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Einführung in die Qualitative Sozialforschung

Lehrbuch mit eLearning-Kurs

0518
2026
978-3-8385-6443-2
978-3-8252-6443-7
UTB 
Markus Pohlmann
10.36198/9783838564432

Das Lehrbuch erleichtert und unterstützt den Erstkontakt mit der qualitativen Sozialforschung. Es ist zugleich ein Arbeitsbuch, welches an konkreten Beispielen veranschaulicht, wie man mithilfe der Methoden der qualitativen Sozialforschung unterschiedliche Fragestellungen im Fach Soziologie sowie in den Sozialwissenschaften bearbeiten kann. Die Orientierung an Mixed-Methods-Ansätzen und ihrer Durchführung unterscheidet dieses Lehrbuch von vielen anderen. In dieser Auflage wurde eine Vielzahl an eLearning-Fragen mit Antworten hinzugefügt. Das Buch richtet sich an Bachelorstudierende der Soziologie sowie der Sozialwissenschaften. Aber auch für andere Fächer ist das Buch einfach zu rezipieren, da es keine Grundkenntnisse der Soziologie oder der empirischen Sozialforschung voraussetzt.

9783838564432/9783838564432.pdf
<?page no="0"?> Markus Pohlmann Einführung in die Qualitative Sozialforschung 2. Auflage <?page no="1"?> utb 5530 Eine Arbeitsgemeinschaft der Verlage Brill | Schöningh - Fink · Paderborn - Vandenhoeck & Ruprecht · Göttingen - Böhlau · Wien · Köln Verlag Barbara Budrich · Opladen · Toronto facultas · Wien Walter de Gruyter · Berlin · Boston Haupt Verlag · Bern Verlag Julius Klinkhardt · Bad Heilbrunn Mohr Siebeck · Tübingen Narr Francke Attempto Verlag - expert verlag · Tübingen Psychiatrie Verlag · Köln Psychosozial-Verlag · Gießen Ernst Reinhardt Verlag · München transcript Verlag · Bielefeld Verlag Eugen Ulmer · Stuttgart UVK Verlag · München Waxmann · Münster · New York wbv Publikation · Bielefeld Wochenschau Verlag · Frankfurt am Main <?page no="2"?> Markus Pohlmann ist Professor für Organisationssoziologie mit den Schwerpunkten Management und Wirtschaftskriminalität am Max-We‐ ber-Institut für Soziologie der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. <?page no="3"?> Markus Pohlmann Einführung in die Qualitative Sozialforschung Lehrbuch mit eLearning-Kurs 2., überarbeitete Auflage <?page no="4"?> 2., überarbeitete Auflage 2026 1. Auflage 2022 DOI: https: / / doi.org/ 10.36198/ 9783838564432 © UVK Verlag 2026 ‒ Ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikro‐ verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Heraus‐ geber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Einbandgestaltung: siegel konzeption | gestaltung Druck: Elanders Waiblingen GmbH utb-Nr. 5530 ISBN 978-3-8252-6443-7 (Print) ISBN 978-3-8385-6443-2 (ePDF) ISBN 978-3-8463-6443-7 (ePub) Umschlagabbildung: © iStockphoto · wellphoto Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbib‐ liografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. <?page no="5"?> 11 13 1 15 1.1 18 1.2 20 2 23 2.1 23 2.2 25 2.3 28 2.4 31 2.5 33 2.6 37 2.7 39 2.8 41 3 49 3.1 50 3.2 56 3.3 61 3.4 69 3.5 78 3.6 81 Inhalt Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vorwort zur zweiten Auflage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einleitung: Einladung zur qualitativen Sozialforschung . . . . . . . . Vorgehensweise und Aufbau des Buches . . . . . . . . . . . . . . . Theoretische Ansätze und Kompetenzerwerb . . . . . . . . . . . Erkenntnistheoretische Grundlagen der qualitativen Sozialforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einleitung: Interpretieren und konstruieren . . . . . . . . . . . . Wahrnehmungspsychologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ein kurzer Blick in die Philosophie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Kognitionspsychologie von Jean Piaget . . . . . . . . . . . . . Ein Ausflug in die Neurophysiologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sozialpsychologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Soziologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Schlussbemerkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ansätze und Prinzipien der qualitativen Sozialforschung . . . . . . . Einleitung: Zentrale Prinzipien im Vergleich zur quantitativen Sozialforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kritikpunkte an der Vorgehensweise der qualitativen Sozialforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Phänomenologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Grounded Theory . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die qualitative Sozialforschung in der Kombination verschiedener Methoden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Schlussbemerkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . <?page no="6"?> 4 89 4.1 89 4.2 93 4.3 103 4.4 109 4.5 112 5 119 5.1 119 5.2 125 5.3 130 5.4 133 5.4.1 133 5.4.2 140 5.4.3 141 5.4.4 142 5.4.5 146 5.4.6 146 5.4.7 147 5.5 148 6 157 6.1 157 6.2 160 6.3 167 6.4 174 6.5 176 6.5.1 177 6.5.2 178 6.5.3 179 6.5.4 180 Das Experiment . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Krisenexperiment in der Ethnomethodologie . . . . . . . Das Feldexperiment . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das natürliche Experiment . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Schlussbemerkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Beobachtung als sozialwissenschaftliche Methode . . . . . . . . Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der symbolische Interaktionismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Problem der sogenannten „Beobachtungsfehler“ . . . . . Die Vorgehensweise der qualitativen Beobachtung . . . . . . Wir bestimmen den „Gegenstand“ der Beobachtung . . . . . Wir wählen Ort, Zeit und Dauer der Beobachtung . . . . . . . Wir legen die Art der Beobachtung fest . . . . . . . . . . . . . . . . Wir legen fest, wie die Beobachtung aufgezeichnet/ protokolliert wird . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wir wählen die Anzahl, das Training und die Rolle der Beobachter*innen aus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wir bestimmen, wie die Auswertung vorgenommen wird Was könnten die möglichen Ergebnisse einer solchen Beobachtung sein? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Schlussbemerkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Inhaltsanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Qualitative und quantitative Inhaltsanalyse . . . . . . . . . . . . . Qualitative Inhaltsanalyse eines Politikerinterviews im ZDF ‒ ein Anwendungsbeispiel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Theorie der Hermeneutik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Analyse von Kontaktanzeigen ‒ Ein Anwendungsbeispiel in der Kombination quantitativer und qualitativer Inhaltsanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Welche Fragestellung verfolgen wir? . . . . . . . . . . . . . . . . . . Welche Dimensionen kommen zur Anwendung? . . . . . . . . Welche Auswahl treffen wir? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Welche Analyseverfahren führen wir durch? . . . . . . . . . . . 6 Inhalt <?page no="7"?> 6.5.5 181 6.5.6 188 6.5.7 201 6.5.8 207 6.6 211 7 221 7.1 221 7.2 227 7.3 231 7.4 237 7.4.1 242 7.4.2 247 7.4.3 250 7.5 253 7.5.1 255 7.5.2 260 7.5.3 261 7.6 267 7.7 272 8 283 8.1 284 8.2 287 8.2.1 292 8.3 297 8.4 309 8.5 323 Die Vorgehensweise bei einer Frequenzanalyse . . . . . . . . . Die Inhaltsanalyse nach Mayring . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die hermeneutische Analyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was lernen wir aus der Kombination der verschiedenen inhaltsanalytischen Methoden? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Schlussbemerkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Interview als qualitatives Erhebungsverfahren . . . . . . . . . . . . Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Wissenssoziologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Vorbereitung qualitativer Interviews . . . . . . . . . . . . . . . Die Durchführung von qualitativen Interviews: Drei Arten von Interviews . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das narrative Interview . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das problemzentrierte Interview . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Expert*innen-Interview . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das teilstandardisierte Expert*innen-Interview als Erhebungsform im Methodenmix: Beispiel einer explorativen Untersuchung von Rechtspopulismus bei jungen Erwachsenen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wissenschaftlicher Zugang, Fragestellung, Methode und Forschungsdesign . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Entwicklung des Fragebogens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Entwicklung von Fragenkombinationen und standardisierten Fragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Problem der Antworttendenzen/ -verfälschungen . . . Schlussbemerkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Analyseverfahren von Interviews: Die Deutungsmusteranalyse . Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Deutungsmuster . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Rekonstruktion von Deutungsmustern . . . . . . . . . . . . . Ulrich Oevermann und die Entwicklung des Deutungsmusteransatzes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Deutungsmuster des Rechtspopulismus: Ein Anwendungsbeispiel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Schlussbemerkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inhalt 7 <?page no="8"?> 334 338 339 Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tabellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Inhalt <?page no="9"?> Für Carola † <?page no="10"?> Zu diesem Buch gibt es einen ergänzenden eLearning-Kurs aus 140 Fragen. Mithilfe des Kurses können Sie online überprüfen, inwie‐ weit Sie die Themen des Buches verinnerlicht haben. Gleichzeitig festigt die Wiederholung in Quiz-Form den Lernstoff. Der eLearning-Kurs kann Ihnen dabei helfen, sich gezielt auf Prüfungs‐ situationen vorzubereiten. Der eLearning-Kurs ist eng mit vorliegendem Buch verknüpft. Sie fin‐ den im Folgenden zu den wichtigen Kapiteln QR-Codes, die Sie direkt zum dazugehörigen Fragenkomplex bringen. Andersherum erhalten Sie innerhalb des eLearning-Kurses am Ende eines Fragendurchlaufs neben der Auswertung der Lernstandskontrolle auch konkrete Hin‐ weise, wo Sie das Thema bei Bedarf genauer nachlesen bzw. vertiefen können. Diese enge Verzahnung von Buch und eLearning-Kurs soll Ihnen dabei helfen, unkompliziert zwischen den Medien zu wechseln, und unterstützt so einen gezielten Lernfortschritt. <?page no="11"?> Vorwort Dieses Buch hat eine ungewöhnliche Vorgeschichte. Es kam überhaupt nur zustande, weil zwei Ereignisse zusammentrafen. Zum einen eine hohe Nach‐ frage von Studierenden, welche aus einem Seminar eine Vorlesung mit mehr als 100 Teilnehmern werden ließ. Zum anderen der erste Lockdown während der Corona-Pandemie 2020, welcher dazu führte, dass diese Vorlesung online gehalten und mit Skripten, Audiofiles, Übungen für zuhause etc. versorgt werden musste. Dadurch waren wir ins kalte Wasser der Online-Lehre geworfen und mussten sehen, wie wir damit zurechtkamen. Ich hatte die Vorlesung ursprünglich so konzipiert, dass die Studierenden in jeder zweiten Sitzung ins Feld gehen und erste Erfahrungen mit qualitativen Erhebungen sammeln sollten, aber das war nun Geschichte. Als Feld diente uns jetzt das Internet, das wenigstens ersatzweise Erfahrungen bot, wenn auch oft aus zweiter Hand. Das Produkt, das aus dieser Vorlesung entstanden ist, liegt nun vor Ihnen. Meine Absicht war es, das Buch so zu gestalten, dass es hilft, selbstständig ins Feld zu gehen. Ich habe dafür kleine Gehhilfen und Wegekarten bereitgestellt. Ziel war es, dass Sie diese ersten Schritte ohne allzu viel Gepäck, ohne allzu viel Vorbereitung absolvieren zu können und dafür ist dieses Buch gedacht. Aber dieses Buch verdankt sich nicht nur den oben beschriebenen Zufällen, sondern auch einem Team, das mich sehr unterstützt hat und Kolleg*innen, welche den Text kommentiert und mit mir diskutiert haben. Dafür bin ich sehr dankbar. Zuallererst möchte ich Aleksandra Barjaktarević und Meira Hilbertz danken, die nicht nur die Vorlesung als Tutorinnen mit unterstützt haben, sondern auch in vielfältiger Weise an dem Buch mitgewirkt haben. Auch Jan Hoffmann hat tatkräftig zum Gelingen des Buches beigetragen. Katharina Döllinger hat das Buch Korrektur gelesen und Kathia Serrano Velarde hat es mit ihrem Feedback unterstützt. Viele andere haben ebenfalls ihr Feedback zu dem Buch gegeben. Auch ihnen gebührt mein herzlicher Dank. Inspiriert ist das Buch auch von meinen drei Kindern, die mir beim Homeschooling während der verschiedenen Lockdowns immer wieder klargemacht haben, wie wichtig es ist, Spaß beim Lernen zu haben. Auch meiner Frau danke ich sehr für ihre fortwährende Unterstützung und die Arbeitsteilung, welche es uns im Zweischichtbetrieb ermöglicht hat, unsere <?page no="12"?> Schriften, wenn auch bisweilen im Schneckentempo, trotz der Lockdowns fertigzustellen. Gewidmet ist dieses Buch einer sehr guten Freundin und Kollegin, die viele Jahre sehr schwer erkrankt war und in dem Jahr, in dem dieses Buch entstand, 2021, von uns gegangen ist. Ihr Mut und ihr Durchhaltevermögen werden mir immer unbegreiflich bleiben. Das Buch hat ihrem Vorbild viel zu verdanken. 12 Vorwort <?page no="13"?> Vorwort zur zweiten Auflage Es ist immer schön, wenn die Leser*innen es möglich machen, ein Buch in die zweite Auflage zu geben. Dafür möchte ich mich bedanken. Sie eröffnet die Möglichkeit, kleinere Fehler auszumerzen und Ergänzungen anzubringen, wo sie notwendig sind. Wie immer, ist auch in der qualitativen Sozialfor‐ schung vieles in Bewegung und ein schlankes Lehrbuch wie dieses kann nur wenig davon aufnehmen. Dafür möchte ich mich entschuldigen. Die Zweitauflage dieses Buches fällt aber darüber hinaus in eine Zeitenwende. Die KI ist da und hat jetzt bereits unsere Arbeitsweise radikal verändert. Und natürlich geht sie auch nicht spurlos an der qualitativen Sozialforschung vorbei. Ganz im Gegenteil. Eine KI-unterstützte Sozialforschung ist sowohl in den Erhebungsmethoden - z. B. Experimente mit KI-generierten Videos, KI-unterstützte Beobachtungs- und Interviewformen - als auch in den Analysemethoden, insbesondere bei KI-unterstützten Methoden der Inhalts‐ analyse, bereits praktikabel geworden. Es stehen neue Möglichkeiten für eine datenschutzkonforme und kritisch reflektierte Nutzung der KI durch die Sozialwissenschaften zur Verfügung. Noch ist ihre Anwendung jedoch zu wenig verbreitet und sind die Erfahrungen im Umgang damit noch in zu geringem Maße vorhanden. Deswegen konnte ich in dieser zweiten Auflage nur Hinweise darauf geben, aber KI-unterstützte Forschungsmethoden noch nicht hinreichend einarbeiten und in ihrer Anwendung diskutieren. Dies bleibt ggf. einem gesonderten Buch oder einer weiteren Auflage überlassen. In dieser Auflage habe ich zu jedem Kapitel noch zusätzliche Selbstler‐ naufgaben aufgenommen. Sie sollen einen weiteren Zugang zu den Inhalten eröffnen und dazu beitragen, das Gelernte dann auch auf die eigene For‐ schung anzuwenden. Die Aufgaben sind so gefasst, dass sie zur aktiven Auseinandersetzung mit dem Stoff einladen und das selbstbestimmte Lernen begleiten können. In der zweiten Auflage des vorliegenden Buches gilt mein besonderer Dank zunächst den Studierenden, die durch ihre Mitarbeit und stetigen Hinweise zur kontinuierlichen Verbesserung des Werkes beigetragen ha‐ ben. Darüber hinaus möchte ich Kim Kettner meinen besonderen Dank aussprechen, welche die Überarbeitung des Buches mit großer Fachkenntnis und außerordentlichem Engagement unterstützt hat. Es war zudem für die Überarbeitung des Buches eine wichtige Inspiration, dass unser Hei‐ <?page no="14"?> GOS-Forschungsteam nicht nur in unseren Forschungsprojekten qualitative Methoden in enger Verbindung mit quantifizierenden Herangehensweisen anwendet, sondern dass wir gemeinsam auch zunehmend neue, durch KI un‐ terstützte Forschungsmethoden in unserer Forschungstätigkeit austesten. Zuletzt sei auch nochmals meiner Frau und meinen drei Jungs gedankt, welche die unzeitgemäße Veröffentlichungsform eines Buches mit einem nachsichtigen Lächeln dulden und die mich nicht allzu oft auf die zu geringe Zahl meiner Follower*innen hinweisen. 14 Vorwort zur zweiten Auflage <?page no="15"?> 1 Einleitung: Einladung zur qualitativen Sozialforschung Mein erstes Interview als Student im zweiten Semester des Soziologiestudi‐ ums in Freiburg fand im Rahmen einer standardisierten Befragung zum Wertewandel statt. Wir bekamen Interviewpartner in unterschiedlichen Vierteln der Stadt zugeteilt und ich hatte eines in einem Lehrer- und Aka‐ demikerviertel und eines in einem Arbeiterviertel zu führen. Ich begann mit dem Arbeiterviertel. Es war später Nachmittag. Ich war aufgeregt, klingelte an der Tür und wurde von der Frau eines Straßenarbeiters - konkret: Pflaste‐ rers - eingelassen. Ich wurde ins Wohnzimmer gebeten, bekam einen Kaffee und das Interview begann. Der Interviewte war anfangs ebenfalls nervös und ich merkte, dass er mit einigen der Fragen nichts anfangen konnte. Der Fragebogen war lang. Ab und an kam seine aufmerksame Frau herein, schenkte Kaffee nach oder brachte Kekse und bemerkte dann jedes Mal: Wir sind eine glückliche Familie. Die Nervosität meines Interviewpartners legte sich erst, als er sich einen Schnaps zum Kaffee genehmigte. Immer wieder verließ das Gespräch die Vorgaben meines Fragebogens. Die Antworten des Interviewten wurden zwar immer flüssiger, aber hatten immer weniger mit den Fragen des Fragebogens zu tun. Wir kamen nur langsam voran. Seine Frau erzählte immer wieder von ihren Kindern, wenn sie dazu kam. Nach einer weiteren halben Stunde kam sein Cousin zu Besuch und nach weiteren Schnäpsen begann dieser meine Fragen zu beantworten. Kurzum: Es war interviewtechnisch eine Katastrophe. Das Interview erwies sich nach den Vorgaben der Studie als nicht verwertbar. Ich war enttäuscht. Aber dennoch hatte ich viel gelernt. Ich hatte ein neues Milieu und nette Leute kennengelernt, die mir in ihren Erzählungen viel über ihre Relevanzen, Sichtweisen, aber auch ihre Werte und Bedürfnisse mitgeteilt hatten. Das Erzählte hatte eben nur nicht in den Fragebogen gepasst. Das Interview sollte 45 Minuten dauern, aber ich war erst zweieinhalb Stunden später wieder draußen, mit mehr Erfahrungen, aber auch mit dem Gefühl, versagt zu haben. Erst später habe ich verstanden, dass das Interview trotz aller Einschränkungen, Erhebungsfehler und des Schnapses in Bezug auf das Erkenntnisinteresse gut funktioniert hat. Ich möchte das im Nachhinein nicht schönreden. Meine Interviewtechnik war nicht gut, ich war aufgeregt, anfangs steif und habe wahrscheinlich auch die Fragen nicht so flüssig <?page no="16"?> und neutral gestellt, wie ich das gesollt hätte. Erst viel später habe ich verstanden, dass ich über die Wertehorizonte und ihren Wandel, also über das Erkenntnisinteresse der Studie, sehr viel erfahren hatte. Es war eben nur nicht geordnet, in den vorgesehenen Skalen und Kästchen untergebracht, wie wir uns das ursprünglich gewünscht hatten. Viele der standardisierten Fragen waren an dem Befragten einfach vorbeigegangen. Was bei dem zweiten Interview mit einem Studienrat dann ohne Probleme funktioniert hatte, erwies sich bei dem Straßenarbeiter nicht als anschlussfähig. Und das lag nicht daran, dass die Fragen nicht vorher getestet worden wären oder zu kompliziert waren. Sie waren nur nicht anschlussfähig an die Lebenswelt, die Interessen und Orientierungen des Straßenarbeiters und seiner Familie. Damals, im zweiten Semester, wusste ich noch nicht viel über die Methoden der qualitativen Sozialforschung, aber ohne es zu wissen, hatte ich durch mein erstes Interview viel über diese gelernt und gemerkt, wie erkenntnisreich sie sein können. Natürlich hat man hinterher keine Kreuzchen oder Klicks in Kästchen und muss sich gut überlegen, wie man diese Gespräche auswerten und ihre Ergebnisse generalisieren kann, aber der Informationsgehalt und der Zugang zum Milieu, zur Lebenswelt und zu den Wertorientierungen in den Worten und in der Perspektive der Befragten gingen weit über das hinaus, was die standardisierte Befragung zugelassen hatte. Mir wurde klar, wie erkenntnisreich und einfach der Zugang zu anderen Lebenswelten war, wenn man auf bestimmte Dinge achtete und wie vielversprechend eine Kombination offener, gesprächsorientierter Me‐ thoden mit stärker standardisierten Fragen sein kann. Von diesen Erfahrungen als Student ist dieses Lehrbuch inspiriert. Es soll jenen helfen, die forschend unterwegs sein wollen, den Zugang zu anderen Lebenswelten zu öffnen und zugleich aufzeigen, wie man diesen offenen, qualitativen Zugang mit anderen, stärker standardisierten Heran‐ gehensweisen kombinieren kann. Es soll eine Einladung zur qualitativen So‐ zialforschung sein, aber auch eine Einladung dazu, verschiedene Methoden einzusetzen und miteinander in Beziehung zu bringen. Denn wer Forschung, insbesondere Primärforschung betreibt und als Student*in oder Forscher*in ins Feld geht, sollte wissen, dass die Methoden je nach Fragestellung ausgewählt, variiert und kombiniert werden - und nicht umgekehrt. Dies zumindest ist die im vorliegenden Lehrbuch vertretene Ansicht. Methoden sind Hilfsmittel, um empirische Phänomene zu verstehen und ihr Auftreten erklären zu können. Je nach Fragestellung und Phänomen, je nach den anvisierten Erklärungsfaktoren (Explanans) und dem, was erklärt 16 1 Einleitung: Einladung zur qualitativen Sozialforschung <?page no="17"?> werden soll (Explandum), müssen daher unterschiedliche Methoden zum Einsatz kommen. Sie sollen sich darauf bezogen als nützlich erweisen. Welche besser geeignet sind, bestimmt sich nicht nach dem Paradigma, also nach den wissenschaftlichen Denk- und Glaubensgrundsätzen, denen die Forscher*innen ggf. anhängen, sondern danach, wie sehr sie helfen, ein empirisches Phänomen verstehen und erklären zu können. Wenn man sie selbst zum Gegenstand weiterer Reflektionen macht, kann man viel diskutieren und streiten, Paradigmen und Positionen verteidigen, kommt aber als Forscher*in dennoch nicht umhin, zu entscheiden, welche Theorien und Methoden am besten geeignet erscheinen, das jeweilige empirische Phänomen zu analysieren. Das vorliegende Lehrbuch orientiert sich nicht an den Paradigmen und Positionen des fortwährenden Methodenstreits in den Sozialwissenschaften, sondern ausschließlich daran, wie man Methoden einsetzen kann, um in einem wissenschaftlichen Verfahren Antworten auf die Fragestellung zu generieren. Auch wenn wir uns nicht an Paradigmen orientieren, eint eine qualitative Herangehensweise mehr als die Vielfalt ihrer Ansätze vermuten lässt. Für Studierende macht es die überbordende Vielfalt an Methoden, Ansätzen, Postulaten derzeit schwer, den Wald vor lauter Bäumen noch zu erkennen. Es ist nicht zu übersehen, dass es sich bei der qualitativen Sozialforschung mittlerweile um eine „Broad Church“ handelt, der sich Wissenschaftler aus ganz verschiedenen Fächern zeitweise angeschlossen haben, mit teils unvereinbaren methodologischen Positionen und Verfahren. Bei genauerem Hinsehen eint sie sicherlich kein geteiltes methodologisches Paradigma oder Verfahren. Dennoch gibt es für viele Verfahren und Positionen - wenn auch nicht für alle - Ähnlichkeiten in den Herangehensweisen, die sich gut beschreiben und von einer stärker standardisierten Forschung gut unterscheiden lassen. Dazu gehören u. a. der offene, oft das Vorwissen zu‐ rückstellende Zugang, der Ausgangspunkt beim empirischen Material selbst und der Einsatz von vergleichenden Verfahren, um zu Schlussfolgerungen und zu Generalisierungen zu gelangen. Dabei gibt es einen fließenden Übergang zu Verfahren der stärker standardisierten, quantitativ orientierten Forschung und eine Vielzahl von Methodenkombinationen. Auch wenn dies die Unterscheidung zwischen qualitativer und quantitativer Sozialforschung viel gradueller werden lässt, als der stete „Methodenstreit“ suggeriert, bleiben prinzipielle Unterschiede in der Herangehensweise erkennbar. Die Unterschiede zwischen den beiden Gruppen von Ansätzen und Verfahren sind immer noch größer als die internen Unterschiede in den jeweiligen 1 Einleitung: Einladung zur qualitativen Sozialforschung 17 <?page no="18"?> Gruppen. Gerade dies macht ja ihre Kombination in der Sozialforschung so reizvoll und eröffnet die Möglichkeit, die qualitative Sozialforschung in einem vergleichsweise eher schmalen Lehrbuch darzustellen anstatt der dicken Handbücher und Kompendien, die es bereits zum Thema gibt. Das vorliegende Lehrbuch versteht sich dabei als Arbeitsbuch, um ver‐ schiedene Denk- und Herangehensweisen der qualitativen Sozialforschung kennenzulernen, aber auch um Einblicke in verschiedene Methoden und deren Kombinationen zu geben. Zu den einzelnen Methoden gibt es bereits zahlreiche Bücher, deren Detaillierungsgrad und Ausführlichkeit das vorlie‐ gende Lehrbuch weder ersetzen noch wiedergeben kann. Es verweist bei Gelegenheit auf diese, und wer sich in eine Methode vertiefen möchte, sollte sich am besten ihrer bedienen. Das Buch soll dazu inspirieren, selbst in die Empirie zu gehen, die Hallen der Universität und die kurzatmige Welt des Internets und der sozialen Medien zu verlassen, um selbst erste Schritte im Feld zu gehen. Erst wenn man mit den realen Problemen im Feld konfrontiert ist - wie im Falle des Interviews mit dem Straßenarbeiter -, wächst für viele von uns auch das reale Interesse an Methoden. Dazu soll das Buch befähigen. 1.1 Vorgehensweise und Aufbau des Buches Mit der Konzeption dieses Lehrbuches als Lern- und Arbeitsbuch ist ver‐ bunden, dass es immer wieder Übungen, Werkzeug- und Informationsboxen enthält, welche helfen sollen, das Gelesene anzuwenden und zu vertiefen. Es soll zumindest ein simuliertes „Learning by doing“ ermöglichen, auch wenn es nicht ersetzen kann, selbst ins Feld zu gehen und erste Erfahrun‐ gen zu sammeln. Dabei wurde immer wieder versucht, die Einführung in die Methoden und Verfahren auf konkrete inhaltliche Fragestellungen zu beziehen und die ersten Schritte zur Beantwortung der inhaltlichen Fragestellungen mit Ihnen gemeinsam zu gehen. Es wurde in der Regel davon abgesehen, bereits durchgeführte Studien nachzuvollziehen und bereits geprüfte, validierte und getestete Instrumente in den Vordergrund zu stellen. Dafür stehen zahlreiche Handbücher zur Verfügung. Ziel war es vielmehr, mit den Leser*innen gemeinsam diese Schritte zu gehen und damit das Verfahren in der konkreten Durchführung zu illustrieren und zu lernen, worauf wir bei der Durchführung achten müssen. Unsere Vorgehensweisen bei den inhaltlichen Fragestellungen sind dabei nicht in Stein gemeißelt. Sie sind immer auch anders möglich und sicherlich 18 1 Einleitung: Einladung zur qualitativen Sozialforschung <?page no="19"?> kann man diskutieren, ob man dies so oder anders durchführen sollte. Und genau darauf basiert die qualitative Sozialforschung auch: auf Interpretati‐ onsgemeinschaften, welche im Streit um Deutungs- und Verfahrensweisen zur intersubjektiven Validierung der Ergebnisse beitragen. Wenn wir Hin‐ weise zu den Ergebnissen der Übungen oder zur Beantwortung von Fragen geben, so sind sie genau als solches zu verstehen: als Vorschläge, zu welchen Ergebnissen man kommen kann, aber nicht ohne Wenn und Aber kommen muss. Im Vordergrund steht immer das grundlegende Verständnis, das wir generieren wollen, und eine Vorstellung davon, wie man vorgehen könnte, wenn man erste Schritte in einem solchen Feld unternimmt. Am Ende jedes Kapitels haben wir Vertiefungsfragen und Übungen für zuhause bereitgestellt. Sie dienen der Ergebnissicherung sowie der vertief‐ enden Beschäftigung mit dem Thema des Kapitels. Die Antwortvorschläge unsererseits werden jeweils auf einer Homepage von uns zur Verfügung gestellt. Zugleich finden Sie dort weiterführende Literatur, wenn Sie das Studium der qualitativen Methoden weiter vertiefen wollen. Das vorliegende Lehrbuch hat zum Ziel, einen Überblick über die wich‐ tigsten Verfahren der qualitativen Forschung zu geben - inklusive der Möglichkeiten, sie mit anderen Methoden zu kombinieren. Gemessen an der großen und wachsenden Vielfalt der qualitativen Methoden ist es also sehr selektiv, im Grunde auf die “basics” der qualitativen Forschung kon‐ zentriert. Dazu gehören u. E. Experimente, Beobachtungen, Inhaltsanalysen und Interviews. Das hört sich nach wenig an, ist aber tatsächlich in der Darstellung der wichtigsten Grundlagen bereits eine Herausforderung für ein Lehrbuch. Denn hinter jedem dieser qualitativen Erhebungsverfahren stecken weitere zahlreiche Möglichkeiten und Varianten der Durchführung sowie der Analysemethoden. Wir haben versucht, uns auf die grundlegen‐ den Perspektiven zu konzentrieren, um das Buch halbwegs schlank zu halten und dadurch natürlich viele Verfahrensvarianten, neue Ansätze und Autoren nicht oder nicht hinreichend berücksichtigen können. Aber dazu ist die “Broad Church” der qualitativen Sozialforschung mittlerweile zu groß und auch zu bedeutend geworden, um all dies in einem Lehrbuch darstellen zu können. Bevor wir jedoch auf die grundlegenden Erhebungsverfahren eingehen, ist es für uns wichtig, die erkenntnistheoretischen Grundlagen, auf wel‐ chen viele Verfahren basieren, zu klären (Kapitel 2). Ohne diese und eine grundlegende Idee von „Verstehen“ und „Interpretation“ können wir u. E. die Erhebungs- und Analyseverfahren in ihrem Kern nicht verstehen. Zu‐ 1.1 Vorgehensweise und Aufbau des Buches 19 <?page no="20"?> gleich wollen wir - bei allen Unterschieden - das Gemeinsame und Verbin‐ dende in den Prinzipien dieser “Broad Church” der qualitativen Forschung herausarbeiten (Kapitel 3) und so einen Ausgangspunkt gewinnen, um in die grundlegenden Erhebungsverfahren tiefer hineinzugehen. Bezogen auf die grundlegenden Verfahren haben wir mit Experimenten (Kapitel 4) begonnen, weil insbesondere Krisenexperimente für uns einen guten Zugang eröffnen, um Sinn und Zweck der Sozialforschung nachvollziehen zu können. Deren Vorgehensweise, das Gewebe alltäglicher Normen, Er‐ wartungen und informeller Regeln kennen zu lernen, indem man gegen sie verstößt, macht zugleich deutlich, dass die qualitative Sozialforschung auch für die Forschenden nicht äußerlich bleibt. Vielmehr fordert sie heraus, sich auch persönlich einzubringen und eigene Widerstände zu überwin‐ den. Das Gleiche gilt für die Beobachtung (Kapitel 5), insbesondere die teilnehmende Beobachtung. Sie eröffnet nicht nur einen direkten Zugang zum Forschungsfeld, sondern verlangt zugleich auch eine Mitwirkung in diesem Feld. Die Beschäftigung mit der qualitativen Inhaltsanalyse (Kapitel 6) eröffnet dann u. a. eine hermeneutische Perspektive auf empirisches Material und Texte und fördert damit das Einüben einer Kernkompetenz in der qualitativen Forschung: das Zwischen-den-Zeilen-Lesen, das Herausar‐ beiten des Hintergründigen, Nicht-Offensichtlichen. Diese wird in Kapitel 8 mit der Deutungsmusteranalyse weiter vertieft, doch zuvor werden wir in Kapitel 7 noch eine Königsdisziplin der qualitativen Forschung genauer kennenlernen: Das Interview. Auch wenn die Reihenfolge der Darstellung der grundlegenden Erhebungs- und Analyseverfahren nicht zwingend ist und jedes Kapitel für sich stehen kann, ist sie doch so angelegt, dass sie den sukzessiven Erwerb von Kernkompetenzen befördern kann. 1.2 Theoretische Ansätze und Kompetenzerwerb Entlang der Theorien, welche für die qualitative Sozialforschung wegwei‐ send sind, sollen im vorliegenden Lehrbuch verschiedene Kompetenzen eingeübt werden. Sie sollen den Leser*innen helfen, sich im Forschungsfeld zurechtzufinden und nicht nur eigene Erhebungen durchführen, sondern deren Ergebnisse auch einordnen zu können. Während in diesem Kapitel der Zugang zum Thema im Vordergrund steht, ist es in Kapitel 2 die methodologische, erkenntnistheoretische Reflexion der uns entgegenscheinenden Wirklichkeit. Es soll mithilfe einer Bezug‐ 20 1 Einleitung: Einladung zur qualitativen Sozialforschung <?page no="21"?> nahme auf den erkenntnistheoretischen Konstruktivismus eine Reflexion unserer „natürlichen Einstellung“ (wie uns die Welt ganz selbstverständlich erscheint) ermöglichen und die Voraussetzungen schaffen, um die Kernkom‐ petenzen des Interpretierens und Konstruierens einzuüben. In Kapitel 3 werden unter Bezugnahme auf die Phänomenologie Husserls sowie auf die Grounded Theory Kompetenzen der phänomenologischen Reduktion, des Codierens sowie des Theorieaufbaus aus dem Material heraus eingeübt. In Kapitel 4 entwickeln wir erste ethnomethodologische Kompetenzen und lernen, wie wir Alltagssituationen gezielt in die Krise bringen und Experimente durchführen können, um mehr über den Aufbau der sozialen Welt zu erfahren. Zugleich trainieren wir, wie wir unter Bezugnahme auf Goffman die Rahmungen identifizieren können, welche vielen sozialen Situationen zu Grunde liegen (siehe Tabelle 1). - Theoretische Ansätze Kernkompetenzen Kapitel 1 Einleitung - Zugang zum Thema abseits des Methodenstreites kennenlernen Kapitel 2 Konstruktivismus (Kant, Piaget, von Förster, Berger & Luckmann etc.) - Reflexion der „natürlichen Einstel‐ lung“ - Reflexion der „natürlichen Einstel‐ lung“ - Interpretieren und Konstruieren verstehen lernen Kapitel 3 Phänomenologie (Husserl) Grounded Theory (Glaser & Strauss) - phänomenologisch reduzieren - Theorien aus dem Material heraus bauen Kapitel 4 Ethnomethodologie (Garfinkel) Rahmenanalyse (Goffman) - Alltagssituationen kontrolliert in die Krise bringen - Experimente durchführen - Rahmungen von Situationen iden‐ tifizieren Kapitel 5 Symbolischer Interaktio‐ nismus (Blumer, Mead) - Bedeutungszuweisungen in Inter‐ aktionen verstehen - unstrukturiert und strukturiert be‐ obachten 1.2 Theoretische Ansätze und Kompetenzerwerb 21 <?page no="22"?> Kapitel 6 Hermeneutik (Dilthey) - hermeneutisch interpretieren - verschiedene Arten der Inhalts‐ analyse durchführen und kombi‐ nieren Kapitel 7 Wissenssoziologie (Schütz, Berger, Luckmann) - Interviews vorbereiten - Interviewer*innen schulen - Textsorten identifizieren - Interviewfragen gestalten - Interview-Arten kennenlernen Kapitel 8 Deutungsmusteransatz (Oevermann) - Schwierigkeiten bei der Interpre‐ tation von Interviews kennenler‐ nen - hermeneutisch interpretierend Deutungsmuster herausarbeiten Tabelle 1: Theoretische Ansätze und Kompetenzerwerb in den einzelnen Kapiteln In Kapitel 5 lernen wir, auf Bedeutungszuweisungen in Interaktionen zu achten und wie man unstrukturiert sowie strukturiert beobachtet. Kapital 6 dient dem Erwerb von Kompetenzen des hermeneutischen Interpretierens, welche später in Kapitel 8 weiter vertieft werden. Zugleich lernen wir, verschiedene Arten der Inhaltsanalyse durchzuführen und zu kombinieren. Kapitel 7 dient dann dem Kompetenzerwerb rund um das Interview. Wir lernen, Interviews vorzubereiten, Interviewer*innen zu schulen, verschie‐ dene Textsorten einordnen zu können, Interviewfragen zu gestalten und verschiedene Arten des Interviews durchzuführen. Auch Kapitel 8 dreht sich noch ganz um Interviews, aber in diesem lernen wir zum Abschluss, wie wir Interviews interpretieren und welche Fehler wir dabei machen können. Der hermeneutische Kompetenzerwerb wird weiter vertieft und wir lernen die Durchführung eines genuin soziologischen Interpretationsverfahrens, die Durchführung der Deutungsmusteranalyse kennen. Wenn wir das alles durchlaufen haben, ist ein erster Kompetenzerwerb in der qualitativen Sozialforschung möglich geworden und wir sollten dann in der Lage sein, selbstständig ins Feld zu gehen. In der Praxis der qualitativen Sozialforschung können wir dann die frisch erworbenen Kompetenzen anwenden und weiter vertiefen. 22 1 Einleitung: Einladung zur qualitativen Sozialforschung <?page no="23"?> 2 Erkenntnistheoretische Grundlagen der qualitativen Sozialforschung In der ersten Lerneinheit wollen wir die wissenschaftstheoretischen Grund‐ lagen für die qualitative Sozialforschung (QS) legen. Dies ist wichtig, weil große Teile der qualitativen Sozialforschung nur auf der Grundlage einer ausgeführten Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie zu verstehen sind. Wir werden deshalb nach einer kurzen Einleitung verschiedene Disziplinen dazu befragen, welche erkenntnistheoretischen Stellenwert sie dem Vorgang des Interpretierens und Konstruierens von Wirklichkeiten - der im Mittelpunkt der qualitativen Sozialforschung steht - zuweisen. Wir wandern dabei von den kognitiven Grundlagen der Wirklichkeitswahrnehmung unserer Gattung (Wahrnehmungspsychologie (2.2), philosophische Erkenntnisthe‐ orie (2.3), Kognitionspsychologie (2.4) und Neurophysiologie (2.5)) zu den sozialen und gesellschaftlichen Faktoren in ihrem Einfluss auf unsere Wirklichkeitswahrnehmung (Sozialpsychologie (2.6) und Soziologie (2.7)). Wir tun dies, um uns Schritt für Schritt von der alltäglichen Vorstellung zu lösen, dass wir das, was uns umgibt, einfach nur abbilden und uns der Vorstellung näher zu bringen, dass wir Wirklichkeiten durch unsere Interpretationen schaffen - also nicht nur abbilden, sondern konstruieren. Wenn wir dies erkannt haben, dann können wir auch besser verstehen, warum es der Methoden bedarf, um zu rekonstruieren, wie andere dies tun. 2.1 Einleitung: Interpretieren und konstruieren Erst durch unsere Interpretationen schaffen wir Wirklichkeiten und nur insoweit dies unser Erkenntnisapparat ermöglicht. Das hört sich zunächst einfach an, jedoch sind die Schlussfolgerungen, die wir daraus ziehen, weitreichend. Wir wollen uns daher genauer ansehen, was dies für Schluss‐ folgerungen sind und wie diese den Zugang der qualitativen Sozialforschung zur „Wirklichkeit“ bestimmen. Insbesondere der erkenntnistheoretische Konstruktivismus, d. h. die Lehre davon, wie wir Wirklichkeiten konstru‐ ieren, ist daher in seinen unterschiedlichen Spielarten und fachspezifischen Ansätzen Gegenstand dieser ersten Lerneinheit (vgl. nur Berger & Luck‐ mann 1966; Burr 1995; Knoblauch 1995, 2005; Knorr-Cetina 1989; Luhmann <?page no="24"?> 1990, 1996, 1997, von Glasersfeld 1984, 1996; Watzlawick 1984, Pörksen 2011 u. v. a.). Unter Konstruktivismus verstehen wir in einem ersten Zugang hier nur die Überzeugung, dass ein Gegenstand vom Beobachter selbst durch den Vorgang des Erkennens konstruiert wird. Wenn wir morgens die Augen öffnen, sehen wir die Wirklichkeit: klar, eindeutig und für alle, die gesund sind, in unterstellt gleicher Erscheinungs‐ form. Ohne nachzudenken, nehmen wir sie als Abbild unserer Innen- und Außenwelt und finden uns - je nach Müdigkeit - mehr oder weniger gut darin zurecht. Wir wollen dies unsere „natürliche Einstellung“ nennen. Sie lässt uns selbstverständlich denken, dass die Wirklichkeit genau so ist, wie wir sie wahrnehmen. Auch die Vorstellung, dass wir wissen können, was die Realität an sich - und nicht bloß für uns - ist, gehört zu unserer „natürlichen Einstellung“. Wenn wir nicht wollen, müssen wir darüber nicht weiter nachdenken und kommen dennoch gut zurecht. Für die Wissenschaft ist aber die Bezugnahme auf unsere natürliche Einstellung nicht hinreichend. Sie kann es nicht dabei bewenden lassen, sondern stellt vielmehr infrage, ob unsere Realität die „Realität an sich“ ist und wie wir dies denn wissen können. Für die Sozialwissenschaften rückt mit dieser Hinterfragung durch die Erkenntnistheorie das große Thema der „Interpretation“ in den Vordergrund. Diese sind in der Regel der Überzeu‐ gung: Das, was uns umgibt, kann nicht einfach von uns gespiegelt werden, sondern die Erkenntnis unserer Umgebung ist ein produktiver Prozess des Interpretierens, der nicht nur von den Merkmalen der Umgebung, sondern auch von uns beeinflusst wird. Erst durch die selbsttätige Interpretation dessen, was uns umgibt, halten wir den Schlüssel zu unserer Erkenntnis der Welt in Händen (vgl. Berger & Luckmann 1966). Und genau diesen sozialen und gesellschaftlichen Regeln und Logiken der Interpretation wollen wir nachgehen, um die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit zu verstehen. Lernziel: Das erste Lernziel für diese Lerneinheit ist es also zu verstehen, wie wir interpretierend Wirklichkeiten schaffen. Im Durchgang durch verschiedene Disziplinen geben wir Antworten auf die Frage, wie wir Dinge interpretieren und was diese Interpretationen beeinflusst. Indem wir dies tun, hinterfragen wir zugleich unseren „natürlichen“ Zugang zur Wirklichkeit. Um dieses Lernziel zu erreichen, machen wir wie gesagt einen Spazier‐ gang durch verschiedene Disziplinen, immer mit dem Blick darauf, was 24 2 Erkenntnistheoretische Grundlagen der qualitativen Sozialforschung <?page no="25"?> sie zum „Erschaffungsprozess“ von Wirklichkeiten zu sagen haben. Dabei beginnen wir mit einigen bekannten Wahrnehmungsexperimenten, um zu verstehen, was unsere Wahrnehmung beeinflusst und wie sie sich „täuschen“ lässt. 2.2 Wahrnehmungspsychologie Wir beginnen unsere Überlegungen mit ein paar Übungen zur Wahrneh‐ mungspsychologie. Mithilfe dieser Übungen können wir sehen, wie unser Gehirn sich vergleichsweise einfach „täuschen“ lässt. Wenn aber unser Gehirn sich so einfach täuschen lässt, so lautet unsere weiterführende Frage, wie können wir dann sicher sein, dass es nicht sonst auch eine „Täuschung“ produziert anstatt die „Realität an sich“ abzubilden? Für diese erste Verunsicherung unseres Alltagsdenkens ziehen wir ein paar gut bekannte Wahrnehmungsexperimente heran. Wir sehen etwas anders als in der Abbildung oder springen von einer Wahrnehmung auf die andere, wie dies zum Beispiel bei Vexierbildern der Fall ist. Oder wir sehen Dinge, welche in der Abbildung gar nicht dargestellt sind. Das Feld der optischen Täuschungen ist ein weites und wir beginnen mit einer Abbildung, welche im Internet viel geteilt wurde: die schwebende Mülltonne. Abbildung 1: Optische Täuschung I Die schwebende Mülltonne. Bildquelle: tz.de 2.2 Wahrnehmungspsychologie 25 <?page no="26"?> Wenn wir die Abbildung der Mülltonne betrachten, dann sehen manche von uns diese wahrscheinlich schwebend, andere auf dem Boden stehend und wieder andere werden sich zwischen beiden Wahrnehmungen hin und her bewegen. Natürlich steht die Mülltonne auf dem Fußgängerweg, aber wenn wir sie einmal schwebend gesehen haben, müssen wir uns schon sehr konzentrieren, um sie dauerhaft auf dem Boden zu halten. Unser Gehirn hält auch wider besseres Wissen an bestimmten Voreinstellungen fest. Die nächste optische Täuschung gehört zu den klassisch gewordenen Beispielen. Wenn wir zwischen zwei gleich langen Strichen eine Perspektive von nah und fern einbauen, sehen wir den hinteren Strich viel größer, weil unser Gehirn weiter Entferntes kleiner wahrnimmt und deswegen im Umkehrschluss gleich Großes in der Ferne als größer erscheint. In der perspektivischen Verzerrung (siehe Abbildung 2) erscheint uns der hintere fett gedruckte Strich, der die Raumecke bildet, länger als der vordere. Tatsächlich aber sind sie in der Abbildung genau gleich lang. Abbildung 2: Optische Täuschung II Müller-Lyer-Illusion Bildquelle: Perspectiva Nociones Auf Abbildung 3 sehen wir schräge Linien, tatsächlich aber verlaufen die Linien parallel zueinander. Und auf Abbildung 4 haben wir das Vergnügen mit einer weiteren berühmten Müller-Lyer-Illusion. Beide Linien sind gleich lang. Aber ein Kontexteffekt ist dafür verantwortlich, dass für die meisten von uns die untere Linie als länger erscheint. 26 2 Erkenntnistheoretische Grundlagen der qualitativen Sozialforschung <?page no="27"?> Abbildung 3: Optische Täuschung III. Bildquelle: pixy.org Eine wahrnehmungspsychologische Erklärung beruht auch hier wieder auf der Deutung als perspektivische Darstellung: „Die stumpfen Winkelspitzen könnten wie der Blick auf die entfernte Ecke eines Raumes wahrgenommen werden, diese Kontur wäre weiter entfernt und würde damit als ‚größer‘ interpretiert; die Kontur mit spitzen Winkeln könnte wie die vorspringende Kante (z. B. die Hausecke eines quadratischen Gebäudes) wahrgenommen werden, diese Kontur wäre dann näher und würde bei gleicher Länge als ‚kleiner‘ interpretiert“ (Spektrum 2000: Lexikon der Neurowissenschaft: Apolare Nervenzelle). Abbildung 4: Optische Täuschung IV Müller-Lyer-Illusion. Bildquelle: Wikimedia Commons Wir können mittels der optischen Täuschungen also sehen, wie unser Gehirn sich täuschen lässt. Dies ist ein erstes Indiz dafür, dass unser Wahrnehmungsapparat „Wirklichkeit“ für uns schafft und nicht einfach die Wirklichkeit außerhalb von uns abbildet oder spiegelt. Also nochmal: Wenn unser Gehirn sich also täuschen lässt, wie können wir sicher sein, dass unsere Wahrnehmung der Welt nicht selbst das Produkt einer Täuschung ist? 2.2 Wahrnehmungspsychologie 27 <?page no="28"?> Die Antwort darauf lautet im erkenntnistheoretischen Konstruktivismus: gar nicht. Wir wissen nur, dass wir uns in der Welt, so wie sie uns erscheint, zurechtfinden, aber nicht, wie sie für sich selbst beschaffen ist. Schon bei wissenschaftlichen Überlegungen zu Zeit und Raum, bei Einsteins Relativi‐ tätstheorie oder bei der Quantenphysik hat das Gehirn von vielen von uns große Verständnisprobleme, weil die Welt, wie sie die Wissenschaft darstellt, für uns kaum mehr begreifbar ist. Wir können die Welt an sich nicht erkennen, sondern nur das, was wir mittels unseres Beobachtungsapparats sehen. Inwiefern dies mit der Welt an sich übereinstimmt, könnten wir nur erkennen, wenn wir eine dritte Position einnehmen könnten, welche sowohl die Welt an sich als auch unsere Beobachtung untersuchen könnte, um mögliche Übereinstimmungen oder Abweichungen festzustellen. Aber eine solche Position gibt es für uns nicht. Insofern ist die Beobachterab‐ hängigkeit unserer Erkenntnis für uns eine grundlegende Tatsache, die es zu berücksichtigen gilt. Auch die moderne Physik baut heute auf der Beobachterabhängigkeit der Erkenntnis auf. „Nach der Interpretation von Werner Heisenberg, einem der Pioniere der Quantenmechanik, sind Dinge erst dann real, wenn sie beobachtet werden. Er hielt es für nicht mehr möglich, ‚zur Vorstellung einer objektiven realen Welt zurückzukehren, deren kleinste Teile in der gleichen Weise objektiv existieren wie Steine oder Bäume, gleichgültig, ob wir sie beobachten oder nicht‘“ (An-anthaswamy 2018). Das heißt zum einen, was uns als Gattungswesen Mensch als Wirklichkeit erscheint, muss für andere beobachtende Lebewesen - seien das Bienen, Hunde oder Spinnen - keine gleiche oder ähnliche Wirklichkeit sein. Zum anderen bedeutet dies aber auch, dass unsere Beobachtung das Phänomen für uns erst schafft bzw. konstituiert. Dies ist auch in der Physik bekannt: So lässt sich ein Photon als Teilchen oder als Welle beobachten und verhält sich, je nachdem, wie man es beobachtet, als Teilchen oder als Welle (vgl. Ananthaswamy 2018). 2.3 Ein kurzer Blick in die Philosophie In der Philosophie gehört dies bereits seit der antiken Philosophie zum Wissensbestand (vgl. z. B. Mansfeld & Primavesi 2011: 231, 239; Honerkamp 2019) und wurde dann von Immanuel Kant in der „Critik der reinen Vernunft“ (1787) sehr klar aufbereitet. 28 2 Erkenntnistheoretische Grundlagen der qualitativen Sozialforschung <?page no="29"?> Critik der reinen Vernunft, Titelblatt der Erstausgabe 1781 Bildquelle: Wikipedia.org Immanuel Kants „Critik der reinen Vernunft“ war die kopernikanische Wende in der Erkenntnistheorie (vgl. Kant 1787: XVI, XVII). Sie machte deutlich, dass wir nur das erkennen können, was unsere Verstandeskategorien uns selbst vorgeben (vgl. Kant 1787: VVIII). Wenn diese Gefäße wären, mit denen wir Wirklichkeit schöpfen würden, um ein viel zu statisches Bild der Erkenntnis‐ produktion zu verwenden, dann würden wir eben nur verfügbar haben, was in diese Gefäße passt. Das große Meer des Anderen bliebe uns verborgen. Zwar klammerte Kant noch die Apriori von Zeit und Raum (vgl. Kant 1787: 73ff.) aus, aber es wurde klar, dass wir nur eine Realität für uns haben, aber keinen Zugang zu den „Dingen an sich selbst“, zur Realität an sich haben können (vgl. Kant 1787: XX, XXI; Hervorhebung M.P.). Alle derzeitigen Erkenntnistheorien, so unterschiedlich sie sein mögen, gehen nicht hinter Kants Diktum zurück: „daß die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt“ (Kant 1787: XIII). „Allein die Verbindung (conjunctio) […] kann niemals durch die Sinne in uns kommen […] denn sie ist ein Aktus der Spontanität der Vorstellungskraft […] eine Verstandeshandlung“ (Kant 1787: 129 f.). Das heißt, selbst wenn unsere Sinneseindrücke die Wirklichkeit angemessen wiedergeben würden, wäre die Verbindung der verschiedenen Sinneseindrücke ein Akt des selbsttätigen Schaffens einer Vorstellung von der Wirklichkeit. Um dies selbst zu erfahren, wenden wir eine kleine Übung an: 2.3 Ein kurzer Blick in die Philosophie 29 <?page no="30"?> 1 Bildquelle: Creative Commons Xsphere. Übung 1: Die Verbindung der Sinne 1 Wir lassen uns von einer anderen Person die Augen verbinden und diese ei‐ nen für uns unbekannten oder ungewohnten, außeralltäglichen Gegenstand heraussuchen. Die Person legt diesen Gegenstand in unsere Hände und wir müssen erraten, um was es sich handelt. Wir lassen uns dabei beobachten und überlegen, welche Sinne wie ins Spiel kamen und ggf. die Erkenntnis brachten. Hinweise zur Beantwortung 1: Die Verbindung der Sinne Wir werden voraussichtlich feststellen, dass wir Zeit brauchen, um den Ge‐ genstand zu identifizieren und dass wir ganz verschiedene Sinne anwenden - hören, riechen, schmecken, fühlen -, um der Identität des Gegenstandes auf die Spur zu kommen. Erst die Verbindung unserer Sinne wird die Erkenntnis bringen und wir können erkennen, dass diese durch unsere Verstandestätigkeit hervorgebracht wird - und nicht durch den Gegenstand selbst. Wenn das geklappt hat, haben wir einen ersten Zugang zu Immanuel Kant gewonnen. Wir müssen uns hier mit diesem kurzen Blick in die Erkenntnistheorie Kants begnügen, aber vertiefen unser Thema weiter mit Blick auf die Entwicklungspsychologie, welche uns lehrt, dass unser Gehirn nicht per se die äußere Welt abbildet und spiegelt, sondern sich erst nach und nach in bestimmten Entwicklungsstufen bestimmte Formen der Wahrnehmung und Konstruktion von Wirklichkeiten herausbilden. Auch die Hermeneutik ist ein wesentlicher Bestandteil des Kanons sozialwissenschaftlicher Ansätze, die sich mit den Erkenntnissen der phi‐ losophischen Erkenntnistheorie in der qualitativen Sozialforschung ausei‐ nandersetzen. Sie bildet die philosophische Grundlage für das qualitative Forschungsparadigma des Verstehens (Verstehen vs. Erklären) und wird daher im Folgenden (Kap. 6.4) ausführlicher behandelt. Die Hermeneutik ist ein entscheidender Schlüssel, um Max Webers Forderung nach „deutendem Verstehen“ und die Methodologie der Geisteswissenschaften in der Sozial‐ forschung zu legitimieren. 30 2 Erkenntnistheoretische Grundlagen der qualitativen Sozialforschung <?page no="31"?> 2 „Auf dem Niveau der sensomotorischen Handlungen geht es noch nicht um die Konstruktion einer Wirklichkeit, sondern einzig und allein um Erfolg in der praktischen Anpassung, das heißt um die Entdeckung eines Wegs, Perturbationen zu neutralisieren und ein zumindest vorübergehendes inneres Gleichgewicht zu erreichen. Auf dem Niveau der begrifflichen Operationen hingegen hat das sprachliche oder begriffliche Denken die Aufgabe, Wahrheiten zu erkennen, zu formulieren und miteinander in einem widerspruchslosen Netzwerk zu vereinen, das mit den eigenen bisherigen Erfahrungen und sozialen Interaktionen kompatibel ist“ (Piaget 1937: 316). 2.4 Die Kognitionspsychologie von Jean Piaget Wandern wir daher weiter zu Jean Piaget (1896-1980), einem bekannten Schweizer Entwicklungspsychologen und Biologen, und seiner Erkenntnis‐ theorie. Auch für Piaget (1937) war unter Rückbezug auf Kant klar, dass es „dem erlebenden Subjekt unmöglich ist, eine objektive Welt zu erkennen, wie sie wäre, bevor sie erlebt wird“ (von Glasersfeld 2011: 99 f.). Es baut sich vielmehr eine mehr oder weniger stabile Erlebenswelt als Wirklichkeit auf und geht dabei auf die begrifflichen Konstruktionen zurück, welche ihm im jeweiligen Entwicklungsstadium möglich sind (vgl. von Glasersfeld 2011: 100). 2 Piaget führte zahlreiche, oft replizierte Wahrnehmungsexperimente unter anderem mit seinen eigenen Kindern durch, um zu verdeutlichen, dass Erkenntnis nicht nur auf Anpassung an eine äußere Umwelt beruht, sondern auch auf begrifflichen Operationen, welche sich mit dem jeweiligen Entwicklungsstadium verändern. Nehmen wir an, wir spielen mit einem wenige Monate alten Baby. Wir nehmen eine Rassel, spielen mit ihm und lassen diese Rassel dann lautlos hinter einem anderen Gegenstand, einem Sichtschutz verschwinden. Das Baby wird in der Regel nicht hinter dem Gegenstand nach ihm suchen, weil es das Konzept der Objektpermanenz noch nicht entwickelt hat. Springen wir etwas in der Entwicklung und lassen ein Kind unter fünf Jahren eine Orangensaftflasche malen. Wenn die Flasche steht, wird der Flüssigkeitsspiegel richtig wiedergegeben. Aber wenn die Flasche liegt, zeichnen die Kinder die Flasche oft so - selbst wenn sie diese vor Augen haben -, als wäre der Orangensaft gefroren. Der Flüssigkeitsspiegel wird vertikal dargestellt. 2.4 Die Kognitionspsychologie von Jean Piaget 31 <?page no="32"?> Bildquelle: Pixabay.com Oder machen wir Folgendes: Wir nehmen den Orangensaft vor den Augen vierjähriger Kin‐ der und füllen exakt die gleiche Menge in ein breites, wenig hohes Glas und in ein hohes, schmaleres Glas (vgl. Mietzel 1998). Welches Glas werden die Kinder bevorzugen, wenn sie Orangensaft mögen? Das höhere. Es sieht für Sie einfach nach mehr aus. Auch wenn die Flüssigkeitssäule in dem einen Glas höher, im zweiten Glas niedriger aussieht, berücksichtigt erst das sieben- oder achtjährige Kind sowohl Höhe als auch Breite. Piaget hat eine Vielzahl solcher Versuche durchgeführt. Sie zielen darauf, dass unsere Wirklichkeitswahrnehmung von unserer kognitiven Entwick‐ lung abhängt (vgl. Piaget & Inhelder 1968: 66; Piaget 1974: 27). Diese verläuft nach Piaget in Stufen und Phasen, macht aber deutlich, dass Erkenntnis und Wirklichkeit ihrem Wesen nach (Selbst-)Konstruktion sind. Diese besteht im autogenen Aufbau von in der Interaktion mit der Umwelt angeregten Strukturen bzw. im Knüpfen von Beziehungen zwischen Handlungs-, Ope‐ rations- und Begriffsschemata (vgl. Reusser 1996). Dies zeigt sich auch in Zurechnungen, wie sie manche Erwachsene auch noch kennen. So sagt ein vierjähriges Kind zum Beispiel, wenn es sich an der Treppe weh getan hat, dass diese böse sei und sie geschlagen habe. Und auch Erwachsene treten bisweilen noch nach Gegenständen, an denen sie sich weh getan haben. Aber nicht nur der Animismus, also die Vorstellung einer Beseeltheit der Dinge, sondern auch der Egozentrismus verliert sich oftmals nicht in der Erwachsenenwelt. So kann ein 4½-jähriges Kind sagen, ich stampfe mit dem Fuß, damit die Suppe gut ist, oder ein Erwachsener denkt, dass die von ihm priorisierte Mannschaft verlieren wird, wenn er seinen Fan-Schal nicht umlegt. Solche Rationalitäten gehören zu den Vorein‐ stellungen von Wirklichkeitskonstruktionen und zeigen einmal mehr, wie abhängig diese von unserer kognitiven Entwicklung ist. Unsere Realität ist also nicht einfach Abbild der äußeren Welt, in der wir uns befinden, sondern eine selbsttätige Konstruktion nach Maßgabe der Anpassungsvorteile, die wir realisieren können und der uns zur Verfügung stehenden begrifflichen Operationen. 32 2 Erkenntnistheoretische Grundlagen der qualitativen Sozialforschung <?page no="33"?> 3 Heinz von Förster wird u. a. dem „radikalen Konstruktivismus“ zugerechnet, einer Spielart des erkenntnistheoretischen Konstruktivismus, welche von der „Erfindung der Welt“ durch deren Beobachtung ausgeht (vgl. dazu aber auch Bateson 1983; von Glasersfeld 1987, 1992a, 1992b, 1996; Roth 1994; Watzlawick 1976; Watzlawick et al. 1981 und viele andere; für instruktive Zusammenfassungen siehe Schmidt 1991; Fischer et al. 1995; Dettmann 1999). 2.5 Ein Ausflug in die Neurophysiologie Kommen wir zur Neurophysiologie. Hier werden im Anschluss an Immanuel Kant einige zentrale Grundlagen der neueren Erkenntnistheorie gelegt. Zu den zentralen Autoren, die sich auf neurophysiologische Befunde beziehen, gehört u. a. Heinz von Förster (1985, 2006). 3 „Die übliche Annahme ist“, so Heinz von Förster in einem Interview „daß unsere Sinne uns sagen, was draußen in der Welt vor sich geht. Man sagt, sie würden die Welt abbilden, uns über ihre Gestalt und Natur informieren. Ich habe versucht, meine Leser daran zu erinnern, dass schon vor über 150 Jahren der große Physiologe Johannes Müller das Prinzip der ‚spezifischen Nervenenergie‘ ausgesprochen hat. Es besagt, daß die Nerven der verschiedenen Sinne, wie Sehen, Hören, Tasten immer nur die ihnen entsprechenden Empfindungen - Licht, Schall und Druck - hervorbringen, und zwar unabhängig von der physikalischen Natur des Reizes, der diese Empfindung verursacht“ (Pörksen & von Förster 1996). Wie von Heinz von Förster ausgeführt, liegt dem erkenntnistheoretischen Konstruktivismus die neurophysiologische These der „undifferenzierten Codierung“ (von Förster 1993: 30 ff.) zugrunde. Nach dieser These erfassen wir mit unseren Neuronen über die Sinnesorgane einzig die Intensität eines Reizes, aber keine qualitative Bestimmung des Reizes. Das Gehirn entwickelt aus den undifferenzierten Nervenimpulsen selbst Repräsentationen der Wirklichkeit oder anders formuliert: Die Umwelt, die wir wahrnehmen, ist unsere Erfindung. Dies bestätigen auch neuere Befunde der Hirnforschung. Der Hirnfor‐ scher Matthias Ekman von der Radboud-Universität in Nijmegen beobach‐ tete z. B. die Nervenaktivität in der Sehrinde. Seine Versuchspersonen sahen auf einem Bildschirm, wie sich ein Lichtpunkt in vier Schritten von links nach rechts bewegt, immer und immer wieder. Hunderte Male. Da die Forschenden nur diese kleine Hirnregion untersuchten, konnten sie gut messen und einen kurzen Film direkt aus dem Gehirn aufzeichnen. „Dann sieht man eben, wie erwartet diese vier Punkte erscheinen. Spannend 2.5 Ein Ausflug in die Neurophysiologie 33 <?page no="34"?> Bildquelle: Amazon.de wurde es, als Matthias Ekmann dann den Punkt nicht in der gewohnten Vierersequenz erscheinen ließ, sondern nur einmal in der Anfangsposition am linken Rand. Und da könnte man sagen, ok dann sollte das Gehirn auch nur einen Punkt abbilden, weil das ist ja das, was gezeigt wird. Aber was wir gefunden haben, ist, dass der visuelle Kortex alle vier Punkte zeigt. Das heißt, von dem Startpunkt aus komplementiert er die Sequenz so, dass dort vier Punkte auch zu sehen sind“ (Wildermuth 2017). [[IconUps]]Auch wenn die Signale etwas schwächer sind und eher als eine Art Geisteraktivität erscheinen: Realität und Nervenaktivität klaffen auseinander. Wahrnehmung hat also nicht nur etwas mit der Welt zu tun, sondern auch mit den Erwartungen des Gehirns. Auch hier ist die Lehre eindeutig: Wir sehen nicht nur mit den Augen, sondern vor allem mit dem Gehirn. So werden beispielsweise in den Büchern von Oliver Sacks reale neuropathologische Fälle geschildert, in denen Störungen oder Erkrankun‐ gen des Gehirns weitreichende Folgen für die Wahrnehmung hatten. Die Titel, wie z. B. „Der Tag, an dem mein Bein fortging“ (1989) oder „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“ (2010), sprechen dabei für sich. Sie können uns hel‐ fen zu verstehen, wie sehr „unsere Wirklichkeit“ von unserem Wahrnehmungsapparat bestimmt wird. 34 2 Erkenntnistheoretische Grundlagen der qualitativen Sozialforschung <?page no="35"?> 4 Die synaptischen Gewichte, mit denen ein Neuron eine bestimmte Decodierungsfunk‐ tion realisieren kann, hängen empfindlich davon ab, in welcher Weise die auszulesende Information codiert ist. Seit vielen Jahrzehnten ist die hier vorherrschende Lehrbuch‐ meinung, dass Neurone Informationen maßgeblich durch ihre „Feuerraten“ codieren, also durch die mittlere Anzahl von Spikes innerhalb eines bestimmten Zeitfensters. Auf der Grundlage dieser einfachen Ratenhypothese konnte das Verhalten vieler Nerven‐ zellen erfolgreich beschrieben und erklärt werden. Jedoch haben Forschungsergebnisse innerhalb der vergangenen zwei Jahrzehnte in zunehmendem Maße ein komplexeres Bild neuronaler Repräsentationen gezeichnet, in dem auch andere Parameter der Aktivität, wie zum Beispiel die genauen zeitlichen Abstände zwischen den Spikes verschiedener Zellen erhebliche Information über physikalische Reize mit sich führen können. Die schon lange und kontrovers geführte Debatte, so Robert Gütig vom Max-Plank-Institut für experimentelle Medizin 2014, ob und wie Nervenzellen solche komplizierteren Repräsentationen von Informationen überhaupt auslesen können, wurde durch diese Ergebnisse weiter angefacht (vgl. Gütig 2014). Bildquelle: Wikimedia.org Schon lange ist bekannt, dass ein Großteil der Kommunikation zwischen Nervenzellen über „Aktionspotenziale“ oder auch „Spikes“ genannte elektrische Impulse vermittelt wird (vgl. Quiroga et al. 2005). Bei menschlichen Versuchspersonen hat man zum Beispiel über Nervenzellen berichtet, die ihre Synapsen so eingestellt hatten, dass sie immer dann aktiv wurden, wenn bestimmte berühmte Personen des öffentlichen Lebens in ihrem „Sichtfeld“ erschienen. Die sog. „Bill-Clinton-Zelle“ begann immer dann - und anscheinend auch nur dann - Spikes zu generieren, wenn den Proband*innen eine Abbildung des ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton vorgelegt wurde (Quiroga et al. 2005). 4 Unser Gehirn fertigt ein Bild auch entlang seiner Erwartungen an und hat dazu keine qualitativen Informationen von den Dingen aus seiner Umwelt, nur Frequenzen und Intensitäten. 2.5 Ein Ausflug in die Neurophysiologie 35 <?page no="36"?> Bildquelle: Pixabay.com Bevor wir uns jedoch auf unserem Spa‐ ziergang mit einer weiteren Disziplin beschäftigen, möchten wir mit einem beliebten Missverständnis aufräumen: Der erkenntnistheoretische Konstrukti‐ vismus hat in unserer Lesart nichts mit der Beliebigkeit oder einer individuellen Wählbarkeit der Wirklichkeitskonstruk‐ tionen zu tun. Pörsken (2011: 26, Fn. 15) schreibt dazu: „Die Einwände, die gegen den Konstruktivismus vorgebracht wurden und werden, sind massiv; […] der Konstruktivismus begünstige eine ethisch-moralische Beliebigkeit, so heißt es; man propagiere ein modisches ‚anything goes‘ und einen haltlosen Relativismus“ (Pörsken 2011: 26, Fn. 15). Unseres Erachtens wird aber gerade im kognitionsorientierten Konstruktivismus klar, dass wir uns leider - frei nach Pippi Langstrumpf - die Welt nicht einfach machen können, wie sie uns gefällt (vgl. Efraimstochter 2020). Für uns als Gattungswesen Mensch ist die Wirklichkeit, wie sie unseren Sinnen erscheint, nicht einfach dekonstruierbar. Sie kann nicht einfach von jetzt auf gleich grundlegend verändert werden. Wenn wir die Augen schließen - machen Sie es ruhig für ein paar Sekunden - und uns vornehmen, sie zu dekonstruieren und sie dann wieder öffnen, dann werden wir feststellen, dass unsere Wirklichkeits‐ wahrnehmung durch unseren Wahrnehmungsapparat weitgehend determiniert ist. Wir müssten schon bewusstseinsverändernde Drogen nehmen oder uns einer Gehirnoperation unterziehen, um diese Determination aufzuheben. Der springende Punkt ist vielmehr, dass wir wissen können, dass für andere Gattungen die Welt qualitativ ganz anders beschaffen ist und ganz anders erscheint. So können Bienen und Adler beispielsweise im ultravio‐ letten Bereich sehen (vgl. Sartorius 2009). Auch für Katzen und Hunde sieht die Welt ganz anders aus. Sie hören, riechen, sehen und spüren ganz andere Dinge. Und dies sind nicht einfach Unterschiede in den Ausschnitten der Wahrnehmung, sondern es bedeutet eine qualitativ ganz andere Realität. Da wir wissen, dass diese anderen Welten existieren, wissen wir auch, dass wir als Gattungswesen Mensch mit den Mitteln unseres Wahrneh‐ mungsapparates unsere eigenen Wirklichkeiten schaffen. Genau auf dieses Wissen von der Relativität bzw. Beobachterabhängigkeit unserer Erkenntnis zielt der erkenntnistheoretische Konstruktivismus ab. 36 2 Erkenntnistheoretische Grundlagen der qualitativen Sozialforschung <?page no="37"?> Nach diesen kognitionsorientierten Zugängen wenden wir uns nun den kulturalistischen, konkreter: auf gesellschaftliche und soziale Faktoren zielenden Spielarten des erkenntnistheoretischen Konstruktivismus zu. Hier sind vor allem Studien und Experimente zum Thema sozialer Druck in Gruppen, Effekte von Hierarchien und von Konformismus auf die Art und Weise, wie wir die Welt sehen, bekannt geworden. Sie haben ihr zuhause in der Sozialpsychologie, aber teilweise auch in der Soziologie. Bevor wir daher zum Ende dieses Kapitels in die Soziologie einmünden, statten wir der Sozialpsychologie noch einen kurzen Besuch in dieser An‐ gelegenheit ab. Damit nähern wir uns bereits den sozialen Kontextfaktoren, welche die Wirklichkeitswahrnehmung beeinflussen und stoßen damit auch die Tür zum Sozialkonstruktivismus auf. 2.6 Sozialpsychologie Wir wollen mit einem historischen Beispiel beginnen, welches uns die Rolle von Gruppendruck und Konformismus für die Art und Weise, wie Menschen die Welt sehen und in ihr handeln, auf tragische Weise näherbringen kann. Manche von Ihnen haben vielleicht die bekannt gewordene Studie von Christopher Browning (1993) mit dem Titel „Ganz normale Männer“ zur Kenntnis genommen. Sie handelt von Erschießungen von sog. Partisanen und Juden im polnischen Hinterland durch das Reserve-Polizei-Bataillon 101, das zwischen 1941 und 1943 im Rahmen des Unternehmens Barbaro ssa in Osteuropa mindestens 38.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder erschossen hatte. Ihr Vorgesetzter, ein Major, stellte es ihnen frei, sich nicht an den Erschießungen zu beteiligen. Es zeigte sich aber in erschreckender Weise, dass nur wenige von dieser Möglichkeit Gebrauch machten. Zunächst meldeten sich nur ein Dutzend von ca. 500 Männern, um nicht bei den Exekutionen mitmachen zu müssen (Browning 2002 [1993]: 105). Obwohl es sich um Erschießungen aus großer Nähe handelte und die Täter keine bekennenden Nazis waren - sondern Familienväter, die bei der Polizei Dienst taten -, war der Konformitätsdruck und Gruppenzwang so groß - so erklärt es zumindest Browning -, dass die weitaus meisten sich an den Erschießungen von älteren Männern, Frauen und Kindern beteiligten. Zwischen 10 % und 20 % der eingeteilten Schützen baten zu einem späteren Zeitpunkt um Ablösung von den Exekuti‐ onskommandos (Browning 2002 [1993]: 108). Die Wahrnehmung der Taten, 2.6 Sozialpsychologie 37 <?page no="38"?> der polizeilich-militärischen Verpflichtung sowie der Opfer war durch die kulturellen Umstände und die sozialen Kontextfaktoren offensichtlich so geprägt, dass diese menschenverachtenden Erschießungen durch „ganz normale Männer“ auch ohne sog. „Befehlsnotstand“ möglich wurden (siehe dazu auch Welzer 2009; Kühl 2014). Dies kann als ein erster Hinweis dafür dienen, wie soziale Kontexte unsere Art zu denken und zu handeln prägen können. Dazu gibt es auch eine Vielzahl bekannt gewordener sozialpsychologi‐ scher Experimente, welche die Faktoren, die dabei ins Spiel kommen, genauer bestimmen und messen. Wir gehen hier nicht auf die Diskussionen und die Kritik ein, die diese Experimente ausgelöst und erfahren haben. Wir führen sie hier nur an, um die Effekte zu illustrieren, welche soziale Kontexte für die Art und Weise haben, wie wir Dinge sehen und als Wirklichkeiten wahrnehmen, die dann auch unser Handeln beeinflussen. So brachte z. B. Solomon Asch in einem bekannten Experiment (1951) nach einer Reihe von Einzelsitzungen die Teilnehmenden in Gruppen zusammen und ließ sie gemeinsam über die Länge von Strichen urteilen. Jede Gruppe bestand aus einer Versuchsperson und sieben Helfenden, die Asch ohne Wissen der Proband*innen instruiert hatte. „Die Helfer begannen nun einstimmig falsche Antworten zu geben. Kurze Striche nannten sie lang, lange kurz. Und die nichts ahnenden Versuchspersonen? Sie schlossen sich an. Dieselben Probanden, die vorher ohne zu zögern die Linien vor ihren Augen richtig zuordnen konnten, erklärten jetzt Striche, die nach ein paar Fingerbreiten endeten, für länger als solche, die sich fast über die ganze Seite erstreckten. Nicht einmal jede vierte Versuchsperson schaffte es, dem Zureden der Helfer zu widerstehen“ (Klein 2018). Auch das berühmt gewordene, erstmals 1961 durchgeführte Milgram-Ex‐ periment gehört in diese Reihe (Milgram 1963, 1997 [1974]). Es wurde 2017 von Forschenden von der SWPS University of Social Sciences and Huma‐ nities in Polen repliziert (vgl. Hauschild 2017). Sie haben das Milgram-Ex‐ periment mit 80 Landsleuten wiederholt. Die Gruppe der Teilnehmenden war gemischt, Männer und Frauen von 18 bis 89 Jahren alt, Schüler*innen, Studierende, Berufstätige, Rentner*innen. Die Proband*innen erhielten wie im Original die Rolle der Lehrperson. Ihr Schüler sollte Silbenpaare lernen und korrekt wiedergeben. Wann immer er einen Fehler machte, sollte die Lehrperson ihm über einen Knopf einen Stromstoß geben - beim ersten Fehler nur 15 Volt, bei jedem weiteren 15 Volt mehr, in zehn Stufen. In Wahrheit war der Schüler, wie schon bei Milgram, ein eingeweihter 38 2 Erkenntnistheoretische Grundlagen der qualitativen Sozialforschung <?page no="39"?> Schauspieler, der mitunter aufstöhnte, wenn er einen vermeintlichen Schock erhielt. Wie sich die Proband*innen verhielten, erschreckte die Forschenden: Nur ein Viertel äußerte während des Experiments Zweifel oder Unbehagen, nur acht brachen es ab. 72 der 80 Teilnehmenden gingen bis zur höchsten Stromstufe (vgl. Hauschild 2017; Drinkard 2017). Die Experimente zeigen in dem wichtigen Aspekt der Konformität auf, wie sehr der soziale Kontext die Art und Weise beeinflusst, wie wir Dinge sehen und als Wirklichkeiten wahrnehmen, welche dann auch unser Handeln beeinflussen. Die Illustration dieser Effekte durch sozialpsychologische Experimente soll uns helfen, nun einen Schritt weiter in die Richtung der sozialen Bedingtheit von Erkenntnis, der gesellschaftlichen Konstruktion von Wirklichkeit zu gehen. Damit sind wir bei der Sozio-logie angelangt. 2.7 Soziologie In der Soziologie ist die Auswahl der Ansätze groß, welche sich auf den er‐ kenntnistheoretischen Konstruktivismus beziehen. Wir wählen hier für un‐ sere Zwecke einen Ansatz aus, welcher in der Soziologie klassisch geworden ist und häufig qualitativen Methoden zugrunde liegt: den Sozialkonstrukti‐ vismus von Berger und Luckmann mit ihrem Vorläufer bei Alfred Schütz. Da man mit der Literatur zu diesen Klassikern ganze Bibliotheken füllen kann, konzentrieren wir uns hier nur auf deren Bezüge zum erkenntnistheoreti‐ schen Konstruktivismus. Als wissenssoziologische Herangehensweise wird der Ansatz ausführlicher im Abschnitt 2.7.1 Wissenssoziologie vorgestellt. Die wissenssoziologische Herangehensweise von Alfred Schütz sowie Peter L. Berger und Thomas Luckmann hat zum Ausgangspunkt, dass die selbstproduzierte Sozialordnung von deren Teilnehmenden als „objektive“, „äußerliche“ und quasi „naturgegebene“ erfahren wird (vgl. Berger & Luck‐ mann 2018; Weiß 2014). Dabei spielt das Lebensweltkonzept von Alfred Schütz eine tragende Rolle. Bestimmte Deutungsweisen und Typisierungen werden von uns im Prozess des Aufwachsens angeeignet. Der Sozialkonstruktivismus hebt dabei die sozialen Kontexte in ihrem Einfluss auf unsere Wirklichkeitswahrnehmung und die kommunikative Verfasstheit unserer Wirklichkeit besonders hervor. Nicht nur die Indivi‐ duen, sondern auch die Gesellschaften selbst erzeugen Wirklichkeiten (vgl. 2.7 Soziologie 39 <?page no="40"?> Siebert 2020). Wir konstruieren unsere Wirklichkeit gemeinsam mit anderen in unseren sozialen Milieus und entlang des zur Verfügung stehenden kollektiven Deutungswissens in der Gesellschaft. Wir müssen uns als Erwachsene im Alltag keine Gedanken darüberma‐ chen, was z. B. ein Stuhl ist, sondern für uns ist es selbstverständlich, wie wir ihn verwenden. Wenn wir also Präsenzlehre haben, dann setzen sich die meisten von uns - ohne nachzudenken - auf einen Stuhl und harren der Dinge, die da kommen. Wir könnten aber auch auf dem Stuhl stehen, Handstand machen oder auf ihm tanzen. Oder wir könnten uns auf den Boden setzen. Aber das würden wir, ohne groß nachzudenken, nicht tun. Selbst das Kunststück, während der 90 Minuten, die ein Seminar oder eine Vorlesung dauert, halbwegs ruhig auf dem Stuhl zu sitzen, ist für uns selbstverständlich geworden. Während Unterricht auch im Gehen möglich wäre, ist es für uns klar, dass wir sitzen, zuhören, mitschreiben und erst danach unsere weitergehenden Bewegungsimpulse oder Bedürfnisse befriedigen. Wichtig ist, dass diese lebensweltliche Selbstverständlichkeit zu unserem kollektiven Wissensvorrat gehört. Es sind nicht nur einzelne von uns, die sich so verhalten, sondern selbst in einer sehr großen Vorlesung lässt sich der wundersame Vorgang dieser selbstverständlich disziplinierten Nutzung der Stühle oder Sitzreihen - wenn genügend vorhanden sind - mit großer Zuverlässigkeit beobachten. Diese Schematisierung oder Rahmung ist intersubjektiv so fest verankert, dass andere Formen der Nutzung Befrem‐ den, Kopfschütteln oder bei anhaltender Abweichung Sanktionen auslösen würden. Dabei wissen wir heute, dass nicht dauerhaftes Sitzen, sondern ganz im Gegenteil Bewegung das Lernen und die Konzentrationsfähigkeit fördert (vgl. Ameri 2001; Walk 2011). Es sind also kognitive und normative Muster, welche unser All‐ tagswissen konstituieren und institutionelle Ordnungen (wie die Sitzordnung) für uns schaffen. Dadurch etablieren sich feste Formen der Wirklichkeitswahrnehmung, welche auch unser Handeln orien‐ tieren. Diese von uns selbst gemachte Beschaffenheit einer Ordnung, welche uns dann als Sitzordnung objektiviert entgegentritt, war ein wichtiger Ausgangspunkt der Arbeiten von Alfred Schütz sowie Peter L. Berger und Thomas Luckmann (vgl. Schütz & Luckmann 2017; siehe auch Kapitel 3). 40 2 Erkenntnistheoretische Grundlagen der qualitativen Sozialforschung <?page no="41"?> Die Lebenswelt wird also für Alfred Schütz zum einen durch unsere alltägliche Lebenspraxis geschaffen. Zum anderen stellt sie eine Struktur unseres Bewusstseins dar, nämlich den Vorrat an praktischem Wissen, der uns die aktive Teilnahme am Alltag ermöglicht. Diesen „Wissensvorrat“ erwerben wir im Laufe unseres Heranwachsens, unserer Sozialisation. Er besteht zum überwiegenden Teil aus „Selbstverständlichkeiten“, über die wir gewöhnlich nicht nachdenken bzw. nicht nachdenken müssen (vgl. Legewie 1998/ 99). 2.8 Schlussbemerkung Die Lernfragen zu diesem Kapitel finden Sie unter: https: / / narr/ kwaest.io/ s/ 1469 Das Ziel dieses Kapitels war es, in einem Spaziergang durch verschiedene Disziplinen die für uns „natürliche Einstellung“ der Abbildtheorie der Wirk‐ lichkeit zu hinterfragen und den Boden für das Thema der „Interpretation“ zu bereiten. Denn hier, in der Interpretationsabhängigkeit von Erkenntnis und Wirklichkeitswahrnehmung, liegt eine wichtige Wurzel vieler Ansätze der qualitativen Sozialforschung, mit denen wir uns im Weiteren beschäfti‐ gen. Eine unmittelbare Konsequenz dieser konstruktivistischen Sicht‐ weise ist die Notwendigkeit der forscherischen Reflexivität. Wenn Wirklichkeit und Erkenntnis nicht einfach abgebildet, sondern durch den Interpretationsprozess konstruiert werden, muss die eigene Rolle bei der Wissensproduktion anerkannt und explizit diskutiert werden. Die Ansätze der qualitativen Sozialforschung zielen darauf, an Regeln und Verfahren geknüpfte Interpretationsweisen anzubieten, welche sich von der „natürlichen Einstellung“ und der alltagsweltlichen Interpretation lösen. Diese Loslösung soll zugleich in einer für andere nachvollziehbaren, offenen und transparenten Weise erfolgen, sodass der Vollzug der Interpretation für andere überprüf- und kritisierbar wird. Ob dies in den Interpretationsverfah‐ ren der qualitativen Sozialforschung immer gelingt, ist umstritten, aber eine Zielgröße bleibt es dennoch. Wie sich die qualitative Sozialforschung darin von der standardisierten, auf große Fallzahlen zielenden Sozialforschung unterscheidet, ist Gegenstand des folgenden Kapitels. 2.8 Schlussbemerkung 41 <?page no="42"?> Fragen zur Vertiefung 1 1. Wenn in Sibirien der sprichwörtliche Baum umfällt und niemand sieht zu, ist dieses Geschehen dann Teil unserer Wirklichkeit? 2. Wenn es unwiderlegbare Beweise dafür gibt, dass sich die Erde um die Sonne dreht, wieso ist diese Tatsache dann gebunden an unsere Inter‐ pretation? Denn für jedes Lebewesen ist diese Tatsache doch gleich, ob es davon weiß oder nicht. 3. Welchen Aspekt ergänzt die Soziologie in Bezug auf die anderen hier vorgestellten Ansätze der Erkenntnistheorie? Übung für zuhause 1: Das Abilene-Paradox Stellen Sie sich vor, Sie treffen sich mit Ihren Freunden. Sie wissen nicht so recht, was sie tun sollen. Mia schlägt vor, zum Skatepark unter der Brücke zu gehen, weil sie weiß, dass Linus dort gerne ist. Sie selbst hat darauf keine Lust. Lina geht es ebenso, aber sie hält zurzeit immer zu ihrer Freundin Mia, weil es dieser in der Beziehung zu Linus nicht so gut geht. Lina mag es nicht, mit dem Skateboard zu fahren und kann mit den Leuten im Skatepark nichts anfangen, die sich dort immer zur Schau stellen. Linus selbst hatte Ärger mit einem seiner Skater-Freunde und will dort zurzeit nicht hingehen. Aber Mia zuliebe nickt er, gerade weil ihre Beziehung seit einiger Zeit nicht mehr so gut ist. Auch Jakob, Linus‘ Freund, hat auf einen solchen Ausflug zum Skate‐ park keine Lust und würde lieber zu dem Beach-Volleyball-Feld gehen, wo er letzten Sonntag mit einer der Spielerinnen einen Flirt begonnen hat. Aber wenn drei aus der Gruppe das wollen, fügt er sich der Mehrheit, wie er es immer tut. Seine Zugehörigkeit zur Clique ist ihm wichtig. Auch Sie selbst finden den Vorschlag wenig inspirierend, aber machen mit, weil Sie gerade mit einem Lehrbuch beschäftigt sind und sich nicht selbst Gedanken über eine Alternative machen wollen. Mia sagt: „Also, das scheint eine gute Idee zu sein, oder? “ Alle nicken und machen sich auf den Weg zum Skate-park. Sie machen also als Gruppe etwas, was kein Einzelner in der Gruppe tun wollte. Sie gehen zum Skatepark unter der Brücke und langweilen sich zunächst. Doch dann kommt wider Erwarten Stimmung auf und Sie verbringen gerne Ihre Zeit am Skatepark. Hinterher sagen alle, dass es eine gute Idee war und schön, dass alle dahin wollten. Sie finden, dass es ein gelungener Nachmittag war. Die eigenen Vorbehalte sind schnell vergessen. 42 2 Erkenntnistheoretische Grundlagen der qualitativen Sozialforschung <?page no="43"?> Bitte arbeiten Sie an diesem Beispiel heraus, welche Bedeutung der Ausgang eines Ereignisses auf dessen retrospektive Deutung haben kann (1). Zeigen Sie bitte auf, wie das Geflecht sozialer Beziehungen zu einer Kollektiventscheidung führt, welche nicht durch die Interessen der Einzel‐ nen an einem Skateparkbesuch getragen sind (2). Arbeiten Sie bitte heraus, wie es zur Konformität mit dieser Kollektiventscheidung kommt und diese Konformität in der Lage sein kann, die kollektiven Deutungsweisen des Ereignisses zu beeinflussen (3). Quellen Ameri, Andrew (2001): „Neue Nervenzellen in alten Gehirnen: Eine mögliche Rolle bei Reparatur- und Lernprozessen“, in: Extracta Psychiatrica/ Neurologica 1 (2), S.-12-16. Ananthaswamy, Anil (2018): „Was verrät die Quantentheorie über die Realität? “, in: Spektrum der Wissenschaft, am 26.09.2018 (letzter Aufruf am 01.12.2025). Asch, Solomon E. (1951): “Effects of Group Pressure Upon the Modification and Distortion of Judgment,” in: Harold Guetzkow (Hrsg.): Groups, Leadership and Men, Pittsburgh: Carnegie Press, S.-177-190. 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Geburtstag, Frankfurt am Main: Suhrkamp, S.-570-599. von Förster, Heinz & Bernhard Pörksen (1998): Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners: Gespräche für Skeptiker, Heidelberg: Carl-Auer-Systeme. von Förster, Heinz & Monika Bröcker (2007): Teil der Welt: Fraktale einer Ethik oder Heinz von Foersters Tanz mit der Welt, Heidelberg: Carl Auer. von Glasersfeld, Ernst & Hans Rudi Fischer (Hrsg., 1996): -Wege des Wissens: Kon‐ struktivistische Erkundungen durch unser Denken, Heidelberg: Carl-Auer-Systeme. von Glasersfeld, Ernst & Heinz von Foerster (1999/ 2004): Wie wir uns erfinden: Eine Autobiographie des radikalen Konstruktivismus, Heidelberg: Carl Auer. Watzlawick, Paul (1984): „Vorwort“, in: Watzlawick, Paul (Hrsg.): Die erfundene Wirklichkeit. Wie wissen wir, was wir zu wissen glauben: Beiträge zum Konstruk‐ tivismus, München: Piper, S.-9-11. 48 2 Erkenntnistheoretische Grundlagen der qualitativen Sozialforschung <?page no="49"?> 3 Ansätze und Prinzipien der qualitativen Sozialforschung In dieser Lerneinheit wollen wir die neu gewonnene Ausgangs-basis des erkenntnistheoretischen Konstruktivismus nutzen, um uns über Prinzipien und Vorgehensweisen der qualitativen Sozialforschung Gedanken zu ma‐ chen. Zugleich lernen wir mit der Phänomenologie und der „Grounded Theory“ zwei grundlegende Ansätze kennen, welche vielen Verfahren der qualitativen Sozialforschung zugrunde liegen. Wir eröffnen in diesem Kapitel auch die Perspektive der Kombination verschiedener Methoden, z. B. auch qualitativer und standardisierter Methoden der Sozialforschung. Wir wollen in diesem Lehrbuch nicht nur die qualitative Sozialforschung besser kennenlernen, sondern auch immer wieder auf mögliche Metho‐ denkombinationen verweisen, welche in der empirischen Sozialforschung üblich geworden sind und helfen, eine Forschungsfragestellung besser zu beantworten. Damit schaffen wir uns eine weitere Ausgangsbasis, um genauer auf einzelne Verfahren der qualitativen Sozialforschung einzugehen, welche ohne die erkenntnistheoretische Basis und die grundlegenden Ansätze nur schwer verständlich und ohne Bezug auf die zentralen Prinzipien nur schwer einzuordnen sind. Lernziel: Ziel ist es in dieser zweiten Lerneinheit zu verstehen, welche Wur‐ zeln die qualitative Sozialforschung hat und ihre Denk- und Forschungs‐ prinzipien sowie zwei zentrale Ansätze besser kennenzulernen. Wir machen in dieser zweiten Lerneinheit wieder einen kurzen Ausflug in die Philosophie, verzichten aber auch hier auf eine Vertiefung der philosophischen Positionen (siehe dazu z. B. Strauss 1994; Lamnek & Krell 2024: 47-57; Przyborski & Wohlrab-Sahr 2021: 1-54; Rosenthal 2015: 40-88; Strübing 2013: 1-26 u. v. a). Wie im Kapitel zuvor auch, werden diese Positionen hier nur insoweit dargestellt, wie die qualitative Sozialforschung sich von ihnen hat inspirieren lassen. Wir werden in diesem Kapitel bereits empirisches Material zur Illustration heranziehen, um die vorgestellten Ideen zu verdeutlichen. Einige Interview‐ zitate aus dem Buch Roland Girtlers „Der Strich“ (1994) sollen uns helfen, <?page no="50"?> unser neues Wissen gleich zur Anwendung zu bringen. Wir werten diese aber noch nicht in einem systematischen methodischen Verfahren aus. 3.1 Einleitung: Zentrale Prinzipien im Vergleich zur quantitativen Sozialforschung Die qualitative Sozialforschung beginnt ihre Analyse oft mit dem empiri‐ schen Material, das sie generiert hat. Sie gelangt von konkreten Fällen zu einer allgemeineren, abstrakteren Theorie. Dieses als Induktion bezeich‐ nete Verfahren und eine Theorieentwicklung aus dem Material heraus unterscheidet sie von einer Vorgehensweise, bei welcher von der abstrak‐ ten, allgemeinen Ebene der Theorie ausgehend Schlussfolgerungen über konkrete, beobachtbare Fälle gemacht und überprüft werden (Deduktion). Zum Beispiel erheben wir in der qualitativen Sozialforschung anhand offener Interviews, welche Werte von den Befragten als handlungsanleitend angesehen werden und suchen davon ausgehend nach verallgemeinerbaren Mustern. Der Nachvollzug dessen, was im Forschungsfeld wichtig und handlungsleitend ist, ist ebenfalls ein zentraler Baustein der qualitativen Herangehensweise. Wir werden uns noch genauer damit beschäftigen. Um dies zu erreichen, sind standardisierte Herangehensweisen nicht immer geeignet. Denn sie können dazu führen, dass die Forscher*innen durch die vorab festgelegten Kriterien nur das erheben, was sie von vorneherein für wichtig hielten, während ihnen hinter all den Häkchen und Klicks verborgen bleibt, welche Kriterien die Befragten selbst anwenden würden, was ihnen wichtig ist und was nicht (Relevanzsetzung). Es wird allerdings oft betont, dass reine Induktion (theoriefreies Beobach‐ ten) kaum möglich ist. In der Praxis der qualitativen Forschung finden Sie daher fast immer einen Wechsel aus: 1. Abduktion (Entdeckung einer neuen Erklärung für Daten), 2. Deduktion (Ableiten von Prüfschritten für diese Erklärung) und 3. Induktion (Empirische Entwicklung und Fundierung von Annahmen sowie Differenzierung durch weitere Fälle). Der Begriff der Abduktion geht auf den amerikanischen Philosophen und Logiker Charles Sanders Peirce (1839-1914) zurück. Vereinfacht gesagt ist Abduktion der Schluss auf die beste Erklärung. 50 3 Ansätze und Prinzipien der qualitativen Sozialforschung <?page no="51"?> Während die quantitative Forschung oft Hypothesen testet (Deduktion), zielt die qualitative Forschung oft darauf ab, neue Hypothesen zu generieren. Die Abduktion ist das logische Werkzeug dafür. Sie kommt immer dann ins Spiel, wenn Sie auf ein überraschendes Faktum stoßen - ein empirisches Ergebnis, das unverständlich ist oder Ihre Erwartungen enttäuscht. Um dieses „Rätsel“ zu lösen, bilden Sie eine neue Regel oder Hypothese, die das überraschende Faktum erklärbar machen würde. Die Abduktion ist also ein kreativer „Gedankensprung“ (vgl. dazu auch Reichertz 1991a: 10 f.). Ein klassisches Beispiel für abduktives Schließen in der Soziologie ist die Arbeitsweise eines Detektivs oder der Kriminalpolizei. So zeigte Peirce 1929 auf, dass die Aufklärung von Verbrechen kein rein logisch-dedukti‐ ver Prozess ist, sondern ein abduktiver (Peirce 1929: 271; Reichertz 1993: 273 f.). Um den Täter zu finden, müssen wir Geschichte (Hypothese/ Regel) konstruieren, in der die Spuren logisch zusammenpassen. Wir „erfinden“ quasi in abduktiver Weise einen Tathergang, der die Spuren erklärt (ebd. 274 f.; Reichertz 1991b). Darin folgen wir ggf. einem Muster, das sie durch Induktion gewonnen haben. Im Vergleich vieler Fälle hat sich z. B. gezeigt, dass die Täter mit den hinterlassenen Spuren mit wenigen Variationen immer in einer ähnlichen Weise umgehen: wenn sie nicht eliminiert oder zuverlässig versteckt werden können, werden sie auf eine Art und Weise arrangiert, dass ein anderer Tathergang, eine andere Tatzeit oder ein anderer Täter nahegelegt werden. Entlang einer Theorie, die diesen Umgang erklärt und nach einer umfassenden empirischen Prüfung, können dann deduktiv „Wenn-Dann-Regeln“ formuliert werden, die auf andere, neue Tathergänge Anwendung finden können. Merkmal Deduktion Induktion Abduktion logische Richtung vom Allgemeinen zum Besonderen vom Besonderen zum Allgemeinen vom Effekt zur Ursa‐ che / Erklärung Aus‐ gangs‐ punkt eine bestehende Theorie oder Regel eine vergleichende Analyse von Einzelfäl‐ len ein überraschendes, unverständliches Faktum Ziel Vorhersage oder Überprü‐ fung (Falsifika‐ tion/ Verifikation) Entwicklung von An‐ nahmen, Verallgemei‐ nerung Verstehen und Er‐ klären (Hypothesen‐ bildung) 3.1 Einleitung: Zentrale Prinzipien im Vergleich zur quantitativen Sozialforschung 51 <?page no="52"?> Sicherheit des Schlusses sicher / notwendig (Wenn die Prämis‐ sen stimmen, muss das Ergebnis stim‐ men) wahrscheinlich (Gilt für die beobachteten Fälle, aber der nächste Fall könnte anders sein) unsicher / plausi‐ bel (Es könnte so sein, ist aber nur eine Vermutung) Erkennt‐ nisge‐ winn kein neues Wissen (nur Anwendung von Vorhandenem) Erweiterung des Wis‐ sens (Quantitativ: Aus‐ dehnung auf mehr Fälle) neues Wissen (Qualitativ: Einfüh‐ rung einer neuen Idee/ Theorie) typische Frage „Trifft die Theorie auf diesen Fall zu? “ „Wie häufig oder ver‐ breitet ist dieses Mus‐ ter? “ „Was muss der Fall sein, damit dieses überraschende Da‐ tum Sinn ergibt? “ Tabelle 2: Die verschiedenen Herangehensweisen in der Sozialforschung Ein bekanntes Beispiel für die als induktiv bezeichnete Theoriebildung ist auch die Studie von Glaser und Strauss über den Umgang mit Sterbenden in Krankenhäusern (Deutsch: Bewusstsein des Sterbens) (Glaser/ Strauss 1965). Dies ist die Gründungsstudie der Grounded Theory. Die Forscher beobach‐ teten Interaktionen zwischen Ärzten, Pflegepersonal und unheilbar kranken Patienten. Sie hatten anfangs keine feste Theorie. Stattdessen sammelten sie viele einzelne Beobachtungen (Fälle). Sie bemerkten wiederkehrende Muster. Zum Beispiel wussten manchmal die Ärzte, dass der Patient stirbt, der Patient aber nicht. Manchmal wussten es beide, sprachen aber nicht darüber. Aus der Summe dieser Einzelbeobachtungen leiteten sie die allge‐ meine Theorie der „Bewusstseinskontexte“ (Awareness Contexts) ab (z. B. „Closed Awareness“, „Open Awareness“). Vom Besonderen (viele Einzelbeo‐ bachtungen in Stationen) ausgehend fundierten sie eine allgemeine Theorie der Interaktion mit Sterbenden. 1. Deswegen ist die Offenheit in der Herangehensweise ein erstes wichtiges Prinzip der qualitativen Sozialforschung. Wir lassen uns auf die Situationen ein, in denen wir mit den Handelnden sprechen oder ihre Handlungsweisen beobachten. Wir folgen ihren Erzählungen, auch wenn wir zunächst denken mögen, dass diese nichts mit unserem Erkenntnisinteresse zu tun haben. Nicht unsere Relevanzen als Forschende sind wichtig, sondern jene der Befragten. Sie sollen verstanden und nachvollzogen werden. 52 3 Ansätze und Prinzipien der qualitativen Sozialforschung <?page no="53"?> Wir reagieren flexibel und achten darauf, wie die Akteure zum Beispiel auf bestimmte Frageimpulse von uns reagieren. Wir geben nichts vor, legen keine Antworten nahe, sondern sind möglichst offen und naiv in der Situation. Offen und naiv zu sein, mag einfach klingen, ist es faktisch aber nicht. Vielmehr sind Offenheit und Naivität im Forschungsprozess zuweilen sehr schwer zu realisieren. Nehmen wir an, wir machen eine teilnehmende Beobachtung in Kneipen, Pubs oder Clubs, weil wir uns als Sozialwissen‐ schaftler*innen dafür interessieren, wer wen attraktiv findet und ob es je nach sozialem Status hier Unterschiede gibt. In diesem Fall müssen wir uns offen auf eine Situation einlassen, welche sehr viel von uns fordert. Die Studierenden, die das in den vergangenen Semestern als Lehrforschung durchgeführt haben, konnten sich nicht alle auf diese Situation einlassen und noch schwerer war es, sich offen in dieser zu bewegen. Es war ebenfalls außerordentlich schwer, die eigenen Vorurteile abzulegen, also sich künstlich naiv in diesem Feld zu bewegen. Und diese Schwierigkeiten traten trotz der Tatsache auf, dass Kneipen und Pubs für viele von uns ein eher alltägliches Feld sind, in dem sich die meisten bereits einmal bewegt haben. Für andere Felder, wie z. B. das Bordell, der Strich oder die Obdach‐ losenszene, das rechtsradikale Milieu oder das Milieu der Hooligans oder auch das Arbeitsumfeld von Gießerei-Arbeiter*innen oder Pflaster*innen, von Bankdirektor*innen oder von Top-Manager*innen gilt das umgekehrt für viele nicht. Hier sind Offenheit und Naivität nicht einfacher, sondern noch schwieriger zu realisieren, weil viele von uns Vorurteile und Stereotype mit sich tragen, von denen wir uns erst befreien müssen. 2. Kommunikation: Um zu verstehen, was sich hinter der Kommuni‐ kationsorientierung der qualitativen Sozialforschung verbirgt, ziehen wir das Beispiel eines Forschungsprojektes mit Studierenden heran, in dem es um junge Langzeitarbeitslose in Frankfurt ging. Diese steckten in arbeits‐ politischen Maßnahmen der Bundesagentur für Arbeit. Viele der Langzeit‐ arbeitslosen waren gering qualifiziert, manche hatten zeitweise auf der Straße gelebt, biografische Brüche erfahren (vgl. Bundesagentur für Arbeit Statistik/ Arbeitsmarktberichterstattung 2019). Hier kann allein die Tatsa‐ che, dass die Erhebungen von Studierenden durchgeführt werden, bereits Probleme im Zugang zu den Interviewpartner*innen erzeugen. Daher war es wichtig, im „Warming-up“ diesen potenziellen Widerständen vorzubeugen und eine alltägliche Atmosphäre herzustellen. Doch viele der Studierenden 3.1 Einleitung: Zentrale Prinzipien im Vergleich zur quantitativen Sozialforschung 53 <?page no="54"?> waren zunächst selbst sehr aufgeregt und taten sich teilweise schwer, das Eis zu brechen. Kommunikation ist vor diesem Hintergrund ein zentrales Mittel, damit eine latente Verweigerungshaltung bei den Befrag-ten nicht die Oberhand gewinnt. Im Ergebnis haben die Gesprächspartner*innen bei manchen Interviews kaum geantwortet, waren wortkarg und ausweichend. Bei anderen kamen lange Erzählungen zustande. Den Unterschied machte häufig allein die Kommunikation aus, die Art der Gesprächsführung. Oft ist für ein Interview entscheidend, wie sehr es uns gelingt, eine angenehme Gesprächsatmosphäre herzustellen. Sobald die Gesprächspartner*innen mit der Situation warm geworden sind, erzählen sie in der Regel so, dass sie sich selbst immer mehr in der Situation zuhause fühlen. Erst dann können sie sich öffnen und wir können ihre Weltsicht und ihre Relevanzen nachvollziehen. 3. Prozessorientierung: Bei solchen Erhebungen ist es naheliegend, dass man mit standardisierten Fragen kaum weiterkommt. Zwar bekäme man ir‐ gendwelche Antworten, aber diese wären überwiegend Artefakte. Dadurch, dass die Akteure im Feld den Ton an- und die Melodie vorgeben sollen, müssen wir uns anpassen. Fragen, Kriterien und Zugänge können laufend modifiziert werden. Es kommt nicht auf die immer gleichen Frageimpulse an, sondern auf dichte Beschreibungen und Erzählungen, welche das Feld von den Befragten ausgehend erschließen. Wir gehen also nicht mit einer fertigen Ansammlung von Skalen ins Feld, sondern mit einer flexiblen Herangehensweise, welche nach Erkenntnisfortschritt immer wieder neu justiert wird. So haben wir z. B. in einem größeren Forschungsprojekt zur Unternehmenskriminalität 2018 Interviews mit den Top-Anwält*innen von Großunternehmen in New York und Washington geführt. Wir bemerkten schnell, dass unser Interviewleitfaden immer wieder zu den gleichen stere‐ otypen Antworten der Anwält*innen führte. Wir mussten also reagieren und haben die Befragungsstrategie komplett umgestellt. Wir habe weniger ex‐ tern gesetzte Frageimpulse verwendet, sondern eher biografische Elemente der Erzählgenerierung eingebaut, und so hat es dann funktioniert. Indem sie über sich und ihre Arbeit erzählten, gaben sie sehr viel Wissen und sehr viel Handlungsorientierungen im Umgang mit Wirtschaftskriminalität preis und die Stereotype gehörten der Vergangenheit an. Qualitative Sozialforschung bedeutet, die Handlungsorientierungen im For‐ schungsfeld nachzuvollziehen und dort vorgefundene soziale Welten in einem methodischen Verfahren nachzubauen. Dies geschieht in einem fortwährenden Prozess der Entdeckung, der Überprüfung, des Vergleichens. 54 3 Ansätze und Prinzipien der qualitativen Sozialforschung <?page no="55"?> Auf dieser Entdeckungsfahrt wird man fortlaufend ein bisschen informierter, präziser und klarer, bis zu dem Punkt, an dem nichts Neues mehr dazukommt. 4. Reflexion: Für viele mag es ungewöhnlich erscheinen, aber in der qualitativen Sozialforschung vollzieht man das Nachdenken über den For‐ schungsprozess nicht allein im stillen Kämmerlein unter Ausschluss der „Forschungsgegenstände“, sondern vielmehr unter Einbezug der Akteure im Feld. Schließlich möchten wir wissen, ob wir das richtig verstanden haben, ob das tatsächlich ihre Deutungen und Handlungsorientierungen sind. Wir sehen also, dass „Intersubjektivität“ in der qualitativen Sozialforschung eine große Rolle spielt. Wir bilden daher nicht nur wissenschaftliche „Inter‐ pretationsgemeinschaften“, sondern beziehen auch die Akteure mit ein. Die qualitative Sozialforschung kennt natürlich sehr viele unterschiedli‐ che Erkenntnisinteressen und Verfahren. Dennoch kann man im Großen und Ganzen drei Ziele bzw. drei grundlegende Ausrichtungen unterschei‐ den: 1. Der Nachvollzug des subjektiv gemeinten Sinnes: Hier steht das Verste‐ hen der subjektiv generierten Sinnwelten der Akteure im Vorder‐ grund. 2. Die Beschreibung sozialen Handelns, sozialer Beziehungen und Milieus: Hier werden die Welten und Kontexte, in denen sich die Akteure bewegen, intersubjektiv beschrieben und wie sie sich darin zurecht‐ finden bzw. sie mit ihren Handlungsorientierungen erschaffen. 3. Die Rekonstruktion von kollektiven Denk- und Handlungsweisen: Hier steht nicht der subjektiv gemeinte Sinn im Vordergrund, sondern die kollektiven Deutungsmuster und Handlungsregeln einer Gesell‐ schaft oder Kultur, welche zu einer bestimmten Aussage, zu einer bestimmten subjektiven Meinung führen. Damit haben wir in einem ersten Zugriff das Terrain der qualitativen Sozialforschung etwas sondiert und zentrale Prinzipien kennengelernt, die in vielen verschiedenen qualitativen Verfahren zur Anwendung kommen. 3.1 Einleitung: Zentrale Prinzipien im Vergleich zur quantitativen Sozialforschung 55 <?page no="56"?> 3.2 Kritikpunkte an der Vorgehensweise der qualitativen Sozialforschung Die qualitative Sozialforschung hat in den letzten Jahrzehnten nicht nur viel Zulauf erfahren, sondern auch viel Kritik auf sich gezogen. Kriti‐ ker*innen der qualitativen Forschungsmethoden werfen den qualitativen Sozialforschenden oft Unwissenschaftlichkeit vor (vgl. Reichertz 2016). Sie kritisieren zum einen die Willkürlichkeit der erhobenen Daten und die Subjektivität derer Interpretationen. Zum anderen wird bemängelt, dass qualitative Sozialforschung nur mit sehr kleinen Fallzahlen arbeite und des‐ halb keine repräsentativen Ergebnisse erbringen könne. Insgesamt würden die Gütekriterien und Qualitätsstandards empirischer Sozialforschung wie Objektivität, Reliabilität und Validität nicht erfüllt (vgl. Cicourel 1974). Im Einzelnen konkretisiert sich diese Kritik an der qualitativen Sozialfor‐ schung im Umgang mit drei zentralen Problemfeldern: 1. Der mangelnden Kontrolle von Beobachtereffekten, 2. der fehlenden Überprüfbarkeit der Effekte einzelner Kausalfaktoren sowie 3. der nicht ausreichenden General‐ isierbarkeit ihrer Ergebnisse. 1. Die mangelnde Kontrolle von Beobachtereffekten: Unter einem Be‐ obachtereffekt verstehen wir, dass Individuen ihr Verhalten als Reaktion darauf verändern, dass sie beobachtet werden (siehe dazu Psylex 2016: Hawthorne-Effekt, Beobachtereffekt (Psychologie); siehe auch Das Problem der AntworttendenzenAntworttendenzen/ -verfälschungen ). Wenn man sich also als Sozialforscher*in offen in einem Forschungsfeld bewegt, ver‐ ändert man es zugleich und muss sich über die damit einhergehenden Beobachtereffekte im Klaren sein. Man läuft Gefahr, so das Argument, etwas zu erforschen, das ohne unsere Anwesenheit in dieser Weise gar nicht statt‐ gefunden hätte. Denn bereits die Anwesenheit von anderen Personen kann Situationen und Gespräche verändern. Auch wenn wir wissen, dass sich solche Beobachtereffekte nach einiger Zeit wieder verlieren (siehe dazu auch 53. Das Problem der sogenannten „Beobachtungsfehler“), sind die Probleme, die mit ihnen einhergehen, ernst zu nehmen und führen berechtigterweise immer wieder zur Kritik an der qualitativen Sozialforschung. Die zentrale Frage vor diesem Hintergrund lautet daher: Wie können wir wissen, dass z. B. die Befragten die Dinge nur so darstellen, weil sie mit uns sprechen? Die Antwort darauf lautet: Zum einen können wir verschiedene Erhebungsformen kombinieren, um solche Effekte zu kontrollieren. Wir können also z. B. nicht nur mit Eltern über ihre Erziehung 56 3 Ansätze und Prinzipien der qualitativen Sozialforschung <?page no="57"?> 5 Mit der internen Validität ist die Frage angesprochen, ob die angewandten Verfahren auch das messen, was sie messen sollen. Bei der externen Validität fragt man, ob die Laborergebnisse auch für andere Situationen außerhalb des Labors, für andere Gruppen in der realen Welt oder ggf. für die ganze Bevölkerung Geltung beanspruchen können (vgl. Pfeifer 2020). ein Interview führen, sondern sie auch im alltäglichen Umgang mit ihren Kindern beobachten (siehe dazu 5.1. Einleitung).). Zum anderen sagt uns z. B. in einem Interview auch die gewählte Darstellungsform der Interviewten für andere sehr viel über deren Relevanzen und über das Feld, in dem wir uns bewegen. Darüber hinaus greifen bei erzählgenerierenden Interviews auch die Erzählzwänge des Erzählens, welche dafür sorgen, dass in der Regel mehr und anderes erzählt wird als im Vorhinein beabsichtigt (siehe dazu Information 20: Erzählzwänge“ in Stegreiferzählungen). Anders als bei den Kreuzchen oder Klicks in einem Kästchen kann man die eigenen Relevanzen bei einer längeren Erzählung kaum verstecken - was nicht heißen soll, dass Geheimnisse offenbart werden, sondern nur, dass man oft mehr offenbart, als man möchte. 2. Die fehlende Überprüfbarkeit der Effekte einzelner Kausalfaktoren: Das zweite, größere Problem ist in Augen vieler Kritiker die „Verunreini‐ gung“ der wissenschaftlichen Untersuchung, des Tests, des Experiments oder der Ergebnisse durch das empirische Chaos des Feldes. Während sich im Labor die Einflussfaktoren auf ein Verhalten halbwegs kontrollieren lassen, ist dies im Feld kaum möglich. Viel zu viel passiert zur gleichen Zeit, unkontrollierbare Faktoren wirken ein und Zurechnungen auf Kausalfakto‐ ren können daher oft nur Artefakte oder Willkürakte sein. Die zentrale Frage hier ist: Woher bekommt man in der qualitativen So‐ zialforschung die (statistische) Sicherheit für die Zurechnung auf Kausalitä‐ ten, welche man für eine wissenschaftliche Erklärung benötigt? Die Antwort darauf lautet: Man bekommt sie nicht. Man bekommt stattdessen aber dichte Beschreibungen und qualitatives Wissen über Zusammenhänge, welches man im Fortgang der Untersuchung durch Fallvergleiche validiert, bis man eine theoretische Sättigung erreicht hat (siehe weiter unten). Zugleich wird die wissenschaftliche Erklärung empirisch fundiert weiterentwickelt, bis man das Phänomen hinreichend erklären kann. Umgekehrt aber, so das Gegenargument aus der qualitativen Sozialfor‐ schung, fehlt z. B. den Laborexperimenten die externe Validität 5 , d. h. die Übertragbarkeit der Ergebnisse aus dem Labor auf die reale Welt steht 3.2 Kritikpunkte an der Vorgehensweise der qualitativen Sozialforschung 57 <?page no="58"?> infrage. Auch wenn sich jemand im Experiment so oder so verhält, können in der Realität ganz andere Faktoren ins Spiel kommen. Wenn man die externe Validität erhöhen und zugleich eine Messung einzelner kausaler Faktoren erreichen möchte, spricht daher vieles für eine Kombination von qualitativen und standardisierten Methoden. 3. Die nicht ausreichenden Generalisierbarkeit ihrer Ergebnisse: Das dritte, vielleicht größte Problem ist das der Generalisierbarkeit der qualitati‐ ven Befunde. Es sticht vor allem dann ins Auge, wenn man die qualitative So‐ zialforschung aus Perspektive der quantitativ verfahrenden Sozialforschung betrachtet. Dann wirken die Auswahlverfahren und die kleinen Fallzahlen unzureichend. Die zentrale Frage ist hier: Wie kann man unter der Bedingung quali‐ tativer Herangehensweisen Repräsentativität sicherstellen? Eine Antwort darauf gibt die qualitative Sozialforschung mit dem Hinweis auf die qua‐ litative Repräsentanz. Sie ist dann erreicht, wenn ein Feld hinreichend kartographiert und eine theoretische Sättigung eingetreten ist. Dabei kommt es weder auf die Fallzahl noch auf den Bezug der Stichprobe zur Grundge‐ samtheit an, sondern auf die im steten Vergleich gewonnenen Ergebnisse, die nach Maßgabe eines transparenten, intersubjektiv geprüften Verfahrens und einer fortlaufenden Theorieentwicklung generiert wurden. Zu diesen Gütekriterien der qualitativen Sozialforschung gehören u. a. das Dokumen‐ tieren der Vorgehensweise, sowie der wichtigen Forschungsentscheidungen und -schritte (vgl. Strübing et al. 2018: 94; Reichertz 2019: 3). Dazu zählt auch die Auswertung in trainierten Interpretationsgemeinschaften und die Überprüfung der Intercoder-Reliabilität (vgl. Mayring 2010: 116; siehe auch Flick 2005). Sie wird erreicht, indem verschiedenen Gruppen das gleiche empirische Material gegeben wird und die Ergebnisse danach abgeglichen werden. Zugleich muss auch die theoretische Repräsentanz begründet wer‐ den. Das bedeutet, dass man immer wieder in vergleichender Weise neues Material erhebt, interpretiert, in Hypothesen formuliert und die Theorieent‐ wicklung vorantreibt, bis jede neue Erhebung keinen Erkenntnisgewinn mehr bringt. Genau dann hat man die theoretische Sättigung erreicht und einen qualitativen Validitätsbeweis gewonnen (vgl. Glaser & Strauss 2005). So haben wir in einem Forschungsprojekt beispielsweise Interviews zur Wahrnehmung des Kapitalismus und zum „Geist des Kapitalismus“ geführt und aus Gründen einer Vollerhebung rund 100 Interviews durchgeführt. In der qualitativen Auswertung hatten wir dann aber nach bereits ca. 15 58 3 Ansätze und Prinzipien der qualitativen Sozialforschung <?page no="59"?> Interviews eine theoretische Sättigung erreicht. Das heißt, jedes weitere Interview brachte zwar noch neue Sachinformationen, aber kein neues Deutungsmuster des Kapitalismus mehr. Die „theoretische Sättigung“ ist also auch ein „Abbruch-Kriterium“ für die qualitative Forschung. Sie tritt dann ein, wenn beim wiederholten Durchlaufen der Analyse keine für die Theorieentwicklung relevanten Neuentdeckungen mehr gemacht werden (vgl. Mey et al. 2020). Information 1: Gütekriterien der qualitativen Sozialforschung Die traditionellen quantitativen Kriterien sind eng an die Vorstellung gebunden, dass der Forschungsgegenstand objektiv, isoliert und un‐ abhängig vom Forscher messbar ist. Dies führt zur Forderung nach Objektivität, also der Neutralität des Forschers. Für die qualitative Forschung ist diese Forderung nach Neutralität jedoch unangemessen und oft unerreichbar. Da die Forschenden durch ihre Präsenz, ihre Entscheidungen und ihre Interpretationen immer Teil des Forschungsprozesses sind, liegt der Fokus nicht auf der fiktiven Neutralität der Person, sondern auf der Überprüfung der Bestätigbarkeit (Confirmability) der Daten selbst (Lincoln/ Guba 1985: 5). Die daran anschließende Diskussion der Gütekriterien der qualitativen Sozialfor‐ schung bleibt bis heute ein „nicht abgeschlossener Prozess", wobei die Rolle von Subjektivität, Reflexivität und methodologischer Vielfalt zentrale Diskussionspunkte darstellen (vgl. u. a. Lincoln, Guba 1985; Mayring 2016; Strübing et al. 2018: 94, Flick et al. 2019; Steinke 2019 u.-v.-a.). 1. Kommunikative Validierung: Spiegelt der Befund die Relevanz‐ strukturen im Feld sowie die Realität aus Sicht der Teilnehmer wider? In der qualitativen Sozialforschung bedeutet das Erreichen interner Va‐ lidität u. a., dass wir sicherstellen wollen, dass die Forschungsergebnisse die Realität, wie sie von den Studienteilnehmern erlebt und gesehen wird, akkurat widerspiegeln. Dies kann u. a. durch zwei Methoden erreicht werden: a) Kommunikative Validierung (Member Check): Die Ergebnisse und Interpretationen werden (z. B. beim narrativen Interview) den Teilnehmenden zurückgespielt, um zu prüfen, ob die Darstellung 3.2 Kritikpunkte an der Vorgehensweise der qualitativen Sozialforschung 59 <?page no="60"?> ihrer Erfahrungen und die Schlussfolgerungen des Forschers über‐ einstimmen. b) Triangulation: Es kommen mehrere Methoden, Datenquellen oder theoretische Perspektiven zur Anwendung, um die Befunde zu bestätigen und zu festigen. 2. Reliabilität: Ist der gesamte Forschungsprozess transparent, doku‐ mentiert und stabil, auch bei Veränderungen im Feld? a) Die Vorgehensweise sowie wichtige Forschungsentscheidungen und -schritte werden dokumentiert (vgl. Strübing et al. 2018: 94). b) Die Auswertung findet in trainierten Interpretationsgemeinschaf‐ ten statt und die Intercoder-Reliabilität wird überprüft (vgl. May‐ ring 2010: 116; siehe auch Flick 2005), d. h. verschiedenen Gruppen wird das gleiche empirische Material gegeben und die Ergebnisse werden danach abgeglichen. 3. Generalisierbarkeit und theoretische Repräsentanz: Sind die Ergebnisse aufgrund detaillierter Kontextbeschreibung auf andere, ver‐ gleichbare Kontexte anwendbar und sind sie theoretisch gesättigt? a) Übertragbarkeit: Die Übertragbarkeit ersetzt u. a. die quantitative externe Validität (Generalisierbarkeit). Die notwendige Grundlage dafür schaffen wir u. a. durch eine dichte Beschreibung (Thick Description). Diese Beschreibung muss den Forschungskontext, die Teilnehmer und die genaue Methodik so detailliert darstellen, dass der Leser selbst beurteilen kann, ob die Bedingungen ähnlich genug sind, um die Ergebnisse zu übertragen (vgl. u. a. Lincoln/ Guba 1985: 297) b) Theoretische Repräsentanz und theoretische Sättigung: Zugleich muss auch die theoretische Repräsentanz begründet werden. Das bedeutet, dass man immer wieder in vergleichender Weise neues Material erhebt, interpretiert, in Hypothesen formuliert und die Theorieentwicklung vorantreibt, bis jede neue Erhebung keinen Erkenntnisgewinn mehr bringt. Genau dann hat man die theore‐ tische Sättigung erreicht und einen qualitativen Validitätsbeweis gewonnen (vgl. Glaser & Strauss 2005; vgl. Mey et al 2020). 60 3 Ansätze und Prinzipien der qualitativen Sozialforschung <?page no="61"?> Bildquelle: Wikipedia.org Angesichts der Kritik wird auch deutlich, dass wir die qualitative Sozial‐ forschung nicht mit der Brille eines quantitativen Vorgehens betrachten dürfen, sondern ihre Qualität und Gütekriterien an ihren eigenen Maßstäben bemessen müssen. Um diese besser kennenlernen und den Einstieg in die qualitative Vor‐ gehensweise vertiefen zu können, haben wir zwei klassisch gewordene Ansätze ausgewählt, die in der einen oder anderen Form den meisten qualitativen Verfahren zugrunde liegen bzw. zeigen sich die meisten neueren Ansätze von deren Vorgehensweisen inspiriert: Die Phänomenologie und die Grounded Theory. Beginnen wir zunächst mit der Phänomenologie. 3.3 Die Phänomenologie Ganz allgemein lässt sich Phänomenologie als eine Wissenschaft verstehen, welche vom Phänomen bzw. von der Anschauung des Wesens der Gegen‐ stände oder Sachverhalte ausgeht. Damit ist noch nicht viel an Orientierung gewonnen. Um genauer zu verstehen, was damit gemeint ist, lassen wir uns von Husserl inspirieren oder vielmehr davon, wie die qualitative Sozialfor‐ schung auf Edmund Husserl zurückgreift (vgl. Weilmeier 2017). Edmund Husserl gilt als Vater der Phänomenologie. In Freiburg, wo er seit 1916 lebte und lehrte, entwi‐ ckelte sich Husserl bald zu einem der einflussreichsten Philosophen des 20. Jahrhunderts: Seinen Assistenten Martin Heidegger prägte er ebenso wie die Soziologen Alfred Schütz und Helmut Plessner oder den Philoso‐ phen Jean-Paul Sartre. Husserl starb am 27. April 1938 in Freiburg. Im Zentrum seiner Philosophie, der Phänomenologie, stehen die Gegen‐ stände, die „Phänomene“, so wie sie uns vor unserem Bewusstsein erschei‐ nen. Doch während die klassische Erkenntnistheorie auf einem Dualismus beruht - hier reines Bewusstsein und dort „bewusstseinsfremdes“ oder „bewusstloses“ Objekt -, lehnt Husserl diesen Gegensatz ab. Husserls zentrale Einsicht in die Struktur des menschlichen Bewusstseins fasst er 3.3 Die Phänomenologie 61 <?page no="62"?> 6 Auf die transzendentale Reduktion, den methodischen Zugang zur transzendentalen Subjektivität, verzichten wir hier, da dies ganz und gar zur Philosophie Husserls gehört und es keine direkte Entsprechung in der qualitative Sozialforschung gibt. in den Begriff der „Intentionalität“ und meint damit, dass Bewusstsein immer schon Bewusstsein von etwas ist. Das heißt: Husserls Entdeckung der Intentionalität zeigt, dass menschliches Bewusstsein nicht anfänglich leer, sondern immer schon auf einen Bewusstseinsinhalt bezogen ist. Wir haben immer das Bewusstsein von etwas. Phänomenologie untersucht als Erfahrungswissenschaft zugleich die Bedingungen unseres Erfahrens (vgl. Bertsch 2013). Doch wie bereits angekündigt, interessieren wir uns im Folgenden nicht für Husserls Werk selbst, sondern für die Orientierung, die er für die quali‐ tative Sozialforschung geschaffen hat. Zu den festen Orientierungspunkten gehören dabei sowohl die Arbeit an der „natürlichen Einstellung“ als auch die Reduktion auf das Wesentliche. Sehen wir uns einige von Husserl inspirierte phänomenologische Schritte dazu genauer an: 1. Epoché bedeutet im Griechischen das Zurückstellen eines Urteils - anhalten, zurückhalten, gegenüberstehen. Gemeint ist damit, dass wir unser Vorwissen, unsere Theorien, unsere Vorurteile zurückstellen sollen. Das ist harte Arbeit, wie wir noch sehen werden. Es gelingt nicht immer und oft nur unvollständig. 2. Gegenüber der natürlichen Einstellung vollzieht die Phänomenologie nun eine Änderung: Sie stellt die natürliche Einstellung mit ihren All‐ tagswahrnehmungen und Vorurteilen zurück, indem sie „eine gewisse Urteilsenthaltung“ übt und stattdessen die Art und Weise einbezieht, mit der wir Objekte betrachten. Nicht das Objekt, sondern wie wir das Objekt wahrnehmen, rückt in den Vordergrund. 3. Bei der Rückführung auf das Geschaute (eidetisch) muss alles das ausgeblendet werden, was nicht zum „Wesen“ (Eidos) gehört. Das heißt, wir arbeiten angesichts vieler empirischer Erscheinungen ihren Kern - das Beständige, immer Gleiche - heraus. 6 Da unsere Wahrnehmungen immer schon kulturell geprägt sind, müssen wir die „Naivität“ des Blickes immer wieder künstlich her‐ stellen bzw. uns darüber klar werden, welche Urteile und Vorurteile bei uns im Zugriff auf das Phänomen eine Rolle spielen. 62 3 Ansätze und Prinzipien der qualitativen Sozialforschung <?page no="63"?> Bildquelle: Pixabay.com Da die Zurückstellung des eigenen Urteils sowie die Reduktion auf das Geschaute nicht so einfach ist, wie es sich zunächst anhören mag, wollen wir eine kleine, spielerische Übung dazu machen. Übung 2: Durch Reduktion zum naiven Blick Um diese Reduktion zum naiven Blick zu verdeutlichen, bitten wir Sie, das nebenstehende Bild zu betrachten und Ihre Wahrnehmung in zwei Schritten zu beschreiben: 1. Beschreiben Sie bitte im ersten Schritt, was Sie auf der nebenstehenden Abbil‐ dung sehen, mit all Ihrem Vorwissen, Ih‐ ren Vermutungen und Ihren Gefühlen so‐ wie der Botschaft dieses Bildes. 2. Im zweiten Schritt beschreiben Sie bitte ebenfalls, was Sie sehen, stellen Sie nun aber Ihr Vorwissen, Ihre Theorien und Gefühle zurück. Versetzen Sie sich dazu in die Lage einer Person, die aus einer völlig anderen Kultur ohne Sitzmöbel und Luftballons kommt und die Bildbotschaft nicht einfach dechiffrieren kann. Hinweise zur Beantwortung 2: Durch Reduktion zum naiven Blick 1. Wenn wir etwas improvisieren, dann sehen wir einen weiß lackierten Küchenstuhl, an dem ein großer, bonbonfarbener Luftballon befestigt ist. Wir denken vielleicht an ein mediterranes Umfeld, an die Leichtigkeit von Urlaub, Meer, Kindheit, Ferienliebe und der rosa Luftballon gemahnt uns an unsere Träume, an Davonschweben, die Tristesse des Alltags verlassen. Vielleicht gemahnt uns die Farbe rosa auch an eine rosarote Brille, daran, Dinge schön zu sehen und schöne Dinge zu sehen. Aber natürlich können Sie auch andere Assoziationen haben. 2. Wir improvisieren wieder. Jetzt sehen wir etwas mit vier Beinen, weiß, einer Fläche und zwei Stäben, welche nach oben führen und ein geschwungenes horizontales Verbindungsteil halten. Es sieht aus, als hätte es jemand zusammengebaut und angemalt. Das Weiß ist nicht 3.3 Die Phänomenologie 63 <?page no="64"?> 7 Das Buch der „Der Strich“, so Ottermann 2005, erschien in der ersten Aufl. 1985. Wir zitieren es nach der erweiterten Neuauflage von 1994. vollständig aufgetragen. Manchmal tauchen kleine schwarze Flächen oder Ränder auf. An einem Band hängt ein großes rosa Etwas, welches mit etwas gefüllt ist, das nach oben strebt, d. h. die Schwerkraft über‐ windet. Es ist aber nicht stark genug, um das vierbeinige Teil darunter nach oben zu ziehen. Keine Menschen sind zu sehen und der Sinn der Abbildung entzieht sich unserer Kenntnis. Wir können nichts damit anfangen. Sie erscheint uns als fremd. Wir wollen herausfinden, warum jemand eine solche Abbildung geschaffen hat. Für die qualitative Sozialforschung resultiert aus dieser Inspiration durch Edmund Husserl u. a., dass die naive dichte Beschreibung des Phänomens der Startpunkt der Forschung ist. Wir arbeiten an einem möglichst durch Vorwissen oder wissenschaftliche Vorannahmen unverstellten Blick und müssen somit den schwierigen Weg zurück in die Unbedarftheit und Un‐ befangenheit gehen. An diesem Startpunkt werden die Unterschiede zur hypothesenprüfenden, quantitativ verfahrenden Sozialforschung deutlich. Zu Beginn der Forschung ist nicht mehr Wissen oder mehr Beschäftigung mit dem Gegenstand gefragt, sondern weniger - und das ist ebenfalls harte Arbeit. Für die qualitative Sozialforschung resultieren daraus folgende Hinweise für den Beginn der Beschäftigung mit einem Phänomen: Toolbox 1: Der Blick der qualitativen Sozialforschung Wir sehen und beschreiben: 1. nur auf das Phänomen bezogen 2. so unvoreingenommen wie möglich 3. so genau wie möglich 4. so einfach und schlicht wie möglich 5. so vollständig wie möglich Wir wollen im Folgenden diese Inspiration der qualitativen Forschung durch die Phänomenologie an einem Beispiel weiter vertiefen. Das Beispiel stammt aus dem Buch von Roland Girtler „Der Strich“ 7 . Aus diesem werden von mir verschiedene Zitate von Prostituierten wiedergegeben. Über den Kontext der Erhebung wissen wir dabei nur, dass Girtler in Wien Anfang 64 3 Ansätze und Prinzipien der qualitativen Sozialforschung <?page no="65"?> 8 „Unter ‚Strich‘ versteht Girtler, etwas abweichend vom (heute) allgemein üblichen Sprachgebrauch, jeden Ort - also Straße, Wohnung oder Bordell -, an dem Prostituierte ihre Geschäfte eingehen und zum Teil auch abwickeln“ (Ottermann 2005: 2). der 80er-Jahre - der Zeitraum der Untersuchung lag zwischen Ende 1981 und Sommer 1983 - eine offene, teilnehmende Beobachtung durchgeführt hat [[IconI]]und im Rahmen dieser Beobachtung auch narrative Gespräche mit Prostituierten, Zuhältern und Kleinkriminellen durchgeführt hat. 8 Die Studie erschien als Buch erstmals 1985 mit dem Untertitel „Erkundungen in Wien“ (vgl. Ottermann 2005: 3). Roland Girtler bezeichnete diese Gespräche als ero-epische Gespräche und verband damit ein bestimmtes Verfahren der Interaktion zwischen den Gesprächspartner*innen (siehe Information 2). Information 2: Das ero-epische Gespräch nach Girtler Der Begriff des ero-epischen Gesprächs (nach Girtler) setzt sich aus den zwei altgriechischen Wörtern Erotema (Frage) bzw. erotemai (fra‐ gen, befragen, nachforschen) und Epos (Erzählung, Nachricht, Kunde, aber auch Götterspruch) zusammen. Grundlegend für diese Art des Forschungsgesprächs ist, dass sich sowohl die Befragten als auch die For-schenden öffnen und ins Gespräch einbringen. Dadurch, dass die Forschenden auch von sich erzählen (z. B. über die Arbeitsweise, das For‐ schungsinteresse oder von eigenen Erlebnissen das Thema betreffend), wird einerseits eine lockere, vertraute und persönliche Gesprächs‐ ebene geschaffen und gleichzeitig werden die Gesprächspartner*innen angeregt, von sich selbst zu erzählen. Die Fragen ergeben sich aus der Situation und werden nie im Vorhinein festgelegt. Zudem bringen die Fragenden das Gegenüber nie in Zugzwang und unter Antwortdruck, wie es bei anderen Interviewarten wie z. B. dem narrativen Interview der Fall ist (vgl. Halbmayer & Salat 2011a). Die Personen sollen von selbst zu erzählen beginnen, wobei sich die Forschenden von den Gesprächspartner*innen leiten lassen (vgl. Halbmayer & Salat 2011b). Girtlers Studie bezieht sich auf (freiwillige) weibliche Prostitution (quasi) institutionalisierter und gewerbsmäßiger Art. Unter Prostitution versteht er „eine z. T. gesetzlich und z. T. informell geregelte und sozial gebilligte bzw. geduldete soziale Einrichtung, bei der Frauen Geschlechtsverkehr - im engsten und weitesten Sinn - gegen Geld ermöglichen“ (Girtler 1994: 17; 3.3 Die Phänomenologie 65 <?page no="66"?> 9 „Es bleibt unklar, ob es sich z. B. um Gedächtnisprotokolle oder um Transkripte von auf Tonband aufgenommenen Gesprächen handelt. Zum anderen findet sich auch nirgends ein Hinweis darauf, welcher Methode er sich zur Analyse der Texte bediente, worin vielleicht ein Grund dafür liegt, daß manche seiner Interpretationen nur schwer nachvollziehbar sind“ (Mühlhäuser 1987: 134; siehe auch Ottermann 2005: 19). siehe auch Ottermann 2005: 2 f.; Knoblauch 2007). Weitere Informationen über den Kontext der Erhebungen, die Auswahl des Samples oder die Methoden des Umgangs mit den Erzählungen sowie der Analysemethoden stellt Girtler leider nicht zur Verfügung. Seine Studie ist auch deswegen bis heute umstritten (vgl. dazu Ottermann 2005; Mühlhäuser 1987; Knoblauch 2007). Aufgrund der ansonsten raren Verfügbarkeit von Interviewzitaten mit Prostituierten in wissenschaftlichen Studien ziehen wir dennoch diese bahn‐ brechende Studie von Girtler heran (siehe aber z. B. Järvinen & Henrisken 2020; Vuolajärvi 2019). Wir konzentrieren uns aber ausschließlich auf die im Buch wiedergegebenen Interviewzitate von Prostituierten und beginnen mit einem solchen Zitat 9 als Ausgangspunkt unserer Beschäftigung: „Vor fünf Jahren habe ich angefangen. Das Geld wirkt wie eine Droge. Wenn man einmal angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Ganz am Anfang verdient man halt gut, da verdient jede gut. Da denkt man an nichts, da sieht man nur das Geld. Und durch das viele Geld, da denkt man nicht, was da sein könnte, die Nachteile, die es da gibt. Und jetzt kann man trotzdem nicht aufhören, eben weil man das viele Geld gewohnt ist“ (Girtler 1994: 61; Zitat Prostituierte aus Wien). Wir gehen bei der Interpretation nun in vier von der Phänomenologie inspirierten Schritten vor. Dabei wenden wir noch kein weiteres Verfah‐ ren der qualitativen Analyse an, sondern wollen mit einigen wenigen Schritten eine phänomenologische Annäherung an das Thema illustrieren. Wir werden dabei, anders als im Beispiel des Stuhls und des Luftballons, keine Unvertrautheit mit der Kultur allgemein voraussetzen, wohl aber mit dem Prostituiertenmilieu in Wien in den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Die meisten von uns werden kein Vorwissen zu diesem Milieu haben, sicherlich aber Voreinstellungen und ggf. Vorurteile der Prostitution im Allgemeinen gegenüber. Diese Voreinstellungen und ggf. Vorurteile sollen nun zurückgestellt werden, soweit uns dies möglich ist. Wir gehen in vier Schritten vor: 66 3 Ansätze und Prinzipien der qualitativen Sozialforschung <?page no="67"?> Toolbox 2: Vier Schritte in Anlehnung an die phänomenologische Methode 1. Wir sammeln alle Elemente und Aspekte des Untersuchungsgegen‐ standes. 2. Wir schließen jene aus, die überflüssig oder veränderlich sind (Einklammerung). 3. Wir greifen die für das Phänomen notwendigen und invarianten Elemente heraus und fragen, welche Struktur sie bilden. 4. Wir beantworten die Frage, was das Typische, das Wesen des Phänomens ist. 1. Wir nehmen zur Kenntnis, dass die Zeitdauer den Beginn dieser Inter‐ viewsequenz markiert: „Vor fünf Jahren habe ich angefangen“. Sie ist der Startpunkt einer Entwicklungsgeschichte. Das zentrale Element dieser Ent‐ wicklung kommt im zweiten Satz: „Das Geld wirkt wie eine Droge“. Danach wird die Entwicklung geschildert: „Wenn man einmal angefangen hat, kann man nicht mehr aufhören. Ganz am Anfang verdient man halt gut, da verdient jede gut. Da denkt man an nichts, da sieht man nur das Geld. Und durch das viele Geld, da denkt man nicht, was da sein könnte, die Nachteile, die es da gibt“. Zum Abschluss der Interviewsequenz werden die Folgen der Entwicklung festgehalten: „Und jetzt kann man trotzdem nicht aufhören, eben weil man das viele Geld gewohnt ist.“ (Girtler 1994: 61; Zitat Prostituierte aus Wien). 2. Wenn wir nun einklammern, bleiben wir beim Zitat und gehen nicht, wie bei Husserl intendiert, auf unsere Herangehensweise zur Aussage zurück. Wir schließen nun bestimmte Konkretionen und Informationen aus und erstellen nur das zum Verständnis unverzichtbare Argumentationsgerüst, welches der Aussage zugrunde liegt. Wie gesagt, wir improvisieren und diese Einklammerung kann bei Ihnen anders aussehen, aber dennoch sollte der Schritt selbst klarwerden. Wir merken nun auch, dass wir zwar noch beim Zitat, also beim Phänomen bleiben, aber dennoch ist bereits eine erste Abstraktion notwendig. Wir können folgende Bestandteile festhalten: Zeitdauer: lange Entwicklung mit Anfang und Ende; Elemente: Geld, Droge, Sucht; Entwicklung: Anfang ohne Nachdenken, Ende mit Nachteilen; Folgen: Abhängigkeit vom Geld. Damit haben wir ein erstes Gerüst mit zentralen Elementen der Aussage für uns identifiziert. 3.3 Die Phänomenologie 67 <?page no="68"?> 3. Wenn wir uns nun über die Art und Struktur des Phänomens sowie der Zusammenhänge der Elemente Gedanken machen, kommen erste Interpre‐ tationshypothesen ins Spiel. Über diese kann und soll man sich streiten, was wir in einer Interpretationsgemeinschaft auch getan haben. Wir wollen die Darstellung dieses Streites hier aber ausklammern und über das Ergebnis unserer Interpretationsgemeinschaft berichten. Wir bleiben beim Material, das uns Auskunft über das Phänomen gibt, aber formulieren jetzt stärkere Interpretationshypothesen über den Zusammenhang der Elemente. Wie Sie feststellen werden, interessieren wir uns hier nicht für den Nachvollzug des subjektiv gemeinten Sinnes der Prostituierten, sondern für die Frage, was uns die Erzählung über das Phänomen sagt. Dabei beziehen wir nun auch die Art der Erzählung ein. Wir gehen hier nicht ausführlich auf die grammatikalische Gestalt, die Elaboriertheit der Sprache selbst ein, weil es ein für die Darstellung im Buch bereinigtes Zitat ist. Dies könnte in einigen qualitativen Verfahren aber eine Rolle spielen. Auffallend bei dieser Erzählung ist jedenfalls, dass es sich um eine Erzählung handelt, welche nicht viele Details bereithält, sondern eher eine Erklärung, welche ein bestimmtes Verhalten aus der Entwicklungsgeschichte rechtfertigt. Dabei fällt weiter auf, dass die Ich-Form nur im ersten Satz verwendet wird. Danach ist die Verallgemeinerungsform „man“ oder „jede“ dominant, welche die anderen einbezieht. Zugleich geraten das selbstständige Handeln und Entscheiden in den Hintergrund. Nicht ich habe das gewählt, sondern man wird Opfer einer Sucht - einer Sucht nach Geld, wie sie viele von uns unspezifisch als Element gesellschaftlichen Alltagswissen präsent haben. Aus der Erzählung wird so keine Täter-, sondern eine Opfererzählung. Die Realität der Sexarbeit, die Prostitution, bleibt dabei mit dem „Ich“ im Hintergrund. Über sie wird nicht gesprochen, sondern nur über das, was mit ihr einhergeht. Die Entwicklung wird vor diesem Hintergrund als schuldfreies Schicksal dargestellt. Wichtig ist auch: Die Nachteile und Folgen bleiben abstrakt, in der Schilderung unpersönlich und allgemein. Sie müssen diese Interpretationshypothesen nicht teilen und können gerne andere, weitere entwickeln. Hier ist nur wichtig, dass Sie verstehen, worauf der Übergang zu weiterführenden Interpretationshypothesen gründet und dass wir im Material bleiben, aber die Art der Erzählung mit einbeziehen. 4. Wenn wir nun die Interpretationshypothesen im ganzen Interview überprüft und fundiert hätten, was wir hier nicht tun können, wäre ein weiterer Abstraktionsschritt durchzuführen, indem wir auf das „Wesen“ 68 3 Ansätze und Prinzipien der qualitativen Sozialforschung <?page no="69"?> oder die „Typik“ der Erzählung und des Phänomens schließen. Auch diesen Schritt improvisieren wir hier. Wir gehen aber in der Interpretation und Abstraktion wieder einen Schritt weiter. Für uns ist der zugrundeliegende Erzähltypus der einer Rechtfertigung der Prostitution. Sie funktioniert über allgemein bleibende Verallgemeinerungen des „Nicht-Anders-Sein“ als wir „Normalbürger“ und des „Nicht-Anders-Können“, weil man in Abhängigkeit geraten ist. Und auch das geht vielen so. Wir nehmen an, dass diese Rechtfertigungsform ein wichtiger Bestandteil des Phänomens Prostitution ist. Sie besteht aus dem Typus der „gesuchten Normalität“ und der „nicht schuldhaften Entwicklung“. Zugrunde liegt die Suche nach Anerkennung, welche durch das Schweigen über die Sexarbeit selbst einfacher möglich wird. Die Sexarbeit scheint dadurch eine Tätigkeit wie jede andere zu sein. Der Bezug zu Geld als verallgemeinertes, abstraktes Tauschmittel unterstützt die Typik noch. Alle kennen es und viele möchten mehr davon haben. Zugleich ist Geld auch eine Anerkennungsform für geleistete Arbeit. Nun haben wir einen Typus gewonnen und müssen im Vergleich mit anderen Interviews diesen Typus validieren, differenzieren und noch andere Typen generieren, um das Feld der Prostitution in Wien der 80er-Jahre kartographieren zu können. Dies können wir an dieser Stelle nicht tun. Wir gehen jedoch einen weiteren Schritt in diese Richtung, indem wir uns nun der Vorgehensweise der „Grounded Theory“ zuwenden. 3.4 Die Grounded Theory In der „Grounded Theory“ geht es zum einen um ein Verfahren der Theo‐ riebildung (vgl. Muckel et al. 2017; Glaser & Strauss 1967). Es wurde aus den Frustrationen im Umgang mit abgehobenen deduktiven Theorien wie z. B. jenen von Karl Marx heraus entwickelt. Zum anderen handelt es sich um eine Methodologie, welche die wissenschaftliche Qualität der Forschung absichern möchte. Statt Theorien im Wolkenkuckucksheim zu entwickeln und dann mit dem Forschungsfeld abzugleichen, haben Glaser und Strauss 1967 ein anderes, umgekehrt vorgehendes Prinzip stark gemacht: jenes der fortlaufenden empirischen Fundierung der Theorieentwicklung. Dabei werden erst gegenstandsnahe Theorien und dann formale Theorien mit größerer Reichweite entwickelt. 3.4 Die Grounded Theory 69 <?page no="70"?> Bildquelle: Wikipedia.org Bildquelle: Amazon.de Barney Glaser (1930) hatte in Stanford, Freiburg und dann an der Columbia Universität in New York bei Paul Lararsfeld und Robert K. Merton studiert und später gearbeitet. Er führte zusammen mit Anselm Strauss ein Forschungsprojekt zum Thema “Awareness of Dying” (1965) durch, in dem die Grounded Theory zum ersten Mal systematische Anwendung fand. Anselm Strauss (1916-1996) arbeitete an der Univer‐ sität of California in San Francisco. Er hatte u. a. in Chicago studiert und fühlte sich in seinem Schaffen der Chicago School und insbesondere dem symbolischen Interaktionismus von Herbert Blumer verpflichtet. 1967 schrieben beide Autoren zusammen ein Buch zu ihrem Forschungsverfahren mit dem Titel: “The Discovery of Grounded Theory”. Ziel der Grounded-Theory-Methodologie ist die Entwicklung einer auf dem empirischen Material basierende (grounded) Theorie mittlerer Reichweite (vgl. Strauss & Corbin 1996; Glaser & Strauss 2005). In einem abwechselnden und sich wiederholenden Prozess der Datenerhebung und -analyse werden nach und nach Kategorien gebildet, miteinander in Beziehung gesetzt und zu einer Theorie verdichtet (vgl. May et al. 2020). Dabei werden Analysedimensionen herausgearbeitet, Interpretationshy‐ pothesen gebildet und im kontinuierlichen Vergleich fundiert. Diese werden zusammengeführt und theoretisch verdichtet. 1. Durch den ersten Schritt des Konzeptualisierens kommt man zu ersten Kategorien und Dimensionen des Phänomens. Man ordnet das Phä‐ nomen oder Teile des Phänomens Oberbegriffen oder Begriffsklassen zu. Im Zentrum der Grounded-Theory-Methodologie steht das Codieren. Dadurch werden z. B. Textstellen den Kategorien zugeordnet. Dabei geht die Groun‐ ded-Theory-Methodologie unter Anwendung verschiedener Codierarten über eine bloße Deskription hinaus und zielt darauf, aus dem empirischen Material heraus gehaltvolle Konzepte zu entwickeln (vgl. Mey et al. 2020). Dabei beginnt man offen und bildet erste Kategorien über das, was uns im Text begegnet. Dies können bereits analytische Dimensionen, soziologische 70 3 Ansätze und Prinzipien der qualitativen Sozialforschung <?page no="71"?> Kategorien oder auch „In-vivo-Kategorien“, das heißt kleiner Textbestand‐ teile, sein. Es ist ein kleinschrittiges Vorgehen, welches idealerweise Satz für Satz vorgenommen wird. Wir können „W-Fragen“ an den Text richten: Was? Worum geht es hier? Wer? Welche Akteure sind beteiligt? Welche Rollen spielen sie? Wie? Wie interagieren sie? Welche Aspekte werden angesprochen/ betont? Womit? Welche Ressourcen und Strategien werden angewandt? Warum? Welche Begründungen werden gegeben? Wann? Wie lange? Wo? (vgl. Heiser 2016). Das Ergebnis ist dann ein Grundbestand von Textbestandteilen, die zu Kategorien abstrahiert werden können. Das axiale Codieren zielt dann auf die Untersuchung von Verbindungsgeflechten zwischen Kategorien. Wir stellen eine Kategorie in den Mittelpunkt und bilden um diese ein Beziehungsnetz: Zeitliche und räumliche Beziehun‐ gen? Ursache-Wirkungs-Beziehungen? Mittel-Zweck-Beziehungen? Argu‐ mentative, motivationale Zusammenhänge? (vgl. Heiser 2016). Das Ergebnis ist ein Codierparadigma, welches auch auf andere Interviewpassagen oder Interviews angewandt, dabei aber auch laufend modifiziert und differenziert wird. Hierbei werden bereits Antworten auf die Frage gegeben, wie sich das Phänomen im Kontext interpretieren lässt, welche Bedingungen und Ursachen benannt werden und zu welchen Handlungsweisen sie führen. Welche Konsequenzen treten auf ? Wir haben es hier also mit einem weiteren Abstraktionsschritt zu tun. Die Abstraktion nimmt noch weiter zu, wenn wir selektiv codieren. Die Kategorien werden weiter verdichtet, durch die Herausarbeitung einer Kernkategorie in ein Kategoriennetz integriert und als auf das empirische Phänomen bezogene Theorie ausformuliert (vgl. Mey et al. 2020b). Dies kann und soll dann auch in eine Typenbildung münden. Toolbox 3: Codierverfahren im Kontext der Grounded Theory a. Offenes Codieren: Aufteilen in Sinneinheiten und Zuordnung von Codes (W-Fragen) b. Axiales Codieren: Weiterentwickeln der Kategorien, In-Bezie‐ hung-Setzen von Kategorien (Kontext, ursächliche sowie interve‐ nierende Bedingungen, Strategien und Konsequenzen) c. Selektives Codieren: Die Kategorien werden weiter verdichtet, durch die Herausarbeitung einer Kernkategorie in ein Netz von über- und untergeordneten Kategorien integriert und als gegen‐ standsgegründete Theorie ausformuliert (vgl. Mey et al. 2020). 3.4 Die Grounded Theory 71 <?page no="72"?> Herausarbeitung einer Kernkategorie in ein Netz von über- und un‐ tergeordneten Kategorien integriert und als gegenstandsgegründete Theorie ausformuliert (vgl. Mey et al. 2020). Um das Ganze auszuprobieren und selbst anzuwenden, können Sie sich als Übung ein weiteres Zitat einer Prostituierten in der Girtler-Studie genauer ansehen. Sie finden im Anschluss an die Übung auch wieder Hinweise zur Durchführung der Übung, konkret: einige Anhaltspunkte, wie wir die Übung durchgeführt haben. Diese sind aber immer noch improvisiert und nicht vollständig, damit Sie sich selbstständig weiter mit dem Material auseinandersetzen können. Übung 3: Codieren eines Interviewzitates einer Prostituierten (1) Bitte codieren Sie das nachfolgende Zitat. Versuchen Sie zunächst, den Sinngehalt aufzubrechen und In-vivo-Kategorien zu bilden (offenes Codieren). (2) Gehen Sie dann auf den Kontext und auf die Zusammenhänge vor dem Hintergrund der Fragestellung ein (axiales Codieren). (3) Versuchen Sie danach zu codieren, mit welchen Darstellungs- und Rechtfertigungsformen wir es zu tun haben (selektives Codieren)? (4) Vergleichen Sie das Zitat mit Bezug zur Rechtfertigungstypik der Prostitution, welches wir im ersten Zitat der Prostituierten I herausge‐ arbeitet haben. „Wenn man eine Hur ist, ist man für einen Mann nur für das Bett interessant. Man hat keine Beziehung zu ihm und will sie auch nicht. Wenn man keinen Freund hat oder jemand, mit dem man sich versteht, dann geht man eben saufen. Die meisten saufen. Die allerwenigsten sparen“ (Girtler 1994: 93; Zitat einer ehemaligen Prostituierten aus Wien). Hinweise zur Beantwortung 3: Codieren eines Interviewzitates einer Prostituierten Wir möchten im Folgenden ein paar Hinweise geben, ohne das Ergebnis der Übung vorwegzunehmen. Wie wir auf den ersten Blick sehen können, 72 3 Ansätze und Prinzipien der qualitativen Sozialforschung <?page no="73"?> beinhaltet das Zitat der zweiten Prostituierten ähnliche Kategorien und Di‐ mensionen der Darstellung von Prostitution, aber es gibt auch Unterschiede. (1) (a) „Wenn man eine Hur ist, ist man für einen Mann nur für das Bett interessant.“ Dies ist ein wichtiges Element der Aussage. Sie bezieht sich auf die Wahrnehmung eines einseitigen Kundeninteresses, welches eine auf Wechselseitigkeit basierende Beziehung ausschließt. Als Kategorie könnten wir wählen: auf Sex bezogene Einseitigkeit des männlichen Interesses. In-vivo-Kategorien können noch sehr nah am Gesagten sein und einen geringen Abstraktionsgrad aufweisen. (b) „Man hat keine Beziehung zu ihm und will sie auch nicht.“ Dies ist ein weiteres Element der Aussage, welche auf die gewollte Beziehungslosigkeit anspielt und aus dem zuvor Gesagten folgt. Wir schlagen als Kategorie vor: (gewollte) Beziehungslosigkeit. (c) „Wenn man keinen Freund hat oder jemand, mit dem man sich versteht, dann geht man eben saufen. Die meisten saufen.“ Die Folge wiederum dieser (gewollten) Beziehungslosigkeit im Sinne einer fehlenden Intimpartnerschaft ist der exzessive Konsum von Alkohol („Saufen“). Wir schlagen als Kategorie vor: exzessiver Konsum von Alkohol. (d) „Die allerwenigsten sparen.“ Ein letztes wichtiges Element der Aussage ist, dass in der Regel nicht gespart wird, wodurch auch keine finanziellen Rücklagen aufgebaut werden. Wir schlagen als Kategorie vor: fehlende Ersparnisse. (2) Alle vier Kategorien hängen eng zusammen und können in ihrem Zusam‐ menhang auch als eine logische Folge von Ursache und Wirkung inter‐ pretiert werden: Die sexuelle Einseitigkeit des männlichen Interesses als Ursache (a) führt zur (gewollten) Beziehungslosigkeit als Folge (b) mit den Nebenwirkungen eines exzessiven Alkoholkonsums (c) und den fehlenden Ersparnissen (d). Wenn wir weiter abstrahieren, könnten wir darin eine Verkettung von Ursachen und Folgen sehen, welche die Prostituierte auf‐ grund fehlender Beziehungen und Ersparnisse in der Sexarbeit hält. Diese „Verkettung von Ursachen und Folgen“ bietet sich zugleich als übergeord‐ nete Kategorie im axialen Codieren an. Sie geht von den Männern aus (a) und 3.4 Die Grounded Theory 73 <?page no="74"?> die Prostituierte hat mit den Folgen (b-d) zu kämpfen. Sie erscheint in dieser Darstellungslogik eher als Opfer denn als Täterin. Auch die „Opfersituation“ eignet sich daher als weiter abstrahierte, übergeordnete Kategorie im axialen Codieren. Die Folge ist wiederum ein gesteigerter „Drogenkonsum“, eine weitere naheliegende übergeordnete Kategorie. Dabei handelt es sich in der Darstellung der Prostituierten nicht um ein Einzelschicksal, sondern es trifft die meisten Prostituierten oder kann potenziell alle treffen. Dies ist im Kon‐ text zu sehen, dass wir es mit Darstellungs- und Rechtfertigungsformen von Angehörigen einer gesellschaftlich diskriminierten Randgruppe zu tun ha‐ ben (Einbezug des Kontextes), welche offensichtlich Anerkennung durch die Darstellung von Normalität suchen. Der Bezug auf eine „allgemeingültige Situation“, die auch jede andere hätte treffen können, bietet sich daher als eine weitere übergeordnete Kategorie an. Hinzu kommt, dass die Sexarbeit selbst dabei nicht zum Thema wird. Es kommt auch in diesem Zitat zu einem Schweigen über das Eigentliche, zu einem „Schweigen über die Sexarbeit“, womit wir eine weitere übergeordnete Kategorie gewonnen haben. Wir sehen, dass sich der Abstraktionsgrad in den Kategorien nun etwas erhöht hat, sodass mehrere Darstellungen von Prostituierten unter eine Kategorie subsumiert werden können. Zugleich werden auch die Zusammenhänge deutlicher und in ihrer Verallgemeinerbarkeit klarer. (3) Wenn wir uns im selektiven Codieren nun stärker darauf konzentrieren, mit welchen Darstellungs- und Rechtfertigungsformen wir es zu tun haben, sehen wir drei Kategorien in einem engen Zusammenhang. Die (unverschul‐ dete) Opfersituation wird verbunden mit der Allgemeingültigkeit einer Lage, welche so oder anders auch alle anderen - auch die Normalbürger*innen - treffen kann. Und diese steht im Zusammenhang mit den Folgen von Drogenkonsum und fehlenden Ersparnissen, die sich für die meisten nicht vermeiden lassen. Hinter einer solchen Darstellungsform lässt sich, so unsere erste Deutungshypothese, die Suche eines Mitglieds einer diskrimi‐ nierten Randgruppe (Kontext) nach Anerkennung als eine „normale Person“ und die Rechtfertigungsform einer „unverschuldet zum Opfer gewordenen normalen Person“ erkennen. Die Botschaft der Rechtfertigung lautet - un‐ serer ersten Deutungshypothese folgend - übersetzt: Wir sind unschuldig, wir sind wie du und haben mit Problemen zu kämpfen, die du auch kennst: Geldbedarf, Trinken, Beziehungsschwierigkeiten. 74 3 Ansätze und Prinzipien der qualitativen Sozialforschung <?page no="75"?> (4) Im Vergleich der beiden rekonstruierten Zitate fällt auf, dass wir es in beiden mit einer ähnlichen Rechtfertigungsform zu tun haben. Aber im zweiten Zitat steht die Rechtfertigung nicht mehr so im Vordergrund, die Frage der Beziehungen und andere Drogen als Geld, nämlich der Alkohol, kommen zur Sprache. Dennoch sind einige Gemeinsamkeiten mit dem ersten Zitat auffällig. Die Erzählform des „ich“ wird durch die verallgemeinerte Form des „man“ ersetzt. Es ist wieder eine „Opfer“-Erzählung. Auch in diesem Zitat taucht die unverschuldete Schicksalshaftigkeit auf, diesmal der Beziehungs‐ losigkeit, mit den Folgen einer Sucht, diesmal dem Alkohol. Auch hier wird über die Sexarbeit geschwiegen und bleiben die Folgen abstrakt. Implizit wird die Abhängigkeit von Alkohol, von Geld und die Ausweglosigkeit, weil die allerwenigsten sparen, zum Thema. Bei allen Unterschieden deutet sich bereits in einer ersten Interpretation eine ähnliche Typik in der Darstellung der Prostitution an. 2. Das Vorgehen der Grounded-Theory-Methodologie besteht weiter darin, während des gesamten Forschungsprozesses immer wieder und auf allen Ebenen Vergleiche vorzunehmen: auf der Ebene der Fallauswahl, der Daten, der generierten Codes und der daraus gebildeten übergeordneten Katego‐ rien (vgl. May et al. 2020). Es ist ganz wichtig, dass im Forschungsprozess so lange Vergleiche durchgeführt werden, bis keine neuen Kategorien bzw. Dimensionen hinzukommen und die gegenstandsbezogene Theorie als hinreichend fundiert erscheint. Folgende Fragen müssen nach und nach in diesem schrittweisen Verfahren beantwortet werden: • Sind die aus dem ersten Fall entwickelte Hypothese und Typik für alle weiteren Einheiten/ Fälle tauglich oder muss sie ergänzt oder verändert werden? • Inwiefern spielt der Kontext eine Rolle und verändert sich die Typik mit dem Kontext? • Welche Typen lassen sich generalisieren, wenn die theoretische Sätti‐ gung erreicht ist? Erst wenn diese zufriedenstellend beantwortet sind, kann im Verfahren weiter fortgeschritten werden und beispielsweise der Schritt von einer konkreten zu einer formalen und abstrakten Theorie in der Erklärung des Phänomens vollzogen werden. 3.4 Die Grounded Theory 75 <?page no="76"?> 3. Das theorieorientierte Auswahlverfahren: Die Auswahl der zu erhebenden Fälle und Materialien erfolgt in der Methodologie der Grounded Theory sukzessive nach aus den Daten entwickelten theoretischen Gesichtspunk‐ ten. Im Idealfall beginnt die Analyse bereits nach der ersten Datenerhebung (vgl. May et al. 2020). Das heißt, wir beginnen mit einem Fall, arbeiten unsere Deutungshypothesen und Typen heraus und suchen dann nach kontrastierenden Fällen. Ein beliebtes Verfahren ist dabei der minimale und der maximale Vergleich. Es erlaubt, bei einem sehr kleinen N zu bleiben und eignet sich daher auch sehr gut für Abschlussarbeiten. In diesem Verfahren werden die Fälle für den Vergleich so ausgewählt, dass sie in wichtigen Dimensionen oder Kontexten (Ergebnis der ersten Fallanalyse) nur kleine Unterschiede aufweisen oder sehr große. Bei den kleinen Unterschieden stellen wir dann die Frage: Was ist jetzt noch anders, unterschiedlich. Und bei den großen Unterschieden fragen wir: Was ist jetzt noch gleich, was haben die Fälle jetzt noch gemeinsam? Das theoretische Auswahlverfahren der Fälle ist ein Voranschreiten von Fall zu Fall entlang der Ergebnisse der Fallanalyse, immer auf der Suche nach kontrastierenden Fällen. Auf diese Weise wird die Theorie weiterentwickelt, bis eine theoretische Sättigung erreicht ist. Wir wollen dann folgende Fragen beantworten können: • Wie lassen sich die Befunde erklären, welche Theorien müssen wir dafür entwickeln? • Wie lässt sich das Phänomen erklären (gegenstandsbezogen) und welche allgemeine Rechtfertigungstheorie für gesellschaftlich nicht anerkannte Tätigkeiten lässt sich daraus herleiten (formale Theorie). Wir beginnen also mit gegenstandsbezogenen Hypothesen, in unserem Falle also z. B. die Typik der gesuchten Normalität mit dem Schweigen über das Eigentliche, die Sexarbeit selbst. Wenn sich dies generalisieren lässt, dann können wir gegenstandsbezogen einen Zusammenhang zwi‐ schen der fehlenden Anerkennung der Prostitution, ihrer Diskriminierung und der versuchten Herstellung von „Normalität“ in der Darstellung und Rechtfertigung der Prostitution konstatieren. Dies könnte dann zu einer formalen Theorie ausgebaut werden, einer Theorie der Rechtfertigung von Randgruppen, indem man andere Felder und Randgruppen heranzieht und vergleicht. 4. Als sehr bedeutsam wird das Schreiben von Memos betrachtet. Diese dienen der Ideenentwicklung, Strukturierung, Reflexion sowie Konzeptbil‐ 76 3 Ansätze und Prinzipien der qualitativen Sozialforschung <?page no="77"?> dung und begleiten den gesamten Forschungsprozess (Planung, Erhebung, Auswertung) (vgl. May et al. 2020). Mit dem Schreiben von Memos beginnt man zu Anfang des Projektes und führt es in dessen Verlauf stetig weiter. „Anfangs werden mit diesem Hilfsmittel mögliche Hypothesen festgehalten und generative Fragen gestellt. Die ersten Memos sind vielleicht noch ziemlich einfach und unklar. In den weiteren Phasen dienen sie dazu, die konzeptuell dichter werdende Theorie festzuhalten. Theoretische Gedanken werden in Form von Theorie-Memos kontinuierlich festgehalten. In der Phase des Schreibens des Forschungsberichtes werden sie sortiert und integriert. Durch alle Projektphasen hindurch dienen sie dazu, weiterge‐ hende Fragen zu stellen und neue Datenerhebungen zu initiieren und ihre Zielsetzung zu bestimmen“ (Kuckartz 2010: 135 f.). Nachdem wir nun einige wichtige Elemente in der Vorgehensweise der Grounded Theory kennengelernt haben, möchten wir zum Abschluss der Kurzdarstellung dieses Ansatzes noch erwähnen, dass der Startpunkt einer gemeinsamen Herangehensweise von Glaser und Strauss nicht durchgehal‐ ten wurde und später Differenzen in der Methodologie und den Verfahren der Grounded Theory, insbesondere von Glaser, stärker betont wurden. Während Strauss einem konstruktivistischen Pragmatismus verpflichtet blieb, der typisch für die Chicago School ist, entwickelte Glaser eine stärker positivistische Variante der Grounded Theory (vgl. Strübing 2014: 6). Bei allen Inkonsistenzen wurde indirekt bei Glaser das theoretische Vorwissen doch wieder zugelassen oder sogar vorausgesetzt. Die bloße Theorieent‐ wicklung auf Basis der aus der Analyse gewonnenen Annahmen war sein Hauptziel, während Strauss das Verfahren weiterhin so betrachtete, dass auch eine laufende Theorieprüfung (im Sinne einer Verifikation und Falsi‐ fikation von Annahmen) im Prozess der Theorieentwicklung durchgeführt werden sollte. Aber dieser Streit muss uns hier nicht weiter interessieren. Er spiegelt den grundlegenden Disput zwischen den beiden Methodenparadigmen, qualitativ und quantitativ, wider. Für uns ist zum Abschluss dieser Kurz‐ darstellung nur wichtig zu erwähnen, dass es heute keine einheitliche „Grounded Theory“ gibt, sondern viele verschiedene Spielarten von ihr (siehe dazu Strübing 2007, 2011). Insbesondere die „konstruktivistische Grounded Theory“ von Kathy Charmaz, einer Studentin und Doktorandin von Anselm Strauss, die auch mit Glaser zusammenarbeitete (vgl. nur Charmaz 2006, 2009, 2017; Bryant & Charmaz 2019), hat sich als eine wichtige neuere Variante der Grounded Theory etabliert. Die verschiedenen 3.4 Die Grounded Theory 77 <?page no="78"?> Varianten unterschieden sich in vielen Details und teilweise auch in den Prinzipien, aber der Kern der Herangehensweise ist bei allen sehr ähnlich: Das Ziel ist, keine „Bibliothekstheorien“ im ausgedehnten Bücherstudium zu schaffen, sondern die Theorien im laufenden Abgleich mit der Empirie sowie im Vergleichen der Ergebnisse empirisch fundiert zu entwickeln. Damit haben wir zwei wichtige und grundlegende Ansätze der qualita‐ tiven Forschung kennengelernt, auf denen auch viele neuere Verfahren aufbauen. Doch eine weitere Grundlegung fehlt noch. Da die qualitative Sozialforschung häufig im Methodenmix zum Einsatz kommt, erscheint es uns als wichtig, dass wir uns auch mit verschiedenen Designs und Verfahren von Methodenkombinationen vertraut machen. Dies soll im nachfolgenden Abschnitt geschehen. 3.5 Die qualitative Sozialforschung in der Kombination verschiedener Methoden Natürlich wissen wir bereits, dass die qualitative Sozialforschung für sich stehen kann. Sie ist keineswegs auf die explorative Vorphase einer quan‐ titativen Untersuchung zu reduzieren. Sie kann aber auch ein wichtiger Baustein im Methodenbaukasten einer Untersuchung sein. Viele Fragestel‐ lungen erfordern verschiedene methodische Zugänge, die sich wechselseitig kontrollieren, arbeitsteilig verbunden sind oder einfach ergänzen können. Viele Forschungsprojekte wenden daher verschiedene Zugänge zu einem Thema oder einer Fragestellung an und beschränken sich nicht auf einen Zugang bzw. eine Methode. Auch der Studie von Girtler lag nicht nur eine teilnehmende Beobach‐ tung zugrunde, sondern ebenso viele ero-epische Gespräche, die er mit Prostituierten, Zuhältern und Kleinkriminellen geführt hat. Während die Beobachtung einen Zugang zu den Kommunikations- und Handlungsweisen im Feld gebracht hat, ließen sich über die ero-epischen Gespräche die Relevanzen und Sinnstrukturen der Akteure in dem Feld erheben. Beide Er‐ hebungsformen kamen zeitgleich zur Anwendung - also simultan und nicht sequenziell - wobei die Datenart aber nicht gleichgewichtet war, sondern die teilnehmende Beobachtung im Vordergrund stand. Die Studie erscheint als hypothesengenerierend und theorieentwickelnd zugleich angelegt, auch wenn - gemessen an den Ergebnissen - die deskriptive Seite im Zentrum 78 3 Ansätze und Prinzipien der qualitativen Sozialforschung <?page no="79"?> stand. Beide Zugänge zum Feld haben sich also ergänzt, aber kamen - soweit erkennbar - nicht wechselseitig kontrollierend zum Einsatz. Eine andere Variante der Methodenkombination, wie sie auch von uns bei Primärerhebungen in einem neuen Feld häufig angewandt wird, ist die Kom‐ bination von explorativer qualitativer Forschung mit teilstandardisierten Expertengesprächen (welche zugleich als Pretest genutzt werden können) und einem Survey mit standardisierten Fragen und Skalen in diesem Feld (exploratives Design). Dieser Dreischritt von hypothesengenerierender qualitativer Forschung bis hin zu hypothesentestender standardisierter Forschung ist eine häufige Anwendungsform bei Methodenkombination. Aber eine solche Vorgehensweise wird auch in umgekehrter Logik - von quantitativ zu qualitativ - durchgeführt. So haben wir z. B. bei einer Untersuchung zum Drogengebrauch bei 15bis 16-jähri-gen Schüler*innen eine Befragung mit zwei Teilen durchgeführt: einem standardisierten Teil der Befragung mit Wissensfragen und einem offenen Teil der Befragung mit Fragen zur Freizeitgestaltung, zu Gruppen in der Schule und zum ersten Kontakt mit Drogen. Im ersten Teil haben wir herauszufinden versucht, was die Schüler*innen überhaupt über Drogen wissen. Denn es stellte sich in Vorgesprächen heraus, dass zwar viele Schüler*innen angaben, mit Drogen in Kontakt gekommen zu sein. Aber als wir dann fragten, wie diese Drogen aussahen, in welcher Dosierung sie verabreicht und zu welchem Preis sie gehandelt wurden, stellte sich bei den meisten Schüler*innen heraus, dass sie dies gar nicht wussten. Sie hatten nur angegeben, Drogen zu nehmen, um cool zu erscheinen. Im zweiten, offenen Teil der Befragung konnten wir dann herausfinden, welche Milieus und Gruppen sich eher abseits der Drogen bewegten, und im Falle von Drogenerfahrungen, welche Milieus und Kontexte dabei eine Rolle spielten und welche Relevanzen sie den Drogen beimaßen. Bei einer solchen Vorgehensweise handelt es sich um ein eingebettetes Design, welches dadurch gekennzeichnet ist, dass in einer Befragung zwei unterschiedliche Forschungsfragen gestellt werden, deren Beantwortung jeweils einen anderen Datentyp erfordert. Sie bauen korrelativ aufeinander auf. Während die standardisierte Erhebung des Wissens in Bezug auf Drogen uns einen Überblick gab, wie es um die Drogenexpertise der Schüler*innen als ein Indikator für Konsumerfahrungen bestellt war, ermöglichte es die qualitative Befragung, Aufschluss über die Mechanismen und Prozesse zu erhalten, welche zu Drogenabstinenz bzw. Drogenkonsum führen. 3.5 Die qualitative Sozialforschung in der Kombination verschiedener Methoden 79 <?page no="80"?> Information 3: Vier Designs von Methodenkombinationen Das Triangulationsdesign ist dadurch gekennzeichnet, „dass zeit‐ gleich qualitative und quantitative Verfahren der Datenerhebung zur Anwendung kommen; die Daten beziehen sich auf denselben Untersu‐ chungsgegenstand, und es kommt ihnen dasselbe Gewicht zu“ (Hussy et al. 2010: 303; siehe Clark & Creswell 2008: 105-118). Während sich die beiden Erhebungs- und Datenarten beim Triangulati‐ onsdesign auf dieselbe Forschungsfrage und denselben Untersuchungs‐ gegenstand beziehen, ist das eingebettete Design gerade dadurch gekennzeichnet, dass zwei unterschiedliche Forschungsfragen gestellt werden. Ihre Beantwortung erfordert jeweils einen andere Erhebungs‐ form und einen anderen Datentyp (vgl. Hussy et al. 2010: 303). Welche Seite dabei dominiert, hängt von der Fragestellung ab (vgl. Hussy et al. 2010: 303). In der Unterform des korrelativen Designs dienen die qualitativen Daten dazu, „Aufschluss über die Mechanismen zu erhalten, die den quantitativ ermittelten Zusammenhangen zugrunde liegen“ (Hussy et al. 2010: 304). In einem explanativen Design werden qualitative und quantitative Erhe‐ bungsverfahren in zwei Phasen miteinander kombiniert. So wird z. B. in einer ersten Phase ein quantitativ erhobener Befund festgehalten, der dann in einer zweiten qualitativen Erhebungsphase erklärt werden soll. Nehmen wir an, wir stellen in einer Untersuchung der Analyse von Handy-Daten in Zeiten einer Pandemie fest, dass viele sich nicht an die Regeln der Beibehaltung eines physischen Abstands von 1,5-2 m halten. In einer qualitativen Untersuchung wird dann geklärt, welche die Gründe dafür sind und welche Situationen und Handlungskonstellationen dazu führen. Dies kann auch umgekehrt funktionieren. Wir stellen als qualitativen Befund fest, dass Distanzregeln keine Wertschätzung erfahren und wollen auf der Ebene von durch Beobach‐ tung erhobenen Strukturdaten zusätzlich prüfen, ob und wie sich diese Geringschätzung in bestimmten Situationen und Handlungskonstellationen tatsächlich in regelabweichendes Handeln übersetzt. In einem explorativen Design ist die qualitative Erhebung der stan‐ dardisierten vorgeschaltet, um ein neues Forschungsfeld zunächst zu erkunden und den standardisierten Fragebogen basierend auf diesen Primärerfahrungen zu gestalten und zuzuschneiden (vgl. Hussy et al. 2010: 304). 80 3 Ansätze und Prinzipien der qualitativen Sozialforschung <?page no="81"?> Es gibt viele Paradigmen und viel Streit um die Möglichkeiten, verschiedene Methoden zu kombinieren (vgl. dazu nur Kelle 2017; Flick 2018; Clark & Creswell 2008; Headley & Clark 2019, Knappertsbusch et al. 2021). Doch auch hier bleiben wir bei unserer eingangs dargelegten Position: Die Frage‐ stellung, das Forschungsinteresse und die Erklärungsabsicht entscheiden darüber, welche Methoden zum Einsatz kommen und wie sie kombiniert werden - und keine Glaubensfragen bzw. paradigmatischen Positionen. Wir können hier abschließend festhalten, dass es neben dem Forschungs‐ interesse und der Erklärungsabsicht zwei generelle Ziele von Methoden‐ kombinationen gibt (siehe Kelle 2014, 2017): die Validierung von For‐ schungsergebnissen durch eine Verwendung unterschiedlicher Methoden (1) oder die Kombination von Methoden und/ oder Daten mit dem Ziel, ein umfassenderes Bild des Gegenstandsbereichs zu erreichen (2) (siehe dazu Knappertsbusch 2017; Knappertsbusch et al. 2021; Kelle 2017: 45). 3.6 Schlussbemerkung Die Lernfragen zu diesem Kapitel finden Sie unter: https: / / narr/ kwaest.io/ s/ 1470 Wie wir gesehen haben, lassen sich wichtige gemeinsame Ausgangspunkte der qualitativen Sozialforschung identifizieren, welche viele ihrer Ansätze inspiriert haben. Der Rückbezug auf Husserls Phänomenologie als Inspira‐ tionsquelle gehört sicherlich dazu. Er hat hervorgehoben, was später als die Voraussetzung der Unvoreingenommenheit und „künstlichen Naivität“ breit in die Sozialforschung Einzug gehalten hat. Und wir haben darauf hingewiesen, dass die Erfüllung dieser Voraussetzung für uns oft harte Arbeit ist, welche wir uns immer wieder neu vornehmen müssen. Auch der Bezug zur „Grounded Theory“ hat ein weiteres, daran anschließendes wichtiges Prinzip vieler qualitativer Ansät-ze in den Vordergrund gerückt: die Entwicklung von Annahmen, Theorien und Hypothesen aus dem Ma‐ terial heraus - Fall für Fall und/ oder Schritt für Schritt vergleichend. Die Prinzipien der Induktion und der vergleichenden Verfahren kennzeichnen die meisten Ansätze und Spielarten der qualitativen Sozialforschung. Wir haben auch darauf hingewiesen, dass diese qualitative Herangehensweise ebenfalls ihre Probleme und zugleich zahlreiche Kritik auf sich gezogen hat. Last but not least war es uns wichtig, nicht nur die Herangehensweise und den Stellenwert der qualitativen Sozialforschung sui generis zu betonen, 3.6 Schlussbemerkung 81 <?page no="82"?> sondern diese auch als ein wichtiger Bestandteil von Methodenkombinati‐ onen vorzustellen. Die meisten Forschungsdesigns heutzutage sind durch Methodenkombinationen gekennzeichnet, die sich an der Forschungsfrage und der Erklärungsabsicht orientieren. Fragen zur Vertiefung 2 1. Aus welchen Gründen heraus wird in der qualitativen Sozialforschung die Induktion gegenüber deduktiven Verfahren bevorzugt? 2. Wie kann man induktive und deduktive Herangehensweisen kombinie‐ ren? Bitte führen Sie dies an einem Beispiel aus. 3. Wenn man Theorien und Hypothesen aus dem Material heraus entwi‐ ckelt, muss man sie dann nochmals quantitativ testen? 4. Wie viele Fälle braucht man in der qualitativen Sozialforschung, um die Befunde generalisieren zu können? Übung für zuhause 2: Vergleichende Interpretation (1) Versuchen Sie, die nachfolgenden drei Zitate in ihrem Sinngehalt zu codieren. Welche Rechtfertigungsformen tauchen auf ? (2) Vergleichen Sie die drei Zitate mit Bezug zur Rechtfertigungstypik der Prostitution, welches wir im ersten Zitat der Prostituierten I heraus‐ gearbeitet haben. Antwort auf die Frage, „ob die Männer, mit denen sie zu tun hatte, ihrem Geschmack entsprechen würden.“ (Girtler 1994: 63): P: „Es kommt nur auf das Geld an. In einer solchen Situation musst du abschalten, darfst an nichts denken und musst alles vergessen.“ (Girtler 1994: 63, Wohnungsprostituierte aus Wien). P: „Wenn man eine Hur ist, ist man für einen Mann nur für das Bett interessant. Man hat keine Beziehung zu ihm und will sie auch nicht. Wenn man keinen Freund hat oder jemand, mit dem man sich versteht, dann geht man eben saufen. Die meisten saufen. Die allerwenigsten sparen.“ (Girtler 1994: 93, Zitat einer ehemaligen Prostituierten aus Wien). P: „Man muss völlig abschalten, wenn man mit einem Herrn zusammen ist. Man darf an nichts denken, einfach abschalten.“ Interviewer: „Bringt man das so einfach? “ 82 3 Ansätze und Prinzipien der qualitativen Sozialforschung <?page no="83"?> P: „Nur, wenn ich vorher eingeraucht bin. Eingeraucht bin ich fast tagtäglich, wenn ich ehrlich bin.“ (Girtler 1994: 93, Zitat einer jüngeren Prostituierten aus Wien). Quellen Bertsch, Matthias (2013): „Philosophie als strenge Wissenschaft: Vor 75 Jahren st arb der Philosoph Edmund Husserl“, in: Deutschlandfunk, am 27.04.2013 (letzter Aufruf am 01.12.2025). Bryant, Antony & Kathy Charmaz (Hrsg., 2019): The SAGE Handbook of Current Developments in Grounded Theory, London: Sage. Bundesagentur für Arbeit Statistik/ Arbeitsmarktberichterstattung (2019): B lickpunkt Arbeitsmarkt - Arbeitsmarktsituation von langzeitarbeitslosen Mensc hen, Nürnberg (letzter Aufruf am 19.05.2021). 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Wir werden im Fol‐ genden beide Spielarten kennenlernen, uns aber stärker auf das qualitative Experiment konzentrieren. Was sind qualitative Experimente? Das qualitative Experiment ist nach Kleining (1986) der nach wissenschaftlichen Regeln vorgenommene Eingriff in einen (sozialen) Gegenstand zur Erforschung seiner Struktur. Es ist die explorative, heuristische Form des Experiments (vgl. Kleining 1986). Es unterscheidet sich vom alltäglichen Experimentieren, also z. B. unserer fortwährenden Versuchs- und Irrtumsaktivitäten, durch eine me‐ thodisch-systematische Durchführung der Versuche sowie ihr transparen‐ tes und intersubjektiv prüfbares Vorgehen. Die gezielte Veränderung eines Untersuchungsgegenstands ist dabei charakteristisch für alle Ex‐ perimente. In den Sozialwissenschaften wird dabei auf soziale Verhältnisse eingewirkt oder in soziale Situationen eingegriffen und diese gezielt ma‐ nipuliert. Das Erkenntnisinteresse richtet sich auf das Aufdecken und Verstehen der hintergründigen Strukturen, also z. B. Erwartungen, Zurech‐ nungen, Darstellungsweisen, aber auch Normen, die in dieser Situation zur Geltung kommen. Erst indem man diese manipuliert, erfährt man etwas über deren Geltung. Erst wenn man bestimmte Spielregeln verletzt und damit bestimmten Erwartungen nicht entspricht, lernt man etwas über die Geltungskraft und die Sanktionsbewehrtheit der Normen dahinter. <?page no="90"?> Deswegen halten viele z. B. populistische Regenten wie Trump in den USA, Bolsonaro in Brasilien oder Berlusconi in Italien für Machthaber, wel‐ che unfreiwillig und unreflektiert häufig natürliche „Krisenexperimente“ durchgeführt haben. Das heißt, sie brachten lange eingeübte politische Situationen laufend in die Krise und zeigten damit auf, wo der Konsens und die Normen in der Gesellschaft tatsächlich lagen. Dieses Phänomen ist eben auch Gegenstand der akademischen Auseinandersetzung, die solche politischen Prozesse als theoretische Krisenexperimente fasst (vgl. Schedler 2019). Aber natürlich sind dies keine wissenschaftlichen Experimente, weil sie zeitlich nicht eng begrenzt und in der Durchführung oft chaotisch und unkontrolliert sind. Was sind quantitativ orientierte Experimente? Normalerweise wird in vielen auf Messung angelegten quantitativen Experimenten ein theoreti‐ scher Satz oder eine Hypothese durch ein Experiment geprüft. Die Isolierung hypothesenrelevanter Variablen ist die Voraussetzung zur Bestimmung der kausal verstandenen Abhängigkeiten. Diese werden durch eine Mani‐ pulation der Untersuchungsbedingungen, idealerweise nur der test-unab‐ hängigen Variablen untersucht, während alle anderen Variablen konstant gehalten werden. Die Kontrolle von Variablen ist deshalb ein wichtiges Anliegen und kann auf verschiedene Weise geschehen: durch Fixierung der Untersuchungsbedingungen, durch den Aufbau einer Kontrollgruppe, durch Randomisierung etc. Aufgrund ihrer besseren Kontrollierbarkeit werden Experimente nach Möglichkeit unter Laborbedingungen vorgenommen. Die Daten müssen quantifiziert sein und gemessen wird mit demselben Instru‐ ment, zu mindestens zwei Zeitpunkten. Häufig wird die Wiederholbarkeit des Experiments gefordert (vgl. Kleining 1986: 725). Das Vorbild dafür kommt u. a. aus der Medizin. Wenn wir also ein Medikament oder einen Impfstoff, zum Beispiel gegen COVID 19, testen, dann wählen wir zufällig eine Gruppe von Patient*innen aus, denen das neue Medikament verabreicht wird und eine andere Gruppe, welche ein Placebo bekommt. Wie gesagt, die Zugehörigkeit zu diesen Gruppen wird zufällig bestimmt. Nach einer vorher festgelegten Beobachtungsphase vergleichen wir dann die Treatment-Gruppe, welche das neue Medikament bekommen hat mit der Non-Treatment-Gruppe, welche Placebos erhalten hat. Wenn es im Ergebnis signifikante Unterschiede in positiver Hinsicht gibt, also das Medikament die Heilungschancen ohne große Nebenwirkungen erhöht, wird das Experiment wiederholt. Eine solche randomisierte kontrollierte Studie (RCT englisch: randomized controlled trial) gilt in der medizinischen 90 4 Das Experiment <?page no="91"?> Forschung als das nachgewiesen beste Studiendesign, um bei einer eindeu‐ tigen Fragestellung eine eindeutige Aussage zu erhalten und die Kausalität zu belegen. Denken wir in diesem Zusammenhang auch an die Vergabe des „No‐ belpreises“ für Wirtschaft 2019. Gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem indischen Ökonom Abhijit Banerjee, sowie dem Wirtschaftswissenschaftler Michael Kremer wurde Esther Duflo für ihre Verdienste zur Armutsfor‐ schung ausgezeichnet (vgl. Duflo 2010). Mithilfe eines Experimentaldesigns konnten sie beispielweise zeigen, wie mit Impfwiderständen in armen Ländern am besten umgegangen werden kann. Dabei hatten sie es im Regelfall nicht mit Impfgegnern zu tun, sondern mit Menschen, welche um die Nützlichkeit der Impfung wussten, aber dennoch nicht handelten. Es zeigte sich, dass im Vergleich zur Gruppe ohne Maßnahmen sowie zu einer zweiten Gruppe, welche nur eine intensivierte Aufklärung in einem Camp erfahren hatte, die dritte Gruppe am besten abschnitt, der ein Kilogramm Linsen als Belohnung für die Impfung angeboten wurde (vgl. Banerjee et al. 2007). Mit einer Vielzahl randomisierter kontrollierter Studien in einem eng begrenzten Umfeld konnten die Forschenden also zeigen, welche entwicklungspolitischen Maßnahmen wirkten und welche eher nicht. Die Herangehensweise in der qualitativen Sozialforschung unterscheidet sich aber von diesem Modell des Hypothesentests, das einem Großteil der heutigen Experimentalforschung zugrunde liegt. Die prinzipielle Idee dahinter ist zwar ähnlich - wir verändern etwas und prüfen dann, welche Wirkung es entfaltet -, aber das Erkenntnisinteresse ist es, soziale Zusam‐ menhänge sichtbar werden zu lassen. Nicht einzelne Variablen stehen im Vordergrund, sondern das gesellschaftliche Gewebe dahinter. Die Bedingun‐ gen werden im Experiment nicht streng kontrolliert, sondern variiert und verglichen. Das Experiment wird nicht jedes Mal auf exakt dieselbe Weise wiederholt, sondern Kontexte, Testpersonen, Instruktionen etc. werden nach Maßgabe der Theorieentwicklung immer wieder variiert. Oft bewegen sich qualitative Experimente in einem Feld, in dem man gar nicht genau weiß, welche Regeln tatsächlich Geltung erlangen und wie die Regelbrüche sanktioniert werden, bevor man nicht selbst dagegen verstößt. Auch möchte man mit qualitativen Experimenten Grenzen austesten, z. B. Grenzen der Toleranz, der Diskriminierung, der Fremdenfeindlichkeit etc. So hatte zum Beispiel ein Pädagogikprofessor in den 1990er-Jahren mit seinen Studierenden an der Universität Münster die Idee, mit einem Experiment auszutesten, wie der Umgang mit Rassismus an einer deutschen 4.1 Einleitung 91 <?page no="92"?> Universität ist. „Am 28. Januar 1994 fanden die Studierenden der Universität Münster an den beiden Eingängen zur Mensa am Aasee neue Schilder vor. ‚Ausländer‘ stand an der einen Tür, ‚Deutsche‘ an der anderen. Auf einem Flugblatt hieß es, ein ‚Arbeitskreis Deutsche Studenten‘ zähle deutsche und ausländische Studenten. Man wolle feststellen, welcher Anteil der Subventionen fürs Mensaessen Ausländern zugutekomme. Tatsächlich gab es gar keinen ‚Arbeitskreis Deutsche Studenten‘. Verantwortlich zeichnete vielmehr ein studentischer ‚Arbeitskreis Krisenexperiment‘, betreut von dem Münsteraner Pädagogikprofessor Hagen Kordes. Die Gruppe wollte testen, wie ihre Kommiliton*innen bei einer offenkundig diskriminierenden Selektion reagieren. Schauen sie weg? Gucken sie zu? Oder schreiten sie ein? Als der Arbeitskreis das Experiment nach zwei Stunden abbrach, hatten sich 95 Prozent der Studenten widerstandslos einreihen lassen“ (Zeit Online 1994). Das Protokoll der Durchführung, das teilweise in „Die Zeit“ abgedruckt wurde, ist heute noch lesenswert. Es zeigt die inneren Widerstände der Studierenden selbst, ihre Ängste, die Probleme mit dem Hausmeister etc. (vgl. Zeit Online 1994). Es zeigt, welche Schwierigkeiten man mit sich selbst und anderen bekommt, wenn man solche prekären Grenzen austestet. Ein zweites Beispiel dafür, wie wir experimentell Grenzen austesten kön‐ nen, habe ich als Student in Freiburg zusammen mit anderen Studierenden selbst durchgeführt. Damals gab es immer sehr lange Schlangen vor der Mensa, die wir ab und an für Krisenexperimente genutzt haben. Wenn wir in der Mitte einer vielleicht siebzig Meter langen Schlange angekommen waren - also ca. nach 15 Minuten -, haben wir ein Gespräch zu einem Tabuthema begonnen und beobachtet, wie die Mitstudierenden vor und nach uns in der Schlange reagiert haben. Wir haben entweder fremdenfeindlich, befürwortend rechtspopulistisch oder frauenfeindlich diskutiert und dann beobachtet, ob die Umstehenden das Schlangestehen abbrachen, so taten, als ob sie nichts hörten oder sich in das Gespräch einmischten. In den aller‐ meisten Fällen behielten die Umstehenden das Anstehen bei und taten so, als ob sie nichts gehört hätten. Später darauf angesprochen und über unsere Vorgehensweise aufgeklärt, sagten die meisten, dass ihnen die Inhalte zwar nicht gefallen haben, aber dass sie sich nicht in den Privatbereich anderer einmischen wollten oder beharrten darauf, tatsächlich nichts mitbekommen zu haben. Man kann also sehen, dass qualitative Experimente die Bedingungen während ihrer Durchführung nur selten exakt kontrollieren können und 92 4 Das Experiment <?page no="93"?> schon gar keine Wirkweisen einzelner Variablen isolieren können. Darauf kommt es auch gar nicht an. Man möchte z. B. nicht nur wissen, wie weit man in einer Situation gehen kann - dies könnte man auch in einem quantitativen Experiment austesten -, sondern auch, welche hintergründigen Erwartun‐ gen, Ängste, ungeschriebenen Regeln und kollektive Normen in solchen Grenzsituationen zur Anwendung kommen. Dazu dienen u. a. qualitative Experimente. 4.2 Das Krisenexperiment in der Ethnomethodologie Damit sind wir schon bei der qualitativen Schule, welche uns im Folgen‐ den genauer interessiert: der Ethnomethodologie mit ihrer bevorzugten Methode, dem Krisenexperiment. Aber wir werden im Folgenden auch Labor- und Feldexperimente sowie natürliche Experimente kennenlernen. Beginnen wir wieder mit einer kleinen Übung. Übung 4: Das Krisenexperiment (1) Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in einem Bus oder einem Zug mit nur wenig Fahrgästen. Viele Plätze und Sitzreihen sind frei. Sie suchen sich nun einen Platz direkt neben einem anderen, Ihnen fremden Fahrgast. Wie würden Sie sich dabei fühlen? (2) Oder stellen Sie sich vor, Sie sitzen mit einem Bekannten in einem Restaurant mit wenigen Gästen und vielen freien Plätzen. Sie sitzen an einem Tisch mit vier Stühlen. Ein neu hinzukommender Gast setzt sich auf einen der freien Stühle an Ihrem Tisch. Wie würden Sie reagieren? Hinweise zur Beantwortung 4: Das Krisenexperiment Im ersten Fall würden sich wohl die meisten von uns sehr unwohl dabei fühlen, sich direkt neben jemanden zu setzen, wenn es der Platzmangel nicht erzwingt. Obwohl wir nichts Illegales oder im Zug Verbotenes tun und die Sitze genau dafür vorgesehen sind, haben viele von uns eher ein Gefühl von: „Das tut man nicht“. Es gibt offenbar selbst in solchen Fällen ungeschriebene Regeln eines Abstandsgebots, die im Alltag Geltung erlangen. 4.2 Das Krisenexperiment in der Ethnomethodologie 93 <?page no="94"?> Im zweiten Falle würden sich die meisten von uns wohl ebenfalls unan‐ genehm berührt fühlen und wahrscheinlich misstrauisch dem neuen Sitz‐ nachbar gegenüber, ob denn mit diesem „wirklich alles stimmt“. Vielleicht würden manche von uns ihn sogar bitten, sich an einen anderen, noch freien Tisch zu setzen. Auch hier wird offensichtlich ein ungeschriebenes soziales Abstandsgebot verletzt. Natürlich gibt es dabei auch kulturelle Unterschiede. So unterteilen z. B. Kulturwissenschaftler*innen Länder einerseits in sog. „Kontaktkulturen“, in denen Menschen viel körperlichen Kontakt haben und die Gemeinschaft stark im Vordergrund steht, und in „Nicht-Kontaktkulturen“, in denen man höflichen Abstand zueinander hält und die sehr viel individualistischer geprägt sind (vgl. Grade 2012). Zu den Kontaktkulturen zählen die arabische Welt, Lateinamerika und Südeuropa. Hier gibt es mehr Nähe und Körper‐ kontakt zwischen den Menschen. In Nicht-Kontaktkulturen wie Nordeuropa wird der Körperkontakt eher auf das Notwendige beschränkt. Für uns ist aber nicht so interessant, dass z. B. Psycholog*innen die Komfortzone der körperlichen Nähe in den jeweiligen Kulturen genau messen können, also den Abstand, den Menschen halten, um sich wohlzufühlen (vgl. Stangl 2020). Vielmehr interessieren wir uns für die Spielregeln des sozialen Miteinander, die Sanktionen und Diskriminierungsformen, welche hinter diesem ungeschriebenen „Abstandsgebot“ stehen. Bereits an kleinen Abweichungen erkennen wir, welche ungeschrie‐ benen Regeln und informelle Normen unseren alltäglichen Interak‐ tionen zugrunde liegen. Indem wir Situationen verändern und mit ungeschriebenen Regeln brechen, lernen wir diese lebensweltlichen Selbstverständlichkeiten in den Blick zu nehmen. Dies ist der An‐ spruch der Ethnomethodologie und ihrer Krisenexperimente. Der Begriff Ethnomethodologie ist ein Kunstwort, das sein Schöpfer, Harold Garfinkel (*1917), in Anlehnung an die soziologisch ausgerichtete Ethnowis‐ senschaft („ethnos“: griech. Stamm, Volk) erfunden hat, die untersucht, über welches Wissen schriftlose Kulturen verfügen, wie sie ihre Welt deuten und wie sie ihr Handeln im Alltag in eine sinnvolle Ordnung bringen (vgl. Abels 2009; Karataş 1967). Das Interesse der Ethnomethodologie knüpft daran an: Es richtet sich auf „formal structures of practical actions“ im Alltag, welcher die typische Welt unseres Handelns darstellt (vgl. Garfinkel & Sacks 1970). Es ist der kulturelle Ethnos, den wir als gemeinsame, sinnhafte Welt erfahren und 94 4 Das Experiment <?page no="95"?> Bildquelle: Wikipedia.org dessen Ordnung wir uns wechselseitig durch unser Handeln anzeigen. Damit kommt der zweite Teil des Kunstwortes ins Spiel. Garfinkel geht davon aus, dass es in der Welt des Alltags als selbstverständlich empfundene, typische Methoden des Denkens und Handelns gibt. „Methoden“ darf man nicht mit rationalen Strategien gleichsetzen, sondern der Begriff bezeichnet ganz generell die Art und Weise, wie wir unsere gemeinsame Welt und unser Handeln darin interpretieren und strukturieren. Diese Methoden dienen dazu, das Alltagshandeln als rational und sinnvoll, kurz: als erklärbar (“accountable”) darzustellen (vgl. Garfinkel 1967: VII; Abels 2009: 86). Harold Garfinkel ist der Erfinder der Eth‐ nomethodologie. Er hat bei Aron Gurwitsch und Alfred Schütz studiert sowie bei Tal‐ cott Parsons als Assistent in Harvard gear‐ beitet (vgl. Ritz 2017). Er setzte sich jedoch schnell von Parsons Systemtheorie ab und versuchte, eine empirische Umsetzung von Alfred Schütz‘ Lebenswelttheorie zu leisten (siehe dazu Garfinkel 1967: 33 f.). Damit Handelnde ihre Aktivitäten miteinander koordinieren können, müs‐ sen sie sich zuerst auf eine gemeinsame Sicht der Dinge verständigen. Intersubjektive Verständigung ist nicht einfach gegeben (etwa durch ein ge‐ meinsames Symbolsystem), sondern ist das Produkt eines aktiven Prozesses: Intersubjektivität zwischen Handelnden muss laufend situativ hergestellt werden. Ziel der Ethnomethodologie ist es, die Methoden zu untersuchen, mit denen die Mitglieder fortwährend gemeinsam geteilte Ordnungen her‐ stellen (vgl. Eberle 1997). Wie wir oben bereits gesehen haben, war das „Krisenexperiment“ oder im Englischen “breaching experiment” die bevorzugte Methode der Ethno‐ methodologie, um die Methoden zu dechiffrieren, nach denen der Alltag sich in eine gelingende Alltagspraxis übersetzt und wie lebensweltliche Selbstverständlichkeiten entstehen und verändert werden (vgl. Haru 2020). Krisenexperimente zielen darauf, gegen soziale Konventionen zu verstoßen, um selbstverständlich gewordene Erwartungen im Alltag aufzudecken. Sie eignen sich zur Untersuchung alltäglicher Praktiken, die in einer sozialen Gruppe fest etabliert sind. 4.2 Das Krisenexperiment in der Ethnomethodologie 95 <?page no="96"?> Wie gehen wir vor, wenn wir selbst ein Krisenexperiment entwickeln und durchführen wollen (vgl. Richter 2017)? Toolbox 4: Vorgehensweise bei einem Krisenexperiment 1. Wir legen die zu untersuchende alltägliche Praktik fest. 2. Wir planen eine minimale Intervention, welche zum Zusammen‐ bruch dieser Praktik führt. 3. Wir führen diese Intervention in verschiedenen Settings durch. 4. Wir klären, falls möglich, die betroffenen Personen danach über die Ziele der Intervention auf. 5. Wir dokumentieren die Reaktionen bzw. die Folgen. 6. Wir analysieren und vergleichen die Reaktionen. Um das im Alltag auszutesten, können Sie zum Beispiel sehr ausführlich auf die Frage „Wie geht’s? “, antworten und so eine Höflichkeitsregel durchbre‐ chen, die diese als mehr oder weniger rhetorische Frage ausweist. Eines der bekanntesten Krisenexperimente wurde von Stanley Milgram (1978) Anfang der 70er-Jahre durchgeführt. Es ging darum, einen Fahrgast in der U-Bahn um dessen Sitzplatz zu bitten - ohne dass man selbst zu der Gruppe jener gehörte, die einen Sitzplatz beanspruchen können; z. B. Ältere, Schwangere oder Menschen mit Behinderung (vgl. Milgram & Sabini 1978: 39 f.). Er schlug das Experiment seinen Studierenden vor, aber diese wollten es zunächst nicht durchführen. Schließlich meldete sich ein Student, Ira Goodman, freiwillig, um die Durchführung mit einem Partner zu versuchen (vgl. Lou 2004). Aber anstatt nach 20 Versuchen zurückzukommen, wie er es versprochen hatte, kehrte er mit nur 14 zurück (vgl. Lou 2004). Als Milgram ihn fragte, was passiert war, sagte er, dass die Durchführung des Experiments einfach zu schwierig sei. Milgram hielt aber die Ängste seiner Studierenden für unbegründet und machte sich daran, es selbst zu versuchen. Aber bereits als er sich seinem ersten sitzenden Passagier näherte, war er, wie er in einem Interview berichtet, erstarrt. „Die Worte schienen in meiner Luftröhre zu stecken und ich konnte sie einfach nicht hervorbringen“, sagte er im Interview (Milgram nach Lou 2004; Übersetzung M.P.). Er zog sich zurück und beschimpfte sich selbst: „Was für ein Feigling bist du? “ Ein paar erfolglose Versuche später gelang es ihm, eine Anfrage zu stellen (Milgram nach Lou 2004; Übersetzung M.P.). „Ich nahm den Platz 96 4 Das Experiment <?page no="97"?> des Mannes ein und war überwältigt von der Notwendigkeit, mich so zu verhalten, dass meine Bitte gerechtfertigt ist“, sagte er (Milgram nach Lou 2004; Übersetzung M.P.). „Mein Kopf sank zwischen meine Knie und ich konnte fühlen, wie mein Gesicht erbleichte. Ich spielte kein Rollenspiel. Ich hatte tatsächlich das Gefühl, als würde ich umkommen“ (Milgram nach Lou 2004; Übersetzung M.P.). Im nachfolgenden Semester bat er zehn Mitglieder seines Seminars für experimentelle Sozialpsychologie jedoch, das Experiment abzuschließen. Das sind die Ergebnisse: In der ersten Version sagte der*die Experimentator*in einfach: „Entschul‐ digung. Darf ich Ihren Platz haben? “ Hier wurden 41 Fahrgäste befragt und in 68 Prozent der Fälle gaben die Leute ihre Plätze auf oder rutschten einen Sitz weiter (vgl. Milgram & Sabini 1978: 40; Übersetzung M.P.). In einer anderen Variante fragte der*die Experimentator*in mit einem Taschenbuch in der Hand: „Entschuldigung. Darf ich Ihren Platz haben? Ich kann mein Buch nicht im Stehen lesen.“ Mit dieser Anfrage sank der Prozentsatz auf 38 Prozent (vgl. Milgram & Sabini 1978: 40; Übersetzung M.P.). Eine weitere Methode bestand darin, dass der*die Experimentator*in dem Fahrgast eine Notiz mit der darauf geschriebenen Sitzanforderung überreichte. Bei diesem Ansatz lag der Prozentsatz bei etwa 50 Prozent (vgl. Milgram & Sabini 1978: 40; Übersetzung M.P.). Milgram war daran interessiert, das Netz der ungeschriebenen Regeln zu erkunden, die das Verhalten im „Untergrund“ (in der U-Bahn sowie im Untergrund alltäglicher Verhaltensweisen) regeln, einschließlich der allgemein verstandenen und selten infrage gestellten „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst“ - Gleichheit in der Besetzung von U-Bahn-Sitzplätzen. Wie sich herausstellte, stand in der ersten Version ein erstaunlicher Prozentsatz der Fahrgäste - 68 Prozent der direkt Befragten - bereitwillig auf. Aber die Widerstände der Experimentator*innen selbst waren sowohl bei ihm als auch bei seinen Studierenden extrem groß. Krisenexperimente bringen also immer auch die Experimentator*innen in die Krise - nicht nur die Situationen, die diese manipulieren. Es gibt viele Beispiele für solche einfachen, aber herausfordernden Kri‐ senexperimente (vgl. Sociology Experiment 2012; Sociology Class Breaching Experiment 2016). So haben z. B. Studierende der Soziologie in Heidelberg in den vergange‐ nen Semestern bei Aldi, Lidl und Netto, also den großen Discountermärkten, 4.2 Das Krisenexperiment in der Ethnomethodologie 97 <?page no="98"?> einfach Produkte aus dem Einkaufswagen fremder Kund*innen genommen, bevor diese gezahlt hatten, und in ihren gelegt. Auch hier berichteten die Studierenden von den eigenen großen emotionalen Widerständen sowie der Aufgeregtheit vor und während der Aktionen, und auch hier ließ es die Mehrzahl der Kund*innen einfach geschehen. Man mag sich aber nicht vorstellen, was passiert wäre, wenn das entnommene Produkt während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020 in Deutschland Toilettenpapier gewesen wäre. Dann wären wir mit einem solchen Experiment schnell an eine ethische Grenze gestoßen. Ein weiteres Experiment aber, das mit der Anerkennung von Besitzsymb‐ olen in öffentlichen Einrichtungen zu tun hatte, wurde von den Heidelberger Studierenden abgebrochen. So hatte sich eine Gruppe ausgedacht, die oft heiß begehrten Sitzplätze in der Fachbibliothek dann zu okkupieren, wenn die Parkuhr (welche für eine Stunde einen Sitzplatz reserviert) abgelaufen und/ oder längere Zeit niemand erschienen war. Die Studierenden setzten sich in diesem Falle hin, schoben die Bücher und Sachen ordentlich zur Seite und fingen an, selbst ein Buch zu lesen. Dies wurde jedoch von den verdrängten Kommiliton*innen teilweise mit Zorn, Unverständnis und lautstarken Auseinandersetzungen quittiert, wenn sie zu ihrem Sitzplatz zurückkehrten. Obwohl also die Nicht-Anerkennung von Besitzsymbolen über einen bestimmten Zeitraum hinaus im Interesse der Fairness und der Gleichheit aller Nutzer*innen der Bibliothek lag sowie den Vorschriften der Bibliothek entsprach, waren die Widerstände, dies zu akzeptieren, hier besonders groß. Dabei spielt nicht nur eine Rolle, dass viele der Studierenden sich vielleicht auf eine Klausur vorbereiten mussten und wir das Biblio‐ thekspersonal bei unserer Intervention nicht einbezogen hatten, sondern vielmehr wurde der Anspruch auf private Aneignung eines kollektiven Gutes durchkreuzt - wie bei dem Streit zwischen Deutschen und Briten über die Besetzung der knappen Liegestühle am Pool mittels Handtücher als Belegsymbole. Der Anspruch auf Privatbesitz ist auch bei der illegitimen Besetzung gemeinsam geteilter Güter fest in unseren Alltagserwartungen verankert. Und so sorgt die Verletzung dieser Alltagsnorm der Interaktion teilweise für große Aufregung. Damit soll auch nochmals deutlich werden, dass die Textur der ungeschriebenen Regeln weder auf Strategien zurückzuführen ist noch Fairness- oder Gleichheitsnormen reflektieren muss, sondern einfach ungeachtet ihrer Rationalität für Beobachter*innen zum 98 4 Das Experiment <?page no="99"?> Bildquelle: Wikipedia.org selbstverständlichen kulturellen Repertoire der Lebenswelten ge‐ hört. Sie wird durch Sozialisation verinnerlicht und variiert von Kultur zu Kultur. Krisenexperimente sollten nach dem Prinzip der minimalen Intervention gestaltet sein, d. h., sie sollten durch möglichst geringfügige Abweichungen von den Konventionen eine Störung hervorrufen. Die Intervention zielt auf Erkenntnis, nicht auf eine zuvor bestimmte Änderung der Praxis. Ebenso wichtig wie die Reaktionen der anderen Akteure ist die Selbstbeobach‐ tung der Experimentierenden. Da Krisenexperimente notwendigerweise verdeckt, also ohne Wissen der „Untersuchungsteilnehmenden“ durchge‐ führt werden, ist es besonders wichtig, sich im Vorfeld über mögliche ethische Implikationen Gedanken zu machen. Auch aus diesem Grund ist das Gebot der minimalen Intervention zu beachten (vgl. Richter 2017). Nehmen wir uns eine zweite Größe der Eth‐ nomethodologie vor: Erving Goffman. Er ist für die Soziologie in Deutschland ein bekann‐ ter, vielfältig genutzter Autor (vgl. Zeit Online 1979; siehe auch Goffman frame analysis 2019). Viele Studierende der Soziologie kennen Werke von ihm wie z. B. „Wir alle spielen Theater“ (1959), vielleicht auch noch „Asyle“ (1961) oder „Stigma“ (1963). Er studierte Soziologie an der Universität Toronto sowie an der University of Chicago. 1953 schrieb er seine Dissertation bei Anselm Strauss und veröffentlichte unter Bezug auf deren Ergebnisse später sein bekanntestes Werk: “The Presentation of Self in Everyday Life” (1956) (deutsch: „Wir alle spielen Theater“ (1959)). 1958 erhielt er eine Professur in Berkeley, University of California, und arbeitete mit Herbert Blumer zusammen (vgl. Fine & Manning 2003: 36). Er gehe davon aus, so beschreibt Goffman sein Vorhaben, dass Menschen, die sich gerade in einer Situation befinden, vor der Frage stehen: Was geht hier eigentlich vor? Ob sie nun ausdrücklich gestellt wird, wenn Verwirrung und Zweifel herrschen, ob stillschweigend, wenn normale Gewissheit besteht - die Frage wird gestellt und die Antwort ergibt sich daraus, wie die Menschen 4.2 Das Krisenexperiment in der Ethnomethodologie 99 <?page no="100"?> weiter in der Sache vorgehen. Wir interessieren uns im Folgenden vor allem für Goffmans Rahmenanalyse (vgl. Lüders 1994: 107f.). Unter Rahmen versteht Goffman durch Sozialisation erlernte Erfahrungs‐ schemata, deren Benutzung unbewusst ist und die uns helfen, Situationen sinnhaft wahrzunehmen. Diese Erfahrungsschemata oder auch Rahmen sind Definitionen für Situationen und folglich wichtig zum richtigen Erkennen von Situationen. Der Mensch versucht, jede Situation in seine bestehenden Erfahrungsschemata bzw. Rahmen einzuordnen (vgl. Fine & Manning 2003: 53 f.). Übung 5: Die Rahmenanalyse Goffmans II Beginnen wir wieder mit einer kleinen Übung. Sie lesen in den Medien, dass ein gestohlenes Auto von den Dieben wieder zurückgestellt wurde und als „Ausgleich für die Beeinträchtigung“ zwei Karten einer Sportveranstaltung beigelegt wurden. Der Eigentümer war hocherfreut, ging mit seiner Frau in die Sportveranstaltung und fand bei der Rückkehr seine Wohnung komplett ausgeplündert vor. Welcher Interpretationsrahmen wurde hier von den Dieben „getriggert“ und wie wurde das Ereignis von den Bestohlenen eingeordnet? Hinweise zur Beantwortung 5: Die Rahmenanalyse Goffmans II Bei der Organisation von unseren Alltagserfahrungen greifen wir zur Einordnung neuer Ereignisse auf bereits etablierte, oft unbewusste Formen, Muster und Typen der Alltagserfahrung zurück. Wir sagen uns also in diesem Falle vielleicht, dass das Auto gar nicht gestohlen, sondern nur ausgeliehen und dafür auch eine Leihgebühr entrichtet wurde (die Karten). Vielleicht waren es gar keine richtigen Diebe, sondern Jugendliche, die Blödsinn im Kopf oder einen Notfall hatten, aber dennoch genug Anstand, um das entstandene „Leid“ zu kompensieren. Diese „Rahmung“ der Alltags‐ erfahrung wurde dann von Dieben genutzt, um einen weiteren Diebstahl auszuführen. Man sieht, wie hier „Rahmen“ als Organisationsprinzipien von Alltagser‐ fahrung ins Spiel kommen (vgl. Goffman 1980). Sie definieren „das Außen“, also das, was nicht zum Rahmen gehört und ordnen „das Innen“ nach hintergründigen Mustern, Schemata und gelernten Typisierungen. Da im Alltag in „natürlicher Einstellung“ relativ erfolgreiche Verstehens- und Handlungsprozesse schnell ablaufen, muss das zugrundeliegende Wissen also oft unbewusst, vorbewusst und implizit vorhanden sein. 100 4 Das Experiment <?page no="101"?> Primäre Rahmen bezeichnen dabei die allgemeinen Interpretationssche‐ mata zur Situationsdefinition. Sie werden als ursprünglich erlebt und zumeist nicht bewusst angewendet. Sie ermöglichen ein unmittelbares Erkennen und Identifizieren von Situationen und Ereignissen aller Art. Sie gewährleisten die Vorstellung von Normalität sowie die Unterstellung, dass sich alles, was vor sich geht, auf irgendeine Weise in die „Kosmologie“, d. h., in den gesellschaftlichen Wissensvorrat bzw. die institutionalisierte Rahmenzuordnung einordnen lässt (vgl. Fine & Manning 2003: 54). Rahmen können aber auch moduliert werden - etwa in dem Sinne, dass eine ursprünglich ernsthafte oder gar bedrohliche Situation nun in den Kon‐ text von Spiel, Simulation oder einer Übung transformiert wird. Goffman benennt fünf Formen der Modulation: „So-tun-als-ob“, „Wettkampf “, „Zere‐ monie“, „Sonderaufführungen“ und „In-anderen-Zusammenhang-Stellen“ (vgl. Vogd 2004). Solche „Rahmen“ werden natürlich auch für quantitativ orientierte Expe‐ rimente genutzt. Sie können im Sinne eines „Konzepts“ hervorragend als Verbindung und Brücke zwischen beiden in einem Methodenmix dienen. Eines der bekannten Experimente, die damit operieren, ist das Matrix-Ex‐ periment von Dan Ariely (Duke University) zum Thema „Schummeln“ (vgl. Ariely & Melamede 2016). Ariely und sein Team entwarfen Anfang 2002 einen vergleichsweise „hinterlistigen“ Versuchsaufbau. Die Proband*innen bekamen Aufgaben und mussten diese selbst - teilweise mittels eines Lösungsblattes - korrigieren. „Wir gaben den Leuten 20 einfache mathe‐ matische Probleme: Jedes war eine Zahlenmatrix, in der die Leute zwei Zahlen finden mussten, die sich zu zehn summierten. Es war eine einfache Übung, die jeder machen konnte, aber wir haben ihnen nicht genug Zeit gegeben. Nach fünf Minuten mussten die Leute ihre Stifte ablegen und auf ein anderes Blatt Papier schreiben, wie viele sie richtig gelöst hatten. Dann legten sie das Original-Testpapier in den Aktenvernichter, damit niemand die wahre Zahl wusste, die sie gelöst hatten“. Für jede gelöste Aufgabe bekamen sie eine Belohnung. Sie erhielten 1 US-Dollar für jedes Problem, das sie angeblich richtig gelöst hatten. Danach konnten sie ihr Aufgabenblatt in den Schredder geben und den Versuchsleitenden die Anzahl der gelösten Aufgaben mitteilen. Im Durchschnitt lösten die Leute vier Probleme, gaben jedoch an, sechs gelöst zu haben. 4.2 Das Krisenexperiment in der Ethnomethodologie 101 <?page no="102"?> 10 Ariely kommt zum Schluss, dass unter Umständen, in denen Betrug möglich ist, fast immer betrogen wird, auch wenn es nur eine geringe Belohnung gibt. Menschen betrü‐ gen bis zu dem Punkt, an dem sie anfangen, sich wegen ihres eigenen Integritätsgefühls schlecht zu fühlen (vgl. Ariely 2012); siehe auch Maslin 2012; Roth 2012. Das waren die Ergebnisse (vgl. Ariely & Melamede 2016): 1. Fast 70-% schummelten. 2. Nur 20 von 40.000 waren „große Betrüger“, also Leute, die behaupteten, alle 20 Probleme gelöst zu haben. Sie kosteten das Experiment 400 Dollar. 3. Es wurden mehr als 28.000 „kleine Betrüger“ gefunden, die das Experi‐ ment 50.000 US-Dollar gekostet haben. „Obwohl es einige große Betrüger gibt, sind sie sehr selten und ihre gesamt‐ wirtschaftlichen Auswirkungen sind relativ gering. Auf der anderen Seite gibt es viel mehr, kleine Betrüger‘ und ihre wirtschaftlichen Auswirkungen sind unglaublich hoch“ (vgl. Ariely & Melamede 2016; Übersetzung M.P.). Für uns sind hier aber zwei Ergebnisse wichtig: Erstens schuf der „Rahmen“, der durch den Versuch gesetzt wurde, Vertrauen darin, dass der Reißwolf nicht Teil der Versuchsanordnung war. Wir sehen hier, dass es selbst in dieser außeralltäglichen Situation deutliche Effekte gibt, welche die Beibehaltung eines Rahmens auch für solche Situationen nahelegen. Zweitens ist das Ergebnis selbst nicht nur psychologisch, sondern auch soziologisch relevant. Es zeigt, dass auch beim Schummeln eine informelle Norm Geltung erlangt, die ein bisschen Schummeln nahelegt, aber eine informelle rote Linie zieht, wenn es zu viel des Schummelns wird. Dann geht es in „Betrug“ über und lässt gravierendere Sanktionen erwarten. Auch müssten wir dann unser Selbstbild ändern. Die meisten von uns wollen sich selbst aber eher als „guter Mensch“ denn als „krimineller“ Betrüger sehen. Diese informelle rote Linie geht schon im Kleinen los. So konnte Dan Ariely in einem früheren Experiment zeigen, dass man Limonade aus einem Kühlschrank eher „entwendet“ als dort hinterlegtes Geld. So hatte er in größeren Einrichtungen, u.-a. in einem Studierendenwohnheim, Limonade (Cola) sowie Geldscheine in ein für ihn reserviertes Fach gelegt und festgestellt, dass vor allem die Limonade nach und nach verschwand, aber nur ganz selten das Geld (vgl. Ariely 2012, siehe auch Maslin 2012; Roth 2012). 10 102 4 Das Experiment <?page no="103"?> Methodenmix 1: Krisenexperimente und quantitativ orientierte Experimente Auch wenn dies keine Krisenexperimente waren, zeigen sie doch auf, wie auch solche Experimente die alltägliche Textur der ungeschriebenen Regeln enthüllen und wie sich qualitative Krisenexperimente mit quan‐ titativ orientierten verknüpfen lassen. Wir können qualitativ zeigen, in welchen Situationen welche „Rahmen“ Geltung erlangen (z. B. durch Krisenexperimente) und daran anschließend die Geltungskraft dieser Rahmen auch quantitativ bestimmen, indem wir mittels Indikatoren - welche auf der qualitativen Theorieentwicklung basieren - Häufigkei‐ ten dazu generieren, wie oft dieser „Rahmen“ (z. B. eher Limonade als Geld) in einem bestimmten Geltungsraum und in einer bestimmten Zeit zur Anwendung kommt. Dies wäre ein eingebettetes Design der Methodenkombination, in dem Methoden mit verschiedenen, aneinan‐ der anknüpfenden Fragestellungen in Beziehung zueinander gesetzt werden. 4.3 Das Feldexperiment Anders als beim Matrix-Experiment von Dan Ariely, welches ein klassisches Laborexperiment war, finden qualitative Experimente in der Regel im Forschungsfeld statt. Sie erschließen die Spielregeln, Denk- und Handlungs‐ weisen in einem Feld und dienen der Hypothesengenerierung. Wie in der anderen qualitativen Sozialforschung auch ist Offenheit und Flexibilität verlangt sowie die Durchführung mehrerer Experimente, deren Ergebnisse verglichen werden. Testanordnung, Testpersonen, Versuchsleiter*innen, Rahmenbedingungen, Instruktionen, Abfolgen und Testzeiten werden nach Maßgabe der Theorieentwicklung variiert, bis eine theoretische Sättigung erreicht ist. 4.3 Das Feldexperiment 103 <?page no="104"?> Toolbox 5: Möglicher Aufbau von Feldexperimenten Wie gehen wir bei einem solchen Feldexperiment vor? Wie können sie aufgebaut werden? 1. Beginnen wir mit einer Aufteilung in neue, verschiedene Gruppen: So kann man in einem Unternehmen beispielsweise für Übungen und Planspiele bestimmte Gruppen entlang der Hierarchie zusammenführen, ohne diese zu mischen und dann beobachten, ob und wie sich diese Gruppen im hierarchiefreien Raum anders organisieren. Wir können dann herausfinden, wie sich beispielsweise Arbeiter*innen Regeln geben und wie sich die informellen Normen der Zusammenarbeit von jenen der Vorarbei‐ ter*innen, Gruppenleiter*innen oder Meister*innen unterscheiden (vgl. Kleining 1986: 740; Burkart 2010: 258). 2. Wir können Gruppen neu zusammensetzen: Wir können zum Beispiel in einer Organisation verschiedene Hierarchiestufen in einem Planspiel zusammenführen, um herauszufinden, welche informellen Effekte Hierarchien haben und wie stark hierarchische Rollen die Zusammenarbeit prägen. So haben wir in Unternehmen Planspiele durchgeführt, wie z. B. die Brückenbauübung. Wir haben in einem Zeitrahmen von drei Stunden die Aufgabe gegeben, aus Papier und Klebstoff eine Brücke zu bauen, welche 2 m zwischen zwei Tischen in voller Breite überbrücken und an jeder Stelle eine volle 1,5 Liter Mineralwasserflasche tragen soll. Dabei haben wir eine strikte Hierarchie simuliert, aber die Rollen per Losverfahren den Sachbearbeiter*innen und Professionals sowie den Manager*innen zugewiesen. Es zeigte sich, dass es schnell zu‐ ging, wie im richtigen Leben und die Hierarchieeffekte drastische Auswirkungen auf die Zusammenarbeit zeigten. Wir haben dann die Gruppen variiert und konnten zeigen, wie stark informelle hintergründige Hierarchieeffekte wirken (vgl. Kleining 1986: 741; Burkart 2010: 258). 3. Wir können den Erkenntnisgegenstand verändern, indem wir Einschränkungen oder Abschwächungen bestimmter Elemente vornehmen: So können wir zum Beispiel veranlassen, dass Fuß‐ ballspiele in verschiedenen Altersklassen ohne Schiedsrichter*in durchgeführt werden, um zu sehen, wie Normen der Fairness in einem solchen unregulierten Raum Bestand haben und wie sich 104 4 Das Experiment <?page no="105"?> solche Normen dann durchsetzen lassen (vgl. Kleining 1986: 741; Burkart 2010: 258). 4. Wir können aber auch Elemente hinzufügen oder verstärken: So können wir zum Beispiel den Fußballtrainer*innen während des Spiels mehr Freiheiten einräumen, also etwa zulassen, dass es eine Funkverbindung zu den Spieler*innen gibt, durch welche die Trainer*innen Anweisungen geben können. Wie verändert dies die Compliance der Spieler*innen mit den Anweisungen der Trainer*innen und welchen Einfluss hat dies auf den Spielerfolg (vgl. Kleining 1986: 741; Burkart 2010: 258)? 5. Umwandeln eines Gegenstandes: Wir können beispielsweise in einem Unternehmen das Top-Management dazu anregen, den in‐ formellen Dresscode von „Business“ auf „Leger“ ( Jeans und T-Shirt) umzustellen und beobachten, wie schnell welche Statusgruppen in einem Unternehmen auf dieses Signal des Top-Managements reagieren (vgl. Kleining 1986: 741; Burkart 2010: 258). 6. Transformation: Wir können zum Beispiel ein Team in einem Unternehmen eine Woche lang „pro bono“, also ehrenamtlich in einem Obdachlosenheim arbeiten lassen und beobachten, ob und wie sich die hintergründigen Fairnessnormen der Zusammenarbeit sowie die Hilfsbereitschaft untereinander in dieser Zeit verändern (vgl. Kleining 1986: 742; Burkart 2010: 258). Man kann hierbei schon erkennen, welche Handlungsanweisungen die qualitative Sozialforschung für qualitative Experimente bereithält: Toolbox 6: Vorgehensweise beim qualitativen Experiment 1. Wir maximieren die Unterschiede zwischen den Experimental‐ gruppen und variieren die Bedingungen maximal (Bezug zur Vali‐ dität). 2. Wir testen die Grenzen des Phänomens aus (Bezug zur Reliabilität). 3. Wir passen die Durchführung der Experimente und die Art der Experimente laufend an (Bezug zur Reichweite, Geltung) (vgl. Kleining 2010: 74). 4.3 Das Feldexperiment 105 <?page no="106"?> Man kann an dieser Stelle auch nochmals die Unterschiede zu einer deduk‐ tiven theoretischen Herangehensweise an Experimente sehen. Diese sind im Aufbau sehr standardisiert und auf die Testung von Kausalhypothesen ausgelegt, wie zu Anfang dieser Lerneinheit bereits erwähnt wurde: a) Es werden Untersuchungseinheiten aus Treatment- und Kontroll‐ gruppe(n) miteinander verglichen. b) Die Zuweisung zur Kontroll- oder Experimentalbedingung erfolgt über einen Zufallsprozess, beispielsweise durch einen Münzwurf oder eine Lotterie. c) Die Intervention, d. h. die Manipulation des Treatments, wird von den Forschenden vorgenommen und kontrolliert. Dennoch gibt es Übergänge und Verbindungen, die an dieser Stelle nicht verschwiegen werden sollen, weil es oft gerade die Kombination verschiede‐ ner Methoden ist, welche den Feldzugang und die wissenschaftliche Analyse eines Feldes fundieren. Methodenmix 2: Nicht-reaktive Experimente und die „Lost-Let‐ ter-Technik“ Ende der 70er-Jahre hat Farrington ein nicht-reaktives Experiment über die Bereitschaft zu stehlen durchgeführt. Mit dem Sammelbe‐ griff „non-reaktive Verfahren“ (Unobtrusive Measures, Nonreactive Research, Nonintruding Measures) werden Datenerhebungsmethoden bezeichnet, die im Zuge ihrer Durchführung keinerlei Einfluss auf die untersuchten Personen, Ereignisse oder Prozesse ausüben (Bortz & Döring 2006: 325). Der Versuchsaufbau folgte der von Milgram entwickelten „Lost-Letter-Technik“. Lost-Letter-Technik Bei diesem auf Milgram et al. 1965 zurückgehen‐ den Verfahren wird in einem Stadtgebiet eine große Anzahl adressierter und frankierter Briefe ausgelegt. Wer einen solchen Brief findet, soll denken, dass es sich um einen verloren gegangenen Brief handelt. Die Briefe sind an unterschiedliche (fiktive) Organisationen oder In‐ stitutionen gerichtet, z. B. an Kirchengemeinden, Parteien, Tierschutz‐ vereine o. a., werden aber tatsachlich an die Organisator*innen der Untersuchung geleitet. Die Frage ist nun, wie viele der ausgelegten Briefe von ihren Findern auf den Postweg gebracht werden. Die Höhe 106 4 Das Experiment <?page no="107"?> der „Rücklaufquote“ gilt als Indikator für das Image der fiktiven Adres‐ sat*innen, weil sich Finder*innen für eine von ihnen geschätzte und geachtete Institution eher die Mühe machen, den gefundenen Brief auf den Postweg zu bringen, als für eine Institution, die sie ablehnen. Kritik und methodische Varianten dieser Technik findet man bei Kremer et al. 1986 sowie Sechrest & Belew 1983 (vgl. Bortz & Döring 2006). Farrington und Knight (1979) führten eine Variante dieser Lost-Let‐ ter-Technik durch, indem sie nicht zugeklebte adressierte Briefe mit Briefmarken auf den Straßen Londons verloren. Diese enthielten ein paar handschriftliche Zeilen auf Papier sowie Bargeld (20 Pence, 1 Pfund bzw. 5 Pfund) oder eine Postüberweisung über denselben Betrag. Das fiktive Opfer war entweder eine ältere Dame oder eine Person mit hohem Status. Das Ergebnis war signifikant: Bei einer statushöheren Person war die Bereitschaft größer, den Brief nicht abzusenden und sich selbst zu bereichern. Zudem galt auch: Je höher die Geldsumme, desto größer die Bereitschaft, das Geld einzustecken. Diese war immer dann zu erkennen, wenn die Proband*innen den Briefumschlag sogleich in ihrer Tasche verschwinden ließen. Die Häufigkeit des Diebstahls war am größten bei den männlichen Opfern aus der höheren Klasse und außerdem stieg die Wahrscheinlichkeit, dass gestohlen wurde, mit der Höhe des Geldbetrags. In beiden Experimenten zeigten die jüngeren Leute häufiger die Bereitschaft zu stehlen, was mit der Lebenslage dieser Gruppe zu erklären ist; Geschlecht hat dabei keine signifikante Rolle gespielt (vgl. Farrington & Knight 1979). Wir sehen hier einen Übergang von einem qualitativen Experiment zu einem quantitativen. Die Art, wie Menschen mit dieser Alltagssitu‐ ation umgehen, lässt Rückschlüsse darauf erwarten, wie moralische Ansprüche in unbeobachteten Situationen in Handlungen übersetzt werden und wie sozialstrukturelle Zurechnungen dabei handlungslei‐ tend werden. Eine zunächst induktive Herangehensweise kann dann in eine theorieorientierte Experimentalmethode überführt werden. Im Hintergrund steht hier sicherlich die „Rational-Choice“-Theorie. So wie das Experiment aufgesetzt wurde, lässt sich nun die Überprüfung zweier theoretisch begründeter Erwartungen ablesen: 1. Je höher die Geldsumme und je geringer die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu wer‐ den, umso häufiger wird das Geld eingesteckt. 2. Je statushöher die Person erscheint, desto geringer erscheint auch der relative Schaden, 4.3 Das Feldexperiment 107 <?page no="108"?> der durch den Diebstahl entsteht. Beide Hypothesen wurden bestätigt: dass man eher von als reich eingeschätzten Menschen stiehlt sowie, dass Gelegenheit Diebe macht, wenn es sich lohnt. Dahinter steckt die Theorie rationaler Wahl. Sie besagt, dass der Nutzen (Geldsumme) höher sein muss im Vergleich zu den Kosten und die Wahrscheinlichkeit, dass der Nutzen eintritt, höher sein muss als die Wahrscheinlichkeit, erwischt zu werden (Kosten). Während wir also in der qualitativen He‐ rangehensweise das Gewebe von Normen, Erwartungen und Normbrü‐ chen herausarbeiten können, das in solchen Situationen die „Rahmen“ (frames) aktualisiert, die zu Anwendung kommen, kann uns die darauf basierende quantitative Herangehensweise etwas über die Effektstärke sagen. Sie eröffnet zugleich Möglichkeiten, die qualitative Repräsentanz mit der quantitativen zu verbinden. Hier sind insbesondere auch sog. „Lab-in-the Field“-Experimente zu nennen. Diese Methode kombiniert Elemente von Labor- und Feldexperimenten und wird zunehmend in Organisationen eingesetzt. Unter Lab-in-the-Field-Ex‐ perimente werden Studien verstanden, die im Feld mit der forschungsrele‐ vanten Probandengruppe durchgeführt werden, aber auf einem stärker stan‐ dardisierten Setting basieren. Sie erlauben eine engere Kontrolle, ähnlich wie im Labor, aber können im Vergleich zu Laborexperimenten eine höhere externe Validität erreichen. Sie erleichtern zugleich die Generalisierung, da sie auch direkte Vergleiche über verschiedene Kontexte hinweg ermöglichen (vgl. u.-a. Gneezy/ Alex 2017: 456 ff.; Gangadharan 2022: 34 f.). So haben wir z. B. in einer Untersuchung zum Thema Compliance und dem Speaking-Up-Verhalten von Beschäftigten in einer Serie von Workshops in einem Unternehmen als lab-in-the-field-Experimente durch‐ geführt.Für die Umsetzung griffen wir auf einen „Konstruktionstest“ zurück und haben diesen für die Zwecke der Analyse der Speaking-up-Kultur modifiziert. Die Aufgabe für die Teilnehmenden als Team bestand darin, aus Papier eine Brücke mit einer bestimmten Länge und Breite zu bauen. Zu diesem Zweck wurden Materialien wie Papier, Schere, Kleber usw. zur Verfügung gestellt. Am Ende musste sich das Team nicht nur auf die Architektur und die Bauweise der Papierbrücke geeinigt haben, sondern auch ein konkretes Ergebnis vorweisen. Bei der Durchführung der Konstruktionstests wurden verschiedene Arten von Regelverstößen an unterschiedlichen Positionen eingebaut. Im Kontext 108 4 Das Experiment <?page no="109"?> des Spiels stand auch eine Whistleblower-Hotline zur Verfügung. Anschlie‐ ßend wurde erfasst, wie stark die Neigung zum Betrug und zur Meldung von Regelverstößen war. Dabei wurde die Rolle des Supervisors im Rahmen des Rollenspiel-Workshops wurde variiert, um herauszufinden, ob dies einen Einfluss auf die Neigung zum Betrug hatte. Bei der Durchführung der Workshops wurden verschiedene Arten von Regelverstößen an unterschiedlichen Positionen eingebaut. Da wir uns insbesondere für nützliche Regelverstöße zugunsten von Organisationen interessierten (organisatorische Kriminalität oder nützliche Illegalität), die oft unter Beteiligung von Führungskräften stattfinden, wählten wir folgende Versuchsanordnung: Auf der Ebene des mittleren Managements stellte eine Führungskraft (als Teil der Versuchsanordnung initiierte Person) illegale Ressourcen zur Verfügung, um die Teams beim Aufbau der Brücke in der vorgegebenen Zeit und Qualität zu unterstützen. Informationen darüber wurden allen Versuchsteilnehmern in Form von gezielten Hinweisen mit Hilfe eines*einer eingeweihten Beobachter*in mitgeteilt. In der Ausgangs‐ situation stand eine Compliance-Abteilung mit einer Whistleblower-Hotline zur Verfügung (Ausgangsbasis). Wir erfassten dann, ob die Bereitschaft zur Meldung steigt, wenn zwei zusätzliche Maßnahmen eingeführt werden: (1) Betonung von Compliance durch die Geschäftsleitung („Tone from the top”); (2) ein 360°-Feedback als Gelegenheit, eine Mitteilung zu machen. So konn‐ ten wir herausfinden, ob verschiedene Maßnahmen einen Einfluss auf die Wahrscheinlichkeit hatten, zu betrügen und die Verfehlungen zu melden. Es zeigte sich zum einen, dass in 14 von 16 Workshops zur Erreichung des Zieles geschummelt wurde. Zum anderen erwies sich, dass in evidenz-basierter Prüfung nicht der „tone from the top“, sondern nur das 360°-Feedback die Speaking-up-Bereitschaft signifikant verbesserte. Auf diese Weise konnten in einem kontrollierten Setting innerhalb des Feldes wichtige Kausal-Annahmen und Zusammenhangshypothesen getes‐ tet werden. 4.4 Das natürliche Experiment Experimente kommen im Alltag oft vor und lassen sich auch in der Politik, in der Wirtschaft oder im Sport beobachten. Diese „natürlichen Experimente“ sind in den letzten Jahren stark ins Rampenlicht der Forschung geraten (vgl. Bauer 2015). 4.4 Das natürliche Experiment 109 <?page no="110"?> Natürliche Experimente sind Beobachtungsstudien, zumal sich das Setzen eines „Treatments“ oder einer „Intervention“ der Kontrolle der Forschenden entzieht. Die Zuweisung zu Experimental- und Kontrollgruppen erfolgt im natürlichen Experiment zufällig oder quasi-zufällig - allerdings nicht durch die Hand der Forschenden, sondern durch die „Natur“. Feldwissen spielt bei der Beurteilung, ob die Natur wirklich zufällig „agierte“, daher eine wichtige Rolle (vgl. Bauer 2015). Zu diesen Experimenten in der Politik gehört beispielsweise das 2020 in den Nachrichten thematisierte Grundeinkommen-Experiment in Finnland: 2000 per Zufall ausgewählte Arbeitslose im Alter zwischen 25 und 58 Jahren hatten bis Ende 2018 kein Arbeitslosengeld mehr bekommen, sondern stattdessen 560 Euro Grundeinkommen monatlich - keine Steuern, keine Fragen, keine Bedingungen. Jeder konnte und musste auch ohne Abzüge dazuverdienen. Das Ergebnis der Projektauswertung war: „Ja, es gab 2000 Mal mehr Sicherheit, weniger Sozialbürokratie, damit weniger Stress und eine bessere Gesundheit. Und ja, nach dem Experiment gab es auch weniger Arbeitslose. Aber das könnte auch andere Ursachen haben“, sagt Minna Ylikännö, die Forschungschefin der Sozialbehörde Kela. „Im Januar 2018 wurde ein Aktivierungsmodell als Teil des Arbeitslosensystems eingeführt, das vor allem diejenigen betraf, die kein Grundeinkommen bezogen. Das macht die Beurteilung des Beschäftigungseffektes schwierig“, sagt sie. „Wir können lediglich sagen, dass die beobachteten Effekte sowohl auf das Grundeinkommen als auch das Aktivierungsmodell zurückzuführen sind“. Dennoch hat Finnland auf dieser Basis entschieden, das Grundeinkommen erst einmal nicht einzuführen (vgl. Schmiester 2020). Während dieses Experiment wissenschaftlich begleitet und durchgeführt wurde (im Auftrag der finnischen Regierung), gilt dies für viele qualitative Experimente nicht. Sie können z. B. in Situationen wie jene der Corona-Pan‐ demie sehr gut beobachtet werden. Epidemien oder Pandemien, wie auch Covid 19, halten immer Überra‐ schungen bereit. So fand z. B. der Arzt John Snow 1854 während einer Cholera-Epidemie heraus - mittels einer Analyse der Versorgung mit Trink‐ wasser durch verschiedene Anbieter -, dass Cholera nicht durch die Luft, sondern durch das Trinkwasser übertragen wurde (vgl. Snow 1855). Durch Snows Statistik konnte aufgezeigt werden, dass diejenigen Versorger, die das Wasser aus der Themse in die Haushalte lieferten, öfter von der Erkrankung betroffen waren. Das war ein wichtiges Ereignis in der Geschichte des öffentlichen Gesundheitswesens sowie der Geographie und gilt als das 110 4 Das Experiment <?page no="111"?> Gründungsereignis der Wissenschaft der Epidemiologie. Die Erkenntnisse aus dieser konnten später auch im Bereich der Müllversorgung eingesetzt werden. Hierbei wird deutlich, dass Epidemien oder Pandemien ebenfalls als ein natürliches Experiment verstanden werden können, das zeitlich begrenzt Kontexte verändert und dabei hintergründige Relevanzen zum Vorschein bringt. Nehmen wir die Situation in Deutschland während des ersten Lockdowns in der Corona-Pandemie 2020. Wer von uns hätte voraussagen können, dass den Deutschen Toilettenpapier so wichtig wird? Während in einigen anderen europäischen Ländern in Zeiten der Corona-Krise vermehrt Me‐ dikamente, Zigaretten und Wein gekauft wurden, haben wir Deutschen sehr viel Toilettenpapier gehortet. Aber auch in Australien, den USA und Kanada war Toilettenpapier zusammen mit anderen Hygieneartikeln stän‐ dig ausverkauft. In Australien haben Zeitungen deswegen acht Leerseiten gedruckt - nutzbar als Toilettenpapier in Notzeiten. In den USA deckten sich Konsument*innen im Durchschnitt mit dem Toilettenpapiervorrat für 86 Personen ein. In Australien und den USA gab es zudem lange Schlangen vor den Waffengeschäften. Man wollte sich offensichtlich für den Kampf um knappe Hygieneartikel wappnen oder sich auf die geringere Verfügbar‐ keit von Polizei- und Ordnungskräften vorbereiten. Aber auch in Japan, Hongkong und Taiwan beispielsweise war das Toilettenpapier - neben Gesichtsmasken und Desinfektionsmitteln - ausverkauft. Auch andere Möglichkeiten der Toilettenhygiene (wie beispielsweise in Toilettensitze integrierte Wasserspülungen) und ganz andere kulturelle Kontexte scheinen also an einer solchen Fixierung des Hortens nichts zu ändern. Wenn man dies sozialwissenschaftlich erklären möchte, kann man die kulturellen Kontexte, aber auch die historischen Kontexte variieren, um das Phänomen besser zu verstehen. Dabei zeigt die Geschichte, dass solche gesellschaftlichen Fixierungen auf das Hamstern z. B. von Toilettenpapier auch ohne Seuchen bzw. Pandemien vorkommen. Diese können daher nur schwer zu ihrer Erklärung herangezogen werden. So hatten in den USA im November 1973 Gerüchte gereicht, dass das Angebot an Toilettenpapier knapp sei, um monatelang für leere Regale zu sorgen. In Venezuela passierte dies 2013. Dort dauerte die Toilettenpapierkrise ganze drei Jahre. Wir alle kennen den zugrundeliegenden Effekt: Es reicht bereits das Gerücht, dass ein Gut knapp werde, um dafür zu sorgen, dass es tatsächlich knapp wird. Von einer soziologischen Perspektive aus sehen wir hinter diesem natür‐ lichen Experiment den „Dominoeffekt“ des Besitzdenkens am Werk: Auch 4.4 Das natürliche Experiment 111 <?page no="112"?> wenn ich ein Gut aktuell nicht brauche und Hamstern unsolidarisch finde, ist es rational, einem möglichen Entzug seiner zukünftigen Nutzung durch mangelnde Verfügbarkeit vorzubeugen (vgl. dazu Popitz 1992; Pohlmann 2016: 97). Der Kalkül löst hier einen Dominoeffekt aus, bei dem es immer wieder Gewinner und Verlierer gibt. Und genau das heizt dann das „Rattenrennen“ immer wieder neu an. Eines Bezugs zur Psychologie der Hygiene in Corona-Zeiten bedarf es daher nicht, um das Phänomen zu erklären. Vielmehr zeigt dieses natürliche Experiment, wie Menschen, Gesellschaften und Märkte auf Gerüchte oder Anzeichen von Knappheit reagieren, und dass daran Ermahnungen durch die Politik, Solidaritätsapelle oder Hinweise, dass es genug davon gibt, nichts ändern. Aber natürlich fällt die Abgrenzung solcher natürlichen Experimente in den Sozialwissenschaften immer wieder schwer und ist die Nähe zu non-reaktiven Beobachtungsstudien klar ersichtlich. Dennoch kann man auch am Beispiel natürlicher Experimente lernen, welche Spielregeln grei‐ fen, wenn Situationen in die Krise gebracht werden und Grenzen alltäglicher Interaktionen überschritten oder durchbrochen werden. 4.5 Schlussbemerkung Die Lernfragen zu diesem Kapitel finden Sie unter: https: / / narr/ kwaest.io/ s/ 1471 Experimente sind eine sehr gute, immer häufiger genutzte Möglichkeit, sowohl das Gewebe alltäglicher Normen und Handlungsroutinen aufzude‐ cken, das unseren Handlungen Orientierung gibt als auch die Interpretati‐ ons- und Handlungsrahmen, die diesem zugrunde liegen. Die Verfahren sind einfach zu konzipieren, aber sind in der Durchführung anspruchsvoll. Zum einen ist es schwierig, das „Chaos der Empirie“ vor Ort in den Griff zu be‐ kommen, zum anderen muss man sich oft selbst als Person einbringen sowie seine eigenen Widerstände und Unsicherheiten überwinden. Qualitative und standardisierte Experimente sind allerdings gut kombinierbar, wenn die jeweiligen Erkenntnisinteressen sich verbinden lassen. Experimente nehmen bereits in anderen Fächern wie z. B. in den Wirtschaftswissen‐ schaften, der Psychologie oder der Medizin eine wichtige Stellung ein und sie zählen sicherlich zu den Methoden, welchen die Zukunft in den Sozialwissenschaften gehört. 112 4 Das Experiment <?page no="113"?> 11 Das wäre in diesem Fall ein Verhalten, welches auf gesellschaftliche Erwartungen reagiert, dass man sich im Umgang mit Geflüchteten wohlmeinend gibt. Fragen zur Vertiefung 3 1. Sie wollen herausfinden, wie stark die Ressentiments im Alltag gegen‐ über syrischen Geflüchteten in Deutschland sind. Bitte überlegen Sie sich ein Experiment, mit dem Sie diese aufdecken können, ohne dass soziale Erwünschtheit 11 ins Spiel kommt. 2. Welche ethischen Grenzen kann man mit Experimenten überschreiten? Bitte nennen Sie Beispiele dafür. 3. Welche Probleme der Generalisierung der Ergebnisse stellen sich bei standardisierten, quantitativ orientierten Experimenten und welche bei qualitativen Experimenten? Übung für zuhause 3: Durchführung von Krisenexperimenten im Alltag Führen Sie bitte die nachfolgende kleine Übung in Ihrem Alltag aus. Versu‐ chen Sie bitte, konstanten Augenkontakt mit einer fremden Person zu hal‐ ten. Achten Sie dabei darauf, dass sicher-gestellt werden kann, dass keine Flirtabsichten ins Spiel kommen. Übung für zuhause 4: Die Rahmenanalyse Goffmans I Zum Abschluss dieses Abschnittes schlage ich Ihnen noch eine weitere kleine Übung zur Rahmenanalyse vor: In dem 1998 gedrehten Film von Thomas Vinterberg geht es um folgende Handlung: Hotelier Helge, das Oberhaupt der Familie Klingenfeldt-Hansen, trommelt seine ganze Familie auf einem idyllischen dänischen Landgasthof zusammen, um seinen 60. Ge‐ burtstag zu feiern. Doch die Feier läuft nach und nach aus dem Ruder. Wäh‐ rend einer Rede von Helges ältestem Sohn Christian kommen Familienge‐ heimnisse ans Licht, die dem Fest langsam eine Wendung geben (vgl. Vinterberg 1998). Sehen Sie sich den Film an und versuchen Sie herauszufinden, an welcher Stelle der von den meisten Anwesenden geteilte primäre Rahmen der Handlung kollektiv aufgegeben und verändert wird. 4.5 Schlussbemerkung 113 <?page no="114"?> Quellen Abels, Heinz (2009): „Ethnomethodologie“, in: Georg-Kneer & Markus-Schroer (Hrsg.): Handbuch Soziologische Theorien, Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissen‐ schaften, S.-87-110 (letzter Aufruf: 27.06.2020). Ariely, Dan (2012): The Honest Truth About Dishonesty: How We Lie to Everyone, New York: Harper Collins. Ariely, Dan & Yael Melamede (2016): A fascinating Experiment into Measuring Di shonesty: Is Peer Review a Major Determent in Keeping Science Honest? (letzter Aufruf: 30.11.2025). 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Dennoch ist es ein Königsweg, um Handelnde in Aktion zu sehen und deren Relevanzen beim Handeln zu rekonstruieren. 5.1 Einleitung Beobachtungen werden in den Sozialwissenschaften zwar immer wieder durchgeführt, aber keineswegs in dem Maße, wie es viele Fragestellungen erfordern. Denn Beobachtungen sind oft zeitintensiv, anstrengend und auch fehleranfällig. Gerade bei qualitativen Beobachtungen ist ihre Auswertung häufig schwer, z. B. wenn nur nachträgliche Protokolle angefertigt und keine Aufzeichnungen vorgenommen werden können. Lernziel: Wir wollen im Folgenden verstehen, welche Bedeutung Beobach‐ tungen in der qualitativen Sozialforschung haben, wie sie durchgeführt werden können und für welche Fragestellungen sie sich eignen. Doch die Beobachtung hat auch viele Vorteile. Nehmen wir an, wir wollen etwas über die Sozialisation von kleinen Kindern im Elternhaus erfahren. Sozialisation bezieht sich darauf, welche Normen, Werte und ungeschriebenen Regeln absichtslos verinnerlicht werden, und ist von Er‐ ziehung zu unterscheiden, einer Kommunikation mit Vermittlungsabsicht, wie Luhmann dies so schön bezeichnet 12 (vgl. Luhmann 1987, 2002: 48-72, 2012). <?page no="120"?> mitlaufende Sozialisation. Erziehung wird eingerichtet, um das zu ergänzen oder zu korrigieren, was als Resultat von Sozialisation zu erwarten ist“ (Luhmann 2012: 287). Wenn wir die Eltern interviewen, werden wir vielleicht etwas über die Erziehung, die Schwierigkeiten der Kinder und jene der Eltern mit den Kindern erfahren. Mit z. B. kleinen Kindern zu sprechen, wäre ein schwie‐ riges Unterfangen mit zu hohen Anforderungen, die Aussagen sachgerecht und der kindlichen Interpretationslogik folgend zu deuten. Wahrscheinlich werden wir daher durch Interviews etwas über die Vorstellungen der Eltern und über ihre Selbstbeschreibung in der Frage der Erziehung erfahren. Da dies ein emotional hoch aufgeladenes Thema mit stark eingeschränkten Selbst-Reflexionsmöglichkeiten ist, müssen wir mit Antwortverzerrungen rechnen, also damit, dass beispielsweise nach Maßgabe der „sozialen Er‐ wünschtheit“ auf unsere Fragen geantwortet wird. Wer berichtet schon gerne von sich, dass er z. B. ständig gestresst ist, dass er immer das Mobiltelefon in der Hand hat, wenn er sich um die Kinder kümmert und ihm überhaupt diese Hyperaktivität der Kleinen große Schwierigkeiten bereitet. Eine Inhaltsanalyse lässt sich auch nicht durchführen, weil Dokumente zu diesen Situationen fehlen. Auch eine standardisierte Befragung würde voraussichtlich nur Artefakte produzieren, wenn sie nicht vorrangig auf die Erfassung von Werthaltungen und Erziehungsidealen der Eltern fokussiert ist. Zur Analyse der Sozialisation selbst, die sich maßgeblich daran orientiert, was bei den Kindern ankommt und was diese im Austausch mit den Eltern, der Peergroup und anderen Sozialisationsinstanzen für Werthaltungen, Ge‐ wohnheiten und Normen entwickeln, könnte eine standardisierte Befragung nur wenig beitragen. Man sieht also, dass die Beobachtung hier eine Königsmethode ist. Aber natürlich wäre ihr Nutzen eingeschränkt, wenn wir als „Fremde“ nur für ein bis zwei Stunden zu Besuch bei der Familie wären. Dann hätte man Vorführeffekte und würde eher die außeralltäglichen Verhaltensweisen erfassen. Wenn wir aber als „Au-pair“ ein paar Wochen oder gar Monate bei der Familie verbringen würden, hätten wir wahrscheinlich die Gelegenheit, mittels Beobachtung sehr gute Einblicke zu bekommen und die Beobachte‐ reffekte hätten sich verloren. Man könnte dann zum Beispiel feststellen (und das ist ein sehr einfach gewähltes Beispiel), dass die älteren Kinder Schimpfworte benutzen und die Füße auf den Tisch legen, auch wenn die Eltern ständig vermitteln (Erziehung), dass man keine Füße auf den Tisch legt und keine Schimpfworte gebraucht. Sie tun dies u. a., weil es auch 120 5 Die Beobachtung als sozialwissenschaftliche Methode <?page no="121"?> 13 Mit der sekundären Sozialisation ist eine Sozialisationsphase gemeint, bei der die Verhaltensmuster, die sich bei der ersten Sozialisation herausgebildet haben, durch neue Sozialisationsagenten weiterentwickelt und variiert werden. Lehrer*innen spielen z. B. bei der sekundären Sozialisation eine wichtige Rolle (vgl. Miller 2000). die Eltern häufig tun, ohne darüber nachzudenken. Man kann dann also durch Beobachtung feststellen, dass die Sozialisation gelungen ist, weil die Kinder Verhaltensweisen der Eltern bzw. Erwachsenen übernehmen, aber die Erziehung nicht - weil die Kinder sich häufig nicht an die vermittelten Erziehungsregeln halten. Natürlich stellen sich auch hier Probleme in der Durchführung ein. Wie zeichnet man die Beobachtung auf, wie protokolliert man? In welche ethischen Probleme gerät man? Wie offen oder verdeckt führt man die Beobachtung durch? Es lässt sich aber dennoch schnell erkennen, dass für die Analyse der Sozialisation wie auch spezifischer Milieus oder anderer Kulturen auf die wissenschaftliche Beobachtung kaum verzichtet werden kann. Zwar beobachten wir auch ständig im Alltag, bei der wissenschaftlichen Beobachtung hat man jedoch Auflagen. So legen wir beispielsweise den Erkenntnisgegenstand fest, den Beobachtungszeitraum, die Aufzeichnung sowie die Art der Auswertung und dies in transparenter und überprüfba‐ rer Weise. Selbiges gilt auch für die qualitative Beobachtung. Am besten geht man zu zweit ins Feld und überprüft hinterher die Beobachtungen, ergänzt und korrigiert sie. Aber das würde hier im Falle der Familie nicht funk-tionieren. Wir würden als „Au-pair“ dennoch zeitnah protokollieren, so dicht wie möglich beschreiben und Zitate rekonstruieren müssen, um so im Zeitverlauf überprüfbares Material zu generieren. Das wäre nicht perfekt, aber ein Anfang. Wir könnten dies dann in verschieden Familien durchführen, variieren und vergleichen und hätten dann eine erste kleine Studie zum Thema „familiale Sozialisation“. Aber natürlich wäre dies in der Schule oder im Universitätsseminar ungleich einfacher. Dort könnten wir in Klassen- und Seminarräumen, auf Pausenhöfen, in den Mensen und Cafeterien wissenschaftliche Beobachtungen anstellen, um Effekte sekundärer Sozialisation 13 zu erforschen. Wie unterscheiden sich qualitative und standardisierte Beobachtungsver‐ fahren? Wir sehen schon: Die qualitative Beobachtung ist auf die „natürliche“ Lebenswelt bezogen. Sie zielt auf den Nachvollzug der Sinngebungen der 5.1 Einleitung 121 <?page no="122"?> Handelnden in einer sozialen Situation mittels kommunikativer Interaktion mit den Handelnden. Oft ist sie also teilnehmende Beobachtung, was uns als Forschende nochmals vor besondere Herausforderungen stellt. Als qua‐ litative Beobachtung wird sie nicht standardisiert und unstrukturiert durch‐ geführt, offen und flexibel reagierend auf das, was in der beobachtenden Situation passiert. Wenn wir mehrere Beobachter*innen sind, können wir hinterher in einer Interpretationsgemeinschaft die Ergebnisse gemeinsam auswerten und unsere Differenzen festhalten. standardisiert qualitativ • Festlegung von Beobachtungsein‐ heiten • Sammeln von Erfahrungen • nicht kommunikativ • kommunikativ • nicht teilnehmend • teilnehmend • standardisiertes Vorgehen • nicht standardisiert • genauer Beobachtungsplan • unstrukturiert • exakte Verlaufsprotokolle • nachträglich dokumentierend Tabelle 3: Einige Unterschiede zwischen qualitativer und standardisierter Beobachtung Quelle: orientiert an Lamnek 2010: 506f. Wir sehen also auch hier wieder große Unterschiede zu einem standardisier‐ ten Beobachtungsverfahren. Aber natürlich gibt es viele Mischformen und die Unterschiede werden hier idealtypisch dargestellt, um die verschiedenen Logiken dahinter verstehen zu können. Bei der standardisierten Beobachtung haben wir eine Theorie und Hypo‐ thesen, legen die Beobachtungseinheiten exakt fest und führen die Beobach‐ tung non-reaktiv durch, d. h. ohne eigene Beteiligung. Wir erstellen einen Beobachtungsplan und exakte Verlaufsprotolle. In einem standardisierten Beobachtungsverfahren könnten wir also z. B., wenn die Familie einverstan‐ den ist, über fünf Tage hinweg 30-minütige Videoaufzeichnungen an zufällig gewählten Zeitpunkten aus dem Wohn- und Esszimmer der Familie anfer‐ tigen lassen und diese dann nach dem Beobachtungsplan auswerten. Dabei darf es den Beobachtenden nicht überlassen bleiben, welches kindliche Spielverhalten beispielsweise als „kooperativ“ oder „aggressiv“ klassifiziert 122 5 Die Beobachtung als sozialwissenschaftliche Methode <?page no="123"?> werden kann, sondern diese Entscheidung muss im Beobachtungsschema so weit wie möglich vorstrukturiert sein (vgl. Bortz & Döring 2006: 264 ff.) Methodenmix 3: Qualitative und quantitative Beobachtungen Auch hier erscheint eine Kombination von qualitativen und stärker stan‐ dardisierten Beobachtungsmethoden vielversprechend. So lassen sich in einer unstrukturierten qualitativen Beobachtung viele Mechanismen der Sozialisation entdeckt und wir können eine Sozialisationstheorie induktiv entwickeln. Darauf aufbauend könnten wir dann für eine stan‐ dardisierte Beobachtung kritische Standardsituationen heraussuchen - z. B. abends beim Essen, wenn alle müde und erschöpft sind -, die man gezielt beobachtet. Aber auch umgekehrt können z. B. die 30-minütigen Videoaufzeichnungen an zufällig gewählten Zeitpunkten aus dem Wohn- und Esszimmer auf Problem- und Kristallisationspunkte hinweisen, welche dann einer qualitativen Analyse unterzogen werden, um die zur Geltung kommenden Sozialisationsmechanismen genauer, dichter und offener zu erfassen. Hier könnte man die Methodenkombi‐ nation also im Sinne einer Triangulation mit der gleichen Fragestellung oder eines eingebetteten Designs mit aufeinander aufbauenden Frage‐ stellungen durchführen. Standardisierte Beobachtungen gelten beispielsweise in Pädagogik und Psychologie als eines der wichtigsten Instrumente, um die gesetzlich verankerten Aufträge zur Bildung, Erziehung und Betreuung in frühen Fremdbetreuungseinrichtungen zu erfüllen (siehe auch SGB VIII (KJHG) § 22). Im Fokus steht hier die „gerichtete Aufmerksamkeit“. Gerade bei der individuellen Entwicklungsbegleitung bedürfe es einer klaren Struktur und Übersicht; erst wenn man weiß, wo ein Kind gerade steht, kann man ihm ein optimales Lernumfeld bieten (vgl. Bostelmann 2010; Pauen 2011; Heilig 2013). „Sehen lernen, was ein Kind gerade lernt und ihm die entsprechende Lernumgebung bieten - vielleicht ist dies die wichtigste Aufgabe der Erzieherinnen in der Krippe“ (Bostelmann 2010: 7; vgl. auch Heilig 2013). Aber man sieht, dass auch hier typische Probleme der Beobachtung auftreten. Wenn Erzieher*innen dies tun, fehlt ihnen oft die Distanz zum Er‐ kenntnisgegenstand, die Beobachtung wird abhängig von der emotionalen 5.1 Einleitung 123 <?page no="124"?> Lage und dem Stress der Erzieher*innen. Auch das alltägliche Protokollieren nach Beobachtungskategorien ist in der Praxis kaum durchzuhalten. Auch hier gilt: Beobachtung ist ein vielversprechendes Verfahren, das jedoch zeitintensiv und mit vielen potenziellen Fehlerquellen versehen ist. Übung 6: Beobachtung Beginnen wir wieder mit einer kleinen Übung. Wir beobachten eine japa‐ nische Patientin im offenen Wartezimmer eines Arztes. Die Arzthelferin hat die Patientenakte der Patientin in der Hand, während sie ein Telefonat führt. Die japanische Patientin soll als Nächste aufgerufen werden. Die Arzthelferin klopft nervös mit der Akte immer wieder auf den Tisch und knickt sie immer wieder zusammen, als das Telefonat in einen heftigen Disput mündet. Wir sprechen hinterher mit der japanischen Patientin und erfahren, dass dies für sie ein ganz schlimmes Erlebnis gewesen ist. Welcher Interpretationsrahmen könnte hier zur Geltung gekommen sein und mit welcher Bedeutung wurde diese Situation für die japanische Patientin versehen? Hinweise zur Beantwortung 6: Beobachtung Wir merken, dass wir nun ohne Kenntnisse der japanischen Kultur teilneh‐ mende Beobachtung und Kommunikation brauchen, um den Sinnzusam‐ menhang nachvollziehen zu können. Unsere eigenen kulturellen Werthal‐ tungen müssen wir dabei zurückstellen. Für deutsche Patient*innen ist es vielleicht nicht so wichtig, was die Arzthelferin mit ihrer Akte macht, und der telefonische Disput amüsiert sie höchstens. Allenfalls stört sie, dass der Streit ihre Wartezeit verlängert. Denn sie sind krank und wollen möglichst schnell aus dieser Situation wieder herauskommen - der Rest ist für sie eher unwichtig. Wenn wir aber versuchen, die Sinngebung der japanischen Patientin nachzuvollziehen, kommen wir vielleicht darauf, dass der „Raum“ und die Interaktion in diesem „Raum“ in der japanischen Kultur eine andere Bedeutung haben. Die japanische Patientin ist noch nicht lange in Deutsch‐ land und empfindet einen Disput in ihrer Anwesenheit als ausgesprochen unhöflich. Für sie bedeutet er mangelnden Respekt ihrer Person gegenüber. Die Tatsache, dass sie mit dem Streit belästigt wird, zeigt an, wie wenig Achtung man vor ihrer Anwesenheit hat. Zugleich wünscht sie sich im 124 5 Die Beobachtung als sozialwissenschaftliche Methode <?page no="125"?> Umgang mit ihrer Akte ebenfalls Vorsicht und Respekt. In dieser stehen wichtige Daten über sie und irgendwie gehört sie zu ihr, repräsentiert sie. Ihre Akte auf diese Weise zu behandeln, ist daher für sie der Gipfel der Unhöflichkeit. Noch Jahre später kann sie sich an dieses Ereignis lebhaft erinnern. Wie auch im Beispiel der teilnehmenden Beobachtung von Girtler, wel‐ ches wir in Kapitel 3 behandelt haben, wird auch an diesem Beispiel erkenn‐ bar, dass teilnehmende Beobachtungen oft mit Gesprächen einhergehen, die helfen, die Sinngebung der Beteiligten nachzuvollziehen. Dies kann auch systematisch in einer Kombination von Methoden im Sinne eines Triangulationsdesigns (siehe auch Kapitel 3) vorgenommen werden. Methodenmix 4: Beobachtungen und Interviews Sehr häufig gehen Beobachtungen und Interviews Hand in Hand. Gerade die Kombination von beiden eröffnet die Möglichkeit, die Deutungsweisen der teilnehmenden Expert*innen mit jenen der wissen‐ schaftlichen Beobachter*innen zu vergleichen und damit zu verstehen, welche fremdkulturellen Deutungsweisen ins Spiel kommen und wie die beobachtete Handlungsweise in einer Situation mit dem rekonstruierten Selbstverständnis einer Person korrespondiert. Die qualitative Beobachtung hat ihren Ursprung in der Ethnologie, Ethnographie sowie im symbolischen Interaktionismus. Sie versucht herauszufinden, wie die Teilnehmenden in einer Situation diese interpretie‐ ren, bewerten und handelnd produzieren. Dabei ist nicht interessant, wie wir selbst die Situation wahrnehmen oder bewerten („Was stellt sich die Patientin denn so an? “), sondern dass wir den subjektiven Sinn und die soziale Bedeutung des „Raumes“ zutreffend zu verstehen. 5.2 Der symbolische Interaktionismus Damit lernen wir eine weitere qualitative Schule in der Soziologie und einen weiteren Ansatz in der qualitativen Sozialforschung kennen: den symboli‐ schen Interaktionismus. Wir konzentrieren uns hier auf den symbolischen Interaktionismus und nicht auf die Ethnographie, da wir einen weiteren soziologischen Theorieansatz in der Praxis kennenlernen wollen. 5.2 Der symbolische Interaktionismus 125 <?page no="126"?> Information 4: Ethnographie Die Ethnographie bezeichnet ein sozialwissenschaftliches Forschungs‐ programm, bei dem mehr oder weniger unbekannte ethnische, kultur‐ elle oder soziale Gruppen, Gemeinschaften, Institutionen oder andere soziale Einheiten sowie deren Handlungsweisen, Wissensformen und materiale Kulturen untersucht werden. Im Mittelpunkt steht dabei die teilnehmende Beobachtung, doch umfasst die Ethnographie darüber hinaus auch andere qualitative und gelegentlich sogar quantitative Me‐ thoden der Datenerhebung, die zu sehr unterschiedlichen Datensorten führen und deswegen jeweils eigene Formen der Auswertung erfordern (vgl. Knoblauch & Vollmer 2019: 659). Der symbolische Interaktionismus betrachtet die Bedeutung eines „Gegen‐ standes“ weder als den Ausfluss der inneren Beschaffenheit des Dinges, das diese Bedeutung hat, noch ist für ihn die Bedeutung das Ergebnis der psychologischen Beschaffenheit der Individuen. Vielmehr geht für ihn die Bedeutung aus dem Interaktionsprozess zwischen verschiedenen Personen hervor. Die Bedeutung eines Dinges für eine Person ergibt sich symbolisch generalisiert aus der Art und Weise, in der andere Personen ihr gegenüber in Bezug auf dieses Ding handeln. Ihre Handlungen dienen der Definition dieses Dinges für diese Person (vgl. Blumer 1973: 6f.). Für den symbolischen Interaktionismus sind Bedeutungen daher soziale Produkte. Sie sind Schöpfungen, die durch die definierenden Aktivitäten miteinander interagierender Personen hervorgebracht werden (vgl. Blumer 1973: 5). Einfach ausgedrückt, so Blumer, müssen Menschen, die miteinander interagieren, darauf achtgeben, was der jeweils andere tut oder tun will; sie sind gezwungen, im Rahmen der Dinge, denen sie Beachtung schenken, ihr Handeln auszurichten oder ihre Situationen zu handhaben (vgl. Blumer 1973: 11). 126 5 Die Beobachtung als sozialwissenschaftliche Methode <?page no="127"?> Information 5: Der räuberische Überfall oder: Die „Bedeutung“ als soziales Produkt Der Befehl eines Räubers an sein Opfer, die Hände hochzunehmen, ist (a) ein Hinweis auf das, was das Opfer tun soll, (b) ein Hinweis darauf das, was der Räuber zu tun beabsichtigt, nämlich das Opfer, um sein Geld zu erleichtern und (c) ein Hinweis auf die sich entwickelnde gemeinsame Handlung - in diesem Beispiel ein Überfall. Falls es Verwirrung oder ein Missverständnis an einer dieser drei Linien der Bedeutung gibt, ist die Kommunikation unwirksam, die Interaktion verhindert und die Entwicklung einer gemeinsamen Handlung blockiert (vgl. Blumer 1973: 13). Um dem Opfer zu befehlen, die Hände hochzunehmen, muss der Räuber diese Antwort im Bezugsrahmen des Opfers sehen, das diese Reaktion vornimmt. Entsprechend hat das Opfer den Befehl vom Standpunkt des Räubers aus zu sehen, der den Befehl gibt; es muss die Absicht und die bevorstehende Handlung des Räubers erfassen. Solch gegenseitige Rollenübernahme ist das sine qua non von Kommunikation und wirksamer symbolischer Interaktion (vgl. Blumer 1973: 14). Blumer gründet seine Perspektive auf den Arbeiten von George Herbert Mead. Der Akteur sieht sich nach Mead ab einem bestimmten Alter selbst aus der Sicht des anderen und reflektiert, welche Reaktion sein Verhalten in seinem Gegenüber auslösen wird (vgl. Sander 2016). Er selbst sieht sich als Objekt aus der Sicht des anderen an. In einem Fußballspiel sind die Spieler*innen nur handlungsfähig, wenn sie die Erwartungen an die eigene Rolle sowie an die der anderen Spieler*innen kennen. Diese Sicht aus der Perspektive des „generalisierten Anderen“ gilt auch für die Normen in einer Gesellschaft. Die objektivierten Haltungen der anderen bilden das organisierte „ME“, es enthält die Normen und Ansprüche der Gesellschaft an den Akteur. Die Instanz des „I“ dient der Selbstbehauptung; in ihm werden eigene Ansprüche und Gefühle artikuliert. Das „SELF“ versucht, die Ansprüche von ME und I in ein Gleichgewicht zu bringen. Das Individuum bringt auf diese Weise seine Identität durch die Interaktion mit anderen Individuen hervor (vgl. Mead 1967: 174 ff.; Sander 2016). 5.2 Der symbolische Interaktionismus 127 <?page no="128"?> Bildquelle: Wikipedia.org George Herbert Mead (1863-1931) hat an der Harvard University studiert, 1888/ 89 Stipendien für Studienaufenthalte in Leipzig und Berlin er‐ halten und seit 1891 als Dozent für Psychologie, Philosophie, Evolutionstheorie an der Univer‐ sity of Michigan gearbeitet. Er wechselte 1894 an die University of Chicago und übernahm zunächst eine Assis‐ tenzprofessur bei John Dewey (vgl. Miller 2009: XII-XIX). Einer seiner Schüler war Herbert Blumer, der Begründer des symbolischen Inter‐ aktionismus. Herbert Blumer selbst hat an der University of Missouri studiert und 1925 ein Doktorat an der University of Chicago aufgenommen. Bemerkenswert ist, dass er parallel von 1925- 1933 eine professionelle Football-Karriere bei den Chicago Cardinals durchlaufen hat. Er hat dann zunächst als Assistent von George Herbert Mead von 1927-1952 an der University of Chicago gearbeitet und danach von 1952-1986 an der University of California, Berkeley (vgl. Merrione 2007: 318 ff.). Die Erwartungen der anderen (z. B. von wichtigen Bezugspersonen), so Blumer im Anschluss an Mead, sind wie Symbole zu verstehen (vgl. Sander 2016). Sie haben daher immer eine Bedeutung, werden von Ego und Alter immer interpretiert und so ins interne Handlungsprogramm übersetzt. Beziehungen zwischen Ego und Alter werden dann und in dem Maße zu sozialen Beziehungen, wenn Ego und Alter bereit sind, wechselseitig die Erwartungen (Perspektiven) der anderen zu übernehmen. „Wenn Eltern von ihren Kindern erwarten, dass sie pünktlich nach Hause kommen, dann muss die Botschaft (Erwartung) von Ego und Alter halbwegs einheitlich verstanden (wann genau? ) sowie von Alter auch beachtet werden und es muss klar sein, was zu tun ist, wenn es mit der Zeit knapp wird oder Unvorhergesehenes dazwischenkommt (Rückruf per Handy). Da die Bedeutungen unterschiedliche Interpretationsspielräume zulassen, lernen die Akteure, mit den Unterschärfen von Erwartungen und Normen situati‐ onsbezogen und sozial sinnvoll umzugehen (Ambiguitätstoleranz)“ (Sander 2016) (vgl. dazu auch Mead 1967). 128 5 Die Beobachtung als sozialwissenschaftliche Methode <?page no="129"?> Was folgt daraus für die qualitative Sozialforschung? Wir müssen die Objekte so sehen, wie die zu untersuchenden Men‐ schen sie sehen und ihnen in ihren Interaktionen Bedeutung zuwei‐ sen. Nur auf diese Weise können wir deren Handlungen richtig verstehen. Da soziales Handeln ein Produkt der Interaktion ist, kann dessen empirische Erfassung nur aus dem Ablauf d er Interaktionen heraus erfolgen. Auch kollektive Gebilde wie Krankenhäuser, Unternehmen oder Staaten sind Anordnungen von Personen, die ihre jeweiligen Handlungen mitein-ander verketten und auf diese Weise fortlaufend Bedeutungszurechnungen her‐ vorbringen. Die Forschenden verstehen sich vor diesem Hintergrund als Lernende und erfahren eine „zweite Sozialisation“, indem sie sich auf die Welt des Untersuchungsgegenstandes einlassen. Gerade in der Interaktion lernen sie Normen und Werte kennen, die sich auch in Erwartungen an sie übersetzen. Man sieht hier auch den Hintergrund der Herangehensweise in der Ethnologie sowie der Kulturanthropologie. Ziel ist das Fremdverstehen einer anderen Kultur mit deren Regeln, Deutungsweisen, Normen und Erwartungen bei gleichzeitiger Wahrung von analytischer Distanz. Denn je länger man sich in einer fremden Welt aufhält und ihre Regeln und Deutungen übernimmt, desto weniger kann man sie gleichsam von außen aus der Beobachterperspektive betrachten. Toolbox 7: Qualitative Forschung im symbolischen Interaktio‐ nismus 1. Was bedeutet dies für die qualitative Beobachtung? 2. Wir nehmen am Alltagsleben der interessierenden Personen und Gruppen teil. 3. Wir müssen möglichst unstrukturiert beobachten, um viele ver‐ schiedene Bedeutungszuweisungen nachvollziehen zu können. 4. Wir sollten uns auch an Interaktionen beteiligen, um etwas über die Erwartungen und Normen in Erfahrung zu bringen, welche dann auch auf die eigene Person bezogen sind. 5. Wir können auch Gespräche führen, um im Zuge der Interaktion deren Regeln im Feld nachvollziehen zu können. 5.2 Der symbolische Interaktionismus 129 <?page no="130"?> 5.3 Das Problem der sogenannten „Beobachtungsfehler“ Nehmen wir an, wir beobachten einen Autounfall. Dann gibt es dabei eine kognitiv-betrachtende, eine pragmatisch handelnde sowie eine emoti‐ onal-teilnehmende Beobachtungsform. Je nach Art der Involviertheit in das Geschehen gibt es unterschiedliche Wahrnehmungsselektivitäten. Es macht einen gravierenden Unterschied, ob mein Mann bzw. mein Freund oder mein Kind in dem Auto saßen, ein Freund oder ein Bekannter oder jemand gänzlich Fremdes. Starke Emotionen können z. B. einen höchst selektiven Fokus auf das Geschehen nach sich ziehen. Dies schafft Selekti‐ vitäten in der Beobachtung, welche dann - aus der ebenfalls selektiven Beobachtungsperspektive eines wissenschaftlichen Beobachters - teilweise als Beobachtungsfehler eingestuft werden. Damit ist aber nur gemeint, dass wir sehen, was ein anderer nicht sieht, aber das gilt umgekehrt auch. Kein Mensch kann zeitgleich alles beobachten, sondern jeder ist auf‐ grund der Komplexität des Beobachteten auf selektive Wahrnehmungen verwiesen. Hinzu kommt, dass auch unser Gedächtnis keine „Wirklichkeits‐ abbildungen“ speichert oder verfügbar hält, sondern wir uns emotional bestimmte Erinnerungen (besonders schreckliche oder besonders schöne) einprägen und andere vergessen, verdrängen oder bestimmte Dinge in unserem Sinnausschnitt gar nicht vorkommen. Aus diesem Grund sind z. B. Zeugenaussagen so notorisch unzuverlässig und Sozialpsycholog*innen können sogar zeigen, dass man uns zu falschen Erinnerungen veranlassen kann: dass wir uns also an etwas erinnern können, was wir gar nicht erlebt haben. Information 6: Gefälschte Erinnerungen Katarina hat noch nie in ihrem Leben auf einem Elefanten gesessen. Forschende fälschen ein Kindheitsfoto von ihr und nach einigen Gesprä‐ chen erinnert sie sich sogar an Details des Elefanten-Ritts ‒ Details, die nie passiert sind: „Ich kann mich daran erinnern, dass das Draufklettern cool war. Aber dass meine Eltern mich fotografieren wollten, das fand ich irgendwie ein bisschen lästig“ (Holderer 2018). Das kann sogar mit Erinnerungen an kriminelle Handlungen funktionieren, wie eine Studie von Shaw und Porter (2025: 292) zeigt. So wurde Proband*innen erzählt, sie hätten eine kriminelle Tat begangen: etwas gestohlen, jemanden 130 5 Die Beobachtung als sozialwissenschaftliche Methode <?page no="131"?> geschlagen oder mit einer Waffe bedroht. Eine erstaunliche Zahl von 70 Prozent der Proband*innen erinnerte sich nach nur drei Sitzungen detailliert an das Ereignis, obwohl sie es selbst nie erlebt hatten (siehe auch Kaplan et al. 2015: 10; Laney & Loftus 2013: 138; Bookbinder & Brainerd 2016: 1315). Das heißt, jedes Beobachten ist konstituiert durch den Rahmen unserer eige‐ nen Sinngebung, unserer eigenen Selektivität. Daraus ergibt sich auch eine selektive Aufmerksamkeit. Wenn wir selbst Beobachtungen durchführen, richten wir unser Augenmerk sehr selektiv aus, ohne dass uns dies jederzeit bewusst ist. Unsere Gedanken schweifen ab, wir sind unkonzentriert oder abgelenkt. Das kennen wir nicht nur aus Vorlesungen - zumal, wenn sie online durchgeführt werden -, sondern ist ein Begleitumstand der meisten alltäglichen Beobachtungen, die länger andauern. Stellen wir uns vor, wir schlendern durch eine Einkaufsstraße, sehen in ein Schaufenster und hinter uns kracht es plötzlich - ein Autounfall. Dann kann es passieren, dass unser Gehirn konstruiert, wie es zu diesem Unfall kommen konnte. Ohne dass wir den Vorfall gesehen haben, speichert es die Konstruktion als echte Erinnerung ab (vgl. Hauschild 2013). Die Frage lautet vor diesem Hintergrund: Wie können wir uns vor ungewollt selektiven Beobachtungen - sogenannten Beobachtungsfehlern -, vor Trugschlüssen und Überinterpretationen schützen? Die Antwort der qualitativen Sozialforschung lautet: Das ist schwierig. In einer wissenschaftlichen Beobachtung können wir aber unser eigenes Relevanzsystem (das der Beobachtung zugrunde liegt) reflektieren, es hint‐ anstellen und nach Maßgabe des Erkenntnisinteresses in der Situation ler‐ nen, d. h., die Relevanzsysteme der anderen Welt verstehen, nachvollziehen und intersubjektiv validieren. Dies setzt zwar ein Vorverständnis voraus, über welches wir uns klar werden müssen, das wir aber immer weiter modifizieren, erweitern und vertiefen können (hermeneutischer Zirkel). Information 7: Hermeneutischer Zirkel Zentrale Grundregel des hermeneutischen Vorgehens ist, beim Verste‐ hen eines Textes das Ganze aus dem Einzelnen und das Einzelne aus dem Ganzen zu verstehen. Mit einem Vorverständnis und Vermutungen 5.3 Das Problem der sogenannten „Beobachtungsfehler“ 131 <?page no="132"?> über den Sinn des Textes geht man an diesen heran, liest ihn in seiner Gänze und erarbeitet ihn sich, was zu einer Weiterentwicklung des ursprünglichen Vorwissens führt - natürlich immer vorausgesetzt, dass man bei der Bearbeitung des Textes Offenheit an den Tag legt und bereit ist, vorher bestehende Urteile zu verändern. Jeder Versuch, einen Text zu verstehen, setzt ein gewisses Vorverständnis beim Interpreten voraus. Wenn man mehrere Durchgänge durch den Text bzw. seine einzelnen Teile vornimmt, ist das Bild einer sich im Raum höherschraubenden Spirale wohl zutreffender als das Bild des Zirkels (vgl. Klafki 2001: 145), denn man kehrt ja nicht zum Ausgangspunkt zurück, sondern entwickelt ein fortschreitendes Verständnis des Textes (vgl. Kuckartz 2018: 18). Aber erinnern wir uns an unsere erste Lerneinheit (Kapitel 2): Wir müssen den Anspruch aufgeben, dass Beobachtungen so etwas sein können wie „objektive Wiedergaben der Realität an sich“. Selbst wenn wir Fotos machen oder Videokameras mitlaufen lassen, sind diese notwendigerweise selektiv, also erfassen und konstruieren damit Wirklichkeit in einer ganz spezifischen Art und Weise. Aber wir können uns unseren eigenen Zugang klar machen, wir können eigene Relevanzsetzungen zurückhalten und unseren Fokus auf die Art ausrichten, wie andere beobachten, werten und sich in einer Situation zurechtfinden. Darauf kommt es in der qualitativen Beobachtung und Sozialforschung an. Und diesen Zugang können wir intersubjektiv prüfen, im Vergleich validieren und stete Kontrollen einbauen, um typische Problemfelder der qualitativen Beobachtung im Forschungsprozess präsent zu halten. Zu diesen gehören: • Ethnozentrismus: Wir unterlegen unser eigenes Sinnverständnis der Interpretation der beobachteten Situation. • Fehlinterpretationen: Wir beachten geltende Sinn- und Bedeutungs‐ zusammenhänge nicht, weil wir sie nicht verstehen. • Überinterpretationen: Wir beobachten nur bestimmte, im Vorhinein wertbezogene Sinn- und Bedeutungszusammenhänge aufgrund der emotionalen Bedeutung, die diese für uns haben. Dies sind klassische Probleme der qualitativen Beobachtung, die im Rahmen des Verfahrens beachtet werden und thematisch präsent bleiben sollten. 132 5 Die Beobachtung als sozialwissenschaftliche Methode <?page no="133"?> Sie schränken aus Sicht einer quantitativ verfahrenden Sozialforschung die Validität der qualitativen Beobachtung ein. Zu diesen klassischen Problemen gehören auch Verzerrungseffekte, welche allein durch die Tatsache entstehen, dass wir be-obachtet werden (siehe dazu auch Kapitel 3.2). Angenommen, wir wollen untersuchen, zu welchen Regelabweichungen es in Krankenhäusern kommt und führen dazu Beobachtungen durch, dann könnte ein naheliegender Effekt darin bestehen, dass wir diese kaum finden werden. Denn es ist anzunehmen, dass allein die Tatsache, dass wir es beobachten, zu regelkonformen Verhalten führt. Das wäre also eine Art „self-destroying observation“. Zum Glück können wir aber aus unserer eigenen Forschung berichten, dass sich dieser Effekt spätestens nach ein paar Stunden verliert und die Leute genauso Regelabweichungen vornehmen, als würden sie nicht beobachtet. Dies kann man über Insidergespräche validieren. Wenn wir länger beobachtet werden, vergessen wir das offenbar und/ oder können nicht umhin, bestimmte Dinge zu tun, die zu Routinen geworden sind. 5.4 Die Vorgehensweise der qualitativen Beobachtung Um an einem Beispiel die Vorgehensweise bei einer qualitativen Beobach‐ tung Schritt für Schritt durchzuführen, nehmen wir im Folgenden an, dass wir die Lebensweisen und Lebensstile der „feinen Leute“ bzw. der Eliten in einer Gesellschaft untersuchen wollen (vgl. Girtler 2002). Wir wollen dazu auch qualitative Beobachtungen einsetzen. Aber wie gehen wir dabei vor? 5.4.1 Wir bestimmen den „Gegenstand“ der Beobachtung Das ist bei diesem Beispiel, wie wir merken werden, gar nicht so einfach. Denn wen und was wir beobachten, geht aus dem allgemeinen Erkennt‐ nisinteresse selbst noch nicht hervor. Zudem kann sich vieles hinter den Wörtern „feine Leute“ und „Eliten“ verbergen. Auch in der qualitativen Sozialforschung brauchen wir bei einem solchen Erkenntnisinteresse ein wissenschaftliches Vorverständnis. Wir könnten also sagen, wir laufen durch die Hamburger Fußgängerzone und beobachten, wer bei den teuren Geschäften einkauft. Aber sind das die feinen Leute, die Eliten? Dazu können wir im Zweifel gar nichts sagen. Wir können nur beobachten, dass Leute in teuren Geschäften einkaufen. Wir müssen also auch in dem qualitativen 5.4 Die Vorgehensweise der qualitativen Beobachtung 133 <?page no="134"?> Verfahren an dieser Stelle wissenschaftlich informierte Vorentscheidungen treffen. Für uns — und Sie können das gerne anders sehen und begründen — wäre es zunächst einmal sinnvoll, den eher literarischen Begriff der „feinen Leute“ ad acta zu legen und uns auf den soziologischen Begriff der „Elite“ zu konzentrieren. Da substanzielle Elitebegriffe normativ überfrachtet und forschungstechnisch kaum zu operationalisieren sind, wie z. B. die Rede von der geistig oder moralisch „Überlegenen“ oder den „Mächtigen“, werden wir uns auf einen formalen Zugang nach dem Positionsansatz konzentrieren. Eliten sind demzufolge Personen, die in einem festgelegten sozialen und geographischen Raum die höchsten Positionen innehaben, un‐ abhängig davon, ob sie diese verdient haben, ob sie geistig überlegen oder mächtig sind. Eine solche Herangehensweise erspart uns viele Bewertungsprobleme und schafft einen klaren Zielpunkt. Eliten können nach dieser Definition in der Wirtschaft die Vorstände großer Banken oder Unternehmer bzw. Top-Ma‐ nager*innen in den 100 größten Unternehmen sein, in der Wissenschaft Leiter*innen großer Forschungseinrichtungen, in der Politik Regierungs‐ mitglieder und Leitungen der Ministerialbürokratie, in der Justiz Richter*in‐ nen an den obersten Gerichtshöfen, in der Religion Kirchenoberhäupter, Bischöfe und Kardinäle etc. Aber das sind auch mit dieser Eingrenzung immer noch zu viele. Also wählen wir einen Bereich aus: Nehmen wir z.-B. die Wirtschaft und mit ihr die ökonomischen Eliten - einfach aus dem Grund, weil man über die Lebensstile der Top-Manager*innen nur wenig weiß. Aber was genau möchten wir nun wissen und beobachten? Auch „Lebensstile“ ist noch ein sehr weiter Begriff, aus dem sich nicht ohne weiteres ein konkretes Erkenntnisinteresse ableiten lässt. Interessieren wir uns für den „Habitus“ im Bourdieu´schen Sinne oder für das Milieu und seine Prägekraft, und was heißt das genau für unsere Herangehensweise? Information 8: Der Habitusbegriff bei Bourdieu Habitus bezeichnet bei Bourdieu die „Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata“ eines Menschen, in denen seine früheren sozialen Erfahrungen, insbesondere die Erfahrungen im Elternhaus sowie in der Statusordnung der Gesellschaft zum Tragen kommen (Bourdieu 1970: 153). Dabei ist der Habitus vor allem durch die spezifische gesellschaft‐ 134 5 Die Beobachtung als sozialwissenschaftliche Methode <?page no="135"?> liche Position geprägt, die Angehörige einer sozialen Gruppe innerhalb einer Sozialstruktur einnehmen (vgl. Lenger et al. 2013: 14). Welche Literatur wurde im Elternhaus und von den Proband*innen gelesen, welche Musik gehört, mit wem traf man sich, wie viel Geld war zur Verfügung, wurden öffentliche Reden gehalten, wie wurde in der Familie gesprochen etc. Durch diese „feinen Unterschiede“ wird man für Bourdieu in der Statusordnung der Gesellschaft, insbesondere in seinen herrschenden „Klassen“ eingeordnet und ordnet sich durch (freiwillige und unfreiwillige) Statusunterscheidungen (Distinktion) selbst ein (vgl. Bourdieu 1982; siehe auch Bourdieu & Wacquant 1992; Bremer et al. 2014: 289; Weiss 2004). Können wir also herausbekommen, wie Bankdirektor*innen oder Vor‐ stände großer Unternehmen dies tun? Wie sie sprechen, was sie essen, wie sie sich anziehen, wie viel Geld sie haben, welche Musik sie hören? Wir könnten es versuchen. Information 9: Die Auswahl des Beobachtungsgegenstands Die Auswahl des Beobachtungsgegenstands ist in der qualitativen So‐ zialforschung ein strategischer und iterativer Prozess, der sich grund‐ legend von quantitativen Ansätzen unterscheidet. Statt statistischer Repräsentativität steht die inhaltliche Repräsentativität und theoreti‐ sche Fundierung im Vordergrund. In der qualitativen Sozialforschung werden zwei Hauptstrategien zur Aus‐ wahl des Beobachtungsgegenstands unterschieden: 1. Das theoretische Sampling ist ein iterativer Prozess, bei dem der Be‐ obachtungsgegenstand nicht vorab vollständig festgelegt wird. Stattdessen erfolgt die Auswahl sukzessive während der Forschung, indem Forschende parallel Daten erheben, kodieren und analysieren. Der Ausgangspunkt wird durch theoretische Sensitivität geprägt, also durch das theoretische und praktische Vorwissen der Forschenden. Im Laufe des Forschungsprozesses werden Fälle gezielt nach dem Prinzip der Minimierung und Maximierung von Unterschieden ausgewählt, um theoretische Konzepte zu verfeinern und zu elaborieren. Dieser Prozess endet idealtypisch bei Erreichen der theore‐ 5.4 Die Vorgehensweise der qualitativen Beobachtung 135 <?page no="136"?> tischen Sättigung, wenn keine neuen theoretisch relevanten Unterschiede mehr identifiziert werden. 2. Das Sampling nach vorab festgelegten Kriterien wird dagegen verwendet, wenn spezifische Vorannahmen systematisch er-forscht werden sollen. Dabei wird ein qualitativer Beobachtungsleitfaden aufgestellt, etwa ver‐ schiedene Kohorten ökonomischer Eliten beobachtet oder verschiedene akademische Abschlüsse berücksichtigt werden sollen. Diese Strategie nutzt Wissen über sozialstrukturelle und kulturelle Merkmale zur gezielten Aus‐ wahl. In der Forschungspraxis werden häufig kombinierte Strategien eingesetzt, die beide Ansätze miteinander verbinden und sich wechselseitig vorbereiten und ergänzen. Bestimmung des Forschungsfeldes und des Beobachtungsgegenstands Ausgangspunkt ist häufig die Literaturrecherche, die zeigt, welche The‐ men in einer Region oder einem Kontext bereits untersucht worden sind und wo sich Forschungslücken offenbaren. Die Literatur informiert darüber, welche Fragestellungen theoretisch und empirisch interessant sind und wo diese besonders sinnvoll zu untersuchen wären. Die Bestimmung des Forschungsfeldes ist nicht einfach als geografische oder institutionelle Abgrenzung zu verstehen. Vielmehr handelt es sich um die Festlegung von Orten, Situationen und Ereignissen, die für die Forschungsfrage relevant sind. Bei Untersuchungen von beispielsweise dem kulturellen Kapital der ökonomischen Eliten können neben den Beobach‐ tungen im Unternehmen auch Konferenzen, Konzerte, Sportveranstaltun‐ gen etc. als Orte von Relevanz sein. Die Wahl des Beobachtungsgegenstands wird auch durch praktische Faktoren beeinflusst: • Bestehen bereits persönliche oder berufliche Beziehungen zu einem Feld, kann dies ein Kriterium für die Auswahl sein. • Häufig wird ein Thema gewählt, das an einem Ort, zu dem bereits Zugang besteht, besonders gut zu untersuchen und im theoretischen Rahmen sinnvoll ist. • Umgekehrt können aus theoretischen Fragen heraus geeignete Regio‐ nen oder Kontexte ausgewählt werden. 136 5 Die Beobachtung als sozialwissenschaftliche Methode <?page no="137"?> Eine häufige Herausforderung liegt in Formulierungen von Fragestellungen, die zu breit gefasst sind und daher systematisch eingegrenzt und in Teilpro‐ bleme zerlegt werden müssen. Zugang zum Feld Für die Beobachtung ist die Frage des Feldzugangs zentral. Dieser kann auf verschiedene Weise vorbereitet werden: • Persönliche Kontakte (häufig als „Vitamin B" bezeichnet) können einen Zugangsweg darstellen. • Multiplikatoren, Netzwerker oder Gatekeeper wie z. B. Angestellte oder Referent*innen in Unternehmen können als Vermittler zum Feld fungieren. • Schneeballprinzipien, Anfragen über soziale Medien, z. B. LinkedIn oder persönliche Ansprache ermöglichen alternative Zugangswege. Die gewählte Zugangsweise hat unmittelbare Auswirkungen auf die Be‐ obachtungsergebnisse und muss daher bereits in der Forschungsplanung berücksichtigt werden. Dabei gibt es verschiedene Arten des Feldzugangs: • Offener Feldzugang in öffentlich zugänglichen Bereichen (z. B. bei öffentlichen Veranstaltungen) • Halboffener Feldzugang in halböffentlichen Räumen (z. B. bei Konferen‐ zen, Workshops) • Geschlossener Feldzugang in privaten oder institutionell geschützten Bereichen (z.-B. bei Managementsitzungen in den Unternehmen) Unabhängig davon ist Vertrauen durch Transparenz, Authentizität und Wahrnehmung von Neutralität zentral für einen erfolgreichen Feldzugang. Die Beobachtung erfolgt häufig in mehreren Phasen: • Explorative Phase: Offene Beobachtung mit relativ breitem Fokus und Dokumentation durch Feldnotizen • Fokussierte Phase: Eingrenzung des Beobachtungsschemas basierend auf ersten Analysen • Selektive Phase: Intensive Fokussierung auf spezifische relevante Phä‐ nomene 5.4 Die Vorgehensweise der qualitativen Beobachtung 137 <?page no="138"?> Zwischen den Phasen erfolgen regelmäßige Besprechungen und kontrastive Analysen, um Annahmen zu überprüfen und das Beobachtungsschema bei Bedarf anzupassen. Kriterien für die Auswahl des Beobachtungsgegenstands Kriterium Erläuterung offene, zufällige Aus‐ wahl Die Auswahl erfolgt beliebig oder zufällig in dem dafür vorgesehen Feld. theoretische Sensiti‐ vität Erste Auswahl basiert auf vorhandenem theoretischen und praktischen Wissen. inhaltliche Reprä‐ sentativität Nicht statistische, sondern theoretische und im Vergleich bedeutsame Vielfalt. Feldzugang Realistische Möglichkeit, zum Feld Zugang zu erhalten. theoretische Rele‐ vanz Beitrag zur Theorieentwicklung und Beantwortung der Forschungsfrage. kontrastive Auswahl Systematische Suche nach minimalen und maximalen Un‐ terschieden. Abgrenzung des Gegenstands Eine zentrale Herausforderung liegt darin, den Beobachtungsgegenstand präzise abzugrenzen, ohne wesentliche Aspekte auszublenden. Gerade die Offenheit qualitativer Forschung - dass „nichts bereits im Vorfeld ausgebl‐ endet wird" - erfordert eine sorgfältige Balance zwischen Fokussierung und Offenheit. Zeitliche Dimensionen Qualitative Beobachtung kann sehr zeitaufwändig sein, besonders wenn es um Längsschnittbeobachtungen geht. Studien können sich über mehrere Wochen oder Monate erstrecken, um die Prozesshaftigkeit von Phänomenen zu erfassen. Methodische Kombination Im Gegensatz zu rein quantitativen Ansätzen werden in der qualitativen Sozialforschung - insbesondere in ethnographischen Studien - verschie‐ dene Datenerhebungsmethoden kombiniert: Interviews, Dokumentenanal‐ ysen, Audioaufnahmen und visuelle Dokumentationen ergänzen die teilneh‐ mende Beobachtung. 138 5 Die Beobachtung als sozialwissenschaftliche Methode <?page no="139"?> Fazit Die Auswahl des Beobachtungsgegenstands in der qualitativen Sozialfor‐ schung folgt einem systematischen, aber flexiblen Ansatz. Im Unterschied zu quantitativen Methoden steht nicht die statistische Abbildung im Vorder‐ grund, sondern die von der Forschungsfrage geleitete Erkundung und das Verstehen des Beobachteten. Die erfolgreiche Auswahl hängt ab von einer präzisen Forschungsfrage, theoretischer Sensitivität, realistischen Feldzu‐ gängen und einer kontinuierlichen Reflexion und Anpassung während des Forschungsprozesses. Das theoretische Sampling bietet dabei ein Konzept, das Offenheit und Systematik verbindet und es ermöglicht, durch iterative Prozesse immer tiefere und theoretisch fundierte Einsichten zu generieren. Bevor wir uns jedoch dafür entscheiden, müssen wir überlegen, ob wir überhaupt einen Zugang zu den ökonomischen Eliten finden, d. h., wo wir sie finden und ob wir sie zum Mitmachen bewegen können. Schließlich finden wir ökonomische Eliten nicht in „freier Wildbahn“. Wenn wir keine persönlichen Kontakte haben, können wir sie auch schlecht zu Hause aufsuchen. Wir haben zudem in Erfahrung gebracht, dass sie ‒ wenn sie nicht im Unternehmen sind oder durch die Welt fliegen ‒ versuchen, die meist sehr knappe Zeit mit ihrer Familie zu verbringen. Auch ihre typischen Hobbies, Bergwandern und Segeln, geben keine guten Anhaltspunkte. Wir finden sie also in der Regel nicht auf dem Golfplatz, wo wir ein Praktikum als „Caddie“ machen könnten, um mit ihnen in Kontakt zu kommen. Der hauptsächliche Lebensraum dieser „Spezies“ ist das Unternehmen. Können wir hier anset‐ zen? Der Zugang hat zwar Einschränkungen hinsichtlich einer Beobachtung des Habitus, aber er eröffnet auch die Möglichkeit der Beobachtung der ökonomischen Eliten in ihrem „natürlichen Lebensraum“. Dies hat auch Vorteile: Der Beobachtungseffekt wird sich dadurch vergleichsweise schnell verlieren. Also verfolgen wir vor diesem Hintergrund die Idee, Hospitations‐ tage im Zuge eines Praktikums für Studierende zu organisieren, sodass diese die Möglichkeit haben, bei einem*r Vorstandsvorsitzenden in einem Top-100-Unternehmen in der Region einmal „mitzulaufen“. Der*die zustän‐ dige Professor*in erklärt sich bereit, zehn Vorstände persönlich anzuschrei‐ ben und anzusprechen. Das Thema ist: Die Welt der Unternehmen. Einblicke in die Führungsetagen großer Unternehmen. Wir haben dazu einen Flyer erstellt, den wir mitschicken. Wir haben bei drei Vorständen Glück. Sie erlauben es den Studierenden, für einen Tag „mitzulaufen“. Bedingung ist, dass sie angemessen gekleidet 5.4 Die Vorgehensweise der qualitativen Beobachtung 139 <?page no="140"?> sind, eine Datenschutzvereinbarung unterzeichnen und sich im Hintergrund halten. Sie dürfen protokollieren, aber keine Audio- oder Videoaufzeichnun‐ gen vornehmen. Sie dürfen Fragen stellen, aber nicht zu viele. Damit ist der Zugang abgesichert. 5.4.2 Wir wählen Ort, Zeit und Dauer der Beobachtung Die zweite Entscheidung fällt nun leicht, denn die drei Vorstände geben die Tage bekannt, an denen die Hospitation stattfinden kann. Bei einem der Vorstände ist sogar ein Inlandsflug mit inbegriffen. Dennoch müssen wir einige Dinge überlegen. Können wir einen Tag durchgehend beobachten? Oder wird das zu anstrengend? Noch wissen wir nicht genau, was die Beobachtungseinheit ist, d. h., worauf wir unsere Beobachtung fokussieren. Wir brauchen bei einer quali‐ tativen Beobachtung zwar keinen exakten Beobachtungsplan wie bei der systematischen Beobachtung, aber wir müssen schon ungefähr wissen, was wir beobachten wollen. Information 10: Die systematische Beobachtung Die systematische Beobachtung setzt einen genauen Beobachtungsplan voraus, der vorschreibt, was (und bei mehreren Beobachter*innen auch von wem) zu beobachten ist, was für die Beobachtung unwesentlich ist, ob bzw. in welcher Weise das Beobachtete gedeutet werden darf, wann und wo die Beobachtung stattfindet und wie das Beobachtete zu protokollieren ist (vgl. Bortz & Döring 2006: 263). Wir können auch in einer qualitativen Beobachtung nicht alles beobachten. Wir nehmen also die Hinweise von Bourdieu auf und erstellen einen Beobachtungsleitfaden: 140 5 Die Beobachtung als sozialwissenschaftliche Methode <?page no="141"?> Toolbox 8: Beispiel für einen Beobachtungsleitfaden, inspiriert von Bourdieu 1. Wie, wo, wie viel und was wird gegessen? Worüber wird gespro‐ chen, falls es z. B. zu einem Essen mit Geschäftspartner*innen, Angestellten etc. kommt, sofern es sich nicht um Firmenbelange handelt. 2. Wie wird gesprochen? Welche Ausdrucksweisen werden gewählt, welche Sprachformen, welcher Duktus? 3. Falls im Dienstwagen oder im Flugzeug Musik gehört wird, welche Musik wird gehört, wie wird ggf. über Musik oder Kunst gespro‐ chen? 4. Gibt es persönliche Kunstgegenstände im Büro, und wenn ja, welcher Art? 5. Falls Familien- und Freizeitaktivitäten zum Thema werden, wie wird darüber gesprochen? 6. Welche Statusmerkmale tauchen im Kleidungsstil, in den Acces‐ soires, in der Büroausstattung auf ? 7. Welche sozialen Netzwerke werden angesprochen, erkennbar oder bildlich symbolisiert, z. B. ein Foto mit Politiker*innen, die in der Öffentlichkeit stehen. Das bedeutet, dass wir in den Beobachtungsrichtlinien festhalten, dass der Hauptteil dessen, was an diesen Tagen stattfinden wird, nicht direkt zum Gegenstand der Beobachtung wird - also Gespräche und Interaktionen zu Firmenbelangen und Geschäftsinteressen -, sondern das „Drumherum“. Immer dann schalten wir unsere innere Kamera ein und protokollieren, was wir können. 5.4.3 Wir legen die Art der Beobachtung fest Ein paar Dinge haben wir jetzt bereits mitentschieden. Wir haben uns mit einer solchen Vorgehensweise für eine hinsichtlich der Erkenntnisinteres‐ sen verdeckte, aber in Bezug auf die Durchführung offene, teilnehmende Beobachtung entschieden (vgl. Lamnek 2010: 513). Es ist keine naive Be‐ obachtung, weil wir vorher spezifizierte Erkenntnisinteressen haben, aber auch keine systematische, da wir auf einen exakten Beobachtungsplan 5.4 Die Vorgehensweise der qualitativen Beobachtung 141 <?page no="142"?> verzichtet haben. Wir führen die Beobachtung weitgehend unstrukturiert, aber entlang eines Beobachtungsleitfadens durch. Es ist eine passiv-teil‐ nehmende, direkte Beobachtung im Feld. Wenn wir eine standardisierte Beobachtung planen würden, hätten wir im Feld nicht die erforderliche Flexibilität, auf alle möglichen sich einstellenden Umstände angemessen zu reagieren. Ein systematischer Beobachtungsplan würde ganz anders aussehen (vgl. Bortz & Döring 2006: 271). Dimensionen Ausprägungen Vorwissen naiv systematisch Standardisierung unstrukturiert strukturiert Erkennbarkeit offen verdeckt Teilnahme teilnehmend nicht-teilnehmend Art der Teilnahme aktiv passiv Zugang direkt indirekt Ort Feld Labor Tabelle 4: Formen der Beobachtung nach Lamnek Quelle: Orientiert an Lamnek 2010: 513 5.4.4 Wir legen fest, wie die Beobachtung aufgezeichnet/ protokolliert wird Uns stehen keine anderen Aufzeichnungsmöglichkeiten zur Verfügung als handschriftliche oder elektronische Notizen. Gegebenenfalls können wir nach Absprache auch einen Laptop nutzen - in diesem Umfeld ist das un‐ problematisch. Ton- oder Videoaufnahmen würden sich in diesem Feld aus Datenschutzgründen in der Genehmigung eher als schwierig erweisen. Wir versuchen beim Protokollieren eine dichte Beschreibung des „Drumherums“ anzufertigen, welches uns nach Bourdieu interessiert. Dabei ist es wichtig, dass wir uns immer bemühen, den O-Ton des Vorstandes festzuhalten und zu rekonstruieren. Wir setzen im Protokoll Zeitmarkierungen, um die Abfolge festzuhalten. Auch hier gelten einige einfache Regeln aus der systematischen Beobachtung: Beobachte und berichte so vollständig wie 142 5 Die Beobachtung als sozialwissenschaftliche Methode <?page no="143"?> möglich die Situation des Subjektes. Ersetze niemals die Last der Deskription durch Interpretationen. Information 11: Systematische Beobachtung - Regeln für ein Ver‐ haltensprotokoll nach Bortz & Döring Die nachfolgend wiedergegebenen Regeln folgen einer bestimmten Tradition in Beobachtungsstudien, welche das Ziel hat, das zu untersu‐ chende Verhalten möglichst lückenlos in einem natürlich belassenen Umfeld zu erfassen. Barker als ein bekannter Vertreter dieser „ökolo‐ gischen Schule“ (vgl. Barker 1963) verfasste zusammen mit Wright (vgl. Barker & Wright 1954) eine Studie über die Lebensbedingungen im amerikanischen Mittelwesten, der die nachfolgenden Regeln für Verhaltensprotokolle (nach einer Überarbeitung und Übersetzung von Faßnacht 1979) entnommen sind. Inhaltsregeln für Verlaufsprotokolle: 1. Schaue auf das Verhalten und die Situation des Subjektes. 2. Beobachte und berichte so vollständig wie möglich die Situation des Subjektes. 3. Ersetze niemals die Last der Deskription durch Interpretationen. 4. Gib an, wie ein Subjekt etwas macht (z. B.: Das Kind geht. Wie? Langsam, schlendernd, mit festem Schritt, auf Zehenspitzen etc.). 5. Gib an, wie eine Person etwas macht, die mit dem Subjekt inter‐ agiert. 6. Berichte in der endgültigen Version der Reihe nach alle (auch selbst‐ verständlich erscheinende) Hauptschritte während des Verlaufes jeder Aktion. 7. Wenn möglich sollen Verhaltensbeschreibungen positiv, d. h. ohne Verneinungen formuliert sein (z. B. falsch: Fritz sprach nicht sehr laut). 8. Beschreibe zu Beginn der Beobachtung detailliert die Szene, wie sie sich darbietet. 9. Fasse nicht mehr als eine Aktion des Subjektes in einem Satz zusammen. 10. 10. Fasse nicht mehr als eine Aktion anderer Personen, die mit dem Subjekt interagieren, in einem Satz zusammen. 5.4 Die Vorgehensweise der qualitativen Beobachtung 143 <?page no="144"?> 11. Rapportiere Beobachtungen nicht mittels Zeitintervallen. Zeitmar‐ ken werden unabhängig von den Aktionen ungefähr im Minutenin‐ tervall am Protokollrand festgehalten (Bortz & Döring 2006: 264). Verfahrensregeln für Verlaufsprotokolle: 1. Beobachtungsperiode pro Beobachter*in: Maximum 30 Minuten. In diesem Rhythmus werden die Beobachter*innen ausgewechselt. 2. Notierung an Ort und Stelle, d. h. parallel zum Ereignis. Die verbale Kommunikation soll so genau wie möglich aufgeschrieben werden. 3. Zeitmarkierung: ungefähr jede Minute am Rand. 4. Nach der Beobachtung: Diktat des Manuskriptes auf Band. Hier können Manuskriptlücken gefüllt werden; genaue zeitliche Folge‐ korrekturen werden später angebracht. Diktat sofort nach der Beobachtung. Erinnerungen, die nicht im Rohmanuskript stehen, können beigefügt werden. 5. Fragesitzung: Nach der Anfertigung des Manuskripts auf Band hört eine zweite Person das Diktat an und befragt den*die Beobachter*in über unklare Stellen bzw. Lücken. Dies führt zu Korrekturen und Ergänzungen. 6. Geschriebene Revision: Nachdem der diktierte Bericht transkribiert wurde, soll er von dem*der Beobachter*in sobald als möglich revi‐ diert werden, d. h. Korrekturen unklarer Aussagen, Richtigstellung der zeitlichen Ordnung, Füllen von Lücken, Weglassen von doppelt Aufgezeichnetem. 7. Zusätzliche Fragesitzung: Diese wird wieder mit einer zweiten Person durchgeführt, die klärende Fragen stellt. Falls nötig: Mo‐ difikation und danach endgültige Niederschrift; diese endgültige Niederschrift bildet das Ausgangsmaterial zum Episodieren. 8. Die auf diese aufwendige Weise zustande gekommenen Protokolle werden in Episoden unterteilt und anschließend einer weiteren Auswertung unterzogen (vgl. Bortz & Döring 2006: 149 ff.; ein Beispielprotokoll findet sich bei Faßnacht 1979 und Bortz & Döring 2006: 264 f.). Wenn auch nicht so exakt wie bei der systematischen Beobachtung, bestimmt das chronologische System den Rahmen, in dem die Beobachtung stattgefunden 144 5 Die Beobachtung als sozialwissenschaftliche Methode <?page no="145"?> hat (vgl. Lamnek 2010: 564). Während der Beobachtung wird die soziale Interak‐ tion und zugleich die Interpretation der sozialen Wirklichkeit festgehalten. Im Vordergrund steht die Definition der sozialen Situation, sodass eine Handlung nie losgelöst von der jeweiligen Situation betrachtet werden kann (vgl. Lamnek 2010: 573). Am Ende des Beobachtungszeitraumes beginnt für uns die eigentliche Arbeit. Dann fertigen wir das ausführliche Protokoll an. Auch wenn es spät ist, warten wir nicht bis zum nächsten Tag, weil dann viele Eindrücke verblasst und viele Details verloren sind. Information 12: Die qualitative Videoanalyse Besonders audiovisuelles Material wie Videoaufzeichnungen eröffnet neue Perspektiven für die feinteilige Analyse von Körpersprache, Raum‐ ordnungen, situativem Kontext und multimodaler Kommunikation. Hier hat sich die qualitative Videoanalyse als eigenständiges Verfahren etabliert, das über reine Inhaltsanalyse hinausgeht und mikrosozialen Abläufen umfassend nachspürt. Die qualitative Videoanalyse nutzt dabei unterschiedliche methodische Zu‐ gänge wie die ethnomethodologische Interaktionsanalyse, dokumentarische Methode und praxeologische Ansätze. Ziel ist nicht die Generalisierung, sondern die vertiefte Fallrekonstruktion, etwa durch Feldpartituren, visuelle Interaktionssequenzen oder multimodale Kodierungen. Videomaterial bie‐ tet dabei eine hohe Dichte sozialer Information, bleibt aber interpretativ anspruchsvoll ‒ insbesondere da Bild, Ton und nonverbale Signale integriert ausgewertet werden (Moritz/ Corsten 2018: 74ff.) Künstliche Intelligenz hat dabei die Datenaufbereitung und Analyse von Videomaterial substanziell verändert. Spezialisierte KI-Tools unterstützen Transkription, Sprechererkennung, automatische Codierung und komplexe Textanalytik. Aktuelle Large Language Models (LLMs) wie ChatGPT, Gemini und Claude lassen sich als Sparringspartner oder sogar für hybride Inter‐ pretationsgruppen einsetzen: Sie helfen Zusammenfassungen zu erstellen, Muster zu identifizieren und in Diskursanalysen neue Perspektiven einzu‐ bringen. Forschungsspezifische Tools wie MAXQDA AI Assist und Atlas.ti. KI-Assistenten sind bereits methodisch integriert und unterstützen zugleich eine gemeinsame Auswertung im Forschungsteam. 5.4 Die Vorgehensweise der qualitativen Beobachtung 145 <?page no="146"?> 5.4.5 Wir wählen die Anzahl, das Training und die Rolle der Beobachter*innen aus In unserem Beispiel sind wir bei der Anzahl der Beobachter*innen auf eine Person beschränkt. Im Idealfalle würden wir zwei Beobachter*innen bevorzugen, weil dies bereits eine intersubjektive Validierung der Beobach‐ tung möglich macht und sich die Beobachtungsprotokolle wechselseitig ergänzen können. Besonders wenn die Beobachtung einen ganzen Tag lang dauert, ist dies wichtig. Ein spezielles Training der Beobachter*innen entfällt, aber wir würden einige Übungseinheiten vorschalten, in denen man Zuhören, Zusehen und unauffälliges Protokollieren etwas einübt. Auch die Beobachterrolle ist hier festgelegt: unauffällig im Hintergrund, nur passiv teilnehmend, es sei denn, man führt ein Gespräch mit dem*der Proband*in. In der teilnehmenden Beobachtung erfährt die Rolle als Beobachter*in Dominanz gegenüber der Teilnahme am Alltag der zu Beobachtenden. Eine tendenziell fehlende Identifikation mit dem sozialen Feld kann das Verstehen erschweren (vgl. Lamnek 2010: 530). Bei der Teilnahme sind solche Rollen für die Beobachter*innen zu wählen, die als natürliche Rollen im Feld selbstverständlich anerkannt sind. Es sollen einfache Rollen mit häufig wechselnden Inhabern sein, weil dann die Rollenerwartung relativ unspezifisch und von den Beobachter*innen leichter erfüllbar ist (vgl. Lamnek 2010: 531). In diesem Falle wäre dies die im Feld etablierte Rolle eines*r Praktikant*in. 5.4.6 Wir bestimmen, wie die Auswertung vorgenommen wird Methodenmix 5: Die Auswertung der Beobachtung Bei der Auswertung können wir uns nun auch für einen Methodenmix entscheiden. Das bedeutet, wir gehen zum einen induktiv vor, d. h., wir ordnen, systematisieren und kategorisieren das Material entlang unse‐ rer Leitfragen. Wir beantworten zugleich die Frage, ob wir Elemente des Habitus des Vorstandes entdeckt haben, die wir vorher nicht im Blick hatten. Zum anderen gehen wir deduktiv vor, d. h., wir ordnen und 146 5 Die Beobachtung als sozialwissenschaftliche Methode <?page no="147"?> interpretieren das Material entlang einer Habitusanalyse. Hier nur zwei Beispiele für mögliche Indikatoren: • Sprachhabitus: Dialekt, Hochsprache, ggf. geschliffenes britisches Englisch, bildungsbürgerliche Ausdrucksweise, elaborierte Sprach‐ form, Verwendung nicht fach- oder firmenspezifischer Fremdwörter etc. • Essen: geschliffene Manieren, selbstverständliche Umgangsformen, spezielles Essen etc. Wir sehen, dass hier zunächst Kategorien und Bewertungen aus der Bour‐ dieu‘schen Habitusanalyse ins Spiel kommen, welche den sozialen Raum und die Distinktionen kartographieren. Darauf kann man sich in der qualita‐ tiven Beobachtung jedoch nicht beschränken, sondern wir wollen selbst das Material nutzen, um eine Theorie der Repräsentationen von Status und Dis‐ tinktion zu entwickeln, welche bei ökonomischen Eliten ins Spiel kommen. Unser Erkenntnisinteresse ist zwar also inspiriert von der Bourdieu‘schen Habitus- und Klassentheorie, aber keinesfalls darauf beschränkt. Ganz im Gegenteil wird im Sinne der Grounded Theory versucht, die laufende fundierte Theorieentwicklung weiter zu treiben (siehe dazu Strübing 2008). 5.4.7 Was könnten die möglichen Ergebnisse einer solchen Beobachtung sein? Was könnten nach unserer bisherigen Forschung mögliche Ergebnisse einer solchen Beobachtung sein, ohne dass wir diese vorwegnehmen wollen? Sie dienen hier allein der Illustration des Verfahrens (siehe dazu Pohlmann 2009; Pohlmann & Bär 2011; Pohlmann et al. 2002; Pohlmann et al. 2018; siehe auch Pohlmann et al. 2019; Pohlmann & Schöttli 2019). 1. Wir würden wahrscheinlich herausfinden, dass das soziale Feld (hier die Wirtschaft) den Habitus maßgeblich prägt und die Statusmerkmale mitbestimmt. 2. Wir würden merken, dass im Feld der Wirtschaft normale bürgerliche Essgewohnheiten dominieren und auch die Wahl der Lokale der ge‐ hobenen Mittelklasse entspricht. Dies ist ein erster Hinweis darauf, dass „demonstrativer Konsum“ und „Luxus“ abgelehnt werden, selbst 5.4 Die Vorgehensweise der qualitativen Beobachtung 147 <?page no="148"?> dann, wenn dies die Firmenpolitik erlaubt oder man sich außerhalb des Firmenkontextes bewegt. 3. Obgleich hohe Bildungsvoraussetzungen in Deutschland mit einer sol‐ chen Position verbunden sind, also häufig mit einem Doktorgrad, sind die Sprache und Ausdrucksweise nicht bildungsbürgerlich-elaboriert, sondern der Sprachhabitus ist pragmatisch-authentisch, knapp und präzise ausgeprägt. 4. Musik und Kunst spielen als „objektiviertes Kulturkapital“ eine geringe Rolle. Auch wenn die Firma hier aus PR-Gründen einiges bereithält, werden außerhalb „normaler“ individueller Vorlieben keine diesbezügli‐ chen Distinktionsprofite realisiert. 5. Familien- und Freizeitaktivitäten sind ein knappes Gut. Sie werden nach Maßgabe der Zeit mit Kindern akzentuiert. Freizeitaktivitäten finden nicht im öffentlichen Raum statt, beziehen sich nicht auf symbolisches, soziales oder kulturelles Kapital, sondern auf einen diskret geschützten Rückzugsraum von Privatheit. 6. Für Statusmerkmale und Accessoires gilt ebenfalls die Ablehnung de‐ monstrativen Konsums. Der Kleidungsstil ist schlicht und hochwertig - in der Firma „Business“, aber auch im Privaten nie extravagant oder besonders teuer. Auffällige Accessoires fehlen weitgehend. 7. Die sozialen Netzwerke sind durch die Firmenaktivitäten bestimmt. Ab und an tauchen Bilder mit hochstehenden Persönlichkeiten auf, aber auch dies ist eher Teil der PR als ein Angeben mit dem sozialen Kapital. Wir könnten dann als ein mögliches Ergebnis festhalten: Die Arbeit steht für die ökonomischen Eliten im Vordergrund. Lu‐ xuskonsum hält in ihrem Lebensstil nur auf und gehört nicht zur sozialen Praxis. Die Herkunft aus gehobenen Schichten verpflichtet eher zur Diskretion und zum Understatement. Demonstrativer Lu‐ xus gehört daher nicht zum Lebensstil der ökonomischen Eliten. 5.5 Schlussbemerkung Die Lernfragen zu diesem Kapitel finden Sie unter: https: / / narr/ kwaest.io/ s/ 1472 Beobachtungen sind ein hervorragendes wissenschaftliches Verfahren, das immer noch viel zu selten zum Einsatz kommen, wenn man etwas über 148 5 Die Beobachtung als sozialwissenschaftliche Methode <?page no="149"?> Handlungsweisen und ihre Bedeutungen in der Interaktion wissen möchte. Interviews sind hier häufiger, auch wenn sie im Erkenntnisgewinn deutlich eingeschränkt sind. Qualitative Beobachtungen sind ebenso anstrengend wie voraussetzungsvoll. Daher müssen wir uns auch in der qualitativen Forschung sehr gut überlegen, wie sie durchgeführt werden können, ohne dass sie uns und andere überfordern. In der Kombination mit Interviews sind Beobachtungen jedoch unschlagbar, um etwas über die „natürlichen“ bzw. kultürlichen Lebenswelten von Akteuren oder Gruppen zu erfahren oder herauszufinden, welche Regeln in Organisationen, Familien, Schulen oder Kindergärten faktisch Geltung erlangen. Fragen zur Vertiefung 4 1. Welche Möglichkeiten gibt es, wissenschaftlich mit der Selektivität in der Beobachtung umzugehen? 2. Sie wollen mittels Beobachtung herausfinden, wie Menschen während einer Pandemie mit Maßnahmen umgehen, welche eine physische Dis‐ tanz vorschreiben. Bitte schlagen Sie vor, wie Sie bei einer solchen Be‐ obachtungsstudie vorgehen wollen. 3. Was gilt es zu beachten, wenn man das Protokoll einer qualitativen Beobachtung schreibt? 4. Welche ethischen Probleme können bei teilnehmenden Beobachtungen auftreten? Übung für zuhause 5: Die Beobachtung eines Experiments 1. Sehen Sie sich bitte die auf einem Experiment von Jane Elliot basierende Dokumentation zum Alltagsrassismus an. 2. Entwickeln Sie eine Fragestellung zum Thema und formulieren diese aus. Wählen Sie bitte eine zehnminütige Sequenz aus dem Video aus, die Sie für die Beobachtung vorsehen wollen. Entscheiden Sie sich für die Art der Beobachtung sowie die Art der Protokollierung. Video zur Übung: ZDFneo (2019): Der Rassist in uns (letzter Aufruf 02.03.2026). 5.5 Schlussbemerkung 149 <?page no="150"?> Literatur zur Übung: Bloom, Stephen G. (2008): Blue-Eyes, Brown-Eyes: The Experiment that Shocked t he Nation And Turned a Town Against its Most Famous Daughter (letzter Aufruf 08.12.2020). Feuerstein, Thomas J. (2005) Teilnehmende Beobachtung. Ein Manual für die Aus bildung und Praxis Sozialer Arbeit, Wiesbaden (letzter Aufruf 08.12.2020). 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Lernziel: Wir wollen in dieser Lerneinheit Einblicke geben, welche Bedeu‐ tung Inhaltsanalysen in der qualitativen Sozialforschung haben, wie sich qualitative und quantitative Inhaltsanalysen unterscheiden und wie sie sich kombinieren lassen. 6.1 Einleitung Wer lesen gelernt hat oder Verkehrszeichen verstehen möchte, hat es bereits im Alltag mit Inhaltsanalysen zu tun. Die wissenschaftliche Form der Inhaltsanalyse geht ähnlich vor, nur auf einem wissenschaftlichen Interpre‐ tations- und Auswahlverfahren basierend und mit einem wissenschaftlichen Erkenntnisinteresse versehen. Anders als die Beobachtung ist die Inhaltsanalyse kein aufwendiges oder besonders fehleranfälliges Verfahren, weshalb sie in den Sozialwissen‐ schaften allgegenwärtig ist. Andere Fächer, wie z. B. die Geschichts- oder die Rechtswissenschaft und erst recht die Theologie, sind ganz und gar auf hermeneutische, auslegende Verfahren der Inhaltsanalyse angewiesen. Auch wenn sie in den Sozialwissenschaften allgegenwärtig ist, findet sie oft genug unkontrolliert und unsystematisch statt. So beenden wir z. B. nicht selten die Text- oder Studienauswahl für eine Haus- oder Abschlussarbeit, ohne uns beispielsweise hinreichend über die Auswahlkriterien oder über die Ein- und Ausschlusskriterien der Studien Gedanken gemacht zu haben. Warum Inhaltsanalysen? Inhaltsanalysen bieten uns Zugänge zur Beantwortung von Forschungsfra‐ gestellungen, welche schwer zu ersetzen sind. Protokolle, Gerichtsakten, Personalakten, Verwaltungsvorgänge, Autobiografien und Memoiren, aber <?page no="158"?> auch Leaks und die sozialen Medien liefern oft Informationen, welche auf anderem Wege kaum in Erfahrung zu bringen wären. Wenn wir etwas über gesellschaftliche Entwicklungen wissen wollen, können wir z. B. akzidentelle Dokumente heranziehen und im Zeitverlauf analysieren. Um zwei aktuelle Beispiele herauszugreifen: Wir können uns z. B. mit dem Einverständnis der katholischen Kirche Kirchenakten zu Missbrauchsvor‐ würfen der letzten 50 Jahre ansehen und so herausfinden, wie sich die Zahl von Beschuldigten und Betroffenen über die Zeit verändert hat und auch der Umgang der Kirche damit (vgl. Dreßing et al. 2018). Oder wir können Reden von führenden Vertretenden der NSDAP während des Nationalsozialismus, der NPD von 1996 bis 2008 und von Vertretenden der AfD heute vergleichen, um festzustellen, ob und inwiefern sich Wortschatz und Sprachgebrauch ähneln (vgl. Gebhard & Höcke 2019). Viele Sachverhalte sind mittels Interviews z. B. mit Beschuldigten oder Opfern von Missbrauch ungleich schwerer herauszufinden und diese hätten den Nachteil, dass wir es mit retrospektiven Verarbeitungsformen der Befragten sowie Rechtfertigungsstrategien zu tun bekommen. Wenn wir überhaupt einen Zugang bekämen, müssten wir die Aussagen auch vor dem Hintergrund großer emotionaler Verzerrung analysieren. Wir würden dabei sicherlich viel über die Relevanzen der Interviewpartner*innen lernen, aber ein davon unabhängiger Zugang zum Sachverhalt würde uns fehlen. Panelbefragungen, also im zeitlichen Abstand wiederholte Befragungen derselben Personen, können zwar diese Defizite in Bezug auf das Nach‐ zeichnen von Entwicklungen mittels Interviews teilweise korrigieren, sind aber sehr aufwendig in der Durchführung. Zugleich hätte man mit der „Panelmortalität“ zu kämpfen, also z. B. damit, dass Proband*innen häufiger aus den sich wiederholenden Befragungen aussteigen. Man sieht somit, dass Inhaltsanalysen einen vergleichsweisen einfachen und in der Erhebung wenig fehleranfälligen Zugang für die empirische Sozialforschung eröffnen. Da sich Inhaltsanalysen auf alles und jedes beziehen können, also z. B. auch auf Interviews oder selbstgeschriebene Texte, müssen wir zunächst festlegen, worauf wir uns in dieser Einführung in die Methode der quali‐ tativen Inhaltsanalyse beziehen. Da wir die Auswertungsmethoden von Interviews und von zu Zwecken der wissenschaftlichen Analyse angefer‐ tigten Dokumenten im Kapitel 8 dieses Buches besprechen, wollen wir uns in diesem Kapitel auf Dokumente beziehen, welche gerade nicht zum Zwecke der wissenschaftlichen Analyse erstellt wurden (sog. akzidentelle 158 6 Die Inhaltsanalyse <?page no="159"?> Dokumente), sondern für ganz andere, von der wissenschaftlichen Analyse unabhängige Zwecke. Was sind akzidentelle Dokumente und wie gehen wir mit ihnen um? Wenn man sich auf akzidentelle Dokumente konzentriert, bezieht sich die Methode der Inhaltsanalyse also auf Daten, die nicht wissenschaftlich, sondern z. B. durch die Praxis von Polizei, von Ermittlungsbehörden, Kirchen, Parteien etc. generiert sind. Solche Angaben z. B. in Strafakten, Personalakten oder Presseberichten können sehr weitgehend von tatsächli‐ chen Ereignissen und Vorkommnissen abweichen (vgl. dazu Peter & Bogerts 2010: 46; Kersting & Erdmann 2014: 10), teilweise ohne dass wir bestimmen können, in welchem Ausmaß sie dies tun. Es kann sogar sein, dass sie wie z. B. bei „Fake News“ gar nichts mit irgendwelchen Tatsachen zu tun haben. Wichtig ist es daher, die Ausrichtung und die Erfassungsmodalitäten der Agenturen, Organisationen oder Personen, welche die Daten generieren, zu analysieren. Nur so kann die Datenlage bei einer Inhaltsanalyse eingeschätzt und können die Dokumente in ihren Kontext eingeordnet werden. Wenn wir es z. B. mit Parteidokumenten, Presseberichten, Emails, Blogposts oder TikToks etc. zu tun bekommen, müssen wir immer die Darstellungslogik und die Relevanzsysteme in diesem Feld mit bedenken, welche das Material hervorbringen. Eine Inhaltsanalyse der akzidentellen Dokumente erlaubt zunächst einmal Rückschlüsse auf die Medien, Organisationen, Akteure und wie diese bestimmte Themen darstellen, nach welchen Verfahren sie Texte oder Bilder generieren sowie welche Relevanzen von ihnen gesetzt werden. Erst in aufwendigen qualitativen Verfahren kann man - immer noch mit großer Vorsicht - auf dahinterliegende gesellschaftliche Deutungsmuster oder individuelle Sinngebungen schließen. Wenn z. B. Gerichte durch Urteile Fakten schaffen, dann können wir in einer Inhaltsanalyse der Gerichtsurteile viel über die vom Gericht geschaffenen Fakten sagen. Doch wenn das Ge‐ richt zum Beispiel die festgestellten Motive des/ der Angeklagten konstatiert, so sagt dies womöglich nichts über die „wahren Motive“ aus, sondern eben nur über die vom Gericht juristisch zugerechneten. Diese Differenz gilt es im Blick zu behalten. Auch Presseberichte arbeiten zum Beispiel mit Motivzurechnungen, die nicht mit den empirisch tatsächlich zur Geltung kommenden Motivlagen zu verwechseln sind. Das hört sich einfach an, jedoch kommt es in inhaltsanalytischen Arbeiten immer wieder zu solchen Verwechslungen. 6.1 Einleitung 159 <?page no="160"?> 6.2 Qualitative und quantitative Inhaltsanalyse Die Inhaltsanalyse ist allgemein eine Methode, welche z. B. sprachliche Eigenschaften eines Textes „objektiv“ und „systematisch“ identifiziert und beschreibt, um daraus Schlussfolgerungen auf nicht-sprachliche Eigenschaf‐ ten von Personen und gesellschaftlichen Aggregaten zu ziehen (vgl. Mayntz et al. 1974: 151). quantitativ qualitativ • hohe Zahl an Dokumenten • geringe Zahl an Dokumenten • Auszählungsvorgänge • Möglichkeit hermeneutischer In‐ terpretation • explizierte, manifeste Kommuni‐ kationsinhalte • latente, manifeste Kommunikati‐ onsinhalte • häufig ohne Kontextbezug • kontextbezogen • Festlegung von Dimensionen, Ka‐ tegorien und Codierungen • Entwicklung von Dimensionen, Kategorien und Codierungen Tabelle 5: Inhaltsanalyse qualitativ ‒ quantitativ I Quelle: orientiert an Lamnek 2010: 445 In der quantitativen Herangehensweise richtet sich die Inhaltsanalyse vor‐ rangig auf akzidentelle Dokumente und zieht diese in großer, möglichst repräsentativer Anzahl heran. Für qualitative Analysen reicht oft eine geringere Zahl an Dokumenten, z. B. genau so viele, bis eine theoretische Sättigung erreicht ist. Die quantitative Herangehensweise konzentriert sich auf Auszählungs- und Bewertungsvorgänge von manifesten Kommunikationsinhalten. So kann sie zum Beispiel zählen, wie oft in AfD-Verlautbarungen die Wörter „Lebensraum“ oder „Volk“ oder „Flüchtlinge“ vorkommen, und daraus ver‐ suchen, auf die Programmatik der AfD zu schließen. Oder sie kann in Reden und Twitter-Nachrichten von Kandidat*innen in einem demokratischen Wahlverfahren (z. B. Trump und Biden) zählen, wie oft politische Gegner mit negativen Attributen versehen werden, dies mit den Gegenkandidat*innen vergleichen und so etwas über die Wahlkampfstrategien von Kontrahenten lernen. Dies könnte man dann im gleichen Vorwahlzeitraum mit dem Wahlkampf z. B. von Donald Trump und Hillary Clinton vergleichen oder auch mit den Wahlkampfstilen anderer populistischer Regenten wie jenem 160 6 Die Inhaltsanalyse <?page no="161"?> Jair Bolsonaros in Brasilien. Demgegenüber würde eine qualitative Inhalts‐ analyse keine Wörter zählen, sondern die Sinngebungen zu dechiffrieren versuchen, die mit dem Gesagten verbunden sind. Nicht nur was manifest gesagt wird, ist von Bedeutung, sondern auch, was latent gemeint ist. Dazu bedarf es der Kunst der Auslegung, also eines hermeneutischen Aktes, der methodisch kontrolliert und intersubjektiv validiert in der systematischen Interpretation des Gesagten vollzogen wird. Für die quantitative Herangehensweise ist es nicht selten der Fall, dass die Kontexte, in denen diese Reden, Verlautbarungen oder Twitter-Nachrichten stehen bzw. in welchen diese entstanden sind, nicht ausführlicher in die Analyse einbezogen werden. Dies ist in der qualitativen Inhaltsanalyse anders: Hier ist der Kontextbezug substanziell. Nur aus dem Kontext heraus kann man das Gemeinte rekonstruieren und dieser muss den hermeneuti‐ schen Akt anleiten. Allerdings können die Kontexte auch in der Interpretation der Ergebnisse der quantitativen Inhaltsanalyse wieder wichtig werden, insbesondere wenn man z. B. akzidentelle Dokumente im längeren Zeitverlauf auswertet. Wie in der quantitativen Sozialforschung üblich, geht man an Theorien und Hypothesen orientiert vor und legt die Kategorien und die Codierung im Vorhinein fest. Es gibt genaue Anweisungen, wie z. B. „negative Attribute“ operationalisiert wird, also ob z. B. ironische Diffamierungen als „negative Attribute“ kategorisiert werden. In der qualitativen Inhaltsanalyse hingegen werden die Kategorien und Dimensionen aus dem Material heraus entwi‐ ckelt. Dazu gibt es verschiedene Verfahren der Codierung, von denen wir eines bereits bei der Grounded Theory (siehe Toolbox 3: Codierverfahren im Kontext der Grounded Theory) kennengelernt haben. Wie lassen sich qualitative und quantitative Verfahren der Inhaltsanalyse kombinieren? Aufgrund dieser Unterschiede in der Vorgehensweise zwischen quantitativ und qualitativ verfahrender Inhaltsanalyse gibt es auch viele Kombinations‐ möglichkeiten beider Verfahren. Wir wollen im Folgenden kurz aufzeigen, wie eine solche Kombination aussehen könnte. Wir beziehen uns dabei auf eine quantitative Inhaltsanalyse von akzidentellen Dokumenten, welche in den letzten Jahren weltweit großes Aufsehen erregt hat. Es ging dabei um die Erhebung und Analyse von Kirchenakten zu den Missbrauchsvorwürfen in der katholischen Kirche. Sie wurde u. a. von Dieter Dölling, Harald Dreßing, Dieter Hermann und Andreas Kruse durchgeführt. Sie war zugleich mit 6.2 Qualitative und quantitative Inhaltsanalyse 161 <?page no="162"?> einer qualitativen Interviewstudie verbunden und kann deshalb hier als ein Beispiel für eine Methodenkombination von quantitativer und qualitativer Inhaltsanalyse herangezogen werden. Methodenmix 6: Missbrauch in der katholischen Kirche - Zur Verbindung von qualitativen und quantitativen Inhaltsanalysen Mittels der Sichtung von Personalakten der katholischen Kirche wurde in dieser Studie im Zeitraum von 1946-2014 bei 1.670 katholischen Geistlichen in Deutschland Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen festgestellt - das entspricht einem Anteil von 4,4 %. Die Zahl der Betroffenen belief sich auf 3.677 Kinder und Jugendliche - 62,8 % davon waren Jungen und 34,9 % Mädchen. Die quantitative Analyse der Akten brachte damit zum ersten Mal Zahlen zu dem Ausmaß des Missbrauchs in der deutschen katholischen Kirche zum Vorschein, welche allgemein mit Erschrecken zur Kenntnis genommen wurden. Aber nicht so sehr diese Zahlen und ihre Auswertung stehen hier im Vor‐ dergrund, sondern wir konzentrieren uns im Folgenden auf den Umgang der katholischen Kirche mit den des Missbrauchs beschuldigten katholi‐ schen Priestern. Auch dazu liefert die quantitative Inhaltsanalyse Daten. So stellen die Autoren fest, dass 53 % dieser Vorwürfe kein kirchenin‐ ternes kanonisches Verfahren durchliefen (vgl. Dreßing et al. 2018: 294) und nur 19,4 % in Strafanzeigen von Vertretern der katholischen Kirche mündeten (vgl. Dreßing et al. 2018: 297). Mehr als 13 Jahre vergingen von der Tat bis zur Ermittlung und sogar 22 Jahre bei den innerkirchlichen Verfahren (vgl. Dreßing et al. 2018: 298). Damit wurde klar, dass die katholische Kirche in Deutschland den Missbrauchsvorwürfen nicht konsequent nachging. Mehr noch: Angeklagte Diözesanpriester wurden häufiger in der Diözese (durchschnittlich 4,4-mal im Vergleich zu 3,6-mal) und zwischen den Diözesen versetzt (vgl. Dreßing et al. 2018: 304). Und noch gravierender: Die Mehrzahl der Versetzungen fand ohne Information der aufnehmenden Diözese statt (für den ganzen Bericht siehe Dreßing et al. 2018; siehe auch Pohlmann & Höly 2019). Diese Vor-gehensweise der katholischen Kirche ist soziologisch erklä-rungs‐ bedürftig. Da die Taten bzw. Tatvorwürfe einen hohen moralischen Aufforderungscharakter haben, ist sowohl das langjährige Schweigen der Kirchenangehörigen erklärungsbedürftig als auch dass die Kirche 162 6 Die Inhaltsanalyse <?page no="163"?> als Organisation teilweise mit Versetzungen der Beschuldigten in andere Diözesen reagierten, ihnen also praktisch wieder neue Opfer zuführte. Geht man davon aus, dass in der kirchlichen Administration und Hierarchie keine Sadisten sitzen, die sich am Missbrauch von Kindern erfreuen, müssen sich Regeln, Normen und Deutungsroutinen etabliert haben, welche die Ignoranz gegenüber den Folgen einer Versetzung erst möglich gemacht haben. Die einfache Annahme, dass es sich dabei nur um ein gezielt strategisches Handeln von Entscheidungsträgern der Kirche handelte, unterschätzt unseres Erachtens den moralischen Aufforderungscharakter der Taten und überschätzt den Zynismus der Kirchenverantwortlichen. Eine Erklärung dafür gibt es in der Studie selbst nur in Ansätzen. Bei diesem Erklärungsproblem kann nun eine Methodenkombination ansetzen. Um diese Vorgehensweise der katholischen Kirche besser zu verstehen, kann man z. B. eine qualitative Inhaltsanalyse nicht nur von Personalakten, sondern auch von internen Protokollen, internen Verlautbarungen sowie innerkirchlichen Stellungnahmen - soweit diese mit dem Einverständnis der katholischen Kirche verfügbar sind - durchführen. Auch Sekundärauswertungen der qualitativen Interviews mit Kirchenangehörigen und Priestern, welche ebenfalls in der Studie zu einem anderen Thema durchgeführt wurden, können sich bei diesem Erklärungsproblem als sehr hilfreich erweisen. In der hier angestrebten Kombination verschiedener Methoden liefert uns die quantitative Inhaltsanalyse also die genaue Bestimmung des Er‐ klärungsproblems sowie des Ausmaßes, in dem dieses Problem auftritt. Wir können es auf ihrer Grundlage exakt fassen und die Fragen konkret und evidenzbasiert stellen: Warum wurden nur in rund der Hälfte der Fälle interne Verfahren eingeleitet und ist es nur in rund einem Fünftel der Fälle zu Strafanzeigen gekommen? Welche Mechanismen sorgten in der Organisation der Kirche dafür, dass in einer relevanten Zahl von Fällen eine Versetzung der Beschuldigten praktiziert wurde, welche das Missbrauchsrisiko nicht verminderte? Warum schwiegen die Kirchenangehörigen in der Mehrzahl der Fälle gegenüber der auf‐ nehmenden Diözese? Diese Fragen kann die quantitative Inhaltsanalyse selbst jedoch nicht beantworten, weil dazu in der Regel keine manifesten Inhalte in den Personalakten vorhanden sind. 6.2 Qualitative und quantitative Inhaltsanalyse 163 <?page no="164"?> Mit einer solchen Vorgehensweise wählen wir eine sequenzielle Vor‐ gehensweise der Methodenkombination. Das heißt, die einzelnen Erhe‐ bungsschritte werden von uns nicht gleichzeitig durchgeführt, sondern nacheinander (vgl. Hussy et al. 2010: 285). Die Datenarten sind in diesem Mixed-Methods-Design nicht gleichgewichtet, sondern die quantitative Inhaltsanalyse hat „Vorfahrt“. Die qualitative Inhaltsanalyse sowie die Sekundäranalyse der Interviews können erst nachgelagert stattfinden. Zuvor besteht kein Wissen über diese Praxis der katholischen Kirche. Damit orientieren wir uns an einem eingebetteten Design der Metho‐ denkombination. Wir verfolgen also kein Triangulationsdesign, bei dem beide Untersuchungsschritte gleichzeitig stattfinden und sich auf den gleichen Untersuchungsgegenstand beziehen. Wir stellen stattdessen verschiedene Forschungsfragen, die aber aufeinander aufbauen. Wir wollen Aufschluss über die Mechanismen erhalten, die den quantitativ ermittelten Zusammenhängen zugrunde liegen (vgl. Hussy et al. 2010: 291). Diese Variante des eingebetteten Designs wird in der Methoden‐ kombination „korrelatives Design“ genannt und würde sich u. E. in diesem Falle besonders anbieten (siehe dazu auch Kapitel 3.5, Informa‐ tion 3: Vier Designs von Methodenkombinationen). Eine qualitative Inhaltsanalyse von internen Protokollen und Stellung‐ nahmen kann dann u. E. weiterhelfen, die formalen Mechanismen in der Organisation katholische Kirche, ihre Begründungen sowie ihre informelle Handhabung offenzulegen und genauer zu bestimmen, wel‐ chen kognitiven und normativen Mustern diese folgen. Dies zeigt auch das jüngst vorgelegte Rechtsgutachten der Kanzlei Gerke und Wollschläger zum Umgang mit Missbrauchsvorwürfen im Erzbistum Köln (siehe dazu Gercke et al. 2021; Gercke & Stirner 2021; Pohlmann & Höly 2021). Eine qualitative Interviewanalyse mit Beschuldigten und Kirchenangehörigen kann ergänzend einen Zugang zur informellen Seite der Organisation eröffnen, also zu den ungeschriebenen Regeln und selbst-verständlich gewordenen Deutungsmustern, welche hier ins Spiel kommen. Sie muss sich auch auf die latenten Inhalte beziehen und diese mit einer anders ausgerichteten Fragestellung sowie einem qualitativen Verfahren analysieren. 164 6 Die Inhaltsanalyse <?page no="165"?> Wie lassen sich manifeste und latente Kommunikationsinhalte unterscheiden? In der qualitativen Herangehensweise stehen nicht nur manifeste, sondern auch latente Kommunikationsinhalte im Vordergrund. Es wird also entlang der alltäglichen Operation des Verstehens nicht nur analysiert, was in einem Text steht (manifest), sondern auch, was zwischen den Zeilen zu lesen ist (latent). Bei latenten Kommunikationsinhalten werden auch implizite Bot‐ schaften oder hintergründige Deutungsmuster in den Vordergrund gerückt. Zwischen den Zeilen zu lesen oder die Unterscheidung zwischen der Sachinformation und Mitteilung - beispielsweise im Falle von Ironie - handhaben zu können, gehört zu unserem Alltag. Nehmen wir an, dass ein Teenager aufgefordert wird, sein Zimmer aufzuräumen und er wirft einfach seine Sachen in den Schrank. Wir sind die Eltern und sagen, als wir es entdecken: Das hast du ja wieder super gemacht! Dann ist das - für viele erkennbar und den Teenager einfach verstehbar - Ironie. Während jüngere Kinder das noch nicht verstehen können, dechiffrieren ältere Kinder, dass die Sachinformation (man wird gelobt) von der Mitteilung ins Gegenteil verkehrt wird. Die Botschaft der Eltern ist: Das hast du (mal wieder) nicht so gut gemacht. Das ist Alltag in der Kommunikation und daher ist man mit dem Erwachsenwerden darauf angewiesen, Mitteilungen verstehen zu können. Insofern gibt es einen alltäglichen Druck auf die Entwicklung unserer hermeneutischen Kompetenzen. Wir können uns dies an einem weiteren Übungsbeispiel verdeutlichen: Übung 7: Der Mülleimer steht noch draußen - Information, Mitteilung und Verstehen Machen wir also wieder eine kleine Übung, um „Verstehen“ besser zu verstehen. Nehmen wir an, eine Frau sagt zu ihrem Ehemann, als dieser nach Hause kommt: „Der Mülleimer steht noch draußen.“ Welche Information enthält diese Aussage Ihres Erachtens und welche Mitteilung bzw. Botschaft oder welchen Appell? Wie könnte der Ehemann antworten? Hinweise zur Beantwortung 7: Der Mülleimer steht noch draußen - Information, Mitteilung und Verstehen Wenn wir mit Luhmann Informationen als Daten oder Aussagen mit Neu‐ igkeitswert betrachten, beinhaltet diese Information im Sachaspekt die Neuigkeit, dass der Mülleimer noch draußen steht (Luhmann 1984: 194 f.). 6.2 Qualitative und quantitative Inhaltsanalyse 165 <?page no="166"?> Aber wir alle verstehen, ohne groß darüber nachzudenken, dass hinter dieser Information auch eine Mitteilung steckt, und wir können sie aufgrund unserer lebensweltlichen Erfahrung - auch wenn wir alleine leben - einfach dechiffrieren: Bringe (bitte) den (geleerten) Mülleimer an seinen Ort zurück. Diese Handhabung von Information und Mitteilung ist für uns im glei‐ chen kulturellen Kontext einfach. Darum können wir auch - allerdings in unterschiedlichen Ausmaßen - Ironie verstehen. Erst wenn die Mitteilung verstanden wird, ist auch das Verstehen als Nachvollzug des gemeinten Sinnes vollzogen. Wir können dabei natürlich nicht wissen, ob die Ehefrau dies wirklich so gemeint hat, aber wir arbeiten einfach mit der Unterstellung, dass dem so sei - bis auf Widerruf. Das macht jedes Verstehen oder jede Kommunikation leichtgängig (vgl. Luhmann 2001: 130). Versetzen wir uns nun in die Rolle des Ehemannes. Was könnten wir an seiner Stelle antworten, wenn wir der Meinung sind, dass dies nicht unsere Aufgabe sei, aber wir die Situation nicht eskalieren lassen wollen? Eine Reaktion auf der Sachebene, welche die Information bestätigt („Ja, es stimmt, der Mülleimer steht draußen“), würde wahrscheinlich auf der Mitteilungsebene als Provokation aufgefasst (vgl. Luhmann 1992: 25; Watz‐ lawick et al. 1969: 53 ff.; siehe dazu auch das das Kommunikationsquadrat von Schulz von Thun 1981). Auch der negative Bezug auf die Mitteilungs‐ ebene („Bringe ihn doch bitte selbst ins Haus! “) wäre nicht sehr elegant und könnte zur Eskalation führen. Vielleicht könnte der Ehemann signalisieren, dass er die Mitteilung verstanden hat und sagen: „Es tut mir leid. Aber ich hatte heute so viel zu tun, dass ich ziemlich fertig bin“. Damit negiert er indirekt den Appell, appelliert selbst an ihr Mitgefühl und lässt diplomatisch offen, wie es jetzt weitergeht - in der Hoffnung, dass er es nicht tun muss. In jeder Kommunikation bedeutet Verstehen unter Erwachsenen, dass wir den Unterschied zwischen Information und Mitteilung handhaben können. Wir können dabei nicht mit Sicherheit wissen, was in einer anderen Person vor sich geht. Wir müssen verstehen, d. h. den gemeinten Sinn nachvollziehen, weil wir genau das nicht wissen können. Wir wollen uns im Folgenden dem „Zwischen-den-Zeilen-Lesen“ und dem Auslegen von Texten als Basis der qualitativen Inhaltsanalyse weiter annä‐ hern und dabei ein erstes hermeneutisches Verfahren der Inhaltsanalyse kennenlernen, ohne dass wir dieses gleich in aller Ausführlichkeit durchfüh‐ 166 6 Die Inhaltsanalyse <?page no="167"?> ren wollen. Es dient vielmehr der Sensibilisierung dafür, wie die qualitative Inhaltsanalyse vorgeht und wie sie unsere Auslegungskompetenzen zum Einsatz bringt. 6.3 Qualitative Inhaltsanalyse eines Politikerinterviews im ZDF ‒ ein Anwendungsbeispiel Um dies zu verdeutlichen, nehmen wir das Beispiel des AfD-Politikers Björn Höcke auf. Wir beziehen uns auf das, was dieser in einem abgebrochenen ZDF-Interview 2019 zu seiner Sprache und seinem Wahlkampf sagte (vgl. Gebhard & Höcke 2019). Unser Ziel ist es, mehr über die Sprache und die Deutungsweisen rechtspopulistischer/ rechtsextremer Politiker*innen in Deutschland zu erfahren und zugleich die Herangehensweise bei einer qua‐ litativen Inhaltsanalyse mit hermeneutischem Anspruch näherungsweise kennenzulernen. In der qualitativen Inhaltsanalyse sehen wir uns zunächst den Text in seinem manifesten Gehalt genauer an und vollziehen dann „hermeneutisch“ die zugrundeliegende, mehr oder weniger hintergründige Sinngebung nach. Wir orientieren uns zu Übungszwecken dazu an der Sequenzanalyse, auch wenn wir diese nicht in allen Einzelschritten durchführen werden. Information 13: Die Sequenzanalyse Die Sequenzanalyse ist ein Interpretationsverfahren, so fassen es Kurt und Herbrik (2019: 481) zusammen, „das den Sinn jeder Art menschli‐ chen Handelns Sequenz für Sequenz, also Sinneinheit für Sinneinheit, in der Linie des ursprünglichen Geschehens zu rekonstruieren versucht. Geleitet wird die Sequenzanalyse von der Annahme, dass sich im Nacheinander des Handelns - also auch des Sprechens, Schreibens und Filmens - Sinnzusammenhänge realisieren. Der hermeneutische Ansatz, das Einzelne als Teil eines Ganzen zu denken, überspannt in der Sequenzanalyse das konkrete menschliche Handeln hypothetisch mit einer alle Handlungsschritte umfassenden Sinngestalt“. Wir müssen dazu eine hermeneutische Haltung einnehmen, d. h. nicht schnell verste‐ hen wollen, interesselos und distanziert vorgehen, alles infrage stellen und nicht Neues auf Bekanntes zurückführen, sondern umgekehrt das 6.3 Qualitative Inhaltsanalyse eines Politikerinterviews im ZDF ‒ ein Anwendungsbeispiel 167 <?page no="168"?> scheinbar Selbstverständliche als fremd und unbekannt ansehen. Auch hier geht es wieder um die Herstellung von Naivität, um eine Abkehr von der „natürlichen Einstellung“ (siehe dazu Übung 2: Durch Reduktion zum naiven Blick). Wir streben im Verfahren nach Mehrdeutigkeit und nicht nach Eindeutigkeit. Die Sequenzanalyse dient nicht der Verarbei‐ tung großer Datenmengen, sondern ist umgekehrt darauf ausgerichtet, dichte „Schlüsselsequenzen“ intensiv auszudeuten. Toolbox 9: Erste Schritte im Verfahren einer hermeneutischen Sequenzanalyse 1. Sequenzbestimmung: Wir wählen eine Sequenz des Textes (oder Videos etc.) aus. Wir können dabei willkürlich vorgehen und eine Sequenz auswählen, die unseren Forschungsinteressen am meisten zu entsprechen scheint. 2. Hypothesenentwicklung: Wir stellen unser Vorwissen und un‐ ser Kontextwissen zurück und entwickeln am ausgewählten Ma‐ terial verschiedene Lesarten. Mit diesen Lesarten entwickeln wir unsere möglichen Interpretationshypothesen: • Grammatische Interpretation: Wortbedeutung (etymologi‐ scher, buchstäblicher, metaphorischer Sinn), Satzbau, Textart etc. analysieren und Paraphrasierungen formulieren: Wie hätte das Gleiche alternativ ausgedrückt werden können? • Sachliche Interpretation: Worum geht es? • Soziologische Interpretation: Wer sagt das wann, wo, wie, zu wem, warum in welcher Situation? Was könnte vorange‐ gangen sein? Was könnte nun folgen? Auf welches soziale Problem wird wie reagiert? • Psychologische Interpretation: Was denkt, fühlt, will der Han‐ delnde? Welche Weil-Motive und welche Um-zu-Motive lie‐ gen seinem Verhalten zugrunde (Schütz 2004) und was hätte der Handelnde stattdessen wollen oder tun (bzw. lassen) können? • Kulturelle Interpretation: Wie ist die Handlungssituation kul‐ turell codiert? (hier ist nach Werten, Ideen, Symbolen und Weltanschauungen zu fragen.) 168 6 Die Inhaltsanalyse <?page no="169"?> 14 „Neuere Analysen der Abteilung Demokratie und Demokratisierung zeigen, dass die AfD auf der Ebene ihrer Kandidaten und ihres politischen Programms im Vergleich zu anderen Parteien eindeutig als rechtspopulistisch einzustufen ist“ (Vehrkamp 2017: 17 f.). „Diese Analyse ergab für die empirische Verortung von AfD-Wählern vor der Bundestagswahl 2017 folgendes Bild: Deutlich mehr als die Hälfte (56 Prozent) sind nach der hier verwendeten Definition Populisten, ein weiteres Drittel (32 Prozent) ist populismusaffin. Das heißt: Fast neun von zehn aller AfD-Wähler vertreten populisti‐ sche Einstellungen“ (Vehrkamp 2017: 18). „Zusammenfassend zeigt sich: Fast neun von zehn AfD-Wählern sind populistisch eingestellt, und mehr als zwei Drittel verorten sich rechts von der Mitte. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Wahlberechtigter die AfD wählt, steigt mit seinem zunehmenden Grad der Rechtsorientierung und seiner Populismusneigung von nahe null Prozent bei linken Nicht-Populisten auf mehr als 60 Prozent bei stark rechtsorientierten Populisten. Ein typischer Rechtspopulist hat damit eine um weit mehr als sechsfach höhere Wahrscheinlichkeit, die AfD zu wählen, als der Durchschnitt aller Wähler. Umgekehrt formuliert: Der typische AfD-Wähler ist ein Rechtspopulist, die AfD ist auch mit Blick auf ihre Wählerschaft eine eindeutig rechtspopulistische Partei“ (Vehrkamp 2017: 20). 3. Hypothesenprüfung: Überprüfung der Interpretationshypothe‐ sen entlang der verschiedenen Lesarten: • anhand der Folgesequenzen (innerer Kontext) und/ oder • anhand des Handlungskontextes (äußerer Kontext). 4. Verallgemeinerung: Wir fragen uns, ob hinter diesem Fall ein allgemeiner Typus im Umgang mit einem gesellschaftlichen Be‐ zugsproblem steckt bzw. wofür dieser Fall und unsere Interpreta‐ tionshypothesen stehen. Wir haben ein Interview aus dem AfD-Kontext als Beispiel ausgewählt, weil es uns geeignet erschien, um mehr über die Sprache und die dem Rechts‐ populismus/ Rechtsextremismus zugrundeliegenden Deutungsmuster in Er‐ fahrung zu bringen und zu verstehen, mit welchen Sinngebungen dieser einhergeht. 14 Wir illustrieren im Folgenden die Durchführung einiger der Schritte. Eine komplette Durchführung und Wiedergabe der Analyse würde den Rahmen dieses Buches sprengen (siehe dazu Lösung der Übung für zuhause 6: Die Inhaltsanalyse). 1. Sequenzbestimmung: Die Auswahl einer Sequenz orientiert sich dann an dem erwarteten Beitrag zur Fragestellung. Die Auswahl kann willkürlich erfolgen und ist nicht problematisch, weil ohnehin der gesamte Beitrag analysiert wird. Um das Bedeutungspotential einer gewählten Sequenz 6.3 Qualitative Inhaltsanalyse eines Politikerinterviews im ZDF ‒ ein Anwendungsbeispiel 169 <?page no="170"?> 15 Wo Sequenzen beginnen und enden, bestimmen die Interpretierenden. Je nach Daten‐ material kann eine Sequenz beispielsweise ein Wort, ein Halbsatz oder ein ganzer Satz sein. Häufig ist es sinnvoll, zu Beginn einer Interpretation sehr kurze Sequenzen auszuwählen und erst im Fortgang des hermeneutischen Prozesses etwas längere Sequenzen zu definieren (vgl. Kurt & Hebrik 2019: 483). zu ergründen, wird diese zunächst isoliert betrachtet. 15 Eine Sequenz zu isolieren, bedeutet praktisch, alle folgenden Sequenzen abzudecken bzw. sie gedanklich nicht zu berücksichtigen. „Und ich finde es gut, wenn wir wieder Politiker haben, die auch den Mut haben, sich originell zu äußern und vielleicht auch eine Sprache verwenden, die manchmal vielleicht etwas zu sehr ins Poetische geht, auch das muss zulässig sein. Das darf nicht alles glatt geschmirgelt sein und einem zeitgeistigen Formalismus unterworfen sein und dann noch moralisiert werden. Das geht nicht. Das widerspricht meinem Gefühl von Freiheit, die ich auch leben möchte. Und ich glaube, das ist auch, was die meisten Menschen im Land gern wieder leben wollen. Freiheit“ (Gebhard & Höcke 2019: 19: 20 min). Der gesamte, teilweise bekannte Kontext des Handlungszusammenhangs von Björn Höcke, in dem dieses Interview mit ihm im ZDF steht, wird nun ausgeblendet. Wir tun so, als ob wir nicht wüssten, in welchen Kontext die Sequenz gehört und in welchem Zusammenhang sie geäußert wurde. Wir versuchen also, möglichst unbedarft, unwissend und frei von Vorurteilen an den Text heranzugehen. Normalerweise würden wir dies in einer Interpre‐ tationsgemeinschaft und ausführlich tun. Hier müssen ein paar Hinweise und Fingerzeige genügen. 2. Hypothesenentwicklung: Wir setzen die Sequenzanalyse als interpre‐ tativen Durchgang durch verschiedene Lesarten fort. (a) Wenn wir zunächst auf die Sprache eingehen (siehe dazu Niehr & Reissen-Koch 2018), also mit einer grammatischen Lesart beginnen, stellen sich folgende Aufgaben: Wir müssen die Wortbedeutung (etymologischer, buchstäblicher, metaphorischer Sinn), Satzbau, Textart etc. analysieren und Paraphrasierungen formulieren: Wie hätte das Gleiche alternativ ausge‐ drückt werden können? Ohne hier auf alle Aspekte eingehen zu wollen, fällt uns z. B. in einem ersten Zugriff auf, dass das explizierte „Ich“ bereits zu Anfang des Textes mit einem Diktum verbunden wird: „Und ich finde es gut“. Dies leitet eine Stellungnahme ein. In jedem wieteren Satz taucht ein solches Diktum auf: „das muss zulässig sein“, „Das darf nicht alles glatt geschmirgelt sein“, „Das 170 6 Die Inhaltsanalyse <?page no="171"?> geht nicht“ usf. Es ist also in einer ersten Lesart ein Text, in welchem die demonstrative Pointierung mit einem: Ich weiß, was ich will und was andere wollen! das zentrale Stilmittel ist. Alternativ hätte das Gleiche z. B. mit stärkerem Ich-Bezug und geringerem Allgemeinbezug ausgedrückt werden können, z. B. mit Formulierungen wie: Für mich stellt sich das so und so dar! Für andere mag das anders sein. Zudem hätten die Aussagen auch mit mehr Vorsicht und Zweifel erfolgen können. Aber die explizierte Meinungs‐ bekundung ist klar und bestimmt. Sie wird ohne artikulierte „Selbstzweifel“ oder „Unsicherheiten“ formuliert. Die Sprache ist vergleichsweise elaboriert („Zeitgeistiger Formalismus“) und die Metaphern („glatt geschmirgelt“) entgleisen nicht. Die grammatische Lesart lässt auf die Sinngebung in einem gebildeten Umfeld schließen, in der das „Zu-Sagen-haben“ eine zentrale Rolle spielt. (b) Neben der Sprache wollen wir daher in der sachlichen Lesart (Frage: Worum geht es? ) die drei zentralen Argumente bzw. Botschaften hervorhe‐ ben: 1. Politiker, die den Mut haben, sich auch in der Sprache originell zu äußern, sind gut. 2. Eine moralisierte Unterwerfung unter einen „zeitgeisti‐ gen Formalismus“ geht nicht. 3. Der Autor und die meisten Menschen im Land wollen wieder in Freiheit leben. In dieser sachlichen Lesart kommt zum Ausdruck, dass der Text in seiner Aussagenlogik von der Gegenüberstellung mutiger Politik und unterdrückender Verhältnisse lebt und sich damit einer Rhetorik des Freiheitskampfes bedient. Dieser findet zwar nur gemäßigt Ausdruck, aber ist zugleich klar und abgeklärt in Botschaft und Rhetorik. (c) In der soziologischen Lesart geht es darum: Wer sagt das wann, wo, wie, zu wem, warum in welcher Situation? Was könnte vorangegangen sein? Was könnte nun folgen? Auf welches soziale Problem wird wie reagiert? Der Text geht von einer Person aus, die sich auf eine Gemeinschaft bezieht („wir“) und für diese spricht. Der Adressat ist die Allgemeinheit; der Text scheint zum einen ein Rechtfertigungstext zu sein und zum anderen eine politische Positionierung im Raum der Unterdrückung. Ort und Zeit gehen aus dem Text nicht hervor. Vorangegangen könnte eine Kritik von außen sein, nachfolgen könnte eine Konkretisierung der politischen Positionierung der Person. Im Mittelpunkt steht das soziale Problem der Unterdrückung. Darauf reagiert der Text. Die Sequenzanalyse sieht hier noch weitere Lesarten vor, welche her‐ meneutisch ausprobiert werden können (siehe Toolbox 9: Erste Schritte im Verfahren einer hermeneutischen Sequenzanalyse). Dazu gehören u. a. die psychologische Interpretation sowie die kulturelle Interpretation, auf 6.3 Qualitative Inhaltsanalyse eines Politikerinterviews im ZDF ‒ ein Anwendungsbeispiel 171 <?page no="172"?> welche wir hier verzichten. Die Anwendung dieser Lesarten kann je nach Forschungsinteresse erweitert oder reduziert werden. Die verschiedenen Lesarten stellen, wie in unserem Fall, bereits erste Interpretationshypothesen dar oder können weiter als Interpretationshypo‐ thesen formuliert werden. 3. Hypothesenprüfung: Sie bezieht sich darauf, wie diese Lesart im Text weitergehen könnte und welche Lesarten dann durch den Text falsifiziert werden. Nun geht es nicht mehr um die Generierung neuer Deutungen, sondern um die Suche nach Textstellen, mit denen die favorisierte Deutung falsifiziert werden kann (vgl. Kurt & Herbrik 2019: 486). Der Text dient damit als objektive Korrekturinstanz für die Lesarten (vgl. Kurt & Herbrik 2019: 485; siehe auch Information-13: Sequenzanalyse und Schütze 1982). Diese Hypothesenprüfung findet im zweiten Schritt auch entlang des Handlungskontextes statt. In der qualitativen Inhaltsanalyse muss also auch eine Kontextuierung vollzogen werden, um besser verstehen und erklären zu können, wie es zu solch einer Darstellungsform in einem medialen Interview kommt. Der Bezug auf den faktischen Kontext ist deswegen wich‐ tig, weil „die strukturelle inhaltliche Beschreibung die einzelnen zeitlich begrenzten Prozeßstrukturen des Lebenslaufs […] herausarbeitet“ (Schütze 1983: 286): So ist der Autor zu diesem Zeitpunkt AfD-Fraktionsvorsitzender in Thüringen und gilt als Vertreter des rechtsextremen Flügels dieser Partei. Die AfD wird aufgrund rechtsextremer Tendenzen zwei Jahre später vom Verfassungsschutz beobachtet (vgl. Zimmermann 2021). Sie gewinnt in der dem Interview nachfolgenden Landtagswahl in Thüringen 23,8 % und wird damit die zweitstärkste Partei im Landtag nach ‚Die Linke‘. Aber ebenso wird nun auch der Bezug zum wissenschaftlichen Kontext der Analyse des Rechtspopulismus hergestellt. Hier wird Faktenwissen und wissenschaftliches Wissen einbezogen. So werden in der Sequenz sowie im gesamten Interviewtext drei typische Elemente eines rechtspopulisti‐ schen Diskurses aufgenommen: der Bezug zum Volk, dem ein Negativbild der „politischen Eliten“, des Establishments gegenübergestellt wird; eine Identitätspolitik, in der eine bedrohte Gemeinschaft konstruiert wird, und ein Bezug auf starke Führerpersönlichkeiten, welche dem Prozess der Wiederherstellung der Gemeinschaft eine Richtung geben soll (vgl. 8.4 Deutungsmuster des Rechtspopulismus: Ein Anwendungsbeispiel; siehe dazu auch Schellenberg 2014; Salzborn 2018; Makovec 2020: 185-347; Quent 2020). 172 6 Die Inhaltsanalyse <?page no="173"?> 4. Generalisierung: Ist schließlich eine Lesart und mit dieser eine Struk‐ turhypothese gefunden, die dem Text standhält, so Kurt und Herbrik (2019), dann wird der Fallvergleich mit anderen Interviews des Politikers sowie aus dem Kontext des Rechtspopulismus durchgeführt, bis eine theoretische Sättigung erreicht ist. Zugleich werden nach einer solchen Fallanalyse auch in fallvergleichender Weise andere Dokumente herangezogen, wenn auch in viel geringerer Anzahl als bei einem quantitativen Verfahren. Die Dimensionen, Kategorien und Codierungen werden im Durchgang durch das Material entwickelt. Im Anschluss daran werden Deutungshypothesen formuliert, anhand von weiteren Dokumenten vergleichend geprüft und zu einer Theorie (in diesem Fall: der rechtspopulistischen Darstellungsformen) verdichtet. Wir können und wollen an dieser Stelle diese Schritte nicht im Einzelnen durchführen, sondern an diesem Beispiel nur darstellen, wie ein hermeneu‐ tischer Umgang im Verfahren der Sequenzanalyse - auch hier gibt es viele verschiedene Varianten (siehe dazu ausführlich bei Erhard & Sammet 2018: 15) - aussehen kann. Zum Abschluss wollen wir aber dennoch kurz etwas zur Strukturhypothese sagen, zu der wir bezogen auf dieses Interview (ohne Fallvergleich mit anderen Interviews) gelangt sind. Wenn wir die hermeneutische Analyse der Äußerungen in eine Struk‐ turhypothese „überführen“, dann sehen wir zunächst die Botschaft des „Eigenlobs“ und der Selbstbehauptung, die sich durch den Text sieht. Der Autor findet es gut, dass es Leute wie ihn gibt. Dass er dies sagen muss, hat damit zu tun, dass er häufigen Anfeindungen ausgesetzt ist (Einbezug des Kontextes). Denn demonstrative Selbstbehauptungen gehen oft mit gesellschaftlich prekären Positionierungen einher (vgl. Pelizzari 2009: 49) (Einbezug des wissenschaftlichen Wissens). Als Sozialwissenschaftler wol‐ len wir an dieser Stelle nicht zu möglichen psychologische Zurechnungen wie Egozentrismus oder Narzissmus Stellung nehmen. Die Mitteilung ist, dass es gut ist, dass es „uns“ (Politiker wie ihn) gibt. Warum? Weil wir (das Volk als politischer Bezugspunkt der AfD) unterworfen werden oder es bereits sind. Der „Zeitgeist“, das sind die anderen (der mediale Mainstream und die Mainstream-Politik), ist „formalisiert“, d. h., er lässt materiale Wertbezüge kaum mehr zu und moralisiert auch noch Abweichungen von ihm. Hier wird der Apell noch verstärkt: Erhebt euch dagegen, steht dagegen auf mit mir. Denn: Das geht nicht. Deutlich wird in dieser Botschaft auch die Pose eines Anführers: Ich kann euch sagen, wo es langgeht. Aber, wo geht es lang? In die Freiheit. Denn die meisten wollen doch in der Freiheit leben. 6.3 Qualitative Inhaltsanalyse eines Politikerinterviews im ZDF ‒ ein Anwendungsbeispiel 173 <?page no="174"?> Bildquelle: Wikipedia.org Das setzt voraus, dass wir nicht bereits in der Freiheit leben. Damit wird eine über die Jahrtausende beliebte Rhetorik angewandt: der Kampf gegen die Unterdrückung durch das herrschende System, angeführt von Politikern, welche den Unterdrückten den Weg in die Freiheit aufzeigen. Sie müssen selbstverständlich diese (noch sehr einfach gehaltene) Struk‐ turhypothese nicht teilen und dürfen auch gerne zu anderen Schlussfolge‐ rungen kommen. An dieser Stelle war für uns nur wichtig, einen ersten Eindruck davon zu vermitteln, wie sehr und auf welche Weise eine her‐ meneutische Interpretation über die manifesten Kommunikationsinhalte hinausgeht. 6.4 Die Theorie der Hermeneutik Damit bewegen wir uns bereits mitten in der Hermeneutik. Die Hermeneutik leitet sich ab von Hermes, dem Götterboten in der griechischen Mythologie. Als Götterbote verkündet er die Beschlüsse des Zeus und führt die Seelen der Verstorbenen in den Hades (Unterwelt). Da diese Beschlüsse den Sterblichen immer deutungsbedürftig waren, übte sich der Götterbote auch in der Kunst der Weissagung, z. B. mittels Kieselsteinen (vgl. Huss 2008). Auch wenn die Sozialwissenschaften an solche Formen der Weissagung nicht anknüpfen können, ist die Kunst der Auslegung und des Verstehens zu einem bedeutenden Metier in der qualitativen Sozialforschung geworden (siehe Allan 2018). Unseren Ausflug in die Hermeneutik beginnen wir mit Wilhelm Dilthey (1833-1911). Er hat in Heidelberg und Berlin Theologie, Geschichte und Philosophie studiert, zur Ethik Schleiermachers promoviert und zum Thema des „moralischen Bewusstseins“ habilitiert. Er erhielt dann Rufe u.-a. nach Basel, Breslau und Kiel. Als Methode der Geisteswissenschaften formulierte Dilthey die Hermeneu‐ tik neu aus und befreite sie unter Anknüpfung an Schleiermacher (vgl. Dilthey 1924 [1990]: 12-30; siehe auch Damböck 2016: 102) aus der bloßen Textinterpretation. Vielmehr seien, so Dilthey, vielfältige Prozesse des 174 6 Die Inhaltsanalyse <?page no="175"?> „Verstehens“ angesprochen, die sich keineswegs nur auf Texte bezögen (vgl. Dilthey 1927 [1992]: 259). Dilthey bemühte sich dabei, das Verstehen zu verstehen und kam zu dem Schluss, dass man auch in der Metaphysik das Allgemeine im Verständnis voraussetzen müsse, um das Einzelne verstehen zu können und umgekehrt das Verständnis des Einzelnen nicht ohne das Ganze möglich sei (vgl. Dilthey 1931 [1991]: 3). Dieser „hermeneutische Zirkel“, den wir bereits kennengelernt haben (siehe Information 7: Hermeneutischer Zirkel), war für ihn ganz normal für alle Prozesse des Verstehens. Nicht nur erhält jedes Wort seine Bedeutung allein im Zusammenhang mit dem Text, sondern auch der Kontext sei zu beachten. Bedeutung ist damit für Dilthey immer kontextabhängig und niemals absolut. Menschliche Gesten, Kunstwerke, architektonischer Stil, Gesetze, Ordnungen oder reli‐ giöse Vorstellungen sind nur im größeren Sinnzusammenhang verständlich. Im Gegensatz zu den Naturwissenschaften, denen ein Nacherleben nicht möglich ist und welche den Einzelfall nur unter Anwendung allgemeiner, logischer Gesetze behandeln können, ist Verstehen in den Geisteswissen‐ schaften nicht nur möglich, sondern auch notwendig, um zum Allgemeinen zu gelangen (siehe dazu Schreiter 1988). Unser Handeln, so schreibt Dilthey 1900, setzt das Verstehen anderer Personen überall voraus; ein großer Teil menschlichen Glückes entspringt aus dem Nachfühlen fremder Seelenzustände; die ganze philologische und geschichtliche Wissenschaft ist auf die Voraussetzung gegründet, dass dieses Nachverständnis des Singulären zur Objektivität erhoben werden könne (vgl. Dilthey 1973). Der Dreischritt von Erleben, Ausdruck, Verstehen ist dabei das grundlegende Modell von Diltheys Hermeneutik. 1. Wir nennen den Vorgang, in welchem wir aus Zeichen, die von außen sinnlich gegeben sind, ein Inneres erkennen, „Verstehen“. 2. Das kunstmäßige Verstehen von dauernd fixierten Lebensäußerungen nennen wir Auslegung oder Interpretation, d.-h. Hermeneutik. 3. Verstehen in dem nun anzugebenden weiten Umfang ist das grundle‐ gende Verfahren für alle weiteren Operationen der Geisteswissenschaf‐ ten. Dieser Dreischritt bewährt sich bereits in den alltäglichen Interaktionen, den elementaren Formen des Verstehens (vgl. Stangl 2020). Jeder von uns kann Mimik und Gestik einfach deuten. Wir verstehen schnell, wann ein Lächeln oder Freundlichkeit nur aufgesetzt sind, wann jemand traurig ist, ohne 6.4 Die Theorie der Hermeneutik 175 <?page no="176"?> dies zeigen zu wollen. Dilthey konzentriert sich neben diesem elementaren Verstehen auch auf die höheren Formen des Verstehens, auf die dauernden geistigen Schöpfungen […] oder die beständigen Objektivierungen des Geis‐ tes in gesellschaftlichen Gebilden. Auch das „höhere“ Verstehen vollzieht sich wesentlich als Hineinversetzen, Nachbilden, Nacherleben, eine Art Wiederholung und Nachvollzug des ursprünglichen Erlebnisausdrucks bzw. Schaffensvorgangs. Es wird durch intersubjektive Gemeinsamkeiten der Interaktionspartner in den Interpretationen als „objektiver Geist“ verallge‐ meinert (vgl. Dilthey 1968: 254). Daraus ergeben sich, inspiriert von Dilthey, folgende Perspektiven und Ziele der qualitativen Inhaltsanalyse: Aus dem oberflächlichen Informationsgehalt der Texte, Bilder oder Dokumente sollen methodisch kontrolliert „tieferliegende“ Sinn- und Bedeutungsschichten rekonstruiert werden. Dabei richtet sich der Zweifel gegen die Selbstverständlichkeit unserer Sinngebungen im Alltag sowie gegen eine bloße Einordnung in unsere mitgebrach‐ ten Denkmuster. Ziel der Rekonstruktion ist es, durch Vergleiche der Fallanalysen zu fallübergreifenden Mustern und Typenbildungen zu kommen. 6.5 Die Analyse von Kontaktanzeigen ‒ Ein Anwendungsbeispiel in der Kombination quantitativer und qualitativer Inhaltsanalyse Methodenmix 7: Die Analyse von Kontaktanzeigen Im Folgenden wollen wir das Spektrum der Inhaltsanalysen - von quantitativ zu qualitativ und zurück - am Beispiel von Kontaktanzeigen in einem deutschsprachigen Medium, der Wochenzeitschrift „Die Zeit“, durchgehen. Wir wählen dazu das Mixed-Methods-Modell der Triangulation. Ein Triangulationsdesign ist dadurch gekennzeichnet, dass zugleich qua‐ litative und quantitative Verfahren der Datenerhebung zur Anwendung kommen, die Daten sich auf denselben Untersuchungsgegenstand bezie‐ hen und damit in ihrem Erklärungsbeitrag verglichen werden können. Dabei kommt beiden Verfahren dasselbe Gewicht bzw. dieselbe Bedeu‐ 176 6 Die Inhaltsanalyse <?page no="177"?> tung zu. Auch in diesem Beispiel kombinieren wir also wieder qualitative und quantitative Verfahren der Inhaltsanalyse. Um dies tun zu können, gehen wir bereits von einer klar definierten, auf Vorwissen basieren‐ den Fragestellung aus. Dies unterscheidet sich von rein qualitativen Vorgehensweisen, ist aber in der Praxis der qualitativen Sozialforschung häufig der Fall. Information 14: Kontaktanzeigen als akzidentelle Dokumente Kontaktanzeigen dienen der Partnerwahl. Sie werden heute maßgeblich durch digitale Dating-Portale, sog. Singlebörsen, ergänzt. Die Texte, Bilder oder Beschreibungen, die eingestellt werden, sind zum einen Darstellungsformen des Angebots und zum anderen Wünsche in Bezug auf die eigene Nachfrage. Bei dieser Form der Partnerwahl wird für die Auswahl und Kontaktaufnahme oft auf - ggf. bezahlte - Dienst‐ leistungsagenturen zurückgegriffen, seien dies Zeitungen, Internetan‐ zeigen, Internetplattformen etc. Diese Formen der Kontaktaufnahme gibt es für alle möglichen Arten von Beziehungen - sexuelle Kontakte, Prostitution, Seitensprünge, Hobbies etc. (siehe dazu Reichertz & Nagler 1986). 6.5.1 Welche Fragestellung verfolgen wir? Bevor wir uns entscheiden, in die Methodenkombination von Inhaltsanal‐ ysen hineinzugehen, müssen wir wissen, was unser Erkenntnisinteresse ist und welches Material dafür infrage kommt. Im Folgenden interessieren wir uns für Statusmerkmale und Statusdarstellungen in Kontaktanzeigen. Der Hintergrund unseres Interesses ist, dass wir wissen wollen, inwiefern die sozialstrukturelle Regel des „Gleich und gleich gesellt sich gerne“ („Homophilie“) Gültigkeit hat. Spielt der Status eine Rolle, und wenn ja, gibt es Signale in Richtung gewünschter Statusgleichheit? In einer Kombination der verschiedenen inhaltsanalytischen Methoden können wir dabei nicht wissenschaftlich unbedarft in das Thema hineinge‐ hen, sondern brauchen für den Teil der quantitativen Inhaltsanalyse eine Operationalisierung und Dimensionierung der Herangehensweise. Diese 6.5 Die Analyse von Kontaktanzeigen 177 <?page no="178"?> können wir, aber müssen wir nicht für die qualitative Inhaltsanalyse über‐ nehmen. 6.5.2 Welche Dimensionen kommen zur Anwendung? Die Frage nach den Dimensionen führt uns zu der gewählten theoretischen Orientierung. Diese deduktive Herangehensweise öffnet den Weg zu ersten Dimensionen und Kategorien, ohne dass dies bedeutet, dass wir uns in der Methodenkombination darauf beschränken müssen. Wir können induktiv aus dem Material heraus weitere Dimensionen herausarbeiten und Katego‐ rien bilden. Beide Verfahren und Zugänge ergänzen sich auf diese Weise. Wir orientieren uns hier nochmals an Bourdieu (siehe Information 8: Der Habitusbegriff bei Bourdieu) und operationalisieren „Status“ zunächst ent‐ lang von Indikatoren für die Akzentuierung der verschiedenen Kapitalarten sowie von Lebensstilelementen, die dieses Kapital ausdrücken. Wir suchen also zur Beantwortung unserer Fragestellung, ob die Homogamie-Orientie‐ rung bei der Anbahnung von Kontakten von Bedeutung ist, Inspiration bei Bourdieu, ohne dass wir in der qualitativen Inhaltsanalyse nur deduktiv mit seiner Theorie umgehen. Dennoch stellt diese theoretische Orientierung bereits eine Vorgabe dar, welche dem Postulat der Offenheit sowie der „Grounded Theory“ widerspricht. Wir bewegen uns also mit einem solchen Vorschlag bereits in einem Methodenmix, der deduktiv und induktiv gewon‐ nene Dimensionen und Kategorien miteinander in Beziehung setzt. Gehen wir in einer deduktiven Herangehensweise zunächst noch einmal die verschiedenen Kapitalsorten durch: (1) Ökonomisches Kapital bezieht sich auf das unmittelbar in Geld konvertierbare Kapital. Es beinhaltet Vermögen, materielle Dinge, Zeit und materielle Ressourcen. (2) Das soziale Kapital bezieht sich auf Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Statusgruppe beruhen. Damit sind konkret die sozialen Netzwerke, aber auch der Status der Personen in den sozialen Netzwerken angesprochen. (3) Das kulturelle Kapital besteht aus dem institutionalisierten Kapital, also z. B. Bildungstitel, aus dem objektivierten Kapital, also z. B. Bücher, Skulpturen, Kunstwerke etc. sowie aus dem inkorporierten Kapital, also ob man auch die kognitive Kompetenz und Bildung hat, über all diese Dinge zu sprechen. (4) Das symbolische Kapital bezieht sich auf die öffentliche Anerkennung, die man mit seiner Kapitalausstattung erfährt, also darauf, dass das Wort Gewicht hat und dass man in der Öffentlichkeit geehrt wird. Auch wenn dieser Zugang noch etwas einfach ist, öffnet er bereits 178 6 Die Inhaltsanalyse <?page no="179"?> ein grundlegendes Verständnis der deduktiv gewonnenen Dimensionen des in Kontaktanzeigen dokumentierten und gewünschten Status, der uns interessiert (siehe dazu Bourdieu 1983: 183-198, 1986: 241-258, 1992: 49-80). 6.5.3 Welche Auswahl treffen wir? Aber bevor wir losstarten können, müssen wir jetzt die Medien auswählen, in denen Kontaktanzeigen platziert oder Kontaktanbahnungen durchge‐ führt werden. Auswahlverfahren: Für die Zwecke einer quantitativen Inhaltsanalyse müssten die Medien möglichst repräsentativ für den Kontaktanbahnungs‐ markt oder zufällig ausgewählt werden. Wenn wir bei unserer Entscheidung für ein analoges Medium, in unserem Falle „Die Zeit“ bleiben, dann könnten wir uns aus Aktualitätsgründen für einen Zeitraum der letzten 10 Jahre entscheiden, also von 2010 bis 2020. In diesem Zeitraum ist das Medium zu‐ gleich digital verfügbar. Dennoch wären dies für eine Vollerhebung zu viele Kontaktanzeigen, da „Die Zeit“ eine Wochenzeitschrift mit wöchentlich ca. 40 bis 50 Kontaktanzeigen ist. Wir könnten uns daher für eine jährliche Zufallsauswahl entscheiden und z. B. in jedem Jahrgang mit einem Zufalls‐ generator 20 Kontaktanzeigen ziehen und hätten dann eine Stichprobe von 200 Kontaktanzeigen, die wir einer Inhaltsanalyse unterziehen. Für eine qualitative Inhaltsanalyse können wir bei einem Medium und einer willkürlich gewählten Kontaktanzeige beginnen und in einem kon‐ trastierenden, theorieentwickelnden Verfahren die Medien und die Anzei‐ gen weiter vergleichend auswählen, bis wir eine theoretische Sättigung erreicht haben. Wir folgen damit dem Auswahlverfahren des “theoretical sampling.” Das heißt, entlang unserer Fortschritte in der Interpretation und Theoriebildung wählen wir maximal und minimal kontrastierende Kontakt‐ anzeigen aus, um die Interpretationshypothesen weiter zu validieren und zu differenzieren (siehe dazu 3.4 Die Grounded Theory). Art der Texte: Da wir uns im Kontext der Homophilie-Diskussion bewe‐ gen, wählen wir Kontaktanzeigen oder Kontaktanbahnungsplattformen aus, welche als seriös gelten können und für die Anbahnung langfristiger Partnerschaften gedacht sind. Je nach Medium oder Internet-Plattform gibt es häufig auch eine Vorselektion entlang der anfallenden Kosten. Für unsere Zwecke hier wählen wir zunächst eine klassische Variante aus, bei der wir Statusmerkmale in der Darstellung erwarten können und vergleichen sie 6.5 Die Analyse von Kontaktanzeigen 179 <?page no="180"?> dann mit einer beliebig aus dem Internet gezogenen Kontaktanzeige. In Bezug auf die Dating-Portale ziehen wir bereits vorhandene Analysen zum Vergleich heran. Zeitraum: Um eine Fragestellung nach der Entwicklung der Homophi‐ lie-Orientierung beantworten zu können, bräuchten wir für beide Verfahren zwei unterschiedliche Zeitpunkte - t1 und t2 -, die lange genug auseinan‐ derliegen, um eine Entwicklung feststellen zu können. So könnten wir z. B. eine Generationsspanne festlegen, also ca. 25 Jahre, welche zwischen beiden Erhebungszeitpunkten liegen. Da wir dies hier jedoch nur zu Illustrations‐ zwecken durchführen, verzichten wir auf die beiden Erhebungszeitpunkte und fragen einfach nur, ob und in welcher Form Statusmerkmale bei Kontaktanzeigen in „Die Zeit“ von Bedeutung sind. 6.5.4 Welche Analyseverfahren führen wir durch? Da wir der Überzeugung sind, dass sich quantitative und qualitative In‐ haltsanalysen in dieser Frage gut kombinieren lassen, führen wir hier ein Analyseverfahren in drei Schritten durch und versuchen dabei aber, jeden Schritt so einfach wie möglich zu halten: a. Frequenzanalyse der Erwähnung von Statusmerkmalen im Anzeigen‐ text b. Inhaltsanalyse nach Mayring c. Hermeneutische Analyse der Texte in den Kontaktanzeigen Wir ziehen dazu insgesamt drei klassische Kontaktanzeigen zur Illustration der Verfahren heran und ergänzen sie durch Ergebnisse anderer Analysen von Dating-Portalen. Zeit online: Kennenlernen am 13.6.13, zuerst angebotene Kontaktanzeigen: (1) APOTHEKERIN, 45/ 168 eine familiär unabhängige u. schicke Dame mit fröhl. Naturell, wünscht sich einen verlässlichen Gefährten zum gegens. Verwöhnen u. Liebhaben. Nähe‐ res zu ihren Lebenszielen, Partnerwunschvorstellung u. Hobbys kann man auf nachstehender Website unter „Anzeigen“ nachlesen. Tel. 0800/ 5208501 (vgl. Zeit Online: Kennenlernen 2020). 180 6 Die Inhaltsanalyse <?page no="181"?> (2) PROF. DR. MED., 61/ 181, Witwer; berufl. ist er eine Koryphäe, privat Liebhaber der Schönen Künste mit großzügigem u. nächstenliebendem Naturell (Ärzte ohne Grenzen). Behutsam möchte er die Bekanntschaft einer (herzens-)gebildeten Dame machen. Seine Partnervorstellung ist weniger auf das Aussehen seiner Part‐ nerin ausgerichtet, sondern mehr auf eine passende Kommunikationsebene, Herzensbildung u. Freude an den schönen Möglichkeiten, die das Leben bietet. Mehr zu seinem Background u. Interessen auf nachstehender Page unter „Anzeigen“! Gebührenfrei 0800/ 5208501 auch Sa./ So (vgl. Zeit Online: Kennenlernen 2020). www.markt.de: Kleinanzeigenplattform mit „seriösen Kontaktanzeigen“ unter „Partnerschaften“ am 19.05.2020, kostenlos, Raum Rhein-Neckar, zuerst angebotene Kontaktanzeigen: (3) „Glücklich geschiedener Mann, sucht eine ebenso glücklich geschiedene Frau, oder glücklich getrenntlebende. Evtl. unglücklich verheiratete, oder sonstwie unglücklich liierte. Das Leben dauert nicht ewig. Das was noch zum Leben bleibt, möchte ich gerne in Harmonie genießen. Auch wenn man nicht gleich über alles gleicher Meinung sein muss. Gerne diskutiere ich kontrovers. Aber alles mit viel Empathie. Ein empathisches Wesen liest hoffentlich die Anzeige und meldet sich“ (vgl. markt.de: SUCHEN & FINDEN 2020). 6.5.5 Die Vorgehensweise bei einer Frequenzanalyse Frequenzanalysen beschränken sich auf eine deskriptive Auszählung der Worthäufigkeiten. Das hört sich einfach an, hat aber seine Tücken. Die Frequenzanalyse wird oft als automatische Zählung auf Wortebene (per elektronischer Volltextsuche und mit z. B. online-Artikeln als Zähleinheit) angelegt. Bei Frequenzanalysen steht im Mittelpunkt, wie häufig Nennun‐ gen den Kategorien zugeordnet werden konnten. Sie unterstellt, dass die Häufigkeit, mit der bestimmte Nennungen in den Texten auftauchen, ein Indikator für die Wichtigkeit der Kategorie bezüglich der Untersuchungs‐ frage ist. Eine Zuordnung der Kontaktanzeigen zu Kategorien auf Basis dessen, ob eine bestimmte Kontaktanzeige den sozialen Status auch tatsächlich indiziert, ist nicht immer einfach möglich. Häufig gibt es Wortgleichheiten mit ganz anderen Bedeutungshorizonten. Wenn man sich mit dem Gegen‐ 6.5 Die Analyse von Kontaktanzeigen 181 <?page no="182"?> stand nicht gut auskennt, muss man der Frequenzanalyse eine qualitative Exploration vorschalten. Man sieht dann z. B. die in den Trefferlisten ausgegebenen online Artikel anhand der Titelüberschriften und/ oder der direkten Begriffsumgebung durch. Im Falle einer ausführlicheren Befassung mit dem Stichwort werden diese dann qualitativ analysiert. Information 15: Selbstoptimierung und Burnout in den Wirt‐ schaftsmedien - ein Beispiel für eine Frequenzanalyse In einem Artikel haben wir die Frage behandelt, ob der neoliberale Diskurs der Selbstoptimierung in den großen deutschsprachigen Wirt‐ schaftszeitschriften Einzug gehalten hat. Dazu wurden die sechs der auflagenstärksten Wirtschaftsmagazine Deutschlands, Österreichs und der Schweiz von 2000 bis 2015 analysiert. In einer explorativen Phase wurden rd. 1.000 Artikel geprüft, um die Suchbegriffe für die Frequenz‐ analyse in 4.500 Artikeln zu operationalisieren. Zunächst führten wir eine induktiv angelegte Exploration von (nach Stichtagen in jedem Jahr) zufällig ausgewählten Artikeln in allen Zeitschriften durch. Mit diesen ca. 1.000 Artikeln aus den drei Ländern wurde zum einen eine Operationalisierung der aus der Managementliteratur gewonnenen Dimensionen durchgeführt, sodass wir mittels der Exploration die dann in die Frequenzanalyse eingeführten zentralen Suchbegriffe gewannen (vgl. dazu auch Früh 2011: 88 ff.). Zum anderen wurde geprüft, ob weitere Dimensionen operationalisiert und Suchbegriffe eingeführt werden müssen, um den „neoliberalen Diskurs“ frequenzanalytisch erfassen zu können. Daran anschließend wurde anhand der in der Exploration induktiv und deduktiv festgelegten Suchbegriffe eine Frequenzanalyse durchgeführt. Die Frequenzanalyse wurde als automatische Zählung auf Wortebene (per elektronischer Volltextsuche und mit Artikeln als Zähleinheit) angelegt. Für die Frequenzanalyse der 4.500 Artikel diente uns die Dimension der Selbstoptimierung als theoretisches Konstrukt. Der Begriff der Selbstoptimierung selbst kommt in den untersuchten Wirtschaftsmagazinen und -zeitschriften nicht vor (Wert 0 über alle hinweg). Die Frequenzanalyse hatte zum Ergebnis, dass auch andere akademisch verbreitete Schlagworte wie Arbeitskraftunternehmer, Int‐ rapreneur oder unternehmerisches Selbst im Diskurs der herangezoge‐ nen Medien keinerlei Stellenwert haben. Dies zeigt, wie sehr es sich 182 6 Die Inhaltsanalyse <?page no="183"?> im Diskurs der Wirtschaftsmagazine und dem akademischen Diskurs der Sozialwissenschaften um getrennte Diskursformationen handelt. Auf Basis der Exploration zogen wir Suchworte heran, mit denen die „Selbstoptimierung“ positiv beschrieben wird sowie Suchworte, mit welchen ihre negativen Folgen gefasst wurden. Es zeigte sich bei der Operationalisierung der Dimension der Selbstoptimierung in analysetaugliche Suchbegriffe, dass die negative Thematisierungsform sehr viel einfacher mit konkreten, den Begriff der Selbstoptimierung vielleicht sogar erschöpfenden Suchbegriffen aufzufüllen ist als die positiv-deskriptiven Thematisierungsformen. Während in die Dimension negativ offensichtlich eine überschaubare Menge von leicht zu deduzier‐ enden Begriffen wie Erschöpfung, Burnout, Schlafstörung etc. gehört, kommen für die positiv-deskriptive Seite sämtliche Bezeichnungen für Fähigkeiten, Eigenschaften oder Maßnahmen, die in irgendeiner Form als aktive Steigerung des Werts der eigenen Arbeitskraft auf dem Arbeitsmarkt gelten können, in Betracht. Dies ließ sich nur schwer operationalisieren. Auch erwies sich z. B. bei Themen wie „Stress“ oder „Sport“, dass ein vielfältiger und oft für die Fragestellung ungeeigneter Thematisierungshorizont Schwierigkeiten bereitete, sodass erst durch die Exploration spezifische Suchworte ausgewählt werden konnten (siehe dazu Pohlmann et al. 2017: 29f.). Neben der Frequenzanalyse gibt es viele weitere Verfahren der quantitativen Inhaltsanalyse. Sie sind hier nicht Gegenstand der exemplarischen Analyse von Kontaktanzeigen, können aber in vielen Studien und Lehrbüchern nachvollzogen werden (siehe dazu Rössler 2005; Mayring & Gläser-Zikuda 2008; Mayring 2015; 2022; Früh 2015). Wir beschränken uns an dieser Stelle auf die Nennung einiger Beispiele für weitere quantitative Inhaltsanalysen: Bei Valenzanalysen wird zusätzlich erfasst, ob die Inhalte positiv oder negativ bewertet werden. Die Intensitäts‐ analyse erhebt die Intensität von Bewertungen mithilfe geeigneter Skalen. Die Kontingenz- oder Bedeutungsfeldanalyse bezieht das Textumfeld bei der Analyse mit ein. 6.5 Die Analyse von Kontaktanzeigen 183 <?page no="184"?> Toolbox 10: Codierung bei quantitativ orientierten Inhaltsanal‐ ysen In einem Codebuch werden alle zur Beantwortung der Forschungs‐ frage notwendigen Kategorien dargelegt. In der Codierung werden dann die empirischen Merkmale numerisch dargestellt, die Textinhalte den Ausprägungen der Kategorien zugeordnet und der statistischen Auswertung zugeführt. Auf den Codebogen sind Variablen und Codes festgelegt, sie werden ähnlich wie ein Fragebogen vom Codierer aus‐ gefüllt bzw. meist computergestützt mithilfe statistischer Programme verarbeitet (z.-B. SPSS). In unserem Falle könnten wir zunächst die formalen Kategorien festhal‐ ten, wie Zeitpunkt des Erscheinens, Art des Mediums, Länge der Anzeigen in Zeilen etc. Die inhaltlichen Kategorien lassen sich in unserem Falle z. B. in die auf den Status bezogenen Merkmale aufteilen. Aber es sind natürlich viele andere Kategorisierungen möglich und denkbar, immer in Abhängigkeit von der Fragestellung. Bei den Statusmerkmalen würden wir uns im Falle der quantitativen Inhaltsanalyse deduktiv auf die Kapitalsorten von Bourdieu beziehen: Kategorie auf Kontaktanzei‐ gen bezogene Merkmale auf Kontaktanzeigen bezogene Operationalisierungen kulturelles Kapital institutionalisiert Bildungstitel, Stu‐ dium, Ausbildung etc. Erwähnung von Bildungsabschlüs-sen (Dr., MA, BA, Meister*in etc.), Positi‐ onstiteln (Prof., Direktor*in, selbststän‐ dig etc.), Zusatzausbildungen etc. objektiviert Kunst, Kulturgü‐ ter Erwähnung von Bezügen zu Kunst und Kultur, Kulturgüter wie z.-B. Skulptu‐ ren, Gemälde, Bücher etc. inkorporiert, ver‐ innerlicht Ausdrucksweise, Symbolisierung von Bildung, kul‐ turelle Aktivitäten Gebrauch einer elaborierten Sprache, Fremdwörter, Metaphern, literarische Ausdrucksweisen, Angaben zu kultur‐ ellen Aktivitäten 184 6 Die Inhaltsanalyse <?page no="185"?> ökonomisches Ka‐ pital Bezug zu Reich‐ tum, Vermögen, ökonomischen Ressourcen etc. Angaben zum ökonomischen Status, zu Aktivitäten, die ökonomische Ressour‐ cen voraussetzen (z.-B. Reisen) soziales Kapital Netzwerke, soziale Kreise, Zu-geh‐ örigkeit zu Verei‐ nen etc. Angaben zu Vereinen, Verbänden, Clubs, denen man angehört symbolisches Ka‐ pital Ehrentitel, öffent‐ liche Anerken‐ nung Angaben zu erfahrenen Ehrungen, zu öffentlicher Anerkennung etc. Tabelle 6: Inhaltliche Kategorisierungen einer auf den sozialen Status nach Bourdieu bezogenen Analyse Kategorie (1) APOTHEKE‐ RIN, 45/ 168 (2) PROF. DR. MED., 61/ 181 (3) glücklich ge‐ schiedener Mann Gesamt N der Nennungen 1 9 3 Stichworte für die Volltextsuche Apotheker*in Professor, Dr., Doktor, med., be‐ rufl., Koryphäe, Arzt/ Ärzte, Kunst/ Künste, großzügig Fremdwörter: Harmonie, kon-trovers, Em‐ pathie kulturelles Kapi‐ tal, institutionali‐ siert Apothekerin (Studium) Dr. med. (Stu-dium); Prof. (Position) - kulturelles Kapi‐ tal, objektiviert - Liebhaber der Schönen Künste - kulturelles Kapi‐ tal, inkorporiert/ verinnerlicht - Liebhaber der Schönen Künste zwei Fremdwörter (Koryphäe, Kom‐ munikation) drei Fremdwörter (Harmonie, kont‐ rovers, Empathie) ökonomisches Kapital - mit großzügigem …. Naturell - 6.5 Die Analyse von Kontaktanzeigen 185 <?page no="186"?> soziales Kapital mit … nächstenlie‐ bendem Naturell (Ärzte ohne Gren‐ zen) symbolisches Ka‐ pital - Koryphäe (Aner‐ kennung) - Tabelle 7: Ergebnisse der explorativen Frequenzanalyse Wir sehen sogleich, dass die herangezogenen Kontaktanzeigen unterschied‐ lich ergiebig sind und dass große Zurechnungsprobleme auftreten. Für eine Frequenzanalyse im Rahmen einer Volltextsuche von zunächst 200 Kontakt‐ anzeigen stellt sich das Problem der Suchbegriffe, die zum Einsatz kommen. Während allgemeine Bildungstitel sich noch einfach in der elektronischen Suche finden lassen, stellen sich bereits bei konkreten Informationen über Beruf und Bildung wie der „Apothekerin“ die Frage, mit welchen Suchbe‐ griffen diese erfasst werden können. Auch die Erfassung von Fremdwörtern oder von speziellen Bezeichnungen wie „Koryphäe“ bereitet Schwierigkei‐ ten. Selbst einfache Suchworte wie Kunst bzw. Künste schaffen keine eindeutigen Zurechnungen. So könnte in einer Kontaktanzeige z. B. stehen: „Es ist keine Kunst, eine Kontaktanzeige zu schreiben, wohl aber ist es eine Kunst, den richtigen Partner zu finden“. In der elektronischen Volltextsuche hätten wir dann zwei Nennungen in Bezug auf das indizierte inkorporierte kulturelle Kapital, obwohl keine von diesen mit dem Feld der Kunst zu tun hätte und in der Zuordnung berechtigt wäre. Bei 200 Kontaktanzeigen könnten wir das jeweilige Bedeutungsfeld der Nennung von „Kunst“ noch einzeln prüfen, schon bei 2.000 Anzeigen wäre dies aber kaum mehr möglich. Auch das Suchwort „großzügig“ birgt ähnliche Probleme. In einer Kontakt‐ anzeige könnte beispielsweise stehen, dass „ich gelernt habe, großzügig über die Fehler der anderen hinwegzusehen und eine ähnliche Großzügigkeit bei meinem Partner erwarte“, sodass die indizierte ökonomische Großzügigkeit hier gänzlich fehlen würde. Wir sehen also, dass die Durchführung einer einfachen Frequenzanalyse bereits bei der Festlegung der Suchbegriffe vor großen Herausforderungen stünde und sich im Kern wahrscheinlich auf die explizite Nennung von Bildungstiteln konzentrieren müsste. Unser Erkenntnisinteresse wäre damit nur in Teilen zufriedenzustellen und auf den Bourdieu‘schen Rahmen der Analyse könnte weitgehend verzichtet werden. Darüberhinausgehende Informationen, wie z. B. die Ausdrucksweise im Text 186 6 Die Inhaltsanalyse <?page no="187"?> der Kontaktanzeige, können, wenn überhaupt, nur qualitativ erfasst und mit eindeutigen Codieranweisungen versehen einbezogen werden. Wir können aber hier mit Bezug auf unsere explorative Frequenzanalyse unter dem Aspekt der Statusmerkmale festhalten, dass nur in den beiden Kontaktanzeigen in der Zeit online Hinweise auf Bildungstitel erfolgten und dass dies in der anderen Kontaktanzeige gänzlich fehlte. Nur in Kontaktanzeige 2 häuften sich die manifest erfassten Statusmerkmale. Für Schlussfolgerungen im Sinne einer quantitativen Inhaltsanalyse ist die Anzahl der Kontaktanzeigen natürlich viel zu gering und auch die Erfassung eines Untersuchungszeitraumes fehlt. Wir wollten hier nur etwas über die Vorgehensweise in Erfahrung bringen sowie über die Codier- und Zurechnungsschwierigkeiten, welche typisch für eine solche Analyse sind. Da wir in Bezug auf die Quantität und Repräsentativität hier mit drei Kontaktanzeigen keine Aussagen treffen können, ziehen wir eine umfas‐ sende quantitative Analyse des Online-Datings von Schulz, Skopek und Blossfeld aus dem Jahr 2010 heran (vgl. Schulz et al. 2010). Sie konnte die allgemeine Homophilie-These im Sinne einer erhöhten Wahrscheinlichkeit mit ähnlichen Menschen in Kontakt zu treten, bestätigen. Information 16: Ergebnisse einer quantitativen Untersuchung des Online-Datings Die Autoren Schulz, Skopek und Blossfeld (vgl. Schulz et al. 2010: 495) haben den Datenbankauszug einer deutschsprachigen Internetkontakt‐ börse (kurz „Dating-Seite“) für den zufällig ausgewählten Zeitraum von Januar bis Juni 2007 herangezogen. Der Datensatz der Analyse enthält die Steckbriefinformationen der Nutzer*innen sowie zeitbezogene Infor‐ mation darüber, zwischen welchen Profilen Nachrichten ausgetauscht wurden. Er enthält 116.138 Erstkontakte von Initiator*innen, die mit Offerten um eine Kontaktaufnahme bei den jeweiligen Empfänger*in‐ nen werben. Die 116.138 Erstkontakte wurden insgesamt von 10.440 Initiator*innen (6.831 Männern und 3.609 Frauen) im Beobachtungszeit‐ raum versendet. 84 % aller Erstkontaktereignisse bleiben unbeantwortet. Die versendeten Erstkontakte wurden dazu zeitbezogen den jeweiligen Empfänger*innen zugeordnet und daraus eine binäre Variable generiert, ob ein Erstkontakt beantwortet wurde (1) oder nicht (0). Die abhän‐ gige Variable ist mithin die nutzerspezifische Wahrscheinlichkeit der 6.5 Die Analyse von Kontaktanzeigen 187 <?page no="188"?> Beantwortung eines Erstkontakts. Mit dieser Information konnten die Autoren die symmetrischen und asymmetrischen Mechanismen der Partnerwahl überprüfen (Homophilie- und Heterophilie-Hypothesen). Dabei wurde die „Homophilie-Hypothese“ bestätigt. Soziale Homophilie bezeichnet die Wahrscheinlichkeit, mit anderen Menschen in Interak‐ tion zu treten, wenn diese ihnen ähnlich sind. Die Ähnlichkeitsattrak‐ tion kann sich dabei auf diverse Kriterien wie Geschlecht, ethnische Herkunft, sozioökonomischen Status oder den Bildungsgrad beziehen (vgl. Cohen 1977; McPherson et al 2001). Und tatsächlich zeigte sich, dass ein ähnliches Bildungsniveau, eine tendenzielle Altersgleichheit und vergleichbare physische Attraktivität die Wahrscheinlichkeit einer Kontaktaufnahme signifikant erhöhten. Frauen ließen sich nach wie vor selten auf Angebote von Männern ein, die ein niedrigeres Bildungsni‐ veau haben als sie selbst. Männer hingegen haben weniger Probleme, auf die Angebote höhere qualifizierter Frauen zu antworten. Zugleich findet kein Austausch von physischer Attraktivität gegen Bildungsressourcen bei der Partnerwahl statt, d. h. Personen mit geringerer physischer Attraktivität, aber höherer Bildung kommen nicht signifikant häufiger mit Personen mit höherer physischer Attraktivität, aber geringerer Bildung zusammen (vgl. Schulz et al. 2010: 504). 6.5.6 Die Inhaltsanalyse nach Mayring (unter Mitarbeit von Jan Peter Hoffmann und Meira Hilbertz) Deutlich mehr Spielraum in der Erfassung manifester Kommunikationsinhalte bietet die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring. Sie ist sicherlich eines der am häufigsten durchgeführten Verfahren der Inhaltsanalyse - nicht nur in der Psychologie, sondern auch in den Sozialwissenschaften (Mayring 2019: 4ff.). Manche ordnen das Verfahren selbst bereits dem Methodenmix zu, aber wir folgen Mayring darin, dass der qualitative Schritt der Zuordnung von Kategorien zu Textstellen zentral bleibt und die Analyse von Kategorienhäufigkeiten nicht notwendig ist (vgl. Mayring 2019: 1). Aber das Verfahren liegt sicherlich zwischen der qualitativ und quantitativ orientierten Inhaltsanalyse und kann für beide Analyseformen zum Einsatz kommen oder beide kombinieren - das macht ihr breites Einsatzspektrum aus. Die qualitative Inhaltsanalyse von Mayring setzt an einem klaren Bezug zur Fragestellung an und unterscheidet sich dadurch z. B. von 188 6 Die Inhaltsanalyse <?page no="189"?> einer Grounded Theory mit ihrem rein explorativen Zugang. Sie geht dabei durch Kategorien geleitet vor. Mit Kategorien sind, so Mayring, Bedeutungsaspekte des Textes gemeint, die auf sprachliche Kurzformeln gebracht sind. „Die Text‐ auswertung ist damit selektiv auf das Kategoriensystem beschränkt. Textgehalte, die nicht in Kategorien angesprochen werden, ebenso wie ein ganzheitlicher Eindruck des Textes, werden nicht berücksichtigt“ (Mayring 2019: 2). Unser Forschungsinteresse halten wir hier weiterhin gleich. Wir wol‐ len herausfinden, inwiefern die Darstellungen in den Kontaktanzeigen Statusmerkmale beinhalten und inwiefern diese sich im Kontext einer Bourdieu‘sche Analyse interpretieren lassen. Spielt der Status eine Rolle, und wenn ja, gibt es Signale in Richtung gewünschter Statusgleichheit? “ Unsere Analysestrategie ist die zusammenfassende qualitative Inhalts‐ analyse nach Mayring. Ihr Ziel ist eine inhaltliche Reduzierung des manifesten Textmaterials auf seine Grundbestandteile. Die induktiv entwickelten Kategorien sind also eine Abstraktion des Ausgangsmaterials, dessen zentralen Inhalte weitestgehend enthalten bleiben sollen (Mayring 2015: 67). Zur Beantwortung der Fragestellung wollen wir also im Rahmen der qualita‐ tiven Inhaltsanalyse zunächst induktiv vorgehen, indem wir die dargestellten Statusmerkmale der Inserierenden selbst und die zum Ausdruck gebrachten präferierten Statusmerkmale der zukünftigen Partner*innen aus dem Text he‐ rausarbeiten. Dabei greifen wir zunächst nicht auf Statuskonzepte einer beste‐ henden Theorie zurück, sondern entwickeln die Kategorien induktiv, also aus dem Material heraus. Diese Offenheit ermöglicht es uns darüber hinaus, neben Statusbezügen auch weitere Formen der Selbstbeschreibung und Erwartungen an den zukünftigen Partner*innen zu berücksichtigen. So können wir in An‐ knüpfung an unsere Homophilie-These das Verhältnis von Statusbezügen und darüberhinausgehende, nicht statusbezogene Eigenschaften der Inserent*innen bzw. der präferierten Partner*innen untersuchen. Allerdings hat unsere Untersuchung auch einen deduktiven Aspekt, indem wir zur Zusammenfassung der Paraphrasen in Kategorien auf die Kapitalformen Bourdieus zurückgreifen. Durch die Kombination einer in‐ duktiven und deduktiven Analysestrategie können wir mit den Dimensi‐ onen des Sozialkapitals unsere Untersuchung an ein etabliertes Konzept zur Dimensionierung von Statusunterschieden anknüpfen und zugleich offen sein für mögliche Dimensionen der Homophilie, die über Bourdieus Kapitalsorten hinausgehen. 6.5 Die Analyse von Kontaktanzeigen 189 <?page no="190"?> Ergänzend nutzen wir die Explikation (Mayring 1994: 164, 167, 169, 173), um bei unklaren Textsequenzen weitere Informationen aus dem Kontext zu erhalten. In der nachstehenden Tabelle sind einige Rahmenbedingungen der Ana‐ lyse festgehalten, welche vor Beginn geklärt werden müssen. Rahmenbedingung Inhalt Fragestellung: Inwiefern hat die Annahme einer sozialstruk‐ turelle Homogamie im Sinne von „Gleich und gleich gesellt sich gerne“ Gültigkeit? Spielt dabei der Status eine Rolle, und wenn ja, gibt es Signale in Richtung gewünschter Status‐ gleichheit? Richtung der Analyse: Im Rahmen einer qualitativen Inhaltsanalyse können ganz unterschiedliche Aspekte un‐ tersucht werden (vgl. Mayring 2015: 58). Indem wir die Rich‐ tung der Analyse festlegen, be‐ stimmen wir wohin die Reise geht: Sollen etwa Inhalte oder Emotionen oder Motive im Vor‐ dergrund stehen? Die Redensart „Gleich und gleich gesellt sich gerne“ verweist auf die Annahme, dass die Ähnlichkeit der Partner*innen ein zentrales Mo‐ ment der Partnerwahl darstellt (Homogamie). Um die Gültigkeit dieser Annahme zu überprü‐ fen, sollen Selbstdarstellungen der Inserent*in‐ nen sowie die präferierten Eigenschaften der zukünftigen Partner*innen analysiert werden. Dabei soll insbesondere das Augenmerk auf Statusdarstellungen und auf eine gewünschte Statusgleichheit gerichtet werden. Codiereinheit „Die Kodiereinheit legt fest, welches der kleinste Material‐ bestand ist, der ausgewertet werden darf, was der minimale Textbestandteil ist, der un‐ ter eine Kategorie fallen kann“ (Mayring 2015: 61). Da die Kontaktanzeigen zum Teil eine eher stichwortartige Form aufweisen, entscheiden wir uns dazu, einzelne Wörter als die kleinste codierbare Einheit festzulegen. Kontexteinheit „Die Kontexteinheit legt den größten Textbestandteil fest, der unter eine Kategorie fallen kann“ (Mayring 2015: 61). Als Kontexteinheit gilt die jeweilige Kontaktan‐ zeige. Wir können also alle verfügbaren Infor‐ mationen der Anzeige hinzuzuziehen, um ein einzelnes Textsegment zu codieren. Auswertungseinheit „Die Auswertungseinheit legt fest, welche Textteile je‐ weils nacheinander ausgewer‐ tet werden“ (Mayring 2015: 61). Unser Kategoriensystem soll sich nach Ab‐ schluss der Analyse auf alle Kontaktanzeigen erstrecken. Daher ist die Kontexteinheit das „ganze Material“ (Mayring 2015: 88). Tabelle 8: Rahmenbedingungen für die Inhaltsanalyse nach Mayring 190 6 Die Inhaltsanalyse <?page no="191"?> Nachdem wir die grundlegenden Rahmenbedingungen der Inhaltsanalyse (Fragestellung, Analyseeinheit etc.) in Tabelle 8 festgehalten haben, begin‐ nen wir die eigentliche Analyse mit der Paraphrasierung. (1) Paraphrasierung: Die Paraphrasen sind prägnante Beschreibungen des Inhalts. „Ausschmückende und inhaltlich nicht relevante Textbestandteile klammern wir bereits aus“ (Mayring 2015: 71). Da in unserem Fall die Kontaktanzeigen viele Stichwörter und Kurzformen enthalten, versuchen wir durch die Paraphrasierung eine einheitliche Sprachebene herzustellen (vgl. Mayring 2015: 71). Das Ergebnis dieses Analyseschritts ist in der Tabelle 9 in der dritten Spalte zu sehen. Toolbox 11: Explizierende Inhaltsanalyse bei Verständnis‐ schwierigkeiten Bei der Paraphrasierung der zweiten Kontaktanzeige des Prof. Dr. med. stoßen wir auf zwei Begriffe, bei denen Verständnisschwierigkeiten auftreten können: Zum einen „Herzensbildung“ bzw. „(herzens-)gebil‐ det“ (Stellen 2.7 & 2.10) und zum anderen die „Schönen Künste“ (Stelle 2.5). Wie können wir diese Textstel-len trotz ihrer Uneindeutigkeit pa‐ raphrasieren? Dazu schlägt Mayring die explizierende Inhaltsanalyse vor, die es erlaubt, bei uneindeutigen bzw. unverständlichen Textse‐ quenzen ergänzende Informationen zu nutzen, welche die betreffende Textstelle erläutern (vgl. Mayring 2015: 67). Die Explikation ist ein mehrstufiger Prozess, welcher von dem Rück‐ griff auf lexikalische Definitionen über eine enge und weite Kontext‐ analyse zu einer explizierenden Paraphrase verläuft. Wenn bereits die lexikalische Definition eine ausreichende Erklärung der zweifelhaften Textstelle bietet, ist es jedoch möglich, die weiteren Schritte der Explikation zu überspringen (Mayring 2019: 94). Beginnen wir mit der ersten Textstelle (2.5): „privat Liebhaber der schönen Künste“. Eine Recherche im Brockhaus (2021) bietet uns die folgende lexikalische Definition: „Schöne Künste, im 18. Jahrhundert nach dem französischen Aus‐ druck ‚beaux-arts‘ aufgekommene Bezeichnung für Dichtkunst, Musik, darstellende, bildende und reproduzierende Künste“. Folglich handelt es sich bei den Schönen Künsten eher nicht um Floristik, Malen nach Zahlen oder asiatische Kampfkunst. Es sind wohl 6.5 Die Analyse von Kontaktanzeigen 191 <?page no="192"?> eher hochkulturelle Güter gemeint. Für den Zweck unserer Beispiel‐ analyse scheint die lexikalische Definition ausreichend erklärend zu sein, sodass sich folgende explizierende Paraphrase für die Textstelle (2.5) festhalten lässt: Freude am Konsum anspruchsvoller Kultur. Diese Paraphrase können wir nun in Tabelle-7 einsetzen. Ebenso verfahren wir mit den zwei weiteren verbleibenden Textstellen, in denen es um Herzensbildung geht: „Behutsam möchte er die Bekanntschaft einer (herzens-)gebildeten Dame machen“ (2.7). Und „Seine Partnervorstellung ist weniger auf das Aussehen seiner Partnerin ausgerichtet, sondern mehr auf eine passende Kommunikationsebene, Herzensbildung u. Freude an den schönen Möglichkeiten, die das Leben bietet“ (2.8-2.11). Im Rahmen der lexikalischen Definition lässt sich aus dem Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache folgende Definition entnehmen (2021): „Bildung, die zum verständnisvollen Umgang mit Menschen befähigt, Taktgefühl. Beispiele: […] es erfordert viel Umsicht und Herzensbil‐ dung, sich in dieser Situation richtig zu benehmen“. Es geht also bei Herzensbildung weniger um formelle Bildung, sondern um Empathiefähigkeit und Taktgefühl. Wenn wir berücksichtigen, dass durch die Einklammerung „(herzens-)gebil-dete“ sowohl Bildung als auch Herzensbildung angesprochen werden, könnte die explizierende Paraphrase lauten: Wunsch nach dem Kennenlernen einer Frau, welche gebildet ist sowie über Empathie und Taktgefühl verfügt. Analog können wir Textstelle 2.10 wie folgt paraphrasieren: Partnerin sollte Empathie und Taktgefühl haben. (2) Generalisierung und erste Reduktion: Im Rahmen der Generali‐ sierung wollen wir nun alle Paraphrasen auf ein einheitliches Abstrakti‐ onsniveau bringen (Mayring 2015: 71). Dieses müssen wir zunächst un‐ ter Berücksichtigung unserer Forschungsfrage definieren: Das angestrebte Abstraktionsniveau umfasst all-gemeine Statusmerkmale und weitere Eigen‐ schaften der Inserent*innen, welche in ihren Selbstdarstellungen zum Ausdruck kommen sowie die allgemein präferierten Eigenschaften der gesuchten Part‐ ner*innen. Ziel ist es also, allgemeine, d. h. abstrakte Dimensionen der Selbstdar‐ stellung und Anforderungen an die Partner*innen herauszuarbeiten. Alle 192 6 Die Inhaltsanalyse <?page no="193"?> Paraphrasen, die noch zu spezifisch sind, müssen in diesem Schritt verallge‐ meinert (generalisiert) werden. Bedeutungsleiche Paraphrasen können wir streichen, ebenso wie Paraphrasen, welche für die Beantwortung unserer Frage nicht von Relevanz sind (Mayring 2015: 71). So können wir etwa „akademische Qualifikation“ unter der Textstelle 2.1 streichen, da diese identisch mit Textstelle 1.1 ist. Nicht relevant für unsere Analyse sind beispielweise auch die Angaben der Telefonnummern (1.9 & 2.12) oder die Aussage, dass das Leben endlich sei (3.4), weswegen diese gestrichen werden können. (3) Zweite Reduktion: Im Schritt der zusammenfassenden Inhaltsanalyse können nun verschiedene miteinander in Bezug stehende Paraphrasen in einer Kategorie gebündelt werden (Mayring 2015: 71). Die Paraphrasen, welche wir im Rahmen der Generalisierung und der 1. Reduktion gewonnen haben, können dabei sowohl durch eine ähnliche Aussage als auch durch einen gemeinsamen Gegenstand miteinander in Beziehung stehen (Mayring 2015: 72). In unserer Analyse hat die zweite Reduktion zugleich auch ein deduktives Element, indem wir für die Bildung der Kategorien „Status“ (K1) und „prä‐ ferierter Status“ (K2) als theoretisches Konzept die Kapitalsorten Bourdieus heranziehen. Denn mit ihrer Hilfe bündeln wir Paraphrasen, welche einen Bezug zu einer der vier Kapitalsorten aufweisen. Toolbox 12: Fallspezifische und fallübergreifende Reduktion Da wir in unserer Beispielanalyse nur sehr wenige Kontaktanzeigen analysieren können und diese einen geringen Textumfang haben, erfolgt die Bündelung in Kategorien hier bereits fallübergreifend. May‐ ring sieht an dieser Stelle zunächst ein fallspezifisches Vorgehen vor. Erst im Anschluss erfolgt dann ein zweiter Durchlauf mit erneuter Generalisierung und Reduktion, an dessen Ende ein fallübergreifendes Kategoriensystem steht (Mayring 2015: 83-85). Die Ergebnisse dieses Schrittes der zusammenfassenden Inhaltsanalyse sind in den beiden nachfolgenden Tabellen 9 und10 wiedergegeben. (4) Ergebnisse: Im Fokus unserer Analyse stand die Frage, ob die sozial‐ strukturelle Regel „Gleich und gleich gesellt sich gerne“ in den Statussigna‐ 6.5 Die Analyse von Kontaktanzeigen 193 <?page no="194"?> len des Textes der Kontaktanzeigen erkennbar wird und welche Rolle der Status in den Kontaktanzeigen spielt. Einen Überblick über die Ergebnisse bietet Tabelle 7 (in Anlehnung an Kuckartz 2015: 112 f.). Auf den ersten Blick fallen zwei Dinge auf: Neben Statusmerkmalen im Sinne von Bourdieus Kapitalsorten sind mit Beziehungsstatus, Persönlichkeitseigenschaften und Attraktivität weitere Aspekte zur Selbstbeschreibung und als präferierte Eigenschaften der zukünftigen Partner*innen von Bedeutung. So geben etwa alle drei ihren eigenen Beziehungsstatus an und auch persönliche Eigenschaften, welche die zukünftigen Partner*innen mitbringen sollten. Zudem deuten die vielen Leerstellen in der Tabelle darauf hin, dass unsere drei untersuchten Inserent*innen dies in unterschiedlicher Weise tun. Statusbezüge im Sinne von Bourdieus Theorie finden sich in Anzeige 1 (Apothekerin) und 2 (Prof. Dr. med.). Vorausgreifend kann bereits an dieser Stelle festgehalten werden, dass sich keine einheitliche Tendenz zu Homophilie abzeichnet. Mit der Nennung ihres universitären Abschlusses als Apothekerin wird ein entsprechend hohes institutionalisiertes kulturelles Kapital in Anzeige 1 deutlich. Obwohl sich dieses in weitere Kapitalsorten, etwa ökonomisches Kapital, umwandeln ließe, werden keine weiteren von diesen genannt. Auch ergab die Analyse der Anzeige keine Hinweise auf entsprechend hohe Sta‐ tuserwartungen gegenüber dem gesuchten Partner. Die Homophilie-Signale hielten sich also in Grenzen, sodass die Hypothese nur teilweise zutrifft. 194 6 Die Inhaltsanalyse <?page no="195"?> .Kontaktanzeige Nr. Text Paraphrase Generalisierung/ 1. Reduktion 2. Reduktion (fallübergreifend) Kommentar 1.1 APOTHEKERIN Beruf bzw. Abschluss als Apothekerin akademische Qualifikation K 1: Statusmerkmale • akademische Qualifikation • anerkannter beruflicher Erfolg • hochkulturelles Interesse • altruistisches gesellschaftliches Engagement 1.2 45/ 168 45 Jahre alt und 1,68 Meter groß biometrische Daten K2: eigener Beziehungsstatus • ungebunden • verwitwet • geschieden K3: präferierte Persönlichkeit • Verlässlichkeit • Empathie • Lebenslust • Kommunikation auf Augenhöhe Im Rahmen dieser Analyse wollen wir davon ausgehen, dass sich die Homogamie-These auf sozial erworbene oder zugeschriebene Faktoren bezieht. Zudem scheint die Angabe von Alter und Größe durch die Redaktion der Zeit vorgeschrieben zu sein und ist weniger eine bewusste Selbstoffenbarung. Daher können wir diese Passage streichen. 6.5 Die Analyse von Kontaktanzeigen 195 <?page no="196"?> • nicht Aussehen • heterogene Auffassungen/ Meinungen 1.3 eine familiär unabhängige u. Es bestehen keine familiäre Verpflichtungen gegenüber anderen. Ungebundenheit K4: Attraktivität • äußerliche Attraktivität 1.4 schicke Dame äußerlich attraktiv äußerliche Attraktivität 1.5 mit fröhl. Naturell, positive Ausstrahlung positive Ausstrahlung K5: Persönlichkeit • positive Ausstrahlung 1.6 wünscht sich einen verlässlichen Gefährten Gesucht wird ein zuverlässiger Partner. Präferenz: Verlässlichkeit K6: präferierte Statusmerkmale • Bildung 1.7 zum gegens. Verwöhnen u. Lieb-haben. Gemeinsame Zärtlichkeit als Zentrum der Beziehung Zärtlichkeit als Basis Auch diese Paraphrase dürfen wir streichen, da kein Bezug zur Fragestellung besteht. 1.8 Näheres zu ihren Lebenszielen, Partnerwunschvorstellung u. Hobbys kann man auf nachstehender Website unter "Anzeigen" nachlesen. Weitere Informationen zu der Inserentin und ihren Erwartungen an den zukünftigen Partner finden sich auf zusätzlicher Webseite. Verweis auf weitere Informationen Hier besteht keine erdenkliche Beziehung zwischen Textmaterial und Fragestellung. Wir dürfen die Sequenz streichen. 1.9 Tel. 0800/ 5208501 Angabe der Telefonnummer Angabe der Telefonnummer Inhaltlich irrelevant, daher streichen 2.1 PROF. DR. MED. Promotion und Habilitation in Medizin akademische Qualifikation Bedeutungsgleich mit Paraphrase 1.1, kann daher gestrichen werden. 2.2 61/ 181 61 Jahre alt und 1,81 Meter groß Körpermaße Siehe 1.2 196 6 Die Inhaltsanalyse <?page no="197"?> 2.1 PROF. DR. MED. Promotion und Habilitation in Medizin akademische Qualifikation Bedeutungsgleich mit Paraphrase 1.1, kann daher gestrichen werden. 2.2 61/ 181 61 Jahre alt und 1,81 Meter groß Körpermaße Siehe 1.2 2.3 Witwer; Nach dem Tod der Partnerin verwitwet Familienstatus: verwitwet 2.4 berufl. ist er eine Koryphäe weitgehende Anerkennung des beruflichen Erfolgs anerkannter beruflicher Erfolg 2.5 privat Liebhaber der schönen Künste Freude am Konsum anspruchsvoller Kultur hochkulturell interessiert Was die „schönen Künste“ sind, ist aus dem Text nicht verständlich. Hier nutzen wir die Explikation Mayrings (2015: 90ff.). 2.6 u. nächstenliebendem Naturell (Ärzte ohne Grenzen) Menschenfreundliche und altruistische Persönlichkeit, welche sich durch Engagement in Ärzte ohne Grenzen ausdrückt altruistisches gesellschaftliches Engagement 2.7 Behutsam möchte er die Bekanntschaft einer (herzens-)gebildeten Dame machen. Wunsch nach dem Kennenlernen einer Frau, welche gebildet ist, sowie über Empathie und Taktgefühl verfügt Präferenz: Bildung 2.8 Seine Partnervorstellung ist weniger auf das Aussehen seiner Partnerin ausgerichtet, Die körperliche Attraktivität ist von untergeordneter Bedeutung. Präferenz: nicht Aussehen 6.5 Die Analyse von Kontaktanzeigen 197 <?page no="198"?> 2.9 sondern mehr auf eine passende Kommunikationsebene, Kommunikation auf Augenhöhe ist wichtig. Präferenz: Kommunikation auf Augenhöhe 2.10 Herzensbildung Partnerin sollte Empathie und Taktgefühl haben. Präferenz: Empathie 2.11 u. Freude an den schönen Möglichkeiten, die das Leben bietet. Partnerin soll das Schöne im Leben sehen. Präferenz: Lebenslust 2.12 Mehr zu seinem Background u. Interessen auf nachstehender Page unter "Anzeigen"! Gebührenfrei 0800/ 5208501 auch Sa./ So Weitere Informationen zu dem Inserenten finden sich auf zusätzlicher Webseite. Verweis auf weitere Informationen Vgl. 1.7 2.13 Gebührenfrei 0800/ 5208501 auch Sa./ So Angabe der Telefonnummer Angabe der Telefonnummer Vgl. 1.8 3.1 Glücklich geschiedener Mann, Der Inserent ist geschieden und glücklich mit diesem Familienstatus. Familienstatus: geschieden K 7: Präferierter Beziehungsstatus • geschieden/ getrennt • nachgeordnet auch unerfolgreiche Beziehung 3.2 sucht eine ebenso glücklich geschiedene Frau, oder glücklich getrenntlebende. Gesucht wird eine Partnerin mit beendeter Ehe. Präferenz: Familienstatus geschieden/ getrennt 198 6 Die Inhaltsanalyse <?page no="199"?> lebende. 3.3. Evtl. unglücklich Verheiratete, oder sonst wie unglücklich Liierte. Grundsätzlich ist auch eine Beziehung vorstellbar, wenn eine „unglückliche“ Partnerschaft besteht. Präferenz: nachgeordnet auch unerfolgreiche Beziehung 3.4 Das Leben dauert nicht ewig. Die Lebenszeit ist begrenzt. begrenzte Lebenszeit Mit dieser Textpassage werden weder der eigene Status bzw. Eigenschaften kommuniziert, noch bietet sie Aufschluss darüber, welchen präferierten Status bzw. Eigenschaften die zukünftige Partnerin haben soll. Nach Mayring dürfen wir diese Sequenz getrost streichen. 3.5 Das was noch zum Leben bleibt, möchte ich gerne in Harmonie genießen. Auch wenn man nicht gleich über alles gleicher Meinung sein muss. Gerne diskutiere ich kontrovers. Harmonie soll das zukünftige Leben prägen. Unterschiedliche Meinungen und Diskussionen stehen dem nicht entgegen, sondern bereichern. Präferenz: heterogene Meinungen als Bereicherung 3.6 Ein empathisches Wesen liest hoffentlich die Anzeige und meldet sich“ (vgl. markt. de: SUCHEN & FINDEN 2020). Es besteht der Wunsch, dass eine emphatische Frau auf die Anzeige reagiert. Präferenz: Empathie Vgl. 2.10 Tabelle 9: Durchführung der Analyse nach Mayring 6.5 Die Analyse von Kontaktanzeigen 199 <?page no="200"?> Statusmerkmale präferierter Status Beziehungsstatus präferierter Beziehungsstatus Persönlichkeit präferierte Persönlichkeit Attraktivität Anzeige 1 • akademische Qualifikation • ungebunden • positive Ausstrahlung • Verlässlichkeit • äußerliche Attraktivität Anzeige 2 • akademische Qualifikation • anerkannter beruflicher Erfolg • hochkulturelles Interesse • altruistisches gesellschaftliches Engagement • Bildung • verwitwet • Empathie • Lebenslust • Kommunikation auf Augenhöhe • nicht Aussehen Anzeige 3 • geschieden • geschieden/ getrennt • nachgeordnet auch unerfolgreiche Beziehung • Empathie • heterogene Meinungen/ Auffassungen Tabelle 10: Ergebnisübersicht der zusammenfassenden Inhaltsanalyse (Darstellung in Anlehnung an Kuckartz 2015: 112 f.) 200 6 Die Inhaltsanalyse <?page no="201"?> Auch in Anzeige 2 wird auf ein äußerst hohes institutionalisiertes kultur‐ elles Kapital verwiesen (Prof. Dr. med.). Zusätzlich wird mit dem ehren‐ amtlichen Engagement ein hohes soziales Kapital, mit der Anerkennung seines beruflichen Erfolgs ein entsprechendes symbolisches Kapital und mit seinem Interesse an hochkulturellen Gütern ein hohes inkorporiertes kulturelles Kapital signalisiert. Auf Seite der Statuserwartungen gegenüber einer zukünftigen Partnerin sollte diese gebildet sein, also zumindest ein Mindestmaß an institutionalisiertem kulturellem Kapital mitbringen. Wei‐ tere Erwartungen gegenüber anderen Kapitalformen konnten durch die Analyse nicht identifiziert werden. Dennoch zeigen sich in diesem Fall im Text der Kontaktanzeige starke Homophilie-Signale. In der dritten Kontaktanzeige konnte unsere Untersuchung keinerlei Statusbezüge identifizieren - weder in Form der Selbstdarstellung noch in Hinsicht auf die präferierten Eigenschaften der zukünftigen Partnerin. Folglich scheint Statushomogenität kein zentraler Faktor der Partnerwahl zu sein. Auch wenn man z. B. die Homophilie-Annahme um nicht-statusbezogene Merkmale erweitert, kann unsere zusammenfassende Inhaltsanalyse diese nicht für alle drei Kontaktanzeigen bestätigen. Lediglich im dritten Interview zeigen sich in puncto Beziehungsstatus deutliche Hinweise auf Homogamie: Der Inserent selbst schreibt, geschieden zu sein und gibt ausdrücklich an, eine geschiedene bzw. eine getrenntlebende Partnerin zu suchen. Diese Homophilie-Vorstellung bezieht sich aber nicht auf den sozialen Status. 6.5.7 Die hermeneutische Analyse In der hermeneutischen Analyse gibt es viele unterschiedliche Verfahren, welche in der Literatur gut dokumentiert sind (siehe dazu Reichertz 1986; Soeffner 1989, 1992; Hitzler & Honer 1997; Hitzler et al. 1999; Heinze-Prause 2001: 213-269; Reichertz & Schröer 2003; Kurt 2004; Grondin 2012). Wir beziehen uns auch hier auf die oben bereits im Vorgehen erläuterte Sequenz‐ analyse (siehe Information 13: Sequenzanalyse). Das erlaubt uns, nicht mehr ausführlich auf die einzelnen Schritte einzugehen, sondern uns stärker auf die Ergebnisse der einzelnen Schritte zu konzentrieren. (1) Sequenzbestimmung Bei der Auswahl der Sequenzen beziehen wir uns auf die beiden Kontakt‐ anzeigen in der Wochenzeitschrift „Die Zeit“, weil wir uns vor allem für 6.5 Die Analyse von Kontaktanzeigen 201 <?page no="202"?> Statussignale in Kontaktanzeigen interessieren. Dies bedeutet jedoch nicht, dass deren Abwesenheit in der dritten Kontaktanzeige übergangen wird, sondern es ist nach den vorangegangenen Schritten bereits hinreichend klar geworden, dass nicht in allen Kontaktanzeigen Statusmerkmale eine Rolle spielen und dass wir annehmen, dass deren Bekundungswahrscheinlichkeit auch sehr stark mit dem Medium variiert, in dem diese Kontaktanzeigen erscheinen. (2) Hypothesenentwicklung (a) Wenden wir uns der sprachlichen Lesart des kommunikativen Aktes zu. Wir greifen hier das Beispiel der Kontaktanzeige 1 der Apothekerin heraus: Ohne die sprachliche Lesart hier ausführlich diskutieren zu wollen, fallen uns zunächst neben den Abkürzungen die in der heutigen Zeit ungewohnt erscheinende Wortwahl und die gewählte Sprache auf. „Schicke Dame“ und „fröhl. Naturell“ sind Semantiken der Selbstbeschreibung, die heute - unserer Annahme nach - eher selten geworden sind. Zugleich folgt auch die Beschreibung der Nachfrage nach einem „verlässlichen Gefährten“ zum „Verwöhnen und Liebhaben“ diesem Muster. Die Wortwahl erscheint uns als einfach, bodenständig, aber zugleich als präzise und gewählt. (b) In der sachlichen Lesart wollen wir uns als Beispiel auf die Kontakt‐ anzeige 2 beziehen. Wie auch bei der Kontaktanzeige „Apothekerin“ fällt bei dieser auf, dass die Überschrift und damit der Anfangspunkt des kom‐ munikativen Aktes mit einer Positionierung im sozialen Raum beginnen. Die Kontaktanzeige hat ihren Ausgangspunkt praktisch in einer „sozialen Visitenkarte“, die zugleich noch Alter und Größenangaben enthält. Es geht dabei gut erkennbar um die Anbahnung einer langjährigen Partnerschaft, die genau in jenem sozialen Raum stattfinden soll, den die Kontaktanzeige signalisiert: in einem scheinbar gehobenen sozialen Milieu. (c) In der soziologischen Lesart fällt auf, dass mit „Professor“ eine Be‐ rufsbezeichnung angegeben ist, mit „Doktor“ ein Bildungstitel und mit „Medizin“ das Fach, in dem die Person diesen Bildungstitel erworben hat. Dieses institutionalisierte kulturelle Kapital bildet den Einstieg und avisiert soziale Exklusivität. Offensichtlich haben wir es mit einer im sozialen Raum hochstehenden Person zu tun, welche dies auch gleich zum Einstieg signalisiert. Damit fällt hier bereits eine Demonstration des sozialen Status ins Auge, die für die einen Türen öffnet, für die anderen Türen schließt. Als Arbeiterin oder einfache Angestellte gehört man „objektiv“ nicht zu den 202 6 Die Inhaltsanalyse <?page no="203"?> Adressat*innen dieser Anzeige. Das Signal der sozialen „Klasse“, die man sich wünscht, ist bereits im Einstieg nicht zu übersehen. Wie bei der Kontaktanzeige „Apothekerin“ auch, kommen jetzt Angaben zum Familienstand hinzu. In diesem Fall: Witwer. Das bedeutet, dass Klarheit über „familiale Altlasten“ geschaffen wird, zumindest was vergangene, langjährige Partnerschaften angeht. Mit der Trennung von beruflich und privat werden weitere Signale des sozialen Status platziert. Zum einen taucht hier das Fremdwort „Koryphäe“ auf. Wer nicht weiß, was eine Koryphäe ist, gehört offenbar nicht zum anvisierten sozialen Kreis der Kontaktanzeige. Denn damit wird inkorporiertes Bildungskapital vorausgesetzt. Das aus dem Griechischen stammende Fremdwort bezeichnet jemanden, der an der Spitze steht und darin Anerkennung erfährt, womit dies zugleich ein Fingerzeig auf das symbolische und soziale Kapital ist, das der Text der Kontaktanzeige signalisiert. Damit ist scheinbar klar, von wem die Anzeige kommt und an wen sie gerichtet ist. (3) Hypothesenprüfung Im Vergleich der Kontaktanzeigen ist deutlich geworden, dass es zu großen Varianzen in den Statusbekundungen kommt, welche ganz offensichtlich auch mit dem gewählten Medium variieren. Starke Statussignale habe sich vor allem in den beiden Kontaktanzeigen in „Die Zeit“ gefunden, die beide den Berufsstatus und den damit implizierten oder offengelegten Bildungstitel in der Kontaktanzeige voranstellten. (a) Der Kontext des Mediums: Der kommunikative Akt selbst findet in unserem Falle in dem klassischen Medium einer wöchentlichen Zeitschrift: „Die Zeit“ statt. Auch wenn wir hier keine Zielgruppen- und Leseranalyse vorgeschaltet haben - was wir tun müssten (siehe dazu exemplarisch Hartmann 2006) -, können wir das Medium als ein „Organ“ der wirtschafts‐ liberalen Presse mit einem eher akademischen Zielpublikum identifizieren (vgl. Maurer & Reinemann 2006: 129 ff.). Das Zielpublikum wird unserer Annahme nach eher älter und eher gebildeter sein. Das heißt, die Kontakt‐ anzeigen sind, auch wenn sie online geschaltet werden, bereits in einem sozialstrukturell eingeschränkten Raum angesiedelt. Das Medium selbst erscheint als analoges Medium „altertümlich“ und so werden auch die Kontaktanzeigen — das zumindest ist unsere Annahme - eher von einem älteren, eher gebildeten Zielpublikum geschaltet (vgl. IQ Media Marketing 2021: DIE ZEIT - Leserschaftsdaten). 6.5 Die Analyse von Kontaktanzeigen 203 <?page no="204"?> Da der sprachliche Markt durch den Kontext der Wochenzeitschrift „Die Zeit“ mit definiert ist, können wir von einem gehobenen Bildungsniveau ausgehen, das diesen Markt dominiert. 71 % der Zeit-Leser*innen hatten 2013 mindestens Abitur, 49 % sogar ein Studium. Damit verfügt die Wochen‐ zeitung über eine deutlich gebildetere Leserschaft als „Spiegel“ (56 % mit Abitur), „Focus“ (45 %) und „stern“ (39 %) (vgl. MEEDIA 2021: Print-Analyse: der typische Zeit-Leser). (b) Der gesellschaftliche Kontext: In einer hermeneutischen Analyse machen wir uns auch Gedanken darüber, mit welcher Art von Kommuni‐ kation wir es zu tun haben. In welchem Kontext steht diese und welche Bedeutung entfaltet sie im vorliegenden Handlungskontext? Wir gehen also zunächst vom „Ganzen“ aus und versuchen, von dort ausgehend die „Singularität“, wie es Dilthey ausgedrückt hat, zu verstehen. Dabei spielt weniger der subjektive Bedeutungshorizont eine Rolle, über den wir bei einer Kontaktanzeige ohnehin kaum etwas wissen können, als vielmehr der objektive Bedeutungshorizont. Vor dem Hintergrund der Reproduktionsnotwendigkeiten der Gattung haben Gesellschaften in der Vergangenheit zwar mehrere Alternativen entwickelt, die zwischen 15 und 25 Jahre dauernde Fürsorgephase zu organisieren. Aber in vielen westlichen Gesellschaften ist die Institution der monogamen Ehe entstanden, welche im Zuge der bürgerlichen „Romanti‐ sierung“ dieser Institution mit Liebes- und Treuegeboten aufgeladen wurde. Auch wenn sich dies über die Jahrhunderte hinweg verändert hat, sind Ehen und langjährige Partnerschaften, welche diese Form annehmen, auch heute noch fest institutionalisiert. Zwar hat die kulturelle Pluralität zu- und die Selbstverständlichkeit abgenommen, aber nicht die gesellschaftliche Geltungskraft dieser Form (vgl. Möhle 2001: 57; siehe auch Lenz 2009: 95). Sie ist so fest etabliert, dass sie ihre Geltungskraft auch auf „Paarungen“ jenseits der Fortpflanzungsnot‐ wendigkeiten ausübt (vgl. Hill & Kopp 2001: 11-33; siehe auch Skopek 2011; Nave-Herz 2013; Trübner 2017). Auch die serielle Monogamie - man lässt sich scheiden und heiratet wieder - bestätigt deren feste Etablierung (vgl. Klein 1999). Während früher aber Ehen arrangiert wurden oder es in der Gesell‐ schaft Personen gab, welche das offizielle, gesellschaftliche „Paaren“ mit Hinweisen erleichterten, ist dies in den meisten westlichen Gesellschaften überwiegend in die Perspektive der eigenen Lebensführung übergegangen (vgl. Luhmann 1974: 24). An die Stelle der arrangierenden Eltern sind nun 204 6 Die Inhaltsanalyse <?page no="205"?> Gelegenheitsstrukturen getreten oder Agenturen, welche Gelegenheiten zur Partnerwahl schaffen. Die Kriterien der Partnerwahl wirken nun stärker individualisiert und romantisiert. Das heißt, Besitz und Vermögen, Politik und Macht spielen nicht mehr die direkte vorrangige Rolle wie früher bei den arrangierten Ehen, sondern z. B. physische Anziehungskraft oder gesellschaftlich positiv konnotierte „Charaktereigenschaften“ wie Humor, Treue, Originalität etc. rücken in den Vordergrund. Zugleich gehören nun auch Hobbies, Familienplanung oder berufliche Orientierungen zu den Auswahlkriterien (vgl. Klein & Lengerer 2001: 265-283; Häring et al. 2014: 168 ff.). Kontaktanzeigen sind vor diesem Hintergrund eine spezifische Art von Kommunikation, welche, unter dem Label „seriöse“ Kontaktanzeigen rubri‐ ziert, auch auf die Anbahnung langjähriger Partnerschaften zielen können. Hier spiegeln sie das geltende Kulturmodell langjähriger Partnerschaften mit Treue- und Liebesgeboten, auch wenn daneben eine vielfältige Welt der Anbahnung flüchtiger, kurzlebiger Kontakte oder geschäftsmäßig organis‐ ierter Kontakte (z.-B. Prostitution) entstanden ist. Der kommunikative Akt, den wir in den Blick genommen haben, ist also derjenige einer selbstarrangierten Partnerwahl, häufig durchgeführt mit Unterstützung kommerzieller Agenturen, Internetportalen etc., welche die „natürlichen“ Gelegenheitsstrukturen in der Gesellschaft funktional ersetzen oder ergänzen. Er vollzieht die gesellschaftliche Institution lang‐ jähriger Partnerschaften mit Treue-, Liebes- und Fürsorgeverpflichtungen - auch dann, wenn man bereits biologisch den Lebenszyklus der natürlichen Fortpflanzung verlassen hat. Während „natürliche Gelegenheitsstrukturen“ im Sportverein, der Nach‐ barschaft, an der Schule oder der Universität etc. einen deutlichen Effekt der Schicht- oder Klassenreproduktion sowie von Homogamie oder Homophilie aufweisen, stellt sich uns hier die Frage, ob die „Freiheiten“ der kommerziel‐ len, selbstarrangierten Kontaktanbahnung durch gerahmte kommunikative Akte diesen Klassen- oder Schichteffekt abmildern oder ob sich auch diese Akte - bei aller „Liebe“ und Individualität - als konventionelles Substitut oder „funktionales Äquivalent“ der elterlich oder gemeinschaftlich arran‐ gierten Ehen innerhalb von deren sozialen Kreisen erweisen. Und genau darauf weisen die beiden Kontaktanzeigen in „Die Zeit“ in unterschiedlicher Stärke hin. Der Effekt des Mediums selbst verweist auf diese Homophi‐ lie-Orientierung, d. h. auf einen Kontaktmarkt, den man anvisiert, wenn man auf bestimmte soziale Kreise treffen möchte. 6.5 Die Analyse von Kontaktanzeigen 205 <?page no="206"?> (c) Der Bezug auf Bourdieu: Dabei sticht in Kontaktanzeige 2 die Unbescheidenheit in der Selbstdarstellung des Textes ins Auge, die, folgen wir Bourdieu, darauf schließen lässt, dass es eine Notwendigkeit gibt, den Status so zu dokumentieren. Diese Deutungshypothese wird weiter bestärkt, wenn wir uns den nachfolgenden Hinweis auf „Liebhaber der Schönen Künste“ ansehen. Hier wird sowohl auf das objektivierte kulturelle Kapital als auch auf das inkorporierte soziale Kapital aufmerksam gemacht. Es ist ein Lebensstilelement, das wiederum demonstrativ vorangestellt wird. Man sieht förmlich die Museen vorbeiziehen und die Person im Kunstverein bedeutende Worte über bedeutende Werke sprechen. Das Statussignal wird hier also weiter verstärkt, geradezu mit Fanfaren verkündet. Auch das „Großzügige“ spricht nicht nur ökonomisches Kapital im Hin‐ tergrund an — man muss es sich schließlich leisten können, großzügig zu sein — sondern auch das Weltmännische, Edle, Nonchalante dieses Angebotes. Und dann auch noch „nächstenliebend“. Der Bezug zu „Ärzte ohne Grenzen“ dokumentiert weiter das soziale Kapital des Angebotes und spielt weiter auf der Tastatur sozialer Erwünschtheit und Distinktion. Alles in allem symbolisiert der Text in massiver Weise Statusmerkmale, die in allen Kapitalsorten Bourdieus akzentuiert werden. Er signalisiert so‐ ziale Exklusivität, welche unweigerlich auf Homophilie sowie Homogamie zielt. Es lässt sich keine Öffnung für andere Statusgruppen bzw. Statusmerk‐ male erkennen. In der demonstrativen Betonung der Statusmerkmale des Textes wird aber zugleich offensichtlich, dass der Text im Sinne der Bourdieu‘schen Klassen‐ theorie keinen großbürgerlichen Hintergrund hat. Wie wir bereits gesehen haben (siehe Information 8: Der Habitusbegriff bei Bourdieu), sind hier Diskretion und die Ablehnung alles Demonstrativen Merkmale des Lebens‐ stiles. Mit dem Interpretationsrahmen von Bourdieu kann man erkennen, dass wir hier einen Text, einen kommunikativen Akt vorliegen haben, der eher im Kleinbürgertum verankert ist. Er zielt auf die Anbahnung einer langjährigen Partnerschaft im Kontext eines eng gefassten sozialen Kreises, der aber wahrscheinlich nicht großbürgerlich konstituiert ist. Dennoch ist die Kontaktanzeige hier ein Substitut für das Arrangieren der Ehe, ohne dass sie Pluralität und Öffnung erkennen lässt. Sie antwortet auf das objektive Handlungsproblem im klassischen Kanon der gesellschaftlichen Institution und verbleibt - trotz des signalisierten Aufstieges - im sozialstrukturellen Segment der sozialen Herkunft: dem Kleinbürgertum. 206 6 Die Inhaltsanalyse <?page no="207"?> (4) Generalisierung und Strukturhypothese Wenn wir weitere Kontaktanzeigen im Medium „Die Zeit“ heranziehen und analysieren, so ist vergleichsweise schnell eine theoretische Sättigung erreicht. Es zeigt sich, dass entgegen der ersten Deutungshypothese, die wir aus den beiden Kontaktanzeigen gezogen haben, die Betonung in den meisten Kontaktanzeigen vielmehr auf charakterlichen und emotio‐ nalen Werten wie Liebe und Zärtlichkeit als auf Statusgleichheit liegt. Statusdarstellungen und indirekte Hinweise auf Statusmerkmale sind aber dennoch wichtig in jeder der Kontaktanzeigen. Bildungstitel, symbolisches Kapital und inkorporiertes sowie objektiviertes kulturelles Kapital stehen dabei im Vordergrund, während soziales und ökonomisches Kapital kaum signalisiert wird. Im Mittelpunkt steht eine symbolisierte Innerlichkeit mit Beschäftigungen im Bereich Kunst, Kultur, Reisen, Bewegung, Reden, welche die Darstellung des Angebotes sowie der Nachfrage in den Texten der Kontaktanzeigen bestimmen. Anders als in der Kontaktanzeige 2 des Prof. Dr. med. kommen die feinen Unterschiede stärker zum Tragen und es spielen Lebensstilelemente eine wichtige Rolle. 6.5.8 Was lernen wir aus der Kombination der verschiedenen inhaltsanalytischen Methoden? Wir können im Vergleich sehen, dass alle drei Verfahren unterschiedliche methodische Voraussetzungen und Herausforderungen haben, aber die vorläufigen explorativen Befunde der drei Analyseformen in eine ähnliche Richtung weisen: Merkmale des sozialen Status lassen sich teilweise finden, aber die soziale Homophilie prägt diese weder durchgängig noch umfassend. Die Platzierung von sozialen Statussignalen variiert zum einen stark mit dem Medium und zum anderen werden diese von einem Konzert zahlreicher anderer Signale einer dargestellten Innerlichkeit gerahmt. Diese aus der Exploration gewonnene Annahme müsste nun natürlich sowohl qualitativ als auch ggf. quantitativ validiert und generalisiert werden. Wir haben nun aber auch die Grenzen der einzelnen Verfahren und die Möglichkeiten ihrer Kombination besser kennengelernt. Wir haben gese‐ hen, dass eine quantitativ angelegte Frequenzanalyse große Probleme dabei hätte, die Bourdieu‘schen Kategorien in Suchbegriffe einer elektronischen Volltextsuche zu übersetzen. Sie fiele zurück auf die explizite Nennung von Bildungstiteln und -abschlüssen in Kontaktanzeigen, die sie auch ohne Bezug zu Bourdieu auswerten könnte. Sie könnte dann z. B. zum Ergebnis 6.5 Die Analyse von Kontaktanzeigen 207 <?page no="208"?> haben, dass in einem Viertel der Kontaktanzeigen in „Die Zeit“ von 2010 bis 2020 Bildungstitel und -abschlüsse explizit genannt werden, während in der Kleinanzeigenplattform www.markt.de dies nur in 5 % der Kontaktanzeigen zur Partnerschaftssuche der Fall war. Sie könnte dann auch die genannten Bildungsabschlüsse in eine soziale Hierarchie bringen und Effekte der Medien sowie auch Entwicklungen im Zeitverlauf in einem Medium in Erfahrung bringen. Auf dieser Grundlage hätten wir erste Ergebnisse, welche uns im Vergleich etwas über die Nennung von Bildungsabschlüssen und -titeln sagen könnte. Das liefert uns ebenfalls erste Ergebnisse über die Verteilung der Nenn‐ ungen von Bildungstiteln in unserer Grundgesamtheit je nach Medium und könnten dann auf dieser Basis mithilfe einer qualitativen Inhaltsana‐ lyse nach Mayring weiter fragen, welche anderen Homophilie-Signale in Kontaktanzeigen noch auftauchen. Hier müssten wir die Anzahl der heran‐ gezogenen Kontaktanzeigen natürlich weiter einschränken und hätten zum Ergebnis, dass die Kontaktanzeigen eine Vielzahl an Homophilie-Signalen enthalten, welche sich zum Teil auch entlang der Kapitalien von Bourdieu sortieren lassen. Insbesondere die benannten Freizeitaktivitäten und Hob‐ bies stechen hier als Homophilie-Signale ins Auge. An dieser Stelle können wir uns dann die sozialen Statussignale genauer ansehen und uns mittels einer Sequenzanalyse hermeneutisch auf die laten‐ ten Kommunikationsinhalte konzentrieren. Hier gehen wir dann weiter auf eine geringe Anzahl von Kontaktanzeigen zurück, welche wir einer hermeneutischen Analyse unterziehen. Wir sehen dann zum einen, dass die Einordnung der manifesten Signale teilweise fehllaufend ist und korrigiert werden muss, wenn man z. B. einbezieht, dass diese (wie z. B. im Falle der Kontaktanzeige 2) demonstrativ und unbescheiden, ja angeberisch in den Vordergrund gerückt wurden. Wenn man diese Ergebnisse am Ende des hermeneutischen Verfahrens auf Bourdieus Perspektiven rückbezieht, sieht man sofort, dass eine Einordnung in eine gehobene Klasse hier nicht richtig wäre, weil Understatement und Diskretion als deren Erkennungs‐ zeichen fehlen. Das Ostentative lässt eher auf eine Herkunft aus dem Kleinbürgertum schließen und spricht bestenfalls Adressat*innen aus dieser Statusgruppe an. Eine quantitative Analyse der manifesten Kommunikati‐ onsinhalte würde eine Einordnung in ein oberes gesellschaftliches Segment nahelegen, was auch bezogen auf die „objektiven“ Merkmale stimmt, aber eine qualitative Analyse der latenten Kommunikationsinhalte würde dies im Rückschluss auf den im Text repräsentierten Habitus korrigieren oder, 208 6 Die Inhaltsanalyse <?page no="209"?> auf die soziale Herkunft aus dem Kleinbürgertum bezogen, ergänzen. Zum anderen erkennen wir eine Vielzahl von Lebensstilelementen als Teil einer symbolisierten Innerlichkeit, welche feine Unterschiede zur Geltung brin‐ gen, die wir vorher nicht als solche eingeordnet haben. Wir sehen also, dass die Methodenkombination in der Inhaltsanalyse im wechselseitigen Bezug der Verfahren aufeinander durch Ergänzungen, Korrekturen und zusätzliche Informationen und Interpretationen zur Vali‐ dierung der Ergebnisse beiträgt als auch ihre Generalisierung auf verschie‐ denen Ebenen erlaubt. Jedoch zeigt sie auch, dass bestimmte Ziele z. B. der Übersetzung der qualitativen Erkenntnisse in eine quantitative Frequenz‐ analyse nicht erreicht werden können, sodass hier auf anderem Wege versucht werden müsste, eine quantitative Generalisierung zu erreichen. Information 17: Computergestützte und KI-basierte Verfahren der qualitativen Inhaltsanalyse Seit der Jahrtausendwende haben sich computergestützte QDA-Tools (Qualitative Data Analysis) wie ATLAS.ti, MAXQDA und f4analyse etabliert. Diese Softwarepakete unterstützen die deduktive und induk‐ tive Kategorienbildung, ermöglichen visuelles Mapping und erleichtern Teamarbeit. Sie erhöhen die Transparenz und die Reproduzierbarkeit der Analyse deutlich. In jüngerer Zeit wurde das Verfahren der KI-un‐ terstützten Analyse eingeführt: Die Integration von Large Language Models (LLMs) wie ChatGPT, Claude und Gemini in diese Plattformen wurde vorangetrieben sowie die Nutzung von KI als eigenständige Ana‐ lyseinstrumente. ATLAS.ti bietet etwa ein „Intentional AI Coding“-Fea‐ ture an, das Codes auf spezifischen Forschungsfragen basierend anw‐ endet und dazu Kontextinformation erhält. MAXQDA hat ebenfalls ein „AI Assist-System“ integriert, das Codierungsvorschläge macht, aber weiterhin intensive menschliche Validierung erfordert. Die neuen KI-gestützten inhaltsanalytischen Verfahren arbeiten auf mehreren Ebe‐ nen: KI als Transkriptions- und Strukturierungshilfe: Tools wie noScribe, Sonix oder Otter.ai konvertieren Audio in präzise Transkripte und Spre‐ cheridentifikationen, was die manuelle Textarbeit erheblich reduziert. KI als Codier-Maschine: Auf Basis expliziter Codedefinitionen können LLMs Textabschnitte automatisch zuordnen. Dies funktioniert zuverläs‐ 6.5 Die Analyse von Kontaktanzeigen 209 <?page no="210"?> sig bei deduktiven, konzeptgetriebenen Codes, erfordert aber präzise Code-Beschreibungen ohne mehrdeutige Beispiele. Als Best-Practice wird empfohlen: (1) Code-Definition an Teilmenge entwickeln, (2) auf Gesamtdatensatz anwenden, (3) visuell validieren, (4) Fehlklassifikatio‐ nen iterativ beheben. KI als Sparringpartner: Eine besonders methodisch reflektierte Form ist die hybride Interpretationsgruppe. Sie nutzt mehrere LLMs (z. B. ChatGPT, Claude, Gemini) als Diskussionspartner, während die for‐ schende Person moderiert. Die KI-Modelle werden mit gegensätzlichen Perspektiven konfrontiert, was zu differenzierteren Interpretationen führt. Entscheidend: Es werden keine Primärdaten (Namen, sensitive Inhalte) hochgeladen, sondern anonymisierte Textausschnitte und me‐ thodische Fragen gestellt. Eine zentrale Frage dabei ist, wie sich eine größere Anzahl an Interviews qualitativ auswerten lässt. KI-gestützte Verfahren bieten hier neue Möglichkeiten, haben aber auch ihre Grenzen. Computergestützte Rohstrukturierung: Moderne Ansätze kombi‐ nieren hier Automatisierung mit menschlicher Reflexion. Im ersten Schritt erfolgt die computergestützte Rohstrukturierung: Alle Inter‐ views werden transkribiert (KI-Tools), dann werden mit AI Coding vorab definierte, starke Codes auf den gesamten Datensatz angewendet. Dies reduziert die Textmenge um bis zu 50-70%, ohne dass Kontext verloren geht. Modellierung: Im zweiten Schritt modelliert die forschende Person eine Interpretation: Sie prüft stichprobenartig die KI-Codings, reflektiert zunächst an 5-10 Interviews manuell, entwickelt fallübergreifende Mus‐ ter und nutzt dann die LLM als Sparringpartner zur Validierung ihrer Deutungen. Dies ist zeiteffizienter als vollständig manuelle Kodierung, gewährleistet aber zugleich eine hinreichende methodische Kontrolle (vgl. zu möglichen Vorgehensweisen auch Fischer 2025: 10 ff.). Datenschutz und methodische Voraussetzungen: Kritisch ist dabei der Datenschutz. Cloud-basierte LLMs wie ChatGPT dürfen nicht mit unverschlüsselten Interviewtranskripten gefüttert werden, welche personenbezogene Daten enthalten. Stattdessen bieten sich zwei Vari‐ anten an: 210 6 Die Inhaltsanalyse <?page no="211"?> 1. Lokale oder forschungsspezifische Software (ATLAS.ti, MAXQDA, f4analyse) mit integrierten KI-Features nutzen, bei denen die Daten‐ hoheit erhalten bleibt. 2. Hybride Interpretationsgruppe mit öffentlich zugänglichen LLMs durchführen, bei denen nur generalisierte, nicht-identifizierende Textausschnitte und Analysefragen hochgeladen werden. Wichtig ist: Eine KI kann die menschliche Interpretation nicht ersetzen. Eine Test-Phase mit einer Teilmenge (ca. 10-% des Materials) ist ebenso obligatorisch, um Code-Definitionen zu präzisieren und KI-Fehlklassi‐ fikationen zu minimieren, sowie eine begleitende, fortlaufende intensive mensch-liche Validierung. 6.6 Schlussbemerkung Die Lernfragen zu diesem Kapitel finden Sie unter: https: / / narr/ kwaest.io/ s/ 1473 Inhaltsanalysen gibt es in vielen verschiedenen Formen und Verfahren. Sie sind einfach im Zugang und in der Regel auch in ihrer Durchführung. Auch ist ihre Fehleranfälligkeit gering bzw. sind sie einfach zu überprüfen, wenn der Zugang zum Material mehrfach möglich ist. Natürlich können die Inhalte immer wieder unterschiedlich interpretiert und verstanden werden - das liegt in der Natur der Sache. Wissenschaftliche Verfahren versuchen daher, die jeweiligen Schritte der Interpretation transparent und nachvollziehbar zu gestalten. Wie wir gesehen haben, empfiehlt es sich auch, je nach Erkenntnisinteresse und Fragestellung verschiedene Verfahren der Inhaltsanalyse zu kombinieren. Auch hier ergänzen sich wieder quantitative und qualitative Verfahren in ihrem Beitrag zur Beantwortung der Fragestel‐ lung. 6.6 Schlussbemerkung 211 <?page no="212"?> Fragen zur Vertiefung 5 1. Sie wollen herausfinden, ob sich verschiedene Alterskohorten im Sprachgebrauch sowie in der Verwendung von Zusatzzeichen (Smileys, Symbole) in den sozialen Medien unterscheiden. Sie wählen dazu What‐ sApp-Textnachrichten für eine Inhaltsanalyse aus. Wie gehen Sie dabei vor? 2. Welche Probleme treten bei einer quantitativen Inhaltsanalyse auf, die man bei einer qualitativen Inhaltsanalyse vermeiden kann? 3. Wie wählt man die Sequenzen für eine hermeneutische Sequenzanalyse aus? Übung für zuhause 6: Die Inhaltsanalyse Rufen Sie in der Zeitschrift „Die Zeit“, er sucht sie oder sie sucht ihn, Kon‐ taktanzeigen auf und wählen Sie entweder die ersten 10 Anzeigen, die im Internet wiedergegeben werden oder suchen Sie diese zufällig aus (Zeit On‐ line 2020: Kennenlernen): 1. Entwickeln Sie eine Fragestellung. Was interessiert Sie an diesen Kon‐ taktanzeigen? Welches soziologische Interesse besteht an ihrer Analyse? 2. Wählen Sie für ihre Analyse ein Verfahren aus. Weit verbreitet in der Soziologie ist die qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring. Quellen Allan, Arlene (2018): Hermes (Gods and heroes of the ancient world), London/ New York: Routledge. Bourdieu, Pierre (1982): Die feinen Unterschiede: Kritik der gesellschaftlichen Urteils‐ kraft,-Frankfurt am Main: Suhrkamp. Bourdieu, Pierre (1983): „Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Ka‐ pital“, in: Reinhard Kreckel (Hrsg.): Soziale Ungleichheiten-(Soziale Welt-2), Göttingen: Schwartz, S.-183-198. 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Motive und Ref lexion der Nutzung von Plattformen zur Partnerschaftsanbahnung: Sechs Fallstu dien, eine Studie der Hochschule der Medien Stuttgart (letzter Aufruf 30.11.2025). 220 6 Die Inhaltsanalyse <?page no="221"?> 7 Das Interview als qualitatives Erhebungsverfahren Das Interview gilt nach wie vor als Königsdisziplin der empirischen Sozi‐ alforschung und hat diesen Ruf zurecht. Viele Primärerhebungen nutzen Interviews und sie sind unerlässlich, um etwas über die Relevanzen, Sicht‐ weisen und Bedeutungszuweisungen von Akteuren in einem spezifischen Kontext in Erfahrung zu bringen. Zugleich knüpfen sie, insbesondere als qualitative Interviews, an etwas an, das wir alle sehr gut kennen: Gespräche führen. Es spricht also viel dafür, dieses im Alltag erprobte Instrument auch in der Wissenschaft zur Anwendung zu bringen. Wie dies gehen kann und worin sich wissenschaftliche Interviews von alltäglichen Gesprächen unterscheiden, darum geht es in diesem Kapitel. Wir beschäftigen uns hier insbesondere mit qualitativen Interviews als Erhebungsform und erörtern dann im nachfolgenden Kapitel 8, wie sich diese Interviews danach auswer‐ ten und analysieren lassen. Lernziel: Wir wollen in dieser Lerneinheit Einblicke geben, welche Bedeu‐ tung Interviews als Erhebungsform in der qualitativen Sozialforschung haben, wie sich qualitative und standardisierte Interviews unterscheiden und wie sie sich kombinieren lassen. 7.1 Einleitung Das Interview ist sicherlich neben der Inhaltsanalyse die am weitesten verbreitete Erhebungsmethode in den Sozialwissenschaften. Es eignet sich für sehr viele Sachverhalte und kann ganz unterschiedlich gestaltet zur Anwendung kommen: Von groß angelegten Surveys mit tausenden Be‐ fragten und standardisierten Erhebungsformen bis hin zu einigen wenigen qualitativen, offen geführten Interviews. Ebenso wie die Einsatzbreiten variieren auch die Durchführungsformen: Von Fragen, die im Wortlaut allen Befragten exakt gleich gestellt werden, bis hin zu Interviews, in denen nur die Eingangsfrage festgelegt wird, sog. „narrativen Interviews“. Gerade wenn man die Bedeutungszuweisungen von Akteuren, deren Sinngebungen und Handlungsorientierungen eines Systems maßgeblich konstituieren, nachvollziehen möchte, sind qualitative Interviews die Me‐ <?page no="222"?> thode der Wahl. In der Gegenwartsdiagnose öffnen sie der qualitativen Sozialforschung wichtige Türen und sie wäre ohne diese Zugänge kaum vorstellbar. Wenn wir uns z. B. mit Fragen beschäftigten, was Jugendliche und junge Erwachsene zu extremen Bewegungen hinführt, gibt es wenig andere Möglichkeiten, als Interviews bzw. Befragungen durchzuführen. Auch bei Fragen, wie z. B., was hinter jugendlicher Gewalt steckt oder wie Konflikte in Schulen, Universitäten oder Unternehmen entstehen, blieben die Antworten darauf ohne Interviews oft eher blass und unzureichend. Grund genug also, ihnen dieses Kapitel zu widmen. Was verstehen wir in den Sozialwissenschaften unter Interviews? Das Wort Interview kommt vom französischen „entrevoir“ und spricht in der Ursprungsbedeutung einfach eine Begegnung, eine verabredete Zu‐ sammenkunft an. Ein Interview ist vor diesem Hintergrund eine Gesprächssituation, welche von den Beteiligten gezielt hergestellt wird, damit eine Seite Fragen stellen kann, die von der anderen Seite beantwortet werden sollen (vgl. Lamnek 2010). Wie lassen sich qualitative von standardisierten Interviews unterscheiden? Dabei gibt es sehr viele verschiedene Varianten von Interviews, welche zum Teil auch in diesem Kapitel behandeln werden. Doch zunächst wollen wir wieder fragen, was die Besonderheiten von qualitativen Interviews sind und wie sie sich von standardisierten Befragungen unterscheiden lassen. Wir ziehen dazu neben allgemeinen Unterscheidungskriterien insbesondere auch Kategorien heran, die sich auf die Gesprächsführung beziehen. (1) Bezogen auf die Gestaltung der Interviewfragen sind bei qualitativen Interviews eher geringe Standardisierungsformen vorherrschend. Es ist lediglich ein thematischer Rahmen vorgegeben und die Fragen werden offen und flexibel dem Gesprächsverlauf folgend gestellt. Bei einem standardisierten oder vollständig strukturierten Interview hingegen sind Wortlaut und Abfolge der Fragen eindeutig vorgegeben und für jede*n Interviewer*in verbindlich. (2) Die Gesprächsführung ist bei qualitativen Interviews also oft nicht festgelegt, d. h., es bleibt der Fähigkeit des*der Interviewer*in über‐ lassen, ein Gespräch in Gang zu bringen und es in Gang zu halten. Die Äußerungen der Befragten werden mitprotokolliert oder ‒ das Einverständnis der Befragten vorausgesetzt ‒aufgezeichnet (vgl. Bortz 222 7 Das Interview als qualitatives Erhebungsverfahren <?page no="223"?> & Döring 2010: 238). Das standardisierte Interview verlangt hingegen präzise formulierte Fragen, die von den Befragten möglichst kurz zu beantworten sind. Aufgrund der vorgegebenen Antworten in ge‐ schlossenen Fragen, bei denen die Interviewer*innen nur die von den Befragten genannten Alternativen anzukreuzen brauchen, kann das wörtliche Mitprotokollieren teilweise entfallen (vgl. Bortz & Döring 2010: 238). qualitativ quantitativ (1) geringe Standardisierung hohe Standardisierung (2) offene Gesprächsführung geschlossene Gesprächsführung oder schriftlich/ online (3) direkter Kontakt unter Anwesenheit oft indirekter oder vermittelter Kon‐ takt (telefonisch/ online) (4) weicher oder neutraler Führungsstil neutraler Führungsstil oder schrift‐ lich/ online (5) ein*e bis höchstens zwei Intervie‐ wer*innen einzeln durchgeführte Interviews mit insgesamt größerer Zahl an Intervie‐ wer*innen oder schriftlich/ online (6) geringe Zahl an Befragten hohe Zahl an Befragten (7) explorativ und theoriegenerierend hypothesenprüfend aufgebaut Tabelle 11: Qualitative und standardisierte Befragungen Quelle: Orientiert an Lamnek 2010: 303 7.1 Einleitung 223 <?page no="224"?> 16 Anders als bei persönlichen Interviews, bei denen der*die Befragte ggf. eine fremde Person in die Wohnung lassen muss, wird das telefonische Interview als anonymer und persönlich weniger bedrängend erlebt (vgl. Bortz & Döring 2010: 239). Für bestimmte Fragestellungen, insbesondere bei sensitiven Fragen, ist dies unerlässlich. So sind frühere Befragungen zum Umgang mit Aids beispielsweise mit besseren Ergebnissen als Telefonbefragungen oder, alternativ dazu, mit einem schriftlichen Teil für „sensitive Fragen“ durchgeführt worden. Durch die Anonymität geschützt und nicht von Angesicht zu Angesicht, werden oft offenere Hinweise zu riskantem Sexualverhalten gegeben (vgl. z. B. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 1991). Sensitive Fragen werden von Tourangeau und Yan (2007: 860) als solche definiert, deren wahrheitsgemäße Beantwortung eine sozial unerwünschte Antwort verlangt und bei denen Befragte in diesem Zusammenhang gebeten werden, die Verletzung einer sozialen Norm zuzugeben (vgl. dazu Krug et al. 2014). (3) Wichtig ist für das qualitative Interview, dass der Kontakt direkt ist, also das Gespräch unter Anwesenheit der Gesprächspartner*innen stattfindet. Es kann zwar auch telefonisch oder online durchgeführt werden, aber physische Anwesenheit ist oft vorteilhaft für die Herstel‐ lung einer möglichst „natürlichen“, ungestörten Interaktionssituation. Viele teilstandardisierte oder standardisierte Interviews werden hinge‐ gen telefonisch oder als Online-Befragungen durchgeführt. Dies kann allerdings für bestimmte sensitive Themen auch Vorteile haben, weil dadurch Anonymität und Distanz gewahrt werden können. 16 Telefon‐ interviews sind ansonsten nur für Gegenstandsbereiche geeignet, die sich in einem relativ kurzen Gespräch erkunden lassen. Das gesamte In‐ terview (einschließlich Begrüßung, Vorstellung, Verabschiedung etc.) sollte in der Regel nicht mehr als 20 Minuten und die Erfragung der eigentlich interessierenden Inhalte nicht mehr als 10 Minuten erfordern (Bortz & Döring 2010: 242). Häufig werden heute auch Telefon- und Onlinebefragungen kombiniert, um online z. B. Zugang zu bestimmten Skalen mit vielen Items zu ermöglichen, welche die Befragten dann mitlesen können. (4) In der Art der Gesprächsführung unterscheidet man weiche, neutrale und harte Arten im Umgang mit den Interviewten. Das weiche Inter‐ view hat seinen Ursprung aus den Prinzipien der Gesprächspsycho‐ therapie (vgl. z. B. Rogers 1942), die eine betont einfühlsame, entge‐ genkommende und emotional beteiligte Gesprächsführung nahelegen. Man hofft, den Befragten auf diese Art ihre Hemmungen zu nehmen und sie zu einem „natürlichen“ Antwortverhalten anzuregen. Die harte Interviewform kommt hingegen in den Sozialwissenschaften selten zur 224 7 Das Interview als qualitatives Erhebungsverfahren <?page no="225"?> 17 Insbesondere wenn Interviews zum ersten Mal durchgeführt werden oder noch nicht viele Interviews geführt wurden, ist die Aufregung bei den Interviewer*innen nicht selten groß. Auch deswegen spricht vieles dafür, eine zweite Person mitzunehmen, die sich ganz auf das Gesagte konzentrieren kann. 18 Wenn standardisierte Befragungen unter Anwesenheit oder telefonisch durchgeführt werden, kommen in der Regel viele verschiedene Interviewer*innen zum Einsatz, um eine höhere Fallzahl zu gewährleisten, aber sie führen die Interviews nicht selten nur allein durch. Diese Interviewer*innen müssen ein ausführliches Interviewertraining durchlaufen, damit die hergestellte Befragungssituation nicht zu sehr variiert und gesichert ist, dass die Fragen in ähnlicher oder gleicher Weise gestellt sowie Intervie‐ wereffekte möglichst vermieden werden können. Anwendung, während sie im Journalismus häufiger praktiziert wird. Sie würde die Dominanz des*der Interviewer*in in den Vordergrund stellen, um festgefahrene Antwortmechanismen außer Kraft zu setzen. Zwischen diesen beiden extremen Interviewarten ist die neutrale Art der Gesprächsführung einzuordnen. Bei dieser wird die informati‐ onssuchende Funktion des Interviews betont und unter Verweis auf das allgemeine wissenschaftliche Anliegen der Untersuchung um die Mit-arbeit des*der Befragten gebeten. Wenn standardisierte Befra-gun‐ gen unter Anwesenheit oder am Telefon durchgeführt werden, ist dies der am häufigsten gewählte Führungsstil der Interviewer*innen. (5) Solange man Interviewereffekte (siehe dazu 7.6 Das Problem der Antworttendenzen/ -verfälschungen) vermeiden kann, ist es in quali‐ tativen Interviews empfehlenswert, dieses zu zweit durchzuführen. Für ein Interviewer*innen-Tandem spricht, dass qualitative Interviews wenn möglich aufgenommen oder, falls nicht möglich, ausführlich protokolliert werden. Bei einem Interviewer*innen-Tandem kann sich eine Person um die Technik, das Protokoll (welches immer auch bei aufgenommenen Gesprächen angefertigt wird) und die Nachfragen kümmern, während die andere Person das Gespräch führt. 17 Mehr als zwei Interviewer*innen können allerdings die Herstellung einer ver‐ trauten Gesprächsatmosphäre bereits empfindlich stören. Für standar‐ disierte Befragungen reicht zumeist ein*e einzelne*r Interviewer*in. 18 (6) Insgesamt zielt man bei qualitativen Befragungen auch ein kleineres N als bei standardisierten Befragungen an - schon allein deshalb, weil die Auswertung ungleich aufwendiger ist als bei standardisierten Befragungen. Bei der Anzahl der Befragten in der konkreten Interview‐ situation ist in der Regel zu beachten, dass für qualitative Interviews Interaktionssituationen hergestellt werden sollten, in denen ein*e ein‐ 7.1 Einleitung 225 <?page no="226"?> 19 Manchmal lässt es sich zwar nicht verhindern, dass mehrere Personen zugegen sind. Aber in der Regel ist dies Teil der Vorbereitung eines Interviews, dass man dafür Sorge trägt und erklärt, warum man allein mit dem*der Befragten sprechen möchte. zelne*r Befragte*r ungestört interviewt werden kann. Ungestört bedeu‐ tet, dass man Sorge dafür trägt, dass entsprechende Räumlichkeiten zur Verfügung stehen und ebenso, dass man allein mit dem*der Befragten sprechen kann. Das Gespräch und auch das, was erzählt wird, ändert sich sofort, sobald andere Mitglieder einer Familie, einer Gruppe, eines Unternehmens zugegen sind. 19 Nur in Gruppendiskussionen zielt man den Effekt an, das kollektive geteilte Wissen oder Differenzen zwischen Personengruppen zu erheben. Auch bei standardisierten Befragungen ist zu beachten, dass - falls sie unter Anwesenheit durchgeführt werden - andere Anwesende die Befragungssituation verändern oder diese stören können. (7) Die offene Anlage des qualitativen Interviews als Erhebungsform entspricht der Absicht, dieses für die Exploration eines Feldes sowie in der Grounded Theory zur Theorie- und Hypothesenentwicklung einzusetzen. Aber qualitative Interviews können auch in einer Metho‐ denkombination zur Hypothesenüberprüfung eingesetzt werden. In der standardisierten Form ist dies aber ihr Hauptzweck. Ziel ist es, entlang der gewählten Theorie Hypothesen zu formulieren, Dimen‐ sionen und Indikatoren zu entwickeln, welche dann z. B. mittels Skalen operationalisiert werden. So sollen möglichst repräsentative Daten generiert werden, die dann statistischen Auswertungsverfahren unterzogen werden. Wir sehen hier also bereits einige zentrale Unterschiede zwischen standar‐ disierten und qualitativen Befragungen. Qualitative Befragungen legen in der Regel weder die genaue Formulierung der Frage fest noch operieren sie üblicherweise mit Antwortvorgaben. Je nach Art des Interviews sind z. B. außer der Eingangsfrage gar keine weiteren Fragen von vorneherein festgelegt, sondern sie ergeben sich aus der Erzählung der Befragten (narra‐ tives Interview). Aber auch wenn man mit einem Leitfaden vorgeht, welcher die anzusprechenden Themen festlegt (problemzentriertes Interview), kann dieser im Laufe der Interviewserie induktiv je nach Erkenntnisfortschritt wieder verändert werden. 226 7 Das Interview als qualitatives Erhebungsverfahren <?page no="227"?> Bildquelle: Wikipedia.org Nicht das Setzen immer gleicher Stimuli ist bei qualitativen Inter‐ views entscheidend, sondern der Zugang zur Sinngebung der Befrag‐ ten als Element des interessierenden Phänomens. Wenn wir beispielsweise etwas über Machtprozesse in einer Gemeinde wissen wollen, also wie z. B. Grundstücke oder Immobilien unter der Hand in der Gemeinde verteilt werden, dann können ganz verschiedene Gesprächs‐ anlässe, wie z. B. die Karne-valsfeier im letzten Jahr oder das Ausscheiden einer Person aus der Gemeinde, zu Erzählungen führen, welche - ohne dass dies die Befragten zu Anfang wollen - die hintergründigen Relevanzsysteme der Akteure bei der Verteilung der Immobilien erkennen lassen. Maßgebend ist nicht der Fragebogen, sondern das Erkenntnisinteresse sowie die sukzes‐ sive Erschließung und Erkundung des Feldes. Wenn andere Fragen einen besseren Zugang zu den Relevanzstrukturen der Befragten ermöglichen, dann können diese genommen werden. Wenn man sich für diese interessiert, rücken auch die lebensweltlichen Selbstverständlichkeiten und der kollektive Wissensvorrat in den Blick, welche für bestimmte Ausprägungen von Relevanzstrukturen und Bedeu‐ tungszuweisungen sorgen. Das Feld für eine solche Herangehensweise hat daher insbesondere auch die Wissenssoziologie bereitet - ein theoretischer Ansatz, den wir uns im Folgenden genauer ansehen wollen. 7.2 Die Wissenssoziologie Peter L. Berger und Thomas Luckmann ha‐ ben bereits in den sechziger Jahren des vergan‐ genen Jahrhunderts ein grundlegendes Werk für die Soziologie geschaffen: „Die gesellschaft‐ liche Konstruktion der Wirklichkeit“. In diesem Werk nahmen sie zentrale Gedanken von Alfred Schütz auf und schufen, zusammen mit den Arbeiten von Schütz, die Wissenssoziologie. In ihr steht nicht nur das Alltagswissen im Vorder‐ grund, sondern auch die Vorstellung, dass die darauf gründenden institutionellen Ordnungen der Gesellschaft von uns selbst geschaffen sind und uns gleichzeitig objektiviert als vermeintlich 7.2 Die Wissenssoziologie 227 <?page no="228"?> Bildquelle: Wikipedia.org fremde Ordnungen wieder entgegentreten. Dieser bereits früh bei Karl Marx (1953: 225 ff., 1959: 9; Marx & Engels 1846: 9) und Emile Durkheim (1895: 99 f.) ausgearbeitete Gedanke, dass der Mensch die Verhältnisse oder sozialen Tatsachen selbst schafft, die ihm dann als fremde Zwänge gegenübertreten, wurde bei Schütz und Berger und Luckmann nochmals genauer in den Blick genommen. Letztere studierten und arbeiteten teilweise an der New School of Social Research, an der auch Alfred Schütz 1956 ein “full professorship” antrat. In diesem breiteren Bezugsrahmen zur klas‐ sischen soziologischen Literatur formulieren Schütz (1971/ 82, 1979/ 94) und Berger und Luckmann (1969) die zentralen Ideen für die Wissenssoziologie aus. Für Schütz ist die Le‐ benswelt der für selbstverständlich gehaltene „gesunde Menschenverstand“ in der sozialen Welt. Im Laufe ihres täglichen Lebens produ‐ zieren Individuen typisierende Konstrukte der Handlungen ihrer Mitmenschen, welche, ob‐ wohl sie häufig fehlerhaft oder kurzsichtig sind, die Grundlage für ihr weiteres Handeln schaffen. Sie sind auch die einzig legitime Grundlage, auf der Sozialwissenschaftler zu einer „sinnadäquaten“ Erklärung des sozialen Handelns (Max Weber) gelangen können (vgl. Weber 1972: 5). Gewohnheitsmäßige Handlungen werden Berger und Luckmann zu‐ folge als Routinen in den allgemeinen Wissensbestand der Gesellschaft eingebettet, als selbstverständlich verinnerlicht und für zukünftige Handlungsprobleme bereitgehalten. Durch Gewohnheitsbildung wird also der Wissensbestand einer bestimm‐ ten Gesellschaft geschaffen und reproduziert (vgl. Legewie 1998/ 99; Weiß 2014). Dabei werden Routinen und Regeln für die Interpretation (Muster, Schemata) und Handlungen (Skripte) bereitgestellt. Sie bilden den gesell‐ schaftlichen Wissensbestand. Dieser gesellschaftliche Wissensbestand wird durch Kommunikation und Interaktion, also mittels mündlicher und schrift‐ licher Symbole externalisiert. Das heißt, er wird von der Sphäre unserer Individualerfahrung in jene des gesellschaftlichen, intersubjektiv für uns alle „verfügbaren“ lebensweltlichen Wissensvorrats transformiert. Durch diesen Prozess kommt es zur „Objektivierung“. Es wird objektiv verständlich und 228 7 Das Interview als qualitatives Erhebungsverfahren <?page no="229"?> nachvollziehbar, dass wir Dinge genau so und nicht anders machen. Dieses Wissen wird dann wiederum fortwährend von Individuen angeeignet und verinnerlicht. Dadurch wird die selbst geschaffene institutionelle Ordnung als „natürliche Umwelt“ über viele Generationen hinweg als selbstverständ‐ lich vorausgesetzt, ohne dass deren Herkunft noch hinterfragt wird oder nachvollzogen werden kann. Diese Lebenswelt ist aber auch „Wirkwelt“ - eine Welt, die von unse‐ rem Handeln beeinflusst wird (Schütz 1979/ 94). Sie besteht aus kollektiv anerkannten Ideen, Praktiken und Skripten, die von den Akteuren im Umgang mit der Notwendigkeit des Handelns umgesetzt werden. Durch jede Aneignung werden die kulturell vererbten Ideen, Praktiken und Skripte aber nicht nur reproduziert, sondern auch geändert, wenn eine erhebliche Anzahl von Akteuren in einer Kultur eine Transformation der verwendeten Wissensbestände bewirkt. Ziehen wir wieder kurz ein Beispiel heran, dass uns helfen soll, diese wissenssoziologische Herangehensweise besser zu verstehen. Nehmen wir an, wir sind ungebunden und lernen an der Universität jemanden kennen. Man ist sich sympathisch, verliebt sich. Was sind jetzt die nächsten Schritte? Wir sind in dieser Situation mit einem objektiven Handlungsproblem auf kulturelle Habitualisierungen verwiesen, welche den gesellschaftlichen Wissensvorrat bilden. Wie oft treffen wir uns und wo? Wann gehen wir zum Küssen über, wann zu mehr und falls die Beziehung dann länger dauert: Ziehen wir ggf. irgendwann zusammen? Auch wenn es für uns so scheint, als sei der Umgang damit vollkommen individuell und gründe sich auf eigene Vorlieben und Entscheidungen, wie die Verliebtheit auch, gibt es in jeder Kultur einen gesellschaftlichen Wissensvorrat, wie mit diesem objektiven Handlungsproblem umgegangen wird. Dieser muss gar nicht reflexiv verfügbar sein. Aber vielleicht hat man - abseits der flüchtigen sexuellen Begegnungen - im Falle von Verliebtheit ein komisches Gefühl, wenn man beim ersten „Date“ gleich im Bett landet. Man redet mit Freunden und Vertrauten darüber und stellt fest, dass es nicht nur gesellschaftliche Gewohnheiten im Umgang mit diesem Handlungsproblem gibt, sondern dass diese auch objektiviert sind, also dass man verschiedene Ratschläge bekommt, was zu tun ist. Es gibt also einen kollektiven Wissensvorrat, auf den man - im Alltag oft gänzlich unreflektiert - zurückgreift, weil man beim Aufwachsen in der Kultur bereits einige Regeln kennengelernt und unwissentlich 7.2 Die Wissenssoziologie 229 <?page no="230"?> verinnerlicht hat. Diese kollektiven Deutungsmuster, die sich im Zeitverlauf verändern, strukturieren die Erwartungen, was wann passieren sollte, vor. Dies ist nicht deterministisch gedacht, kann also von jedem Einzelnen und jedem Paar ganz anders gedacht und gehandhabt werden, schafft aber dennoch eine kulturelle, gesell‐ schaftliche Regelmäßigkeit, in der solche Erwartungen zum Tragen kommen. Ein berühmt gewordenes Beispiel wird von Paul Watzlawick in seinem Buch „Anleitung zum Unglücklichsein“ (1969) geschildert. Es dient nur zur Illustration und wird hier nicht auf seine wissenschaftliche Fundierung hinterfragt. Dieses Beispiel beschäftigt sich mit der Erklärung, warum es zwischen britischen und amerikanischen Männern und Frauen während und nach der Zeit des zweiten Weltkrieges zu vergleichsweise wenig Ehen und Kindern kam. Watzlawick schreibt: „Während z. B. das Küssen in Amerika relativ früh kommt, tritt es im typi‐ schen Paarungsverhalten der Engländer relativ spät auf. Praktisch bedeutete dies, dass eine Engländerin, die von ihrem amerikanischen Soldaten geküsst wurde, sich nicht nur um einen Großteil des für sie intuitiv ‚richtigen‘ Paarungsverhaltens betrogen fühlte, sondern zu entscheiden hatte, ob sie die Beziehung an diesem Punkt abbrechen oder sich dem Partner sexuell hingeben sollte. Entschied sie sich für die letztere Alternative, so fand sich der Amerikaner einem Verhalten gegenüber, das für ihn durchaus nicht in dieses Frühstadium der Beziehung passte und nur als schamlos zu bezeich‐ nen war. Die Lösung eines solchen Beziehungskonflikts durch die beiden Partner selbst ist natürlich deswegen praktisch unmöglich, weil derartige kulturbedingte Verhaltensformen und -abläufe meist völlig außerbewusst sind“ (Watzlawick 1969: 20). Wenn wir dieses Beispiel soziologisch deuten, dann können wir sehen, dass sich beide - die Engländerin und der Amerikaner - an einem selbst‐ verständlich gewordenen kollektiven Wissensvorrat orientieren, welcher sowohl eine spezifische Taktung des Flirtverhaltens, ein Ablaufschema so‐ wie eine Deutung der Abweichungen davon bereithält. Dieses ist nirgendwo niedergeschrieben und den meisten Akteuren auch nicht bewusst, sondern gehört zum lebensweltlichen Selbstverständnis. Man redet vielleicht ab und an mit Freund*innen darüber, findet Argumente für Abweichungen und hört, wie sie ankommen. So verfestigen sich Handlungsschemata und werden zu einem intersubjektiven Gerüst des Flirtverhaltens in einer 230 7 Das Interview als qualitatives Erhebungsverfahren <?page no="231"?> bestimmten Kultur. Daran binden sich Erwartungen, die regelmäßig aktu‐ alisiert werden und auf diese Art bildet sich ein Set an ungeschrieben Regeln, kognitiven, normativen und evaluativen Mustern aus, welche uns als Institutionen wiederum objektiviert entgegentreten. Wir merken dies daran, dass wir abweichendes Verhalten erklären sollen oder sogar durch negative Zuschreibungen von anderen in die Enge getrieben werden. Wichtig ist für uns an diesem Beispiel der Bezug auf die lebensweltlich selbstverständlichen Wissensvorräte, welche zur Geltung kommen und welche u. a. auch in Interviews erschlossen werden sollen. Bevor wir uns im Folgenden der Gestaltung und Durchführung von Interviews ausführlicher zuwenden wollen, möchten wir noch ein paar Hinweise darauf geben, was vor der Durchführung von Interviews zu beachten ist. 7.3 Die Vorbereitung qualitativer Interviews Bevor wir an die Gestaltung und Durchführung von Interviews denken, müssen wir natürlich unser Erkenntnisinteresse festgelegt haben. Nehmen wir an, wir interessieren uns dafür, wie stark die Unterstützung bei jungen Erwachsenen (18-29-Jährigen) für den Rechtspopulismus bzw. rechtspopu‐ listische/ rechtsextreme Bewegungen und Parteien ist. Wir halten das für relevant, weil wir die Annahme haben, dass der Rechtspopulismus bereits früh in der politischen Sozialisation greift und der an den Rechtspopulis‐ mus anknüpfende Rechtsextremismus zu einem bedeutenden Anteil von gewaltbereiten Jugendlichen und jungen Erwachsenen getragen wird. Wir teilen also auch die Annahme, dass der Rechtspopulismus zum einen von rechtsradikalen Bewegungen unterfüttert und zum anderen oft Wegbereiter für den Übergang zum Rechtsradikalismus ist (vgl. Proester 2010, siehe dazu noch Häusler 2008; Grumke 2012; Decker et al. 2015; Decker 2017; Milbradt et al. 2017; Quent 2019). Wenn wir uns über die Fragestellung klar geworden sind, müssen wir uns über die Untersuchungsform, die Auswahlmethoden, die Erhebungsmetho‐ den und die Analyseverfahren Gedanken machen. Nehmen wir, bezogen auf den Aspekt der Erhebungsmethoden, weiter an, dass wir bei unseren Erhebungen qualitative Interviews einsetzen wollen. Dies erscheint uns als eine geeignete Methode, weil wir etwas über die Prozesse, welche zum Rechtspopulismus führen, und über die Perspektiven derer, die ihn unterstützen, erfahren wollen. Bevor wir dann weiter überlegen, welche 7.3 Die Vorbereitung qualitativer Interviews 231 <?page no="232"?> Art von qualitativem Interview wir führen wollen, möchten wir hier noch darauf eingehen, welche Schritte wir zur Vorbereitung der Interviews und ihrer Durchführung gehen müssen. Wir wollen hier noch einige Hinweise dazu geben, was wir im For‐ schungsprozess bedenken und vorbereiten müssen, bevor wir Interviews durchführen können. Diese Vorbereitungsmaßnahmen werden selten the‐ matisiert, sind aber außerordentlich wichtig, um die Erhebungsphase erfolg‐ reich gestalten zu können. 1. Um einen ausgewählten Personenkreis anzusprechen, sollten wir eine Kurzdarstellung zu unseren Forschungsabsichten zur Verfügung stellen oder diese ggf. telefonisch oder mündlich vermitteln. Diese sollte allge‐ mein gehalten sein und keine detaillierte Vorbereitung auf das Interview zulassen. Wir zielen auf Stegreiferzählungen ab, nicht auf vorbereitete Auskünfte oder Argumentationen. 2. Auch der Datenschutz bzw. die Datenschutzerklärung muss im Vorfeld eines Interviews ggf. geklärt werden. 3. Bei der Terminvereinbarung muss darauf geachtet werden - und auch dies kann in der Vorbereitung geklärt werden -, dass der zur Verfügung stehende Zeitraum möglichst großzügig bemessen wird (mindestens eine Stunde) und dass die Räumlichkeiten eine vertrauliche und unge‐ störte Gesprächsatmosphäre zulassen. Gewünscht ist, dass die Befra‐ gung mit dem*der Interviewpartner*in allein durchgeführt wird und dass der Raum dafür geeignet ist, das Gespräch aufzunehmen. Dies kann nicht immer arrangiert werden, ist aber ein wichtiger Punkt der Vorklärung. 4. Die Interviewpartner*innen bekommen eine Information darüber, wer das Interview führt, indem die Personen kurz vorgestellt werden. Dies kann telefonisch oder via E-Mail geschehen. 5. Vor den ersten Interviews findet eine Interviewer*innenschulung statt. Der Fragebogen wird eintrainiert, die Anfangserklärung sowie aktives Zuhören werden eingeübt. 232 7 Das Interview als qualitatives Erhebungsverfahren <?page no="233"?> Toolbox 13: Die Interviewer*innenschulung für die qualitative Sozialforschung Für die Interviewer*innenschulung in der qualitativen Sozialforschung stehen viele Übungen zur Verfügung. Empfehlenswert sind zunächst Übungen, welche sich auf die Förderung des aktiven Zuhörens bezie‐ hen. Denn das aktive Zuhören ist eine Schlüsselkompetenz in einem qualitativen Interview. (a) Wir können zum Beispiel mit einem einfachen Rollenspiel begin‐ nen. Drei Rollen werden vergeben, alle anderen Teilnehmenden der Veranstaltung sind Beobachtende. Die Personen werden über ihre Rollen jeweils unter Ausschluss aller anderen instruiert. Eine Person erzählt fünf Minuten ein Erlebnis, welches sie in letzter Zeit bewegt hat. Eine weitere Person übernimmt als erstes die Rolle eines*r gleichgültigen Zuhörenden (negative Zuhörerrolle). Als zweites erzählt die Person ihr Erlebnis nochmals (oder ein anderes, falls gewünscht) und eine dritte Person nimmt jetzt die Rolle eines*r aktiven Zuhörenden (positive Zuhörerrolle) ein. In der negativen Rolle wird kein Bezug zum Gesagten genommen, der*die Zuhörende geht anderen Interessen nach, hält keinen Blickkontakt und vermeidet Nicken und aktive Kopfbewegungen. In der positiven Rolle wird der Blickkontakt gehalten, der Körper ist zugewandt, durch stetes Nicken wird Interesse signalisiert. Da‐ nach wird der*die Erzählende gefragt, ob er*sie einen Unterschied gemerkt hat und auch die Beobachtenden, welche ebenfalls nicht instruiert sind, werden gebeten zu sagen, was ihnen aufgefallen ist. (b) In einem zweiten Rollenspiel tun sich alle Seminarteilnehmer*in‐ nen in Dreiergruppen zusammen. Es gibt in diesen Gruppen immer drei Rollen, welche im 10-Minutentakt wechseln. Jede*r ist einmal Erzählende*r, einmal Zuhörende*r und einmal Beobach‐ tende*r. Bevor es losgeht, suchen sich die Seminarteilnehmer*in‐ nen ein allgemeines, aber kontroverses Thema aus. Dies kann aus unterschiedlichen Bereichen stammen, also z. B., ob alle vegan essen sollten oder ob es eine Frauenquote bei den Profes‐ sor*innen geben sollte oder ob der Datenschutz zur Bekämpfung einer Pandemie eingeschränkt werden darf. Die Themen sind 7.3 Die Vorbereitung qualitativer Interviews 233 <?page no="234"?> dabei nicht wichtig, sondern nur, dass sie kontroverse und kom‐ plexe Stellungnahmen provozieren. Der*die Erzählende legt dann seine*ihre Argumente in fünf Minuten dar und der*die Zuhörende muss zum einen aktiv zuhören und zum anderen versuchen, die Argumente des*der Erzählenden ohne Notizen in zwei Minuten wiederzugeben. Der*die Beobachtende teilt dann mit, was ihm*ihr in Bezug auf Mimik und Gestik beim aktiven Zuhören aufgefallen ist und wie angemessen die Wiedergabe der Argumente war. Nach 10 Minuten werden dann die Rollen gewechselt, sodass jeder einmal jede Rolle eingenommen hat. Nach 30 Minuten werden dann die Erfahrungen gemeinsam reflektiert. Die nachfolgenden Übungen beziehen sich dann auf die Warm‐ ing-up-Phase sowie die Erklärung der Forschungsabsichten etc. (c) Alle Teilnehmer*innen der Interviewerschulung werden gebeten, selbstständig ein Eingangsstatement zu verfassen. Diese werden dann vorgestellt, sodass alle Teilnehmer*innen eine erste Übung darin hat. Die Eingangsstatements werden dann korrigiert und ergänzt, bis alle ein angemessenes Eingangsstatement vorliegen haben. In der zweiten Runde werden dann 2er-Gruppen gebildet und die Gruppen aufgefordert, wechselseitig das Eingangsstate‐ ment vorzutragen, sich dabei zu beobachten und dem*der anderen ein Feedback zu geben. (d) Bei problemzentrierten Interviews und Expert*innen-Interviews wer‐ den danach Teile des Frageleitfadens eingeübt. Dies findet in Dreier‐ gruppen statt; im Mittelpunkt steht jeweils der*die Interviewer*in. Dabei werden an die Befragten verschiedene Rollenbeschreibungen verteilt. Die Rollenbeschreibungen beziehen sich z. B. auf den Kommu‐ nikationsstil (einsilbig, präzise, korrekt, weitschweifig etc.), auf den so‐ zialen Status (Arbeiter*in, ungelernte*r Angestellte*r, Facharbeiter*in, Selbstständige*r, Direktor*in etc.) oder das Herkunftsland (Deutsch‐ land, Österreich, Schweiz, EU-Raum, arabisches Land, Ostasien etc.). Damit können sich die Interviewer*innen auf verschiedene Befragte einstellen. Die Teile des Frageleitfadens werden vorher eingeübt. Zu‐ gleich gibt es wieder Beobachterrollen, welche dem*der Interviewer*in Feedback geben. 234 7 Das Interview als qualitatives Erhebungsverfahren <?page no="235"?> 1. Wenn der Interviewtermin bevorsteht, muss die Technik vorbereitet und überprüft werden. Das Aufnahmegerät wird getestet und die In‐ terviewer*innen machen sich mit ihm vertraut. Zusätzliche Batterien oder Ladegeräte werden mitgeführt. Falls ein Mobiltelefon zum Einsatz kommt, ist auf ausreichende Akkuladung zu achten und ggf. ein Zusatz‐ gerät (z. B. eine Ladebank) einzupacken. Für Gespräche, welche z. B. auf Flughäfen, Bahnhöfen oder in Restaurants stattfinden müssen, braucht man in der Regel ein gutes Mikrophon, das Außengeräusche abschirmt. Auch darauf müssen wir achten. 2. Vor dem Interviewtermin findet ein kurzes Briefing statt, mit wem das Gespräch stattfindet, in welchem Kontext und in welchen Räumlich‐ keiten. Geklärt wird auch, welcher Dresscode verlangt ist. Dabei gilt, dass die Interviewten der Maßstab sind, wir aber immer in neutraler, angemessener Kleidung das Interview führen. Manchmal kann bei Interviews ein Anzug oder ein Kostüm verlangt sein, manchmal reichen Jeans und Hemd oder Bluse. Die Kleidung sollte immer so sein, dass Interviewereffekten möglichst vorgebeugt werden kann, d. h., dass die Befragten nicht bereits auf die Erscheinung der Interviewer*innen reagieren. 3. Wer Schwierigkeiten hat, Smalltalk zu halten, sollte sich im Vorfeld auch ein oder zwei Themen heraussuchen, um das erste Warming-up zu gestalten. Es fällt in verschiedenen Ländern und Kulturen ganz anders aus, aber erfüllt immer eine ähnliche Funktion: eine erste Beziehung zwischen Fremden herzustellen und die Anspannung in der neuen Situ‐ ation etwas zu zerstreuen. Es ist nur ein Anfang, aber ein wichtiger. Die Rede von etwas Unverfänglichem und Unbedeutendem ist ein Höflich‐ keitsritual, das ein erstes Kennenlernen ermöglicht. Wenn der Smalltalk gelingt, kann er die Tür etwas öffnen und einen Vertrauensvorschuss schaffen, der in die erste Phase des Gesprächs hineingenommen werden kann. 4. Wir beginnen dann das Gespräch, indem sich die Interviewer*innen kurz vorstellen und danach etwas Smalltalk pflegen. Nach spätestens fünf Minuten kommen wir zum Eingangsstatement. Wir beginnen zunächst mit einer Erklärung unseres Erkenntnisinteresses, der Ansiedelung der Studie, ihrer hundertprozentigen Wissenschaftlichkeit sowie dem Datenschutz. Danach holen wir uns die Erlaubnis ein, das Gespräch aufzeichnen zu dürfen und sagen nochmals etwas zur ausschließlich anonymisierten und maskierten Verwendung der Daten. Auch wenn 7.3 Die Vorbereitung qualitativer Interviews 235 <?page no="236"?> wir zuvor Informationen und eine Kurzdarstellung zugesandt haben, dürfen wir diese nicht als gelesen voraussetzen. Sehr oft werden solche Informationen bei ihrer Ankunft kurz überflogen und dann wieder vergessen. Toolbox 14: Das Eingangsstatement bei einem Interview Das Eingangsstatement bei einem Interview muss gut vorbereitet sein und flüssig beherrscht werden. Es sollte nicht vorgelesen werden, weil es bei einem qualitativen Interview auf die Herstellung und Aufrechterhaltung einer Gesprächsatmosphäre ankommt. Es enthält mindestens folgende Bestandteile: (a) kurze Vorstellung der Interviewer*innen (Name, Funktion, Posi‐ tion, Kontext) (b) Vorstellung des Grundes für das Interview (Erkenntnisinteresse, Fragestellung allgemein) (c) kurze Vorstellung, wie das Gespräch geführt wird (d) Einholen des Einverständnisses für die Aufzeichnung (e) Erklärung zum Datenschutz mit einer zu unterzeichnenden Ein‐ willigungserklärung (am besten vor dem Interviewtermin erledi‐ gen) (f) Erklärung zum Umgang mit den Ergebnissen Eine solche Erklärung wird individuell angepasst, könnte aber wie folgt aussehen: Erklärung Wir sind eine Studierendengruppe an der Universität Pell‐ worm, Fachbereich Sozialwissenschaften. Das ist Herr Rudolph und mein Name ist Frau Naoko. Wir studieren beide im Masterstudiengang Soziologie (a). Wir interessieren uns im Rahmen einer wissenschaftli‐ chen Studie (ggf. genauere Angaben dazu) für Wege, die heutzutage zu einer Orientierung an einer Partei oder zu einem Engagement in einer Partei führen (b). Wir führen dazu ein ganz offenes Gespräch, welches zum Abschluss einige wenige Fragen mit Antwortvorgaben hat (c). Wenn Sie einverstanden sind, würden wir das Gespräch gerne aufzeichnen (d). Das Gespräch dient rein wissenschaftlichen Erkenntnisinteressen. Die Auswertung erfolgt vollständig anonymi‐ siert, sodass keine Personendaten rückverfolgt werden können. Wir unterliegen dabei strengen datenschutzrechtlichen Richtlinien. Wir 236 7 Das Interview als qualitatives Erhebungsverfahren <?page no="237"?> brauchen dazu eine Einwilligungserklärung von Ihnen und würden uns freuen, wenn Sie diese unterzeichnen könnten. Das dient zu Ihrer und unserer Absicherung (e). Wenn wir die Studie beendet haben, können wir Ihnen gerne, falls gewünscht, ein kostenloses Exemplar der Studie zukommen lassen (f). Wenn die Eingangserklärung abgegeben wurde, kann das eigentliche Inter‐ view beginnen. Wir wissen jedoch bisher nur, dass wir ein qualitatives Interview führen wollen, aber noch nicht genau, für welche Art von Inter‐ view wir uns entscheiden sollen und wie diese gestaltet werden. Diese Frage soll das folgende Kapitel behandeln. 7.4 Die Durchführung von qualitativen Interviews: Drei Arten von Interviews Wir wissen also noch nicht genau, welche Art von Fragen wir stellen und auf welche Textsorten wir mit unserer Befragung zielen wollen. Um die Gestaltung des Interviews zu vereinfachen, wollen wir im Folgenden einige grundlegende Informationen zu den Voraussetzungen qualitativer Befragungen sowie zu den drei am häufigsten eingesetzten Interviewarten in der qualitativen Sozialforschung darlegen. Um uns für eine Interviewart entscheiden zu können, müssen wir über‐ legen, welche Aussagen wir generieren wollen. Welche Textsorten wollen wir am ehesten nach Abschluss der Interviews vorliegen haben? Wollen wir eher Erzählungen generieren, Beschreibungen oder Argumentationen - oder alles auf einmal? Und welche Art von Fragen müssen wir stellen, um dies zu erreichen? Wir können auf Argumentationen zielende Fragen stellen. Wir können aber auch auf Beschreibungen zielen oder versuchen, Erzäh‐ lungen zu generieren. Je nach Erkenntnisinteresse werden auf verschiedene Textformen zielende Fragen kombiniert oder ist das Interview beispielsweise ausschließlich auf Erzählungen ausgerichtet. 7.4 Die Durchführung von qualitativen Interviews: Drei Arten von Interviews 237 <?page no="238"?> Information 18: Die verschiedenen Textsorten im qualitativen Interview Textsorten in Interviews Erläuterungen Erzählung Bericht über die Abfolge von tatsächlichen oder fikti‐ ven Ereignissen sowie Erlebnissen und Erfahrungen, welcher Anfang und Ende hat und in zeitlicher oder kausaler Reihenfolge erfolgt. Der Bericht ist nah an den Erlebnissen selbst gehalten. Beschreibung Aussagen werden zu einer stark verdichteten Erzäh‐ lung zusammengefügt, welche der Darstellung von Sachverhalten, Dingen, Situationen etc. dient. Sie wir‐ ken komprimiert und statisch, haben keinen Verlaufs- oder Prozesscharakter und sind weiter von den erzähl‐ ten Ereignissen entfernt. Argumentation Die Aussagen dienen der Bekundung allgemeiner Vor‐ stellungen. Es wird eine Behauptung bzw. These auf‐ gestellt, die durch eine oder mehrere Aussagen, welche die eigene Meinung stützen, näher begründet wird, um z. B. eine andere Person zu überzeugen. Dabei spielt der logische Zusammenhang der Aussagen eine Rolle. Quelle: orientiert an Kallmeyer & Schütze 1977 und Fischer-Rosenthal & Rosenthal 1997; siehe auch Wollny & Marx 238 7 Das Interview als qualitatives Erhebungsverfahren <?page no="239"?> Toolbox 15: Beispielfragen für bestimmte Textsorten Textsorten in Interviews Beispiele für Fragen, die auf bestimmte Textsorten zielen Erzählung „Wie hat sich Ihre politische Orientierung seit den Anfängen in Ihrer Familie oder in Ihrer Schulzeit, in Vereinen etc. entwickelt? “ Beschreibung „Wenn Sie von rechtspopulistischen Aussagen hören oder sich ggf. mit den Vertretern rechtspopulistischer Aussagen beschäftigen, können Sie uns bitte die Situa‐ tion und den Ort (ggf. auch im Internet) beschreiben, an dem dies passiert? “ Argumentation „Hat der Rechtspopulismus Ihres Erachtens in den letz‐ ten Jahren in Deutschland an Bedeutung gewonnen, und wenn ja, warum? “ Um diese Textsorten zu generieren, gibt es ganz verschiedene Interview‐ techniken und Arten, ein Interview zu führen (vgl. Lamnek 2010: 326). Wir wollen hier nur drei im Kontext der Sozialwissenschaften sehr häufig ver‐ wendete Formen genauer vorstellen: das narrative Interview (Schütze 1977), das problemzentrierte Interview (Witzel 1982) sowie das (teilstandardisierte) Expert*innen-Interview (Meuser & Nagel 1991). Abgesehen vom narrativen Interview gibt es in der qualitativen Sozialforschung viele verschiedene Meinungen darüber, auf was genau ein problemzentriertes Interview oder ein Expert*innen-Interview ausgerichtet ist, wie diese strukturiert sind und an wen sie adressiert werden. Diese Vielfalt an Meinungen entspricht der Vielfalt in der qualitativen Sozialforschung insgesamt. Wir stellen hier die Interviewformen in möglichst hoher analytischer Klarheit und Unterscheidbarkeit dar, auch wenn wir wissen, dass es in der realen Praxis der Durchführung sicherlich sehr viele verschiedene Zwischenformen und Varianten gibt. Uns ist hier aber wichtig, ein grundlegendes Verständnis des Typus der Interviewform zu generieren, ohne welche die Entscheidung für die Art der Erhebung schwerfällt. Auf diese Weise gewinnen wir klare Ori‐ 7.4 Die Durchführung von qualitativen Interviews: Drei Arten von Interviews 239 <?page no="240"?> entierungspunkte, die jedoch keinesfalls dogmatisch zu verstehen sind. Eine Interviewtechnik ist immer nur so gut, wie sie in einem wissenschaftlichen Verfahren dazu beiträgt, Antworten auf eine Forschungsfrage zu geben. Die Dimensionen und Unterscheidungskriterien, die wir hier zur Typisie‐ rung der drei verschiedenen Interviewformen vorschlagen, orientieren sich an den graduellen Abstufungen von einem ganz offenen Interview (narra‐ tiv) bis hin zu einem teilstandardisierten Expert*innen-Interview, welches bereits auch Skalen wie in einer standardisierten Befragung verwenden kann. Interview narratives Interview problemzentriertes Interview teilstandardisiertes Expert*innen- Interview angezielte Textsor‐ ten Erzählung Erzählung/ Beschreibung Beschreibung/ Argumentation Voraussetzungen keine offenes Konzept genaues Konzept Standardisierung keine keine teilstandardisiert Gesprächsart offen kontrolliert offen fokussiert Themenvorgabe keine grob strukturiert fein strukturiert Frageformulierung offen ungefährer Wortlaut genauer Wortlaut Nachfragen immanent immanent/ exmanent exmanent Tabelle 12: Drei Typen des qualitativen Interviews Auch in Bezug auf die Art und Weise, in welcher das Interview durchge‐ führt wird, gibt es mehrere Möglichkeiten. Das Face-to-Face-Interview wird immer noch als Goldstandard angesehen, doch spätestens seit der COVID-19-Pandemie hat sich eine breite Palette digitaler und KI-gestützter Alternativformate etabliert, welche neue methodische Möglichkeiten ‒ aber auch neue Schwierigkeiten ‒ mit sich bringen. 240 7 Das Interview als qualitatives Erhebungsverfahren <?page no="241"?> Information 19: Digitale Interviewformate: ein Überblick Die Digitalisierung qualitativ-forschender Praxis hat verschiedene techni‐ sche Wege hervorgebracht, Interviews zu führen. Videokonferenzen (Zoom, MS Teams etc.) sind mittlerweile fest etab‐ liert. Die Forschungsergebnisse zeigen, dass Videointerviews äquivalent zu Face-to-Face-Interviews hinsichtlich ihrer Datenqualität und der subjektiven Zufriedenheit sind. Sie bieten den Vorteil, dass nonverbale Signale erfassbar bleiben und die geografische Reichweite steigt, während Kosten sinken (vgl. die Diskussion in Raible et al. 2023; Burow 2023: 7f.) Telefoninterviews erleben derzeit eine Renaissance, weil sie - insbesondere in Kombination mit Online-Interviews - eine maximale Flexibilität ohne Technologiebarrieren bieten. Sie zeigen gleich gute Qualitäten wie Video‐ konferenzen, eignen sich aber insbesondere für sensible Fragestellungen, in denen auf eine Face-to-Face-Interaktion verzichtet werden soll (vgl. die Diskussion in Götzenbrucker 2022: 3f.). Asynchrone schriftliche Online-Interviews (E-Mail, Forum, Messenger) sind für qualitative Befragungen weniger geeignet. Sie ermöglichen zwar längere Reflexionszeiten der Befragten und eine hohe Inklusion für Men‐ schen mit unterschiedlichen Kompetenzen. Allerdings sinken aber auch Spontaneität, emotionale Tiefe und der narrative Charakter des Interviews. KI-basierte Interviewverfahren: Chatbots und Avatare: Ein innovati‐ ver Ansatz ist die Durchführung von Interviews mittels KI-Chatbots. Mit KI-Chatbots ist es möglich, halbstrukturierte leitfadengestützte Interviews zu führen. Die Ergebnisse zeigen bisher keine starken Unterschiede in der Antwortqualität, aber in der Relevanz der Antworten. Zugleich zeigt sich eine höhere Abbruchquote der Interviews. Für problemzentrierte und narrative Interviews scheinen die Chatbot- oder auch Avatar-geführten Interviews derzeit noch ungeeignet. Allerdings ist die Simulation von Interviews zu Trainingszwecken ein spannendes neues Feld für die qualitative Sozialfor‐ schung (vgl. die Diskussion in: Kempny et al. 2025: 3). Generell gilt für KI-basierte Interviewformen derzeit noch, dass die For‐ schungsfragen stark strukturiert und vordefiniert sein müssen und auch die Standardisierung der Interviews hoch ist. Sie ermöglichen zwar bereits eine offene Leitfadenstrukturierung, aber noch keine validen und authentischen Narrationen. 7.4 Die Durchführung von qualitativen Interviews: Drei Arten von Interviews 241 <?page no="242"?> 7.4.1 Das narrative Interview Wenn wir uns für den Rechtspopulismus interessieren, so interessieren wir uns auch dafür, wie dieser entstanden ist, welche Leute von ihm beeindruckt werden und welche nicht, sowie welche Anknüpfungspunkte er im Alltag findet. Um zu verstehen, welche Anhänger er findet, würde ein Zugang über standardisierte Fragen uns voraussichtlich nur Aufklärung über die Sozialstruktur der Anhänger*innen bringen können, wenig aber über die biografischen Wege, welche zu einer solchen Anhängerschaft führen können. Um diese zu erfassen, bietet sich ein narratives Interview an. Die erzählte Geschichte des Heranwachsens und Entfaltens der ersten poli‐ tischen Meinungen und Stellungnahmen sowie ihrer weiteren Entwicklung eröffnet einen Zugang zu den Relevanzsetzungen der Befragten. Es bietet ihnen großen Raum zur Darstellung ihrer Perspektive und macht so deren Nachvollzug möglich. Dabei kommt es nicht auf objektive Wahrheiten an, sondern gerade die subjektive Erzählung eröffnet einen Zugang dazu, wie die Befragten ihre eigene Biografie konstruieren. Darin, wie die Befragten ihre eigene Biografie konstruieren, können wir gesellschaftliche und soziale Bestimmungen ablesen, denen ihr soziales Handeln in der autobiografischen Erzählung folgt. Wir können rekonstru‐ ieren und Hypothesen dazu entwickeln, wie ihre Familie und ihr soziales Umfeld, also ihre Verortung im sozialen Raum ihre Darstellungsformen und Relevanzen beeinflussen. Dahinter können wir die Mechanismen des sozialen Raumes am Werke sehen, welche die Darstellungsformen der Befragten beeinflussen. Wir können erkennen, wie diese zu bestimmten Darstellungsformen der politischen Orientierung und der politischen Präfe‐ renzen führen. Darin können wir dann verschiedene Erzählungen verglei‐ chen und Ähnlichkeiten sowie Unterschiede festhalten. Von diesen nehmen wir z. B. an, dass sie mit ähnlichen oder verschiedenen Positionierungen im sozialen Raum zu tun haben. Wir können z. B. auch die Darstellung biografischer Brüche in Beziehung setzen mit den gesellschaftlichen Regeln, welcher einer solchen Darstellung zugrunde liegen. Wir konzentrieren uns in einer sozialwissenschaftlichen Perspektive dabei nicht auf die Psyche oder ggf. die Traumata der Befragten - dazu kennen wir die Person viel zu wenig -, sondern auf die Art der Erzählung, die Relevanzen der Befragten und die Formen der gewählten Darstellung. Sie sagen uns z. B. sehr viel darüber, was für die Person als legitim und akzeptabel erscheint und was nicht. In der Art dieser „Relevanzproduktion“, wie es Sloterdijk nennt (Sloterdijk 1978: 6), 242 7 Das Interview als qualitatives Erhebungsverfahren <?page no="243"?> offenbart eine autobiografische Erzählung, wofür die Präsentation einer Per‐ son Anerkennung beansprucht und damit auch, mit welcher Unterstellung von „Wichtigkeit“ diese operiert. Auch dies macht die autobiografische Erzählung zu einer wichtigen soziologischen Quelle. Wir lernen damit sehr viel über die gesellschaftlichen Bezüge, welche sie als Person aktiviert, und darüber, in welchem sozialen Umfeld sie sich damit positioniert. Ausgehend davon ist der Schritt zur Analyse, welche politischen Bezüge damit einhergehen und wie diese die biografische Erzählung organisieren, nur noch ein kleiner. In diesen Formen des Erzählens und Darstellens sind wir als Person nicht frei, sondern diese sind gesellschaftlich, sozial und kulturell bestimmt. Und genau über diese Bestimmungen können wir sehr viel erfahren. Doch das führt bereits in die Analyse der Interviews hinein, mit der sich das nachfolgende Kapitel beschäftigt. Hier soll nur deutlich werden, welche Möglichkeiten das narrative Inter‐ view eröffnet und wie verschieden diese von standardisierten Befragungen sind. Die Realisierung dieser Möglichkeiten gelingt nur über erzählgene‐ rierende Fragen, welche eine längere Erzählung auslösen, der wir als Zuhörer*innen eine längere Zeit folgen. Das heißt, wir unterbrechen die Erzählung nicht durch andere Relevanzen von außen, die z. B. aus unse‐ rer Forschungsperspektive resultieren, sondern wir bleiben, ggf. mittels immanenter Nachfragen, so lange wie möglich an der Erzählung. Wir sind „Geburtshelfer*innen“, begleiten sie, fördern den Erzählfluss, wenn er ins Stocken gerät, möglichst ohne seine Richtung zu beeinflussen. Dazu gehören aktives Zuhören und immanentes Nachfragen. Aktives Zuhören bedeutet hier, dass während des Interviews durch unterstützende Gesten und Laute (Nicken, „mhm“) Vertrauen geschaffen und ein würdigender Umgang mit der erzählten Geschichte vermittelt wird (vgl. Wollny & Marx 2010: 333). Eine vertrauensvolle und offene Gesprächsatmosphäre ermöglicht den Interviewpartner*innen auch von Ereignissen und Handlungen zu erzählen, deren Thematisierung in konventionellen Gesprächen eher vermieden wird und Details einzufügen, deren Erwähnung zuvor nicht geplant war (vgl. Schütze 1976: 224 f.). Schütze nennt solche Mechanismen, die in Stegreif‐ erzählungen zum Tragen kommen, „Erzählzwänge“ (vgl. Schütze 1976: 224 f.). Folgende drei Mechanismen werden dabei unterschieden: Gestalt‐ schließungs-, Kondensierungs- und Detaillierungszwang. 7.4 Die Durchführung von qualitativen Interviews: Drei Arten von Interviews 243 <?page no="244"?> Information 20: „Erzählzwänge“ in Stegreiferzählungen Zu diesen „Erzählzwängen“ gehört der Gestaltschließungszwang. Damit ist gemeint, dass eine erlebte Geschichte so detailliert erzählt werden muss, dass sie für eine fremde Person (hier die Interviewer*in‐ nen) verständlich wird. Die Erzählenden sind also aufgefordert, den Gesamtzusammenhang darzustellen, d. h., eine begonnene Geschichte auch zu Ende zu erzählen (Rosenthal & Loch 2002: 4). In diesem Kontext kann es geschehen, dass die Sprechenden zum Verständnis notwendige Hintergrundinfos hinzufügen, deren Thematisierung sie im Vorfeld nicht geplant hatten. Der Kondensierungszwang besagt, dass aus der begrenzten Zeit für eine Erzählung die Erwartung resultiert, eine Erzählung zu raffen und nur das zu erzählen, was relevant ist (vgl. Rosenthal & Loch 2002: 3 f.). Dies gibt uns Aufschluss über das Relevanz‐ system der Erzählenden. Unter Detaillierungszwang versteht Schütze (1976: 224) die Notwendigkeit, Erzählungen zum besseren Verständnis der Zuhörenden auch mit kausalen bzw. motivationalen Übergängen auszuschmücken (vgl. Schütze 1976: 225). Die Zuhörenden müssen die Situation kennenlernen sowie die Zeiten, in denen die Geschichten spielen. Sie müssen sich die Personen und ihre Beziehungen vorstellen können (vgl. Rosenthal & Loch 2002: 4). Durch das Prinzip der Offenheit, so Rosenthal und Loch, wirken diese Erzählzwänge in narrativen Interviews stärker als in vorstrukturierten oder standardisierten Interviews (vgl. Rosenthal & Loch 2002: 5). Wie bei anderen Interviewtechniken auch, wird das narrative Interview in verschiedene Phasen unterteilt: (1) Erklärungsphase: Nach der Vorbereitung des Interviews, dem Small‐ talk, beginnen wir mit dem Eingangsstatement (siehe Toolbox 14: Das Ein‐ gangsstatement bei einem Interview). Wichtig ist hier insbesondere, dass die Interviewten in der ersten Phase über die Besonderheiten und die Funktion des narrativen Interviews informiert werden sollten (vgl. Lamnek 2010: 327). Gerade bei narrativen Interviews außerhalb des alltäglichen Kontextes, wie z. B. bei Manager*innen in der Wirtschaft oder Ärzt*innen im Krankenhaus, kann es vorkommen, dass mit einem Interview Erwartungen verbunden sind, welche eher in Richtung standardisierter oder journalistischer Fragen weisen. Dies gilt es im Vorfeld aufzuklären. Wir haben dabei die Erfahrung 244 7 Das Interview als qualitatives Erhebungsverfahren <?page no="245"?> gemacht, dass offene Interviews gerade in Feldern und auf Positionen sehr gut funktionieren, wo normalerweise mit Schwierigkeiten in Bezug auf eine solche Interviewform gerechnet wird. So haben beispielsweise die Top-Manager*innen der 100 größten Unternehmen in verschiedenen Ländern bei unserer Untersuchung die angesetzte Zeit von einer Stunde oft überschritten und, sofern möglich, nachfolgende Termine verschoben, weil für sie selbst die Erzählung z. B. des eigenen Werdeganges in dieser Art ein ungewohntes, aber gleichwohl begrüßtes Erlebnis in der Alltagshektik des Unternehmens war. (2) Einleitungsphase: Nach dem Eingangsstatement stellen wir die erzähl‐ generierende Eingangsfrage. Sie soll eine Erzählung von ca. einer halben Stunde generieren. Wir haben für unseren Fall drei Varianten einer solchen Eingangsfrage vorbereitet, welche sich in der Offenheit bzw. thematischen Fokussierung unterscheiden: Toolbox 16: Beispiele für erzählgenerierende Eingangsfragen 1. „Können Sie uns bitte etwas über Ihren Werdegang erzählen, z.-B. über Ihre Schulzeit, Ihre Eltern und Ihre beruflichen Erfahrungen, und wie Sie zu Ihren heutigen politischen Orientierungen gekom‐ men sind? “ (offene Erzählaufforderung). 2. „Können Sie uns bitte etwas über Ihre Schulzeit als Teenager und Jugendlicher erzählen, welche Erfahrungen Sie damals sammeln konnten und ggf. wie diese Ihr heutiges Leben und Ihre heutigen Orientierungen beeinflusst haben? “ (zeitlich stark eingegrenzte Erzählaufforderung). 3. „Vielleicht können Sie uns von der Zeit erzählen, als Sie zum ersten Mal wählen durften und was Sie bis zum heutigen Tag in Bezug auf Wahlen und politische Diskussionen erlebt haben. Sie können all die Erlebnisse erzählen, die Ihnen dazu einfallen und sich so viel Zeit dabei nehmen, wie Sie möchten“ (zeitlich und thematisch stark eingegrenzte Erzählaufforderung). Während die erste Variante (1) in der Erzählgenerierung ganz offen ist, setzt die zweite Variante (2) mit der zeitlichen Fokussierung auch eine thematische Fokussierung, welche die Erzählgenerierung einschränkt. Dies wird in der dritten Variante (3) noch konkreter und eingeschränkter, weil 7.4 Die Durchführung von qualitativen Interviews: Drei Arten von Interviews 245 <?page no="246"?> nun der Zeitraum noch spezifischer gefasst und die Erzählung auf ein bestimmtes politisches Ereignis gelenkt wird. Obwohl die Form der offenen Erzählaufforderung (1) am ehesten der qualitativen Herangehensweise beim narrativen Interview entspricht, können also auch thematische oder zeitliche Eingrenzungen gesetzt werden ((2) und (3)), wenn sie die Erzäh‐ laufforderung nicht so stark einschränken, dass die Erzählgenerierung nicht mehr funktioniert. (3) Erzählphase: Wenn alles gut gegangen ist, schließt sich die eigentliche Erzählphase der Befragten an, die durchaus von Pausen und Schweigen unterbrochen sein kann. Die Erzählphase darf erst dann als beendet gelten, wenn dies die Befragten selbst so meinen. Die Interviewer*innen beschränkt sich auf ihre Rolle als interessierte aktive Zuhörer*innen (Lamnek 2010: 328). (4) Nachfragephase: Während und nach der Erzählung werden dann ausschließlich immanente Nachfragen gestellt, d. h. Nachfragen, die sich aus dem Erzählten ergeben. Es werden keine Nachfragen gestellt, welche aus dem eigenen Erkenntnisinteresse resultieren. Solche Nachfragen könnten lauten: Toolbox 17: Beispiele für immanente Nachfragen 1. „Sie haben vorher kurz erwähnt, dass Ihre Eltern versucht haben, Sie anfangs in Ihrer politischen Meinung zu beeinflussen. Können Sie bitte kurz erläutern, was Sie damit meinen und wie dies vonstattenging? “ 2. „Sie haben vorher erzählt, dass Sie zum Klassensprecher gewählt wurden. Können Sie uns bitte etwas mehr über die Erfahrungen erzählen, die Sie in dieser Funktion gesammelt haben? “ 3. „Darf ich nachfragen, was Sie damals dazu bewegt hat, sich stärker mit der Jungen Union und ihren Positionen ausein-anderzuset‐ zen? “ (5) Bilanzierungsphase: Das Gespräch endet dann mit einer Bilanzierungs‐ phase. Gemeinsam mit dem*der Gesprächspartner*in kann man wichtige Deutungen nochmals absichern oder überprüfen, ob wir alles richtig ver‐ standen haben. Dieser Abschnitt zielt darauf ab, eine Bilanz der Geschichte und den Sinn des Ganzen gemeinsam mit dem*der Befragten zu erörtern und zu entwickeln (Lamnek 2010: 328). 246 7 Das Interview als qualitatives Erhebungsverfahren <?page no="247"?> Toolbox 18: Beispiel für eine bilanzierende Frage „Haben wir das richtig verstanden, dass Ihre Freunde eine wichtige Rolle dabei spielten, wie Sie zu Ihrem Engagement in der Jungen Union gekommen sind? “ Wie einfach zu erkennen, ist das narrative Interview die offenste Interview‐ form in der Sozialforschung. Es gibt kein Konzept, nur eine Fragestellung. Es werden keine Themen vorgegeben und es gibt keine Standardisierung. Alle Nachfragen orientieren sich am bereits Gesagten, alle Fragen sind offen gestellt. Alles von außen Kommende, alle extern gesetzten Frageimpulse und Forcierungen haben im narrativen Interview keinen Platz. Es soll eine Gesprächsatmosphäre geschaffen werden, welche vom Interesse am Erzählten geprägt ist und der Interviewperson einen geschützten Raum gibt, sich zu öffnen. Das geschieht manchmal von selbst, manchmal ist es die Zugewandtheit der Zuhörer*innen, welche für diese Öffnung sorgt. Die Ängste, die Steifheit und die Anspannung, welche sich auf beiden Seiten zu Anfang einstellen können, lösen sich durch das geschulte aktive Zuhören und das Erzählen selbst in vielen Fällen schnell auf. Auch in offiziellen, steifen Kontexten, welche manchmal nicht vermeidbar sind, bricht sich die Katharsis des Erzählens oft Bahn. Und wir erfahren oft mehr und anderes, als wir zu erfahren erwartet hatten. Wenn es gelegentlich vorkommt, dass die Erzählenden uns bitten, das Aufnahmegerät auszuschalten, tun wir dies ohne Zögern und signalisieren dadurch, dass diese sich in einem geschützten Raum bewegen und uns der Schutz dieses Raumes genauso wichtig ist wie den Befragten. Das narrative Interview zeichnet sich gerade dadurch aus, dass es den Erzählenden einen starken Impuls zur realitätsgetreuen Rekonstruktion vergangener Ereignisse gibt, ohne dass der Druck von den Interviewer*innen auszugehen scheint oder das situative Klima das Interview gefährden könnte (vgl. Lamnek 2010: 329). 7.4.2 Das problemzentrierte Interview Mit dem problemzentrierten Interview bewegen wir uns bereits in Richtung einer stärkeren Strukturierung des Interviews entlang der Forschungsinte‐ ressen der Interviewer*innen. Es kann auch in einem Multimethodenansatz Anwendung finden, indem ein spezieller Problembereich, etwa der Rechts‐ 7.4 Die Durchführung von qualitativen Interviews: Drei Arten von Interviews 247 <?page no="248"?> populismus, mittels verschiedener Methoden wie z. B. Inhaltsanalysen, Beobachtungen und Interviews analysiert wird. Die verschiedenen Zugänge zum Problembereich werden dann in Form einer Triangulation verglichen und anschließend wird überprüft, welcher Zugang welche Erkenntnisse bringt und wo sich diese ergänzen, überschneiden oder wechselseitig korri‐ gieren (siehe dazu auch Witzel 1982: 230; Lamnek 2010: 332). Wir betrachten das problemzentrierte Interview hier jedoch gesondert, bevor wir weiter unten auf die Kombination verschiedener Interviewtechniken eingehen. Das problemzentrierte Interview bleibt in der Ausrichtung qualitativ, legt aber eine lose Abfolge der anzusprechenden Themen fest. Bei dieser Interviewart hat man ein offenes Konzept, welches auf der einen Seite der Erzählgenerierung folgt, also großen Raum für Erzählpassagen lässt, aber auf der anderen Seite auch von den Forschenden kommende, exma‐ nente Themen einbringt. Dazu braucht man bereits ein theoretisch-wissen‐ schaftliches Vorverständnis, das danach durch die Interviews und deren Auswertung wieder modifiziert wird. Dieses Vorverständnis mündet in die Festlegung von Themen sowie eines Leitfadens, in dem die Themen und die Nachfragen festgehalten sind. Dabei wird die Themenabfolge zwar festge‐ legt (grob strukturiert), aber das Gespräch selbst ist nicht darauf festgelegt. Die Themen werden entlang des Gesprächsverlaufes angesprochen, oder wenn sie bereits angesprochen wurden, wird darauf verzichtet, sie nochmals anzusprechen. Im Leitfaden wird der ungefähre Wortlaut festgelegt, der aber nicht wirklich bindend ist. Allerdings sollten wichtige Schlüsselwörter darin vorkommen. Es gibt noch keine Standardisierung; geschlossene Fragen und Antwortskalen kommen nicht zum Einsatz. Auch dieses Interview beginnt wieder mit einer Erklärung (1) und einer erzählgenerierenden Eingangsfrage (2), der allgemeinen Sondierung. Sie soll wie beim narrativen Interview eine längere Erzählung hervorbringen. Wie im narrativen wird auch im problemzentrierten Interview das Erzählprinzip ins Zentrum gerückt: Die Strukturierungen und Bedeutungszuweisungen bleiben den Befragten allein überlassen. Mit den völlig offenen Fragen zu den festgelegten Themen wird lediglich der interessierende Problembereich eingegrenzt (Lamnek 2010: 333). In der spezifischen Sondierung (3) werden dann Formen aktiver Verständ‐ nisgenerierung eingesetzt. Diese sind nicht mehr durchgängig so offen wie beim narrativen Interview, sondern können nun auch Forcierungen und Pointierungen enthalten. 248 7 Das Interview als qualitatives Erhebungsverfahren <?page no="249"?> Toolbox 19: Beispiele für Nachfragen beim problemzentrierten Interview 1. Zurückspiegeln: „Sie haben vorher erwähnt, dass Ihre Eltern bei der Herausbildung Ihrer politischen Meinung von entscheidender Bedeutung waren. Haben wir das richtig verstanden oder können Sie Ihre Sichtweise bitte nochmals kurz erläutern? “ 2. Verständnisfrage: „Sie haben vorher erzählt, dass Sie zum Klassen‐ sprecher gewählt wurden und dies Ihre politischen Orientierungen beeinflusst hat. Können Sie uns bitte etwas mehr über die politi‐ schen Erfahrungen erzählen, die Sie in dieser Funktion gesammelt haben? “ 3. Konfrontation: „Darf ich nachfragen, warum Sie auf der einen Seite gesagt haben, dass Ihre Mitschüler wichtig waren, aber Sie diese auf der anderen Seite bei der Herausbildung Ihrer politischen Orientierungen kaum erwähnt haben? “ Danach folgen ad-hoc-Fragen (4). Hier können die Interviewer*innen sie direkt interessierende Fragen zu verschiedenen Themen stellen, die sich aus dem Erkenntnisinteresse der Forschenden ergeben. Mittels eines standardisierten Kurzfragebogens (5) können zum Ab‐ schluss dann auch z. B. Personendaten erhoben werden. Nach unserer Erfahrung ist es nicht empfehlenswert, diese Daten am Anfang zu erheben. Oft werden Fragen nach Alter, Ausbildung etc. gestellt, welche abschreckend wirken können. Zugleich wird das Gespräch in eine falsche Richtung gelenkt. Es ist also wichtig, möglicherweise kritische Kurzfragen zu den Daten der Person am Ende des Gespräches zu stellen, nicht am Anfang. Zusätzlich zum Transkript ist es auch bei problemzentrierten Interviews erforderlich, nach jedem Interview ein Postskript anzufertigen. Dieses ent‐ hält Angaben über den Inhalt der Gespräche, die vor dem Ein- und nach dem Abschalten des Tonbandgerätes geführt worden sind, ggf. Angaben über die Rahmenbedingungen des Interviews sowie über nonverbale Reaktionen (Gestik, Mimik, Motorik etc.) der Befragten (Lamnek 2010: 335). 7.4 Die Durchführung von qualitativen Interviews: Drei Arten von Interviews 249 <?page no="250"?> 7.4.3 Das Expert*innen-Interview Das Experteninterview hat sich seit den 1990er Jahren als eigenständige und systematisch reflektierte Methode in der qualitativen Sozialforschung etabliert. Die methodische Grundlegung durch Michael Meuser und Ulrike Nagel prägt bis heute die deutschsprachige Forschungspraxis (Meuser&Na‐ gel 1991). Kern ihres Ansatzes ist die Unterscheidung zwischen dem Ex‐ pert*innen als Privatperson — dessen biografische Lebenswelt irrelevant ist — und seiner Funktion als Repräsentant eines Handlungsfeldes oder einer Organisation (ebd.: 444 ff.). Der Status „Experte" ist dabei relational: Er wird vom Forscher verliehen und ist abhängig vom Forschungsinteresse. Als Expert*innen gelten dabei alle, die im anvisierten Forschungsfeld und bezogen auf die Forschungsfrage spezialisierte Erfahrungen gesammelt haben. Der Begriff zielt also nicht nur auf eine irgendwie geartete fachliche Expertise, sondern auch auf den Erfahrungsraum der Befragten. Infrage kommen Akteur*innen, die qua Position oder Engagement mutmaßlich gute Kenntnisse von z.-B. Regelsystemen, Strukturen und Entscheidungsprozes‐ sen im relevanten Forschungsfeld vorweisen können (vgl. Liebold & Trincek 2009: 35). Dies bezieht auch Positionseliten mit ein, beschränkt sich aber nicht auf diese. So würde es in unserem Falle reichen, Anhänger*in einer rechtspopulistischen Bewegung zu sein und Erfahrungen mit dieser gesam‐ melt zu haben, um für ein Expert*innen-Interview infrage zu kommen. Über das Expert*innen-Interview gehen die Meinungen auseinander (vgl. Merton & Kendall 1946, 1979, Mauser & Nagel 1991, 1994, 1997). Teilweise wird es in der Literatur eher als problemzentriertes Interview mit Fokus auf der Erzählgenerierung dargestellt (siehe z. B. Meuser & Nagel 1991; Liebold & Trincek 2009: 35), teilweise als teilstandardisierte Erhebungsform mit Fokus auf Beschreibungen und Argumentationen. In der Anwendung gibt es zahlreiche Zwischenformen, sodass sich - anders als beim narrativen und problemzentrierten Interview - ein weitgehend einheitlicher Gebrauch nicht feststellen lässt. Bogner und Menz unterscheiden drei verschiedene Typen des Expert*innen-Interviews: das explorative, das systematische und das theoriegenerierende (vgl. Bogner & Menz 2002: 37-39). Das explorative Expert*innen-Interview zielt dabei auf die Erschließung eines neuen Fel‐ des, das systematische auf die sorgfältig geplante Erhebung vorhandener Wissensbestände und das theoriegenerierende auf eher offene Fragen mit Erzählimpulsen, deren Auswertung eine Theoriegenerierung im Sinne der 250 7 Das Interview als qualitatives Erhebungsverfahren <?page no="251"?> Grounded Theory erlaubt. Auch hierin wird nochmals die Vielfalt der Anwendungen deutlich. Wie viele andere auch, sehen wir hier das leitfadengestützte Expert*in‐ nen-Interview als eine Zwischenform zwischen einer standardisierten und einer qualitativ offenen Herangehensweise an. Der Fokus liegt dabei auf der Erhebung von Wissensbeständen; der biografische Entstehungszusammen‐ hang, die Person und ihre Lebensgeschichte treten davor oft zurück (vgl. Liebold & Trincek 2009: 37). Auch wenn die Erzählgenerierung und Erzäh‐ lungen eine Rolle spielen, stehen sie nicht im Zentrum dieser Interviewform. Ziel ist es vielmehr, Expert*innenbeschreibungen von Sachverhalten, von Informationen zu Sachverhalten oder von Argumentationstexten zu erzeu‐ gen. Meuser und Nagel (1991) unterscheiden zwischen drei Wissensformen, die im Expert*innen-Interview generiert werden: 1. Betriebswissen: Internes Wissen über Abläufe, Entscheidungsmuster und Routinen in Organisationen 2. Kontextwissen: Informationen über Rahmenbedingungen und externe Einflussfaktoren auf ein Handlungsfeld 3. Deutungswissen: Subjektive Interpretationen und Bewertungen des Experten über sein Feld (Meuser & Nagel 1991: 446 f.) Das nicht standardisierte Expert*innen-Interview Da es verschiedene Varianten des Expert*innen-Interviews gibt, stellen wir die eine Variante des überwiegend nicht-standardisierten Expert*innen-In‐ terviews vor, welche sehr häufig in Gebrauch ist und grenzen davon die zweite Variante des teilstandardisierten Expert*innen-Interviews ab. Das nicht standardisierte Expert*innen-Interview ist in seinen Prinzipien stärker an einem problemzentrierten Interview orientiert (siehe z. B. Meuser & Nagel 1991; Liebold & Trincek 2009: 35), während die Variante des teilstandardisierten Expert*innen-Interviews stärker zwischen qualitativer und standardisierter Forschung angesiedelt ist. Auch das nicht standardisierte Expert*innen-Interview wird fokussiert auf die Annahmen und Fragen der Forschenden geführt. Das bedeutet nicht, dass man diese im Gespräch offenlegt, sondern nur, dass sie dem Leitfaden zugrunde liegen. Der Fragebogen ist hier von grob bis fein strukturiert, d. h., die Fragen sollen möglichst im ähnlichen Wortlaut und in ähnlicher Reihen‐ folge gestellt werden. Immanente Nachfragen werden immer gestellt, aber 7.4 Die Durchführung von qualitativen Interviews: Drei Arten von Interviews 251 <?page no="252"?> die Fragen sind auch am Erkenntnisinteresse der Forschenden orientiert. Es überwiegen offene Fragen. Die Interviewführung erfolgt durch offene, leitfadenorientierte Gesprä‐ che. Der Leitfaden dient dabei als „Exoskelett" und nicht als starres Ab‐ frageinstrument ‒ er sichert thematische Vergleichbarkeit, erlaubt aber dem Expert*innen narrative Entfaltung. Meuser und Nagel warnen hier davor, dass Experten versuchen könnten, den Forscher zu vereinnahmen (Meuser&Nagel 1991: 449 f.). Liebold und Trincek weisen zusätzlich darauf hin, dass die Forschenden als gleichberechtigte Gesprächspartner akzeptiert werden müssen und dies „Statuskompetenz" erfordere ‒ ein Mindestmaß an Fachkompetenz ist oft notwendig, um überhaupt Zugang zum Feld zu erhalten (ebd.: 40 f.). Dies er‐ möglicht es, Selbstverständlichkeiten zu hinterfragen, die der*die Expert*in sonst nicht explizit machen würde. Dabei ist zu beachten, dass Expert*innen nicht objektive Datenspeicher sind, sondern ihre Aussagen von Machtkons‐ tellationen, institutionellen Zwängen und persönlichen Interessen geprägt sind (ebd.: 50 f.). Deren Widersprüche sind nicht Fehler, sondern analytisches Material — sie offenbaren die inneren Konflikte und Strategien des Feldes selbst. Das teilstandardisierte Expert*innen-Interview In der zweiten Variante des teilstandardisierten Expert*innen- Interviews ist der Fragebogen bereits fein strukturiert, d. h., die Fragen sollen möglichst im gleichen Wortlaut und in der festgelegten Reihenfolge gestellt werden. Immanente Nachfragen werden ebenfalls gestellt, aber auch hier sind die Fragen vorrangig am Erkenntnisinteresse der Forschenden orientiert. Offene und geschlossene Fragen wechseln sich jetzt ab und auch Skalen können hier getestet werden, um beispielsweise später in einen Survey Einzug zu halten. Der Ausgangspunkt ist ein klares Konzept, manchmal auch bereits eine ausgeführte Theorie mit Annahmen und Indikatoren. Insofern gleicht die Herangehensweise jener der quantitativ orientierten Verfahren. Sie ist aber keineswegs nur deduktiv, sondern öffnet auch den Weg zu einer induktiv gewonnenen Reformulierung und Korrektur der Annahmen sowie zu einer Revision der Indikatoren als auch der Hinzunahme neuer Indikatoren. Insofern können Expert*innengespräche zum Beispiel einem Survey voran‐ gestellt werden oder selbst als Belege und Widerlegungen von Annahmen 252 7 Das Interview als qualitatives Erhebungsverfahren <?page no="253"?> ausgewertet werden. Sie eröffnen ebenso die Möglichkeit eines Pretests von Skalen wie eines substanziellen Erkenntnisgewinns über das Feld. Das Expert*innen-Interview bleibt in beiden Varianten eine zentrale Methode der qualitativen Sozialforschung ‒ gerade weil es privilegiertes Wissen über komplexe Felder generiert. Die Meuser-Nagel-Grundlagen bieten weiterhin ein solides Handwerkszeug für Erhebung und Auswertung. Jedoch verlangen aktuelle Debatten eine kritische Reflexion darüber, wie Expert*innenstatus verteilt wird, welche Wissensformen legitimiert werden und wie Machtasymmetrien die Interviewsituation prägen. Eine zeitgenös‐ sische Praxis des Expert*innen-Interviews kombiniert daher methodische Sorgfalt mit epistemologischer Vorsicht ‒ dem Bewusstsein, dass auch Expert*innen partielle, interessengeleitete Perspektiven vertreten und dass ihre Stimme nicht automatisch mehr wiegt als andere Erfahrungen im Feld. Im nachfolgenden Anwendungsbeispiel können wir im Rahmen einer Kombination verschiedener Methoden in einem teilstandardisierten Ex‐ pert*innen-Interview sehen, wie man Fragen für eine solches Interview gestalten kann. 7.5 Das teilstandardisierte Expert*innen-Interview als Erhebungsform im Methodenmix: Beispiel einer explorativen Untersuchung von Rechtspopulismus bei jungen Erwachsenen Wie wir gesehen haben, kennt das Interview als Erhebungsform kennt sehr viele Varianten zwischen einem narrativen Interview und einer standardi‐ sierten Befragung. Das teilstandardisierte Expert*innen-Interview kombi‐ niert offene und geschlossene Fragen sowie erzählgenerierende Fragen mit Fragen, die Antwortskalen vorsehen. Dabei ist nicht immer die Triangu‐ lation das Ziel, sondern die Fragen können sich nacheinander in einem eingebetteten Design auf verschiedene Erkenntnisgegenstände beziehen. So können etwa Fragen zum Werdegang der Befragten offen und erzählgene‐ rierend gestellt werden, um dann danach bestimmte Argumente mithilfe einer Skala abzufragen, welche sich z. B. auf den Umgang mit dem Thema des Rechtspopulismus beziehen. Erst die Verbindung zwischen beiden hilft dann beispielsweise herauszufinden, wie stark Sozialstruktur und Sozialisation den Umgang mit dem Thema des Rechtspopulismus prägen (vgl. Rucht 2017; Hilmer 2017: 12). 7.5 Das teilstandardisierte Expert*innen-Interview 253 <?page no="254"?> Sehr oft werden in diesem Zusammenhang auch Dimensionen der Sozial‐ struktur der Befragten standardisiert abgefragt: Alterskohorte, Geschlecht, Ausbildung, Beruf, Beruf der Eltern etc. In teilstandardisierten Expert*in‐ nen-Interviews können aber auch im Sinne einer Triangulation offene, er‐ zählungs- und beschreibungsgenerierende Fragen mit geschlossenen Fragen kombiniert werden, um das Erkenntnisinteresse in verschiedenen Herange‐ hensweisen auszuloten. Dabei sollten natürlich manipulative Tendenzen vermieden werden (siehe 7.6 Das Problem der Antworttendenzen/ -verfäl‐ schungen). Wir wollen im Folgenden einen teilstandardisierten Fragebogen entwi‐ ckeln, um z. B. herauszufinden, warum sich engagierte junge Erwachsene für den Rechtspopulismus interessieren. Wir entwickeln dazu auch die standardisierten Fragen jeweils neu, um die Vorgehensweise bei der Gestaltung eines teilstandardisierten Fragebogens zu lernen. Deswegen übernehmen wir hier, nicht wie sonst üblich, etablier‐ ten Skale u. a. aus der Umfrageforschung. Eine solche Vorgehensweise hat Vor- und Nachteile. Zu den Vorteilen gehört, dass wir uns von den Standards der rein quantitativ orientierten Umfrageforschung entfernen, welche das Phänomen zwar standardisiert messen kann, aber Probleme hat, die Hintergründe des Phänomens zu verstehen. Zu den Nachteilen gehört, dass wir improvisierte Skalen entwickeln, welche noch nicht getestet und auf ihre Validität und Reliabilität geprüft sind. Das nehmen wir für die Zwecke dieses Buches in Kauf, da wir Möglichkeiten kennenlernen wollen, wie wir teilstandardisierte Interviews in einem ersten Entwurf entwickeln können. Das ist zunächst „selbstgestrickt“ und müsste dann in einem umfassenden Pretest überprüft, angepasst und zugleich mit etablierten Skalen abgeglichen werden. Dies können wir hier jedoch nicht tun. Wir wollen an dieser Stelle nur dazu ermutigen, solche Primärerhebungen mit kombinierten Methoden selbst anzugehen und auszuprobieren, wie weit man damit kommt. Wenn man die Fragen eigenständig entwickelt und die Primärerhebungen selbst durchgeführt hat, wächst auch das Interesse daran, die Ergebnisse nach qualitativen und statistischen Verfahren sachgerecht auszuwerten und im Vergleich der unterschiedlichen Zugänge zum Thema zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Damit springen wir hier wieder ins kalte Wasser und improvisieren, um zu lernen, wie wir dabei vorgehen könnten. Es soll hier nicht der wissenschaft‐ liche Stand der Diskussion zum Thema ausführlich wiedergegeben, sondern in einer selbst gestalteten Vorgehensweise illustriert werden, welche Frage- 254 7 Das Interview als qualitatives Erhebungsverfahren <?page no="255"?> und Interviewformen wir bei einem solchen Thema entwickeln könnten, auch wenn diese noch nicht validiert und als Skala getestet sind. 7.5.1 Wissenschaftlicher Zugang, Fragestellung, Methode und Forschungsdesign Wie definieren wir das uns interessierende Merkmal? Wie üblich müssen wir bei einer solchen Vorgehensweise aber einen wis‐ senschaftlichen Zugang zum Thema zugrunde legen, der das Phänomen in einem ersten Zugriff so bestimmt, dass die Fragestellung präzise gestellt sowie die Dimensionen und Aspekte des zu Erfragenden operationalisiert werden können. Bei einer Kombination verschiedener Methoden arbeiten wir mit Vorwissen, ohne dass wir den Weg für eine induktive Ergänzung oder Revision verstellen. Für einen ersten wissenschaftlichen Zugriff gehen hier zunächst von einigen Gemeinsamkeiten des Rechtspopulismus aus, wie sie in der wissen‐ schaftlichen Literatur zu finden sind (siehe dazu Puhle 1986; Pfahl-Traugh‐ ber 1994; Decker 2006, 2018; Geden 2006; Kohlstruck 2008; Priester 2008; Reuter 2009; von Beyme 2010; Häusler 2016; Hartleb 2014; Wolf 2017; Niehr Reissen-Kosch 2018, 2020; Auernheimer 2020). 1. Ein grundlegendes Merkmal ist im „Populismus“ zu finden, also im Bezug auf eine natürliche, homogene „nationale“ Grundmenge in der Bevölkerung, die meist als „das Volk“ bezeichnet wird. Diesem „Volk“ werden als Bevölkerungsmehrheit positive Werte zugeschrieben, etwa ein „gesunder Menschenverstand“, Anständigkeit oder Ehrlichkeit der Masse, in unserem Falle der „Deutschen“ oder des „deutschen Volkes“. Dem „guten Volk“ wird ein Negativbild der „politischen Eliten“, des Establishments entgegengestellt, das als volksfern, an Eigeninteressen orientiert und unverantwortlich dargestellt wird (vgl. Wolf 2017: 13; siehe auch Geden 2006: 21, 41; Reuter 2009: 36; Niehr & Reissen-Kosch 2018; Decker 2018). 2. Neben diesem Unterscheidungsmuster von Masse (Volk) und Elite (Etab‐ lierte, Privilegierte) hat der Rechtspopulismus auch ein klar bestimm‐ bares Muster, Politik zu machen. Bestimmend ist eine Identitätspo‐ litik, in der eine bedrohte Gemeinschaft konstruiert wird (vgl. Häusler 2016: 137; siehe auch Priester 2008: 20). Wir unterscheiden im Folgenden eine Sachdimension, eine Sozialdimension und eine Zeitdi‐ 7.5 Das teilstandardisierte Expert*innen-Interview 255 <?page no="256"?> mension bzw. historische Dimension dieses Politikmusters. [Notabene: Es ist ein Muster, wie Politik betrieben und inszeniert wird, das auf die Darstellungsformen zielt und nicht auf das, was ggf. in unterschied‐ lichen Anteilen an rechtsextremistischen Strömungen dahinterstehen kann]. 3. In der Sachdimension enthält dieses Politikmuster auch fremden‐ feindliche, antipluralistische und antiegalitäre Komponenten. Dabei steht nicht die Konsistenz eines Programmes oder einer Ideologie im Vordergrund, sondern der flexible politische Umgang mit dem, was diese Bedrohungen der Nation von außen und von innen konstituiert. Bedrohung und Wiederherstellung nationaler Identität ist das grundlegende Muster (vgl. Wolf 2017: 15; siehe auch Auernheimer 2020; Priester 2020). Dass dies im Rahmen von Demokratie und starkem Staat eingeordnet wird, ist Teil dieses Musters, das aber oft auch wirtschafts‐ liberale Elemente enthält (vgl. Wolf 2017: 14). 4. In der Sozialdimension ist die bedrohte Gemeinschaft der Maßstab (vgl. Wolf 2017: 5; siehe auch Hartleb 2014: 14; Pfahl-Traughber 1994: 17; Puhle 1986: 15-20; Taggart 2000: 48). Dabei versuchen rechtspopu‐ listische Parteien oft Tabus zu brechen und zu provozieren, um diese Gemeinschaft gegen das Establishment zu verteidigen. Die Parteien werfen dabei nicht selten selbst starke Führungspersönlichkeiten in die Waagschale, welche dem Prozess der Wiederherstellung der Gemein‐ schaft eine Richtung geben. 5. In der Zeitdimension betonen rechtspopulistische Parteien oft ihre Distanz zu Rechtsextremismus, Antisemitismus und Nationalsozialis‐ mus, also den Bruch mit dem faschistischen Erbe Europas (vgl. von Beyme 2010; siehe auch Kohlstruck 2008). In der Phase der Bedrohung der Gemeinschaft wird sich dagegen auf ein „jüdisch-christliches Erbe“ berufen. Oft präsentieren sie sich ausdrücklich ebenso pro-israelisch wie muslim-feindlich. In den Muslimen wird unter Anknüpfung an dieses historische Erbe die Bedrohung der Gemeinschaft par excellence gesehen. Auch damit wird an religiöse Traditionsbestände des europä‐ isch-christlichen Abendlandes angeknüpft. Damit haben wir einen ersten, noch provisorischen Zugang zum Thema gewonnen, der sich auch operationalisieren lässt. Er bezieht sich auf die Artikulationsformen von Politik, also auf Politikbekundungen und damit auf die Ideologien, die den Rechtspopulismus kennzeichnen. In einer teilstan‐ 256 7 Das Interview als qualitatives Erhebungsverfahren <?page no="257"?> dardisierten Herangehensweise wollen wir damit herausfinden, inwiefern sich engagierte Befragte verschiedenen Politikbekundungen anschließen können. Für uns ist es hier zunächst nur wichtig, eine erste provisorische Ausgangsbasis zu schaffen, mit der sich in einfacher Weise Merkmale operationalisieren und in Fragen umwandeln lassen. Welche Fragestellung, welches Erkenntnisinteresse verfolgen wir? Die Fragestellung könnte lauten: Welche biografischen Wege und sozial‐ strukturelle Weichenstellungen führen bei jungen Erwachsenen zu einer Ausrichtung an „rechtspopulistischen/ rechtsextremen“ Einstellungen sowie zu einem Engagement in als rechtspopulistisch angesehenen Bewegungen? Dahinter steckt die Vorstellung, dass die Sozialisation im Lebensverlauf ebenso wie die sozialstrukturelle Lage Einfluss auf die Ausbildung politi‐ scher Werthaltungen nehmen. Welche Untersuchungsform wählen wir? Da wir dieses Feld neu erkunden und es noch nicht viele Studien dazu gibt, wählen wir die Untersuchungsform einer Exploration. Explorative Untersuchungen (Exploration = Erkundung) werden durchgeführt, so Ber‐ ger-Grabner, „wenn weitgehend unbekannte Phänomene und Zusammen‐ hänge erforscht werden sollen. Häufig handelt es sich um Voruntersuchun‐ gen oder Pretests, die einer Hauptstudie vorgeschaltet werden. Es geht in erster Linie darum, Hypothesen zu generieren, welche in der Hauptstudie überprüft werden. Es kommen vorzugsweise qualitative Methoden zum Einsatz“ (Berger-Grabner 2016: 110). Sie eröffnen die Möglichkeit, mehrere methodische Zugänge auszuprobieren und auch Methodenkombinationen zur Erkundung durchzuführen. Wie wählen wir die zu Befragenden aus? Wir können in einer der Exploration dienenden Methodenkombination die Auswahl der Befragten in zwei Schritten vornehmen. Wir beginnen mit einem theorieorientierten Sampling, welches uns weiteren Aufschluss über die Zusammenhänge sowie die Hintergründe gibt, um das Phänomen besser zu verstehen. Im ersten Schritt orientieren wir uns bei der Auswahl an der Grounded Theory und dem theoretical sampling. Wir beginnen der Einfachheit halber in der Stadt, in der wir leben oder die am nächsten an unserem Wohnort liegt. Wir sehen uns z. B. die Wahlliste und Mitgliederliste des nächstgelegenen Kreisverbandes der AfD an - wenn wir diese als rechtspopulistisch/ rechtsextrem orientiert einschätzen - und nehmen Kon‐ 7.5 Das teilstandardisierte Expert*innen-Interview 257 <?page no="258"?> 20 Der Unterschied zwischen beiden Verfahren liegt in der Anwendung eines zufälligen oder willkürlichen Auswahlverfahrens für die letztlich in die Stichprobe einbezo‐ genen Individuen/ Elemente: Die geschichtete Zufallsstichprobe hat eine angebbare Ziehungswahrscheinlichkeit für jedes Element der Grundgesamtheit, während bei der Quotenstichprobe keine solche Ziehungswahrscheinlichkeit angegeben werden kann. Eine willkürliche Auswahl kann zum Beispiel auf Selbstselektion beruhen: Die Untersucher*innen suchen etwa per Annonce nach geeigneten Studienteilnehmer*in‐ nen, kontaktieren passende Mitglieder eines Online-Panels, die sich zur Teilnahme an Meinungsumfragen bereiterklärt haben, oder sprechen willkürlich geeignete Pas‐ sant*innen an, von denen sich nur einige dafür entscheiden, ihnen zu antworten. Das tun sie so lange, bis sie die Quoten für ihre Stichproben erfüllt haben. Sofern nun die Eigenschaften der Teilnehmer*innen, die sie zur Selbstselektion bewogen haben, auch das interessierende Merkmal beeinflussen, werden die Ergebnisse der Quotenstich‐ probe gegenüber den Ergebnissen einer geschichteten Zufallsstichprobe verzerrt sein (ähnliches passiert bei einer Zufallsstichprobe allerdings durch Antwortausfall (vgl. Cumming 1990). Auch von Seiten der Interviewer*innen kann es bei der Quotenstich‐ probe zur Stichprobenverzerrung kommen, indem z. B. sympathiebasiert Passant*innen angesprochen werden oder eine Liste von Telefonnummern in einer bestimmten Reihenfolge „abgearbeitet“ wird. Quotenstichproben sind billiger, schneller und in ihren takt zu jungen Erwachsenen auf, welche unserer angezielten Altersgruppe entsprechen. Dies tun wir offen in der Darstellung unseres Erkenntnisinter‐ esses. Nehmen wir an, wir gewinnen einen jungen Erwachsenen zu einem Interview, dann entscheiden wir nach der Auswertung des Einzelfalles, wen wir nach theoriegenerierenden Kriterien der Kontrastierung (minima‐ ler/ maximaler Vergleich) als nächstes kontaktieren. Für einen minimalen Vergleich könnten wir einen in Bezug auf Biografie und sozialstrukturelle Lage ähnlichen jungen Erwachsenen heraussuchen und für einen maxima‐ len Vergleich einen je nach Theoriebildung gänzlich verschiedenen Fall. Nachdem wir die Ergebnisse ausgewertet und unseren Fragebogen ange‐ passt haben, können wir entweder versuchen, eine theoretische Sättigung der gewonnenen Erkenntnisse zu erreichen oder gleich in einen zweiten Schritt des Auswahlverfahrens münden. Daran anschließend können wir z. B. versuchen, wenn wir keine proportional geschichtete Zufallsauswahl realisieren wollen, in einer Berufsschule vor Ort, in einem Fußball-Fanclub vor Ort und an einer Universität einen möglichst heterogenen Zugang zu bekommen und Berufsschüler, Fans und Studierende in der jeweiligen Alterskohorte über Facebook, LinkedIn oder WhatsApp-Gruppen für Inter‐ views zu gewinnen. Da wir Daten zur Grundgesamtheit in Deutschland zur Verfügung haben, können wir für die Exploration eine proportionale Quotenstichprobe anvisieren, d. h. die Interviewauswahl so steuern, dass sie in den Proportionen der Grundgesamtheit entspricht. 20 Mehr als 20 bis 30 258 7 Das Interview als qualitatives Erhebungsverfahren <?page no="259"?> Voraussetzungen weniger anspruchsvoll als geschichtete Zufallsstichproben; in vielen Fällen können sie ein praktikabler Ersatz für diese sein. Quotenstichproben sind die Methode der Wahl in der kommerziellen Markt- und Meinungsforschung und werden durchaus auch in der akademischen Forschung eingesetzt (vgl. Meyer & Reutterer 2009: 239; Monette et al. 2011: 152). Interviews können wir für eine solche Exploration aber nicht durchführen. Damit bleibt der standardisierte Teil des Interviews eng begrenzt auf eine explorative Stichprobe, welche aber zugleich als umfassender Pretest für eine größere Stichprobe gesehen werden kann. Welche Art von Interview nutzen wir für die Erhebung? Bei der Erhebungsmethode haben wir uns, wie bereits dargelegt, für eine Mischform, ein teilstandardisiertes Expert*innen-Interview mit offenen, am Anfang erzählgenerierenden Fragen entschieden; das Interview wird mündlich durchgeführt und durch einen standardisierten Befragungsab‐ schnitt ergänzt, in welchem auch geschlossene Fragen sowie am Ende des Interviews Fragen mit standardisierten Antwortvorgaben und Skalen zur Anwendung kommen. Auch beim teilstandardisierten Expert*innen-Interview hat man ein teil‐ weise offenes Konzept, welches der Exploration folgt, also Raum für selbst produzierte Stehgreiferzählungen, Argumente und Beschreibungen lässt, aber dann auch von den Forschenden kommende, exmanente Themen einbringt. Hier braucht man also bereits einen Leitfaden, in dem die Themen sowie die Fragen festgelegt sind. Dabei wird auch die Themenabfolge bestimmt (fein strukturiert). Im Leitfaden wird der Wortlaut festgelegt, der ebenfalls weitgehend bindend sein soll. Da wir auf eine Methodenkombina‐ tion zielen, werden in einem zweiten Teil des Leitfadens standardisierte Antwortvorgaben Anwendung finden. Zur qualitativen Auswertung des Interviews ist es wichtig, dass wir das Interview aufzeichnen und danach zumindest teilweise - bezogen auf die offenen Fragen - transkribieren. Wir kündigen dies entsprechend an, sichern Anonymität zu und halten strenge Datenschutzverpflichtungen ein. 7.5 Das teilstandardisierte Expert*innen-Interview 259 <?page no="260"?> 7.5.2 Die Entwicklung des Fragebogens Auch das teilstandardisierte Expert*innen-Interview beginnt mit einer Er‐ klärung und einer offenen Eingangsfrage. Diese soll eine Erzählung hervor‐ bringen, auch um das „Warming-up“ zu gewährleisten. Damit beginnt unser Fragebogen. Das ist für den qualitativen Teil wichtig, weil die Interviewten damit ihre Relevanzsetzung offenlegen und sie zugleich mit der Gesprächsatmosphäre „warm“ werden. Fragen, die sich auf den Werdegang beziehen, sind dafür immer gut geeignet, eine solche Erzählgenerierung zu leisten. Dabei kommt es aber nun auf den genauen Wortlaut an, weil die erzählgenerierenden Impulse für alle gleichgesetzt werden sollen. Ein Beispiel für eine solche Eingangsfrage könnte in unserem Falle sein: Toolbox 20: Erzählgenerierende Eingangsfrage „Können Sie uns bitte etwas über Ihren Werdegang erzählen, insbe‐ sondere über Ihre Schulzeit und Ihre beruflichen Erfahrungen, und in‐ wiefern diese zu Ihrer politischen Orientierung in dieser Lebensphase beigetragen haben? “ Im Anschluss an die Erzählung können natürlich immanente Nachfragen gestellt werden, d. h. Nachfragen, die sich aus dem Erzählten ergeben. Aber im Vordergrund stehen nun die Fragen, welche aus dem eigenen Erkenntnisinteresse resultieren. In einem Leitfaden werden daher drei bis fünf Themenkomplexe mit exmanenten Nachfragen aufgelistet, welche die Führung des Interviews anleiten. So könnten wir z. B. in einem zweiten Themenkomplex nun auf die Rolle und Bedeutung der Peergroup, also der Freund*innen und Bekannten, eingehen. Dies könnten wir wie folgt ebenfalls mit einer offenen Frage einleiten: 260 7 Das Interview als qualitatives Erhebungsverfahren <?page no="261"?> Toolbox 21: Beispiele für offene Fragen im teilstandardisierten Experteninterview 1. „Welche Bedeutung haben Freunde und Bekannte für Sie? Kön‐ nen Sie uns bitte Ihren Freundeskreis bzw. Ihre Freundeskreise beschreiben und inwiefern Politik in diesen Kreisen eine Rolle spielt? “ 2. „Gab es Mentoren, Freunde oder Bekannte, die Ihnen ggf. den Weg zu Ihrem Engagement für die AfD (oder andere rechtspopulistische Bewegung einsetzen) geebnet haben? “ Doch diese Fragen sind in dem Antwortspektrum, welches sie eröffnen, noch sehr offen und weit gestellt. In Fragekombinationen und standardisierten Fragen mit Antwortvorgaben kann man dieses Antwortspektrum entlang der Forschungsinteressen weiter einschränken und zuschneiden. 7.5.3 Die Entwicklung von Fragenkombinationen und standardisierten Fragen Die einfachste Form sind zunächst Items mit offenen Antwortmöglichkei‐ ten, die es auch in standardisierten Befragungen gibt. Hier muss aber nun darauf geachtet werden, dass die Fragen eineindeutig gestellt und möglichst auf eine Dimension bzw. ein Merkmal konzentriert sind. Erste Beispiele hierfür könnten sein: Toolbox 22: Fragen mit offenen Antwortmöglichkeiten 1. „Was halten Sie von der AfD? Bitte begründen Sie Ihre Ansicht“ (freie Gestaltung). 2. „Was sagt Ihnen dieses Foto (einer Demonstration von PEGIDA)? “ (Freie Deutung). 3. „Welche Sätze fallen Ihnen zum Thema Rechtspopulismus ein? “ (Freie Assoziation). Bei Items mit halboffener Beantwortung schränkt man die Antwortmög‐ lichkeiten weiter ein. 7.5 Das teilstandardisierte Expert*innen-Interview 261 <?page no="262"?> Toolbox 23: Fragen mit halboffener Beantwortung 1. „Gibt es zu den unterstehenden Themenbereichen politische Posi‐ tionen oder Meinungen, welche Sie teilen? “ Themen - Rolle des Islams in Deutschland - Flüchtlinge in Deutschland - Freiheit der Meinungsbekundung - ….. - …… - 2. Gibt es Bewegungen, welche Sie politisch unterstützen oder welche Ihre Meinung vertreten? Welche sind dies? “ (Reihen- und Sammel‐ antworten) Themen Bewegungen Kreis/ Stadt - Bundesland - Deutschland - International - Sonstige: - Um im nächsten Schritt zu überprüfen, ob es bereits getestete Skalen gibt, kann man zum einen Skalenhandbücher heranziehen (siehe dazu exemplarisch Rössler 2011; Rubin et al. 2009). Zum anderen kann man in einschlägigen Untersuchungen zum Thema nachsehen und ggf. getestete Skalen aus aktuellen Untersuchungen übernehmen. Es ist immer vorzuzie‐ 262 7 Das Interview als qualitatives Erhebungsverfahren <?page no="263"?> hen, bereits getestete Skalen zum Einsatz zu bringen, als diese neu zu entwickeln. Allerdings müssen die Fragen und Antwortskalen zur jeweili‐ gen Fragestellung passen, was häufig eine Anpassung bereits getesteter Skalen nach sich zieht, welche dann wiederum einem Pretest unterzogen werden müssen. In unserem Falle aber wir ziehen solche Skalen hier noch nicht heran, weil wir zunächst selbst etwas darüber lernen wollen, wie man solche Fragen entwickelt. Der Entwurf von Items mit geschlossenen Antwortvorgaben führt in die Entwicklung von Skalen hinein. Diese kann hier nur angedeutet werden, weil es ein sehr aufwendiger Prozess ist, neue Skalen zu entwickeln und zu testen. Sie folgen den aus der Theorie und dem Stand der Forschung heraus entwickelten Hypothesen und orientieren sich an Indikatoren, mit welchen versucht wird, diese Hypothesen zu prüfen. Entlang der Indikatoren werden dann die Items entwickelt. Diesen ganzen aufwendigen Prozess wollen und können wir hier nicht nachzeichnen. Die nachfolgenden Beispiele sollen aber ermutigen, Fragen mit geschlossenen Antwortvorgaben selbst zu entwickeln und dies immer dann zu tun, wenn keine etablierten Skalen vorliegen oder diese für die Fragestellung unzureichend sind: Toolbox 24: Fragen mit geschlossenen Antwortvorgaben 1. Unter Rechtspopulismus versteht man u. a. eine stark am Wohler‐ gehen des Volkes orientierte politische Bewegung. Finden Sie diese Einschätzung richtig oder falsch? (Alternativantworten) □ richtig □ falsch (Alternativantworten) Inwiefern stimmen Sie folgenden Aussagen zu? (von 1 = stimme zu bis 5 = stimme gar nicht zu) - 1 2 3 4 5 …. - - - - - Die Regierenden vertreten nicht mehr unser Volk. - - - - - Wir haben zu viele Flüchtlinge in Deutschland. - - - - - 7.5 Das teilstandardisierte Expert*innen-Interview 263 <?page no="264"?> Wir brauchen in Deutschland keine här‐ teren Gesetze gegen Straftäter. Wir müssen das christlich-abendländi‐ sche Erbe unserer Gesellschaft schützen. - - - - - Eheschließungen von homosexuellen Paaren sind zu befürworten. - - - - - ….. - - - - - Dabei gibt es neben der etablierten Likert-Skala noch viele andere Arten, Skalen zu entwerfen. Sie können Beispiele für diese bei Bortz und Döring 2006: 221-230 nachlesen. Da wir hier keine vollständig entwickelten Skalen präsentieren können und wollen sowie keine Forschungsergebnisse zu diesen Skalen, wollen wir als ein Beispiel für mögliche Skalen und deren Ergebnisse die Leipziger Autoritarismus-Studie heranziehen. Information 21: Das Beispiel der Leipziger Autoritarismus-Studie Wenn wir, wie zuvor auch, die Befunde anderer Studien heranziehen, um mögliche Ergebnisse zu verdeutlichen, so bietet sich die Leipziger Au‐ toritarismus-Studie an. Sie beschäftigt sich seit 2002 in repräsentativen Erhebungen, welche alle zwei Jahre stattfinden, mit Rechtsextremismus in Deutschland (vgl. Decker & Brähler 2018). Diese Herangehensweise ist zwar nicht deckungsgleich mit dem Thema des Rechtspopulismus, aber einzelne Elemente des Rechtspopulismus sind hier in etablierten und getesteten Skalen vorhanden. Die untenstehende Tabelle gibt an‐ hand einer Likert-Skala die Ergebnisse der Studie aus dem Jahr 2024 wieder (Decker et al. 2024). 264 7 Das Interview als qualitatives Erhebungsverfahren <?page no="265"?> Tabelle 13: Der Fragebogen zu rechtsextremen Einstellungen - Zustimmung auf Item-Ebene (in %; N = 2.504) Wir können hier nicht auf alle Befunde eingehen, aber man sieht, wie Fragen, die auch uns interessieren, operationalisiert wurden und 7.5 Das teilstandardisierte Expert*innen-Interview 265 <?page no="266"?> zugleich, welche Tendenzen in dieser Studie festgestellt wurden. Die Teilnehmenden wurden mit einer geschichteten Zufallsstichprobe aus‐ gewählt. Sämtliche Daten wurden im Jahr 2024 erhoben. Die Rücklauf‐ quote betrug 39,2 % und ist damit als hoch einzuschätzen, besonders im Vergleich zu anderen Verfahren wie Telefonbefragungen. In der Dimension „Ausländerfeindlichkeit“ fallen die Zustimmungs‐ werte in ganz Deutschland besonders hoch aus (Decker et al. 2024: 36f.). Die Frage misst die Ausländerfeindlichkeit als Abwertung und Aggres‐ sion gegenüber einer konstruierten Fremdgruppe, »den Ausländern«, denen pauschal und kollektiv das Ausnutzen des Sozialstaates unterstellt wird, die auf dem Arbeitsmarkt nur auf Zeit geduldet werden und deren Anwesenheit als »Überfremdung« der Bundesrepublik wahrgenommen wird. „Auf der einen Seite wird in dieser Dimension also rassistisch motiviertes Konkurrenzdenken auf dem Arbeitsmarkt (ökonomisch motivierte Ausländerfeindlichkeit) erfragt, auf der anderen Seite eine völkische Überfremdungsvorstellung“. Im Zeitverlauf erweisen sich diese Anteile mit Schwankungen als vergleichsweise stabil. Abbildung 5: Muslimfeindschaft 2014-2024 (Zustimmung in %) Die Ergebnisse zeigen weiter, wie sich die Muslimfeindlichkeit in Deutschland in den letzten Jahren entwickelt hat: Im Jahr 2022 berich‐ tete etwa ein Drittel der Befragten in Westdeutschland, sich „durch die vielen Muslime […] manchmal wie ein Fremder im eigenen Land“ zu fühlen. Bis 2024 ist dieser Anteil deutlich gestiegen und liegt nun sowohl 266 7 Das Interview als qualitatives Erhebungsverfahren <?page no="267"?> in Ostdeutschland (48,7 %) als auch in Westdeutschland (48,2 %) bei fast der Hälfte (Abbildung 5). Auch die Zustimmung zur Aussage, „Muslimen solle die Zuwanderung nach Deutschland untersagt werden“, stieg in Westdeutschland von 2022 bis 2024 um 9,2 % auf insgesamt 32,8 %. Im Osten sind die Zustimmungswerte zwar leicht gesunken, liegen mit 43,2 % im Jahr 2024 jedoch weiterhin deutlich über denen im Westen. Wir haben nun gesehen, wie wir in einer Methodenkombination Fragen entwickeln können und auch welche Ergebnisse wir aus der Methoden‐ kombination ziehen können. Während uns der standardisierte Teil des Fragebogens Ergebnisse zu den Merkmalsverteilungen und -ausprägungen bringt, können die offenen Frage dazu beitragen, einen tieferen Blick auf die Mechanismen zu werfen, welche zu einem rechtspopulistischen/ rechts‐ extremen Engagement führen. Allerdings tauchen auch bei qualitativen und teilstandardisierten Befra‐ gungen typische Probleme auf, welche alle drei der in diesem Kapitel dar‐ gestellten Typen des Interviews betreffen, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Darum soll es zum Abschluss gehen. 7.6 Das Problem der Antworttendenzen/ -verfälschungen Antworttendenzen treten auf, wenn Befragte in Interviews nicht nur auf den Inhalt der Frage, den Fragestimulus, reagieren, sondern in ihrer Antwort auch von anderen Faktoren beeinflusst werden. Diese Faktoren finden sich in den verschiedensten Elementen einer Befragung, sie können in der jeweiligen Person der Befragten, in der Interviewsituation sowie im Erhebungsinstrument liegen (vgl. Bogner & Landrock 2015). 1. In die erste Klasse von Antwortverfälschungen fallen „Intervieweref‐ fekte“, welche mit der Reaktion auf die Person oder die Situation, in der das Interview stattfindet, zu tun haben. Antworttendenzen treten dann auf, wenn das Antwortverhalten von der Situation abhängig ist. Es handelt sich um Interviewer-Effekte, wenn Befragte auf Merkmale oder Verhaltensweisen der Interviewer*innen reagieren. Hier können z. B. Alter, Geschlecht, Aussehen, Kleidung, Frisur, Persönlichkeit, Ein‐ 7.6 Das Problem der Antworttendenzen/ -verfälschungen 267 <?page no="268"?> 21 Der optimale kognitive Prozess, den Befragte bei der Beantwortung einer Frage durchlaufen, umfasst mehrere Schritte (Verstehen der Frage, Gewinnung der relevanten Information aus dem Gedächtnis, Beurteilung der gewonnenen Information hinsicht‐ lich der Vollständigkeit und Relevanz, Antwortgabe). Diese sind mit hohem kognitivem Aufwand verbunden, was in der Summe aller Fragen einer Erhebung unter Umstanden eine hohe kognitive Belastung für die Befragten bedeutet (vgl. u. a. Krosnick & Fabrigar, 1997). Dieser Informationenverarbeitung steht ein an einer Reduzierung von Belastung ausgerichteter Prozess gegenüber, welcher als Satisficing bezeichnet wird (vgl. Bogner & Landrock 2015: 1). stellungen und Erwartungen der Interviewer*innen die Antworten der Befragten beeinflussen, ohne dass die Interviewer*innen dies wissen (vgl. Bortz & Döring 2006: 246 f.). So zeigte sich z. B. in einer Untersuchung von uns über Langzeitarbeits‐ lose in Deutschland, dass die studentischen Interviewer*innen es immer wieder mit Interviewereffekten zu tun bekamen, weil teilweise das sozio-ökonomische Gefälle in der Zurechnung der Befragten als hoch erschien sowie das erwartete Bildungsniveau als einschüchternd emp‐ funden wurde (vgl. Pohlmann 2010: 23-26). Oder in einer Untersuchung von Arbeiter*innen in einer Gießerei bekamen die Interviewer*innen die Erwartungen der Befragten zu spüren, dass die Ergebnisse der Geschäftsleitung berichtet würden, sodass einige kaum auf die Fragen reagierten. Von Anwesenheitseffekten (Anwesenheit dritter Personen) spricht man dagegen, wenn das Antwortverhalten der Befragten von anwesen‐ den Dritten abhängig ist. So zeigte sich zum Beispiel in einer Befra‐ gung von mittleren Angestellten in einem Unternehmen, wie sehr die manchmal nicht vermeidbare Anwesenheit von Kolleg*innen bei einem Interview dem Antwortverhalten eine andere Richtung gab. 2. Die zweite Art von Antwortverfälschungen resultiert aus den kogniti‐ ven Effekten in der Beantwortung von Fragen. Wenn Befragte z. B. bei der Beantwortung von Fragen zum Satisficing 21 neigen, wollen sie ihren kognitiven Aufwand reduzieren. Dies spielt insbesondere bei stärker standardisierten Befragungen eine Rolle. Aber auch bei qualita‐ tiv offenen Interviews kann dies Probleme bereiten. In der Folge kön‐ nen Antworttendenzen wie Akquieszenz/ Zustimmungstendenz oder die Tendenz zur Mitte entstehen. Bei der sozialen Erwünschtheit orientieren sich Befragte an sozia‐ len Normen, um so zu antworten, wie sie annehmen, dass es den 268 7 Das Interview als qualitatives Erhebungsverfahren <?page no="269"?> Erwartungen der Interviewer*innen entspricht. Diese Tendenz zur sozialen Erwünschtheit spielt auch bei qualitativen Interviews eine Rolle. Wenn man Eltern interviewt, Lehrer*innen oder Angestellte in einem Unternehmen - immer wird das Antwortverhalten auch von den Rollenerwartungen mit beeinflusst sein. Nur ist das in der qualitativen Sozialforschung weniger ein Problem, weil dies ein Teil der Relevanz‐ strukturen der Befragten ist, welche man gerade untersuchen möchte. Und man kann bei der Interpretation darauf Bezug nehmen. Bei der Tendenz zur Milde/ Härte neigen Befragte dazu, unabhängig vom Inhalt der Frage die Extremkategorien in Ratingskalen anzugeben, also sich in den Antwortvorgaben unabhängig von ihrem Inhalt als besonders hart oder besonders mild zu präsentieren. 3. Der dritte Einflussbereich für Antworttendenzen sind Effekte des Erhebungsinstrumentes selbst: Die Formulierung der Fragen im Fragebogen, ihre Reihenfolge sowie die Reihenfolge der Antwortalter‐ nativen im Fragebogen können z. B. als Ausstrahlungseffekte oder Primacy-bzw. Recency-Effekte das Antwortverhalten beeinflussen und zu Antworttendenzen führen. Diese Ausstrahlungseffekte kann es auch bei qualitativen Befragungen geben. So kann etwa eine Frage nach dem Werdegang, welche eine 30-minütige Erzählung generiert, in ei‐ nem problemzentrierten Interview auf die Folgefrage ausstrahlen, wie der*die Befragte z. B. dazu gekommen sei, bei der Organisation XY zu arbeiten. Die Antwort auf die Frage nach dem Werdegang kann Konsistenzerwartungen für die Befragten selbst generieren, welche dann die Antwort auf die Folgefrage in Richtung „Folgerichtigkeit“ verzerrt. Aber auch auf diese Verzerrung kann in einer Interpretation Bezug genommen werden, während sie in standardisierten Befragungen vielleicht eher unbemerkt bleibt. In gemischten Fragebogen, in denen offene und geschlossene Fragen ver‐ bunden werden, wird dieser Effekt - außerhalb der Wissenschaft - nicht selten gezielt zur Manipulation des Antwortverhaltens eingesetzt. Aber auch in der Wissenschaft lassen sich solche Ausstrahlungseffekte nicht immer verhindern. 7.6 Das Problem der Antworttendenzen/ -verfälschungen 269 <?page no="270"?> 22 Trichterfragen sortieren in einem mehrstufigen Vorgang alle diejenigen Befragten aus, die keine Antwort auf die eigentliche Testfrage geben können. Wenn man etwas über die Mediennutzungsgewohnheiten von Pay-TV-Nutzer*innen wissen will, wäre die erste Frage, ob die Befragten überhaupt einen Fernseher haben. Im nächsten Schritt würde man den Empfangsmodus erfragen und im dritten Schritt nur noch diejenigen befragen, die tatsächlich Pay-TV nutzen. Alle anderen Befragten überspringen diesen Block. Filterfragen arbeiten mit derselben Logik, wobei man sogenannte Auskoppelungen und Gabelungen unterscheidet. Die Auskoppelung funktioniert nach dem Muster der Trichterfrage: Es werden dann Fragen übersprungen, wenn mit einer Vorfrage festgestellt wurde, dass die Befragten nicht sinnvoll antworten können. Gabelungen werden dann eingebaut, wenn man Auskünfte von der ganzen Stichprobe braucht, jedoch bestimmte Teilpopulationen in unterschiedlicher Formulierung befragen muss. Am Beispiel Pay-TV wird das deutlich. Mittels Trichterfragen wird die Stichprobe in zwei Gruppen geteilt: solche, die Pay-TV anschauen und jene, die nur Free-TV nutzen. Nun könnte man mit einer Gabelung beide Gruppen danach fragen, wie sie die jeweiligen Sendungen oder Genres finden, die typischerweise in dem einen oder anderen Empfangsmodus angeboten werden (vgl. Studlib 2021: Methoden der empirischen Kommunikationsforschung). Übung 8: Manipulation des Antwortverhaltens durch einen Fragebogentrichter Nehmen wir an, wir wollten Befragte dazu bringen, möglichst viel für die wirtschaftlich Betroffenen in der Corona-Krise zu spenden. Wie gehen wir dabei vor, wenn wir dazu einen Fragebogen zum Einsatz bringen wollten? Hinweise zur Beantwortung 8: Manipulation des Antwortverhaltens durch einen Fragebogentrichter Versuchen wir als kleine Übung mittels des Entwurfes von drei Fragen gezielt Ausstrahlungseffekte zu erzielen, d. h. den Fragebogen zu manipulieren. Wir bauen einen Fragebogentrichter bzw. nutzen Trichterfragen 22 in anderer Weise als wissenschaftlich üblich, um einen manipulativen Zweck zu erreichen. So könnten wir z.-B. zunächst offen fragen, (1) wie man zu Spenden für wirtschaft‐ liche Opfer der Corona-Krise steht. Dies eröffnet ein breites Antwortspektrum, in welchem aber bereits durch die Worte „Opfer“ und „Krise“ Solidaritätsnormen zum Anklingen gebracht werden und soziale Erwünschtheit getriggert wird. Da‐ nach könnten wir in einer zweiten Frage das Antwortspektrum weiter verengen (Verengung des Trichters) und in einer ordinalen Skala, hier eine Likert-Skala, gezielt häufig gewählte „Ausweichmanöver“ der Befragten adressieren. So kann eine Frage lauten: (2) Wie schätzen Sie folgende Aussage ein (Likert-Skala): 270 7 Das Interview als qualitatives Erhebungsverfahren <?page no="271"?> In der Corona-Krise ist nicht nur der Staat in der Verantwortung, sondern wir alle müssen zusammenhalten und etwas tun. (stimme zu) 1 2 3 4 5 (stimme gar nicht zu) Auch hier werden wieder Impulse gesetzt, welche die Antwortmöglich‐ keiten manipulativ weiter verengen. Mit „nicht nur der Staat“ wird das Ausweichmanöver angesprochen, vieles auf den Staat zu schieben und mit „wir alle müssen zusammenhalten“ der Gemeinschaftsgedanke in den Vor‐ dergrund gestellt und mit sozialer Erwünschtheit versehen. Mit „etwas tun“ wird nicht nur Passivität negativ konnotiert, sondern auch die Folgefrage vorbereitet. Mit dieser wird das Antwortspektrum weiter verengt und gezielt auf ein Ja oder Nein zugeschnitten. Damit gehen wir zu „forced choice“ über: Wären Sie bereit, selbst für die Opfer der Corona-Krise zu spenden? Auch ein kleiner Beitrag kann Großes bewirken.  Ja  Nein Wenn man die Spenden in der ersten Frage befürwortet hat (soziale Er‐ wünschtheit), sitzt man als Befragte*r nun in einer Art „Konsistenz-Falle“. Sie werden durch Ausstrahlungseffekte in einem Fragebogentrichter mit einem abnehmenden Antwortspektrum gezielt erzeugt. Im letzten Satz wird auch wieder dem Ausweichmanöver vorgebeugt, dass man selbst nicht viel habe. Solche manipulativen Formen der Fragebogengestaltung werden oft in der Praxis des Verkaufs genutzt, kommen aber nicht selten auch unfreiwillig in Umfragen vor. 4. Zu den verschiedenen Effekten, die für die Befragten mit Interviews einhergehen, gehört auch der sog. Hawthorne-Effekt. Er bezieht sich darauf, dass das Führen von Interviews mit Arbeiter*innen und Angestellten in Unternehmen bereits als eine Form der Wertschätzung wahrgenommen wird. So hat man zwischen 1924 und 1933 in den USA erkannt, dass mit Interviews, zunächst gänzlich unbeabsichtigt, stimu‐ lierende Effekte einhergehen können (vgl. Roethlisberger & Dickson 1939). Man untersuchte z. B., ob die Veränderung des Lichts in einer Fabrik Auswirkungen auf die Arbeitsleistung hat (vgl. Althans 2000: 366). Tatsächlich stieg die Arbeitsleistung der Experimentalgruppe bei verbesserten Lichtverhältnissen (vgl. Lück 2009: 105). Allerdings stieg auch die Leistung in der Kontrollgruppe, die bei unverändertem Licht arbeitete. Die Leistungssteigerung blieb sogar erhalten, als wieder zur ursprünglichen Beleuchtungsstärke zurückgekehrt wurde (vgl. Harvard 7.6 Das Problem der Antworttendenzen/ -verfälschungen 271 <?page no="272"?> Business School 2007: Illumination Study, 1926, Western Electric Com‐ pany Hawthorne Studies Collection). Allein die für die Arbeiter*innen ungewohnte Aufmerksamkeit durch die Gespräche führte zu diesem Effekt. Diese unbeabsichtigte Folge ging als Hawthorne-Effekt in die Geschichte ein (siehe dazu Mayo 1933). Diese Erkenntnis zog in Unter‐ nehmen viele Mitarbeiter*innenbefragungen nach sich, welche allein wegen des Produktivitätseffekts durchgeführt, aber niemals ausgewer‐ tet wurden (vgl. Mayo‘s Hawthorne Effect 2017). Auch andere Effekte, die mit offenen, qualitativen Interviews einher‐ gehen, wurden festgestellt, wie z. B. der sog. Katharsiseffekt. So wurde bei Expert*innen-Interviews mit Manager*innen von Industrie‐ unternehmen erkannt, dass sich bei diesen ein „Von-der-Seele-Reden“ einstellte und die Manager*innen und Expert*innen sich dadurch im Gespräch sehr wohl fühlten und sich mehr Zeit ließen als im Vorhinein beabsichtigt (vgl. Bärbel et al. 1988). 7.7 Schlussbemerkung Die Lernfragen zu diesem Kapitel finden Sie unter: https: / / narr/ kwaest.io/ s/ 1474 Qualitative Interviews können also Zugänge zur Welt der Befragten eröff‐ nen, welche sehr intensiv sein können. Sie erlauben es, hinter die Darstel‐ lungsformen der Befragten zurückzugehen und ein Teil ihrer „Wahrheiten“ und Relevanzen ausführlich kennenzulernen. Anders als Klicks in vorge‐ gebene Kästchen erlauben qualitative Interviews die Mechanismen und Orientierungen zu verstehen, die zu solchen Klicks führen. Auch für das Interview gewählte Darstellungsformen werden erkennbar und man kann in der Rekonstruktion der Perspektive verstehen, was zu diesen Darstellungs‐ formen führte. Es gibt dabei viele verschiedene Varianten von qualitativen Interviews, die jedoch nicht dogmatisch voneinander unterschieden werden oder philosophisch überhöht werden sollten, sondern die das gemeinsame Interesse eint, entlang einer Fragestellung einen Weg in diese Welten zu ebnen. Dabei bieten sich verschiedene Kombinationen von Methoden an, welche die Früchte unterschiedlicher Zugänge miteinander in Beziehung setzen und helfen, die verschiedenen Erkenntnisse zu validieren und zusam‐ menzufügen. 272 7 Das Interview als qualitatives Erhebungsverfahren <?page no="273"?> Fragen zur Vertiefung 6 1. Wieso können narrative Interviews einen Zugang zu Themen bieten, über welche ansonsten nicht offen gesprochen würde? 2. Für welche Fragestellungen sind teilstandardisierte Expert*innen-Inter‐ views besser geeignet als narrative Interviews? 3. Sie wollen Interviews zu dem Thema durchführen, dass junge Menschen häufig Kunden von Fast-Fashion-Modeläden (wie z. B. H&M, Primark etc.) sind, auch wenn sie um die soziale Ungleichheit und mangelnde Nachhaltigkeit eines solchen Konsums wissen. Welche und wie viele Interviews würden Sie mit wem durchführen? Bitte begründen Sie Ihre Vorgehensweise. Übung für zuhause 7: Die Manipulation eines Fragebogens Versuchen Sie bitte selbst einmal einen Fragebogen mit offenen und ge‐ schlossenen Fragen zu manipulieren, vielleicht um Ihre Freunde zu einer bestimmten Aussage oder einem bestimmten Verhalten zu bewegen, z. B. mehr vegan zu essen, häufiger Sport zu machen, mehr für die Uni oder sich selbst zu tun etc. Dann können Sie die Ausstrahlungseffekte des Fragebogens gleich testen. 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Von dichten Beschreibungen (Geertz 1997) bis hin zu typologischen Verfahren (vgl. nur Fleiß 2010; Bohnsack 2003 oder Scheufele & Schieb 2018; Kuckartz 2010) oder statistischen Auswertungen qualitativer Daten (vgl. grundlegend Mayring 2020 und z.-B. nur Vogl 2017; Ortner 2018) sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. Die Vielfalt der qualitativen Auswertungsverfahren erscheint noch größer als die Vielfalt der verschiedenen qualitativen Interviewformen. Die Auswertung qualitativer Interviews ist nicht einheitlich standardi‐ siert ‒ das ist methodologische Absicht. Je nach Erkenntnisinteresse, Da‐ tenlage und theoretischem Ansatz stehen Forschenden unterschiedliche elaborierte Verfahren zur Verfügung. Im deutschsprachigen Raum haben sich einige Methoden etabliert. Dazu gehören u. a.: die Narrationsanalyse nach Fritz Schütze, die Sequenzanalyse der Objektiven Hermeneutik nach Ulrich Oevermann, die Dokumentarische Methode nach Ralf Bohnsack, aber auch die biographische Fallanalyse. Diese Verfahren unterscheiden sich fundamental in ihrem Erkenntnisinteresse, ihrer Logik und ihrer prak‐ tischen Anwendbarkeit ‒ eine Wahl ist nicht neutral, sondern prägt die Forschungsergebnisse. Viele Forschende arbeiten daher hybrid ‒ kombinie‐ ren z. B. eine Narrationsanalyse zur Tiefenrekonstruktion einzelner Fälle mit Dokumentarischer Methode für fallübergreifende Vergleiche. Dies erlaubt sowohl Tiefe als auch Breite. Aber alle Verfahren genauer darzustellen und zur Anwendung zu bringen, würde ein eigenes Buch erfordern. Deswegen müssen wir uns wieder an der Forschungsfragestellung orien‐ tieren und darauf konzentrieren, auf welche Ergebnisse die Analyse zielt. Wie wir dies tun, werden wir im Folgenden sehen. Wir werden hier eine Auswertungsmethode genauer vorstellen, welche unseres Erachtens gut geeignet ist, um unseren Pfad der explorativen Beschäftigung mit dem Rechtspopulismus fortzuführen. Es handelt sich dabei um die Deutungsmus‐ teranalyse. Mit der Konzentration auf die Deutungsmusteranalyse verbindet <?page no="284"?> sich keine Wertung oder Vorrangstellung dieses Analyseverfahrens, son‐ dern nur ein Erkenntnisinteresse, das sich auf die kollektiven Wissensbe‐ stände hinter dem Rechtspopulismus richtet und versucht, diese mittels der Deutungsmusteranalyse zu rekonstruieren. Andere Erkenntnisinteressen machen andere Erhebungs- und Analyseverfahren notwendig. Nachdem wir im vorangegangenen Kapitel 7 kennengelernt haben, wel‐ che Fragen wir in Interviews zum Thema des Rechtspopulismus stellen können, beschäftigen wir uns nun damit, wie wir mit den Antworten umgehen können, die wir auf unsere Fragen erhalten haben. Lernziel: Wir wollen in dieser Lerneinheit Einblicke geben, wie Interviews qualitativ ausgewertet werden können und das Auswertungsverfahren der Deutungsmusteranalyse kennen lernen. 8.1 Einleitung Mit Antworten auf Fragen umzugehen, hört sich zunächst einmal einfach an, ist aber in der Wissenschaft schwieriger als im Alltag. Im Alltag arbeiten wir mit Unterstellungen, die uns bis auf Widerruf helfen, mit unserem Verständnis einer Aussage fortzufahren. Wir denken, das ist die wichtige Information oder das ist gemeint, und reagieren darauf. Dieses „unmittelbare Verständnis“ in unserer „natürlichen Einstellung“, welches mittels Unterstellungen die Kommunikation so leichtgängig macht, wird in der Wissenschaft durchbrochen. Hier müssen wir uns überlegen, wie wir von der Antwort auf unsere Frage zu einer Interpretation dieser Antwort gelangen sowie zu Schlussfolgerungen, was gemeint war oder was dahin‐ tersteckt. In manchen wissenschaftlichen Abschlussarbeiten bereitet dies Probleme bei der Interpretation. Sie bewegen sich nicht selten in alltagsweltlichen Wiedergabe-Fallen, nach dem Motto: A hat X gesagt, also ist X. Beginnen wir wieder mit einer kleinen Übung. Übung 9: Die Schwierigkeiten bei der Interpretation eines Interviews Wir ziehen ein beliebiges Beispiel aus einer im Internet veröffentlichten Arbeit heran und wandeln dieses leicht ab. Bei dieser dreht es sich um das Thema bestimmter operativer Eingriffe im Krankenhaus und dazu wurden 284 8 Analyseverfahren von Interviews: Die Deutungsmusteranalyse <?page no="285"?> Interviews mit Frauen geführt, die eine solche Operation beabsichtigt und durchgeführt haben. Ziel ist es nicht, diese Arbeit schlecht zu machen oder einer weiteren Bewertung zu unterziehen. Wir wollen vielmehr lernen, welche Schwierigkeiten in der Interpretation von Interviews auftauchen und wie wir diese beheben können. Solche Schwierigkeiten können sich in jeder Arbeit einschleichen. Wir haben hier beliebig ein Interviewzitat aus der Arbeit sowie die nachfolgende Interpretation herausgegriffen. Interviewinterpretation aus Qualifikationsarbeiten: Zitat: „Wobei ich genau wusste, dass ich eine solche Operation möchte und ich mir sagte, schließlich ist es mein Körper“. Interpretation: Die Frauen kennen die eigenen Wünsche in hinsichtlich ihres Körpers und sie setzen diese Wünsche auch um. Wie gehen wir mit einer solchen Interpretation um? Fallen Ihnen Inter‐ pretationsfehler auf, und wenn ja, welche? Hinweise zur Beantwortung 9: Die Schwierigkeiten bei der Interpretation eines Interviews Wir geben hier, wie üblich, wieder einige Hinweise zur Beantwortung der Fragen. 1. Wir sehen zunächst, dass die Interpretation eine paraphrasierende Wiedergabe des Gesagten ist. Aber die Paraphrasierung ist hier nicht der Ausgangspunkt einer Auswertungsmethode. Das Zitat bzw. die Paraphrasierung wird im Folgenden nicht weiter behandelt. 2. Die Interpretation enthält darüber hinaus erstens eine Verallgemeine‐ rung: „Die Frauen“ wird als Verallgemeinerung eingeführt, ohne dass wir etwas über die Basis dieser Verallgemeinerung und ihre Methodo‐ logie erfahren. War hier die theoretische Sättigung bereits erreicht oder enthalten alle Interviews solche Aussagen? Offensichtlich soll dieses Zitat für viele andere Interviews stehen und den generellen Befund illustrieren. 3. Drittens wird die Aussage einer Probandin in eine wissenschaftliche Tatsachenaussage verwandelt. Wenn X sagt, dass sie es genau wusste, heißt das nicht, dass „auch wissenschaftliche Beobachter*innen zu dem Schluss kämen, dass es X klar war. Dies sind zwei verschiedene Aussagen. Es muss also richtig heißen, dass X (in der Retrospektive) angibt, dass es ihr klar war, dass sie eine Operation möchte. X erzählt also 8.1 Einleitung 285 <?page no="286"?> im Nachhinein etwas über ihre Relevanzen in der damaligen Situation. Das ist ein kleiner, aber wichtiger Unterschied. 4. „Und setzen diese auch um“ ist in der Verallgemeinerung ebenfalls ein schwieriger Bestandteil der Interpretation, denn wenn man nur Frauen ausgewählt hat, die Operation beabsichtigt und durchgeführt haben, hat man ja jene nicht im Sample, die davon abgesehen haben. Wir sehen also, es ist ein kleiner interpretativer Satz, der uns als Wissen‐ schaftler*innen in große Schwierigkeiten bringt. Das soll aber nicht heißen, dass wir in der Wissenschaft Pedant-*innen sind, sondern soll nur auf Folgendes aufmerksam machen: Eine wissenschaftliche Interpretation setzt eine überprüfbare Me‐ thode oder Vorgehensweise voraus und der Schluss von der Aussage einer Probandin auf die „objektive“ Wirklichkeit ist an die Bedin‐ gung der wissenschaftlichen Überprüfung des postulierten Faktums gekoppelt. Das Interview mit X sagt uns zunächst nur, wie X die Welt darstellt und nicht, wie die Welt ist. Wenn man den Boden der qualitativen Interviewinterpretation für einen Moment verlässt, sieht man ähnliche Probleme in der Interpretation der Daten eines Survey. Das gleiche Problem tritt in der Umfrageforschung auf, wenn z. B. behauptet wird, die Dän*innen „seien glücklicher“ als andere. Wissen tun wir dann aber aus den Umfragen nur, dass die Dän*innen im Durchschnitt höhere Zufriedenheitswerte bekunden, wenn man sie auf eine bestimmte, standardisierte Art und Weise fragt. So hat der Züricher Ökonom Bruno Frey mit dafür gesorgt (vgl. Handelsblatt, 01.11.2013), dass Worte wie Glück und Wohlbefinden in der Ökonomie Einzug erhalten haben. Die Befragten bewerten ihr Glück auf einer Skala von eins, sehr unglücklich, bis zehn, wunschlos glücklich. In Deutschland, sagt Frey, seien Antworten zwischen sieben und neun Punkten häufig. Die Deutschen seien im Großen und Ganzen also sehr glücklich (vgl. Handelsblatt, 01.11.2013). Hier lässt sich neben der fragwürdigen Gleichsetzung von Glück und Zufriedenheit derselbe Fehlschluss von der Artikulation von X („Zufriedenheit“) auf das Faktum X („Glücklich sein“) erkennen. Zwar sieht Bruno Frey dies selbst, wenn er schreibt, dass die Definition von Glück kulturabhängig ist. „So haben die Amerikaner die Tendenz, sich als besonders glücklich einzustufen, da in ihrer Gesellschaft das Glücklichsein positiv gewertet wird. Die Franzosen neigen zum anderen Extrem, ganz nach Charles de Gaulle, 286 8 Analyseverfahren von Interviews: Die Deutungsmusteranalyse <?page no="287"?> der einmal sagte: Nur Idioten sind glückliche Menschen“ (Frey & Frey-Marti 2010: 458). Aber dann wird schnell wieder von „Glücklichsein“ und darüber gesprochen, wer glücklich ist (vgl. Frey & Frey-Marti 2010: 458.). Man muss also sehr aufpassen, dass man Bekundungen nicht mit den wissenschaftlich zu konstatierenden Tatsachenbehauptungen verwechselt. Dies ist ein häufiges Problem bei Interviewauswertungen und Umfragen. Eine dieser wissenschaftlichen Interpretationsformen soll uns in dieser Lerneinheit besonders interessieren: die Deutungsmusteranalyse. Wir ha‐ ben sie hier auch für die Darstellung ausgewählt, weil diese Methode einen direkten Bezug zur Wissenssoziologie hat und eine genuin soziologische Methode ist. Sie zielt nicht vorrangig auf das Subjekt und den subjektiv gemeinten Sinn, sondern auf die Rekonstruktion der kollektiven, gesell‐ schaftlich und kulturell verankerten Wissensbestände, welche ein Subjekt zum Ausdruck bringt. 8.2 Deutungsmuster In der Deutungsmusteranalyse interessiert nicht die subjektive Sinngebung an sich. Sie wird vielmehr als Ausgangspunkt genommen, um den „objek‐ tiven Sinngehalt“ zu rekonstruieren. „Objektiv“ heißt dabei nicht, „den wirklichen wahren Sinn“ zu erkennen, sondern den Kosmos gesellschaftli‐ cher Regeln zu rekonstruieren, der in der subjektiven Sinngebung, i. e. dem Interviewzitat, zum Ausdruck kommt. Während andere Analysen z. B. auf das sozialstrukturelle Milieu fokussieren, in welchem eine Lebensgeschichte konstruiert wird, spielt in der Deutungsmusteranalyse über dieses hinausge‐ hend der kulturelle Kontext mit seinem Repertoire an „generativen“ Regeln eine Rolle. Gemeint sind damit die oft impliziten und ungeschriebenen Regeln, wie Dinge zu sehen und zu machen sind. Sie generieren eine unzählige Vielfalt an Meinungsäußerungen und Sichtweisen, welche ebenso subjektiv einzigartig wie durch das kulturelle Repertoire des kollektiven Wissensvorrates geprägt sind. Was genau können wir vor diesem Hintergrund unter Deutungsmustern verstehen? Als soziale Deutungsmuster können ganz allgemein die zeitstabilen und teilweise stereotypen Sichtweisen und Interpretationen von Mitgliedern einer sozialen Gruppe bezeichnet werden, die diese zu ihren alltäglichen Handlungs- und Interaktionsbereichen lebensgeschichtlich entwickelt ha‐ 8.2 Deutungsmuster 287 <?page no="288"?> ben. Sie sind Orientierungsgrößen im Alltag und stellen ein Rechtfertigungs‐ potential von Alltagswissen dar - dies jedoch in Form grundlegender, eher latenter Situations-, Beziehungs- und Selbstdefinitionen, in denen das Individuum seine Identität präsentiert und seine Handlungsfähigkeit aufrechterhält (vgl. Arnold 1983: 894; Ullrich 1999: 2). 1. Deutungsmuster sind bezogen auf ein „objektives Handlungsproblem“, welches sich so oder in ähnlicher Weise in verschiedenen Gesellschaften und Kulturen stellt. Die Deutungsmusteranalyse wurde als Verfahren am Beispiel der Sozialisation von Ulrich Oevermann entwickelt. Hier erkennt man sogleich das objektive Handlungsproblem, auf welches die Analyse bezogen ist. In allen Gesellschaften taucht das Problem in un‐ terschiedlicher Weise auf, dass die Nachkommen in der Gattung Mensch eine lange Zeit brauchen, bis sie ggf. als „nützliche“ Gesellschaftsmit‐ glieder zur Verfügung stehen. Darüber hatten wir schon beim Thema der Inhaltsanalyse von Kontaktanzeigen gesprochen (siehe Kapitel 6.5.6). Das bedeutet, dass in jeder Gesellschaft ein kultureller Wissensvorrat entsteht, wie dieses Heranwachsen gestaltet oder begleitet werden kann. 2. Unter Deutungsmustern verstehen wir keine Meinungen oder Einstel‐ lungen, sondern die kollektiven Muster, Regeln und das kulturelle Repertoire, das zu diesen Meinungen und Einstellungen führt. Wenn wir Interviewaussagen vor uns haben, fragen wir uns oft: Wie wurde das gemeint? Warum wurde das gesagt? Diese Fragen, welche auf den Nachvollzug der subjektiven Sinngebung zielen, stehen nicht im Mittel‐ punkt der Deutungsmusteranalyse (vgl. Fischer & Kohli 1987; Kohli 1981; Fischer-Rosenthal & Rosenthal 1997). Vielmehr fragen wir uns, welche kollektiven Regeln haben zu einer solchen Aussage geführt. Die Individuen, die das gesagt haben, sind - von dieser Analyseperspektive ausgehend - austauschbar. Es ist zunächst nicht wichtig, wer X oder Y als konkrete Personen sind, die dies gesagt haben. Wir abstrahieren dabei ebenso von dem, was X damit gemeint haben könnte oder warum X das gesagt haben könnte. Wir fragen vielmehr, was steckt dahinter? Auf welches gesellschaftliche Repertoire an Deutungs- und Handlungs‐ regeln ist die Aussage bezogen, welche kollektiven Deutungsmuster werden mit ihr artikuliert? In der Beschäftigung mit Reden, Erzählungen und Texten finden wir zu‐ nächst Meinungen und Einstellungen vor. Diese sind eher schnell wech‐ selnde Interpretationsmuster, die sich auf eine Vielzahl von Themen bezie‐ 288 8 Analyseverfahren von Interviews: Die Deutungsmusteranalyse <?page no="289"?> Bildquelle: Pixabay.com hen. Sie sind Ausdruck einer individuellen Persönlichkeit und individuell veränderbar. Sie sind in der empirischen Forschung leicht herauszufinden. Im Gegensatz dazu sind kollektive Deutungsmuster die kollektiven Formen unseres Hintergrundwissens. Sie verändern sich je nach unserer Kultur und sind als Teil des kollektiven Wissensbestandes nicht einfach individuell veränderbar. Sie wurzeln nicht in der Psychologie von Akteuren, sondern in der Geschichte von sozialen Gruppen, Kulturen oder Gesellschaften. Sie sind nicht „talk“, sondern die Grammatik des Wissens darüber, wie soziale Probleme in einer bestimmten Gesellschaft zu lösen sind. Sie sind oft nicht einfach an der Oberfläche des Alltagsgesprächs zu erkennen, sondern müssen in einer aufwendigen Methode der qualitativen Analyse rekonstruiert werden. Übung 10: Von der Aussage zum Deutungsmuster Wir ziehen ein beliebiges Bild mit einer Aussage aus dem Internet. Hier haben wir herangezogen, was eine beliebige Influencerin im Internet zum Thema Freundschaft gepostet hat. Die Aussage gleicht einem Kalen‐ derblattspruch und kommt wie eine Volksweisheit daher: „Eine beste Freundin ist wie ein vierblätt‐ riges Kleeblatt. Schwer zu finden, aber das Beste, was man haben kann“. Wenn wir zunächst einmal auf eine Bildanalyse verzichten: Wie kann man diesen Spruch nach Kalenderblattart der Influencerin im Sinne der Deutungsmusteranalyse deuten und wie kommen wir von der Aussage zum dahinterstehenden Deutungsmuster? Hinweise zur Beantwortung 10: Von der Aussage zum Deutungsmuster Wir können nicht wissen, was die Influencerin zu dieser Aussage bewegt hat. Aber natürlich ist der Spruch für die meisten von uns, die aus demselben Kulturkreis kommen, einfach zu verstehen. Es knüpft an Erfahrungen an, dass gute Freund*innen schwer zu finden sind, aber dass es gut ist, sie zu haben. Was immer die Influencerin zu dieser Aussage veranlasst haben mag, 8.2 Deutungsmuster 289 <?page no="290"?> wir haben einen unmittelbaren Zugang zum Sinngehalt der Aussage. Das ist der Anknüpfungspunkt, den wir für die Deutungsmusteranalyse nutzen können. Dazu müssen wir den biografischen Kontext, die Person und die Situation zunächst nicht kennen. Wir spüren auch bereits, dass darin eine Art „Volksweisheit“ zum Ausdruck kommt. Eine „Volksweisheit“ bezieht sich auf empirische Erfahrungen, welche in einem bestimmten kulturellen Raum als „Allgemeingut“ von Generation zu Generation weitergegeben werden. Damit sind wir schon fast bei der Deutungsmusteranalyse. Es sind keine Ideologien, die auf bestimmte partikulare Interessen zurückgeführt werden können, die hier interessieren, sondern kollektive Wissensformen, welche in Aussagen, Meinungen, Argumentationen zum Ausdruck kommen. Wenn man noch einen Moment bei der Aussage verweilt, kann man z. B. auch erkennen, dass ein gesellschaftlicher (Aber-)Glaube zum Ausdruck kommt, der darin besteht, dass das Finden eines vierblättrigen Kleeblattes Glück bringt. Dieses Stereotyp der Verbindung von Seltenheit und Glück wird in der Aussage aktualisiert, um in diesem Fall eine Beziehungsform der „gleichgeschlechtlichen Freundschaft“ in einer idealisierten Weise darzustellen. Damit wird auf das objektive Handlungsproblem der Herstel‐ lung von Sozialität reagiert. In der kognitiven Ordnung ist dessen Lösung offensichtlich zum einen einer Rangordnung unterworfen (beste Freundin, zweitbeste, drittbeste, Freundin, weniger gute Freundin etc.), zum anderen dem Knappheitsprinzip, das zugleich den Wert bestimmt („Schwer zu finden, aber das Beste, was man haben kann“). Die Deutungsregel dahinter lautet: Die Herstellung von erstrangiger Sozialität („beste Freundin“) geht mit langwierigen Suchprozessen knapper Güter einher, welche Glück bringen, wenn man sie gefunden hat. Man „findet“, wie bei der Kleidung, was passt. Man stellt sie nicht selbst her. Enthalten ist in der kurzen Textpassage z. B. nicht, dass man gemeinsam daran arbeiten kann, eine tolle Freundschaft herzustellen. Man sieht damit eine kollektive Deutungsregel aktualisiert, welche auch für viele Intimpartnerschaften gilt: Wir suchen und finden „unser Glück“ durch die Partnerwahl und nicht durch langjährige „Bezie‐ hungsarbeit“. Und dies ist - kurz angedeutet - nur die kognitive Ordnung des Wissensvorrats, welcher in der Aussage aktualisiert wird. Hinzu kommt die normative Ordnung, also die Bewertung, dass es gut und richtig ist, dies so zu tun, auf diese Art Sozialität herzustellen. Dahinter verbirgt sich die Norm der Gemeinschaftsbildung, welche neben Familie, Sex und Liebe soziale Unterstützungs- und Vertrauensverhältnisse generiert, die gerade 290 8 Analyseverfahren von Interviews: Die Deutungsmusteranalyse <?page no="291"?> für das Heranwachsen wichtig sind. Dass man Freund*innen hat, ist dabei die Norm, nicht wie man sie gewinnt. Wie immer improvisieren wir hier und Sie können dies alles auch ganz anders sehen und interpretieren: Wichtig für uns hier ist nur, ein erstes Verständnis dafür zu schaffen, in welche Richtung eine solche Interpretation läuft, wenn man die kollektiven Deutungsmuster herausarbeiten möchte, welche als kulturelles Repertoire hinter einer Aussage stehen. Deutungsmuster sind kollektive Deutungsgewohnheiten, die oft unre‐ flektiert von uns artikuliert werden und deren Wissensbasis in einem Verfahren erst rekonstruiert werden muss. Deutungsmuster sind nicht mit „Ideologien“ im Sinne der Klassen‐ theorie zu verwechseln, die interessenbasiert artikuliert werden. Sie sind nicht an Partikularinteressen orientiert, sondern in kollek‐ tiver Weise „wissensbasiert“. Sie sind auch keine Handlungsorien‐ tierungen im Sinne der Theorie rationaler Wahl, die eine gezielte Handlungsselektion, eine Entscheidung des Individuums entlang von Kosten-Nutzen-Kalkülen instruieren, sondern kollektive Wis‐ sensbestände, die kollektiv reproduziert werden (vgl. Esser 1990). Sie setzen daher keine Reflektion und keine Entscheidung aufseiten der Individuen voraus, sondern können auch gänzlich unreflektiert aktualisiert werden. 3. Deutungsmuster sind emergente soziale Phänomene, d. h. sie lassen sich nicht von individuellen Absichten herleiten, sondern von kollekti‐ ven Habitualisierungsprozessen. Sie werden nicht gezielt geschaffen, sondern habitualisiert, externalisiert, objektiviert und internalisiert. 4. Sie werden gesellschaftlich etabliert, reproduziert und verändert. Erst wenn viele in einer Gesellschaft oder einer Kultur sich an anderen Habitualisierungen orientieren und diese intersubjektiv objektiviert werden, verändern sich die kollektiven Deutungsangebote. Sie sind damit auch nicht für gesellschaftliche Eliten strategisch herstellbar. 5. Angesprochen sind damit also kollektive Interpretationsangebote, Ste‐ reotype, Wahrnehmungsschemata und Handlungsskripts. Sie haben eine kognitive Dimension, wie Dinge gesehen werden, eine normative Dimension, wie daraufhin gehandelt werden soll, aber auch eine expres‐ sive Dimension, wie man Dingen Ausdruck verleiht. 8.2 Deutungsmuster 291 <?page no="292"?> 8.2.1 Die Rekonstruktion von Deutungsmustern Die Rekonstruktion führt also von Meinungsbekundungen zu kollektiven Deutungsmustern und von dort weiter zu den generativen Regeln, welche die Deutungsmuster hervorbringen, und ihrem Bezug auf objektive Hand‐ lungsprobleme. Wie gehen wir vor, wenn wir Deutungsmuster rekonstruieren wollen? Wenn wir also hören oder lesen, was gesagt wurde, fragen wir weiter, auf welchem kollektiven Wissen das Gesagte beruht und welche gesellschaftli‐ chen Regeln dahinterstehen. Abbildung 6: Die Rekonstruktionsperspektive der Deutungsmusteranalyse In der Analyse gehen wir also von den Erzählungen, Beschreibungen und Argumentationen im Interview aus, arbeiten die kollektiven Deutungsmus‐ ter dahinter heraus und rekonstruieren von diesen ausgehend die genera‐ tiven, dieses Wissen hervorbringenden Deutungs- und Handlungsregeln. Sie werden dann als Bestandteil eines kollektiven Wissensvorrates, eines kulturellen Repertoires angesehen, d. h. eines zusammenhängenden Sets an Denk- und Handlungsgewohnheiten, welches in einem konkreten gesell‐ schaftlichen Raum, in einer konkreten Kultur Geltung erlangt hat. Und die Erklärungsrichtung verläuft exakt umgekehrt. Wir erklären die in den Interviews geäußerten Meinungen, Einstellungen und Aussagen durch den Rückbezug auf kollektive Wissensbestände und die gesellschaftlichen Regeln, nach denen diese produziert werden. Sie werden als Bestandteil eines kollektiven Wissensvorrates angesehen, mit dem in einem konkreten gesellschaftlichen Raum, in einer historisch konkreten Kultur auf sich kollektiv stellende Handlungsprobleme reagiert wird. 292 8 Analyseverfahren von Interviews: Die Deutungsmusteranalyse <?page no="293"?> Analyserichtung: Erklärungsrichtung: Abbildung 7: Analyse- und Erklärungsrichtung einer Deutungsmusteranalyse Ziehen wir ein Beispiel heran, um dieses Vorgehen weiter zu verdeutlichen. In einer Deutungsmusteranalyse können wir z. B. bezugnehmend auf eine Studie von Patrick Sachweh (2010, 2011) fragen, wie soziale Ungleichheit im Alltag in verschiedenen Gesellschaftsschichten gesehen und verstanden wird. Die Frage richtet sich somit darauf, welche Deutungsmuster zur Herkunft und Rechtfertigung sozialer Ungleichheit aktualisiert werden. Die Datengrundlage bildeten bei Sachweh 20 leitfadengestützte Interviews mit 8.2 Deutungsmuster 293 <?page no="294"?> Angehörigen privilegierter und benachteiligter sozialstruktureller Lagen. Dabei ließen sich von Sachweh zwei dominante Deutungsmuster rekon‐ struieren. Zum einen das Deutungsmuster der „Unvermeidbarkeit sozialer Ungleichheit“, also dass Ungleichheit nicht als ein von Menschen gemachtes soziales Konstrukt, sondern als eine unausweichliche Notwendigkeit gesell‐ schaftlicher Ordnung angesehen wird. Zum anderen das Deutungsmuster der „Herkunftsbedingtheit sozialer Ungleichheit“, welches Ungleichheit als etwas gesellschaftlich Gemachtes kritisch in den Vordergrund rückt. Durch die Koexistenz beider Deutungsmuster im Alltagsbewusstsein der Befrag‐ ten und im kollektiven Wissensvorrat, so Sachweh, werde jedoch das un‐ gleichheitskritische Potenzial des einen Deutungsmusters (der „Herkunfts‐ bedingtheit sozialer Ungleichheit“) durch das andere (der unausweichlichen Notwendigkeit) unterlaufen (vgl. Sachweh 2011: 561). Eine kleine Übung soll uns hier wieder helfen, besser zu verstehen, worauf die Deutungsmusteranalyse zielt. Übung 11: Wie erziehe ich mein Kind? Die Ratgeberliteratur Stellen wir uns vor, wir wären Eltern und unser Sohn, ein 13-jähriger Teenager, möchte, dass wir ihn in ein weiter entferntes Einkaufszentrum fahren, wo er sich mit anderen Teenagern treffen kann. Aber sein Zimmer ist unaufgeräumt und bei seinen Schulsachen herrscht Chaos vor. Er fragt und bittet nicht, sondern sagt einfach nur mit lauter Stimme: „Hey Leute, könnt ihr mich jetzt endlich zum Einkaufszentrum fahren“. Wir lesen dazu in einem Erziehungsratgeber aus den USA, dass ein ineffektiver Weg, damit umzugehen, sein könnte: „Wie kannst du es wagen, so mit mir zu reden! Ich werde dich mit einer solchen Einstellung nicht zum Einkaufszentrum fahren. Und obendrein ist dein Zimmer immer noch ein Chaos. Da du es heute nicht so gereinigt hast, wie du es solltest, musst du eine Woche lang auf deinen Computer verzichten.“ Im Gegensatz dazu könnten die Eltern aber auch sagen: „Ich möchte, dass du in das Einkaufszentrum gehen kannst. Folgendes hilft dir nicht: Ich habe gehört, wie du zu mir mit lauter Stimme gesagt hast, ich soll dich zum Einkaufszentrum fahren, und ich sehe, dass dein Zimmer immer noch sehr unordentlich ist. Überall auf dem Boden liegen noch Kleider, Schuhe und Bücher herum. Hier ist also, was du stattdessen tun kannst: Du kannst dein Zimmer aufräumen, deine Kleidung weglegen und die Bücher wieder ins Regal stellen. Dann kannst du zurückkommen und mich mit leiser Stimme höflich fragen, ob ich dich 294 8 Analyseverfahren von Interviews: Die Deutungsmusteranalyse <?page no="295"?> bitte zum Einkaufszentrum fahren werde. So kannst du bekommen, was du willst“ (vgl. EmpoweringParents.com 2020: Sara Bean). Bitte versuchen Sie herauszuarbeiten, wie Kinder und Eltern in diesem Erziehungsratgeber wahrgenommen werden und welche Deutungs- und Handlungsregeln daraus für die Eltern resultieren. Hinweise zur Beantwortung 11: Wie erziehe ich mein Kind? Die Ratgeberliteratur Ohne dass wir diesen Text jetzt bereits einer Deutungsmusteranalyse un‐ terziehen wollen, sehen wir im Hintergrund doch implizite und teilweise explizite kollektive Deutungs- und Handlungsregeln am Werk, die uns hier sagen, wie wir erziehen sollen. So fällt zunächst auf, dass die Empfehlung des Erziehungsratgebers die Entscheidung, wie mit der Situation umzugehen ist, bei dem Teenager belässt. Er wird also beraten. Dabei wird unterstellt, dass er in der Lage ist, vernünftige Entscheidungen zu treffen. Diese Unterstellung von „Mün‐ digkeit“ ist der implizit bleibende Anspruch, der an ihn gerichtet wird. Indem er wie ein Erwachsener beraten wird, wird nahegelegt, dass er sich auch wie ein Erwachsener verhält. Zugleich ist es keine Anweisung, die ein asymmetrisches Verhältnis schafft, sondern erscheint als ein Rat zwischen Gleichgestellten. Die Rolle der Erziehenden erscheint als die von Trainer*innen oder Coach*innen, auch wenn die Vermittlungsabsicht hinter der Kommunikation für den Teenager leicht zu durchschauen sein wird. Die Erziehungsvorstellung dahinter ist, dass der Teenager durch sanften Rat besser zu erreichen ist als durch die Androhung von Strafen. In der ersten, als ineffektiv dargestellten Kommunikation liegt die Entscheidung bei dem*der Erziehenden und die Sanktionsandrohung ist manifest: Auf diese Weise kommt der Teenager nicht ins Einkaufszentrum und darf auch keine Computerspiele machen, wenn er nicht aufräumt. Wir sehen also, dass belohnen und bestrafen als kulturelles Repertoire abgelehnt sowie beraten und coachen nahegelegt wird. Es wird also ersichtlich, dass in Bezug auf das objektive Handlungsprob‐ lem „wie erziehe ich mein Kind“, das sich in allen Gesellschaften stellt, hier ein kollektiver Wissensbestand aktualisiert wird, dem bestimmte Deutungs- und Handlungsregeln zugrunde liegen. Zu den Deutungsregeln gehört u. a., dass Kinder als „kleine Erwachsene“ beansprucht werden können, welche in der Lage sind, mündige Entscheidungen zu treffen. Dazu zählt 8.2 Deutungsmuster 295 <?page no="296"?> z. B. die Vorstellung, dass Kinder ähnlich wie erwachsene Menschen selbst entscheiden können, was gut für sie ist. Ebenso erkenntlich ist die kollektive Deutung, dass eine sanfte und partnerschaftliche Erziehung, die auf gegenseitigem Verständnis und Rat beruht, zum Heranwachsen „starker Persönlichkeiten“ führen wird sowie dass eine Erziehung zur Mündigkeit auf Basis gleichgestellter Partnerschaft besser funktioniert als auf der Basis von asymmetrischer Macht unter Einsatz von Strafen. Diese kollektiven Deutungsregeln werden dann begleitet von kollektiven Handlungsregeln, wie die Erziehung auf dieser Basis konkret vollzogen werden soll. So soll nicht bestraft oder mit Sanktionen gedroht, sondern erklärt und kommentiert werden. Wir sollen uns als Erziehende in die Rolle von Trainer*innen und Coach*innen begeben und den Kindern mit Rat zur Seite stehen. Wir sollen bitten, raten und fragen, nicht befehlen, drohen oder gar körperlich strafen. Die Handlungsregeln sind sehr klar: Eltern beraten und lassen die Entscheidungshoheit bei den Teenagern. Sie legen nur die Bedingungen für diese Entscheidung fest. Sie sollen dabei nicht mit negativen Sanktionen, wie z.-B. manifesten Strafandrohungen arbeiten. Dabei ist hier nicht wichtig, ob diese Deutungs- und Handlungsregeln ihren Zweck erfüllen und den Teenager tatsächlich dazu bringen, die Bedingungen zu erfüllen, welche er von sich aus gar nicht erfüllen möchte. Wichtig ist hier zunächst nur: Der Vorschlag folgt einem anderen Paradigma, nimmt Bezug ein anderes kulturelles Repertoire. Damit kommen verän‐ derte kollektive Wissensbestände und veränderte kollektive Deutungs- und Handlungsregeln zum Ausdruck. Diese kann und soll eine Deutungsmus‐ teranalyse herausarbeiten und rekonstruieren. Auf die Untersuchung solcher mehr oder weniger hintergründiger, mehr oder weniger expliziter Regeln im kollektiven Wissensbestand zielt die Deutungsmusteranalyse ab. Wenn wir Kinder bekommen, müssen wir bei deren Geburt das Rad von Erziehung und Sozialisation nicht neu erfinden, sondern sehen bereits überall Gewohnheiten am Werk, oft in Form von Erziehungsratschlägen externalisiert und objektiviert. Mittels derer lernen wir, wie das Kind anzu‐ sehen ist und was mit ihm zu tun ist. Dieser lebensweltliche Wissensvorrat muss im Alltag nicht explizit sein, sondern kann auch gänzlich implizit bleiben. Er kann, aber muss von uns nicht reflektiert werden. Manche Deutungs- und Handlungsregeln haben wir vielleicht in unserer eigenen Sozialisation bereits verinnerlicht, z. B. dass man Kinder nicht schlagen 296 8 Analyseverfahren von Interviews: Die Deutungsmusteranalyse <?page no="297"?> soll, dass man sie auf dem Weg zur Selbstbestimmung unterstützen soll oder dass sie viel emotionale Zuwendung brauchen. Aber Achtung: Die Geltung solcher Deutungs- und Handlungsregeln ist nicht von vor‐ neherein gleichzusetzen mit der Handlungspraxis in verschiedenen Situationen und Kontexten, sondern deren Geltung bemisst sich vielmehr daran, wie stark der kollektive Wissensvorrat die alltägliche Erziehungspraxis tatsächlich prägt. Doch bevor wir uns nun diesem Verfahren der Rekonstruktion genauer widmen und dieses an Anwendungsbeispielen demonstrieren, wollen wir kurz auf die Wurzeln dieses Analyseverfahrens eingehen sowie auf den Ansatz bzw. die Person, bei welchem die Deutungsmusteranalyse ihren Anfang nahm. 8.3 Ulrich Oevermann und die Entwicklung des Deutungsmusteransatzes Die Deutungsmusteranalyse ist eine qualitative Methode, die ihren Ur‐ sprung in Deutschland hat. Sie hat keine exakte Entsprechung im interna‐ tionalen Diskurs und ist international immer noch wenig bekannt. Dies mag auch damit zusammenhängen, dass der methodologische Zugang nicht einfach erscheint und die Methode aufwändig in der Durchführung ist. Wo liegen die „klassischen“ Wurzeln des Deutungsmusteransatzes? Die grundlegende Herangehensweise der Deutungsmusteranalyse kommt aus der Wissenssoziologie. Sie ist auf den kollektiven Wissensvorrat bezo‐ gen. Deutungsmuster sind keine individuellen Formen, wie “mindsets” oder Ähnliches, sondern kollektive Regeln, wie Dinge zu sehen und zu machen sind. Die Idee der „kollektiven Denkweise“ hat ihre Wurzeln auch in den Klas‐ sikern der soziologischen Literatur, die sich auf die Bedeutung von „gesell‐ schaftlichem oder kulturellem Wissen“ oder „sozialen Fakten“ (Durkheim) konzentrierten. Durkheim nannte es „kollektive Repräsentationen“ (1898, 1967) und meint damit kollektive kognitive Strukturen in einer bestimmten Gesellschaft, die sich nach den kollektiven Regeln dieser Gesellschaft ändern sollen. In einem anderen Rahmen der soziologischen Theorie wurde diese kollektiven Repräsentationen bei Pareto als „Derivationen“ (Ableitungen) angesprochen, die scheinbar vernünftige Erklärungsrahmen liefern, um die dahinterstehenden „irrationalen Ursachen“ zu verbergen (vgl. Pareto 1962). 8.3 Ulrich Oevermann und die Entwicklung des Deutungsmusteransatzes 297 <?page no="298"?> Max Weber betonte die Rolle von Ideen in der Geschichte und wies darauf hin, wie sie den gesellschaftlichen Wandel im Rahmen von Institutionen und Interessen vorantreiben können (vgl. Weber 1904/ 1988). Zu guter Letzt entwickelte Karl Mannheim in seiner Wissenssoziologie die Perspektive, dass jede Form von Wissen von der sozialen Position in einer Gesellschaft und den sozialen Schichten abhängt, zu denen wir gehören (vgl. Mannheim 1980). Dieser breitere Bezugsrahmen zur klassischen soziologischen Literatur, hier insbesondere auch zur Wissenssoziologie von Alfred Schütz (1971/ 82, 1979/ 94) und Berger und Luckmann (1969) liefert die zentralen Ideen hinter der Methode. Für Schütz, der die natürliche Lebenswelt als Grundkategorie für die Identifizierung des Wissensbestands hinter den Handlungsorientie‐ rungen verwendete, ist die „Lebenswelt“ der für selbstverständlich gehaltene „gesunde Menschenverstand“ der sozialen Welt (vgl. Schütz 1971/ 82; siehe auch Kapitel 2.7). Es handelt sich also nach Berger und Luckmann um habitualisierte Handlungen, die „ihren Bedeutungscharakter für das Individuum behalten, obwohl die damit verbundenen Bedeutungen als Routinen in seinen allge‐ meinen Wissensbestand eingebettet werden, von ihm als selbstverständlich vorausgesetzt werden und für seine Projekte in der Zukunft zur Verfügung stehen. Die Habitualisierung bringt den wichtigen psychologischen Gewinn mit sich, dass die Wahlmöglichkeiten eingeengt werden. Während es theo‐ retisch hundert Möglichkeiten geben mag, ein Kanu aus Streichhölzern zu bauen, reduziert die Habitualisierung diese auf eine. Dies befreit das Indivi‐ duum von der Last ‚all dieser Entscheidungen‘ und stellt eine psychologische Erleichterung dar, die ihre Grundlage in der ungerichteten Instinktstruktur des Menschen hat“ (Berger & Luckmann 1966: 59 f.). Durch Habitualisierung wird der Wissensbestand einer bestimmten Gesellschaft erzeugt und repro‐ duziert, der Routinen und Regeln der Interpretation (Muster, Schemata) und des Handelns (Skripte) bereitstellt. Diese Lebenswelt ist somit auch „Wirkwelt“, eine Welt, die durch unser Handeln beeinflusst werden soll (Schütz 1979/ 94). Sie konstituiert sich durch kollektiv anerkannte Ideen, Praktiken und Skripte, die von Akteuren handelnd angeeignet, „enacted“ werden können, wenn es um die Notwendigkeit des Handelns geht. Durch dieses „enactment“ werden die kulturell ererbten Ideen, Praktiken und Skripte, i. e. die Deutungsmuster reproduziert oder verändert, sobald eine signifikante Anzahl von Akteuren innerhalb einer bestimmten Kultur die verwendeten Wissensbestände transformiert. 298 8 Analyseverfahren von Interviews: Die Deutungsmusteranalyse <?page no="299"?> Wo liegen die Anfänge des Deutungsmusteransatzes in der zeitgenössischen Soziologie? Das von Oevermann (1973) in die Soziologie eingeführte Konzept der kollektiven Deutungsmuster stammt aus den früheren Werken von Emerich K. Francis (1965) und Reiner M. Lepsius (1967/ 68). Damals wurde der Begriff im Sinne von „konzeptueller Ordnung“ verwendet (vgl. Oevermann 1973, 2001: 35 f.). Das Konzept wurde dann von Ulrich Oevermann (1973, 2001) in Deutschland zur Methode weiterentwickelt. Ein unveröffentlichter Text von Oevermann genügte, um eine größere Diskussion über das Konzept wieder‐ zubeleben. Dieser Text wurde 1973 im Rahmen eines Forschungsprojekts zum Thema „Elternhaus und Schule“ verfasst. Nach Oevermann (2001: 36) fehlte damals ein Ausweg aus den Fallen der materialistischen Geschichtsschreibung - welche nur zu ideologischen Auseinandersetzungen führte - sowie der quantitativen Umfrageforschung, die kaum über den Rahmen von Einstellungen und Meinungen hinausgeht. Das methodische Ziel bestand unter anderem darin, die Standardisierung innerhalb des quantitativen Paradigmas zu durchbrechen und „komplexe Motivationen“ als Struktur eines kollektiven Unbewussten einblenden zu können (Oevermann 2001: 36). Oevermann (2001: 38) hat die Grundidee ei‐ ner „konzeptionellen Wende“ sehr deutlich gemacht. Für alle grundlegenden existenziellen Probleme einer Gesellschaft, die immer wieder auftauchen, finden sich mögliche Lösungen in den kollektiven Deutungsmustern, an die sich alle ausreichend sozialisierten Akteure in Zeiten von Krise und Unsicherheit wenden können. Diese Deutungsmuster sind Routinen; sie funktionieren und entwickeln sich wie implizite Theorien - ohne dass ihre Gültigkeit während der Anwendung berücksichtigt werden muss. Aufgrund ihrer Fähigkeit zur Problemlösung haben sie den Test der Zeit bestanden und nehmen folglich ein Eigenleben an. 8.3 Ulrich Oevermann und die Entwicklung des Deutungsmusteransatzes 299 <?page no="300"?> Bildquelle: wiki.studiumdigitale. uni-frankfurt.de Ulrich Oevermann ist 1940 geboren, hat u. a. in Freiburg, Heidelberg und Frankfurt Soziologie, Philosophie, Psychologie und Geschichte studiert. Er hat als Assistent für Jürgen Habermas gearbei‐ tet sowie am Max-Planck-Institut für Bildungsfor‐ schung in Berlin und hat seit 1977 eine Professur an der Universität Frankfurt. 2008 wurde er eme‐ ritiert. Für Oevermann (2001) sind diese kollektiven In‐ terpretationsmuster vorwiegend kognitive Reprä‐ sentationen. Diese kognitiven Repräsentationen verkörpern Wissen (vgl. Oevermann 2001: 51 ff.), sind aber oft kein explizites Wissen. Es ist daher nicht möglich, diese kollektiven Interpretationsmuster mit einem quantitativen Fragebogen zu erfassen. Wie jede Form von Wissen verkörpern die kognitiven Repräsentationen jedoch die Erfahrung des Umgangs mit Problemen und Krisen, die weitergegeben werden, indem auf kollektive Wissensbestände zurückgegriffen wird (vgl. Oevermann 2001: 51 ff.). Oevermann spricht lieber von implizitem Wissen, wenn die kognitiven Repräsentationen weder bewusst abrufbar noch reflek‐ tierbar sind, aber dennoch die „Strukturierung“ in die Praxis umsetzen (vgl. Oevermann 2001: 56). Interpretationsmuster fallen laut Oevermann in diese Kategorie des impliziten Wissens. Laut Oevermann haben die kollektiven Deutungsmuster Einfluss auf die alltägliche Wahrnehmung. Die Muster selbst bleiben „stillschweigendes Wissen“. Es sind Strukturen, die eine logische Argumentationsarchitektur erfordern, um die jeweilige Praxis oder Vorgehensweise aufrechtzuerhalten (Oevermann 2001: 36). Sie erfordern eine gewisse Konsistenz und Unterwei‐ sung für die Fehlerbehebung, weshalb sie in Kulturen, Umgebungen und Lebensstilen verankert sind und je nach diesen variieren. Sie bilden ein kognitives Element der kollektiven Wissensbestände und überleben oder verändern sich somit nur kollektiv. Als implizites Wissen gene‐ rieren sie individuell unterschiedliche Problemlösungen, Meinungen und Einstellungen. Damit sie sich ändern, müssen viele Gesellschaftsmitglieder andere Deutungsmuster habitualisieren und intersubjektiv objektivieren. 300 8 Analyseverfahren von Interviews: Die Deutungsmusteranalyse <?page no="301"?> Wie hat sich der Ansatz seit Oevermann weiterentwickelt? In der Folge wurde die Methode der Deutungsmusteranalyse immer wieder neu aufgegriffen, das Verfahren modifiziert und vom Ursprung der Vorgehensweise Oevermanns gelöst. Es wurde von Ullrich (1999), Schetsche (2000, 2001), Sachweh (2010) und anderen modifiziert und in verschiedenen Varianten fortgeführt. Obwohl die Debatte hauptsächlich in der deutschen Soziologie stattgefunden hat (vgl. Oevermann 1973, 2001; Allert 1976; Arnold 1983; Dewe 1984; Lüders 1991; Meuser & Sackmann 1992; Lüders & Meuser 1997; Plaß & Schetsche 2001 und für aktuellere Bezüge Bögelein & Vetter 2019; Ullrich 2020 usw.), ist die Deutungsmusteranalyse sehr nahe an internationalen Debatten über Sozialkonstruktivismus (vgl. Zerubavel 1997, 2007; Kunda 1999), kulturelles Repertoire (siehe z. B. Holly 2011), Sensemaking (vgl. Weick 1993, 1995) und Diskursanalyse (siehe z. B. Keller 2011) angesiedelt, auch wenn diese Bezüge nicht immer klar herausgearbeitet werden. In einem soziologischen Ansatz besteht das Ziel der Deutungsmuster‐ analyse darin, die alltäglichen Wissensbestände und ihre Veränderungen zu identifizieren, zu rekonstruieren und abzubilden. Die soziologische Deutungsmusteranalyse befasst sich mit „objektiven Problemen“ in einer bestimmten Gesellschaft, Kultur oder Wirtschaft und den kulturellen Reper‐ toires, die zur Bewältigung dieser „objektiven Probleme“ zur Verfügung stehen (vgl. Oevermann 1973, 2001). Die Deutungsmusteranalyse kann auch in der Politikwissenschaft zur Analyse der Argumentationslinien in einem politischen Diskurs (Francis 1965; Lepsius 1967/ 68, 1986, 1990, 1993; Stachura 2005), in der Medienwissenschaft zur Inhaltsanalyse von Mediendiskursen z. B. über sexuellen Missbrauch oder satanische Rituale (Schetsche 1992, 1997; Schmied-Knittel 2008) oder in der Kriminologie zur kriminalistischen Untersuchung von Zeugenaussagen oder Täterperspekti‐ ven (Höffling et al. 2002, Bögelein 2016, 2019) angewendet werden. Daher gibt es die Deutungsmusteranalyse heute in ganz verschiedenen Anwendungsformen: als Untersuchung von Diskursformen oder expliziten Argumentationsweisen in den Politikwissenschaften, als Analyse hinter‐ gründiger Argumentationsmuster in der an der Universität Mannheim entwickelten Variante von Ullrich (1999) und Sachweh (2010) oder eben als Analyse des impliziten Alltagswissens, als welche sie in Frankfurt von Ulrich Oevermann entwickelt wurde. Wie üblich in der qualitativen Sozial‐ forschung kennt das Feld auch in diesem Verfahren keine Kanonisierung oder Standardisierung, sondern die verschiedenen Varianten stehen als mehr oder weniger bunte Blumenwiese oft unverbunden nebeneinander. 8.3 Ulrich Oevermann und die Entwicklung des Deutungsmusteransatzes 301 <?page no="302"?> Information 22: Die Deutungsmusteranalyse von Ullrich Wie bei Oevermann konzentriert sich die Deutungsmusteranalyse von Ullrich auf die Rekonstruktion von „sozialem Sinn“ und nicht auf subjek‐ tive Begründungen. Der Fokus liegt auf der Konstitution der kollektiven Wissensbestände und Handlungsorientierungen (vgl. Ullrich 1999: 430). Im Rahmen der Handlungstheorie wird angenommen, dass sich diese Handlungsorientierungen durch eine Kombination von kognitiven, nor‐ mativen, evaluativen und expressiven Dimensionen konstituieren (vgl. Ullrich 1999: 430). Diese Dimensionen des Deutungsmusters gilt es zu analysieren und aufzuzeigen, wie sie in die Rahmung einer Situation transformiert und letztlich in Handlungsorientierungen übersetzt wer‐ den. Anders als Oevermann betont Ullrich den manifesten oder gar stereotypen Charakter der Deutungsmuster. Er geht davon aus, dass das Deutungsmuster auch eine reflektierte explizite Form der Argumenta‐ tion und Rechtfertigung sein kann, wie z. B. ein wissenschaftlicher Wissenshintergrund, der die Argumentation prägt. In Anlehnung an Pareto nennt Ullrich die individuelle Übernahme von Deutungsmustern Derivationen (Ableitungen) (vgl. Ullrich 1999: 430). Akteure nutzen diese Derivationen, um ihr Handeln in einer für andere nachvollzieh‐ baren Weise zu erklären und zu rechtfertigen. Akteure beziehen sich also auf legitime Formen des Wissens, d.-h. auf kollektive Denkweisen, die in einer bestimmten Gesellschaft, Kultur oder Wirtschaft geteilt werden. Allerdings können nur die Ableitungen direkt erfasst und erhoben werden, nicht aber der dahinter liegende Wissensbestand an kollektiven Deutungsmustern (vgl. Ullrich 1999: 431). Folglich handelt es sich bei der Deutungsmusteranalyse um eine Analyse individueller Ableitungen, die mit einer Methode klassifiziert und typisiert werden müssen, welche hilft, die zugrundeliegende kognitive, normative und evaluative Logik in der Argumentation zu rekonstruieren, auf der die individuellen Ableitungen beruhen. Für diesen Ausgangspunkt der qualitativen Forschung empfiehlt Ull‐ rich Methoden des Samplings, Interviewmethoden und Methoden der Analyse der Interviews. Im Gegensatz zu Oevermann führen seine Emp‐ fehlungen nicht zur Rekonstruktion von Einzelfällen mit einem star‐ ken hermeneutischen Interpretationsaufwand des "objektiven Sinns" der Sprache, sondern fokussieren auf die Rekonstruktion von sozial 302 8 Analyseverfahren von Interviews: Die Deutungsmusteranalyse <?page no="303"?> geteiltem Sinn durch einen Quervergleich von Sequenzen vieler Inter‐ viewpartner*innen zu einem bestimmten Handlungsproblem. Diese Sequenzen werden mithilfe von Kategorisierungs-, Klassifizierungs- und typologischen Methoden analysiert. Aus diesen Gründen kann die Rekonstruktion von kognitiven und normati‐ ven Regeln ein Beitrag zu einer Institutionenanalyse sein, die sich auf kog‐ nitive und normative Institutionen konzentriert. Dies geschieht aber nicht in der Form, dass man sich auf eine Theorie bezieht, die uns in einer deduktiven Methode darüber belehrt, was hinter diesen Ableitungen steckt. Vielmehr geschieht dies durch eine Analyse der Selbstdarstellung der Akteure in einer induktiven Methode, indem die Wissensbestände auf der Basis des verfügbaren Interviewmaterials rekonstruiert werden. Daran können wir mit unserer Anwendung der Deutungsmusteranalyse anknüpfen. Da Oever‐ manns hermeneutische Methode vor allem von Sprachkenntnissen sowie idiosynkratischen Interpretationen einzelner Fallstudien abhängt, erscheint sie für internationale Vergleiche mit einer größeren Anzahl von Interviews nicht geeignet. Das Gegenteil trifft auf die Deutungsmusteranalyse von Ullrich zu. Sie kann als eine „Light-Version“ der Deutungsmusteranalyse von Oevermann bezeichnet werden, weil ihre methodischen Voraussetzungen nicht so komplex und ihr hermeneutischer Aufwand nicht so groß ist wie bei der Deutungsmusteranalyse von Oevermann. Der Fokus der hier dargestellten Analysen liegt daher auf der Anwendung und Modifikation des Deutungsmusteransatzes von Ullrich, auch wenn wir den Bezug zum diskursiven Interview, den Ullrich stark macht, hier nicht mitführen. Wie wenden wir im Folgenden die Deutungsmusteranalyse an? Da es sich bei den sozialen Deutungsmustern um Formen des kollektiven Hintergrundwissens in einer bestimmten Gesellschaft handelt, müssen sie mit qualitativen Analyseinstrumenten rekonstruiert werden. Wie Ullrich (1999: 433 f.) gehen wir davon aus, dass die Deutungsmuster‐ analyse nicht zwingend als Einzelfallanalyse durchgeführt werden muss, sondern auch im Quervergleich von Sequenzen erfolgen kann. Insbeson‐ dere wenn man viele Interviews geführt hat, ist die Durchführung einer Vergleichsanalyse von zuvor codierten Interviewsequenzen ein Verfahren, welches auf die Herausarbeitung von Deutungsmustern in Bezug auf zuvor ausgewählte Einzelaspekte zielt und hier - immer unter Rückbezug auf das 8.3 Ulrich Oevermann und die Entwicklung des Deutungsmusteransatzes 303 <?page no="304"?> gesamte Interview - unserer Erfahrung nach gute Ergebnisse bringt. Die Deutungsmusteranalyse, wie wir sie verwenden, arbeitet nicht mit Fällen, sondern mit Dimensionen, was einen Quervergleich von Interviews mithilfe von codierten Sequenzen ermöglicht. Unsere Interpretation wurde mithilfe der Inhaltsanalyse-Software MAXQDA durchgeführt, welche die Codierung von Sequenzen unterstützt. Wir unterscheiden dabei Analysevon Erhebungsverfahren und vertreten nicht die Ansicht, dass beide eng verbunden sein müssen. So empfiehlt Ullrich (1999, 2020) z. B. bezüglich der Erhebungsart die Durchführung eines diskursiven Interviews (vgl. Ullrich 1999: 434). Dies ist ein geführtes, halbstrukturiertes Interview mit Fragen, die darauf abzielen, Aussagen, Argumente und Begründungen zu evozieren. Diese Fragen können sogar konfrontativ und provokativ sein, um Argumente zu erzeugen. Im Ge‐ gensatz dazu sind wir jedoch nicht der Meinung, dass man für die Deu‐ tungsmusteranalyse eine bestimmte qualitative Erhebungsmethode braucht. Solange wir keine standardisierten Befragungen verwenden, kann man verschiedene Arten von Interviewmethoden anwenden, die Narrationen, Beschreibungen, Erklärungen, Begründungen und Argumentationen zu den Themen generieren, die uns interessieren. Im Prinzip können alle Texte und Bilder, die in einer bestimmten Gesellschaft, Kultur oder Wirtschaft gene‐ riert werden, Objekte der Deutungsmusteranalyse sein. Es gibt u. E. keine weiteren Einschränkungen bezüglich des Materials oder der qualitativen Erhebungsverfahren. Wir zielen mit der Deutungsmusteranalyse auf eine Institutionenanalyse, die auf die Wissenssoziologie gestützt beansprucht, die kognitiven und normativen Regeln in einer bestimmten Kultur zu rekonstruieren und zu analysieren, wie diese Regeln in Handlungsorientierungen zur Lösung kulturell bedeutsamer Probleme umgesetzt werden. In der Soziologie ist die Analyse kollektiver Denkweisen Teil einer institutionellen Analyse von Gesellschaften, die sich insbesondere mit kognitiven und normativen Institutionen befasst. Unter Institutionen verstehen wir zunächst einmal nur kollektive Regeln mit Geltung. Für Scott bilden kognitive Elemente den Rahmen, durch welchen die Realität wahrgenommen wird (vgl. Scott 1995). Kognitive Institutionen bieten eine selbstverständlich gewordene Perspektive an, stellen „natürliche“ Gewohnheiten und anerkannte Regeln für das Verständnis der Welt dar (vgl. Scott 1995: 40). Normative Institutio‐ nen führen kollektiv anerkannte Regeln darüber ein, was als „richtig“ und „falsch“ wahrgenommen wird und welche „Verpflichtungen“ das Handeln 304 8 Analyseverfahren von Interviews: Die Deutungsmusteranalyse <?page no="305"?> leiten sollen (vgl. Scott 1995: 37). Kollektive Denkweisen sind daher wichtige Elemente kognitiver und normativer Institutionen und bieten das kulturelle Repertoire, wie Probleme wahrgenommen und gelöst werden können. Jede institutionelle Analyse stützt sich daher auf Annahmen über die zugrundeliegenden Wissensbestände und die kollektiv anerkannten Regeln in einer bestimmten Kultur. Diese Wissensbestände und zugrundeliegenden kognitiven und normativen Regeln werden jedoch selten systematisch analysiert oder abgebildet. Häufiger werden sie aus einem allgemeinen Verständnis der Kultur oder formalen Institutionen abgeleitet, ohne sie empirisch herauszuarbeiten. Zu dieser empirischen Herausarbeitung jedoch kann die Deutungsmusteranalyse einen Beitrag leisten. Sie wird im internationalen Kontext sowohl von heterogen zusammen‐ gesetzten Interpretationsgruppen als auch von Muttersprachlern durchge‐ führt. Die Reliabilität von Codierung und Interpretation wird mehrfach überprüft, indem unterschiedliche Interpretationsgemeinschaften die glei‐ che Textgrundlage analysieren. Im Ergebnis erwies sich die Deutungsmus‐ teranalyse bei unseren Studien als international anwendbar, praktikabel und effizient. Wie gehen wir dabei konkret vor? Toolbox 25: Acht Schritte im Verfahren der Deutungsmuster‐ analyse 1. Wir wählen vielversprechende Interviewpassagen (Sequenzen) entsprechend unseren Forschungsinteressen aus (Auswahl Schlüs‐ selpassagen). 2. Wir formulieren die Passagen in unseren eigenen Worten neu (Paraphrasierung). 3. Wir bilden (abstrakte) Kategorien für die grundlegenden Aussagen bzw. Argumente (Kategorienbildung). 4. Wir arbeiten den logischen Zusammenhang der Aussagen heraus (kognitive Dimension) und welche Normen und Werte, welche Vorstellungen von „richtig“ und „falsch“ zur Geltung kommen (normative Dimension). 5. Wir vergleichen die Ergebnisse dieser Passage mit anderen Passa‐ gen im Interview sowie mit anderen Interviews derselben Gruppe von Befragten. 8.3 Ulrich Oevermann und die Entwicklung des Deutungsmusteransatzes 305 <?page no="306"?> 6. Wir arbeiten heraus, welche Deutungs- und Handlungsregeln in diesem Kontext und für diese Gruppe am häufigsten verwendet werden. 7. Wir beziehen diese Ergebnisse auf die Probleme und die Hand‐ lungskontexte, in denen sich die Befragten befinden. 8. Wir erklären mittels theoretischer Annahmen und Hypothesen, warum diese Deutungs- und Handlungsregeln in diesem Feld den dominanten kollektiven Wissensbestand bilden. Um diese Schritte ein bisschen einzuüben und in der Durchführung zu il‐ lustrieren, ziehen wir anstelle der Ratgeberliteratur nun ein Elterninterview zum gleichen Thema heran. Übung 12: Wie erziehe ich mein Kind? Ein Elterninterview „Ich finde, wie Kinder heute behandelt werden, geht auf keine Kuhhaut. Als ob sie kleine Erwachsene wären. Dabei sind sie doch mit jeder Entscheidung überfordert. Man setzt sie psychischem Stress aus, dabei brauchen sie einfach nur klare Regeln. Auch zu Tode quatschen macht keinen Sinn. Manchmal möchte ein Kind seine Grenzen austesten und braucht bei einem Regelverstoß einfach nur eine klare Strafe. Das soll keine körperliche sein, aber wer sagt, dass Strafen heute obsolet zu sein haben, hat einfach keine Ahnung vom realen Leben der Kindererziehung“ (Vater von vier Kindern, ein Mädchen, drei Jungen, Alter: 43 Jahre, Interview im Jahr 2019). 1. Wenden Sie bitte die ersten vier Schritte in unserer vereinfachten Deutungsmusteranalyse auf dieses Elternzitat an. Für die restlichen Schritte brauchen Sie mehr Interviewmaterial. Sie entfallen daher in dieser Übung. Wählen Sie sog. Schlüsselpassagen aus. Sie sind frei in der Auswahl. Wählen Sie die Passagen aus (ca. 5 bis 15 Zeilen), die Ihres Erachtens Ihrem Erkenntnisinteresse am meisten dienlich sind. (Dieser Schritt ist in dieser Übung bereits vorgegeben.) 2. Reformulieren Sie die Schlüsselpassagen in Ihren eigenen Worten. Achten Sie darauf, dass der reformulierte Text einfach und klar ist. Was überflüssig und nicht notwendig ist, um den Text gut zu verstehen, kann wegfallen. 306 8 Analyseverfahren von Interviews: Die Deutungsmusteranalyse <?page no="307"?> 3. Gehen Sie nun einen Schritt zurück und bilden Sie abstrakte Kategorien, die hinter den Aussagen liegen. 4. Arbeiten Sie zum einen den logischen Zusammenhang der Argumente (kognitive Ordnung) heraus und zum anderen die Art, in der Bewertun‐ gen vorgenommen werden (normative Ordnung). Hinweise zur Beantwortung 12: Wie erziehe ich mein Kind? Ein Elterninterview 1. Auswahl der Schlüsselpassage: Die Schlüsselpassage wurde von uns ausgewählt, weil sie sich mit dem Erziehungsparadigma des Vaters beschäftigt hat. Zugleich hat sie eine klare Argumentstruktur. Aber in der Auswahl der Schlüsselpassagen herrscht ein großer Freiheitsgrad vor, weil in Schritt 5 ohnehin der Abgleich mit dem gesamten sowie anderen Interviews erfolgt. 2. Paraphrasierung: Auch in der Paraphrasierung sind wir relativ frei. Wir reformulieren das, was uns als wichtig erscheint. Da wir uns mit mehreren Personen in einer Interpretationsgemeinschaft bewegen, kor‐ rigieren sich Elemente subjektiver Willkür im Regelfall vergleichsweise schnell. Wir könnten zu folgendem Ergebnis gelangen: 3. Kinder werden heute nicht angemessen behandelt, wenn man sie wie kleine Erwachsene behandelt. Sie sind mit Entscheidungen überfordert und haben dadurch psychischen Stress. Sie brauchen klare Regeln und keine langen Reden. Wenn sie manchmal ihre Grenzen austesten, brauchen sie klare Strafen, aber keine körperlichen. Wer sagt, dass Strafen obsolet sind, kennt sich mit der Realität der Kindererziehung nicht aus. 4. Bildung abstrakter Kategorien: Dieser Schritt fällt oft bereits ver‐ gleichsweise schwer. Denn hier ist eine erste Abstraktion gefordert. Wenn Ihnen das zu schwerfällt, beginnen Sie mit „In-vivo-Kategorien“, also textnahen Kategorien und gehen Sie dann einen Schritt weiter ins axiale Codieren und dann ins selektive Codieren (siehe weiter oben Toolbox 3: Codierverfahren im Kontext der Grounded Theory). Da‐ durch gewinnt man Schritt für Schritt an Abstraktionsniveau. Welches Abstraktionsniveau wir dabei genau ansteuern, ist eine Entscheidung der Interpretationsgemeinschaft. Sie kann dann mit Entscheidungen von anderen Interpretationsgemeinschaften abgeglichen werden. Wir schlagen hier folgende Kategorien vor: 8.3 Ulrich Oevermann und die Entwicklung des Deutungsmusteransatzes 307 <?page no="308"?> 5. Unangemessenes Erziehungsideal: Kinder als kleine Erwachsene; Folge: Überforderung, Stress von Kindern. 6. Angemessene Erziehungsrealität: klare Regeln und Strafen. 7. Die kognitive und normative Ordnung: Wenn wir die Kategorien formuliert haben, können wir darangehen, die Aussagelogik des Zitats genauer zu bestimmen und herauszuarbeiten, wie Dinge gesehen und dargestellt werden (kognitive Ordnung). Dazu können wir u. a. die kausale Ordnung der Kategorien herausarbeiten, also wie beim axialen Codieren den Zusammenhang herausarbeiten. Das ist für uns in der Regel ein gewohntes Verfahren, welches wir auch bei wissenschaftli‐ chen Texten anwenden. Danach können wir herausarbeiten, was als gut oder schlecht bewertet wird (evaluative Dimension) und welche Handlungsweisen oder Handlungsregeln nahegelegt werden (wie wir handeln sollen). Dabei interessieren wird uns insbesondere für die Normen und Werte, die dabei ins Spiel kommen (normative Ordnung). Normen werden dabei von uns als konkrete Sollvorstellungen verstanden, die häufig mit Sanktionsformen (positiver oder negativer Art) versehen sind. Werte sind für uns hier hingegen abstrakte und diffuse Wunschvorstellun‐ gen, wie z. B. die Welt, die Gesellschaft, die Familie am besten sein sollten. Während Normen gesetzt werden können, z. B. durch Gesetze oder durch Regeln der Zusammenarbeit etc., können Werte nur postuliert werden. Man muss sie in Normen, in Satzungen oder Gebote transformieren, um alltägliches Handeln mit konkreten Handlungserwartung zu versehen und sanktionieren zu können. Die Frage ist also, welche Werte und Normen werden im Zitat dargestellt und ggf. mit Verhaltenserwartungen versehen. Kognitive Ordnung: Gelingende Kindererziehung gründet in der realen Praxis der Erziehung auf Entscheidungen der Eltern, klare Regelsetzungen und teilweise auch Lernen durch Strafen (traditionelles Erziehungspara‐ digma). In der kognitiven Ordnung sind die Unmündigkeit der Kinder und die Mündigkeit der Eltern implizit vorausgesetzt. Daraus folgt, dass Bevor‐ mundung und Anreize zur Befolgung extern gesetzter Regeln konstitutiv für die Erziehung sind. Die Vorstellung, Kinder als kleine Erwachsene zu behandeln (modernes Erziehungsparadigma), ist in der Realität nicht zu praktizieren und führt zu Überforderung und Stress bei den Kindern. Normative Ordnung: Das traditionelle Erziehungsparadigma wird als gut bewertet, das moderne als schlecht (evaluative Dimension). Die paternalis‐ 308 8 Analyseverfahren von Interviews: Die Deutungsmusteranalyse <?page no="309"?> 23 Grundlegende Daten der Person werden maskiert oder werden zu allgemein wiederge‐ geben. tische Norm des Besserwissens und der Fürsorge für das unmündige Kind wird aktualisiert und Sanktionen für Regelabweichungen bereitgehalten. Der Wert ist auch hier die Erziehung zur Mündigkeit und der Schutz des Kindes vor Überforderung und Stress, doch der Weg dahin ist paternalistisch normiert. Die Missachtung gegenüber der liberaleren Vorstellung zeigt die starke Verinnerlichung dieser Norm an. 8.4 Deutungsmuster des Rechtspopulismus: Ein Anwendungsbeispiel In Ermangelung eigener narrativer Interviews mit jungen AfD-Mitgliedern haben wir ein Interview aus einer regionalen Tageszeitung einer mittelgro‐ ßen Stadt in Deutschland herangezogen. Wir haben ein Interview mit einer Person vorliegen, welche zum Zeitpunkt des Interviews im mittleren Alter war, verheiratet ist und mehrere Kinder hat. Welchen Hintergrund hat die Person, die das Interview gegeben hat? Die Person 23 hat u. a. an einer deutschen Universität studiert, hat ihren Doktor gemacht und arbeitet als Versicherung in der Region. Als früheres CDU-Mitglied ist er zum Zeitpunkt des Interviews erst frisch in die AfD eingetreten. Er ist nach eigenen Angaben u. a. Kreisrat und im Vorstand der AfD in der Stadt. In seiner politischen Vita im Internet ist zu lesen, dass er sich seit 2016 für die AfD engagiere und 2017 als Mitglied aufgenommen wurde. Für unsere Analyse ist aber dieser persönliche Hintergrund nicht zentral, sondern nur als Kontext für die Auswertung der Interviewpassage wichtig. In welchem Medium wird das Interview gegeben? Bei dem Interview handelt es sich um eine mediale Stellungnahme, die sich auf einen Wechsel von der CDU zur AfD bezieht. Sie wurde in der Regionalzeitung abgedruckt. Mit welcher Textsorte haben wir es zu tun? Damit hat man es mit einem Argumentationstext zu tun, welcher zum einen der Rechtfertigung dient und zum anderen der Werbung für die neue Partei. Das Ziel ist es u. a., die früheren Wähler*innen für die neue 8.4 Deutungsmuster des Rechtspopulismus: Ein Anwendungsbeispiel 309 <?page no="310"?> 24 Autorität bezieht sich bei Max Weber auf die Art, wie eine Herrschaft vollzogen wird. Als Herrschaft qua Autorität beruht sie - idealtypisch verstanden - auf einer von den Interessen absehenden „schlechthinigen Gehorsamspflicht“ (Weber 1922/ 85: 542). 25 Namen und Orte sind in der Wiedergabe des Interviews geändert bzw. maskiert worden. Es handelt sich bei dem wiedergegebenen Text zudem nur um einen Auszug des Interviews. Partei zu gewinnen, um so die Chancen zu erhöhen, ein Direktmandat zu erlangen. Grundlegend müssen wir im Hinterkopf behalten, dass wir es bei dem Interview mit einem akzidentellen Dokument zu tun haben, das für andere Zwecke generiert wurde. Insofern handelt es sich also um eine mediale Darstellungsform, die wir ausgewählt haben und die es als solche zu analysieren gilt. Mit welchem gesellschaftlichen Bezugsproblem haben wir es zu tun? Darin enthalten sind Argumentations- und Darstellungstexte des AfD-Mit‐ gliedes, die wir nun vor dem Hintergrund der „Generierung von Gefolg‐ schaft“ gesellschaftlich einordnen wollen. Unser Erkenntnisinteresse hat sich damit von der Fragestellung, welche Wege für junge Leute in den Rechtspopulismus/ Rechtsextremismus führen, verlagert auf die generelle Frage, wie Mitglieder von als rechtspopulistisch/ rechtsextrem eingestuften Parteien, wie hier der AfD, Gefolgschaft zu generieren versuchen. Damit haben wir es mit einer Kommunikation im politischen System zu tun. Dieses hat nach Luhmann die Funktion, kollektiv bindende Entschei‐ dung herzustellen (vgl. Luhmann 2000: 86). Das objektive Handlungsprob‐ lem, das sich in jeder Gesellschaft stellt, ist dabei, politisches und regierendes Handeln mit Gefolgschaft zu versehen, d. h. mit Max Weber gesprochen, freiwillige Anerkennung zu generieren. Dies sind wichtige Elemente von Herrschaft und Autorität 24 (vgl. Weber 1922/ 85: 542), da ansonsten nur bloße Machthaberei die Folge wäre. Bloße Macht- und Erzwingungsverhältnisse sind ebenso aufwendig wie unzuverlässig (vgl. Pohlmann 2016: 131 f.). Sie wären wenig effizient und wenig dauerhaft zugleich, weshalb auch Diktator*innen beständig daran arbeiten, Gefolgschaft zu generieren. Dieses objektive Handlungsproblem der Generierung von Gefolgschaft gilt es z. B. in Piratengruppen, in Diktaturen, für Studierendenvertreter*innen sowie in Demokratien gleichermaßen zu lösen. Vor diesem Hintergrund ist das Interview zu sehen. Auszüge aus einem Interview in einer Regionalzeitung 25 310 8 Analyseverfahren von Interviews: Die Deutungsmusteranalyse <?page no="311"?> „Sie betonen immer wieder, die AfD sei keine Ein-Themen-Partei. Bei ihrem Auftritt in der Region hat Spitzenkandidatin Alice Weidel eine Stunde über kriminelle Flüchtlinge und eine halbe Stunde über die Euro-Politik gesprochen. Ist die AfD eine Zwei-Themen-Partei? Nein, ganz und gar nicht (zeigt auf das mitgebrachte AfD-Wahlprogramm). Wie Sie sehen, ist der erste Punkt in unserem Programm „Verteidigung der Demokratie in Deutschland“. Danach fordern wir mehr plebiszitäre Elemente, also Demokratie nach Schweizer Vorbild. Zudem wollen wir Spenden für Parteien von Unternehmen verbieten lassen wollen, weil dort zu viele Interessenskonflikte und Verflechtungen sind. Wir haben auch etwas zu Wirtschafts-, Klima- und Familienpolitik zu sagen. Über die Themen „Flüchtlingspolitik“ und „Euro“ werden Sie aber wahrgenom‐ men. Ja, ich erlebe immer wieder, dass die Menschen an unsere Stände kommen und darüber sprechen wollen. Wir greifen natürlich die „Flüchtlingspolitik“ auf, weil das Thema aktuell und wichtig ist für die Zukunft unseres Landes. Und die Zuweisung der Flüchtlinge in die Kommunen betrifft auch den Wahlkreis direkt. Die Situation ist zwar nicht so scharf wie 2015, als über eine Million Menschen ins Land gekommen sind, aber es kann jederzeit wieder dazu kommen. Als was wollen Sie denn wahrgenommen werden? Wir sind eine bürgerlich-konservativ-patriotische Partei. Vergleichen Sie doch mal das Wahlprogramm der CDU von 2002 mit dem AfD-Programm. Sie werden sehen, die sind gar nicht so unterschiedlich. Aber seit 2002 ist einige Zeit vergangen. Es hat sich viel getan, auch in puncto Globalisierung. Ist die AfD rückständig? Konservativ zu sein, heißt ja nicht, dass man Neues komplett ablehnt, sondern das Gute bewahren möchte. Werte, wie sie durch Ehe und Familie gelebt werden, sind wichtig für den Staat. Daher wollen wir Familien stärken, auch durch den Steuertarif. Und daher lehnen wir auch die „Ehe für alle“ ab. […] Auf Ihrer Facebook-Seite gab es danach Kommentare, die man als Drohung […] hätte verstehen können. Wieso haben Sie das laufen lassen? Ich habe alles gelöscht, was irgendwie zu Gewalt aufgerufen hat, aber ich bin nicht jede Minute auf Facebook. Generell lösche ich sehr wenig, weil mir die Meinungsfreiheit sehr wichtig ist. Ich finde aber auch, dass es nicht 8.4 Deutungsmuster des Rechtspopulismus: Ein Anwendungsbeispiel 311 <?page no="312"?> alleine meine Aufgabe ist, auf Gewalt-Kommentare zu achten, sondern auch die der Zivilgesellschaft. Die Nutzer können das Facebook melden. Die AfD will sich zudem für ein unabhängiges Kontrollorgan einsetzen.“ 1. Auswahl von Schlüsselpassagen Aufgrund unseres Erkenntnisinteresses, das an der Generierung von Ge‐ folgschaft ausgerichtet ist, haben wir eine Passage ausgewählt, die in Bezug darauf besonders vielversprechend erschien, weil sie Elemente einer „Pro‐ grammatik“ direkt erkennen lässt. Aber auch andere Zitate wären denkbar gewesen, um zu beginnen. „Konservativ zu sein, heißt ja nicht, dass man Neues komplett ablehnt, sondern das Gute bewahren möchte. Werte, wie sie durch Ehe und Familie gelebt werden, sind wichtig für den Staat. Daher wollen wir Familien stärken, auch durch den Steuertarif. Und daher lehnen wir auch die ‚Ehe für alle‘ ab“. 2. Paraphrasierung Hinweis: In der Paraphrasierung sind wir relativ frei. Wir reformulieren das, was uns als wichtig erscheint. Da wir uns mit mehreren in einer Interpreta‐ tionsgemeinschaft bewegen, korrigieren sich Elemente subjektiver Willkür im Regelfall vergleichsweise schnell. Wir könnten zu folgendem Ergebnis gelangen: Wenn man konservativ ist, möchte man das Gute bewahren, ohne das Neue komplett abzulehnen. Ehe und Familie sind wichtig für den Staat. Wir wollen Familien durch den Steuertarif stärken und lehnen daher die „Ehe für alle“ ab. Hinweis: Man sieht, dass die Paraphrasierung bereits Informationsverluste in Kauf nimmt und damit ein erster Schritt der Interpretation ist. Im Hintergrund steht hier bereits eine phänomenologische Reduktion, die bestimmte für das Phänomen überflüssige Informationen weglässt. 3. Bildung abstrakter Kategorien Hinweis: Dieser Schritt fällt oft bereits vergleichsweise schwer. Denn hier ist eine erste Abstraktion gefordert. Wenn Ihnen das zu schwerfällt, beginnen Sie mit „In-vivo-Kategorien“, also textnahen Kategorien und gehen Sie dann einen Schritt weiter ins axiale Codieren und dann ins selektive Codieren (siehe weiter oben Toolbox 3: Codierverfahren im Kontext der Grounded Theory). Dadurch gewinnt man Schritt für Schritt an Abstraktionsniveau. Welches Abstraktionsniveau wir dabei genau ansteuern, ist eine Entscheidung der 312 8 Analyseverfahren von Interviews: Die Deutungsmusteranalyse <?page no="313"?> Interpretationsgemeinschaft. Sie kann dann mit Entscheidungen von anderen Interpretationsgemeinschaften abgeglichen werden. Wir schlagen hier folgende Kategorien vor: Konservativ = Gutes bewahren, Befürwortung und Skepsis gegenüber Neuerungen, Förderung von Ehe und Familie, staatstragend, fiskalisch (Steuer), politische Gegnerschaft: Ehe für alle. Hinweis: Diese Kategorienbildung beginnt mit einem Interview und wird im Durchgang durch dieses Interview und danach andere Interviews immer präziser, klarer und abstrakter. Auf MAXQDA können dann die entsprechenden Codes vergeben und laufend weiter ausgearbeitet werden. 4. Die kognitive und normative Ordnung Hinweis: Wenn wir die Kategorien formuliert haben, können wir darangehen, die Aussagelogik des Zitats genauer zu bestimmen und herauszuarbeiten, wie Dinge gesehen und dargestellt werden (kognitive Ordnung). Dazu können wir u. a. die kausale Ordnung der Kategorien herausarbeiten, also wie beim axialen Codieren den Zusammenhang herausarbeiten. Das ist für uns in der Regel ein gewohntes Verfahren, das wir auch bei wissenschaftlichen Texten anwenden. Danach können wir herausarbeiten, was als gut oder schlecht bewertet wird (evaluative Dimension) und welche Handlungsweisen oder Handlungsregeln nahegelegt werden (wie wir handeln sollen). Dabei interessieren wird uns insbesondere für die Normen und Werte, die dabei ins Spiel kommen (normative Ordnung). Normen werden dabei von uns zunächst einfach und provisorisch als kon‐ krete Sollvorstellungen verstanden, die häufig mit Sanktionsformen (positiver oder negativer Art) versehen sind. Werte sind für uns hier hingegen abstrakte und diffuse Wunschvorstellungen, wie z. B. die Welt, die Gesellschaft, die Familie am besten sein sollten. Während Normen gesetzt werden können, z. B. durch Gesetze oder durch Regeln der Zusammenarbeit etc., können Werte nur postuliert werden. Man muss sie in Normen, in Satzungen oder Gebote transformieren, um alltägliches Handeln mit konkreten Handlungserwartung zu versehen und sanktionieren zu können. Die Frage ist also, welche Werte und Normen werden im Zitat dargestellt und ggf. mit Verhaltenserwartungen versehen. Kognitive Ordnung: Im Umgang mit dem objektiven Handlungsproblem, wie ich politische Gefolgschaft für meine Partei und meine politischen Positionen gewinne, wird hier zunächst auf einen scheinbar unpolitischen Deutungshorizont von Konservieren als Bewahren zurückgegriffen. Expli‐ 8.4 Deutungsmuster des Rechtspopulismus: Ein Anwendungsbeispiel 313 <?page no="314"?> 26 Sie richtet sich gegen eine Gleichheit, bei der grundsätzlich alle Staatsbürger*innen den gleichen Zugang zu den zentralen Ressourcen haben (z. B. die Ehe und ihre steuerrechtliche Bevorzugung). zite Bezüge zum politischen Konservatismus sind ausgeblendet. Viele breit ansprechen und wenige abschrecken ist die Devise. Man erreicht mehr Men‐ schen, potenzielle Wähler*innen, indem man Anspielungen ins Spiel bringt und keine konkreten politischen Positionen, welche abschrecken können. In dieser Allgemeinheit erscheint „konservativ sein“ als anschlussfähig für die meisten Leser*innen. Wer wollte nicht Gutes bewahren? Es wird also eine Darstellungsform gewählt, welche an das Alltagswissen der Bevölkerung anknüpft und die Frage des Konservatismus entpolitisiert. Auch dass man „Neuerungen“ nicht komplett ablehnt, beugt einem Gegenargument im Alltagswissen vor: dass man als „Konservativer“ nicht mehr offen genug ist. Gutes bewahren und mit Offenheit Neuem begegnen, setzt hingegen die Denkfigur des „guten Mittelweges“ in Kraft, die für viele in der politischen „Mitte“ anschlussfähig ist. Mit diesen Darstellungsformen (also: mit Anspielungen die Mitte gewin‐ nen und den guten Mittelweg darstellen) ist jedoch auf der Suche nach politischer Gefolgschaft nur der Ausgangspunkt gesetzt. Er könnte für jede „Volkspartei“ gelten. Entscheidend ist dann aber die Akzentuierung der antiegalitären Komponente 26 . Der Ausgangspunkt wird nicht in eine „Toleranz“ gegenüber Vielen oder Vielem überführt. Dass man Neues nicht komplett ablehnt, heißt ja im Umkehrschluss, dass man es überwiegend ablehnt. Und zwar immer dann, wenn es das Gute zerstört. In dieser Denkfigur aus dem kollektiven Wissensvorrat kommt implizit bereits der Schutz gegenüber der Bedrohung der Gemeinschaft ins Spiel. Denn der Allgemeinplatz lässt in der Folge nicht offen, wie die Rollen von Gut und Böse verteilt sind. Gut sind Werte, wie sie in Ehe und Familie gelebt werden. Schlecht ist die Ehe für alle ‒ in der Negation sind das also die Werte, wie sie z. B. von gleichgeschlechtlichen Paaren gelebt werden. Damit ist die „Bedrohung“ klar gefasst, durch ein Element der Ablehnung der kulturellen Offenheit klar bestimmt. Das „traditionale Element“ des kollektiven Wissensbestands, das implizit oder latent durch die „Heiligkeit von Ehe und Familie“ aktiviert wird, wird durch das „Staatstragende“ der Stellungnahme ergänzt. Ehe und Familie sind gut für den Staat. Und das Staatstragende bleibt nicht abstrakt, sondern wird in der Steuergesetzgebung konkret. Staatstragend, pragmatisch und konkret 314 8 Analyseverfahren von Interviews: Die Deutungsmusteranalyse <?page no="315"?> ist das kognitive Element, das hier aktiviert wird. Damit haben wir, noch ganz provisorisch, die kognitive Ordnung des Interviewzitates erfasst. Wie bin ich, wie sind wir von der AfD? Wir bewahren das Gute und wenden uns gegen das Böse. Das Gute ist u. a. die Tradition von Ehe und Familie, welche im Kampf gegen die kulturelle Öffnung (das Böse) staatstragend und pragmatisch geschützt wird. Als Botschaft an die potenzielle Gefolgschaft wird damit eine Darstel‐ lung gewählt, welche den traditionellen Wertebestand in den Vordergrund rückt, also traditionale Gründe für die Gefolgschaft anführt. Mit der Ar‐ gumentationsform der Bedrohung der traditionalen Gemeinschaft, die als „gut“ dargestellt wird, und dem antiegalitären Element gegenüber gleich‐ geschlechtlichen Partnerschaften lässt sich hier ein klares Politikmuster erkennen. Dazu gehört auch das Staatstragende, die dem Staat „dienende“ Institution von Ehe und Familie. Normative Ordnung: Bereits im ersten Zugang lässt sich die evaluative Dimension der Aussage einfach einordnen. Dies kennzeichnet diese poli‐ tische Stellungnahme. Was als gut oder schlecht erachtet wird, ist klar definiert. Ehe, Familie und Staat sind gut, die „egalitäre“ Ehe für alle als Element einer kulturellen Öffnung und Neuerung ist schlecht. Warum? Weil sie eine Tradition nicht bewahrt, sondern zerstört. Was sollen wir also tun? Traditionen bewahren. Welche Traditionen? Die Traditionen unserer Gemeinschaft, in der wir Werte leben, welche dem Staat dienlich sind. Sie gilt es zu schützen. Die allgemeine Norm von „Wir sollen das Schützenswerte bewahren“ wird hier spezifisch aktualisiert, im Wertekanon des Politikmusters: die „heilige Institution von Ehe und Familie“ sowie deren „Staatsdienlichkeit“. Damit wird auch die zweite Norm klar erkennbar. Wir als Staatsbürger*innen sollen dem Staat dienlich sein, indem wir staatsdien‐ liche Werte leben und die Partei, die wir wählen können, unterstützt dies mit werte- und staatsdienlicher konkreter Politik: der Beibehaltung der steuerlichen Bevorzugung von Ehe und Familie. Dieser „Dienst am Staat“ durch in Ehe und Familie traditional gelebte Werte muss bei Abweichung von der Verpflichtung durch negative Sanktionen wie der steuerlichen Ungleichstellung geahndet werden. Was sollen wir tun? Wir sollen das Gute der Gemeinschaft bewahren, in dem wir die heilige Institution von Ehe und Familie schützen und damit dem Staat dienlich sind. Wer diese „Verpflichtung“ nicht wahrnimmt, den müssen wir u.-a. durch steuerliche Benachteiligung sanktionieren. 8.4 Deutungsmuster des Rechtspopulismus: Ein Anwendungsbeispiel 315 <?page no="316"?> Als Botschaft an die potenzielle Gefolgschaft wird der normative Bezug zum historischen Erbe der christlich-abendländischen Gemeinschaft in Deutschland klar im Dreiklang von Ehe, Familie und Staat akzentuiert. Wer sich in dieser „Staatsbürgerpflicht“ sieht, scheint bei der AfD gut aufgehoben zu sein. 5. Der Vergleich mit anderen Interviewpassagen und Interviews Hinweis. Im Anschluss an diese Arbeit an einer Schlüsselpassage werden nun im Quervergleich andere Passagen im gleichen Interview und andere Interviews herangezogen. Dabei wird nach Aussagen gesucht, welche die Deutungshypo‐ thesen in Bezug auf die kognitive und normative Ordnung widerlegen, differen‐ zieren oder bestätigen können. Dies wird im fallkontrastierenden Verfahren auf der Ebene der kognitiven und normativen Ordnungen so lange im Verfahren des „theoretical sampling“ durchgeführt, bis eine theoretische Sättigung erreicht ist. Damit ist ein wichtiger Schritt der qualitativen Generalisierung vollzogen. Wir beziehen uns hier aus Darstellungsgründen nur auf Interviewpassagen aus dem gleichen Interview sowie auf Passagen aus anderen Interviews mit derselben Person. Dabei taucht in dem vorliegenden Interview der Bezug zu Familie und Ehe im weiteren Interviewverlauf nicht mehr auf. Wir finden jedoch weitere Bezüge zur Einordnung als „konservative“ Partei. Der Dreiklang bürgerlich-konservativ-patriotisch als Markenzeichen der Partei bestätigt Elemente der kognitiven und normativen Ordnung. Bürgerlich ist in diesem Kontext ein Begriff, der sich auf das Volk, auf die Gemeinschaft bezieht, deren Werte die Partei vorgibt, zu vertreten. Implizit bleibt die Unterschei‐ dung von „bürgerlich“ und „extrem“. Dass sie nicht expliziert wird, kann zwei Gründe haben: Zum einen soll die Gefolgschaft aus dem politisch extremen Teil der Gesellschaft nicht negiert oder abgeschreckt werden. Zum anderen wird vorrangig die Gefolgschaft aus der breiten bürgerlichen Mitte adressiert. „Wir sind eine bürgerlich-konservativ-patriotische Partei. Vergleichen Sie doch mal das Wahlprogramm der CDU von 2002 mit dem AfD-Programm. Sie werden sehen, die sind gar nicht so unterschiedlich“. Daher auch der Bezug zur „bürgerlichen Volkspartei“ der CDU, welche der Kandidat erst vor kurzem zugunsten der neuen Partei verlassen hat. Mit „patriotisch“ taucht wiederum das staatstragende Element auf, nun verstärkt und zugeschnitten auf die Nationalstaatlichkeit, welche vertreten wird. Auch mit diesem Bezug auf die „Vaterlandsliebe“ gehen wieder Asso‐ 316 8 Analyseverfahren von Interviews: Die Deutungsmusteranalyse <?page no="317"?> ziationen einher. Zum Beispiel wird sich mittels Anspielungen im selben Aussagenzusammenhang gegen das Transnational-Offene der Flüchtlings‐ politik gewandt: „Und die Zuweisung der Flüchtlinge in die Kommunen betrifft auch den Wahlkreis direkt. Die Situation ist zwar nicht so scharf wie 2015, als über eine Million Menschen ins Land gekommen sind, aber es kann jederzeit wieder dazu kommen“. Zugleich ist patriotisch in Deutschland ein Signalwort, welches durch die Vergangenheit nationalliberaler und natio‐ nalsozialistischer Bewegungen, Vereinigungen und Parteien in Deutschland einen bestimmten Assoziationshorizont heraufbeschwört. Auch mit diesem „Markenzeichen“ der Partei wird wieder implizit deutlich gemacht, dass Gefolgschaft auch weit rechts von der Mitte gesucht wird. Damit erfährt die in Schritt 4 herausgearbeitete kognitive und normative Ordnung eine Ergänzung und einen weiteren, nun noch klareren Zuschnitt. Auch hier wird politische Gefolgschaft zu gewinnen versucht, indem allgemeine An‐ spielungen verbunden werden mit einem Bezug auf den staatstragenden konservierenden Schutz der Gemeinschaft vor Bedrohungen - diesmal nicht vor der Ehe für alle, sondern vor der Bedrohung durch Geflüchtete. Auch die Volksbeteiligung entspricht diesem Deutungsmuster, am besten für die Gefolgschaft darzustellen, dass und wie man sich staatstragend für die Gemeinschaft einsetzt. „Wie Sie sehen, ist der erste Punkt in unserem Programm, Verteidigung der Demokratie in Deutschland‘. Danach fordern wir mehr plebiszitäre Elemente, also Demokratie nach Schweizer Vorbild“. Vor diesem Hintergrund ist auch die Akzentuierung eines liberalen Wertes der Meinungsfreiheit zu verstehen. Sie könnte auch als Widerlegung oder Widerspruch im Deutungsmuster verstanden werden. „Generell lösche ich sehr wenig, weil mir die Meinungsfreiheit sehr wichtig ist“. Diese Akzen‐ tuierung erscheint aber nicht nur als eine wohlfeile Rechtfertigung im Gespräch, sondern passt u. E. auch zum Deutungsmuster, Gefolgschaft zu gewinnen, indem man zeigt, was man für die bedrohte Gemeinschaft tun kann: ihre Meinung plebiszitär zur Geltung zu bringen. Wenn man sich die anderen Interviews, Vorträge und Wahlspots im selben Jahr der Bundestagskandidatur ansieht, sieht man schnell, wie sich bestimmte Schlagworte und Bezugnahmen immer wieder wiederholen. Es zeigt sich, dass die Schlagworte Teil einer Wahlkampfstrategie sind, um potenzielle Wähler*innen zu gewinnen. Sie folgen darin aber auch den im Interview herausgearbeiteten Deutungs- und Handlungsroutinen zur Gewinnung von politischer Gefolgschaft, bestätigen also die rekonstruierte kognitive und normative Ordnung der Schlüsselpassage. 8.4 Deutungsmuster des Rechtspopulismus: Ein Anwendungsbeispiel 317 <?page no="318"?> 6. Die Deutungs- und Handlungsregeln Hinweis: Danach werden die Deutungsmuster in diesem Feld nochmals als Elemente des kollektiven Wissensvorrats unter Bezug auf das objektive Hand‐ lungsproblem zusammengefasst und generalisiert. Wir resümieren, inwiefern sich die Elemente des Politikmusters unseres Falles bei anderen Fällen wieder‐ finden lassen und welche Differenzierungen sich ergeben. Häufig lassen sich dabei - und das ist eine empirische Beobachtung - nur wenige Deutungsmuster bzw. Deutungs- und Handlungsregeln identifizieren. Bezogen auf das objektive Handlungsproblem der Generierung politi‐ scher Gefolgschaft sind die Deutungsregeln nun vergleichsweise klar ge‐ worden: Die Deutungsregeln 1. Wir können Gefolgschaft gewinnen, wenn wir mittels allgemeiner Anspielungen und der Vorstellung eines guten Mittelwegs eine breite Resonanz generieren, also mit Vorstellungen arbeiten, welche für viele Menschen anschlussfähig sind. 2. Extreme Positionen ziehen nur wenige an, zu Lasten der Vielen, die davon abgestoßen werden. 3. Die Bedrohung - durch Offenheit und Egalität vor dem Hintergrund einer anti-egalitären, diskriminierenden Perspektive - und folgerichtig die Aufgabe des Schutzes der Gemeinschaft - mit Bezug auf Tradi‐ tionen wie Ehe, Familie, Nation und Staat - sind geeignete Mittel, um Gefolgschaft in der konservativen Mitte zu generieren. 4. Wenn dazu der Weg aufgezeigt wird, wie und von wem dieser Schutz erreicht werden kann - staatstragend, patriotisch, plebiszitär - kann es gelingen, Gefolgschaft in der konservativen Mitte zu generieren. Daran knüpfen dann auch die allgemeinen Handlungsregeln an, welche aus den Deutungsregeln resultieren: Die Handlungsregeln 1. Bleibe möglichst allgemein und im Ungefähren. Vermeide Ex-treme. 2. Stelle etwas in den Vordergrund, was viele vermeiden möchten, i. e. eine Bedrohung. Diese kann diskriminierend und „scharf “ dargelegt werden. 3. Zeige auf, was potenzielle Wähler*innen und Gefolgsleute erwarten können, wenn sie dir folgen, i. e. der Schutz der Gemeinschaft und wie wir alle dies zusammen erreichen können. 318 8 Analyseverfahren von Interviews: Die Deutungsmusteranalyse <?page no="319"?> Hinweis: Diese Deutungs- und Handlungsregeln sind nicht als strategisch-kal‐ kuliert zu verstehen, sondern sind in ihrem Bezug auf einen kollektiven Wissensvorrat rekonstruiert worden. Dieser stellt bestimmte Deutungs- und Handlungsroutinen zur Verfügung, wenn man möglichst viele Leute erreichen möchte. Sie sind generativ, d. h., sie produzieren viele Aussagen von ganz verschiedenen Personen in ganz verschiedenen Kontexten, welche sich diese Deutungs- und Handlungsroutinen oft unreflektiert aneignen, also das in ihrer Kultur verfügbare kulturelle Repertoire reproduzieren. Das kann im politischen Kontext natürlich auch strategisch überformt sein, Teil einer Wahl‐ kampfstrategie, aber uns kommt es hier auf die habituelle Repräsentation von Deutungs- und Handlungsroutinen an, die wir herausgearbeitet haben. Ob eine Person sich dieser Deutungsregeln bewusst ist oder die Handlungsregeln gezielt und strategisch anwendet, wissen wir nicht und das spielt hier auch keine Rolle. Denn die Personen und ihre politischen Programmatiken sind vor dem Hintergrund des kollektiven Wissensvorrats austauschbar. Dieser steht im Vordergrund und nicht die Ableitungen und Derivationen in der politischen Praxis. Aber natürlich haben wir hier noch keine theoretische Sättigung erreicht und nur einen Typus von Deutungs- und Handlungsroutinen herausgearbeitet, wo sich sicherlich noch andere finden lassen. 7. Der Kontext Hinweis: Der Kontext wird erst spät herangezogen. Hier wird der regionale und historische Kontext spezifiziert, in dem das Interview gegeben wurde, der kon‐ krete organisationale und mediale Zusammenhang sowie die wissenschaftliche Einordung dieses Zusammenhangs. Diese Bezugnahme soll uns im nächsten Schritt auch ermöglichen, zu erklären, wie es zu diesen Befunden kommen kann. Die Gewinnung von Gefolgschaft findet im Kontext einer kleinen Groß‐ stadt in Westdeutschland statt. Wir sehen vor diesem Hintergrund, dass sich die AfD und ihr Kandidat in einem städtischen Kontext bewegen, in welchem die AfD in den verschiedenen Wahlen nur Stimmanteile von Wäh‐ lerstimmen realisieren kann, die unterhalb des bundes- und landesweiten Durchschnittes der Wählerstimmen liegen. Der regionale Kontext ist damit zum einen durch eine bereits erkennbar aufstrebende rechtspopulistische Partei bestimmt, welche sich zum anderen in einem regionalen Kontext bewegt, in dem der politische Anklang bei der potenziellen Wählerschaft nicht so vielversprechend erscheint wie in anderen Kreisen und Bezirken des Landes. Der Kandidat mit seiner 8.4 Deutungsmuster des Rechtspopulismus: Ein Anwendungsbeispiel 319 <?page no="320"?> CDU-Vergangenheit, seiner Familie mit mehreren Kindern, seinem Beruf und seinem akademischen Hintergrund erscheint daher als besonders ge‐ eignet, um im bürgerlich-konservativem Wählerumfeld Wählerstimmen und Gefolgschaft für die vergleichsweise neue rechtspopulistische Partei zu gewinnen. Zugleich wird deutlich, dass dies in diesem Umfeld schwerlich gelingen kann, wenn der Kandidat rechtsextreme Akzente setzt. Der regio‐ nale Kontext legt damit eine bestimmte Wahlkampfstrategie nahe, was es bei der Interpretation zu berücksichtigen gilt. Es ändert jedoch nichts daran, dass auch dabei auf einen kollektiven Wissensvorrat rekurriert wird, der Deutungs- und Handlungsroutinen beinhaltet, wie politische Gefolgschaft bzw. potenzielle Wählerschaft gewonnen werden kann. Auch hier muss nun wieder der Bezug zur wissenschaftlichen Analyse des Rechtspopulismus hergestellt werden. Auch an dieser Stelle werden wieder Faktenwissen und wissenschaftliches Wissen einbezogen. So werden für uns nun leicht erkennbar zwei typische Elemente eines rechtspopulis‐ tischen Diskurses im Interview aufgenommen: der Bezug zum Volk und eine Identitätspolitik, in der eine bedrohte Gemeinschaft konstruiert wird. Dies geschieht wiederum mit Bezug auf einen Politiker, der dem Prozess der Wiederherstellung der Gemeinschaft eine Richtung geben kann (siehe 7.5 Das teilstandardisierte Expert*innen-Interview als Erhebungsform im Methodenmix: Beispiel einer explorativen Untersuchung von Rechtspopu‐ lismus bei jungen Erwachsenen). Hinweis: Wir haben hier also bezogen auf das Interviews konkret dargelegt, wie sich der parteipolitische Kontext der AfD im Zeitraum des Interviews und in der Region einschätzen lässt, um erkennbar werden zu lassen, welche histo‐ risch-konkreten Probleme in der Generierung von Gefolgschaft sich erkennen lassen. Auch eine wissenschaftliche Einordnung des Rechtspopulismus wurde hier nochmals herangezogen, um darzulegen, inwiefern das Interview in diesem Kontext einzuordnen ist. Welche anderen Faktoren des Kontextes herangezogen werden müssen, obliegt der Entscheidung der Interpretationsgemeinschaft. Es kann alles herangezogen werden, das als wichtig erachtet wird, um zu verstehen und zu erklären, wie es zur Aktualisierung genau dieser Deutungsmuster kommt. 8. Die Erklärung Hinweis: Nehmen wir an, das identifizierte Deutungsmuster in der Generierung von Gefolgschaft durch ein antiegalitäres, diskriminierendes „Wir bewahren unsere Traditionen“ und „schützen unsere Gemeinschaft vor Bedrohungen“ 320 8 Analyseverfahren von Interviews: Die Deutungsmusteranalyse <?page no="321"?> bestätigt sich auch in Interviews mit anderen rechtspopulistischen Politikern als dominanter Deutungstyp, so stellt sich die Frage, wie sich dieser Befund erklären lässt. Dazu müssen wir das eigene, theoriegenerierende Verfahren der Grounded Theory ergänzen und es muss mit anderen theoretischen Erklärun‐ gen abgeglichen werden, um feldspezifische und übergreifende soziologische Erklärungsformen und -faktoren diskutieren zu können. Zugleich müssen wir, wenn wir dies nicht bereits im Zuge der Kontextuierung getan haben, im Stand der Forschung nach Studien suchen, die zu ähnlichen Ergebnissen kommen und deren Hypothesen zur Kenntnis nehmen. Insbesondere wäre hier der Aspekt der Rezeptions- und Anerkennungsformen auf der Seite der potenziellen Mitglieder und Wähler*innen zu ergänzen. Wir können und wollen hier natürlich keine umfassende Erklärung anbieten, sondern nur ein paar Hinweise darauf geben, wo wir die Erklärung ansetzen würden, warum es zu dieser Art der Generierung von Gefolgschaft kommt. 1. Wenn wir in allgemeiner Weise Bezug nehmen auf die Theorie Max Webers, sehen wir, dass es mehrere Wege gibt, Gefolgschaft und Legiti‐ mitätsglaube zu generieren (vgl. Weber 2001 I/ 17: 160; siehe auch Breuer 2020: 118-119). Weber unterscheidet hier charismatische Formen, wel‐ che über die Einzigartigkeit und zuerkannte Überlegenheit von Füh‐ rungspersonen läuft, von traditionalen Formen, in denen die „Heiligkeit“ einer überlieferten Ordnung zur Generierung von freiwilliger Gefolg‐ schaft genutzt wird. Darüber hinaus gibt es rationale Geltungsgründe, die für die Generierung von Gefolgschaft genutzt werden. Zu diesen zählen zweckrationale Gründe, die an die Interessen der Gefolgschaft anknüpfen, und wertrationale Gründe, welche an die Verwirklichung von Ideen und Werten ansetzen (Weber 1988: 252; siehe auch Sigmund 2020: 87-89). Auch wenn klar ist, dass bei diesem Deutungsmuster der Generierung von Gefolgschaft auf der Klaviatur aller Geltungsgründe gespielt wird, ist der dominante Weg in unserem Fall die Bezugnahme auf die „Heiligkeit der Tradition“. Damit wird auf das konservative Erbe der Gemeinschaft nicht nur rational, sondern auch wertbezogen und vorrational angesprochen. Mit der „Heiligkeit“ wird an den Glauben an das Gute und Große, an die Transzendenz der Nation angespielt und an dessen „unbedingte“ Geltung. Indem das antizipierte „dumpfe Empfinden“ von Unzufriedenheit und „vergangener Größe“ bei der potenziellen Gefolgschaft übersetzt wird in den Glauben an die Größe 8.4 Deutungsmuster des Rechtspopulismus: Ein Anwendungsbeispiel 321 <?page no="322"?> 27 Mit der Vorstellung von Residuen und Derivationen - eines Komplexes von Argu‐ menten und Handlungen, im dem arationales Handeln sich als rationales versteht und/ oder präsentiert - weist Pareto zugleich auf die vorrationalen Geltungsgründe der Rationalität hin (siehe oben). der Nation, ihre Wiederherstellung und ihren Schutz, entsteht die wert‐ bezogene, vorrationale und irrationale Anziehungskraft, auf dem dieses Deutungsmuster basiert. Seine Aktualisierung wird nicht nur durch instrumentelle Gründe des Erfolgsversprechens, sondern auch durch irrationale Glaubensgründe und Wertbezüge bei Politiker*innen und ihrer potenziellen Anhängerschaft bestimmt. Das gibt dem kollektiven Deutungsmuster seine Attraktivität. 2. In der Aktualisierung eines solchen Deutungsmusters wird auch eine Reaktion erkennbar, eine Reaktion auf die Öffnung und Pluralisierung von Gesellschaft - verstanden in diesem Deutungsmuster als schützen‐ swerte Gemeinschaft. Dies ist in der sozialwissenschaftlichen Literatur viel diskutiert und hinterfragt worden, vor allem aber mit Bezug auf die Wählerschaft, ihren Status und ihre Sozialstruktur (vgl. dazu nur Lengfeld 2017; Lux 2018; Koppetsch 2018; Klein et al. 2018; Steiner & Landwehr 2018 u. v. a.). Weniger aber wurde Bezug genommen auf die kollektiven Deutungsmuster, auf welche die rechtspopulistische Politik rekurriert, um Gefolgschaft zu gewinnen (vgl. aber zur Rhetorik und zur Arbeit in den Parlamenten Uhlmann 2020; Hensel 2020; Heinze 2020 u. v. a.). Gerade hier kommt aber das „Reaktionäre“ zur Geltung, welches einen Fluchtpunkt vor der vermeintlichen Bedrohung generiert: im Schutz vor Offenheit und Egalität durch einen starken Staat und ein starkes Volk, das diesen Staat aus den Händen der „verkommenen Eliten“ zurückerobert. Vor dem Abstrakten moderner Gesellschaften mit ihrer unübersichtlichen Institutionenordnung eröffnet das Konkrete einer starken Hand, welche leitet und führt, wieder eine vorrationale Resonanz 27 . Das Deutungsmuster rekurriert auf eine Vereinfachung, welche in Bedrohung und Schutz emotionalen Rückhalt bietet und sich auch deswegen als Deutungsroutine in der Aktualisierung von Gefolgschaft anbietet. 3. Auch die anti-egalitäre und anti-pluralistische diskriminierende Bezug‐ nahme zur etablierten Elite und zu den hinzukommenden Außenseitern im Kontext der wahrgenommenen Bedrohung der Gemeinschaft ist eine wichtige Komponente des kollektiven Deutungsmusters (siehe dazu 322 8 Analyseverfahren von Interviews: Die Deutungsmusteranalyse <?page no="323"?> Becker & Fetzer 2017; Brunner & Kuhn 2018; Klein & Springer 2020). Sie lässt sich in allgemeinerer Form auf Gruppeneffekte zurückführen. So wie im Beispiel von Elias‘ Studie (1993) zu Etablierten und Außenseitern, werden Letztere durch die Alteingesessenen diskriminiert. Die altein‐ gesessenen Familien entwickelten einen Kanon an Werten, Normen und Regeln, der es ihnen ermöglichte, Außenseiter zu identifizieren und zu stigmatisieren. Und daran anknüpfend erscheint auch in diesem Deu‐ tungsmuster der Schutz der Gemeinschaft als mit der Stigmatisierung der Außenseiter verknüpft (vgl. Koppetsch 2017: 222; Preuß 2020: 35). Diese Hinweise sollen uns helfen, zu verstehen und zu erklären, warum dieses kollektive Deutungsmuster der Gewinnung von Gefolgschaft durch die rechtspopulistische Politik zur Anwendung kommt und bezogen auf die Resonanz als vielversprechend erscheint. Diese Hinweise sind hier aber nicht abschließend gemeint und noch weit entfernt von der Entwicklung einer konsistenten theoretischen Erklärung der Übernahme dieser kollek‐ tiven Deutungsroutinen. Aber sie zeigen erste Wege auf, auf denen wir weitersuchen und forschen können. 8.5 Schlussbemerkung Die Lernfragen zu diesem Kapitel finden Sie unter: https: / / narr/ kwaest.io/ s/ 1475 Der Weg vom Interview bis zu seiner Auswertung ist auch in der qualitativen Sozialforschung ein weiter. Die Deutungsmusteranalyse ist dabei nur eine Methode der Auswertung unter vielen anderen. Sie ist aber genuin soziolo‐ gisch, insbesondere wissenssoziologisch, angelegt, indem sie darauf zielt, kollektive Wissensbestände zu rekonstruieren. Nicht individuelle Meinun‐ gen und Einstellungen stehen im Vordergrund, sondern das kulturelle Re‐ pertoire, mit dem wir „objektiven“ Handlungsproblemen begegnen, welche sich in vielen Gesellschaften in ähnlicher Weise stellen. Nicht jede Deutung, nicht jedes Deutungsmuster ist gefragt, sondern kollektive Deutungs- und Handlungsroutinen, die im gesellschaftlichen Alltag als Bearbeitungsfor‐ men von Handlungsproblemen nahegelegt werden. Sie werden individuell angeeignet, reproduziert und modifiziert, aber lassen sich zurückführen auf das kollektive Wissen, wie Dinge zu sehen und zu tun sind. Ihre Rekonstruktion ist aufwendig, aber kann als Teil einer Institutionen- und 8.5 Schlussbemerkung 323 <?page no="324"?> Kulturanalyse verstanden werden, welche den alltäglichen Wissensbestand nachzuzeichnen hilft. Fragen zur Vertiefung 7 1. Inwiefern entfalten Deutungsmuster in alltäglichen Situationen Hand‐ lungsrelevanz? Wie können wir herausfinden, wie handlungsrelevant Deutungsmuster sind? 2. Müssen Deutungsmuster immer implizit oder latent vorhanden sein, oder gibt es auch explizite Deutungsmuster? 3. Wie unterscheiden sich Deutungsmuster von Stereotypen? 4. Können Deutungsmuster auch instrumentell und strategisch sein, oder schließt sich dies aus? Übung für zuhause 8: Die Deutungsmusteranalyse Bitte sehen Sie sich das Interview an (vgl. Bayern 2019: Im Interview: „Stef an“ - Der Ausstieg aus der rechtsextremen Szene - Bayern). 1. Der Fragebogen: Bitte ordnen Sie die Fragen und die Art der Interviews ein. Da es kein wissenschaftliches Interview ist, können verschiedene Frageformen unsystematisch kombiniert vorkommen. Wie lassen sich solche Interviews in der qualitativen Sozialforschung klassifizieren? 2. Die Auswertung: Legen Sie bitte unabhängig von der Fragestellung des Reporters Ihre Fragestellung und Ihr Erkenntnisinteresse fest. Formu‐ lieren Sie dieses aus. Welche Unterfragen ergeben sich? Dann transkri‐ bieren Sie bitte die Passagen, von denen Sie denken, dass diese für Ihre Fragestellung wichtig sind. Legen Sie zuvor das Transkriptionssystem fest. Für die Durchführung einer vereinfachten Deutungsmusteranalyse (nach Pohlmann et al. 2014) empfehlen wir das einfache Transkriptionssystem nach Dresing & Pehl (2018). Wenden Sie dann die ersten vier Schritte in der vereinfachten Deutungsmusteranalyse nach Pohlmann et al. (2014) an. Für die restlichen Schritte brauchen Sie mehr Interviewmaterial; sie entfallen daher in dieser Übung. 324 8 Analyseverfahren von Interviews: Die Deutungsmusteranalyse <?page no="325"?> 1. Wählen Sie sog. Schlüsselpassagen aus. Sie sind frei in der Auswahl. Wählen Sie die Passagen aus (ca. 5 bis 15 Zeilen), die Ihres Erachtens Ihrem Erkenntnisinteresse am meisten dienlich sind. 2. Reformulieren Sie die Schlüsselpassagen in Ihren eigenen Worten. Achten Sie darauf, dass der reformulierte Text einfach und klar ist. Was überflüssig ist, um den Text gut zu verstehen, kann wegfallen. 3. Gehen Sie nun einen Schritt zurück und bilden Sie abstrakte Kategorien, die hinter den Aussagen liegen. 4. Arbeiten Sie zum einen den logischen Zusammenhang der Argumente (kognitive Ordnung) heraus und zum anderen die Art, in der Bewertun‐ gen vorgenommen werden (normative Ordnung). Quellen Allert, Tilman (1976): „Legitimation und gesellschaftliche Deutungsmuster“, in: Rolf Ebbighausen (Hrsg.): Bürgerlicher Staat und politische Legitimation, Frankfurt am Main: Suhrkamp, S.-217-246. Arnold, Rolf (1983): „Deutungsmuster“, in: Zeitschrift für Pädagogik 29, S.-893-912. Bayern (2019): Im Interview: „Stefan“ - Der Ausstieg aus der rechtsextremen Szen e - Bayern (letzter Aufruf 28.06.2020). 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Antwortvorgaben-226, 236, 259, 261, 263, 269 Anwesenheitseffekten-268 Auswahlverfahren-58, 76, 157, 179 Bedeutungsfeldanalyse-183 Befragungen-158, 222-226, 237, 243, 261, 267ff., 304 Beobachter-24, 98, 122, 125, 140, 144, 146, 285 Beobachtereffekten-56 Beobachtung-20, 28, 33, 65, 78, 80, 119- 125, 129-133, 139-147, 149, 152, 154, 157, 318 Beobachtungsfehler-130 Beobachtungskategorien-124 Berger-23f., 39f., 43, 227f., 257, 273, 298, 325 Berger & Luckmann-23f., 39, 298 Beschreibung-55, 64, 142, 172, 202, 327 bilanzierende Frage-247 Biografie-242, 258 Blumer-70, 99, 126ff., 150, 152 Bourdieu-134f., 140ff., 147, 150f., 153, 178f., 184ff., 189, 206ff., 212f. Chicago School-70, 77 Codebogen-184 Codebuch-184 Codieren-70-74, 307f., 312f. Critik der reinen Vernunft-28f., 44 Das teilstandardisierte Expert*inneninterview-251, 253 Design-80, 164, 253 Deutung-27, 43, 172, 230, 261, 296, 323, 331 Deutungshypothesen-76, 173, 316 Deutungsmuster-55, 59, 152, 159, 165, 169, 172, 230, 287ff., 291ff., 297-300, 302, 309, 317f., 320-325, 329f. Deutungsmusteranalyse-20, 22, 283f., 287-290, 292-297, 301-306, 323f., 332f. Deutungsregeln-295, 318f. Dilthey-174ff., 204, 213 eingebettetes Design-79, 103 Ergebnisse-16, 19f., 35, 46, 56ff., 76, 78, 97, 99, 102f., 113, 122, 147, 161, 180, 186f., 193, 201, 208f., 254, 258, 264, 267f., 304ff., 330, 333 Erhebung-58, 60, 64, 77, 79f., 158, 161, 239, 250f., 259, 268 Erhebungsverfahren 19, 80, 89, 119, 221, 304 Erkenntnis-23f., 28, 30ff., 36, 39, 41, 99, 272 Erkenntnistheorie-23f., 29ff., 33, 42, 45, 61 ero-epische Gespräche-65, 78 Ethnographie-125f., 151, 154 Ethnomethodologie-93ff., 99, 117, 153 Ethnozentrismus-132, 220 Experiment-38, 44, 58, 89ff., 93, 96ff., 101ff., 105ff., 109-114, 116, 149 <?page no="335"?> Experimente-19, 21, 37ff., 89-93, 101, 103, 105f., 109f., 112, 117 Explikation-190f. exploratives Design-79 externe Validität-58 Fehlinterpretationen-132 Feldexperimente-93 Forschungsdesign-255 Frequenzanalyse-180-183, 186f., 207, 209 Garfinkel-94f., 115 Generalisierbarkeit-56, 58 Generalisierung-113, 173, 192f., 207, 209, 316 Girtler-64-67, 72, 78, 82f., 85, 87, 125, 133, 151 Glaser-58, 60, 69f., 77, 83f. Glaser & Strauss-58, 60, 69f. Goffman-21, 99ff., 114f. Grounded Theory-21, 61, 69ff., 76f., 81, 83f., 86ff., 147, 153, 161, 178f., 189, 226, 251, 257, 280, 307, 312, 321 Gütekriterien-56, 58, 61, 87 Habitualisierung-298 Habitus-134, 139, 146f., 151, 208 Handlungsregeln-55, 288, 292, 295f., 306, 308, 313, 318f. Handlungsskripts-291 Hawthorne-Effekt-56, 271 Hermeneutik-88, 114, 151, 174f., 214f., 217, 275, 326, 329 hermeneutische Analyse-173, 201 heuristische Form-89 Homophilie-177, 179f., 187ff., 194, 201, 205-208 Husserl-61f., 64, 67 Hypothese-75, 90, 188, 194 Hypothesen-58, 60, 76f., 81f., 108, 122, 161, 188, 226, 242, 257, 263, 306, 321 Hypothesenentwicklung-168, 170, 202, 226 Hypothesengenerierung-103 Hypothesenprüfung-169, 172, 203 immanente Nachfragen-246, 260 Inhaltsanalyse-20, 22, 85, 120, 151, 157- 164, 166f., 169, 172, 176-180, 183f., 187-191, 193, 200f., 208f., 211ff., 215- 221, 288, 301, 304 Interpretation-19, 24, 28, 41f., 66, 69, 75, 82, 132, 145, 161, 168, 170f., 174f., 179, 211, 214, 228, 269, 284ff., 291, 298, 304f., 312, 320, 329, 331 Interpretationen-23f., 56, 66, 143, 176, 209, 287, 303 Interpretationsgemeinschaft-68, 122, 170, 307, 312f., 320 Interpretationsgemeinschaften-19, 55, 58, 305, 307, 313 Interview-15, 20, 22, 33, 47, 54, 57, 59, 65, 68, 96, 117, 167, 169f., 172f., 201, 221-224, 226, 232f., 235-240, 242ff., 246-251, 253, 258f., 267ff., 272, 277, 279ff., 286, 292, 303-306, 309f., 313, 316f., 319f., 323f., 326f., 331 Interviewereffekte-225, 267 Interviewerschulung-233f. Interviewertraining-225 Interviewfragen-22, 222 In-vivo-71ff., 307, 312 Kant-28-31, 33, 44 Kategorien-70-75, 147, 161, 173, 178, Register 335 <?page no="336"?> 181, 184, 188f., 193, 207, 222, 305, 307f., 312f., 325, 328 Katharsiseffekt-272 Kausalfaktoren-56f. Kognitionspsychologie-23, 31 kognitive Dimension-291, 305 kognitive Ordnung-290, 307f., 313, 315, 325 kollektive Deutungsgewohnheiten-291 kollektive Interpretationsangebote-291 kollektive Wissensbestände-291f., 296, 300, 323 Kommunikation 35, 53, 87, 119, 124, 127, 144, 165f., 204f., 215, 217, 228, 284, 295, 310 Konstruktivismus 21, 23, 28, 33, 36f., 39, 43, 45f., 48f. Kontaktanzeigen-176f., 179ff., 183, 186f., 189, 191, 193f., 201, 203, 205, 207f., 288 korrelatives Design-164 Krise-21, 90, 97, 111f., 270f., 299 Krisenexperiment-92f., 95f. Kultur-55, 63, 66, 99, 124, 129, 154, 192, 207, 229, 231, 289, 291f., 298, 301f., 304, 319, 331, 333 Likert-Skala-264, 270 Luckmann-39f., 43, 45, 227f., 273, 298, 325 MAXQDA-304, 313 Mead-127f., 152, 155 Methoden-16-19, 23, 39, 47, 49, 58, 66, 78, 81, 84, 87, 95, 103, 106, 112, 125f., 151, 154, 163, 177, 207, 215f., 219, 248, 253ff., 257, 270, 272, 276f., 279, 281, 302, 325ff., 329, 331f. Methodenkombination-79, 103, 123, 162ff., 177f., 209, 226, 257, 259, 267 Methodenmix 78, 101, 103, 106, 123, 125, 146, 162, 176, 178, 188, 253 Methodologie 47, 69f., 75ff., 87, 151, 155, 214, 280 Milgram-38, 44, 96f., 106, 116 Milieu-15, 53, 66, 134, 202, 287 Mixed Methods-83f., 219 Muster-40, 100, 202, 215, 228, 255f., 270, 288, 298, 300 natürliche Einstellung-24, 41, 62 Neurophysiologie-23, 33 Normative Ordnung-308, 315 objektives Handlungsproblem-288 Objektivität-46, 56, 175 Oevermann-288, 297, 299-303, 329, 332 Paraphrasierung-191, 285, 305, 307, 312 Phänomenologie-21, 44, 49, 61f., 64, 66, 81 Piaget-31f., 44, 46 Praxis 22, 88, 99, 124f., 148, 151, 154, 159, 164, 177, 213, 215ff., 219, 239, 271, 280, 300, 308, 319, 327 Protokollieren-124, 142, 146 Qualitative Befragungen-226 qualitative Beobachtung-121f. qualitative Repräsentanz-58, 108 qualitative Sozialforschung 18ff., 23, 41, 49f., 55f., 58, 61f., 64, 78, 85, 105, 129, 155, 233 quantitative Beobachtungen-123 Rahmenanalyse-100, 113, 117 336 Register <?page no="337"?> randomisierte kontrollierte Studie-90 RCT-90 Realität-24f., 29, 32, 34, 36, 47, 58, 68, 132, 304, 307f. Reduktion-21, 62f., 168, 192f., 312 Reflexion-20, 55, 76, 87 Reliabilität-56, 58, 105, 254, 305 Sampling-257, 277 Schlüsselpassage-307, 316f. Schütz-39ff., 45, 61, 95, 168, 227ff., 278, 298, 331 Sequenzanalyse-167f., 170-173, 201, 208, 212f. Sequenzbestimmung-168f., 201 Skalen-16, 54, 79, 183, 224, 226, 240, 252ff., 259, 262ff. Sozialkonstruktivismus-37, 39, 301 Sozialpsychologie-23, 37, 84, 97, 115, 152, 215, 217ff., 328f., 331 Soziologie-23, 37, 39, 42, 44, 83-87, 97, 99, 115ff., 125, 150, 152ff., 215-219, 227, 236, 278, 299ff., 304, 326, 328-331 Standardisierte Beobachtungen-123 Standardisierung-247f., 299, 301 Stereotype-53f., 291 Strauss-49, 69f., 77, 83f., 86, 88, 99 Survey-79, 252, 274, 276, 286 teilnehmende Beobachtung-20, 53, 65, 78, 122, 124, 126, 141, 153 Tendenz zur Mitte-268 theoretische Grundlagen-84 Theorieentwicklung-50, 58, 69, 77, 91, 103, 147 Triangulation-83, 123, 176, 218f., 248, 253f. Triangulationsdesign-80, 164, 176 Typik-69, 75f. Typisierungen-39, 100 Überinterpretationen-131f. Valenzanalysen-183 Validität-56f., 84, 105, 133, 254 von Förster-33, 45, 48 Wahrnehmungspsychologie-23, 25 Wahrnehmungsschemata-291 Wirklichkeit-20, 23f., 27ff., 31-34, 36, 39, 41ff., 45-48, 132, 145, 150, 227, 273, 277, 286, 325 Wirklichkeiten-23ff., 30, 36, 38f. Wirklichkeitswahrnehmung-23, 32, 36f., 39ff. wissenschaftliche Vorannahmen-64 Wissenssoziologie-44, 115, 214f., 227f., 273, 287, 297f., 304, 325, 329f., 332 Register 337 <?page no="338"?> Abbildungsverzeichnis Abbildung 1: Optische Täuschung I Die schwebende Mülltonne. . 25 Abbildung 2: Optische Täuschung II Müller-Lyer-Illusion . . . . . . . 26 Abbildung 3: Optische Täuschung III. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 Abbildung 4: Optische Täuschung IV Müller-Lyer-Illusion. . . . . . . 27 Abbildung 5: Muslimfeindschaft 2014-2024 (Zustimmung in %) . . 266 Abbildung 6: Die Rekonstruktionsperspektive der Deutungsmusteranalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 292 Abbildung 7: Analyse- und Erklärungsrichtung einer Deutungsmusteranalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 293 <?page no="339"?> Tabellenverzeichnis Tabelle 1: Theoretische Ansätze und Kompetenzerwerb in den einzelnen Kapiteln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21 Tabelle 2: Die verschiedenen Herangehensweisen in der Sozialforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51 Tabelle 3: Einige Unterschiede zwischen qualitativer und standardisierter Beobachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 122 Tabelle 4: Formen der Beobachtung nach Lamnek . . . . . . . . . . . . . 142 Tabelle 5: Inhaltsanalyse qualitativ ‒ quantitativ I Quelle: orientiert an Lamnek 2010: 445 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160 Tabelle 6: Inhaltliche Kategorisierungen einer auf den sozialen Status nach Bourdieu bezogenen Analyse . . . . . . . . . . . . 184 Tabelle 7: Ergebnisse der explorativen Frequenzanalyse . . . . . . . . . 185 Tabelle 8: Rahmenbedingungen für die Inhaltsanalyse nach Mayring . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190 Tabelle 9: Durchführung der Analyse nach Mayring . . . . . . . . . . . . 199 Tabelle 10: Ergebnisübersicht der zusammenfassenden Inhaltsanalyse (Darstellung in Anlehnung an Kuckartz 2015: 112 f.) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 200 Tabelle 11: Qualitative und standardisierte Befragungen . . . . . . . . . 223 Tabelle 12: Drei Typen des qualitativen Interviews . . . . . . . . . . . . . . 240 Tabelle 13: Der Fragebogen zu rechtsextremen Einstellungen - Zustimmung auf Item-Ebene (in %; N = 2.504) . . . . . . . . 265 <?page no="340"?> ISBN 978-3-8252-6443-7 Das Lehrbuch erleichtert und unterstützt den Erstkontakt mit der Qualitativen Sozialforschung. Es ist zugleich ein Arbeitsbuch, welches an konkreten Beispielen veranschaulicht, wie man mithilfe der Methoden der qualitativen Sozialforschung unterschiedliche Fragestellungen im Fach Soziologie sowie in den Sozialwissenschaften bearbeiten kann. Die Orientierung an Mixed-Methods-Ansätzen und ihrer Durchführung unterscheidet dieses Lehrbuch von vielen anderen. In dieser Auflage wurde eine Vielzahl an eLearning- Fragen mit Antworten hinzugefügt. Das Buch richtet sich an Bachelorstudierende der Soziologie sowie der Sozialwissenschaften. Aber auch für andere Fächer ist das Buch einfach zu rezipieren, da es keine Grundkenntnisse der Soziologie oder der empirischen Sozialforschung voraussetzt. utb+ Das Lehrwerk mit dem digitalen Plus Sozialwissenschaften Dies ist ein utb-Band aus dem UVK Verlag. utb ist eine Kooperation von Verlagen mit einem gemeinsamen Ziel: Lehr- und Lernmedien für das erfolgreiche Studium zu veröffentlichen. utb.de QR-Code für mehr Infos und Bewertungen zu diesem Titel