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Sportethik

Grundsätze, Werte, Lösungen

0811
2025
978-3-8385-6298-8
978-3-8252-6298-3
UTB 
Reyk Albrecht
Nikolaus Knoepffler
10.36198/9783838562988

Manipulation von Ausrüstung, Doping, taktische Fouls - im Sport werden häufig Grenzen überschritten, um Erfolge zu erzielen. Doch was macht guten Sport aus? Soll der Bessere gewinnen oder der, der am geschicktesten betrügt? Reyk Albrecht und Nikolaus Knoepffler befassen sich in diesem Buch mit grundlegenden Fragen der Sportethik. Sie diskutieren nicht nur ethische Konflikte, sondern heben auch die lebensdienliche Seite des Sports hervor. Zudem erläutern sie, wie konkrete Maßnahmen und Regeln helfen können, ethische Herausforderungen im Sportbetrieb konstruktiv zu bewältigen. Das Buch bietet praxisorientierte Lösungsansätze und ist eine wertvolle Orientierungshilfe für alle, die Sport studieren, lehren, praktizieren, mitgestalten und begleiten.

9783838562988/9783838562988.pdf
<?page no="0"?> ISBN 978-3-8252-6298-3 Reyk Albrecht Nikolaus Knoepffler Sportethik Grundsätze, Werte, Lösungen Manipulation von Ausrüstung, Doping, taktische Fouls - im Sport werden häufig Grenzen überschritten, um Erfolge zu erzielen. Doch was macht guten Sport aus? Soll der Bessere gewinnen oder der, der am geschicktesten betrügt? Reyk Albrecht und Nikolaus Knoepffler befassen sich in diesem Buch mit grundlegenden Fragen der Sportethik. Sie diskutieren nicht nur ethische Konflikte, sondern heben auch die lebensdienliche Seite des Sports hervor. Zudem erläutern sie, wie konkrete Maßnahmen und Regeln helfen können, ethische Herausforderungen im Sportbetrieb konstruktiv zu bewältigen. Das Buch bietet praxisorientierte Lösungsansätze und ist eine wertvolle Orientierungshilfe für alle, die Sport studieren, lehren, praktizieren, mitgestalten und begleiten. Sportwissenschaft | Philosophie Sozialwissenschaften Sportethik Albrecht | Knoepffler Dies ist ein utb-Band aus dem UVK Verlag. utb ist eine Kooperation von Verlagen mit einem gemeinsamen Ziel: Lehr- und Lernmedien für das erfolgreiche Studium zu veröffentlichen. utb.de QR-Code für mehr Infos und Bewertungen zu diesem Titel 6298-3_Albrecht_Knoepffler_M_6298_PRINT.indd Alle Seiten 6298-3_Albrecht_Knoepffler_M_6298_PRINT.indd Alle Seiten 03.07.25 11: 26 03.07.25 11: 26 <?page no="1"?> utb 6298 Eine Arbeitsgemeinschaft der Verlage Brill | Schöningh - Fink · Paderborn Brill | Vandenhoeck & Ruprecht · Göttingen - Böhlau · Wien · Köln Verlag Barbara Budrich · Opladen · Toronto facultas · Wien Haupt Verlag · Bern Verlag Julius Klinkhardt · Bad Heilbrunn Mohr Siebeck · Tübingen Narr Francke Attempto Verlag - expert verlag · Tübingen Psychiatrie Verlag · Köln Psychosozial-Verlag · Gießen Ernst Reinhardt Verlag · München transcript Verlag · Bielefeld Verlag Eugen Ulmer · Stuttgart UVK Verlag · München Waxmann · Münster · New York wbv Publikation · Bielefeld Wochenschau Verlag · Frankfurt am Main <?page no="2"?> PD Dr. Reyk Albrecht ist wissenschaftlicher Geschäftsführer des Ethik‐ zentrums der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Mitglied der Fakultät für Sozial- und Verhaltenswissenschaften und der Medizinischen Fakultät. Prof. Dr. mult. Nikolaus Knoepffler ist Inhaber des Lehrstuhls für Angewandte Ethik der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Direktor des Instituts für Geschichte, Theorie und Ethik der Medizin und des Ethikzent‐ rums der Universität Jena. <?page no="3"?> Reyk Albrecht / Nikolaus Knoepffler Sportethik Grundsätze, Werte, Lösungen <?page no="4"?> DOI: https: / / doi.org/ 10.36198/ 9783838562988 © UVK Verlag 2025 ‒ Ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikro‐ verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Heraus‐ geber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Einbandgestaltung: siegel konzeption | gestaltung Druck: Elanders Waiblingen GmbH utb-Nr. 6298 ISBN 978-3-8252-6298-3 (Print) ISBN 978-3-8385-6298-8 (ePDF) ISBN 978-3-8463-6298-3 (ePub) Umschlagabbildung: © happyphoton - iStockphoto Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. <?page no="5"?> 9 1 11 1.1 12 1.2 15 1.3 16 2 19 2.1 19 2.1.1 20 2.1.2 24 2.2 30 2.2.1 31 2.2.2 32 2.2.3 33 2.2.4 34 2.2.5 35 2.3 36 2.3.1 38 2.3.2 40 2.3.3 47 3 55 3.1 55 3.1.1 55 3.1.2 56 3.1.3 57 3.2 58 3.2.1 59 Inhalt Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Worum es in diesem Buch geht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wissenschaftstheoretische Klarstellungen . . . . . . . . . . . . . . Einordnung des Buchs in die sportethische Diskussion . . . Vorgehensweise . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Begriffsklärungen und zentrale sportethische Ansätze . . . . . . . . . Sport und Ethik - zwei deutungsoffene Begriffe . . . . . . . . . Sport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ethik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Pluralität sportethischer Ansätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der pädagogische Ansatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der perfektionistische Ansatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der transhumanistische Ansatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der utilitaristische Ansatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der salutogenetische Ansatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der ordnungsethisch-holistische Ansatz . . . . . . . . . . . . . . . Der systematische Ort der Moral . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der sportethische Bezugsrahmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vier Wertekategorien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die soziale Dimension des Sports . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Soziale Chancen des Sports . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Förderung der Gemeinschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Integrative Kraft und Inklusion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weitere Chancen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Soziale Konfliktfelder und Lösungswege . . . . . . . . . . . . . . . Betrug und Doping als exemplarische Betrugsform . . . . . . <?page no="6"?> 3.2.2 76 3.2.3 79 3.2.4 86 4 89 4.1 89 4.1.1 89 4.1.2 91 4.1.3 93 4.2 94 4.2.1 94 4.2.2 101 4.2.3 102 5 113 5.1 113 5.1.1 113 5.1.2 114 5.1.3 115 5.2 116 5.2.1 116 5.2.2 118 5.2.3 121 6 123 6.1 123 6.1.1 123 Formen des Missbrauchs und die Herausforderung von Abhängigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Diskriminierungen und die Frage nach berechtigter Differenzierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nation Branding, Sportswashing und Verletzungen von Menschenrechten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die ökonomische Dimension des Sports . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ökonomische Chancen des Sports . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sport als Lebensgrundlage, Bedürfnisbefriedigung und Aufstiegschance . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sport als Wirtschaftsfaktor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sport als Innovationstreiber und sein Beitrag zur ökonomischen Nachhaltigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ökonomische Konfliktfelder und Lösungswege . . . . . . . . . Ausufernde Kommerzialisierung des Sports und die Folgen Ungleichheit der Ressourcenverteilung . . . . . . . . . . . . . . . . Korruption und damit verbundene „Mauscheleien“ . . . . . . Die ökologische Dimension des Sports . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ökologische Chancen des Sports . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ökologische Vorbildfunktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nachhaltiges Handeln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sensibilisierung für die Mitwelt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ökologische Konfliktfelder und Lösungswege . . . . . . . . . . Die Missachtung von ökologischer Nachhaltigkeit im Hochleistungssport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Missachtung von ökologischer Nachhaltigkeit im Breitensport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Unangemessener Umgang mit Tieren . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die gesundheitliche Dimension des Sports . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gesundheitliche Chancen des Sports . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die enge Verbindung von Sport und Gesundheit . . . . . . . . 6 Inhalt <?page no="7"?> 6.1.2 125 6.1.3 128 6.2 130 6.2.1 130 6.2.2 137 7 145 8 149 155 165 168 169 Sport als Quelle physischer Gesundheit . . . . . . . . . . . . . . . . Sport als Anker psychischer Gesundheit . . . . . . . . . . . . . . . Konfliktfeld Gesundheit und Lösungswege . . . . . . . . . . . . . Gefahren für die physische Gesundheit und Lösungsangebote . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gefahren für die psychische Gesundheit und Lösungsangebote . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weitere Konfliktfelder . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Lebensdienlicher Sport - ein Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zitierte Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tabellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inhalt 7 <?page no="9"?> Vorwort Der Sport nimmt in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert ein. Der Sportunterricht ist in unserem Schulwesen ein Pflichtfach, die Fitness‐ studios boomen. Krankenkassen empfehlen ihren Mitgliedern, regelmäßig Sport zu treiben. Sportübertragungen locken Millionen von Zuschauern an den Bildschirm. Im Hochleistungssport genießen erfolgreiche Sportlerinnen und Sportler hohe Anerkennung. In manchen Sportarten reicht ihr Einkom‐ men an das von gefeierten Stars aus der Film- und Musikbranche heran. Darüber hinaus sind sie Werbeikonen und genießen eine Art Heldenstatus. Doch der Sport hat auch seine Schattenseiten: Der Missbrauch junger Athletinnen und Athleten, Doping und Korruptionsfälle sowie ökologische Schäden sind nur einige der Probleme, die das Bild des Sports trüben. Darüber hinaus bleiben ungeklärte Fragen. Wie sollte mit Menschen in einem binär gestalteten Wettkampfsport umgegangen werden, die phä‐ notypisch eine Frau, genetisch aber ein Mann sind? Wie kann Inklusion gelingen? Wann wird aus gesundem Wettbewerb krankmachender Leis‐ tungsdruck? In diesem Buch wollen wir allen Interessierten einen praxisnahen Einstieg in die Sportethik geben. Dazu erläutern wir zentrale Charakteristika und Grundsätze eines wertorientierten Sports und stellen wesentliche Felder der Sportethik und die mit ihnen verbundenen Chancen auf ein gutes Leben und ihre ethischen Herausforderungen systematisch dar. Dabei sind nicht nur die Handlungs-, sondern auch die Diskurs- und Regelebene zu berücksichtigen. Uns leitet die Überzeugung: Ethik soll einer lebenswerten Welt dienen. Sie darf sich darum nicht darin erschöpfen, die Rolle von Bedenkenträgern einzunehmen. Andernfalls würde man zumindest nach Goethe die Rolle des Teufels einnehmen, der im Faust von sich sagt: „Ich bin der Geist, der stets verneint“ (Goethe 1981 [1808], 47). Herzlich danken wollen wir allen, die am Gelingen des Buchs mitgewirkt haben. Frau Hilbig vom UVK Verlag danken wir für die Anregung zu diesem Band und ihre hervorragende Betreuung. Wir danken Miriam Frisch, Lale Kan, Christina Knoepffler, Michael Rastel und Ulrich Schneider für Korrekturen und wichtige inhaltliche Verbesserungsvorschläge. Abschließend möchten wir zum Sprachgebrauch anmerken, dass wir uns darum bemüht haben, möglichst geschlechtergerecht zu formulieren. In <?page no="10"?> vielen Fällen werden darum männliche und weibliche Form gebraucht und mit einem „und“ verbunden, was Personen, die sich als „divers“ verstehen, sichtbar machen soll. An den Stellen, an denen klar ist, dass alle Personen gemeint sind, wird auch oftmals nur ein Geschlecht verwendet, um der Lesbarkeit zu dienen. Wir wissen darum, dass es sich um einen Kompromiss handelt, aber wir versuchen so, Lesbarkeit mit dem berechtigten Anliegen einer geschlechtergerechten Sprache in Einklang zu bringen. Jena, 1. Juni 2025 Reyk Albrecht, Nikolaus Knoepffler 10 Vorwort <?page no="11"?> 1 Worum es in diesem Buch geht Am 7. Januar 2024 starb der Fußballspieler, Fußballtrainer und Fußballfunk‐ tionär Franz Beckenbauer, von vielen liebevoll „der Kaiser“ genannt. Er dirigierte seine Mannschaft und strahlte eine Souveränität aus, die ihn aus anderen Profifußballern hervorhob. Als Fußballspieler gilt er vielen bis heute als der beste, den es in Deutschland je gegeben hat. Höhepunkt seiner Karriere als Spieler war der Gewinn der Fußballweltmeisterschaft 1974, in der er die deutsche Mannschaft als Kapitän aufs Feld führte. Seine Spielweise faszinierte nicht nur die Anhänger seines Fußballvereins, sondern auch gegnerische Fans. Als Trainer der Nationalmannschaft gewann er 1990 in Rom mit seiner Mannschaft nochmals die Weltmeisterschaft. Zudem holte er als Funktionär die Weltmeisterschaft 2006 nach Deutschland, die als Sommermärchen in die Annalen des Fußballsports einging. Bis heute sind die strahlenden Gesichter der Fußballfans, die aus aller Welt nach Deutschland reisten, unvergessen. Bei der Gedenkfeier anlässlich seines Todes in der Münchner Allianz Arena sprachen nicht nur der Präsident des FC Bayern München, sondern auch der Bundespräsident, der bayerische Ministerpräsident und der Erzbischof von München und Freising. Anwesend bei der Feier waren auch der Bundeskanzler und viele internationale Gäste. Diese Seite Beckenbauers bringt die lebensdienliche Kraft des Sports zum Vorschein. Aber darin erschöpft sich Beckenbauers Handeln nicht. Becken‐ bauer konnte auch hart und jähzornig sein, was für die Betroffenen einen Leistungsdruck erzeugte, sowohl in seiner ersten Phase als Spieler auf die Mitspieler als auch später als Trainer auf seine Nationalmannschaftsspieler. Hier steht Beckenbauer auch für eine Seite des Leistungssports, die immer wieder in der Kritik steht. Als Funktionär wurde ihm unterstellt, er habe bei der Entscheidung der FIFA, die Fußballweltmeisterschaft nach Deutschland zu vergeben, Mittel angewendet, die bis heute bei jeder Vergabe einer WM in den letzten Jahrzehnten seit der Kommerzialisierung des Fußballs üblich waren, aber wohl den Tatbestand von Korruption erfüllen oder doch zumindest den Verdacht sehr nahelegen. Hier zeigen sich am Beispiel seines Sportlerlebens Herausforderungen, denen der Leistungssport ausgesetzt ist und die seine positive Seite „eintrüben“. <?page no="12"?> Die positiven und kritisch zu bewertenden Seiten von Beckenbauers Wirken lassen bereits erkennen, worum es einer Sportethik gehen sollte. Sie soll Kriterien eines lebensdienlichen Sports entwickeln, positive Mög‐ lichkeiten des Sports herausarbeiten und Wege weisen, wie negative Seiten des Sports vermieden werden könnten. Dabei geht es wesentlich darum, Leserinnen und Lesern ihre jeweiligen eigenen Grundannahmen bewusst zu machen. So können sie besser verstehen, woher eigene moralische Einstellungen zu brennenden sportethischen Fragen herrühren und welche Rahmenbedingungen moralisches Verhalten beeinflussen. 1.1 Wissenschaftstheoretische Klarstellungen Bevor wir ausführlich auf die für dieses Buch grundsätzlichen Begriffe „Sport“ und „Ethik“ eingehen, sind einige Klarstellungen nötig, um Missver‐ ständnisse auszuräumen und falschen Erwartungen vorzubeugen. Bei der Recherche wurden auch Lexika und ChatGPT bzw. vergleichbare Software genutzt. Sofern aus diesen wörtliche Übernahmen stattgefunden haben, wurde dies angegeben, es sei denn, es handelt sich um allgemein als bekannt anzunehmende Aussagen. Zitate werden nach der neuen deutschen Rechtschreibung wiedergege‐ ben. Hervorhebungen in Zitaten sind grundsätzlich von den jeweiligen Verfassern. Übersetzte Zitate sind von uns, es sei denn, im Literaturver‐ zeichnis gibt es entsprechende Hinweise auf verwendete deutschsprachige Übersetzungen. Bei den Vornamen wird nur der erste Vorname abgekürzt genannt. Fachzeitschriften werden entweder nach den international üb‐ lichen Abkürzungen oder mit dem vollständigen Namen einschließlich Nennung der Jahrgangsnummer angegeben. Eine Besonderheit stellen In‐ ternetverweise dar, da sich hier die Jahreszahl darauf bezieht, wann wir die Quelle zuletzt überprüft haben, es sei denn die Jahreszahl ist genau feststellbar. Juristische und kirchenamtliche Texte werden nach offiziellen Abkürzungen angegeben und sind entweder über die Internetseiten der jeweiligen Organe, z. B. des Bundesverfassungsgerichts oder des Vatikans, auffindbar. Antike und mittelalterliche Texte werden im Text mit den üblichen Kürzeln und Zitationsweisen angegeben und im Literaturverzeich‐ nis mit den Jahreszahlen der Edition aufgeführt. Bei neueren klassischen Werken sind die Ersterscheinungsdaten in eckigen Klammern beigefügt. 12 1 Worum es in diesem Buch geht <?page no="13"?> 1 Eine Besonderheit stellt der Umgang mit eigenen, bereits publizierten Vorarbeiten dar, die wir nicht wie Fremdzitate durch Anführungszeichen kennzeichnen, selbst wenn wir Teile daraus wörtlich übernehmen. Die entsprechenden Untersuchungen sind jedoch im Literaturverzeichnis aufgeführt. In ihnen findet sich auch in vielen Fällen weiterführende Literatur. Wir folgen hier der bisherigen geisteswissenschaftlichen Praxis, wonach es unüblich ist, sich selbst zu zitieren, da es sich um ein Lehrbuch handelt, für das es keine Impact-Faktoren wie in den Naturwissenschaften gibt. Wir haben in diesem Buch versucht, strukturell eine enge Verbindung zu den bei Alber erschienenen Lehrbüchern zur Medizinethik (Knoepffler 2021) und Wirtschaftsethik (Albrecht et al. 2023) herzustellen. Bis in die Abbildungen hinein haben wir uns um diesen Wiedererkennungswert bemüht, um so eine „Lehre aus einem Guss“ zu präsentieren. Zugleich ist es dadurch möglich, die Überlegungen in diesem Buch auch ohne jede Kenntnis der anderen beiden Ethikbücher nachvollziehen zu können. Sie werden nach der verwendeten, im Literaturverzeichnis angegebenen Edition mit Seitenzahl zitiert. 1 Nach diesen formalen wissenschaftstheoretischen Klarstellungen ist im nächsten Schritt die Differenz zwischen einer akademischen Sportethik und verwandten sportethisch relevanten Disziplinen zu klären. Während die Sportethik auch wesentlich eine normative Funktion hat, beschäftigt sich die Sportpsychologie empirisch „mit dem Erleben und Verhalten von Personen in sportbezogenen Kontexten“ (Englert et al. 2024, 19). Im Unter‐ schied zur Sportökonomie, welche „die Anwendung des betriebswirtschaft‐ lichen und volkswirtschaftlichen Instrumentariums auf einzelne Bereiche des Sports“ (Daumann 2023, 20) darstellt, thematisiert die Sportethik vor allem die Lebensdienlichkeit wirtschaftlicher Belange des Sports. Auch ist die Sportethik nicht mit Sport Governance zu verwechseln, obwohl es mit dieser gewisse Überschneidungen gibt, insbesondere wenn es darum geht herauszuarbeiten, worin „Good Governance“ besteht, also wie „Re‐ chenschaftspflicht, Transparenz, Korruptionsbekämpfung“ (Daumann et al. 2024, 23) implementiert werden können und warum die Regelebene auch für den Bereich des Sports so bedeutungsvoll ist. Im Unterschied jedoch zu Sport Governance geht es vor allem um die ethische Rechtfertigung bestimmter moralischer Maßstäbe und dabei um die Einsicht, dass jede ethische Rechtfertigung immer auch von einem ethischen Ansatz abhängt, der selbst wieder gegenüber anderen ethischen Ansätzen als der angemes‐ senste auszuweisen ist. Vor diesem Hintergrund dürfte auch klar sein, worin die Differenz zu einer journalistischen Behandlung von sportethischen Konfliktfällen besteht. Der Sportethik geht es um ein Verstehen, wie es zu ethisch relevanten Diskursen, Regelsetzungen und Handlungen im Sport 1.1 Wissenschaftstheoretische Klarstellungen 13 <?page no="14"?> und zu bestimmten Konflikten gekommen ist, welche Chancen, aber auch welche Herausforderungen und Gefährdungen sich damit verbinden. Es geht dabei nicht um ein Moralisieren, was sie ganz wesentlich von bestimm‐ ten Sendungen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen bzw. Zeitungsberichten - man denke nur an die Vergabe der Fußballweltmeisterschaft der Männer an Saudi-Arabien - und Äußerungen in Social Media unterscheidet. Eine akademische Sportethik ist auch nicht mit rechtlichen Vorgaben für den Bereich des Sports zu verwechseln. Wer die Überzeugung vertritt, dass geltendes Recht letztgültig ethische Streitfragen entscheidet, reduziert Ethik auf Recht und begeht damit einen legalistischen Fehlschluss. Warum dies ein Fehlschluss ist, zeigt folgendes Beispiel: Wer im Iran lebt, der darf nach iranischem Recht als Frau nicht ohne Schleier Sport treiben. Der legalistische Fehlschluss besteht darin, aus dieser rechtlichen Vorgabe im Iran zu schließen, dass damit das Schleiertragen auch ethisch allgemein vor‐ zuschreiben sei. Aus der Aussage „Schleiertragen ist im Iran für Frauen auch im Sport rechtlich geboten“ wird in einem solchen Fall fälschlicherweise die Aufforderung: „Das Schleiertragen sollte für Frauen beim Sport ethisch allgemein geboten sein“. Ebenfalls verfehlt ist die Annahme, dass eine Sportethik in den meisten Konfliktsituationen eindeutige Antworten bereitstellen könne. Deshalb kann den Sportlern und den Verantwortlichen im Sport die Letztverantwor‐ tung nicht abgenommen werden. Da verschiedene Religionen und Weltan‐ schauungen miteinander um die letzte Wahrheit ringen, muss es notwendi‐ gerweise bei manchen Streitfällen unterschiedliche Lösungsangebote geben. Diese beanspruchen zwar universelle Gültigkeit, sind aber in vielen Fällen nur für die Anhänger der entsprechenden Religionen überzeugend. Vor die‐ sem Hintergrund bewerten Vertreterinnen und Vertreter dieser Religionen beispielsweise das Schleiertragen in der Öffentlichkeit unterschiedlich und beeinflussen die Gesetzgebung gemäß ihren moralischen Überzeugungen, weshalb im Iran das Schleiertragen in der Öffentlichkeit auch im Sport verpflichtend ist. In religiösen und säkularen Weltanschauungen wird ebenfalls von unter‐ schiedlichen Menschenbildern ausgegangen. In der vorklassischen griechi‐ schen Zeit war die Ethik von Grundhaltungen, altertümlich Tugenden ge‐ nannt, geprägt, die damaligen Ehrenkodizes entsprachen. In der klassischen griechischen Philosophie, wie sie insbesondere Platon (428-348 v. Chr.) und Aristoteles (384-322 v. Chr.) entwarfen, ging es um Grundhaltungen, die notwendig waren, um glücklich zu werden. Dazu gehörte für Platon 14 1 Worum es in diesem Buch geht <?page no="15"?> auch die sportliche Betätigung. Denker in dieser Tradition betonten bis in die Zeiten von Machiavelli (1469-1527), dass zu diesem Glücklichsein aber immer auch die Fortuna, also Glück, gehöre. Dagegen verankerte die stoische Philosophie alles in einer Grundhaltung, die auch Unglück so ertragen ließ, dass ein tugendhafter Mensch immer glücklich zu nennen war. Im Christentum und Islam, die eng mit dieser Tradition verbunden sind, verbürgt Gott, dass der tugendhafte Mensch zum ewigen Seelenheil gelangt. Sport hat in dieser Hinsicht nur insofern Bedeutung, als sportliche Tätigkeit Tugenden (z. B. Ausdauer, Überwinden von Trägheit), aber auch Laster (z. B. falscher Ehrgeiz, Neid auf Konkurrenten) fördern kann. Ein Bruch mit diesen Ethiken stellt die neuzeitliche Philosophie dar. Während beispielsweise für Hobbes (1588-1679) und für die ihm folgende vertragstheoretische Tradition der Mensch im Naturzustand dem Menschen ein Wolf ist, er also eigeninteressiert seinen eigenen Vorteil sucht, ohne dass dies getadelt wird, geht Rousseau (1712-1778) von einem Menschenbild aus, wonach der Mensch von Natur aus gut ist und erst durch Systeme korrumpiert wird. Sein optimistisches Menschenbild hallt bis zur Diskursethik nach, deren bedeutender Vertreter Karl-Otto Apel (1922-2017) selbst einschlägig zur Sportethik publiziert hat (vgl. Apel 1990). Für den Bereich des Sports sind zudem besonders die anthropologischen Annahmen von Viktor Frankl (1905-1997), Aaron Antonovsky (1923-1994) und Shifrah Sagy (*1945) von Bedeutung, die davon ausgehen, dass es für den Menschen ganz wesentlich darum geht, seinem Leben einen Sinn zu geben bzw. einen Sinn im eigenen Leben aufzufinden. 1.2 Einordnung des Buchs in die sportethische Diskussion Die Sportethik ist je nach Menschenbild faktisch in eine Vielzahl unter‐ schiedlicher sportethischer Ansätze zerfallen, auch wenn es sich um eine sehr junge Disziplin handelt. Erst Ende der 1960er Jahre nämlich bildete sich eine akademische Sportethik heraus. 1972 gründete sich die Philosophic Society for the Study of Sport, die sich 1999 in International Association for the Philosophy of Sport (IAPS) umbenannte. Und erst 1974 entstand die erste auch sportethisch relevante Zeitschrift The Journal of the Philosophy of Sport. Im deutschsprachigen Raum hat der Philosoph und Goldmedaillengewinner im Achter bei den Olympischen Spielen 1960 in Rom, Hans Lenk, in meh‐ 1.2 Einordnung des Buchs in die sportethische Diskussion 15 <?page no="16"?> 2 Allerdings ist dabei „eigener Ansatz“ im Sinn von Wittgensteins Vorwort zum Tractatus (1984 [1918]) zu verstehen: „Wieweit meine Bestrebungen mit denen anderer Philoso‐ phen zusammenfallen, will ich nicht beurteilen“ (ebd., 9). reren Büchern Sport zum Thema gemacht (vgl. Lenk 1972a und b). Walter Kuchler hat zudem bereits Ende der 1960er Jahre ein Buch zum Sportethos veröffentlicht (vgl. Kuchler 1969), doch erst ab den 1980er Jahren setzte im deutschen Sprachraum ein weitreichenderes sportethisches Interesse ein (vgl. dazu Hübenthal 2023). In dieser Hinsicht sind vor allem Meinbergs Monographie Die Moral im Sport aus dem Jahr 1991, das von Grupe/ Mieth 1998 herausgegebene Lexikon der Ethik im Sport und das 2002 von Claudia Pawlenka verfasste Buch Utilitarismus und Sportethik erwähnenswert. 2023 hat Sven Güldenpfennig eine Monographie zur Sportphilosophie verfasst, die auch ethisch von Interesse ist. Im Unterschied zu den gerade genannten Bänden füllt unser Buch eine Lücke. Eine Besonderheit besteht darin, dass wir mehrere Disziplinen verbinden, nämlich Philosophie, Theologie, Volkswirtschaftslehre sowie Politikwissenschaften. Aufgrund des einführenden Charakters haben wir nicht den Anspruch, zu den einzelnen Themenfeldern die bestehende Dis‐ kussion vollständig aufzuarbeiten. Vielmehr besteht das Anliegen darin, die jeweiligen systematisch bedeutsamen Fragestellungen herauszuarbeiten, die entsprechenden Konflikte zu analysieren und für diese, soweit dies überhaupt möglich ist, Lösungsangebote zu entwickeln. Wenn Leserinnen und Leser dadurch zum eigenen Weiterdenken Anregungen finden, hat das Buch seinen wesentlichen Zweck erfüllt. 1.3 Vorgehensweise Die Chancen und Herausforderungen des Sports geben uns die Vorgehens‐ weise vor. Nach der Einführung klären wir im zweiten Kapitel die Begriffe „Sport“ und „Ethik“ und stellen wesentliche sportethische Ansätze vor: den pädagogischen Ansatz, den es bereits seit der Antike gibt, den gesundheits‐ orientierten Ansatz, der ebenfalls schon unter dem Slogan „mens sana in corpore sano“ („Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper“) propagiert wurde, den perfektionistischen Ansatz, wie er sich bei Julian Savulescu findet, das transhumanistische sportliche Ideal und den utilitaristischen Ansatz in der Ausprägung bei Pawlenka. Anschließend werden wir auch einen „eigenen“ 2 sportethischen Ansatz entwickeln. Dieser Ansatz weiß 16 1 Worum es in diesem Buch geht <?page no="17"?> sich dem politischen weltweiten Konsens im Blick auf Menschenwürde und Menschenrechte verbunden und berücksichtigt, dass jede ernst zu nehmende Ethik immer auch ordonomisch denken muss: Sie muss neben der Handlungsebene immer auch die Regel- und Diskursebene berücksichtigen, worauf später noch ausführlich einzugehen sein wird. Im dritten Kapitel thematisieren wir soziale Chancen wie die Erziehung zur Sozialität im Mannschaftssport und Konfliktfelder wie das Dopingproblem, Diskriminie‐ rungen oder auch Missbrauch. Im vierten Kapitel kommen ökonomische Chancen und Herausforderungen zur Sprache, denn beispielsweise schafft der Sport oftmals erfüllende Arbeitsplätze. Jedoch gibt es auch Schattensei‐ ten der Kommerzialisierung wie das Korruptionsproblem. Das fünfte Kapitel dreht sich um das Themenfeld der Ökologie. Eine sportliche Grundhaltung kann beispielsweise dazu führen, dass Menschen lieber mit dem Rad anstatt mit dem Auto zur Arbeit fahren und damit die Umwelt entlasten. Jedoch gibt es auch die Verunstaltung der Landschaft durch sportliche Großevents. Im sechsten Kapitel thematisieren wir, wie durch Sport die Gesundheit gefördert, aber auch gefährdet werden kann. Abschließend behandeln wir weitere Konfliktfelder und geben einen Ausblick auf einen lebensdienlichen Sport. Soziale, ökonomische und ökologische Dimension Gesundheitsförderung und Gesundheitsgefährdung weitere Konfliktfelder Grundlagen der Sportethik Begriffsklärungen sportethische Ansätze grundlegende Werte ökonomische und ökologische Dimension Abbildung 1: Struktur des Buchs (eigene Darstellung) 1.3 Vorgehensweise 17 <?page no="19"?> 3 Die Bücher klassischer Autoren wie Platon werden nach der Standardzitierung zitiert, d. h., Pol410a5ff bedeutet, dass man diese Stelle in seinem Werk Politeia/ Staat unter der Randnummer 410 im Abschnitt a in den Zeilen 5 folgende findet. 2 Begriffsklärungen und zentrale sportethische Ansätze Die Sportethik als Reflexion auf die ethisch relevante Dimension des Sports trifft auf eine doppelte Problematik. Aufgrund der vielfältigen Ausprägun‐ gen des Sports gibt es nicht ein Verständnis davon, was mit dem Begriff „Sport“ gemeint ist. Das Gleiche gilt für den Begriff „Ethik“. Auch hier gibt es vielfältige Ausdeutungen des Begriffs und damit verbunden verschiedene ethische, in unserem Fall sportethische Ansätze. 2.1 Sport und Ethik - zwei deutungsoffene Begriffe Bereits zu Platons Zeiten kannte man den Hochleistungssport, die griechi‐ schen Olympischen Spiele, bei denen die Sieger teilweise in ihrer Heimat‐ stadt lebenslang Kost und Logis umsonst erhielten, also eine im Verhältnis sehr hohe Belohnung für ihren Erfolg bekamen. Man kannte den Breiten‐ sport, vor allem die im Unterricht sogenannte „Leibesertüchtigung“ der männlichen Kinder und Jugendlichen. Der Name „Gymnasium“ (griechisch: gymnos = unbekleidet, da man unbekleidet Sport trieb) erinnert daran, dass diese ersten Schulen vor allem dieser sportlichen Tätigkeit dienten. Aller‐ dings war dieser Unterricht für bestimmte Staatsziele nützlich, denn er sollte zugleich die für den Kriegsdienst notwendigen körperlichen Grundlagen vermitteln. Platon selbst hat neben allgemeinen sportphilosophischen Überlegungen (vgl. Pol 410a5ff) 3 auch ein wichtiges sportethisches Thema behandelt: Er lehnt im Unterschied zu den meisten Zeitgenossen in hochmoderner Weise mit guten Gründen jede Diskriminierung von Frauen im Sport ab, indem er davon ausgeht, dass „wir also die Frauen zu demselben gebrauchen wollen wie die Männer“ (Pol 451e6f). Das Verbot der antiken Olympischen Spiele durch Kaiser Theodosius I. im Jahr 393/ 4 spiegelt einen weiteren, ethisch relevanten Aspekt wider: Diese <?page no="20"?> Spiele sind so sehr mit dem Glauben an die griechischen Götter verbunden, dass ein christlicher Staat sie nicht mehr tolerieren dürfe. Auch wenn in späterer Zeit, z. B. im Wettkampf der Ritter im Mittelalter, wichtige sportethische Werte wie Fairness eine große Rolle spielten, so setzt eine sportethische Reflexion im eigentlichen Sinn erst in den Sechzigerjah‐ ren des letzten Jahrhunderts mit Keatings (1964) Beitrag Sportsmanship as a Moral Category in der renommierten Zeitschrift Ethics ein. Doch was bedeutet dabei „Sport“? 2.1.1 Sport Der Begriff „Sport“ leitet sich vom lateinischen Verb „deportare“ (= weg‐ tragen) ab. Im Altfranzösischen nimmt dann „disporter“ die übertragene Bedeutung „sich vergnügen“ an. Damit ist ein wesentliches Element des Sports bezeichnet, nämlich sich von der üblichen Arbeit wegtragen zu lassen und so dem Vergnügen zu dienen: Zum Sport gehört in dieser Herkunftslinie eine Betätigung, die gerade nicht Arbeit sein soll, sondern sich wie auch das Spielen durch eine gewisse Zweckfreiheit auszeichnet. Sport wird als eine Aktivität angesehen, die aus Freude an der Bewegung, dem Wettbewerb und dem Erleben der eigenen körperlichen oder geistigen Fähigkeiten, z. B. bei Denksportaufgaben, ausgeübt wird. Selbst Profisportler, die mit ihrem Sport Geld verdienen, können sich über gelungene sportliche Leistungen wie kleine Kinder freuen und vergessen oftmals in den Momenten ihres größten Erfolgs jede finanzielle Dimension des Erreichten. Die Grenzen, was als Sport zählt und was nicht, sind fließend, auch wenn immer neue Definitionen des Sports angeboten werden, so beispielsweise von Jürgen Mittag (2023, 5): „Sport ist eine strukturierte körperliche Aktivität, die freiwillig in Form von Übungen, Spielen oder Wettkämpfen ausgeführt wird. Sport kann dazu dienen, die körperliche Fitness zu verbessern, Geschicklichkeit zu entwickeln, Wettbe‐ werbsgeist und Gemeinschaftsgefühl zu fördern oder das persönliche Wohlbefin‐ den zu stärken. Ausgeübt wird Sport sowohl individuell als auch in Gruppen. Das Spektrum reicht von zweckfreien Freizeitaktivitäten bis hin zu professionellen Wettkämpfen. Sportorganisationen spielen oftmals eine wichtige Rolle, da sie den Ort für sportliche Aktivitäten bereitstellen, sportartspezifische Regelwerke koordinieren und die Interessen des Sports vertreten.“ 20 2 Begriffsklärungen und zentrale sportethische Ansätze <?page no="21"?> Doch hat diese Definition einen großen Haken: Durch die Einschränkung auf „körperliche Aktivität“ wird Denksport - etwa Schach - ausgeschlossen, obwohl auch dieser gemeinhin als Sport gilt. Auch stellt sich die Frage, ob nach diesem Verständnis das Fahren mit dem Rad oder das Gehen zur Arbeit eine sportliche Betätigung ist. Oder hängt dies davon ab, wie schnell man radelt bzw. geht? Sport scheint also analog zum Begriff „Spiel“ deutungsoffen zu sein. In Anlehnung an Wittgenstein (vgl. 1984 [1953], Nr. 65ff.) lässt sich von einer Familienähnlichkeit der Tätigkeiten sprechen, die unter „Sport“ gefasst werden. Das Fußballspiel als Sport ist mit dem Schachspiel als Sport verwandt. Erstens haben beide Sportarten eine agonale (griechisch: agon = Wettkampf) Struktur. Zweitens entspringen beide keinem realen Konflikt. Vielmehr ist der „Kampf “ spielerisch-künstlich. Drittens besitzen sie klare Regeln. Viertens spielt man Fußball oder Schach - und nach dem Spiel ist vor dem Spiel, d. h., der künstliche Konflikt beginnt von Neuem, was seine perspektivische Zweckfreiheit anzeigt. In gewisser Weise hat der Sport in dieser Hinsicht auch etwas Geschichtsloses. Mit jeder Saison geht es von vorn los. Vergangene Triumphe oder Niederlagen sind vergessen: Es gilt, sich jetzt zu bewähren. Dabei bleibt ein entscheidender Unterschied: Fußball ist körperlich, Schach denkerisch geprägt. Insgesamt zeigen viele als Sport bezeichnete Tätigkeiten bestimmte Ge‐ meinsamkeiten: In vielen Fällen geht es um Wettbewerb, um ein Gewinnen. Oftmals ist der körperliche Aspekt von großer Bedeutung. Nicht selten spielt eine gesundheitliche Dimension eine Rolle. Darüber hinaus lässt sich immer wieder ein spielerisches Moment ausmachen, das die ursprüngliche Wortbedeutung des Sichvergnügens erkennen lässt. Friedrich Schiller prägte in seiner Schrift Über die ästhetische Erziehung des Menschen den Begriff des „Spieltriebs“, der dem Konzept der Zweckfreiheit im Sport nahekommt. Schiller argumentierte, dass Menschen durch das Spiel ihre kreativen und künstlerischen Fähigkeiten entfalten und dabei ihre physischen und geistigen Anstrengungen auf eine in gewisser Hinsicht zweckfreie Weise ausleben. Dazu prägte er den berühmt gewordenen Satz: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Worts Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ (Schiller 1795, 88) Für ein Verständnis der Vielfalt, die sich hinter dem Begriff „Sport“ verber‐ gen kann, soll Tabelle 1 dienen. 2.1 Sport und Ethik - zwei deutungsoffene Begriffe 21 <?page no="22"?> Mannschafts‐ sportarten vs. Individual‐ sportarten • Mannschaftssportarten: Sportarten, bei denen Teams ge‐ geneinander antreten, z. B. Fußball, Basketball, Volleyball • Individualsportarten: Sportarten, bei denen Einzelperso‐ nen gegeneinander antreten oder individuelle Leistungen im Fokus stehen, z. B. Leichtathletik, Schwimmen, Tennis Kontaktsport‐ arten vs. Nicht‐ kontaktsportar‐ ten • Kontaktsportarten: Sportarten, bei denen physischer Kon‐ takt zwischen den Sportlern erlaubt oder sogar zentraler Bestandteil ist, z.-B. Rugby, American Football, Boxen • Nichtkontaktsportarten: Sportarten, bei denen physischer Kontakt zwischen den Sportlern vermieden wird oder verboten ist, z.-B. Tischtennis, Golf, Bogenschießen Wettkampf‐ sportarten vs. Freizeitsportar‐ ten • Wettkampfsportarten: Sportarten, die in organisierten Wettbewerben und Meisterschaften auf verschiedenen Ebenen (lokal, national, international) ausgetragen wer‐ den, z.-B. Fußball, Leichtathletik, Schwimmen • Freizeitsportarten: Sportarten, die primär zur körperli‐ chen Betätigung, Gesundheitsförderung oder Entspan‐ nung betrieben werden, ohne Wettkampfcharakter, z.-B. Wandern, Yoga, Fitnesstraining Outdoor-Sport‐ arten vs. In‐ door-Sportar‐ ten • Outdoor-Sportarten: Sportarten, die im Freien oder in natürlicher Umgebung stattfinden, z.-B. Mountainbiking, Skifahren, Klettern • Indoor-Sportarten: Sportarten, die in geschlossenen Räu‐ men oder Hallen stattfinden, z.-B. Basketball, Turnen Wassersportvs. Landoberflächensportvs. Luftsportar‐ ten • Wassersportarten: Sportarten, die im oder auf dem Wasser ausgeübt werden, z.-B. Schwimmen, Segeln, Surfen • Landoberflächensportarten: Sportarten, die auf festem Boden stattfinden, z.-B. Laufen, Radfahren, Fußball • Luftsportarten: Sportarten, die in der Luft oder beim Fliegen ausgeübt werden, z.-B. Fallschirmspringen, Gleit‐ schirmfliegen, Drachenfliegen Kraftvs. Aus‐ dauersportar‐ ten • Kraftsportarten: Sportarten, die den Schwerpunkt auf Kraftaufbau und Muskelentwicklung legen, z. B. Gewicht‐ heben, Bodybuilding, CrossFit • Ausdauersportarten: Sportarten, die den Schwerpunkt auf die Steigerung von Ausdauer und kardiovaskulärer Fit‐ ness legen, z.-B. Marathonlauf, Langstreckenschwimmen Traditionelle und kulturelle Sportarten • Sportarten, die auf kulturellen Traditionen oder regio‐ nalen Gebräuchen basieren, z.-B. Sumo-Ringen ( Japan), Sepak Takraw (Südostasien), Gaelic Football (Irland) Tabelle 1: Übersicht zur Vielfalt der Sportarten (eigene Darstellung erstellt mit Hilfe von KI) 22 2 Begriffsklärungen und zentrale sportethische Ansätze <?page no="23"?> Weitere Unterscheidungen sind denkbar. So könnten Sportarten, welche viel Ausrüstung erfordern, wie z. B. das Segeln, von jenen unterschieden werden, welche kaum oder gar kein zusätzliches Equipment benötigen, wie z. B. Schwimmen. Aufgrund seiner vielfältigen Ausprägungen bedient der Sport verschie‐ dene Interessen. So trieben in Deutschland im Jahr 2022 etwa 8 % der Bevölkerung 5mal oder sogar öfter pro Woche Sport (EU 6 %), weitere 11 % (EU 12 %) 3bis 4-mal pro Woche und zusätzliche 24 % (EU 20 %) 1bis 2-mal pro Woche. Damit ist für 43% der Menschen in Deutschland Sport ein regelmäßiger Teil des Lebens (EU 38 %). Weitere 25 % gaben an, 1bis 3-mal pro Monat oder auch weniger oft Sport zu praktizieren (EU 17 %) und lediglich 32 % tun dies nie (EU 45 %) (vgl. Special Eurobarometer 2022a, T1). Im Verhältnis dazu erscheinen die Zahlen für sportliche Betätigung in Vereinen weniger hoch, nämlich nur 15 % in Deutschland, obwohl mehr als 30 % hierzulande Sportvereinsmitglieder sind. Zum 1. Januar 2024 erreichte dieser Wert nämlich die neue Rekordzahl von 28.764.951 Mitgliedschaften in ca. 86.000 Sportvereinen (vgl. DOSB 2024, 1). Die Diskrepanz klärt sich jedoch schnell auf. Der FC Bayern München überschritt Ende Februar 2025 beispielsweise die Grenze von 400.000 Mitgliedern, wie anlässlich der Feierlichkeiten zum 125-jährigen Bestehen des Vereins stolz verkündet wurde. Dabei sind die Mitglieder meist ausschließlich Fans des FC Bayern, also nicht beim FC Bayern sportlich aktiv. Dies verdeutlicht, dass Sport nicht nur für die Aktiven, sondern für eine viel größere Gruppe von Menschen von Interesse ist, im konkreten Fall für Fans aufgrund der Begeisterung an sportlichen Erfolgen, aber auch durch das gemeinsame Mitleiden mit der eigenen Mannschaft. Sport kann für Aktive wiederum dazu dienen, einfach Spaß und Freude zu haben, sich im Wettbewerb zu messen oder die eigene Gesundheit zu fördern. Sportprofis verdienen darüber hinaus mit ihrem Sport Geld. Auf der zweiten Ebene verdienen auch andere Personen, die gar nicht selbst den be‐ treffenden Sport ausüben müssen, damit ihren Lebensunterhalt, man denke nur an diejenigen, die mit Sportreportagen ihr Geld verdienen. Darüber hinaus gibt es viele andere Gründe, sich im Bereich des Sports zu betätigen. So lassen sich aus politischen Gründen selbst nicht sportbegeisterte Politi‐ kerinnen und Politiker immer wieder bei Sportveranstaltungen sehen, weil dies erfahrungsgemäß Sympathiepunkte bei Wählern bringt. Auch können Sportevents genutzt werden, um im eigenen Land weitgehend geteilte Überzeugungen öffentlich zu bekunden. Bei der Fußballweltmeisterschaft 2.1 Sport und Ethik - zwei deutungsoffene Begriffe 23 <?page no="24"?> 2022 in Katar trug beispielsweise die bundesdeutsche Innenministerin eine Binde, die ihren Respekt vor der LGBTQ+-Bewegung ausdrückte und ihr in Deutschland eine weitgehend gute Presse einbrachte. Überhaupt besaß gerade der Spitzensport spätestens seit den antiken Olympiaden immer auch eine politische und ethische Dimension, auch wenn dies oftmals nicht intendiert war. Neben dem Ziel der Förderung antiker Tugenden wie Fairness, Disziplin und Tapferkeit nutzten die griechischen Stadtstaaten sportliche Siege zur Steigerung ihres Ansehens und zur Demonstration ihrer Stärke. Sportler galten als Repräsentanten ihrer Heimat und Wettkämpfe boten Gelegenheiten für politische Verhandlungen und die Bildung von Allianzen. 2.1.2 Ethik Doch was ist unter der ethischen Dimension des Sports zu verstehen? Ganz unbefangen formuliert beispielsweise die Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA 2021, 13) in ihrem Code, dass der Sport folgende Werte und Güter verfolgt: ● „Gesundheit ● moralisches Verhalten, Fairplay und Wahrhaftigkeit ● Athletenrechte, wie diese im Code festgelegt sind ● Exzellenz in der Performance ● Charakter und Bildung ● Spaß und Freude ● Teamwork ● Hingabe und Commitment ● Respekt für Regeln und Gesetze ● Selbstachtung und Achtung der anderen Teilnehmer ● Mut ● Gemeinschaftsgeist und Solidarität“ Diese Werte und Güter werden von der WADA einfach benannt, ohne dafür ethisch auszuweisen, warum gerade diese Werte aufgezählt werden. Eine ethische Begründung zu geben ist dagegen die Aufgabe einer aka‐ demischen Sportethik. Allerdings gibt es aufgrund der Vielfältigkeit der Weltanschauungen nicht einen alleinigen sportethischen Ansatz. Bevor wir die für die Diskussion wesentlichen, unterschiedlichen sportethischen Ansätze behandeln, stellt sich jedoch zuvor die Frage, was eigentlich unter 24 2 Begriffsklärungen und zentrale sportethische Ansätze <?page no="25"?> akademischer Ethik zu verstehen ist und wie sich die Begriffe „Ethik“, „Moral“ und „Recht“ von den damit verbundenen Begriffen „Ethos“ und „Compliance“ unterscheiden. Der Philosoph, Universalgelehrte und Arzt Aristoteles (384-322 v. Chr.) führte in seinem Buch Ethika Nicomacheia, der Ethik für seinen Sohn Nikomachos, den Begriff „Ethik“ (griechisch: ethos = Sitte, Gewohnheit) in die Diskussion ein. Er verstand dabei „Ethik“ als Teil der politischen Wissenschaft, die besonders die Fragen nach dem moralisch Guten und dem Rechten thematisiert. Heute wird der Begriff „Ethik“ in vielfältiger Weise gebraucht, oftmals synonym mit dem Begriff der „gängigen moralischen Überzeugungen“ (moralisch kommt von der lateinischen Übersetzung von ethos, nämlich von mos = Sitte, Gewohnheit). Dieser Sprachgebrauch findet sich in den Feuilletons vieler Zeitungen. „Moralisch“ und sein Synonym „ethisch“ bezeichnen dann das sittlich Gute. Vielfach wird mit besonderer Betonung dann sogar von „moralisch-ethischen Forderungen“ gesprochen, wenn der betreffende Journalist bzw. die betreffende Journalistin einer Forderung ein besonderes Gewicht verleihen will. In der gegenwärtigen akademischen philosophischen und theologischen Ethikdiskussion hat sich im Unterschied hierzu weitgehend durchgesetzt, „Ethik“ als eine Fachdisziplin zu verstehen, die, je nachdem ob es sich um eine philosophische oder eine theologische Ethik handelt, auch als Moralphilosophie bzw. Moraltheologie bezeichnet wird. Sie thematisiert die Sprache der Moral, rechtfertigt bestimmte Normen und entwickelt konsistente Theorien. Davon zu unterscheiden ist der Begriff „Moral“, womit die von einer Gesellschaft als gut anerkannten Normen, Ideale, Werte und die damit verbundenen Einstellungen gemeint sind. Im weitesten Sinn kann man hier von Moral als einer gesellschaftlichen Konvention (lateinisch: convenire = übereinkommen) sprechen. Der Einzelne ist dann moralisch, wenn seine persönliche Einstellung mit dieser gesellschaftlichen Konvention übereinstimmt. Ein Spezialfall der Moral ist das Ethos, das Normen und Wertvorstellungen einer bestimmten „Gruppe“ enthält. So haben Aktive im Sport ein bestimmtes Ethos, aber auch andere, die im Sport Verantwortung tragen, z. B. das ärztliche Ethos der Sportärzteschaft. Davon zu unterscheiden ist das Recht, das, wenn es als positives Recht Gesetz wird, verbindliche Normen aufstellt. Meist stellen diese Gesetze gesellschaftliche Wert- und Normkompromisse dar; etwas vereinfacht gesprochen: Das Recht ist in vielen Fällen die kodifizierte Moral bestimmter Gesellschaften. Dabei 2.1 Sport und Ethik - zwei deutungsoffene Begriffe 25 <?page no="26"?> „hinkt“ das Recht in dem Sinn manchmal „hinterher“, weil die Gesellschaft in ihren moralischen Vorstellungen oftmals bereits neue Einsichten aufge‐ nommen hat und diese für richtig hält, der Gesetzgebungsprozess und die Veränderung der Rechtsprechung jedoch Zeit benötigt. Dies kann manchmal jedoch auch lange dauern. So hob in den USA der Bundesstaat New York im November 2024 ein Gesetz aus dem Jahr 1907 auf, das den Ehebruch unter Strafe gestellt hatte. Dazu kommt noch eine weitere Differenz. In bestimmten Fällen wider‐ spricht eine Rechtsbestimmung eines Staats der Regelung eines anderen Staats und dennoch ist dieser Unterschied nicht ethisch begründet. So ist es moralisch unerheblich, ob es ein Rechts- (Deutschland) oder ein Linksfahrgebot ( Japan) gibt. Wichtig (und moralisch bedeutsam) ist allein, dass es zum Schutz der Verkehrsteilnehmer derartige Regelungen gibt und diese im jeweiligen Staat befolgt werden. Darum ist auch die Compliance mit diesen Regeln von großer Bedeutung, also die Regeltreue, da ohne diese beispielsweise eine sichere Teilnahme am Verkehr, um beim gerade genannten Beispiel zu bleiben, nicht gewährleistet ist. Auch im Bereich des Sports gehört zur Compliance dabei nicht nur die Regeltreue gegenüber den geltenden Gesetzen, sondern auch gegenüber den jeweiligen Leitlinien bzw. internen Regelungen. So brach Magnus Carlsen im Dezember 2024, der zu diesem Zeitpunkt Spieler mit dem höchsten Elo-Rating war, seine Teil‐ nahme bei der Schnellschach-WM ab, weil er sich nicht an die bestehende Kleiderordnung halten wollte. Damit lassen sich die fünf Begriffe, wie in Abbildung 2 gezeigt, voneinander abgrenzen. Diese Bestimmungen von „Ethik“, „Moral“, „Ethos“, „Recht“ und „Com‐ pliance“ sind nicht unumstritten. Für einige Philosophen in der Tradition sprachanalytischer Ethik kann „Ethik“ als Wissenschaftsdisziplin nichts anderes als eine Begriffsklärung der Sprache der Moral sein. Ethik, so verstanden, leistet keine Normenbegründung und Normenvermittlung. Sie beschränkt sich vielmehr auf die Reflexion ethischer Begriffe, Kriterien, Normen oder Handlungsprinzipien, um diese in ihrer Bedeutung zu analy‐ sieren und damit zu klären. Sie ist also strikt nichtnormativ. Dahinter kann die Überzeugung stehen, Normen und Werte entzögen sich ganz prinzipiell wissenschaftlicher Reflexion, weil ethische Aussagen nicht verifiziert oder falsifiziert werden können. Allerdings kann diese Tradition mit ihrem eigenen Ansatz nicht mehr begründen, warum sie Wissenschaft auf die Kenntnis von verifizierbaren Fakten reduziert, denn genau diese Annahme selbst ist nicht veri- oder falsifizierbar. 26 2 Begriffsklärungen und zentrale sportethische Ansätze <?page no="27"?> Ethik Akademische Disziplin Reflexionsarbeit zur Klärung von moralischen Begriffen, Erarbeitung von Normen usw. Moral Gesellschaftliche „Konvention“ bzw. Normen, Ideale und Werte Gesellschaftliche und persönliche Wertvorstellungen und Normen Ethos Gruppenspezifische „Konvention“ Gruppenspezifische Wertvorstellungen und Normen Recht Verbindliche Normen Wert- und Normkompromisse, oft zu Gesetzen geworden Compliance Regeltreue von Sportlern und Sportorganisationen Sportliche Umsetzung von Wert- und Normkompromissen Abbildung 2: Ethik, Moral, Ethos, Recht und Compliance (eigene Darstellung) Es ist auch möglich, eine normative Ethik als Wissenschaftsdisziplin abzu‐ lehnen, wenn man davon ausgeht, dass alle moralischen Einstellungen ähnlich zu Geschmacksempfindungen nicht kognitiv (lateinisch: cognoscere = erkennen) sind. Der Preis einer solchen Konzeption ist jedoch hoch. Die Begeisterung von Hooligans rivalisierender Fangruppen, sich mit gegneri‐ schen Fans zu prügeln, würde diese Gewalttaten „rechtfertigen“, weil sie diese Prügeleien mögen. Der Nonkognitivismus ist darum für die meisten Menschen keine attraktive ethische Position, da sie eine derartige Begeiste‐ rung nicht für ein hinreichendes Kriterium halten, sich gegenseitig teils lebensgefährliche Körperverletzungen zuzufügen. Aus diesem Grund werden in der akademischen Ethik meist kognitive Ethiken vertreten. Dabei sind üblicherweise drei große Klassen von Ethiken zu unterscheiden, nämlich deontologische (griechisch: to deon = das, was man tun muss), teleologische (griechisch: telos = Ziel) und vertragstheore‐ tische Ethiken. Max Weber (1864-1920) klassifizierte deontologische Ansätze als Gesin‐ nungsethiken (vgl. Weber 1919). Diese Klasse von Ethiken achtet auch auf die innere Qualität von Handlungen, unabhängig von den Folgen, und somit auf die hinter den Handlungen stehende Gesinnung, die zu diesen 2.1 Sport und Ethik - zwei deutungsoffene Begriffe 27 <?page no="28"?> Handlungen führt, in den Worten Kants: den guten Willen. Kant (1724-1804) ist dabei der bekannteste säkulare Vertreter einer deontologischen Ethik. Alle Normen haben nach Kant dem von ihm „kategorisch“ genannten Imperativ zu folgen, einem Imperativ, der unabhängig von Raum und Zeit für alle mit Vernunft begabten Wesen unbedingt gilt, nämlich so zu handeln, dass die Richtschnur der Handlung ein allgemeines, ausnahmslos geltendes Gesetz ist. So ist es nach Kant ausnahmslos verboten, zu lügen oder sich das Leben zu nehmen, also ganz unabhängig von allen Folgen, und zwar allein deshalb, weil es kein allgemeines Gesetz geben dürfte, das es erlauben würde, zu lügen oder sich das Leben zu nehmen. Eine Handlung ist also dann moralisch gut, wenn sie diesen Imperativ erfüllt und aus gutem Willen, also einem Willen, der durch den kategorischen Imperativ bestimmt ist, vollzogen wird. Eine pflichtgemäße Handlung entspricht diesem Imperativ. Wenn sie jedoch nicht aus Pflicht, sondern aus anderen Motiven vollzogen wurde, ist sie zwar nicht unmoralisch, aber moralisch wertlos. Wenn ein Fußballspieler sich fair verhält, einfach weil er das als seine Aufgabe ansieht, fair zu spielen, also aus reinem gutem Willen, so handelt diese Person nach Kant moralisch. Wenn eine solche Person dagegen aus anderen Motiven fair ist, beispielsweise um nicht eine rote Karte zu riskieren und vom Platz gestellt zu werden, so hat diese pflichtgemäße Handlung keine persönlich zurechenbare moralische Qualität. Sie ist damit freilich auch nicht unmora‐ lisch, sondern vielmehr moralisch neutral. Theologische Ethiken gehören ebenfalls zur Gruppe deontologischer ethischer Ansätze, denn göttliche Gebote gelten unabhängig von ihren Folgen. Der Mensch hat der göttlichen Offenbarung zu folgen. Viele religiöse moralische Vorschriften werden dabei zugleich naturrechtlich begründet. Wir entdecken in der sorgfältigen Analyse unserer Menschennatur, so die Annahme, die entsprechenden Normen und Werte, die nach religiöser Deutung der Ewige/ Gott/ Allah in diese Natur hineingelegt hat. Wer beispielsweise seinen Gegenspieler absichtlich verletzt, begeht eine in sich schlechte Handlung, weil es nicht naturgemäß im Sinne einer vernünftigen Menschennatur ist, einander zu verletzen. Weber unterscheidet von dieser Klasse deontologischer Ethiken die von ihm „Verantwortungsethiken“ genannten ethischen Ansätze, denen es um die Folgen einer Handlung geht. Webers Begrifflichkeit ist insofern irrefüh‐ rend, als auch diejenigen Ethiken, die er als Gesinnungsethiken bezeichnet, beanspruchen, verantwortliches Handeln einzufordern. Deshalb hat sich international durchgesetzt, teleologische, d. h. folgenorientierte Ansätze 28 2 Begriffsklärungen und zentrale sportethische Ansätze <?page no="29"?> (Verantwortung für die Folgen einer Handlung) von deontologischen, d. h. gesinnungsorientierten Ansätzen (Verantwortung für den eigenen guten Willen, der sich auch daran bemisst, ob bestimmte Handlungen in sich schlecht sind) zu unterscheiden. Der bekannteste teleologische Ansatz ist der Utilitarismus (lateinisch: utilis = nützlich), dessen Grundprinzip lautet: Maximiere den Nutzen der größtmöglichen Zahl. Handlungen (Aktutilitarismus) bzw. Regeln (Regel‐ utilitarismus) sollen also dem größtmöglichen Nutzen dienen. Mittlerweile hat sich eine Fülle verschiedener Formen des Utilitarismus entwickelt. Eine utilitaristische Sportethik, wie sie Claudia Pawlenka vertritt (vgl. Pawlenka 2002, 2004a-c), würde jede Handlung verurteilen, bei der nicht das größte Wohl der größten Zahl im Blick ist. Aber auch die aus der aristotelischen Tradition kommende eudaimo‐ nistische Ethik ist folgenorientiert. Ihr geht es jedoch nicht um eine Nutzenmaximierung, sondern darum, dass der Einzelne ein gutes Leben findet, ein Leben, das „unter einem guten Stern steht“ (griechisch: eu = gut; daimon = Gott, Geistwesen). Eine wesentliche Aufgabe besteht dabei nach griechischer Überzeugung darin, gute Gewohnheiten, altertümlich „Tugenden“ genannt, auszubilden. An dieser Stelle würden pädagogisch- und gesundheitsorientierte Sportethiken ansetzen. In gewisser Weise sind evolutive Ethiken eine weitere Spielart teleologi‐ scher Ansätze. Sie gehen davon aus, dass wir unsere Normen und Werte im Rahmen unserer Angepasstheit an die gegebenen Umstände entwickelt haben und weiterentwickeln sollten. Sportethisch könnte man alle dieje‐ nigen Positionen in dieser Richtung verstehen, die Sport auch als eine Möglichkeit verstehen, den Menschen zu perfektionieren oder sogar zu transhumanisieren. Darüber hinaus gibt es ethische Ansätze, die sich unter dem Begriff der Vertragstheorien zusammenfassen lassen. Im Unterschied zur Tugendethik werden hierbei (hypothetische) Verträge zwar ebenfalls geschlossen, um ein gelingendes Zusammenleben und dem Einzelnen ein gutes Leben zu ermöglichen, aber die Mitglieder einer Vertragsgemeinschaft entwickeln diese Normen und Werte selbst. Es gibt in diesem Sinn kein universelles Telos wie beispielsweise die Glücksmaximierung der größtmöglichen Zahl. Vielmehr geht es darum, sich gegenseitig zu ermöglichen, handeln zu können, um die Ziele zu erreichen, die der Einzelne anstrebt. Insofern sind Vertragstheorien pragmatisch ausgerichtet (griechisch: pragma = Handlung, Sachverhalt, Umstände). Sie richten sich nach dem Sachverhalt, den kon‐ 2.1 Sport und Ethik - zwei deutungsoffene Begriffe 29 <?page no="30"?> kreten Umständen. Bei Vertragstheorien in der hobbesschen Tradition (Hobbes, 1588-1679) geht es darum, im Sinn eines klassischen Realismus aus Eigeneninteresse einen Vertrag zu schließen, in dem alle zum Schutz des eigenen Lebens bereit sind, dem Souverän die vollständige Macht zu übertragen, solange er ihr Lebensrecht garantiert. Manche Arrangements im Sport scheinen in diese Richtung zu tendieren, beispielsweise wenn man sich auf bestimmte Formen eines Financial Fairplay einigt, die sicherstellen sollen, dass Vereine auch finanziell nachhaltig arbeiten und in diesem Sinn überlebensfähig bleiben. Davon zu unterscheiden sind Vertragstheorien wie diejenige, die Rawls (1921-2002) entwickelt hat und die in gewisser Weise idealistisch vorgeht: Ausgehend von einem „Schleier des Nichtwissens“, aufgrund dessen vernünftige Personen nicht wissen, welchen Platz sie später in der Gesellschaft einnehmen werden, einigen sich diese auf grundlegende Gerechtigkeitsgrundsätze. Die neuen Entwicklungen im Breitensport bei Kindern scheinen in diese Richtung zu gehen, indem Regeln so gestaltet werden, dass die Teilhabe und Freude am Sport unabhängig vom persönli‐ chen Können der Kinder in den Vordergrund gestellt werden. Kognitivistische Ansätze Teleologische Ansätze utilitaristisch evolutiv eudaimonistisch Vertragstheorien realistisch idealistisch Deontologische Ansätze formal naturrechtsbezogen/ religiös Abbildung 3: Ethische Ansätze (eigene Darstellung) 2.2 Die Pluralität sportethischer Ansätze Im Bereich des Sports lassen sich mehrere ethisch relevante Ansätze identifi‐ zieren. Bereits in der Antike wird ausdrücklich durch Platon die Erziehungs‐ dimension des Sports betont, wodurch ein tugendhafter Mensch gefördert wird. Ebenfalls seit der Antike wird auch auf die Gesundheitsdimension des 30 2 Begriffsklärungen und zentrale sportethische Ansätze <?page no="31"?> Sports Bezug genommen. In heutiger Zeit gibt es zudem weitere Ansätze, die Sport als Möglichkeit verstehen, sich zu perfektionieren, das Menschliche sogar zu überbieten oder die den Sport schlicht utilitaristisch thematisieren. Wir selbst werden alternativ einen integrativ-holistischen sportethischen Ansatz vorstellen. 2.2.1 Der pädagogische Ansatz Der pädagogische (griechisch: pais = Kind, agein = führen) Ansatz im Sport hat eine lange Tradition. Bereits Platon (vgl. Pol 455d-457b, Nomoi 813b- 816d) hat den Sport einschließlich des Tanzes als wesentliche Erziehungs‐ maßnahme für Jungen, aber auch - für seine Zeit revolutionär - Mädchen vorgestellt. Allerdings besteht der wesentliche pädagogische Ertrag der meisten Sportarten zu dieser Zeit in der Steigerung der Einsatzfähigkeit für den Krieg. Andererseits ist für das gesamte Bildungsprogramm ein‐ schließlich des Sports das Ideal leitend, die Kinder und Jugendlichen zu tugendhaften Bürgern zu erziehen. Sie sollen ganzheitlich ihre Fähigkeiten entwickeln, um auf diese Weise immer mehr das Wahre, Gute und Schöne entdecken zu können. Bis heute prägt dieser platonische Gedanke vielfach das Ideal des Sportunterrichts, nämlich Schülerinnen und Schüler ganzheitlich zu bil‐ den: im Mannschaftssport z. B. das Verantwortungsbewusstsein und die soziale Kompetenz zu fördern und in individuellen Sportarten z. B. die Zielstrebigkeit oder auch den lebensdienlichen Umgang mit dem eigenen Körper zu kultivieren. Durch die Einübung im Spiel haben die jungen Menschen die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten in der Interaktion mit anderen anzuwenden und zu entwickeln, was zudem die Entscheidungsfindung, die Problemlösung und das taktische Verständnis fördert. Zudem stehen sportliche Betätigungsmöglichkeiten allen Menschen, zumindest prinzipiell, offen. So kann der Sport zu einer inklusiven Denkweise erziehen und den Gedanken fördern, dass wir alle „in einem Boot“ sitzen. Wenn in einer Fußballmannschaft beispielsweise Sportler bzw. Sportlerinnen aus vielen Staaten und Kontinenten mit unterschiedlichen Sprachen zusammenspielen, so zeigt dies die transnationale Dimension des Sports und hilft, Verbindendes wahrzunehmen und den Horizont zu erweitern. Das sogenannte Sommer‐ märchen der Fußballweltmeisterschaft 2006 hat exemplarisch gezeigt, wie Sport in dieser Weise der Völkerverständigung auch außerhalb des Spielfel‐ des dienen kann. 2.2 Die Pluralität sportethischer Ansätze 31 <?page no="32"?> Insgesamt betont der pädagogische Ansatz im Sport die systematische und zielgerichtete Anleitung von jungen Menschen mit dem Ziel, eine lebenslange Liebe zum Sport sowie positive Werte und Verhaltensweisen auf und neben dem Spielfeld zu fördern. Hier lässt sich eine große Nähe zu den oben genannten Werten finden, denn in heutigen pädagogischen Ansätzen sind wesentliche Werte, die Sportlerinnen und Sportler lernen sollen, u.-a.: 1. Fairplay und Wahrhaftigkeit 2. Freude an bestmöglicher Leistung 3. Teamfähigkeit in Verbindung mit „Gemeinschaftsgeist“ 4. Ausdauer, Durchhaltevermögen und Bereitschaft, angemessene Risiken auf sich zu nehmen 5. Respekt für die jeweils geltenden Regeln der einzelnen Sportarten 6. Respekt gegenüber Teamkameradinnen und -kameraden sowie sportli‐ chen Kontrahentinnen und Kontrahenten Vor diesem Hintergrund ist klar, dass das Einüben fairen Verhaltens in diesem pädagogischen Ansatz eine wesentliche Komponente darstellt. Be‐ dauerlicherweise hat der pädagogische Ansatz jedoch keine Antwort auf die Frage, wie die eigenen Ideale durchsetzbar sind, wenn Sportlerinnen und Sportler in einer Wettbewerbssituation rücksichtslos den eigenen Vorteil suchen oder wenn, wie im Breitensport besonders in der Bodybuildingszene zu beobachten, es dem Einzelnen nicht um die Ausbildung eigener Fähig‐ keiten in der platonischen Tradition geht, sondern um ein Maximum an Leistung, koste es, was es wolle. Es fehlt dem pädagogischen Ansatz eine Antwort auf die Frage, wie das Eigeninteresse mancher Sportlerinnen und Sportler, um jeden Preis gewinnen bzw. die eigene Leistung steigern zu wollen, mit dem gesellschaftlichen Interesse in Einklang zu bringen ist, die oben genannten Werte im Wettkampf zu pflegen. Man könnte dies auch so formulieren: Wie geht dieser Ansatz damit um, dass die Erziehungsziele nicht von allen intrinsisch übernommen werden? 2.2.2 Der perfektionistische Ansatz Der Ethiker und Mediziner Julian Savulescu, einer der renommiertesten Vertreter seiner Zunft, vertritt einen perfektionistischen (lateinisch: perfec‐ tio = Vollkommenheit) sportethischen Ansatz. Es geht darum, das Optimum aus den eigenen Möglichkeiten herauszuholen. Dabei akzeptiert und zitiert 32 2 Begriffsklärungen und zentrale sportethische Ansätze <?page no="33"?> er zusammen mit seinen Ko-Autoren vollumfänglich die Werte und Güter, wie diese die WADA 2003 formuliert hatte: ● „Moralisches Verhalten, Fairplay und Wahrhaftigkeit ● Gesundheit ● Exzellenz in der Performance ● Charakter und Bildung ● Spaß und Freude ● Teamwork ● Hingabe und Commitment ● Respekt für Regeln und Gesetze ● Selbstachtung und Achtung der anderen Teilnehmer ● Mut ● Gemeinschaftsgeist und Solidarität“ (Savulescu et al. 2004, 666). Er zeigt damit auch eine große Nähe zum pädagogischen Ansatz. Im Unter‐ schied zum pädagogischen Ansatz jedoch akzeptiert der perfektionistische Ansatz alle Mittel, mit deren Hilfe Exzellenz in der Performance erreicht werden kann und zeigt eine klare Parallele zum transhumanistischen Ansatz. Es geht nämlich nicht nur um eine Perfektion im Rahmen der „natürlichen“ Möglichkeiten, sondern um Leistungssteigerungen, die nur durch ein Übersteigen der von der physischen, psychischen und kognitiven menschlichen Natur gesetzten Grenzen möglich sind. Deshalb soll dieser Ansatz zusammen mit dem transhumanistischen Ansatz auf Stärken und Schwächen hin untersucht werden. 2.2.3 Der transhumanistische Ansatz Der transhumanistische (lateinisch: trans = darüber hinaus; humanus = menschlich) Ansatz radikalisiert den perfektionistischen Ansatz. Der Transhumanismus versteht in seinen unterschiedlichen Spielarten unsere menschliche Natur als „ein Werk im Werden, einen teilweise fertigen Anfang, den wir lernen können, nach unseren Wünschen zu gestalten“ (Bostrom 2003, 493). Vor diesem Hintergrund wäre es nicht nur gerechtfer‐ tigt, sondern sogar erwünscht, die eigenen Leistungen mit Hilfe aller Mittel unter Einschluss beispielsweise eines Gendopings zu verbessern, weil die beiden höchsten Werte die Steigerung der eigenen Performance und die Selbstbestimmung sind, also die Steigerung gemäß eigenen Wünschen. Es ist transhumanistisch gerechtfertigt, seine genetische Ausstattung beispiels‐ 2.2 Die Pluralität sportethischer Ansätze 33 <?page no="34"?> weise mittels CRISPR/ Cas zu verbessern, sei es physisch, psychisch oder kognitiv, um damit leistungsfähiger zu sein. So lässt sich die körperliche Leistungsfähigkeit verbessern, wenn durch Gendoping der eigene Körper mehr rote Blutkörperchen erzeugt. Aber auch der Einsatz von technischen Hilfsmitteln wie z. B. direkt das Gehirn beeinflussenden Stimuli sollte nach diesem Ansatz erlaubt sein. So könnten Sportschützen bei Wettbewer‐ ben ihre Treffsicherheit verbessern. Yuval Harari (vgl. Harari 2018, 388- 391) hat von einer Journalistin berichtet, die mit Hilfe von Helmen, mit denen das amerikanische Militär experimentiert, ihre innere Verfassung so verändern konnte, dass sie enorm treffsicher mit der Waffe wurde. Die Gleichstromstimulation des Gehirns mittels der Helme verbesserte nicht nur die Konzentrationsfähigkeit und reduzierte die innere Hemmung, jemanden zu erschießen (in ihrem Beispiel Pappkameraden), sondern führte auch zu einem fast spirituellen Erleben von Zeitlosigkeit. Sie war sozusagen im Flow. Michael Sandel (2009, 89) ist eine der führenden Stimmen, die den Transhumanismus kritisieren: „Es ist plausibler, genetische Eingriffe als den ultimativen Ausdruck unserer Entschlossenheit zu verstehen, uns als die Krönung der Welt, als die Meister unserer Natur zu sehen. Aber dieses Versprechen von Herrschaft ist verfehlt. Die Eingriffe drohen unsere Wertschätzung des Lebens als Geschenk zu verbannen und uns mit nichts außer der Affirmation und Anerkenntnis unseres eigenen Willens zurückzulassen.“ Auf den Sport bezogen könnte die Kritik lauten, dass durch die Nutzung von Mitteln zur Leistungssteigerung etwas Wesentliches im Sport verloren geht, nämlich die Wertschätzung des Lebens als Geschenk und damit verbunden die Natürlichkeit. Sportlerinnen und Sportler mit einer perfektionistischen oder transhumanistischen Gesinnung würden dagegen die Affirmation des eigenen Willens betonen und Sandels Argument nicht gelten lassen. 2.2.4 Der utilitaristische Ansatz Der utilitaristische (lateinisch: utilis = nützlich) Ansatz zielt darauf ab, dass der größtmögliche Nutzen der größtmöglichen Zahl realisiert wird, entweder in jeder Handlung (Aktutilitarismus) oder über die nützlichsten Regeln (Regelutilitarismus). Im Bereich der Sportethik ist Claudia Pawlenka (2002, 2004a-c) die Hauptvertreterin im deutschsprachigen Raum. Nach ihrem Verständnis hat die sportliche Tätigkeit dazu zu dienen, den Nut‐ 34 2 Begriffsklärungen und zentrale sportethische Ansätze <?page no="35"?> zen der größtmöglichen Zahl aller beteiligten Personen zu maximieren. Beteiligte Personen sind nicht nur die Athletinnen und Athleten, sondern auch der Trainerstab, die Physiotherapeuten sowie Zuschauer und weitere Stakeholder. Dabei wird der Nutzen nach den Kriterien der Förderung von Gesundheit, Gemeinschaftserfahrungen, Fairness und der Erfüllung eigener Präferenzen bemessen. Entscheidungen sollten nach einem utilitaristischen Kalkül rational so getroffen werden, dass der Nutzen aller Stakeholder maximiert wird. Die Stärken und Schwächen des Ansatzes für den Bereich des Sports sind zugleich auch die Stärken und Schwächen des Utilitarismus im Allgemeinen. Die große Stärke des Ansatzes besteht darin, mit wenigen Voraussetzungen auszukommen, nämlich der Annahme, dass Menschen möglichst wenig leiden und möglichst viele gute Erfahrungen machen wollen. Die guten Erfahrungen messen sich dabei nach den eigenen subjektiven Vorlieben bzw. Präferenzen. Sobald man sich darauf geeinigt hat, welche Kriterien gemeinsam für die Bemessung geteilt werden, kann man entweder für jede Handlung oder für jede Regel berechnen, worin die Glücksmaximierung besteht. Zwei Hauptprobleme treffen den Utilitarismus: Zum einen ist es sehr schwer, sich auf die jeweiligen Bemessungskriterien zu einigen, zum an‐ deren können Regeln, die ermöglichen, das Glück der größtmöglichen Zahl zu befördern, für den Einzelnen nachteilig sein. Wenn beispielsweise die Mehrzahl die Zulassung von Doping als Mittel, um das Glück erhöh‐ ter Performance zu erfahren, präferiert, sollte es entsprechend diesem Ansatz erlaubt sein, selbst wenn Einzelne dies ablehnen würden, weil sie beispielsweise gesundheitliche Nachteile befürchten oder aufgrund ihres Verständnisses von Sport den Einsatz derartiger Mittel als Verletzung des eigentlichen Sportsgeists verstehen. 2.2.5 Der salutogenetische Ansatz Beim salutogenetischen (lateinisch: salus = Gesundheit, Wohlergehen; grie‐ chisch: genesis = Entstehung) Ansatz steht die gesundheitliche Dimension des Sports im Vordergrund. Bereits in der Antike empfahlen die Ärzte ihren Patienten sportliche Betätigung zur Prävention von Krankheiten. Heute hat die sportmedizinische Forschung nachgewiesen, dass ein angemessen betriebener Sport sehr gesundheitsdienlich ist (vgl. Brehm et al. 2008), insbesondere, wenn er achtsam durchgeführt wird (vgl. Albrecht et al. 2015). 2.2 Die Pluralität sportethischer Ansätze 35 <?page no="36"?> Eine körperlich-sportliche Aktivität, wenn diese in angemessener Intensität, Häufigkeit und Dauer betrieben wird, kann die Fitness und Ausdauer steigern. Kombiniert man dies mit psychosozialen Parametern, indem man beispielsweise in einer Gruppe im Fitnessstudio oder Sportverein trainiert, so beugt man dadurch physischen und psychosozialen Belastungsstörungen vor. Auf diese Weise verhält man sich fair seinem eigenen Körper und seiner eigenen Psyche gegenüber. Zudem übt man Fairness gegenüber anderen ein, weil der faire Umgang mit dem eigenen Körper und der eigenen Psyche auch Auswirkungen darauf hat, wie man mit anderen umgeht. In der Berücksichtigung der gesundheitlichen Dimension besteht die Stärke dieses Ansatzes. Seine große Schwäche liegt in seiner Eindimensio‐ nalität, seiner Fokussierung auf den gesundheitlichen Aspekt. Sport umfasst mehr als Gesundheitsförderung. 2.3 Der ordnungsethisch-holistische Ansatz Wir vertreten, um die Schwächen bzw. Einseitigkeiten der anderen sportethi‐ schen Ansätze zu vermeiden, einen ordnungsethisch-holistischen Ansatz. In diesem Ansatz geht es um eine ganzheitliche Betrachtung möglichst aller sportethisch relevanten Aspekte. Anstatt einzelne Elemente isoliert zu betrach‐ ten, sollten die Wechselwirkungen und das Zusammenspiel der relevanten Faktoren analysiert werden. Dabei sind die Erkenntnisse und Methoden aus verschiedenen Disziplinen zu integrieren. Im Kontext der Sportethik bedeutet dies, dass nicht nur genuin sportliche Aspekte, sondern auch die soziale Dimension insgesamt sowie ökologische und ökonomische Auswirkungen berücksichtigt werden sollen. Es sind alle beteiligten Stakeholder, also alle beteiligten Interessengruppen, einzubeziehen: Athletinnen und Athleten, Trai‐ nerstäbe, das Publikum, die Sponsoren, aber auch andere gesellschaftliche Gruppen. So ermöglicht z. B. der Skisport für viele Menschen körperlichen und seelischen Ausgleich, bietet spannende Wettkämpfe und schafft wichtige Einnahmequellen. Gleichzeitig verändert er z.-B. natürliche Gebirgslandschaf‐ ten und damit den Lebensraum von Tieren, verbraucht große Mengen an Energie, verändert durch Massentourismus bisherige Kulturlandschaften und beeinträchtigt die Lebensqualität mancher Einheimischen. Eine holistische Sportethik berücksichtigt darum soziale, ökonomische und ökologische Di‐ 36 2 Begriffsklärungen und zentrale sportethische Ansätze <?page no="37"?> mensionen und insbesondere die Verbundenheit (Retinität, lateinisch: rete = Netz) von uns Menschen mit unserer Mit- und Umwelt. Abbildung 4: Nachhaltige Retinität (eigene Darstellung) Eine holistische Sichtweise der nachhaltigen Retinität geht von einer Ver‐ netzung nicht nur der Menschen und ihrer Kinder und Kindeskinder, sondern auch der Vernetzung von uns Menschen mit der Mit- und auch der Umwelt, also den nicht lebendigen „Schätzen“ unserer Erde, aus. Grund‐ legende Herausforderungen für dieses gemeinsame Netzwerk bringt die Kommerzialisierung des Sports in der ökonomischen, der sozialen sowie der ökologischen Dimension mit sich. Dies gilt für den Hochleistungswie auch für den Breitensport. Darüber hinaus bildet der Sport mit sei‐ ner politischen Dimension gesellschaftliche Herausforderungen ab und sucht nach einem angemessenen und sportspezifischen Umgang mit diesen Herausforderungen. Ist es beispielsweise ukrainischen Athletinnen und Athleten zuzumuten, sich mit russischen Sportlerinnen und Sportlern zu messen, wenn gleichzeitig Russland einen Angriffskrieg gegen ihr Land führt? 2.3 Der ordnungsethisch-holistische Ansatz 37 <?page no="38"?> 2.3.1 Der systematische Ort der Moral Eine angemessene Bearbeitung komplexer Fragestellungen kann nur ge‐ lingen, wenn berücksichtigt wird, dass der systematische Ort der Moral nicht nur die Handlungsebene ist, also das Verhalten der einzelnen Betei‐ ligten, sondern ganz wesentlich die Diskurs- und die Regelebene. Die Diskursebene hat großen Einfluss darauf, welche Regeln gesetzt werden, also beispielsweise, ob russische Sportler zugelassen werden oder auch welche Substanzen auf die Dopingliste kommen und welche nicht, aber auch wie diese Regeln durchgesetzt werden. Die Regelebene ist von großer Bedeutung, weil die Regeln bestimmen, welche Handlungen zulässig sind und welche nicht. Dabei gilt grundsätzlich: Was nicht verboten ist, das ist zulässig. Wie die Debatten im Vorfeld der Olympischen Spiele in Paris gezeigt ha‐ ben, führte die Berichterstattung durch die Medien, konkret in Deutschland durch die ARD, in den USA durch die New York Times, dazu, dass die WADA den Fall der chinesischen Schwimmerinnen und Schwimmer neu aufrollte, bei denen eine verbotene Dopingsubstanz in Dopingtests nachgewiesen worden war. Chinesische Stellen hatten behauptet, dies sei auf ein kontami‐ niertes Essen zurückzuführen, das die Sportler eingenommen hätten. Es sei wohl das Herzmittel eines Kochs versehentlich hineingeraten. Die WADA gab sich mit dieser Erklärung zufrieden. Jedoch ergaben die Recherchen, dass nicht alle, bei denen Doping nachgewiesen wurde, überhaupt an dem Essen teilgenommen hatten. Durch den öffentlichen Diskurs sah sich die WADA gezwungen, wenigstens den Anschein zu erwecken, dem Fall doch noch mehr nachzugehen, also die aufgestellten Regeln auch wirklich durchzusetzen. Der systematische Ort der Moral ist darum im holistischen Ansatz neben der Handlungsebene nicht nur die Regelebene, welche die Sportlerinnen und Sportler „domestiziert“, sondern ganz wesentlich auch die Diskursebene. Diese Ebene liegt sozusagen hinter der Regelsetzungsebene, die als Meta‐ ebene wiederum wesentlich die Handlungen bestimmt. Die Diskursebene bzw. der Regelfindungsdiskurs kann deshalb auch als Meta-Meta-Ebene bezeichnet werden. Auf dieser Ebene geht es darum, angemessene Regeln für die handelnden Akteure zu finden. Eine wichtige Verantwortung aus Sicht eines holistischen Ansatzes ist es hierbei, Diskursmöglichkeiten zu schaffen und Diskursverantwortung zu übernehmen sowie sich am Regel‐ findungsdiskurs zu beteiligen. 38 2 Begriffsklärungen und zentrale sportethische Ansätze <?page no="39"?> Dabei ist dieser öffentliche Diskurs in zweierlei Hinsicht gefährdet, Fehlschlüsse zu begehen, weil systemische Zusammenhänge nicht begriffen werden. So begeht einen moralistischen Fehlschluss, wer von einzelnen Sportlerinnen und Sportlern Handlungen verlangt, die für diese selbstschä‐ digend sind, wenn Regeln nicht entsprechend gesetzt und durchgesetzt wer‐ den. Wer also beispielsweise die chinesischen Dopingsünder anklagt, ohne die Hauptverantwortlichen zu benennen, die Regeln nicht wirklich durch‐ setzen, begeht diesen Fehlschluss. Wer dafür sorgt, dass Regeln aufgestellt werden, die aufgrund meist idealistischer Vorstellungen nicht zielführend sind, begeht einen normativistischen Fehlschluss. Im Fall der chinesischen Sportlerinnen und Sportler haben, wenn die Recherchen stimmen, diejeni‐ gen versagt, die so weiche Regeln aufgestellt haben, dass weder die WADA noch die chinesische Anti-Doping-Agentur CHINADA die entsprechenden Vergehen hinreichend verfolgten. Abbildung 5: Ordnungsethische Grundlagen (eigene Darstellung nach Pies 2022, 241) Der systematische Ort der Moral ist in einer solchen Sportethik darum neben der Öffentlichkeit, in der sich der Diskurs zur Regelfindung vollzieht, 2.3 Der ordnungsethisch-holistische Ansatz 39 <?page no="40"?> sowohl die Regelebene selbst, auf der Regeln etabliert werden, als auch die Handlungsebene, auf der die Akteure agieren. 2.3.2 Der sportethische Bezugsrahmen 2.3.2.1 Das Prinzip der Menschenwürde Die holistische Sportethik geht wie das bundesdeutsche Grundgesetz und die Menschenrechtserklärung der Vereinten Nationen vom Prinzip der Menschenwürde in Verbindung mit den Menschenrechten als Fundament sportlicher Werte aus, die helfen, sozial verantwortliches Handeln im Bereich des Sports zu verwirklichen. Dies ist eng verbunden mit dem beschriebenen Prinzip nachhaltiger Retinität und den damit verbundenen Regeln, die einen ökologisch ausgerichteten Sport absichern. Das Prinzip der Menschenwürde bedeutet hierbei, dass allen Menschen auch im Bereich des Sports eine Würde zukommt, die keinen Preis kennt. Insbesondere bedeutet dies, dass jeder Einzelne als Subjekt und prinzipi‐ ell gleich anerkannt wird. Niemand darf vollständig instrumentalisiert werden; niemand ist nur eine „human resource“ bzw. Humankapital, um beispielsweise durch seine olympische Medaille dem eigenen Staat Glanz zu verleihen oder durch den Gewinn einer Meisterschaft den eigenen Verein gut dastehen zu lassen. Diese Würde ist als Fundament der Menschenrechte darum eng mit grundlegenden Menschenrechten wie den Rechten auf Leben, körperliche Unversehrtheit und Selbstbestimmung verbunden, wes‐ wegen sportliche Bedingungen diesen Menschenrechten Rechnung tragen müssen. Vor diesem Hintergrund lässt sich fragen, ob es angemessen ist, wenn Kinder täglich viele Stunden in einer Sportart „gedrillt“ werden, wie es in manchen Bereichen des Sports nicht unüblich ist. Ganz wesentlich ist in diesem holistischen Ansatz, dass die Strukturen un‐ tersucht werden, innerhalb derer Entscheidungen getroffen werden, um die Effizienz von Regelsystemen bei der Abstimmung von normativen Werten und gelebter Praxis zu fördern. Die holistische Sportethik berücksichtigt die Bedingungen heutiger Gesellschaften. Sie empfiehlt darum nicht idealistisch orientierte, sondern praxisnahe und damit umsetzbare und durchsetzbare Regelsysteme, die mit legitimen normativen Zielen in Einklang gebracht werden. Die Regelsetzung, ein Gestaltungsprozess, zielt darauf ab, einem Sport zu dienen, der durch die Integration zentraler ethischer Werte und Normen einen optimalen individuellen und sozialen Wert ermöglicht. Die 40 2 Begriffsklärungen und zentrale sportethische Ansätze <?page no="41"?> Gestaltung wirksamer Regeln erfordert ein Verständnis der subjektiven Präferenzen der einzelnen Akteure, seien es Sportlerinnen und Sportler selbst, seien es all diejenigen, die direkt oder indirekt von den sportlichen Aktivitäten profitieren oder sich aus anderen Gründen in diesem Feld engagieren. Dabei kommt es auch entscheidend darauf an, in der Umset‐ zung bereits die Diskurs- und Regelebene so zu gestalten, dass Moral und Eigeninteresse möglichst kompatibel werden, also niemand systematisch gezwungen wird, gegen die eigenen Interessen zu handeln. Wer die Achtung der Menschenwürde und diese grundlegenden Rechte negiert, handelt selbstwidersprüchlich: Im Akt dieses Nichtachtens gibt er in einem derartigen Handlungsvollzug den Anspruch auf die Achtung der eigenen Menschenwürde in pragmatischer Weise preis. In einer solchen Handlung (griechisch: pragma), des Nichtachtens einer anderen Person nämlich, zeigt eine derartige Person, dass sie das Menschenwürdeprinzip nicht anerkennt, das fundamental eine gegenseitige Achtung einfordert. Warum fordert dies das Menschenwürdeprinzip ein? Die gegenseitige Achtung ist die notwendige Bedingung dafür, dass jeder selbst ungefährdet leben, Sport treiben und überhaupt seine Ziele verfolgen kann. Also ist es für jeden Einzelnen sinnvoll, die Menschenwürde, die eine gegenseitige Achtung einschließt, als notwendige Bedingung für Handlungsvollzüge anzuerkennen. Deshalb hat der Einzelne einen sehr guten Grund, einen freiheitlichen Rechtsstaat zu wollen, der entsprechende Rahmenbedingun‐ gen schafft, und sich dafür einzusetzen, dass dieser freiheitliche Rechtsstaat mit der Anerkennung der Menschenwürde, die Selbstbestimmung auch in sportlichen Bezügen ermöglicht, dauerhaft bestehen bleibt (vgl. Knoepffler 2021b, 41-44). 2.3.2.2 Das Prinzip der Fairness Mit dem Prinzip der Menschenwürde verbunden ist das Prinzip der Fairness als Ausdruck der Gerechtigkeit im Sport, welche gemeinsam die Richtung für einen wertorientierten Sport weisen, ohne eine Selbstschädigung der Akteure einzufordern. Wie bedeutsam das Prinzip der Fairness im Sport ist, lässt sich hervor‐ ragend an der Äußerung des damals für die Belange des Sports zuständi‐ gen ehemaligen bundesdeutschen Innenministers Otto Schily ablesen. Er bezeichnete Fairness als „Grundgesetz des Sports“ (zitiert nach König 2004, 200). Fairness ist zugleich ein Menschenrecht und eine Menschenpflicht. 2.3 Der ordnungsethisch-holistische Ansatz 41 <?page no="42"?> Gerade im Bereich des kompetitiven Sports kommt ihr eine große Bedeutung zu, weil sie die grundsätzliche Chancengleichheit und gegenseitige Achtung verbürgt. Die Verpflichtung zur Fairness ergibt sich aus folgender einfacher, aber oft übersehener Überlegung, die an die Überlegungen zur Menschen‐ würde anschließt: Wer beansprucht, fair behandelt zu werden, hat die Verpflichtung, den anderen aufgrund dessen Subjektstatus ebenfalls fair zu behandeln. Täte er dies nicht, beginge er performativ (lateinisch: performare = vollziehen) einen Widerspruch. Er würde vom anderen Fairness verlangen, diese aber zugleich umgekehrt diesem verweigern. Doch wenn er so handelt, dann gesteht er in einem solchen Vollzug dem anderen performativ, also durch sein eigenes Tun, praktisch zu, sich ebenfalls unfair zu verhalten. Wer beispielsweise dopt, lädt förmlich seine Gegner zum Dopen ein. Fairness im Sport umfasst dabei wesentlich drei Elemente, die wir als die Großen Drei R der Fairness im Sport bezeichnen (siehe Abbildung 6): 1. Regeltreue, was beispielsweise den Verzicht auf Betrug einschließt. 2. Respektvoller Sportsgeist, was beispielsweise einschließt, die Gegen‐ spieler als Partner zu achten und als Spieler sowie als Zuschauer schiedsrichterliche Entscheidungen zu akzeptieren. 3. Richtige Differenzierung (lateinisch: differentia = Unterscheidung), die beispielsweise einschließt, dass alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer gleiche Chancen haben, keine Benachteiligung aufgrund bestimmter Merkmale erfahren und die Möglichkeit besitzen, ihre Talente und Fähigkeiten zu entwickeln. Dagegen besteht eine angemessene Diffe‐ renzierung darin, dass biologische Frauen in bestimmten Sportarten nicht gegen biologische Männer antreten müssen, da biologische Frauen in diesem Fall im Hochleistungssport kaum Gewinnchancen haben. Ein konkretes Beispiel gelebter Fairness zeigte der Tischtennisspieler Timo Boll bei der Weltmeisterschaft 2005 in Shanghai (vgl. Wilke 2009, 21). Sein chinesischer Gegenspieler hatte beim Stand von 13: 12 im entscheidenden siebten Satz die Kante der Tischtennisplatte getroffen, was die Schiedsrich‐ ter aber als Ausball werteten. Boll wies sie auf ihren Fehler hin. Daraufhin wurde der Punkt dem chinesischen Spieler zugesprochen. Boll verlor das Spiel, bekam aber für sein Verhalten den Fairplay-Preis des Turniers zuer‐ kannt. 42 2 Begriffsklärungen und zentrale sportethische Ansätze <?page no="43"?> Fairness Regeltreue Respektvoller Sportsgeist Richtige Differenzierung Abbildung 6: Die drei „R“ der Fairness (eigene Darstellung) Die tiefere ethische Dimension der Fairness hat der ehemalige Bundesprä‐ sident Richard von Weizsäcker in seiner Ansprache zum 50. Jahrestag der Gründung des Nationalen Olympischen Komitees verdeutlicht: „Verlangt ist nicht nur die formelle Beachtung von Regeln. Nie werden geschrie‐ bene Regeln die menschliche Haltung des ‚Fair Play‘ ersetzen können. Der Sportler, der das Fair Play beachtet, handelt nicht nach dem Buchstaben, er handelt nach dem Geist der Regeln“ (zitiert nach Wilke 2009, 8). Dahinter steht die Überzeugung: Nicht jeder Sachverhalt ist und kann so geregelt werden, dass es nicht Situationen gibt, in denen eine buchstaben‐ getreue Auslegung der Regeln dem Geist des Sports entgegensteht. Von daher erschließt sich der alte Gedanke: „Summum ius summa iniuria“, d. h. das Verabsolutieren des Rechts kann größtes Unrecht bewirken. Die Fähigkeit, in bestimmten Fällen eine angemessene Entscheidung zu treffen, basiert auf Erfahrung und Kompetenz und wird in der politischen und der Rechtsphilosophie seit Platon unter dem Begriff der Tugend der Epikie behandelt, also der Tugend, das Geziemende und Angemessene (griechisch: epieikeia, lateinisch: aequitas) für die konkrete Situation bei der Auslegung der Regel zu treffen. Im heutigen Recht spricht man deshalb davon, dass es Situationen gibt, in denen „Ermessen“ von großer Bedeutung ist. Ein Beispiel hierfür lieferte der deutsche Bundesligaschiedsrichter Deniz Aytekin. Im 2.3 Der ordnungsethisch-holistische Ansatz 43 <?page no="44"?> Spiel zwischen dem VfB Stuttgart und Borussia Dortmund (2: 3) im Jahr 2015 entschied er sich gegen eine Regel, aber ganz im Sinne des tieferen Sinns dieser Regel, nämlich ein faires Fußballspiel zu gewährleisten. Die Tageszeitung Die Welt würdigte die Szene wie folgt: „In der 31. Minute foulte Nuri Sahin den VfB-Kapitän Georg Niedermeier im eigenen Fünfmeterraum. Aytekin fackelte nicht lange und zeigte [zu Recht] sofort auf den Punkt. Normalerweise hätte nun auch noch eine Rote Karte für die Verhinderung einer klaren Torchance durch eine Notbremse folgen müssen - und die hätte noch eine Sperre für den türkischen Nationalspieler nach sich gezogen. Aber Aytekin ließ die Karte stecken, er zog nicht einmal Gelb. Damit bewies der Schiedsrichter viel Mut.“ (Bublitz 2015) Allerdings hat Aytekin durch dieses Ermessen eine bestehende Regel nicht angewendet, weshalb es im Sinn der Regel korrekt gewesen wäre, den Spie‐ ler vom Platz zu stellen, was andere Schiedsrichter in ähnlichen Situationen auch so gemäß der Regel entschieden hatten. Eine Ermessensentscheidung ist darum immer umstritten, selbst wenn sie den Geist des Gesetzes realisiert, weil in anderen Spielen bis dahin die Doppelbestrafung (Elfmeter und rote Karte wegen Fouls als letzter Mann) konsequent angewendet wurde. Erst mit der Änderung der Regel zum 1. Juni 2016 ist dieser Ermessens‐ spielraum ganz offiziell bestätigt worden. Schiedsrichter können seitdem regelkonform von der Doppelbestrafung absehen, außer das Foul wäre so brutal gewesen, dass eine rote Karte die einzig richtige Strafe ist. Fairness schließt also Regeltreue ein, geht aber zugleich aufgrund des respektvollen Sportsgeists über diese Regeltreue hinaus, wenn es die Situa‐ tion erfordert, wie das Beispiel zeigt. Dies kann dann, wie im konkreten Fall geschehen, zu einer Überprüfung und Verbesserung der Regel führen. Die Erziehung zur Fairness gehört zu den Grundanliegen des Sportunter‐ richts und findet sich bereits seit dem letzten Jahrhundert in Sportkodizes weltweit als ein zentraler Wert (vgl. Albrecht 2008, 105 ff.; Wilke 2009, 19 ff.). Allerdings gibt es auch die Meinung, die der berühmte Baseballspieler Leo Durocher (1975) als Titel seiner Autobiografie so formulierte: „Nice Guys Finish Last“. Indirekt scheint er Handlungen wie die von Boll damit lächerlich zu machen und Fairplay als Verlierereinstellung anzusehen. So verstanden wäre Maradonas „Hand Gottes“ bei der Weltmeisterschaft 1986 im Spiel gegen England genau richtig. Maradona hatte in diesem Fall den Schiedsrichter nicht auf sein Handspiel aufmerksam gemacht. 44 2 Begriffsklärungen und zentrale sportethische Ansätze <?page no="45"?> Doch lässt sich seine Aussage auch anders deuten. Fairplay bedeutet nicht eine falsch verstandene Rücksichtnahme auf die Gegenspieler, aber eine Grundhaltung, die insgesamt die drei „R“ lebt. Das schließt im Einzelfall nicht aus, den Gegner auch zu foulen. So wird im Basketball meist gegen Ende des Spiels absichtlich harmlos gefoult, um auf diese Weise den eigenen Vorsprung sicherzustellen. Dies wird üblicherweise in diesem Sport akzep‐ tiert. Dennoch sollte man im eigentlichen Sinn des Fairplays wünschen, dass die Regeln so geändert werden, dass derartige Foulspiele sich nicht lohnen. Besonders gravierend ist ein Foulspiel, wenn es begangen wird, um eine andere Person absichtlich zu verletzen. Ein Negativbeispiel für ein derartiges Foulspiel ist das Vergehen des Spielers Sergio Ramos im Champi‐ ons-League-Finale 2018 zwischen Real Madrid und dem FC Liverpool. Ramos hakte sich in einer Weise bei seinem Liverpooler Gegenspieler Mohammed Salah ein, sodass sich dieser schwer an der Schulter verletzte und unter Tränen ausgewechselt werden musste. Sergio Ramos mag ein hervorragen‐ der Spieler sein, der alle Titel gewann, aber er ist aufgrund dieser Aktion und seiner oftmals unfairen Spielweise kein Vorbild im Unterschied zu Timo Boll. Timo Boll lebte über mehrere Jahrzehnte in seinem Sport Fairness und gehörte dennoch zu den besten Tischtennisspielern. Ganz wesentlich war, dass er weitere Werte des Sports lebte, von denen die Bereitschaft, für die Leistung an und auch einmal über eigene Grenzen zu gehen, von entscheidender Bedeutung ist. Allerdings ließe sich fragen, ob es Sergio Ramos und anderen Leistungs‐ sportlern nicht egal sein sollte, Vorbild zu sein, wenn Erfolg und das Leistungsprinzip als zentrale Werte gelten. 2.3.2.3 Das Leistungsprinzip und der Sportsgeist Wir gehen zurück in das Jahr 1982 zur Fußballweltmeisterschaft in Spanien. Damals gab es 24 Teilnehmer in sechs Gruppen zu je vier Teams. Die damalige bundesdeutsche Mannschaft befand sich in einer Gruppe mit Algerien, Österreich und Chile. Sie hatte ihr erstes Spiel gegen Algerien mit 1: 2 verloren und anschließend 4: 1 gegen Chile gewonnen. Algerien war im zweiten Spiel mit 0: 2 gegen Österreich erfolglos geblieben, das sein erstes Spiel mit 1: 0 gegen Chile gewonnen hatte. Am letzten Spieltag der Vorrunde gab es damals noch keine zeitgleichen Spielansetzungen. Zuerst spielte Algerien gegen Chile und gewann mit 3: 2. Damit war klar, dass das deutsche Team gegen Österreich siegen musste. Umgekehrt war aufgrund 2.3 Der ordnungsethisch-holistische Ansatz 45 <?page no="46"?> der Tordifferenz ebenfalls klar, dass Österreich selbst bei einer Niederlage gegen Deutschland weiterkommen würde, wenn diese höchstens mit zwei Toren Differenz ausfallen würde. In der zehnten Spielminute erzielte die deutsche Mannschaft das 1: 0. Es war klar, dass Deutschland und Österreich bei diesem Spielstand weiter‐ kommen würden. Was bisher noch nie bei einer Weltmeisterschaft passiert war, ereignete sich: Beide Teams spielten für die folgenden 80 Minuten nur noch auf Halten des Ergebnisses. Für die Zuschauer war es das wohl lang‐ weiligste Spiel, denn der Ball kreiste praktisch nur um die Mittelfeldlinie. Der Nichtangriffspakt zwischen den Teams wurde nach Spielende weltweit kritisiert, denn beide Teams hatten einen wesentlichen Sinn des Spiels nicht mehr versucht zu realisieren: Tore zu erzielen. In ähnlicher Weise wird berechtigt Anstoß daran genommen, wenn Teams absichtlich verlieren, um dadurch beispielsweise bestimmte Gegner in den Playoffs zu vermeiden. Dies führte sogar dazu, dass Badmintonspieler von China, Indonesien und Südkorea bei den Olympischen Spielen in London 2012 disqualifiziert wurden, weil sie durch eine Niederlage hofften, auf leichtere Gegner zu treffen. Diese Beispiele zeigen sehr gut, dass es im Sport nicht nur um Ergebnisse geht, sondern das Leistungsprinzip eine wesentliche Rolle spielt. Medaillen, Preise oder Titel sollen dem bzw. der Besten zustehen. Der Wille, die beste Leistung zu erbringen, ist in diesem Sinne eng mit dem verbunden, was mit „Sportsgeist“ umschrieben werden kann. Hierbei ist die Bereitschaft, den Sinn der jeweiligen Sportart zu verwirklichen, gemeint. Der Leistungssport lebt im Unterschied zum gesundheitlich orientierten Sport davon, dass Sportlerinnen und Sportler bleibende gesundheitliche Schäden in Kauf nehmen, um ihr Bestes zu geben. Dabei ist das Leistungs‐ prinzip gerade nicht, wie das obige Beispiel des WM-Spiels zeigt, mit Ergebnissen zu verwechseln. Auch impliziert es nicht, wie das Beispiel von Ramos zeigt, sich fair zu verhalten. Wie kann es dann gelingen, im Sinn des Sportsgeists gerade nicht mit allen Mitteln Erfolg anzustreben? Wie kann bewirkt werden, dass Sportlerinnen und Sportler Maß an den allgemein anerkannten Werten und Normen nehmen? Nach dem holistischen Ansatz müssen dabei verantwortete Diskurse in der Gesellschaft und damit verbundene Regelsetzung dafür sorgen, dass wichtige Werte befolgt werden. Diese stellen, unterstützt von angemessenen 46 2 Begriffsklärungen und zentrale sportethische Ansätze <?page no="47"?> Regeln, sicher, dass das Streben nach Leistung und Höchstleistung im Sport im Rahmen fairer und respektvoller Interaktion erfolgt. 2.3.3 Vier Wertekategorien Vier Wertekategorien lassen sich im Ausgang von Menschenwürde, Men‐ schenrechten und Fairness für den hier vertretenen holistischen Ansatz, der zudem die Verbindung zu Mit- und Umwelt ernst nimmt, unterscheiden: 1. Leistungswerte: Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft sind eng mit dem Sportsgeist verbunden und stellen wesentliche Voraussetzun‐ gen für sportlichen Erfolg und Verantwortungsübernahme dar. 2. Kooperationswerte: Kooperationsstärke ist mit den Aspekten der Team‐ fähigkeit und Loyalität verbunden und somit zentral für sportliche Wei‐ terentwicklung und sportlichen Erfolg, insbesondere im Mannschafts‐ sport. 3. Kommunikationswerte: Kommunikationsstärke ist ebenso wichtig und mit der Fairness verbunden. Wer sportlich tätig ist, muss situationsge‐ recht angemessen und respektvoll kommunizieren und den richtigen „Ton“ treffen. Dies gilt für Sportler und in besonderer Weise für Schieds‐ richterinnen und Schiedsrichter oder Mitglieder des Trainerstabs. Nur so werden verbale Verletzungen vermieden und ihre Autorität als legitim wahrgenommen. 4. Moralische Werte: Weitere konkrete moralische Werte ergeben sich aus dem sportethischen Bezugsrahmen, bei denen die achtsame Selbstfüh‐ rung in Verbindung mit Fairness und Besonnenheit von wesentlicher Bedeutung ist. Leistungswerte Die eigene Leistungsfähigkeit ist zumindest im kompetitiven Sport, also im Wettbewerb, ein wesentliches Unterscheidungsmerkmal. Ein Sportler zu sein, ist hier für viele gleichbedeutend mit der Bereitschaft, Leistung zu erbringen. Neben Erfahrung, Wissen und einer hohen Kompetenz im jeweiligen Sport zählen auch Disziplin und der mit ihr verbundene Fleiß zu zentralen Leistungswerten. Das Sprichwort: „Ohne Fleiß kein Preis“, bewahrheitet sich hier. Auch das größte Talent wird keinen Erfolg haben, wenn es nicht eisern trainiert und für den Sport nicht die entsprechenden Voraussetzungen mitbringt. Der Basketballer Dirk Nowitzki wäre vermut‐ 2.3 Der ordnungsethisch-holistische Ansatz 47 <?page no="48"?> lich niemals in der Hall of Fame der NBA gelandet, wenn er nur 1,70 m groß gewesen wäre, und ebenso wenig, wenn er nicht konsequent an seinen Fähigkeiten gearbeitet hätte. Obwohl gerade die Konstitution oder Genialität oftmals darüber entscheiden, welcher Spieler den Unterschied macht, so doch nur, wenn dieser Spieler hart genug trainiert hat, um wettbewerbsfähig zu bleiben. In einem Wettbewerbsumfeld und in einer Zeit, in der Ideen in Kom‐ bination mit neuen technischen Möglichkeiten in immer kürzeren zeitli‐ chen Abschnitten Wirklichkeit werden können, sind Ideenreichtum und Kreativität ebenso zentral für die höchstmögliche Leistungsfähigkeit. Ein Sportler, der z. B. die neuen Möglichkeiten der Gesundheitsüberwachung nutzt, kann seinen Trainingsplan und damit seine Leistung verbessern bzw. für eine lange Zeit erhalten. Der weltberühmte Quarterback Tom Brady beispielsweise wandte ausgeklügelte Trainings- und Recoverymaßnahmen an. So konnte er sogar noch als 43-Jähriger die Tampa Bay Buccaneers 2021 zum Gewinn des Super Bowls führen. Flexibilität ist wesentlich für die Anpassung an sich ständig verändernde Rahmenbedingungen und ermöglicht Kreativität. Dies gilt auch im sportli‐ chen Wettbewerb. Gelingt es einer Mannschaft, sich auf eine neue Spielsi‐ tuation ideenreich und kreativ einzustellen, hat sie einen Vorteil gegenüber einem Team, das bedingungslos an seinem „Masterplan“ hängt. Eine wich‐ tige Grundlage hierfür bilden geistige Flexibilität sowie Fokussierung und Präsenz. Aber Flexibilität und Kreativität allein genügen nicht. Auch Entschei‐ dungsfähigkeit wird benötigt. Ohne sie gelingt es nicht, rechtzeitig neue Wege zu beschreiten. Trainer, die beispielsweise im Fußball zu lange an der bis dahin erfolgreichen Mannstatt der Raumdeckung festgehalten haben, mussten feststellen, dass ihr Team auf höchstem Niveau nicht mehr konkurrenzfähig war. Es braucht jedoch Mut, neue Wege zu gehen, und die Fähigkeit, sowohl aus Erfolgen als auch aus Niederlagen und Fehlern zu lernen. Flexibilität und Kreativität benötigen zudem, sozusagen als ihr Gegenstück, Beharrlichkeit. Sonst besteht die Gefahr, Vorhaben bereits bei kleineren Widerständen abzubrechen und auf diese Weise den Erfolg zu ge‐ fährden. Fitnessstudios leben davon, dass Personen mit guten Vorsätzen ein Abo abschließen, aber relativ bald nur noch selten zum Training kommen. Ihnen fehlt die Beharrlichkeit. Aufgrund der Bedeutung der Leistungsfähigkeit rückt neben der physi‐ schen, auch die Frage der Förderung und des Erhalts der psychischen 48 2 Begriffsklärungen und zentrale sportethische Ansätze <?page no="49"?> Leistungsfähigkeit und -bereitschaft zunehmend in den Fokus. Sie bilden die Grundlage für die dargestellten Erfolgsfaktoren und ihr Fehlen stellt ein grundlegendes Problem für den Sport dar. So wurden in der Öffentlichkeit immer wieder psychische Probleme herausragender Sportlerinnen und Sportler bekannt, beispielsweise bei der Olympiade 2021 in Tokio von Simone Biles. Sie hatte den Wettkampf abgebrochen, weil sie sich psychisch nicht mehr in der Lage fühlte, diesen fortzusetzen. Bei den Olympischen Spielen in Paris 2024 war sie wieder vollständig gesund und gewann drei Gold- und eine Silbermedaille. Auch der Fußballtrainer Ralf Rangnick hatte sich 2011/ 12 aufgrund eines Burnouts, eines Erschöpfungssyndroms, eine zehnmonatige Auszeit genommen. Auch seine Gesundheit konnte wieder‐ hergestellt werden und er formte aus dem Viertligisten RB Leipzig eine Mannschaft, die mittlerweile regelmäßig in der Champions League antritt. In diesem Zusammenhang bekommen Methoden wie Mindfulness-Based Stress Reduction (vgl. Sandbothe et al. 2023) auch im Sport eine große Bedeutung. Gerade unter den beschriebenen Bedingungen des Leistungs‐ anspruchs und der hohen Belastung ist die Fähigkeit der Selbstführung im Sinne der Selbstwahrnehmung und der bewussten Entscheidung von besonderer Bedeutung für eine erfolgreiche sportliche Praxis. Der bewusste, anstatt der reaktive Umgang mit konstanten Leistungsanforderungen und dem zusätzlich durch die Sozialen Medien hervorgerufenen Druck stellt eine wesentliche Fähigkeit dar, um die Leistungsfähigkeit zu kultivieren. Kooperationswerte Es wurde bereits deutlich, wie wichtig die Teamfähigkeit für viele Sportarten ist. Selbst Einzelsportler benötigen für ihre sportliche Praxis Partner aus verschiedenen Bereichen und sind meist Teil von Trainingsgruppen. Darum sind neben den Leistungswerten Kooperationswerte wesentlich für die sportliche Weiterentwicklung. Ein wichtiger Kooperationswert, insbesondere für Mannschaftssportar‐ ten, ist die Loyalität. Diese bezeichnet die grundsätzliche Bereitschaft, sich mit den Zielen des eigenen Teams, des eigenen Vereins und seiner Mitglieder zu identifizieren und an deren Erfolg mitzuarbeiten. Der Wert der Loyalität ist in diesem Sinne eng mit dem Wert des Vertrauens verbunden. Zugleich bedeutet dies, dass jeder Einzelne sich auf den anderen verlassen können muss, damit das bestmögliche Ergebnis erzielt wird. Loyalität und Vertrauen sind gleichzeitig mit Verlässlichkeit verbunden. Es verwundert 2.3 Der ordnungsethisch-holistische Ansatz 49 <?page no="50"?> daher nicht, dass immer wieder Spieler suspendiert werden, wenn sie zu spät zum Training erscheinen. In der NFL werden Profis sogar für Spiele gesperrt, wenn sie sich außerhalb des sportlichen Bereichs „unangemessen“ verhalten, also beispielsweise betrunken in Schlägereien verwickelt sind. Ebenfalls bestehen Kooperationswerte darin, sich nicht auf Kosten ande‐ rer zu verwirklichen bzw. anderen im Team den Erfolg zu gönnen, sowie in Konfliktfähigkeit und der klugen Trennung von Person und Sache. Zu diesen Werten gehört aber auch die Fähigkeit, sich durchzusetzen, wenn es um richtige Entscheidungen zum Wohl des Teams geht. Wer die genannten Kooperationswerte verwirklicht, erweist sich als eine souveräne Persönlichkeit. Diese Souveränität bildet in diesem Sinne das Fundament der genannten Werte, da sie es erlaubt, sich sowohl unparteilich Konflikten zu stellen als auch sich selbst zurückzunehmen und anderen etwas zu gönnen und damit Vertrauen zu geben und zu erarbeiten. Der Wert der Rücksichtnahme gehört ebenfalls wesentlich zu den Kooperationswer‐ ten. Wer rücksichtsvoll ist, wird sich in Konflikten so verhalten, dass der andere, sei es eine Mitspielerin, ein Trainer oder Kooperationspartner, ihr Gesicht wahren können und so die Brücke für eine weitere Zusammenarbeit erhalten bleibt. Freilich erschöpft sich Rücksichtnahme nicht darin, denn es gibt über Konflikte hinaus eine Fülle von Gelegenheiten, sich als rück‐ sichtsvoll zu erweisen und damit Kooperationen zu fördern, z. B. indem man dem bisher glücklosen Mitspieler das Tor überlässt, auch wenn man selbst gern den eigenen Torrekord erhöht hätte. Kommunikationswerte Neben Leistungs- und Kooperationswerten sind Kommunikationswerte insbesondere für Sportlerinnen und Sportler im Hochleistungssport, aber auch für alle Teamsportarten im Breitensport von großer Bedeutung. Wer im Hochleistungssport tätig ist, hat immer ein Team um sich, mit dem Kommunikation unabdingbar ist. Zudem besteht ein häufiger Kontakt mit Medien und Fans. Achtung und Respekt vor anderen Personen ist Voraussetzung, damit es überhaupt zu einer Kommunikation kommen kann. Der Begriff „Kommunikation“ besagt in seiner Grundbedeutung, dass man gemeinsam ans Werk geht (lateinisch: cum = gemeinsam; munus = das Werk, die Aufgabe). Dafür ist es nötig, einander zu achten und auf diese Weise Gemeinsamkeit zu schaffen. Wer z. B. seine Mitspielerin nicht achtet, mag zwar mit dieser zusammen eine Aufgabe angehen, aber das Werk wird 50 2 Begriffsklärungen und zentrale sportethische Ansätze <?page no="51"?> letztlich nicht als ein gemeinsames empfunden. Wer mit einem anderen redet, ohne diese Person zu respektieren, redet über sie hinweg, spricht nicht mit ihr, sondern mit sich selbst oder verletzt sogar im schlechtesten Fall diese andere Person verbal. Achtung oder Respekt zeigen sich deshalb auch in einer Kommunikation, die zugleich geprägt ist von Offenheit und Verschwiegenheit. Nur wer sich dem anderen öffnet, zeigt ihm Achtung. Nur wenn andererseits die Grenzen des Gegenübers ernst genommen werden und ihm deshalb nur die Offen‐ heit zugemutet wird, die er auch verkraften kann, ist wirklicher Respekt realisiert. Respekt bedeutet nämlich wörtlich: „wiederholt hinschauen“ (lateinisch: re- = zurück/ wiederholt und spicere = schauen). Wer wiederholt auf den anderen schaut, wird die richtige Balance zwischen Offenheit und Verschwiegenheit finden und ihn damit überhaupt erst zur Kommunikation einladen. Verschwiegenheit hat darüber hinaus noch eine weitere Dimen‐ sion: Wahre, respektvolle Kommunikation zeichnet sich gerade dadurch aus, dass die Beteiligten wissen, was von dem Gesagten nach außen dringen darf und was unter ihnen vertraulich bleiben soll. Darum hat sich der damalige Bayerntrainer Julian Nagelsmann Anfang 2023 zu Recht darüber empört, dass taktische Überlegungen, die nur für die Mannschaft, d. h. die Kabine, gedacht waren, an die Öffentlichkeit kamen. In der Geschäftswelt ist darum der Verrat von Geschäftsgeheimnissen nach § 23 GeschGehG sogar strafbar. Dazu kommt: Ohne zuverlässige Verschwiegenheit der Beteiligten werden möglicherweise wichtige Informationen aus der Angst heraus nicht kommuniziert, sie könnten auch denen zu Ohren kommen, für die sie nicht bestimmt sind. Gleichzeitig verlangt eine gute und gewinnbringende Kommunikation nach einer Klarheit, die mit einer gesunden Vorsicht gepaart ist, um andere nicht zu verletzen. Immer wieder werden Trainer zu Recht in der Öffent‐ lichkeit dafür gerügt, wenn sie sich gegenüber ihren Spielerinnen und Spielern in der Wortwahl verfehlen. Insgesamt gilt es, in der Kommunikation Nähe zu anderen herzustellen, ohne die jeweils angemessene Distanz zu verlieren. Dies erfordert ein hohes Maß an Sensibilität von allen Beteiligten. Wesentlich ist hierbei der Wert, zuhören zu können. Wer dem anderen zuhört, gewinnt nicht nur wertvolle Informationen und stellt nicht nur die richtigen Fragen, sondern er zeigt der anderen Person: „Was du mir zu sagen hast, ist wichtig und verdient Aufmerksamkeit“. 2.3 Der ordnungsethisch-holistische Ansatz 51 <?page no="52"?> Moralische Werte Bereits die bisher genannten Werte haben meist auch eine moralische Di‐ mension. Die Achtung der anderen Person, welche als Kommunikationswert des Respekts zum Ausdruck kommt, ist in Form von Fairness oder gar Fürsorge zugleich ein moralischer Wert. Dabei ist Fairness das geforderte Minimum, Fürsorge das Ideal. Fürsorge wird zwar erwartet, aber kann nicht in der gleichen Weise verlangt werden. Ein Beispiel hierfür ist der fürsorgliche Umgang von Borussia Dortmund im Januar 2024 mit Jadon Sancho, als dieser auch beim BVB nicht immer pünktlich war, denn jeder hat eine zweite Chance verdient. Ein weiterer zentraler moralischer Wert besteht in der Fähigkeit, das richtige Maß zu bewahren. Wer als Sportlerin oder Sportler zu gierig ist, gefährdet nicht nur seinen eigenen sportlichen Erfolg, sondern auch den des gesamten Teams. Wer aus Gier nach dem Sieg dopt, sorgt zudem dafür, dass viele andere ebenfalls unter Generalverdacht geraten. Auch andersherum gilt: Wer zu wenig verlangt oder zu wenig tut, wird persönlich keinen Erfolg haben und auch den Erfolg des Teams gefährden. Ein weiterer Wert besteht in der Treue zu den Gesetzen. Diese Gesetzes‐ treue ist in gewisser Weise Grundlage aller konkreten moralischen Werte und zugleich auch ein hoher Kooperationswert. Wer sich konform mit Ge‐ setzen verhält, erfüllt das moralische Minimum, wenn man unterstellt, dass die Gesetze grundlegenden ethischen Prinzipien nicht widersprechen. Die Bedeutung der Gesetzes- und Regeltreue zeigt exemplarisch der Anti-Do‐ ping-Code der WADA. Eine ebenfalls fundamentale moralische Bedeutung hat der Wert der Vertragstreue. Das mittelalterliche Prinzip „pacta sunt servanda“ gilt bis heute - Verträge sind einzuhalten (vgl. auch § 242 BGB). Wer Verträge bricht, erweist sich als unzuverlässiger Partner und zeigt in vielen Fällen, wie wenig er sein vertragliches Gegenüber respektiert. Die Öffentlichkeit reagiert darum sehr allergisch, wenn sich bestimmte Spieler aus ihrem Vertrag durch Provokationen entbinden lassen wollen. Der Wert der Vertragstreue ist eng mit dem moralischen Wert der Ehrlichkeit verbunden. Diese besitzt wiederum eine direkte Verbindung zur Authentizität. Wer authentisch ist, hat es nicht nötig, sich zu verstellen oder zu lügen und wird nur Verträge eingehen, die er auch zu halten vermag. Um zu dieser Form von Authentizität zu gelangen, ist Besonnenheit vonnöten. Der moralische Wert der Besonnenheit ist auch deshalb von 52 2 Begriffsklärungen und zentrale sportethische Ansätze <?page no="53"?> solcher Bedeutung, da ohne ihn die Gefahr groß ist, das Augenmaß zu verlieren und z. B. „ungewollte Grausamkeiten“ zu begehen oder eigene Fähigkeiten falsch einzuschätzen und auf diese Weise in Situationen zu gelangen, die eine Überforderung darstellen und dazu verleiten, Verträge zu brechen, zu lügen und sich zu verstellen. Wer einen tieferen Sinn in seinem Leben gefunden, sich dementsprechend Ziele gesetzt hat und diese fokussiert verfolgt, kann alle genannten Werte eher realisieren, weil eine solche Person zu unterscheiden vermag, was Mittel und was Zweck ist. Insofern kann man sagen, dass eine Sinnorientie‐ rung verbunden mit Achtsamkeit Fundament für moralisches Verhalten ist. Gleichzeitig ist dies Basis für den Leistungswert „Beharrlichkeit“ und den Kooperationswert „Verlässlichkeit“ und steht für die Verbindung zu Mit- und Umwelt. Sport kann helfen, die Werte zu verinnerlichen, wenn er regelmäßig und diszipliniert ausgeübt wird. Werte müssen gelebt werden, was durch beständiges Einüben möglich wird. Werteviereck Modellhaft lassen sich die soeben vorgestellten Werte im Bereich des Sports in folgendem Werteviereck (Abbildung 7) systematisieren. Das Werteviereck kann helfen, Klarheit über die wesentlichen Werte zu gewinnen, welche eine Sportart auszeichnen oder ihr sogar zugrunde liegen. Es schärft auch den Blick dafür, welche Werte besonders gefördert werden sollen und welche vielleicht auch in besonderer Weise gefährdet sind und aus diesem Grund besonders geschützt werden sollten. Damit bietet es auch eine gute Grundlage für die Formulierung entsprechender Kodizes. Ein solch bewusster Umgang mit Werten ist wesentlich, da die sportliche Praxis sowohl auf die Sportlerinnen und Sportler selbst als auch auf ihre Umwelt wirkt. So sind viele von ihnen Vorbilder für andere Menschen. Dies gilt nicht nur für die bekannten Leistungssportlerinnen und -sportler, sondern auch für Bekannte im eigenen persönlichen Umfeld, die durch ihr Beispiel dazu animieren, beispielsweise im Frühling das Fahrrad wieder aus dem Keller oder der Garage zu holen und sportlich aktiv zu werden. Die Vorbildwirkung gilt gleichzeitig auch für den konstruktiven Umgang mit Konflikten, in denen die angesprochenen Werte gefährdet sind. 2.3 Der ordnungsethisch-holistische Ansatz 53 <?page no="54"?> Leistungswerte •Erfahrung, Wissen und Kompetenz • Disziplin und Fleiß • Kreativität und Flexibilität • Entscheidungsfähigkeit und Mut • Beharrlichkeit und Durchhaltevermögen • Lernen aus Erfolgen, Niederlagen und Fehlern Kooperationswerte •Loyalität zum Team • Vertrauen und Verlässlichkeit • Gönnenkönnen • Konfliktfähigkeit und -lösung im Team • Durchsetzungsfähigkeit • Souveränität in Drucksituationen • Unparteilichkeit und Rücksichtnahme Kommunikationswerte •Achtung und Respekt (auch des Gegners) • Balance von Offenheit und Verschwiegenheit • Klarheit und gesunde Vorsicht • rechtes Maß von Nähe und Distanz • Sensibilität • Zuhörenkönnen Moralische Werte •Fairness und Fürsorge • rechtes Maß halten • Gesetzestreue • Vertragstreue • Ehrlichkeit und Authentizität • Besonnenheit • Sinnorientierung und Achtsamkeit Abbildung 7: Werteviereck im Sport, wobei manche Werte einer bestimmten Kategorie zugeordnet sind, auch wenn sie in mehrere passen würden, z.-B. Vertragstreue (eigene Darstellung) Der holistische Ansatz hat das Ziel, nachhaltigere und gerechtere Lösungen für die Herausforderungen des Sports unter den Bedingungen moderner Gesellschaften zu erarbeiten und zugleich die Chancen sportlicher Aktivi‐ täten zu betonen. Diese ganzheitliche Betrachtung kann sehr komplex sein und erfordert umfassende Kenntnisse und Fähigkeiten in verschiedenen Disziplinen. Ein zentrales Anliegen unseres holistischen Ansatzes in der Sportethik besteht also darin, nicht nur Konflikte zu behandeln, sondern die positiven Potenziale einzubeziehen. Die nachfolgenden Überlegungen stellen daher systematisch bedeutsame Chancen und Konfliktfelder sowie relevante ethi‐ sche Fragestellungen vor. 54 2 Begriffsklärungen und zentrale sportethische Ansätze <?page no="55"?> 3 Die soziale Dimension des Sports Der Begriff „sozial“ kommt aus dem Lateinischen. „Socius“ heißt, wörtlich übersetzt, „Kamerad“. Die „societas“ ist eine Gemeinschaft, in der die Einzelnen zusammenhalten. Der Sport bietet eine Fülle von Chancen, diesen Zusammenhalt zu fördern. In einem ersten Schritt gehen wir auf die direkten Möglichkeiten ein, dies zu tun. 3.1 Soziale Chancen des Sports Sport kann direkt und indirekt das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken. Er hat eine integrative Kraft und bietet vielfältige weitere soziale Chancen bis hin zur Friedensförderung. 3.1.1 Förderung der Gemeinschaft Eine besondere Chance des Sports in der sozialen Dimension besteht darin, dass durch ihn Werte und Normen gelernt und weitergegeben werden kön‐ nen. So bieten z. B. alle Mannschaftssportarten dem Einzelnen die Chance, seine Teamfähigkeit auszubilden. Sport stärkt das Gemeinschaftsempfinden, stärkt gesellschaftlichen Zusammenhalt und wirkt Vereinsamungstenden‐ zen entgegen. Jede Person im Team lernt, dass gemeinsamer Erfolg nur möglich ist, wenn sich alle in den Dienst der Mannschaft stellen. Erfolg im Team setzt auch voraus, miteinander verbal oder zumindest non-verbal kommunizieren zu können. So müssen in vielen Sportarten Spielerinnen und Spieler miteinander während des Spiels Informationen austauschen und aufeinander eingehen. Sie haben die Aufgabe, rasch neue Situationen gemeinsam zu bestehen und dafür die taktischen Vorgaben und das Zu‐ sammenspiel anzupassen. Sie sind dabei oftmals auf Anweisungen des Trainerstabs angewiesen, die sie teilweise in Echtzeit umsetzen müssen. Auch in Einzelsportarten wie dem Tennis haben Sportlerinnen und Sportler ein Gegenüber und sind zudem oft in ein Team eingebunden, mit dem sie gemeinsam trainieren oder bei Wettbewerben antreten - anders verhält es sich natürlich, wenn beispielsweise Sport allein aus Gründen der Fitness betrieben wird. <?page no="56"?> Jedenfalls bietet der Sport zahlreiche Gelegenheiten zur Förderung der Gemeinschaft und der Ausbildung sozialer Fähigkeiten. Die Sportgemein‐ schaft besteht dabei nicht nur aus Sportlern und deren Trainern und Betreu‐ ern, sondern verbindet auch Zuschauer und Fans sowie weitere Akteure im Rahmen von Sportorganisationen und Verbänden. Zudem entstehen weitere Gemeinschaften, z. B. im Rahmen von Sportveranstaltungen und auch, ein ganz anderes Feld, der Sportwissenschaft. Sie alle eint das gemeinsame Interesse am Sport. 3.1.2 Integrative Kraft und Inklusion Eine der großartigsten Chancen, welche der Sport bietet, besteht darin, Menschen aus ganz verschiedenen kulturellen Räumen und mit unterschied‐ licher Herkunft und Lebensgeschichten zusammenzubringen. Unabhängig von Hautfarbe, Religion oder Bildungsstand können sie gemeinsam Sport treiben oder Sport als Fan erleben. Die Unterschiede stellen kein Hindernis dar. Dadurch, dass sich die Fans mit ihrer Mannschaft identifizieren, führt dies meist auch bei ihnen dazu, dass Vorurteile gegenüber Personen, die anders aussehen und sprechen, abgebaut werden. Der Sport besitzt hier eine integrative und inkludierende Kraft. Das verbindende Element des gemeinsamen Sports führt dazu, einander mehr und mehr in unserer Verschiedenartigkeit anzunehmen. Es fördert auf eine einfache Weise die gegenseitige Achtung, aus der eine angemes‐ sene Form der Inklusion hervorgeht. Menschen, die sich für eine Sportart interessieren und geeignetes Engagement und Fähigkeiten mitbringen, werden nicht aufgrund irgendwelcher „sachfremden“ Merkmale wie Haut‐ farbe oder Abstammung abgelehnt. Auch Menschen mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen können Sport treiben und durch spezielle Sport‐ programme und Spielregeln eingebunden werden (z. B. Para-Dressur). Die Paralympics, als größte Sportveranstaltung in diesem Bereich, bieten hierbei vielfältige Beispiele, die alle Zuschauer die Vielfalt menschlichen Lebens erfahren lassen. Der Sport trägt somit nicht nur dazu bei, Menschenrechte bewusst zu machen, sondern verwirklicht deren Zielsetzung allgemein sichtbar und erfahrbar. Seine Fähigkeit, Menschen zu verbinden, lässt ihn zu einem kraftvollen Instrument werden, das Respekt, Vielfalt und Gemein‐ schaft fördert. In Deutschland gibt es darum, vielfältige Formate einer inkludieren‐ den und integrierenden Sportförderung, z. B. Aktion Mensch, die u. a. 56 3 Die soziale Dimension des Sports <?page no="57"?> 4 Auf die möglichen negativen Seiten ist später einzugehen, z. B. die negativen Erfahrun‐ gen von im Sport Tätigen, die bis zu Morddrohungen reichen, beispielsweise gegenüber Schiedsrichtern, aber auch Spielern, wenn diese einen Elfmeter verschießen. barrierefreie Sportstätten oder inklusive Vereinsangebote unterstützt, des Deutschen Olympischen Sportbunds, der sich in seiner Inklusionsstrategie für mehr Teilhabe von Menschen mit Beeinträchtigungen einsetzt, oder der spezielle Wettbewerb „Jugend trainiert für die Paralympics“, der sich ebenfalls an Schülerinnen und Schüler mit besonderen Bedürfnissen wendet. Weltweit bieten immer mehr Sportvereine inklusive Angebote vom Roll‐ stuhlbasketball bis zum Blindenfußball an und versuchen barrierefreie Sportstätten zu etablieren, adaptive Sportgeräte wie spezielle Prothesen und Rollstühle zur Verfügung zu stellen und Apps entwickeln zu lassen, die den Bedürfnissen der Betroffenen dienen. Viele Unternehmen und lokale Netzwerke organisieren inklusive Sportevents oder spenden an Behinder‐ tensportvereine. Die Stiftung Deutsche Sporthilfe unterstützt ebenfalls Men‐ schen mit besonderen Bedürfnissen bei ihrer sportlichen Karriere. Anfang 2025 haben auch die Stiftungen des Deutschen Fußballbunds insbesondere in Sportsendungen darauf hingewiesen, dass sie Inklusion und Integration fördern. 3.1.3 Weitere Chancen Der Sport kann ebenso dazu dienen, Menschen bereichernde Freizeitmög‐ lichkeiten zu geben und positive Lebenswege aufzuzeigen. Jugendliche, die Sport treiben, sind weniger gefährdet, in die Kriminalität oder ins Drogenmilieu abzurutschen (vgl. Günther 2006). Sport, richtig betrieben, schützt vor psychischen Erkrankungen und bietet eine großartige Chance, zentrale, persönliche Werte einzuüben. In der sozialen Dimension tragen z. B. Fairness, Respekt und Loyalität sowie Besonnenheit zur Förderung der Gemeinschaft im Sport bei. Darüber hinaus prägen sportliche Aktivitäten die einzelne Person, weswegen sie auch in allen Lebensfeldern sozialer zu agieren vermag, wenn beispielsweise im Team respektvoll miteinander umgegangen wird. Personen, die sich ehrenamtlich im Sport engagieren, sei es als Zeugwart, sei es als Schiedsrichterin, erfahren, wie ihr Leben im Kontakt und Aus‐ tausch bereichert wird. 4 Investitionen in Sportprogramme schaffen auch eine Grundlage für Angebote im Bildungssektor, z. B. durch Ausbildungspro‐ 3.1 Soziale Chancen des Sports 57 <?page no="58"?> gramme für Trainer oder Sportmanager. National und international bietet der Sport die Möglichkeit für einen sozialen Aufstieg, für Anerkennung und berufliche Chancen. Auf diese Weise leistet der Sport zudem einen wertvollen Beitrag zur Entwicklungsarbeit. Die olympische Idee des Sports war bereits in ihren Anfängen im anti‐ ken Griechenland mit dem Gedanken der Friedensförderung verbunden - und ausdrücklich erneut bei der Wiederbelebung der Spiele am Ende des 19. Jahrhunderts. Bei heutigen sportlichen Großveranstaltungen treffen Menschen aus fast allen Kulturen der Erde aufeinander. Dieses gegenseitige Kennenlernen kann die eigenen Perspektiven erweitern und bietet die Ge‐ legenheit, über den eigenen begrenzten „Tellerrand“ zu schauen. Ein Beispiel für die Friedensförderung durch den Sport stellt das „Friedensspiel der brasilianischen Fußballnationalmannschaft in Haiti im Jahr 2004“ (Mittag 2023, 65) dar. Die Mannschaft des damaligen Weltmeisters mit seinen Stars Ronaldo und Ronaldinho spielte in diesem von einem Bürgerkrieg gequälten Staat gegen eine haitianische Auswahl. Mannschaftskapitän Ronaldo hielt im Stadion eine bewegende Rede, in der er zur Beilegung der Streitigkeiten einlud. 3.2 Soziale Konfliktfelder und Lösungswege Der Umgang mit Konflikten bildet eine grundlegende Herausforderung für den Sport. In Wettkampfsportarten ist eine bestimmte Form des Konflikts absichtlich angelegt, nämlich dass nur einer bzw. eine Mannschaft gewinnen kann, und macht einen wesentlichen Reiz dieser Wettbewerbe aus. Im Ame‐ rican Football wird dies sinnbildlich sichtbar, wenn Offense im Kampf um jeden Zentimeter Raumgewinn mit der Defense zusammenstößt (lateinisch: conflictus = Zusammenstoß, Kampf). Neben diesem Ringen um den Sieg gibt es jedoch auch Konflikte, die den Sport und dessen Grundwerte schädigen. So untergräbt jede Form des Betrugs zentrale Werte wie Vertrauen und Fair‐ ness. Ebenso verletzen Diskriminierungen grundlegende Menschenrechte und widersprechen den dargestellten inklusiven Idealen. Eine weitere Her‐ ausforderung liegt in der angemessenen Beantwortung der Frage, wo im Sinne der Fairness Differenzierungen gerechtfertigt und sinnvoll sind. Dies wird gerade beim Umgang mit inter- und transsexuellen Menschen zur Herausforderung, bei denen biologische und soziale Faktoren komplexe und oft kontroverse Entscheidungen erforderlich machen. Erschwerend kom‐ 58 3 Die soziale Dimension des Sports <?page no="59"?> men Machtmissbrauch und Grenzüberschreitungen hinzu, die besonders dann auftreten können, wenn Athleten in einem Abhängigkeitsverhältnis zu Trainern oder anderen Autoritätspersonen stehen. Solche Vorfälle verletzen nicht nur die Vertraulichkeit und Privatsphäre der Betroffenen, sondern greifen oft auch ihre körperliche und seelische Integrität an. Auf einer globalen Ebene wird der Sport für politische und wirtschaftliche Interes‐ sen instrumentalisiert. Das sogenannte Nation Branding beschreibt den Versuch, durch sportliche Großereignisse oder Sponsoring ein positives Image zu erzeugen und von problematischen Themen wie Menschenrechts‐ verletzungen abzulenken. In diesem Fall kann sogar von Sportswashing gesprochen werden. Beispiele hierfür finden sich sowohl auf der Ebene von Nationen, die ihren internationalen Ruf verbessern wollen, als auch bei Unternehmen und Organisationen, die mit Hilfe des Sports ihre Glaubwür‐ digkeit stärken möchten. 3.2.1 Betrug und Doping als exemplarische Betrugsform In seinem Prolog zu The Ethics of Sport erzählt Robert Simon (2016, xiii-xv) von einem möglichen Betrug der New England Patriots, einem der besten Teams des American Footballs. Man hatte festgestellt, dass in den Playoffs der Saison 2014/ 15 die Spielbälle in ihren Spielen etwas weniger aufgepumpt waren, als die Regeln vorsahen. Derartige Bälle sind leichter zu fangen und begünstigen das Team, das mehr Ballbesitz hat. Ob es ein bewusster Betrug war oder nicht, ließ sich in dieser „Deflategate“ genannten Affäre nicht klären. Ebenso wenig ließ sich bis heute eindeutig feststellen, ob die bereits eingangs genannten elf bei den Olympischen Spielen von Paris ge‐ starteten chinesischen Schwimmerinnen und Schwimmer bewusst betrogen hatten. Oder hatten sie einfach nur Pech gehabt, dass ihr Essen zufällig ein leistungssteigerndes Herzmedikament enthielt, welches einem Koch nach Angaben der chinesischen Dopingagentur zufällig ins Essen gefallen sei. Andere Formen des Betrugs können die Verwendung nicht zugelassener Ma‐ terialien, Formen oder Größen sein, was beispielsweise im Schwimmsport in Form von besonders die Schnelligkeit begünstigenden Schwimmanzügen, im Skispringen durch die Nutzung unerlaubter Sprunganzüge oder im Motorsport in Form des „Motor-Dopings“ von großer Bedeutung ist. Jede Form von Betrug widerspricht nicht nur dem Geist des Sports, sondern verletzt ein zentrales ethisches Grundprinzip: Wer betrügt, verletzt durch dieses Tun die Grundlage unseres Zusammenlebens, wonach niemand 3.2 Soziale Konfliktfelder und Lösungswege 59 <?page no="60"?> wollen kann, dass wir uns gegenseitig betrügen. Damit verhält sich die betrügende Person zudem in gewisser Weise selbstwidersprüchlich. Sie nimmt sich das Recht heraus zu betrügen, was sie aber den anderen nicht zuerkennen will. Ansonsten würde der Betrug gerade nicht dazu verhelfen, sich besser zu stellen. Egal von welchem ethischen Ansatz man ausgeht, ist ein solcher Betrug verwerflich. Es scheint auf dieser fundamentalen Ebene also keinen Konflikt zu geben. Diese Überlegung gilt offensichtlich für eine der bekanntesten Formen des Betrugs im Sport: dem Doping. Das Wort leitet sich aus einer süd‐ afrikanischen Einheimischensprache ab. In ihr wurde ein Schnaps, dem leistungssteigernde Wirkung nachgesagt wurde, als „Dop“ bezeichnet. Als in England im 19. Jahrhundert Pferde leistungssteigernde Mittel erhielten, wurde dies erstmals im Bereich des Sports als Doping bezeichnet, und der Begriff fand 1889 Eingang in englische Lexika. Doch ist das Phänomen der Einnahme leistungssteigernder Mittel bei Pferden bereits aus der An‐ tike für Pferderennen belegt und selbstverständlich haben auch Sportler selbst bereits in den antiken Olympischen Spielen Mittel (z. B. pflanzliche Stimulanzien, Alkohol oder Pilze) zu sich genommen, die ihnen bessere Sie‐ geschancen ermöglichen sollten. Im modernen Sport ist Doping besonders im Radsport und der Leichtathletik ein Dauerthema. Bereits 1896 wurde der Tod des Radprofis Arthur Linton mit der Nutzung von Aufputschmitteln in Verbindung gebracht. Besonders in den Fokus geriet der Radsport durch das Aufdecken des Dopings von mehreren Tourgewinnern wie von Jan Ullrich und von dem mehrmaligen Toursieger Lance Armstrong. In Deutschland bleibt bis heute der Fall der Siebenkämpferin Birgit Dressel in Erinnerung. Sie verstarb im Jahr 1987 auch aufgrund ihres jahrelangen Dopings, u. a. mit Anabolika. 1968 kam es bei den Olympischen Spielen in Mexiko zu einem massen‐ haften Einsatz von Steroiden, die erst 1974 verboten wurden. Vor den Olympischen Spielen in München 1972 soll der FDP-Politiker Genscher „Me‐ daillen um jeden Preis“ (FR 2019) gefordert haben. Noch 1977 befürwortete der damalige sportpolitische Sprecher der CDU/ CSU-Fraktion, Wolfgang Schäuble, sogenannte leistungssteigernde Mittel: „Wir wollen solche Mittel nur eingeschränkt und unter ärztlicher Verantwortung einsetzen, weil es offenbar Disziplinen gibt, in denen heute ohne den Einsatz dieser Mittel der leistungssportliche Wettbewerb in der Weltkonkurrenz nicht mehr mitgehalten werden kann“ (zitiert nach FR 2019). 60 3 Die soziale Dimension des Sports <?page no="61"?> Schäubles Aussage ist vor dem Hintergrund zu sehen, dass im Jahr zuvor auf einem Kongress des Deutschen Sportärztebundes und der AG der Verbandsärzte, der Sprecher dieser AG, Dirk Clasing, öffentlich wirksam - das Zitat wurde in L’Equipe erstveröffentlicht - erklärte: „Den Sportlern sollen Wirkstoffe (Medikamente) nicht vorenthalten werden, die zur Leistungsoptimierung dienen können, vorausgesetzt, dass die endgül‐ tigen Dopingbestimmungen des Deutschen Sportbundes eingehalten werden und den Sportlern durch diese Maßnahme nicht geschadet wird“ (zitiert nach Singler/ Treutlein 2008, 45). Als Begründung, dass diese „Wirkstoffe“ von Ärztinnen und Ärzten verab‐ reicht werden sollten, schloss Clasing an: „Wenn die Ärzte ‚Nein‘ sagen, dann gibt es überhaupt keine Kontrolle. Es ist deshalb doch besser mitzugehen, zu steuern und sinnvoll zu helfen“ (ebd., 45 f.). Wie kam es zu dieser ärztlichen Positionierung? Der wesentliche Grund bestand darin, dass allgemein bekannt war, dass im Ostblock und den USA massenhaft gedopt wurde. Dies brachte der Sportmediziner Holtmann, der spätere Präsident des Internationalen Verbands der Sportmedizin, auf den Punkt: „Es gibt nur drei denkbare Lösungen: Entweder wir verbieten die Verwendung der Anabolika völlig; damit würden wir bedingungslos vor dem Ostblock kapitu‐ lieren, oder das IOC streicht die dopingbelasteten Sportarten vom olympischen Programm (meiner Meinung nach 18 der 21) oder wir bemühen uns, den Athleten zu helfen, indem wir den Athleten Anabolika verschreiben als unterstützende Therapie, ohne auch im geringsten ihrer Gesundheit zu schaden“ (ebd., 46). Dabei gab es bereits seit den Sechzigerjahren Studien, welche die schädliche Wirkung von Steroiden und Anabolika nachwiesen, weswegen anabole Ste‐ roide 1974 und Anabolika insgesamt 1977 als Dopingmittel geächtet wurden. Aber dennoch gab es noch 1988, also ein Jahr nach dem Tod von Birgit Dressel, folgende Stellungnahme des Deutschen Sportärztebunds, auf die sich im Prozess auch ihr behandelnder Arzt, der berühmte Sportmediziner Klümper berief: „Die zeitlich limitierte Gabe von Anabolika zum Wiederaufbau atrophierter Muskulatur nach Immobilisierung oder langdauernden Verletzungen stellt eine 3.2 Soziale Konfliktfelder und Lösungswege 61 <?page no="62"?> therapeutische Maßnahme dar und erfüllt nicht den Tatbestand des Dopings“ (ebd., 49). Hintergrund dieser Aussage war die Tatsache, dass sich eine zeitlich be‐ grenzte Gabe von Anabolika im Wettkampf nicht nachweisen ließ, wenn das Mittel rechtzeitig abgesetzt wurde. Während in der damaligen Bundesrepublik Doping von der Politik nur indirekt gefördert wurde, gab es in der DDR wie auch in anderen Ostblockstaaten ein flächendeckendes staatliches Dopingsystem, bei dem die Sportlerinnen und Sportler bereits im Jugendalter, oftmals ohne ihr Wissen, die sogenannten „leistungssteigernden“ Mittel bekamen (vgl. Lat‐ zel/ Niethammer 2008). Selbst in diesem Jahrtausend konnte 2014 ein von russischen Behörden staatlich organisiertes Doping nachgewiesen werden. Auch wenn es seit den Olympischen Spielen in Grenoble 1968 Doping‐ kontrollen gab, wurden Anabolika, wie oben beschrieben, erst später auf die Liste gesetzt. Trainingskontrollen sind zeitgleich mit der Gründung der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA im Jahr 1999 weltweit verbindlich - die deutsche Nationale Anti-Doping Agentur (NADA) gibt es sogar erst seit 2002. Getragen sind beide Agenturen von der Überzeugung, dass Doping „fundamental dem Geist des Sports“ (WADA 2021, 13) widerspricht, einer‐ seits, weil diejenigen, die verbotene Substanzen einnehmen, die „sauberen“ Sportlerinnen und Sportler benachteiligen, also betrügen, andererseits, weil nach dem Verständnis vieler der Geist des Sports mit einer bestimmten Idee von natürlicher Leistung verbunden ist. Letzteres ist jedoch umstritten, da Befürworter einer Zulässigkeit des Dopings wie Julian Savulescu eine derartige Natürlichkeitsidee ablehnen und sich vielmehr dafür einsetzen, dass jeder sich nach seinen Vorstellungen perfektionieren dürfe. Darauf ist in diesem Kapitel am Ende nochmals vertieft einzugehen. Doch was ist Doping eigentlich genau? „Doping wird definiert als das Vorliegen eines oder mehrerer der nachfolgenden in Artikel 2.1 bis Arti‐ kel 2.11 festgelegten Verstöße gegen Anti-Doping-Bestimmungen“ (NADA 2021, Art. 1). Es handelt sich also um eine extensionale Definition. Dies ist eine Definition, bei der einfach alles aufgelistet wird, was unter den Begriff fällt. Im Fall des Dopings erfüllen alle Substanzen oder Methoden, die in den Artikeln 2.1 bis 2.11 beschrieben werden, den Tatbestand des Dopings, wenn sie genutzt werden. Allerdings reicht die WADA in Artikel 4.3 doch noch eine Begründung nach, wie es zu der Liste kommt, und gibt damit 62 3 Die soziale Dimension des Sports <?page no="63"?> indirekt auch eine inhaltliche Definition. Dabei müssen zwei der folgenden drei Kriterien erfüllt sein: 1. „medizinischer oder ein anderer wissenschaftlicher Nachweis, pharma‐ kologischer Effekt oder Erfahrung, dass die Substanz oder Methode, allein oder in Kombination mit anderen Substanzen oder Methoden das Potenzial hat, die sportliche Leistung zu steigern [enhance] bzw. diese steigert; 2. medizinischer oder ein anderer wissenschaftlicher Nachweis, pharma‐ kologischer Effekt oder Erfahrung, dass der Gebrauch der Substanz oder Methode ein tatsächliches oder potenzielles Gesundheitsrisiko für den Athleten darstellt; 3. Festlegung durch die WADA, dass der Gebrauch der Substanz oder Methode den Geist des Sports, wie er in der Einleitung des Codes beschrieben ist, verletzt“ (WADA 2021, Art. 4.3). Die WADA betont also, dass auch Substanzen und Methoden auf die Liste kommen sollen, die dem Geist des Sports widersprechen, was ein sehr dehnbarer Begriff ist. Interessanterweise hat die NADA in ihrer Anpassung des WADA-Codes diese Spezifizierung nicht wörtlich übernommen, also nicht ausdrücklich davon gesprochen, dass zwei der drei Kriterien erfüllt sein müssen, sondern nur wie auch die WADA, um Einwänden gegen diese Kriterien aus dem Weg zu gehen, formuliert: „Die Festlegung der WADA, welche verbotenen Substanzen und verbotenen Me‐ thoden in die Verbotsliste aufgenommen werden, die Einordnung der Substanzen in bestimmte Kategorien, die Einordnung einer Substanz als jederzeit oder inner‐ halb des Wettkampfs verboten, die Einordnung einer Substanz oder Methode als eine spezifische Substanz, spezifische Methode oder Suchtmittel ist verbindlich und kann weder von Athleten*innen noch von anderen Personen angegriffen werden, auch nicht mit der Begründung, dass die Substanz oder Methode kein Maskierungsmittel ist, nicht das Potenzial hat, die Leistung zu steigern, kein Gesundheitsrisiko darstellt oder nicht gegen den Sportsgeist verstößt“ (NADA 2021, Art. 4.3). Neben der Einnahme von maskierenden Substanzen können auch verschie‐ dene Methoden pharmakologischer, chemischer oder physikalischer Art zum Einsatz kommen, um den Nachweis von Doping zu erschweren. Die Phantasie der Sportler bzw. deren Betreuer ist groß. So reichen die Manipulationsversuche vom Austausch von Proben über das Verdünnen von 3.2 Soziale Konfliktfelder und Lösungswege 63 <?page no="64"?> Proben mit Wasser bis hin zum Einspritzen von Fremdurin in die Blase, der so genannten Katheterisierung. Wie oben gesagt, gebrauchen WADA und NADA eine extensionale Definition des Dopings. Doch dann stellt sich ethisch die Frage, aufgrund welcher Kriterien die Liste zustande gekommen ist. Warum sind bestimmte Substanzen oder Methoden überhaupt verboten? So erlauben sowohl WADA als auch NADA aus gesundheitlichen Gründen bestimmten Sportlerinnen und Sportlern den Gebrauch von bestimmten Substanzen und Methoden, die anderen, die nicht derartige Vorerkrankungen wie z. B. Asthma haben, zu gebrauchen untersagt sind. Manche Substanzen auf der Liste scheinen also gesundheitlich sogar in gewissen Fällen förderlich zu sein. Außerdem sind bestimmte Methoden einschließlich der Nutzung bestimmter Hilfsmittel, die nichts mit der Gesundheit zu tun haben, verboten, was ganz offensichtlich im Schach der Fall ist, wo die Nutzung von Computerprogrammen im Wettkampf untersagt ist. Erneut stellt sich also das Problem des Sportsgeists. Aber selbst bei gesundheitsschädlichen Substanzen scheint eine paternalisti‐ sche Entscheidung getroffen worden zu sein. Dabei ist grundsätzlich strittig, wie weit ein Paternalismus zu rechtfertigen ist (vgl. Zude 2010). Allerdings ist unbestritten: Solange Doping verboten ist, verschafft sich der Dopende durch den Regelbruch gegenüber dem Nichtdopenden im Wettkampfsport einen Wettbewerbsvorteil. Für dieses Verhalten gibt es, spieltheoretisch gesehen, in der gegenwärtigen Situation zumindest im Hochleistungssport massive Anreize, sofern für den Sportler der Erfolg ein zentrales Kriterium ist. Wenn ein Sportler weiß, dass die Konkurrenz dopt und damit einen entscheidenden Vorteil hat, hat er nur zwei Möglichkeiten: von vornherein den Sieg abzuschreiben oder aber auch zu dopen, um wieder Chancengleichheit herzustellen. Wenn dieser Sportler jedoch nicht weiß, ob die Konkurrenz dopt, dann stellt er sich, was den Wettbewerbsvorteil angeht, durch Dopen in jedem Fall besser. Nehmen wir beispielhaft die beiden Sportler Paul und Peter. In nachfol‐ gender Matrix können die Auszahlungen beider Athleten mit den Alterna‐ tiven Nichtdopen und Dopen dargestellt werden. Die Auszahlung für Paul findet sich vor und die von Peter nach dem Semikolon. Es gelten folgende Annahmen: 64 3 Die soziale Dimension des Sports <?page no="65"?> 5 Dabei sind die Nutzenpunkte in ihrer Höhe willkürlich gewählt. Nicht willkürlich ist jedoch, dass der Nutzen unter den angenommenen Bedingungen zum Dopen als dominanter Strategie führt. ● Die gleich angenommene Gewinnwahrscheinlichkeit von jeweils 50 % gibt keinem der beiden eine Besserstellung; ● der Preis für das Dopen wird mit dem Verlust eines Nutzenpunktes bewertet (Möglichkeit, erwischt zu werden, bzw. Möglichkeit einer gesundheitlichen Schädigung); ● der sichere Gewinn im Fall des Dopens mit drei Nutzenpunkten (von dem dann ein Nutzenpunkt wegen der Gefahren des Dopens abzuziehen ist); ● und die sichere Niederlage beim Verzicht auf Dopen, wenn der andere dopt, mit dem Verlust von zwei Nutzenpunkten. 5 - Nichtdopen von Peter Dopen von Peter Nichtdopen von Paul 0; 0 -2; 2 Dopen von Paul 2; -2 -1; -1 Tabelle 2: Das Doping-Nash-Gleichgewicht Es handelt sich damit um ein klassisches Nash-Gleichgewicht. Was heißt das? Dopen ist für beide Akteure die dominante Strategie. Es ist rational zu dopen, unabhängig davon, wie sich der jeweils andere verhält. Dies ist der Fall, obwohl sich beide besserstellen würden, wenn sie auf das Dopen verzichten würden. Keiner müsste sich Gesundheitsgefährdungen aussetzen und keiner müsste eine Entdeckung als Betrüger fürchten. Warum ist es trotzdem die dominante Strategie? Wenn Peter dopt, aber Paul nicht, dann gewinnt Peter zwei Nutzenpunkte gegenüber dem Nichtdopen hinzu. Wenn dagegen auch Paul dopt, so verliert Peter zumindest nicht zwei Nut‐ zenpunkte, sondern nur einen Nutzenpunkt aufgrund der Dopingrisiken. Dasselbe gilt umgekehrt für Paul. Da Sportlern diese Problematik bekannt ist, kommt es auch zu defensivem Dopen. Dieses ist nicht darauf gerichtet, Vorteile zu erzielen, sondern der Einzelne will nur Chancengleichheit für den Wettkampf durch das eigene Dopen gewährleisten. Doch das Problem lässt sich noch weiter zuspitzen. Unter der Annahme, dass sich die Athleten 3.2 Soziale Konfliktfelder und Lösungswege 65 <?page no="66"?> 6 Selbstverständlich bleibt für die Formen des Dopens, die weiterhin verboten sind, das oben besprochene Problem bestehen, dass auch hier Übertretungen die dominante Strategie sind. transparent auf bestimmte Formen des Dopens einigen würden 6 , benötigt man weitere Gründe, um diese Formen des Dopens begründet abzulehnen. Ein wesentlicher Grund könnte darin bestehen, dass Dopen gesund‐ heitsschädlich ist. Dagegen könnte jedoch eingewendet werden, dass bei kompetenten Erwachsenen, die angemessen über gesundheitliche Risiken aufgeklärt werden, ein Verbot einer paternalistischen Haltung entspräche. Gegen diesen Einwand ließe sich wiederum argumentieren, dass eine Frei‐ gabe des Dopings Sportlerinnen und Sportler veranlassen könnte, sich diesen Gefahren aus Wettbewerbsgründen auszusetzen, obwohl sie dies eigentlich lieber nicht täten. Doch dagegen ließe sich einwenden: Vor dem Hintergrund, dass bestimmte Sportarten wie das Boxen, der Dreisprung oder das Kunstturnen per se gesundheitsgefährdender sind als bestimmte leis‐ tungssteigernde Mittel, erscheint ein paternalistisches Verbot des Dopings inkonsequent. Wie niemand gezwungen ist, einen gesundheitsgefährdenden Sport auszuüben, ist auch niemand gezwungen, sich einem Wettbewerb zu stellen, in dem bestimmte Substanzen zulässig sind, selbst wenn diese eine gewisse Gefährdung mit sich bringen. Dieses Argument wird umso wirk‐ mächtiger, je ungefährlicher die Substanzen selbst und je gefährdender die sogenannten Kaschierungsmittel sind, die verhindern, dass die Einnahme dieser Substanzen nachgewiesen werden kann. Noch drängender stellt sich die Verbotsbzw. Freigabefrage, wenn gesundheitliche Schäden bei bestimmten Mitteln praktisch ausgeschlossen werden können bzw. minimal sind. Allerdings ließe sich gegen diese Argumentationslinie einwenden, dass zwischen der Entscheidung für die Einnahme eines leistungsfördernden Mittels und der Entscheidung, eine riskante Sportart auszuüben, ein wesent‐ licher Unterschied besteht. Im ersten Fall handelt es sich um eine verzwickte Situation, in der sich Sportlerinnen und Sportler aus Wettbewerbsgründen unter Druck fühlen können, die Mittel zu nehmen, im zweiten Fall dagegen hat die betreffende Person sich für diese riskante Sportart entschieden. Aller‐ dings ließe sich dagegen argumentieren, dass gerade im Hochleistungssport der Beginn der „Karriere“ in den Kindertagen begonnen hat. Eine zentrale Frage bei der Bewertung leistungssteigernder Mittel und Methoden ist darum, was unter dem Geist des Sports verstanden werden 66 3 Die soziale Dimension des Sports <?page no="67"?> sollte. Warum widerspricht es nicht dem Geist des Sports, wenn in bestimm‐ ten Staaten Hochleistungssportlerinnen und -sportler eine große Förderung erfahren, in anderen dagegen nicht? Dazu kommt: Wer in einer bestimmten Höhe trainiert, hat gegenüber denjenigen Personen, die auf Meereshöhe trainieren, bessere Chancen, weil die Bildung von roten Blutkörperchen zunimmt, je höher über dem Meeresspiegel trainiert wird. Doch nicht jeder kann sich ein solches Höhentraining leisten. Warum ist in diesem Fall der Einsatz des Hormons EPO (Erythropoietin), das ebenso die Bildung roter Blutkörperchen anregt, unzulässig (vgl. Daumann 2008, 13)? Warum widerspricht es nicht dem Geist des Sports, wenn in bestimmten Disziplinen wie dem Bobfahren diejenigen einen Vorteil haben, die auf das beste Material zurückgreifen können, das sich andere nicht zu leisten vermögen? In der Formel 1 gibt es hierzu bereits Regularien, um möglichst gleiche Voraussetzungen zu schaffen, ebenso in einer Reihe anderer Sportarten. Im Bobsport hingegen wird der Geist des Sports eng mit der technischen Entwicklung verbunden, und Innovationen gelten als legitimer Bestandteil des Wettkampfs. Aufgrund dieser Referenzfälle fordern Ethiker wie Savulescu im Unter‐ schied zur WADA und dem pädagogischen Ansatz, dass auch bestimmte Formen des Dopens zulässig sein sollten. Während die WADA Doping als konträr zum Sportsgeist versteht und deshalb verbietet, argumentiert Savu‐ lescu dafür, Doping zuzulassen, weil es dem Geist des Sports entspräche, der gerade auch die Exzellenz in der Performance als einen wesentlichen Wert benennt: „Weit davon entfernt, dem Geist des Sports zu widersprechen, verkörpert die Manipulation [durch Doping] den menschlichen Geist - die Fähigkeit uns selbst auf Grundlage von Vernunft und Urteilsfähigkeit zu verbessern“ (Savulescu 2004, 667). Andererseits wird als zentrales Argument gegen das Dopen vorgebracht, dass es einen kulturellen Tabubruch bedeutet. Es wird die Sinnsphäre des Sports zerstört, die nach Ansicht von Güldenpfennig (2023, 175), der hier eine vielfach geteilte Überzeugung vertritt, in Folgendem besteht: „Sport demonstriert idealtypisch die dem Menschen vorgegebene Hierarchie von unübersteigbaren Grenzen, innerhalb derer er seine Steigerungsmöglichkeiten ausreizen kann und soll.“ 3.2 Soziale Konfliktfelder und Lösungswege 67 <?page no="68"?> Wer dopt, ist nicht nur ein Betrüger, sondern er zerstört das, was den Sport wesentlich ausmacht, weil eine solche Person den anderen eine Leistung als eigene vorspielt, die sie in Wirklichkeit nur aufgrund unlauterer Mittel erreicht hat. Güldenpfennig vergleicht dies darum sogar mit religiösen Betrügern, die Wunder vortäuschen (vgl. ebd., 174 f.). Vielleicht auch aufgrund derartiger Überzeugungen ist die derzeit herr‐ schende Meinung, dass Doping verboten bleiben sollte. Solange dieses Ver‐ bot international durch die WADA festgelegt und von den Sportverbänden und nationalen Dopingagenturen akzeptiert ist, muss ein Dopingverstoß als eine Form des Betrugs verurteilt werden. Ethisch scheint damit auf den ersten Blick kein wirklicher Konflikt zu bestehen. Es gibt eine klare Regel, was eine verbotene Substanz ist. Wer diese Regel verletzt, wird dafür bestraft. Wieso handelt es sich dann um ein soziales Konfliktfeld? Es handelt sich um ein soziales Konfliktfeld auf drei Ebenen: 1. Auf der Handlungsebene besteht der Konflikt darin, dass der Sportler durch Doping wichtige Werte verletzt, es aber eine Anreizsituation gibt zu dopen, die mehrere Dimensionen hat: Der unbedingte Wunsch zu gewinnen kann zum Dopen verleiten. Aber auch das Wissen um das Dopen der anderen kann dazu verführen, selbst zu dopen, um zumindest Chancengleichheit zu erreichen. Es kann aber auch Druck von oben, von Trainerseite, Sportorganisationen oder sogar staatlichen Stellen geben zu dopen, um möglichst erfolgreich zu sein. 2. Auf der Regelebene besteht der Konflikt darin, dass die Regeln in vielen Fällen nur unzureichend umgesetzt werden. In extremen Fällen des systematischen Staatsdopings werden diese sogar faktisch außer Kraft gesetzt. 3. Auf der Diskursebene wird in den Medien meist nur das Verhalten einzelner Sportlerinnen und Sportler skandalisiert, ohne die Fehlan‐ reize der Regelungen und ihrer Durchsetzung zu thematisieren. Selbst wenn explizit darauf hingewiesen wird, dass manche nationale Anti-Do‐ ping-Agenturen die Regeln sehr „weich“ anwenden, andere wie die NADA sehr streng, fehlt es meist an konstruktiven Verbesserungs‐ vorschlägen. Auch werden Wettkämpfe wie die Tour de France in öffentlich-rechtlichen Sendern übertragen, obwohl bekannt ist, dass der Radhochleistungssport ein großes Dopingproblem hatte und wohl auch weiterhin hat. 68 3 Die soziale Dimension des Sports <?page no="69"?> 3.2.1.1 Sportler in der Pflicht? Die Handlungsebene Wer sportlich tätig ist, muss in bestimmten Sportarten davon ausgehen, dass in diesen Doping sehr weit verbreitet ist. Das bekannteste Beispiel hierfür ist der Radsport. Gewinner der Tour de France wie Jan Ullrich haben eingeräumt, systematisch gedopt zu haben. Die Versuchungssituation war sehr groß, wie Ullrich selbst zugab. Nach sehr erfolglosen Jahren drohte seinem Team Telekom das Aus. Sponsoren überlegten, sich zurückzuzie‐ hen. Die deutsche Medienlandschaft verhöhnte teilweise die „schwachen“ Sportler. Doch dann kam die durch Doping erzielte Leistungsexplosion und schließlich 1996 und 1997 der riesige Erfolg bei der Tour de France, zuerst von seinem Kollegen Bjarne Riis (1996) und dann von Jan Ullrich selbst (1997). Sponsoren stiegen ein. In der Presse wurde das Team Telekom bejubelt. Der Radsport in Deutschland gewann enorm an Popularität und durch die Breitenwirkung freuten sich auch die ganz normalen Radgeschäfte über höhere Umsätze. Wenige Jahre später fanden sich Jan Ullrich und viele seiner Team- und Radsportkollegen auf der öffentlichen Anklagebank wieder, weil sie des Dopings überführt wurden, einer Handlung, die nach Reglement und in manchen Ländern sogar per Gesetz verboten war. Wie aber ließe sich ver‐ meiden, dass sich Derartiges wiederholt? Ein wesentliches Problem besteht in der bereits oben angesprochenen Anreizsituation, die hier nochmals konkretisiert werden soll. - Anreize Gefährdungen materiell Preisgelder, Werbeverträge, För‐ derung durch staatliche Stellen, berufliche Stellung gesundheitliche Schäden, Er‐ pressbarkeit, Bestrafung bei Entdeckung, Verlust der berufli‐ chen Stellung immateriell Ansehen, Ruhm, Anerkennung (Heldenstatus) mögliche kognitive moralische Dissonanz, Ansehensverlust Tabelle 3: Die Anreizstruktur (eigene Darstellung) Es sind die großen materiellen und immateriellen Anreize, die Sportlerinnen und Sportler eher leistungs- und erfolgsorientiert statt gesundheitsorientiert werden lassen und damit einen Einfluss auf ihre Entscheidung haben. Die folgende Abbildung stellt dies vereinfacht dar. Dabei wird unterstellt, dass selbst bei einer Gesundheitsorientierung eine hohe Leistungssteigerung 3.2 Soziale Konfliktfelder und Lösungswege 69 <?page no="70"?> hinreichend dafür ist, dass Doping die rationale Strategie ist. Umgekehrt wird angenommen, dass selbst bei einer Leistungsorientierung eine hohe Gesundheitsgefahr Doping nicht mehr als rational für die Betreffenden erscheinen lässt. Abbildung 8: Leistungs-/ Erfolgsorientierung versus Gesundheitsorientierung (eigene Dar‐ stellung nach Albrecht 2008, 203) 70 3 Die soziale Dimension des Sports <?page no="71"?> Darum genügen Appelle an die Fairness oder ein Verweis auf die Gesund‐ heitsgefahren bei derart leistungsbzw. erfolgsorientierten Sportlerinnen und Sportlern nicht, auch wenn der Einzelne für sein Verhalten zu Recht zur Verantwortung gezogen werden sollte und bei einer Entdeckung wie im Fall Armstrong oder im Fall Ullrich auch zu Recht zur Verantwortung gezogen wurden. Die Verteidigung, dass die gesamte Situation zum Dopen verführte, weil man davon ausgehen musste, dass auch die Konkurrenz dopte, reicht nicht aus, denn unabhängig davon bleiben der Betrug am Zuschauer und letztlich vor allem der Regelbruch. Darum räumte Ullrich später ein, dass sein Doping ein Fehlverhalten darstellte. Allerdings wird durch dieses Fehlverhalten offenkundig, dass im Sinne einer holistischen Betrachtung der Blick auf eine weitere Ebene notwendig ist. 3.2.1.2 Regelsetzer in der Pflicht? Der Regelsetzungsprozess Wir haben es in diesem Wettbewerbskontext mit der klassischen Struktur des Gefangenendilemmas zu tun. So wie es im Gefangenendilemma immer die dominante Strategie ist, eine Straftat zu gestehen, ist hier das Dopen die dominante Strategie. Zur Erinnerung: Zwei Gefangene, denen nur eine kleine Straftat nachzuweisen ist (unerlaubter Waffenbesitz), die man aber wegen einer größeren Straftat (versuchter Bankraub) belangen möchte, was aber ein Schuldeingeständnis voraussetzt, könnten durch gemeinsames Schweigen das für beide immerhin zweitbeste Ergebnis erzielen (welches gleichzeitig das für beide kollektiv beste erzielbare Ergebnis darstellt). Wenn nur einer den Bankraub zugibt, kann er für sich jedoch das individuell beste Ergebnis herausholen, da er als Kronzeuge der Anklage anschließend freikäme, sein Kollege dagegen bekommt die Höchststrafe wegen seines hartnäckigen Leugnens (10 Jahre). Bekennen jedoch beide die größere Straftat, dann bekommen sie zwar nicht die volle Strafe, aber eine deutlich höhere Strafe (8 Jahre), als wenn sie nur wegen unerlaubten Waffenbesitzes belangt werden könnten (1 Jahr). Dies wäre der Fall, wenn beide schweigen würden. Die soziale Falle besteht nun darin, dass es für jeden Einzelnen vorzugswürdig ist, im Fachbegriff die dominante Strategie, zu bekennen. Denn bekennt der andere nicht, kommt man frei, bekennt der andere jedoch, so bekommt man wenigstens nur acht statt der zehn Jahre. Wie das Beispiel des Gefangenendilemmas zeigt, lässt sich der Regelset‐ zungsprozess nutzen, um auch das Dopen möglichst unattraktiv zu machen und die Verbotsregel durchzusetzen, sodass Nichtdopen zur dominanten 3.2 Soziale Konfliktfelder und Lösungswege 71 <?page no="72"?> Strategie wird. Dazu müsste die Anreizsituation so verändert werden, dass Nichtdopen zur dominanten Strategie der Akteure wird. Damit würden zugleich diejenigen unterstützt, die nicht dopen wollen. Wie lassen sich die Kosten für das Dopen so erhöhen, dass Doping unattraktiv wird? Die Kosten können durch unangemeldete Trainingskontrollen erhöht werden. Solange es dafür aber keine weltweiten Standards gibt, scheint dieses Mittel noch relativ unwirksam zu sein. Ein zweiter Weg ist die Änderung der Bestimmungen in der Hinsicht, dass bestimmte Substanzen, die zum jetzigen Zeitpunkt nicht nachweisbar sind, aber möglicherweise später, auch als Dopingmittel zählen und Blutproben der Sportlerinnen und Sportler aufbe‐ wahrt werden, sodass später auch auf diese Substanzen getestet werden kann. Die Betroffenen müssen also eine spätere Entdeckung fürchten. Dieser Weg wird mittlerweile begangen. Ebenfalls verändert die Anreizstruktur sich dadurch, dass immer mehr Staaten Dopingvergehen auch strafrechtlich verfolgen. Allerdings gibt es auch staatliche Gegenbeispiele. So konnte Russland sogar ein staatliches Dopingsystem für die Spiele 2014 in Sotschi nachgewiesen werden. Auch der laxe Umgang der chinesischen Anti-Doping-Agentur mit den Schwimme‐ rinnen und Schwimmern, die positiv getestet worden waren, lässt erahnen, dass derzeit Doping in bestimmten Staaten nicht wirkungsvoll bekämpft wird. Doch diese Problematik ist nicht auf einzelne Staaten beschränkt, denn selbst international lassen sich noch 2024 Beispiele dafür finden, wie mild und damit nicht abschreckend Dopingvergehen geahndet werden, gerade wenn es sich um höchst prominente Sportler handelt. So hat die International Tennis Integrity Agency (ITIA) noch 2024 den damaligen Welt‐ ranglistenersten Jannik Sinner, dem ein Dopingvergehen mit dem Steroid Clostebol nachgewiesen werden konnte, freigesprochen, weil angeblich sein Physiotherapeut ohne Wissen des Tennisstars ein Spray mit dieser Substanz eingesetzt habe. 2025 kam es dann doch zu einem Vergleich mit der WADA. Sinner akzeptierte eine dreimonatige Sperre. Ebenfalls 2024 fällte die ITIA ein sehr mildes Urteil gegenüber der Weltranglistenzweiten im Tennis, Iga Swiatek. Sie wurde nur für einen Monat gesperrt, obwohl sie positiv auf die verbotene Substanz Trimetazidin getestet wurde. Auch ihr nahm man ab, sie habe ein nicht verschreibungspflichtiges Mittel gegen Reiseübelkeit eingenommen, ohne zu wissen, dass dieses die verbotene Substanz enthalte. Unter der kontrafaktischen Annahme jedoch, dass Regelsetzungsmaß‐ nahmen und ihre Durchsetzung hinreichend wären und dies zu einem 72 3 Die soziale Dimension des Sports <?page no="73"?> zusätzlichen Nutzenverlust der dopenden Sportler von drei Nutzenpunkten führt, ergäbe sich folgende Struktur: - Nichtdopen von Peter Dopen von Peter Nichtdopen von Paul 0; 0 -2; -1 Dopen von Paul -1; -2 -4; -4 Tabelle 4: Nichtdopen als dominante Strategie Dopen wäre in dieser Annahme so kostspielig, dass es den kurzfristigen Gewinn des Wettbewerbs nach der Entdeckung so zunichtemacht, dass es sich nicht mehr lohnt. Entscheidend ist hierbei, dass Sportlern diese Konse‐ quenzen bewusst sind und sie diese in ihre Nutzenkalkulation einbeziehen und damit auf das Doping verzichten. Sonst bliebe auch für die Nichtdop‐ enden beim Dopen der anderen noch der Schaden, im Wettbewerb selbst zunächst um den möglichen Erfolg gebracht worden zu sein. Wenn man Jahre später eine Goldmedaille wegen des Dopingvergehens der Konkurrenz zugesprochen bekommt, wie wohl die deutsche Biathlon-Männerstaffel den Olympiasieg von Sotschi, ist dies eben nicht dasselbe wie der Erfolg am Tag des Wettbewerbs. Die Problematik von Anreizsystemen als sozialen Fallen zeigt damit, dass ein sportethischer Ansatz, welcher allein auf die Handlungsebene fokussiert, zu kurz greift. Im Sinne des holistischen Ansatzes muss auch auf der Regelebene angesetzt werden. Aber selbst dies genügt nicht, denn die Regelsetzung ist ganz wesentlich vom öffentlichen Diskurs bestimmt, also davon, wie Medien einschließlich der Sozialen Medien die Regelsetzung, aber auch die Wahrnehmung auf der Handlungsebene beeinflussen. 3.2.1.3 Die Gesellschaft in der Pflicht? Der Regelfindungsdiskurs Im Vorfeld der Olympischen Spiele 2024 in Paris berichtete die ARD aus‐ führlich über den Fall Birgit Dressel und beleuchtete dabei das Thema Doping. Sehr nachdrücklich wurde die Verwicklung von Sportmedizinern und Funktionären in die Dopingproblematik aufgezeigt. Auch hatte die ARD bereits zuvor das russische Staatsdoping beleuchtet. Doch bei den Spielen selbst zeigte derselbe Sender ein völlig anderes Gesicht. In Wettbewerben, in denen mehrere deutsche Sportlerinnen oder Sportler antraten, wurde im 3.2 Soziale Konfliktfelder und Lösungswege 73 <?page no="74"?> Wesentlichen nur auf die erfolgreichste Person fokussiert. Selbst die Plat‐ zierung der anderen deutschen Sportlerinnen und Sportler wurde teilweise nicht einmal gezeigt. Somit gab es eine typische Dissonanz, wie sie in den Medien nicht selten zu finden ist. Einerseits wurde Doping problematisiert, andererseits zählte doch weitgehend nur der Erfolg. Erfolg ist jedoch mit Hilfe von Doping leichter erreichbar. Ein Grund für diese mediale Dissonanz besteht darin, dass Sportsendun‐ gen dann hohe Einschaltquoten erzielen, wenn darin Sportlerinnen und Sportler des eigenen Staats erfolgreich sein könnten. Hohe Einschaltquoten sind wiederum von großer Wichtigkeit für die Fernsehsender, so wie in den Sozialen Medien die jeweilige Klickzahl zählt. In gewisser Weise wiederholt sich hier auf der Meta-Meta-Ebene des Diskurses die Anreizproblematik für Medienschaffende, nennen wir diese Sender 1 und Sender 2. Auch wenn wir unterstellen, dass beide ein Interesse daran haben, ausgewogener über Sport zu berichten und dies für sie zwei Nutzenpunkten entspräche, so verspricht doch die Fokussierung auf Erfolg höhere Einschalt‐ quoten, wenn der jeweils andere Sender dies nicht tut, und wenigstens das Halten der bestehenden Quoten, wenn auch dieser eine entsprechende Strategie wählt. Wird die Erhöhung der Quoten mit drei Nutzenpunkten veranschlagt und die Senkung mit einem Verlust von drei Nutzenpunkten, stellt sich die Anreizsituation wie folgt dar: - Sender 2 fokussiert nicht auf Erfolg Sender 2 fokussiert auf Erfolg Sender 1 fokussiert nicht auf Erfolg 2; 2 -1; 3 Sender 1 fokussiert auf Erfolg 3; -1 0; 0 Tabelle 5: Das Nachfrageproblem im Blick auf das Zuschauerverhalten Auch hier zeigt sich, dass es die dominante Strategie ist, erfolgreiche Sportlerinnen und Sportler zu zeigen und über deren Erfolge zu berichten. Wenn damit auch der Anreiz zum Doping unterstützt wird, muss dies für die Einschaltquoten der Sender nicht nachteilig sein. Eine Sendung zum Doping, vor allem, wenn diese bestehende Vorurteile bedient und z. B. auf die Sportler als Täter fokussiert, kann hierbei sogar eine zusätzliche Nachfrage erzeugen, weil die schlechte Nachricht, dass gedopt wird, ebenfalls einen Reiz auf 74 3 Die soziale Dimension des Sports <?page no="75"?> Zuschauerinnen und Zuschauer ausübt. Deshalb gibt es in den Medien den Spruch: Bad news is good news, frei übersetzt: Das Verbreiten schlechter Nachrichten ist für das Medium selbst eine gute Nachricht, weil es dann mehr nachgefragt wird. Auch auf der Ebene der Medien ist demnach zu prüfen, wie eine ausgewogene Berichterstattung unterstützt werden kann. Sie würde beispielsweise im Unterschied zur Berichterstattung zu Olympia auch diejenigen Sportlerinnen und Sportler mehr in den Vordergrund rücken, die nicht die ersten Plätze erreichen. Beispielsweise wurde bei der Berichterstattung zum Zehnkampf der Männer praktisch nur der um Gold kämpfende Neugebauer gezeigt, die anderen beiden deutschen Zehnkämp‐ fer dagegen kaum erwähnt. Auch wäre es die Aufgabe der Medien, noch deutlicher zu kritisieren, wenn Verbandsverantwortliche alles tun, um die Dopingthematik gar nicht aufkommen zu lassen. So hat beispielsweise 2017 Lamine Diack als Präsident des Leichtathletik-Verbands die Veröffent‐ lichung eines Berichts über Doping in der Leichtathletik verzögert. 3.2.1.4 Ergebnis Als Ergebnis der Überlegungen lässt sich festhalten: Wird Doping differen‐ ziert sportethisch betrachtet, so hängt die Entscheidung, ob dieses zu ver‐ urteilen ist, ganz wesentlich davon ab, ob es zu Gesundheitsschädigungen führt. In diesem Fall ist es aufgrund der Schutzpflicht für nicht geschäftsfä‐ hige Personen zu verbieten. Dies gilt auch für Dopingmittel, welche zu einer direkten Schädigung anderer Personen z. B. durch gesteigertes aggressives Verhalten führen. Ebenfalls gilt, dass jede Form des Dopings zu verurteilen ist, die betrügerisch geschieht und die Nichtdopenden damit benachteiligt oder zu einer betrügerischen Einnahme der Mittel drängen würde. Sollte eine freie Einigung möglich sein und die Einnahme bestimmter Dopingmittel erlaubt werden, so besteht immer noch die Frage, ob hier der sogenannte Sportsgeist verletzt wird und Doping dazu führt, dass es zu nicht gewünschten externen Effekten, beispielsweise Nachahmung im Breitensport, kommt. 3.2 Soziale Konfliktfelder und Lösungswege 75 <?page no="76"?> Substanz oder Methode gesundheitsgefährdend nein ja keine Verurteilung des Dopings aus Sicht der Fairness Person nicht geschäftsfähig geschäftsfähig Verurteilung des Dopings (Schutzpflicht) freie Einigung keine (freie) Einigung Verurteilung des Dopings aus Sicht der Fairness Substanz oder Methode wirksam nein ja kein Doping Doping Sportart direkter Kontakt kein direkter Kontakt direkte Schädigung des Gegners keine direkte Schädigung des Gegners Internalisierung externer Effekte nein ja keine Verurteilung des Dopings Verurteilung des Dopings keine Verurteilung des Dopings aus Sicht der Fairness Abbildung 9: Entscheidungsmodell (eigene Darstellung nach Albrecht 2008, 227) 3.2.2 Formen des Missbrauchs und die Herausforderung von Abhängigkeit Das Dopingproblem ist mit einem weiteren Problem verbunden, nämlich dem Missbrauch von Sportlerinnen und Sportlern, insbesondere aufgrund 76 3 Die soziale Dimension des Sports <?page no="77"?> bestehender Abhängigkeitsverhältnisse. Verantwortliche haben immer wie‐ der die Leichtgläubigkeit der ihnen anvertrauten Personen missbraucht und sie zur Einnahme von Mitteln verführt, die zwar die Leistung steigerten, aber auch die Gesundheit teils schwer schädigten. Gerade in der DDR wussten manche nicht einmal, dass die verabreichten Mittel diese Wirkungen hatten. Nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten wurden die Manipu‐ lationen öffentlich bekannt. Dennoch durften „Dopingtrainer“ in nicht wenigen Fällen weiterarbeiten. Noch im Jahr 2024 scheiterte eine ehemalige DDR-Kanutin, welche ihre Schwerbehinderung auf gesundheitsschädliches Doping zwischen dem 12. und 17. Lebensjahr zurückführte, mit ihrer Revi‐ sionsklage vor dem Bundesverwaltungsgericht, weil es enorm schwierig ist, Gesundheitsschädigungen kausal auf dieses Doping zurückzuführen. Missbrauch von Vertrauen ist, wie allgemein bekannt, nicht auf das Dopen beschränkt. In den letzten Jahren sind Fälle sexuellen Missbrauchs bekannt geworden. Einer der größten Skandale kam in den USA auf. Larry Nassar wurde zu insgesamt 175 Jahren Haftstrafe verurteilt, weil er syste‐ matisch Turnerinnen sexuell missbraucht hatte, darunter auch so bekannte Weltklasseathletinnen wie Simone Biles. Nach Auskunft der Deutschen Sporthochschule (2022) in Köln hat eine Befragung ergeben, dass auch in Deutschland 37 % der Kaderathleten und -athletinnen sexuelle Übergriffe erlebt haben. Missbrauch beschränkt sich jedoch nicht auf sexuelle Übergriffe. Unan‐ gemessene Trainingsmethoden, verbale Herabsetzung und Leistungsdruck haben gerade im Turnsport um die Jahreswende 2024/ 25 in Deutschland hohe Wellen geschlagen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung titelte dazu ein wörtliches Zitat einer betroffenen Sportlerin: „Es war systematischer körperlicher und mentaler Missbrauch“ (Schmidt 2024). Die deutsche Tur‐ nerin Elisabeth Seitz warf Anfang 2025 ihrer Nachwuchstrainerin öffentlich Machtmissbrauch und übergriffiges Verhalten vor. Konkret soll sie ihr das Gewicht vorgeworfen und so eine Essstörung mitverursacht haben. Auch berichtete Seitz in einem Interview mit dem SWR davon, dass sie trotz völliger Entkräftung von ihrer Trainerin gezwungen worden sei, weiter zu üben. Als sie dann mit dem Gesicht auf den Holm fiel und ihre Lippe aufplatzte, musste sie dennoch ein Krafttraining anschließen, bis ihre Mutter sie abholte (vgl. SWR 2025). Dies steht in einer traurigen internationalen Tradition, wie jüngste Veröffentlichungen zu den Praktiken des überaus erfolgreichen Trainerpaares Béla und Marta Károlyi zeigen (vgl. FAZ 2025). 3.2 Soziale Konfliktfelder und Lösungswege 77 <?page no="78"?> 7 Eine wichtige Anlaufstelle ist in diesem Zusammenhang das kostenlose Telefon, das unter www.aufarbeitungskommission.de zu finden ist und die Arbeit des Vereins „Safe Sport e.V.“ unterstützt. In all diesen Fällen ist auf der Handlungsebene klar, dass diejenigen, die missbraucht haben, schuldig geworden sind. Aber auch die Regelebene scheint nicht funktioniert zu haben, obwohl derartige Übergriffe praktisch überall unter Strafe stehen. Eher haben betroffene Vereine, um Schaden für ihr Ansehen abzuwehren, versucht zu vermeiden, dass derartige Fälle an die Öffentlichkeit kommen. Erst der öffentliche Diskurs im Rahmen der Me-too-Bewegung hat in den letzten Jahren zu einem Umdenken geführt, sodass junge Sportlerinnen und Sportler besser geschützt sind. Die öffentliche Aufmerksamkeit hat bewirkt, dass im Jahr 2022 das Bundes‐ innenministerium zusammen mit den einzelnen Bundesländern und dem Verein „Athleten Deutschland e.V.“ den Verein „Safe Sport e.V.“ gegründet hat, der als Anlaufstelle, die unabhängig von der Einflussnahme durch Sportvereine ist, Formen des Missbrauchs in Erfahrung zu bringen versucht und zugleich hilft, diese präventiv zu vermeiden. Auch in diesen Fällen gilt, dass es ganz wesentlich darauf ankommt, zu vermeiden, dass Rahmenbedingungen vorhanden sind, die jede Form von Missbrauch erleichtern. Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass sich Täterinnen und Täter herausreden können, die Umstände seien schuld gewesen, aber holistisch ist immer auch zu berücksichtigen, ob aufgrund der Rahmenbedingungen derartige Taten erleichtert oder möglichst erschwert wurden. Bei Trainer-Athleten-Beziehungen besteht eine sehr große Herausforde‐ rung darin zu bestimmen, wann ein Missbrauch von Schutzbefohlenen beginnt und wann nicht. So hatte beispielsweise Birgit Dressel mit ihrem damaligen Trainer eine Liebesbeziehung. Nachweislich handelte es sich hier nicht um Missbrauch. Dennoch gibt es beispielsweise in anderen Bereichen, zumindest in manchen Staaten, klare Regeln, die es nicht erlauben, mit abhängigen Personen, beispielsweise im universitären Bereich Studenten oder Studentinnen, die man zu bewerten hat, eine Beziehung zu beginnen. Dies kann bei echter Liebe von den Betroffenen als Einschränkung ihrer Freiheit erfahren werden. Derartige Bestimmungen sollen aber als Rahmen‐ ordnung dazu dienen, dass Missbrauch von Abhängigen in dieser Weise möglichst nicht stattfindet. Auch hier beeinflusst der öffentliche Diskurs die Regelfindung und wie die gefundenen Regeln durchzusetzen sind. 7 78 3 Die soziale Dimension des Sports <?page no="79"?> Auch für andere Formen des Missbrauchs ist die Grenze zwischen ange‐ messener Leistungsforderung und unangemessenem Leistungsdruck nicht immer einfach zu ziehen. Wann körperlicher oder mentaler Missbrauch beginnt, ist darum in manchen Fällen schwer festzustellen. Allerdings zeigt das Beispiel der deutschen Turnerinnen, dass es eindeutige Fälle von Missbrauch gibt. Hier gilt es anzusetzen. 3.2.3 Diskriminierungen und die Frage nach berechtigter Differenzierung Eine weitere Frage ist von großer sportethischer Relevanz, nämlich wann Diskriminierungen vorliegen, also Differenzierungen, die es nicht geben sollte. Nach praktisch allen ethischen Ansätzen und selbstverständlich nach dem holistischen Ansatz im Ausgang von der Menschenwürde ist es unzu‐ lässig zu diskriminieren. Egal also welche Hautfarbe, welches Aussehen, welche sexuelle Orientierung, Religion, Staatsangehörigkeit oder politische Einstellung jemand hat, es wäre unzulässig, diese Person deshalb von Wett‐ bewerben auszuschließen. Jedoch gibt es hier mehrere Herausforderungen, die seit Längerem für weltweite Diskussionen sorgen. Im Folgenden sollen drei dieser Herausforderungen kurz diskutiert werden. Im ersten Fall geht es um den Umgang mit inter- und transsexuellen Personen, da viele Sportarten binär strukturiert sind. Wer die Ergebnisse von Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen in der Leichtathletik kennt, weiß, dass Frauen, hier verstanden als Personen mit zwei X-Chromosomen, Ergebnisse erzielen, die unter denen der besten Männer (Personen mit einem X- und einem Y-Chromosom) liegen. Würden Frauen und Männer gemeinsam antreten, hätten Frauen keine Chance auf einen Sieg oder überhaupt einen der vorderen Plätze. In anderen Sportarten wie Fußball oder Handball ist der körperliche Kontakt so intensiv, dass es gute Gründe gibt, auch hier zu differenzieren. Im zweiten Fall geht es um die Frage des Equal Pay, also der Frage, ob es gerechtfertigt ist, dass beispielsweise die Prämien der einzelnen männlichen Spieler in einer bestimmten Sportart höher sein dürfen als diejenigen von Sportlerinnen, sodass der Weltmeistertitel im Herrenfußball besser honoriert wird als der Weltmeistertitel im Frauenfußball. Dieser Frage soll als sozialer Herausforderung nachgegangen werden, nicht als ökonomischer. 3.2 Soziale Konfliktfelder und Lösungswege 79 <?page no="80"?> Der dritte Fall ist dezidiert politisch: Dürfen Sportlerinnen oder Sportler beispielsweise ausgeschlossen werden, wenn sie die Staatsangehörigkeit einer Nation haben, die einen völkerrechtswidrigen Krieg führt oder der ein Staatsdoping nachgewiesen werden konnte? Wenn ein Staat einen völkerrechtswidrigen Krieg führt, so stellt sich, wie bereits angesprochen, die Frage, ob den Angehörigen des angegriffenen Staates zugemutet werden darf, gegen Staatsangehörige des Angreifers antreten zu müssen. Umgekehrt ist zu fragen, mit welchen Gründen Sportlerinnen und Sportler des angrei‐ fenden Staats in Kollektivhaftung genommen werden. Wenn Staatsdoping nachgewiesen wurde, steht die Frage im Raum, wie mit den betroffenen Personen umzugehen ist, wenn diese behaupten, nichts davon gewusst zu haben und sich davon glaubwürdig distanzieren. 3.2.3.1 Inter-, Transsexualität und weitere genetische Herausforderungen Bei den Olympischen Spielen in Paris 2024 gab es eine große Kontroverse um Imane Khelif, da in Frage stand, ob die Sportlerin nicht in Wirklichkeit genetisch ein Mann sei. Imane Khelif durfte am Frauenboxwettbewerb teilnehmen und gewann trotz Protesten die Goldmedaille. Sie selbst und ihr algerischer Verband bekräftigten, sie sei eine Frau, lehnten aber einen Gentest ab. Ein Gutachten vom Juni 2023, welches das französische Recher‐ chemagazin Le Correspondant im Oktober 2024 veröffentlichte, sagt aus, dass sie biologisch männlich ist. Sie hat Hoden, aber keinen Uterus und keine Eierstöcke. Aufgrund einer genetischen Mutation der 5-Alpha-Reduktase Typ 2 liegen die Hoden innen und bei der Geburt hat die Person äußerlich eine (unechte) Vagina, weswegen derartige Personen als Frauen sozialisiert werden (vgl. Le Correspondant 2024). Bereits 2009 stand Caster Semenya, eine südafrikanische Läuferin, aufgrund ihrer überragenden Ergebnisse im Verdacht, keine Frau zu sein. Der umstrittene angeordnete Gentest wies bei ihr einen männlichen Chromosomensatz XY nach, aber auch das sog. AIS-Syndrom (Androgen-Insensitivity-Syndrom), also eine genetische Veränderung, die bewirkt, dass männliche Genitalien nicht ausgebildet werden. Dennoch ist der Testosteronspiegel ähnlich hoch wie bei Männern, was zu einem Muskelaufbau führt, der männlich ist. Semenya hatte aufgrund dieses Testosteronspiegels gegenüber Konkurrentinnen einen so großen Vorteil, dass im Mai 2011 neue Regeln eingeführt wurden, die bei derart erhöhten Werten eine Senkung des Testosteronwerts durch senkende Mittel 80 3 Die soziale Dimension des Sports <?page no="81"?> verlangen. Da es eine Vielzahl von genetischen Modifikationen geben kann (vgl. zu chromosomalen Anomalien Murken et al. 2017, 213-218), stellt der Umgang mit intersexuellen und transsexuellen Menschen eine zentrale ethische Frage dar. Diese verschärft sich durch Gesetzgebungen verschiedener Staaten, z. B. auch der Bundesrepublik Deutschland, dadurch, dass Menschen unabhängig von ihrem Chromosomensatz und ihrem phä‐ notypischen Aussehen selbst entscheiden können, ob sie als Männer oder Frauen angesehen werden wollen. Auf der Handlungsebene stellt sich damit die Frage, ob eine Person mit einem männlichen Chromosomensatz, die sich selbst als Frau versteht, es selbst als fair ansieht, gegen Personen mit einem weiblichen Chromosomensatz anzutreten. Auf der Regelebene stellt sich die Frage, wie mit transsexuellen Personen umzugehen ist, aber eben auch mit in gewisser Hinsicht intersexuellen Per‐ sonen, weil diese aufgrund ihrer Genetik einen höheren Testosteronspiegel aufweisen und damit einen für viele Wettkämpfe vorteilhaften Muskelauf‐ bau haben. Ist dies nicht mit einem Dopen mit Anabolika vergleichbar, wenn man nur den Fairnessaspekt berücksichtigen würde? Oder werden derartige trans- und intersexuelle Menschen diskriminiert, wenn man von ihnen zur Teilnahme an Frauenwettbewerben eine Senkung ihres Testos‐ teronspiegels einfordert? Hierzu sind die internationalen Debatten längst nicht abgeschlossen. Auch ist umstritten, ob Gentests überhaupt zulässig sind. Öffentliche Debatten, in denen oftmals gegenüber verpflichtenden Gentests eine große Skepsis vorzufinden ist, scheinen eher nahezulegen, darauf zu verzichten. Allerdings gibt es auch genügend Stimmen, die aus Fairnessgründen derartige Tests einfordern, wie sich bei den Olympischen Spielen in Paris zeigte. Auch wird in diesen Debatten immer wieder die Problematik thematisiert, dass das binäre sportliche System derzeit für eine Minderheit trans- und intersexueller Menschen keinen angemessenen Raum bereitstellt (vgl. Brems 2020). Die Problematik ist damit aber überhaupt noch nicht abgeschlossen, da es auch andere genetische Veränderungen gibt, die Vorteile bieten. Vom finnischen Weltklasseläufer Eero Mäntyranta, der 1964 bei den Olympischen Winterspielen zwei Goldmedaillen gewann, konnte nachgewiesen werden, dass er aufgrund einer Mutation mehr Erythropoietin (EPO) herstellen kann als andere Menschen. Auch scheinen alle Weltklassesprinter bestimmte Varianten des Gens ACTN3 zu haben, das für den Muskelaufbau eine Rolle spielt. Allerdings scheint dies auch bei vielen anderen Menschen der Fall zu sein, sodass derzeit in diesem Bereich noch weitere humangenetische For‐ 3.2 Soziale Konfliktfelder und Lösungswege 81 <?page no="82"?> schung nötig ist (vgl. Geisser 2014). Wie aber sollte in einem solchen Fall mit derartigen Vorteilen umgegangen werden? Die Frage lässt sich erweitern, da im Basketball die Größe der Spielerinnen und Spieler bedeutsam ist. Eine holistische Sportethik gewichtet den Fairnessaspekt so stark, dass sie für Sportarten, die in Frauen- und Männerwettkämpfe differenzieren, analog zu obligatorischen Dopingtests in Zweifelsfällen auch vorsehen würde, dass genetische Tests vorgenommen werden können. Auch sollte es für derartige Wettkämpfe nicht möglich sein, dass transsexuelle Menschen sich durch die Entscheidung, als Frau angesehen zu werden, Wettkampfvor‐ teile verschaffen. Ob es angemessen ist, wie im Fall Semenya geschehen, einen medikamentösen Eingriff in den Hormonhaushalt zu verlangen, ist einerseits eine medizinische Frage, nämlich ob derartige Eingriffe das Nichtschadensprinzip verletzen, andererseits eine grundsätzliche Frage: Warum gibt es für andere „Vorteile“ keine Beschränkungen, z. B. bezüglich der Größe im Basketballspiel? Vielmehr wäre es die richtige Entscheidung gewesen, Semenya nicht in Frauenwettbewerben teilnehmen zu lassen, da sie genetisch einen männlichen Chromosomensatz hat, solange der Wettkampfsport binär aufgebaut ist. 3.2.3.2 Die Herausforderung „Equal Pay“ In der Quizsendung „Wer wird Millionär“ wurde 2024 die Frage gestellt, welche Ablöse für die wohl zu diesem Zeitpunkt beste deutsche Spielerin vom FC Bayern, zu dem sie vom VfL Wolfsburg wechselte, gezahlt worden ist. Die Kandidatin und auch der Joker, den sie befragte, vermuteten einen zu hohen Betrag, nämlich 4.000.000 Euro. Tatsächlich sollen etwa 400.000 Euro geflossen sein. Im gleichen Zeitraum überwies der FC Bayern mehr als das Hundertfache, um den portugiesischen Nationalspieler Jo-o Palhinha, der bei der EM oftmals nicht von Anfang an spielte, vom englischen Durchschnittsverein FC Fulham abzulösen. Auch die Gehälter zwischen Topspielerinnen und Topspielern unterscheiden sich gravierend zum Vorteil der Spieler. So verdient Alexia Putellas, die zweifache Gewinnerin des Ballon d’Or und eine der besten Fußballerinnen der Welt, beim FC Barcelona laut Schätzungen 500.000 Euro pro Jahr. Robert Lewandowski bekommt beim selben Verein ca. 22 Millionen Euro, also das 44-Fache, für den gleichen Zeitraum. Ende Dezember 2024 hat die Skispringerin Selina Freitag publik gemacht, dass sie für den Sieg in der Qualifikation zum Springen der Frauen (im Rah‐ 82 3 Die soziale Dimension des Sports <?page no="83"?> men der Mini-Vierschanzentournee der Frauen) in Garmisch-Partenkirchen bloß Duschgel, Shampoo und Handtücher bekam. Die Männer bekommen für solche Siege oft 2000 bis 4000 Schweizer Franken. Lässt sich dies einfach ökonomisch erklären? Reicht als Antwort: Der Vereinssport ist privat? Ablösen, Gehälter und Siegprämien sind frei aushan‐ delbar und folgen weitgehend den Gesetzen des Marktes. Darauf ist unter den ökonomischen Herausforderungen später noch vertieft einzugehen. Anders stellt sich die Situation dar, wenn es um nicht mehr rein private, sondern öffentliche Spiele der Nationalmannschaften geht. Hier gibt es seit Jahren Proteste von Spielerinnen, weil sie gegenüber ihren männlichen Kollegen schlechtergestellt werden. Sie erhalten geringere Prämien, müssen sich mit einfacheren Unterkünften und billigeren Plätzen bei Flügen begnü‐ gen. So gab es 2017 Streiks dänischer Spielerinnen. 2022 kam es in den USA zu einer Vereinbarung zwischen dem nationalen Fußballverband und den Gewerkschaften der Frauen und Männer, in denen „Equal Pay“, also gleiche Prämien für das Erreichen bestimmter Erfolge, vereinbart wurde. Es zeigt sich, dass erst durch die Unterstützung der Öffentlichkeit in den genannten Staaten die Forderungen der Spielerinnen so viel Nachdruck bekamen, dass es zu einer Einigung in ihrem Sinn kam. Sportethisch ist zu fragen, ob es nötig wäre, dies auf der Regelebene verbindlich festzuhalten, oder ob reine Vereinbarungen auf der Handlungsebene hinreichend sind. Oder sollte auch auf der Ebene des staatlichen Sports das oben genannte ökonomische Prinzip gelten, sodass die Prämien in Relation zur Nachfrage stehen? 3.2.3.3 Diskriminierung aufgrund von Gruppenzugehörigkeit Die Stiftung der Hessischen Rechtsanwaltschaft gab im Jahr 2020 ein Buch mit dem Titel Viel Rauch um nichts? heraus. In diesem Band geht es am Beispiel des Abbrennens von Pyrotechnik durch einzelne Fans darum, ob es angemessen ist, dafür kollektiv ganze Fangruppen zu bestrafen. Bekanntlich kann es aufgrund von Vergehen einzelner Personen dazu kommen, dass es für ein oder mehrere Spiele ein allgemeines Stadionverbot für die Anhänger einer Mannschaft oder sogar ein Stadionverbot für alle gibt. So gab es für Anhänger von Bayern München 2024 für das Champions-League-Spiel bei Arsenal London keine Auswärtstickets. Indirekt kann dies dadurch gesche‐ hen, dass ganze Vereine oder Verbände von Wettbewerben ausgeschlossen werden. So wurden nach der Katastrophe im Brüsseler Heysel-Stadion 3.2 Soziale Konfliktfelder und Lösungswege 83 <?page no="84"?> englische Mannschaften für fünf Jahre von allen europäischen Wettbewer‐ ben ausgeschlossen. Im Mai 1985 war es beim Europapokalendspiel der Landesmeister zwischen dem FC Liverpool und Juventus Turin, ausgelöst durch Liverpooler Hooligans, zu einer Massenpanik gekommen, bei der 39 Menschen, meist italienische Fans, starben. Die Grundfrage lautet in allen derartigen Fällen: Ist es berechtigt, ganze Gruppen dafür zu bestrafen, wenn einzelne Personen strafbare Handlungen verüben? Bringen derartige Maßnahmen überhaupt etwas? Dagegen könnte sprechen, dass trotz vielfältiger Sanktionen auch noch im Dezember 2024 bei einem Fußballspiel in der Stadt Nzerekore in Guinea, ausgelöst durch ein Fehlverhalten von Fans, mehr als 50 Tote zu beklagen waren. Nach einer roten Karte gegen ihr Team warfen Fans Steine in die Menge. Die Polizei setzte Tränengas ein und es kam zu einer Massenpanik. Da die Stadiontore geschlossen waren, wurden Menschen erdrückt und niedergetrampelt. Die bessere Lösung bestünde darin, entsprechende Täter direkt zu sanktionie‐ ren. Diese Thematik verschärft sich im politischen Kontext. So hat der Krieg Russlands gegen die Ukraine zum Ausschluss russischer und belarussischer Sportlerinnen und Sportler in bestimmten Sportarten geführt. Es wurden beispielsweise selbst geistig beeinträchtigte Sportlerinnen und Sportler von Spielen ausgeschlossen, nur weil sie die russische bzw. belarussische Staatsangehörigkeit hatten. Bei den Olympischen Spielen in Paris und den anschließenden Paralympics durften russische und belarussische Sportle‐ rinnen und Sportler nur unter neutraler Flagge antreten, und selbst dann nur unter der Bedingung, dass sie den Krieg ihres Staates nicht unterstützen. Diese Forderungen sind problematisch, da hier nach Staatsangehörigkeit und politischer Einstellung diskriminiert wird, zumal politische Äußerun‐ gen oftmals nicht ganz freiwillig getätigt werden. Hochleistungssportlerin‐ nen und Hochleistungssportler autoritär geführter Staaten gehen nämlich ein hohes persönliches Risiko ein, wenn sie sich gegen den Regierungskurs aussprechen. Zudem stellt sich die Gerechtigkeitsfrage, da auch andere Staaten, deren Staatsangehörige teilnehmen dürfen, völkerrechtswidrig Territorien besetzt halten oder in anderer Weise das Völkerrecht verlet‐ zen oder verletzt haben. So wurden beispielsweise US-Sportlerinnen und -Sportler bei den Spielen in Athen 2004 nicht sanktioniert, obwohl die USA völkerrechtswidrig, nämlich ohne Mandat der UNO, 2003 mit ihren Verbündeten in den Irak einmarschiert waren. Auch Sportlerinnen und Sportler verbündeter Staaten, welche die USA in diesem Krieg militärisch, 84 3 Die soziale Dimension des Sports <?page no="85"?> wie beispielsweise Polen, direkt oder durch Bereitstellung der Infrastruktur, wie die Bundesrepublik Deutschland, indirekt unterstützten, wurden ohne Vorbedingungen zu ihrer politischen Einstellung zugelassen. Sie alle durften auch unter den Flaggen ihrer Heimatstaaten antreten. Bereits 1999 hatten die NATO-Staaten völkerrechtswidrig Serbien bombardiert, da sie auch dafür kein Mandat der UNO besaßen. Auch hier gab es keine Sanktionen gegen die Sportlerinnen und Sportler der betreffenden NATO-Staaten. Würde man ernst nehmen, dass der Sport gerade nicht politisch, sondern völkerverbindend sein sollte - so auch die Idee der antiken und auch der modernen Olympischen Spiele -, dürften staatliche Entscheidungen keine Rolle spielen. Andererseits ist es für Sportlerinnen und Sportler angegriffener Staaten eine Herausforderung, mit Gegnern konfrontiert zu sein, die aus den angreifenden Staaten kommen. Auf der Handlungsebene der Sportler und ihrer Verbände ist es kaum möglich, hier angemessene Lö‐ sungen zu finden, da ein international durchsetzbares Regelwerk fehlt. Beim völkerrechtswidrigen Angriff Russlands auf die Ukraine enthielten sich die Staaten, die etwa die Hälfte der Menschheit repräsentieren, der Stimme, als es darum ging, diesen Angriff zu verurteilen. Dazu kommt: Die Medien sind in den meisten Fällen parteiisch, ebenso die öffentliche Diskussion. Es genügt beispielsweise, die Berichterstattung über Israel im deutschen Fernsehen mit Sendungen über Israel auf Al Jazeera zu vergleichen. Das Grundproblem besteht darin, dass kollektiv Menschen in Haftung genommen werden, nur weil sie einem bestimmten Staat als Staatsangehö‐ rige oder einer bestimmten Gruppe als Fans angehören. Dies widerspricht jedoch einer holistischen Sportethik im Ausgang von der Menschenwürde, denn diese wird in der Weise verstanden, dass eben gerade nicht die einzelne Person für Kollektive geopfert werden darf. Das schließt nicht aus, dass auf Vereinsebene Sicherheiten eingefordert werden können. Sind die Vereine dazu nicht in der Lage, kann man ihnen die Teilnahme verwehren. Zwar sollte keine Sportlerin und kein Sportler für das, was der Staat als Staat tut, haften, aber es ist gerechtfertigt, dass Sportlerinnen und Sportler aus Staaten, die völkerrechtswidrig agieren, nicht unter der Flagge der betreffenden Staaten antreten dürfen. Der Grund hierfür besteht darin, dass trotz der unpolitischen Zielsetzung des Sports dieser doch staatlich vereinnahmt wird, womit wir bereits beim nächsten Konflikt sind. 3.2 Soziale Konfliktfelder und Lösungswege 85 <?page no="86"?> 3.2.4 Nation Branding, Sportswashing und Verletzungen von Menschenrechten Der Sport kann dazu dienen, Menschen zusammenzuführen. Das Sommer‐ märchen der Fußballweltmeisterschaft 2006 wie auch die Fußballeuropa‐ meisterschaft 2024 jeweils in Deutschland bleiben genau wie die Pariser Olympischen Spiele den meisten als Sportereignisse in Erinnerung, die Menschen zueinandergeführt haben. Doch leider gibt es auch eine Kehrseite. Bereits 1936 nutzte das Naziregime die Olympischen Spiele in Berlin, um das damalige Deutschland der Welt von einer freundlichen Seite zu zeigen. Es entstand der Eindruck, dass diese rassistische Diktatur doch eigentlich nicht so schlimm sei. Auch andere Länder machten sich diese Kraft des Sports zunutze. Die Olympischen Sommerspiele in Peking 2008 und die Winterspiele 2022 dienten dem chinesischen Regime. Sotschi 2014 und die Fußballweltmeisterschaft 2018 in Russland konnte Putin für seine Propaganda einsetzen. Aber auch bei fast allen anderen sportlichen Groß‐ veranstaltungen versuchen die Veranstaltungsländer, sich in der globalen Öffentlichkeit positiv darzustellen und bestimmte Werte und Eigenschaften zu kommunizieren. Man spricht darum auch von Nation Branding, weil es derartige Veranstaltungen ermöglichen, das eigene Land in ein besonders gutes Licht zu rücken und das internationale Image zu formen. Wie wichtig den Regierenden dabei auch der sportliche Erfolg ist, lässt sich an der jewei‐ ligen Sportförderung mit erlaubten und nicht erlaubten Mitteln durch die Politik ablesen. Was den chinesischen Sport angeht, so besteht der Verdacht des Dopings, beim russischen Sport konnte er für den Zeitraum um 2014 sogar nachgewiesen werden. Aber auch ganz legale Fördermöglichkeiten werden angewandt. In Großbritannien wurde vor den Olympischen Spielen in London 2012 überlegt, welche Sportarten britische Sportler besonders erfolgreich würden bestreiten können. Man entschied sich unter anderem dafür, die olympischen Radsportdisziplinen zu fördern. Der Erfolg in diesen Disziplinen gab den Entscheidern Recht. Warum ist es im Interesse der Politik, sportliche Erfolge der eigenen Staatsangehörigen zu erleben? Nach‐ weislich führen sportliche Erfolge dazu, dass die jeweiligen Regierenden profitieren, da die Stimmung der Bevölkerung durch die Identifikation mit den Erfolgen gehoben wird und gleichzeitig auch das internationale Ansehen erhöht werden kann. Wie gezeigt, dienen Sportveranstaltungen gerade Regierungen, die Men‐ schenrechte einschränken, nicht nur für das Nation Branding, sondern 86 3 Die soziale Dimension des Sports <?page no="87"?> auch als Sportswashing, ein Begriff, den die Nichtregierungsorganisation (NGO) Amnesty International 2018 in die Debatte eingeführt hat. Sie wollte damit verdeutlichen, dass ein Großereignis wie die Fußballweltmeis‐ terschaft 2018 in Russland missbraucht wird, um mit Hilfe des Sports Menschenrechtsverletzungen „reinzuwaschen“. Ähnliche Vorwürfe gab es bei der WM 2022 gegenüber Katar, z. B. mit Blick auf die Arbeitsbedingungen bei der Errichtung der Sportstätten. Trotz dieser Kritik an seinen nicht hinreichenden Menschenrechtsstandards hat sich die WM für Katar nach Ansicht vieler westlicher Medien und NGOs gelohnt, was nicht nur an der heutigen Stellung von Katar abzulesen ist, sondern sich auch darin zeigt, dass Saudi-Arabien Katars Strategie nachahmt und 2034 die WM ausrichten wird (vgl. Mittag 2023, 33). Sportethisch stellt sich die Frage, wie mit eindeutigen und umstrittenen Menschenrechtsverletzungen in diesem Kontext umzugehen ist. Eindeu‐ tige Menschenrechtsverletzungen wie sklavenähnliche Arbeitsbedingungen sind nicht zu tolerieren. Der westliche Protest bewirkte, dass Katar in dieser Hinsicht für die Betroffenen bessere Bedingungen geschaffen hat. Ob dies hinreichend war, ist eine offene Frage. In der Frage des Umgangs mit Menschen einer vom Islam als sündhaft verstandenen sexuellen Lebens‐ weise gibt es einen weltweiten Streit, ob dies als Menschenrechtsverletzung zu gelten hat, wenn diese Lebensweisen nicht nur verurteilt, sondern auch strafrechtlich verfolgt werden. Während vor allem westliche Staaten diese Lebensweisen gleichstellen, gibt es insbesondere in afrikanischen und asiatischen Staaten strafrechtliche Verbote für gleichgeschlechtliche Hand‐ lungen, die oftmals religiös begründet werden. Sowohl der traditionelle Islam als auch das traditionelle Christentum sowie das orthodoxe Judentum verurteilen derartige Handlungen als schwere Sünde. Es ist eine der schwierigsten ethischen Fragestellungen, wie mit diesen unterschiedlichen moralischen Vorstellungen, für die von den jeweiligen Vertretern ein Wahrheitswert beansprucht wird, umzugehen ist. Es gibt jedoch sehr gute wissenschaftliche Gründe, die bereits bei der Frage des Umgangs mit inter- und transsexuellen Sportlern angedeutet wurden, zu akzeptieren, dass es bereits auf genetischer und epigenetischer Ebene eine breite Variation von Ausprägungen gibt. Aufgrund dieser Realität scheint es angemessen zu sein, Menschen die Ausübung ihrer sexuellen Orientierung nicht verbieten zu dürfen, sofern die sexuellen Handlungen einvernehmlich geschehen. Wenn dies aber so ist, dann verletzen Verbote dieser Handlungen das Menschenrecht auf Selbstbestimmung der betreffenden Personen. 3.2 Soziale Konfliktfelder und Lösungswege 87 <?page no="88"?> Wer zu dieser Überzeugung kommt, wird dennoch sportethisch vor die Herausforderung gestellt, ob ein Boykott von Sportveranstaltungen in betreffenden Staaten das angemessene Mittel ist, um darauf zu reagieren. In der Frage der Unzulässigkeit von Apartheid in Südafrika war sich die Weltgemeinschaft weitgehend einig, was mit zu einem Ausschluss südafri‐ kanischer Sportlerinnen und Sportler führte, da die Olympische Charta nationalen Verbänden nicht erlaubt, Sportlerinnen oder Sportler aufgrund von Hautfarbe zu diskriminieren. Nur der Rugbyverband machte hier eine Ausnahme und ließ südafrikanische Sportler zu. Viel schwieriger wird es, wenn sich die Weltgemeinschaft nicht einig ist. Dann kann es, wie in Moskau 1980 und Los Angeles 1984, dazu führen, dass die Hälfte der führenden Sportnationen die jeweiligen Olympischen Spiele boykottiert. Je mehr also weltanschauliche Fragen in den Sport hineingreifen, desto eher besteht die Gefahr eines Zerbrechens von weltumspannenden sportlichen Veranstaltungen. Von daher hat Art. 50.2 der Charta des Internationalen Olympischen Komitees nichts von seiner Aktualität eingebüßt: „Keine Art von Demonstration oder politischer, religiöser oder rassistischer Pro‐ paganda ist an olympischen Stätten, Austragungsorten oder in anderen Bereichen erlaubt.“ 88 3 Die soziale Dimension des Sports <?page no="89"?> 4 Die ökonomische Dimension des Sports Der Begriff der Ökonomie leitet sich vom griechischen Wort „oikos“, das für „Haus“ oder „Haushalt“ steht, und dem Wort „nomos“, das „Gesetz“ oder „Verwaltung“ meint, ab. Wörtlich übersetzt bedeutet Ökonomie daher „Verwaltung des Haushalts“. Wenn der Haushalt gut verwaltet wird, dann ist gewährleistet, dass wir gut leben können. Wirtschaft sollte darum nicht Selbstzweck sein, sondern Mittel zum Zweck. Sie soll den Bedarf und die Bedürfnisse von uns Menschen mit Rücksicht auf Mit- und Umwelt befriedigen. Der Sport bietet hierzu vielfältige ökonomische Chancen. 4.1 Ökonomische Chancen des Sports Der Sport eröffnet nicht nur zahlreiche Einkommensmöglichkeiten, sondern befriedigt auch persönliche Bedürfnisse, wie die nach Unterhaltung oder persönlicher Entwicklung. Er erfüllt auch strukturelle Bedürfnisse durch die Förderung der lokalen Wirtschaft oder Investitionen in Infrastrukturpro‐ jekte, wie Sportanlagen oder Verkehrsanbindungen. Damit trägt der Sport in vielfältiger Weise zur ökonomischen Nachhaltigkeit bei. 4.1.1 Sport als Lebensgrundlage, Bedürfnisbefriedigung und Aufstiegschance Viele Personen sichern durch den Sport ihren Lebensunterhalt teilweise oder sogar vollständig. Zahlreiche Sportler verdienen ihr Einkommen mit ihrer sportlichen Tätigkeit, auch wenn dies meist nur in besonders beliebten Sportarten gelingt und auch hier oft nur auf die oberen Leistungsklassen beschränkt ist. Einigen gelingt es hierbei sogar, für ihr ganzes Leben und für ihre Familie finanziell vorgesorgt zu haben. Gerade ärmeren Menschen bietet der Sport ökonomische Aufstiegsmöglichkeiten und die Chance, wesentliche Grundbedürfnisse wie Nahrung, Kleidung oder Wohnraum zu sichern. In beliebten Sportarten wie Fußball, Basketball, Eishockey, Tennis oder Golf können Sportler neben ihren Gehältern auch beträchtliche Einnahmen über Preisgelder oder attraktive Sponsoringverträge erzielen, welche ihnen ein komfortables Leben ermöglichen. In weniger populären oder finanziell <?page no="90"?> nicht so stark ausgestatteten Sportarten können sich allerdings meist nur die Top-Spieler mit ihrer Berufung finanzieren. In vielen olympischen Sportarten ist es schwer, ausschließlich von den Einnahmen des Sports zu leben. Hier unterstützen staatliche Förderprogramme oder spezielle Berufsmöglichkeiten wie die eines Sportsoldaten viele Athletinnen und Athleten dabei, ihren Lebensunterhalt zu sichern. Auch die mit dem Sport eng verbundenen Aufgaben, vom Training über die Vereinsverwaltung bis hin zu Hausmeistertätigkeiten, können insbesondere im professionellen Sport Einkommensmöglichkeiten eröffnen. Darüber hinaus schaffen oder unterstützen Sportereignisse eine Reihe von Arbeitsplätzen im Tourismus, der Gastronomie, in den Medien oder auch im Marketing. Neben Sportlerinnen und Sportlern gibt es somit viele weitere Akteure, die eine stabile Lebensgrundlage durch Sport erhalten. Auch ehemalige Ak‐ tive können im Anschluss an ihre Karriere in diesen Bereichen immer wieder neue Berufsmöglichkeiten finden. Hier nur einige Felder, in denen dies re‐ gelmäßig der Fall ist: Sportfunktionäre, Sportmanager, Trainer und Coaches, Agenten und Berater, Sportärzte, Physiotherapeuten, Sportpsychologen, Sportreporter, Eventmanager, Sportartikelhändler, Sportstättenbetreiber. Wie bereits einige der genannten Berufe zeigen, geht die ökonomische Bedeutung des Sports über den Profi- und Hochleistungssport hinaus. Sportliche Aktivitäten leisten einen grundlegenden Beitrag zum Glück vieler Menschen. Sportlich aktive Personen, vor allem im Breitensport, geben viel Geld für ihre Freizeitaktivitäten aus. Die ökonomische Bedeutung ist gleichzeitig nicht auf die bereits genann‐ ten Personengruppen beschränkt. Auch für Fans, die ins Stadion gehen oder vor dem Bildschirm zuschauen, um so mit ihrem Team mitzufiebern und Gemeinschaft mit anderen zu erfahren, befriedigt der Sport wichtige menschliche Bedürfnisse. Gerade die EM in Deutschland 2024 und die Olympischen Spiele in Paris im gleichen Jahr zeigten die Lebendigkeit, den Genuss und das Gemeinschaftserleben, die mit Sport verbunden sein können. Gleichzeitig schafft auch diese Begeisterung direkt oder indirekt Arbeitsplätze z. B. in der Gastronomie oder im Medienbereich, wie die umfangreiche und aufwändige Berichterstattung zu diesen Ereignissen zeigt. 90 4 Die ökonomische Dimension des Sports <?page no="91"?> 4.1.2 Sport als Wirtschaftsfaktor Die Ausführungen machen deutlich: Menschen sind aufgrund der Eigen‐ schaften des Sports und der damit verbundenen hohen Wertschätzung bereit, teilweise sehr viel Geld für diesen auszugeben. Sport ist in diesem positiven Sinn in vielerlei Hinsicht als wünschenswertes Konsumgut anzu‐ sehen, d. h. als ein materielles oder immaterielles Gut, welches von den Konsumenten erworben oder genutzt wird, um Bedürfnisse oder Wünsche zu befriedigen. Dabei bietet der Sport für viele Menschen gleichzeitig eine Lebensgrundlage. Die hohe Attraktivität des Sports ist damit auch ein wesentlicher Grund dafür, dass sich Sport als ein wichtiger Wirtschafts‐ faktor etablierte, von dem ganze Branchen und auch die Gesellschaft als Ganzes z. B. in Form von Steuereinnahmen profitieren. Dies geschieht unter anderem durch Unternehmen wie Sportartikelhersteller, Sportmar‐ keting-Agenturen, Sportkliniken, Sportmedienanbieter, Fitnessketten oder Veranstalter von Sportreisen, um nur einige wenige Beispiele zu nennen. Dazu kommt, dass Großveranstaltungen den jeweiligen Veranstaltungs‐ orten und der lokalen Wirtschaft wertvolle Einnahmen verschaffen und oftmals dafür sorgen, dass längst fällige Infrastrukturmaßnahmen durchge‐ führt werden. Der Sport eröffnet zudem Perspektiven für sonst wirtschaft‐ lich eher benachteiligte Regionen. So haben durch den Sporttourismus beispielsweise früher arme Alpendörfer neue Einnahmequellen erschlossen. Skifahren, Wandern und andere sportliche Aktivitäten tragen in vielen Regionen erheblich zur Wirtschaftsleistung bei und auch lokale Kleinunter‐ nehmer profitieren von diesem Tourismus. Investitionen in den Bau und die Renovierung von Stadien, Sporthallen und Trainingszentren schaffen Arbeitsplätze und fördern das Baugewerbe. Sportveranstaltungen bieten Plattformen für Werbung, was zusätzliche Einnahmen für Veranstalter, Medienunternehmen und staatliche Einnah‐ men in Form von Steuern generiert. Merchandising, also der Verkauf von Sportartikeln, Fanartikeln und Lizenzen, ist sowohl eine Einnahmequelle für Vereine als auch für die beteiligten Unternehmen und erhöht damit die Wirtschaftsleistung und unter anderem auch die Lohnsteuer- und Mehr‐ wertsteuereinnahmen. Abbildung 10 zeigt die wirtschaftliche Bedeutung und positive Entwicklung der Dienstleistungen im Sport für Deutschland. 4.1 Ökonomische Chancen des Sports 91 <?page no="92"?> 0 2.000 4.000 6.000 8.000 10.000 12.000 14.000 16.000 18.000 20.000 Umsatz in Millionen Euro Erbringung von sonstigen Dienstleistungen des Sports Fitnesszentren Betrieb von Sportanlagen Sportvereine Abbildung 10: Umsatz der Branche: Erbringung von Dienstleistungen des Sports in Deutschland. Die Angaben für die Jahre mit * sind Prognosen. (eigene Darstellung; Daten: Statista 2025) Insgesamt betrug die Wertschöpfung des Sports 2019 bereits 70,2 Mrd. Euro und liegt damit bei 2,2 % der gesamten bundesdeutschen Bruttowertschöp‐ fung (und damit sogar etwas höher als der Wirtschaftsbereich Verkehr) und zur Beschäftigung trug der Sport mit 2,7 % bei (vgl. Sportsatellitenkonto 2025, Ahlert et al. 2021). Der Sport hat sich auf all diesen Ebenen zu einem wichtigen ökonomischen Faktor entwickelt, der neben den genannten direkten Beiträgen zu Lebensqualität und individueller Lebensgrundlage auch dazu beiträgt, die Gesamtwirtschaft zu stärken und wichtige finanzielle gesellschaftliche Ressourcen vor allem in Form von Steuereinnahmen nach‐ haltig bereitzustellen. Der Gesamtumsatz von Profisportarten liegt mit dem Verkauf von Medienrechten, Sponsoring und Werbung, Ticketverkauf und Stadioneinnahmen, Merchandising und Lizenzierung und Transfererlösen im höheren Milliardenbereich. Die daraus entstehenden Steuereinnahmen sind schwer zu beziffern, dürften in den größeren Sportnationen wie 92 4 Die ökonomische Dimension des Sports <?page no="93"?> Deutschland jedoch mehrere Milliarden Euro pro Jahr betragen. Hauptquel‐ len sind neben der Einkommenssteuer auch Unternehmens- und Mehrwert‐ steuern. Auf diese Weise dient der Sport als Wirtschaftsfaktor indirekt vielen Zwecken, die mit Hilfe von Steuern bewirkt werden können. 4.1.3 Sport als Innovationstreiber und sein Beitrag zur ökonomischen Nachhaltigkeit Der Sport ist zugleich ein Innovationstreiber und kann damit einen weiteren Beitrag zur ökonomischen Nachhaltigkeit leisten. Die Entwicklung und Weiterentwicklung neuester Technologien wie Smartwatches und Droh‐ nentechnologie findet im Sport einen optimalen Nährboden. Durch den Wunsch, immer neue Wege zu finden, um z. B. das Training oder auch die Berichterstattung zu verbessern, lassen sich konkrete Anwendungsfelder für diese Technologien erschließen. Die enge Verbindung von Sport und Innovation gilt auch für die materi‐ alwissenschaftliche Forschung, z. B. mit Blick auf leichtere und robustere Materialien, die teilweise zum ersten Mal im Sport genutzt oder sogar durch diesen initiiert wurden. Bekannt ist hier der Einsatz von Carbonfasern in Rennrädern, Ski-Modellen oder Rennfahrzeugen. Dies sind nur einige wenige Beispiele für die hohe Innovationskraft des Sports. Da Innovationen in erheblichem Maße zu langfristigem Wirtschafts‐ wachstum, zur Steigerung der Produktivität, der Sicherung von Arbeitsplät‐ zen und auch der Ressourceneffizienz beitragen, leistet der Sport damit über die Sicherung aktueller Wirtschaftskraft hinaus einen wichtigen Beitrag zur ökonomischen Nachhaltigkeit, d. h. zu der Fähigkeit des Wirtschaftssystems, langfristig zu bestehen und damit sowohl die Bedürfnisse der aktuellen Generation zu erfüllen als auch die Chancen zukünftiger Generationen zu erhalten. Auch die sportmedizinische Forschung trägt z. B. durch biomechanische Analysen zu Innovationen bei und erkundet, wie Verletzungen vermieden, Leistungen verbessert oder auch die Rehabilitation gefördert werden kann. Diese Erkenntnisse lassen sich nämlich auch für Bereiche außerhalb des Sports nutzen. Damit kann der Sport einen wichtigen Beitrag zur ökonomischen Nach‐ haltigkeit leisten. Er kann helfen, Gesundheitskosten zu senken. Durch die Reduktion von Fehlzeiten trägt er zur Stabilität und Effizienz der Wirtschaft bei. 4.1 Ökonomische Chancen des Sports 93 <?page no="94"?> 4.2 Ökonomische Konfliktfelder und Lösungswege Neben den ökonomischen Chancen birgt der Sport auch zahlreiche Konflikt‐ felder. Eine Gefahr für den Sport als lebensdienliches gesellschaftliches Gut und als eine Beschäftigung, die vielen Menschen Freude bereitet, liegt in der ausufernden Kommerzialisierung bestimmter Sportarten. Die zunehmende Vermarktung verstärkt nicht nur die ungleiche Verteilung von Ressourcen, sondern erhöht auch das Risiko von Korruption und fragwürdigen Inves‐ titionen. Wie sonst lässt sich der Bau eines WM-Stadions in Manaus im Regenwald des Amazonas verstehen? Profitiert davon haben weder die Nationen, die dort während der WM spielen mussten, da tropisches Wetter für das Fußballspielen sehr nachteilig ist, noch auf Dauer die einheimische Bevölkerung. In der dortigen Stadt gibt es nur einen viertklassig spielenden Verein, sodass das Stadion praktisch nur für die WM gebaut wurde. Gewon‐ nen haben dagegen diejenigen, die sich den Bau des Stadions haben teuer bezahlen lassen. 4.2.1 Ausufernde Kommerzialisierung des Sports und die Folgen Wie wir gesehen haben, profitieren viele Menschen direkt und indirekt davon, dass sich mit Sport gutes Geld verdienen lässt. Ihr Lebensunterhalt ist direkt mit dem Sport verbunden. Die größte Gefahr besteht in diesem Zusammenhang darin, wenn bei den Handlungen dieser Akteure, seien es die Sportler selbst, seien es Trainer oder Schiedsrichter, nicht mehr das Sportliche im Vordergrund stünde, sondern das Gewinnstreben. In dem Augenblick, in dem eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen oder der Gewinn der Champions League im Profifußball in erster Linie aufgrund ökonomischer Interessen angestrebt würde und nicht mehr aus sportlichem Antrieb, geht ein wesentlicher Sinn des Sports verloren, und der Sport selbst oder beteiligte Akteure nehmen Schaden. Gleichzeitig gibt es einen Anreiz, immer mehr Sportveranstaltungen anzubieten, um den ökonomischen Gewinn zu steigern. Doch das birgt mehrere Probleme. 94 4 Die ökonomische Dimension des Sports <?page no="95"?> 8 Mittlerweile ist die Idee unter dem Namen Unify League wieder ins Gespräch gekom‐ men (vgl. Spiegel 2024). 4.2.1.1 Problemfelder Eine zunehmende Belastung von Sportlerinnen und Sportlern In vielen finanziell attraktiven Sportarten nimmt die Anzahl der Sport‐ wettkämpfe zu. Insbesondere mit Männerfußball lässt sich weltweit sehr viel Geld verdienen. Das führt gerade in Europa dazu, dass die Anzahl der Spiele für die Topvereine immer mehr erhöht wird. Jedes zusätzliche Spiel bringt zusätzliche Einnahmen. Dadurch werden Spieler und Trainer mehr und mehr belastet. Nicht nur physische Verletzungen nehmen da‐ durch zu, sondern auch psychische Erkrankungen werden wahrscheinlicher. Gleichzeitig erhöhen sich jedoch in diesem Umfeld auch die Chancen der Spieler und Trainer auf lukrative Verträge und Vereine versuchen durch gegenseitiges Überbieten die besten Spieler zu bekommen und lassen sich auf mehr Spiele ein, um dies zu finanzieren. Für einzelne Sportler oder Vereine erscheint es in einem solchen Umfeld schwierig, diese Dynamik zu verändern. Selbst Sepp Blatter, der ehemals unumschränkte Herrscher der FIFA und Haupttreiber der Entwicklung, sieht mittlerweile wichtige Grenzen deutlich überschritten. Sein Vorgänger Jo-o Havelange nannte die von ihm geschaffene Struktur ein Monster. Der Einstieg von Investoren Eine damit verbundene Problematik besteht darin, dass in beliebten Sportar‐ ten wie dem Fußball in den letzten Jahrzehnten ein immer stärker werdender Trend zum Einstieg zahlungskräftiger Investoren zu sehen ist. Dieser hat bereits zu heftigen Fanprotesten geführt. Die Ablehnung einer Super League im europäischen Fußball durch die Fans im Jahr 2021 ist eines der bekanntes‐ ten Beispiele dieses Protests. 8 In Deutschland haben Fanproteste auch dazu geführt, dass die Montagsspiele in der ersten und zweiten Fußballbundesliga wieder abgeschafft wurden. Proteste verhinderten 2024 auch den Einstieg eines DFL-Investors, der als Gegenleistung für die sofortige Zahlung von einer Milliarde Euro 8 % der TV-Einnahmen für einen Zeitraum von 20 Jahren hätte erhalten sollen. 4.2 Ökonomische Konfliktfelder und Lösungswege 95 <?page no="96"?> Der Kauf von Vereinen Eine besondere Herausforderung besteht darin, dass in vielen Ligen Vereine von potenten Investoren gekauft werden. In England gründeten 2005 ent‐ täuschte Fans ein eigenes neues FC United of Manchester, nachdem der amerikanische Milliardär Malcolm Glazer mit Manchester United einen der wertvollsten Fußballvereine der Welt gekauft hatte. In Deutschland ist der Kauf von Vereinen durch die 50+1-Regel begrenzt, da diese vorsieht, dass die Stimmenmehrheit immer bei den Mitgliedern des Vereins verbleibt. Neben Ausnahmeregelungen für die von Unternehmen seit mehr als 20 Jahren unterstützten Vereine Bayer 04 Leverkusen und den VfL Wolfsburg gingen auch zwei Investoren eigene Wege. So gab es immer wieder heftige Fanproteste gegen einen der Gründer von SAP, Dietmar Hopp, weil dieser den Dorfverein Hoffenheim durch finanzielle Unterstützung zu einem Bundesligisten machte und zeitweilig auch die Stimmenmehrheit besaß. Besonders umstritten war die Gründung des Vereins RB Leipzig, der ein Kunstprodukt des mittlerweile verstorbenen österreichischen Milliardärs Dietrich Mateschitz ist. Gerade das Beispiel von Leipzig zeigt jedoch, dass dieses im Ursprung kommerzielle Produkt, um für das zu werben, das Mateschitz so erfolgreich hat werden lassen, zugleich enorme positive Auswirkungen hervorbringen kann. Menschen einer ganzen Region sind stolz auf diesen Verein, der seit Jahren durch eine kluge Einkaufs- und Verkaufspolitik ohne weitere Investitionen auskommt, sich selbst trägt und mit seinem schön anzusehenden Fußball auch neutrale Fans zu begeistern vermag. In Sportarten wie dem Eishockey werden sogar ganze Teams verkauft. So stellen in der bedeutendsten Eishockeyliga der Welt, der NHL (National Hockey League) beispielsweise im Frühjahr 2024 die Arizona Coyotes den Spielbetrieb ein. Das komplette Team der Arizona Coyotes wechselte von Phoenix ins mehr als 1000 Kilometer entfernte Salt Lake City, das anstelle der Coyotes einen Platz in der NHL einnehmen konnte. Die Entstehung von Konglomeraten Dass hierbei auch multinationale Sportunternehmen entstehen, zeigt sich erneut bei Red Bull. Jürgen Klopp, einer der erfolgreichsten Trainer der letzten Jahrzehnte, kümmert sich seit dem 1. Januar 2025 als „Head of Global Soccer“ um die mit dem Konzern verbundenen Klubs: Red Bull Salzburg (Österreich), Rasenballsport Leipzig (Deutschland), New York Red Bulls 96 4 Die ökonomische Dimension des Sports <?page no="97"?> (USA), Red Bull Bragantino (Brasilien), Leeds United (England) und Omiya Ardija ( Japan). Für einige ist die neue Rolle von Jürgen Klopp eine logische Weiterentwicklung des Fußballs, für andere die Abkehr von traditionellen Werten wie Mitglieder- und Fanbeteiligung sowie Vereinsidentität. Hierzu finden sich auch sehr hässliche Fanproteste. Klopp wird nicht nur als Toten‐ gräber des Fußballs dargestellt, sondern auch ins Fadenkreuz genommen, so ein Plakat beim Bundesligaspiel Kiels gegen Leipzig am 7.12.2024. „Multi Club Ownership“ hat sich in den letzten Jahren zu einem wichti‐ gen Faktor im internationalen Fußball entwickelt. Eines der bekanntesten Modelle neben RB Leipzig entstand rund um den Verein Manchester City mit zahlreichen weiteren Vereinen in der ganzen Welt. Dies wirft nicht erst Fragen auf, wenn Vereine desselben Besitzers im gleichen Wettbewerb antreten, sondern auch mit Blick auf den Zugang zu jungen Spielern und Talenten. Wenn dann dem Besitzer eines Vereins auch noch Privatsender gehören, können weitere Probleme wie die Beeinflussung der öffentlichen Meinung oder auch die Manipulation sportpolitischer Debatten im Sinne des eigenen Vereins hinzukommen. So gehörten in Italien von 1986 bis 2017 der Holding von Silvio Berlusconi nicht nur die drei wichtigsten Privatsender, sondern auch der Verein AC Mailand. Die Holding, 1978 gegründet, existiert auch nach dem Tod von Berlusconi bis heute weiter. Dem Gründer von RB Leipzig Dietrich Mateschitz gehörte ebenfalls ein einflussreicher deutschsprachiger Privatsender. Einige Investments in Sportvereine werfen zusätzliche ethische Fragen auf. So sind manche Investoren eng mit diktatorischen und autoritären Regimen verbunden oder haben ihr Geld mit zweifelhaften Produkten oder Praktiken verdient. Beispielsweise ist der englische Fußballklub Newcastle United seit 2021 im Besitz des saudi-arabischen Staatsfonds Public Invest‐ ment Fund. Diese Verbindung wird kritisiert, da sie möglicherweise zur Imagepolitur eines Regimes genutzt wird, das international für seine Men‐ schenrechtsverstöße bekannt ist. Solche Investitionen werfen Fragen nach den ethischen Standards im Profisport auf und zeigen, wie ökonomische Interessen in Konflikt mit anderen Werten stehen können. Fragwürdige Sponsoren Diese Problematik betrifft nicht nur Investoren. Die Kommerzialisierung hat weitere Schattenseiten, insbesondere wenn Vereine Sponsoren mit fragwürdigen Produkten oder fragwürdigen Interessen öffentlich bewerben. 4.2 Ökonomische Konfliktfelder und Lösungswege 97 <?page no="98"?> Nicht nur die süße, koffeinhaltige Brause von Red Bull ist problematisch. Noch mehr Anstoß sollte erregen, wenn Hersteller von Tabak, Alkohol oder Glücksspielen als Werbeträger auftreten, um ihre potenziell süchtig machenden Produkte durch das positive Vereinsimage attraktiver und be‐ gehrenswerter werden zu lassen. Auch im Fall des russischen Staatskonzerns Gazprom geriet der betroffene Verein FC Schalke 04 nach dem russischen Einmarsch in Schwierigkeiten und brach die Beziehung ab. Die Vergabe von Sportveranstaltungen Die vielleicht sichtbarsten Beispiele für die zunehmende Kommerzialisie‐ rung im internationalen Sport bilden die Vergaben von Olympischen Spielen und von Männerfußballweltmeisterschaften. Häufig geht es hierbei nicht in erster Linie darum, die sportlich attraktivsten Austragungsorte zu wählen, sondern neue Märkte zu erschließen oder bestimmte Märkte gezielt zu stärken. Dabei arbeiten weltweite Sportorganisationen wohl oft Hand in Hand, wie die Vergabe der Fußballweltmeisterschaft 2014 und der Olympi‐ schen Sommerspiele 2016 nach Brasilien und die Vergabe der Olympischen Winterspiele 2014 und der Fußballweltmeisterschaft 2018 nach Russland nahelegen. Für 2034 ist die Fußballweltmeisterschaft in Saudi-Arabien geplant, einem Staat, der von einer absoluten Monarchie regiert wird, mit einem Rechtssystem, das mit wenigen Ausnahmen der Scharia folgt. Trotz schrittweiser Reformen, darunter das 2023 eingeführte Zivilgesetzbuch, bleibt die Entscheidung kontrovers, da die Menschenrechtslage immer noch höchst problematisch ist und Vorwürfe gegen den Kronprinzen, einen Journalistenmord in Auftrag gegeben zu haben, die Entscheidung für Saudi-Arabien nach wie vor belasten. 4.2.1.2 Die Bedeutung der Handlungsebene Auf der Handlungsebene kann die einzelne Person entscheiden, ob sie, sei es als Sportler, sei es als Fan, bei dem Kommerzialisierungstrend mitmacht. Allerdings kann der Druck aus dem Umfeld hoch sein. Dies betrifft nicht nur den Fan einer Fußballmannschaft, der zum Merchandising-Produkt oder zum Abo eines Streaminganbieters greift. Wenn die meisten in einer Schulklasse trendige Sportschuhe einer bekannten Firma tragen, wird es schwer, sich dem zu entziehen, um nicht als Sonderling zu gelten. Dies trifft dabei ärmere Familien besonders, wenn sie sich diese Schuhe kaum leisten 98 4 Die ökonomische Dimension des Sports <?page no="99"?> können. Auch fördert jeder, wenn er beispielsweise ein Abonnement bei einem Sportmedienanbieter abschließt, den Trend der Kommerzialisierung des Sports. Auch wer hierauf verzichtet, muss zumindest in Deutschland über die Gebühren der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten die teuren Übertragungsrechte mitbezahlen, die von den Sendeanstalten insbesondere für Fußballübertragungen, Welt- und Europameisterschaften, Olympische Spiele und sehr nachgefragte weitere Sportarten zu zahlen sind. Auch hier wiederholt sich im Wettbewerb der Sender um die Übertragungsrechte das bereits oben im Zusammenhang mit der Dopingproblematik dargestellte Dilemma, da ein Verzicht auf die Übertragungsrechte schwere Einbußen bei den Einschaltquoten mit sich bringt. Auch diejenigen, die vom Sport in irgendeiner Weise leben, sind in diese Entwicklung in gewisser Weise ebenfalls eingebunden, seien es Sportartikelhändler oder Vereinsmanager. Was können die Akteure auf der Handlungsebene tun? Sie können sich zumindest dem Trend des „immer mehr“ entziehen. Niemand, der ein gut positioniertes Sportgeschäft besitzt, muss eine Sportkette etablieren. Niemand, der gutes Geld in seinem Verein verdient, muss zu einem Verein wechseln, der noch mehr Gehalt bezahlt. Tun sie es dennoch, so sollten sie wissen, dass sie den Trend der Kommerzialisierung im Sport mit den dargestellten Nebenwirkungen befördern und möglicherweise auch eigene Werte inklusive der Gesundheit auf der Strecke bleiben. 4.2.1.3 Die Rolle der Regelebene Auf der Regelebene zeigt das Beispiel der Olympischen Spiele, bei denen bis 1981 Profis die Teilnahme untersagt war, wie schwierig es ist, funktionie‐ rende Regeln zu etablieren, welche die Gefahr abwehren, dass der Kommerz den Sport mehr und mehr überlagert und Geld zum entscheidenden Faktor für sportlichen Erfolg wird. Es ließ sich die Vorgabe, nur Amateure starten zu lassen, nicht durchhalten; denn diese Regelung konnte durch die soge‐ nannten Staatsamateure unterlaufen werden. Diese Personen waren auf dem Papier beruflich tätig, faktisch aber Profis. Andererseits zeigen der US-amerikanische Salary Cap sowie das Draft System in US-amerikanischen Profiligen wie der NFL, der NBA und der NHL, dass Regelungen Mannschaftsgehälter deckeln und finanzschwäche‐ ren Teams vielversprechende Talente zugänglich machen können. So dürfen beispielsweise in der NFL neue Teams bei der Auswahl noch nicht ver‐ pflichteter Talente aus dem College- und Amateurbereich als Erste wählen, 4.2 Ökonomische Konfliktfelder und Lösungswege 99 <?page no="100"?> können sich also die vielversprechendsten Talente aussuchen. Dagegen sind die Finalisten des Super Bowls als Letzte an der Reihe, der Gewinner als Allerletzter. Auf diese Weise kann die ursprüngliche Bedeutung eines sportlichen Wettbewerbs trotz eines sehr hohen Kommerzialisierungsgrades gewahrt bleiben. Zudem kämpfen bereits heute Spielergewerkschaften darum, die Zunahme von Spielen im Spitzensport zu begrenzen, um die Gesundheit ihrer Spieler zu schützen. 4.2.1.4 Aufgaben auf der Diskursebene? Auf der Ebene des öffentlichen Diskurses befinden sich viele Medien in einer Zwickmühle, da sie selbst mit dem Enthusiasmus für Sportver‐ anstaltungen gutes Geld verdienen und das Publikum die Übertragung bekannter Sportveranstaltungen erwartet. Im Zweifel werden Probleme oftmals lieber ignoriert oder möglichst wenig sichtbar gemacht. Deshalb kommen Sendungen, die den Kommerz anprangern im Unterschied zu Übertragungen von Sportveranstaltungen üblicherweise nicht zur besten Sendezeit. Es sollte darum ein Diskurs geführt werden, ob nicht aufgrund ihres besonderen Auftrags öffentlich-rechtliche Sendeanstalten derartigen Sendungen einen besseren Sendeplatz zuweisen und zudem den Sportarten Raum geben sollten, die sonst eher vernachlässigt werden. Auch wäre zu diskutieren, ob sie nicht aus dem Bieterwettbewerb um Übertragungsrechte bei anderen Sportarten aussteigen. Damit können die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten glaubwürdig die Rolle eines kritischen Begleiters der Sport‐ entwicklung einnehmen. Sie könnten dann mitwirken, den Trend zu einer zunehmenden Kommerzialisierung glaubwürdig zu thematisieren und die‐ sen so möglicherweise aufzuhalten oder sogar umzukehren. Medien sollten zudem kritisch hinterfragen, ob externe Effekte, die Sport‐ veranstaltungen mit sich bringen, von den betreffenden Vereinen und nicht von der Allgemeinheit zu bezahlen wären. Das Bundesverfassungsgericht hat dazu am 14. Januar 2025 (1 BvR 548/ 22) ein bahnbrechendes Urteil gefällt, indem es die Beteiligung von Vereinen an den Kosten für die Polizei bei sogenannten Hochrisikospielen als rechtmäßig erachtete. Ebenfalls ist zu überdenken, inwieweit die öffentliche Hand für private, aber kommerziell genutzte Sportstätten wie z. B. Fußballstadien finanzielle Hilfen bereitstellen sollte. Dieser letzte Punkt deutet eine Problematik an, auf die jetzt kurz einzu‐ gehen ist: die Ungleichheit der Ressourcenverteilung. 100 4 Die ökonomische Dimension des Sports <?page no="101"?> 4.2.2 Ungleichheit der Ressourcenverteilung Bereits national, aber vor allem international, sind die Ressourcen ganz unterschiedlich verteilt. Diese ungleiche Verteilung ist zum einen eine Folge der dargestellten Kommerzialisierung, hat aber auch andere Ursachen. So können bestimmte Kommunen in der Bundesrepublik Deutschland mehr Geld für die Förderung des Sports zur Verfügung stellen als andere. Im Bundesland Bayern beispielsweise findet sich der Sport sogar in der Baye‐ rischen Verfassung in Art. 140 BV. Sport ist nach Art. 57 Abs. 1 GO eine „Soll“-Aufgabe des kommunalen Aufgabenkreises, d. h., der Sport hat einen so hohen Stellenwert, dass er sofort nach wichtigen Pflichtaufgaben wie der Wasserversorgung kommt. Selbst der Sportunterricht und seine Förderung, direkt durch die Anzahl der Stunden und die Verfügbarkeit von Lehrerin‐ nen und Lehrern, indirekt durch den Bau von Turnhallen und anderen Sportstätten, wird ganz unterschiedlich gehandhabt. International sind die Unterschiede noch eklatanter. Wer eine Eliteschule in den USA besucht, hat großartige sportliche Möglichkeiten. Wer dagegen auf eine staatliche Schule in bestimmten US-Großstädten angewiesen ist, den kann man meist nur bedauern. Noch größer sind die Unterschiede, wenn zusätzlich ärmere Staaten in den Blick genommen werden. Die ungleiche Verteilung von Ressourcen ist hier eine Zugangshürde für bestimmte Formen des Sports. Dazu kommt, wie bereits dargestellt, dass auch Sponsoren denjenigen Vereinen oder Sportlerinnen und Sportlern am liebsten das Geld geben, die bereits erfolgreich sind. Biblisch gesprochen: Wer hat, dem wird gegeben, und wer nicht hat, dem wird auch noch genommen, was er hat. Nicht von ungefähr spielen die besten Spieler je nach Sportart in Nordamerika und Westeuropa. Zwar profitieren davon oftmals auch die abgebenden Vereine aus ärmeren Gegenden, aber die Entwicklung erfolgreicher Mannschaften bleibt schwierig. So kommen sie nie in den Genuss des großen Geldes. Auf der Handlungsebene gibt es Initiativen, um beispielsweise in armen Gegenden insbesondere jungen Menschen die Möglichkeit zu sportlichen Aktivitäten zu geben. Durch karitative Organisationen oder auch die FIFA werden in diesen Staaten Sportplätze angelegt, Sportanlagen gebaut und Fördermaßnahmen entwickelt. Das IOC hat unter dem Motto „Olympic Solidarity“ Fördermaßnahmen unterstützt und selbst ermöglicht. So nimmt seit den Olympischen Spielen 2016 ein Flüchtlingsteam an den Wettkämpfen teil, das in Paris 2024 sogar eine Medaille gewann. 4.2 Ökonomische Konfliktfelder und Lösungswege 101 <?page no="102"?> Die ungleiche Ressourcenverteilung führt auch zu einem ungleichen Zugang zu Talenten. Dem wird versucht, zumindest in begrenztem Maße, entgegenzuwirken. So hat man im Fußball Regeln eingeführt, wenn es um hoffnungsvolle Talente im Jugendalter geht. Vereine, die sich nicht an diese Regeln halten, werden sanktioniert. Auch im öffentlichen Diskurs wird die Ungleichheit der Ressourcen immer wieder zum Thema. So wird immer wieder problematisiert, wenn reichere Vereine für einen Spieler mehr ausgeben können als andere für ihren gesamten Kader, oder wenn finanzstarke Vereine aufstrebenden Konkurrenten wichtige Spieler gezielt abwerben. Finanzstärke wird damit zu einem entscheidenden Wettbewerbs‐ faktor. Auch dies kann im Sinne des Sports kritisch hinterfragt werden. Das neureiche Verhalten bestimmter Staaten sensibilisiert in einer bisher noch nicht dagewesenen Weise ebenfalls für dieses Thema, da plötzlich auch reiche westliche Vereine systematisch von der Abwerbung ihrer Spieler betroffen sind. Dies leitet bereits zum nächsten Problemfeld über, denn Reichtum kann dazu verführen, eigene Interessen auch mit unlauteren Methoden durchzu‐ setzen und dies nicht nur auf der Ebene der Vereine. Dass 2022 erstmals in der Geschichte von Fußballweltmeisterschaften das Turnier in den Winter verlegt wurde, weil es ansonsten in Katar zu heiß gewesen wäre, zeigt den weitreichenden Einfluss reicher Staaten. 2034 wird es in Saudi-Arabien nicht anders werden. Es gibt darum Zweifel daran, ob bei dieser Vergabe alles mit rechten Dingen zuging. 4.2.3 Korruption und damit verbundene „Mauscheleien“ Es ist jedoch nicht nötig, nach Katar und Saudi-Arabien zu schauen. Auch die Vergabe der Fußballweltmeisterschaften in den letzten Jahrzehnten, einschließlich des deutschen Sommermärchens 2006, stehen unter Beste‐ chungsverdacht. So soll Jack Warner, einer der Vertreter der Nord- und Zentralamerikanischen und Karibischen Fußballkonföderation, für seine entscheidende Stimme für Deutschland statt für Südafrika mit Tickets und über Mittelsmänner bestochen worden sein (vgl. Spiegel 2015). Aber nicht nur der Verband, der den Zuschlag bekam, sondern auch die unterlegenen Konkurrenten setzten wohl unerlaubte Mittel ein. Ähnliches galt für die Ver‐ gabe der Olympischen Spiele: 1999 wurde bekannt, dass IOC-Mitglieder und ihre Familien im Rahmen der Vergabe der Olympischen Winterspiele 2002 an Salt Lake City im Jahr 1995 umfangreiche Vergünstigungen erhalten hatten. 102 4 Die ökonomische Dimension des Sports <?page no="103"?> Dazu gehörten kostenlose Hotelübernachtungen, Einkaufsgutscheine und - noch eindeutiger - sogar kostenfreie Studienplätze an US-Universitäten für ihre Angehörigen. Schon damals musste man für ein Semester an diesen Hochschulen einen fünfstelligen Dollarbetrag bezahlen. Im Dezember 1998 machte der damalige Präsident des Internationalen Skiverbands und das langjährige Mitglied im IOC, Marc Hodler, Schlagzeilen, als er „erklärte, dass keine der jüngsten Olympia-Vergaben rechtmäßig verlaufen sei“ (Mittag 2023, 37). Auch bei der Vergabe von Sponsoring-, Vermarktungs- und Medienrechten soll Korruption im Spiel gewesen sein. So wurden 2015 hohe FIFA-Funktionäre in der Schweiz auf Ersuchen der USA verhaftet. Ihnen wurde vorgeworfen, gegen persönliche Vorteilsnahme diese Vergabe beeinflusst zu haben. Aber nicht nur auf der großen Weltbühne, sondern auch auf nationa‐ ler Ebene ist Korruption im Sport ein Thema. Auf der Homepage des Bundeskriminalamts (BKA 2024) wird Korruption in Anlehnung an die kriminologische Forschung gemäß dem deutschen Recht definiert als „Missbrauch eines öffentlichen Amtes, einer Funktion in der Wirtschaft [dies schließt den Sport ein] oder eines politischen Mandats zugunsten eines Anderen, auf dessen Veranlassung oder aus Eigeninitiative zur Erlangung eines Vorteils für sich oder einen Dritten, mit Eintritt oder in Erwartung des Eintritts eines Schadens oder Nachteils für die Allgemeinheit (Täter in amtlicher oder politischer Funktion) oder für ein Unternehmen (betreffend Täter als Funktionsträger in der Wirtschaft)“. Das vielleicht bekannteste Beispiel ist der Skandal um den Sohn des ehe‐ maligen Präsidenten des TSV 1860 München. Dieser Verein verwirklichte gemeinsam mit dem FC Bayern München ein großes Stadionprojekt, die heutige Allianz-Arena. Der Sohn des damaligen Präsidenten von 1860 war der Chef der Stadiongesellschaft. Gegen eine Bestechungssumme von 2,8 Millionen Euro sagte er der sich um den Bau des Stadions bewerbenden österreichischen Firma Alpine die Vergabe zu. Er musste dafür wegen Be‐ stechlichkeit und Untreue ins Gefängnis, die österreichischen „Geldgeber“ wurden zu Bewährungsstrafen und hohen Geldstrafen verurteilt. Andere Formen von Korruption sind Schiedsrichterbestechungen, die oftmals mit einem Wettbetrug verbunden sein können, aber auch aus Pres‐ tigegründen vorgenommen werden, um Vorteile für die eigene Mannschaft zu erhalten. In Deutschland ist der wohl bekannteste Fall die Manipulation des DFB-Pokalspiels zwischen dem SC Paderborn und dem HSV durch den 4.2 Ökonomische Konfliktfelder und Lösungswege 103 <?page no="104"?> korrupten Schiedsrichter Robert Hoyzer. Der Fall zog so weite Kreise, dass daraufhin sogar das Strafrecht verschärft wurde. Korruption ist verwerflich, weil diese andere benachteiligt und ihnen damit geschadet wird, seien es Einzelpersonen, Unternehmen, Institutionen oder die Allgemeinheit. Wer sich bei der Bewerbung um eine WM an die Regeln hält, ist gegenüber demjenigen im Nachteil, der korrumpiert und so die Spiele bekommt. Eine Firma, die sich bei der Bewerbung um den Bau einer Spielstätte an die Regeln hält, ist gegenüber derjenigen Firma im Nachteil, die besticht. Wie lässt sich diese Korruption sinnvoll abgrenzen? Korruption als persönliche Vorteilsnahme, wie im Fall von Robert Hoyzer, ist ethisch unkompliziert zu bewerten. Es ist nach praktisch allen ethischen Ansätzen verboten und auch nicht rational, denn für eine kleine Vorteils‐ nahme wird die gesamte berufliche Laufbahn aufs Spiel gesetzt. Anders verhält es sich, wenn Korruption eine strukturelle Verwandtschaft mit dem Doping aufweist. So wie das Doping zu einem großen Erfolg, z.-B. dem Gewinn der Tour de France, führen kann, so kann die Korruption, um eine Weltmeisterschaft für das eigene Land einzuwerben, dazu führen, diese tatsächlich zu bekommen. Nehmen wir zwei Wettbewerber um eine Weltmeisterschaft. In der Matrix sind die Auszahlungen für die Wettbewerber A und B mit den Alternativen „Korrumpieren“ oder „Nichtkorrumpieren“ dargestellt, wenn folgende An‐ nahmen gelten: ● Die Wahrscheinlichkeit, den Zuschlag für die WM zu bekommen, liegt bei jeweils 50-% und gibt keinem der beiden eine Besserstellung. ● Der Preis für das Korrumpieren wird mit dem Verlust eines Nutzen‐ punktes bewertet (neben den Kosten der Korruption gibt es das Risiko, erwischt zu werden, bzw. das Risiko, sich selbst erpressbar zu machen). ● Der sichere Gewinn im Fall des Korrumpierens wird mit drei Nutzen‐ punkten (von denen dann ein Nutzenpunkt wegen des Preises für das Korrumpieren abzuziehen ist) bewertet. ● Die sichere Niederlage beim Verzicht auf das Korrumpieren, wenn der andere korrumpiert, entspricht dem Verlust von zwei Nutzenpunkten. 104 4 Die ökonomische Dimension des Sports <?page no="105"?> Nichtkorrumpieren von Bewerber B Korrumpieren von Bewerber B Nichtkorrumpieren von Bewerber A 0; 0 -2; 2 Korrumpieren von Bewerber A 2; -2 -1; -1 Tabelle 6: Das Korruptions-Nash-Gleichgewicht Es handelt sich erneut um ein klassisches Nash-Gleichgewicht. Korrum‐ pieren ist für beide Akteure die dominante Strategie, also die rationale Entscheidung, obwohl sich beide besserstellen würden, wenn sie auf das Korrumpieren verzichteten. Keiner müsste sich späteren Erpressungsge‐ fährdungen aussetzen und keiner müsste eine Entdeckung als Betrüger fürchten. In der Tabelle ist darum das beidseitige Korrumpieren mit jeweils einem Minuspunkt gegenüber dem punktneutralen Nichtkorrumpieren angenommen. Warum ist es trotzdem die dominante Strategie? Wenn Bewerber A korrumpiert, aber Bewerber B nicht, dann gewinnt A zwei Nutzenpunkte gegenüber dem Nichtkorrumpieren hinzu. Wenn dagegen auch Bewerber B korrumpiert, so verliert Bewerber A zumindest nicht zwei Nutzenpunkte, sondern nur einen Nutzenpunkt aufgrund der Risiken, die mit einer Korrup‐ tion verbunden sind. Dasselbe gilt umgekehrt für Bewerber B. Da Bewerbern diese Problematik bekannt ist, kommt es auch zu defensivem Korrumpieren. Dieses ist nicht darauf gerichtet, Vorteile zu erzielen, sondern der Einzelne will nur Chancengleichheit für seine jeweilige Bewerbung gewährleisten. In diesem Fall ist die Bewertung der einzelnen Handlungen nicht so einfach wie im Fall der Bestechlichkeit eines Schiedsrichters oder der Vorteilsnahme durch den Chef einer Stadiongesellschaft und diese unter‐ schiedlichen Formen der Korruption erfordern unterschiedliche Gegenmaß‐ nahmen. Während im Fall des Schiedsrichters, aber auch einer Person, die einen Weltverband zu führen hat, ganz eindeutig insbesondere eine Personenfolgeneinschätzung auf der Handlungsebene wichtig wäre, d. h., es sollten nur Personen als Schiedsrichter oder Bewerber um hohe Ämter zugelassen werden, die einen unbestechlichen Charakter haben, ist es im Fall der Bewerbungen für eine WM komplizierter. Hier spielen Regel- und Diskursebene eine viel wichtigere Rolle. 4.2 Ökonomische Konfliktfelder und Lösungswege 105 <?page no="106"?> 4.2.3.1 Personenfolgeneinschätzung - Stärkung verantwortlicher Akteure Eine Personenfolgeneinschätzung (PFE, vgl. Albrecht et al. 2023, 219-226) überprüft, ob Personen ihren jeweiligen Aufgaben charakterlich gewachsen sind. Zu diesem Zweck sind der Stand und die Entwicklungsmöglichkeiten einer Person zu bestimmen. Dies geschieht durch die Einschätzung mittel‐ barer und unmittelbarer Folgen ihres Wirkens auf einer gegebenen Position aufgrund von Charakterzügen und Wertegerüst der betreffenden Person. Diese Folgen sind nicht mit den definierten Werten und Zielen im üblichen Sinn von Assessment-Centern abzugleichen, sondern mit denen einer wert‐ orientierten Führung im Sinn der Mindful-Leadership-Wertorientierung. Diese kann auf eine lange Tradition zurückgreifen, von Ordensgründern wie Benedikt von Nursia und Ignatius von Loyola bis hin zur Existenzanalyse und psychoanalytischen Erkenntnissen. In dieser Tradition werden als ein gemeinsamer Nenner wesentliche Risikofaktoren (Fehlhaltungen) von Men‐ schen thematisiert, die Fehlentscheidungen begünstigen und so Personen für eine bestimmte Position, im Fall der Ordensregel der Benediktiner die des Abtes, als ungeeignet erscheinen lassen. Eine PFE versucht also, wesentli‐ che Risikofaktoren einer Person, beispielsweise eines Sportmanagers, zu identifizieren. Sie hat damit einerseits ein bescheideneres und andererseits ein ambitionierteres Ziel als ein Assessment-Center, weil sie auf folgende Ausschlusskriterien hin prüft: ● Angst (Gegenpol: Souveränität) ● Aufgeregtheit (Gegenpol: Ausgeglichenheit) ● Maßlosigkeit (Gegenpol: Augenmaß) ● Engstirnigkeit (Gegenpol: Offenheit) ● Eifersucht/ Neid (Gegenpol: Gönnenkönnen) ● Argwohn (Gegenpol: Vertrauen) ● Theatralik/ Eitelkeit (Gegenpol: Authentizität) ● Sinndissonanz (Gegenpol: Sinnerfülltheit) 106 4 Die ökonomische Dimension des Sports <?page no="107"?> Erarbeitung von Weiterbildungs- und Fördermaßnahmen bzw. alternativ Empfehlung, sich nicht als Führungskraft im Sport zu betätigen Erarbeitung von Weiterbildungs und Fördermaßnahmen bzw. alternativ Bewertung dieser Folgen aufgrund definierter Werte und Ziele Abschätzung von mittel- und unmittelbaren Folgen (Charakterzügen und Wertegerüst) Abschätzung von mittel und unmittelbaren Folgen (Charakterzügen und Analyse von Stand und Entwicklungsmöglichkeiten Personenfolgeneinschätzung (PFE) Abbildung 11: Personenfolgeneinschätzung (eigene Darstellung) Auf der Identifikation dieser Risikofaktoren basiert die Durchführung des ersten und elementaren Schrittes einer PFE. Ziel ist es, herauszufinden, ob eine bestimmte Person für die vorgesehene Aufgabe geeignet ist. Sollte sie eingeschränkt dafür geeignet sein, so sind die besonderen „Schwachstellen“ zu bearbeiten. Hierfür gibt es vielfältige Trainingsansätze, z. B. zur Stärkung von Selbstbewusstsein und Resilienz, Selbstregulation und Achtsamkeit, Per‐ spektivwechsel und Empathie sowie Übungen zur Kommunikation oder ein Coaching zur persönlichen Werteklärung. In diesem Zusammenhang kann auch an der Stärkung der knappen Ressource der Selbstkontrolle angesetzt werden, bei deren Erschöpfung oft unbewusste, körperliche und emotionale Antriebe Handlungen steuern. Dies kann zu Ergebnissen wie der Korruption führen, die dem eigenen Wertegerüst widersprechen. Eine daran anschließende Art von Maßnahmen kann darauf abzielen, die Sensibilität für irrationale Verhaltensbestandteile zu erhöhen, da viele korrupte Handlungen bei genauerem Hinsehen wenig Gewinn im Verhältnis zum oft existenziellen Risiko erbringen. Das Beispiel von Robert Hoyzer zeigt die Irrationalität. Für einen kleinen Gewinn hat er seine gesamte Schiedsrichterlaufbahn aufs Spiel gesetzt und „verspielt“. Es ist darum wichtig, allen, die im Sport tätig sind, klarzumachen, warum sich Korruption nicht lohnt, und die Resilienz auf der Handlungsebene zu erhöhen. Doch dies allein genügt nicht. 4.2 Ökonomische Konfliktfelder und Lösungswege 107 <?page no="108"?> 4.2.3.2 Verbesserte Regelungsstrukturen - Good Governance im Sport Welche Maßnahmen gibt es auf der Regelebene? Was Korruption auf individueller oder unternehmerischer Ebene im Sport angeht, so sind bereits in Verbindung mit dem Strafrecht der jeweiligen Staaten vielfältige Regelun‐ gen und Sanktionsmechanismen eingeführt worden. Auch die Weltverbände haben aufgrund der dargestellten Skandale neue Mechanismen, beispiels‐ weise für die Vergabe von Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften, etabliert. So hat die FIFA das folgende Evaluationsverfahren implementiert. Evaluations- und Zulassungsverfahren Compliancebeurteilung Risikobeurteilung Technische Beurteilung Auswahlverfahren Auswahl von max. drei der zugelassenen Bewerbungen durch FIFA-Rat Vergabeverfahren Entscheidung für eine Bewerbung durch den FIFA-Kongress Abbildung 12: Vergabeverfahren der FIFA (eigene Darstellung) Diese Regelungsverfahren zeigen allerdings auch, dass bestimmte Staaten bei einer Bewerbung praktisch chancenlos bleiben, weil ihre Bewerbungen, aufgrund des bereits genannten strukturellen Problems geringerer Ressour‐ cen, das Evaluations- und Zulassungsverfahren nicht überstehen werden. Auch hier zeigt sich die Verwobenheit von ökonomischen Chancen und Herausforderungen. Letztlich muss das Ziel bei der Regelsetzung einschließlich der Durch‐ setzbarkeit der angedrohten Sanktionen darin bestehen, den Preis für eine Korruption zu erhöhen, wo dies noch nicht der Fall ist. Auch wenn das 108 4 Die ökonomische Dimension des Sports <?page no="109"?> Verhalten des oben erwähnten Schiedsrichters Hoyzer von vornherein irrational war, weil er für das Bestechungsgeld eines Spiels nach seiner Enttarnung seine gesamte Schiedsrichterlaufbahn verlor, so wurde dennoch selbst für derartige Fälle das Strafrecht in Deutschland verschärft. Dagegen gibt es die erwähnten Fälle von Korruption, wo diese die dominante Strategie darstellt, sofern nicht ein Wertegerüst dies verhindert. Analog zum Doping müsste also für diese Fälle dafür gesorgt werden, dass sich Korruption nicht mehr lohnt, wenn Akteure auf rationale Weise ihren eigenen Nutzen maximieren wollen. Wie kann dies gelingen? Wenn für die Korruption eine hinreichende Entdeckungswahrscheinlichkeit und damit verbundene schmerzhafte Sanktionen bestehen, hier durch eine Veränderung der Korruptionskosten von -1 auf -4 dargestellt, käme es zu folgender Matrix, bei der Nichtkorrumpieren zur dominanten Strategie wird, ohne dass der einzelne Akteur, sei es eine Person, sei es eine Organisation, moralisch eingestellt sein müsste. - Nichtkorrumpieren von Bewerber B Korrumpieren von Bewerber B Nichtkorrumpieren von Bewerber A 0; 0 -2; -1 Korrumpieren von Bewerber A -1; -2 -4; -4 Tabelle 7: Nichtkorrumpieren als dominante Strategie Die zu erwartenden Strafen für Korruption wären in dieser Annahme so kostspielig, dass sie den potenziellen Gewinn übertreffen. Die Überlegungen verdeutlichen ebenso, dass vielfältige Faktoren zur (Un-)Attraktivität der Korruption beitragen können. Neben dem Wert, der dem Gewinn z. B. der Vergabe einer sportlichen Großveranstaltung beigemessen wird, sind dies unter anderem auch moralische Werte, welche der Korruption entge‐ genstehen und in diesem Sinne Kosten verursachen, sowie potenzielle Strafen und Entdeckungswahrscheinlichkeiten. An all diesen Punkten kann angesetzt werden. Wichtig ist auch, dass die Risiken der Korruption durch die handelnden Akteure erkannt werden, um Korruption zu vermeiden. Sonst bliebe auch bei einer späteren Bestrafung der korrupten Akteure für die Nichtkorrumpierenden noch ein Schaden. Sie würden, wie dies im Fall 4.2 Ökonomische Konfliktfelder und Lösungswege 109 <?page no="110"?> des Baus der Allianz-Arena geschehen ist, dennoch nicht mehr den Zuschlag bekommen, da zu diesem Zeitpunkt das Stadion schon gebaut war. 4.2.3.3 Angemessenere Diskurse Die Öffentlichkeit liebt es, so jedenfalls der Eindruck, einzelne Personen an den Pranger zu stellen und weniger die tieferliegenden Gründe für Korruption zu hinterfragen. Sehr deutlich wurde dies beim Umgang mit Franz Beckenbauer. Beckenbauer hatte das zum damaligen Zeitpunkt höchst schwierige Un‐ terfangen, die WM 2006 nach Deutschland zu holen, in Angriff genommen. Der Hauptkonkurrent Südafrika war ursprünglich als Veranstaltungsort vorgesehen. Der damalige FIFA-Generalsekretär Blatter machte daraus auch keinen Hehl. Dennoch gewann am Ende die deutsche Bewerbung, die, wie die meisten Bewerbungen bis dahin, wohl nicht ohne Korruption auskam. Ob Beckenbauer selbst aktiv darin verstrickt war, ist bis heute nicht geklärt. Doch viele Medien nahmen die Unschuldsvermutung nicht ernst, sondern ließen Beckenbauer in einem möglichst schlechten Licht erschei‐ nen. Viel zu wenig wurde das systemische Problem derartiger Bewerbungen zum Thema gemacht, beispielsweise die Grauzone von Korruption. Dabei geht es darum, dass große Verbände, die sich erfolgreich bewerben wollen, kleinen Verbänden für ihre Unterstützung andere Zusagen machen, sei es die Unterstützung beim Bau von Sportstätten, seien es andere eigentlich mit der Bewerbung nicht verbundene „Gefälligkeiten“. Es wäre Aufgabe eines angemessenen öffentlichen Diskurses herauszuar‐ beiten, welche Formen von „Deals“ zulässig sein sollten und wo Korruption beginnt. Vor allem aber müsste der Diskurs viel klarer die systemische Ebene der Korruption beleuchten, also die Anreizstrukturen derartiger Korruption herausarbeiten. Dann wären die Schuldigen nämlich auch diejenigen, die unfähig zu einer angemessenen Regelsetzung waren. Das entbindet dennoch niemanden davon, die Stärke zu zeigen, sich nicht korrumpieren zu lassen und nicht selbst zu korrumpieren. Es macht aber deutlich, wie notwendig angemessene Regeln sind, weil derzeit in einigen sportlichen Feldern nicht korrumpierende Akteure in Dilemmasituationen geraten. Das Problem der Medien besteht jedoch darin, dass das Aufzeigen teils höchst komplexer systemischer Zusammenhänge ein viel geringeres Inter‐ esse erregt als Einzelschicksale. Beckenbauer, die Lichtgestalt des Fußballs, auf einmal als gefallenen Engel darzustellen, findet viel mehr Aufmerksam‐ 110 4 Die ökonomische Dimension des Sports <?page no="111"?> keit, unabhängig davon, ob dies die Wahrheit ist oder nicht. Ihn nach seinem Tod dann erneut „in den Himmel zu heben“, ist die andere Seite der Medaille, die ebenfalls Emotionen bewegt. Dagegen findet eine Sendung, in der gezeigt wird, dass bei allen Fußballweltmeisterschaften der letzten Jahrzehnte Kor‐ ruption im Spiel gewesen sein dürfte, nur geringe Aufmerksamkeit. Insofern bildet die Diskursebene sozusagen ein Basisspiel 2. Stufe, für die es wieder Regeln gibt, die in einem Diskurs 2. Stufe gefunden werden müssen (vgl. Knoepffler 2025a). 4.2 Ökonomische Konfliktfelder und Lösungswege 111 <?page no="113"?> 5 Die ökologische Dimension des Sports Der Begriff „Ökologie“ ist wie der Begriff „Ökonomie“ ebenfalls vom grie‐ chischen Wort „oikos“ abgeleitet. Hier geht es um unser gemeinsames Haus, die Erde. Die Ökologie nimmt das Wechselspiel von belebter und unbelebter Umwelt in den Blick und verdeutlicht damit die Abhängigkeit des Menschen und damit auch die seiner sozialen und wirtschaftlichen Aktivitäten von einem nachhaltigen Umgang auch in diesem Bereich. 5.1 Ökologische Chancen des Sports Der Sport bietet viele ökologische Chancen (vgl. Triantafyllidis/ Mallen 2022). Wenn sich Menschen selbst aktiv in der Natur bewegen oder sich Sportlerinnen und Sportler als Vorbilder für einen umweltbewussten Le‐ bensstil einsetzen, stärkt dies bei vielen das Bewusstsein für die Vernetzung mit unserer Um- und Mitwelt. Sport kann so auch für einen fairen Um‐ gang mit Tieren sensibilisieren, beispielsweise im Umgang mit Pferden im Pferdesport. Zusätzlich lässt sich im Sport auch ganz konkret ökologisch handeln: Durch den Bau und Betrieb nachhaltiger Sportstätten wird dieses Bewusstsein bis in kleine Vereine hineingetragen. Wo Mitglieder angeregt werden, umweltverträglich zu handeln, wird ökologisches Denken prak‐ tisch. Sportliche Motive können außerdem dazu führen, Wege statt mit dem Auto lieber zu Fuß oder mit dem Rad zurückzulegen und damit die Umwelt zu schonen. 5.1.1 Ökologische Vorbildfunktion Sportlerinnen und Sportler sind für viele Menschen Vorbilder. Ihr Handeln wird öffentlich wahrgenommen. Darum haben sie die Möglichkeit, Um‐ weltbewusstsein zu fördern. Thomas Müller ist einer der bekanntesten Fußballspieler der letzten 15 Jahre. Seine Frau Lisa ist im Pferdesport aktiv. Beide züchten auch Pferde und sind Mitbesitzer des Pferdes Checker, das bei den Olympischen Spielen in Paris 2024 gesiegt hat. Sie setzen sich für eine nachhaltige Tierhaltung und Lebensmittelherstellung ein und leben auf einem Bauernhof, der dementsprechend bewirtschaftet wird. Der Moun‐ tainbiker Andreas Seewald unterstützt Projekte, die sich auf den Schutz <?page no="114"?> von Wäldern und nachhaltige Outdoor-Aktivitäten spezialisiert haben. Die ehemalige deutsche Handball-Nationalspielerin Clara Woltering engagiert sich für eine nachhaltige Landwirtschaft und den bewussten Umgang mit Ressourcen. International ist der siebenfache Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton für sein ökologisches Engagement bekannt. Er ernährt sich vegan und hat seine eigene Modemarke auf nachhaltige Produktion umgestellt. Die höchst erfolgreiche amerikanische Fußballspielerin Megan Rapinoe ist international vor allem durch ihr Engagement für Equal Pay und soziale Gerechtigkeit bekannt. Doch sie setzt sich ebenfalls öffentlichkeitswirksam für einen nachhaltigen Sport und für eine klimafreundliche Wirtschaft ein. Dies sind nur einige wenige Beispiele, die zeigen, wie von Seiten bedeuten‐ der sportlicher Persönlichkeiten eine nachhaltige Einstellung vorgelebt und zur Nachahmung empfohlen wird. 5.1.2 Nachhaltiges Handeln Aber auch in jedem Dorf kann der Sport bei nachhaltigem Handeln eine Rolle spielen. Der Bau und die Renovierung von Sportstätten nach ökolo‐ gischen Standards reduziert den Energieverbrauch und schont langfristig Ressourcen. Die Integration erneuerbarer Energien z. B. durch Solaranlagen oder wassersparende Systeme, insbesondere in trockenen Gegenden der Erde, sowie der Einsatz energieeffizienter Technologien in Sportstätten sind Schritte zu ökologischer Nachhaltigkeit. Einige Sportvereine sind Vorreiter für ökologisches Bauen. So soll das neue Stadion der Forest Green Rovers (England) aus nachhaltigem Holz gebaut und mit erneuerbaren Energien be‐ trieben werden. Mit Eintrittskarten kombinierte Tickets für den öffentlichen Nahverkehr, das Erleichtern der Anreise mit Fahrrädern durch das Errichten von Fahrradparkplätzen oder wiederverwertbare Becher sind weitere mög‐ liche Schritte, die über das Sportereignis hinaus für ökologisches Verhalten sensibilisieren. Sportorganisationen können umweltfreundliche Praktiken in ihre Veranstaltungsplanung integrieren, z. B. durch Müllvermeidung, Recycling und nachhaltige Mobilität (vgl. Collins et al. 2009). Aufgrund der Breitenwirkung des Sports haben sogenannte Green Events, bei denen besonders auf Nachhaltigkeit geachtet wird, eine wichtige Funktion. Sport‐ anlagen können als Zentren für Gemeinschaftsprojekte wie Gärten und Parks genutzt werden, um ein Bewusstsein für Um- und Mitwelt zu schaffen. Sportarten wie Wandern, Klettern und Kajakfahren fördern den Respekt und die Wertschätzung der Natur und motivieren dazu, sich für den Schutz 114 5 Die ökologische Dimension des Sports <?page no="115"?> natürlicher Lebensräume einzusetzen. Dies sind nur einige Beispiele, wie durch Sport das Umweltbewusstsein verbessert werden kann. Zudem gehen Sportorganisationen Partnerschaften mit Umweltschutzgruppen ein, um gemeinsame Projekte zur Erhaltung von Lebensräumen und Ökosystemen zu fördern, wie die Unterstützung der Meeresschutzorganisation Surfrider Foundation durch die World Surf League zeigt. Auch Organisationen der UN sind in diesem Bereich u. a. mit der Initiative Sports for Climate Action engagiert. 5.1.3 Sensibilisierung für die Mitwelt Auch für die Entwicklung eines bewussteren Umgangs mit anderen Le‐ bewesen ist Sport bedeutsam. So wird im olympischen Fünfkampf aus Tierschutzgründen das Springreiten in den kommenden Jahren aus dem Programm genommen, das letztmals in Paris Teil dieses Wettbewerbs gewe‐ sen ist. Dabei haben Athletinnen und Athleten ein fremdes Pferd zu reiten. Bei den Spielen in Tokio trieb eine deutsche Athletin verzweifelt das Pferd an, da dieses sich weigerte, über ein Hindernis zu springen. Die Athletin nutzte die Gerte. Es gab einen öffentlichen Aufschrei der Tierschützer. Die Dressurreiterin Charlotte Dujardin musste sogar auf die Teilnahme bei Olympia in Paris verzichten und wurde vom Weltverband im Dezember 2024 für ein Jahr gesperrt, weil sie ihr Pferd misshandelt hatte. Zudem musste sie eine Geldstrafe in Höhe von 10.000 Schweizer Franken zahlen. Auch bei den Spielen in Paris verweigerten einige Pferde ihren Sprung. Hier zeigte sich bereits das neue Bewusstsein der Betroffenen, denn niemand versuchte, sein Pferd mit Gewalt zu zwingen, die Hindernisse zu übersprin‐ gen. Sportarten mit Tieren können auch und gerade außerhalb des Leistungs‐ sports die Beziehung zwischen Mensch und Tier vertiefen und das Verständ‐ nis für die Bedürfnisse und das Verhalten von Tieren fördern. Sie können zur Bildung von sozialen Netzwerken und Gemeinschaften beitragen, die sich um gemeinsame Interessen und Leidenschaften für Tiere und ihren Schutz drehen, wie das Beispiel von Hundesportveranstaltungen zeigt. So stärken Flyball und Canicross den Zusammenhalt und die Zusammenarbeit zwischen Hundefreunden. Sportarten mit Tieren können ebenso zur Erhaltung kultureller Vielfalt und Traditionen beitragen, indem sie den Respekt für Tiere erhöhen und ihre Rolle in verschiedenen Kulturen wertschätzen. So feiert das mongolische 5.1 Ökologische Chancen des Sports 115 <?page no="116"?> Naadam-Fest nicht nur die nationale Unabhängigkeit, sondern auch die traditionelle Rolle und den Respekt vor den Tieren in der mongolischen Kultur. 5.2 Ökologische Konfliktfelder und Lösungswege Doch der Sport fördert nicht nur die Achtung vor der Um- und Mitwelt, er bedroht sie auch in vielfältiger Weise. Gerade der Hochleistungssport mit seinen weltweit stattfindenden Wettbewerben belastet durch den CO 2 -Aus‐ stoß der damit verbundenen Flüge und sonstigen Fahrten die Umwelt. Der Breitensport im Winter, aber zunehmend auch im Sommer, hat ganze Berggegenden völlig verändert. Wer den Dressurreiterinnen und -reitern zuschaut, stellt sich aufgrund von kontroversen Praktiken wie der Rollkur, einem bewussten Herabziehen des Pferdekopf unter Einsatz der Zügel an die Brust, sodass sich manche Tiere selbst hineinbeißen, die Frage, wie sehr sich die Tiere für Übungen quälen müssen. Diese Beispiele deuten bereits die Spannbreite ökologischer Konfliktfelder einschließlich des Mitweltaspekts im Sport an. 5.2.1 Die Missachtung von ökologischer Nachhaltigkeit im Hochleistungssport Großveranstaltungen im Hochleistungssport belasten die Umwelt in beson‐ derer Weise. Obwohl beispielsweise das Londoner Organisationskomitee die Olympischen Spiele 2012 als „die grünsten Spiele“ (hier zitiert nach Reuters 2012) bezeichnete, wurden doch rund 3,3 Millionen Tonnen CO 2 -Äquiva‐ lente emittiert, 1,1 Milliarden kWh Energie verbraucht und 3,3 Milliarden Liter Wasser genutzt (vgl. London Organising Committee of the Olympic and Paralympic Games 2013). Bei der FIFA-Weltmeisterschaft 2018 in Russ‐ land wurden etwa 2,1 Millionen Tonnen CO 2 -Äquivalente emittiert, und es wurde geschätzt, dass während der Veranstaltung rund 32.000 Tonnen Abfall anfielen (vgl. FIFA 2018). Schwer wiegen auch die Bodenversiegelung durch zusätzliche Bauten und der hohe Energieaufwand, um diese zu erstellen. Wenn eine Fußballwelt‐ meisterschaft in der Wüstengegend von Katar ausgetragen oder ein Stadion im Amazonasgebiet errichtet wird, ist eine langfristige Nutzung praktisch auszuschließen. Damit werden kostbare und begrenzte Ressourcen ohne 116 5 Die ökologische Dimension des Sports <?page no="117"?> langfristige Perspektive verbraucht. Ein wichtiger Aspekt ist die Mobilität in Form von oftmals langen Anfahrten, sei es für die Hochleistungssportler selbst, sei es für deren Betreuer, das Organisationsteam, Vertreterinnen und Vertreter der Medien und die Fans. Zudem ist auch die Ausrüstung zu trans‐ portieren. Neben den dafür notwendigen Ressourcen gibt es hier weitere Belastungen der Umwelt z. B. durch Lärm oder die erneute Versiegelung von Flächen im Zuge des Wegebaus. Während in der sozialen Dimension der Einzelne meist sein Fehlverhalten zumindest indirekt spürt oder seine Entdeckung wie bei Missbrauch oder Doping befürchten muss, sind die Auswirkungen des eigenen Tuns in der ökologischen Dimension kaum zuzuordnen und weitgehend nicht sanktio‐ nierbar. Niemand muss befürchten, dafür zur Verantwortung gezogen zu werden, wenn er oder sie als Hochleistungssportler die Umwelt durch viele Flüge und die Emissionen der Sportveranstaltungen, an denen er oder sie beteiligt ist, belastet oder wenn er als Fan über Tausende von Kilometern anreist. Dazu kommt: Für Hochleistungssportler verhindern die Rahmenbedingungen vielfach ein ökologisch nachhaltiges Verhalten. Allein aus terminlichen und mannschaftlichen Gründen muss der Einzelne oft auf den schnelleren statt den umweltfreundlichen Transportweg zurückgreifen. Fans können bei weit entfernten Austragungsorten oftmals ebenfalls nur entscheiden, teilzunehmen oder nicht. Die Teilnahme selbst erfordert dann meist den Gebrauch von Flugzeugen oder Pkws und selbst die Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel verursacht einen nicht geringen ökologischen Fußabdruck. Andererseits gilt auch: Menschliches Handeln ist immer mit Wirkungen auf die Umwelt verbunden. Dies ist bis zu einem gewissen Umfang auch unproblematisch. Die Forderung nach Verzicht ist nicht immer die angemes‐ senste Lösung. Vielmehr geht es in diesen Fällen darum, auf der Regelebene dafür zu sorgen, dass die externen Effekte des eigenen Handelns in die Nutzenüberlegungen der Akteure einfließen, sodass insgesamt eine tragbare Belastung erreicht wird. Dies kann z. B. durch einen CO 2 -Preis geschehen, welcher dafür sorgt, dass insgesamt nur so viel CO 2 emittiert wird, wie die Umwelt nachhaltig vertragen kann, bzw. welcher dem Preis entspricht, mit dem CO 2 wirkungsvoll umgewandelt werden kann und welcher gleichzeitig den Anreiz dafür setzt, entsprechende Methoden weiterzuentwickeln. Bei der Nutzung von Pkws erfolgt eine Internalisierung externer Effekte zum Teil über die Kraftstoffkosten, bei der Nutzung von Flugzeugen kann dies ebenfalls eingepreist werden. Derzeit können bei bestimmten Fluglinien 5.2 Ökologische Konfliktfelder und Lösungswege 117 <?page no="118"?> die Einzelnen ihren Beitrag leisten, aber sinnvoller wäre es, den Flugver‐ kehr global mit einer Klimaabgabe bzw. einem CO 2 -Preis zu belegen, um auch hier negative ökologische Effekte auszugleichen. Eine konsequente Bepreisung negativer externer Effekte wie die der CO 2 -Emission bei großen Sportveranstaltungen könnte zudem die Bürokratisierung in Form von Zertifizierungen für Sportveranstaltungen und -einrichtungen reduzieren, welche andernfalls notwendig sind, um die ökologische Nachhaltigkeit zu sichern. Entscheidend ist hierbei, wie sehr der öffentliche Diskurs für diese Problematik in den Staaten sensibilisiert, in denen Sportveranstaltungen von Hochleistungssportlern am meisten zu ökologischen Belastungen beitragen, damit die entsprechenden Regelsetzer ökologisch nachhaltige Regelungen beschließen. Insbesondere sollte die Gesamtkostenregelung eingeführt wer‐ den: Bislang negative externe Effekte, die beispielsweise durch den Bau eines neuen Stadions mit Versiegelung der entsprechenden Fläche und damit verbundenen CO 2 -Emissionen entstehen, sollten internalisiert werden. Die Erbauer haben für diese Effekte zu bezahlen und letztlich auch die Konsu‐ menten. Sportorganisationen können Umweltmanagement-Systeme (EMS) einführen, um ihre Umweltauswirkungen zu überwachen, zu reduzieren und kontinuierlich zu verbessern. Sie können umweltfreundliche Bau- und Renovierungspraktiken anwenden, um den Energieverbrauch und die Um‐ weltauswirkungen von Sportstätten zu reduzieren - bei einer erfolgreichen Gestaltung der Anreizsysteme wäre dies auch in deren ökonomischem Interesse. 5.2.2 Die Missachtung von ökologischer Nachhaltigkeit im Breitensport Eine weitere wesentliche ökologische Herausforderung stellt der Breiten‐ sport dar. Bei einigen beliebten Formen des Skisports ist der ökologische Fußabdruck, für den die Beteiligten verantwortlich sind, sehr hoch. Nicht nur Beschneiungsanlagen, sondern auch die damit verbundene Mobili‐ tät sorgen für eine Umweltbelastung. Allerdings ist diese nicht auf den CO 2 -Ausstoß begrenzt. Tiefgehende Eingriffe in die Natur durch das Anle‐ gen von Pisten und Liften verändern das jeweilige Mikroklima und belasten Flora und Fauna. Neben dem Skifahren können auch Aktivitäten wie Berg‐ steigen, Wassersport und andere Outdoor-Sportarten Ökosysteme stören und Wildtiere beeinträchtigen. Andere Beispiele für hohe Belastungen 118 5 Die ökologische Dimension des Sports <?page no="119"?> stellen Golfplätze dar, insbesondere, wenn diese in wasserarmen Urlaubsge‐ genden angelegt werden. Im Breitensport kann der Einzelne durch persönliche Entscheidungen an ökologischer Nachhaltigkeit mitwirken. Aber selbst im Breitensport ist die Versuchung groß, ökologisch fragwürdig zu handeln. Wer zum Wandern in die Berge fährt, wer zum Auswärtsspiel seiner Mannschaft anreist, verbraucht Ressourcen. Dahinter verbirgt sich wieder ein soziales Dilemma. Nehmen wir als Beispiel Lea, die fast jedes Wochenende 120 Kilometer mit ihrem Pkw zum Wandern in die Berge fährt. Leas Gedankengang könnte folgendermaßen lauten: Wenn ich nicht in die Berge fahre, beraube ich mich meines schönen Hobbys und Wochenausgleichs. Mein individueller Beitrag, kein Benzin zu verfeuern und so das Weltklima zu schonen, ist minimal, wenn die übrigen 8 Milliarden Menschen dieser Erde ihre Lebensweise nicht ändern. Wenn umgekehrt jedoch alle anderen klimaneutral agieren, so ändert mein Verhalten am Weltklima nichts, selbst wenn ich jedes Wochenende mit dem Auto in die Berge fahre. Fährt Lea in die Berge, gewinnt sie in unserem Modell zwei Nutzenpunkte, fährt sie nicht, trägt sie zum gesunden Klima bei - auch dies soll für sie mit einem Nutzenpunkt zu Buche schlagen. Wenn wir modellhaft davon ausgehen, dass die Weltbevölkerung gleichmäßig zum gesunden Klima beiträgt, welches wir vereinfachend mit einem sehr hohen Gesamtnutzen von 8 Milliarden Nutzenpunkten annehmen (idealtypisch wird die Weltbe‐ völkerung mit 8 Milliarden angenommen, je Person dabei 1 Nutzenpunkt beitragend), dann sehen die Nutzenüberlegungen für Lea wie in Tabelle 8 dargestellt aus. - Die Weltbevölkerung agiert nicht nachhaltig Die Weltbevölkerung agiert nachhaltig Lea fährt in die Berge 2; 0 2; 8 Mrd.-1 Lea fährt nicht in die Berge 1; 1 1; 8 Mrd. Tabelle 8: Leas Kalkulation Verhält sich Lea rein rational, so wird sie in die Berge fahren, weil ihr Verzicht praktisch nichts verändert, da sie bei einer mit 8 Milliarden ange‐ nommenen Weltbevölkerung nur der achtmilliardste Teil ist, und wenn sich alle nachhaltig verhalten, dann ändert ihre Bergfahrt am Klima fast 5.2 Ökologische Konfliktfelder und Lösungswege 119 <?page no="120"?> 9 Allerdings kann nur eine globale Zusammenarbeit dafür sorgen, dass die Menge der aus der Atmosphäre entnommenen Treibhausgase der Menge der Treibhausgase entspricht, die neu erzeugt werden. Dies scheint zumindest derzeit noch in weiter Ferne zu liegen. Die Alternative, den Ausstoß auf null zu reduzieren, ist vermutlich nicht nur insgesamt kostspieliger, sondern noch unrealistischer (vgl. Schneider et al. 2025). nichts und ihr bringt der Ausflug einen zusätzlichen Nutzen. Lea kann als sogenannte Trittbrettfahrerin vom öffentlichen Gut des Klimas profitieren, ohne ihren Beitrag zu leisten. Die Matrix zeigt auch: Es wäre überaus wün‐ schenswert, wenn sich die Weltbevölkerung nachhaltig verhalten würde. Da diese jedoch aus lauter Einzelpersonen besteht, befinden wir uns in einer sozialen Falle. Dies erinnert an eine alte Geschichte. Jeder der fünfhundert Hochzeits‐ gäste verspricht, einen Liter Rotwein zum Fest zu bringen. In dieser Wein‐ gegend haben alle denselben Wein, weshalb dieser in ein Fass gegossen wird. Da jeder der Gäste davon ausgeht, dass die anderen Wein mitbringen und seine Flasche Wasser nicht auffällt, schüttet jeder nur rot gefärbtes Wasser in das Fass. Die Enttäuschung bei der Feier ist anschließend groß. Was lehrt die Geschichte? Man hätte eine andere Regel machen sollen, nämlich zumindest in hinreichend häufigen Stichproben zu verkosten, ob es sich wirklich um Wein handelt. Appelle sind hier nicht das Mittel der Wahl. Darum ist es auch nicht angemessen, das Wandern in den Bergen ver‐ bieten zu wollen. Vielmehr sollte auch hier analog zur Problematik des Hochleistungssports auf der Regelebene für einen Ausgleich gesorgt wer‐ den. Es wäre also angemessen, in die Preisbildung für bestimmte Aktivitäten einen Umweltbeitrag einzuschließen, sofern dies noch nicht geschehen ist. So trägt Lea, um bei unserem Beispiel zu bleiben, heute in Deutschland über die Steuer auf den Kraftstoff dazu bei, Mittel für den Umweltschutz bereit‐ zustellen. Insgesamt sollten die Kosten äquivalent zu den angenommenen externen Effekten der jeweiligen Aktivitäten sein. Im öffentlichen Diskurs wäre es also nicht hilfreich zu versuchen, Lea ein schlechtes Gewissen zu machen, sondern sinnvoll, nach wirkungsvollen, umweltfreundlichen Regelungen zu suchen, die möglichst einfach durch‐ zusetzen sind und die im Idealfall dazu führen, dass Gelder in den Um‐ weltschutz und die Weiterentwicklung umweltfreundlicher Technologien fließen. Eine Technik, welche die Atmosphäre von Treibhausgasen reinigt, wäre der Weg der Wahl. Da die Atmosphäre global ist, könnte die Technik dort zum Einsatz kommen, wo die Energiekosten minimal sind, sei es, weil es Sonne, sei es, weil es Wind, sei es, weil es Geothermie im Überfluss gibt. 9 120 5 Die ökologische Dimension des Sports <?page no="121"?> Auch können Selbstverpflichtungen helfen, ökologisch nachteilige Fol‐ gen von bestimmten Sportarten zu reduzieren oder sogar umzukehren. So hat der Rennsport die Formel E etabliert. Die Formel E ist eine Rennserie für Elektroautos, die 2014 ins Leben gerufen wurde, um umweltfreundlichere Technologien im Motorsport zu fördern. Die Rennserie legt den Fokus auf Elektroantriebssysteme, Energieeffizienz und Nachhaltigkeit (vgl. Ross et al. 2024). Einige Golfplätze haben Maßnahmen ergriffen, um umweltver‐ träglicher zu sein, indem sie den Wasserverbrauch reduzieren, natürliche Lebensräume schützen und auf den Einsatz von Chemikalien verzichten. Skigebiete haben Schritte unternommen, um ihre Umweltauswirkungen zu verringern, indem sie erneuerbare Energien nutzen, den Einsatz von Schneekanonen reduzieren und umweltfreundliche Pistenpflege praktizie‐ ren. 5.2.3 Unangemessener Umgang mit Tieren Wie bereits an anderer Stelle angemerkt, hat die offensichtliche körperliche Misshandlung von Pferden einen öffentlichen Aufschrei und eine Sensibili‐ sierung hervorgerufen. Auch der Missbrauch von Tierarzneimitteln und Do‐ pingvergehen im Pferdesport werden aufgrund von öffentlich gewordenen Verfehlungen diskutiert. Im Jahr 2020 wurde der bekannte amerikanische Pferdetrainer Bob Baffert mehrfach des Dopings seiner Rennpferde beschul‐ digt. Einer der prominentesten Fälle betraf das Pferd Justify, das 2018 die Triple Crown, die drei wichtigsten Pferderennen für dreijährige Vollblüter, gewann. Das Iditarod-Schlittenhunderennen in Alaska gerät immer wieder in die Kritik, aufgrund von Vorwürfen über Tiermisshandlung, übermäßige Belastung der Hunde und sogar dem Tod von Tieren. Die Kritik führte dazu, dass einige Sponsoren ihre Unterstützung des Rennens zurückzogen. Auch außerhalb klassischer Sportwettkämpfe erregen Sportarten wie der Stierkampf weltweit Empörung, bleiben allerdings in bestimmten Gebieten erlaubt und werden als kulturelle Tradition angesehen. Dazu kommt, dass der Transport zu den Wettkämpfen viele Tiere belastet, und ihre Verwendung, beispielsweise im Windhundrennen, ist hoch umstrit‐ ten. Darüber hinaus gibt es Formen des Pferdesports wie das Dressurreiten, bei dem sich die Frage stellt, ob das Training für diese komplizierten Figuren wirklich im Interesse der Tiere liegt oder eher einen Missbrauch darstellt. In anderen Fällen ist dies noch eindeutiger: Während des traditionsrei‐ chen „November Meetings“ in Cheltenham (England) starben drei Pferde, 5.2 Ökologische Konfliktfelder und Lösungswege 121 <?page no="122"?> darunter auch das Siegerpferd Abuffalosoldier. Es kollabierte noch während des Siegerinterviews und die Obduktion ergab, dass die Gefäßwand der Hauptschlagader gerissen war (vgl. Racing Post 2024). Was kann alles zum Wohl der Tiere getan werden? Auf der Handlungs‐ ebene können verschiedene Personengruppen, einschließlich Tierbesitzer, Sportler, Trainer, Betreuer, Sportverbände und -organisationen, Veterinär‐ mediziner, Tiergesundheitsexperten, Zuschauer, Fans, Sponsoren und Un‐ ternehmen, Verantwortung für den moralischen Umgang mit Tieren im Sport übernehmen und eindeutige Verfehlungen verhindern. Die genannten und andere Streitfälle ließen sich in der Weise lösen, dass durch eine Tierethikkommission geklärt werden könnte, was zulässig bleiben sollte und wo Grenzen zu ziehen sind. Beim Medikamentenmissbrauch im Blick auf Tiere zeigt sich jedoch eine vergleichbare Problematik wie beim menschlichen Dopingproblem. Hinzu kommt die Erweiterung, dass hier Menschen über Tiere entscheiden. In diesen Fällen genügt wohl der Appell, z. B. an das tierärztliche Ethos, nicht. Vielmehr sind Kontrollen so zu gestalten, dass der Anreiz zum Missbrauch möglichst gering ist. Vergleichbar mit dem Dopingproblem bei Menschen ist die Umsetzung jedoch aufgrund der vielfältigen Entwicklungen neuer Substanzen auch im Bereich des Tierdopings nicht trivial. Auch unabhängig vom Dopingproblem sind Regelverbesserungen auf der Ebene der Sportverbände, in manchen Fällen auch der einzelnen Staaten, nötig, um dadurch das tierische Wohlergehen zu sichern. Eine artgerechte Haltung, das Verbot von Peitschen und Sporen im Pferdesport, die Gewähr‐ leistung eines sicheren und stressfreien Transports sind nur einige Beispiele für mögliche Regelungen. Bei umstrittenen Sportarten wie dem Stierkampf gibt es einen weiteren Ansatz. Er besteht darin, Alternativen zu finden, beispielsweise Virtual-Reality-Stierkämpfe, bei denen kein Tier physisch verletzt wird. Auch lassen sich Tierschutztechnologien anwenden, die einen angemes‐ senen Umgang mit Tieren im Sport sicherstellen. Sie können dazu verwen‐ det werden, den Gesundheitszustand und das Wohlbefinden von Tieren zu überwachen, damit diese nicht überlastet werden. Im Pferderennsport werden bereits jetzt beispielsweise GPS-Tracking- und Herzfrequenzüber‐ wachungssysteme eingesetzt. Was für Tiere gilt, ist mit Blick auf den Menschen selbstverständlich von größter Bedeutung. Der gesundheitlichen Dimension des Sports soll deshalb im Folgenden ein eigenes Kapitel gewidmet werden. 122 5 Die ökologische Dimension des Sports <?page no="123"?> 6 Die gesundheitliche Dimension des Sports Sport beeinflusst die Gesundheit in vielerlei Hinsicht - von der körperlichen Fitness bis hin zum psychischen Wohlbefinden. So wirkt sich regelmäßige Bewegung positiv auf Herz-Kreislauf-System und Muskelkraft aus, stärkt aber auch die Psyche, indem sie beispielsweise dabei hilft, besser mit Stress umzugehen. Doch nicht immer hat Sport eine positive Wirkung. Er birgt auch Risiken, insbesondere im Leistungssport, wo übermäßige körperliche Anstrengung, Verletzungen oder der Einsatz leistungssteigernder Substan‐ zen häufiger anzutreffen sind. Hinzu kommen psychische Belastungen: Athleten stehen oft unter großem Leistungsdruck, der zu chronischem Stress führen kann. Wie können körperliche und mentale Gesundheit gefördert und gewahrt werden? Wie lassen sich Gesundheits- und Leistungsziele im Sport langfristig miteinander vereinen? 6.1 Gesundheitliche Chancen des Sports Sport gilt in vielen Gesellschaften als Schlüssel zu einem gesunden Leben und wird entsprechend hoch eingeschätzt. Er dient als eine Quelle der physischen Gesundheit und kann auch die psychische Gesundheit schützen. 6.1.1 Die enge Verbindung von Sport und Gesundheit Gesundheit wird von vielen Menschen als ein zentrales Ziel des Sports angesehen. Entsprechend der Eurobarometer-Umfrage Sport (Special Euro‐ barometer 2022b) ist für 54 % der Menschen in Europa die Verbesserung der Gesundheit ein Grund für sportliche Aktivität. Gesundheit ist zudem direkt mit dem Sportverständnis verbunden. So beinhaltet Sport entsprechend der am 13. Oktober 2021 überarbeiteten-European Sports Charter „alle Formen körperlicher Aktivität, welche durch spontane oder organisierte Teilnahme darauf abzielen, die körperliche Fitness und das geistige Wohlbefinden zu erhalten oder zu verbessern, soziale Beziehungen zu bilden oder Ergebnisse im Wettkampf auf allen Ebenen zu erzielen“ (COE 2021, Art. 2). <?page no="124"?> 10 Der Global action plan on physical activity 2018-2030 der WHO (2018) weist neben dem dritten Nachhaltigkeitsziel (Gesundheit und Wohlergehen) auch auf die positive Wirkung der Förderung von Sport, Bewegung und Spiel auf weitere Nachhaltigkeits‐ ziele hin: „einschließlich SDG2 (Kein Hunger); SDG4 (Hochwertige Bildung); SDG5 (Geschlechtergleichheit); SDG8 (Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum); SDG9 (Industrie, Innovation und Infrastruktur); SDG10 (Weniger Ungleichheiten); SDG11 (Nachhaltige Städte und Gemeinden); SDG12 (Nachhaltiger Konsum und Pro‐ duktion); SDG13 (Maßnahmen zum Klimaschutz); SDG15 (Leben an Land); SDG16 (Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen) und SDG17 (Partnerschaften für diese Ziele)“ (WHO 2018, 7 f.). Neben der physischen wird somit auch die psychische Gesundheit hervor‐ gehoben. Spannend ist auch die gleichberechtigte Nennung von Gesundheit, sozialen Beziehungen und Wettbewerb. Mit dem Fokus auf körperliche Bewegung heben auch die EU Physical Activity Guidelines die Rolle des Sports für die Förderung der Gesundheit hervor und begründen damit die Empfehlung einer breiten politisch unter‐ stützten Förderung des Sports. Die Betonung liegt auf einem qualitativ hochwertigen Sport, der im Sinne der Richtlinien vor allem auch die Gesundheitsförderung gewährleisten muss: „Aus der Perspektive der körperlichen Aktivität sollte das übergeordnete Ziel einer Sportpolitik darin bestehen, die Teilnahme an qualitativ hochwertigem Sport in allen Gesellschaftsschichten zu erhöhen“ (EU Working Group Sport & Health 2008, 11). Bei Begründungen für die Bereitstellung großzügiger öffentlicher Mittel, z. B. für den Bau und Erhalt von Turnhallen, Schwimmbädern oder Sport‐ plätzen, wird das Gesundheitsargument auf Landesebene oder in Städten und Gemeinden immer wieder stark gemacht. Auch die WHO begründet die Förderung des Sports direkt mit dessen positiven gesundheitlichen Wirkungen. Für das WHO Sport for Health Programme ist klar: „Sport und Gesundheit gehen Hand in Hand und bieten Menschen weltweit, unabhängig von ihren Fähigkeiten und ihrem Alter, die Chance auf ein glückli‐ cheres, gesünderes und produktiveres Leben“ (WHO 2024). Sport dient in dieser Logik auch der Erreichung des dritten Nachhaltigkeits‐ ziels der UN (2024): Gesundheit und Wohlergehen. Die positive Wirkung des Sports auf weitere Nachhaltigkeitsziele betont der Global action plan on physical activity 2018-2030 (vgl. WHO 2018, 7). 10 124 6 Die gesundheitliche Dimension des Sports <?page no="125"?> 11 Vgl. zu den im Folgenden genannten positiven Wirkungen des Sports aus der Fülle der Literatur z.-B. Hollstein (2019). Wichtige nationale und internationale Initiativen wollen demnach die Potenziale des Sports nutzen, um die Gesundheit und das Wohlergehen von Menschen zu fördern. Die Beziehung zwischen Sport und Gesundheit ist jedoch nicht einseitig, denn die physische und psychische Gesundheit besitzt gleichzeitig eine hohe funktionale Bedeutung für den Sport: Sie ist wesentliche Grundlage für die sportliche Leistungsfähigkeit. Nur wenn Sportler gesund sind, können sie optimal trainieren und Höchstleistung im Wettkampf abrufen. Im Leitbild der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention - Deutscher Sportärztebund wird diese Verbindung von Ge‐ sundheit und Leistungsfähigkeit im Sport unter der Überschrift „Der Mensch im Zentrum“ hervorgehoben: „Wir unterstützen die Gesunderhaltung und Leistungsfähigkeit in und durch Bewegung und Sport“ (DGSP 2024). 6.1.2 Sport als Quelle physischer Gesundheit Die Bemühungen, Sport zur Förderung der Gesundheit einzusetzen, erschei‐ nen überaus sinnvoll, denn es existieren vielfältige empirische Belege dafür, dass Sport dies leisten kann. 11 Eine wichtige Wirkung liegt in der Förderung der Herz-Kreislauf-Gesundheit. Die Stärkung des Herzens durch regelmäßige körperliche Aktivität senkt sowohl den Blutdruck als auch das Risiko von Schlaganfällen sowie Herzerkrankungen und fördert damit neben der Gesundheit auch die Lebensqualität. Die positive Wirkung von Ausdauersportarten wie Laufen, Radfahren oder Schwimmen wird in Stu‐ dien besonders hervorgehoben. Schwimmen wird gleichzeitig als besonders gelenkschonender Ganzkörpersport charakterisiert, welcher die Beweglich‐ keit fördert und Arthrose und anderen degenerativen Gelenkerkrankungen vorbeugt. Auch der Volksmund betont: „Wer rastet, der rostet.“ So tragen viele weitere Sportarten dazu bei, durch regelmäßige, moderate Bewegung die Beweglichkeit zu erhalten und die Muskeln rund um die Gelenke zu stärken. Sportliche Aktivitäten wie Laufen, Krafttraining oder Tanzen fördern zudem die Knochendichte und wirken damit Osteoporose entgegen. Die regelmäßige körperliche Aktivität unterstützt ebenso die Verhinde‐ rung von Übergewicht und Adipositas, da sie den Stoffwechsel anregt und Kalorien verbrennt. Sehr gute Ergebnisse erzielen hierbei Ausdauersport‐ arten wie Radfahren oder Laufen. Diese Wirkung des Sports erscheint 6.1 Gesundheitliche Chancen des Sports 125 <?page no="126"?> als besonders gesundheitsfördernd, da Übergewicht mit einer Reihe weite‐ rer Erkrankungen verbunden ist. Hiermit erklärt sich auch ein Teil der Befunde, dass Menschen, die regelmäßig Sport treiben, weniger anfällig für Typ-2-Diabetes sind. Die mit dem Sport verbundene Stärkung der Muskelkraft, der Flexibilität und der Koordination beugt Verletzungen, Unfällen und Verschleiß vor und die mit Sportarten wie Yoga, Tanzen oder Gymnastik verbundene verbesserte Körperwahrnehmung stellt eine wichtige Grundlage für gesund‐ heitsbewusstes Verhalten im Alltag dar. Eine moderate körperliche Aktivität kann das Immunsystem stärken und Menschen, die regelmäßig Sport trei‐ ben, leiden weniger oft an Infektionskrankheiten. Regelmäßige körperliche Aktivität kann das Risiko für Darm- oder Brustkrebs senken. Außerdem „zeigt eine Studie, dass die körperlich aktivsten Brustkrebsüberlebenden gegenüber den [am] wenigsten aktiven ein um 40 % geringeres Risiko hatten[,] an Brustkrebs zu versterben. Für Darmkrebs war das Risiko um 30 % reduziert“ (Krebsgesellschaft 2025). Gerade „meditative“ Sportarten wie Yoga oder Tai-Chi können bei diesen Krankheiten auch das Rückfallrisiko senken. Sport ist damit ein wichtiger Teil der Gesundheitsvorsorge, sowohl mit Blick auf die Prävention als auch auf die Gesundheitsförderung. Seine Be‐ deutung nimmt durch die Veränderungen unserer Lebens- und Arbeitswelt zu. Zunehmende körperliche Inaktivität und körperliche Zwangshaltungen, welche z. B. vor Computer und Handy von vielen Menschen bereits in jungen Jahren kultiviert werden, fördern die dargestellten Risikobereiche. Auch deshalb sollte ein möglichst breiter Zugang zu einem gesundheits‐ förderlichen Sport (Barrierefreiheit, Inklusion) gewährleistet und damit die gesundheitliche Chancengleichheit gefördert werden. Wie kann dies konkret aussehen? Zahlreiche Initiativen weltweit können hierfür wichtige Anregungen geben und bieten zudem konkrete Möglichkeiten zur Beteiligung. So werden unter der Überschrift „Sport im Park“ in vielen Städten und Gemeinden in Deutschland vielfältige Sportangebote für ein breites Publikum zur Verfügung gestellt. Ziel ist es, Menschen für Sport zu begeistern und in Zusammenarbeit mit Vereinen vor Ort zu dauerhaften Aktivitäten zu animieren (vgl. Erfurt 2024, Bürgerstiftung Weimar 2024 und Aachen 2024). Auch die jährlich von der Europäischen Kommission organisierte European Week of Sport zielt darauf ab, einen aktiveren und gesünderen Lebensstil in Europa und darüber hinaus zu fördern. Im Jahr 2024 wurde dies explizit 126 6 Die gesundheitliche Dimension des Sports <?page no="127"?> mit dem Anliegen verbunden, die Werte der Europäischen Union sowie der Olympischen und Paralympischen Spiele zu fördern (vgl. European Commission 2024). Mit Projekten wie Bewegte Schule (vgl. Bewegte Schule 2024) oder Bewe‐ gungsfreundliche Schule (vgl. Thüringer Ministerium für Bildung, Jugend und Sport 2023) wird in Niedersachsen und Thüringen versucht, durch gezielte Bewegungsangebote und Bewegungspausen die Gesundheit von Schülern zu fördern und dies durch Aktionstage oder durch die Auszeich‐ nung von Schulen ins öffentliche Bewusstsein zu rücken. Über 200 deutsche Schulen beteiligen sich auch am internationalen Programm The Daily Mile, das in Großbritannien startete und mittlerweile in über 20.000 Schulen und Kindergärten aus 98 Ländern praktiziert wird. Das Programm ist niedrigschwellig und beinhaltet das tägliche fünfzehnminütige Laufen im Freien. Die Initiatoren schreiben: „Das Ziel von The Daily Mile ist es, die körperliche, soziale, emotionale und mentale Gesundheit sowie das Wohlbefinden unserer Kinder zu verbessern - unabhängig von Alter, Fähigkeit oder persönlichen Umständen“ (The Daily Mile Foundation 2024). Insbesondere dem Ziel, Frauen zu erreichen, die z. B. aufgrund ihres Kör‐ pergewichts, ihrer Fitness oder ihres Alters oft vom Sport ausgeschlossen bleiben, wendet sich die britische Initiative This Girl Can zu. Die Hindernisse, sich sportlich zu betätigen, sollen z. B. durch direkte Vorbilder gezielt durchbrochen werden. Die Grundbotschaft lautet: „Frauen gibt es in allen Formen und Größen sowie auf allen Fähigkeitsniveaus. Es spielt keine Rolle, ob du eine Niete oder ein Profi bist. Das Geniale ist, dass du eine Frau bist und etwas tust“ (This Girl Can 2024). Die Initiativen machen deutlich, welche große Bedeutung dem Sport als Quelle der Gesundheit zugesprochen wird und wie vielfältig die Wege aussehen können, Menschen zu mehr körperlicher Bewegung zu verhelfen. Damit kann Sport sowohl einen Beitrag für die individuelle als auch für die öffentliche Gesundheit leisten, und zwar über alle Altersgruppen und sonstigen Unterschiede hinweg. 6.1 Gesundheitliche Chancen des Sports 127 <?page no="128"?> 6.1.3 Sport als Anker psychischer Gesundheit Neben der Unterstützung der physischen Gesundheit können körperliche Aktivitäten auch positive Effekte für das mentale Wohlbefinden haben. Bewegung hilft unter anderem dabei, das Stresshormon Cortisol abzubauen, und sie kann zur Bildung von Endorphinen, den so genannten „Glückshor‐ monen“, und dem für die Regulierung der Stimmung zuständigen Neuro‐ transmitter Serotonin beitragen. Auch kann die Produktion von Oxytocin angeregt werden, was die soziale Bindung stärkt. Vor allem für Ausdauer‐ sportarten sind stressabbauende und angstlösende Effekte nachgewiesen. Mehrere Studien zeigen sogar, dass körperliche Aktivität bei der Behandlung von leichten bis mittelschweren Depressionen ebenso wirksam sein kann wie Antidepressiva (vgl. Schuch et al. 2016; Cooney et al. 2013). Auch das Tanzen soll gegen Depressionen helfen (vgl. Australian Sports Foundation 2025). Studien kommen zu dem Schluss, dass achtsamkeitsbasierte Übungs‐ ansätze wie Yoga und Tai-Chi, die körperliche Bewegung, Atemübungen und Meditation verbinden, bei psychischen Erkrankungen, insbesondere bei de‐ pressiven Symptomen, aber auch posttraumatischen Belastungsstörungen, nachweislich helfen (vgl. Cabral et al. 2011; Lavretsky et al. 2011; Van der Kolk et al. 2014). Auch die bei vielen Sportarten gegebene Verbindung zur Natur hat entsprechend empirischen Studien positive Auswirkungen auf die mentale Gesundheit (vgl. Barton/ Pretty 2010). Allerdings zeigen andere Studien, dass „je nach Gruppe der Antidepressiva […] die Placebogruppen zwischen 71 % und 81 % der Effektivität der Antidepressivagruppen“ (Rief/ Kube 2024, 2) erreichen, weshalb nicht einfach zu entscheiden ist, ob die Achtsamkeitsübungen selbst zur Verbesserung beitragen oder ähnlich wie beim Placeboeffekt bereits die Erwartung einer Verbesserung eine entschei‐ dende Rolle spielt. Für viele Menschen ist Sport auch aus weiteren Gründen ein wichtiger Anker für die psychische Gesundheit. Sportliche Erfolge, die Arbeit an persönlichen Zielen sowie die Verbindung zum eigenen Körper stärken das Selbstbewusstsein und vermitteln ein Gefühl der Selbstwirksamkeit. Sport bietet neben Schule, Beruf oder Familie einen zusätzlichen Erfahrungsraum und ist gerade dann besonders wertvoll, wenn es schwer ist, das Selbst‐ wertgefühl in den anderen Bereichen zu stärken. Hierzu tragen auch die soziale Interaktion und das Gemeinschaftserlebnis im Sport bei. Isolation und Einsamkeit sind schnell durchbrochen, wenn zusammen Sport gemacht wird. Die positiven Wirkungen unterstützen sich gegenseitig und die soziale 128 6 Die gesundheitliche Dimension des Sports <?page no="129"?> Eingebundenheit bildet gleichzeitig einen Schutzfaktor gegen psychische Belastungen und Depression. Damit unterstützen sportliche Aktivitäten die Resilienz und fördern den konstruktiven Umgang mit Misserfolgen. Sie ermöglichen die Entwicklung von Bewältigungsstrategien sowie den Aufbau innerer und äußerer Strukturen, die auch außerhalb des Sports sehr hilfreich sind. Neben den Interaktionen mit anderen Menschen kann auch das Zusam‐ menspiel mit Tieren im Sport einen wesentlichen Beitrag zur psychischen Gesundheit leisten. So wird z. B. therapeutisches Reiten (Hippotherapie) genutzt, um Kinder mit motorischen, sozialen oder kognitiven Herausfor‐ derungen zu fördern. Ein weiterer Bereich ist mit Blick auf die psychische Gesundheit zu beachten. Sport hilft dabei, kognitive Funktionen zu verbes‐ sern und deren Abbau im Alter entgegenzuwirken. So zeigt eine Studie von Erickson et al. (2011) mit 120 älteren Erwachsenen, dass aerobes Ausdauertraining den vorderen Hippocampus vergrößert und das räumliche Gedächtnis verbessert. Dies ist nur ein Beispiel für die mögliche Rolle des Sports in einer alternden Gesellschaft. Die Integration des Sports in Präventionsprogramme erscheint somit nicht nur als wünschenswert, sondern als gefordert. Ähnlich dem Bereich der physischen Gesundheit erscheint dies durch die steigenden psychischen Anforderungen im Zuge von Volatilität, Unsicherheit, Komplexität und Mehrdeutigkeit (VUCA) unserer Lebens- und Arbeitswelt umso dringlicher. Dies unterstreichen auch der WHO Global action plan on physical activity 2018-2030 (vgl. WHO 2018, 6) und die EU Physical Activity Guidelines (vgl. EU Working Group Sport & Health 2008, 3). Aus diesem Grund ist es wertvoll, sich von Initiativen inspirieren zu lassen, welche Sport und Bewegung als Weg zugänglich machen, um auch die psychische Gesundheit zu fördern. Zwei Beispiele sollen als konkrete Kooperationsmöglichkeiten und Inspirationsquellen angesprochen werden: Die seit mehr als 20 Jahren aktive Initiative Parkrun organisiert kostenlose Läufe in mehr als 20 Ländern über eine Distanz von fünf Kilometern. Über die Webseite können Veranstaltungen für jedes Wochenende gefunden werden und es ist möglich, eigene Veranstaltungen beizutragen. Zum Stand ihrer Bemühungen und ihrer ganzheitlichen Gesundheitsmission schreibt sie: „Gemeinsam haben wir die größte Gesundheits- und Wohlbefindensbewegung der Welt geschaffen. Sie macht Spaß, ist inklusiv und völlig kostenlos zugänglich. Keine Abonnements, keine Mitgliedsbeiträge. Unsere Mission ist es, Gesundheit 6.1 Gesundheitliche Chancen des Sports 129 <?page no="130"?> und Glück zu transformieren, indem wir Menschen dazu befähigen, zusammen‐ zukommen, aktiv zu sein, soziale Kontakte zu knüpfen und Zeit im Freien zu verbringen“ (Parkrun 2024). Eine weitere, von Großbritannien ausgehende internationale Initiative, bei der dies ebenfalls möglich ist, ist Run Talk Run (vgl. RTR 2024). Die Bewegung gibt auf ihrer Webseite die Möglichkeit, an einer der bereits über 170 wöchentlich organisierten Laufgruppen teilzunehmen und die sportliche Praxis mit dem Austausch über mentale Gesundheit und mögliche psychische Probleme zu verbinden. Auch hier gibt es die Chance, eine eigene Laufgruppe zu initiieren. 6.2 Konfliktfeld Gesundheit und Lösungswege 6.2.1 Gefahren für die physische Gesundheit und Lösungsangebote Die Begründung der Förderung des Sports mit dem Nutzen für die physische und psychische Gesundheit scheint gut belegt. Sprüche wie: „Treib Sport und bleib gesund! “, legen dies ebenfalls nahe. Aber ist das der Fall? Sport‐ verletzungen sind nämlich ebenfalls Teil der an sich so gesunden sportlichen Aktivität. Die Stiftung Sicherheit im Sport (2025) schätzt, dass jährlich etwa 2 Millionen Sportverletzungen in Deutschland passieren, die sich etwa gleichmäßig auf Schul- und Vereinssport sowie die sonstigen Bereiche des Sports verteilen. Dabei stechen bestimmte Vereinssportarten als besonders verletzungsreich heraus: „Gut zwei Drittel der Sportunfälle/ Verletzungen resultieren aus den Sportarten Fußball, Handball, Basketball und Volleyball, obwohl in diesen nur etwa ein Drittel der Sportler organisiert sind“ (Stiftung Sicherheit im Sport 2025). 6.2.1.1 Verletzungsarten und Ansatzpunkte für den Schutz Sporttreibender Die Verletzungsarten können in akute und chronische Verletzungen einge‐ teilt werden, welche sich sowohl in ihrer Entstehung und ihren Symptomen als auch durch ihre Dauer und Behandlung unterscheiden. Akute Sportver‐ letzungen zeichnen sich dadurch aus, dass sie plötzlich, z. B. in Form eines Unfalls, auftreten. Typisch sind Verstauchungen, z. B. im Sprunggelenk, 130 6 Die gesundheitliche Dimension des Sports <?page no="131"?> Knochenbrüche, Prellungen oder Muskelzerrungen oder -risse. Chronische Verletzungen entstehen durch wiederholte Belastung und Überbeanspru‐ chung. Hierdurch können Entzündungen und Schmerzen entstehen, z. B. im Bereich der Sehnen oder der Schleimbeutel. Auch sogenannte Stressfraktu‐ ren der Knochen zählen dazu und betreffen nicht nur Profi-, sondern auch Freizeitsportler. Dies sind nur einige Beispiele für mögliche Verletzungen. Aus ethischer Sicht ist daher zu fragen, wie auf diese Verletzungen Einfluss genommen werden kann und wer hierfür die Verantwortung tragen sollte. Die Stiftung zur Sicherheit im Sport unterscheidet in hilfreicher Weise vier Handlungsfelder für die Unfallprävention (siehe Tabelle). Sportpraktische Maßnahmen z.-B. Trainingsmaßnahmen, athletische Vorbereitung, neu‐ romuskuläres Training (propriozeptiv, koordinativ, senso‐ motorisch), Balancetraining, Wettkampfvorbereitung, Ge‐ lenk- und Rumpfstabilisierung, Stretching, athletisches Grundlagentraining Ausrüstung und Einrichtungen z.-B. Sportgeräte, Helme, Orthesen, Taping, Mund‐ schutz, Protektoren, (Sport-)Brille, Bodenbeschaffenheit und Schuhe, Veranstaltungsorte, Sportarenen Medizinische und nichtmedizi‐ nische Betreu‐ ung z.-B. Physiotherapie, medizinische Check-ups, Screenings, Return-to-Play-Richtlinien, Massage, psychologische As‐ pekte, Ernährung Organisatorische und politische Maßnahmen z.-B. Fairplay-Kampagnen, Propagieren verletzungsmini‐ mierenden Verhaltens, Ausbildungscurricula, Regel- und Schiedsrichterwesen, Aspekte der Versicherung von Ver‐ letzungen und deren Folgen, Evaluation, Sportunfallanaly‐ sen (Epidemiologie, Ursachen, Situationen, Mechanismen), Entwicklung von Leitlinien Tabelle 9: Unfallprävention (eigene Darstellung nach Stiftung Sicherheit im Sport 2025) Ein erster Ansatzpunkt sind sportpraktische Maßnahmen, die sowohl in der Verbesserung von Trainingsmaßnahmen liegen, um z. B. mangelhafte Technik und Fehlbelastungen zu vermeiden, als auch in der athletischen Vorbereitung bestehen können. Hier sollten fachlich geeignete Trainerinnen und Trainer zur Verfügung stehen. Auch ist für zeitliche Kapazitäten zu sorgen, um diese Maßnahmen durchzuführen. Für den Breitensport werden ausgehend vom sportwissenschaftlichen Erkenntnisstand die folgenden „zentralen Säulen verletzungspräventiver Sportprogramme“ identifiziert (Stiftung Sicherheit im Sport 2025): 6.2 Konfliktfeld Gesundheit und Lösungswege 131 <?page no="132"?> ● Kräftigung und Stabilisation ● Beweglichkeit und Mobilisation ● sensomotorisches Training ● Koordinationstraining Zur konkreten Umsetzung dieser Maßnahmen stellt die Stiftung sportart‐ spezifische Hinweise für die Prävention von Verletzungen zur Verfügung, welche sowohl auf der Ebene der Sportpraxis als auch des Sportmanage‐ ments angesiedelt sind. Damit wird zum einen deutlich, dass umfangreiches Wissen darüber vorliegt, wie verletzungspräventive Sportprogramme aus‐ sehen können, und zum anderen, dass eine alleinige Fokussierung auf Sportler oder Trainer zu kurz greift. Vielmehr können eine Vielzahl von Akteuren einen positiven Einfluss nehmen und bereits vorhandenes Wissen anwenden. Sportpraktische Maßnahmen verbinden sich auch mit „Ausrüstung und Einrichtungen“. Die Sicherstellung angemessener Sportgeräte und Veran‐ staltungsorte ist notwendig, um Verletzungen zu vermeiden. Aktuell er‐ kannte Problemfelder liegen hier z. B. im Bereich des Kopfschutzes, um das Risiko für akute und chronische Hirnschädigungen zu verringern. Wie bedeutsam dessen Weiterentwicklung ist, zeigt die Vielzahl medizinischer Befunde und Klagen ehemaliger Profisportler aufgrund von Hirnschädigun‐ gen nicht nur in der NFL, sondern auch im Rugby, Fußball, Eishockey oder im Boxsport. Mit Blick auf die Sporteinrichtungen geht es nicht nur um das Sicherheits‐ management bestehender Sportanlagen, sondern auch um die Vermeidung von Verletzungs- oder gar Todesrisiken bei der Planung der Streckenfüh‐ rung, z. B. durch den Verzicht auf besonders spektakuläre und gefährliche Abfahrten im Rad- oder Skisport. Auch Wettkämpfe unter extremen Wet‐ terbedingungen, z. B. bei großer Hitze oder mit extremer Dauer, sind zu vermeiden, denn diese können z. B. mit Ernährungs- und Flüssigkeitsmangel sowie Hitzeschäden bis hin zum Kreislaufversagen verbunden sein. Es kommt immer wieder zu Konflikten zwischen auf ihre Gesundheit achtenden Sportlern oder Trainern einerseits und auf organisatorische und ökonomische Belange fokussierten Veranstaltern oder Verbänden anderer‐ seits. Erstere könnten oftmals nur auf den Start verzichten, Letztere sind auch aufgrund ihrer in vielen Bereichen des Sports monopolhaften Stellung besonders in der Pflicht, entsprechende Situationen zu vermeiden und die Gesundheit der Sportler zu schützen. 132 6 Die gesundheitliche Dimension des Sports <?page no="133"?> Mit der medizinischen und nichtmedizinischen Betreuung wird die Rolle weiterer Akteure wie Sportmediziner, Sportpsychologen und Physiothera‐ peuten für einen gesunden Sport angesprochen. Präventivmaßnahmen und Früherkennung sollten selbstverständlich sein. Neben den Akteuren auf der Handlungsebene sind hier auch Verbände auf der Regelebene in der Pflicht, dies sicherzustellen. Unter dem Punkt „Organisatorische und politische Maßnahmen“ sind weitere wichtige Rahmenbedingungen benannt, die Verletzungen entweder unwahrscheinlicher werden lassen oder auch den Umgang mit Verletzungs‐ folgen verbessern. Die explizite Benennung von Fairplay-Kampagnen erin‐ nert Sportlerinnen und Sportler an ihre Verantwortung, die Gesundheit ihres Gegenübers zu achten. Um diesen Kampagnen Kraft zu verleihen, ist die Regelebene so zu gestalten, dass faire Sportlerinnen und Sportler nicht aufgrund ihres fairen Verhaltens benachteiligt werden, sondern viel‐ mehr, wie am Beispiel von Timo Boll gezeigt, eine Fairplay-Auszeichnung bekommen. Auch kann die Öffentlichkeit daran mitwirken, indem unfaires, gesundheitsgefährdendes Verhalten angeprangert wird. Nicht nur mit Blick auf das Fairplay sollte unter der Überschrift „Politische Maßnahmen“ die Regel- und die Diskursebene in den Blick genommen werden. Neben den vorgeschlagenen Kampagnen, der Evaluation, der Dis‐ kussion und der Erstellung von Leitlinien, der Aus- und Weiterbildung sind weitere Aspekte in den Blick zu nehmen. Eine angemessene Gestaltung des Wettkampfkalenders kann gesundheitsprotektiv wirken. Derzeit gibt es leider den gegenteiligen Trend. Die immer weiter ausufernden Spielpläne in publikumswirksamen Sportarten wie Fußball oder Handball lassen kaum Erholungsphasen für die Spieler zu und erhöhen damit die Verletzungsge‐ fahr. Zudem setzen entsprechende Rahmenbedingungen Anreize für einen übermäßigen Schmerzmittelkonsum oder den Gebrauch anderer Mittel, um leistungsfähig zu bleiben. Der deutsche Tennis-Weltranglistenzweite Alexander Zverev beschreibt seine Situation mit Blick auf den überlangen Turnierkalender so: „Die ATP interessiert sich nicht für unsere Meinung. Es ist ein Geldgeschäft. […] Wenn du ein ehrgeiziger junger Mensch bist, der das Gefühl hat, noch nicht alles erreicht zu haben, ist das [weniger spielen] keine Option“ (Welt 2024). Der Trainings- und Wettkampfkalender sollte darum angemessene Ruhe‐ phasen erlauben. 6.2 Konfliktfeld Gesundheit und Lösungswege 133 <?page no="134"?> 6.2.1.2 Übermäßiger Gebrauch von Substanzen und Methoden Damit tritt neben den Sportverletzungen ein verbundenes Gefahrenfeld für die Gesundheit in den Blick. Der Konsum von Medikamenten, Schmerz‐ mitteln und anderen Substanzen kann für Sportler nicht nur dazu führen, dass körperliche Grenzen ignoriert und chronische Verletzungen gefördert werden, er kann sogar wie im Fall des ehemaligen Bremer Fußballprofis Ivan Klasnic dazu führen, eine Nierentransplantation zu benötigen. Der übermä‐ ßige Schmerzmittelgebrauch kann nämlich zum Verlust der Funktionsfähig‐ keiten der Nieren führen. Er schädigt darüber hinaus die Leber, die sich im Unterschied zu den Nieren aber besser regenerieren kann. Zudem untergräbt der übermäßige Gebrauch von Medikamenten die Chancengleichheit, da diejenigen Personen, die darauf verzichten, die hohen Belastungen im Hochleistungssport nicht in gleicher Weise kompensieren können. Das führt aber zu einer gefährlichen, an Doping erinnernden Anreizsituation. Wer normalerweise auf den gesundheitsgefährdenden Konsum derartiger Mittel verzichten würde, ist versucht oder wird dazu gedrängt, diese doch zu nehmen, um für den nächsten Wettkampf fit zu sein. Der Konsum kann ein Übertraining und eine Überlastung begünstigen, was kurzfristig zu Wettbe‐ werbsvorteilen führen kann, mittel- und langfristig aber zu einer erhöhten Verletzungsanfälligkeit, körperlichem Verschleiß und einer Vielzahl von Gesundheitsproblemen beiträgt: „Sport ist gesund, da sind sich alle einig. Wenn junge, hervorragend trainierte Sportler plötzlich sterben, ist das Entsetzen daher besonders groß. In solchen Fällen haben oft frei verkäufliche Medikamente fatale Folgen. Schmerzmittel wie Diclofenac, Ibuprofen oder Azetylsalizylsäure (Aspirin) sind nicht als Doping verboten, schädigen aber die Blutgefäße, können zu Darmblutungen und Nieren‐ versagen führen“ (Deutsche Schmerzgesellschaft 2025). Wer diese Mittel jedoch nicht nutzt, verliert die Chancengleichheit im Wettbewerb. Ein gesellschaftlicher Diskurs, der zu einem besseren Schutz von Athletinnen und Athleten führt, scheint daher notwendig zu sein. Dazu kommt ein weiteres Problem. In bestimmten Sportarten gibt es einen hohen Anreiz, ein für den Wettbewerb vorteilhaftes Körpergewicht bzw. ein Gewichtslimit zu erreichen. Dieses Verhalten kann dauerhaft zu extrem gesundheitsgefährdenden Essstörungen wie Anorexie, Bulimie oder Binge Eating führen. Besonders anfällig sind Sportler in Sportarten, in denen das Körpergewicht mit großen Wettbewerbsvorteilen verbunden ist, z. B. durch 134 6 Die gesundheitliche Dimension des Sports <?page no="135"?> Gewichtsklassen wie im Ringen, oder in denen das Körpergewicht wie beim Skispringen über Sieg und Niederlage entscheiden kann. Im Skispringen wurde nach massiven Fällen von Magersucht bei Spitzenathleten aufgrund eines öffentlichen Diskurses eine Lösung gesucht. Es wurde festgelegt, dass der Body-Mass-Index von 21 nicht unterschritten werden darf, um die für den Erfolg im Wettbewerb wichtige volle Skilänge nutzen zu dürfen (vgl. FIS 2023, 11). Auch an diesem Beispiel zeigt sich zum einen die Bedeutung der Diskurs- und Regelebene und zum anderen eine Möglichkeit, wie Gesundheitsschutz und Wettbewerb auf der Regelebene miteinander in Einklang gebracht werden können. Ähnlich dem Problem des Übertrainings, des Medikamenten- und Schmerzmittelkonsums oder auch des Verzichts auf Nahrung ist die bereits dargestellte Frage des Dopings eng mit der Gesundheit verbunden. Viele Studien zeigen, dass der Missbrauch leistungssteigernder Substanzen nicht nur aus Sicht der Regeltreue und Chancengleichheit problematisch, sondern auch mit hohen Gesundheitsrisiken verbunden ist. Die somit auch für den Gesundheitsschutz wichtigen Ansatzpunkte für die Prävention von Doping wurden bereits ausführlicher dargestellt. Ähnlich den ebenfalls dargestellten Vorschlägen im Fall der Unfallprä‐ vention kann auch hier auf die Aufklärung der Athleten gesetzt werden. Es ist wichtig, diese umfassend über die mit ihren Handlungen verbundenen Risiken und mögliche Handlungsalternativen zu informieren. Unzureichen‐ des Bewusstsein oder Wissen um die Gefahren der eigenen Handlung kann dadurch verringert werden. Allerdings hat dieser Ansatz auf der Hand‐ lungsebene auch Grenzen. Athleten stehen oftmals unter einem starken Wettbewerbsdruck, wie das Beispiel von Alexander Zverev verdeutlichte. Dieser Druck kann mit wirtschaftlichen Motiven verbunden sein oder auch mit dem Streben, besonders erfolgreich im eigenen Sport zu sein. Das Interesse des Schutzes der eigenen Gesundheit konkurriert in einer solchen Konstellation mit dem Interesse des Erfolges. Sportler, die keine leistungssteigernden oder leistungserhaltenden Substanzen oder Methoden nutzen, sind gegenüber denen, die dies tun, systematisch benachteiligt. Bei einem genaueren Blick auf die Anreizvariablen zeigen sich daher neben der bereits angesprochenen Aufklärung der Athleten folgende An‐ satzpunkte für ein Präventionsprogramm: 1. Eine klare Regelung, bis zu welchem Maß, wenn überhaupt, Substanzen und Methoden angewendet werden dürfen. 6.2 Konfliktfeld Gesundheit und Lösungswege 135 <?page no="136"?> 2. Eine Überwachung der Sportlerinnen und Sportler, welche die Entde‐ ckung der Nutzung wahrscheinlich macht. 3. Eine konsequente Sanktionierung überführter Sportlerinnen und Sport‐ ler, die gemeinsam mit der Entdeckungswahrscheinlichkeit in angemes‐ senem Verhältnis zum erwarteten Nutzen steht und damit abschreckend wirkt. Eine klare Festlegung (1) des zulässigen Maßes oder sogar des Verbots, wie im Beispiel der Dopingprävention mit Hilfe einer Liste der verbotenen Substanzen und Methoden, sollte gewährleistet werden, auch wenn Grau‐ bereiche mit Blick auf Gesundheitsgefahr oder Leistungssteigerung nicht ausbleiben und Neuentwicklungen immer erst mit einem Zeitverzug aufge‐ nommen werden können. Offene Formulierungen und der enge Kontakt zu Sportlern erscheinen hier wesentlich, um einen möglichst umfangreichen Schutz zu ermöglichen. Die Überwachung (2) ist oftmals problematischer. Neben den in Mitlei‐ denschaft gezogenen Persönlichkeitsrechten der Athleten zeigen Medien‐ berichte, z. B. im Zusammenhang mit den Olympischen Spielen, im Fall des Dopings regelmäßig große Probleme bei der Überwachung von Sport‐ lerinnen und Sportlern. Selbst staatliche Organisationen haben hier, wie oben beschrieben, zum Schaden der Sporttreibenden oftmals kein echtes Interesse an der Überführung der Regelbrecher, da sie sich im Kampf um Erfolge Vorteile gegenüber anderen Ländern oder zumindest keine Nachteile erhoffen. Hier muss auf einer höheren Anreizebene angesetzt werden, um dieses soziale Dilemma zu durchbrechen. Dies gilt auch mit Blick auf die konsequente Sanktionierung (3), bei der zum Teil der Eindruck entsteht, dass z. B. besonders publikumswirksame Personen verschont bleiben und sehr mild bestraft werden. 6.2.1.3 Finanzielle und soziale Anreize am Beispiel der Lebenslauffalle Eine weitere Stellschraube sind auch die mit dem jeweiligen Sport und dem sportlichen Erfolg verbundenen finanziellen und sozialen Anreize auf der einen Seite sowie die Wertschätzung der eigenen Gesundheit auf der anderen Seite. Diese Faktoren können die Attraktivität der Nutzung gesund‐ heitsgefährdender Substanzen oder Methoden beeinflussen und werden aktiv durch Verantwortliche in Sport und Gesellschaft, z. B. im Rahmen 136 6 Die gesundheitliche Dimension des Sports <?page no="137"?> medialer Berichterstattung oder der Sportförderung, gestaltet. Auch die Fankultur wirkt auf diese Faktoren ein. Einige Beispiele, wie die Nichter‐ wähnung von Sportlerinnen und Sportlern auf hinteren Plätzen, wurden bereits angesprochen. Auf eine weitere, mit persönlichen Anreizen verbundene Problematik soll abschließend eingegangen werden, da auch sie die Bereitschaft, Ge‐ sundheitsgefahren für die sportliche Karriere in Kauf zu nehmen, sehr befördern kann. Es ist die sogenannte „Lebenslauffalle“. Sie beschreibt das Phänomen, dass vor allem Hochleistungssportler bereits in jungen Jahren sehr viel in ihren Sport investieren müssen, um später einmal erfolgreich sein zu können. Sie vernachlässigen darum oftmals Karrierealternativen, um wettbewerbsfähig zu sein. Fehlender Erfolg im Bereich des Sports oder auch ein (verletzungsbedingtes) Karriereende kann auch deshalb existenzielle Folgen für die Betroffenen haben. Eine holistische Gestaltung der Prävention sollte daher auch an diesem Punkt ansetzen und systematisch darauf achten, dass alternative Lebenswege aufgezeigt und entwickelt werden. Sowohl in diesem Punkt als auch mit Blick auf die weiteren angesproche‐ nen Stellschrauben ist es wichtig, nicht nur die Sportlerinnen und Sportler, sondern auch die weiteren Akteure im Sportsystem in die Verantwortung zu nehmen und gleichzeitig zu unterstützen. Auch für die Letztgenannten dürfen keine Anreize bestehen, eine ungesunde sportliche Praxis zu begüns‐ tigen, sondern es sollten umgekehrt Anreize bestehen, diesen ungünstigen Anreizen entgegenzuwirken. Neben der besonderen Verantwortung der Sportmedizin betrifft dies auch Trainerstäbe und Verantwortliche auf Ver‐ eins- und Verbandsebene. 6.2.2 Gefahren für die psychische Gesundheit und Lösungsangebote Vergleichbar mit den Chancen und Gefahren des Sports für die physische Gesundheit gilt dies auch für die psychische. Was sollte und was kann im Sinne der Gesundheit der Sportler getan werden? 6.2.2.1 Vermeidbare und erwünschte Stressoren Es gibt verschiedene Kräfte, die auf Sportlerinnen und Sportler einwirken und zu Belastungen werden können. Diese Belastungen werden auch als Stressoren bezeichnet. Neben dem oft hohen Aufwand der Sportler im 6.2 Konfliktfeld Gesundheit und Lösungswege 137 <?page no="138"?> Bereich des Trainings und Wettkampfes können dies auch die bereits angesprochenen Verletzungen sein, welche meist sowohl mit Schmerzen als auch mit Sorgen um die Karriere oder die Leistungsfähigkeit verbunden sind. Auch gesundheitsgefährdendes oder regelwidriges Verhalten wie das Doping kann sowohl direkt auf die Psyche einwirken als auch mit Angst vor gesundheitlichen Schäden oder Sanktionen und Schuldgefühlen verbunden sein. Ein faktischer oder wahrgenommener Leistungsdruck sowie mögliche existenzielle Sorgen sind vor allem für Profi- und Hochleistungssportler ein kontinuierlicher Begleiter. Zudem sind diese Sportler eingebunden in ein ganzes System von Akteuren (Trainer, Teams, Sponsoren, Fans), welche auf ihre Leistung und ihren Erfolg zählen bzw. denen sie sich verpflichtet fühlen. Neben den auf den Wettbewerb bezogenen Stressoren können auch persönliche oder organisationale Stressoren auftreten. Eine Übersicht über verschiedene mögliche, beispielhaft genannte Stressoren im Sport bietet Tabelle 10. persönliche Stressoren wettkampfbezogene Stressoren organisatorische Stressoren • Vereinbarkeit von Sport, Arbeit und Privatleben • soziale Isolation • familiäre Probleme • finanzielle Probleme • berufliche und sons‐ tige Verpflichtun‐ gen • Tod oder schwer‐ wiegende Probleme einer nahestehen‐ den Person • Aufwand für Vorbe‐ reitung und Training • Verletzungsgefahr • Leistungsschwan‐ kungen • Erwartungen • Rivalität und Druck • große Wettbewerbe • unerwarteter Erfolg oder Misserfolg • gesundheitsgefähr‐ dendes oder regel‐ widriges Verhalten • Führungsprobleme • kulturelle Normen • Teamprobleme • logistische Probleme • Probleme mit Ein‐ richtungen und Aus‐ stattung • Karriereübergang • Stehen in der Öffent‐ lichkeit/ Medienaufmerksam‐ keit Tabelle 10: Stressoren im Sport (eigene Darstellung nach IOC 2021, 33) Ein erster möglicher Ansatzpunkt für die Sicherung der psychischen Ge‐ sundheit von Sportlern ist es demnach, dass sowohl Sporttreibende als auch ihr Umfeld nichtnotwendige Stressoren reduzieren. Ein Beispiel zeigt, wie Sportlerinnen und Sportler selbst aktiv werden, um beispielsweise den Stressor der sozialen Isolation zu reduzieren. Denn auch wenn manche von ihnen eine hohe öffentliche Aufmerksamkeit genießen, so sind sie nicht selten aufgrund ihres vollen Trainings- und Turnierplans ständig unterwegs, 138 6 Die gesundheitliche Dimension des Sports <?page no="139"?> haben keine Zeit für Freunde und Familie, finden sich allein in Hotelzimmern wieder und erleben dadurch selbst soziale Isolation und Einsamkeit. Die von Spitzensportlern wie Muhammad Ali, Jackie Joyner-Kersee und Andre Agassi 2006 gegründete Initiative Athletes for Hope (2024) durchbricht diese Isolation durch das gemeinsame Ziel, anderen Menschen zu helfen. 6.2.2.2 Vermeidung von chronischem Stress Dabei ist es wichtig, akuten von chronischem Stress zu unterscheiden. Akuter Stress ist ein natürlicher Begleiter in Wettkampfsituationen. Er stellt eine kurzfristige sinnvolle Reaktion des Körpers auf die damit verbun‐ denen Herausforderungen sicher. Mit angemessenen Entspannungszeiten und bei guter körperlicher Verfassung ist dieser Stress unproblematisch und im Sport oftmals erwünscht. Chronischer, also dauerhafter Stress hingegen ist langfristig gesundheitsschädlich und kann auf psychischer Ebene mit Angstzuständen, Schlafstörungen, Burnout und einer Depression verbunden sein. Da der Körper durch eine dauerhafte Alarmierung aus dem Gleichgewicht gerät, wirkt sich dies aufgrund von Bluthochdruck und Herz-Kreislauf-Erkrankungen negativ auf die physische Gesundheit aus. Neben diesen Herausforderungen werden die bereits angesprochenen Essstörungen nachweislich durch chronischen Stress begünstigt. Zusätzlich zur Reduktion der Stressoren ist es demnach besonders wichtig, die Häu‐ fung von Stressoren zu vermeiden und angemessene Erholungszeiten zu gewährleisten. Verschiedene weitere Faktoren wie genetische Veranlagungen, chroni‐ sche Erkrankungen oder traumatische Erlebnisse können zu den beschrie‐ benen psychischen Gesundheitsgefahren beitragen und sollten daher bereits im Jugendsport adressiert werden. Zudem sind Unterstützungsangebote wichtig. Die IOC-Initiative Athlete365 widmet sich dieser Herausforderung und unterbreitet Angebote wie die Mentally Fit Helpline. Diese bietet Spit‐ zenathleten bei Problemen der psychischen Gesundheit die Möglichkeit zur Beratung, so geschehen beispielsweise im Rahmen der Olympischen und Paralympischen Spiele in Paris 2024 (vgl. IOC 2024a). 6.2 Konfliktfeld Gesundheit und Lösungswege 139 <?page no="140"?> 6.2.2.3 Möglichkeiten eines konstruktiven Umgangs mit Stressoren Neben der Vermeidung von Stressoren, angemessenen Erholungszeiten und der Beratung von Sportlern zeigt die IOC-Initiative gleichzeitig einen weiteren Weg auf, um das Fundament der psychischen Gesundheit zu stärken. So werden die Hochleistungssportler unter der Überschrift Mentally Fit ermutigt, eine Achtsamkeits-App zu nutzen, welche vom IOC für die Athleten kostenfrei zur Verfügung gestellt wird. Um die Sportler zu moti‐ vieren, wird auf eine Befragung von 12.000 Nutzern der App hingewiesen, in welcher diese von einer Verbesserung der allgemeinen psychischen Gesundheit (84 %) und der Angstsymptome (90 %) sowie Veränderungen von Stress (83 %), des Schlafes (75 %) und auch der physischen Gesundheit (66 %) berichten (vgl. IOC 2024b). Die IOC-Initiative kommt vor dem Hintergrund einer Vielzahl weiterer Studien zu dem Schluss: „Als Athlet weißt du, dass körperliche Fitness entscheidend für den Erfolg ist, aber wie steht es um deine mentale Stärke? Trainierst du deinen Geist genauso intensiv wie deinen Körper? Lebst du dein Leben unbewusst oder achtsam? Achtsamkeit ist die kraftvolle Praxis, dem gegenwärtigen Moment Aufmerksamkeit zu schen‐ ken, ohne zu urteilen, und trägt nachweislich zur Verbesserung deiner geistigen Gesundheit und Leistungsfähigkeit bei“ (IOC 2024b). Diese Empfehlung wird auch durch weitere empirische Studien unterstützt. So zeigt eine Studie von Tang et al. (2022) eine verbesserte emotionale und psychische Reaktion im Fall von Verletzungen und in einer Studie von Petterson und Olson (2017) berichten College-Athleten infolge von Acht‐ samkeitstraining von einer deutlichen Reduktion des Stressempfindens und von der verbesserten Fähigkeit, mit Leistungsdruck umzugehen (vertiefend siehe Baltzell 2016). Auch der bekannte Anbieter digitaler Achtsamkeitsan‐ gebote 7Mind wendet sich gezielt an Athleten und betont das Potenzial des Achtsamkeitstrainings für Leistung, mentale Stärke, Emotionsregulation und psychische Entspannung. Verwiesen wird auf Spitzensportler wie Lebron James und Novak Djokovic, welche regelmäßig meditieren. Ein wichtiger Mehrwert des Achtsamkeitstrainings liegt in der Schulung eines bewussten Umgangs mit Stressoren. Lassen sich diese nicht vermeiden, so kann zumindest ein hilfreicher Umgang mit ihnen kultiviert werden. Vor dem Hintergrund der positiven Befunde haben auch im Sportbe‐ reich angesiedelte Ausbildungsinstitute wie die Deutsche Sportakademie 140 6 Die gesundheitliche Dimension des Sports <?page no="141"?> Achtsamkeitstrainer-Ausbildungen in ihren Katalog aufgenommen (vgl. Deutsche Sportakademie 2025). Mit Blick auf diese Entwicklung und die Bedeutung der Stärkung der psychischen Gesundheit erscheint es beson‐ ders wichtig, qualitativ hochwertige und an die Bedürfnisse der Sportler angepasste Trainings anzubieten. Neben allgemeinen und bereits seit vielen Jahrzehnten etablierten Trainingsprogrammen zur Verbesserung der Acht‐ samkeit wie Mindfulness-Based Stress Reduction (MBSR) existieren speziell für den Sport entwickelte Programme. Sie zeigen wichtige Ansatzpunkte, um die psychische Gesundheit von Sportlern nachhaltig zu stärken. Der Ansatz des Mindfulness-Acceptance-Commitment (MAC) von Frank L. Gardner und Zella E. Moore wendet sich an alle, die hohe Leistungen erbringen müssen. Als wichtige Zielgruppe werden Sportler angesprochen, welche mit Hilfe von Achtsamkeitsübungen und Akzeptanztechniken besser auf Stress, Drucksituationen und emotionale Ausnahmesituationen vorbe‐ reitet werden sollen (vgl. Gardner/ Moore 2007). Das Trainingsprogramm Mindful Sport Performance Enhancement (MSPE) von Keith A. Kaufman et al. (2018) basiert auf dem von Kabat-Zinn entwickelten und gut erforschten MBSR-Programm und dem Programm Mindfulness-Based Cognitive Therapy (MBCT) der Oxford-Universität. Neben dem im Zentrum stehenden Trai‐ ning der Achtsamkeit wird vor allem auch der Umgang mit Misserfolgen sowie eine verbesserte Körperwahrnehmung und Entspannung trainiert. Auch das speziell für Sportler entwickelte Achtsamkeitsprogramm Berlin Mindfulness-based Training for Athletes (BATL, vgl. Jekauc et al. 2022) zielt auf die Kultivierung der Achtsamkeit als Weg zu Präsenz und Selbster‐ kenntnis sowie zum besseren Umgang mit Emotionen. Es werden zudem Hintergründe zur Nutzung der Achtsamkeit durch prominente Mannschaf‐ ten (z. B. Chicago Bulls), Trainer (z. B. Phil Jackson) und Sportler (z. B. Novak Djokovic) dargestellt. Eine Begleitstudie zum Programm zeigte sowohl eine signifikante Erhöhung der Achtsamkeit als auch die Reduktion von Stress (vgl. Jekauc et al. 2017). Auch wenn dazu im Sport bisher erst einzelne Studien vorliegen, sind grundlegende Wirkmechanismen der Achtsamkeit und die hilfreiche Wirkung mit Blick auf chronischen Stress gut erforscht. Einige Programme bieten auf den Sport angepasste Wege, um die physische Gesundheit zu stärken, und sollten daher aktiv genutzt und für Athleten zugänglich gemacht werden. Wesentlich ist jedoch auch eine weitere Be‐ gleitforschung, welche die Wirksamkeit ganzer Programme bzw. einzelner Programmelemente überprüft und hilft, diese weiterzuentwickeln. 6.2 Konfliktfeld Gesundheit und Lösungswege 141 <?page no="142"?> Aus der Sicht unseres holistischen Ansatzes sollten neben der in den Programmen hauptsächlich im Fokus stehenden Stärkung der individuellen Achtsamkeit in Zukunft weitere Elemente sozialer und systemischer Acht‐ samkeit integriert werden. Hierdurch kann gezielter auf sozialen Stress, z. B. in der Interaktion mit Mitspielern, Trainern oder Medien, eingegangen und adäquates soziales Verhalten sowie soziale Interaktion gefördert werden. Systemische Achtsamkeit unterstützt zudem den Blick für das Zusammen‐ spiel äußerer Faktoren und der eigenen Gesundheit sowie der Gesundheit des Teams und hilft somit zu erkennen, wie Rahmenbedingungen konkret verändert werden können, um die Gesundheit zu stärken (vgl. Sandbothe et al. 2023). 6.2.2.4 Die (Un-)Vereinbarkeit von Gesundheits- und Leistungsorientierung Die Überlegungen zeigen verschiedene Wege auf, die Gesundheit zu för‐ dern und gesundheitliche Schäden zu vermeiden. Dies kann direkt auf der Handlungsebene geschehen, aber auch indirekt durch entsprechende Regelungen ermöglicht werden. Ebenfalls eine wichtige Rolle spielen die Medien, im öffentlichen Diskurs, von dem die Regelsetzung wesentlich abhängt. Der holistische Ansatz hebt die Bedeutung eines Diskurses hervor, der einer gesundheitsförderlichen Grundhaltung dient, damit auf diese Weise eine angemessene Regelfindung befördert wird, die eine konsistente Anreizstruktur ermöglicht. Es ließe sich jedoch fragen: Wie ist eine solche Grundhaltung mit der Leistungsorientierung im Sport zu vereinbaren? Mit dieser Frage ist ein zen‐ trales Konfliktfeld im Sport angesprochen, nämlich zwischen dem für den Sport wichtigen Prinzip der Leistung und der Erhaltung und idealerweise sogar Förderung der Gesundheit. Viele Sportarten basieren bereits in ihrem Regelwerk auf Wettbewerb, andere, wie z. B. das Laufen, werden nicht selten in Form von Wettbewerben ausgetragen, auch wenn viele Personen aus anderen Gründen laufen, z. B. im Fitnessstudio auf dem Laufband. Der Vergleich und das Leistungsstreben sind für viele Sportler die Triebfeder für eine intensive Trainings- und Wettkampfpraxis. Sie haben das Ziel, sich immer weiter zu verbessern, im Vergleich zu anderen, zu bestehenden Bestmarken oder zu sich selbst. Es kann damit auch auf Sportbereiche zutreffen, welche nicht am Wettkampf orientiert sind, sondern z. B. auf Fitness fokussieren. Damit verbunden ist 142 6 Die gesundheitliche Dimension des Sports <?page no="143"?> oftmals das Streben nach einer an die Leistung und den Erfolg geknüpften Belohnung und Anerkennung, sei diese emotional, sozial oder materiell. Manche Personen definieren sich sogar zu einem großen Teil über diese Anerkennung, den Erfolg, das Leistungsstreben oder auch die persönliche Entwicklung. In Mannschaftssportarten ist das gemeinsame Erfolgsstreben zudem ein wichtiger Faktor für den sozialen Zusammenhalt. Dieses Streben kann dazu führen, die eigene Gesundheit zu gefährden. Dabei gibt es Bereiche des Sports, in denen eine Vereinbarkeit eher zu gelingen scheint. So stehen oftmals im Breiten-, Freizeit- und Betriebssport Wohlbefinden, Gesundheit und gemeinsames Miteinander im Vordergrund. Im Spitzen- und Leistungssport dagegen kann es recht schnell zu einem Konflikt kommen, da der Fokus eher in Richtung Titel und Rekorde ver‐ schoben ist und die bereits angesprochenen Probleme wie rücksichtsloses Verhalten, Übertraining, Doping usw. dieses Streben begleiten. Ein bereits kurz angesprochener Lösungsansatz, welcher den Konflikt von Leistungsstreben und anderen Werten des Sports auflösen will, plädiert für einen Verzicht auf Wettbewerb. Beispielsweise wird bei den Bundesju‐ gendspielen nicht mehr das Ergebnis gemessen, damit leistungsschwache Schülerinnen und Schüler keine negativen Erfahrungen machen müssen. Wie es eine Grundschullehrerin mit großer Begeisterung formulierte: „Ich finde es total wichtig, Freude an der Bewegung zu schaffen“ (Reinsch 2023). Allerdings gibt es weiterhin Diskussionen, ob dieser Weg sinnvoll ist. Auch im Vereinssport stellt sich die Frage, ob es angemessen ist, in der F-Jugend den Wettbewerbsgedanken weitgehend aufzugeben, um das Spielerische zu stärken. Hier setzt sich eine Tendenz fort, die es auch in anderen Fächern in Grundschulen gibt, wenn beispielsweise auf eine Notengebung verzichtet wird. Diese erziehungswissenschaftlich viel debattierte Frage, wie Leistungsfähigkeit zu fördern ist, ohne die Freude an der entsprechenden Sache, in unserem Fall dem Sport, zu nehmen, kann jedoch auch anders angegangen werden. Kritiker eines Wettbewerbsverzichts hinterfragen neben den bereits an‐ gesprochenen positiven Wirkungen des Wettbewerbs auch, ob ein Wider‐ spruch von Leistungsstreben und Freude überhaupt besteht und ob nicht auch der Umgang mit Niederlagen gelernt sein will. Die Kritiker sehen den Verzicht auf Wettbewerb auch als Benachteiligung derjenigen Personen an, die z. B. aufgrund von Sprachproblemen keine Erfolgschancen in anderen Fächern besitzen und sich im Sport auszeichnen können. Zudem sehen 6.2 Konfliktfeld Gesundheit und Lösungswege 143 <?page no="144"?> sie im Verzicht auf Wettbewerb sogar ein Symptom für den Trend zur Mittelmäßigkeit in unserer Gesellschaft (vgl. Zeit 2023). Sowohl die einseitige Fokussierung als auch der vorgeschriebene Verzicht auf Wettbewerb erscheinen aus Sicht einer holistischen Perspektive fehlge‐ leitet. Statt den Wettbewerbs- oder Leistungsgedanken gegen den Gedanken der Freude am Sport auszuspielen, sollten wir uns in Sport und Gesellschaft der Aufgabe stellen, Freude, Wettbewerb und Leistung miteinander erlebbar zu machen. Dabei spielt auch das Alter eine wesentliche Rolle. Insgesamt schlagen wir für einen Sport, welcher Leistung und Gesundheit verbindet, vor, Rahmenbedingungen und Regeln zu schaffen, 1. die sowohl sportliche Leistung ermöglichen als auch das langfristige Wohlbefinden der Athleten sicherstellen, 2. die unterschiedliche körperliche Voraussetzungen der Athleten berück‐ sichtigen und deren physische und psychische Anforderungen ange‐ messen gestalten, 3. die sicherstellen, dass Athleten vor ungesundem Leistungsdruck, z. B. durch Trainer, Verbände oder Sponsoren, geschützt werden, 4. die ein dauerhaftes Übertraining und eine Überlastung verhindern, 5. die sicherstellen, dass Athleten ausreichende Zeit und professionelle Unterstützung erhalten, um sich vollständig von Verletzungen zu erho‐ len, 6. die eine gesundheitsfördernde Ernährung und einen angemessenen Umgang mit dem Körper fördern, 7. die Athleten die Zeit und Ressourcen geben, auf ihre körperlichen und emotionalen Bedürfnisse zu achten und ihre Resilienz zu stärken. Die dargestellten Erfordernisse können eine erste Orientierung bieten, um eine Balance zwischen sportlicher Leistung und der körperlichen so‐ wie der psychischen Gesundheit der Athleten zu schaffen. Die Personen, die im Sport wesentliche Entscheidungen zu treffen haben, sollten sie berücksichtigen, um zu vermeiden, dass die Aufmerksamkeit allein den Wettkampfergebnissen und finanziellen Gewinnen gilt. Vielmehr geht es um das langfristige Wohl und die Nachhaltigkeit der sportlichen Karriere der jeweiligen Betroffenen. 144 6 Die gesundheitliche Dimension des Sports <?page no="145"?> 7 Weitere Konfliktfelder Wir haben in den bisherigen Überlegungen vielfältige Chancen und Kon‐ flikte behandelt, die sich im Bereich des Sports stellen. Selbstverständlich kann diese Behandlung nicht erschöpfend sein. So haben wir beispielsweise das Problem von Hooligans und Gewalt im Sport nicht ausführlich behan‐ delt, auch wenn wir kurz auf die von Hooligans ausgelöste Katastrophe von Brüssel im Mai 1985 und Nzerekore im Dezember 2024 eingegangen sind. Ein Grund hierfür ist, dass dieses Problem nicht fußballspezifisch oder sports‐ pezifisch ist, wie die Gewaltbereitschaft mancher Personen im Rahmen von politischen Demonstrationen belegt. Es ist eine weltweite gesellschaftliche Herausforderung, menschliche Gewaltbereitschaft zu überwinden. Gerade der Sport kann jedoch dazu dienen, Personen dabei zu helfen, ihre Energie, die sie negativ in Gewalttaten ausleben würden, stattdessen in sportliche Aktivitäten zu sublimieren. Überspitzt gesagt: Eine Person, die dazu neigt, sich mit anderen Hooligans zu schlagen, sollte stattdessen Halbmarathons laufen oder Gewichte heben. Eine weitere Herausforderung stellt gerade im Sportunterricht und auch in Vereinen der Umgang mit denjenigen dar, die sportlich eher weniger be‐ gabt sind. Nicht wenige leiden bis ins Alter darunter, dass sie beispielsweise oftmals als Letzte gewählt wurden, wenn es darum ging, Mannschaften zusammenzustellen. Auch erinnern sie sich, dass sie Spott ertragen mussten, weil sie sich so ungeschickt angestellt haben. Allerdings ist auch dieses Konfliktfeld nicht auf den Sport begrenzt, sondern auch in anderen Fächern wie Musik gibt es ähnliche Erfahrungen. Ein ganz eigenes Feld stellt die neue technische Dimension des sogenann‐ ten E(lectronic)-Sports dar, also von Wettkämpfen mit Hilfe von Computern und Spielkonsolen. Seit den 1990er Jahren wird dieser Begriff verwendet, auch wenn bereits 1972 der erste organisierte Wettbewerb mit Computern an der Stanford University in Kalifornien stattfand. Bei diesem Wettkampf unter dem Namen Intergalactic Spacewar Olympics kämpften Spieler mit Hilfe von Computern und Spielkonsolen um den Sieg, der mit einem Jahresabonnement der Zeitschrift Rolling Stone belohnt wurde. Bereits 1990 gab es eine von Nintendo ausgelobte Weltmeisterschaft in den USA. Doch erst durch die weltweite Verbreitung des Internets kam es ab der Mitte der Neunzigerjahre zu den ersten großen LAN-Partys, in denen mehr als tausend <?page no="146"?> Spieler in großen Hallen gegeneinander antraten. Besonders Südkorea tat sich bei der Förderung des E-Sports hervor, sodass mittlerweile mehr als 200.000 Arbeitsplätze in diesem Staat direkt oder indirekt vom E-Sport abhängen. Finalspiele bestimmter Computerspiele ziehen dort bis zu 100.000 Zuschauer in riesigen Hallen in ihren Bann. Weltweit haben sich die E-Sport-Wettbewerbe zu großen Ereignissen weiterentwickelt. In Deutschland fand bereits 1999 die erste Meisterschaft mit dem Spiel StarCraft: Brood War in Berlin statt. Ein Jahr später wurden in Seoul die ersten World Cyber Games ausgetragen. Bereits 2008 war eine olympische Disziplin im Rahmen der Sommerspiele in China geplant. Auch wenn diese Disziplin letztendlich doch nicht zugelassen wurde, erscheint der Siegeszug dieser Form des Sports unaufhaltsam. Allein in Deutschland gibt es je nach Schätzungen bis zu 5 Millionen mehr oder weniger organi‐ sierte E-Sportlerinnen und E-Sportler. Viele Topspieler sind mittlerweile Millionäre. Ähnlich wie Schach ist dieser Sport körperlich wenig gesund‐ heitsfördernd, eher im Gegenteil. Auch lässt sich fragen, inwieweit derartige Wettkämpfe noch als Sport angesehen werden sollten. Solange jedoch Schach als Sport verstanden werden kann, ist auch der E-Sport als Sport anzusehen. Erneut zeigt sich die anfangs formulierte Weite des Begriffs „Sport“. Gerade aufgrund dessen, dass viele E-Sportler männlich sind, lassen sich im Umfeld dieses Sports gegenüber Frauen oftmals sexistische Äußerungen finden. Umgekehrt bietet die Sportart gerade die Möglichkeit, unabhängig von Geschlecht oder auch körperlichen Beeinträchtigungen an Wettkämp‐ fen teilzunehmen. Vielleicht das berühmteste Beispiel ist der Südkorea‐ ner Seunghyun Park, der trotz seiner Erkrankung an Muskeldystrophie Duchenne, an der er 2013 im Alter von 23 Jahren verstarb, hochrangige Wettbewerbe gewinnen konnte. Der E-Sport zeigt bereits eine Dimension an, wie sich Sport verändern könnte, nämlich eine zunehmende Technisierung. Bereits jetzt nutzen auch im „normalen“ Hochleistungssport Trainerstäbe die elektronischen Möglichkeiten, um die gegnerischen Mitbewerber besser einschätzen zu können. In dieser Hinsicht werden die neuen Möglichkeiten künstlicher Intelligenz weitere Entwicklungen vorantreiben. Auch in diesem Fall gilt: Vereine bzw. Einzelsportlerinnen und -sportler, die mehr Geld zur Verfügung haben, werden auf diese Weise ihren Vorsprung ausbauen können. Ob dies im Sinn eines fairen Wettbewerbs ist, stellt eine spannende Frage dar. Dass technische Möglichkeiten zumindest in bestimmten Profisportarten 146 7 Weitere Konfliktfelder <?page no="147"?> wie dem Fußball Fairness und Regeldurchsetzung ermöglichen, beweisen Torlinientechnologie und der Einsatz des Videoschiedsrichters. Eine weitere Herausforderung stellen die neuen (gen)diagnostischen und (gen)technischen Möglichkeiten dar. So bewirbt die Firma 24Genetics Gentests für sportliche Höchstleistungen mit folgenden Worten: „Um die beste Leistung zu erzielen, reicht hartes Training nicht aus. Optimieren Sie Ihre Ausbildung mit intelligenten Lösungen. Erfahren Sie alles über Ihre sportlichen Fähigkeiten, indem Sie den umfassendsten Sports DNA-Test auf dem Markt machen“ (24Genetics 2025). Mittlerweile werden in bestimmten Staaten angehende Athleten darauf getestet, ob sie überhaupt in der Lage sein würden, später Hochleistungen zu erbringen, denn wenn bestimmte genetische Voraussetzungen fehlen, lohnt sich eine Sportförderung für bestimmte Staaten nicht. So hatte China 2018 angekündigt, seine Athleten für die Olympischen Winterspiele 2022 in China genetisch zu testen, um abzuschätzen, für wen sich ein Engagement lohnt (vgl. Johnson et al. 2019). Die gezielte Auswahl von Sportlern in staatlich gelenkten Systemen wird somit weiter perfektioniert. Mittlerweile gibt es zudem erste Diskussionen darüber, ob nicht Ungeborene genetisch mit Hilfe von CRISPR/ Cas verändert werden könnten, sodass sie sportlich erfolgreich sind, ohne bei Dopingtests aufzufallen (vgl. Ducker 2018), aber auch konventionelle Methoden könnten dazu führen, Unge‐ borene zu modifizieren (vgl. Brutsaert/ Parra 2009). Zudem wird bereits seit Anfang der 2000er Jahre Gendoping als ernstes Thema behandelt, da beispielsweise das Hormon Erythropoietin (EPO), das die Produktion von roten Blutkörperchen fördert, auf diese Weise vermehrt gebildet werden kann. Auf diese Weise sind keine externen EPO-Injektionen nötig, die bei Dopingtests nachweisbar wären. Zudem könnte die Produktion von EPO auf spezifische Reize (z. B. Sauerstoffmangel oder Training) abgestimmt werden. Dadurch würde der Körper effizienter auf Belastungen reagieren. Insbesondere bei Ausdauersportarten ist ein erhöhter EPO-Spiegel von Vorteil. Sportethisch ist das Gendoping ähnlich zu bewerten wie das Doping selbst. Allerdings stellt die Möglichkeit, bereits Ungeborene genetisch zu verändern, eine weitreichendere Herausforderung dar. Hier wird in einer massiven Weise in das Selbstbestimmungsrecht des künftigen geborenen Menschen eingegriffen. Auch die staatlichen Programme zur Gendiagnostik bilden einen Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht, auch wenn sie in dem Sinn nachvollziehbar werden, sobald die Betroffenen staatliche Förderung 7 Weitere Konfliktfelder 147 <?page no="148"?> in Anspruch nehmen wollen. Die grundlegende Frage, inwieweit überhaupt ein genetischer Eingriff gerechtfertigt werden kann, der keine therapeuti‐ sche Zielsetzung hat, sondern einem Enhancement, einer Verbesserung nach subjektiven Wünschen, dient, kann hier nur angedeutet werden (vgl. Knoepffler 2025b, Ranisch 2021). Anerkannte internationale Gremien wie die Vereinten Nationen zusammen mit der WHO sollten einen globalen Regelfindungsprozess für ein verantwortbares Genome Editing initiieren. Die jeweiligen Sportverbände sollten diese Regelungen für die jeweiligen Sportarten adaptieren. Analog ist mit nicht gentechnischen andersartigen Verbesserungen umzugehen. Die Formel 1 macht vor, wie sehr hier die einzelnen Sportverbände bis in die Spezifikationen von Motoren eingreifen können. Im Breitensport wird eine Reglementierung deutlich schwieriger sein. Hier gilt es an die Eigenverantwortung aller zu appellieren, sportliche Aktivitäten nicht nur unter Leistungs-, sondern gerade auch unter Gesund‐ heitsaspekten zu betreiben. 148 7 Weitere Konfliktfelder <?page no="149"?> 8 Lebensdienlicher Sport - ein Ausblick In diesem Buch haben wir Chancen und Konfliktfelder des Sports beschrie‐ ben und dazu ethische Überlegungen angestellt. Wie wir anfangs betont haben, besteht die Aufgabe einer ausgewogenen Ethik nicht darin, vor allem Gefährdungen in den Blick zu nehmen, sondern gerade auch lebens‐ dienliche Aspekte herauszuarbeiten. Darum wollen wir zum Abschluss noch einmal die positiven Seiten des Sports auf unterschiedlichen Ebenen zusammenfassen und eine Methode und die ihr zugrunde liegenden Regeln kurz darstellen, wie auch Konflikte möglichst lebensdienlich gelöst werden können. In der sozialen Dimension der Nachhaltigkeit hat sich gezeigt: Sport kann wesentlich zur Integration von älteren Menschen, von Minderheiten und Menschen mit besonderen Bedürfnissen beitragen. So schlagen Sportveran‐ staltungen Brücken zwischen den Generationen sowie zwischen Menschen mit verschiedenen sozialen Hintergründen und Vereine bieten eine Platt‐ form, Freundschaften zu knüpfen und Isolation vorzubeugen. Hier spielen Hautfarbe, politische Einstellung, gesellschaftlicher Status, finanzielle Mög‐ lichkeiten sowie andere Eigenschaften im Idealfall keine Rolle, sondern das gemeinsame sportliche Ziel verbindet alle Beteiligten. Sport bietet also idealerweise eine Plattform für Menschen aller sozialen Hintergründe, Kulturen und Fähigkeiten, um Gemeinschaft und Zusammenhalt zu erleben, fördert also auf diese Weise Inklusion und Respekt vor Diversität. Nicht von ungefähr warb der Deutsche Fußballbund im Dezember 2024 ausdrücklich für diese Dimension im Rahmen von Liveübertragungen wichtiger Spiele. Darüber hinaus können insbesondere Mannschaftssportarten, gerade im Breitensport, die Teamfähigkeit verbessern helfen. Wer im Team mitwirkt, kann zudem besser einschätzen, ob er oder sie als Führungspersönlichkeit geeignet ist. Aufgrund der Sozialen Medien dient der Sport auch dazu, grenzübergreifend Menschen miteinander zu verbinden. Darüber hinaus sind im Sport sehr viele Menschen ehrenamtlich tätig. Auf diese Weise hilft der Sport dabei, sich als eine soziale Person zu erfahren, für die der Einsatz für die Gemeinschaft eine besondere Bedeutung hat. Es sind diese ehren‐ amtlichen Tätigkeiten, die eine mögliche Tendenz moderner Gesellschaften zur Egozentrik aufbrechen und dafür sorgen, über den eigenen Tellerrand zu schauen. <?page no="150"?> Im Bereich der Bildung befähigt der Sport zum Einüben von Disziplin, von Fokussierung auf machbare Ziele und dazu, ernsthaft an einer „Sache“ zu bleiben. Wer Sport treibt, lernt auch, mit Rückschlägen und Niederlagen fertigzuwerden, übt also „Resilienz“ ein, wie das heute gern gebrauchte Fachwort heißt. Außerdem ermöglicht der Sport, Respekt vor Mit- und Gegenspielern immer neu zu realisieren und so die grundlegenden Werte der oben genannten vier Wertekategorien zu verinnerlichen. Auch in der ökonomischen Dimension erschließt der Sport eine Fülle von Möglichkeiten. So schafft er neue Marktpotenziale, beispielsweise die Entwicklung von Sportarten und Trainingsprogrammen speziell für bestimmte Zielgruppen (z. B. Seniorengymnastik, Kindertanzen). Insbeson‐ dere schafft der Sport direkt und indirekt, z. B. durch den Sporttourismus, eine Fülle neuer Berufsmöglichkeiten und hohe Wertschöpfung. Insgesamt stieg die Bruttowertschöpfung des Sports in Deutschland zwischen 2010 und 2019 um 20,4 % und lag - wie bereits ausgeführt - im Jahr 2019 bei 70,2 Milliarden Euro und damit bei 2,2 % der gesamten bundesdeutschen Bruttowertschöpfung (vgl. Sportsatellitenkonto 2025, Ahlert et al. 2021). Auch in der ökologischen Dimension bietet der Sport weitreichende Möglichkeiten. Das beginnt damit, dass viele Menschen für kürzere Strecken aufs Fahrrad umsteigen und damit nicht nur sportlich aktiv sind, sondern auch die Umwelt schonen. Viele Sportarten, insbesondere im Breitensport, benötigen wenige Ressourcen und sind damit umweltfreundlich. Durch den oftmals gegebenen Naturbezug wird die Sensibilität für Mit- und Umwelt geschärft. Darüber hinaus fördern viele Sportarten die physische und psychische Gesundheit. Wer regelmäßig Sport in einer angemessenen Weise betreibt, verbessert die eigene Fitness und reduziert das Risiko für eine Fülle von Krankheiten wie Diabetes oder Herz- und Kreislauferkrankungen. Zudem wird das Immunsystem gestärkt, Stress abgebaut und das eigene Selbstwert‐ gefühl erhöht. Damit der Sport dies leisten kann, sollten die mit dem Sport verbundenen Konflikte in einer positiven Weise aufgelöst werden. Dies kann im Rahmen einer holistischen Sportethik gelingen, wenn man neben der Handlungs‐ ebene die Regelebene berücksichtigt und die angemessenen öffentlichen Diskurse führt. Auf dieser Ebene lassen sich, wenn man im Diskurs von der Menschenwürde, den damit verbundenen Menschenrechten und der Bedeutung der Nachhaltigkeit ausgeht, exemplarisch folgende Regeln auf‐ stellen (vgl. Knoepffler 2007, 264 ff.; Albrecht et al. 2023, 226 ff.). 150 8 Lebensdienlicher Sport - ein Ausblick <?page no="151"?> 1. Individualverträglichkeitsregel Sport soll jedem Einzelnen physisch und psychisch dienen und es sollte alles unterlassen werden, was dem Individuum mehr Schaden als Nutzen bringt. Dies bedeutet keine Absolutsetzung von Vorsichtsmaßnahmen, da die Freiheit dem Einzelnen auch erlaubt, Sportarten wie Boxen zu betreiben, solange hinreichende gesundheitliche Vorsichtsmaßnahmen getroffen sind. Insgesamt hat der Sport primär dem persönlichen Wachs‐ tum und nicht nur dem Erreichen von externen Erfolgen zu dienen. 2. Sozialverträglichkeitsregel Sport soll die Gemeinschaft unter uns Menschen stärken. Auch sollen alle Menschen befähigt werden, im Rahmen ihrer Möglichkeiten ihre sportlichen Talente zu entwickeln. Dabei sind diejenigen Menschen, die am verletzlichsten und am leichtesten auszubeuten sind, vielfältig in sportliche Aktivitäten einzubinden und in besonderer Weise vor Missbrauch zu schützen. Auf internationaler Ebene soll Sport völkerver‐ bindend wirken und so den Frieden fördern. 3. Regenerationsregel Sport sollte ökologisch nachhaltig sein. Sportorganisationen sollten die Nutzung nicht erneuerbarer natürlicher Ressourcen minimieren und darauf achten, dass die von ihnen genutzten Ressourcen nachhaltig und verantwortungsbewusst verwaltet werden. Dies könnte z. B. die Ver‐ wendung von recycelten oder erneuerbaren Materialien in Sportgeräten und -kleidung einschließen. Herkömmliche Materialien und Energie‐ quellen sind durch umweltfreundlichere Alternativen zu ersetzen. Zum Beispiel könnten Betreiber von Sportanlagen dazu ermutigt werden, erneuerbare Energien zu nutzen. Fans sollten Anreize bekommen, auf umweltfreundliche Transportmittel umzusteigen. 4. Reversibilitätsregel Eingriffe, welche in die Natur vorgenommen werden, sollten möglichst so gestaltet werden, dass künftige Generationen die Möglichkeit haben, diese Eingriffe zumindest im Grundsätzlichen wieder umzukehren. Dies ist gerade beim Skisport von großer Bedeutung, bei dem massiv in die bisherigen Landschaften eingegriffen wird. Überhaupt sollten Sportveranstaltungen und -anlagen so gestaltet werden, dass sie mi‐ nimale langfristige Auswirkungen auf die Umwelt haben, z. B. dass Technologien und Materialien für den Bau von Sportstätten verwendet werden, die den Rückbau einfach und kostengünstig werden lassen, und dass die hierfür notwendigen Mittel bereits beim Bau eingeplant werden. 8 Lebensdienlicher Sport - ein Ausblick 151 <?page no="152"?> 5. Tierschutzregel Sportarten, bei denen Tiere involviert sind, müssen angemessene Tier‐ schutzstandards einhalten. Tiere sind respektvoll zu behandeln. Unnö‐ tiges Leiden oder Schädigungen sind zu vermeiden. 6. Substanzerhaltungsregel Sportorganisationen und -vereine sind dazu anzuhalten, ökonomisch nachhaltig zu handeln. So ist sicherzustellen, dass ihre Aktivitäten gewährleisten, langfristig zu existieren und sich nicht zu überschulden. Hier sollten die entsprechenden Regel- und Kontrollstrukturen weiter verbessert werden. 7. Gesamtkostenregel Negative externe Effekte, also schädliche Auswirkungen, die von Ein‐ zelnen oder Sportorganisationen verursacht werden, ohne dass diese dafür in vollem Umfang haften, sollen künftig internalisiert werden. Das bedeutet, dass der Verursacher für die verursachten Schäden finanziell aufkommen muss und somit die gesamten Kosten seines Handelns trägt. Im Kontext von Vereinen bedeutet dies beispielsweise, dass sie im Falle von umweltschädlichen Emissionen eine auszuhandelnde Emissionsab‐ gabe entrichten. Ebenso sollten sie verpflichtet werden, sich an den Kosten für Sicherheitsmaßnahmen, etwa durch die Polizei bei Großver‐ anstaltungen, finanziell zu beteiligen. Diese Mechanismen stellen sicher, dass die verursachten Kosten nicht auf die Allgemeinheit abgewälzt werden, sondern von denjenigen getragen werden, die sie verursachen. Die dargestellten Regeln bilden einen Ausgangspunkt für die Debatte um die Gestaltung eines lebensdienlichen Sports. Hierbei gibt es vielfältige Aus‐ gangspositionen und Interessen. Zur Realisierung eines lebensdienlichen Sports ist es wesentlich, die beteiligten Akteure in einen Dialog zu bringen. Hierbei lassen sich im Sinne einer konstruktiven Konfliktlösungsstrategie folgende Elemente benennen: 1. Identifikation der Interessen aller Betroffenen Zunächst gilt es, die Interessen aller beteiligten Parteien genau zu verstehen. Sportlerinnen und Sportler, Vereine, Sponsoren, Fans, Medien und andere Akteure haben unterschiedliche, aber oft auch überlappende Interessen. Beispielsweise sind die ökonomischen Interessen von Spon‐ soren und Medien (z. B. hohe Reichweite und Markenpräsenz) mit den sportlichen Werten (z. B. Fairness und Integrität) in Einklang zu bringen, indem nach Wegen gesucht wird, diese Ziele gemeinsam zu erreichen. 152 8 Lebensdienlicher Sport - ein Ausblick <?page no="153"?> 2. Schaffung von Mehrwert durch kreative Lösungsangebote Um die unterschiedlichen Interessen zu verbinden, sollten kreative Lösungen angestrebt werden, die einen Mehrwert schaffen. Bildlich gesprochen geht es darum, den zu verteilenden Kuchen so groß wie möglich zu machen. So könnten Sponsoringverträge so gestaltet wer‐ den, dass sie die Förderung von Jugend- und Breitensport unterstützen, während gleichzeitig die Markenbekanntheit gesteigert wird. Auf diese Weise lassen sich wirtschaftliche Interessen mit sportlichen Werten verbinden. 3. Transparenz Transparente Richtlinien, die klarmachen, wie finanzielle Mittel genutzt werden, um sowohl sportliche Ziele als auch ökonomische Gewinne zu erreichen, können dazu beitragen, dass alle Akteure an einem Strang zie‐ hen. Bereits heute gibt es dafür viele Beispiele wie die Agenda 2020 des IOC. Das Internationale Olympische Komitee hat eine Reformagenda eingeführt, die Transparenz, Nachhaltigkeit und die Einbindung aller Betroffenen in den Vordergrund stellt. Diese Initiative zielt darauf ab, das Vertrauen in die Olympische Bewegung zu stärken und sicherzustellen, dass wirtschaftliche Entscheidungen mit den olympischen Werten in Einklang stehen. 4. Langfristige Partnerschaften Darüber hinaus sind langfristige Partnerschaften anzustreben. Dies führt zu stabileren Beziehungen zwischen Sponsoren und Sportorgani‐ sationen, die beispielsweise beinhalten, dass Sponsoren in die nachhal‐ tige Entwicklung der Sportinfrastruktur investieren, was sowohl der ökonomischen als auch der sportlichen Wertsteigerung dient. So hat die National Basketball Association (NBA) eine langfristige Partnerschaft mit gemeinnützigen Organisationen und lokalen Gemeinschaften auf‐ gebaut. Die Initiative verbindet das wirtschaftliche Interesse der Liga (Markenaufbau und soziale Verantwortung) mit der Förderung von Gemeinwohl und Jugendentwicklung im Sport. 5. Anpassung der Ziele bei Berücksichtigung der Betroffenen Eine regelmäßige Überprüfung der Sponsoring- und Marketingstrate‐ gien ist vorzunehmen, um sicherzustellen, dass sie den sportlichen Werten gerecht werden und gleichzeitig wirtschaftlich erfolgreich und ökologisch vertretbar sind. So hat sich beispielsweise die FIFA verpflich‐ tet, nachhaltige Praktiken bei der Organisation von Weltmeisterschaften umzusetzen. Die damit verbundenen Initiativen werden regelmäßig 8 Lebensdienlicher Sport - ein Ausblick 153 <?page no="154"?> überprüft und weiterentwickelt, um sicherzustellen, dass die Turniere sowohl ökonomisch erfolgreich als auch sozial und ökologisch verant‐ wortungsvoll sind. Diese Regeln und Kriterien können nur eine erste Idee liefern, wie der Sport lebensdienlich sein kann. Dass er dieses großartige Potenzial hat, haben wir bereits angedeutet. Konflikte lassen sich realistisch lösen, wenn das Ziel darin besteht, gemeinsam an einer Lösung zu arbeiten, die für alle Beteiligten Vorteile bringt. Wie gesagt, Sport geht in seiner ganzen Vielfalt weit über eine bloße körperliche Aktivität hinaus. Sport kann physisches und psychisches Wohl‐ befinden fördern, sozialen Zusammenhalt stärken, Bildungsfortschritte rea‐ lisieren und ökonomische und ökologische Beiträge leisten. Ein lebensdien‐ licher Sport dient nicht nur der individuellen Leistungssteigerung, sondern wird zu einer Kraft für sozialen Zusammenhalt, ökologisches Bewusstsein und ganzheitliches Wohlbefinden. Indem er Achtsamkeit und Solidarität integriert, wird Sport zu einem Weg, der Leben bereichert und fördert, sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft. Wir wollen dieses Buch in Abwandlung eines berühmten Spruchs von Franz Beckenbauer mit den Worten beenden: „Geht’s raus, habt’s Spaß und treibt’s Sport! “ 154 8 Lebensdienlicher Sport - ein Ausblick <?page no="155"?> Zitierte Literatur Im Folgenden ist nur die im Text angegebene und direkt verwendete Literatur aufgeführt. Jede weitere Auswahl kann bei der internationalen Fülle der Literatur zu den hier gestellten Fragen nur unbefriedigend sein oder würde selbst den Umfang eines Buchs sprengen. 24Genetics (2025): DNA-Test Sportgenetik. In: https: / / 24genetics.de/ sports-dna-tes t/ ? gad_source=1&gclid=CjwKCAiA9bq6BhAKEiwAH6bqoINsMqPUnwohbZVR LVpYopq82Cro2Bs63lqXqzQqKf75WeJuyhAneBoCUWsQAvD_BwE, zuletzt ein‐ gesehen am 02.02.2025. Aachen (2024): Sport im Park in Aachen 2024. In: https: / / www.sportinaachen.de/ sp ortimpark, zuletzt eingesehen am 02.02.2025. Ahlert, G. et al. (2021): Die ökonomische Bedeutung des Sports in Deutschland - Sportsatellitenkonto (SSK) 2018. 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Cortisol-128 Diskriminierung-17, 58, 79, 83 von Frauen-19 Diskursebene-17, 68, 100, 111, 133 dominante Strategie-65, 71, 105, 109 Doping 35, 59, 86, 104, 122, 134, 136, 143, 147 Dopingmittel-61, 72, 75 Emissionsabgabe-152 Entscheidungsmodell-76 Equal Pay-79, 82f., 114 Erfolgsorientierung-70 E-Sport-145 Essstörungen-134 Ethos-25, 122 eudaimonistische Ethik-29 Fairness-20, 24, 32, 35f., 41-45, 47, 52, 58, 71, 81f., 147, 152 Fairplay-24, 30, 42 Fans-23, 56, 83, 95f., 117, 151 Förderung-24, 35, 48, 55, 57, 67, 89, 101, 124, 130 Frankl, Viktor-15 Fußballweltmeisterschaft-11, 14, 23, 31, 44f., 86f., 94, 98, 102, 104, 108, 110f., 116 Gefahren-65, 130, 135, 137 Gemeinschaft-24, 55, 88, 90, 128, 149, 153 Gemeinschaftsgeist-32f. Gendoping-147 Gerechtigkeit-30, 41, 84, 114 Gesundheit-23f., 30, 33, 35, 63-66, 69, 71, 75, 77, 99f., 122ff., 126f., 130, 132, 134ff., 142ff. gesundheitliche Dimension des Sports-35, 123 Gesundheitsförderung-36, 124, 126 physische-125, 137, 140f., 150 psychische 124f., 128ff., 138-141, 150 Gesundheitsgefährdung-66, 133, 136 Gesundheitsorientierung-69f. Good Governance-108 <?page no="166"?> Handlungsebene-38, 68, 73, 78, 81, 85, 98, 107, 133, 142, 150 Hobbes, Thomas-15, 30 Hochleistungssport-42, 50, 64, 84, 90, 116, 134, 146 Inklusion-56, 126, 149 Innovation-67, 93 Innovationstreiber-93 Integration-55, 57, 149 Inter- und Transsexualität-58, 81, 87 Investoren-95 Islam-15 Kant, Immanuel-28 Kauf von Vereinen-96 Kommerzialisierung-37, 94 Kommunikationswerte-47, 50 Kooperationswerte-47, 49 Korruption-94, 102, 107, 111 lebensdienlich-94, 152 Lebensgrundlage-89 Leistung-45, 62, 68, 77, 138, 142, 144 Leistungsorientierung-70, 142 Leistungsprinzip-45 Leistungswerte-47, 49 Machiavelli, Niccolò-15 Mannschaftssport 31, 47, 49, 55, 143, 149 Medien 38, 49, 68f., 73ff., 85, 87, 100, 110, 142, 149 Menschenrechte-40, 47, 56, 86, 150 Menschenwürde-40, 47, 85, 150 Mindful Leadership-106 Missbrauch-76, 78 Moral-25 moralistischer Fehlschluss-39 Multi Club Ownership-97 nachhaltig-37, 54, 89, 92, 113, 116f., 124, 144, 149ff., 153 nachhaltiges Handeln-114 Nation Branding-59, 86 Nonkognitivismus-27 normativistischer Fehlschluss-39 Öffentlichkeit 39, 49, 51, 78, 83, 110, 133 Olympische Spiele 15, 19, 38, 46, 49, 59f., 62, 73, 79ff., 84ff., 88, 90, 94, 98f., 101f., 108, 113, 116, 136, 147 ordnungsethisch-holistischer Ansatz-36 Oxytocin-128 pädagogischer Ansatz-31, 67 Paralympics-56, 84 Pawlenka, Claudia-29, 34 perfektionistischer Ansatz-32 Personenfolgeneinschätzung-105f. Platon-14, 19, 30ff., 43 Pluralität-30 Prävention-35, 126, 129, 131f., 135, 137 Profisportler-20, 132 Rawls, John-30 Recht-25 Regelebene-38, 68, 73, 81, 99, 108, 117, 133, 150 Regelfindungsdiskurs-38, 73 Regeln-24, 33, 38, 59, 68, 78, 99, 102, 110f., 144, 152 Regelsetzungsprozess-71 Regeltreue-26, 42, 52, 135 Regelutilitarismus-29, 34 respektvoller Sportsgeist-42 166 Register <?page no="167"?> Ressourcenverteilung-100, 102 Retinität-37, 40 Risiken-32, 66, 105, 109, 123, 132, 135 Rousseau, Jean-Jacques-15 Sagy, Shifrah-15 Salutogenese-35 Sandel, Michael-34 Savulescu, Julian-16, 32, 62, 67 Schiedsrichterbestechung-103, 107 Schiller, Friedrich-21 Schmerzmittel-134 Sensibilisierung-115, 121 Serotonin-128 Solidarität-24, 33, 154 soziale Dimension des Sports-55 Spieler-26, 42, 48, 50, 55, 79, 82, 90, 95, 100f., 113, 133, 142, 145 Sponsoren-36, 69, 97, 101, 121, 138, 144, 152 sportethische Ansätze-16, 19 Sportswashing-59, 86f. Sportveranstaltungen 56, 86, 91, 98, 100, 117, 149, 151 Stoiker-15 Stress-141, 150 chronischer-139 Stressoren-137-140 Substanzmissbrauch 38, 62ff., 66, 68, 72, 122, 134ff. Tiere-113, 115, 121f., 129, 152 Tierschutz-115, 122, 152 Transhumanismus-33 Übertraining-134f., 143f. Umwelt-37, 47, 53, 89, 113, 117, 150 Umweltmissachtung-116, 118 Ungleichheit-100 Utilitarismus-29, 34f. Verantwortung-25, 29, 38, 60, 71, 117, 122, 133, 137, 153 Vereine-30, 57, 78, 83, 85, 95f., 100, 113, 126, 145, 149, 152 Vergabeverfahren-108 Verletzungen-130 Vertragstheorien-29 Vorbildfunktion-113 Weber, Max-27f. Welt-Anti-Doping-Agentur (WADA)-24, 33, 38f., 52, 62ff., 67f., 72 Werte 20, 24, 32, 40, 45, 52, 57, 68, 86, 99, 127, 150 Wertekategorien-47, 150 Wertorientierung-106 Wettbewerb-20, 57, 66, 73, 80, 97, 134, 138, 143 Wirtschaft-89, 91, 103, 114 Wirtschaftsfaktor-91 Wissenschaftstheorie-12 Wittgenstein, Ludwig-21 Register 167 <?page no="168"?> Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Struktur des Buchs (eigene Darstellung) . . . . . . . . . . . 17 Abbildung 2: Ethik, Moral, Ethos, Recht und Compliance (eigene Darstellung) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 Abbildung 3: Ethische Ansätze (eigene Darstellung) . . . . . . . . . . . . 30 Abbildung 4: Nachhaltige Retinität (eigene Darstellung) . . . . . . . . . 37 Abbildung 5: Ordnungsethische Grundlagen (eigene Darstellung nach Pies 2022, 241) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 Abbildung 6: Die drei „R“ der Fairness (eigene Darstellung) . . . . . . 43 Abbildung 7: Werteviereck im Sport, wobei manche Werte einer bestimmten Kategorie zugeordnet sind, auch wenn sie in mehrere passen würden, z.-B. Vertragstreue (eigene Darstellung) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54 Abbildung 8: Leistungs-/ Erfolgsorientierung versus Gesundheitsorientierung (eigene Darstellung nach Albrecht 2008, 203) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 Abbildung 9: Entscheidungsmodell (eigene Darstellung nach Albrecht 2008, 227) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76 Abbildung 10: Umsatz der Branche: Erbringung von Dienstleistungen des Sports in Deutschland. Die Angaben für die Jahre mit * sind Prognosen. (eigene Darstellung; Daten: Statista 2025) . . . . . . . . . . . . . . . . 92 Abbildung 11: Personenfolgeneinschätzung (eigene Darstellung) . . 107 Abbildung 12: Vergabeverfahren der FIFA (eigene Darstellung) . . . . 108 <?page no="169"?> Tabellenverzeichnis Tabelle 1: Übersicht zur Vielfalt der Sportarten (eigene Darstellung erstellt mit Hilfe von KI) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22 Tabelle 2: Das Doping-Nash-Gleichgewicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 Tabelle 3: Die Anreizstruktur (eigene Darstellung) . . . . . . . . . . . . . 69 Tabelle 4: Nichtdopen als dominante Strategie . . . . . . . . . . . . . . . . . 73 Tabelle 5: Das Nachfrageproblem im Blick auf das Zuschauerverhalten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74 Tabelle 6: Das Korruptions-Nash-Gleichgewicht . . . . . . . . . . . . . . . 105 Tabelle 7: Nichtkorrumpieren als dominante Strategie . . . . . . . . . . 109 Tabelle 8: Leas Kalkulation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119 Tabelle 9: Unfallprävention (eigene Darstellung nach Stiftung Sicherheit im Sport 2025) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 131 Tabelle 10: Stressoren im Sport (eigene Darstellung nach IOC 2021, 33) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138 <?page no="170"?> ISBN 978-3-8252-6298-3 Reyk Albrecht Nikolaus Knoepffler Sportethik Grundsätze, Werte, Lösungen Manipulation von Ausrüstung, Doping, taktische Fouls - im Sport werden häufig Grenzen überschritten, um Erfolge zu erzielen. Doch was macht guten Sport aus? Soll der Bessere gewinnen oder der, der am geschicktesten betrügt? Reyk Albrecht und Nikolaus Knoepffler befassen sich in diesem Buch mit grundlegenden Fragen der Sportethik. Sie diskutieren nicht nur ethische Konflikte, sondern heben auch die lebensdienliche Seite des Sports hervor. Zudem erläutern sie, wie konkrete Maßnahmen und Regeln helfen können, ethische Herausforderungen im Sportbetrieb konstruktiv zu bewältigen. Das Buch bietet praxisorientierte Lösungsansätze und ist eine wertvolle Orientierungshilfe für alle, die Sport studieren, lehren, praktizieren, mitgestalten und begleiten. Sportwissenschaft | Philosophie Sozialwissenschaften Sportethik Albrecht | Knoepffler Dies ist ein utb-Band aus dem UVK Verlag. utb ist eine Kooperation von Verlagen mit einem gemeinsamen Ziel: Lehr- und Lernmedien für das erfolgreiche Studium zu veröffentlichen. utb.de QR-Code für mehr Infos und Bewertungen zu diesem Titel 6298-3_Albrecht_Knoepffler_M_6298_PRINT.indd Alle Seiten 6298-3_Albrecht_Knoepffler_M_6298_PRINT.indd Alle Seiten 03.07.25 11: 26 03.07.25 11: 26