner bedeutete, ist in den Beschreibungen von Charles Ball nachzulesen. Er wurde kurz vor Ende der Revolution im Jahr 1780 in die Sklaverei in Maryland hineingeboren, wo er in der Tabakproduktion arbeiten musste (Ball 1837). Als Kind war er Mitte der 1780er Jahre, kurz nach der Revolution der weißen Kolonisten, von seiner Mutter und den Geschwistern getrennt worden. Nach dem Tod des Plantagenbesitzers wurden sie 36 Rassismus und Wirtschaft 449 <?page no="450"?> wegen dessen Verschuldung an unterschiedliche Sklav: innenbesitzer verkauft. Ball sollte seine Familie nie wiedersehen (Baptist/ Hyman 2017, 162). Als junger Familienvater hatte Ball darauf gehofft, dass er sich und seine Familie freikaufen könne. Im frühen 19. Jahrhundert war die Lukrativität des Tabakanbaus und damit auch der Wert ihrer Arbeitskraft gesunken, so dass die Chance bestanden hätte, sich freizukaufen (Baptist/ Hyman 2017, 161). Stattdessen wurde er in den tiefen Süden verkauft. In der Quelle, in der er seine Lebensgeschichte erzählt, schildert Ball seinen Verkauf, die Verschleppung nach South Carolina. Er verlor seine Frau und zwei kleine Kinder, von denen er sich nicht einmal verabschieden konnte, was ihn als Trauma auf dem Weg in Ketten Richtung Süden begleitete. Dort musste er auf einer Baumwollplantage in einer chain gang, in einer Reihe aneinandergeketteter Sklav: innen, arbeiten (Rosenthal 2018), bevor ihm die Flucht nach Pennsylvania gelang. Dort konnte er schließlich seine Geschichte aufschreiben lassen, um eben jene brutalen Handels- und Arbeitspraktiken zu schildern, die in der Sklaverei der Baumwollpro‐ duktion vorherrschten (Ball 1837). In seinem Leben vollzog sich der Wandel von der Tabakmanufaktur hin zur Baumwollproduktion, was gewaltige Auswirkungen auf das Leben von Ball und die versklavte Bevölkerung insgesamt hatte. Zwischen den 1790er Jahren und 1820 hatte sich die Plantagenarbeit in den Südstaa‐ ten gravierend verändert und mit ihr die Lebensverhältnisse der Menschen (Murphy 2005). Der Baumwollanbau im lower south ließ die Preise für versklavte Menschen steigen und erhöhte für versklavte Familien die Gefahr, auseinandergerissen und einzeln in den tiefen Süden verkauft zu werden. Welche Erträge dieser Handel mit Menschen und ihrer Arbeitskraft hervorbrachte, verdeutlichen die zynischen Beden‐ ken von Alexander Baring, Chef des Bankhauses Baring Brothers, die dieser 1833 in einer Debatte über die Abschaffung der Sklaverei im britischen Parlament vorbrachte. Er bezeichnete die Abschaffung der Sklaverei als „costly experiments in humanity“ und warnte vor einer Verdreifachung des Zuckerpreises (Ministerial Plan for the Abolition of Slavery, 1833, 493). Noch lukrativer als das Produktionsgeschäft schien allerdings ein angelagerter Markt, der mit der Entwicklung moderner Versicherungen von Arbeitskräften entstan‐ den war. Händler im Überseehandel hatten seit dem 15. Jahrhundert Waren versichert, später auch Menschen, die sie wie Waren in ihren Schiffen zusammengepfercht transportieren ließen (Ralph 2019, 264). Seit der Einführung von Mortalitätsstatistiken am Ende des 17. Jahrhunderts wurden Lebenserwartungen vermessen und in Lebens‐ versicherungen - wie sie bis heute in Form von Policen bekannt sind - integriert. Diese Versicherungen schlossen Händler: innen auch auf versklavte Menschen ab und verkauften sie womöglich wieder, sobald ihnen das Geld ausging (Geißen 2018, 119 f.; Armstrong 2004). Die Lebensversicherungen sind also mit der dunklen Geschichte des Sklav: innenhandels und der Middle Passage verbunden. Verursacht durch die gestiegene Nachfrage an Arbeitskräften infolge des Verbots des transatlantischen Sklavenhandels 1808 wurden Lebensversicherungen zu einem entscheidenden Faktor der Geschäftsrisikenminimierung, indem Sklavenhändler: innen, aber vor allem auch 450 36 Rassismus und Wirtschaft <?page no="451"?> Plantagenbesitzer: innen, sie auf die bei ihnen zur Arbeit gezwungenen Menschen abschlossen. Tausende Menschen wurden im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts insbesondere von der Chesapeake Bay, wo Tabakanbau noch dominierte, in den tiefen Süden von South Carolina über Georgia, Alabama bis nach Louisiana weiterverkauft, um dort Baumwolle anzubauen und zu ernten (Baptist 2014). Im Zuge dessen wurde ihre Arbeitskraft versichert, wobei die Versicherungssummen je nach Tätigkeitsfeld außerordentlich variierten (Ralph 2019, 267). Diese geschäftliche Praxis brachte eine weitere mögliche Profitquelle hervor: Ar‐ beitskräfte hatten einen Wert, den man nicht nur versichern, sondern auch erneut verpfänden konnte. Dieses Verfahren bildete die unmittelbare Voraussetzung für die Ausgabe von Bonds auf diese Arbeitskräfte und deren Verkauf an europäische Investoren. In den 1820er Jahren entstanden Kreditmodelle für Sklavenhändler und Plantagenbesitzer, die als Pfand für neue Kredite nicht etwa nur die zu erwartende Ernte oder ihr Land einsetzten, sondern auch den Wert von Sklav: innen in ihrem Besitz. Im Fall der Consolidated Association of the Planters of Louisiana (C.A.P.L.) beispielsweise bekamen Plantagenbesitzer: innen von Banken Kredit, indem sie Hypotheken sowohl auf Sklav: innen als auch auf Land aufnahmen (Baptist/ Hyman 2017, 108 f.). Dieses Vor‐ gehen ermächtigte sie dazu, einen Kredit in Höhe bis zur Hälfte des geschätzten Wertes ihres Besitzes aufzunehmen. Im Gegenzug gab die C.A.P.L. Hypotheken-Verbriefun‐ gen aus, für deren Validität der Staat Louisiana bürgte. Die britische Handelsbank Baring Brothers, deren Chef die Abschaffung der Sklaverei für ein teures humanitäres Experiment hielt, verkaufte die Bonds an europäische Investor: innen in London und an anderen Finanzplätzen. Die Kapitalzufuhr versetzte die Farmer in die Lage, ihren Kreditrahmen zu erhöhen und zusätzlich unfreie Menschen zu erwerben. Die Kapitalisierungsmöglichkeiten der Bonds auf dem Sekundärmarkt führte dazu, dass Hypotheken auf verstorbene Menschen aufgenommen wurden und manch le‐ bender mehrfach verbrieft wurde. Europäische Investoren hatten die so generierten Bonds auf diejenigen Arbeitskräfte gekauft, die in den Südstaaten der USA Baumwolle pflückten. Spekulation mit den neuen Kapitalzuflüssen trieb die Grundpreise in den Südstaaten in die Höhe und verschärfte das Problem einer Finanzblasenbildung zusätzlich. Plantagenbesitzer wiederum erhöhten durch den Kauf von Menschen ihr verbriefbares Kapital an Arbeitskräften. Auf den Märkten für Rohbaumwolle entstand ein Überangebot bei sinkender Nachfrage von Textilien mit entsprechendem Preiseinbruch. Die Risiken dieser Geschäftspraktiken wurden in jenem Moment des Finanzcrashs 1837 sichtbar, als der Baumwollpreis aufgrund des Überschusses an Produktion bzw. stagnierender Nachfrage in Europa eingebrochen war (Baptist 2012, 71). Die brutalen Konsequenzen dieser finanzialisierten Wachstumsgeschichte zeigten sich nicht erst in den folgenden Jahrzehnten, als die Erträge der Pflanzer bis zum Ende des Bürgerkrieges immens stiegen. Bereits in den 1830er Jahren wurden rund eine Viertelmillion Sklav: innen verkauft, verpfändet, verbrieft und in die Baumwollproduk‐ tion des tiefen Südens der Vereinigten Staaten gezwungen. Die Baumwollproduktion 36 Rassismus und Wirtschaft 451 <?page no="452"?> hatte ihre Erträge in der kurzen Zeitspanne von 1831 bis 1837 verdoppelt, bevor die Überschüsse und die sinkende Nachfrage nach Kleidung in Europa zu einem akuten Preisverfall auf den Märkten für Baumwolle führten. Das Kartenhaus aus beliehenen Papieren, in dem noch viel mehr Menschen verbrieft waren, als auf den Plantagen in Mississippi oder Louisiana tatsächlich je gearbeitet hatten, fiel in sich zusammen, im selben Jahr als Charles Ball seine autobiografische Schrift veröffentlichte. Diese Finanzblase ähnelt auf zynischer Weise der Immobilienblase, die 2007 einen weltweiten finanzkapitalistischen Flächenbrand ausgelöst hat. Bis zum Ausbruch des Bürgerkrie‐ ges steigerte sich die Produktivität der Sklaverei weiter. Dies wurde erreicht durch gang labor, Mechanisierungen und im Kontext des Industriekapitalismus erhöhtem Zeit- und Arbeitsdrucks, der die Unmenschlichkeit der Sklaverei weiter steigerte. Diese Zusammenhänge machen deutlich, warum es so wichtig ist, Sklaverei und racial capitalism in die neue Kapitalismusforschung miteinzubeziehen (Gerstenberger 2016, 107). Doch was geschah im Spannungsfeld von Wirtschaft und Rassismus, nachdem mit dem Ende des Bürgerkrieges das Versprechen auf Freiheit für vormals versklavte Menschen kam? Sharecropping und Convict Leasing nach Ende der Sklaverei Eine Hoffnung kursierte 1865 am Ende des Bürgerkrieges in den Südstaaten, dass jedem aus der Sklaverei befreiten Menschen nach dem Ende der Enteignung seiner Arbeitskraft Land bereitstehen solle. Es ging um Eigentum, das dazu ermächtigen könnte, die neugewonnene Freiheit selbstverantwortlich zu bewirtschaften: „40 acres and a mule“ seien zu erwarten, so die weitverbreitete Hoffnung unter den vormals Versklavten. Genährt wurde das Gerücht auch durch „Special Field Order, No. 15“, in welcher General William Tecumseh Sherman vor dem Hintergrund hungernder Geflüchteter zu Beginn des Jahres 1865 veranlasst hatte, dass einigen zehntausend Menschen, ehemalige Sklav: innen im Bereich der Sea Islands an den Küsten Floridas, Georgias und South Carolinas 400.000 acres Land zur Bewirtschaftung übergeben wurden (Hampf 2019, 70 f.). Es bleibt umstritten, welche Intentionen in Bezug auf eine nachhaltige Eigentumsbildung von befreiten Sklav: innen die Offiziere gehabt haben mochten, doch das Gerücht einer materiellen Entschädigung verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Lande (Nieman 1994, 8). Präsident Andrew Johnsons Regierung wandte sich Ende des Jahres 1865 gegen jegliche Initiativen zur Ermächtigung der ehemaligen Sklav: innen durch Eigentum. Freilich hatten freedmen and freedwomen in aller Regel kein Kapital zur Hand, um Land in Besitz zu nehmen und Eigentum daraus zu bilden. Und da sie nicht rückwirkend für Zwangsarbeit entschädigt wurden, war für sie keine kapitalgedeckte Existenz als Landbesitzer: innen möglich (Darity 2020). Eigentum blieb der kritische Verteilungsschlüssel in der Landwirtschaft der Südstaaten, an dem sich rassistische Differenz auch nach dem Ende der Sklaverei nachhaltig wirtschaftlich materialisierte. 452 36 Rassismus und Wirtschaft <?page no="453"?> Neben prekärer Lohnarbeit etablierte sich mit dem sharecropping im Süden ein System, das rechtliche Unfreiheit durch Verschuldung ersetzte. Die befreiten Sklav: in‐ nen konnten als Sharecropper: innen Land bebauen und mussten als Pacht einen Teil der Ernte an den Besitzer abführen. Das Risiko von Missernten lag bei ihnen, da die Anteile nachträglich fällig wurden. Zudem waren sie durch Ankäufe von Werkzeugen und Konsumgütern durchweg bei Landbesitzern und Händlern verschuldet (Beckert 2014, 286). Die Knappheit an Eigentum unter African Americans, die in der Zeit nach dem Bürgerkrieg entstand und weiter fortgeschrieben wurde, bildet die Grundlage für Ungleichheitsverhältnisse der Zukunft und trug zu einer nachhaltigen Verzahnung von race und underclass in der wirtschaftsliberalen US-Gesellschaft bei. Verschuldung war dabei Katalysator dieser Ordnung, denn sie vervielfachte die Rendite auf einer Seite und begrub die Hoffnungen auf wirtschaftliche Emanzipation auf der anderen (Krämer 2024). Die Jim-Crow-Gesetze flankierten die Verbreitung des convict leasing. Convicts, also Inhaftierte, wurden dabei zum Arbeitsdienst auf Feldern, in Minen oder anderen zum Teil lebensgefährlichen Arbeiten vermietet. Die rassistischen Jim-Crow-Gesetze erweiterten die Möglichkeiten, ehemals versklavte Arbeitskräfte zu kriminalisieren und sie diesem neuen Ausbeutungssystem vor allem in den Südstaaten zuzuführen (Blackmon 2008). Neben dem System des sharecropping sicherte die Praxis des convict leasing die Enteignung der Arbeitskraft Schwarzer Amerikaner: innen ab. Insbesondere Schwarze Frauen wurden im convict leasing, wie zur Zeit der Sklaverei, wieder sexuellen Gewaltverhältnissen ausgesetzt (LeFlouria 2015). Knapp 40 Jahre nach Ende der Sklaverei beschrieb W. E. B. Du Bois in The Soul of Black Folk den Eindruck der Hoffnungslosigkeit auf einer Reise durch den Süden der USA: A pall of debt hangs over the beautiful land; the merchants are in debt to the wholesalers, the planters are in debt to the merchants, the tenants owe the planters, and laborers bow and bend beneath the burden of it all. Here and there a man has raised his head above these murky waters. (…) A young black fellow greets us. He is twenty-two, and just married. Until last year he had good luck renting; then cotton fell, and the sheriff seized and sold all he had. So he moved here, where the rent is higher, the land poorer, and the owner inflexible; he rents a forty-dollar mule for twenty dollars a year. Poor lad! - a slave at twenty-two. (…) Why should he strive? Every year finds him deeper in debt. (W.-E.-B. Du Bois 1903). Für viele African Americans war das System nach Ende der Sklaverei bereits durch Schuldzuweisung, Armut und Verschuldung geprägt. Dass durch convict leasing viele Menschen mit der Enteignung der eigenen Arbeitskraft und manche mit dem Leben bezahlten, ist die Seite der Macht, die eine unmittelbare Umschuldung der Sklaverei auf ihre Opfer bedeutete (Krämer 2024, 12). Immobilienbesitz und redlining im 20.-Jahrhundert Trotz all der Widrigkeiten, Segregation und der systematischen Diskriminierung konnten sich African Americans im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts Eigentum an 36 Rassismus und Wirtschaft 453 <?page no="454"?> Land und Besitz aufbauen. In den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts nahm dieser Zuwachs an Eigentum allerdings wieder ab (Merem 2006, 90). Vor dem Hintergrund der Great Migration, in der Schwarze Amerikaner: innen vom Süden in den Norden zogen und des urbanen Wachstums dort, wurde die Frage nach städtischem Wohnraum und Immobilienbesitz zu einer Kernfrage im 20. Jahrhundert. In den 1930er Jahren sollte der New Deal mehr Gerechtigkeit in Bezug auf Eigentumszugriff schaffen. Allerdings reichte diese politische Initiative gerade nicht über die color line hinüber - im Gegenteil. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatte es so ausgesehen, als ob zumindest für manche Möglichkeiten zum Erwerb von Hauseigentum bestand. So hatten African Americans in Los Angeles von dem Bungalow-Boom in Südkalifornien zu Beginn des 20. Jahrhunderts profitiert (Reft 2017). Und zunächst hatten sich die sogenannten restrictive covenants, Absprachen in Nachbarschaften nur an Weiße zu verkaufen, in Kalifornien hauptsächlich gegen Migrant: innen aus Lateinamerika und Asien gerichtet. Doch um 1920 herum änderte sich die Eigentumslage zu Ungunsten der African Americans. Die Gerichte in Kalifornien gaben zunehmend weißen Kläger: innen recht, die gegen den Verkauf von Häusern an African Americans juristisch vorgingen, weil sie durch den Zuzug dieser Nachbar: innen ihr Hauseigentum in seinem Wert gemindert sahen. Die Nachbarschaft zu Schwarzen Hausbewohner: innen war ein finanzielles Risiko, so das rassistische Argument, das wie von unsichtbarer Hand alle Stadtraumplanungen und Akkreditierungen überschattete. Im Jahr 1917 hatte der Oberste Gerichtshof der USA im Fall Buchanan v. Warley, entschieden, dass es gegen die Verfassung sei, Eigentumserwerb und -nutzung rassis‐ tisch zu beschränken. Die Frage nach dem mutmaßlichen Recht auf freie Wahl des Wohnortes im Eigenheim war mit dem Warley-Fall 1917 allerdings nur auf den ersten Blick geklärt. Dafür, dass African Americans und andere Minderheiten weiterhin schlechte Karten am Markt für Hauseigentum haben sollten, sorgten die erwähnten racial covenants im ganzen Land weiterhin. Neben dieser Exklusion war der Zugriff auf staatliche und private Bankkredite zum Zwecke des Immobilienerwerbs durchweg weiß grundiert. Die Finanzierungen für alle nicht-weißen Individuen und Familien waren mit höheren Risiken verbunden, unzugänglich oder teurer. In Kalifornien etwa, führte dies in den 1920er Jahren zu einer neuen Phase der Eigentumsdiskriminierung, ein Trend, der sich im New Deal fortsetzte (HoSang 2010). Der Soziologe Jesus Hernan‐ dez stellt fest: „federal housing policies as far back as 1934 prohibited nonwhites from receiving federally insured mortgages. With access to credit determining residential location, segregation became a standard practice in the American housing industry.“ (Hernandez 2014, 30) Der Historiker Kenneth Jackson entdeckte 1976 in den National Archives zufällig solche Karten ( Jackson 1985). Sie waren für alle größeren Städten in den USA entworfen worden. Wie die hier gezeigte von Oakland, Berkeley und der umliegenden Gebiete (Abbildung 17) weisen sie unterschiedliche Kreditrisiken im Stadtraum aus (Mapping Inequality). 454 36 Rassismus und Wirtschaft <?page no="455"?> Abbildung 17: Karte von Oakland, Berkeley, Alameda etc. 1937. Mapping Inequality, https: / / dsl.richm ond.edu/ panorama/ redlining/ map/ CA/ Oakland/ context#loc=10/ 37.8065/ -122.2023. Auch in Oakland hatten in den 1910er Jahren bereits knapp 30 Prozent der Schwar‐ zen Bevölkerung Wohneigentum aufgebaut. Die als Gegengift zur Great Depression gegründete staatlichen Home Owners Loan Corperation orientierte sich an diesen von der Federal Housing Agency produzierten Karten. Sie legten Kriterien für Kreditabsi‐ cherung fest. Maßstab war die „mortgage security“ (hypothekarische Sicherheit), die durch das Mapping wirkmächtig Hauswerte beeinflusste. Bereiche mit der höchsten Hypothekensicherheit (A) waren grün, die Bereiche in der zweitsichersten Kategorie (B) blau unterlegt, gelb markiert waren die Bereiche mit erhöhtem Gläubigerrisiko (C). Die rot gekennzeichneten Stadträume (D) galten als „hazardous“, höchst riskant - nicht kreditwürdig. Die Stadträume, in denen jene knapp 30 Prozent der African Americans teils im Eigentum wohnten, lagen in den durch redlining markierten Gegenden. Dies war nicht nur in Oakland, sondern in allen Städten der USA der Fall. Die Home Owners Loan Cooperation war von der Regierung Roosevelts etabliert worden, um Banken die Risiken in den (vor der Great Depression) als sicher erachteten Wohnbezirken abzunehmen, falls sie von der Zwangsversteigerung bedrohten Eigentümer: innen halfen. Hierdurch war die Schwarze Bevölkerung in Oakland beispielsweise massiv von der staatlichen Kreditrisikenminimierung betroffen, denn ihre Eigenheime lagen in den durch redlining von dieser Maßnahme ausgegrenzten Bezirken. Folge war die Abwer‐ 36 Rassismus und Wirtschaft 455 <?page no="456"?> tung ihres Wohneigentums, denn sie bekamen eben keine Risikoabsicherungen. Die Preise des Wohnraumes in Schwarzen oder „gemischten“ Nachbarschaften erodierten und so hatte die staatliche Risikopolitik des New Deal für deren Einwohner: innen eine schrittweise Abwertung ihres Eigentums zur Folge. Fortan hatten sie viel schlechtere Hauskauf und -verkaufskonditionen und mit horrenden Zinsen zu kämpfen. Die Stadtkarten wurden so zu Aktanten in der Produktion von sozialer Differenz. Die durch sie materialisierte Stadtraumpolitik war ein entscheidendes Verbindungsglied zwischen wirtschaftlichen Eigentumsverhältnissen, Raum und Rassismus. Auch Verbindungslinien zwischen der Arbeits- und Eigentumswelt nach Ende der Sklaverei führten bis weit ins 20. Jahrhundert. Die Persistenz dieser Politik möchte ich gerne an einer Lebensgeschichte nachzeichnen, von der Journalist Ta-Nehisi Coates in der Zeitschrift The Altantic berichtet (Coates 2014): Clyde Ross wurde in den 1920er Jahren in Mississippi geboren. Seine Eltern hatten mit ihren dreizehn Kindern von der Bewirtschaftung eines eigenen Stück Landes mit eigenen Tieren bis in die 1920er Jahre hinein gut gelebt dort. Dann konfiszierte die Steuerbehörde ihren Besitz und sie mussten von nun an wieder als Sharecropper: innen arbeiten. Ross hatte als junger Mann im Zweiten Weltkrieg gekämpft und kam Ende der 1940er Jahre nach Chicago, wo Segregation auf der Straße und in den Nachbarschaften weniger zu spüren war als in den meisten Südstaaten. Doch es gab auch dort den unscheinbaren, aber langen Schatten, der die Eigentumsverhältnisse grundierte. Als es Ross und seiner Frau zu Beginn der 1960er Jahre gelang, ein Haus zu kaufen, wohnten sie in einem Viertel, wo es seit den 1940er Jahren auch schon African Americans in die untere Mittelschicht hineingeschafft hatten. Dort lebten sie mit weißen Familien Tür an Tür. Doch die Familie Ross sah sich einer sehr anderen Form des Immobilienkredits gegenüber als ihre weißen Nachbarn. Da Clyde Ross von der Bank keinen regulären Ratenkredit bekommen hatte, musste er das Haus „on contract“ kaufen. Dies bedeutete, dass die Immobilie im Besitz des Verkäufers blieb, bis Ross und seine Frau mit den Raten den Gesamtpreis des Hauses, in diesem Fall 27.500 Dollar, abbezahlt hatten. Der Verkäufer hatte das Haus ein halbes Jahr zuvor für 12.000 Dollar erworben, löste den Kontrakt aber auf, als Ross eine Rate säumig blieb. Die Anzahlung und alle bisherigen Raten behielt er ein. Dann verkaufte er es an eine weitere Schwarze Familie weiter - wieder mit horrendem Gewinn (ebd.). So erging es vielen hunderttausenden African Americans (Krämer 2024, 135 ff.). Durch das redlining wurde die ungleiche Eigentumspolitik des New Deal in den segregierten Immobilienkreditmarkt übertragen. Fannie Mae, die staatliche Finanzie‐ rungsbehörde, die der Federal Housing Agency (FHA) seit 1938 und der Veterans Administration (VA) seit der ersten GI Bill of Rights of 1944 (Servicemen’s Readjustment Act) die Hypothekenrisiken versichert hatte, wurde Ende der 1960er Jahre zersplittert (Peterson 2013, 72). Ihre bisherige Aufgabe ging an die Government National Mortgage Organization (Ginnie Mae). Fannie Mae kaufte jenseits des staatlichen Schuldenkosmos Hypotheken von Privatbanken. Sie machte diesen Markt damit zugänglich für bislang als zu risikoreich erachtete Kreditnehmer: innen aus Minderheitengruppen und der 456 36 Rassismus und Wirtschaft <?page no="457"?> Arbeiter: innenklasse. 1970 wurde mit Freddie Mac ein weiterer Finanzakteur mit staatlichem Geld ausgestatten und in den privaten Immobilienmarkt geschickt, um den Banken dort die Risiken von Hypotheken-Ausfällen abzunehmen und mögliche Ausfälle zu versichern. Das zielte darauf, über Kreditzugang politische Ziele zu errei‐ chen - mehr Eigenheime für ältere Leute, Militärs oder andere. Beide Gesellschaften leiteten die Risiken weiter und verkauften die Papiere an Investoren, die aufgrund der Ausfallgarantie ein sicheres Geschäft erwarten durften: der Startschuss der secu‐ ritization (Peterson 2013, 73). Und diese Finanzpraktiken blieben virulent bis in die Finanzkrise 2007/ 2008, wo sich die unsichtbaren Risiken, die in der gewaltigen Schul‐ dendifferenz zwischen Schwarzen und weißen Kreditnehmer: innen verbaut waren, in Tausenden von Zwangsräumungen von mit Subprime-Krediten finanzierten Häusern als Wiedergänger kreditbasierter Sozialpolitiken zeigten (Cohen 2013). Doch was bedeutete diese abstrakte Staat-Markt-Interaktion, die in Risikopolitiken durch Ginnie Mae, Fannie Mae und Freddie Mac verpackt wurde, für Hauskäufer: innen vor ihren Bankrotten und Zwangsräumungen? Keeanga-Yamahtta Taylor erzählt in Race for Profit die Geschichte von Janice Johnson, die alleinerziehende Schwarze Mutter und auf sozialstaatlichen Transfer zur Ernährungssicherung angewiesen, aber schon in den 1970er Jahren keine Ausnahme als Hauskäuferin mehr war (Taylor 2019). Janice Johnsons Hauskauf im Jahr 1970 hatte folgende Vorgeschichte: In ihrem herun‐ tergekommenen Apartment hatte die Mutter mit ihrem Sohn nicht bleiben können. Die Hausverwaltung hatte beschlossen, die Wohnung räumen zu lassen. Als sie von einer freien anderen Wohnung in ihrem überwiegend von Schwarzen Arbeiter: innen bewohnten Viertel hörte, wollte sie diese anmieten (ebd., 1). Der Vermieter sagte Janice Johnson, dass sie die Wohnung als Wohlfahrtsempfängerin nicht mieten könne, aber dass sie ein Haus im selben Viertel kaufen könne. Politische Grundlage dieser auf den ersten Blick paradoxen Situation war der Urban Development Act von 1968, den die Administration von Präsident Lyndon B. Johnson auf den Weg gebracht hatte, um ärmeren Leuten den Erwerb von Wohneigentum zu ermöglichen. Im Gesetzestext wurde dies wie folgt formuliert: „To assist in the provision of housing for low and moderate income families, and to extend and amend laws relating to housing and urban development.“ (Urban Development Act 1968). Die FHA und das 1965 von Johnson beauftragte U.S. Department of Housing and Urban Development (HUD) wurden mit dem Gesetz in einen Subprime-Markt - wo wenig kreditwürdige Menschen gesucht wurden - geschickt, den diese Institutionen selbst erst kreierten. Hierzu nahmen sie Brokern und Banken jene Kreditausfallrisiken ab, welche die Schulden der Menschen mit sich brachten, die so gut wie keine Anzahlung auf den Hauskauf leisten konnten und dennoch Eigentümer: innen werden sollten (Quinn 2019, 174 ff.). Im Zuge dieser Initiative erhielt die alleinerziehende Mutter Janice Johnson und ihr Sohn in Philadelphia einen Anruf ihres Maklers, der sie kurz vor dem Einzug in ihr neues Haus darüber unterrichtete, dass der Boden dieses Hauses eingebrochen sei und diese Immobilie daher nicht mehr mit einem FHA-Kredit zum Kauf stand. Er habe aber ein anderes Haus, das sie erwerben könne und das sogar noch besser sei (Taylor 2019, 2). 36 Rassismus und Wirtschaft 457 <?page no="458"?> Da ihr Auszug kurz bevorstand, kaufte Johnson das beworbene Haus mit einem Kredit von 5.800 Dollar. Die Geschichte, welche Taylor über die junge Frau und ihren Sohn im Weiteren erzählt, steht exemplarisch für die Erfahrungen vieler armer Menschen seit den 1970er Jahren: Abwasser lief in den Keller, wo Ratten lebten. Eine dieser Ratten tauchte zu Halloween im Bett ihres Sohnes auf, Stromleitungen waren defekt und die Haussubstanz war an allen Ecken unzureichend und kaputt. Der Makler antwortete auf Johnsons Beschwerde über den ihr im Zuge des überstürzten Kaufs verschleierten Zustand der Immobilie, dass es nun ihre Sache als Eigentümerin sei, für die Reparaturen zu sorgen (ebd., 3). Ein Blick in den Bericht der US-Commission on Civil Rights aus dem Jahr 1971 zeigt, dass viele Menschen die Erfahrungen von Janice Johnson teilten, die im ganzen Land mit staatlich abgesicherten Krediten in überteuerten Häusern Eigentümer: innen wurden (Report, US Commission on Civil Rights, 1971). Die Rolle der Makler: innen war dabei oft eine entscheidende. Eine Schwarze Frau, die ein Haus in Philadelphia gekauft hatte, bemerkte erst nach ihrer Insolvenz, dass sie trotz Anrecht auf eine FHA-Förderung nach dem Housing Act (Section 235) den vollen Betrag für ihre Hypothek gezahlt hatte (ebd., 30). Eine Puerto-Ricanerin, die ein Haus für 4.200 Dollar gekauft hatte und ein Jahreseinkommen von 3.024 Dollar hatte, war in den Genuss von gerade mal 1,23 Dollar an Subvention im Monat gekommen. Die Hypothekenbank, die ihr das Geld geliehen hatte, bekam vom Staat doppelt so viel für die Bereitstellung des Kredits (ebd.). Im Verlaufe der 1970er Jahre mussten viele der prekären Hausbesitzer: innen wegen Zahlungsunfähigkeit ihre Häuser wieder räumen. Die Hypothekenbanken bekamen ihren Investitionsausfall erstattet, die Schuldner: innen nicht. Es war ein Markt der Subprime-Immobilienkredite entstanden, der ab der zweiten Hälfte der 1970er Jahre auch durch private Investor: innen befeuert wurde (Peterson 2013: 74). Kreditdiskriminierung war auch in dem Feld der Subprime Loans bekannt und ist von einer wachsenden Zahl an Studien für die zweite Hälfte der 1970er Jahre belegt worden (Goldstein Urevick-Ackelsberg 2013, 118). Als Ronald Reagan im Wahlkampf 1980 erneut gegen die „Welfare Queen im Cadillac“ mobilisierte, die sich angeblich Sozialleistungen erschlich, wollte er Sozialabbau legitimieren. Dabei waren African Americans, anderen Minderheiten und vor allem alleinerziehenden Frauen erst Kredite verweigert und dann durch die Programme des Staates in den 1970er Jahren schlechtere Konditionen für minderwertige Häuser unterbreitet worden, was wiederum zu einer Welle an Zwangsversteigerungen führte. Und der Immobilienmarkt war gleichzeitig wieder geöffnet worden und dies zunehmend dereguliert (Peterson 2013, 74). Wie Keeanga-Yamahtta Taylor am Ende ihrer Auseinandersetzung mit Profit und Rassismus im Wohnungsmarkt beschreibt, kam zwei Jahrzehnte später noch eine weitere Welle an Immobilienbankrotten: „The acceleration of subprime lending in the atmosphere of deregulation in the late 1990s and early 2000s resulted in unprecedented home losses for African Americans. The practice of subprime lending was contingent on racial practices and assumptions across the housing industry and among the general public.“ (Taylor 2019, 262). Diese Zwangsräumungen hatten den Effekt, die Kreditkonditionen 458 36 Rassismus und Wirtschaft <?page no="459"?> der Zukunft als Risikovergütungen zu Ungunsten der prekären Hausbesitzer: innen umzumünzen, wie Taylor feststellt (ebd.). Racial wealth gap Rassismus und Wirtschaft sind in der Geschichte der USA untrennbar miteinander verbunden. Dies gilt seit dem Beginn der europäischen Besiedlung. Landnahme wie Sklaverei sind ohne die Abwertung und Produktion von fundamentaler rassistischer Differenz so wenig denkbar, wie kapitalistisches Wirtschaften ohne die Ausbeutung eben solcher Differenzen und Prekarität auskäme (Melamed 2015). Dieser Handbuch‐ artikel hat dies an ausgewählten gesellschaftlichen Bereichen vom 17. Jahrhundert bis in die Gegenwart umrissen, ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Bereiche wie Lohnarbeitsverhältnisse, Immigration, Militärdienst oder Wohlfahrt wurden besten‐ falls tangiert. Und dennoch ist es unstrittig, dass die Sklaverei, die Kriminalisierung von African Americans und deren Übervorteilung durch äußerst ungleiche Eigentums- und Kreditverhältnisse im 20. Jahrhundert Kernelemente einer rassistischen Ökonomie sind. Diese wurde bis in die Lebensgeschichten von Menschen hinein verfolgt, um zu zeigen, welchen Niederschlag die strukturelle Ebene dort in den Erfahrungen von vielen Betroffenen fand. Am Ende steht ein Wohlstandsgefälle in den USA, das dem Versprechen des Liberalismus diametral entgegenzustehen scheint. „Whiteness as Property“ (Cheryl I. Harris 1993), so zeigt dieser Beitrag, grundiert die Geschichte der USA bis in die Gegenwart. Die Praktiken, welche bewirkten, dass freie Arbeit und Zugang zu Ressourcen nie in einer Breite verfügbar waren, dass sich diese Ordnung und ihre Reproduktionsweise verschoben oder gar dekonstruiert hätte, ist die Quintessenz, die an den beschriebenen Lebensgeschichten der Menschen im Text nachvollzogen wurde. Der Mangel an Entschädigung in Form von Reparationen für Sklaverei, aber auch die wirtschaftlichen und rassistischen Strukturen nach 1865 zeigen sich an dieser Geschichte (Derenoncourt et al. 2022; → Kapitel Der Kampf um Reparationen). Worauf die Black-Lives-Matter-Bewegung hinweist, ist, dass die ökonomischen Verhältnisse der Gegenwart, ohne die Betrachtung ihrer rassistischen Konturierung durch die Vergangenheit, nicht zu begreifen und noch weniger zu ändern sein werden. Literatur Armstrong, Tim. 2004. „Slavery, Insurance, and Sacrifice in the Black Atlantic.“ In Sea Changes: Historicizing the Ocean, hrsg. von Bernhard Klein und Gesa Mackenthun, 167-86. New York: Routledge. 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Jahrhundert als antirassistischer Kampfbegriff gegen die anhaltende Unterdrückung und Ent‐ rechtung der Afroamerikaner: innen und anderer Persons of Color. In den Debatten um Rasse und Identitätspolitik, die sich in den USA seit einiger Zeit im Kontext einer gesellschaftlichen Polarisierung intensiviert haben, spielt die Wissenschaft nach wie vor eine wichtige Rolle. „Whenever ‚race‘ has been really needed, some ‚science‘ has been at hand, to provide it“, stellten Robert L. Hayman und Nancy Levit anfangs des 21. Jahrhunderts in einem Aufsatz über „Un-Natural Things“ fest (2002, 164). Diese These wird hier aufgegriffen, jedoch in doppelter Hinsicht modifiziert: Zum einen wird von einer Interdependenz ausgegangen, d. h. davon, dass der moderne Rassismus und die wissenschaftliche Fundierung sowie die Rechtfertigung der Sklaverei in enger Wechselwirkung mit den akademischen Institutionen und dem Wandel wissenschaftlicher Disziplinen entstan‐ den sind. Wissenschaft war nicht nur „zur Hand“, sie hat vielmehr gesellschaftliche Verhältnisse geprägt und gestaltet. Zum anderen resultieren rassistische Weltbilder und Praktiken nicht nur aus Rassekonzepten, sondern stützen sich auch auf andere Begründungsmuster wie die sozialdarwinistischen Evolutionstheorien oder den „Re‐ formdarwinismus“ (Finzsch 1999). Der Umgang mit dem Begriff „Rasse“ und mit dem Blutreinheitsphantasma (limpieza de sangre) lässt sich in die Anfänge der Frühen Neuzeit zurückverfolgen. Erst in der Aufklärung der zweiten Hälfte 18. Jahrhunderts, also in dem Zeitraum, in dem die USA ihre Unabhängigkeit errangen und sich eine Verfassung gaben, entstanden die moder‐ nen Rassentheorien. Damals konstituierten Philosophen und Naturwissenschaftler in einem engen transatlantischen Austauschverhältnis das neue Forschungsfeld einer physischen Anthropologie. Das Vermessen und Klassifizieren von Menschen aufgrund phänotypischer Eigenschaften - Hautfarbe, Haare, Schädelform, Körperbau - und die Einteilung der Menschheit in „Rassen“ genannte Großgruppen gerieten damals zur wissenschaftlichen Obsession. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatten sich in Europa und den USA universitäre Lehrstühle etabliert, die sich der Erforschung menschlicher „Rassen“ widmeten. An der Produktion rasssistischen und - verstärkt ab dem 20. Jahr‐ <?page no="464"?> hundert - antirassistischen Wissens waren eine Vielzahl von Wissenschaftler: innen, akademischen Disziplinen, aber auch private Forschungsvereinigungen sowie Stiftun‐ gen beteiligt (Miles 2003). Die Vereinigten Staaten von Amerika verbanden sich koloniale Praktiken in beson‐ ders intensiver Weise mit der Versklavung von Afrikaner: innen und der Verdrängung und Vernichtung der indigenen Bevölkerung (Mattioli 2018). Es war ein racial capita‐ lism, der die politische Unabhängigkeit der dreizehn ehemaligen Neuenglandkolonien wirtschaftlich-materiell unterfütterte und eine white man’s democracy stützte (Loge‐ mann 2022). Zwischen 1619 und 1865 herrschte das System der chattel slavery, welche die Plantagen in die aufstrebende kapitalistische Weltwirtschaft integrierte (→ Kapitel Sklaverei und Sklavenhandel). Im darauffolgenden Jahrhundert, ab Ende der Reconst‐ ruction-Periode (1877), waren Jim-Crow-Gesetze in Kraft, welche die US-amerikanische Gesellschaft bis Mitte der 1960er Jahre juridisch entlang der Kategorie race segregierten (→ Kapitel Segregation). Die Wissenschaft war auf vielfältige Weise in diese Stereoty‐ pisierungs- und Rassifizierungsprozesse involviert. Diese Ideologieproduktion machte sie relevant und mobilisierte Forschungsressourcen. Die drei folgenden Abschnitte zeichnen nach, wie längst verfestigte Diskriminie‐ rungsmuster im 18. Jahrhundert wissenschaftlich als Rassentheorien rationalisiert und für die Legitimation rassistischer Hierarchien und ausbeuterischer Produktionsformen genutzt wurden. Im Zentrum stehen die Anthropologie als Wissenschaftsdisziplin, sozialdarwinistische, rassistische und eugenische Konzepte in verschiedenen Fachrich‐ tungen sowie die Rolle von Rassismus und Race in der Rechtswissenschaft und der behördlichen Statistik. Rassismus ist ein antirassistischer Kampfbegriff des 20. Jahrhunderts, der in den USA im Zuge des Zweiten Weltkriegs auf erhöhte Resonanz stieß, seit den 1960er Jahren omnipräsent ist und in der Wissenschaft auf unterschiedliche Weise theoretisiert wird. Der Begriff funktioniert grundsätzlich im Modus einer Kritik. Er adressiert nicht nur Rassist: innen als Akteur: innen, sondern darüber hinaus ein System, das Ungleichheit und segregierende Hierarchien über lange Zeiträume hinweg reproduziert. Die Zu‐ rückweisung rassistischer Praktiken in der Wissenschaft umfasst deshalb mehr als die Kritik an Rassetheorien und biologischen Menschenbildern. Sie richtet sich primär gegen jene strukturellen Dispositive in der Gesellschaft, welche sich mit den täglichen Routinen der Diskriminierung verfestigt haben und die den (wissenschaftlichen oder alltäglichen) Rekurs auf „Rassen“ überhaupt erst plausibilisieren. Die in diesem Kapitel geleistete historische Rekonstruktion des Zusammenhangs von Rassismus und Wis‐ senschaft situiert sich selbst in dieser Diskussion und versteht sich als Einsatz gegen Rassendiskriminierung, was die wissenschaftliche Praxis unvermeidlich politisiert, jedoch auch für verdrängte Forschungsfragen sensibilisiert. Seit der Haitianischen Revolution von 1791, die sich gegen die französischen Sklavenhalter und - im weiteren Sinne - gegen die westlichen Kolonialmächte richtete, lassen sich vielfältige „Abschaffungsbewegungen“ feststellen, die der Sozial‐ wissenschaftler W. E. B. Du Bois (1868-1963) Mitte der 1930er Jahre zusammen mit 464 37 Rassismus und Wissenschaft <?page no="465"?> der Durchsetzung sozial gerechter Verhältnisse unter dem Begriff „abolitionistische Demokratie“ (abolition democracy) subsummierte (Du Bois 1935, 184). Du Bois hatte bereits 1903 mit globalem Weitblick geschrieben, „the problem of the twentieth century is the problem of the color line - the relation of the darker to the lighter races of men in Asia and Africa, in America and the islands of the sea“ (Du Bois 1903, 19). Vier Jahrzehnte später wies der schwedische Ökonom Gunnar Myrdal wiederum auf das „Negro problem“ der USA hin und bezeichnete dieses als das große Dilemma, das gelöst werden müsse, um das Scheitern des demokratischen Experiments zu verhindern. Damit nahmen Du Bois und Myrdal wissenschaftliche Praktiken in die Verantwortung. Rassenanthropologie Rassenanthropologie und rassistische Zuschreibungen bedingten sich schon im 18. Jahrhundert gegenseitig. Rassenklassifikationen und -konzepte treten, so Etienne Balibar, als „die theoretische Ausarbeitung des Rassismus“ in Erscheinung (Balibar 2017, 25). Der in der europäischen Frühen Neuzeit noch ganz unterschiedlich einge‐ setzte Begriff der „Rasse“ geriet im Zuge der europäischen Aufklärung in einen Verwis‐ senschaftlichungssog, aus dem wiederum eine Publikationsflut resultierte. Deskriptive Typologien amalgamierten mit präskriptiven hierarchischen Ordnungsvorstellungen. Die vorgeschlagenen Klassifikationsraster blieben allerdings flexibel und dienten oft der persönlichen Profilierung der Forscher. Auf eine definitive Zahl von „Rassen“ konnte sich die Rassenanthropologen nie einigen; die vorgeschlagene Zahl reichte von zwei (Weiß-Schwarz) oder drei (entsprechend der drei Söhne des Noah: Sem, Ham, Jafet) bis zu ca. 200 (bei einigen Vermessungsfanatikern) (Barbujani 2021,103). Die Rassenkunden der Aufklärung, die eigentümliche Mixta composita aus antiken Traditionen, kolonial-rassistischen Vorurteilen und - gemessen am damaligen Stan‐ dard - wissenschaftlichen Methoden darstellten (siehe Erläuterungsbox), erwiesen sich als unerschöpfliches Arsenal stigmatisierender Stereotypen. Es lassen sich vielfache osmotische Beziehungen zwischen dem wissenschaftlichen Gebrauch von Rassekon‐ zepten und Alltagsdiskursen feststellen, wobei sich ein naturalistisch-essentialistisches Verständnis von „Rassen“ (als ontologisch-substanzialistischen Einheiten) vermischt mit einer populären imagologischen Bastelei, die zu ziemlich willkürlichen, immer aber negativen Fremdbeschreibungen verdichtet werden. Die Naturwissenschaftler und Philosophen, welche Rasseeinteilungen vorlegten, folgten zwar unterschiedlichen Intentionen, doch im Bemühen um eine Absicherung der Gesellschaftshierarchie und eine Rechtfertigung struktureller Privilegien zeigte sich ein gemeinsamer Wirkungs‐ nenner (Appiah 2021). 37 Rassismus und Wissenschaft 465 <?page no="466"?> Erläuterung | Rassentheorien: Die seit der Aufklärung und der Gründerzeit der USA entwickelten Rassentheorien lassen sich aus heutiger Sicht mit wissenschaft‐ lichen Standards nicht vereinbaren. Sie wurden durch populationsgenetische und molekularbiologische Forschungsergebnisse vielfach widerlegt. Wie das Beispiel des Nationalsozialismus zeigt, verdeckt ihre retrospektive Einstufung als „pseu‐ dowissenschaftlich“ allerdings zwei zentrale Sachverhalte. Erstens kooperierten keineswegs nur marginale „Pseudowissenschaftler“, sondern der Mainstream der deutschen Forschung mit dem Nationalsozialismus. Zweitens stellten sich diese Rassenanthropologen bis in die Nachkriegszeit hinein als empirische Hard‐ core-Forscher dar und genossen auch in der Außenwahrnehmung Reputation. Es gab allerdings schon im 19. Jahrhundert Wissenschaftler: innen, welche diskrimi‐ nierende Rassenkonstrukte und rassistische Stereotype widerlegten und bekämpf‐ ten. Mit der UNESCO-Schriftenreihe gegen Rassismus von 1952 setzten sich diese Ansätze durch. Die Wissenschaft beteiligte sich, mit einem neuen politisch-ge‐ sellschaftliches Selbstverständnis, an der Delegitimierung und Annullierung der Rassenforschung. Die heutige praxisorientierte Wissenschaftsgeschichte steht dem Begriff „Pseudowissenschaft“ skeptisch gegenüber (Kühl 1999; Rupnow 2008). Die chattel slavery ging diesen Rassentheorien voraus. Sie wurde seit Beginn des 17. Jahrhunderts praktiziert: 1669 gab sich die britische Kolonie Carolina ihre Funda‐ mental Constitutions, in denen das Recht eines jeden freien Siedlers auf die Versklavung von Schwarzen kodifiziert wurde. Artikel 110 hielt fest: „Every freeman of Carolina shall have absolute power and authority over his negro slaves“ (zit. nach Martschukat 2023). Stärker als im vom französischen „Sonnenkönig“ Louis XIV, der 1685 den bis 1848 geltenden Code noir proklamierte, wurde hier auf den Eigentumsaspekt gepocht. Mit der Aufklärung stellte sich ein neuer Begründungsbedarf für diese slave codes ein - zugleich wurden jetzt auch die Rassentheorien angeboten, die sich für die Rechtfer‐ tigung der Sklaverei bestens eigneten. So stand die rassistische Gesellschaftsstruktur der sich seit der Boston Tea Party von 1773 staatlich formierenden USA zunehmend im Bann eines anthropologischen Wissens, das über den Atlantik hinweg zirkulierte. Dabei stützten sich der sog. „Dreieckshandel“, mit dem zehn bis zwölf Millionen versklavte Menschen aus Afrika über den Black Atlantic nach Amerika transportiert wurden, und die Vorstellung, die Menschheit zerfalle in unterschiedliche „Rassen“, gegenseitig (Gilroy 1993). Die rassistische Theorieproduktion war in eine wissenschaft‐ liche Praxis eingebettet, welche den segregierten Grundriss der Gesellschaft reifizierte. Auch in den USA war sie an Universitäten und Forschungszentren lokalisiert; darüber hinaus leisteten private Gelehrte, Staatsmänner und populäre Buchautoren substan‐ zielle Beiträge. Wichtige Impulse für eine rassenkundliche Forschung lieferte die Lewis-and-Clark-Überlandexpedition, die zwischen Mai 1804 und September 1806 die riesige Landmasse zwischen den Staaten an der Ostküste und dem Pazifik botanisch, 466 37 Rassismus und Wissenschaft <?page no="467"?> geologisch und anthropologisch explorierte. Dabei überlagerten sich wissenschaftliche Erkenntnisinteressen mit militärischen und machtpolitischen Zielen. Dominant, weil gesellschaftspolitisch relevant, war in den USA die Abgrenzung der Weißen („Kaukasier“) gegenüber den Schwarzen. Diese Unterscheidung wurde häufig auf einem Vierrassen-Schema abgebildet, das daneben „Rote“ (die Natives, später Native Americans genannt) und „Gelbe“ (Asiat: innen, spezieller Chines: innen und Japaner: innen) umfasste. Als Ausgangspunkt diente Carl von Linnés Systema Naturae (1735), in dem Menschen nach ihrer geographischen Herkunft in die Varietäten Europäer, Amerikaner, Asiaten und Afrikaner aufgeteilt wurden. Als Begründer der biologischen Systematik experimentierte Linné mit humoralpathologischen Zuschrei‐ bungen, wie sie seit der Antike überliefert worden waren. In der 10. Auflage seines Werks (1758) fixierte Linné die Vierer-Einteilung mit festen Farb-, Temperaments- und Körperbau-Merkmalen: Den weißen Europaeus zeichnete er als sanguinisch und athletisch, den roten Americanus als cholerisch und aufrecht, den Asiaticus als melancholisch und steif, den Schwarzen Africanus (Afer) als phlegmatisch und schlaff. In populären US-amerikanischen Romanen und Groschenheftchen des 19. Jahrhun‐ derts wurde diese rassistische Auslegeordnung in ein dramatisches Konfliktgeschehen übersetzt. Kriegerische Auseinandersetzungen zwischen feurig-wilden „Rothäuptern“ und technisch avancierteren „Bleichgesichtern“ gehörten ebenso zum Standard wie die Bedrohung aufrechter weißer Frauen und Familien durch heimtückische chinesische „Glücksspieler und Opiumraucher“ oder durch Schwarze, deren Triebleben nicht durch zivilisatorische Normen reguliert schien. Der Buchautor und Herausgeber von Wekley Day Book, John H. Van Evrie (1814-1896) behauptete, schwarzhäutige Menschen seien zum Ausdruck von Gefühlen der Sorge und Bescheidenheit nicht in der Lage. Er betonte dabei seine Mission, wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse ins breite Publikum zu vermitteln (Van Evrie 1853; Finzsch 1999, 90; Sorisio 2002). Diese krass diskriminieren‐ den populären Erzählformen wirkten wiederum auf die wissenschaftliche Systematik zurück und verfestigte rassistische Werturteile in den akademischen Institutionen. In der „neuen Welt“ waren nicht nur Akademiker, die an Universitäten lehrten, sondern ebenso Politiker wie Thomas Jefferson (1743-1826), einer der foundig fathers der USA und zwischen 1801 und 1809 der dritte Präsident des Landes, an Rassenfragen interessiert. Als Staatsmann wollte Jefferson auch Landeskundler sein und war einer der Promotoren der Lewis-and-Clark-Überlandexpedition. Vor allem mit seinen „Notes on the State of Virginia“ (1781/ 82) leistete er einen nachhaltigen Beitrag zur US-ame‐ rikanischen Rassenanthropologie, indem er die Bevölkerung nach physischen und mentalen Attributen in „rassische“ Großgruppen einteilte. Zwar kritisierte Jefferson die Sklaverei als Institution, verbreitete aber gleichzeitig die Meinung, Schwarze seien gegenüber den Weißen inferior. Als privilegierter Sklavenhalter trat er gegen „Rassenvermischung“ auf, was ihn nicht daran hinderte, heimlich Kinder mit einer Sklavin zu zeugen (Sally-Hemings-Kontroverse; Gordon-Reed 2008). In seinem Falle zeigt sich besonders deutlich, wie der Wille zum rassistischen Wissen von einer 37 Rassismus und Wissenschaft 467 <?page no="468"?> moralisch entlastenden Verkennung der Gewaltverhältnisse, welche die Sklaverei ausmachten, überblendet wurde (Balibar 2017, 25). An den Universitäten war eine große Zahl von Forscherpersönlichkeiten aktiv, die unterschiedliche Erkenntnisinteressen pflegten, die jedoch dieselbe Wertematrix hochhielten, welche Weiße aufwertete und Schwarze degradierte. Bekannt sind etwa Louis Agassiz (siehe Erläuterungsbox), Samuel George Morton (1799-1851), US-ame‐ rikanischer Arzt und physischer Anthropologe, der menschliche Schädel sammelte und sie kraniometrisch vermass, sowie Josiah Clark Nott (1804-1873), der 1839 seine „Crania Americana“ vorlegte. Nott, ebenfalls Arzt und Anthropologe, publizierte 1854 zusammen mit dem Ägyptologen George R. Gliddon (1809-1857) und weiteren das einflussreiche Werk „Types of Mankind“ (Nott 1854; vgl. auch Maury 1857). Erläuterung | Louis Agassiz: Der Naturforscher Louis Agassiz (1807-1873) wan‐ derte 1846 aus der Schweiz in die USA aus, wo er als Paläontologe und Glaziologe zum angesehenen Naturalisten und aggressiven Verfechter der Rassentrennung aufstieg. Mit Samuel George Morton und Josiah Clark Nott ging er von der Polygenese der Menschheit aus. Nach dieser Theorie entstanden Menschen zu verschiedenen Zeiten an unterschiedlichen Orten, woraus ihre rassisch-biologi‐ sche Inkommensurabilität und ihre unterschiedlichen Vererbungsprofile abgeleitet wurden. Für Agassiz bedrohte die „Kreuzung“ von „Rassen“ deren Reinheit und leitete den Abstieg der „weißen Rasse“ ein. Agassiz blieb Zeit seines Lebens ein Gegner von Darwins Evolutionstheorie, den er weder mit seinem Lamarckismus noch mit seiner christlichen Grundüberzeugung vereinbaren konnte. Doch er teilte die rassistische Ideologie der Sozialdarwinisten. Heute verewigen ein Vul‐ kan auf dem Mars, ein Kap auf dem Mond und auch ein Gipfel in den Alpen seines Herkunftslandes seinen Namen, der damit verschiedenen topografischen Nomenklaturen eingeschrieben wurde. In der Schweiz schlug 2007 der Historiker Hans Fässler vor, den Agassiz-Gipfel nach dem kongolesischen Sklaven Renty, den Agassiz in South Carolina untersucht hatte, in „Rentyhorn“ umzubenennen, was von den zuständigen Gemeinden Guttannen, Grindelwald und Fieschertal ab‐ gelehnt wurde. Jedoch erhielt in Neuenburg der „Espace Louis Agassiz“ im Zentrum der Universität den neuen Namen „Tilo-Frey-Platz“ (nach einer 1923 in Kamerun geborenen Schweizer Politikerin, die nach der Einführung des Frauenstimmrechts 1971 zu den ersten Nationalrätinnen gehörte). In Harvard wurde eine 1874 auf den Namen von Agassiz getaufte Schule im Jahre 2022 nach ihrer ersten Schwarzen Schulleiterin in „Maria L. Baldwin School“ umbenannt. Diese engen Verflechtungen, welche der Historiker Stefan Kühl als „Internationale der Rassisten“ (Kühl 1997) bezeichnet hat, lässt sich über zwei Jahrhunderte hinweg kon‐ statieren. 1907 gründeten deutsche Rassenhygieniker die Internationale Gesellschaft für Rassenhygiene mit dem ausdrücklichen Ziel, so Alfred Ploetz in einer Denkschrift, 468 37 Rassismus und Wissenschaft <?page no="469"?> der „weißen Rasse“, die sich, „in getrennten Staaten und sonstigen Gesellschaften als großes Lebewesen durch die Zeit wälzt […], ein geistiges Zentrum, ein Bewusstsein, ein Gewissen und ein Willensorgan“ zu verschaffen (ebd., 23). Die USA wurde zum Zielland für Mitgliederwerbung auserkoren, nicht zuletzt deshalb, weil man sich aus der „neuen Welt“, in der (im Bundesstaat Indiana) gerade das weltweit erste Sterilisationsgesetz verabschiedet worden war, weitere Impulse versprach (ebd., 23). Gleichzeitig stiegen die internationalen Tagungen zum Tummelplatz für die Crème de la crème der US-amerikanischen Forschung auf. 1912 nahm das Permanent International Eugenics Comittee (PIEC) seine Tätigkeit auf. Eine besondere Intensität erhielt der internationale Austausch, so Stefan Kühl, mit der „Radikalisierung eugenischer Positionen nach dem Ersten Weltkrieg“ (ebd., 14), die als grenzüberschreitendes Phänomen nicht auf eine „biologistische Rechtfertigung für nationalistische Forderungen“ hinauslief, sondern in ihrer Ausrichtung „eindeutig international“ war. „Aufgrund ihrer eugenischen Auffassung stand die weiße, europoide Rasse und nicht eine bestimmte Nation im Vordergrund des Interesses“, so Kühls Befunde weiter (Ebd, 12). 1925 wurde das PIEC umbenannt in International Federation of Eugenic Organizations (IFEO) (ebd., 32-39). Zwischen dem Arier-Mythos der Nationalsozialisten und der white-supremacy-Ideolo‐ gie in den USA bestand keine Identität, doch die IFEO unterstützte die Massensterilisati‐ onsaktionen des Nationalsozialismus und die deutsche Forschung blieb anschlussfähig (ebd., 115 f.). Dies betraf auch die Intelligenzforschung, vor allem die Messung von Intelligenzquotienten, die seit Francis Galton eugenische Zielsetzungen verfolgte und zur Rechtfertigung von Zwangssterilisationen eingesetzt wurde (→ Kapitel Eugenik und Zwangssterilisation). Nach der Befreiung Europas vom Nationalsozialismus waren Rassentheorien wis‐ senschaftlich delegitimiert. Die Humangenetik und Bevölkerungswissenschaft setzte neue Deutungsmuster menschlicher Diversität durch und die UNESCO-Statements zur Rassenfrage von 1950 trugen weiter zur Diskreditierung von Eugenik und Rassenhy‐ giene bei (Kühl 1999, 116-118). Auf die rassistischen Praktiken in der Gesellschaft hatte diese Wende in der Wissenschaft wenig Einfluss. Der anhaltende Rassismus verschaffte schließlich der Rassenforschung eine Renaissance, wovon etwa die 1959 gegründete International Association for the Advancement of Ethnology and Eugenics zeugte, die sich gegen wissenschaftliche Kritik immunisierte und „Arbeitskontakte mit verschiedenen faschistischen Organisationen in Europa und den USA“ sowie mit Verfechtern des südafrikanischen Apartheidregimes unterhielt (ebd. 120). Ein diametral anderes Interesse an Rassenforschung hatten Schwarze Theoretiker wie Derrick Bell, welche die Permanenz des Rassismus betonten, indem sie auf die Diskrepanz von Rechtsnormen und sozialen Realitäten hinwiesen. Bell vertrat seit den 1980er Jahren eine interest-convergence-These, die davon ausging, dass sich die Einstellungen der US-amerikanischen weißen Mittelklassen im Kalten Krieg nicht grundlegend verändert haben. Vielmehr lief in dieser Zeit der Blockkonfrontation das Interesse der Schwarzen an einer Aufweichung rassistischer Strukturen parallel mit der Bemühung der Weißen, mittels einiger groß inszenierter Reformen das durch die 37 Rassismus und Wissenschaft 469 <?page no="470"?> Sowjetunion und weitere große Länder wie Indien kritisierte Bild einer durch und durch rassistischen Gesellschaft zwecks Imagemanagement pragmatisch zu korrigie‐ ren. Angesichts der ungebrochenen Zurschaustellung der weißen Vorherrschaft in der Ära Trump ist diese These bereits historisch geworden, denn inzwischen ist der Wille zur Korrektur kaum mehr zu erkennen. Sozialdarwinismus Die Ideologie des Sozialdarwinismus, die seit den 1930er Jahren mit diesem Begriff gekennzeichnet wird, entstand aus einer monistische, biologische und gesellschaftliche Phänomene vereinheitlichenden Interpretation von Charles Darwins „Ursprung der Arten“ von 1859. In den frühen 1870er Jahren hatte sich Darwins evolutionsbiologische Theorem der Vielfalt durch Mutation und natürliche Auslese unter den US-amerika‐ nischen Naturalisten auf breiter Front durchgesetzt. Als Agassiz 1873 starb, stellten Beobachter fest, dass die wichtigsten seiner Schüler und auch sein eigener Sohn allesamt zu standfesten Evolutionisten mutiert waren. Viele Kirchen leisteten noch Widerstand gegen das, was sie als blasphemischen Angriff auf Gottes Schöpfung betrachteten. Doch an den wichtigsten Universitäten wurde die neue Lehre ebenso vertreten wie von volkstümlichen Massenmagazinen wie dem 1867 gegründeten Appleton’s Journal. Am fastnächtlichen Mardi gras von New Orleans wurde anfangs der 1860er Jahre ein missing link (als das fehlende Verbindungsstück zwischen Affen und Menschen) zum Gaudi als Kostüm vorgeführt (Hofstadter 1955, 24). Herbert Spencer beförderte wie kein anderer den naturalistischen Fehlschluss, dass sich Erkenntnisse aus der Biologie direkt auf die Gesellschaftsanalyse und auf die Erforschung des Kosmos übertragen ließen. Spencer war in den USA weit berühmter als in England (ebd., 5). Seine Bücher wurden zu Bestsellern, die verkauften Kopien gingen in die Hunderttausende. Ihre Rezeption trug dazu bei, dass das Postulat eines Überlebens des Stärkeren und der Wille zur natürlichen und naturgewollten Hegemonie des Stärksten zur Mentalitätsmarke der USA aufstieg. Der sozialdarwinistische Denkstil legte indessen das politische Engagement nicht deterministisch fest. So machte sich der Spencer-Anhänger und christliche Theologe Henry Ward Beecher (1813-1887) für die Social-gospel-Bewegung stark und setzte sich für die Gleichberechtigung der Frau sowie die Befreiung versklavter Menschen ein. Solche Haltungen blieben minoritär. Im konservativen Weltbild, in dem die Lehren Darwins einen mächtigen Widerhall fanden, ebneten sie den Weg zu einem „Konser‐ vatismus fast ohne Religion“ und zu einer Versöhnung von Wissen und Glauben (ebd., 7). Die Vorstellung eines Überlebens des Stärksten („survival of the fittest“) im Kampf ums Dasein („struggle for existence“) stärkte das konservative Vertrauen darauf, dass sich die Gesellschaft durch einen arbeitsamen Leistungswettbewerb schrittweise verbessern ließ und dass sich die Besten schließlich durchsetzen würden. Beruhigend wirkte die Einsicht, dass sich die Evolution sehr langsam abspielte und politisch 470 37 Rassismus und Wissenschaft <?page no="471"?> gleichsam in Ruhe gelassen werden müsse, sodass der Ruf nach sozialen Reformen und Staatseingriffen als unreflektierte Zwängerei erschien (ebd., 7). Auch viele der damals auf eine streng individualistisch-kompetitive Haltung ver‐ pflichteten kapitalistischen Unternehmer setzten auf (sozial-)darwinistische Erklä‐ rungskonstrukte, die sie in ihrem eigenen Erfolg bestärkten, während sie jene bestraf‐ ten, die als „nachlässig, träge, ineffizient, dumm und unvorsichtig“ wahrgenommen wurden, wie dies der Yale-Soziologe und Ökonom William Graham Sumner (1840- 1910) ausdrückte (ebd., 10). Der Stahlunternehmer Andrew Carnegie (damals der reichste US-Amerikaner), der Erdöl-Magnat John D. Rockefeller und weitere Tycoons des sogenannten Gilded Age waren begeisterte Anhänger des Sozialdarwinismus. Für Spencer drückte sich im Wachstum von big business der survival of the fittest aus und er erkannte im absoluten Privateigentum für Unternehmer das Wirken der göttli‐ chen und natürlichen Gesetze (ebd., 45, 47). Die neuere, auf Cedric Robinsons Buch „Black Marxism“ zurückgreifende, Forschung sieht in diesem Hochkapitalismus eine Ausprägung des in die Anfänge der USA zurückreichenden racial capitalism, in dem eine universalistisch motivierte Expansionsstrategie zusammenwirkte mit einer inner‐ gesellschaftlichen Fragmentierung des Arbeitsmarktes und einer Rassifizierung der migrantischen Arbeitskräfte (Robinson 2020 [1983]). Diese strukturelle Einschreibung des Rassismus in den Kapitalismus dauert bis heute an, was sich an der Reproduktion des racial wealth gap zeigt, der in der US-amerikanischen Gesellschaft trotz aller Wohlfahrtsmaßnahmen und wirtschaftlichen Regulierungen bis in die Gegenwart hinein klafft. Auch im 21. Jahrhundert besitzt eine Schwarze Familie im Durchschnitt weniger als ein Fünfzehntel des Eigentums einer durchschnittlichen weißen Familie (Martschukat 2023). Der Historiker Richard Hofstadter verweist in seiner Studie „Social Darwinism in American Thought“ darauf, dass die Werte, welche Spencer und Sumner predigten, nämlich Vorsehung, familiäre Loyalität und Verantwortung, harte Arbeit, sorgfältiges Management und selbstbewusste Autarkie, von der Mittelschicht in besonderem Masse hochgehalten wurden, so dass der Sozialdarwinismus eine breit abgestützte Akzeptanz fand. Eine solche genoss auch die innere und äußere Expansion der USA, die mit beträchtlichen sozialdarwinistischen Energien vorangetrieben wurde. Ziel war die Schaffung einer machtvollen Nation zwischen Atlantik und Pazifik. Bereits 1845 hatte die fulminante Karriere der Zuversicht und Selbstvertrauen stärkenden Vokabel Mani‐ fest Destiny eingesetzt, mit der ein US-amerikanischer Exzeptionalismus beschworen wurde (Hayes 1997). Dieser verband einen territorial nicht saturierten Nationalismus mit einem zivilisatorischen Überlegenheitsanspruch der weißen US-Amerikaner: innen. Wichtige Promotoren sozialdarwinistischer Ideen besetzten Lehrstühle an US-ame‐ rikanischen Universitäten. So etwa Lewis Henry Morgan (1818-1881), dessen von einer „natürlichen Selektion“ ausgehende dreistufige Theorie der Sozialevolution („savages“, „barbarians“, „civilized nations“) ein auf Verdrängung und Eliminierung niedriger Stufen hinauslaufendes Fortschrittsmodell vorschlug. Morgan verfasste auch eine Ethnographie der Irokesen und weitere auf rassentheoretischen Modellen basierende 37 Rassismus und Wissenschaft 471 <?page no="472"?> Studien; aktiv war er in der Association for the Advancement of Science. Als besonders fleißiger Propagandist des Sozialdarwinismus erwies sich der schon erwähnte William Graham Sumner, der zur Begründung der angeborenen Ungleichheiten zwischen Menschengruppen auf den Pessimismus des frühen 19. Jahrhunderts (Thomas Malthus, David Ricardo) zurückgriff und davor warnte „erblich minderwertige“ Rassen zu un‐ terstützen. Politisch relevant war, dass er damit die Phalanx der strikten Reformgegner verstärkte, die alle Ausformungen eines Sozialstaates bekämpften. Eine historische Grundierung erhielt diese Weltsicht durch die populären Über‐ blickswerke des an der Harvard-University lehrenden Edward Channing (1856-1931), der die US-amerikanische Geschichte aus einer sozialdarwinistischen Optik schilderte. Noch wirkungsmächtiger waren die Columbia-University-Historiker der Dunning School. Angeregt durch den Politikwissenschaftler John W. Burgess (1844-1931), der in Deutschland u. a. bei Johann Gustav Droysen und Theodor Mommsen studiert hatte, vertieften sich William A. Dunning (1857-1922) und seine Schüler in die Geschichte der Reconstruction, d. h. der Phase des Wiederaufbaus nach dem US-amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865). In ihren Publikationen und Vorträgen stellten sie Schwarze durchgehend als unwissend, faul, unehrlich und korrupt dar und setzten sie mit dem brutalen Scheitern der Reformen in eins (Smith 2013). Dunnings Werk „Reconstruction: Political and Economic, 1865-1877“ (1907) lieferte die Blaupause für populäre Werke wie jenes des Erfolgsautors Thomas Dixon Jr., dessen Bestseller-Roman-Trilogie (er‐ schienen zwischen 1902 und 1907) D. W. Griffiths rassistisch aufhetzenden Stummfilm The Birth of a Nation (1915) inspirierte. Alle diese Autoren hegten, wenn auch graduell unterschiedlich, eine Skepsis gegen‐ über der Demokratie, die sie von den Gründungsvätern der USA übernommen hatten. Burgess behauptete, „die Partizipation von anderen ethnischen Elementen an der Ausübung der politischen Macht“ führe zu einer „für die Zivilisation der Gesellschaft äußerst schädlichen und gefährlichen Korruption und Verwirrung“ (zit. nach Hänni 2023, 73). Vor diesem Hintergrund wirkte die Darwinsche Evolutionstheorie in poli‐ tisch-imaginärer Hinsicht zwiespältig. Sie verstärkte die Erwartung eines höheren moralischen Bewusstseins und schürte gleichzeitig die Angst vor einem kompletten Kollaps der etablierten Moralstandards. Gegen dieses Unbehagen half der Glaube an die Überlegenheit eines weißen „Angelsachsentums“, wie er seit Mitte der 1880er Jahre beschworen wurde (Hosmer 1890). Der „survival of the fittest“ diente in der Folge nicht nur zur Beschreibung der Konkurrenz zwischen privatwirtschaftlichen Unternehmen im Inland, sondern ebenso zur Rechtfertigung der kommerziellen Expansion im Ausland (Hofstadter 1955, 202 f.). Mit der Annexion der Philippinen 1898 stiegen die USA zur Macht im Pazifik auf und projizierten globale Machtaspirationen. Im Jahrzehnt vor dem Ersten Weltkrieg erreichten die Ängste vor einer asiatischen „gelben Gefahr“ („yellow peril“) einen Höchststand (ebd., 185, 190). Autoren wie John Fiske (1842-1901), die tief in der Denktradition des Sozialdarwinis‐ mus standen und die Superiorität der angelsächsischen „Rasse“ als selbstverständlich unterstellten, begannen allerdings, an der Anwendung der Darwinschen Evolutions‐ 472 37 Rassismus und Wissenschaft <?page no="473"?> lehre auf die Gesellschaft zu zweifeln. Fiske lehnte die Sklaverei ab und war in den von Krisen und Arbeitskämpfen durchgeschüttelten 1890er Jahren an einem „größeren Umbau des amerikanischen Denkens“ (ebd., 104) beteiligt, in dem die staatliche Gesetzgebung und die Sozialpolitik eine weit wichtigere Rolle spielten als bisher. Fiske modellierte den Evolutionismus neu. Aus seiner Sicht hatten sich die überlegenen Gesellschaften in einem Prozess natürlicher Auslese in einem Masse durchgesetzt, dass „die Macht, im großen Stil Krieg zu führen“ sich „in den Händen derjenigen Gemeinschaften konzentriert“ hat, in denen sich „die räuberische Aktivität auf ein Minimum und die industrielle Aktivität auf ein Maximum“ entwickelt hat (ebd., 176). Fiske formulierte ein manifest destiny of race, nach dem die angelsächsische Rasse sich friedlich und erfolgreich rund um den Globus verbreiten würde. Demselben Credo war die 1898 gegründete Anti-Imperialist League verpflichtet, die den militärischen Expansionismus als inkompatibel mit dem Geist der US-amerikanischen Unabhängig‐ keitserklärung betrachtete (→ Kapitel Imperialismus). Ein Teil der Antiimperialisten, unter ihnen der Präsident der Standford University, David Starr Jordan (1851-1931), ging von einer kontraselektorischen Wirkung von Kriegen aus und setzten auch aus eugenischen Gründen auf friedlichen Wettbewerb (Kühle 1997, 41-48). Dieser auf einem kollektivem, die Gegenseitigkeit betonenden Verständnis basie‐ rende „Reformdarwinismus“, wie er 1952 durch Eric Goldman bezeichnet wurde (Goldman 1952), spielte während der Progressive Era (1890 bis 1914) eine bedeutende Rolle und beförderte die Emergenz des „Wohlfahrtskapitalismus“ mit dem weltweit ausstrahlenden American Way of Life des 20.-Jahrhunderts. Weil der natürliche Ausle‐ seprozess in zivilisatorisch hoch entwickelten Gesellschaften nicht mehr funktioniere, müssten „künstliche“ Maßnahmen, insbesondere politische Reformen, an dessen Stelle rücken, so die These (Bannister 1979, 164 f.). Sie wurde maßgeblich durch den Soziolo‐ gen Edward A. Ross (1866-1951) und sein Konzept der social control (1901) unterstützt und war Teil einer breiten Eugenikbewegung und eines social engineering (Ross 2004). Sie propagierte progressive, staatsinterventionistische Lösungsansätze für das Problem der Armut und den Abbau der schroffen wirtschaftlichen Ungleichheit (→ Kapitel Eugenik und Zwangssterilisation). Darwinistische Bestrebungen erwiesen sich im Links-Rechts-Koordinatensystem als politisch offen, favorisierten aber mehrheitlich die Idee einer weißen Vorherrschaft. Richard Hofstadter hielt fest, dass der „Darwinismus nicht die Hauptquelle der kriegerischen Ideologie und des dogmatischen Rassismus des späten neunzehnten Jahrhunderts“ gewesen sei, doch hätte er sich „zu einem neuen Instrument in den Händen der Theoretiker von Rasse und Kampf “ entwickelt (Hofstadter 1955, 172). Daran änderte Frederik Jackson Turner (1861-1942) mit seiner 1893 lancierten Fron‐ tier-These nichts, die davon ausging, dass weder angelsächsische „Keime“ noch die Sklaverei den Nationalcharakter der USA ausmachten, sondern dass dieser in einem Siedler-Kolonialismus an der stets weiter nach Westen wandernden und nun am Pazifik angekommenen US-amerikanischen Grenze gehärtet worden sei. Auch in dieser US-amerikanischen Metapher, die im 20. Jahrhundert auf immer neue Grenzerfahrun‐ 37 Rassismus und Wissenschaft 473 <?page no="474"?> gen bezogen wurde, blieb ein expansiver weißer Exzeptionalismus dominant (Waechter 1996). Obwohl in den USA seit der Zwischenkriegszeit kein bewusster theoretischer Sozialdarwinismus mehr gepflegt wurde (Hofstadter 1955, 203), existierte das darauf basierende rassistische Weltbild weiter. Rassismus in wissenschaftlichen Disziplinen und Institutionen Das Konzept „Rasse“ stammt nicht aus der Rechtswissenschaft. Doch im „Umgang mit der Gleichheit“ (Liebscher 2021, 15), wie sie in der US-amerikanischen Unabhängig‐ keitserklärung beschworen und in der Verfassung kodifiziert wurde, spielten „Rasse“ und Rassismus immerzu eine wichtige Rolle (Fairclough 2002). Bis in den 1960er Jahre hinein herrschte ein rassistisches Recht vor, das Diskriminierung und Gewalt rechtfertigte und Ungleichheit entlang von Rasse-Differenzen bezweckte. Der Begriff „Recht“ bezeichnet dabei eine komplexe Gemengelage zwischen Gewohnheitsrecht, Gesetzgebung, Rechtswissenschaft und richterlicher Praxis. Erste juristische Fakultäten, die ausschließlich „weiß“ besetzt waren, entstanden in den USA nach der Unabhängigkeitserklärung, so 1779 an der University of Pennsylva‐ nia und 1784 an der Harvard University. Diese rechtswissenschaftlichen Einrichtungen lehrten Slave Law und vermittelten auf Rassentheorien basierende Rechtsdoktrinen. Damit deckten sie Gerichtsentscheidungen, welche die weiße Vorherrschaft sicherten. Wie auch die anthropogische Wissenschaft wirkten sie daran mit, dass sich in den US-amerikanischen Südstaaten eine regelrechte Plantagenjustiz entwickelte, mit Ge‐ setzen, die spezifisch auf die Eigentumsrechte der Sklavenhalter und die Entrechtung versklavter Menschen zugeschnitten waren (Fehrenbacher 2001). 1856/ 57 stellte das Supreme-Court-Urteil Dred Scott v. Sandford hochrichterlich fest, „ein freier negro der afrikanischen Rasse, dessen Vorfahren in dieses Land gebracht und als Sklaven verkauft wurden“, könne „kein ‚Bürger‘ im Sinne der Verfassung der Vereinigten Staaten“ sein. Wichtige Promotoren der weißen Vorherrschaft kamen aus der Rechtswissenschaft, so etwa Madison Grant (1865-1931), der eine eugenisch gesteuerte Einwanderungspolitik forderte und dessen Hauptwerke The Passing or the Great Race (1916) sowie The Con‐ quest of a Continent (posthum 1933) auf einer durchgehenden Inszenierung rassistischer Vorurteile beruhen (Spiro 2008; Kühl 1997, 85). Obwohl Grant der „nordischen Rasse“ auf Kosten der Deutschen zur Weltherrschaft verhelfen wollte, reagierte Adolf Hitler begeistert auf sein Werk. Das Fortdauern von Diskriminierungsstrukturen entlang der color line wurde durch die Erhebungskategorien der behördlichen Datenproduktion gestützt. In der Bevöl‐ kerungsstatistik und in der zunehmend diskriminierenden Immigrationsbürokratie wurde seit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert die Kategorie „Kaukasier“ relevant. Diese geht auf den deutschen Rassenanthropologen Johann Friedrich Blumenbach (1754-1840) zurück, der 1795 in der dritten Auflage seines Werks „De generis hu‐ mani varietate nativa“ die europäischen Völker von „mehrenteils von weißer Farbe“ aufgrund seiner ästhetischen Wahrnehmung zur Stammrasse der Menschheit nobili‐ 474 37 Rassismus und Wissenschaft <?page no="475"?> tiert hatte. Indem die caucasians (als Synonym für europäisch-stämmige Weiße von überlegener Schönheit) an der Spitze der Rasseneinteilung figurierten, setzten sie andere Rassenkategorien herab. Das verhalf den „Kaukasieren“ in den USA zu großer Beliebtheit. Bis heute wird dieses Phantom zur Erhebung bevölkerungsstatistischer Daten verwendet (Liebscher 2021, 82) und hält sich in der Amtssprache. Rassentheoretische, suprematistische und statistische Kategorienbildungen führen in der Intelligenzforschung ein besonders zählebiges Dasein. Mittels quantifizierender Methoden, welche eine schematische Schwarz-Weiß-Binarität reproduzieren, versu‐ chen Forscher: innen bis in die Gegenwart hinein, eine prinzipielle Differenz zwischen kognitiv überlegenen „Weißen“ und einer defizitären Schwarzen Unterklasse zu be‐ legen. Einen Spitzenplatz in der medialen Aufmerksamkeitsökonomie erzielte 1994 die Harvard-University-Untersuchung „The Bell Curve“ von Charles Murray und Richard Herrnstein (Herrnstein 1994). Weil diese Studie das statistische Konstrukt „Intelligenzquotient“ auf ein rassistisches Gesellschaftsbild bezieht, das soziale Hierar‐ chien auf angeborene Eigenschaften zurückzuführen versucht, wird sie notorisch zur Rechtfertigung diskriminierender Stereotype eingesetzt (Finzsch 1999, 85-88). Dass solche Forschungsansätze an renommierten US-amerikanischen Universitäten weiterhin praktiziert werden, verweist auf einen institutionellen Zusammenhang. Rassismus und Wissenschaft waren in den USA seit dem 18. Jahrhundert auch personell aufeinander bezogen. Die gesellschaftlichen Emanzipationskämpfe konzentrierten sich im Bereich der Erziehung, Bildung und Forschung immer wieder auf die Kritik an ras‐ sistischen, rassialisierten Karrieremustern über alle Stufen des Schul- und Ausbildungs‐ systems hinweg (Fairclough 2007). Die Auswahlverfahren für akademische Posten, insbesondere Professuren, reproduzierten in der langen Dauer die etablierten weißen Privilegien. Das gilt auch für das „akademische rechtswissenschaftliche Feld“, das bis weit ins 20. Jahrhundert hinein „fast ausschließlich weiß organisiert“ blieb (Liebscher 2021, 34). Juristische Fakultäten waren während zweier Jahrhunderte eine exklusive Domäne weißer Männer. Der Zugang Schwarzer und People of Color, und unter diesen besonders von Frauen zur juristischen Ausbildung war stark eingeschränkt, meist gar nicht vorhanden. Erst seit den 1960er Jahren gewann die Forderung nach Diversität verstärkt Widerhall. Ablehnung des Rassismus und Widerstand gegen weiße Vorherrschaft im Feld der Wissenschaften lassen sich weit zurückverfolgen, stießen aber lange Zeit auf wenig Resonanz. Deutlich Position bezog der deutschamerikanische Anthropologe Franz Boas (1858-1942), der von 1897 bis 1902 die Jesup North Pacific Expedition leitete und damit seinen hervorragenden wissenschaftlichen Rang begründete. Boas kulturrelativistische Position richtete sich gegen die Formulierung allgemeiner Gesetze gesellschaftlichen Wandels und damit gegen den darwinistischen Evolutionismus eines Lewis Henry Morgan oder John Wesley Powell. Seine wissenschaftlich begründete Abneigung galt vor allem dem rassistisch-antisemitischen Nationalsozialismus, den er der „Ungerechtigkeit“ und „Lüge“ bezichtigte (zit. nach Carstens 2007, 74). Auch in den USA bezog Boas Stellung gegen die Rassensegregation (Tilg 2009). Er motivierte eine 37 Rassismus und Wissenschaft 475 <?page no="476"?> große Zahl von Studierenden, die später akademische Karrieren absolvierten, unter ihnen Ruth Benedict (1887-1948). Die von W. E. B. Du Bois, Mary White Ovington, Moorfield Storey, Ida B. Wells und weiteren antirassistischen Aktivist: innen 1909 gegründete National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) intervenierte regelmäßig zugunsten der Rechte von Afroamerikaner: innen und anderen Nicht-Weißen. Du Bois legte Mitte der 1930er Jahre eine alternative Interpretation der Reconstruction-Periode vor, welche die rassistische Dunning School mit einer scharfsinnigen Darstellung der oft widersprüchlichen Motivationen kritisierte und sich dabei auf das Konzept der psychological wages stützte. Damit bezeichnete Du Bois den öffentlichen Vorteil, den weiße Arbeiter: innen aus ihrem rassistischen Überlegenheitsgefühl schöpften und der eine gewerkschaftliche oder politische Koalition mit Schwarzen Lohnverdiener: innen wirksam verhinderte (Du Bois 1935). Die geschichtswissenschaftliche Analyse des Verhältnisses von Rassismus und Wissenschaft muss diese kritischen Stimmen einbeziehen und sie für den Kampf gegen Rassismus nutzten. Zwar waren rassistische Ideologien über lange Zeit hinweg hegemonial und gewinnen heute wieder an Wirkungsmacht. Wie schon in der Vergan‐ genheit, stoßen sie jedoch auch heute auf Widerstand und Widerspruch. Angesichts anhaltender asymmetrischer Machtverhältnisse, die zu Herrschaftsstrukturen geron‐ nen sind, ist es nachvollziehbar, wenn antirassistische Aktivist: innen den Rekurs auf „Rasse“ bzw. Race zur Formulierung von Ansprüchen und zur Einforderung von Anerkennung für unverzichtbar halten (Loury 1985; Hall 2018). Aus dem Kampf um das Wort resultierten weiterführende theoretische Impulse und praktische Einsichten. Die Critical Race Theory (Crenshaw 1995), welche diese Debatten bündelt, war von Anfang an politisch umkämpft und wird von den Verfechtern einer weißen Vorherrschaft ideologisch und juristisch angegriffen. In dieser Situation ist die Aspiration, die W. E. B. Du Bois vor fast einem Jahrhundert (1935) mit dem emanzipatorischen Konzept einer abolition democracy formuliert hat, für die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit rassistischer Diskriminierung und rassifizierten Phänomenen aktueller denn je (Loick und Thompson 2022). 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Justice and the Politics of Difference, Princeton: Princeton University Press. 37 Rassismus und Wissenschaft 479 <?page no="481"?> 38 Umweltrassismus Aram Mattioli Abstract | Eine der manifestesten Formen rassistischer Diskriminierung zeigt sich in der US-Gegenwart im Umweltrassismus. Mit Umweltrassismus wird das Phänomen beschrieben, dass die mehr als 338 Millionen US-Bürger: innen (2022) menschengemachten Klima- und Umweltgefahren ungleichmässig ausgesetzt sind. Mit sozial benachteiligten Weißen leben Angehörige ethnischer Minderheiten überdurchschnittlich konzentriert in Gebieten, in denen sie gefährlichen und zuweilen sogar tödlichen Formen von Umweltzerstörung ausgesetzt sind. Nahe von US-amerikanischen Gemeinden, städtischen Quartieren oder Reservationen, in denen Angehörige ethnischer Minderheiten leben, finden sich weit häufiger Atom‐ reaktoren, Chemiefabriken, Sondermülldeponien, Verbrennungsanlagen, Raffinerien, Kohlekraftwerke, Kläranlagen, Busbahnhöfe und Interstate Highways, aber auch Atomtestgelände, Plutoniumfabriken, Übungsplätze der Air Force, Tagebaue, Ölfelder, Pipelines und Uranmühlen als in von Weißen bewohnten Mittelstandsgegenden. Durch die geringere Distanz zu diesen Hotspots sind People of Color und arme Weiße öfter und intensiver chemisch verursachten Bodenverschmutzungen, kontaminiertem Wasser, industriell verpesteter Luft und radioaktiver Strahlung ausgesetzt. Bei diesen margi‐ nalisierten Gruppen treten in der Folge davon häufiger akute Gesundheitsprobleme wie Asthma, Allergien, Hautausschläge, Migräne, Herzinfarkte und Krebserkrankungen auf. Signifikant erhöht sind bei ihnen auch Fehlgeburten, angeborene Handicaps und die Sterblichkeit. Nicht genug damit sind Angehörige ethnischer Minderheiten im Schnitt auch weit härter von Klimawandel und Naturkatastrophen betroffen, wie der Hurrikan Katrina, der im August 2005 über die Küstenregionen entlang des Golfs von Mexiko fegte, exemplarisch offenlegte. Im stark betroffenen New Orleans riss Katrina African Americans nicht nur weit stärker in den Tod als weiße US-Bürger: innen, sondern zogen die durch den Wirbelsturm ausgelösten Überschwemmungen auch deren Häuser schwerer in Mitleidenschaft und machten viele von ihnen in der Folge obdachlos (Belkhir und Charlemaine 2007, 128-31). Definition Es war der schwarze Bürgerrechtler Benjamin F. Chavis, Jr., der den Begriff environ‐ mental racism prägte, als er die Ergebnisse der von der United Church of Christ in Auftrag gegebenen Pionierstudie „Toxic Wastes and Race in the United States“ (1987) kommentierte (Zimring 2015, 1). Am Beispiel von Giftmülldeponien dokumentierte <?page no="482"?> dieser Report erstmals die unverhältnismässig hohen Umwelt- und Gesundheitsaus‐ wirkungen auf Gemeinschaften, in denen People of Color leben. Wissenschaftlich belegt wurde in ihm, dass African Americans, Latinx, Asian Americans, American Indians, Alaska Natives und Pazific Islanders häufiger und oft ohne über die Gefahr informiert zu sein, Opfer von umweltrassistischen Entscheiden und Praktiken werden (Toxic Wastes and Race 1987, XI). 1990 definiert der Soziologe Robert D. Bullard das in den USA weit verbreitete Phänomen dann so: Umweltrassismus bezieht sich auf jede Politik, Praxis oder Richtlinie, die Einzelpersonen, Gruppen oder Gemeinschaften aufgrund ihrer Rasse oder Hautfarbe in unterschiedlicher Weise beeinträchtigt oder benachteiligt (ob beabsichtigt oder unbeabsichtigt). Umweltrassis‐ mus verbindet sich mit der öffentlichen Politik und den Praktiken der Industrie, um Weißen Vorteile zu verschaffen, während die Kosten der Industrie auf People of Color abgewälzt werden. Er wird durch staatliche, rechtliche, wirtschaftliche, politische und militärische Institutionen verstärkt (Bullard 2000, 98). Umweltrassismus kann aus einer absichtlichen oder unabsichtlichen Diskriminierung bei industriellen, extraktiven, Sondermüll beseitigenden oder militärischen Aktivitäten erwachsen; er kann sich daraus ergeben, dass Betroffene von Entscheidungsprozessen ausgeschlossen sind oder nicht angemessen in sie einbezogen werden oder daraus resultieren, dass Umweltgesetze ungleich angewendet werden. Umweltrassismus ist jedoch nie allein ein Resultat rassistischer Einstellungen und des von Weißen domi‐ nierten Politiksystems. Als intersektionales Phänomen ist er stets mit Klassismus gekoppelt: mit Armut und der Benachteiligung aufgrund einer niedrigen sozialen und ökonomischen Position in der Gesellschaft ( Johansen 2020, 1). Umweltungerechtigkeit prägt deshalb häufig auch das Leben von armen Weißen. Neues Problembewusstsein Historisch erwuchs das Konzept des Umweltrassismus aus einer gestiegenen Sen‐ sibilität gegenüber rassistischer Diskriminierung im Allgemeinen und aus einem gewachsenen Bewusstsein gegenüber Umweltzerstörungen im Besonderen (Cole und Foster 2001, 20). Rachel Carsons Bestseller „Silent Spring“ (1962), der die katastrophalen Folgen des großflächigen DDT-Einsatzes in der industriellen Landwirtschaft thematisierte, und mehrere Umweltskandale trugen in den 1970er Jahren zu einem neuen Um‐ weltbewusstsein bei. Die Einwohner: innen von Love Canal, einer Vorstadtsiedlung von Niagara Falls, begannen im Sommer 1978 damit, sich gegen eine stillgelegte Giftmülldeponie zu wehren, die unter ihren Häusern verborgen lag. Seit einiger Zeit entwichen aus ihr hochtoxische Dämpfe und Flüssigkeiten, die von Dioxinen, PCBs und Benzolen stammten. Jahrzehnte lang hatte zuerst die Stadt ihren Haushaltsmüll, dann die U.S. Army Problemabfälle und schließlich die Hooker Chemical Corporation Giftmüll in einem stillgelegten Kanalgraben von 1,5 Kilometer Länge eingelagert. Bevor 482 38 Umweltrassismus <?page no="483"?> Hooker Chemical das Gelände 1953 zu einem symbolischen Preis von 1 Dollar an die Schulbehörde von Niagara Falls verkaufte, die dieses daraufhin mit Eigenheimen und zwei Schulen überbauen ließ, waren im alten Kanal 100.000 Fässer mit chemischem Sondermüll eingelagert worden und unsachgemäß versiegelt worden. Nach 1970 nah‐ men in Love Canal die Fälle von Fehlgeburten, Geburtsfehlern, und Krebserkrankungen bedrohlich zu, weil die rostenden Fässer toxische Substanzen in die Umgebung, Luft und ins Grundwasser abgaben. Schliesslich erklärte US-Präsident Jimmy Carter Love Canal zu einem Katastrophengebiet und ordnete die Umsiedlung der dort lebenden Menschen an (Newman 2019). Zusammen mit anderen Umweltskandalen erwies sich der von Love Canal als entscheidend dafür, dass der US-Kongress 1980 das staatlich finanzierte Superfund-Programm ins Leben rief. Erläuterung | Superfund: Superfund heißt ein Programm der 1970 gegründe‐ ten Environmental Protection Agency (EPA), der US-Umweltschutzbehörde mit Hauptsitz in Washington, D.C. Das Hauptziel des milliardenschweren Super‐ fund-Programms war es und ist es, die durch industrielle, extraktive, Sondermüll beseitigende und militärische Tätigkeiten am schwersten verseuchten Gebiete so zu sanieren, dass von ihnen keine Gefahr für die Gesundheit der in der Nähe lebenden Menschen mehr ausgeht. 1983 standen 406 Stätten auf der Superfund Na‐ tional Priorities List, 2023 waren es 1336, während 453 Stätten als „saniert“ bereits wieder von der Liste gestrichen waren. Auf einigen Superfund-Stätten kämpfen die Aufräumteams gegen eigentliche Ökozide an, gegen massive Schädigungen und langfristige Zerstörungen der Umwelt. Nationale Beachtung fanden 1982 auch die Proteste gegen eine geplante Giftmülldepo‐ nie in Afton, North Carolina. Nach der Prüfung von 90 Standorten wurde sie schließlich im Warren County unweit der Gemeinde Afton gebaut, die fast zu zwei Dritteln von African Americans bewohnt war. Die Wahl fiel damit auf den Bezirk mit dem höchsten Schwarzen Bevölkerungsanteil im ganzen Bundesstaat. 1982 begann North Carolina damit, über 305.000 Kubikmeter mit PCBs verseuchter Erde in die Deponie einzulagern. Dabei handelte es sich um Unmengen abgetragener Erde, die ein Fuhrunternehmer 1978 mit einem Tankwagen verseucht hatte, indem er mit PCBs versetztes Öl illegal an den Rändern von abgelegenen Straßen von North Carolina versprüht hatte, um sie so für die Ward Transformer Company billig zu „entsorgen“ - und das über eine Strecke von 210 Meilen. Drei Jahre lang wehrten sich die Bewohner: innen von Afton mit Ein‐ sprachen und anderen juristischen Mitteln gegen den Bau der Sondermülldeponie. Als die ersten Trucks mit ihren PCB-haltigen Fuhren anrollten, versuchten Aktivist: innen, unterstützt von mehreren Bürgerrechtsorganisationen, die Inbetriebnahme mittels De‐ monstrationen und Sitzblockaden zu verhindern. Die Medien berichteten intensiv über die mehrtägigen Protestaktionen, in deren Verlauf 523 Protestierende, darunter der Langzeitaktivist Benjamin Chavis und der Kongressabgeordnete Walter E. Fauntroy 38 Umweltrassismus 483 <?page no="484"?> verhaftet wurden. Obwohl nicht verhindert werden konnte, dass schließlich mehr als 6.000 Truckladungen mit Sondermüll in der Deponie eingelagert wurden, gelten die Proteste in Afton als Geburtsstunde des Environmental Justice Movement (Taylor 2014, 13--19). Eine rätselhafte Serie von Fehlgeburten, Atemwegserkrankungen und Krebsfällen in ländlichen Gemeinden des Bundesstaats Louisiana, über die die Washington Post am 22. Dezember 1987 berichtete, trug zur weiteren Sensibilisierung der nationalen Öffentlichkeit bei. Die Dörfer lagen entlang des Mississippi im petrochemischen Korridor zwischen Baton Rouge und New Orleans, einem Gebiet, in der bis 1865 Plantagensklaverei vorgeherrscht hatte. Hier wohnten viele Nachfahren der ehemali‐ gen Sklaven und Sklavinnen. Seit 1945 verwandelte sich dieses Gebiet zu einer von Dutzenden von Chemie- und Kunststofffabriken, Raffinerien und Giftmülldeponien geprägten Industriezone, die durch starke Emissionen Mensch und Umwelt schädigten. Aufmerksame Beobachter beschrieben diese von entfesselter Industrieproduktion verheerte Landschaft als eine „cancer alley“, ja als eine „national sacrifice zone“ (Maraniss und Weisskopf 1987). Allerdings geschah politisch wenig, um die dort lebenden Menschen vor den gesundheitsschädigenden Industriepraktiken wirksam zu schützen. UN-Experten forderten im März 2021, den tödlichen Umweltrassismus in der „Krebsallee“ am Mississippi endlich zu beenden (United Nations Human Rights 2021). Während der politische Wille fehlte, nahmen sich Umweltinitiativen und die Wis‐ senschaft des Problems früh an. Dabei spielte der bereits erwähnte Umweltsoziologe Robert D. Bullard eine führende Rolle. In seiner Pionierstudie „Dumping in Dixie. Race, Class, and Environmental Quality“ (1990) zeigte er an Fallstudien aus dem Süden der USA auf, dass People of Color und sozial abgehängte Weiße einen überdurchschnittlich hohen Anteil an den nationalen Umweltlasten trugen, weil in der Nähe ihrer Wohnorte regelmäßig Mülldeponien angesiedelt wurden. Hervorgegangen war die Studie aus den Recherchen zu einer Sammelklage gegen eine Mülldeponie in Houston. Die Anlage war in einer Gegend geplant, in der zu 82 Prozent African Americans lebten. Bullard konnte nachweisen, dass sich in dieser Standortwahl ein Muster zeigte (Bullard 2000, XIV f.). Nur ein Jahr später wurde der First People of Color Environmental Leadership Summit, der vom 24. bis 27. Oktober 1991 in Washington, D.C. tagte, zu einem Schlüs‐ selereignis in der Geschichte der sich formierenden Umweltgerechtigkeitsbewegung. An diesem Umweltgipfel nahmen mehr als 1.100 People of Color aus allen 50 US-Bun‐ desstaaten sowie aus Puerto Rico, den Marshall Islands, Kanada, Mexiko und Chile teil. Im Unterschied zu den traditionellen weißen Naturschutzorganisationen verstanden die versammelten African Americans, Latinx, American Indians, Pacific Islanders und Asian Americans unter „Umwelt“ nicht unberührte Landschaften und Nationalparks, sondern just jene Gegenden, in denen sie lebten oder zu wohnen gezwungen waren (Gottlieb 2005, 31-34). Etliche Betroffene berichteten von haarsträubenden Erfahrun‐ gen, denen ihre Gemeinschaften durch menschengemachte Umweltlasten ausgesetzt worden waren. Selbstbewusst proklamierten sie: 484 38 Umweltrassismus <?page no="485"?> WE, THE PEOPLE OF COLOR, gathered together … to begin to build a national and international movement of all peoples of color to fight the destruction and taking of our lands and communities, do hereby re-establish our spiritual interdependence to the sacredness of our Mother Earth; to respect and celebrate each of our cultures, languages and beliefs about the natural world and our roles in healing ourselves; to insure environmental justice; to promote economic alternatives which would contribute to the development of environmentally safe livelihoods; and, to secure our political, economic and cultural liberation that has been denied for over 500 years of colonization and oppression, resulting in the poisoning of our communities and land and the genocide of our peoples (The Principles 1991). Als Konsequenz aus ihren Beratungen beschlossen die Teilnehmer: innen schließlich 17 Prinzipien der Umweltgerechtigkeit. Diese forderten eine nachhaltige Zukunft für alle Menschen und Lebewesen auf dem Globus ein, unter anderem einen verantwortlichen Umgang mit Land und erneuerbaren Ressourcen sowie einen universellen Schutz vor Umweltzerstörungen, nuklearer und chemischer Verseuchung. Dafür müsse ein fundamentales Recht auf politische, ökonomische, kulturelle und umgebungsbedingte Selbstbestimmung für alle Völker respektiert werden, damit diese eine Kontrolle über alle zentralen Entscheidungen bekommen, die ihre Lebensräume und Existenz direkt betreffen (The Principles 1991). Seit den frühen 1990er Jahren verstärkten insbesondere African Americans und First Peoples ihren Widerstand gegen Umweltungerechtigkeit (Mattioli 2023). Trotz spektakulärer Teilerfolge sind sie in den USA, wo die Rechte seit der Ära von US-Präsident Ronald Reagan mit einer Agenda des „anti-environmen‐ talism“ mobil machte, nach wie vor weit von wirklicher Umweltselbstbestimmung entfernt (Müller 2023). So stieg Umweltrassismus in den USA des Kalten Krieges zu einem allgegenwärtigen Phänomen auf. Unglücke wie die Havarie des Öltankers „Exxon Valdez“ vor der Küste Alaskas (1989) oder die Explosion auf der Ölplattform Deep Water Horizon im Golf von Mexiko (2010), insbesondere aber industrielle, extraktive, Sondermüll beseitigende oder militärische Aktivitäten kontaminierten viele Landstriche, Grund‐ wasserreservoirs, Meeresbuchten, Seen und Flüsse - einige so schwer, dass Ökosysteme erheblich und langfristig geschädigt wurden. Bislang existiert keine alle Regionen und ethnischen Gruppen gleichermaßen berücksichtigende Gesamtgeschichte, die das Thema wissenschaftlich überzeugend behandelt. Ausgehend von exemplarischen Fällen wie Diamond in der „Cancer Alley“ oder der 2014 beginnenden Trinkwasserkrise in Flint, Michigan wird Umweltungerechtigkeit in der Forschungsliteratur häufig an Fällen dargestellt, in denen African Americans die Hauptbetroffenen waren und sind (Lerner 2005; Clark 2019). Dieser Beitrag schlägt einen anderen Weg ein. Er thematisiert Umweltrassismus am Beispiel der besonders vulnerablen First Peoples und konzentriert sich dabei auf das Anthropozän. 38 Umweltrassismus 485 <?page no="486"?> Erläuterung | Anthropozän: Die Bezeichnung Anthropozän umschreibt das ge‐ ologische Zeitalter, während dem die Menschheit zum dominierenden Faktor im Erdsystem wurde, weil ihre Zivilisation in den Oberflächenschichten des blauen Planeten erstmals unauslöschliche Spuren hinterließ. Das „Erdzeitalter des Menschen“ ist durch menschengemachte Umweltschäden (wie die Abholzung der Regenwälder, die nukleare Verstrahlung ganzer Landstriche und den Plastikmüll in den Weltmeeren), aber auch durch massiven CO2-Ausstoss verursachten Kli‐ mawandel geprägt. Das Anthropozän setzte um 1945 ein - mit dem Beginn des Atomzeitalters, dem Ölboom und dem globalen Massenkonsum. Umweltrassismus im „Indian Country“ Vom einstigen Alleinbesitz des Kontinents sind den First Peoples rund 2,3 Prozent des US-Territoriums verblieben (Frantz 1995, 47). Heute umfasst das sogenannte „Indian Country“ in den USA die Gebiete aller 326 Reservationen und schließt 574 tribale Nationen ein. Mehrheitlich liegen die Reservationen im Westen des Landes sowie im Bundestaat Alaska - meistens in abgelegenen ländlichen Gebieten fernab der Großstädte. Während des 19. Jahrhundert legten die Bundesbehörden sie überwiegend in wenig fruchtbaren Gebieten („badlands“) an, an denen die in den Westen drängenden Siedler kein Interesse zeigten. Bezeichnenderweise befinden sich fast 40 Prozent der mehr als 1.300 gelisteten Superfund-Stätten und damit etliche der am schwersten kontaminierten Zonen im „Indian Country“ oder in dessen Nähe ( Johansen 2020, 7, 219). Nachfolgend können nur die wichtigsten Typen von Umweltungerechtigkeit benannt werden. Sie werden kursiv hervorgehoben. Viele von Amerikas Superfund-Stätten bilden nicht nur ökologische Verwüstungs‐ zonen; sie sind Orte, in denen sich menschliche Tragödien abspielen. Schweren Schaden zugefügt hat vielen American Indians die entfesselte Bergbautätigkeit an der „mining frontier“. Ausgerechnet auf dem oft kargen Reservationsland, an dem die Siedler während der Westexpansion der USA kaum Interesse gezeigt hatten, fanden sich im 20. Jahrhundert reiche Lagerstätten an Bodenschätzen, die neues Ungemach über die First Peoples brachten. Das „Indian Country“ ist reich an natürlichen Rohstof‐ fen wie Blei, Zink, Kupfer, Kohle, Öl, Gas und Uran, die zunehmend ökonomische Begehrlichkeiten weckten. Gezielt sorgte der Indian Mineral Leasing Act von 1938 dafür, dass private Unternehmen die auf Indigenen Territorien liegenden Bodenschätze fast ungehindert von staatlichen Auflagen und ohne Rücksichten auf die Umwelt profitabel ausbeuten konnten. Donald L. Fixico spricht in diesem Kontext von einer durch kapitalistische Gier motivierten „Invasion ins Indian Country“ (Fixico 2012, XIX). Eine der schlimmsten Superfund-Stätten ist Tar Creek, ein etwa 100 Quadratkilo‐ meter großes Gebiet in der Nordostecke des Bundesstaates Oklahoma. Mehr als ein halbes Jahrhundert war die Gegend um die Städte Picher und Cardin eines der weltweit größten Zentren für Blei- und Zinkabbau. Bis um 1970 förderten Firmen hier Unmengen 486 38 Umweltrassismus <?page no="487"?> an Schwermetallen. Überall trieben die Betreiber Schächte in den Untergrund und häuften riesige Halden von Geröll an. Aus zahlreichen Bohrlöchern sickerte ein Cocktail hochtoxischer Substanzen in Grundwasser und Flüsse; Winde bliesen giftige Partikel aus den unversiegelten Schutthalten über das Land, da und dort senkte sich der extrem unterminierte Boden ab. Picher, Cardin und die angrenzende Quapaw Nation bezahlten einen hohen Preis. Etliche Erwachsene und Kinder erkrankten an Bleivergiftungen. Landwirtschaft war und ist in der Gegend nicht mehr möglich. Alle Bewohner: innen mussten Picher und Cardin schließlich ab 2009 verlassen, weil die Siedlungen und ihre Umgebungen zu stark kontaminiert sind. Heute sind sie als Geisterstädte Symbole eines desaströsen Bergbaus. Obschon die Schadensbeseitigung des Superfund im Gebiet schon seit 40 Jahren anhält, kämpft die Quapaw Nation noch heute dafür, dass der kontaminierte Grund in ihrer Reservation abgetragen und sachgerecht entsorgt wird. Wenn dies überhaupt gelingen kann, wird die Sanierung noch Jahrzehnte in Anspruch nehmen. Tar Creek ist ein extremes Beispiel, aber im Indian Country kein Einzelfall ( Johnson 2017). Nicht nur afroamerikanische Gemeinschaften erleben immer wieder, dass Sonder‐ mülldeponien in ihrer unmittelbaren Umgebung angesiedelt werden. Ein ähnliches Muster zeigt sich auch in oder nahe von Reservationen. Politik und Wirtschaft ersahen diese Orte oft dazu aus, um Sondermüll aus Industriebetrieben, der an entfernten Produktionsstätten anfiel, billig und zuweilen sogar wild zu entsorgen. Eine eigentliche Umweltkatastrophe erlitt die Saint Regis Mohawkbeziehungsweise Akwesasne Mohawk-Reservation, die zu beiden Ufern des St. Lorenz-Stroms zugleich auf US-amerikanischen und kanadischem Territorium liegt. Ihre mehr als 12.400 Bewohner: innen nennen ihr Gebiet Akwesasne, was auf Mohawk so viel heißt wie „Land, wo das Rebhuhn trommelt“. Die traditionelle Mohawk-Ökonomie basierte auf Fischfang, Jagd und Ackerbau. In den späten 1950er Jahren siedelten sich in Massena, New York - angezogen durch das Versprechen billigen Stroms - etliche Unternehmen wie General Motors, Alcoa Corporation und Reynold Metals an, um Aluminium zu gießen. Bei der Produktion fielen Unmengen von PCBs, Fluoriden und Cyaniden an (Hoover 2017, 2 f.). Viele Jahre lang leitete General Motors mit PCBs versetzte Brühen in Rückhaltebe‐ cken, deren Inhalte sich teilweise in den Sankt-Lorenz-Strom, den Raquette River und den Turtle Creek ergossen, oder lagerten sie außerhalb des Firmengeländes in zwei Deponien ein - bis 1986 ohne staatliche Genehmigung. Die hochtoxischen Substanzen kontaminierten nicht nur Erdboden, Grundwasser und Flüsse, sondern gelangten auch in die Nahrungskette (Hoover 2017, 81 f.). Akwesasne, dieses einstige Land der Naturwunder, verwandelte sich in eine der am schlimmsten kontaminierten Reservationen in Kanada und den USA ( Johansen 2020, 196). Insbesondere die PCBs zerstörten den traditionellen Lebensstil der Mohwak und bewirkten in Akwesasne eine Gesundheitskrise. Besorgniserregende PCB-Konzentrationen wurden nicht nur in Fischen, Beluga-Walen und Vögeln gefunden, sondern auch in der Milch stillender Mütter. In der Reservation wurde und wird die höchst fahrlässige PCB-Exposition als 38 Umweltrassismus 487 <?page no="488"?> neuerlicher Angriff auf Land, Leben und Zukunft der Mohawk gesehen (LaDuke 2015, 18-20). Obwohl die Sondermülldeponien und die verseuchten Flüsse seit 1984 auf der nationalen Superfund-Prioritätsliste stehen, sind längst nicht alle Schäden vollständig beseitigt. Wie andere Indigene Völker in anderen Weltgegenden erlebten in Nordamerika manche First Peoples das Atomzeitalter aus einer exponierten Lage, standen sie doch, wie es die Indigene Aktivistin Winona LaDuke einmal ausdrückte, „am Anfang und am Ende der nuklearen Kette“. Ob beim industriellen Uranabbau, der Gewinnung von Uranoxid („Yellowcake“) in spezialisierten Mühlen, der Herstellung von Plutonium, den Kernwaffentests oder der Einrichtung von Zwischenlagerstätten für Nuklearabfälle - stets gehörten sie in der militärischen wie zivilen Nutzung der Atomkraft zu den Hauptbetroffenen (Nuclear Free Future Foundation 2022, 7-13). Seit ihrer militärischen Unterwerfung und Konzentration in Reservationen lebten die First Peoples in internen Kolonien der USA, in Gebieten, die in den „mental maps“ der weißen Entscheidungsträ‐ ger oft als wertlose Öd- und Brachländer („wastelands“) figurierten, auf deren Umwelt und Bewohner: innen keine Rücksicht genommen werden musste. Der „Wasteland‐ ing“-Diskurs war eine zentrale Komponente im gegen American Indians gerichteten Umweltrassismus; er öffnete umweltzerstörerischen Praktiken durch Bergbaufirmen, Müllentsorger und Militär Tür und Tor (Voyles 2015, 8 f.). Der erste Uranboom entwickelte sich im Kontext des geheimen Manhattan-Projekts, das sich seit Oktober 1941 dem Ziel verschrieb, die USA als erste Nation in den Besitz der Atombombe zu bringen. In Los Alamos, New Mexico - nahe der Tewa-Pueblos Santa Clara und Ildefonso - wurde die erste Bombe entwickelt und schließlich in der Wüste White Sands auf ehemaligem Land der Mescalero Apache am 16. Juli 1945 getestet (Nuclear Free Future Foundation 2022, 18 f.). Der radioaktive Fallout des Trinity-Tests ging über abgelegenen Gemeinden nieder, in denen arme hispanische und Indigene Bauernfamilien lebten, und ließ nach Jahren etliche dieser Menschen an Krebs erkranken und sterben (Gómez 2022, 88, 97 f.) Für die Historikerin Myrriah Gómez kommt darin nuklearer Kolonialismus zum Ausdruck (ebd., 5). Von außen aufgezwungen war den First Peoples auch die Uranwirtschaft während des Kalten Krieges. Rund 90 Prozent des gesamten Uranabbaus, und der Gewinnung von „Yellowcake“ in Uranmühlen erfolgte im „Indian Country“ oder in dessen Nähe (Kuletz 1998, 21). Bis in die 1980er Jahre stammte ein Großteil des im Inland geförderten Uranerzes aus der Four-Corner-Region im Südwesten sowie aus den Black Hills. Ein anderer Hot Spot des Uranbergbaus war die Mitnite Mine im Bundestaat Washington, in der Reservation der Spokane gelegen, die sich selber „Children of the Sun“ nennen. Nach und nach entstanden in den Abbaugebieten Hunderte von kleinen oder großen Minen, die American Indians teils schlecht bezahlte Arbeitsplätze brachten. Rasch türmten sich vor deren Eingängen riesige Schutthalden mit radioaktiven Gesteins‐ resten und Staubpartikeln, die Wind und Regen in die Umwelt verteilten oder in das Grundwasser sickern ließen. Ungenügend über die Gefahren dieser boomenden Industrie informiert und in den Schächten oft ohne besondere Schutzvorkehrungen 488 38 Umweltrassismus <?page no="489"?> vor Radon-Gas arbeitend, starben Hunderte von Navajos, Laguna, Lakota, Spokane und anderen American Indians an Krebs, Nierenversagen und Autoimmunerkrankungen oder kamen mit Geburtsdefekten oder tot zur Welt ( Johansen 2023, 37 f.). Umweltrassismus war auch in der größten zivilen Freisetzung von Radioaktivität in den USA im Spiel. In der Uranabbauregion, um Church Rock, New Mexiko ereignete sich am 16. Juli 1979 - nur wenige Wochen nach der partiellen Kernschmelze im Atom‐ kraftwerk von Three Mile Island - der bislang schwerste zivile Nuklearunfall in den USA. Ein Dammbruch in einem mit radioaktiven Schlacken gefüllten Rückhaltebecken der United Nuclear Corporation, die dort seit 1976 eine Uranmühle betrieb, spülte 360 Millionen Liter hochtoxische Abwässer und 1100 Tonnen feste radioaktive Rückstände in den Puerco River, der für Tausende von Menschen, darunter für viele Navajo, die Hauptwasserquelle bildet. Trotz der Ausmaße der Umweltkatastrophe riefen die zu‐ ständigen Behörden keinen Notstand aus, organisierten keine Evakuationen, verfügten nur oberflächliche Aufräumarbeiten und brachten kein umfassendes Hilfsprogramm auf den Weg. Im Unterschied zur Beinahe-Katastrophe von Three Mile Island machte der verheerende Nuklearunfall von Church Rock keine nationalen Schlagzeilen, weil er sich in einer national sacrifice zone (zu Deutsch „nationale Opfelzone“) ereignet hatte, in der viele Indigene und Hispanics lebten (Mattioli 2023, 271 f.). Erläuterung | „National sacrifice zones“: Kritisch gewendet tauchte der Begriff „national sacrifice zones“ erstmals nach der Ölkrise von 1973 auf - in Studien, Zeitungsartikeln und Indigenen Stellungnahmen. Seit US-Präsident Richard Nixon das „Project Independence“ lancierte, das sich die Energieautarkie der USA auf die Fahnen schrieb, gaben Zeitgenossen ihrer Befürchtung Ausdruck, dass der amerikanische Westen durch Energiekonzerne und Atomkraftwerke in eine öko‐ logische Verwüstungszone verwandelt werden könnte - wie zuvor schon Teile der Appalachen durch das aggressive „mountaintop removal mining“ (Lerner 2012, 2 f. und Juskus 2023, 6 ff.). In eine national sacrifice zone avant la lettre hatte sich das Gelände um die Plutoni‐ umfabrik in Hanford verwandelt, die 1943 im Kontext des streng geheimen Manhat‐ tan-Projekts in einer abgeschiedenen Gegend des Bundesstaates Washington in Betrieb ging. Das für den Trinity-Test und die über Nagasaki abgeworfene Atombombe benö‐ tigte Plutonium wurde in Hanford angereichert. Während des atomaren Wettrüstens im Kalten Krieg stellten die USA hier einen großen Teil ihres für Kernwaffen benötigten Plutoniums her - mit verheerenden Konsequenzen, gehört die 1450 Quadratkilometer große Hanford Site heute doch zu den am stärksten radioaktiv verstrahlten Gebieten der ganzen Welt (Frank 2022, 1). Durch eine Entscheidung der US-Regierung entstand der Komplex auf Reservationsland der Yakama und Umatilla entlang des Columbia River, der eine bedeutende Rolle in ihrer Subsistenzwirtschaft spielte. Ohne deren Einverständnis siedelte die US-Regierung die Wanapum („River People“) um, die 38 Umweltrassismus 489 <?page no="490"?> sie nicht oder nur unter Wert für den Verlust ihres Besitzes entschädigte. Nach ihrem Wegzug wurde die Hanford Site zu einem militärischen Sperrgebiet erklärt, was es den Indigenen verunmöglichte, im Columbia River weiter zu fischen und im Umland zu jagen. Auf dem Gelände der Hanford Site waren neun Reaktoren in Betrieb, die bis 1988 unter Hochdruck waffenfähiges Plutonium produzierten. Dabei fielen Unmengen von radioaktivem Material und kontaminierten Flüssigschlacken an. Letztere wurden in 177 unterirdische Kavernen eingelassen, gleich direkt ins Erdreich gepumpt oder bis 1971 in den Columbia River „entsorgt“, mit Konsequenzen für Leben und Gesundheit der flussabwärts lebenden Yakama, Umatilla, Nez Perce und anderer Indigenen Nationen. Aus Dutzenden von undichten Kavernen sickerten Tausende von Kubikmetern hochradioaktiver Schlacken ins Erdreich. Bis heute werden in Hanford überdies riesige Mengen von Nuklearabfällen zwischengelagert - so viel wie nirgendwo sonst in den USA. Die Umweltschäden sind teils so gravierend, dass sie in den nächsten Jahrhunderten kaum gutzumachen sind. Denn die Halbwertszeit von Plutonium 239 beträgt 24.110 Jahre (Findley und Hevley 2011; Frank 2022). Vor dem Hintergrund der Blockkonfrontation mit der Sowjetunion und einer rein militärisch gedachten Sicherheitsdoktrin setzten die USA in ihren 1054 Kernwaffen‐ tests Lebensräume und Gesundheit der Bewohner: innen der Marshall Islands und einiger First Peoples besonders fahrlässig radioaktiver Verstrahlung aus. Gleich ver‐ fuhren die Franzosen bei ihren 210 Kernwaffenversuchen in der algerischen Sahara und im Südpazifik (Mururoa, Fangataufa) sowie die Briten bei ihren 45 Tests in Australien (Montebello Islands, Emu Field, Maralinga), im Zentralpazifik (Malden Island, Kiritimati) und in den USA (Nevada Test Site). Nach den beiden Atombombe‐ nabwürfen über Hiroshima und Nagasaki führten die USA zwischen 1946 und 1958 67 atmosphärische Atomtests auf den Marshall Islands (23 auf dem Bikini- und 44 auf Eniwetok- Atoll) durch, die sie 1944 von den Japanern befreit hatten. Auf halbem Weg zwischen Hawaii und Australien liegend, lebten die 52.000 Insulaner bis zum Beginn des Kernwaffenzeitalters in einem Naturparadies. Auf dem Bikini-Atoll ließen die USA am 1. März 1954 im Castle-Bravo-Test eine gewaltige Wasserstoffbombe hochgehen. Der stärkste von ihnen je durchgeführte Nukleartest pulverisierte mehrere kleine Inseln, kontaminierte ein riesiges Gebiet im Zentralpazifik und setzte Menschen auf den Atollen Rongelap und Rongelik und die Mannschaft eines japanischen Fischkutters viel zu hohen Strahlendosen aus. Vor dem Test waren die Insulaner weder über die Gefahren aufgeklärt worden noch wurden sie um eine informierte Zustimmung gefragt oder vorsorglich evakuiert. Bis 1958 brachten die USA auf den Marshall Islands Atomwaffen von 108 Megatonnen Sprengkraft zur Explosion. Das entspricht der gleichen Sprengkraft, wie wenn sie 19 Jahre lang täglich eine Hiroshima-Bombe gezündet hätten. Durch den Testwahnsinn wurden die östlichen Teile der Marshall Islands und die sie umgebenden maritimen Ökosysteme intensiv radioaktiv verstrahlt und für lange Zeit unbewohnbar gemacht - zum langfristigen Schaden der dort lebenden Menschen. Manche von ihnen erkrankten sofort oder starben Jahre danach an den unfreiwillig aufgenommenen Strahlendosen. 490 38 Umweltrassismus <?page no="491"?> Außerdem mussten Hunderte von ihnen, die häufig nicht wussten, was Radioaktivität ist, ihre Heimatinseln verlassen, weil sich diese durch die Tests in strahlende Höllen verwandelt hatten (Parsons und Zaballa 2017, 2, 73-75). Unter anderem auf dem Land der Western Shoshone, von diesen selber „Newe Segobia“ („People’s Earth Mother“) genannt, richtete die Regierung von Präsident Harry S. Truman 1950 die Nevada Test Site ein. Hier hatten die Western Shoshone gejagt und gesammelt. Hier fanden sich ihre heiligen Stätten, Kultplätze und Gräber. Jetzt mussten 100 Western-Shoshone-Familien die Nevada Test Site verlassen, während andere und die Southern Paiute in ihrer Nähe wohnen bleiben konnten. Auf dem 3500 Quadratkilometer großen Gelände, das gut 100 Kilometer nordwestlich von Las Vegas entfernt liegt, kamen von 1951 bis 1992 mindestens 928 Atomtests zur Durchführung. Bis 1963 fanden 120 von ihnen überirdisch statt. In Windrichtung („downwind“) lagen unter anderem etliche Siedlungen der Western Shoshone und Southern Paiute, so dass die Atomtests diese Indigenen Nationen durch den niedergehenden Fallout überdurchschnittlich stark in Mitleidenschaft zogen ( Johansen 2020, 260 f.). Zur ganzen Wahrheit gehört, dass auch marginalisierte Mormonen-Gemeinden und andere Weiße in den Bundesstaaten Nevada, Utah und Arizona durch den radioaktiven Niederschlag überhöhte Strahlendosen abbekamen. Im ganzen Gebiet stiegen die Krebsraten und Geburtsfehler bei Neugeborenen seit den 1950er Jahren stark an und blieben erheblich erhöht, als die überirdischen Tests längst der Vergangenheit angehörten (Rice 2023, 89 f., 178). Nicht bloß die U.S. Army ging im frühen Atomzeitalter höchst fahrlässig mit der von der Radioaktivität ausgehenden Gefahren für Mensch und Umwelt um. Für eine Serie von wissenschaftlichen Experimenten ließ die U.S. Atom Energy Commission 1962 radioaktiv kontaminierte Erde von der Nevada Test Site nach Cape Thompson im nordwestlichen Alaska transportieren und dort in zwölf unmarkierten Gruben einlagern. In einem Freilandversuch wollten Wissenschaftler beobachten, wie sich Radioaktivität unter arktischen Bedingungen verhält und sich radioaktive Partikel durch Grund und Wasser bewegen. Sie erhofften sich dadurch Aufschlüsse für die „friedliche Nutzung“ der Atomenergie. Der Versuch erfolgte ohne Wissen der in der Nähe lebenden Inupiat, die im Gebiet um Cape Thompson seit jeher fischten und Karibus jagten. Mit Wissenschaftlern und Aktivisten hatten sie gerade erfolgreich das „Project Chariot“ verhindert, mit dem das US Department of Energy in Cape Thompson mit fünf Wasserstoffbomben einen künstlichen Hafen sprengen wollte, um in diesem im eisfreien Sommer im Inneren Alaskas geförderte Kohle auf Frachtschiffe zu verladen. Erst 1992 erfuhren die Inupiat, dass sie als „Versuchskaninchen“ gedient hatten. Jetzt konnten sie sich ihre steil angestiegenen Zahlen an Krebserkrankungen erklären (O’Neill 1994, 302-06). 38 Umweltrassismus 491 <?page no="492"?> Fazit Im Interesse der „nationalen Sicherheit“ und im Namen des „American Way of Life“ nahm eine Mehrzahl der US-Bundespolitiker bis in die frühen 1970er Jahre ökologische und menschliche „Kollateralschäden“ durch Atom- und Chemieindustrie, Bergbau, Sondermüllbeseitigung, wissenschaftliche Freilandversuche und Militär billigend in Kauf. In- und außerhalb des US-Territoriums richteten unterschiedliche Akteursgrup‐ pen massive und dauerhafte Umweltzerstörungen an, die in ihrem Ausmaß historisch beispiellos waren. Nicht von ungefähr prägte der Biologe Arthur W. Galston 1970 den Begriff „Ökozid“ im Zusammenhang mit der schon in der Zeit selber kontrovers beurteilten Operation Ranch Hand (1962-1971) im Vietnamkrieg (Zierler 2011, 15 f.). Als die US-Luftwaffe in Vietnam und im Grenzgebiet zu Laos und Kambodscha enorme Mengen von hochtoxischen Entlaubungsmitteln wie Agent Orange versprühte, um die Rückzugsorte des Vietcongs und Ernten zu zerstören, schädigten sie die Umwelt und die dort lebenden Menschen mit Auswirkungen bis heute. Trotz des milliardenschweren Superfund-Programms sind einige der während des Anthropozäns angerichteten Ökozide in den USA nicht mehr oder erst in Jahrhunderten zu beheben. Unter diesem Albtraum litten und leiden die Schwächsten in der US-Gesellschaft am stärksten, darunter überdurchschnittlich viele People of Color. Für Kritik und Hinweise danke ich Rachel Huber, Norbert Finzsch und Brigitte Baur. Literatur Belkhir, Jean Ait und Christiane Charlemaine. 2007. „Race, Gender and Class Lessons from Hurricane Katrina.“ Race, Gender & Class Journal 14: 120-52. Bullard, Robert D. 2000. Dumping in Dixie. Race, Class and Environmental Quality. Boulder: Westview Press. Clark, Anna. 2019. 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Das Kapitel skizziert unter Einbezug der jüngeren historischen Forschung die Konjunkturen des abolitionistischen Protests in Nordamerika von der Kolonialzeit bis zum US-amerikanischen Bürgerkrieg. Es diskutiert die Möglichkeiten und Grenzen antirassistischer und multiethnischer Kooperation im Kampf gegen die Sklaverei und beleuchtet die anhaltenden ge‐ schichtspolitischen Debatten über den Umgang mit dem abolitionistischen Erbe. Auf einer Kupfermedaille kniet ein Schwarzer Mann und reckt die gefalteten Hände flehend in den Himmel. Er ist halbnackt und in Ketten, nur mit einem Lendenschurz bekleidet. Kreisförmig prangen um die Abbildung herum Buchstaben, die zusammen einen flammenden Appell ergeben: „Am I Not a Man and a Brother? “ Ursprünglich war die 1787 vom englischen Töpfermeister Josiah Wedgwood entworfene Medaille als Sig‐ num für das britische Komitee zur Abschaffung des Sklavenhandels gedacht; doch die Darstellung verbreitete sich so rasant, dass sie in wenigen Jahren zum Erkennungszei‐ chen einer der einflussreichsten und nachhaltigsten Protestbewegungen der Moderne wurde. In der liberalen weißen Erinnerungskultur steht Wedgwoods Medaille für das Bekenntnis zu den Prinzipien der Humanität und Nächstenliebe. Der brüderliche Appell symbolisiert für viele den Aufschrei des Gewissens einer menschenrechtlichen Avantgarde in einer Zeit, in der der transatlantische Sklavenhandel Schwarze Frauen, Männer und Kinder millionenfach zur Ware degradierte. Gegen diese Lesart stemmt sich inzwischen eine kritische Rezeption, die im Zuge der Black-Lives-Matter-Proteste an Fahrt gewonnen hat. Postkoloniale und antirassistische Interpretationen werfen ein grelles Schlaglicht auf den sentimentalisierten Paternalismus, der die Ikonographie des weißen Abolitionismus durchzieht. Wo versklavte Menschen kniend und bettelnd abgebildet werden, werden weiße Hilfsbereitschaft verklärt und Schwarze Menschen ihrer historischen Wirkmächtigkeit beraubt (vgl. Stewart 1996, Sinha 2016, und Jackson 2020). Der Disput um die Bedeutung von Wedgwoods Medaille ist besonders aufschluss‐ reich, weil er zahlreiche Kontroversen bündelt, die die historische Abolitionismus‐ forschung über Jahrzehnte begleitet haben. Die einzelnen Diskussionsstränge zusam‐ <?page no="498"?> menzubinden ist keine einfache Aufgabe. Sie wird dadurch erschwert, dass sich die Bewertungsparameter immer wieder verschoben haben. Dennoch schärft schon eine kursorische Betrachtung des Gegenstands den Blick für drei zentrale Debattenfelder, die in diesem Beitrag näher beleuchtet werden. Zunächst erstaunt, wie unterschiedlich Antworten auf die grundsätzliche Frage, wer die Abolitionist: innen waren (und wer als solche/ r galt) ausfallen können. Der erste Teil dieses Kapitels beschäftigt sich daher mit der sozialen und geografischen Reichweite des Abolitionismus. Der zweite Teil beschreibt die anhaltenden Debatten um die Signifikanz verschiedener Widerstands‐ praktiken, die vom zivilen Ungehorsam weißer bürgerlicher Intellektueller bis zum bewaffneten Kampf Schwarzer Aufständischer reichten. Dass solche Auseinanderset‐ zungen stets in die Gesellschaft hineingewirkt haben, verdeutlicht der dritte Teil. Er zeigt, dass die Frage, wer für sich beansprucht, das Erbe des Abolitionismus korrekt einzuordnen und zu verwalten, immer eine zutiefst politische war. Dieser Kampf um die Deutungshoheit, mit all seinen konkurrierenden Bezugsrahmen und ideologischen Vereinnahmungen, hat in den vergangenen Jahren nichts an Brisanz verloren. Im Gegenteil. Wer waren die Abolitionist: innen? Bereits die Anfänge des Abolitionismus in Nordamerika sind umstritten. In der anglozentrischen Forschung herrschte lange Zeit Konsens darüber, dass die Wurzeln der organisierten Gegnerschaft zur atlantischen Sklaverei bei den protestantischen Dissentern des britischen Kolonialreichs zu finden sind. Gerade unter den Quäkern und Anabaptisten Pennsylvaniens mehrten sich seit dem späten 17. Jahrhundert kritische Stimmen; eine 1688 von der Quäkergemeinde in Germantown verabschiedete Resolution gilt vielen als Ursprung der Bewegung (Davis 2008, 126). Neben London stieg im 18. Jahrhundert Philadelphia zu einem bedeutenden Zentrum des weißen Abolitionismus auf. Radikale Protestanten wie John Woolman, Benjamin Lay und der aus Frankreich stammende Anthony Benezet prangerten die Sklaverei als unvereinbar mit dem christlichen Glauben an und agitierten als Teil eines britisch-amerikanischen Netzwerks für deren Abschaffung im gesamten Empire. Auch wenn dieses Ziel nicht erreicht wurde, legte die Öffentlichkeitsarbeit der Aktivist: innen aus der protestanti‐ schen Mittelschicht die Grundlagen für das gesetzliche Verbot des transatlantischen Sklavenhandels, das 1808 sowohl in Großbritannien als auch in den neu gegründeten USA in Kraft trat. Ob aufklärerischer Republikanismus und christliche Tugendlehre die beiden Grund‐ pfeiler des Abolitionismus bildeten, erscheint allerdings fraglich, sobald der Akteurs‐ kreis über das Milieu der weißen evangelikalen Siedler: innen hinaus erweitert wird. Historiker: innen, die den African American Studies nahestehen, plädieren spätestens seit der Veröffentlichung von Benjamin Quarles bahnbrechender Monografie Black Abolitionists (1969) für einen Perspektivwechsel, der den Selbstbefreiungskampf der Versklavten und ihrer Nachkommen in den Vordergrund rückt. Die größte Leistung 498 39 Abolitionismus <?page no="499"?> dieser afrozentrischen Gegenerzählung liegt darin, dass sie aus den Erfahrungswelten der Versklavten heraus einen revolutionären Abolitionismus rekonstruiert, der bis in die Anfangszeit der europäischen Kolonisierung Amerikas zurückreicht. Offene Rebellionen und bewaffnete Aufstände rückten ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Ein Ergebnis war die Rehabilitierung der Haitianischen Revolution (1791-1804) als ein genuiner Befreiungskampf versklavter Arbeiter: innen in der französischen Zuckerko‐ lonie Saint-Domingue, denen weiße Rassisten die Fähigkeit zur politischen Willensbil‐ dung abgesprochen hatten (Geggus 2020, ix). Schrittweise gerieten auch alltäglichere Formen des Widerstands in den Blick. Diese erstreckten sich von Sabotagepraktiken auf Plantagen und dem Vortäuschen von Krankheiten bis hin zur Flucht oder gar des Suizids, des wohl extremsten Aktes der Verweigerung (→ Kapitel Sklaverei und Sklavenhandel). Doch war es nicht nur der Freiheitswille der Versklavten, der den Abolitionismus befeuerte. Die Emanzipationsbestrebungen der freien Schwarzen Bevölkerung Nord‐ amerikas entfalteten ebenfalls eine lange unterschätzte Transformationskraft. Für Manisha Sinha, die mit The Slave’s Cause (2016) ein neues Standardwerk der Bewe‐ gung schrieb, steht fest, dass ohne den Mut und die Kompromisslosigkeit Schwarzer Aktivist: innen wie David Walker, Sojourner Truth oder Frederick Douglass der aboli‐ tionistische Protest in den 1830er Jahren keine so breite Dynamik entfaltet hätte. Af‐ roamerikanische Kirchen, Zeitungen, Kongresse und nicht zuletzt die Aktivitäten der Underground Railroad, eines Verbunds geheimer Schleusernetzwerke, die Versklavte zur Flucht in den Norden verhalfen, läuteten eine intensivere Phase der Auflehnung gegen die von weißen Südstaatler: innen als peculiar institution verniedlichte Sklaverei ein. Im Zusammenspiel mit einer neuen Generation weißer, in den protestantischen Erweckungsbewegungen der 1820er Jahre sozialisierter Reformer: innen entstanden im US-amerikanischen Nordosten und vereinzelt auch im Mittleren Westen eine Reihe von Anti-Slavery Societies, die für ihre Zeit beachtliche Koalitionen zwischen weißen und Schwarzen Sklavereigegner: innen hervorbrachten. Dass Rassengrenzen in der Bewegung überschritten wurden, darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass selbsternannte weiße Philanthrop: innen ihre Schwarzen Mitstreiter: innen selten als ebenbürtig ansahen. Zu stark herrschte auch in der abolitionistischen Öffentlichkeit um die Jahrhundertmitte die rassistische Überzeugung vor, dass sich die Afroamerika‐ ner: innen dem Führungsanspruch ihrer weißen Mentor: innen unterzuordnen hätten. Erläuterung | So engagiert, leidenschaftlich und vielgestaltig der abolitionisti‐ sche Protest auch war, setzten sich nur wenige Aktivist: innen für die volle rechtliche Gleichstellung der Afroamerikaner: innen ein. Sklavereigegnerschaft und antischwarzer Rassismus waren bei weißen Unterstützer: innen der Bewegung, die ein breites politisches Spektrum umfasste, durchaus kompatible Positionen. 39 Abolitionismus 499 <?page no="500"?> Zugleich wurden die abolitionistischen Netzwerke im zweiten Drittel des 19. Jahrhun‐ derts deutlich internationaler. Gemeinsam mit ihren englischen Verbündeten feierten US-amerikanische Aktivist: innen den Slavery Abolition Act von 1833, der die Sklaverei im Britischen Empire offiziell beendete, als Fanal des Aufbruchs. Afroamerikanische Kirchen entsandten Prediger in die emanzipierten Regionen der Karibik und suchten über Missionsarbeit das Gemeinschaftsgefühl Schwarzer Menschen in der Diaspora zu stärken. Auf Vortragsreisen führten Frederick Douglass und William Wells Brown ihrem europäischen Publikum die Grausamkeiten der Plantagensklaverei vor Augen. Mit dem Pastor und Schriftsteller James W.C. Pennington erhielt 1849 ein ehemals Versklavter in Würdigung seiner Verdienste die Ehrendoktorwürde von der Theologi‐ schen Fakultät der Universität Heidelberg. Der kontinentaleuropäische Einfluss auf den Abolitionismus lässt sich auch an den Folgen der Revolutionen von 1848 und 1849 ablesen. Wegen ihrer demokratischen Gesinnung verfolgt, beteiligten sich tausende Revolutionsflüchtlinge im US-amerika‐ nischen Exil am Kampf gegen die Sklaverei. Während sich die meisten der neu gegründeten Republikanischen Partei anschlossen, die die weitere Ausdehnung der Plantagensklaverei verhindern wollte, kooperierten zahlreiche radikaldemokratische Immigrant: innen, viele mit deutschen Wurzeln, mit einheimischen Abolitionist: innen (Honeck 2011). Mit ihnen teilten die „Achtundvierziger“ trotz kultureller Differenzen die Überzeugung, dass zwischen der Sklavenhalterherrschaft und der europäischen Erbaristokratie eine fatale Artverwandtschaft bestand, und dass beide Systeme glei‐ chermaßen überwunden werden müssten. Wege des Widerstands Einig ist sich die historische Forschung darin, dass der abolitionistische Protestchor in den Vereinigten Staaten vor Ausbruch des Bürgerkriegs deutlich angewachsen war. In welchem Maß die Vielstimmigkeit Kakophonien innerhalb der Bewegung verstärkte, wird jedoch kontrovers diskutiert. Der Historiker George M. Fredrickson formulierte treffend, beim Abolitionismus handelte es sich letztendlich um ein „de‐ zentralisiertes, von lokalen Variationen und internen Richtungskämpfen bestimmtes Vorhaben“ (Fredrickson 1988, 73). Gegenstand der Querelen waren häufig Partizipa‐ tionsfragen. Streit entzündete sich nicht nur am herablassenden Umgang weißer Sklavereigegner: innen mit Schwarzen Abolitionist: innen. Auch die Rolle der Frauen barg Konfliktstoff. Auf der World Anti-Slavery Convention 1840 in London kam es zum Eklat, als die männlichen Organisatoren den weiblichen Teilnehmerinnen das Rederecht verweigerten und sie auf die Tribüne verbannten. Viele Frauen ließen sich von solch patriarchalischen Gesten nicht einschüchtern und hielten dagegen, dass sie als Christinnen und republikanische Mütter eine besondere moralische Verantwortung für die Nation und die Tilgung ihrer Erbsünde, der Sklaverei, trügen. Aus diesem Grund betrachten einige Historiker: innen das Engagement von Frauen im Abolitionismus als Geburtsstunde der US-amerikanischen Frauenrechtsbewegung, die sich 1848 in Seneca 500 39 Abolitionismus <?page no="501"?> Falls im Bundesstaat New York erstmals öffentlich konstituierte (Sklar und Stewart 2007). In Repräsentationskonflikte mischten sich vermehrt Auseinandersetzungen um die „richtigen“ und „falschen“ Protestpraktiken. Weiße bürgerliche Sklavereigegner: in‐ nen im Gefolge des Bostoner Journalisten William Lloyd Garrison, der in seiner 1831 erstmals erschienenen Zeitung The Liberator die sofortige und bedingungslose Abschaffung der Sklaverei forderte, beriefen sich auf die Doktrin des gewaltfreien Widerstands. Pazifistische Grundhaltungen prägten bereits den Quäker-Abolitionis‐ mus des 18. Jahrhunderts, doch Garrison stülpte der Friedensrhetorik der älteren Generation einen christlich-utopischen Perfektionismus über. Das Ziel war, durch moralische Überzeugungskraft (moral suasion) möglichst viele Sünder - Ehebrecher, Alkoholiker und besonders Sklavenhalter - zu bekehren und das Reich Gottes auf Erden zu verwirklichen. Für Garrison gefährdete der Fortbestand der Sklaverei nicht nur das Überleben der Versklavten, sondern das Seelenheil der gesamten Nation, deren Gesetze die Sklavenhalter schützten. Garrisons Ablehnung des Status Quo ging sogar so weit, dass er 1854 auf einer Versammlung die Verfassung verbrannte, die er als „Pakt mit dem Tode“ bezeichnete (Sinha 2016, 471). In der abolitionistischen Community war das Echo auf Garrison geteilt. Das Gros seiner Unterstützer: innen kam aus den evangelikalen Freikirchen des Second Great Awakening, wo seine radikalchristliche Systemkritik auf fruchtbaren Boden fiel. An‐ dere weiße Aktivist: innen lehnten dagegen Garrisons gegen staatliche Autoritäten gerichteten missionarischen Eifer als Irrweg ab. Für die Gruppe der political aboliti‐ onists stand außer Zweifel, dass die Sklaverei nur mithilfe von Gesetzesänderungen und Gerichtsurteilen bezwungen werden konnte. Sie konnten sich auf Präzedenzfälle aus den 1780er Jahren stützen, als das Verfassungsgericht von Massachusetts in einer Reihe von Urteilen die Sklaverei im Bundesstaat zu Fall brachte, und auf die Welle von Emanzipationsgesetzen aus der Frühphase der Republik, die die Institution in den anderen Nordstaaten schrittweise beendete. In den 1840er Jahren betrat mit der Liberty Party eine abolitionistische Partei die politische Bühne, die ein in der Verfassung verankertes landesweites Verbot der Sklaverei anstrebte. Teile dieser Kleinpartei schlossen sich wenige Jahre später der größeren Gruppierung der Free Soil Party an, die für eine sklavereifreie, agrarkapitalistische Westexpansion der USA warb und zu einem bedeutenden Vorläufer der Republikanischen Partei wurde. Die Auffassung, dass sich der Wandel zuerst auf dem Feld der öffentlichen Meinung vollziehen müsste, verband wiederum unterschiedliche Fraktionen. Davon zeugt die reichhaltige abolitionistische Protestliteratur, die in der transatlantischen Welt seit dem späten 18. Jahrhundert breite Leserschaften erreichte. Gedruckte Reden, Petitionen, Pamphlete, Broschüren, Presseartikel, Romane, Kinderbücher, aber auch Bilder und erste fotografische Aufnahmen bildeten das Rückgrat einer beispiellosen Mobilisie‐ rungskampagne, die immer mehr Menschen von der schreienden Ungerechtigkeit der sklavengestützten Plantagenwirtschaft zu überzeugen suchte. Mit dem Roman Uncle Tom’s Cabin gelang der neuengländischen Autorin Harriet Beecher Stowe 1852 39 Abolitionismus 501 <?page no="502"?> ein internationaler Bestseller. Abolitionistische Publikationen ermöglichten Fernsoli‐ daritäten aller Art. Sie enthielten Spendenaufrufe und boten Plattformen für die Boykottforderungen der free producers, einer Splittergruppe, die auf die Marktmacht moralischer Konsumenten setzte und für den Verzicht auf von Sklav: innen erwirtschaf‐ teten Produkten wie Tabak, Zucker und Baumwolle warb. Ein besonders einflussreiches Genre bildeten die von geflüchteten Schwarzen stammenden autobiographischen Erzählungen, die sogenannten slave narratives. Schätzungen zufolge sollen zwischen 1700 und 1950 um die 6.000 solcher Erfahrungs‐ berichte entstanden sein, die wahlweise die Form von Zeitungsartikeln, Interviews oder Büchern annahmen (Ernest 2014, 363). Die Prosa konnte ebenso didaktisch wie sensationalistisch sein. Dramatische Fluchterzählungen verschmolzen mit religiösen Erlösungsgeschichten, die vor allem weiße christliche Leser: innen für den Selbst‐ behauptungskampf versklavter Afroamerikaner: innen empathisch stimmen sollten. Abolitionist: innen machten sich die slave narratives zunutze, indem sie ihnen ein hohes Maß an Authentizität zuschrieben. Ausführliche Vorworte, oft von weißen Fürspre‐ cher: innen verfasst, beglaubigten die Echtheit des Geschriebenen und beteuerten, die Berichte enthielten verlässliches Wissen über das alltägliche Leid, das die Tyrannei der Sklavenhalter anrichte. Wie sehr die transnationale Medienoffensive der Abolitionist: innen die Profiteur: in‐ nen der Sklaverei in Bedrängnis brachte, beweisen eine Reihe von Repressionsmaßnah‐ men, die zum Teil von staatlichen Stellen vorangetrieben wurden. Berüchtigt ist die von Abgeordneten der Südstaaten forcierte und 1836 verabschiedete Gag Rule, die auf ein Diskussionsverbot von Antisklavereipetitionen im US-Repräsentantenhaus hinauslief. Im Kampf um die Zukunft der Sklaverei radikalisierten sich auch ihre Befürworter: in‐ nen; die Grenzen zwischen politischer Zensur und körperlicher Gewaltandrohung verschwammen. Abolitionistische Sympathisant: innen mussten nicht nur im Süden um ihr Leben fürchten. Gewalt gegen Sklavereigegner: innen war auch im Norden an der Tagesordnung. In Städten wie Philadelphia, Cincinnati und New York machten rassis‐ tische Mobs Jagd auf Schwarze Menschen. Die größte Empörungswelle verursachte jedoch der Tod eines weißen Abolitionisten. Die Ermordung des Presbyterianers und Zeitungsherausgebers Elijah Lovejoy, der 1837 vor seiner Druckerei in Alton, Illinois, erschossen wurde, machte vielen US-Amerikaner: innen erst bewusst, dass die Sklaverei auch die Rechte von Weißen bedrohte. Während Garrison-Anhänger: innen davor warnten, Gewalt mit Gewalt zu beant‐ worten, hatte der afroamerikanische Widerstand nie nur eine moralisch-spirituelle Komponente. Die Haitianische Revolution, die geschätzt eine halbe Million Schwarzer Menschen befreite und zu einem zentralen Bestandteil der afroamerikanischen Erin‐ nerungskultur wurde, inspirierte Versklavte im Süden der USA zu Komplotten und Revolten. Der Schwarze Laienprediger Nat Turner trat in Virginia im August 1831 den blutigsten Sklavenaufstand in der Geschichte der Vereinigten Staaten los (→ Kapitel Sklaverei und Sklavenhandel). Der in wenigen Tagen niedergeschlagene Rachefeldzug von Turners Leuten, der mindestens 60 Menschenleben kostete, versetzte die Pflanz‐ 502 39 Abolitionismus <?page no="503"?> erelite des Südens in Angst und Schrecken. Freie Afroamerikaner: innen wiederum verteidigten sich mit Waffen gegen Antiabolitionisten und Sklavenfänger. Für die Schwarzen Gemeinden des Nordens bedeutete der Fugitive Slave Act von 1850, der der Bundesregierung mehr Durchsetzungsbefugnisse bei der Rückführung entlaufener Sklav: innen gab, eine existenzielle Bedrohung. Afroamerikanische Abolitionist: innen riefen zum offenen Widerstand gegen das Gesetz auf und ermutigten die Schwarze Bevölkerung zur Selbstbewaffnung ( Jackson, 2019, 80-105). Die Eskalationsspirale der 1850er Jahre brachte schließlich immer mehr weiße Kritiker: innen zu der Einsicht, dass der Nord-Süd-Konflikt wahrscheinlich nicht friedlich zu lösen sei. Zwar war die 1854 gegründete Republikanische Partei kein verlängerter Arm der Abolitionist: innen; ihren Wählern ging es mehrheitlich um die territoriale Eindämmung der Sklaverei zugunsten einer agrarkapitalistischen Ko‐ lonisierung des Westens unter dem Banner der „freien Arbeit“. Im sklavenhaltenden Süden, der ähnlich expansionistische Ziele verfolgte, war diese Unterscheidung jedoch belanglos. Politische Gegner wurden dort allesamt als Black Republicans beschimpft. Viele Südstaatler: innen witterten gar eine internationale Verschwörung aus radikalen Abolitionist: innen und gewaltbereiten Red Republicans aus Europa, die einen Vernich‐ tungsfeldzug gegen die bestehende Ordnung planen würden. So abstrus viele dieser Theorien klangen, reagierten sie dennoch auf die steigende Akzeptanz von Gewalt unter vormals moderateren Sklavereigegner: innen. Europäische Achtundvierziger sehnten ein reinigendes Gewitter in Form eines Krieges mit den „Sklavenbaronen“ herbei, den sie als Fortsetzung der gescheiterten Umsturzversuche von 1848 begrif‐ fen (Honeck 2011, 32). Die Überzeugung, dass revolutionäre Gewalt gleichermaßen legitim wie notwendig war, verband die radikalen Einwanderer: innen mit militanten Afroamerikaner: innen. Sie kam auch ab 1855 im Blutvergießen zwischen Pro- und Antisklaverei-Siedler: innen um die Kontrolle des Kansas-Territoriums zum Ausdruck - einem Guerillakrieg, an dem auch John Brown teilnahm. Browns gescheiterter Überfall im Dezember 1859 auf ein Armee-Arsenal in Harpers Ferry, Virginia, mit dem er einen Sklavenaufstand auslösen wollte, war ein Schlüsselereignis auf dem Weg zum US-Amerikanischen Bürgerkrieg. Nach seiner Hinrichtung wurde Brown von der abolitionistischen Community als Märtyrer verehrt. Die konzilianten Töne in der Bewegung waren nahezu völlig verstummt. Erläuterung | Der Abolitionismus der Bürgerkriegsepoche lässt sich nicht isoliert von den transatlantischen Protestkulturen der Jahrhundertmitte verstehen. Dies belegen die zahlreichen persönlichen Beziehungen zwischen US-amerikanischen und europäischen Radikaldemokrat: innen, die im Zuge der Fluchtbewegungen nach der gescheiterten Revolution von 1848 anwuchsen, und die in diesen Kreisen intensiv geführten Debatten über Fragen von Staatsbürgerschaft, nationaler Zuge‐ hörigkeit und über die Notwendigkeit revolutionärer Gewalt. 39 Abolitionismus 503 <?page no="504"?> Ein umkämpftes Erbe Wer befreite die Sklaven? Die Antwort des Bürgerkriegshistorikers James M. McPher‐ son fällt eindeutig aus: Es war der Krieg selbst, allen voran die Emanzipationspolitik von Präsident Abraham Lincoln, die der Sklaverei den Todesstoß versetzte. Die Aboli‐ tionist: innen, so McPherson, mochten auf der richtigen Seite der Geschichte stehen; ihre jahrzehntelange Agitation habe jedoch nicht den entscheidenden Kurswechsel herbeigeführt (McPherson 1995, 3). Mit ihren Thesen, die Lincoln als Great Emancipator feiern und dem Abolitionismus lediglich eine marginale Rolle zubilligen, stoßen Traditionalisten wie McPherson in der US-Öffentlichkeit auf große Zustimmung. Lebendig ist nach wie vor auch die Meinung, dass der abolitionistische Protest nicht nur wirkungslos, sondern sogar schädlich war. Noch 2011 nannte der Historiker David Goldfield den Bürgerkrieg „Amerikas größte Niederlage“ (Goldfield 2011, 1) und machte das angeblich kreuzzüglerische Auftreten der Abolitionist: innen mit für das Gemetzel auf den Schlachtfeldern verantwortlich. Mit dieser Aussage bewegte sich Goldfield nahe am Fahrwasser von neokonföderierten Apologet: innen, die die Abolitionist: innen als Wirrköpfe und Fanatiker diskreditieren. Auffallend ist, dass sich viele dieser kritischen Urteile an einer Quadratur des Kreises versuchen. Die angebliche Erfolglosigkeit abolitionistischer Politik wird häufig damit begründet, dass sie erfolgreich zur Eskalation des Nord-Süd-Konflikts beigetragen habe. Erfolg ist jedoch keine brauchbare analytische Kategorie, und diese Sicht ist auch deshalb problematisch, weil der Abolitionismus kein starrer Monolith war. Unter dem Eindruck des Krieges war es für einen weißen Sklavereigegner wie Abraham Lincoln möglich, sich in nur wenigen Jahren von einem konservativen Kritiker der Sklavereiexpansion in einen Verfechter der Sklavenemanzipation zu verwandeln. Misst man William Lloyd Garrison an seinem Credo des gewaltfreien Widerstandes, das er bis in die 1850er Jahre hochhielt, ist es ein Leichtes, in ihm einen Gescheiterten zu sehen. Dabei war er durchaus fähig, seine Überzeugungen an veränderte politische Realitäten anzupassen - bis hin zu dem Punkt, an dem er die Idee eines gerechten Krieges nicht mehr grundsätzlich ablehnte. Dagegen war der afroamerikanische Freiheitskampf mit der Abschaffung der Sklaverei keineswegs beendet. Schwarze Aktivist: innen unterstrichen bereits in den Jahrzehnten vor dem Bürgerkrieg, dass für sie der Sturz der Pflanzerelite im Süden und die landesweite Überwindung rassistischer Diskriminierungen zwei Seiten der gleichen Medaille waren. Jüngst bezeichnete die Historikerin Kate Masur die Bemühungen afroamerikanischer Organisationen um Gleichberechtigung, die sich in Kampagnen gegen Segregationsbestimmungen im Transportwesen oder in Demonstrationen gegen sogenannte Black Laws, die Afroamerikaner: innen fundamentale Rechte verwehrten, äußerten, als Amerikas „erste Bürgerrechtsbewegung“ (Masur 2021). Die These er‐ scheint ambitioniert, zumal die von einer couragierten Minderheit betriebene Anti‐ diskriminierungsarbeit der Vorbürgerkriegsepoche vom Scheitern der Reconstruction und den rassistischen Gewaltexzessen des Jim-Crow-Zeitalters überschattet wird. Nichtsdestotrotz legt Masurs Neuinterpretation Traditionslinien frei, die den radikalen 504 39 Abolitionismus <?page no="505"?> Abolitionismus als Ursprungspunkt des integrativen Projekts einer multirassischen Demokratie erscheinen lassen. Linksprogressive Forscher: innen und Intellektuelle haben auch in anderen Kontex‐ ten darauf hingewiesen, dass vom Abolitionismus wertvolle Impulse für die Demo‐ kratisierung der US-amerikanischen Gesellschaft ausgingen. Die Entwicklung einer rassismuskritischen und antipatriarchalischen Pädagogik ging wesentlich auf aboliti‐ onistische Frauen zurück, von denen einige protofeministische Positionen vertraten und die Sache der Suffragetten unterstützten. Christlich-evangelikale Sklavereigeg‐ ner: innen fanden im Kampf gegen den Alkohol ein weiteres Betätigungsfeld. Der linke Flügel der Abolitionist: innen entdeckte wiederum Schnittmengen mit der Arbei‐ terbewegung. Der Bostoner Anwalt Wendell Philipps und der deutsch-amerikanische Sozialist Adolph Douai argumentierten unermüdlich, dass in den Fabriken des Indust‐ riezeitalters fast so unerträgliche Zustände herrschten wie auf den Baumwollplantagen des Alten Südens (Honeck 2011, 177). Deutlich verhaltener fiel die Imperialismuskritik vieler weißer Sklavereigegner aus. Trotz vereinzelter Opposition gegen das Vorgehen europäischer und nordamerikanischer Kolonisierer: innen in Afrika und Asien glaubte die Mehrzahl an die Zivilisierungsmission der weißen „Rasse“. Weiße Sozialist: innen reklamierten auch nach der Jahrhundertwende die Nachfol‐ gerschaft des Abolitionismus lautstark für sich. Der Gewerkschaftsführer Eugene V. Debs verherrlichte John Brown 1908 als „größten Helden der Geschichte“. Dass Debs in seiner Lobeshymne auf Brown den Abolitionismus als Keimzelle des Antikapitalismus, und nicht des Antirassismus, würdigte, hatte gewiss auch damit zu tun, dass er die Unterstützung seiner weißen Basis, die durchaus rassistische Ressentiments gegenüber nicht-weißen Arbeiter: innen hegte, nicht verlieren wollte. Es blieb die Aufgabe der Afroamerikaner: innen und einer kleinen Gruppe weißer Alliierter - von W. E. B. Du Bois Studie Black Reconstruction (1935) bis zu Howard Zinns Buch The New Abolitionists (1964) - die Erinnerung an den egalitären Abolitionismus wachzuhalten. Zinns Reportage über die Zusammenarbeit von Schwarzen und weißen Student: innen in der Bürgerrechtsbewegung wurde in progressiven Zirkeln breit rezipiert, wenn auch nicht widerspruchsfrei. Inwieweit lassen sich junge Demonstrant: innen aus den 1960er Jahren mit aus der Sklaverei geflohenen Männern und Frauen vergleichen? Wie unpo‐ litisch darf, wie politisch muss Geschichte sein? Noch heute scheiden sich die Geister, welche Erzählung dem abolitionistischen Erbe gerecht wird. Soll der Abolitionismus in erster Linie als eine vom christlichen Wert der Nächstenliebe inspirierte Strömung des friedlichen Widerstands erinnert werden? Oder besteht, wie Intellektuelle, die der Black-Lives-Matter-Bewegung nahestehen, behaupten, die eigentliche Lektion des organisierten Kampfes gegen die Sklaverei darin, dass institutionalisierte Formen rassistischer Gewalt und Unterdrückung manchmal nur gewaltsam beseitigt werden können? Die Zukunft der US-amerikanischen Demokratie wird maßgeblich vom weiteren Verlauf dieser Debatte abhängen. 39 Abolitionismus 505 <?page no="506"?> Literatur Davis, David Brion. 2006. Inhuman Bondage: The Rise and Fall of Slavery in the New World. New York: Oxford University Press. Du Bois, W.-E.-B. 1935. Black Reconstruction. New York: Harcourt. Ernest John (Hg.). 2014. The Oxford Handbook of the African American Slave Narrative. New York: Oxford University Press. Fredrickson, George M. 1988. The Arrogance of Race: Historical Perspectives on Slavery, Racism, and Social Inequality. Middletown, CT: Wesleyan University Press. Geggus, David P (Hg.), 2020. The Impact of the Haitian Revolution in the Atlantic World. Columbia, SC: University of South Carolina Press. Goldfield, David. 2011. America Aflame: How the Civil War Created a Nation. New York: Bloomsbury. Honeck, Mischa. 2011. We Are the Revolutionists: German-Speaking Immigrants and American Abolitionists after 1848. Athens, GA: University of Georgia Press. Jackson, Kelly Carter. 2019. Force and Freedom: Black Abolitionists and the Politics of Violence. Philadelphia: University of Pennsylvania Press. Masur, Kate. 2021. Until Justice Be Done: America’s First Civil Rights Movement from the Revolution to Reconstruction. New York: Norton. McPherson, James M. 1995. „Who Freed the Slaves? “ Proceedings of the American Philosophical Society 131, 1: 1-10. Quarles, Benjamin. 1969. Black Abolitionists. New York: Oxford University Press. Sinha, Manisha. 2016. The Slave’s Cause: A History of Abolition. New Haven: Yale University Press. Sklar, Kathryn Kish und James Brewer Stewart (Hg.). 2007. Women’s Rights and Transatlantic Antislavery in the Era of Emancipation. New Haven: Yale University Press. Stewart, James Brewer. 1996. Holy Warriors: The Abolitionists and American Slavery. New York: Hill & Wang. 506 39 Abolitionismus <?page no="507"?> 40 Anti-Lynching-Aktivismus Sarah L.-Silkey Abstract | Mehr als ein Jahrhundert lang kämpften Anti-Lynching-Aktivist: innen mithilfe unterschiedlichster Methoden gegen Mobgewalt in den Vereinigten Staa‐ ten. Dabei zielten sie darauf ab, die Wahrnehmung der Lynchjustiz durch die US-amerikanische Bevölkerung zu verändern, öffentliche Empörung angesichts der gemeinschaftlich verübten Gewalt auszulösen sowie die Verabschiedung von staatlichen und föderalen Gesetzen gegen Lynchverbrechen zu bewirken. In ihrer Gesamtheit führten diese Strategien zu einer sinkenden gesellschaftlichen Toleranz gegenüber Lynchjustiz in den Vereinigten Staaten. Die Erfindung des Lynchens Die Begriffe „Lynchen“ und „Lynchjustiz“ beschreiben politische Konstrukte, durch die sich bestimmte Fälle extralegaler Gewalt als legitime Bestrafungen von mutmaßlichen Verstößen gegen die soziale Ordnung einer Gemeinschaft billigen ließen. Lynchprak‐ tiken wurden nicht ausnahmslos als vertretbare Maßnahme angesehen; mit den ersten berichteten Fällen in der US-amerikanischen Presse in den 1830er Jahren wurden auch kritische Stimmen laut. Als Reaktion darauf entwickelten Verfechter: innen der Lynchjustiz Narrative, um das Vorgehen gewalttätiger Gruppen zu rechtfertigen. Lokalzeitungen reproduzierten diese Narrative, indem sie Fälle von Mobgewalt in ihren Gemeinden als „lynchings“ betitelten (Waldrep 2002, 2-4, 11). Da Lynchnarra‐ tive entscheidend dazu beitrugen, die öffentliche Unterstützung extralegaler Gewalt aufrechtzuerhalten, bemühten sich sowohl ihre Verteidiger: innen als auch Anti-Lyn‐ ching-Aktivist: innen darum, ihre jeweilige Position durch Beeinflussung der öffentli‐ chen Wahrnehmung von Mobgewalt zu stärken. Das wirkungsvollste Narrativ zur Rechtfertigung von Lynchverbrechen erklärte sie zu einer Form der Selbstjustiz an der westlichen Siedlungsgrenze (frontier justice). Befürworter: innen des Lynchens argumentierten für das Recht gefährdeter Gemein‐ schaften auf Selbstverteidigung. Demnach könnten ortsansässige Bürger: innen in Fällen, in denen das Rechtssystem unzureichend oder ineffektiv war, diejenigen bestrafen, die das Wohl der Gruppe bedrohten. Das Narrativ der Selbstjustiz an der Frontier fand schnell breite Unterstützung in der US-Bevölkerung und Regierung sowie unter internationalen Beobachter: innen (→ Kapitel Lynchjustiz). Durch die gesellschaftliche Akzeptanz dieses Narrativs war es möglich, dass Berichte über Lynchtaten über weite Teile des 19. Jahrhunderts ohne Prüfung veröffentlicht wurden. Dies änderte sich im März 1891 mit dem Lynchmord an elf italienischen <?page no="508"?> Staatsangehörigen im Gefängnis von New Orleans, Louisiana. Dass Mobgewalt in etablierten US-Städten mit funktionierendem Strafrechtssystem stattfinden konnte und toleriert wurde, gab nun Anlass zur Besorgnis. Einhergehend mit der zunehmenden Bedeutung der Vereinigten Staaten als internationaler Handelspartner kritisierten die politischen Entscheidungsträger: innen Europas die augenscheinliche Unfähigkeit der US-Bundesregierung, Recht und Ordnung aufrechtzuerhalten und für die Sicherheit ausländischer Staatsangehöriger zu sorgen (Seguin und Nardin-2022, 67, 73-77). Nach dem systematisch inszenierten Lynchmord an Henry Smith in Paris, Texas, im Februar 1893 erhielt die Anwendung von Mobgewalt in den USA auf nationaler sowie internationaler Ebene noch größere kritische Aufmerksamkeit. Smith, den man der Vergewaltigung und des Mordes an einem vierjährigen Mädchen bezichtigte, wurde in Texarkana verhaftet und mit dem Zug zurück nach Paris gebracht. In Vorbereitung auf seine Ankunft blieben Schulen geschlossen und eine erhöhte Plattform wurde errichtet, um der Menschenmenge ungehinderte Sicht auf das Geschehen zu bieten. Man warb mit eigens eingesetzten Zügen, die Tausende von Bewohner: innen angrenzender Gemeinden in den Ort brachten. Etwa 10.000 Menschen sahen zu, wie Smith mit glühenden Eisen gefoltert und anschließend bei lebendigem Leib verbrannt wurde. Ein Fotograf hielt die Ereignisse fest, um die Bilder als Postkarten zu verkaufen (Silkey 2015, 38 f.). Hierbei handelte es sich eindeutig nicht um einen Fall von Selbstjustiz an der Frontier. Was in Paris geschah, war keinesfalls ein spontaner öffentlicher Akt der Vergeltung. Die Ordnungskräfte wussten, dass man vorhatte, Smith zu lynchen, und ermöglichten den Mord durch seine Aushändigung an den Mob. Befürworter: innen der Lynchjustiz argumentierten, die Taten der Lynchmobs seien notwendig, um gegen Schwarze Vergewaltiger vorzugehen. Einflussreiche weiße Bür‐ ger: innen aus Gesellschaft und Politik, die sich durch den sozialen und ökonomischen Aufstieg von Afroamerikaner: innen seit dem Ende der Sklaverei bedroht sahen, ver‐ breiteten propagandistische Behauptungen über sexuelle Übergriffe durch Schwarze Männer auf weiße Frauen und Mädchen. Diese Erzählungen beinhalteten die Darstel‐ lung Schwarzer Männer als „wilde Tiere“ mit unstillbarem sexuellem Verlangen, die sich nur durch das vigilante Eingreifen weißer Männer aufhalten ließen. Wo dies nicht gelang, diente das Lynchen mutmaßlicher Schwarzer Vergewaltiger angeblich dazu, schutzbedürftigen weißen Frauen die Aussage in öffentlichen Gerichtsverhandlungen zu ersparen und für eine schnelle und schmerzhafte Bestrafung ihrer vermeintlichen Angreifer zu sorgen. Gleichzeitig demonstrierte die öffentliche Zurschaustellung der verstümmelten Leichen von Lynchopfern lehrstückhaft die selbsterklärte Überlegen‐ heit der Weißen und ihre Macht über das Leben Schwarzer Menschen. Die Angst, die durch den Mythos des Schwarzen Vergewaltigers in der Bevölkerung geschürt wurde, diente nicht nur der Legitimation von Lynchpraktiken, sondern sollte auch die öffentliche Unterstützung für Gesetze zur rassischen Segregation stärken, die die Mög‐ lichkeiten sowohl afroamerikanischer als auch weißer Frauen zur vollumfänglichen Teilhabe an der US-amerikanischen Gesellschaft einschränkten (Hall-1993, 139-57). 508 40 Anti-Lynching-Aktivismus <?page no="509"?> Die transatlantische Anti-Lynching-Kampagne von Ida B. Wells Ida B. Wells, eine afroamerikanische Journalistin und Bürgerrechtsaktivistin aus Mem‐ phis, Tennessee, wurde in den 1890er Jahren durch ihre scharfe Kritik am Narrativ vom Lynchen als Antwort auf Vergewaltigung zur prominenten Gegnerin der Lynchjustiz. Während sich die meisten Schwarzen Journalistinnen des 19. Jahrhunderts in ihrer Arbeit auf „weibliche“ Themen wie soziale Veranstaltungen, Haushaltsführung und moralische Pflichten beschränkten, widmete sich Wells in ihren Artikeln selbstbewusst politischen Themen. Wells begann ihre Karriere als Anti-Lynching-Aktivistin im März 1892, nachdem die drei Geschäftsinhaber der People’s Grocery Company in Memphis einem Lynchver‐ brechen zum Opfer gefallen waren. Die drei Schwarzen Unternehmer waren befreundet und Bekannte von Wells. Da ihr Geschäft eine unwillkommene Konkurrenz für einen ortsansässigen weißen Händler darstellte, erwirkte dieser eine Verhaftung der drei Männer aufgrund von Bagatellstreitigkeiten. Ein weißer Mob entführte die Männer aus dem Gefängnis und ermordete sie. Für Wells und andere Schwarze Einwohner: innen von Memphis war die Tat eindeu‐ tig durch persönliche Gier und die Absicht motiviert, den gesellschaftlichen Aufstieg von Afroamerikaner: innen zu verhindern. Dieser Fall von Lynchjustiz, so Wells, „opened my eyes to what lynching really was. An excuse to get rid of Negroes who were acquiring wealth and property and thus keep the race terrorized“ (Wells 1970, 64). In ihrer Funktion als Herausgeberin der Memphis Free Speech rief Wells Schwarze Bürger: innen dazu auf, sich Waffen zur Selbstverteidigung zu beschaffen, die Stra‐ ßenbahnen zu boykottieren und Memphis zu verlassen, um stattdessen in sicherere Gegenden im Norden und Westen zu ziehen. Während ortsansässige weiße Geschäftsleute mit den wirtschaftlichen Auswirkun‐ gen des Schwarzen Protests zu kämpfen hatten, machte sich Wells daran, das Narra‐ tiv vom Lynchen als Antwort auf Vergewaltigung zu dekonstruieren. Anhand von statistischen und anekdotischen Belegen, die sie aus Berichten weißer Zeitungen zusammentrug, stellte Wells fest, dass der Vorwurf sexuellen Fehlverhaltens weniger als ein Drittel aller Fälle von Lynchjustiz betraf. Vielmehr zog die Presse eine Vielzahl unterschiedlicher Gründe heran, um die Morde zu rechtfertigen. Erschreckenderweise hatte in einigen Fällen überhaupt kein Verbrechen zugrunde gelegen (Royster 1997, 59-62, 68-72, 107). Im Mai 1892 verfasste Wells einen Leitartikel, mit dem sie den Ärger der weißen Einwohner: innen von Memphis auf sich zog. Darin erklärt sie: „Nobody in this section of the country believes the old thread bare lie that Negro men rape white women. If Southern white men are not careful“, so Wells’ Warnung, „they will over-reach themselves and public sentiment will have a reaction; a conclusion will then be reached which will be very damaging to the moral reputation of their women“ (Royster 1997, 52). Weiße Suprematist: innen bestritten, dass weiße Frauen sich freiwillig auf eine se‐ xuelle Beziehung mit Schwarzen Männern einlassen würden. Indem sie andeutete, dass weiße Frauen sich zu Schwarzen Männern hingezogen fühlen könnten, stellte Wells 40 Anti-Lynching-Aktivismus 509 <?page no="510"?> die zentrale Behauptung des Narrativs vom Lynchen als Antwort auf Vergewaltigung und damit auch die weiße Vorherrschaft im Allgemeinen infrage. Aufgebrachte weiße Bürger verwüsteten das Büro ihrer Zeitung, griffen ihren Geschäftspartner an und drohten, Wells umzubringen, wenn sie jemals in den Süden zurückkehren sollte. Nach der Zerstörung der Free Speech nutzte Wells ihre Fähigkeiten als öffentliche Rednerin und investigative Journalistin, um sich hauptberuflich ihrer Tätigkeit als Aktivistin zu widmen. Sie veröffentlichte ihr erstes Pamphlet Southern Horrors: Lynch Law in All its Phases und hielt Reden in New York, Boston, Philadelphia und anderen Städten des Nordostens, in denen sie Lynchpraktiken verurteilte und rechtsstaatliche Verfahren für all diejenigen forderte, die eines Verbrechens beschuldigt wurden. Angesichts des Stigmas sexueller Gewalt und der Wirkmacht des Mythos von der „schwarzen Bestie“ erwies es sich für einflussreiche männliche Afroamerikaner als schwierig, Lynchjustiz anzuprangern, ohne dabei den Anschein einer Duldung von Vergewaltigung zu erwecken. Den Journalisten Jessie C. Duke und Alexander Manly drohte man mit gemeinschaftlicher Gewalt, als sie das Narrativ vom Lynchen als Ant‐ wort auf Vergewaltigung in ihren Zeitungen verurteilten (→ Kapitel Rassenmassaker). Wells hingegen gelang es als Frau, die sich auf Statistiken aus weißer Berichterstattung stützte, die Lynchpraxis in den USA auf eine Art und Weise zu kritisieren, die den Weg für späteren Aktivismus ebnete. Ihre Erfolge brachten sogar Frederick Douglass, den einflussreichsten Afroamerikaner des 19. Jahrhunderts, dazu, sich entschieden öffentlich gegen Lynchjustiz zu positionieren. Erläuterung | Ida B. Wells-Barnett: Ida Wells-Barnett (1862-1931) kam während des Bürgerkriegs in Holly Springs, Mississippi, als Kind versklavter Eltern zur Welt und wurde Teil einer Generation junger Schwarzer Männer und Frauen, die in den Jahrzehnten nach der Reconstruction berufliche Laufbahnen als vollwertige Bürger: innen anstrebten. Wells zog nach Memphis, Tennessee, wo sie zunächst als Lehrerin an einer Schule und schließlich als Journalistin arbeitete. Entsetzt über den Lynchmord an ihrem Freund Thomas Moss und seinen Geschäftspart‐ nern im Jahr 1892, startete Wells als Herausgeberin der Memphis Free Speech eine Kampagne gegen Mobgewalt. Aus Ärger über ihren unbeirrten Aktivismus zerstörten hochrangige weiße Einwohner: innen von Memphis daraufhin ihr Büro und bedrohten sie mit Lynchgewalt. Wells, die sich davon nicht abschrecken ließ, verlegte ihren Wohnort nach Chicago, Illinois, wo sie Ferdinand Barnett heiratete und ihre Arbeit als Journalistin, soziale Reformerin und Bürgerrechtsaktivistin fortsetzte. Sie war Mitbegründerin der National Association of Colored Women sowie der National Association for the Advancement of Colored People, die den Kampf gegen Lynchjustiz weiterführten. 510 40 Anti-Lynching-Aktivismus <?page no="511"?> Abbildung 18: Porträt von Ida B. Wells, ca. 1893 (Fotografin: Sallie E. Garrity, Chicago, Illinois). Wikimedia Commons. Infolge des zuvor erwähnten grausamen Lynchfalls in Paris, Texas, lud man Wells ein, als Sprecherin für die britische antiimperialistische Organisation Society for the Recognition of the Brotherhood of Man aufzutreten. In den Jahren 1893 und 1894 reiste Wells nach England und Schottland, um die moralische Verurteilung der Lynch‐ verbrechen an Afroamerikaner: innen in der britischen Bevölkerung zu etablieren. Bei ihren Auftritten als Rednerin und in ihren Zeitungsinterviews bot Wells ihrem britischen Publikum eine alternative Erklärung für die Gründe von Mobgewalt. Um das Narrativ vom Lynchen als Antwort auf Vergewaltigung aufzubrechen, mit dem US-amerikanische Kritiker: innen zum Schweigen gebracht worden waren, stellte Wells die Fälle von Lynchgewalt heraus, die sich gegen Frauen und Kinder richteten. Wenn diejenigen den Mobs zum Opfer fielen, die als unfähig zur Vergewaltigung angesehen wurden, konnte Vergewaltigung nicht als Grund für Lynchjustiz gelten. Stattdessen, so ihre Argumentation, stellte Lynchjustiz eine Form von rassistischem Terrorismus dar, der das Ziel verfolgte, den politischen, sozialen und ökonomischen Aufstieg von Afroamerikaner: innen aufzuhalten. Weiße Vertreter: innen der sozialen, religiösen und politischen Führungsschicht in den USA attackierten Wells’ Kampagne, doch ihre Darstellung der Hintergründe von 40 Anti-Lynching-Aktivismus 511 <?page no="512"?> Lynchtaten fand Anklang bei der britischen Bevölkerung und wurde auch von der britischen Presse aufgegriffen. Innerhalb von weniger als 18 Monaten gelang es Wells, ein dynamisches Netzwerk aus britischen Journalist: innen, Kirchenvertreter: innen und sozialen Reformer: innen zu mobilisieren, die von der US-amerikanischen sozialen und politischen Elite die Verurteilung von Mobgewalt sowie rechtsstaatliche Verfahren für alle mutmaßlichen Straftäter: innen verlangte. Ihre britischen Unterstützer: innen gründeten das London Anti-Lynching Committee, das die politische Führung der USA, insbesondere die Gouverneure der Bundesstaaten, zur Untersuchung, öffentlichen Verurteilung und strafrechtlichen Verfolgung von Lynchtaten bewegen wollte, über die in britischen Zeitungen berichtet wurde. Um die Kampagne nach Abschluss von Wells’ Reise fortzuführen, entsandte das Komitee eine Delegation in die Vereinigten Staaten, die sich um die Aufklärung von Fällen der Mobgewalt kümmern sollte. Die Initiative des Komitees wurde in der US-amerikanischen Presse als unbefugte Einmischung des Vereinigten Königreichs in lokale Angelegenheiten kritisiert. Ein gehässiger Brief, in dem die Arbeit des Komitees, Wells’ Kampagne sowie der Charakter Schwarzer Frauen im Allgemeinen angegriffen wurden, gab den Anstoß zur Gründung der National Association of Colored Women (NACW) im Jahr 1896, die sich ebenfalls dem Kampf gegen Lynchjustiz anschloss (Silkey-2015, 106-14, 122-37, 140). Kampagnen für Recht und Ordnung US-amerikanische Politiker, die die Einflussnahme des Vereinigten Königreichs miss‐ billigten, waren nicht notwendigerweise Befürworter der Mobgewalt. Einige Gouver‐ neure unternahmen erhebliche Anstrengungen zur Eindämmung der Mobgewalt. Dies umfasste den Einsatz bundesstaatlicher Milizen in Gemeinden, in denen Lynchjustiz befürchtet wurde, sowie Bemühungen um eine bundesstaatliche Gesetzgebung, durch die lokale Strafverfolgungsbehörden in die Pflicht genommen werden sollten, kollek‐ tive Gewaltausbrüche zu verhindern. Der Druck zur Schaffung von Investitionskapital während der globalen Wirtschafts‐ depression 1893 versetzte Gouverneure der Südstaaten in eine schwierige Lage. Angesichts der negativen wirtschaftlichen Auswirkungen von Lynchgewalt gingen einige Gouverneure des „Neuen Südens“ in ihren Bundesstaaten dagegen vor. William J. Northen, Regierungschef von Georgia, setzte Belohnungen für die Verhaftung und Verurteilung von Teilnehmenden an Lynchmobs aus, wies lokale Sheriffs zur Bewa‐ chung von Gefangenen an und setzte sich dafür ein, dass Strafverfolgungskräfte für die Sicherheit der Gefängnisse in ihren Gemeinden verantwortlich gemacht wurden. Thomas Goode Jones, Gouverneur von Alabama, und Charles T. O’Ferrall, Gouverneur von Virginia, beauftragten die Staatsmiliz, um drohende Fälle von Mobgewalt vor Ort zu verhindern. Selbst Benjamin Tillman, der öffentlichkeitswirksam seine Bereitschaft zur Anführung eines Lynchmobs erklärt hatte, um die Tugend weißer Frauen zu verteidigen, ergriff während seiner Amtszeit als Oberhaupt des Bundesstaates South Carolina Maßnahmen zur Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung. Tillman nahm 512 40 Anti-Lynching-Aktivismus <?page no="513"?> lokale Sheriffs in die Pflicht, Beschuldigte vor Gericht zu bringen, entsandte Truppen zur Abwehr kollektiver Gewaltausbrüche und forderte die Möglichkeit zur Amtsenthe‐ bung von Sheriffs, die zuließen, dass Gefangene aus dem Gewahrsam entführt wurden (Silkey-2015, 116-22, 134 f.). Diese Gouverneure des „Neuen Südens“ betrieben eine Politik der weißen Vorherr‐ schaft, um Wähler zu werben, und gingen gleichzeitig gegen Lynchjustiz vor, um externe Investoren zu gewinnen. Ihre Kampagnen zur Schaffung von „Recht und Ord‐ nung“ sollten sicherstellen, dass Beschuldigte einer Straftat lange genug überlebten, da‐ mit sie vor Gericht gestellt und verurteilt sowie das Urteil staatlich vollstreckt werden konnte. Im Rahmen einer Kampagne der International Labor Defense zur Befreiung der unschuldig verurteilten Scottsboro Boys in den 1930er Jahren sollte diese Strategie als „legal lynching“, also als legale Form von Lynchjustiz bezeichnet werden. Obwohl das Vorgehen eindeutig das Recht auf ein ordentliches Gerichtsverfahren verletzte, wurde diese eilige Herstellung von „Gerechtigkeit“ von den Regierungschefs zahlreicher Südstaaten als vielversprechendste Maßnahme gegen Lynchjustiz betrachtet. Wenn Verurteilung und Vollstreckung als gesichert galten, so ihre Argumentation, hätten die Bürger: innen keinen Grund, das Gesetz selbst in die Hand zu nehmen. Mit dem Ende der Lynchtaten bestünde dann wiederum die Möglichkeit, dass internationale Finanziers in den „Neuen Süden“ investierten (Hall-1993, 131-36). Anti-Lynching-Gesetzgebung auf Bundesebene Zwar bemühten sich politische Führungskräfte darum, die Mobgewalt durch ihren Einfluss einzudämmen; wenn sie jedoch auftrat, wurden Beteiligte selten zur Verant‐ wortung gezogen. Mordfälle fielen in die Zuständigkeit der Bundesstaaten, nicht des Bundes, und der Oberste Gerichtshof der USA hatte in den Civil Rights Cases (1883) verfügt, dass die Gleichbehandlungsklausel des 14. Zusatzartikels nicht auf Handlun‐ gen von Privatpersonen anwendbar sei. Die erfolgreiche strafrechtliche Ahndung der Beteiligung an Lynchmobs erforderte die Erstattung einer Strafanzeige durch lokale Behörden sowie die Verurteilung durch lokale Geschworene. Aufgrund fehlender Bereitschaft zur Belangung von Lynchverbrecher: innen ergaben gerichtsmedizinische Untersuchungen üblicherweise, dass die Opfer durch Unbekannte zu Tode gekommen seien; selbst in Fällen mit großer Öffentlichkeit, in denen die Teilnehmer: innen des Mobs den zivilen und strafbehördlichen Autoritäten sowie der Presse bekannt waren. Das Lynchen spielte für die Behauptung der weißen Vormachtstellung eine zentrale Rolle und zahlreiche weiße Bürger: innen und Amtsträger waren nicht bereit, sich gegen ein System zu stellen, von dem sie ganz unmittelbar profitierten. In Fällen von Lynchjustiz, in denen die Behörden vor Ort bewusst nicht einschrit‐ ten, besaß die Bundesregierung nicht die nötigen Befugnisse, um die Staaten zur strafrechtlichen Verfolgung zu zwingen. Das Fehlen einer zentralen föderalen Autorität zur Ahndung von Lynchverbrechen war Auslöser einer bedeutenden diplomatischen Krise zwischen den Vereinigten Staaten und Italien im Anschluss an die Ereignisse 40 Anti-Lynching-Aktivismus 513 <?page no="514"?> in New Orleans im Jahr 1891. Die Zunahme berichteter Fälle von Lynchjustiz im frühen 20. Jahrhundert führte zu Forderungen nach einem Anti-Lynching-Gesetz auf Bundesebene. Im Jahr 1900 legte George White, der als Vertreter North Carolinas im US-Reprä‐ sentantenhaus saß, den ersten föderalen Anti-Lynching-Gesetzentwurf vor, H.R. 6963. Darin wurde festgesetzt, dass alle US-Bürger: innen rechtlich vor der Tötung durch Lynchmobs geschützt seien und alle an solchen Lynchtaten Beteiligten sich des Hochverrats an den Vereinigten Staaten und damit eines Verstoßes gegen föderales Recht schuldig machten, der mit dem Tod bestraft werden konnte. Der Gesetzentwurf scheiterte 1901 im Kongressausschuss (U.S. House-2008, 166 f.). Im Jahr 1918 präsentierte der Vertreter Missouris im US-Repräsentantenhaus Leo‐ nidas Dyer einen weiteren Entwurf für ein föderales Anti-Lynching-Gesetz. Dieses sah eine Geldstrafe für Landkreise vor, in denen es zu Lynchjustiz kam, legte rechtliche Anforderungen für den Schutz von Gefangenen in Gewahrsam durch lokale Polizei‐ behörden fest und stellte die Verfolgung von Lynchmorden als Kapitalverbrechen unter die Bundesgerichtsbarkeit. Als das Dyer Anti-Lynching Bill 1922 schließlich zur Abstimmung kam, schlossen sich Schwarze Frauen der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) zu den Anti-Lynching Crusaders zusammen, um die bundesweite öffentliche Unterstützung für die Verabschiedung des Gesetzes zu fördern. Die NACW schloss sich diesem Vorhaben an. Nichtsdestotrotz wurde das Gesetz 1922, 1923 und 1924 durch die Demokraten im Senat verhindert (U.S. House-2008, 176-79; Murphy-2018, 48-56). Dyer brachte den Entwurf bis 1929 jährlich erneut ein, ohne dass seine Durchsetzung gelang. In den 1930er Jahren legten die Senatoren Edward Costigan (Colorado), Robert Wagner (New York) und Frederick Van Nuys (Indiana) ähnliche Gesetzentwürfe vor, die ebenso wenig Erfolg hatten. Während des gesamten 20. Jahrhunderts nutzten Se‐ nator: innen der Südstaaten Positionen im Ausschuss und Verschleppungstaktiken, um die Einführung von Anti-Lynching-Gesetzgebungen auf Bundesebene zu blockieren (Hall 1993, 237-48; Zangrando 1980, 111-20, 141-53, 161-65). 2005 bat der US-Senat in einer offiziellen Erklärung um Entschuldigung für sein Versagen beim Erlassen eines Gesetzes gegen das Lynchen. Wandel der öffentlichen Meinung Die Wanderungsbewegung der Great Migration während des Ersten Weltkrieges brachte Millionen von Afroamerikaner: innen in die Städte des Nordens und Westens, wo sich ihnen auf privater, wirtschaftlicher und politischer Ebene bessere Möglichkei‐ ten boten als im Süden. Durch die veränderte demografische Situation eskalierten Spannungen zwischen ethnischen Gruppen in „Rassenausschreitungen“ - Ausbrüche kollektiver Gewalt, die sich gegen ganze Schwarze Gemeinschaften richtete - in Orten wie East St. Louis, Illinois (1917); Elaine, Arkansas (1919), und Tulsa, Oklahoma (1921). Diese Massaker forderten die Leben Hunderter Schwarzer Männer, Frauen 514 40 Anti-Lynching-Aktivismus <?page no="515"?> und Kinder und erinnerten in vielerlei Hinsicht an Fälle von Lynchjustiz, etwa durch die Beteiligung der lokalen Presse und Strafverfolgungsbehörden, die zur Gewalt beitrugen, sowie das Zurückgreifen auf rassistische Stereotypen, um Angst zu schüren und die Morde zu rechtfertigen (→ Kapitel Rassenmassaker). Die interethnischen Spannungen während des Krieges veranlassten die NAACP zu einer nationalen Kampagne gegen Lynchjustiz. 1917 organisierte die NAACP einen Schweigemarsch in New York City, an dem etwa 10.000 Afroamerikaner: innen teilnahmen, und begann, sich für eine Anti-Lynching-Gesetzgebung auf Bundesebene einzusetzen (Zangrando 1980, 33-38). Eine wichtige Maßnahme zur Aufklärung der US-amerikanischen Öffentlichkeit war das Zusammentragen von Statistiken zu Fällen von Lynchjustiz und das Veröffentlichen von Berichten, um Umfang und Ausmaß des Problems zu verdeutlichen. Mithilfe der Strategien, die Ida B. Wells auf den Weg gebracht hatte, verfolgten die NAACP und das Tuskegee Institute Fälle von Mobgewalt, über die in der Zeitung berichtet wurde, und leiteten Untersuchungen ein, um zusätzliche Einzelheiten konkreter Ereignisse aufzudecken. Obwohl Verteidi‐ ger: innen des Lynchens weiterhin behaupteten, es diene als Vergeltungsmaßnahme bei Vergewaltigung, belegten die gesammelten Materialien, dass der Vorwurf des sexuellen Übergriffs nur einen geringen Teil der Fälle betraf (Waldrep-2002, 132-39). Trotzdem gelang es der NAACP mit ihrer Kampagne nicht, ein flächendeckendes Umdenken zu bewirken, sodass Mobs im Süden weiterhin Lynchgewalt ausübten. Unmaskiert und ohne Angst vor strafrechtlichen Konsequenzen ließen sich weiße Bürger: innen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit den Leichen der Lynch‐ opfer fotografieren (Allen 2000). Die in Atlanta, Georgia, ansässige Commission on Interracial Cooperation bemühte sich um eine Senkung der öffentlichen Akzeptanz von Lynchjustiz, indem sie Beziehungen zwischen führenden weißen und Schwarzen Reformer: innen im Süden förderte. Als Reaktion auf die gestiegene Anzahl von Lynch‐ morden während der Great Depression gründete Jesse Daniel Ames im Jahr 1930 die Association of Southern Women for the Prevention of Lynching mit dem Ziel, Reformen in weißen Gemeinschaften voranzutreiben und das Motiv der Südstaatenritterlichkeit aufzulösen, das zur Verteidigung der Mobgewalt herangezogen wurde. Angesichts des historisch verankerten Widerstands gegen föderale Intervention im Süden vertrat Ames die Ansicht, dass das Lynchen erst enden würde, wenn sich die öffentliche Meinung änderte. Ames legte das Ziel eines „lynchfreien Jahres“ als Zeichen des Fortschritts fest und erklärte es im Jahr 1940 schließlich für erreicht (Hall 1993, 164-67, 194-96, 256; Waldrep-2002, 145-47). Inzwischen wurden Lynchtaten nicht mehr als öffentliche Spektakel begangen, doch als mit der Great Migration während des Zweiten Weltkrieges Millionen weiterer Afroamerikaner: innen den Süden verließen, brach eine erneute Serie von Rassenunru‐ hen in Städten des Nordens und Westens aus. Diese spitzte sich insbesondere durch den verschärften Wettbewerb um Arbeitsplätze zu, der auf die Mobilisierung gegen Kriegsende folgte. 40 Anti-Lynching-Aktivismus 515 <?page no="516"?> 1955 verschaffte der Lynchmord am 14-jährigen Emmett Till in Money, Mississippi, der wachsenden Bürgerrechtsbewegung Auftrieb. Man hatte den in Chicago aufge‐ wachsenen Till beschuldigt, durch anmaßende Äußerungen gegenüber einer weißen Frau die für Schwarze Bürger: innen geltenden Verhaltensregeln des Südens verletzt zu haben. Tills Mutter traf den couragierten Entschluss, eine Beerdigung mit offenem Sarg abzuhalten und Fotos der verstümmelten Leiche ihres Sohnes im Jet Magazine zu veröffentlichen. Unter dem Druck der öffentlichen Aufmerksamkeit wurde Tills Mördern vor Ort der Prozess gemacht, doch erwartungsgemäß kam es durch die aus‐ nahmslos weißen Geschworenen zu keiner Verurteilung. Die mediale Berichterstattung verschaffte der Mobgewalt ungewollte nationale und internationale Aufmerksamkeit. Um der föderalen Intervention zu entgehen, gingen weiße Suprematist: innen in den 1950er und 1960er Jahren bei ihren Angriffen auf Bürgerrechtler: innen dazu über, ihre Opfer „verschwinden“ zu lassen, anstatt ihre Lynchtaten öffentlich zu inszenieren (→ Kapitel Rassistischer Terrorismus zur Zeit der Bürgerrechtsbewegung). Nach der Verabschiedung des Civil Rights Act (1964) und des Voting Rights Act (1965), die das Ende der Rassentrennung bedeuteten, Diskriminierung am Arbeitsplatz verboten und Vorschriften für nichtig erklärten, die Schwarzen Bürger: innen das Wahlrecht entzogen, verschwanden Lynchjustiz und Mobgewalt allmählich aus dem öffentlichen Diskurs. Mit der Durchsetzung umfassender Bürgerrechte für Afroameri‐ kaner: innen rückten systematischer Rassismus und durch soziale Gruppen legitimierte und ausgeübte Gewalt aus dem Fokus. In den 1980er Jahren etablierte sich eine Neu‐ bewertung von Fällen rassistischer Gewalt, die nun als individuelle „Hassverbrechen“ (hate crimes) eingestuft wurden und nicht mehr als Lynchjustiz, die die Werte örtlicher Gemeinschaften widerspiegelten (Waldrep-2002, 185-89). Black Lives Matter In der Bewegung Black Lives Matter (BLM) fand der Anti-Lynching-Aktivismus seine Fortsetzung. BLM begann in den sozialen Medien als Protest gegen die Entwertung des Lebens Schwarzer Menschen, die im Jahr 2012 dazu geführt hatte, dass die Tötung des unbewaffneten Schwarzen Teenagers Trayvon Martin straflos blieb. Seitdem ist daraus eine globale Graswurzelbewegung entstanden, die sich gegen systemischen Rassismus und durch Polizei und Bürgerwehren verübte Gewalt gegen Schwarze Menschen engagiert (→ Kapitel Black Lives Matter). Im Februar 2020 ermordeten drei weiße Männer in Brunswick, Georgia, einen un‐ bewaffneten Schwarzen Jogger namens Ahmaud Arbery. Die Männer hatten vermutet, Arbery habe etwas von einer Baustelle gestohlen, an der seine Laufstrecke vorbeiführte. Die örtliche Polizei weigerte sich zunächst, die Männer zu verhaften. Doch als kurz darauf Videoaufnahmen des Vorfalls in den sozialen Medien veröffentlicht wurden, löste dies eine landesweite Welle der Empörung und des Aktivismus aus. Unter dem daraus resultierenden Druck kam es schließlich zur Festnahme der Männer und zur strafrechtlichen Verfolgung einer Tat, die im 21. Jahrhundert an frühere 516 40 Anti-Lynching-Aktivismus <?page no="517"?> Lynchverbrechen erinnerte. Auf dem Video, das von einem der Angreifer stammte, war zu sehen, wie die Gruppe Arbery vorsätzlich verfolgte, einkreiste und erschoss. Die Ermordung Arberys, auf die wenig später der Mord an George Floyd durch einen Polizeibeamten in Minneapolis folgte, entfachte eine öffentliche Debatte darüber, ob Lynchpraktiken in der US-amerikanischen Gesellschaft bis heute fortbestehen. Im Jahr 2022 wurde der Emmett Till Antilynching Act verabschiedet, der das Lynchen zu einem föderalen Hassverbrechen erklärte. Dieses Gesetz bereitet zwar einerseits den Weg für die strafrechtliche Verfolgung von Lynchverbrechen durch Bundesbehörden, löst andererseits jedoch nicht das anhaltende Problem rassistischer Gewalt innerhalb des Polizeiapparats. Die gleichen gefährlichen rassistischen Stereotype, die bereits der Legitimation von Lynchjustiz dienten, sind nach wie vor fester Bestandteil US-ameri‐ kanischer Kultur. Diese Stereotype prägen die implizite Voreingenommenheit der Ord‐ nungskräfte und führen zu unverhältnismäßig häufigen Erschießungen unbewaffneter Afroamerikaner: innen (→ Kapitel Polizeisystem und Polizeigewalt). Zwar kommt es in US-amerikanischen Gemeinden nicht mehr zu öffentlichen Lynchspektakeln, der Kampf gegen die systematische Entwertung Schwarzer Leben, den Ida B. Wells bereits vor mehr als hundert-Jahren führte, ist jedoch keineswegs abgeschlossen. Literatur Allen, James, et-al. 2000. Without Sanctuary: Lynching Photography in America. Sante Fe: Twin Palms. Hall, Jacquelyn Dowd. 1993. Revolt against Chivalry: Jesse Daniel Ames and the Women’s Campaign against Lynching. New York: Columbia University Press. Murphy, Mary-Elizabeth. 2018. Jim Crow Capital: Women and Black Freedom Struggles in Washington, D.C., 1920-1945. Chapel Hill: University of North Carolina Press. Royster, Jacqueline Jones (Hg.), 1997. Southern Horrors and Other Writings: The Anti-Lynching Campaign of Ida B.-Wells, 1892-1900. Boston: Bedford. Seguin, Charles und Sabrina Nardin. 2022. „The Lynching of Italians and the Rise of Antilynching Politics in the United States.“ Social Science History-46, 1 (Spring): 65-91. Silkey, Sarah L. 2015. Black Woman Reformer: Ida B. Wells, Lynching, and Transatlantic Activism. Athens: University of Georgia Press. U.S. House of Representatives. 2008. Black Americans in Congress, 1870-2007. Washington, D.C.: U.S. Government Printing Office. Waldrep, Christopher. 2002. The Many Faces of Judge Lynch: Extralegal Violence and Punishment in America. New York: Palgrave Macmillan. Wells, Ida-B. 1970. Crusade for Justice: The Autobiography of Ida B.-Wells, hrsg. von Alfreda M.-Duster. Chicago: University of Chicago Press. Zangrando, Robert L. 1980. The NAACP Crusade Against Lynching, 1909-1950. Philadelphia: Temple University Press. 40 Anti-Lynching-Aktivismus 517 <?page no="519"?> 41 Der Kampf um das Wahlrecht Manfred Berg Abstract | Das Wahlrecht war in der amerikanischen Geschichte stets das Symbol für die gleichberechtigte Mitgliedschaft in Staat und Gesellschaft und das Mittel, kollektive Interessen politisch durchzusetzen. Keine andere Bevölkerungsgruppe hat für dieses Recht so lange und hart kämpfen müssen wie die Afroamerikaner. Bürgerrechtler führten diesen Kampf im Gerichtssaal, im Kongress, in der Öffent‐ lichkeit und in unermüdlichen Kampagnen zur Registrierung und Mobilisierung schwarzer Wählerinnen und Wähler. Trotz epochaler Erfolge wie dem Fünfzehnten Verfassungszusatz von 1870 und dem Voting Rights Act von 1965 bleibt der Kampf um das Wahlrecht auch in der Gegenwart eine zentrale Aufgabe der Bürgerrechts‐ politik. Im März 1911 verabschiedete die zwei Jahre zuvor von weißen und afroamerikanischen Sozialreformern gegründete National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) ein Grundsatzprogramm, in dem es u. a. hieß: „Den farbigen Bürgern der Vereinigten Staaten stehen alle die bürgerlichen und politischen Rechte zu, die ihre weißen Nachbarn genießen. Wir betrachten es als eine selbstverständliche politische Wahrheit, dass Menschen, denen das Recht zu wählen vorenthalten wird, sich nicht gegen Unterdrückung und Ungerechtigkeit schützen können. […] Der erste Schritt zur Förderung der farbigen Rasse ist die Anerkennung und der Schutz ihres Wahlrechts“. Die Erklärung der NAACP benanntedie beiden entscheidenden Motive, warum recht‐ lose Minderheiten im Laufe der amerikanischen Geschichte das Wahlrecht gefordert haben: Das Wahlrecht symbolisiert die volle und gleichberechtigte Mitgliedschaft in Staat und Gesellschaft - first-class citizenship, wie die Formel der Bürgerrechtler lautete - und es verlieh die Macht, kollektive Interessen politisch geltend zu machen (Zitat in Berg 2002, 33; umfassend Berg 2000; Shklar 1991, 25-62). Keiner anderen Bevölkerungsgruppe ist in der US-Geschichte das Wahlrecht so hartnäckig verweigert worden wie den Afroamerikanern. Dass die Hüter der weißen Vorherrschaft ihnen das Wahlrecht mit allen Mitteln, einschließlich brutaler Gewalt, wirtschaftlicher Einschüchterung, Schikanen und restriktiver Wahlgesetze (→ Kapitel Wahlrechtsdiskriminierung), vorzuenthalten versuchten, verlieh dem Stimmzettel eine magische Aura. Wenn die schwarzen Amerikanerinnen und Amerikaner erst frei wählen konnten, so lautete das große Versprechen, würden Rassentrennung und Diskriminierung verschwinden. Auf die politische Ermächtigung mussten soziale Anerkennung und Chancengleichheit gleichsam automatisch folgen. Der Glaube, dass der Stimmzettel das „Ticket in die Freiheit“ (Berg 2000) sein würde, mag in der <?page no="520"?> Rückschau naiv erscheinen, doch ohne diesen Glauben bleibt unverständlich, dass unzählige Frauen und Männer dafür ihr Leben riskierten. Erläuterung | National Association for the Advancement of Colored People: Die National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) ist die älteste und bis heute größte afroamerikanische Bürgerrechtsorganisation der USA. Seit ihrer Gründung im Jahre 1909 gehört der Kampf für das gleiche und freie Wahlrecht der schwarzen Amerikaner zu ihren zentralen Aktivitäten. Dabei waren ihre wichtigsten Strategien Klagen gegen rassistische Wahlrechtsdiskriminierung, politische Lobbyarbeit sowie Kampagnen zur Registrierung und Mobilisierung schwarzer Wählerinnen und Wähler. Die Sicherung des Wahlrechts und sein kluger Gebrauch, so ihr Credo, waren der Schlüssel zur Abschaffung der Rassentrennung und zur rechtlichen und politischen Gleichberechtigung - das „Ticket in die Freiheit.“ Vom Bürgerkrieg zu Jim Crow Vor dem amerikanischen Bürgerkrieg besaßen schwarze Männer nur in fünf Staaten Neuenglands das gleiche Wahlrecht. Dass zwischen 1863 und 1870 aus den knapp vier Millionen versklavten Afroamerikanern „Staatsbürger erster Klasse“ wurden, kam einer revolutionären Umwälzung gleich, an der die befreiten Schwarzen selbst erheb‐ lichen Anteil hatten. Zwischen 1862 und 1865 dienten rund 200.000 Afroamerikaner in den Streitkräften der Union. Trotz Diskriminierung und Demütigung stärkte der Militärdienst den Bürgerstolz der Soldaten und inspirierte die Forderung, dass sich die schwarzen Patrioten das Bürgerrecht und das Wahlrecht auf dem Schlachtfeld erkämpft hatten. So hieß es in einer Petition aus dem Jahre 1863: „Es war notwendig, den schwarzen Mann zum Soldaten zu machen, jetzt muss er auch zum Wähler gemacht werden. Er wurde zum Soldaten, um die Union zu retten. Nun muss er zum Wähler werden, um sie künftig zu bewahren“. Auch der lange skeptische Präsident Abraham Lincoln befürwortete kurz vor seinem Tod im April 1865 das Wahlrecht für die „besonders intelligenten“ Schwarzen und „besonders für die, die tapfer in unseren Reihen gefochten haben“ (Zitate in Berg 2010, 140-44). In der Tat setzte sich die Einsicht, dass das schwarze Männerwahlrecht als politisches Bollwerk gegen das Wiederaufleben der Rebellion in den Südstaaten unverzichtbar war, zwischen 1865 und 1870 auch bei der Mehrheit der weißen Nordstaatler durch. Der Vierzehnte Verfassungszusatz von 1868 erklärte die befreiten Sklaven zu Staatsbürgern und garantierte ihnen die Gleichheit vor dem Gesetz; der Fünfzehnte Verfassungszusatz von 1870 verbot die Verweigerung oder Beschränkung des Wahlrechts aufgrund von „Rassenzugehörigkeit, Hautfarbe oder früherem Sklavenstatus“. Schwarzen Männern stand damit überall in den USA formal das gleiche Wahlrecht zu wie weißen, doch im besiegten Süden wehrten sich rassistische Vigilanten wie der Ku-Klux-Klan mit Terror 520 41 Der Kampf um das Wahlrecht <?page no="521"?> und Gewalt gegen die sogenannte „Negerherrschaft“. Die Afroamerikaner wiederum verteidigten ihre hart erkämpften Rechte und organisierten sich in sogenannten Union Leagues, in denen meist Veteranen der US-Armee Führungspositionen bekleideten. Solange die Bundesregierung das schwarze Wahlrecht schützte, spielten die Ex-Sklaven als Wähler und Mandatsträger in der Politik der Südstaaten eine wichtige Rolle (Foner 1988; Waldman 2017, 61-72). Doch nach dem Ende der Reconstruction und dem Abzug der Unionstruppen etab‐ lierte der weiße Süden sukzessive das als Jim-Crow-System bekannte Regime der Rassentrennung und politischen Entrechtung, sodass bereits Anfang des 20. Jahrhun‐ derts fast alle schwarzen Südstaatler ihr Wahlrecht nicht mehr ausüben konnten (→ Kapitel Wahlrechtsdiskriminierung). Angesichts der allgegenwärtigen Repression stellte bereits der Versuch, sich registrieren zu lassen, einen Akt des Widerstands dar, den bald nur noch wenige Afroamerikaner wagten. Da organisierter Protest aussichts‐ los erschien, verlagerte sich der Wahlrechtskampf weitestgehend auf den Rechtsweg. Der einflussreiche schwarze Pädagoge und Sozialreformer Booker T. Washington, der öffentlich als Fürsprecher „harmonischer Rassenbeziehungen“ auftrat, finanzierte diskret Klagen gegen diskriminierende literacy tests und ermutigte Widerstand gegen die Wahlrechtsreformen des Südens. Radikale afroamerikanische Intellektuelle wie W. E. B. Du Bois und Monroe Trotter agitierten offen für das Wahlrecht als Inbegriff der first-class citizenship, In der Hochzeit des Rassismus hatten die Versuche, die Welle des disfranchisement - des Wahlrechtsentzugs - aufzuhalten, jedoch wenig Erfolgsaussichten (Norrell 2009, 185-89, 203-09). Erst mit der Gründung der NAACP 1909 entstand eine Organisation, die das Wahlrecht ins Zentrum des Bürgerrechtskampfes stellte und eine kohärente Strate‐ gie zu seiner Durchsetzung entwickelte (Berg 2000). Die Herausforderungen waren gewaltig: Die weiße Mehrheitsgesellschaft musste davon überzeugt werden, dass die rassistische Wahlrechtsdiskriminierung kein Sonderproblem des Südens war, sondern die Glaubwürdigkeit der amerikanischen Demokratie insgesamt beschädigte. Der Oberste Gerichtshof musste dazu gebracht werden, hinter die „farbenblinde“ Fassade der diskriminierenden Wahlrechtsgesetze zu blicken und ihre Unvereinbarkeit mit der Verfassung festzustellen. Die Bundesexekutive und der Kongress sollten zu wirksamen Maßnahmen gedrängt werden, um Bürgerrechtler und Wähler vor Repressalien und disfranchisement zu schützen. Vor allem aber kam es darauf an, die schwarze Bevölkerung politisch zu mobilisieren. Die NAACP führte immer wieder Registrierungskampagnen durch, um das schwarze Stimmenpotenzial zu steigern, und sie rief dazu auf, das Stimmrecht dort, wo Afroamerikaner relativ frei wählen konnten, im Interesse der Bürgerrechte auszuüben. Lange Zeit bedeutete dies, das schwarze Wähler moderate und liberale weiße Politiker unterstützen sollten, weil schwarze Kandidaten ohnehin chancenlos waren. Das Werben um weiße Verbündete gestaltete sich extrem schwierig, denn politisch waren die Afroamerikaner bis in die 1930er Jahre völlig isoliert. Die Demokraten standen für die weiße Vorherrschaft, und die Republikaner zählten auf die Loyalität 41 Der Kampf um das Wahlrecht 521 <?page no="522"?> der schwarzen Wähler des Nordens zur „Partei Lincolns“, waren aber nicht ernsthaft daran interessiert, ihre Rechte zu stärken. Den Ersten Weltkrieg führten die USA zwar unter dem Banner der Demokratie, aber das Bemühen schwarzer Führer, Patrio‐ tismus und Kriegsdienst in Anerkennung der Bürgerrechte umzumünzen, scheiterte am rassistischen Zeitgeist. Dasselbe galt für die Hoffnung, mit dem 1920 durch Verfassungszusatz eingeführten Frauenwahlrecht auch dem Wahlrecht der schwarzen Minderheit im Süden wieder Geltung verschaffen zu können. Zwar engagierten sich schwarze Frauen in der Wahlrechtsbewegung und führende weiße Feministinnen unterstützten die NAACP, doch um die Zustimmung des Südens zu gewinnen, versi‐ cherten die Sprecherinnen der weißen Frauenstimmrechtsbewegung immer wieder, dass die Einführung des Frauenwahlrechts nichts mit der Rassenfrage zu tun habe. Tatsächlich wurde schwarzen Frauen nach 1920 im Süden genauso das Wahlrecht verweigert wie schwarzen Männern (Terborg-Penn 1998; Berg 2000, 93-101). Vom New Deal zum Voting Rights Act Die politischen Rahmenbedingungen für den Wahlrechtskampf verbesserten sich in den 1930er Jahren, weil die Botschaft von Präsident Franklin D. Roosevelt, dass er bei den Hilfs- und Reformmaßnahmen seines New Deal niemanden vergessen werde, bei den von der Großen Depression besonders hart getroffenen Afroamerikanern gut ankam. Spätestens mit der Wahl 1936 kündigten die schwarzen Wähler des Nordens der „Partei Lincolns“ mehrheitlich die Gefolgschaft und wurden zu wichtigen Stamm‐ wählern der New Deal-Demokraten. Doch auch die New Dealer agierten mit Rücksicht auf ihre Hochburgen in den Südstaaten in der Bürgerrechtsfrage sehr zurückhaltend. Die NAACP erzielte mit mehreren Klagen gegen die white primary Teilerfolge vor dem Obersten Gerichtshof, doch ein Durchbruch blieb aus (zur white primary → Kapitel Wahlrechtsdiskriminierung). Noch 1940 waren in den elf Staaten der ehemaligen Konföderation gerade einmal fünf Prozent aller erwachsenen Afroamerikaner - rund 150,000 Personen - als Wähler registriert (Berg 2000, 161-82, 245-47). Erst der Zweite Weltkrieg beförderte einen grundlegenden Wandel. Zum einen wurde das Jim-Crow-System im Kampf gegen Nazideutschland und Japan zur schwe‐ ren ideologischen Bürde. Vor diesem Hintergrund gelang es 1944 der NAACP, den Supreme Court endlich davon zu überzeugen, dass die white primary verfassungswidrig und undemokratisch war. Zum anderen löste die Beteiligung am Krieg gegen eine selbsternannte „Herrenrasse“ einen kraftvollen politischen Mobilisierungsschub in der afroamerikanischen Bevölkerung aus. Das erklärte Kriegsziel der nun immer selbstbe‐ wusster auftretenden Bürgerrechtsorganisationen war der „doppelte Sieg“ über den Rassismus in der Welt und im eigenen Land. Die NAACP führte gemeinsam mit anderen Bürgerrechtsgruppen und Gewerkschaften eine Kampagne gegen die Kopfsteuer (→ Kapitel Wahlrechtsdiskriminierung), ihre Mitgliedschaft verachtfachte sich zwischen 1940 und 1945 auf fast eine halbe Million (Berg 2000, 196-98, 227-42; Zelden 2004). Vor allem im urbanen Süden machte auch die Wählerregistrierung Fortschritte; 1948 522 41 Der Kampf um das Wahlrecht <?page no="523"?> waren im Süden bereits mehr als 800.000 Afroamerikaner registriert, und bis Anfang der Fünfzigerjahre stieg ihre Zahl auf 1,2 Millionen. Die Führung in den lokalen Wahlrechtsinitiativen übernahmen oft die aus dem Krieg heimgekehrten Veteranen, die sich selbst im repressiven Klima des tiefen Südens nicht mehr einschüchtern ließen. Doch erneut kam es zu brutaler rassistischer Gewalt gegen Wahlrechtsaktivisten mit zahlreichen Toten. Nicht zuletzt mit Blick auf den beginnenden Kalten Krieg und den Anspruch Amerikas, die „freie Welt“ im Kampf gegen den Kommunismus anzuführen, kündigte Präsident Harry Truman 1947 ein umfassendes Bürgerrechtsprogramm an, das indessen am Widerstand des Solid South im Kongress scheiterte. Dennoch war die Dynamik des Wandels nun nicht mehr zu stoppen. In den 1950er Jahren nahmen die Kampagnen zur Wählerregistrierung weiter Fahrt auf, und mit den gewaltlosen Protestaktionen gegen die Rassentrennung begann eine neue, entscheidende Phase des Bürgerrechtskampfes. Ob non-violent direct action oder Wählerregistrierung und Mobilisierung den Schwerpunkt des Aktivismus bilden sollten, war innerhalb der Bürgerrechtsbewegung umstritten. Aber auch die Southern Christian Leadership Conference unter Führung Martin Luther Kings Jr., der Congress of Racial Equality (CORE) und das Student Nonviolent Coordinating Committe (SNCC), deren Boykotte, Sit-ins und Protestmärsche das öffentliche Bild der Bewegung in den späten 1950er und frühen 1960er Jahren prägten, sahen im Kampf um das Wahlrecht den Schlüssel zum Erfolg. Im „Freiheitssommer“ 1964 rief das SNCC Hunderte weißer Studentinnen und Studenten nach Mississippi, um dort unter der schwarzen Landbe‐ völkerung politische Bildungsarbeit zu leisten. Die mörderische Gewalt gegen die weißen Freiwilligen verschaffte der Kampagne nationale Aufmerksamkeit und zwang die Bundespolizei zum Eingreifen (→ Kapitel Der Kampf gegen die Segregation in öffentlichen Verkehrsmitteln und Einrichtungen). Den Durchbruch brachte Anfang 1965 die von Martin Luther King Jr. geführte Demonstrationskampagne in Selma, Alabama, wo von ca. 15.000 erwachsenen schwar‐ zen Einwohnern weniger als 500 auf den Wählerlisten standen. Dass der lokale Polizeichef die Demonstrationen vor laufenden Fernsehkameras niederknüppeln ließ, spielte der Bewegung in die Karten, denn nun ergriffen öffentliche Meinung, Kon‐ gress und die Administration von Präsident Lyndon B. Johnson endgültig Partei für die Bürgerrechtler. Johnson peitschte ein drastisches Wahlrechtsgesetz durch den Kongress, das die Wählerregistrierung und Stimmabgabe in großen Teilen des Südens unter Bundesaufsicht stellte. Der im August 1965 verabschiedete Voting Rights Act suspendierte zudem alle literacy tests und verpflichtete die betroffenen Staaten, geplante Änderungen ihrer Wahlverfahren dem Bundesjustizministerium bzw. dem Bundesbezirksgericht in Washington, D.C. zur „Vorklärung“ vorzulegen, bevor diese in Kraft treten konnten (Valelly 2006, 259-67). Innerhalb kurzer Zeit schnellte die afroamerikanische Registrierungsquote in den Staaten des tiefen Südens in die Höhe und erreichte das Niveau der weißen Südstaatler. Auch die Zahl der Schwarzen in Wahlämtern vervielfachte sich rasch (→ Kapitel Wahlrechtsdiskriminierung). 41 Der Kampf um das Wahlrecht 523 <?page no="524"?> Erläuterung | Voting Rights Act: Der Voting Rights Act von 1965 gehört zu den bedeutendsten Bürgerrechtsgesetzen der US-Geschichte. Das Gesetz bekräftigte das Verbot der Rassendiskriminierung bei Wahlen und unterstellte die Wähler‐ registrierung und die Wahlen in sieben Staaten des Südens, wo die schwarze Registrierungsquote besonders niedrig war, der Bundesaufsicht, suspendierte alle literacy tests und verpflichtete die betroffenen Staaten, geplante Änderungen ihrer Wahlgesetze dem US-Justizministerium zur Vorklärung vorzulegen. Seit 1970 hat der Kongress den Voting Rights Act immer wieder erweitert und verlängert, zuletzt 2006 um 25 Jahre. Allerdings hat der US-Supreme Court seit 2013 die Anwendung seiner Bestimmungen erheblich eingeschränkt. Das Wahlrecht nach der Bürgerrechtsära Der Voting Rights Act gilt als eine der wichtigsten und wirkungsvollsten Errungen‐ schaften der Bürgerrechtsbewegung. Der politische Druck, der von den gewaltlosen Protesten ausging, ebnete den Weg für ein Gesetz, das trotz seiner tiefen Eingriffe in die Rechte der Einzelstaaten breite politische Unterstützung genoss. Selbst Kon‐ servative konnten nicht mehr ignorieren, dass die Verweigerung des Wahlrechts eine fundamentale Verletzung demokratischer Prinzipien darstellte, die Amerikas Selbstbild und internationales Prestige schwer beschädigte. Zudem verband die weiße Mehrheitsgesellschaft mit dem Gesetz die Hoffnung auf eine schnelle politische Lösung der Rassenfrage. Sobald die Afroamerikaner frei wählen konnten, so die auch von führenden Bürgerrechtlern genährte Erwartung, waren weder Proteste noch das Eingreifen der Bundesregierung mehr nötig. Amerika würde zur politischen Tagesordnung übergehen können. Die Hoffnung auf eine Befriedung des Rassenkonflikts erwiesen sich freilich rasch als Illusion. Nur wenige Tage nach Verabschiedung des Voting Rights Act begannen in Los Angeles schwere Rassenunruhen. Die zweite Hälfte der Sechzigerjahre stand im Zeichen von Ghetto-Rebellionen und Black Power (→ Kapitel Die schwarzen städti‐ schen Rebellionen der 1960er Jahre). Das Wahlrecht, von dem sich viele Bürgerrechtler das Ende der Rassendiskriminierung erhofft hatten, konnte weder die Wut und Unge‐ duld der schwarzen Ghettobevölkerung kanalisieren, noch führte es schnell zu sozialen Verbesserungen. Gleichwohl vollzog sich seit den 1970er Jahren der Übergang vom Protest zur Politik (Lawson 1985). Dass der Voting Rights Act den Afroamerikanern nun im ganzen Land die Registrierung und Stimmabgabe sicherte, stärkte ihren politischen Einfluss und resultierte im kontinuierlichen Anstieg der Zahl afroamerikanischer Mandats- und Amtsträger. Allerdings dauerten die Versuche, das afroamerikanische Stimmenpotenzial zu verwässern und die Chancen schwarzer Kandidaten durch unfaire Wahlverfahren zu minimieren (→ Kapitel Wahlrechtsdiskriminierung) - vor allem im Süden an. Der Klageweg gegen die sogenannte minority vote dilution war lange Zeit relativ erfolgreich, verhinderte aber nicht, dass viele Bundesstaaten immer 524 41 Der Kampf um das Wahlrecht <?page no="525"?> neue Varianten der Wahlrechtsbeschränkungerprobten. Kritiker beklagten zudem, dass die bloße Präsenz von Afroamerikanern in den gesetzgebenden Körperschaften nicht zu echter politischer Macht geführt habe. Schwarze Abgeordnete würden von der weißen Mehrheit entweder majorisiert oder kooptiert. Die Bürgerrechtsanwältin und Wahlrechtstheoretikerin Lani Guinier forderte deshalb, das Wahlsystem so zu ändern, dass eine faire Repräsentation afroamerikanischer Interessen sowohl bei Wahlen als auch im Gesetzgebungsverfahren sichergestellt sei (Guinier 1994). Doch Guiniers Vorschläge, die im Kern auf Varianten der Verhältniswahl hinausliefen, fanden kaum politischen Rückhalt. Als Präsident Bill Clinton Lani Guinier 1993 für eine Führungsposition im Justizministerium nominierte, erhob sich ein Sturm der Entrüstung über die „Quotenkönigin“, und Clinton ließ seine Kandidatin fallen. Zugleich entschied der Oberste Gerichtshof in mehreren Urteilen, dass die Schaffung von mehrheitlich afroamerikanischen Wahlkreisen mit dem alleinigen Ziel, die Wahl schwarzer Kandidaten zu ermöglichen, gegen die Verfassung verstieß (Berg 2000, 472-77). Die Wahl des ersten afroamerikanischen Präsidenten im Jahr 2008 galt weithin als historische Transformation und „symbolische Krönung des schwarzen Freiheitskamp‐ fes“, wie es der schwarze Intellektuelle Henry Louis Gates Jr. hymnisch formulierte (Sugrue 2010, 12). Doch tatsächlich lösten Barack Obamas Wahlsiege und seine Präsi‐ dentschaft bei Teilen der weißen Wählerschaft einen extremen Radikalisierungsschub aus. Angesichts des demografischen Wandels und ihrer schrumpfenden Wählerbasis nahm die Republikanische Partei Zuflucht zur altbewährten Strategie, den Anhän‐ gern des politischen Gegners die Registrierung und Stimmabgabe zu erschweren. Seit der Supreme Court, beginnend mit Shelby v. Holder 2013, die Durchsetzung des Voting Rights Act empfindlich geschwächt hat, ist es für Bürgerrechtler wieder erheblich schwieriger geworden, gerichtlich gegen die voter suppression vorzugehen. Der Kongress, der den Voting Rights Act an die neuen Herausforderungen anpassen müsste, ist durch die parteipolitische Polarisierung blockiert. Der Widerstand gegen die erneuten Versuche, Afroamerikanern und anderen Minderheiten die Wahlbeteiligung durch komplizierte, aber nur augenscheinlich farbenblinde gesetzliche Vorschriften zu erschweren, konzentriert sich daher einmal mehr auf massive Registrierungs- und Mobilisierungskampagnen. Wie in den Zeiten der Bürgerrechtsbewegung gehen Aktivisten von Tür zu Tür und fordern die schwarzen Bürgerinnen und Bürger auf, die Macht des Stimmzettels zu nutzen (Anderson 2018, 25-43, 121-48). Mehr als 150 Jahre nach der Verabschiedung des Fünfzehnten Verfassungszusatzes und fast 60 Jahre nach dem Voting Rights Act dauert der Kampf um das Wahlrecht an. Literatur Anderson, Carol. 2018. One Person, No Vote: How Voter Suppression Is Destroying Our Democracy. New York: Bloomsbury Publishing. Berg, Manfred. 2000. The Ticket to Freedom: Die NAACP und das Wahlrecht der Afro-Amerikaner. Frankfurt am Main: Campus. 41 Der Kampf um das Wahlrecht 525 <?page no="526"?> Berg, Manfred. 2002. „Individual Right and Collective Interest: The National Association for the Advancement of Colored People and the American Voting Rights Discourse.“ In Two Cultures of Rights. The Quest for Inclusion and Participation in Modern America and Germany. hrsg. von Manfred Berg und Martin H. Geyer, 33-57. New York: Cambridge University Press. Berg, Manfred. 2010. „American Wars and the Black Struggle for Freedom and Equality.“ In The American Experience of War, hrsg.von Georg Schild, 133-54. Paderborn: Ferdinand Schöningh. Foner, Eric. 1988. Reconstruction: America’s Unfinished Revolution. New York: Harper & Row, 1988. Guinier, Lani. 1994. The Tyranny of the Majority. Fundamental Fairness in Representative Democ‐ racy. New York: The Free Press. Keyssar, Alexander. 2000. The Right to Vote. The Contested History of Democracy in the United States. New York: Basic Books. Lawson, Steven F. 1985. In Pursuit of Power: Southern Blacks and Electoral Politics, 1965-1982. New York: Columbia University Press. Norrell, Robert J. 2009. Up from History: The Life of Booker T. Washington. Cambridge, MA: Belknap Press of Harvard University Press. Shklar, Judith N. 1991. American Citizenship: The Quest for Inclusion. Cambridge, MA.: Harvard University Press. Sugrue, Thomas J. 2010. 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Nach der Abschaffung der Sklaverei und der daraus resultierenden Emanzipation der ehemaligen Sklav: innen bemühten sich weiße Südstaatler: innen darum, ein getrenntes Leben zu führen und nur minimal mit Schwarzen Amerikaner: innen zu interagieren. Bis 1900 war die Rassentrennung in den meisten Südstaaten weitgehend hergestellt. Trotz vorteilhafter Gerichtsent‐ scheidungen bedurfte es der Arbeit tausender Amerikaner: innen über fast ein Jahrhundert hinweg, um die Politik der Segregation zu beenden und Schwarzen Amerikaner: innen die gleichberechtigte Nutzung öffentlicher Einrichtungen zu ermöglichen. Der Bürgerkrieg war ein Meilenstein in der US-amerikanischen Geschichte. Er been‐ dete 246 Jahre der Versklavung und erforderte eine grundlegende Umstrukturierung der Gesellschaft. Während der Zeit der Reconstruction von 1865 bis 1877 wurden Maß‐ nahmen ergriffen, Schwarze Amerikaner: innen als vollwertige Staatsangehörige zu integrieren. Es wurde jedoch deutlich, dass die meisten weißen Südstaatler: innen nicht bereit waren, die Gleichberechtigung anzuerkennen. 1868 wurde der 14. Zusatzartikel verabschiedet, der allen Schwarzen Menschen die Staatsbürgerschaft, den gleichen Schutz durch das Gesetz und ein ordentliches Gerichtsverfahren zusicherte. Dies hätte sie eigentlich vor weiterer Diskriminierung schützen sollen, der ehemalige konföde‐ rierte Süden fand jedoch alternative Methoden - darunter die Black Codes, die sich zwar von Staat zu Staat unterschieden, aber oft die Verhaftung von Schwarzen Arbeitslosen, das Verbot des Eigentumserwerbs und andere Bestimmungen über das tägliche Leben von mehr als vier Millionen Befreiten beinhalteten (Litwack 1980, 366-71). Dieses Bestreben, die Freiheit und die Entwicklungschancen der Schwarzen Bevölkerung einzuschränken, war eine bewusste Anstrengung der weißen Südstaatler: innen, um ihre Macht und die Kontrolle über Politik, Wirtschaft und Gesellschaft zu sichern. Als sich die Bundestruppen 1877 aus dem Süden zurückzogen, begannen viele Staaten damit, die Rechte der Schwarzen Bevölkerung weiter einzuschränken - sie erließen Gesetze, die den Zugang zu öffentlichen Einrichtungen wie Verkehrsmitteln und Schulen aber auch öffentlichen Orten wie Lebensmittelgeschäften beschränkten. Mit diesen Gesetzen wurde die Rassentrennung im Süden rechtlich eingeführt. Ei‐ <?page no="528"?> ner der Hauptkonfliktpunkte war der Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln. Bis Ende der 1880er Jahre hatten viele Südstaaten Gesetze über getrennte Zugwagons für Schwarze und weiße Fahrgäste erlassen. Diese Gesetze wurden von Schwarzen Männern und Frauen angefochten, von denen sich viele dagegen auflehnten, nicht in einem Wagen der ersten Klasse sitzen zu können, obwohl sie über genügend Geld verfügten. Es war der Fall von Homer Plessy, der letztlich die Politik und Praxis der Rassentrennung in den Südstaaten sanktionierte. Der aus New Orleans stammende Plessy, ein Afroamerikaner mit heller Hautfarbe, wurde ausgewählt, den Separate Car Act des Staates von 1890 zu testen, in der Hoffnung, dass der Oberste Gerichtshof die Rassentrennungsgesetze für ungültig erklären würde. 1892 kaufte Plessy eine Fahrkarte für die erste Klasse und setzte sich in den Wagen, der nur für Weiße bestimmt war. Als der Schaffner ihn aufforderte, in den den Schwarzen zugewiesenen Wagen umzusteigen, weigerte er sich und wurde umgehend verhaftet. Vier Jahre später, am 18. Mai 1896, entschied der Oberste Gerichtshof gegen Plessy. Plessy v. Ferguson war ein Grundsatzurteil des Obersten Gerichtshofs, das besagte, dass Rassen‐ trennungsgesetze nicht gegen die Verfassung verstießen, solange die bereitgestellten Einrichtungen gleichwertig seien (Plessy v. Ferguson 163 U.S. 537, 1896). Obwohl der Oberste Gerichtshof Einrichtungen für die „Rassen“ forderte, die der Doktrin separate but equal entsprachen, wurde dies nur selten eingehalten. Viele Einrichtungen für Schwarze waren vergleichsweise minderwertig oder gar nicht vorhanden. Erläuterung | Der 14. Zusatzartikel: Der 14. Zusatzartikel war einer von drei Verfassungszusätzen, die während der Reconstruction verabschiedet wurden, um die verheerenden Folgen der Versklavung zu beseitigen. Die ehemaligen konföder‐ ierten Staaten mussten den 14. Zusatzartikel ratifizieren, um wieder in die Union aufgenommen zu werden. Die wichtigsten Klauseln sahen die Staatsbürgerschaft für “all persons born or naturalized in the United States” vor, wodurch allen ehemals versklavten Personen die sofortige Staatsbürgerschaft zuerkannt wurde. Der Verfassungszusatz verlangt auch, dass es den Staaten verboten ist, einer Person ohne ordentliches Gerichtsverfahren das Leben, die Freiheit oder das Eigentum zu entziehen (“to deprive any person of life, liberty, or property, without due process of law”) - die Staaten müssen also allen Menschen eine faire rechtliche Behand‐ lung zukommen lassen. Ebenso wurde gefordert, dass die Staaten den gleichen Schutz durch die Gesetze gewährleisten. Mit dieser Klausel sollte sichergestellt werden, dass alle Menschen unabhängig von ihrer „Rasse“ den gleichen Zugang zum Rechtssystem und den gleichen Schutz durch die Gesetze erhalten. Der 14. Zusatzartikel war von zentraler Bedeutung für künftige Gerichtsverfahren, die die Rassentrennung beenden sollten. 528 42 Der Kampf gegen die Segregation in öffentlichen Verkehrsmitteln und Einrichtungen <?page no="529"?> Öffentliche Verkehrsmittel Mit der Entscheidung des Obersten Gerichtshofs im Fall Plessy wurde die Rassentren‐ nung für mehr als sechzig Jahre zur Grundlage der Südstaatengesellschaft. In den darauffolgenden Jahrzehnten bildeten sich verschiedene Bürgerrechtsorganisationen mit dem Ziel, Plessy per Gerichtsverfahren zu kippen. Die Klagen konzentrierten sich vorwiegend auf öffentliche Verkehrsmittel, da einige der ersten Segregationsgesetze des späten 19. Jahrhunderts diesen Bereich betrafen und weil Eisenbahngesellschaften nur selten wirklich gleiche Einrichtungen für Schwarze Fahrgäste zur Verfügung stellten. Doch es waren nicht nur gerichtliche Klagen, die die Legitimität von segre‐ gierten öffentlichen Einrichtungen in Frage stellten: Nach dem Zweiten Weltkrieg protestierten immer mehr Schwarze Amerikaner: innen gegen die Rassentrennung und setzten ihre wirtschaftliche Macht ein, um Veränderungen in ihren Gemeinden zu erzwingen. Eine neue Generation junger Schwarzer Amerikaner: innen war nicht länger bereit, den Kopf einzuziehen und weigerte sich, die Bürgerschaft zweiter Klasse zu akzeptieren. Sie nutzte die gewaltfreien Methoden Mahatma Gandhis, um friedlich für Gleichheit zu protestieren und bildete damit die Grundlage für die gewaltfreie Bürgerrechtsbewegung, die nach dem Krieg entstand. Eine der frühesten und erfolgreichsten Entscheidungen, mit denen die segregierte Beförderung angefochten wurde, ereignete sich 1941. Ausgangspunkt war eine Reise des Schwarzen Kongressabgeordneten Arthur Mitchell von Chicago, Illinois, nach Hot Springs, Arkansas, im Jahr 1937, bei der dieser gewaltsam aus dem Erste-Klasse-Wagen verbannt worden war. Er war zuvor auf keine Probleme gestoßen, bis sein Zug in Arkansas einfuhr, das 1891 ein Gesetz über getrennte Wagen erlassen hatte. Als er nach Chicago zurückkehrte, reichte er eine offizielle Beschwerde bei der Interstate Commerce Commission (ICC) ein, die den zwischenstaatlichen Verkehr regulierte und beaufsichtigte. Die 1887 gegründete ICC war mit der Aufgabe betraut, die boomende Eisenbahnindustrie zu kontrollieren. Mit der Begründung, dass die Diskriminierung und die Vorurteile „offensichtlich nicht unberechtigt und unangemessen“ („planly not unjust or undue“) waren, wies die ICC Mitchells Beschwerde ab und unternahm nicht einmal den Versuch, den Grundsatz separate but equal durchzusetzen. Der Fall wurde vor dem Obersten Gerichtshof angefochten, der im April 1941 einstimmig entschied, dass Mitchells Rechte aus dem 14. Zusatzartikel wegen des Fehlens gleichwertiger Transportmittel verletzt worden waren (Mitchell v. United States, 313 U.S. 80 1941). Dies war ein großer Sieg für Bürgerrechtler: innen, die sich für die Abschaffung der Rassentrennung im öffentlichen Verkehr einsetzten, ruinierte jedoch Mitchells politische Karriere. Er stellte sich 1942 nicht zur Wiederwahl, unter anderem weil weiße politische Verantwortliche in Chicago und Washington, D.C., der Ansicht waren, dass er aufgrund seines Gerichtsverfahrens zu offen gegen Rassendiskriminierung aufgetreten war. Dieser Fall verdeutlichte die Gefahr, der Kläger: innen ausgesetzt waren, wenn sie den Status quo in Frage stellten. Im Juli 1944 nahm Irene Morgan, eine Angestellte im Verteidigungssektor, einen Bus von Virginia nach Maryland, um nach einer Fehlgeburt an ihren Arbeitsplatz in der 42 Der Kampf gegen die Segregation in öffentlichen Verkehrsmitteln und Einrichtungen 529 <?page no="530"?> Kriegswirtschaft zurückzukehren. In dem vollbesetzten Bus standen viele Schwarze Amerikaner: innen wie im Gesetz von Virginia verlangt hinten, doch als ein Platz frei wurde, setzte sich Morgan vor ein weißes Paar. Als der Busfahrer sie aufforderte, sich in den Schwarzen Fahrgästen zugewiesenen Bereich zu begeben, bat sie stattdessen darum, nur den Platz mit dem weißen Paar zu tauschen. Dies erzürnte den Busfahrer, der einen Sheriff verständigte, welcher Morgan umgehend abführte und verhaftete. Mit der Unterstützung der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) legte Morgan Einspruch gegen ihre Verhaftung ein. Fast zwei Jahre später entschied der Oberste Gerichtshof im Juni 1946 zu Gunsten von Morgan. In der Rechtssache Morgan v. Virginia urteilten die Richter, dass das Rassentrennungsgesetz von Virginia verfassungswidrig sei und gegen die Interstate Commerce Clause verstoße (Morgan v. Virginia, 328 U.S. 373, 1946). Der Oberste Gerichtshof entschied, dass Segregationsgesetze nicht auf den zwischenstaatlichen Personenverkehr angewandt werden durften. Dennoch hatte dies keine Auswirkungen auf den zwischenstaatlichen Verkehr, da die Richter keinen Mechanismus bereitstellten, mit dem die Staaten dazu gezwungen werden konnten, dem Urteil nachzukommen (Arsenault 2006, 11-19). Da die Auswirkungen von Morgan v. Virginia begrenzt waren, beschlossen zwei Bürgerrechtsorganisationen, dieses Urteil auf die Probe zu stellen. Im Jahr 1947 orga‐ nisierten die Protestgruppe Fellowship of Reconciliation (FOR) und der Congress of Racial Equality (CORE) die erste Runde der Freedom Rides. FOR war eine überwiegend weiße, interreligiöse Organisation, die sich für gewaltlosen Protest und Pazifismus einsetzte. 1942 gründeten Bayard Rustin, James Farmer und James Peck von FOR den CORE, um mit denselben gewaltfreien Methoden wie ihre Mutterorganisation direkt gegen die Rassentrennung vorzugehen. Sie beschlossen, die Umsetzung von Morgan in den oberen Südstaaten Virginia, North Carolina, Tennessee und Kentucky zu testen. Am 9. April 1947 begann die Journey of Reconciliation, als sich sechzehn Aktivisten am Busbahnhof in Washington, D.C. trafen. Sie fuhren mit den zwei verschiedenen Busunternehmen Greyhound und Trailways, um zu testen, ob die Busfahrer die Entscheidung des Obersten Gerichtshofs in der Rechtssache Morgan umsetzten oder die staatlichen Rassentrennungsgesetze aufrechterhielten. Ihre Reise verlief relativ ereignislos, bis sie North Carolina erreichten, wo die weißen und Schwarzen Aktivisten an verschiedenen Haltestellen im ganzen Bundesstaat verhaftet wurden. Das Busunter‐ nehmen Greyhound gestattete den Fahrgästen, ihre Reise unbehelligt durchzuführen, Trailways hingegen weigerte sich, dem nachzukommen und lehnte die Integration in seinen Bussen in North Carolina konsequent ab. Obwohl es in North Carolina zu einer Reihe von Verhaftungen kam, war die Journey for Reconciliation weitgehend erfolgreich. Die Aktivisten hatten gezeigt, dass sich die Busfahrer größtenteils an das Gesetz hielten, allerdings hatten ihre Bemühungen kaum Medienaufmerksamkeit erregt und blieben im Land weitgehend unbekannt. Die 1950er Jahre waren ein Erfolg versprechendes Jahrzehnt für Schwarze Amerika‐ ner: innen, insbesondere im Hinblick auf die Desegregationsbemühungen. Der Oberste Gerichtshof entschied zunehmend zugunsten der Bürgerrechtler: innen, wodurch der 530 42 Der Kampf gegen die Segregation in öffentlichen Verkehrsmitteln und Einrichtungen <?page no="531"?> Geltungsbereich der Plessy-Entscheidung in der gesamten Gesellschaft eingeschränkt wurde. Es war jedoch die bahnbrechende Entscheidung im Fall Brown v. Board of Education aus dem Jahr 1954, die die Desegregation im öffentlichen Bildungswesen anordnete, welche hohe Erwartungen bei Schwarzen Amerikaner: innen weckte (→ Kapitel Der Kampf gegen die Schulsegregation). Schon vor Brown gab es eine Reihe von Gerichtsentscheidungen, die deutlich machten, dass die Bundesregierung eine Umge‐ hung des Prinzips separate but equal im öffentlichen Verkehr nicht mehr tolerierte. Im Jahr 1950 entschied der Oberste Gerichtshof in der Rechtssache Henderson v. United States, dass Speisewagen der Eisenbahn nicht getrennt werden dürfen (Henderson v. United States, 339 U.S. 816, 1950). Auf den Fall Henderson folgte 1955 ein Urteil der ICC, das die Rassentrennung im gesamten zwischenstaatlichen Verkehr endgültig verbot. 1952 wurde Sarah Keys, ein Mitglied des Women's Army Corps, gezwungen, ihren Sitzplatz in einem Bus in North Carolina aufzugeben. Keys reichte eine Klage gegen das Busunternehmen ein. Ihr Fall durchlief das gesamte Rechtssystem bis 1955, als die ICC entschied, dass der Interstate Commerce Act die Rassentrennung verbiete, da sie eine „ungerechte Diskriminierung“ darstelle (Keys v. Carolina Coach Company 64 MCC 769, 1955). Dieser Fall und die anderen, die ihm vorausgingen, verdeutlichen den wachsenden Unwillen der Bundesregierung die Rassentrennung zu billigen. Es wurden jedoch nur wenige Maßnahmen zur Durchsetzung dieser rechtlichen Entscheidungen ergriffen. Wie so oft waren es die Graswurzelaktivist: innen, die dafür sorgten, dass die Transportunternehmen diese Gesetze einhielten. Erläuterung | Gewaltfreie direkte Aktion: Die gewaltfreie direkte Aktion forderte friedliche Methoden des Protests und war einer der wichtigsten Grundsätze der Bürgerrechtsbewegung. Eingesetzt von Mahatma Gandhi im Kampf für die Unab‐ hängigkeit Indiens übernahmen Bürgerrechtler: innen wie Martin Luther King Jr. diese Strategie, um gegen Rassentrennung und Gewalt im Süden vorzugehen. Zu den Methoden der gewaltfreien direkten Aktion gehören Sitzstreiks, Boykotte und friedliche Proteste, die sich darauf stützen, dass die Aktivist: innen ungeachtet jeglicher Gewalt, der sie ausgesetzt waren, friedlich bleiben. In der Tat war es für die Bürgerrechtsbewegung von zentraler Bedeutung, dass die Aktivist: innen nicht auf die gewalttätigen Angriffe reagierten, selbst wenn ihr Leben in Gefahr war. Dies führte zu Hunderten von Fotos und Videoaufnahmen von friedlichen Demonstrant: innen, die von weißen Rassist: innen brutal angegriffen wurden. Dies änderte in den 1960er Jahren die Haltung der Nation zu Gunsten des Bürgerrecht‐ saktivismus. 42 Der Kampf gegen die Segregation in öffentlichen Verkehrsmitteln und Einrichtungen 531 <?page no="532"?> Abschaffung der Rassentrennung im öffentlichen Verkehrswesen Der wohl bekannteste Fall von zivilem Ungehorsam in öffentlichen Verkehrsmitteln war der von Rosa Parks, die sich 1955 weigerte, ihren Sitzplatz in einem Bus in Montgomery, Alabama, aufzugeben. Sie war weder die Erste, die dies tat, noch würde sie die Letzte sein, aber aufgrund einer Reihe von Ereignissen war es ihr Fall, der landesweit Empörung hervorrief. Auch der darauf folgende Boykott des Bussystems von Montgomery durch Schwarze Bürger: innen war nicht der erste dieser Art. Bereits zwei Jahre zuvor hatte in Baton Rouge, Louisiana, ein kurzer Boykott erfolgreich die Rassentrennungsgesetze in den Bussen der Stadt abgeschwächt. Der Montgomery-Bus‐ boykott fand jedoch achtzehn Monate nach der bahnbrechenden Entscheidung Brown v. Board of Education und nur vier Monate nach dem Lynchmord an Emmett Till im benachbarten Mississippi statt. Die grausame Ermordung des 14-jährigen Emmett Till im August, der angeblich gegen die Rassenetikette des Südens verstoßen hatte, brachte weite Teile des Landes gegen den gewalttätigen Rassismus im Süden auf. Parks, eine Näherin und Geschäftsführerin der NAACP-Zweigstelle in Montgomery, wusste, dass das Land immer noch erschüttert war, als sie sich am 1. Dezember 1955 weigerte, ihren Sitzplatz zu verlassen. Bereits einige Monate früher war die 15-jährige Claudette Colvin in Montgomery verhaftet worden, weil sie sich geweigert hatte, ihren Sitzplatz in einem Stadtbus aufzugeben. Colvin war Mitglied des NAACP Youth Council und fand Unter‐ stützung bei Parks, die die NAACP ermutigte, einen Busboykott für Colvin zu starten. Dies geschah zwar nie, was zum Teil auf das junge Alter von Colvin zurückzuführen war, aber ihre Verhaftung führte zu einem entscheidenden Prozess, Browder v. Gayle. Als Parks verhaftet wurde, organisierten die NAACP und der Women's Political Council Versammlungen, um einen Boykott zu starten. Wie auch in Baton Rouge stellten Schwarze Amerikaner: innen die Mehrheit der Busfahrgäste in der Stadt und waren zuversichtlich, dass ein Boykott die Busunternehmen zur Integration zwingen würde. Die örtlichen Schwarzen Führungspersonen gründeten die Montgomery Improvement Association (MIA) um den Busboykott zu koordinieren und seinen langfristigen Erfolg zu sichern. Martin Luther King Jr. wurde gebeten, diese Gruppe anzuführen. Der Sechsundzwanzigjährige aus Atlanta war erst seit etwas mehr als achtzehn Monaten in Montgomery. Als Pastor der Dexter Avenue Baptist Church galt King als eine sichere Wahl, als jemand, der die Schwarze Stadtbevölkerung vereinen und dessen Familie für seinen Bürgerrechtsaktivismus nicht wirtschaftlich bestraft werden konnte - niemand in Kings Familie war auf eine Anstellung in einem weißen Unternehmen angewiesen. Der Busboykott wurde von etwa neunzig Prozent der Schwarzen Bevölkerung der Stadt 381 Tage lang aufrechterhalten, und das Busunternehmen verlor zwei Drittel seiner Einnahmen (Morris 1984, 17-25). Der Boykott endete erst nach dem Urteil im Fall Browder v. Gayle, in dem die Rassentrennung im innerstaatlichen Busverkehr für verfassungswidrig erklärt und die Stadt zur Integration gezwungen wurde (Browder v. Gayle 142 F. Supp. 707, 1956). Zwar ging die Gewalt gegen die Integration in der Stadt weiter, und die Behörden suchten nach neuen Wegen, um die Rassentrennung auszuweiten, doch der Montgomery-Busboykott wurde landesweit im Fernsehen 532 42 Der Kampf gegen die Segregation in öffentlichen Verkehrsmitteln und Einrichtungen <?page no="533"?> übertragen und rief eine neue Generation von Aktivist: innen hervor, die erkannten, dass ein Wandel möglich war. Im Jahr 1960 war die Rassentrennung in öffentlichen Verkehrsmitteln so gut wie überall verfassungswidrig, was jedoch nicht bedeutete, dass Schwarze Fahrgäste diskriminierungsfrei reisen konnten. Im Dezember 1960 fällte der Oberste Gerichtshof in der Rechtssache Boynton v. Virginia sein endgültiges Urteil über die Segregation im Verkehrswesen. Der Oberste Gerichtshof entschied, dass jegliche Rassentrennung von Fahrgästen, die zwischen Bundesstaaten reisten, gegen den Interstate Commerce Act verstoße, einschließlich der Einrichtungen in Busterminals (Boynton v. Virginia 364 U.S. 454, 1960). James Farmer, der nationale Direktor von CORE, rief zu einem Freedom Ride auf, um sicherzustellen, dass die Busunternehmen nicht länger verfassungswidrige einzelstaatliche Gesetze durchsetzten. Die Freedom Rides waren ein Echo der Journey of Reconciliation, aber Farmer fühlte sich ermutigt, in gefährlichere Südstaaten zu reisen. Der Plan sah vor, dass eine integrierte Gruppe von Personen zwei Wochen lang mit Greyhound- und Trailways-Bussen von Washington, D.C. durch Virginia, die Carolinas, Georgia, Alabama, Mississippi und Louisiana reisen sollte. Nachdem sie eine Schulung in gewaltfreier direkter Aktion absolviert hatten, machten sich am 4. Mai 1961 dreizehn Fahrgäste auf den Weg. Ihre Reise verlief weitgehend friedlich, bis sie am 9. Mai Rock Hill, South Carolina, erreichten. Die Reisenden wurden verprügelt und verhaftet, als sie versuchten, in einem Warteraum Platz zu nehmen, der nur Weißen vorbehalten war. Auf ihrer Fahrt durch Georgia ließ der Widerstand nach. In Alabama warteten jedoch weiße Suprematisten nur darauf, die Freedom Riders anzugreifen. Als der Greyhound-Bus Anniston erreichte, wurde er von einem weißen Mob angegriffen, der Fenster einschlug und die Reifen des Busses aufschlitzte. Die Polizei war bei diesem Angriff auffallend untätig, kam spät und nahm niemanden fest. Der Bus wurde daraufhin an den Stadtrand eskortiert, wo er auf einen anderen Mob traf, der den Bus zum Anhalten brachte. Dieser Mob griff den Bus an und forderte die Fahrgäste auf herauszukommen, „um das zu bekommen, was sie verdient hätten“ (Arsenault, 2006, 144). Zwei der Männer warfen brennende Lappen in den Bus und zwangen die Mitfahrer: innen auszusteigen, wo sie prompt angegriffen wurden. Ähnlich schlimm erging es den Trailways-Fahrgästen, die am Busbahnhof von Anniston angegriffen wurden und bei ihrer Ankunft in Birmingham in den Fokus der Aufmerksamkeit gerieten. Als sie den Bus verließen, um die Integration der Einrichtungen des Busbahnhofs zu testen, wurden sie von einem Mob von Klan-Männern empfangen, die viele der Reisenden bis zur Bewusstlosigkeit schlugen. Als Bilder und Berichte über diese Angriffe in Alabama die nationalen Zeitungen erreichten, wuchs die Empörung über die rassistische Gewalt im Süden. Präsident John F. Kennedy wurde unter Druck gesetzt, zugunsten der Freedom Riders zu intervenieren, weigerte sich jedoch, die Gewalt gegen die Riders öffentlich zu verurteilen. Die Spannungen in Birmingham waren so groß, dass die Teilnehmenden beschlossen, den Freedom Ride abzubrechen und stattdessen direkt nach New Orleans zu fliegen. Obwohl es den Aktivist: innen des ersten Freedom Ride nicht gelang, die 42 Der Kampf gegen die Segregation in öffentlichen Verkehrsmitteln und Einrichtungen 533 <?page no="534"?> Integration der öffentlichen Verkehrseinrichtungen in allen Bundesstaaten zu testen, zeigte die mediale Berichterstattung über das, was sie in Alabama erlebt hatten, den Menschen im Norden, wie gewalttätig der Rassismus im Süden war. Dies war von entscheidender Bedeutung für weitere Freedom Rides, die stattfanden, aber auch für die größere Bürgerrechtsbewegung, die in den 1960er Jahren neue Höhepunkte erreichte. Öffentliche Einrichtungen Der öffentliche Nahverkehr stand im Mittelpunkt vieler früher Bemühungen um die Aufhebung der Rassentrennung, doch hatte das Plessy-Urteil von 1896 die Segregation in allen Bereichen der Südstaatengesellschaft legitimiert. Restaurants, Kaufhäuser, Hotels, Kinos und sogar Wasserspender waren segregiert. Dennoch waren viele weiße Unternehmen auf Schwarze Kund: innen angewiesen, um rentabel zu bleiben. Die Bürgerrechtsbewegung nahm am 1. Februar 1960 an Fahrt auf, als vier Schwarze Studenten der North Carolina Agricultural and Technical State University, einer Schwarzen Hochschule in Greensboro, beschlossen, ein Sit-in in einem örtlichen Kaufhaus zu veranstalten. Joseph McNeil, Franklin McCain, Ezell Blair Jr. und David Richmond beschlossen, in das örtliche Woolworth zu gehen und darum zu bitten, an der für Weiße Kunden reservierten Imbisstheke bedient zu werden. Da sie wussten, dass man ihnen den Service verweigern würde, planten sie, bis zur Schließung des Ladens dort zu bleiben und in den folgenden Tagen und Wochen wiederzukommen, um die Aufmerksamkeit der örtlichen Bevölkerung und der Medien auf ihr Anliegen zu lenken (Sitkoff, 1993, 61-63). Die Entscheidung dieser vier jungen Männer fand im gesamten Süden Widerhall. Für viele junge Erwachsene war dies in ihren Heimatstädten leicht nachzuahmen: Sie mussten einfach nur in ihr örtliches Kaufhaus gehen, sich an die Imbisstheke setzen und dort bleiben, bis sie entweder bedient oder verhaftet wurden oder das Geschäft schloss. Sie hielten sich an die Grundsätze der gewaltfreien direkten Aktion und reagierten nicht, wenn wütende Weiße ihnen heißen Kaffee über den Rücken schütteten, Zigaretten auf ihrer Haut ausdrückten oder sie auf andere Weise angriffen. Insgesamt gab es bis April über 1.000 Sit-ins in 80 Städten des Südens, die größtenteils von College-Student: innen angeführt wurden. Diese Student: innen organisierten sich rasch in einer neuen Organisation, dem Student Nonviolent Coor‐ dinating Committee (SNCC), und halfen dabei, Sit-ins und andere gewaltfreie Proteste im gesamten Süden zu koordinieren, um die Integration zu erzwingen. Das SNCC war von entscheidender Bedeutung für die Aufhebung der Rassentren‐ nung - die Basisorganisation war bestrebt, sich in ihrem Kampf für Veränderungen an die Bedürfnisse und Wünsche der lokalen Schwarzen Bevölkerung anzupassen. Während sie aus den Sit-ins an Imbisstheken hervorging, war sie verantwortlich für viele der größeren Proteste für Gleichberechtigung. In Arkansas zum Beispiel wiederholten Student: innen in Little Rock 1960 erfolglos die Sit-ins. Ihr Scheitern war zum Teil auf die Zurückhaltung älterer, gemäßigter Schwarzer Anführer: innen zurückzuführen, die sich vor den Folgen direkterer Angriffe auf den „rassischen“ 534 42 Der Kampf gegen die Segregation in öffentlichen Verkehrsmitteln und Einrichtungen <?page no="535"?> Status quo fürchteten. In Pine Bluff, einer mehrheitlich von Schwarzen bewohnten Stadt, weigerte sich der Präsident der Arkansas AM&N, der einzigen öffentlichen Schwarzen Universität des Bundesstaates, seinen Student: innen im Jahr 1960 die Durchführung von Sitzstreiks zu gestatten, wahrscheinlich aus Angst vor finanziellen Repressalien seitens der Legislative des Bundesstaates (Riva, 2020, 160-65). 1962 wurde das SNCC jedoch von Schwarzen Anführern: innen in Arkansas um Hilfe gebeten, die der Meinung waren, dass es Zeit für einen Wandel war. Der SNCC schickte Bill Hansen nach Little Rock, um das Tempo der Integration voranzutreiben. Hansen, ein 22-jähriger Weißer aus Cincinnati, Ohio, war schon seit einigen Jahren in der Bürgerrechtsbewegung aktiv und hatte sich während seines Studiums an der Xavier University der NAACP und dem CORE angeschlossen. Seine Ankunft in Little Rock und das Wiederaufleben der von Schwarzen Student: innen angeführten Sit-ins veranlasste die weiße Stadtführung zu Verhandlungen. Um 1962 waren viele Städte bemüht, die Aufmerksamkeit der Medien und den nationalen Aufschrei zu vermeiden, der oft mit Bürgerrechtsprotesten einherging. So beschlossen die Geschäftsleute von Little Rock schnell, ihre öffentlichen Einrichtungen zu desegregieren. Dies war ein großer Sieg für Hansen und seine Mitstreiter: innen, er musste jedoch schon bald feststellen, dass der Rest des Staates der Gleichberechtigung der Schwarzen weitaus mehr Widerstand entgegensetzte (Riva 2012, 264-80). Arkansas bot ein ähnliches Bild wie weite Teile des Südens: Die Weißen in den grö‐ ßeren Städten neigten dazu, die Integration zu akzeptieren, wenn sie durch Proteste und wirtschaftliche Boykotte dazu gedrängt wurden, während die Weißen in ländlicheren Gegenden mit einem höheren Anteil an Schwarzen Amerikaner: innen dem Wandel eher ablehnend gegenüberstanden. Von 1963 bis 1966 konzentrierten sich Hansen und andere SNCC-Aktivist: innen auf diese ländlicheren Gebiete von Arkansas. Ihre Arbeit konzentrierte sich vor allem auf die langfristigen Bedürfnisse von Schwarzen Menschen. Für viele ältere Schwarze war es nicht das zentrale Anliegen, an einer Imbisstheke sitzen zu können und eine Mahlzeit serviert zu bekommen. Vielmehr ging es darum, sich diese Mahlzeit leisten zu können und eine gute Ausbildung zu erhalten, die ihnen zu besseren Beschäftigungsmöglichkeiten verhelfen konnte. Während die Sit-ins fortgesetzt wurden, verlagerte das SNCC in Arkansas seinen Schwerpunkt auf diese Themen und begann mit Wähler: innenregistrierungen und der Aufstellung Schwarzer Eltern für Schulaufsichtsräte. Sie ermutigten und unterstützten Schüler: innen bei der Organisation von Protesten, die die Integration ihrer Schulen zum Ziel hatten, und richteten sichere Orte ein, zu denen jede: r kommen konnte, um etwas über SNCC, afrikanische und afroamerikanische Geschichte und die Wahlregistrierung zu erfahren, sowie Gleichgesinnte zu treffen, die sich für die Verbesserung ihrer Communities einsetzten. Die Arbeit des SNCC im ganzen Bundesstaat wurde durch die Verabschiedung des Civil Rights Act von 1964 erleichtert, das darauf zielte die Rassentrennung in allen Bereichen der Gesellschaft endgültig aufzuheben. 42 Der Kampf gegen die Segregation in öffentlichen Verkehrsmitteln und Einrichtungen 535 <?page no="536"?> Civil Rights Act Der Civil Rights Act wurde am 2. Juli 1964 inmitten eines koordinierten Angriffs auf die Rassentrennung in Mississippi verabschiedet. Der Freedom Summer war das Werk von SNCC, CORE, der NAACP und der King’s Southern Christian Leadership Conference (SCLC). Nachdem sich bereits die weiße Bevölkerung Alabamas der Integration feindlich gegenübergestellt hatte, befürchtete man für Mississippi noch drastischere Reaktionen. Die genannten Bürgerrechtsorganisationen schlossen sich unter dem Namen Council of Federated Organizations (COFO) zusammen und rekrutierten mehr als tausend Aktivist: innen, zumeist weiße College-Student: innen, die im Sommer in den Bundesstaat reisten, um zu versuchen, Fortschritte zu erzielen. Da die Mehrheit der weißen Bevölkerung Mississippis gegen die Gleichberechtigung der Schwarzen war, rechnete das COFO damit, dass es zu gewaltsamen Reaktionen kommen würde, wenn weiße Aktivist: innen Seite an Seite mit den Schwarzen Aktivist: innen vor Ort zusammenarbeiteten, was wiederum die nationale und internationale Aufmerksamkeit auf die Situation im Staat erhöhen würde. In den zehn Wochen des Freedom Summer wurden sieben Aktivisten getötet, Dutzende verprügelt und mehr als tausend verhaftet, weil sie versuchten, Afroamerikaner: innen für Wahlen zu registrieren und öffentliche Einrichtungen zu desegregieren (→ Kapitel Rassistischer Terrorismus zur Zeit der Bürgerrechtsbewegung). Aktivist: innen in Mississippi waren, wie im ganzen Land, vorsichtig optimistisch, als Präsident Lyndon B. Johnson zu Ehren seines ermordeten Vorgängers John F. Kennedy den Civil Rights Act verabschiedete. Dieses Gesetz erzwang die Einhaltung der zahlreichen Gerichtsurteile, die die Rassendiskriminierung einschließlich der Segregation in all ihren Formen aufgehoben hatten. Plessy v. Ferguson war endgültig verfassungswidrig. Das Gesetz verbot die Diskriminierung aufgrund der „Rasse“, der Hautfarbe, der Religion, des Geschlechts oder der nationalen Herkunft und ermächtigte die Bundesregierung, Förderprogrammen, die nicht mit dem Gesetz übereinstimmten, und Einzelstaaten, die sich nicht an das Gesetz hielten, Mittel vorzu‐ enthalten. Segregierte öffentliche Verkehrsmittel und Einrichtungen waren nun illegal, aber viele Südstaaten hielten sich nicht sofort an das Gesetz. Der Freedom Summer selbst bewirkte keine unmittelbaren Veränderungen, aber er ermutigte viele Schwarze vor Ort, den Kampf fortzusetzen, der schließlich zur Aufhebung der Rassentrennung führte. Im gesamten Süden wurde damit begonnen viele der öffentlichen Einrichtungen und Schulen, die bis dahin segregiert geblieben waren, zu integrieren. Der Wille, sich dem Bundesrecht zu entziehen, das nun die feste Unterstützung des Kongresses hatte, verflüchtigte sich langsam, und die formale Rassentrennung war bis 1970 weitgehend überwunden. Es bedurfte der gemeinsamen Anstrengungen des Obersten Gerichtshofs, des Kongr‐ esses und vor allem der Graswurzelaktivist: innen, um Plessy v. Ferguson für ungültig zu erklären. Die Rassentrennung war für einen Großteil des zwanzigsten Jahrhunderts die Grundlage der Südstaatengesellschaft gewesen und hatte Schwarze Amerikaner: innen zu Bürger: innen zweiter Klasse gemacht. Die Rechtsprechung begünstigte zunehmend Schwarze Aktivist: innen, und immer mehr Schwarze Amerikaner: innen begannen, die 536 42 Der Kampf gegen die Segregation in öffentlichen Verkehrsmitteln und Einrichtungen <?page no="537"?> Rassentrennung mit gewaltfreien Methoden direkt anzufechten. Der starke Anstieg des Bürgerrechtsaktivismus in den 1960er Jahren mit verschiedenen Organisationen, die für die Aufhebung der Rassentrennung kämpften, machte Präsident Johnson klar, dass alle Bereiche der Bundesregierung die Aufhebung der Rassentrennung unterstützen und durchsetzen mussten - was 1964 zur Verabschiedung des Civil Rights Act führte. Er war nicht perfekt, aber machte deutlich, dass die Bundesregierung formale Rassendiskriminierung nicht länger tolerieren würde. Deutsche Übersetzung durch Nina Glaser. Literatur Arsenault, Raymond. 2006 Freedom Riders: 1961 and the Struggle for Racial Justice. New York: Oxford University Press. Clayborne, Carson. 1995. In Struggle: SNCC and the Black Awakening of the 1960s. Boston: Harvard University Press. Hale, Grace Elizabeth. 1999. Making Whiteness: The Culture of Segregation in the South, 1890-1940. New York: Vintage Books. Litwack, Leon F. 1961. North of Slavery: The Negro in the Free States 1790-1860. Chicago: University of Chicago Press. Litwack, Leon F. 1980. Been in the Storm So Long: The Aftermath of Slavery. New York: Vintage Books. Morris, Aldon D. 1984. The Origins of the Civil Rights Movement: Black Communities Organizing for Change. New York: The Free Press. Riva, Sarah. 2012. “Desegregating Downtown Little Rock: The Field Reports of SNCC’s Bill Hansen, October 23 -December 3, 1962.” Arkansas Historical Quarterly 71: 3 (Autumn 2012): 264-82. Riva, Sarah. 2020. “The Shallow End of the Deep South: Civil Rights Activism in Arkansas, 1865-1970.” P.hD. Diss. University of Arkansas. Sitkoff, Harvard. 1993. The Struggle for Black Equality: 1954-1992. New York: Hill and Wang. 42 Der Kampf gegen die Segregation in öffentlichen Verkehrsmitteln und Einrichtungen 537 <?page no="539"?> 43 Der Kampf gegen die Schulsegregation Sarah Riva Abstract | Dieses Kapitel behandelt den rechtlichen Kampf um die Aufhebung der Segregation an US-amerikanischen Schulen und Universitäten. Ab 1935 begann die National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) mit ihrer Kampagne gegen die schulische Rassentrennung auf der Ebene der Graduierten‐ ausbildung (graduate level, entspr. in den USA dem Erwerb eines Masterabschlusses oder einer Promotion), und erreichte vor dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten mehrere zustimmende Entscheidungen. Die NAACP forderte den Gerichts‐ hof daraufhin auf, die Rassentrennung auf allen Ebenen des Bildungswesens aufzuheben, was mit der Entscheidung Brown v. Board of Education im Jahr 1954 auch umgesetzt wurde. Diese wegweisende Entscheidung sorgte für Widerstand in den Südstaaten. Behörden und weiße Bürger: innen versuchten, die Integration zu verhindern und den „rassischen“ Status quo aufrechtzuerhalten. Die NAACP Seit ihrer Gründung im Jahr 1909 setzte sich die NAACP für die Abschaffung der Rechtsbarrieren ein, die Schwarzen US-Amerikaner: innen die volle Staatsbürgerschaft verwehrten und konzentrierte sich dabei wesentlich auf das Bildungssystem. Schon vor dem verheerenden Urteil Plessy v. Ferguson (1896), das die Rassentrennung nach der Doktrin separate but equal (engl. für „getrennt, aber gleich“) legalisierte, hatten die Südstaaten segregierte Schulen eingerichtet. Die Bildungseinrichtungen für Schwarze Kinder erhielten weniger Mittel und waren denen der weißen in keinem Fall gleichgestellt, was den gesellschaftlichen Aufstieg von Schwarzen Südstaatler: innen stark einschränkte. Die Verweigerung von Bildungsmöglichkeiten und die damit einhergehende Einschränkung der späteren beruflichen Perspektiven war eine gängige Strategie im Süden, um den Fortschritt der Schwarzen Amerikaner: innen aufzuhalten. Eines der Hauptziele der NAACP in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts war es, diese Bildungsbarriere durch die rechtliche Anfechtung der Rassentrennung zu besei‐ tigen. Zu diesem Zweck wurde der NAACP 1930 eine Zuwendung in Höhe von 100.000 Dollar vom American Fund for Public Service (AFPS) versprochen, um die Kosten für ihre juristische Strategie zu decken (Sullivan 2009, 142). Durch die Weltwirtschaftskrise wurde der Fonds jedoch stark geschwächt, so dass der AFPS nur 20.000 Dollar bereitstellen konnte. Angesichts der begrenzten Mittel beauftragte die NAACP den prominenten Anwalt Nathan Margold mit der Erstellung eines Berichts über den besten Ansatz zur Abschaffung der Rassentrennung im Bildungswesen. Margold vertrat die <?page no="540"?> Ansicht, dass die beste Methode für die NAACP darin bestünde, Gerichtsverfahren zu finden, die beweisen könnten, dass die Südstaaten die Anforderungen des Grundsatzes separate but equal von Plessy in der Grund- und Sekundarschulbildung nicht einhielten. Der Beweis dafür war leicht zu erbringen, da es offensichtliche Ungleichheiten gab. Ein Angriff auf das Grund- und Sekundarschulwesen des Südens wurde in den 1930er Jahren jedoch als zu riskant erachtet und man beschloss schließlich, dass die NAACP zunächst die Graduiertenbildung ins Visier nehmen sollte, da in den meisten Südstaaten schlichtweg keine Abschlüsse in Graduiertenstudiengängen für Schwarze Amerikaner: innen angeboten wurden (Tushnet 2004, 15-34). Somit begann eine fünfzehnjährige Kampagne der NAACP zur Abschaffung der segregierten Gradu‐ iertenausbildung. Erläuterung | Plessy v. Ferguson: Nach der Reconstruction begannen viele Südstaa‐ ten mit der Verabschiedung von Gesetzen zur gesellschaftlichen Rassentrennung. Damit sollte die Interaktion zwischen weißen und Schwarzen Amerikaner: innen eingeschränkt werden. Im Jahr 1892 klagte Homer Plessy gegen ein Gesetz aus Louisiana, das getrennte Zugwaggons vorsah. Diese Klage wurde vor dem Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten verhandelt, der am 18. Mai 1896 entschied, dass die Segregation legal sei, solange die Ausstattung für beide „Rassen“ identisch sei. Trotz der Doktrin separate but equal boten nur wenige Südstaaten vergleichbare Einrichtungen für weiße und Schwarze US-Amerikaner: innen an, oft gab es überhaupt keine Einrichtungen für Schwarze. Die Entscheidung war der Schlüssel für die Bemühungen der NAACP, die Diskriminierung in den Vereinigten Staaten zu beenden. Die Frühphase der Kampagne Die NAACP hatte schon früh Erfolg mit ihren Integrationsbestrebungen in der Gradu‐ iertenausbildung. Im Jahr 1935 bewarb sich Donald Murray an der Juristischen Fakultät der Universität Maryland. Aufgrund seiner „Rasse“ wurde Murrays Bewerbung jedoch nicht berücksichtigt und zurückgeschickt. Die Universität versicherte, dass sie die Kosten für Murrays Studiengebühren an einer juristischen Fakultät in einem benach‐ barten Staat übernehmen würde, sollte er dort zum Studium angenommen werden. Es stellte sich allerdings heraus, dass diese Out-Of-State-Stipendien nie finanziell gedeckt worden waren (Sullivan 2009, 208). Der Fall Murray v. Pearson (1935) war einer der ersten Fälle, in denen der Special Counsel der NAACP Charles Hamilton Houston von seinem Assistenten und zukünftigen Richter am Obersten Gerichtshof, Thurgood Marshall, unterstützt wurde. In diesem Verfahren konnte Marshall nachweisen, dass der Bundesstaat Murray diskriminiert hatte, da es keine Juristische Fakultät gab, an der er im eigenen Staat hätte studieren können. Dies stellte einen Verstoß gegen Plessy dar. Der Fall war so eindeutig, dass er nicht bis zum Obersten Gerichtshof der 540 43 Der Kampf gegen die Schulsegregation <?page no="541"?> USA gelangte. Letztlich verlor die Universität Maryland den Rechtsstreit Anfang 1936 sowohl vor dem Baltimore City Court als auch vor dem Maryland Court of Appeals. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Murray bereits an der Juristischen Fakultät der Universität Maryland eingeschrieben und sein erstes Semester abgeschlossen. Dies war ein großer Sieg für die NAACP. Um jedoch eine grundlegende Veränderung herbeizuführen, war eine Entscheidung des Obersten Gerichtshofs der USA nötig. Im Juni 1935, nur wenige Monate nachdem Donald Murray von der Universität Maryland abgelehnt worden war, bewarb sich Lloyd Gaines an der Juristischen Fakultät der Universität Missouri. Gaines hatte sein BA-Studium an der Lincoln Universität, einer staatlichen Schwarzen Universität in Missouri, absolviert. 1936 verweigerte die Universität Missouri Gaines die Zulassung zum Jurastudium mit dem Argument, dass die Lincoln Universtät laut Gesetz dazu verpflichtet sei, Gaines einen Studienplatz in einem angrenzen Staat zu vermitteln, in dem Schwarze Studierende zuglassen waren, und ihn durch ein Stipendium zu finanzieren. In ihrer Klage gegen die Universität Missouri argumentierte die NAACP, dass die Entscheidung nicht nur gegen die Gleich‐ heitsklausel des 14. Zusatzartikels zur US-Amerikanischen Verfassung, sondern auch gegen Plessy verstieß, da der Staat keine Schwarze Juristische Fakultät zur Verfügung gestellt habe, die den Anforderungen von separate but equal entsprochen hätte. Der Fall Gaines v. Canada, gelangte bis zum Obersten Gerichtshof der USA. Am 12. Dezember 1938 entschieden die Richter zugunsten von Gaines. In der 6: 2-Entscheidung hieß es, dass Gaines in der Tat sein im 14. Zusatzartikel verankertes Recht auf gleichen Schutz durch das Gesetz (equal protection clause) verweigert worden war, denn „a privilege has been created for white law students which is denied to Negroes by reason of their race“ (Missouri ex rel. Gaines v. Canada, 305 U.S. 337, 1938). Die Richter entschieden, dass die Universität Missouri Gaines entweder an ihrer Juristischen Fakultät aufnehmen oder eine gleichwertige Juristische Fakultät für ihn einrichten müsse. Dies war eine wegweisende Entscheidung des Obersten Gerichtshofs, die zur „rassischen“ Integration der Graduiertenausbildung hätte führen sollen. Die Universität Missouri versuchte daraufhin jedoch, innerhalb von nur acht Monaten eine separate Schwarze Juristische Fakultät für Gaines einzurichten. Als ein Richter eines unteren Gerichtes die neue Fakultät im Oktober 1939 inspizieren sollte, wurde festgestellt, dass Gaines seit dem Frühjahr nicht mehr gesehen worden war. In Ermangelung eines Klägers musste die NAACP den Fall aufgeben, und die Rechtmäßigkeit der segregierten Schwarzen Juristischen Fakultät wurde nie geprüft (Riva 2010, 21-45). Dies alles geschah während in Europa der Zweite Weltkrieg ausbrach. Der Krieg führte dazu, dass sich immer weniger Schwarze Männer in Graduiertenprogrammen einschrieben, was die erste Phase der Kampagne der NAACP für die Abschaffung der Rassentrennung beendete. Erläuterung | Thurgood Marshall: Thurgood Marshall wurde 1908 geboren und wuchs in Baltimore, Maryland, auf. Im Jahr 1930 schrieb sich Marshall an der Howard Universität ein, wo er den NAACP-Anwalt und Dekan der Juristischen 43 Der Kampf gegen die Schulsegregation 541 <?page no="542"?> Fakultät, Charles Hamilton Houston, kennenlernte. Nach seinem Abschluss 1933 begann Marshall für die NAACP zu arbeiten, zunächst unter der Leitung von Charles Hamilton Houston, den er 1938 als Special Counsel ablöste. Unter Marshalls Führung intensivierte die NAACP ihre Bemühungen um die Aufhebung des Urteils Plessy v. Ferguson (1896) und um die Abschaffung aller rechtlichen Hindernisse für die Gleichstellung. Er war der führende Anwalt im Fall Brown v. Board of Education (1954) und beaufsichtigte Hunderte von Prozesse, um sicherzustellen, dass die Integration durchgesetzt wurde. 1967 nominierte US-Präsident Lyndon B. Johnson Marshall für das Amt des Richters am Obersten Gerichtshof. Trotz des Widerstands von Senatoren aus den Südstaaten wurde er in seinem Amt bestätigt und diente als erster Schwarzer Richter, bis sich sein Gesundheitszustand 1991 verschlechterte. Er starb im Jahr 1993. Das Ende der segregierten Graduiertenausbildung Es sollte fast ein Jahrzehnt dauern, bis die NAACP vor dem Obersten Gerichtshof der USA einen weiteren Fall im Bereich der Graduiertenausbildung gewann. Als junge Erwachsene nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Scharen an die Universitäten im ganzen Land strömten, wurde deutlich, dass Schwarze Studierende in siebzehn Südstaaten immer noch von der Möglichkeit ausgeschlossen waren, einen akademi‐ schen oder berufsqualifizierenden Graduiertenabschluss zu erlangen. Der erste Fall wurde von Ada Louis Sipuel eingebracht, einer jungen Schwarzen Frau, der 1946 die Zulassung zur Juristischen Fakultät der Universität Oklahoma verweigert worden war. In der Ablehnung ihrer Bewerbung erklärte die Universität, dass sie dabei sei, eine Schwarze Juristische Fakultät aufzubauen, die „substanziell gleichwertig“ zu der weißen sei und die sie stattdessen besuchen könne (Kluger 1977, 258). Mit Hilfe der NAACP erhob Sipuel Beschwerde gegen die Universität Oklahoma, um ihre Zulassung an der ausschließlich von Weißen besuchten Juristischen Fakultät zu erwirken. Die staatlichen Gerichte entschieden zugunsten der Universität. Der District Court ging sogar so weit zu verkünden, dass die Universität erst dann eine Schwarze Juristische Fakultät eröffnen müsse, wenn genügend Bewerbungen dafür vorlägen, damit sich die Investition lohne. Es missachtete damit die im Urteil Gaines getroffene Entscheidung, wonach es eine getrennte, aber gleichberechtigte Einrichtung geben oder die weiße Juristische Fakultät Sipuel aufnehmen müsste. Die NAACP legte gegen dieses Urteil Berufung beim Obersten Gerichtshof der USA ein, der den Gerichtsbeschluss der ersten Instanz am 12. Januar 1948 einstimmig aufhob. Die Entscheidung in der Rechtssache Sipuel v. Board of Regents of the University of Oklahoma besagt, dass der Staat Sipuel eine juristische Ausbildung ermöglichen muss - ein Recht, das ihr und allen Schwarzen Student: innen durch die Equal-Protection-Klausel des 14. Zusatzartikels zusteht (Sipuel v. Board of Regents of the University of Oklahoma, 332 U.S. 631. 1948). Die Universität Oklahoma wehrte sich weiterhin gegen eine integrierte Graduiertenausbildung und 542 43 Der Kampf gegen die Schulsegregation <?page no="543"?> eröffnete stattdessen eine Schwarze Rechtsfakultät, deren Besuch Sipuel ablehnte. Achtzehn Monate später wurde die Schwarze Juristische Fakultät geschlossen und ihre Studierenden wurden an der bis dahin rein weißen Rechtsfakultät zugelassen, an der Sipuel 1951 ihren Abschluss machte (Tushnet 2004, 122-23). Nach dem Urteil des Obersten Gerichtshofs im Fall Sipuel bewarb sich eine kleine Anzahl Schwarzer Student: innen für Graduiertenprogramme an der Universität Okla‐ homa. Die Hochschule verzögerte weiterhin jede Form der Integration und lehnte die Bewerbung von George McLaurin für das Promotionsprogramm im Fachbereich Pädagogik ab. McLaurin war ein ungewöhnlicher Kläger. Er war Lehrer und stand kurz vor der Pensionierung, als er um seine Aufnahme in das Doktorandenprogramm der Universität kämpfte. Der erste Rechtsstreit wurde vom zuständigen U.S. Distrikt Court schnell zugunsten der NAACP entschieden, aber der Staat Oklahoma wehrte sich weiterhin gegen alle Versuche, sein Bildungssystem zu integrieren. Als McLaurin schließlich zum Programm zugelassen wurde, wurde er von innen heraus ausgegrenzt. Er durfte nicht im Klassenzimmer Platz nehmen, sondern war gezwungen, draußen vor der Tür zu sitzen. Er war nicht berechtigt, Bibliothek, Cafeteria und Toiletten gleichzeitig mit weißen Studierenden zu benutzen. McLaurin verklagte die Universität mit dem Vorwurf, dass er, obwohl er eine zuvor rein weiße Bildungseinrichtung besuchen durfte, aufgrund der Segregation innerhalb der Institution nicht mit weißen Student: innen gleichgestellt war - und somit seine Rechte aus dem 14. Zusatzartikel verletzt wurden. Am 5. Juni 1950 verkündete der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten sein einstimmiges Urteil in der Rechtssache McLaurin v. Oklahoma State Regents. Die Richter schrieben, dass McLaurin aufgrund seiner „Rasse“ Restriktionen auferlegt worden seien, die sein Streben nach einer effektiven Graduiertenausbildung eingeschränkt hätten (McLaurin v. Oklahoma State Regents, 339 U.S. 637, 1950). Wieder einmal wurde die Universität Oklahoma vom Obersten Gerichtshof gezwungen, ihre diskriminierenden Praktiken gegenüber Schwarzen Student: innen einzustellen, doch das Gericht hob Plessy nicht vollständig auf. Am selben Tag, an dem der Oberste Gerichtshof McLaurin Recht gab, verkündete er eine weitere Entscheidung, die Plessy im Bereich der Graduiertenausbildung nahezu aufhob. Herman Sweatt, ein Postbeamter aus Texas, hatte sich 1946 an der Juristischen Fakultät der Universität Texas beworben, im selben Jahr, in dem Ada Louis Sipuel ihren Prozess in Oklahoma begann. Sweatts Bewerbung wurde aufgrund seiner „Rasse“ abgelehnt, und er arbeitete mit der NAACP zusammen, um die Rassentrennung in der Graduiertenbildung zu beenden. Der Staat Texas lehnte Sweatt von der rein weißen Juristischen Fakultät ab und behauptete dem Urteil im Fall Gaines trotzdem anhand der Gründung einer Schwarzen Juristischen Fakultät nachzukommen, die Sweatt stattdessen besuchen könne. Die Legislative stellte 100.000 Dollar für das Vorhaben zur Verfügung, das drei Räume, drei Teilzeit-Dozent: innen und Zugang zur staatlichen Rechtsbibliothek in der Hauptstadt Austin umfasste. Sweatt weigerte sich die segregierte Juristische Fakultät zu besuchen und die NAACP argumentierte vor Gericht, dass damit die Anforderungen von separate but equal noch immer nicht 43 Der Kampf gegen die Schulsegregation 543 <?page no="544"?> erfüllt seien. In Zeiten der Rassentrennung könne eine Schwarze Juristische Fakultät niemals als gleichwertig mit einer weißen angesehen werden. Marshall griff die Rassentrennung in diesem Prozess scharf an, da er das Potenzial sah, Plessy ein für alle Mal zu kippen. Als dieser Fall den Obersten Gerichtshof erreichte, versuchte die NAACP nachzu‐ weisen, dass eine segregierte Schwarze Juristische Fakultät aufgrund immaterieller Faktoren nicht mit einer weißen Juristischen Fakultät gleichgesetzt werden konnte. Das Fehlen von Absolvent: innen, Prestige oder erfahrenen Lehrkräften bedeutete, dass die Schwarze Fakultät keine gleichwertige juristische Ausbildung wie die für weiße Student: innen an der Universität Texas bieten konnte. Der Oberste Gerichtshof verkündete seine Entscheidung in der Rechtssache Sweatt v. Painter am selben Tag wie McLaurin. Die Richter entschieden einstimmig zugunsten der NAACP und ordne‐ ten an, dass Sweatt an der rein weißen Juristischen Fakultät der Universität Texas zugelassen werden müsse. Die Richter befanden, dass Sweatts im 14. Zusatzartikel verankertes Recht auf gleichen Schutz durch das Gesetz verletzt worden war, da es keine “substantial equality in the educational opportunities offered white and Negro students by the state” gebe (Sweatt v.-Painter, 339 U.S. 629 1950). Dies war ein großer Erfolg für die NAACP. Der Oberste Gerichtshof hatte im Wesentlichen festgestellt, dass die Segregation in der Graduiertenausbildung verfassungswidrig war, weigerte sich aber, Plessy offiziell aufzuheben. Die Graduierten- und Berufshochschulen im gesamten Süden sahen sich daraufhin mit einem Ansturm Schwarzer Student: innen konfrontiert, die sich erfolgreich für die ehemals segregierten Studiengänge bewarben - mit voller Rückendeckung durch den Obersten Gerichtshof. Für die Südstaaten war Sweatt ein deutlicher Hinweis darauf, dass das höchste Gericht des Landes eine Aufhebung der Rassentrennung anstrebte. Brown v. Board of Education (1954) Zur Mitte der 1950er Jahre hatte der Oberste Gerichtshof klargestellt, dass zumindest im Bereich der Graduiertenausbildung „getrennt nicht gleich sein konnte“. Dies ermög‐ lichte es der NAACP ihr Bestreben fortzusetzen, die Segregation im amerikanischen Bildungssystem vollständig zu beseitigen. Drei Wochen nach den Entscheidungen zu McLaurin und Sweatt hielt die NAACP eine Konferenz zu ihren nächsten Schritten ab. Es wurde beschlossen, einen Generalangriff gegen die Rassentrennung zu starten, der sich zunächst auf die Grund- und Sekundarschulbildung konzentrieren sollte (Tushnet 2004, 136). NAACP-Aktivist: innen im gesamten Süden hatten bereits in der Vergan‐ genheit mit Schwarzen Eltern zusammengearbeitet, um rechtliche Schritte gegen die ungleichen Schulen vorzunehmen, die ihre Kinder besuchen mussten. Mit der vollen Unterstützung des nationalen Büros der NAACP wurden die Bemühungen, geeignete Klagemöglichkeiten zu finden, verstärkt. Der erste Fall, Briggs v. Elliott, begann 1947 mit dem Versuch Schwarzer Eltern in South Carolina, den Schulbezirk Clarendon County zu zwingen, Schulbusse für die Schwarzen Schüler: innen bereitzustellen. Als dies 544 43 Der Kampf gegen die Schulsegregation <?page no="545"?> scheiterte, beschloss man, den Geltungsbereich der Klage zu erweitern und die gleiche Ausstattung für die segregierten Schulen zu fordern. Thurgood Marshall ließ sich jedoch von dem US-Bezirksrichter Julius Waring überreden, den Klageumfang noch weiter auszudehnen und die Verfassungsmäßigkeit der Segregationsgesetze von South Carolina anzufechten. 1952 wurde der Fall vor den Obersten Gerichtshof gebracht (Kluger 1977, 301-5). Briggs wurde von vier weiteren NAACP-Klagen begleitet, die das Höchste Gericht aufforderten, die Rassentrennung für verfassungswidrig zu erklären. Brown v. Board of Education of Topeka, Kansas (Kansas), Davis v. County School Board of Prince Edward County (Virginia), Gebhart v.-Belton (Delaware) und Bolling v.-Sharpe (Washington, D.C.) durchliefen jeweils zwischen 1950 und 1952 die einzelstaatlichen und bundesstaatlichen Gerichte, bevor sie im Dezember 1952 zusammengeführt vor dem Obersten Gerichtshof verhandelt wurden. Bei der Einreichung der Unterlagen für die zusammengefassten Fälle fügte die NAACP einen Amicus-Curiae-Brief bei. Der von 35 führenden Sozialwissenschaft‐ ler: innen unterzeichnete Schriftsatz erläuterte die verheerenden Auswirkungen der schulischen Segregation auf Schwarze Kinder. Der Bericht stützte sich auf die For‐ schungen der Schwarzen Psycholog: innen Kenneth und Mamie Clark, die anhand von Puppen die Auswirkungen der Rassentrennung auf Schulkinder untersuchten. Die Stu‐ dien zeigten, dass Schwarze Kinder schon früh ein deutliches Gefühl der Unterlegenheit gegenüber ihren weißen Altersgenoss: innen verspürten - was bleibende Schäden verursachte (Kluger 1977, 556). Dem Schreiben schloss sich ein weiteres des US-Justiz‐ ministeriums an, das die Bemühungen der NAACP unterstützte. Für die Regierung von Präsident Harry Truman stand der Kalte Krieg im Vordergrund. Truman befürchtete, dass eine Entscheidung zugunsten von Plessy die Außenpolitik der Vereinigten Staaten untergraben würde, die darauf abzielte, die Stärken und Chancen aller Menschen in einem demokratischen politischen System hervorzuheben, im Gegensatz zu einem kommunistischen. Der Rassismus in den USA war einer der größten Kritikpunkte der Sowjetunion in den ersten Jahren des Kalten Krieges. Die Regierung Truman war besorgt darüber, wie die internationale Welt reagieren würde, wenn der Oberste Gerichtshof die sichtbarste Form des Rassismus, die Rassentrennung, aufrechterhalten würde. Es dauerte achtzehn Monate, bis die Richter alle Beweise geprüft und ihre Entscheidung dem Land bekannt gaben. Während dieser Zeit starb der Oberste Richter Fred Vinson und wurde durch Earl Warren ersetzt, einen Konsensbildner, der die Bedeutung der fünf Rechtsfälle verstand. Er strebte eine einstimmige Entscheidung an, die Plessy aufheben und den Anfang vom Ende der Rassentrennung in den Vereinigten Staaten markieren sollte. Der Oberste Richter Earl Warren verkündete die einstimmige Entscheidung im Fall Brown am 17. Mai 1954. Die kurze Stellungnahme verdeutlichte die Überlegungen der Richter im Entscheidungsprozess, insbesondere hinsichtlich der Auswirkungen der segregierten Bildung auf Schwarze Kinder. Unter Berufung auf die Clarkschen Puppen‐ tests und andere soziologische Studien argumentierten die Richter, dass die Segregation Kindern aus „Minderheitengruppen“ gleiche Bildungsmöglickeiten vorenthalte. Sie 43 Der Kampf gegen die Schulsegregation 545 <?page no="546"?> entschieden: „in the field of public education the doctrine of ‚separate but equal‘ has no place. Separate educational facilities are inherently unequal“ (Brown v. Board of Education of Topeka, 347 U.S. 483, 1954). Die Segregation im Bildungswesen war nun auf Grundlage der Equal-Protection-Klausel des 14. Zusatzartikels verfassungswidrig. Dies war ein bahnbrechender Moment für die Vereinigten Staaten und die Richter des Obersten Gerichtshof wussten, dass die Entscheidung im gesamten Süden auf Wider‐ stand stoßen würde. In dem Versuch, die Gemüter zu besänftigen, erkannte das Gericht die „Komplexität“ der Umsetzung seines Urteils an. Es forderte alle beteiligten Parteien, einschließlich aller Bundesstaaten, die an segregierten Bildungssystemen festhielten, auf, dem Gericht ihre Einwände zu einem späteren Zeitpunkt zu präsentieren. Die Richter würden dann entscheiden, wie die Aufhebung der Segregation am besten durchzusetzen sei. In ihrem Bemühen, die weißen Südstaatler: innen zu beschwichtigen, dämpften die neun Richter die Kraft der monumentalsten Entscheidung ihrer Laufbahn. Erst im Mai 1955, ein Jahr nach der Urteilsverkündung, befasste sich der Oberste Gerichtshof erneut mit der Umsetzung der Brown-Entscheidung. Die Frage nach dem Zeitrahmen, in dem die Aufhebung der Rassentrennung zu erfolgen hatte, stand zur Debatte. Nach Anhörungen und der Vorlage zahlreicher Schriftsätze und Berichte der NAACP, des US-Justizministeriums und der Vertreter der Einzelstaaten entschieden die neun Richter - die wohl ihre Grenzen bei der Durchsetzung des Gesetzes erkannten - dass die Aufhebung der Segregation in „angemessener Eile“ („with all deliberate speed“) erfolgen müsse. Die Richter berieten unter sich, ob sie eine Frist für die vollständige Ab‐ schaffung der Rassentrennung setzen sollten. Letztlich waren sie jedoch der Meinung, dass ihre Entscheidung für den weißen Süden akzeptabler wäre, wenn sie lediglich auf Eile drängten und gleichzeitig die „Probleme für lokale Schulen“ berücksichtigten, die für eine erfolgreiche Integration in Betracht gezogen werden mussten. Mit Brown II, wie die Entscheidung genannt wurde, wurden die verhandelten Fälle an die Gerichte der unteren Instanzen zurückverwiesen, die dazu befugt wurden, über die Pläne der einzelnen Schulbezirke zur Aufhebung der Segregation zu entscheiden. Obwohl das ein großer politischer Erfolg für Schwarze Amerikaner: innen war, so war doch klar, dass sich der Oberste Gerichtshof nicht in der Lage sah, die Bundesstaaten zur sofortigen Einhaltung der Vorschriften zu zwingen. Diese Zurückhaltung gab den weißen Südstaatler: innen Spielraum, die Aufhebung der Rassentrennung zu verzögern und ganz zu umgehen. Die Umsetzung der Integration Siebzehn Südstaaten hatten segregierte Bildungssysteme, die nun gegen die Entschei‐ dung des Obersten Gerichtshofs verstießen. Viele dieser Staaten hatten jedoch schon vor der Entscheidung des Gerichtshofs verstanden, dass ihr eklatanter Verstoß gegen Plessy angegangen werden musste. Viele südstaatliche Gouverneure hofften, dass die Schwarzen Amerikaner: innen nicht mehr auf Integration drängen würden, wenn die Südstaaten nun schlussendlich gleiche Bildungseinrichtungen für Schwarze Kinder 546 43 Der Kampf gegen die Schulsegregation <?page no="547"?> einrichteten. Sie wussten auch, dass integrierte Schulen nur dann verwirklicht werden würden, wenn Schwarze Eltern bereit wären, ihre Schulbezirke zu verklagen, um Brown durchzusetzen. Damit begann ein langwieriger Kampf zwischen der NAACP und den Schulbezirken im gesamten Süden um die Aufhebung der Segregation. Aufgrund der Kosten, die mit der Aufrechterhaltung segregierter Bildungssysteme einhergehen, reagierten nicht alle Schulbezirke ablehnend auf die Brown-Entschei‐ dung. Viele von ihnen gaben Tausende von Dollar aus, um getrennte Bildungssysteme aufrechtzuerhalten oder die kleine Zahl Schwarzer Schüler: innen auf eine segregierte Schule in einem anderen Bezirk zu schicken. Zwei Schulbezirke in Arkansas waren die ersten, die ihre Schulen unmittelbar nach der Brown-Entscheidung von 1954 integrierten - ohne auf die Durchführungsbestimmungen von Brown II warteten. In Fayetteville beschloss man, die neun Schwarzen Schüler: innen in die bis dahin rein weiße Fayetteville High School aufzunehmen, um jährlich etwa fünftausend Dollar zu sparen. In Charleston, Arkansas, beschloss der Schulausschuss, die beiden weißen Schulen zu integrieren und elf Schwarze Schüler: innen in die damals 480-köpfige weiße Schülerschaft aufzunehmen (Miller 2008, 5). Diese Schulbezirke sparten somit zwar Geld, doch änderten ihre Entscheidungen den „rassischen“ Status quo nicht wesentlich, da in beiden Fällen eine kleine Anzahl Schwarzer Schüler: innen in Schulen mit Hunderten weißen Schüler: innen integriert wurde. In Bezirken mit höherem Schwarzen Bevölkerungsanteil war der Widerstand ge‐ gen die Integration viel stärker, weshalb es im gesamten Süden zu Hunderten von Gerichtsverfahren kam, mit denen die Einhaltung der Vorschriften erzwungen werden sollten. Während die NAACP mit diesen Klagen ausgelastet war, ergriffen auch immer mehr weiße Südstaatler: innen die Initiative, sich dem Urteil des Obersten Gerichtshof zu widersetzen. In der als Massive Resistance bekannten Bewegung, argumentierten viele, dass der Oberste Gerichtshof seine Befugnisse überschritten habe, da das Bildungswesen in die Zuständigkeit der einzelnen Bundesstaaten falle - Brown könne demnach ignoriert werden. Dies war eine umstrittene Auffassung, aber für viele Weiße diente sie als Rechtfertigung dafür, die Integration so lange wie möglich aufzuhalten. Erläuterung | Massive Resistance: Die Strategie des Massive Resistance entwickelte sich zu einem beliebten Mittel der Bundesstaaten, sich den Bestrebungen zur Schulintegration zu widersetzen. Harry F. Byrd Sr., ein US-Senator aus Virginia, war der Ansicht, dass die einzige Möglichkeit, die Integration zu verhindern, darin bestand, die Brown-Entscheidung vollständig zu ignorieren, die einen Fall aus Prince Edward County in seinem Bundesstaat miteinschloss. Kurz nach der Verkündung der Brown-Entscheidung im Jahr 1954 erließen die Gesetzgeber in Virginia eine Reihe von Gesetzen, mit denen sichergestellt werden sollte, dass weiße Kinder niemals gemeinsam mit Schwarzen Kindern zur Schule gehen muss‐ ten, die auch die Schließung öffentlicher Schulen in Fällen drohender Integration umfassten. Dieser Plan der Gesetzesumgehung wurde in allen Südstaaten mit 43 Der Kampf gegen die Schulsegregation 547 <?page no="548"?> unterschiedlichem Erfolg umgesetzt. Im Jahr 1959 wurden die Schulen in Prince Edward County geschlossen, um die Integration zu umgehen, und blieben bis 1964 geschlossen, als das Oberste Gericht entscheid, dass sie integriert werden mussten. Auch wenn diese juristischen Bemühungen, Brown zu umgehen, letztendlich alle scheiterten, kosteten sie Tausenden von Schüler: innen ihre Ausbildung. In der Tat begann die umfassende Integration der Schulen im Süden erst mit der Verabschiedung des Civil Rights Act von 1964, mit dem der Kongress das U.S. Justizmi‐ nisterium mit dem Mandat versah, die Desegregation des öffentlichen Bildungswesens durchzusetzen. Dementsprechend begann Brown erst zehn Jahre nach der Entschei‐ dung des Obersten Gerichtshofs, seine volle Wirkung zu entfalten. Deutsche Übersetzung durch Nina Glaser Literatur Klarman, Michael J. 2006. From Jim Crow to Civil Rights: the Supreme Court and the Struggle for Racial Equality. New York: Oxford University Press. Kluger, Richard. 1977. 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New York: Oxford University Press. 548 43 Der Kampf gegen die Schulsegregation <?page no="549"?> 44 Die schwarzen städtischen Rebellionen der 1960er-Jahre Menika Dirkson Abstract | In den 1960er Jahren entbrannte in den USA der Kampf um vollwertige Bürgerrechte für Afroamerikaner: innen. Während dieser Zeit, in der die Krimina‐ lisierung des Schwarzseins und allgegenwärtige Segregationsgesetze Afroameri‐ kaner: innen zu Opfern von Polizeigewalt, Verhaftungen und Inhaftierungen sowie extralegalem Mord machten, kam es zu Hunderten von Rebellionen, Aufständen, Unruhen und sozialen Bewegungen, die sich gegen die weiße Vorherrschaft und den erlebten Rassismus richteten. Forderungen nach Rassengleichheit hatte es bereits seit dreihundert Jahren gegeben, doch auf dem langen Weg hin zu sozialer Gleichstellung von Afroamerikaner: innen in den Vereinigten Staaten stellten die 1960er-Jahre einen Wendepunkt dar. Die Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre machte die USA zum Schauplatz friedli‐ cher Proteste für Rassengleichheit sowie sozioökonomische Teilhabe durch soziale und rechtliche Maßnahmen. Als Reaktion auf weißen Terrorismus und Polizeigewalt gegen schwarze US-Amerikaner: innen kam es jedoch gleichzeitig zum Ausbruch landesweiter städtischer Rebellionen. Wo Bürgerrechtsaktivist: innen auf Demonstrationen, Boy‐ kotte, Sit-ins, Streikposten und andere Formen des friedlichen Protests zurückgriffen, begegnete man ihnen häufig mit staatlicher Gewalt. Protestierende wurden Opfer von tätlichen Übergriffen durch Ordnungskräfte, man hetzte Polizeihunde auf sie und es kam zu Massenfestnahmen und -inhaftierungen. Zahlreiche Regierungsvertreter: innen sahen dem Machtmissbrauch der Polizei tatenlos zu; Mitglieder der Feuerwehr unter‐ stützten häufig die rassistisch motivierte Zerschlagung von Bürgerrechtsprotesten, indem sie ihre Löschschläuche als Waffen gegen die Demonstrierenden einsetzten. Vi‐ gilante Gruppierungen wie der Ku-Klux-Klan (KKK), die die Durchsetzung der weißen Vorherrschaft zum Ziel hatten, versuchten ebenfalls, friedliche Bürgerrechtsproteste zu unterbinden. Dabei schreckten sie weder vor Brand- und Bombenanschlägen auf die Wohnungen, Schulen und Kirchen schwarzer Bürger: innen noch vor Mord zurück (→ Kapitel Rassistischer Terrorismus zur Zeit der Bürgerrechtsbewegung). Während viele afroamerikanische Aktivist: innen für gewaltfreie Proteste als Antwort auf die Gewalt warben, befürworteten andere das Mittel der Selbstverteidigung. Infolge verschiedener Ereignisse wie des Bombenanschlags auf die 16 th Street Baptist Church in Birmingham, Alabama, durch den KKK, bei dem vier schwarze Mädchen ums Leben kamen; der Verhaftung von Marquette Frye im Jahr 1965 in Los <?page no="550"?> Angeles, Kalifornien; des Attentats auf den Bürgerrechtsaktivisten Reverend Martin Luther King Jr. im Jahr 1968 sowie zahlreichen Fällen von Polizeibrutalität kam es während der 1960er und 1970er Jahre in über hundert Städten überall im Land zu mehr als 250 Aufständen. Dabei entluden sich die Hilflosigkeit und Wut angesichts offener und verdeckter Formen von Rassismus, Diskriminierung und Gewalt, denen Afroamerikaner: innen täglich ausgesetzt waren, in Rebellion (Rucker und Upton 2007, xix). Erläuterung | „Städtische Rebellion“: „Städtische Rebellion“ bezeichnet eine Form des Aufstands, die sich auf städtische Räume konzentriert und bei der Angehörige marginalisierter Gruppen durch Gewalt und Zerstörung von Eigentum aktiv gegen gesellschaftliche Unterdrückung protestieren, auf soziale Probleme aufmerksam machen und unmittelbare Veränderungen innerhalb ihrer Gemeinschaft anstoßen. Der Ausdruck „städtische Rebellion“ („urban rebellion“) hat den Begriff „städtische Ausschreitung“ („urban riot“) in Fachkreisen mittlerweile als bevorzugte Bezeich‐ nung abgelöst, da er die beschriebenen Handlungen als Widerstand gegen soziale und rechtliche Unterdrückung kennzeichnet und als Maßnahme zur Herstellung von Gerechtigkeit entkriminalisiert. Bei diesen Rebellionen brannten Tausende Afroamerikaner: innen öffentliches und privates Eigentum nieder, zerstörten und plünderten weiße Geschäfte und lieferten sich Kämpfe mit der Polizei. Als Protestform waren die städtischen Rebellionen sowohl innerhalb der schwarzen Gemeinschaft als auch unter Bürgerrechtler: innen umstritten. Gegner: innen kritisierten sie als Krawalle, die durch ungerechtfertigte, zum Teil tödliche Gewalt und rücksichtslose Zerstörung öffentlichen und privaten Eigentums ungewollt zur Aufrechterhaltung der Segregation beitrugen und Hassverbrechen sowie andere Formen rassistisch motivierter Einschüchterung zur Verdrängung „un‐ erwünschter“ Bürger: innen nach sich zogen. Befürworter: innen rechtfertigten die aufständische Gewalt als Form des aktiven Protests, um auf soziale Probleme aufmerk‐ sam zu machen und unmittelbare Veränderungen in einer Gemeinschaft anzustoßen. Aufstände seien demnach die Antwort auf einen moralischen Missstand wie Polizei‐ brutalität und die Zerstörung von Eigentum diene dem Zweck, der marginalisierten Minderheit gegenüber der Mehrheit Gehör zu verschaffen. Fallstudie: Philadelphia Im Jahr 1964 kam es in der Columbia Avenue im Norden von Philadelphia zu Aus‐ schreitungen, nachdem sich das Gerücht verbreitet hatte, ein weißer Polizist habe eine schwangere schwarze Frau zu Tode geprügelt. Die Bevölkerungszusammensetzung des vormals integrierten Stadtbezirks North Philadelphia hatte sich infolge von white flight - dem Wegzug weißer Einwohner: innen - verändert, sodass Viertel wie North 550 44 Die schwarzen städtischen Rebellionen der 1960er-Jahre <?page no="551"?> Central in den 1960er Jahren mehrheitlich von schwarzen Bürger: innen bewohnt wurden. Der Großteil der Geschäfte war jedoch nach wie vor in der Hand von Weißen. In Gegenden wie North Philadelphia, wo zwei Drittel der 600.000 schwarzen Einwohner: innen Philadelphias lebten, waren Afroamerikaner: innen demnach häufig auf weiße Geschäfte angewiesen, um ihren Bedarf an Lebensmitteln, Kleidung und Haushaltsgegenständen zu decken. Dabei wurden sie mitunter Opfer von Betrug und hohe Preise erschwerten ihnen den Zugang zu benötigten Waren. Die gesellschaftliche und ökonomische Ungleichheit, mit denen die schwarze Bevölkerung in ihren Vierteln konfrontiert war, verstärkte die schwelenden Spannungen zwischen schwarzen und weißen US-Amerikaner: innen. Neben der Beziehung zwischen Afroamerikaner: innen und weißen Geschäftsleuten barg in den frühen 1960er Jahren insbesondere die Frust‐ ration über exzessive Polizeigewalt Eskalationspotenzial. In dieser Zeit veröffentlichte die schwarze Zeitung Philadelphia Tribune zahlreiche Artikel zu brutalen Übergriffen durch die Polizei. In der Folge wurden Strafverfahren gegen verschiedene Polizisten eingeleitet, die jedoch mit Freisprüchen endeten (Early-2001). Der Aufstand auf der Columbia Avenue begann am 28. August 1964 um 20: 30 Uhr, als die afroamerikanischen Eheleute Odessa und Rush Bradford mit ihrem Auto mitten auf der viel befahrenen Kreuzung 22 nd Street und Columbia Avenue anhielten, um eine verbale und physische Auseinandersetzung auszutragen. Nach dem Eintreffen des schwarzen Polizeibeamten Robert Wells und des weißen Polizeibeamten John J. Hoff forderten diese das Paar auf, ihr Auto beiseite zu fahren. Schnell kam es zur Konfron‐ tation zwischen Wells und Odessa Bradford, die sich weigerte, der Anweisung Folge zu leisten. Odessa ging Wells schließlich körperlich an, der seinerseits handgreiflich wurde. Nach einer Verfolgungsjagd um das Auto gelang es Wells und Hoff, Odessa in ihrem Polizeiwagen in Gewahrsam zu nehmen (Countryman-2006, 156). Daraufhin griff der 41-jährige James Mettles ins Geschehen ein, der Hoff einen Faustschlag verpasste, um Odessa angesichts dieses - wie er annahm - Falles von Polizeibrutalität zu schützen. Als von anderer Seite ein Stein und eine Flasche flogen, mündete dies schließlich in den Aufstand gegen die Polizei. Die Unruhen gewannen durch das zuvor genannte Gerücht an Dynamik, eine schwangere schwarze Frau sei von einem weißen Polizisten erschlagen worden. Verbreitet wurde es durch den 25-jährigen Raymond Hall, der im Viertel als Agitator bekannt war. Während der zweitägigen Ausschreitungen zündeten afroamerikanische Bürger: innen Autos an, zerstörten und plünderten mehr als zweihundert von Weißen betriebene Geschäfte und lieferten sich Kämpfe mit der Polizei. Etwa 1.800 Polizisten - darunter der spätere Polizeipräsident Frank Rizzo - waren im Einsatz, um den Aufstand zu beenden und die Ordnung wiederherzustellen. Mit dem 21-jährigen Robert Green forderten die Ausschreitungen ein Todesopfer. Er wurde von der Polizei erschossen, als er diese mit einem Messer angriff. In der Folge der Ausschreitungen verließen nahezu alle weißen Geschäftsinhaber: innen North Philadelphia und verlagerten ihre Restaurants, Einrichtungshäuser, Lebensmittelläden und anderen Gewerbe an Orte abseits der schwarzen Gemeinschaft (Countryman-2006, 156). 44 Die schwarzen städtischen Rebellionen der 1960er-Jahre 551 <?page no="552"?> Nach den Ereignissen auf der Columbia Avenue begannen Polizei und Presse mit der synonymen Verwendung der Bezeichnungen mobs und gangs, um sich auf Afroamerikaner: innen zu beziehen, die in Gruppen von drei oder mehr Personen Gewaltverbrechen gegen weiße Bürger: innen begingen. Tatsächlich waren die Akti‐ vitäten städtischer Gangs nicht ausschließlich krimineller Natur. Viele von ihnen boten Jugendlichen ein soziales Gefüge, die in ihrer Gemeinschaft sozioökonomische Ausgrenzung erfuhren und sich nach einem Gefühl der Zugehörigkeit und Schutz vor verfeindeten Gruppen sehnten. Durch die Gleichsetzung schwarzer Banden mit Mobs vermittelten Polizei und Presse den Eindruck, diese seien grundsätzlich gewalttätig und zu ebensolchen Diebstählen und Zerstörungen fähig, wie sie auch während der Ausschreitungen auf der Columbia Avenue vorgekommen waren. Diese Periode gesell‐ schaftlicher Unruhen führte außerdem dazu, dass zahlreiche städtische Behörden kei‐ nen Unterschied mehr zwischen Bürgerrechtsdemonstrant: innen, Randalierer: innen und Bandenmitgliedern machten, die man allesamt vorrangig als ständiges Ärgernis für die Polizei betrachtete. Die frustrierte schwarze Jugend als „soziales Dynamit“ Obwohl es sich bei den städtischen Rebellionen schwarzer Bürger: innen um komplexe Ereignisse handelte, bei denen Widerstand, Vigilantismus und soziales Bewusstsein für gesellschaftliche Ungleichheit eine Rolle spielten, erklärten einige Intellektuelle und Politiker: innen die städtischen Aufstände unter Rückgriff auf das rassistische Stereotyp des: der faulen, kriminellen und kulturell unterlegenen Schwarzen. Bereits 1961 beschrieb der emeritierte Präsident der Harvard University James B. Conant arbeitslose und frustrierte schwarze Jugendliche als „potenzielles soziales Dynamit“. Conant, der nicht etwa Sozialwissenschaftler, sondern Chemiker war, sprach sich bei einer Konferenz im Mai 1961 gegenüber politischen Entscheidungsträger: innen dafür aus, schwarze Jugendliche durch Regierungsmaßnahmen bei der Arbeitssuche zu unterstützen. Andernfalls liefen sie Gefahr, in die Straffälligkeit abzurutschen und in städtischen Zentren zu randalieren. Durch den Kolumnisten und Segregationsgegner Ralph McGill fand der Begriff „soziales Dynamit“ in den nationalen Medien Verbrei‐ tung. In der Politik begann man daraufhin, soziale Programme wie Job Corps und Head Start ins Leben zu rufen, die sich an afroamerikanische Jugendliche in den Städten richteten. Aus dem programmatischen War on Poverty der Bundesregierung wurde jedoch angesichts der sich verschärfenden Lage bald ein War on Crime: Wie zuvor beschrieben, kam es bis 1964 landesweit zu etwa 250 aufständischen Ausschreitungen, denen zahlreiche Fälle von Polizeigewalt gegen Afroamerikaner: innen in Städten wie New York und Jersey City vorausgingen (Hinton-2016, 12). Als langfristige Konsequenz dieser städtischen Rebellionen etablierten sich im politischen Sprachgebrauch der 1960er Jahre stereotype Narrative, in denen man die städtische schwarze Jugend mit gesetzeswidrigem Verhalten in Verbindung brachte. Diese Kriminalisierung führte zur Durchsetzung härterer polizeilicher Maßnahmen 552 44 Die schwarzen städtischen Rebellionen der 1960er-Jahre <?page no="553"?> bei der Verbrechensbekämpfung, die auch der weiterhin aktuellen Masseninhaftierung schwarzer Menschen den Weg bereiteten. Im Rahmen des Law Enforcement Assistance Act von 1965 erhielten einige große Städte staatliche Beihilfen für das systematische Vorgehen gegen Banden und die Bereitstellung von Ausbildungsmöglichkeiten für Jugendliche. Dringender Handlungsbedarf angesichts von Kriminalität sowie die allmählichen Fortschritte der Rehabilitationsprogramme für städtische Jugendliche veranlassten Politiker: innen auf Bundes- und Kommunalebene dazu, auch verstärkt in Polizeibehörden, militärische Ausrüstung und weitere Maßnahmen zur härteren Verbrechensbekämpfung (tough on crime policing) zu investieren (Hinton-2016, 142). Daneben lieferten Sozialwissenschaftler: innen weiterhin Daten, die den Zusammen‐ hang zwischen Armut und Straffälligkeit belegten, und bedienten sich dabei auch rassistischer Stereotype, die die schwarze Bevölkerung als minderwertig und kriminell darstellten. Ihre voreingenommene Forschung führte zu einer breiteren politischen Unterstützung des War on Crime im Vergleich zum War on Poverty, da sie die These stützte, ein Anstieg der städtischen Kriminalität durch die schwarze Bevölkerung sei aufgrund ihrer angeblich naturgegebenen „kulturellen Defizienz“ unvermeidlich. In den 1960er Jahren führten Sozialwissenschaftler: innen wie der Soziologe und Assistant Secretary of Labor Daniel Patrick Moynihan Studien zu afroamerikanischen Familien und Jugendlichen durch, in denen die grundlegende Überzeugung von einer „sozialen Pathologie“ der schwarzen Bevölkerung zum Ausdruck kommt. In seinem 1965 veröffentlichten Bericht The Negro Family: The Case For National Action, der als Moynihan Report bekannt wurde, macht Moynihan die angebliche moralische Schwäche der afroamerikanischen Bevölkerung für den höheren Anteil an weiblichen Familienvorständen, Arbeitslosigkeit, Schwangerschaften bei Minderjährigen und Highschool-Abbrüchen unter schwarzen im Vergleich zu weißen US-Amerikaner: in‐ nen verantwortlich (Office of Policy Planning and Research 1965, 5-14). In seiner Analyse befand Moynihan rassistische Diskriminierung zwar als mitverantwortlich für die Abschiebung von Afroamerikaner: innen in „slums“, schrieb diesen Umstand aber teilweise auch einer kulturellen Unterlegenheit zu (ebd., 29). Seine Forschung legte nahe, dass es aus ländlichen Gebieten zugewanderten Afroamerikaner: innen in der ersten und zweiten Generation schwerfalle, sich auf ihre neue städtische Umgebung einzustellen. Diese Probleme bei der Eingliederung in die neue Stadtgemeinschaft führten dann, laut Moynihan, zu „drunkenness“, „crime“ und „juvenile delinquency“ in der schwarzen Bevölkerung (ebd., 17). Im Sinne einer „Bürde des weißen Mannes“ sah er die Bundesregierung jedoch auch in der moralischen Pflicht, Afroamerikaner: innen eine sichere Existenz mit angemessener Bildung und Arbeit zu ermöglichen, um schwarze Jugendliche vor dem Weg in die Kriminalität zu bewahren und Haftstrafen zu verhindern (ebd. 48 f.; Hinton-2016, 74 f.). Einige Jahre später trugen Sozialwissenschaftler: innen wie der Anthropologe Walter B. Miller verschiedene verzerrte Statistiken und Beobachtungen zu „black gangs“ in Vierteln und Schulen in Philadelphia, Chicago und Los Angeles zusammen. Dabei zeigten sich höhere Kriminalitätsraten unter schwarzen als unter weißen Jugendlichen, 44 Die schwarzen städtischen Rebellionen der 1960er-Jahre 553 <?page no="554"?> was das rassistische Stereotyp krimineller Afroamerikaner: innen weiter verstärkte. Erwähnenswert ist, dass Miller während der 1960er Jahre gemeinsam mit Moynihan am Harvard-MIT Joint Center for Urban Studies arbeitete. In seiner Veröffentlichung „Violence by Youth Gangs and Youth Groups as a Crime Problem in Major Ame‐ rican Cities“ aus dem Jahr 1975 führt er die Beteiligung schwarzer Jugendlicher an Bandenaktivitäten auf deren Armutsbetroffenheit zurück. Jugendkriminalität sei demnach „concentrated in low-income ghettos“ (Miller 1975, 1-10; 27). Miller sah aber auch eine kriminelle Veranlagung bei Jugendlichen of Color und insbesondere bei Afroamerikaner: innen und Latin Americans, die durch deren kulturelle Unterlegenheit bedingt sei. Seiner Ansicht nach nahm die Gewalt und Gefährdung durch Banden in nicht weißen Vierteln und Schulen - anders als in solchen, die von Weißen dominiert wurden - mehrheitlich zu. Millers Forschungsarbeit stellte schwarze Gangs nicht nur als unmittelbare Bedrohung für die Städte dar, sondern kriminalisierte zudem Afroamerikaner: innen und hypersegregierte schwarze Stadtviertel und erklärte sie damit zum notwendigen Ziel polizeilicher Intervention (Dirkson-2021, xxvii). Mit ihren rassenbasierten Statistiken, Beobachtungen und Kriminalitätsnarrativen etablierten solche sozialwissenschaftlichen Studien einen Zusammenhang zwischen der „Kultur der Armut“ und der Straffälligkeit schwarzer Jugendlicher und lieferten politischen Entscheidungsträger: innen eine Legitimationsgrundlage, um Hunderte Millionen US-Dollar in die Aufrüstung von Polizeibehörden zu investieren und die Fi‐ nanzierung von Sozialhilfeprogrammen einzustellen, die armutsbetroffenen People of Color zugutekamen. Heute werden städtische afroamerikanische Gemeinschaften aus dem unteren Einkommensbereich nicht nur aufgrund dieser Narrative kriminalisiert, die bei Polizei, Presse und Politik ebenso verbreitet sind wie in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit. Anhaltende staatliche Maßnahmen wie der Abzug von Finanzmitteln aus Sozialprogrammen, die unverhältnismäßige Machtausübung durch eine militar‐ isierte Polizei und zunehmende Härte bei Strafurteilen sind seit den 1960er Jahren ebenso für die Stigmatisierung von Angehörigen dieser sozialen Gruppe verantwort‐ lich. Die Black-Power-Bewegung Bis zum Ende der Bürgerrechtsbewegung im Jahr 1968 wurden drei Gesetze verab‐ schiedet, die die Grundsätze des 14. Zusatzartikels erneut bekräftigten: der Civil Rights Act von 1964, der Chancengleichheit und den Schutz der Bürgerrechte zusi‐ cherte, der Voting Rights Act von 1965 und der Fair Housing Act von 1968. Obwohl diese Bürgerrechtsgesetze die gesellschaftliche Gleichstellung von People of Color zum Ziel hatten, lösten sie in den Augen vieler Afroamerikaner: innen nicht das Problem lokal oder institutionell verankerter Strukturen von Armut, Rassismus und Diskriminierung. Die afroamerikanische Ober- und Mittelschicht profitierte durch die Bürgerrechtsbewegung von verbesserten sozioökonomischen Bedingungen, während die Lage der schwarzen Bürger: innen, die in Armutsverhältnissen lebten oder der 554 44 Die schwarzen städtischen Rebellionen der 1960er-Jahre <?page no="555"?> Arbeiterklasse angehörten, auch nach 1968 prekär blieb. Für armutsbetroffene Afro‐ amerikaner: innen war die Bürgerrechtsgesetzgebung nicht mehr als ein Blatt Papier, das nur für diejenigen seine Wirkung entfaltete, die über die nötigen finanziellen, sozialen und politischen Mittel für das Überleben in einer hierarchischen, kapitalis‐ tischen Gesellschaft verfügten. Am 29. Februar 1968 wurde der 426-seitige Bericht der Kerner Commission veröffentlicht; das elf Mitglieder umfassende Gremium war von der Regierung Lyndon B. Johnsons eingesetzt worden, um die Ursachen der schwarzen städtischen Rebellionen zu untersuchen. Die Verfasser: innen identifizierten die Generationen zurückreichende sozioökonomische Benachteiligung als zentralen Faktor für die Entstehung von Aufstandsbewegungen in Städten wie Detroit und Baltimore, in denen Rassentrennung herrschte (National Advisory Commission On Civil Disorders-1968; Hinton-2016, 127-30). Der schwarze Aktivist Stokely Carmichael sollte diesen Umstand später auf das Phänomen des institutionellen Rassismus zurückführen, das die gesetzlich verankerte Ungleichheit von Menschen unterschiedlicher „Rasse“ und ethnischer Herkunft be‐ schreibt und sich in generationenübergreifenden gesamtgesellschaftlichen Diskrimi‐ nierungsmustern äußert. Wie Carmichael in seinen Ausführungen deutlich macht, bringt institutioneller Rassismus für einige soziale Gruppen gesellschaftliche Vorteile etwa hinsichtlich Arbeit, Wohnen und staatlichen Sozialprogrammen mit sich, wäh‐ rend andere benachteiligt werden. Anders als bei individuellem Rassismus können Menschen ungeachtet ihrer ethnischen Zugehörigkeit solche rassistisch geprägten Praktiken und Gesetze annehmen und befolgen, ohne das dadurch entstehende gesell‐ schaftliche Gefälle infrage zu stellen (→ Kapitel Institutioneller, struktureller und sys‐ temischer Rassismus). Auf dem Weg zur Gleichstellung sozial benachteiligter Afroame‐ rikaner: innen verfolgten einige schwarze Aktivist: innen einen radikalen Ansatz und begründeten damit die Black-Power-Bewegung. Aktivist: innen engagierten sich darin kollektiv, um die gesellschaftliche Ungleichheit innerhalb der eigenen Gemeinschaft zu beenden. Ihre Ideologie vereinte Black Pride, Nationalismus, Autarkiebestrebungen und Unternehmertum und war darauf ausgerichtet, schwarzen Bürger: innen auf gemeinschaftlicher Basis den sozialen Aufstieg zu ermöglichen-- ohne Unterstützung der Regierung oder nicht schwarzer Aktivist: innen. Die Black Panther Party sollte im Laufe der Zeit als Inbegriff der Black-Power-Bewegung Bekanntheit erlangen (→ Kapitel Schwarze bewaffnete Selbstverteidigung und Black-Power-Bewegung und → Kapitel Schwarzer Feminismus). Nachwirkungen Die schwarzen städtischen Rebellionen der 1960er Jahre zogen bald eine Militari‐ sierung der Polizei sowie die Kriminalisierung der von Afroamerikaner: innen fre‐ quentierten Schulen, Straßen, Massenverkehrsmittel und Wohnprojekte nach sich (Thompson 2010, 710-12). Nach den Ausschreitungen 1964 in Philadelphia wurden Schulpolizist: innen in und vor öffentlichen Schulgebäuden stationiert. Auf den Straßen 44 Die schwarzen städtischen Rebellionen der 1960er-Jahre 555 <?page no="556"?> patrouillierten Polizeistreifen zu Fuß, mit dem Auto oder per Fahrrad. Einheiten der Bahnpolizei überwachten die Bahnsteige und Wagen der städtischen U- und Hochbahn. Eine spezielle Polizeieinheit war zuständig, wenn es auf dem Gelände öffentlicher Wohnhochhäuser zu potenziell kriminellen Vorfällen kam. All diese Maßnahmen sind bis heute Teil der polizeilichen Sicherheitsstrategie. Zwar stießen die von Lyndon B. Johnson eingerichteten Great-Society-Programme des War on Poverty und des War on Crime unter Lokalpolitiker: innen eine Debatte darüber an, wie sich im Rahmen des Omnibus Crime Control and Safe Streets Act von 1968 Bundesmittel zur Verringerung von sozialen Disparitäten und Kriminalität einsetzen ließen. Dennoch investierte man vermehrt in das Strafrechtssystem anstatt in bevölkerungsorientierte Programme zur Armutsbekämpfung. Von 1969 bis 1976 brachte das durch den Law Enforcement Assistance Act finanzierte gemeinnützige Anti-Gang-Programm Safe Streets, Inc. in Philadelphia Vertreter: innen von Politik und Polizei, frühere Bandenmitglieder sowie Sozialarbeiter: innen mit dem gemeinsamen Ziel zusammen, die Wiedereingliederung von Jugendlichen zu fördern. In Gemeinde‐ zentren erhielten diese die Möglichkeit, an Ausbildungs- und Schulungsmaßnahmen, Freizeitaktivitäten und Therapiesitzungen teilzunehmen. Dabei wurden ihnen auch Mentor: innen zur Seite gestellt, die die Jugendlichen anhand eigener Erfahrungen aufklären und zur Abkehr von kriminellen Bandenaktivitäten bewegen sollten. Obwohl infolge von Safe Streets, Inc. ein sukzessiver Rückgang der Bandengewalt verzeichnet werden konnte, musste das Programm schließlich eingestellt werden. Städtische Behörden hatten ihm die staatliche Unterstützung zugunsten einer verstärkten Finan‐ zierung der Polizeiarbeit entzogen, von der man sich eine deutliche Reduzierung der Kriminalitätsrate erhoffte. Die Zuschüsse der 1968 durch den Omnibus Crime Bill eingerichteten Law Enforce‐ ment Assistance Administration (LEAA) sollten nach Ansicht nationaler Konservativer den Polizeibehörden zugutekommen, um die Verbrechensbekämpfung zu stärken. Liberale befürworteten dagegen Ausgaben für soziale Reformprogramme, die schritt‐ weise städtischer Armut entgegenwirken und so die Kriminalität effektiv senken würden. Viele einflussreiche Politiker: innen teilten jedoch nicht die Ansicht, dass die Beseitigung sozialer Missstände wie Armut, Arbeitslosigkeit, Schulabbruch und Bandengewalt einen massiven Rückgang von Straftaten zur Folge hätte. Die daraus resultierenden umfangreichen Investitionen in härtere polizeiliche Maßnahmen ebne‐ ten den Weg für die uneingeschränkte Machtausübung der Polizei in den gesamten Vereinigten Staaten. Dies äußert sich in unbegründeten Durchsuchungen, alltäglicher Überwachung, illegalen Razzien, Leibesvisitationen, falschen Strafanschuldigungen und Festnahmen sowie verbalen und körperlichen Übergriffen auf Teilnehmende friedlicher Demonstrationen. Seit den 1960er Jahren tragen Behörden bedeutender US-amerikanischer Städte darüber hinaus zur Aufrechterhaltung eines rassistisch geprägten Kapitalismus bei, indem sie steigende Kriminalitätsraten heranziehen, um übermäßige Investitionen in militarisierte Polizeibehörden zu rechtfertigen. Tatsächlich fließen in zahlreichen 556 44 Die schwarzen städtischen Rebellionen der 1960er-Jahre <?page no="557"?> US-Städten zwischen 15 und 45 Prozent des Haushalts in die Polizeiarbeit, sodass Hunderte Millionen US-Dollar an Finanzmitteln für Schulen, Bibliotheken, Gemein‐ dezentren und sozialen Wohnungsbau entzogen werden (Dirkson 2023, 35). Wenn städtische Regierungen Polizeibehörden übermäßig viel soziale, politische und finanz‐ ielle Macht einräumen, treibt das die Spirale armutsbedingter Kriminalität weiter voran, Fälle von Inhaftierungen und Polizeigewalt nehmen zu und armutsbetroffene People of Color leiden weiterhin unter Marginalisierung. Probleme wie Armut und ge‐ waltsame Straftaten bleiben ungelöst, weil die Gesellschaft von weißer Vorherrschaft, Segregation, Kapitalismus, sozialer Ungleichheit und anderen normalisierten Systemen geprägt ist, die von Machthabenden aufrechterhalten werden. Über Generationen hinweg haben sich Aktivist: innen darum bemüht, Stadtverwaltungen zu deutlichen Investitionen für soziale Zwecke zu bewegen. Solange soziale Ungleichheit in der US-amerikanischen Gesellschaft weiter fortbesteht, bleibt es dennoch zukünftigen Generationen von Aktivist: innen überlassen, sich für die Belange ihrer Gemeinschaften einzusetzen. Deutsche Übersetzung durch Maria Ewald. Literatur Countryman, Matthew. 2006. Up South: Civil Rights and Black Power in Philadelphia. Philadelphia: University of Pennsylvania Press. Dirkson, Menika B. 2021. „Hope and Struggle in the Policed Inner-City: Black Criminalization and Racial Capitalism in Philadelphia, 1914-1978.“ Dissertation. Temple University. http: / / d x.doi.org/ 10.34944/ dspace/ 6819. Dirkson, Menika B. 2023. „‚Stop Talking and Act‘: The Battle Between Tough on Crime Policing and Guardianship of Black Juvenile Gangs, 1958-1969.“ Journal of Urban History 49, 5: 1015-34. Donner, Frank. 1992. 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Vor dem Zweiten Weltkrieg verteidigten sich Afroamerikaner: innen immer wieder gegen weiße Mobs, konnten aber die Mehrheit rassistischer Gewalt‐ taten nicht verhindern. Schwarzer bewaffneter Widerstand zog zudem häufig gewalttätige Vergeltung nach sich. Während der Bürgerrechtsbewegung der 1950er und 1960er Jahre war Schwarze Selbstverteidigung erfolgreicher und trug zum Erfolg der gewaltlosen Massenproteste bei. Mitglieder der Black-Power-Bewegung erhoben bewaffnete Selbstverteidigung zu einer zentralen Strategie des Schwarzen Freiheitskampfes, wobei ihre Waffen sowohl rassistische Polizeigewalt und weiße Mobs stoppen als auch Schwarze Männlichkeit stärken sollten. Nach dem amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865) sahen sich afroamerikanische Bürger: innen mit einer Welle rassistischer Gewalt konfrontiert. Vor allem in Süden setzten rassistische Organisationen wie der Ku-Klux-Klan terroristische Gewalt ein, um die politische Macht der Schwarzen Bevölkerung zu minimieren. Nicht nur im Süden ging auch die Polizei mit äußerster Brutalität gegen Menschen mit dunkler Hautfarbe vor, um die im späten 19. Jahrhundert etablierte Rassentrennung durchzusetzen. Gewöhnliche weiße Amerikaner: innen wiederum beteiligten sich um 1900 vor allem im Süden, aber auch in anderen Regionen Amerikas an rassistischen Pogromen und Lynchgewalt, die darauf abzielten, die weiße Vorherrschaft langfristig zu sichern. Hinzu kamen zahlreiche Attentate auf die afroamerikanische Bevölkerung, die aus demselben Grund begangen wurden (Shapiro 1988). Auch wenn die massive Gewalt der weißen Mehrheitsgesellschaft Widerstand schwierig machte, spielte bewaffnete Selbstverteidigung eine wichtige Rolle in den Versuchen afroamerikanischer Menschen, sich zur Wehr zu setzen. Der amerikanische Bürgerkrieg stellte in diesem Zusammenhang eine wichtige Zäsur dar, erlangte die ehemals versklavte Schwarze Bevölkerung im Süden durch eine Reihe von Verfas‐ sungszusätzen doch nicht nur ihre Freiheit und Bürgerrechte, sondern auch das Recht Waffen zu tragen. Zahlreiche frühere Sklavinnen und Sklaven erwarben deshalb nach dem Krieg Schusswaffen, die nicht nur für die Jagd, sondern auch für Selbstverteidigung gegen rassistische Gewalt genutzt wurden. Während der Reconstruction-Ära versuch‐ ten zum Beispiel Schwarze Milizen, Angriffe des Ku-Klux-Klans abzuwehren (Cottrol <?page no="560"?> 1995). Danach gab es auch immer wieder Versuche, weiße Mobs daran zu hindern, Mitglieder der afroamerikanischen Minderheit zu lynchen (Brundage 1997). Auch während Pogromen in amerikanischen Städten formierten sich bewaffnete schwarze Gruppen, die sich weißen Angreifern entgegenstellten (Shapiro 1988). Der Erste Weltkrieg hatte in diesem Zusammenhang eine radikalisierende Wir‐ kung, vor allem auf afroamerikanische Soldaten, die nach ihrem Einsatz auf den Schlachtfeldern Europas nicht mehr gewillt waren, rassistische Gewalt gegen schwarze Gemeinden ohne Gegenwehr hinzunehmen (→ Kapitel Rassenmassaker). Zur selben Zeit versuchte der Schwarze Nationalist Marcus Garvey mit seiner Universal Negro Improvement Association (UNIA) die Entwicklung einer neuen Schwarzen Identität zu fördern. Viele Schwarze Kriegsveteranen und Mitglieder der UNIA stellten sich während und nach dem Ersten Weltkrieg weißen Angreifern mit Waffengewalt entge‐ gen. Während eines Rassenpogroms in Chicago im Jahr 1919 postierten zum Beispiel Schwarze Exsoldaten bewaffnete Wächter am Rande der schwarzen Gemeinde und lie‐ ferten sich Feuergefechte mit weißen Invasoren (Coit 2012). Viele UNIA-Ortsgruppen formten zudem paramilitärische Verteidigungsgruppen, welche die Versammlungen von Garveys Anhängern gegen rassistische Terroristen beschützen sollten. In manchen Fällen versuchten afroamerikanische Menschen, sich auch gegen Polizeigewalt mit Waffengewalt zu wehren, so zum Beispiel in New York City (King 2011). Angesichts eines von der amerikanischen Zentralregierung geduldeten Unterdrück‐ ungsapparates, in welchem Politiker, Milizen, Polizei und gewöhnliche Bürger: in‐ nen eng zusammenarbeiteten, um die weiße Vorherrschaft zu sichern, wurden vor dem Zweiten Weltkrieg jedoch die meisten Formen des Schwarzen bewaffneten Widerstands trotz mancher Erfolge meist im Keim erstickt. Häufig zog bewaffneter Widerstand auch weiße Vergeltung nach sich, die sich neben afroamerikanischen Verteidigern gegen gesamte Schwarze Gemeinden richten konnte. Im Falle des Pog‐ roms, das im Jahr 1921 in Tulsa, Oklahoma stattfand, zerstörten weiße Mobs den gesamten Schwarzen Stadtteil, nachdem afroamerikanische Männer versucht hatten, einen jungen Mann vor Lynchgewalt zu schützen (Ellsworth 1982). Bewaffneter Widerstand und Gewaltloser Protest in den 1950er und 1960er Jahren Interessanterweise war es vor allem während der gewaltlosen Bürgerrechtsbewegung der 1950er und 1960er Jahre, dass Afroamerikaner: innen im amerikanischen Süden bewaffnete Selbstverteidigung erfolgreich einsetzen konnten. Bewaffneter Widerstand stellte dabei Martin Luther King und andere Bürgerrechtsführer vor große Herausfor‐ derungen. Auf der lokalen Ebene wurden solche Aktivistinnen und Aktivisten, die sich der von King propagierten Gewaltlosigkeit verpflichtet fühlten, mit täglichen Angriffen des neu formierten Ku-Klux-Klans konfrontiert (→ Kapitel Rassistischer Terrorismus zur Zeit der Bürgerrechtsbewegung). Auf der nationalen Ebene musste 560 45 Schwarze bewaffnete Selbstverteidigung und Black-Power-Bewegung <?page no="561"?> die Bürgerrechtsbewegung Schwarze Waffengewalt mit ihrem gewaltlosen Image vereinbaren. Viele Aktivistinnen und Aktivisten ließen sich von den taktischen Vorteilen der gewaltlosen Proteststrategie überzeugen, hatten aber wenig Skrupel, die gewaltlose Bewegung mit Waffengewalt zu unterstützen, wenn rassistischer Terrorismus Bürger‐ rechtskampagnen und afroamerikanische Gemeinden bedrohte. In Monroe, North Carolina glaubte Robert F. Williams fest daran, dass was er als „armed self-reliance“ bezeichnete ein fester Bestandteil des Schwarzen Freiheitskampfes sein müsse. Als der Ex-Soldat im Jahr 1957 eine Protestbewegung in seinem Heimartort organisierte, um die Rassentrennung im örtlichen Schwimmbad anzuprangern, antwortete der neu gegründete Ku-Klux-Klan mit einer massiven Einschüchterungskampagne. Wild schießende Mitglieder des Klans verbreiteten Angst und Schrecken im schwarzen Stadtteil von Monroe. Williams und eine Gruppe von Weltkriegsveteranen gründeten daraufhin eine Selbstverteidigungsgruppe und schossen während des nächsten An‐ griffs des Klans zurück. Die weißen Terroristen hielten sich danach vom Schwarzen Stadtteil fern. Robert Williams wurde Ende der 1950er Jahre in den USA bekannt, weil er öffentlich dazu aufrief, rassistischer Gewalt mit Gegengewalt zu begegnen. Die nationale Führung der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) entband ihn daraufhin von seinen Aufgaben als Vorsitzender der Monroe-Ortsgruppe der Organisation. Die NAACP unterstützte zwar öffentlich das Recht auf Selbstverteidigung, Williams’ militante Rhetorik schien jedoch sowohl das gewaltlose Image der Organisation als auch das der Bürgerrechtsbewegung in Gefahr zu bringen (Tyson 1999). Erläuterung | Robert F. Williams: Der afroamerikanische Aktivist Robert Williams (1925-1996) war eine zentrale Figur in der Geschichte Schwarzer bewaffneter Selbstverteidigung im 20. Jahrhundert. Durch seinen Militärdienst in den 1940er und 1950er Jahren war Williams im Umgang mit Waffen vertraut und setzte diese Erfahrung während der Bürgerrechtsära ein. Zusammen mit anderen Schwarzen Männern beschützte er die gewaltlose Protestbewegung, die er in seinem Heimatort Monroe, North Carolina, im Jahr 1957 ins Leben gerufen hatte. Seine militante Rhetorik und die weiße Gewalt, die in Monroe, durch seinen Aktivismus hervor‐ gerufen wurde, zwangen ihn 1961 ins kubanische Exil, wo er die Radiosendung Radio Free Dixie produzierte und die Zeitschrift Crusader veröffentlichte. 1965 zog Williams nach Spannungen mit der kubanischen Regierung nach China, wo er sich an Propagandaaktionen gegen den Vietnamkrieg beteiligte. Williams war der Black-Power-Bewegung in vielerlei Hinsicht voraus und beeinflusste viele Mitglieder der Bewegung nachhaltig. 45 Schwarze bewaffnete Selbstverteidigung und Black-Power-Bewegung 561 <?page no="562"?> In der ersten Hälfte der 1960er Jahre wurde deutlich, dass zahlreiche Aktivistinnen und Aktivisten derselben Meinung wie Robert Williams waren. Im amerikanischen Süden reagierten viele rassistische Südstaatler mit Gewalt auf die gewaltlosen Mas‐ senproteste und Wählerregistrierungskampagnen, die in hunderten von Gemeinden stattfanden. Vielerorts bewaffneten sich afroamerikanische Menschen und gründeten Selbstverteidigungsgruppen, um sich selbst und die Mitglieder von Bürgerrechtsorga‐ nisationen zu beschützen. Eine der bekanntesten Gruppen waren die Deacons for Defense and Justice (DDJ), die 1964 im ländlichen Jonesboro, Louisiana, gegründet wurden. Wie im Falle von Robert Williams in Monroe, mussten Mitglieder der Bürgerrechtsorganisation Congress of Racial Equality (CORE) und die Schwarzen Einwohner der kleinen Gemeinde ständige Einschüchterungen des Ku-Klux-Klans ertragen. Der Alltag wurde immer wieder durch bewaffnete Paraden durch den von Afroamerikaner: innen bewohnten Teil der Ortschaft bestimmt, die meist vom Auto des Sheriffs angeführt wurden. Als Reaktion gründeten einige ehemalige afroamerikanische Soldaten im Juli 1964 die Selbstvertei‐ digungsorganisation Deacons for Defense and Justice. Ausgerüstet mit Funkgeräten, Gewehren und Pistolen, patrouillierten diese „Diakone“ täglich den Schwarzen Teil der Ortschaft und stellten den Mitarbeiter: innen von CORE ihre eigenen Leibwächter zur Seite. Einschüchterungen von weißen Rassisten gingen nach der Gründung der Organisation stark zurück, dafür nahmen allerdings auch die Schikanen der Polizei zu, welche versuchte, die Schutzmaßnahmen der Deacons zu stören (Hill 2004). Im Jahr 1965 wurde eine weitere DDJ-Gruppe in Bogalusa, einer Kleinstadt im Norden von Louisiana, organisiert. Diese wurde bald landesweit bekannt. Wie in Jones‐ boro patrouillierten die Deacons den schwarzen Stadtteil und beschützten CORE-Akti‐ vist: innen gegen mögliche Angriffe des Ku-Klux-Klans. Die meisten Bürgerrechtler: in‐ nen waren sich einig darüber, dass die mit Gewehren und später sogar Handgranaten bewaffneten Deacons die Stadt und auch gewaltlose Demonstrationen sicherer mach‐ ten, waren doch Mitglieder der Verteidigungsgruppe auch im Hintergrund vor Ort, wenn Bürgerrechtler: innen auf die Straße gingen. Im Juli 1965 kam es nach dem Angriff eines weißen Rassisten auf einen Protestmarsch sogar zu einem Schusswechsel mit weißen Gegendemonstranten. Die explosive Situation, die durch den bewaffneten Widerstand der Deacons und die gewaltlosen Protestmärsche hervorgerufen wurde, zwang die nationale Regierung in Bogalusa einzugreifen. Die Behörden versuchten vor allem, den Ku-Klux-Klan und die örtliche Polizei in ihre Schranken zu verweisen (Hill 2004). Während die Deacons for Defense and Justice zur bekanntesten Selbstverteidigungs‐ gruppe vor 1966 wurde, spielte Schwarzer bewaffneter Widerstand auch in anderen Bundesstaaten des Südens eine wichtige Rolle in Bürgerrechtskampagnen. Während der berühmten Birmingham-Kampagne von Martin Luther Kings Organisation Sou‐ thern Christian Leadership Conference im Jahr 1963 gründeten Schwarze Männer die Civil Rights Guards, um den afroamerikanischen Stadtteil und den Bürgerrechtsführer Fred Shuttlesworth gegen Bombenanschläge des Ku-Klux-Klans zu schützen (Manis 562 45 Schwarze bewaffnete Selbstverteidigung und Black-Power-Bewegung <?page no="563"?> 1999). Ein Jahr später formierte sich eine Selbstverteidigungsgruppe in Tuscaloosa, Alabama, einer der Hochburgen des Ku-Klux-Klans im amerikanischen Süden. Auch dort wurden sowohl Bürgerrechtsführer als auch Schwarze Wohnhäuser beschützt (Wendt 2007). Und während des Freedom-Summer-Projekts des Student Nonviolent Coordinating Committee in Mississippi 1964 benutzten viele afroamerikanische Män‐ ner und Frauen ihre Gewehre und Pistolen, um weiße Aktivist: innen, die sie beher‐ bergten, und Versammlungen und Büros von Bürgerrechtsorganisationen zu bewachen (Umoja 2002). Zusammen genommen halfen diese verschiedenen Formen bewaffneter Selbstverteidigung, die vielen gewaltlosen Bürgerrechtskampagnen vor dem Hinter‐ grund rassistischer Gewalt aufrechtzuerhalten und das Leben aller Beteiligten zu schützen. Vor der Verabschiedung der Bürgerrechtsgesetze in den Jahren 1964 und 1965 gingen bewaffnete Selbstverteidigung und gewaltloser Widerstand in vielen Gemeinden des Südens eine symbiotische Beziehung ein, die zwar Imageprobleme für viele Bürgerrechtsorganisationen verursachte, aber von vielen Aktivist: innen pragmatisch akzeptiert wurde. Black Power und Schwarze bewaffnete Selbstverteidigung Die Black-Power-Bewegung läutete ein neues Kapitel in der Geschichte des Schwarzen bewaffneten Widerstands ein. Der Slogan „Black Power“ wurde erstmals Im Jahr 1966 in Mississippi während eines Solidaritätsmarsches für den Schwarzen Aktivisten James Meredith geäußert. Dieser war zuvor während seines March Against Fear von einem weißen Rassisten angeschossen worden. Während des Solidaritätsmarsches, der von den Deacons for Defense and Justice beschützt wurde, betonte Aktivist Stokely Car‐ michael, dass die Freiheitsbewegung ausnahmslos von afroamerikanischen Menschen geführt werden müsse (Goudsouzian 2014). Immer mehr Mitglieder der Bewegung stellten auch das Ideal der „Rassenintegration“ in Frage. Schließlich wurde auch das Konzept der Gewaltlosigkeit von den meisten Mitgliedern der Black-Power-Bewegung abgelehnt. Bestimmte Vorstellungen von starker schwarzer Männlichkeit spielten in dieser Kritik an gewaltlosem Protest eine wichtige Rolle. Malcolm X, der in den frühen 1960er Jahren zum bedeutendsten Sprecher der Schwarzen nationalistischen Sekte Nation of Islam aufstieg, sah Schwarze Männlichkeit als zentralen Bestandteil des schwarzen Freiheitskampfes an. Martin Luther Kings Philosophie der Gewaltlosigkeit, so Malcolm X, sei sinnlos vor dem Hintergrund rassistischer Aggression. Bewaffnete Selbstverteidigung war in seinen Augen ein Recht, das von Schwarzen Männern genützt werden sollte, um Schwarze Gemeinden und Familien zu beschützen, und um ihren Selbstrespekt wiederzuerlangen (Perry 1985). Neben den Ideen von Malcolm X waren es aber auch die Erfahrungen mit weißer Gewalt im Süden, die ehemals gewaltlose Bürgerrechtsorganisationen wie CORE zu Verfechtern des Rechts auf bewaffnete Selbstverteidigung gegen rassistischen Terror werden ließen (Wendt 2007). Die Ideen von Malcolm X und konkrete Gewalterfahrungen im Süden trugen zur Radikalisierung der Bürgerrechtsbewegung bei, jedoch war es insbesondere in den 45 Schwarze bewaffnete Selbstverteidigung und Black-Power-Bewegung 563 <?page no="564"?> urbanen Zentren außerhalb des Südens auch rassistische Polizeigewalt, die bewaffnete Selbstverteidigung innerhalb der Black-Power-Bewegung populär machte. Weiße Polizisten wurden von vielen Schwarzen Menschen als Okkupationsmacht wahrge‐ nommen, die täglich Gewalt einsetze, um afroamerikanische Stadteile zu kontrollieren. In diesem Zusammenhang wurden die urbanen Rebellionen in Amerikas Städten von vielen afroamerikanischen Menschen als eine Art von Selbstverteidigung verstan‐ den (Hinton 2021) (→ Kapitel Polizeisystem und Polizeigewalt und → Kapitel Die schwarzen städtischen Rebellionen der 1960er Jahre). Bereits in der ersten Hälfte der 1960er Jahre wurden in diesem Zusammenhang militante Organisationen außerhalb des Südens geformt, die den Ideen Malcolm X folgend bewaffneten Widerstand zu einem zentralen Element des antirassistischen Freiheitskampfes machten. So wollte das 1962 gegründete Revolutionary Action Movement Waffengewalt nutzen, um eine revolutionäre Schwarze Bewegung ins Leben zu rufen (Ahmad 2006). Nach 1966 wurde die Black Panther Party for Self-Defense (BPP) zur wohl bekannt‐ esten jener Black-Power-Organisationen, die bewaffneten Widerstand als wichtige Strategie ansahen, um rassistische Polizeigewalt zu stoppen und um Entschlossenheit im Angesicht rassistischer Gewalt zu demonstrieren. Dabei ist zu betonen, dass Selbstverteidigung mit Waffengewalt keineswegs das wichtigste Ziel der Black Panther Party war, weder in Oakland, Kalifornien, wo sie von Huey P. Newton und Bobby Seale gegründet wurde, noch in anderen amerikanischen Städten. So waren konkrete Maßnahmen, um in Armut lebenden Schwarzen Menschen zu helfen, ebenfalls Teil des Aktivismus dieser Gruppe. Die Black Panther Party stellte zum Beispiel Essen und Kleidung für afroamerikanische Bürger: innen zu Verfügung und organisierten Frühstückstafeln für Schwarze Kinder (Bloom und Martin Jr. 2013). Da die militante Rhetorik und die von Mitgliedern offen zur Schau gestellten Waffen weiße Behörden und Politiker sehr beunruhigten, konzentrierte sich die Medienberichterstattung je‐ doch in erster Linie auf die bewaffneten Aktionen der BPP und ihre Konfrontationen mit amerikanischen Behörden (Rhodes 2017). Aus diesem Grund versuchte das FBI und die Polizei auch wiederholt, die Aktivitäten der Organisation auszuspionieren und zu stören. Eine Reihe von Feuergefechten zwischen der Black Panther Party und der Polizei führten vor allem auf Seiten der Schwarzen Aktivisten zu Verletzten und Toten (Austin 2006). Die Selbstverteidigungsaktivitäten Schwarzer nationalistischer Gruppen wie der Black Panther Party unterschieden sich jedoch von den konkreten Schutzmaßnahmen, die Gruppen wie die Deacons for Defense and Justice im Süden vor 1966 ergriffen hatten. Die von Malcolm X und dem algerischen Antikolonialismus-Theoretiker Frantz Fanon beeinflusste Rhetorik schwarzer Nationalisten wurde oft als politisches Werkzeug benutzt, das besonders die Frustration von afroamerikanischen Menschen ausdrückte. Die rhetorischen Geschoße, die Gruppen wie die Panthers abfeuerten, sollten mit zu einem neuen Schwarzen Selbstwertgefühl beitragen, das in erster Linie auf militante Schwarze Männlichkeit abzielte (Wendt 2007). Wie Malcolm X glaubten viele Schwarze Nationalisten in den 1960er und 1970er Jahren, dass Gewaltlosigkeit 564 45 Schwarze bewaffnete Selbstverteidigung und Black-Power-Bewegung <?page no="565"?> Schwarze Männer daran hindern würde, dieses Selbstwertgefühl zum Ausdruck zu bringen. Im Gegensatz dazu betrachteten die meisten Schwarzen Verteidiger im Süden ihre Schutzmaßnahmen als eine pragmatische Reaktion auf konkrete Bedrohungen durch weiße Terroristen wie Mitglieder des Ku-Klux-Klans. Die meisten waren Kriegs‐ veteranen und waren mit Schusswaffen und ihrem Gebrauch gut vertraut. Wenige revolutionäre Nationalisten im Norden hatten dieselbe militärische Erfahrung oder Kenntnisse im Umgang mit Waffen. Nachdem weiße Behörden beziehungsweise die Bundesregierung ihre Schutzaufgaben im Süden besser bewältigten beziehungsweise energischer gegen weiße Mobs vorgingen, spielten Schwarze Verteidigungsorganisati‐ onen eine untergeordnete Rolle in den Gemeinden, in denen sie in der ersten Hälfte der 1960er Jahre so aktiv gewesen waren. Black-Power-Organisationen waren hingegen nach 1966 vor allem in amerikanischen Städten bereit, rassistischer Polizeigewalt mit Waffengewalt zu begegnen beziehungsweise revolutionäre Veränderungen in der amerikanischen Gesellschaft mithilfe bewaffneter Selbstverteidigung durchzusetzen (Wendt 2007). Auch wenn bewaffneter Widerstand von vielen Männern als ihr Vorrecht angesehen wurde, bewaffneten sich afroamerikanische Frauen im schwarzen Freiheitskampf ebenso wie Männer. Während des Freedom-Summer-Projekts im Jahr 1964 beschützten zum Beispiel manche Afroamerikanerinnen weiße Bürgerrechtsaktivistinnen, die in ihren Häusern Unterschlupf gefunden hatten (Young 2018). In Cambridge, Maryland, organisierte die Bürgerrechtsführerin Gloria Richardson bereits ein Jahr zuvor bewaff‐ neten Schutz vor dem Hintergrund weißer Angriffe während ihrer Protestkampagnen (Young 2022). Und im Falle der Black Panther Party wurden auch Frauen an Waffen ausgebildet und übernahmen Führungsrollen innerhalb der Organisation, insbesondere in den frühen 1970er Jahren, als viele männliche Führungsfiguren entweder im Exil oder im Gefängnis waren. Darüber hinaus wurde der Schwarze Feminismus in dieser Zeit immer einflussreicher innerhalb der Black-Power-Bewegung (→ Kapitel zu Schwarzer Feminismus). Schwarze Feministinnen traten dem Machismo afroamerika‐ nischer Aktivisten entschieden entgegen (Spencer 2016). Bewaffnete Selbstverteidigung in der Post-Black-Power-Ära Auch nach dem Ende der Black-Power-Bewegung blieb bewaffnete Selbstverteidigung Teil des Schwarzen Freiheitskampfes, war allerdings weniger sichtbar und einflussreich. Die Black Liberation Army versuchte zum Beispiel den bewaffneten Kampf gegen das weiße Amerika fortzusetzen und war dabei radikaler als viele Black-Power-Organisationen. Ehe‐ malige Mitglieder der Black Panther Party und der Schwarzen nationalistischen Republic of New Afrika hatten diese Gruppe in den frühen 1970er Jahren gegründet und übten bis 1981 Bombenanschläge aus, entführten Flugzeuge und erschossen mehrere Polizisten, wobei ihr Ziel dabei war, die Befreiung des Schwarzen Amerikas durch revolutionären Kampf herbeizuführen (Rosenau 2013). In den 1990er Jahren gab es eine Reihe von neu ge‐ gründeten Black Panther Organisationen, die allerdings weniger gewaltbereit als die Black 45 Schwarze bewaffnete Selbstverteidigung und Black-Power-Bewegung 565 <?page no="566"?> Liberation Army waren (Musgrove 2019). Im 21. Jahrhundert gründeten afroamerikanische Menschen vor dem Hintergrund unaufhörlicher rassistischer Gewalt weitere Gruppen oder Organisationen, deren Mitglieder die Schwarze Tradition bewaffneter Selbstverteidigung fortführen. Darunter sind unter anderem der Huey P. Newton Gun Club (https: / / hueypn ewtongunclub.org), der 2015 in Texas ins Leben gerufen wurde, und die National African American Gun Association (https: / / naaga.co), die sich seit ihrer Gründung im Jahr 2017 als Alternative zur mehrheitlich weißen National Rifle Association darstellt und Waffenbesitz in der afroamerikanischen Bevölkerung populärer machen möchte. Literatur Ahmad, Akbar Muhammad. 2006. „RAM: The Revolutionary Action Movement.“ In Black Power in the Belly of the Beast, hrsg. von Judson L. Jeffries, 252-80. Urbana: University of Illinois Press. Austin, C.J. 2006. Up Against the Wall: Violence in the Making and Unmaking of the Black Panther Party. Fayetteville: University of Arkansas Press. Bloom, Joshua, und Waldo E. Martin Jr. 2013. Black Against Empire: The History and Politics of the Black Panther Party. Oakland: University of California Press. Brundage, W. Fitzhugh. 1997. „The Roar on the Other Side of Silence. 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In der alltäglichen Konfrontation mit Rassismus und Sexismus entwickelten Schwarze Frauen aktivistische und analytische Methoden zur Darstellung von, Kritik an und Widerstand gegen multiple Diskriminierungsformen. Das anhaltende Vermächtnis Schwarzer Feminist: innen ist die Entwicklung des Intersektionalitätsbegriffs. Was ist Feminismus überhaupt? Im Englischen wurde der Begriff feminism (dt. Feminismus, von lat. femina, dt. Frau) ab Mitte des 19. Jahrhunderts zur Beschreibung von individuellen Charaktereigenschaf‐ ten, die typischerweise Frauen zugeordnet wurden, verwendet (heute: Femininität). Im medizinischen Sprachgebrauch wurde er damals auch zur Beschreibung weiblicher Geschlechtsmerkmale bei Tieren und Personen verwendet, denen bei der Geburt das männliche Geschlecht zugeordnet worden war. Seit einigen Jahren scheinbar omni‐ präsent, entzieht sich Feminismus gegenwärtig einer einfachen Definition. Gängigen Lexika zufolge wird das Wort spätestens seit Anfang des 20. Jahrhunderts im Westen allgemein im Zusammenhang mit Ideen, Werten und sozialen Bewegungen verwendet, deren Ziel politische, soziale und ökonomische Geschlechtergleichberechtigung sind (DUDEN online 2023; OED 2023; Merriam-Webster.com Dictionary 2023). „Geschlechtergleichberechtigung“ ist in diesem Zusammenhang auffällig genderlos, denn sowohl historisch als auch etymologisch betrachtet ist Feminismus untrennbar mit der sozialen Kategorie ‚Frau‘ und deren soziokulturellen Implikationen verbunden (Ware 2015, 3). Während die frühe Frauenbewegung in den USA vor allem die politische Gleichstellung zwischen weißen cis Männern und Frauen anstrebte, hat der Feminismus auf Grundlage erweiterter Verständnisse von Geschlecht, politischer Teilhabe rassifizierter Menschen und anhaltender Kritik ökonomischer Entwicklungen im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts viele theoretische und praktische Transforma‐ tionen erfahren. Gegenwärtig wird er auf dieser Grundlage zunehmend intersektional verstanden (Roth 2017, 163). An dieser Entwicklung sind und waren Schwarze Frauen seit über 100 Jahren maßgeblich beteiligt. <?page no="570"?> Schwarzer Feminismus: Im Kern antirassistisch Die Schwierigkeit, eine universelle Definition für Schwarzen Feminismus zu entwi‐ ckeln, spiegelt sich in englischsprachigen Veröffentlichungen zur Thematik seit einigen Jahren in der Verwendung des Plurals Black feminisms (dt. Feminismen) wider (Car‐ ruthers 2018, xi; Springer 2005, 171). Die Soziologin Patricia Collins sprach deshalb in ihrem gleichnamigen Grundlagenwerk bereits im Jahr 2000 von Black feminist thought (dt. Schwarzes feministisches Denken), um die Heterogenität des Schwarzen Feminismus in der Theorie und Praxis abzubilden (Hill-Collins 2009, 20). Die Ziele Schwarzen Feminismus gehen über die der zuvor genannten allgemeinen Feminismus-Definition hinaus. Für Schwarze Frauen, die aufgrund ihrer historisch bedingten sozialen Position in der US-Gesellschaft nicht nur sexistische, sondern auch rassistische Diskriminierung erfahren, greift das ‚einfache‘ Versprechen der Geschlechtergleichberechtigung zu kurz. Universelle ökonomische, politische und soziale Gleichberechtigung kann, Schwarzen Feminist: innen zufolge, nur erreicht werden, wenn Rassismus als entscheidender Faktor in der Ungleichberechtigung insbesondere Schwarzer Frauen, aber auch Schwarzer Menschen und People of Color im Allgemeinen, verstanden wird. Folglich sind Theorien und Praxen des Schwarzen Feminismus seit der Konzeption des Begriffs antirassistischer Natur (Collins 2009, 34). Als Sozialtheorie speist sich Schwarzer Feminismus in erster Linie aus den heterogenen Lebenswelterfahrungen Schwarzer Frauen. Kernthemen der Analyse sind Arbeit, familiäre, freundschaftliche und romantische Beziehungen, Mutterschaft, Sexualität, selbstbestimmte Weiblichkeit sowie die mediale Darstellung Schwarzer Frauen (Collins 2009, 25). Denkströmungen wie womanism, Afrocentric-feminism und Africana-womanism werden Schwarzem Feminismus zugeordnet, gewichten die oben genannten Themen in ihren Analysen jedoch unterschiedlich und versuchen sich von eurozentrischen Ideen und Perspektiven zu lösen (Townsend Gilkes 2009, 284-85). Black feminst thought ist als kritische Sozialtheorie historisch durch zwei Faktoren bedingt: Zum einen begünstigte die gesellschaftliche Segregation zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Schwarze Gemeinschaftsbildung in urbanen Zentren und gab Schwarzen Menschen Raum Identitäten entgegen und abseits der weißen US-Mehr‐ heitsgesellschaft zu entwickeln. In segregierten Kirchen und Schulen sowie in erwei‐ terten Familienkreisen entwickelten afroamerikanische Frauen eigene Ideen Schwarzer Weiblichkeit als Widerstand gegen omnipräsente stereotype und diskriminierende Darstellungen ihrer selbst durch die weiße U.S. Mehrheitsgesellschaft (Collins 2009, 12-13). Zum anderen begünstigte die überproportionale Beschäftigung Schwarzer Frauen als Bedienstete in weißen Haushalten die Entwicklung spezifischer Formen des Widerstands, die sich in der Schwarzen Freiheitsbewegung organisierten (ebd. 13). Aufgrund ihrer besonderen Position in der US-amerikanischen Gesellschaft als mehrfach Marginalisierte, formierte sich praktischer Widerstand Schwarzer Frauen vergleichsweise spät in Form einer breiten öffentlichen Bewegung, die sich dezidiert für die Belange Schwar‐ zer Frauen einsetzte und diese thematisierte. Schwarze feministische Praxis speist sich zugleich aus einer langen Tradition antirassistischen Widerstands Schwarzer Menschen, der 570 46 Schwarzer Feminismus <?page no="571"?> im 19. und 20.-Jahrhundert in verschiedenen sozialen Bewegungen kulminierte. Schwarzer Feminismus lässt sich nicht getrennt von antirassistischen Bestrebungen betrachten. Schwarzer feministischer Aktivismus historisch betrachtet: Zyklen statt Wellen Das historiografische Wellen-Modell der weißen Frauenbewegung funktioniert nur bedingt als Schablone für die Geschichte Schwarzer feministischer Theorieentwicklung und Aktivismus. Kritiker: innen des Modells beanstanden, dass der Fokus auf formal organisierte, weiße Feminist: innen das Engagement rassifizierter Frauen, das von Be‐ ginn an antirassistische und klassenkritische Perspektiven beinhaltete, unzureichend thematisiert (Thompson 2002, 335). Erläuterung | Wellen-Modell & weiße Frauenbewegung: Historische Analysen zu Femi‐ nismus als Theorie und soziale Bewegung sind überwiegend chronologisch strukturiert und folgen oftmals linearen Fortschrittsnarrativen. Im Kontext der Vereinigten Staaten ist die historiografische Aufarbeitung feministischen Aktivismus größtenteils auf die Geschichte der modernen weißen Frauenbewegung konzentriert (Wright 2018, 86; Dietze 2014, 21). Das Resultat dieser chronologischen Erzählweise ist die Einordnung relevanter Ereignisse in ein Wellen-Modell, in dem feministisch-politischer Aktivismus und Theoriebildung generationenweise zu- oder abnimmt und meist in rechtlichen Errungenschaften kulminiert. Üblicherweise findet eine Untergliederung in drei Wellen statt. Nennenswerte Höhepunkte sind das Frauenwahlrecht (1920) während der ersten Welle sowie zahlreiche Gesetze und Entscheidungen des US-Supreme Court (z. B. der Equal Pay Act (1963), Title VII des Civil Rights Act (1964), Griswold v. Connecticut (1965), Roe v. Wade (1973)), die während der zweiten Welle weitreichende Auswirkungen auf die gesetzliche Gleichstellung und körperliche Autonomie aller Amerikaner: innen hatten. Die dritte Welle hält seit Anfang der 1990er Jahre an. Inzwischen lässt sich in den historiografischen Aufarbeitungen Schwarzer Feminismen eine Teilintegration der Geschichte der langen Schwarzen Bürgerrechtsbewegung ver‐ zeichnen (Collins 2009, 34). Herausgestellt werden dabei meist Schwarze Aktivist: innen, die sich selbst nicht als Feminist: innen bezeichneten, da sie antirassistischen Widerstand priorisierten. So lässt sich zwar bisher für die Zeit vor den späten 1960er Jahre keine breit organisierte Schwarze Frauenbewegung eingrenzen, die juristische Erfolge mit ähnlicher Tragweite für ihre Unterstützer: innen verzeichnen kann. Dennoch gibt es bereits früh Indizien für ein Bewusstsein für die gesellschaftlichen Umstände Schwarzer Frauen als Mehrfachmarginalisierte. 46 Schwarzer Feminismus 571 <?page no="572"?> Erste Ansätze Schwarzer feministischer Bewusstseinsbildung Für jede Phase der Bürgerrechtsbewegung können Schwarze Frauen identifiziert wer‐ den, in deren Arbeit sich das zuvor beschriebene Bewusstsein spiegelt. Häufig genannte Vertreter: innen für die Anfänge Schwarzer feministischer Bewusstseinsbildung sind Maria Stewart, Sojourner Truth, Harriet Tubman, Ida B. Wells, Mary Church-Terrell, Amy J. Garvey, Julia Cooper und Claudia Jones, die sich in frühen sozialen Bewegungen organisierten und für die Rechte Schwarzer Menschen einsetzten (Davis 2019, 113-14; Collins 2009, 5-6; Hobson 2014, 3-4; Roth 2017, 138). Erste feministische Theorieansätze und sozialer Aktivismus Schwarzer Frauen lassen sich bis ins frühe 19. Jahrhundert zurückverfolgen. Im Zuge des Kampfs gegen die Sklaverei engagierten sich freie Schwarze Frauen in der Abolitionsbewegung. Maria Stewart, eine freie Schwarze Intellektuelle, die in den 1830er Jahren vor Unterstüt‐ zer: innen des Abolitionismus sprach, wird als erste öffentliche Vertreterin Schwarzer feministischer Ideen angesehen. In ihren Reden verband sie den Widerstand gegen rassistische und geschlechtsbasierte Unterdrückung (Collins 2009, 3-5). Stewart lehnte das viktorianische Ideal der true womanhood (dt. wahrhaftige Weiblichkeit) und die Idee, dass Schwarze Frauen Schuld an der Armut und Unfreiheit Schwarzer Menschen seien, ab (Roth 2017, 138). Stattdessen riet sie Schwarzen Frauen in Gemeinschaft und durch Bildung und Erziehung positive Selbstbilder und Unabhängigkeit zu erzeugen (Collins 2009, 5). Erläuterung | True womanhood-Ideal: Im Zuge des 19. Jahrhunderts verstärkten sich in der US-amerikanischen Gesellschaft Vorstellungen idealisierter und es‐ senzialisierter Geschlechterrollen. In diesem Kontext ist auch die Idee der true womanhood zu betrachten, die Weiblichkeit untrennbar mit Eigenschaften der Häuslichkeit, Heterosexualität und Ergebenheit in Verbindung brachte (Gore 2011, 49—50). Obwohl dieses bürgerliche Ideal lediglich für einen geringen Anteil weißer Amerikaner: innen erreichbar war, hatte es nachhaltige Auswirkungen auf die gesellschaftlichen Erwartungen an alle Frauen. Schwarze Frauen, die aufgrund ihrer ökonomischen Umstände oftmals auch nach Ende der Sklaverei außerhalb ihrer Haushalte körperliche Schwerstarbeit leisteten, wurden dementsprechend auch nach Ende des Bürgerkrieges kategorisch von diesem Ideal ausgeschlossen und ‚entweiblicht‘ (Springer 2005, 32). Nach Ende des Bürgerkriegs setzten sich Schwarze Frauen für das Frauenwahlrecht ein. Anhaltender gesellschaftlicher Rassismus, die zunehmende juristische Festigung der Segregation im Jim Crow-Süden und Enttäuschung weißer Suffragetten darüber, dass sie im Zuge der Sklaven-Emanzipation nicht, wie Schwarze Männer, das allgemeine Wahlrecht erhalten hatten, führte dazu, dass Schwarze Frauen von den Bestrebungen der frühen Frauenbewegung ausgeschlossen wurden (Davis 2019, 132-33). In den Kernjahren 1900-1920 organisierten sich viele von ihnen in segregierten women’s 572 46 Schwarzer Feminismus <?page no="573"?> clubs, die aus lokalen Kirchen- und Nachbarschaftsgemeinschaften entstanden, aber auch in nationalen Organisationen, wie dem National Council of Negro Women und der National Association of Colored Women. Gemeinsam entwickelten clubwomen Strategien, um die Verabschiedung eines möglichst inklusiven, föderalen Wahlgesetzes zu unterstützen. Damit Schwarze Frauen nach Erlangung des Wahlrechts Kandidat: in‐ nen unterstützen, die sich für die Rechte Schwarzer Menschen einsetzten, boten zahlreiche Clubs und Organisationen Weiterbildungskurse und Infomaterial an. Ida B. Wells-Barnett, die vor allem Ende des 19. Jahrhunderts für ihr Engagement als Aktivistin in der Anti-Lynching-Bewegung bekannt wurde, gründete und leitete ab 1913 den Alpha Suffrage Club in Chicago (Silkey 2015, 63). Über das Mitteilungsblatt des Clubs informierte die Journalistin über lokale Wahlen, Kandidat: innen und deren Wahlprogramme (Terborg-Penn 2020, 23-24). Schwarze Feministische Organisationen Zwischen 1968 und 1980 organisierten sich Schwarze Frauen erstmals in Schwarzen feministischen Organisationen, die sich auch selbst als solche bezeichneten. Zahlreiche Begründer: innen, wie Demita Frazier und Barbara Smith, kamen ursprünglich aus der Bürgerrechtsbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg. Andere, wie Florence Kennedy und Margaret Sloan engagierten sich in Organisationen der weißen Frauenbewegung (Springer 2005, 33). Der Sexismus und Rassismus, den viele dort erfuhren, motivierte Schwarze Feminist: innen, sich erstmals ausschließlich auf Grundlage ihrer Mehrfach‐ marginalisierung zu organisieren. Obwohl Schwarze Frauen Geschlechtergleichberechtigung zur Zeit der zweiten Welle mehrheitlich unterstützten, organisierten sich zu dieser Zeit nur wenige in formalen Organisationsstrukturen, die sich ausschließlich für die Rechte Schwarzer Frauen einsetzten. Die Historikerin Kimberly Springer sieht hierfür verschiedene Ursachen. Darunter die weit verbreitete Vorstellung von sisterhood (dt. Schwestern‐ schaft) unter vielen weißen Feminist: innen: die Idee, dass alle Frauen unabhängig ihrer Herkunft, Hautfarbe und ökonomischer Umstände gleich seien, mit dem Ziel eine möglichst breite Masse an Frauen zu bewegen (Springer 2005, 28-29). Das Resultat die‐ ses ‚colorblind feminism‘ (dt. farbenblinder Feminismus) war jedoch die Ausblendung rassismusbedingt anderer Voraussetzungen für Schwarze Frauen in der politischen Strategie vieler weißer feministischer Organisationen. Diese Ignoranz erschwerte die Auseinandersetzung mit verinnerlichten rassistischen Denk- und Verhaltensmustern sowie die Anerkennung von Privilegien auf Grundlage des eigenen Weiß-Seins unter zahlreichen weißen Feminist: innen. Eine weitere Ursache für die ausbleibende breite Organisation Schwarzer Frauen war die Sorge, dass das Engagement Schwarzer Frauen in der Frauenbewegung die Bürgerrechtsbewegung schwächen könnte. Dabei ging es nicht nur um die Frage des Ressourcenmanagements, sondern auch um die Diskussion über Vorrangigkeit antirassistischen oder antisexistischen Widerstands. Viele Afroamerikaner: innen befürchteten zudem, dass die Unterstützung einer breiten 46 Schwarzer Feminismus 573 <?page no="574"?> Frauenbewegung schlussendlich zu zivilrechtlichen Verbesserungen ausschließlich für weiße Frauen auf Kosten Schwarzer Menschen führen könnte (ebd., 31). Dennoch organisierten sich ab 1968 Schwarze Feminist: innen in nationalen und lokalen Gruppen wie der Black Women’s Alliance, Black Women Organized for Action, National Black Feminist Organization und dem Combahee River Collective. Mit dem expliziten Ziel soziale Gerechtigkeit unabhängig von Geschlecht und Hautfarbe zu erreichen, bedienten sich Schwarze Feminist: innen traditioneller Methoden der Bürgerrechtsbewegung, wie Demonstrationen, Kundgebungen und Publizistik, aber auch solchen, die ihre Theoriebildung reflektierten und erweiterten, wie alternativen Weiterbildungsprogrammen zur Förderung Schwarzer feministischer Bewusstseins‐ bildung und die Unterstützung politisch Inhaftierter (Springer 2005, 88). Vor allem Letzteres führte zum Konflikt mit zahlreichen weißen Feminist: innen, deren einge‐ schränkte Feminismusdefinition oftmals Geschlechtergerechtigkeit priorisierte und die Zusammenarbeit mit Schwarzen Feminist: innen bis auf wenige, lokal beschränkte Initiativen verunmöglichte (Breines 2006, 140). Im Spannungsfeld dieser ideologischen Konflikte entwickelten Schwarze Feminist: innen wie Frances Beal, Audre Lorde, Toni Cade Bambara, bell hooks und Barbara und Beverly Smith Theorien und Strategien, die die Grundlage des modernen intersektionalen Feminismus-Begriffs bilden (Nash 2019, 6-7). Erläuterung | Das Combahee River Collective (1974-1980): Im Jahr 1974 begannen radikale, sozialistische Schwarze Feminist: innen, die mit den bisherigen Aktivitä‐ ten der National Black Feminist Organization (NBFO, 1973-1975) unzufrieden waren, sich in Boston zu organisieren (Springer 2005, 56-57). In der Kritik stand dabei vor allem die verkürzte feministische Analyse der NBFO, deren Augenmerk vor allem dem Rassismus weißer Organisationen der Frauenbewegung galt, die Auswirkungen weiterer, überlappender Diskriminierungsformen auf Schwarze Frauen jedoch ausblendete. Die Kritiker: innen schlossen sich zum Combahee River Collective (CRC) zusammen, benannt nach dem Combahee River in South Carolina, an dem die Schwarze Unionsspionin und Kundschafterin Harriet Tubman im Jahr 1863 gemeinsam mit den Unionstruppen etwa 750 versklavte Menschen befreite. 1977 veröffentlichten die Geschwister Barbara und Beverly Smith mit Demita Frazier im Namen des CRC eine Stellungnahme, mit der sie die Begriffe identity politics (dt. Identitätspolitik) und interlocking oppressions (dt. verschänkte Unterdrückungsformen) in die Öffentlichkeit trugen (Taylor 2017, 4). Der Text wird heute als Ursprung der akademischen Intersektionalitätstheorie betrachtet. Sowohl interne als auch externe Faktoren förderten die Kurzlebigkeit Schwarzer femi‐ nistischer Organisationsstrukturen. Zu den externen Faktoren zählte die permanenten Auseinandersetzungen über Legitimität und Ziele des Schwarzen Feminismus. Wider‐ stand gegen Schwarzen Feminismus entwickelte sich u. a. bei weißen Feminist: innen 574 46 Schwarzer Feminismus <?page no="575"?> sowie Schwarzen Frauen und Nationalist: innen, die aus verschiedenen Gründen eine Bewegung ausschließlich für Schwarze Frauen ablehnten. Zu den internen Faktoren zählten finanzielle Schwierigkeiten, Überbelastung engagierter Aktivist: innen und Streitigkeiten um Führungspositionen (Springer 2005, 138-39). Bis 1980 zerfielen die formalen Organisationsstrukturen, doch das Vermächtnis ihrer Mitglieder ist bis heute wirksam (ebd., 66). Schwarzer Feminismus heute? Seit Mitte der 1980er Jahre publizieren Schwarze Feminist: innen in akademischen Jour‐ nalen und treiben die Weiterentwicklung der kritischen Sozialtheorie an höheren Ein‐ richtungen voran. Die wohl prominenteste und nachhaltigste Schöpfung der Bewegung ist gegenwärtig das Konzept der „Intersektionalität“. Zurückzuführen auf die Schwarze Juristin Kimberlé Crenshaw, die sich in den 1980er Jahren mit der Situation Schwar‐ zer Frauen im Kontext US-amerikanischer Rechtsprechung beschäftigte, beschreibt Intersektionalität die Aus- und Zusammenwirkung multipler Diskriminierungsformen auf mehrfachmarginalisierte Menschen (Roth 2017, 152-53, → Kapitel Critical Race Theory und Intersektionalität). Auch die Black-Lives-Matter-Bewegung (BLM) und deren Begründer: innen sehen sich in der Tradition Schwarzer Feminist: innen und verfolgen einen intersektionalen Ansatz in ihrem Streben nach sozialer Gerechtigkeit (ebd., 160; Hirschfelder & Kopp 2021, 310 f., → Kapitel Black Lives Matter). 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New York: New York University Press. 576 46 Schwarzer Feminismus <?page no="577"?> * Ich verwende die Bezeichnung Latino/ a/ x Americans für die lateinamerikanischen Bevölkerungs‐ gruppen der USA, um sowohl diejenigen einzuschließen, die die traditionelle binäre Geschlechter‐ zuweisung der spanischen Sprache (in Form der Endungen „-o“ und „-a“) bevorzugen, als auch diejenigen, die sich mithilfe der Endung „-x“ auf Individuen beziehen, die diese Geschlechterzuwei‐ sung im Spanischen ablehnen. Gruppen bezeichne ich vorwiegend mittels ihrer ethnisch-nationalen Zugehörigkeit - „Cuban Americans“, „Mexican Americans“, „Puerto Ricaner: innen“ etc. 47 Der Kampf der Latino/ a/ x Americans gegen Rassismus Brian D.-Behnken Abstract | Die Geschichte der Latino/ a/ x Americans in den Vereinigten Staaten ist durch einen generationsübergreifenden Kampf um Rechte geprägt. In der Zeit zwischen 1950 und 1970 bildete sich eine eigenständige Bürgerrechtsbewegung dieser Gruppe heraus. * Der Fokus dieses Kapitels liegt in erster Linie auf Mexican Americans sowie auf Puerto Ricaner: innen, die Mitte des 20. Jahrhunderts den Großteil der Latino/ a/ x Americans ausmachten. Es zeigt sich, dass der Kampf um die Bürgerrechte der Latino/ a/ x Americans in vielen Städten der USA ähnliche Formen annahm, gleichzeitig aber regionale Besonderheiten aufwies. Einleitung Im Sommer 1969 besetzte eine Gruppe puerto-ricanischer, mexikanisch-amerikani‐ scher, afroamerikanischer und weißer Aktivist: innen in Chicago eine Vielzahl kirchli‐ cher Einrichtungen, um gegen Polizeigewalt und Segregation zu protestieren und die lokale Bevölkerung mit kostenlosem Frühstück für Schulkinder und Gesundheitsver‐ sorgung zu unterstützen. In New York City übernahm im Dezember 1969 eine Gruppe puerto-ricanischer Aktivist: innen, die der Organisation Young Lords nahestanden, die First Spanish United Methodist Church. Die Kirchenführung hatte sich ihrer Forderung widersetzt, das Gebäude als Kindertagesstätte und Gesundheitseinrichtung der Ge‐ meinschaft vor Ort zur Verfügung zu stellen. Im Februar 1970 folgte die Besetzung der San Marcos Presbyterian Church in Houston, Texas, durch mexikanisch-amerikanische Aktivist: innen, nachdem sich die Kirchenführung auch hier geweigert hatte, das leerstehende Gotteshaus zu Zwecken der Betreuungs- und Sozialarbeit öffentlich nutzbar zu machen (Hinojosa-2021, 20 f., 104 f., 123 f.). Obwohl diese Ereignisse an verschiedenen Orten stattfanden, weisen sie einige Gemeinsamkeiten auf. Sie alle beinhalteten die Übernahme von Kirchengebäuden. Sie alle fanden auf dem Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten statt. Sie alle verfolgten das Ziel, gemeinnützige Programme umzusetzen, die Kindern, Arbeiterfamilien und anderen benachteiligten oder mittellosen Menschen <?page no="578"?> zugutekommen sollten. Sie alle positionierten sich gegen Rassismus und Diskriminie‐ rung in bedeutenden Städten der USA. Und sie alle geschahen unter Beteiligung von Angehörigen verschiedener Latino/ a/ x-Gruppen. Diese Ereignisse sind nicht nur Beispiele für Bürgerrechtskämpfe, sondern lassen auch eine deutliche Verbindung zwischen Aktivist: innen dieser Gruppen erkennen. Während der mittleren Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts kämpften Latino/ a/ x Ame‐ ricans für mehr Rechte sowie gegen Rassismus und die weiße Vorherrschaft. Dieser Kampf sollte tiefgreifende Veränderungen in der US-amerikanischen Latino/ a/ x-Com‐ munity mit sich bringen. In diesem Kapitel wird der Bürgerrechtsaktivismus von Latino/ a/ x Americans in den USA im 20. Jahrhundert beleuchtet. Dabei liegt der Fokus in erster Linie auf den Mexican Americans und Puerto Ricaner: innen, die Mitte des 20. Jahrhunderts über 70 Prozent der Latino/ a/ x Americans in den USA ausmachten. Die Bürgerrechtskämpfe der Latino/ a/ x Americans nahmen in vielen Städten der USA ähnliche Formen an, wiesen jedoch gleichzeitig regionale Besonderheiten auf. Im Südwesten engagierten sich Mexican Americans häufig gegen die Rassentrennung, etwa in Form segregierter mexikanischer Schulen. Anderswo, wie in New York City, kämpften Puerto Ricaner: innen gegen städtische Ungerechtigkeiten und setzten sich beispielsweise für die regelmäßige Abfallentsorgung durch Angestellte der Stadt ein. Anhand dieser unterschiedlichen Beispiele und Hintergründe beider Fälle zeigt sich die Komplexität des Bürgerrechtskampfes von Latino/ a/ x Americans. Auch die Geschichte der Cuban Americans - die erheblichem Rassismus ausgesetzt waren, sich aber nicht in einer Bürgerrechtsbewegung engagierten - soll thematisiert werden und eine weitere Perspektive der Latino/ a/ x Americans in den USA eröffnen (Behnken-2017). Der Bürgerrechtsaktivismus dieser Gruppen spiegelt die Missstände wider, die sie zu beseitigen versuchten, insbesondere Rassismus und Rassentrennung. Zahlreiche US-Amerikaner: innen verbinden die Jim-Crow-Segregation ausschließlich mit den Südstaaten. Während die Segregationsgesetze tatsächlich zum größten Teil dort ge‐ schaffen wurden, waren die strukturellen Muster „rassischer“ und ethnischer Segrega‐ tion ein nationales, kein regionales Phänomen. Die getrennten Viertel von Houston, San Antonio oder Miami unterschieden sich nur unwesentlich von denen in Städten außerhalb des Südens wie Los Angeles, Chicago oder New York City. Während die Segregation der wirtschaftlichen Sphäre in zahlreichen Südstaaten und den dortigen Städten auf Grundlage von Gesetzen und Verordnungen durchgesetzt wurde, standen Latino/ a/ x Americans an Orten wie Phoenix oder Los Angeles häufig Schildern mit Aufschriften wie „We Cater to White Trade Only“ oder „No Spanish or Mexicans“ gegenüber, die den gleichen Zweck erfüllen sollten. Überall in den Vereinigten Staaten wurden öffentliche Plätze, Wohnviertel, Schulen und städtische Einrichtungen nach „Rasse“ und Ethnizität getrennt. Gleiches galt für den Bildungssektor: Zahlreiche Gemeinden setzten die Segregation in Form eines dreigliedrigen Systems um, das Schulen für Weiße, Schwarze sowie Latino/ a/ x Americans vorsah. In vielen Staaten war die Ehe zwischen Angehörigen verschiedener „Rassen“ oder Ethnien verboten oder unerwünscht (De León-1983; Donato-1997). 578 47 Der Kampf der Latino/ a/ x Americans gegen Rassismus <?page no="579"?> Latino/ a/ x Americans waren demzufolge täglich Rassismus und Segregation in vielfältiger Form ausgesetzt. Die angeführten Beispiele betrafen hauptsächlich Mexican Americans und Puerto Ricaner: innen, die bereits auf eine bis ins 19. Jahrhundert reichende Geschichte in den USA zurückblicken konnten. Als ab den 1950er Jahren in großer Zahl Menschen aus Kuba in die USA immigrierten, wurden ihnen durch lokale, bundesstaatliche und nationale Regierungen zwar nennenswerte Sozialleistungen gewährt, gleichzeitig erlebten sie aber auch Rassismus und soziale Isolation. Trotzdem entwickelte sich keine separate Bürgerrechtsbewegung der Cuban Americans. Größere Einwanderungsbewegungen anderer Gruppen, insbesondere aus Salvador und der Dominikanische Republik, setzten erst in den 1980er und 1990er Jahren ein, sodass deren Kampf für Gleichberechtigung in die Zeit nach der Bürgerrechtsära fällt. Aus diesen Gründen liegt der Schwerpunkt dieses Kapitels auf US-Amerikaner: innen mexikanischer und puerto-ricanischer Herkunft. Auflehnung gegen die weiße Vorherrschaft Die Überwindung institutionalisierter weißer Vorherrschaft erwies sich als Herausfor‐ derung, der sich die Latino/ a/ x Americans dennoch stellten. In Kalifornien hatten sich Mexican Americans seit den 1930er Jahren auf vielfältige Weise gegen Rassismus engagiert. So entstand in dieser Zeit die Organisation El Congreso de Pueblos de Habla Española („Kongress spanischsprachiger Volksgruppen“; kurz: El Congreso). Die Gruppe, die von der Gewerkschaftsorganisatorin Luisa Moreno gegründet worden war und unter der Leitung der Aktivist: innen Eduardo Quevedo und Josefina Fierro de Bright stand, vertrat eine aggressive Bürgerrechtsagenda. Obwohl sie häufig als mexikanisch-amerikanische Initiative angesehen wurde, verfolgte El Congreso deutlich ambitioniertere Ziele und strebte eine Einheit zahlreicher Gemeinschaften an - Mexican Americans, Afroamerikaner: innen, weißer Liberale -, die das Aufbe‐ gehren unterrepräsentierter Bevölkerungsschichten unterstützten. Bedingt durch das politische Klima dieser Zeit war El Congreso beträchtlicher antikommunistischer Propaganda ausgesetzt, die 1942 schließlich das Ende der Organisation bedeutete (Sánchez-1993). Im Jahr 1948 wehrten sich mexikanisch-amerikanische Aktivist: innen in Kalifornien gegen die Rassentrennung an Schulen. Im Fall Mendez v. Westminster gingen betroffene Familien gerichtlich gegen den Schulbezirk Westminster in Orange County vor, um dessen Integration zu erwirken. In ihrer Klage beriefen sie sich auf von der amerikanischen Verfassung nach Zusatzartikel 14 gewährte Rechte, die sie durch die Segregation verletzt sahen. Sie gewannen den Fall. 1954 konnten Mexican Americans mit Hernandez v. Texas einen weiteren wichtigen Rechtsstreit für sich entscheiden. Pete Hernandez war im Jahr 1951 wegen des Mordes an Joe Espinosa verurteilt worden. Hernandez’ Rechtsvertretung legte Berufung gegen das Urteil ein. Der Antrag ging an den Obersten Gerichtshof der USA, wo man - zwei Wochen vor der Entscheidung im bekannteren Fall Brown v. Board - die Nichteinbeziehung von Geschworenen 47 Der Kampf der Latino/ a/ x Americans gegen Rassismus 579 <?page no="580"?> mexikanischer Herkunft in Hernandez’ Prozess tatsächlich für diskriminierend erklärte (Strum-2010, García-2009). Diese juristischen Erfolge waren wichtig, betrafen aber in der Regel nur wenige Mexican Americans. Dennoch ebneten sie den Weg für eine militantere Form des Bürgerrechtskampfes in den 1960er Jahren. Ein eindrückliches Beispiel hierfür lieferte der Landarbeiteraktivist César Chávez. Als Jugendlicher und bis ins Erwachsenenalter hinein war Chávez mit seiner Familie in der Feldarbeit tätig gewesen, hauptsächlich als Traubenpflücker in Kalifornien. Die Arbeit führte Chávez die unwürdigen Bedingun‐ gen vor Augen, unter denen Menschen mexikanischer Herkunft in der Agrarwirtschaft beschäftigt wurden. Etwa ab 1952 arbeitete Chávez mit der Community Service Organization (CSO) zusammen, einer Gruppe politischer Aktivist: innen, die ihn in die Grundsätze der Gemeinwesenarbeit einführte. In den frühen 1960er Jahren verließ er die Gruppe und gründete die National Farm Workers Association, die später in United Farm Workers (UFW) umbenannt wurde. Erläuterung | César Chávez: César Chávez wurde am 31. März 1927 in Yuma, Arizona, geboren. Seine Familie besaß eine Farm, die sie 1939 aufgrund von Steuerschulden aufgeben musste. Er verließ die Schule und war stattdessen als Landarbeiter tätig, um für den Unterhalt seiner Familie zu sorgen. Gemeinsam siedelten sie nach Kalifornien über, wo er weiter als Landarbeiter gegen geringe Bezahlung Avocados, Baumwolle und Trauben pflückte. Dabei erlebte Chávez täglich die Machtlosigkeit mexikanischstämmiger Arbeiter: innen. Die UFW begann mit der Anwerbung von Mitgliedern und rief 1965 zu einem Streik gegen Weinbauern in Delano, Kalifornien, auf, um gegen unfaire Löhne zu protestieren. Ihr Vorgehen sollte sich dabei, so Chávez’ Vorstellung, von dem einer Gewerkschaftsorganisation unterscheiden. Zusätzlich zur Arbeitsniederlegung setzte er deshalb Streikposten und Boykotte ein. Boykottiert wurden vor allem Weinher‐ steller, die Delanos Trauben bezogen. Unter dem daraus resultierenden Druck und angesichts der wirtschaftlichen Folgen des landesweiten Traubenboykotts stimmten die Wirtschaftsvertreter: innen schließlich Verhandlungen zu, in denen man sich auf Lohnerhöhungen und eine Interessenvertretung durch die UFW einigte. Dieser Erfolg führte zum raschen Wachstum der UFW. In den Folgejahren kam es in Kalifornien und Texas immer wieder zu massiven Protesten und Streiks (Garcia-2012). Am Beispiel von Reies López Tijerina zeigt sich eine andere Art des mexika‐ nisch-amerikanischen Aktivismus. Tijerinas Engagement galt der Wiedererlangung von Bodenrechten. Menschen mexikanischer Herkunft hatten seit Generationen auf‐ grund illegaler Enteignung ihr Land vor allem an weiße US-Amerikaner: innen abtreten müssen. Tijerina gründete die Alianza Federal de Mercedes („Bundesverband für Landvergaben“), die später in Alianza Federal de Pueblos Libres („Bundesverband freier Städte“) umbenannt wurde und die Rückgewinnung des verlorenen Landbesitzes 580 47 Der Kampf der Latino/ a/ x Americans gegen Rassismus <?page no="581"?> mexikanischstämmiger US-Amerikaner: innen im Südwesten zum Ziel hatte. Tijerina argumentierte, dass die US-Regierung sich während der Texanischen Revolution und während des Mexikanisch-Amerikanischen Krieges unrechtmäßig mexikanisches Land angeeignet hatte oder Mexikaner: innen durch weiße Migrant: innen von ihrem Boden vertrieben worden waren (→ Kapitel Der Mexikanisch-Amerikanische Krieg). Als rechtmäßige Besitzer: innen von Ländereien im Südwesten sollten Mexican Americans sich nach Ansicht Tijerinas organisieren und aufbegehren, um diese Gebiete zurück‐ zufordern. Ab 1966 reichte die Allianz in mehreren Fällen Klage ein, um die Rückübertragung des verlorenen Landes auf legalem Weg durchzusetzen. Diese rechtlichen Schritte verliefen praktisch ergebnislos. Das Scheitern im Gerichtssaal veranlasste Tijerina, radikalere Maßnahmen zu ergreifen. Gegen Ende des Jahres 1966 überfielen und besetzten Mitglieder der Allianz das Echo Amphitheater im Kit Carson National Forest. Dieses befand sich in einem Gebiet, das ursprünglich Teil einer Landzuteilung unter spanischer Herrschaft gewesen und von der US-Regierung angeeignet worden war. Sie hielten den Park einige Wochen lang unter ihrer Kontrolle, bevor man sie überwältigte und mehrere Beteiligte verhaftete. In Tierra Amarilla, New Mexico, brachte eine Gruppe von Mitgliedern der Allianz ihren Unmut über die Verhaftungen zum Ausdruck, indem sie das örtliche Gerichtsgebäude stürmte. Dieser sogenannte Courthouse Raid verlief jedoch nicht nach Plan und Tijerina wurde später festgenommen und für den Vorfall in Tierra Amarilla vor Gericht gestellt. In einer unerwarteten Wendung der Ereignisse wurde Tijerina, der sich selbst verteidigte, von den meisten der gegen ihn erhobenen Vorwürfe freigesprochen (Oropeza-2019). Sowohl César Chávez als auch Reies López Tijerina stehen beispielhaft für die frühe Militanz unter Mexican Americans. Ende der 1960er Jahre trat eine neue Generation von Aktivist: innen, die sich „Chicano“ nannte, in vielen Gemeinden des Südwestens in Erscheinung. Besonders deutlich zeigt sich der Chicano-Aktivismus am Beispiel der Brown Berets. Die Gruppe wurde 1967 von Jugendlichen im Highschool- und College-Alter ins Leben gerufen. 1968 unterstützte sie Schüler: innen in East Los An‐ geles mit umfangreichen Protesten, die als „Blowouts“ bekannt wurden, um deren mangelhafte Ausbildung an den dortigen Highschools anzuprangern, Die Berets waren an der Organisation der Blowouts beteiligt und schützten die Schüler: innen vor der Polizei. Nachfolgende Proteste der Gruppe, insbesondere Demonstrationen gegen den Einsatz in Vietnam, fanden im Kontext landesweiter Antikriegsaktionen statt (Oropeza-2005; Behnken-2011). Puerto-ricanischer Aktivismus Die puerto-ricanischen Communitys in Chicago und New York City stehen stellver‐ tretend für den Aktivismus dieser Bevölkerungsgruppe. El Barrio, der am stärksten puerto-ricanisch geprägte Teil Manhattans, grenzt unmittelbar an Harlem, den Stadtteil mit der höchsten Konzentration afroamerikanischer Einwohner: innen in New York 47 Der Kampf der Latino/ a/ x Americans gegen Rassismus 581 <?page no="582"?> City. In Chicago beschränkte sich die puerto-ricanische Einwohnerschaft hauptsäch‐ lich auf ein Viertel nahe der Northwest Side, das als Division Street Barrio bekannt wurde. Wie ihre Schwarzen Nachbar: innen erlebten auch Puerto Ricaner: innen Segre‐ gation, soziale Ausgrenzung, ungleiche Arbeitsbedingungen, die Verweigerung grund‐ legender städtischer Dienstleistungen wie Abfallbeseitigung sowie Schikanen und brutales Vorgehen der Polizei. Gegen diese Ungleichbehandlung und Diskriminierung wehrten sie sich auf unterschiedlichste Art und Weise (Melendez-2003). Einen Eindruck vom puerto-ricanischen Aktivismus gewinnt man beispielsweise durch einen Blick auf die Geschichte der Gewerkschaften. In New York City machten Latinas und Afroamerikanerinnen jahrzehntelang einen Großteil der Mitglieder in der International Ladies’ Garment Workers’ Union (ILGWU) aus, einer Organisation für die Rechte von Beschäftigten in der Damenbekleidungsbranche. In den 1950er und 1960er Jahren stellten Women of Color in mindestens sechs der größten Ortsverbände der ILGWU den überwiegenden Mitgliederanteil dar. Nach einer Reihe von Untersu‐ chungen durch den Kongress Anfang der 1960er Jahre begannen Afroamerikaner: innen und Puerto Ricaner: innen mit dem Aufbau strategischer Bündnisse innerhalb der Gewerkschaftsbewegungen. Darüber hinaus gründete die ILGWU ein Ausbildungs‐ institut, in dem Schwarze und puerto-ricanische Mitglieder auf gewerkschaftliche Führungspositionen hinarbeiten konnten. Auf diese Weise investierten sie gleichzeitig in die Verbesserung ihrer eigenen wirtschaftlichen Verhältnisse und der folgender Generationen (Lee-2014). Wie kaum eine andere stand die Chicagoer Gruppe Young Lords unter der Führung von José „Cha Cha“ Jiménez für den puerto-ricanischen Aktivismus. Die Gruppe, die als Straßengang gegründet worden war, restrukturierte sich als Bürgerrechtsorganisation, nachdem 1966 ein unbewaffneter Puerto Ricaner namens Arcelis Cruz durch einen Chicagoer Polizisten erschossen worden war. Die Behauptung der Polizei, Cruz hätte eine Waffe gehabt, stellte sich später als falsch heraus. Man versuchte außerdem, die Erschießung unter Verweis auf Bandenkriminalität in der Umgebung zu legitimieren, obwohl Cruz keiner Bande angehört hatte. Die unzureichende Rechtfertigung verär‐ gerte die puerto-ricanische Bevölkerung. Als Reaktion auf die Tat kam es zunächst zu Protesten und schließlich zu Ausschreitungen. Der Division Street Riot, wie die Unru‐ hen genannt wurden, war eine impulsive Reaktion der Community auf Polizeigewalt. Er war ausschlaggebend für die Neuausrichtung der Young Lords (Perez-2004). Erläuterung | José „Cha Cha“ Jiménez: José „Cha Cha“ Jiménez war ein bedeu‐ tender puerto-ricanischer Bürgerrechtsführer. Er schloss sich der Straßengang Young Lords an, die ihm sowohl Schutz vor rivalisierenden Banden als auch eine Gemeinschaft bot. In den 1960er Jahren freundete sich Jiménez mit Fred Hampton an, einem Vorsitzenden der Black Panther Party. Hampton trug dazu bei, Jiménez von der Umgestaltung der Young Lords zu einer Bürgerrechtsorganisation zu überzeugen. 582 47 Der Kampf der Latino/ a/ x Americans gegen Rassismus <?page no="583"?> Der Division Street Riot diente als Katalysator, der unter Puerto Ricaner: innen eine radikalere Form der Gemeinwesenarbeit vorantrieb. Jiménez wurde stark durch andere Radikale dieser Zeit geprägt - von Malcolm X und Martin Luther King bis hin zu Mao Zedong und Hồ Chí Minh. Er machte aus den Young Lords eine klar linksorien‐ tierte Bürgerrechtsorganisation mit dem Ziel, Puerto Ricaner: innen vor rassistischen Polizist: innen zu schützen sowie die Befreiung Puerto Ricos zu erreichen. Diese Vision setzten die Young Lords mit der Übernahme der halbjährlich stattfindenden Tagung von Polizei- und Gemeindevertretungen im 18. Bezirk Chicagos in die Tat um. Dort warfen sie der Polizei Amtsanmaßung und militärische Kontrolle des Division Street Barrio vor. Sie forderten den Rückzug der Polizei aus dem Viertel und schworen, die Bevölkerung zu schützen. Bald darauf setzten die Young Lords ein Programm zur Polizeiüberwachung um, versorgten puerto-ricanische Kinder mit kostenlosem Frühstück und richteten eine öffentliche Klinik ein (Fernández 2022) (zu den vergleichbaren Aktivitäten der Black Panther Party → Kapitel Schwarze bewaffnete Selbstverteidigung und Black-Power-Bewegung). Dieser Aktivismus erregte die Aufmerksamkeit junger Menschen in New York City. 1969 gründete sich der New Yorker Zweig der Young Lords unter der Leitung von Felipe Luciano. Die Mitglieder befassten sich mit einer Vielzahl von Problemen, insbesondere jedoch der Abfallentsorgung. Das zuständige Department of Sanitation von New York City verweigerte regelmäßig die Müllabholung in El Barrio. Ende des Jahres 1969 sammelte sich der Müll über eine Woche lang an Bordsteinen und Straßenecken. Die Young Lords zogen zum Rathaus, um sich mit dem Vorsitzenden des Departments zu treffen, wurden jedoch von ihm zurückgewiesen. Mit ihrem Protest wollten sie die Stadt zum Handeln bewegen. Als dies nicht geschah, begannen die Young Lords damit, den Müll im Rahmen der sogenannten Garbage Offensive („Mülloffensive“) selbst einzusammeln und ihn anschließend als Form des Protests an verschiedenen Orten der Stadt mitten auf der Straße zu deponieren. Einige Aktivist: innen zündeten solche Müllberge auch an. In der Folge waren wichtige Straßen blockiert, der Verkehr kam in der gesamten Stadt zum Erliegen und der Rauch der Brände war noch kilometerweit von New York City entfernt zu sehen. Schließlich lenkte der Bürgermeister ein und sicherte eine regelmäßige Abfallentsorgung für El-Barrio zu (Melendez-2003). Die Situation der kubanischstämmigen Bevölkerung Kubaner: innen und Cuban Americans fügen sich nicht ohne Weiteres in die Bürger‐ rechtsgeschichte der Vereinigten Staaten ein. Auf der einen Seite waren sie in erheb‐ lichem Maß Rassismus und Diskriminierung ausgesetzt; besonders, als sich nach der erfolgreichen Revolution Fidel Castros in Kuba 1959 zunehmend Exilkubaner: innen in Orten wie Miami niederließen. Auf der anderen Seite profitierten sie von bedeutenden Sozialleistungen, die ihnen den Übergang zu einem Leben in den USA erleichterten. Viele Kubaner: innen erlebten große Entbehrungen und waren oft gezwungen, mit nichts als den Kleidern am Leib das Land zu verlassen. Einige verfügten jedoch über 47 Der Kampf der Latino/ a/ x Americans gegen Rassismus 583 <?page no="584"?> die Mittel zur Ausreise oder fanden Arbeit bei US-amerikanischen Unternehmen. Die US-amerikanische Bundesregierung sowie die Regierungen Floridas und des Miami-Dade County richteten Sozialhilfeprogramme zur Unterstützung von im Exil lebenden Kubaner: innen ein. Diese Unterstützung reichte von der Bereitstellung von Sozialleistungen bis hin zur Förderung der Einschreibung an örtlichen Universitäten. Zudem betrachtete und schätzte man Kubaner: innen in der US-amerikanischen Politik ebenso wie in der breiteren Bevölkerung häufig als Verbündete im Kalten Krieg und hielt sie demnach für berechtigt, Zuwendungen der Regierung zu empfangen (García-1997). Diese Situation bot deshalb Konfliktpotenzial, weil Afroamerikaner: innen an Orten wie Miami seit mehr als einem Jahrzehnt für Desegregation und Bürgerrechte gekämpft hatten und nun eine fundamentale Ungerechtigkeit darin erkannten, dass Kubaner: in‐ nen ohne Staatsbürgerschaft Rechte und Leistungen erhielten, die der Staat Schwarzen Menschen verweigerte. Nirgendwo zeigte sich die Ungerechtigkeit dieser Situation deutlicher als in den Bestrebungen zur Integration örtlicher Schulen. Noch Jahre nach dem Urteil im Fall Brown 1954 bemühten sich Schwarze Bürger: innen darum, ihre Kinder in segregierten weißen Schulen unterzubringen (→ Kapitel Der Kampf gegen die Schulsegregation). Als die örtlichen Bildungseinrichtungen schließlich tatsächlich mit der Aufnahme einiger weniger Schwarzer Schüler: innen begannen, reagierten weiße Eltern, indem sie ihre Kinder von den Schulen nahmen. Bei der Ankunft kubanischer Migrant: innen ermöglichten die Bezirksverwaltungen deren Kindern bereitwillig den Schulbesuch und boten ihnen ein umfassendes Hilfsprogramm, das sie dabei unterstützen sollte, sich auf das neue Leben in den USA einzustellen. Somit för‐ derten Lokalverwaltungen die Integration von Kubaner: innen in das Schulsystem und verwehrten Schwarzen Menschen gleichzeitig weiterhin den Zugang zu hochwertiger Bildung (Rose-2015). Die Situation in Miami und an anderen Orten, an denen sich kubanische Migrant: in‐ nen niederließen, verschärfte die Spannungen zwischen Afroamerikaner: innen und Kubaner: innen. Zwar profitierten Kubaner: innen von den gewährten Unterstützungen, die ihnen die Anpassung an das Leben in den Vereinigten Staaten erleichterten; gleichzeitig darf nicht außer Acht gelassen werden, dass die US-Regierung Kuba‐ ner: innen im Kampf gegen den weltweiten Kommunismus instrumentalisierte. Die meisten kubanischen Geflüchteten hegten keine spezifische Abneigung gegen die Schwarze Bevölkerung und waren sich vermutlich nicht im Klaren über die Lage der Afroamerikaner: innen. Mit anderen Worten: Die Spannungen zwischen den beiden Bevölkerungsgruppen waren nicht allein auf das Verhalten der Exilkubaner: innen zurückzuführen. Stattdessen schufen das Vorgehen der Regierung bei der Verteilung von Hilfeleistungen sowie der Wettbewerb um Unterstützung von offizieller Stelle ein angespanntes Umfeld, das ein kooperatives Verhältnis zwischen Kubaner: innen und Afroamerikaner: innen verhinderte. 584 47 Der Kampf der Latino/ a/ x Americans gegen Rassismus <?page no="585"?> Multiethnische Einheit Während sich am Beispiel kubanischstämmiger Einwohner: innen in Miami die inte‐ rethnischen Spannungen zwischen Afroamerikaner: innen und der Latino/ a/ x-Bevölke‐ rung zeigen, zeichnen andere Beispiele ein abweichendes Bild. Die Poor People’s Cam‐ paign (PPC) brachte Afroamerikaner: innen, Mexican Americans, Puerto Ricaner: innen, Native Americans sowie weiße US-amerikanische Aktivist: innen in einer Koalition der Armen zusammen. Initiator war Dr. Martin Luther King Jr., der die Bekämpfung der Armut als zweite Phase der Bürgerrechtsbewegung ansah. King rief Aktivist: innen zu einem Treffen in Atlanta im Jahr 1968 auf, das später unter dem Namen Minority Group Conference bekannt werden sollte. Auf der Konferenz waren Angehörige beinahe jeder größeren ethnischen Gruppe des Landes vertreten (Mantler-2013). Nur wenige Monate nach der Minority Group Conference fiel Dr. King einem Attentat zum Opfer. Bei den an der Konferenz beteiligten Aktivist: innen herrschte Unklarheit, ob die PPC nach seinem Tod weitergeführt werden würde. Unter Ralph David Abernathy, der von King selbst zu seinem Nachfolger bestimmt worden war, wurde die PPC zu einer Hommage an King. Abernathy organisierte eine Großveran‐ staltung in Washington, D.C., um gegen den regierungspolitischen Umgang mit der armen Bevölkerung zu protestieren. Mit der Kampagne sollten die Belange der Armen stärker in den Fokus der Bundesregierung gerückt werden. Die US-Hauptstadt bot den optimalen Schauplatz zur Umsetzung dieses Vorhabens. Aktivist: innen errichteten eine Zeltstadt auf dem Gelände der National Mall, die man Resurrection City nannte. Erläuterung | Resurrection City: Die Resurrection City wurde auf dem Gelände der National Mall in Washington, D.C. größtenteils aus Zelten errichtet und beherbergte die meisten der angereisten Aktivist: innen der Poor People’s Cam‐ paign (PPC). Die Stadt diente Aktivist: innen als Operationsbasis, die den Ausgangs‐ punkt von Protesten an verschiedensten Regierungsgebäuden darstellte. Sie wurde von gewählten Vertreter: innen verwaltet, demokratisch regiert und hatte sogar ihre eigene Postleitzahl (20013). Bis zur durch die Bundesregierung veranlassten Zwangsräumung am 24. Juni 1968 bewohnten über 3.000 Aktivist: innen der PPC die Stadt. Der multiethnische Protest der PPC brachte Tausende von Aktivist: innen nach Wa‐ shington, D.C. Doch die von den Veranstalter: innen erhoffte Reaktion der Regierung blieb aus. Nichtsdestotrotz sollten die ethnienübergreifenden Allianzen, die die Kam‐ pagne hervorgebracht hatte, im größeren Zusammenhang der Bürgerrechtsära zum bedeutenden Faktor werden. Die Kampagne wurde für Führungspersönlichkeiten verschiedenster Communitys letztendlich zu einer wichtigen Lektion in Sachen Bünd‐ nisbildung (Mantler-2013). 47 Der Kampf der Latino/ a/ x Americans gegen Rassismus 585 <?page no="586"?> Fazit Die Rolle der Latino/ a/ x-Community bleibt im allgemeinen Verständnis der Bürger‐ rechtsgeschichte häufig unberücksichtigt oder wird dem afroamerikanischen Bürger‐ rechtskampf untergeordnet. Es ist daher umso wichtiger, den Rassismus und die Segregation, mit denen Latino/ a/ x Americans im Laufe der Zeit konfrontiert waren, sowie deren Bestrebungen zur Beseitigung solcher Missstände anzuerkennen. Jede der einzelnen Bevölkerungsgruppen zeichnet sich durch individuelle Erfahrungen und eigene Formen der Beteiligung an Bürgerrechtsbewegungen aus. So unterschied sich das Problem segregierter Schulen, für deren Abschaffung Mexican Americans kämpften, deutlich von der ausbleibenden Abfallentsorgung, mit der Puerto Ricaner: in‐ nen sich konfrontiert sahen. Nichtsdestotrotz setzten sich beide Communitys in Bürgerrechtskämpfen für die Aufhebung dieser Missstände ein. In den letzten Jahren haben auch neuere Latino/ a/ x-Gruppen für ihre Rechte gekämpft. Dass diese Kämpfe losgelöst von der Bürgerrechtsära stattfinden, ändert nichts an ihrer Relevanz. Guatemalan Americans, Salvadoran Americans, Dominican Americans sowie US-Amerikaner: innen anderer Herkunft haben sich in Widerstands‐ bewegungen gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz, in Schulen, im Einwanderungs‐ system und in einer Vielzahl anderer Bereiche engagiert. Zwar dauert die Forschung zu diesen Gruppen noch an, in die Bürgerrechtsgeschichte der Latino/ x/ a-Bevölkerung sollte sie aber unbedingt Eingang finden. Deutsche Übersetzung durch Maria Ewald. Literatur Behnken, Brian D. 2011. Fighting Their Own Battles: Mexican Americans, African Americans, and the Struggle for Civil Rights in Texas. Chapel Hill: University of North Carolina Press. Behnken, Brian D. (Hg.), 2016. Civil Rights and Beyond: African American and Latino/ a Activism in the Twentieth Century United States. Athens: University of Georgia Press. De León, Arnoldo. 1983. They Called Them Greasers: Anglo Attitudes toward Mexicans in Texas, 1821-1900. Austin: University of Texas Press. Donato, Rubén. 1997. 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Guerra No! : Chicano Protest and Patriotism during the Viet Nam War Era. Berkeley: University of California Press. Oropeza, Lorena. 2019. King of Adobe: Reies López Tijerina, Lost Prophet of the Chicano Movement. Chapel Hill: University of North Carolina Press. Perez, Gina. 2004. The Near Northwest Side Story: Migration, Displacement, and Puerto Rican Families. Berkeley: University of California Press. Sánchez, George J. 1993. Becoming Mexican American: Ethnicity, Culture, and Identity in Chicano Los Angeles, 1900-1945. New York: Oxford University Press. Lee, Sonia Song-Ha. 2014. Building a Latino Civil Rights Movement: Puerto Ricans, African Americans, and the Pursuit of Racial Justice in New York City. Chapel Hill: University of North Carolina Press. Mantler, Gordon K. 2013. Power to the Poor: Black-Brown Coalition and the Fight for Economic Justice, 1960-1974. Chapel Hill: University of North Carolina Press. Melendez, Mickey. 2003. 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Die ideologischen Kernelemente der in diesem Widerstand vereinten neuen Protestgeneration waren Souveränität, Selbstbestimmung, Selbstregierung, Landrechte und kulturelle Bewahrung. Das die Protestbewegung kennzeichnende Widerstandsinstrument war der zivile Un‐ gehorsam in Form von mitunter militanten Protestaktionen. Ab 1974 breitete sich die Red-Power-Bewegung mit der Entstehung einer Indigenen Diplomatie zunehmend auch international aus. Der Anfang der Red-Power-Bewegung wird mit der Entstehung der Organisation National Indian Youth Council (NIYC) im Kontext der Chicago Konferenz von 1961 verortet. Sie stellte das bis zu diesem Zeitpunkt grösste organisierte Treffen Indigener Anführer: innen in den USA dar. Zu diesem Zeitpunk blickten die Indigenen Natio‐ nen auf einen langen Kampf gegen Vertreibung, Dezimierung, Diskriminierung und Pauperisierung zurück. Die Folgen davon waren die höchsten Arbeitslosenquoten in den Reservaten, die höchste Kindersterblichkeit und die höchste Suizidrate unter Jugendlichen innerhalb der US-amerikanischen Bevölkerung, um nur einige soziale Missstände zu nennen, welche die rassistische US-Politik gegenüber den Native Americans hervorgebracht hatte. Die Schlussresolution der Veranstaltung, „Declara‐ tion of Indian Purpose“ war den jungen Teilnehmenden vor diesem Hintergrund zu konservativ und zu patriotisch (Hoxie 2016, 132). Folglich gründeten am Ende dieser Konferenz etliche junge Student: innen sowohl aus urbanen Ballungszentren als auch aus ruralen Reservationen die NIYC. Unter den Gründer: innen waren unter anderem Clyde Warrior (Ponca), Karen Rickard (Tuscarora), Shirley Hill Witt (Mohawk), Joan Noble (Ute) und Mel Tom (Paiute) (McKenzie-Jones 2015, 58). Die Organisation wollte sich dezidiert von der zwei Dekaden früher gegründeten, etablierten pan-Indigenen Organisation National Congress of American Indians (NCAI) abgrenzen, deren „poli‐ tisches Manövrieren“ (Paul McKenzie-Jones) gegenüber der US-Regierung sie als devot, behäbig und zahnlos empfanden (Huber 2023, 75). Die jahrzehntelange rassistische Assimilierungspolitik hatte bewirkt, dass sich diese Generation weder der Indigenen noch der weißen Kultur zugehörig fühlte. Dass sie im universitären Umfeld von ihren <?page no="590"?> vielfältigen und alten Kulturen und Traditionen erfuhren, half ihnen zu einer stärkeren Indigenen Identität zurückzufinden (Mattioli 2023, 141). Der Rückbezug auf Indigene Traditionen und die Revitalisierung der heterogenen Indigenen Kultur bildeten für NIYC alsdann die ideologischen Referenzpunkte. Auch damit wandten sich die „New Indians“ (Stan Steiner) von der Vorgängergeneration ab. Denn aus der Perspektive der NIYC beugten sich die alte Garde und ihre Befürworter: innen dem Assimilierungsdruck der weißen Mehrheitsgesellschaft, indem sie unter anderem versuchte in Bezug auf das Erscheinungsbild als auch auf Lebensentwürfe und Berufe darin aufzugehen. Intellektuell verorteten sich die jungen Aktivist: innen in den globalen Dekolonisie‐ rungsbewegungen (Bungert 2020, 200). Der Begriff „Red Power“ als Slogan tauchte erstmals 1966 auf, als Clyde Warrior, seine Mitstreiterin und Ehefrau Della Warrior und andere Mitglieder des NIYC bei einer Parade mit dem Banner „Red Power. National Indian Youth Council“ durch die Straßen von Oklahoma City fuhren (McKenzie-Jones 2015, 72). Wie es der Name der pan-Indigenen Bewegung vermuten lässt, wurden die Initia‐ tor: innen und Namensgeber: innen dieses radikaleren Widerstandes Anfang der 1960er Jahre besonders von der Black-Power-Bewegung inspiriert. In der Red-Power-Bewe‐ gung ging es entsprechend nicht um absolute Gleichheit und gleiche Rechte, bezie‐ hungsweise die Eingliederung der Indigenen Nationen in die weiße Mehrheitsgesell‐ schaft, sondern überwiegend um Selbstbestimmung und Souveränität auf Indigenem Land. Zu diesem Zweck forderten sie ihnen im 19. Jahrhundert vertraglich zugesicher‐ tes Land zurück (Huber 2023, 80 ff.). Erläuterung | Wichtige Ereignisse in der Red-Power-Ära: Die Red-Power-Ära zeichnete sich durch mehrere einschlägige und mitunter militante Protestaktionen aus, die Formen des zivilen Ungehorsam einschlossen. An diesen Protesten nahmen meistens Indigene Personen aus dem ganzen Land teil. Mit diesen Aktionen sollte Druck auf die US-Regierung aufgebaut werden, Verhandlungen über die von der Regierung sukzessive gebrochenen Landverträge, und die Verbesserung ihrer sozialen Lage aufzunehmen. Die bekanntesten Aktionen waren: die Fish-ins von 1964-1974 im Pazifischen Nordwesten der USA; die erste Besetzung der stillgelegten Gefängnisinsel Alcatraz, 1964; die zweite Besetzung von Alcatraz von 1969-1971; die Besetzung der stillgelegten Militärbasis von Fort Lawton in Seattle 1970; die Übernahme der Mayflower-Nachbildung in Plymouth durch American Indian Movement (AIM), 1970; die Besetzungen von Mount Rushmore in den Black Hills, 1970 und 1971; der pan-Indigene Marsch auf Washington, der Trail of Broken Treaties, und die konsekutive Besetzung des Regierungsgebäudes des Bureau of Indian Affairs in Washington, D.C., 1972; die 71-tägige Belagerung des Weilers Wounded Knee in South Dakota von Februar bis März 1973 und die begleitende gewaltsame Auseinandersetzung zwischen US-Militär, Bundes- und Staatspolizei auf der einen und AIM-Mitglieder sowie Oglala-Lakotamitglieder auf der anderen 590 48 Red Power. Der Kampf der Native Americans um Selbstbestimmung und Souveränität <?page no="591"?> Seite, bei der es zu zwei Toten kam; die Gründung des International Indian Treaty Councils (IITC), 1974; die Besetzung der Cascadia-Justizvollzugsanstalt in Seattle, 1976; die Teilnahme von IITC-Delegierten an der von der UNO veranstalteten NGO Conference on Discrimination Against Indigenous Populations in the Americas in Genf, 1977; der Longest Walk (zweiter Marsch auf Washington) 1978; die Teilnahme von W.A.R.N.-Mitglieder und anderen Indigenen Aktivist: innen am Fourth Russel Tribunal in Rotterdam, 1980. Der Fish War im Pazifischen Nordwesten In den 1960er Jahren waren die First Peoples der USA in verschiedenen sozialen, politischen und ökonomischen Kontexten von diskriminierenden Praktiken der staat‐ lichen Behörden betroffen. Diese Praktiken bewirkten, dass Indigene Nationen der USA in Armutsverhältnissen gefangen blieben. Die US-amerikanische Politik zielte darauf ab, den Native Americans Ressourcen zu entwenden, die ihnen nach dem Landraub noch blieben und auf denen ihre physische und psychische Existenz beruhte. Etliche NIYC-Mitglieder wie Clyde Warrior aber auch Mel Thom brachten diese Entwicklung in den Fokus inner-Indigener Diskurse. Sie machten auf den fortdauernden internen Kolonialismus aufmerksam, der Indigene Menschen segregierte, diskriminierte, pau‐ perisierte und abwertete (Mattioli 2023, 168). Im Pazifischen Nordwesten manifestierte sich diese Diskriminierung seit den 1950er Jahren darin, dass Indigene Fischer: innen abgehalten wurden, ihren Beruf auszuüben und damit ihre Existenz zu sichern. Das Recht, für alle Ewigkeit traditionell zu fischen, sicherten sich etliche Indigene Nationen rund um den Puget Sound, eine Meeresbucht im Nordwesten des US-Bundesstaats Washington, ab den 1850er-Jahren in verschie‐ denen Verträgen mit der Bundesregierung. Im Gegenzug traten sie von 70 Millionen Acre Land, 64 Millionen Acre ab (Grossmann 2017, 37). Nachdem der Fall Satiacum v. Washington (1957) noch zugunsten Indigener Fischer: innen entschieden worden war, zeichnetesich der nachfolgende staatliche Umgang mit den Indigenen Fischereirechten und weiteren angestrengten Gerichtsverfahren durch staatsjuristische Willkür aus. Diese stützte das Drangsalieren Indigener Fischer: innen durch rassistische Wild- und Fischereibehörden, die kommerzielle Fischereiindustrie, Sport-Fischer: innen und die Polizei (Huber 2023, 90-95). Ihre Gegener hielten die Indigenen Fischer: innen vom Fischen ab, indem sie Netze zerschnitten, Boote enttäuten und in den Fluss stiessen, den Fischfang entwendeten oder auf Fischer: innen schossen. Die Polizei konfiszierte Fischereibedarf sowie Boote und verhafteten Indigene Frauen und Männer, weil sie aus der Perspektive des Staates gegen staatliches Fischereirecht verstiessen (Grossman 2017, 40). Der Lachs- und Regenbogenforellenfang sicherte Nationen wie den Puyallup, Nisqually, Muckleshoot, Yakama und anderen jedoch ihre Existenz und definierte ihre kulturelle Identität (Huber 2023, 90). Beides war nun akut bedroht, weil der Staat Washington das traditionelle Fischen und damit Bundesrecht sukzessive über 48 Red Power. Der Kampf der Native Americans um Selbstbestimmung und Souveränität 591 <?page no="592"?> Jahre hinweg beschnitten hatte (Prucha 1994, 402-04). In diesem angespannten Klima entbrannte der sogenannte Fish War, in welchem Mitglieder des NIYC ihr erstes akti‐ vistisches Betätigungsfeld fanden. Sie adaptierten hierfür eine Widerstandsmethode der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung - das vom Student Nonviolent Coordi‐ nating Committee etablierte Sit-in (→ Kapitel Der Kampf gegen die Segregation in öffentlichen Verkehrsmitteln und Einrichtungen). Mitte der 1960er-Jahre organisierten unter anderem Mel Thom und Robert Blatchford so genannte Fish-ins in den Flüssen des Pazifischen Nordwestens. Diese Protestaktionen wurden zum Auftakt der pan-Indige‐ nen Red-Power-Bewegung (Mattioli 2023, 170). Bei einem Fish-in, das die Praxis des zi‐ vilen Ungehorsams aufgriff, ruderten Indigene Fischer: innen auf den Fluss und fischten so, wie sie das traditionellerweise machten, obwohl es nach neuester Rechtsprechung verboten war. Dies führte zu Auseinandersetzungen mit der Polizei, Vertreter: innen der Fischerei- und Wildbehörde sowie nicht-Indigenen Sportfischer: innen. Auch diese Konfrontationen endeten regelmäßig in gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei und Verhaftungen Indigener Männer und Frauen. Ab 1963 führten Janet McCloud (Tulalip) und Hank Adams (Assiniboine-Dakota) die Fish-ins an, die sich in der von ihnen gegründeten Vereinigung Survival of American Indians Association (SAIA) organisierten. Ab 1970 beteiligte sich Ramona Bennett (Puyallup Indigene Anführerin und militante Kämpferin, an den Fish Wars. Das von Bennett und Adams geplante und organisierte Fish-in am Puyallup-Fluss im September 1970 führte zu der bahnbrechenden Boldt-Entscheidung. In United States v. Washington bestätigte der noch von US-Präsident Dwight D. Eisenhower eingesetzte Bundesrichter George Hugo Boldt die Vertragsrechte der Indigenen Nationen des Pazifischen Nordwestens Das Boldt-Urteil von 1974 hatte eine Signalwirkung hinsichtlich des Schutzes Indigener Rechte, die bis nach Kanada ausstrahlte (Huber 2023, 95 ff). Kampf gegen rassistische Ordnungskräfte, Vollzugsbehörden und Exekutivorgane Im März 1965, auf dem Höhepunkt der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung, schickte US-Präsident Lyndon Johnson drei Gesetzesentwürfe an den Kongress, die die ambivalente Reaktion der Bundesregierung auf die Bürgerrechtsbewegung deutlich machten. Der Housing and Urban Development Act subventionierte Privathäuser für einkommensschwache Mieter: innen, der Voting Rights Act eröffnete Schwarzen Ame‐ rikaner: innen im Süden die Möglichkeit, als vollwertige Bürger: innen am Wahlprozess teilzunehmen. Zugleich verabschiedete Johnsons Regierung als rechtliche Basis für den sogenannten War on Crime den Law Enforcement Assistance Act (LEAA), der den Polizeiapparat und seine Infrastrukturen auf staatlicher Ebene stärken sollte (Hinton 2016, 27). LEAA spielte in den späten 1960er und 1970er Jahren eine entscheidende Rolle beim Aufbau staatlicher (Gefängnis-)Macht, die vor allem in einkommensschwachen, städtischen Schwarzen und Indigenen Gemeinden ausgeübt wurde, indem sie Zehntau‐ sende von Initiativen zur Verbrechensbekämpfung auf lokaler und bundesstaatlicher 592 48 Red Power. Der Kampf der Native Americans um Selbstbestimmung und Souveränität <?page no="593"?> Ebene förderte und subventionierte. In diesem repressiven Klima wurden Black and Indigenous People of Color (BIPoC) für Verhaltensweisen kriminalisiert, die nicht unter einen spezifischen Straftatbestand fielen. Bereits das betrunken nach Hause gehen nach einem Barbesuch oder die aktivistische Teilnahme an einer Veranstaltung der Bürgerrechtsbewegung war Grund genug, von Polizeibeamten drangsaliert und abgeführt zu werden (Thuma 2019, 4-5). Die polizeiliche Repression gegen Native Americans im Zuge der 1960er Jahre war auch eine Folge der repressiveren Politik gegenüber den First Peoples durch die Regie‐ rung von US-Präsident Harry S. Truman. Sie hatte im Rahmen der Terminationspolitik das Ziel, die Verwaltung der Reservate durch die Bundesregierung aufzuheben und die Mitglieder der Indigenen Nationen den Bürger: innen der USA gleichzustellen. Als Folge davon wären alle Garantien, die in den Verträgen zwischen den Vereinigten Staaten und den Indigenen Nationen festgelegt wurden, hinfällig geworden. Diese Garantien beinhalteten den besonderen Gemeinschaftsstatus von Land in Reservaten, welches nicht individuell genutzt oder verkauft werden durfte (Huber 2023, 60 f.). Mit der Relo‐ cation-Politik von 1956 (Public Law 959) initiierte das BIA die massenweise Umsiedlung der Indigenen Bevölkerung von den Reservationen in urbane Ballungszentren des Landes mit dem Ergebnis, dass ein Grossteil der Indigenen Bevölkerung dort verarmte, arbeits- und perspektivenlos in ghettoartigen Verhältnissen lebte. In Minneapolis beispielsweise stieg die Anzahl Indigener Einwohner: innen zwischen 1960 und 1970 von 3085 auf 9578 Personen an (Wittstock 2013, 2). Als BIPoC gerieten Indigene auch in Minneapolis ins Visier der rassistisch agierenden Polizeibehörde und wurden vermehrt Opfer von Polizeigewalt. Während Huey Newton, Bobby Seale und Eldridge Cleaver in Oklahoma 1966 die Black Panther Party gründeten, die in ihrem Gründungsmanifest auch das Ende der willkürlichen Polizeigewalt gegen People of Color forderten und Schwarze Bürger: innen zum Tragen von Waffen als Mittel der Selbstverteidigung aufrief, fassten Indigene Bürger: innen in Minneapolis und St. Paul 1968 ebenfalls den Entschluss, sich gegen die rassistischen Polizeirepressionen zu organisieren. Dieses Vorhaben markierte die Geburtsstunde der schlagkräftigsten Red-Power-Orga‐ nisation, dem American Indian Movement (AIM) (Huber 2023, 84). Die männlichen Gründungsmitglieder kamen vermehrt aus der urbanen Chippewa (Ojibwa)-Kultur und hatten meist ein ein von Kriminalisierung und Gefängnisaufenthalten geprägtes Leben hinter sich. George Mitchell, Dennis Banks und Clyde Bellecourt gehörten zu den bekanntesten AIM-Anführern. Später kamen John Trudell und Russell Means, der fortan das Aushängeschild des Red-Power-Kampfes war, dazu. Unter den Grün‐ dungsmitgliedern waren auch etliche Frauen wie etwa Patricia Bellanger und Mary Jane Wilson. AIM-Mitglieder patrouillierten fortan durch die Straßen, um Indigene Personen vor rassistischer Polizeiwillkür zu beschützen, indem sie beispielsweise betrunkene Personen nach Hause begleiteten (Mattioli 2023, 281 f.). In der Folge entwi‐ ckelte sich AIM zur zentralen Protestorganisation der Red-Power-Ära. Seine Mitglieder organisierten militante Protestaktionen und Besetzungen von Regierungsgebäuden und nationalen Wahrzeichen, um die Aufmerksamkeit der Weltbevölkerung auf ihre 48 Red Power. Der Kampf der Native Americans um Selbstbestimmung und Souveränität 593 <?page no="594"?> missliche soziale Lage zu lenken und so Druck auf die US-Regierung aufzubauen. Die männlichen AIM-Anführer, welche sich bewusst mit traditionellen Insignien wie langem geflochtenem Haar, Federn als Kopfschmuck oder traditioneller Kleidung schmückten, waren dabei ein gerne gesehenes Motiv der Presse, was dazu führte, dass diese zu den meistzitierten American Indians im 20. Jahrhundert avancierten (Feest 1987, 609). Dieser Umstand und der ausgeprägte Sexismus, der in AIM grassierte, marginalisierten die Leistungen der Frauen in der gesellschaftlichen und wissenschaft‐ lichen Rezeption der Red-Power-Bewegung bis heute (Huber 2023). Dennoch galt AIM den meisten Indigenen Frauen und Männern als lange ersehnter Projektionspunkt der eigenen Hoffnung auf die Verbesserung ihrer sozialen Lage. Das Ziel der frühen AIM-Aktivist: innen war es, den Indigenen Nationen und ihren Mitgliedern zu einem „neuen ethnischen Selbstbewusstsein“ zu verhelfen (Mattioli 2023, 219). Die medien‐ wirksamen Protestaktionen des AIM waren mannigfaltig und mitunter auch militant. AIM war von Anfang an auch als Anlaufstelle für notleidende Indigene gedacht, die durch den strukturellen und institutionellen Rassismus in existenzielle Bedrängnis geraten waren (Leahy und Wilson 2016, 45-47). Die zwei folgenden Fälle werfen zudem ein Schlaglicht auf den Kampf des AIM gegen das rassistische US-Justizsystem. Anfang der 1970er Jahre wurden Indigene vermehrt Opfer rassistisch motivierter Gewalt. 1972 protestierten AIM-Mitglieder gegen den Mord an Raymond Yellow Thun‐ der. Er wurde von vier weißen Männern ermordet, die zuvor am Abend damit geprahlt hatten, einen „Indianer“ zu verschlagen. Die Brüder wurden der fahrlässigen Tötung angeklagt und bekamen lediglich milde Strafen. 1973 fand ein ähnlich gelagerter Fall statt: der Mord durch einen Weißen an Wesley Bad Heart Bull in Custer, South Dakota. Die Umstände dieses Verbrechens blieben weitgehend ungeklärt. Mehrere Zeugenaussagen widersprachen sich. Der Beschuldigte hatte zuvor zwar bereits einen Indigenen getötet, die Beweislage war jedoch schwach. Laut mehrerer Zeugenaussagen habe der Beschuldigte vorgehabt einen „Indianer“ zu töten. Er wurde zunächst für eine Kaution von 5.000 US-Dollar freigelassen, wegen Totschlags zweiten Grades angekagt und später von einer Jury freigesprochen. Die Tatsache, dass ein weißer Täter, der Indigene Menschen tötet, nur wegen Toschlags angeklagt wurde, empörte die Indigene Community. Vor den Verhandlungen in der Stadt Custer eskalierte die Lage und es kam zu wütenden Protesten. Die Demonstranten strömten zum Gerichtsgebäude, wurden jedoch von der Polizei gewaltsam zurückgehalten. Auch ältere Frauen wie Sarah Bad Heart Bull, die Mutter des Ermordeten, wurden Opfer polizeilicher Gewalt. Mehrere Gebäude und Fahrzeuge wurden angezündet. An den Auseinandersetzungen in Custer waren auch Frauen wie Mary Crow Dog, Regina Brave, Arlene Goings Means und Madonna Thunder Hawk beteiligt (Huber 2023, 267). Im Gegensatz dazu fanden in den 1970er Jahren mehrere Gerichtsverhandlungen statt, bei denen Frauen of Color mit beachtlichen Haftstrafen belegt wurden, weil sie sich selbst oder ihre Kinder in akuten Gefahrensituationen verteidigten. Joan Little, Inez Garcia, Yvonne Wanrow und Dessie Woods, um nur einige zu nennen, waren zu langer Gefängnishaft verurteilt worden, nachdem sie zur Selbstverteidigung 594 48 Red Power. Der Kampf der Native Americans um Selbstbestimmung und Souveränität <?page no="595"?> oder in Notwehr weiße Männer töteten, die im Begriff waren sie oder ihre Kinder sexuell zu missbrauchen und/ oder zu vergewaltigten. Trotzdem wurden sie alle wegen Mordes angeklagt. Die feministischen Protestkampagnen, die diese vier Fälle auslösten, beleuchteten sowohl die weit verbreitete sexualisierte Gewalt gegen Frauen of Color in der US-Gesellschaft als auch rassistische und geschlechtsspezifische Gewalt im Zuge von Polizeiarbeit und Inhaftierung. Protestiert wurde für das Recht von Frauen, sich bei häuslicher Gewalt oder Vergewaltigung zu verteidigen. Die Wirksamkeit dieser Protestkampagnen im Kontext dieser vier Rechtsfälle wurden dadurch erhöht, dass die Geschichte jeder einzelnen Frau symbolisch für mehrere und sich überschneidende Kämpfe für Race-, Geschlechter- und wirtschaftliche Gerechtigkeit stand (Thuma 2019, 2 und 16 f.). Yvonne Wanrow (Colville) aus Spokane, Washington, kämpfte ab 1973 mit Hilfe von AIM und später der Frauenorganisation Women of All Red Nations gegen ein Gerichtsurteil, das sie mit einer Haftstrafe von 25 Jahren Gefängnis belegt hat. Wanrow hatte in Notwehr einen betrunkenen, den Behörden bekannten Pädophilen erschossen, der sich gerade an ihren Kindern zu vergehen versuchte. Als sie darauf die Polizei rief und das Ereignis schilderte, wurde sie verhaftet. Als Indigene war sie in der Folge einem rassistischen Justizsystem ausgesetzt. Die ausschliesslich weiße Jury erklärte sie des Mordes mit bedingtem Vorsatz für schuldig (Huber 2023, 346). AIM war die erste Organisation, die Wanrow und ihre Familie unterstützte und für Wanrow die einzige Hoffnung. In langwierigen Rechtsprozessen, in denen sie Unterstützung von afroamerikanischen, Indigenen und weißen Aktivist: innen bekam, wurde die Anklage gegen die dreifache Mutter 1979 abgemildert und eine Vereinbarung zwischen Staatsanwaltschaft, Wanrow und ihren Anwälten getroffen. Wanrows Kampf um ihre Freiheit und für das Recht auf Selbstverteidigung symbolisierte den Widerstand gegen den Rassismus und Sexismus innerhalb des Strafrechtsystems in den USA. Der Kampf gegen rassistische Familienpolitik Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden im Zuge des so genannten War of Poverty die Bevölkerungszahlen der Indigenen und Afroamerikaner: innen erfasst. In der Folge führten staatliche Institutionen verschiedene genozidale und auf Frauen und Kinder abzielende „Entfernungsmaßnahmen“ durch (Volscho 2010, 18). Im Folgenden werden zwei solcher Massnahmen, die US-amerikanische Adoptionspraxis gegenüber Indige‐ nen Familien und die Zwangssterilisation Indigener Frauen, sowie der Red-Power-Wi‐ derstand dagegen beleuchtet. Der Anschlag auf die Souveränität Indigener Nationen zeigte insbesondere bei der Wegnahme von Kindern aus ihrem Umfeld seine folgenreichste Seite. Bis in die 1970er Jahre wurden 25 bis 30 Prozent aller Indigenen Kinder aus ihren Familien genommen. Von diesen Kindern waren 85 Prozent in nicht-Indigenen Pflegesituationen untergebracht. Im inner-Indigenen Diskurs redete man in der Folge von „sozialem Genozid“ (Briggs 2012, 79 f.). Weggenommen wurden sie, um sie zu „zivilisieren“, und um, so Richard Henry Pratt, Gründer des ersten Internats, den „Indianer zu töten, den 48 Red Power. Der Kampf der Native Americans um Selbstbestimmung und Souveränität 595 <?page no="596"?> Menschen aber zu erhalten“. Diese „zivilisatorische Umerziehung“ erfolgte vom 19. bis in die Mitte des 20. Jahrhundert zuerst im berüchtigten Boarding School-System, ab den späten 1950er-Jahren in nicht-Indigenen Adoptiv- und Pflegestellen (Huber 2023, 68) (→ Kapitel Zwangsassimilation der American Indians). Ab den 1970er-Jahren wehrten sich im Fahrwasser von Red Power immer mehr In‐ digene Nationen gegen diese Adoptionspraxis und setzten sich für den Erhalt ihrer Ge‐ sellschaften und gegen die rassistische Praxis der Kinder- und Jugendfürsorgebehörde ein. Auch Ramona Bennett kämpfte gegen die rassistische Familienpolitik. Die Tribal Chairwoman der Puyallup, die in ihrer Gesellschaft stark mit den Kindswegnahmen konfrontiert war, führte 1976 eine bewaffnete Besetzung der Jugendvollzugsanstalt „Cascadia“ in Seattle, WA, bei laufendem Betrieb durch, um der Adoptionskrise maxi‐ male mediale Aufmerksamkeit zu verschaffen und so die Politik unter Druck zu setzen. In einem langen Interview mit der Presse legte sie den Fokus auf das Wohl Indigener Kinder (Huber 2023, 171). Ihr Hinweis auf diesen Missstand und ihr Graswurzelakti‐ vismus war ein genuin weiblicher Beitrag zur Red Power-Bewegung (O’Sullivan 2001). Bennett engagierte sich diesbezüglich bereits früh in ihrer Gesellschaft der Pyuallup aber auch in offiziellen Entscheidungsgremien. So thematisierte sie die massenweise Kindswegnahmen 1972 in der Mitgliederversammlung der National Tribal Chairman Association (NTCA) vor 300 Anwesenden. Erstmals wurden Kinder auf ihren Druck hin als existenzielle Ressource eingeordnet, die von der US-Regierung wie Bodenschätze aus Indigenem Hoheitsraum extrahiert wurden. 1974 nahm Bennet im Senat an der ersten von zwei Anhörungen zum Indian Child Welfare Act (ICWA) teil, der 1978 verabschiedet wurde. Ihre Empfehlungen und Hinweise flossen in den Gesetzestext ein. ICWA veränderte die Rechtssituation Indigener Eltern in Reservationen grundlegend. Es bevorzugte Indigene Eltern bei der Adoption Indigener Kinder gegenüber nicht-In‐ digenen Eltern. Ab den 2000er Jahren verabschiedeten auch mehrere Bundesstaaten Gesetze nach dem Vorbild des Indian Child Welfare Act, die auch ausserhalb von Reservationen eine Bevorzugung der gleichen ethnischen Herkunft von Eltern und Kind bei der Adoptivunterbringung vorschreiben (Briggs 2012, 60). Erläuterung | Graswurzelaktivismus: Die Aktivistinnen innerhalb der Red-Power-Bewegung engagierten sich mehrheitlich in Graswurzelbewegungen. Als Graswurzelaktivismus bezeichnet man Bewegungen und Initiativen, die aus der Basis der Zivilgesellschaft entstehen und oft in ihren eigenen Kreisen (Communi‐ ties) agieren. Grasswurzelaktivist: innen möchten grössere Gruppen zur politischen Teilhabe mobilisieren und bedienen sich dazu enger Kommunikationskreise. Dabei greifen sie heutzutage auf etablierte und neue Kommunikationsformen zurück und übermitteln Informationen über E-Mails, Anrufe per Telefon, Aufrufe auf sozialen Plattformen, Mund-zu-Mund und in persönlichen Gesprächen. Indigene Graswur‐ zelaktivstinnen wie Ramona Bennett und Madonna Thunder Hawk engagieren 596 48 Red Power. Der Kampf der Native Americans um Selbstbestimmung und Souveränität <?page no="597"?> sich in ihren Reservationen und ihren Gesellschaften (Puyallup, Lakota, etc.) und versuchten dort basisaktivistisch die Lage ihrer Mitglieder zu verbessern. Eine weitere - zwar indirekte - genozidale Massnahme war die rassistisch motivierte Zwangssterilisationen von Frauen of Color. Die hohe Zahl der chirurgischen Sterilisa‐ tionen in den 1960er und 1970er Jahren war ebenso ein Angriff auf die Mutterschaft der Indigenen Frauen, wie die Zwangsverschleppung von Kindern während der Inter‐ natszeit und die massenweisen Adoptionen von Indigenen Kindern durch Nicht-In‐ digene. Sterilisationsrassismus wird definiert als die Nutzbarmacheung rassistischer Stereotypen („Welfare Queens“, „Baby Mamas“, „Squaw“ etc.), Politiken und Praktiken bei der Bereitstellung reproduktiver Gesundheitsfürsorge, die darauf abzielen, die reproduktiven Aktivitäten von Frauen of Color einzuschränken, zu minimieren oder ganz zu unterbinden (Volscho 2018, 20). Die unfreiwilligen Sterilisationen an Indigenen Frauen im Zeitraum zwischen den späten 1960er und Mitte der 1970er Jahre wurden von vielen Indigenen als Teil eines fortgesetzten staatlich geförderten Genozids angesehen. Dabei spielte der staatliche Indian Health Service (IHS) eine zentrale Rolle. 90 Prozent der Kosten für die Sterilisationen an Indigenen Frauen wurden vom, dem IHS übergeordneten, Department of Health, Education, and Welfare (HEW) getragen. Ab 1976 erhoben verschiedene Organisationen den Anteil der sterilisierten Frauen, welcher zwischen 15 und 25 Prozent variierten. In gewissen Reservaten, so eine Erhebung der Organisation Women of All Red Nations (WARN), waren es sogar 80-Prozent (Gurr 20, 72 f.). W.A.R.N. wurde von weiblichen AIM-Mitgliedern wie Madonna Gilbert (heute Thunder Hawk), Phyllis Young, Lorelei DeCora Means, Pat Bellanger, Lakota Harden sowie von Janet McCloud 1978 gegründet. Die Organisation sah sich in ihrem Selbst‐ verständnis als die Frauenbewegung von Red Power und der verlängerte weibliche Arm von AIM. Die Organisation engagierte sich transnational insbesondere im Kampf gegen die Sterilisationspraxis der US-Gesundheitsbehörden aber auch gegen Umwelt‐ verschmutzung durch uranfördernde Unternehmen in Reservationen. Die erste Gelegenheit für eine internationale Repräsentation Indigener Menschen ergab sich, als die UNO die Jahre von 1973 bis 1982 zur Decade for Action to Combat Racism and Racial Discrimination ausrief. Begleitend dazu etablierte man das Special NGO Committee on Human Rights. In dieser Dekade sollten mehrere NGO-Konferen‐ zen über Rassismus und ethnische Diskriminierung innerhalb des organisatorischen Rahmens der UNO stattfinden. Eine dieser Konferenzen war die NGO-Conference on Discrimination Against Indigenous Populations in the Americas in Genf 1977, an dem einige Red-Power-Aktivistinnen vortrugen. Im Jahr 1980 vertrat Phyllis Young die Anliegen von WARN vor dem Fourth Russell Tribunal on the Rights of the Indians of the Americas in Rotterdam. In ihrem Vortrag über Sterilisation vor der Untersuchungskommission machte Young auf einen brisanten Konnex aufmerksam. Ärzte und Ärztinnen des HEW und folglich des IHS, welche die meisten Sterilisationen 48 Red Power. Der Kampf der Native Americans um Selbstbestimmung und Souveränität 597 <?page no="598"?> vornahmen, wurden pro Eingriff bezahlt. In dieser Logik stelle der Körper der Frau für die Ärztinnen und Ärzte des HEW neben Bodenschätzen wie Gold und Uran, die grösstenteils auf Reservatsgebiet lagen, eine weitere Indigene Ressource zur ökonomi‐ schen Ausschröpfung dar. W.A.R.N. und ihre Mitglieder beschuldigten die USA in vier Handlungszusammenhängen des Genozids an der Indigenen Bevölkerung: durch die Boarding-School-Politik, die massenhafte Kindswegnahme durch die Adoptionspraxis der Kinder- und Jugendfürsorgebehörde, die forcierte Sterilisation Indigener Frauen durch die Gesundheitsbehörde und den von der Regierung und großen Unternehmen vorangetriebenen Umweltrassismus in Form von unsachlicher Entsorgung von Uran, was ursächlichfür das Sterben von Ungeborenen war. In dieser Logik führte der in den USA stattfindende Angriff auf die Indigenen Nationen über die Zerstörung weiblicher Geschlechtsorgane und Familienstrukturen und damit über den Körper der Frau (Huber 2023, 301 ff.). Diese Red-Power-Aktivistinnen sind bis heute aktiv in ihren Communities aber auch auf nationaler Ebene. Phyllis Young und Madonna Thunder Hawk kämpfen seit 2016 gegen die Dakota Access Pipeline, die unter wichtigen Gewässern im Standing-Rock-Sioux-Reservat durchführen soll. Auch Ramona Bennetts Aktivismus hält bis heute an. Sie hielt 2019 die Rede anlässlich der Unbenennung der Puyallup River-Brücke in Tacoma in Fishing Wars Memorial Bridge. Heute setzen sich viele Indigene Aktivistinnen neben gleichbleibenden Themen auch gegen die Entführungen und Ermordungen Indigener Mädchen und Frauen ein (Missing and Murdered Indige‐ nous Women, MMIW), was ein akutes Problem in den USA und Kanada darstellt. Laut den Daten der National Crime Information wurden 2016 knapp 6.000 Indigene Mädchen und junge Frauen als vermisst gemeldet (Native Hope 2023). Literatur Briggs, Laura. 2012. Somebody’s Children. The Politics of Transracial and Transnational Adoption. Durham: Duke University Press. Bungert, Heike. 2020. Die Indianer. Eine Geschichte der indigenen Nationen Amerikas. München: C.H. Beck. 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Vielmehr ist die Idee so alt wie die Sklaverei selbst. Viele der Gruppen und Einzelakteur: innen, die sich um die Abschaffung der Sklaverei in den USA verdient gemacht haben, forderten auch Entschädigungen für deren Opfer. Trotz ihrer Bemühungen konnten bis heute nur wenige Erfolge bei dem Versuch erzielt werden, Reparationen für die Sklaverei und die rassistische Gesetzgebung in den Jahrzehnten nach ihrer Aufhebung durchzusetzen. Mit den Protesten infolge des Mordes an George Floyd im Jahr 2020 erhielten auch die Reparationsforderungen neuen Auftrieb. Am 29. Juli 2008 bat das US-Repräsentantenhaus im Namen der Regierung formell um Entschuldigung für das verursachte Leid durch die Sklaverei und die sogenannten Jim-Crow-Gesetze, die den Rassismus in den darauffolgenden Jahrzehnten rechtlich verankert hatten. Mit der Resolution H. Res. 194 erkannte man die Sklaverei offiziell als verfassungswidrig an: Sie stehe demnach im direkten Widerspruch zum 1. Zusatz‐ artikel, der die Gleichheit aller Menschen festschreibt. Darüber hinaus formuliert die Erklärung eine Entschuldigung für mehr als zwei Jahrzehnte andauernde staatlich sanktionierte Ungerechtigkeit, Grausamkeit, Brutalität und Unmenschlichkeit. Im letzten Abschnitt verpflichten sich die USA dazu, die bis in die Gegenwart reichen‐ den Konsequenzen des an Afroamerikaner: innen begangenen Unrechts zu beheben („rectifying the lingering consequences of the misdeed committed against African Americans“), ohne jedoch konkrete Angaben darüber zu machen, in welcher Form dies geschehen soll. Bis heute, über 150 Jahre nach dem Ende der Sklaverei in den Vereinigten Staaten, hat die Regierung keinen einzigen groß angelegten Versuch unter‐ nommen, die Opfer oder deren Nachfahren durch Reparationen zu entschädigen - und das, obwohl Daten belegen, dass das Wohlstands- und Einkommensgefälle zwischen Schwarzen und weißen Bevölkerungsgruppen nach wie vor wächst. Das bisherige Scheitern einer solchen wiedergutmachenden Gerechtigkeit erklärt sich nicht etwa durch mangelnden Einsatz. Von Anfang an haben Betroffene und ihre Verbündeten die Sklaverei als Unrecht begriffen und Überlegungen über angemessene Formen der Wiedergutmachung angestellt. Lange verwies man auf eine moralische und ökonomische Schuld gegenüber versklavten Personen aufgrund von Zwangsarbeit, Gewaltanwendung und Entmenschlichung. Die lange Geschichte der Reparationen für <?page no="602"?> Sklaverei beginnt vor der Unabhängigkeit der USA und setzt sich bis in die heutige Zeit fort. Dabei hing die Art der geforderten Restitution auch immer von Entwicklungen in der US-amerikanischen Wirtschaft und Gesellschaft ab. Ausstehende Forderungen der Sklav: innen nach Gerechtigkeit wurden schließlich an nachfolgende Generationen weitergegeben. Das Ausbleiben einer entsprechenden Wiedergutmachung und der folgende Erlass rassistischer Gesetze verhinderten den Aufbau von Wohlstand in der Schwarzen Bevölkerung und legten das Fundament für die heute herrschende ethnisch bedingte Ungleichheit innerhalb der Bevölkerung. Als Maßnahme der Gegenwart sind Reparationen also nicht nur darauf ausgerichtet, in der Vergangenheit entstandenen Schaden zu bereinigen, sondern auch darauf, die aktuelle und zukünftige Situation der US-amerikanischen Gesellschaft insgesamt zu verbessern. Befürworter: innen von Reparationen stehen heute bei der Durchsetzung ihres Standpunkts vor zahlreichen Herausforderungen. Ein Ende der Debatte ist noch nicht in Sicht. Zur Geschichte der Reparationsbewegungen Wie die Historikerin Ana Lucia Araujo feststellt, nutzten Betroffene und frühere Gegner: innen der Sklaverei die Bezeichnung „Reparationen“ selbst kaum (2017). Nichtsdestotrotz benannten sie Sklav: innen unmissverständlich als Opfer moralischen Unrechts mit Anspruch auf Restitution - und das in einer Zeit, in der die Sklaverei gesetzlich legitimiert war. Die Gemeinschaft der Quäker: innen positionierte sich besonders entschieden gegen die Sklaverei und forderte ihr Ende in den Kolonien Neu‐ englands. Im 18. Jahrhundert setzte man in Eigeninitiative ein Verbot der Haltung von und des Handels mit Sklav: innen innerhalb der eigenen Gemeinden durch. Mitglieder wurden ermutigt, ihre frühere Sklav: innen bei der Freilassung für die verrichtete Arbeit in freedom dues auszubezahlen, üblicherweise in Form von kleinen Grundstücken oder Sachleistungen. Auch die Sklav: innen selbst traten für die Abschaffung der Sklaverei (Abolition) und eine entsprechende Entschädigung ein: 1774 ersuchte eine Gruppe aus versklavten Afrikaner: innen den Massachusetts General Court um die Gewährung ihres Freiheitsrechts sowie Landfläche zur Ansiedlung (Sinha-2019). Im Laufe des 19. Jahrhunderts forderte man in slave narratives, abolitionistischen Schriften, Reden und Zeitungen nicht nur das Ende der Sklaverei, sondern sprach auch wiederholt von Entschädigung, Kompensation, Sühne und Rückzahlung (Araujo 2017). Namhafte Aktivist: innen wie Sojourner Truth und William Lloyd Garrison verstanden die Abschaffung der Sklaverei als langfristig gedachtes Projekt, bei dem es nicht nur um die Befreiung versklavter Menschen ging, sondern auch um die Gewährleistung ihrer Sicherheit und Existenzgrundlage. Wiederholt verwiesen sie auf die Bedeutung der von Sklav: innen ausgeführten Arbeit für die nationale Wirtschaft. In diesem Zusammenhang verurteilten sie nicht nur die Sklavenhalter: innen selbst, sondern auch Kapitalist: innen in den Nordstaaten, die die gewonnenen Rohstoffe bezogen, sowie die Regierung, die dieses System weiterhin gestattete (Araujo-2017, Sinha-2019). 602 49 Der Kampf um Reparationen <?page no="603"?> Der Sieg der Union bedeutete in den USA das offizielle Ende der Sklaverei, die 1865 bundesweit abgeschafft wurde. Vier Millionen Schwarze US-Amerikaner: innen waren nach dem Ende des Bürgerkriegs befreit - ein Privileg, das ohne Unterkunft und ohne die Mittel zur eigenständigen Sicherung des Lebensunterhalts an Wirksamkeit verlor. Die meisten unter ihnen fanden sich nun als Geflüchtete in einem Land wieder, dessen Äcker sie über Generationen hinweg bewirtschaftet hatten und in dem sie nun auf Verpflegung durch die Unionstruppen angewiesen waren. Bei einem Treffen mit ranghohen Vertretern der befreiten Schwarzen unter Reverend Garrison Frazier fragte General William Tecumseh Sherman diesen, wie ein Leben der ehemaligen Sklav: innen in Freiheit gelingen könnte. Frazier gab zur Antwort, der Schlüssel hierfür liege in der Verfügung über eigenen Grund und Boden: „The way we can best take care of ourselves is to have land.“ Als Folge dieses Treffens erließ Sherman die Special Field Order No. 15, die zum wichtigsten Meilenstein der Reparationsgeschichte werden sollten. Die darin festgehaltenen Bestimmungen sahen vor, einen Teil des nach dem Bürgerkrieg konfiszierten Landes entlang der Küste von South Carolina, Georgia und Florida zur Verfügung zu stellen, damit sich die Freigelassenen dort ansiedeln konnten. Demnach sollte die Fläche in Einheiten von 40 acres (ca. 16,2 Hektar) aufgeteilt und den Familien übertragen werden. Nur wenige Monate später rief die Regierung das Freedmen’s Bureau ins Leben, das als Abteilung dem Kriegsministerium unterstand und dafür zuständig war, Freigelassene durch soziale Hilfsleistungen zu unterstützen und ihre Neuansiedlung in den Südstaaten zu verwalten (Cox 1958). Ehemals Versklavte und ihre Verbündeten sahen dies als ersten Schritt in Richtung der Entschädigung, die ihnen zustand. Schnell folgte jedoch Ernüchterung, als Andrew Johnson nach der Ermordung von Abraham Lincoln dessen Nachfolge als Präsident antrat. Die Johnson-Regierung machte sich eilig daran, Anhänger: innen der Konföderierten zu be‐ gnadigen und Land und Eigentum ihren ursprünglichen Besitzer: innen zurückzugeben. Zehntausende befreite Sklav: innen, denen man eigenes Land in Aussicht gestellt hatte, waren gezwungen, Pacht- und Arbeitsverträge mit ihren einstigen Unterdrücker: innen zu verhandeln. Politiker: innen sprachen nun davon, dass Befreite nicht etwa durch die Inanspruchnahme von Zuwendungen, sondern allein durch Bescheidenheit und harte Arbeit wirtschaftliche Unabhängigkeit erlangen könnten. Mit dieser Haltung ebneten sie - ob aus Naivität oder Selbstgefälligkeit - den Weg für das erneute Erstarken der weißen Vorherrschaft im Süden. Schwarze US-Amerikaner: innen waren nun Teil einer „freien Gesellschaft“, in der Segregation, Gewalt und Terror an der Tagesordnung waren und in der sich die Schrecken der Sklaverei unter anderem Namen wiederholten - sei es in Form des ausbeuterischen Sharecropping-Systems, als Teufels‐ kreis fortschreitender Verschuldung oder durch die Verpachtung von Strafgefangenen (convict leasing) (→ Kapitel Rassismus und Wirtschaft). 49 Der Kampf um Reparationen 603 <?page no="604"?> Erläuterung | 40 acres und ein Maultier: Der Ausdruck „40 acres and a mule“ ist mittlerweile fest im Diskurs um Sklaverei-Reparationen verankert und in den USA regelmäßig auf Schildern von Demonstrierenden zu lesen, die an Juneteenth der Befreiung der Schwarzen Sklav: innen gedenken. Er bezieht sich auf die 40 acres Land (ca. 16,2 Hektar), die den ehemals Versklavten durch die von General Sherman veranlassten Special Field Order No. 15 und die Verfügung des Freedmen’s Bureau nach dem Bürgerkrieg zugesprochen worden waren. Die Aufhebung der Special Field Order No. 15 und die Einstellung von Programmen zur Landumverteilung wird häufig als Beginn einer Reihe von politischen Fehlentscheidungen angeführt, die es der Schwarzen Bevölkerung unmöglich machten, in den Generationen nach der Emanzipation Wohlstand aufzubauen (Darity 2008). Heute ist das Zitat „40 acres und ein Maultier“ daher, in den Worten von Robin D. G. Kelley, gleichbedeutend mit nicht eingehaltenen Versprechen („shorthand for broken promises“) und dient als neuerlicher Aufruf zur Auseinandersetzung mit den folgenschweren Versäum‐ nissen, die bis heute eine Entschädigung der Opfer von Sklaverei verhindern (Kelley-2007, 209). Radikale Politiker: innen, Abolitionist: innen und Freigelassene setzten sich im Laufe der Reconstruction fortwährend für die Übertragung von Land ein. Mit zunehmendem Alter der ehemals versklavten Bevölkerung und der Entwicklung der USA hin zu einem von Lohnarbeit geprägten Industriestaat verloren solche Forderungen nach nicht monetärer Entschädigung mehr und mehr an Relevanz. An ihre Stelle traten stattdessen Rufe nach finanziellem Ausgleich. Im Jahr 1896 gründeten die ehemaligen Sklav: innen Callie House und Isaiah Dickerson die National Ex-Slave Mutual Relief, Bounty and Pension Association. Die Organisation trat für die Einführung einer Altersvorsorge für aus der Sklavenarbeit Befreite ein, die nach dem Vorbild des Rentenprogramms für Bürgerkriegsveteranen gestaltet werden sollte (Berry 2009). Ihre Initiative gab den Anstoß für jahrzehntelange organisierte Bemühungen von Afroamerikaner: innen um die Umsetzung von Reparationen. Erläuterung | Reparationen nach 1945: Mit dem Begriff „Reparationen“ sind historisch die Zahlungen gemeint, die eine besiegte Kriegspartei an den Sieger zu entrichten hat. So wurde etwa Deutschland nach dem Ersten und Zweiten Welt‐ krieg zur Leistung von Reparationen verpflichtet. Im Kontext von Diskursen zum Holocaust wurde es üblich, den Begriff „Reparationen“ weiter zu fassen und auf Menschenrechtsverletzungen im Allgemeinen zu beziehen. Bestehende rechtliche Strukturen erwiesen sich als ungeeignet, dem Ausmaß von entstandenem Leid, Schaden und Verlust Rechnung zu tragen. Die seitdem von Deutschland ergriffenen Maßnahmen zur Wiedergutmachung nationalsozialistischer Verbrechen nehmen folglich vielfältige Formen an. So wurden sowohl an individuelle Opfer als auch 604 49 Der Kampf um Reparationen <?page no="605"?> an Israel Reparationszahlungen geleistet, während man auf struktureller Ebene ein Programm zur Förderung der Bildung und Erinnerungskultur initiierte - ein Schritt in Richtung des erklärten Ziels, eine Wiederholung der Geschichte zu verhindern (Neiman-2019). Diese Aufarbeitung zum Zweck der Wiedergutmachung von Aus‐ beutung und Menschenrechtsverletzungen während des Holocaust gilt für viele als Präzedenzfall: Ein ähnlicher Umgang sei demnach auch mit den Nachfahr: innen der Opfer von Sklaverei in den USA geboten (Robinson-2000, Westley-2005). Im Angesicht von Jim-Crow-Gesetzgebung, Aktivitäten des Ku-Klux-Klans und an‐ haltender Diskriminierung verloren einige Afroamerikaner: innen den Glauben an die reale Möglichkeit einer multiethnischen Demokratie. Während der 1920er Jahre propagierten Marcus Garvey und die Universal Negro Improvement Association eine finanzierte Rückführung nach Afrika (Ewing 2016). In der zweiten Hälfte des 20. Jahr‐ hunderts markierten die Nürnberger Prozesse einen juristischen Meilenstein. Mit dem Tatbestand der Verbrechen gegen die Menschlichkeit, der erstmal zur Anwendung kam, ebnete man auch Reparationsaktivist: innen den Weg für begründete Forderungen nach Wiedergutmachung. Der internationale Diskurs um Gerechtigkeit und universelle Menschenrechte rückte den berechtigten Anspruch von Afroamerikaner: innen auf Entschädigung mehr denn je in den Fokus (Meister 2012). Während der 1950er Jahre wandte sich Queen Mother Audley Moore in zwei Petitionen an die Vereinten Nationen und forderte Reparationen für Afroamerikaner: innen. Später war sie Gründerin der in Harlem, New York City, ansässigen Universal Association of Ethiopian Women (UAEW) die sich für Reparationszahlungen in Form von Sozialleistungen an armutsbet‐ roffene Afroamerikanerinnen einsetzte. Forderungen nach monetärer Entschädigung, Wohnungszuschüssen und anderen Formen der Restitution bildeten das Fundament eines Zehn-Punkte-Programms, das die Black Panther Party 1966 verabschiedete. Im Jahr 1969 drängte der Bürgerrechtsaktivist James Forman in seinem Black Manifesto darauf, weiße Kirchen- und Synagogengemeinden zu Reparationszahlungen in Höhe von 500 Millionen US-Dollar zu verpflichten, um ihre Mitschuld am Leid der Sklaverei zu begleichen. Gemeinsam mit weiteren namhaften Schwarzen Aktivist: innen grün‐ dete Forman im Jahr 1987 die National Coalition of Blacks for Reparations in America kurz N’COBRA. Nachdem er bereits 2016 in einem aufsehenerregenden Essay für The Atlantic die Pra‐ xis des redlining angeprangert hatte, durch die Afroamerikaner: innen infrastrukturelle Benachteiligung erfahren, sprach sich Ta-Nehisi Coates 2019 vor dem US-Kongress für Reparationen aus. Auch die Ermordung von George Floyd im Jahr 2020 und die darauf folgenden Aktionen und Proteste der Black-Lives-Matter-Bewegung befeuerten Vorstöße in der Reparationsdebatte (→ Kapitel Black Lives Matter). Reparationen für Sklaverei waren 2020 Thema in den Vorwahldebatten der Demokratischen Partei zur US-Präsidentschaftswahl. Im Jahr 2022 erhielt der Gesetzesentwurf H. R. 40 - dessen Name sich auf die einst von Sherman versprochenen 40-acres Land bezieht-- erstmals 49 Der Kampf um Reparationen 605 <?page no="606"?> seit seiner ursprünglichen Vorlage 1989 genügend Stimmen, um vor dem Repräsen‐ tantenhaus zur Anhörung gebracht zu werden. Im Mai 2023 einigte sich eine eigens eingerichtete Taskforce in Kalifornien auf einen Empfehlungsbericht zur Durchfüh‐ rung einer Reparationskampagne für Afroamerikaner: innen. Auf Bundesebene brachte Cori Bush als Vertreterin Missouris im Repräsentantenhaus eine Beschlussvorlage über Reparationen an Afroamerikaner: innen ein. Diese sah Entschädigungsleistungen in Höhe von 14 Billionen US-Dollar vor, um das „rassische“ Wohlstandsgefälle abzubauen. Diese Gesetzesentwürfe können seit der Direktive von Sherman als deutlichste Fort‐ schritte im Kampf um Sklaverei-Reparationen gelten. Sind die Fortschritte auf Regierungsebene nach wie vor gering, haben Reparationen in letzter Zeit dafür verstärkt Eingang in Debatten auf gesamtgesellschaftlicher, fami‐ liärer und individueller Ebene gefunden. Banken und Konzerne sind erhöhtem Druck aus der Zivilgesellschaft ausgesetzt, ihre historischen Verbindungen zur Sklaverei auf‐ zuarbeiten. Diese Forderung betrifft auch Hochschulen wie die Universitäten Brown, Harvard und Georgetown, die man in die Pflicht nehmen möchte, Nachfahr: innen ver‐ sklavter Personen zu ermitteln und durch Stipendien-, Forschungs- und gemeinnützige Programme zu entschädigen. Zu den weiteren sozialen Formen von Reparationen zählt insbesondere auch die öffentliche kritische Auseinandersetzung mit der Art und Weise, wie US-amerikanische Geschichte und kollektive Erinnerung schriftlich und mündlich vermittelt und gelehrt wird. Die Rolle der Zivilgesellschaft und nicht staatlicher Akteur: innen rückt im Reparationsdiskurs häufig in den Hintergrund. Es darf jedoch keinesfalls verkannt werden, dass gerade Freiwilligenorganisationen, Kirchen und engagierte Einzelpersonen als treibende Kraft hinter Entschädigungsinitiativen stehen. Zeitbezogene Herausforderungen Umfang und Art der Entschädigungsforderungen sind in ihrer historischen Veränder‐ lichkeit immer auch Ausdruck von Temporalität. Sie richten sich nicht nur nach dem Schaden, der getilgt werden soll, sondern werden dabei von den Ereignissen und gesellschaftlichen Umständen der jeweiligen Zeit geprägt. Sklaverei und rassis‐ tische Gesetzgebung werden in den USA zwar häufig als historisches und nicht etwa gegenwärtiges gesellschaftliches Phänomen betrachtet, ihre Folgen sind aber dennoch bis heute spürbar. Gegner: innen von Reparationen an Afroamerikaner: innen argumentieren, der Anspruch auf und die Notwendigkeit von Entschädigung seien nach all der Zeit verjährt. Befürworter: innen halten dagegen, dass die Verschleppung den Schaden eher verschlimmert und seine genaue Bestimmung und Behebung er‐ schwert habe. Zu berücksichtigen ist, dass es sich bei Vorstellungen von Zeit sowie Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft um sozial konstruierte Konzepte handelt, die häufig dem Zweck dienen, Machtstrukturen einer herrschenden Gruppe aufrecht‐ zuerhalten (Crawford 2015). Wem es gelingt, das eigene Zeitverständnis anderen gegenüber geltend zu machen, sichert sich damit auch erhebliche Einflussnahme. Zeit kann so dazu beitragen, verschiedene Ungleichheiten und Systeme zu verstärken 606 49 Der Kampf um Reparationen <?page no="607"?> und zu reproduzieren. Auch die Zeitwahrnehmung an sich nimmt im Diskurs häufig rassifizierende Dimensionen an. Die Sklaverei wird im allgemeinen Bewusstsein als etwas empfunden, das lang zurückliegt. Nachfahr: innen von deren Opfern sehen sich daher mit dem Vorwurf konfrontiert, sie seien unfähig, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und nach vorne zu blicken. Gleichzeitig warnen diejenigen, die sich gegen den Abbau von Konföderierten-Denkmälern aussprechen, vor einem damit einhergehenden „Auslöschen der Geschichte“. Wie der Philosoph Robert Westley feststellt, stehen Aktivist: innen in ihren Bemü‐ hungen um Reparationen für Afroamerikaner: innen gegenwärtig vor der komplexen Aufgabe, die geltende Rechtsordnung mittels deren eigenen Mechanismen anzufech‐ ten. Verjährungsfristen, die Ermittlung konkreter klagender und beklagter Parteien und die Bemessung des erlittenen Schadens entscheiden über juristischen Erfolg. Durch die generationsübergreifende Weitergabe des Konflikts und den systemischen Charakter der rassistischen Diskriminierung gestaltet sich die Bestimmung dieser Faktoren im Fall von Sklaverei und Rassismus in den USA jedoch als bestenfalls spekulatives Unterfangen. Die Schwierigkeit kontrafaktischer Argumentation besteht darin, dass sie die Annahme einer unmöglichen Realität voraussetzt - einer Version der Welt, in der es Sklaverei nie gegeben hat. Vorwürfe ungerechtfertigter Bereicherung an dem durch Sklaverei erwirtschafteten Vermögen, lassen sich nur schwer quantifizieren. Sie lassen zudem außer Acht, inwiefern sich die rassistische Gesetzgebung nach Abschaffung der Sklaverei auf weniger unmittelbare Art und Weise auf den Aufbau von Wohlstand ausgewirkt hat. Für Westley ist die Frage der Reparationen letztlich eine Frage der „Neubewertung“ („revaluation“) (2005, 84). Afroamerikaner: innen besaßen Wert als Objekte im Besitz anderer, verfügten aber nach Auflösung und Übertragung dieses Eigentumsverhältnisses selbst über kein nennenswertes Vermögen. Die Ab‐ schaffung der Sklaverei ermöglichte zwar den Übergang vom Eigentumsobjekt zum Eigentumssubjekt, verfehlte dabei aber das Ziel eines umfangreichen Schadensausg‐ leichs. Im aktuellen Diskurs um Restitutionen müssen auch die über zwei weitere Jahrhunderte fortgesetzte Gewalt, Aneignung und systematische sowie gesellschaftli‐ che Diskriminierung miteinbezogen werden. Im Laufe der Zeit ist die Quantifizierung von Reparationen sowohl zur Notwendigkeit als auch Unmöglichkeit geworden. Der Umgang mit Reparationen, so beschreibt es der Philosoph Olúfẹ́mi O. Táíwò, betrifft nicht nur die Ungerechtigkeiten des Gestern, sondern auch unsere Gestaltung des Morgen (2022). So ist die Geschichte der Reparationen für Sklaverei ebenso Chronik einer langen Vergangenheit wie Teil der Gegenwart und Zukunft. Deutsche Übersetzung durch Maria Ewald. 49 Der Kampf um Reparationen 607 <?page no="608"?> Literatur Araujo, Ana Lucia. 2017. Reparations for Slavery and the Slave Trade: A Transnational and Comparative History. London: Bloomsbury Academic. Berry, Mary Frances. 2009. My Face Is Black Is True: Callie House and the Struggle for Ex-Slave Reparations. New York: Random House US. Congress.gov. 2008. „Text-- H.-Res.-194-- 110th Congress (2007-2008): Apologizing for the enslavement and racial segregation of African-Americans.“ 29.-Juli-2008. https: / / www.congr ess.gov/ bill/ 110th-congress/ house-resolution/ 194/ text. Abgerufen am 1.-November-2023. 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Westley, Robert. 2005. „The Accursed Share: Genealogy, Temporality, and the Problem of Value in Black Reparations Discourse.“ Representations-92, 1: 81-116. 608 49 Der Kampf um Reparationen <?page no="609"?> 1 Dieser Text geht auf einen Artikel zurück, der am 6.04.2022 unter dem Titel „Black Lives Matter - eine Bestandsaufnahme“ von der Bundeszentrale für politische Bildung publiziert wurde (https: / / w ww.bpb.de/ themen/ nordamerika/ usa/ 507013/ black-lives-matter-eine-bestandsaufnahme/ ). 50 Black Lives Matter Luvena Kopp Abstract | Während der Präsidentschaft Barack Obamas, dem ersten schwarzen Präsidenten der USA, entstand eine antirassistische Bewegung mit dem eindrin‐ glichen Slogan „Black Lives Matter“, die sich global ausweitete. Im Zuge der Covid-19-Pandemie und dem brutalen Polizeimord an George Floyd wuchsen die Bekanntheit und der politische Einfluss dieser Bewegung. Zugleich verstärkten sich die politischen Attacken auf sie und es kam zu einem internen Richtungsstreit. Das Kapitel zeichnet diese Entwicklung nach. Zudem fragt es nach der zukünftigen Rolle von Black Lives Matter angesichts des ultrarechten Backlashs unter dem wiedergewählten US-Präsidenten Donald Trump. „Black Lives Matter“ (BLM) ist der Slogan der mutmaßlich größten Protestbewegung in der Geschichte der USA (Buchanan, Bui, und Patel 2020). 1 Die Bewegung, die 2013 durch einen Hashtag ins Leben gerufen wurde, erreichte im Sommer 2020 mit der viralen Verbreitung des Videos, das die Ermordung des Afroamerikaners George Floyd durch einen Polizisten zeigt, ihren bisherigen Höhepunkt. Floyd war im Mai 2020 qualvoll erstickt, als der Polizist Derek Chauvin vor laufenden Handykameras knapp neuneinhalb Minuten auf seinem Hals kniete (Levenson 2021). In diesem Sommer weiteten sich die Proteste zu einer globalen Bewegung aus. Millionen Menschen gingen auf die Straße, um gegen Rassismus und Polizeigewalt zu protestieren. Die hohe Beteiligung an den Protesten und ihre globale Dimension kann insbesondere durch drei Faktoren erklärt werden. Zum einen offenbarte das virale Video vom Mord an Floyd einer breiten Öffentlichkeit den rücksichtslosen Umgang der Polizei mit bestimmten Gruppen. Hinzu kam, dass sich dieser Fall und andere Fälle von Polizeigewalt während der Covid-19-Pandemie ereigneten. Die Wahrscheinlichkeit war also hoch, dass sich Menschen weltweit im Lockdown vor Bildschirmen befanden, als Nachrichten und Videos über diese Vorfälle - aber auch Aufrufe zu Protesten - geteilt wurden. Viele Menschen hatten durch die Pandemie auch die Zeit, an Protesten teilzunehmen (Buchanan, Bui and Patel 2020). Zweifellos sorgte für die hohe Beteiligung auch der Umstand, dass die Pandemie die strukturelle Benachteiligung von schwarzen und anderen rassifizierten Menschen aus den Armenvierteln verschärfte. Es waren nämlich überwiegend People of Color aus dem (Sub-)Proletariat, die die verehrenden Auswirkungen der Pandemie (z. B. höhere <?page no="610"?> Erkrankungs- und Todeszahlen, Jobverlust, etc.) zu spüren bekamen. Auch Floyd, der durch die Pandemie seinen Job als Wachmann in einem Restaurant verloren hatte, war kurz vor seinem Tod von Covid-19 genesen (Haworth, Torres, und Pereira 2020). Seine Ermordung durch die Polizei verdeutlichte die Auswirkungen des strafrechtlichen Mana‐ gements einer armen, also ökonomisch „enteigneten“, und (rassistisch) geächteten, also symbolisch „entehrten“, Gruppe. Der Tötungsakt stand damit direkt im Zusammenhang mit der vermeintlichen Entbehrlichkeit einer schwarzen „Surplus-Bevölkerung“, die ihre Arbeitskraft im Zuge des deregulierten neoliberalen Kapitalismus nicht länger verkaufen kann (Wacquant 2001, 95, 105; Übers. LK). Die antirassistischen Proteste wurden zum Gegenstand des Präsidentschaftswahlkamps 2020. Der amtierende ultrarechte Präsident Donald Trump setzte darin wieder auf falsche Nachrichten und jene polarisierenden postfaktischen Strategien, die ihn vier Jahre zuvor an die Macht gebracht hatten. Er stellte die Proteste als Gefahr für die öffentliche Sicherheit dar und bezeichnete die Teilnehmer: innen als „professionelle Anarchisten“, „Plünderer“ und „Kriminelle“ (United States National Archives and Records Administration 2020, Übers. LK). In zahlreichen Bundesstaaten wurden Ausgangssperren verhängt und Nationalgardisten entsandt, die die Proteste gewaltsam niederschlugen. Dass Trump die Wahl im November 2020 nicht gewann, lag auch an der erfolgreichen Mobilisierung durch BLM, die dafür sorgte, dass die Demokratische Partei wichtige swing states gewann (Caren, Andrews und Nelson 2023). Entstehung von BLM BLM entstand unter dem ersten schwarzen US-Präsidenten. Das mag zunächst ver‐ wundern, signalisierte Barack Obamas Wahl 2008 doch, einigen Beobachter: innen zufolge, den Beginn eines sogenannten post-racial America in dem Rassismus angeblich überkommen sei. Obamas Wahl kann als Folge des gesellschaftspolitischen Aufstiegs der schwarzen Elite gesehen werden. Besonders nach der Verabschiedung der Bür‐ gerrechtsgesetze, welche öffentliche Diskriminierung in den USA formal verboten und die gesellschaftliche Teilhabe somit auf Minoritäten ausweiteten, bekleideten die Angehörigen dieser relativ kleinen schwarzen Bourgeoisie verstärkt führende Positionen in der Politik, dem Justizwesen, der Wirtschaft, Wissenschaft und anderen Machtpositionen der US-Gesellschaft. Durch ihre vergleichsweise höhere soziale Stellung gelingt es Angehörigen der schwarzen Bourgeoisie besser - wenn auch nicht komplett - das Stigma von Schwarzsein zu bewältigen. Mit höherem Einkommen sowie dem Zugang zu höherer Bildung und besseren Wohnvierteln hat sich ein Großteil der schwarzen Mittelschicht geographisch, ökonomisch und gesellschaftlich zunehmend von der Masse des schwarzen (Sub-)Proletariats entfernt, sodass Rassismus innerhalb der schwarzen Community mittlerweile unterschiedlich erfahren wird. Während die schwarze Mittelschicht hauptsächlich mit mehr oder weniger subtilen Formen der Alltagsdiskriminierung konfrontiert ist, besteht Rassismus im Fall des schwarzen (Sub-)Proletariats vor allem aus massiver ökonomischer Ausbeutung und einer poten‐ tiell tödlichen strafrechtlichen Überwachung bzw. Kontrolle. Auch der Aufstieg eines 610 50 Black Lives Matter <?page no="611"?> schwarzen Mannes ins höchste politische US-Amt hat daran nichts geändert. Obamas Präsidentschaft markierte daher sicher nicht das Ende von Rassismus in den USA, sondern vielmehr das Ende der Rassismus-Debatte in einer Gesellschaft, die sich - nicht zuletzt durch eine schwarze First Family im Weißen Haus - als meritokratisch und farbenblind imaginiert. Es ist wichtig darauf hinzuweisen, dass sich der Slogan „Black Lives Matter“ auch gegen das Konzept der Farbenblindheit (colorblindness) richtet, das nach Obamas Wahl wieder vermehrt zur Beschreibung der US-Gesellschaft genutzt wurde und auch von der derzeitigen Trump-Administration für ihren Kampf gegen diversity, equity, and inclusion (DEI) bemüht wird. Dieses Konzept, das insbesondere Ende der 1960er Jahre, nach dem formalen Ende der Diskriminierung in den USA, prominent wurde, beruht auf der Vorstellung, dass „Rasse“ in der US-Gesellschaft keine Rolle mehr spielt, kommt faktisch jedoch einem Verschließen der Augen gegenüber anhaltender rassifizierter Unterdrückung gleich. Während Keeanga-Ya‐ mahtta Taylor (2017) zeigt, wie das Argument der Farbenblindheit US-Gesetzgeber: innen dazu verhilft, wichtige Sozialhilfeprogramme zu streichen, verweist Michelle Alexander (2016) auf die Funktion des Strafrechtssystems, das in der Ära der Farbenblindheit die Fortführung der Unterdrückung insbesondere schwarzer Männer mit Hilfe des Labels des „Kriminellen“ erlaubt. Auch wenn „change“ ein Schlüsselbegriff in Obamas Wahlkampf‐ kampagne war, zeigen die beschriebenen Interrelationen von Errungenschaft (z. B. die Abschaffung von öffentlichem Rassismus) und Backlash (z. B. farbenblinder Rassismus), dass „Stabilität und Wandel“, wie Astrid Franke betont, „nicht notwendig Gegensätze sind“. Vielmehr „reproduziert sich“ struktureller Rassismus „auch durch Wandel“. Hierbei ist, laut Franke, insbesondere das Rechtssystems von Bedeutung (Franke 2018, 61, 58). Neben der Unzufriedenheit über die Entwicklungen unter der Obama-Administra‐ tion war es insbesondere der Schock über den gerichtlichen Freispruch von George Zimmerman, der BLM im Juli 2013 ins Leben rief (ebd., 58). Zimmerman hatte im Februar 2012 den 17-jährigen Trayvon Martin erschossen, weil dieser ihm, durch seine Anwesenheit in einer wohlhabenden, mehrheitlich weißen geschlossenen Wohnanlage in Sanford, Florida, verdächtig vorkam. Martins Ermordung verdeutlichte die tödlichen Folgen von racial profiling, der rassifizierte Menschen in den USA täglich ausgesetzt sind. Viele schwarze Menschen identifizierten sich daher mit dem Teenager, der mit einer Limonade und Kaubonbons von einem Kiosk auf dem Nachhauseweg war, als er auf seinen Mörder traf. Bestürzt über Zimmermans Freispruch veröffentlichte die Aktivistin Alicia Garza eine Reihe von Posts auf Facebook. Patrisse Cullors, eine weitere Aktivistin und Freundin Garzas, las diese und antwortete mit dem Hashtag #BlackLivesMatter, der sich rasch in den sozialen Medien verbreitete. Ayọ Tometi, ebenfalls Aktivistin, schloss sich den Freundinnen an und kreierte Internetseiten, über die man sich austauschte, an den bereits entstehenden Straßenprotesten teilnahm und den BLM-Slogan verbreitete (Garza 2020, 155-67; Hirschfelder 2016, 234-35). Die Proteste nach dem Tod des 18-jährigen Michael Brown machten BLM zum Ausruf einer nationalen Bewegung. Brown war im August 2014 in der Nähe seines Wohnortes in Ferguson, Missouri, von dem Polizisten Darren Wilson erschossen worden. Das 50 Black Lives Matter 611 <?page no="612"?> besonders rücksichtlose Vorgehen der Ferguson Polizei erregte starkes Aufsehen. Nach der Tötung ließen die Polizist: innen Browns Leiche nämlich stundenlang in der heißen Sonne liegen, sichtbar für alle Anwohner: innen (inklusive Kinder) des schwarzen Armenviertels. Die Segregation in Ferguson - einer ehemaligen sundown town, die schwarze Menschen vor Sonnenuntergang verlassen mussten - glich der Rassentrennung im Süden während der Jim-Crow-Ära. Die weißen Bewohner: innen monopolisierten die Machtpositionen der Stadt und (re)produzierte auf dieser Basis die Statusinferiorität der schwarzen Bewohner: innen (Kopp 2016, 2018). Das US-Jus‐ tizministerium deckte nach Browns Tötung auf, dass schwarze Menschen in Ferguson überproportional häufig, und teils verfassungswidrig, von der Polizei angehalten und verhaftet wurden, dass sie exzessive Polizeigewalt erfuhren und von der Polizei- und Justizbehörde systematisch zur Füllung der kommunalen Kassen ausgebeutet wurden (United States Department of Justice Civil Rights Division 2015; → Kapitel Polizeisystem und Polizeigewalt). Anwohner: innen errichteten an der Stelle, an der Browns Leiche gelegen hatte, eine Gedenkstätte, die von der Polizei wiederholt beschmutzt und zerstört wurde. Am nächsten Abend begannen die wütenden Proteste (Taylor 2017, 183). Als Garza, Cullors, Tometi und andre BLM-Aktivist: innen in Ferguson eintrafen, waren bereits viele Organisationen vor Ort. Barbara Ransby (2018) beschreibt die verschiedenen lokalen, vorrangig feministischen und queeren schwarzen Organisationen und Akti‐ vist: innen, die im Zuge dieses Protests (re)aktiviert wurden und sich politisierten (47-80). Manche Beobachter: innen argumentieren daher, dass der Erfolg von BLM zunächst im „branding“ der Proteste lag (Campbell 2022). Cullors und ihr Kollege Darnell Moore organisierten einen Black Lives Matter Freedom Ride - angelehnt an die Freedom Rides der Bürgerrechtsbewegung -, der insgesamt fünfhundert Aktivist: innen und Medienschaffende nach Ferguson brachte (Garza 2020, 175). Im November 2014 entschied die lokale Grand Jury, Wilson nicht anzuklagen. Dass das Justizministerium eine Untersuchung durchführte, die die Debatte über strukturellen Rassismus bei der Polizei und anderen US-Institutionen vorantrieb, macht jedoch den Einfluss deutlich, den die Proteste auf die nationale Politik ausgeübt hatten. Innerhalb eines Jahres war BLM zu einer führenden Widerstandsbewegung avanciert. Organisation, Themen und Ziele von BLM Der Slogan „Black Lives Matter“ ist nicht markengeschützt. Auch daher sollte zwischen der breiten Bewegung im Allgemeinen und der BLM-Organisation im engeren Sinne unterschieden werden. BLM wird heutzutage oft als Label für antirassistische Bewe‐ gungen in den USA verwendet, unabhängig davon, ob diese den Slogan verwenden, oder nicht. Bei der Organisation Black Lives Matter Global Network (BLMGN) handelt es sich um ein Netzwerk aus (inter)nationalen Ortsverbänden. Noch 2020 beschrieb Garza diese als eine „leader-full organization“, in der „[j]eder Ortsverband“ eigenständig „interne Führungsstrukturen und -qualitäten“ entwickele, „Entscheidungen über die 612 50 Black Lives Matter <?page no="613"?> Arbeit [des jeweiligen] Ortsverbands“ treffe und „einen Beitrag zur Entscheidungsfin‐ dung im Hinblick auf die Aktivitäten und Positionen des größeren Netzwerkes“ leiste. Entscheidend war dabei stets die Ablehnung charismatischer „Führungsfiguren“ (223). Die dezentrale Führungsorganisation markiert, neben dem Hashtag-Aktivismus, einen der deutlichsten Unterschiede zu den schwarzen Bewegungen der 1960er und -70er Jahre. Zentralistisch geführte Organisationen, so die Ansicht von BLMGN, sind fragil, da ihre Führungspersönlichkeiten von den Interessen der Herrschenden vereinnahmt werden bzw. persönliche Interessen über die der Organisation stellen können; Führungspersönlichkeiten sind ferner - wie die Fälle von Martin Luther King, Malcolm X oder Huey P. Newton zeigen - häufig Ziele von Mordanschlägen, wodurch wesentliche Vorhaben und Konzepte der Organisationen mit den Ermordeten sterben (Garza 2020, 221-22; Hirschfelder 2016, 252-53). Dezentralisierung ist aber auch eine vor allem von Millennials umgesetzte, neuen Form von Protest, die mit den traditionellen Praktiken der alten Garde bricht. Wegen ihrer Anführer prägten vergangene schwarze Protestbewegungen bislang die dominante Vorstellung von schwarzem Widerstand als Domäne heterosexueller, vorwiegend religiöser Cis-Männer mit respektabler Außendarstellung. Im Unterschied hierzu macht die dezentrale Führungsaufteilung von BLM jene aktivistische Arbeit und Tradition sichtbar, die in der öffentlichen Wahrnehmung normalerweise unbeachtet bleibt: die Arbeit schwarzer Frauen, die - wie im Fall der drei BLM-Mitbegründerinnen - vorwiegend queer, nichtreligiös und „unapologetically Black“ sind (Matthews und Noor o. D., 12, 13, 37; → Kapitel Schwarzer Fe‐ minismus). Der Fokus auf schwarze Leben macht zudem deutlich, dass sich BLM vor allem als Menschenrechtsbewegung versteht. Während Vertreter: innen der Bürgerrechtsbewegung hauptsächlich (wenn auch nicht ausschließlich) um die Anerkennung US-amerikanischer Bürgerrechte kämpften, betont BLM den Schutz schwarzen Lebens vorranging auf der Basis der universellen Menschenrechte. Dies sorgt auch für die globale Anschlussfähigkeit der Bewegung. (Harris 2015; Hirschfelder 2016, 232, 248-49). Erläuterung | Alicia Garza, Die Kraft des Handelns (2020): Im Oktober 2020 veröf‐ fentlichte Alicia Garza ein Buch, das in der deutschen Übersetzung den Titel Die Kraft des Handelns: Wie wir Bewegungen für das 21. Jahrhundert bilden trägt. Es beschreibt ihre jahrzehntelange Erfahrung im Aufbau von Bewegungen und ihre Zeit als Mitbegründerin der BLM-Bewegung. Garzas Buch räumt mit romantischen und individualistischen Vorstellungen von Aktivismus auf, indem es die alltägliche Praxis und Herausforderungen dieser Arbeit beschreibt und die Wichtigkeit von Beziehungsaufbau und Interessenskoalitionen hervorhebt. Bewegungsaufbau, so Garza, verlange „Ausdauer, Beharrlichkeit und Einsatz“ und habe wenig zu tun „mit dem Engagement von Blogger: innen“, die lediglich das Weltgeschehen in den sozialen Me‐ dien kommentieren (Garza 2020, 88-9). Indem sie „[p]olitische Bewegungen“ als „unser Erbe“ bezeichnet (12), macht Garza auch deutlich, dass BLM als Teil einer historisch weit zurückreichenden schwarzen Befreiungsbewegung betrachtet werden muss, die so lange existiert, wie schwarze (und andere) Menschen in den USA unterdrückt sind. 50 Black Lives Matter 613 <?page no="614"?> Ein Kernanliegen von BLM ist der Kampf gegen Polizeigewalt. Aktivist: innen verwen‐ den häufig den Begriff Staatsgewalt (state violence) und meinen damit die Gewalt der Polizei, aber auch die polizierende Gewalt von Individuen und Bürgerwehren. Die Ak‐ tivist: innen bezeichnen diese Gewalt dann als staatlich sanktioniert, wenn sie juristisch nicht geahndet wird (Garza 2014). Mit dem Ruf nach Abolition - der die historische Be‐ wegung zur Abschaffung der Sklaverei evoziert - fordern Teile von BLM eine radikale systemische Veränderung, die mit der Abschaffung des Strafrechtssystems einhergeht. Eine moderatere Forderung verlangt „police reform“, d. h. eine Reformierung des Strafrechtssystems, z. B. durch Körperkameras und Trainings für die Polizei, was bei liberalen Politiker: innen auf stärkere Akzeptanz trifft. Alex S. Vitale (2017) verweist dagegen auf die Grenzen der Reformstrategie, die er mit der grundlegenden Aufgabe des Strafrechtssystems, dem Management sozialer Ungleichheit, begründet. Von Abolitionist: innen und Reformer: innen hört man häufig auch den Ausruf „Defund the police“. Damit fordern sie, der Polizei die finanziellen Mittel zu entziehen und diese in die Infrastruktur der vom Strafrechtssystem ins Visier genommenen Armenviertel zu investieren. Während andere Institutionen des öffentlichen Sektors, den besonders arme Menschen für Lebensunterhalt, Gesundheit, Bildung etc. brauchen, im Zuge neoliberaler Austerität dezimiert werden, haben Polizeibehörden (und andere Bereiche des Sicherheitsapparats) im Zuge des War on Drugs und des War on Terror eine massive Aufrüstung erfahren (Taylor 2017, 142-57). BLM fordert ein Ende dieser staatlichen Priorisierung von Polizei und Militär. Die präventive Investition in die Lebensqualität benachteiligter Gemeinden würde die Arbeit der Polizei langfristig obsolet machen (Black Lives Matter 2020). Kritik an der BLM-Bewegung Die BLM-Organisation nahm 2020, im Zuge der antirassistischen Proteste, rund 90 Mil‐ lionen Dollar an Spendengeldern ein. Im selben Jahr wurde auch die Aufteilung in drei Teilorganisationen verkündet. Neben der Black Lives Matter Global Network Founda‐ tion (BLMGNF), die fortan hauptsächlich für das Fundraising und die Verwaltung der Gelder zuständig war, gab es noch das Black Lives Matter Political Action Comittee (BLM PAC), welches, auch vor dem Hintergrund der ersten Trump-Präsidentschaft, mit der ursprünglichen Strategie, der Parteipolitik fernzubleiben, brach. Mit Black Lives Matter Grassroots (BLM Grassroots) gab es nun zudem eine Dachorganisation der Ortsverbände (Black Lives Matter 2021). Kritiker: innen aus den Ortsverbänden sahen dabei eine Abkehr vom einstigen Fokus auf Graswurzelaktivismus und monierten, dass diese Veränderungen und die damit einhergehende Anpassung an bestehende Strukturen - z. B. durch politische Beteiligung und die Kooperation mit (Groß-)Konzernen - nicht basisdemokratisch verhandelt worden seien. Man sah darin eine „Machtergreifung“ von Cullors, die nach dem Rückzug von Garza und Tometi die einzig verbliebene Mitbegründerin in der Organisation war und seitdem als Geschäftsführerin agierte. Zusammen mit 614 50 Black Lives Matter <?page no="615"?> einigen Hinterbliebenen der durch BLM bekanntgemachten Opfer von Polizeigewalt beklagten die Ortsverbände zudem die mutmaßliche Intransparenz der finanziellen Verwaltung und gaben an, nichts von den Geldern, die auch durch ihre Arbeit bzw. im Namen der getöteten Angehörigen eingenommen wurden, erhalten zu haben (King 2020, Übers.LK; Campbell 2022). Der Streit eskalierte 2022, als BLM Grassroots unter der Führung von Melina Abdullah, einem BLM-Gründungsmitglied, BLMGNF wegen mutmaßlicher Veruntreuung verklagte (Morrison 2023b). Ein Jahr zuvor war Cullors nach wachsender, teils durch rechte Medien verstärkte, Kritik als Geschäftsführerin zurückgetreten. Inzwischen wird BLMGNF, das sich hauptsächlich der Stiftungsarbeit verschrieben hat, von drei Geschäftsführer: innen geleitet, die eher im Management, als im Aktivismus anzusiedeln sind (Smith 2023). Die externe Kritik an BLM ist so alt wie die Bewegung. Fast zeitgleich mit dem Aufkommen des Slogans meldeten sich erste Stimmen - besonders von rechts - zu Wort, die den Fokus auf schwarze Menschen anprangerten. Dieser sei polarisierend und rassistisch. Lieber solle der Slogan „All Lives Matter“ verwendet werden (Weigel 2016). BLM-Aktivist: innen argumentieren hingegen, dass sie schwarze Leben nicht über andere Leben stellen. Vielmehr soll ihr Slogan den Wert schwarzer Leben, welche in der Vergangenheit und auch gegenwärtig durch strukturellen Rassismus entwertet werden, betonen und deren Schutz als Norm etablieren. In den negativen Reaktionen auf ihren Slogan sehen sie eine Abwehrhaltung gegen diese Botschaft, die die Notwendigkeit des Slogans verdeutlicht. Die Notwendigkeit des BLM-Slogans wird u. a. von Vertreter: innen der Blue-Li‐ ves-Matter-Bewegung bestritten, die in BLM eine polizeifeindliche Bewegung sehen. Sie teilen diese Ansicht oft mit anderen kritischen Stimmen, die tendenziell (wenn auch nicht immer) rechts der politischen Mitte stehen und BLM-Proteste mit Ge‐ walt, Gesetzesbrüchen, Plünderungen und Vandalismus verbinden. Seit 2013 wurden BLM-Aktivist: innen wiederholt durch das FBI überwacht und kontrolliert. Damit setzt das FBI eine lange Tradition der Unterwanderung und Unterdrückung von schwarzem Aktivismus fort (German 2020). Kritiker: innen von BLM verweisen darauf, dass es am Rande einiger BLM-Proteste zu antisemitischen Äußerungen und Handlungen gekommen ist. Auch wenn Antise‐ mitismus, Kai Funkschmidt zufolge, einem „extremistischen Flügel der Bewegung“ zuzuschreiben sei und teilwiese „eher auf das Konto weißer linksextremer BLM-Un‐ terstützer“ ginge, stünde eine Distanzierung seitens der „BLM-Bewegung“ noch aus (Funkschmidt 2020, 85-6). Das Jewish Council for Public Affairs betonte 2015 in einer schriftlichen Stellungnahme die Notwendigkeit einer differenzierten Betrachtung. Ihm zufolge sei BLMs „Kampf für rassische Gerechtigkeit auch ein Kampf für unsere eigene multirassische, multiethnische jüdische Community“. Die Organisation führte aus, dass die Existenz einiger Israelkritier: innen und sogar Antisemit: innen in der Bewegung nicht dazu führen sollte, die größte Bewegung für „rassische“ Gerechtigkeit seit Jahrzehnten nicht zu unterstützen ( Jewish Council for Public Affairs 2015, Übers. LK). Im Oktober 2023 veröffentlichte BLMGNF ein Statement auf ihrer Webseite, 50 Black Lives Matter 615 <?page no="616"?> in dem sie sich für die, anlässlich des Israel-Gaza-Krieges, vom linken Flügel der Demokratischen Partei in den US-Kongress eingebrachte „Ceasefire Now Resolution“ aussprachen (Black Lives Matter 2023). Breite Teile der BLM-Bewegung haben zudem stets ihre Solidarität mit Palästinenser: innen bekundet. Diese Haltung kann im Kontext einer wachsenden öffentlichen Kritik „an Israels Besatzungspolitik und deren negative Folgen für das nationale Selbstbestimmungsrecht und die grundlegenden Menschen‐ rechte der Palästinenser, die durch die Besatzung verletzt werden“ verstanden werden (Stetter 2018). Zu betonen ist zugleich, dass die Position von Afroamerikaner: innen zu Israel und Palästina eine komplexe Geschichte hat. Einerseits gibt es eine lange Tradition der Identifikation mit der zionistischen Bewegung seitens der schwarzen Community. Diese Identifikation reicht bis in die Sklaverei zurück, in der versklavte Menschen ihren Befreiungskampf im Buch Exodus und dem darin beschriebenen Befreiungskampf jüdischer Menschen von ägyptischer Herrschaft widergespiegelt sahen. Auch die Bürgerrechtsbewegung war durch eine jüdisch-afroamerikanische Solidarität gekennzeichnet. Nach dem arabisch-israelischen Krieg von 1967 und den damit verbundenen israelischen Gebietseroberungen begannen schwarze Aktivist: in‐ nen - besonders aus den Reihen der Black-Power-Bewegung - andererseits verstärkt damit, Israel als „kolonialen“ Staat zu beschreiben. Dass die Israel-Kritik innerhalb BLM ebenfalls entlang antikolonialer Argumentationen verläuft, kann u. a. mit der ideellen Nähe der BLM-Bewegung zur Black-Power-Bewegung erklärt werden. Besonders die Ferguson-Proteste, an denen auch palästinensische Aktivist: innen beteiligt waren, erzeugten ein größeres öffentliches Bewusstsein für die Solidarität zwischen schwarzen Menschen und Palästinenser: innen, die auf einer gemeinsamen Kritik an einer, aus ihrer Sicht, Apartheit in Israel und den USA und der damit verbundenen Polizeigewalt gegen rassifizierte Außenseiter: innen beruht (Wang 2021; McGrady 2024). Kritische linke Stimmen monieren an BLM vor allem den vermeintlichen Fokus auf eine repräsentationsbezogene Identitätspolitik. Dies, so der Vorwurf, produziere eine oberflächliche Kritik an Diskriminierung statt an Ausbeutung, die das kapitalistische Organisationsprinzip von sozialer Ungleichheit im Kern unangetastet ließe (Reed 2016). Die prominenteste linke Kritik an BLM kann wohl Keeanga-Yamahtta Taylor zugeschrieben werden. Ihr Buch Von #BlackLivesMatter zu Black Liberation ist auch eine Aufforderung zur Transformation von BLM in eine „rassenübergreifende“, klas‐ senbasierte, antirassistische Arbeiterbewegung, die auf marxistisch-kommunistischen Ansätzen beruht (Taylor 2017, 191-219). Die Neuauflage (2021) enthält ein finales Kapitel (das bisher nicht auf Deutsch übersetzt ist) mit einer eher ernüchternden Analyse der Entwicklungen. Taylor beschreibt, wie BLM mit wachsender Bekanntheit und größerem Einfluss nicht nur mit externen Herausforderungen konfrontiert war - wie den Attacken der Rechten einerseits und der Spaltung von den Pragmatiker: innen und Radikalen der Bewegung durch die Führung der Demokraten andererseits -, sondern vor allem auch mit internen Herausforderungen. Unter diesen betont Taylor insbesondere die „Tyrannei der Strukturlosigkeit im Zeitalter der sozialen Medien“, wodurch es der Bewegung an den nötigen Führungsstrukturen zur Aushandlung von 616 50 Black Lives Matter <?page no="617"?> Konflikten, Methoden und Ausrichtung fehlte. Als weitere Schwierigkeit nennt Taylor den depolitisierenden Effekt von Spendengeldern großer Konzerne, welche nicht nur für Konkurrenz zwischen Aktivist: innen um Spendenerwerb (und mehr Einfluss in der Bewegung) sorgte, sondern auch die integrationistischen Strömungen stärkten. Die Systemkritiker: innen konnten sich daher nicht gegen jene durchsetzen, die sich der - wegen der Trägheit der Strukturen äußerst schwierigen - Aufgabe der Polizeireform verschrieben haben. Nach Taylor genügt es für den Schutz schwarzer und anderer unterdrückter Menschen aber nicht, die Polizei zu verändern. Vielmehr gilt es die Welt zu verändern, in der lebensnotwendige Güter ungleich verteilt sind und diese Ungleichheit mithilfe der Polizei (re)produziert wird (Taylor 2021, Kap. 8, Übers.LK). Das Ende von BLM? BLM-Proteste sind seit den globalen Aufständen im Sommer 2020 kleiner und leiser geworden. Studien verzeichnen einen signifikanten Rückgang der Unterstützung für die Bewegung in den letzten Jahren (Horowitz, Hurst und Braga 2023). Auch die Spendeneinnahmen sind über die Jahre deutlich zurückgegangen (Morrison 2023a). Ein Grund für diese Entwicklung - die manche Journalist: innen bereits dazu veranlasst, über das Ende von BLM zu spekulieren (Smith 2023) - ist der ultrarechte Backlash, der im November 2024 in der Wiederwahl von Trump kulminierte und die Akzeptanz für antirassistische Bewegungen stark gemindert hat. Die Zersplitterung der Organisation und die Abkehr der führenden Teilorganisation vom Graswurzel-Aktivismus kann sicherlich als weiterer Grund für die Abschwächung des 2020-Momentums gesehen werden. Die Geschichte der schwarzen Befreiungsbewegung in den USA war stets ge‐ prägt von einer Dialektik aus Errungenschaft und Backlash, wie es u. a. die Historikerin Jacquelyn Dowd Hall (2005) mit ihrem Begriff der „langen Bürgerrechtsbewegung“ deutlich gemacht hat. Garza (2020) verwendet die Metapher der Welle, um den Verlauf von Protestbewegungen zu beschreiben. „Wellen kommen und gehen,“ schreibt sie, „sind als solche aber beständig“ (11). Auch wenn die Protestwelle vom Sommer 2020 abgeebbt ist, steht BLM unzweifelhaft für eine Bewegung, die den Diskurs über struk‐ turellem Rassismus in öffentlichen Debatten etabliert und ein größeres Bewusstsein für dieses Thema geschaffen hat. Die schwarze Befreiungsbewegung - die sich unter den Attacken der derzeitigen Trump-Regierung auf geflüchtete Menschen auch wieder verstärkt den Rechten des eingewanderten und undokumentierten (Sub)Proletariats zuwenden muss - ist in der Tat beständig und wird in der Form eines „grassroots backlash[s]“ (Goodman und Moynihan 2025) auf der Ebene nationaler und lokaler Organisationen und Ortsgruppen weitergeführt. Alles Weitere bleibt abzuwarten. 50 Black Lives Matter 617 <?page no="618"?> Literatur Alexander, Michelle. 2016. The New Jim Crow: Masseninhaftierung und Rassismus in den USA. München: Kunstmann. Black Lives Matter. 2021. „Black Lives Matter 2020 Impact Report“. Black Lives Matter, 23.02.2020. Abgerufen am 14.02.2025. https: / / blacklivesmatter.com/ wp-content/ uploads/ 2021/ 02/ blm-20 20-impact-report.pdf. Black Lives Matter. 2020. „What Defund the Police Really Means“, 06.07.2020. 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Cedric Essi, Dr., Senior Research and Teaching Associate for American Literature, Universität Zürich, cedric.essi@es.uzh.ch. Gloria Fears-Heinzel, Doktorandin, Institut für England- und Amerikastudien, Goethe-Universität Frankfurt am Main, Fears-Heinzel@em.uni-frankfurt.de. Katharina Gerund, Dr., Professorin für Amerikanische Literatur und Kultur, Universität Zürich, katharina.gerund@es.uzh.ch. Stephanie Gibb-Clark, Doktorandin, Department of Sociology and Criminal Justice, Iowa State University, stepsgc@iastate.edu. Jama Grove, Dr., Assistant Professor of History, Centenary College of Louisiana, jgrove@centenary.edu. Silke Hackenesch, PD Dr., Akademische Rätin, Abteilung für Nordamerikanische Geschichte, Historisches Institut, Universität zu Köln, silke.hackenesch@uni-koeln.de. M. Michaela Hampf, Dr., Professorin für Transkulturelle Geschichte Nordamerikas, Ruhr-Universität Bochum, michaela.hampf@rub.de. Marcel Hartwig, Dr., Wissenschaftlicher Angestellter, Seminar für Anglistik---Literatur- und Kulturwissenschaft, Universität Siegen, hartwig@anglistik.uni-siegen.de Fabian Hilfrich, Dr., Senior Lecturer, School of History, Classics and Archaeology, University of Edinburgh, Fabian.Hilfrich@ed.ac.uk. Mischa Honeck, Dr., Professor für Geschichte Großbritanniens und Nordamerikas, Universität Kassel, mischa.honeck@uni-kassel.de. Rachel Huber, Dr., Assoziierte Forschende, Digital Humanities, Universität Bern, hello@rachelhuber.ch. Sebastian Jobs, Dr., Juniorprofessor, John-F.-Kennedy-Institut für Nordamerikastudien, Freie Universität Berlin, sebastian.jobs@fu-berlin.de. Michele (Scout) Johnson, Dr., Instructional Assistant Professor & Associate Director of Graduate Studies, University of Houston, mrjohn25@central.uh.edu. Kristoff Kerl, Dr. Assoziierter Wissenschaftler, Zentrum für Antisemitismusforschung, TU Berlin, kristoff-Kerl@gmx.de. Christine Knauer, Dr., freie Historikerin, christine_knauer@t-online.de. <?page no="622"?> Luvena Kopp, Postdoctoral Researcher, Bonn Center for Dependency and Slavery Studies, Universität Bonn, lkopp@uni-bonn.de. Felix Krämer, Dr., Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Historisches Seminar, Universität Erfurt, felix.kraemer@uni-erfurt.de. Katherine Kuehler Walters, Dr., freie Historikerin, KuehlerWalters@gmail.com. Iris-Aya Laemmerhirt, Dr., Wissenschaftliche Mitarbeiterin, American Studies, Technische Universität Dortmund, irisaya.laemmerhirt@tu-dortmund.de. Konrad Linke, Dr., Lehrbeauftragter Nordamerikanische Geschichte, Friedrich-Schiller-Uni‐ versität Jena, konrad.linke@uni-jena.de. Barbara Lüthi, Dr., Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt, Universität Leipzig, barbara.luethi@uni-leipzig.de. Nina Mackert, Dr., Wissenschaftliche Mitarbeiterin, Vergleichende Kultur- und Gesellschafts‐ geschichte des modernen Europas, Universität Leipzig, nina.mackert@uni-leipzig.de. Jürgen Martschukat, Dr., Professor für Nordamerikanische Geschichte, Universität Erfurt, juergen.martschukat@uni-erfurt.de. Aram Mattioli, Dr., Professor für Geschichte der Neuesten Zeit (em.), Universität Luzern, aram.mattioli@unilu.ch. Johannes von Moltke, Dr., Rudolf Arnheim Collegiate Professor of German Studies and Film, Television & Media, University of Michigan, moltke@umich.edu. Katharina Motyl, Dr., Akademische Rätin auf Zeit, Amerikanistik, Universität Mannheim, motyl@uni-mannheim.de Silvan Niedermeier, Dr., Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Historisches Seminar, Universität Erfurt, silvan.niedermeier@uni-erfurt.de. Moana Jean Packo, M.-A., mjpacko@gmail.com. Michael J. Pfeifer, Dr., Professor of History, John Jay College of Criminal Justice, City University New York, mpfeifer@jjay.cuny.edu. Andreas Riffel, Dr., Dezernat Internationales, Universität Stuttgart, riffel@ia.uni-stuttgart.de. Sarah Riva, Dr., Assistant Professor of History and Honors Program, Director, Barry University, sriva@barry.edu. Ilka Saal, Dr., Professorin für Amerikanistische Literaturwissenschaft, Universität Erfurt. ilka.saal@uni-erfurt.de. Sarah L.-Silkey, Dr., Professor of History and Social and Economic Justice, Lycoming College, history@lycoming.edu. Jakob Tanner, Dr., Professor für Allgemeine und Schweizer Geschichte der Neuzeit (em.), Universität Zürich, jakob.tanner@uzh.ch. Simon Wendt, Dr., Professor of American Studies, Goethe-Universität Frankfurt am Main, wendt@em.uni-frankfurt.de. Julius Wilm, Dr., Wissenschaftlicher Mitarbeiter, Universität Leipzig, julius.wilm@uni-leipzig.de. 622 Autor: innenverzeichnis <?page no="623"?> Personenregister Adams, Charles Francis Jr.-186, 189 Adams, Hank-592 Agassiz, Louis-468, 470 Aguinaldo, Emilio-189 Alexander, Marissa-97 Alexander, Michelle-32f., 226, 231, 234, 306, 343 Alexander VI.-104 Ali, Muhammad-410 Ames, Jesse Daniel-89, 515 Arbery, Ahmaud-97, 516 Arthur, Chester A.-122 Ashcroft, John-65 Austin, John L.-23 Aycock, Charles Brantley-270, 272 Ball, Charles-449, 452 Baring, Evelyn-71 Barthes, Roland-360 Bass, Charlotta-403 Bates, Daisy-303 Beecher, Henry Ward-470 Bell, Alexander Graham-173 Bell, Derrick-40f. Bell, John Hendren-177 Benedict, Ruth-395, 476 Benjamin, Judah P.-51 Bennett, Ramona-592, 596, 598 Biden, Joe-77, 124, 146, 164, 169, 236, 443 Bishop, Helen-438f. Blanchard, Newton-212 Blumenbach, Johann Friedrich-474 Boas, Franz-174, 475 Bodenheimer, Jacob-175 Box, John-161 Bradford, William-105 Brown, John-503, 505 Brown, Michael-96, 260, 611f. Brown, William Wells-500 Buck, Carrie-177f. Bullard, Robert D.-482, 484 Bush, George H. W.-95 Bush, George W.-65, 72, 76, 166, 396 Butler, Judith-22ff. Byrd, Harry F.-547 Carmichael, Stokely-28, 32, 555, 563 Carnegie, Andrew-189, 471 Carson, Rachel-482 Carter, Jimmy-483 Castle, William Ernest-173 Cavanaugh, James M.-108 Chaney, James-214, 285 Chapman, Leonard-167 Chauvin, Derek-11, 261f., 418, 609 Chávez, César-580f. Chavis, Benjamin F. Jr.-481, 483 Chin, Vincent-123 Clark, Kenneth-545 Clark, Mamie-545 Clarke, Edward Young-202 Cleveland, Grover-190 Clinton, Bill-95, 166, 229, 233, 259, 525 Clinton, Hillary-9f., 152, 443 Coates, Ta-Nehisi-21, 24, 456, 605 Coleman, Charles-212 Collins, Patricia Hill-43 Colvin, Claudette-532 Conant, James B.-552 Cone, James H.-437 Connor, Theophilus Eugen „Bull“-258, 287 Cooper, Edward-193 Corollary, Roosevelt-191 Correll, Charles-222 Crenshaw, Kimberlé-41f. Cruz, Ted-37 Cullors, Patrisse-611f., 614f. Custer, George Armstrong-388 <?page no="624"?> Daniels, Josephus-270, 272 Darwin, Charles-470 Davenport, Charles Benedict-173f. Debs, Eugene V.-505 Delille, Henriette-440 DeWitt, John L.-245 Diệm, Ngô Đình-408 Dixon, Thomas Jr.-201, 472 Douai, Adolph-505 Douglass, Frederick-86, 331, 499f., 510 Du Bois, W.-E.-B.-216, 256, 275, 294, 403, 453, 464f., 476, 505, 521 Dukakis, Michael-95 Dunning, William A.-472 Duston, Hannah-111 Ehrlichmann, John-231 Eisenhower, Dwight D.-92, 109, 304, 592 Elwood, Robert A.-438 Evans, Herbert McLean-175 Evans, Hiram-203f. Evers, Medgar-285 Evrie, John H. van-467 Falwell, Jerry-437 Fanon, Frantz-23, 564 Farmer, James-530, 533 Farrakhan, Louis-58, 64 Faubus, Orville-92 Fauntroy, Walter E.-483 Fiske, John-472 Floyd, George-11, 13, 97f., 214, 261f., 418, 517, 601, 605, 609f. Ford, Gerald-249 Ford, Henry-55 Forman, James-231, 605 Foster, Stephen-217 Foucault, Michel-24 Frazier, Garrison-603 Fumimaro, Konoe-391 Gaines, Lloyd-541 Galton, Francis-173, 469 Gamble, Clarence-177 Gandhi, Mahatma-529, 531 Garland, Clarence-177 Garland, David-339 Garmo, Mary de-175 Garner, Eric-38f., 260 Garrison, William Lloyd 86, 331, 501, 504, 602 Garvey, Marcus-560, 605 Garza, Alicia-611-614, 617 Gates, Henry Louis-525 George III.-385 Gliddon, George R.-468 Goethe, Charles-174 Gompers, Samuel-122, 187 Goodman, Andrew-214, 285f. Gosden, Freeman-222 Gosney, Ezra Seymour-174 Gramsci, Antonio-146, 150 Grant, Madison-174, 474 Guinier, Lani-525 Haarland, Deb-370 Hall, A. Oakey-122 Hall, Stuart-23 Hamilton, Charles V.-28, 32 Hansen, Bill-535 Hawk, Black-387 Hayes. Rutherford B.-87 Hays, Willet M.-173 Hemmings, Sally-447 Hernandez, Pete-579 Hervey, James-121 Heyer, Heather-146, 148 Hoar, George F.-189 Hofstadter, Richard-471 Holmes, Samuel Jackson-175 Hoover, Herbert-257 Hoover, J. Edgar-245 Hose, Sam-209 House, Callie-604 Houston, Charles Hamilton-302, 540, 542 624 Personenregister <?page no="625"?> Hu, Anmnig-124 Hull, Cordell-391 Il-sung, Kim-399-402 Jackson, Andrew-107, 111, 386f. Jackson, Ketanji Brown-37 Jacobs-Jenkins, Branden-215f., 222f. Jealous, Benjamin-225 Jefferson, Thomas-84, 293, 312, 328, 447, 449, 467 Jiménez, José „Cha Cha“-582 Johnson, Andrew-452, 603 Johnson, James Weldon-275 Johnson, Janice-457 Johnson, Lyndon B.-93, 125, 259, 408f., 457, 523, 536f., 542, 555, 592 Jolson, Al-222 Jones, Acipio Africanus-277 Jordan, David Starr-173, 473 Keller, George Frederick-118f., 122f. Kellog, Vernon Lyman-173 Kennedy, John F.-408, 533, 536 Key Grimstead, Elizabeth-85, 324, 446 Keys, Sarah-531 King, Martin Luther Jr.-91, 231, 258, 285, 410, 437, 523, 531f., 550, 560, 583, 585, 613 King, Rodney-96, 259 Kolumbus, Christoph-104 Lane, William Henry-220 Laughlin, Harry Hamilton-174f., 177f. Leggett, Leslie-211 Leóns, de Juan Ponce-103 Lewis, John-288 Lincoln, Abraham-52, 86, 268, 273, 293, 301, 504, 520, 603 Liuzzo, Viola-288 Locke, Alain-221 Lovejoy, Elijah-502 Malcolm X-563f., 583, 613 Maloney, P.J.-439 Manly, Alexander-271, 510 Margold, Nathan-539 Marshall, John-314 Marshall, Thurgood-302, 403, 540f., 545 Martin, Trayvon-10, 96, 214, 516, 611 McCloud, Janet-592, 597 McKinley, William-185, 187f., 190 McLaurin, George-543 McNutt, Paul V.-394 Miller, Walter B.-553 Milley, Mark-37 Millikan, Robert Andrews-175 Minh, Hồ Chí-408, 583 Mitchell, Arthur-529 Morgan, Irene-529 Morgan, Lewis Henry-471, 475 Morris, Robert-291 Morrison, Toni-45 Morton, Samuel George-468 Moynihan, Daniel Patrick-125, 553 Murray, Donald-540f. Musk, Elon-150 Myrdal, Gunnar-340, 465 Newton, Huey P.-613 Nguyen, Viet Thanh-412f. Nikolaus V.-104 Nixon, Richard-69, 226f., 489 Norman, Mose-278 Northam, Ralph-338 Nott, Josiah Clark-468 Obama, Barack-9ff., 27, 66, 75f., 97, 111, 166, 351, 437, 525, 609ff. Omar, Ilhan-78 Onate, Don Juan de-111 Parks, Rosa-91, 285, 296, 532 Pelly, William D.-55 Pennington, James W.C.-500 Personenregister 625 <?page no="626"?> Perry, July-278 Peters, William-124 Philipps, Wendell-505 Pinkerton-Uri, Constance Redbird-179 Plessy, Homer-296f., 441, 528, 540 Polk, James K.-375 Popenoe, Paul Bowman-174 Porter, Anthony-342 Powell, Colin-76 Powell, John Wesley-475 Powers, William-439 Pratt, Richard Henry-369 Priddy, Albert Sidney-177 Protess, David-342 Randolph, A. Philip-58, 90 Reagan, Ronald-94f., 226ff., 233, 249, 332, 458, 485 Reed, Alfred-166 Rice, Thomas Dartmouth-216 Richard, Nixon-231 Robertson, Pat-437 Robeson, Paul-403 Rockefeller, John D.-471 Roosevelt, Franklin D.-56, 90, 109, 245, 247, 272, 369, 391, 394, 455, 522 Roosevelt, Theodore-111, 184, 187, 189, 191f. Ross, Clyde-456 Ross, Edward A.-473 Rowlandson, Mary-105 Rummel, Joseph-442 Ryan, George-342 Sampson, Calvin T.-121 Sanger, Margaret-177 Schurz, Carl-186, 188, 367 Schwerner, Michael-214, 285f. Scott, Winfield-376 Sherbon, Florence Brown-176 Sherman, William Tecumseh-452, 603-606 Simmons, Furnifold M.-270, 272 Simmons, William J.-201ff. Sipuel, Ada Louis-542f. Smith, Henry-288, 508 Smith, Venture-448 Sotos, Hernado de-384 Spencer, Herbert-470 Stalin, Josef-399, 401 Stewart, Maria-572 Stoddard, Lothrop-175 Storey, Moorfield-188, 476 Stowe, Harriet Beecher-501 Stuyvesant, Peter-50 Sumner, Charles-291 Sumner, William Graham-471f. Sweatt, Herman-543f. Taylor, Zachary-376 Thomas, Angie-45 Thunder Hawk, Madonna-594, 596ff. Tijerina, Reies López-580f. Till, Emmett-214, 284f., 516f., 532 Till-Mobley, Mamie-284 Tlaib, Rashida-78 Tolton, Augustus-441 Tometi, Ayo-611f., 614 Trotter, Monroe-521 Truman, Harry 91, 249, 301, 394, 400, 402, 491, 523, 545, 593 Trump, Donald-10f., 27, 44, 49f., 59, 63, 65, 75-78, 98, 115f., 123, 139, 146f., 149, 151f., 164, 169, 235, 315, 337, 352, 396, 435, 438, 443, 470, 609f., 617 Truth, Sojourner-43, 305, 499, 572, 602 Tubman, Harriet-329, 572, 574 Turner, Frederik Jackson-473 Tyler, Elizabeth-202 Waddell, Alfred-271f. Walker, Charles-221 Walker, David-499 Wallace, George C.-288 Wanrow, Yvonne-594f. Ward, Robert de C.-158 626 Personenregister <?page no="627"?> Warren, Earl-545 Warrior, Clyde-589ff. Washington, Booker T.-192f., 302, 425, 521 Washington, George-188f., 385, 449 Washington, John-447 Watts, Mary T.-174, 176 Wells, Ida B.-88, 213, 268f., 476, 509-512, 515, 517, 572f. White, George-438 White, Walter-268f. Williams, Bert-221 Williams, Robert F.-561f. Williams, William-167 Wilson, Darren-611f. Wilson, Woodrow-191, 202 Wong, Jade Snow-126 Wright, Jeremia-9 Wright, Richard-340 Xi, Xiaoxing-124 Young, Phyllis-597f. Zedong, Mao-399f., 583 Zimmerman, George-611 Zinn, Howard-505 Personenregister 627 <?page no="628"?> Sachregister 4chan-146f., 151 9/ 11-58, 65-69, 73f., 168 Abolitionismus-85, 219, 237f., 326f., 331, 357, 497, 572, 602, 614 Abu Ghraib-65 Act for the Government and Protection of Indians (1850)-108 affirmative action-9, 32, 34, 40, 45, 65, 74 African American Studies-498 Afroamerikaner: innen- Antirassistischer Widerstand der-549 Rassismus gegen-12, 83, 207f., 319, 445f. Stereotype über-83f., 95f., 98, 215, 221, 270, 333, 515, 517, 553, 570 und Gesundheitsversorgung-419ff., 423, 425, 429 und jüdisch-afroamerikanische Solidarität-616 und Kriminalisierung-459, 549, 552, 555 und Proletariat-610, 617 und Solidarität mit Palästinenser: innen-616 Agent Orange-492 Alcoa Corporation-487 „All Lives Matter“-615 al-Qaida-65, 67, 74 Alt-right-145-152, 206 America First-202 American Anthropological Society-174 American Breeders Association (ABA)-173 American Civil Liberties Union (ACLU)-340 American Colonization Society-293 American Committee on Italian Migration-161 American Communist Party-340 American Dilemma-340 American Eugenics Society (AES)-174 American Federation of Labor-122, 187 American Fund for Public Service (AFPS)-539 American Indian Movement (AIM)-593 American Indians-104 Antirassistischer Widerstand der-589 Rassismus gegen 12, 103, 208, 355, 364, 377 Stereotype über-105f. und Adoptionsprogramme-110 und Boarding Schools-108, 368 und Indigenität-14 und Umweltrassismus-109, 486 und Zwangsassimilation 103, 108, 311, 314, 368 und Zwangssterilisation-110 und Zwangsumsiedlung-312, 387 Vernichtungskrieg gegen-383 Vertreibung von-165 American Jewish Committee-57 Amerikanischer Bürgerkrieg-9, 51f., 86, 97f., 185, 197, 208f., 221, 254, 292, 294, 296, 301f., 323, 333, 345, 357, 437, 472, 497, 503, 520, 527, 559, 603 Amerikanische Revolution-50, 106, 329, 334, 383, 385, 447, 449 Amerikanischer Unabhängigkeitskrieg-106, 188, 300, 312 Amerikanisierung-160, 204, 436, 440, 442 Amos ‚n‘ Andy-222 Annektierung von Hawaii (1898)-189f. Annexion der Philippinen (1899)-472 Annexion der Republik Texas (1845)-107 Antebellum-Periode-208, 213, 440 Anthropozän-486 Anti-Defamation League (ADL)-57 Anti-Drug Abuse Act (1986)-228f. Antiimperialismus-184ff., 188ff., 192f., 473 Anti-Imperialist League-473 Antikatholizismus-378f. Antikriegsrhetorik-194 Anti-Lynching Crusaders-514 <?page no="629"?> Anti-Miscegenation-Gesetze-88, 292f., 297 Antirassistischer Widerstand-31, 124, 292, 497, 507, 519, 527, 539, 549, 559, 569, 577, 589, 601, 609 Black-Lives-Matter-Bewegung-10, 38, 45, 96ff., 127, 228, 260, 307, 333, 418, 429, 459, 497, 505, 516, 605, 609, 617 „Blowouts“-Proteste-581 Busboykott von Montgomery-91, 285, 532 Antisemitismus-12, 53f., 70, 166 Antijudaismus-49f., 52 Antizionismus-58f. in den USA seit dem Holocaust-49 judenfeindliche Gewalt-54, 56, 59 judenfeindliche Stereotype-50f., 53, 55ff., 59 Leo Frank-Fall-54f. Rassenantisemitismus-52 und Black Lives Matter-615 Anti-Slavery Society-357 Araber: innen-63 Gewalt gegen-68 Rassismus gegen-65 Stereotype über-65, 72 Asian-Pacific Triangle-162 Asiat: innen-115, 157, 186, 401f., 467 Bürgerrechtskampf der-124 Rassismus gegen-12, 124, 162, 186 Stereotype über 116, 122, 244, 396, 402, 472 und der Model-Minority-Mythos-124 Asiatic Barred Zone-162 Assembly Centers-246f. Association for the Advancement of Science-472 Association of Southern Women for the Prevention of Lynching-515 Aunt Jemima-98, 355, 364 Baker’s Cocao-363 Baring Brothers-450f. Baumwollanbau-120, 164, 208ff., 277, 323, 325ff., 338, 387, 438, 447, 450f., 502, 580 Better Baby Contests-175 Birth of a Nation-201, 222, 472 Black Codes-294, 422, 527 Blackface-215ff. Black Laws-293, 504 Black Liberation Army-565 Black Lives Matter (BLM) 10, 38, 45, 96ff., 127, 228, 260, 307, 333, 418, 429, 459, 497, 505, 516, 605, 609 Black Lives Matter Freedom Ride-612 Black Lives Matter Global Network Foundation (BLMGNF)-614 Black Lives Matter Grassroots (BLM Grassroots)-614 Black Lives Matter Political Action Comittee (BLM PAC)-614 Black Manifesto-605 Black Panther Party 258, 429, 555, 564f., 582f., 593, 605 Black-Power-Bewegung-14, 93, 258, 554, 559, 563, 616 Black Studies-445 Blue-Lives-Matter-Bewegung-615 Board of Indian Commissioners-367 „Boatpeople“-411f. Bombenanschlag auf die 16th-Street Baptist Church in Birmingham, Alabama-549 Boston Indian Citizenship Committee-367 Boston Tea Party (1773)-466 Boynton v. Virginia (1960)-533 Bracero-Programm-135, 162, 167 Briggs v. Elliott (1947)-544 Britisch-Amerikanischer Krieg-107, 386 Broteer Furro-448 Browder v. Gayle (1956)-532 Brown Berets-581 Brown v. Board of Education (1954)-92, 230, 283f., 297, 303, 332, 442, 531f., 539, 542, 544, 579 Buchanan v. Warley (1917)-454 Buck v. Bell (1927)-177 Bureau of Indian Affairs-109f. Sachregister 629 <?page no="630"?> Bürgerrechtsbewegung-39, 45, 57, 91f., 231, 257f., 286, 340, 363, 442, 531, 549, 552, 561, 572, 574 „Bloody Sunday“ (1965)-288 „lange Bürgerrechtsbewegung“-617 und Massive Resistance-92, 283, 286, 547 und rassistischer Terrorismus-283 Busboykott von Montgomery-91, 285, 532 Cadbury-357 California Indian Wars/ California genocide-387 Carlisle Indian Industrial School-369 Carnegie Institute for Science-174 Castle-Bravo-Test (1954)-490 Ceasefire Now Resolution-616 Center for Disease Control and Prevention-164 Central Parcific Railroad (CPRR)-121 chain gang-450 Cherokee Nation v. Georgia (1831)-314 Child Welfare League-110 Chines: innen-117, 125, 127, 162, 165, 186, 208, 392, 402, 467 antichinesische Agitation-156 Ausweisung von-165 Einwanderung von-117, 158 Rassismus gegen-116f., 162, 186 Stereotype über-118, 120 und der Model-Minority-Mythos-157 Chinese Exclusion Act (1882)-122, 124, 157, 165, 186, 243 Cholera-118 CIA-139, 409 Civil Rights Act (1964)-92, 125, 304, 306, 516, 535ff., 548, 554, 571 Code of Indian Offenses (1883)-108, 368 COINTELPRO-284 Colorismus-131, 133f., 138 color line-52, 105, 421, 454, 465, 474 Combahee River Collective (CRC)-43, 574 Commission on Interracial Cooperation-515 Committee on Immigration and Naturalization-175 Competes Act (2022)-124 Congressional Asian Pacific American Caucus (CAPAC)-124 Congress of Racial Equality (CORE)-523, 530, 562 Consolidated Association of the Planters of Louisiana (CAPL)-451 Convergence Theory-41 Convict-lease-System-88, 234 Convict Leasing-452f. Council of Federated Organizations (COFO)-536 Courthouse Raid-581 Covid-19-Pandemie-11, 115, 127, 164, 396, 417f., 609 Critical Race Theory-23, 31, 37, 49, 98, 476 Crown Hights Riots-58 Cultural Studies-23 Dakota-Aufstand (1863)-107 Darwinismus-473, 475 Dawes Act (1887)-368 Degraffenreid v. General Motors (1976)-42 Demokraten-151, 169, 193, 263, 270f., 348f., 351, 514, 521f. Demokratische Partei-193, 199, 235, 268, 270ff., 295, 348, 441 Department of Health, Education and Welfare (HEW)-179 deportability-167 Deportation-164, 166, 245f., 249f. Die Protokolle der Weisen von Zion-55 Dillingham Commission-160 disfranchisement-345-348, 352, 521 Displaced Persons Act (1948)-56, 163 diversity, equity, and inclusion (DEI)-611 double consciousness-216 Dunning School-472, 476 Dyer Anti-Lynching Bill-514 630 Sachregister <?page no="631"?> Educational Gag Orders/ book bans-11, 44 Einbürgerung-75, 132, 243 Einwanderung- Antiimmigrationsbewegungen-166 chinesische-117, 158 Einwanderungskontrolle-165 Einwanderungspolitik-120, 138, 155-169, 175, 204, 474 „illegale“-163, 166ff. japanische-243 mexikanische-158, 162f., 168 undokumentierte Immigrant: innen-138f., 163, 167 und Spezialregistrierung-66f., 75, 77 Emanzipation-194, 198, 293f., 329, 422, 453, 527, 572, 604 Emanzipationserklärung (1863)-87 Environmental Protection Agency (EPA)-483 Equal Rights Amendment (ERA)-437 Erster Weltkrieg-89, 91, 160, 169, 191, 197, 201f., 213, 272, 275, 278, 301, 469, 472, 514, 522, 560 Ethnokratie-106 Ethnopluralismus-148 Ethnozentrismus-147 Ethnozid-108, 369f. Eugenical Sterilization Act-177 Eugenics Record Office (ERO)-174, 177 Eugenik/ eugenische Bewegung-173, 424, 469, 473 Antisemitismus-52 und Einwanderung-158, 175 und Zwangssterilisation 110, 140, 173, 595, 597f. Executive Office of Immmigration Review (EOIR)-163 Executive Order- 8802-90 9066-245, 249, 391 9981-402 Exotik-358f., 361 Explosion auf der Ölplattform Deep Water Horizon (2010)-485 Exzeptionalismus-377, 471, 474 Fair Housing Act (1968)-306, 554 Family Planning Services and Population Research Act (1970)-179 FBI 66, 68, 77, 91, 115, 124, 244ff., 256, 260, 284, 564, 590 und Operation Boulder (1972)-69 Federal Housing Agency (FHA)-456 Fellowship of Reconciliation (FOR)-530 Feminismus- Afrocentric-feminism-570 Definition von-569 farbenblinder-573 intersektionaler-574 kolonialer-72 Latina/ x Feminismus-135 Schwarzer-565, 569f., 613 und Frauenwahlrecht-572 und soziokulturelle Implikationen-569 und True Womenhood-Ideal-572 und Wellen-Modell der weißen Frauenbewegung-571 womanism-570 Filipinos-157, 186-189, 192-195, 392 Finanzcrash (1872)-451 First People of Color Environmental Leadership Summit (1991)-484 First Peoples-→ American Indians Fish-ins-590f. Flüchtlings- und Asylpolitik-163 Food and Drug Administration (FDA)-179 Fourth Russell Tribunal on the Rights of the Indians of the Americas-597 Freedmen’s Bureau-198f., 423, 603f. Freedom Rides-92, 257, 530, 533f. Free Soil Party-501 French and Indian War (1754-1763)-106 Fugitive Slave Act (1850)-165, 503 Furman v. Georgia (1972)-340f. Sachregister 631 <?page no="632"?> Gag Rule-502 Gains v. Canada (1938)-541 Galton Society-174 Garbage Offensive-583 „gelbe Gefahr“/ yellow peril-244, 396, 472 General Motors-487 gens de couleur libre-440 Gentlemen’s Agreement-243 George Floyd Justice in Policing Act (2021)-262 gerrymandering-350, 352 Gewerkschaften-90, 122, 244, 261, 522, 582 Ghettoisierung-304 Ghettos-155, 228, 232, 554 GI Bill of Rights of 1944 (Servicemen’s Readjustment Act)-456 Goldrausch-107, 117, 383, 387 Gone with the Wind-333 Government National Mortgage Organization (Ginnie Mae)-456 Graswurzelaktivismus-596, 614 greasers-379 Great Depression-89f., 213, 455, 515 Great Migration-160, 226, 267f., 276, 422, 454, 514f. Gregg v. Georgia (1976)-341 Grenzen-168, 377, 400, 411, 473 chinesisch-nordkoreanische-400 und Borderlands-168 und Border Patrol-163 und Grenzregime-155 US-kanadische-169 US-mexikanische-164, 167ff., 375 Guantanamo Bay-191 Guantanamo Bay detention camp-65, 74 Haitianische Revolution-326, 328, 464, 499, 502 Hart Celler Act (1965)-162f. Hashtag-Aktivismus-613 Hassverbrechen-27, 68, 74, 76f., 110, 115, 213, 516f., 550 gegen Asian American Pacific Islanders-115, 124, 127 Havarie des Öltankers „Exxon Valdez“ (1989)-485 Hawaiianer: innen-117, 187, 189f. Head Start-552 Henderson v. United States (1950)-531 Heritage Foundation-45 Hernandes v. Texas (1948)-579 Herrenvolksdemokratie-345 Hijab-68f., 77f. Hilton-Seligman-Affäre-53 Hiroshima und Nagasaki-391, 394ff., 490 Holocaust-49, 56f., 59, 604f. Home Owners Loan Corperation-455 Homestead Act (1862)-388 Housing Act (1949)-458 Human Betterment Foundation (HBF)-174 Human Genom Project-13 hypodescent-297 Identitäre Bewegung-146 Identitätspolitik-44, 148, 463, 574, 616 Identity Evropa-146 Immigration-117 Immigration and Naturalization Service (INS)-163 Immigration Reform and Control Act (IRCA)-163 Immigration Restriction Act (1924)-52, 174 Imperialismus-140, 186, 505 spanischer-132 US-amerikanischer-132, 157, 168, 183 Indentur/ Vertragsknechtschaft/ indentured servitude-321, 323f., 446 Indian Child Welfare Act (ICWA)-368, 596 Indian Citizenship Act (1924)-109 Indian Health Service (IHS)-178 Indian Mineral Leasing Act (1938)-486 Indian Removal Act (1829)-107 Indian Reorganization Act (1934)-315 632 Sachregister <?page no="633"?> Indian Rights Association-367 Indigenous Studies-445 Industrialisierung 117, 207, 211, 218, 253, 268, 323, 325 Industrielle Revolution-356 Intelligenzforschung-475 International Association for the Advancement of Ethnology and Eugenics-469 Internationale Gesellschaft für Rassenhygiene-468 International Federation of Eugenic Organizations (IFEO)-469 International Ladies’ Garment Workers’ Union (ILGWU)-582 Intersektionalität-37, 42ff., 49, 482, 569, 575 Interstate Commerce Commission (ICC)-529 Islamophobie-70, 75-78 Israel-Gaza-Krieg-616 Italiener: innen-54, 157, 208, 245, 508 Japaner: innen-157, 391ff., 395, 467, 490 als enemy aliens-244, 246 als Feindbild-392 auf Hawaii-246 Deportation und Lagerhaft-246 Deportation und Masseninternierung 1941-1945-244 Einwanderung und Diskriminierung-243 Rassismus gegen-161, 243 Jefferson National Expansion Memorial-111 Jim Crow-33, 217, 292, 300 Abschaffung des Systems in den 1960er Jahren-306 als Minstrelsy Figur-216ff., 223 Jim-Crow-Ära-213, 443, 504, 612 Jim-Crow-Etikette-300 Jim-Crow-Gesetze-299, 332f., 436, 441f., 453, 464, 605 Jim-Crow-Staaten-303 Jim-Crow-System-24, 231, 233f., 294, 298, 306, 521f. und Religiosität-443 Job Corps-552 Johnson-Reed Act (1924)-64, 175 Juden: Jüdinnen-50-54, 56-59, 157, 166 Kalter Krieg-57, 91, 109, 111, 126, 162f., 165, 195, 213, 399, 401, 408, 469, 485, 488f., 545, 584 Katholizismus-439 und Schwarze Katholik: innen-442 und Segregation in Kirchen in Louisiana-442 Kerner Commission-258, 555 Kernwaffentests/ Atombombentests-110, 481, 488, 490f. King’s Southern Christian Leadership Conference (SCLC)-536 King Philip’s War (1675-76)-384 Klassismus-140, 361, 363, 482 Kolonialismus 71, 108f., 132, 157, 187, 292, 320, 338, 356, 399, 498 Kolonialwaren-322, 330 Kolumbianer: innen-139f. Stereotype über-140 Kommunismus-56f., 165, 195, 407, 523, 584 Konföderation-198, 200f., 270, 273, 294, 301, 338, 522 Konservatismus-470 Republikanischer-145 Koreakrieg-399 Einsatz von Napalm-402 Massaker von Nogeun-ri (1950)-402 Koreaner: innen-399, 401f. Kreol: innen-440 Kritische Theorie-38 Kubaner: innen 136, 138, 184f., 191, 578f., 583f. Ku-Klux-Klan 40, 55, 87, 94, 197, 203, 222, 257, 278, 283, 346, 520, 549, 559-563, 565, 605 Ku Klux Klan Act (1871)-200 Kulturkampf-11, 37, 43 Kulturmarxismus-145, 151 Sachregister 633 <?page no="634"?> Latino/ a/ x Americans- Antirassistischer Widerstand der-577 Rassismus gegen 12, 131, 133, 263, 364, 577 Stereotype über-135, 139 und Bildung-137 und Feminismus-135 und Wohnsegregation-136 Law and Order-229f. Law-and-Order-231 Law Enforcement Assistance Act-553, 556, 592 Law Enforcement Assistance Administration (LEAA)-556 Legal Defense and Education Fund-302 Lewis-and-Clark-Überlandexpedition (1804- 1806)-466f. Liberty Party-501 Little Rock Nine-92 Louisiana Constitutional Convention-254 Louisiana Purchase-254 Loving v. Virginia (1967)-293 Lynching 21, 88f., 193, 200, 207, 209f., 212, 214, 255f., 268, 272, 275, 339, 422, 435, 438f., 507, 509, 512-517, 559 als Antwort auf Vergewaltigung-276, 508- 511 Anti-Lynching-Aktivismus-88, 213, 507, 560 Anti-Lynching-Gesetz-89 „legal lynchings“-339 Madrigal v. Quilligan (1978)-176 Make America Great Again (MAGA)-146 Manhatten-Projekt-489 Manifest Destiny-107, 133, 377ff., 471 Massaker von Marias (1970)-388 Massaker von Sand Creek (1864)-108, 388 Massaker von Washita (1868)-388 Massaker von Wounded Knee (1890)-108, 388 Masseninhaftierung-225, 231-234 und prison-industrial complex-233 McCarran-Walter Act-162 McCarthyism-56f., 165, 195, 407, 523, 584 McCleskey v. Kemp (1987)-341 McLaurin v. Oklahoma State Regents (1950)-543 Mendez v. Westminster (1948)-579 Metapolitik-149 Mexikaner: innen-132, 135, 167, 208, 377ff., 578-581 Einwanderung von-158, 161ff., 168 Gewalt gegen-376 Rassismus gegen-132, 208, 379, 578 Stereotype über-377, 379 Mexikanisch-Amerikanischer Krieg-107, 168, 375 Mexikanische Revolution-169, 191, 201, 213 Middle Passage-164, 321, 448, 450 Migrant Protection Protocols (2018)-164 Minstrelsy/ Minstrelshows-215, 292, 296 Missing and Murdered Indigenous Women (MMIW)-598 Model-Minority-Mythos-124 Moms for Liberty-37, 45 Monroe-Doktrin-183 Montgomery Improvement Association (MIA)-532 Morgan v. Virginia (1946)-530 Mount Rushmore Memorial-111 Moynihan Report-93, 553 Murray v. Pearson (1935)-540 Muslim: innen-70, 77 „Muslim ban“-77 Rassismus gegen-63, 152 Stereotype über-65, 68, 73 National Association for the Advancement of Colored People (NAACP)-89, 91, 188, 205, 213, 225, 268f., 274, 277, 285, 297, 301ff., 307, 340, 403, 476, 510, 514f., 519-522, 530, 532, 535f., 539-547, 561 National Association of Colored Women (NACW)-510, 512, 573 National Black Feminist Organization 634 Sachregister <?page no="635"?> (NBFO)-574 National Coalition of Blacks for Reparations in America (N’COBRA)-605 National Commission on Law Observance and Enforcement-257 National Congress of American Indians (NACI)-589 National Council of Negro Women-573 National Defense Authorization Act-259 National Ex-Slave Mutual Relief, Bounty and Pension Association-604 National Indian Youth Council (NIYC)-589f. Nationalismus-133, 202, 471, 555 Schwarzer-58 weißer-295 weißer christlicher-435-438, 443 national sacrifice zones-489 National Security Entry-Exit Registration System (NSEERS)-66 Nation of Islam (NOI)-58, 64, 563 Native Americans-→ American Indians Native Son-340 Nativismus-156f. Neoliberalismus-225f., 230, 232f. Neue Rechte-10, 63, 65, 75f., 98, 148, 437 Nevada Test Side-491 New Deal-56, 90, 109, 454, 456, 522 new immigrants-158, 160, 166 NGO-Conference on Discrimination Against Indigenous Populations in the Americas 597 nightriders-197, 199 Nordamerikanisches Freihandelsabkommen (NAFTA)-163, 169 Norplant-179 North West Indian War (1786-1795)-386 Nuklearunfall von Church Rock (1979)-110 Nürnberger Prozesse-605 Occupy Wall Street (OWS)-60 Office of Minority Health-428 Office of War Information (OWI)-392 Ökozid-483, 492 Omnibus Crime Bill-556 Operation Enduring Freedom-65, 72 Operation Iraqi Freedom-65, 72 Operation Wetback (1954)-138, 167 Order #11-51 Organgeburg Massacre-288 Orientalismus-64, 71 Othering-69, 192, 393 partus sequitur ventrem-447 Paternalismus-192, 326f., 333 Patriot Act (2001)-66, 75 Pazifikkrieg-391 PCB-482f., 487 Pearl Harbor-190, 244, 391ff., 395f. Pequot massacre/ Mystic massacre (1637) 105, 384 Permanent International Eugenics Comittee (PIEC)-469 Philippiner: innen-→ Filipinos Philippinisch-Amerikanischer Krieg-183, 188f., 193 Picture Brides-244 Platt Amendment-191f. Plessy v. Ferguson (1896)-88, 297, 303, 441, 527f., 536, 539f., 542 Plymouth Colony-105 Polarisierung-10, 345, 351f., 463, 525 Polizeigewalt-10, 27, 94, 96, 228, 253, 307, 549, 552, 614 in Memphis, Tennessee-256 in New Orleans, Louisiana-256 Polizeifolter-90, 255, 257 und Justiz-261 und Lynchmorde im Süden-91 und Protestbewegung nach Mord an George Floyd-11, 13, 261, 609 und Straflosigkeit für Polizisten-256 Polizeisystem-253 „Blue Code of Silence“-261 „Defund the police“-263, 614 im Süden-255 Sachregister 635 <?page no="636"?> und Abolition der Polizei-263 und broken windows policing-227 und Diversifizierung der Polizei-258 und Hyperüberwachung-225ff. und Militarisierung-259, 555 und Polizeigewerkschaften-261 und Polizeireform-262f., 614 und Schwarze Polizisten-253ff., 257 und Sheriffs-254 und Stop-and-frisk-Praktik-227 Poor People’s Campaign (PPC)-585 Populismus-53f., 59, 76, 145, 147, 149 post-racial America-610 practice turn-21f. President’s Committee on Civil Rights-91 Progressive Era-176, 423, 473 Protestantismus- afroamerikanischer-435 evangelikaler-435-439 Proud Boys-146 Public Health Service (PHS)-179 Quäkertum-357, 602 Quarantänegesetze-156 racial capitalism-445, 464, 471 Racial Imbalance Act (1965)-94 racial profiling-67, 262, 611 racial wealth gap-446, 459, 471 Rassenkunde/ Rassentheorie-13, 463, 465f. Rassenmassaker/ Rassenpogrom- im Rogue River Valley (1855)-313 in Chicago (1919)-560 in Elaine, Arkansas (1919)-276 in Ocoee, Florida (1920)-278 in Springfield, Illinois (1908)-273 in Tulsa, Oklahoma (1921)-279 in Tulsa (1921)-89 in Wilmington, North Carolina (1898)-89, 270 Rassismus- biologischer-86 biologistischer-296 Definition von-12 farbenblinder-33, 39f., 303, 611 gegen Afroamerikaner: innen 12, 207f., 319, 445f. gegen American Indians-12, 103, 208, 355, 364 gegen Araber: innen/ Arab Americans-65, 75 gegen Asiat: innen/ Asian Americans-12, 124, 162, 186 gegen Chines: innen/ Chinese Americans-116f., 162, 186 gegen Japaner: innen/ Japanese Americans-161, 243 gegen Latino/ a/ x Americans-12, 131, 133, 263, 364, 577 gegen Mexikaner: innen/ Mexican Americans-132, 208, 379, 578 gegen Muslim: innen/ Muslim Americans-63, 65, 75, 152 in den Südstaaten-200, 253 institutionalisierter-291 institutioneller-28f. kultureller-63f., 69f. struktureller-28f., 38, 97, 427 systemischer-29ff. umgekehrter-32 und Demokratiefähigkeit-186, 192, 194 und Gesundheit-417 und Ideologie-97 und Imperialismusdebatte-188 und Paternalismus-187, 194 und Rassenhierarchie-185, 210, 279 und Recht-39 und Religion-435 und Umwelt-109, 428, 481, 486, 598 und Werbung-355 und Wirtschaft-445 und Wissenschaft-463 Reaktorunfall bei Three Mile Island in Harrisburg, Pennsylvania-110 636 Sachregister <?page no="637"?> Reconstruction-86, 88, 197, 209, 234, 255f., 294f., 345, 357, 422f., 472, 504 Reconstruction Act (1867)-255 redlining-304, 453, 605 Red-Power-Bewegung-315, 589 Red Scare-56, 165 Red Summer-201, 275 Refugee Act (1980)-163 Relocation Camps-243, 246ff. Remigration-148 Reparationen-281, 459, 601 Republikaner-95, 147, 169, 185, 192, 194, 198, 200, 226, 237, 268, 270, 342, 349, 351f., 521 Republikanische Partei-76, 94, 98, 147, 150, 193, 199, 235, 345, 348, 500, 503, 525 Restitution-237, 249, 601f., 604f., 607 Reynold Metals-487 Rogue River War (1855/ 56)-388 rough justice-207 Runyon v. McCrary (1976)-304 Russisch-Ukrainischer Krieg-59 Safe Streets, Inc.-556 Sally-Hemmings-Kontroverse-447 Satiacum v. Washington (1957)-591 Schlacht von Big Hole/ Massaker von Big Hole (1877)-388 Schwarze urbane Rebellion-549, 564 in Cincinnati, Ohia (2001)-96 in Los Angeles, Kalifornien (1992)-96, 259 in Miami, Florida (1980)-95 in Philadelphia (1964)-551 zwischen 1964-1972-258 Scott v. Sandford (1856)-331, 474 Second Great Awakening-501 Segregation-40, 45, 88, 291, 296, 579 im Bildungswesen 92, 94, 230, 287, 302, 539, 543ff., 578f., 584 im Militär-300 im öffentlichen Raum-298, 534, 561 im Sport-300 im Süden 88, 95, 185, 193, 231, 257, 527, 531, 536, 572, 578 im Transportwesen-285, 296, 527, 529 und Gesundheit-422 Wohnsegregation-136, 273, 286, 293, 304 Sexismus 49, 135, 140, 168, 296, 569, 573, 594f. sharecropping-234, 452f., 603 Shelby v. Holder (2013)-307, 352, 525 Siedlerkolonialismus-31, 311, 445 Sipuel v. Board of Regents of the University of Oklahoma (1948)-542 Skinner v. Oklahoma (1942)-178 Sklaverei/ Versklavung-9, 45, 84ff., 108, 121, 164f., 185, 213, 234, 253, 291ff., 321, 324, 338, 355ff., 360, 379, 420, 435, 445, 447f., 464, 466f., 527f. im Deep South-326, 338 und Besitzsklaverei/ chattel slavery 85, 320, 323f., 464, 466 und Emanzipation-504 und Kirche-435 und Kolonialzeit-84 und Sklavenaufstände-253, 327, 440 und Sklavenhandel-12, 319, 326, 439, 448f., 466, 497 und Sklavenpatrouillen-253 und Zwangsverschleppung-164 slave capitalism-449 slave codes-293f., 323, 328, 332, 337-340, 466 Slavery Abolition Act (1833)-500 Slaw: innen-157 Solid South-272, 348, 523 Southern Christian Leadership Conference-523 Sowjetunion 91, 163, 386, 399ff., 403, 470, 490, 545 Sozialdarwinismus-155, 202, 296, 470ff., 474 Spanisch-Amerikanischer Krieg-133, 183f., 190-193 Special Field Order No.-15-452, 603f. Sprechakttheorie-23 Stereotype-52, 93ff., 183f., 314, 326, 333, 465f., Sachregister 637 <?page no="638"?> 475, 554 antiarabische-65, 68 antiasiatische-116, 122, 244, 396, 402, 472 antichinesische-117f., 122 antijapanische-392-395 antimuslimische-65, 73 antischwarze-83f., 95f., 98, 215, 221, 260, 270, 333, 420, 515, 517, 553, 570 judenfeindliche-50f., 53, 55ff., 59 über American Indians-105f., 109 über Kolumbianer: innen-140 über Latino/ a/ x Americans-135, 139, 375 über Mexikaner: innen-379 Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC)-258, 523, 534 Sturm aufs Kapitol (2021)-146 Subjektivität-362f. sunday laws-50 sundown towns-201, 612 Sweatt v. Painter (1950)-544 Tar-Creek-486 Tea-Party-Bewegung-10, 76 Teller-Amendment (1898)-185, 191 Terminationspolitik-593 Terrorismus-67f., 73f., 268, 549 rassistischer-92, 96, 303, 511, 549, 561 rechtsextremer-10, 152 Terry v. Ohio (1968)-227 Texanischer Unabhängigkeitskrieg-375 Texas Rangers-376 The Crisis-275 The Jazz Singer-222 The New Jim Crow-97, 231 Todesstrafe-54, 213, 256, 277, 337 Abschaffung der Todesstrafe in Virginia-337 und „life without possibility of parole“-342 und Einführung des elektrischen Stuhls-339 Tokio Kid-392 trade cards-357ff., 361, 363 Trail of Tears (1838/ 39)-387 Trinkwasserkrise in Flint, Michigan (2014)-485 Tuscarora-Krieg (1711-1915)-384 Tuskegee Airmen-301 U.S. Atom Energy Commission-491 U.S. Department of Energy-491 U.S. Department of Housing and Urban Development (HUD)-457 U.S. Supreme Court-88, 92, 104, 178, 189, 227, 230, 243, 293f., 297, 303f., 307, 314, 331f., 340f., 352, 441, 454, 474, 513, 521f., 524f., 527f., 530, 533, 536, 542ff., 546f., 571 und „separate but equal“-297, 302, 528f., 531, 539ff., 543 und Segregation im Bildungswesen-302 und Wahlrecht-346ff., 350f., 525 Ukrainer: innen-164 Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten-106, 385, 473f. Uncle Sam-187 Uncle Tom’s Cabin-219, 501 Underground Railroad-329, 499 UNESCO Statement on race (1950)-469 Union of American Hebrew Congregations-161 Unionsarmee-254, 301 und Schwarze Soldaten-87, 254 United Daughters of the Confederacy-201 United Farm Workers (UFW)-580 United Nations Organization (UNO)-→ Ver‐ einte Nationen United Nuclear Corporation-489 United States Census-13 United States Public Health Service-166 United States v. Washington (1974)-592 Uniting-for-Ukraine-Programm (USCIS)-164 Universal Association of Ethiopian Women (UAEW)-605 Uranabbau/ Uranwirtschaft-488f. Urban Development Act (1968)-457, 592 638 Sachregister <?page no="639"?> Urbanisierung-53, 211, 268 US-Commission on Civil Rights-458 US-VISIT-Programm-66 Vereinte Nationen-65, 163, 410, 591, 597, 605 Verfassung- 1. Zusatzartikel-108, 601 6. Zusatzartikel-438 8. Zusatzartikel-340 13. Zusatzartikel-198, 234 14. Zusatzartikel-87, 198, 297, 339ff., 513, 520, 527ff., 541-544, 546, 554, 579 15. Zusatzartikel-87, 198, 520 24. Zusatzartikel-348 Verkauf Louisianas an die USA (1803)-440 Vertrag von Guadalupe Hidalgo-132, 375 Veterans Administration (VA)-456 Vietnames: innen-195, 407, 410, 412 Vietnamkrieg-231, 402, 407, 561 als „Zweiter Indochinakrieg“-407 und Operation Ranch Hand (1962- 1971)-492 und Operation Rolling Thunder (1965-1968)-409 und Tet-Offensive (1968)-409 und Tonkin-Zwischenfall (1964)-408 Vigilantismus-198, 552 Violent Crime Control and Law Enforcement Act (1994)-95 Virginia Slavery Laws-446f. Voting Rights Act (1965)-92, 306f., 349, 351f., 516, 519, 523ff., 554, 592 Wahlrecht-40, 107, 109, 519ff. für afroamerikanische Männer-198, 254f. Kampf um das Wahlrecht-519 und grandfather clauses-347 und literacy tests-160, 347ff., 521, 523f. und minority vote dilution-349 und poll tax-348 und voter suppression-351, 525 und Wählerregistrierung-257, 522ff., 562 und Wahlkreise-350 Wahlrechtsdiskriminierung-230, 345, 351, 520f. Ward Transformer Company-483 War on Crime-93f., 165, 259, 552f., 592 War on Drugs-94f., 139, 225-228, 231, 235f., 238, 306, 614 War on Poverty-93, 426, 552f. War on Terror-63, 65, 72, 74, 77f., 614 waterboarding-74, 188 Weiße Vorherrschaft/ white supremacy 12, 54, 57f., 88, 116f., 127, 132, 140, 145, 197, 199f., 209, 253, 267, 270ff., 287, 291, 293, 295f., 304, 346, 355, 357, 378, 422, 437, 443, 469f., 473- 476, 510, 513, 519, 521, 549, 560, 578, 603 Auflehnung gegen-579 und politisches System-346 Weißsein-24, 120, 134, 158ff., 220, 223, 362, 418, 573 white backlash-351 white flight-136f., 226, 232, 304, 550 white gaze-223 white primary-348, 522 white racial frame-30f. white slavery-53 Wiedergutmachung-→ Restitution Women’s March-60 Women’s National Indian Association-367 Women’s Political Council-532 Women of All Red Nations (WARN)-178, 595, 597 World Anti-Slavery Convention (1840)-500 Yakuza-395 Young Lords-582 Zivilisation-105, 107, 187, 189, 244, 358, 360, 377f., 387, 429, 472, 486 und Zivilisierungsmission-367 Zoll- und Handelsabkommen (GATT)-169 Zwangsassimilation-367 Sachregister 639 <?page no="640"?> Zwangssterilisation-173, 178, 595, 597f. in behördlichem Gewahrsam-140 Rechtfertigung von-469 und Eugenik-110 Zweiter Vatikanischer Konzil (1962- 1965)-443 Zweiter Weltkrieg-56, 67, 90f., 124, 135f., 157, 162, 213, 243, 247, 250, 256, 301, 305, 348, 391f., 395f., 401, 407, 456, 464, 515, 522, 529, 541f., 559f., 573, 595, 604 640 Sachregister <?page no="641"?> Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: „A Statue for Our Harbor“, 11.-November-1881, von George Frederick Keller für die San Francisco Illustrated Wasp. . . . . . . . . 119 Abbildung 2: „What Shall We Do With Our Boys“, 3. März 1882, von George Frederick Keller für die San Francisco Illustrated Wasp. . . . . . . . . 123 Abbildung 3: „I am the undesirable immigrant“, 1921, Comicstreifen von Herbert Johnson, der die vielfältigen Ängste der USA gegenüber den „neuen“ Immigrant: innen aus Süd- und Osteuropa bündelt. Library of Congress, Prints and Photographs Division, https: / / w ww.loc.gov/ resource/ cph.3c26491/ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159 Abbildung 4: Parade des Ku-Klux-Klans vom 13. September 1926, mit dem US-Kapitol im Hintergrund. National Photo Company Collection, Library of Congress, https: / / www.loc.gov/ item/ 9351 3529/ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 205 Abbildung 5: „Map of World War II Japanese American internment camps“. Die Karte zeigt die unterschiedlichen Lager, in denen Japanese Americans während des Zweiten Weltkriegs eingesperrt waren. Die mit einem Stern gezeichneten Internierungslager behausten ausschließlich feindliche Ausländer, die aufgrund individueller Verdachtsmomente vom Justizministerium verhaftet worden waren. Die Internierten konnten eine Anhörung beantragen und damit ihre Freilassung bewirken. Anders als Deutsche und Italiener wurden die freigesprochenen Japaner allerdings in Relocation Camps überstellt, da sie in den Augen der US-Regierung als „enemy race“ galten (Burton et al. 2002). Wikimedia Commons. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 248 Abbildung 6: Druckgrafik „Jim Crow“, zwischen 1835 und 1945. Veröffentlicht von Hodgson, Turner & Fisher, New York/ Philadelphia. Library of Congress Prints and Photographs Division, Washington, D.C., http: / / hdl.loc.gov/ loc.pnp/ ds.00886. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 295 Abbildung 7: Schild an einer Busstation in Rome, Georgia, September 1943 (Fotografin: Esther Bubley). Library of Congress Prints and Photographs Division Washington, D.C., https: / / www.loc.gov/ p ictures/ resource/ cph.3b22541/ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299 Abbildung 8: Rassistischer Widerstand gegen das „Sojourner Truth Housing Project“ in Detroit, Michigan, Februar 1942 (Fotograf: Arthur S. Siegel). Library of Congress, Prints and Photographs Division, Washington, D.C., https: / / www.loc.gov/ pictures/ resource/ fsa.8 d13572/ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 305 <?page no="642"?> Abbildung 9: Bürgerrechtsmarsch in Washington, D.C., 28. August 1963 (Fotograf: Warren Leffler). Library of Congress, Prints and Photographs Division, Washington, D.C., https: / / www.loc.gov/ p ictures/ resource/ ppmsca.03128/ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 306 Abbildung 10: „Ploughing Rice“, zwischen 1868 und 1899 (Fotograf: O. Pierre Havens). Afroamerikaner: innen bei der Arbeit auf einem Reisfeld (Stereografie). New York Public Library, New York, http s: / / nypl.getarchive.net/ media/ ploughing-rice-plowing-rice-da8 d3c. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 322 Abbildung 11: Handelskontor für Versklavte in Atlanta, GA, 1864, [„‚Auction & Negro Sales‘, Whitehall Street“]. Library of Congress Prints and Photographs Division, Washington, D.C., https: / / hdl.loc.gov / loc.pnp/ cwpb.03351. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 325 Abbildung 12: Harriet Arminta Tubman, ca. 1885 (Fotograf: H. Seymour Squyer). National Portrait Gallery, Smithsonian Institution, http s: / / npg.si.edu/ object/ npg_NPG.2006.86. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 330 Abbildung 13: „Collecting the Cocoa“, ca. 1890er (Warshaw Collection of Business Americana). Cocoa and Chocolate, Archives Center, National Museum of American History, Smithsonian Institution. 359 Abbildung 14: „Runkel’s Cocoa“, ohne Datum (Warshaw Collection of Business Americana). Cocoa and Chocolate, Archives Center, National Museum of American History, Smithsonian Institution. . . . . . . . 360 Abbildung 15: „Baker’s Cocoa advertisement“, 1923 (Lightner Collection of Antique Advertising, John W. Hartman Center for Sales, Advertising and Marketing History, David M. Rubenstein Rare Book and Manuscript Library, Duke University). . . . . . . . . . . . . 362 Abbildung 16: „Diabetes Favors Minorities“, Plakat von 1990. Abgedruckt mit der Erlaubnis der American Diabetes Association (Copyright 1990 by the American Diabetes Association). . . . . . . . . . . . . . . . . 428 Abbildung 17: Karte von Oakland, Berkeley, Alameda etc. 1937. Mapping Inequality, https: / / dsl.richmond.edu/ panorama/ redlining/ map/ CA/ Oakland/ context#loc=10/ 37.8065/ -122.2023. . . . . . . . . . . . . . 455 Abbildung 18: Porträt von Ida B. Wells, ca. 1893 (Fotografin: Sallie E. Garrity, Chicago, Illinois). Wikimedia Commons. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 511 642 Abbildungsverzeichnis <?page no="643"?> BUCHTIPP Die Amerikanische Revolution war eine der größten Umwälzungen der Moderne. Begriffe und Theorien jener Zeit prägen bis heute das Selbstverständnis der USA. Dieses Buch liefert einen konzisen Überblick über die historischen Ereignisse: von den ersten Unruhen über den Unabhängigkeitskrieg bis zur Staatsgründung (ca. 1763-1793). Darüber hinaus werden die Geschehnisse kulturell eingeordnet. Problematisiert wird auch das unlösbare Spannungsverhältnis von Freiheitsstreben und Sklaverei sowie das Erbe der Revolution in der aktuellen Politik und Erinnerungskultur der Vereinigten Staaten von Amerika. Charlotte Lerg Die Amerikanische Revolution 2., aktualisierte und ergänzte Au age 2022, 228 Seiten €[D] 20,00 ISBN 978-3-8252-5629-6 eISBN 978-3-8385-5629-1 Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 \ 72070 Tübingen \ Germany \ Tel. +49 (0)7071 97 97 0 \ info@narr.de \ www.narr.de <?page no="644"?> BUCHTIPP Das Lehrbuch vermittelt in verständlicher und konsistenter Form ein grundlegendes Verständnis zu den politischen, wirtschaftlichen, technischen und rechtlichen Rahmenbedingungen des Mediensystems der USA. Mediensysteme entwickeln sich in überwiegend national und kulturell geprägten Umwelten. Daher werden sowohl aktuelle Trends aufgegriffen und erläutert als auch historische und gesellschaftliche Zusammenhänge näher betrachtet. Das reicht von grundsätzlichen Überlegungen zur Rolle „der Medien“ und der Kommunikationsfreiheiten im Zuge der amerikanischen Revolution, über frühe Formen des Journalismus und seine technischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten bis hin zu regulatorischen Initiativen und Kon ikten der Gegenwart im Zusammenhang mit Sozialen Medien und Online-Plattformen. Klaus Kamps Das Mediensystem der Vereinigten Staaten von Amerika 1. Au age 2023, 345 Seiten €[D] 32,00 ISBN 978-3-8252-5704-0 eISBN 978-3-8385-5704-5 Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 \ 72070 Tübingen \ Germany \ Tel. +49 (0)7071 97 97 0 \ info@narr.de \ www.narr.de <?page no="645"?> BUCHTIPP Die Neuau age des Klassikers zur Geschichte der Vereinigten Staaten bietet einen Überblick der Ereignisse und Entwicklungen bis ins Jahr 2020. Sozial- und kulturgeschichtliche Themen treten neben die Darstellung von Politik, Wirtschaft und Verfassung vor dem Hintergrund einer weltpolitischen Lage, die sich in den letzten 20 Jahren entscheidend verändert hat und zu einer Neubewertung der Rolle der USA als Weltmacht Anlass gibt. Besondere Beachtung nden die Rassenproblematik, ethnische, religiöse und Umweltfragen, Einwanderung sowie die Rolle der Frauen und die deutschamerikanischen Beziehungen. Die Fülle von Fakten und Analysen verbindet der Band mit den Mitteln narrativer Geschichtsschreibung zu einer differenzierten, gut lesbaren Darstellung auf aktuellem Forschungsstand. Die neue kommentierte Bibliographie diskutiert Standardwerke wie auch aktuelle Literatur. Christof Mauch, Anke Ortlepp, Jürgen Heideking Geschichte der USA 7., aktualisierte und ergänzte Au age 2020, 592 Seiten €[D] 37,00 ISBN 978-3-8252-5399-8 eISBN 978-3-8385-5399-3 Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 \ 72070 Tübingen \ Germany \ Tel. +49 (0)7071 97 97 0 \ info@narr.de \ www.narr.de <?page no="646"?> Von der Kolonialzeit bis zu Black Lives Matter Rassismus ist bis heute in zahlreichen Bereichen der US-amerikanischen Gesellschaft verankert. Das vorliegende Handbuch blickt in 50 Beiträgen auf die Geschichte des Rassismus in den USA seit dem 17. Jahrhundert. Ausgewiesene Expert: innen erklären relevante Konzepte wie „Rasse“, struktureller Rassismus und Intersektionalität und zeigen auf, welche Gruppen in den USA von Rassismus betroffen sind. Sie erläutern rassistische Praktiken und Institutionen in der Geschichte der USA, wie Segregation, Lynchjustiz und Eugenik. Ebenso betrachten sie den Rassismus in zentralen strukturellen Bereichen der Gesellschaft wie Religion, Wirtschaft und Gesundheit und analysieren, wie rassistische Vorstellungen in Kriegen mobilisiert wurden. Der letzte Teil des Buches widmet sich dem antirassistischen Widerstand und beleuchtet u.a. Abolitionismus, Schwarzen Feminismus und die Red-Power-Bewegung. Ein umfassendes Werk für Studierende der Amerikanistik, Geschichte und Politikwissenschaft. Amerikanistik | Geschichte | Politikwissenschaft ISBN 978-3-8252-6293-8 Dies ist ein utb-Band aus dem UVK Verlag. utb ist eine Kooperation von Verlagen mit einem gemeinsamen Ziel: Lehr- und Lernmedien für das erfolgreiche Studium zu veröffentlichen. utb.de QR-Code für mehr Infos und Bewertungen zu diesem Titel
