Markt- und Staatsversagen
Volkswirtschaftslehre einfach erklärt mit eLearning-Kurs
0217
2025
978-3-8385-6384-8
978-3-8252-6384-3
UTB
Thieß Petersen
10.36198/9783838563848
VWL praxisnah und hochaktuell
Was tun, wenn der Markt versagt? Genau dann sind staatliche Eingriffe notwendig, aber auch der Staat selbst kann versagen. Thieß Petersen zeigt Formen des Markt- und Staatsversagens auf. Zudem zieht er wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen, die helfen können, die Wohlfahrt einer Volkswirtschaft zu steigern.
Aktuelle Themen lässt er nicht außer Acht, etwa den Klimawandel und die Schuldenbremse. Auch auf die Rolle der Industriepolitik geht der Autor ein.
Das Buch ist für Studierende der Wirtschaftswissenschaften und Politikwissenschaft eine spannende und zugleich aufschlussreiche Lektüre. Es ist zudem für angrenzende Studiengänge geeignet.
9783838563848/9783838563848.pdf
<?page no="0"?> Thieß Petersen Markt- und Staatsversagen <?page no="1"?> utb 6384 Eine Arbeitsgemeinschaft der Verlage Brill | Schöningh - Fink · Paderborn Brill | Vandenhoeck & Ruprecht · Göttingen - Böhlau · Wien · Köln Verlag Barbara Budrich · Opladen · Toronto facultas · Wien Haupt Verlag · Bern Verlag Julius Klinkhardt · Bad Heilbrunn Mohr Siebeck · Tübingen Narr Francke Attempto Verlag - expert verlag · Tübingen Psychiatrie Verlag · Köln Ernst Reinhardt Verlag · München transcript Verlag · Bielefeld Verlag Eugen Ulmer · Stuttgart UVK Verlag · München Waxmann · Münster · New York wbv Publikation · Bielefeld Wochenschau Verlag · Frankfurt am Main <?page no="2"?> Dr. Thieß Petersen arbeitet bei der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh und lehrt an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). <?page no="3"?> Thieß Petersen Markt- und Staatsversagen Volkswirtschaftslehre einfach erklärt mit eLearning-Kurs UVK Verlag · München <?page no="4"?> DOI: https: / / doi.org/ 10.36198/ 9783838563848 © UVK Verlag 2025 ‒ Ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikro‐ verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Heraus‐ geber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Einbandgestaltung: siegel konzeption | gestaltung Druck: Elanders Waiblingen GmbH utb-Nr. 6384 ISBN 978-3-8252-6384-3 (Print) ISBN 978-3-8385-6384-8 (ePDF) ISBN 978-3-8463-6384-3 (ePub) Umschlagabbildung: © Pham Hung ∙ iStock Autorenbild: © privat Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. <?page no="5"?> 7 1 9 1.1 10 1.2 15 2 27 2.1 28 2.2 37 2.3 47 2.4 51 2.5 55 2.6 61 2.7 68 2.8 74 2.9 76 2.10 78 3 81 3.1 81 3.2 90 3.3 97 3.4 100 3.5 103 4 107 4.1 107 4.2 112 5 117 Inhalt Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Idealtypisches Wirtschaftsmodell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Voraussetzungen des idealtypischen Wirtschaftsmodells . Wohlfahrtsmaximierende Gütermenge . . . . . . . . . . . . . . . . . Marktversagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Öffentliche Güter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Externe Effekte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tragödie der Allmende . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Natürliches Monopol . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Unvollständige Informationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Distributives Marktversagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Konjunkturelles Marktversagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wettbewerbsverzerrungen im Ausland . . . . . . . . . . . . . . . . . Verlust der moral-ethischen Basis der Marktwirtschaft . . . Meritorische und demeritorische Güter . . . . . . . . . . . . . . . . Staatsversagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Informationsmängel und Werturteile . . . . . . . . . . . . . . . . . . Politische Ökonomie der Demokratie . . . . . . . . . . . . . . . . . . Politische Ökonomie der Bürokratie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Rent-Seeking . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wohlfahrtsverluste der Steuererhebung . . . . . . . . . . . . . . . . Zukünftige Entwicklungen des Marktversagens . . . . . . . . . . . . . . Generelle Thesen zum Marktversagen . . . . . . . . . . . . . . . . . Renaissance der Industriepolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . <?page no="6"?> 121 125 128 129 Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tabellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 Inhalt <?page no="7"?> Vorwort Im idealtypischen ökonomischen Standardmodell ist die Rolle des Staates in der Wirtschaft weitgehend auf ordnungspolitische Maßnahmen beschränkt - der Staat setzt einen rechtlichen Rahmen, hält sich ansonsten aber aus dem Wirtschaftsgeschehen heraus. In der Realität sind die Annahmen dieses Modells jedoch nicht erfüllt. Die Folge ist ein Versagen des Markts, welches sich in einer Wohlfahrtseinbuße äußert. Das erfordert eine staatliche Inter‐ vention. Allerdings ist damit nicht garantiert, dass diese Intervention die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt maximiert, denn auch der Staat kann - rein ökonomisch betrachtet - versagen. Im → 1. Kapitel werden die erforderlichen theoretischen Grundlagen für die nachfolgenden Erläuterungen gelegt. Es wird gezeigt, dass ein funktionierender Markt die Wohlfahrt einer Volkswirtschaft unter den gegeben Produktionsrestriktionen maximiert. Gleichzeitig aber wird auch deutlich, dass die Voraussetzungen dafür sehr anspruchsvoll sind. Nur wenn zahlreiche Prinzipien erfüllt sind, gelingt es dem Markt, die Wohlfahrt der Gesellschaft tatsächlich zu maximieren. Schwerpunkt des Buches ist das → 2. Kapitel. Hier werden 10 Arten von Marktversagen beschrieben. Neben den klassischen Beispielen (öffentliche Güter, externe Effekte, die Tragödie der Allmende, natürliche Monopole und unvollständige Informationen) geht es auch um makroökonomische Aspekte (distributives und konjunkturelles Marktversagen) sowie um Wett‐ bewerbsverzerrungen im Ausland, den Verlust der moral-ethischen Basis einer Marktwirtschaft und um meritorische bzw. demeritorische Güter. Erläutert werden die Ursachen und Folgen des jeweiligen Marktversagens sowie wirtschaftspolitische Handlungsoptionen zum Umgang mit ihm. Das → 3. Kapitel widmet sich dem Umstand, dass eine staatliche Intervention in der wirtschaftswissenschaftlichen Theorie jede Form des Marktversagens heilen kann, dies aber in der praktischen Wirtschaftspolitik keinesfalls garantiert ist. Auch auf Seiten der staatlichen Akteure gibt es Informationsdefizite. Zudem ist zu erwarten, dass die für die Wirtschafts‐ politik verantwortlichen Menschen - allen voran politische Entscheider und die in der Bürokratie tätigen Personen - nicht die Maximierung der gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrt als oberstes Ziel verfolgen, sondern eigene Interessen. Schließlich ist zu berücksichtigen, dass die Finanzierung <?page no="8"?> staatlicher Aktivitäten durch Steuern ebenfalls zu Wohlfahrtsverlusten führt. Im → 4. Kapitel werden einige Thesen zur zukünftigen Entwicklung der skizzierten Formen des Marktversagens präsentiert. Kernhypothese ist, dass die für einen funktionsfähigen Markt erforderlichen Voraussetzungen immer häufiger nicht erfüllt sein werden und dass die Wohlfahrtsverluste der daraus resultierenden Marktversagen größer werden. Folglich ist mit einer Zunahme staatlicher Eingriffe in das Wirtschaftsleben zu rechnen. Das abschließende → 5. Kapitel zieht einige wirtschaftspolitische Schlussfol‐ gerungen aus diesen Thesen. 8 Vorwort <?page no="9"?> 1 Idealtypisches Wirtschaftsmodell Die Volkswirtschaftslehre beschäftigt sich mit der grundlegenden Frage, wie eine Gesellschaft damit umgeht, dass Menschen über unbegrenzte Bedürfnisse verfügen, für deren Befriedigung es jedoch nur eine begrenzte Menge von Gütern gibt. Die Tatsache, dass die Mittel zur Befriedigung menschlicher Bedürfnisse knapp sind, macht es erforderlich, mit der Knappheit so umzugehen, dass das Spannungsverhältnis zwischen unbe‐ grenzten Bedürfnissen und begrenzten Mitteln zu deren Befriedigung so weit wie möglich reduziert wird. Das Ziel stellt eine Gesellschaft vor zahlreiche Fragen: Welche Produkte sollen hergestellt werden? Wer stellt diese Produkte wie her? Und für wen werden die Produkte hergestellt, d. h. wie werden die knappen Güter unter den Mitgliedern der Gesellschaft verteilt? Die Beantwortung dieser Fragen kann entweder zentral über Pläne und Zuweisungen erfolgen oder dezentral über Märkte und Preise. Sowohl theoretische Überlegungen als auch praktische Erfahrungen sprechen dafür, dass Märkte und Preise diese Fragen besser beantworten können als zentrale Pläne. Das setzt jedoch eine Reihe von Annahmen voraus, die erfüllt sein müssen, damit das erzielte Marktgleichgewicht auch die gesamtgesellschaft‐ liche Wohlfahrt maximiert. Wissen | Der Markt ist der Ort, an dem das Angebot eines bestimmten Gegenstands auf die dazugehörende Nachfrage trifft. Bei dem angebo‐ tenen und nachgefragten Gegenstand kann es sich um ein Konsumgut handeln, einen Vermögensgegenstand (z. B. eine Aktie oder Gold), einen Produktionsfaktor, Rohstoffe, Devisen (also ausländische Währungsein‐ heiten) und andere Dinge. Der Preis, bei dem die angebotene mit der nachgefragten Menge übereinstimmt, ist der Gleichgewichtspreis. Der daraus resultierende Zustand ist ein Marktgleichgewicht. <?page no="10"?> 1.1 Voraussetzungen des idealtypischen Wirtschaftsmodells Volkswirtschaftliche Modelle arbeiten mit drei zentralen Arten von Wirt‐ schaftsakteuren. ■ Die Unternehmen sind für das gesamtwirtschaftliche Güterangebot zuständig. Sie setzen Arbeitskräfte, Maschinen und andere Produktions‐ faktoren ein, um mit ihnen Güter herzustellen, die sie auf Märkten verkaufen. Ziel der Unternehmen ist die Maximierung ihres Gewinns. ■ Die privaten Haushalte bieten ihre Arbeitskraft an, um so ein Einkom‐ men zu erzielen, das sie für den Kauf von Konsumgütern benötigen. Die privaten Haushalte sind daher zentraler Akteur der gesamtwirtschaftli‐ chen Güternachfrage. Ihr Ziel ist es, den eigenen Nutzen zu maximieren. ■ Die Unternehmen und die privaten Haushalte bilden den Privatsektor einer Volkswirtschaft. Ihnen steht der Staat gegenüber. Zum Staat gehören in Deutschland vor allem die drei Gebietskörperschaften - also der Bund, die 16 Bundesländer und die Kommunen bzw. Gemeinden - und die Sozialversicherungen. Zum Staat gehört zudem die Zentralbank, die für die Einhaltung der gesamtwirtschaftlichen Preisniveaustabilität zuständig ist. Die ökonomischen Standardmodelle gehen davon aus, dass es das Ziel des Staates ist, die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt zu maximieren. Letzteres bedeutet im Kern, dass es der Volkswirtschaft gelingt, die innerhalb eines Jahres zur Verfügung stehenden Produkti‐ onskapazitäten so zu nutzen, dass die Bedürfnisse der Gesamtheit aller Mitglieder der Gesellschaft bestmöglich befriedigt werden. Wissen | In den Wirtschaftswissenschaften sind Güter Mittel zur Bedürfnisbefriedigung. Dabei kann es sich um physische bzw. materielle Güter handeln (das sind Waren) oder um nichtmaterielle Güter, also Dienstleistungen. Im idealtypischen theoretischen Wirtschaftsmodell erreicht der Privatsektor das wohlfahrtsmaximierende Marktgleichgewicht. Benötigt werden dafür Märkte und Preise, die dafür sorgen, dass das gesamtwirtschaftliche Angebot der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage entspricht. Die Realisierung dieses wohlfahrtsmaximierenden Gleichgewichts verlangt jedoch, dass eine Viel‐ zahl von Annahmen erfüllt sind. Zu den wichtigsten gehören die folgenden: 10 1 Idealtypisches Wirtschaftsmodell <?page no="11"?> ■ Haftungsprinzip: Die Eigentumsrechte an wirtschaftlichen Gütern sind eindeutig definiert. Das bedeutet vor allem, dass jeder Wirtschafts‐ akteur alle Kosten seines Handelns trägt, alle Vorteile seiner Entschei‐ dungen erhält und so gesehen alle Konsequenzen seines Handelns trägt. Verständnis | In der Volkswirtschaftslehre umfassen Eigentums‐ rechte eine Reihe von Rechten: das Recht, einen Gegenstand zu nutzen, die Form und das Aussehen dieses Gegenstands zu verändern, Erträge aus der Nutzung des Gegenstands zu ziehen und diesen Gegenstand an andere Personen zu übertragen, also vor allem gegen die Zahlung eines Preises zu verkaufen. So regeln Eigentumsrechte innerhalb einer Gesellschaft den Gebrauch von Gegenständen. Die Durchsetzung von Eigentumsrechten ist in der Realität mit Kosten verbunden. Wer eine landwirtschaftliche Fläche für sich nutzen will, muss andere Personen von der Nutzung ausschließen, z. B. durch den Bau eines Zauns. Der Verkauf dieser Fläche an eine andere Person verlangt in Deutschland eine notarielle Beglaubigung, die mit Kosten verbunden ist. In den volkswirtschaftlichen Standardmodellen wird jedoch angenommen, dass derartige Kosten nicht anfallen, was die ökonomischen Analysen vereinfacht. ■ Ausschlussprinzip: Wirtschaftsakteure können von der Nutzung wirt‐ schaftlicher Güter ausgeschlossen werden, wenn sie nicht bereit sind, einen Preis dafür zu zahlen. ■ Vollständige Informationen: Alle Wirtschaftsakteure verfügen über alle relevanten Informationen, vor allem über das Güterangebot, die Qualität der angebotenen Güter, die Höhe der Preise und die verfügbaren Anbieter. Es gibt daher niemanden, der mehr Informationen als die übrigen Marktteilnehmer hat und dieses Wissen ausnutzen könnte. ■ Rationalität bzw. Nutzenmaximierung: Alle Wirtschaftsakteure verhalten sich rational in dem Sinne, dass sie unter den gegebenen ökonomischen Restriktionen jeweils die Entscheidung treffen, die ih‐ ren individuellen Nutzen maximiert. Die Nutzenvorstellungen bzw. Präferenzen sind dabei von Person zu Person verschieden, aber das grundlegende Ziel der Nutzenmaximierung wird von allen verfolgt. ■ Vielzahl von Anbietern und Nachfragern ohne Marktmacht: Es gibt eine große Zahl von Anbietern und Nachfragern, sodass kein 1.1 Voraussetzungen des idealtypischen Wirtschaftsmodells 11 <?page no="12"?> Wirtschaftsakteur über eine Marktmacht verfügt, die er zu seinen Gunsten ausnutzen kann. Das heißt u. a., dass kein Marktteilnehmer den Marktpreis durch sein Verhalten selbständig ändern kann - alle Preise sind für alle Marktteilnehmer eine gegebene Größe. Die Wirtschaftsak‐ teure verhalten sich daher als Preisnehmer und Mengenanpasser - sie passen die für sie optimale nachgefragte oder angebotene Menge an den herrschenden Marktpreis an. Die große Zahl von Anbietern ist erforderlich, damit es unter den Unternehmen zu einem Wettbewerb kommt. ■ Marktoffenheit: Der Markteintritt ist ebenso frei wie der Marktaus‐ tritt. Jeder, der als Anbieter auf dem Markt für ein bestimmtes Produkt tätig werden will, kann dies machen. ■ Vollkommene Preisflexibilität: Die Preise für Güter, Vorleistungen, Rohstoffe und Produktionsfaktoren sind nach oben und unten vollkom‐ men flexibel. Wenn beispielsweise das gesamtwirtschaftliche Güteran‐ gebot größer ist als die entsprechende Nachfrage, bedeutet das einen Angebotsüberschuss, der zu einem Preisrückgang führt. Aufgabe des Staates ist es in diesem Kontext, den rechtlichen Rahmen so zu gestalten, dass diese Prinzipien zur Geltung kommen. Der Staat stellt also Regeln auf, die dafür sorgen, dass wettbewerblich organisierte Märkte wie gewünscht funktionieren. Diese Maßnahmen werden als Ord‐ nungspolitik bezeichnet. Zentrale Bereiche der Ordnungspolitik sind die Gesetze zur Sicherung des Privateigentums und zum Schutz des geistigen Eigentums (das erfolgt vor allem über den Patentschutz), das Vertrags- und Mietrecht, Regelungen zum Verbraucherschutz, das Arbeitsrecht zur Regelung von Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer sowie das Wettbewerbsrecht, das einen unfairen Wettbewerb verhindern soll, also z.-B. Preisabsprachen unter Anbietern. Damit Märkte funktionieren und das gesamtwirtschaftliche Güterange‐ bot sich an die Güternachfrage anpasst, braucht es neben einem ordnungs‐ politischen Rahmen vor allem flexible Preise. Preise sind in der Regel als Geldpreise ausgedrückt, d. h. der Preis eines Guts wird in Geldeinhei‐ ten - z. B. Euro - angegeben. Preise haben eine Reihe von Funktionen. Die wichtigsten sind die Allokationsfunktion, die Anreizbzw. Sanktions‐ funktion, die Innovationsfunktion, die Informationsfunktion, die Koordinie‐ rungsfunktion und die Markträumungsfunktion (vgl. zu den nachfolgenden Ausführungen Petersen 2016). 12 1 Idealtypisches Wirtschaftsmodell <?page no="13"?> Die Allokationsfunktion des Preises beschreibt den Umstand, dass der Preis die endgültige Verteilung der Güter und der Produktionsfaktoren regelt. Die vorhandenen Produktionsfaktoren und die mit ihnen produzier‐ ten Güter werden innerhalb einer Volkswirtschaft so verteilt, dass sie den Konsumenten den größtmöglichen Nutzen stiften. So sind beispielsweise Anbieter von Gütern, die von den Konsumenten hochgeschätzt werden und für die die Konsumenten einen hohen Preis zahlen, in der Lage, höhere Faktorpreise - also z. B. höhere Löhne - zu zahlen. Dadurch werden die Produktionsfaktoren in die Branchen gelenkt, die diese Güter herstellen. So werden die Güter, die von den Konsumenten hochgeschätzt werden, in größerem Umfang hergestellt. Unternehmen bzw. Branchen, die nach Ansicht der Verbraucher weniger attraktive Güter anbieten, verlieren diese Produktionsfaktoren. Der Preis stellt für die Anbieter oder Eigentümer von Gütern einen Anreiz dar, Mengeneinheiten dieses Guts auf dem Markt anzubieten. Wenn beispielsweise der Preis eines Guts infolge einer größeren Nachfrage steigt, erhöht dies den Anreiz der Anbieter, mehr Einheiten davon zu produzieren und auf dem Markt anzubieten. Zudem erhöht der steigende Preis bei den Eigentümern dieses Guts den Anreiz, sich von ihren Gütern zu trennen und diese zu verkaufen. Im Ergebnis führt die Anreizfunktion des Preises also dazu, dass im Fall einer größeren Nachfrage diese durch ein steigendes Angebot befriedigt werden kann. Negativ formuliert nimmt der Preis eine Sanktionsfunktion wahr: Produkte, die von den Konsumenten nicht mehr gewollt werden, erleiden einen Preisrückgang. Damit sinken die Gewinne, sodass die Kapitaleigentümer Einkommenseinbußen erleiden. Falls der Preis so weit sinkt, dass er die Produktionskosten nicht mehr deckt, kommt es zu Verlusten. Langfristig müssen diese Anbieter den Markt verlassen, weil sie nicht mehr kostendeckend produzieren können. Der Preis sorgt also dafür, dass Unternehmen, die nicht das anbieten, was die Konsumenten wollen, vom Markt verschwinden. Eng verbunden mit der Anreizbzw. der Sanktionsfunktion ist die Inno‐ vationsfunktion. Wenn in einem wettbewerblich organisierten Markt ein einzelnes Unternehmen befürchten muss, dass es von Konkurrenten vom Markt verdrängt werden kann, weil die Konkurrenten günstigere Güter anbieten, hat das einzelne Unternehmen einen Anreiz, durch technologi‐ schen Fortschritt die eigenen Produktionskosten zu reduzieren. Sinkende Preise bei den Gütern der Konkurrenz zwingen somit andere Unternehmen, Innovationsanstrengungen durchzuführen, um entweder die Qualität ihres 1.1 Voraussetzungen des idealtypischen Wirtschaftsmodells 13 <?page no="14"?> Produkts zu verbessern oder die Kosten - und damit auch den Preis - des eigenen Produkts zu senken. Für die Konsumenten bedeutet dies, dass sie im Fall eines technologischen Fortschritts eine größere Menge von Gütern konsumieren können und dabei gleichzeitig nur noch einen geringeren Preis zahlen müssen. Dies erhöht den materiellen Wohlstand der Bürger. Die Informationsfunktion des Preises beschreibt den Umstand, dass der Preis alle Marktteilnehmer mit den Informationen versorgt, die diese für ihre Entscheidungen benötigen. Hierzu gehört vor allem der Umstand, dass der Preis ein Knappheitsindikator ist. Ein steigender Preis ist ein Indikator dafür, dass es einen Nachfrageüberhang gibt, d. h., dass die gesamt‐ wirtschaftliche Güternachfrage größer ist als das Angebot. Dies bedeutet, dass nicht alle Konsumenten, die das Gut zu dem am Markt herrschenden Preis kaufen wollen, es in der gewünschten Menge erwerben können. Das Angebot reicht nicht aus, um die Nachfragewünsche zu befriedigen. Der steigende Preis gibt den Anbietern die Information, dass eine Ausweitung des Angebots ökonomisch lohnend ist. Ein sinkender Preis ist hingegen ein Signal dafür, dass das Angebot zu groß ist und eine Reduzierung des Angebots ökonomisch sinnvoll ist. Hohe bzw. steigende Preise signalisieren somit Knappheit, geringe bzw. sinkende Preise sind hingegen ein Indikator für einen Überfluss. Die Koordinierungsfunktion des Preises beschreibt den Umstand, dass der Preis das Angebot und die Nachfrage so koordiniert, dass die Produktionspläne der Unternehmen den Konsumplänen der Verbraucher entsprechen. Wenn die Anbieter z. B. ein Produkt herstellen, das nicht den Wünschen der Konsumenten entspricht, resultiert daraus ein Ange‐ botsüberschuss. Der damit einhergehende Preisrückgang signalisiert den Anbietern, dass sie die Produktion dieses Guts einschränken müssen. Damit werden die Produktions- und die Konsumpläne aufeinander abge‐ stimmt. Die Markträumungsfunktion des Preises beschreibt schließlich den Umstand, dass der Preis das Angebot und die Nachfrage so koordiniert, dass der Markt geräumt wird. Es kommt zum Ausgleich der angebotenen und der nachgefragten Menge, d. h. es wird ein Marktgleichgewicht erreicht. Solange das Marktgleichgewicht noch nicht erreicht ist, finden Preisvariationen statt. Im Falle eines Angebotsüberschusses kommt es zu einem Preisrück‐ gang, der zu einem Rückgang der angebotenen Gütermenge und zu einem Anstieg der nachgefragten Gütermenge führt. Die Preisänderungen finden so lange statt, bis der Angebotsüberschuss abgebaut ist und die angebotene 14 1 Idealtypisches Wirtschaftsmodell <?page no="15"?> Gütermenge mit der nachgefragten übereinstimmt. Dieses Prinzip gilt so‐ wohl für Gütermärkte als auch für Faktormärkte, also z. B. den Arbeitsmarkt, und für Vermögensmärkte wie den Aktienmarkt. Preise können alle diese Funktion jedoch nur erfüllen, wenn Märkte und Güter die eingangs genannten Eigenschaften besitzen. In diesem Fall führt die Organisation von Angebot und Nachfrage über Preise und Märkte zu einer Maximierung der gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrt. Dies lässt sich mit dem Konzept der Konsumenten- und der Produzentenrente verdeutli‐ chen. 1.2 Wohlfahrtsmaximierende Gütermenge Das aus wohlfahrtstheoretischen Überlegungen optimale Niveau eines Pro‐ dukts lässt sich mit Hilfe des Grenznutzens bestimmen. Verständnis | Der Grenznutzen gibt an, wie sich der Gesamtnutzen verändert, wenn eine Person eine zusätzliche Einheit eines Guts konsumiert. Der Grenznutzen kann sowohl für einzelne Wirtschafts‐ akteure angegeben werden (individueller oder privater Grenznutzen) als auch für die Gesamtheit aller Wirtschaftsakteure (gesellschaftli‐ cher oder sozialer Grenznutzen). In den wirtschaftswissenschaftlichen Analysen wird von einem positiven, aber abnehmendem Grenznutzen ausgegangen. Das bedeutet: Der Konsum einer zusätzlichen Einheit eines Konsumguts erhöht den Nutzen des betreffenden Konsumenten. Der Nutzenzuwachs wird jedoch mit jeder zusätzlichen Gütereinheit immer geringer. Die Entscheidung, ob eine Person eine weitere Einheit eines Konsumguts erwerben und nutzen sollte, hängt ab von dem in Geldeinheiten ausgedrück‐ ten Grenznutzen und dem Marktpreis. Dabei gilt folgende Überlegung: ■ Wenn der Grenznutzen einer bestimmten Gütereinheit größer ist als der Marktpreis, lohnt sich der Kauf dieses Produkts, weil dessen Konsum einen positiven Nettonutzen stiftet. Eine Konsumgütereinheit mit einem Grenznutzen in Höhe von 8 Euro und einem Preis von 6 Euro stiftet dem Käufer einen Nettonutzen in Höhe von 2-Euro. 1.2 Wohlfahrtsmaximierende Gütermenge 15 <?page no="16"?> ■ Konsumgütereinheiten, deren Grenznutzen geringer ist als der zu zah‐ lende Marktpreis, sollten nicht gekauft werden, weil sie einen negativen Nettonutzen haben. ■ Der höchste Gesamtnutzen wird erreicht, wenn der Grenznutzen einer Konsumgütereinheit mit dem Marktpreis übereinstimmt. Das Zahlenbeispiel in →-Tab.-1.1 verdeutlicht dieses Prinzip. Gütereinheit Grenznutzen in Euro Nettonutzen der Gütereinheit in Euro bei einem Preis von 6 Euro Nettonutzen al‐ ler Gütereinhei‐ ten in Euro Erste 10 4 4 Zweite 8 2 4+2 = 6 Dritte 7 1 4+2+1 = 7 Vierte 6 0 4+2+1+0 = 7 Fünfte 5 -1 4+2+1+0-1 = 6 Tab. 1.1: Bestimmung der nutzenmaximierenden Gütermenge eines Konsumguts aus Sicht eines Individuums Der Nutzen, den eine Gütereinheit bei einer Einzelperson stiftet, hängt von den Präferenzen dieser Person ab. Präferenzen sind individuell verschie‐ den, daher stiftet eine bestimmte Gütereinheit verschiedenen Personen auch unterschiedlich hohe Grenznutzen. Die dritte konsumierte Gütereinheit des in → Tab. 1.1 angenommenen Konsumprodukts kann also bei einem Wirtschaftssubjekt (WS 1 ) einen Grenznutzen in Höhe von 7 Euro stiften. Ein anderer Konsument (WS 2 ) mit einer geringeren Präferenz für dieses Produkt misst der dritten Gütereinheit hingegen nur einen Grenznutzen in Höhe von 4-Euro zu. Aus den individuell unterschiedlichen Präferenzen bezüglich eines be‐ stimmten Konsumprodukts resultieren individuell unterschiedliche Nach‐ fragemengen bei einem bestimmten Marktpreis. Während also bei einem Marktpreis von 6 Euro die erste Person 4 Mengeneinheiten nachfragt, sind es bei der zweiten Person mit einer geringeren Präferenz möglicherweise nur 2 Mengeneinheiten. 16 1 Idealtypisches Wirtschaftsmodell <?page no="17"?> Damit lässt sich das Nachfrageverhalten eines nutzenmaximierenden privaten Haushalts wie folgt beschreiben: Solange der in Geldeinheiten ausgedrückte Nutzen einer Gütereinheit größer ist als der Marktpreis, kauft der Haushalt diese Gütereinheit. Die nutzenmaximierende Gütermenge liegt dort, wo der Grenznutzen mit dem Preis übereinstimmt. In einem Preis-Mengen-Diagramm kann die Bedeutung des Grenznutzens für den Zusammenhang zwischen der nachgefragten Gütermenge (x) und der Höhe des Preises (p) über zwei Wege erklärt werden. Der erste Ausgangspunkt dieser Erklärung ist die Höhe des Preises. Bei einem hohen Güterpreis muss auch der Grenznutzen (GN) hoch sein, damit eine bestimmte Gütereinheit gekauft wird. Wegen des Gesetzes des abnehmenden Grenznutzens ist der Grenznutzen nur dann hoch, wenn eine geringe Gütermenge nachgefragt und konsumiert wird. Folglich wird bei einem hohen Preis eine geringe Gütermenge nachgefragt. Wenn der Preis sinkt, erfüllen zusätzliche Gütereinheiten die Bedingung ‚Grenznutzen gleich Preis‘. Daher nimmt die Güternachfrage bei einem sinkenden Güter‐ preis zu. Die nachgefragte Gütermenge (x N ) ist somit eine Funktion, die vom Preis abhängt: x N = f(p). Sie gibt an, wie viele Gütereinheiten zu jedem beliebigen Preis nachgefragt werden Der zweite mögliche Ausgangspunkt ist die Höhe der Gütermenge. Wird eine geringe Gütermenge konsumiert, ist der Grenznutzen der letzten Gütereinheit hoch. Daher ist ein Verbraucher bereit, einen hohen Preis zu zahlen. Wird die Gütermenge erhöht, sinkt der Grenznutzen. Damit sinkt auch die Zahlungsbereitschaft eines Verbrauchers für den Erwerb zusätzlicher Gütereinheiten. Die maximale Zahlungsbereitschaft (MZB) für eine bestimmte Gütereinheit ist folglich eine Funktion, die von der Höhe der Gütermenge abhängt: MZB = f(x). Diese Funktion gibt an, wieviel ein Konsument maximal bereit ist, für eine bestimmte Gütereinheit zu bezahlen. In beiden Fällen gilt jedoch, dass der Preis mit dem Grenznutzen über‐ einstimmt, wenn der individuelle Konsument seinen Nutzen maximieren will. In einem Preis-Mengen-Diagramm lassen sich beide Funktionen durch eine Kurve bzw. Gerade darstellen, sie müssen dabei jedoch unterschiedlich interpretiert werden (→-Abb.-1.1). 1.2 Wohlfahrtsmaximierende Gütermenge 17 <?page no="18"?> GN, p p 0 p 1 x x 0 • Ursache: p • x 1 GN = p Ursache: x MZB = f(x) x N = f(p) Abb. 1.1: Individuelle Güternachfragefunktion Aus diesen individuellen Nutzenbewertungen lässt sich die gesamtwirt‐ schaftliche Nachfragekurve ableiten. Sie ordnet jedem Marktpreis die Gütermenge zu, die von der Gesamtheit aller Konsumenten nachgefragt wird. Im Fall von nur zwei Personen (WS 1 und WS 2 ) lässt sich der Verlauf der gesamtwirtschaftlichen Nachfragekurve nach einem Konsumgut wie folgt erklären: ■ Solange der Preis dieses Guts über p max1 liegt, wird keine Einheit des Guts nachgefragt, weil der in Geldeinheiten ausgedrückte Grenznutzen bei beiden Nachfragern unter dem Marktpreis liegt. ■ Bei Preisen zwischen p max1 und p max2 entspricht die gesamtwirtschaft‐ liche Nachfragekurve der Nachfragekurve des ersten Wirtschaftssub‐ jekts. ■ Erst wenn der Preis unter p max2 liegt, fragt auch die zweite Person Einheiten des betreffenden Produkts nach. Wenn also WS 1 beim Preis p* 8 Einheiten nachfragt und WS 2 2 Einheiten, werden bei diesem Preis insgesamt 10 Gütereinheiten nachgefragt. Grafisch lässt sich die gesamtwirtschaftliche Güternachfragekurve also dadurch einzeichnen, dass die individuellen Nachfragekurven horizontal addiert werden (→-Abb.-1.2). 18 1 Idealtypisches Wirtschaftsmodell <?page no="19"?> GN, p p max1 p max2 x GN 1 + GN 2 = x N (p) GN 1 GN 2 Q 1 • • • Abb. 1.2: Gesamtwirtschaftliche Güternachfragekurve Die Nachfragefunktion kann auch für wohlfahrtstheoretische Überlegun‐ gen genutzt werden. Das dafür relevante Konzept ist die Konsumenten‐ rente. Sie gibt an, welchen Nutzen die Gesamtheit aller Verbraucher dar‐ aus zieht, dass sie eine bestimmte Gütermenge zu einem dazugehörenden Marktpreis konsumiert. Das Grundprinzip der Konsumentenrente lässt sich mit Hilfe eines Zahlenbeispiels erklären. Die gesamtgesellschaftlichen Nutzenvorstellungen führen zu den in → Tab. 1.2 abgebildeten Grenznut‐ zen. Wenn der zu zahlende Güterpreis 5-Euro beträgt, stiften die ersten 3 Gütereinheiten der Gesamtheit aller Konsumenten einen positiven Netto‐ nutzen. Die vierte Einheit stiftet keinen weiteren Nutzenzuwachs, sie hat aber auch keinen negativen Effekt für die Summe der Grenznutzen. Der Kauf und Konsum der fünften Gütereinheit lohnt sich nicht, weil der in Geldeinheiten ausgedrückte Nutzenzuwachs geringer ist als der Preis. Die aus gesamtgesellschaftlicher Sicht wohlfahrtsmaximierende Gütermenge beträgt somit 4 Gütereinheiten, bei dieser Gütermenge entspricht der Grenznutzen dem Preis. Die Konsumentenrente, die den mit dem Konsum von 4 Gütereinheiten verbunden Nettonutzen der Gesellschaft ausdrückt, beträgt 6-Euro. 1.2 Wohlfahrtsmaximierende Gütermenge 19 <?page no="20"?> Gütereinheit Grenznutzen in Euro Nettonutzen der Gütereinheit in Euro bei einem Preis von 5 Euro Konsumenten‐ rente in Euro Erste 8 3 3 Zweite 7 2 3+2 = 5 Dritte 6 1 3+2+1 = 6 Vierte 5 0 3+2+1+0 = 6 Fünfte 4 -1 3+2+1+0-1 = 5 Tab. 1.2: Zahlenbeispiel zur Berechnung der Konsumentenrente Die Konsumentenrente kann in einem Preis-Mengen-Diagramm abgebildet werden. Wenn der herrschende Marktpreis die Höhe p* hat, stiftet jede Gütereinheit bis zur Menge x* einen positiven gesamtgesellschaftlichen Net‐ tonutzen. Die Höhe der Nettonutzen einzelner Gütereinheiten entspricht der Differenz zwischen der Nachfragegeraden und dem Marktpreis (p*). Bei der Mengeneinheit x‘ in → Abb. 1.3 ist das die Strecke zwischen Q‘ und Q‘‘. Werden diese Strecken über alle Mengeneinheiten bis x* aufsummiert, resul‐ tiert daraus die Fläche a Q* p*. Dieses Dreieck stellt die Konsumentenrente dar, die mit dem Kauf und Konsum der Menge x* zum Preis p* verbunden ist. GN, p a p* x x‘ • • x* Q* x N = f(p) mit GN = p • • • Q‘ Q‘‘ Abb. 1.3: Grafische Bestimmung der Konsumentenrente 20 1 Idealtypisches Wirtschaftsmodell <?page no="21"?> Analoge Überlegungen lassen sich für die Angebotsseite anstellen. Dafür wird das Konzept der Grenzkosten benötigt. Verständnis | Die Grenzkosten geben an, wie sich die Gesamtkosten der Produktion verändern, wenn ein Unternehmen eine zusätzliche Einheit eines Guts herstellt. Die Grenzkosten können für einzelne Unternehmen angegeben werden (individuelle oder private Grenzkos‐ ten) oder für die Gesamtheit aller Anbieter (gesellschaftliche oder soziale Grenzkosten). In den wirtschaftswissenschaftlichen Standard‐ modellen wird mit positiven und zudem steigenden Grenzkosten gearbeitet. Die Herstellung einer zusätzlichen Gütereinheit erhöht die Gesamtkosten der Produktion. Der Kostenzuwachs wird dabei mit jeder zusätzlichen Gütereinheit immer größer. Die Entscheidung, ob ein Unternehmen eine weitere Gütereinheit produ‐ zieren sollte, hängt ab von den Grenzkosten und dem Preis, den das Unternehmen dafür am Markt erzielen kann. Solange die Grenzkosten der Produktion kleiner sind als der Marktpreis, lohnt sich die Produktion dieser Gütereinheit, weil damit ein positiver Stückgewinn verbunden ist: Eine Gütereinheit, deren Herstellung zusätzliche Kosten in Höhe von 12 Euro verursacht und für die am Markt ein Preis von 14 Euro erzielt wird, führt zu einem zusätzlichen Gewinn in Höhe von 2 Euro. Solange der Marktpreis noch über den Grenzkosten liegt, lohnt sich die Produktion der betreffenden Gütereinheit. Das Unternehmen maximiert seinen Gewinn bei der Gütermenge (x), bei der gilt: Grenzkosten (GK) gleich Preis (p). Ein gewinnmaximierendes Unternehmen bietet daher zu jedem beliebigen Preis die Gütermenge an, bei der die Bedingung ‚GK(x) = p‘ erfüllt ist. Das bedeutet wiederum, dass die Angebotskurve mit der Grenzkostenkurve übereinstimmt. Die Angebotsfunktion (x A ) lautet somit wie folgt: x A = f(p) bzw. x A = GK(x). Die gesamtwirtschaftliche Angebotskurve ergibt sich - so wie auch die gesamtwirtschaftliche Nachfragekurve - aus der horizontalen Addition aller individuellen Angebotskurven. Aufbauend auf diesen Überlegungen lässt sich die Produzentenrente grafisch bestimmen. Sie gibt an, welchen Vorteil die Gesamtheit aller An‐ bieter daraus zieht, dass eine bestimmte Gütermenge zu einem bestimmten Preis angeboten wird. Grafisch entspricht das - so wie bei der Bestimmung 1.2 Wohlfahrtsmaximierende Gütermenge 21 <?page no="22"?> der Konsumentenrente in → Abb. 1.3 - der Fläche zwischen dem herrschen‐ den Marktpreis und der Angebotskurve. Das Maß für die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt ist schließlich die Summe aus Konsumenten- und Produzentenrente. Das Marktgleichge‐ wicht ergibt sich aus dem Schnittpunkt der gesamtwirtschaftlichen Güter‐ nachfragegeraden mit der Angebotsgeraden (→-Abb.-1.4). Die gesamtwirt‐ schaftliche Wohlfahrt, die mit der Produktion und dem anschließenden Konsum der Gleichgewichtsmenge x* verbunden ist, lässt sich wie folgt bestimmen: ■ Die Konsumentenrente entspricht, wie bereits in → Abb. 1.3 gezeigt, der Fläche a Q* p*. ■ Die Produzentenrente wird durch die Fläche zwischen dem Gleichge‐ wichtspreis (p*) und der Angebotsgeraden ausgedrückt. Sie entspricht dem Dreieck p* Q* b. ■ Die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt ist die Summe aus Konsumenten- und Produzentenrente, also die Fläche a Q* b. GN, GK, p a p* x • x* Q* x N = f(p) mit GN = p • • • x A = f(p) mit GK = p b Abb. 1.4: Konsumenten- und Produzentenrente beim Marktgleichgewicht Unter den gegebenen realwirtschaftlichen Rahmenbedingungen, d. h. den Nutzenvorstellungen der Verbraucher und den durch die Produktionsbedin‐ gungen determinierten Produktionskosten, erreicht die Volkswirtschaft mit 22 1 Idealtypisches Wirtschaftsmodell <?page no="23"?> der Gütermenge x* die größtmögliche gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt bzw. ihr Wohlfahrtsmaximum: ■ Ist die produzierte und konsumierte Gütermenge kleiner als x*, produ‐ ziert die Gesellschaft zu wenige Gütereinheiten. Bei jeder beliebigen Menge (x < x*) ist der gesamtgesellschaftliche Grenznutzen größer als die Grenzkosten. Wenn also beispielsweise der Grenznutzen einen Wert von 16 Euro hat, die Grenzkosten aber nur bei 10 Euro liegen, lohnt sich die Produktion dieser Gütereinheit. ■ Ist die produzierte Gütermenge größer als x*, sind die mit der Produktion der letzten Gütereinheit verbundenen Kosten höher als der Nutzen dieser Gütereinheit. Bei Grenzkosten in Höhe von 15 Euro und einem Grenznutzen von lediglich 11 Euro würde die Gesellschaft als Ganzes eine Wohlfahrtseinbuße in Höhe von 4 Euro generieren, falls sie diese Gütereinheit produziert und anschließend konsumiert. Zur Maximie‐ rung der gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrt sollte die Gütermenge daher reduziert werden. Sofern alle im → Abschnitt 1.1 genannten Annahmen erfüllt sind, sorgt das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage dafür, dass die Volkswirt‐ schaft ihr wohlfahrtsmaximierendes Marktgleichgewicht erreicht. Falls die beschriebenen Annahmen jedoch nicht erfüllt sind, kann es zu einem Marktversagen kommen. Dieses äußert sich darin, dass die wohlfahrtsma‐ ximierende Lösung in → Abb. 1.4 nicht zustande kommt. Der Markt führt stattdessen zu einer Gütermenge, die größer oder kleiner ist als x*. Dieses Marktversagen kann durch ein Eingreifen des Staates geheilt werden. Der Umstand, dass ein wohlfahrtsmaximierendes Marktgleichgewicht existiert, garantiert jedoch noch nicht, dass dieses auch tatsächlich erreicht wird. Bei vollkommen flexiblen Preisen und vollständiger Information sorgt das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage allerdings dafür, dass dieses Marktgleichgewicht realisiert wird. Angenommen, der aktuell herrschende Marktpreis liegt über dem gleichgewichtigen Preis (p‘ > p*, siehe → Abb. 1.5). In dieser Situation finden folgende Anpassungsprozesse statt: ■ Beim Preis p‘ ist die angebotene Menge (x A (p‘)) größer als die von der Gesamtheit aller Verbraucher nachgefragte Menge (x N (p‘)). Das bedeutet: Auf dem Markt liegt ein Angebotsüberschuss vor. 1.2 Wohlfahrtsmaximierende Gütermenge 23 <?page no="24"?> ■ Die Anbieter merken, dass sie zum Preis p‘ nicht alle produzierten Gü‐ tereinheiten verkaufen können. Um kostenverursachende Lagerungen zu vermeiden, reduzieren sie ihre Preisforderung. Das führt zum Verkauf von mehr Gütereinheiten. ■ Ist die Annahme der vollständigen Information erfüllt, bemerken die Verbraucher, dass es einzelne Anbieter gibt, die das gewünschte Produkt zu einem Preis anbieten, der unter dem Preis p‘ liegt, z.-B. bei p‘‘. ■ Die Verbraucher wenden sich den Anbietern zu, die ihnen das Produkt zu einem geringeren Preis p‘‘ anbieten. Die übrigen Anbieter stellen somit fest, dass sich die Kunden von ihnen abwenden und zu den Anbietern gehen, die weniger als p‘ verlangen. Um ihre Produkte dennoch verkaufen zu können, müssen sie ebenfalls ihren Preis auf p‘‘ reduzieren. So sinkt der Marktpreis von p‘ auf p‘‘. ■ Falls es bei p‘‘ immer noch einen Angebotsüberschuss (AÜ) gibt, setzt sich diese Entwicklung fort. Bei einem hinreichend flexiblen Preis sinkt dieser so lange bis er die Höhe von p* erreicht hat. Der Angebotsüber‐ schuss ist abgebaut, das wohlfahrtsmaximierende Marktgleichgewicht ist erreicht. p p* x • x* • • x A x N x N (p‘) x A (p‘) p‘ Angebotsüberschuss‘ (AÜ‘) p‘‘ • • AÜ‘‘ Abb. 1.5: Abbau eines Angebotsüberschusses durch Preissenkungen 24 1 Idealtypisches Wirtschaftsmodell <?page no="25"?> Ein Marktversagen kann in diesem Zusammenhang auftreten, wenn der Preis nicht hinreichend flexibel ist - also im Fall eines Angebotsüberschus‐ ses nicht weit genug sinkt. Das wohlfahrtsmaximierende Marktgleichge‐ wicht wird darüber hinaus ebenfalls nicht erreicht, wenn es eine Markt‐ intransparenz gibt und die Verbraucher gar nicht wissen, dass sie das gewünschte Produkt bei anderen Anbietern zu einem niedrigeren Preis erwerben können. 1.2 Wohlfahrtsmaximierende Gütermenge 25 <?page no="27"?> 2 Marktversagen eLearning | Stellen Sie Ihr Wissen auf die Probe. Der QR-Code oder der folgende Link führen Sie zu Fragen, die den Inhalt dieses Kapitels thematisieren. 🔗 https: / / narr.kwaest.io/ s/ 1324 Wenn ein Marktversagen vorliegt, erreicht die Volkswirtschaft als Ganzes nicht den Zustand, der unter den gegebenen Restriktionen - das sind vor allem die bestehenden Produktionskapazitäten - die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt maximiert. Die volkswirtschaftliche Theorie kennt drei zentrale Arten des Marktversagens: ■ Allokatives Marktversagen: Der Markt erreicht nicht die optimale Verteilung aller Produktionsfaktoren auf die Produktion der Güter, die der Gesellschaft als Ganzes den größtmöglichen Nutzen stiften. Gründe für dieses Marktversagen sind öffentliche Güter, externe Effekte, unvoll‐ ständige Eigentumsrechte, natürliche Monopole bzw. Marktmacht und unvollständige Informationen. Aus mikroökonomischer Sicht hat das allokative Marktversagen die größte Bedeutung. Es lässt sich zudem mit objektiven Kriterien bestimmen. ■ Distributives Marktversagen: Die Märkte funktionieren mit Blick auf die Bereitstellung von Gütern, d. h. sie erreichen das wohlfahrts‐ maximierende Gütervolumen. Allerdings führen diese Marktprozesse zu einer Einkommens- und Vermögensverteilung, die von der Gesellschaft als Ganzes nicht gewünscht wird. Dieses Markversagen wird in der wirt‐ schaftswissenschaftlichen und -politischen Diskussion kontroverser betrachtet, weil es für die Identifikation dieser Form des Marktversagens keine objektiven Kriterien gibt. ■ Konjunkturelles Marktversagen: Hier kommt es zu wirtschaftlichen Abschwüngen, die dazu führen, dass Produktion, Beschäftigung und Einkommen zurückgehen. Das kann zu sozialen Verwerfungen führen, die die Gesellschaft reduzieren möchte. Dieser Wunsch rechtfertigt ein staatliches Eingreifen in das Wirtschaftsgeschehen. <?page no="28"?> 1 Die Ausführungen des →-Abschnitts 2.1. basieren auf Petersen 2024a. Wenn der Staat auf diese Formen des Marktversagens reagiert, erstreckt sich seine Rolle in der Wirtschaft häufig nicht mehr nur darauf, einen ordnungspolitischen Rahmen zu setzen, der für funktionsfähige Märkte sorgt. Zur Heilung eines Marktversagens kann es zu weiteren Eingriffen kommen, die die wirtschaftlichen Prozesse gezielt verändern sollen. Diese wirtschaftspolitischen Maßnahmen werden als Prozesspolitik bezeichnet. Die Prozesspolitik umfasst eine Reihe von Einzelpolitiken, auf die in den weiteren Ausführungen eingegangen wird. 2.1 Öffentliche Güter Im Fall eines funktionierenden Markts werden private Güter produziert und konsumiert. Ein privates Gut zeichnet sich vor allem dadurch aus, dass eine Rivalität im Konsum besteht. Das bedeutet, dass der Konsum einer Gütereinheit durch eine Person alle anderen Personen vom Konsum dieser Gütereinheit ausschließt. Beispiele hierfür sind Nahrungsmittel - wenn eine Person ein Brot isst, kann kein anderes Gesellschaftsmitglied dieses Konsumgut essen. 1 Ein öffentliches Gut zeichnet sich im Wesentlichen dadurch aus, dass keine Rivalität im Konsum besteht. Der Konsum durch eine Person schließt kein anderes Gesellschaftsmitglied vom Konsum dieser Gütereinheit aus. Beispiele sind Fernsehsendungen, Straßenlaternen und die militärische Verteidigung. Ein reines öffentliches Gut ist darüber hinaus dadurch charakterisiert, dass keine Person vom Konsum ausgeschlossen werden kann. Dafür gibt es zwei zentrale Gründe: Der Ausschluss ist technisch unmöglich oder er ist mit so hohen Kosten verbunden, dass Maßnahmen zum Ausschluss vom Konsum nicht zweckmäßig sind. Damit wird ein im → 1. Kapitel genanntes zentrales Prinzip eines funktionsfähigen Markts - das Ausschlussprinzip - verletzt. Wichtig ist in diesem Kontext der Hinweis, dass ein öffentliches Gut nicht dadurch definiert ist, dass es vom Staat angeboten wird. Ein prominentes Beispiel für ein Gut, welches zwar vom Staat angeboten wird, aber kein öffentliches Gut im Sinne der Volkswirtschaft ist, ist die Bildung. Die schulische und universitäre Bildung wird umgangssprachlich häufig als ein öffentliches Gut angesehen, weil sie in der Regel vom Staat angeboten wird. 28 2 Marktversagen <?page no="29"?> Allerdings ist das Ausschlussprinzip hier anwendbar: Die Schulleitung kann die Personen, die nicht für die Inanspruchnahme von Bildungsmaßnahmen bezahlen wollen, vom Unterricht ausschließen. Auch die Rivalität im Kon‐ sum ist ab einer bestimmten Anzahl von Konsumenten gegeben. Güter, bei denen das Ausschlussprinzip anwendbar ist und bei denen ab einer bestimmten Anzahl von Nutzern eine Rivalität im Konsum einsetzt, werden als Klub-Güter bezeichnet. Verständnis | Ein Klub-Gut zeichnet sich dadurch aus, dass bis zu einer bestimmten Anzahl von Nutzern keine Rivalität im Konsum besteht. Übersteigt die Zahl der Nutzer jedoch einen kritischen Wert, kommt es zu Beeinträchtigungen. Ein zweites Merkmal eines Klub- Guts besteht darin, dass das Ausschlussprinzip angewendet werden kann. Beispiel sind Sportanlagen: Bei einem Schwimmbad mit 8 Bahnen mit einer Länge von 25 Metern können bis zu 8 Personen jeweils eine Bahn nutzen, ohne sich gegenseitig zu behindern. Jede Bahn kann mit einem gewissen Abstand von mehreren Personen genutzt werden, das führt jedoch zu vereinzelten Einschränkungen der Schwimmbadnutzung. Bei 20 Personen pro Bahn wird ein Schwim‐ men nahezu unmöglich. Die optimale Größe der Nutzer lässt sich wie folgt bestimmen: Jeder zusätzliche Nutzer beteiligt sich an den Kosten der Bereitstellung des Schwimmbads. Kommt ein zusätzlicher Nutzer hinzu, hat das für die bisherigen Nutzer den Vorteil, dass die durchschnittlich zu zahlende Nutzungsgebühr pro Person sinkt - ein zusätzlicher Nutzer bedeutet für die bisherigen Nutzer eine finanzi‐ elle Entlastung. Gleichzeitig schränkt er die Konsummöglichkeiten der bisherigen Nutzer ein. Die optimale Klubgröße liegt dort, wo die finanzielle Entlastung des letzten zugelassenen Nutzers genauso hoch ist wie die in Geldeinheiten ausgedrückte Beeinträchtigung der bisherigen Nutzer. Die fehlende Ausschlussmöglichkeit führt in Kombination mit der fehlenden Rivalität im Konsum dazu, dass öffentliche Güter nicht auf einem Markt angeboten werden. Das lässt sich wie folgt erklären: Jeder potenzielle Konsument steht vor der Entscheidung, entweder seine Präferenzen bezüg‐ lich der Bereitstellung eines öffentlichen Guts offen zu legen und sich 2.1 Öffentliche Güter 29 <?page no="30"?> an dessen Finanzierung zu beteiligen oder die Präferenzen zu verbergen. Im zweiten Fall hofft die Person, dass andere das Gut finanzieren, ohne die nicht zahlende Person anschließend von dessen Nutzung ausschließen zu können. Hieraus können sich folgende individuelle Bewertungen von unterschiedlichen gesamtwirtschaftlichen Resultaten ergeben: ■ Die individuell beste Lösung (1) ist die Bereitstellung des Guts und dessen Finanzierung durch andere. Die Person kann es wegen des fehlenden Ausschlussprinzips nutzen, ohne dafür bezahlen zu müssen. ■ Die zweitbeste Lösung (2) ist die Finanzierung durch alle Beteiligten. Die Person kann das Gut nutzen, muss es aber nicht allein bezahlen. ■ Die drittbeste (3) besteht aus dem Verzicht auf das Gut. ■ Die schlechteste Situation (4), die sich für eine Person einstellen kann, besteht aus der alleinigen Finanzierung des Guts, das anschließend auch von denen genutzt wird, die sich an der Finanzierung nicht beteiligt haben. Um die schlechteste Situation zu vermeiden, ist es aus Sicht einer Einzel‐ person rational, kein Interesse an der Bereitstellung des betreffenden Guts zu äußern. Dieses Entscheidungskalkül gilt für alle Gesellschaftsmitglieder. Wenn sich alle Personen so verhalten, ist niemand bereit, für die Bereitstel‐ lung des Guts irgendetwas zu bezahlen. Im Ergebnis führt das individuell rationale Verhalten also dazu, dass dieses Gut von keinem Unternehmen angeboten wird, weil sich kein Konsument findet, der bereit ist, etwas für das Angebot dieses Guts zu bezahlen. Diese Situation wird als Gefangenen-Dilemma bezeichnet. Es lässt sich im Fall von zwei Wirtschaftsakteuren (WS 1 und WS 2 ) wie folgt skizzie‐ ren: Jeder Akteur hat zwei Entscheidungsmöglichkeiten: eine kooperative Handlungsoption - im Fall eines öffentlichen Guts die Offenlegung der Präferenzen inklusive einer Beteiligung an den Finanzierungskosten - und eine unkooperative. Letztere bedeutet, dass die Person kein Interesse an dem öffentlichen Produkt äußert und sich nicht an dessen Finanzierung beteiligt. Welche der vier oben skizzierten Resultate sich für einen einzelnen Wirtschaftsakteur ergibt, hängt von der eigenen Entscheidung und der der anderen Person ab. Erhält die individuell beste Lösung den Wert 1 und die schlechteste den Wert 4, ergeben sich daraus die in → Abb. 2.1 dargestellten Ergebnisse. 30 2 Marktversagen <?page no="31"?> Kooperatives Verhalten Unkooperatives Verhalten Kooperatives Verhalten Unkooperatives Verhalten WS 1 WS 2 WS 1 : 3 / WS 2 : 3 WS 1 : 2 / WS 2 : 2 WS 1 : 1 / WS 2 : 4 WS 1 : 4 / WS 2 : 1 Abb. 2.1: Gefangenen-Dilemma im Fall eines öffentlichen Guts Wie werden sich nutzenmaximierende Individuen hier verhalten? Am wahrscheinlichsten ist folgendes Entscheidungskalkül: ■ Jede Person will verhindern, dass es zum für sie schlechtesten Ergebnis (4) kommt. Um dies zu erreichen, wählen beide die unkooperative Entscheidungsoption. Das hat zur Folge, dass beide Wirtschaftssubjekte jeweils nur die für sie drittbeste Situation erreichen. ■ Ausgehend von diesem Zustand könnten sich beide verbessern, wenn sie sich für die kooperative Handlungsoption entscheiden würden. In diesem Fall könnte jede Person das für sie zweitbeste Resultat erreichen. ■ Allerdings: Wenn WS 1 sich kooperativ verhält, kann sich WS 2 dadurch verbessern, dass einseitig auf die unkooperative Alternative gewechselt wird. Damit erreicht WS 2 das individuell beste Ergebnis. ■ Die gleiche Überlegung gilt für WS 1 - und damit landen beide wieder in der Ausgangssituation, in der sie sich unkooperativ verhalten und das Gesamtergebnis (WS 1 : 3 / WS 2 : 3) realisieren. Diese Situation kann als ein Dilemma bezeichnet werden, weil sich beide Personen durch ein kooperatives Verhalten verbessern könnten, diese Ko‐ operation aber am individuellen Egoismus scheitert. Ohne eine Intervention von außen lässt sich dieses Dilemma nicht auflösen. Eine mögliche staatliche Intervention besteht darin, dass der Staat das betreffende Gut anbietet und es von der Gesamtheit der Steuerzahler durch die Erhebung von Steuern finanziert. Der Staat muss dann aber noch entscheiden, in welchem Umfang er ein öffentliches Gut anbietet. Hier ergibt sich für die praktische 2.1 Öffentliche Güter 31 <?page no="32"?> Wirtschaftspolitik die nächste Herausforderung: Theoretisch lässt sich das aus gesamtwirtschaftlicher Sicht optimale Niveau eines öffentlichen Guts relativ einfach bestimmen. Die dafür erforderlichen Informationen liegen jedoch nicht vor. Das wohlfahrtsmaximierende Güterangebot ergibt sich aus dem Vergleich der gesamtwirtschaftlichen Grenzkosten mit dem gesamtwirtschaftlichen Grenznutzen. Am Beispiel eines privaten Guts lässt sich dies wie folgt er‐ klären: Ausgangspunkt ist die gesamtwirtschaftliche Güternachfragegerade, die sich aus der horizontalen Addition der individuellen Nachfragegeraden ergibt. Sie wurde in → Abschnitt 1.2 in → Abb. 1.2 dargestellt. Das gesamtwirtschaftliche Güterangebot ergibt sich aus den gesamtwirtschaft‐ lichen Grenzkosten der Produktion, was ebenfalls in → Abschnitt 1.2 gezeigt wurde. Das Marktgleichgewicht entspricht dem Schnittpunkt der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage- und Angebotskurve. Bei einem privaten Gut zeichnet sich dieses Gleichgewicht dadurch aus, dass alle Nachfrager den identischen Preis zahlen. Der Grenznutzen (GN) der letzten erworbenen Einheit entspricht dann dem Marktpreis. Im Punkt Q* mit p* in → Abb. 2.2 gilt somit: GN 1 = GN 2 = p*. GN, p p max1 p max2 x GN 1 + GN 2 = x N (p) GN 1 GN 2 Q* • • • Güterangebot • x* p* Abb. 2.2: Gütermarktgleichgewicht bei einem privaten Gut 32 2 Marktversagen <?page no="33"?> Auch bei einem öffentlichen Gut lässt sich aus dem Vergleich des Grenz‐ nutzens mit den Grenzkosten die aus gesamtwirtschaftlicher Sicht optimale Gütermenge bestimmen. Sie liegt dort, wo die gesamtwirtschaftlichen Grenzkosten mit dem gesamtwirtschaftlichen Grenznutzen übereinstim‐ men. Bei den in → Tab. 2.1 angenommen Werten für die Grenzkosten und den Grenznutzen liegt die aus wohlfahrtstheoretischer Sicht optimale Gütermenge somit bei 4 Gütereinheiten. Gütereinheit Gesellschaftlicher Grenznutzen in Euro Gesellschaftliche Grenzkosten Euro Gesellschaftlicher Nettonutzen in Euro Erste 8 2 6 Zweite 7 3 4 Dritte 6 4 2 Vierte 5 5 0 Fünfte 4 -6 -2 Tab. 2.1: Bestimmung der wohlfahrtsmaximierenden Gütermenge eines öffentlichen Guts Grundsätzlich ergibt sich das optimale Niveau eines Guts - egal, ob es sich um ein privates oder ein öffentliches handelt - somit aus dem Vergleich der gesamtwirtschaftlichen Grenzkosten mit dem gesamtgesellschaftlichen Grenznutzen. Allerdings ergibt sich bei der Bestimmung der Höhe des Grenznutzens, den ein öffentliches Gut stiftet, im Vergleich zu einem privaten Gut ein fundamentaler Unterschied: ■ Bei einem privaten Gut entscheidet sich jedes Wirtschaftssubjekt in‐ dividuell für die Gütermenge, bei der der eigene Grenznutzen mit dem Güterpreis übereinstimmt, der wiederum mit den Grenzkosten der Produktion übereinstimmt. Im Fall von 2 Verbrauchern gilt im Marktgleichgewicht somit: GN 1 = GN 2 = GK = p. ■ Bei einem öffentlichen Gut besteht definitionsgemäß keine Rivalität im Konsum. Das bedeutet: Ob es aus gesamtwirtschaftlicher Sicht sinn‐ voll ist, eine bestimmte Einheit eines öffentlichen Guts zu produzieren, hängt von der Summe der Grenznutzen aller Gesellschaftsmitglieder ab. Angenommen, die Grenzkosten der Produktion einer bestimmten Einheit eines öffentlichen Guts betragen 20 Euro. Die Gesellschaft 2.1 Öffentliche Güter 33 <?page no="34"?> besteht aus 3 Personen. Der Grenznutzen, den diese Einheit den Gesell‐ schaftsmitgliedern stiftet, beträgt 10-Euro, 8-Euro und 6-Euro. Da alle drei Personen diese Gütereinheit konsumieren können, beträgt deren gesamtgesellschaftlicher Grenznutzen 24 Euro. Daher lohnt sich die Produktion dieser Gütereinheit aus Sicht der Volkswirtschaft, obwohl der individuelle Grenznutzen jeder Person unter den Grenzkosten liegt. Die aus gesamtgesellschaftlicher Sicht optimale Menge eines öffentlichen Guts liegt folglich bei der Menge, bei der die Summe der individuellen Grenz‐ nutzen mit den Grenzkosten der Produktion übereinstimmt. Im Fall von 2 Personen gilt im wohlfahrtsmaximierenden Gütermarktgleichgewicht: GN 1 + GN 2 = GK = p. Dies hat Konsequenzen für die Konstruktion der hypothetischen Marktnachfragegeraden in einem Preis-Mengen-Diagramm: Wegen der fehlenden Rivalität im Konsum werden die individuellen Nachfragegeraden der einzelnen Verbraucher vertikal addiert. Das bedeutet im Fall von 2 Per‐ sonen: Bei jeder beliebigen Menge x wird gefragt, wie hoch der Grenznutzen der letzten Gütereinheit bei beiden Verbrauchern ist. Beide Werte werden addiert und geben den gesamtgesellschaftlichen Grenznutzen an. Falls also beispielsweise in → Abb. 2.3 der Grenznutzen, den die erste Person der letzten Einheit der Menge x* zuordnet, 30 Euro beträgt und der Grenznutzen der zweiten Person 8-Euro, wird der Menge x* ein gesamtgesellschaftlicher Grenznutzen in Höhe von 38 Euro zugeordnet. Dies wäre dann auch der wohlfahrtsmaximierende Gleichgewichtspreis p*. Wegen des weiter oben beschriebenen Gefangenen-Dilemmas werden die Wirtschaftssubjekte ihre Zahlungsbereitschaften jedoch nicht bekanntgeben. Deshalb handelt es sich bei der in → Abb. 2.3 eingezeichneten Nachfragegeraden um eine hypothetische Nachfrage. 34 2 Marktversagen <?page no="35"?> GN, p x GN 1 + GN 2 GN 1 GN 2 Q* • • • Güterangebot • x* p* x max2 x max1 Abb. 2.3: Gütermarktgleichgewicht bei einem öffentlichen Gut Die zentrale Herausforderung für den Staat besteht somit darin, Informa‐ tionen über die individuellen Grenznutzen der Bürger bezüglich einzelner öffentlicher Güter zu erhalten. Es besteht jedoch ein fundamentales Infor‐ mationsdefizit über die Nutzenfunktionen und Grenznutzen der Bürger. Das fehlende Wissen über die Nutzenverläufe gilt auch für den Konsum privater Güter. Im Unterschied zu staatlichen Angeboten gibt es für solche Konsu‐ maktivitäten jedoch Marktpreise und individuelle Zahlungsbereitschaften. Das bedeutet: Wenn sich für eine Flasche Rotwein ein Marktpreis in Höhe von 8,99 Euro einstellt, gibt es Verbraucher, deren subjektive Wertschätzung für dieses Produkt so gering ist, dass sie auf den Kauf verzichten. Alle Personen, deren in Geldeinheiten ausgedrückter Nutzen über diesem Markt‐ preis liegt, werden hingegen die jeweils für sie nutzenmaximierende Anzahl von Rotweinflaschen erwerben. Die Verbraucher legen ihre Präferenzen durch ihre Konsumentscheidungen offen. Sofern es kein Marktversagen gibt, erreichen die Marktprozesse automatisch das für die Gesellschaft wohlfahrtsmaximierende Konsumniveau (den Punkt Q* in → Abb. 2.2), ohne dass irgendjemand die Nutzenvorstellung der Menschen kennen muss. Bei einem öffentlichen Gut findet diese Offenlegung der Präferenzen nicht statt. Der Staat braucht deshalb andere Mechanismen zur Identifikation der Präferenzen der Menschen. Eine theoretische Lösung ist das Tiebout- 2.1 Öffentliche Güter 35 <?page no="36"?> Modell, das auf Charles Mills Tiebout (1924 bis 1968) zurückgeht. Die Grundidee dieses Modells ist, dass es eine Vielzahl von Gemeinden gibt, die unterschiedlich umfangreiche Angebote an öffentlichen Gütern machen und diese durch entsprechend hohe Steuern finanzieren. So kann es Gemeinden geben, die ihren Bürgern nur ein Minimum an Angeboten der öffentlichen Daseinsvorsorge bereitstellen, dafür aber auch sehr niedrige Steuersätze verlangen. Andere Gemeinden stellen ein umfangreiches Leistungsangebot bereit, verlangen aber auch höhere Steuersätze. Die Bürger stimmen mit den Füssen ab und ziehen in die Gemeinde, die ihnen das aus ihrer Sicht beste Angebot an steuerfinanzierten öffentlichen Gütern macht. Was in der Theorie überzeugend klingt, scheitert in der Realität daran, dass die Annahmen dieses Modell nicht erfüllt sind. Voraussetzung des Modells ist u. a., dass die Einkommen der Menschen unabhängig von der Wohnortwahl sind, was in der Realität jedoch nicht der Fall ist. Entscheidend für die Wahl des Wohnorts ist vielmehr das Einkommen, das eine Person dort erzielen kann. Zudem verlangt die Funktionsfähigkeit dieses Modell, dass die kommunalen öffentlichen Güter nur von den steuerzahlenden Einwohnern der Gemeinde genutzt werden können. Das entspricht nicht der Realität. Auch die Bewohner der Nachbargemeinden können in der Regel diese Angebote nutzen - Kennzeichen eines öffentlichen Guts ist ja gerade die fehlende Ausschlussmöglichkeit. Weitere unrealistische Voraussetzungen für das Funktionieren dieses Modells sind der kostenlose Wohnortwechsel und die Annahme, dass alle Bürger vollständige Informationen über alle kommunalen Güterangebote und deren steuerliche Belastungen haben. Bei einem öffentlichen Gut gibt es darüber hinaus eine weitere ökono‐ mische Herausforderung: Wenn der Staat ein öffentliches Gut anbietet, stellt er es allen Bürgern zur Verfügung, ohne dass sie dafür einen direk‐ ten Preis bezahlen müssen. Finanziert wird ein öffentliches Gut über die Steuern, die der Staat einnimmt. Wenn es jedoch für ein öffentliches Gut keinen Marktpreis gibt, entfallen auch alle im → 1. Kapitel genannten Preisfunktionen. Von besonderer Bedeutung sind dabei die Innovations- und die Anreizfunktion. Wenn private Anbieter durch technologische Innovationen die Qualität ihres Produkts verbessern oder die Stückkosten der Produktion reduzieren, wird ihr Produkt für die Verbraucher attraktiver. Das führt zu höheren Gewinnen, und diese Gewinne sind der Anreiz dafür, Produktverbesserungen anzustreben. Bei öffentlichen Gütern funktionieren diese Mechanismen nicht, sodass auch Qualitätsverbesserungen und Kos‐ tenreduzierungen ausbleiben. 36 2 Marktversagen <?page no="37"?> 2 Die Ausführungen des →-Abschnitts 2.2 basieren auf Petersen 2024b. 2.2 Externe Effekte Der Begriff ‚externer Effekt‘ impliziert, dass die wirtschaftliche Entschei‐ dung einer Person Auswirkungen auf andere Marktteilnehmer hat. 2 Für letz‐ tere stellt die Entscheidung einer Person eine Externalität dar, weil sie von einer Entscheidung betroffen sind, auf die sie selbst keinen Einfluss haben. Grundsätzlich kann so etwas bei vielen wirtschaftlichen Entscheidungen passieren. Wenn eine Person den Zuschlag für einen ausgeschriebenen Arbeitsplatz oder eine freie Wohnung erhält, steht der Arbeitsplatz bzw. die Wohnung anderen Interessenten nicht mehr zur Verfügung. Kennzeichen eines externen Effekts im Sinne der Volkswirtschaftslehre ist der Umstand, dass die Auswirkungen auf Dritte nicht im Marktpreis enthalten sind. Bei der Zuteilung einer Wohnung führt die hohe Nachfrage beispielsweise dazu, dass der Vermieter seine Mietforderungen erhöhen kann. Dies macht er so lange, bis nur noch ein potenzieller Mieter übrigbleibt, der bereit ist, die hohe Miete zu zahlen. So gesehen sind die Kosten des knappen Wohnraums im Marktpreis enthalten. Wissen | Eine zentrale Voraussetzung für einen funktionsfähigen Markt besteht darin, dass der Marktpreis sowohl alle Kosten als auch alle nut‐ zenstiftenden Elemente beinhaltet. Bei externen Effekten ist das nicht der Fall. Bei einem negativen externen Effekt trägt ein Akteur nicht alle Kosten seines Handelns, sondern bürdet einen Teil der Kosten anderen Personen auf. Bei einem positiven externen Effekt hat die Entscheidung einer Person Vorteile für weitere Mitglieder der Gesellschaft, für die die handelnde Person jedoch keine finanzielle Belohnung erhält. In beiden Fällen wird das Haftungsprinzip nicht eingehalten. Bei einem negativen externen Effekt deckt der Marktpreis nicht alle an‐ fallenden Kosten ab. Standardbeispiel für so einen Effekt sind wirtschaftliche Aktivitäten, die mit umwelt- oder klimaschädlichen Folgen verbunden sind. Wenn beispielsweise eine Tonne Baustahl einen Preis von 800 Euro hat, sind damit die Produktionskosten abgedeckt, die das herstellende Unternehmen für Arbeitskräfte, Mieten, Energie, Rohstoffe etc. zahlen muss. Das sind die privaten Kosten. Darüber hinaus sind mit der Stahlproduktion aber 2.2 Externe Effekte 37 <?page no="38"?> auch klimaschädliche Treibhausgasemissionen verbunden. Sie führen über die globale Erwärmung und den Klimawandel zu Starkregen, Überschwem‐ mungen, Dürren und weiteren klimabedingten Naturkatastrophen. Daraus resultieren Schäden, die nicht im Stahlpreis enthalten sind. Es fallen also gesellschaftliche bzw. soziale Zusatzkosten an. Das Haftungsprinzip wird verletzt, weil ein Wirtschaftsakteur nicht alle Kosten seines Handelns trägt, sondern einen Teil der anfallenden Kosten auf die Allgemeinheit überwälzen kann. Bei einem positiven externen Effekt sind mit dem Marktpreis nicht alle gesamtgesellschaftlichen Vorteile abgedeckt. Nutzenmaximierende Ver‐ braucher berücksichtigen bei ihren Konsumentscheidungen die privaten Vorteile, die mit dem Kauf eines bestimmten Produkts verbunden sind. Bei einem positiven externen Effekt stiftet eine bestimmte wirtschaftliche Aktivität zusätzlich zu dem privaten Nutzen auch noch einen sozialen Zusatznutzen. Ein Beispiel dafür ist die Bildung. Sie ermöglichen dem Individuum bessere Arbeitsmarktchancen und damit verbundene höhere Einkommen. Darüber hinaus profitiert die Gesellschaft von besser quali‐ fizierten Beschäftigten. Sie bedeuten eine höhere gesamtwirtschaftliche Produktivität, eine geringere Arbeitslosigkeit (und damit weniger staatli‐ che Transferzahlungen für arbeitslose Menschen) sowie eine schnellere Anpassung an den Strukturwandel, was die gesamtwirtschaftliche Wettbe‐ werbsfähigkeit steigert. Hier wird gegen das Haftungsprinzip verstoßen, weil eine Person nicht alle Vorteile ihres Handelns nutzen kann. Die Konsequenzen von externen Effekten lassen sich wiederum in ei‐ nem Preis-Mengen-Diagramm analysieren. Bei einem negativen externen Effekt sind die gesamtgesellschaftlichen Grenzkosten (GK gesell. ) höher als die privaten Grenzkosten (GK priv. ). Der private Grenznutzen stimmt mit dem gesamtgesellschaftlichen Grenznutzen überein. Die Gesamtheit aller nutzenmaximierenden Individuen entscheidet sich für eine Gütermenge (x priv. ), bei der die privaten Grenzkosten mit dem Grenznutzen überein‐ stimmen. Das aus gesamtgesellschaftlicher Sicht wohlfahrtsmaximierende Gütervolumen (x gesell. ) liegt hingegen dort, wo die gesamtgesellschaftlichen Grenzkosten mit dem Grenznutzen übereinstimmen (→ Abb. 2.4). Bei einem Marktgleichgewicht ohne staatliche Interventionen entscheiden sich die Anbieter und Nachfrager insgesamt für eine zu große Gütermenge (x priv. > x gesell. ). Grund ist, dass der Marktpreis zu gering ist und nicht alle gesamtgesellschaftlich anfallenden Kosten abdeckt. 38 2 Marktversagen <?page no="39"?> GN, GK, p x • • x gesell. GK gesell. x priv. • GK priv. GN p priv. p gesell. Q gesell. Q priv. Q Abb. 2.4: Wohlfahrtsverluste im Fall eines negativen externen Effekts Weil die aus gesamtgesellschaftlicher Sicht optimale Gütermenge nicht realisiert werden kann, kommt es zu einem Wohlfahrtsverlust: ■ Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht ergibt sich das wohlfahrtsmaximie‐ rende Marktgleichgewicht dort, wo die gesamtwirtschaftlichen Grenz‐ kosten mit dem gesamtgesellschaftlichen Grenznutzen übereinstimmen. Das ist bei x gesell. der Fall. ■ Wie in → Abschnitt 1.2 erläutert, führt eine Menge, die größer als x gesell. ist, zu einem Wohlfahrtsverlust, weil die gesamtwirtschaftlichen Grenzkosten aller Produkte zwischen x gesell. und x priv. höher sind als der Grenznutzen dieser Gütereinheiten. ■ Der mit der Menge x priv. verbundene Wohlfahrtsverlust entspricht der Fläche des Dreiecks Q gesell. Q Q priv. . Dieses Markversagen ist auch darauf zurückzuführen, dass die Allokati‐ onsfunktion des Preises nicht erfüllt wird. Weil die fehlende Einpreisung der sozialen Zusatzkosten einen zu geringen Marktpreis nach sich zieht, ist die Nachfrage nach einem Gut mit einem negativen externen Effekt zu hoch. Daher werden zu viele Produktionsfaktoren - also allen voran menschliche Arbeitskräfte und Sachkapital wie Maschinen und Gebäude - in die Produktion dieses Guts gelenkt. 2.2 Externe Effekte 39 <?page no="40"?> Bei einem positiven externen Effekt ist der gesamtgesellschaftliche Grenznutzen (GN gesell. ) höher als der private Grenznutzen (GN priv. ). Die pri‐ vaten Grenzkosten stimmen mit den gesamtgesellschaftlichen Grenzkosten überein. Die Wirtschaftsakteure entscheiden sich wiederum für die Güter‐ menge (x priv. ), bei der die privaten Grenzkosten mit dem privaten Grenznut‐ zen übereinstimmen. Auch hier kommt es zu einem Marktversagen, weil das aus gesamtgesellschaftlicher Sicht optimale Güterniveau größer ist als das, welches sich auf einem Markt ohne staatliche Interventionen einstellt (x priv. < x gesell. , → Abb. 2.5). Grund ist in diesem Fall der Umstand, dass die Nachfrager keinen Anreiz haben, den sozialen Zusatznutzen ihres Handelns in ihr Entscheidungskalkül einzubeziehen. Daraus resultiert wiederum ein Wohlfahrtsverlust, weil für alle Mengeneinheiten zwischen x priv. und x gesell. der gesamtgesellschaftliche Grenznutzen höher ist als die zusätzlichen Kos‐ ten, die mit der Produktion dieser Gütereineinheiten verbunden sind. Dieser Wohlfahrtsverlust lässt sich durch die Fläche Q priv. Q‘ Q gesell. ausdrücken. GN, GK, p x • • x gesell. GN gesell. x priv. • GN priv. GK p priv. p gesell. Q gesell. Q priv. Q‘ Abb. 2.5: Wohlfahrtsverluste im Fall eines positiven externen Effekts In beiden Fällen externer Effekte erreicht die Gesellschaft ihr wohlfahrts‐ maximierendes Niveau wirtschaftlicher Aktivitäten also nur, wenn der Staat in das Marktgeschehen eingreift. Hierfür hat er zwei grundsätzliche Ansatzpunkte: Preisinstrumente und Mengeninstrumente. 40 2 Marktversagen <?page no="41"?> Preisinstrumente bedeuten, dass der Staat finanzielle Anreize setzt, um so das Verhalten der Menschen zu verändern. Bei negativen externen Effek‐ ten bietet sich hierfür beispielsweise eine Mengensteuer an. Angenommen, ein Konsumgut hat einen Marktpreis in Höhe von 8 Euro. Die Produktion jeder Einheit dieses Guts verursacht zusätzliche gesellschaftliche Kosten in Höhe von 2 Euro. Um diesen negativen externen Effekt einzupreisen, erhebt der Staat eine Mengensteuer in Höhe 2 Euro je Produkteinheit. Das erhöht den Marktpreis um 2 Euro, sodass die Verbraucher ihre Nachfrage entsprechend reduzieren. Grafisch bedeutet dies, dass die von den privaten Grenzkosten abhängende Angebotsgerade um 2 Euro nach oben verschoben wird. Damit stimmt die private Angebotsgerade mit den gesamtwirtschaft‐ lichen Grenzkosten überein. Das hat zur Folge, dass das Haftungsprinzip wieder gilt - die Käufer des Produkts tragen alle Kosten ihres Handelns. Damit kann der Preis zudem seine Allokationsfunktion erfüllen. Bei einem positiven externen Effekt besteht das Preisinstrument aus einer staatlichen Subvention. Verständnis | Unter dem Begriff der Subvention werden im engen Sinne staatliche Finanzzahlungen verstanden, die Unternehmen erhal‐ ten, ohne dass der Staat dafür eine Gegenleistung erhält. Bei einem weiteren Verständnis fallen zahlreiche staatliche Maßnahmen unter diesen Begriff: Finanzhilfen für private Haushalte, Steuererleichterun‐ gen für Unternehmen und private Haushalte, Kredite zu vergünstigten Konditionen, staatliche Bürgschaften für Kredite, Grundstücke zu niedrigeren Preisen und vieles mehr (vgl. Petersen 2023b). Um das gesamtgesellschaftlich optimale Gütervolumen bei einem Produkt mit einem positiven externen Effekt zu erreichen, bieten sich 3 Subventi‐ onsarten an. ■ Der Staat zahlt den Unternehmen einen Geldbetrag in Form einer Finanzhilfe. Falls der positive externe Effekt einen Wert von 2 Euro hat, beträgt die staatliche Subvention 2 Euro je Produkteinheit. Diese Finanzhilfe wirkt wie eine zusätzliche Einnahme. Das Unternehmen kann seine Preisforderung deshalb um diesen Betrag reduzieren. Im Normalfall reagieren die Nachfrager darauf mit einer höheren Nach‐ frage nach diesem Gut. Wenn es dem Staat gelingt, die Subvention 2.2 Externe Effekte 41 <?page no="42"?> in der Höhe zu gewähren, die dem gesellschaftlichen Zusatznutzen entspricht, steigt die Nachfrage aller Konsumenten auf die Menge x gesell. in → Abb. 2.5. Anstelle einer Finanzhilfe kann der Staat dem Unternehmen auch eine Steuererleichterung einräumen, sodass das Unternehmen je Produkteinheit 2-Euro weniger Steuern zahlen muss. ■ Der Staat kann die Nachfrage nach einem Gut mit einem positiven externen Effekt dadurch ankurbeln, dass er den privaten Haushalten, die das Produkt erwerben, eine Subvention zahlt. Sie kann entweder in Form einer Transferzahlung erfolgen - in diesem Fall wäre das eine Kaufprämie - oder in Form einer Steuergutschrift bzw. Steuer‐ erleichterung. Das aus gesamtgesellschaftlicher Sicht wohlfahrtsmaxi‐ mierende Aktivitätsniveau (x gesell. in → Abb. 2.5) wird erreicht, wenn die staatliche Unterstützung eine Höhe erreicht, die dem in Geldeinheiten ausgedrückten positiven externen Effekt entspricht. ■ Der Staat kann das Produkt mit einem gesellschaftlichen Zusatznutzen selbst anbieten und zu einem Preis verkaufen, der unter den Produkti‐ onskosten liegt. Die Differenz zwischen den Produktionskosten und dem vom Staat geforderten Preis entspricht dem in Geldeinheiten ausgedrückten sozialen Zusatznutzen des Produkts. Dazu kann er das Produkt in staatlichen Unternehmen herstellen lassen oder von privaten Anbietern erwerben. In beiden Fällen entspricht die angebotene Menge wiederum der Menge x gesell. in → Abb. 2.5. Der Staat macht dabei jedoch einen Verlust, den er durch Steuergelder finanzieren muss. Eine zweite Möglichkeit zum Umgang mit externen Effekten sind Mengen‐ instrumente. Bei diesem Instrument legt der Staat Höchstbzw. Mindest‐ mengen fest. Bei einem negativen externen Effekt limitiert der Staat die maximal zulässige Gütermenge, die innerhalb eines Jahres verkauft und konsumiert werden darf, auf die Menge x gesell. in → Abb. 2.4. Damit wird die aus gesamtgesellschaftlicher Sicht optimale Gütermenge realisiert. Es stellt sich jedoch noch die Frage, wie diese Gütereinheiten innerhalb der Bevölkerung verteilt werden. Eine einfache, aber suboptimale, Vorgehensweise ist die Gleichverteilung. Angenommen, die Menge x gesell. in → Abb. 2.4 ist so groß, dass jede Person der Volkswirtschaft 10 Gütereinheiten pro Jahr kaufen darf. Da die Präferenzen der Menschen jedoch unterschiedlich sind, gibt es Menschen, die gar nicht so viele Gütereinheiten konsumieren wollen. Andere würden 42 2 Marktversagen <?page no="43"?> hingegen gerne deutlich mehr als nur 10 Mengeneinheiten kaufen. Dieser Lösungsansatz ist daher nicht wohlfahrtsmaximierend. Ein effizienteres Instrument ist eine Zertifikatlösung. Das bedeutet Fol‐ gendes: Der Staat legt die maximale jährliche Gütermenge, die konsumiert werden darf, fest. Für jede Gütereinheit stellt der Staat ein Zertifikat bereit. Wer eine Gütereinheit kaufen will, darf dies nur, wenn er über ein entspre‐ chendes Zertifikat verfügt. Der Staat bietet die Zertifikate auf Auktionen an. Dort ergibt sich aus dem Zertifikatsangebot und der Nachfrage der Verbraucher ein markträumender Zertifikatspreis. Unter idealtypischen Modellbedingungen kommen beide wirtschaftspo‐ litischen Instrumente - Mengensteuer und Zertifikatslösung - zu einem identischen Ergebnis. Das lässt sich mit Hilfe eines Zahlenbeispiels erklä‐ ren. Angenommen werden die Grenzkosten- und Grenznutzenwerte in →-Tab.-2.2. Gütereinheit Grenznutzen in Euro Private Grenzkosten Euro Soziale Zu‐ satzkosten in Euro Gesamtgesell‐ schaftliche Grenzkosten in Euro Erste 12 6 2 8 Zweite 11 7 2 9 Dritte 10 8 2 10 Vierte 9 9 2 11 Fünfte 8 10 2 12 Tab. 2.2: Zahlenbeispiel für ein Gut mit einem negativen externen Effekt Ohne eine staatliche Intervention ergibt sich ein Marktgleichgewicht, bei dem der Grenznutzen mit den privaten Grenzkosten übereinstimmt. Der Gleichgewichtspreis beträgt 9 Euro, die Gleichgewichtsmenge 4 Güterein‐ heiten. ■ Bei der Mengensteuer gibt der Staat die Höhe der zu zahlenden Steuer vor, in diesem Fall sind es 2 Euro. Der Preis, den die Verbraucher nun zahlen müssen, ergibt sich aus der Summe der privaten Grenzkosten und der Mengensteuer. Die Verbraucher passen ihr Kaufverhalten daran an. Das daraus resultierende neue Marktgleichgewicht hat einen Preis 2.2 Externe Effekte 43 <?page no="44"?> von 10 Euro, gekauft werden dabei 3 Gütereinheiten. Dies ist die wohl‐ fahrtsmaximierende Gütermenge, denn bei ihr stimmt der Grenznutzen mit den gesamtgesellschaftlichen Grenzkosten überein. ■ Bei der Zertifikatlösung bietet der Staat 3 Zertifikate an, die jeweils zum Kauf einer Konsumgütereinheit berechtigen. Die Grenzkosten be‐ tragen bei dieser Menge 8 Euro, der Grenznutzen liegt bei 10 Euro. Falls der Preis für ein Zertifikat nur einen Euro beträgt, liegt der insgesamt zu zahlende Güterpreis bei 9 Euro. In diesem Fall werden jedoch 4 Gütereinheiten nachgefragt und damit auch 4 Zertifikate. Auf dem Markt für Zertifikate gibt es folglich einen Nachfrageüberhang. Dieser bewirkt einen Anstieg des Preises für Zertifikate. Die Verbraucher mit einem Grenznutzen von 10 Euro sind bereit, maximal 2 Euro für den Erwerb eines Zertifikats zu bezahlen. Das neue Marktgleichgewicht zeichnet sich somit durch folgende Eigenschaften aus: der Güterpreis beträgt 8 Euro, hinzu kommt der Zertifikatspreis in Höhe von 2 Euro und die insgesamt nachgefragte Gütermenge beträgt 3 Einheiten. Bei positiven externen Effekten funktionieren Zertifikate nicht. Das aus gesamtgesellschaftlicher Sicht optimale Marktgleichgewicht verlangt im Ver‐ gleich zur Marktlösung ohne eine staatliche Intervention eine Steigerung der Gütermenge. Ein Zertifikatspreis würde den zu zahlenden Güterpreis jedoch weiter erhöhen und damit die nachgefragte Gütermenge reduzieren. Der Staat müsste daher in diesem Fall eine Mindestkonsummenge vorgeben und auch sicherstellen, dass die Gesellschaftsmitglieder die vorgeschriebenen Mindest‐ mengen konsumieren. Der Staat müsste so gesehen die Bürger zum Konsum zwangsverpflichten. Das wäre ein erheblicher Eingriff in die Freiheitsrechte der Menschen. In besonders wichtigen Bereichen findet so ein staatlicher Eingriff dennoch statt. Beispiele sind eine staatlich vorgeschriebene Schulpflicht über eine bestimmte Mindestzahl von Schuljahren und eine gesetzliche Impfpflicht. Eine weitere theoretische Lösung besteht, wenn es nur eine sehr geringe Zahl von Personen gibt, die von einem externen Effekt betroffen sind. Hier kann der Staat das Marktversagen heilen, indem er Eigentumsrechte vergibt. Diese Lösung geht auf den Wirtschaftsnobelpreisträger Ronald Coase (1910 bis 2013) zurück. Dazu ein einfaches Beispiel: ■ An einem Fluss ohne Wasserverunreinigungen sind zwei Unternehmen angesiedelt. ■ Das erste Unternehmen entzieht dem Fluss Kühl- und Betriebswasser. Dieses wird nach der Nutzung ungefiltert in den Fluss geleitet. 44 2 Marktversagen <?page no="45"?> ■ Flussabwärts ist ein zweites Unternehmen, das ebenfalls sauberes Was‐ ser aus dem Fluss für Produktionszwecke benötigt. Daher muss es das vom ersten Unternehmen verschmutzte Wasser reinigen, was mit Kosten verbunden ist. ■ Das erste Unternehmen verursacht somit einen negativen externen Effekt, unter dem das zweite Unternehmen leidet. Für das verschmutzende erste Unternehmen hat die ungefilterte Rück‐ führung des Wassers den Vorteil, dass es keine Kosten für die Was‐ seraufbereitung bzw. -reinigung zahlen muss. Dabei können folgende Kostenverläufe angenommen werden: Je mehr Schmutzstoffe aus dem gebrauchten Wasser herausgefiltert werden müssen, desto höher sind die Wasserreinigungskosten. Die höchsten Kosten fallen an, wenn das Unternehmen vollkommen gereinigtes Wasser in den Fluss zurückleiten muss. Daraus lässt sich der Grenznutzen ableiten, den das verschmutzende Unternehmen daraus zieht, dass es eine bestimmte Menge an Schmutz‐ wasser (x SW ) in den Fluss leitet: ■ Wenn das Unternehmen gar kein verschmutztes Wasser in den Fluss leiten darf (x SW = 0), fallen sehr hohen Kosten an, weil auch die kleinsten Schmutzpartikel aufwendig herausgefiltert werden müssen. Die Erlaubnis, eine geringe Menge Schmutzwasser in den Fluss einleiten zu dürfen, bedeutet eine hohe Kostenersparnis - und daher einen hohen Grenznutzen für das verschmutzende Unternehmen. ■ Größere Schmutzpartikel lassen sich mit geringeren Kosten herausfil‐ tern. Die Kosteneinsparungen, die mit der Ausweitung der Schmutz‐ wassermenge verbunden sind, sinken also. Das bedeutet, dass der Grenznutzen, der mit einer Steigerung der Menge x SW verbunden ist, immer kleiner wird. Die Grenznutzenkurve des verschmutzenden Un‐ ternehmens hat daher einen fallenden Verlauf (→-Abb.-2.6). Für das zweite Unternehmen ergeben sich Kosten für die Reinigung des Flusswassers. Hier gilt: Je höher der Verschmutzungsgrad des Wassers ist, desto höher sind die Reinigungskosten. ■ Wenn die Menge x SW = 0 ist, fallen überhaupt keine Kosten an. Eine geringe Steigerung der Schmutzwassermenge verlangt nur geringe Aufwendungen zur Reinigung des Wassers. Die Grenzkosten für das zweite Unternehmen sind daher niedrig. 2.2 Externe Effekte 45 <?page no="46"?> ■ Je mehr Schmutzwasser das erste Unternehmen in den Fluss leitet, desto größer sind die erforderlichen Anstrengungen des geschädigten Unter‐ nehmens. Die Grenzkostenkurve hat daher einen steigenden Verlauf (→-Abb.-2.6). GN, GK, p x SW • GN des verschmutzenden Unternehmens p* • (x SW )* GK des geschädigten Unternehmens x SW = 0 (x SW ) max. • Abb. 2.6: Optimale Menge an Schmutzwasser Die aus gesamtgesellschaftlicher Sicht optimale Schmutzwassermenge liegt wiederum dort, wo die Grenzkosten mit dem Grenznutzen übereinstimmen, also bei der Menge (x SW )*. Ohne staatliche Interventionen wird das ver‐ schmutzende Unternehmen jedoch keine Anstrengungen unternehmen, um das benutzte Wasser zu reinigen. Daraus resultiert die Schmutzwassermenge (x SW ) max. . Der Staat kann dafür sorgen, dass das aus gesamtgesellschaftlicher Sicht optimale Niveau (x SW )* erreicht wird. Dafür muss er einem der beiden Unternehmen das Eigentumsrecht an dem Flusswasser zuteilen. Für die Erreichung des gesamtwirtschaftlichen Optimums ist es egal, welches Unternehmen dieses Recht erhält: ■ Wenn das verschmutzende Unternehmen (U verschm. ) das Eigentumsrecht erhält, darf es jede beliebige Schmutzwassermenge ableiten. Das geschä‐ digte Unternehmen (U geschäd. ) kann dies verhindern, indem es U verschm. Geld dafür bezahlt, dass dieses seine Schmutzwassermenge reduziert. Für jede Menge zwischen (x SW )* und (x SW ) max. sind die Grenzkosten für 46 2 Marktversagen <?page no="47"?> 3 Die Ausführungen des →-Abschnitts 2.3 basieren auf Petersen 2010. U geschäd. höher als der Grenznutzen für U verschm. . Wenn beispielsweise die Grenzkosten bei 20 Euro liegen, ist U geschäd. bereit, 19,99 Euro dafür zu bezahlen, dass U verschm. diese Mengeneinheit an Schmutzwasser nicht einleitet. Beträgt der Grenznutzen für U verschm. nur 15 Euro, kann das Unternehmen das Wasser zu Kosten von 15 Euro reinigen und mit der Zahlung von U geschäd. einen Gewinn in Höhe von 4,99 Euro erzielen. Dieser Logik folgend, kommt es zu einer Reduktion des Schmutzwassers bis zur Menge (x SW )*. Für eine weitere Reduktion gibt es keine Einigung zwischen beiden Unternehmen. Der Geldbetrag, den U verschm. für eine Reduktion seiner Schmutzwassermenge wegen der entsprechend hohen Reinigungskosten verlangt, ist höher als der Betrag, den U geschäd. bereit ist zu zahlen. ■ Dieses Ergebnis stellt sich auch ein, wenn der Staat das Eigentumsrecht dem geschädigten Unternehmen zuspricht. In diesem Fall muss U verschm. für die Erlaubnis bezahlen, Schmutzwasser in den Fluss zu leiten. Aus‐ gangspunkt ist daher die Menge x SW = 0. Wenn U verschm. hier das Recht erhält, ungereinigtes Wasser einzuleiten, spart es damit einen hohen Geldbetrag. Die Reinigungskosten für U geschäd. sind hingegen nahe null. Mit einer steigenden Menge x SW nehmen die Reinigungskosten für U geschäd. zu, während die Zahlungsbereitschaft von U verschm. sinkt. Ist (x SW )* erreicht, liegt die Zahlungsbereitschaft von U verschm. für die Erlaubnis, weiteres Schmutzwasser in den Fluss zu leiten, unter dem Mindestbetrag, den U geschäd. benötigt, um das verschmutzte Wasser zu reinigen. Die Entscheidung, wer in diesem Beispiel das Eigentumsrecht erhält, ist also für die Realisierung des gesamtwirtschaftlichen optimalen Aktivitäts‐ niveaus irrelevant. Für die Einkommensverteilung ist dies hingegen hoch relevant. Das Unternehmen, das den Zuschlag erhält, kann dadurch zusätz‐ liche Einkommen generieren und so seinen Gewinn steigern. Für das andere Unternehmen bedeutet diese Entscheidung eine Gewinnreduzierung, weil nun zusätzliche Kosten anfallen. 2.3 Tragödie der Allmende Die „Tragödie der Allmende“ ist von Garrett Hardin (1915 bis 2003) 1968 in die wissenschaftliche Diskussion gebracht worden. 3 Ausgangspunkt 2.3 Tragödie der Allmende 47 <?page no="48"?> dieser Tragödie sind Gemeinschaftsgüter, d. h. Güter, an denen es keine individuellen Eigentumsrechte gibt, sondern an denen mehrere Personen Eigentumsrechte haben. Hardin verwendet für seine Argumentation die Allmende. Sie ist eine Rechtsform des gemeinschaftlichen Eigentums und bezieht sich auf den Teil des Gemeindevermögens, der von allen Gemeindemitgliedern genutzt wer‐ den kann. Das bedeutet: Jedes Gemeindemitglied hat das Recht, Nutztiere - beispielsweise Kühe - auf dem Gemeindevermögen weiden zu lassen. Der Erwerb und Unterhalt einer Kuh ist für jede Person mit privaten Kosten verbunden, die nur der Eigentümer eines Tiers trägt. Aus dem Erwerb eines Nutztiers zieht der Eigentümer einen privaten Erlös, der sich beispielsweise aus dem Verkauf der Milch ergibt. Die Entscheidung, eine zusätzliche Kuh zu erwerben, hat neben den privaten Kosten aber noch zusätzliche Kosten, die von der Allgemeinheit getragen werden - es kommt also zu einem negativen externen Effekt. Eine Erhöhung der Anzahl von Kühen bedeutet eine stärkere Inanspruchnahme der Allmende, sodass sich der Ernährungszustand aller Tiere verschlechtert, deren Milchproduktion abnimmt und die Erträge aller Kühe sinken. Das Problem des gemeinschaftlichen Eigentums an dem Weideland be‐ steht darin, dass jeder einzelne Nutzer die zusätzlichen Kosten, die sich aus der Vergrößerung seiner Herde ergeben, nicht vollständig trägt. Mit der Entscheidung für den Erwerb einer weiteren Kuh sinkt der Ertrag der Kühe des betreffenden Nutzers, diese Kosten werden von ihm berücksichtigt. Gleichzeitig sinken auch die Erträge der Kühe aller anderen Gemeindemit‐ glieder. Diese Kosten werden von demjenigen, der sich für den Kauf eines zusätzlichen Tiers entscheidet, nicht berücksichtigt. Die Nichtberücksichtigung der Kosten, die der Allgemeinheit aufgelastet werden, führt dazu, dass der individuelle Nutzer sich für eine zu große Anzahl von Kühen entscheidet, was zu einer Überweidung der Allmende führt. Die systematische Übernutzung eines gemeinschaftlichen Eigentums lässt sich mit Hilfe eines Beispiels verdeutlichen. Ausgangspunkt ist eine gemeinschaftlich genutzte Wiese, auf der die Kühe der Gemeindemitglieder weiden (→-Tab.-2.3). ■ Die jährlichen privaten Kosten, die mit der Haltung einer Kuh verbun‐ den sind, betragen 1.600 Euro pro Kuh. Dieser Betrag ist konstant für alle Tiere. 48 2 Marktversagen <?page no="49"?> ■ Wenn nur ein Tier auf der Wiese grast, ergibt sich aus dem Verkauf der Milch ein Erlös von 2.000 Euro pro Jahr. ■ Jede zusätzliche Kuh hat einen um 200 Euro geringeren jährlichen Milchertrag. Dieser wird jedoch von der gesamten Herde getragen. Wenn eine Person eine zusätzliche Kuh anschafft, hat das Auswirkungen auf alle Tierhalter. ■ Falls also eine zweite Kuh auf der Allmende grast, liegt der Gesamterlös bei 3.800 Euro (2.000 + 1.800). Der geringere Milchertrag betrifft aber beide Kühe, d. h. der Erlös, der mit der ersten Kuh erzielt wird, liegt nicht mehr bei 2.000 Euro, sondern nur noch bei 1.900 Euro - der durchschnittliche Erlös je Kuh sinkt auf 1.900 Euro. ■ Wird eine dritte Kuh auf die Weide gelassen, beträgt der Gesamterlös der Herde 5.400 Euro (2.000 + 1.800 + 1.600), sodass der Durchschnittserlös je Kuh auf 1.800 Euro sinkt. Größe der Herde Gesamterlös in Euro Durch‐ schnittserlös in Euro Private Kos‐ ten je Kuh in Euro Grenzerlös in Euro 1 Kuh 2.000 2.000 1.600 2.000 2 Kühe 3.800 1.900 1.600 1.800 3 Kühe 5.400 1.800 1.600 1.600 4 Kühe 6.800 1.700 1.600 1.400 5 Kühe 8.000 1.600 1.600 1.200 6 Kühe 9.000 1.500 1.600 1.000 Tab. 2.3: Kosten und Erlöse der Nutztierhaltung in Abhängigkeit von der Größe der Herde Die skizzierten Zusammenhänge zwischen der Herdengröße und dem Wert der Milchproduktion führen zu folgenden Entscheidungen: ■ Gäbe es nur einen Eigentümer der Wiese, würde er die negativen Auswirkungen einer Vergrößerung der Herde tragen. Ein gewinnma‐ ximierender Eigentümer wendet daher die Regel ‚Grenzkosten gleich Grenzerlös‘ an. Er orientiert sich am Grenzerlös jeder Kuh und entschei‐ det sich für 3 Kühe, weil der Grenzerlös dann mit den zusätzlichen Kosten (konstant 1.600 Euro je Kuh) übereinstimmt. Der Erwerb eines vierten Nutztiers lohnt sich nicht, weil der damit erzielte Mehrerlös bei 2.3 Tragödie der Allmende 49 <?page no="50"?> 1.400 Euro liegt, die zusätzlichen Unterhaltskosten aber bei 1.600 Euro. Zu dieser Einschätzung kommt auch die Gemeinde als Ganzes, wenn sie ihren Gewinn maximieren will. ■ Wenn sich hingegen mehrere Personen die Nutzung der Wiese teilen, hat jeder einzelne Tierbesitzer ein anderes Entscheidungskalkül. Rele‐ vant sind nur die eigenen finanziellen Erlöse, die mit dem Erwerb eines Nutztiers verbunden sind. Falls bereits 3 Kühe auf der Allmende weiden und eine Person, die bisher noch keine Nutztiere besitzt, sich für den Erwerb einer Kuh entscheidet, sinkt der Durchschnittserlös auf 1.700 Euro. Damit lohnt sich der Erwerb aus Sicht des Individuums, weil der mit diesem Tier verbundene Erlös 100 Euro größer ist als dessen Kosten in Höhe von 1.600 Euro. Damit ergeben sich folgende Konsequenzen: ■ Aus Sicht der Gemeinschaft liegt die optimale Zahl der Kühe dort, wo der gesamtwirtschaftliche Grenzerlös mit den privaten Kosten eines Nutztiers übereinstimmt (3 Kühe). Die privaten Kosten entsprechen den gesamtwirtschaftlichen Grenzkosten von 1.600 Euro. ■ Aus Sicht eines einzelnen Gemeindemitglieds lohnt sich die Anschaf‐ fung eines Nutztiers hingegen immer dann, wenn der durchschnittliche individuelle Erlös größer oder gleich den privaten Kosten ist. Die Größe der Herde, die sich aus den individuellen Entscheidungen der Gemein‐ demitglieder ergibt, liegt daher bei 5 Kühen. So kommt es zu einer Übernutzung der Allmende. Grund dafür ist, dass das Haftungsprinzip nicht zur Geltung kommt - der Eigentümer einer Kuh trägt nur einen Teil der geringeren Milcherträge, die damit verbunden sind, dass sein Tier die Ernährungssituation aller Tiere verschlechtert. Verständnis | Der Umstand, dass individuell rationale Entscheidun‐ gen systematisch zu einer Überweidung führen, die langfristig zum Ruin der gemeinschaftlich genutzten Wiese führt, wird als Tragödie der Allmende bezeichnet. Weitere Beispiel hierfür sind das Überfi‐ schen der Meere, die Abholzung von Wäldern und die Plünderung von Waldtierbeständen, also kurz gesagt der menschliche Raubbau an der Natur. 50 2 Marktversagen <?page no="51"?> Zur Verhinderung der Übernutzung einer gemeinschaftlich genutzten Weide sind verschiedene Handlungsoptionen denkbar: ■ Die Allmende wird in Privateigentum umgewandelt. Wenn es nur ei‐ nen Eigentümer gibt, treffen ihn die Kosten einer Übernutzung vollstän‐ dig. Daher wird er die gesamtgesellschaftlichen Zusatzkosten einer Kuh in Höhe von 200 Euro bei seinen Entscheidungen berücksichtigen und die Herdengröße wählen, bei der die Grenzkosten einer Kuh (konstant bei 1.600 Euro) mit dem Grenzerlös übereinstimmen. Hieraus können sich jedoch erhebliche Verteilungskonflikte ergeben - wenn es nur einen Eigentümer gibt, erzielt er mit der Nutzung des Weidelands Einkommen, während alle anderen Gemeindemitglieder von einer entsprechenden Einkommenserzielung ausgeschlossen werden. ■ Die Gemeinschaft regelt den Zugang zur Allmende und lässt nur die aus Sicht der Gemeinschaft optimale Anzahl von 3 Kühen zu. Die Zuteilung der Nutzungsrechte an die Gemeindemitglieder kann kostenlos erfolgen (nach dem Zufallsprinzip, nach dem Prinzip „wer zuerst kommt“, als Belohnung für bestimmte Aktivitäten etc.) oder gegen die Zahlung einer Nutzungsgebühr. ■ Die Gemeinschaft erhöht die privaten Kosten des Unterhalts einer Kuh durch eine Mengensteuer. Die Höhe dieser Steuer entspricht der Höhe der gemeinschaftlichen Zusatzkosten, die sich aus dem Hinzufügen einer Kuh ergeben. In diesem Fall würde jedes Gemeindemitglied eine Steuer in Höhe von 200 Euro zahlen, sodass die privaten Kosten einer Kuh auf 1.800 Euro ansteigen. Somit würde sich ein einzelnes Gemeinde‐ mitglied nach wie vor am Durchschnittserlös einer Kuh orientieren und sich nur für den Erwerb eines weiteren Tiers entscheiden, wenn dessen Durchschnittserlös größer oder gleich 1.800 Euro ist. Das Ergebnis wäre dann eine Herde mit 3 Kühen. 2.4 Natürliches Monopol Ein Monopol liegt vor, wenn es auf einem Markt nur einen Anbieter gibt, dem zahlreiche Nachfrager gegenüberstehen. Wenn Marktprozesse automatisch zu einer Situation führen, in der es auf einem Markt nur einen Anbieter gibt, der alle anderen Konkurrenten langfristig vom Markt verdrängt, wird dies als ein natürliches Monopol bezeichnet. 2.4 Natürliches Monopol 51 <?page no="52"?> Verständnis | Es gibt in der wirtschaftswissenschaftlichen Analyse verschiedene Arten von Kosten. Fixkosten sind Kosten, die unab‐ hängig von der produzierten Gütermenge anfallen. Hierzu gehören beispielsweise die Forschungs- und Entwicklungskosten, die zur Ent‐ wicklung eines neuen Produkts erforderlich sind. Auch die Kosten für den Bau von Produktionsanlagen und Maschinen - bzw. genauer die jährlichen Abschreibungen, die unabhängig davon anfallen, ob etwas produziert wird oder nicht - gehören zu den Fixkosten. Die variablen Kosten sind z. B. die Kosten für den Materialverbrauch, den Stromverbrauch und für die geleisteten Arbeitsstunden. Die Höhe dieser Kosten hängt von der jährlichen Produktionsmenge ab. Die Stückkosten bzw. die Durchschnittskosten ergeben sich, indem die insgesamt anfallenden Produktionskosten (also Fixkosten plus variable Kosten) durch die Anzahl der produzierten Gütereinheiten dividiert werden. Der zentrale Grund für das Entstehen eines natürlichen Monopols ist eine spezielle Kostenstruktur. Bei hohen Fixkosten und geringen variablen Kosten führt eine Ausweitung der Produktionsmenge zu sinkenden Stück‐ kosten. Das hat zur Folge, dass das Unternehmen, welches die größte Menge anbietet, die geringsten Stückkosten aufweist und daher auch den niedrigsten Preis fordern kann. Die Verbraucher werden letztendlich nur bei dem Anbieter kaufen, der den geringsten Preis fordert. Langfristig überlebt somit nur ein Anbieter. Das lässt sich mit Hilfe eines Zahlenbeispiels verdeutlichen. Angenom‐ men wird dabei, dass die jährlichen Fixkosten der Produktion 10 Millionen Euro betragen. Die variablen Kosten jeder produzierten Mengeneinheit betragen 2 Euro. Die mit dieser Produktionsanlage maximal herstellbare Gütermenge beträgt 100 Millionen Stück. In Abhängigkeit der Anzahl produzierter Güter ergeben sich die in → Tab. 2.4 dargestellten Gesamt- und Stückkosten. Hier würde am Ende nur das Unternehmen wirtschaftlich überleben, das die größte Gütermenge herstellt. Die Entwicklung hin zu einem einzigen Anbieter ist folglich eine marktwirtschaftlich vorhersehbare und so gesehen natürliche Entwicklung, weshalb von einem natürlichen Monopol gesprochen werden kann. 52 2 Marktversagen <?page no="53"?> Anzahl Produkte Variable Kosten in Euro Gesamtkosten in Euro Stückkosten in Euro 100 200 10.000.200 100.002,00 1.000 2.000 10.002.000 10.002,00 10.000 20.000 10.020.000 1.002,00 100.000 200.000 10.200.000 102,00 1.000.000 2.000.000 12.000.000 12,00 10.000.000 20.000.000 30.000.000 3,00 100.000.000 200.000.000 210.000.000 2,10 Tab. 2.4: Zahlenbeispiel für ein natürliches Monopol mit Fixkosten in Höhe von 10 Millionen Euro Ein Paradebeispiel für so ein Monopol sind Eisenbahnen bzw. das Schienen‐ netzwerk. Der Bau eines flächendeckenden Schienennetzwerkes stellt hohe Fixkosten dar. Würden viele Eisenbahnunternehmen als Anbieter auf dem Markt agieren, würde sich am Ende der Anbieter mit den meisten Kunden durchsetzen, weil er seine Fixkosten auf die größte Zahl von Kunden ver‐ teilen kann. Die übrigen Anbieter würden verdrängt und ihre Investitionen wären verloren bzw. eine Verschwendung knapper Ressourcen. Gleiches gilt für Infrastrukturanlagen im Bereich der Strom- und Wasserversorgung oder im Bereich von Straßen und Autobahnen. Eine weitere Ursache für ein Monopol ist der Netzwerk-Charakter von Produkten. Diesen Charakter gibt es vor allem bei digitalen Produkten: Je mehr Teilnehmer in einem sozialen Netzwerk oder einer Online-Tauschbörse anzutreffen sind, desto attraktiver ist es für Menschen, sich dem entsprechend großen Netzwerk anzuschließen. Am Ende setzt sich das Unternehmen durch, das die meisten Teilnehmer hat („Winner takes all“-Phänomen). Erneut bleibt langfristig nur ein Anbieter am Markt bestehen. Monopole sind aus mindestens fünf Gründen ein wirtschaftliches und gesellschaftliches Problem. Erstens: Monopolisten fordern höhere Preise, weil sie keine Konkurrenz haben. Verbraucher müssen diese Preise zahlen, weil es keine anderen An‐ bieter gibt. Dies schmälert ihre Kaufkraft und verringert die Konsummög‐ lichkeiten. Zudem ist ein Monopol mit einem gesamtwirtschaftlichen Wohl‐ 2.4 Natürliches Monopol 53 <?page no="54"?> fahrtsverlust verbunden: Ein Monopolist bietet zur Maximierung seines Gewinns die Gütermenge anbieten, bei der der Grenzerlös den Grenzkosten der Produktion entspricht (vgl. dazu ausführlicher Petersen 2008). Bei stei‐ genden Grenzkosten der Produktion und einem sinkenden Grenznutzen auf Seiten der Verbraucher führt dies zu einem Monopolgleichgewicht, bei dem der Monopolist im Vergleich zum Gleichgewicht mit vielen Wettbewerbern eine kleinere Gütermenge anbietet und dafür einen höheren Preis fordert. Dadurch kommt es zu einem gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrtsverlust. Zweitens: Ein Monopolist verfügt auch als Nachfrager über eine Markt‐ macht, mit der er die Preise für Vorleistungen und die Löhne senken kann. So gibt es Hinweise, dass das Aufkommen von sogenannten Superstar- Firmen wie Google, Apple, Amazon, Facebook und Uber auf die Löhne bzw. auf Lohnsteigerungen drückt (vgl. Autor et al. 2017). Die Preise entsprechen dann nicht mehr den tatsächlichen Knappheiten und erfüllen ihre Informationsfunktion nicht vollständig. Drittens: Ohne Konkurrenz gibt es für einen Monopolisten keine Not‐ wendigkeit, die Qualität seiner Produkte zu verbessern oder deren Preise durch technologischen Fortschritt zu senken. Der zentrale Vorteil der Marktwirtschaft für die Verbraucher - ein verbessertes Produktangebot zu geringeren Preisen - kommt nicht zum Tragen. Die Preise können somit ihre Innovationsfunktion nicht erfüllen Viertens: Als Alleinanbieter mit entsprechenden Monopolgewinnen ver‐ fügt ein Monopolist über hohe finanzielle Mittel. Diese finanzielle Macht kann eingesetzt werden, um potenzielle Konkurrenten frühzeitig aufzukau‐ fen. Sie kann auch genutzt werden, um weitere Unternehmen zu erwerben und damit zusätzliche Märkte zu betreten, die gar nicht zum ursprünglichen Geschäftsbereich gehören. Ein Beispiel dafür ist Google. Zu den neu gegrün‐ deten Unternehmen oder zugekauften Unternehmen und Produkten gehö‐ ren u. a. Google Maps (ein Kartendienst), Google Earth (Bereitstellung von Satellitenbildern), Google Street View (eine fotorealistische Straßenansicht als Ergänzung zu Google Maps), Google Mail, das soziale Netzwerk Google Plus, Google Hangouts für Internettelefonate, die Bildverwaltungssoftware Picasa, das Betriebssystem Android, der Webbrowser Chrome, der Video- Kanal YouTube, um nur die wichtigsten zu nennen. Zudem besteht über Google Ventures eine Beteiligung an dem Fahrdienst Uber. Und schließlich beteiligt sich Google im Automobilbereich an der Entwicklung selbstfahr‐ ender Autos (vgl. Rolf und Sagawe 2015, S.-75-84). 54 2 Marktversagen <?page no="55"?> Fünftens: Wirtschaftliche Macht kann zu politischer Macht werden. Monopole sind als Arbeitgeber und Steuerzahler ein wichtiger Wirtschafts‐ akteur. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass politische Entscheider auf diese Unternehmen und deren Partialinteressen hören. Die Konsequenz können politische Entscheidungen sein, die zulasten der Verbraucher, der Arbeitnehmer und kleiner Unternehmen gehen. Dazu nur ein Beispiel: Große Unternehmen könnten mit den lokalen Steuerbehörden darüber verhandeln, ob bestimmte Ausgaben als laufende Geschäftskosten geltend gemacht werden können und so ihre effektive Steuerbelastung verringern. Dass dieses Ziel von Großunternahmen in der Praxis erreicht wird, zeigen beispielsweise Egger, Strecker und Zoller-Rydzek (2018). Aufgabe des Staates ist es, entweder das Entstehen von Monopolen zu verhindern (bzw. aufzulösen, wenn sie bereits entstanden sind) oder bestehende Monopole zu regulieren. Letzteres bedeutet, dass der Staat einem Monopolun‐ ternehmen Auflagen bezüglich der Höhe seines Preises oder der Verzinsung seines Kapitals macht. Die dafür erforderlichen Maßnahmen gehören zur Wettbewerbspolitik. Alternativ kann der Staat in den Bereichen, in denen es wegen der Kostenstruktur zu einem natürlichen Monopol kommt, selber als Anbieter tätig werden und in diesen Bereichen nur ein staatliches Unternehmen zulassen. Beispiele dafür sind in vielen Ländern die Bahn und die Post. Die Zerschlagung eines natürlichen Monopols und anschließende Auftei‐ lung in verschiedene Anbieter ist bei einem natürlichen Monopol keine öko‐ nomisch sinnvolle Strategie. Das würde den Verzicht auf die Größenvorteile in der Produktion bedeuten. In der Volkswirtschaft gäbe es dann mehrere Unternehmen, die alle die gleichen Fixkosten hätten. Wegen der geringeren individuellen Produktionsmengen wären die Stückkosten und damit auch der zu zahlenden Preis jedoch höher als im Fall eines einzigen Anbieters. 2.5 Unvollständige Informationen In einem funktionierenden Markt werden Güter von schlechter Qualität vom Markt verdrängt, weil der Markt nur gute Leistungen belohnt. Daher setzen sich die Güter mit einer hohen Qualität durch und verdrängen qualitativ min‐ derwertige Güter. Voraussetzung hierfür ist die Annahme der vollkommenen Information. In der Realität liegen jedoch oftmals Informationsasymme‐ trien vor, bei denen eine der beiden Marktseiten besser über die Qualität des betreffenden Produkts informiert ist als die andere. Wenn Informationen 2.5 Unvollständige Informationen 55 <?page no="56"?> asymmetrisch verteilt sind, kann dies zu einem Marktversagen führen. Es äußert sich darin, dass nicht die Güter mit einer geringen Qualität vom Markt verdrängt werden, sondern dass sich die schlechte Qualität durchsetzt und die qualitativ hochwertigen Güter vom Markt verschwinden. Wissen | Die Verdrängung qualitativ hochwertiger Produkte durch minderwertigere Güter widerspricht dem Selektionsmechanismus eines funktionsfähigen Markts und wird daher als adverse Selektion be‐ zeichnet. Das Phänomen der adversen Selektion lässt sich am Beispiel des Markts für Gebrauchtwagen verdeutlichen. Dieses Beispiel geht auf den ameri‐ kanischen Ökonomen und Wirtschaftsnobelpreisträger George A. Akerlof (geboren 1940) zurück. In den USA werden Automobile mit Mängeln bzw. so genannte ‚Montagsautos‘ als ‚lemons‘ bezeichnet. Der entsprechende Markt ist dann ein „Market for lemons“ (vgl. Akerlof 1970). Die Informationsasymmetrie besteht darin, dass nur die Eigentümer - also die Verkäufer - der Gebrauchtwagen deren wahre Qualität kennen. Die Käufer sind ohne hohe Informationskosten nicht in der Lage, einen gut erhaltenen Gebrauchtwagen von einem Wagen schlechter Qualität zu unterscheiden. Die Käufer wissen lediglich, dass es Gebrauchtwagen von verschiedenen Qualitäten gibt. Zudem kennen sie die Anteile der Qualitätsgruppen an der Gesamtheit aller Gebrauchtwagen. Wird vereinfachend von 5 Qualitätsgrup‐ pen und einer Gleichverteilung der Qualität ausgegangen, lässt sich der Markt für Gebrauchtwagen aus Sicht der Käufer wie folgt beschreiben (→-Tab.-2.5). Qualitätsgruppe Wert des Gebrauchtwa‐ gens in Euro Anteil der Qualitäts‐ gruppe an allen Ge‐ brauchtwagen Erste (beste) 5.000 20 % Zweite 4.000 20 % Dritte 3.000 20 % Vierte 2.000 20 % Fünfte (schlechteste) 1.000 20 % Tab. 2.5: Markt für Gebrauchtwagen in der Ausgangssituation 56 2 Marktversagen <?page no="57"?> Der Preis, den ein Käufer zu zahlen bereit ist, lässt sich über den Erwar‐ tungswert für den Wert eines Gebrauchtwagens berechnen. Dieser beträgt 0,2 × (5.000 Euro + 4.000 Euro + 3.000 Euro + 2.000 Euro + 1.000 Euro) = 3.000 Euro. Jeder Gebrauchtwagenkäufer wird also maximal bereit sein, 3.000 Euro zu bezahlen, denn auf die Dauer und im Durchschnitt erwirbt er dadurch eine dem Preis entsprechende Qualität. Bei diesem Preis werden jedoch die Besitzer von Gebrauchtwagen der ersten und der zweiten Qualität nicht bereit sein, ihren Wagen zu verkaufen. Wegen des Informationsvorsprungs wissen sie, dass der tatsächliche Wert ihres Autos höher ist. Bei einem Preis von 3.000 Euro würden sie einen Ver‐ lust erleiden, sodass sie ihr Angebot vom Markt nehmen. Nur die Verkäufer von Autos der drei schlechteren Qualitätsgruppen sind bereit, ihren Wagen für den Marktpreis von 3.000 Euro zu verkaufen. Damit aber ändert sich die durchschnittliche Qualität der Gebrauchtwagen auf dem Markt. Durch das Verschwinden der Wagen mit der besten und der zweitbesten Qualität werden nur noch 3 Qualitätsgruppen angeboten (→-Tab.-2.6). Qualitätsgruppe Wert des Gebrauchtwa‐ gens in Euro Anteil der Qualitäts‐ gruppe an allen Ge‐ brauchtwagen Dritte 3.000 33,33 % Vierte 2.000 33,33 % Fünfte (schlechteste) 1.000 33,33 % Tab. 2.6: Markt für Gebrauchtwagen nach Ausscheiden der beiden besten Qualitäten in der Ausgangssituation Die Käufer nehmen die geänderte Qualitätsstruktur früher oder später wahr und revidieren ihre Vorstellungen vom Erwartungswert über den Wert eines Gebrauchtwagens. Nach dem Verschwinden der ersten beiden Qualitätsgruppen werden die Käufer jetzt nur noch bereit sein, einen Preis von maximal 2.000 Euro zu zahlen. Angesichts dieses neuen Marktpreises nehmen die Besitzer der Wagen mit der drittbesten Qualität ihr Angebot vom Markt. Nun werden nur noch Autos der beiden schlechteren Qualitätsgruppen angeboten, was zu einem Marktpreis von 0,5 . 2.000 Euro + 0,5 . 1.000 Euro = 1.500 Euro führt. Dieser Preis lässt die Gebrauchtwagen der viertbesten Qualität vom 2.5 Unvollständige Informationen 57 <?page no="58"?> Markt verschwinden, sodass schließlich nur noch die Wagen der schlech‐ testen Qualität angeboten werden. Der Marktpreis entspricht dann der durchschnittlichen - sprich einzigen - Qualität bzw. dem Erwartungswert von 1.000 Euro. Im Ergebnis hat das Vorliegen von asymmetrischen Informationen über die konkrete Qualität der einzelnen angebotenen Gebrauchtwagen dazu geführt, dass die Wagen mit einer guten Qualität vom Markt verdrängt worden sind und sich stattdessen die schlechteste Qualität durchgesetzt hat. Der Markt hat in dem Sinne versagt, dass es ihm nicht gelungen ist, gute Angebote oder Leistungen zu belohnen. Zudem ist der Markt für Gebrauchtwagen von höherer Qualität, also der Qualitätsgruppen 1 bis 4, zusammengebrochen bzw. gar nicht erst entstanden. Ein weiteres Beispiel für Informationsasymmetrien sind Versicherungs‐ märkte. Ausgangspunkt ist die Überlegung, dass es für den Eintritt des zu versichernden Schadens objektive exogene Wahrscheinlichkeiten gibt. Diese Schadenswahrscheinlichkeiten sind nicht für alle Personen identisch. Auf einem Versicherungsmarkt mit vollständiger Information wird für jede Person entsprechend der individuellen Schadenswahrscheinlichkeit eine Versicherungsprämie berechnet, die dem erwarteten Schaden entspricht. Dazu ein einfaches Beispiel: ■ Person A ist ein vorsichtiger Autofahrer und legt jedes Jahr nur wenige Hundert Kilometer auf wenig befahrenen Straßen zurück. Die Wahr‐ scheinlichkeit, dass es innerhalb eines Jahres zu einem Unfall kommt, liegt bei 0,5 Prozent. ■ Person B ist ein Vielfahrer, der häufig in Großstädten mit viel Verkehr unterwegs ist. Wegen einer hohen Arbeitsbelastung werden die Ver‐ kehrsvorschriften nicht immer eingehalten. Die Unfallwahrscheinlich‐ keit liegt bei 10-Prozent pro Jahr. ■ Der Unfallschaden ist bei beiden Fahrern annahmegemäß gleich hoch und liegt bei 2.000 Euro. Der Erwartungsschaden bei Person A beträgt folglich 10 Euro, der bei Person B hingegen 200 Euro. Eine faire jährliche Versicherungsprämie entspricht dem erwarteten Unfallschaden, sodass Person A 10-Euro pro Jahr zahlen müsste und Person B 200-Euro. Ist es dem Versicherer jedoch nicht möglich, den einzelnen Personen eine Wahrscheinlichkeit für den Eintritt eines Schadens zuzuordnen, muss er mit einer einheitlichen Prämie arbeiten, die sich wiederum an der durch‐ schnittlichen Schadenswahrscheinlichkeit orientiert. In dem Zahlenbeispiel 58 2 Marktversagen <?page no="59"?> würden daher beide Personen 105 Euro als Versicherungsprämie zahlen. Für Person A - aus Sicht der Versicherung ein gutes Risiko - ist der Abschluss eines Versicherungsvertrages dann aber ökonomisch nicht mehr attraktiv, weil die Prämie größer ist als der zu erwartende Schaden. Die guten Risiken werden daher die angebotenen Versicherungsverträge nicht nachfragen. Sie verschwinden vom Markt, was zu einer Erhöhung der durchschnittlichen Schadenswahrscheinlichkeit führt. Letztendlich ist zu erwarten, dass nur noch die Personen mit der höchsten Schadenswahrscheinlichkeit - aus Sicht der Versicherung die schlechtesten Risiken - als Nachfrager übrigbleiben. Ein etwas anders gelagertes Informationsproblem ergibt sich, wenn die potenziellen Schäden, die bei Fehlentscheidungen wegen einer Marktin‐ transparenz auftreten, unverhältnismäßig hoch sind. Marktintransparenz bedeutet, dass nicht alle Marktteilnehmer über alle relevanten Informatio‐ nen verfügen. Diese Intransparenz kann sich beispielsweise auf die Qualität der angebotenen Leistungen beziehen. Häufig ist der Markt in der Lage, diese Intransparenz im Laufe der Zeit zu beseitigen, vor allem, wenn es sich um lokale Märkte handelt. Wenn es z. B. in einer Stadt 20 Bäcker gibt, von denen zwei minderwertigere Brötchen anbieten als die übrigen 18 Bäcker, aber dennoch den gleichen Brötchenpreis verlangen wie alle anderen, kann sich das in der Stadt herumsprechen. Hier funktioniert die Selektionsfunktion des Markts - die Anbieter von Produkten schlechter Qualität werden er‐ kannt, und wenn sich dies herumspricht, verschwinden sie vom Markt. Der gesamtgesellschaftliche Preis für diesen Entwicklungsprozess besteht darin, dass einzelne Verbraucher einen - gemessen an der tatsächlichen Qualität - zu hohen Preis bezahlen. In gewissem Maße könnte diese Fehlentscheidung sogar den betroffenen Verbrauchern angelastet werden - hätten sie sich vorher besser über die Qualität aller Bäcker am Ort informiert, wäre es nicht zu dieser Fehlentscheidung gekommen. Allerdings sind auch Fälle denkbar, in denen die möglichen Schäden einer Fehlentscheidung wegen fehlender Markttransparenz so hoch sind, dass Fehlentscheidungen gesamtgesellschaftlich inakzeptabel sind. Dies wäre beispielsweise der Fall, wenn eine Person ohne entsprechende Qualifikati‐ onen als Herzchirurg tätig werden würde. Wenn sich herausstellt, dass viele Patienten dieses Arztes einen chirurgischen Eingriff nicht überleben, spricht sich dies früher oder später herum. Auch entsprechende Gerichtsverfahren, die von den Angehörigen der verstorbenen Personen angestrebt werden, erfüllen diesen Zweck. Allerdings wäre der Tod von zahlreichen Menschen 2.5 Unvollständige Informationen 59 <?page no="60"?> ein gesellschaftlich nicht akzeptabler Preis für die Verdrängung qualitativ minderwertiger Dienstleistungsanbieter vom Markt. Ein letztes hier zu behandelndes Informationsproblem betrifft eine hohe Unsicherheit. Wenn die Folgen einer wirtschaftlichen Entscheidung nicht seriös abgeschätzt werden können, kann das bedeuten, dass gesamtgesell‐ schaftlich sinnvolle Aktivitäten unterbleiben, weil sich dafür keine Finan‐ zierung findet. Das ist z. B. bei innovativen Technologien und Produkten der Fall. Wenn ein Unternehmen eine energie- und ressourcensparende Mobili‐ tätsdienstleistung entwickelt hat, die jedoch nur bei einem deutschlandwei‐ ten Einsatz rentabel ist, macht das hohe Anfangsinvestitionen erforderlich. Es ist jedoch nicht klar, ob sich für diese Dienstleistung hinreichend viele Nachfrager interessieren. Eine private Bank wird unter diesen Rahmenbe‐ dingungen kaum bereit sein, millionenschwere Investitionen mit einem Kredit zu finanzieren, weil die Gefahr eines Kreditausfalls nicht abgeschätzt werden kann. Damit kann eine gesamtwirtschaftlich sinnvolle Dienstleis‐ tung wegen fehlender Finanzierungsmöglichkeiten nicht realisiert werden. Das kann als ein Kapitalmarktversagen bezeichnet werden (vgl. Bofinger 2019, S.-95 f.). Verständnis | Es gibt drei Arten von Entscheidungen. Bei einer Entscheidung unter Sicherheit ist das Resultat der Entscheidung bekannt, d. h. alle Folgen einer Handlung sind bekannt. Wenn bei einer funktionierenden Heizung die Temperatureinstellung um 2,5 Grad erhöht wird, steigt die Temperatur in dem betreffenden Raum um 2,5 Grad. Bei einer Entscheidung unter Risiko ist im Voraus nicht bekannt, welche konkreten Konsequenzen eine Handlung hat. Allerdings gibt es Werte für die Eintrittswahrscheinlichkeiten mögli‐ cher Handlungsfolgen. Standardbeispiel ist ein Würfelwurf. Andere Beispiele sind Situationen, in denen die Informationen über die Wahr‐ scheinlichkeiten auf Erfahrungswerten der Vergangenheit basieren. Wenn beispielsweise in den letzten 48 Monaten im Durchschnitt 54,5 Prozent aller Zugfahrten eine Verspätung von mindestens 15 Minuten hatten, kann davon ausgegangen werden, dass dies auch im 49. Monat so sein wird. Bei einer Entscheidung unter Unsicherheit gibt es hingegen keine objektiven Wahrscheinlichkeiten für den Eintritt der verschiedenen möglichen Handlungsfolgen. 60 2 Marktversagen <?page no="61"?> Zur Heilung von Informationsmängeln und des damit verbundenen Markt‐ versagens bieten sich wiederum verschiedene wirtschaftspolitische Instru‐ mente an. Der Staat kann z. B. Maßnahmen ergreifen, mit denen er die Transparenz erhöht und Informationen über die Qualität von Produkten bereitstellt oder indem er Mindeststandards im Bereich der Konsumenten‐ rechte einführt (z. B. das Gesetz zur Regelung des Rechts der Allgemeinen Geschäftsbedingungen). Im Fall von Versicherungen kann er mit einer Ver‐ sicherungspflicht dafür sorgen, dass auch die guten Risiken einer Versiche‐ rung beitreten, so wie z. B. im Bereich der Arbeitslosenversicherung. Beim Gebrauchtwagenhandel kann durch staatliche Siegel garantiert werden, dass Behörden die Qualität von angebotenen Autos überprüft haben. Und im Fall von Herzchirurgen kann der Staat verlangen, dass Menschen erst dann als Anbieter auf dem Markt erscheinen dürfen, wenn sie vorher ihre Qualifikationen im Rahmen staatlicher Abschlussprüfungen unter Beweis gestellt haben. Einschränkend ist jedoch darauf hinzuweisen, dass staatliche Regulierun‐ gen des Marktzutritts ein zweischneidiges Schwert sind. Sie können tatsäch‐ lich im Interesse der Verbraucher erfolgen und diese vor folgenschweren Fehlentscheidungen schützen. Allerdings besteht auch die Gefahr, dass die am Markt befindlichen Anbieter derartige Regulierungen nutzen, um die Zahl der Konkurrenten klein zu halten und damit ihre eigene Marktmacht ausbauen. Dazu ein fiktives Beispiel: Die an einem Ort ansässigen Herzchir‐ urgen könnten sich zusammenschließen und darauf bestehen, dass einzig sie in der Lage sind, die fachlichen Kompetenzen angehender Herzchirurgen zu bewerten. Um die Zahl der Konkurrenten niedrig zu halten - viele Anbieter führen zu einem Angebotsüberschuss, der den Preis für das gehandelte Produkt senkt -, könnten sie der Versuchung unterliegen, allen potenziellen Konkurrenten die erforderlichen fachlichen Kompetenzen abzusprechen. 2.6 Distributives Marktversagen Bisher wurden vor allem Gütermärkte betrachtet. Zu jedem Gütermarkt‐ gleichgewicht gehören ein Gleichgewichtspreis und eine gleichgewichtige Gütermenge. Beide Größen haben Konsequenzen für die Einkommens‐ verteilung. Wenn es beispielsweise in einer Volkswirtschaft eine hohe Nachfrage nach Konsumgütern gibt, für deren Herstellung viele hochquali‐ fizierte Erwerbstätige benötigt werden, aber nur wenig Sachkapital, gibt es 2.6 Distributives Marktversagen 61 <?page no="62"?> eine hohe Nachfrage nach Arbeitskräften und eine geringe nach Sachkapital. Auch auf den Märkten für Produktionsfaktoren gelten die Regeln von Angebot und Nachfrage: ■ Bei einer hohen Nachfrage nach Arbeitskräften ist ein relativ hoher Lohn als Preis für den Produktionsfaktor Arbeit zu erwarten. ■ Eine geringe Nachfrage nach Sachkapital impliziert einen relativ gerin‐ gen Zins als Preis für den Produktionsfaktor Kapital. Die Verbraucher einer Volkswirtschaft steuern so über ihre Konsument‐ scheidungen die gesamtgesellschaftliche Einkommensverteilung. Für Gü‐ ter, die von den Konsumenten sehr geschätzt werden, besteht eine hohe Zahlungsbereitschaft. Die Anbieter können hohe Marktpreise durchsetzen. Und diese hohen Preise haben zur Folge, dass für die in der Produktion eingesetzten Produktionsfaktoren hohe Preise gezahlt werden können - z. B. hohe Löhne oder hohe Gewinne. Das kann jedoch zu einer gesellschaftlich unerwünschten Einkommensverteilung führen. Verständnis | In der Volkswirtschaftslehre gibt es zwei zentrale Konzepte der Einkommensverteilung. Die funktionelle Einkom‐ mensverteilung gibt an, wie das gesamtwirtschaftliche Einkommen auf die einzelnen Produktionsfaktoren verteilt wird. Im Wesentlichen geht es dabei um die Arbeitseinkommen und die Kapitaleinkommen, also um die Frage, wie viel Einkommen dem Produktionsfaktor Arbeit zufließen und wie viel dem Faktor Kapital. Bei der personellen Einkommensverteilung geht es darum, wie das Einkommen auf die einzelnen Gesellschaftsmitglieder verteilt wird, also Einzelpersonen oder private Haushalte. Relevant für die Einkommenspolitik ist die personelle Verteilung. Die wirtschaftspolitische Herausforderung besteht darin, dass es keine objektiven Kriterien für eine ‚richtige‘ bzw. angemessene personelle Ein‐ kommensverteilung gibt. Damit gibt es auch keine eindeutige Norm für die staatliche Umverteilungspolitik. Immerhin gibt es Grundsätze der Ver‐ teilungsgerechtigkeit, die als Richtschnur herangezogen werden. Die drei wichtigsten Prinzipien der Gerechtigkeit, die hierfür genutzt werden, 62 2 Marktversagen <?page no="63"?> sind die Leistungsgerechtigkeit, die Bedarfsgerechtigkeit und die Chancen‐ gerechtigkeit. Nach dem Prinzip der Leistungsgerechtigkeit sollen die Einkommen entsprechend des Beitrags einer Person zu Erstellung des Bruttoinlandspro‐ dukts verteilt werden. Die Grundüberlegung dieses Gerechtigkeitsprinzips lautet wie folgt: Wer mehr leistet - also z. B. länger arbeitet, mehr in die eigene Bildung investiert oder unternehmerisches Risiko übernimmt -, soll auch ein höheres verfügbares Einkommen haben. Dies wird als gerecht empfunden. Zudem stellt dieses Prinzip der Einkommensverteilung einen Leistungsanreiz dar und sorgt somit dafür, dass das Bruttoinlandsprodukt überhaupt erstellt wird und im Zeitablauf wächst. Allerdings ist nicht garantiert, dass der Markt die individuellen Leistungen von Menschen korrekt entlohnt. Dazu einige Beispiele. Wissen | Das Bruttoinlandsprodukt entspricht dem Wert aller Güter, die innerhalb eines Jahres innerhalb der Grenzen eines Landes herge‐ stellt werden. Wenn Tätigkeiten einen positiven externen Effekt haben, entlohnt der Markt nur die privaten Vorteile, aber nicht die darüberhinausgehenden Vorteile für die Gesellschaft. Märkte bewerten somit bestimmte Tätigkeiten nicht so hoch, wie dies aus gesellschaftlicher Sicht wünschenswert ist. Falls eine bestimmte Tätigkeit hingegen mit einem negativen externen Effekt verbunden ist, entlohnt der Markt diese Tätigkeit mit einem zu hohen Markteinkommen, weil die gesellschaftlichen Zusatzkosten, die der Gesellschaft entstehen, nicht als Kosten bei dem Resultat der Tätigkeit eingepreist sind. Einige Einkommen resultieren zudem gar nicht aus der eigenen Leistung, sondern aus Zufall. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn eine Person ein hohes Vermögen erbt und damit Zinseinkünfte erzielt. Gleiches gilt für besondere - und damit seltene, also knappe - Talente, z. B. in den Bereichen Sport, Kunst, Gesang und Schauspiel. In diesem Kontext gibt es das Phänomen der Superstars bzw. die Ökonomie der Superstars: Be‐ stimmte Sportler - Gleiches gilt für Künstler, Sänger, Schauspieler, Autoren und andere - verdienen das 100- oder 200-Fache anderer Sportler. Aber erbringen diese Superstars tatsächlich eine Leistung, die 100 bis 200mal höher ist als die der meisten anderen Sportler? Dies ist nicht zu erwarten. 2.6 Distributives Marktversagen 63 <?page no="64"?> Die Zuschauer, die mit ihrem Nachfrageverhalten die hohen Gehälter der Superstars ermöglichen, treffen ihre Entscheidungen nicht auf Basis von konkreten Leistungsunterschieden, sondern nach einem anderen Entschei‐ dungskalkül. Eine Erklärung lautet wie folgt: Sie wollen eine bestimmte Geldsumme ausgeben, um z. B. ein Fußballspiel zu sehen. Sie wollen aber nicht irgendeinen Spieler sehen, sondern den besten - und nur für ihn zahlen sie so viel Geld. Dies wird als eine „Winner takes all“-Situation bezeichnet. In diesem Fall sind Einkommensunterschiede also nicht mehr durch Leistungsunterschiede gedeckt (vgl. Franck 2001). Problematisch ist außerdem, dass es nicht immer möglich ist, den kon‐ kreten Leistungsbeitrag einer Person an einem Produkt festzustellen. Wenn eine Person alleine einen Garten umgräbt oder ein Zimmer streicht, ist die individuelle Leistung messbar. In arbeitsteiligen Produktionsprozessen mit vielen Beteiligten ist dies jedoch häufig nicht mehr möglich. So hat z. B. der finanzielle Erfolg eines Automobilkonzerns viele Abteilungen, die zum Erfolg beitragen (Forschung und Entwicklung, Produktion, Einkauf, Marke‐ ting, Personalabteilung, Finanzierung etc.). Dabei ist es kaum möglich, den exakten Beitrag aller beteiligten Individuen konkret zu messen. Schließlich sind einige Einkommen das Resultat einer Marktmacht. Ein Monopolist kann einen Preis fordern, die über dem Preis liegen, der sich bei einem Markt mit vielen Anbietern und funktionierendem Wettbewerb einstellen würde. Das erlaubt überdurchschnittlich hohe Monopolgewinne. Diese basieren jedoch nicht auf einer überdurchschnittlichen hohen Leis‐ tung, sondern auf dem Fehlen von Konkurrenten. Gemäß dem Prinzip der Bedürfnisgerechtigkeit sollte das Einkommen einer Volkswirtschaft so verteilt werden, dass jede Person ihre Bedürfnisse befriedigen kann. Auch dieses Prinzip hat eine Reihe von Schwächen: Geht es um objektive Bedürfnisse oder um subjektive Bedürfnisse? Wie werden diese Bedürfnisse gemessen? Zudem besteht ein Konflikt mit Leis‐ tungsanreizen: Wenn jede Person nach einer staatlichen Umverteilung alle benötigten Güter erhält, gibt es einen geringeren oder möglicherweise sogar gar keinen Anreiz, zu arbeiten - die Anreizfunktion des Markts wird unter‐ graben. Realpolitisch ist die Bedürfnisgerechtigkeit daher nicht umsetzbar. Allerdings wird das Prinzip zumindest teilweise in der Wirtschaftspolitik angewendet. Ein Beispiel dafür ist das Konzept eines sozio-ökonomischen Existenzminimums. In den meisten Gesellschaften gibt es einen mehr oder weniger akzeptierten Konsens darüber, dass jeder Mensch eine bestimmte Menge an Waren und Dienstleistungen benötigt, um menschenwürdig 64 2 Marktversagen <?page no="65"?> leben zu können. Die Sicherstellung dieses Existenzminimums erfolgt über das Steuersystem und über staatliche Transferleistungen. Im Steuersystem äußert es sich in der Existenz eines Grundfreibetrags bei der Einkommen‐ steuer - ein bestimmtes Mindesteinkommen, das für ein menschenwürdiges Leben erforderlich ist, bleibt steuerfrei. Ist das verfügbare Einkommen eines privaten Haushalts oder einer Einzelperson nicht einmal so hoch, dass es dieses Mindesteinkommen erreicht, kann der Staat Finanzhilfen bzw. staatliche Transferleistungen gewähren und das Einkommen so weit aufstocken, bis das soziale Existenzminimum erreicht wird. Ein weiteres wirtschaftspolitisches Instrument zur Beeinflussung der Einkommensverteilung im Sinne einer höheren Bedarfsgerechtigkeit ist ein flächendeckender gesetzlicher Mindestlohn. Grundidee dieses staatlichen Eingriffs in die Lohnbildung ist die Überlegung, dass zumindest eine allein‐ stehende Person bei einem Vollzeitarbeitsplatz so viel verdienen soll, dass diese Person damit ihr soziales Existenzminimum finanzieren kann. Das Ziel, jedem Erwerbstätigen einen existenzsichernden Lohn zu ermöglichen, hat jedoch einen gravierenden Nebeneffekt: Dieser Lohn kann mit einem dauerhaften Angebotsüberschuss auf dem Arbeitsmarkt verbunden sein. Wissen | Ein Mindestlohn ist ein staatlich festgelegter Lohn, der über dem Lohn liegt, der sich ohne eine staatliche Intervention ergeben würden. Der Mindestlohn darf überschritten, aber nicht unterschritten werden. Grafisch lassen sich die Folgen eines Mindestlohns wiederum in einem Preis-Mengen-Diagramm analysieren. Der Preis für den Produktionsfaktor Arbeit ist der Lohn (w für ‚Wage‘). Die Arbeitsmenge (L für ‚Labour‘) wird in Stunden pro Woche, Monat oder Jahr gemessen. Angeboten wird Arbeit von den privaten Haushalten, die so ihr Einkommen erzielen. Das Arbeitsangebot (L A ) steigt mit einem steigenden Lohn. Nachgefragt wird die Arbeit von den Unternehmen, die mit diesem Produktionsfaktor Güter herstellen, um sie mit einem möglichst hohen Gewinn zu verkaufen. Die Arbeitsnachfrage (L N ) geht mit einem steigenden Lohn zurück - bei einem hohen Lohn setzen die Unternehmen vermehrt Maschinen und Roboter anstelle von Arbeitskräften ein. Ohne staatliche Interventionen ergibt sich das Arbeitsmarktgleichgewicht aus dem Schnittpunkt der Arbeitsnachfra‐ gegeraden mit der Angebotsgeraden (→ Abb. 2.7). Dieser Schnittpunkt 2.6 Distributives Marktversagen 65 <?page no="66"?> bestimmt den Gleichgewichtslohn (w*) und die dazu gehörende gleichge‐ wichtige Arbeitsmenge (L*). Wenn die Gesellschaftsmitglieder der Ansicht sind, dass dieser Gleichge‐ wichtslohn zu gering ist, um einem vollzeiterwerbstätigen Menschen ein angemessenes Existenzminimum zu gewährleisten, kann der Staat einen Mindestlohn (w M ) festlegen. Dieser ist definitionsgemäß höher als der Gleichgewichtslohn. Die Folge: Die Arbeitsmenge, die von den privaten Haushalten beim Mindestlohn angeboten wird, ist größer als die von den Unternehmen nachgefragte Arbeitsmenge (L A (w M ) > L N (w M )). Auf dem Arbeitsmarkt stellt sich im Fall eines Mindestlohns also ein Angebotsüber‐ schuss ein. Dieser äußert sich in einer Arbeitslosigkeit - die Gesamtheit der privaten Haushalte kann die von ihnen zum Mindestlohn angebotene Arbeitsmenge nicht vollständig an die Unternehmen verkaufen. Damit zeigt sich ein wirtschaftspolitisches Grundproblem: Der Einsatz eines wirt‐ schaftspolitischen Instruments hat im Idealfall den gewünschten Effekt, im Fall eines Mindestlohns existenzsichernde Arbeitseinkommen. Wirtschafts‐ politische Interventionen können aber auch unerwünschte Nebeneffekte haben, hier in Form der Arbeitslosigkeit. Das macht gegebenenfalls weitere wirtschaftspolitische Eingriffe erforderlich, um die unerwünschten Neben‐ effekte abzumildern. w w* L • L* • • L A L N L N (w M ) L A (w M ) w M Angebotsüberschuss = Arbeitslosigkeit Abb. 2.7: Konsequenzen eines Mindestlohns 66 2 Marktversagen <?page no="67"?> Das dritte Prinzip der Gerechtigkeit, das im Kontext der Einkommensver‐ teilung eine Rolle spielt, ist die Chancengerechtigkeit: Hier geht es nicht mehr um die Einkommensverteilung als Ergebnis von Marktprozessen, sondern um die Zugangsmöglichkeiten zur Einkommenserzielung bzw. die Startchancen der Menschen in ihrer Rolle als Einkommensbezieher. Wenn die Zugangsmöglichkeiten gleich verteilt sind, hat jede Person theoretisch die Möglichkeit, gleich hohe Einkommen zu erzielen. Es liegt dann an den persönlichen Anstrengungen bzw. dem Fleiß und Einsatzwillen, hohe Einkommen zu erzielen. Was die einzelnen Menschen aus diesen Chancen machen, liegt in ihrer Verantwortung. Damit ist letztendlich auch das Einkommen, das jeder Einzelne am Markt erzielt, gerecht. Allerdings sind die Startchancen in einer Gesellschaft niemals gleich verteilt, sodass ein staatliches Eingreifen gerechtfertigt sein kann. Dazu nur zwei Beispiele: ■ Eine ungleiche materielle Ausstattung von Eltern mit Sach- oder Geld‐ vermögen hat ungleiche Startchancen für deren Kinder zur Folge. Wie im → Abschnitt 2.1 gezeigt, ist Bildung grundsätzlich ein privates Gut, für das es einen Markt geben könnte, auf dem private Haushalte die‐ ses Gut nachfragen. Einkommensreiche Eltern könnten ihren Kindern eine bessere Versorgung mit dem Gut Bildung ermöglichen, was zu ungleichen Einkommenserzielungschancen führt. Ein möglicher staat‐ licher Eingriff zur Abmilderung dieser ungleichen Startchancen ist die Bereitstellung öffentlicher Schulen, die alle Kinder besuchen dürfen, ohne dass ihre Eltern dafür eine direkte Nutzungsgebühr bezahlen müssen. So steigt die Wahrscheinlichkeit, dass alle Kinder die gleichen Bildungschancen haben. ■ Eine ungleiche materielle Ausstattung in Form von Sach- und Geldver‐ mögen der Erwachsenen bedeutet ungleiche Zugangsmöglichkeiten zu Einkommen: Wer ein Haus geerbt hat, spart die Miete und kann mehr sparen. Aus der damit verbundenen Vermögensbildung fließen Kapitaleinkommen, die ein höheres Einkommen implizieren, was zu einem besseren Zugang zu Bildung, Gesundheit etc. führt. Im Ergebnis bleibt somit Folgendes festzuhalten: Die Entscheidung für eine bestimmte Verteilungsnorm und eine daraus abgeleitete Einkommenspolitik ist ein gesamtgesellschaftliches Werturteil und damit subjektiv. In der Praxis werden alle drei Gerechtigkeitsprinzipien angewendet, allerdings mit unterschiedlicher Gewichtung. Die grundlegende Struktur einer staatlichen Einkommensumverteilungspolitik sieht wie folgt aus: 2.6 Distributives Marktversagen 67 <?page no="68"?> ■ Ausgangspunkt der Umverteilungspolitik ist das Markteinkommen ei‐ nes privaten Haushalts. Dieses besteht aus Arbeitseinkommen, Zinsein‐ nahmen, Gewinneinkommen, Mieteinnahmen etc. ■ Abgezogen werden von diesem Einkommen Steuern (vor allem die Einkommensteuer) und Sozialabgaben. Letztere sind die Beiträge zu den sozialen Sicherungssystemen (also der Arbeitslosen-, Renten-, Pflege- und Krankenversicherung). Der Grundsatz der Besteuerung lautet, dass hohe Einkommen mit einem höheren Steuersatz belastet werden niedrige Einkommen. ■ Bei Bedarf wird das Haushaltseinkommen ergänzt durch staatliche Transferzahlungen, z. B. einen Mietzuschuss. Zu diesen Leistungen zäh‐ len beispielsweise auch ermäßigte Preise bzw. Gebühren für staatliche Leistungen, Vergünstigungen für einkommensschwache Personen im öffentlichen Personennahverkehr und der soziale Wohnungsbau mit ermäßigten Mieten für Familien mit geringen Einkommen. Grundsatz dieser Leistungen ist, dass nur Personen mit niedrigen Einkommen Transferzahlungen oder Preisermäßigungen erhalten. Durch diese Kombination aus Besteuerungsgrundsätzen und staatlichen Transferleistungen verteilt der Staat das Einkommen von einkommens‐ reichen Personen an einkommensschwache Personen um. Das reduziert Einkommensungleichheiten in der Gesellschaft. 2.7 Konjunkturelles Marktversagen Der Blick in die Wirtschaftsstatistiken zeigt: Im Normalfall werden die gesamtwirtschaftlichen Produktionskapazitäten eines Landes im Zeitablauf größer. Das hat zur Folge, dass die Menge der jährlich produzierbaren Güter wächst. Dieses Wirtschaftswachstum äußert sich in einer Zunahme der potenziell herstellbaren Gütermenge einer Volkswirtschaft. In → Abb. 2.8. wird dieses technisch mögliche Wirtschaftswachstum durch die gestrichelte Line des Wachstumstrends des Bruttoinlandsprodukts (im Folgenden: BIP) dargestellt (BIP Trend ). Für das Wirtschaftswachstum gibt es verschiedene Ursachen. Die physischen Produktionskapazitäten nehmen zu, wenn die Unternehmen Investitionen tätigen, also zusätzliche Maschinen anschaffen und so ihre Produktionsanlagen vergrößern. Die Zahl der Arbeitskräfte steigt, wenn die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter wächst. Und selbst wenn die Zahl der Arbeitskräfte konstant bleibt und die physischen Pro‐ 68 2 Marktversagen <?page no="69"?> duktionsanlagen nicht wachsen, kann es zu einem Wirtschaftswachstum kommen. Ursache ist eine Steigerung der Produktivität. Wissen | Die Produktivität ist ein Indikator, bei dem der physische Output von Produktionsprozessen in Relation zum erforderlichen Input gesetzt wird. Wird beispielsweise die Menge der innerhalb eines Jahres in einer Volkswirtschaft hergestellten Güter in Relation zum gesamten Arbeitseinsatz des Jahres gesetzt, ergibt das die Arbeitsproduktivität. Sie kann steigen, wenn weiterbildende Maßnahmen oder Lernprozesse während der Produktion dafür sorgen, dass ein Erwerbstätiger innerhalb einer Stunde mehr Gütereinheiten herstellen kann. Ideal wäre es, wenn die gesamtwirtschaftlichen Produktionskapazitäten stets vollkommen ausgelastet sind. Das bedeutet, dass die tatsächliche Entwicklung des BIP mit der gestrichelten Linie in → Abb. 2.8 überein‐ stimmt. Tatsächlich aber zeigt sich, dass die vollständige Auslastung der gesamtwirtschaftlichen Produktionskapazitäten eher unwahrscheinlich ist. Vielmehr kommt es zu einer schwankenden Nutzung dieser Kapazitäten. Daraus ergibt sich ein Konjunkturzyklus. Dieser besteht aus 4 Phasen: ■ Eine konjunkturelle Hochphase, die auch Boom genannt wird, zeichnet sich dadurch aus, dass es zu einer Überauslastung der Produktions‐ kapazitäten kommt. Es gibt eine hohe Nachfrage nach Gütern. Die Unternehmen arbeiten mit Überstunden, um diese Nachfrage bedienen zu können. ■ Dauerhaft ist eine Überauslastung der gesamtwirtschaftlichen Produkti‐ onskapazitäten jedoch nicht möglich. Die Unternehmen müssen ihr Pro‐ duktionsvolumen reduzieren. Daraus resultiert ein wirtschaftlicher Ab‐ schwung, der auch als Rezession bezeichnet wird - das BIP schrumpft im Zeitablauf. ■ Glücklicherweise setzt sich dieser Konjunkturabschwung nicht endlos fort. Früher oder später erreicht die Volkswirtschaft ihr konjunkturelles Tief, das als Depression bezeichnet wird. ■ Danach setzt eine wirtschaftliche Erholung ein. Die Produktion nimmt wieder zu. Es kommt zu einem wirtschaftlichen Aufschwung, der in einem erneuten Boom endet. 2.7 Konjunkturelles Marktversagen 69 <?page no="70"?> BIP Zeit Depression • • • • Depression Aufschwung Aufschwung Boom Boom Abschwung/ Rezession BIP Trend Abb. 2.8: Phasen eines Konjunkturzyklus Für diese wirtschaftlichen Schwankungen gibt es unterschiedliche Erklä‐ rungsansätze. Die wichtigsten basieren auf den Erwartungshaltungen der Wirtschaftsakteure. In der Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs sind die Unternehmen sehr optimistisch und meinen, dass sie eine höhere Produktionsmenge verkaufen können. Also tätigen sie Investitionen, die die physischen Produktionskapazitäten erhöhen, und stellen zusätzliche Arbeitskräfte ein. Diese Arbeitskräfte erhalten Einkommen, die sie für den Kauf von Konsumgütern verwenden. Das erhöht die Absatzerwartungen der Unternehmen, die diese Konsumgüter herstellen, sodass auch sie ihre Investitionen steigern und weitere Arbeitskräfte einstellen. Da die physi‐ schen Produktionskapazitäten einer Volkswirtschaft jedoch begrenzt sind, können die Produktionsmengen nicht permanent gesteigert werden. Die Unternehmen kommen folglich früher oder später zu der Einsicht, dass es keine weiteren Produktions- und Einkommenssteigerungen mehr gibt. Also reduzieren sie ihre Investitionen. Damit setzt ein wirtschaftlicher Abschwung ein: Investitionen werden reduziert und Arbeitskräfte entlas‐ sen. Die Unternehmen neigen nun zu sehr pessimistischen Erwartungen, die den wirtschaftlichen Abschwung beschleunigen. Irgendwann ist der Tiefpunkt des Pessimismus erreicht und die Unternehmen kommen zu der Überzeugung, dass ein weiterer Rückgang der Güternachfrage nicht mehr 70 2 Marktversagen <?page no="71"?> zu erwarten ist. Sie führen also wieder Investitionen durch und leiten so einen erneuten Wirtschaftsaufschwung ein. Diese wirtschaftlichen Schwankungen können dadurch verstärkt werden, dass das ökonomische Handeln der Menschen häufig nicht ausschließlich rational erfolgt, sondern stattdessen von Instinkten - den so genannten ‚Animal Spirits‘ - beeinflusst wird. Ökonomische Ereignisse sind dann auch das Resultat von Stimmungen, Eindrücken, Gefühlen, Sehnsüchten, Neidgefühlen, Verstimmungen und Illusionen (vgl. Akerlof und Shiller 2009, vor allem S. 10-22). Das kann dazu führen, dass es in einer wirtschaftlichen Aufschwungsphase zu einer Art Euphorie kommt, in der Unternehmen übermäßig hohe Investitionen durchführen und Verbraucher kreditfinan‐ zierte Konsumkäufe tätigen. Letzteres kann auf der Erwartung basieren, dass die Einkommen dauerhaft kräftig steigen werden. So kann es schnell zu einer hohen Güternachfrage kommen, die aber auf Dauer mit den gegebenen Produktionskapazitäten nicht befriedigt werden kann. In einer wirtschaftli‐ chen Schwächephase kann ein übertriebener Pessimismus, der nicht durch objektive Fakten gerechtfertigt ist, einen spürbaren Wirtschaftseinbruch verursachen. Dieses Auf und Ab von Produktion, Beschäftigung und Einkommen hat eine Reihe von negativen Konsequenzen. Auf dem Arbeitsmarkt kommt es im wirtschaftlichen Abschwung zu einer steigenden Arbeitslosigkeit. Die damit verbundenen Einkommensrückgänge können zu sozialen Spannun‐ gen führen. Für den Staat bedeutet ein Wirtschaftsabschwung sinkende Steuereinnahmen und gleichzeitig steigende Staatsausgaben zur Abmilde‐ rung der negativen ökonomischen und sozialen Folgen einer steigenden Arbeitslosigkeit. Und bei einer konjunkturellen Überhitzung kurz vor dem Boom drohen inflationäre Tendenzen, weil eine hohe Güternachfrage auf begrenzte Produktionskapazitäten trifft. Das setzt die Zentralbank unter Druck. Aus diesen Gründen ist eine Abmilderung der konjunkturellen Schwan‐ kungen ein wirtschaftspolitisches Ziel. Dem Staat stehen dazu zwei zentrale Instrumente zur Verfügung: die Fiskal- und die Geldpolitik. Die Fiskalpolitik betrifft die Einnahmen und Ausgaben des Staates. Um im Wirtschaftsabschwung die unternehmerischen Absatzerwartungen zu verbessern, kann der Staat seine Ausgaben für Waren und Dienstleistungen steigern. Eine höhere Güternachfrage bewegt Unternehmen dazu, ihre Produktion an die höhere Nachfrage anzupassen. Der Staat kann darüber hinaus durch Steuersenkungen oder höhere Finanztransfers an die privaten 2.7 Konjunkturelles Marktversagen 71 <?page no="72"?> Haushalte deren verfügbare Einkommen erhöhen. Das führt im Normalfall zu einer Steigerung der privaten Konsumausgaben, an die sich die Unterneh‐ men wiederum anpassen. Diese staatlichen Maßnahmen zur Ankurbelung der gesamtwirtschaftlichen Güternachfrage werden kreditfinanziert. Würde der Staat seine zusätzlichen Ausgaben durch Steuererhöhungen finanzieren, würde das die verfügbaren Einkommen der Steuerzahler verringern und damit auch ihre Konsumgüternachfrage. Dies liefe dem Ziel einer Steigerung der gesamtwirtschaftlichen Güternachfrage entgegen. Allerdings führen kreditfinanzierte Staatsausgabenerhöhungen auch zu einem Anstieg der Staatsschulden. In einer wirtschaftlichen Schwächephase führt der Staat also eine kredit‐ finanzierte Erhöhung seiner Ausgaben bzw. eine Senkung seiner Steuerein‐ nahmen durch, um über eine Steigerung der Güternachfrage die Produktion und Beschäftigung in den inländischen Unternehmen zu erhöhen. So lässt sich der Wirtschaftsabschwung abschwächen. Dies wird als expansive Fiskalpolitik bezeichnet. Wenn die wirtschaftlichen Aktivitäten soweit angekurbelt sind, dass sich die Volkswirtschaft dem Zustand eines Wirtschaftsbooms nähert, wird hingegen eine restriktive Fiskalpolitik angewendet. Um einen zu starken Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Güternachfrage - und damit eine zu kräftige Steigerung der Produktion - zu verhindern, reduziert der Staat seine Güternachfrage. Zudem kann er die Steuern erhöhen, um auch die private Konsumgüternachfrage zu dämpfen. Sinkende Staatsausgaben und steigende Steuereinnahmen haben zudem die Konsequenz, dass der Staat einen Einnahmeüberschuss erwirtschaften kann. Damit kann er die Schul‐ den abbauen, die in der Phase des wirtschaftlichen Abschwungs entstanden sind. Das zweite zentrale konjunkturpolitische Instrument ist die Geldpolitik. Sie wird von der Zentralbank durchgeführt. Die Zentralbank kann die Geldmenge steuern und mit ihr die Zinshöhe. Und über die Höhe des Zinses lassen sich die Investitionstätigkeiten der Unternehmen verändern. Dabei gelten folgende Zusammenhänge: Investitionsprojekte haben unterschied‐ liche erwartete Renditen. Wenn ein unternehmerisches Investitionsprojekt mit einem Finanzierungsvolumen in Höhe von 100.000 Euro eine erwartete Rendite von 6,5 Prozent abwirft und der Zinssatz der Volkswirtschaft bei 5 Prozent liegt, lohnt sich diese Investition. Das gilt unabhängig davon, ob das Unternehmen über das für die Finanzierung der Investition erforderliche Geld verfügt oder sich dieses leihen müsste. 72 2 Marktversagen <?page no="73"?> ■ Wenn der Investor über die 100.000 Euro verfügt, lohnt sich die Sachin‐ vestition, denn sie erbringt eine Rendite in Höhe von 6.500 Euro pro Jahr. Eine Geldanlage hat hingegen nur einen Zinsertrag in Höhe von jährlich 5.000 Euro. ■ Auch wenn der Investor nicht über die 100.000 Euro für das Investiti‐ onsprojekt verfügt, ist diese Investition bei einem Zinssatz von 5 Prozent lohnend. Der Investor leiht sich das Geld und muss dafür jährlich 5.000 Euro Zinsen zahlen. Er erzielt jedoch jedes Jahr eine Rendite in Höhe von 6.500 Euro, was ihm einen Nettoertrag in Höhe von 1.500 Euro bringt. Wird davon ausgegangen, dass die zahlreichen potenziellen Investitions‐ projekte einer Volkswirtschaft unterschiedliche Renditen abwerfen, hängt das gesamtwirtschaftliche Investitionsvolumen vom geltenden Zinssatz ab. Dabei gilt: Ist der Zins hoch, sind nur wenige Investitionen lohnend, das Investitionsvolumen der Volkswirtschaft ist gering. Bei einem sinkenden Zins nehmen die Investitionstätigkeiten zu. Die Folge: Die Nachfrage nach Investitionsgütern - also Maschinen, Werkzeugen, Gebäuden und anderen physischen Produktionsmitteln - nimmt zu. Das steigert Produktion und Beschäftigung und kurbelt so die Wirtschaft an. Um in einer wirtschaftlichen Abschwungsphase die Investitionsgüter‐ nachfrage zu steigern, hat die Zentralbank zwei grundsätzliche Möglichkei‐ ten. Sie kann zum einen die Geldmenge erhöhen, was zu einem höheren Geldangebot führt. Wird der Zins als Preis für Geld angesehen, bewirkt die Steigerung der Geldmenge eine Reduktion des Zinses. Zum anderen kann sie den Leitzins senken. Das ist der Zins, zu dem sich die Geschäftsbanken Geld bei der Zentralbank leihen können, das sie anschließend verwenden, um Kredite an Unternehmen und private Haushalte zu vergeben und so Zinseinahmen zu generieren. Beide Maßnahmen werden als eine expan‐ sive Geldpolitik bezeichnet. In einer Phase eines kräftigen Wirtschaftsauf‐ schwungs oder sogar eines Booms wendet die Zentralbank hingegen eine restriktive Geldpolitik an. Sie erhöht den in der Volkswirtschaft geltenden Zins und reduziert so die Investitionsgüternachfrage. Das schwächt die gesamtwirtschaftliche Güternachfrage ab. Verständnis | Zur Glättung konjunktureller Schwankungen kann der Staat fiskal- und geldpolitisch reagieren. Wenn ein wirtschaftlicher Abschwung droht, lassen sich Produktions- und Beschäftigungsein‐ brüche durch eine expansive Fiskal- und Geldpolitik verringern. In 2.7 Konjunkturelles Marktversagen 73 <?page no="74"?> Phasen eines zu kräftigen wirtschaftlichen Aufschwungs kann eine restriktive Fiskal- und Geldpolitik eine Überhitzung der Konjunktur, also ein zu kräftiges Wirtschaftswachstum, das auf Dauer nicht durch‐ haltbar ist, verhindern. Alle diese Maßnahmen werden als Konjunk‐ turpolitik bezeichnet. 2.8 Wettbewerbsverzerrungen im Ausland Eine spezielle Form des Marktversagens ergibt sich aus Wettbewerbsverzer‐ rungen im Ausland. Die Besonderheit dieses Marktversagens besteht darin, dass es nicht auf wirtschaftlichen Entwicklungen im eigenen Land basiert, sondern auf staatlichen Interventionen im Ausland. Eine zentrale Voraussetzung für die Funktionsfähigkeit von Preisen und Märkten sind faire Wettbewerbsbedingungen. Das bedeutet u. a., dass Unternehmen für alle Produktionskosten aufkommen und diese mit den Marktpreisen an die Verbraucher weiterreichen. Gegen dieses Prinzip wird verstoßen, wenn Regierungen anderer Länder ihren Unternehmen Subven‐ tionen gewähren. Lange Zeit stand die chinesische Subventionspolitik im Zentrum der Diskussion über die Auswirkungen staatlicher Unterstützungen auf den Rest der Welt. Eine 2022 veröffentlichte Studie kam bezüglich der Höhe der Subventionen zur Förderung der heimischen Industrie in verschiede‐ nen Ländern zu folgenden Ergebnissen: Im Jahr 2019 betrugen diese Sub‐ ventionen rund 1,7 Prozent des chinesischen Bruttoinlandsprodukts. Der entsprechende französische Wert lag bei 0,55 Prozent, der japanische bei 0,5 Prozent. In den USA und Deutschland machten Subventionen für die eigene Industrie jeweils rund 0,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus (vgl. DiPippo, Mazzocco und Kennedy 2022, S.-30). Mittlerweile nutzen jedoch auch viele marktwirtschaftlich organisierte Volkswirtschaften Subventionen. Besonders aktiv war in diesem Kontext die US-Regierung unter Präsident Biden. Ein prominentes Beispiel ist der „Inflation Reduction Act“ (kurz: IRA), der seit dem Beginn des Jahres 2023 wirksam ist. Zentrales Element sind Subventionen und Steuergut‐ schriften für klimafreundliche Technologien und Produkte. Da die Höhe der Steuererleichterungen nicht gedeckelt ist, ist das exakte Volumen des IRA unbekannt. Schätzungen hinsichtlich der Höhe dieses auf zehn Jahre 74 2 Marktversagen <?page no="75"?> angelegten Programms schwanken von rund 370 Milliarden US-Dollar bis zu 1.200 Milliarden Dollar (vgl. Jansen, Jäger und Redeker 2023, S. 3). Hinzu kommen weitere Subventionen. Der „Infrastructure Investment and Jobs Act“ stellt beispielsweise 1.200 Milliarden Dollar zur Verfügung, der „CHIPS and Science Act“ 280 Milliarden (vgl. Baur et al. 2023, S. 7). Auch andere große Volkswirtschaften wie Japan und Indien, Kanada und das Vereinigte Königreich haben Pläne zur staatlichen Förderung klimafreundlicher Tech‐ nologien in Milliardenhöhe (vgl. Europäische Kommission 2023, S.-2). Wenn ausländische Regierungen ihren Unternehmen Finanzhilfen zahlen oder Steuererleichterungen gewähren, können die Anbieter aus diesen Ländern ihre Produkte zu geringeren Kosten verkaufen. Zunächst einmal profitiert die deutsche Volkswirtschaft davon: Die Verbraucher müssen weniger für Konsumprodukte bezahlen, was die Kaufkraft ihrer Einkommen steigert. Unternehmen können preiswerte Vorleistungen aus dem Ausland beziehen, was ihre Produktionskosten reduziert und die preisliche Wettbe‐ werbsfähigkeit erhöht. Allerdings kann sich auch ein gravierender Nachteil für Deutschland ergeben: Wenn die Kostenvorteile der Unternehmen im Ausland so hoch sind, dass deutsche Unternehmen international nicht mehr wettbewerbs‐ fähig sind, verschwinden sie vom Markt. Das ist problematisch, wenn sich eine kritische Importabhängigkeit ergibt. Sie kann sich einstellen, wenn Deutschland auf die subventionierten Produkte des Auslands ange‐ wiesen ist, weil es dafür keine Substitutionsmöglichkeiten gibt - weder in Deutschland noch in anderen Ländern - und die fehlenden Importe einen hohen wirtschaftlichen Schaden für Deutschland nach sich ziehen. Derartige Abhängigkeiten könnten dann vom Ausland politisch genutzt werden und als wirtschaftliches Druckmittel eingesetzt werden (vgl. Braml und Felbermayr 2022, S. 24 f.). Zudem besteht die Gefahr, dass die ausländi‐ schen Unternehmen den Preis ihrer Produkte spürbar erhöhen, wenn sie die deutschen und europäischen Produzenten vom Markt verdrängt haben (vgl. Bickenbach et al. 2024, S. 23). Umfangreiche Subventionen und andere Wettbewerbsverzerrungen im Ausland können somit eine Rechtfertigung für eine staatliche Intervention in die Marktwirtschaft sein. 2.8 Wettbewerbsverzerrungen im Ausland 75 <?page no="76"?> 2.9 Verlust der moral-ethischen Basis der Marktwirtschaft Vertragstreue, Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit sind zentrale Voraussetzun‐ gen für funktionierende Märkte. Sie senken nicht nur die Transaktionskos‐ ten des wirtschaftlichen Austauschs von Gütern, sondern sind bei vielen Markttransaktionen zwingende Voraussetzung dafür, dass es überhaupt zu entsprechenden Marktaktivitäten kommt. So muss beispielsweise ein Automobilbesitzer seiner Kfz-Werkstatt vertrauen, dass eine von ihr durch‐ geführte Reparatur wirklich notwendig ist. Und wer sich für den Bau eines Hauses entscheidet, muss der Baufirma vertrauen, dass es keinen Pfusch am Bau gibt. Verständnis | Transaktionskosten sind in erster Linie die Kosten, die mit der Abwicklung von Tauschaktivitäten auf Märkten verbunden sind. Das betrifft vor allem die Beschaffung und anschließende Verar‐ beitung von Informationen, die Kommunikation zwischen potenziel‐ len Handelspartnern, die Einigung über die vertraglichen Regelungen des Tauschs, den Transport der gehandelten Güter und Kontrollmaß‐ nahmen bezüglich der Frage, ob die vereinbarten Absprachen über Menge und Qualität eingehalten wurden. Transaktionskosten umfas‐ sen neben Geld auch Zeit. Wie bei der Erläuterung des Begriffs der Eigentumsrechte in → Abschnitt 1.1 bereits erwähnt, gehen die ökonomischen Standardmodelle davon aus, dass diese Kosten die Höhe null haben. In der Realität sind diese Kosten jedoch größer als null. Adam Smith (1723 bis 1790), dem Ur-Vater der Volkswirtschaftslehre, war die Bedeutung der Moral für die Marktwirtschaft bewusst. Er wies nach‐ drücklich auf die Notwendigkeit der moral-ethischen Basis der Wirtschaft hin. Sichergestellt wurde diese Voraussetzung für die Funktionsfähigkeit des Markts durch das Konstrukt des ‚unparteiischen Zuschauers‘. Jeder Person sind die Anerkennung und der Respekt seiner Mitmenschen wichtig. Um diese Anerkennung zu erhalten, fragt sich jede Person von einer Hand‐ lung, ob seine Mitmenschen seine Entscheidung billigen und anerkennen oder missbilligen. Handlungen, die von einem neutralen Beobachter als unangemessen eingestuft werden - z. B., weil sie egoistisch sind und 76 2 Marktversagen <?page no="77"?> gegen das Prinzip der Fairness verstoßen -, unterbleiben. So kommt es zu einer Bändigung des egoistischen Verhaltens. Smith sah aber auch, dass sein Konstrukt nur in überschaubaren sozialen Gruppen funktioniert. In anonymen Gesellschaften, in denen dem Einzelnen die Anerkennung seiner Umwelt nicht mehr wichtig ist, geht der moralische Kitt der Marktwirtschaft verloren. Egoismus tritt an die Stelle von wohlverstandener Eigenliebe, Rücksichtnahme findet nicht mehr statt, Ehrlichkeit geht verloren (vgl. Petersen 1998). Im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung findet jedoch eine zuneh‐ mende Anonymisierung statt. Arbeitsteilige Produktionsprozesse haben zur Folge, dass Menschen miteinander Handel treiben, die räumlich weit voneinander entfernt wohnen und sich häufig nicht persönlich kennen. Die wirtschaftliche Entwicklung führt also automatisch zu einer Ausdehnung der Märkte und der Arbeitsteilung sowie zu einer zunehmenden regionalen Mobilität der Menschen. Dadurch geht die Bedeutung des unparteiischen Zuschauers für das praktische Handeln verloren - die Dynamik der Markt‐ wirtschaft untergräbt ihre moral-ethischen Basis. Damit es dennoch zu arbeitsteiligen Produktionsprozessen kommt, kann der Staat das Fehlen der moral-ethischen Basis kompensieren. Dafür stehen ihm vor allem zwei grundsätzliche Instrumente zur Verfügung: finanzielle Anreize und Kontrollen. Bei den finanziellen Anreizen handelt es sich vor allem um die Sanktio‐ nierung eines fehlerhaften Verhaltens. Zu denken ist an einen Schadenersatz im Fall einer schlechten Leistung. Hinzu können weitere Geld- oder sogar Gefängnisstrafen kommen. Alle diese Sanktionsmaßnahmen haben das Ziel, die Kosten eines unehrlichen Verhaltens zu erhöhen und damit die Attraktivität eines unfairen Verhaltens zu verringern. Voraussetzung ist jedoch, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ein unehrliches Verhalten erkannt und staatlich sanktioniert wird, hinreichend hoch ist. Bei den Kontrollmaßnahmen führt der Staat entsprechende Maßnah‐ men durch, um sicherzustellen, dass z. B. die vom Verkäufer versprochene Leistungsqualität auch tatsächlich eingehalten wird. Beispiele sind Quali‐ tätssicherung von Lebensmitteln durch Kontrollen durch das Ordnungsamt, die Überprüfung der technischen Sicherheit von Geräten und Anlagen durch entsprechende staatliche Institutionen - in Deutschland übernimmt der ‚Technische Überwachungsverein‘, kurz TÜV, diese Aufgaben - und die bautechnische Prüfung der Statik von Gebäuden im Rahmen eines staatlichen Baugenehmigungsverfahrens. 2.9 Verlust der moral-ethischen Basis der Marktwirtschaft 77 <?page no="78"?> 2.10 Meritorische und demeritorische Güter Der letzte hier diskutierte Grund für ein staatliches Eingreifen in das Wirtschaftsleben betrifft Situationen, in denen ein Markt technisch gesehen funktioniert, aber das resultierende Marktergebnis aus Sicht des Staates bzw. der Gesellschaft unerwünscht ist. Das bedeutet, dass die Verbraucher zu wenig oder zu viel von einem bestimmten Produkt konsumieren. Die damit verbundenen Bezeichnungen als meritorische bzw. demeritorische Güter gehen auf den amerikanischen Ökonomen Richard Abel Musgrave (1910 bis 2007) zurück (vgl. Musgrave 1959). Die Grundidee beider Güterarten besteht darin, dass die Verbraucher eine aus Sicht des Staates falsche Konsumentscheidung treffen. ■ Bei einem meritorischen Gut (‚merit good‘, also ein verdienstvolles Gut) fragen die Konsumenten zu wenig von diesem Produkt nach, weil sie dessen tatsächlichen Nutzen unterschätzen. ■ Bei einem demeritorischen Gut (‚demerit good‘, also ein schlechtes Gut) fragen die Konsumenten eine zu große Menge nach, weil sie den Nutzen dieses Produkts überschätzen. Für die fehlerhafte Konsumentscheidung gibt es verschiedene Ursachen. Ein Grund können unvollständige Informationen über die tatsächlichen Kosten und Nutzen eines bestimmten Produkts sein. Wenn die Verbraucher beispielsweise die gesundheitsschädlichen Konsequenzen des Tabak- und Alkoholkonsums unterschätzen, entscheiden sie sich für eine zu große Konsummenge dieser beiden Güter. Tabak und Alkohol sind somit demeri‐ torische Güter. Gesundheitsförderliche Nahrungsmittel können hingegen in einem zu geringen Umfang konsumiert werden, wenn die Verbraucher die positiven Effekte dieser Güter für ihre eigene Gesundheit unterschätzen. Diese Nahrungsmittel sind folglich meritorische Güter. Denkbar ist auch, dass die Verbraucher zwar über alle notwendigen Informationen verfügen, sich aber dennoch aufgrund ihrer individuellen Wertbzw. Nutzenvorstellungen für einen zu geringen oder zu hohen Konsum eines bestimmten Guts entscheiden. In diesem Fall sind falsche bzw. verzerrte Präferenzen Grund für ein Marktergebnis, das aus Sicht des Staates unerwünscht ist. Das Konzept der meritorischen und demeritorischen Güter ist aus meh‐ reren Gründen umstritten. Zunächst einmal gibt es keine eindeutigen Kriterien für die Einordnung von Gütern als meritorisch oder demerito‐ 78 2 Marktversagen <?page no="79"?> risch. Dies gilt insbesondere für den Fall, dass der Staat sein Eingreifen mit verzerrten Präferenzen der Verbraucher begründet. Warum sollte der Staat bessere Informationen darüber haben, welche Güter einem einzelnen Konsumenten den größten Nutzen stiften? Letztendlich kann der Staat mit dem Konzept der meritorischen und demeritorischen Güter jedes Eingreifen in das Marktgeschehen damit rechtfertigen, dass die Verbraucher falsche Präferenzen haben. Das Ergebnis wären willkürliche Eingriffe in die Kon‐ sumentensouveränität. Wissen | Der Begriff der Konsumentensouveränität beschreibt den Umstand, dass die Verbraucher mit ihren Konsumentscheidungen be‐ stimmen, welche Produkte in einer Volkswirtschaft hergestellt werden. Damit legen sie fest, wie viele Produktionsfaktoren in den einzelnen Wirtschaftsbereichen eingesetzt werden. Und mit der Verteilung der Produktionsfaktoren auf die Herstellung verschiedener Produkte deter‐ minieren die Konsumenten die Nachfrage nach Produktionsfaktoren, was wiederum relevant für die Höhe der Preise für Produktionsfaktoren - also beispielsweise die Lohnhöhe - ist. Ein anderer Einwand ergibt sich, wenn die Fehlentscheidung der Verbrau‐ cher auf einer unvollständigen Informationslage basiert. In diesem Fall sollte der Staat lediglich die Informationslage verbessern und die Verbraucher über alle Kosten und Nutzen eines bestimmten Produkts informieren. Damit aber handelt es sich um das bereits beschriebene Marktversagen in Form der unvollständigen Informationen, sodass das Konzept der meritorischen und demeritorischen Güter überflüssig ist. Schließlich gibt es noch ein demokratietheoretisches Argument gegen dieses Güterkonzept. Grundsätzlich sollte der Staat in einer Demokratie den Willen der Mehrheit durchsetzen. Bei einer staatlichen Begrenzung des Konsums eines demeritorischen Guts verstößt der Staat jedoch gezielt gegen die Präferenzen seiner Bürger. Dafür bräuchte es sehr gute Gründe. Sie sind jedoch, wie bereits erwähnt, schwer zu finden, weil diese staatliche Entscheidung auf den Wertvorstellungen der staatlichen Akteure basiert. Trotz der Kritik an staatlichen Eingriffen in die Konsumentensouveränität findet sie in Marktwirtschaften statt, vor allem wenn es um den Schutz von Kindern und Jugendlichen geht. Beispiele sind Altersbegrenzungen bei als gesundheitsschädlich eingestuften Produkten. In Deutschland regelt 2.10 Meritorische und demeritorische Güter 79 <?page no="80"?> beispielsweise das Jugendschutzgesetz den Verkauf und den Konsum von Al‐ kohol, Tabak und E-Zigaretten, den Kauf und Verleih von Filmen und Com‐ puterspielen sowie den Aufenthalt in Gaststätten, bei Tanzveranstaltungen und in öffentlichen Spielhallen. Die Inanspruchnahme der entsprechenden Dienstleistungen bzw. der Konsum dieser Produkte sind an ein bestimmtes Mindestalter gebunden. Dieses liegt häufig bei 18 Jahren, in Ausnahmefällen aber auch nur bei 16 Jahren. Letzteres betrifft den Konsum von Bier, Wein und Sekt (vgl. JuSchG). Weitere denkbare wirtschaftspolitische Instrumente sind Werbeverbote und höhere Steuern bei demeritorischen Gütern sowie Kaufanreize und Steuervorteile für den Erwerb meritorischer Güter. 80 2 Marktversagen <?page no="81"?> 4 Die Ausführungen des →-Abschnitts 3.1 basieren auf Petersen 2024c. 3 Staatsversagen eLearning | Stellen Sie Ihr Wissen auf die Probe. Der QR-Code oder der folgende Link führen Sie zu Fragen, die den Inhalt dieses Kapitels thematisieren. 🔗 https: / / narr.kwaest.io/ s/ 1325 Im Fall eines Marktversagens bieten sich zur Verringerung der damit verbundenen Wohlfahrtsverluste die im → 2. Kapitel skizzierten staatlichen Interventionen an. In der Theorie, d. h. wiederum unter idealtypischen Annahmen, lassen sich so die verschiedenen Formen des Marktversagens heilen. Voraussetzung dafür ist vor allem die Annahme, dass die staatlichen Akteure die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt maximieren wollen und über die dafür erforderlichen Informationen verfügen. In der wirtschaftspoliti‐ schen Praxis ist jedoch keinesfalls garantiert, dass eine staatliche Lösung tatsächlich die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt maximiert. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Zu den wichtigsten gehören Informationsmängel, das eigeninteressierte Handeln der in der Politik und Verwaltung tätigen Men‐ schen und die Möglichkeit privater Wirtschaftsakteure, politische Entschei‐ dungen in ihrem Sinne zu beeinflussen. Hinzu kommen Wohlfahrtsverluste, die mit der Erhebung von Steuern anfallen. 3.1 Informationsmängel und Werturteile Die Frage über das richtige Ausmaß staatlicher Aktivitäten ist immer wieder Anstoß hitziger Debatten in Wissenschaft und Politik. Soll der Staat seine Ausgaben senken, weil er bereits zu viele Steuermittel bean‐ sprucht, oder müsste er seine Einnahmen weiter steigern, um zusätzliche wichtige gesamtgesellschaftliche Maßnahmen durchführen zu können? In der volkswirtschaftlichen Theorie lässt sich das optimale Ausmaß staatlicher Aktivitäten relativ einfach angeben. Die Bestimmung dieses Optimums ist in der wirtschaftspolitischen Praxis hingegen nicht eindeutig möglich. 4 <?page no="82"?> Die Volkswirtschaftslehre hat zwei grundlegende theoretische Analy‐ seansätze zur Bestimmung der optimalen Höhe bestimmter wirtschaftlicher Aktivitäten: die Maximierung einer gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrts‐ funktion unter der Restriktion gegebener Produktionskapazitäten und - wie in den Ausführungen der vorherigen Abschnitte bereits mehrmals gezeigt - die Abwägung von Grenzkosten und Grenznutzen wirtschaftlicher Aktivitäten. Wissen | Eine gesamtwirtschaftliche Wohlfahrtsfunktion ordnet je‐ der Gütermenge, die eine Volkswirtschaft produziert und anschließend konsumiert, einen Zahlenwert zu, der den jeweiligen gesellschaftlichen Nutzen dieser Gütermenge ausdrückt. Ziel ist es, diese Wohlfahrtsfunk‐ tion zu maximieren. Dabei sind die gesamtwirtschaftlichen Produkti‐ onskapazitäten zu berücksichtigen. Mit Blick auf das optimale Ausmaß staatlicher Aktivitäten bietet sich die Maximierung einer Wohlfahrtsfunktion an, die die Mengen an privaten und staatlichen Gütern enthält. Grafisch lässt sich dieses Optimierungsproblem mit einem Mengendiagramm lösen. Dort werden die Mengen an privat nachgefragten und verbrauchten Konsum- und Investitionsgütern (x priv. ) genauso abgetragen wie die staatlich angebotenen Waren und Dienstleis‐ tungen (x Staat ) als Indikator für staatliche Aktivitäten. Die gesamtgesellschaftliche Erwünschtheit verschiedener Güterbündel wird mit einer gesamtwirtschaftlichen Indifferenzkurve (I gesell. ) dargestellt. Diese Kurve stellt alle Güterkombinationen dar, die der Gesellschaft den gleichen Nutzen bzw. die identische Wohlfahrt stiften. Je weiter eine Indif‐ ferenzkurve vom Ursprung des Koordinatenkreuzes entfernt ist, desto höher ist die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt. Die gesamtwirtschaftlichen Produktionsrestriktionen werden mit der Transformationskurve (T) abgebildet. Auf ihr liegen alle Güterkombina‐ tionen, die die Volkswirtschaft innerhalb eines Jahres maximal herstellen kann. Im Fall einer neoklassischen Produktionsfunktion mit positiven, aber abnehmenden Grenzerträgen hat die Transformationskurve den in → Abb. 3.1 dargestellten Verlauf (vgl. Petersen 2023a). Die Volkswirtschaft maximiert ihre Wohlfahrt dort, wo die gesamtwirtschaftliche Indifferenz‐ kurve die Transformationskurve tangiert (Q*). Damit wird das optimale Niveau staatlicher Aktivitäten (x Staat *) bestimmt. 82 3 Staatsversagen <?page no="83"?> x priv. x Staat x Staat * x priv. * I gesell. T • • • Q 0 Q 1 Q* Abb. 3.1: Grafische Bestimmung des wohlfahrtsmaximierenden Niveaus staatlicher Akti‐ vitäten Eine zweite Möglichkeit zur Bestimmung des aus wohlfahrtstheoretischen Überlegungen optimalen Niveaus staatlicher Aktivitäten ist der Vergleich der Grenzkosten mit den Grenznutzen. Staatliche Aktivitäten haben eine Vielzahl von Vorteilen für die Gesellschaft, gleichzeitig verursachen sie aber auch Kosten. Eine Ausweitung dieser Aktivitäten ist sinnvoll, wenn der damit verbundene zusätzliche gesellschaftliche Nutzen größer ist als die zusätzlichen gesamtwirtschaftlichen Kosten. Bei einem positiven, aber ab‐ nehmenden Grenznutzen sowie positiven und steigenden Grenzkosten lässt sich das optimale Niveau von Staatsaktivitäten bestimmen (→ Abb. 3.2). Ausgehend von einem Zustand ohne staatliche Aktivitäten (g = 0 mit g für government activity) sind Staatsaktivitäten mit einem relativ hohen Grenznutzen (GN) und relativ geringen Grenzkosten (GK) verbunden. Bis zum Erreichen des staatlichen Aktivitätsniveaus g* überwiegen die Vorteile, sodass eine weitere Ausweitung von Staatsaktivitäten gesamtwirtschaftlich sinnvoll ist. Falls ein Land den optimalen Grad g* jedoch überschritten hat, ist eine Reduzierung der staatlichen Aktivitäten geboten. 3.1 Informationsmängel und Werturteile 83 <?page no="84"?> GN, GK g • g* Q* GK (g) GN (g) Abb. 3.2: Bestimmung des optimalen Niveaus staatlicher Aktivitäten Die Verbindung zwischen den →-Abb.-3.1 und →-Abb.-3.2 besteht aus den Steigungen der Transformationskurve und der sozialen Indifferenzkurve: ■ Im Punkt Q 0 der Transformationskurve in → Abb. 3.1 ist die Menge der staatlichen Aktivitäten gleich null. Die Steigung der Transformati‐ onskurve ist relativ gering. Das bedeutet: Ein Anstieg der staatlichen Aktivitäten um eine Mengeneinheit ist mit einem relativ geringen Produktionsrückgang privater Güter verbunden. Die Herstellung einer Einheit öffentlicher Güter hat daher nur geringe Grenzkosten. ■ Je mehr Einheiten staatlich angebotener Güter hergestellt werden, desto größer wird die Steigung der Transformationskurve. Die Grenzkosten der Produktion staatlicher Güter nehmen zu. ■ Im Punkt Q 1 der sozialen Indifferenzkurve ist deren Steigung relativ hoch. Geht der Konsum staatlich angebotener und konsumierter Güter um eine Einheit zurück, bleibt die gesellschaftliche Wohlfahrt nur konstant, wenn der Konsum privater Güter um viele Einheiten erhöht wird. Der Grenznutzen staatlicher Aktivitäten ist relativ hoch. ■ Je mehr Einheiten staatlich angebotener Güter der Gesellschaft zur Verfügung stehen, desto geringer wird die Steigung der sozialen Indif‐ ferenzkurve. Der Grenznutzen staatlicher Aktivitäten nimmt ab. 84 3 Staatsversagen <?page no="85"?> ■ Im Punkt Q* tangieren sich die Transformationskurve und die Indiffe‐ renzkurve. Daher ist die Steigung der beiden Kurven in Q* identisch. Folglich stimmt der gesamtgesellschaftliche Grenznutzen der staatli‐ chen Aktivitäten in diesem Punkt mit den Grenzkosten dieser Aktivi‐ täten überein. Das in → Abb. 3.1 als optimal identifizierte Niveau staatlicher Aktivitäten (x Staat *) stimmt folglich mit dem optimalen Niveau staatlicher Aktivitäten in →-Abb.-3.2 (g*) überein. In der Theorie lässt sich somit recht einfach bestimmen, bis zu welchem Niveau eine Ausweitung staatlicher Aktivitäten noch sinnvoll ist und ab wann eine Reduzierung dieser Aktivitäten wohlfahrtstheoretisch geboten ist. Allerdings fehlen in der wirtschaftlichen Realität die erforderlichen Informationen, um dieses Niveau empirisch zu bestimmen. Besonders gravierend ist dieser Informationsmangel bei der Maximierung der gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrtsfunktion. Die funktionalen Zusam‐ menhänge zwischen der Höhe der Wohlfahrt und den unterschiedlichen Mengen privater und staatlicher Güter sind schlichtweg nicht bestimmbar. Auch die Identifikation des optimalen Ausmaßes staatlicher Aktivitäten mithilfe des Vergleichs der Grenzkosten und des Grenznutzens leidet unter dem Manko, dass die Quantifizierung beider Größen an die Grenzen der ökonomischen Analysemöglichkeiten stößt. Bei aller Objektivität volkswirt‐ schaftlicher Analysen ist die Frage, ob die Gesellschaft die ökonomischen Kosten der Steuererhebung oder die Vorteile der staatlichen Ausgaben höher einstuft, letztendlich eine Frage gesamtgesellschaftlicher Präferenzen bzw. Wertvorstellungen und Werturteilen - und damit subjektiv. Vor allem die monetäre Bewertung des gesellschaftlichen Nutzens staat‐ licher Aktivitäten ist problematisch. Grund dafür ist vor allem, dass es für Leistungen, die der Staat bereitstellt, keine Marktpreise gibt. Wenn beispielsweise eine klimaschützende staatliche Maßnahme dazu führt, dass ein gefährdeter Wald erhalten bleibt, ergibt sich der gesamtgesellschaftliche Nutzen dieser Maßnahme aus dem Wert des Waldes. Sein ökonomischer Wert hängt vom Holzpreis ab. Daneben stiftet ein Wald jedoch weiteren gesamtwirtschaftlichen Nutzen, z. B. Erholungsleistungen (Naherholung und Tourismus), eine Nahrungsmittelproduktion (Tiere, Beeren, Pilze etc.) und Ökosystemleistungen (Kohlenstoffspeicherung, Wasserfilterung, Luft‐ reinigung, Erosionsschutz, Schutz der Artenvielfalt etc.). Da es für diese Leistungen keine Marktpreise gibt, müssen andere Bewertungsansätze her‐ angezogen werden, z.-B. eine Ermittlung der Präferenzen der Bürger durch 3.1 Informationsmängel und Werturteile 85 <?page no="86"?> aufwendige Experimente oder Befragungen (vgl. Fluchs et al. 2022). Je nach angewendeter Methode ergeben sich unterschiedliche Bewertungsansätze - und damit kein allgemein akzeptierter objektiver Wert. Die Kosten staatlicher Aktivitäten lassen sich leichter bestimmen, weil in vielen Fällen Ausgaben anfallen. Dennoch sind auch Opportunitätskosten zu berücksichtigen, die nicht immer eindeutig bestimmt werden können. Das betrifft z. B. die Frage, welchen gesamtgesellschaftlichen Wert Produkti‐ onsfaktoren an anderer Stelle in der Volkswirtschaft generiert hätten, wenn der Staat im Rahmen seiner Aktivitäten nicht auf sie zugegriffen hätte. Verständnis | Opportunitätskosten sind ein zentrales Konzept volkswirtschaftlicher Analysen. Ausgangspunkt ist die Überlegung, dass sich jeder wirtschaftliche Akteur zwischen mehreren Handlungs‐ optionen für eine Handlungsalternative entscheiden muss. Dafür stellt er eine Rangliste auf, die seinen persönlichen Präferenzen entspricht, und entscheidet sich für die beste Alternative. Die Kosten dieser Entscheidung sind dann die Vorteile der zweitbesten Handlungsop‐ tion, auf die der Entscheider verzichtet. Wenn also beispielsweise der Staat 10.000 Euro für Verteidigungszwecke ausgibt anstatt für das Bildungswesen, sind die Opportunitätskosten nicht 10.000 Euro, sondern alle Vorteile, die sich bei einer Verwendung dieser 10.000 Euro für die Bildung ergäben hätten, aber nun nicht realisiert werden können. Selbst wenn die gesamtgesellschaftlichen Kosten staatlicher Aktivitäten exakt quantifizierbar wären, ließe sich das optimale Niveau staatlicher Aktivitäten empirisch nicht eindeutig bestimmen, weil der Verlauf der gesamtgesellschaftlichen Grenznutzenkurve unbekannt ist. In Abhängigkeit der subjektiven Präferenzen sind unterschiedliche Urteile bezüglich des wohlfahrtsmaximierenden Ausmaßes von Staatsaktivitäten möglich. Dazu zwei exemplarische Extremfälle: ■ Gesellschaft A hat ein hohes Vertrauen in marktwirtschaftlich organi‐ sierte Prozesse. Positive externe Effekte treten nur in geringem Ausmaß auf, d. h. die Marktpreise decken die gesellschaftlichen Vorteile wirt‐ schaftlicher Aktivitäten weitgehend ab. Dinge, für die es keine Markt‐ preise gibt - also z. B. eine intakte Umwelt mit Artenvielfalt -, werden 86 3 Staatsversagen <?page no="87"?> von den Menschen als wenig wertvoll angesehen. Der Grenznutzen staatlicher Aktivitäten ist in Gesellschaft A (GN A ) niedrig. Daraus ergibt sich ein relativ geringes Niveau staatlicher Aktivitäten, das als optimal angesehen wird (g A in →-Abb.-3.3). ■ Gesellschaft B hat eine hohe Präferenz für eine intakte Umwelt und öffentliche Güter. Vielen wirtschaftlichen Aktivitäten, wie z. B. der Bildung, dem Gesundheitswesen und der Grundlagenforschung, werden hohe positive externe Effekte zugestanden. Die gesamtgesellschaftli‐ chen Kosten von Umweltverschmutzung und Klimawandel werden als hoch angesehen. Staatliche Maßnahmen, die dem Umwelt- und Klima‐ schutz dienen, stiften folglich einen hohen gesellschaftlichen Nutzen. Auch andere staatliche Aktivitäten, wie beispielsweise Angebote in den Bereichen des öffentlichen Personennahverkehrs und der Kultur, wer‐ den von der Bevölkerung geschätzt. Der Grenznutzen staatlicher Akti‐ vitäten ist in Gesellschaft B (GN B ) hoch. Das wohlfahrtsmaximierende Niveau staatlicher Aktivitäten ist entsprechend groß (g B in → Abb. 3.3). GN, GK g • g A Q A GK (g) GN A (g) GN B (g) Q B • g B Abb. 3.3: Optimales Niveau staatlicher Aktivitäten in Abhängigkeit der gesellschaftlichen Präferenzen Die in → Abb. 3.3 gefundenen optimalen Umfänge staatlicher Aktivitäten in Abhängigkeit der gesellschaftlichen Präferenzen lassen sich auch mithilfe 3.1 Informationsmängel und Werturteile 87 <?page no="88"?> der gesellschaftlichen Indifferenzkurve bestimmen. Die unterschiedlichen Präferenzen für staatliche Leistungen äußern sich in unterschiedlichen Verläufen der Indifferenzkurven (→-Abb.-3.4): ■ Gesellschaft A hat eine geringe Präferenz für staatliche Aktivitäten. Das bedeutet: Wenn das Ausmaß staatlicher Leistungen um eine Mengen‐ einheit zurückgeht, resultiert daraus ein geringer Wohlfahrtsverlust. Um diesen auszugleichen, werden nur wenige zusätzliche Mengeneinheiten der privaten Güter benötigt. Die soziale Indifferenzkurve dieser Gesell‐ schaft hat somit einen flachen Verlauf. Das optimale Niveau staatlicher Aktivitäten ist relativ gering (g A ). ■ Gesellschaft B hat eine hohe Präferenz für staatliche Leistungen, was zu einem steilen Verlauf der sozialen Indifferenzkurve führt. Das gesamt‐ gesellschaftlich optimale Niveau staatlicher Aktivitäten ist hier relativ hoch (g B ). x priv. x Staat x Staat A (= g A ) x priv. B I gesell. A T • • Q A Q B I gesell. B x Staat B (= g B ) x priv. A Abb. 3.4: Grafische Bestimmung des wohlfahrtsmaximierenden Niveaus staatlicher Akti‐ vitäten in Abhängigkeit der gesellschaftlichen Präferenzen Das Ergebnis dieses Gedankenexperiments lautet wie folgt: Die Antwort auf die Frage, welches Niveau staatlicher Aktivitäten - und damit welche Höhe der staatlichen Ausgaben - als wohlfahrtsmaximierend angesehen wird, hängt von subjektiven Wertvorstellungen bzw. Präferenzen ab. Dieses 88 3 Staatsversagen <?page no="89"?> Niveau lässt sich daher nicht eindeutig anhand objektiver Kriterien bestim‐ men. Differenzen bezüglich des optimalen Ausmaßes staatlicher Aktivitäten bestehen auch innerhalb einer Gesellschaft. Werden beispielsweise in → Abb. 3.3 die Gesellschaften A und B durch die politischen Parteien A und B ersetzt, verdeutlicht dies einen politischen Dissens. Angenommen, das tatsächliche Niveau staatlicher Aktivitäten liegt in → Abb. 3.3 zwischen g A und g B , dann gelten folgende Aussagen: ■ Anhänger der Partei A werden in diesem Fall ein staatliches Ausgaben‐ problem diagnostizieren, d. h. der Staat sollte seine zu hohen Ausgaben reduzieren. ■ Aus Sicht von Partei B hat das Land hingegen ein Einnahmenproblem. Der Staat sollte seine Einnahmen steigern, um so auch mehr staatliche Aktivitäten finanzieren zu können. Das fehlende Wissen über die exakte Entwicklung der Nutzen- und Kos‐ tenverläufe gilt grundsätzlich für alle wirtschaftlichen Aktivitäten, also z. B. für den Konsum einzelner Produkte. Im Unterschied zu staatlichen Angeboten gibt es für solche Konsumaktivitäten jedoch Marktpreise und individuelle Zahlungsbereitschaften. Das bedeutet: Wenn sich für ein Kon‐ sumprodukt ein bestimmter Marktpreis einstellt, gibt es Verbraucher, deren subjektive Wertschätzung für dieses Produkt so gering ist, dass sie auf den Kauf verzichten. Alle Personen, deren in Geldeinheiten ausgedrückter Nutzen über diesem Marktpreis liegt, werden hingegen die jeweils für sie nutzenmaximierende Gütermenge erwerben. Sofern es keine Formen des Marktversagens gibt, erreichen die Marktprozesse automatisch das für die Gesellschaft wohlfahrtsmaximierende Konsumniveau - und zwar ohne, dass irgendeine Institution die Nutzenvorstellung der Menschen kennen muss. Hier erfüllt der Preis seine Funktionen, allen voran die Allokationsfunktion, die Koordinierungsfunktion und die Markträumungsfunktion. Die zentrale Schlussfolgerung dieser Ausführungen ist, dass es für die Bestimmung des optimalen Niveaus staatlicher Aktivitäten und der damit verbundenen Ausgaben keine objektive wissenschaftliche Entscheidungs‐ grundlage gibt. Um dennoch ein staatliches Ausgabenniveau zu realisieren, das so weit wie möglich den gesellschaftlichen Präferenzen entspricht, sollten Parteien ihre Ausgaben- und Einnahmenpläne in den Parteipro‐ grammen so konkret wie möglich beschreiben. Die Wähler können dann entsprechend ihren Präferenzen über ihre Wahlentscheidung Einfluss auf 3.1 Informationsmängel und Werturteile 89 <?page no="90"?> das Ausmaß staatlicher Aktivitäten nehmen. Voraussetzung ist jedoch, dass die in den Partei- und Wahlprogrammen genannten Maßnahmen im Fall der Regierungsübernahme tatsächlich umgesetzt werden. Und selbst wenn Wahlversprechen 100-prozentig umgesetzt werden sollten, bilden Wahlentscheidungen die gesellschaftlichen Präferenzen bezüglich des Um‐ fangs staatlicher Aktivitäten nicht vollständig ab, weil diese Programme immer auch andere politische Inhalte abdecken. Vollständige Transparenz über die gesellschaftlichen Präferenzen bezüglich staatlicher Aktivitäten und das damit verbundene optimale Niveau der Staatsausgaben ist daher nie zu erwarten. Und es gibt ein weiteres Problem: Es ist keinesfalls garantiert, dass poli‐ tische Entscheider das Ziel haben, die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt ihres Landes zu maximieren. Die Erkenntnisse der politischen Ökonomie der Demokratie lassen vielmehr erwarten, dass staatliche Entscheidungsträger - sowohl in der Politik als auch in der Verwaltung - eigene Ziele verfolgen. 3.2 Politische Ökonomie der Demokratie Wenn der Staat zur Heilung eines Marktversagens interveniert, erhöht dies die gesellschaftliche Wohlfahrt nur, wenn die für die Wirtschaftspolitik verantwortlichen Akteure tatsächlich das Ziel verfolgen, die Wohlfahrt der Gesellschaft zu maximieren. Das bedeutet gleichzeitig, dass die für die Wirtschaftspolitik verantwortlichen Akteure - allen voran die Politiker, aber auch die in der Verwaltung tätigen Bürokraten - mit ihren Entscheidungen die Steigerung der gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrt verfolgen, aber keine eigenen Interessen. Sie handeln so gesehen altruistisch. Die Annahme eines altruistischen Verhaltens ist jedoch in der Volkswirt‐ schaft eine sehr ungewöhnliche Annahme. Von Konsumenten bzw. privaten Haushalten wird angenommen, dass sie mit allen ihren Entscheidungen danach streben, den eigenen Nutzen zu maximieren. Unternehmen agieren als Gewinnmaximierer, weil sie so ihr Einkommen maximieren können, was den Unternehmenseigentümern wiederum ein größeres Konsumniveau erlaubt und damit einen höheren Nutzen generiert. Wenn also private Wirtschaftsakteure stets ihre eigenen Interessen verfolgen, ist zu erwarten, dass sie dieses Verhalten auch an den Tag legen, wenn sie als Politiker tätig werden. Tatsächlich übernahm Anthony Downs (1930 bis 2021) Ende der 1950er Jahren diese Überlegungen und untersuchte, welche Konsequenzen 90 3 Staatsversagen <?page no="91"?> sich ergeben, wenn für politische Akteure angenommen wird, dass sie mit ihren Entscheidungen den eigenen Nutzen maximieren wollen. Für die Politiker wird angenommen, dass sie mit ihren politischen Aktivitäten Einkommen, Macht und Prestige anstreben. Es geht Politikern somit nicht um die Maximierung der gesellschaftlichen Wohlfahrt oder zumindest darum, die Wohlfahrt der Gesellschaft zu erhöhen, sondern darum, ihren eigenen Nutzen zu maximieren. Um diese Ziele zu erreichen, müssen Politiker in das Parlament gewählt werden und am besten auch die Regierung übernehmen. Downs geht deshalb davon aus, dass Politiker bzw. Parteien sich als Stimmenmaximierer verhalten: „Um ihre privaten Ziele zu erreichen, treten sie mit jenen politischen Programmen hervor, von denen sie sich den größten Gewinn an Stimmen versprechen, so wie die Unternehmer aus dem entsprechenden Beweggrund diejenigen Waren produzieren, von denen sie sich den höchsten Gewinn versprechen“ (Downs 1968, S.-289). Auch die Wähler sind Akteure, die durch politisches Handeln ihren individuellen Nutzen maximieren wollen. Dies bedeutet, dass ein Wähler der Partei seine Stimme gibt, von der er im Fall einer Regierungsübernahme den größten individuellen Nettonutzen erwartet. Der Nettonutzen ergibt sich aus den Maßnahmen, die eine Partei verspricht und von denen ein individueller Wähler profitiert (also z. B. die Höhe der Ausgaben für Straßen, Gesundheit, Bildung und eine digitale Infrastruktur), sowie von der Steuerbelastung, die sich für diesen Wähler ergibt, wenn eine bestimmte Partei gewählt wird und ihr Wahlprogramm umsetzt. Für alle politischen Akteure wird folglich angenommen, dass sie die Maximierung ihres eigenen Nutzens anstreben. Dies hat zur Folge, dass die politischen Akteure das ökonomische Prinzip anwenden und sich in dem Sinne rational verhalten, dass sie versuchen, mit einer gegebenen Menge an Mitteln einen möglichst hohen Grad der individuellen Bedürfnisbefrie‐ digung zu erreichen. In einer Welt mit vollkommenen Informationen ist davon auszuge‐ hen, dass Parteien gewählt werden, die den Willen der Mehrheit der Bevölkerung berücksichtigen: Im Fall vollkommener Informationen ken‐ nen die Politiker annahmegemäß alle Wünsche und Ziele der Wähler. Die Wähler wissen ihrerseits ganz genau, welche individuellen Kosten und Nutzen ihnen entstehen, wenn eine bestimmte Partei die Regierung übernimmt. Unter diesen Annahmen erreicht die Partei, deren Programm von mindestens 50 Prozent der Wahlberechtigten als vorteilhaft eingestuft 3.2 Politische Ökonomie der Demokratie 91 <?page no="92"?> wird, die Regierungsmehrheit - und ihre Mitglieder erhalten die mit der Regierungsübernahme verbundenen Vorteile, also politische Ämter, die ihnen Einkommen, Macht und Prestige bescheren. Die Annahme der vollkommenen Information ist für die Analyse realer politischer Prozesse jedoch nicht plausibel. Im realen Leben kennen die Politiker nicht die Wünsche der Wähler, und die Wähler haben ihrerseits keine vollständige Kenntnis darüber, welche Vor- und Nachteile sie durch die Entscheidung für eine bestimmte Partei haben werden. Aus diesen In‐ formationsdefiziten ergeben sich eine Reihe von Konsequenzen, von denen hier nur zwei kurz skizziert werden sollen: die Existenz von Wahlhelfern und von Lobbyisten. Im Fall von unvollständigen Informationen sind sich viele Wähler nicht darüber im Klaren, von welcher Partei sie persönlich den größten Nettonutzen zu erwarten haben. Dies macht es für die Politiker attraktiv, Wahlhelfer einzusetzen. Verständnis | Wahlhelfer haben in der politischen Ökonomie der Demokratie zwei Aufgaben. Erste Aufgabe ist es, andere Wähler davon zu überzeugen, dass die Entscheidung für die Partei des betreffenden Politikers den größten Nettonutzen für den Wähler zur Folge hat. Außerdem kennen die Politiker nicht die Wünsche der Wähler. Die zweite Aufgabe der Wahlhelfer besteht deshalb darin, Informationen über die Wählerwünsche zu gewinnen und diese den Politikern mitzuteilen, damit diese ihre Wahlprogramme so konzipieren können, dass sie möglichst viele Stimmen erhalten. Der Einsatz von Wahlhelfern ist für die Politiker mit Kosten verbunden. Angesichts knapper Ressourcen müssen sich Politiker auf eine begrenzte Zahl von Wahlhelfern beschränken. Dies hat zur Folge, dass nicht alle Per‐ sonen politisch gleich wichtig sind. Personen, die andere Wähler im Sinne eines Politikers beeinflussen können, sind für den Politiker wichtiger als die Personen, die keine oder nur wenige Wähler beeinflussen können. Gleiches gilt für die Berücksichtigung der Informationen über die Wählerwünsche. Politiker werden eher auf die Personen hören, von denen sie glauben, dass sie die Interessen vieler Wähler kennen als auf Personen, die nur die Wünsche weniger Wähler repräsentieren. 92 3 Staatsversagen <?page no="93"?> Der Umstand, dass die Beschaffung und Verarbeitung von Informationen mit Kosten verbunden ist, hat zudem zur Folge, dass der Einfluss auf poli‐ tische Entscheidungen von der Fähigkeit abhängt, diese Kosten zu tragen. Politiker und Wahlhelfer, die über ein hohes Einkommen bzw. Vermögen verfügen, können durch die ressourcenintensive Überzeugungsarbeit mehr Wähler auf ihre Seite bringen. Die Einflussmöglichkeiten auf politische Entscheidungen sind daher von Bürger zu Bürger unterschiedlich. Und das bedeutet, dass sich politische Entscheidungen nicht automatisch an den Präferenzen aller Wahlberechtigten orientieren, sondern primär an den Präferenzen derjenigen, die über hohe Einkommen verfügen. Wahlhelfer sind dabei von Lobbyisten zu unterscheiden. Verständnis | Auch Lobbyisten beeinflussen politische Entschei‐ dungen. Während die Wahlhelfer von den Politikern eingesetzt und gegebenenfalls auch von ihnen bezahlt werden, sind Lobbyisten aus Eigeninteresse aktiv. Sie versuchen durch ihre Beeinflussung der Po‐ litiker eine Entscheidung herbeizurufen, die ihnen selbst nutzt. Dieses Ziel erreichen sie, indem sie die Politiker davon überzeugen, dass eine bestimmte Maßnahme von mehr Wählern gewünscht als abgelehnt wird, sodass die Maßnahme für den Politiker einen Zugewinn an Stimmen zur Folge hat. Eine Aktivität als Lobbyist verlangt den Einsatz knapper Ressourcen. Der ökonomische Anreiz, sich als Lobbyist zu betätigen, hängt wiederum von dem zu erwartenden Nettonutzen ab, der mit einer Beeinflussung der Politik verbunden ist. ■ Wenn es eine kleine Gruppe von Menschen gibt, die im Fall einer er‐ folgreichen Beeinflussung einer politischen Entscheidung einen relativ hohen Einkommenszuwachs erwarten kann, lohnt sich die Finanzierung von Lobbyisten für die Mitglieder dieser Gruppe. ■ Wenn es sich hingegen um eine große Gruppe von wirtschaftlichen Akteuren handelt, für die eine Einflussnahme auf politische Entschei‐ dungen nur einen geringen finanziellen Vorteil nach sich zieht, ist nicht zu erwarten, dass sich diese Gruppe zusammenschließt und Lobbyakti‐ vitäten finanziert. 3.2 Politische Ökonomie der Demokratie 93 <?page no="94"?> Ein Beispiel dafür sind die Subventionen der Landwirtschaft. Von ihnen profitieren die in der Landwirtschaft tätigen Personen. In entwickelten Volkswirtschaften wie Deutschland macht die Landwirtschaft jedoch nur einen sehr geringen Anteil aller Beschäftigten aus. Die finanziellen Lasten dieser Subventionen werden von den Steuerzahlern getragen. Sie müssen mit ihren Steuern die Subventionen der Landwirtschaft finanzieren. Sinn‐ voller wäre es für sie, wenn preiswertere Agrarprodukte aus dem Ausland importiert werden und dafür die heimische Landwirtschaft nicht mehr subventioniert werden müsste. Dies würde jedoch für die in der Landwirt‐ schaft beschäftigten Personen einen Arbeitsplatz- und Einkommensverlust bedeuten. Das von der politischen Ökonomie der Demokratie erwartbare Ergebnis sieht daher wie folgt aus: ■ Diejenigen, die ihr Einkommen in der Landwirtschaft verdienen, sind bereit, Lobbyisten zu finanzieren, die sich für den Erhalt oder sogar Ausbau von Agrarsubventionen einsetzen. Da diese Personengruppe relativ klein ist, würde es auffallen, wenn sich einzelne Personen nicht an der Finanzierung der Lobbyaktivitäten beteiligen und sich stattdessen als Trittbrettfahrer verhalten - also von den Lobbyaktivitäten profitie‐ ren, sich aber nicht an deren Finanzierung beteiligen. ■ Für den einzelnen Steuerzahler ist der finanzielle Vorteil, der sich aus der Abschaffung der Subventionen in Kombination mit einer Marktöffnung für ausländische Anbieter ergibt, hingegen nur gering. Also ist auch die Bereitschaft, sich an der Finanzierung einer entsprechenden Lobbyak‐ tivität zu beteiligen, gering. Zudem sind die Steuerzahler zahlenmäßig eine große Gruppe. Daher fällt es kaum auf, wenn ein einzelner Steuer‐ zahler sich nicht an der Finanzierung von Lobbyaktivitäten beteiligt. Wenn jedoch alle Steuerzahler so denken, ist niemand bereit, etwas für eine Lobbyaktivität zu bezahlen. ■ Im Ergebnis kommt es zu Agrarsubventionen, obwohl sie nur einer kleinen Minderheit der Bevölkerung nützen. Wenn Wahlhelfer und Lobbyisten Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen, ist die Gefahr groß, dass die daraus resultierenden wirtschaftspo‐ litischen Entscheidungen nicht mehr der Wohlfahrt der gesamten Gesell‐ schaft dienen, sondern den Partialinteressen einzelner Personengruppen. Die Gefahr, dass an der Wiederwahl interessierte Politiker Entscheidungen treffen, die aus Sicht der Volkswirtschaft nicht optimal sind, wird in der 94 3 Staatsversagen <?page no="95"?> praktischen Ausgestaltung der Wirtschaftspolitik zumindest teilweise be‐ rücksichtigt. Dazu nur zwei Beispiele. Mit Blick auf die Geldpolitik besteht die Gefahr, dass politische Ent‐ scheider im Vorfeld einer Wahl eine expansive Geldpolitik betreiben, um so - wie in → Abschnitt 2.7 gezeigt - Produktion, Beschäftigung und Ein‐ kommen der Bevölkerung zu steigern. Kurzfristig ist zu erwarten, dass der wirtschaftspolitisch induzierte Wachstumsschub die Wiederwahlchancen der amtierenden Regierung erhöht. Mittel- und langfristig droht jedoch eine höhere Inflationsrate. Um dies zu verhindern, haben die entwickelten Indus‐ trienationen unabhängige Zentralbanken. Das bedeutet: Die Zentralbank eines Landes hat einen klaren politischen Auftrag, z. B. die Inflationsrate auf 2 Prozent zu begrenzen. Die Politik - also die Regierung und das Parlament - haben keine Einflussmöglichkeiten auf die geldpolitischen Maßnahmen der Zentralbank. Mit Blick auf die Fiskalpolitik besteht die Gefahr, dass eine Regierung zur Sicherung ihrer Wiederwahl Wahlgeschenke verteilt. So könnte sie beispielsweise die Renten und das Arbeitslosengeld vor einer Wahl erhöhen, Schulen bauen lassen und gleichzeitig die Steuersätze bei der Einkommen‐ steuer senken. Für die Wahlberechtigten bedeutet dies eine Erhöhung ihres verfügbaren Einkommens. Das erlaubt ein höheres Konsumniveau und damit auch einen höheren Nutzen, was die Chancen einer Wiederwahl der amtierenden Regierung erhöht. Allerdings resultiert daraus ein Anstieg der Staatsverschuldung. Die in der Zukunft lebenden Menschen, die jetzt noch gar nicht als Wähler existieren, müssen diese Wahlgeschenke bezahlen, d. h. sie müssen die Zins- und Tilgungszahlungen später durch Steuern finanzieren. Um zu hohe jährliche staatliche Finanzierungsdefizite und die daraus resultierenden staatlichen Schulden zu verhindern, haben viele Länder fiskalpolitische Regeln eingeführt. Ein Beispiel für eine solche regelgebundene Fiskalpolitik ist die Vorgabe, dass die jährliche staatliche Kreditaufnahme nur so hoch sein darf wie die Investitionen des Staates oder dass der Staatshaushalt ohne Einnahmen aus Krediten auszugleichen ist - letzteres gilt beispielsweise in Deutschland im Rahmen der grundge‐ setzlichen Schuldenbremse. Ein anderes Beispiel sind die so genannten Maastricht-Kriterien. Danach darf das gesamtstaatliche Finanzierungsde‐ fizit nicht höher als 3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts sein. Der staatliche Schuldenstand darf 60 Prozent des Bruttoinlandsprodukts nicht überschrei‐ ten. 3.2 Politische Ökonomie der Demokratie 95 <?page no="96"?> Verständnis | Im Jahr 2009 wurde eine umfassende Reform der Verschuldungsregeln von Bund und Ländern beschlossen. Das Er‐ gebnis ist die Schuldenbremse im deutschen Grundgesetz. Grund‐ satz dieser Reform ist, dass die Haushalte des Bundes und der Bundesländer möglichst ohne Einnahmen aus einer Kreditaufnahme ausgeglichen werden sollen. Dem Bund wird ein begrenzter Ver‐ schuldungsspielraum von maximal 0,35 Prozent des nominalen Bruttoinlandsprodukts eingeräumt. Das Bruttoinlandsprodukt wird dabei um konjunkturelle Einflüsse bereinigt. Für die Bundesländer gilt dieser Spielraum nicht, d. h., sie müssen einen Haushalt ohne Schulden aufstellen. Für Naturkatastrophen und außergewöhnliche Notsituationen, die sich der staatlichen Kontrolle entziehen und einen erheblichen negativen Einfluss auf die öffentlichen Finanzen haben, sind ausnahmsweise höhere Kreditaufnahmen des Bundes zulässig. Damit diese Ausnahmeklausel in Anspruch genommen werden darf, muss es einen entsprechenden Beschluss des Deut‐ schen Bundestages geben. Dieser muss auch einen verbindlichen Tilgungsplan für die Rückzahlung der aufgenommenen Schulden enthalten. Diese Regelungen wurden erstmals für den Haushalt des Jahres 2011 angewendet, allerdings mit einer Übergangsfrist. Nach ihr muss der Haushalt des Bundes seit 2016 ausgeglichen sein, für die Bundesländer gilt dies seit 2020 (vgl. ausführlicher BMF 2022). Es gibt also institutionelle Regelungen, die möglichen Fehlentwicklungen entgegenwirken, die sich aus den Entscheidungen von stimmenmaximier‐ enden Politikern ergeben. Doch selbst wenn die politischen Entscheidungen sich durch derartige institutionelle Rahmenbedingungen stärker an der ge‐ samtgesellschaftlichen Wohlfahrt orientieren, ist noch zu berücksichtigen, dass auch in der Verwaltung, die die politischen Entscheidungen umsetzt, eigeninteressierte Akteure tätig sind. 96 3 Staatsversagen <?page no="97"?> 3.3 Politische Ökonomie der Bürokratie Die Konsequenzen, die sich ergeben, wenn bei den in der Bürokratie tätigen Personen die Annahme der eigenen Nutzenmaximierung unterstellt wird, zeigen sich beispielhaft im sogenannten Niskanen-Modell (vgl. Niskanen 1971), das auf den amerikanischen Ökonomen William Arthur Niskanen (1933 bis 2011) zurückgeht. In diesem Modell wird davon ausgegangen, dass die Politik Leistungen von der Bürokratie erhält. Politiker fragen dabei eine bestimmte Leistungs‐ menge bei der Bürokratie nach, also z. B. eine jährliche Menge an neu zu bauenden Kilometern Straße. Jeder Kilometer Straße stiftet der Gesellschaft einen bestimmten Nutzen. Entsprechend dem Gesetz vom abnehmenden Grenznutzen wird der zusätzliche Nutzen, den ein neuer Kilometer stiftet, mit jedem Kilometer geringer. Wenn also z. B. der erste neu zu bauende Stra‐ ßenkilometer einen gesellschaftlichen Zusatznutzen in Höhe von 100.000 Euro stiftet, sind es beim zweiten Kilometer nur noch 95.000 Euro, beim dritten 90.000 Euro und so weiter. Die Politiker sind bereit, für jeden Kilometer Straße einen bestimmten maximalen Geldbetrag zu bezahlen. Annahmegemäß stimmt diese maximale Zahlungsbereitschaft mit dem Grenznutzen des Outputs überein. Die Politik kennt also den in Geldein‐ heiten ausgedrückten gesamtgesellschaftlichen Nutzen eines zusätzlichen Straßenkilometers und sie ist bereit, einen Preis zu zahlen, der diesem Nutzen entspricht. Die Politiker streben somit im Niskanen-Modell die Optimierung der gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrt an. Den Politikern steht eine Bürokratie gegenüber, die diese Leistung anbietet. An der Spitze einer öffentlichen Behörde steht ein Chefbüro‐ krat. Er bietet die von den Politikern gewünschte Leistung an. Ziel des Chefbürokraten ist die Maximierung seines eigenen Nutzens. Der Nutzen hängt dabei in positiver Weise von der Höhe des Budgets ab, über das der Chefbürokrat verfügt. Dies lässt sich u. a. damit begründen, dass ein hohes Budget viel Macht und Ansehen bedeutet und dass mit der Verantwortung für ein größeres Budget häufig das persönliche Einkommen wächst. Ziel des Chefbürokraten ist daher ein möglichst hohes Budget. Daraus ergibt sich ein Optimierungsproblem: das dem Chefbürokraten zur Verfügung gestellte Budget ist zu maximieren unter der Nebenbedingung, dass die Zahlungsbereitschaft der Politiker dieses Budget finanzieren kann. In dem Modell gibt es zwei weitere zentrale Annahmen. Zum einen kennt nur der Chefbürokrat die tatsächlichen Kosten, die mit dem Bau von Straßen 3.3 Politische Ökonomie der Bürokratie 97 <?page no="98"?> verbunden sind. Den Politikern sind diese Kosten hingegen nicht bekannt. Zum anderen bietet die Bürokratie stets eine Alles-oder-Nichts-Entschei‐ dung an. Das bedeutet: Wenn der Chefbürokat der Politik anbietet, 10 Kilometer Straße zu bauen, kann die Politik dieses Angebot annehmen und finanzieren oder ablehnen. Unter diesen Annahmen führt die individuelle Nutzenmaximierung des Chefbürokraten dazu, dass das Budget der Verwaltung - gemessen an den anfallenden Kosten und dem gesamtgesellschaftlichen Nutzen - zu groß ausfällt. Dies lässt sich mit Hilfe eines Beispiels zeigen. Die Politik wünscht den Bau von Straßen. Die Höhe der Grenzkosten der Produktion und des gesellschaftlichen Grenznutzens - und damit auch der Höhe der maximalen Zahlungsbereitschaft der Politiker - sind in → Tab. 3.1 dargestellt. Die Bürokratie produziert ihre Leistung zu den geringsten möglichen (Grenz)Kosten, es gibt also keine Ineffizienzen durch unproduktive Produktionsverfahren. Der aus gesamtgesellschaftlicher Sicht optimale Umfang der neu zu bauenden Straßen liegt bei 4 Kilometern. Dieser vierte Kilometer verursacht Grenzkosten in Höhe von 85.000 Euro und er stiftet einen gesellschaftlichen Grenznutzen in Höhe von 85.000 Euro. Der gesamtgesellschaftliche Netto‐ nutzen dieser 4 Kilometer beträgt 60.000 Euro - ein höherer Wert ist unter den getroffenen Annahmen nicht möglich. Der Bau des fünften Kilometers ist aus Sicht der Gesellschaft nicht mehr sinnvoll. Er verursacht zusätzliche Kosten in Höhe von 90.000 Euro, stiftet aber nur einen zusätzlichen Nutzen in Höhe von 80.000 Euro. Dennoch weitet ein nutzenmaximierender Chef‐ bürokrat sein Angebot weiter aus. Die aus seiner Sicht optimale Menge liegt dort, wo die Gesamtkosten (und damit die Höhe des Budgets) am höchsten sind und gerade noch durch die gesamte Zahlungsbereitschaft der Politiker gedeckt werden. Dies ist bei 7 Kilometern der Fall, denn die Politik ist bereit, die damit verbundenen Gesamtkosten in Höhe von 595.000 Euro zu bezahlen, weil der gesamte Bruttonutzen dieses Straßenangebots 595.000 Euro beträgt. Die Gesellschaft bezahlt die Nutzenmaximierung des Chefbürokraten mit einer gesamtgesellschaftlichen Nutzeneinbuße: Anstelle eines gesellschaftlichen Nettonutzens in Höhe von 60.000 Euro im Fall von 4 Kilometern Straße liegt der in Geldeinheiten ausgedrückte Nettonutzen der Gesellschaft nun bei null Euro. 98 3 Staatsversagen <?page no="99"?> Kilometer Straße Grenznut‐ zen in Euro Gesamt‐ nutzen in Euro Grenzkos‐ ten in Euro Gesamt‐ kosten in Euro Gesamter Nettonut‐ zen in Euro Erster 100.000 100.000 70.000 70.000 30.000 Zweiter 95.000 195.000 75.000 145.000 50.000 Dritter 90.000 285.000 80.000 225.000 60.000 Vierter 85.000 370.000 85.000 310.000 60.000 Fünfter 80.000 450.000 90.000 400.000 50.000 Sechster 75.000 525.000 95.000 495.000 30.000 Siebter 70.000 595.000 100.000 595.000 0 Achter 65.000 660.000 105.000 700.000 -40.000 Tab. 3.1: Bestimmung des optimalen Budgets der Bürokratie Bei einer nutzenmaximierenden Bürokratie und Politikern, die die Kosten der Produktion einer öffentlichen Leistung nicht kennen, entscheidet sich die Bürokratie somit für ein Leistungsangebot, das gemessen an den gesellschaftlichen Präferenzen und den tatsächlichen Produktionskos‐ ten zu groß ist. Es gibt jedoch Lösungsansätze, die diese Problematik entschärfen. Mögliche Instrumente sind eine Steigerung der Transparenz über die Kosten der Produktion durch ein leistungsfähiges Controlling, Benchmark-Vergleiche (was geben andere Länder bzw. Regionen für die öffentliche Leistung aus), eine stärkere Kontrolle der Bürokratie durch Landesbzw. Bundesrechnungshöfe oder durch unabhängige Stellen, wie z. B. den Bund der Steuerzahler, und schließlich das Aufbrechen des Monopols der Bürokratie durch eine Vergabe der Leistungserbringung durch private Anbieter. Im Ergebnis ist somit Folgendes festzuhalten: Wenn die für die Wirt‐ schaftspolitik eines Landes zuständigen Akteure nicht die Maximierung der gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrt anstreben, sondern ihren eigenen Nut‐ zen maximieren wollen, ergeben sich für die Wirtschaftspolitik zusätzliche Herausforderungen. Von zentraler Bedeutung ist es, die Anreize für die handelnden Akteure - also vor allem für die Politiker und die Bürokraten - so auszugestalten, dass das individuelle Interesse von Politikern und Büro‐ kraten mit dem Interesse der gesamten Gesellschaft möglichst weitgehend 3.3 Politische Ökonomie der Bürokratie 99 <?page no="100"?> übereinstimmt. Wenn dies nicht möglich ist, müssen institutionelle Vorkeh‐ rungen getroffen werden, die die Entscheidungs- und Einflussmöglichkeiten von Politik und Bürokratie begrenzen - z. B. durch eine Geldpolitik in den Händen einer unabhängigen Zentralbank oder eine regelgebundene Fiskalpolitik. Falls es jedoch nicht gelingt, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass die Interessen von Politik und Bürokratie mit den ge‐ samtgesellschaftlichen Interessen übereinstimmen, kommt es zu einem Staatsversagen. 3.4 Rent-Seeking Eine weitere Form eines staatlich bedingten Wohlfahrtsverlusts ergibt sich aus dem ‚Rent-Seeking‘. Von diesem Phänomen wird gesprochen, wenn private Wirtschaftsakteure Geld, Zeit und andere knappe Ressourcen einset‐ zen, um staatliche Entscheidungen so zu beeinflussen, dass sie Einkommens‐ steigerungen realisieren können, denen keine entsprechenden produktiven Leistungen gegenüberstehen. Es wird also angestrebt, dass die Politik (d. h. die Regierung bzw. das Parlament) oder die Verwaltung Regulierungen erlassen, die die Einkommen der privaten Wirtschaftsakteure erhöhen. Erreicht wird dies z. B. durch eine Beschränkung des Marktzutritts und eine daraus resultierende Verringerung der Zahl der Anbieter. Beispiele sind Importbeschränkungen oder Zulassungsbeschränkungen für einzelne Tätigkeiten bzw. Berufe wie Taxifahrer, Notare und Ärzte. Dadurch können ökonomische Renten erzielt werden, also Einkommen, denen keine pro‐ duktive Gegenleistung gegenübersteht. Beim Rent-Seeking geht es folglich darum, Einkommen durch politische Entscheidungen zu generieren und nicht durch Marktprozesse (vgl. Märtz 1990, S. 18-38). Es kann als eine spezielle Form des Lobbyismus angesehen werden bzw. ist diesem sehr ähnlich. Das Rent-Seeking ist mit einem gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrtsver‐ lust verbunden. Grafisch lässt er sich in einem Preis-Mengen-Diagramm wie folgt erklären (→-Abb.-3.5). ■ Ohne das Rent-Seeking ergibt sich ein Marktgleichgewicht mit dem Preis p* und der Menge x*. Die Konsumentenrente entspricht der Fläche a Q* p*, die Produzentenrente der Fläche b Q* p* und die gesamtwirt‐ schaftliche Wohlfahrt der Fläche a Q* b. 100 3 Staatsversagen <?page no="101"?> ■ Wenn das Rent-Seeking in Form einer Reduzierung der Anbieterzahl er‐ folgreich ist, wird die von allen Anbietern produzierte Menge reduziert, z. B. auf x‘. Bei einer sinkenden Gütermenge steigt der Grenznutzen der letzten Gütereinheit. Damit steigt auch die maximale Zahlungsbe‐ reitschaft der Verbraucher auf p‘. ■ In dem neuen Marktgleichgewicht Q‘ entspricht die Konsumentenrente der Fläche zwischen der Nachfragegeraden und dem Güterpreis, also der Fläche a Q‘ p‘. Folglich schrumpft die Konsumentenrente um die Fläche p‘ Q‘ Q* p*. ■ Die Produzentenrente ergibt sich aus der Fläche zwischen dem Markt‐ preis p‘ und der Angebotsgeraden (p‘ Q‘ Q‘‘ b). Sie ist also einerseits um das Dreieck c Q* Q‘‘ geschrumpft, aber andererseits auch um das Viereck p‘ Q‘ c p* gestiegen. In → Abb. 3.5 ist das Viereck größer als das Dreieck, sodass die Produzentenrente gestiegen ist. ■ Der Gesellschaft als Ganzes entsteht durch das Rent-Seeking ein Wohl‐ fahrtsverlust in Höhe der Fläche Q‘ Q* Q‘‘. p x • • x* x N x 1 • p‘‘ p‘ Q‘‘ Q* Q‘ p* • • a b x A • • • • c Abb. 3.5: Wohlfahrtsverluste bei einem Rent-Seeking Der Wohlfahrtsverlust resultiert letztendlich daraus, dass knappe Ressour‐ cen nicht mehr für die Produktion von Gütern eingesetzt werden, sondern zur Beeinflussung von Politik und Verwaltung. Diese Ressourcen stehen dann nicht mehr für die Herstellung von Gütern und die daraus resultieren‐ 3.4 Rent-Seeking 101 <?page no="102"?> den Einkommen zur Verfügung. Die Folge ist ein realer Wohlstandsverlust für die Konsumenten, die nur noch eine geringere Gütermenge konsumieren können, für die sie einen höheren Preis zahlen müssen. Die Einkommen der Anbieter steigen hingegen. Ihr Einkommen lässt sich dabei in zwei Teile aufgliedern: ■ In → Abschnitt 1.2 wurde gezeigt, dass die Angebotsgerade mit der Grenzkostenkurve übereinstimmt. Die zur Menge x‘ gehörenden Grenz‐ kosten entsprechen dem Preis p‘‘. So gesehen kann die Fläche p‘‘ Q‘‘ b als eine leistungsgerechte Belohnung der Anbieter angesehen werden. ■ Die Differenz zwischen p‘ und p‘‘ ist hingegen nicht mehr durch eine entsprechende produktive Leistung gerechtfertigt. Dieser Teil des Marktpreises basiert auf der staatlichen Mengenbeschränkung. Das daraus resultierende Einkommen entspricht der Fläche p‘ Q‘ Q‘‘ p‘‘. Da diesem Einkommen keine wirtschaftliche Gegenleistung gegenüber‐ steht, handelt es sich um eine Rente im ökonomischen Sinne - also um das durch das Rent-Seeking angestrebte Einkommen ohne eine produktive Leistung. Neben einer Beschränkung des Wettbewerbs gibt es weitere Rent-Seeking- Aktivitäten. Zu denken ist beispielsweise an Maßnahmen zur Beeinflussung politischer Entscheidungen, die den tätig werdenden Interessengruppen Steuererleichterungen bzw. Finanzhilfen gewähren oder die Höhe und Struktur der staatlichen Ausgaben in einer für diese Personengruppe güns‐ tigen Weise verändern. Daraus resultieren Veränderungen der verfügbaren Einkommen. Wird berücksichtigt, dass das Rent-Seeking produktive Res‐ sourcen in Anspruch nimmt, die dann nicht mehr für die Produktion von Gütern genutzt werden können, führen diese Maßnahmen der Einkom‐ mensumverteilung zu einem realen Wohlfahrtsverlust - das reale Bruttoin‐ landsprodukt schrumpft, weil Teile der gesamtwirtschaftlich zur Verfügung stehenden Produktionsfaktoren nicht mehr für die Herstellung von Waren und Dienstleistungen verwendet werden, sondern zur politischen Beeinflus‐ sung. 102 3 Staatsversagen <?page no="103"?> 3.5 Wohlfahrtsverluste der Steuererhebung Wenn der Staat wirtschaftspolitische Maßnahmen ergreift, benötigt er dafür finanzielle Ressourcen, also Geld für Finanzhilfen und die Bereitstellung öffentlicher Güter, für die Bezahlung der staatlichen Angestellten und so weiter. Die wichtigste staatliche Einnahmequelle sind Steuern. Mit der Erhebung von Steuern ist allerdings in der Regel ein Wohlfahrtsverlust ver‐ bunden. Dies lässt sich grafisch mit Hilfe eines Preis-Mengen-Diagramms zeigen. Wissen | Steuern sind Geldleistungen, die von öffentlich-rechtlichen Institutionen auf Basis eines Gesetzes erhoben werden. Es handelt sich um Zwangsabgaben, für die die steuerzahlenden Wirtschaftssubjekte keine direkte Gegenleistung erhalten. In Deutschland werden Steuern vor allem von den Gebietskörperschaften erhoben, also dem Bund, den Ländern und den Gemeinden. Wenn der Staat eine Mengensteuer auf ein bestimmtes Produkt erhebt, gibt es für dieses Produkt zwei Preise. Zum einen den Nettopreis (p net. ), den die Verkäufer des Produkts erhalten. Daneben gibt es den Bruttopreis (p br. ), den die Verbraucher zahlen müssen. Dieser besteht aus dem Nettopreis und der Mengensteuer (t für ‚tax‘), d. h. es gilt: p br. = p net. + t. Die Nachfragegerade hängt folglich vom Bruttopreis ab (x N (p br. )), die Angebotsgerade hingegen vom Nettopreis (x A (p net. )). Um das Marktgleichgewicht grafisch bestimmen zu können, müssen jedoch die Nachfrage und das Angebot vom gleichen Preis abhängen. Um dies zu erreichen, kann beispielsweise die Angebotsge‐ rade in Abhängigkeit vom Bruttopreis gezeichnet werden. Dazu muss die vom Nettopreis abhängige Angebotsgerade parallel nach oben verschoben werden. Der Abstand zwischen den beiden Geraden entspricht der Höhe der Mengensteuer. Daraus ergibt sich ein Marktgleichgewicht mit folgenden Eigenschaften (→-Abb.-3.6): ■ Die Verbraucher konsumieren die Menge x 1 und zahlen den Preis p br.1 . ■ Die Anbieter stellen die Menge x 1 her und erhalten dafür den Preis p net.1 . ■ Die Differenz zwischen dem Brutto- und dem Nettopreis entspricht der Mengensteuer. Dieser Geldbetrag fließt an den Staat. 3.5 Wohlfahrtsverluste der Steuererhebung 103 <?page no="104"?> p x • • x* x N (p br. ) x 1 • x A (p br. ) = x A (p net. + t) p net.1 p br.1 Q‘ 1 Q* Q 1 p* • • a b x A (p net. ) • • Abb. 3.6: Wohlfahrtsverluste einer Mengensteuer Die Wohlfahrtseffekte, die mit der Erhebung einer Mengensteuer verbunden sind, lassen sich wie folgt ausdrücken: ■ Die Konsumentenrente entspricht der Fläche zwischen der gesamtwirt‐ schaftlichen Güternachfragegeraden und dem zu zahlen Bruttopreis. Die Konsumentenrente wird daher durch das Dreieck a Q 1 p br.1 dargestellt. ■ Die Produzentenrente entspricht der Fläche zwischen der gesamtwirt‐ schaftlichen Güterangebotsgeraden und dem Nettopreis. Sie wird durch das Dreieck b Q‘ 1 p net.1 ausgedrückt. ■ Dem Staat fließen Steuereinnahmen zu. Der Steuerbetrag ergibt sich aus der Multiplikation der konsumierten Gütermenge x 1 und der Steuer t. Daraus ergibt sich als Maß für die mit den Steuereinnahmen verbundene Wohlfahrt die Fläche p br.1 Q 1 Q‘ 1 p net.1 . Die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt, die sich bei einem Marktgleichge‐ wicht mit einer Mengensteuer einstellt, entspricht der Fläche a Q 1 Q‘ 1 b. Ohne diese Steuer ergäbe sich ein Marktgleichgewicht mit dem Preis p* und der Gütermenge x*. Die damit verbundene gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt wird durch die Fläche a Q* b dargestellt. Im Vergleich zur Wohl‐ fahrt mit einer Mengensteuer entsteht somit ein gesamtgesellschaftlicher Wohlfahrtsverlust, der der Fläche Q 1 Q* Q‘ 1 entspricht. 104 3 Staatsversagen <?page no="105"?> Dieser Wohlfahrtsverlust alleine ist noch kein Argument gegen steuer‐ finanzierte Staatsausgaben. Allerdings muss bei der Abwägung, ob ein bestimmter staatlicher Eingriff aus wohlfahrtstheoretischen Erwägungen sinnvoll ist, der Wohlfahrtsgewinn dieser Maßnahme mit dem Wohlfahrts‐ verlust der zu seiner Finanzierung erforderlichen Steuererhebung vergli‐ chen werden. Falls also die Bereitstellung einer bestimmten Menge eines öffentlichen Guts der Gesellschaft als Ganzes einen Wohlfahrtszuwachs in Höhe von 12 Millionen Euro verschafft und der mit der dafür notwendigen Besteuerung verbundene Wohlfahrtsverlust eine Höhe von 7,5 Millionen Euro erreicht, bedeutet diese Entscheidung in der Summe eine Wohlfahrts‐ steigerung. Noch besser ist vor dem Hintergrund der Wohlfahrtsverluste, die sich aus externen Effekten ergeben, wenn der Staat wirtschaftliche Aktivitäten mit negativen externen Effekten besteuert und die damit verbundenen Einnahmen für die Finanzierung von wohlfahrtserhöhenden staatlichen Aktivitäten nutzt. Die Steuererhebung ist zudem mit Steuererhebungskosten verbunden. Das betrifft vor allem die Kosten, die bei der Steuerverwaltung bzw. den Finanzbehörden anfallen. Die Steuererhebung bindet Produktionsfaktoren, die an anderer Stelle zur Güterproduktion eingesetzt werden könnten. Der Verzicht auf die Produktion und den Konsum dieser Güter stellen somit die Opportunitätskosten der Steuererhebung dar. 3.5 Wohlfahrtsverluste der Steuererhebung 105 <?page no="107"?> 4 Zukünftige Entwicklungen des Marktversagens Das idealtheoretische Modell einer Wirtschaft mit möglichst wenigen staat‐ lichen Eingriffen geht auf die Anfänge der Volkswirtschaftslehre und damit den bereits erwähnten Adam Smith zurück. In der gängigen Interpretation wird Smith als jemand angesehen, der sich für eine möglichst staatsfreie Wirtschaft aussprach. Tatsächlich aber finden sich in seinen Werken zahl‐ reiche Beispiele für Staatsaufgaben: die Landesverteidigung - die sogar wichtiger sein kann als der materielle Wohlstand -, Zinsregulierungen, Stempel auf Waren als Qualitätsgarantie, Zölle und Steuern auf den Export von Korn und Wolle, die Verzögerung von Handelsfreiheiten im grenz‐ überschreitenden Handel zum Schutz der einheimischen Unternehmen und Arbeitskräfte, Steuern auf den Verkauf alkoholischer Getränke und Bildungsaufgaben, um nur einige neben den ordnungspolitischen Aufgaben (z. B. den Rechtsschutz, die staatliche Verwaltung sowie das Privileg der Münzprägung) zu nennen. Eine pauschale Ablehnung eines staatlichen Eingriffs in die Wirtschaft wurde von Adam Smith also keinesfalls postuliert (vgl. Trapp 1987, S.-307-323). Gleichzeitig ist aber auch klar, dass sich das Ausmaß staatlicher Eingriffe in das Wirtschaftsleben seit Adam Smith deutlich erhöht hat. Und mit Blick auf die zukünftige Entwicklung gehe ich davon aus, dass die Notwendigkeit dieser Eingriffe weiter zunehmen wird. Verantwortlich dafür sind zahlreiche Entwicklungen, die die wirtschaftliche Realität weiter von den Annahmen des idealtypischen wohlfahrtsmaximierenden Wirtschaftsmodells entfer‐ nen. Damit nehmen die Formen des Marktversagens zu. Zu den wichtigsten Entwicklungstendenzen gehören die zunehmende Komplexität von Produk‐ ten, die Globalisierung, digitale Monopole, die wachsende Weltbevölkerung und das Ende der Externalisierungsgesellschaft. Eine besondere Rolle spielt dabei die Rolle der Industriepolitik. 4.1 Generelle Thesen zum Marktversagen Die zunehmende Komplexität von Produkten macht es immer schwieriger für die Verbraucher, die Qualität angebotener Produkte exakt einzuschät‐ zen. Das betrifft dann auch deren genauen Nutzen. Je mehr Funktionen beispielsweise elektronische Geräte haben, desto weniger ist der Nutzen <?page no="108"?> einzelner Funktionen erkennbar. Zudem wird es für potenzielle Käufer mit einem geringen technischen Wissen immer schwieriger, verschiedene Angebote zu bewerten und sich für das für sie passende Produkt zu ent‐ scheiden. Gleiches gilt für anstehende Reparaturen defekter Geräte. Ob bei einem defekten Computer ganze Produktteile ausgetauscht werden müssen (z. B. die Grafikkarte oder der Prozessor) oder nur ein bestimmtes Kabel, können die wenigsten PC-Eigentümer einschätzen. Hier liegen also Informationsmängel vor, die von Anbietern und Reparaturwerkstätten ausgenutzt werden können. Das kann ein staatliches Eingreifen erforderlich machen. Informationsdefizite bezüglich der tatsächlichen Qualität von Produkten gewinnen eine zusätzliche Relevanz, wenn das Ausmaß der internationalen Arbeitsteilung im Zuge der Globalisierung zunimmt. Bei einer Ausweitung der Marktgröße geht die Transparenz über Anbieter zurück, d. h. Anbieter schlechter Qualität können weniger gut identifiziert werden. Damit lässt die Sanktionsfunktion von Preisen nach. Auch das Haftungsprinzip wird einge‐ schränkt, wenn der Verkäufer einer qualitativ minderwertigen Vorleistung nicht mehr erkannt wird. Zudem ist auf globalisierten Märkten zu befürchten, dass die moral-ethi‐ sche Basis der Marktwirtschaft weiter erodiert, weil die Anonymisierung zunimmt. Damit steigt die Gefahr, dass einzelne Wirtschaftsakteure ihre Interessen ohne Rücksicht auf die negativen Konsequenzen für andere verfolgen. Zwar kann das Fehlen einer moral-ethischen Basis grundsätzlich durch staatliche Eingriffe kompensiert werden, aber es wird zunehmend schwieriger für den Staat, seiner Kontrollfunktion nachzukommen. Wenn ein Abfallentsorgungsunternehmen Müll im Meer entsorgt, können staatli‐ che Behörden dies nur mit einem hohen Aufwand kontrollieren. Ähnliche Probleme ergeben sich bei einem Umgehen von staatlichen Restriktionen im Bankenbereich durch das Auslagern der Aktivitäten in extra gegründete Finanzdienstleistungsunternehmen im Ausland. Ein Beispiel für daraus resultierende Fehlentwicklungen ist die Finanzmarktkrise 2008/ 2009. Sie hat gezeigt, wohin die Weltwirtschaft getrieben werden kann, wenn ein ungezügelter Egoismus handelsleitend wird. Um dieses Marktversagen zu heilen, ist eine Intensivierung staatlicher Kontrollmaßnahmen erforderlich. Im Zuge der voranschreitenden Globalisierung ist die Gefahr von Be‐ schaffungsexternalitäten beim Import kritischer Rohstoffe und Vorleis‐ tungen gestiegen. Wie im → Abschnitt 2.8 gezeigt, können sich aus Import‐ beziehungen kritische Abhängigkeiten ergeben. So war es beispielsweise bis 108 4 Zukünftige Entwicklungen des Marktversagens <?page no="109"?> zum Ausbruch des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine für deutsche Unternehmen rational, Erdgas aus Russland zu beziehen, weil dies die günstigste Bezugsquelle war. Aus diesem einzelwirtschaftlich vernünftigen Verhalten ergab sich jedoch eine aus gesamtwirtschaftlicher Sicht kritische Importabhängigkeit von Russland. Derartige Abhängigkeiten gab es auch früher. In den letzten Jahren ist jedoch festzustellen, dass mehr und mehr Regierungen ihre außenwirtschaftspolitischen Entscheidungen nicht nur an dem Kriterium der Maximierung des materiellen Wohlstands ihrer Bevölkerung festmachen. Stattdessen nutzen sie ihre außenwirtschaftlichen Beziehungen auch, um geopolitische Ziele zu erreichen, also vor allem um mehr Einfluss auf die politischen Entscheidungen anderer Nationen zu gewinnen. Um dieses Ziel zu erreichen, werden u. a. die eigenen Exportpro‐ dukte genutzt, um politischen Druck auf andere Regierungen auszuüben. Das spricht aus gesamtwirtschaftlicher Sicht Deutschlands dafür, essenzielle Rohstoffe und Vorleistungen aus vielen Zuliefererländern zu beziehen, um so das Risiko der politischen Erpressbarkeit zu verringern. Dies verlangt je‐ doch eine staatliche Intervention, denn gewinnmaximierende Unternehmen werden die sozialen Zusatzkosten ihres - aus rein betriebswirtschaftlicher Sicht rationalen - Handelns nicht bei der Entscheidungsfindung berücksich‐ tigen. Die Digitalisierung wurde im →-Abschnitt 2.4 bereits als eine Ursache für die Entstehung von natürlichen Monopolen genannt. Sowohl die beson‐ dere Kostenstruktur vieler digitaler Angebote als auch deren Netzwerk- Charakter sind Ursache für Monopolisierungstendenzen. Und wenn digi‐ tale Technologien und Produkte immer mehr Lebensbereiche betreffen, wächst dort die Gefahr, dass Monopole entstehen. Im Extremfall kann die Vervielfältigung der digitalen Güter sogar ohne zusätzliche Kosten erfolgen. Jeremy Rifkin (geboren 1945) spricht in diesem Kontext von einer Null- Grenzkosten-Gesellschaft (vgl. Rifkin 2014). Konkret bedeutet dies, dass zusätzliche Gütereinheiten angeboten werden können, ohne dass damit zusätzliche Kosten anfallen. Beispiele sind die Vervielfältigung bzw. Kopie von Musik-, Text- und Filmdateien. Auf einem Markt mit vollständiger Konkurrenz ergibt sich dann folgendes Problem: Grundsätzlich erzielt ein Anbieter den höchsten Gewinn, wenn er die Menge anbietet, bei der die Grenzkosten mit dem Grenzerlös bzw. dem Marktpreis übereinstimmen (→ Abschnitt 1.2). Bei Grenzkosten in Höhe von null entspricht die Ange‐ botskurve der Mengenachse. Die Folge ist ein Marktgleichgewicht, bei dem der Preis gleich den Grenzkosten - also null - ist. Dies ist jedoch keine 4.1 Generelle Thesen zum Marktversagen 109 <?page no="110"?> praktikable Lösung, weil damit Verluste für das Unternehmen entstehen, denn dessen Fixkosten werden nicht gedeckt. So kommt es wiederum zu einem natürlichen Monopol, bei dem der Monopolist einen höheren Preis fordern kann und somit einen Monopolgewinn realisiert. Eine weitere Gefahr ist eine Kartellbildung durch eine algorithmische Preisbildung. Das bedeutet, dass Unternehmen Algorithmen einsetzen, die ihnen helfen, den gewinnmaximierenden Preis festzulegen. Die Preis‐ findungssoftware kann zu dem Ergebnis kommen, dass ein Kartellpreis den Gewinn des Unternehmens erhöht. Diese Gefahr ist besonders groß, wenn ein selbstlernender Preisanpassungsalgorithmus verwendet wird und die entsprechende Software von vielen Unternehmen eingesetzt wird. Falls dieser Algorithmus nach einem Lernprozess zu der Erkenntnis kommt, dass eine kartellmäßige Preissetzungsstrategie gewinnerhöhend wirkt, wird sie einen entsprechend hohen Preis festlegen. Und wenn die Algorithmen der meisten anderen Anbieter zu der gleichen Einschätzung kommen, resultiert daraus ein kartellanaloger Preis - und dies ohne eine Absprache zwischen den Anbietern. Eine algorithmische Preisfindung birgt also die Gefahr in sich, dass es ohne eine bewusste Absprache unter den Anbietern zu einem Kartellpreis kommt (Haucap 2018, S. 475). Damit wird der Wettbewerb zwischen den Unternehmen außer Kraft gesetzt, was eine staatliche Inter‐ vention erfordert. Verständnis | Bei einem Kartell gibt es zwar mehr als nur einen An‐ bieter, aber der Wettbewerb zwischen diesen Anbietern wird bewusst ausgeschaltet. Die Kartellmitglieder einigen sich auf einen Preis, der über dem liegt, der sich im Fall eines wettbewerblichen Markts mit vielen Anbietern ergibt. Der höhere Preis beschert den Anbietern einen größeren Gewinn. Der Kartellpreis wirkt also wie ein Monopol‐ preis. Gleichzeitig hat ein höherer Preis zur Folge, dass die am Markt absetzbare Menge zurückgeht. Ein Kartell ist daher mit einer Einigung unter den Mitgliedern verbundenen, die festlegt, wie groß die Mengen sind, die jeder einzelne Anbieter zu dem vereinbarten Preis anbieten darf. Ohne diese mengenmäßige Beschränkung könnte die insgesamt angebotene Menge zu einem Angebotsüberschuss führen, der einen Preisrückgang nach sich zieht. Allerdings sind Kartelle häufig nicht stabil, denn jeder Anbieter hat einen großen Anreiz, sich nicht an die ihm auferlegte Mengenbeschränkung zu halten. So profitiert er vom 110 4 Zukünftige Entwicklungen des Marktversagens <?page no="111"?> vereinbarten höheren Preis und kann gleichzeitig durch eine Auswei‐ tung seiner Angebotsmenge den eigenen Gewinn steigern, sofern sich alle anderen Anbieter weiterhin an ihre Mengenbeschränkungen halten. Falls jedoch viele Anbieter diese Strategie wählen, kommt es zu einem Angebotsüberhang samt Preisrückgang. Das Kartell bricht auseinander. Eine weitere Herausforderung ist die wachsende Weltbevölkerung. Mitte 2024 lebten bereits rund 8,2 Milliarden Menschen auf der Erde. Nach den Prognosen der Vereinten Nationen könnten es im Jahr 2050 sogar 9,7 Milli‐ arden sein (vgl. UN 2024). Eine wachsende Bevölkerung verschärft u.-a. die Relevanz der Tragödie der Allmende. Eine übermäßige Nutzung der Welt‐ meere durch den Fang von Fischen droht auch bei einer Weltbevölkerung von nur einigen hundert Millionen Menschen. Das muss aber noch nicht zu spürbaren Beeinträchtigungen der langfristigen Fangerträge führen. Bei 8,2 Milliarden Menschen ist hingegen mit der Gefahr der Überfischung zu rechnen, denn wenn den Meeren dauerhaft mehr Fische entnommen werden als nachwachsen können, kommt es irgendwann zu einem Aussterben ein‐ zelner Fischarten. Generell wächst mit einer größer werdenden Bevölkerung das Ausmaß von externen Effekten: Wenige Hundert Millionen Menschen stoßen eine überschaubare Menge von klimaschädlichen Treibhausgasemis‐ sionen aus, selbst wenn sie Güter mit den aktuellen emissionsverursachen‐ den Produktionsverfahren herstellen. 8,2 Milliarden Menschen emittieren eine deutlich größere Menge an Treibhausgasen. Damit verursachen sie auch höhere soziale Zusatzkosten. Und das bedeutet wiederum, dass mehr Menschen die Folgen dieser Treibhausgasemissionen spüren. Generell ist davon auszugehen, dass wir uns weltweit dem Ende der Externalisierungsgesellschaft nähern. Dieser Begriff geht auf den deut‐ schen Soziologen Stephan Lessenich (geboren 1965) zurück (vgl. Lessenich 2015). Er beschreibt damit den Umstand, dass die Weltbevölkerung mit zahlreichen Aktivitäten die Kosten ihres eigenen Handels anderen, häufig erst nachfolgenden Generationen, aufbürdet. Da diese Kosten immer weiter steigen, wird die Internalisierung der negativen externen Effekte zuneh‐ mend dringender. Das äußert sich beispielsweise darin, dass eine wachsende Zahl von Ländern bzw. Regionen sich in den letzten Jahren das Ziel gesetzt hat, in absehbarer Zeit klimaneutral zu sein. Die Europäische Union will dieses Ziel 2050 erreichen, Deutschland bereits 2045. Um dies tatsächlich zu 4.1 Generelle Thesen zum Marktversagen 111 <?page no="112"?> erreichen, müssen die negativen externen Effekte emissionsverursachender Aktivitäten durch staatliche Interventionen internalisiert werden. Wissen | Klimaneutralität bezieht sich auf das Ziel, den Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgasemissionen so weit zu reduzieren, dass die jährlichen Nettoemissionen einer Volkswirtschaft einen Wert von null annehmen (oder sogar negativ werden). Das bedeutet nicht, dass ein Land überhaupt keine Emissionen mehr ausstößt, sodass die Brut‐ toemissionen bei null liegen. Klimaneutralität heißt also, dass ein Land noch Treibhausgasemissionen verursacht, diese aber speichert, sodass sie nicht in die Atmosphäre gelangen. Die Speicherung erfolgt in Lagerstätten, z.-B. in ehemaligen Erdöl- oder Erdgaslagern. Diese Form der Speicherung wird als „Carbon Capture and Storage“-Verfahren be‐ zeichnet, also als Kohlenstoffabscheidung und Kohlenstoffspeicherung. Insgesamt kann daher davon ausgegangen werden, dass es in den nächsten Jahren und Jahrzehnten vermehrt zu Formen des Marktversagens kommen wird, die eine staatliche Reaktion erfordern. Eine besondere Rolle spielt dabei die Industriepolitik. 4.2 Renaissance der Industriepolitik Eine einheitliche, von allen geteilte Definition für den Begriff der Indus‐ triepolitik gibt es nicht. Eine mögliche Definition versteht darunter ein gezieltes staatliches Eingreifen in die marktwirtschaftlichen Entwicklungen, um eine gewünschte Struktur der Wirtschaft zu erreichen. Bei der Konkre‐ tisierung entsprechender Interventionen gibt es zwei Arten. ■ Bei einer horizontalen Industriepolitik geht es um allgemeine Maß‐ nahmen der Rahmensetzung, mit denen der Staat - primär durch den Einsatz ordnungspolitischer Instrumente - innovations- und wachs‐ tumsförderliche Bedingungen für die Wirtschaft schafft. Horizontale industriepolitische Maßnahmen beziehen sich also auf alle Unterneh‐ men und Branchen, ohne spezielle Zielgruppen. ■ Eine vertikale Industriepolitik fördert ausgewählte Branchen bzw. Sektoren mit Maßnahmen, die die wirtschaftliche Entwicklung dieser Sektoren in besonderem Maße unterstützen und somit eher in die 112 4 Zukünftige Entwicklungen des Marktversagens <?page no="113"?> Rubrik der Prozesspolitik fallen. Hier geht es folglich um ausgewählte Zielgruppen. Das können Unternehmen, Regionen oder Sektoren bzw. Branchen sein. In Deutschland herrschte bezüglich einer aktiven Industriepolitik durch den Staat lange Zeit eine erhebliche Skepsis. Allerdings gibt es in den letzten Jahren eine wachsende Zustimmung zu industriepolitischen Maß‐ nahmen. Grund dafür sind nicht zuletzt die positiven Erfahrungen, die Länder wie Japan, Südkorea, Taiwan, Philippinen und Singapur mit einer aktiven strategischen Industriepolitik gemacht haben (vgl. Gerlach und Ziegler 2015, S. 526; Aiginger 2019, S. 102). Für einen zusätzlichen Schub sorgt die Strategie „Made in China 2025“, mit der China eine weltweite Dominanz bei zentralen Hochtechnologien erreichen möchte (vgl. SVR 2018, S. 80). Dennoch sprach sich die Mehrheit des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung im Jahresgutachten 2018/ 19 noch für einen Verzicht auf eine lenkende Industriepolitik aus (vgl. SVR 2018, S. 72). Gleichzeitig widersprach Ratsmitglied Peter Bofinger dieser Mehrheitsmeinung (vgl. SVR 2018, S. 77 ff.). Interessanterweise schloss sich der Bundeswirtschaftsminister in seiner Pressemitteilung zu diesem Gut‐ achten der Mindermeinung an: „Die Auffassung, dass sich Wirtschaftspolitik allein auf die Schaffung von Rahmenbedingungen beschränken soll, also die ausnahmslose Ablehnung einer aktiven Industriepolitik, teile ich ausdrück‐ lich nicht“ (BMWi 2018). Mit dem im Februar 2019 vorgelegten Entwurf „Nationale Industriestrategie 2030“ und den dort skizzierten Leitlinien einer neuen deutschen Industriepolitik untermauerte er diese Position (vgl. BMWi 2019). Gründe für eine vertikale Industriepolitik sind vor allem Formen des Marktversagens. Hierbei ist insbesondere an positive externe Effekte zu denken. Vor allem im Bereich der Förderung neuer Technologien gibt es eine Reihe von positiven Effekten, die über die privaten Vorteile des Handelnden hinausgehen. Wenn private Akteure z. B. durch Forschung und Entwicklung Innovationen hervorbringen, können diese - selbst bei einem wirksamen Patentschutz - auch für andere Unternehmen von Vorteil sein. Sogenannte Spillover-Effekte befördern den technologischen Fortschritt in anderen Unternehmen. Die Verbilligung von Vorleistungen erhöht die Wettbewerbsfähigkeit aller Unternehmen, die diese Vorleistungen verwen‐ den. Innovative Unternehmen ziehen andere Innovatoren an und können so sich selbst verstärkende Innovationscluster schaffen. Wettbewerbsfä‐ 4.2 Renaissance der Industriepolitik 113 <?page no="114"?> higere Unternehmen erhöhen die Beschäftigung und haben somit positive Auswirkungen auf die staatlichen Finanzen. Schließlich bedeutet eine durch technische Innovationen erreichte Produktivitätssteigerung häufig auch höhere Löhne für die in diesen Unternehmen beschäftigten Arbeitnehmer. Alle diese positiven externen Effekte können ein staatliches Eingreifen zur Förderung entsprechender Technologien rechtfertigen. Verstärkt wird die Rechtfertigung staatlicher Interventionen in die Wirtschaftsprozesse durch einige Besonderheiten von Basistechnologien. Hierbei handelt es sich um Technologien, die sich in vielen Wirtschaftssek‐ toren ausbreiten, die mit zunehmender Zeit immer besser und günstiger werden und die ihrerseits die Erfindung und Herstellung neuer Produkte und Verfahren erleichtern. Beispiele dafür sind die Luftfahrt, die Raumfahrt, die Atomkraft, die Internettechnologien und die Informationstechnologien (vgl. Mazzucato 2014, S. 85). Private Unternehmen sind in der Regel nicht bereit, in solche Technologien zu investieren, weil die Unsicherheit bezüg‐ lich des wirtschaftlichen Erfolgs zu groß ist und weil die Zeitdauer, die bis zur Marktreife und Gewinnerzielung vergeht, zu lang ist. Der private Sektor investiert in der Regel nur in Produkte, die innerhalb von 3 bis 5 Jahren wettbewerbsfähig sind - Basistechnologien wie z. B. die Nanotechnologie benötigen jedoch 10 bis 20 Jahre und mehr bis zur Marktreife (vgl. Mazzucato 2014, S. 112). Private Unternehmen sind daher häufig nicht in der Lage, diese Innovationen durchzuführen. Hier kommt es also zu dem in → Abschnitt 2.5 skizzierten Kapitalmarktversagen. Insgesamt gibt es eine Vielzahl von Zielen einer Industriepolitik. Eine 2024 veröffentlichte Übersichtsstudie nennt folgende (vgl. Oxford Economics 2024, S.-18): ■ Die Sicherung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit der heimi‐ schen Unternehmen im Allgemeinen oder in strategisch wichtigen Sektoren. ■ Die Förderung der strukturellen Transformation in eine gewünschte Richtung. Beweggründe dafür können strukturelle Änderungen sein, die sich im Kontext der Digitalisierung, der Globalisierung oder der grünen Transformation bzw. des Klimaschutzes ergeben. ■ Geopolitische Gründe, also industriepolitische Maßnahmen, die dem Ziel dienen, wirtschaftliche Gefahren, die vom Ausland ausgehen (so‐ wohl einzelner Länder als auch Ländergruppen), zu reduzieren. 114 4 Zukünftige Entwicklungen des Marktversagens <?page no="115"?> ■ Die Stärkung der nationalen Sicherheit, also die Förderung der militäri‐ schen Sicherheit. ■ Die Stärkung der Resilienz im Allgemeinen oder speziell mit Blick auf die globalen Lieferketten, dort insbesondere unter Berücksichtigung von kritischen Importabhängigkeiten. ■ Die Schaffung guter Arbeitsplätze im Inland, also die Generierung von Arbeitsplätzen mit einer guten Entlohnung, hoher Arbeitsplatzsicher‐ heit und guten Aufstiegsmöglichkeiten. Vor dem Hintergrund dieser vielfältigen industriepolitischen Ziele zeigt sich, dass die Industriepolitik sehr oft willkürliche Elemente beinhaltet (vgl. Bardt 2019, S. 90). Damit es nicht zu beliebigen Entscheidungen kommt, sollte es für die Industriepolitik klare Ziele geben, die transparent zu kommunizieren sind. Damit die Industriepolitik dabei nicht dem Einfluss der Lobbyisten ausgesetzt wird, muss die Auswahl der zu fördernden Branchen und Technologien nach transparenten Kriterien erfolgen (vgl. Belitz und Gornig, S. 101). Zudem sollte es für einen industriepolitischen Eingriff stets eine Form des Marktversagens geben, die diesen Eingriff rechtfertigt. Der Instrumentenkasten der Industriepolitik ist umfangreich. Es bieten sich sowohl nachfrageals auch angebotsorientierte Ansätze an. Nachfra‐ georientierte industriepolitische Ansätze zielen auf die Beeinflussung der Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen ab, z. B. durch Produktregu‐ lierungen und Kaufanreize. Angebotsorientierte Ansätze betreffen die Unterstützung von Unternehmen. Daraus ergeben sich zahlreiche industrie‐ politische Instrumente. ■ Zum einen kann der Staat fiskalpolitisch agieren. Dazu gehören z. B. Unterstützungen für die einheimischen Unternehmen, die deren Pro‐ duktionskosten reduzieren. Zu nennen sind in diesem Kontext Finanz‐ hilfen, Steuererleichterungen, staatliche Kredite oder Bürgschaften, So‐ zialversicherungserleichterungen, Forschungszuschüsse und ähnliche Instrumente. Denkbar sind auch Kaufanreize für die einheimischen Verbraucher in Form von Steuererleichterungen oder Kaufprämien, damit die Produkte der inländischen Unternehmen gekauft werden. Zur Verbesserung der Absatzchancen im Ausland können Exportsubventio‐ nen, eine staatliche Handelsfinanzierung oder steuerliche Exportanreize eingesetzt werden. ■ Zum anderen kann der Staat regulatorisch aktiv werden. Das bedeutet, dass die Wettbewerbsposition der einheimischen Unternehmen durch 4.2 Renaissance der Industriepolitik 115 <?page no="116"?> rechtliche Regelungen gestärkt wird. Das klassische außenwirtschafts‐ politische Instrument dafür sind Handelsbeschränkungen. Zu ihnen gehören u. a. Importzölle, Importkontingente (also eine mengenmä‐ ßige Beschränkung der jährlich zulässigen Importe), technologische Einfuhrbeschränkungen bis hin zu Importverboten, Sanktionen, regula‐ torische Zugangsbeschränkungen für ausländische Anbieter. Denkbar sind auch Lokalisierungsanforderungen, d. h. Vorgaben bezüglich eines Mindestanteils inländischer Vorleistungen an Produkten. Schließlich kann der Staat die einheimischen Unternehmen im Rahmen des staat‐ lichen Beschaffungswesen unterstützen. Hierzu gehört vor allem die Begünstigung heimischer Anbieter im Kontext des Beschaffungsrechts und der Vergabepraxis. Bei allen Kontroversen in Deutschland um die Vor- und Nachteile von industriepolitischen staatlichen Maßnahmen kann festgehalten werden: Dass eine leistungs- und wettbewerbsfähige Wirtschaft eine Industriepolitik benötigt, dürfte mittlerweile als Konsens angesehen werden. Keine Einigung besteht jedoch darüber, ob es sich dabei nur um eine horizontale oder auch eine vertikale Industriepolitik handeln soll - und wie weit eine vertikale Politik reichen soll. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass ökonomische Großmächte wie die USA und China ausgewählte Sektoren intensiv fördern, erscheinen entsprechende Maßnahmen auch in Deutschland und der EU unumgänglich zu sein. Ansonsten drohen deutsche Unternehmen in den Bereichen, die von anderen Volkswirtschaften gefördert werden, den An‐ schluss zu verlieren. 116 4 Zukünftige Entwicklungen des Marktversagens <?page no="117"?> 5 Wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen Lange Zeit hat das Primat des Markts die wirtschaftswissenschaftliche und wirtschaftspolitische Diskussion beherrscht, vor allem in Deutschland, wo es eine hohe Präferenz für die Ordnungspolitik gibt. Spätestens seit der globalen Finanzmarktkrise und der von ihr ausgelösten weltweiten Wirtschaftskrise 2008/ 09 ist der Glaube an die Effizienz der Märkte jedoch nachhaltig erschüttert (vgl. Kromphardt 2009, S. 439). Die Ausführungen des → 2. Kapitels verdeutlichen, dass es für eine Kritik an der Funktionsfähigkeit von Märkten eine Vielzahl von Begründungen gibt. Und wenn die Ausfüh‐ rungen des → 4. Kapitels zutreffend sind, dürften die in der ökonomischen Realität anzutreffenden Formen des Marktversagens in den nächsten Jahren und Jahrzehnten zunehmen. Damit steigt die Notwendigkeit wirtschaftspo‐ litischer Interventionen, mit denen sich Marktversagen heilen lässt. Gleichzeitig aber zeigen die Ausführungen des → 3. Kapitels, dass wirtschaftspolitische Maßnahmen nicht automatisch die Wohlfahrt einer Volkswirtschaft maximieren. Wenn eigeninteressierte Entscheidungsträger in Politik und Bürokratie die Wirtschaftspolitik bestimmen, kann das zu einem Staatsversagen führen, das ebenfalls mit Wohlfahrtsverlusten ver‐ bunden ist. Dabei kann es sogar passieren, dass der Wohlfahrtsverlust einer staatlichen Intervention höher ausfällt als der Wohlfahrtsverlust, der im Fall eines Marktversagens eintritt. Dazu ein Beispiel: Im Fall eines positiven externen Effekts kommt es zu einem Wohlfahrtsverlust, der in → Abb. 5.1 der Fläche Q 0 Q 0 ‘ Q 1 entspricht. Vollständig informierte politische Entscheider, die das Ziel der Wohlfahrtsmaximierung anstreben, wählen zur Heilung dieses Marktversagens eine Subvention, deren Höhe exakt der Differenz zwischen dem gesellschaftlichen und dem privaten Grenznutzen entspricht. Damit erreichen sie das aus gesamtgesellschaftli‐ cher Sicht optimale Aktivitätsniveau x gesell. . Wenn jedoch die genaue Höhe des sozialen Zusatznutzens unbekannt ist und politische Entscheider zudem anfällig für eine Beeinflussung durch Lobbyisten sind, kann die in Form einer Finanzhilfe oder Steuererleichterung gewährte Subvention (Subv.) zu hoch ausfallen. Das daraus resultierende Marktergebnis zeichnet sich dann durch ein zu hohes Aktivitätsniveau (x 2 ) aus. Damit ist ein Wohlfahrtsverlust in Höhe der Fläche Q 1 Q 2 Q 2 ‘ verbunden. Dieses Dreieck ist größer als das <?page no="118"?> Dreieck Q 0 Q 0 ‘ Q 1 . Der staatliche Eingriff hat also den Wohlfahrtsverlust des positiven externen Effekts noch vergrößert. GN, GK, p x • • x gesell. GN gesell. x priv. • GN priv. GK Q 1 Q 0 Q 0 ‘ GN priv. + Subv. x 2 • • Q 2 ‘ Q 2 Abb. 5.1: Wohlfahrtsverluste im Fall zu hoher Subventionen bei einem positiven externen Effekte Zur Eindämmung eines Staatsversagens bieten sich verschiedene Maßnah‐ men an: ■ Wirtschaftspolitische Eingriffe, die über die reine Ordnungspolitik hin‐ ausgehen, sollten stets begründet werden. Dabei gilt: Nur wenn es ein Marktversagen gibt, sollte der Staat intervenieren. Die theoretischen Begründungen für ein Marktversagen sind im → 2. Kapitel skizziert worden. Ob sie jedoch in der Realität erfüllt sind, ist nicht immer auf den ersten Blick klar. Um die Qualität staatlicher Entscheidungen zu verbessern, könnte ein unabhängiger Expertenrat die Wirtschaftspolitik dahingehend beraten, ob tatsächlich ein Marktversagen vorliegt. ■ Da konkrete wirtschaftspolitische Eingriffe - selbst wenn sie theoretisch gut begründet sind - häufig auf Werturteilen basieren, sollten staatliche Entscheider ihre Werturteile offenlegen. Das gilt insbesondere, um den Einfluss von Lobbyisten so weit wie möglich einzudämmen. ■ Wirtschaftspolitische Entscheidungen sollten trotz dieser Werturteile immer eine theoretische und - wenn möglich - auch empirische Basis 118 5 Wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen <?page no="119"?> haben. Die theoretische Fundierung wirtschaftspolitischer Entscheidun‐ gen trifft Aussagen über kausale Wirkungs-Ursachen-Beziehungen. Das betrifft sowohl die Analyse eines auftretenden Marktversagens als auch die Wirkungsmechanismen der wirtschaftspolitischen Instrumente, die zur Heilung dieses Versagens eingesetzt werden sollen. Da die prak‐ tische Wirtschaftspolitik mit konkreten Maßnahmen agieren muss, braucht es beispielsweise im Fall des in → Abb. 5.1 skizzierten positiven externen Effekts eine möglichst exakte Quantifizierung der Differenz zwischen den privaten und den gesellschaftlichen Vorteilen, den die betroffene wirtschaftliche Aktivität hat. ■ Um eine möglichst hohe Planbarkeit der staatlichen Wirtschaftspolitik zu gewährleisten, sollte es klare Kriterien und Regeln für wirtschaftspo‐ litische Entscheidungen geben, damit das wirtschaftspolitische Handeln des Staates berechenbar, vorhersehbar und nachvollziehbar ist. Im Fall von Subventionen zur Förderung einer klimaneutralen Wirtschaft bietet sich beispielsweise folgendes Vorgehen an: Zunächst einmal braucht es gute Verfahren und Kriterien zur Identifizierung förderungswürdiger Vorhaben. Finanzhilfen oder Steuererleichterungen sollten nicht zu einer dauerhaften Subventionierung führen. Es sollte sich vielmehr um temporäre Unterstützungen handeln, damit die Subventionsempfänger ihrerseits Maßnahmen ergreifen, die die Kosten ihrer Produkte und Technologien senken. Schließlich sollten die Subventionen mit einer kritischen wissenschaftlichen Begleitung verknüpft werden. Deren Auf‐ gabe ist es zu evaluieren, ob die Subventionsziele wirklich erreicht werden und ob eine weitere Gewährung von Subventionen noch erfor‐ derlich ist (vgl. Bertelsmann Stiftung 2023, S.-31 f.). Die Erfüllung dieser Anforderungen an eine angemessene wirtschaftspoli‐ tische Antwort auf ein Marktversagen ist eine herausfordernde Aufgabe für Politik und Verwaltung. Das gilt insbesondere für die Verwaltung, die wirtschaftspolitische Entscheidungen nicht nur umsetzen und evaluieren muss, sondern häufig auch vorbereitet. Das erfordert ein fundiertes Wissen über ökonomische Zusammenhänge. Doch selbst im Fall einer entsprechend qualifizierten Bürokratie bleibt mit Blick auf die Heilung eines Marktversa‐ gens ein fundamentaler Konflikt bestehen: Die Wirtschaftswissenschaften orientieren sich an ökonomischer Effizienz und suchen nach Lösungen für wirtschaftliche Probleme, die die Wohlfahrt einer Volkswirtschaft opti‐ mieren. Politische Entscheidungsprozesse basieren hingegen auf anderen 5 Wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen 119 <?page no="120"?> Rationalitätsprinzipien. Bei ihnen geht es um die gesellschaftliche Akzep‐ tanz von wirtschaftspolitischen Entscheidungen. Das kann zur Folge haben, dass die aus wohlfahrtstheoretischen Erwägungen richtige Entscheidung im politischen Prozess keine Mehrheit findet und daher nicht umgesetzt wird. Wirtschaftswissenschaftliche Analysen können somit zwar eine theoreti‐ sche und empirische Fundierung für die Heilung verschiedener Formen des Marktversagens anbieten. Ob diese Vorschläge aber auch in der praktischen Wirtschaftspolitik umgesetzt werden, ist eine politische Entscheidung. 120 5 Wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen <?page no="121"?> Literaturverzeichnis Aiginger, K.: Industriepolitik mit gesellschaftlichen Zielen verbinden - systemischer Ansatz statt Uraltkontroverse, in: Wirtschaftsdienst, 99. Jg. (2019), S.-101-105. Akerlof, G. A.: The Market for “Lemons”: Quality Uncertainty and the Market Mechanism, in: The Quarterly Journal of Economics, 84. Jg. (1970), S.-488-500. Akerlof, G. A. und R. J. Shiller: Animal Spirits - Wie Wirtschaft wirklich funktioniert, Frankfurt/ New York 2009. Autor, D., D. Dorn, L. Katz,-C. Patterson und J. van Reenen: The Fall of the Labor Share and the Rise of Superstar Firms, NBER Working Paper Series, Working Paper 23396, Cambridge, MA 2017. Bardt, H.: Ordnungspolitik ohne industriepolitische Blindheit, in: Wirtschaftsdienst, 99. Jg. (2019), S.-87-91. Baur, A., C. Fuest, D. Gstrein, P. Heil, N. Potrafke und A. Rochell: Die Betroffenheit der deutschen Wirtschaft durch den US-Inflation Reduction Act, Studie im Rahmen des BMF-Forschungsauftrags fe 3/ 19: Rahmenvertrag Wissenschaftliche (Kurz-)Expertisen zu Grundsatzfragen der Finanz-, Steuer- und Wirtschaftspoli‐ tik, München 2023. Bertelsmann Stiftung (Hrsg.): Durcheinander um den Subventionsbegriff, Focus Paper „Nachhaltige Soziale Marktwirtschaft“ #14, Gütersloh 2023 Bickenbach, F., D. Dohse, R. J. Langhammer und W.-H. Liu: Foulspiel? Zu Höhe und Umfang der Industriesubventionen in China, Kiel Policy Brief Nr. 173, Kiel 2024. BMF (Bundesministerium der Finanzen): Kompendium zur Schuldenregel des Bun‐ des (Schuldenbremse), Berlin 2022. BMWi (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie): Nationale Industriestrate‐ gie 2030, Berlin 2019. BMWi (Bundesministerium für Wirtschaft und Energie): Pressemitteilung vom 7.11.2018, Berlin 2018. Bofinger, P.: Paradigmenwechsel in der deutschen Wirtschaftspolitik, in: Wirt‐ schaftsdienst, 99. Jg. (2019), S.-95-98. Braml, M. T., und G. J. Felbermayr: Außenwirtschaftliches Gleichgewicht als Staats‐ ziel im 21.-Jahrhundert, Focus Paper Nachhaltige Soziale Marktwirtschaft #1 der Bertelsmann Stiftung, Gütersloh 2022. Coase, R. H.: The Problem of Social Cost, in: Journal of Law and Economics, 3. Jg. (1960), S.-1-44. <?page no="122"?> DiPippo, G., I. Mazzocco und S. Kennedy: Red Ink: Estimating Chinese Industrial Policy Spending in Comparative Perspective, Washington, DC 2011. Downs, A.: Ökonomische Theorie der Demokratie, Tübingen 1968. Egger, P. H., N. M. Strecker und B. Zoller-Rydzek: Estimating Bargaining-related Tax Advantages of Multinational Firms, CEPR Discussion Paper, No. 13143, London 2018. Europäische Kommission: Ein Industrieplan zum Grünen Deal für das klimaneutrale Zeitalter, Brüssel 2023. Fluchs, S., M. Fritsch, C. Schleicher und B. Zink: Ökonomische Betrachtung des Waldes: Die Bedeutung deutscher Wälder für den Klimawandel, Gutachten des IW Köln, Köln 2022. Franck, E.: Warum gibt es Stars? Drei Erklärungsansätze, in: Wirtschaftsdienst, 81. Jg. (2001), S.-59-64. Gerlach, F., und A. Ziegler: Konturen einer proaktiven Industriepolitik - das Beispiel Deutschland, in: WSI Mitteilungen, 68. Jg. (2015), S.-526-533. Hardin, G.: The Tragedy of the Commons, in: Science, Vol. 162 (1968), S. 1243-1248. Haucap, J.: Daten als Wettbewerbsfaktor, in: Wirtschaftsdienst, 98. Jg. (2018), S. 472- 477. Jansen, J., P. Jäger und N. Redeker: For climate, profits, or resilience? Why, where and how the EU should respond to the Inflation Reduction Act, Policy Brief Hertie School und Jacque Delors Centre, Berlin 2023. JuSchG: Jugendschutzgesetz vom 23. Juli 2002 (BGBl. I S.-2730), das zuletzt durch Artikel 12 des Gesetzes vom 6. Mai 2024 (BGBl. 2024 I Nr.-149) geändert worden ist. Kromphardt, J.: Für eine enge Verzahnung von Theorie und Politik, in: Wirtschafts‐ dienst, 89. Jg. (2009), S.-435-439. Lessenich, S.: Die Externalisierungsgesellschaft, in: SOZIOLOGIE, 44. Jg. (2015), S.-22-32. Märtz, T.: Interessengruppen und Gruppeninteressen in der Demokratie: Zur Theo‐ rie des Rent-Seeking, Hohenheimer volkswirtschaftliche Schriften, No. 12, Berlin 1990. Mazzucato, M.: Das Kapital des Staates: Eine andere Geschichte von Innovation und Wachstum, München 2014. Musgrave, R. A.: -The Theory of Public Finance, New York 1959. Niskanen, W. A.: Bureaucracy and Representative Government, Chicago 1971. Oxford Economics: Internationaler Vergleich aktueller industriepolitischer Strate‐ gien mit Auswirkungen auf den Hightech-Sektor, ohne Ort 2024. 122 Literaturverzeichnis <?page no="123"?> Petersen, T.: Öffentliche Güter, in: Das Wirtschaftsstudium, 53. Jg. (2024a), S.-571- 575. Petersen, T.: Externe Effekte, in: Das Wirtschaftsstudium, 53. Jg. (2024b), S. 670-672. Petersen, T.: Optimale Höhe staatlicher Aktivitäten, in: Das Wirtschaftsstudium, 53. Jg. (2024c), S.-330-332. Petersen, T.: Transformationskurve, in: Das Wirtschaftsstudium, 52. Jg. (2023a), S.-140-145. Petersen, T.: Subventionen, in: Das Wirtschaftsstudium, 52. Jg. (2023b), S. 1179-1182. Petersen, T.: Mikroökonomie: Schritt für Schritt, 4. Auf., München 2021. Petersen, T.: Die doppelte Tragödie der Allmende, in: Wirtschaftswissenschaftliches Studium, 39. Jg. (2010), S.-204-207. Petersen, T.: Preisbildung auf Monopolmärkten, in: Das Wirtschaftsstudium, 37. Jg. (2008), S.-67-70. Petersen, T.: Adverse Selektion, in: Wirtschaftswissenschaftliches Studium, 36. Jg. (2007), S.-309-311. Petersen, T.: Die moralisch-ethische Basis der Marktwirtschaft - Staatliche Eingriffe in das Wirtschaftsleben als Ersatz für fehlende Tugenden am Beispiel des Werks von Adam Smith, in: ETHICA, 6. Jg. (1998), S.-305-322. Rolf, A., und A. Sagawe: Des Googles Kern und andere Spinnennetze - Die Architektur der digitalen Gesellschaft, Konstanz/ München 2015. Rifkin, J.: Die Null Grenzkosten Gesellschaft, Frankfurt a. M./ New York 2014. Schmidt, C. M.: Gute Industriepolitik setzt auf Wettbewerb und Innovation, in: Wirtschaftsdienst, 99. Jg. (2019), S.-91-94. SVR (Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwick‐ lung): Vor wichtigen wirtschaftspolitischen Weichenstellungen - Jahresgutach‐ ten 2018/ 19, Wiesbaden 2018. Tiebout, C.: -A Pure Theory of Local Expenditures, in: -The Journal of Political Economy, 64. Jg. (1956), S.-416-424. Trapp, M.: Adam Smith - politische Philosophie und politische Ökonomie, Göttin‐ gen 1987. UN (United Nations, Department of Economic and Social Affairs, Population Divi‐ sion): World Population Prospects 2024, Online Edition, 2024. Literaturverzeichnis 123 <?page no="125"?> Register adverse Selektion-56 Allmende-48, 50 Allokationsfunktion-13, 39, 41, 89 Angebotsgerade-102f. Angebotskurve-21 Angebotsüberschuss-14, 23, 65, 110 Animal Spirits-71 Anreizfunktion-13, 36, 64 Arbeitslosigkeit-66, 71 Arbeitsmarkt-66, 71 Aufschwung-69 Ausgabenproblem-89 Ausschlussprinzip-11, 28f. Basistechnologie-114 Bedürfnisgerechtigkeit-64 Beschaffungsexternalitäten-108 Beschaffungswesen-116 Bildung-28, 87 Boom-69, 73 Bruttoinlandsprodukt-63, 68, 74, 102 Bruttopreis-103 Bürokratie-97 Chancengerechtigkeit-67 Chefbürokrat-97 Demokratie-90 Depression-69 Digitalisierung-109 Eigentumsrechte-11, 44, 46 Einkommen-93 Einkommenspolitik-62, 67 Einkommensumverteilung-102 Einkommensverteilung-47, 61 Einnahmenproblem-89 Externalisierungsgesellschaft-111 externe Effekte-37, 111 externe Effekte, negative-37, 48, 63, 105 externe Effekte, positive-38, 63, 86, 113 Fiskalpolitik-71, 95 Fiskalpolitik, expansive-72 Fiskalpolitik. restriktive-72 Fixkosten-52, 55 Gefangenen-Dilemma-30, 34 Geldpolitik-72, 95 Geldpolitik, expansive-73, 95 Geldpolitik, restriktive-73 Gemeinschaftsgüter-48 Globalisierung-108 Grenzkosten-21, 32, 38, 40, 45, 82f., 98 Grenznutzen-15, 32, 35, 38, 40, 45, 82f., 98, 101 Grenznutzen, abnehmende-97 Gut, demeritorisch-78 Gut, meritorisch-78 Gut, öffentliches-28 Gut, privates-28, 33, 67 Gut, reines, öffentliches-28 Güter-10, 28 Haftungsprinzip-11, 37, 41, 50, 108 Handelsbeschränkungen-116 Haushalte-10, 42 <?page no="126"?> Importabhängigkeit-75, 109, 115 Indifferenzkurve-82, 88 Industriepolitik-112, 115 Inflation Reduction Act-74 Information-24, 32 Information, unvollständige-78f., 92 Information, vollkommene-55, 91 Information, vollständige-11, 36 Informationsasymmetrien-55 Informationsfunktion-14, 54 Informationsmängel-108 Innovationscluster-113 Innovationsfunktion-13, 36, 54 Kapitalmarktversagen-60, 114 Kartell-110 Kartell, Preis-110 Kaufprämie-42 Klimaneutralität-112 Klub-Gut-29 Konjunkturpolitik-74 Konjunkturzyklus-69 Konsumentenrente-19, 100, 104 Konsumentensouveränität-79 Koordinierungsfunktion-14, 89 Kosten, fixe-52, 55 Kosten, pro Stück-52 Kosten, variable-52 Leistungsgerechtigkeit-63 Leitzins-73 Lobbyismus-100 Lobbyisten-93 Lohn-62 Maastricht-Kriterien-95 Market for lemons-56 Markt-9, 51, 56, 59, 63, 67, 75 Marktgleichgewicht 9, 14, 22, 33, 38, 43, 100, 103 Marktintransparenz-59 Marktmacht-11, 64 Marktnachfragegerade, hypothetische-34 Marktoffenheit-12 Marktpreis-37 Markträumungsfunktion-14, 89 Marktversagen-23, 27, 40, 56, 61, 74, 79, 81, 107, 113, 115, 117, 119 Mengeninstrumente-42 Mengensteuer-41, 43, 51, 103 Mindestlohn-65 Monopol-51, 53 Monopol, natürliches-51 Monopol, Preis-110 moral-ethische Basis-76, 108 Nachfragegerade-103 Nachfragekurve-18 natürliches Monopol-51 negative externe Effekte-63 Nettopreis-103 Netzwerk-53 Niskanen-Modell-97 Null-Grenzkosten-Gesellschaft-109 Nutzen-89 Nutzenmaximierung-11 Ökonomie der Superstars-63 ökonomische Rente-100 Opportunitätskosten-86, 105 Ordnungspolitik-12, 117f. Politiker-91 Politische Ökonomie der Bürokratie-97 Politische Ökonomie der 126 Register <?page no="127"?> Demokratie-90 Präferenzen-16, 35, 42, 86, 93 Präferenzen, verzerrte-78 Preis-12, 52, 54f., 57, 75, 103 Preis, Kartell-110 Preisbildung, algorithmische-110 Preisflexibilität-12 Preisinstrumente-41 Primat des Markts-117 private Haushalte-10, 42 Privateigentum-51 Produktivität-69 Produzentenrente-21, 100, 104 Prozesspolitik-28, 113 Rationalität-11 Rente-102 Rent-Seeking-100 Rezession-69 Risiko-60 Rivalität im Konsum-33 Sanktionsfunktion-13, 108 Schuldenbremse-95f. sozialer Zusatznutzen-38 soziale Zusatzkosten-38 Spillover-Effekte-113 Staat-10, 79 Staatsversagen-100, 117 Steuererhebungskosten-105 Steuererleichterung-42, 115 Steuern-31, 36, 68, 72, 94, 103 Stimmenmaximierer-91 Stückkosten-52 Subventionen-41, 74, 94, 119 Superstar-Firmen-54 Tiebout-Modell-36 Tragödie der Allmende-47, 111 Transaktionskosten-76 Transferzahlungen-68 Transformationskurve-82 unparteiischer Zuschauer-76 Unsicherheit-60, 114 Unternehmen-10, 21, 41, 65, 72, 74f., 90 unvollständige Information-92 variable Kosten-52 Versicherungsmärkte-58 Verteilungsgerechtigkeit-62 vollkommene Information-55, 91 Wähler-91 Wahlhelfer-92 Werturteile-67, 85, 118 Wettbewerb-110 Wettbewerbspolitik-55 Winner takes all-53, 64 Wirtschaftswachstum-68 Wohlfahrt-9, 15, 90, 94, 97, 99, 104 Wohlfahrtsfunktion-82 Wohlfahrtsmaximum-23 Wohlfahrtsverlust-39, 54, 100, 104 Zahlungsbereitschaft-17, 62, 97, 101 Zentralbank-72, 95 Zertifikatlösung-43f. Zins-62, 73 Zusatzkosten-51 Zusatznutzen-97 Register 127 <?page no="128"?> Abbildungsverzeichnis Abb. 1.1: Individuelle Güternachfragefunktion . . . . . . . . . . . . . 18 Abb. 1.2: Gesamtwirtschaftliche Güternachfragekurve . . . . . . 19 Abb. 1.3: Grafische Bestimmung der Konsumentenrente . . . . . 20 Abb. 1.4: Konsumenten- und Produzentenrente beim Marktgleichgewicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22 Abb. 1.5: Abbau eines Angebotsüberschusses durch Preissenkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 Abb. 2.1: Gefangenen-Dilemma im Fall eines öffentlichen Guts 31 Abb. 2.2: Gütermarktgleichgewicht bei einem privaten Gut . . 32 Abb. 2.3: Gütermarktgleichgewicht bei einem öffentlichen Gut 35 Abb. 2.4: Wohlfahrtsverluste im Fall eines negativen externen Effekts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 Abb. 2.5: Wohlfahrtsverluste im Fall eines positiven externen Effekts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 Abb. 2.6: Optimale Menge an Schmutzwasser . . . . . . . . . . . . . . 46 Abb. 2.7: Konsequenzen eines Mindestlohns . . . . . . . . . . . . . . . 66 Abb. 2.8: Phasen eines Konjunkturzyklus . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 Abb. 3.1: Grafische Bestimmung des wohlfahrtsmaximierenden Niveaus staatlicher Aktivitäten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83 Abb. 3.2: Bestimmung des optimalen Niveaus staatlicher Aktivitäten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 84 Abb. 3.3: Optimales Niveau staatlicher Aktivitäten in Abhängigkeit der gesellschaftlichen Präferenzen . . . 87 Abb. 3.4: Grafische Bestimmung des wohlfahrtsmaximierenden Niveaus staatlicher Aktivitäten in Abhängigkeit der gesellschaftlichen Präferenzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 88 Abb. 3.5: Wohlfahrtsverluste bei einem Rent-Seeking . . . . . . . 101 Abb. 3.6: Wohlfahrtsverluste einer Mengensteuer . . . . . . . . . . . 104 Abb. 5.1: Wohlfahrtsverluste im Fall zu hoher Subventionen bei einem positiven externen Effekte . . . . . . . . . . . . . . . . 118 <?page no="129"?> Tabellenverzeichnis Tab. 1.1: Bestimmung der nutzenmaximierenden Gütermenge eines Konsumguts aus Sicht eines Individuums . . . . . . . 16 Tab. 1.2: Zahlenbeispiel zur Berechnung der Konsumentenrente 20 Tab. 2.1: Bestimmung der wohlfahrtsmaximierenden Gütermenge eines öffentlichen Guts . . . . . . . . . . . . . . . . 33 Tab. 2.2: Zahlenbeispiel für ein Gut mit einem negativen externen Effekt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 Tab. 2.3: Kosten und Erlöse der Nutztierhaltung in Abhängigkeit von der Größe der Herde . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49 Tab. 2.4: Zahlenbeispiel für ein natürliches Monopol mit Fixkosten in Höhe von 10 Millionen Euro . . . . . . . . . . . . 53 Tab. 2.5: Markt für Gebrauchtwagen in der Ausgangssituation . . 56 Tab. 2.6: Markt für Gebrauchtwagen nach Ausscheiden der beiden besten Qualitäten in der Ausgangssituation . . . . 57 Tab. 3.1: Bestimmung des optimalen Budgets der Bürokratie . . . 99 <?page no="130"?> ISBN 978-3-8252-6384-3 VWL praxisnah und hochaktuell Was tun, wenn der Markt versagt? Genau dann sind staatliche Eingriffe notwendig, aber auch der Staat selbst kann versagen. Thieß Petersen zeigt Formen des Markt- und Staatsversagens auf. Zudem zieht er wirtschaftspolitische Schlussfolgerungen, die helfen können, die Wohlfahrt einer Volkswirtschaft zu steigern. Aktuelle Themen lässt er nicht außer Acht, etwa den Klimawandel und die Schuldenbremse. Auch auf die Rolle der Industriepolitik geht der Autor ein. Das Buch ist für Studierende der Wirtschaftswissenschaften und Politikwissenschaft eine spannende und zugleich aufschlussreiche Lektüre. Es ist zudem für angrenzende Studiengänge geeignet. utb+ Das Lehrwerk mit dem digitalen Plus Wirtschaftswissenschaften Politikwissenschaft Dies ist ein utb-Band aus dem UVK Verlag. utb ist eine Kooperation von Verlagen mit einem gemeinsamen Ziel: Lehr- und Lernmedien für das erfolgreiche Studium zu veröffentlichen. utb.de QR-Code für mehr Infos und Bewertungen zu diesem Titel
