Sportwissenschaft
Themenfelder, Theorien und Methoden
0811
2025
978-3-8385-6451-7
978-3-8252-6451-2
UTB
Verena Burk
Marcel Fahrner
10.36198/9783838564517
Sportwissenschaft von allen Seiten beleuchtet
Das Studium der Sportwissenschaft ist vielfältig und beliebt.
Bereits zu Beginn des Studiums setzen sich die Studierenden mit Bewegungs- und Trainingswissenschaft, Sportpädagogik, Sportpsychologie, Sportsoziologie, Sportgeschichte, Sportmedizin und Sportökonomik auseinander.
In dem bewährten Lehrbuch stellen ausgewiesene Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftler diese Teildisziplinen im Detail vor. Jedes Kapitel wird mit Lernzielen eingeleitet und durch ein Praxisbeispiel und Kontrollfragen abgeschlossen.
Als Service bietet das Buch Wichtiges zum wissenschaftlichen Arbeiten und skizziert Berufsfelder für Absolventinnen und Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge.
Die dritte Auflage wurde überarbeitet und mit aktuellen
Beispielen versehen.
9783838564517/9783838564517.pdf
<?page no="0"?> Verena Burk | Marcel Fahrner (Hg.) Sportwissenschaft Themenfelder, Theorien und Methoden 3. Auflage <?page no="1"?> Eine Arbeitsgemeinschaft der Verlage Brill | Schöningh - Fink · Paderborn Brill | Vandenhoeck & Ruprecht · Göttingen - Böhlau · Wien · Köln Verlag Barbara Budrich · Opladen · Toronto facultas · Wien Haupt Verlag · Bern Verlag Julius Klinkhardt · Bad Heilbrunn Mohr Siebeck · Tübingen Narr Francke Attempto Verlag - expert verlag · Tübingen Psychiatrie Verlag · Köln Psychosozial-Verlag · Gießen Ernst Reinhardt Verlag · München transcript Verlag · Bielefeld Verlag Eugen Ulmer · Stuttgart UVK Verlag · München Waxmann · Münster · New York wbv Publikation · Bielefeld Wochenschau Verlag · Frankfurt am Main UTB (L) Impressum_01_25_4c.indd 1 UTB (L) Impressum_01_25_4c.indd 1 01.04.2025 15: 48: 00 01.04.2025 15: 48: 00 utb 3974 <?page no="2"?> Dr. Verena Burk ist Akademische Oberrätin am Institut für Sportwissenschaft an der Universität Tübingen. PD Dr. Marcel Fahrner ist Akademischer Oberrat am Institut für Sportwissenschaft der Universität Tübingen. <?page no="3"?> Verena Burk / Marcel Fahrner (Hg.) Sportwissenschaft Themenfelder, Theorien und Methoden 3., überarbeitete und erweiterte Auflage - - Mit Beiträgen von Prof. Dr. Stefan König (Pädagogische Hochschule Weingarten), Prof. Dr. Inga Krauß (Universitätsklinikum Tübingen), Prof. Dr. Christoph von Laßberg (Universitätsklinikum Tübingen), Prof. Dr. Andreas Luh (Universität Bochum), Prof. Dr. Christian Maiwald (Technische Universität Chemnitz), Prof. Dr. Tim Pawlowski (Universität Tübingen), Prof. Dr. Ines Pfeffer (Medical School Hamburg), Prof. Dr. Mark Pfeiffer (Universität Mainz), Dr. Lars Riedl (Universität Paderborn), Prof. Dr. Petra Wagner (Universität Leipzig) und Prof. Dr. Manfred Wegner (Universität Kiel) <?page no="4"?> DOI: https: / / doi.org/ 10.36198/ 9783838564517 3., überarbeitete und erweiterte Auflage 2025 2., überarbeitete und erweiterte Auflage 2020 1. Auflage 2013 © UVK Verlag 2025 ‒ Ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Einbandgestaltung: siegel konzeption | gestaltung Druck: Elanders Waiblingen GmbH utb-Nr. 3974 ISBN 978-3-8252-6451-2 (Print) ISBN 978-3-8385-6451-7 (ePDF) ISBN 978-3-8463-6451-2 (ePub) Umschlagabbildung: © iStock - AndreyPopov Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. <?page no="5"?> 9 11 13 1 15 2 19 2.1 19 2.1.1 20 2.1.2 22 2.1.3 24 2.2 27 2.2.1 28 2.2.2 32 2.2.3 37 2.2.4 40 2.3 51 3 57 3.1 57 3.1.1 59 3.1.2 63 3.1.3 69 3.1.4 76 3.2 87 3.2.1 88 3.2.2 92 3.2.3 97 3.2.4 107 3.3 115 3.3.1 116 3.3.2 118 Inhalt Vorwort zur 3. Auflage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vorwort zur 2. Auflage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vorwort zur 1. Auflage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einführung -(Verena Burk, Marcel Fahrner) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sportwissenschaft als Fachdisziplin -(Marcel Fahrner) . . . . . . . . . . . . . . . . . . Entstehung und Entwicklung der Sportwissenschaft . . . . . . . . . . . . . . Sportwissenschaft in der BRD . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sportwissenschaft in der DDR . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sportwissenschaft in Deutschland seit 1990 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sport - Gegenstandsbereich der Sportwissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . Entstehung und Entwicklung des Sports . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ansätze zur Definition des Sportbegriffs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Modelle zur Beschreibung von Sport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . (Sportbezogene) Video- und Computerspiele: E-Sport? . . . . . . . . . . . . Integrative Sportwissenschaft vs. additive Sportwissenschaften . . . . . Sportwissenschaftliche Teildisziplinen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sportpädagogik -(Stefan König) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einführung - Phänomene und Themen der Sportpädagogik . . . . . . . . Entstehung und Entwicklung der Sportpädagogik . . . . . . . . . . . . . . . . Themenfelder, Theorien und Methoden der Sportpädagogik . . . . . . . . Verhältnis der Sportpädagogik zur Sportpraxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sportgeschichte -(Andreas Luh) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einführung - Die Bedeutung (sport-)historischen Denkens . . . . . . . . Entstehung und Entwicklung der Sportgeschichte . . . . . . . . . . . . . . . . Themenfelder, Theorien und Methoden der Sportgeschichte . . . . . . . Verhältnis der Sportgeschichte zur Sportpraxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sportpsychologie -(Petra Wagner, Manfred Wegner, Ines Pfeffer) . . . . Einführung - Phänomene und Themen -der Sportpsychologie . . . . . . Entstehung und Entwicklung der Sportpsychologie . . . . . . . . . . . . . . . <?page no="6"?> 3.3.3 119 3.3.4 131 3.4 138 3.4.1 140 3.4.2 142 3.4.3 143 3.4.4 152 3.5 160 3.5.1 161 3.5.2 165 3.5.3 166 3.5.4 176 3.6 184 3.6.1 185 3.6.2 188 3.6.3 196 3.6.4 203 3.7 208 3.7.1 209 3.7.2 212 3.7.3 214 3.7.4 224 3.8 230 3.8.1 231 3.8.2 238 3.8.3 239 3.8.4 253 4 261 4.1 261 4.1.1 262 4.1.2 263 4.1.3 265 4.1.4 270 4.2 273 4.3 279 4.3.1 280 Themenfelder und Theorien der Sportpsychologie . . . . . . . . . . . . . . . . Verhältnis der Sportpsychologie zur Sportpraxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sportsoziologie -(Lars Riedl) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einführung - Phänomene und Themen der Sportsoziologie . . . . . . . . Entstehung und Entwicklung der Sportsoziologie . . . . . . . . . . . . . . . . . Themenfelder, Theorien und Methoden der Sportsoziologie . . . . . . . . Verhältnis der Sportsoziologie zur Sportpraxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sportökonomik -(Tim Pawlowski) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einführung - Charakterisierung der Sportökonomik . . . . . . . . . . . . . . Entstehung und Entwicklung der Sportökonomik . . . . . . . . . . . . . . . . Themenfelder der Sportökonomik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Verhältnis der Sportökonomik zur Sportpraxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sportmedizin -(Christoph von Laßberg, Inga Krauß) . . . . . . . . . . . . . . Einführung - Phänomene und Themen der Sportmedizin . . . . . . . . . . Entstehung und Entwicklung der Sportmedizin . . . . . . . . . . . . . . . . . . Themenfelder der Sportmedizin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Verhältnis der Sportmedizin zur Sportpraxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bewegungswissenschaft -(Christian Maiwald) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einführung - Charakterisierung der Bewegungswissenschaft . . . . . . Entstehung und Entwicklung der Bewegungswissenschaft . . . . . . . . . Themenfelder, Theorien und Methoden -der Bewegungswissenschaft Verhältnis der Bewegungswissenschaft zur Sportpraxis . . . . . . . . . . . . Trainingswissenschaft -(Mark Pfeiffer) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einführung - Phänomene und Themen der Trainingswissenschaft . . Entstehung und Entwicklung der Trainingswissenschaft . . . . . . . . . . Themenfelder, Theorien und Methoden der Trainingswissenschaft . . Verhältnis der Trainingswissenschaft zur Sportpraxis . . . . . . . . . . . . . Wissenschaftliches Arbeiten in der Sportwissenschaft -(Marcel Fahrner, Verena Burk) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der (sport-)wissenschaftliche Forschungsprozess . . . . . . . . . . . . . . . . . Forschungsproblem und zentrale Fragestellungen . . . . . . . . . . . . . . . . Forschungsüberblick und theoriegeleitete Reflexion . . . . . . . . . . . . . . Untersuchungsdesign/ Forschungsmethoden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Darstellung und Interpretation der Ergebnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Informationsbeschaffung und Literaturrecherche . . . . . . . . . . . . . . . . . Anforderungen an die formale Gestaltung wissenschaftlicher Arbeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gliederung wissenschaftlicher Arbeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 Inhalt <?page no="7"?> 4.3.2 282 4.3.3 284 4.4 291 4.4.1 292 4.4.2 293 4.4.3 294 5 297 5.1 298 5.1.1 298 5.1.2 301 5.1.3 302 5.2 306 5.2.1 307 5.2.2 309 5.2.3 312 5.2.4 314 5.2.5 316 5.2.6 318 5.2.7 320 5.2.8 322 5.2.9 324 6 327 331 333 336 338 Sprachliche und formale Anforderungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Standards bei Quellenangaben und Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . Wissenschaftliche Integrität: Standards guter wissenschaftlicher Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Integrität des Forschungsprozesses . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Integrität der Methoden und Publikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Integrität der Autorschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Berufsfelder und Beschäftigungsverhältnisse von Absolventinnen und Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge -(Verena Burk) . . . . . . . Ausgewählte Aspekte zur Berufstätigkeit von Absolventinnen und Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge . . . . . . . . . . . . . . . Beschäftigungsverhältnisse von Absolventinnen und Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anforderungen an sportwissenschaftliche Berufseinsteigerinnen und--einsteiger aus Arbeitgebendensicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kompetenzanforderungen an Absolventinnen und Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ausgewählte Berufsfelder und Profile von Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftlern . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Schule . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Hochschule und Wissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sportverein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sportverband . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Privatwirtschaftliche Sportanbieter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Öffentliche Sportverwaltung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sport und Wirtschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sport und Massenmedien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sport und Gesundheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zusammenfassung und Ausblick -(Verena Burk, Marcel Fahrner) . . . . . . . . . Verzeichnis der Autorinnen und Autoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tabellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inhalt 7 <?page no="9"?> Vorwort zur 3. Auflage Seit der ersten Auflage dieser Einführung in die Sportwissenschaft sind mittlerweile mehr als zehn Jahre vergangen. Die Absatzzahlen des Verlags, aber insbesondere auch die Rückmeldungen aus der sportwissenschaftlichen Scientific Community sowie den in der sportwissenschaftlichen Lehre aktiven Dozierenden verdeutlichen, dass das Buch nach wie vor interessierte Leserinnen und Leser hat. Die im Rahmen der zweiten Auflage erfolgte Integration der Sportmedizin in die Reihe der hier dargestellten sportwissenschaftlichen Teildiziplinen hat sich ebenso wie die größere Eigenständigkeit der Teilkapitel als adäquate Maßnahmen der Weiterentwicklung des Buches erwiesen. Auch wenn seit der zweiten Auflage nur wenige Kalenderjahre vergangen sind, haben sich infolge der Corona-Pandemie und der dynamisch voranschreitenden Digita‐ lisierung enorme Veränderungen der Gesellschaft ergeben: Akzeptanz und Verbreitung von E-Sport und der Umgang mit künstlicher Intelligenz in Lehr-/ Lernzusammenhän‐ gen sowie in wissenschaftlichen Forschungsarbeiten sind dabei - nicht nur in der Sportwissenschaft - zwei besonders prominente Entwicklungen. Die coronabedingten Lockdowns, damit verbundene Restriktionen für das soziale Miteinander und das (gemeinsame) Sporttreiben sind in ihren gesellschaftlichen Folgewirkungen noch nicht vollumfänglich abschätzbar - und die sportwissenschaftliche Forschung wird dies erst in den kommenden Jahren analytisch durchdringen und verstehen helfen. Gleichwohl scheint es angebracht, diesbezüglich bereits vorliegende Erkenntnisse sowie neue sportwissenschaftliche Literatur in dieser dritten Auflage entsprechend einzubinden. Unser herzlicher Dank geht dabei an Nadja Hilbig vom UVK Verlag, die uns zur dritten Auflage nicht nur ermutigt, sondern auch bei allen damit verbundenen Herausforderungen konstruktiv unterstützt hat. Dank gebührt auch allen Autorinnen und Autoren, die ihre Beiträge aktualisiert, ergänzt und die integrative Idee des Buchs weiter mit Leben gefüllt haben. Tübingen, im Februar 2025 Dr. Verena Burk und PD Dr. Marcel Fahrner <?page no="11"?> Vorwort zur 2. Auflage Mit der „Einführung in die Sportwissenschaft“ war 2013 die Zielsetzung verbunden, Abiturienten und Studienanfängern sportwissenschaftlicher Studiengänge Einblicke in die Sportwissenschaft zu ermöglichen, ihnen Orientierung für das Studium zu geben und sie auf potenzielle Berufsfelder aufmerksam zu machen. Zahlreiche positive Rückmeldungen zeigen, dass dies offensichtlich gelungen ist und das Buch seine Zielgruppen gefunden hat. An dieser Stelle deshalb ein herzliches Dankeschön an die zahlreichen Leser der ersten Auflage. Unser Dank gilt auch dem UVK Verlag für das Vertrauen in den Erfolg der Neuauflage sowie Senior Produktmanager Rainer Berger und Nadja Hilbig für die sehr gute Zusammenarbeit. Mit der Neuauflage wird einem wesentlichen Kritikpunkt der Scientific Community an der Erstauflage begegnet: nun ist auch die Sportmedizin mit einem eigenen Teilkapitel vertreten. Prof. Dr. Inga Krauß und Prof. Dr. Christoph von Laßberg, beide von der Abteilung Sportmedizin des Universitätsklinikums Tübingen, haben sich dankenswerterweise auf dieses Projekt eingelassen. Außerdem erhalten die Teilkapitel mehr Eigenständigkeit, indem die Literaturhin‐ weise jeweils am Ende jedes Teilkapitels (der zweiten Gliederungsebene) aufgeführt sind. Ansonsten hält die Neuauflage an den Erfolgsprämissen der Erstauflage fest. Alle Autoren haben ihre Teilkapitel jedoch an neue fachspezifische Entwicklungen angepasst und entsprechend auch neue Fachliteratur eingepflegt. Seit Erscheinen der Erstauflage scheinen sich sportwissenschaftliche Forschung und Lehre weiter differenziert zu haben. In der Forschung zeigt sich eine fortschrei‐ tende Orientierung an jeweilige mutterwissenschaftliche Fächer und Disziplinen. In der Lehre ist die ohnehin schon große Vielfalt und teilspezifische Ausrichtung von Bachelor- und Masterstudiengängen weiter vorangeschritten. Vor diesem Hinter‐ grund scheinen die Bindungskräfte der Sportwissenschaft sukzessive nachzulassen, mit erkennbaren Problemen in der Positionierung und im Selbstverständnis „der“ Sportwissenschaft. Ommo Grupes Vision einer integrativen Sportwissenschaft (im Singular! ) ist aus unserer Sicht jedoch weiterhin ein (insbesondere hochschulpolitisch) relevantes Ideal. Auch in dieser Hinsicht erfüllt die Neuauflage der „Einführung in die Sportwissenschaft“ hoffentlich wichtige Funktionen. Wir sind uns der vielschichtigen Diskussion um sprachliche Gleichbehandlung der Geschlechter bewusst. Gleichwohl verzichtet auch die Neuauflage auf entspre‐ chende Anpassungen, insbesondere um Beeinträchtigungen der Lesbarkeit und eine Überschreitung des verfügbaren Textumfangs zu vermeiden. Wird das generische Maskulinum verwendet, sind dabei immer auch Frauen und Menschen, die sich nicht im binären Geschlechtersystem wiederfinden, mitgedacht. Tübingen, im Januar 2020 Dr. Verena Burk und Dr. Marcel Fahrner <?page no="13"?> Vorwort zur 1. Auflage Das vorliegende Lehrbuch zielt darauf ab, Abiturienten und Studienanfängern sport‐ wissenschaftlicher Studiengänge Einblick in die Sportwissenschaft zu ermöglichen, ihnen Orientierung für das Studium zu geben und sie auf potenzielle Berufsfelder auf‐ merksam zu machen. Ohne in die Tiefe der sportwissenschaftlichen Teildisziplinen ein‐ zutauchen, führt es in kompakter Form in grundlegende studien- und berufsrelevante Themen der Sportwissenschaft ein und regt diesbezüglich zur kritischen Reflexion an. Die Vielfalt der Sportwissenschaft und ihre Differenziertheit beispielsweise in geistes-, sozial- und naturwissenschaftliche Teildisziplinen wiederum erfordern in den Kapiteln 3.1 bis 3.7 die Einbindung mehrerer Sportwissenschaftler, deren fachliche Expertise eine angemessene inhaltliche Tiefe in den betreffenden Teilkapiteln ermöglicht. Um eine für das Lehrbuch angestrebte inhaltliche Stringenz aller Kapitel gewähr‐ leisten zu können, sind Lernziele und Kapitelstruktur aller Teilkapitel aufeinander abgestimmt. Unser herzlicher Dank geht an Prof. Dr. Stefan König (Pädagogische Hochschule Weingarten), Prof. Dr. Andreas Luh (Universität Bochum), Junior-Prof. Dr. Christian Maiwald (Universität Chemnitz), Prof. Dr. Tim Pawlowski (Universität Tübingen), Dr. Ines Pfeffer (Universität Leipzig), Prof. Dr. Mark Pfeiffer (Universität Mainz), Dr. Lars Riedl (Universität Paderborn), Prof. Dr. Petra Wagner (Universität Leipzig) und Prof. Dr. Manfred Wegner (Universität Kiel), die sich auf diese Vorgaben eingelassen und mit ihren Beiträgen zum Gelingen des vorliegenden Bands beigetragen haben. Allein aus Gründen der angestrebten sprachlichen Abstraktion und Prägnanz werden im Text ausschließlich männliche Personenbezeichnungen verwendet. Das Lehrbuch geht jedoch von der Selbstverständlichkeit aus, dass damit jeweils auch Frauen eingeschlossen sind. Bleibt zu wünschen, dass die hier zusammengestellten Inhalte möglichst vielen Lesern anregende Lektüre und Reflexionsgrundlage bieten. Tübingen, im August 2013 Dr. Verena Burk und Dr. Marcel Fahrner <?page no="15"?> 1 Einführung (Verena Burk, Marcel Fahrner) Sport ist eines der gesellschaftlichen Massenphänomene unserer Zeit, das eine Vielzahl von Aktivitäten in unterschiedlichen Varianten umfasst, z. B. Ballspiele auf dem Sport‐ platz oder in der Sporthalle, Jogging im Wald oder im Stadion, Schwimmen in Bädern oder in Seen. Entsprechende Angebote unterbreiten Sportvereine und gewerbliche Sportanbieter, oder werden etwa als Laufen oder Radfahren selbst organisiert. Neben Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen sind heute gerade auch die älteren Genera‐ tionen sportlich aktiv. Und auch zeitlich gibt es hierfür kaum Limitierungen. Als Folge dieser Versportlichung der Gesellschaft ist es heute nicht mehr begründungsbedürftig, Sport zu betreiben, sondern sich ihm zu verweigern (Bette, 2010). Die gesellschaftliche Relevanz des Sports zeigt sich auch daran, dass Wettkampfer‐ eignisse, Sportlerinnen und Sportler, Teams, Trainerinnen und Trainer sowie Funktio‐ närinnen und Funktionäre von Sportvereinen und -verbänden selbstverständlich The‐ men der Alltagskommunikation darstellen. Beispielsweise diskutiert man im Freundes- und Bekanntenkreis über Spielverläufe und -ergebnisse der großen Sportligen im Fußball, Handball oder Basketball, über Wettkämpfe der Olympischen Spiele ebenso wie über Welt- und Europameisterschaften, etwa im Biathlon. Auch weil „nahezu jeder über Primärerfahrungen im Sport verfügt, gibt es einen problemlosen Anschluss an das, was alle schon wissen oder zumindest ansatzweise am eigenen Leib in sportiven Situationen bereits erfahren haben. Selbst ein Laienpublikum kann verstehen, was in einem Stadion oder einer Sporthalle passiert, wenn es (…) durch den schulischen Sportunterricht (…) vorsozialisiert wurde“ (Bette, 2010, S.-7). Über das Pflichtfach „Sport“ kommen in Deutschland alle Kinder und Jugendlichen mit sportlichen Bewegungsmustern und Regeln in Berührung. Darüber hinaus sind rund 6,1 Mio. Kinder und Jugendliche unter 15 Jahre Mitglied in einem der rund 86.000 Sportvereine in Deutschland (Deutscher Olympischer Sportbund, 2024). Gemeinsames Üben und Trainieren, das Eingehen von Bewährungssituationen in sportlichen Wett‐ kämpfen und die Teilhabe an sozialen Sportanlässen wie Ausflügen oder Vereinsfesten sind für viele junge Menschen sinnvolle Freizeitbetätigung. Insofern überrascht es kaum, dass viele Jugendliche nach Abschluss ihrer Schulkarriere den Wunsch haben, ihr „Hobby zum Beruf “ zu machen, d. h., „irgendetwas“ mit Sport studieren und später „im Sport“ beruflich tätig sein zu wollen - sei es in der Schule (z. B. als Sportlehrkraft), im Sportverein (z. B. als Trainerin) oder im Sportverband (z. B. als Manager). Nur selten ist ihnen jedoch bewusst, was ein sportwissenschaftliches Studium von ihnen verlangt - und inwiefern etwaige berufliche Tätigkeiten im Sport etwas mit ihrem bisherigen Hobby gemein haben können - außer dem im weitesten Sinne gemeinsamen Gegenstand „Sport“. <?page no="16"?> Aktuell bieten in Deutschland rund 54 universitäre sportwissenschaftliche Hoch‐ schuleinrichtungen Möglichkeiten, das Fach Sport zu studieren. Außerdem bieten sechs Pädagogische Hochschulen und 29 Fachhochschulen Studiengänge mit Sportbezug an (Gassmann et al., 2023). Infolge des Bologna-Prozesses kam es zu zahlreichen Profilierungen und Spezialisierungen, vom Lehramtsstudium über gesundheits- und trainingsorientierte Studiengänge bis hin zu Sportmanagement und Sportkommunika‐ tion/ -publizistik. Im Wintersemester 2021/ 22 waren 31.157 Studierende für das Fach Sport immatrikuliert (Statistisches Bundesamt, 2022). Zu einem sportwissenschaftli‐ chen Studium gehört dabei im Kern eine Auseinandersetzung mit Themen- und Frage‐ stellungen verschiedener sportwissenschaftlicher Teildisziplinen, z. B. Sportpädagogik, Sportsoziologie, Sportpsychologie, Bewegungswissenschaft, Trainingswissenschaft, sowie eine aktive und reflektierte Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Sportar‐ ten/ -aktivitäten. Das vorliegende Lehrbuch zielt darauf ab, Abiturientinnen und Abiturienten sowie Studienanfängerinnen und -anfänger sportwissenschaftlicher Studiengänge Einblick in die Sportwissenschaft zu ermöglichen, ihnen Orientierung für das Studium zu geben und sie auf potenzielle Berufsfelder für Absolventinnen und Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge aufmerksam zu machen. Das Lehrbuch führt deshalb in kompakter Form in grundlegende studien- und berufsrelevante Themen der Sportwissenschaft ein. Im Einzelnen geht es darum, ■ sich mit der Entstehung und Entwicklung der Sportwissenschaft als wissenschaft‐ liche/ akademische Fachdisziplin auseinanderzusetzen; ■ Teildisziplinen der Sportwissenschaft kennen und deren Erkenntnisinteressen und Forschungszugänge unterscheiden zu lernen; ■ sich mit generellen Anforderungen (sport-)wissenschaftlichen Arbeitens vertraut zu machen; ■ Berufsfelder sportwissenschaftlicher Absolventinnen und Absolventen mit ihren jeweils relevanten Kompetenzanforderungen und Beschäftigungspotenzialen ken‐ nenzulernen. Mit dem übergreifenden Ziel eines Einblicks in generelle Bedingungen, fachspezifische Zugänge, Problem-/ Fragestellungen und Methoden der Sportwissenschaft führt das Buch in zahlreiche studienrelevante Kernthemen ein und regt diesbezüglich zur kritischen Reflexion an. Die Inhalte sind in sechs großen Kapiteln dargestellt: 1. Einführung, 2. Sportwissenschaft als Fachdisziplin, 3. Sportwissenschaftliche Teildisziplinen, 4. wissenschaftliches Arbeiten in der Sportwissenschaft, 5. Berufsfelder von Absolventinnen und Abolventen sportwissenschaftlicher Studi‐ engänge, 6. Zusammenfassung und Ausblick. 16 1 Einführung (Verena Burk, Marcel Fahrner) <?page no="17"?> Um die Leserinnen und Leser in ihrer inhaltlichen Auseinandersetzung zu unterstützen und eine möglichst effektive Lektüre zu gewährleisten, sind die Themen im Folgenden didaktisiert aufgearbeitet. Zu diesem Zweck werden in den Kapiteln der zweiten Gliederungsebene ■ zum Einstieg explizite thematische Zielsetzungen festgehalten, um den Leserinnen und Lesern einen inhaltlichen Überblick zu geben und ihnen Orientierung zu ermöglichen; ■ am Ende wesentliche Inhalte anhand eines Praxisbeispiels zusammengeführt, um den Lesern einen Nachvollzug der dargestellten thematischen Zusammenhänge zu erleichtern; ■ Kontrollfragen formuliert, um die Leser bei einer abschließenden Wiederholung und Reflexion der dargestellten Inhalte zu unterstützen. Literatur Bette, K.-H. (2010). Sportsoziologie. Transcript-Verlag. Deutscher Olympischer Sportbund (2023). Bestandserhebung 2024. Fassung vom 31. Oktober 2024. DOSB. Gassmann, F., Thieme, L., Benkel, C., Hell, J., Lindt, K., & Stolzenberg, L. (2023). Sportwissen‐ schaft an Universitäten. Strukturbedingungen und Perspektiven. Bundesinstitut für Sportwis‐ senschaft. Statistisches Bundesamt (2022). Bildung und Kultur. Fachserie 11, Reihe 4.1: Studierende an Hoch‐ schulen. Wintersemester 2021/ 2022. https: / / www.destatis.de/ DE/ Themen/ Gesellschaft-Umwel t/ Bildung-Forschung-Kultur/ Hochschulen/ Publikationen/ Downloads-Hochschulen/ studiere nde-hochschulen-endg-2110410227004.pdf ? __blob=publicationFile 1 Einführung (Verena Burk, Marcel Fahrner) 17 <?page no="19"?> 2 Sportwissenschaft als Fachdisziplin (Marcel Fahrner) Das Phänomen Sport ist in seinen vielfältigen Ausprägungen heute gesellschaftlich hoch angesehen. Sport wird allerdings nur selten mit Wissenschaft in Verbindung gebracht. Entstehung, Entwicklung und Anerkennung der Sportwissenschaft als aka‐ demische Fachdisziplin sind folglich nicht selbstverständlich. Auch bleibt selbst im universitären Kontext häufig unklar, was Sportwissenschaft letztlich ist und was genau von ihr geleistet wird. Die gesellschaftliche Vielfalt des Sports, die sich u. a. vom gesundheitsorientierten Walking oder Aquajogging bis zum professionellen Fußball oder Handball erstreckt, macht außerdem erklärungsbedürftig, was „Sport“ als Gegenstandsbereich der Sportwissenschaft eigentlich umfasst. Nicht zuletzt vor dem Hintergrund der Vielfalt des Sports ist auch die Singularbezeichnung des Fachs als „Sportwissenschaft“ keine Selbstverständlichkeit. 2.1 Entstehung und Entwicklung der Sportwissenschaft Sport ist ein schillerndes Phänomen, dem heute enorme gesellschaftliche Relevanz zugesprochen wird, z. B. in erzieherischer, politischer, ökonomischer oder massenme‐ dialer Hinsicht. Insofern liegt auch eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Sport nahe. Gleichwohl sind Entstehung und Entwicklung der Sportwissenschaft als wissenschaftliche/ akademische Fachdisziplin nicht selbstverständlich. Gerade im Wissenschaftssystem wurde und wird Sport mitunter als eine rein körperliche Betäti‐ gung gesehen, der scheinbar nichts Wissenschaftliches anhaftet. Lernziele ■ Die Leserinnen und Leser erkennen, unter welchen Bedingungen die Sportwis‐ senschaft als wissenschaftliche und universitäre Fachdisziplin in Deutschland entstanden ist. ■ Sie lernen Unterschiede der Entstehung und Entwicklung der Sportwissen‐ schaft in BRD und DDR kennen. Eine Anerkennung als Wissenschaft setzt aus Sicht der Scientific Community typi‐ scherweise eigenständige Gegenstandsbereiche, spezifische Forschungsansätze, -fra‐ gestellungen und -konzeptionen, Fachsprachen und -organe sowie explizite organisa‐ torische Verankerungen voraus (Willimczik, 1980). Als sportwissenschaftliche Vorläufer im weitesten Sinn können u. a. die Philanthro‐ pen verstanden werden, die an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert körperliche <?page no="20"?> Aspekte einer ganzheitlichen Erziehung theoretisch reflektierten, systematisierten und in gymnastische Leibesübungen transferierten. Auch die Turnlehrerbildungsanstalten des 19. Jahrhunderts lassen sich als vorwissenschaftliche Einrichtungen verstehen, ebenso die 1920 in Berlin gegründete Deutsche Hochschule für Leibesübungen und die ab 1925 entstandenen universitären Institute für Leibesübungen. Gleichwohl kann hier „von der universitären Institutionalisierung der Sportwissenschaft [noch] nicht die Rede sein“ (Grupe, 1996, S. 362), zumal allein die Universität Leipzig 1925 eine Außerordentliche Professur für Pädagogik der Leibesübungen einrichtete und die Ausbildung an den Instituten insgesamt kaum über eine vorwissenschaftliche Stufe hinauskam. Erst ab 1930 wurde das Studium der Leibesübungen - zuerst in Bayern, Österreich und Preußen - akademisch aufgewertet und mit anderen Fächern gleichgestellt. Im Zuge der nationalso‐ zialistischen Politik ab 1933 erhielt das Fach Leibesübungen dann eine Schlüsselposition im Erziehungssystem und war ab 1936 mit der Reichsakademie für Leibesübungen orga‐ nisatorisch prominent vertreten. Doch wurden damit akademische Lehre und Forschung auch in weltanschaulich reglementierte Bahnen gezwungen und inhaltlich auf eine straff geführte, insbesondere körperliche Ausbildung fokussiert (Bernett, 1987). Für die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg machen es die unterschiedlichen gesell‐ schaftlichen und akademischen Bedingungen von BRD und DDR erforderlich, wesent‐ liche Antriebskräfte, Meilensteine und Entwicklungsetappen der Sportwissenschaft zwischen 1949 und 1989 getrennt nachzuzeichnen, bevor die gemeinsame Entwicklung nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten 1990 skizziert wird. 2.1.1 Sportwissenschaft in der BRD Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in der BRD zwar an einigen deutschen Hochschu‐ len Ausbildungsgänge für Sportlehrkräfte eingeführt, jedoch war damit - insbesondere unter dem Eindruck der politischen Korrumpierung des Sports im Nationalsozialismus - keine generelle akademische Anerkennung verbunden. „Noch 1947 hatte sich eine große und renommierte rheinische Universität gegen eine ‚facultas für Bauchwelle‘ ausgesprochen (…) und (…) das Verhältnis der Universitäten zum Sport blieb in den Nachkriegsjahrzehnten [der BRD] ein ‚Unverhältnis‘“ (Grupe, 1996, S.-362-363). Vor diesem Hintergrund wird „die Geburt der Sportwissenschaft als akademische Institution und damit als autonome Fachdisziplin (…) ab Mitte der 60er bis zum Beginn der 70er Jahre [des 20. Jahrhunderts] angesetzt (…). Der Weg dahin war nicht gerade mit Wohlwollen von seiten der etablierten, nicht selten leibfeindlichen Wissenschaften bedacht worden. Vor allem wurde die Wissenschaftswürdigkeit des Gegenstandes ‚Sport‘ in Zweifel gezogen“ (Drexel, 2002, S. 211). Zwar lieferte der Sport zahlreiche thematische Anknüpfungspunkte und Fragestellungen für wissen‐ schaftliche Auseinandersetzungen und Analysen, jedoch schienen sie aus Sicht der etablierten Universitätsdisziplinen selten bearbeitungswürdig. Sport hielt man besten‐ falls für eine praktische Disziplin. Die heutigen Institute für Sportwissenschaft hießen deshalb zunächst auch „Institute für Leibesübungen, was für die ihnen zugedachten 20 2 Sportwissenschaft als Fachdisziplin (Marcel Fahrner) <?page no="21"?> Aufgaben in den beiden Nachkriegsjahrzehnten kennzeichnend war“ (Grupe, 1996, S.-363; Hervorhebungen im Original). Hinzu kam, dass sportspezifische Problem- und Fragestellungen wegen ihres komplexen Charakters häufig zwischen den tradierten wissenschaftlichen Fachperspektiven gelagert waren, so dass sich keines der Fächer hierfür wirklich zuständig fühlte (Grupe, 1995). Die Entstehung der Sportwissenschaft war in der BRD ganz wesentlich auf wissenschaftsexterne Einflüsse angewiesen. Vor allem der gesellschaftliche Be‐ deutungsgewinn des Sports, seine verstärkte Abbildung in den Massenmedien sowie die ökonomisch und politisch zunehmend relevante Zuschauernachfrage machten eine fundierte wissenschaftliche Auseinandersetzung immer dringlicher (Bette, 2010). Auch und gerade der Sport selbst - insbesondere in Gestalt des Deutschen Sportbunds (DSB) - verlangte vermehrt nach wissenschaftlichen Erkenntnissen und Ratschlägen. Nicht zuletzt die Überlegenheit der DDR, die bei den Olympischen Spielen 1968 in Mexiko-Stadt mehr Medaillen gewann als die BRD, fungierte dabei als wichtiger politischer Katalysator. Denn für die Olympischen Spiele in München 1972 drohte dem westdeutschen Sport die Gefahr, als unterlegener Gastgeber vorgeführt zu werden. „Diese neue Interessenlage, vor allem aber auch das Vorhandensein von Sportlehrer‐ ausbildungsstätten, die um ihre akademische Anerkennung bemüht waren, führten schließlich (seit 1966) zur Einrichtung zahlreicher sportwissenschaftlicher Lehrstühle“ (Digel, 1995, S.-136). Nachdem 1965 an der Universität Frankfurt ein erster Außerordent‐ licher Lehrstuhl für „Theorie der Leibeserziehung“ entstand, richtete die Universität Tübingen 1967 hierfür die erste Ordentliche Professur in der BRD ein. 1970 folgte dann die akademische Anerkennung der Deutschen Sporthochschule in Köln, an der ab 1971 auch sportwissenschaftliche Promotionen und Habilitationen möglich waren (Willimczik, 2001). Die bis dahin in den Instituten für Leibesübungen vorrangig ausge‐ führten sportpraktischen Tätigkeiten galt es nun wissenschaftlich zu fundieren und zu entwickeln - wie dies in der DDR und in anderen sozialistischen Staaten insbesondere im naturwissenschaftlichen Bereich bereits mehrere Jahre erfolgte (Digel, 1995). Die spezifischen Entwicklungsbedingungen hatten für das Fach Sportwissen‐ schaft Vor- und Nachteile. „Vorteile lagen vor allem darin, daß die Entwicklung (…) vergleichsweise rasch vor sich ging und, jedenfalls in den Anfangsjahren, auch eine vergleichsweise zügige Personalvermehrung und Ausstattung mit Haushalts‐ mitteln erfolgte. Der Nachteil liegt darin, daß eine sorgsame Entwicklungspla‐ nung, die gründliche Diskussion des Gegenstandes, der mit dem Allerweltswort ‚Sport‘ vergleichsweise ungenau beschrieben wird [,] (…) unterblieb“ (Grupe, 1996, S.-366). 2.1 Entstehung und Entwicklung der Sportwissenschaft 21 <?page no="22"?> 1 BISp-Errichtungserlass in der Fassung vom 18. November 2010. Im Zuge der gesellschaftlichen Aufwertung des Sports und des generell gestiegenen Bedarfs an wissenschaftlichen Erkenntnissen gründete der DSB 1970 einen „Wissen‐ schaftlichen Beirat“ und einen „Bundesausschuss für Wissenschaft und Bildung“. Dem DSB-Bundesausschuss Leistungssport wurde außerdem ein sportmedizinisches und trainingswissenschaftliches Beratungsgremium zugeordnet, während auch in den Landessportbünden ähnliche Entwicklungen erfolgten (Grupe, 2007). Ein weiterer Meilenstein der BRD-Sportwissenschaft war 1970 die Einrichtung des Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISp) als nachgeordnete Behörde des Bundesministeriums des Innern (BMI). In seinem Errichtungserlass wird ihm vor allem zur Aufgabe gemacht, „Forschungsvorhaben, die zur Erfüllung der dem Bun‐ desministerium des Innern auf dem Gebiet des Spitzensports obliegenden Aufgaben beitragen (Ressortforschung), zu initiieren, zu fördern und zu koordinieren [,] (…) den Forschungsbedarf in Zusammenarbeit mit dem Spitzensport zu ermitteln, For‐ schungsergebnisse zu bewerten und diese zu transferieren (…) [sowie] das BMI bei seiner Aufgabenerfüllung auf dem Gebiet des Sports fachlich zu beraten“ (§ 2 BISp- Errichtungserlass 1 ). Ebenfalls 1970 wurde mit der Zeitschrift „Sportwissenschaft“ ein eigenes Fachorgan ins Leben gerufen. Im Vorwort zur ersten Ausgabe heißt es zum angestrebten Spektrum der Veröffentlichungen: „Es soll neben sportpädagogischen, -psychologischen, -sozio‐ logischen, -historischen und -medizinischen Arbeiten im engeren Sinne, Arbeiten zur Biomechanik, Bewegungsforschung (…) und Sensomotorik auch Arbeiten zu sportrelevanten Themen aus den Gebieten der Anthroplogie und Philosophie, der Psychiatrie und Verhaltensforschung umfassen; angestrebt wird dabei ein ausgewoge‐ nes Verhältnis von theoretischen und empirischen Arbeiten“ (Grupe, 1971, S.-15). 1976 kam es dann zur Gründung der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs) als Interessenvertretung der an den sportwissenschaftlichen Instituten beschäf‐ tigten wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. 2.1.2 Sportwissenschaft in der DDR In der DDR wurde bereits 1950 in enger Anlehnung an die sowjetische Sportwissen‐ schaft und deren Zentren in Moskau und Leningrad die Deutsche Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig gegründet. Der 1952 ebenfalls nach sowjetischem Vor‐ bild geschaffene und dem Staatlichen Komitee für Körperkultur und Sport unterstellte Wissenschaftliche Rat sowie die Errichtung einer koordinierenden Forschungsstelle an der DHfK sind weitere Beispiele dafür, dass in der DDR „die politische Instrumentali‐ sierung der Wissenschaft von Anfang an zum Ziel erklärt und auf den Weg gebracht“ (Hinsching, 1996, S. 15) wurde. Die Verleihung des Promotionsrechts 1955 und des Habilitationsrechts 1965 stärkte die wissenschaftliche Leitfunktion der DHfK enorm (Bernett, 1980; Krüger & Kunath, 2001; Wonneberger, 2007). 22 2 Sportwissenschaft als Fachdisziplin (Marcel Fahrner) <?page no="23"?> Neben der DHfK existierten in der DDR acht universitäre Institute für Körpererzie‐ hung und weitere sportwissenschaftliche Institute an Pädagogischen Hochschulen (Hinsching, 1996; Krüger & Kunath, 2001). Maßgebliche sportwissenschaftliche Pub‐ likationsorgane wurden ab 1952 die „Theorie und Praxis der Körperkultur“ und ab 1959 die „Wissenschaftliche Zeitschrift der DHfK“ (Willimczik, 2001). Ohne die vielfältigen Konturen der DDR-Sportwissenschaft im Detail nachzeichnen zu können, ist wichtig zu erkennen, dass es „hinsichtlich der Themenzuweisung, der administra‐ tiven Unterstellung, in der Forschungsplanung wie in der Mittelbereitstellung (…) einen gravierenden Unterschied zu akzeptieren [gab] zwischen einer privilegierten, dafür umso stärker von Kommandostrukturen bestimmten und völlig abgeschirmten Leistungssportförderung und einer (…) Nicht-Leistungssportforschung“ (Hinsching, 1996, S.-16). Breitensportliche Forschung und Schulsportforschung erfolgten vor allem an den universitären Instituten. Die DHfK hingegen fokussierte ausschließlich den Spitzen‐ sport und verlagerte folglich ihre wissenschaftlichen Arbeitsschwerpunkte auf die Trainingswissenschaft. Ein deutlich sichtbares Zeichen für diese Schwerpunktsetzung war 1968 die Einrichtung des Leipziger Forschungsinstituts für Körperkultur und Sport (FKS), das in enger Verflechtung zur DHfK stand. Insbesondere die Trainingswissen‐ schaft/ -lehre als „das ‚Kernstück‘ der sozialistischen Sportwissenschaft (…) [war] auch ihr Paradestück: Ihre Erfolge haben der DDR zu dem Ruf einer führenden Sport-Nation verholfen“ (Bernett, 1980, S.-383). Die Sportwissenschaft der DDR war damit schon Ende der 1960er Jahre „eine elaborierte Fachwissenschaft (…), ideologisch gefestigt, wissenschaftstheoretisch durchdacht, akademisch etabliert, nach Plan organisiert und praxiswirksam“ (Bernett, 1980, S. 377). Insbesondere die vielfältigen wissenschaftspolitischen Beschlüsse der Partei- und Staatsführung sicherten ihr eine ansehnliche materielle Basis und eine einheitliche Entwicklung - vor allem im Bereich der Spitzensport‐ forschung in den schwerpunktmäßig geförderten olympischen Sommer- und Wintersportarten. In dieser Hinsicht stand 1965 auch die Gründung der Berliner Forschungs- und Entwicklungsstelle für Sportgeräte (FES), deren Aufgabe in der Entwicklung und Fertigung von Sportgeräten bestand - in Sportarten, in denen die sportliche Leistung maßgeblich vom Sportgerät mitbestimmt wird, z. B. Kanu, Rudern, Bobfahren. Ein Entwicklungsproblem der DDR-Sportwissenschaft war hingegen die mit der Zeit sich verengende Rekrutierungs- und Diskussionsbasis. Dies resultierte etwa an der DHfK vor allem aus der strikten Geheimhaltung in der Spitzensportforschung sowie der bevorzugten Einstellung eigener Absolventinnen und Absolventen. Dadurch „wurde zwar der Anwendungsbezug auf einem sehr hohen Niveau gehalten, der Forschungs‐ gewinn für die Grundlagen jedoch immer geringer“ (Krüger & Kunath, 2001, S.-360). 2.1 Entstehung und Entwicklung der Sportwissenschaft 23 <?page no="24"?> Insgesamt betrachtet war die Sportwissenschaft der DDR „eine zumindest staats‐ nahe, wenn nicht staatstragende Wissenschaft im Sozialismus“ (Hinsching, 1996, S. 19). Sozialistisch-kommunistische Staatsideologie und parteipolitische Vorgaben der SED spielten eine wesentliche Rolle, was letztlich auch zur Kennzeichnung als „marxistisch-leninistische“ Sportwissenschaft führte und z. B. ein gesellschaftswis‐ senschaftliches Grundstudium zum Bestandteil sportwissenschaftlicher Studiengänge machte. Darüber hinaus hatten politisch-ideologische Vorgaben auch Auswirkungen auf die Gegenstandsbestimmung der Sportwissenschaft, die sich zunächst kaum von der westdeutschen Perspektive unterschied und vor allem den sich bewegenden Men‐ schen fokussierte. Später wurde offiziell jedoch die körperliche Vervollkommnung des Menschen als Gegenstand der Sportwissenschaft aufgefasst. Die politische Relevanz und gesellschaftliche Rechtfertigung der Sportwissenschaft in der DDR zeigte sich au‐ ßerdem darin, dass sie gegenüber dem ideologisch bedeutsamen Begriff „Körperkultur“ bestehen konnte (Bernett, 1980). 2.1.3 Sportwissenschaft in Deutschland seit 1990 Im Zuge der staatspolitischen Wende 1989 und der Vereinigung von BRD und DDR am 3. Oktober 1990 änderten sich auch die gesellschaftlichen Bedingungen der Sportwis‐ senschaft, insbesondere in den vormals zur DDR gehörenden östlichen Bundesländern. Die in vielen Fällen als problematisch eingeschätzte Enge der politischen Verflechtung von Organisationen und Personen der DDR-Sportwissenschaft überlagerten dabei in der Wendezeit und nach 1990 manchen Blick auf fachliche Kompetenzen und wissenschaftliche Leistungspotenziale. In Leipzig wurde schon Anfang 1991 die DHfK abgewickelt, d. h., aufgelöst, und ihr letzter Rektor beauftragt, eine sportwissenschaftliche Fakultät der Universität Leipzig zu etablieren. Ende 1993 wurde sie als kleinste Leipziger Fakultät gegründet und entsprach von ihrer Größe her nun den in der BRD etablierten sportwissenschaftlichen Instituten (Wonneberger, 2007). Auch das Leipziger FKS mit seinen zum Ende der DDR mehr als 600 Mitarbeitenden wurde 1991 abgewickelt. Als deutlich kleinere Nachfolgeorganisation fungiert seit 1992 das Leipziger Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT), dessen Aufgaben vor allem in der prozessbegleitenden Trainings- und Wettkampfforschung im Spitzensport liegen. Die Berliner FES wurde ebenfalls umstrukturiert und führt seit 1992 ihre Arbeit als Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten fort. FES und IAT werden beide von einem gemeinsamen Trägerverein betrieben, dem Sportfachverbände, Landessportbünde, die Trainerakademie Köln und der DOSB als Mitglieder angehören. Für die gesamtdeutsche Sportwissenschaft spielt nach wie vor das BISp eine wichtige Rolle, da es im Auftrag des BMI Forschungsaufträge für den Spitzensport fördert, koor‐ diniert und den Transfer der Forschungsergebnisse in die Sportpraxis begleitet. Hierfür stellt das BMI jährlich rund 4,8 Mio. Euro zur Verfügung (Bundesregierung, 2022). Wesentliche Forschungsbereiche sind u. a. Talentsuche und Nachwuchsförderung im 24 2 Sportwissenschaft als Fachdisziplin (Marcel Fahrner) <?page no="25"?> Spitzensport, sozialstrukturelle Erfolgsbedingungen im Spitzensport, neue technologi‐ sche Entwicklungen im Spitzensport, zukünftige Sportinfrastruktur (Bundesinstitut für Sportwissenschaft, 2023). Die eigentlichen Forschungstätigkeiten erfolgen dabei jeweils an den sportwissenschaftlichen Instituten der Universitäten und orientieren sich folglich weitgehend an den jeweiligen Universitäts- und Institutsleitlinien sowie an den persönlichen Interessensgebieten der dort arbeitenden Professoren. An der Schnittstelle von Sport, Wissenschaft und Politik initiiert und fördert das BISp jedoch nicht nur sportwissenschaftliche Projekte, sondern zielt auch auf einen verbesserten Zugang zu und Transfer von entsprechenden Forschungsergebnissen im Sinne eines Wissenschafts- und Wissensmanagements, etwa in Form eigener Publikationen sowie öffentlich zugänglicher Datenbanken zu sportwissenschaftlichen Publikationen und Projekten. Praxisbeispiel: Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs) Die 1976 gegründete Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs) ist seit 1990 die Interessenvereinigung der Sportwissenschaft in ganz Deutschland. Ihre Mitglieder sind rund 1.000 an sportwissenschaftlichen Einrichtungen in Lehre und/ oder Forschung tätige Personen, Absolventinnen und Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge sowie Organisationen, deren Zielsetzun‐ gen mit den Aufgaben der dvs in Einklang stehen (Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft, 2019a). Als Aufgaben verfolgt die dvs unter anderem die Förderung sportwissenschaft‐ licher Forschung, die Sicherung guter wissenschaftlicher Praxis, die Veröffent‐ lichung von Forschungsergebnissen in Form von Tagungen, Kongressen und Publikationen, die Förderung sportwissenschaftlichen Nachwuchses sowie die nationale und internationale Vertretung der Sportwissenschaft. Ihre wissenschaftlichen Kongresse, Tagungen und Symposien dokumentiert die dvs in den „Schriften der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft“. Seit 2006 ist die dvs außerdem gemeinsam mit dem Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) und dem Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB) Herausgeberin der Zeitschrift „Sportwissenschaft“ (seit 2017 „German Journal of Exercise and Sport Research“), in der Originalbeiträge und Forschungsberichte aus der Sportwissen‐ schaft sowie Kongressberichte und Rezensionen veröffentlicht werden. Die fachlichen Diskussionen im Rahmen von Tagungen und Symposien erfolgen in Sektionen und Kommissionen, denen sich die Mitglieder jeweils gemäß ihren Interessen zuordnen können. Die Sektionen und Kommissionen spiegeln die Vielfalt der Sportwissenschaft beispielhaft wider. Gleichzeitig werden in ihren Bezeichnungen aber auch begrifflich-systematische Schwierigkeiten und Wider‐ sprüche der Sportwissenschaft deutlich: Die Sektionen der dvs gliedern sich nach sportwissenschaftlichen Disziplinen: Biomechanik, Sportgeschichte, Sportinformatik, Sportmedizin, Sportmotorik, 2.1 Entstehung und Entwicklung der Sportwissenschaft 25 <?page no="26"?> Sportökonomie, Sportpädagogik, Sportphilosophie, Sportpsychologie, Sportsozi‐ ologie, Trainingswissenschaft. Die Kommissionen der dvs wiederum befassen sich mit Problem- und Fragestellungen einzelner Sportarten oder Sportberei‐ che: Bibliotheksfragen, Dokumentation, Information (BDI), Fußball, Gerätturnen, Geschlechterforschung, Gesundheit, Kampfsport und Kampfkunst, Leichtathle‐ tik, Schneesport, Schwimmen, Sport und Raum, Sportspiele, Wissenschaftlicher Nachwuchs (Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft, 2019b). Kontrollfragen 1. In der BRD etablierte sich die Sportwissenschaft in den 1960er und 1970er Jah‐ ren als wissenschaftliche Disziplin und universitäres Fach. Welche Barrieren mussten dabei überwunden werden? Welche gesellschaftlichen Einflüsse be‐ förderten maßgeblich die Entwicklung der Sportwissenschaft? Welche Meilen‐ steine der organisatorischen Verankerung der BRD-Sportwissenschaft wurden vor allem in den 1970er Jahren gesetzt? 2. In der DDR wurde die Sportwissenschaft bereits in den 1950er Jahren politisch und organisatorisch fest verankert. Welche Wegmarken sind diesbezüglich von Bedeutung? Welche grundlegenden, insbesondere forschungsrelevanten Trennlinien existierten zwischen der DHfK und anderen sportwissenschaftli‐ chen Einrichtungen der DDR? 3. Im Zuge der Vereinigung von BRD und DDR kam es ab 1990 insbesondere in den östlichen Bundesländern zu einer massiven Reorganisation der Sport‐ wissenschaft. Inwiefern waren davon in der DDR maßgebliche sportwissen‐ schaftliche Einrichtungen in welcher Form betroffen? 4. Welche Rolle und Funktion haben das Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) und die Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs) für For‐ schung und Lehre der universitären Sportwissenschaft in Deutschland? Literatur Bernett, H. (1980). Entwicklung und Struktur der Sportwissenschaft in der DDR. Sportwissen‐ schaft, 10, 375-403. Bernett, H. (1987). Zur Entwicklungsgeschichte der Deutschen Sportwissenschaft. Stadion: Internationale Zeitschrift für Geschichte des Sports, 13, 225-239. Bette, K.-H. (2010). Sportsoziologie. Transcript-Verlag. Bundesinstitut für Sportwissenschaft (2023). Aufgaben und Selbstverständnis. https: / / www.bisp. de/ DE/ UeberUns/ Aufgaben_und_Selbstverstaendnis/ aufgaben_und_selbstverstaendnis_nod e.html Bundesregierung (2022). Bundeshaushaltsplan 2023. https: / / www.bundeshaushalt.de/ DE/ Down load-Portal/ download-portal.html 26 2 Sportwissenschaft als Fachdisziplin (Marcel Fahrner) <?page no="27"?> Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft (2019a). Aufgaben und Ziele der dvs. https: / / www. sportwissenschaft.de/ die-dvs/ aufgaben-und-ziele-der-dvs/ Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft (2019b). Sektionen und Kommissionen. https: / / ww w.sportwissenschaft.de/ die-dvs/ struktur-und-gremien/ struktur/ Digel, H. (1995). Probleme sportwissenschaftlicher Interdisziplinarität und Theoriebildung. In H. Digel (Hrsg.), Sportwissenschaft heute: eine Gegenstandsbestimmung (S.-135-150). Wissen‐ schaftliche Buchgesellschaft. Drexel, G. (2002). Paradigmen in Sport und Sportwissenschaft. Hofmann. Grupe, O. (1971). Einleitung in die „Sportwissenschaft“. Sportwissenschaft, 1, 7-18. Grupe, O. (1995). Uneingelöste Ansprüche. Vergessene Interdisziplinarität. In H. Digel (Hrsg.), Sportwissenschaft heute: eine Gegenstandsbestimmung (S.-151-160). Wissenschaftliche Buch‐ gesellschaft. Grupe, O. (1996). Kultureller Sinngeber. Die Sportwissenschaft an deutschen Universitäten. Forschung & Lehre: Mitteilungen des Deutschen Hochschulverbandes, o.-J.(7), 362-367. Grupe, O. (2007). Der Sport und die Wissenschaft vom Sport - keine einfache Beziehung. In S. Schröder, & M. Holzweg (Hrsg.), Die Vielfalt der Sportwissenschaft (S.-23-32). Hofmann. Hinsching, J. (1996). Ostdeutsche Sportwissenschaft vor und nach 1990. dvs-Informationen, 11(4), 15-25. Krüger, A., & Kunath, P. (2001). Die Entwicklung der Sportwissenschaft in der SBZ und DDR. In W. Buss, & C. Becker (Hrsg.), Der Sport in der SBZ und frühen DDR: Genese - Strukturen - Bedingungen (S.-351-365). Hofmann. Willimczik, K. (1980). Der Entwicklungsstand der sportwissenschaftlichen Wissenschaftstheo‐ rie. Eine international vergleichende Analyse. Sportwissenschaft, 10, 337-359. Willimczik, K. (2001). Sportwissenschaft interdisziplinär. Ein wissenschaftstheoretischer Dialog. Band. 1: Geschichte, Struktur und Gegenstand der Sportwissenschaft. Czwalina. Wonneberger, G. (2007). Deutsche Hochschule für Körperkultur (DHfK) 1950-1990 - Überblick. In G. Lehmann, L. Kalb, N. Rogalski, D. Schröter, & G. Wonneberger (Hrsg.), Deutsche Hochschule für Körperkultur Leipzig 1950-1990. Entwicklung, Funktion, Arbeitsweise (S. 14-28). Meyer & Meyer. 2.2 Sport - Gegenstandsbereich der Sportwissenschaft Für die Sportwissenschaft liegt es nahe, Sport als Gegenstandsbereich zu fokussieren. Allerdings ist eine Abgrenzung des Sportbegriffs voraussetzungsvoll, weshalb er den exklusiv sportwissenschaftlichen Zuständigkeitsraum nicht ohne Weiteres klärt. Sport stellt heute zwar einen gängigen Bestandteil der Umgangssprache dar - Such‐ maschinen liefern hierfür Millionen Treffer - jedoch bleibt der Sportbegriff vage und unbestimmt. Häufig ist in Gesprächen oder Diskussionen unklar, ob alle Beteiligten damit das Gleiche bezeichnen - und wenn ja - was damit jeweils genau gemeint ist. 2.2 Sport - Gegenstandsbereich der Sportwissenschaft 27 <?page no="28"?> 2 Der Begriff „Deutschland“ wird hier verwendet, auch wenn es Ende des 18./ Anfang des 19. Jahrhun‐ derts noch keinen deutschen Nationalstaat gibt. Die zur damaligen Zeit fragmentierte Staatenwelt wird ab 1815 weitgehend im Deutschen Bund zusammengefasst, ab 1871 existiert dann das Deutsche (Kaiser-)Reich. 3 Die inhaltliche Nähe zwischen Gymnastik und Turnen zeigt sich u. a. darin, dass GutsMuths Werk „Gymnastik für die Jugend“ von 1793 später (1817) als „Turnbuch für die Söhne des Vaterlandes“ neu aufgelegt wurde. Außerdem weist Jahns und Eiselens „Die Deutsche Turnkunst“ von 1816 inhaltlich große Überschneidungen zu GutsMuths „Gymnastik für die Jugend“ auf (Willimczik, 2001). Lernziele ■ Die Leserinnen und Leser lernen historische Entstehungshintergründe des Sports kennen und setzen sich mit ausgewählten Entwicklungsaspekten des modernen Sports auseinander. ■ Sie erfahren, was mit Versportlichung der Gesellschaft und Entsportlichung des Sports gemeint ist. ■ Sie lernen ausgewählte Definitionsansätze und Beschreibungsmodelle von Sport kennen und kritisch reflektieren. ■ Sie setzen sich kritisch mit Argumenten für und gegen die Anerkennung (sportbezogener) Video- und Computerspiele als „E-Sport“ auseinander. ■ Sie erkennen die besondere körperbezogene Verbindung von analoger und virtueller Realität im Rahmen von E-Sport genannten Aktivitäten und reflek‐ tieren hiermit verbundene Chancen und Risiken in einer sich digitalisierenden Gesellschaft. 2.2.1 Entstehung und Entwicklung des Sports Bis etwa Mitte des 19. Jahrhunderts ist in Deutschland 2 von „Sport“ keine Rede. Dies än‐ dert sich unter dem Eindruck der europäischen Aufklärung Ende des 18. Jahrhunderts im Zusammenhang mit den Ideen einer ganzheitlichen Erziehung. Zur Entwicklung etwa von Tugendhaftigkeit, Ausdauer, Abhärtung und Gesundheit systematisieren die Philanthropen - u. a. Basedow, Salzmann, GutsMuths, Vieth - zahlreiche gymnastische Leibesübungen, wie Laufen, Springen, Werfen, Schwimmen, Klettern, und konzipieren hierzu methodische Übungsreihen. Dies ist für die spätere Sportentwicklung von enormer Bedeutung (Bernett, 1965; Cachay, 1988). Zu Beginn des 19. Jahrhunderts ergänzt v. a. Jahn die gymnastischen Übungen der Philanthropen um Geräte wie Reck und Barren. 3 Vor allem aber lädt Jahn diese als Turnen bezeichneten Aktivitäten mit politisch-weltanschaulichen Ideen auf, insbeson‐ dere mit Blick auf vaterländische, national-patriotische Erziehungsziele für den Kampf gegen Napoleon und zur Überwindung der Kleinstaaterei. Turnen bleibt bis zum Ersten Weltkrieg die beherrschende Form der Leibesübun‐ gen in Deutschland. Bereits 1816 wird mit der Hamburger Turnerschaft der 28 2 Sportwissenschaft als Fachdisziplin (Marcel Fahrner) <?page no="29"?> erste Turnverein gegründet, 1868 folgt mit der Deutschen Turnerschaft der erste Dachverband (Krüger, 2005a, 2010). Der Sport hingegen hat seine Ursprünge in England, das umgangssprachlich auch als „Mutterland des Sports“ bezeichnet wird. Hervorgegangen ist das englische Wort „Sport“ aus dem französischen (se) de(s)porter - (sich) zerstreuen, (sich) vergnügen (Röthig & Prohl, 2003). Bereits im 18.-Jahrhundert existieren auf den britischen Inseln als „sports“ bezeichnete Spielformen von Konkurrenz und Wettstreit. „Weitgehend un‐ behelligt von obrigkeitlichen Eingriffen und befreit von religiösen Zusammenhängen, konnten sich die ‚sports‘ im frühneuzeitlichen England zu einem festen Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens entwickeln. Dabei wurden ihnen durch die frühe Kommer‐ zialisierung der Wirtschaft wichtige Impulse gegeben“ (Eisenberg, 1999, S.-29). Während Athleten in zahlreichen Disziplinen - z. B. Pferderennen, Boxen, Laufen, später auch Schwimmen, Rudern, Rugby, Tennis - gegeneinander antreten, schließen die mitunter mehreren Tausend Zuschauer Wetten auf die Ergebnisse ab, zum Teil mit extrem hohen Einsätzen (Eisenberg, 2010). Sportkonsum bedeutet folglich „nicht nur, den Wettkämpfen zuzusehen und die Unterhaltungsangebote in ihrem Umfeld (…) wahrzunehmen (…) [, sondern] auch und vor allem, Geld zu verwetten“ (Eisenberg, 1999, S.-29). Ursprünglich sind meist wilde, mitunter tödliche Spiele und Wettkämpfe an der Tagesordnung, die sich im Zeitverlauf zivilisieren, d.-h., modernisieren. Insbesondere, „damit Wetten als ‚business‘ betrieben werden konnte, hatten die ‚sports‘ bestimmten Anforderungen zu genügen. Zunächst einmal mußten Sieg und Niederlage eindeutig feststellbar sein (…). Eine zweite Anforderung war die Ungewißheit des Ergebnisses (…). Das Wetten um beträchtliche Summen setzte schließlich voraus, daß man vor Kampfbeginn Regeln vereinbarte und ihre Einhaltung von einer unabhängigen Instanz überwachen ließ“ (Eisenberg, 1999, S. 33). Um vergleichbare Bedingungen für Wett‐ spiele und Wettrennen zu schaffen, werden deshalb im Verlauf des 18. Jahrhunderts einheitliche Regeln schriftlich verfasst. Dies ist eine wesentliche Voraussetzung für Leistungsvergleiche und Rekorde über Zeit und Raum hinweg und macht den Sport bis heute erkennbar zu einem besonderen Gesellschaftsbereich. Eine umfassende Typologie von Sportregeln unterscheidet folgende Gruppen von Regeln (Digel, 2003; Drexel, 1998): ■ Universelle ethisch-moralische Regeln des Sports beschreiben wünschenswerte Verhaltensweisen einer fairen sportlichen Praxis, z. B. faires Verhalten gegen‐ über der Gegnerin oder dem Gegner, Akzeptanz von Niederlagen in sportlichen Wettkämpfen als „gute“ Verliererin oder „guter“ Verlierer. 2.2 Sport - Gegenstandsbereich der Sportwissenschaft 29 <?page no="30"?> 4 Am Sport kritisierten die Turner v. a. dessen (vermeintliche) Einseitigkeit, Spezialistentum, Wett‐ kampf- und Leistungsstreben, Sensationsgier und Internationalität. Dieser Konflikt führte u. a. dazu, dass Turner nicht an Sportwettkämpfen teilnehmen durften und umgekehrt. ■ Grundlegend sind außerdem die Regeln zur Sportidee, d. h., ungeschriebene Grundsätze der Sinnstiftung sportlicher Aktivitäten, z. B. möglichst viele Tore zu schießen oder schneller zu laufen und zu schwimmen als die Konkurrenz. ■ Darüber hinaus existieren konstitutive Regeln als sportartspezifische Ausfüh‐ rungsbestimmungen, z. B., dass beim Fußball der Ball nicht mit der Hand gespielt werden darf, und ■ strategische Regeln, die jeweils zulässige Alternativenräume sportlicher Hand‐ lungen definieren, z.-B. Taktiken oder Spielsysteme/ -züge. Im England des 19. Jahrhunderts wird Sport schließlich mit weiter ausgefeilten Regelwerken mehr und mehr zur Angelegenheit der bürgerlichen Mittelschicht und zu einem festen Bestandteil des englischen Erziehungssystems (Eisenberg, 2010). „Von den britischen Inseln aus begannen die sports [außerdem] ihren Siegeszug um die Welt. Überall wo Briten Kolonien gründeten, Handelsstützpunkte eröffneten oder (…) bei der Industrialisierung mitwirkten, ein Studium aufnahmen, (…) betrieben sie ihre sports, und nach kurzer Zeit machten die Einheimischen mit“ (Eisenberg, 2010, S. 182; Hervorhebungen im Original). Aus diesem Grund hat der Sport auch in Deutschland von Anfang an internationalen Charakter und entwickelt erst später nationale, regionale und lokale Besonderheiten (Eisenberg, 1999; Luh, 2010). Der Ende des 19. Jahrhunderts in Deutschland politisch maßgebliche Adel orientiert sich vor allem in den Großstädten und Regionen, in denen es soziale und wirtschaftliche Berührungspunkte gibt, am Lebensstil der englischen Gentlemen. Man imitiert folglich auch deren Sportausübung, insbesondere Segeln, Golf und Tennis. Im Zuge der Grün‐ dung von Sportvereinen gegen Ende des 19. Jahrhunderts - 1878 wird beispielsweise in Hannover der erste Fußballverein gegründet - eröffnet sich im Deutschen Reich nach und nach breiten Bevölkerungskreisen Möglichkeiten, Sport zu treiben (Grupe & Krüger, 1998; Krüger, 2005b). Vor diesem Hintergrund entwickelt sich in Deutschland eine Parallelität von Tur‐ nen und Sport, die bis zum Ende der Weimarer Republik auf Organisations- und Personenebene durch z. T. enorme ideologische Spannungen und Konflikte geprägt ist. 4 Vor allem nach dem Ersten Weltkrieg büßen die Turner ihr bis dahin bestehendes Monopol auf Leibesübungen ein - beanspruchen von ihrem Selbstverständnis her jedoch weiterhin alle zur Stärkung des Volkes geeigneten Leibesübungen für sich, insbesondere auch Leichtathletik, Schwimmen, Handball. Während der NS-Zeit wer‐ 30 2 Sportwissenschaft als Fachdisziplin (Marcel Fahrner) <?page no="31"?> 5 Schließlich entspricht auch das heute z. B. bei Welt-/ Europameisterschaften und Olympischen Spielen praktizierte Turnen dem, was Ende des 19./ Anfang des 20. Jahrhunderts als „Sport“ bezeichnet wurde. den diese Spannungen dann im Wesentlichen von der politisch enorm forcierten und gelenkten Leibeserziehung überdeckt (Luh, 2010). Nach dem Zweiten Weltkrieg führt man in der DDR beide Begriffe Turnen und Sport weiter, u. a. dokumentiert in der Namensgebung des 1957 gegründeten Deutschen Turn- und Sportbunds (DTSB). In der BRD verfolgt man hingegen mit der Gründung des Deutschen Sportbunds (DSB) 1950 die Einheit des organisierten Sports. Vor diesem Hin‐ tergrund hat sich bis heute eine Universalität des Sportbegriffs entwickelt, der de facto als Sammelbezeichnung für alle - ursprünglich unterschiedlich bezeichneten - Formen von Leibesübungen steht. 5 Gleichwohl waren (und sind) alle als Gymnastik, Turnen und Sport bezeichneten Phänomene auch Gegenstand einer (vor-)wissenschaftlichen Auseinandersetzung ihrer jeweiligen Zeit. Versportlichung der Gesellschaft vs. Entsportlichung des Sports Sport ist heute in der Alltagskommunikation ein gängiger, fest etablierter Begriff. Im Zeichen des Sports finden riesige Events statt, werden rauschende Fanfeste gefeiert, widmen Massenmedien sportlichen Ereignissen viel Raum und Zeit. Auch entstehen immer neue Sportaktivitäten, etwa als Varianten bisheriger Sportarten, z. B. Nordic Walking, Kite Surfing, oder als etablierte Formen vormals subkultureller Bewegungs‐ muster, z. B. Snowboarding. Sportlichkeit ist außerdem zu einem gesellschaftlichen Leitbild geworden, das z. B. auch Kleidung und Ernährung beeinflusst, sowie in vielfältiger Weise von der Wirtschaft aufgegriffen und in stark nachgefragte Produkte und Dienstleistungen überführt wird. Bereits 1988 beschreibt Grupe, dass sich „‚Sportlichkeit‘, die lange kennzeichnend war sowohl für den in Vereinen und Verbänden organisierten Sport als auch für diejenigen, die ihm als Sportler verbunden waren, (…) vom Sport sozusagen abgelöst [hat]: Sportlich kann man heute sein, ohne noch Sportler zu sein oder einem Verein anzugehören. ‚Sportlichkeit‘ prägt - unabhängig vom Sport - Verhalten, Interessen und Vorlieben vieler Menschen durch alle Schichten und Altersstufen hindurch. Sportlich wollen Manager, Politiker, Gewerkschaftsführer, Journalisten, Funktionäre, Autofahrer und sogar Raucher sein; auch Kleider-, Schuh- und Hutmoden, Urlaubsorte, Autos und Parfüms sind sportlich. Die Werbung bedient sich sportlicher Motive“ (Grupe, 1988, S.-49). Diese Versportlichung der Gesellschaft steht sinnbildlich für die hohe gesellschaftliche Attraktivität und Bedeutung des Sports. Allerdings geht sie einher mit einer „Art Entsportung des Sports, und dies heißt zugespitzt, daß das ihn bislang tragende Selbstverständnis unschärfer wird“ (Grupe, 1988, S. 50). Heute ist nicht mehr klar abgrenzbar, was als Sport gilt. Vielmehr ist seine ursprüngliche Eindeutigkeit mehr 2.2 Sport - Gegenstandsbereich der Sportwissenschaft 31 <?page no="32"?> 6 Für den englischen Sprachraum ist u. a. die Abgrenzung von Sport, games und play als Ansatz zu nennen: „All sports are games, but not all games are sport, and all games are play, but not all forms of play are games“ (Loy, 1978, S.-73). und mehr verschwommen. „Aus einer relativ eng begrenzten Zahl von menschlichen Handlungsmustern, die man mit dem Sammelnamen Sport meinte, ist (…) ein diffuses Gemisch an Mustern entstanden, dessen Zuordnung zum ‚Gesamtsortiment Sport‘ in hohem Maße von subjektiven Werturteilen abhängt. Atemgymnastik, Wandern, Baden, Yoga oder Jogging sind je nach Standort des Urteilenden ‚richtiger Sport‘ oder ‚auf keinen Fall Sport‘“ (Digel, 1990, S.-77). Die Unterscheidung von Versportlichung und Entsportlichung ist auf den ersten Blick sehr treffend. Auf den zweiten Blick fehlt ihr jedoch eine begriffliche Trenn‐ schärfe. Denn der Begriff der Versportlichung suggeriert, „daß man einen klar abgrenz‐ baren Bereich ‚ver‘größert. Er gibt vor, daß man weiß, wo die Grenzen dessen sind, was man als Sport bezeichnet. In gewisser Weise steckt somit die vielfach gemachte An‐ nahme im Gebrauch dieses Begriffes, es gebe das sogenannte ‚Authentische des Sports‘“ (Digel, 1990, S. 87). Dieser Einwand verdeutlicht: Die Abgrenzung des Sportbegriffs - und damit die Klärung der Authentizität des Sports - ist ungeachtet vermeintlich offensichtlicher Grenzlinien sehr voraussetzungsvoll. 2.2.2 Ansätze zur Definition des Sportbegriffs Die Unschärfe des Sportbegriffs führt dazu, dass man „sich nie ganz sicher sein [kann], was mit dem Begriff ‚Sport‘ gemeint ist“ (Digel, 1995a, S. 149). Wissenschaftstheoreti‐ sche, aber insbesondere auch wissenschaftspolitische Überlegungen führten deshalb zu Bemühungen der Sportwissenschaft und der Sportorganisationen um eine möglichst trennscharfe Begriffsdefinition. Ein Ansatzpunkt für die Abgrenzung des Sportbegriffs besteht in der Fokussierung sporttypischer Charakteristika, insbesondere in Abgrenzung zu Gymnastik und Turnen, aus einer meist historischen Perspektive (Elias, 1975). Exemplarisch hierfür steht u.-a. Diems Kennzeichnung: „Sport als Leibesübung ist im Lebensbereich zweckfreien Tuns ein von Wertgefühl und Festlichkeit erfülltes, natur- und kampffrohes, verfeinert und typisiert geregeltes Vervollkommnungsstreben. Der Gegner im Sport ist Freund als Träger der vergleichbaren Wettbewerbsleistung“ (Diem, 1960, S. 21-22). 6 Dieses Zitat verdeutlicht auch, dass solche definitorischen Festlegungen nicht statisch zu verstehen sind, sondern immer auch einen Spiegel ihrer Zeit darstellen. Die sportwissenschaftliche Auseinandersetzung umfasst außerdem sprachphiloso‐ phische Analysen zum Gebrauch des Sportbegriffs (Drexel, 2002; Haverkamp & Willim‐ czik, 2005). Diese erfassen Sport als Familienbegriff, der für ganz vielfältige, aber untereinander ähnliche und teilweise fließend ineinander übergehende Phänomene verwendet wird. Gleichzeitig ändern sich Gebrauch und Verständnis des Sportbegriffs über die Zeit hinweg infolge soziokultureller Entwicklungen. Diesbezügliche empi‐ rische Befunde liegen u. a. von Mrazek (1982), Haverkamp und Willimczik (2005) 32 2 Sportwissenschaft als Fachdisziplin (Marcel Fahrner) <?page no="33"?> 7 Weitere sportwissenschaftliche Arbeiten fokussieren weniger den Sportbegriff, als vielmehr das gesellschaftliche Phänomen Sport. Beispielsweise arbeitet Guttmann (1979) u. a. den Rekord als zentrales Sportmerkmal heraus. Schimank (1988) und Stichweh (1990) wiederum erfassen mit ihren systemtheoretisch angeleiteten Analysen Sport als gesellschaftliches Teilsystem. und Stahl (2007) vor. 7 In Abhängigkeit der gewählten Perspektive und des verfolgten Erkenntnisinteresses existieren somit jeweils andere Begriffsverständnisse (u. a. Ha‐ verkamp & Willimczik, 2005; Stahl, 2007). Für die kritische Auseinandersetzung mit Begriffsbestimmungen von Sport kann folgende Unterscheidung Orientierung geben: Realdefinitionen gehen vom Ge‐ brauch und der Bedeutung des zu definierenden Begriffs im alltäglichen Sprach‐ gebrauch aus und zielen darauf ab, sein (alltagssprachliches) Wesen zu erfassen. Nominaldefinitionen hingegen basieren auf dem gemeinsamen Verständnis des zu definierenden Begriffs z. B. innerhalb einer (Scientific) Community, für die sie als Konventionen zur Begriffsverwendung fungieren (Heinemann, 1983; Willimczik, 2001). Definition von Heinemann (1980) In seiner „Einführung in die Sportsoziologie“ legt Heinemann 1980 eine Nominaldefi‐ nition des Sportbegriffs vor. Dabei unterscheidet er insgesamt vier Variablengruppen, wobei seiner Ansicht nach die konstituierende Variable allen Erscheinungsformen und Varianten des Sports gemeinsam ist (Heinemann, 1983). Kernbestandteile dieser konstituierenden Variablen sind: ■ Körperbezogenheit/ körperliche Bewegung: Sport ist durch einen spezifischen Um‐ gang mit dem Körper gekennzeichnet. Laufen, Springen, Schwimmen, Ball spielen - jeweils bestimmen spezifische koordinative und konditionelle Fähigkeiten und Fertigkeiten (motorische Aktivitäten) eine konkrete Sportart. Sie „sind das Thema des Sports“ (Heinemann, 1983, S.-33). ■ Leistungsbezogenheit: Sportliche Aktivitäten sind immer auf körperliche Dimen‐ sionen hin leistungsbezogen: schnell laufen, hoch springen, weit werfen etc. ■ Soziale Regelung/ Normen: Soziale Normen/ Regeln sind konstitutiv für Sport. Sie spielen „eine Rolle (a) in der Festlegung des Ziels (…), (b) in der Bestimmung der legitimen Mittel, die eingesetzt werden dürfen, um das Ziel zu erreichen, (c) in der Definition der Regeln (…) und (d) in der Haltung, dem Sportethos“ (Heinemann, 1983, S.-34). ■ Unproduktivität: Sportliche Aktivitäten sind nicht darauf ausgerichtet, Produkte zu erstellen oder Werke zu schaffen. Vielmehr erfährt Sport gerade dadurch „einen spezifischen Bedeutungsinhalt, daß er nicht unter (…) Nützlichkeitserwägungen und existenzielle Zwänge fällt; er ist weitgehend konsequenzenlos und verweist in seinen Ergebnissen ausschließlich auf sich zurück“ (Heinemann, 1983, S.-35). 2.2 Sport - Gegenstandsbereich der Sportwissenschaft 33 <?page no="34"?> Weitere, den Sport prägende Bedingungen erfasst Heinemann in einer strukturprä‐ genden Variablen, der er sportspezifische Organisationskontexte, z. B. Schule oder Verein, mit deren jeweiligen Möglichkeiten des Sporttreibens zuordnet. Als einwirkende Variable nennt Heinemann u. a. öffentliches Publikumsinteresse, Berichterstattung der Massenmedien sowie wirtschaftliche Unterstützung und politische Interessen. Als begleitende Variable versteht er z. B. kontextspezifische Karrierechancen und Führungsstile. Heinemanns Definition gibt wichtige Anhaltspunkte für eine Diskussion des Sportbegriffs. Allerdings fehlen hier z. B. Leitlinien für den Umgang mit Grenzfäl‐ len, d. h., mit Sportaktivitäten wie Reiten, Segeln, Angeln oder Schach spielen, für die motorische Aktivität gegenüber kognitiven Anforderungen eher nachrangig ist oder im Wesentlichen in der Beherrschung spezifischer Sportgeräte besteht. Auch ist der Leistungsbegriff jeweils personenbezogen interpretierbar und auf‐ grund der vielfältigen Leistungsdimensionen kaum abschließend zu erfassen. Der zu definierende Begriff Sport wird also mit vermeintlich Bekanntem wie Leis‐ tung oder Unproduktivität konkretisiert, als wüsste man über Sport nichts, über dessen Merkmal Unproduktivität hingegen mehr. Konsequenterweise sind folglich bei Nominaldefinitionen alle verwendeten Begriffe ebenfalls zu definieren, was streng genommen zu einem unendlichen (sprachlichen) Regress führt (Drexel, 2002). „Nomi‐ naldefinitionen eignen sich deshalb nicht für eine Gegenstandsbestimmung, weil sie nach Maßgabe ihres Eigenanspruchs nur den Sprachgebrauch ökonomisieren, aber nichts über die ‚Realität‘, die Erscheinung des Sports aussagen, deshalb nichts erklären und deshalb auch nicht als ‚falsch‘ oder ‚richtig‘, sondern lediglich als ‚nützlich‘ oder ‚unnütz‘ beurteilt werden können“ (Drexel, 1995, S.-118). Definition des Deutschen Sportbunds (1980) Ebenfalls 1980 legt der Wissenschaftliche Beirat des DSB einen im Auftrag des DSB- Präsidiums erarbeiteten Merkmalskatalog zur Beschreibung von Sport vor. Ziel ist eine Abgrenzung dessen, was aus der Perspektive des organisierten Sports (nicht) als Sport gilt. Insbesondere sollen damit Entscheidungen über die Aufnahme von Sport‐ verbänden in den DSB nachvollziehbar gemacht, ein Sprachkonsens ermöglicht sowie eine Bewusstseins- und Identitätsbildung des organisierten Sports gefördert werden. Als Bezugspunkt für seine definitorische Eingrenzung dient dem Wissenschaftlichen Beirat die aus seiner Sicht existierende Realität des Sports, aus der heraus er sieben idealtypische, für Sport konstitutive Kriterien destilliert (Wissenschaftlicher Beirat des DSB, 1980): ■ Motorische Aktivität ist fundamentales Kernelement sportlicher Aktivitäten, wes‐ halb insbesondere koordinative Fähigkeiten und konditionelle Fertigkeiten erlernt und trainiert werden müssen. Demnach gelten Aktivitäten, für die Motorik nicht unmittelbar leistungsbestimmend ist, z.-B. Hunderennen, nicht als Sport. 34 2 Sportwissenschaft als Fachdisziplin (Marcel Fahrner) <?page no="35"?> ■ Bedeutungsinhalt: Sportliche Aktivitäten zeichnen sich durch einen besonderen Bedeutungsinhalt aus. Denn sie sind als „geregelte Formen der Alltagsbewegungen (…) gegenüber manchen Alltags-/ Arbeitsbewegungen (…) unproduktiv; sie fallen ihrem Sinn nach nicht unter kommerzielle Nützlichkeitserwägungen und unter‐ liegen keinen existentiellen Zwängen“ (Wissenschaftlicher Beirat des DSB, 1980, S.-438). ■ Leistung: Für sportliche Aktivitäten sind Leistung und Wettbewerb konstitutiv, weshalb Erwerb, Erhalt und Optimierung motorischer Fertigkeiten sowie damit verbundene Anstrengungen und Belastungen zentrale Kennzeichen von Sport sind. ■ Sportorganisationen: Sport wird im Rahmen spezifischer Organisationskontexte betrieben, z.-B. Mannschaften, Sportvereinen, Sportverbänden. ■ Sportregeln: Sport wird durch verbindliche, sportartübergreifende und sportartspe‐ zifische Regeln bestimmt. ■ Ethische Werte: Grundwerte und Leitideen wie Fairplay, Unversehrtheit der Kon‐ kurrentin und des Konkurrenten, Chancengleichheit und Teamgeist sind konsti‐ tutive Kennzeichen von Sport. Körperliche Aktivitäten, „die ausschließlich auf Profitgewinn und Eigennutz (…) abzielen, lösen die für Sport unverzichtbaren Werte nicht ein“ (Wissenschaftlicher Beirat des DSB, 1980, S.-439). ■ Erlebnisformen: Sportliche Aktivitäten eröffnen spezifische, die ganze Person der Sportlerin oder des Sportlers berührende Erlebnisse und Erfahrungen, z. B. Leistungsfähigkeit, Selbstvertrauen und -beherrschung, Spannung, Unsicherheit. Der Kriterienkatalog des Wissenschaftlichen Beirats gibt wichtige Orientierungs‐ punkte für eine Reflexion des Sportbegriffs. Realdefinitionen wie die des DSB eignen sich jedoch insbesondere deshalb kaum für eine generelle Gegenstands‐ bestimmung, weil hier zwangsläufig verbandspolitische Interessen und entspre‐ chende Wertungen einfließen, z. B. hinsichtlich typischer Organisationsformen und ethischer Werthaltungen. Außerdem greift eine argumentative Engführung auf motorische Aktivität für die Kennzeichnung von Sport zu kurz, denn sportliche Aktivitäten sind stets auch durch kognitive Anforderungen, z. B. Konzentration oder Aufmerksamkeit, und nichtmotorische Größen, etwa Pferde, Boote oder Schlitten, charakterisiert. Auch ist der Verweis auf Alltagsbewegungen und deren Unproduktivität nur wenig tragfähig, da Sport beispielsweise mittelbare Funktio‐ nen zugesprochen werden können, z. B. hinsichtlich Persönlichkeitsentfaltung und Identitätsstabilisierung. Und schließlich muss Leistung immer personenbe‐ zogen interpretiert werden, weshalb sich dieses Kriterium kaum als Trennlinie zwischen Sport/ nicht Sport eignet (Hägele, 1982; Drexel, 2002). Ein durchgängiges Problem aller Ansätze einer generellen Begriffsbestimmung des Phänomens Sport liegt in der Auswahl und Konkretisierung von Hauptmerkmalen, deren Grenzen angesichts unterschiedlicher soziokultureller und sozioökonomischer 2.2 Sport - Gegenstandsbereich der Sportwissenschaft 35 <?page no="36"?> „Realitäten“ - und damit jeweils verbundenen Wertsetzungen, Sinndeutungen und Funktionszuschreibungen - sowie immer neuer Aktivitätsformen infolge gesellschaft‐ lichen Wandels eng gesetzt sind. „Prinzipiell muß es deshalb als sehr unwahrscheinlich gelten, daß sich eine wissenschaftliche Festlegung so behaupten könnte, daß alle Sportwissenschaftler mit dem Wort Sport auf denselben Gegenstand referieren“ (Digel, 1995b, S.-5). Gleichwohl ist festzuhalten, dass ungeachtet der Vielfalt sportiver Aktivitäten die Einheit des Sports darin besteht, dass es sich hierbei jeweils um eine körperliche Handlung (nicht zwingend: Bewegung) handelt, „die auf die Leistungsfähigkeit des an ihr beteiligten Körpers schließen läßt“ (Stichweh, 1990, S. 379). Ihr Sinn liegt also insbesondere darin, zeigen zu können, was man körperlich zu leisten im Stande ist. Dies kann - muss aber nicht - in einen Wettkampfkontext eingebettet sein. Oder anders formuliert: „Sport ist jenes Funktionssystem, das aus allen Handlungen besteht, deren Sinn die Kommunikation körperlicher Leistungsfähigkeit ist“ (Stichweh, 1990, S. 379-380; Hervorhebungen im Original). Der Maßstab für solche Leistungen kann dabei neben sozialen Bezugsnormen, etwa einem deutschen Rekord, jeweils auch ein individueller (Erwartungs-)Horizont auf Basis vorangegangener Leistungen sein. In der sportwissenschaftlichen Scientific Community wird der Sportbegriff mitt‐ lerweile an vielen Stellen um den Bewegungsbegriff ergänzt oder sogar komplett durch ihn ersetzt (u. a. Zschorlich, 2000). Beispielsweise haben mittlerweile einige universitäre Einrichtungen einen solchen Schritt vollzogen, z. B. das Fachgebiet für Sport- und Bewegungswissenschaften der Universität Erfurt, der Fachbereich Sport- und Bewegungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen sowie das Institut für Sport- und Bewegungswissenschaft der Universität Stuttgart. Begriffe wie Bewegungsstatt Sportwissenschaft, Bewegungsstatt Sportaktivitäten, Bewegungserziehung statt Sportunterricht sind dabei auf den ersten Blick durchaus nachvollziehbar - denn körperliche Aktivität ist ein fundamentales Kennzeichen des Sports. Auf den zweiten Blick wird jedoch deutlich, dass Bewegung allein nicht ausreicht, um eine körperliche Aktivität als sportliche Handlung erkennbar zu machen. Eine sportliche Bewegung zeichnet sich vielmehr dadurch aus, dass sie „entsprechend den jeweiligen Zielen, Vorschriften und Regeln sowie innerhalb eines bestimmten sozialen und situativen Bezugsrahmens und unter Beachtung der Besonderheiten der einzelnen Sportarten“ (Grupe, 2000, S. 57) ausgeübt und über die Kommunikation einer körperlichen Leistung Sinn erzeugt wird. Mit einer Abkehr vom Sportbegriff wird aber der ohnehin unscharfe Gegenstandsbereich der Sportwissenschaft weiter verwässert und möglicherweise auch die - bislang durchaus wohlwollende und über die Zeit hinweg stabile - Unterstützung durch Sportverbände und Sportpolitik infrage gestellt. 36 2 Sportwissenschaft als Fachdisziplin (Marcel Fahrner) <?page no="37"?> 2.2.3 Modelle zur Beschreibung von Sport Angesichts der Schwächen aller Definitionsansätze zum Sportbegriff wurden in der Sportwissenschaft weitergehende Versuche unternommen, das gesellschaftliche Phä‐ nomen des Sports zu erfassen und mittels spezifischer Modelle zu beschreiben. Sportmodell von Hägele (1982) Hägele (1982) unterscheidet in seinem Modell einen inneren und äußeren Horizont des Sports sowie einen nicht-sportlichen Grenzbereich (vgl. Abb. 2.2.1). ■ Der innere Horizont des Sports steht dabei für „das Ideal des rein authentischen Sports“ (Hägele, 1982, S. 198; Hervorhebungen im Original) und dessen idealty‐ pischen Bedeutungskern als kleinsten gemeinsamen Nenner: „Typisch sportliche motorische Aktivität (…), typisch sportlicher Bedeutungsgehalt (Sich-Erleben vom Leibe her; Selbstverwirklichung), typisch sportliche Leistung (persongebunden; erlebnisorientiert) sowie typisch sportliche soziale Beziehung (Fairplay; Solidari‐ tätsprinzip)“ (Hägele, 1982, S. 198). In diesem Sinne idealtypische Sportaktivitäten orientieren sich an einem allgemein gültigen Regelwerk und sind durch diszipli‐ niertes Training sowie organisierten Wettkampfbetrieb gekennzeichnet. ■ In der lebensweltlichen Realität des Sports sind jedoch individuelle Spielformen, selbst bestimmte Regeln, nicht-standardisierte Räume und sport-externe Motive, z. B. Gesundheit oder Fitness, beobachtbar. Denn die idealtypischen Formen des Sporttreibens stehen generell in einem wechselseitigen Austausch- und Spannungsverhältnis mit einer nicht-sportlichen gesellschaftlichen Umwelt. Eine daraus praktisch zwangsläufig folgende Zersplitterung der idealtypisch konstitu‐ tiven Merkmale macht den Sport de facto zu einem heterogenen, sphinxhaften Phänomen (Hägele, 1982). ■ Den äußeren Rand bildet in Hägeles Modell der nicht-sportliche Grenzbereich, in dem motorische Aktivität nur sehr entfernt den idealtypischen Kriterien des Kerns entspricht. Hier sind vor allem gesundheitliche, massenmediale, wirtschaft‐ liche und politische Motive bedeutsam, sodass „sportliches Handeln auf dieser Ebene direkt auf äußere, nicht-sportliche Ziele gerichtet“ (Hägele, 1982, S. 200; Hervorhebungen im Original) ist und dementsprechend für eine umfassende Instrumentalisierung und Funktionalisierung steht. 2.2 Sport - Gegenstandsbereich der Sportwissenschaft 37 <?page no="38"?> 8 Beide Autoren sind über die Jahre ihren ursprünglichen Ansätzen im Grundsatz treu geblieben, haben sie aber im Zeitverlauf vor allem begrifflich weiterentwickelt (Digel & Burk, 2001; Heinemann, 2007). In den hier zusammengestellten Überblicken stehen die jüngeren Begriffsverwendungen jeweils am Zeilenanfang und die ursprünglichen Begriffe in Klammern direkt dahinter. Abb. 2.2.1: Hägeles Sportmodell (Hägele, 1982) Hägeles Modell erweist sich für eine Beschreibung insofern als tragfähig, weil es der weitgehenden Unbestimmbarkeit der lebensweltlichen Sportrealität Rech‐ nung trägt. Offen bleibt, inwiefern das Modell eine Überlappung verschiedener Sportkonzepte erfasst, also wie trennscharf die Grenzlinien zwischen innerem und äußerem Horizont sowie nicht-sportlichem Grenzbereich sind. Etwas irritieren können allerdings die von Hägele verwendeten, wertenden Begrifflichkeiten wie „rein authentisch“ und „der völlig entfremdete Sport“ (Hägele, 1982, S. 200), im Zusammenhang mit seinen Kennzeichnungen etwa des nicht-sportlichen Grenzbereichs (Willimczik, 2001). Sportmodelle von Digel (1984) Weitere Modelle zur Beschreibung des gesellschaftlichen Phänomens Sport haben Digel (1984) und Heinemann (1986) vorgelegt. 8 Die unterschiedlichen realen Formen des Sporttreibens, „die z. T. auch konkurrieren und zueinander in Beziehung treten“ (Digel, 1984, S. 61), erfasst Digel in fünf Sportmodellen (Digel & Burk, 2001). Im Einzelnen unterscheidet er: ■ Organisierten Wettkampfsport (Wettkampfsport als Freizeitsport), für den insbeson‐ dere Siege/ Niederlagen im Rahmen sportlicher Leistungsvergleiche kennzeich‐ nend sind. Mit dem Ziel einer Teilnahme an Wettkämpfen, die gemäß international gültiger Regeln unter Sportverbandshoheit durchgeführt werden, sind sportliche 38 2 Sportwissenschaft als Fachdisziplin (Marcel Fahrner) <?page no="39"?> Aktivitäten hier im Sinne eines meist langfristig ausgerichteten disziplinierten Trainings konzipiert. Typischerweise findet dieses in vereinsgebundenen Trai‐ ningsgruppen/ Mannschaften statt. ■ Sport ohne organisierten Wettbewerb (Freizeitsport), der von Sportvereinen angebo‐ ten wird, aber auch in offenen Organisationsformen/ -kontexten erfolgt. Er bildet für breite Bevölkerungskreise eine attraktive Gegenwelt zum Alltag und erhält folglich einen expliziten Selbst- und Eigenwert. Dieser ergibt sich im Wesentlichen über besondere körperliche, personale, soziale und materiale Erfahrungen, die mit diesen Sportaktivitäten verbunden sind (auch Grupe, 2000). ■ Instrumentellen Sport, der als soziale Dienstleistung wichtige gesellschaftliche Funktionen übernimmt. Einerseits geht es hier um die Sozialisation von Kindern und Jugendlichen sowie die Integration von Menschen mit Migrationshintergrund oder mit körperlichen/ geistigen Beeinträchtigungen. Andererseits wird hier vor allem auf Gesundheitswirkungen motorischer Aktivitäten Bezug genommen, also auf deren präventive und rehabilitative Funktionen verweisen. Neben Sportver‐ einen bieten u. a. auch spezifische (medizinische) Dienstleistungsunternehmen solche Angebote an. ■ Alternativsport (alternative Körperkultur), der als spezifische Bewegungs- und Körperkultur für kreative, alternative Lebensstile/ -formen steht. Charakteristisch sind hier vor allem offene Organisationsformen, wie beispielsweise Wakeboarding, Slacklining oder ursprüngliche Formen von Snowboarding und BMX zeigen. ■ Berufssport (kommerziellen Zirkus-/ Mediensport), dessen Wettbewerbe insbeson‐ dere auf eine ökonomische und massenmediale Verwertung ausgerichtet sind - und für den folglich Erwartungen der Zuschauerinnen und Zuschauer hinsichtlich Spannung und Sensation Bedeutung haben. Gerade in den großen Teamsportarten werden deshalb Spielerinnen und Spieler, Trainerinnen und Trainer sowie weiteres Personal über Arbeitsverträge auf einen gewerblichen, professionell geführten Betrieb verpflichtet. Sportmodelle von Heinemann (1986) Eine ähnliche Modell-Systematik zur Abbildung der vielfältigen Formen der Sportrea‐ lität entwickelte Heinemann (Heinemann, 1986, 2007). Im Einzelnen unterscheidet er: ■ Traditionellen Wettkampfsport (traditionelles Sportkonzept) als Sportaktivitäten, die durch eindeutig bestimmte Leistungsziele und sportartspezifische Regelwerke, einheitliche Wertestrukturen sowie einheitliche Rollen für Sportlerinnen und Sportler gekennzeichnet sind und deren typische Organisationsform die Freiwilli‐ genvereinigung Sportverein ist. ■ Traditionelle Spielkulturen, die als ehemals vorindustrielle Spiel- und Bewegungs‐ formen neu aufgegriffen werden, u. a. zur Rückbesinnung auf die eigene Kultur und zur Abgrenzung von kulturellen Globalisierungstendenzen. 2.2 Sport - Gegenstandsbereich der Sportwissenschaft 39 <?page no="40"?> ■ Funktionalistisches Sporttreiben, das motorische Aktivitäten als Instrumente spezi‐ fischer körperbezogener Funktionen in den Mittelpunkt rückt, u. a. hinsichtlich Entspannung, Gesundheit, Körpererleben. ■ Expressiven Sport (expressiven Freizeitsport), in dem Sportaktivitäten aufgrund vielfältiger Motive - insbesondere Spaß, Freude, Abenteuer, Erleben, Ausgleich zum Alltag - ausgeübt werden, meist in nicht standardisierten Räumen und nach situativ ausgehandelten Regeln. ■ Professionellen Showsport (kommerzialisierten Schausport), der sportliche Wettbe‐ werbe als Unterhaltungsprogramm für Zuschauerinnen und Zuschauer versteht - vor Ort im Stadion und via Massenmedien. Dabei sind ökonomische Interessen der Beteiligten maßgeblich prägend, was u. a. auch zu einer Verberuflichung auf Seiten der Sportlerinnen und Sportler führt. Die Modelle von Digel und Heinemann ermöglichen angesichts der faktischen Vielfalt des Sports und seiner unübersichtlichen Realität wichtige Orientierung. Beide Modelle zielen dabei auf eine Systematisierung der Sportrealität mittels (a) des Ausprägungsgrads typischer, den traditionellen Sportbegriff im Kern kennzeichnender Merkmale, z. B. Wettkampf, Training, Regeln und (b) des Instru‐ mentalisierungsgrads der jeweiligen Sportaktivität. Allerdings erweisen sich die Trennlinien zwischen den jeweiligen Teilmodellen als brüchig: Beispielsweise kann auch traditioneller Sport ohne organisierten Wettbewerb aus gesundheitli‐ chen Motiven betrieben werden und vielfältige Erlebniswerte vermitteln; ebenso sind Übergänge vom organisierten Wettkampfsport zum Berufs- oder Showsport, sowie zwischen expressivem Alternativsport und instrumentellem Sport fließend, z. B. ist auch ein beruflich ausgeübter professioneller Showsport in gewissem Sinn instrumenteller Sport (Willimczik, 2001; Heinemann, 2007). 2.2.4 (Sportbezogene) Video- und Computerspiele: E-Sport? Nachdem die Koalitionsparteien CDU, CSU und SPD 2018 in ihrem Koalitionsvertrag das politische Ziel einer Anerkennung wettkampfmäßiger Computerspiele (E-Sport) als Sport formuliert haben, hat die lange Jahre kaum (mehr) beachtete Auseinanderset‐ zung mit dem Sportbegriff neue Dynamik und sportpolitische Relevanz erhalten. Denn die Diskussion, ob E-Sport als Sport gelten kann, „setzt notwendigerweise eine Klärung der Begriffe Sport und eSport voraus: Wer nicht sagt, was er unter Sport und was er unter eSport versteht, kann nicht argumentieren, warum eSport unter den Oberbegriff Sport fallen sollte oder nicht“ (Willimczik, 2019, S. 1). Die Schärfe der seither geführten öffentlichen Debatte ist dabei auch ein Hinweis darauf, dass die Klärung hiermit verbundener Fragen eine gesellschaftspolitisch bedeutsame Weichenstellung darstellt (Willimczik, 2019). 40 2 Sportwissenschaft als Fachdisziplin (Marcel Fahrner) <?page no="41"?> 9 Nachdem sich FIFA als namensgebender Sportverband und EA Sports als Hersteller des Spiels nicht über eine weitere Zusammenarbeit verständigt haben, ist FIFA 23 die letzte Ausgabe dieser erfolgreichen Spiele-Reihe von EA Sports. Zukünftig wird sie als EA Sports FC weitergeführt. (Sportbezogene) Video- und Computerspiele Bei Video- und Computerspielen handelt es sich um digitale Programme, die es ermöglichen, interaktive Spiele in einem virtuellen Raum zu steuern. Diese Steuerung, z. B. mittels Maus, Tastatur oder Spielekonsole, verlangt von den Spielerinnen und Spielern vor allem Schnelligkeit (u.-a. Hand-Auge-Koordination), Präzision und Kom‐ binationsfähigkeit. Darüber hinaus werden sie vom Spielgeschehen unter Zeitdruck gesetzt. Angesichts der Vielzahl unterschiedlicher Video- und Computerspiele lässt sich allerdings kein konsistentes Bild dieses Phänomens zeichnen. Je nachdem, welche Kriterien angelegt werden (u. a. Anzahl verkaufter Spiele, Anzahl aktiver Spielerinnen und Spieler, Summe der bei entsprechenden Turnieren ausgeschütteten Preisgelder) kommen unterschiedliche Ranglisten der „erfolgreichsten“ Spiele zustande. Grundsätz‐ lich lassen sich Video- und Computerspiele aber in unterschiedliche Genres einteilen. Von besonderer Relevanz sind dabei: ■ First-Person Shooter-Spiele, u. a. „Counterstrike“ und „Overwatch“. Hier agieren die Spielerinnen und Spieler in einer frei begehbaren, dreidimensionalen Welt und be‐ kämpfen andere Spielerinnen und Spieler oder computergesteuerte Gegnerinnen und Gegner mit Schusswaffen. ■ Multiplayer Online Battle Arena (MOBA) oder Action Real-Time Strategy (ARTS) gelten als Echtzeit-Strategiespiele, u. a. „League of Legends“ oder die „DotA-Serie“ (Defense of the Ancients). Hier treten mindestens zwei Teams gegeneinander an, mit dem Ziel, Gegnerinnen und Gegner zu töten. ■ Virtuelle Sportsimulationen, u. a. „FIFA“ (Fußball) 9 , oder „NBA2K“ (Basketball). Hier üben eine oder mehrere Spielerinnen oder Spieler virtuell Sportarten aus. Unter den in Deutschland 2023 meistverkauften neuen Spielen finden sich mit „FIFA 23“ (Fußball) und „Gran Turismo 7“ (Autorennen) lediglich zwei Produkte, die als virtuelle Sport-Simulationen verstanden werden können. Alle weiteren verkaufsstarken Spiele sind anderen Genres zuzuordnen (GamesWirtschaft, 2023). Unzweifelhaft ist, dass Video- und Computerspiele ein Teil der aktuellen Jugendkul‐ tur und der Lebenswelt vieler (junger) Menschen sind. Nach Angaben der Deutschen Spielewirtschaft spielen knapp 60 % der Deutschen Video- und Computerspiele, Ten‐ denz steigend. Auch wirtschaftlich handelt es sich hierbei um einen Wachstumsmarkt. Allein in Deutschland wurden 2021 mit Video- und Computerspielen sowie dazuge‐ höriger Hardware knapp zehn Mrd. Euro umgesetzt. Neben dem Smartphone, das mittlerweile das am meisten genutzte Spielgerät darstellt, verwenden die Spielerinnen und Spieler PCs und Spielekonsolen. Auf die entsprechende Spiele-Software wird dabei z. B. per Online-Streamingdienst, Download oder Spiele-App zugegriffen (Game, 2023). Vergleichbar zu Wettbewerben analoger Sportaktivitäten zeichnen sich E-Sport-Wett‐ 2.2 Sport - Gegenstandsbereich der Sportwissenschaft 41 <?page no="42"?> kämpfe als Live-Events durch Drama, Spannung und Ästhetik aus. Folglich erfahren sie auch eine entsprechend hohe Resonanz von Zuschauerinnen und Zuschauern bei Turnieren vor Ort sowie bei Bewegtbildübertragungen per (Live-)Stream - und stellen folglich attraktive Plattformen für die werbliche und mediale Verwertung dar (Riatti & Thiel, 2022). E-Sport-Aktivitäten ermöglichen den Spielerinnen und Spielern positiv besetzte soziale Erfahrungen, z. B. Gleichgesinnte zu treffen, Freundinnen und Freunde zu fin‐ den, anderen Spielerinnen und Spielern zu helfen, miteinander Spaß am gemeinsamen Spielen zu haben - sei es online von zu Hause aus oder bei LAN-Parties und Turnieren vor Ort (Riatti & Thiel, 2022). E-Sport kann außerdem auch „interessant im Hinblick auf den Erwerb digitaler Kompetenzen“ (Thiel & John, 2020, S. 52) sein; angesichts um sich greifender gesellschaftlicher Digitalisierungstrends ein durchaus beachtenswerter Aspekt. Vor diesem Hintergrund ist es naheliegend, dass eine Anschlussfähigkeit des organi‐ sierten Sports an diese Branche - etwa durch die Anerkennung von E-Sport als Sport‐ art - die Erschließung neuer Zielgruppen eröffnen könnte (Deutscher Olympischer Sportbund, 2018a). Die Spielewirtschaft wiederum könnte durch die Aufnahme (sport‐ bezogener) Video- und Computerspiele in den organisierten Sport von der öffentlichen Sportförderung profitieren und gesellschaftliche Legitimations- und Imagegewinne erzielen. Angesichts der sportpolitischen Autonomie des organisierten Sports ist es aller‐ dings den Sportorganisationen selbst vorbehalten zu entscheiden, ob und unter welchen Bedingungen sie (sportbezogene) Video- und Computerspiele als „Sport“ anerkennen. Für den DOSB als Dachverband spielen dabei die in seiner Aufnahme‐ ordnung festgelegten Kriterien eine zentrale Rolle. Diese basieren im Wesentlichen auf dem vom Wissenschaftlichen Beirat des DSB 1980 erarbeiteten Merkmalskatalog (Kap.-2.2.2). Sportartbestimmende Aktivität im analogen vs. virtuellen Raum Unzweifelhaft verstehen sich Spielerinnen und Spieler von (sportbezogenen) Video- und Computerspielen als Sportlerin oder Sportler. Gemäß den jeweiligen Spielregeln erbringen sie eine ihrem Können entsprechende Leistung. Um in zukünftigen Spielen leistungsstärker sein zu können, üben und trainieren sie mehr oder weniger intensiv. Wie im analogen Sport auch haben in Video- und Computerspielen „alle spielrelevan‐ ten körperbezogenen Handlungen keinen anderen Sinn, als den Zweck des Spiels zu verfolgen. (…) Beim e-Sport-Wettkampf ist Virtuosität Mittel zum Zweck. Es geht darum, die Gegner im Wettkampf zu besiegen, und nicht darum, zu zeigen, dass man den Controller besser oder schneller bedienen kann“ (Thiel & John, 2020, S.-33). Unstrittig ist auch, dass bei Video- und Computerspielen motorisch-koordinative Fähigkeiten erforderlich sind. Insbesondere Feinmotorik von Händen und Fingern sowie Auge-Hand-Koordination haben dabei große Bedeutung. Aber auch spielbzw. wettkampfbezogene taktische und strategische Fähigkeiten spielen eine wichtige Rolle. 42 2 Sportwissenschaft als Fachdisziplin (Marcel Fahrner) <?page no="43"?> Nicht zuletzt aufgrund der verschiedenen, den Spielen inhärenten Stress- und Druck‐ situationen können diese auch körperlich beanspruchend sein. Jedenfalls kann bedingt durch die Spielhandlungen ein gesteigerter Energieverbrauch bei den Spielenden festgestellt werden (Riatti & Thiel, 2023). Dem gegenüber steht allerdings die Frage, ob und inwiefern E-Sport, also das Spielen von Video- und Computerspielen, eigene sportartbestimmende motorische Aktivität erfordert. Hier stehen sich (nach wie vor) unterschiedliche Auffassungen gegenüber: ■ Auf der einen Seite wird argumentiert, dass die körperliche Aktivität der Spielen‐ den in der analogen Welt allein als Schnittstelle zur virtuellen Spielwelt fungiert und nicht für das virtuelle Spielgeschehen konstitutiv ist. Dabei wird darauf verwiesen, dass die Spielerinnen und Spieler von Video- und Computerspielen sich zwangsläufig und ausschließlich an den Bewegungen der Avatare im digitalen Raum und nicht an den Steuerungsbewegungen der gegnerischen Spielerinnen und Spieler im analogen Raum orientieren (Borggrefe, 2018a, 2018b, 2022). Teile des organisierten Sports in Deutschland haben sich diese Auffassung zu eigen gemacht. Für sie gelten folglich motorische Aktivitäten im Rahmen von Video- und Com‐ puterspielen nicht als Sport, da aus ihrer Perspektive keine spezifische, sportart‐ bestimmende körperliche Aktivität vorliegt (Landessportbund NRW, 2018). Oder anders formuliert: „Die motorische Aktivität ist vom eigentlichen Spielgeschehen entkoppelt! “ (Landessportverband Baden-Württemberg, 2019, o. S.). ■ Auf der anderen Seite wird argumentiert, dass „die Avatare, Gegenstände und Spieleumgebungen aufgrund der fehlenden eigenen Substanz nicht agieren kön‐ nen“ (Wendeborn et al., 2018, S. 453) und die motorischen Impulse und Befehle der Spielerinnen und Spieler zwangsläufig konstitutiv für die körperliche Aktivität der Avatare und somit für das virtuelle Spielgeschehen sind. Mittlerweile liegen wissenschaftliche Forschungsergebnisse vor, die zeigen, dass „auch wenn der körperliche Leistungsvergleich ein virtueller zwischen Avataren ist, (…) er [aus der subjektiven Perspektive der Spielenden] als eine reale Körperlichkeit erfahren“ (Thiel & John, 2020, S. 48) wird. Dabei zeigt sich, dass die Spielenden auch Rückmeldungen von ihren digitalen Figuren wahrnehmen und diese in ihre Spielaktivität einbeziehen müssen (Riatti & Thiel, 2023). Über die Figur des Avatars erfolgt ein Eintauchen in die virtuelle Welt, sodass diese für die Spielenden als real erscheint und sie sich selbst als Teil des Virtuellen wahrnehmen (Thiel & John, 2020). Organisationsstruktur und ethische Werte Für den DOSB und den organisierten Sport in Deutschland ist in der Diskussion um die Anerkennung von (sportbezogenen) Video- und Computerspielen als E-Sport ein weiterer, organisatorischer Aspekt von Bedeutung: Zwar gibt es seit 2017 einen eSport- Bund Deutschland (ESBD), der für sich in Anspruch nimmt, den organisierten E-Sport bundesweit zu repräsentieren (ESBD, 2018). Allerdings hat dieser im Bundesgebiet keine exklusive Vertretungsfunktion für alle E-Sport-Aktiven, -Teams oder offiziellen 2.2 Sport - Gegenstandsbereich der Sportwissenschaft 43 <?page no="44"?> E-Sport-Wettkampfveranstaltungen, wie dies Sportverbände analoger Sportarten üb‐ licherweise haben. Vielmehr sind dessen Mitgliedsorganisationen vor allem Vereine und Teams, die (professionell) an Wettbewerben von Video- und Computerspielen teilnehmen (ESBD, 2019). Damit liegt hier jedoch keine föderale Verbandsstruktur im Sinne des § 4 DOSB-Aufnahmeordnung vor. Darüber hinaus hat der ESBD keinen Einfluss auf Regeln, Inhalte und Wettkampf‐ strukturen von Video- und Computerspielen, die ausschließlich von den Spieleentwick‐ lern/ -herstellern, z. B. Tencent oder Sony, bestimmt werden. Es besteht also eine orga‐ nisatorische und wirtschaftliche Abhängigkeit von gewinnorientierten Unternehmen, die ihre Software und Nutzungslizenzen mit Blick auf ökonomische Erfolgsaussichten ohne Weiteres modifizieren können. Damit fehlt aber eine für den organisierten Sport charakteristische, langfristig verlässliche Regelstruktur, die außerdem im Rahmen eines Übungs- und Trainingsbetriebs nicht situativ angepasst werden kann. In der Frage der Anerkennung von Sportaktivitäten ist die Einhaltung ethischer Grundwerte und Leitideen wie Fairplay, Unversehrtheit der Konkurrentin oder des Konkurrenten sowie Chancengleichheit ein weiterer wichtiger Aspekt für den organi‐ sierten Sport. Dabei hat E-Sport als Plattform für Gleichgesinnte sehr geringe soziale Zugangsbarrieren. Insbesondere sind die Hürden für eine Teilnahme an (sportbezoge‐ nen) Video- und Computerspielen hinsichtlich Herkunft, Geschlecht und körperlicher Fähigkeiten geringer als im analogen Sport. Damit eröffnen sich gerade jenen, die im analogen Sport - z. B. aufgrund ihrer Körperlichkeit - Schwierigkeiten haben Zugang zu finden, attraktive Anschlussoptionen (Riatti & Thiel, 2022, 2024). Im Hinblick auf Fairplay weist E-Sport allerdings auch kritische Merkmale auf. Beispielsweise erschwert die Anonymität des virtuellen Raums soziale Kontrolle, da Spielerinnen und Spieler sich nicht unbedingt durch offizielle Dokumente, Wettkampfpässe oder Klarnamen ausweisen müssen, um an Spielen teilnehmen zu dürfen. Auch können einzelne Spielerinnen und Spieler mehrere Accounts nut‐ zen, mehrfach an einem Spiel teilnehmen, oder Leistungsstärkere können anstelle Schwächerer im Wettkampf antreten (sog. „Smurfing“). Solange der Computer oder die Konsole, über die gespielt wird, in einem privaten, nicht öffentlich zugänglichen Ort steht, entziehen sich die Spielerinnen und Spieler externer Beobachtung und somit auch sozialer Kontrolle (Riatti & Thiel, 2024). Die soziale Interaktion in Video- und Computerspielen kann auch deshalb leicht in abweichendes, diskriminierendes und chauvinistisches Verhalten umschlagen, zumal internetbasierte, anonyme Kom‐ munikation ohnehin zu Enthemmung tendiert. Im E-Sport hat somit „ein Großteil der Spieler Erfahrungen von Belästigung, Schikane und Diffamierung gemacht“ (Thiel & John, 2020, S.-39). Ausgeschlossen sind vom organisierten Sport schließlich „Konkurrenzhandlungen, die (…) eine tatsächliche oder simulierte Körperverletzung bei Einhaltung der gesetzten Regeln beinhalten“ (§ 3 DOSB-Aufnahmeordnung). Dabei ist offensichtlich, dass es bei praktisch allen Sportaktivitäten zu Verletzungen kommen kann. Sie sind aber nicht konstitutiv für Sport - und selbst beim Boxen geht es zwar um Körpertreffer, gleichwohl 44 2 Sportwissenschaft als Fachdisziplin (Marcel Fahrner) <?page no="45"?> sind die sportimmanenten Regelwerke darauf ausgelegt, das Risiko einer Verletzung zu minimieren (z. B. durch das verpflichtende Tragen von Handschuhen und Kopfschutz (bis zu einer gewissen Altersgrenze), das Verbot verletzungsgefährdender Gegenstände sowie entsprechende Vorkehrungen in der Konstruktion des Boxrings). Hingegen ist bei einigen Video- und Computerspielen die Vernichtung der Geg‐ nerin oder des Gegners entscheidend, um das strategische Spielziel zu erreichen. Die brutale und explizite Darstellung von Tötungsgewalt gegenüber menschenähnlichen Figuren wird dabei aus ethischer Sicht nicht dadurch gemindert, dass „hier nur virtuell getötet wird und nach jedem Kill ein Re-Spawn folgt“ (Borggrefe, 2018b, S. 457; Hervorhebungen im Original). Töten ist mit den Werten des organisierten Sports grundsätzlich nicht vereinbar (Landessportbund NRW, 2018; LSV Baden- Württemberg, 2019), weshalb solche Spiele/ Genres auch nicht unter dem Dach des organisierten Sports vorstellbar sind. Zu diesen offensichtlichen pädagogischen Legitimationsproblemen kommen die mit (sportbezogenen) Video- und Computerspielen verbundenen, vorwiegend sitzenden Tätigkeiten und langen Bildschirmzeiten. Die umfassende Nutzung digitaler Anwen‐ dungen und die damit typischerweise verbundene körperliche Inaktivität bergen gravierende gesundheitliche Risiken für die Gesellschaft. Nicht nur ist Bewegungs‐ mangel ein führender Risikofaktor für gesundheitliche Probleme (z. B. Diabetes, Herz- Kreislauf-Erkrankungen), Video- und Computerspiele selbst sind mittlerweile von der WHO als potenziell suchtgefährdende Tätigkeit und damit als Gesundheitsrisiko anerkannt (WHO, 2018). Wissenschaftliche Forschungsergebnisse deuten aber auch darauf hin, dass es möglicherweise gelingen kann, motivationale Aspekte aus der virtuellen Welt, z. B. spezifische Formen der Anerkennung, in die analoge Welt zu übertragen und somit auch in der analogen Welt entsprechende positiv besetzte gesundheitsbezogene Verhaltensänderungen auszulösen und zu verstetigen (Thiel & John, 2020). Die Positionierung des DOSB: „E-Gaming“ vs. „virtuelle Sportarten“ Die sportpolitische Position des DOSB hat sich 2019 dahingehend verdichtet, dass er in Verbindung mit Video- und Computerspielen den Sportbegriff nicht verwendet bzw. nicht verwendet sehen will, also dem Begriff „E-Sport“ eine Absage erteilt. Stattdessen führt der DOSB die Unterscheidung von „virtuellen Sportarten“ und „E-Gaming“. Dabei fasst er elektronische Sportartensimulationen, d. h., die Erweiterung bestehen‐ der analoger, „realer“ Sportarten in den virtuellen Raum, als „virtuelle Sportarten“. Demgegenüber stehen alle anderen Video- und Computerspiele, die der DOSB mit dem Begriff „E-Gaming“ bezeichnet (Deutscher Olympischer Sportbund, 2018b). Dies ist für den DOSB insofern eine (vermeintlich) attraktive sportpolitische Ent‐ scheidung, als eine solche Integration virtueller Sportsimulationen in den organisierten Sport Anschlussfähigkeit an diese Aktivitäten signalisiert. Nach Empfehlung des DOSB sollen alle Spielerinnen und Spieler „virtueller Sportarten“ unter den jeweiligen „realen“ Sportarten erfasst und als Mitglieder der Sportvereine und Sportverbände 2.2 Sport - Gegenstandsbereich der Sportwissenschaft 45 <?page no="46"?> ihrer entsprechenden „realen“ Sportarten geführt werden (Deutscher Olympischer Sportbund, 2018b). Auch wenn dies in der Praxis nach wie vor am Gemeinnützigkeits‐ recht scheitert, könnte eine solche Einbindung in den organisierten (Vereins-)Sport gemeinsames Spielen unter (pädagogisch qualifizierter) Aufsicht fördern und damit auch die o. g. Problematik der (fehlenden) sozialen Kontrolle im E-Sport adressieren (Riatti & Thiel, 2024). Mit seiner Positionierung hält sich der DOSB jedenfalls alle Optionen hinsichtlich einer zukünftigen Verschränkung analoger und digitaler Welten offen. Durch die Ausübung „realer“ Sportarten in virtuellen Umfeldern, etwa im Rahmen von Aug‐ mented Reality-Anwendungen, entsteht idealerweise ein zukunftsfähiges „Lern- und Experimentierfeld für Vereine und Verbände“ (Deutscher Olympischer Sportbund, 2018a, S. 4). Damit interpretiert der DOSB den organisierten Sport nicht mehr allein „als ‚analoges Refugium‘ in einer zunehmend digitalen Welt“ (Deutscher Olympischer Sportbund, 2018a, S. 5). Dies erscheint gerade an der Schnittstelle von Augmented und Virutal Reality durchaus spannend. Denn mit der Einbettung „realer“ Sportaktivitäten in einen digitalen Rahmen stellen sich Fragen nach der sportartbestimmenden Aktivität ganz neu, etwa wenn Fußballspielerinnen auf einem realen Spielfeld rennen, passen und schießen, alle aber - z. B. durch VR-Brillen vermittelt - ihre Handlungen in einer digitalen Welt wahrnehmen. Die Verbindung realer Sportaktivitäten mit virtuellen Rahmenbedingungen hat sich jedenfalls zu einem attraktiven Feld entwickelt. Denn mittlerweile existieren massentaugliche Möglichkeiten, durch digitale Schnittstellen virtuelle und analoge Realität zu kombinieren - und so „gemeinsam“ mit anderen Nutzerinnen und Nutzern entsprechender Plattformen - oder auch „gegeneinander“ - auf einem Smarttrainer Rad zu fahren, auf einem Laufband zu laufen oder einem Ergomenter zu rudern. Praxisbeispiel: Arena Games Triathlon Die Arena Games Triathlon sind eine innovative Wettkampfserie an mehreren aufeinander folgenden Orten, in der im sportlichen Wettbewerb virtuelle und analoge Realität in Echtzeit kombiniert und überlagert werden. Veranstaltet von der Super League Triathlon (SLT) werden in Zusammenarbeit mit World Triathlon die Sieger der Wettkampfserie als „Triathlon eSports World Champion“ gekürt. Im Rahmen dieser Wettbewerbe müssen die Athletinnen und Athleten 200 Meter in einem realen Schwimmbecken schwimmen, vier Kilometer auf einem Smarttrainer Rad fahren und einen Kilometer auf einem selbstangetriebenen, gebogenen Laufband laufen. Es handelt sich dabei also um einen für das Publikum sehr abwechslungsreichen und für die Athletinnen und Athleten hochintensiven Ausdauerwettkampf. Über zwei Vorläufe qualifizieren sich die besten acht bis zehn Athletinnen und Athleten für eine Finalrunde. Diese besteht noch einmal aus drei Abschnit‐ ten (im Format Schwimmen-Radfahren-Laufen / / Laufen-Radfahren-Schwim‐ 46 2 Sportwissenschaft als Fachdisziplin (Marcel Fahrner) <?page no="47"?> men / / Schwimmen-Radfahren-Laufen). Auf diese Weise wird für das Publikum das Spannungsmoment gesteigert, zumal die Zeiten der ersten beiden Abschnitte addiert werden und der dritte Abschnitt im Verfolgungsformat ausgetragen wird. Das heißt, die Sportlerinnen und Sportler starten dann in umgekehrter Reihenfolge und mit dem Zeitabstand ihres Ergebnisses aus den ersten beiden Abschnitten; der oder die bis dahin Schnellste beginnt also den abschließenden Wettkampf. Die Mischung aus realem und virtuellem Renngeschehen ermöglicht es dem Publikum, die besten Triathletinnen und Triathleten der Welt nicht nur hautnah vor Ort in den drei Disziplinen zu erleben. Vielmehr können parallel dazu via Bildschirmübertragung zahlreiche aktivitätsbezogene Live-Daten (u. a. Leistung, Geschwindigkeit, Herzfrequenz) mit verfolgt werden. Diese werden außerdem in Echtzeit über eine Online-Plattform in ein virtuelles Rennen transformiert, sodass eine hybride Wettkampfsituation mit mehreren Dimensionen entsteht (Grüneberg, 2023; Super League Triathlon, 2023). Kontrollfragen 1. Der moderne Sport entwickelte sich im England des 19.-Jahrhunderts aus den ursprünglichen „sports“. Welche Entwicklungsaspekte sind dabei besonders relevant und wie erklärt sich die weltweite Ausbreitung des Sports? 2. Spezifische Regelwerke machen Sport zu einem besonderen Gesellschaftsbe‐ reich. Welche typischen Gruppen von Sportregeln sind grundsätzlich unter‐ scheidbar? 3. Sport ist heute allgegenwärtig, weshalb man auch von einer Versportlichung der Gesellschaft spricht. Was ist damit gemeint und inwiefern geht damit zwangsläufig eine Entsportlichung des Sports einher? Welche Stärken/ Schwä‐ chen hat diese Kennzeichnung der Sportentwicklung? 4. Heinemann benennt mit seiner Nominaldefinition eine konstituierende Varia‐ ble von Sport, die allen sportiven Erscheinungsformen und Varianten gemein ist. Welche Bestandteile umfasst diese Variable? Welche weiteren, den Sport prägenden Variablen unterscheidet Heinemann? Welche generellen Einwände lassen sich gegen Nominaldefinitionen anführen? 5. Die Realdefinition des Wissenschaftlichen Beirats des DSB basiert auf sieben für Sport konstitutiven Kriterien. Welche sind dies? Welche generellen Ein‐ wände lassen sich gegen Realdefinitionen anführen? 6. Zur Beschreibung der vielfältigen Realität des Sports liegen verschiedene Sportmodelle vor. Welche Unterscheidungen trifft Hägele in seinem Mo‐ dell? Welche Sportmodelle benennen Digel und Heinemann? Welche Stär‐ ken/ Schwächen haben diese Modelle jeweils? 2.2 Sport - Gegenstandsbereich der Sportwissenschaft 47 <?page no="48"?> 7. In der Sportwissenschaft wird vereinzelt eine Abkehr vom Sportbegriff oder zumindest eine Ergänzung um den Bewegungsbegriff befürwortet. Welche Argumente sprechen für/ gegen eine solche Ergänzung? 8. Welche Argumente lassen sich für und gegen die Anerkennung (sportbezo‐ gener) Video- und Computerspiele als „E-Sport“ anführen und welche Chan‐ cen/ Risiken können mit einer solchen Anerkennung für den organisierten Sport verbunden sein? 9. Inwiefern ist für E-Sport eine besondere körperbezogene Verbindung von analoger und virtueller Realität charakteristisch und welche Chancen/ Risiken können mit E-Sport-Aktivitäten in einer von Digitalisierung geprägten Gesell‐ schaft in Verbindung gebracht werden? Literatur Bernett, H. (1965). Die pädagogische Neugestaltung der bürgerlichen Leibesübungen durch die Philantropen (2. Auflage). Hofmann. Borggrefe, C. (2018a). eSport gehört nicht unter das Dach des organisierten Sports. German Journal of Exercise and Sport Research, 48, 447-450. 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Dies hat weitreichende Konsequenzen für den Gegenstandsbereich der Sportwissenschaft. Hinzu kommt, dass das vielfältige Phänomen Sport zahlreiche Anknüpfungspunkte für wissenschaftliche Beobachtungen aus unterschiedlichen dis‐ ziplinären Perspektiven bietet. Vor diesem Hintergrund überrascht es, dass sich das Fach Sportwissenschaft bislang überwiegend als Singular-Sportwissenschaft und nicht als Mehrzahl Sportwissenschaften etabliert hat. Lernziele ■ Die Leserinnen und Leser lernen relevante Begründungen und damit verbun‐ dene Zielsetzungen für die Konstituierung der Sportwissenschaft als integra‐ tiver Querschnittwissenschaft kennen. ■ Sie erkennen den Status quo der Wissenschaftsdisziplin Sportwissenschaft, setzen sich kritisch mit ihren Binnendifferenzierungen auseinander und re‐ 2.3 Integrative Sportwissenschaft vs. additive Sportwissenschaften 51 <?page no="52"?> flektieren Bedingungen disziplinübergreifender Forschungsarbeit der Sport‐ wissenschaft. Wie bereits hinlänglich deutlich wurde, eignen sich Begriffsbestimmungen von Sport kaum zur Konstituierung des sportwissenschaftlichen Gegenstandsbereichs. Alle definitorischen Ansätze werden von theoretischen, weltbildgeprägten Vorent‐ scheidungen geleitet, die das inhaltliche Verständnis bestimmen. Unterschwellige Interessen, Vorurteile oder Ideologien spielen für das Begriffsverständnis von Sport eine entscheidende Rolle (Drexel, 1995). Sport bietet außerdem vielfältige thematische Anknüpfungspunkte für wissenschaftliche Beobachtungen, z. B. pädagogische Fragen nach den erzieherischen Qualitäten von Sporttreiben, psychologische Fragen nach der Motivation zu entbehrungsreichen Trainingsprozessen, soziale Fragen nach den Bedingungen gelingender Kommunikation in Sportmannschaften. Diese unterschiedlichen Fragestellungen und Erkenntnisinteressen zum Sport erfor‐ dern im Forschungsalltag eine intensive Reflexion von Theorien, die typischerweise aus den Mutterwissenschaften wie Soziologie, Psychologie oder Ökonomie übernom‐ men werden. Hinzu kommt jeweils eine entsprechend passende methodische Umset‐ zung. Vor diesem Hintergrund handelt es sich bei der Sportwissenschaft um ein beinahe undurchschaubares Nebeneinander spezialisierter Teildisziplinen, ein Geflecht geistes-, natur- und sozialwissenschaftlicher Zugänge - und eben nicht um eine einheitliche, in sich geschlossene Wissenschaftsdisziplin (Drexel, 2002; Grupe, 1995; Nitsch, 2001). Darüber hinaus konkurrieren selbst innerhalb der Teildisziplinen unterschiedliche Theorien, Terminologien und Modelle miteinander. Entsprechende Spezialisierungen führen sogar intradisziplinär zu Verständigungsproblemen, z. B. zwischen System- und Akteurtheorie in der sportsoziologischen Organisationsforschung. Gleichwohl ist seit jeher von der Sportwissenschaft die Rede, die sich „unter der Leitidee der Integration [konstituierte]. Kein loser Verbund von Einzeldisziplinen wollte sie sein, sondern eine Sportwissenschaft, welche die Teildisziplinen in sich vereint“ (Hägele, 1995, S. 90; Hervorhebungen im Original). Deshalb auch die Bezeichnung Sportwissenschaft statt Sportwissenschaften (Grupe, 1995). Eine die sportwissenschaftlichen Teildisziplinen übergreifende Integration ist jedoch auch heute allenfalls wissenschaftspolitisches Ideal. Denn (sport-)wissenschaftliche Erkenntnisgewinne erfordern gerade eigenständige, an spezifischen theoretischen Zugängen ausgerichtete Forschungsarbeiten. Oder wie Drexel (2002, S. 253) formuliert: „Die notwendigen Bedingungen der Möglichkeit einer Einheit der Wissenschaften existiert nicht: (…) es gibt nicht die eine Welt der Sportwissenschaft, nicht die 52 2 Sportwissenschaft als Fachdisziplin (Marcel Fahrner) <?page no="53"?> 10 Drexel (2001, S. 10) verweist darauf, dass „die bisherigen Aussagen zu einer ‚integrativen’ oder ‚interdisziplinären’ Sportwissenschaft bestenfalls abstraktes Programm, im Normalfall aber bloße Unifikations-Rhetorik, zur gesellschaftlichen Durchsetzung der Institutionalisierung dieser Diszi‐ plin“ waren. 11 Diese Verständnis-/ Verständigungsbarriere über Disziplingrenzen hinweg wird auch als Inkommen‐ surabilität bezeichnet (Drexel, 2002; Haverkamp, 2002). eine Vernunft zu deren Erkenntnis, nicht die eine Wahrheit über sie.“ 10 Angesichts einer faktisch desintegrierten Forschungsrealität verliert die Vision einer integrativen Sportwissenschaft an Attraktivität und Überzeugungskraft. Sinnbild hierfür sind z. B. sportwissenschaftliche Institute, die in ihrem Titel Sportwissenschaften in der Mehr‐ zahl führen, z. B. das Institut für Sportwissenschaften der Universität Frankfurt am Main, das Institut für Sportwissenschaften der Universität Göttingen, das Institut für Sport und Sportwissenschaften der Universität Kiel. Gleichwohl wird (auch) in der Sportwissenschaft immer wieder die Forderung nach Interdisziplinarität erhoben. Begründet wird dies mit der komplexen Sportrealität, die eine Verknüpfung differenzierter Einzelbefunde erforderlich macht (Nitsch, 2001). Dem steht allerdings die prinzipielle Unübersetzbarkeit der jeweiligen disziplinspezifischen Modelle, Theorien und Begriffsverständnisse entgegen. 11 Beispielsweise hat der Begriff Bewegung in der Biomechanik eine andere Bedeutung als in der Anthropologie (Drexel, 2002). Insofern können die in sich „abgeschlossenen Disziplinen (…) nicht einfach so ohne Weiteres eine gemeinsame Sprache mit gemeinsamen Theorien und Methoden entwickeln, die nicht nur gegenseitiges Verstehen sichert, sondern es gleichzeitig auch erlaubt, einen wirklichen Erkenntnisfortschritt zu garantieren“ (Willimczik, 2011, S.-148). Eine Möglichkeit, Interdisziplinarität herzustellen, wird aus wissenschaftstheoreti‐ scher Perspektive in einer integrativen Theorienbildung gesehen (Nitsch, 2001; Drexel, 2001; Höner, 2002). Allerdings ist dies enorm voraussetzungsvoll, da entsprechende theoretische Perspektiven und Konzepte prinzipiell unvereinbar sind und nicht ohne Weiteres zueinander in Beziehung gesetzt werden können. Hierfür braucht es Schnitt‐ stellen, die selten offensichtlich sind und mitunter gar nicht existieren (Schürmann & Hossner, 2012). In jedem Fall ist zu prüfen, ob es sich bei einem solchen Vorgehen wirk‐ lich um eine Theorien-Integration und nicht bereits um eine Theorien-Neukonstruktion handelt (Drexel, 2001). Wissenschaftliche Forschung „zwischen“ Teildisziplinen birgt hingegen die große Gefahr einer unzulässigen Vermengung von Erkenntnissen unterschiedlicher Theo‐ rien. Interdisziplinarität ist deshalb typischerweise als Zusammenarbeit über teildis‐ ziplinäre Grenzen hinweg zu verstehen - und ist folglich immer multidisziplinär. Gleichwohl bleibt eine Zusammenführung disziplinspezifischer Erkenntnisse auf einer übergeordneten Ebene möglich - und angesichts der komplexen Problemlagen im Sport auch erforderlich (vgl. Abb. 2.3.1). Vor diesem Hintergrund ist die gemeinsame Forschung von Vertreterinnen und Vertretern unterschiedlicher Wissenschaftsdiszipli‐ nen strenggenommen als „Transdisziplinarität“ zu konzipieren (Willimczik, 2011). 2.3 Integrative Sportwissenschaft vs. additive Sportwissenschaften 53 <?page no="54"?> Abb. 2.3.1: Spannungsfeld integrative Sportwissenschaft vs. additive Sportwissenschaften Bedingung einer inter-/ transdisziplinären Zusammenarbeit ist dabei zunächst, dass sich die Vertreterinnen und Vertreter beider „Disziplinen ihre jeweilige Blindheit für die Fragen vor Augen führen, die aufgrund der paradigmatischen Herangehensweise nicht in den Blick kommen“ (Willimczik, 2011, S. 151). Darüber hinaus bedarf es zwischen den Beteiligten vor allem einer ■ Verständigung über das gemeinsam zu untersuchende Problem und die betreffen‐ den Fragestellungen; ■ Definition gemeinsamer Zielsetzungen der Forschungsarbeit, inklusive gemeinsa‐ mer Standards für die Zielerreichung; ■ Klärung des gemeinsamen Verständnisses relevanter Begriffe; ■ wechselseitigen Beschreibung der jeweiligen disziplinären Erkenntnispotenziale inklusive ihrer Relevanz für die gemeinsame Zielerreichung (Nitsch, 2001; Willim‐ czik, 2011). Praxisbeispiel: Sportwissenschaftliche Dopingforschung Regelwidriger Gebrauch von Medikamenten zur Steigerung der Leistungsfähig‐ keit im Spitzensport wird gemeinhin als Doping bezeichnet. Athletinnen und Athleten, ebenso wie Trainerinnen und Trainer verfolgen damit typischerweise das Ziel, Siege wahrscheinlicher und Niederlagen unwahrscheinlicher zu machen - also die Offenheit des Ausgangs sportlicher Wettbewerbe zu eigenen Gunsten zu manipulieren. Solche Regelverstöße gefährden aber nicht nur die Gesundheit der Athletinnen und Athleten, sondern gelten auch als Betrug insbesondere an den Gegnerinnen und Gegnern sowie dem Publikum. Doping führt außerdem 54 2 Sportwissenschaft als Fachdisziplin (Marcel Fahrner) <?page no="55"?> zu einem schleichenden Glaubwürdigkeitsverlust des Spitzensports, der die für ihn enorm bedeutsamen politischen, wirtschaftlichen und massenmedialen Un‐ terstützungsleistungen unsicher werden lässt. Darüber hinaus leidet auch die Attraktivität des Spitzensports für Nachwuchsathletinnen und -athleten, die für eine Spitzensportkarriere nicht wissentlich eine medikamentöse Manipulation ihrer Körper eingehen wollen. Relevanz und Komplexität des Dopingproblems sind beispielhaft und geradezu prädestiniert für sportwissenschaftliche Analysen. Die Bearbeitung damit ver‐ bundener ethischer, juristischer, organisatorischer, ökonomischer, pädagogischer, psychologischer und soziologischer Forschungsfragen setzt dabei immer eine Orientierung an disziplinspezifisch relevanten Theorien sowie eine Anwendung entsprechender Methoden voraus: Sportpädagogisch interessieren z. B. die Möglichkeiten, wie mittels Information und Aufklärung Fairplay und bewusster Verzicht auf leistungssteigernde Me‐ dikamente erreicht und somit Dopingprävention angeregt werden kann. Auf gesellschaftliche und insbesondere spitzensportspezifische Rahmenbedingungen und Systemzwänge - die als sozialer Nährboden von Doping fungieren und Entscheidungsoptionen der Athletinnen und Athleten limitieren - richten sich hingegen sportsoziologische Fragen. Inwiefern Doping auf bestimmte Persönlich‐ keitsdispositionen zurückgeführt werden kann und welche Effekte Doping auf die Selbstwahrnehmung der beteiligten Sportlerinnen und Sportler sowie deren Identitätsbildung hat, sind sportpsychologisch von Interesse. Sportökonomische Fragen wiederum adressieren wirtschaftliche Chancen/ Risiken des Dopings für Athletinnen und Athleten, deren engeres persönliches Umfeld, Sportverbände oder Sponsoren und ökonomische Sanktionspotenziale des Sportbetrugs. Sport‐ rechtlich sind insbesondere juristische Sanktionsmöglichkeiten von Doping, Gültigkeitsbereiche von Sportverbandsrecht und staatlichem Recht sowie das Verhältnis nationaler und internationaler Rechtssysteme von Interesse. Eine Zusammenführung dieser disziplinären Erkenntnisse im Sinne eines sport‐ wissenschaftlichen Zugangs ist eine enorme Herausforderung. Angesichts der Komplexität des Dopingphänomens erscheint dies jedoch sehr erstrebenswert. Eine Umsetzung ist beispielsweise im Rahmen gemeinsamer, disziplinübergreif‐ ender Forschungsverbünde denkbar. Kontrollfragen 1. Trotz des weitgehend diffusen Gegenstandsbereichs Sport konstituierte sich die Sportwissenschaft als integrative Singular-Disziplin. Welche Begründun‐ gen und Zielsetzungen waren damit verbunden? 2. Dem Anspruch einer in sich geschlossenen Querschnittsdisziplin wird die Sportwissenschaft bis heute kaum gerecht. Welche Triebkräfte führten zur Bin‐ 2.3 Integrative Sportwissenschaft vs. additive Sportwissenschaften 55 <?page no="56"?> nendifferenzierung der Sportwissenschaft und inwiefern setzt wissenschaftli‐ che Erkenntnis grundsätzlich eine Orientierung an disziplinären Theorien und Methoden geradezu voraus? 3. Auch in der Sportwissenschaft wird disziplinübergreifende Zusammenarbeit immer wieder eingefordert. Welche Barrieren sind dabei typischerweise zu überwinden und welche Bedingungen müssen erfüllt sein, damit Inter-/ Trans‐ disziplinarität gelingen kann? Literatur Drexel, G. (1995). Zur Paradigmenabhängigkeit des Erkennens, Bestimmens und Verstehens der Gegenstände der Sportwissenschaft. In H. Digel (Hrsg.), Sportwissenschaft heute: eine Gegenstandsbestimmung (S.-99-134). Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Drexel, G. (2001). Antworten zu einigen Fragen bezüglich „interdisziplinärer Theorienbildung“. Ze-phir, 8(2), 8-13. Drexel, G. (2002). Paradigmen in Sport und Sportwissenschaft. Hofmann. Grupe, O. (1995). Uneingelöste Ansprüche. Vergessene Interdisziplinarität. In H. Digel (Hrsg.), Sportwissenschaft heute: eine Gegenstandsbestimmung (S.-151-160). Wissenschaftliche Buch‐ gesellschaft. Hägele, W. (1995). Integrative Sportwissenschaft: Leitidee oder Utopie? In H. Digel (Hrsg.), Sportwissenschaft heute: eine Gegenstandsbestimmung (S.-90-98). Wissenschaftliche Buchge‐ sellschaft. Haverkamp, N. (2002). Zum Problem der Inkommensurabilität bei der interdisziplinären Theo‐ riebildung. Ze-phir, 9(1), 18-25. Höner, O. (2002). Der Strukturalismus als metatheoretische Perspektive für interdisziplinäre Theorienbildung in der Sportwissenschaft. Sportwissenschaft, 32, 32-47. Nitsch, J. R. (2001). Interdisziplinäre Theorienbildung - eine Problemanalyse. Ze-phir, 8(2), 18-33. Schürmann, V., & Hossner, E.-J. (2012). Interdisziplinäre Sportwissenschaft: Vom Umgang mit Perspektivität. Spectrum der Sportwissenschaften, 24(1), 41-52. Willimczik, K. (2011). Sportwissenschaft interdisziplinär. Ein wissenschaftstheoretischer Dialog. Band. 4: Die sportwissenschaftlichen Teildisziplinen in ihrer Stellung zur Sportwissenschaft. Czwalina. 56 2 Sportwissenschaft als Fachdisziplin (Marcel Fahrner) <?page no="57"?> 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen Das vielfältige Phänomen Sport eröffnet zahlreiche thematische Anknüpfungspunkte für wissenschaftliche Beobachtungen, z. B. pädagogische Fragen nach den erziehe‐ rischen Qualitäten von Sporttreiben, psychologische Fragen nach der Motivation zu entbehrungsreichen Trainingsprozessen, soziale Fragen nach den Bedingungen gelingender Kommunikation in Sportmannschaften. Diese unterschiedlichen Frage‐ stellungen und Erkenntnisinteressen zum Sport erfordern im Forschungsalltag eine intensive Reflexion von Theorien, die typischerweise aus den Mutterwissenschaften wie Soziologie, Psychologie oder Ökonomie übernommen werden. Orientiert an jeweiligen geistes-, natur-, sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Zugängen haben sich folglich zahlreiche spezialisierte sportwissenschaftliche Teildisziplinen entwickelt, sodass die Sportwissenschaft heute keine einheitliche, in sich geschlossene Wissen‐ schaftsdisziplin darstellt. Historisch gesehen zählen dabei beispielsweise Sportpädagogik, Sportgeschichte, Sportmedizin, Bewegungswissenschaft, Trainingswissenschaft, Sportpsychologie, Sportsoziologie und Sportphilosophie zu den älteren, „klassischen“ sportwissenschaft‐ lichen Teildisziplinen. Als Reaktion auf jüngere Entwicklungen der Sportpraxis, die neue - z. B. juristische oder wirtschaftliche - Problem- und Fragestellungen mit sich bringen, differenzierten sich die sportwissenschaftlichen Erkenntnisinteressen entsprechend aus. Infolgedessen etablierten sich weitere disziplinäre Perspektiven, wie beispielsweise Sportethik, Sportrecht, Sportökonomie und Sportpublizistik. Die große Zahl sportwissenschaftlicher Teildisziplinen erfordert an dieser Stelle eine Auswahl. 3.1 Sportpädagogik (Stefan König) Historisch betrachtet stand die Sportpädagogik am Anfang der Sportwissenschaft, wenn man die Erzieher des ausgehenden 18. Jahrhunderts als Sportpädagogen ansieht (Grupe & Krüger, 2007; Krüger, 2022b; Prohl, 2010). Ausgangspunkt dieser Entwicklung waren Erfahrungen und Vorstellungen einzelner Lehrer über den erzieherischen Wert von Gymnastik, Turnen oder Leibesübungen. Sie führten zunächst zu einer Aufwertung und einem pädagogischen Umgang mit Bewegung, später dann zu einer wachsenden gesellschaftlichen Bedeutung und Politisierung (Krüger, 2022a; Prohl, 2010). Erst nach dem Zweiten Weltkrieg etablierte sich mit der Theorie der Leibeserziehung ein erstes Theoriegebäude, das als bildungstheoretisch bezeichnet werden kann. Man ging zu dieser Zeit davon aus, dass Leibeserziehung zur Gesamterziehung von Kindern und Jugendlichen gehören muss. Mit der zunehmenden gesellschaftlichen Bedeutung des Sports und seiner damit einhergehenden Verwissenschaftlichung wurde erstmals 1969 von der Sportpädagogik als Teilgebiet der sich ebenfalls entwickelnden Sportwissen‐ <?page no="58"?> schaft gesprochen. Heute ist die Sportpädagogik eine von vielen sportwissenschaftli‐ chen Teildisziplinen, in deren Fokus die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Bildung und Erziehung in sportlichen Kontexten steht (Grupe, 1984; Grupe & Kurz, 2003; Krüger, 2022b). Allerdings kennzeichnet sie ebenfalls eine Nähe zur Erziehungs‐ wissenschaft (Prohl, 2013), auch wenn ihr dortiger Stellenwert eher als „ernüchternd gering“ (Beckers, 2001, S. 25) bezeichnet wurde und die Sportpädagogik sich zu großen Teilen unabhängig von der Erziehungswissenschaft entwickelt hat (Grupe, 2001). Gleichwohl existiert heute eine Kommission Sportpädagogik in der Sektion Pädagogische Freizeitforschung und Sportpädagogik in der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. Eine Auseinandersetzung mit der Sportpädagogik und ihres „state of the art“ ist im Rahmen einer größeren Anzahl sportwissenschaftlicher Studiengänge, aber auch vieler anderer Ausbildungen im Bereich des Sports unabdingbar, wofür folgende Gründe, Entwicklungen und Überlegungen sprechen: ■ Traditionell hat sich die Sportpädagogik auf den Schulsport konzentriert (Grupe & Kurz, 2003) und tut dies mit Blick auf die erzieherische Funktion von Schulsport immer noch (Fessler et al., 2010; König & Krüger, 2022; Serwe, 2011), sodass sie für akademisch gebildete Sportlehrkräfte zur Berufs- und Beratungswissenschaft geworden ist (Haag & Hummel, 2001; Hummel, 2012; König, 2022; Prohl, 1994; Prohl & Gröben, 1997). ■ Allerdings hat sich die Sportpädagogik auch anderen Altersgruppen und Settings geöffnet. Dies hatte und hat zur Folge, dass heute ebenso die Einflüsse von Training und Wettkampf, Gesundheit, Abenteuer, Freizeit etc. hinsichtlich ihrer Wirkungen auf Erziehung und Bildung untersucht werden (Grupe & Kurz, 2003; Haag & Hummel, 2001; Kuhlmann & Stibbe, 2022; Prohl & Lange, 2004). Der Gegenstand der Sportpädagogik ist somit „umfassend auf Bewegung, Spiel und Sport im Rahmen der Bewegungskultur gerichtet“ (Scheid & Oesterhelt, 2022, S. 18). Damit wird sie zum Inhalt von Bachelor- und Master-Studiengängen unterschiedlichster Schwerpunkte und Profilierungen. ■ Weiterhin bezeichnet die Sportpädagogik sowohl pädagogisches Handeln und sportpädagogische Praxis als auch das Reflektieren über diese sportpädagogische Praxis in wissenschaftlichen Diskursen (Grupe & Krüger, 2007). Damit ist letztend‐ lich die Absicht verbunden, sportpädagogische Praxis zu verbessern. Insofern sind die Sportpädagogik und ihre Erkenntnisse auch für alle praktischen Tätigkeiten, wie Unterrichten, Trainieren und Lehren, von Bedeutung. ■ Schließlich ist bezüglich des wissenschaftlichen Diskurses und der Entwicklung der Disziplin festzuhalten, dass seit etwa Mitte der 1980er Jahre sieben Werke zur Grundlegung und Einführung in die Sportpädagogik verfasst wurden (zusam‐ menfassend Balz et al., 2022). Sie alle sind für die aktuellen Diskussionen (immer noch) relevant, zumal in ihnen eine Vielzahl an Autorinnen und Autoren mit unterschiedlichsten Perspektiven und Hintergründen zu Wort kommt. 58 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="59"?> Die Sportpädagogik ist folglich aus ihrem ursprünglichen Schatten einer reinen Schul‐ sportorientierung herausgetreten und befasst sich in der Zwischenzeit mit nahezu allen Bereichen des Sports. Deshalb kann sie die Bearbeitung ihrer zentralen Fragestellungen nach Erziehung und Bildung in sportlichen Kontexten nicht allein aus sich heraus vornehmen, sondern muss auch Ergebnisse aus anderen sportwissenschaftlichen Disziplinen, z. B. der sportpsychologischen Lernforschung (Magnaguagno et al., 2016; Schmidt & Conzelmann, 2011; Tietjens et al., 2007), der trainingswissenschaftlichen Belastungsforschung (König, 2011, 2023; Thienes & Baschta, 2016) oder der bewegungs‐ wissenschaftlichen Motorikforschung (Lutz, 2018; Scherer, 2015) aufnehmen und diese mit Blick auf deren Auswirkungen auf Bildung und Erziehung diskutieren (Grupe & Kurz, 2003). Lernziele ■ Die Leserinnen und Leser erfahren, mit welchen Phänomenen sich die Sport‐ pädagogik beschäftigt und welche Themen aus ihrer Sicht relevant sind. ■ Sie erkennen, wie die Sportpädagogik entstanden ist, wie sie sich bis zum heutigen Stand entwickelt hat und welche Verbindungen zu ihrer Mutterwis‐ senschaft bestehen. ■ Sie lernen wissenschaftliche Zielsetzungen und Aufgaben der Sportpädagogik kennen und reflektieren, mit welchen Theorien sich die Sportpädagogik den für sie relevanten Phänomenen und Themen nähert, welchen Problem-/ Frage‐ stellungen sie sich widmet und welche Methoden dabei typischerweise zum Einsatz kommen. ■ Sie erfahren, in welchem Verhältnis die Sportpädagogik zur Sportpraxis steht, insbesondere welche Bedeutung die Sportpraxis ihren Forschungsergebnissen beimisst. 3.1.1 Einführung - Phänomene und Themen der Sportpädagogik Blickt man aus heutiger Sicht auf die Sportpädagogik als Teildisziplin der Sportwissen‐ schaft, können ihre Grundfragen und Aufgaben in Anlehnung an Prohl (2010) in einem ersten Schritt folgendermaßen umrissen werden: ■ Die Sportpädagogik begründet ihr wissenschaftliches Tun in der philosophischen Lehre vom Menschen, der Anthropologie, deren Vorannahmen - etwa in Form von Menschenbildern - jegliche erzieherische Entscheidung beeinflussen. ■ Sie orientiert sich einerseits an Theorien und Themen der Erziehungswissenschaft, arbeitet andererseits aber auch mit dem Methodeninventar sowie mit Themen der Sportwissenschaft bzw. ihrer Teildisziplinen. ■ Sie versucht, die Sportdidaktik als Theorie über Situationen, Phänomene und Prozesse des Lehrens und Lernens (Scheid & Oesterhelt, 2022) sowie des Sport‐ 3.1 Sportpädagogik (Stefan König) 59 <?page no="60"?> unterrichts zu beraten, auch wenn sich die Sportdidaktik in den vergangenen Jahren zu einer eigenen wissenschaftlichen und empirisch forschenden Disziplin entwickelt hat (Oesterhelt et al., 2020). Vor diesem Hintergrund ist zum einen eine bildungstheoretische Perspektive der Sport‐ pädagogik in den Blick zu nehmen. Diese wird in der Regel als normativ bezeichnet und befasst sich mit der Frage, welchen spezifischen Beitrag eine Teilhabe an der Bewegungskultur zur Bildung des Menschen leisten kann. Diese Perspektive war und ist untrennbar mit der geisteswissenschaftlichen Pädagogik verbunden (Grupe & Krüger, 2007; Gudjons, 2008; Prohl, 2010). Seit einigen Jahren erlebt sie im Rahmen der Diskussion um den Auftrag des Schulsports wieder eine Rennaissance (Balz, 2009; Beckers, 2001; Krüger, 2019; Neuber et al., 2013). Dem ist eine erfahrungswissenschaftliche Perspektive gegenüberzustellen, die mittels sozialwissenschaftlicher Verfahren sportpädagogisch relevante Phänomene beschrei‐ ben, analysieren und möglichst auch erklären möchte. Ihr geht es um die Erhebung und Prüfung von Tatsachen der Erziehungswirklichkeit (Prohl, 2010), wofür empirischquantitative und qualitativ-interpetative Ansätze sowie Mixed-Methods-Studien zur Anwendung kommen (Neuber et al., 2022). Ein Buch zur Empirie des Schulsports (Balz et al., 2020) zeigt diese gesamte Spannbreite im Detail auf. Betrachtet man diese beiden generellen Perspektiven als grundlegende Positionen, lassen sich in einem weiteren Schritt und in Anlehnung an Meinberg (1981), Scherler (1992) sowie Grupe und Krüger (2007) folgende zentralen Subdisziplinen der Sportpä‐ dagogik benennen (siehe auch Kuhlmann & Stibbe, 2022): Eine Historische Sportpädagogik befasst sich mit der Geschichte des Gegenstands von Sportpädagogik, also insbesondere mit der Frage ihrer Entstehung, aber auch mit den erzieherischen Absichten, die mit Gymnastik, Turnen, Leibesübungen und Sport in unterschiedlichen Epochen verfolgt wurden. Beispiel hierfür ist eine problem‐ geschichtliche Betrachtung gesellschaftlicher Interessen und politischer Strömungen im 19. Jahrhundert, die letztendlich zur Institutionalisierung von Turnen als Schulfach geführt haben und somit sportdidaktische Konzeptionen der Neuzeit durchaus beein‐ flussen (Hummel & Balz, 1995; Krüger, 2022b). Im Detail wird auf diesen Bereich der Sportpädagogik in Kapitel 3.1.2 eingegangen. Die Systematische Sportpädagogik ist nach Scherler (1992) als Gegensatz zur his‐ torischen Perspektive zu sehen und bemisst den Erkenntnisgewinn folglich und ausschließlich an der Gegenwart. Demzufolge sind Themen wie die erkenntnis- oder handlungstheoretische Basis der Sportpädagogik, ihre wissenschaftstheoretische Diskussion und Positionierung sowie ihre methodologische Konzeption von zentralem Interesse (Scherler, 1992). Exponierte Beispiele in der Entwicklung der Sportpädagogik hierfür sind zum einen die von Kurz (1992) und Scherler (1992) geführte Diskussion, ob die Sportpädagogik eine Teildisziplin der Sportwissenschaft oder aber integrativer Kern ist, sowie die von Krüger und Grupe (1998) formulierten Thesen zum Erhalt des Begriffs „Sportpädagogik“ und gegen die Einführung eines Terminus „Bewegungspädagogik“. 60 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="61"?> Die Analyse der Sportpädagogik ist viele Jahre fast ausschließlich mit Blick auf ihre Entwicklung in Deutschland geführt worden (Grupe & Krüger, 2007; Prohl, 2010). Demgegenüber betrachtet die Vergleichende Sportpädagogik die Rolle von Bewegung, Spiel und Sport und deren Stellung in erzieherischen Kontexten in anderen Ländern oder Kulturen. Beispiele hierfür sind in jüngster Zeit verstärkt durchgeführte Analysen von Schulsportkonzepten in Europa (Onofre et al., 2012a, 2012b; Richter, 2007), die länderspezifische Leitideen schulischen Sportunterrichts heraus- und gegenüberstel‐ len. Diesbezüglich werden beispielsweise unterschiedliche Schwerpunktsetzungen zwischen Bewegungs- (Niederlande), Gesundheits- (Finnland) und Sporterziehung (Deutschland) deutlich. Gleiches gilt für eine aktuelle Studie zu einem Ländervergleich bezüglich der Vermittlung von Sportspielen (Dania et al., 2023). Die Anthropologische Sportpädagogik ist organisch aus der Theorie der Leibeserzie‐ hung hervorgegangen (Grupe & Krüger, 2007). Meinberg (1981) sieht in ihr eine Verknüpfung von anthropologischen Ansätzen mit fachdidaktischen Modellen, um Wesenszüge des Menschen für didaktische Entwürfe aufzuarbeiten. Jüngste Analysen zum Zusammendenken von Sport und Mensch im Kontext bildungstheoretischer Überlegungen haben Gaum et al. (2022) vorgelegt. Ein konkretes Beispiel für solche Überlegungen sind spieltheoretische Ansätze, mit deren Hilfe etwa Sutton-Smith (1978) und Grupe (1982) versucht haben, Gründe, Ursachen und Erklärungsansätze menschlichen Spielens zu beschreiben. Hierbei steht der Mensch zwar im Mittelpunkt, allerdings wäre eine anthropologische Vorgehensweise einseitig, wenn sie nur den Menschen in seiner Individualität betrachten würde. Vielmehr müssen auch kulturelle, soziale und gesellschaftliche Einflüsse auf das menschliche Handeln berücksichtigt werden. Damit wird auch der Gefahr entgangen, den Menschen nur als eine Konstante zu sehen; gesellschaftliche und kulturelle Gegebenheiten verändern sich und ein solcher Wandel führt immer auch zu einer Veränderung des menschlichen Verhaltens; jüngstes Beispiel hierfür ist der enorme Aufschwung von E-Sport (Borggrefe, 2018; Wendeborn et al., 2018). Die Schulsport-Pädagogik, die sich in Anlehnung an die Schulpädagogik mit Erzie‐ hung und Bildung im Schulsport befasst, steht in einem besonderen Spannungsfeld: Sie ist es, die einerseits der Fachdidaktik pädagogische Begründungen für Unterrichtsziele und -inhalte zu liefern hat (Prohl, 2010), demgegenüber aber besonders kritisch die Er‐ kenntnisse anderer sportwissenschaftlicher Teildisziplinen berücksichtigen soll (Kurz, 1992). Eng mit ihr verbunden ist deshalb die Fachdidaktik Sport (Scheid & Oesterhelt, 2022), die wiederum in engem Zusammenhang mit einer Didaktik und Methodik der Sportarten bzw. der Sportaktivitäten steht (Grupe & Krüger, 2007). Beispiele für schulsportpädagogische Forschungsfragen sind unter anderem, welche Rollen Bewegung, Spiel und Sport in der Ganztagesschule (Naul, 2011) oder im schulischen Innovationsprozess respektive einer Schulprogrammentwicklung spielen, ob und wie Lehrpläne von der administrativen in die Unterrichtsebene transformiert werden können (Baumberger, 2018; Kölner Sportdidaktik, 2016) und inwiefern fachdidaktische 3.1 Sportpädagogik (Stefan König) 61 <?page no="62"?> Leitideen weiter zu entwickeln sind (Balz, 2009; Gissel, 2019; Ruin & Stibbe, 2023; Serwe, 2011; Thiele & Schierz, 2011). Schließlich ist die Außerschulische Sportpädagogik zu nennen, deren Aufgabe darin besteht, Fragen von Erziehung und Bildung in sportlichen Kontexten außerhalb der Schule wissenschaftlich zu beleuchten. Spielte sie lange Zeit eine eher untergeordnete Rolle in der Sportpädagogik, ist sie heute mit ihren Themenfeldern der Vorschul-, Freizeit-, Gesundheits- oder Leistungserziehung (Krüger, 2019; Neuber et al., 2022; Sygusch et al., 2022) nicht mehr wegzudenken, zumal sie in der Zwischenzeit nicht nur für Sportlehrkräfte, sondern auch für Trainerinnen und Trainer sowie Übungsleiterin‐ nen und -leiter zur Berufswissenschaft wurde (Haag & Hummel, 2001). Beispielhaft kann die außerschulische Sportpädagogik am Thema einer edukativen Sportgeragogik (Pache, 2001) erläutert werden. Hierbei geht es um die Bildung älterer Menschen mittels Bewegung unter der Zielsetzung des lebenslangen Lernens - ein Thema, dessen zunehmende Bedeutung vor dem Hintergrund des demografischen Wandels erst deutlich wird. Vergleichbare Überlegungen sind vor allem im Gesundheitssport (u. a. Sygusch et al., 2022), aber auch im Vereinssport (u.-a. Krüger, 2019) wahrzunehmen. Zusammenfassend lässt sich an dieser Stelle sagen, dass die Sportpädagogik einerseits zwei grundlegende wissenschaftliche Positionen - eine bildungstheo‐ retisch-normative und eine erfahrungswissenschaftlich-empirische - verkörpert, auf die im Rahmen der methodologischen Überlegungen und Analysen in Kapitel 3.1.3 noch näher einzugehen ist. Andererseits besteht die Sportpädagogik aus mehreren Subdisziplinen, die unterschiedliche thematische Schwerpunkte bear‐ beiten. Sie verdeutlichen auch die Möglichkeit von interdisziplinärer Forschung mit Disziplinen außerhalb der Sportpädagogik sowie der Sportwissenschaft; u. a. mit der Kulturanthropologie für die vergleichende Sportpädagogik und der Wissenschaftstheorie für die systematische Sportpädagogik (Grupe & Krüger, 2007; Scherler, 1992). Entscheidend ist bei all diesen charakteristischen Merkmalen und Phänomenen aller‐ dings auch die bereits zu Beginn angedeutete Überlegung, dass sportpädagogische Forschung und Lehre immer auch praktisches Handeln in verschiedenen Handlungs‐ feldern im Fokus hat (Grupe & Krüger, 2007; Krüger, 2019). Verbunden damit ist letztendlich eine Besinnung auf berufliche Anforderungs- und Anwendungsfelder, die im Zuge einer Zunahme zentrifugaler Kräfte im Prozess der Ausdifferenzierung der Sportwissenschaft schrittweise verloren ging. Dieser Berufsfeldbezug, der den Zusam‐ menhalt der sportwissenschaftlichen Teildisziplinen wesentlich beeinflusste, ist in den vergangenen Jahren in den Hintergrund getreten. Gerade in diesem Zusammenhang steht die Sportpädagogik in einer besonderen Verantwortung, war doch die Entstehung und Etablierung der modernen Sportwissenschaft ursächlich mit den Erfordernissen einer wissenschaftlichen Ausbildung von Sportlehrerinnen und -lehrern und damit insbesondere mit einem sportpädagogischen Ansatz verknüpft (Hummel, 2012). 62 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="63"?> 3.1.2 Entstehung und Entwicklung der Sportpädagogik Mit Überlegungen zur Entstehung und Entwicklung der Sportpädagogik wird nach Prohl (2010) eine problemgeschichtliche Perspektive eingenommen, deren Aufgabe es ist, Fragen der Erziehung und Bildung durch Bewegung in historischen Kontexten zu analysieren. Bei diesem Vorgehen ist man sich heute einig, dass das ausgehende 18. Jahrhundert bzw. das Zeitalter der Aufklärung als Phase des „take off “ (Cachay, 1988) zu sehen ist. Vor diesem Hintergrund sind folgende Etappen und Epochen als Meilensteine der Entwicklung der Sportpädagogik zu betrachten (für Details siehe Krüger, 2019, 2022a, 2022b): Der französische Pädagoge Rousseau (1712-1778) gilt als Wegbereiter der modernen Leibeserziehung und als Ahnherr der Sportpädagogik (Krüger, 2019). Seine große Leistung bestand darin, dass er - erfüllt von einer radikalen Kritik an der Gesellschaft und der Erziehungspraxis seiner Zeit (Dietrich & Landau, 1990; Prohl, 2010) - in seinem Roman „Émile“ (1762) grundlegende Gedanken über die Erziehung und die Rolle von Körper, körperlichen und sinnlichen Erfahrungen sowie von Spiel und Körpertraining für die Erziehung entwickelte (Krüger, 2019). Allerdings wird menschliche Bewegung bei Rousseau nicht für sich oder in ihrer mechanisch-körperlichen Entwicklung betrachtet, sondern als ein Medium, mit dem das Kind die Welt in Erfahrung bringt und dabei Urteilskraft entwickelt (Dietrich & Landau, 1990). Somit kann gesagt werden, dass die Wirkung, die Rousseau auf die Entwicklung der Sportpädagogik hatte, darin liegt, dass er erstmalig die Leiblichkeit des Menschen in den Mittelpunkt erzieherischer Überlegungen stellte (Cachay, 1988; Dietrich & Landau, 1990; Krüger, 2005). Als Begründer einer (ersten) Theorie der Leibeserziehung und letztendlich auch der Sportpädagogik gelten heute die Philanthropen, ein Kreis von Reformpädagogen in Deutschland, die sich Ende des 18. Jahrhunderts zusammenfanden, um unter anderem auch das Programm Rousseaus umzusetzen. Ihr von Bildungsoptimismus geprägtes Erziehungskonzept (Prohl, 2010) zielte darauf ab, dass die Zöglinge vor allem vernünf‐ tig und natürlich erzogen wurden, um zu tüchtigen, praktischen und aufgeklärten Bürgern zu werden. In diesem Bestreben spielte auch die Gymnastik eine wesentliche Rolle, wobei die Philanthropen diese Form der Leibesübungen unter rein funktionalen Nützlichkeitsaspekten betrachteten (Krüger, 2005). Allerdings war das praktische Tun nur eine Seite der philanthropischen Bewegung; die andere war eine für die damalige Zeit stattliche Anzahl an Veröffentlichungen, die sich theoretisch mit dem Gegenstand der Leibesübungen auseinandersetzte (Grupe & Krüger, 2007). Insofern können die Philanthropen als Begründer und Wegbereiter einer ersten pädagogischen Theorie der Leibeserziehung bezeichnet werden (Krüger, 2022a), wobei GutsMuths (1759-1839) und sein Buch „Gymnastik für die Jugend“ (1793) besonders hervorzuheben sind. Jahn (1778-1852) prägte die erzieherischen Momente von Leibesübungen in einer völlig anderen Art und Weise. Aufgrund der politischen Situation Anfang des 19. Jahr‐ hunderts in Deutschland (u. a. französische Hegemonie, Kleinstaatentum) trat er an, Turnen unter der Leitidee einer Nationalerziehung zu realisieren (Krüger, 2022a). Zu diesem Zweck gründete er 1811 den ersten Turnverein in Berlin auf der Hasenheide. 3.1 Sportpädagogik (Stefan König) 63 <?page no="64"?> Dadurch wollte Jahn letztendlich mit Leibesübungen, die er Turnen nannte, zur poli‐ tischen Erziehung seiner Zöglinge beitragen (Krüger, 2022b). Er tat dies, indem er sich mit seiner Turnbewegung an einer aus vielen Facetten bestehenden Nationalbewegung orientierte (Krüger, 2005, S. 43). Im Vergleich zu den Philanthropen und hier vor allem zu GutsMuths ging es Jahn weniger um eine individuelle Erziehung, sondern vielmehr um das „Vaterland“, also um eine gesellschaftliche bzw. politische Zielsetzung. Unabhängig von diesen Unterschieden ist festzuhalten, dass auch das Jahnsche Turnen eine sportpädagogische Konzeption verkörpert, in deren Zentrum Leibesübungen als Instrument der Erziehung standen. Nach dem Schulturnerlass von 1842, der die gesetzliche Grundlage dafür schuf, dass Leibeserziehung in den Kreis der Volkserziehungsmittel aufgenommen wurde, sorgte Spieß (1810-1858) für eine inhaltliche Gestaltung des Schulturnens. Mit seinen Frei-, Ordnungs- und Gerätübungen entwickelte er ein Konzept, das der formalen und autoritären Ordnung der Restauration in den deutschsprachigen Staaten nachkam (Cachay, 1988). Auf diese Weise gelang es ihm, Turnen unterrichtsfähig zu machen und als reguläres Fach zu etablieren. Folglich leistete Spieß - trotz seiner reaktionären Ausrichtung - Bahnbrechendes für das Fach und die Sportpädagogik, zumal seine Vorstellungen auch vorsahen, dass der Unterricht von wissenschaftlich gebildeten Lehrkräften erteilt wurde (Grupe & Krüger, 2007). Aus diesem Grund wurden Mitte des 19. Jahrhunderts die ersten Turnlehrerbildungsanstalten aufgebaut, in denen sportpädagogisches Wissen vermittelt wurde. Mit Blick auf die oben diskutierten Konzepte kann festgehalten werden, dass Spieß einerseits mit einer fast pedantischen Systematik zeigte, dass Turnen für einen geregelten Unterrichtsbetrieb geeignet war, und andererseits - durch die Einführung und den Bau von Turnlehrerbildungsanstal‐ ten forciert (Krüger, 2019) - dafür sorgte, dass pädagogisch qualifizierte Fachkräfte ausgebildet wurden, was auch zu einer großen Anzahl von Lehrbüchern und Schriften über Turnen führte (Grupe & Krüger, 2007; Krüger, 2005). Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts sorgten verschiedene Ereignisse und Strömungen dafür, dass eine Abkehr vom Spießschen Gliederpuppenturnen erfolgte. Zu nennen sind in diesem Zusammenhang insbesondere reformpädagogische Entwick‐ lungen (Neuber et al., 2013), vor allem aber die Jugendbewegung, das Mädchenturnen sowie die Spielbewegung, die durch den Spielerlass von 1882 enormen Aufschwung erfuhr. Insbesondere letztere richtete sich gegen die verschulte „Künstlichkeit“ des Spießschen Turnens (Dietrich & Landau, 1990, S. 25; Krüger, 2019, S. 160). Diese Gedanken wurden durch Gaulhofer und Streicher mit ihrem Konzept des Natürlichen Turnens in die sportpädagogische Diskussion eingeführt und vertieft. Grundgedanken dieser Phase der sportpädagogischen Entwicklung waren zum einen ein Rückgriff auf Rousseau und zum anderen die Integration natürlicher Bewegungsformen. Natürliches Turnen bedeutet folglich Turnen und Leibeserziehung vom Kinde aus, d. h., Kinder sol‐ len von sich aus Bewegungsformen entdecken und selbsttätig Aufgaben lösen (Grupe & Krüger, 2007; Krüger, 2022b). Kinderturnen an Schulen hatte deshalb vom Grundsatz auszugehen, die natürlichen Bewegungen der Kinder zu erhalten und zu entfalten 64 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="65"?> (Prohl, 2010). Fasst man diese Grundannahmen des Natürlichen Turnens zusammen, wird deutlich, dass es sich hierbei um eine sportpädagogische Konzeption handelt, in deren Mittelpunkt das Individuum stand, dessen Potenziale es mit Bewegung zu fördern galt. Die bis zu diesem Punkt beschriebene Entwicklung der Sportpädagogik erfährt 1933 mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten einen Bruch, da das Erziehungs‐ system ab diesem Zeitpunkt den ideologischen Zielen der Partei (NSDAP) gleichge‐ schaltet wurde. Damit gab ausschließlich der Staat pädagogische Zielsetzungen und Inhalte vor, was die Leibeserziehung in den Dienst einer menschenverachtenden Rassenideologie stellte (Krüger, 2022b). Insofern wird dieser zeitliche Abschnitt auch als politische Leibeserziehung bezeichnet, eine Konzeption, die später in der DDR und der Sowjetunion (Grupe & Krüger, 2007; Krüger, 2022b; Prohl, 2010), aber auch in Ländern Lateinamerikas weiterverfolgt wurde. Für die heutige Sportpädagogik hat dieser Ansatz zumindest in Europa keine Bedeutung mehr. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelte sich die Theorie der Leibeserziehung anknüpfend an den pädagogischen Vorstellungen der Weimarer Zeit und damit an den Zielen und Inhalten des Natürlichen Turnens. Konsequenterweise standen erzieherische Aspekte wieder im Mittelpunkt sportpädagogischen Denkens, wobei die grundlegende Annahme darin bestand, dass Leibeserziehung ein unverzichtbarer Bestandteil der Gesamterziehung zu sein habe. In der Folge wurden fachdidaktische Konzepte ent‐ wickelt, in denen aufgezeigt wurde, inwieweit allgemeine Bildungsgehalte (z. B. Spielen oder Wetteifern) anhand konkreter Bildungsinhalte (z. B. Handball) vermittelt werden konnten, welche letztendlich zu jener wünschenswerten Gesamtverfassung des Menschen - der Bildung - beitragen. Mit dieser Annahme ist eine eher distanzierte Position zu dem sich entwickelnden und ausdifferenzierenden Sport verbunden, da die erzieherischen Momente von Leibesübungen eindeutig dominierten. Die besondere Leistung dieser Phase in der Entwicklung der Sportpädagogik war, Leibesübungen nach dem politischen Missbrauch durch die Nationalsozialisten wieder als demokratischen Inhalt schulischer Bildung und Erziehung akzeptabel zu machen. Dies schlug sich unter anderem in einem Schulsportdokument, den Empfehlungen zur Förderung der Leibeserziehung (1956) und einer ganzen Reihe an fachdidaktischen Entwürfen nieder, womit das Fach Leibeserziehung ab Mitte der 1950er Jahre wieder an Bedeutung gewann. Mit der kontinuierlichen Verbreitung des Sports in der Gesellschaft und im Vorfeld der Olympischen Spiele von München 1972 erfolgte eine zunehmende Distanzierung zur Theorie der Leibeserziehung; zu theoretisch und zu abstrakt waren die dort vertretenen sportpädagogischen Überlegungen und vor allem zu weit von der Unterrichtspraxis und ihren methodischen Anforderungen entfernt. Darüber hinaus wurde im Kontext lern- und curriculumtheoretischer Überlegungen die Qualifizierung der Heranwachsenden eine immer wichtigere Aufgabe von Schule. Schließlich darf auch nicht vergessen wer‐ den, dass „der Begriff der Leibeserziehung durch seine politische Instrumentalisierung im Dritten Reich kaum noch tragbar war“ (Krüger, 2022b, S. 40-41). Diese Entwicklungen 3.1 Sportpädagogik (Stefan König) 65 <?page no="66"?> führten zum Entstehen einer Theorie des Sportunterrichts. In deren Fokus stand eindeutig die Qualifizierung für den außerschulischen Sport, was für die Entwicklung der Sport‐ didaktik weitreichende Konsequenzen hatte. Es ging nicht mehr um die Vermittlung bildender Gehalte, sondern um die Vermittlung von Fertigkeiten, Fähigkeiten und Kennt‐ nissen, womit letztendlich auch eine sportmethodische Perspektive in den Blick rückte. Eng mit diesen Überlegungen verbunden war die Operationalisierung von Lernzielen (Überprüfbarkeit) im Dienste qualifizierender Maßnahmen. Dieser sportpädagogische Paradigmenwechsel, der im Übrigen zu einem weiteren Schulsportprogramm, dem 1.-Aktionsprogramm für den Schulsport von 1972, führte, hatte nachhaltige Folgen, da ab diesem Zeitpunkt schulischer Sportunterricht eine hohe Affinität zum außerschulischen Sport entwickelte. Systematisiert man an dieser Stelle die bis hierher dargestellten sportpädagogischen Konzeptionen, lassen sich in Anlehnung an Prohl (2010) zwei Argumentationsfiguren herausarbeiten, die erzieherisches Wirken im Kontext von Bewegung, Spiel und Sport seit Ende des 18.-Jahrhunderts bis heute kennzeichnen: 1. Das erste Argument findet sich bei Rousseau, bei den Reformpädagogen, vor allem aber in der Theorie der Leibeserziehung. Es geht vom Subjekt aus, d.-h., die Erziehung des Kindes oder des Jugendlichen und das, was für sie gut ist, stehen im Mittelpunkt. Wenn also heute argumentiert wird, dass Heranwachsende eine ganzheitliche Erziehung benötigen und diese auch eine körperliche Komponente zu umfassen habe, kommt das einer aktuellen Konkretisierung dieser Denkweise gleich. Die heute verwendete Formulierung diesbezüglich lautet Erziehung durch Sport; ihr Ziel ist letztendlich eine Persönlichkeitsbildung. Ein solcher Ansatz ent‐ spricht formalen Bildungskonzepten, die auf eine Förderung der Kräfte, Fähigkeiten und Dispositionen des Individuums abzielen (Bindel & Erhorn, 2022; Prohl, 2010). 2. Das zweite Argument setzt an gesellschaftlichen Fragestellungen, Problemen oder wünschenswerten Qualifikationen an und begründet Bewegung als Bestandteil von Erziehung aus diesen heraus. Nicht das Subjekt ist Ausgangspunkt erziehe‐ rischen Denkens, sondern gesellschaftliche Erwartungen. In einem solchen Fall wird von materialen Bildungskonzepten gesprochen (Gissel & König, 2022; Prohl, 2010). Blickt man aus dieser Perspektive auf das Thema der Gesundheitserziehung und begründet diese mit der enormen Zunahme an Bewegungsmangelkrankheiten bei Kindern und Jugendlichen und den damit einhergehenden dramatischen volkswirtschaftlichen Kosten, ist dies ein Beispiel für diese Argumentationsfigur. Allerdings, und das darf an dieser Stelle nicht vergessen werden, ist auch das heute dominant gebrauchte Argument einer Erziehung zum Sport und der Qualifizierung für den Sport anzufügen. Bezugspunkt ist in diesem Fall der außerschulische Sport als Massenphänomen und folglich Ansatzpunkt vielfältiger sportpädagogischer Überlegungen, die den Sport einerseits abbilden und andererseits das Individuum und seine Motivation zu lebenslangem Sporttreiben in den Mittelpunkt rücken. 66 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="67"?> Prohl (2010) hat diese beiden grundlegenden Argumente entlang der Entwicklung der Sportpädagogik aufgearbeitet und als Spannungsfeld von Individuum und Gesellschaft in der Leibeserziehung bezeichnet. Abbildung 3.1.1 stellt diese Entwicklung im Über‐ blick dar. Abb. 3.1.1: Das Spannungsverhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft in der Leibeserziehung (Prohl, 2010, S.-84) Deutlich wird in Abbildung 3.1.1, dass dieses Spannungsverhältnis heute zumindest mit Blick auf den Auftrag des Schulsports aufgelöst und unter der Leitidee eines Erziehenden Sportunterrichts beide Argumentationsfiguren vernetzt wurde. Dies bedeutet, dass Bewegung, Spiel und Sport, unter einer erzieherischen Perspektive (Beitrag zur Allgemeinbildung) betrieben, die Erziehungsziele der Qualifizierung („Sachgebietserschließung“) für den Sport in der Gesellschaft und der Persönlichkeits‐ bildung realisieren sollten. Bereits 1990 haben Dietrich und Landau eine ähnliche Sichtweise in Form einer Systematisierung sportpädagogischer Grundpositionen vorgelegt, in der die Natur des Menschen (Person) sowie die jeweilige gegenwärtige gesellschaftliche Lage (Ge‐ sellschaft) einen Gegensatz darstellen. Dieser wird allerdings durch eine zusätzliche 3.1 Sportpädagogik (Stefan König) 67 <?page no="68"?> Achse erweitert (Abbildung 3.1.2), nämlich einer Orientierung an der Tradition sowie an möglichen zukünftigen Perspektiven. Diesbezüglich geht man heute davon aus, dass Erziehung nicht unabhängig und außerhalb der geschichtlichen Entwicklung konzipiert werden kann; dies zeigt sich beispielsweise auf einer inhaltlichen Ebene an einer nach wie vor existierenden Dominanz der Sportarten im Schulsport. Ebenfalls ist klar, dass Erziehung immer auch auf die Zukunft gerichtet sein sollte (Dietrich & Landau, 1990). Diese Grundpositionen hat Wolters (2012) in einer schulsportpä‐ dagogischen Analyse aufgegriffen und die Gegenwarts- und Zukunftsorientierung des Sportunterrichts gegenübergestellt. Deutlich wird hierbei, dass auch das Fach Sport zur Zukunftsorientierung von Schule beitragen muss, wenn es seinen Platz als Pflichtunterricht nicht verlieren will (Schierz, 2009). Insofern muss sich die Sportpä‐ dagogik auch mit „zukünftigen Aufgaben des Schulsports“ (König, 2022) auf der Basis schultheoretischer Überlegungen auseinandersetzen. Abb. 3.1.2: Grundpositionen der Sportpädagogik (Dietrich & Landau, 1990, S.-52) Betrachtet man abschließend die Entwicklung der Sportpädagogik mit Blick auf ihre Mutterwissenschaft, die Pädagogik bzw. Erziehungswissenschaft, stellt man fest, dass Sport in seinen vielfältigen Ausprägungen als Erziehungsfeld hier eher weniger anerkannt wird; nur sehr zögerlich nimmt die Erziehungswissenschaft sportliche Kontexte in ihren Diskurs auf. Stellen Grupe und Krüger (2007) die Orientierung der Sportpädagogik zwischen Sportwissenschaft und Erziehungs‐ 68 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="69"?> wissenschaft noch recht optimistisch dar, spricht die Analyse erziehungswissen‐ schaftlicher Literatur eine etwas andere Sprache (Beckers, 2001): Überlegungen zum Nachweis einer pädagogischen Relevanz von Leibeserziehung und Sport finden dort kaum Resonanz, auch wenn jüngere Entwicklungen einen vorsichti‐ gen Optimismus erlauben: Die Sportpädagogik hat sich auf institutioneller Ebene Zugang zur Erziehungswissenschaft verschafft: Immerhin existiert unter dem Dach der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft (DGfE) bereits seit einigen Jahren eine Sektion Sportpädagogik, die regelmäßig Fragestellungen zum erzieherischen Wert von Bewegung, Spiel und Sport innerhalb der Scientific Community der Erziehungswissenschaft diskutiert. Somit kann im Hinblick auf die Entwicklung der Sportpädagogik festgehalten werden: ■ Die Phase ihres „take off “ ist im ausgehenden 18. Jahrhundert in der philanthro‐ pischen Bewegung angesiedelt, deren Mitglieder infolge der Aufklärung ein erstes „sportpädagogisches“ Konzept entwickelten. ■ Die Entwicklung der Sportpädagogik ist zweifelsohne durch Konzeptionen geprägt worden, in denen viele Jahre und Jahrzehnte eine Erziehung durch Sport im Mittelpunkt stand, deren Bezugspunkte gesellschaftliche Themen oder aber das zu erziehende Individuum waren. ■ Institutionell waren diese Konzeptionen zunächst in Einzelschulen, den Philan‐ thropinnen, und in den Vereinen der ersten Generation verankert, weshalb sie nur bestimmten Schichten der Bevölkerung offenstanden. Erst mit der Öffnung der Turnplätze, der Einrichtung öffentlicher Schulen und der damit verbundenen Verbreitung des Schulturnens wurde Turnen breiteren Bevölkerungsschichten zugänglich (Cachay, 1988). ■ Mit dem Aufkommen des Sports entstand schließlich die heute stark verbreitete pädagogische Zielsetzung einer Erziehung zum Sport, die in Anlehnung an Prohl (2010) und das von ihm beschriebene Spannungsverhältnis (Abbildung 3.1.1) auf eine Teilnahme am Sport unserer Gesellschaft - und folglich auf den Bezugspunkt einer gesellschaftlichen Orientierung - abzielt. 3.1.3 Themenfelder, Theorien und Methoden der Sportpädagogik Die Sportpädagogik hat sich in Form zweier unterschiedlicher wissenschaftlicher Ausrichtungen entwickelt: einer empirisch-analytischen und einer normativen (Grupe & Krüger, 2007, Neuber et al., 2022). Sie lassen sich in einem ersten Schritt wie folgt beschreiben (Balz, 2009; Prohl, 1993): ■ Die normative Sportpädagogik entspringt der Tradition der Geisteswissenschaften und der geisteswissenschaftlich-hermeneutischen Pädagogik. Ihr Fokus liegt auf der Formulierung von wünschenswertem Handeln in sportlichen Kontexten, weswegen sie mittels geisteswissenschaftlicher Methoden Soll-Sätze formuliert 3.1 Sportpädagogik (Stefan König) 69 <?page no="70"?> (Danner, 2006; Grupe & Krüger, 2007; Rittelmeyer & Parmentier, 2001). Sie charak‐ terisiert das Paradigma der deutschen Sportpädagogik von ihren Anfängen bis heute und zeigt sich verstärkt in einer Orientierung an pädagogischen Perspekti‐ ven oder zu vermittelenden Kompetenzen für den Schulsport (Prohl, 2017). ■ Die empirisch-analytische Sportpädagogik ist dagegen den Sozialwissenschaften nahe und arbeitet folglich bei der Beschreibung und Erklärung pädagogischer Sachverhalte mit qualitativen und quantitativen empirischen Verfahren. Sie zielt darauf ab, Ist-Sätze zu formulieren, also im Grunde genommen die Erziehungsrea‐ lität zu beschreiben. Zwar wurde diese Ausrichtung auch in Deutschland schon vor geraumer Zeit gefordert (Grupe, 1984; Widmer, 1978), dennoch hat sie sich letzten Endes erst mit der Rezeption anglo-amerikanischer Literatur, insbesondere aus der instructional theory, in Deutschland verbreiten können. In der Folge ist in den vergangenen Jahren eine deutliche Zunahme empirischer Arbeiten zu beobachten (Balz, 2009; Balz et al., 2020). Betrachtet man in einem zweiten Schritt die Forschungsmethodologie der Sportpä‐ dagogik genauer, lässt sich auch auf dieser Ebene eine Vielzahl an Ansätzen und Perspektiven erkennen, die vereinzelt als defizitär (Kurz, 1987) und unkonturiert (Prohl, 2010) bezeichnet wurden. Zwischenzeitlich liegen allerdings einige Überblicksbeiträge vor (Aschebrock & Stibbe, 2017; Balz et al., 2011; Balz et al., 2020; Gerlach & Brandl- Bredenbeck, 2022), die eine sinnvolle und durchdachte Systematisierung erkennen lassen: Normative und sinnorientierte Sportpädagogik arbeitet zu großen Teilen mit herme‐ neutischen Methoden, die in erziehungswissenschaftlichen Disziplinen eine lange Tradition haben. Im Hinblick auf diese sportpädagogischen Forschungskonzepte hat insbesondere Meinberg (1993) die hermeneutische Methode thematisiert und drei Erscheinungsformen idealtypisch voneinander abgegrenzt (Scheid & Wegner, 2001): ■ eine traditionelle Texthermeneutik, die vorgegebene und schriftlich fixierte Texte bearbeitet und auslegt; ■ eine Handlungshermeneutik, die sich auf soziale Situationen und Interaktionen in Lehr-Lern-Situationen bezieht und diese interpretiert; ■ eine Institutionshermeneutik, die versucht, latente und subjektunabhängige Struk‐ turen, die Institutionen innewohnen, zu erschließen. Allen diesen Vorgehensweisen ist ein Verstehensprozess inhärent, den Dilthey in An‐ lehnung an Schleiermacher entwickelte und der als hermeneutischer Zirkel bezeichnet wird (siehe Abbildung 3.1.3). 70 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="71"?> Abb. 3.1.3: Der hermeneutische Zirkel (Danner, 2006, S.-62) Bei diesem Verfahren wird, ausgehend von einem Vorverständnis (V), ein Text (T) erschlossen, welcher zu einem erweiterten Vorverständnis (V 1 ) führt; dieses erlaubt wiederum, den Text vertiefter und angemessener zu verstehen (T 2 ). Dieser Verste‐ hensprozess setzt sich in der Folge spiralartig fort und führt so zu einem höheren Verständnis des Textes bzw. des Gegenstandsbereichs (Danner, 2006). Folgendes Beispiel aus dem Grundschulsport macht hermeneutische Forschung in der Sportpädagogik nachvollziehbar: Ausgangspunkt ist die Annahme, dass eine Sport‐ lehrkraft der Überzeugung ist, dass Kinder bei der Ausübung von Bewegungsspielen eine hohe Zufriedenheit zeigen und z. B. Regeln lernen können. Dieser Sachverhalt entspricht dem oben beschriebenen Vorverständnis V 1 . Durch Lektüre spezifischer Quellen (Grupe, 1982; Sutton-Smith, 1978), in Abbildung 3.1.1 als T 1 bezeichnet, erweitert die Lehrkraft ihr Verständnis, da sie etwas über Offenheit, Zweckfreiheit, Spannung und Spannungslösung als psychologische und pädagogische Merkmale von Bewegungsspielen erfährt (König, 2013). Damit wird ihr Vorverständnis vertieft (V 2 ), ggf. auch korrigiert. Dieser zirkuläre Prozess könnte durch die Aufarbeitung weiterer theoretischer Aspekte (Schmidt, 2003; Thiele, 2008) fortgesetzt werden. Auf diese Weise entsteht ein vertieftes Verständnis des bearbeiteten Gegenstands. Einen Sonderfall dieser „theoretischen“ Forschung stellen die insbesondere während der Corona-Pandemie häufiger durchgeführten „systematic reviews“ dar. Eine solche systematische Übersicht fasst qualitative und quantitative Ergebnisse verschiedener Studien zu einer Forschungsfrage zusammen, prüft ihre Qualität (z. B. den methodi‐ schen Rigor) und analysiert sie nach einem festgelegten, standardisierten und metho‐ disch durchdachten Prozess. Exemplarisch wird dieser an einem PRISMA-Flowchart in Abbildung 3.1.4 dargestellt. 3.1 Sportpädagogik (Stefan König) 71 <?page no="72"?> Abb. 3.1.4: Fiktives PRISMA-Flowchart eines systematischen Reviews Das systematic review kann auch als eine „Studie über Studien“ bezeichnet werden. Sie kann, die Einhaltung der entsprechenden Qualitätsstandards vorausgesetzt, einen verlässlichen Überblick über den Stand des Wissens zu einem Thema geben. Die empirisch-analytische Sportpädagogik arbeitet mit dem methodischen Instrumentarium 72 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="73"?> der Sozial- und Verhaltenswissenschaften, worunter die folgenden zwei Paradigmen sowie deren Kombination fallen: ■ Der qualitative Forschungsansatz basiert auf der Grundannahme, dass Wissensge‐ nerierung an Beobachtungen, Phänomenen oder Fakten ansetzt und durch Verall‐ gemeinerung, Abstraktion oder Theoriebildung erfolgt. Insofern ist qualitative Forschung sehr häufig exploratorisch (Creswell, 2009; Johnson & Christensen, 2014) und will die Perspektive der Handelnden möglichst authentisch und kom‐ plex erfassen (Mayring, 2015). Diese kurze Beschreibung qualitativer empirischer Forschung in der Sportpädagogik erläutert folgendes Beispiel aus der Unterrichts‐ forschung zu den Belastungsfaktoren für Sportlehrkräfte (König, 2004): Zwölf Sportlehrkräfte wurden gebeten, mithilfe von Tagebucheinträgen, die sie unmit‐ telbar nach einer Sportstunde vornahmen, festzuhalten, was sie in dieser Stunde am meisten psychisch und physisch beansprucht und belastet hat. Aus diesen Texten konnten mittels spezifischer Auswertungsverfahren (Qualitative Inhaltsanalyse nach Mayring) 14 Kategorien entwickelt werden, die Belastungsfaktoren, wie z. B. Motivierung der Schülerinnen und Schüler oder Disziplinprobleme, abbilden. Ergebnis eines solchen Ansatzes ist folglich die Bildung einer Theorie (kleiner Reichweite). ■ Der quantitative Forschungsansatz möchte demgegenüber Hypothesen aus Theorien ableiten und diese überprüfen (Johnson & Christensen, 2014; Scheid & Wegner, 2001). Quantitative Forschung ist deshalb in der Regel konfirmato‐ risch und arbeitet mit numerischen Daten sowie statistischen Analysen. Im Gegensatz zum qualitativen Paradigma ist quantitative Forschung nomothetisch, d. h., sie möchte möglichst allgemein gültige Aussagen treffen. Ein nahezu klassisches sportpädagogisches Themenfeld für quantitative Forschung sind Untersuchungen zu den Wirkungen und Effekten ausgewählter Lern- oder Trai‐ ningsprogramme (u.-a. Töpfer et al., 2020). Dies wird an einem Beispiel aus der Vermittlung von Sportspielen verdeutlicht (Allgäuer et al., 2016). Ziel der Studie war, verschiedene Vermittlungskonzepte für die Sekundarstufe I hinsichtlich de‐ ren Wirksamkeit zu überprüfen. Hierfür wurden auf quasi-experimenteller Basis drei Experimental- (Spielgruppe, Übungsgruppe und TGfU-Gruppe) und eine Kontrollgruppe (Individualsportart) in einem Prä-Posttest-Design verglichen. Mittels deskriptiver und inferenzstatistischer Verfahren konnte belegt werden, dass der Vermittlungsansatz des Teaching Games for Understanding zu den höchsten Lerneffekten führt. ■ Der Forschungsansatz der Mixed Methods (Hesse-Biber & Johnson, 2015; Teddlie & Tashakkori, 2009). Die beiden vorherigen Abschnitte haben unterschiedliche wissenschaftliche Denkweisen und Forschungsparadigmen gezeigt; damit sind immer Vor-, aber auch Nachteile verbunden. So ist beispielsweise qualitative Forschung wegen ihrer kleinen Fallzahlen selten repräsentativ, quantitative Forschung hingegen beachtet aufgrund ihres verallgemeinernden Anspruches den Einzelfall zu wenig. An diesem Punkt setzt nun ein Forschungsparadigma 3.1 Sportpädagogik (Stefan König) 73 <?page no="74"?> an, das als mixed methodology bezeichnet wird (Creswell, 2009). Herausragendes Merkmal ist die parallele oder sequentielle Verknüpfung qualitativer und quan‐ titativer Untersuchungsstränge mit gleicher oder unterschiedlicher Gewichtung (Johnson & König, 2016). Zwei Beispiele verdeutlichen die Grundideen dieses Ansatzes hinsichtlich sportpädagogischer Forschung: Nimmt man die beschrie‐ bene Untersuchung zu den Belastungsfaktoren für Sportlehrkräfte (König, 2004) und möchte die dort getroffenen Aussagen verallgemeinern, dann ist dies im Rahmen einer zweiten quantitativen Studie möglich, die das Ziel verfolgt, die in Studie 1 qualitativ gewonnenen Daten durch eine schriftliche Befragung einer größeren Stichprobe zu validieren. Dies entspräche einem QUAL → QUAN- Vorgehen und wird als sequential design bezeichnet. Erweitert man im Rahmen einer Evaluationsstudie das Beispiel der bereits beschriebenen Überprüfung von Wirkungen von Lernprogrammen um den Aspekt der Persönlichkeitsbildung der Adressaten, dann ist auch denkbar, neben der bereits erläuterten Studie von Allgäuer et al. (2016) eine parallel angelegte zweite Studie durchzuführen, in der mittels Reflexion des eigenen Spielens erzieherische Momente der Sport‐ spielvermittlung herausgearbeitet werden (Greve, 2013). In einem solchen Fall läge eine QUAN + QUAL-Studie vor, die als concurrent design (Creswell, 2009) bezeichnet wird. Unabhängig von diesen grundlegenden Forschungsparadigmen der Sportpädagogik haben sich unterschiedliche Themenfelder und Forschungsschwerpunkte gebildet, in denen sowohl normativ als auch empirisch gearbeitet wird. Sie werden im Folgenden unter Bezug auf verschiedene Zielgruppen näher betrachtet (Haag & Hummel, 2001). Bezieht man sich zunächst auf den Schulsport, sind aus heutiger Sicht vor allem folgende Themenfelder sportpädagogischer Forschung zu nennen: ■ Schulsportentwicklung, insbesondere mit Blick auf Überlegungen zur Rolle von Bewegung, Spiel und Sport in der Schule sowie zum Beitrag, den Schulsport im Rahmen des Gesamtauftrags von Schule in Form von Schulsportkonzepten leisten kann. Dies geht einher mit fachdidaktischen Forschungsbemühungen, so wie dies etwa beim Erziehenden Sportunterricht der Fall ist. Zunehmend in den Fokus kommt auch die besondere Situation von Ganztagesschulen, die für Bewegungs‐ angebote eine besondere Herausforderung darstellen (Kuritz et al., 2016; Naul, 2011). Die Hinzunahme inklusiven Unterrichts ist die neueste Entwicklung in diesem Forschungskontext (u.-a. Giese & Ruin, 2018). ■ Sportunterrichtsforschung. Ihr geht es in Anlehnung an die instructional theory (Schempp & de Marco, 1996; Silverman, 1991) vor allem darum, durch empirische Arbeiten Schulsportrealität zu beleuchten. Insofern haben sich auch in Deutsch‐ land mittlerweile tragfähige Vorschläge entwickelt (Aschebrock & Stibbe, 2018; Balz, 1997; Balz et al., 2020; Dortmunder Zentrum für Schulsportforschung, 2008; Friedrich, 2000; Friedrich & Miethling, 2004; Gröben, 2007; König, 2002), die 74 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="75"?> belegen, dass Sportunterricht auch in Zukunft ein zentrales Forschungsfeld der Sportpädagogik sein wird. Betrachtet man in einem zweiten Schritt den Breitensport, dann haben sich auch in diesem Setting pädagogische Fragestellungen und Themen entwickelt (Kapustin, 2001). Spezifische Forschungsaktivitäten werden exemplarisch am Beispiel der Ge‐ sundheitserziehung und der Gesundheitsbildung erläutert, da diese pädagogischen Prozesse insbesondere vor dem Hintergrund des demografischen Wandels eine zu‐ nehmend wichtige Rolle spielen und die in Bewegung, Spiel und Sport angelegten erzieherischen Möglichkeiten der Gesundheitsförderung deutlich über ein enges me‐ dizinisches Verständnis hinausgehen (Kolb, 1995). Im Zentrum der sportpädagogischen Überlegungen steht hier die Ausbildung einer gesundheitsfördernden persönlichen Lebensführung, deren Entwicklung heutzutage in eine Gesundheitserziehung, eine Gesundheitsaufklärung und eine Gesundheitsbildung differenziert wird. In der all‐ gemeinen Erziehungswissenschaft wird diesbezüglich von Gesundheitsbildung und -kompetenz gesprochen (Lang-Wojtasik & Klemm, 2021). Aus sportpädagogischer Sicht ist in diesem Zusammenhang die Beantwortung der Frage entscheidend, wie im Rahmen verhaltensorientierter Interventionsformen der Schritt zu einer Gesundheits‐ bildung, verstanden als „Initiierung der Reflexion eigenen Lebens und Entwicklung der Gestaltungsfähigkeit der eigenen Lebensführung in Bewegung“ (Kolb, 1995, S. 342), getan werden kann. In Anlehnung an Sudeck und Pfeifer (2016) kann dieses Ziel in der Vermittlung einer bewegungsbezogenen Gesundheitskompetenz und deren Teilkom‐ petenzen Bewegungskompetenz, Steuerungskompetenz und Selbstregulationskompe‐ tenz bestehen. Damit wird die Annahme untermauert, dass eine bewegungsbezogene Gesundheitskompetenz einen zusätzlichen Beitrag zu Gesundheitswirkungen von körperlich-sportlicher Aktivität leistet. Auch der Spitzensport beinhaltet pädagogische Fragestellungen, gleichwohl diese auf den ersten Blick nicht ersichtlich erscheinen. Doch das dem Spitzensport innewoh‐ nende Handlungsmotiv des Wetteiferns geht auf bildungstheoretisches Gedankengut zurück (Hackfort & Schmidt, 2001). Zentrale sportpädagogische Fragestellungen des Spitzensports sind u.-a.: ■ Die Frage, ob Trainerinnen und Trainer Pädagogik brauchen, wird seit Jahrzehn‐ ten intensiv diskutiert (Cachay & Gahai, 1989; Krüger, 1989, 1994; Richartz et al., 2009). Krüger (1989) plädiert für eine Erziehungsaufgabe der Trainerin oder des Trainers, Emrich (2004) spricht von pädagogischen Kompetenzen als „Schmiermittel“ im Organisationsalltag des Spitzensports. Beispielhaft wird dies von Emrich et al. (1989) mit Blick auf die pädagogische-soziale Betreuung von jugendlichen Spitzenathletinnen und -athleten an Olympiastützpunkten beschrieben - eine Thematik, die mittlerweile auch an den Nachwuchsleistungs‐ zentren der Fußball-Bundesligisten konsequent realisiert wird. Somit kann die Frage nach der pädagogischen Kompetenz von Trainerinnen und Trainern 3.1 Sportpädagogik (Stefan König) 75 <?page no="76"?> und deren konkrete Gestalt, auch in der Ausbildung, als sportpädagogisches Forschungsthema betrachtet werden. ■ Auch die Frage nach den Wirkungen struktureller (Treml, 1982) bzw. institutioneller Erziehung (Emrich, 2004) ist mehr denn je aktuell, da anzunehmen ist, dass Strukturen und Institutionen des Spitzensports auch erzieherische Wirkungen haben. So konnte Lenk (1976) zeigen, dass der Spitzensport zu Eigenhandeln und Eigenleistung führt, und Prohl (2004) arbeitete formale Bildungspotenziale leis‐ tungssportlichen Handelns heraus. Insofern sind auch zukünftig die erzieherischen Wirkungen solcher Strukturen Thema sportpädagogischer Forschung. Zieht man an dieser Stelle ein weiteres Zwischenfazit, kann festgehalten werden, dass die Sportpädagogik sich einerseits als geisteswissenschaftlich-normative, andererseits als empirisch-analytische Teildisziplin der Sportwissenschaft zeigt. Dabei greift sie auf ein breites Methodeninstrumentarium zurück. Analog zu einer methodologischen Ausdifferenzierung erfolgte auch eine thematische Erweiterung, sodass die Sportpä‐ dagogik neben ihrem jahrzehntelangen Fokus, dem Schulsport, sich heute mit nahezu allen Settings des Sports unserer Gesellschaft auseinandersetzt. 3.1.4 Verhältnis der Sportpädagogik zur Sportpraxis Die Sportpädagogik befasst sich sowohl mit pädagogischem Handeln als auch mit dem Reflektieren über sowie dem Erforschen dieser pädagogischen Praxis aus einem wissenschaftlichen Blickwinkel. Damit steht sie in einer Reihe mit der Sozial-, der Musik- und der Museumspädagogik, aber auch mit anderen Fächern wie der Medizin und der Psychologie, in denen stets Praxis und Theorie betrachtet werden (Grupe & Krüger, 2007). Das Verhältnis von sportpädagogischer Praxis und Theorie wird zunächst an einem speziellen Beispiel aufgezeigt und anschließend verallgemeinernd dargestellt. Das Beispiel ist aus dem Bereich der Sportspieldidaktik gewählt und thematisiert die Frage nach der Gestaltung von Vermittlungsprozessen von Spielen vor dem Hin‐ tergrund der pädagogischen Zielsetzung eines lebenslangen Sporttreibens. Betrachtet man diese Frage aus einer theoretischen Perspektive, dann hilft ein Modell von Côté et al. (2003), das in Abbildung 3.1.5 dargestellt ist. 76 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="77"?> Abb. 3.1.5: Developmental Model of Sport Participation (Côté et al., 2003) Das Modell zeigt, dass eine frühe Fokussierung auf eine Sportart, also beispielsweise auf Fußball, verbunden mit einer frühen Spezialisierung und einem relativ hohen Trainingsaufwand in einem Alter von sieben bis 15 Jahren, eher dazu führt, dass Spaß und Gesundheit als zwei zentrale Faktoren aktiven Sporttreibens mehr oder weniger deutlich reduziert werden und eine erhöhte Drop-out-Rate, sprich ein Abbruch der sportlichen Aktivitäten, zu erwarten ist. Demgegenüber führt eine breit angelegte sportliche Betätigung im Schulkindalter (etwa sieben bis zwölf Jahre), also das Ausüben mehrerer Sportspiele, das sich zusätzlich durch viel unangeleitetes Spielen und eher wenig Üben auszeichnet, im Erwachsenenalter zu einer höheren Leistungsfähigkeit, 3.1 Sportpädagogik (Stefan König) 77 <?page no="78"?> aber auch zu einer nachhaltigeren Sportteilnahme. Zieht man aus diesen Aussagen Konsequenzen für die Gestaltung didaktisch-methodischer Maßnahmen (Kurz, 2003), können diese wie folgt zusammenfassend dargestellt werden: ■ Sportspielvermittlung sollte für Anfängerinnen und Anfänger breit, d. h. sport‐ spielübergreifend organisiert werden. Damit rücken auf einer inhaltlichen Ebene allgemeine Taktik-, Technik- und Koordinationsbausteine in den Mittelpunkt (Roth & Kröger, 2021). ■ Methodisch sollte eine Orientierung an der Strategie des unangeleiteten Spielens und Übens erfolgen, um der theoretischen Vorgabe des „deliberate play and practice“ zu folgen (Memmert, 2012). An diesem Beispiel wird deutlich, dass sportpädagogische Theorie durchaus prakti‐ sches Handeln in sportlichen Kontexten beeinflusst, wenn sie von der Sportpraxis umgesetzt wird. Zweierlei Tendenzen können in diesem speziellen Fall berichtet werden: ■ Einerseits gibt es in der Tat Programme, z. B. die Heidelberger Ballschule, die auf eine Umsetzung altersangemessener Ideen in Schule und Verein ausgerichtet sind und damit sportpädagogischer Beratung entsprechen (Prohl, 2010). ■ Andererseits werden insbesondere von Sportverbänden und -vereinen grobe Ver‐ stöße gegenüber diesen sportpädagogischen Erkenntnissen begangen, indem der eigene Spielbetrieb mit immer jüngeren Kindern organisiert („Pampersligen“) und diesbezüglich ausschließlich auf Erfahrungswissen der Trainingspraxis zurückge‐ griffen wird. Versucht man an dieser Stelle die Ausführungen zum Thema „Vermittlung von Spielen“ zu verallgemeinern, kann das Verhältnis von sportpädagogischer Theorie und sportli‐ cher Praxis folgendermaßen charakterisiert werden: Einerseits wird die von der Sportpädagogik geforderte Beratungsleistung für den Schulsport umgesetzt (Prohl, 2010); allerdings bleiben solche Ideen noch zu oft auf der Ebene der sportdidaktischen Dokumente, z. B. den Lehrplänen, hängen und werden nicht konsequent in die Sportpraxis umgesetzt. Andererseits verhält sich die Sportpraxis nach wie vor gegenüber pädagogischen Aussagen diametral entgegengesetzt und akzeptiert Empfehlungen nur dann, wenn sie für das Erringen von Siegen nützlich scheinen (Cachay & Gahai, 1989). Dies gilt insbesondere für die spitzensportlich orientierte Praxis, in der die Sportpädagogik ihre Funktionalität noch unter Beweis stellen muss. Insgesamt ist deshalb von einem ambivalenten Verhältnis zwischen der Sportpädagogik als Wissenschaft und der Sportpraxis zu sprechen, auch wenn sportpädagogische Inhalte in der Zwischenzeit zunehmend Inhalte verschiedenster Ausbildungen von Übungsleiterinnen und -leitern sowie Trainerinnen und Trainern der Sportverbände 78 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="79"?> geworden sind. Letzteres ist insofern zu begrüßen, als Erziehungs- und Bildungspro‐ zesse in allen sportlichen Settings eine mehr oder weniger wichtige Rolle spielen und folglich die Sportpraxis nicht nur effektsteigernde Beratungsleistungen verarbeiten sollte. Praxisbeispiel: Kinder und Jugendliche im Spitzensport - sportpädagogisch betrachtet Die Sportpädagogik befasst sich heute auch mit Erziehungs- und Bildungspro‐ zessen von Kindern und Jugendlichen im Spitzensport. Alleinstellungsmerkmal der Sportpädagogik ist im Kern, Bildungs- und Erziehungsprozesse zu beschrei‐ ben, zu erklären und vorherzusagen. Das bedeutet, ausgehend von den besonde‐ ren Bedingungen des Spitzensports, z. B. hohe Trainingsumfänge, Doppelbelas‐ tung Schule - Sport, Fremdbestimmung, zu fragen, inwieweit diese auf Kinder und Jugendliche erzieherisch einwirken. Beispielhaft sind folgende drei Studien skizziert, die letzendlich auch unterschiedliche Entwicklungtsstadien der Sport‐ pädagogik charaktrisieren: Kaminski et al. (1984) haben in einer vielbeachteten Studie gezeigt, dass sich Jungen und Mädchen im Spitzensport (z. B. Eiskunstlauf, Schwimmen, Kunst‐ turnen) nicht wesentlich von normalen Kindern unterscheiden. Dies gilt vor allem für kognitive Leistungen in der Schule und für grundlegende motivationale Einstellungen oder Verhaltensweisen. Lediglich im Hinblick auf die Einschätzung der eigenen körperlichen Fertigkeiten und Fähigkeiten zeigten sich gravierende Unterschiede; diesbezüglich zeichnen Kinder im Spitzensport ein wesentlich positiveres Bild von sich (Grupe & Krüger, 2007). In der Folge der Kaminski-Studie hat Rose (1991) eine andere Art der inneren, seelischen kindlichen Wirklichkeit im Spitzensport ermittelt (Grupe & Krüger, 2007). Sie konnte am Beispiel junger Kunstturnerinnen feststellen, dass diese Mädchen einen beträchtlichen persönlichen Gewinn aus ihrem leistungssportli‐ chen Engagement ziehen, der sich vor allem in Anerkennung, Sicherheit und Akzeptanz äußert. Richartz et al. (2009) konnten dies in einer Vollerhebung bei spitzensportlich aktiven Kindern in Berlin und Sachsen bestätigen, wobei die Qualität der Beziehung zu den Eltern einen besonderen Stellenwert aufwies und folglich als wichtigste soziale Ressource einzuschätzen ist. Richartz und Brettschneider (1996) haben die Vereinbarkeit von Schule und Leistungssport untersucht, aber auch sie konnten - wie bereits Kaminski et al. (1984) - letztendlich keine Antwort auf die Frage geben, ob es wünschenswert ist, bereits im Kindesalter Spitzensport zu treiben; insofern können sich Kritiker wie Befürworter des Kinderleistungssports durch diese Studie bestätigt sehen (Richartz & Brettschneider, 1996, S.-312). Deutlich wird in der Zusammenschau der Erkenntnisse, dass aus den empirischen Ergebnissen keine normativen Folgerungen gezogen werden können. Diese 3.1 Sportpädagogik (Stefan König) 79 <?page no="80"?> müssen erst argumentativ durch die Sportpädagogik entwickelt werden. Erste Konzepte, die mit den Begriffen „kindgerechter“ und „humaner“ Spitzensport bezeichnet werden, sind hierzu entwickelt worden (Grupe & Krüger, 2007). Prohl (2010) weist diesbezüglich auf das Recht der Athletin bzw. des Athleten zur Selbstbestimmung und Mündigkeit hin, womit eindeutig bildungstheoretische Kategorien im Sinne Klafkis (1996) auch zum Leitbild des Kinderhochleistungs‐ sports werden. Ausgehend von der Annahme, dass leistungssportliches Training und regelmä‐ ßige Wettkampfteilnahme von Jugendlichen häufig ein simultanes Streben nach möglichst hochwertigen Bildungsbzw. Berufsqualifikationen erfordert, beleuch‐ ten Sallen und Gerlach (2020) die Förderung dualer Karrieren im Leistungssport entlang verschiedener Fragestellungen und auf der Basis einer systematischen Literaturrecherche. Kernpunkte der Analysen von Sallen und Gerlach sind u. a. die Betrachtung der Bildungskarrieren jugendlicher Kaderathletinnen und -athleten mit Blick auf deren schulische Leistungen, ihrer Konzentrationsfähigkeit sowie ihrer Zufriedenheit mit ihren Bildungskarrieren. Insgesamt konnten keine syste‐ matischen Beeinträchtigungen schulischer Leistungen und Qualifikationschan‐ cen festgestellt werden. Dies kann als ein Indiz dafür interpretiert werden, dass der in Deutschland vorliegende Maßnahmenkatalog zur Unterstützung dualer Karrieren konkurrenz- und anschlussfähig ist; eine führende Rolle einzunehmen würde hingegen bedeuten, bestehende Förderansätze im Nachwuchsbereich wei‐ terzuentwickeln und durch weitere Aspekte zu ergänzen. Somit kann an dieser Stelle festgehalten werden, dass eine empirisch ausgerich‐ tete sportpädagogische Forschung einerseits zwar Zusammenhänge beschreiben, erklären und ggf. vorhersagen kann, daraus andererseits aber keine normativen Aussagen im Sinne wünschens- oder ablehnungswerter Praxis abgeleitet werden können. Dies bedarf vielmehr eines differenzierten sportpädagogischen Diskurses. Kontrollfragen 1. Die Sportpädagogik wird als sportwissenschaftliche Teildisziplin beschrieben, die eine geisteswissenschaftliche und eine empirische Perspektive aufweist. Welche erzieherischen Grundpositionen verbergen sich hinter dieser Klassifi‐ zierung? 2. Während die historische Sportpädagogik eine problemgeschichtliche Perspek‐ tive thematisiert, orientiert sich die systematische Sportpädagogik ausschließ‐ lich an der Gegenwart. Worin besteht der generelle Unterschied dieser beiden Subdisziplinen? 3. Historisch betrachtet steht die Sportpädagogik am Anfang der Sportwissen‐ schaft. Welche Argumentationsfiguren wurden in den vergangenen 200 Jahren 80 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="81"?> verwendet, um den erzieherischen Wert von Gymnastik, Turnen, Leibesübun‐ gen und Sport zu begründen? 4. Die Sportpädagogik arbeitet mit einem breiten Instrumentarium an Forschungs‐ methoden. Welche empirischen Paradigmen kommen hierbei zum Einsatz? 5. Die Sportpädagogik befasst sich heute mit fast allen sportlichen Settings. Welche zentralen Themen werden jeweils bearbeitet? Literatur Allgäuer, D., Brielmayer, D., Lutz, M., & König, S. (2016). Spielvermittlung in der Sekundarstufe I - eine Frage der Methode? Sportunterricht, 65(10), 295-300. Aschebrock, H., & Stibbe, G. (2018). Schulsportforschung. Wissenschaftstheoretische und metho‐ dologische Reflexionen. Waxmann. Balz, E. (1997). Zur Entwicklung der sportwissenschaftlichen Unterrichtsforschung in West‐ deutschland. Sportwissenschaft, 27, 249-267. Balz, E. (2009). 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Spectrum der Sportwissenschaften, 24(2), 65-88. 3.2 Sportgeschichte (Andreas Luh) Die Sportgeschichte war neben der Sportmedizin und der Sportpädagogik lange Zeit eine der drei Hauptsäulen der jungen akademischen Disziplin Sportwissenschaft, wie sie - als Theorie der Leibesübungen - in den 1920er Jahren entstanden ist. Dennoch ist die Sportgeschichte als akademische Fachdisziplin an den sportwissenschaftlichen Hochschuleinrichtungen in Deutschland heute nahezu verschwunden. Obwohl oder gerade weil das so ist, werden an dieser Stelle die Sportgeschichte und ihre Bedeutung im Rahmen eines sportwissenschaftlichen Studiums vorgestellt und begründet. 1 3.2 Sportgeschichte (Andreas Luh) 87 <?page no="88"?> 2 Der Autor ist sich der Diskussion um sprachliche Gleichbehandlung der Geschlechter bewusst. Gleichwohl finden sich in diesem Kapitel zahlreiche in der Scientific Community etablierte Fachbegriffe, deren sprachliche Anpassung eine begriffliche Unschärfe zur Folge hätte und auch den historischen Kontext ihrer Entstehung ignorieren und verfälschen würde. Folglich wird hier durchgehend das generische Maskulinum verwendet, mit dem immer auch Frauen und Menschen, die sich nicht im binären Geschlechtersystem wiederfinden, mitgedacht sind. Die Sportgeschichte kann als humanwissenschaftlich orientierte sportwissenschaft‐ liche Teildisziplin wenig direkt verwertbares Wissen liefern, dafür allerdings ein breites, tief gestaffeltes Orientierungswissen (Gissel, 2000). Der sporthistorische Blick in andere Zeiten und Kulturen kann gegenwärtige sportliche Phänomene in ihrer Bedeutung einordnen, erklären und verstehen helfen. 2 Lernziele ■ Die Leser erfahren, mit welchen Phänomenen sich die Sportgeschichte beschäf‐ tigt und welche Themen aus ihrer Sicht relevant sind. ■ Sie erkennen, wie die Sportgeschichte entstanden ist, wie sie sich bis zum heutigen Stand entwickelt hat und welche Verbindungen zu ihrer Mutterwis‐ senschaft bestehen. ■ Sie lernen wissenschaftliche Zielsetzungen und Aufgaben der Sportgeschichte kennen und reflektieren, mit welchen Theorien sich die Sportgeschichte den für sie relevanten Phänomenen und Themen nähert, welchen Problem-/ Frage‐ stellungen sie sich widmet und welche Methoden dabei typischerweise zum Einsatz kommen. ■ Sie erfahren, in welchem Verhältnis die Sportgeschichte zur Sportpraxis steht, insbesondere welche Bedeutung die Sportpraxis ihren Forschungsergebnissen beimisst. 3.2.1 Einführung - Die Bedeutung (sport-)historischen Denkens Geschichte liegt nicht einfach als gegebene Vergangenheit vor; Geschichte entsteht (ständig neu) im Kopf eines jeden Menschen. Jeder Studierende, jede Familie, jeder Sportverein, jede Schule, jede Sportfakultät, jede Stadt, jede Region und jeder Staat hat ihre/ seine Geschichte. Individuen wie Gruppen bilden ihre Identität durch Aufarbei‐ tung ihrer Vergangenheit. Sie verankern sich historisch, „indem sie sich in bestimmte Traditionen einordnen, denen sie wiederum ihre Identität entnehmen“ (Lorenz, 1997, S. 410). Die Identität von Menschen und menschlichen Gruppen ist dementsprechend ihre eigene historische Konstruktion. Ausgehend von diesem Gedankengang liegt den weiteren Ausführungen die folgende Begriffsbestimmung von Geschichte zugrunde: 88 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="89"?> (Sport-)Geschichte ist ein bedeutungsvoller Zusammenhang von Vergangenheit und Gegenwart, den Menschen erzählend herstellen, um Orientierung für gegen‐ wärtiges und zukünftiges Handeln zu gewinnen. Was den Menschen als Mensch ausmacht, ist die Fähigkeit zu denken, sich zu erin‐ nern und Zukunftsvorstellungen zu entwickeln. In jedem gelebten Moment wird Zukunft zu Gegenwart und Gegenwart zu Vergangenheit. In diesem unaufhaltsam ablaufenden Prozess muss der Mensch seine Identität bewahren und entwickeln. Indem Menschen ebenso wie Gemeinschaften Geschichten erzählen, verarbeiten sie die auf sie einströmende Natur-Zeit in gedeutete humane Zeit, wie es der Geschichtsdidaktiker Rüsen formuliert (Rüsen, 1983, 1986). Unverarbeitete Natur-Zeit kann den Menschen bedrohen. Nur in erzählter, verarbeiteter und gedeuteter humaner Zeit kann der Mensch planend Zukunftsabsichten, Erwartungen und Hoffnungen entwickeln. Die Verdrängung momentan nicht bewältigbarer Erlebnisse ist ein häufig anzutref‐ fender Umgang mit bedrohlicher Gegenwartserfahrung. Der Geschichtswissenschaft‐ ler Lorenz (1997) verweist darauf, dass „ein gewisses Maß an Verdrängung (jedenfalls nach Freud) der Preis für jede Kultur“ sei und der Verdrängungsmechanismus die persönliche Identität unter traumatisierenden Umständen oft auch schützt. Aber ein Übermaß an Verdrängung führe zu einer Destabilisierung der Identität. Je mehr Aspekte seiner persönlichen Vergangenheit man verwerfe, desto weniger bleibe übrig, mit dem man sich identifizieren könne. „Daß viele Menschen mit Identitätsproblemen schließlich einen Therapeuten aufsuchen, beweist, daß man unter seiner Vergangenheit leiden kann und daß es nicht möglich ist, sie einfach, wie eine Schlange ihre Haut, abzustreifen. Jeder Mensch verkörpert seine Geschichte, in die er ‚verstrickt‘ ist. Vergleichbare Probleme treten in den Geschichten von Kollektiven auf, wenn die Beziehung zwischen Gegenwart und Vergangenheit durch einen abrupten Bruch gestört wird. Die deutsche Geschichte [von 1933 bis 1945 und] nach 1945 ist dafür ein treffendes Beispiel“ (Lorenz, 1997, S.-411). Glücklicherweise hat der Mensch nicht nur mit Identität brechenden Zeiterfahrungen zu tun, sondern auch mit Identität bestätigender, Identität entwickelnder und Identität modifizierender Zeiterfahrung, die alltäglich in ganz unterschiedlicher Form erzählend in humane Zeit umgewandelt wird: Ein Student, der nach Hause kommt, erzählt stolz von einer guten Note oder verschweigt eine schlechte - und sieht sich hierdurch in seinem studentischen Lebens- und Arbeitsverhalten bestätigt oder infrage gestellt. Nach einem Besuch im Fußballstadion treffen sich viele Fans mit Gleichgesinnten in ihrer Stammkneipe zu einer Nachbesprechung der in der „Ostkurve“ oder auf der „Südtribüne“ erlebten Zeit, bestätigen ihre Identität als treue Vereinsanhänger und verabreden sich für ein zukünftiges Heimspiel. Platziert ein Sportler, der lange verletzt war, nach einem mühevollen Aufbautraining einen gewonnenen Pokal an 3.2 Sportgeschichte (Andreas Luh) 89 <?page no="90"?> herausragender Stelle, ist das zweifellos auch eine Form der erzählenden Verarbeitung von bedeutsam erlebter Zeit bei gleichzeitigem Gewinn einer auf die Zukunft ausge‐ richteten Trainings- und Lebensperspektive. Als denkender „Homo sapiens“ ist der Mensch auch ein geschichtliches Wesen, ein „Homo historicus“, der sich reflektiert oder unreflektiert seiner Geschichte stellen und in ihr leben muss. Der Mensch hat (seine) Geschichte; Geschichtlichkeit ist ein Kennzeichen des Mensch-Seins. neue Zeiterfahrung, Identität bestätigend, verändernd Orientierungsbedürfnis des Menschen deutende Verarbeitung vergangener und gegenwärtiger Zeiterfahrung als „Erzählung“ Daseinsorientierung, sinnerfüllte Zukunftsperspektive Homo historicus Abb. 3.2.1: Historisches Denken im Alltag des Menschen (Luh, 2004, S.-443) Orientierungsleistungen und didaktische Potenziale der Sportgeschichte Seit den 1970er Jahren haben Sporthistoriker auf verschiedenartige Orientierungsleis‐ tungen sporthistorischen Denkens verwiesen. Einige zentrale „didaktische Potenziale“ der Sportgeschichte werden im Folgenden vorgestellt. Die gegenwartsgenetische sporthistorische Orientierungsleistung ■ Historische Kenntnisse sind unverzichtbar für das Verständnis gegenwärtiger Institutionen und Verhaltensweisen, indem sie deren Ursachen, ihre Entstehungs‐ bedingungen und ihre Entwicklung aufdecken (Ueberhorst, 1980). Zum Beispiel ist die komplizierte, sich vielfältig überschneidende Organisationsstruktur des 90 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="91"?> bundesdeutschen Vereins- und Verbandssports mit dem DOSB an der Spitze, mit den Landessportbünden, mit den Spitzenverbänden und deren Untergliederungen nicht organisationssoziologisch erklärbar, „sondern wird nur verständlich, wenn man das zähe Ringen unterschiedlicher sportlicher und politischer Interessengrup‐ pen um einen Neu- und Wiederaufbau in den Jahren 1945-1950 kennt“ (Gissel, 2000, S.-320). Die strukturgeschichtliche sporthistorische Orientierungsleistung ■ Die strukturgeschichtliche Betrachtungsweise lenkt den Blick des Historikers auf „relativ dauerhafte, schwer veränderbare Phänomene, [auf strukturelle] Wirk‐ lichkeitsschichten mit langsamer Veränderungsgeschwindigkeit [und] auf die Erfassung übergreifender Zusammenhänge“ (Kocka, 1997, S. 192), die Spielräume und Bedingungen menschlichen Handelns aufdecken. Bewegungskultur und Sport waren in sogenannten vormodernen Gesellschaften eingebunden in andere gesell‐ schaftliche Teilbereiche wie Religion, Standeskultur, Militär oder Erziehung. In sogenannten modernen Gesellschaften erbringt der Sport zwar weiterhin Leistun‐ gen für andere gesellschaftliche Teilbereiche, nimmt allerdings als institutionell ausgeformter, eigenständiger gesellschaftlicher Teilbereich eine eigene Gestalt an (Strohmeyer, 1984a, 1984b; Luh, 2008; Eisenberg, 2010). Die problemorientierte sporthistorische Orientierungsleistung ■ Die problemorientierte sporthistorische Betrachtungsweise untersucht in diachro‐ nen Längsschnitten, wie menschliche Gemeinschaften mit bestimmten Problem‐ stellungen umgegangen sind. Durch den historischen Blick auf begangene, un‐ begangene und ungangbare Wege, auf gescheiterte und erfolgreiche Lösungen vergangener gesellschaftlicher Konflikte und Lebenssituationen können Orien‐ tierungs- und Entscheidungshilfen bei aktuellen Problemstellungen im Sport gewonnen werden (Ueberhorst, 1980; Bernett, 1981; Uffelmann, 1997). In solcher Perspektive kann Sportgeschichte helfen zu klären, was Gewalt im körperlichen Umgang miteinander bedeutet, und welche (nicht) akzeptierten Ursachen, Formen und Intensitäten Gewalt zwischen Zuschauern und Gewalt zwischen sportlich Agierenden historisch und gegenwärtig haben kann. Dabei ist zu klären, was Gesellschaften historisch gesehen überhaupt als Gewalt definieren und wie sie mit Gewalt im Sport umgehen (Elias, 2003). Die Erweiterung des Erfahrungshorizonts ■ Der Blick auf Bewegungsformen, sportliche Sinnrichtungen und Normen sowie Organisationsformen zeitlich und räumlich sehr weit entfernter, fremder Kulturen liefert einen bedeutsamen sporthistorischen Erfahrungsschatz (Ueberhorst, 1980; 3.2 Sportgeschichte (Andreas Luh) 91 <?page no="92"?> Gissel, 2000). Sport, wie er heute betrieben, organisiert, verstanden und weiterent‐ wickelt wird, ist nicht das vernünftige Endprodukt einer zielgerichteten histori‐ schen Entwicklung, sondern nur eine historische Möglichkeit von Sportkultur. Erst der historisch-anthropologische Blick auf altägyptische, indianische, polynesische, altchinesische u. a. Bewegungskulturen ermöglicht eine konstruktiv-kritische Distanz zu den eigenen sportlichen Verhaltensweisen und ein Bewusstsein von Alternativen. Indem der historisch reflektierende Mensch in die fremdartige Vorstellungswelt und Lebensbedingungen früherer Kulturen nachvollziehend ein‐ dringt, ist er angehalten, seine eigenen Positionen zu Körperlichkeit, Bewegung, Geschlecht, Gewalt, Leistung, Gesundheit u. a. zu klären (Luh, 2019; 2023). Der historisch forschende Blick auf das zeitlich „Andere“ wird damit zu einem reflek‐ tierenden Blick auf die eigene Identität. Politische Bildung und ideologiekritische Orientierungsleistungen ■ Analysen eines politisch instrumentalisierten Sports finden sich insbesondere beim Umgang mit der NS- und der DDR-Sportgeschichte (Bernett, 1983; Spitzer et al., 1998), da es in diesen politischen Systemen zu einer besonders engen Verflechtung zwischen Sport und Politik gekommen ist. Aber auch den Organisationsformen des Breiten- und Spitzensports in einem freiheitlich-demokratischen System liegen po‐ litische Rahmenbedingungen und konkrete, andere sportpolitische Entscheidungen zugrunde, die es zu analysieren und nicht als unpolitisch zu verklären gilt (Gülden‐ pfennig, 1992; Niese, 1997). Es gehört zur aufklärerisch-kritischen Funktion von Sportgeschichte, die verschiedenen Sinnrichtungen, Wertvorstellungen, Normen und ideologischen Momente aufzuzeigen, die in sportliches Handeln eingebettet sind (Bernett, 1981). Die Befriedigung sporthistorischer Neugier ■ Sporthistorische Museen, Ausstellungen und populärwissenschaftliche Bildbände zu Sportlerpersönlichkeiten, Sportverbänden, Sportarten, Sportereignissen u. a. haben insbesondere bei anstehenden Olympischen Spielen oder Fußball-Weltmeis‐ terschaften Konjunktur. Und selbstverständlich hat die „zweckfreie Beschäftigung mit Historie als Vergnügen bereitende Freizeitbeschäftigung“ (Ueberhorst, 1980, S. 16-17) ihre Berechtigung, wenn solche sporthistorischen Aufarbeitungen nicht hinter den sporthistorischen Forschungsstand zurückfallen und zu einer unreflek‐ tierten Traditionsstiftung und Legendenbildung beitragen. 3.2.2 Entstehung und Entwicklung der Sportgeschichte Die neuere Sportgeschichtsschreibung ist aus den Grundgedanken der Aufklärung entstanden. Die enzyklopädische Wissensbereicherung auf dem Gebiet der Leibes‐ 92 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="93"?> übungen aller Völker der Vergangenheit und Gegenwart sollte als Anregung und auch als Vorbild für die Entwicklung der seit etwa 1800 entstehenden bürgerlichen Bewegungskultur dienen. In diesem Sinne sammelte Vieth (1767-1836), Philanthrop und Mitbegründer einer schulisch-erzieherisch ausgerichteten Leibeserziehung, Nach‐ richten und Zeugnisse von 41 Völkern aus allen historischen Epochen der ganzen Welt und veröffentlichte sie in einer dreibändigen Enzyklopädie (1794-1818) als ersten Versuch einer Universalgeschichte des Sports (Langenfeld, 2010). Inhaltlich in dieser Tradition stehen die für ihre Zeit ebenso anspruchsvollen Sammelbände von Bogeng mit seiner „Geschichte des Sports aller Völker und Zeiten“ (1926) und die sechsbändige Universal-„Geschichte der Leibesübungen“ von Ueberhorst (1972-1989). Wesentliche inhaltliche und methodische Impulse hat die Sporthistoriographie zudem vom frühen 19. Jh. bis in die heutige Zeit hinein von Altertumswissen‐ schaftlern erhalten, die sich in neuhumanistischem Geist mit dem weiten Feld der griechischen Athletik und Gymnastik beschäftigt haben. Ebenso kamen in jüngerer Zeit von Altertumswissenschaftlern wesentliche Impulse zur Erfor‐ schung der römischen Wagenrennen und Gladiatorenkämpfe (z. B. Weeber, 1989), die einem engeren Sportbegriff nicht zuzuordnen sind und dementsprechend von Sporthistorikern lange Zeit gemieden wurden. Eine Vorform der heutigen Sportgeschichtsschreibung im Sinne einer systematischen Aufarbeitung der als relevant erachteten bewegungskulturellen Phänomene entstand in Deutschland seit den 1880er Jahren als sogenannte Turngeschichtsschreibung (Langenfeld, 2010). Das deutsche Turnen war die bestimmende Form der Bewegungskultur der Deutschen seit dem Kaiserreich. Für die Vorturnerausbildung in der Deutschen Turnerschaft und für die Ausbildung der Schulturnlehrer an den Landesturnanstalten erarbeiteten Turnphilologen historische Darstellungen über die deutschen Leibesübungen von den Germanen über das Mittelalter bis hin zu Friedrich L. Jahn und die weitere Entwicklung des deutschen Turnens. Die Darstellungen dienten als Prüfungsstoff für Turnlehrerprüfungen und als Grundlage für Turnfestreden. Sie waren personen- und ereignisgeschichtlich orientiert, folgten dem Paradigma des frühen Historismus und dienten vor allem der turnerischen Identitätsbildung und der Legitimation gegenüber dem in Deutschland an Bedeutung gewinnenden englischen Sport. (Sport-)Geschichte ist in der Sicht des Historismus ein fortlaufender, von Menschen gestalteter, die eigene Gegenwart bestimmender Entwicklungsprozess. Hierbei geht es darum, die Geschichte auf der Grundlage von Hinterlassenschaften aus der Vergan‐ genheit (Quellen) nachvollziehend zu verstehen. Beim Historismus handelt es sich um eine individualisierende Geschichtsauffassung, die die Betrachtung von Ideen und das wirkungsmächtige Handeln großer Männer in den Vordergrund stellt und Generalisierungen zu Lasten sozioökonomischer Strukturen ablehnt (Kolmer, 2008; Jordan, 2016). 3.2 Sportgeschichte (Andreas Luh) 93 <?page no="94"?> Für diese, dem Paradigma des Historismus verpflichtete Turngeschichtsschreibung stehen Namen wie Lion, Rühl, Cotta, Euler und Wassmansdorf im deutschen Kaiser‐ reich. In der Weimarer Zeit fand diese sporthistoriographische Ausrichtung ihre Nachfolger in den Werken Reclas, Neuendorffs sowie Saurbiers und Stahrs, die ein völkisch-antisemitisch und großdeutsch ausgerichtetes deutsches Turnen als die umfassende Form der deutschen Leibesübungen darstellten. Saurbier und Stahr (1939) verherrlichten die Leibeserziehung in den NS-Formationen und den Wettlauf mit der Gasmaske als Krönung deutscher Leibesübung. Sporthistoriographisch mehr als bedenklich sind deshalb die acht (! ) Neuauflagen Saurbiers aus den 1950er, 1960er und 1970er Jahren, die, gekürzt um die NS-verherrlichenden Abschlusskapitel, bis in die 1970er Jahre hinein als sporthistorisches Standardwerk für die akademische Ausbildung westdeutscher Leibeserzieher und Sportlehrer dienten. Ein Grund für die mangelhafte wissenschaftliche und kritische Qualität der deutschen Turn- und Sportgeschichtsschreibung lag vor allem in der fehlenden Anbindung an die Standards der deutschen Geschichtswissenschaft, die den Sport als Untersuchungsgegenstand erst viel später zu entdecken begann. Im Gegensatz hierzu begann der dynamische Ausbau einer akademisch breit aus‐ gestellten Sportgeschichte in der DDR bereits in den 1950er Jahren. Historisch quali‐ fizierte Autorenkollektive wurden von der SED-Führung beauftragt, die Geschichte der Körperkultur in Deutschland in systematischer Form aufzuarbeiten. Auf der Grundlage des marxistischen Geschichtsverständnisses des sogenannten historischen Materialismus sollte der Nachweis erbracht werden, dass die sozialistische DDR im Gegensatz zur kapitalistisch-reaktionären BRD in der Tradition der fortschrittlichen Kräfte der abendländischen und deutschen Geschichte stehe. Abgesehen von der in‐ doktrinären und einseitigen ideologischen Grundausrichtung der Arbeiten, entstanden anspruchsvolle Grundlagenwerke von der Antike bis zur jüngeren deutschen und olympischen Sportgeschichte (Eichel, 1964-1973). Im wiedervereinigten Deutschland wurden die in der Regel mit dem DDR-System ideologisch eng verbundenen DDR- Sporthistoriker „abgewickelt“ und in den Ruhestand versetzt. In Westdeutschland führte die Entwicklung einer millionenstarken Breitensportbe‐ wegung in den 1970er und 1980er Jahren sowie der systematische Spitzensportausbau im Kontext der Olympischen Spiele von München 1972 zur Konstituierung der Sport‐ wissenschaft als anerkanntes akademisches Fach in Forschung und Lehre. Die beste‐ henden akademischen Ausbildungseinrichtungen für Leibeserzieher wurden zu fach‐ lich breit aufgestellten sportwissenschaftlichen Instituten und Fakultäten ausgebaut. Ein Wesensmerkmal der Sportwissenschaft war/ ist ihr interdisziplinärer Charakter mit sportmedizinischer, biomechanischer, trainingswissenschaftlicher, sportpädagogi‐ scher, sportpsychologischer, sportsoziologischer und sporthistorischer Ausrichtung. Im Rahmen dieser Querschnittswissenschaft spielte die Sportgeschichte zunächst eine durchaus bedeutsame Rolle. An allen größeren Instituten und Fakultäten war Sportge‐ schichte ein akademisches Lehrfach; Sporthistoriker stellten an vielen Standorten die Institutsleitung. In der 1976 gegründeten Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft 94 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="95"?> bildete sich 1982 die Sektion Sportgeschichte, die auf einer Vielzahl von gut besetzten Tagungen ein breites sporthistorisches Themenspektrum behandelte. Anspruchsvolle Zeitschriften mit unterschiedlicher thematischer Schwerpunktsetzung („Stadion“, „Ni‐ kephoros“, „Sozial- und Zeitgeschichte des Sports“, „SportZeiten“) dienten als Sprach‐ rohr für aktuelle sporthistorische Forschungsbeiträge. Wissenschaftsorganisatorisch ist die Sportgeschichte angebunden an die Sportwis‐ senschaft, forschungsmethodisch orientierte sie sich zunehmend an den Standards der deutschen Geschichtswissenschaft, mit der sie allerdings personell und organisatorisch bis heute wenig vernetzt ist (Luh, 2018). Mit Blick auf die wissenschaftliche Qualität der bundesdeutschen, universitär verankerten Sportgeschichte vollzog sich seit den 1970er Jahren ein qualitativer Sprung. Die Sporthistoriker um Bernett, Ueberhorst, A. Krüger, Lämmer, Decker, Langenfeld, Peiffer, Pfister, M. Krüger und Teichler mit ihrer Vielzahl von Schülern bearbeiteten nach geschichtswissenschaftlichen Standards das weite Feld sportlicher und bewegungskultureller Entwicklung insbesondere von den Philanthropen und Friedrich Ludwig Jahn, über die Zeit der entstehenden Turnvereinsbewegung im 19. Jh., über das Kaiserreich, die Weimarer Republik bis hin zum Nationalsozialismus und zur deutsch-deutschen Zeitgeschichte des Sports. Notwendigermaßen standen zunächst grundlegende verbands- und organisationsgeschichtliche Aufarbeitungen der nationa‐ len Turn- und Sportgeschichte, zeitgeschichtlich bedeutsame Turn- und Sportfeste, die Olympischen Spiele, ebenso die biographiegeschichtliche Betrachtung maßgeben‐ der sportpolitischer Handlungsträger wie die historische Entwicklung ausgewählter Sportarten im Vordergrund. Zunächst dominierten politik- und ideologiegeschichtli‐ che Arbeiten zur sporthistorischen Vergangenheitsbewältigung mit einer Vielzahl von Studien zum Sport im Nationalsozialismus, (leider weniger) zur Weimarer Zeit, zum Arbeitersport und zum Sport in der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte. Ideologiekritisch wurde insbesondere die politische Vereinnahmung des Sports in der deutschen Zeitgeschichte im Sinne sporthistorischer Aufklärungsarbeit thematisiert. Die Vielzahl von Veröffentlichungen folgte zunächst eher den methodischen Qua‐ litätsstandards und Paradigmen eines modernen Historismus auf der Grundlage hermeneutisch orientierter Primärquellenarbeit. Seit den 1980er Jahren wurde diese Forschungsrichtung ergänzt und erweitert durch sozialgeschichtliche, regional-, lo‐ kal-, alltags- und biographiegeschichtliche und schließlich auch durch körper- und geschlechtergeschichtliche Ansätze. Erkenntnisreiche Abstecher in den Bereich der Sportgeschichte finden sich zudem bei Volkskundlern und Kulturwissenschaftlern wie Bausinger (2006), Vertretern der historischen Verhaltensforschung wie Nitschke (1981) und Eichberg (1973) oder aber bei Kultur- und Sozialhistorikern wie Behringer (2012). Hierbei erscheint sportliches Verhalten als ein universales, sich historisch wandelndes Kulturmuster, das in Längsschnittanalysen über die Jahrhunderte hinweg in unterschiedlichen europäischen und außereuropäischen Regionen verfolgt wird. Insbesondere von Sporthistorikern wie Wedemeyer-Kolwe (2004, 2010), Günther (2005) oder Reinold (2016) wird seit jüngerer Zeit vehement eine stärkere Ausrichtung 3.2 Sportgeschichte (Andreas Luh) 95 <?page no="96"?> der universitären Sportgeschichte auf das geschichtswissenschaftliche Paradigma der Neuen Kulturgeschichte gefordert (Daniel, 2001; Landwehr, 2009), um dem Bedeu‐ tungsverlust der Sportgeschichte innerhalb der Sportwissenschaft fachlich-inhaltlich entgegenzutreten und gleichzeitig eine engere Anbindung an die Mutterwissenschaft zu ermöglichen. Die Jahrestagungen der wiederbelebten Sektion Sportgeschichte in der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft der Jahre 2017 an der Ruhr-Universität Bochum und 2018 an der Leibniz Universität Hannover haben in enger Kooperation mit Vertretern der historischen Mutterwissenschaft wie Eisenberg, Martschukat oder Stieglitz insbesondere kulturgeschichtliche Ansätze bei der Aufarbeitung menschlicher Bewegungskultur thematisiert (Luh & Gissel, 2018). Der Mensch ist in der Sichtweise der Neuen Kulturgeschichte ein „Kulturwesen“, „be‐ gabt mit der Fähigkeit und dem Willen, bewusst zur Welt Stellung zu nehmen und ihr einen Sinn zu verleihen“ (Weber, 1988, S. 180). In allen Kulturen erschaffen Menschen in allen gesellschaftlichen Teilbereichen wie Politik, Wirtschaft, Kunst, Architektur, Wissenschaft, Rechtsprechung, Militärwesen und Sport, in den Lebensbereichen von Sprache, Krankheit, Sexualität, Körperlichkeit, Bewegung, Tanz, Festgestaltung, Erin‐ nerungskultur, Geschlecht, Kindheit, Alter u. a. mit Sinn behaftete, gegenständliche und nicht gegenständliche Artefakte. Die Neue Kulturgeschichte zielt auf der Grund‐ lage der konstruktivistischen Sichtweise des „linguistic turn“ auf die Entzifferung des historischen Sinns dieser Artefakte und spricht davon, die symbolischen Ordnungen, die in den Artefakten enthalten sind und sich historisch wandeln, zu dekodieren (Landwehr, 2009). Waren die 1980er Jahre die Hochzeit der deutschen Sportgeschichte in Hinblick auf ihre akademische Verankerung als anerkannte sportwissenschaftliche Teildiszi‐ plin, so führt die Sportgeschichte heute „eher ein Schattendasein unter den mäch‐ tigeren anderen Disziplinen der Sportwissenschaft“ (Krüger, 2020b, S. 9). Die Sport‐ geschichte liefert eine humanwissenschaftlich orientierte, nicht direkt verwertbare Grundlagenforschung innerhalb einer in weiten Teilen anwendungsorientierten Sport‐ wissenschaft mit vielfältigen sportpraktisch und sportorganisatorisch umsetzbaren Erkenntnissen und Dienstleistungsfunktionen. In den aktuellen Studienordnungen sportwissenschaftlicher Ausbildungseinrichtungen ist nur noch selten Platz für Sport‐ geschichte. An der Mehrzahl der sportwissenschaftlichen Ausbildungseinrichtungen ist Sportgeschichte inzwischen weder inhaltlich noch personell verankert (Luh, 2018). Dem Niedergang der akademischen Sportgeschichte steht allerdings ein zuneh‐ mendes Interesse der Öffentlichkeit an sporthistorischen Themen gegenüber, wie Fernsehdokumentationen, sporthistorische Ausstellungen und die vielfältig nachgefragte historische Aufarbeitung der olympischen Geschichte und der Ge‐ schichte des Fußballs zeigen. Auch die Geschichtswissenschaft zeigt inzwischen Interesse an sporthistorischen Themen, auch wenn sich eine systematische Bearbeitung sporthistorischer Phänomene innerhalb der Mutterwissenschaft der Sportgeschichte nicht abzeichnet. Obwohl der Sport zu einem globalen und 96 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="97"?> den Lebensalltag bestimmenden Phänomen geworden ist, gibt es an deutschen geschichtswissenschaftlichen Fakultäten (berechtigtermaßen) Lehrstühle für Um‐ welt-, Technik-, Militär-, Gendergeschichte u. a., aber nach Wissensstand des Autors keinen Lehrstuhl für Sportgeschichte oder für Körper- und Bewegungs‐ kultur. 3.2.3 Themenfelder, Theorien und Methoden der Sportgeschichte Untersuchungsgegenstände und Themen der Sportgeschichte Wenn man sich mit der Bewegungskultur verschiedener Völker in unterschiedlichen Zeiten beschäftigt, muss die Bestimmung des Begriffs Sport weit gefasst sein. Sport wird deshalb im Folgenden verstanden „als ein nach festen Regeln ablaufender Umgang mit dem Körper, der immer verbunden ist mit den in der jeweiligen Zeit bestehenden kulturellen Normen und Werten, der also zeitabhängig, demnach wandelbar und veränderbar ist“ (Beckers, 1995, S.-19). Die Untersuchungsgegenstände und Themen sporthistorischer Forschung sind nicht kanonisier- und eingrenzbar. Bewegungskulturelle Phänomene zu allen Zeiten und in allen Kulturen können mit unterschiedlichen Fragestellungen in den Blick genommen werden, z. B. das Bogenschießen der Pharaonen, die Leibeserziehung in Sparta, die antiken Olympischen Spiele, die Gladiatorenkämpfe und Wagenrennen der Römer, das Schneeschuhlaufen der Germanen, die mittelalterlichen Ritterturniere, das Armbrust‐ schießen städtischer Schützengilden, die frühneuzeitlichen Fußball- und Tennisspiele, barocke Tänze an Fürstenhöfen, die Gymnastik der Philanthropen, das Jahnsche Turnen, die Turnvereinsbewegung in der Zeit der 1848er Revolution, die Deutsche Turnerschaft im Kaiserreich, die Entwicklung des Schulsports, Coubertin und die moderne olympische Bewegung, die Entwicklung des Fußballs zum Massenphänomen und die sozialistische Arbeitersportbewegung in der Weimarer Zeit, die Anpassung und Gleichschaltung des deutschen Sports im NS, die Sportstrukturen in der BRD und in der DDR, der Strukturwandel der modernen olympischen Bewegung seit den 1980er Jahren, aber auch die Inlineskater auf der Kölner Domplatte, die Ballspiele der Maya, das japanische Sumo, ebenso wie die Geschichte von Sportarten, Sportverbänden oder die staatliche Sportpolitik u. v. m. Epocheneinteilung In der deutschen Sporthistoriographie werden sportliche Phänomene in der Regel dem abendländisch-europäisch orientierten, chronologischen Grundmuster von Antike, Mittelalter und Neuzeit zugeordnet. In ausdifferenzierter Form ergibt sich in abend‐ ländisch-deutscher Betrachtungsperspektive folgende chronologische Einteilung: Ur‐ sprungstheorien des Sports - die frühen Hochkulturen (z. B. Ägypten) - das antike Griechenland und Rom - Mittelalter - Renaissance, frühe Neuzeit und Aufklärung - das bürgerlich-industrielle Zeitalter des 19. Jh. bis zum Ersten Weltkrieg - die Weimarer 3.2 Sportgeschichte (Andreas Luh) 97 <?page no="98"?> Zeit - die NS-Zeit und die Zeitgeschichte des Sports in DDR und BRD. Das für deutsche Sportstudierende aktuell maßgebende, dreibändige sporthistorische Übersichtswerk ist dieser Epocheneinteilung verpflichtet (Krüger, 2020a, 2020b, 2020c). Wie auch immer verschiedene Periodisierungsschemata zur orientierenden Einord‐ nung bewegungskultureller Phänomene aussehen, eine allgemeingültige Lösung für marxistisch, geistesgeschichtlich oder sozialwissenschaftlich orientierte Sporthistori‐ ker, japanische, europäische oder arabische Sporthistoriker kann es nicht geben. Denn Epocheneinteilungen ergeben sich nicht sachlogisch aus sich selbst heraus, sondern sind das Ergebnis deutender Erklärung vergangenen Geschehens. Epocheneinteilun‐ gen haben immer ihren spezifischen didaktischen Wert, der reflektiert zu begründen ist (Becher, 1997). Erkenntnistheoretische Besonderheiten sporthistorischen Arbeitens Die lebensweltliche Bedeutung historischen Denkens für den einzelnen Menschen wie für menschliche Gemeinschaften wurde bereits erläutert (vgl. Kap. 3.2.1). Im Folgenden soll nun nachgezeichnet werden, welchen besonderen Nutzen das systematische, methodisch reflektierte, wissenschaftlich ausgeformte historische Denken und seine Verankerung in sportwissenschaftlichen Studiengängen bringen, welche erkenntnis‐ theoretischen Besonderheiten die (Sport-)Geschichtswissenschaft aufweist und was die methodischen Arbeitsschritte einer sporthistorischen Untersuchung sind. Zunächst ist festzustellen, dass das wissenschaftlich geformte historische Denken ähnliche Denkoperationen umfasst wie das alltägliche historische Denken. Der Unterschied besteht allerdings darin, dass bei der alltäglichen Form historischen Denkens Orientierungsbedürfnis, deutendes Erinnern und erzählende Sinnstif‐ tung in der Regel eine unreflektierte, ineinander verwobene Einheit bilden (vgl. Abb. 3.2.1), wie etwa die lamentierende Aufarbeitung eines gerade erlebten Fußballspiels in der Stammkneipe des Lieblingsvereins. Orientierungsbedürfnis, deutendes Erinnern und erzählende Sinnstiftung spielen zwar auch bei einer wissenschaftlichen Untersuchung zur Aufarbeitung eines sporthistorischen Phä‐ nomens eine zentrale Rolle. Aber die Operationen sporthistorischer Forschung, die einer solchen Analyse zugrunde liegen, treten reflektiert und methodisch geregelt auseinander, um den Plausibilitätsgehalt und den Objektivitätsanspruch der zu gewinnenden Erkenntnisse zu steigern (vgl. Abb. 3.2.2). Hierbei erweisen sich der Objektivitätsanspruch historischer Erkenntnis und „das Verhältnis von Fakten und Interpretation [als das methodologische] Kernproblem der Geschichtstheorie“ (Lorenz, 1997, S. 18-19). Dieses Kernproblem wird anhand der Arbeitsweise eines Sporthistorikers offensichtlich, der anhand eines Augenzeugenbe‐ richts das Endspiel der Fußballweltmeisterschaft 1954 in Bern untersuchen möchte. Welche „Realität“ gibt die ausgewählte Primärquelle des Augenzeugenberichts („Rea‐ lität der Quelle“) mit Blick auf das „tatsächliche Ereignis“ („Realität des Geschehens“) 98 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="99"?> überhaupt wieder? Interpretiert der Historiker den vorliegenden Augenzeugenbericht korrekt („Realität der Interpretation“) bzw. würde ihn eine andere Historikerin nicht ganz anders deuten? Der Historiker ordnet die interpretierten Aussagen des Augen‐ zeugenberichts in Form einer sprachlichen Darstellung. Aber was hat die „Realität der sprachlichen Darstellung“, die zudem von jedem Leser unterschiedlich verstanden werden kann („Realität der rezipierten Darstellung“), mit der „Realität des Endspiels“ überhaupt noch zu tun? Und wie steht es dann mit der Aussage von Leopold v. Ranke (1795-1886), einem der Begründer der deutschen Geschichtswissenschaft, dass es die Aufgabe des Historikers sei, zu zeigen, wie es wirklich gewesen ist? Leopold v. Ranke war als Vertreter des sogenannten Historismus der Ansicht, dass man sich nur lange und tief genug in die historischen Quellen versenken müsse, um die „Realität“ vergangenen Geschehens verstehend zu ergründen (Krüger, 2020b). In einer radikalen Auslegung des methodologischen Kernproblems historischer Erkenntnis verwerfen postmoderne Vertreter des sog. „linguistic“ oder „cultural turn“ und in ihrem Gefolge auch die (sport-)historischen Verfechter der Neuen Kulturge‐ schichte (s. o., s. u.) jeden historischen Objektivitätsanspruch. Es gebe keine objektiven historischen Entwicklungen, die über erhaltene Quellen objektiv zu rekonstruieren sind. Geschichte ist demnach eine subjektive, gedanklich-narrative Konstruktion eines Historikers auf der Grundlage subjektiv gefärbter Hinterlassenschaften vergangenen Geschehens. Dementsprechend ist die Geschichtsschreibung genauso fiktiv wie z. B. die Poesie oder andere Formen der Literatur (Lorenz, 1997; Luh, 2018). Im Angesicht dieser methodologischen Herausforderungen an den historischen Erkenntnisgewinn werden im Folgenden die spezifische Form der (möglichen) historischen Objektivität und die gesteigerten Vernunftchancen methodisch geregelten, wissenschaftlich verfassten historischen Denkens herausgearbeitet. Historische Methode Die Historische Methode konstituiert sich in der „Gesamtheit der Regeln des historischen Denkens. Sie bestimmen die Verfahren, nach denen die menschliche Vergangenheit als Geschichte vergegenwärtigt wird“ (Rüsen, 1997, S. 140). Der Begriff Historische Methode ist hierbei sehr weit gefasst und meint die übergreifenden methodischen Operationen eines historischen Forschungsprozesses, der die „Vielfalt der methodischen Verfahren, mit denen überprüfbar Informationen über die Vergangenheit aus deren empirischer Bekundung gewonnen werden“ (Rüsen, 1986, S. 92), einschließt. In diesem Sinne sind dem sog. Dreischritt von Heuristik, Kritik und Interpretation (vgl. Abb. 3.2.2) nicht nur qualitative (hermeneutisch-quellenkritische und inhaltsanalytische) Verfahren, sondern auch quantitativ-statistische Vorgehensweisen zuzuordnen, abhängig von der Fragestellung des Forschenden und den relevanten Quellenbeständen. Die methodi‐ schen Operationen historischen Forschens sind wie folgt zu kennzeichnen: 3.2 Sportgeschichte (Andreas Luh) 99 <?page no="100"?> Abb. 3.2.2: Die methodischen Operationen historischen Forschens (Luh, 2004, S.-447) Thematisierung und Fragestellung Am Anfang einer (sport-)historischen Untersuchung (Rohlfes, 1997) steht das histo‐ risch-zeitliche Orientierungsbedürfnis des forschenden Historikers und seiner Rezipi‐ enten. Aus ihm erwachsen erkenntnisleitende Interessen, die in Form von Arbeitshy‐ pothesen oder Fragestellungen ausformuliert und offengelegt werden. Die Qualität der Fragestellungen bzw. Arbeitshypothesen entscheidet maßgebend über die Qualität des Forschungsprozesses insgesamt (Rüsen, 1986). Kriterien für sinnvolle Fragestellungen sind ■ die gesellschaftliche Relevanz der Fragestellungen, d. h. ihre Bedeutung für das menschliche Orientierungsbedürfnis, ■ die Orientierung der Fragestellungen am Stand der bereits geleisteten Forschung, so dass eine Wissens- und Erkenntniserweiterung möglich wird und ■ die methodische Durchführbarkeit der geplanten Untersuchung vor dem Hinter‐ grund der vorhandenen Ressourcen der Forschenden. 100 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="101"?> Beispielsweise ist der weitere Erkenntnisgewinn bezüglich des Dopingsystems und der Dopingpraxis im Leistungssport der DDR und in der BRD von erheblicher gesellschaft‐ licher Relevanz für die Vielzahl der heute in sehr unterschiedlicher Weise von diesem historischen Phänomen Betroffenen: für die Geschädigten und Gedopten selber, für die damit befassten Juristen und für ehemalige und heutige Verbandsverantwortliche und Sportmediziner bezüglich ihres Umgangs mit Doping. Von der sporthistorischen Forschung bereits aufgearbeitet sind insbesondere das System des Dopings in der DDR und seine zentralen sportpolitischen und institutionellen Steuerungsmechanismen (Spitzer, 1998a). Weiterführende Erkenntnisse dagegen sind von personenbezogenen, lokalen Fallstudien mit Blick auf Opfer, Täter und Handlanger zu erwarten (Spitzer, 2007). Wünschenswerte flächendeckende Feldstudien über die Form der regionalen und lokalen Umsetzung der Dopingpraxis in den Sportclubs und Kinder- und Jugend- Sportschulen sind allerdings forschungspragmatisch nur mit erheblichen personellen und materiellen Ressourcen zu leisten. Die Besonderheiten und die Praxis des Dopings in der BRD im Vergleich zur DDR sind dagegen überhaupt erst ansatzweise erforscht (Krüger et al., 2014). Heuristik Ausgehend von seinen Fragestellungen und Arbeitshypothesen, begibt sich der His‐ toriker auf die Suche nach Informationsquellen aus der Vergangenheit. Als Quellen sind hierbei alle historischen Hinterlassenschaften anzusehen, die Informationen und Erkenntnisse zu der bearbeiteten Fragestellung liefern können (Brandt, 2007). Mög‐ lichst alle relevanten Quellenbestände werden gesammelt, gesichtet, klassifiziert und hinsichtlich ihres Informationsgehalts eingeschätzt. Unterschiedliche Quellenarten sind bezüglich des methodischen Umgangs mit ihnen sorgfältig zu unterscheiden, wobei der Historiker - bis auf die systematische Befragung von Zeitzeugen in der Oral History - auf die Untersuchung von Hinterlassenschaften aus der Vergangenheit angewiesen ist und sich keine Quellen selber schaffen kann. In der Vergangenheit eigens zum Zwecke der Überlieferung geschaffene Hinter‐ lassenschaften werden als Tradition klassifiziert (z. B. Siegerstatuen antiker Olym‐ pioniken im Heiligen Hain von Olympia, die Turngeschichtsschreibung des 19. Jh., Autobiographien von Sportfunktionären), im Gegensatz zu sogenannten Überresten, die nicht eigens zum Zwecke der Überlieferung hinterlassen wurden (z. B. altägypti‐ sche Kompositbögen, das römische Kolosseum, Sportbekleidung, Sitzungsprotokolle oder Briefwechsel aus dem Schriftgut des Nationalsozialistischen Reichsbunds für Leibesübungen). Gegenständliche Quellen (z. B. Sportstadien, Sportgeräte, mumifizierte Tote) sind von schriftlichen Quellen zu unterscheiden (z. B. die Sportberichterstattung in Zeitungen, Vereinsprotokolle, Festschriften, Vereinsregister, Mitgliederlisten, be‐ hördliches Schriftgut, Tagebücher, Verbandszeitschriften, Texte von Fangesängen in Fußballstadien, Gemälde und Fotos mit sportlichen Themen). 3.2 Sportgeschichte (Andreas Luh) 101 <?page no="102"?> Kritik „Mit der Quellenkritik betritt die historische Forschung den festen Boden der Tat‐ sächlichkeit der historischen Erkenntnis (…) Die Quellenkritik ist das Nadelöhr zur historischen Objektivität“ (Rüsen, 1986, S. 107). Daten über vergangene menschliche Handlungen, Zustände und Entwicklungen werden intersubjektiv überprüfbar aus den empirischen Hinterlassenschaften der Vergangenheit erhoben und belegt, wodurch der Plausibilitätsgehalt der wissenschaftlich verfassten Geschichtsschreibung gesteigert wird. Bei hermeneutisch zu erschließendem, „klassischem“ Quellenmaterial (sport-)his‐ torischer Untersuchungen ist zunächst dessen Echtheit und Vollständigkeit zu über‐ prüfen (äußere Quellenkritik). Abzuklären ist zudem: Wer ist der Urheber einer Quelle und was waren dessen Ziele? Wann, wo und in welchem zeitgeschichtlichgesellschaftlichen Kontext ist die Quelle entstanden und wer waren die Adressaten? Vor diesem Hintergrund sind der Informationsgehalt der Quelle und seine innere Stim‐ migkeit zu erfassen (innere Quellenkritik). Fremdsprachige Quellen sind zu übersetzen, vorkommende Begriffe, Symbole, Personen u. a. sind abzuklären (Rüsen, 1986; Rohlfes, 1997). Interpretation Mit Bezug auf die forschungsleitenden Fragestellungen werden die quellenkritisch gewonnenen Informationen aus der Vergangenheit zu einer Vorstellung von der Ver‐ änderung gesellschaftlicher Zustände, Lebensbedingungen und menschlicher Hand‐ lungen in der Form einer historischen Erklärung bzw. Deutung verknüpft (Rüsen, 1986; Rohlfes, 1997). Der Forschende muss sich hierzu in die vergangene Zeit hineinverset‐ zen und gesellschaftliche Zustände und menschliche Vorstellungen nachvollziehend verstehen. Teil dieses hermeneutischen Prozesses sind allerdings ebenso das Wieder‐ auftauchen aus den vergangenen Zeiten und die Konfrontation des Vergangenen mit den Wertmaßstäben der eigenen Gegenwart bei der Interpretation und Verknüpfung der quellenkritisch gesammelten Informationen. Historische, aber auch sozial- oder sprachwissenschaftliche Theoriebildungen, Modelle und Kategorien unterschiedlicher Reichweite können hierbei hilfreich sein (Rüsen, 1986; Lorenz, 1997; Rohlfes, 1997), wie die folgenden drei Fallbeispiele verdeutlichen sollen: Die theoriegeleitete Verwendung historischer Begriffskategorien wie Anpassung und Widerstand (Rüsen, 1986) ermöglicht beispielsweise eine differenziertere Deutung der quellenkritisch erhobenen Informationen zum Verhalten bürgerlicher, sozialdemo‐ kratischer und kommunistischer Sportfunktionäre im Zeitraum der nationalsozialisti‐ schen Machtergreifung und Herrschaftssicherung. Die Unterschiede zwischen dem frühneuzeitlichen Fußballspiel in England, dem „Hurling“, und unserem heutigen Fußballspiel sind genauer und gehaltvoller zu beschreiben und zu erklären, wenn man zivilisationstheoretische Erklärungskonzepte hinzuzieht, um die quellenkritisch erhobenen Informationen zu den überlieferten 102 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="103"?> Spielpraktiken zu deuten (Dunning, 1973; Elias & Dunning, 2003). „Vormoderne“ und „moderne“ sportliche Verhaltensweisen von Zuschauern und Spielern können dann klar voneinander abgegrenzt, typisiert und analytisch erklärt werden. Günther untersucht mit Hilfe des Habituskonzepts von Bordieu die Körper- und Bewegungsformung und die Festgestaltung der norddeutschen Turnbewegung im 19. und 20. Jh. Die theoriegeleitete Analyse verdeutlicht, dass die gesellschaftliche Verstetigung polarer Geschlechterverhältnisse bei der Gestaltung des Frauenturnens erst seit Ende des 19. Jh. dominierte, während in der frühen Entwicklungsphase des 19. Jh. sogar emanzipatorische Momente im Frauenturnen vorherrschten (Günther, 2005). Darstellung Die historische Darstellung vermittelt die im Forschungsprozess gewonnene Vorstel‐ lung von der menschlichen Vergangenheit in Form einer Geschichte, deren Darstel‐ lung adressatenorientiert dem historischen Orientierungsbedürfnis der betroffenen Menschen entsprechen sollte. Hierbei hat eine „wissenschaftliche Geschichte“ ihren Argumentationsgang zu reflektieren sowie offene Fragen aufzudecken, damit der Erkenntnisfortschritt historischer Forschung in Gang gehalten wird (Rüsen, 1997). Die besonderen Leistungen eines wissenschaftlich ausgeformten, methodisch gere‐ gelten (sport-)historischen Denkens umfassen demnach: ■ die Offenlegung der forschungsleitenden Fragestellungen, ■ die begründete, möglichst umfassende, in einem hermeneutischen Zirkel zu erwei‐ ternde Suche und Bearbeitung relevanter Quellenbestände, ■ die Offenlegung der Werte und Normen, auf deren Grundlage die aus den Quellen ermittelten Informationen interpretiert werden und ■ das Mitdenken anderer, ergänzender und erweiternder, aber auch konkurrierender Argumentationen, so dass es zu einer Perspektivenerweiterung in der eigenen Bewertung vergangenen Geschehens kommen kann. Die historische Methode führt nicht zu universalen, objektiv gültigen, einheitlichen Aussagen und Deutungen im Sinne einer Produktobjektivität. Die historische Ob‐ jektivität, die durch wissenschaftlich verfasstes historisches Denken ermöglicht wird, ist eine als Begründungsobjektivität bezeichnete Form (Lorenz, 1997). In diesem Sinne sind der zu leistende „Wahrheitsanspruch“ und „Objektivitätsan‐ spruch“ historischen Denkens zu verstehen (Rüsen, 1983), auch im Angesicht der Herausforderungen durch den postmodernen „linguistic turn“. Theoretische Konzepte und Forschungsrichtungen in der Sportgeschichte Ein Großteil der Sporthistoriographie orientiert sich an dem klassisch-hermeneuti‐ schen Verfahren einer geisteswissenschaftlich orientierten Geschichtswissenschaft, bei dem es um die Rekonstruktion der Vergangenheit auf der Grundlage systematisch er‐ 3.2 Sportgeschichte (Andreas Luh) 103 <?page no="104"?> fasster Quellenbestände geht, ausgehend von heute interessierenden Fragestellungen. Bei den stärker sozialwissenschaftlich und kulturgeschichtlich orientierten Konzepten in der Sporthistoriographie geht es dagegen eher um die theoretisch begründete Um- und Neustrukturierung der quellenkritisch, inhaltsanalytisch und auch statistisch-quanti‐ tativ erhobenen Datenbestände (Rohlfes, 1997). In diesem Zusammenhang werden im Folgenden die Forschungskonzepte der Gesellschaftsgeschichte, der Zivilisationsge‐ schichte und der Neuen Kulturgeschichte vorgestellt. ■ Das geschichtswissenschaftliche Konzept der Gesellschaftsgeschichte distanzierte sich seit den 1960er Jahren vom Wirkungskonzept des Historismus, das auf der historischen Gestaltunzugskraft großer Individuen und Ideen beruhte. Der Gesellschaftsgeschichte geht es um die Analyse der Austauschbeziehungen und der Wechselwirkungen der verschiedenen gesellschaftlichen Teilbereiche, z. B. Politik, Wirtschaft, Sport, Medien, Wissenschaft, Religion, des Erziehungs- und des Gesundheitssystems u. a. Neben hermeneutisch-quellenkritische Verfahren des Erkenntnisgewinns treten vor allem statistisch-quantitative und inhaltsana‐ lytische Verfahren, mit denen z. B. mit Blick auf sportliche Themenstellungen Zuschauerzahlen, Verbandsmitgliedschaften, soziale Schichtungen im Sport, der Wandel von Sporteliten, Einkommensstrukturen, Mentalitätsverschiebungen u. a. erfasst werden (Eisenberg, 2010, 2018). Der Sport wird hierbei als autonomes Hand‐ lungssystem mit eigener Identität verstanden, das aufgrund seines Eigenwelt- und Spielcharakters Alleinstellungsmerkmale besitzt und Leistungen erbringt, die von keinem anderen gesellschaftlichen Teilbereich erbracht werden (Schimank, 1995). Der Sport wird in dieser Perspektive als eine der zentralen „Ligaturen“ gesehen, die Individuen und gesellschaftliche Gruppen in großen Nationalstaaten und darüber hinaus global über Kontinente hinweg miteinander verbinden (Eisenberg, 2010). Die umfassende Darstellung der deutschen Turnbewegung und Körpererziehung im 19. Jh. von Krüger ist konzeptionell dem gesellschaftsgeschichtlich orientierten Konzept von Wehler und Langewiesche zuzuordnen, die den Prozess der deutschen Nationsbil‐ dung auf politischer, ökonomischer und kultureller Ebene verfolgen und miteinander vernetzen (Wehler, 1995; Langewiesche, 2000). Hierbei konzentriert sich Krüger in seiner erkenntniserweiternden Darstellung auf den in der Geschichtswissenschaft vernachlässigten Beitrag turnerischer Körperkultur zur deutschen Nationsbildung auf soziokultureller Ebene (Krüger, 1996). Ein anderes Beispiel für den gesellschaftsgeschichtlichen Forschungsansatz liefert die Potsdamer Forschungsgruppe um Teichler (2001). Teichler u. a. untersuchten seit Ende der 1990er Jahre das Sportsystem der DDR mit Hilfe des Theorieansatzes von „Herrschaft und Eigen-Sinn“, wie er von dem Sozial- und Zeithistoriker Thomas Lindenberger zur Erforschung der DDR-Alltagsgeschichte entwickelt worden war (Lindenberger, 1999). Hierbei werden die staatlichen Strukturen von Herrschaft auf der einen Seite dem Geflecht von sozialen Herrschaftsbeziehungen auf der anderen Seite gegenübergestellt. DDR-„Herrschaft“ im Bereich des Leistungs-, Breiten- und 104 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="105"?> Freizeitsports erscheint nach diesem Ansatz als vielfach divergierendes Kontinuum von typisierbaren systemtragenden, systemkonformen, systemdistanzierten und auch widerständigen Verhaltensweisen, wobei sich der DDR-Spitzensport plausiblerweise als ein stärker „durchherrschtes“ Teilsystem des DDR-Sports darstellt. ■ Geht es bei der Gesellschaftsgeschichte des Sports eher um Strukturen und Funk‐ tionen des Sports in der modernen Gesellschaft, beschäftigt sich die Zivilisations‐ geschichte des Sports stärker mit der Erklärung langfristiger bewegungskultureller Wandlungen (Krüger, 2010). Die zivilisationsgeschichtliche Betrachtungsweise des Sports in ihren unterschiedlichen Varianten stammt ursprünglich von Vertretern der Kultursoziologie und der Kulturgeschichte (Elias; Eichberg) sowie der Kultur‐ anthropologie (Nitschke; Bausinger; Behringer) und hat von hier aus ihre Wirkung in der Sportgeschichte entfaltet. Nach Elias, einem der Hauptvertreter zivilisationstheoretischer Ansätze, ist der Mensch ein von Trieben und Affekten bestimmtes Wesen. Der Prozess der Zivilisation, der verbunden ist mit Bevölkerungswachstum, der Zunahme arbeitsteiliger Arbeitsformen und immer dichterer Kommunikation, erfordert eine Zunahme von Trieb- und Affekt‐ kontrollen sowohl auf der Ebene des einzelnen Individuums (Psychogenese) als auch auf der Ebene der Gesellschaft (Soziogenese). Die Zunahme der Gewaltkontrolle beim englischen Fußballspiel vom ausgehenden Mittelalter bis in die Moderne (Elias & Dunning, 2003) oder die Zunahme der Gewaltkontrolle vom antiken olympischen Boxen bis zum modernen Boxen im 19. Jh. sind für Elias Ausdruck eines solchen Zivilisationsprozesses. In der zivilisationstheoretischen Perspektive kommt es zu weit‐ reichenden Vernetzungen der Sportgeschichte, der Sitten- und Verhaltensgeschichte und auch der politischen Geschichte. Für Elias sind beispielsweise die frühe Versport‐ lichung der Bewegungskultur wie die frühe Staatenbildung und Parlamentarisierung in England die Kehrseiten der gleichen Medaille. Denn sowohl bei der sportlichen als auch bei der politischen Auseinandersetzung ging es um den reglementierten Kampf um Macht und Interessen, um die Akzeptanz von Schiedsrichterentscheidungen, um Sieg und Niederlage, um die faire Behandlung des Unterlegenen und dessen erneute Chance bei einer möglicherweise folgenden Auseinandersetzung. Zivilisationstheoretische Ansätze finden in der Sportgeschichte zunehmend Verwendung, etwa zur Aufarbeitung der Entwicklung von Gewalt im Zuschauersport (Dunning, Murphy & Williams, 1990), bei der Geschichte des Tanzes (Klein, 1992) oder bei der Entwicklung von Geschlechterbeziehungen im Sport (Malcolm & Waddington, 2008). ■ Im Sinn des „linguistic turn“ geht es der Neuen Kulturgeschichte des Sports nicht um die Analyse vermeintlich realer historischer Gegenstände und Strukturen, sondern um die Entzifferung von Machtstrukturen, die sprachlich über Erzählformen und Begriffe zum Ausdruck kommen. Der Blick auf Geschichte verändert sich vor dem Hintergrund dieses Paradigmenwechsels grundlegend. Historiker aus dem Kreis der Neuen Kulturgeschichte wollen mit Hilfe von Quellentexten und theoriegeleiteten Diskursanalysen nicht auf historische Wirklichkeiten schließen. 3.2 Sportgeschichte (Andreas Luh) 105 <?page no="106"?> Kulturhistorische Ansätze zielen vielmehr auf die Analyse von Sinnstrukturen und Bedeutungen, mit denen Individuen und Gesellschaften der Vergangenheit ihre vielfältige Lebenswirklichkeit verstanden und gedeutet haben (Daniel, 2001; Landwehr, 2009). Exemplarisch für sporthistorische und bewegungskulturelle Arbeiten aus dem Bereich der Geschichtswissenschaft/ Neuen Kulturgeschichte stehen die körpergeschichtlich orientierte Monographie von Lorenz „Leibhaftige Vergangenheit“ (Lorenz, 2000), Sa‐ rasin mit seiner „Geschichte des Körpers von 1765-1914“ (Sarasin, 2001), Mallinckrodt mit einer Vielzahl von Arbeiten über Körpertechniken, Wettkampf- und Bewegungs‐ kulturen in der frühen Neuzeit bis zum 19. Jh. (Mallinckrodt & Schattner, 2016), die Monograhie von Martschukat über „Das Zeitalter der Fitness: wie der Körper zum Zeichen für Erfolg und Leistung wurde“ (Martschukat, 2019) oder der kultur-, körper- und sporthistorische Sammelband „Sports, Bodies, and Visual Sources“ (Eiben & Stieg‐ litz, 2018). Exemplarisch für sporthistorische und bewegungskulturelle Arbeiten aus dem Bereich der Sportwissenschaft/ Neuen Kulturgeschichte zu nennen sind Günter zur „Geschlechterkonstruktion im Sport. Eine historische Untersuchung der nationalen und regionalen Turn- und Sportbewegung des 19. und 20. Jahrhunderts“ (Günter, 2005), Reinold über „Doping als Konstruktion. Eine Kulturgeschichte der Anti-Doping- Politik“ (Reinold, 2016) oder der erinnerungskulturell-historische Beitrag von Luh über „Das ‚Wunder von Bern‘ und die kollektive Erinnerung der Deutschen im Wandel der Zeit“ (Luh, 2023). Sporthistorische Forschungsvorhaben müssen in Zukunft nach Ansicht des Au‐ tors des vorliegenden Beitrags unabhängig von ihrer kategorialen Zuordnung zu bestimmten Forschungsparadigmen methodisch wie methodologisch den folgenden Anforderungen gerecht werden (Luh, 2018): ■ Ereignis- und organisationsgeschichtlich orientierte Details müssen in ihren Zu‐ sammenhängen quellenorientiert und theoriegeleitet erarbeitet werden. ■ Strukturelle Zusammenhänge verschiedener gesellschaftlicher Teilbereiche sind aufzudecken. ■ Handlungsspielräume von Funktionsträgern sind aufzuzeigen. ■ Mentalitäten und Wertvorstellungen gesellschaftlicher Gruppen sind zu analysie‐ ren. ■ Individuelle und kollektive Wahrnehmungs- und Deutungsmuster erfahrener Wirklichkeiten sind zu entziffern. ■ Themenadäquat sind verschiedenartige qualitative, quantifizierende, komparative, verstehende und erklärende methodische Instrumentarien reflektierend anzuwen‐ den. ■ Eigene Erkenntnisperspektiven und methodologische Grundlagen sind reflektie‐ rend in die Ergebnisdarstellung mit Blick auf die Erkenntnisreichweite einzube‐ ziehen u. v. a. 106 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="107"?> 3.2.4 Verhältnis der Sportgeschichte zur Sportpraxis Für das Verhältnis der Sportgeschichte zur Sportpraxis ist zunächst festzuhalten, dass Sportgeschichte keinen direkten „Nutzen“ etwa für die Konzeption schulischen Sportunterrichts, für die Gestaltung eines Trainingsprozesses, für die rehabilitative Behandlung von Sportverletzungen oder für die inhaltliche und organisatorische Neu‐ konzeption eines Sportvereinsangebotes bietet. Anknüpfend an die Ausführungen zu der anthropologischen Bestimmung des Menschen als „Homo historicus“ und anknüpfend an die Herausarbeitung unterschiedlicher Orientierungsleistungen (sport-)historischen Denkens (vgl. Kap. 3.2.1), wird das Verhältnis der Sportgeschichte zur Sportpraxis anhand des Praxisbeispiels Kinder und Jugendliche im DDR-Spitzensport konkretisiert. Will ein Sporthistoriker ein komplexes gesellschaftliches Teilsystem wie den (Nachwuchs-)Leis‐ tungssport in der DDR untersuchen, muss er sich vorher selbst Klarheit über aktuelle Fragen und Bezüge seines Untersuchungsgegenstands verschaffen. Eine solche Klärung ist ein zentraler Bestandteil des historisch-hermeneutischen Erkenntnisprozesses. Denn vor allem „unsere Selbsterfahrung verschafft uns einen Zugang zur Fremderfahrung, und diese wiederum ermöglicht uns Selbsterfahrung“ (Rohlfes, 1997, S. 72), so ein erkenntnistheoretischer Grundsatz der Hermeneutik. In diesem Sinn erfordert und fördert der analysierende und bewertende Blick auf das medaillenträchtige Nachwuchs- Leistungssportsystem der DDR die selbstkritische Klärung der eigenen leistungssportli‐ chen Wertmaßstäbe und die Klärung der eigenen leistungssportlichen Zielvorstellungen auf Seiten des forschenden Sporthistorikers: Wie wichtig ist einer Gesellschaft bzw. dem kritisch wertenden Sporthistoriker der Erfolg bei Olympischen Spielen und welche ma‐ teriellen und personellen Mittel bzw. zentralen Steuerungsmaßnahmen möchte bzw. soll eine (freie) Gesellschaft hierfür einsetzen? Ist die Zielvorstellung von Goldmedaillen oder Endkampfteilnahmen in allen medaillenträchtigen Sportarten überhaupt sportethisch sinnvoll und erstrebenswert? Sind Spitzenerfolge in allen Sportarten wirklich erwünscht, auch in Sportarten, in denen hochleistungssportliche Trainingsmaßnahmen schon im frühen Kindesalter notwendig bzw. Dopingmaßnahmen weitverbreitet sind? Ist eine medial orientierte Gesellschaft bereit, auch fünfzehnte Plätze im Turnen der Frauen bzw. Kugelstoßen der Männer anzuerkennen? Die sporthistorische Aufarbeitung der Zwangsdelegierung von Kindern und Jugend‐ lichen an Trainingszentren und Sportschulen bzw. deren Zwangs-Ausdelegierung ohne Beteiligung der Erziehungsberechtigten wie im Leistungssportsystem der DDR (Wiese, 2012) sind in einer freien Gesellschaft im Sinne einer humanen Spitzensportförderung nicht denkbar, ebensowenig die staatlich diktierte Beschränkung von olympisch (nicht) geförderten Sportarten oder gar das staatlich organisierte System eines flächendecken‐ den Zwangsdopings. Auf ganz andere Weise inhuman ist aber auch ein freiheitlichdemokratisches Leistungssportsystem, das junge, hochmotivierte Menschen, die bereit sind, die spitzensportlichen Strapazen und Unsicherheiten auf sich zu nehmen, orga‐ nisatorisch, materiell und personell nicht optimal fördert (Gienger, 2008). Inhuman ist deshalb auch ein teures, ineffizientes System des Nachwuchsleistungssports mit Mängeln in der organisatorischen Abstimmung von föderaler und zentraler Talentsich‐ 3.2 Sportgeschichte (Andreas Luh) 107 <?page no="108"?> tung/ Talentförderung über Landes- und Bundeskader, mit Mängeln bei der Erstellung und Umsetzung von Rahmentrainingsplänen für Kaderstufen, mit strukturellen Män‐ geln bei der Arbeit und Zusammenarbeit von Olympiastützpunkten, Verbandsstütz‐ punkten, schulischen Bildungsstätten und sportwissenschaftlicher Forschung (Emrich et al., 2008). Am Beispiel der sporthistorischen Untersuchung des Kinder- und Jugend-Spitzen‐ sports in der DDR wird eine fundamentale Bedeutung der historischen Perspek‐ tive deutlich: Indem der historisch-hermeneutisch denkende Mensch auf der einen Seite in die Strukturen und Entwicklungen des DDR-Nachwuchssports nachvoll‐ ziehend eintauchen und auf der anderen Seite wertend wieder auftauchen muss, ist er gezwungen, seine eigenen Positionen zu zentralen Untersuchungsfragen zu klären und weiterzuentwickeln. Der historisch forschende Blick auf das zeitlich „Andere“ wird damit zu einem reflektierenden Blick auf die eigene Identität. Praxisbeispiel: Kinder und Jugendliche im DDR-Spitzensport aus sporthistorischer Perspektive Bundesdeutsche Sportwissenschaftler beschäftigen sich mit Blick auf das The‐ menfeld Kinder und Jugendliche im Spitzensport ausführlich mit sportmedizi‐ nischen, trainingswissenschaftlichen, biomechanischen, sportpsychologischen, sportsoziologischen und sportpädagogischen Aspekten. Aus sporthistorisch-ent‐ wicklungsgeschichtlicher Perspektive ist eine kritische Aufarbeitung des The‐ menbereichs Kinder und Jugendliche im Spitzensport der BRD bislang nicht erfolgt. Dagegen haben sich bundesdeutsche Sporthistoriker vergleichsweise umfassend mit dem Spitzensport von Kindern und Jugendlichen in der DDR beschäftigt. Das sportpolitisch-zeitgeschichtlich motivierte Erkenntnisinteresse der Sporthis‐ toriker galt hier insbesondere der Frage, wie es möglich war, dass ein Land mit nur 17 Mio. Einwohnern neben den bevölkerungsreichen Großstaaten USA und UDSSR zu einer der drei führenden Welt-Sportnationen bei den Olympischen Spielen von 1972 bis 1988 aufsteigen konnte. Der Grund für die spitzensportliche Leistungsfähigkeit der DDR lag in einem weltweit einmaligen, zentral gesteuerten und flächendeckend umgesetzten Talentsichtungs- und Talentfördersystem, das lückenlos alle Kinder vom frühen Schulkindalter bis zum jungen Erwachsenen erfasste. Ziele waren die leistungssportliche Überflügelung des westdeutschen Konkurrenten und die internationale Anerkennung der DDR als sozialistisches deutsches Staatswesen. Die systematische Förderung jugendlicher Talente im Sport begann in der DDR auf Anregung von Walter Ulbricht und des SED-Zentral‐ komitees Anfang der 1950er Jahre. Über den Weg des Leistungssports sollte in der Zeit des Kalten Kriegs die Überlegenheit des sozialistischen Gesellschaftsmodells demonstriert werden. Auf Beschluss des ZK der SED erfolgte seit 1952 die 108 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="109"?> Eröffnung der ersten Kinder- und Jugendsportschulen (KJS) in Berlin, Leipzig, Brandenburg und Halberstadt. Bis Ende der 1950er Jahre waren die KJS frei zugängliche allgemeinbildende Schulen für sportbegabte Schüler mit erweitertem Turn- und Sportunterricht. Ihre leistungssportorientierte Ausrichtung und inter‐ natsmäßige Abschließung erfolgte erst in den 1960er Jahren nach der Gründung des Deutschen Turn- und Sportbunds der DDR (DTSB) und der endgültigen Tei‐ lung Deutschlands durch den Bau der Mauer (Hartmann, 1998). Weitere Elemente des entstehenden leistungssportlichen Systems für Kinder und Jugendliche in der DDR waren seit 1965 die Spartakiadebewegung, die in der Folgezeit eingerichteten 1.700 Trainingszentren (TZ) für Schulkinder in allen größeren Städten und Ge‐ meinden der DDR, das Programm der Einheitlichen Sichtung und Auswahl für die Trainingszentren und Trainingsstützpunkte des DTSB der DDR (ESA) seit Anfang der 1970er Jahre, die den sogenannten Sportclubs angeschlossenen 25 Kinder- und Jugendsportschulinternate, das Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS), der Sportmedizinische Dienst (SMD) und die Forschungs- und Entwicklungs‐ stelle für Sportgeräte (FES). In den 1970er Jahren wurden die einzelnen Elemente der Talentsuche und Talentförderung im Spitzensport der DDR auf Beschluss des ZK der SED unter der Ägide des DTSB-Vorsitzenden und ZK-Mitglieds Manfred Ewald zu einem effizienten, eng miteinander verzahnten und hocheffektiven Sys‐ tem der Spitzensportförderung zusammengeschlossen (Hartmann, 1998; Teichler & Reinartz, 1999; Reichelt, 2006). Garanten des internationalen Erfolgs waren u. a. Tausende von akademisch qualifizierten, hauptamtlich bezahlten Trainern, politisch gesteuerte einheitliche Umsetzungskonzepte, die Konzentration des Leistungssports auf medaillenträchtige olympische Sportarten, aber auch ein sys‐ tematisch durch den Staat organisiertes, flächendeckendes Zwangsdopingsystem, das bei Kindern und Jugendlichen in den KJS einsetzte (Seppelt & Schück, 1999), und die bereits in den Trainingszentren beginnende systematische Überwachung durch Spitzel (IM) des Ministeriums für Staatssicherheit (Spitzer, 1998b). Mit Blick auf die in Kap. 3.2.3 vorgestellten sporthistorischen Konzepte sind Sport‐ historiker bei der Erforschung des Kinder- und Jugend-Spitzensports der DDR unterschiedliche Wege gegangen. Die empirische Datengrundlage lieferte hierbei zweifellos die hermeneutisch orientierte Primärquellenanalyse. Fragestellungen der Sporthistoriker betreffen beispielsweise die organisatorische Struktur der KJS, deren Wandel vom offenen Schulbetrieb zum Internat, die Finanzierung der Sportclubs, die Auswahl der Schulkinder für die Delegierung in die Trainingszen‐ tren, den Umfang der politischen Kontrolle der KJS. Quellengrundlage hierzu sind z. B. zeitgeschichtliche Veröffentlichungen in wissenschaftlichen Zeitschriften der DDR, Reden der Parteivorsitzenden, Protokolle von Sitzungen des ZK der SED, Briefwechsel zwischen Funktionsträgern des Systems, Haushaltsunterlagen der TZ/ KJS, Trainingspläne der Sportverbände, sogenannte Treffberichte von Stasi- Mitarbeitern (IM), Gutachten und Protokolle von Sportärzten des Sportmedizini‐ schen Dienstes, Trainingstagebücher von jungen Sportlern, Zeitzeugeninterviews 3.2 Sportgeschichte (Andreas Luh) 109 <?page no="110"?> mit ehemaligen TZ/ KJS-Schülern und TZ/ KJS-Trainern. Bei der Analyse von Handlungsspielräumen von Trainern und jungen Athleten im Spitzensportsystem der DDR von 1952 bis 1989 war der theoretische Ansatz von „Herrschaft und Eigensinn“ (Teichler, 2001; Spitzer, 2007) zur interpretativen Bewertung des Primärquellenbefunds hilfreich. In diesem Zusammenhang kommen biographie‐ geschichtliche historische Forschungsansätze auf der Grundlage von Zeitzeuge‐ ninterviews mit ehemaligen TZ- und KJS-Schülern, mit ehemaligen Trainern und KJS-Schuldirektoren zum Tragen (Delow, 1999; Wiese, 2012). Eher entwick‐ lungsgeschichtlich orientierte Untersuchungen stellen die Veränderungen in der Funktion, Organisation, Ausstattung und Arbeitsweise der KJS von 1952 bis 1990 im jeweiligen zeitgeschichtlichen Zusammenhang in den Vordergrund. Eher struktur- und gesellschaftsgeschichtlich orientierte Ansätze vernetzen das System des DDR-Nachwuchsleistungssports und dessen innen- und außenpolitische, ökonomische, erzieherische, mediale Implikationen mit den Bereichen von DDR- Innenpolitik, DDR-Außenpolitik, DDR-Ökonomie und DDR-Erziehungssystem (Niese, 1997; Teichler & Reinartz, 1999). Lokalgeschichtliche Einzelfallstudien zu einer bestimmten KJS oder einem TZ stellen den Alltag des Kinder- und Jugend- Leistungssports als ergänzendes Korrektiv zu strukturgeschichtlichen Ansätzen in den Vordergrund. Komplexe Untersuchungen zum Thema Kinder- und Jugend‐ leistungssport in der DDR verbinden die unterschiedlichen entwicklungs-, struk‐ tur-, biographie-, alltags-, lokal- und kulturgeschichtlichen Forschungsansätze gewinnbringend miteinander (Wiese, 2012). Kontrollfragen 1. Der Mensch kann sich als denkendes Wesen an Vergangenes erinnern und Zukunftsvorstellungen entwickeln. Erläutern Sie die Bedeutung von Vergan‐ genheit, Gegenwart und Zukunft für die Identitätsbildung des Menschen. 2. Sporthistoriker können auf verschiedenartige Orientierungsleistungen histo‐ rischen Denkens verweisen. Nennen Sie vier dieser Orientierungsleistungen und erläutern Sie eine davon genauer. 3. Sportgeschichte war noch in den 1980er Jahren eine bedeutsame Teildisziplin der Sportwissenschaft. Skizzieren Sie die Stellung der Sportgeschichte dieser Zeit und erläutern Sie die Gründe für ihren akademischen Niedergang in Deutschland seit den 1990er Jahren. 4. Der Objektivitätsanspruch historischer Erkenntnis gilt als das methodologi‐ sche Kernproblem der Geschichtstheorie. Erläutern Sie diese Aussage unter Bezugnahme auf die sich gegenüberstehenden Argumentationslinien des so‐ genannten Historismus und des sogenannten „linguistic turn“. 110 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="111"?> 5. Geschichtswissenschaftliches Denken konstituiert sich durch die „historische Methode“. Erläutern Sie den Arbeitsgang einer (sport-)historischen Untersu‐ chung und nennen Sie mögliche sporthistorische Untersuchungsgegenstände. 6. Die lebensweltlich-alltägliche Bedeutung historischen Denkens unterscheidet sich vom wissenschaftlich ausgeformten (sport-)historischen Denken. Erläu‐ tern Sie die charkateristischen Unterschiede. 7. Erläutern Sie das geschichtswissenschaftliche Konzept einer Gesellschaftsge‐ schichte des Sports, auch mit Blick auf dessen Distanzierung vom Wirkungs‐ konzept des Historismus. 8. Erläutern Sie das theoretische Konzept und die besonderen Erkenntnisinteres‐ sen einer Neuen Kulturgeschichte des Sports. 9. Nennen Sie die aufeinander aufbauenden Stufen des Kinder- und Jugend‐ leistungssports in der DDR und wesentliche Charakteristika, die dieses System international so erfolgreich gemacht haben. Literatur Bausinger, H. (2006). Sportkultur. Attempto. Becher, U. A. J. (1997). Periodisierung. In K. Bergmann, K. Fröhlich, A. Kuhn, J. Rüsen, & G. Schneider (Hrsg.), Handbuch der Geschichtsdidaktik (S.-127-132). Kallmeyer. Beckers, E. (1995). Vom Gang des Bewusstseins - und dem Schwinden der Sinne. Band. 1. Mythos, Sinnlichkeit, Körperlichkeit. Academia-Verlag. Behringer, W. (2012). Kulturgeschichte des Sports. Vom antiken Olympia bis ins 21.-Jahrhundert. C.-H. Beck. Bernett, H. (1981). 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Arete. 3.3 Sportpsychologie (Petra Wagner, Manfred Wegner, Ines Pfeffer) Siegen und Verlieren, Erfolg und Misserfolg im Sport hängen von zahlreichen Fak‐ toren ab, von individuellen Leistungsvoraussetzungen, vom Trainingszustand, von der aktuellen „Form“, aber auch von der „mentalen Stärke“, d.-h. von der absoluten Bereitschaft und vom Können, sein gesamtes Leistungspotential im Wettkampf nutzen zu können. Der Spitzensport ist eines unter mehreren Anwendungsfeldern der Sportpsychologie. Sportpsychologinnen und Sportpsychologen arbeiten eng mit Spitzenathletinnen und -athleten zusammen und vermitteln beispielsweise Strate‐ gien, um mit dem Wettkampfstress und den aktuellen Bedingungen des Wettkampfs effektiv umgehen zu können. Der Gesundheitssport ist ein weiteres Anwendungsfeld. Personen mit Risikofaktoren wie Übergewicht, Bluthochdruck oder Diabetes, denen von ärztlicher Seite geraten wird, durch körperliche Aktivität etwas für ihre Gesundheit zu tun, steigen vielleicht in eine Kampagne ihrer Krankenkasse ein, halten aber die Verhaltensänderung zu einem aktiven Lebensstil nicht über einen längeren Zeitraum aufrecht. Sie steigen aus, weil sie zu viele Beschwerden haben, alles zu aufwändig ist oder sie keine Lust haben. Aus der sportpsychologischen Gesundheitsforschung ist bekannt, dass soziale Unterstützung in diesem Stadium sehr wichtig ist. Wenn die Absicht, Sport zu treiben vorhanden ist, aber durch Schwierigkeiten und Barrieren behindert wird, sind sportpsychologische Prinzipien nutzbar: eine gezielte Planung des Sportengagements, das Vermitteln von Erfolgserlebnissen oder der Einsatz von sozialer Unterstützung durch Familie, Freundinnen und Freunde oder Sportkolleginnen und -kollegen, um nachhaltig an der regelmäßigen sportlichen Aktivität festzuhalten. Auch im Schulsport greifen sportpsychologische Prinzipien, etwa können Schülerin‐ nen und Schüler in zahlreichen Situationen an ihre Grenzen kommen. Das kann die geringe Bewegungserfahrung im Turnen sein, die Furcht beim Tauchen in tiefem Was‐ ser, die Unerfahrenheit mit körperlicher Anstrengung bei einem Ausdauertraining oder die Angst vor Blamage in Leistungssituationen. Um entsprechend kompetent reagieren zu können, müssen Sportlehrkräfte geschult sein, die Emotionen der Schülerinnen und Schüler zu deuten. Angst zeigt sich beispielsweise in körperlichen Reaktionen 3.3 Sportpsychologie (Petra Wagner, Manfred Wegner, Ines Pfeffer) 115 <?page no="116"?> wie Blässe, übermäßigem Schwitzen oder in Zittern und Verkrampfungen. Andere Indikatoren können aus auffälligem Verhalten geschlossen werden, wie dem Rückzug oder dem sozial übertriebenen Verhalten, das besondere Aufmerksamkeit hervorrufen soll. Derartigen Situationen kann im Sportunterricht von geschulten Personen mit entsprechenden Maßnahmen zur Reduzierung von Angst (z. B. Ermutigung, Sicher‐ heitsstellung) begegnet werden. Anhand dieser exemplarischen Beispiele aus den Bereichen Spitzensport, Gesund‐ heit und Schule kann der Phänomenbereich der Sportpsychologie weiter spezifiziert werden. Die Sportpsychologie ist eine Disziplin, die als Forschungsfeld, universitäres Lehrfach und auch als Anwendungsbereich mittlerweile in Wissenschaft und Sport‐ praxis tief verankert ist. Nimmt man die Gegenstandsbereiche Sport und Psychologie, lassen sich zwei Ausrichtungen (Sportpsychologie oder Sportpsychologie) entsprechend der speziellen Schwerpunktsetzungen differenzieren. Schlicht (2009) klärt diese Frage mit einem „sowohl als auch“ auf. Dabei betont er die besonderen Möglichkeiten und Zugänge, die sich aus der „Kreuzung“ der beiden Disziplinen ergeben. Die Psychologie ist in ihren Theorien und Methoden die ältere und stärker differenzierte Disziplin, während die Sportpsychologie zwar als interdisziplinär ausgerichtet, aber als noch relativ junge Disziplin wahrgenommen wird. Lernziele ■ Die Leserinnen und Leser erfahren, mit welchen Phänomenen sich die Sport‐ psychologie beschäftigt und welche Themen aus ihrer Sicht relevant sind. ■ Sie erkennen, wie die Sportpsychologie entstanden ist, wie sie sich bis zum heutigen Stand entwickelt hat und welche Verbindungen zu ihrer Mutterwis‐ senschaft bestehen. ■ Sie lernen wissenschaftliche Zielsetzungen und Aufgaben der Sportpsycho‐ logie kennen und reflektieren, mit welchen Theorien sich die Sportpsycho‐ logie den für sie relevanten Phänomenen und Themen nähert, welchen Problem-/ Fragestellungen sie sich widmet und welche Methoden dabei typi‐ scherweise zum Einsatz kommen. ■ Sie erfahren, in welchem Verhältnis die Sportpsychologie zur Sportpraxis steht, insbesondere welche Bedeutung die Sportpraxis ihren Forschungsergebnissen beimisst. 3.3.1 Einführung - Phänomene und Themen der Sportpsychologie Der Gegenstandsbereich der Psychologie und der Sportpsychologie wird gleicherma‐ ßen darin gesehen, das Verhalten und Erleben des Menschen und deren Ursachen und Wirkungen zu analysieren ( Janssen, 1995). 116 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="117"?> Für den Kontext des Sports kann man sich an Brand (2010, S. 16) orientieren: „De‐ finitorisch zusammengefasst beschäftigt sich die wissenschaftliche Sportpsycho‐ logie mit dem für körperliche Aktivität und besonders Sport relevanten Verhalten und Erleben. Sie widmet sich insbesondere der Beschreibung, der Erklärung, der Vorhersage oder der Veränderung solchen Verhaltens und Erlebens und fundiert damit die praktische Anwendung sportpsychologischer Erkenntnisse im Feld.“ In der psychologischen Betrachtung von Erleben und Verhalten wird die Perspektive „Innenwelt“ - z. B. Ich erlebe „Ärger“ aufgrund eines Misserfolgs - vom Verhalten, d. h. der Perspektive „Außenwelt“ - z. B. Ich vermeide einen weiteren Versuch - getrennt. Diese Person-Umwelt-Interaktion wird im Integrierten Modell zu grundlegenden Aspekten des psychischen Systems nach Nolting und Paulus (2018, S. 134) verdeutlicht (vgl. Abb. 3.3.1). Es sind dabei vier Aspekte integriert, mit denen Verhalten beschrieben und erklärt werden kann: (1) die aktuellen Prozesse im Individuum, (2) die Bedingungen der Situation, (3) die Merkmale (Eigenschaften) der Person und (4) Aussagen über den Hintergrund dieser Merkmale im Sinne der Entwicklungsbedingungen der Person. Abb. 3.3.1: Integriertes Modell zu grundlegenden Aspekten des psychischen Systems nach Nolting und Paulus (2018, S.-134) Für das Beispiel aus dem Schulsport bedeutet dies: Eine Schülerin oder ein Schüler ist motiviert, beispielsweise das Hindernis (Bock, Kasten, Pferd) zu überwinden, aber vielleicht nicht selbstsicher oder sogar gehemmt. Aktuelle Prozesse werden häufig 3.3 Sportpsychologie (Petra Wagner, Manfred Wegner, Ines Pfeffer) 117 <?page no="118"?> von den situativen Bedingungen ausgelöst (Anreger) und spiegeln sich im inneren Erleben wider: Die Schülerin oder der Schüler wollen eigentlich am Sportunterricht aktiv teilnehmen, fühlt sich aber überfordert. Dieses innere Geschehen (innere Prozesse und Zustände) lässt sich weiter differenzieren. Die Situation wirkt auf das psychische System. Dazu gehören die „Wahrnehmung“, das „Denken“ (im Sinne von Erfassen), die „Emotion“ (im Sinne von Bewerten), die „Motivation“ (im Sinne von Anregen) und das „Denken“ (im Sinne von Planen). Diese inneren Bewertungs- und Entscheidungspro‐ zesse werden im äußeren Verhalten (Effekt) sichtbar, z. B. als gehemmt ausgeführter Versuch, möglicherweise mit einem „Hängen-Bleiben“ am Kasten. In diesen aktuellen Prozessen zeigt sich einerseits das kognitive Erfassen der Aufgabe, andererseits können emotionale Bewertungen und daraus folgende motivationale Tendenzen die kognitive Planung so weit beeinflussen, dass das beobachtbare Vermeidungsverhalten daraus folgt. In diese Beschreibung gehen noch weitere Aspekte ein: die Persönlichkeitsebene als personale Disposition und die individuellen Entwicklungsbedingungen als Reifung und Lernen. Möglicherweise ist die Schülerin oder der Schüler in ihrem bzw. seinem Persönlichkeitsprofil so ausgerichtet, dass Situationen vermieden werden, in denen die Gefahr besteht, Misserfolge zu erleben. Damit zeigt sie bzw. er eine Verhaltenstendenz, die in der Motivationspsychologie als „Furcht vor Misserfolg“ bezeichnet wird und die im Gegensatz zur Verhaltenstendenz „Hoffnung auf Erfolg“ steht. Bezieht man nun auch zusätzlich die Entwicklungsbedingungen ein, könnte man als Hintergrund für das Verhalten folgende Informationen nehmen: Die Schülerin oder der Schüler hat keine sehr aktive Sportsozialisation genossen und wurde von den Eltern nicht besonders ermutigt, Sport zu treiben. Das Integrierte Modell zu grundlegenden Aspekten des psychischen Systems nach Nolting und Paulus (2018, S. 134) (vgl. Abb. 3.3.1) - skizziert anhand des Beispiels aus dem Schulsport - lässt sich nutzen, um den komplexen Bezug von Erleben und Verhalten abzubilden und stellt eine Grundlage zum Verständnis psychologischer Prozesse dar. 3.3.2 Entstehung und Entwicklung der Sportpsychologie Historisch hat sich die Sportpsychologie als Disziplin in Deutschland aus der experi‐ mentell ausgerichteten Psychologie der 1920er Jahre entwickelt. Einen entscheidenden Aufschwung nahm die Sportpsychologie ab Mitte der 1960er Jahre, wobei hier die sportwissenschaftliche Orientierung einen wesentlichen Einfluss hatte. Im Zusammen‐ hang mit der Ausrichtung der Olympischen Spiele 1972 in München und einer politisch ausgerichteten Konkurrenzsituation zur DDR flossen zusätzliche Mittel in den Ausbau der Sportwissenschaft. Davon hat auch die Sportpsychologie profitiert (Gabler, 2004; Janssen, 2009). Heutzutage ist die Sportpsychologie in Deutschland institutionell an die sportwis‐ senschaftlichen Institute und Fakultäten der Universitäten sowie an die Sporthoch‐ schule Köln angegliedert. Sportpsychologie wird als Wissenschaft und auch als An‐ 118 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="119"?> wendungsdisziplin betrieben, wobei Bezüge zu sehr unterschiedlichen Zielfeldern wie dem Spitzen- und Breitensport, der Prävention und Rehabilitation oder dem Schulsport gegeben sind (Schüler et al., 2020). Die thematischen Bereiche sind ähnlich ausgerichtet wie in der Psychologie und umfassen z. B. Motivation, Volition, Emotion, Kognition oder sozialpsychologische Phänomene. Aktuelle Forschungsergebnisse werden im „Journal of Applied Sport and Exercise Psychology“ präsentiert. Die Fachgesellschaft für Sportpsychologinnen und Sportpsychologen in Deutschland ist die 1969 gegründete Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie e.-V. (asp). 3.3.3 Themenfelder und Theorien der Sportpsychologie Zentrale Themen der Sportpsychologie sind insbesondere Motivation und Volition, Emotion, Kognition und soziale Interaktion. Diese werden im Folgenden aufgegriffen und unter Bezug auf prominente Theorien und Anwendungsbereiche kurz dargestellt. Motivation und Volition Was bewegt Sportlerinnen und Sportler, über Jahre hinweg in einer Sportart zu trainieren, auf vieles zu verzichten und trotz Rückschlägen an ihrem sportlichen Erfolg weiter zu arbeiten? Warum finden manche in sportlichen Leistungssitua‐ tionen ihre Erfüllung, während andere dem Sport nichts abgewinnen können? Versucht man diese Fragen zu beantworten, beschäftigt man sich zwangsläufig mit Motiven zum Sporttreiben und dem sportpsychologisch relevanten Themen Motiv und Motivation. Ein Motiv ist eine relativ stabile Persönlichkeitsdisposition (trait), die beschreibt, wie wichtig einer Person bestimmte, thematisch ähnliche Handlungsziele sind. Wenn Motive durch bestimmte situative Bedingungen (Anreize) angeregt werden, entsteht Motivation. Damit sind die inneren Prozesse im Sinne von Nolting und Paulus (2018) gemeint, die als Interaktion zwischen Person- und Situationsfakto‐ ren zu verstehen sind. Ein zentrales Motiv im Spitzensport, das seit Jahrzehnten Gegenstand vieler sport‐ psychologischer Forschungsarbeiten ist, stellt das Leistungsmotiv dar (Gabler, 2002; Hänsel et al., 2022; Heckhausen & Heckhausen, 2018; Wegner, Mirko, 2020; Elbe & Schüler, 2020). Innerhalb des Leistungsmotivs wird zwischen den beiden relativ stabilen Tendenzen Hoffnung auf Erfolg (HE; aufsuchende Tendenz) und Furcht vor Misserfolg (FM; vermeidende Tendenz) unterschieden. Personen mit einer hohen Hoffnung auf Erfolg sind erfolgszuversichtlich, während Personen mit einer hohen Furcht vor Misserfolg misserfolgsängstlich sind. Leistungsmotivation als Zustand (state) lässt sich als Bestreben charakterisieren, eine Aufgabe zu meistern und dabei einen sozialen (z. B. eine Konkurrentin oder einen Konkurrenten im Wettkampf besiegen) oder individuellen (z. B. weiter springen als beim letzten Wettkampf) 3.3 Sportpsychologie (Petra Wagner, Manfred Wegner, Ines Pfeffer) 119 <?page no="120"?> Gütemaßstab zu erreichen oder zu übertreffen (Stoll et al., 2010). Nach Atkinson (1974) entsteht Leistungsmotivation in der Tradition der Erwartungs-Wert-Theorien dann, wenn zum Leistungsmotiv situative Anreize treten. Das Risikowahlmodell (Atkinson, 1974, Elbe & Schüler, 2020) dient der Vorhersage von Leistungshandeln auf Basis individueller Leistungsmotivation, wobei die Situationsparameter durch den Personfaktor (Leistungsmotiv) determiniert werden (Beckmann & Keller, 2009). Als situative Variablen gelten die subjektive Erfolgswahrscheinlichkeit und der Anreiz des Erfolgs. Der Anreiz hängt dabei von der subjektiven Erfolgswahrscheinlichkeit ab, die Aufgabe lösen zu können, wobei eine invers-lineare Beziehung zwischen den beiden Variablen besteht: ist die subjektive Erfolgswahrscheinlichkeit sehr hoch, ist der Anreiz des Erfolgs gering und umgekehrt. Neben dem Leistungsmotiv können im Spitzensport auch das Machtmotiv, das Anschlussmotiv und das Aggressionsmotiv eine Rolle spielen. Diese Motive sind im Kontext des Sports allerdings deutlich weniger untersucht (Beckmann & Keller, 2009). Um Menschen generell zu motivieren, scheint es wichtig zu sein, in erster Linie mo‐ tivrelevante Anreize zu bieten und subjektive Erwartungen zu beeinflussen, da Motive im Sinne von Dispositionen schwer veränderbar sind. Mögliche Ansätze zur Förderung der Leistungsmotivation sind beispielsweise das Verhalten von Trainerinnen oder Trainern, die generelle Zielsetzung oder die Bewertungsmuster. Als weiteres Motiv ist das Gesundheitsmotiv für viele Menschen ein Beweggrund, sich regelmäßig und dauerhaft körperlich zu betätigen. Insbesondere für die Auf‐ nahme eines kontinuierlichen körperlichen Aktivitätsengagements sind Gesundheit und Wohlbefinden bedeutende Ziele. Vorausgesetzt, Bewegung und Sport sind gesundheitsrelevant und körperliche Inaktivität stellt einen sekundären Risikofaktor dar, ist für möglichst viele Menschen ein gesundheitswirksames Minimum an kör‐ perlicher Aktivität anzustreben. In Deutschland erreichen allerdings noch immer vier Fünftel der erwachsenen Bevölkerung nicht die Empfehlung der Weltgesundheits‐ organisation (WHO), sich 2,5 Stunden pro Woche zu bewegen (Pfeffer & Wegner, Mirko, 2020; Hoffmann et al., 2023). Vor dem Hintergrund eines immer spezifischeren Wissens um die Zusammenhänge regelmäßiger körperlicher Aktivität und den verschiedenen Facetten von Gesundheit - physisch (z. B. Blutdruck), psychisch (z. B. Selbstbewusstsein), sozial (z. B. Einsamkeit), objektiv (z. B. ärztliches Urteil), subjektiv (Wohlbefinden) - gewinnt damit ein Verständnis über die Mechanismen der Aufnahme und Aufrechterhaltung eines kontinuierlichen und langfristigen Aktivitätsverhaltens an Relevanz. Eine mögliche und sportpsychologisch relevante Herangehensweise an das Problem der Änderung eines Gesundheitsverhaltens, z. B. über regelmäßige körperliche Akti‐ vität, kann über sogenannte Stadien- und Prozessmodelle beschrieben werden (Pfeffer & Wegner, Mirko, 2020; Stoll et al., 2010). Im Gegensatz zu reinen Motivations- oder Volitionstheorien wird davon ausgegangen, dass eine Verhaltensänderung nicht kon‐ tinuierlich stattfindet, sondern das Ergebnis eines stufenförmigen Verlaufs darstellt. Auch das Transtheoretische Modell (TTM) von Prochaska und DiClemente (1992) folgt 120 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="121"?> der Annahme, dass sich Verhaltensänderung durch das Durchlaufen unterschiedlicher Stadien auszeichnet. Heute wird das Modell auf eine Vielzahl von Verhaltensweisen angewendet, auch auf Bewegung und Sport als Gesundheitsverhalten (Pfeffer & Wegner, Mirko, 2020). Nach dem TTM nähert sich eine Person über fünf Stadien dem (stabilen) Zielverhalten. Die einzelnen Stadien unterscheiden sich nach dem Grad der Bereitschaft, ein Verhalten - z. B. eine regelmäßige körperliche Aktivität - aufzunehmen: ■ Absichtslosigkeit (Präkontemplation): In diesem Stadium findet keine regelmäßige körperliche Aktivität statt und es besteht auch kein Interesse, dieses Verhalten für sich in Erwägung zu ziehen. ■ Absichtsbildung (Kontemplation): Dieses Stadium ist bereits durch das ernsthafte Nachdenken über eine Änderung des bisherigen Verhaltens (körperliche Inaktivi‐ tät) und das Abwägen möglicher Vor- und Nachteile einer Verhaltensänderung gekennzeichnet. ■ Vorbereitung (Präparation): Der Entschluss zu regelmäßiger körperlicher Aktivität ist gefasst. Ein körperlich aktives Verhalten wird ausprobiert. ■ Aktion: In diesem Stadium ist eine regelmäßige Ausübung körperlicher Aktivitäten aufgenommen. Ab jetzt wird die Verhaltensänderung von außen direkt beobacht‐ bar. ■ Aufrechterhaltung (Maintenance): Die körperliche Aktivität wird über einen längeren Zeitraum hinweg ausgeübt. Diese fünf Stadien („stages of change“) werden bei einer Verhaltensänderung nicht zwangsläufig als „Einbahnstraße“ durchlaufen (Pfeffer & Wegner, Mirko, 2020). Perso‐ nen können auch eine einmal begonnene Aktivität wieder beenden (Rückfall vom Handlungsin das Vorbereitungs- oder Absichtsbildungsstadium) oder lange Zeit keinen Handlungsbedarf sehen (Verharren im Stadium der Absichtslosigkeit). Als Erklärungstheorie beschäftigt sich das TTM mit der Frage, welche Faktoren den Übergang von einem zum nächsten Stadium steuern. Die individuell wahrgenom‐ menen Kosten und Nutzen des Verhaltens (Konsequenzerwartungen) sowie die Selbst‐ wirksamkeitserwartung hinsichtlich regelmäßiger körperlicher Aktivität verändern sich im Verlauf der Stadien (Reed, 2001). Darüber hinaus können Techniken und Strategien genutzt werden, so dass Personen von einem Stadium zum nächsten vor‐ anschreiten. Für Personen mit unterschiedlicher Bereitschaft zur Verhaltensänderung haben Prochaska und DiClemente (1992) fünf kognitiv-emotionale Strategien und fünf verhaltensorientierte Strategien benannt (ausführlich Stoll et al., 2010): ■ Die kognitiv-emotionalen Strategien umfassen (1) das Steigern des Problembe‐ wusstseins, (2) das emotionale Erleben, (3) die Neubewertung der persönlichen Umwelt, (4) die Selbstneubewertung, (5) das Wahrnehmen förderlicher Umwelt‐ bedingungen. 3.3 Sportpsychologie (Petra Wagner, Manfred Wegner, Ines Pfeffer) 121 <?page no="122"?> ■ Zu den verhaltensorientierten Strategien gehören (1) die Selbstverpflichtung, (2) die Kontrolle der Umwelt, (3) die Gegenkonditionierung, (4) das Nutzen hilfreicher Beziehungen und (5) die (Selbst-)Verstärkung. Es wird angenommen, dass die Änderungsstrategien an verschiedenen Übergängen wirksam sind. Trotz offener Fragen hat das TTM im Bereich der Interventionsfor‐ schung zur Förderung der körperlichen Aktivität eine hohe Ausstrahlungskraft (Hut‐ chison et al., 2009; Lippke & Kalusche, 2007; Pfeffer & Wegner, Mirko, 2020). Mit der Motivation wird beschrieben, warum sich Menschen so und nicht anders verhalten (Gabler, 2002; Heckhausen & Heckhausen, 2018). Menschliches Verhalten wird allerdings durch motivationale Prozesse allein nur unzureichend erklärt. Zusätz‐ lich sind es volitionale Prozesse (Volition = Wille), die zu einer Verhaltensvorhersage integriert werden sollten (Englert & Bertram, 2020). So gibt es viele Situationen, in denen verschiedene Motivationstendenzen in Kon‐ kurrenz stehen oder ein erwartetes Verhalten gar nicht ausgeführt wird, obwohl die Person eigentlich dazu motiviert ist. Warum schaffen es einige Sportlerinnen oder Sportler im Leistungssport, sich immer wieder zu motivieren, regelmäßig mehrfach am Tag zu trainieren? Oder woran liegt es, dass beispielsweise Personen mit Übergewicht nicht sportlich aktiv werden, obwohl sie es eigentlich beabsichtigen zu tun? Hier bleibt es nur bei der Absicht, die aber nicht als Verhalten realisiert wird. Dieses „hätte“, „könnte“, „würde“ beschreibt den Fall, dass zwar eine Absicht (Motivation) besteht, das gewünschte Verhalten aber nicht ausgeführt wird. Das Konstrukt, das hilft die Lücke zwischen der Absichtsbildung und der Handlung zu schließen, ist die Volition (Wille). Auf der Basis motivationstheoretischer Erkenntnisse wird die Willensbildung als Prozess verstanden (Kuhl, 1983). Besonders deutlich wird dieser Prozesscharakter im Rubikon-Modell (Heckhausen & Heckhausen, 2018; sportbezogen Englert & Bertrams, 2020; Hänsel et al., 2022; Wegner, Manfred, 2016). Die Rubikon-Metapher wird in diesem Bild genutzt, um den Übergang vom Wünschen oder Wollen einer Handlungsumsetzung in ein komplexes Handlungsmodell aufzunehmen. Dabei wird der Bezug zum Überschreiten des Flusses Rubicone in Norditalien hergestellt, wo Cäsar mit dem Überschreiten des Flusses den nicht wieder umkehrbaren Entschluss gefasst hatte, den Bürgerkrieg zu beginnen. Im sog. Rubikon-Modell befindet sich dieser Entscheidungsaspekt im Übergang von der ersten (prädezisionalen) zur zweiten (postdezisionalen) Phase. Im Folgenden wird das Modell anhand eines sportbezogenen Beispiels vorgestellt: Es werden vier Phasen beschrieben, die einen Handlungsprozess vorbereiten, begleiten und abschließen. In der (1) prädezisionalen Phase (motivational) werden unterschied‐ liche Motivationstendenzen beschrieben (z. B. zum Training gehen, Freundinnen und Freunde treffen, Fernsehabend), bevor überhaupt die Entscheidung zu einer Handlung getroffen ist. (2) In der postdezisionalen Phase (volitional) wird sich für eine Motivati‐ onstendenz entschieden, d. h., die Absicht für ein bestimmtes Verhalten formuliert. Die 122 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="123"?> Planungsphase für das Zielverhalten (zum Training gehen) wird durch gezielte Pläne unterstützt. Das sind zum einen Handlungspläne, die als „Wenn-dann-Beziehungen“ formuliert werden („Wenn ich am Dienstag von der Arbeit nach Hause komme, nehme ich meine Sporttasche und gehe zum Training.“). Je konkreter diese Handlungspläne aufgestellt sind, desto wahrscheinlicher ist das Verhalten. Zum anderen können Bewältigungspläne formuliert werden. Hierbei handelt es sich um „Notfallstrategien“, falls etwas Unvorhergesehenes dazwischenkommt („Bei schlechtem Wetter nehme ich nicht das Fahrrad, sondern es ist abgemacht, dass mich meine Trainingspartnerin mit dem Auto abholt.“). (3) Die aktionale Phase (volitional) beschreibt die Fortführung des Prozesses mit der Handlungsausführung. Faktoren der Handlungssteuerung wie die Anstrengungsbereitschaft helfen, die Handlung entsprechend durchzuführen. (4) Die abschließende postaktionale Phase (motivational) dient der Bewertung der Handlung (Ursachenzuschreibung). Als Kriterien für die Ursachenzuschreibung gelten in der Motivationstheorie (Elbe & Schüler, 2020; Heckhausen & Heckhausen, 2018; Weiner, 1974) zwei Bereiche mit vier Kernkriterien, (a) die Stabilität der Bewertung in den Bereichen stabil (Fähigkeit) oder variabel (Anstrengung) und (b) die Bezugsebenen internal (Aufgabenschwierigkeit) und external (Zufall, Glück, Pech). Emotion Emotionen spielen im Sport eine bedeutende Rolle. Sehr häufig können in sportlichen Leistungssituationen sowohl positive als auch negative Emotionen erlebt und beob‐ achtet werden. Emotionen haben die Funktion, den Organismus in Handlungsbereitschaft zu versetzen, denn sie lösen auf einer subjektiv-gefühlsmäßigen und einer physio‐ logischen Ebene Reaktionstendenzen im Verhalten aus und regulieren somit Verhaltensweisen (Egloff, 2009). Eine mögliche Beziehung, die den Zusammenhang von Emotionen und sportlicher Leistung beschreibt, wird über die Yerkes-Dodson-Funktion (Yerkes & Dodson, 1908) dargestellt. Dieser Bezug zu einer lang zurückliegenden Publikation mit Versuchsrat‐ ten soll die Bedeutung des Aktivierungsniveaus eines Tieres oder Menschen für die Leistung aufzeigen. Das Aktivierungsniveau - verstanden als eindimensionaler psychophysischer Erregungszustand - wird zur Leistung in einer umgekehrten U- Funktion dargestellt. Die Leistung ist bei einem mittleren Aktivierungsniveau am größten, während sie bei zu hoher aber auch zu niedriger Aktivierung abfällt. Dieser Zusammenhang zeigt sich auch zwischen der somatischen Angst (Erleben körperlicher Angstzeichen, z. B. feuchte Hände) und der sportlichen Leistung (Arent & Landers, 2003; Brand, 2010; Hänsel et al., 2022). Eine Erweiterung des einfachen Aktivierungs-Leistungs-Zusammenhangs wird im IZOF-Modell nach Hanin (2000; Individual Zone of Optimal Functioning) dargestellt. Es handelt sich um ein individualisiertes, d. h. idiographisches Verfahren, das explizit 3.3 Sportpsychologie (Petra Wagner, Manfred Wegner, Ines Pfeffer) 123 <?page no="124"?> für den Spitzensport entwickelt wurde. Das IZOF-Modell geht über die Betrachtung des Aktivierungsniveaus hinaus und postuliert, dass Athletinnen und Athleten individuell unterschiedliche - positive wie negative - Emotionen erleben, die entweder leistungs‐ hemmend (dysfunktional) oder leistungsförderlich (funktional) wirken können. Dabei geht Hanin (2000) davon aus, dass negative Emotionen nicht per se hinderlich für eine sportliche Leistung sind und positive Emotionen nicht automatisch leistungsför‐ derlich wirken. Vielmehr können auch negative Emotionen, wie Nervosität oder Ängstlichkeit, bis zu einer gewissen Intensität leistungsförderlich sein, demgegenüber positive Emotionen wie Gelassenheit oder Selbstsicherheit bei bestimmten Personen zu Leistungseinbußen führen. In einem Emotionsprofil werden - bezogen auf einen erlebten Wettkampf - bis zu fünf positive (P) und negative (N) Emotionen benannt, die eine leistungsförderliche (+) und -hemmende (-) Wirkung hatten (P+, P-, N+ und N-). Im nächsten Schritt werden die Intensitäten der Emotionen jeweils in Bezug zum besten und schlechtesten Wettkampf eingeschätzt. Die Emotionen mit den entsprechenden Intensitäten werden dann zusammengefasst und grafisch dargestellt (Hanin, 2000). Dieses Profil kann als Grundlage für eine gezielte Emotionsregulation dienen, um die Emotionen - die leistungssteigernd oder leistungshemmend wirken können - gezielt einzusetzen oder zu hemmen. Das Verständnis und der Umgang mit Stress, der in der Regel als negativ empfunden wird und negative Emotionen hervorruft, ist ein zentraler Schwerpunkt sportpsycho‐ logischer Arbeit. Drei Ansätze zum Verständnis von Stress können generell unterschie‐ den werden (z. B. Fuchs & Gerber, 2018; Gerber, 2020; Wegner, Manfred, 2001): (1) reaktionsorientierte Konzepte, (2) situationsorientierte Konzepte und (3) relationale Konzepte. ■ Im ersten Ansatz wird die Reaktion auf einen Stressor betont, womit eine Handlungsbereitschaft signalisiert wird, die sich dann in physiologischen oder psychischen Reaktionen zeigt (z. B. erhöhter Aktivierungszustand, störende und wiederkehrende Gedanken, Verspannungen der Muskulatur). ■ Der situationsbezogene Ansatz betont die Qualität von Umweltreizen, die als Stressindikatoren dienen. Das können einerseits einschneidende Lebensereignisse (Verletzung, Tod eines Angehörigen oder Heirat, persönlicher Erfolg etc.) sein, die eine individuelle Umorientierung verlangen und somit das System „aus der Balance“ bringen. Andererseits werden auch alltägliche Ärgernisse und Freuden (hassles and uplifts) mit einbezogen, die in ihrer summierten Wirkung ebenfalls die Balance gefährden können. ■ Der dritte Ansatz, das relationale Konzept, basiert auf den Überlegungen einer Wechselwirkung von Person und Umwelt (Nolting & Paulus, 2018), d. h. für das Verständnis von Stress ist immer die persönliche Einschätzung der Entstehung von Stressreaktionen wichtig. Das Stressmodell von Lazarus (Lazarus & Folkman, 1984) verdeutlicht dieses Verständnis im Verhältnis von Ressourcen, Wissen und Können zu Anforderungen, Erfordernissen und Problemen. Befinden sich Ressourcen und Fähigkeiten auf der einen Seite mit Anforderungen und Problemen auf der anderen 124 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="125"?> Seite im Gleichgewicht (Passung), wird kein Stress erlebt. Überwiegen Anforde‐ rungen, Erfordernisse und Probleme, während Ressourcen, Wissen und Können als nicht ausreichend wahrgenommen werden, entsteht eine Überforderung. Anders herum kann eine Unterforderung entstehen. Wichtig in der Beurteilung von Stress sind die einzelnen Bewertungsschritte (Wegner, Manfred, 2016) in Abwägung von persönlichen Ressourcen und der individuellen Einschätzung der Situation. Im ersten Schritt (1. Bewertung) wird geprüft, ob eine Situation überhaupt persönlich relevant oder irrelevant ist. Ist die Situation persönlich relevant, kommt die Bewertung hinzu, inwieweit diese Situation in ihren Konsequen‐ zen bedrohlich, schädigend oder als Herausforderung empfunden wird. Im zweiten Schritt (2. Bewertung) wird geprüft, ob Ressourcen, Wissen oder Können ausreichend vorhanden sind, um die Situation zu bewältigen. Erst wenn sich nach dieser Bewertung ergibt, dass nicht ausreichende Fähigkeiten und Mittel zur Verfügung stehen, entsteht Stress und damit auch Gefühle wie Ärger oder Angst. Den Bewertungen folgt die Stressbewältigung, d. h. mit Hilfe der vorhandenen Ressourcen, mit der jeweiligen Situation umzugehen. Zwei Ansatzpunkte zeigen sich dabei vermehrt: (1) Veränderung der Problemlage („Ich gehe aktiv handelnd an das Problem heran.“) oder (2) Verbesserung der emotionalen Befindlichkeit („Ich bin zwar ärgerlich, komme aber mit der Situation zurecht, da ich sie für mich einfach anders bewerte.“). Beide Strategien können in unterschiedlichen Situationen erfolgreich und angemessen sein. Häufig kann dies aber misslingen oder aber einen langen Zeitraum erfordern, der immer wieder von Stressphasen begleitet ist. Kognition Kognitionen im Sport beziehen sich auf Prozesse der Informationsaufnahme, -ver‐ arbeitung und -speicherung, die u. a. beim Bewegungslernen oder bei taktischen Entscheidungen eine große Rolle spielen (z.-B. Memmert et al., 2020). Kognitionen sind eine wichtige Grundlage zielgerichteten Handelns. Da das Gehirn eine eingeschränkte Verarbeitungskapazität hat, müssen relevante Infor‐ mationen ausgewählt und weniger relevante ausgeblendet werden. Hier spielen die Aufmerksamkeit und die Konzentration eine wesentliche Rolle. Unter Auf‐ merksamkeit wird die bewusste und gerichtete Verarbeitung von Informationen verstanden, d. h. „man ist bei der Sache“. Konzentration ist die willentlich fokussierte und gesteigerte Aufmerksamkeit (Stoll et al., 2010). Nideffer und Sagal (2002) unterscheiden den Aufmerksamkeitsfokus auf Basis zweier Achsen: internal (z. B. auf den Körper) und external (auf die Umwelt) sowie eng und weit. Kombiniert ergeben sich daraus vier Formen der Aufmerksamkeit: internal eng (z. B. Analyse der Atemfrequenz beim 10 km Lauf), internal weit (z. B. Analyse des psychischen und physischen Wohlbefindens), external eng (z. B. Analyse der direkten Gegenspielerin oder des direkten Gegenspielers) und external weit (z. B. 3.3 Sportpsychologie (Petra Wagner, Manfred Wegner, Ines Pfeffer) 125 <?page no="126"?> Analyse des gesamten Spielfelds). Je nach sportlicher Aufgabe, ist ein spezieller Aufmerksamkeitsfokus vorteilhaft. Die Konzentration ist der besondere Fokus und die besondere Intensität der Auf‐ merksamkeit auf die zu bearbeitende Aufgabe. Für die Konzentration können drei besondere Funktionen herausgestellt werden (Wegner, Manfred, 1994, 2016): ■ Wahrnehmungsaspekt der Konzentration, d. h. besonders wichtige Details einer Situation im Sport werden schnell und richtig erfasst, um dies zu nutzen und entsprechend der Situationsbedingungen angemessen und effektiv zu handeln. ■ Abschirmungsaspekt der Konzentration, d. h. Störreize werden ausgeblendet, damit diese nicht bewusst werden und die Handlung stören könnten. ■ Regulationsaspekt der Konzentration, d. h. die Anpassung an eine Leistungssitua‐ tion gelingt, indem die körperliche Anspannung und die Nervosität so kontrolliert werden, dass angemessen und effektiv gehandelt werden kann. Um die Aufmerksamkeitslenkung, z. B. im Spielsport, zu verdeutlichen, hat sich das Beispiel des Lichtkegels einer Taschenlampe bewährt (Nideffer & Sagal, 2002). Die Anforderungen an die Sportlerin oder den Sportler können dabei auf zwei Dimensionen (Weite und Richtung) eingestuft werden. In Übungen und im Training sind dann gezielt die Aufmerksamkeitsdauer und der Aufmerksamkeitswechsel zu erproben. Dies wäre die Lenkung zwischen einer engen („wo ist die Lücke“) und einer weiten Aufmerksam‐ keitsausrichtung („wie stehen die Mitspieler, wie werden sie verteidigt“) sowie das Wahrnehmen eines nach innen geleiteten Fokus im Sinne der Selbstaufmerksamkeit („was tue ich hier überhaupt“ bzw. „ich bin hellwach“) oder den nach außen auf die Umwelt gerichteten Fokus („also so stehen die Abwehrspieler“). Mit dem Abschirmungsaspekt der Konzentration können Simulationsaufgaben von Drucksituationen in das Training aufgenommen werden. Dazu gehören Anforderun‐ gen an die Wahrnehmung (z. B. Beobachtungsaufgaben von Signalen, gekoppelt mit Entscheidungssituationen wie Torwurf/ Torschuss). Auch ins Training eingebaute Druckbedingungen (z. B. Training unter Lärmeinfluss) können als Abschirmungsauf‐ gabe geübt werden. Neben äußeren Störbedingungen ist der Umgang mit „inneren“ Störreizen relevant. Beispielsweise wirkt die Selbstaufmerksamkeit häufig störend in den Handlungsablauf hinein. Gedanken wie „das schaffe ich nicht“, „ich verliere sowieso wieder“ oder „immer mir passiert so etwas“, lenken von der eigentlichen Handlung ab. Hier ist das Training von mentalen Strategien hilfreich, um die volle Konzentration bei der Aufgabe zu behalten (Beckmann-Waldenmayer & Beckmann, 2012; Wegner, Manfred, 2016). Kognitive Verfahren werden in der Sportpsychologie auch zur zielgerichteten Verbesserung und Stabilisierung einer Bewegung eingesetzt. Unter mentalem Training wird das planmäßige, wiederholte und bewusste sich Vorstellen eines Be‐ wegungsablaufs verstanden, ohne äußerlich beobachtbare körperliche Aktivität. Hierzu wird eine interne Bewegungsrepräsentation aktiviert und in einem ausge‐ 126 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="127"?> wählten Kontext wiederholt mental durchgespielt (Eberspächer, 2007; Mayer & Hermann, 2020; Schack, 2006). Es gilt als wissenschaftlich belegt, dass mentales Training einen Leistungszuwachs in einer Bewegungsfertigkeit erzielen kann, besonders wenn es in Kombination mit physischem Training eingesetzt wird. Warum mentales Training wirkt, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Neben der psychoneuromuskulären Hypothese werden die Programmierungshypothese, die kognitive oder symbolische Hypothese und die kognitiv-perzeptuelle Hypothese diskutiert (Schack, 2006; Stoll, 2010). In den vergan‐ genen Jahren wurde mentales Training auch zunehmend in der Rehabilitation von Schlaganfallpatientinnen und -patienten oder nach Einsatz einer Knieendoprothese eingesetzt, um alltägliche Bewegungsabläufe, wie beispielsweise das Gangbild, zu verbessern (Mayer & Hermann, 2015, 2020). Ein weiterer zentraler Forschungszweig ist die Untersuchung von Effekten von Sport und regelmäßiger körperlicher Aktivität auf kognitive Funktionen und hier insbesondere auf die exekutiven Funktionen. Exekutive Funktionen sind überge‐ ordnete kognitive Kontrollfunktionen, welche z. B. Gedanken, Gefühle, Impulse beeinflussen und damit eine zielgerichtete Steuerung des menschlichen Verhaltens unter Berücksichtigung der situativen Gegebenheiten ermöglichen. Damit sind sie auch wichtig, um z. B. unser Gesundheitsverhalten zu steuern (Hofmann et al., 2012). Nach Miyake und Friedman werden exekutive Funktionen vor allem durch die Inhibition (Unterdrückung dominanter, automatisierter Reaktionen und Verhaltensweisen), das Updating (Informationen abrufen, kurzfristig im Arbeitsge‐ dächtnis speichern und mental weiterverarbeiten) und das Shifting (sich schnell auf neue, wechselnde und unerwartete Situationen und Anforderungen einstellen können) repräsentiert (Miyake & Friedman, 2012). Meta-Analysen belegen, dass körperliche Aktivität die exekutive Funktionsfähigkeit vom Kindesalter bis ins hohe Erwachsenenalter fördern kann (z. B. Audiffren & André, 2015). Effektiv scheinen insbesondere koordinatives Training, aber auch Ausdauer- und Krafttraining zu sein. Neuere Theorien (z. B. die Temporal Self-Regulation Theory; Hall & Fong, 2015) gehen davon aus, dass die Beziehung zwischen körperlicher Aktivität und exekutiven Funktionen bidirektional ist. Denn exekutive Funktionen und die Selbstregulation sind weitgehend verflochten und Menschen mit einer ausgeprägteren exekutiven Funktionsfähigkeit scheinen besser in der Lage zu sein, ihr Verhalten in Einklang mit ihren (langfristigen) Zielen zu regulieren und damit eine regelmäßige körperliche Aktivität aufrechtzuerhalten (Strobach et al., 2020). Allerdings ist dieser Aspekt bisher deutlich weniger untersucht (Gürdere et al., 2023). Soziale Interaktion zwischen Individuen Die soziale Dimension sportpsychologischer Arbeit zeigt sich in der Wechselwirkung von Personen. Das kann beispielsweise die Interaktion zwischen Trainer oder Trainerin und Trainierenden sein, die soziale Unterstützung, um in einer Sportgruppe dazu zu 3.3 Sportpsychologie (Petra Wagner, Manfred Wegner, Ines Pfeffer) 127 <?page no="128"?> gehören oder das Teambuilding einer Wettkampfmannschaft (Birrer & Seiler, 2008; Ohlert & Zepp, 2020; Wegner, Manfred, 2020). Im Spitzensport wird die Beziehung zwischen Trainerin oder Trainer und Trainie‐ renden als leistungsbestimmender Faktor angesehen. Jowett et al. (2005) verstehen dar‐ unter allgemein eine Situation, in der Kognitionen, Emotionen und Verhaltensweisen von beiden Seiten wechselseitig beeinflusst werden. Die „Trainer-Athlet-Interaktion“ bezieht im Multidimensionalen Modell des Führungsverhaltens von Chelladurai (1993; Riemer, 2007) drei Verhaltensaspekte ein: 1) das von den situativen Bedingungen erforderte, 2) das von den Athletinnen und Athleten bevorzugte und 3) das vom Trainer oder der Trainerin tatsächlich gezeigte (aktuelle) Verhalten. Die Zufriedenheit der Trainierenden und die sportliche Leistung hängen nach Chelladurai (1993, 2007) ent‐ scheidend von der Kongruenz, das heißt der Übereinstimmung der drei Dimensionen des Führungsverhaltens ab (Riemer, 2007). Wenn das von der Trainerin oder dem Trainer gezeigte Verhalten mit dem von den Trainierenden bevorzugten und dem von der Situation erforderten Verhalten übereinstimmt, werden die Zufriedenheit, die intrinsische Motivation der Athletin und des Athleten, der Gruppenzusammenhalt (Kohäsion) und die sportliche Leistung positiver ausfallen als wenn zwischen diesen eine Diskrepanz besteht (vgl. Abb. 3.3.2). Abb. 3.3.2: Das Multidimensionale Modell des Führungsverhaltens nach Chelladurai (2007, S.-117) Jowett (2007) geht in ihrem Ansatz davon aus, dass die emotional-soziale Beziehungs‐ qualität zwischen beiden Seiten eine zentrale Bedeutung für die Zufriedenheit, die Motivation oder die (Leistungs-)entwicklung der Athletinnen und Athleten spielt. In ihrem „3 C-Modell“ unterscheidet sie die Beziehungsdimensionen 1) Closeness (Nähe, Zuneigung), 2) Commitment (Verpflichtung, Bindung) und 3) Complementarity (Kooperation). Als viertes C wurde dem Modell später noch die Co-Orientation hinzugefügt (3+1C Modell), also die Interdependenz der Einschätzung der Beziehungs‐ qualität (3Cs) von beiden Seiten. Dieses Modell und der dazugehörige Fragebogen 128 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="129"?> (Coach-Athlete-Relationship Questionnaire; CART-Q) bieten eine sehr praxisnahe theoretische Perspektive auf die Qualität der Trainer-Athlet-Beziehung. Ein in der Gesundheitsforschung zentrales sozialpsychologisches Konzept bezieht sich auf den sozialen Rückhalt und die Sozialbeziehungen zwischen Personen. Aus psychologischer Sicht umfasst soziale Unterstützung zwei Aspekte, die wahrgenom‐ mene und die tatsächlich vorhandene Unterstützung. Baumann et al. (1998, S. 103) subsumieren unter sozialer Unterstützung „Personen, Handlungen und Interaktionen sowie Erfahrungen und Erlebnisse, die der Person das Gefühl geben, geliebt, geachtet, anerkannt und umsorgt zu sein“. Schwarzer (1996) klassifiziert die emotionale, die instrumentelle und die informationelle Unterstützung als die drei wichtigsten Formen. Emotionaler Rückhalt bezieht sich z. B. auf Formen der Hilfe wie Trost, Mitleid oder Wärme. Die instrumentelle Unterstützung umfasst konkrete Hilfestellungen, bei‐ spielsweise das Erledigen von Haushalt und Einkäufen, damit eine Person regelmäßig sportlich aktiv sein kann. Die informationelle Unterstützung meint den Austausch von Informationen oder Ratschlägen. Eine geleistete soziale Unterstützung muss vom Empfänger nicht immer als sol‐ che erkannt oder gewünscht werden. Doch lässt sich im Grundtenor bisheriger Studien (Wagner, 2011) festhalten, dass sich durch sozial-kommunikative Prozesse und durch gemeinsames Gruppenerleben ein dichteres soziales Netz ergeben kann als bei Inaktivität. Während soziale Unterstützung verschiedene Parameter physischer wie psychischer Gesundheit positiv beeinflusst und sportliche Aktivität mit höherer sozialer Unterstützung im Sport einhergeht, steht der Nachweis aus, welche der beiden Variablen, Sporttreiben oder soziale Unterstützung, der jeweils anderen vorausgeht und die andere beeinflusst. Schlicht und Strauß (2003, S. 92) charakterisieren diese reziproke Beziehung folgendermaßen: „Sportliche Betätigung begünstigt über soziale Kontakte die Bildung von sozialen Netzwerken; erfährt eine Person darin Unterstüt‐ zung, so erhöht das wiederum die Motivation zur Sportteilnahme und festigt auf diesem Wege die Bindung an das Sporttreiben, was wiederum dem sozialen Rückhalt zugutekommt“. Im Kontext von Sportspielmannschaften erfüllt die soziale Interaktion eine weitere wesentliche Funktion. Eine Gruppe kann beschrieben werden durch die Anzahl ihrer Mitglieder (mindestens zwei Personen), die Interaktion (sie kommunizieren miteinan‐ der), den persönlichen Kontakt (Face-to-face), durch gemeinsame Ziele und Normen und durch eine Gruppenidentität (Wir-Gefühl) ( Janssen, 1995; Wegner, Manfred, 2016, 2020). Im Sport ist häufig zu erleben, dass eine gute Zusammenarbeit in einem Team die Grundlage für besondere Leistungen ist. Beispielsweise schlägt eine unterklassige Mannschaft den vermeintlichen Favoriten in einem Pokalspiel oder eine Mannschaft steigert sich wider Erwarten im Verlauf einer Saison. Sportmannschaften werden besondere Merkmale zugeordnet: Sie haben eine eigenständige Qualität und Dynamik, die durch die Aussage „Eine Gruppe ist mehr als die Summe ihrer Teile“ gut zu charakterisieren ist. 3.3 Sportpsychologie (Petra Wagner, Manfred Wegner, Ines Pfeffer) 129 <?page no="130"?> Der Entwicklungsprozess von Gruppen ist vom amerikanischen Sozialwissenschaft‐ ler Tuckman schon 1965 über die einprägsamen Begriffe „Forming, Storming, Norming, Performing“ beschrieben worden (Birrer & Seiler, 2008; Hänsel et al., 2022; Oehlert & Zepp, 2020; Schlicht & Strauß, 2003; Tuckman, 1965; Wegner, Manfred, 2020). ■ In der ersten Phase formiert sich das Team neu (Forming: die Mitglieder lernen sich kennen, die Beziehungen sind unklar; von der Teamleistung ist nicht viel zu erwarten, da die Spielerinnen oder Spieler nicht aufeinander abgestimmt sind), ■ dann werden Positionen und Rollen im Team „erstritten“ (Storming: häufige Kon‐ flikte, die Rollen im Team werden ausgehandelt, die Teamleistung ist unbeständig), ■ schließlich werden Regeln ausgehandelt und es kehrt „Ruhe“ ins Team ein (Norming: Regeln und Beziehungen sind akzeptiert, man kann sich aufeinander verlassen, die Teamleistung wird stabil), ■ um dann zur funktionierenden Gruppe zu werden (Performing: es macht Spaß, Teil der Gruppe zu sein; die Einzelleistungen ergänzen sich zu besonderen Team‐ leistungen). Später wurde von der Arbeitsgruppe um Tuckman eine fünfte Stufe hinzugefügt, die Übergangsphase „Reforming“ oder „Adjourning“ (die Gruppe weiß, dass sie sich verändern oder auflösen wird; dieser Übergang wird vorbereitet, die Teamleistung gerät etwas in den Hintergrund). Dieses Modell der Gruppenentwicklung hat einen hohen Erklärungswert für die Leistung und die Beziehungen in Gruppen. Dabei kann die zeitliche Länge der Phasen ebenso wie der Wechsel zwischen ihnen unterschiedlich ausgeprägt sein. Um in das Gefüge eines Teams einzuwirken, bieten sich Verfahren der Teambil‐ dung („Teambuilding“) an. Diese werden in einer Informations-, Aneignungs- und Festigungsphase (Birrer & Seiler, 2008; Wegner, Manfred, 2020; Wegner, Manfred & Dawo, 2012) umgesetzt. In der Informationsphase geht es um das „Bewusst machen“ von Stärken und Schwächen. Die Ziele der Aneignungsphase liegen darin, den Weg vom „Ich zum Wir“ zu gestalten. Es geht darum, sich in verschiedenen Situationen kennenzulernen, Berührungsängste abzubauen und Respekt voreinander aufzubauen. Die Festigungsphase umfasst eine Planungs- und Reflektionsphase, in der Aktionen und Reaktionen dokumentiert, Absprachen über gemeinsame Ziele getroffen und Kriterien festgelegt werden, wie das Team zu gestalten ist. Hier können Rituale der Begrüßung und Verabschiedung entwickelt werden, Routinen des Helfens und der In‐ teraktion erarbeitet, Übungen für den gemeinsamen Rhythmus und zur gemeinsamen Aufgabenlösung ausprobiert werden. Abschließend ist zu bewerten, inwieweit sich am Ende ein Team tatsächlich gebildet hat. Ein solches Programm zum „Teambuilding“ kann im Rahmen eines Schulprojekts genauso wie in einem Trainingslager einer Bundesligamannschaft umgesetzt werden. Im Spitzensport bietet es sich an, Teamentwicklung und Teambildung langfristig in den Saisonverlauf einzubinden. Lau (2005) hat in einem Teamentwicklungstraining die Möglichkeiten verschiedener Teambuilding-Maßnahmen im Saisonverlauf von 130 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="131"?> Sportspielmannschaften beschrieben. Im Verlauf einer Saison sind Phasen der Mann‐ schaftsbildung mit gemeinsamen Teamtreffs und auch mit Teamauszeiten abzuwech‐ seln. Falls notwendig, können diese Maßnahmen durch gezielte sportpsychologische Interventionen ergänzt werden. Ziel dieses Konzepts ist die langfristige Stärkung eines Teams durch das systematische Einbinden von Teamentwicklungsprozessen, was auch in vielen Spitzenteams häufig nicht beachtet wird. Eine Übertragung dieses Ansatzes auf Gruppen mit weniger intensiven Leistungszielen ist durchaus möglich. 3.3.4 Verhältnis der Sportpsychologie zur Sportpraxis Die Theorien und empirischen Erkenntnisse zur Wirksamkeit sportpsychologischer Maßnahmen haben Beckmann und Elbe (2008) für die sportpsychologische Betreuung im Spitzensport zusammengefasst. Sie unterscheiden zwischen drei Ebenen psycho‐ logischen Trainings: 1) Grundlagentraining,-2) Fertigkeitstraining und 3) Kriseninter‐ vention. ■ Beim Grundlagentraining handelt es sich um grundlegende Techniken für jede Sportlerin und jeden Sportler. Beckmann und Elbe (2008) ordnen zum Grundlagen‐ training Entspannungsansätze wie Atemübungen, Progressive Muskelrelaxation, Autogenes Training und auch Teambildungsmaßnahmen zu. ■ Das Fertigkeitstraining wird darauf aufbauend individueller gestaltet und leitet sich aus einer individuellen Diagnostik ab, die die Stärken und Schwächen der Athletinnen und Athleten aufdecken kann. Zu den Maßnahmen gehören das Zielsetzungstraining, Selbstgesprächsregulation, mentales Training oder Auf‐ merksamkeitsregulation. ■ Darauf folgt das Segment der Kriseninterventionen, das bei schweren Verletzun‐ gen, Konflikten im Team, Burnout, Karriereende oder bei Essstörungen umsetzbar ist. Insgesamt zeigt sich in dieser Konzeption die Ausrichtung der Sportpsychologie, die Qualität psychologischer Methoden und Interventionen in den Vordergrund zu stellen. Zum Betreuungsprozess gehört neben dem Einsatz gezielter Intervention auch die Evaluation der Wirksamkeit dieser Maßnahmen mit Hilfe geeigneter diagnostischer In‐ strumente (Brand, 2010). Generell sind ausschließlich Maßnahmen einzusetzen, deren Nutzen wissenschaftlich nachgewiesen ist. Beispiele der Umsetzung psychologischer Diagnostik und psychologischer Trainingsmaßnahmen in zahlreichen Sportdisziplinen finden sich bei Beckmann-Waldenmayer und Beckmann (2012). Weitere aktuelle Bei‐ träge zur angewandten Sportpsychologie im Leistungssport finden sich bei Beckmann und Beckmann-Waldenmayer (2020), Mayer und Hermann (2020) oder Staufenbiel et al. (2019). 3.3 Sportpsychologie (Petra Wagner, Manfred Wegner, Ines Pfeffer) 131 <?page no="132"?> Praxisbeispiel: Umgang mit Drucksituationen im Wettkampf Im Spitzensport von Nachwuchsathletinnen und -athleten, aber auch im Hoch‐ leistungssport, erlebt man häufig das Phänomen, dass gute Sportlerinnen und Sportler, die im Training auch gute Leistungen zeigen, unter dem Leistungsdruck des Wettkampfs versagen, was u. a. mit dem Begriff „choking under pressure“ beschrieben wird: In einem Handballspiel der A-Jugend-Bundesliga, das wichtig für die Qualifika‐ tion der Mannschaft im Jugendkonzept der Bundesligamannschaft dieses Vereins ist, beobachten wir den Rückraumspieler Christian. Er hat sich vorgenommen, eine besonders gute Leistung zu zeigen. Er weiß, dass heute der Landestrainer anwesend ist und ihn sowie zwei andere Spieler aus der Auswahlmannschaft besonders genau beobachten wird. Christian kommt nicht richtig ins Spiel. Es misslingen ihm Würfe, die sonst erfolgreich waren. Dann vergibt er eine klare Torchance. Er versucht es weiterhin, erzielt ein Tor und will es besonders gut machen, verwirft aber mehrfach aus z. T. ungünstigen Wurfpositionen. In der Abwehr agiert er unglücklich. Er wirkt übermotiviert, agiert hastig und bekommt sehr schnell eine Verwarnung und dann die erste Zeitstrafe für überhartes Einsteigen in der Abwehr. Christian wird immer nervöser im Spiel. Im Angriff geht er mehrfach ungestüm mit dem Ball in die Abwehr und es wird Offensivfoul gegen ihn gepfiffen. Abspielfehler führen wiederholt zum Ballgewinn des Gegners und zu schnellen Gegenstoßtoren. Christian lässt immer mehr den Kopf hängen und hadert mit sich, aber auch mit anderen Spielern der Mannschaft, die sich mittlerweile im Rückstand befindet. Auf ein „Meckern“ hin wird er für zwei Minuten des Feldes verwiesen. Der Trainer lässt ihn die Zweiminutenstrafe absitzen und wechselt einen anderen Rückraumspieler ein. Christian ist am Ende. Immer muss ihm das passieren! Dieses Beispiel lässt sich aus psychologischer Perspektive auf der Grundlage des Modells von Nolting und Paulus (2018) analysieren (vgl. Abb. 3.3.1). Die inneren Prozesse und Zustände deuten an, dass Christian heute besonders motiviert ist, eventuell sogar „übermotiviert“ und Emotionen zeigt („er ist nervös“). Er will sich anstrengen und besonders gut spielen. Aus dem inneren Geschehen (Über‐ motivation) folgt allerdings kein geplantes und der Drucksituation angemessenes Verhalten. Das Programm A mit erfolgreichem Angriffs- und Abwehrverhalten funktioniert nicht. Ein Alternativplan (Plan B) für besondere Drucksituationen ist mit Christian nicht erarbeitet worden. Die Folge ist ein relativ planloses, von Miss‐ erfolgen dominiertes Verhalten. Auch die situativen Bedingungen spiegeln sich im inneren Erleben wider („Christian will in diesem wichtigen Spiel besonders den Landestrainer beeindrucken“). Hinsichtlich dispositioneller Bedingungen zeigt sich im Profil von Christian, dass er schnell ängstlich wird, wenn er Misserfolge erlebt. Das passiert ihm nicht im Training, aber immer wieder in Wettkämpfen, 132 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="133"?> wenn es um etwas geht. Dann grübelt er über Misserfolge nach und fühlt sich stark unter Druck. Hinsichtlich seiner Entwicklungsbedingungen gilt Christian als Talent und ist erfolgsverwöhnt. Die Eltern haben ihn immer unterstützt und auf „Händen getragen“. Er wurde von ihnen gelobt, auch wenn seine reale Leistung dem nicht immer entsprochen hat. In schwierigen Konkurrenzsituationen (z. B. in Sichtungen) konnte er sich nie durchsetzen. Das Beispiel zeigt außerdem, dass Emotionen und auch die Motivation im Sinne innerer Prozesse Verhalten lenken und bestimmen können und sie in enger Wechselwirkung stehen zu kognitiven Prozessen der Informationsaufnahme oder auch der Handlungsplanung. Kommt es zu Konfliktsituationen oder zu Misserfolgserlebnissen, verlieren die inneren Prozesse an Effektivität und es kann unter dem Druck des Wettkampfs zu nicht angemessenen Bewertungen und Planungen kommen, die sich dann in einem Versagen unter dem Leistungsdruck („Choking under pressure“) im Verhalten zeigen kann. Greift man nun den vorher genannten Plan B auf, wäre es für diesen Nach‐ wuchsspieler wichtig, Strategien und Pläne zu kennen und Verhaltensweisen zu erlernen, um mit Drucksituationen besser fertig zu werden. Hier kann an den Schritten des psychologischen Trainings von Beckmann und Elbe (2008) angesetzt werden, die wiederum auf die inneren Prozesse im Modell von Nolting und Paulus (2018) zu beziehen sind. Über das Grundlagen- und Fertigkeitstraining kann sowohl an emotionalen als auch an kognitiven und motivationalen Prozessen angesetzt werden. In der sportpsychologischen Arbeit - auch im Gesundheits- und Schulsport - sind Interventionen immer von einer guten Diagnostik zu begleiten. Außerdem sollte nicht „naiv“ interveniert werden, sondern psychologische Interventionen bedür‐ fen der besonderen Qualifikation von ausgebildeten Sportpsychologinnen und Sportpsychologen. Hier bietet die asp (Arbeitsgemeinschaft für Sportpsychologie e. V.) ein qualitätsgesichertes Fortbildungssystem, über das Psychologinnen und Psychologen sowie Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftler nach Abschluss des Studiums (Diplom, Master) die notwendigen Handlungskompeten‐ zen erwerben können. Über dieses System hinaus ist es aber Aufgabe der Disziplin „Sportpsychologie“, ihre Forschungs- und Anwendungsansätze transparent und nachvollziehbar zu machen. Denn auch ambitionierte Personen aus den Bereichen Schule, Sport oder Gesund‐ heit benötigen ein gutes Grundwissen über die Möglichkeiten und Grenzen sportpsychologischer Arbeitsmethoden. 3.3 Sportpsychologie (Petra Wagner, Manfred Wegner, Ines Pfeffer) 133 <?page no="134"?> Kontrollfragen 1. Das Transtheoretische Modell von Prochaska und DiClemente beschreibt den Prozess einer Verhaltensänderung. Welche Stadien und Prozesse der Verhaltensänderung unterscheidet das Modell und wie sind diese miteinander verknüpft? 2. Den Prozess zwischen Absichtsbildung und Handlung erfasst Heckhausens Rubikon-Modell. Welche Phasen unterscheidet das Modell und was kennzeich‐ net diese jeweils? 3. Das IZOF-Modell beschreibt das individuelle Erleben und die Auswirkungen von Emotionen in sportlichen Leistungssituationen. In welche Kategorien können Emotionen nach diesem Modell unterschieden werden und welchen Zusammenhang gibt es zur sportlichen Leistung? 4. Das transaktionale Stressmodell von Lazarus beschreibt, unter welchen Bedin‐ gungen Stress entsteht. Welche zwei Formen der Bewertung werden dabei unterschieden und wie stehen sie mit der Stressentstehung in Zusammenhang? 5. Die Aufmerksamkeit spielt eine entscheidende Rolle bei der Aufnahme und Verarbeitung von Informationen. Wie lässt sich Aufmerksamkeit definieren und welche vier Formen der Aufmerksamkeit können nach Nideffer unter‐ schieden werden? 6. Tuckman beschreibt die Entwicklung von Teams über verschiedene Stadien hinweg. Welche Stadien sind das und was beinhalten diese? Literatur Arent, S. M., & Landers, D. M. (2003). Arousal, anxiety, and performance: A reexamination of the inverted-U hypothesis. Research Quarterly for Exercise and Sport, 74, 436-444. Atkinson, J. W. (1974). The mainsprings of achievement-oriented activity. In J. W. Atkinson, & J. O. Raynor (Eds.), Personality, motivation, and achievement (pp.-11-39). Hemisphere. Audiffren, M., & André, N. (2015). 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An den Stellen im Text, wo für den Argumentationszusammenhang biologisches und/ oder soziales Geschlecht relevant ist, wird dies sprachlich deutlich gemacht. 3.4 Sportsoziologie (Lars Riedl) Vermutlich sind die Wenigsten, die dieses Kapitel lesen, bereits vor ihrem sportwis‐ senschaftlichen Studium mit der Sportsoziologie in Kontakt gekommen. So manch einer mag sich daher fragen, was sich dahinter verbirgt und warum man sich damit überhaupt befassen solle. Sport ist doch in erster Linie eine körperliche Angelegenheit. Beim Laufen, Fußballspielen oder Skifahren erproben sich vor allem menschliche Körper. Meistens geht es dabei um die Steigerung der Leistung, des Wohlbefindens oder der Gesundheit eben dieser Körper. Und für viele Studenten 3 der Sportwissenschaft scheinen gerade diese Aspekte eine latente, wenn nicht gar manifeste Motivation zur Aufnahme ihres Studiums zu sein. Insofern interessieren sie sich vor allem für die körper- und individuumsbezogenen Teildisziplinen, z. B. Sportpädagogik, Bewegungs‐ wissenschaft, Trainingswissenschaft oder auch Sportpsychologie, versprechen diese doch nützliches Wissen für das eigene Sporttreiben. Weit weniger offensichtlich ist, welchen Beitrag die Sportsoziologie leisten kann. Die soziale Dimension des Sports wird oftmals unhinterfragt vorausgesetzt bzw. nur selten explizit wahrgenommen. Dabei lassen sich im Sport mannigfaltige soziale Phänomene entdecken. Dies beginnt bereits mit den Fragen, was denn Sport überhaupt sei und wie man ihn von anderen körperlichen Bewegungspraktiken unterschei‐ den könnte: Was macht beispielsweise den Unterschied zwischen der Leichtathletik‐ disziplin Gehen, dem Nordic Walking und dem sonntäglichen Spaziergang im Park aus? Wie verhält es sich mit Wrestling und Ballett? Handelt es sich dabei um Sport oder sind es vielmehr körperlich höchst anspruchsvolle Darbietungen aus den Bereichen Show und Kunst? Um auf diese Fragen eine Antwort geben zu können, bedarf es einer Definition von Sport. Und damit ist man bereits bei den sozialen Aspekten des Sports, denn Definitionen sind immer sozial ausgehandelte Festlegungen. Es lässt sich nämlich gar nicht „objektiv“ das Wesen des Sports ergründen, sondern es handelt sich immer um soziale Beschreibungen und Verständigungen darüber, was als Sport gelten soll. Dies wird nicht zuletzt auch daran deutlich, dass sich das Sportverständnis in der Gesellschaft immer wieder verändert. An der Grundkonstellation des sportlichen Wettkampfs wird die basale Sozialität des Sports deutlich: Mindestens zwei Sportler treten gegeneinander an und konkurrieren um das knappe soziale Gut sportlichen Erfolgs. Dabei werden sachliche Leistungsunter‐ 138 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="139"?> 4 Zum Vergleich: In Deutschland waren 2021 lediglich 1,21 Mio. Menschen in politischen Parteien organisiert (Niedermayer, 2022) und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) kam im Jahr 2022 auf 5,64 Mio. Mitglieder (DGB, 2023). schiede in die soziale Differenz von Sieger und Verlierer transformiert. Die Wettkämpfe folgen dabei bestimmten, sportartenspezifischen Regeln. Neben der Rolle des Sportlers lassen sich weitere soziale Rollen bzw. Sozialfiguren identifizieren, z. B. Schiedsrichter, Trainer, Manager und Zuschauer. Und es gibt mit dem Fairplay sogar eine dem Sport eigene Moral (Schimank, 1988, S.-189). Der Sport verfügt auch über eigene Organisationsformen. Zu nennen sind hier vor al‐ lem die derzeit rund 87.000 Sportvereine, die sportartenübergreifenden Sportverbände, z. B. der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB), Landessportverbände/ -bünde, Stadtsportbünde und die sportartenspezifischen Fachverbände, wie der Deutscher Fußball-Bund (DFB) oder der Deutsche Eishockey-Bund (DEB). Darüber hinaus exis‐ tiert eine enorme Anzahl kommerzieller Sportanbieter, z. B. Fitness-Studios, Soccer Domes, Tennishallen. Und selbstverständlich wird Sport oftmals auch in informellen Arrangements, beispielsweise in Laufgruppen oder in gerade für Trendsportarten typischen „Szenen“ betrieben. Die enorme gesellschaftliche Bedeutung des Sports wird schon an der großen Zahl an aktiven Sportlern wie auch an Zuschauern und Fans deutlich. Allein der DOSB ver‐ zeichnete 2022 über 27 Mio. Mitgliedschaften 4 , Länderspiele der deutschen Fußballna‐ tionalmannschaft erreichen oftmals ein ähnlich großes Publikum. Es gibt offensichtlich eine große gesellschaftliche Nachfrage nach Sport. Beispielsweise interessieren sich Wirtschaft und Massenmedien vor allem für den Spitzensport, weil sie das Sportpub‐ likum für sich als Kunden oder als Mediennutzer, also als TV-Zuschauer, Zeitungsleser, Radiozuhörer etc., gewinnen wollen. Die Politik fördert Spitzenwie auch Breitensport mit enormen Beträgen, beispielsweise zum Zwecke des Aufbaus einer kollektiven Identität, der Repräsentation in der internationalen Gemeinschaft oder der Integration von Menschen, die sonst aus der Gesellschaft weitgehend exkludiert sind. Und im Erziehungssystem wird Sport als geeignetes Erziehungsmittel gesehen, auch wenn um Form und Umfang des Sportunterrichts gern gestritten wird. Und schließlich unterliegt der Sport selbst dem sozialen Wandel. Es entstehen neue Sportarten und Bewegungspraktiken, immer größere Bevölkerungsgruppen werden einbezogen und neue Sporträume erschlossen - unberührte Landschaften (z. B. Klettern, Canyoning) ebenso wie innerstädtische Räume (z. B. beim Stadtmarathon, Parcours). All diese Beispiele deuten an, wie vielschichtig sich die soziale Dimension des Sports beobachten lässt. Aufgabe der Sportsoziologie ist es, auf der Grundlage von soziologischen Theorien und Methoden diese Phänomene in den Blick zu bekommen und zu analysieren. Es gilt also die klassische Frage der Soziologie - „Was ist der Fall und was steckt dahinter? “ (Luhmann, 1993) - mit Blick auf den Sport zu beantworten. 3.4 Sportsoziologie (Lars Riedl) 139 <?page no="140"?> Lernziele ■ Die Leser bekommen einen Einblick in die Vielfalt sozialer Aspekte des Sports und erfahren, welche Phänomene und Themen für die Sportsoziologie relevant sind. ■ Sie erkennen, wie die Sportsoziologie entstanden ist, inwieweit sie sich an den Universitäten etabliert hat und wie sich ihr Verhältnis zur allgemeinen Soziologie einerseits und zur Sportwissenschaft andererseits darstellt. ■ Sie lernen anhand zentraler Forschungsthemen wichtige Erkenntnisse der Sportsoziologie kennen und bekommen ihre grundlegenden Theorierichtun‐ gen sowie die wichtigsten Forschungsmethoden aufgezeigt. ■ Sie erfahren, in welchem Verhältnis die Sportsoziologie zur Sportpraxis steht, insbesondere welche Bedeutung die Sportpraxis ihren Forschungsergebnissen beimisst. 3.4.1 Einführung - Phänomene und Themen der Sportsoziologie Die Sportsoziologie ist in Deutschland institutionell in der Sportwissenschaft veran‐ kert. Sie gewinnt jedoch ihre theoretischen und methodischen Vorgaben insbesondere aus ihrer Mutterdisziplin, der Soziologie. Insofern gilt es, sich zunächst mit der Soziologie als Wissenschaftsdisziplin zu befassen, wenn man wissen will, was unter Sportsoziologie zu verstehen ist. Der Begriff Soziologie wurde vom französischen Wissenschaftler Comte zu Beginn des 19. Jahrhunderts geschaffen. Er besteht aus dem lateinischen Teil „socius“ (gemeinsam, verbunden, verbündet) und dem griechischen Teil „logos“ (Lehre, Sinn, Prinzipien) und diente zur Begründung einer neuen, sich am Vorbild der Naturwissenschaften orientierenden Disziplin. Es handelt sich demnach um die Wissenschaft, die nicht den einzelnen Menschen, sondern das Soziale, also das Zusammenleben von Menschen, in den Mittelpunkt stellt. Die Soziologie untersucht, wie Menschen miteinander interagieren und gemeinsam bzw. in Bezug aufeinander handeln und welche sozialen Prozesse und Strukturen dem zugrunde liegen. Ihre grundlegenden Fragen lauten: Wie ist soziale Ordnung möglich? Und: Auf welchen Prinzipien und Gesetzmäßigkeiten basiert das Soziale? Dabei lässt sich zwischen der allgemeinen Soziologie einerseits und den speziellen Soziologien - den sogenannten Bindestrichsoziologien, z. B. Arbeits-, Wissenschafts-, Familiensoziologie, politische Soziologie oder eben Sportsoziologie - andererseits un‐ terscheiden. Einem generellen Gültigkeitsanspruch folgend befasst sich die allgemeine Soziologie vor allem mit basalen Theorien und den Grundbegriffen des Sozialen, z. B. soziales Handeln, Interaktion, Kommunikation, Normen, Rollen, Macht, Herrschaft, so‐ 140 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="141"?> zialer Wandel, soziale Ungleichheit, Sozialisation, Organisation, Gruppe, Gesellschaft. Die speziellen Soziologien hingegen sind auf die Erforschung bestimmter gesellschaft‐ licher Teilbereiche und spezifischer Problemstellungen ausgerichtet. Entsprechend erforscht die Sportsoziologie den Sport aus soziologischer Perspektive, indem sie die dort vorzufindenden sozialen Prozesse und Strukturen untersucht. Mit den eingangs genannten Beispielen deutete sich bereits an, dass sich das Soziale im Kontext des Sports auf ganz unterschiedlichen Ebenen entdecken lässt. In der Soziologie ist es üblich, zwischen der Mikro-, Meso- und Makro-Ebene zu unterscheiden und damit soziale Strukturen unterschiedlichen Komplexitätsgrads zu bezeichnen. ■ Auf der Mikro-Ebene rücken beispielsweise kleinere soziale Gebilde, wie Face-to- Face-Interaktionen, in den Fokus der sportsoziologischen Analyse. Gerade im Sport gibt es eine Vielzahl solch kleinerer und häufig auch relativ flüchtiger - deswegen aber nicht weniger bedeutsamer - sozialer Zusammenhänge. Man denke nur an die im Wettkampf aufeinandertreffenden Athleten, aber auch an das Gespräch zweier Fußballfans auf der Tribüne, an die Selbstinszenierungen von Bodybuildern in Fitnessstudios, das gesellige Beisammensein im Vereinsheim, die Interaktion zwischen Trainer und Athleten während einer Auszeit oder die Kommunikation innerhalb einer Trainingsgruppe. ■ Dem gegenüber lassen sich auf der Meso-Ebene stabilere und komplexere soziale Ordnungsmuster identifizieren. Dabei handelt es sich vor allem um formale Organisationen und Institutionen, die sich wiederum in unterschiedliche Orga‐ nisationsformen, z. B. Sportvereine, Verbände oder kommerzielle Sportanbieter, unterscheiden und hinsichtlich ihrer spezifischen Strukturbesonderheiten unter‐ suchen lassen. An dieser Stelle begegnet man beispielsweise Analysen zum Auto‐ nomiegrad, respektive zur Umweltabhängigkeit von Sportorganisationen. Ebenso wird danach gefragt, welche Ziele diese Organisationen verfolgen, wie sie ihre Mit‐ glieder gewinnen und binden, über welche Abteilungen und Stellen sie verfügen, welche Formen der Machtverteilung und Entscheidungsverfahren (z. B. Hierarchie oder Demokratie) sie entwickeln und welche spezifischen Werthaltungen und Organisationskulturen sie hervorbringen. ■ Und schließlich lässt sich auf der Makro-Ebene, also der umfassenden Ebene von Gesellschaft und ihren Teilsystemen, die Entwicklung des Sportsystems in Abhängigkeit von unterschiedlichen Gesellschaftsformen untersuchen, die Aus‐ wirkungen gesellschaftlichen Wandels, z. B. von Globalisierungs- und Individuali‐ sierungsprozessen, auf den Sport analysieren oder auch die Austauschbeziehungen zwischen dem Sportsystem und seinen Umweltsystemen - vor allem Wirtschaft, Massenmedien, Politik und Erziehungssystem - in den Blick nehmen. Bereits mit der Differenzierung in diese drei Ebenen deuten sich die Komplexität des Gegenstandsbereichs der Sportsoziologie und damit auch die Vielzahl möglicher Forschungsfragen an. Prinzipiell unbeantwortet bleibt hierbei allerdings - und darauf hinzuweisen ist wichtig - die Frage, wie das Soziale sein soll? Mit anderen Worten: 3.4 Sportsoziologie (Lars Riedl) 141 <?page no="142"?> 5 Folgt man Stichweh (1979, S. 83), sind typische Merkmale wissenschaftlicher Disziplinen erstens ein hinreichend homogener Kommunikationszusammenhang, der von einer Scientific Community mit eigenen Fachzeitschriften getragen wird, zweitens disziplinenspezifische Karrierestrukturen, drittens eine Mehrzahl aktueller Problem- und Fragestellungen, viertens ein Set an Forschungsme‐ thoden und paradigmatischen Lösungen und fünftens ein durch Lehrbücher stabilisierter Korpus wissenschaftlichen Wissens. Die (Sport-)Soziologie analysiert zwar die soziale Ordnung und kann somit aufzeigen, was der Fall ist und was dahintersteckt. Sie kann und will aber keine Aussagen darüber machen, ob diese soziale Ordnung „gut“ oder „schlecht“ ist. Es handelt sich vielmehr um ein weit verbreitetes Missverständnis, dass die Soziologie immer auch eine Vorstellung von „besserer“ Gesellschaft haben müsse. Die Soziologie versteht sich jedoch als eine Wissenschaftsdisziplin, welche die soziale Wirklichkeit wertfrei erforscht. Schon Weber, der als einer der Gründungsväter der Soziologie gilt, hatte darauf verwiesen, dass es in der Wissenschaft keine Möglichkeit gibt, Seins-Aussagen in Sollens-Aussagen zu transformieren (Weber, 1968, S.-229-279). Die Produktion wissenschaftlichen Wissens orientiert sich an der Unterscheidung „wahr/ unwahr“, nicht aber an der Unterscheidung „moralisch gut/ moralisch schlecht“ oder „wünschenswert/ nicht wünschenswert“. Deshalb kann die (Sport-)Soziologie als Wissenschaftsdisziplin auch nicht sagen, in welche Rich‐ tung sich Gesellschaft im Allgemeinen und der Sport im Speziellen entwickeln sollen. Sie kann nur analysieren, welche Konsequenzen und nicht-intendierte Nebenfolgen möglicherweise aus einer (un-)gewünschten Veränderung resultieren. 3.4.2 Entstehung und Entwicklung der Sportsoziologie Wissenschaftliche Disziplinen entstehen nicht durch einen offiziellen Gründungsakt, sondern entwickeln sich vielmehr aus der Verdichtung vereinzelter Forschungen und Publikationen hin zu einem homogenen und selbstbezüglichen Kommunikationszu‐ sammenhang. 5 Befragt man dazu die Geschichtsschreibung der Sportsoziologie, fällt auf, dass derartige Arbeiten bislang weitgehend fehlen. Das derzeit wohl avancierte Werk hat Bette (2010, S. 15-64) vorgelegt. Dies nicht zuletzt deshalb, weil er die Kärrnerarbeit auf sich genommen hat, die ersten beiläufigen und unorganisierten Thematisierungen von Sport und Spiel sowie die ersten expliziten Spezialisierungsver‐ suche zusammenzutragen. Diese Vorläufer der Sportsoziologie waren eine notwendige Voraussetzung für die Entstehung des disziplinären Kommunikationszusammenhangs. Um die Disziplin „Sportsoziologie“ jedoch zu stabilisieren und auf Dauer zu stellen, bedurfte es aber einer entsprechenden Institutionalisierung. ■ Dies meint erstens die Herausbildung einer Scientific Community, was sich u. a. an der Gründung wissenschaftlicher Vereinigungen sowie der Entstehung von Fachzeitschriften ablesen lässt. Das International Commitee for the Sociology of Sport (ICSS), welches auch die Zeitschrift International Review for the Sociology of Sport 142 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="143"?> 6 Mit Blick auf die Etablierung der Sportsoziologie als sportwissenschaftliche Teildisziplin und das damit verbundene Merkmal der Wissensstabilisierung durch Lehrbücher wird z. B. auf Grieswelle (1978), Lüschen (1981), Rigauer (1982), Heinemann (1983), Winkler und Weis (1995), Cachay und Thiel (2000) verwiesen. Als neuere Einführungs- und Übersichtsliteratur bieten sich u. a. Riedl und Cachay (2007), Weis und Gugutzer (2008), Bette (2010), Nagel und Lamprecht (2022) sowie Thiel et al. (2023) an. herausgibt, wurde 1964 gegründet (Bette, 2010, S. 51). Mit Blick auf Deutschland zeigt sich, dass mittlerweile sogar zwei Vereinigungen existieren: zum einen die Ende der 1970er Jahre gegründete Sektion Sportsoziologie in der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs), zum anderen gibt es seit 1984 die Sektion Soziologie des Sports und des Körpers in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) (Winkler, 1995, S.-10). Mit der Zeitschrift Sport und Gesellschaft verfügt die Sportsoziologie seit 2004 auch über ein eigenständiges deutschsprachiges Publikationsorgan. ■ Zweitens stellt die Etablierung des Fachs an den Universitäten einen weiteren wichtigen Aspekt der Institutionalisierung einer Disziplin dar. Der erste Lehrstuhl entstand 1975 am Institut für Sportwissenschaft der Universität Oldenburg. 1978 folgte der Lehrstuhl für Philosophie und Sport an der FU Berlin und 1979 wurde die Professur für Sportsoziologie an der Deutschen Sporthochschule besetzt (Bette, 2010, S. 53). Auffällig ist, dass Lehrstühle für Sportsoziologie durchweg im Bereich der Sportwissenschaft angesiedelt sind, nicht aber an soziologischen Instituten oder Fakultäten. Das heißt, die Institutionalisierung der Sportsoziologie resultiert vor allem aus der Etablierung der Sportwissenschaft an den Universitäten, nicht aber aus Ausdifferenzierungsprozessen ihrer Mutterdisziplin. Die Zahl der ausschließlich sportsoziologisch ausgerichteten Lehrstühle ist relativ gering. Bedingt durch die enge institutionelle Anbindung an die Sportwissenschaft, ste‐ hen sie in Konkurrenz insbesondere zu anderen sozial- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen, z. B. Sportpädagogik, Sportökonomie, Sportpsychologie, Sportgeschichte, was u. a. auch dazu geführt hat, dass viele sportsoziologische Lehrstühle Bindestrich- Professuren sind, also mehrere Teildisziplinen gleichzeitig vertreten. Unter diesen Bedingungen ist die Sportsoziologie zwar regelmäßig, jedoch nur in sehr mäßigem Umfang in sportwissenschaftlichen Studiengängen vertreten. In der soziologischen Lehre hingegen taucht sie nur sporadisch auf (Winkler, 1995, S.-14-15). 3.4.3 Themenfelder, Theorien und Methoden der Sportsoziologie Themen der Sportsoziologie Angesichts der im Sport vorzufindenden vielfältigen sozialen Phänomene ist es nicht verwunderlich, dass das sportsoziologische Themenspektrum sehr breit gefächert ist. Es ist daher nicht möglich, in diesem Abschnitt einen umfassenden Überblick zu geben. 6 Zielführender scheint es daher, im Folgenden nur wenige ausgewählte 3.4 Sportsoziologie (Lars Riedl) 143 <?page no="144"?> Forschungsschwerpunkte darzustellen, an denen sich die soziologische Denkweise und die damit verbundenen Einsichten besonders gut verdeutlichen lassen. Ein zentrales Forschungsfeld der Sportsoziologie bildet die Sportentwicklung. Dabei geht es darum, über historische Beschreibungen hinausgehend zu erklären, wie es zur Entstehung und Etablierung des Sports in der Gesellschaft gekommen ist, in welchem Zusammenhang Sportentwicklung und gesellschaftlicher Wandel stehen und worauf die gesellschaftliche Bedeutung und Verankerung des Sports basiert. Aus dieser Per‐ spektive heraus lässt sich zeigen, dass es den Sport, so wie wir ihn heute kennen, nicht schon immer gab, sondern er vielmehr ein Produkt der sich durchsetzenden modernen, funktional differenzierten Gesellschaft ist (Cachay, 1988b; Schimank, 1988; Bette, 1989; Stichweh, 1990). Selbstverständlich gab es schon früher Handlungsbereiche, in denen Bewegung, körperliche Leistungsfähigkeit oder Wettkampf eine Rolle spielten, wie z. B. bei den in kultische und rituelle Handlungen eingebunden Wettkämpfen im antiken Griechenland, im Bereich der (Leibes-)Erziehung, bei Formen des Spiels, wie z.-B. den englischen Folk Games, oder bei den höfischen Turnieren im Mittelalter und den vor allem dem Adel vorbehaltenen Varianten des Amüsements und Zeitvertreibs. Doch von dem Sport - hier bewusst im Singular formuliert - lässt sich erst mit Blick auf die moderne Gesellschaft sprechen (Stichweh, 2012). Denn ein wesentliches Kennzeichen vormoderner Gesellschaften war, dass viele Handlungsbereiche, wie z. B. Arbeiten, Erziehen, Herrschen, Rechtsprechen, Glauben, Heilen sowie auch Bewegen und Spielen miteinander vermischt waren. Erst im Übergang zur funktional differenzierten Gesellschaft haben sich diese Bereiche zunehmend voneinander ge‐ trennt und zu jeweils eigenständigen gesellschaftlichen Teilsystemen ausdifferenziert, wie z. B. dem Wirtschaftssystem, dem Erziehungssystem, dem politischen System, dem Rechtssystem, dem Religionssystem und dem Gesundheitssystem. So auch der Sport: Mit dem Herauslösen aus unterschiedlichen Sinnkontexten, wie z. B. Religion, Erziehung oder politisch gesteuerter Gesunderhaltung der Bevölkerung, entstand erstmalig ein eigenständiges gesellschaftliches Teilsystem Sport mit einer eigenen Handlungslogik und darauf abgestimmten Strukturen. In diesem Sportsystem geht es nunmehr um die Erbringung körperlicher Leistungen, welche um des Leistens Willen, also als Selbstzweck, erbracht und permanent miteinander verglichen werden (Stichweh, 1990). Folgt man dem amerikanischen Historiker Guttmann (1979), dann ist der moderne Sport dadurch gekennzeichnet, dass er erstens weltlich ist, also keine religiösen Bezüge mehr aufweist. Zweitens setzen die sportlichen Leistungsvergleiche das Prinzip der Chancengleichheit voraus. Drittens ist es zu einer Spezialisierung bzw. Differenzierung von Rollen gekommen, z. B. der strikten Trennung von Zuschauern und Sportlern sowie weiterer sekundärer Funktionsrollen, wie Trainer, Betreuer, Funktionäre (Cachay & Thiel, 2000, S. 145). Viertens lässt sich eine Bürokratisierung des Sports feststellen. Damit sind zum einen Festlegung, Formalisierung und Über‐ wachung der sportartenspezifischen Regeln, zum anderen diese Aufgaben überneh‐ mende Organisationen, z. B. Sportverbände, gemeint. Und schließlich wird durch die Merkmale Rationalisierung, Quantifizierung sowie Streben nach Rekorden das für den 144 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="145"?> modernen Sport so bedeutsame Leistungsprinzip hervorgebracht und geprägt. All dies charakterisiert ein eigendynamisches gesellschaftliches Teilsystem, in dem sich alle Handlungen an der spezifischen Systemlogik ausrichten. Wer im Sportsystem agiert, der will eine körperliche Leistung erbringen und steigern, will seine Gegner besiegen und die eigene Niederlage vermeiden. Dabei ist das Sportsystem in seiner Logik autonom und strikt selbstbezüglich, d. h., in die Bewertung sportlicher Leistungen gehen keine außersportlichen Kriterien ein. Den 100-Meterlauf gewinnt der Schnellste, das Gewichtheben der Stärkste, das Speerwerfen derjenige, der am weitesten wirft. Und das Fußballspiel gewinnt die Mannschaft, die die meisten Tore schießt. Es zählt aber nicht, ob ein Sprinter schön oder ein Gewichtheber reich ist, ob ein Speerwerfer über ein politisches Amt verfügt oder ob in einer Mannschaft besonders viele Spieler Abitur haben. Seine gesellschaftliche Bedeutung verdankt der Sport zum einen den spezifischen Leistungen, die er für andere Teilsysteme erbringt, insbesondere für die Wirtschaft, die Massenmedien, die Politik, das Erziehungssystem sowie das Gesundheitssystem (Schi‐ mank, 1988, S. 215-225; Riedl, 2006, S. 63-72). Zum anderen resultiert sie daraus, dass die moderne Gesellschaft durch ein eigentümliches Verhältnis von Körperverdrängung und Körperaufwertung gekennzeichnet ist (Bette, 1989). Viele Handlungsbezüge sind so abstrakt, dass der Körper für die Teilhabe an ihnen nahezu bedeutungslos geworden ist. Beispielsweise zählen für die Übernahme der Rolle, z. B. des Wählers/ Bürgers in der Politik, des Schülers im Erziehungssystem, des Zuschauers/ Lesers im Mediensystem und die Berufsrollen im Wirtschaftssystem ganz andere Kriterien und Qualifikationen als ein leistungsfähiger Körper. Gerade Letzteres markiert einen deutlichen Unter‐ schied zu vormodernen Gesellschaften, wo Arbeit meist körperliche Arbeit war. Als Kehrseite des körperverdrängenden Prinzips der funktionalen Differenzierung kommt es zur Körperaufwertung, denn Sport und körperbezogene Praktiken ermöglichen dem Einzelnen durch ihren hohen Grad an Konkretheit und Präsenz attraktive Mög‐ lichkeiten der Sinnsuche, Identitätsbildung und Selbstvergewisserung - und dies in einer Gesellschaft, in der Kontingenz und Ungewissheiten zentrale Eigenwerte bilden (Luhmann, 1992). Nicht zuletzt deshalb ist es im Sport ist zu einem Größenwachstum gekommen. Das noch in den 1950er Jahren dominierende Sportverständnis, welches durch Begriffe wie Wettkampf, Disziplin, Durchhaltevermögen und Askese gekennzeichnet war und vor allem Jungen und junge Männer ansprach, wurde zunehmend anderen Sinngebungen angereichert. Ab den 1960er Jahren steigerte der Deutsche Sportbund (DSB) seine Inklusionsbemühungen, indem er sich mit verschiedenen Kampagnen an weitere Bevölkerungskreise - insbesondere an Mädchen, Frauen, Senioren und Behinderte - wandte (Cachay, 1988a). Es kam nicht nur zu einem spürbaren Anstieg der Mitglie‐ derzahlen, sondern auch neue, heterogene Motive des Sporttreibens hielten nunmehr Einzug in das Breitensportangebot der Vereine, z. B. „körperliche Fitness“, „Bewegungs‐ 3.4 Sportsoziologie (Lars Riedl) 145 <?page no="146"?> 7 Im Zuge dieser Entwicklung entstand sogar der Begriff des „nicht-sportlichen Sports“ (Dietrich & Heinemann, 1989). erfahrung“, „Körperausdruck“, „Spannung“ oder „Wohlbefinden“. 7 Darüber hinaus entstanden vor allem ab den 1980ern - zumeist explizit als Gegenkultur zum Vereins‐ sport - so genannte Trendsportarten wie Surfen, Skate- und Snowboarding, die das Erbringen körperlicher Leistungen eng mit Aspekten des Lifestyles, subkultureller Sze‐ nezugehörigkeit, Selbstinszenierung und -ästhetisierung verknüpften (Gugutzer, 2004). Allerdings zeigt sich dabei der typische paradoxe Effekt subkultureller Phänomene: Je erfolgreicher sie als Gegenkultur sind, desto eher werden sie selbst zum Mainstream. Als populäres Massenphänomen nehmen sich ihnen nicht nur die Massenmedien und die Wirtschaft an, sondern letztlich versuchen auch die Sportverbände und -vereine diese Aktivitäten in ihre Strukturen einzubinden. Letztlich kann dies sogar dazu führen, dass ehemals subkulturelle Trendsportarten ins olympische Programm aufgenommen werden und somit die „höchsten Weihen“ des formal organisierten Sports erhalten (Lamprecht & Stamm, 1998). Ein zweites wichtiges Forschungsfeld der Sportsoziologie befasst sich mit Fragen nach der Sportbeteiligung und damit, wovon es abhängt, dass Menschen Sport treiben. Dies wird oftmals aus einer Perspektive auf soziale Ungleichheit verfolgt, denn trotz des angesprochenen Größenwachstums des Sports sind immer noch verschiedene Bevöl‐ kerungsgruppen unterrepräsentiert, wie z. B. Personen aus bildungsfernen Schichten (Haut & Emrich, 2011, S. 320). Um dies zu erklären, wird zum einen der Einfluss sozialstruktureller Variablen, z. B. Schichtzugehörigkeit (oftmals gemessen aus einer Kombination der Variablen Beruf, Bildung und Einkommen) untersucht. Zum anderen werden zur Schichtung quer liegende horizontale Ungleichheitsphänomene, z. B. durch Alter, Geschlecht und Ethnie sowie so genannte „neue“ soziale Ungleichheiten, bedingt u. a. durch ungleiche Arbeits-, Freizeit-, Wohn-, Umwelt- oder Infrastrukturbedingun‐ gen, in den Blick genommen. Hier wird analysiert, inwieweit dadurch Sportaktivitäten befördert oder verhindert werden (Cachay & Thiel, 2008, S. 189-192). Paradigmatisch für die frühen sportsoziologischen Studien zur sozialen Ungleichheit im Sport war die Annahme eines engen und unmittelbaren Zusammenhangs von Schichtzugehörigkeit und Sportbeteiligung, wie z. B. in der großen Vereinsstudie von Schlagenhauf (1977). Ab den 1990ern kamen differenzierte Annahmen zum Tragen und es wurde deutlich, dass die betreffenden Sozialstrukturvariablen (z. B. Einkommen, Beruf, Bildung) we‐ der zu einer formalen noch zu einer durchgängigen und systematischen Exklusion bestimmter Bevölkerungskreise führen (Lamprecht & Stamm, 1995). Vielmehr bleibt der Sachverhalt, ob jemand Sport treibt oder nicht, letztlich immer auch Resultat einer Selbstexklusion, also eine Entscheidung des Einzelnen. Insofern handelt es sich um ein komplexes Feld, und zwischen den beiden Polen „freier, individueller Entscheidung“ und „sozialer Determination“ des Sportengagements schieben sich vermittelnde Variablen, wie Lebensstil und Milieuzugehörigkeit oder auch soziale Hierarchien der Sportarten, 146 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="147"?> 8 Ein guter Überblick über die unterschiedlichen Perspektiven und theoretischen Annahmen der Forschungen zur sozialen Ungleichheit im Sport findet sich in Thiel et al. (2023, S.-346-367). die maßgeblichen Einfluss auf das Sportengagement nehmen und ggf. entsprechende Inklusionsbarrieren aufbauen können. 8 Die Erforschung des Spitzensports und seiner Probleme ist ein drittes Forschungsfeld der Sportsoziologie. Dessen wohl markantestes Merkmal ist, dass hier, wie in keinem anderen Bereich der Gesellschaft, das Leistungsprinzip in dominanter Weise als zentrale Handlungsorientierung zum Tragen kommt. Im sportlichen Wettkampf gilt es, seine Gegner zu besiegen und eigene Niederlagen zu vermeiden. Ein Spitzensportler ist zur permanenten körperlichen Leistungsüberbietung angehalten, um möglichst als Bester der Besten aus der Konkurrenz hervorgehen und Rekorde brechen zu können. Schneller, höher, weiter - dieses Motto verdeutlicht nur zu gut die Logik des Spitzensports, wonach immer nur einer gewinnen kann und letztlich nur der sportliche Erfolg bzw. der Sieg zählt. Konsequenterweise sind daher die im Spitzensport aktiven Athleten gezwungen, enorme Trainingsumfänge von oftmals 20-30 Stunden pro Woche zu absolvieren, eine Vielzahl sportlicher Wettkämpfe zu bestreiten und nahezu ihre ganze Lebensführung auf den Sport auszurichten. Nicht von ungefähr resultiert aus dieser „Hyperinklusion“ (Göbel & Schmidt, 1998, S. 111) in den Spitzensport oftmals nicht nur eine spezifische biographische Fixierung auf die sportliche Laufbahn (Bette & Schimank, 1995, S. 109-126), sondern häufig auch Probleme hinsichtlich der Vereinbarkeit mit der Schulkarriere (Richartz & Brettschneider, 1996; Teubert et al., 2006), der Berufsausbildung (Borggrefe, 2013), dem Studium (Riedl et al., 2007), dem späteren Einstieg in das Berufsleben (Nagel, 2000) und Lebensmittelpunktverschiebun‐ gen (Kukuk, 2016). Die Eigenlogik des Spitzensports bringt noch ein weiteres, sportsoziologisch rele‐ vantes Problem mit sich: Doping. In der öffentlichen Wahrnehmung dieses Problems wird zumeist davon ausgegangen, dass Doping auf das Fehlverhalten einzelner Perso‐ nen bzw. Personengruppen zurückgeführt werden kann. Athleten, Trainern, Betreuern, Ärzten, Managern oder Sportfunktionären werden im Rahmen einer öffentlichen Doping-Diskussion gerne übertriebene Erfolgsorientierung, Ruhmsucht, ökonomische Interessen oder andere moralische Defizite vorgeworfen. Im Gegensatz zu dieser weit verbreiteten Auffassung, die Dopingvergehen personalisiert, auf individuelles Fehlverhalten reduziert und entsprechend auch moralisiert, machen sportsoziologische Forschungen allerdings deutlich, dass es sich beim Doping zuallererst um ein überin‐ dividuelles, also ein soziales Phänomen handelt, das dem Spitzensportsystem immanent ist (Bette & Schimank, 1995, S. 15). Denn in einem System, in dem weitestgehend nur die im sportlichen Wettkampf erbrachte körperliche Leistung zählt, werden zwangsläufig nicht nur alle legitimen, sondern ebenso alle illegitimen Möglichkeiten der Leistungssteigerung ausgeschöpft. Und dies betrifft ja nicht nur die Sportler selbst, sondern auch Trainer, Manager, Vereine, Verbände und Veranstalter. Teilnahmen an Wettkämpfen, Qualifikationen für Kaderplätze, staatliche Sportförderung für den 3.4 Sportsoziologie (Lars Riedl) 147 <?page no="148"?> 9 Einen guten Überblick über die vielen organisationssoziologischen Arbeiten zum Sportverein liefert beispielsweise der Sammelband von Thieme (2017). Die Zahl grundlegender Arbeiten zu Sportverbänden (z. B. Winkler et al., 1985; Meier & Winkler, 1995; Fahrner, 2008, 2009; Thieme & Wojciechowski, 2021) ist demgegenüber vergleichsweise niedrig. einzelnen Athleten wie auch für die jeweiligen Fachverbände, Arbeitsverträge für Spieler, Trainer und Manager, das Einwerben von Sponsoren- und Fernsehgeldern - all dies hängt im höchsten Maße von sportlichen Erfolgen ab. Insofern erhöht sich einerseits die Wahrscheinlichkeit des Dopings durch die Systemlogik des Sports selbst, andererseits sinkt bei den Akteuren des Spitzensports das Interesse an der Entdeckung und Kontrolle von Doping. Eine derart soziologisch orientierte Perspektive führt dann auch zu völlig anderen Überlegungen hinsichtlich Lösungsmöglichkeiten der Doping- Problematik, als wie sie beispielsweise von den Verbänden oder in der Öffentlichkeit diskutiert und gefordert werden (Bette & Schimank, 2006). Denn als ein direkt aus der Systemlogik resultierender Effekt wird man Doping nie vollständig beseitigen, sondern immer nur eindämmen können. Entsprechend scheinen personenbezogene Maßnahmen, wie Kontrollen und Strafen sowie pädagogische Intervention nur bedingt geeignet. Sportvereine und Sportverbände stellen nach wie vor die zentralen Organisationen des Sports da, auch wenn sie mittlerweile durch kommerzielle Sportanbieter und informelle Arrangements starke Konkurrenz bekommen haben. Entsprechend wird ein viertes sportsoziologisches Forschungsfeld durch vielfältige Studien zu diesem Organisationstypus gebildet. 9 Vergleicht man Sportvereine mit anderen Organisatio‐ nen, wie Wirtschaftsunternehmen, Krankenhäusern, Museen oder Schulen, erkennt man, dass es sich hier um eine ganz spezifische Organisationsform handelt, nämlich um freiwillige Vereinigungen. Diese lassen sich anhand von fünf idealtypischen Merkmalen charakterisieren (Heinemann & Horch, 1988): (1) Die Mitgliedschaft ist freiwillig, niemand kann dazu gezwungen werden. (2) Entsprechend orientieren sich die Organisationsziele an den Mitgliederinteressen, und sie müssen dies auch tun, denn nur wenn die Interessen der Mitglieder zumindest ansatzweise befriedigt werden, werden diese ihre freiwillige Mitgliedschaft aufrecht erhalten. (3) Es bestehen demokratische Entscheidungsstrukturen, da sie eine zentrale Voraussetzung für die Artikulation der Mitgliederinteressen darstellen. Die Mitgliederversammlung bildet (formal) das oberste Entscheidungsgremium. (4) Die Mitgliederinteressen werden auf Basis freiwilligen Engagements und in Form von Ehrenamtlichkeit realisiert. (5) Die Vereine sind durch Mitgliederbeiträge und freiwilliges Engagement autonom und unabhängig vom Staat. Empirische Studien der Vereinsrealität zeigen jedoch, dass die idealtypischen Ausprägungen der Merkmale in ihrer Reinform nur selten zu finden sind. Mit Blick auf die gern beschworene Autonomie der Vereine lassen sich z. B. Korporatisierungsprozesse identifizieren, indem die Politik über Förderprogramme und Steuererleichterungen den organisierten Sport mitfinanziert und ihrerseits - mit dem Verweis auf die Gemeinwohlorientierung - versucht, politische Anliegen, z. B. Gesundheitsförderung oder Integration von Ausländern, an die Sportvereine heranzu‐ 148 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="149"?> 10 Hier ist man vor allem auf die Körpersoziologie verwiesen, die ein eigenständiges Forschungsfeld darstellt, das jedoch große Überschneidungsbereiche mit der Sportsoziologie hat. tragen. Auch demokratische Entscheidungsstrukturen werden in der Praxis häufig unterlaufen, denn interne Koordinationszwänge und Notwendigkeiten, den Verein nach außen durch feste Ansprechpartner zu vertreten, führen oftmals zur Ausbildung informeller Hierarchien und Informationsoligarchien, so dass Entscheidungen häufig nicht mehr von „unten“ durch die Mitgliederversammlung, sondern vorab von „oben“ durch den Vorstand getroffen werden. Auch wenn öffentliche und sportpolitische Diskurse immer wieder den Eindruck vermittelten, das Ehrenamt befände sich in der Krise, können die meisten Vereine ihre Ämter zumindest besetzen. Bedeutsamer sind hier vielmehr Fragen nach Leis‐ tungsfähigkeiten und Qualifikationen der Amtsinhaber sowie nach deren möglicher Überforderung durch ihr freiwilliges Engagement. Es zeigt sich, dass wachsende Anforderungen im Sportbetrieb, erhöhte Qualitätsansprüche der Mitglieder sowie zunehmende Verrechtlichungs- und Bürokratisierungsprozesse die Komplexität der Vereinsführung und -verwaltung enorm gesteigert haben. Inwieweit es daher in den Vereinen zu einer ernst zu nehmenden Verberuflichung im Sinne von Hauptberuflich‐ keit kommt, hängt u. a. von der Mitgliederzahl, der Höhe des Vereinsetats, der Größe des Vereinsvorstands sowie der Organisationskultur bzw. -ideologie ab (Thiel et al., 2006). Weitere Forschungsfelder und Themen der Sportsoziologie können an dieser Stelle nur aufgezählt werden: Sport und Gender, Sport und Sozialisation, Sport und Mas‐ senmedien, soziale Konflikte im Sport, Trainer-Athlet-Interaktion, Publikum und Fans, Gewalt im Sport, Migration, Integration, Betriebliches Gesundheitsmanagement, Nachwuchsförderung, Extremsport, Behindertensport, Körperkult 10 . Theorien der Sportsoziologie Die hier aufgezeigte thematische Vielfalt bedingt, dass in der Sportsoziologie ganz unterschiedliche Theorien zum Einsatz kommen. Die allgemeine Soziologie ist durch einen enormen Theorienpluralismus und konkurrierende Paradigmen gekennzeichnet, was sich auch in der Sportsoziologie widerspiegelt. Dies bedeutet erstens, dass es nicht die eine soziologische Theorie gibt, mit der sich alle sozialen Phänomene gleicherma‐ ßen gut erklären ließen. Und zweitens lässt sich daraus folgern, dass soziologische Theorien nicht als Glaubensüberzeugungen oder dogmatische Weltanschauungen aufzufassen sind, sondern vielmehr Denkwerkzeuge darstellen, die, zusammen mit den Forschungsmethoden, die Erforschung der sozialen Realität anleiten. Soziologische Theorien sind komplexitätsreduzierende Annahmen und Beschreibungen des Sozialen. Sie nehmen immer nur ganz spezifische Aspekte in den Blick. Dies ist vergleichbar mit der Fotografie, wo z. B. Art des Objektivs, Brennweite, Belichtungszeit, Bildausschnitt, Standort und der Einsatz von Filtern bestimmen, welche Objekte, Strukturen, Farben und Kontraste überhaupt auf das Bild gelangen und damit für einen Beobachter sichtbar 3.4 Sportsoziologie (Lars Riedl) 149 <?page no="150"?> werden. Das heißt, Theorien ermöglichen es, die Welt anders zu sehen, indem sie bestimmte Aspekte fokussieren und alles andere ausblenden. Wie soziologische Theorien unterschiedliche Perspektiven ermöglichen, lässt sich beispielsweise an der bereits eingeführten Unterscheidung von Mikro- und Makro- Ebene aufzeigen. ■ Eine Reihe an Theoretikern richtet den Fokus auf das Handeln individueller Akteure, auf deren Intentionen und Weltsichten, deren Abhängigkeiten von anderen Akteuren sowie deren Zusammenwirken und Koordination mit diesen, um daraus schließlich die Entstehung sozialer Prozesse und Strukturen zu erklären. Die bekanntesten Akteurmodelle sind wohl der homo sociologicus und der homo oeconomicus. Aus dieser Perspektive erwachsen das Soziale und die Gesellschaft, also die Makro-Ebene, gewissermaßen von unten aus der Mikro-Ebene heraus und wirken wieder auf diese zurück. Dies gilt sowohl für das interpretative Paradigma mit seinen Vertretern, wie Schütz, Goffman, Berger und Luckmann, wonach Gesellschaft vor allem aus den interaktiv und interpretativ vollzogenen kulturellen Konstruktionen der Menschen im Alltag entsteht, wie auch für utilitaristische Theorien, welche die Entstehung sozialer Ordnung durch die individuelle Interes‐ senverfolgung von Akteuren zu erklären versuchen. Deren prominenteste Variante ist wohl die Rational Choice Theorie, wie sie z. B. Colemann und Esser vertreten. In der Sportsoziologie lässt sie sich u. a. in Forschungen zu Sportvereinen, Mitgliederbindung und freiwilliger Mitarbeit finden (z. B. Nagel, 2006; Flatau, 2009; Flatau & Rohkohl, 2017; Schlesinger & Nagel, 2011). ■ Auf der anderen Seite gibt es Theorien, welche die Makro-Ebene fokussieren, also die Gesellschaft als Ganzes sowie ihre Teilsysteme in den Blick nehmen, z. B. die Theorie funktionaler Differenzierung (z. B. Parsons, Luhmann) oder auch der Marxismus (Marx). Der solchen Überlegungen zugrundeliegende Gedanke lässt sich mit dem Begriff der Emergenz beschreiben. Damit ist gemeint, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Das heißt, es wird davon ausgegangen, die Gesellschaft bzw. das Soziale seien durch Eigengesetzlichkeiten und -dynamiken gekennzeichnet, die unabhängig von Weltsichten, Intentionen und Handlungen individueller Akteure existieren. Gesellschaftliche Teilsysteme, wie Wirtschaft oder eben auch Sport, folgen ganz bestimmten Logiken (Gewinnorientierung, Leistungsorientierung), an die sich der einzelne Akteur (selbst im Kollektiv mit anderen) nur anpassen, sie aber nicht grundlegend verändern oder gar außer Kraft setzen kann. In der Sportsoziologie kommt dabei insbesondere die maßgeblich von Luhmann entwickelte Systemtheorie zum Einsatz (z. B. Bette, 1984; Cachay, 1988b; Schimank, 1988; Stichweh, 1990; Thiel, 1997, 2002). Zwischen diese beiden grundlegenden Perspektiven von Akteur und System schieben sich eine Reihe an Theorien, die stärker zwischen Mikro- und Makro-Ebene zu vermitteln suchen oder aber als so genannte Theorien mittlerer Reichweite ohne Anspruch auf universelle Gültigkeit nur spezifische Aspekte des Sozialen beleuchten: 150 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="151"?> 11 Grundlegende soziologische Einführungsbücher sind Diekmann (2016), Schnell et al. (2018) sowie Lamnek (2010), für die Sportwissenschaft sind z. B. Bös et al. (2000), Singer und Willimczik (2002) sowie Fröhlich et al. (2020) zu nennen. ■ Größere Resonanz in der Sportsoziologie erzeugten z. B. die Arbeiten von Bour‐ dieu. Seine Theorie sozialer Felder bildet wichtige Ansatzpunkte zur Erklärung sozialer Ungleichheit und Distinktion. Mit dem Konzept des Habitus hat er einen theoretischen Zugriff auf das Verhältnis von Gesellschaft und Körper geschaffen (Alkemeyer & Schmidt, 2003). Darüber hinaus ist er einer der wenigen allgemeinen Soziologen, die sich selbst mit dem Sport befasst haben (Bourdieu, 1986). ■ Ein weiterer für die Sportsoziologie einflussreicher Soziologie war Elias, dessen Arbeiten vor allem im anglo-amerikanischen Raum stark rezipiert wurden (Giuli‐ anotti, 2004, S. 7). In seinem Werk über den Zivilisationsprozess zeigt er auf, wie es in der Gesellschaft über mehrere Jahrhunderte aufgrund steigender gesellschaftlicher Komplexität und verlängerter Interdependenzketten zur zunehmenden Affektkon‐ trolle, gesteigerten Fähigkeit zum Bedürfnissaufschub, Erhöhung der Scham- und Peinlichkeitsschwellen sowie einer Gewaltrücknahme auf Seiten der Individuen gekommen ist (Elias, 1980). Zusammen mit seinem Schüler Dunning hat er eine Reihe an Arbeiten zu verschiedenen Aspekten des Sports verfasst. Im modernen Sport sehen sie vor allem eine Antwort auf „the quest for excitement in unexciting societies“ (Elias & Dunning, 1986). ■ Mit seinen Studien zu Machtprozessen, zu Formen der Körperdisziplinierung und zur Diskursanalyse hat außerdem Foucault wichtige Einsichten zur Untersuchung körperlicher, machtbasierter sowie diskursiver Praktiken im Sport geschaffen, die u. a. in der neueren Genderforschung im Sport (Kleindienst-Cachay & Heckemeyer, 2008) sowie auch bei der Analyse der Trainer-Athlet-Beziehung zum Tragen kommen (Denison, 2011). Methoden der Sportsoziologie Die in der Sportsoziologie genutzten Forschungsmethoden unterscheiden sich nicht von denen ihrer Mutterdisziplin. Oder anders formuliert: Es gibt keine originären sportsoziologischen Methoden. 11 Forschungsmethoden sind analog zu Theorien als Werkzeuge zu verstehen. Das meint vor allem, dass es nicht per se die beste Me‐ thode gibt, sondern die Angemessenheit ihres Einsatzes ist immer mit Blick auf das zugrundeliegende Forschungsproblem zu reflektieren. Soziologische Methoden lassen sich dabei nach ihrem zugrundeliegenden Forschungsansatz und nach ihrem Datenerhebungsverfahren unterscheiden. In der Soziologie gibt es zwei grundlegende Forschungsansätze: zum einen den qualitativen Ansatz, zum anderen den quantitativen Ansatz. Beide Richtungen unter‐ scheiden sich vor allem in der Art der Daten, die sie generieren. Qualitative Forschung zielt darauf ab, ihre empirischen Beobachtungen direkt zu verbalisieren und auf der Ebene von Sprache zu verarbeiten. Qualitativ ist an dieser Stelle also nicht im Sinne von „besser“ zu verstehen, sondern dieser Forschungsansatz versucht mit 3.4 Sportsoziologie (Lars Riedl) 151 <?page no="152"?> Qualitäten, z. B. Begriffen, Kategorien oder „dichten“ Beschreibungen (Geertz, 1987) etc., soziale Realität zu erfassen. Quantitative Forschung hingegen nimmt sich die Naturwissenschaften zum Vorbild und versucht soziale Realität zu messen, also in Zahlen abzubilden und diese mit statistischen Verfahren auszuwerten. Ihre Erhebungs‐ verfahren sind notwendigerweise standardisiert, was zu Informationsverlusten führt, aber die Vorteile der besseren Vergleichbarkeit und Aggregierbarkeit von Daten mit sich bringt. Quantitative Forschung eignet sich daher besonders für große Untersu‐ chungspopulationen, z. B. Zuschauer im Stadion. Sie ist oftmals konfirmatorisch, also auf die Überprüfung von Zusammenhängen und Hypothesen ausgelegt. Im Gegensatz dazu eignet sich qualitative Forschung durch ihre geringe Standardisierung und den höheren Informationsgehalt ihres Datenmaterials für Fallstudien, also für die Analyse weniger, aber komplexer Untersuchungseinheiten, z. B. Entscheidungsstrukturen eines Sportverbands. Sie ist in vielen Fällen explorativ ausgerichtet, kommt also in Bereichen zum Einsatz, über die man noch wenig weiß und dient häufig der Theorieentwicklung und Hypothesengenerierung. Quer zu der Unterscheidung von qualitativer und quantitativer Forschung liegen die drei grundlegenden Datenerhebungsverfahren: Befragung, Beobachtung und Inhalts‐ analyse. Befragungen erfassen vor allem Wissen, Erfahrungen, Einstellungen und Meinungen. Im Bereich der quantitativen Forschung kommen vor allem Fragebögen bzw. leitfadengestützte, standardisierte Interviews zum Einsatz. In der qualitativen Forschung greift man oftmals auf narrative Interviews, problemzentrierte Interviews oder Experteninterviews zurück, die zumeist lediglich durch einen so genannten Inter‐ viewleitfaden grob vorstrukturiert werden. Mit Beobachtungsverfahren wird hingegen das tatsächliche Verhalten der Probanden untersucht. Auch hier kann das Verfahren standardisiert oder unstandardisiert sein, die Beobachtung kann offen oder verdeckt erfolgen und der Forscher kann an dem Geschehen selber teilnehmen oder dies nur von außen beobachten. Inhaltsanalysen befassen sich mit Texten aller Art, d.-h. neben schriftlichen Dokumenten - Reden, Protokolle, Programme etc. - können dies auch Bilder, Filme, Kunstwerke oder Gebäude sein. Ihr Vorteil ist darin zu sehen, dass es sich hierbei durchweg um nicht-reaktive Verfahren handelt. Denn bei Befragungen und Beobachtungen läuft man stets Gefahr, dass man nicht die „wahren“ Daten erhält, weil die Probanden sich im Wissen um ihre Beforschung anders verhalten bzw. antworten, als sie es normalerweise tun würden (Stichwort: soziale Erwünschtheit). Bei Texten ergibt sich dieses Reaktanzproblem jedoch nicht. 3.4.4 Verhältnis der Sportsoziologie zur Sportpraxis In ihrer Entstehungs- und frühen Etablierungsphase hatte die Sportsoziologie nur geringe Berührungspunkte mit der Sportpraxis. Dies ist u. a. darauf zurückzuführen, dass die allgemeine Soziologie in Deutschland in den 1960er/ 1970er Jahren um ihre gesellschaftliche Anerkennung und Legitimation kämpfen musste. Denn in der öf‐ fentlichen Wahrnehmung dominierten insbesondere die Soziologen, die sich dem 152 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="153"?> 12 Für diesen Wandel sind auch die Fördermöglichkeiten für Forschungsprojekte maßgeblich gewesen. Hier ist vor allem das 1970 gegründete Bundesinstitut für Sportwissenschaft (BISp) zu nennen, das entsprechende Auftragsforschungen insbesondere hinsichtlich der Problemlagen des Spitzensports vergibt. Darüber hinaus sind mittlerweile verschiedene Ministerien, Sportverbände und Kranken‐ kassen wichtige Geldgeber, die entsprechend anwendungsbezogenes sportsoziologisches Wissen erwarten. Programm der kritischen Theorie der Frankfurter Schule und ihren prominenten Vertretern, z. B. Adorno und Habermas, verpflichtet sahen und Soziologie vor allem als Kritik an bestehenden Gesellschafts-, Macht- und Ausbeutungsverhältnissen ver‐ standen. Eine solche Soziologie konnte für das sich radikal dem Leistungsprinzip verschreibenden Sportsystem kein anschlussfähiges Wissen produzieren. Denn damit wären Sinnhaftigkeit und Legitimation des Spitzensports und seiner dominierenden Organisationen fundamental in Frage gestellt, jedoch keine produktiven Lösungen für die Probleme des Sports erbracht worden. Auch wenn die (Sport-)Soziologie in den vergangenen Jahrzehnten weitaus system‐ affirmativer geworden ist, 12 erschwert die unterstellte fehlende direkte Verwertbarkeit sportsoziologischer Erkenntnisse weiterhin ein enges Verhältnis zur Sportpraxis. Denn im Vergleich zu anderen sportwissenschaftlichen Teildisziplinen, z. B. Trai‐ ningswissenschaft oder Sportpsychologie, gelingt es der Sportsoziologie nicht, ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse als Technologien bzw. als Technik in die Sportpraxis einzubringen. Technik, verstanden als funktionierende Simplifikation (Luhmann, 1997, S. 524), suggeriert Kausalität und damit leichte Interventionsmöglichkeiten. Scheinbar bedarf es nur eines spezifischen Inputs - z. B. ein Medikament, ein Trainingsplan, ein psychologisches Treatment - und man erhält als Output eine gesteigerte sportliche Leistung. Aber soziale Verhältnisse lassen sich eben nicht auf Technik reduzieren, ihre Eigendynamik basiert nicht auf Kausalität, sondern vielmehr auf Selektivität. Soziale Systeme können auf der Basis ihrer eigenen Relevanzkriterien selbst darüber entscheiden, wie sie im Weiteren agieren werden. Insofern kann die Sportsoziologie der Praxis nur Orientierungswissen liefern, Handlungsmöglichkei‐ ten aufzeigen und zur Reflexion anregen. Die daraus ableitbaren Veränderungs- und Lernprozesse müssen dann von der Sportpraxis selbst erbracht werden. Jedoch weiß man aus der (sport-)soziologischen Organisationsforschung, dass Or‐ ganisationen im Allgemeinen sowie Sportvereinen und -verbänden im Speziellen das Lernen durchaus schwerfällt, da eine Vielzahl struktureller Mechanismen und Barrieren Veränderungen und Innovationen scheitern lassen können (Bette, 1999; Thiel & Meier, 2004; Knudsen, 2006). Daher bleibt die soziologische Beratung von Sportorganisationen oftmals ein recht enttäuschendes und wirkungsloses Unterfan‐ gen, da das wissenschaftliche Wissen - wenn nicht komplett ignoriert - oftmals nur 3.4 Sportsoziologie (Lars Riedl) 153 <?page no="154"?> zur Legitimation bereits vorgefertigter Entscheidungen oder für Akte symbolischer (Sport-)Politik genutzt wird. Praxisbeispiel: Spitzensport und Schule „Weltmeister werden und die Schule schaffen“ lautet der Titel einer Studie von Richartz und Brettschneider (1996) und er lässt erahnen, welche Anforderungen an jugendliche Spitzensportler heutzutage gestellt werden. Zum einen gilt: Nur wer bereits im Kindes- und Jugendalter ein enormes Trainings- und Wettkampf‐ pensum leistet, hat überhaupt die Chance, im Erwachsenenalter international konkurrenzfähig sein zu können. Zum anderen muss aber auch eine Schul- und Berufsausbildung absolviert werden. Denn entgegen dem vor allem durch die Massenmedien verbreiteten Bild der „millionenschweren“ Sportstars gilt für die allermeisten Athleten, dass sie ihren zukünftigen Lebensunterhalt nicht allein auf Basis ihrer spitzensportlichen Karriere werden sichern können. Deshalb sind ein Schulabschluss und eine daran anschließende Berufsausbildung oder ein Studium nicht hintergehbare Notwendigkeiten für „die Zeit danach“. Dies wird auch von der überwiegenden Mehrheit der Nachwuchssportler so gesehen. Die wenigsten von ihnen sind bereit, aufgrund ihres sportlichen Engagements größere Nachteile hinsichtlich ihrer schulischen bzw. beruflichen Ausbildung in Kauf zu nehmen. Im Konfliktfall würden sie sich daher eher gegen den Sport entscheiden (Riedl & Cachay, 2002, S. 229-234). Damit läuft der Spitzensport aber Gefahr, seine Talente entweder zu spät, auf einem zu niedrigen Leistungsniveau auszubilden oder aber sie vorzeitig ganz zu verlieren. Beiträge der Sportsoziologie hinsichtlich des Problems der (Un-)Vereinbarkeit von sportlicher Karriere und schulischer Laufbahn machen deutlich, welche generellen Anforderungen an die Rolle „Sportler“ und die Rolle „Schüler“ gestellt werden. Wenn man nämlich danach fragt, wie die Inklusion in die beiden gesellschaftlichen Teilsysteme Spitzensport und Erziehung erfolgt, dann wird u. a. erkennbar, dass erstens beide Rollen in dieselbe Lebensspanne fallen und sich nicht beliebig nach hinten verschieben lassen. Zweitens erfordern sie beide einen hohen Ressourcenaufwand, insbesondere in zeitlicher Hinsicht. Und drittens ist festzustellen, dass das Sportsystem und das Erziehungssystem jeweils nur nach Maßgabe ihrer eigenen Funktionslogik inkludieren und die Funktionserfordernisse des anderen Systems gänzlich unberücksichtigt lassen (müssen). Man bekommt in Mathematik keine bessere Note, nur weil man ein erfolgreicher Speerwerfer ist. Und man bekommt auch beim Schwimmwettkampf keinen Vorsprung, weil man in der letzten Deutscharbeit gut abgeschnitten hat. Das zentrale Problem der (Un-)Vereinbarkeit von Spitzensport und Schule ist demnach in der Simultaneität und Desintegration der beiden Inklusionsverhältnisse „Sportler“ und „Schüler“ zu sehen (Riedl et al., 2007, S.-164). 154 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="155"?> Fragt man nach Lösungsmöglichkeiten, wird schnell deutlich, dass diese nicht in der Sachdimension zu finden sind. Im Erziehungssystem können keine besseren Noten für Spitzensportler gegeben werden, denn dies würde entsprechende Schul‐ abschlüsse entwerten. Und der Spitzensport kann keine Vergünstigungen aufgrund schulischer Leistungen gewähren, würde damit doch die sportliche Konkurrenzlo‐ gik unterlaufen werden. Möglichkeiten zur Abfederung der Problematiken sind nur in der Zeitdimension, z.-B. durch die Flexibilisierung oder Streckung der Schulzeit, sowie in der Sozialdimension, z.-B. durch die Rekrutierung qualifizierten Personals zur Betreuung und Unterstützung der jugendlichen Athleten, gegeben. Derartige strukturelle Arrangements lassen sich allerdings nicht direkt in den gesellschaftli‐ chen Funktionssystemen (Makro-Ebene) etablieren. Will man die Problemlösung jenseits von heroischen Einzelleistungen der Nachwuchssportler und ihrer Eltern (Mikro-Ebene) institutionell verankern, gilt es auf der Meso-Ebene Organisationen zu schaffen bzw. Kooperationen zwischen Sportorganisationen und Schulen zu initiieren, die ihre Strukturen - Zielsetzungen, Entscheidungsprozesse, Kommu‐ nikationswege, Stellen, Personal, Organisationskultur - so aufeinander bezogen ausrichten, dass sie den Erfordernissen des Spitzensports und des Erziehungssys‐ tems gerecht werden bzw. die damit verbundenen Konflikte zumindest abfedern, um so dem Nachwuchssportler eine bessere Vereinbarkeit von schulischer Lauf‐ bahn und zugleich sportlicher Karriere zu ermöglichen. Unter Bezeichnungen wie Partnerschule des Spitzensports, Sportbetonte Schule und Eliteschule des Sports, gibt es in Deutschland bereits verschiedene institutionalisierte Lösungsansätze. Inwieweit sie aber das Problem der (Un-)Vereinbarkeit tatsächlich lösen können, ist eine weitere zentrale Frage sportsoziologischer Analysen (Teubert et al. 2006; Teubert, 2009; Flatau & Emrich, 2011). Kontrollfragen 1. Im Sport lassen sich mannigfaltige soziale Phänomene auf unterschiedlichen Ebenen finden. Wie können diese Ebenen bezeichnet werden und worin unterscheiden sie sich? Benennen Sie jeweils drei Beispiele. 2. Die Sportsoziologie steht einerseits in Beziehung zur Soziologie, andererseits zur Sportwissenschaft. Wodurch sind diese beiden Verhältnisse jeweils ge‐ kennzeichnet? Worin unterscheiden sie sich? 3. Sportsoziologen gehen davon aus, dass der Sport erst im Zuge der Entstehung und Durchsetzung der modernen, funktional differenzierten Gesellschaft ent‐ standen ist. Wie wird diese These begründet? 4. Die moderne Gesellschaft ist durch die Gleichzeitigkeit von Körperverdrän‐ gung und Körperaufwertung gekennzeichnet. Wie lässt sich dieses paradoxe Verhältnis erklären? 3.4 Sportsoziologie (Lars Riedl) 155 <?page no="156"?> 5. Doping ist ein zentrales Problem des Spitzensports. Welche Ursachen machen sportsoziologische Forschungen deutlich und wieso kann der Sport dieses nicht vollends lösen? 6. Sportvereine sind freiwillige Vereinigungen. Durch welche idealtypischen Merkmale ist dieser spezifische Organisationstyp gekennzeichnet? Inwiefern weicht die soziale Realität der Sportvereine hiervon häufig ab? 7. In der Sportsoziologie kommen quantitative und qualitative Forschungsan‐ sätze zum Einsatz. Worin liegen deren wesentliche Unterschiede, Vor- und Nachteile? 8. Typische Forschungsmethoden der Sportsoziologie sind Befragungen, Beob‐ achtungen und Inhaltsanalysen. Wie unterscheiden sich diese drei hinsichtlich ihrer Datenerhebung? 9. Ein zentrales Problem für den Nachwuchs im Spitzensport ist die Simultanität und Desintegration der Rollen „Sportler“ und „Schüler“. Wie lassen sich sozio‐ logisch fundiert Möglichkeiten und Grenzen der Problemlösung aufzeigen? Literatur Alkemeyer, T., & Schmidt, R. (2003). Habitus und Selbst. 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Zum Stand der Soziologie des Sports in der Bundesrepublik Deutschland. In J. Winkler, & K. Weis (Hrsg.), Soziologie des Sports. Theorieansätze, Forschungsergebnisse und Forschungsperspektiven (S.-9-17). Westdeutscher Verlag. Winkler, J., Karhausen, R.-R., & Meier, R. (1985). Verbände im Sport. Eine empirische Analyse des Deutschen Sportbundes und ausgewählter Mitgliedsorganisationen. Hofmann. Winkler, J., & Weis, K. (Hrsg.) (1995). Soziologie des Sports. Theorieansätze, Forschungsergebnisse und Forschungsperspektiven. Westdeutscher Verlag. 3.5 Sportökonomik (Tim Pawlowski) Die wirtschaftliche Entwicklung und Bedeutung des Spitzensports erfordern in zuneh‐ mendem Maße auch eine wirtschaftswissenschaftliche (ökonomische) Betrachtung. Darüber hinaus eignet sich das wirtschaftswissenschaftliche Instrumentarium (in modifizierter Form) hervorragend, um einige zentrale Fragen im Bereich des nichtkom‐ merziellen Freizeit- und Breitensports ebenfalls wissenschaftlich zu ergründen. Dies sind die Voraussetzungen und Rahmenbedingungen, unter denen sich in den vergan‐ genen Jahren die Sportökonomik als relevanter Wissenschaftszweig herausgebildet und entwickelt hat. Aber ist die Sportökonomik ein eigenständiger Wissenschaftszweig? Ist sie Teil der Sportwissenschaft oder Teil der Wirtschaftswissenschaften? Womit beschäftigt sich die Sportökonomik? Was machen Sportökonomen? Welche empirischen Studien gibt es? Und warum wird das Kapitel Sportökonomik und nicht Sportökonomie oder Sportma‐ nagement genannt? Unter anderem diesen Fragen geht das vorliegende Kapitel nach. 13 Lernziele ■ Die Leserinnen und Leser erfahren, mit welchen Phänomenen sich die Sport‐ ökonomik beschäftigt und welche Themen aus ihrer Sicht relevant sind. ■ Sie erkennen, wie die Sportökonomik entstanden ist, wie sie sich bis zum heutigen Stand entwickelt hat und welche Verbindungen zu ihrer Mutterwis‐ senschaft bestehen. ■ Sie lernen wissenschaftliche Zielsetzungen und Aufgaben der Sportökonomik kennen und reflektieren, mit welchen Theorien sich die Sportökonomik den für sie relevanten Phänomenen und Themen nähert, welchen Problem-/ Frage‐ stellungen sie sich widmet und welche Methoden dabei typischerweise zum Einsatz kommen. 160 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="161"?> 14 Aus Platzgründen kann in diesem Kapitel leider nicht auf die sehr relevanten und spannenden Arbeiten eingegangen werden, die Sportdaten verwenden, um allgemeine (ökonomische) Theorie zu testen. Für interessierte Leserinnen und Leser sei hier beispielsweise auf die Arbeiten von Palacios-Huerta (2003, 2014) zur Überprüfung zentraler spieltheoretischer Elemente wie das Minimax Theorem (von Neumann, 1928) verwiesen. ■ Sie erfahren, in welchem Verhältnis die Sportökonomik zur Sportpraxis steht, insbesondere welche Bedeutung die Sportpraxis ihren Forschungsergebnissen beimisst. 3.5.1 Einführung - Charakterisierung der Sportökonomik Bis heute besteht kein Konsens darüber, was Sportökonomik ist. Um die Perspek‐ tive dieses Kapitels zu verstehen, wird daher zunächst eine Begriffseingrenzung vorgenommen und die anhaltende Debatte zur Einordnung dieser noch sehr jungen wissenschaftlichen Disziplin kurz skizziert. Wenn Aspekte des Sports aus ökonomischer Perspektive beleuchtet werden, sind im deutschen Sprachgebrauch die Begriffe Sportökonomie, Sportökonomik und Sportma‐ nagement gebräuchlich. 14 Daumann (2011) und Trosien (2009) definieren die Sportöko‐ nomie als Oberbegriff einer Betriebswirtschaftslehre (BWL) und Volkswirtschaftslehre (VWL) des Sports. Die Auseinandersetzung mit ausschließlich volkswirtschaftlichen Aspekten des Sports wird hingegen häufig als Sportökonomik bezeichnet (Dietl, 2011). Da die volkswirtschaftlichen Aspekte des Sports im Fokus des vorliegenden Kapitels stehen, wurde es mit dem Begriff Sportökonomik entsprechend spezifiziert. Unklar ist allerdings bis heute, in welchem Verhältnis Sportökonomie und Sportöko‐ nomik zu dem geläufigeren Begriff Sportmanagement stehen. Während Thieme (2011) Sportmanagement als spezielle Betriebswirtschaftslehre des Sports sieht, gehören nach Parkhouse (2005) auch die volkswirtschaftlichen Aspekte des Sports zum Sportma‐ nagement. Nach Daumann (2011) werden unter Sportmanagement ebenfalls sowohl betriebsals auch volkswirtschaftliche Aspekte des Sports subsummiert. Er versteht unter Sportmanagement allerdings nur die „technologische Nutzung der Theorien der BWL/ VWL des Sports“ (Daumann, 2011, S. 10). Breuer und Thiel (2005) fassen Sport‐ management noch weiter, indem sie den Begriff der Sportmanagementwissenschaft als Oberbegriff von Sportökonomik, Sportpsychologie, Sportrecht und Sportsoziologie einführen. Unklar ist darüber hinaus, ob die Sportökonomik Teil der Wirtschaftswissenschaften oder Teil der Sportwissenschaft ist. Einerseits argumentiert beispielsweise Dietl (2011), dass die Sportökonomik eine Teildisziplin der Wirtschaftswissenschaften darstellt, weil sie auf dem grundlegenden wirtschaftswissenschaftlichen Fundament aufbaut. Andererseits ist die institutionelle Anbindung der Sportökonomik in den Universitäten sportwissenschaftlich geprägt: in Deutschland gibt es entsprechende Professuren 3.5 Sportökonomik (Tim Pawlowski) 161 <?page no="162"?> primär in sportwissenschaftlichen, nicht aber in wirtschaftswissenschaftlichen Insti‐ tuten. Gleichwohl forschen jedoch zahlreiche Wirtschaftswissenschaftlerinnen und Wirtschaftswissenschaftler an wirtschaftswissenschaftlichen Instituten (u. a.) im Be‐ reich der Sportökonomik. Ausgehend von der zuvor skizzierten Debatte ist Abbildung 3.5.1 der Versuch einer eigenen Einordnung der Sportökonomik im Schnittfeld von Sportwissenschaft und VWL sowie angrenzenden Disziplinen. Neben der Sportwissenschaft, der VWL und der BWL wurde in der Abbildung zudem die Perspektive der Medienwissenschaften eingeführt, da einige medienökonomische Aspekte Relevanz für die Sportökonomik haben. Wie die Abbildung andeutet, existieren keine klaren Abgrenzungen zwischen den einzelnen Disziplinen. Häufig sind die Übergänge fließend. Abb. 3.5.1: Die Sportökonomik im Schnittfeld von Sportwissenschaft, Volkswirtschaftslehre und an‐ grenzenden Disziplinen Dieser einführenden Einordnung folgend, beschäftigt sich die Sportökonomik mit den mikro- und makroökonomischen Aspekten des Sports. Allgemein werden im Rahmen der Mikroökonomik einzelne Elemente der Wirtschaft (Anbieter und Nachfrager) sowie deren Zusammenwirken auf Märkten betrachtet. Mikroökonomische Themen des Sports beziehen sich beispielsweise auf das Verhalten der Zuschauerinnen und Zu‐ schauer im Spitzensport, das Verhalten von Profisportvereinen und -unternehmen so‐ wie deren Zusammenwirken beispielsweise in Stadien. Im Rahmen der Makroökonomik werden gesamtwirtschaftliche Phänomene betrachtet. Makroökonomische Themen des Sports beziehen sich entsprechend u. a. auf die wirtschaftliche Bedeutung des Sports oder die wirtschaftliche Bedeutung von Sportgroßevents (Mankiw & Taylor, 2008). 162 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="163"?> Bereits an dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass eine Reduzierung der Sport‐ ökonomik auf den Gegenstandsbereich des Spitzensports zu kurz greift. Die volkswirtschaftlichen Aspekte des Freizeit- und Breitensports sind von großer (sportpolitischer) Bedeutung und erfahren daher insbesondere in der jüngeren Vergangenheit eine zunehmende (wissenschaftliche) Beachtung. Bevor jedoch einzelne Themen der Sportökonomik näher spezifiziert und erläutert werden, ist zunächst die grundlegende Frage zu klären, warum die Sportökonomik als eigenständige wissenschaftliche Disziplin zu verstehen ist. Nach Heinemann (1984, 1998) kann dies mit den zahlreichen Besonderheiten des Sports begründet werden, die ein einfaches Anwenden allgemeiner mikro- oder makro‐ ökonomischer Theorien und Methoden im Gegenstandsbereich des Sports erschweren oder unmöglich machen (hierzu auch Daumann, 2011; Dietl, 2011; Hickel, 2002; Horch, 1999). Zugleich liefert ein Teil dieser Besonderheiten die Begründung für die zahlreichen (staatlichen) Interventionen im Sport. Nicht zuletzt aufgrund der Aktualität des Themas bietet es sich an, mit den Zielen von Profisportvereinen zu beginnen. In jedem Einführungsbuch zur VWL wird angenommen, dass Unternehmen ihren Gewinn maximieren. Sloane (1969, 1971) argumentierte als Erster, dass europäische Fußballclubs dagegen eher ihren sportlichen Erfolg maximieren. Diese Ausgangsüberlegung findet sich folglich in vielen theoreti‐ schen Modellen wieder, in denen Ligen mit sieg- und gewinnmaximierenden Teams verglichen werden (z. B. Késenne, 1996, 2004; Fort & Quirk, 1995). Klassischer Weise wird dabei in sportökonomischen Überlegungen angenommen, dass Teams in den nordamerikanischen Profiligen (MLB, NBA, NFL, NHL) eher gewinnorientiert agieren, während Teams in den europäischen Profiligen eher ihren sportlichen Erfolg - unter der Nebenbedingung eines (Null-)Gewinns - maximieren. Allerdings ist durchaus kritisch zu hinterfragen, inwiefern Teams in den nordamerikanischen Profiligen tatsächlich gewinnorientiert agieren. Beispielsweise verzeichnete die NBA im Jahr 2010 einen Verlust von rund 215 Mio. Euro (Sportinformationsdienst, 2010). Auch die (Null-)Gewinn-Bedingung ist in Anbetracht der enormen Verbindlichkeiten, die insbesondere im europäischen Profifußball angehäuft wurden und ein Grund für die Einführung des Finanziellen Fairplay-Reglements durch die UEFA waren (Fahrner, 2014) fraglich. Neben den Zielen von Profisportvereinen weist auch das Produkt des professionellen Sports einige Besonderheiten auf. So gilt die Unsicherheit über den Ausgang eines Spiels oder einer Saison als ein wesentlicher nutzenstiftender Parameter für die Stadion- und Fernsehzuschauer. Es waren Rottenberg (1956) und Neale (1964), die vor diesem Hintergrund die sogenannte Unsicherheitshypothese begründeten. Ob‐ gleich bisher nur unzureichend empirisch validiert, dient die Unsicherheitshypothese als Rechtfertigungsgrund für zahlreiche Regulierungsmaßnahmen im Profisport. Bei‐ spielsweise existieren in den nordamerikanischen Ligen Gehaltsobergrenzen (Salary Caps), Nachwuchsrekrutierungs-Regeln (Entry Draft) und Einnahmenumverteilungs- 3.5 Sportökonomik (Tim Pawlowski) 163 <?page no="164"?> 15 Da das Phänomen der Kooperenz häufig als Ausnahmeerscheinung im Sportbereich gilt, sei darauf hingewiesen, dass Kooperenz auch in anderen Bereichen vorzufinden ist. So kooperieren beispiels‐ weise einzelne Länder im Handel, stehen aber zugleich in Konkurrenz zueinander. So kommt es auch dort teilweise zu scheinbar widersprüchlichen Verhaltensweisen. Regeln (Revenue Sharing). Letztgenannte Regulierung findet sich auch in den meisten europäischen Profisportligen, wenn etwa die Medienrechte in Deutschland zentral durch die Deutsche Fußball Liga GmbH (DFL) vermarket und dabei erzielte Einnahmen jährlich nach bestimmten Verteilungsschlüsseln an die 36 Profivereine der Fußball Bundesliga und 2. Bundesliga ausgeschüttet werden. All diese Regulierungsmaßnah‐ men dienen der Aufrechterhaltung einer gewissen Wettbewerbsintensität zwischen den teilnehmenden Teams und somit der Gewährleistung der Unsicherheit über den Ausgang eines Spiels oder einer Saison. Die „besonderen“ Ziele der Profisportvereine und die Bedeutung der Unsicherheit über den sportlichen Ausgang gehen mit einem scheinbar widersprüchlichen Verhalten der handelnden Akteurinnen und Akteure im professionellen Sport einher. Einerseits konkurrieren die Vereine um knappe Ressourcen wie Spieler, Trainer oder finanzielle Mittel. Zum anderen kooperieren sie beispielsweise bei der gemeinsamen Vermarktung der Medienrechte, um durch die Einnah‐ menumverteilung eine größtmögliche Unsicherheit aufrechtzuerhalten. Dieses Phänomen wird Kooperenz genannt und wurde von Neale (1964, S. 2) mit der Maxime umschrieben: „Oh Lord, make us good, but not that good“. 15 Während die Bedeutung der Unsicherheit über den sportlichen Ausgang als Rechtfer‐ tigung für die zahlreichen Regulierungsmaßnahmen im Spitzensport dienen, sind es so genannte externe Effekte und öffentliche Guts-Eigenschaften, die zur Rechtfertigung der staatlichen Spitzensportförderung herangezogen werden. Unter einem externen Effekt wird im Allgemeinen die Auswirkung einer Handlung auf unbeteiligte Dritte verstanden (Mankiw & Taylor, 2008). Die dem Spitzensport zugeschriebenen (posi‐ tiven) externen Effekte können in Anlehnung an Langer (2006) als Prestigewert und Wachstumsexternalitäten umschrieben werden. Beispielsweise können sportliche Erfolge von Sportlern ebenso wie die Austragung von Sportevents das Zusammenge‐ hörigkeitsgefühl auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene fördern. Ebenfalls ist denkbar, dass die Ausrichtung von Sportgroßevents zu positiven Wachstumsimpulsen innerhalb der jeweiligen Volkswirtschaft führen. Aufgrund der Identitätsstiftung und Repräsentationswirkung wird Spitzensport häufig auch als öffentliches Gut charakte‐ risiert, da niemand vom Konsum ausgeschlossen werden kann und der Konsumnutzen eines jeden zusätzlichen Nachfragers nicht kleiner wird. Übersetzt bedeutet das: Jeder hat beispielsweise die Möglichkeit, sich über Sportereignisse zu informieren und Stolz für die sportlichen Erfolge der Athletinnen und Athleten, z. B. bei Olympischen Spielen, zu empfinden. Zugleich ist das Ausmaß des persönlichen Empfindens von Stolz unab‐ hängig von der Anzahl an Mitkonsumentinnen und Mitkonsumenten. Generell werden 164 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="165"?> 16 Eine hervorragende Übersicht zu den Anfängen und der Entwicklung sportökonomischer For‐ schungsarbeiten findet sich bei Andreff und Szymanski (2009). Teile der folgenden Ausführungen sind ihrem Kapitel entnommen. öffentliche Güter aufgrund ihrer Beschaffenheit nicht oder nur in unzureichendem Umfang am Markt angeboten. Dieses Angebotsversagen erklärt, warum der Staat im Allgemeinen die Bereitstellung von öffentlichen Gütern fördert. Externe Effekte werden ebenfalls zur Rechtfertigung der staatlichen Förderung im Breiten- und Freizeitsport herangezogen. Beispielsweise wird argumentiert, dass körperliche Aktivität gesundheitsfördernde Effekte hat und eine sportlich aktive Bevölkerung maßgeblich zur Reduzierung der Gesundheitskosten beitragen kann. Darüber hinaus beschreibt Langer (2006) zahlreiche sozio-edukatorische Werte des (in Sportvereinen) organisierten Sports, wie Sozialisation, Entfaltung der Persönlichkeit, Aufbau von sozialen Beziehungen und Sozialkapital oder Integration verschiedener Bevölkerungsgruppen und -schichten. All diese Effekte hätten in aggregierter Form positive Auswirkungen auf die Gesellschaft und die Volkswirtschaft. Dieser (externe) Nutzen wird allerdings nicht im Entscheidungskalkül der Einzelnen berücksichtigt. Insofern ist zu erwarten, dass nicht alle Individuen im (gesellschaftlich) wünschens‐ werten Umfang körperlich aktiv sind oder sich in Sportvereinen engagieren. Der‐ artiges Nachfrageversagen ist die Eigenschaft sogenannter meritorischer Güter und entsprechend eine Rechtfertigung dafür, dass der Staat beispielsweise Sportvereine subventioniert, um die Nachfrage nach körperlicher Aktivität und Engagement in Sportvereinen mit einem niedrigen Preis „anzukurbeln“. Wie die Unsicherheitshypothese sind jedoch auch die (externen) Effekte des Spit‐ zensports und des Breiten- und Freizeitsports bisher nicht ausreichend empirisch validiert. Daher argumentiert Daumann (2011), dass sich die staatliche Förderung des Sports nur schlecht mit den externen Effekten und den öffentlichen oder meritorischen Guts-Eigenschaften rechtfertigen lässt. Neben den zuvor diskutierten Besonderheiten werden von Heinemann (1998) und Daumann (2011) noch weitere Aspekte erläutert. Viele dieser Besonderheiten treffen jedoch auch auf andere Dienstleistungen zu, sodass auf eine weitere Erläuterung an dieser Stelle verzichtet wird. Nicht nur aufgrund der hier skizzierten einzelnen Besonderheiten, sondern insbesondere aufgrund des komplexen Zusammenwirkens zahlreicher Besonderheiten ist eine gesonderte und modifizierte ökonomische Analyse des Sports erforderlich. 3.5.2 Entstehung und Entwicklung der Sportökonomik Die Anfänge der Sportökonomik lassen sich mit den beiden Beiträgen von Rottenberg (1956) und Neale (1964) im amerikanischen Raum recht genau datieren. 16 Sloane (1969, 1971) war der erste, der diese sportökonomischen Analysen in England aufgriff. Er 3.5 Sportökonomik (Tim Pawlowski) 165 <?page no="166"?> führte die Idee ein, dass europäische Fußballvereine ihren Nutzen maximieren, was nicht zwangsläufig mit der Maximierung des Gewinns einhergehen muss. Es folgten Arbeiten von Hart et al. (1975), Bird (1982) und Jennett (1984) in England. Die Anfänge sportökonomischer Analysen in Frankreich gehen (z. T. soziologisch geprägt) auf Volpicelli (1966), Bourdieu (1979), Pociello (1981) und Andreff (1980) zurück. Erste Arbeiten im deutschsprachigen Raum legten Melzer und Stäglin (1965) zur „Ökonomie des Fußballs“, Gärtner und Pommerehne (1978) zum Thema „Der Fußballzuschauer - ein homo economicus? “, Büch und Schellhaaß (1978) zu „Ökonomischen Aspekten der Transferentschädigung im bezahlten Mannschaftssport“ sowie Heinemann (1984) mit seinen „Texten zur Ökonomie des Sports“ vor (Daumann, 2011). Entsprechend bildeten sowohl im nordamerikanischen als auch im europäischen Raum ökonomische Analysen im Spitzensport den Ausgangspunkt für die Entwicklung der Sportökonomik als eigenständige Disziplin. Darüber hinaus waren es Heinemann und Horch (1981) mit einer eher soziologisch geprägten Analyse der Sportorganisatio‐ nen, Andreff und Nys (1984) zur Bedeutung des Ehrenamts im Sport sowie Horch (1994) mit seinem Artikel zu den „Besonderheiten einer Sport-Ökonomie - ein neuer bedeutender Zweig der Freizeitökonomie“, die den Weg für eine ökonomische Analyse im Freizeit- und Breitensport bereiteten. Heutzutage arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler weltweit an diver‐ sen ökonomischen Analysen sowohl im Bereich des Spitzensports als auch im Bereich des Breiten- und Freizeitsports. In Anbetracht der zuvor skizzierten historischen Ent‐ wicklung kann jedoch gesagt werden, dass ökonomische Analysen des Spitzensports ihren Ursprung in Nordamerika hatten und ökonomische Analysen des Breiten- und Freizeitsports in Europa entstanden. Wie bereits eingangs erwähnt, sind Sportökonomik und Sportbetriebslehre nicht klar zu trennen. Vielmehr existieren fließende Übergänge, weshalb betriebswirtschaft‐ liche Analysen parallel zur ökonomischen Betrachtung zum Sport durchgeführt wur‐ den. Erste Arbeiten gehen auf Dreyer (1986) zur „Werbung im Sport“, Drees (1989) zum „Sportsponsoring“ und Freyer (1990) zum „Sportmarketing“ zurück. Mit der wissenschaftlichen Disziplin der Sportökonomik haben sich eigenständige Journals (z. B. Journal of Sports Economics, International Journal of Sport Finance, Sports Economics Review) und wissenschaftliche Vereinigungen (z. B. Arbeitskreis (AK) Sportökonomie e. V., North American Association of Sports Economists (NAASE), European Sport Economics Association (ESEA)) entwickelt. 3.5.3 Themenfelder der Sportökonomik Einen ersten Eindruck zu den Themenfeldern der Sportökonomik liefern einschlägige Lehrbücher. Für den nordamerikanischen Raum ist beispielsweise das Buch von Leeds und von Allmen (2005) zu nennen. Im europäischen Raum ist das Lehrbuch von Downward et al. (2009) maßgeblich. Während die meisten deutschsprachigen Lehrbücher in erster Linie die betriebswirtschaftliche Analyse des Sports betonen, 166 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="167"?> 17 Wie Andreff und Szymanski (2009) anmerken, hatte die Sportökonomik von Beginn an eine sehr enge Verbindung zur Arbeitsmarktökonomik (labour economics). Einen strukturierten Einblick zum Arbeitsmarkt Sport in Deutschland bietet der Aufsatz von Anders (1995). fokussiert das Lehrbuch von Daumann (2011) ebenso wie das Handbuch Sportökono‐ mik von Deutscher et al. (2016) hauptsächlich die volkswirtschaftlichen Aspekte des Sports. Wie sich zeigt, unterscheiden sich die Lehrbuchinhalte zwar in den einzelnen Ländern, der Spitzensport wird aber in allen Lehrbüchern in sehr ähnlicher Form thematisiert. Im Fokus stehen dabei beispielsweise die Messung der Wettbewerbsin‐ tensität (Competitive Balance: CB) und deren Bedeutung für die Zuschauerinnen und Zuschauer (Uncertainty of Outcome Hypothesis: UOH) sowie der Arbeitsmarkt 17 und die öffentliche Sportförderung. Darüber hinaus thematisieren die nordamerikanischen Lehrbücher den College Sport, während die europäischen Lehrbücher eher ihren Fokus auf den Freizeit- und Breitensport richten. ■ Leeds und von Allmen (2005): Dieses Lehrbuch gliedert sich in fünf Teile und be‐ inhaltet neben einer Einführung in das allgemeine ökonomische Instrumentarium die Bereiche Industrieökonomik, Finanzwissenschaften und Arbeitsmarktökono‐ mik im Sport. Darüber hinaus geht ein Kapitel auf den College Sport ein. ■ Downward et al. (2009): Dieses Lehrbuch beginnt ebenfalls mit einer Wiederholung des allgemeinen ökonomischen Instrumentariums. In den folgenden Kapiteln werden auch die Besonderheiten des Sports in Europa explizit berücksichtigt. Im Gegensatz zu den nordamerikanischen Lehrbüchern liegt ein Schwerpunkt des Buchs (insgesamt vier Kapitel) auf den ökonomischen Aspekten des Freizeit- und Breitensports. ■ Daumann (2011): Nach kurzer Einführung zur wirtschaftlichen Bedeutung des Sports wird in diesem Lehrbuch erläutert, was Sportökonomie ist. Die übrigen Kapitel thematisieren verschiedene ökonomische Aspekte des Spitzensports, beispielsweise die Besonderheiten der Zuschauernachfrage bei sportlichen Wett‐ kämpfen, die ökonomischen Charakteristika sportlicher Wettkämpfe und deren Design bei Individualsportarten, die Produktion sportlicher Leistung bei Team‐ sportarten, die ökonomischen Besonderheiten einer Liga und den Arbeitsmarkt im Ligensport. Dem Freizeit- und Breitensport wird hingegen kaum Beachtung geschenkt. ■ Deutscher et al. (2016): Nach einführenden Überlegungen zur Entwicklung und Einordnung der Sportökonomik thematisieren elf Kapitel verschiedene mikroöko‐ nomische Aspekte des Spitzensports. Im Gegensatz zu Daumann (2011) wird auch der Freizeit- und Breitensport in weiteren drei Kapiteln explizit berücksichtigt. Insgesamt fünf Kapitel befassen sich mit den makroökonomischen Aspekten des Sports, wie beispielsweise dem Zusammenspiel zwischen Sport und Staat sowie der wirtschaftlichen Bedeutung von Sport im Allgemeinen und Sportvents im Speziellen. 3.5 Sportökonomik (Tim Pawlowski) 167 <?page no="168"?> 18 Interessierte Leserinnen und Leser seien auf das Handbuch Sportökonomik von Deutscher et al. (2016) sowie das 2019 erschienene SAGE Handbook of Sports Economics (Downward et al., 2019) verwiesen, welches über 50 Kapitel mit aktuellen und hoch relevanten Themen der Sportökonomik abbildet. Im Folgenden werden einige Themenfelder der Sportökonomik weiter vertieft. Dabei wird kein Anspruch auf Vollständigkeit erhoben. Es geht vielmehr um den exem‐ plarischen Einblick in aktuelle und relevante Forschungsarbeiten im Bereich der empirischen Sportmakro- und Sportmikroökonomik. 18 Sportmakroökonomik Auf makroökonomischer Ebene gibt es einerseits Studien, die sich mit (I) der Quan‐ tifizierung des sportbezogenen Anteils innerhalb der Volkswirtschaft beschäftigen. Der zweite Teilbereich makroökonomisch orientierter Studien fokussiert (II) die wirt‐ schaftlichen Effekte von Sportgroßevents. Studien zum Bereich (I) haben eine hohe sportpolitische Relevanz und wurden von der Europäischen Kommission explizit im White Paper on Sport von den Mitgliedsstaa‐ ten gefordert. Zu unterscheiden sind dabei Studien zur wirtschaftlichen Bedeutung sowie zur finanzpolitischen Bedeutung des Sports. ■ Studien zur wirtschaftlichen Bedeutung in mehreren europäischen Ländern wurden von Jones (1989) und Andreff et al. (1995) publiziert. Weber et al. (1995), Meyer und Ahlert (2000) sowie Preuß et al. (2012) quantifizierten die wirtschaftliche Bedeutung des Sports in Deutschland. Eine aktuellere Übersicht zur Sportwirt‐ schaft in Deutschland bietet die Zusammenfassung des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (2018). Demnach gaben private Haushalte in Deutschland im Jahr 2015 knapp 56 Mrd. Euro für die aktive Sportausübung aus (über 20 Mrd. Euro davon entfielen auf Sportbekleidung und Sportausrüstung). Für passive/ s Sportausübung/ Sportinteresse wurden weitere knapp 9 Mrd. Euro ausgegeben (rund 2 Mrd. Euro davon entfielen auf Pay-TV-Ausgaben). Das Gesamtvolumen für Werbung, Sponsoring und Medienrechte wurde im Jahr 2015 auf rund 4,5 Mrd. Euro abgeschätzt. Interessant ist dabei, dass das Sponsoring-Volumen (inklusive Aktivierung) im Breitensportbereich mit rund 1,4 Mrd. Euro im Vergleich zum Spitzensport mit rund 0,9 Mrd. Euro fast doppelt so hoch ausfällt. ■ Pawlowski und Breuer (2012a) quantifizieren erstmals die finanzpolitische Bedeu‐ tung des Sports in Deutschland, die durch die sportrelevanten Nutzen- und Kostenkategorien der öffentlichen Haushalte (Bund, Länder, Gemeinden/ Kommu‐ nen) und Sozialversicherungsträger operationalisiert wird. In Abhängigkeit des zugrunde gelegten Sportbegriffs stehen (in 2010) den direkten sportbezogenen Einnahmen in Höhe von bis zu 22,2 Mrd. Euro direkte sportbezogene Ausgaben und Steuermindereinnahmen in Höhe von bis zu 9,9 Mrd. Euro gegenüber. In einem kürzlich abgeschlossenen, von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) und dem Schweizerischen Nationalfonds (SNF) gemeinsam geförderten Projekt wird erstmals die Wirkung eines Teils dieser Ausgaben auf kommunaler Ebene in Deutsch‐ 168 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="169"?> 19 Eine Studie mit Ergebnissen zu verschiedenen Sportarten liefern Gans et al. (2003). Simulationsrech‐ nungen zur ökonomischen Bedeutung der FIFA Fußball-Weltmeisterschaft 2006 fasst Kurscheidt (2009) zusammen. Im Rahmen aktueller Studien wird auch versucht, intangible Effekte von Sport‐ großevents zu erfassen (Dolan et al., 2019). Eine aktuelle und umfassende Zusammenstellung der bisherigen empirischen Arbeiten zum Thema liefern Bradbury et al. (2022). land analysiert. Dabei zeigt sich, dass kommunale sportstättenbezogene Ausgaben zwar nicht den Anteil der aktiven Bevölkerung erhöhen (Steckenleiter et al., 2023), aber scheinbar das Ausmaß des Sporttreibens der bereits aktiven Bevölkerung positiv beeinflussen können (Pawlowski et al., 2021). Zahlreiche makroökonomisch orientierte Studien beschäftigen sich zudem mit (II) der Messung wirtschaftlicher Effekte von Sportgroßevents. Neben Studien, die hierbei makroökonomische Verfahren anwenden (z. B. Baade & Matheson, 2004; Brenke & Wagner, 2007; Maennig, 2007), existieren zahlreiche Studien, die ausgehend von Individualdaten mögliche wirtschaftliche Effekte hochrechnen (z. B. Preuß et al., 2009). Obgleich letztgenannte Ansätze mikroökonomisch geprägt sind, werden die Studien an dieser Stelle genannt, da ihr vordergründiges Erkenntnisinteresse in der Bereitstellung von aggregierten Zahlen liegt. Diese sogenannten Economic Impact Studien haben eine lange Tradition in der empirischen Sportökonomik. Dies liegt darin begründet, dass Sportgroßevents häufig mit der Vorstellung in eine Stadt oder ein Land „geholt“ werden, dass die Austragung einen wahren Geldsegen mit sich bringt. In der Gesamtschau sind die wirtschaftlichen Effekte von Sportgroßevents jedoch selten positiv. Die genaue Quantifizierung ist zudem komplex und fehleranfällig, sodass Studien durchaus unterschiedliche Ergebnisse für dasselbe Event ergeben können. 19 Neben der Quantifizierung makroökonomischer Gesamteffekte von Sportgroßevents schlagen Pawlowski und Breuer (2012a) Ansätze zur Quantifizierung der finanzpoli‐ tischen Bedeutung von Sportgroßevents vor. Dabei unterscheiden sie zwischen nach‐ frage- und angebotsorientierten Ansätzen: „Nachfrageorientierte Methoden beziehen sich auf die Wirtschaftssubjekte, die im Rahmen eines Events Leistungen nachfragen (z. B. Zuschauer) und dafür das vereinbarte Entgelt (welches die Umsatzsteuer enthält) zahlen. Angebotsorientierte Methoden beziehen sich auf Betriebe, die im Rahmen eines Events Leistungen anbieten (z. B. Hotelbetreiber), hierfür das vereinbarte Entgelt erhalten und die Umsatzsteuer an den Staat abführen müssen“ (Pawlowski & Breuer, 2012a, S.-293). Sportmikroökonomik Auf mikroökonomischer Ebene gibt es zahlreiche Forschungsarbeiten im Bereich der theoretischen Sportökonomik (Dietl et al., 2011; Garcia-del-Barrio & Szymanski, 2009; Gürtler, 2007; Peeters, 2012). Ein umfassendes Buch zu „The Economic Theory of Professional Team Sports“ liefert Késenne (2007). Eine Betrachtung dieser theoreti‐ 3.5 Sportökonomik (Tim Pawlowski) 169 <?page no="170"?> schen Modelle würde hier allerdings den Rahmen sprengen und den Anspruch eines Einführungskapitels übersteigen. Die folgenden Ausführungen konzentrieren sich daher (wie bei der Sportmakroökonomik) auf die empirischen Arbeiten in diesem Bereich. Dabei können relevante Studien im (I) Spitzensport und (II) Freizeit- und Brei‐ tensport unterschieden werden. Die Forschungsarbeiten im Bereich des Spitzensports thematisieren sowohl Aspekte des (I-1) Angebots als auch der (I-2) Nachfrage. Auf (I-1) der Angebotsseite werden beispielsweise Determinanten der sportlichen Leistung analysiert. Dabei kommen Gaede et al. (2002, zusammengefasst von Daumann, 2011) bei einer Analyse von Spielern der Fußball-Bundesliga zu der Erkenntnis, dass zwischen dem Alter und der sportlichen Leistung der Spieler ein u-förmiger Zusam‐ menhang besteht. Zudem stellen sie fest, dass die Leistung mit zunehmender Erfahrung steigt und zwischen der Leistung und dem Marktwert eines Spielers ebenfalls ein signifikant positiver Zusammenhang besteht. Insbesondere in den vergangenen Jahren hat zudem die Anzahl an Studien stark zugenommen, die verhaltensökonomische Aspekte wie Verlustaversion (z. B. Pope & Schweitzer, 2011) sowie Diskriminierung (z. B. Price & Wolfers, 2010; Krumer et al., 2022) oder Korruption (z. B. Elaad et al., 2018) analysieren. Der Spielermarkt und seine zahlreichen Regulierungen (insbesondere in den nord‐ amerikanischen Profiligen) stehen ebenfalls im Fokus bisheriger Forschungsarbeiten. Im europäischen Raum konzentrieren sich die Arbeiten dabei insbesondere auf das Bosman-Urteil, seitdem Transferentschädigungen (Ablösesummen) nach Ablauf eines Spielervertrags nur noch in Ausnahmefällen verlangt werden dürfen und die Beschrän‐ kung auf drei ausländische Spieler in den Mannschaften aufgelöst wurde (Daumann, 2011). Wie Frick (2007) verdeutlicht, fiel der Anteil der in Deutschland geborenen Spieler in der Fußball-Bundesliga nach dem Urteil 1995 von rund 80 % auf rund 45 % massiv ab. Darüber hinaus zeigen Flores, Forrest und Tena (2010) für elf europäische Profifußball-Ligen, dass die durch das Bosman-Urteil ausgelöste Spielermobilität einen positiven Einfluss auf die Wettbewerbsintensität innerhalb der Ligen hatte. Die Bestimmung von Trends in der Wettbewerbsintensität von Sport-Ligen bildet ein weiteres zentrales Forschungsfeld der Sportökonomik. Es ist eng verbunden mit der empirischen Überprüfung der Unsicherheitshypothese sportlicher Wettbewerbe. Genau genommen handelt es sich dabei um zwei Seiten ein und derselben Medaille. Die Wettbewerbsintensität oder Competitive Balance (CB) wird in Anlehnung an Cairns et al. (1986) in drei verschiedenen Dimensionen gemessen. Die kurzfristige Dimension thematisiert die Unsicherheit des Spielausgangs und wird häufig mit Indikatoren, die die Wettquoten oder Tabellenplatzierungen verwenden, gemessen. Die mittelfristige Dimension thematisiert die Unsicherheit des Meisterschaftskampfs und im europäischen Raum zusätzlich die Unsicherheit des Kampfs um die Qualifikations‐ plätze für die europäischen Clubwettbewerbe der UEFA ebenso wie die Unsicherheit des Abstiegskampfs. Die langfristige Dimension besteht aus der (dynamischen) Team- und der (statischen) Saison-Komponente. Bei der Team-Komponente geht es um die Leistung einzelner Teams im Zeitverlauf. Hier stellt sich die Frage, ob immer wieder 170 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="171"?> dieselben Teams um die Meisterschaft, die Qualifikation für die Europapokalplätze und gegen den Abstieg kämpfen, oder ob Abwechslung im Zeitverlauf gegeben ist. Bei der Saison-Komponente fällt der Blick auf die Abschlusstabellen aufeinander folgender Spielzeiten. Hier stellt sich die Frage, wie sich die Leistungsunterschiede der Teams im Endtableau im Zeitverlauf entwickelt haben. Ein umfassendes Maß zu Erfassung der langfristigen Spannungsdimension, welches sowohl die Teamals auch die Saison- Komponente abbildet, ist das von Humphreys (2002) entwickelte Competitive Balance Ratio (CBR). Das CBR nimmt Werte zwischen Null und Eins an und ist umso größer, je ausgeglichener der Wettbewerb ist. Abb. 3.5.2: Das CBR der Top-5-Teams in den Top-5-Ligen Europas vor und nach der Jahrtausendwende (Pawlowski et al., 2010) Durch einen Vergleich der CBR-Werte vor und nach der Jahrtausendwende zeigen Pawlowski et al. (2010), dass die Wettbewerbsintensität in den europäischen Top-5- Profifußball-Ligen von Deutschland, England, Frankreich, Italien und Spanien nach der Jahrtausendwende signifikant abgenommen hat, da sich die Topteams entweder immer weiter von den anderen Teams absetzen konnten und/ oder ihre Leistungen konstanter wurden (Abb. 3.5.2). Diese Entwicklung kann (u. a.) mit der massiven Einnahmensteigerung der an der UEFA Champions League teilnehmenden Vereine seit der Jahrtausendwende erklärt werden (Abb. 3.5.3). 3.5 Sportökonomik (Tim Pawlowski) 171 <?page no="172"?> 20 In den Klammern ist dabei die jeweilige Einflussrichtung angedeutet [(+) positiver Einfluss; (-) negativer Einfluss]. Aufgrund ihrer zentralen Bedeutung bei gleichzeitig kontroversen Studiener‐ gebnissen werden die Faktoren Ticketpreis und Spannung im Folgenden näher betrachtet. Abb. 3.5.3: Die durchschnittlichen UEFA Champions League Einnahmen ausgewählter Teams vor und nach der Jahrtausendwende (Pawlowski et al., 2010) Auf (I-2) der Nachfrageseite werden beispielsweise Determinanten der Zuschauernach‐ frage analysiert. Zentrale Ergebnisse bisheriger empirischer Studien wurden von Breuer, Wicker und Pawlowski (2012) zusammengetragen. Sie unterscheiden ökono‐ mische Faktoren (Ticketpreis (-), Einkommen (+), Anzahl verfügbarer Substitute (-), Qualität verfügbarer Substitute (+)), soziodemographische Faktoren (Anteil ethnischer Minderheiten an der Gesamtbevölkerung (-)), produktbezogene Faktoren (Alter des Sta‐ dions (+), Qualität des Stadions (-), Größe des Stadions (+), Spieltermin am Wochenende (+), Spannung (+)), nachfragebezogene Faktoren (Treue der Fans (+)) sowie exogene Faktoren (gutes Wetter (+)). 20 ■ Neben der Einflussrichtung des Ticketpreises auf die Nachfrage interessiert zudem die Sensibilität der Nachfragereaktion. Zur Messung der Reagibilität der Nachfra‐ gemenge eines Guts auf Änderung seines Preises wird das Konzept der Preiselas‐ tizität der Nachfrage verwendet (Mankiw & Taylor, 2008). Die Preiselastizität der Nachfrage (ε) entspricht dem Verhältnis aus prozentualer Mengenänderung und 172 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="173"?> prozentualer Preisänderung. Eine Preiselastizität von minus Eins (ε=-1) bedeutet, dass beispielsweise eine 10-prozentige Preiserhöhung mit einem 10-prozentigen Nachfragerückgang einhergeht. Hat die Preiselastizität einen Wert zwischen Null und minus Eins (-1<ε<0), würde eine 10-prozentige Preiserhöhung mit einem Nachfragerückgang von unter 10 Prozent einhergehen. Entsprechend wird eine Nachfragereaktion zwischen Null und minus Eins unelastisch genannt. Hat die Preiselastizität einen Wert kleiner minus Eins (ε<-1), würde eine 10-prozentige Preiserhöhung mit einem Nachfragerückgang von über 10 Prozent einher. Entspre‐ chend wird eine Nachfragereaktion bei ε<-1 elastisch genannt. Die Kenntnis der Preiselastizität der Nachfrage ist für Ökonominnen und Ökonomen von besonde‐ rem Interesse. Bei unelastischen Nachfragereaktionen könnte der Umsatz durch eine Erhöhung des Preises gesteigert werden. Eine Preissenkung wäre hingegen bei elastischen Nachfragereaktionen umsatzsteigernd. Die Mehrheit der empirischen Studien im Profisport kommt zu dem Ergebnis, dass die Ticketpreiselastizität in der Nähe von minus Eins liegt (Késenne, 2009). Dies interpretieren einige Wissen‐ schaftlerinnen und Wissenschaftler als Indiz dafür, dass die Verantwortlichen in Profisportvereinen durchaus gewinnorientiert agieren (z. B. Noll, 1974). Késenne (2009) weist allerdings darauf hin, dass das Konzept der Elastizität eher ungeeignet ist, um die Gewinnorientierung von Profisportvereinen zu belegen und nennt dafür vier Gründe: 1. Die Ticketeinnahmen machen heutzutage teilweise weniger als 30 % der Einnahmen eines Profisportvereins aus. Da andere Einnahmearten wie beispielsweise Sponsoring positiv mit der Zuschauerzahl korrelieren, kann es durchaus auch gewinnmaximierend sein, wenn der Ticketpreis in einem Bereich -1<ε<0 gesetzt wird, um das Stadion zu füllen. 2. Wenn die Grenzkosten einer zusätzlichen Besucherin oder eines zusätzlichen Besuchers nicht null sind, kann die gewinnmaximierende Preiselastizität auch kleiner als minus Eins sein. 3. Vereine, die sehr beliebt sind, haben eine Überhangnachfrage nach Tickets. Sie können ihre Ticketpreise auch über das optimale Preisniveau hinaus anheben. 4. Schließlich ist zu bedenken, dass mit dem Besuch eines Spiels mehr Ausga‐ ben als nur für ein Ticket verbunden sind. Einige dieser Ausgaben (z. B. für Getränke, Essen und Merchandising-Produkte) stellen weitere Einnah‐ mequellen für den Verein dar. Insofern kann es auch aus diesem Grund gewinnmaximierend sein, wenn der Ticketpreis in einem Bereich -1<ε<0 gesetzt wird. ■ Neben dem Ticketpreis ist die Bedeutung von Spannung und knappen Spielaus‐ gängen die bisher sportökonomisch am häufigsten untersuchte Einflussgröße auf die Stadion- und Live-TV-Nachfrage. Die eingangs in diesem Kapitel erläuterte Unsicherheitshypothese wurde bereits in zahlreichen Studien empirisch überprüft. Obgleich die Unsicherheitshypothese häufig als Rechtfertigung für zahlreiche 3.5 Sportökonomik (Tim Pawlowski) 173 <?page no="174"?> 21 Eine aktuelle Übersicht zu diesen Studien liefern Budzinski und Pawlowski (2017). Regulierungsmaßnahmen im Profisport dient (vgl. Kap. 3.5.1), sind bisherige em‐ pirische Befunde nicht eindeutig. Zwar hat die mittelfristige Spannungsdimension - also die Relevanz des Spiels für einzelne Wettbewerbe - tendenziell einen signifikanten (positiven) Einfluss auf die Zuschauernachfrage (z. B. Pawlowski & Anders, 2012). Hinsichtlich der kurz- und langfristigen Spannungsdimensionen widersprechen die meisten empirischen Befunde allerdings der Unsicherheits‐ hypothese. So werden sowohl im nationalen (Pawlowski & Anders, 2012) als auch im internationalen Kontext (Nalbantis & Pawlowski, 2019) häufig negative Korrelationen zwischen der ex-ante Ergebnisoffenheit eines Spiels und der Anzahl an Stadion- und TV-Zuschauerinnen und -Zuschauern dokumentiert (Übersichten liefern Pawlowski, 2013b und Nalbantis & Pawlowski, 2016). Aus dieser Kontro‐ verse heraus haben in der jüngeren Vergangenheit zahlreiche Forschungsarbeiten versucht, den scheinbaren Widerspruch zwischen theoretischer und praktischer Relevanz der UOH mit verhaltensökonomischen Ansätzen zu erklären. So finden Coates, Humphreys und Zhou (2014) Hinweise für eine Referenzpunktabhängigkeit und das Vorliegen von Verlustaversion. Ihren Ergebnissen zu Folge ziehen zahlrei‐ che Fans insbesondere einen Nutzen aus Überraschungserfolgen. Dies wird von Pawlowski et al. (2018) mit Individualdaten zu Fans aus Deutschland bestätigt. Darüber hinaus werden Schwellenwerte und Diskontinuitätseffekte (Pawlowski, 2013a, 2013b; Pawlowski & Budzinski, 2013; Nalbantis et al., 2017) gefunden, die darauf hindeuten, dass erst sehr unausgeglichene Spiele und Wettbewerbe eine (negative) Nachfragereaktion erwarten lassen. 21 Ein Großteil der sportökonomischen Forschungsarbeiten zum Spitzensport in Europa ist bisher auf den Profifußball fokussiert. Sogar ganze sportökonomische Lehrbücher thematisieren die Ökonomik des Profifußballs (ein hervorragendes Buch wurde von Dobson und Goddard (2011) erarbeitet). Darin spiegelt sich die übermächtige wirt‐ schaftliche (und auch gesellschaftliche) Relevanz des Fußballs in Europa im Vergleich zu anderen Sportarten wider. Hier wäre zukünftig eine diversifizierte Analyse auch in anderen Sportarten erkenntnisfördernd. Die mikroökonomischen Studien im Bereich (II) Freizeit- und Breitensport thema‐ tisieren ebenfalls sowohl Aspekte des Angebots als auch der Nachfrage. Studien zum Sportangebot umfassen jedoch vordergründig betriebswirtschaftliche Analysen, weshalb sich die folgenden Ausführungen ausschließlich auf bisherige Studien zur Sportnachfrage konzentrieren. Diese fokussieren sowohl Einflussfaktoren als auch Effekte von Freizeit- und Breitensport. ■ Im Fokus der meisten mikroökonomischen Forschungsarbeiten stand bisher die Analyse von Einflussfaktoren auf das individuelle Sporttreiben. Übersichten zu bis‐ herigen Studienergebnissen, die z. T. auch auf soziologische oder psychologische Theorien zurückgreifen, sind in Downward et al. (2009) sowie Breuer et al. (2011) 174 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="175"?> zu finden. Beispielsweise wurde herausgefunden, dass ältere Menschen weniger Sport treiben als jüngere Menschen (z. B. Breuer et al., 2010), Männer im Vergleich zu Frauen sportlich aktiver sind (z. B. Humphreys & Ruseski, 2007), höhere Bildung (z. B. Scheerder et al., 2006) sowie höheres Einkommen (z. B. Farrell & Shields, 2002) zu vermehrtem Sporttreiben führen und die verfügbare Infrastruktur (z. B. Wicker et al., 2009) sowie deren Erreichbarkeit (z. B. Pawlowski et al., 2009) einen Einfluss auf das individuelle Sporttreiben haben. Hinsichtlich Bildung und Einkommen existieren allerdings mittlerweile Zweifel, ob dies tatsächlich „Determinanten“ des Sporttreibens sind. Eine positive Korrelation zwischen Bildung und Sporttreiben oder Einkommen und Sporttreiben ist zwar unbestritten. Studien jüngeren Datums, die den Fokus auf die Identifikation der Effektrichtung legen, liefern allerdings empirische Evidenz dafür, dass Sporttreiben zu Bildungs- und Arbeitsmarkterfol‐ gen führen kann. Folglich kann individuelles Sporttreiben u.-a. zu einem höheren persönlichen Einkommen führen (Lechner, 2009). Ein ähnliches Problem betrifft die Identifikation möglicher Effekte auf Gesundheit und Wellbeing (Pawlowski et al., 2011) sowie den Aufbau von Sozialkapital (Schüttoff et al., 2018). Ein weiterer Fokus bisheriger Studien liegt auf dem (möglichen) Zusammenhang zwi‐ schen Spitzen-, Breiten- und Freizeitsport. Dabei geht es vor allem um die motivierende Wirkung von Spitzensporterfolgen und Sportgroßevents auf das individuelle Sporttrei‐ ben. Auch hier ist die Ergebnislage jedoch nicht eindeutig. So zeigen Befragungsdaten, dass Spitzensportlerinnen und Spitzensportler als Vorbilder durchaus zum Sporttreiben motivieren können (Mutter & Pawlowski, 2014a, 2014b, 2014c). Andere Studien können hingegen keine positiven Effekte durch die Olympischen Spiele auf das individuelle Sporttreiben der Bevölkerung finden (Downward et al., 2015 sowie für eine Übersicht Weed et al., 2015). ■ Wenngleich weitaus weniger häufig, wurde neben dem Sporttreiben zudem das Ausgabenverhalten im Sportbereich analysiert. Eine Übersicht zu bisherigen Studien, die entweder die Höhe der individuellen Sportausgaben oder deren Einflussfaktoren analysiert haben, findet sich in Pawlowski und Breuer (2012b) (auch Pawlowski & Breuer, 2011). Da die Ausgabenkategorien in den bisherigen Studien jedoch unterschiedlich stark aggregiert wurden und sowohl personenals auch haushaltsbezogene Ausgaben untersucht wurden, sind die bisherigen Forschungsergebnisse kaum vergleichbar. Ein spezielles Erkenntnisinteresse im Rahmen der Analysen zum Ausgabenverhalten liegt in der Abschätzung der Sensibilität der Nachfragereaktionen auf Einkommensänderungen. In Analogie zum Konzept der Preiselastizitäten der Sportnachfrage kann entsprechend die Einkommenselastizität der Nachfrage gemessen werden. Wenn beispielsweise ein 10-prozentiger Einkommensanstieg mit einer mehr als 10-prozentigen Ausga‐ bensteigerung für ein bestimmtes Gut einhergeht (Einkommenselastizität ε>1), handelt es sich um ein Luxusgut. Branchen, in denen derartige Güter produziert werden, gelten (bei steigenden Reallöhnen) entsprechend als Wachstumsbranchen. 3.5 Sportökonomik (Tim Pawlowski) 175 <?page no="176"?> 22 In der Soziologie wird als Folge der funktionellen Ausdifferenzierung des Sportsystems auch von einem durchlässigen Säulenmodel des Sports gesprochen (u.-a. Digel & Burk, 2001). Bei einem (nur) unterproportionalen Anstieg der Ausgaben (0<ε<1) wird hingegen von Grundgütern gesprochen. In Abhängigkeit von der verwendeten Methodik können Sport- und Freizeitdienstleistungen als Grundgüter (0<ε<1) oder Luxusgü‐ ter (ε>1) klassifiziert werden (Pawlowski & Breuer, 2012b). 3.5.4 Verhältnis der Sportökonomik zur Sportpraxis Wie bei allen wissenschaftlichen Disziplinen gibt es auch im Bereich der Sportökono‐ mik ein in Abhängigkeit vom Forschungsthema unterschiedlich ausgeprägtes Zusam‐ menspiel zwischen Wissenschaft und Sportpraxis. Einerseits gibt es Grundlagenfor‐ schungsarbeiten, deren Ergebnisse zwar nicht unmittelbar in der Praxis Anwendung finden, deren Erkenntnisse aber grundlegend für hierauf aufbauende, konkretere Forschungsvorhaben in Kooperation mit verschiedenen Interessenten aus der Sport‐ praxis sein können. Ein Beispiel für derartige Grundlagenforschungsarbeiten liefert das zuvor beschriebene Forschungsprojekt zur Bedeutung von Spannung in Sport‐ wettbewerben, welches im Rahmen des UEFA Research Grant Programme gefördert wurde (Pawlowski, 2013a, 2013b). Allein die Tatsache, dass Institutionen wie die UEFA eigene Stipendienprogramme ausloben, zeigt, dass das Interesse seitens der Sportpraxis nicht nur an einer wissenschaftsbasierten Beratung, sondern auch an einer Förderung sportökonomischer Grundlagenforschung gegeben ist. Neben Grundlagenforschungsstudien gibt es andererseits immer wieder sportöko‐ nomische Studien, die von der Sportpraxis - z. B. Sportverbänden und -vereinen - oder der Sportpolitik (z. B. dem Bundesinstitut für Sportwissenschaft) mit einer bestimmten Fragestellung gezielt in Auftrag gegeben werden. Hierzu gehören beispielsweise auch die zuvor erwähnten Forschungsarbeiten im Rahmen des europaweiten Projekts „Satellitenkonto Sport“ (z.-B. Preuß et al., 2012). Insgesamt hat sich in den vergangenen Jahren zwischen Sportökonomik sowie Sportpraxis und Sportpolitik ein immer dichteres Netzwerk entwickelt, welches den Austausch von Informationen und die Möglichkeit der Kooperation begünstigt. Dies wird sich zukünftig voraussichtlich sowohl durch den zunehmenden Austausch auf Fachkonferenzen als auch durch die zunehmende Anzahl an gut ausgebildeten Absol‐ ventinnen und Absolventen der einschlägigen sportökonomischen Studiengänge in relevanten Sportmanagementpositionen weiter verbessern. Im Folgenden wird beispielhaft erläutert, welche Relevanz die wissenschaftlichen Erkenntnisse aus dem Bereich der Sportökonomik für die Praxis haben. Das Beispiel bezieht sich auf die Planung von Sportstätten für den Freizeit- und Breitensportbereich, da diesem als Basis des Spitzensports (im Rahmen der pyramidalen Struktur des deutschen Sportsystems 22 ) eine große Bedeutung zukommt. 176 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="177"?> Praxisbeispiel: Sportstättenplanung In Anbetracht der zunehmenden Knappheit öffentlicher Mittel stellt sich grund‐ sätzlich die Frage, wie diese möglichst effektiv und effizient investiert werden können. Mit 3,7 Mrd. Euro (in 2010) fließt mehr als ein Drittel der sportbezogenen öffentlichen Ausgaben in den Bereich Sportstätten (Pawlowski & Breuer, 2012a). Eine grundlegende Entscheidung bei der Verteilung der Gelder betrifft dabei die Standortwahl der Sportstätten: Sollen eher wenige große Sportstätten oder viele kleine Sportstätten gebaut werden? Aus Kostengesichtspunkten hätten wenige große Sportstätten insbesondere beim Betrieb Effizienzvorteile gegenüber vielen kleinen Sportstätten. Allerdings gehen wenige große Sportstätten mit einem vergleichsweise längeren Anreiseweg für die Breitensportlerinnen und -sportler einher. Dies wäre aus sportpolitischer Sicht dann problematisch, wenn längere Anreisezeiten zu einem reduzierten Sporttreiben führen würden. Pawlowski et al. (2009) untersuchen in diesem Zusammenhang erstmals die Reisebereitschaft (Zeiteinsatz) von Sporttreibenden zur nächstgelegenen Sport‐ stätte. Sie finden heraus, dass das individuelle Sporttreiben von der Anreisezeit (negativ) beeinflusst wird. Steinmayr et al. (2011) analysieren die Bedeutung der Entfernung zur Sportstätte für das individuelle Sporttreiben der Kinder. Sie finden heraus, dass die Entfernung zu Sportstätten in Kleinstätten und auf dem Land einen negativen Einfluss auf das Sporttreiben von insbesondere Kindergartenkindern hat. Insofern wurde empirisch belegt, dass die Bereitstellung von wenigen großen (aus Sicht der Sporttreibenden), weiter entfernten Sportstätten mit einem geringeren Sporttreiben einhergeht. Dies gilt es (neben den Kostenüberlegungen) im Rahmen der Entscheidungsfindung zu beachten. Kontrollfragen 1. In der ökonomischen Auseinandersetzung mit Phänomenen des Sports ist häufig von Sportökonomie, Sportökonomik und Sportmanagement die Rede. Inwiefern können diese Begriffe voneinander abgegrenzt werden? 2. Die Sportökonomik hat sich mittlerweile als eigenständige Wissenschaftsdis‐ ziplin etabliert. Welche Besonderheiten des Sports rechtfertigen eine eigen‐ ständige Sportökonomik? 3. Sportökonomik fokussiert makro- und mikroökonomische Phänomene des Sports. Welche Themen werden im Rahmen der Sportmakroökonomik und der Sportmikroökonomik bearbeitet? 3.5 Sportökonomik (Tim Pawlowski) 177 <?page no="178"?> 4. Preiselastizitäten spielen u. a. für die Ticketpreisgestaltung im Profisport eine Rolle. Was misst die Preiselastizität der Nachfrage? Welche empirischen Befunde zur Ticketpreiselastizität liegen vor? Warum kann die Gewinnorien‐ tierung von Sportvereinen nicht mit den empirischen Befunden zur Ticket‐ preiselastizität belegt werden? 5. Mit Hinweis auf die Unsicherheitshypothese werden zahlreiche Regulierungs‐ maßnahmen im Profisport begründet. Was besagt die Unsicherheitshypothese? Welche empirischen Befunde zur Unsicherheitshypothese liegen vor? 6. Mikroökonomische Studien setzen sich u. a. mit Fragen zu Angebot und Nachfrage im Freizeit- und Breitensport auseinander. Welche Einflussfaktoren auf das individuelle Sporttreiben kennen Sie? Sind „Bildungsniveau“ und „Ein‐ kommen“ Einflussfaktoren auf oder Effekte von individuellem Sporttreiben? Literatur Anders, G. (1995). Arbeitsmarkt Sport. In J. Kozel (Hrsg.), 20 Jahre Trainerakademie. Internatio‐ nales Trainersymposium (S.-62-79). Sport und Buch Strauß. Andreff, W. (1980). La gestion de l’association sportive. In R. Thomas (Ed.), Sport et Sciences (pp.-165-187). Vigot. Andreff, W., Bourg, J. F., Halba, B., & Nys, J.-F. (1995). Les enjeux économiques du sport en Europe: Financement at impact économique. Dalloz. Andreff, W., & Nys, J.-F. (1984). Le dirigeant sportif bénévole: approche économique. In F. Alaphilippe, & E. Bournazel (Eds.), Le dirigeant sportif bénévole (pp. 16-32). Dalloz. Andreff, W., & Szymanski, S. (2009). Introduction: sport and economics. In W. Andreff, & S. Szymanski (Eds.), Handbook on the economics of sport (pp. 601-609). Edward Elgar. Baade, R. A., & Matheson, V. A. (2004). The Quest for the Cup: Asessing the Economic Impact of the World Cup. 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Dies zeigt sich durch die häufige organisatorische Anbindung sportmedizinischer Abteilungen und Institute an sportwissenschaftliche Institute. Das folgende Kapitel gibt einen Überblick über das Fach und seine Entstehung, wobei sowohl die praktische Versorgung von Sportlerinnen und Sportlern sowie Patientinnen und Patienten, als auch die wissen‐ schaftlichen Bereiche der Sportmedizin berücksichtigt werden. Lernziele ■ Die Leserinnen und Leser erfahren, wie sich das Fach Sportmedizin charakte‐ risieren und verorten lässt und welchen Gegenstandsbereich es umfasst. ■ Sie erkennen, wie die Sportmedizin entstanden ist, wie sie sich bis zum heutigen Stand entwickelt hat und wie sie beispielsweise auch für politische Zwecke instrumentalisiert wurde und werden kann. ■ Sie lernen klinische Schwerpunkte der Sportmedizin kennen und bekommen einen Überblick über Diagnose- und Therapieverfahren, die in der Sportmedi‐ zin zur Anwendung kommen. ■ Sie bekommen einen Überblick über Forschungsbereiche und Forschungsme‐ thoden der sportmedizinischen Grundlagenforschung und der angewandten Forschung in den Kontexten „Sport und Leistung“ sowie „Sport und Gesund‐ heit“. ■ Sie erfahren an ausgewählten Beispielen die Praxisnähe der klinischen und wissenschaftlichen Sportmedizin. 184 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="185"?> 3.6.1 Einführung - Phänomene und Themen der Sportmedizin Charakterisierung der Sportmedizin Um das Fach Sportmedizin zu charakterisieren, ist es dienlich, die Statuten der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention - Deutscher Sportärztebund e. V. (DGSP) einzusehen. Die DGSP vertritt und fördert die Sportmedizin. In ihrer Satzung ist die im Jahr 1958 formulierte Definition von Hollmann, dem wohl bekann‐ testen deutschen Sportmediziner unserer Zeit, hinterlegt: „Sportmedizin beinhaltet diejenige theoretische und praktische Medizin, welche den Einfluss von Bewegung, Training und Sport sowie den von Bewegungsmangel auf den gesunden und kranken Menschen jeder Altersstufe untersucht, um die Befunde der Prävention, Therapie und Rehabilitation sowie den Sporttreibenden dienlich zu machen.“ Seit 1977 hat diese Definition auch offiziell der Weltverband für Sportmedizin (International Federation of Sports Medicine, FiMS) übernommen. Die Begriffe Bewegung, Training und Sport werden hierbei wie folgt definiert: „Körperliche Aktivität oder Bewegung ist jede Aktivität, die zu einer Steigerung des Energieumsatzes führt. Sie wird zu Übung und Training, wenn sie gezielt, strukturiert, wiederholt und zielgerichtet ausgeführt wird. Sport ist Training mit Wettkampfcharakter“ (Arndt et al., 2012, S.-207). Als Interessenvertretung der Deutschen Sportmedizin sieht sich die DGSP in erster Linie der Förderung der öffentlichen Gesundheitspflege sowie der Förderung der präventiven und rehabilitativen Sportmedizin im wissenschaftlichen und praktischen Bereich verpflichtet. Besondere Bedeutung hat hier die Prävention und Therapie von Erkrankungen der Bevölkerung durch Sport und Bewegung. Darüber hinaus setzt sie sich weitere Aufgaben im Bereich der Zusammenarbeit mit Organisationen und Mitgliedern, der Förderung der sportmedizinischen Aus-, Weiter- und Fortbildung, der Förderung von Bewegung, Sport und Spiel durch sportmedizinische Betreuung, Beratung und Begleitung sowie der Förderung eines aktiven Kampfes gegen Doping (Arndt et al., 2012). Lehrstühle und Institute der Sportmedizin Bei der Sportmedizin handelt es sich primär um ein medizinisches Fach, welches eng mit der Profession der Humanmedizinerin oder des Humanmediziners verbunden ist. Durch ihre Charakterisierung als Querschnittsfach wird zudem deutlich, dass sie fast alle medizinischen und viele nichtmedizinische Bereiche berührt. Das Fach Sportmedizin hat keine eigene Anerkennung als Facharzt/ Fachärztin. Die Erlangung der Zusatzbezeichnung Sportmedizin setzt jedoch die Anerken‐ nung als Fachärztin/ Facharzt in einem Gebiet der unmittelbaren Versorung von Patientinnen und Patienten voraus (Ausnahmen hiervon sind der Freistaat Bayern und die Ärztekammer Nordrhein). Die Ausbildung zur Sportmedizinerin oder zum Sportmediziner beinhaltet ferner 240 Stunden fachspezifische Kurs-Weiterbildung 3.6 Sportmedizin (Christoph von Laßberg, Inga Krauß) 185 <?page no="186"?> sowie 120 Stunden sportärztliche Tätigkeit in einem Sportverein innerhalb eines Jahres (DGSP, 2019c). Gemäß DGSP (2019b) gibt es 27 sportmedizinische Lehrstühle und Institute in der Bundesrepublik Deutschland (Abb. 3.7.1). Diese werden in den meisten Fällen von einer Fachärztin oder einem Facharzt für Innere Medizin geleitet. Aber auch die klinischen Fächer der Orthopädie und Neurologie sind heute vereinzelt als Facharztausrichtung der leitenden Position sportmedizinischer Standorte zu finden. Die Zusatzbezeichnung Sportmedizin ist in allen Fällen die Regel. Obwohl sich die Sportmedizin als Fach der Humanmedizin zuordnet, ist es auffallend, dass die Lehrstühle für Sportmedizin insbesondere nördlich der Mainlinie im überwie‐ genden Teil als Institut bzw. Abteilung der Sport- oder Bewegungswissenschaft geführt werden und damit nicht den medizinischen Fakultäten angehören. Dies wird in Kreisen der Sportmedizin auch kritisch gesehen, insbesondere im Kontext der bisher nicht erfolgreichen Facharztanerkennung (Meyer, 2017). Aus Sicht der Sportwissenschaft verdeutlicht dieser Umstand jedoch auch die Interdisziplinarität und die Relevanz der sportwissenschaftlichen Disziplin für das Fach Sportmedizin. Sportmedizinische Lehrstühle und Institute ohne direkte Anbindung an die medizinische Fakultät pflegen häufig enge Kooperationen mit den Universitätsklinika, da dies Voraussetzung für eine sportmedizinische Hochschulambulanz ist. Fast alle Institute bieten zudem Angebote zu Leistungsdiagnostik, Prävention und Trainingsberatung für Sportlerinnen und Sportler wie auch für Nichtsportlerinnen und Nichtsportler an. Insgesamt 17 Institute sind zudem als Untersuchungszentren des Deutschen Olympischen Sportbundes lizen‐ ziert (Deutscher Olympischer Sportbund, 2017). 186 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="187"?> Abb. 3.6.1: Sportmedizinische Institute in Deutschland (DGSP, 2019b) Gegenstandsbereich der Sportmedizin Als eine erste Untergliederung erscheint aus praktischer Sicht eine Einteilung in die klinischen Fachbereiche „Orthopädie“ und „Innere Medizin“ sinnvoll, die sowohl für die Leistungssportbetreuung, als auch für die Bereiche der sportmedizinischen Allgemeinversorgung und des Gesundheitssports Anwendung finden kann. Diese Einteilung entspricht im Grundsatz auch den Ausrichtungen der sportmedizinischen Hochschulambulanzen und den ergänzenden sportmedizinischen Leistungsangeboten. Aus wissenschaftlicher Sicht bietet sich zudem eine Einteilung in Grundlagen- und Anwendungsforschung an. An dieses Schema wird im Folgenden angeknüpft. 3.6 Sportmedizin (Christoph von Laßberg, Inga Krauß) 187 <?page no="188"?> 3.6.2 Entstehung und Entwicklung der Sportmedizin Der folgende historische Rückblick greift relevante Entwicklungsaspekte auf, erhebt dabei aber keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Dies gilt zum einen hinsichtlich namentlicher Nennung wichtiger Vertreterinnen und Vertreter der Sportmedizin, vor allem aber gilt dies hinsichtlich der Rolle sportmedizinischer Institutionen sowie Vertreterinnen und Vertreter im Kontext der Instrumentalisierung des Faches für politische Zwecke. Heilkunde und Körperübungen vom Altertum bis ins Mittelalter Von der Antike bis in die Neuzeit wird auf die Bedeutung von Sport und Bewegung auf den Körper sowie die körperliche Leistungsfähigkeit hingewiesen. ■ Bereits im Altertum wurde körperliche Ertüchtigung mit Gesundheit in Verbin‐ dung gebracht. So gibt es in der indischen Zivilisation nachgewiesene Konzepte aus dem Zeitraum von 700 bis 100 v. Chr., die ein tägliches moderates Training im Sinne der Gesundheitsförderung und Therapie bei bestehenden Erkrankungen vorsehen. Auch in der chinesischen Antike wurde moderates Training zur Gesundheitsför‐ derung und im Sinne des „Anti-Agings“ empfohlen (Tipton, 2014). ■ Im alten Griechenland spielte die körperliche Ertüchtigung ebenfalls eine wichtige Rolle. Sie wurde zu Zeiten Homers (750 v. Chr.) von den Bürgern Griechenlands als nationale Pflicht angesehen (Tipton, 2014). Auch Pytagoras (570-490 v. Chr.), ins‐ besondere bekannt als exzellenter Mathematiker und Astronom, empfahl in seiner Rolle als ehemaliger Athlet und medizinischer Philosoph zur Gesunderhaltung tägliches körperliches Training sowie andere Lebensstilinterventionen. Als „Vater der Sportmedizin“ wird der Mentor und Lehrer von Hippokrates - Herodikus von Selymbra (um 484 v. Chr.) - tituliert. Er verband Sport und Medizin und unterstrich in seinen Lehren „den Wert der Körperübungen für die Gesunderhaltung und Heilkunde“ (Arndt et al., 2012, S. 21). Auch Hippokrates (460-370 v. Chr.) selbst schrieb drei Bücher zu Lebensstilinterventionen der körperlichen Aktivität und Ernährung (Berryman, 2012). ■ Claudius Galenus aus Pergamon (129-210 n. Chr.) war ein berühmter Vertreter des Faches des römischen Reichs. Die Hygiene und die mit ihr assoziierten Gesundheitsfaktoren, darunter auch körperliche Aktivität und Ruhe, waren in seiner medizinischen Theorie zentral verankert. Er postulierte, dass diese jeweils in Maßen gelebt werden sollten, da ein zu viel oder zu wenig den Körper in Ungleichgewicht bringen und zu Krankheiten führen würde (Berryman, 2010, 2012; Tipton, 2014). Galenus‘ Theorien und Schriften dominierten die Medizin über das Mittelalter hinweg und fanden selbst in der Renaissance noch breite Anerkennung (Berryman, 2012). Er nahm damit nachhaltigen Einfluss auf den gesundheitlichen Stellenwert körperlicher Aktivität in der medizinischen Praxis der arabischen und europäischen Länder (Tipton, 2014). 188 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="189"?> Neben der Bedeutung körperlicher Aktivität für die allgemeine Gesundheit gab es auch in der Antike bereits die Leistungssportbetreuung. Die Mitwirkung von Ärzten bei den antiken Olympischen Spielen war unentbehrlich und wohl vergleichbar mit der heutigen Leistungssportbetreuung durch die Sportmedizin. Die damaligen Ärzte waren häufig Trainer und Arzt in Personalunion. Sie begleiteten die Athleten im Vorfeld der Spiele über Monate hinweg. Hierbei wurden sie häufig von Badedienern und Masseuren assistiert. Neben der Wettkampfvorbereitung war eine weitere wichtige Funktion der Ärzte auch die Behandlung von Unfällen und Verletzungen. 394 n. Chr. wurden die Olympischen Spiele durch den römischen Kaiser Theodosius I verboten (Arndt et al., 2012). Während des Mittelalters war der Sport dem Rittertum vorbehalten. Die Rolle der Sportmedizin scheint keine bzw. eine untergeordnete Rolle gespielt zu haben. Medizin und Körperübungen in der Neuzeit Der Beginn der Renaissance war zunächst geprägt durch die wiederauflebenden Werte der griechischen und römischen Antike und den damit verbundenen Erkenntnissen und Wissensgrundlagen. Im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert beschäftigen sich mehrere Autoren bereits mit einzelnen Sportarten und differenzierten zwischen Gesundheits- und Leistungssport. Die Aufklärung und das damit einhergehende naturwissenschaftlich und rational geprägte Denkmodell führten zu wesentlichen Fortschritten in der Medizin. Wichtige ärztliche Vertreter der aktivitätsbezogenen Medizin der damaligen Zeit waren Friedrich Hofmann (1660-1742), Johann Peter Frank (1745-1821) und Chris‐ toph Wilhelm Hufeland (1762-1836). Sie alle befassten sich mit den gesundheitsför‐ derlichen Auswirkungen körperlicher Aktivität und empfahlen Leibesübungen zur Gesunderhaltung (Arndt et al., 2012). Relevante Entwicklungen im direkten Vorfeld der Gründung der ersten deutschen sportmedizinischen Vereinigung war der Aufschwung von Körperkultur und Medizin im 19. Jahrhundert. Um die Jahrhundertwende gab es relevante Veröffentlichungen zu medizinischen Aspekten der Leibesübungen und neue Entwicklungen im Bereich der apparativen Diagnostik und Trainingsintervention - auch im Kontext des Militärdienstes. „Die Förderung der Körperertüchtigung entsprach [dem; d. A.] Zeitgeist und dem sozialdarwinistischen und rassistischen Bestrebungen eines erstarkenden Deutschlands“ (Arndt et al., 2012, S.-29). Ein weiterer wichtiger Impulsgeber für die Etablierung der Sportmedizin war die Wiederbelebung der Olympischen Spiele der Neuzeit 1896 in Athen. 1911 fand die mehrmonatige Internationale Hygieneausstellung in Dresden statt, die sich den Themen Prävention und Lebensstil zur Vermeidung von Krankheit und Gebrechlichkeit widmete. Im Rahmen dieser Ausstellung wurde den Besucherinnen und Besuchern auch ein Sportlaboratorium vorgestellt. Die Ausstellung gab der Sportmedizin richtungsweisende Impulse, da sie das Interesse der Ärztinnen und Ärzte an Fragestellungen zu Belastung und Erholung sowie zur körperlichen Leistungsfähigkeit weckte (Arndt et al., 2012). 3.6 Sportmedizin (Christoph von Laßberg, Inga Krauß) 189 <?page no="190"?> Die national und weltweit erste offizielle Vereinigung der Sportmedizin wurde 1912 im Rahmen des ersten sportwissenschaftlichen Kongresses in Oberhof (Thüringen) gegründet. Die Benennung als „Deutsches Reichskomitee zur wissenschaftlichen Erforschung des Sportes und der Leibesübung“ sollte hierbei sowohl den Vertretern der Turn-, als auch der Sportbewegung gleichermaßen Rechnung tragen. Aus dieser Vereinigung ging die heutige Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention - Deutscher Sportärztebund hervor. Die Sportmedizin wurde zu Gründerzeiten noch als Sportwissenschaft deklariert, eigene sportwissenschaftliche Vereinigungen folgten erst im Nachgang. Am 1. August 1914 unterbrach der 1. Weltkrieg die Bestrebungen der jungen Vereinigung, kurz nachdem sie aus der Taufe gehoben wurde. Auch die für 1916 geplanten Olympischen Spiele wurden durch den Ausbruch des Krieges vereitelt. Anstelle dessen bündelte die Medizin alle Ressourcen, um die medizinische Versorgung der Verwundeten und Kriegsversehrten gewährleisten zu können. Sportliche Aktivi‐ täten und Bewegungstherapie wurden als Rehabilitationsmaßnahme zur schnellen Wiederherstellung der Soldaten fürs Feld bzw. für die Arbeit vorgehalten. Zudem sollten sportliche Aktivitäten auch zur Minderung der wachsenden Kriegsmüdigkeit eingesetzt werden (Arndt et al., 2012). Nach dem Ende des 1. Weltkriegs wurde Deutschland 1920 und 1924 von den Olympischen Spielen ausgeschlossen. Der Versailler Vertrag verbot die Wehrpflicht und auch die Verbindung von Sportorganisationen und Militärbehörden - der Sport hatte demnach einzig der körperlichen Ertüchtigung nachzukommen. Dem gegenüber standen die bestehenden Ansichten der Vertreter des Deutschen Reichsausschusses für Leibesübungen und des Deutschen Olympischen Komitees, die in der Leibeserziehung auch eine vaterländische Aufgabe sahen und die Institutionalisierung von Sportstätten und Leibeserziehung in Freizeit und Schule forderten. Obwohl nicht alle deren Forde‐ rungen umgesetzt werden konnten, kam es in der folgenden Zeit zu einer Ausbreitung der Turn- und Sportbewegung. Ein wichtiger Meilenstein war die Gründung der Deutschen Hochschule für Leibes‐ erziehungen in Berlin. Die Schule kooperierte eng mit der Medizinischen Fakultät der Berliner Universität und hielt ein umfassendes Lehrangebot und diagnostische Räum‐ lichkeiten vor (Arndt et al., 2012). In Kürze folgten weitere universitäre Einrichtungen der Sportmedizin bzw. Sportwissenschaft unter ärztlicher Leitung. Die gezielte Wie‐ deraufnahme der Aktivitäten des Deutschen Reichskomitees für die wissenschaftliche Erforschung des Sports und der Leibesübungen erfolgte erst 1924 durch die Sportärz‐ tetagung, im Rahmen derer der Deutsche Ärztebund zur Förderung der Leibesübungen gegründet wurde. Bis 1932 fanden insgesamt acht Folgekongresse mit unterschiedli‐ chen sportmedizinischen Themenschwerpunkten statt, sportärztliche Beratungsstellen wurden bereits ab 1920 eingerichtet und fanden im gesamten Deutschen Reich schnell Verbreitung, die ersten sportärztlichen Landesverbände wurden 1924 gebildet. 1928 wurde der Weltverband für Sportmedizin gegründet. Erste Ziele der Vereinigung waren die Förderung sportmedizinischer Forschung und sportmedizinischer Untersuchungen und die Durchführung internationaler Kongresse (Arndt et al., 2012). Der Weltverband 190 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="191"?> trägt gegenwärtig die offizielle Bezeichnung „Fédération Internationale de Médecine du Sport“ (FIMS). Während des Nationalsozialismus wurde die Medizin und mit ihr auch die Sport‐ medizin in höchstem Maße für die Zwecke der Gesunderhaltung des deutschen Volks‐ körpers und der Wehrertüchtigung instrumentalisiert. Und damit einhergehend auch Sport, Krankengymnastik und Bewegungstherapie. Im Sinne der „Gleichschaltung“, der Reorganisation aller Bereiche von Politik, Gesellschaft und Kultur gemäß den nationalsozialistischen Vorstellungen, wurden alle Institutionen, Vereine und Organi‐ sationen der NS-Herrschaft unterworfen. Einflussreiche Positionen in sportmedizini‐ schen Verbänden und universitären Forschungseinrichtungen wurden mit Ärztinnen und Ärzten besetzt, die die NS-Ideologie vertraten. Jüdische Sportmedizinerinnen und Sportmediziner wurden hingegen im Folgenden entrechtet und verfolgt und damit wie so viele andere Bürgerinnen und Bürger Opfer des nazistischen Rassenwahns. Auch die sportmedizinischen Einrichtungen wurden im Kontext der „Gleichschaltung“ zunächst geschlossen und dann im Sinne der Führung neu besetzt. Mit den univer‐ sitären wissenschaftlichen Forschungseinrichtungen sollten bevölkerungspolitische, militärische und andere kriegswichtige Interessen wie die Begleitung des Pflicht-, Dienst- und Wehrsports verfolgt werden. In Hohenlychen entstand in den Anlagen der dort seit 1902 ansässigen Heilanstalten ein Zentrum zur Behandlung von Sport- und Arbeitsschäden sowie Wiederherstellungschirurgie. Neben ihrer Funktion als Rehabi‐ litationseinrichtung wurde sie für Funktionäre der NSDAP zum Mode-Kurort (Arndt et al., 2012). Während des 2. Weltkriegs wurde die Heilanstalt in ein Kriegslazarett umfunktioniert. Zudem diente sie als medizinische Versuchsanstalt unter der Leitung von Karl Gebhardt, in der Versuche am Menschen, zum Teil mit Todesfolgen, zur erschütternden Wahrheit wurden (Arndt et al., 2012; Jüttemann, 2019). Auch wenn es sich im Rahmen der vorliegenden Aufbereitung nur um eine lückenhafte geschichtliche Darstellung der Sportmedizin handeln kann, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit hat, wird immer wieder deutlich, dass die Entwicklung der Sportmedizin auch mit sehr dunklen Kapiteln der Geschichte einhergegangen ist. Weitere Beispiele sind: Zur Jahrhundertwende und in Vorbereitung auf den 2. Weltkrieg wurde die Sportmedizin zweckbezogen mit dem Nationalismus, der gewünschten Wehrhaf‐ tigkeit und dem Sozial-Darwinismus verbunden. Die Arbeiten von Ferdinand Hueppe zur Rassenhygiene und seine rassenideologische Determinierung der Sportanschauungen werden heute sehr kritisch hinterfragt. Auch die Ernennung von Leonardo Conti zum FIMS-Präsident von 1937 bis 1939 wirft dunkles Licht auf Vertreterinnen und Vertreter und Institutionen der Sportmedizin. Conti war bekennender Nationalsozialist und SS-Mann, der während des 2. Weltkriegs als Reichsärzteführer die Verschärfung des Euthanasieprogramms mit zu ver‐ antworten hatte und die medizinischen Versuche in den Konzentrationslagern unterstützte (Cantini, 2007; Arndt et al., 2012; Jüttemann, 2019). 3.6 Sportmedizin (Christoph von Laßberg, Inga Krauß) 191 <?page no="192"?> Nach Ende des 2. Weltkriegs war es im westlichen Teil Deutschlands nach einer Direktive der alliierten Siegermächte verboten, jegliche Form des Sports zu militäri‐ schen Zwecken zu nutzen. Sport durfte nur noch lokal organisiert und rein zum Zwecke der Heilhygiene und des Ausgleichssports ausgeübt werden. Die Teilnahme an den Olympischen Spielen 1948 wurde ebenfalls untersagt. Aber auch die regionalen Strukturen machten bald sportärztliche Beratungen und Untersuchungen erforderlich, gleichsam galt es im Bereich der Ausbildung und des Studiums Kapazitäten bereitzu‐ stellen. In diesem Kontext wurde 1947 die Sporthochschule Köln (seit 1965 Deutsche Sporthochschule Köln) mit Carl Diem als Rektor eröffnet. In der Folge wurden weitere universitäre Lehrstühle, Institute und Abteilungen gegründet (Arndt et al., 2012). Die Sportärzteschaft organisierte sich in den Jahren 1948-1950 zunächst über die Bildung von Landesverbänden, 1950 wurde dann der Deutsche Sportärztebund (DSÄB) wiedergegründet. In der Folgezeit wurden fortlaufend neue Sektionen und Ausschüsse ins Leben gerufen, die sich mit spezifischen Fragestellungen der Sportmedizin aus‐ einandersetzen. Beispiele sind die Sektionen Rehabilitation und Behindertensport, Breiten- Freizeit- und Alterssport und die Sektion Leistungssport. 1952 fand der erste offizielle Nachkriegskongress des DSÄB statt, weitere Kongresse folgten bis heute in zumeist 1bzw. 2-jährigem Turnus. Seit 1953 hält der DSÄB ein offizielles Organ vor, welches seit 1977 vom damals neu gegründeten „Verein zur Förderung der Sportmedi‐ zin“ herausgegeben wird (heutiger Titel: Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin) (Arndt et al., 2012). Eine weitere wichtige Entwicklung war die 1970 vom Deutschen Ärztetag bewilligte Zusatzbezeichnung Sportmedizin, die bis heute durch fest vorgegebene Ausbildungsinhalte erworben werden kann und von den Ärztekammern der Länder vergeben wird. Die sportmedizinische Forschung war zunächst eher grundlagenorientiert, Mitte der 1970er Jahre kam es jedoch zunehmend zu einem Transfer der sportmedizinischen Forschung in die Praxis, insbesondere im Kontext der Rehabilitation. Vorreiter und Bei‐ spiel für viele nachfolgende bewegungsbezogene Interventionen bei internistischen, muskulo-skelettalen und anderen Erkrankungen waren die 1965 erstmalig ambulant eingeführten Herzsportgruppen, für welche im weiteren Verlauf ein flächendeckendes Angebot im Rahmen des Rehabilitationssports geschaffen wurde. Auch Bewegungs- und Sportangebote für die breite Masse (z. B. Trimm-Aktionen des Deutschen Sport‐ bunds) basierten auf der vorausgehenden sportmedizinischen Grundlagenforschung (Arndt et al., 2012). Ein weiterer wichtiger Baustein zur Forschungsförderung war 1970 die Gründung des dem Bundesinnenministerium zugeordneten „Bundesinstituts für Sportwissenschaft“ (BISp). Das BISp hat sich der Initiierung, Koordinierung und Förderung der sportwissenschaftlichen Forschung verschrieben. Förderfähig sind ent‐ sprechend der Grundsätze der Forschungsförderung Vorhaben, die ein Bundesinteresse voraussetzen und einen Bezug zum deutschen Spitzensport vorweisen (Bundesinstitut für Sportwissenschaft, 2019). 192 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="193"?> Die Betreuung des Spitzensports wurde mit dem 1975 eingeführten Kadersystem und den obligatorischen sportmedizinischen Untersuchungen durch DSB bzw. DOSB lizenzierte Untersuchungsstellen systematisiert. Ziel dieser Vorsorgeunter‐ suchungen ist es bis heute, Erkrankungen, Verletzungen und Einschränkungen der sportlichen Belastbarkeit frühzeitig zu erkennen, dem Auftreten von Sport‐ schäden vorzubeugen und die Sportlerinnen und Sportler in medizinischen Fragen zu beraten (Sportmedizin Tübingen, 2019). Die Gründung der Olympiastützpunkte in den 1980er Jahren mit der Möglichkeit der Betreuung von Athletinnen und Athleten vor Ort sowie die sich stetig ausweitende Betreuung von Trainingslagern und Wettkämpfen durch Verbandsärztinnen und Verbandsärzten sowie Physio‐ therapeutinnen und Physiotherapeuten ergänzen die Versorgung. Im Osten Deutschlands durchlief die Sportmedizin nach dem Ende des 2. Weltkriegs eine andere Entwicklung. Das Recht der Bürgerinnen und Bürger auf Bildung, Erholung und Sport war gesetzlich verankert und führte bereits kurz nach dem Krieg zu einer umfassenden Partizipation in Sportgruppen, die einen schnellen Aufbau sportmedizini‐ scher Aktivitäten erforderlich machte. Die Sportmedizin war bereits 1950 institutionell im Gesundheitswesen verankert und wurde zunehmend auch an die Universitäten angegliedert (Arndt et al., 2012). Auch in der DDR organisierten sich die Sportärztinnen und Sportärzte bereits 1954 in einer eigenen Organisation, die ab 1969 bis zum Ende der DDR die Bezeichnung Ge‐ sellschaft für Sportmedizin der DDR (GfSM) hieß, regelmäßige Jahrestagungen abhielt und ab 1961 mit der Zeitschrift „Medizin und Sport“ auch ein offizielles Organ hatte. Die Funktionärinnen und Funktionäre der GfSM wurden mit dem Staatssekretariat für Körperkultur und Sport (SKS) abgestimmt. Die sportmedizinische Qualifikation war zunächst durch den Erwerb der staatlichen Anerkennung als Sportärztin oder Sportarzt gewährleistet, 1963 wurde der Facharzt für Sportmedizin eingeführt (Arndt et al., 2012). Der Spitzensport spielte in der DDR eine zentrale Rolle. So wurden rein leistungs‐ sportlich orientierte Sportklubs und die Kinder- und Jugendsportschulen initiiert sowie ein lückenloses Talentauswahlsystem eingeführt. 1963 wurde der sportmedizinische Dienst (SMD) unter dem SKS etabliert und damit die sportärztliche Betreuung zentral organisiert, kontrolliert und überwacht. Der SMD berücksichtigte auch den Bereich der allgemeinen sportmedizinischen Betreuung im Freizeit-, Therapie- und Rehabilita‐ tionssport, dieser spielte jedoch eine nachrangige Rolle. An den olympischen Erfolgen wurden Nutzen und Effektivität der Sportmedizin für den Staat ausgemacht. Die Tätigkeiten im Spitzensport unterlagen strikter Geheimhaltung. Auf allen Ebenen des sportmedizinischen Dienstes wurden Instanzen der Staatspartei eingesetzt, um damit die politische Überwachung der sportmedizinischen Arbeit gewährleisten zu können. In diesem Zusammenhang wurde 1969 das Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS) gegründet, welches das einzige Institut für die Leistungssportforschung in der DDR war. Bis zu seiner Auflösung in 1990 hatte es mehr als 600 Mitarbeitende. Die Fortführung des FKS nach der Wende wurde durch die Gründung des „Instituts 3.6 Sportmedizin (Christoph von Laßberg, Inga Krauß) 193 <?page no="194"?> für angewandte Trainingswissenschaft“ (IAT) nach einer Übergangsregelung mit personellen Abstrichen gewährleistet (Arndt et al., 2012). Der Spitzensport in der DDR diente dem internationalen Renommee und es galt, dieses aufrecht zu erhalten und weiter auszubauen. Hierfür griff man auch systematisch auf Doping zurück, welches unter den Begriff der „unterstützenden Maßnahmen“ fiel. Der Begriff Doping war tabu und offiziell bekannte sich die DDR auch stets zur Anti- Doping-Charta. 1974 wurde das konsequente Staatsdoping etabliert (Geipel, 2018). Auch wenn das Thema Doping an dieser Stelle nicht adäquat abgebildet werden kann, darf es nicht unerwähnt bleiben. Im Kontext des in der DDR unter dem Deckmantel der Staatssicherheit praktizierten Dopings wurden geschätzte 15.000 minderjährige Leistungssportlerinnen und -sportler geschädigt, von denen bis heute viele unter körperlichen und psychischen Erkrankungen leiden (Hass, 2017). Auch im Westen der Republik hat der Einsatz nicht erlaubter Substanzen stattgefunden und Doping ist auch heute noch ein Thema, welches Gesellschaft und Sport beschäftigen. Die organisierte Sportmedizin, vertreten durch die DGSP, hat sich seit jeher jeder Form des Dopings entgegenstellt und in den vergangenen Jahrzehnten aktiv an Diskussionen zu Werten und Inhalten des Sports und der Definition ärztlich rechtmäßiger und unrechtmäßiger Maßnahmen beteiligt. Als DOSB-Fachverband ist sie zudem mit besonderen Aufgaben im Projekt „Gemeinsam gegen Doping“ der Nationalen Anti-Doping Agentur Deutsch‐ land (NADA) beteiligt (DGSP, 2019a). Auch das 2017 in Kraft getretene Anti-Doping- Gesetz, welches den Strafverfolgungsbehörden hilft, Dopingnetzwerke aufzudecken, zeigt Wirkung (ZEIT online, 2019). Trotz der Bemühungen sind und waren vereinzelt Sportmediziner, Mannschaftsärzte - bis hin zum Chefarzt der Olympiamannschaft - und eine universitäre sportmedizinischen Einrichtung in Dopingaffären und langjäh‐ riges systematisches Doping eingebunden (dpa/ aerzteblatt.de, 2017). Festzuhalten bleibt, dass das aktive Vorgehen gegen Doping eine wichtige Aufgabe der Sportmedizin sein und bleiben sollte, da der Missbrauch von Arzneimitteln im Sport mit erheblichen gesundheitlichen Folgen bis hin zum Tod von Sportlerinnen und Sportlern einhergehen kann. Dabei ist Doping nicht nur ein Thema im Spitzensport. Auch im Breitensport ist es weit verbreitet und die Risiken sind mangels ärztlicher Kontrolle teilweise sogar höher (Siegmund-Schultze, 2013). Neben den gesundheitlichen Folgen für das Individuum widerspricht Doping dem Fairnessgedanken des Sports und schadet zudem in erheblichem Ausmaß dem öffentlichen Ansehen der Sportmedizin. Die gesamtdeutsche Sportmedizin bis heute Nach dem Mauerfall kam es schnell zum Austausch der west- und ostdeutschen Sportärztinnen und -ärzte sowie Organisationen. Auf dem Gebiet der ehemaligen DDR bildeten sich rasch Landessportärzteverbände, die 1991 unter das Dach des DSÄB aufgenommen wurden. Jedoch trat nur ein geringer Teil der ehemals ostdeutschen 194 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="195"?> Sportmedizinerinnen und -mediziner in den neuen Dachverband ein, nicht zuletzt aufgrund der vielfach erforderlichen beruflichen Neuorientierung mangels sportmedi‐ zinischer Stellenangebote. Von den Institutionen der DDR wurden nur das IAT und die Forschungs- und Entwicklungsstelle für Sportgeräte (FES, Berlin) übernommen (Arndt et al., 2012). 1992 wurde der DSÄB in die noch heute unter diesem Namen fungierende Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention - Deutscher Sportärztebund umbenannt, um auch dem präventiven Grundanliegen der Sportmedizin und dem Wandel in Gesellschaft und Gesundheitspolitik gerecht zu werden (Arndt et al., 2012). Inhaltlich hat sich das Fach in jüngerer Zeit neben dem traditionellen Bezug der Sportmedizin zum Spitzensport dahingehend entwickelt, die vielfältigen physiologischen und psy‐ chologischen Wirkungen von Bewegung als Medikament genauer zu erforschen. Hollmann (2009, S. VI) hat die Wirkungen des „Medikaments Bewegung“ folgen‐ dermaßen formuliert: „Gäbe es ein Medikament, welches wie körperliches Training folgende Eigenschaften in sich vereinigen würde: den Sauerstoffbedarf des Herzens senkend, antiarrhythmisch, antihypertensiv wirkend, die Fließeigenschaften des Blutes verbessernd, Arterioskleroseentwicklung verhindernd, Hämodynamik und Metabolis‐ mus durch eine Vielzahl von physikalischen und chemischen Adaptationen bis in ein hohes Alter positiv beeinflussend, Psyche und Wohlbefinden anhebend, aber ohne physiologische Nebenwirkungen - mit welchen Worten würde ein solches Präparat angepriesen werden? Vermutlich käme ihm die Bezeichnung Medikament des Jahrhunderts zu.“ Vor dem Hintergrund einer Gesellschaft, die immer weniger gefordert ist, sich in Beruf und Alltag zu bewegen, erscheint es daher zunehmend erforderlich, dass sportmedizinische Forschung die multiplen negativen Auswirkungen dauerhaften Bewegungsmangels erfasst und evidenzbasierte Konzepte für die adäquate und einzel‐ fallbezogene Anwendung des „Medikaments Bewegung“ entwickelt. In Kooperation mit interdisziplinären Kompetenzen von Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissen‐ schaftlern (aber auch von Biologinnen, Psychologen, Physiologinnen, Neurowissen‐ schaftlern etc.) kann dieser Prozess wirkungsvoll unterstützt werden. Ein besonderes Potenzial der Sportmedizin liegt somit sicher in ihrer breiten, interdisziplinären Vielfalt. Dadurch ist die Sportmedizin allerdings nicht ohne Weiteres mit einem Schlagwort fassbar. Der über das Fußballfeld eilende „Sportarzt“ ist zwar eine typische Assoziation der Sportmedizin, doch die moderne Sportmedizin umfasst weitaus mehr: Sie beinhaltet beispielsweise auch Sport mit Schlaganfallpatientinnen und -patienten, Herzsportgruppen, Hüft- oder Kniesportgruppen bei Patientinnen und Patienten mit Arthrose oder nach künstlichem Gelenkersatz, Sport bei Patientinnen und Patienten mit Krebs, Sport mit Älteren, Sturzprophylaxe für Ältere, Sport bei systemischen neu‐ rologischen Erkrankungen, Sport bei psychischen Erkrankungen, traumatologische Rehabilitation, Sport bei Adipositas etc. sowie darüber hinaus die vielfältigen Bereiche sportmedizinischer Forschungsfelder der Grundlagen- und Anwendungsforschung. 3.6 Sportmedizin (Christoph von Laßberg, Inga Krauß) 195 <?page no="196"?> 3.6.3 Themenfelder der Sportmedizin Die Sportmedizin kann prinzipiell in die Fachbereiche „Orthopädie“ und „Innere Medizin“ unterteilt werden, welche ihrerseits in die Arbeitsbereiche „Klinik“ und „Forschung“ untergliedert werden können. Darüber hinaus können die inhaltlichen Schwerpunkte der genannten Bereiche prinzipiell der eher leistungssportbezogen Be‐ treuung (Medizin für den Sport) oder der eher gesundheitsbezogenen Allgemeinversor‐ gung (Sport als Medizin) zugeordnet werden. Aufgrund der Interdisziplinarität des Fachs Sportmedizin ist eine scharfe Abgrenzung zwischen den genannten Bereichen nicht immer möglich und deren Übergänge sind oft fließend. Klinische Versorgung Orthopädische Patientenversorgung Internistische Patientenversorgung Leistungssport Allgemeinversorgung Forschung Orthopädie Innere Medizin Diagnostik und Therapie im Leistungssport Gesundheitssport Interdisziplinäre Anwendungsforschung z. B. Interdisziplinäre Konzepte der Lebensstilintervention; Public Health, Ernährungswissenschaft, Psychologie u. a. m. Grundlagenforschung Fachspezifischer und interdisziplinärer Forschungsbereich (Medizin, Biologie, Physiologie, Sportwissenschaft, Biomechanik, Neurowissenschaft u.-a.-m.) Bereich „Sport und Leistung“ Bereich „Sport und Gesundheit“ Tab. 3.6.1: Übersicht über Fächer und Forschungsbereiche der Sportmedizin Basierend auf der in Tab. 3.6.1 skizzierten Untergliederung sollen im Folgenden die Bereiche „Klinische Versorgung“ und „Forschung“ detaillierter beleuchtet werden. Klinische Versorgung in der Sportmedizin Orthopädische Sportmedizin Die klinische Sportorthopädie bezieht sich auf die Behandlung von Erkrankungen oder Beschwerden am Stütz- und Bewegungsapparat des Menschen, auf Funktions‐ störungen im Bereich des peripheren Nervensystems (z. B. in Folge eines Bandschei‐ benvorfalls) sowie auf strukturelle oder funktionelle Defizite der neuromuskulären Bewegungsansteuerung. Sportmedizinerinnen und Sportmediziner verfügen hierbei 196 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="197"?> über ein vertieftes Wissen sportspezifischer Überlastungsbeschwerden sowie über das Anforderungsprofil unterschiedlicher Sportarten und daraus resultierende Beanspru‐ chungen des Stütz- und Bewegungsapparats. Orthopädische Diagnostik Die Sportorthopädie nutzt prinzipiell sämtliche diagnostischen Möglichkeiten des Fach‐ bereichs „Orthopädie und Traumatologie“, sowie darüber hinaus ergänzende funkti‐ onsdiagnostische Optionen. Die klassische orthopädisch-traumatologische Diagnostik umfasst neben der ausführlichen ärztlichen Untersuchung (sie ist das wichtigste diagnos‐ tische Instrument) diverse Verfahren der Bildgebung (z.-B. Sonographie, Röntgen, Com‐ putertomographie, Kernspintomographie), labordiagnostische Verfahren sowie weitere Spezialverfahren (z. B. Knochendichtemessungen, Szintigraphie). Auf diagnostischer Ebene arbeitet die „Sportmedizin“ somit meist Hand-in-Hand mit orthopädisch-traum‐ atologischen Kliniken oder radiologischen Einrichtungen. Die Übergänge zwischen der „klassischen Orthopädie“ und der „orthopädischen Sportmedizin“ sind fließend. Neben den oben beschriebenen Bereichen der ärztlichen Diagnostik umfasst die sportmedizinisch-orthopädische Diagnostik ein umfassendes Instrumentarium wei‐ terer diagnostischer Verfahren, die nicht an eine ärztliche Ausbildung gebunden sind. Sie werden meist durch Sport- und Bewegungswissenschaftlerinnen und -wis‐ senschaftlern durchgeführt und umfassen den gesamten Bereich der sogenannten „Funktionsdiagnostik“, der primär funktionelle und biomechanische Untersuchungs‐ techniken beinhaltet. Hierzu gehören beispielsweise Bewegungsanalysen unter Ver‐ wendung von Videobzw. Infrarotkameras oder elektrischen Goniometern, Inertialsen‐ soren und Druckmessplatten sowie elektromyographische Analysen zur Beurteilung neuromuskulärer Aktivität. Auch diverse Verfahren der isometrischen und dynami‐ schen Kraftdiagnostik spielen als Teil der Funktionsdiagnostik eine wesentliche Rolle zur Diagnostizierung spezifischer Funktionsdefizite oder muskulärer Dysbalancen. An‐ hand der genannten Verfahren können funktionelle Ursachen für die Entstehung spe‐ zifischer Beschwerden oder Überlastungsreaktionen genauer eingegrenzt bzw. Defizite frühzeitig erkannt werden, um schließlich anhand adäquater Maßnahmen dauerhaften Fehlbelastungen und Verletzungsrisiken vorzubeugen. In größeren sportmedizinischen Einrichtungen werden diese Analysetechniken häufig in einem Fachbereich „Biome‐ chanik“ zusammengefasst. Hier arbeiten meist Medizinerinnen und Mediziner mit Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftlern eng zusammen, um schließlich eine individuell auf die Patientin und den Patienten oder die Sportlerin und den Sportler zugeschnittene Trainingsempfehlung oder Therapieplanung zu ermöglichen. Orthopädische Therapie Neben operativen Eingriffen (meist in enger Kooperation mit orthopädisch-chirurgi‐ schen Kliniken) zählen diverse nicht-operative (konservative) Therapieoptionen zum sportorthopädischen Behandlungsspektrum. Insbesondere bei primär funktionell ver‐ 3.6 Sportmedizin (Christoph von Laßberg, Inga Krauß) 197 <?page no="198"?> ursachten Beschwerdebildern können im Rahmen eines konservativen Behandlungs‐ regimes oftmals nachhaltigere Ergebnisse erzielt werden, als durch eine operative Intervention (Ketola et al., 2013; Khan et al., 2014; Svege et al., 2013). Die Wahl der je‐ weils adäquaten Behandlungsform obliegt der Erfahrung und adäquaten Einschätzung der behandelnden Ärztin oder des behandelnden Arztes und sollte sich stets an der individuellen Lebenssituation sowie dem sportbezogenen Anspruch der Patientin oder des Patienten orientieren. Dies erfordert neben der Beurteilung rein orthopädischtraumatologischer Aspekte eine fundierte Kenntnis funktionell-biomechanischer Zu‐ sammenhänge sportartspezifischer Belastungs- und Beanspruchungsfaktoren. Ähnlich des oben ausgeführten diagnostischen Instrumentariums lassen sich auch die therapeutischen Maßnahmen der Sportmedizin in ärztliche und nicht-ärztliche Behand‐ lungsmaßnahmen unterteilen. Zu den ärztlichen Therapieoptionen zählen grundsätz‐ lich alle invasiven Maßnahmen (z. B. Operationen, Gelenkpunktionen, Injektions- und Infiltrationsbehandlungen) sowie die Verordnung medikamentöser, physikalischer, physiotherapeutischer oder trainingstherapeutischer Maßnahmen. Zu typischen ärzt‐ lichen Behandlungsformen zählen darüber hinaus in der Sportorthopädie manualthe‐ rapeutische Verfahren wie Chirotherapie oder Osteopathie, sowie teilweise auch alternativmedizinische Therapieformen wie Akkupunkturverfahren. Letztgenannte Therapieoptionen können auch von entsprechend ausgebildeten Fachtherapeutinnen und -therapeuten angewendet werden. Als Behandlungsformen, die nicht an die Voraussetzung einer ärztlichen Ausbil‐ dung gebunden sind, stehen zwei wesentliche Säulen im Rahmen des sportorthopä‐ dischen Behandlungsspektrums im Vordergrund: Die vielfältigen Maßnahmen der „Physiotherapie“ (inklusive physikalischer Anwendungen) sowie die „Medizinische Trainingstherapie“ bzw. die „Sport- und Bewegungstherapie“. Sie unterstützen das therapeutische Spektrum durch eine gezielte Optimierung physiologisch-funktioneller und neuromuskulärer Prozesse und können in diesem Kontext insbesondere auch zur Prävention von Überlastungsreaktionen und zur wirksamen Prophylaxe von Verletzungsrisiken angewendet werden (Finch et al., 2016; Walden et al., 2012; Webster & Hewett, 2018). Während für die Anwendung physiotherapeutischer Behandlungs‐ formen (Synonym: „Krankengymnastik“) die Ausbildung zur Physiotherapeutin oder zum Physiotherapeuten erforderlich ist, sind die Behandlungsformen der Sport- und Bewegungstherapie sowie der Medizinischen Trainingstherapie eine Domäne der Sportwissenschaft. Teilweise werden diese auch von Physiotherapeutinnen und Phy‐ siotherapeuten, Sport- und Gymnastiklehrerinnen und -lehrern sowie von Übungslei‐ terinnen und Übungsleitern mit entsprechenden Zusatzqualifikationen angeboten. Idealerweise greifen physiotherapeutisch-physikalische und trainingstherapeutische Maßnahmen im gegenseitigen Austausch zwischen Ärztinnen und Ärzten sowie Therapeutinnen und Therapeuten funktionell ineinander. Die interdisziplinäre Zusam‐ menarbeit ist somit ein wesentliches Merkmal der orthopädischen Rehabilitation - nicht nur in der Sportmedizin, sondern ebenso in orthopädisch-traumatologischen Behandlungszentren und Rehabilitationskliniken. 198 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="199"?> Internistische Sportmedizin Der Fachbereich der „Inneren Medizin“ (auch: internistische Medizin) bezieht sich - in Abgrenzung zur Orthopädie - nicht auf den Stütz- und Bewegungsapparat, sondern auf Erkrankungen der inneren Organe. Bezogen auf den sportmedizinischen Bereich nimmt dabei das Herz-Kreislauf-System als ein wesentlich determinierender Funktionskomplex sportlicher Leistungsfähigkeit eine zentrale Stellung ein. Internistische Diagnostik Zur internistischen Diagnostik zählt eine Vielzahl funktioneller, bildgebender und in‐ vasiver Untersuchungen. Von der einfachen Blutdruckmessung, über die Blutabnahme zur Erstellung eines Blutbildes (Labor), über dynamische Verfahren der Bildgebung (z. B. die Ultraschalluntersuchung des Herzens), bis hin zur kontrastmittelbasierten Kernspintomographie und Katheter-Untersuchungen. Bezogen auf die internistische Sportmedizin steht die Diagnostik der körperlichen Leistungsfähigkeit (sog. Leistungs‐ diagnostik) im Kontext des Breiten- und Gesundheitssports sowie des Leistungssports klar im Vordergrund (Röcker & Abel, 2018). Die Leistungsdiagnostik beinhaltet körper‐ liche Belastungstests (meist auf dem Fahrradergometer oder Laufband mit stufenweiser Erhöhung der Belastung), um anhand von Herz-Kreislaufparametern (z.-B. Blutdruck, Herzfrequenz, EKG), Blutparametern (Laktatdiagnostik) und optional ergänzenden Parametern aus der Atemluft (Spiroergometrie) die körperliche Leistungsfähigkeit der Patientin oder des Patienten sowie der Athletin oder des Athleten ermitteln zu können. Sollten im Rahmen dieser Untersuchungen pathologische Auffälligkeiten gefunden werden, können diese anhand weiterführender Untersuchungen gezielter diagnosti‐ ziert werden, um z. B. das Vorliegen einer Herz- oder Gefäßerkrankung oder sonstiger internistischer Erkrankungen genauer einzugrenzen. Doch auch im Falle pathologisch unauffälliger Parameter können diese dazu herangezogen werden, spezifische Empfeh‐ lungen für ein gezieltes und damit möglichst effektives Ausdauertraining zu geben (z. B. anhand von Empfehlungen des Herzfrequenzbereiches, innerhalb dessen das Training durchgeführt werden sollte). Der Vorteil der Erfassung medizinischer Leistungspara‐ meter unter Belastung besteht darin, dass diese weitgehend motivationsunabhängig sind und daher ein objektiveres Bild der tatsächlichen körperlichen Verfassung geben, als dies z. B. im Rahmen reiner Leistungstests (Cooper-Test o. ä.) der Fall ist. Ein weite‐ rer Vorteil der erhobenen medizinischen Parameter (insbesondere der Laktatwerte) ist die intra-individuelle Vergleichbarkeit. Bei wiederholten Tests können somit konkrete Adaptationsvorgänge im Verlauf von Trainingsprozessen ermittelt werden, um darauf aufbauend aktualisierte Trainingsempfehlungen ableiten zu können. Auf diese Weise kann der Trainingsprozess stets dem individuellen Leistungsniveau sowie den aktu‐ ellen Erfordernissen angepasst und dadurch eine langfristige Leistungsentwicklung gezielt unterstützt werden (u. a. „laktatbasierte“ Trainingssteuerung). Neben der intraindividuellen Entwicklung der Parameter können diese auch zum inter-individuellen Vergleich mit anderen Sportlerinnen und Sportlern derselben Sportart herangezogen 3.6 Sportmedizin (Christoph von Laßberg, Inga Krauß) 199 <?page no="200"?> werden, um Trainerinnen und Trainern evtl. weitere Rückschlüsse zur individuellen Trainingsgestaltung und -planung zu ermöglichen. Der Bereich der internistischen Leistungsdiagnostik, Trainingssteuerung und Trainingsberatung wird in den meisten sportmedizinischen Einrichtungen in enger Kooperation zwischen Medizinerinnen und Medizinern sowie Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftlern realisiert. Internistische Therapie In der Betreuung von Mannschaften oder Vereinen nimmt die allgemeinmedizinische Versorgung sicher den umfassendsten Raum ein. Vom grippalen Infekt bis zur adäqua‐ ten Einstellung einer Asthmamedikation; von der Versorgung einer Risswunde bis zur adäquaten Behandlung nach Schädel-Hirntrauma - hier sind ärztliche „Allrounder“ gefragt. Daher ist das Feld der sportmedizinischen Trainings- und Wettkampfbetreu‐ ung eher ein Feld der interdisziplinären Grundversorgung. Im ärztlichen Alltag der klinisch tätigen Sportinternistinnen und Sportinternisten gehören die Beurteilung und Überwachung spezifischer Vorerkrankungen unter dem Aspekt sportlicher Betätigung ebenso zu den Aufgaben wie die individuelle Beratung von Patientinnen und Patienten in Bezug auf eine adäquate sportliche Betätigung bei Vorliegen internistischer Grund‐ erkrankungen (z. B. Diabetes, Adipositas, Hypertonie, Arteriosklerose, Zustand nach Herzinfarkt oder Schlaganfall). Eine ergänzende Aufgabe der universitären Sportmedizin besteht in der Jah‐ reshauptuntersuchung von Kaderathletinnen und -athleten ( JHU). Diese sind für Athletinnen und Athleten der Landes- und Bundeskader vorgeschrieben und beinhalten grundsätzlich eine ausführliche orthopädische Untersuchung, eine allgemeinmedizinisch-internistische Untersuchung, einen Belastungstest mit Laktatdiagnostik, sowie bei Bedarf ergänzende funktionsdiagnostische oder weiterführende orthopädische oder internistische Untersuchungen. In diesem Kontext spielt auch die ärztliche Einschätzung der körperlichen Entwicklung von Nachwuchsathletinnen und -athleten eine zentrale Rolle, welche ebenso auf Aspekte der Wachstumsentwicklung als auch des Ernährungszustandes gerichtet sein sollte, um bei Verdacht auf pathologische Auffälligkeiten (z. B. Essstörungen) frühzeitig geeignete Interventionsmaßnahmen ergreifen zu kön‐ nen. Der abschließende Bericht jeder JHU beinhaltet sowohl die orthopädischen, funktionsdiagnostischen und internistischen Befunde, als auch die Ergebnisse der leistungsdiagnostischen Belastungstests. Der Untersuchungsbericht mündet schließlich in entsprechenden Trainingsempfehlungen sowie - bei Bedarf - in ergänzenden Empfehlungen bzgl. weiterführender diagnostischer oder therapeu‐ tischer Maßnahmen, um eine möglichst uneingeschränkte Sporttauglichkeit und Gesunderhaltung der Athletinnen und Athleten zu gewährleisten. 200 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="201"?> Forschungsbereiche und Forschungsmethoden in der Sportmedizin Neben der klinischen Versorgung der Patientinnen und Patienten bildet die Forschung den zweiten Pfeiler der universitären Sportmedizin. Entsprechend der Einteilung in Ta‐ belle 3.7.1 können die jeweiligen Forschungsschwerpunkte dabei eher grundlagenorien‐ tiert (Grundlagenforschung) oder eher anwendungsorientiert (Anwendungsforschung) ausgerichtet sein. Auch dieser Bereich kann fachbezogen, aber auch interdisziplinär ausgerichtet sein und gemäß seiner inhaltlichen Ausrichtung eher dem Bereich „Sport und Leistung“ oder dem Bereich „Sport und Gesundheit“ zugeordnet werden. Forschungsbereich „Sport und Leistung“ Die Schwerpunktlegung der leistungsmedizinisch orientierten Grundlagenforschung variiert je nach wissenschaftlicher Ausrichtung der sportmedizinischen Institute. Dies hängt von Faktoren des institutionellen Umfelds (kooperierende Institute) und der zur Verfügung stehenden technischen Möglichkeiten ebenso ab, wie von traditionellen, personellen und finanziellen Faktoren. Themenbereiche sind meist grundlegende Adaptationsmechanismen des menschlichen Körpers auf körperliche Belastungsreize und überschneiden sich in großen Teilen mit sportwissenschaftlichen Forschungsthe‐ men. Dabei zeichnet sich die sportmedizinische Forschung insbesondere durch ihre Möglichkeiten der Nutzung medizinischer Methoden und Verfahren aus, die der Sport‐ wissenschaftlerin oder dem Sportwissenschaftler per se nicht zur Verfügung stehen. Insbesondere betrifft dies sämtliche invasive Untersuchungsverfahren, medizinische Laborverfahren oder medizinische Methoden der Bildgebung. Aufgrund der vielfälti‐ gen inhaltlichen Überschneidungen sportwissenschaftlicher und sportmedizinischer Forschung sowie weiterer angrenzender Forschungsgebiete (z. B. Biologie, Neurologie, Neurowissenschaft, Radiologie, Physiologie), sind diese Forschungsbereiche meist im Rahmen interdisziplinärer Kooperationen organisiert. Diese können beispielsweise folgende Aspekte betreffen: ■ Belastungsabhängige molekularbiologische Reaktionen und deren Bedeutung für bestimmte Adaptationsmechanismen (z.-B. Muskulatur, Energiestoffwechsel). ■ Genetische Disposition und belastungsabhängige Adaptation. ■ Muskuläre Funktion und trainingsabhängige neuromuskuläre Adaptation. ■ Trainingsabhängige Adaptation des zentralen Nervensystems und der multimoda‐ len Sensointegration. ■ Grundlagenforschung zur Dopingbekämpfung im Sport. Ziel der leistungssportbezogenen Anwendungsforschung ist es, Erkenntnisse der Grundlagenforschung bzgl. konkreter sportpraktischer oder leistungsmedizinischer Nutzungsoptionen zu evaluieren. 3.6 Sportmedizin (Christoph von Laßberg, Inga Krauß) 201 <?page no="202"?> Forschungsbereich „Sport und Gesundheit“ Analog zum leistungssportbezogenen Forschungsbereich ergeben sich auch im Bereich „Sport und Gesundheit“ konkrete Forschungsschwerpunkte meist aus den jeweiligen institutionellen und personellen Rahmenbedingungen. Felder der Grundlagenforschung können beispielsweise im Rahmen folgender Themenbereiche verortet werden: ■ Belastungsabhängige kardio-pulmonale Adaptation und deren Auswirkungen auf Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems. ■ Belastungsabhängige Adaptation und deren Auswirkungen auf erkrankte Struk‐ turen des Stütz- und Bewegungsapparates. ■ Kardio-pulmonale oder neuromuskulär-sensointegrative Veränderungen durch Bewegungsmangel oder Immobilisation. ■ Sporttherapeutische Wirkungen auf den Verlauf von Alterungsprozessen und kognitiven Funktionen. ■ Belastungsregime und Sportempfehlungen bei/ nach bestimmten Erkrankungen. Der letztgenannte Punkt spielte zum Beispiel im Rahmen der Corona-Pandemie eine zentrale Rolle im Sinne der sportmedizinischen Identifizierung spezifischer Be‐ lastungswirkungen nach durchgemachter Covid-19-Infektion. Aus den Ergebnissen konnten schließlich entsprechende Leitlinien und dezidierte Empfehlungen bzgl. des systematischen Wiederaufbaus der Belastung nach Covid-19-Infektion („return to sports“) abgeleitet werden (u.-a. Burgstahler et al., 2023; Steinacker et al., 2022). Im Vordergrund der Anwendungsforschung steht meist die Evaluierung spezifi‐ scher Maßnahmen in Bezug auf deren Effekte bzgl. bestimmter Krankheitsbilder oder deren Prophylaxe. Im orthopädischen Bereich sind dies häufig Aspekte der Prävention und Rehabilitation von chronischen Beschwerden, Überlastungsreaktionen oder degenerativen Gelenkerkrankungen. Bezüglich der internistischen Sportmedizin stehen typischerweise Interventionsstudien bzgl. Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Stoffwechselerkrankungen im Vordergrund, aber ebenso auch bzgl. neurologischer und neurodegenerativer Erkrankungen (u. a. Ahlskog et al., 2011; Busse et al., 2013; Dalbello-Haas et al., 2008; Drory et al., 2001), bzgl. onkologischer Krankheitsbilder (u. a. Dimeo et al., 1997; Fong et al., 2012; Friedenreich et al., 2010; Strasser et al., 2013) oder bzgl. verschiedener Aspekte sportlichen Trainings bei älteren Menschen (u. a. Fairhall et al., 2014; Klitgaard et al., 1990; Tarumi et al., 2013). Auf interdisziplinärer Ebene gewinnt die wissenschaftlich begleitete Weiterentwick‐ lung integrativer Behandlungskonzepte mit dem Ziel der langfristigen gesundheitsför‐ derlichen Lebensstiländerung zunehmend an Relevanz. Neben der biomedizinischen Betrachtung des kranken Körpers geht es unter Berücksichtigung einer bio-psychosozialen Perspektive bei der Gestaltung der Intervention auch um die Integration per‐ sonenspezifischer und umweltbezogener Kontextfaktoren. Hierfür ist eine integrative Wissenschaft erforderlich, die u. a. durch die Sozial- und Verhaltenswissenschaften, die Psychologie, die Gesundheitsforschung sowie andere mehr geprägt ist (Geidl et al., 2014). 202 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="203"?> 3.6.4 Verhältnis der Sportmedizin zur Sportpraxis Die Sportmedizin ist als medizinische Disziplin per se ein praktisches Fach der klinischen Versorgung und Betreuung von Sporttreibenden. Auch die medizinisch wirksamen Sportinterventionen in der Prävention und Rehabilitation illustrieren den engen Bezug zur Sportpraxis. Als Praxisbeispiel wird daher an dieser Stelle ein spitzensportbezogenes Forschungsprojekt vorgestellt, das die enge Verzahnung von Grundlagen- und Anwendungsforschung illustriert. Praxisbeispiel: Grundlagen- und Anwendungsforschung Im Folgenden werden aus dem Forschungsbereich der Arbeitsgruppe „Technomo‐ torik und sensointegrative Bewegungssteuerung“ (Abteilung Sportmedizin, Uni‐ versitätsklinikum Tübingen) wesentliche Bezüge zwischen neurowissenschaftli‐ cher Grundlagenforschung und spitzensportbezogener Relevanz veranschaulicht. Grundlegender Ansatz des Forschungsbereichs ist die Herausarbeitung einer Systematik fundamentaler Prinzipien der menschlichen Auge-Kopf-Körperinter‐ aktion und der intra- und intersegmentalen spinalmotorischen Steuerung mit dem Ziel der Entwicklung eines integrierenden Gesamtmodells der Prinzipien effizienten menschlichen Bewegens. Im Rahmen entsprechender Laborumgebun‐ gen (u. a. am Max-Planck-Institut Tübingen) und mit Hilfe der Entwicklung einer Spezial-Software können dabei erstmals okulomotorische, vestibuläre, elektromyographische und kinemetrische Daten während der Ausführung hoch‐ dynamischer Komplexbewegungen synchron abgeleitet und integriert werden. So konnte z. B. anhand des beschriebenen Verfahrens an Kunstturnern des Olympiastützpunkts Stuttgart ein umfassender Datenpool intersegmentaler In‐ teraktionsmuster der Auge-Kopf-Körpersteuerung während der Ausführung sportartspezifischer Elemente bis hin zu Höchstschwierigkeiten erfasst und deren grundlegenden Interaktionsprinzipien systematisch analysiert werden. Die Daten der Athleten erbrachten unter anderem, dass das komplexe Zusammenspiel intra- und intermuskulärer Koordinationsmuster einer weitaus differenzierteren und kontextspezifischeren Steuerungsfähigkeit unterliegt, als bisher angenommen. Es konnte überdies gezeigt werden, durch welche funktionellen und intentionalen Aspekte die identifizierten Interaktionsprinzipien maßgeblich determiniert sind (u. a. von Laßberg et al., 2014; von Laßberg & Krug, 2015; von Laßberg & Rapp, 2015; von Laßberg et al., 2017). Insofern gehen die Erkenntnisse des primär eher grundlagenorientierten Forschungsbereichs Hand-in-Hand mit praxisbezogenen Ableitungen zur Effektivierung motorischer Lernvorgänge. So wird im Rahmen eines aktuellen Projekts u. a. der Ansatz verfolgt, die in dieser Form erstmals iden‐ tifizierten Interaktionsmuster bereits bei Nachwuchsathleten gezielt anzubahnen, um im Zuge einer dadurch angestrebten Bewegungseffektivierung Lernzeiten 3.6 Sportmedizin (Christoph von Laßberg, Inga Krauß) 203 <?page no="204"?> systematisch zu verkürzen und Beanspruchungsspitzen auf vulnerable Strukturen des Bewegungsapparates zu reduzieren. Kontrollfragen 1. Die moderne Sportmedizin untersucht den Einfluss von Bewegung, Training und Sport sowie Bewegungsmangel. Welche Zielgruppen schließt sie hierbei ein? 2. Womit lässt sich die Aussage „Körperliche Aktivität ist Medizin“ begründen? 3. Bereits in der Antike wurden die positiven Wirkungen körperlicher Aktivität auf die Gesundheit beschrieben. Welche Protagonisten dieser Zeit wirken mit ihren damaligen Werken bis in die Neuzeit? 4. Welche Organisationsstrukturen ermöglichen heute die sportmedizinische Betreuung des Spitzensports in Deutschland? 5. Was verstand man in der DDR unter dem Begriff der „unterstützenden Maß‐ nahmen“? 6. Welche gesundheitsbeeinflussende gesellschaftliche Entwicklung ist eng mit dem Forschungs- und Anwendungsbezug der Sportmedizin verbunden? 7. Die Sportmedizin ist ein interdisziplinäres Fach mit Aufgaben der klinischen Versorgung und Forschung. In welche Hauptfächer lässt sie sich aus klinischer Sicht unterteilen und welche Zielgruppen schließt sie dabei ein? 8. Worin unterscheiden sich die Aufgabenbereiche von Sportmedizinnerinnen und -medizinern sowie Sportwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern in sportmedizinischen Einrichtungen? 9. Eine Aufgabe sportmedizinischer Einrichtungen besteht in der Durchführung der Jahreshauptuntersuchungen von Kadersportlerinnen und -sportlern ( JHU). Welche Inhalte umfassen diese Untersuchungen und welche Funktionen erfül‐ len sie? 10. Ein Schwerpunkt der internistischen Sportmedizin ist die sportmedizinische Leistungsdiagnostik. Für welche Zielgruppen und Anwendungsbereiche ist sie von Nutzen? 11. Aus wissenschaftlicher Sicht kann die sportmedizinische Forschung grob in die Bereiche der Anwendungsforschung (Versorgungsforschung) und der Grundlagenforschung untergliedert werden. Welche angrenzenden Wissen‐ schaftsgebiete spielen in der sportmedizinischen Grundlagenforschung eine wesentliche Rolle? 204 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="205"?> Literatur Ahlskog, J. E., Geda, Y. 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Welche Teilbewegungen sind für das Erlernen des Kippaufschwungs am Reck notwendige Voraussetzung? Hat ein professioneller Radsportler einen runderen Tritt als ein Amateur? Welche Methoden sind geeignet, derartige Bewegungen und die dabei auftretenden Belastungen und Beanspruchungen des menschlichen Körpers zu analysieren? Wie verändert sich die Belastung des Bewegungsapparats durch eine Modifikation der ausgeführten Bewegung? Führen bestimmte Bewegungsausführungen kurz- oder langfristig zu einem erhöhten Verlet‐ zungsrisiko? Welche Rolle spielen dabei die Wahrnehmung und die koordinativen und sensorischen Fähigkeiten des Athleten oder der Athletin? Wie läuft die Regulation sportlicher Bewegungen überhaupt ab, wie kann eine Bewegungsausführung beein‐ flusst werden? Im vorliegenden Beitrag werden die verschiedenen Perspektiven, Grundpositionen und Zugangsweisen als unterschiedliche Ansätze der Bewegungswissenschaft bezeich‐ net. Insofern ist die Bewegungswissenschaft ein heterogenes und vielseitiges Gebilde, ein „Sammelbecken für alle wissenschaftlichen Aussagen über den Problemkomplex der sportlichen Bewegung und des Bewegens im Sport“ (Roth & Willimczik, 1999, S. 11). Deshalb existieren zahlreiche wissenschaftliche Publikationen, die Bewegungs‐ wissenschaft, Bewegungslehre, Sportmotorik oder Verwandtes zum Thema haben und umfassende Darstellungen des Forschungsgebiets auf Basis unterschiedlicher Ansätze, Grundpositionen und Paradigmen vornehmen. Wie unterschiedlich die wis‐ senschaftlichen Zugangsweisen zu diesem Problemkomplex ausfallen können, welche Fragestellungen im jeweiligen Kontext relevant werden und mit welchen Methoden diese Fragestellungen analysiert werden, ist in diesem Kapitel in kompakter Form dargestellt. Lernziele ■ Die Leserinnen und Leser erfahren, mit welchen Phänomenen sich die Bewe‐ gungswissenschaft beschäftigt und welche Themen aus ihrer Sicht relevant sind. 208 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="209"?> ■ Sie erkennen, wie die Bewegungswissenschaft entstanden ist, wie sie sich bis zum heutigen Stand entwickelt hat und welche Verbindungen zu ihren Mutterwissenschaften bestehen. ■ Sie lernen wissenschaftliche Zielsetzungen und Aufgaben der Bewegungs‐ wissenschaft kennen und reflektieren, mit welchen Theorien sich die Bewe‐ gungswissenschaft den für sie relevanten Phänomenen und Themen nähert, welchen Problem-/ Fragestellungen sie sich widmet und welche Methoden dabei typischerweise zum Einsatz kommen. ■ Sie erfahren, in welchem Verhältnis die Bewegungswissenschaft zur Sportpra‐ xis steht, insbesondere welche Bedeutung die Sportpraxis ihren Forschungs‐ ergebnissen beimisst. 3.7.1 Einführung - Charakterisierung der Bewegungswissenschaft Die Bewegungswissenschaft ist eine, gemessen an traditionellen, etablierten Wissen‐ schaften wie etwa der Physik, noch relativ junge Wissenschaftsdisziplin. Als integra‐ tive Disziplin vereint sie Erkenntnisse und Methoden aus anderen Disziplinen und ist für ihre Arbeit auch auf diese angewiesen. Die Beschreibung der Bewegungswis‐ senschaft geschieht üblicherweise durch die Definition ihres Gegenstandsbereichs, ihrer Forschungsfragen, ihrer theoretischen Grundpositionen und ihrer Methoden. Als integrative Wissenschaftsdisziplin besteht für die Bewegungswissenschaft sowohl auf der Ebene der Theorien als auch der Methoden eine große Schnittfläche zu anderen Wissenschaftsdisziplinen, insbesondere zur Physik, zur Biologie, zur Psychologie und zur Medizin, allerdings „ohne eine eindeutige mutterwissenschaftliche Basis“ (Roth & Willimczik, 1999, S.-9). Die Charakterisierung der Bewegungswissenschaft ist insofern mit der Entwicklung der gesamten Sportwissenschaft in Deutschland verbunden, als dass es unterschiedli‐ che Auffassungen darüber gibt, ob die Bewegungswissenschaft als eine Teildisziplin der Sportwissenschaft aufgefasst werden sollte, oder ob Teilbereiche der Sportwissen‐ schaft nicht eher einer übergeordneten Bewegungswissenschaft zugeordnet werden sollten (Zschorlich, 2000). Die Bewegungswissenschaft wird insofern als Teilgebiet der Sportwissenschaft aufgefasst, als die menschliche Bewegung mit all ihren Facetten einen Kernbereich des Sports darstellt (Roth & Willimczik, 1999, S. 11). Aus historischer Perspektive kann man argumentieren, dass der Sport bzw. sportliches Bewegen zwar schon sehr früh zum Gegenstandsbereich einer damals als Bewegungslehre bezeichneten Wissenschaftsdisziplin hinzugezogen wurde, sie aber keinesfalls alleinig konstituiert hat. Die ersten Anfänge der wissenschaftlichen Betrachtung menschlicher Bewegungsvorgänge - beispielsweise durch Borelli (1685) - waren durch eine ana‐ tomisch-mechanische Perspektive auf grundlegende Organ- und Körperfunktionen des Menschen gekennzeichnet und nicht auf sportliche Bewegungen ausgerichtet. 3.7 Bewegungswissenschaft (Christian Maiwald) 209 <?page no="210"?> Spezielle Bewegungslehren der Gymnastik, des Turnens, der Leibesübungen und des Sports kamen erst im Zuge deren gesellschaftlicher Etablierung im 18. und 19. Jahr‐ hundert auf (Göhner, 1992, S. 13-20). Der Sport (bzw. die Gymnastik, das Turnen und die Leibesübungen) hat die heutige Bewegungswissenschaft somit zumindest entscheidend geprägt und mit entwickelt. Charakteristisch für die Bewegungswissenschaft und für die mit ihr historisch eng verbundenen, oftmals pädagogisch inspirierte Bewegungslehre des Sports ist das stetige Nebeneinander und Ineinandergreifen eines anatomisch-(bio)mechanischen und eines physiologisch-regulativen (motorischen) Zugangswegs zur Analyse sportli‐ cher Bewegungsformen. Eine solch integrative Herangegensweise an den Forschungs‐ gegenstand findet sich in einer Vielzahl von „Standardwerken“ zur Einführung in die Bewegungslehre bzw. Bewegungswissenschaft wieder (unter anderem Meinel & Schnabel, 2007; Fetz, 1989; Göhner, 1992, 1999; Loosch, 1999; Latash & Zatsiorsky, 2016 sowie Hossner & Künzell, 2022). All diese Autoren versuchen damit, die Brücke zwischen einer Außenperspektive und einer Innenperspektive auf das Zustandekommen sportlicher Bewegungen zu schlagen. Auch der Vorschlag von Daugs et al. (1998), die Sektionen „Biomechanik“ und „Sportmotorik“ in einer gemeinsamen Sektion „Bewegungswissenschaft“ innerhalb der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs) zu integrieren, weist in eine solche Richtung. Der Begriff Bewegungswissenschaft verweist heute - vor allem im internationalen Kontext - zumeist auf einen naturwissenschaftlich gesprägten Zugang zur Analyse menschlicher Bewegung, in welchem mit Fragestellungen, Theorien und Methoden aus den Bereichen der Neurophysiologie, der Biomechanik und der (Neuro-)Psychologie operiert und Anwendungsfelder auch abseits des Sports wie beispielsweise körperliche Bewegungen im Alltag oder der Arbeit eingeschlossen werden (Mechling & Munzert, 2003, S.-13-14). Im angelsächsischen Sprachraum wird Bewegungswissenschaft oftmals mit den Begriffen human kinetics, kinesiology, motor control and learning, (sport) biomechanics oder etwas allgemeiner als human movement science bezeichnet. Diese Begriffsvielfalt deutet bereits an, dass es sehr unterschiedliche Auffassungen darüber gibt, welche theoretischen Perspektiven und Methoden innerhalb einer im deutschen Sprachraum als Bewegungswissenschaft bezeichneten Wissenschaftsdisziplin zur Anwendung kom‐ men und wie sie im Kanon anderer (sport-)wissenschaftlicher Disziplinen verortet wird. Diese Vielfalt an theoretischen Zugängen zur Analyse menschlicher Bewegung wird im Abschnitt 3.7.3 näher thematisiert. Göhner (1992, S. 23) schlägt vor, dass die Bewegungslehre des Sports „als ein Lehr- und Forschungsgebiet zu sehen ist, das einerseits die sportliche Bewegungsvielfalt (bzw. früher die Bewegungen der Leibesübungen), andererseits aber (und inzwischen in fast ausschließlicher Weise) die Funktionsweise der sich bewegenden Person zum Gegen‐ stand hat“. Loosch (1999, S. 23) fasst seine Definition etwas weiter: „Die Gegenstände einer allgemeinen Bewegungslehre sind die Erscheinungsformen der menschlichen Motorik im Sport und angrenzenden Tätigkeitsfeldern, wie der sportorientierten Reha‐ 210 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="211"?> bilitation oder der bewegungstherapeutischen Ausbildungsrichtung. Der Kernbereich der Darstellungen bezieht sich auf den Sport“. Den Gegenstandsbereich der Bewegungswissenschaft beschreiben Roth und Willim‐ czik (1999, S. 11) wie folgt: „Sie beschäftigt sich einerseits mit den beobachtbaren Pro‐ dukten (Bewegungen und Haltungen) sowie andererseits mit dem Gesamtsystem jener körperinternen Prozesse (Motorik, Emotionen, Motive, Sensorik, Kognitionen), die den Vollzügen zugrunde liegen. In Abhängigkeit von dem wissenschaftstheoretischen Standort werden dabei vielfältige Zielsetzungen und Analyseinteressen verfolgt“. Aus diesen Definitionen des Gegenstandsbereichs wird erkennbar, dass abseits aller kontroversen Diskussionen um Verortung, Einordnung und Bezeichnung der Wissenschaftsdisziplin ein gemeinsamer Nenner erkennbar ist. Dieser besteht darin, dass Bewegungswissenschaft und Bewegungslehre des Sports danach streben, die menschliche Bewegung (im Sport) sowie alle Prozesse, die Bewegung auslösen, steuern, regeln und beeinflussen, zu verstehen - das heißt, beschreiben, erklären und letztend‐ lich auch vorhersagen zu können. Wissenschaftsdisziplinen sind nicht allein durch ihren Gegenstandsbereich, son‐ dern auch durch ihre Theorien und Methoden gekennzeichnet. So unterschiedlich die Ausgangspositionen, das Selbstverständnis und die Zielsetzungen der Akteu‐ rinnen und Akteure innerhalb der Bewegungswissenschaft auch sein mögen, so zahlreich sind auch die Gemeinsamkeiten des bewegungswissenschaftlichen Metho‐ denspektrums und ihrer Anwendungsbereiche. Beispielsweise sind Fragen nach den neurophysiologischen Grundlagen von Bewegung und Bewegungslernen, nach der motorischen Entwicklung des Menschen, nach den Wahrnehmungsprozessen im Kontext von Bewegung oder aber auch nach der Pathomechanik des Bewegungsap‐ parats sowohl Bestandteil einer allgemeinen als auch einer speziell im sportwissen‐ schaftlichen Kontext betriebenen Bewegungswissenschaft (Mechling & Munzert, 2003, S.-13-15). Als Bewegungswissenschaft des Sports wird eine mehr grundlagenorientierte, zu‐ nehmend an internationalen Forschungstendenzen ausgerichtete Herangehens‐ weise an den Gegenstandsbereich bezeichnet, wohingegen die Bewegungslehre des Sports eine eher anwendungsorientierte Perspektive - insbesondere vor dem Hintergrund der im deutschen Sprachraum pädagogisch inspirierten Tradition der Sportwissenschaft - beschreibt. In beiden Begrifflichkeiten finden sich unterschiedliche Zielsetzungen und Zugangs‐ weisen zur Analyse sportlicher Bewegungen wieder. Diese erstrecken sich von einem auf sportpädagogisches Handeln orientierten, morphologischen Ansatz, über eine bi‐ omechanisch-physikalische Sichtweise, hin zu neurophysiologisch oder auch psycho‐ logisch geprägten Perspektiven auf den Bewegungsapparat, das Nerv-Muskelsystem und die zentralnervösen Prozesse der Bewegungssteuerung (Roth & Willimczik, 1999, S.-9-19; Wollny, 2007, S.-27-33). 3.7 Bewegungswissenschaft (Christian Maiwald) 211 <?page no="212"?> 3.7.2 Entstehung und Entwicklung der Bewegungswissenschaft Die ersten Bewegungswissenschaftler im engeren Sinne, die sich explizit mit dem Phänomen der menschlichen Bewegung auseinandersetzten, waren zum Ende des 19. Jahrhunderts aktiv. Allerdings geht die bewegungswissenschaftliche Idee, die Bewegung des Menschen zu erklären, bis in die griechische Antike zurück. Eine umfassende Übersicht zur historischen Entwicklung von Bewegungslehre und Bewe‐ gungswissenschaft liefern beispielsweise Göhner (1992, S. 13-23) sowie Mechling und Munzert (2003, S. 19-53). An dieser Stelle wird daher nicht die komplette historische Entwicklung der Bewegungswissenschaft nachvollzogen, sondern werden für die heutige Situation der Bewegungswissenschaft entscheidende Aspekte herausgegriffen (Mechling & Munzert, 2003, S.-26-42). ■ Ein erster Meilenstein für die Entstehung einer Bewegungswissenschaft ist die Entwicklung der präzisen Zeitmessung, maßgeblich beeinflusst durch den nieder‐ ländischen Physiker und Mathematiker Huygens (1629-1695). Bewegung zu erfas‐ sen und zu verstehen, erfordert die Einbeziehung von Zeit als Bezugsgröße und die Messung der Zeit ermöglichte vielen Wissenschaftsdisziplinen, insbesondere auch der Astronomie, einen großen Entwicklungssprung. Der Zeitbezug bzw. die zeitliche Komponente ist bis in die heutige Epoche ein fundamentaler Eckpfeiler jeder Art von Bewegungsanalyse. ■ Ein weiterer Meilenstein wurde mit der Formulierung der Gesetze der klassischen Mechanik erreicht. Newton (1642-1726) leistete damit einen entscheidenden Bei‐ trag zum Verständnis für die Triebfeder der Bewegung von Körpern und den Antrieb unbelebter Materie in einem zunehmend mechanistischen Weltbild. Seine Erkenntnisse können als Basis für die Naturwissenschaft der Neuzeit angesehen werden. Eine solche Sichtweise wird bis heute im biomechanischen Ansatz der Bewegungswissenschaft gewählt. ■ Zur Zeit Newtons war jedoch weder im Bereich der Biologie noch der Medizin die Basis für die heutige Sichtweise menschlicher Bewegung gelegt. Beispielsweise wurde der Antrieb für belebte Organismen immer noch in metaphysischen Er‐ klärungen, z. B. der Seele als Antrieb des Lebens und der Bewegung, gesucht. Physiologische Erklärungen ließen noch bis Ende des 18. Jahrhunderts auf sich warten. Tierexperimentelle Untersuchungen in dieser Zeit legten nahe, dass es eine grundsätzliche Erregbarkeit und Eigenaktivität von Geweben gibt und damit keine zentrale Antriebsinstanz für Bewegungen erforderlich sein müsse. Die im 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts rasch voranschreitenden Erkenntnisse in der Phy‐ siologie und Neurophysiologie lassen erahnen, wieso die Bewegungswissenschaft insbesondere auch im internationalen Kontext bis heute eine starke physiologische Schwerpunktsetzung bekommen hat. Die Erkenntnisse zur Funktion des Gehirns, zur Innervation der Muskulatur oder aber auch zur messmethodischen Erfassung dieser elektrischen Potentiale stammen aus jener Zeit und eröffneten der Analyse menschlicher Bewegung völlig neue Wege. 212 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="213"?> ■ Parallel dazu wurde mit der Perfektionierung der Fotografie ein geradezu ideales Werkzeug zur Bewegungsanalyse geschaffen. Die insbesondere auch für den deutschsprachigen Raum charakteristische Hinwendung zur Bewegungslehre der Leibesübungen war maßgeblich von bildlichen Darstellungen der Bewegungen inspiriert und getragen. Die Visualisierung von Bewegungsidealen, Technikleitbil‐ dern und Übungsreihen ist bis heute ein essentieller Bestandteil einer pädagogisch orientierten Bewegungslehre des Sports. Die bildgebenden Verfahren haben je‐ doch in ebensolcher Weise eine biomechanische und mechanistische Sichtweise menschlicher Bewegung vorangetrieben. Die biomechanische Bewegungsanalyse profitiert heute wohl am meisten vom technischen Fortschritt der bildgebenden Verfahren, der sich mittlerweile in digitalen Bilderfassungssystemen mit atembe‐ raubender Bildfrequenz von mehreren Tausend Bildern pro Sekunde manifestiert hat. Wank (2021, S. 4-12) liefert einen sehr ansprechenden Überblick über die Entwicklung bildgebender Verfahren zur Bewegungsanalyse. ■ Eine der für die Entwicklung der Bewegungswissenschaft im 20. Jahrhundert bedeutendsten Persönlichkeiten ist der russische Biomechaniker und Physiologe Bernstein (1896-1966). Er integrierte die anatomisch-physiologischen, biomecha‐ nisch-physikalischen und psychologischen Erkenntnisse seiner Zeit in eine bewe‐ gungswissenschaftliche Betrachtung der Koordination menschlicher Bewegung. Dies wird umso deutlicher, als dass er als Pionier der Anwendung des systemdy‐ namischen Ansatzes auf menschliche Bewegungen gesehen werden kann. Seine Erkenntnis, dass Variabilität und Schwankung biologischer Systeme keine Fehler oder unerwünschte Erscheinungen sind, sondern elementare Eigenschaften der Anpassungsfähigkeit von Organismen an ihre Umwelt darstellen, ist heute noch aktuell und hat nichts von ihrer Bedeutsamkeit eingebüßt. Bei aller Begeisterung über den erreichten Fortschritt existieren auch Schattenseiten dieser Entwicklung. Wenn man sich die methodologische Genese der Bewegungs‐ wissenschaft vor Augen führt, erkennt man - wie in anderen Humanwissenschaf‐ ten auch - eine über den Verlauf des 20. Jahrhunderts hinweg beschleunigte Entwicklung hin zur experimentellen Forschung und der Generierung immer größerer Datenmengen in kurzer Zeit, nicht zuletzt getrieben durch eine Vielzahl neuarti‐ ger und finanziell erschwinglicher Datenerhebungs- und Verarbeitungsmethoden, insbesondere auch durch die Methode der Computersimulation (Gramelsberger, 2010, S. 39-102). Die durch Mess- und Computertechnologie heute schnell und kostengünstig zu generierende Datenflut hat jedoch keinesfalls zu einem gleichsam beschleunigten Erkenntnisgewinn geführt. Sie schürt vielmehr die Gefahr, sich auf der Suche nach ursächlichen Erklärungen für die bewegungswissenschaftlichen Phänomene des Sports in den enormen Datenmengen zu „verlaufen“ und statistische Methoden als Allheilmittel für daraus resultierende Probleme einzusetzen. Diese Gefahr besteht nicht nur in der Bewegungswissenschaft, sondern in vielen anderen, empirisch geprägten Wissenschaftsdisziplinen gleichermaßen (Ziliak & McCloskey, 2012, S. 62-164; Peng, 2009; Guilak, 2017). Das Gebot der Stunde scheint deshalb auch 3.7 Bewegungswissenschaft (Christian Maiwald) 213 <?page no="214"?> in der Bewegungswissenschaft eine Rückbesinnung auf elementare theoretische Grundpositionen und deren systematische Weiterentwicklung zu sein. Nicht allein die Menge der durchgeführten Projekte, Studien und erhobenen Daten ist entschei‐ dend für den Erkenntnisgewinn, sondern deren wohl durchdachtes theoretisches Fundament und sorgfältige Planung. Erkenntnisgewinn lässt sich wohl am ehesten durch Methodenpluralismus, systematische experimentelle Wiederholung und einen im Sinne Mertons praktizierten, gesunden organisierten Skeptizismus über die ermittelten Resultate erreichen (Merton, 1985, S.-94). Das Konzept der Open Science stellt insbesondere auch für die Bewegungswissenschaft einen wegweisenden Ansatz dar, derartigen Zielen gerecht werden zu können. 3.7.3 Themenfelder, Theorien und Methoden der Bewegungswissenschaft Wie bereits erwähnt, existieren innerhalb der Bewegungswissenschaft zahlreiche un‐ terschiedliche Themenfelder und Forschungsinteressen. Diese sind zum Teil historisch gewachsen, andere hingegen erst in jüngerer Zeit entstanden. Zu den eher traditio‐ nellen Themen gehört das funktionale Beschreiben und Kategorisieren sportlicher Bewegungen, die Erforschung deren grundlegender Mechanik sowie die Identifikation von für das Erlernen oder Optimieren entscheidenden Teilaspekten der Bewegungs‐ ausführung. Themen wie beispielsweise die Bewegungsoptimierung im Spitzensport, die neurowissenschaftliche Analyse der Bewegungskoordination und Bewegungsre‐ gulation, das motorische Lernen im Sport, die Beanspruchung und Pathomechanik des Bewegungsapparats oder die Optimierung von Sportgeräten kamen sukzessive hinzu, als die Erkenntnisse der Mutterdisziplinen und die fortschreitende Entwicklung der Untersuchungsmethoden deren sinnvolle Bearbeitung ermöglichten. Abb. 3.7.1 gibt einen groben Überblick über die programmatische Vielfalt der Bewegungswissenschaft. Sie manifestiert sich in unterschiedlichen Ansätzen der Bewe‐ gungswissenschaft, die jeweils mit unterschiedlichen theoretischen Vorannahmen und Grundpositionen einhergehen. In Anlehnung an Roth und Willimczik (1999, S. 12) werden biomechanische, fähigkeitsorientierte, funktionale und ganzheitlich orientierte Ansätze differenziert. Eine ähnliche Unterteilung findet sich bei Olivier et al. (2013), Loosch (1999) und auch bei Göhner (1992, 1999). 214 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="215"?> Abb. 3.7.1: Unterschiedliche Ansätze und theoretische Grundpositionen innerhalb der Bewegungswis‐ senschaft (modifiziert nach Roth & Willimczik, 1999, S.-13) Theoretische Ansätze und Grundpositionen der Bewegungswissenschaft Der biomechanische Ansatz Die Newton’sche Mechanik stellt die theoretische Grundlage des biomechanischen Ansatzes dar. Sie beschreibt Bewegung als durch Kräfte verursachte Ortsveränderung von Körpern im Raum. Die dafür entscheidenden Größen sind die Länge, die Masse und die Zeit. Daraus abgeleitet werden Größen wie beispielsweise Geschwindigkeit, Beschleunigung und Kraft. Die besondere Rolle der Kinematik (Lehre von der Körper‐ bewegung im Raum) und der Dynamik (Lehre von den die Bewegung verursachenden Kräften) spiegelt sich sehr deutlich im Methodenspektrum dieses Ansatzes wider. Im Gegensatz zur klassischen Mechanik, die von unbelebten Körpern ausgeht, hat es die Biomechanik mit belebten Körpern zu tun. Diese sind von Natur aus variabel und weisen keine konstanten mechanischen Eigenschaften auf. Die den biologischen Systemen innewohnende Variabilität steht damit einer deterministischen, d. h. eindeutig vorhersagbaren Betrachtung von Bewegung entgegen. Die Anwendung der Naturgesetze auf den sich bewegenden Menschen erfordert daher, dass man gewisse Abweichungen und Ungenauigkeiten bei Bewegungsausführungen erwarten und tolerieren muss - und damit in Konsequenz auch weniger präzise Vorhersagen über das Bewegungsergebnis entstehen. Daher wurden für die Analyse und Erklärung menschlicher Bewegungen im Sport ursprünglich sechs biomechanische Prinzipien formuliert (Hochmuth, 1982), die mittlerweile mehrfach modifiziert und ergänzt wurden: das Prinzip der Impulserhaltung, der Gegenwirkung, des optimalen Beschleu‐ 3.7 Bewegungswissenschaft (Christian Maiwald) 215 <?page no="216"?> nigungswegs, der optimalen Tendenz im Bewegungsverlauf, der Anfangskraft und der Koordination von Teilimpulsen. Diese Prinzipien sind „aus physikalischer Perspektive formulierte Leitsätze, die in der Sportpraxis helfen, sportliche Technikdarbietungen hinsichtlich ihrer Güte zu beurteilen“ (Hossner & Künzell, 2022, S. 76). Sie besitzen auf einer sehr allgemeinen Ebene Gültigkeit, Entfalten ihre Bedeutung insbesondere bei der Vermittlung sportlicher Bewegungstechniken, gestatten jedoch nur stochastische, d. h. auf Wahrscheinlichkeiten beruhende Aussagen für Bewegungsabläufe einzelner Individuen (Roth & Willimczik, 1999,-S. 55-56). Eine deutschsprachige, didaktisch gut aufgebaute Darstellung dieses biomechani‐ schen Ansatzes zur Analyse und Optimierung sportlicher Bewegungen liefert Wank (2020), eines der Standardwerke in englischer Sprache stammt von Winter (2009). Funktionale Ansätze Unter dem Begriff der funktionalen Ansätze werden einige sehr unterschiedliche Konzepte subsummiert (insbesondere Roth & Willimczik, 1999, S. 127-226), deren gemeinsamer Kern in der einer Bewegung zugrunde gelegten sinnhaften Prozessstruk‐ tur besteht. Allen funktionalen Ansätzen gemein ist die Ansicht, dass Bewegung im Sport stets als Lösung einer Bewegungsaufgabe verstanden werden muss. Sportliche Bewegungen sind damit ziel- und zweckbezogen, die Frage nach dem wozu erhält Vorrang vor den Fragen nach dem anatomischen wodurch und dem biomechanischen wie (Roth & Willimczik, 1999, S.-127). Ein Beispiel eines funktionalen Ansatzes ist das Konzept der Funktionsanalysen (Göhner, 1992, S. 124-134). Bei Göhner bezieht sich diese vorwiegend auf den Außenaspekt und die optisch wahrnehmbaren Bestandteile einer sportlichen Bewegung. Hier wird der Frage nachgegangen, welche Funktionen im Bewegungsgeschehen zur Erreichung der Bewegungsziele zu erfüllen sind. Dabei werden Hauptfunktionsphasen (z. B. die Absprungbewegung beim Hochsprung) von Hilfsfunktionsphasen (z. B. dem Anlauf zum Absprung) unterschieden (Göhner, 1992, S. 131-134; Roth & Willimczik, 1999, S. 158-176). Andere funktionale Ansätze themati‐ sieren vorwiegend die Innenperspektive der Bewegungssteuerung aus psychologischer oder neurowissenschaftlicher Sicht. Sie beantworten eher die Frage, wie diese Funk‐ tionen erreicht werden (Roth & Willimczik, 1999, S. 131-158.). Der individuellen Wahrnehmungsleistung des Menschen kommt hierbei entscheidende Bedeutung zu. Diese kann unbewusst oder bewusst erfolgen, und liefert oftmals wichtige Input-Daten zur Erklärung des Bewegungs-Outputs. Die verwendeten Begriffe input und output deuten bereits darauf hin, dass der sich bewegende Mensch und insbesondere dessen Informationsverarbeitung bisweilen mit Hilfe der Metapher eines (zumeist seriell arbeitenden) Computers beschrieben werden. Das bedeutet, dass die Steuerung von Bewegung letztendlich auf einen se‐ quentiell ablaufenden Prozess von Wahrnehmung und Informationsverarbeitung, z. B. Entscheidungsregeln, Regelkreisgeschehen oder auch Abruf gespeicherter motorischer Programme, zurückgeführt wird (Roth & Willimczik, 1999, S.-127-131). 216 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="217"?> 23 Einen umfassenden Überblick zur Motorikforschung liefern die Werke von Mechling und Munzert (2003) sowie Birklbauer (2006). Der fähigkeitsorientierte Ansatz Grundlage des fähigkeitsorientierten Ansatzes ist die empirisch-analytische Motorik‐ forschung 23 . Diese ist bestrebt, individuell unterschiedliche motorische Leistungsfähig‐ keiten zu erklären. Dazu müssen der motorischen Leistungsfähigkeit zugrundeliegende individuelle Merkmale einer Person gefunden und wenn möglich trennscharf unter‐ schieden werden. Dieser Ansatz lehnt sich in seinen Grundzügen an die psychologische Persönlichkeitsforschung an (Roth & Willimczik, 1999, S. 227-229). Voraussetzung für ein solches Vorgehen ist das Vorliegen individueller motorischer Merkmale, die einerseits eine gewisse Streubreite zwischen Individuen aufweisen, andererseits aber über hinreichend lange Zeiträume intraindividuell stabil bleiben können. Als Beispiel ist hier die Kraftfähigkeit einer Person zu nennen, welche sich im Vergleich mit anderen Personen sehr gut differenzieren lässt, aber auf individueller Ebene auch über längere Zeiträume hinweg stabil bleibt und damit einer wiederholten Erhebung unter nahezu gleichen Rahmenbedingungen zugänglich ist. Eine solche Erhebung kann beispielsweise mittels sportmotorischer Tests erfolgen, die den Kernbestandteil einer fähigkeitsbezogenen Methodik der Bewegungswissen‐ schaft darstellen (Roth & Willimczik, 1999, S. 228). Dabei können sowohl motorische Fertigkeiten als auch motorische Fähigkeiten erhoben werden. Der Unterschied zwi‐ schen beiden Begrifflichkeiten ergibt sich durch eine Zuordnung zu eher spezifischen Bewegungsformen und Ausführungen (motorische Fertigkeiten, z. B. das einhändige Fangen eines Balls) oder aber den eher grundlegenderen motorischen Voraussetzungen für unterschiedliche Bewegungsformen (universelle motorische Fähigkeiten, z. B. konditionelle Fähigkeiten wie Kraft, Ausdauer, Beweglichkeit) (Roth & Willimczik, 1999, S.-231-257). Ganzheitliche Ansätze Unter der Bezeichnung Ganzheitliche Ansätze finden sich ähnlich wie bei den funk‐ tionalen Ansätzen einige, zum Teil sehr unterschiedliche Zugangsweisen zur Bewe‐ gungswissenschaft, die als gemeinsame Basis eine aus der Gestalttheorie entlehnte Grundposition vertreten. Diese besagt, dass das Ganze einer sportlichen Bewegung mehr ist als die Summe ihrer Teilbewegungen. Auf sportliche Bewegungen übertragen bezeichnet dies eine Sichtweise, in der eine analytische Zerlegung sportlicher Bewe‐ gungen, beispielsweise durch Analyse isolierter Teilbewegungen oder Bewegungsab‐ schnitte, nicht als sinnvoll angesehen wird, da eine zeitliche Aneinanderreihung von Einzelbewegungen die sportliche Bewegung unzureichend repräsentiert. Es ist stets ein subjektorientierter Handlungs- und Wahrnehmungsbezug erforderlich. Diese theoretische Position findet ihren Niederschlag in einer Reihe ganz unterschiedlicher Herangehensweisen an die Analyse menschlicher Bewegungen. So verfolgt die Mor‐ 3.7 Bewegungswissenschaft (Christian Maiwald) 217 <?page no="218"?> phologie ein explizit sportpädagogisches Interesse, die systemdynamischen Ansätze hingegen haben eine sportmotorische Basis und postulieren menschliche Bewegung als dynamisches Systemgeschehen (Roth & Willimczik, 1999, S. 75-78; Schubert, 2013). Ein einfaches Beispiel einer systemdynamischen Perspektive auf das Laufen ver‐ deutlicht die Intention einer ganzheitlichen Betrachtung sportlicher Bewegung. Ein Kennzeichen dynamischer Systeme ist, dass kleine Veränderungen einzelner Einfluss‐ größen mitunter große und sprunghafte Veränderungen des Gesamtsystems erzeugen können. Die Charakteristik einer sportlichen Laufbewegung (z. B. das koordinative Muster der Teilbewegungen der Läuferin oder des Läufers, der „Laufstil“) kann sich dabei während des Laufs, z. B. bei kleinen Geschwindigkeitssteigerungen oder aber dem Wechsel zu einem geringfügig anderen Laufuntergrund, mitunter deutlich verändern, um den Lauf als Ganzes zu stabilisieren oder zu ökonomisieren. Diese Übergänge von einem Zustand in einen anderen sind bei analytischer Zerle‐ gung des Laufs in anatomische und zeitliche Bestandteile - z. B. der detaillierten Analyse einzelner Abrollvorgänge des Fußes - mitunter nicht mehr wahrnehmbar. Wenn also der Laufstil aus einer ganzheitlichen Perspektive heraus analysiert und beschrieben werden soll, dann müssen Variablen des Bewegungsablaufs und der Bewegungssteuerung der Laufbewegung definiert werden, welche die Organisation des Gesamtsystems - also eine Beschreibung des „koordinativen Musters“ bzw. des „Laufstils“ als Ganzes - ermöglichen (Roth & Willimczik, 1999, S.-92-107). Methodenspektrum der Bewegungswissenschaft Die unterschiedlichen Ansätze der Bewegungswissenschaft unterscheiden sich nicht nur in den theoretischen Grundpositionen, aus welchen heraus das Phänomen der sportlichen Bewegung untersucht wird, sondern mitunter auch in der Art und Weise, wie solche Erkenntnisse gewonnen werden und mit welcher Art von Daten dies geschieht. Ein erheblicher Teil der heutigen bewegungswissenschaftlichen Forschung basiert auf quantitativer Empirie. Das bedeutet, dass mit Hilfe von durch Beobachtun‐ gen und Messungen erhobenen Daten Erkenntnisse über Bewegungsphänomene im Sport erlangt werden. Die Bewegungswissenschaft wird insbesondere auch durch ihre Methoden der Datenerhebung charakterisiert, die zum Großteil mehr oder weniger direkt zum Gebiet der Bewegungsanalyse zugeordnet werden können. In den folgenden Abschnitten sind diese überblicksartig zusammengefasst. Weitaus umfangreichere Darstellungen bewegungswissenschaftlicher Datenerhebungsmethoden finden sich beispielsweise bei Hamilton und Luttgens (2002), Roth und Willimczik (1999) oder auch Payton und Burden (2018). Methoden zur Analyse des Außenaspekts sportlicher Bewegungen Die Kinemetrie stellt eine direkte Methode der Erfassung äußerer Bewegungsmerkmale dar. Mit ihr werden Grundgrößen der Kinematik erfasst, also Ortsveränderungen von Körpern über die Zeit. Ein Großteil der kinemetrischen Verfahren basiert auf 218 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="219"?> optischen, bildgebenden Verfahren, bei denen die Bewegung des zu analysierenden Objekts (z. B. Sportlerin, Sportgerät) durch eine Kamera erfasst und aufgezeichnet wird. Das Ziel ist, den Außenaspekt der Bewegung zunächst in Form einer Abbildung zu fixieren und damit einer zeitunabhängigen, detaillierten Analyse zugänglich zu machen. Insbesondere Bewegungsanalysen mit hohen Bewegungsgeschwindigkeiten der Objekte (z. B. Schlagtechniken im Golfsport, Körperpositionen beim Skispringen, Technikanalysen in der Leichtathletik) erfordern Bildmaterial, welches deutlich über das zeitliche Auflösungsvermögen des menschlichen Auges hinausgeht. Die Bildauf‐ zeichnungsraten aktueller Systeme liegen daher oftmals deutlich jenseits von 1000 Bildern pro Sekunde. Mit dem Wandel von analogen zu digitalen Aufzeichnungstech‐ niken ging auch der Wandel von zweizu dreidimensionalen kinemetrischen Systemen einher. Eine ausführliche und sehr anschauliche Beschreibung der Funktionsweise derartiger Systeme liefern beispielsweise Payton und Hudson (2018), Milner (2018) und Wank (2021). Allen bildgebenden Verfahren gemein ist die grundsätzliche Vorgehensweise, bei der das abgebildete Original der Bewegung in Form eines maßstäblich verkleiner‐ ten Modells analysiert wird. Sämtliche am Modell erhobenen Messgrößen (z. B. Körperschwerpunktspositionen) können in realweltliche Daten umgerechnet und damit für die Praxis (z. B. eine Rückmeldung an die Athletin oder den Athle‐ ten über die korrekte Position in einer bestimmten Bewegungsphase) nutzbar gemacht werden. Als Okulometrie bezeichnet man die Erfassung und Vermessung von Blickbewegungen. Da dies über bildgebende Erfassung der Bewegung des Augapfels geschieht (Eye- Tracking), kann diese Art der Datenerhebung ebenfalls den kinemetrischen Verfahren zugeordnet werden. Allerdings nimmt die Okulometrie insofern eine Sonderrolle ein, da sie durch Bestimmung der Relativbewegungen des Auges gegenüber dem Kopf Aussagen über die Blickrichtung bzw. Fixierung bestimmter Objekte im Kontext der Bewegungsausführung erlaubt und damit an der Schnittstelle zu Messmethoden des Innenaspekts von Bewegung (hier: optische Wahrnehmung der Umwelt zur Bewe‐ gungskontrolle und -regulation) angesiedelt ist (Hossner & Künzell, 2022, S.-31-36). Abseits der bildgebenden Verfahren werden in der Kinemetrie auch weitere optische, akustische und elektromechanische Verfahren genutzt. Anstelle von bildgebender optischer Information zur Positionsveränderung von Körpern im Raum kommen hierbei andere technische Prinzipien zum Einsatz. Die auf dem Time-of-flight-Prinzip basierenden Verfahren beruhen auf der Erfassung von Laufzeitdifferenzen eines opti‐ schen oder akustischen Signals, welches vom zu analysierenden Objekt reflektiert wird (Wank, 2021, S. 102-106), wohingegen die elektromechanischen Verfahren die Bewe‐ gung auf direkte mechanische Weise in ein elektrisch messbares Signal übertragen, beispielsweise in Form eines Elektrogoniometers (Wollny, 2007, S.-287-291). 3.7 Bewegungswissenschaft (Christian Maiwald) 219 <?page no="220"?> 24 Kraftmessplattformen sind in aller Regel ortsfest installierte Messvorrichtungen für Bodenreakti‐ onskräfte. Eine anschauliche Beschreibung der Funktionsweise findet sich bei Chockalingam und Healy (2018, S.-93-97), Wollny (2007, S.-299-300) oder Wank (2021, S.-109-110). 25 Ein Dehnungsmessstreifen ist ein Kraftaufnehmer, welcher in vielen Bauformen und Größen exis‐ tiert. Er reagiert schon auf kleinste Verformungen mit einer messbaren Änderung des elektrischen Widerstands und eignet sich daher sehr gut für Anwendungen, bei denen die eingeleiteten Kräfte nur geringe Verformungen bewirken (Wollny, 2007, S.-299; Wank, 2021, S.-107-109). Eine weitere kinemetrische Methode stellt die Akzelerometrie (Beschleunigungsmes‐ sung) dar. Aktuelle Beschleunigungssensoren arbeiten auf Basis der Massenträgheit, welche eine Verformung der mikromechanischen Bauteile des Sensors bei Beschleu‐ nigung desselben auslöst und dadurch (ähnlich der dynamometrischen Messungen) die Beschleunigung des Sensors messbar macht. Beschleunigungssensoren sind mitt‐ lerweile auf die Größe eines Stecknadelkopfes miniaturisierbar, dabei zugleich kosten‐ günstig und extrem robust. Kombinationen aus Akzelerometern (Beschleunigungssen‐ soren) und Gyrometern (Drehratensensoren) ergeben einen Inertialsensor. Dadurch ist es möglich, durch Kombination der ausgegebenen Signale die Orientierung des Sensors im Raum über die Zeit nachzuvollziehen (Wank, 2021, S. 92-102). Wird ein solcher Sensor an einer definierten Position einer Probandin befestigt, z. B. am Schuh einer Läuferin, können dadurch einige kinemetrische Informationen wie Schrittfrequenzen und Rotationsgeschwindigkeiten des Schuhs, beispielsweise beim Ausdauerlauf, ermittelt werden. Die Dynamometrie umfasst all jene Verfahren, die im Gegensatz zur Kinemetrie nicht die Bewegung, sondern die der Bewegung zugrunde liegenden oder daraus resultierenden Kräfte erfassen. Sie bezieht sich dabei zunächst nur auf die extern am menschlichen Körper wirkenden und messbaren Kräfte. Eine direkte Erfassung interner Kräfte, z. B. Muskelkräfte, ist derzeit nicht möglich, deren Schätzung erfolgt durch die Methode der inversen Dynamik. Die klassische Dynamometie nutzt sowohl Kraftals auch Druckaufnehmer zur Erfassung der externen Kräfte. Es existieren zahlreiche unterschiedliche Messprinzipien dieser Sensoren. Den meisten Messprinzi‐ pien ist gemein, dass eine durch die Krafteinwirkung hervorgerufene Verformung des Messelements ein elektrisch messbares Signal hervorruft. ■ Kraftaufnehmer kommen in vielen Bau- und Anwendungsformen zum Einsatz. Weitverbreitet sind die sogenannten Kraftmessplattformen 24 , welche zur Analyse von Lauf-, Sprung- und Gangbewegungen genutzt werden. Es existieren zahlreiche weitere Arten der Kraftmessung im Sport, unter anderem durch auf Sportgeräte aufgebrachte Dehnungsmessstreifen. 25 Ein klassisches Beispiel hierfür ist die Mes‐ sung der Pedalkraft im Radsport durch eine derart instrumentierte Kurbelgarnitur. ■ Bei Druckmessungen sind im Gegensatz zu reinen Kraftmessungen oftmals zahl‐ reiche kleine, in Form einer Matrix ausgerichtete Sensoren im Einsatz. Dies hat den Vorteil, dass die in der Realität oftmals über Kontaktflächen in den Körper eingeleiteten Kräfte in ihrer örtlichen Verteilung im Detail dargestellt und 220 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="221"?> analysiert werden können (Chockalingam & Healy, 2018, S. 108-112; Wollny, 2007, S.-301). Methoden zur Analyse des Innenaspekts sportlicher Bewegungen Die Elektromyografie (EMG) stellt eine indirekte Methode der Bewegungsanalyse dar, denn sie erfasst weder Kräfte noch Ortsveränderung von Körpern, sondern die elektrische Aktivität des sich kontrahierenden Muskels. Dadurch wird es möglich, den motorischen (Innen-)Aspekt menschlicher Bewegung zu quantifizieren. Das Ziel der Elektromyografie ist, Informationen zur zeitlichen Koordination der an der Bewegung beteiligten Muskeln oder aber auch zu Ermüdungs- und Beanspruchungsreaktionen der Muskeln zu gewinnen (Wollny, 2007,-S. 310-316). Die Elektromyografie wird entweder durch auf der Hautoberfläche angebrachte Elektroden oder aber per in den Muskel eingebrachten Nadel- oder Drahtelektroden durchgeführt. Erstere Variante stellt die im Sport einzig praktikable und häufig eingesetzte nicht-invasive Methode dar, deren Signalqualität aber durch die zwischen Muskel und Hautoberfläche liegenden Gewebeschichten beeinträchtigt wird. Bei invasiver Messung direkt am Muskel tritt dieses Problem zwar nicht auf, allerdings sind Nadel- oder Drahtelektroden weitaus schwieriger anzubringen und aufwändiger in der Handhabung. Ihr Einsatzgebiet liegt meist in der klinisch-neurologischen Bewertung der Muskelfunktion, weniger in der sportbezogenen Muskelaktivitätsmessung. Die Elektromyografie misst das bei Muskelkontraktion entlang der Muskelfaser entstehende elektrische Aktionspotential oder die überlagerten Summen mehrerer Aktionspotentiale der an einem Muskel aktiven motorischen Einheiten. Für eine aussagekräftige Anwendung der Elektromyografie sind daher detaillierte Kenntnisse der Muskelanatomie und -physiologie des Menschen erforderlich. Die gemessenen elektrischen Signale bewegen sich dabei im Bereich von wenigen μV und müssen vor der Analyse erheblich verstärkt werden. Signalrauschen und Abschwächung der Signale kann daher rasch zur Unbrauchbarkeit der EMG-Daten führen. Aus diesem Grund können mit der Oberflächenelektromyografie auch lediglich Messungen an den nahe an der Körperoberfläche liegenden Muskeln vorgenommen werden, da die Signale der tiefer liegenden Muskelgruppen nicht bis zur Hautoberfläche durchdringen oder aber durch die Aktionspotentiale darüberliegender Muskelschichten überlagert werden. Viele der für sportliche Bewegungen interessanten Muskelgruppen sind aber für die Oberflächenelektromyografie gut zugänglich, beispielsweise die Beinstrecker und -beuger, die Bauch-, Schulter-, Arm- und Brustsowie bestimmte Anteile der Rückenmuskulatur. Neurophysiometrische Methoden, wie beispielsweise die Elektroenzephalographie (EEG, siehe Hossner & Künzell, 2022, S. 39-40) oder die erst in jüngerer Vergangenheit entwickelte funktionelle Nahinfrarot-Spektroskopie (fNIRS, siehe Villringer & Chance, 1997), sind in der Lage, die zur Bewegungsausführung gehörige Aktivität des Gehirns zu erfassen. Beim EEG geschieht dies - vergleichbar der Erfassung der Muskelaktivität per EMG - über die Erfassung der elektrischen Aktivität des Gehirns (Hossner & 3.7 Bewegungswissenschaft (Christian Maiwald) 221 <?page no="222"?> Künzell, 2022, S. 39-40), wohingegen fNIRS die im Kontext der Hirnaktivität gestei‐ gerte Stoffwechselleistung (hier: Durchblutung) bestimmter Hirnareale durch optische Messprinzipien (Reflexionseigenschaften von Infrarotlicht) erfassen kann (Villringer & Chance, 1997). Motorische Testverfahren dienen zur Bestimmung der motorischen Fähigkeiten und Fertigkeiten, welche für das direkt beobachtbare motorische Lösungsresultat einer Bewegungsaufgabe zur Verfügung stehen. Diese stellen sich als Kraft-, Schnelligkeits-, Ausdauer-, Koordinationsund/ oder Beweglichkeitsfähigkeiten dar. Motorische Tests dienen damit der Leistungsbestimmung oder auch der Verlaufs- und Erfolgskontrolle von Trainings- und Vermittlungsmethoden sportlicher Bewegungsformen (Wollny, 2007, S. 51-55). Im Gegensatz zu den oben dargestellten bewegungsanalytischen Messverfahren wird bei motorischen Tests meist nicht der Bewegungsverlauf an sich betrachtet, sondern das Resultat einer Bewegung erfasst. Dabei ist meist deutlich weniger instrumenteller Aufwand notwendig, da mit simplen Messverfahren wie Zeitmessung, Längenmessung oder aber Abzählen der Anzahl an absolvierten Wie‐ derholungen pro Zeiteinheit gearbeitet werden kann. Ihr Einsatz ist daher zumeist vergleichsweise einfach und kostengünstig, die Ergebnisse liegen meist unmittelbar nach Durchführung des Tests vor. Die Intention besteht auch gezielt darin, sportliche Bewegungsformen nicht analytisch in kleinste Bestandteile zu zergliedern, sondern die Lösungsqualität der Bewegungsaufgabe für einzelne Individuen zu beurteilen. Ein bekanntes Beispiel eines motorischen Tests ist der Cooper-Test: Hierbei wird die innerhalb von zwölf Minuten zurückgelegte Laufdistanz zur Beurteilung der Aus‐ dauerleistungsfähigkeit herangezogen. Einen umfassenden Überblick zu motorischen Testverfahren liefert Bös (2017). Theoretische Modellierung sportlicher Bewegungen Die bewegungswissenschaftliche Modellbildung hat zum Ziel, die in der Realität sportlicher Bewegung oftmals durch die Eigenschaften biologischer Systeme bedingten Störgrößen in einem Experiment zu eliminieren und dabei prinzipielle Zusammen‐ hänge der erhobenen Variablen zu untersuchen. Wird ein Experiment unter Einbeziehung menschlicher Probandinnen und Pro‐ banden durchgeführt, ist das Ziel, die unabhängige, beeinflussende Variable gezielt zu manipulieren und die dadurch verursachten Auswirkungen auf die abhängige, beeinflusste Variable zu erfassen. Wenn also beispielsweise der Effekt eines ovalen Kettenblatts auf die Trittbewegung von Radsportlerinnen und -sportlern untersucht werden soll (Hintzy et al., 2016), kann dies in empirisch-experimenteller Form nur durch wiederholte Versuchsreihen mit unterschiedlichen Bauformen der Kettenblätter und der simultanen Erfassung der Zielgröße, z. B. der Winkel- und Kraft-Zeit-Verläufe der Trittbewegung, der daraus resultierenden Leistungsentfaltung oder vergleichbarer Größen geschehen. Dadurch, dass unterschiedliche Versuchsreihen nacheinander absolviert werden müssen, womöglich mit zwischenzeitlichen Erholungspausen von mehreren Tagen, können Störgrößen (z. B. eine zwischenzeitliche Adaptation der 222 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="223"?> Sportlerin oder des Sportlers an das Gerät, eine durch Trainingseffekte eingetretene veränderte Leistungsfähigkeit) nicht vollständig eliminiert werden. Eine kausale Aus‐ sage, inwiefern die Bauform des Kettenblatts die Zielvariable der Trittbewegung verändert, ist daher stets mit Unsicherheiten und möglichen Interpretationsfehlern behaftet. Einen Ausweg aus der Omnipräsenz von Störgrößen in experimentellen Unter‐ suchungen stellt die theoretische Modellierung des untersuchten Sachverhalts dar. Hierbei wird eine Modellumgebung definiert, in welcher die interessierenden Variablen unter absoluter Konstanthaltung aller weiteren Größen isoliert verändert werden können und eine direkte kausale Auswirkung auf die Zielvariable ersichtlich wird. Die Durchführung eines solchen theoretischen, auf Modellrechnungen basierenden Experiments nennt sich Modellsimulation. Im biomechanischen Ansatz der Bewe‐ gungswissenschaft sind derartige Modellsimulationen weitverbreitet, es wird dabei zwischen einer invers-dynamischen und einer vorwärts-dynamischen Modellrechnung unterschieden (Yeadon & King, 2018, S.-222-243). Der invers-dynamischen Modellrechnung liegt eine Bewegungscharakteristik aus kinemetrischen und dynamometrischen Messungen am Menschen zugrunde. Als Zielgrößen können die auf den Bewegungsapparat wirksamen internen Kräfte berechnet werden. Somit sind Aussagen über dessen innere Belastungen möglich. Der vorwärts-dynamische Modelltypus gibt demgegenüber die internen Muskelkräfte vor und berechnet aus diesen die daraus resultierende Bewegung. Beide Vorgehensweisen erfordern zunächst eine geeignete Modellbildung, bei der die Eigenschaften des menschlichen Bewegungsapparats (unter anderem die Länge und Masseverteilung der Extremitäten, die Lage und mechanische Charakteristik der Mus‐ keln, Sehnen und Knochen sowie die Lage und Orientierung der Gelenkdrehachsen) in geeigneter Weise vereinfacht werden. Je simpler die Modelleigenschaften und je größer der Vereinfachungsgrad, je weiter die Modelleigenschaften vom Original abweichen und je weniger relevante Einflussgrößen im Modell berücksichtigt werden können, desto schlechter lässt sich das Ergebnis der Simulation auf die Realität übertragen. Je komplexer das Modell und je mehr relevante Einflussgrößen abgebildet werden können, desto besser wird die Übertragbarkeit der Resultate auf reale Sachverhalte. Ausführliche Darstellungen der bewegungswissenschaftlichen Modellbildung finden sich beispielsweise bei Yeadon und King (2018, S. 222-243) und Wollny (2007, S. 335- 343). Das nachfolgende Praxisbeispiel 1 enthält die genauere Beschreibung einer solchen Modellsimulation aus der Studie von Sinclair et al. (2018), in welcher die Auswirkung eines ovalen Kettenblatts auf die Belastung des Kniegelenks ermittelt wird. 3.7 Bewegungswissenschaft (Christian Maiwald) 223 <?page no="224"?> 3.7.4 Verhältnis der Bewegungswissenschaft zur Sportpraxis Der unmittelbar in die Praxis überführbare Erkenntniswert der Bewegungswissen‐ schaft ist äußerst vielfältig. Zumeist besteht der primäre Nutzen bewegungswissen‐ schaftlicher Forschungsarbeiten darin, eine Beschreibung, Erklärung oder Bewertung der analysierten Bewegungen vor dem Hintergrund der Leistungsverbesserung, der Technikoptimierung, der Prävention und Rehabilitation von (Sport-)Verletzungen oder auch der Auswirkung von Sportgerätetechnologien auf die Sportlerin oder den Sportler vorzunehmen. Eine Vielzahl sportpraktischer Anwendungsfelder profitiert damit von Ergebnis‐ sen bewegungswissenschaftlicher Forschung: die Leistungsoptimierung und die Trai‐ ningsgestaltung, die Entwicklung funktioneller Sportgeräte, die Prävention und Reha‐ bilitation oder auch die Gestaltung attraktiven und effizienten Sportunterrichts. Bewegungswissenschaft spielt heute nicht nur im direkten Umfeld des Sports eine wichtige Rolle, sondern auch im gesamten Komplex des Gesundheitswesens. Bewegungsanalysen werden in vielen Bereichen des klinischen Alltags eingesetzt, insbesondere in der Beurteilung krankheitsbedingter Einschränkungen der körperli‐ chen Mobilität, bei neurologischen Erkrankungen, in der prä- und post-operativen Diagnostik bei Gelenkersatz oder in der Diabetologie. Auch im industriellen Umfeld des Gesundheitswesens werden bewegungswissenschaftliche Erkenntnisse genutzt, um beispielsweise die Beurteilung der durch Lastenhandhabung verursachten Gefahren an Arbeitsplätzen vorzunehmen. Bewegungswissenschaftliche Methoden sind mittlerweile fester Bestandteil in der Förderung des Spitzensports. Zahlreiche Olympiastützpunkte arbeiten - wenngleich meist sportmedizinisch dominiert - mit bewegungswissenschaftlichen und bewe‐ gungsanalytischen Methoden. Gleichzeitig muss konstatiert werden, dass sich die Bewegungswissenschaft auf institutioneller Ebene im Gesundheitswesen bislang kei‐ nesfalls fest etabliert hat. Die Kosten bewegungswissenschaftlicher Analysen werden nur selten durch die Kostenträger im Gesundheitssystem abgedeckt, so dass deren Anwendung wohl auf absehbare Zeit optional bleibt. Praxisbeispiel 1: Außenaspekt von Bewegung im biomechanischen Ansatz: Auswirkungen eines ovalen Kettenblatts auf die Belastung des Patellofemoralgelenks bei Straßenradsportlerinnen und -sportlern (Sinclair et al. 2018) Ovale Kettenblätter existieren im Radsport schon seit geraumer Zeit. Das Ziel einer Ovalisierung des Kettenblatts besteht darin, die im Verlauf einer Kurbelum‐ drehung aus biomechanischer Sicht ungünstigen oberen und unteren Totpunkte (in der Ziffernblattanalogie bei Fahrtrichtung nach rechts: 12- und 6-Uhr-Posi‐ tion der Kurbel) schneller zu überwinden, mehr Zeit der Kurbelumdrehung in vortriebswirksamen Phasen zu verbringen (etwa zwischen 2- und 5-Uhr- 224 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="225"?> Position der Kurbel) und damit die Effizienz der Trittbewegung zu erhöhen. Mit ovalen Kettenblättern wird ein über eine Kurbelumdrehung hinweg varia‐ bles Übersetzungsverhältnis erzeugt, welches in Kurbelumdrehungsphasen mit hohen tangential wirkenden Kurbelkräften (2bis 5-Uhr-Position) eine größere Übersetzung bereitstellt als in Phasen nahe den Totpunkten, in welchen weitaus geringere vortriebswirksame (tangentiale) Kräfte auf die Kurbel wirken. Erhöht man allerdings durch ein derartiges ovales Design des Kettenblatts die Überset‐ zung in vortriebswirksamen Phasen, besteht die Gefahr, dadurch „im Schlepptau“ die Belastung des Kniegelenks zu erhöhen. Die Studie von Sinclair et al. (2018) hat zum Ziel, die Auswirkung solch ovaler Kettenblätter auf die Belastung des Patellofemoralgelenks zu ermitteln - ein Teil des Kniegelenks, welches bei Radsportlerinnen und -sportlern eine häufig anzutreffende Lokalisation von Überlastungsbeschwerden darstellt. Die Ermittlung der Belastung eines Gelenks geschieht zumeist über die Bestimmung von gelenkinternen Kräften, Drücken und Drehmomenten, welche einer nicht-invasiven Messung nicht ohne weiteres zugänglich sind. Daher wird in der Studie von Sinclair et al. (2018) eine Kom‐ bination aus invers-dynamischer und vorwärts-dynamischer Modellsimulation genutzt. Probanden wurden in beiden Kettenblattbedingungen lediglich kineme‐ trisch vermessen. Die resultierenden Druckbelastungen des Patellofemoralge‐ lenks und die wirkenden Muskelkräfte wurden anhand eines biomechanischen Modells errechnet („geschätzt“, nicht gemessen! ), welches dieselbe Bewegung wie der zugehörige Proband ausführt, und letztendlich zwischen den Bedingungen eines herkömmlichen (runden) und eines ovalen Kettenblatts verglichen. Die Autoren kommen zu dem Ergebnis, dass ein ovales Kettenblatt keine höheren Belastungen (Drücke oder Muskelkräfte) im Patellofemoralgelenk erzeugt als dies bei Nutzung eines runden Kettenblatts der Fall ist. Der große Vorteil einer solchen Versuchsanordnung in Form einer Modellsi‐ mulation ist zugleich ihr größter Nachteil. Während man zwar zahlreiche unerwünschte Störgrößen, z. B. das „Rauschen“ bei der Erfassung von Muskel‐ aktivitäten per EMG, eliminieren kann, indem man das Muskelaktivitätsprofil anhand der ausgeführten Bewegung schätzt, verliert man auch die Möglichkeit, individuelle Abweichungen der Muskelaktivitätsprofile zu erkennen und in die Bestimmung der Gelenkbelastung einfließen zu lassen. Inwiefern das Modell des Radfahrers, insbesondere das biomechanische Modell des Kniegelenks inklusive der zugehörigen Muskulatur und passiven Strukturen, die in der Realität auftre‐ tenden Belastungen und Kräfe „richtig“ (bzw. „genau genug“) schätzt, muss in umfangreichen Vorstudien (Modellvalidierung) ermittelt werden. Unabhängig von der Problematik der Modellgüte ist diese Studie insofern in ihrer Aussagekraft eingeschränkt, als dass nur eine einmalige Erhebung der Trittbewegung an beschwerdefreien Probanden durchgeführt wurde, welche nicht an die Nutzung ovaler Kettenblätter gewohnt war. Damit bleibt unklar, ob eine Gewöhnung an die Nutzung ovaler Kettenblätter womöglich andere 3.7 Bewegungswissenschaft (Christian Maiwald) 225 <?page no="226"?> Gelenkbelastungen erzeugt und ob die Gelenkbelastungen Ursache oder Folge von Beschwerden im Patellofemoralgelenk darstellen. Daran wird ein grundsätzliches Problem und Prinzip empirischer Forschung in der Bewegungswissenschaft sichtbar, das in allen empirisch arbeitenden Disziplinen gleichermaßen besteht: einzelne Studien erzeugen aufgrund ihrer Limitationen und begrenzten Aussagekraft niemals eine „endgültige“ Antwort auf die untersuchte Forschungsfrage. Derartige Antworten kristallisieren sich erst in Summe über zahlreiche, ähnlich gelagerte, manchal sogar wiederholte („replizierte“) Studien ab und bleiben insofern immer vorläufig, als dass sie lediglich den aktuellen Wissensstand beinhalten können. Praxisbeispiel 2: Innenaspekt von Bewegung im funktionalen Ansatz: Motorische Anpassungen durch visuelle Kontextinformationen beim 3-Punkt-Wurf im Basketball (Stöckel & Fries, 2013) Vor Saisonbeginn im Jahr 2010/ 11 wurde von der FIBA (Internationaler Bas‐ ketball-Verband) eine Regeländerung eingeführt, welche die Entfernung für 3-Punkte-Würfe von vormals 6,25 m auf nunmehr 6,75 m erhöhte. Eine Kon‐ sequenz dieser Regeländerung war, dass die alten Spielfeldmarkierungen der 3-Punkt-Linien durch neue in der entsprechenden Entfernung ersetzt wurden. Eine naheliegende Fragestellung der Sportpraxis betrifft die Auswirkungen die‐ ser Regeländerung auf die Trefferquoten bei 3-Punkt-Würfen. Gemäß der in der Motorikforschung in vergangenen Jahrzehnten oft referenzierten Schema- Theorie von Schmidt (1975) optimieren Expertinnen und Experten (damit sind in diesem Fall Athletinnen und Athleten mit mehr als 10-jähriger Erfahrung in der Ausübung einer Bewegungsform gemeint) einen Bewegungsablauf über zahlreiche Wiederholungen der Bewegungsausführung hinweg und speichern eine Art „Blaupause“ (Schema) ab, welche in der entscheidenden Situation schnell abgerufen werden kann und lediglich anhand der Umgebungswahrnehmung ak‐ tualisiert werden muss. Fraglich ist allerdings, welche Umgebungsinformationen hierzu genutzt werden. Basierend auf der Schema-Theorie ging man bis dato davon aus, dass eine An‐ passung der Wurfbewegung lediglich auf Grundlage der visuellen Wahrnehmung des Korbs sowie der darauf basierenden Distanzschätzung der Sportlerin oder des Sportlers erfolgt. Angenommen, die Spielerin oder der Spieler nutzt als Distanzinformation nicht die visuelle Wahrnehmung des Korbs selbst, sondern jene ihrer bzw. seiner eigenen relativen Position zur 3-Punkt-Linie (als bekannte und womöglich deutlich präzisere Distanzinformation! ), so wäre diese in der neuen Situation irreführend. Durch Verlegung der 3-Punkt Linie weg vom Korb ändert sich die visuelle Wahrnehmung der Distanz zum Korb zwar geringfügig, 226 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="227"?> die visuelle Wahrnehmung der Werferposition relativ zur 3-Punkte-Linie bleibt allerdings völlig identisch, obwohl sich diese nun in größerer Entfernung zum Korb befindet! Die Spielerin oder der Spieler würden einen Wurf von der vermeintlich bekannten 3-Punkt-Linie ausführen, obwohl sie bzw. er sich 50 cm weiter weg vom Korb befindet. Je nachdem, welche der Informationen (Korb oder relative Position zur Linie) die Spielerin oder der Spieler nutzt, müsste dies unterschiedliche Auswirkungen auf die Trefferquote haben. Diese Frage untersuchten Stöckel und Fries (2013) in einem Feldexperiment. Zentrale Frage war, welche der Informationen (Korb oder Relativposition zur 3-Punkte-Linie) für eine erfolgreiche Bewegungsausführung entscheidend ist. Als Hypothese wurde formuliert, dass zur erfolgreichen Anpassung der Wurfbewegung lediglich die Distanzinformation zum Korb relevant sei und die Information der Relativposi‐ tion zur 3-Punkte-Linie keine Rolle spiele. In der Studie wurden die Trefferquoten von 20 Basketballexperten sowohl aus der alten als auch neuen 3-Punkt-Entfernung untersucht. Würfe aus der neuen Entfer‐ nung wurden insofern variiert, als dass für diese Bedingung unterschiedliche vi‐ suelle Informationen bereitgestellt wurden: teilweise war ausschließlich die neue 3-Punkt-Linie als visuelle Orientierung zu sehen (d. h. Entfernungsbeurteilung ausschließlich über Wahrnehmung des Korbs möglich), andererseits wurde die alte 3-Punkt-Linie als zusätzliche visuelle Orientierungshilfe bereitgestellt. Die Autoren konnten zeigen, dass die Probanden aus der neuen 3-Punkt-Distanz nur dann eine konstante Wurfleistung aufwiesen, wenn die vertraute, alte 3-Punkt- Linie sichtbar war. War hingegen nur die neue 3-Punkt-Linie sichtbar, sank die Trefferquote der Spieler. Zudem zeigten weitere Auswertungen, dass die Bälle dann im Mittel zu kurz geworfen wurden. Im Vergleich zur Studie von Sinclair et al. (2018) erkennt man den fundamental anderen Zugang zum Gegenstand menschlicher Bewegung im Sport durch einen sportmotorisch orientierten Forschungsansatz (Innenperspektive auf das Zustan‐ dekommen der Bewegung). Für die Studie von Stöckel und Fries (2013) ist völlig irrelevant, ob sich die Bewegungsausführung des Sprungwurfs - beispielsweise hinsichtlich der Gelenkwinkelverläufe oder der beim Absprung gemessenen Kräfte - zwischen den Versuchsbedingungen ändert. Vielmehr sollen Antwor‐ ten darauf gegeben werden, wodurch sich die Bewegungsausführung ändert (indirekt erkennbar an der Trefferquote! ) und welche Aspekte möglicherweise entscheidend für eine gelungene Ausführung (d. h. Anpassung der Bewegungs‐ ausführung an veränderte Umgebungsbedingungen) sind. Dabei wurde in die‐ sem Fall mit theoretischer Vorarbeit und cleverer Versuchsanordnung operiert, eine Datenerhebung ähnlichen Umfangs wie in Sinclair et al. (2018) fand nicht statt. Dennoch gelingt es den Autoren, belastbare Aussagen zur Anpassung von Bewegungsausführungen von Experten zu treffen, die verallgemeinerbar sind. Allerdings unterliegt auch diese Studie ähnlichen Einschränkungen wie jene aus dem ersten Praxisbeispiel: ist die Erkenntnis womöglich spezifisch für Experten, 3.7 Bewegungswissenschaft (Christian Maiwald) 227 <?page no="228"?> und welche Auswirkungen hat diese Regeländerung bei „Laien“ mit weniger Bewegungserfahrung? Lassen sich die in der Studie beobachteten Effekte auch unter Wettkampfbedingungen replizieren? Auskunft darüber können nur weitere Studien geben, die die von Stöckel und Fries (2013) getroffenen Schlussfolgerun‐ gen etweder stützen oder aber auch in Frage stellen können. Kontrollfragen 1. Die Bewegungswissenschaft kann als integrative Wissenschaftsdisziplin charak‐ terisiert werden. Was ist unter einer solchen Charakterisierung zu verstehen? 2. Innerhalb der Bewegungswissenschaft existieren unterschiedliche Zugangs‐ perspektiven und Grundpositionen. Welche vier Ansätze werden in Anlehnung an Roth und Willimczik unterschieden und wie sind diese voneinander abzu‐ grenzen? 3. Die Bewegungsanalyse gilt als eine sehr allgemeine, zentrale Methode der Bewe‐ gungswissenschaft, die sich dabei sowohl auf den Außenals auch den Innenaspekt von Bewegung beziehen kann. Erläutern Sie die Unterscheidung zwischen Innen- und Außenaspekt sportlicher Bewegung. Welche Konsequenz hat diese Differen‐ zierung auf die Anwendung bewegungsanalytischer Techniken? 4. Zwei zentrale Datenerhebungsmethoden der Bewegungswissenschaft sind die Kinemetrie und die Dynamometrie. Charakterisieren Sie typische Frage‐ stellungen, welche mit diesen Methoden bearbeitet werden können. Wie lassen sich Kinemetrie und Dynamometrie gewinnbringend im schulischen Sportunterricht einsetzen? Literatur Birklbauer, J. (2006). Modelle der Motorik. 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Aus den beschriebenen Beispielen lassen sich zwei übergeordnete Fragen ableiten: 1. Welches sind die konkreten Ziele, die durch die Aufnahme eines Trainings verfolgt werden sollen? und 2. Wie ist das Training zu gestalten, um die gesetzten Ziele zu erreichen? Während die erste Frage den Anwendungsbereich von Training adressiert, ist die zweite Frage auf die Planung, Durchführung und Auswertung des Trainings ausgerichtet. Beide Fragen sind untrennbar miteinander verknüpft und bilden den übergeordneten Rahmen dessen, womit sich die Trainingswissenschaft beschäftigt. Lernziele ■ Die Leserinnen und Leser erfahren, mit welchen Phänomenen sich die Trai‐ ningswissenschaft beschäftigt und welche Themen aus ihrer Sicht relevant sind. ■ Sie erkennen, wie die Trainingswissenschaft entstanden ist, wie sie sich bis zum heutigen Stand entwickelt hat und welche Verbindungen zu ihrer Mutterwissenschaft bestehen. 230 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="231"?> ■ Sie lernen wissenschaftliche Zielsetzungen und Aufgaben der Trainings‐ wissenschaft kennen und reflektieren, mit welchen Theorien sich die Trai‐ ningswissenschaft den für sie relevanten Phänomenen und Themen nähert, welchen Problem-/ Fragestellungen sie sich widmet und welche Methoden dabei typischerweise zum Einsatz kommen. ■ Sie erfahren, in welchem Verhältnis die Trainingswissenschaft zur Sportpraxis steht, insbesondere welche Bedeutung die Sportpraxis ihren Forschungsergeb‐ nissen beimisst. 3.8.1 Einführung - Phänomene und Themen der Trainingswissenschaft Zum Gegenstand „Training“ Die Trainingswissenschaft trägt den zentralen Gegenstand ihrer wissenschaftlichen Bemühungen bereits im Namen: Training. Allerdings erfordert die vielfältige Verwen‐ dung des Begriffs eine inhaltliche Abgrenzung. Training ist für die Trainingswissen‐ schaft ausschließlich im Sportkontext von Interesse, so dass andere Verwendungszu‐ sammenhänge, beispielsweise beim Gedächtnis-, Manager- oder Anti-Gewalt-Training hier unberücksichtigt bleiben. Dabei wird der Sportbezug in erster Linie über die Ziele hergestellt, die durch Training erreicht werden sollen. Während die Trainings‐ lehre zunächst die Trainingsziele im Leistungssport verortet hat, wird aktuell in der Trainingswissenschaft durchgängig ein weiteres Begriffsverständnis proklamiert (Hohmann et al., 2020; Hottenrott & Neumann, 2010; Olivier et al., 2008; Schnabel et al., 2008; Martin et al., 1991). Bereits Ballreich und Kuhlow (1975) führten verschiedene Lernzielkategorien ein, unterschieden zwischen verschiedenen Könnens- und Interes‐ sensstufen und begründeten damit den „offenen“ Trainingsbegriff. „Training ist offen für alle, vom Anfänger über den Fortgeschrittenen bis zum Spitzensportler, vom Schüler über den Jugendlichen, den Aktiven bis zum Alters‐ sportler, für den, der seine Leistung steigern, für den, der seine Fitness erhalten aber auch für den, der sie wiederherstellen will“ (Hohmann et al., 2020, S.-14). Aus Perspektive einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit dem Gegenstand „Training“ lässt sich nach Hohmann et al. (2020, S. 14) für die Zielebene eine weitere Begriffsdifferenzierung vornehmen. Training kann im Kontext von Sport sowohl auf Ziele im Sport ausgerichtet sein, z. B. die Verbesserung der Wettkampfleistung, als auch auf solche Ziele, die durch Sport erreicht werden, z. B. die Reduktion des Körperge‐ wichts. Aus der Öffnung der Trainingswissenschaft für Anwendungsfelder außerhalb des Leistungssports leitet sich gleichzeitig eine Öffnung gegenüber außersportlichen 3.8 Trainingswissenschaft (Mark Pfeiffer) 231 <?page no="232"?> Zielen ab, wie sie beispielsweise im Integrations-, Schul- oder Abenteuersport verfolgt werden. Die besondere trainingswissenschaftliche Perspektive besteht in einer ganzheitli‐ chen Betrachtung des Trainings, die über die biologischen Anpassungsprozesse hinaus das menschliche Verhalten einschließlich des soziokulturellen Kontextes in den Blick nimmt. Mit diesem ganzheitlichen und umfassenden Trainingsbegriff grenzt sich die Trainingswissenschaft deutlich von anderen sportwissenschaftlichen Teildisziplinen wie der Sportmedizin oder der Sportpsychologie ab. Aus der Erweiterung der Begriffsbedeutung von Training ergeben sich weitrei‐ chende Konsequenzen für den Zuständigkeitsbereich der Trainingswissenschaft, die jedoch nicht von allen Fachvertreterinnen und -vertretern in dieser weitreichenden Form mitgetragen wird. Während Hottenrott und Neumann (2010) einen vergleichbar offenen Trainingsbegriff zugrunde legen, distanzieren sich andere Autoren hiervon und sehen die Ziele von Training ausschließlich in der Einwirkung auf die sportliche Leistung, die sportliche Leistungsfähigkeit, den Leistungszustand oder das sportmoto‐ rische Können (Martin et al., 1991; Schnabel et al., 2008; Olivier et al., 2008). Mit dieser Eingrenzung wird jedoch übersehen, dass dem Training als komplexem Handlungs‐ prozess in den wenigsten Szenarien eine eindimensionale Zielperspektive zugrunde liegt. Insbesondere in den Anwendungsfeldern außerhalb des Leistungssports, z. B. dem Schul-, Fitness- oder Gesundheitssport, besteht zumeist ein Geflecht aus unter‐ schiedlichen Zielen, deren Prioritäten sich unter Umständen im Trainingsverlauf auch verschieben können. Ferner lassen sich innerhalb eines Anwendungsfelds individuelle Unterschiede in der Zielhierarchie ausmachen (Schnabel, 2008b). Im Hinblick auf die forschungsstrategische Ausrichtung und damit das Selbstverständnis der Trainings‐ wissenschaft ist dies von richtungsweisender Bedeutung, nicht zuletzt deshalb, weil mit der Öffnung für sportexterne Ziele stärker Fragen der Prozessgestaltung in den Mittelpunkt des Interesses gerückt werden. „Training ist die planmäßige und systematische Realisation von Maßnahmen (Trainingsinhalte und Trainingsmethoden) zur nachhaltigen Erreichung von Zielen (Trainingszielen) im und durch Sport“ (Hohmann et al., 2020, S.-16). Planmäßig bezieht sich auf solche Maßnahmen, die längerfristig vorüberlegt und wissenschaftlich begründet oder zumindest erfahrungsgestützt sind. In der Planung werden ebenfalls Kontrollverfahren mitgedacht, um den Erfolg der realisierten Maß‐ nahmen im Hinblick auf die Zielerreichung zu überprüfen. Systematisch werden die Maßnahmen durchgeführt, wenn die Trainingsziele aus einer detaillierten Analyse des Anwendungsfelds abgeleitet werden (Zielkataloge) und zwar in einer ganzheitlichen und umfassenden Form. Trainingsinhalte und -methoden sind Merkmale zur Gestaltung des Trainings und müssen im Hinblick auf die Ziele bzw. Teilziele spezifiziert werden. Während mit den Inhalten die Art der Tätigkeit beschrieben wird, über deren Vollzug bestimmte Trainingsziele angesteuert werden, kennzeichnen die Methoden, wie die 232 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="233"?> Trainingsinhalte zielgerichtet gestaltet werden. Nach Martin et al. (1991, S. 34) betreffen Inhaltsentscheidungen das „Was? “, Methodenentscheidungen das „Wie? “ von Training. Über Trainingsziele wird der Anwendungsbereich definiert. Legt man konsequent einen offenen Trainingsbegriff zugrunde, bestehen hier keinerlei Einschränkungen, lediglich die Nachhaltigkeit der Ziele muss gegeben sein, d. h., sie müssen über das durchgeführte Training hinausgehen (Hohmann et al., 2020, S. 16). Trainingsziele im Sport sind auf die sportliche Leistungsfähigkeit oder die Wettkampfleistung ausgerichtet und dokumentieren eine leistungssportliche Orientierung. Das Leistungsniveau ist dabei von untergeordneter Bedeutung. Durch Sport verfolgte Trainingsziele sind primär aus dem jeweiligen Anwendungsfeld entlehnt. Insgesamt ist jedoch zu konstatieren, dass mit Training selten nur ein Ziel verfolgt wird, sondern sportinterne und -externe Ziele sich vor allem in Anwendungsfeldern außerhalb des Leistungssports gegenseitig bedingen können (Schnabel, 2008b, S. 17-18). Besteht beispielsweise das Ziel darin, gesundheitsfördernde Ressourcen zu stärken, das körperliche Wohlbefinden zu erhö‐ hen oder Aggressionen abzubauen, um die soziale Integration zu befördern, erfolgt dies im Allgemeinen über eine Steigerung der sportlichen Leistungsfähigkeit bzw. ist diese eine unabdingbare „Begleiterscheinung“, wenngleich dies nicht vorab als die primäre Zielstellung formuliert worden ist. Ausgehend von der dargestellten Begriffsverortung ist das Erkenntnisinteresse der Trainingswissenschaft zum einen auf die inhaltliche und methodische Gestaltung des Trainingsprozesses ausgerichtet, was sowohl die einzelne Trainingseinheit als auch den längerfristigen Trainingsaufbau betrifft. Zum anderen werden die Zielgrößen des Trainings, beispielsweise die sportliche Leistungsfähigkeit oder die Wettkampfleis‐ tung, zum trainingswissenschaftlichen Gegenstand erhoben. Selbstverständnis und Forschungsstrategien Für die Trainingswissenschaft im Sinne einer Wissenschaftsdisziplin mit eigenem Ge‐ genstand gibt es in der angloamerikanisch geprägten internationalen Wissenschafts‐ landschaft keine Entsprechung. Die thematische Breite des Gegenstands „Training“ wird international durch verschiedene Gebiete wie „Coaching“, „Exercise Physiology“, „Performance Analysis“, „Notational Analysis“, „Motor Control“, „Training and Tes‐ ting“, „Sports Biomechanics“ usw. abgedeckt, deren wissenschaftliche Bearbeitung zum Teil getrennt voneinander erfolgt. Dies ist vermutlich ein wesentlicher Grund dafür, dass bisher für die Trainingswissenschaft keine internationale Wissenschaftsorgani‐ sation existiert. In Westdeutschland wurde mit dem 1982 erschienen Band „Trainingswissen‐ schaft“ (Ballreich et al., 1982) eine Debatte zum Wissenschaftsverständnis der Trainingswissenschaft begonnen, die bis heute anhält (Lames et al., 2013). Anlass war die Feststellung, dass die Erforschung von Trainingsprozessen bis dato von verschiedenen Disziplinen mit ihrer je spezifischen Perspektive übernommen wurde, was im Ergebnis zu einer gewissen „Autonomie wissenschaftlicher Erklärungsmo‐ delle“ (Martin, 1993, S. 10) führte. Die weitgehend unabhängig voneinander gene‐ 3.8 Trainingswissenschaft (Mark Pfeiffer) 233 <?page no="234"?> rierten Erkenntnisse trugen durch additive Anordnung kaum zum Verständnis der komplexen Phänomene von Training bei. Folglich ist die interdisziplinäre Integra‐ tion von Teilaspekten anderer Wissenschaften seither ein zentrales Merkmal des Selbstverständnisses der Trainingswissenschaft. Sie impliziert eine umfassende, d. h. ganzheitliche Betrachtung des Trainings. Ungeachtet verschiedener Auffassungen in wissenschaftstheoretischen Detailfragen besteht heute weitgehend Konsens über die Einordnung der Trainingswissenschaft als integrative, empirische und angewandte Wissenschaft. Die integrative Funktion der Trainingswissenschaft lässt sich nach Hohmann (1999, S. 37) über eine Einordnung ihrer Aussagen auf einem Kontinuum „zunehmend komplexer Konstrukte“ mit den Polen molekularer Strukturen (Biologie, Chemie, Physik) und molarer praktischer Handlungskategorien (Sportpraxis) veranschaulichen (vgl. Abb. 3.8.1). Die vertikale Anordnung verweist auf die Mittlerfunktion der Trainingswissenschaft zwischen Basiswissenschaften und Trainingspraxis. Gleichzeitig werden trainingswis‐ senschaftliche Erkenntnisse auf einem mittleren Abstraktionsniveau verortet. Die horizontale Verknüpfung zu anderen sportwissenschaftlichen Teildisziplinen, die Aus‐ sagen zum sportlichen Training mit geringerem Abstraktionsniveau bereitstellen, dokumentiert den integrativen Anspruch der Trainingswissenschaft als „Querschnitts‐ wissenschaft“ (Hohmann, 1999, S.-38). Abb. 3.8.1: Die Trainingswissenschaft als integrative Wissenschaft zwischen Trainingspraxis und ausgewählten Basiswissenschaften (Hohmann, 1999, S.-38) 234 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="235"?> Mit der Charakterisierung als empirische Wissenschaft wird eine wissenschaftstheore‐ tische Position vertreten, wonach die Prüfung der zunächst hypothetischen Aussagen und Theorien an der Erfahrung, d. h. der Realität vorgenommen wird (Westermann, 2000, S. 203-210; Willimczik, 2002). Diese Prüfung erfolgt in der Regel durch den Ein‐ satz wissenschaftlicher Verfahren und Methoden, deren Anerkennung eine Konvention der jeweiligen Scientific Community darstellt. Mit diesem Kriterium grenzt sich die Trainingswissenschaft, vor allem historisch betrachtet, von der Trainingslehre ab (vgl. Kap.-3.8.3). Das Alleinstellungsmerkmal der Trainingswissenschaft gegenüber anderen sport‐ wissenschaftlichen Disziplinen ist die Beanspruchung einer dominanten Anwen‐ dungsorientierung. Sie kann nach Lames (1999, S. 49) als „Wissenschaft der Inter‐ ventionen im/ durch Sport“ bezeichnet werden. Den wichtigsten Ausgangspunkt trainingswissenschaftlicher Fragestellungen stellt der Handlungsprozess sportlichen Trainings dar. Damit nimmt die Umsetzbarkeit in der Trainingspraxis bei der Zielper‐ spektive trainingswissenschaftlicher Forschung eine führende Stellung ein (Lames et al., 2013). Die Ausrichtung von Forschungsstrategien in der Trainingswissenschaft, um das notwendige Wissen zur Fundierung von Training und Wettkampf zu generieren, ist eng verbunden mit ihrem Selbstverständnis. Hieraus abgeleitet wurden zunächst Methoden der Grundlagen- und Anwendungsforschung als zentrale Zugangsweisen zum Gegen‐ stand Training herausgestellt. Basierend auf einer differenzierten Kennzeichnung der Besonderheiten von Trainingsprozessen hat Lames (1999) die Evaluationsforschung als zu den beiden anderen Typen komplementäre Forschungsstrategie in die Trainings‐ wissenschaft eingebracht. „Die Aufgabe der wissenschaftlichen Fundierung praktischen Handelns im Sport kann nur durch den Einsatz eines Spektrums an Forschungsstrategien be‐ wältigt werden. Die einzelnen Strategien generieren verschiedene Formen von Wissen, haben eigene Methoden und jeweils eigene Qualitätsmaßstäbe. Es werden die Forschungsstrategien der Grundlagenforschung, Anwendungsforschung und Evaluationsforschung unterschieden“ (Hohmann et al., 2020, S. 32; Hervorhebun‐ gen im Original). Grundlagenforschung ist im allgemeinen Verständnis der Wissenschaft rein erkennt‐ nisorientierte Forschung mit dem Ziel, Hintergrundwissen zu fundamentalen Fragen und Problemstellungen einer Disziplin zu generieren. Sie fragt nicht nach dem Nutzen oder den Anwendungsmöglichkeiten ihrer Ergebnisse. In der Trainingswissenschaft ist hierfür ein breites Spektrum an gesichertem Hintergrundwissen sowohl zur Struk‐ tur der Trainingsziele als auch zu den grundlegenden Anpassungsmechanismen bei körperlicher Beanspruchung notwendige Voraussetzung. Während auf dem Gebiet der basalen Mechanismen der Trainingswirkung zentrale Forschungsarbeiten in den Basiswissenschaften geleistet werden (vgl. Abb. 3.8.1), liegen die Felder der 3.8 Trainingswissenschaft (Mark Pfeiffer) 235 <?page no="236"?> trainingswissenschaftlichen Grundlagenforschung vornehmlich in der Strukturierung von Zielgrößen sowie der Analyse von Trainingswirkungen. Theoretische Ansätze (Modellvorstellungen) werden u.-a. zu folgenden Themen entwickelt: ■ Talentforschung: Determinanten des sportlichen Talents einschließlich ihrer Wechselwirkungen (Talentkriterien); ■ Strukturierung sportlicher Leistungen (Leistungsdiagnostik): Komponenten/ Leis‐ tungsvoraussetzungen sportlicher Leistungen einschließlich deren Wechselwir‐ kungen und ihrer Leistungsrelevanz; ■ Trainingswirkungsanalyse: Modelle zur prozessualen Abbildung der Relation von Training und Leistung. Anwendungsforschung ist hingegen am praktischen Nutzen der Ergebnisse orientiert und leitet ihr Forschungs- und Erkenntnisinteresse aus alltäglichen gesellschaftlichen Problemen ab (Martin, 1993, S. 17-18). Hierfür ist sowohl Veränderungswissen als auch Optimierungswissen zu generieren (Auhagen & Bierhoff, 2003, S. 2). Beim Veränderungswissen geht es um die Frage, wie das Training zu gestalten ist, damit der erwünschte Effekt im Sinne des formulierten Trainingsziels eintritt. „Welche Form des Krafttrainings ist geeignet, die Maximalkraft zu steigern? “ Demgegenüber soll Optimierungswissen dazu beitragen, den Trainingsprozess derart zu gestalten, dass das Ziel entweder durch einen geringeren Ressourceneinsatz oder zeitlich früher als mit bisher überprüften Trainingsmaßnahmen erreicht wird: „Wie ist bei einem achtwöchigen Maximalkrafttraining die Pausenlänge zwischen den Serien zu gestalten, um einen möglichst großen Kraftzuwachs zu erzielen? “ Es gilt also, die Phänomene von Training zu beobachten, sie adäquat zu erfassen, zu erklären, vorherzusagen und daraus Handlungsempfehlungen für das Training abzuleiten. Evaluationsforschung kennzeichnet die systematische Anwendung wissenschaftli‐ cher Methoden zur Bewertung einer Intervention in Bezug auf ■ das Konzept (Sind die Maßnahmen aus nachvollziehbaren Annahmen abgeleitet? ), ■ die Implementation (Ist es gelungen, dieses Konzept in der Anwendungssituation umzusetzen? ), ■ die Wirksamkeit (Sind die erwünschten Wirkungen eingetreten und unerwünschte Nebenwirkungen ausgeblieben? ) und ■ die Effektivität (Wurden die erwünschten Effekte mit einem vertretbaren Aufwand erzielt? ) (Rossi & Freeman, 1993). Aus trainingswissenschaftlicher Sicht besteht das Ziel der Evaluationsforschung in der wissenschaftlichen Dokumentation und Bewertung von Trainingsmaßnahmen, und zwar aus ganzheitlicher Perspektive. Evaluative Forschungsansätze haben den Vorteil, dass mit ihnen inhaltliche, strukturelle und organisatorische Ebenen integrativ betrachtet werden können. Nach Lames (1999, S. 60) ist die Vielfalt der Ursachen, die Scheitern oder Gelingen einer Trainingsintervention beeinflussen, unter dem Paradigma der Evaluationsforschung besonders adäquat abzubilden. 236 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="237"?> Abschließend ist das Verhältnis von Trainingswissenschaft und Trainingslehre zu klären, weil 1. beide Begriffe sowohl im trainingspraktischen Handlungsfeld als auch in den sportwissenschaftlichen Studiengängen (einschl. der Lehrbücher zum Fach) Verwendung finden und 2. bisweilen der Unterschied zwischen beiden nicht deutlich genug herausgestellt wird (vgl. Abb. 3.8.2). Abb. 3.8.2: Wissensbestände von Trainingswissenschaft, Trainingslehre und Sportpraxis (Hohmann et al., 2010, S.-25) Trainingswissenschaft umfasst die Menge wissenschaftlich geprüfter Aussagen und Theorien zu den Gegenstandsbereichen Training, Leistung(-sfähigkeit) und Wett‐ kampf. Demgegenüber sammelt die Trainingslehre systematisch allgemeine handlungs‐ relevante Aussagen zum Training, sowohl aus wissenschaftlichen Beiträgen als auch aus Erfahrungswissen der am Trainingsprozess beteiligten Personen. Die Sportpraxis greift auf sämtliche handlungsrelevante Aussagen zurück, wissenschaftlich bewährt oder nicht, allgemeingültig oder einzelfallbezogen, soweit hierin eine Optimierung des eigenen Tuns gesehen wird. Abweichend von dieser Auffassung ist nach Hottenrott und Neumann (2010) die Trainingslehre ein Teil der Trainingswissenschaft, die „eine systematische Aufberei‐ tung aller handlungsrelevanten Aussagen für die Sportpraxis“ (Hottenrott & Neumann, 2010, S.-13) umfasst. 3.8 Trainingswissenschaft (Mark Pfeiffer) 237 <?page no="238"?> 3.8.2 Entstehung und Entwicklung der Trainingswissenschaft Die Entstehung einer Wissenschaft kann nicht an einem konkreten Ereignis festge‐ macht werden, vielmehr handelt es sich um einen Prozess, einen Weg, der anhand markanter Einflüsse und ausgewählter Meilensteine beschrieben werden kann. Das Verhältnis von Trainingswissenschaft und Trainingslehre besteht nicht nur in einer gemeinsamen Schnittmenge an Wissensbeständen, historisch gesehen ist die Trai‐ ningswissenschaft aus der Trainingslehre hervorgegangen. Die Trainingslehre hat ihren Ursprung in den sportartspezifischen Trainingskon‐ zepten erfolgreicher Trainerinnen und Trainer sowie Athletinnen und Athleten, den so genannten „Meisterlehren“ (Schnabel et al., 2008, S. 13). Nach Harre und Schnabel (1993, S. 25) waren es die in den 1930er Jahren entwickelten Ansätze der Leichtathletik, auf deren Grundlage Anfang der 1950er Jahre die Allgemeine Trainingslehre erarbeitet wurde. Diese frühen Arbeiten bestanden zunächst darin, die Aussagen der Meisterlehren zu systematisieren und die Erkenntnisse angrenzender Wissenschaften wie Biologie oder Medizin hinsichtlich ihrer Beitragsfähigkeit zum sportlichen Training zu prüfen. An der Trainerfakultät der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig wurde erstmals eine Lehrveranstaltung zur Allgemeinen Trainingslehre abgehalten, was eine leistungssportliche Ausrichtung implizierte. Mit der Aufnahme des Lehrgebiets in die Diplomsportlehrerausbildung an der DHfK 1955/ 56 und der Einrichtung eines Lehrstuhls für Allgemeine Theorie und Methodik des Trainings 1956 rückten neben dem Leistungssport auch erstmals weitere Anwendungsfelder, z. B. Schulsport, in den Blickpunkt des Fachs. Die zeitgleiche Entwicklung der Sportmedizin, mit Beiträgen zur strukturellen und funk‐ tionellen Anpassung bei körperlicher Beanspruchung, trug ebenfalls zur weiteren Ausarbeitung einer Trainingslehre bei. Sie wurde neben den naturwissenschaftlichen Disziplinen weiterhin von pädagogisch-didaktischen Positionen der Körper-/ Leibes‐ erziehung geprägt. Erste Ansätze einer eigenständigen Wissenschaftsdisziplin Trainingslehre bildeten sich Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre zunächst in der DDR, später auch in der BRD heraus. In der Zeit zwischen 1960 und 1980 erschienen im deutschsprachigen Raum zahlreiche Fachbücher zu Themen der Trainings. Die Orientierung an wissen‐ schaftstheoretischen Positionen und der Ausbau der empirischen Forschung führten Anfang der 1970er Jahre zum Gebrauch des Begriffs Trainingswissenschaft (Ballreich & Kuhlow, 1975). Nicht zuletzt aufgrund der Trennung von wissenschaftlich geprüften und nichtgeprüften Aussagen zum sportlichen Training wurde bis in die 1990er Jahre im akademischen Bereich (Fachbücher, Lehrveranstaltungen) - und wird manchen Orts noch heute - der Terminus „Trainingslehre“ verwendet. Mit der Gründung einer eigenständigen Sektion „Trainingswissenschaft“ in der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs) erfolgte 1992 die institutionelle Verankerung in der Wis‐ senschaftsorganisation. Nach Lames et al. (2013) hat sich die Trainingswissenschaft „neben der Sportpädagogik/ Sportdidaktik und der Sportmedizin als ein Kernstück der Sportwissenschaft und somit als Eckpfeiler der Grundausstattung eines universitären 238 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="239"?> Sportinstituts etabliert.“ Der Trainingswissenschaft ist es nach der Sportmedizin wohl am ehesten gelungen, auch in akademisch geprägte Einrichtungen außerhalb der Universitäten zu wirken. Neben den Olympiastützpunkten (OSP) zeigt sich dies am deutlichsten am Leipziger Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT), das seine trainingswissenschaftliche Ausrichtung durch die prägnante Namensgebung dokumentiert. 3.8.3 Themenfelder, Theorien und Methoden der Trainingswissenschaft Mit der definitorischen Abgrenzung des Trainingsbegriffs wurde zunächst der überge‐ ordnete Rahmen dessen, womit sich die Trainingswissenschaft beschäftigt, abgesteckt. Dabei wurde mit der inhaltlichen und methodischen Gestaltung des Trainings die Prozessebene angesprochen, die Trainingsziele kennzeichnen die Produktebene. Auf der Produktebene haben solche Ziele, die auf eine Beeinflussung der sportlichen Leis‐ tungsfähigkeit zum Zweck der Präsentation in einem sportlichen Wettkampf abzielen (Wettkampfleistung), eine besondere Bedeutung (Ziele im Sport). Bewährungssituatio‐ nen dieser Art existieren ausschließlich im Anwendungsfeld des leistungsorientierten Sports, und zwar unabhängig vom individuellen Leistungsniveau. Training und Wett‐ kampf bedingen sich dabei einander (Thieß, 1994, S. 6). Hiervon zu unterscheiden sind Ziele im Sport, die nicht auf die Leistungserbringung in einem Wettkampf ausgerich‐ tet sind, aber dennoch darauf abzielen, auf einzelne Komponenten der sportlichen Leistungsfähigkeit einzuwirken oder dieses zumindest bedingen wie beispielweise im Fitness- oder Freizeitsport. Von den bisher genannten Zielkategorien lassen sich die Ziele durch Sport abgrenzen, welche im außersportlichen Anwendungsfeld angesiedelt sind und sich explizit nicht auf Aufgaben im Sport beziehen. Beispiele hierfür finden sich u. a. im Schulsport (erzieherische Ziele, z. B. Steigerung des Selbstwertgefühls, Vermittlung sozialer Kompetenzen) oder Gesundheitssport (z. B. Erhalt oder Steigerung der Lebensqualität). Wie eingangs beschrieben, kann in diesen Fällen die Erreichung des Trainingsziels von einer Veränderung der sportlichen Leistungsfähigkeit begleitet oder hierdurch „vermittelt“ sein. Soll beispielsweise durch sportliches Training das Körpergewicht reduziert oder das Selbstwertgefühl gesteigert werden, dann hat dies Effekte auch auf die sportliche Leistungsfähigkeit. Abschließend sei darauf hingewie‐ sen, dass mit dem Training häufig mehrere Ziele verfolgt werden, entweder gleichzeitig oder in zeitlicher Abfolge. Eine generelle Priorisierung ist häufig nur bedingt möglich bzw. sinnvoll. Wie die bisherigen Ausführungen verdeutlichen, erfolgt die Erreichung der Trai‐ ningsziele, ob im Sport oder durch Sport, mehrheitlich über eine trainingsinduzierte Veränderung der sportlichen Leistungsfähigkeit. Für eine wissenschaftliche Fundie‐ rung des sportlichen Trainings ist es daher unerlässlich, die sportliche Leistungsfä‐ higkeit genauer zu charakterisieren und von anderen Begriffen wie beispielsweise der sportlichen Leistung abzugrenzen. In Anlehnung an die „Grand Unified Theory 3.8 Trainingswissenschaft (Mark Pfeiffer) 239 <?page no="240"?> of Sports Performance“ von Glazier (2017) haben Hohmann et al. (2020) ein integra‐ tives Modell der sportlichen Leistung in die Diskussion eingebracht, welches den multifaktoriellen Charakter abbildet. Das Modell wurde mit dem Bereich „Training“ erweitert und dient nachfolgend als Konvergenzbasis für die Verortung der trainings‐ wissenschaftlichen Gegenstandsbereiche. Die sportliche Leistung ist Prozess und Er‐ gebnis einer sportlichen Tätigkeit, bewertet bzw. gemessen an sozial determinierten Normen oder anhand individuell definierter Kriterien. Die Einbeziehung individueller Beurteilungskriterien stellt im Vergleich zu den existierenden Begriffsbestimmungen dahingehend eine Öffnung dar, dass beispielsweise die wöchentlich Laufrunde im Freizeitsport (mit dem Ziel der Verbesserung der Ausdauerleistung) genauso wie die Wettkampfsimulation im Schwimmsport oder der Weitsprung im Schulsport eine sportliche Leistung darstellt. Die in einem Wettkampf erbrachte sportliche Leistung wird begrifflich als Wettkampfleistung abgegrenzt. Aus der Übertragung des ökologischen Ansatzes von Newell (1986) auf die sportliche Leistung folgt, dass diese weniger als Ergebnis des Zusammenwirkens einzelner Fähigkeiten aufgefasst wird als vielmehr als eine Konsequenz der vorliegenden Bedin‐ gungen („constraints“). Bedingungen sind personelle Merkmale oder Eigenschaften, Umweltfaktoren und Spezifika der Bewegungsaufgabe, welche relativ zeitabhängig oder -überdauernd sein können (Hohmann et al., 2020). Mit den personellen Bedingun‐ gen sind vor allem die individuellen Voraussetzungen gemeint, welche die Qualität der Aufgabenlösung ganz wesentlich bestimmen. Diese in Leistungskomponenten zusam‐ mengefassten Persönlichkeitseigenschaften werden als sportliche Leistungsfähigkeit bezeichnet. Es handelt sich um ein latentes Konstrukt, welches über die Lösung einer sportlichen Aufgabe unter den gegebenen äußeren Rahmenbedingungen auf der Verhaltensebene als sportliche Leistung „sichtbar“ wird. Für die Trainingswissenschaft, mit ihrem Markenkern der integrativen Beschäftigung mit Fragen des sportlichen Trainings, ist die sportliche Leistungsfähigkeit die zentrale Zielkategorie. Sportliches Training kann lediglich den individuellen Ausprägungsgrad der einzelnen Komponen‐ ten dieser Fähigkeit beeinflussen und damit nur „indirekt“ auf die Qualität der Lösung einer sportlichen Aufgabe, d. h. die sportliche Leistung einwirken. Die beschriebenen Zusammenhänge lassen sich in einem Rahmenmodell darstellen, in dem das integrative Modell der sportlichen Leistung durch das sportliche Training (inkl. der Trainingsziele) und den Wettkampf als besondere Bewegungsaufgabe erweitert wird (Abb. 3.8.3). In dieser Rahmung sind die drei Gegenstandsbereiche der Trainingswissenschaft und deren Verbindungen verortet: das sportliche Training, die sportliche Leistungsfähigkeit und der sportliche Wettkampf. 240 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="241"?> Abb. 3.8.3: Integratives Modell der sportlichen Leistung mit Verortung der drei trainingswissenschaft‐ lichen Gegenstandsbereiche: Training, Leistungsfähigkeit und Wettkampf Wechselwirkungen zwischen Training, Leistungsfähigkeit und Wettkampf In den bisherigen Ausführungen wurde mehrfach hervorgehoben, dass Training immer auf die Erreichung eines bestimmten Ziels im oder außerhalb des Wettkampfes ausgerichtet ist. Betrachtet man den Trainingsprozess etwas differenzierter, zeigt sich, dass zwischen den drei Gegenstandsbereichen verschiedene Wechselwirkungen bestehen. Training kann entweder im Hinblick auf die sportliche Bewährungssituation Wettkampf oder die zeitlich überdauernde Veränderung der sportlichen Leistungsfä‐ higkeit durchgeführt werden (Hohmann et al., 2010, S. 29) (Abb. 3.8.4). Aus den im Wettkampf zu bewältigenden Aufgaben leiten sich die Anforderungen an die sportliche Leistungsfähigkeit ab, die somit Voraussetzungen für die Erbringung der Wettkampfleistung definieren. 3.8 Trainingswissenschaft (Mark Pfeiffer) 241 <?page no="242"?> Training Leistungsfähigkeit Wettkampf Steuerinstrument Trainingsziele Abb. 3.8.4: Wechselwirkungen zwischen den Gegenstandsbereichen der Trainingswissenschaft (nach Hohmann et al., 2020, S.-31) Neben ihrer sportpraktischen Bedeutung stellen diese Wechselwirkungen aus Sicht der Trainingswissenschaft eine besondere Herausforderung dar, weil bei deren Erfor‐ schung „in der Regel multivariat, nicht univariat, und prozessanalytisch, nicht status‐ diagnostisch, vorgegangen werden muss“ (Hohmann et al., 2010, S. 32). Ein Blick in die Publikationslandschaft zeigt, dass diese Herausforderung vor allem bei der Prozessana‐ lyse nur von einem verschwindend geringen Teil der Trainingswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler angenommen wird. Dabei sind für eine ganzheitliche Betrachtung von Training gerade die Prozesse zwischen den Gegenstandsbereichen besonders von Interesse. So wie bei der Trainingswirkungsanalyse, wo zur Untersuchung der Relation von Trainingsverlaufs- und Leistungsverlaufsdaten zeitorientierte Prozessmodelle erfolgreich in verschiedenen Sportarten eingesetzt wurden (Banister, 1982; Taha & Thomas, 2003; Pfeiffer, 2008; Thomas et al., 2009; Perl & Pfeiffer, 2011; Matabuena & Rodríguez-López, 2019). Um das komplexe Wirkungsgefüge von Training, Leistung (einschließlich Leistungsfähigkeit) und Wettkampf ganzheitlicher zu betrachten, bie‐ tet sich als Forschungsstrategie die Evaluationsforschung an. Nachfolgend werden typische Themenfelder und Forschungsmethoden der drei Gegenstandsbereiche be‐ schrieben, wobei das Training als zentraler Gegenstand der Trainingswissenschaft umfassender behandelt wird. 242 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="243"?> 26 Hier werden ausschließlich grundlegende Theorien und Modelle des Trainings erörtert. Die inhaltliche und methodische Spezifizierung im Hinblick auf eine Zielgröße ist dem Gegenstandsbereich „sportliche Leistungsfähigkeit“ zugeordnet. Training 26 In der Trainingswissenschaft wurde das Belastungs-Beanspruchungs-Paradigma der Arbeitswissenschaft aufgegriffen, um Modellansätze zum sportlichen Training zu entwickeln (u. a. Schlicht, 1992; Olivier, 2001). Mit der Übernahme dieses Konzepts lassen sich in Anlehnung an Hohmann et al. (2020) Theorien und Modelle zum sport‐ lichen Training danach unterscheiden, ob sie die Belastung (Außenperspektive) oder die Beanspruchung (Innenperspektive) betreffen. Ein weiterer Arbeitsschwerpunkt der Trainingswissenschaft besteht in der Untersuchung von Trainingsmethoden zu verschiedenen Leistungsvoraussetzungen. Außenperspektive der Trainingssteuerung Hier stehen die operativen Interventionsstrategien, d. h. sämtliche Fragen der Gestal‐ tung des Trainingsprozesses im Vordergrund. Dieser Bereich wird in der Trainings‐ wissenschaft als Trainingssteuerung bezeichnet. Sie umfasst alle kurz-, mittel- und lang‐ fristigen Planungs-, Trainings-, Kontroll- und Lenkungsmaßnahmen zur Erreichung der Trainingsziele (Martin et al., 1991, S. 29; Berger, 2008, S. 399; Hottenrott & Neumann, 2010, S. 244; Hohmann et al., 2020, S. 207-208; Olivier et al., 2008, S. 56; Ferrauti, 2020). Modelle zur Trainingssteuerung sind überwiegend einem kybernetischen Ansatz verpflichtet, wonach der Ablauf des Trainingsprozesses mit Hilfe eines Regelkreises beschrieben wird. In Anlehnung an technische Regelkreise (z. B. ein Thermostat) wird davon ausgegangen, dass sich die sportliche Leistung durch die Stellgröße „Training“ exakt regeln lässt, auch wenn im Vergleich zum technischen Vorbild im Training erheblich mehr unvorhersehbare Einflüsse (Störgrößen) wirken. Der Regelkreis der Trainingssteuerung beginnt mit der Trainingsplanung, die u. a. den Sollwert vorgibt. Anschließend erfolgt die Trainingsdurchführung mit dem Ziel, auf die Leistung/ Leistungsfähigkeit einzuwirken. Über die nachgeschaltete Trainingskontrolle werden relevanten Informationen des realisierten Trainings erfasst und für die Trainingsauswertung (Soll-Ist-Vergleich) aufbereitet (Hoh‐ mann et al., 2020, S. 208). Die Ergebnisse der Trainingsauswertung wirken auf die Trainingsplanung in der Art, dass im Fall der Deckung von Soll- und Istwert die Vorabplanungen bestätigt und bei Abweichungen diese korrigiert werden. Darüber hinaus können aus der Trainingsauswertung konkrete Empfehlungen für die zukünftige Planung des Trainings abgeleitet werden (vgl. Abb. 3.8.5). 3.8 Trainingswissenschaft (Mark Pfeiffer) 243 <?page no="244"?> Abb. 3.8.5: Modell der Trainingssteuerung (nach Hohmann et al., 2020, S.-215) Allerdings zeigen die Erfahrungen, dass eine präzise Steuerung von Leistungskenngrö‐ ßen - wenn überhaupt - nur bei entsprechender Reduktion auf einzelne Teilprozesse und gleichzeitigem Ausschluss trainingstypischer Störgrößen gelingt. Die kyberne‐ tische Betrachtungsweise beschränkt sich wohl auch deshalb weitgehend auf die Übernahme metatheoretischer Grundgedanken, im Wesentlichen wird auf der Ebene von Strukturmodellen argumentiert. Dafür gibt es mehrere Gründe: ■ Anpassungsprozesse infolge körperlicher Belastungen sind dynamisch, d. h. An‐ passungen erfolgen zeitlich verzögert und identische Reizreplikationen induzieren beim Trainierenden aufgrund des veränderten Leistungszustands kaum identische Beanspruchungen (intraindividuelle Variabilität). ■ Anpassungsprozesse verschiedener Personen können sowohl hinsichtlich der Ausprägungsqualität und -quantität als auch hinsichtlich der zeitlichen Dimension eine hohe Variation aufweisen (interindividuelle Variabilität). ■ Auch bei einem systematischen Trainingsaufbau werden die physiologischen Anpassungsmechanismen nur selten isoliert ausgelöst, d. h. Trainingsinterventio‐ nen wirken auf das „Gesamtsystem“ des Trainierenden und damit zeitgleich auf unterschiedliche motorische und psychische Dimensionen. Aus den genannten Gründen besteht zwischen dem Training - in Form der Trainingsbe‐ lastung oder -beanspruchung - und der sportlichen Leistung oder deren Komponenten eine nichtlineare Beziehung. Damit ist der kybernetische Ansatz mit den vorgelegten linearen und deterministischen Modellen für das Verstehen und Erklären so komplexer menschlicher Verhaltensweisen unzureichend (Tschacher & Brunner, 1997; Kriz, 1999). Allein die große Zahl verschiedener Anpassungssysteme bis auf die Zellebene hinab 244 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="245"?> 27 Hier wird von der ursprünglichen Bezeichnung „Superkompensation“ abgewichen, da Anpassungen auf energetischer Ebene vielfältig und nicht in ihrer Gesamtheit mit diesem biologischen Modell erklärt werden können. Mit „Adaptation“ wird sich der Terminologie von Hohmann et al. (2020, S. 193) angeschlossen. verdeutlicht die Begrenzung linear-deterministischer Ansätze zur Beschreibung und Erklärung menschlicher Anpassungsprozesse (Mester & Perl, 2000; Gerok, 1989). Die aufgrund dessen in vielen Natur- und Sozialwissenschaften eingekehrte Betrach‐ tungsweise der beforschten Phänomene als komplexe dynamische Systeme und der damit verbundene Paradigmenwechsel von linearen zu nichtlinearen mathematischen Modellen wurde jüngst von Lames (1996) und Hohmann et al. (2020) als „ganzheitliche Perspektive“ in die Trainingswissenschaft eingebracht. Seither wurden systemdynamische Ansätze auch von anderen Autorinnen und Autoren aufgenommen (Hottenrott & Neumann, 2010, S. 257; Hoffmann, 2008, S. 436-437). Insgesamt muss jedoch konstatiert werden, dass die systemdynamische Betrachtungsweise zwar als vielversprechend für die Analyse von Trainingsprozessen angesehen werden muss, die vorgelegten Ansätze bislang jedoch nicht über eine Beschreibung grundlegender Gedanken und Begrifflichkeiten hinausgehen. Die Übertragung auf den gesamten Komplex der Trainingssteuerung einschließlich der empirischen Überprüfung hat sich zu einer lohnenswerten Forschungsaufgabe entwickelt und kann erste Ergebnisse aufweisen (u. a. Rasche & Pfeiffer, 2018 zum Thema Trainings‐ wirkungsanalyse, Memmert et al., 2017 zur Spielanalyse oder Pfeiffer & Endler, 2023 zur Simulation physiologischer Anpassungsprozesse). Innenperspektive des Trainings Im Mittelpunkt der Betrachtungen stehen hier funktionelle und strukturelle Anpassungs‐ vorgänge im Trainierenden, die für die Leistungsveränderungen verantwortlich sind. In Anlehnung an Schnabel (2008b, S. 60-62) sind hierbei zwei zentrale Mechanismen der Anpassung zu unterscheiden. Leistungsveränderungen durch Informationsorganisation beziehen sich auf die durch Training hervorgerufene funktionelle Höherorganisation bewegungskontrollierender Funktionssysteme. Demgegenüber werden Leistungsverän‐ derungen durch Adaptation 27 abgegrenzt. Sie basieren auf einer morphologisch-funktio‐ nellen Anpassung energieliefernder und energieübertragender Funktionssysteme. Leistungsveränderung durch Informationsorganisation: Erfahrungsabhängige und überdauernde Veränderungen organismischer Teilsysteme und -prozesse der Bewe‐ gungsinitiierung und -kontrolle werden als Informationsorganisation bezeichnet (Schnabel, 2008a, S. 61). Diese - auf die Leistungskomponenten „Technik“ und „Taktik“ bezogenen - Veränderungsprozesse sind bei der trainingswissenschaftlichen Betrach‐ tung zum sportlichen Training gesondert zu behandeln, da sie entgegen der energe‐ tisch-organischen Adaptation keine reaktiven Prozesse darstellen, sondern aktive Züge tragen. Die theoretischen Grundlagen zur Beschreibung und Erklärung dieser Phäno‐ mene stammen mehrheitlich aus Bewegungswissenschaft, Psychologie, Physiologie und Biomechanik. Im Einzelnen sind hier Modelle zur motorischen Kontrolle, zum motorischen Lernen (z. B. Programmtheorien, Informationsverarbeitungsansätze) und 3.8 Trainingswissenschaft (Mark Pfeiffer) 245 <?page no="246"?> 28 Eine kritische Diskussion führt Tschiene (2006). zum Entscheidungsverhalten (z. B. Motivationsmodelle, Erwartungs-Wert-Theorien) zu nennen. Hohmann et al. (2020, S. 204-206) schlagen als gemeinsame Konvergenz‐ basis zur Erklärung von Veränderungen im Bereich der Informationsorganisation das Modell der antizipativen Verhaltenskontrolle von Hoffmann (1993) vor. Leistungsveränderung durch Adaptation: Zur Erklärung grundlegender physiologi‐ scher Adaptationsmechanismen entwickelte die Trainingswissenschaft verschiedene Theoriepositionen, von denen das Modell der Superkompensation den größten Bekannt‐ heitsgrad erworben hat. Es gründet im Wesentlichen auf dem biologisch-medizinischen Ansatz, wonach körperliche Belastung zu einer Funktionsminderung (Ermüdung) und zu einer Restitution (Wiederherstellung) führt, die in verschiedenen biologischen Systemen unterschiedliche Zeitverläufe aufweisen können (Dickhuth & Gollhofer, 2007, S. 30). Um sich durch Training auf ein geändertes Homöostaseniveau, d. h. in Richtung einer geänderten Leistungsfähigkeit zu bewegen, erfolgt im Anschluss an die Restitution bei manchen physiologischen Teilsystemen eine positive Adaptation. Ausgehend vom Phänomen der gegenüber Abbauprozessen potenziell intensive‐ ren Erholungsprozesse wurde von Jakowlew (1977) das Modell der Superkompen‐ sation begründet, mit dem die überschießende Adaptationsreaktion des Organis‐ mus nach Belastung beschrieben wird. Die Modellannahme der Superkompensation konnte anhand verschiedener physiologi‐ scher Parameter nachgewiesen werden (Costill et al., 1988; Schmidt, 1999; Goto et al., 2005). Auch für Kenngrößen der sportlichen Leistungsfähigkeit konnte gezeigt werden, dass sich infolge isolierter, intensiver Trainingsbelastungen entsprechend der Modellvorstellung im Anschluss an die beanspruchungsbedingte Leistungsminderung kurzfristig eine Leis‐ tungserhöhung über das Ausgangsniveau einstellt (Clijsen et al., 1988). Nachdem das Phänomen der Superkompensation auch bei mittelfristig verzögerten Trainingseffekten (z. B. dem Effekt summierter Wirksamkeit) auftritt (Costill et al., 1991; Costill, 1999; Weineck, 1997), wurde der Gegenstandsbereich des Modells in der Vergangenheit bisweilen deutlich überstrapaziert und das organisch-biochemi‐ sche Phänomen zu einem Grundprinzip des Trainings erhoben. Mit zunehmender Forschungstätigkeit auf dem Gebiet der Trainingswirkungsanalyse kam es zu größerer Kritik am Superkompensationsmodell und kontroversen Diskussionen (Martin et al., 1991; Friedrich & Moeller, 1999; Mester & Perl, 2000). 28 Insbesondere verstellt die in den Superkompensationsmodellen dominierende kurzfristige Betrachtung der Leistungsentwicklung den Blick für die langfristigen Trainingswirkungen, die eher durch Verlaufskurven mit Stagnationsphasen und Deckeneffekten oder plötzlichen Leistungseinbrüchen und Leistungssprüngen zu beschreiben sind. Ausgehend von einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Superkompensations‐ modell stellen Martin et al. (1991, S. 95) mit dem Modell der individuellen Funktionska‐ 246 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="247"?> pazität einen trainingswissenschaftlichen Ansatz zur Diskussion. Belastungen werden modellseitig als optimal angesehen, „wenn die aktuellen Funktionsreserven bis in die Nähe der aktuellen Funktionskapazität beansprucht werden“ (Martin et al., 1991, S. 95). Integrative Ansätze zu Adaptation und Informationsorganisation: Im Mittelpunkt des Vier-Stufen-Modells der Anpassung von Neumann, Pfützner und Berbalk (2005, S. 37-44) stehen überwiegend energetisch-organische Adaptationsprozesse beim Aus‐ dauertraining, allerdings werden auch Aspekte der Bewegungssteuerung modellseitig abgebildet. In der ersten Anpassungsstufe (7.-10. Tag) werden die Bewegungspro‐ gramme verändert, worauf in der nächsten Stufe die Vergrößerung der Energiespeicher folgt (10.-20. Tag). Die umgebauten und neu gebildeten Strukturen werden nun in der dritten Anpassungsstufe (20.-30. Tag) im Hinblick auf die sportartspezifischen Anforderungen optimiert, bevor in der letzten Stufe (30.-40. Tag) die Koordinierung aller leistungsbeeinflussenden Systeme verbessert wird. In der Beanspruchungstheorie sportlichen Trainings (Olivier et al., 2008, S. 27) werden mit Bezug zu einem ressourcentheoretischen Ansatz beide Anpassungsmechanismen vollständig integriert (vgl. Abb. 3.8.6). Abb. 3.8.6: Die wichtigsten Elemente und Beziehungen für ein Beanspruchungsmodell sportlichen Trainings und Wettkampfs; a) Ressourcenauswahl und -einsatz, b) Ressourcenveränderungen (Olivier et al., 2008, S.-28, 33) 3.8 Trainingswissenschaft (Mark Pfeiffer) 247 <?page no="248"?> Zwar wurde bislang der wissenschaftliche Erklärungsgehalt des ressourcentheoretisch begründeten Beanspruchungsmodells sportlichen Trainings im Rahmen trainingswis‐ senschaftlicher Forschung noch nicht umfassend überprüft, mit der Integration der beiden Mechanismen der Leistungsveränderung „Adaptation“ und „Informationsorga‐ nisation“ stellt dies jedoch einen lohnenden Ansatz dar. Untersuchung von Trainingsmethoden Neben den Modellvorstellungen zur Außenperspektive der Trainingssteuerung und zur Innenperspektive des Trainings besteht eine weitere zentrale Aufgabe der Trainings‐ wissenschaft in der Entwicklung, Evaluation und Optimierung von Trainingsmethoden zur nachhaltigen Veränderung von Komponenten sportlicher Leistungsfähigkeit (vgl. Tab. 3.8.1). Es existiert eine Vielzahl an Publikationen, die sich ausschließlich mit dem Training einzelner Leistungskomponenten oder -voraussetzungen beschäftigen (Ausdauertraining, Krafttraining, Techniktraining, Schnelligkeitstraining usw.) und zum Teil ihrerseits das Thema mit einer zielgruppenspezifischen Ausrichtung ein‐ schränken. Aktuelle Themen der trainingswissenschaftlichen Forschung sind z. B. im Ausdauertraining das High-Intensity-Training (HIT) (Wahl et al., 2010; Gibala at al., 2012), im Krafttraining die Nicht-Lineare Periodisierung (Kraemer & Fleck, 2007), die Elektromyostimulation (EMS), das Vibrationstraining (Friedmann, 2007), Einsatzvs. Mehrsatz-Training (Fröhlich et al., 2010) oder im Techniktraining das Differenzielle Lernen (Schöllhorn et al., 2009; Frank et al., 2008; Hossner & Künzell, 2012). Die zur Erfassung von Trainingsdaten eingesetzten Forschungsmethoden lassen sich in Anlehnung an das Belastungs-Beanspruchungskonzept wie folgt unterschei‐ den. Die Trainingsbelastungen können zum einen über quantitative Angaben zu vorher festgelegten Kategorien (Trainingsbelastungen, Trainingsbeanspruchungen, Trainingsinhalten, Trainingsmethoden usw.), d. h. anhand von Befragungen, erfasst werden. Zum anderen besteht für bestimmte Trainingsinhalte und -formen die Möglichkeit, anhand biomechanischer Messmethoden (Dynamometrie, Kinemetrie) physikalische Belastungskenngrößen wie Geschwindigkeiten, Newton-Sekunden (Ns) oder Watt-Sekunden (Ws) zu erheben (z. B. das SRM-Trainingssystem im Radsport). Zur Beschreibung der trainingsinduzierten Beanspruchung können zum einen leis‐ tungsphysiologische Parameter wie die Herzfrequenz oder Herzfrequenzvariabilität erfasst werden. Zum anderen hat sich in vielen Studien gezeigt, dass psychologische Fragebogeninventare zum subjektiven Belastungsempfinden eine ökonomische und valide Methode zur Abbildung des individuellen Beanspruchungsniveaus darstellen. Die fortwährende Weiterentwicklung der Methodologie, nicht nur im Bereich des Trainings, ist eine zentrale Aufgabe trainingswissenschaftlicher Forschung. Leistungsfähigkeit Das sportliche Training zielt auf eine Modifikation personeller Leistungsvorausset‐ zungen und damit die sportliche Leistungsfähigkeit ab (vgl. Abb. 3.8.3), weshalb für 248 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="249"?> die wissenschaftliche Fundierung von Handlungsanweisungen deren Strukturierung unerlässlich ist. Die sportliche Leistungsfähigkeit umfasst die Gesamtheit der personalen Leistungs‐ voraussetzungen (Komponenten), welche in die Bewältigung einer sportlichen Aufgabe eingebracht werden. Mit Verweis auf die hauptsächlich beanspruchten Strukturen lassen sich in einem Modell der sportlichen Leistungsfähigkeit die vier Voraussetzungskomponenten Kon‐ stitution, Kondition, Koordination/ Technik und Handlungskompetenz (einschl. Taktik) voneinander abgrenzen (Hohmann et al., 2020; Schnabel, 2008b) (Tab. 3.8.1). Komponenten der Leistungs‐ fähigkeit (Voraussetzungs‐ komplexe, Faktoren) Leistungsvoraussetzungen und spezielle Themen Kondition Leistungsvoraussetzungen: ■ Ausdauer ■ Kraft ■ Schnelligkeit ■ Beweglichkeit Koordination und Technik ■ koordinative Fähigkeiten ■ koordinatives Anforderungsprofil (u.-a. Koordinati‐ ons-Anforderungs-Regler nach Neumaier, 2006) ■ sportliche Technik/ sporttechnische Fertigkeiten Handlungskompetenz (Taktik und psychische Eigenschaften) ■ Strategie und Taktik ■ Modelle/ Struktur taktischer Handlungen und Ent‐ scheidungen Tab. 3.8.1: Komponenten der Leistungsfähigkeit mit Leistungsvoraussetzungen und typischen trai‐ ningswissenschaftlichen Themen Eine originär trainingswissenschaftliche Aufgabe besteht darin, die Wechselbeziehun‐ gen bzw. das Verhältnis von sportlicher Leistung und sportlicher Leistungsfähigkeit aufzuklären. Dies erfolgt über die Strukturierung der sportlichen Leistung, indem die leistungsbeeinflussenden Faktoren und deren Wechselbeziehungen identifiziert und in einem Modell abgebildet werden (Schnabel, 2008b, S. 45; Hohmann et al., 2020). Die Leistungsstruktur kennzeichnet den inneren Aufbau der sportlichen Leistung bzw. - im Falle der Leistungserbringung in einem Wettkampf - der Wettkampfleistung. Von herausragender Bedeutung sind die in der sportlichen Leistungsfähigkeit zusammen‐ gefassten individuellen Leistungsvoraussetzungen Die wissenschaftliche Herausforderung besteht dabei darin, die verschiedenen horizontalen (zwischen Leistungskomponenten bzw. -voraussetzungen) und vertikalen (zwischen Leistungskomponenten und Wettkampfleistung bzw. Leistungsvorausset‐ zungen und Leistungskomponenten/ Wettkampfleistung) Wechselbeziehungen mög‐ lichst genau zu beschreiben. Leistungsstrukturmodelle können somit dazu beitragen, Leistungsunterschiede zwischen einzelnen Sportlerinnen und Sportlern oder zwischen 3.8 Trainingswissenschaft (Mark Pfeiffer) 249 <?page no="250"?> Sportlergruppen zu erklären. Warum ist es dem einen Sportler möglich, 10.000m in einer Zeit von 30 min. zurückzulegen, während andere für dieselbe Strecke mehr als 45 min. benötigen? Worin unterscheiden sich Bundesligahandballerinnen von solchen der Regionalligateams? Zur Beantwortung derartiger Fragen werden Modelle mit empirischer Prüfung benö‐ tigt, die den Einfluss der Leistungskomponenten und der Leistungsvoraussetzungen auf die Wettkampfleistung (Zielgröße, Kriterium) im Blick haben. Auf der Grundlage dieser leistungsstrukturellen Befunde lassen sich konkrete Handlungsempfehlungen für das sportliche Training ableiten. Die Strukturierung sportlicher Leistungen in der hier beschriebenen Vorgehensweise, ist nach Letzelter und Letzelter (1982) dem Bereich der trainingswissenschaftlichen Leistungsdiagnostik zuzuordnen. Demgegen‐ über bilden heuristische Modelle die verallgemeinerte Struktur sportlicher Leistungen ab, indem die leistungsbeeinflussenden Faktoren benannt und deren Verknüpfungen mit Beziehungspfeilen gekennzeichnet werden. Auf eine Quantifizierung sowohl des Einflusses der Leistungskomponenten und -voraussetzungen auf die Leistung bzw. Wettkampfleistung als auch deren Wechselwirkungen wird modellseitig verzichtet. An der als „boxology“ bezeichnete Modellbildung wird kritisiert, dass der Auswahl der Komponenten (Elemente) eine gewisse Beliebigkeit zugrunde liegt und die Bezie‐ hungen zwischen den Elementen unklar sind (Ursache/ Wirkung, Wechselbeziehung, Voraussetzung) (Hohmann et al., 2020). Abschließend ist der Einschätzung von Hohmann et al. (2020, S. 29) zuzustimmen, wonach die „Analyse der Leistungsfähigkeit mit ihren Komponenten (…) in der Vergangenheit einen so großen Raum eingenommen [hat], dass vor einer Degene‐ rierung der Trainingswissenschaft zu einer ‚Lehre der Leistungsvoraussetzungen‘“ gewarnt werden muss. Begründet wird dieser Trend mit einem zunehmenden Le‐ gitimationsdruck der Trainingswissenschaft, dem mit der Anwendung etablierter diagnostischer Verfahren und Methoden versucht wird zu begegnen. Damit werden keineswegs Entwicklung und Evaluation leistungsdiagnostischer Inventare als zentrale trainingswissenschaftliche Tätigkeitsfelder infrage gestellt. Die Trainingswissenschaft deckt unter Berufung auf den eingangs hergeleiteten offenen Trainingsbegriff jedoch einen weitaus größeren Aufgabenbereich ab und hat folglich zukünftig die anderen Themengebiete in ähnlicher Weise in den Blickpunkt der Betrachtungen zu rücken. Die leistungsdiagnostischen Forschungsmethoden sind im Wesentlichen den Basiswis‐ senschaften entnommen. Bei den biomechanischen Messmethoden reicht das Spek‐ trum von technisch einfachen Verfahren wie der Zeitmessung bis hin zu apparativ sehr aufwendigen Methoden der Dynamometrie, Kinemetrie (z. B. 3D-Bewegungsanalysen) oder Elektromyographie. Aus der Sportmedizin stammen Methoden wie die Laktatdi‐ agnostik, die Ergospirometrie oder die in jüngster Zeit häufiger in trainingswissen‐ schaftlichen Untersuchungen eingesetzte Elektroenzephalographie (EEG). Methoden wie die Verhaltensbeobachtung (z. B. in den Sportspielen oder den technisch-kompo‐ sitorischen Sportarten), aber auch Befragungstechniken wie Ratingverfahren oder der 250 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="251"?> Dominanzpaarvergleich sind der Sportpsychologie entlehnt. Eine Ausnahme stellen sportmotorische Tests dar, deren Entwicklung maßgeblich von Vertreterinnen und Vertretern der Trainings- und Bewegungswissenschaft (Sportmotorik) vorangetrieben wurde. Sie können im weiteren Sinne als eigene Forschungsmethode angesehen werden, auch wenn das grundsätzliche Herangehen auf die Persönlichkeitsdiagnostik der differenziellen Psychologie zurückgeht. Wettkampf Die mit der Öffnung des Trainingsbegriffs verbundene Erweiterung des trainingswis‐ senschaftlichen Anwendungsbereichs auf Ziele außerhalb des Leistungssports hat zur Folge, dass mit dem Wettkampf einerseits ein Gegenstandsbereich aufgenommen wurde, der eine klare Zielgruppenspezifik aufweist. Dem Generalitätsanspruch der beiden anderen Bereiche „Training“ und „Leistung“ kann damit nicht gefolgt werden. Andererseits soll mit der Integration des Wettkampfs der zunehmenden Ausdifferen‐ zierung innerhalb der Trainingswissenschaft Rechnung getragen werden (Hohmann et al., 2020, S.-30). In den neueren Lehrbüchern zur Trainingswissenschaft wird der „Wettkampf “ als eigenständiger Gegenstandsbereich geführt, allerdings bestehen unterschiedliche Auffassungen hinsichtlich der zu bearbeitenden Themen (vgl. Tab. 3.8.2). Autoren Themen zum Gegenstandsbereich „Wettkampf“ Martin et al. (1991) - ■ Gestaltung der Wettkampfperiode und -saison ■ Wettkampfvorbereitung Thieß (1994, 1995) ■ geistig-wissenschaftliche Grundlagen ■ System sportlicher Wettkämpfe ■ Vorbereitung von Sportlerinnen und Sportlern auf Wett‐ kämpfe ■ weitere Aspekte: Wettkampfauswertung, Wettkampfregeln und -bestimmungen, Wettkampfgeräte, Wettkampfgestal‐ tung Hohmann et al. (2020) - ■ Modellvorstellungen zum Wettkampf ■ Wettkampfsteuerung ■ Wettkampfdiagnostik Schnabel et al. (2008) - ■ Wesen und Funktion sportlicher Wettkämpfe ■ Wettkämpfe im Nachwuchsbereich ■ Steuerung sportlicher Wettkämpfe ■ Organisation und Analyse der Wettkampfleistung ■ Prognose der Wettkampfleistung Hottenrott & Neumann (2010) - ■ Struktur der Wettkampf- und Prognoseleistung ■ Ausdauer: Training und Wettkampf unter veränderten Um‐ weltbedingungen Tab. 3.8.2: Themengebiete zum sportlichen Wettkampf 3.8 Trainingswissenschaft (Mark Pfeiffer) 251 <?page no="252"?> 29 Als weiteren Bestandteil führt Krug (2008a, S. 568) die Prognose von Wettkampfleistungen an. Soweit diese mittels wissenschaftlicher Methoden erstellt werden, in erster Linie mittels mathematischer oder informatischer Modelle, und weniger auf der Einschätzung von Expertinnen und Experten beruhen, kann diese Auffassung geteilt werden. Basierend auf dem Selbstverständnis der Trainingswissenschaft lassen sich in An‐ lehnung an die aktuelle Literatur drei trainingswissenschaftliche Kernthemen im Bereich „Wettkampf “ abgrenzen: Theorien und Modelle zum sportlichen Wettkampf, Wettkampfsteuerung sowie Analyse der Wettkampfleistung (Wettkampfdiagnostik). 29 Theorien und Modelle zum sportlichen Wettkampf: Die definitorische Abgrenzung zentraler Begriffe wie sportlicher Wettkampf, sportlicher Erfolg, Wettkampfsystem usw. steht hier im Mittelpunkt. Der sportliche Wettkampf ist ein Vergleich sportlicher Leistungen zwischen ein‐ zelnen Sportlerinnen oder Sportlern oder Mannschaften nach festgelegten Regeln der jeweiligen Sportart mit dem Ziel, eine Siegerin oder einen Sieger oder eine Rangfolge zu ermitteln (Krug, 2008b, S.-515; Hohmann et al., 2020, S.-244). Weitere Themen sind die Funktion sportlicher Wettkämpfe, das Wettkampfsystem, Analyse und Klassifikation der Wettkampfanforderungen, Modelle des Wettkampfs (Nicht-Linearität des sportlichen Erfolgs), Kopplung von Training und Wettkampf. Wettkampfsteuerung: Mit der aus der Kybernetik übernommenen Bezeichnung „Steuerung“ wird analog der Trainingssteuerung der zeitlich strukturierte Regelkreis von Wettkampfplanung/ -vorbereitung, Wettkampfdurchführung/ -lenkung und der Wettkampfauswertung/ -nachbereitung in den Blick genommen (Hohmann et al., 2020, S. 254). Die Wettkampfvorbereitung beginnt mit der Entwicklung einer erfolgverspre‐ chenden Strategie, in die sowohl die wesentlichen antizipierten Rahmenbedingungen des bevorstehenden Wettkampfs als auch diagnostische Erkenntnisse zum eigenen und gegnerischen Wettkampfverhalten einfließen. Die ausgearbeitete Wettkampfstra‐ tegie wird anschließend im Training vermittelt. Im Wettkampf besteht das Ziel der Wettkampflenkung darin, durch gezielte Coachingmaßnahmen ein optimales Wett‐ kampfverhalten im Sinne der Zielerreichung zu bewirken. Anschließend erfolgt in der Wettkampfnachbereitung eine Analyse des im Wettkampf erzielten Leistungsresultats, wobei die Ergebnisse der Wettkampfdiagnostik einen wesentlichen Beitrag leisten. Der Trainingswissenschaft kommt hier die Aufgabe zu, unterschiedliche Maßnahmen zu beschreiben und mögliche Wirkungszusammenhänge einer wissenschaftlichen Prüfung zu unterziehen. Dies betrifft sowohl den gesamten Prozess als auch die Maßnahmen innerhalb der drei Instanzen. Wettkampfanalyse/ -diagnostik: Hiermit wird das methodische Vorgehen zur Er‐ fassung und Beurteilung wesentlicher Faktoren der Wettkampfleistung auf Basis verschiedener Untersuchungsmethoden gekennzeichnet. Voraussetzung ist, dass die eingesetzten Methoden rückwirkungsfrei sind. Im Einzelnen sind hier das Urteil von Expertinnen und Experten, die Videoanalyse (u. a. zur Ermittlung kinematischer 252 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="253"?> Kenngrößen), die Wettkampfbeobachtung (z. B. Systematische Spielbeobachtung) und rückwirkungsfreie leistungs- oder biosignalerfassende Kontrollverfahren (z. B. Herzfrequenzmessungen) zu nennen. Die Ergebnisse der Wettkampfdiagnostik dienen zum einen der Ableitung trainingspraktischer Handlungsempfehlungen und zum an‐ deren der Generierung detaillierter Erkenntnisse zur Struktur der Wettkampfleistung (Stark, 2008, S. 559). Mit der Prüfung und Weiterentwicklung wettkampfdiagnostischer Verfahren und Methoden leistet die trainingswissenschaftliche Forschung zu beiden Bereichen einen wichtigen Beitrag. 3.8.4 Verhältnis der Trainingswissenschaft zur Sportpraxis Zunächst ist zu klären, wer oder was die Sportpraxis überhaupt repräsentiert, zu der die Trainingswissenschaft in einem nachfolgend näher zu erörternden Verhältnis stehen könnte. Wie bereits einleitend dargelegt, findet Training auf sehr unterschiedlichen Handlungsfeldern statt, die sich im Allgemeinen durch die Spezifik der verfolgten Trainingsziele voneinander abgrenzen lassen. In nur zwei aktuellen Lehrbüchern wer‐ den neben dem Leistungssport weitere Anwendungsfelder der Trainingswissenschaft behandelt, was wohl in der späten und nicht von allen Disziplinvertreterinnen und -ver‐ tretern geteilten Öffnung des Trainingsbegriffs begründet liegt. Während Hohmann et al. (2020) näher auf den Leistungssport, den Fitnesssport, den Gesundheits- und Al‐ tensport sowie den Schulsport eingehen, nehmen Hottenrott und Neumann (2010) eine weitere Ausdifferenzierung in die Bereiche Abenteuersport, Alltagssport, Alterssport, Behindertensport, Breiten- und Freizeitsport, Erlebnissport, Extremsport, Fitnesssport, Gesundheitssport, Integrationssport, Kinder- und Jugendsport, Leistungssport, Reha‐ bilitationssport und Schulsport vor. Sowohl die Zusammenarbeit mit Personen und Organisationen als auch die wissenschaftliche Fundierung von Training sind in den genannten Anwendungsfeldern sehr unterschiedlich entwickelt. Die enge Verbindung zur Sportpraxis hat ihren Ursprung in der Entstehungsge‐ schichte der Trainingswissenschaft, die aus einer wissenschaftlichen Beschäftigung mit sportartspezifischen „Meisterlehren“ hervorgegangen ist (vgl. Kap. 3.8.2). Im Gegen‐ satz zu anderen sportwissenschaftlichen Teildisziplinen ist die Trainingswissenschaft gewissermaßen aus der Sportpraxis hervorgegangen. Dies hat nachhaltigen Einfluss auf das Selbstverständnis der Disziplin. Mit der wissenschaftlichen Fundierung von Training und Wettkampf wird die Ausrichtung auf das praktische Handeln, d. h. die Anwendungssituation von Training zum konstituierenden Merkmal der Trainings‐ wissenschaft erhoben. Die enge Beziehung zur Sportpraxis ist demzufolge ein genuiner Bestandteil des Selbstverständnisses der Trainingswissenschaft. Bedingt durch ihre dominante Anwendungsorientierung und ihre ganzheitliche Ausrichtung auf die Systemkomplexität von Training, Leistungsfähigkeit und Wett‐ kampf übt die Trainingswissenschaft eine Integrationsfunktion zwischen Wissenschaft und Sport aus (Lames et al., 2013). Ihre besondere Stellung beim Erkenntnistransfer in die Sportpraxis ist im Leistungssport am deutlichsten ausgeprägt und tritt u. a. 3.8 Trainingswissenschaft (Mark Pfeiffer) 253 <?page no="254"?> anhand der Dominanz trainingswissenschaftlicher Inhalte im Rahmen der Aus- und Weiterbildung von Trainerinnen und Trainern der Sportfachverbände oder im Aus- und Fortbildungsprogramm der Trainerakademie Köln des DOSB (z. B. Diplom-Trai‐ ner-Studium) zutage. Hier trägt die Trainingswissenschaft durch ihren Theorien- und Methoden-Vorlauf (Innovationsfunktion) wesentlich zur Sicherung eines potenziellen Leistungsvorsprungs bei. Die Ergebnisse der trainingswissenschaftlichen Leistungs‐ sportforschung kommen dabei kurzfristig zunächst dem Spitzensport, mittel- und langfristig jedoch auch allen anderen Anwendungsfeldern des Sports zugute. Neben der universitären Trainingswissenschaft sichert das Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT) in Leipzig in ganz besonderer Art und Weise die Verbin‐ dung zum Spitzensport und stellt sicher, dass zum einen neueste wissenschaftliche Erkenntnisse in die Sportpraxis transferiert werden, zum anderen Fragestellungen von trainingspraktischer Relevanz in die wissenschaftliche Forschung gelangen. Praxisbeispiel: Talentdiagnostik und Nachwuchsleistungssport In den Rahmenrichtlinien zur Förderung des Nachwuchsleistungssports heißt es: „Der deutsche Leistungssport wird nur erfolgreich bleiben, wenn die Förderung von Talenten vom Nachwuchs bis zur Spitze durchgängig sichergestellt wird“ (Deut‐ scher Olympischer Sportbund, 2010, S. 19). Aus Sicht der Trainingswissenschaft gilt es zu klären, was überhaupt ein sportliches Talent ausmacht (Talentdiagnostik) und wie der langfristige Leistungsaufbau im Nachwuchstraining zu gestalten ist, um zukünftig international konkurrenzfähige Spitzenleistungen zu erreichen. Auf dem Gebiet der Talentdiagnostik konnte recht früh gezeigt werden, dass im Gegensatz zu anderen Gesellschaftsbereichen wie der Musik, der Kunst oder der Mathematik dem Kriterium der Leistungsauffälligkeit im Kindes- und Jugendalter ohne die Einbeziehung weiterer Merkmale nur ein begrenzter Aus‐ sagewert zukommt (Hohmann, 2009). Von der Trainingswissenschaft wurde daher ein dynamischer und weiter Talentbegriff geprägt und die Suche nach weiteren leistungsdiagnostischen Kriterien sportlicher Talente zum Gegenstand der Talentforschung gemacht. Nicht zuletzt aus ökonomischen Überlegungen besteht das Ziel darin, möglichst frühzeitig Talente für die unterschiedlichen Sportarten zu finden, um sie anschließend gezielt und intensiv fördern zu können. Nach aktuellem Erkenntnisstand sind im Rahmen der Talentdiagnostik neben der Wettkampfleistung und den Leistungsvoraussetzungen (Leistungsauffälligkeit) die Zuwachsraten in der Leistungsentwicklung (Entwicklungstempo), der Aus‐ nutzungsgrad individueller Leistungsvoraussetzungen bei der Leistungserbrin‐ gung (Utilisation) sowie die psychophysische Belastbarkeit zu berücksichtigen (Hohmann, 2001; Hohmann & Seidel, 2003). Das Nachwuchstraining hat perspektivischen Charakter, indem für die weitere sportliche Entwicklung sowie die Erhöhung der Trainingsanforderungen und der Belastbarkeit akzentuiert Leistungsvoraussetzungen geschaffen werden. Die 254 3 Sportwissenschaftliche Teildisziplinen <?page no="255"?> konzeptionellen Lösungsansätze zur systematischen Entwicklung sportlicher Spit‐ zenleistungen werden als Zeit- und Etappenstruktur des langfristigen Leistungsauf‐ baus (LLA) bezeichnet. Allerdings bedingen die mit der Entwicklung ablaufenden biologischen Prozesse beim Heranwachsenden, dass sich Kinder und Jugendliche hinsichtlich ihrer Leistungsfähigkeit, Leistungsentwicklung, Trainierbarkeit und Belastbarkeit zum Teil deutlich von Erwachsenen unterscheiden (Martin et al., 1999, S. 181). Inhalte, Methoden und Systematiken aus dem leistungsorientierten Erwachsenentraining können somit nicht ungeprüft in das Nachwuchstraining übertragen werden. Vielmehr bedarf es hier einer Betrachtung spezifischer Phäno‐ mene. Die Trainingswissenschaft übernimmt hierbei u.-a. folgende Aufgaben: ■ Erstellung von alters-, leistungs- und geschlechtsspezifischen Leistungs‐ strukturmodellen sowie Belastungs- und Anforderungsprofilen (Pfeiffer, 2003, S.-98-102), ■ Untersuchungen zur Trainierbarkeit von Leistungsvoraussetzungen in den unterschiedlichen Etappen des LLA (Konzept der sensitiven/ sensiblen Pha‐ sen) sowie zur Nachhaltigkeit der Trainingseffekte, ■ Analyse individueller Leistungsentwicklungen im Kindes- und Jugendalter. Neben der Bereitstellung eigener Erkenntnisse übt die Trainingswissenschaft auch im Nachwuchstraining eine Integrationsfunktion aus, indem sie die Wissens‐ bestände angrenzender Disziplinen wie der Sportmedizin (genetische Anlagen der Trainierbarkeit, körperliche Belastbarkeit), der Sportpsychologie (psychische Belastbarkeit), der Sportpädagogik (Gestaltung von Vermittlungsprozessen) und der Sportsoziologie (Vereinbarkeit von Schule und Spitzensport) sichtet, deren Beitragsfähigkeit zur Fundierung des praktischen Handelns im Nachwuchstrai‐ ning prüft und falls erforderlich weitere Forschung initiiert. Kontrollfragen 1. Der Trainingsbegriff hat sich von einem „leistungssportlichen“ zu einem „offenen“ entwickelt. Was bedeutet in diesem Zusammenhang „offen“? 2. Nach ihrem Selbstverständnis übt die Trainingswissenschaft eine Integrations‐ funktion aus. Was ist hiermit gemeint? 3. Bei trainingswissenschaftlichen Forschungsstrategien wird zwischen Grund‐ lagen-, Anwendungs- und Evaluationsforschung unterschieden. Welche der drei Forschungstypen wird als „Kerngeschäft“ der Trainingswissenschaft be‐ zeichnet und warum? 4. In der aktuellen Fachliteratur wird zwischen Trainingswissenschaft und Trai‐ ningslehre unterschieden. Womit wird dies begründet? 3.8 Trainingswissenschaft (Mark Pfeiffer) 255 <?page no="256"?> 5. Aus dem Gegenstand „Training“ werden drei Gegenstandsbereiche der Trai‐ ningswissenschaft hergeleitet. Welche sind dies und was sind ihre jeweils typischen Themen? 6. Der Wettkampf wurde erst in den 1990er Jahren zum Gegenstandsbereich der Trainingswissenschaft erhoben. Welche Kernthemen werden im Bereich „Wettkampf “ behandelt? 7. Zwischen den drei Gegenstandsbereichen der Trainingswissenschaft bestehen unterschiedliche Wechselwirkungen. Welche Bedeutung haben diese für die Trainingspraxis und die wissenschaftliche Arbeit? 8. Die Trainingswissenschaft ist aus sportartspezifischen „Meisterlehren“ der Sportpraxis hervorgegangen. Welches Verhältnis besteht heute zwischen Trai‐ ningswissenschaft und Sportpraxis? Literatur Auhagen, E., & Bierhoff, H.-W. (2003). Angewandte Sozialpsychologie: Eine Standortbestim‐ mung. In H.-W. Bierhoff, & E. Auhagen (Hrsg.), Angewandte Sozialpsychologie (S. 1-16). Beltz. Ballreich, R., Baumann, W., Haase, H., Ulmer, H.-V., & Wasmund-Bodenstedt, U. (1982). Trai‐ ningswissenschaft. Limpert. Ballreich, R., & Kuhlow, A. (1975). Trainingswissenschaft - Darstellung und Begründung einer Forschungs- und Lehrkonzeption. Leistungssport, 5(2), 95-103. Banister, E. W. (1982). Modeling Elite Athletic Performance. In J. D. MacDougall, H. W. Wenger, & H. J. Green (Eds.), Physiological Testing of Elite Athletes (pp. 403-425). Human Kinetics. Berger, J. (2008). Die Struktur des Trainingsprozesses. In G. Schnabel, D. Harre, & J. 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Wissenschaftliches Arbeiten ist also vor allem eine Suche nach Ursachen, Zusammenhängen und Begründungen für beobachtbare (All‐ tags-)Phänomene, die möglichst gegen Täuschung und Irrtum abgesichert ist. 4.1 Der (sport-)wissenschaftliche Forschungsprozess Wissenschaftliches Arbeiten zeichnet sich durch spezifische Kriterien und eigene Logiken aus. Diese sind nicht ohne Weiteres offensichtlich und somit ist für Au‐ ßenstehende mitunter fraglich, was „wissenschaftlich arbeiten“ heißt. Eine erste Annäherung an diese Frage gelingt z. B., wenn man sich vergegenwärtigt, wie stark Erfahrung und Routine im Alltag „von einer permanent mitlaufenden Selbst- und Fremdbeobachtung [entlasten]. Fragen, warum man das eine tut, das andere läßt, beantwortet das Alltagsbewußtsein in der Regel mit einfachen Erklärungen. (…) Der einzelne schützt sich so vor Unsicherheit und Überforderung“ (Bette, 1994, S. 215). Je nach Lebenserfahrung und persönlichem Lebensstil ist man beispielsweise Mitglied in einem Sportverein, treibt in seiner Freizeit Sport, isst und trinkt, auf was man Lust hat. Dabei hinterfragt man im Alltag seine Vereinsmitgliedschaft, sein Sporttreiben oder seine Ernährungsgewohnheiten nur selten. Vielmehr sind „Reflexionsverzicht, Verdrängung und Komplexitätsabwehr (…) wichtige Bestandteile der individuellen Überlebenskunst“ (Bette, 1994, S.-215). Wissenschaft hingegen interessiert sich gerade für Hintergründe und Problemur‐ sachen und fragt nicht nur, was ist, sondern sucht v. a. nach Zusammenhängen und Erklärungsmustern. Für den Alltag typische Täuschungen und Irrtümer, die sich aus der Verallgemeinerung situativer Erlebnisse ergeben, sind im wissenschaftlichen Arbeitsprozess möglichst auszuschließen (Willimczik, 2002). Die Produktion wissen‐ schaftlicher Erkenntnisse erfordert deshalb insbesondere einen kontrollierten Einsatz von Theorien und Methoden. Lernziele ■ Die Leserinnen und Leser setzen sich mit der Bedeutung von Problem- und Fragestellungen für wissenschaftliche Arbeiten auseinander und reflektieren <?page no="262"?> typische Schwierigkeiten, die bei der Formulierung von Problem-/ Fragestel‐ lungen bewältigt werden müssen. ■ Sie setzen sich mit der Funktion von Forschungsüberblicken und theoretischen Reflexionen auseinander und erkennen, was hierbei typischerweise zu beach‐ ten ist. ■ Sie setzen sich mit Bedeutung und Funktion empirischer Forschungsdesigns auseinander und reflektieren typische Schwierigkeiten, die bei Methoden‐ entscheidungen bewältigt werden müssen. ■ Sie lernen Gütekriterien wissenschaftlichen Arbeitens kennen und Untersu‐ chungs-/ Forschungsdesigns diesbezüglich kritisch zu reflektieren. ■ Sie setzen sich mit der Darstellung empirischer Ergebnisse auseinander und erkennen, welche Bedeutung hierbei eine interpretative Rückbindung der Erkenntnisse auf die jeweils in Anschlag gebrachte Theorie hat. 4.1.1 Forschungsproblem und zentrale Fragestellungen Jeder wissenschaftliche Arbeits-/ Forschungsprozess beginnt mit der Identifikation eines Forschungsproblems und der Formulierung darauf bezogener Forschungsfragen. ■ Die Entwicklung zentraler Forschungsfragen setzt zunächst voraus, aus der Fülle der realen Alltagsphänomene (mit Bezug zum Sport) eines herauszugreifen, das in besonderer Weise interessant erscheint. Beispielsweise lässt sich beobachten, dass das Unterrichtsfach Sport in manchen Bundesländern mittlerweile seinen Abiturstatus eingebüßt hat und dass Sportlehrkräfte gerade in Konzepten zur Ganztagsschule mitunter von Vereinsübungsleiterinnen und -übungsleitern er‐ setzt werden (sollen). ■ Die Beobachtung realer Alltagsphänomene rechtfertigt allein noch keine wissen‐ schaftliche Auseinandersetzung. Vielmehr gilt es in einem nächsten Schritt, das ins Auge gefasste Phänomen als Forschungsproblem zu konkretisieren, d. h., dem Phänomen immanente Problempotenziale, die eine wissenschaftliche Ausein‐ andersetzung gerechtfertigt erscheinen lassen, zu kennzeichnen. Beispielsweise können ein negatives Image von Sportunterricht und eine geringe Wertschätzung von Sportlehrkräften insgesamt die Folge sein (Kastrup, 2009). ■ Bezogen auf die mit dem Phänomen verbundenen Problempotenziale sind dann übergreifende/ zentrale Forschungsfragen zu formulieren, die inhaltlich das Un‐ tersuchungs-/ Forschungsinteresse der wissenschaftlichen Arbeit konkretisieren. Im Beispiel der Sportlehrkräfte sind dies u. a.: Wie ist die Wertschätzung der Sportlehrkräfte im Vergleich zu anderen Fachlehrerinnen und -lehrern? Welche Ursachen gibt es hierfür? 262 4 Wissenschaftliches Arbeiten in der Sportwissenschaft (Marcel Fahrner, Verena Burk) <?page no="263"?> Mit der Formulierung der zentralen Forschungsfragen erfolgt eine wesentliche Eingrenzung des zunächst meist breiten Phänomenbereichs. Die Kernbestandteile dieser Fragestellungen geben außerdem bereits erste Anhaltspunkte für einen thematischen „roten Faden“ der wissenschaftlichen Arbeit und die weiteren Entscheidungen hinsichtlich Theorie und Methode. Typische Schwierigkeiten bei der Entwicklung von Problem- und Fragestellungen sind insbesondere: ■ die Auswahl eines konkreten, potenziell interessanten - irritierenden, faszinieren‐ den, besorgt machenden - Alltagsphänomens aus der Vielzahl der situativ in den Blick geratenden Themen; ■ die sprachlich angemessene Formulierung des ausgewählten Problemspektrums, d.-h., die gewählte Perspektive angemessen „auf den Punkt“ zu bringen; ■ die logisch konsistente Verbindung zwischen Phänomen, Problem- und Fragestel‐ lung, insbesondere das Vermeiden von Perspektivenwechseln. 4.1.2 Forschungsüberblick und theoriegeleitete Reflexion Sind Forschungsproblem und zentrale Fragestellungen festgelegt, ist in einem nächsten Schritt der hierzu bereits vorliegende Erkenntnisstand zu erkunden - insbesondere durch Lektüre wissenschaftlicher Publikationen und Gespräche mit Fachkolleginnen und -kollegen („Critical Friends“). Ausgehend von diesem Forschungsüberblick erfolgt dann eine tiefergehende, theoriegeleitete Auseinandersetzung. Forschungsüberblick In einem Forschungsüberblick ist der bis dahin bereits existierende Stand der For‐ schung möglichst vollständig und systematisch zu erfassen und mit seinen wesent‐ lichen Charakteristika darzustellen. Dabei gilt es, wissenschaftliche Analysen zum Thema selbst - aber auch zu ähnlichen Problem- und Fragestellungen, die potenziell einen erhellenden Transfer von Erkenntnissen erlauben - aufzuarbeiten. Insbesondere geht es darum zu zeigen, ■ inwiefern das ausgewählte Problem bereits von anderen - aus welchen Blick‐ winkeln heraus - untersucht wurde und welche zentralen Erkenntnisse damit verbunden sind; ■ welche (Forschungs-)Lücken die bislang vorliegenden Analysen aufweisen - in‐ wiefern also weiterer Forschungsbedarf zu den Problem-/ Fragestellungen besteht; ■ welche Blickwinkel angesichts der identifizierten Forschungslücken potenziell für eine weitere wissenschaftliche Auseinandersetzung lohnenswert erscheinen. 4.1 Der (sport-)wissenschaftliche Forschungsprozess 263 <?page no="264"?> Theoriegeleitete Reflexion Vor dem Hintergrund der identifizierten Forschungsdefizite sind in einem nächsten Arbeitsschritt geeignete Theorien zur differenzierten Bearbeitung der zentralen For‐ schungsfragen auszuwählen. Mit dem Theoriebegriff sind typischerweise unterschiedliche Verständnisse ver‐ bunden (Willimczik, 2003). Dabei geht es in diesem Zusammenhang weniger um die umgangssprachliche Abgrenzung von Theorie als kognitive Auseinanderset‐ zung gegenüber körperlich-aktiver (Sport-)Praxis. Vielmehr bezeichnet Theorie hier ein mehr oder weniger stark formalisiertes, empirisch überprüftes (bewährtes) und allgemein gültiges Beziehungsgeflecht von Begriffen, Annahmen oder Aussa‐ gen zur Beschreibung und Erklärung von Zusammenhängen realer Sacherhalte/ Phänomene. Beispiele sind u.-a.: ■ Rahmentheorien (Paradigmen) mit sehr weitgehenden Gültigkeitsbereichen, z.-B. System- oder Handlungstheorie; ■ Sachproblem-Theorien mit enger gefassten konkreten Annahmegefügen, z. B. Modelle der Risikowahl und Leistungsmotivation im Sport. Theorien ermöglichen die Reduktion von Komplexität realer Phänomene, was im Forschungsprozess überhaupt erst einen spezifischen (Detail-)Blick eröffnet. Generell dienen Theorien somit „als Suchscheinwerfer, mit denen die Durchdringung der Wirklichkeit besorgt wird. Sie unterscheiden sich untereinander dadurch, daß sie die Realität - bildlich gesprochen - mit unterschiedlichen Objektiven, Blenden und Lichtstärken beobachten und bearbeiten. Sie ordnen die Welt nach eigenen Präferenzen und definieren, was als Problem zu verstehen oder zu vernachlässigen ist. Aufgrund ihrer reduktiven und selektiven Perspektiven bekommen sie folgerichtig nur das zu sehen, was ihre Voraussetzungen und Sichtweisen zulassen. Jede wissenschaftliche Theorie hat insofern ihre spezifischen Möglichkeiten und Grenzen. Die Kunst (…) besteht darin, für die jeweilige Problemstellung die passenden ‚Objektive‘ zu finden und einzusetzen“ (Bette, 1994, S.-218). Die theoriegeleitete Auseinandersetzung ■ macht hintergründige Zusammenhänge erschließbar und legt potenzielle Erklä‐ rungsansätze für die Beantwortung der zentralen Fragestellungen offen; ■ ermöglicht die Ableitung spezifischer, differenzierter (Teil-)Fragen, deren Bearbei‐ tung zur Beantwortung der zentralen Fragestellungen beiträgt. Zum oben genannten Beispiel der Rolle von Sportlehrkräften liefern etwa Professions- oder Schultheorien Ansatzpunkte für Fragen: (a) inwiefern Sportlehrkräfte die Kom‐ plementärrollenkarriere ihrer Schülerinnen und Schüler steuern oder (b) inwiefern zwischen Sportlehrkräften und Schülerinnen und Schülern eine ausgeprägte Experten- Laien-Differenz besteht (Kastrup, 2009). 264 4 Wissenschaftliches Arbeiten in der Sportwissenschaft (Marcel Fahrner, Verena Burk) <?page no="265"?> Werden im wissenschaftlichen Arbeitsprozess an bestehenden Theorien entlang spezifische Teilfragen zum Forschungsproblem abgeleitet, spricht man von deduktivem Vorgehen. Dieses ermöglicht auch eine Prüfung und ggf. Weiterentwicklung der in Anschlag gebrachten Theorien. Liegen zu einem Problemgegenstand allerdings nur wenige oder kaum bewährte theoretische Erkenntnisse vor, ist eine entsprechende Bezugnahme im Forschungsprozess auch weniger differenziert möglich. Man spricht dann von induktivem Vorgehen, das im Wesentlichen auf Theoriebildung abzielt (Willimczik, 2002). Generell können wissenschaftliche Auseinandersetzungen allein auf einer Ver‐ knüpfung der in Form von wissenschaftlicher Literatur publizierten Erkenntnisse basieren. Ein solches hermeneutisch-interpretatives Vorgehen gilt gerade in den Geisteswissenschaften als wichtigster nicht-empirischer Forschungsansatz (Sin‐ ger & Willimczik, 2002). Eine theoriegeleitete Reflexion schafft aber gleichwohl die Basis, empirische Forschungskonzeptionen zu entwickeln. „Methoden laufen nämlich leer, wenn keine Theoriearbeit im Vorfeld investiert wird“ (Bette, 1999, S.-88). Typische Schwierigkeiten bei der Ausarbeitung von Forschungsüberblicken und theo‐ riegeleiteten Analysen sind insbesondere: ■ die angemessen vollständige Berücksichtigung und systematische Darstellung der zum Problemgegenstand bereits vorliegenden wissenschaftlichen Publikationen sowie ähnlichen, für einen Erkenntnistransfer potenziell dienlichen Arbeiten; ■ die Einschätzung von Rahmentheorien/ Paradigmen hinsichtlich ihrer Angemessen‐ heit für die Auseinandersetzung mit den Problem-/ Fragestellungen; ■ die Auswahl der innerhalb eines Paradigmas anwendbaren spezifischen Sachtheo‐ rien/ theoretischen Modelle und die analytische Überführung des Forschungsprob‐ lems in die entsprechende theoretische Systematik und Sprache. 4.1.3 Untersuchungsdesign/ Forschungsmethoden Auf Basis der theoriegeleiteten Reflexion ergeben sich typischerweise spezifische, differenzierte Teilfragen, die beim ursprünglichen Blick auf das Forschungsproblem nicht erkennbar waren. Diese Teilfragen können auch als Hypothesen formuliert werden, d. h., in Form von Vermutungen über Zusammenhänge. Hypothesen sind typischerweise als Wenn-dann- oder Je-desto-Beziehungen konstruiert und explizit auf eine empirische Überprüfung angelegt (Bös et al., 2000). Im Einzelnen unterscheidet man: ■ Zusammenhangshypothesen, z. B. dass zwischen Schrittlänge und Laufgeschwin‐ digkeit ein Zusammenhang besteht; 4.1 Der (sport-)wissenschaftliche Forschungsprozess 265 <?page no="266"?> ■ Unterschiedshypothesen, z. B. dass Personen mit unterschiedlicher Schrittlänge unterschiedliche Laufgeschwindigkeiten aufweisen; ■ Veränderungshypothesen, z. B. dass eine Änderung der Schrittlänge die Laufge‐ schwindigkeit beeinflusst. Basieren wissenschaftliche Arbeiten nicht allein auf einer hermeneutisch-interpretati‐ ven Verknüpfung bereits vorliegender wissenschaftlicher Erkenntnisse, ist im weiteren Fortgang eine empirische Analyse zu konzipieren. Vor dem Hintergrund der spezifi‐ schen Teilfragen oder Hypothesen gilt es dabei zunächst, die generelle Richtung der empirischen Analyse und damit das Untersuchungsdesign festzulegen. Hierbei sind insbesondere geeignete: ■ Forschungsmethoden zu wählen. Bei der Auswahl von Methoden der Datenerhe‐ bung/ -auswertung geht es zunächst um eine Richtungsentscheidung zwischen einem quantitativen Vorgehen - das auf die Erhebung und Auswertung numeri‐ scher Daten abzielt - und einem qualitativen Vorgehen - das auf die Erhebung und Auswertung verbaler Daten abzielt. ■ Untersuchungsobjekte auszuwählen. Ob z. B. eine Einzelfall- oder Feldstudie durch‐ geführt wird, und ob die Stichprobengröße und -zusammensetzung theoriegelei‐ tet oder mittels Zufallsauswahl erfolgt, richtet sich meist nach den sachlichen Anforderungen der Untersuchung und den faktischen Möglichkeiten der Untersu‐ chungsdurchführung. Dabei ist insbesondere auf einen vom Untersuchungsfeld unabhängigen Blick zu achten. Denn „Distanz und Handlungsentlastung [sind] wichtige Bedingungen der Möglichkeit für eine anschließende analytische Nähe. Wer zu stark involviert ist und sich (…) mit Emphase engagiert, steht in der Gefahr, durch die unmittelbaren Handlungsnotwendigkeiten des Feldes absorbiert und blockiert zu werden“ (Bette, 1994, S.-217). ■ Untersuchungszeiträume zu definieren. Diese richten sich ebenfalls nach den sachlichen Anforderungen der Untersuchung und den faktischen Möglichkeiten der Untersuchungsdurchführung. Quantitative Forschungsmethoden Quantitative Forschungsmethoden zeichnen sich durch hohe Standardisierungsgrade bei der Datenerhebung und -auswertung aus. Mit ihrer auf mathematischen Kalkula‐ tionen basierenden, zahlenorientierten Vorgehensweise stehen sie für eine Form von Objektivität und Verlässlichkeit, die gerade auch im organisierten Sport hohes Ansehen genießt. Typische Methoden der Datenerhebung sind vor allem: ■ (sport-)motorische Tests, die Merkmale motorischer Leistungsfähigkeit erfassen, z. B. Lauf-, Wurf- oder Sprungtests unter spezifischen Umgebungs- und Testbedin‐ gungen; 266 4 Wissenschaftliches Arbeiten in der Sportwissenschaft (Marcel Fahrner, Verena Burk) <?page no="267"?> ■ schriftliche (Fragebogen) und mündliche (Interview) Befragungen, die mit ge‐ schlossenen Fragen und Antwortvorgaben operieren, z. B. bei Publikumsbefragun‐ gen vor Ort im Stadion; ■ teilnehmende und nicht teilnehmende Beobachtungen, die mit geschlossenen Beobachtungsrastern und Antwortvorgaben operieren, z. B. zur Häufigkeitsbe‐ stimmung von Ballkontakten oder Spielzügen im Sportspiel; ■ Quantitative Inhaltsanalysen, die zur Analyse von Texten/ Dokumenten numeri‐ sche Kategoriensysteme einsetzen, z. B. bei der Häufigkeitsbestimmung von Signalwörtern in der Sportberichterstattung. Typische Methoden der Datenauswertung sind dabei insbesondere: ■ Deskriptive Statistik, die empirische Daten durch Tabellen, Kennzahlen (z. B. Mit‐ telwert, Median, Varianz, Standardabweichung) und Grafiken (z. B. Balken-/ Kreis‐ diagramme) übersichtlich darstellt und beschreibt. ■ Inferenzstatistik, die von Daten einer Stichprobe Rückschlüsse auf Werte in der Grundgesamtheit/ Population ermöglicht, z.-B. mittels □ Signifikanztests, etwa t-Test oder Chi-Quadrat-Test (je nach Skalenniveau) zum Vergleich zweier Erwartungswerte (Mittelwerte, Varianzen), z. B. inwie‐ fern Personen, die Mitglied im Sportverein sind, körperlich leistungsfähiger sind als Personen, die nicht Sportvereinsmitglied sind (unabhängige Stich‐ proben); inwiefern sich die Leistungsfähigkeit einer Trainingsgruppe nach Abschluss einer achtwöchigen Trainingsphase verbessert hat (abhängige Stichproben), □ Korrelationsanalysen zur Analyse der Beziehung zwischen mehreren Varia‐ blen, z. B. inwiefern bestimmte Kraft- und Ausdauerleistungsfähigkeiten miteinander zusammenhängen, □ Regressionsanalysen zur Analyse der Beziehung zwischen einer abhängigen und einer oder mehreren unabhängigen Variablen, z. B. inwiefern auf Basis von Persönlichkeitsmerkmalen Vorhersagen über die Leistungspoten‐ ziale von Spitzensportlerinnen und -sportlern möglich sind, oder inwiefern Sprintleistungen Aussagen über die Leistungsfähigkeit im Weitsprung er‐ möglichen. ■ Multivariate Statistik, die Zusammenhänge mehrerer Variablen parallel untersucht, etwa wenn mehr als zwei Stichproben miteinander verglichen werden, z. B. mittels □ Varianzanalysen zur Erklärung der Varianz einer oder mehrerer (abhängiger) Zielvariablen durch den Einfluss einer oder mehrerer (unabhängiger) Ein‐ flussvariablen, z. B. inwiefern sich verschiedene Trainingsprogramme auf die Leistungsfähigkeit von Mitgliedern einer Trainingsgruppe auswirken, □ Faktoranalysen zur Reduktion einer Vielzahl von Variablen auf wenige, von‐ einander unabhängige (Hintergrund-)Faktoren, z. B. inwiefern spezifische Einzelgründe, die zu einem Wettkampfverzicht von Spitzensportlerinnen 4.1 Der (sport-)wissenschaftliche Forschungsprozess 267 <?page no="268"?> oder -sportlern führen, für übergreifende Faktoren des Wettkampfverzichts im Spitzensport stehen, □ Clusteranalysen zur Einteilung großer Datenbestände in voneinander abge‐ grenzte, jeweils in sich aber möglichst ähnliche Gruppen (Cluster), z. B. inwiefern Trainerinnen oder Trainer hinsichtlich ihrer beruflichen (Un-) Zufriedenheit bestimmten Typen zugeordnet werden können, □ Diskriminanzanalysen zur Identifikation von Unterschieden zwischen zwei oder mehr Gruppen, z. B. inwiefern persönliche Stimmungsparameter Hin‐ weise auf den Trainingszustand von Mitgliedern einer Trainingsgruppe geben (Normalzustand vs. Übertraining). ■ (Quantitative) Inhaltsanalyse, die zur Analyse von Texten/ Dokumenten numeri‐ sche Kategoriensysteme einsetzt, z. B. wie häufig in bestimmten Medienprodukten über einen Sportverein berichtet wird. Das hohe Maß an Sachlichkeit und Seriosität wissenschaftlichen Arbeitens resultiert neben der von Theorie - und nicht von Intuition - geleiteten Reflexion auch aus der systematischen Anwendung der genannten Forschungsmethoden. Dabei sind insbesondere folgende wissenschaftliche Gütekriterien bedeutsam: ■ Objektivität steht für den Grad der Unabhängigkeit von Messergebnissen von der konkreten Person, die das Verfahren durchführt und die gewonnenen Da‐ ten auswertet und interpretiert (Höner & Roth, 2002). ■ Reliabilität bezeichnet die Zuverlässigkeit eines Verfahrens, d. h., den „Grad der Genauigkeit, mit dem ein Messverfahren ein bestimmtes Merkmal misst“ (Höner & Roth, 2002, S.-73). ■ Validität steht für die Gültigkeit eines Verfahrens, d. h., für den „Grad der Genauigkeit, mit dem ein Messverfahren tatsächlich jenes Merkmal erfasst, für dessen Messung es konstruiert worden ist“ (Höner & Roth, 2002, S.-76). Quantitative Forschungsmethoden operieren also mit exakt messbaren Zahlenwerten. Dies führt latent dazu, „Eigenheiten, latente Sinnstrukturen, symbolische Bedeutungs‐ zuschreibungen und die impliziten Erfahrungsregeln des Sports auszublenden. (…) Zahlen abstrahieren von den besonderen Beschaffenheiten der Personen oder Dinge, um die es geht, und erzeugen auf der Basis formaler Kalküle eine eigene Wirklichkeit. Nur diejenigen Erfahrungsdaten erhalten die Weihe der quantitativen Relevanz, die sich dem Zugriff einer mathematischen Standardisierung fügen und eine intersubjek‐ tive Überprüfung auf der Ebene des Nachrechnens zulassen“ (Bette, 1999, S.-87). Qualitative Forschungsmethoden Im Unterschied zu den quantitativen arbeiten qualitative Forschungsmethoden mit verbalen Daten - also Schrift und Sprache - die insbesondere für viele sozialwissen‐ schaftliche Problem-/ Fragestellungen angemessen sind. Im Gegensatz zum quantitati‐ 268 4 Wissenschaftliches Arbeiten in der Sportwissenschaft (Marcel Fahrner, Verena Burk) <?page no="269"?> ven Forschungsdesign zeichnen sich qualitative Methoden dabei durch eine besondere „Offenheit für Erfahrungswelten, ihre innere Verfasstheit und ihre Konstruktions‐ prinzipien“ (Flick et al., 2004, S. 17) aus. Folglich reflektieren sie die jeweiligen Entstehungsbedingungen ihrer Daten jeweils explizit (Bette, 1999; Flick et al., 2004). Typische Methoden der Datenerhebung sind dabei vor allem: ■ schriftliche (Fragebogen) und mündliche (Interview) Befragungen, die mit offenen und halb-geschlossenen Fragen operieren, z. B. Tiefeninterviews mit ausgewählten Mitgliedern eines Sportvereins; ■ teilnehmende und nicht teilnehmende Beobachtungen, die mit offenen und halbgeschlossenen Beobachtungsrastern operieren, z. B. im Rahmen der Teilnahme an Mannschaftsbesprechungen zur Analyse sozialer Teamstrukturen; ■ qualitative Inhaltsanalysen (Dokumentenanalyse), die zur Analyse von Texten verbale Kategoriensysteme einsetzen, z.-B. bei der Analyse von Karriereverläufen jugendlicher Spitzensportlerinnen und Spitzensportler. Qualitative Forschung kann außerdem Dokumente als Ganzes zum Forschungsgegenstand haben. Dann bleibt die Authentizität der Daten in besonderer Weise erhalten, da die Dokumente bereits vorliegen und Daten nicht künstlich hergestellt werden (Ballstaedt, 1982). Als Methoden der Datenauswertung werden dabei typischerweise eingesetzt: ■ Sozialwissenschaftliche Hermeneutik, die ein methodisch kontrolliertes Deuten und Verstehen des Zustandekommens sozialer Realität ermöglicht - wobei mög‐ liche Vor-Urteile der Forschenden und die sozialen Entstehungskontexte der untersuchten Realität explizit reflektiert werden (Soeffner, 2004). Sozialwissen‐ schaftliches Verstehen unterscheidet sich dabei „vom alltäglichen Verstehen (…) dadurch, dass die Interpretationsleistungen hier nicht unter Rückgriff auf den Alltagsverstand geschehen, sondern auf dem Rückgriff auf extensiv aktiviertes Wissen und auch auf einem Vorrat an professionellem Sonderwissen beruhen“ (Soeffner, 2004, S.-168). ■ Qualitative Inhaltsanalyse, die zur Analyse von Texten verbale Kategoriensysteme einsetzt und sich von hermeneutisch-interpretativen Zugängen vor allem durch eine explizite Systematik in der Vorgehensweise unterscheidet (Mayring, 1996, 2003), z.-B. Vorurteile und Stereotypen in der Sportberichterstattung. Während für standardisierte Forschungsarbeiten Objektivität, Reliabilität und Validität gängige Qualitätsmaßstäbe sind, misst man qualitative Forschung üblicherweise an anderen Gütekriterien (Steinke, 2004; Bette, 1999): ■ Indikation des Forschungsprozesses bezeichnet die Angemessenheit qualitativen Vorgehens, d. h., seine Begründung mit Blick auf den Untersuchungsgegenstand und die Fragestellungen. Theoriegeleitete Deutungen sind dabei idealtypisch an empirischem Datenmaterial zu prüfen. 4.1 Der (sport-)wissenschaftliche Forschungsprozess 269 <?page no="270"?> ■ Intersubjektive Nachvollziehbarkeit erfordert, im Rahmen des Forschungsprozesses angewandte Methoden der Datenerhebung und -auswertung transparent zu ma‐ chen. Im Einzelnen heißt dies, □ gängige, regelgeleitete Verfahren zu wählen und systematisch anzuwenden; □ Datenerhebung und -auswertung detailliert und nachvollziehbar zu doku‐ mentieren; □ empirisches Vorgehen und dessen Rückbindung an theoriegeleitete Refle‐ xionen mit Fachkolleginnen und -kollegen und ggf. den Probandinnen und Probanden selbst zu diskutieren, d.-h., kommunikativ zu validieren. ■ Reflektierte Subjektivität erfordert, dass die Forschenden auf ihre konstituierende Rolle im Forschungsprozess hinweisen, d. h., sich selbst als Teil der erforschten sozialen Realität beobachten und kritisch hinterfragen. Zu große Nähe zum Forschungsgegenstand gilt es zu vermeiden. In qualitativen Forschungsprozessen werden Forschungsmethoden häufig parallel eingesetzt (Methodentriangulation), um eine möglichst ganzheitliche Perspektive auf den Forschungsgegenstand zu ermöglichen und Schwachstellen einzelner Methoden auszugleichen. Ferner ist mitunter auch ein Nebeneinander qualitativer und quantita‐ tiver Forschungsmethoden gewinnbringend, wenn dies vom theoretischen Zugang her gerechtfertigt werden kann. Typische Schwierigkeiten bei der Gestaltung des Untersuchungsdesigns und beim Umgang mit Forschungsmethoden sind insbesondere: ■ die Auswahl eines mit Blick auf die Forschungsfragen und die theoriegeleiteten Analysen angemessenen Untersuchungsdesigns; ■ die angemessene Planung und Durchführung von Datenerhebung und Datenaus‐ wertung (Strategie, Umfang etc.), vor allem die regelgerechte Anwendung der jeweiligen Forschungsmethoden; ■ souveräner Umgang mit typischerweise großen Datenmengen. 4.1.4 Darstellung und Interpretation der Ergebnisse Nach Abschluss der empirischen Untersuchung geht es um eine angemessene - systematische, übersichtliche und möglichst nachvollziehbare - Darstellung der Un‐ tersuchungsergebnisse. Die sprachliche und grafische Darstellung der Ergebnisse gewinnt dabei an Erklärungswert, wenn sie explizit auf die theoriegeleitete Reflexion bezogen wird. Eine solche Interpretation der eigenen empirischen Ergebnisse durch Rückbindung auf die in Anschlag gebrachte Theorie ist auch Bedingung für mögliche Weiterentwicklungen der entsprechenden theoretischen Zugänge. Unter Bezugnahme auf die zu Beginn des Forschungsprozesses identifizierten Forschungslücken gilt es ferner, den Erkenntnisgewinn der eigenen Arbeit kritisch zu reflektieren und entsprechende Schlussfolgerungen (theoretische Implikationen) zu ziehen. Unter Verweis auf nach wie vor offene Forschungsfragen ist außerdem ein 270 4 Wissenschaftliches Arbeiten in der Sportwissenschaft (Marcel Fahrner, Verena Burk) <?page no="271"?> Ausblick auf zukünftig wünschenswerte Analysen zum bearbeiteten Thema zu geben. Und schließlich ist eine mögliche Nutzbarkeit der Forschungsergebnisse außerhalb des wissenschaftlichen Kontextes (praktische Implikationen) zu diskutieren. Typische Schwierigkeiten bei der Ergebnisdarstellung sind insbesondere: ■ die angemessen detaillierte und gleichwohl übersichtliche Darstellung der Ergeb‐ nisse in einer grafisch und sprachlich adäquaten Form; ■ die explizite Rückbindung und Reflexion der eigenen Erkenntnisse vor dem Hinter‐ grund der gewählten Theorie, insbesondere die Einschätzung potenzieller Beiträge (Schlussfolgerungen/ Implikationen) zur Bestätigung oder Weiterentwicklung des entsprechenden theoretischen Zugangs. Praxisbeispiel: Empirische Analysen zur Gesundheit im Spitzensport Verletzungen sind im Spitzensport ein fast alltägliches Phänomen. Häufig liest man von verletzungsbedingten Wettkampfabsagen, von Comebacks nach lang‐ wierigen Verletzungspausen oder von Leistungsdefiziten als Folge von Verletzun‐ gen. Verletzungen sind offensichtlich ein massives Problem im Spitzensport: Sie wirken sich nachteilig auf die Leistungsentwicklung der Athletinnen und Athle‐ ten aus, führen mitunter zu einem vorzeitigen Ende sportlicher Karrieren und verursachen teilweise gesundheitliche Langzeitschäden - insbesondere, wenn längerfristig mit Verletzungen trainiert oder an Wettkämpfen teilgenommen wird (Mayer, 2010). Theoretische und empirische Erkenntnisse wissenschaftlicher Analysen können Ansatzpunkte für ein Gesundheitsmanagement im Spitzensport aufzeigen. Dabei sind mit Blick auf den Umgang mit Verletzungen im Spitzensport grundsätzlich quantitative und qualitative Untersuchungsdesigns denkbar, wie dies Thiel et al. (2010) in ihrer Studie zur Gesundheit im Spitzensport beispielhaft umgesetzt haben: Im Rahmen einer quantitativen Fragebogenstudie befragten sie 723 Spitzensport‐ lerinnen und Spitzensportler im Handball und in der Leichtathletik, überwiegend mittels geschlossener Fragen, zu deren Gesundheitsverhalten und subjektiver Gesundheit. Eine exemplarische Fragestellung lautete z. B., wie häufig sie einen Wettkampf in der vorangegangenen Saison aufgrund von gesundheitlichen Pro‐ blemen abgesagt haben. Dabei zeigte sich u. a., dass von den Handballern nur 35,7 % und von den Leichtathletinnen und Leichtathleten nur 41,0 % ihre Saison ohne Wettkampfpause infolge von Verletzungen oder Krankheiten bestreiten konnten (Thiel et al., 2010). In den qualitativen Fallstudien wurden 30 problemzentrierte Interviews mit Ath‐ letinnen und Athleten, Trainerinnen und Trainern, Ärztinnen und Ärzten sowie Sportdirektorinnen und -direktoren geführt, die jeweils durchschnittlich 69 min in Anspruch nahmen. Exemplarische Fragestellungen richteten sich u. a. darauf, 4.1 Der (sport-)wissenschaftliche Forschungsprozess 271 <?page no="272"?> welche Ereignisse oder Symptome die Beteiligten überhaupt als Verletzung wahrnehmen, wie sie deren Schwere einschätzen, welche Toleranzschwellen exis‐ tieren und inwiefern Beschwerdegrad, mögliche sportliche Karrierefolgen oder potenzielle gesundheitliche Risiken dabei eine Rolle spielen. Auf diesem Weg wur‐ den spitzensportspezifische Rahmenbedingungen identifiziert, die Athletinnen und Athleten zu einer Teilnahme an Trainingsmaßnahmen oder Wettkämpfen motivieren, auch wenn sie (eigentlich) verletzt sind. Die Ergebnisse deuten u. a. auf eine Verdrängung von Schmerzen/ Verletzungen aufgrund von Leistungsdruck und Umfelderwartungen hin. Auch ist im Handball und disziplinspezifisch in der Leichtathletik eine quasi kulturell verankerte Bagatellisierung von Verletzungen beobachtbar, die auch zu einer Ausblendung möglicher langfristiger körperlicher Schädigungen führt (Thiel et al., 2010). Kontrollfragen 1. Wissenschaftliche Forschungsprozesse beginnen mit der Identifikation eines Forschungsproblems und der Formulierung darauf bezogener zentraler For‐ schungsfragen. Was müssen Problem- und Fragestellung jeweils leisten und welche typischen Schwierigkeiten treten bei deren Formulierung auf ? 2. Vor einer theoriegeleiteten Auseinandersetzung ist ein Forschungsüberblick über den bereits bestehenden Kenntnisstand zu erstellen. Welche Funktion hat dieser Überblick und welche Herausforderungen müssen bei dessen Ausarbei‐ tung bewältigt werden? 3. Theorien unterbreiten spezifische Perspektiven und Interpretationsansätze. Was hat eine theoriegeleitete Reflexion im wissenschaftlichen Forschungspro‐ zess zu leisten und mit welchen Problemen ist Theoriearbeit häufig konfron‐ tiert? 4. Die generelle Richtung empirischer Analysen wird vom Untersuchungsdesign festgelegt. Welche grundlegenden Entscheidungen sind dabei zu Beginn des Arbeitsprozesses zu treffen? 5. Quantitative Forschungsmethoden zielen auf die Erhebung und Auswertung numerischer Daten. Welche typischen Methoden der Datenerhebung und -auswertung stehen dabei zur Verfügung? 6. Qualitative Forschungsmethoden zielen auf die Erhebung und Auswertung verbaler Daten. Welche typischen Methoden der Datenerhebung und -auswer‐ tung stehen dabei zur Verfügung? 7. Nach Abschluss empirischer Untersuchungen sind die Ergebnisse angemessen darzustellen und zu interpretieren. Was ist dabei insbesondere zu beachten und welche Bedeutung hat gerade eine Rückbindung der Erkenntnisse auf die jeweils in Anschlag gebrachte Theorie? 272 4 Wissenschaftliches Arbeiten in der Sportwissenschaft (Marcel Fahrner, Verena Burk) <?page no="273"?> Literatur Ballstaedt, S.-P. (1982). Dokumentenanalyse. In G. L. Huber, & H. Mandl (Hrsg.), Verbale Daten (S.-165-176). Beltz Verlag. Bette, K.-H. (1994). Neuere Systemtheorie. In K.-H. Bette, G. Hoffmann, C. Kruse, E. Meinberg, & J. Thiele (Hrsg.), Zwischen Verstehen und Begreifen: forschungsmethodologische Ansätze in der Sportwissenschaft (S.-215-258). Sport und Buch Strauß. Bette, K.-H. (1999). Systemtheorie und Sport. Suhrkamp. Bös, K., Hänsel, F., & Schott, N. (2000). Empirische Untersuchungen in der Sportwissenschaft. Planung - Auswertung - Statistik. Czwalina. Flick, U., Kardorff, E. von, & Steinke, I. (2004). Was ist qualitative Forschung? Einleitung und Überblick. In U. Flick, E. von Kardoff, & I. Steinke (Hrsg.), Qualitative Forschung. Ein Handbuch (S.-13-29). Rowohlt. Höner, O., & Roth, K. (2002). Klassische Testtheorie: Die Gütekriterien sportwissenschaftlicher Erhebungsmethoden. In R. Singer, & K. Willimczik (Hrsg.), Sozialwissenschaftliche Forschungs‐ methoden in der Sportwissenschaft. Eine Einführung (S.-67-97). Czwalina. Kastrup, V. (2009). Der Sportlehrerberuf als Profession: eine empirische Studie zur Bedeutung des Sportlehrerberufs. Hofmann. Mayer, J. (2010). Verletzungsmanagement im Spitzensport: eine systemtheoretisch-konstruktivisti‐ sche Analyse mit Fallstudien aus den Sportarten Leichtathletik und Handball. Czwalina. Mayring, P. (1996). Einführung in die qualitative Sozialforschung. Eine Anleitung zu qualitativem Denken (3. Auflage). Psychologie Verlags Union. Mayring, P. (2003). Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken (8. Auflage). Beltz. Singer, R., & Willimczik, K. (2002). Versuchsplanung. In R. Singer, & K. Willimczik (Hrsg.), Sozialwissenschaftliche Forschungsmethoden in der Sportwissenschaft. Eine Einführung (S.-29- 53). Czwalina. Soeffner, H.-G. (2004). Sozialwissenschaftliche Hermeneutik. In U. Flick, E. von Kardoff, & I. Steinke (Hrsg.), Qualitative Forschung. Ein Handbuch (S.-164-175). Rowohlt. Steinke, I. (2004). Gütekriterien qualitativer Forschung. In U. Flick, E. von Kardoff, & I. Steinke (Hrsg.), Qualitative Forschung. Ein Handbuch (S.-319-331). Rowohlt. Thiel, A., Mayer, J., & Digel, H. (2010). Gesundheit im Spitzensport. Hofmann. Willimczik, K. (2002). Erkenntnistheoretische Grundlagen erfahrungswissenschaftlicher For‐ schung. In R. Singer, & K. Willimczik (Hrsg.), Sozialwissenschaftliche Forschungsmethoden in der Sportwissenschaft. Eine Einführung (S.-13-28). Czwalina. Willimczik, K. (2003). Sportwissenschaft interdisziplinär. Ein wissenschaftstheoretischer Dialog. Band-2: Forschungsprogramme und Theoriebildung in der Sportwissenschaft. Czwalina. 4.2 Informationsbeschaffung und Literaturrecherche Die Anfertigung einer wissenschaftlichen Arbeit setzt zunächst Informationsbeschaf‐ fung und Literaturrecherche voraus. Quantität und Qualität der recherchierten Li‐ teratur beeinflussen dabei die Güte der eigenen wissenschaftlichen Arbeit. Neben 4.2 Informationsbeschaffung und Literaturrecherche 273 <?page no="274"?> 1 Eine ausführliche Darstellung unterschiedlicher Recherchemöglichkeiten in der Sportwissenschaft kann Amendt und Schiffer (2015) entnommen werden. entsprechender Fachliteratur inklusive Fachzeitschriften können auch wissenschaftli‐ che Abschlussarbeiten, die in Fakultäts- und Institutsbibliotheken archiviert sind, eine wichtige Literaturgrundlage sein. Für eine umfangreiche Literaturrecherche ist die am Ort zugängliche Literatur allerdings häufig nicht ausreichend. Eine weiterführende Suche in Bibliothekskatalogen anderer Universitäten (inkl. anschließender Fernleihe) und in einschlägigen Datenbanken ist daher zu empfehlen. 1 Lernziele ■ Die Leserinnen und Leser lernen unterschiedliche Wege der Informationsbe‐ schaffung und Literaturrecherche im Rahmen wissenschaftlichen Arbeitens kennen. ■ Sie setzen sich mit ausgewählten Möglichkeiten der Literaturrecherche in der Sportwissenschaft auseinander und erkennen, welche Vor- und Nachteile diese Recherchemöglichkeiten haben. Bibliothekskataloge der Universitäts-, Fachbereichs- und Institutsbibliotheken bieten umfangreiche Recherchemöglichkeiten, die in der Regel als frei zugängliche Online- Kataloge vorhanden sind - sogenannte OPAC (Online Public Access Catalogue“). Suchanfragen können beispielsweise nach dem Titel der Publikation, nach dem Namen des Autors oder der Autorin sowie nach der Signatur eines Buchs vorgenommen werden. Es bietet sich auch die Möglichkeit, nach Schlagwörtern und/ oder nach Stich‐ wörtern zu suchen. Schlagwörter werden für den Inhalt einer Publikation aus einer Schlagwort-Normdatei gewählt und müssen nicht im Titel eines Buchs vorkommen (z. B. „Sportberichterstattung“, „Duales Rundfunksystem“). Stichwörter sind hingegen charakteristische Wörter im Titel der Publikation (z. B. „Sport im Fernsehen: Öffentlichrechtliche und private Programme im Vergleich“). Die OPAC-Kataloge der einzelnen Bibliotheken sind wiederum in sogenannten Verbundkatalogen zusammengefasst, die den Medienbestand einer Region verzeichnen. Beispiele hierfür sind der Bibliotheksverbund Bayern (BVB) oder der Südwestdeut‐ sche Bibliotheksverbund (SWB). Meta-Kataloge wiederum bieten die Möglichkeit, parallel in mehreren Verbundkatalogen zu suchen. Der bekannteste Meta-Katalog ist der Karlsruher Virtueller Katalog (KVK). „Der KVK ist eine Meta-Suchmaschine zum Nachweis von mehreren hundert Millionen Büchern, Zeitschriften und anderen Medien in Bibliotheks- und Buchhandelskatalogen weltweit“ (KIT-Bibliothek, 2021). Die eingegebenen Suchanfragen werden an mehrere Bibliothekskataloge gleichzeitig weitergereicht und die jeweiligen Trefferlisten angezeigt. Der KVK verfügt selbst über keine eigene Datenbank. 274 4 Wissenschaftliches Arbeiten in der Sportwissenschaft (Marcel Fahrner, Verena Burk) <?page no="275"?> Die Elektronische Zeitschriftenbibliothek (EZB) ist ein zusätzlicher Service an rund 660 Bibliotheken und Forschungseinrichtungen und ermöglicht schnellen Zugang zu wissenschaftlichen Volltextzeitschriften. Sie umfasst „113667 Titel, davon 27766 reine Online-Zeitschriften, zu allen Fachgebieten. (…) 77175 Fachzeitschriften sind im Volltext frei zugänglich. Die Anwenderbibliotheken bieten ihren Benutzerinnen und Benutzern zusätzlich den Zugriff auf die Volltexte der von ihnen abonnierten E- Journals“ (Universitätsbibliothek Regensburg, 2023, o. S.). Die Fülle unterschiedlicher sportwissenschaftlicher Zeitschriften kann grob in übergreifende sportwissenschaftli‐ che Zeitschriften (z. B. „German Journal of Exercise and Sport Research“ - ehemals „Sportwissenschaft“) und disziplinspezifische Zeitschriften (z. B. „Sportpädagogik“) sowie sportartübergreifende (z.-B. „Leistungssport“) und sportartspezifische Fachzeit‐ schriften (z. B. „Handballtraining“) unterschieden werden. Einige sportwissenschaftli‐ che Zeitschriften fungieren auch als Organe spezifischer Vereinigungen (z. B. „Sport und Gesellschaft“ als Organ der Sektion Sportsoziologie der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft). Ferner steht für die Literaturrecherche eine große Anzahl an Datenbanken zur Verfügung. Diese lassen sich in sportwissenschaftliche Datenbanken und Datenbanken der Mutterwissenschaften sowie in deutsche Datenbanken und Datenbanken aus dem Ausland/ internationale Datenbanken differenzieren. Bei den sportwissenschaftlichen Datenbanken ist in Deutschland das Angebot des Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISp) besonders bedeutsam, das unter www.b isp-surf.de frei zugänglich ist. Mit einer Suchanfrage erhält man auf SURF (Sport und Recherche im Fokus) Informationen aus externen Datenquellen sowie den vier zusammengeführten BISp-Datenbanken (Bundesinstitut für Sportwissenschaft, 2023): 1. SPOLIT (Sportwissenschaftliche Literatur): Seit 1970 wird in der größten europäi‐ schen Literaturdatenbank der Sportwissenschaft aktuelle Literatur des In- und Auslands aufgenommen und dokumentiert. SPOLIT informiert über Monografien, Beiträge in Sammelwerken, Aufsätze in Zeitschriften und andere Publikationen aus aller Welt, insbesondere jedoch aus dem deutsch- und englischsprachigen Raum. Dabei werden alle sportwissenschaftlichen Teildisziplinen und Sportarten sowie verschiedene Sportbereiche (z. B. Behindertensport, Schulsport) und Sondergebiete (z. B. Olympische Spiele, Sport und Umwelt) berücksichtigt. Jede recherchierte Literaturstelle weist ausführliche Angaben auf, „bestehend unter anderem aus Autor(en), Titel, Quelle, Erscheinungsort und -jahr, Verlag, Dokumentenart, Do‐ kumentsprache sowie einer Inhaltsbeschreibung (…) und einem informativen Kurzreferat“ (Bundesinstitut für Sportwissenschaft, 2020, o.-S.). 2. SPOFOR (Sportwissenschaftliche Forschungsprojekte): Diese BISp-Datenbank enthält Beschreibungen über laufende und abgeschlossene theoretische und em‐ pirische Forschungsprojekte aller sportwissenschaftlichen Disziplinen seit 1990 aus Deutschland, Österreich und der Schweiz. Somit kann sich der Nutzer über aktuelle Forschungstätigkeiten in der Sportwissenschaft informieren. 4.2 Informationsbeschaffung und Literaturrecherche 275 <?page no="276"?> 3. SPOMEDIA (Audiovisuelle Medien): In dieser Datenbank sind ab 1983 produzierte Medien (u. a. wissenschaftliche Lehrfilme, Technik- und Taktikfilme) recherchier‐ bar. Die Dokumentation umfasst dabei verschiedene Angaben, u. a. Inhalt, Lern‐ ziele, Adressatengruppen, technische Details. 4. Fachinformationsführer Sport (Sportwissenschaftliche Internetquellen): Dieser BISp-Service ermöglicht einen direkten Zugriff auf elektronisch verfügbare wis‐ senschaftliche Texte und auf Internetseiten ausgewählter nationaler und inter‐ nationaler Sportorganisationen (z. B. Olympiastützpunkte, World Anti Doping Agency). Dadurch nimmt das BISp eine Vorauswahl sportwissenschaftlich und sportpolitisch relevanter Informationsquellen im Internet vor. Exemplarisch für fachspezifische Datenbanken und Suchmaschinen steht das Angebot des Instituts für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT) mit seiner vorwiegend auf den Leistungssport ausgerichteten Literatur (Institut für Angewandte Trainingswissen‐ schaft, o. D.). Dazu zählen: ■ LiDA: Literaturdatenbank zu sportartbzw. themenspezifischen wissenschaftli‐ chen Erkenntnissen; ■ SPONET: trainingswissenschaftliche Suchmaschine, für die monatlich ca. 250 neue Quellen ausgewertet und analysiert werden; ■ Sportbox: Datenbank für sportwissenschaftliche und -fachliche Bücher aus dem deutschsprachigen Raum mit den Schwerpunkten Bewegungslehre, Trainings‐ wissenschaft, Sportpädagogik, -medizin, -geschichte, -psychologie und -soziologie. Darüber hinaus werden durch das IAT Zeitschriftenarchive angeboten, z. B. der Zeitschrift „Leistungssport“. Die gemeinsame Datenbank von IAT, DOSB und dem Philippka-Sportverlag umfasst Beiträge seit dem Jahrgang 1971 als Volltext. In der internationalen Sportwissenschaft ist SPORTDiscus, eine kostenpflichtige Datenbank des Sport Information Resource Centres in Ottawa/ Kanada hervorzuheben. Sie umfasst ca. 1,7 Mio. Datensätze zu vorwiegend angloamerikanischen Zeitschriften und Monographien aus Sport (-wissenschaft), Fitness und verwandten Disziplinen (z. B. Sportrecht, Ernährung). Außerdem sind Nachweise von über 22.000 Dissertationen einsehbar (Datenbank-Infosystem DBIS, 2023). In den Mutterwissenschaften der sportwissenschaftlichen Teildisziplinen existiert eine nicht zu beziffernde Anzahl an Datenbanken. Dazu zählen u. a. PSYNDEX (Psychologie), MEDLINE (Medizin) sowie das Fachportal Pädagogik. Eine weitere Recherchemöglichkeit bietet ViFa: Sport (Virtuelle Fachbibliothek Sportwissenschaft), ein Portal für sportwissenschaftliche Fachinformation im Inter‐ net. Hier werden sowohl gedruckte Medien als auch elektronische Informationen mit sportwissenschaftlicher Relevanz nachgewiesen. Es enthält insgesamt rund 2,1 Mio. Datensätze (Zentralbibliothek für Sportwissenschaften der Deutschen Sporthoch‐ schule Köln, 2019). Weitere Möglichkeiten der Informationsbeschaffung und Literaturrecherche bieten: 276 4 Wissenschaftliches Arbeiten in der Sportwissenschaft (Marcel Fahrner, Verena Burk) <?page no="277"?> ■ Bibliographien, z. B. erstellt das Bundesinstitut für Sportwissenschaft in unregel‐ mäßiger Folge Bibliografien zu bestimmten Themen, etwa Kinder- und Jugendleis‐ tungssport, Dopingprävention; ■ wissenschaftliche Abschlussarbeiten, z. B. Staatsexamens-, Master- und Bachelor‐ arbeiten; ■ Handbücher und Lexika, z. B. „Sportwissenschaftliches Lexikon“ von Röthig et al. (2003); ■ „Schneeballsysteme“, ausgehend von einer Publikation zu einem gewählten Thema können in deren Literaturverzeichnis Hinweise auf relevante Literatur gefunden werden (Haag & Mess, 2010). Auch über Internetsuchmaschinen können Informationen gefunden werden. So dient Google Scholar der fachübergreifenden Literaturrecherche wissenschaftlicher Doku‐ mente (kostenlose Dokumente und kostenpflichtige Angebote). Die Treffer werden als Volltexte oder bibliographische Nachweise angezeigt. Mit ca. 389 Millionen Do‐ kumenten (Stand 2018) ist Google Scholar derzeit die weltweit größte akademische Suchmaschine. Die Informationsbeschaffung über andere Internetquellen (z. B. Google) birgt hingegen Gefahren: „Im Internet finden sich viele Informationen, deren Quellen unklar sind und deren Zustandekommen weder nachvollziehbar noch überprüfbar ist und somit wissenschaftlichen Kriterien nicht standhält“ (Haag & Mess, 2010, S.-418). Praxisbeispiel: Literaturrecherche zum Thema „Doping“ Möchte man eine wissenschaftliche Hausarbeit zum Thema „Doping“ anferti‐ gen, können unterschiedliche Recherchemöglichkeiten genutzt werden. Sehr unspezifisch ist zunächst eine Recherche über eine Internetsuchmaschine. Bei Eingabe des Suchbegriffs „Doping“ erhält man z. B. bei Google ca. 190.000.000 Suchergebnisse (Stand: September 2023). Zielführender ist hingegen eine Litera‐ turrecherche in der sportwissenschaftlichen Datenbank SURF des Bundesinstituts für Sportwissenschaft. Über verschiedene Suchoptionen (Schlagwort, Stichwort, Inhalt/ Abstract) und die Eingrenzung auf bestimmte Sprachen und Zeiträume lassen sich die Suchergebnisse beschränken. Beim Beispiel „Doping“ erzielt man über die Schlagwortsuche (d. h. charakteristisches Wort für den Inhalt der Publikation) insgesamt 8.097 Suchergebnisse, bei der Suche über ein Stichwort (charakteristisches Wort im Titel der Publikation) 2.773 Treffer. Grenzt man die Suche nach dem Schlagwort „Doping“ auf den Zeitraum 2013 bis 2023 ein, werden 2.844 Suchergebnisse angezeigt. Bei einer weiteren Auswahl von lediglich Publikationen in deutscher Sprache verringert sich das Suchergebnis auf 1.182 Treffer. Sinnvoll ist ferner, eine Eingrenzung beim Thema der Recherche vorzunehmen. Dies kann geschehen, indem man neben dem Schlagwort „Doping“ ein weiteres Schlagwort in die Suchanfrage integriert. Möchte man sich mit rechtlichen 4.2 Informationsbeschaffung und Literaturrecherche 277 <?page no="278"?> Fragen des Dopings auseinandersetzen und gibt die Schlagwörter „Doping“ und „Recht“ in die Suchanfrage ein, erhält man insgesamt 214 Suchergebnisse. Bei einer Beschränkung auf den bereits genannten Zeitraum 2013 bis 2023 und die Sprache Deutsch verringert sich das Suchergebnis auf insgesamt 66 Treffer. Diese eingeschränkten Suchergebnisse können dann einzeln aufgesucht und anhand des Kurzreferats (Abstract) in ihrer Relevanz für die eigene wissenschaftliche Arbeit bewertet werden. Nicht alle in SURF aufgenommenen Publikationen (Bücher und Zeitschriftenauf‐ sätze) sind an den Hochschulstandorten in Deutschland erhältlich. Daher müssen die SURF-Suchergebnisse mit dem OPAC-Bestand der entsprechenden Universi‐ täts-, Fakultäts- oder Institutsbibliothek verglichen werden. Vorhandene Literatur kann ausgeliehen, nicht vorhandene über Fernleihe bestellt werden. Darüber hinaus ist eine Schlagwortsuche noch einmal am eigenen Hochschulstandort durchzuführen, da ggf. wissenschaftliche Abschlussarbeiten wie Bachelor- und Masterarbeiten nur im Bestand der Universitäts-, Fakultäts- oder Institutsbiblio‐ thek enthalten, nicht aber bei SURF aufgeführt sind. Kontrollfragen 1. Für Informationsbeschaffung und Literaturrecherche im Rahmen wissen‐ schaftlichen Arbeitens gibt es unterschiedliche Wege. Benennen Sie diese und beschreiben Sie deren Vor- und Nachteile. 2. Bibliothekskataloge bieten umfangreiche Recherchemöglichkeiten. Welche Möglichkeiten der Suchanfragen bestehen? Welche Vor- und Nachteile bieten diese? 3. Für die Anfertigung wissenschaftlicher Arbeiten kann in sportwissenschaftli‐ chen Datenbanken recherchiert werden. Wie lassen sich diese Datenbanken differenzieren und welche sportwissenschaftlichen Datenbanken gelten als die bedeutsamsten? Literatur Amendt, A., & Schiffer, J. (2015). Wissenschaftliches Arbeiten mit Literatur im Sportstudium (4., erweiterte und aktualisierte Auflage). Sportverlag Strauß. Bundesinstitut für Sportwissenschaft (2020). Sport und Recherche im Fokus - Sportwissenschaft‐ liche Literatur. https: / / info.bisp-surf.de/ SURF/ DE/ EinzelneDatenquellen/ SPOLIT/ SPOLIT_n ode.html Bundesinstitut für Sportwissenschaft (2023). SURF---Sport und Recherche im Fokus---ist das Sportinformationsportal des Bundesinstituts für Sportwissenschaft (BISp). https: / / www.bisp-su rf.de/ 278 4 Wissenschaftliches Arbeiten in der Sportwissenschaft (Marcel Fahrner, Verena Burk) <?page no="279"?> 2 Dabei ist zu beachten, dass sich in den sportwissenschaftlichen Teildisziplinen teilweise eigene Standards etabliert haben, die sich von den dvs-Richtlinien unterscheiden. Auch folgen sportwissen‐ schaftliche Publikationen Vorgaben der Verlage, die partiell nicht den dvs-Standards entsprechen. Datenbank-Infosystem DBIS (2023). Detailansicht SPORTDiscus. https: / / dbis.ur.de/ dbinfo/ detail .php? bib_id=ubtue&colors=&ocolors=&lett=a&tid=0&titel_id=4072 Haag, H., & Mess, F. (2010). Einführung in das Studium der Sportwissenschaft. Berufsfeld-, Studienfach- und Wissenschaftsorientierung (3., überarbeitete Auflage). Hofmann. Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (o. D.). Wissen, Strategie und Wissensmanage‐ ment. https: / / sport-iat.de/ iat-hub/ wissensmanagement/ wissen KIT-Bibliothek (2021). KVK Hilfe und Infos. https: / / www.bibliothek.kit.edu/ kvk-hilfe.php Röthig, P., Prohl, R., Carl, K., Kayser, D., Krüger, M., & Scheid, V. (2003). Sportwissenschaftliches Lexikon. Hofmann. Universitätsbibliothek Regensburg (2023). Über die EZB. http: / / ezb.ur.de/ about.phtml? bibid=UB TUE&colors=7&lang=de Zentralbibliothek für Sportwissenschaften der Deutschen Sporthochschule Köln (2019). Virtuelle Fachbibliothek Sportwissenschaft. http: / / www.vifasport.de 4.3 Anforderungen an die formale Gestaltung wissenschaftlicher Arbeiten Die Kommunikation wissenschaftlicher Erkenntnisse erfolgt typischerweise in Form von Publikationen - d. h. Forschungsberichten, Beiträgen in wissenschaftlichen Zeitschriften, Bachelor-, Master- oder Doktorarbeiten. Dabei unterliegen diese Pu‐ blikationen bestimmten Regeln und Standards. Ziele der Ausarbeitung sind dabei „Übersichtlichkeit, Lesbarkeit und formale Einheitlichkeit sowie inhaltliche Stringenz (‚roter Faden‘)“ (Amendt & Schiffer, 2015, S. 17). Ferner dienen Standards bei den Quel‐ lennachweisen dazu, eigene Gedanken von fremden Gedanken zu unterschieden und eine Nachprüfbarkeit verwendeter Literatur zu ermöglichen. Dabei müssen Quellen so angegeben werden, dass sie von den Leserinnen und Lesern mit einem Minimum an Arbeitsaufwand gefunden und überprüft werden können. Grundlage der in diesem Buch aufgeführten Zitierrichtlinien und Literaturangaben sind die Richtlinien für die Sportwissenschaft der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs), die auf den Standards der American Psychological Association (APA) basieren (Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft, 2020). 2 Lernziele ■ Die Leserinnen und Leser erfahren, welche Standardkapitel wissenschaftliche Publikationen typischerweise umfassen und lernen „Strategien“ zur Erstellung wissenschaftlicher Texte kennen. 4.3 Anforderungen an die formale Gestaltung wissenschaftlicher Arbeiten 279 <?page no="280"?> ■ Sie setzen sich mit sprachlichen und formalen Anforderungen auseinander, die an wissenschaftliche Arbeiten und Publikationen gestellt werden. ■ Sie lernen Standards für Quellenangaben in sportwissenschaftlichen Arbeiten kennen. 4.3.1 Gliederung wissenschaftlicher Arbeiten Der formale Aufbau wissenschaftlicher Arbeiten umfasst grundsätzlich folgende Ele‐ mente in der hier dargestellten Reihenfolge: 1. Titelblatt: Auf dem Titelblatt müssen typischerweise folgende Angaben enthal‐ ten sein: Titel und Untertitel der Arbeit, Art der Arbeit (z. B. Seminararbeit, Bachelorarbeit), Hochschule und Fakultät/ Fachbereich/ Institut, an der die Arbeit eingereicht wird, ggf. Name, Semester und Dozierende der Lehrveranstaltung, Vor- und Familienname sowie Anschrift und Studiengang der Verfasserin oder des Verfassers, Ort und Datum der Abgabe. Grundsätzlich werden diese Angaben zentriert auf dem Titelblatt ausgerichtet. 2. Vorwort (bei Bedarf): Im Vorwort werden Widmungen und Danksagungen ausge‐ sprochen, die Motivation zur Anfertigung der Arbeit erläutert oder Angaben zur Vertraulichkeit von Daten gemacht. Vorworte werden in der Regel nur bei größeren wissenschaftlichen Arbeiten formuliert, in der ersten Person Singular geschrieben und nicht in das Inhaltsverzeichnis der Arbeit aufgenommen. 3. Inhaltsverzeichnis: Alle Kapitelüberschriften im Text müssen wortgetreu in das Inhaltsverzeichnis übernommen werden. Die Anfangsseitenzahl der jeweiligen Kapitel wird im Inhaltsverzeichnis am rechten Rand rechtsbündig gesetzt. Dabei ist zu beachten, dass jede Gliederungsstufe aus mindestens zwei Positionen bestehen muss. Kapitel mit nur einem Abschnitt und Abschnitte mit nur einem Unterabschnitt sind unlogisch und daher nicht zulässig. 4. Verzeichnis der verwendeten Abkürzungen (bei Bedarf): In ein Abkürzungsverzeich‐ nis werden nur Abkürzungen aufgenommen, die weder im Duden verzeichnet sind und noch allgemein bekannt sind (wie z.-B., u.-a.). Das Abkürzungsverzeichnis ist alphabetisch anzuordnen und dann anzulegen, wenn viele Abkürzungen im Text vorhanden sind. 5. Verzeichnis der Tabellen und Abbildungen (bei Bedarf): Wird ein Abbildungsund/ oder Tabellenverzeichnis angefertigt, müssen alle Abbildungsunterschriften und/ oder Tabellenüberschriften im Text mit Quellenangabe und Seitenzahl aufgenom‐ men werden. Auch hier werden die Seitenzahlen, auf denen sich die Abbildungen und/ oder Tabellen befinden, am rechten Rand rechtsbündig angeordnet. 6. Text der Arbeit: Der Text einer wissenschaftlichen Arbeit besteht in der Regel aus einem einleitenden Kapitel („Einleitung und Problemstellung“ mit Einführung in die Thematik/ Phänomendarstellung, Problem- und zentrale Fragestellung, 280 4 Wissenschaftliches Arbeiten in der Sportwissenschaft (Marcel Fahrner, Verena Burk) <?page no="281"?> Bedeutung und Einordnung der Arbeit für die Forschung sowie Aufbau der Arbeit), einem Hauptteil (u. a. Kapitel zum Forschungsstand und theoretische Reflexion, empirische Untersuchung mit Untersuchungsdesign und -durchführung sowie Darstellung und Interpretation der Untersuchungsergebnisse) sowie einem Schlussteil (u. a. Zusammenfassung zentraler Aspekte und Ergebnisse der wissen‐ schaftlichen Arbeit, Forschungsperspektiven für nachfolgende Arbeiten). 7. Literaturverzeichnis: Jede in der Arbeit verwendete Quelle ist in das Literaturver‐ zeichnis aufzunehmen. Wichtig für die Lesbarkeit des Literaturverzeichnisses ist eine gute Unterscheidung der Referenzen (z. B. durch Einfügen von Leerzeilen oder hängenden Absätzen - jedoch ohne Aufzählungszeichen) (vgl. ausführlich Kap.-4.3.3). 8. Anhang (bei Bedarf): Im Anhang werden ergänzende Materialien wie vollständig transkribierte Interviews, Statistiken, Tabellen, Zeichnungen, Bild- und Übersichts‐ tafeln, die wesentlich zur Sicherung oder Veranschaulichung der im Haupttext dargestellten Inhalte beitragen, aufgenommen. Dies ist u.-a. dann ratsam, wenn sie einen solchen Umfang annehmen, dass ihre Einarbeitung im Fließtext den eigentli‐ chen Textzusammenhang sprengen würde. Um Dritten eine Überprüfung und ggf. Replikation der Analysen zu ermöglichen, sind im Anhang auch alle erforderlichen Forschungsdaten sowie Informationen über die einzelnen methodischen Schritte der Datenauswertung verfügbar zu machen (z.-B. Rechenwege, do-files). 9. Erklärung: Sie ist von der Verfasserin oder dem Verfasser zu unterschreiben, mit Datum und Ort zu versehen und hat typischerweise folgenden Wortlaut: „Ich erkläre, dass ich die Arbeit vollständig und nur mit den angegebenen Hilfsmitteln angefertigt habe und dass alle Stellen, die dem Wortlaut oder dem Sinn nach anderen Werken entnommen wurden, durch Angabe der Quellen als Entlehnung kenntlich gemacht worden sind.“ Für den Fall, dass die Arbeit gedruckt und in Dateiform vorgelegt wird, ist die Erklärung zu ergänzen: „Das in Dateiform einge‐ reichte Exemplar stimmt mit dem gebundenen Exemplar überein.“ Und schließlich ist eine weitere Ergänzung erforderlich, sollte im Rahmen der wissenschaftlichen Arbeit generative KI eingesetzt worden sein (vgl. Kap. 4.4): „Ich versichere, dass ich generative KI lediglich als Hilfsmittel genutzt habe und in der vorliegenden Arbeit mein gestalterischer Einfluss überwiegt; dass ich angegeben habe, welche KI-ge‐ stützten Programme ich zu welchen Zwecken und in welchem Umfang eingesetzt habe. Im Anhang der Arbeit ist mein Umgang mit generativer KI beschrieben und meine Kommunikation mit der KI (Fragen/ Prompts, Antworten/ Ausgaben/ Texte der KI) dokumentiert.“ Von besonderer Bedeutung ist die Verbindung der einzelnen Teile der Arbeit. Das Einleitungskapitel muss ausgehend vom beobachtbaren Phänomen die Problem- und Fragestellungen fokussieren. Es ist darzulegen, wie sich der Aufbau der Arbeit aus der Problem- und Fragestellung ergibt und welchen Beitrag die einzelnen Teile und Kapitel zur Beantwortung der zentralen Fragestellungen leisten. Der Theorieteil muss sich wiederum eng an den in der Einleitung aufgeworfenen Problem- und Fragestellungen 4.3 Anforderungen an die formale Gestaltung wissenschaftlicher Arbeiten 281 <?page no="282"?> orientieren. Folgt ein empirischer Teil, dient dieser der Überprüfung der am Ende des Theorieteils aufgestellten Hypothesen und in der abschließenden Diskussion werden die Ergebnisse der Hypothesenprüfung im Hinblick auf die Modifikation der theoretischen Vorstellungen über den Gegenstandsbereich beleuchtet. Der Gefahr, den „roten Faden“ zu verlieren, kann man dadurch begegnen, indem zu Anfang jedes Kapitels die Vorgehensweise und das Ziel des Kapitels dargestellt und bezogen auf die zentralen Fragestellungen begründet werden. Am Ende jedes Kapitels kann außerdem ein kurzes Resümee zum nächsten Kapitel überleiten. 4.3.2 Sprachliche und formale Anforderungen „Wissenschaftliche Texte beruhen auf Wissenschaft, d. h. sie verarbeiten wissenschaft‐ liche Erkenntnisse anderer, indem sie diese wiedergeben, zueinander in Beziehung setzen, kommentieren und zur Grundlage eigener Erkenntnisse machen. Sie sind damit zugleich Teil der Wissenschaft, können ihrerseits zitiert und kommentiert werden“ (Bünting et al., 2000, S. 13). Die Anfertigung wissenschaftlicher Arbeiten verlangt jedoch nicht nur das Zusammentragen von Daten aus unterschiedlichen Quellen, das Zusammenfassen und Einschätzen von Theorien, die Darstellung von Fakten und Ergebnissen, sondern auch die Verwendung einer für den wissenschaftlichen Diskurs angemessenen Sprache. Nach Amendt und Schiffer (2015) erfordert ein wissenschaftlicher Schreibstil die geordnete Präsentation der Ideen (z. B. Kontinuität bei Wortwahl, Konzept und thematischer Entwicklung), Einfachheit und Ökonomie im Ausdruck (z. B. Vermeidung von langatmigen Darstellungen und Redundanzen) sowie Präzision und Klarheit (z. B. Wörter mit umgangssprachlicher Bedeutung sind zu vermeiden). Auch die Darstellung schwieriger Sachverhalte hat sich am Prinzip der Klarheit und Verständlichkeit zu orientieren (Frank et al., 2007). Kruses (1995) Regeln der Wissenschaftssprache können ebenfalls Anregungen geben: ■ Belegen: Behauptungen, vor allem Meinungen anderer Personen sind durch Zitieren und/ oder Paraphrasieren zu belegen. ■ Paraphrasieren: Ideen und Meinungen aus anderen wissenschaftlichen Texten sind in eigenen Worten wiederzugeben. ■ Zitieren: Wörtlich wiedergegebene Textstellen müssen zitiert werden (durch Anführungszeichen gekennzeichnet). ■ Begründen: Alle Aussagen sind zu begründen, ebenso das Vorgehen/ die ange‐ wandten Methoden. ■ Bezüge herstellen: Aussagen sind auf vorhandene Literatur zu beziehen. ■ Begriffe definieren und präzisieren: Erklärungen, wie Wörter/ Konzepte verwen‐ det werden, sind unerlässlich. Meist ist dies mit der Zuordnung zu einer theoretischen Perspektive/ einem Paradigma verbunden. 282 4 Wissenschaftliches Arbeiten in der Sportwissenschaft (Marcel Fahrner, Verena Burk) <?page no="283"?> ■ Differenzieren: Gegenmeinungen sind zu diskutieren. ■ Widersprüche eliminieren und logisch schließen: Idealerweise sind wissenschaft‐ liche Texte widerspruchsfrei und Schlussfolgerungen logisch folgerichtig. ■ Werte explizieren: Wertfrei zu schreiben, ist fast unmöglich. Deshalb ist es aber wichtig, sie nicht als gegeben vorauszusetzen, sondern zu explizieren. Weiterführende Hinweise zu wissenschaftlichen Sprachstilen geben Bünting et al. (2000) und Frank et al. (2007). Dabei ist zu beachten, dass Unterschiede in den Wis‐ senschaftskulturen und somit auch in den sportwissenschaftlichen Teildisziplinen hin‐ sichtlich der Verwendung von Sprache und Stil existieren. Einigkeit herrscht darüber, dass „die Ich-Form (…) nicht verwandt werden [sollte], da sie Subjektivität suggeriert. Stattdessen sollten Formulieren gewählt werden, die Objektivität ausdrücken, z. B. anstatt ‚Ich untersuchte 20 Personen‘ die Wendung ‚Es wurden 20 Personen untersucht‘ oder - bei interpretierenden Aussagen - nicht ‚Ich glaube, dass…‘, sondern ‚Verfasser dieser Arbeit ist der Meinung, dass…‘)“ (Amendt & Schiffer, 2015, S. 27). Ferner ist bei einer wissenschaftlichen Arbeit auf fehlerfreie Orthographie, Interpunktion und Grammatik zu achten. Bei der formalen Gestaltung wissenschaftlicher Texte ist außerdem auf Schriftbild und Seitengestaltung zu achten. ■ Als Format ist DIN A4 zu verwenden, alle Seiten sind einseitig zu beschreiben. Der Rand beträgt mindestens 3-cm (rechts, links, oben und unten). ■ Bei der Schrift sind Schriftarten wie Times New Roman (Serifenschrift) oder Arial (Groteskschrift) zu verwenden. Der Schriftgrad beträgt 12 Pt, der Zeilenanstand ist 1,5-fach zu wählen. Der Blocksatz (rechts- und linksbündige Ausrichtung) ist dem Flattersatz (linksbündige Ausrichtung) vorzuziehen. Bei beiden Ausrichtungsarten muss eine Silbentrennung im Text vorgenommen werden. ■ Bei den Seitenzahlen der wissenschaftlichen Arbeit ist zu beachten, dass bei Vorwort, Inhaltsverzeichnis, Abkürzungsverzeichnis und den Verzeichnissen der Tabellen und Abbildungen römische Ziffern verwendet werden. Alle anderen Bestandteile der Arbeit werden mit arabischen Seitenzahlen fortlaufend von der ersten Seite des Fließtexts (einleitendes Kapitel) paginiert. ■ Fußnoten werden gesetzt, wenn Ergänzungen zum Text (z. B. Übersetzungen fremdsprachiger Zitate) oder den Lesefluss störende Erläuterungen (z. B. Hinweise auf weiterführende Literatur) notwendig sind. Fußnoten werden vom Text durch einen durchgängigen Strich getrennt und einzeilig geschrieben. Sie sind fortlau‐ fend zu nummerieren und werden durch hochgestellte arabische Ziffern ohne Klammern gekennzeichnet. Eine Verwendung von Symbolen (z. B. Sterne) ist nicht zulässig, da dies zu Missverständnissen führen kann. Es ist zu beachten, dass die Fußnote auf der Textseite erscheint, auf die sie sich bezieht. ■ Tabellen und Abbildungen müssen für sich sprechen und verständlich sein. Die Platzierung einer Abbildung oder Tabelle erfolgt in unmittelbarer Nähe zu 4.3 Anforderungen an die formale Gestaltung wissenschaftlicher Arbeiten 283 <?page no="284"?> ihrer ersten Erwähnung. Im Text wird dabei nur auf die Nummer der Tabelle oder Abbildung und nicht auf deren Titel verwiesen. Die Kennzeichnung jeder Tabelle erfolgt in einer Überschrift und die einer Abbildung in einer Unterschrift. Dabei wird zwischen selbst erstellten und fremden Tabellen bzw. Abbildungen unterschieden. Fremde Tabellen oder Abbildungen, die von der Autorin oder dem Autor übernommen werden, werden am Ende der Tabellenüberschrift bzw. Abbildungsunterschrift mit der betreffenden Quellenangabe (in Klammern) ge‐ kennzeichnet. Nimmt der Verfasser bei Tabellen von anderen Autorinnen und Autoren Änderungen vor, ist der Quellenangabe innerhalb der Klammern der Zusatz „modifiziert nach“ voranzustellen. Sowohl Tabellen als auch Abbildungen werden (je für sich getrennt) fortlaufend nummeriert. ■ Werden im Text Abkürzungen verwendet, für die kein Abkürzungsverzeichnis erstellt ist, müssen diese bei ihrer ersten Verwendung eingeführt werden (d. h. beim ersten Auftreten den Begriff ausschreiben und die Abkürzung in Klammern hinzufügen). Abkürzungen sind über die gesamte wissenschaftliche Arbeit beizu‐ behalten. 4.3.3 Standards bei Quellenangaben und Literaturverzeichnis Bei Quellenangaben in wissenschaftlichen Arbeiten unterscheidet man zwei Fälle: (1) die Angabe im Fließtext, die als Verweis auf das Literaturverzeichnis dient, und (2) die Angabe im Literaturverzeichnis selbst. Die folgenden Erläuterungen führen nur auszugsweise das Vorgehen beim Erstellen der Quellenangaben und des Literatur‐ verzeichnisses aus. Weitere Angaben sind den Richtlinien für die Sportwissenschaft der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (dvs) zu entnehmen (Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft, 2020). Grundsätze der Quellenangaben im Fließtext Sämtliche Aussagen einer Arbeit, die nicht von der Verfasserin oder vom Verfasser selbst stammen oder nicht allgemein bekannte Tatsachen beinhalten, müssen gekenn‐ zeichnet werden. Ihre Herkunft ist so genau anzugeben, dass sie von den Leserin‐ nen und Lesern jederzeit mit einem minimalen Arbeitsaufwand überprüft werden können. Alle im Text angegebenen Literaturstellen müssen ins Literaturverzeichnis aufgenommen werden. Grundsätzlich werden Zitate in doppelte Anführungszeichen gesetzt. Zitate, die weniger als vier Zeilen umfassen, erscheinen im fortlaufenden Text. Zitate, die mehr als vier Zeilen umfassen, werden eingerückt und bilden unter Beibehaltung der Schriftgröße und des vorgeschriebenen Zeilenabstandes einen Block für sich. Die zitierte Stelle wird mit einem Quellenkurzbeleg versehen, der auf das Literaturverzeichnis verweist und dort eine eindeutige Identifikation ermöglicht. Er umfasst den Familiennamen der Autorin oder des Autors, das Erscheinungsjahr der Publikation und die Angabe der Seite, auf der das Zitat zu finden ist. Bei Paraphrasen kann im Kurzbeleg auf die Angabe der Seitenzahl verzichtet werden. 284 4 Wissenschaftliches Arbeiten in der Sportwissenschaft (Marcel Fahrner, Verena Burk) <?page no="285"?> Hat ein Text zwei Autorinnen oder Autoren, werden diese durch ein „&“ verbunden (z. B. Digel & Fahrner, 2003). Bei mehr als zwei Personen wird im Text nur die erstaufgeführte Person mit dem Zusatz „et al.“ genannt (z. B. Digel et al., 2006). Im Literaturverzeichnis müssen jedoch bis zu 20 Autorinnen und Autoren aufgeführt werden. Zitate sind wörtliche Übernahmen fremder Aussagen in den eigenen Text. Sie sollten nur verwendet werden, wenn es sich um prägnante Sätze handelt, deren Wortlaut entscheidend ist. Die Übernahme längerer Zitate ist zu vermeiden. Die Übernahme von Zitaten muss buchstaben- und zeichengetreu erfolgen. Dabei ist auch die Übernahme der alten Rechtschreibweise zu beachten. Auch wenn Rechtschreib-, Zeichen- oder Grammatikfehler in der Originalquelle vorhanden sind, werden diese übernommen. Um Missverständnissen vorzubeugen, wird direkt nach dem Fehler ein „[sic]“ (in eckigen Klammern und kursiv) eingefügt. Bei einem Zitat gelten folgende Vorgaben: ■ Das Zitat steht im Text zwischen doppelten Anführungszeichen; die ein Zitat abschließenden Anführungszeichen stehen stets vor einem etwaigen Satzzeichen. Folgt nach dem Ende des Zitats sofort die Quellenangabe, ist das Satzzeichen immer erst nach dieser zu setzen. ■ Ist in der zitierten Stelle ein Wort oder Abschnitt zwischen doppelten Anführungs‐ zeichen, ist die entsprechende Stelle innerhalb des Zitats in einfache Anführungs‐ zeichen zu setzen. ■ Die Fundstelle des Zitats ist durch Angabe der Seitenzahl zu präzisieren. Dabei ist bei der Angabe der Seitenzahl darauf zu achten, ob das Zitat nur auf einer Seite steht (z. B. S. 20), ob die übernommene Stelle auch noch die folgende Seite des Werkes berührt (z. B. S. 20-21) oder ob die Aussagen sich über mehrere Seiten erstrecken (z. B. S. 20-25). Ist die Seitenzahl nicht bekannt, wird an deren Stelle „o.-S.“ angegeben. Beispiel: „Betrachtet man die Sportvereinlandschaft in Deutschland, wird eine enorme Bandbreite von Mitgliederzahlen, Sportangeboten, ehrenamtlichen und hauptberuflichen Mitarbeitern deutlich“ (Fahrner, 2012, S.-45). Beispiel: Nach Burk (2003, S. 241) „beschränkt sich auch SAT.1 in seinem Sport‐ programm auf wenige sogenannte Fernsehsportarten“. Änderungen an Zitaten sind grundsätzlich erlaubt. Hervorhebungen, Hinzufügungen und weitere Änderungen sind jedoch kenntlich zu machen. Hinzufügungen werden dabei in eckige Klammern gesetzt. Änderungen am Originaltext, z. B. Hervorhebungen durch Fett- oder Kursivdruck, müssen direkt nach der vorgenommenen Änderung gekennzeichnet werden. Werden in einem Zitat ein Wort oder mehrere Wörter ausgelassen, wird dies durch drei Punkte in runder Klammer „(…)“ angezeigt. Bei Auslassungen zu Beginn oder am Ende eines Zitats stehen keine Auslassungspunkte. Dies gilt auch, soweit ein Zitat unmittelbar in den eigenen Text eingebaut und dabei Anfang und Ende des zitierten Satzes weggelassen werden. 4.3 Anforderungen an die formale Gestaltung wissenschaftlicher Arbeiten 285 <?page no="286"?> Beispiel: „Einerseits ist von Sponsorenseite zu prüfen, inwieweit die eigenen Markenwerte inhaltliche Bezüge zu den Werten bzw. dem Image des (…) [po‐ tentiellen Sponsoringobjekts] aufweisen. Andererseits ist von (…) [diesen] zu reflektieren, inwieweit bestimmte Sponsorships mit der eigenen (distinktiven) Identität vereinbar sind“ (Schlesinger, 2010, S.-21). Die Übernahme eines Zitats, das bei anderen Autorinnen oder Autoren gefunden wurde (Sekundärzitat), ist zu vermeiden. Kann die Originalquelle jedoch nicht eingesehen werden, muss die Quellenangabe den Zusatz „zitiert nach …“ erhalten. Beispiel: „Diese sind leicht zu ermitteln und können für alle Vereinsmitglieder verständlich kommuniziert werden. Doch so gut sich diese Kriterien messen lassen, so folgenlos bleibt es in der Regel, wenn sie nicht erreicht werden“ (Thiel & Mayer, 2008, S.-138, zitiert nach Fahrner, 2012, S.-87). Unter Zitat im Zitat ist eine Textstelle zu verstehen, die bereits im Original in Anführungszeichen steht und im Zitat in einfache Anführungszeichen gesetzt wird. Beispiel: „Die Parteienlandschaft der USA wird von zwei großen politischen Parteien geprägt, den ‚Demokraten‘ und den ‚Republikanern‘“ (Digel, et al., 2006, S.-109). Bei einer Paraphrase wird ein fremder Text nicht wortgetreu, sondern sinngemäß wiedergegeben. Hat man dem Werk einer Autorin oder eines Autors einen Gedanken entnommen oder behandelt man einen Sachverhalt mit anderen Worten, ist dies kenntlich zu machen. Dabei entfallen die Anführungszeichen. Es muss jedoch durch Angabe des Namens der Autorin oder des Autors unmissverständlich erkennbar sein, dass es sich um die Wiedergabe fremder Gedanken handelt. Auf die Angabe der Seitenzahl der paraphrasierten Aussage kann verzichtet werden, was jedoch vor allem bei längeren Werken das Auffinden der Textstellen durch die Leserinnen und Leser erschweren kann. Beispiel: Öffentlich-rechtliche TV-Programme legen einen Fokus auf die Aus‐ strahlung von Live-Berichterstattung, während private Sender eher redaktionell bearbeitete Sportsendungen bevorzugen (Burk, 2003, S.-209). Grundsätze der Quellenangaben im Literaturverzeichnis In das Literaturverzeichnis müssen alle in der Arbeit verwendeten und im Text aufgeführten Quellen aufgenommen werden. Wichtig für die Lesbarkeit des Literatur‐ verzeichnisses ist eine gute Unterscheidung der Referenzen, z. B. durch Einfügen einer Leerzeile oder hängende Absätze. Die Anordnung des Literaturverzeichnisses erfolgt 286 4 Wissenschaftliches Arbeiten in der Sportwissenschaft (Marcel Fahrner, Verena Burk) <?page no="287"?> alphabetisch nach den Familiennamen der Autorinnen und Autoren. Werden mehrere Veröffentlichungen desselben Verfassers in das Literaturverzeichnis aufgenommen, sind die Veröffentlichungen chronologisch mit dem ältesten Titel beginnend zu ordnen. Titel mit Koautorinnen oder Koautoren kommen erst nach der Auflistung aller Titel der erstgenannten Person. Dabei gilt als erstes Kriterium die alphabetische Reihenfolge der Koautorinnen und -autoren, als zweites Ordnungskriterium das Erscheinungsjahr. Mehrere Titel einer Verfasserin oder eines Verfassers oder einer Autorengruppe aus demselben Jahr sind mit a, b, c zu kennzeichnen, dies gilt auch für die Angaben im Text selbst. Im Literaturverzeichnis muss immer ein Komma zwischen den Namen der Autorinnen und Autoren gesetzt werden - im Unterschied zum Quellenkurzbeleg im Text auch vor dem „&“-Zeichen. Beispiel: Burk, V. (2003). Sportberichterstattung im dualen Fernsehsystem. Öffentlich-rechtliche und private Programme im Vergleich. Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Burk, V. (2006a). Fußball auf europäischen Bildschirmen. In E. Müller, & J. Schwier (Hrsg.), Medienfußball im europäischen Vergleich (S.-29-46). Herbert von Halem Verlag. Burk, V. (2006b). Russland - ein Land und sein Spitzensport im Umbruch. Olympisches Feuer, o.J.(4), 38-40. Burk, V., & Digel, H. (2002). Zur Entwicklung des Fernsehsports in Deutschland. In J. Schwier (Hrsg.), Mediensport. Ein einführendes Handbuch (S. 101-124). Schneider Verlag. Burk, V., & Schauerte, T. (2007). Das Angebot von Sport in den Medien international. In T. Schierl (Hrsg.), Handbuch Medien, Kommunikation und Sport (S.-69-80). Hofmann. Bei mehreren Autorinnen und Autoren sind bis zu 20 Namen aufzuführen; das Vorhan‐ densein weiterer Autorinnen und Autoren ist durch den Zusatz „et al.“ zu kennzeichnen. In Literaturverzeichnissen werden akademische Titel der Autorinnen und Autoren nicht erwähnt. Ist ein Werk nicht von einer Person, sondern von einer Körperschaft, Gesellschaft oder dergleichen herausgegeben, wird diese entsprechend angegeben. Wenn Veröffentlichungen keine Verfasserin oder keinen Verfasser haben, rückt der Titel an die Position des Autors oder der Autorin, wobei die alphabetische Einordnung nach dem ersten inhaltsbedeutsamen Begriff erfolgt. Das Erscheinungsjahr folgt den Namen der Autorinnen und Autoren und ist in Klam‐ mern zu setzen. Fehlt das Jahr der Veröffentlichung, wird an Stelle der Jahreszahl die Kennzeichnung „o. D.“ (ohne Datum) angegeben. Texte, die für eine Veröffentlichung angenommen, aber noch nicht erschienen sind, werden an der Stelle der Jahreszahl durch „in Druck“ gekennzeichnet. Die Angabe des Verlagsortes ist fakultativ. Werden Verlagsorte aufgeführt, sind bei mehreren Verlagsorten bis zu sechs Orte zu nennen, weitere werden durch „et al.“ festgehalten. Eine Erstauflage wird nicht explizit gekennzeichnet. Alle weiteren Auflagen sind als solche zu kennzeichnen, gegebenenfalls mit den Zusätzen „erweitert“, „revidiert“, „überarbeitet“ etc. 4.3 Anforderungen an die formale Gestaltung wissenschaftlicher Arbeiten 287 <?page no="288"?> Beispiel: Fahrner, M., & Moritz, N. (2009). Doppelstunde Schwimmen. Unterrichtseinheiten und Stundenbeispiele für Schule und Verein. Hofmann. Fahrner, M., & Moritz, N. (2011). Doppelstunde Schwimmen. Unterrichtseinheiten und Stundenbeispiele für Schule und Verein (2. Auflage). Hofmann. Im Folgenden werden beispielhaft Quellenangaben in einem Literaturverzeichnis vorgestellt. Dabei wird zunächst auf Printmedien eingegangen, bei denen man Bü‐ cher/ Sammelwerke, Beiträge in Sammelbänden, Beiträge in Zeitschriften (mit unter‐ schiedlicher Paginierung) und Beiträge in Zeitungen unterscheiden kann: Bücher und Sammelwerke Nachname, Vorname-Initial. (ggf. „Hrsg.“) (Erscheinungsjahr). Titel. Untertitel (ggf. Auflage). Verlag. Fahrner, M. (2012). Grundlagen des Sportmanagements. Oldenbourg. Beiträge in Sammelbänden Nachname, Vorname-Initial. (Erscheinungsjahr). Titel. Untertitel. In Vorname-Initial, Nach‐ name des Herausgebers (Hrsg.), Titel des Sammelbandes (Seitenzahlen). Verlag. Burk, V., & Schauerte, T. (2007). Das Angebot von Sport in den Medien international. In T. Schierl (Hrsg.), Handbuch Medien, Kommunikation und Sport (S.-69-80). Hofmann. Beiträge in Zeitschriften mit Jahrgangsbzw. Bandpaginierung Nachname, Vorname-Initial. (Erscheinungsjahr). Titel. Name der Zeitschrift, Jahrgang, Seitenangaben. Digel, H., & Burk, V. (1999). Die Entwicklung des Fernsehsports in Deutschland. Sportwis‐ senschaft, 29, 22-41. Beiträge in Zeitschriften mit heftweiser Paginierung Nachname. Vorname-Initial. (Erscheinungsjahr). Titel. Name der Zeitschrift, Jahrgang(Heft), Seitenangaben. Fahrner, M., & Merkle, B. (2019). Ausdauerschwimmen: Kompetenzorientiert unterrichten. SportPraxis: Die Fachzeitschrift für Sportlehrer, Übungsleiter und Trainer, 60(7-8), 55-58. Beiträge in Zeitungen Nachname, Vorname-Initial. (Erscheinungsdatum). Titel. Name der Zeitung, Ausgabennum‐ mer, Seitenangaben. Kistner, T. (2002, 23./ 24. Februar). Bergab in die Armut. Eine Studie belegt, dass viele Olympioniken nach ihrer Zeit als Sportler am wahren Leben scheitern. Süddeutsche Zeitung, 46, 50. 288 4 Wissenschaftliches Arbeiten in der Sportwissenschaft (Marcel Fahrner, Verena Burk) <?page no="289"?> Bei elektronischen Medien wird nur auf Quellen aus dem Internet eingegangen; weitere Quellenangaben bei elektronischen Medien (z. B. CD-ROM, DVD) sind den Richtlinien der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft (2020) zu entnehmen. Die wichtigste Angabe ist der URL (Uniform Resource Locator), der eindeutig sein muss. Es wird empfohlen, nur Quellen zu verwenden, deren Beständigkeit zuverlässig eingeschätzt werden kann. Zudem ist darauf zu achten, dass die zu zitierenden Textstellen einge‐ grenzt werden können (z. B. durch Seitenzahlen bei pdf-Dateien und durch Textanker (#Textstelle) oder Absatznummerierungen bei html-Dateien). Bei der Angabe von Internetseiten aus dem World Wide Web ist nur die URL-Adresse zwingend anzugeben. Außerdem ist der Name der Website zu nennen - wenn dieser nicht identisch mit den Namen der Autorinnen und Autoren ist. Sollte die Angabe eines Abrufdatums notwendig sein, z. B. wenn ersichtlich ist, dass die Seite fortlaufend aktualisiert wird, erfolgt diese Angabe in Klammern nach dem Erscheidungsjahr - nach dem Schema Tag (als Zahl), Punkt, Monat (ausgeschrieben) und Jahr. Internet Nachname, Vorname-Initial. ( Jahr, Tag (als Zahl), Punkt und Monat (ausgeschrieben).). Titel. Untertitel. Zugriff am Tag (als Zahl), Monat (ausgeschrieben), Jahr unter URL (vollständige Angabe) DTB (2020, 19. Oktober). Schule und Tennis: Seit 50 Jahren ein starkes Doppel! DOSB. https : / / www.dosb.de/ sonderseiten/ news/ news-detail/ news/ schule-und-tennis-seit-50-jahren -ein-starkes-doppel 4.3 Anforderungen an die formale Gestaltung wissenschaftlicher Arbeiten 289 <?page no="290"?> Praxisbeispiel: Titelblatt einer Seminararbeit Eberhard Karls Universität Tübingen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Fakultät Institut für Sportwissenschaft Seminar „Sportmedien und ihre Inhalte“ WS 2023/ 2024 Dozentin: Dr. Verena Burk Seminararbeit Sportberichterstattung im Magazin „Der Spiegel“ - eine inhaltsanalytische Untersuchung der Jahre 2020 und 2021 Max Mustermann Bachelor-Studiengang Sportwissenschaft mit dem Profil „Medien und Kommunikation“ Schillerstraße 24 72074 Tübingen Tübingen, 15. März 2024 Kontrollfragen 1. Der formale Aufbau wissenschaftlicher Arbeiten umfasst typische Standard‐ kapitel. Welche sind dies und in welcher Reihenfolge werden sie angeordnet? Was ist bei der Verbindung der einzelnen Kapitel zu beachten? 2. Bei wissenschaftlichen Texten muss eine dem wissenschaftlichen Diskurs angemessene Sprache verwendet werden. Was sind wichtige Kennzeichen eines wissenschaftlichen Schreibstils? 3. Wissenschaftliche Texte folgen in der formalen Gestaltung bestimmten Richt‐ linien und Regeln. Nennen Sie exemplarisch drei dieser Regeln. 4. Wissenschaftliche Arbeiten unterliegen Standards bei den Quellenangaben. Hier‐ bei unterscheidet man u. a. zwischen Zitat und Paraphrase. Kennzeichnen Sie beide Möglichkeiten der Quellenangabe und führen Sie jeweils ein Beispiel an. 290 4 Wissenschaftliches Arbeiten in der Sportwissenschaft (Marcel Fahrner, Verena Burk) <?page no="291"?> 5. Bei der Gestaltung eines Literaturverzeichnisses sind verschiedene Grundsätze zu beachten. Nennen Sie zwei dieser Grundsätze. 6. Quellenangaben im Literaturverzeichnis erfolgen in Abhängigkeit der Art der Quelle (z. B. Monographie, Zeitschriftenbeitrag). Wie werden im Literaturver‐ zeichnis Quellenangaben für einen Beitrag in einem Sammelband und für eine Internetquelle angegeben? Literatur Amendt, A., & Schiffer, J. (2015). Wissenschaftliches Arbeiten mit Literatur im Sportstudium (4., erweiterte und aktualisierte Auflage). Sportverlag Strauß. Bünting, K.-D., Bitterlich, A., & Pospiech, U. (2000). Schreiben im Studium. Ein Leitfaden. Cornelsen Scriptor. Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft (2020). Richtlinien zur Manuskriptgestaltung in der Sportwissenschaft - Kurzfassung. https: / / www.sportwissenschaft.de/ fileadmin/ pdf/ download / dvs-Richtlinien-2020_11.pdf Frank, A., Haacke, S., & Lahm, S. (2007). Schlüsselkompetenzen: Schreiben im Studium und Beruf. J.B. Metzler. Kruse, O. (1995). Keine Angst vor dem leeren Blatt. Ohne Schreibblockade durchs Studium. Campus. 4.4 Wissenschaftliche Integrität: Standards guter wissenschaftlicher Praxis Wissenschaftliches Arbeiten zeichnet sich durch besondere Sachlichkeit und Seriosität im Einsatz von Theorien und Methoden aus - unabhängig davon, um welche Art wissenschaftlicher Arbeit es sich handelt. Dies zeigt sich in einem kritischen Hinter‐ fragen von Alltagsphänomenen, in der Systematisierung von Zusammenhängen und der Entwicklung theoretischer Konzepte. Darauf aufbauend ist die systematische, nachvollziehbare Anwendung von Methoden der Datenerhebung und -auswertung für wissenschaftliches Arbeiten kennzeichnend. Ergebnisse wissenschaftlichen Arbeitens werden dabei typischerweise in Form wissenschaftlicher Publikationen, d. h., For‐ schungsberichten, Doktorarbeiten, wissenschaftlichen Zeitschriftenbeiträgen kommu‐ niziert, die wiederum bestimmten formalen Kriterien/ Standards entsprechen müssen. In der Gegenwartsgesellschaft kann jede und jeder über digitale Plattformen und soziale Medien persönliche Einschätzungen, Überzeugungen und Meinungen einem mitunter sehr großen Kreis an Rezipientinnen und Rezipienten als - vermeintliche - Fakten präsentieren. Doch so einfach der Zugriff auf - vermeintlich wissenschaftlich fundiertes - Wissen auch ist, in Suchmaschinen und digitalen Newsfeeds sozialer Me‐ dien werden Informationen nicht auf ihren objektiven Wahrheitsgehalt überprüft. Vor diesem Hintergrund erhalten wissenschaftliche Erkenntnisse besondere Qualität, da sie 4.4 Wissenschaftliche Integrität: Standards guter wissenschaftlicher Praxis 291 <?page no="292"?> sich durch Transparenz, Nachvollziehbarkeit und Vertrauenswürdigkeit auszeichnen - die wiederum auf der Einhaltung festgelegter Regeln und Standards fußen (Deutsche Forschungsgemeinschaft, 2022). Lernziele ■ Die Leserinnen und Leser erkennen den gesellschaftlichen Wert und die Relevanz wissenschaftlicher Integrität. ■ Sie lernen, wissenschaftliche Integrität in den Dimensionen Forschungspro‐ zess, Methoden und Autorschaft zu differenzieren. Insbesondere die Entwicklung digitaler Datenverfügbarkeit, z. B. über öffentlich zu‐ gängliche Websites oder Datenbanken, hat in den vergangenen Jahren gesellschaftsweit umfangreiche Zugriffsmöglichkeiten auf (mitunter sehr große) Datenmengen eröffnet. Damit einher gehen neue Formate der Datenerhebung (z. B. Web-Scraping) und auch neue Instrumente zur systematischen Analyse solcher Datenmengen (u. a. Algorithmen, Künstliche Intelligenz). Darüber hinaus schaffen digitale Plattformen, Websites und Blogs von Einzelpersonen, Gruppen und Organisationen, soziale Medien oder Open- Access-Formate von Medienorganisationen neue Wege zur Veröffentlichung wissen‐ schaftlicher Erkenntnisse. Allerdings unterliegen öffentlich zugängliche Informationen selten einer Prüfung auf objektive Richtigkeit oder Qualität, Ausnahmen sind z.-B. journalistische Beiträge in Qualitätsmedien. Somit ist es breiten Bevölkerungskreisen selbst überlassen, aus den ihnen verfügbaren Informationen vermeintliches „Wissen“ herauszulesen und dessen „Seriosität“ gegenüber etwaigen „Fake News“ abzuprüfen. Wissenschaftlich fundierte Erkenntnisse hingegen zeichnen sich gerade durch eben solche Integrität und Seriosität aus, sodass sie von der Gesellschaft per se als „wahr“ oder „wahrhaftig“ angesehen und als solche geschätzt werden. Dies macht es im Umkehrschluss jedoch erforderlich, alle Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler auf Standards guter wissenschaftlicher Praxis zu verpflichten und sicherzustellen, dass diese in der Forschungspraxis auch eingehalten werden. Vor diesem Hintergrund hat die Deutsche Forschungsgemeinschaft (2022) insge‐ samt 19 Leitlinien formuliert, die einen differenzierten Rahmen schaffen und allen wissenschaftlichen Einrichtungen - aber auch allen Wissenschaftlerinnen und Wis‐ senschaftlern - Orientierung in Fragen wissenschaftlicher Integrität und „guter“ wis‐ senschaftlicher Praxis liefern. Für die Leserschaft dieses Kapitels sind diese Leitlininen anhand ausgewählter Kernthemen zusammengefasst. 4.4.1 Integrität des Forschungsprozesses Wesentliche Kennzeichen wissenschaftlichen Arbeitens sind Gewissenhaftigkeit, Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Dies gilt für den Forschungsprozess insgesamt 292 4 Wissenschaftliches Arbeiten in der Sportwissenschaft (Marcel Fahrner, Verena Burk) <?page no="293"?> und schließt somit alle Teilschritte ein (vgl. Kap. 4.1), also vom Forschungsüberblick über die theoretischen Anlysen bis zu den empirischen Schritten der Datenerhebung und -auswertung sowie der Interpretation der gewonnenen Erkenntnisse inklusive etwaiger Schlussfolgerungen/ Implikationen (Universität Tübingen, 2021). Mit Blick auf das Forschungsdesign wissenschaftlicher Arbeiten ergibt sich ein be‐ sonderer Integritätsaspekt dadurch, dass bereits bei der Konzipierung von Forschungs‐ vorhaben der jeweils aktuelle Forschungsstand zum Gegenstandsbereich der Studie berücksichtigt wird. „Die Identifikation relevanter und geeigneter Forschungsfragen setzt sorgfältige Recherche nach bereits öffentlich zugänglich gemachten Forschungs‐ leistungen voraus“ (Deutsche Forschungsgemeinschaft, 2022, S.-15). Dabei eröffnen auf „Künstlicher Intelligenz“ (KI) basierende Techniken, z. B. das in der breiten Öffentlichkeit bekannte ChatGPT, ungeahnte Möglichkeiten, solche Rechercheaufgaben umfassend und schnell durchzuführen. Aber auch hinsichtlich der Datenerhebung und -auswertung können KI-gestützte Instrumente Effizenzgewinne etwa in der Analyse großer Datenmengen (Big Data) ermöglichen. Ungeachtet dieser Potenziale müssen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler jedoch unbedingt die Herkunft des von ihnen verwendeten und/ oder erstellten Datenmaterials erkennbar machen und „sicherstellen, dass durch die Verwendung generativer Modelle kein fremdes geistiges Eigentum verletzt wird und kein wissenschaftliches Fehlverhalten etwa in Form von Plagiaten entsteht“ (Deutsche Forschungsgemeinschaft, 2023, S.-2). Ferner gilt es, aus Forschungsarbeiten resultierende Daten sowie deren Be-/ Ver‐ arbeitung zu beschreiben. Über den gesamten Forschungsprozess hinweg sind - selbstredend - gesetzliche und/ oder vertragliche Rechte und Pflichten einzuhalten. Beispielsweise erfordern manche empirischen Designs, etwa wenn Kinder beteiligt sind, besondere Genehmigungen oder Ethikvoten der dafür von den wissenschaftlichen Einrichtungen eingerichteten Kommissionen. Aber auch der Umgang mit erhobenen personenbezogenen Daten muss immer transparent gemacht und z. B. mit der DSGV konform sein (Deutsche Forschungsgemeinschaft, 2022, S.-14). 4.4.2 Integrität der Methoden und Publikationen Um Intergrität, Verlässlichkeit und Vertrauenswürdigkeit wissenschaftlichen Arbei‐ tens sicherzustellen, hat die Anwendung wissenschaftlicher Methoden immer gemäß der im jeweiligen Fach etablierten Standards zu erfolgen. Dies bezieht sich beispiels‐ weise auf „das Kalibrieren von Geräten, die Erhebung, Prozessierung und Analyse von Forschungsdaten, die Auswahl und Nutzung von Forschungssoftware“ (Deutsche Forschungsgemeinschaft, 2022, S.-14). In diesem Zusammenhang ist von großer Relevanz, alle Teilschritte des Forschungs‐ prozesses nachvollziehbar und über entsprechende Dokumentationen auch für Dritte zugänglich zu machen: (Daten-)Material, methodische Vorgehensweisen inklusive ein‐ gesetzter Software und Rechenoperationen. Auf diese Weise werden die gewonnenen Erkenntnisse prinzipiell überprüfbar, und nachfolgende Studien können adäquat daran 4.4 Wissenschaftliche Integrität: Standards guter wissenschaftlicher Praxis 293 <?page no="294"?> anschließen. Grundsätzlich wird erwartet, dass Rohdaten über einen Zeitraum von zehn Jahren zugänglich und nachvollziehbar sind (Deutsche Forschungsgemeinschaft, 2022). Vor dem Hintergrund der Entwicklung KI-gestützter Instrumente gilt es für Forschende insbesondere offenzulegen, „ob und welche generativen Modelle sie zu welchem Zweck und in welchem Umfang eingesetzt haben“ (Deutsche Forschungsgemeinschaft, 2023, S.-2). Grundsätzlich ist es Ziel jeder wissenschaftlichen Arbeit, ihre Erkenntnisse auf ge‐ eigneten Wegen der Scientific Community verfügbar zu machen und sie auf diese Weise in den wissenschaftlichen Diskurs einzubringen. Dies erfolgt typischerweise durch Veröffentlichungen in geeigeneten wissenschaftlichen Organen der jeweiligen Fachdisziplinen. Im Zuge der gesellschaftsweiten Digitalisierungstrends stehen mittlerweile zahlrei‐ che Plattformen zur Veröffentlichung wissenschaftlicher Erkenntnisse zur Verfügung, z. B. eigene Websites und Blogs von Einzelpersonen, Gruppen und Organisationen, soziale Medien oder Open-Access-Formate von Medienorganisationen. Während diese dem Grundsatz des öffentlichen Zugangs zu Forschungsergebnissen und -daten ohne Weiteres entsprechen, sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler gehalten, ihre Arbeiten möglichst in den von ihren jeweiligen Fachdisziplinen anerkannten und entsprechend qualitativ anspruchsvollen Publikationsorganen zu veröffentlichen. 4.4.3 Integrität der Autorschaft Für die Integrität und Vertrauenswürdigkeit wissenschaftlicher Publikationen ist es außerdem von großer Relevanz, dass deutlich erkennbar wird, welche Autorinnen und Autoren substanziell zu Studien bzw. damit in Verbindung stehenden Publikationen beigetragen haben. Als Autorin oder Autor wissenschaftlicher Publikationen gilt, wer Forschungs‐ vorhaben mit entwickelt oder konzipiert hat, wer an der Datenerhebung und -auswertung beteiligt war, wer die Ergebnisse mit interpretiert, und/ oder das Manuskript mit erstellt hat (Deutsche Forschungsgemeinschaft, 2022). Die mittlerweile ohne größere Aufwendungen zugänglichen digitalen Instrumente sog. „Künstlicher Intelligenz“ erweiteren in allen Teilschritten des wissenschaftlichen For‐ schungsprozesses die Möglichkeiten zur Recherche, Datenerhebung und -auswertung etc. Doch unabhängig davon, in welchem Umfang und in welchen Teilabschnitten des wissenschaftlichen Forschungsprozesses solche Technologien eingesetzt werden, ist klar: „In wissenschaftlichen Publikationen können nur die verantwortlich handelnden natürlichen Personen als Autorinnen und Autoren in Erscheinung treten“ (Deutsche 294 4 Wissenschaftliches Arbeiten in der Sportwissenschaft (Marcel Fahrner, Verena Burk) <?page no="295"?> Forschungsgemeinschaft, 2023, S. 2). Hieraus ergibt sich für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die Verpflichtung, bezüglich des etwaigen Einsatzes von textund/ oder bildgenerierenden Techniken Transparenz herzustellen (Vogelsang et al., 2023). Es gilt deutlich zu machen, ob und in welchem Umfang die „vorliegenden Texte und Abbildungen mithilfe generativer Modelle erstellt oder die jeweils zugrunde liegenden wissenschaftlichen Ideen mithilfe generativer Modelle entwickelt wurden“ (Deutsche Forschungsgemeinschaft, 2023, S.-1). Praxisbeispiel: Nachvollziehbarkeit wissenschaftlich integren Arbeitens Studentin S steht kurz davor, ihre Masterarbeit fertig zu stellen. Nachdem sie ihren Text einer WG-Mitbewohnerin zum Korrekturlesen gegeben hat, überlegt S, welche abschließenden Aufgaben noch zu erledigen sind. Die Betreuerin ihrer Arbeit hat S von Beginn ihres Forschungsprozesses an immer wieder darauf hingewiesen, dass sie alle Teilschritte gewissenhaft durchführen und dokumentieren soll, damit diese auch nach Abgabe der Arbeit im Prüfungsamt nachvollziehbar und überprüfbar bleiben. Obwohl S versucht hat, dies über die vergangenen Monate zu berücksichtigen, sieht sie sich nun doch mit einigen Fragen und Aufgaben konfrontiert: Bei der Ideenfindung und Recherche der für ihre Arbeit relevanten Literatur hat sie situativ das auf Künstlicher Intelligenz (KI) basierende Dialogsystem ChatGPT verwendet. Dies stellt ihrer Ansicht nicht die Eigenständigkeit ihrer Arbeit in Frage, aber ihr ist bewusst, dass sie diesen Einsatz offenlegen und im Anhang ihrer Arbeit differenziert beschreiben muss. Im Rahmen ihrer Studie hat S außerdem einen selbstprogrammierten Online- Fragebogen eingesetzt und ihre Forschungsfragen u. a. regressionsanalytisch modelliert. Ihre Betreuerin hat angekündigt, im Rahmen der Begutachtung prüfen zu wollen, inwiefern die von S durchgeführten Analyse- und Rechenoperationen nachvollziehbar und vor allem reproduzierbar sind. Somit muss S sicherstellen, dass sie auch dies über den digitalen Anhang ihrer Arbeit entsprechend gewähr‐ leistet. Kontrollfragen 1. Wissenschaftliche Integrität und Vertrauenswürdigkeit basieren vor allem auf einem transparenten, regelbasierten Vorgehen. Welche Dimensionen sind für die Integrität des Forschungsprozesses insgesamt von Bedeutung? 2. Welche Dimensionen sind für die Integrität und Vertrauenswürdigkeit wissen‐ schaftlicher Methoden besonders relevant? 4.4 Wissenschaftliche Integrität: Standards guter wissenschaftlicher Praxis 295 <?page no="296"?> 3. Was ist mit Blick auf die Autorschaft wissenschaftlicher Publikationen zu beachten, insbesondere wenn es sich um Veröffentlichungen mehrerer Auto‐ rinnen oder Autoren handelt? Literatur Deutsche Forschungsgemeinschaft (2022). Kodex: Leitlinien zur Sicherung guter wissenschaftli‐ cher Praxis. https: / / zenodo.org/ records/ 6472827 Deutsche Forschungsgemeinschaft (2023). Stellungnahme des Präsidiums der Deutschen For‐ schungsgemeinschaft (DFG) zum Einfluss generativer Modelle für die Text- und Bilderstel‐ lung auf die Wissenschaften und das Förderhandeln der DFG. www.dfg.de/ download/ pdf/ df g_im_profil/ geschaeftsstelle/ publikationen/ stellungnahmen_papiere/ 2023/ 230921_stellung‐ nahme_praesidium_ki_ai.pdf Universität Tübingen (2021). Leitlinien der Universität Tübingen zur Sicherung guter wissenschaft‐ licher Praxis. Universität Tübingen. Vogelsang, J., Bleher, J., Krupitzer, C., Stein, A., & Jung, R. (2023). Nutzung von ChatGPT in Lehre und Forschung - eine Einschätzung der AIDAHO-Projektgruppe. Universität Hohenheim. http s: / / aidaho.uni-hohenheim.de/ fileadmin/ einrichtungen/ aidaho/ Dokumente/ AIDAHO_ChatG PT_Positionspapier_23-02-09.pdf 296 4 Wissenschaftliches Arbeiten in der Sportwissenschaft (Marcel Fahrner, Verena Burk) <?page no="297"?> 5 Berufsfelder und Beschäftigungsverhältnisse von Absolventinnen und Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge (Verena Burk) In Bezug auf potentielle Berufsfelder von Absolventinnen und Absolventen sportwis‐ senschaftlicher Studiengänge ist es zu weitreichenden Veränderungen durch den sozialen Wandel, die zunehmende Relevanz von Sport in unserer Gesellschaft, die stetige Ausdifferenzierung des Sportsystems und die unterschiedlichen Vorstellungen darüber, was man unter Sport verstehen kann und was zum Sport gehört, gekommen. Daneben ist in den vergangenen Jahren auch eine Differenzierung sportwissenschaft‐ licher Studiengänge und -profile zu beobachten - ausgelöst und beschleunigt durch die Bologna-Reformen Anfang der 2000er Jahre. Während in den 1980er und 1990er Jahren an den sportwissenschaftlichen Instituten der deutschen Hochschulen Studierende fast ausschließlich in Lehramtsstudiengängen „Sport“ ausgebildet und diese später durch Diplomstudiengänge verschiedener Profilierungen ergänzt wurden, sind heute flächendeckend Bachelor- und Masterstudiengänge in der sportwissenschaftlichen Ausbildung anzutreffen. Insgesamt kann man derzeit von mehr als 150 universitären sportwissenschaftlichen Bachelor- und Masterstudiengängen ausgehen (Stiftung für Hochschulzulassung & Bundesagentur für Arbeit, 2024), die an den rund 90 sportwis‐ senschaftlichen Instituten, privaten Hochschulen und anderen Instituten angeboten werden. Auswirkungen auf Berufsfelder, Beschäftigungsverhältnisse und Tätigkeits‐ felder haben ■ die Verkürzung der Ausbildungsdauer, ■ die Verschulung des Studienablaufs, ■ die von der Politik geforderte berufsqualifizierende Ausrichtung der Studieninhalte und somit ■ die Entwicklung vom Generalisten „Sportwissenschaftler“ zum Spezialisten in unterschiedlichen Sport-Teilbereichen. Eine besondere Herausforderung stellt sich auch für Absolventinnen und Absolventen von Lehramtsstudiengängen. Es zeigt sich aufgrund demographischer Entwicklungen und bildungspolitischer Weichenstellungen eine Dynamik mit Blick auf die Anzahl der verfügbaren Stellen für ausgebildete Sportlehrkräfte. Nicht im Schuldienst tätige Sportlehrerinnen und Sportlehrer stehen zudem in den außerschulischen Berufsfeldern in starker Konkurrenz zu den Absolventinnen und Absolventen sportwissenschaftli‐ cher BA-/ B.Sc.- und MA/ M.Sc.-Studiengänge, die eine Spezialisierung für die jeweiligen spezifischen Berufsfelder aufweisen. <?page no="298"?> 5.1 Ausgewählte Aspekte zur Berufstätigkeit von Absolventinnen und Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge Setzt man sich mit Berufsfeldern von Absolventinnen und Absolventen sportwissen‐ schaftlicher Studiengänge auseinander, ist es naheliegend, sich Studien zuzuwenden, die ehemalige Studierende der Sportwissenschaft zu ihrem Berufs- und Tätigkeitsfeld befragen und somit Einblicke in Beschäftigungsverhältnisse geben. Eine weitere Orientierung bieten Befragungen von Arbeitgebenden, die vor allem notwendige Qualifikationen und Kompetenzen für ausgewählte Berufsfelder in den Mittelpunkt stellen. Lernziele ■ Die Leserinnen und Leser erkennen, welche unterschiedlichen Berufsfelder und Arbeitsmöglichkeiten für Absolventinnen und Absolventen sportwissen‐ schaftlicher Studiengänge existieren. ■ Sie erfahren, wie und in welchen Berufsfeldern Absolventinnen und Absol‐ venten sportwissenschaftlicher Studiengänge in den vergangenen Jahren anschlussfähig waren und in welcher Art von Beschäftigungsverhältnis sie arbeiten. ■ Die Leserinnen und Leser setzen sich mit Anforderungsprofilen ausgewählter sportwissenschaftlicher Berufsfelder auseinander und erfahren aus Arbeitge‐ bendensicht, welche Kenntnisse, Kompetenzen und Qualifikationen jeweils als wichtig erachtet werden. 5.1.1 Beschäftigungsverhältnisse von Absolventinnen und Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge Zahlreiche sportwissenschaftliche Institute in Deutschland führten und führen regel‐ mäßig Befragungen durch, um den beruflichen Verbleib von Absolventinnen und Ab‐ solventen ihrer Studiengänge zu ermitteln (u. a. Emrich, 1988; Heinemann et al., 1990; Hartmann-Tews & Mrazek, 1994, 2002, 2007; Thiele & Timmermann, 1997; Cachay & Thiel, 1999; Cachay et al., 1999; Emrich & Pitsch, 1994; 2003; Mrazek & Hartmann- Tews, 2010). Gegenstand der Untersuchungen sind in der Regel die Tätigkeitsfelder der Absolventinnen und Absolventen, ihre im und neben dem Studium erworbenen (Zusatz-)Qualifikationen, ihre Stellensuche und ihr Zugang zur Berufstätigkeit sowie ihre gegenwärtigen Beschäftigungsverhältnisse und Einkommensverhältnisse. Die Deutsche Sporthochschule Köln (DSHS) erhebt seit über 20 Jahren Daten zur Beschäftigungssituation ihrer Absolventinnen und Absolventen. Während die von Mrazek und Hartmann-Tews (2010) vorgelegten Ergebnisse der Jahrgänge 2003-2005 298 5 Berufsfelder und Beschäftigungsverhältnisse (Verena Burk) <?page no="299"?> (n = 525) und 2006-2008 (n = 417) die ehemaligen fünf Diplom-Studienschwerpunkte aus einer vergleichenden Perspektive betrachten, rücken die neuen Studien ab dem Jahrgang 2010 die eingeführten sportwissenschaftlichen Bachelor- und Masterstudien‐ gänge in den Fokus. Bei der Studie der Bachelor-Absolventinnen und -Absolventen des Jahrgangs 2020, an der 210 ehemalige Studierende teilgenommen haben, geben 71 % der Befragten hinsichtlich ihrer momentanen Erwerbssituation an, sich in einem weiterführenden Studium oder in einer Ausbildung zu befinden. 27 % der Bachelor-Absolventinnen und -Absolventen sind hingegen erwerbstätig, lediglich 2 % geben „Sonstiges“ an. Demgegenüber sind 77 % der Master-Absolventinnen und -Absolventen des Jahrgangs 2020, die an der Befragung teilgenommen haben, ausschließlich erwerbstätig. Der Eintritt in den Arbeitsmarkt erfolgte bei den DHSH-Absolventinnen und -Absolventen dabei vorwiegend durch Bewerbungen auf ausgeschriebene Stellen (50 %), wohingegen 25 % der Absolventinnen und Absolventen persönliche Kontakte und 13 % Initiativ‐ bewerbungen anführten. Dabei hat die Mehrheit der Bachelor- (62 %) und Master- Absolventinnen und -Absolventen (71 %) einen starken Bezug zum Sport in ihrem aktuellen Beruf (Deutsche Sporthochschule Köln, 2024). Die Privatwirtschaft ist der größte Arbeitgebende der DSHS-Absolventinnen und -Absolventen: 60 % (einschließlich selbständig Berufstätige) des Jahrgangs 2020 arbei‐ ten dort, wohingegen 26 % im öffentlichen Sektor und 14 % bei Non-Profit-Organisa‐ tionen wie Vereinen und Verbänden beschäftigt sind (Deutsche Sporthochschule Köln, 2024). Diese Zahlen haben sich bei einem Vergleich der Jahrgänge 2014, 2016, 2018 und 2020 nur geringfügig verändert. Weitreichendere Änderungen ergaben sich hingegen bei den durchschnittlichen Bruttomonatsgehältern der Absolventinnen und Absolven‐ ten: Verdiente eine Bachelor-Absolventin oder ein Bachelor-Absolvent des Jahrgangs 2014 noch rund 2.600 Euro im Monat, waren dies beim Jahrgang 2020 dagegen 3.300 Euro. Eine ähnliche Entwickung bei den durchschnittlichen Bruttomonatsgehältern ist bei den Absolventinnen und Absolventen der Masterstudiengänge zu beobachten (Deutsche Sporthochschule Köln, 2024) (vgl. Tab. 5.1.1). Jahrgang Bachelor-Absolventinnen und -Absolventen Master-Absolventinnen und -Absolventen 2014 2.626 3.041 2016 2.562 3.376 2018 2.997 3.446 2020 3.300 3.566 Tab. 5.1.1: Durchschnittliches Bruttomonatsgehalt (in Euro) der Absolventinnen und Absolventen der Bachelor- und Masterstudiengänge an der Deutschen Sporthochschule Köln - Jahrgänge 2014, 2016, 2018 und 2020 (Deutsche Sporthochschule Köln, 2024) 5.1 Ausgewählte Aspekte zur Berufstätigkeit von Absolventinnen und Absolventen 299 <?page no="300"?> Die Mehrheit der ehemaligen Bachelor- (62 %) und Master-Absolventinnen und -Absolventen (71 %) des Jahrgangs 2020 berichtet zudem von einem starken Bezug zum Sport ihrer aktuellen Berufstätigkeit. Auch die in ihrem Studium erworbenen Qualifikationen können die Bachelor-Absolventinnen und -Absolventen (35 %) sowie die Absolventinnen und Absolventen der Masterstudiengänge (43 %) in (sehr) hohem Maße im Beruf anwenden (Deutsche Sporthochschule Köln, 2024). Im Rahmen einer von den neun Landesuniversitäten in Baden-Württemberg durch‐ geführten Studie wurden ihre Absolventinnen und Absolventen, die zwischen 2016 und 2018 das Studium abgeschlossen haben, mit einem einheitlichen Fragebogen befragt. In der Studie wurden die Antworten von rund 23.400 Personen erfasst - darunter auch von Absolventinnen und Absolventen des Fachs Sportwissenschaft (n = 366) (Projektgruppe Baden-Württembergische Absolventenstudie, o. D.). Auch in dieser Studie wurden die Teilnehmenden gefragt, ob sie nach ihrem Abschluss ein weiteres Studium begonnen oder abgeschlossen haben. 48 % der Befragten bestätigten dies. Bei allen Fächergruppen fiel die Übergangsquote bei den Absolventinnen und Absolventen der Sportwissenschaft mit 38 % am niedrigsten aus. 64 % der befragten Absolventinnen und Absolventen nahmen ein weiterführendes Studium an ihrer Hochschule auf, im Fach Sport wechselte hingegen die Mehrheit (55 %) an eine andere Hochschule im Inland. Darüber hinaus wurden die Teilnehmenden danach gefragt, ob sie beabsichtigen eine Promotion aufzunehmen oder dies bereits getan haben. Unter den Befragten betrug der Anteil, die dem zustimmten, 32 %. In der Sportwissenschaft waren anteilsmäßig die wenigsten Befragten (13 %) zur Aufnahme einer Promotion bereit (Projektgruppe Baden-Württembergische Absolventenstudie, o.-D.). Die an der Studie Teilnehmenden suchten im Schnitt zwei bis drei Monate nach einer ersten Arbeitsstelle. Besonders schnell konnten die Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftler auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen - sie benötigten durchschnitt‐ lich nur 1,7 Monate für die Jobsuche. 17 % der befragten Absolventinnen und Absol‐ venten aller Fächergruppen haben anderthalb Jahre nach ihrem Studienabschluss einen Jobwechsel vorgenommen. Seltener ihre Arbeitgebenden wechselten die Befragten der Sportwissenschaft (13 %) (Projektgruppe Baden-Württembergische Absolventenstudie, o. D.). 56 % der erwerbstätigen Absolventinnen und Absolventen der Sportwissenschaft arbeiteten zum Zeitpunkt der Befragung im öffentlichen Bereich, 32 % in der Privat‐ wirtschaft und 11 % in Organisationen ohne Erwerbscharakter (z. B. nichtstaatliche Organisationen, Stiftungen) (Projektgruppe Baden-Württembergische Absolventen‐ studie, o. D.). Dabei sind die Universitätsabsolventinnen und -absolventen des Fachs Sportwissenschaft in unterschiedlichen Branchen und Tätigkeitsfeldern beschäftigt. Die Top-3 der häufigsten Tätigkeitsfelder sind 1. Lehre/ Unterricht/ Aus-/ Weiterbildung, 2. Beratung/ Betreuung/ Therapie (pädagogisch, sozial, psychologisch, medizinisch) und 3. Öffentlichkeitsarbeit/ Kommunikationsmanagement/ Marketing. Das durchschnittli‐ che Bruttoeinkommen (in Vollzeit beschäftigte Personen - mindestens 30 h/ Woche) 300 5 Berufsfelder und Beschäftigungsverhältnisse (Verena Burk) <?page no="301"?> beträgt ca. 2.800 Euro pro Monat (Projektgruppe Baden-Württembergische Absolven‐ tenstudie, o.-D.). 5.1.2 Anforderungen an sportwissenschaftliche Berufseinsteigerinnen und--einsteiger aus Arbeitgebendensicht Empirisch fundierte Aussagen darüber, welche Qualifikationen, Kenntnisse und Fähig‐ keiten Arbeitgebende in sportwissenschaftlichen Berufsfeldern von Absolventinnen und Absolventen erwarten, sind selten. Vorliegende Studien beschäftigen sich typi‐ scherweise mit den Beschäftigungschancen von Sportwissenschaftlerinnen und Sport‐ wissenschaftlern sowie mit Anforderungen des Arbeitsmarkts aus der Perspektive eines spezifischen Berufsfelds (z. B. Gesundheitssektor, vgl. hierzu beispielhaft Cachay & Thiel, 1999). Exemplarisch wird im Folgenden auf die im Mai 2005 vom Career Service der Sport‐ hochschule Köln veröffentlichte Studie zum Anforderungsprofil des Arbeitsmarkts an Absolventinnen und Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge Bezug genommen. In dieser Studie beantworteten 99 von 305 befragten Arbeitgebenden - vorwiegend aus den Bereichen „Freizeit- und Breitensport“, „Rehabilitation und Behindertensport“, „Gesundheitssport und Prävention“ sowie „Fitness und Wellness“ - Fragen wie „Wodurch ist die aktuelle Situation auf dem Arbeitsmarkt charakterisiert? “ und „Was müssen Sportwissenschaftler künftig mitbringen, um erfolgreich den Berufs‐ einstieg zu schaffen? “ (Kortmann et al., 2005). In Bezug auf Berufsfelder und Arbeitsmöglichkeiten von Absolventinnen und Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge sind vor allem die Aussagen zu Tä‐ tigkeitsfeldern und Rekrutierungskanälen von Interesse. Vollzeitmitarbeitende sind vor allem in Administration und Verwaltung (u. a. Management oder Abteilungsleitung) tätig, während Teilzeit- und Honorarkräfte im Trainings- und Kursleitungsbereich beschäftigt sind. Um geeignete Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu finden, werden Bewerbungen über Jobbörsen und Anzeigen, Kontakte zu Schulen und Hochschulen, Initiativbewerbungen, eigene Bewerberkarteien sowie persönliche Kontakte und Emp‐ fehlungen aus dem beruflichen und universitären Umfeld herangezogen (Kortmann et al., 2005). Beim Anforderungsprofil der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schätzen Arbeitge‐ bende insbesondere Organisations-/ Verwaltungs-/ Managementkenntnisse als bedeut‐ sam ein. Ferner spielen das Fachwissen in Sportdidaktik/ -methodik, Trainings-/ Be‐ wegungslehre sowie sportpraktische Fertigkeiten eine wichtige Rolle. Persönliche Eigenschaften wie Belastbarkeit, Verantwortungsbewusstsein, selbständiges Arbeiten und gute Auffassungsgabe werden von den befragten Arbeitgebenden ebenso wichtig eingeschätzt wie soziale Kompetenzen. Von besonderer Bedeutung sind für die Arbeit‐ gebendenseite Zuverlässigkeit, Kommunikationsfähigkeit, Freundlichkeit, Teamfähig‐ keit, Kontaktfreude und Motivationsfähigkeit. Bei den Zusatzqualifikationen werden 5.1 Ausgewählte Aspekte zur Berufstätigkeit von Absolventinnen und Absolventen 301 <?page no="302"?> vor allem Lizenzen im Trainings- und Übungsbereich benannt. Defizite bei den Absolventinnen und Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge sehen die Ar‐ beitgebende vor allem in fehlender Berufspraxis und in mangelnden kaufmännischen Kenntnissen (Kortmann et al., 2005). 5.1.3 Kompetenzanforderungen an Absolventinnen und Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge Kompetenzkonzepte sind heute in der Arbeitswelt allgegenwärtig. Unternehmen differenzieren spezifische Kernkompetenzen und richten beispielsweise ihre Personal‐ entwicklung an Kompetenzkonzepten aus. Nachfrage und Angebot von qualifizierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern werden somit auf dem Arbeitsmarkt über spezifi‐ sche Kompetenzerwartungen gesteuert. Auch wenn Kompetenzkonzepte heute weit verbreitet sind, liegt bislang kein generell konsensfähiges Kompetenzmodell vor. Vielmehr „lassen sich unterschiedliche Klassifikationen von Kompetenzen finden“ (Schlesinger et al., 2015, S. 181). In einem breiten Verständnis sind Kompetenzen erforderlich, um in unterschiedlichen Handlungszusammenhängen angemessen agie‐ ren und entsprechende Aufgaben bewältigen zu können, unabhängig von formalen Qualifikationen oder Zeugnissen (Fahrner & Schüttoff, 2019). Aus der Perspektive von Absolventinnen und Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge gelten Kommunikationskompetenz, Planungs- und Organisationsfähig‐ keit sowie Teamfähigkeit typischerweise als wichtigste berufsfeldrelevante Kompeten‐ zen. Jüngere empirische Befunde aus der Sportwissenschaft deuten allerdings darauf hin, dass sich diesbezüglich vor allem in Abgrenzung des Berufsfelds „Sport in der Schule“ zu anderen sportbezogenen Berufsfeldern sowie zu Berufsfeldern außerhalb des Sports Unterschiede zeigen (Schlesinger et al., 2016). Für das breit angelegte Berufsfeld „Sportmanagement“ untersuchten Fahrner und Schüttoff (2020) den Zusammenhang beruflicher Kontextfaktoren und berufsbezoge‐ ner Relevanz von Kompetenzen. Ihre Studie basierte auf Daten von 142 bereits berufstätigen Absolventinnen und Absolventen der Tübinger Bachelor- und Master‐ studiengänge mit Profil Sportmanagement. Die Ergebnisse zeigen, dass die meisten Sportmanagerinnen und Sportmanager unabhängig von ihrem beruflichen Kontext Organisations- und Kommunikationsfähigkeiten als sehr relevant für ihre aktuelle Berufstätigkeit einschätzen. Die Kompetenzbewertungen (Tab. 5.1.5) verdeutlichen, dass Indikatoren der Selbst‐ kompetenz und der Sozialkompetenz für alle beruflichen Zusammenhänge als hoch‐ gradig relevant bewertet werden. Im Hinblick auf die Methodenkompetenz werden insbesondere Problemlösefähigkeiten als sehr relevant eingeschätzt. In Bezug auf Sportmanagementkompetenz werden digitale Fähigkeiten und unternehmerisches Denken als wichtige Fähigkeiten gesehen. 302 5 Berufsfelder und Beschäftigungsverhältnisse (Verena Burk) <?page no="303"?> Kompetenzen (Relevanz für die aktuelle Berufstätigkeit von 1 - überhaupt nicht, bis 5 - in sehr hohem Maße) M SD Selbstkompetenz - - Organisationsfähigkeit: Sich selbst und seinen Arbeitsprozess effektiv organisieren 4.68 .54 Selbständiges Arbeiten: Innerhalb eines abgesteckten Rahmens arbeitsre‐ levante Entscheidungen treffen und (ohne ständige Kontrolle) umsetzen 4.47 .69 Zeitmanagement: Aufgaben innerhalb eines zur Verfügung stehenden Zeitraums erledigen 4.45 .72 Selbstdisziplin: Auf ein Ziel hinarbeiten 4.30 .74 Anpassungsfähigkeit: Sich auf veränderte Umstände einstellen 3.85 .91 Belastungsfähigkeit: Unter physischen und psychischen Belastungen ar‐ beiten 3.82 1.02 Sozialkompetenz - - Kommunikationsfähigkeit: Sich (mündlich und schriftlich) verständ‐ lich/ am Empfänger orientiert ausdrücken 4.73 .50 Fähigkeit zur Verantwortungsübernahme: Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen 4.35 .69 Teamfähigkeit: Mit anderen kooperativ zusammenarbeiten 4.20 .81 Verhandlungsgeschick: Unterschiedliche Interessen abwägen und einen Interessenausgleich herbeiführen 3.78 1.04 Konfliktfähigkeit: Eine Auseinandersetzung aufnehmen, aushalten und konstruktiv bewältigen 3.63 1.03 Durchsetzungsfähigkeit: Sich anderen gegenüber durchsetzen 3.54 .89 Führungsfähigkeit: Das Können anderer mobilisieren 3.27 1.17 Methodenkompetenz - - Problemlösungsfähigkeit: Probleme erkennen und Lösungen entwickeln 4.02 .81 Präsentationsfähigkeit: Produkte, Ideen oder Berichte einem Publikum präsentieren 3.80 1.16 Transferfähigkeit: Vorhandenes Wissen auf neue Probleme/ Fragestellun‐ gen anwenden 3.69 .93 Informationsmanagement: Informationen aus verschiedenen Quellen er‐ schließen, aufbereiten und adressatengerecht verfügbar machen 3.67 1.11 Analytische Fähigkeiten: Komplexe Sachverhalte erfassen, gliedern und Beziehungen zwischen einzelnen Aspekten herstellen 3.65 1.13 5.1 Ausgewählte Aspekte zur Berufstätigkeit von Absolventinnen und Absolventen 303 <?page no="304"?> Wissenschaftliche Methodenanwendung: Wissenschaftliche Methoden anwenden 2.00 1.14 Wissenschaftliches Schreiben: Berichte, Protokolle oder wissenschaftliche Aufsätze verfassen 1.89 1.21 Sportmanagement-Fachkompetenz - - Digitale Fähigkeit: Informationstechnologien (digitale Medien) anwenden 4.02 .91 Unternehmerisches Denken: Über die Grenzen des eigenen Arbeitsplatzes hinweg blicken und neue (unternehmerische) Potenziale entwickeln 3.69 1.21 Betriebswirtschaftliches/ kaufmännisches Fachwissen 3.50 1.17 Fremdsprachenkompetenz: In einer Fremdsprache schreiben und spre‐ chen 3.13 1.35 (Volks-)Wirtschaftliches Fachwissen 2.67 1.10 Juristisches Fachwissen 2.43 1.10 Didaktisch-methodische Fähigkeit: Lehr-/ Lernsituationen gestalten und bewältigen 2.34 1.38 Fachwissen zu soziologischen und psychologischen Aspekten des Sports 2.20 1.21 Fachwissen zu bewegungs- und trainingswissenschaftlichen Aspekten des Sports 2.15 1.43 Sportpraktisches Können 1.80 1.20 Tab. 5.1.2: Kompetenzbereiche und deren Berufsrelevanz aus der Perspektive von Sportmanagerinnen und Sportmanagern (modifiziert nach Fahrner & Schüttoff, 2020) Darüber hinaus macht die Studie deutlich, dass sich Berufsfelder von Sportmanage‐ rinnen und Sportmanagern in Bezug auf die jeweiligen Kompetenzanforderungen teilweise deutlich unterscheiden. Beispielsweise scheinen Belastungs- und Durchset‐ zungsfähigkeiten besonders in Non-Profit-Organisationen relevant zu sein; Befragte im Bereich „Marketing“ nennen die Anwendung wissenschaftlicher Methoden als besonders relevante Fähigkeit; kaufmännisches Fachwissen wiederum scheint vor allem in Verwaltungsbereichen mit Budgetverantwortung bedeutsam zu sein (Fahrner & Schüttoff, 2020). Kontrollfragen 1. Welche unterschiedlichen Berufsfelder, Beschäftigungsverhältnisse und Ar‐ beitsmöglichkeiten existieren für Absolventinnen und Absolventen sportwis‐ senschaftlicher Studiengänge in Deutschland? 304 5 Berufsfelder und Beschäftigungsverhältnisse (Verena Burk) <?page no="305"?> 2. Welche Kenntnisse, Kompetenzen und Qualifikationen erachten potentielle Arbeitgebende von Absolventinnen und Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge als wichtig? 3. Inwiefern kann es für aktuelle wie zukünftige Studierende des Fachs von Interesse sein zu wissen, in welchen Berufsfeldern welche Kompetenzen besondere Relevanz haben? Welches sind generelle Kompetenzen, die aus Sicht von Absolventinnen und Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge besonders berufsrelevant sind? Literatur Cachay, K., & Thiel, A. (1999). Ausbildung ins Ungewisse? Beschäftigungschancen für Sportwis‐ senschaftlerinnen und Sportwissenschaftler im Gesundheitssystem. Meyer & Meyer. Cachay, K., Thiel, A., & Meier, H. (1999). Berufsfeld Sport - Ergebnisse aus zwei Forschungspro‐ jekten. dvs-Informationen, 14(4) 20-25. Deutsche Sporthochschule Köln (2024). Absolvent*innen-Studie. Ergebnisse für den Jahrgang 2014, 2016, 2018 und 2020. https: / / www.dshs-koeln.de/ hochschule/ studium-und-lehre/ qualita etsmanagement-in-studium-lehre/ befragungen/ absolventinnen-studie/ ergebnisse/ Emrich, E. (1988). Saarbrücker Diplom-Sportlehrer in Studium und Beruf. 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Berufsfeld Sport im Wandel. Sport & Buch Strauß. Hartmann-Tews, I., & Mrazek, J. (2007). Vom Sportstudium zum Beruf - Berufsfelder und Arbeitsmarktperspektiven im Wandel. F.I.T. Magazin der DSHS Köln, 12(1), 22-29. Heinemann, K., Dietrich, K., & Schubert, M. (1990). Akademikerarbeitslosigkeit und neue Formen des Erwerbsverhaltens. Dargestellt am Beispiel arbeitsloser Sportlehrer. Deutscher Studien Verlag. 5.1 Ausgewählte Aspekte zur Berufstätigkeit von Absolventinnen und Absolventen 305 <?page no="306"?> Kortmann, T., Holtermann, S., & Lohmar, O. (2005). Studie zum Anforderungsprofil des Arbeits‐ marktes an Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge. Deutsche Sporthochschule Köln. Mrazek, J., & Hartmann-Tews, I. (2010). Absolventenstudie 2010 der Deutschen Sporthochschule Köln. Diplom-Sportwissenschaftler/ in - was nun? Erwerbs- und Beschäftigungschancen der Absolventinnen und Absolventen der deutschen Sporthochschule Köln. KURIER, 33(2), Beilage. Projektgruppe Baden-Württembergische Absolventenstudie (o.D.). Die Baden-Württembergische Absolventenstudie - Ergebnisse der Befragungen der Landesuniversitäten 2018-2020. Universität Ulm. https: / / www.uni-ulm.de/ fileadmin/ website_uni_ulm/ zuv/ zuv.qm/ welt/ Baden-Wuertte mbergische_Absolventenstudie2020.pdf Schlesinger, T., Studer, F., & Nagel, S. (2015). Sportwissenschaftliches Studium und Beruf in der Schweiz. Hofmann. Schlesinger, T., Studer, F., & Nagel, S. (2016). The relationship between competencies acquired through Swiss academic sports science courses and the job requirements. European Journal of Sport Science, 16(1), 115-127. Stiftung für Hochschulzulassung & Bundesagentur für Arbeit (2024). Studieren - Finder. https: / / studienwahl.de/ finder/ list? studytype=sport&studyform=&studyfield=&placeRadius=__PP_ NONE__&place=&university_type=1%7C14&university_host_institution=0&exam_type=60 %2C63&start=&canditature=#ffe Thiele, T., & Timmermann, J.-P. (1997). Sportwissenschaftler auf dem Weg in die Arbeitswelt. Eine Studie zum beruflichen Werdegang von Absolventen des Studiengangs Diplom-Sportwissenschaft an der Universität Hamburg. Czwalina. 5.2 Ausgewählte Berufsfelder und Profile von Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftlern Für Absolventinnen und Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge kommen je nach Studienschwerpunkt und Studienabschluss unterschiedliche Berufsfelder in‐ frage. Folgt man beispielsweise der Systematik von Haag und Mess (2010) oder Lange (1995), arbeiten die Absolventinnen und Absolventen der Lehramtstudiengänge „Sport“ überwiegend im öffentlichen und privaten Schulwesen als Schulsportlehrkräfte. Sport‐ wissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftler der Diplom-, Bachelor- und Masterstu‐ diengänge arbeiten nach ihrem Studium vorwiegend im außerschulischen Bereich. Tätigkeitsfelder sind in Sportvereinen und -verbänden, bei Sportveranstaltern, im Behindertensport, im Betriebssport, in Kliniken und Rehabilitationseinrichtungen, bei kommerziellen Sportanbietern (z. B. Fitnessbereich; Sporttourismusbranche), bei Me‐ dienunternehmen, in der Sportartikelindustrie, in Vermarktungsagenturen und in der öffentlichen Sportverwaltung vorhanden. Auch Hochschulen und Forschungsinstitute bieten Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftlern Beschäftigungsmöglich‐ keiten. 306 5 Berufsfelder und Beschäftigungsverhältnisse (Verena Burk) <?page no="307"?> Lernziele ■ Die Leserinnen und Leser lernen spezifische Kennzeichen ausgewählter Be‐ rufsfelder für Absolventinnen und Absolventen sportwissenschaftlicher Stu‐ diengänge kennen. ■ Sie erfahren aus beispielhaften Profilen von Absolventinnen und Absolventen, welche Kenntnisse, Kompetenzen und Qualifikationen in den Berufsfeldern jeweils als wichtig erachtet werden. Durch die Einführung sportwissenschaftlicher Bachelor- und Masterstudiengänge fand eine zunehmende Spezialisierung hinsichtlich der Studieninhalte und somit der Vorbereitung auf spezifische Berufsfelder statt. Im Folgenden werden neun Berufsfel‐ der exemplarisch vorgestellt und von Absolventinnen und Absolventen sportwissen‐ schaftlicher Studiengänge der Universität Tübingen beispielhaft charakterisiert, v. a. in Bezug auf den Zugang zu ihrer momentanen Arbeitsstelle, notwendige fachliche Qualifikationen, soziale Kompetenzen und die Bedeutung von Berufsfelderfahrungen. Darüber hinaus geben sie Tipps für Studienanfängerinnen und -anfänger zur Studi‐ umsgestaltung. 5.2.1 Schule Der Beruf der Sportlehrerin oder des Sportlehrers ist eines der bekanntesten Berufs‐ felder für Sportstudierende. Je nach Studienabschluss und Bundesland kann man als Sportlehrkraft an unterschiedlichen Schularten (Grund-, Werkreal-, Gesamt-, Förder-, Berufsschulen, Gymnasium) in verschiedenen Schulstufen (Primarstufe, Sekundar‐ stufe-I, Sekundarstufe-II) unterrichten. Der Hauptbestandteil des Berufs einer Sportlehrerin oder eines Sportlehrers stellt das Unterrichten dar. Einen Großteil nimmt dabei die Sportpraxis ein, aber auch die Vermittlung sportwissenschaftlicher Grundlagen spielt eine Rolle, vor allem in der gymnasialen Sekundarstufe II. Lehr- und Bildungspläne der Bundesländer sind dabei jeweils als Richtlinien zu verstehen, woran sich Sportlehrkräfte beim Konzipieren und Durchführen des Sportunterrichts orientieren. Neben dem verpflichtenden Sport‐ unterricht können Sportlehrkräfte auch im außerunterrichtlichen Schulsport aktiv sein. Hierzu zählen Sportfeste/ -tage, der Wettbewerb „Jugend trainiert für Olympia“, Kooperationen Schule - Verein, Arbeitsgemeinschaften (AGs) und Exkursionen (z. B. Skilandschulheim). Weitere Tätigkeitsfelder sind ein Engagement im Deutschen Sport‐ lehrerverband (DSLV) oder die Mitarbeit in der Schulverwaltung (z. B. Beantragung von Schulsportetats oder Mitarbeit bei der Schulentwicklung). Auch eine Tätigkeit in Kultusministerien oder an staatlichen Seminaren im Rahmen der Ausbildung der Referendarinnen und Referendare ist denkbar. 5.2 Ausgewählte Berufsfelder und Profile von Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftlern 307 <?page no="308"?> Das Anforderungsprofil einer Sportlehrkraft setzt sich aus dem typischen Anfor‐ derungsprofil einer Lehrerin oder eines Lehrers und den speziellen Anforderungen des Sportunterrichts zusammen. Neben der fachdidaktischen Kompetenz (u. a. Un‐ terrichten in verschiedenen Sportarten) und der erzieherischen Kompetenz (u. a. Vorbildfunktion, Führungskompetenz) müssen Sportlehrkräfte Organisationskompe‐ tenz (u. a. Planung und Durchführung von Veranstaltungen), Selbstkompetenz (u. a. Belastbarkeit, Selbstbewusstsein), Gesprächskompetenz (u. a. Argumentationsfähig‐ keit, Vermittlungsfähigkeit), Beziehungskompetenz (u. a. Empathie, Konfliktfähigkeit) sowie Fach- und Sachkompetenz (u. a. Medienkompetenz, Fach- und Gesetzeswissen) täglich unter Beweis stellen. Die spezifischen Bedingungen des Sportunterrichts (u.-a. Umgang mit diversen Stressfaktoren, z. B. durch den erhöhten Lärmpegel in der Sporthalle) komplementieren das Anforderungsprofil des Berufs der Sportlehrerin oder des Sportlehrers. Fallbeispiel: Berufsfeld Schule Studium, weitere berufsqualifizierende Qualifikationen: Ich habe ein Lehr‐ amtsstudium für das Gymnasiallehramt in den Fächern Sport und Französisch absolviert. Als Zusatzqualifikationen im Sport konnte ich die C-Trainerlizenzen im Tennis und in der Leichtathletik nachweisen, die sich als nützlich bei den Stellenausschreibungen für Sportlehrkräfte erwiesen, da diese häufig eine Spe‐ zialisierung in einzelnen Sportarten fordern. Zugang zur hauptberuflichen Stelle: Mein Zugang erfolgte über das zentrale Listenauswahlverfahren des Regierungspräsidiums. Entscheidend sind hier der regionale Bedarf (z. B. an Fächerkombinationen) und die Leistungszahl (gewich‐ tete Gesamtnote aus der Ersten und Zweiten Lehramtsprüfung). Bei Bewerbungen an Privatschulen, die ihre Lehrkräfte selbst aussuchen, wird neben der Abschluss‐ note auch Wert auf schulisches und außerschulisches Engagement gelegt (z. B. im Sportverein). Tätigkeitsfeld: Mein Tätigkeitsfeld umfasst das Unterrichten in allen Klassen‐ stufen, Aufgaben von Klassenlehrerinnen und -lehrern und in der Schulentwick‐ lung, Elterngespräche, die konzeptionelle Ausarbeitung und Umsetzung der „Bewegten Schule“ und der Kooperation Schule - Verein, die Schulhofgestaltung, die Planung und Durchführung von Veranstaltungen (z. B. Klassenfahrten, Sport‐ tage, Skilandschulheime) sowie die Teilnahme an fachlichen, methodischen und pädagogischen Fortbildungen. Berufsfelderfahrungen: Ich habe bereits während meiner Schulzeit erste Er‐ fahrungen als Trainer im Kinder- und Jugendtraining (Tennis, Leichtathletik) gesammelt. Dies hat mir dabei geholfen, souverän vor Gruppen zu stehen und Übungsstunden zu strukturieren. Mein Zivildienst in einer Jugendeinrichtung 308 5 Berufsfelder und Beschäftigungsverhältnisse (Verena Burk) <?page no="309"?> war eine nützliche Erfahrung, da der Umgang mit problematischen Jugendlichen aus bildungsfernen Schichten erprobt wurde. Während meines Studiums half mir das Engagement in der Fachschaft „Sport“, wichtige Erfahrungen in der Organisa‐ tion von Veranstaltungen zu sammeln. Besondere Bedeutung hatte für mich auch das Schulpraktikum am Gymnasium, da ich mich hier als Lehrerpersönlichkeit mit ausgearbeiteten Schulstunden in der Praxis beweisen musste. Persönlichkeitsmerkmale und soziale Kompetenzen: Eine Lehrkraft sollte meiner Meinung nach psychische Stabilität besitzen (d. h. Fähigkeit zur Misser‐ folgsverarbeitung, Frustrationstoleranz, Erholungs- und Entspannungsfähigkeit, Stabilität bei emotionalen Belastungen, Stressresistenz). Ferner spielen die Freude am Umgang mit Kindern und Jugendlichen, Verantwortungsbewusstsein, Begeis‐ terungsfähigkeit und beruflicher Idealismus eine wichtige Rolle. Bei den sozialen Kompetenzen sind Durchsetzungsvermögen in kommunikativen Situationen, Sensibilität, Freundlichkeit und sicheres Auftreten hervorzuheben. Einstiegsgehalt: Im öffentlichen Dienst ist als Einstieg die Entgeltgruppe A13 (entspricht an privaten Schulen E 13) üblich. Das Gehalt beträgt bei einer vollen Stelle ca. 3.300 Euro (brutto/ Monat). Tipps: Man sollte sich bereits während des Studiums in einem Sportverein oder in der Jugendarbeit engagieren, um zu erfahren, ob die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen Freude bereitet und den eigenen Fähigkeiten entspricht. Es ist sinnvoll, sich vor Beginn des Referendariats nach dem Bedarf der Schulen in den jeweiligen Fächern zu erkundigen. Auch haben Schulleitungen bei der Vergabe der Stellen einen Einfluss. Sollte die Schule Bedarf haben, ist es empfehlenswert, sein Referendariat an dieser Schule zu absolvieren. Eine Garantie für eine spätere Anstellung ist dies jedoch nicht. Es kann auch sinnvoll sein, das Schulpraktikum und das Referendariat an der gleichen Schule abzuleisten. Voraussetzung ist jedoch, dass man einen sehr guten Eindruck hinterlassen hat. P. M. (28 Jahre, Gymnasiallehrer in den Fächern Sport und Französisch, Studienrat) 5.2.2 Hochschule und Wissenschaft Das Berufsfeld Hochschule und Wissenschaft ist zahlenmäßig einem kleinen Personen‐ kreis vorbehalten. Arbeitgebende sind die u.-a. 54 sportwissenschaftlichen Hochschu‐ leinrichtungen in Deutschland, Forschungsinstitute wie das Institut für Angewandte Trainingswissenschaft in Leipzig und das Bundesinstitut für Sportwissenschaft in Köln. Voraussetzung für die Tätigkeitsfelder an den Hochschulen sind (sport-)wissen‐ schaftliche Qualifikationen (MA-Studienabschluss, Promotion, Habilitation) und päd‐ agogische Qualifikationen, das Interesse an sportwissenschaftlicher Forschung, der Nachweis von Verbandslizenzen sowie von Lehrtätigkeit und berufsspezifischen 5.2 Ausgewählte Berufsfelder und Profile von Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftlern 309 <?page no="310"?> hochschul-/ sportpolitischen Aktivitäten (u. a. Übernahme von Funktionen in der Hochschulselbstverwaltung) (Lange, 1995; Haag & Mess, 2010). Bei der Stellenstruktur wird zwischen Hochschullehrerinnen und -lehrern (W1bis W3-Professuren, Junior- Professuren), Akademischen (Ober-)Rätinnen und Räten sowie wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern (auf Dauer/ Zeit) unterschieden. Das Tätigkeits‐ feld an Hochschulen umfasst Forschung inklusive Einwerbung von Drittmitteln und Veröffentlichung der Forschungsergebnisse, Durchführung von Lehrveranstaltungen, Betreuung von Abschlussarbeiten und Prüfungen, Mitarbeit in der Scientific Commu‐ nity (u. a. Besuch/ Ausrichtung von wissenschaftlichen Veranstaltungen, Mitarbeit in der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft oder weiteren Berufsverbänden) sowie Tätigkeiten in der akademischen Selbstverwaltung der Institute, Fakultäten und Hochschulen. Ferner kann der allgemeine Hochschulsport, der sich an Universitäten und Hoch‐ schulen an alle Studierenden und Hochschulangehörigen mit einem teilweise breit gefächerten Angebot (kostenlos/ kostenpflichtig) wendet, Berufsfeld sein. Dabei kann zwischen Leitungsstellen und Stellen für Sportlehrkräfte, wissenschaftliche Mitarbei‐ terinnen und Mitarbeiter und Verwaltungspersonal unterschieden werden. Das Tätig‐ keitsfeld erstreckt sich über die Konzeption, Organisation und Durchführung des Kurs- und Exkursionsangebots, die Betreuung und Weiterqualifizierung von Übungsleitern, die Ausrichtung von Deutschen Hochschulmeisterschaften und anderen wettkampf- oder breitensportlich orientierten Veranstaltungen sowie die Kooperation mit anderen Sportorganisationen (u.-a. lokale Sportvereine, Sportämter). Als ein führendes Forschungsinstitut im Bereich des Sports ist das Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (IAT) in Leipzig zu nennen, an dem über 100 Perso‐ nen beschäftigt sind. Deren Aufgabe ist die Trainings- und Wettkampfforschung im deutschen Spitzensport, die wissenschaftlich fundierte Trainerberatung und die Trai‐ ningssteuerung im Rahmen von Trainer-Beratersystemen. Darüber hinaus entwickelt das IAT Mess- und Informationssysteme und gewährleistet den Informations- und Wis‐ senstransfer zur Spitzensportpraxis (Institut für Angewandte Trainingswissenschaft, 2024). Die rund 30 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Bundesinstituts für Sportwissen‐ schaft (BISp) in Bonn haben die Aufgabe, den sportwissenschaftlichen Forschungsbe‐ darf in Deutschland zu ermitteln und Forschungsvorhaben auf dem Gebiet des Sports zu initiieren, zu fördern und zu koordinieren, die Forschungsergebnisse auszuwerten und den Transfer der Forschungsergebnisse in die Praxis vorzunehmen. Dies gilt u. a. für die Bereiche Spitzensport, Sportgeräte, Dopinganalytik und Sportentwicklung. Ferner hat das Bundesinstitut für Sportwissenschaft die Aufgabe, das Bundesministerium des Innern und für Heimat in Fragen des Sports fachlich zu beraten (Bundesinstitut für Sportwissenschaft, 2024). 310 5 Berufsfelder und Beschäftigungsverhältnisse (Verena Burk) <?page no="311"?> Fallbeispiel: Berufsfeld Hochschule und Wissenschaft Studium, weitere berufsqualifizierende Qualifikationen: Nach meinem Abschluss des Bachelorstudiums „Sportwissenschaft mit dem Profil Sportma‐ nagement“ schloss ich ein Masterstudium „Sportwissenschaft mit dem Profil Sportmanagement“ an. Anschließend erfolgte die Promotion. Zusatzqualifikatio‐ nen habe ich in Form von C- und B-Trainerlizenzen im Fußball erworben. Zugang zur hauptberuflichen Stelle: Der Zugang zu meiner ersten (For‐ schungsstelle, befristet) und zweiten (Qualifikationsstelle, befristet) hauptberuf‐ lichen Stelle erfolgte durch die persönliche Ansprache des Arbeitsbereichleiters. Die jetzige Lehrstelle (unbefristet) wurde öffentlich ausgeschrieben. Allerdings hatte ich bereits durch meine bisherigen Stellen persönlichen Kontakt zum Lehrstuhl, an dem die Stelle ausgeschrieben war. Tätigkeitsfeld: Mein Tätigkeitsfeld erstreckt sich über Lehrveranstaltungen (wissenschaftliche Seminare und Lehrveranstaltung in der Theorie und Praxis der Sportarten), Forschungsaktivitäten (Mitarbeit in Forschungsprojekten, theo‐ retische und empirische Studien), wissenschaftliche Publikationen sowie akade‐ mische Selbstverwaltung (u. a. Organisation des Studientags für Studieninteres‐ sierte, Fachkoordination Fußball). Berufsfelderfahrungen: Während meines Sportmanagement-Studiums habe ich ein sechsmonatiges Praktikum in einer Eventagentur absolviert. Für die spätere hauptberufliche universitäre Tätigkeit spielte diese Berufsfelderfahrung jedoch keine Rolle. Viel bedeutsamer für meine jetzige Arbeit an der Universität war hingegen meine 11-monatige Tätigkeit als studentische Hilfskraft an einem sportwissenschaftlichen Lehrstuhl. Persönlichkeitsmerkmale und soziale Kompetenzen: Für das Berufsfeld „Hochschule und Wissenschaft“ ist es meiner Meinung nach wichtig, leistungs‐ motiviert, flexibel, belastbar und gewissenhaft zu sein. Es ist von Vorteil, wenn soziale Kompetenzen wie Eigenverantwortung, Kritikfähigkeit, Team- und Kom‐ munikationsfähigkeit vorliegen. Einstiegsgehalt: Meine erste hauptberufliche Stelle (0,5-Stelle) wurde nach dem Bundes-Angestelltentarif in der Gehaltsgruppe IIa vergütet. Dies entspricht der Gehaltsgruppe 13 des Tarifvertrags für den öffentlichen Dienst und beträgt ca. 1.700 Euro (brutto/ Monat). Tipps: Man sollte sich bereits während des Studiums intensiv mit zentralen theoretischen Perspektiven und wissenschaftlichen Forschungsmethoden in ver‐ schiedenen sportwissenschaftlichen Teildisziplinien auseinandersetzen. Ferner empfehle ich den Besuch von Veranstaltungen zum wissenschaftlichen Schreiben 5.2 Ausgewählte Berufsfelder und Profile von Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftlern 311 <?page no="312"?> (z. B. über Career-Service an Hochschulen) und die Mitarbeit als studentische Hilfskraft an einem Lehrstuhl. R. S. (32 Jahre, Akademischer Mitarbeiter an einem Institut für Sportwissenschaft einer staatlichen Universität) 5.2.3 Sportverein In Deutschland sind rund 28 Mio. Sporttreibende in 87.000 Sportvereinen organisiert (Deutscher Olympischer Sportbund, 2024a). Diese bieten eine große Bandbreite an Sportangeboten, aber auch an ehrenamtlichen und hauptberuflichen Tätigkeiten. Neben kleineren Sportvereinen, die hauptsächlich auf ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter setzen, gibt es Sportvereine mit mehr als 10.000 Mitgliedern, die hauptberuflich Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter einstellen. Seit der Gründung des Deutschen Sportbunds (DSB) weist die zahlenmäßige Entwicklung der Sportvereine und ihrer Mitglieder enorme Zuwachsraten auf. Mit diesem Wachstum geht ein erhöhter Bedarf an Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in Sportvereinen einher. Generell unterscheidet man zwischen drei hauptberuflichen Zuständigkeitsberei‐ chen in Sportvereinen: Personal für den Übungs- und Wettkampfbetrieb, für die Organisation und Verwaltung sowie für die Instandhaltung der Sportanlagen und -geräte (Lange, 1995). Ob Übungsleiterinnen und -leiter sowie Trainerinnen und Trainer für ihre Tätigkeit vergütet werden, hängt oftmals von der Sportart ab. Während im Fußball die Vereine ihren Teilzeittrainerinnen und -trainern in niedrigen Ligen dreistellige Monatsgehälter bezahlen, werden in weniger populären Sportarten ehrenamtliche Trainerinnen und Trainer sowie Übungsleiterinnen und -leiter gewöhnlich mit Aufwandsentschädigun‐ gen oder mit Sachgegenständen entlohnt. Durch Professionalisierung und Bürokratisierung im Sport ergab sich auch für Sportvereine die Möglichkeit, hauptberufliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Bereichen Organisation, Verwaltung und Management einzustellen. In der Regel arbei‐ ten diese hauptberuflichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Geschäftsstellen der Sportvereine. „Typische Aufgabenbereiche, die in Sportvereinen von Mitarbeitern der Geschäftsstelle abgedeckt werden, sind z. B. ■ Finanzbuchhaltung, Mitgliedsbeiträge, Spenden. ■ Personal. ■ Trainings- und Übungsleiterbetrieb, Übungsleiter, Kindersportschule. ■ Sportstätten, Vereinsanlagen. ■ PR/ Öffentlichkeitsarbeit, Medien. ■ Veranstaltungen/ Events“ (Fahrner, 2014). Ferner werden in Sportvereinen mittlerer Größe und in Sportgroßver‐ einen die Vorbereitung von Sitzungen und Versammlungen (z. B. Vorstandssitzung, 312 5 Berufsfelder und Beschäftigungsverhältnisse (Verena Burk) <?page no="313"?> Mitgliederversammlung) sowie der Wettkampfbetrieb der Mannschaften (Ligenbe‐ trieb) über bezahlte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Geschäftsstelle geregelt. Dennoch ist zu konstatieren, dass bis heute nur wenige Vereine in Management und Verwaltung bezahlte Mitarbeit aufweisen, wobei eher große als kleine Vereine ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bezahlen. Zumeist handelt es sich hierbei um Teilzeitstellen. Sportvereine sind daher tendenziell noch durch eine „starke Zurückhal‐ tung bei der Bereitstellung von Erwerbsarbeitsplätzen“ (Cachay et al., 2001, S. 213) gekennzeichnet. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die sich um die Instandhaltung von Sportanlagen und -geräten kümmern, sind in der Regel keine Absolventinnen und Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge. Daher wird auf dieses Tätigkeitsfeld an dieser Stelle nicht näher eingegangen. Fallbeispiel: Berufsfeld Sportverein Studium, weitere berufsqualifizierende Qualifikationen: Ich habe zunächst ein Studium der Betriebswirtschaftslehre begonnen und dieses nach dem erfolg‐ reichen Vordiplom beendet. Ich wechselte dann in das Studium „Sportwissen‐ schaft mit dem Profil Sportmanagement“ und schloss dieses mit dem Bachelor of Arts ab. Zugang zur hauptberuflichen Stelle: Die Stelle als Geschäftsführer war auf Internet-Plattformen ausgeschrieben (u. a. DOSB-Homepage, LSV Schleswig- Holstein-Homepage, XING). Ein erster Kontakt wurde telefonisch hergestellt. Nach der Einreichung meiner Bewerbung erfolgten zwei Bewerbungsrunden mit persönlichen Gesprächen. Anschließend wurde ich aus 80 Bewerberinnen und Bewerbern aus dem gesamten Bundesgebiet für die Stelle als Geschäftsführer ausgewählt. Tätigkeitsfeld: Das Tätigkeitsfeld eines Vereinsgeschäftsführers ist abwechs‐ lungsreich: Es erstreckt sich über Mitgliederverwaltung, Führung der Geschäfts‐ stelle inklusive der Personalverantwortung für die hauptberuflichen Mitarbeite‐ rinnen und Mitarbeiter (u. a. Verwaltungspersonal, Sportlehrkräfte), Vorbereitung von Vorstandssitzungen und -beschlüssen, Aufstellung und Überwachung des Vereinshaushalts, Neuaufbau und Betreuung von Kooperationen mit Partnern (z. B. Schulen, Stadt, Landessportverband), Organisation von Sportveranstaltun‐ gen, Planung für die Erweiterung und den Neubau von vereinseigenen Sportstät‐ ten sowie den Verkauf von vereinseigenem Gelände. Berufsfelderfahrungen: Im Rahmen meines Bachelorstudiums absolvierte ich ein Praktikum bei einem Markt- und Sozialforschungsinstitut. Die dort gewonne‐ nen Berufsfelderfahrungen spielten für mein jetziges Tätigkeitsfeld im Sportver‐ ein jedoch keine Rolle. Auch die Tätigkeiten meiner ersten Arbeitsstelle nach dem 5.2 Ausgewählte Berufsfelder und Profile von Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftlern 313 <?page no="314"?> Studium (Firma für E-Payment-Systeme in Fußballstadien) waren kaum relevant, da ich IT-spezifische Themen bearbeitete. Persönlichkeitsmerkmale und soziale Kompetenzen: Übt man eine Lei‐ tungsfunktion in einem Sportverein mit rund 5.000 Mitgliedern aus, sind meh‐ rere Persönlichkeitsmerkmale und soziale Kompetenzen erforderlich. Besonders wichtig sind aus meiner Erfahrung heraus Offenheit, Kommunikationsbereit‐ schaft und Verbindlichkeit. Einstiegsgehalt: Mein Einstiegsgehalt betrug ca. 3.250 Euro (brutto/ Monat). Tipps: Ich kann raten, schon während des Studiums Aufgaben in einem Sport‐ verein zu übernehmen. Somit kann vor allem das Spannungsverhältnis zwischen ehrenamtlichen Funktionsträgerinnen und -trägern und hauptberuflichen Ver‐ einsmitarbeiterinnen und -mitarbeitern sehr gut eingeschätzt werden. Auch Interesse und Begeisterung für verschiedene Sportarten ist gerade in einem Mehrspartenverein ein absolutes Gebot. M. M. (31 Jahre, Geschäftsführer eines Mehrsparten-Sportvereins mit ca. 5.000 Mitgliedern) 5.2.4 Sportverband Beschäftigungsmöglichkeiten für Absolventinnen und Absolventen sportwissen‐ schaftlicher Studiengänge bieten auch Sportverbände, die als Interessenvereinigungen von Sportvereinen und teilweise auch anderen Sportverbänden fungieren. Sie lassen sich in sportartspezifische und sportartübergreifende Sportverbände differenzieren. Sportartspezifische Sportverbände erfüllen ihre Aufgaben bezogen auf eine spezifische Sportart (z. B. Leichtathletik) auf kommunaler/ regionaler Ebene (z. B. Württembergi‐ scher Leichtathletik-Verband - Landesfachverband), auf überregionaler Ebene und Bundesebene (z. B. Deutscher Leichtathletik-Verband - Bundesfachverband) sowie auf internationaler Ebene (z. B. Internationaler Leichtathletik-Verband). In Deutschland existieren über 1.000 sportartspezifische Verbände. All diese Verbände unterhalten Geschäftsstellen, deren hauptberufliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter neben den Ehrenamtlichen zahlreiche strategische und operative Aufgaben erfüllen. Hierzu ge‐ hören u. a. Planung, Steuerung und Umsetzung des Wettkampf- und Spitzensports, des Sports für Kinder, Jugendliche sowie Seniorinnen und Senioren, des Breitensports, des Lehrwesens (z. B. Aus- und Fortbildungen von Trainerinnen und Trainern sowie Schiedsrichterinnen und Schiedsrichtern), die Veranstaltung von Meisterschaften, die Talentsuche und Förderung von Nachwuchs- und Spitzenathletinnen und -athleten, die Verwaltung des Verbands inklusive der Finanzen und des Personals sowie die Öffentlichkeitsarbeit. 314 5 Berufsfelder und Beschäftigungsverhältnisse (Verena Burk) <?page no="315"?> Sportartübergreifende Verbände sind ebenfalls auf der Ebene der Städte/ Kreise/ Be‐ zirke, der Bundesländer und des Bundes vorhanden. Auch hier sind neben ehrenamtlich Tätigen hauptberufliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Geschäftsstellen mit der Erfüllung spezifischer Aufgabenbereiche betraut. Diese ähneln den Aufgaben‐ bereichen der sportartspezifischen Verbände, hinzu kommen jedoch auch noch die finanzielle Förderung des Sportstättenbaus sowie weitere sportverbandsspezifische Aufgaben (Fahrner, 2014). Der sportartübergreifende Dachverband auf Bundesebene ist der Deutsche Olym‐ pische Sportbund (DOSB). „Der DOSB fungiert national und international als Lobby‐ ist von Breiten- und Spitzensport insbesondere gegenüber Politik, Wirtschaft und Massenmedien, er vertritt den Sport in allen überverbandlichen und überfachlichen Angelegenheiten“ (Fahrner, 2014, S. 74). Die DOSB-Geschäftsstelle im Haus des Sports in Frankfurt am Main weist fünf Geschäftsbereiche mit verschiedenen Ressorts auf, die Beschäftigungschancen für Absolventinnen und Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge bieten: (1) Geschäftsbereich Vorstandsvorsitzender (u. a. Verbandsentwicklung, Verbands‐ kommunikation, Internationales), (2) Geschäftsbereich Leistungssport (u. a. Verbands‐ beratung und Sportförderung, Wissensmanagement, Duale Karriere), (3) Sportent‐ wicklung (u. a. Breiten- und Gesundheitssport, Inklusion, Sportstätten, Umwelt und Nachhaltigkeit), (4) Jugendsport (u. a. Gesellschaftspolitik, Internationale Jugendarbeit) und (5) Finanzen (u. a. Finanzen und Controlling, Personal, IT) (Deutscher Olympischer Sportbund, 2024b). Darüber hinaus finden Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftler haupt‐ berufliche Anstellungen bei weiteren Sportverbänden, wie den Verbänden mit be‐ sonderen Aufgaben (z. B. Allgemeiner Deutscher Hochschulsportverband, Deutsche Olympische Gesellschaft) und den internationalen Sportverbänden (z. B. Internationa‐ les Olympische Komitee, Internationaler Universitätssportverband). Fallbeispiel: Berufsfeld Sportverband Studium, weitere berufsqualifizierende Qualifikationen: Nachdem ich mein Bachelorstudium „Sportwissenschaft mit dem Profil Sportmanagement“ erfolgreich abgeschlossen hatte, absolvierte ich im gleichen Studienprofil noch ein Masterstudium. Ich habe zusätzlich die Judo B-Trainerlizenz erworben und war jahrelang in dieser Sportart Spitzensportlerin in der 1. Bundesliga. Zugang zur hauptberuflichen Stelle: Die Stelle (75 %) war öffentlich ausge‐ schrieben und ich habe mich darauf beworben. Ich war den Verbandsfunktionären jedoch bereits als Spitzensportlerin bekannt. Dies hat sicherlich geholfen. Tätigkeitsfeld: Mein Tätigkeitsfeld umfasst das Eventmanagement (u. a. inter‐ nationale Sportgroßveranstaltungen, Breitensportevents zur Mitgliederbindung), die Öffentlichkeitsarbeit (u. a. Pressearbeit, Pflege der Verbandshomepage), das 5.2 Ausgewählte Berufsfelder und Profile von Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftlern 315 <?page no="316"?> Verbandslehrwesen (u. a. Organisation und Durchführung von Maßnahmen), das Marketing und Sponsoring (u. a. Corporate Identity, Vermarktung von Sportlerinnen und Sportlern), das Sportvereins- und -verbandsmanagement (u. a. Entwicklung und Durchführung von Projekten zur Mitgliedergewinnung, -bin‐ dung und -zufriedenheit), das Qualitätsmanagement (u. a. Evaluation des Projekts „Judo in der Schule“), Verwaltungsaufgaben (u. a. Meldewesen, Erstellung von Ausschreibungen) sowie Repräsentationsaufgaben bei Veranstaltungen. Berufsfelderfahrungen: Ich habe während meines Bachelor- und Masterstudi‐ ums Praktika in einer großen Betriebssportgemeinschaft, bei einem Landesfach‐ verband in der Sportart Golf und in einem Golfverein absolviert. Studienbeglei‐ tend war ich als Kursleiterin in einer Kindersportschule, als Fitnesstrainerin und als Kursleiterin im Fitnessbereich tätig. Alle Berufsfelderfahrungen waren wertvoll für mich, da ich mich bei den Tätigkeiten weiterentwickelt und ein Netzwerk aufgebaut habe sowie flexibel in der Berufswahl geblieben bin. Persönlichkeitsmerkmale und soziale Kompetenzen: Für mich sind Team‐ fähigkeit, Selbstbewusstsein, Eigenorganisation, Selbständigkeit und Präsentati‐ onsfähigkeit die bedeutsamsten Persönlichkeitsmerkmale und sozialen Kompe‐ tenzen, die man in meinem Berufsfeld braucht. Einstiegsgehalt: Mein Einstiegsgehalt (75 %-Stelle) betrug ca. 2.300 Euro (brutto/ Monat). Tipps: Kontakte in das Berufsfeld „Sportverband“ zu hauptberuflichen Mitarbei‐ terinnen und Mitarbeitern sowie ehrenamtlichen Funktionärinnen und Funktio‐ nären sollten bereits während des Studiums geknüpft und anschließend gepflegt werden. Wichtig sind auch Weiterqualifikationen. Daher sollten alle zusätzlichen Qualifikationsmöglichkeiten in Betracht gezogen werden. E. D. (25 Jahre, Sportmanagerin in einem Landesfachverband) 5.2.5 Privatwirtschaftliche Sportanbieter Zum Berufsfeld der privatwirtschaftlichen Sportanbieter zählen Fitness- und Body- Building-Studios, Ballettschulen, Segel-, Surf- und Tauchschulen, Reitschulen, große Freizeitanlagen, Tanzstudios, Sportschulen für asiatische Kampfsportarten, kommer‐ zielle Tennis-, Squash- und Badmintonhallen, Spaßbäder, Bowling- und Kegelbahnen sowie Kindersportschulen und Reiseveranstalter mit sportbezogenen Dienstleistungen (z.-B. Segelkurse, Golfkurse). In Deutschland sind zahlreiche Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftler bei privatwirtschaftlichen Anbietern angestellt. Häufig sind die Beschäftigungsver‐ hältnisse befristet, auf Stunden beschränkt oder erfolgen auf Honorarbasis. Bereits während ihres Studiums arbeiten viele Studierende der Sportwissenschaft nebenberuf‐ 316 5 Berufsfelder und Beschäftigungsverhältnisse (Verena Burk) <?page no="317"?> lich oder als Honorarkräfte in Fitnessstudios oder bei anderen privatwirtschaftlichen Sporteinrichtungen. In der Regel sind sportpraktische Fertigkeiten, sportwissenschaft‐ liche Kenntnisse (z. B. Trainingswissenschaft), Lizenzen in speziellen Sportarten bzw. im fitness- und gesundheitsorientierten Sport bei der Konzipierung und Anleitung von Sportprogrammen bedeutsam. Ferner können betriebswirtschaftliche Kenntnisse wie Finanzplanung, Buchhaltung, Führung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie juristische Grundkenntnisse und Managementerfahrungen hilfreich sein - insbesondere, wenn eine Selbständigkeit angestrebt wird. Fallbeispiel: Berufsfeld Privatwirtschaftlicher Sportanbieter Studium, weitere berufsqualifizierende Qualifikationen: Nach dem Bache‐ lor-Studium der „Sportwissenschaft mit dem Profil Sportmanagement“ absol‐ vierte ich auch erfolgreich ein Masterstudium mit dem Schwerpunkt Sportma‐ nagement. Ich habe während meines Studiums die C-Lizenz „Vereinsmanager“ erworben und darüber hinaus meine EDV-Kenntnisse durch mehrere Kurse an der Universität erweitert. Zugang zur hauptberuflichen Stelle: Der Kindersportverein und die Kinder‐ sportschule wurden von mir gegründet. Daher war keine Bewerbung auf eine Stelle notwendig. Tätigkeitsfeld: In erster Linie plane und organisiere ich den gesamten Sport‐ betrieb. Dazu gehören die Lehrplangestaltung, das Hallenmanagement und das eigene Unterrichten von zwei bis acht Unterrichtseinheiten pro Woche. Zusätzlich kommt die Personalführung der 15 angestellten Sportfachkräfte und des Verwal‐ tungspersonals, die Buchhaltung, die Beantragung von Fördergeldern und die Kooperationen mit der Stadt und den regionalen Sportverbänden hinzu. Berufsfelderfahrungen: Während meines Studiums habe ich Praktika bei einem Sportverein und im vereinseigenen Fitnessstudio eines Sportgroßvereins absolviert. Zusätzlich war ich noch sechs Monate bei einer Event- und Sportspon‐ soring-Agentur als Praktikantin beschäftigt. Nach meinem Studium arbeitete ich zunächst als freie Mitarbeiterin für diese Agentur, um dann in den Bereich Sportveranstaltungen und Sponsoring einer anderen Agentur zu wechseln. Die Berufsfelderfahrungen waren für mich sehr wichtig - ich habe gelernt, struktu‐ riert zu arbeiten und mit Vorgesetzten sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern umzugehen. Persönlichkeitsmerkmale und soziale Kompetenzen: In meinem jetzigen Beruf sind alle organisatorischen Fähigkeiten von Vorteil. Darüber hinaus sind hohe Belastbarkeit, Empathie für Angestellte sowie Kundinnen und Kunden sowie eine freundliche, aber klare und vor allem ehrliche Führung der Mitarbei‐ terinnen und Mitarbeiter besonders wichtig. 5.2 Ausgewählte Berufsfelder und Profile von Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftlern 317 <?page no="318"?> Einstiegsgehalt: Mein Einstiegsgehalt betrug ca. 2.000 Euro (brutto/ Monat). Tipps: Hilfreich ist es, Erfahrungen in vielen Berufsfeldern zu sammeln. Jedes Praktikum hilft, ein späteres Berufsfeld zu finden und eigene Projekte umzu‐ setzen. Hat man ein Berufsziel gefunden, gilt es, dran zu bleiben und nicht aufzugeben. C. S. (32 Jahre, Geschäftsführerin eines Kindersportvereins und einer Kindersport‐ schule) 5.2.6 Öffentliche Sportverwaltung Die öffentliche Sportverwaltung, die zweite Säule neben der Selbstverwaltung des Sports in Deutschland, lässt sich in drei Ebenen unterteilen: die Ebene des Bundes, die Ebene der Länder und die Ebene der Gemeinden und Kommunen. Auf der Ebene des Bundes existieren verschiedene Ministerien mit unterschiedlichen Tätigkeitsschwerpunkten im Sport. Darunter fallen z. B. das Bundesministerium des Innern und für Heimat, das in Deutschland für den Spitzensport zuständig ist. Im Bun‐ desministerium der Verteidigung steht der Sport der Bundeswehr im Vordergrund. Auf der Ebene des Bundes ist ebenfalls das Auswärtige Amt angesiedelt. Seine Tätigkeiten im Sport zielen vor allem auf die Zusammenarbeit und Förderung des Sports in Ländern der Dritten Welt. Im Speziellen bedeutet dies u. a. die Ausbildung von Sportlehrkräften oder den Aufbau von Sportstrukturen in den entsprechenden Ländern. Als ein Schwerpunkt in der öffentlichen Sportverwaltung auf der Ebene der Länder gilt der Schulsport. Tätigkeitsfelder sind hier die Organisation und Durchführung von Bundesjugendspielen, die Fort- und Weiterbildung von Sportlehrkräften oder die Zu‐ sammenarbeit mit Sportorganisationen außerhalb der Schule. Neben dem Schulsport sind der Sportstättenbau, die Talentsichtung und -förderung sowie die Verwaltung der Sportbehörden wichtige Tätigkeitsfelder. Auf lokaler Ebene ist der Sport in den Kommunen und Gemeinden zu organisieren und zu fördern. Die Zusammenarbeit mit freien Trägern und der Sportstättenbau gehören ebenfalls zu diesem Berufsbild. Ein konkretes Tätigkeitsfeld ist die Arbeit im kommunalen Sportamt (z.-B. Sportamtsleiterin oder -leiter). Neben Absolventinnen und Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge werden in der öffentlichen Sportverwaltung auch ehemalige Studierende eines Stu‐ diums des allgemeinen Verwaltungswesens eingestellt. Da in vielen Bereichen der Anteil an sportfachlichen Aufgaben steigt, bestehen jedoch nach wie vor Chancen für Absolventinnen und Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge, im Bereich der öffentlichen Sportverwaltung hauptberuflich tätig zu werden. 318 5 Berufsfelder und Beschäftigungsverhältnisse (Verena Burk) <?page no="319"?> Fallbeispiel: Berufsfeld Öffentliche Sportverwaltung Studium, weitere berufsqualifizierende Qualifikationen: Zunächst habe ich BA Sportwissenschaft mit dem Nebenfach Gesundheits- und Fitnessmanagement studiert. Daran anschließend habe ich mich für das Masterstudium„Sportwissen‐ schaft mit dem Profil Sportmanagement“ entschieden. Studienbegleitend erwarb ich die Vereinsmanager C-Lizenz des DOSB sowie berufsorientierte Zusatzquali‐ fikationen im Bereich Projektmanagement und Organisation. Zugang zur hauptberuflichen Stelle: Ich wurde direkt vom Oberbürgermeister der Stadt angesprochen. Er kannte mich von meiner früheren Arbeitsstelle. Formal musste meine jetzige Stelle zwar ausgeschrieben werden, jedoch war die Ausschreibung auf meine Person zugeschnitten. Tätigkeitsfeld: Meine Aufgaben liegen insbesondere in der Sportentwicklungs‐ planung, der Entwicklung eines kommunalen Sportkonzepts, im Aufbau eines lokalen Netzwerks zur Bewegungs- und Sportförderung sowie in der Entwick‐ lung eines lokalen Sportinformationsdiensts. Projektbezogen arbeite ich an der Weiterentwicklung der Sportinfrastruktur mit. Zudem unterstütze ich die Verwaltungsbereiche Sportförderung, Medien- und Öffentlichkeitsarbeit sowie Veranstaltungsmanagement. Berufsfelderfahrungen: Während meiner Studienzeit habe ich verschiedene Praktika absolviert: beim Organisationskomitee der Turn-WM in Stuttgart, bei der Marketing und Event GmbH eines Landesfachverbands und im Bereich Presse und Öffentlichkeitsarbeit eines Bundesfachverbands. Wichtig war für mich die Berufsfelderfahrung bei einem Verein, der die Zusammenarbeit zwischen Kommunen, Sportfachverbänden, Sportkreisen und einem Olympiastützpunkt verbessern will. Dieser Verein beschäftigte mich als projektbezogener Mitarbeiter der Geschäftsführung. Einen wichtigen Erkenntnisgewinn konnte ich auch durch mein vielfältiges ehrenamtliches Engagement in Sportorganisationen auf Landes- und Bundesebene erfahren, u. a. durch die Erprobung von Führungskompetenzen und internationale Kontakte. Persönlichkeitsmerkmale und soziale Kompetenzen: Für mich sind bei meinen beruflichen Tätigkeiten strategisches Denken und Handeln, Kreativität, Engagement und Leistungsbereitschaft sehr wichtig. Auch die Fähigkeit, sich schnell in Strukturen einarbeiten zu können, wird gefordert. Sicheres Auftreten, Verhandlungsgeschick, Teamfähigkeit, Zuverlässigkeit und Loyalität sollte man ebenfalls mitbringen. Einstiegsgehalt: Der Bachelorabschluss führt i. d. R. zur Eingruppierung in die Gehaltsgruppen E 9 bis E 12. Für Absolventinnen und Absolventen von Master‐ 5.2 Ausgewählte Berufsfelder und Profile von Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftlern 319 <?page no="320"?> abschlüssen sind E 13 bis E 15 möglich. Verbeamtungen sind nicht auszuschließen, jedoch für Berufsanfängerinnen und -anfänger eher unüblich. Es ergibt sich beim Einstiegsgehalt somit eine Spanne zwischen 2.500 und 4.000 Euro (brutto/ Monat). Tipps: Grundsätzlich kann ich jeder Studentin und jedem Studenten der Sport‐ wissenschaft eine intensive studienbegleitende Erprobung potenzieller Berufsfel‐ der empfehlen. Sei es im Praktikum, im Nebenjob oder im ehrenamtlichen Enga‐ gement - es lohnt sich und vermittelt profunde Kenntnisse von Sportstrukturen und Arbeitsweisen. Besonders hervorzuheben ist der Aufbau eines persönlichen Netzwerks. C. K. (28 Jahre, Sportwissenschaftlicher Mitarbeiter bei einem städtischen Sport‐ amt) 5.2.7 Sport und Wirtschaft Wirtschaftsunternehmen der Sportartikelindustrie, aber auch Unternehmen, die sport‐ bezogene Kommunikationsmaßnahmen (z. B. Öffentlichkeitsarbeit, Sportsponsoring, Sportwerbung) nutzen, können als potenzielle Arbeitgebende von Absolventinnen und Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge identifiziert werden. Ferner bieten Agenturen, die als Vermittler zwischen Sport und Wirtschaft fungieren (z. B. Agenturen zur Vermarktung medialer und werblicher Rechte) Arbeitsplätze. Das Tätigkeitsfeld erstreckt sich von der Planung, Durchführung und Evaluation von Konzeptionen zur ökonomischen Verwertung des Sports (u. a. Öffentlichkeitsarbeit und Werbung), über die Ausgestaltung von Sponsoringpartnerschaften (u. a. Konzep‐ tion und Durchführung von Sponsoringevents) bis hin zur Anbahnung von Koope‐ rationen und Verhandlungen zur Vertragsgestaltung. Die Managementaufgaben, die von Absolventinnen und Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge bewälti‐ gen werden müssen, lassen sich in Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung von Sitzungen, Planung und Kontrolle des finanziellen Ressourceneinsatzes (Budge‐ tierung), Personalauswahl, Personalentwicklung und -führung, Strategieentwicklung zur Erreichung kurz-, mittel- und langfristiger Ziele sowie operative Umsetzung der strategischen Konzeptionen zusammenfassen. Fallbeispiel: Berufsfeld Sport und Wirtschaft Studium, weitere berufsqualifizierende Qualifikationen: Ich habe ein Ba‐ chelor-Studium der „Sportwissenschaft mit dem Profil Sportmanagement“ abge‐ schlossen. Bereits während meines Studiums habe ich Zusatzqualifikationen erworben, u. a. in Englisch, EDV, Lern- und Arbeitstechniken, Verhandlungs- und Gesprächsführung. Nach dem Studium habe ich mich im Veranstaltungsmanage‐ ment und in Kreativitätstechniken weitergebildet. 320 5 Berufsfelder und Beschäftigungsverhältnisse (Verena Burk) <?page no="321"?> Zugang zur hauptberuflichen Stelle: Ich habe mich auf eine ausgeschriebene Stelle beworben. Kontakte zum Unternehmen bestanden jedoch schon vor der Bewerbung durch meine Praktikantentätigkeit. Tätigkeitsfeld: Zu meinen Aufgaben gehört die Steuerung und Begleitung der lokalen, regionalen und nationalen Sponsoringengagements und Veranstaltungen sowie die Mitarbeit bei der Konzeption, Organisation, Umsetzung und Kontrolle von Sponsoringmaßnahmen. Auch die Mitarbeit bei der Organisation, Abwick‐ lung und Nachbearbeitung von internen Veranstaltungen und Kundenincentives gehört zu meinem Tätigkeitsfeld. Zusätzlich bearbeite und evaluiere ich Veran‐ staltungs- und Sponsoringkonzepte bis zur entscheidungsreifen Vorlage. Berufsfelderfahrungen: Ich habe während meines Studiums Praktika bei Marketingagenturen absolviert. Auch war ich ehrenamtlich bei nationalen Ver‐ anstaltungen tätig. Praktika und freiberufliche Tätigkeiten sind essenziell für Berufseinsteigerinen und -einsteiger in meiner Branche. Oftmals werden solche Berufsfelderfahrungen auch bei einer Einstellung vorausgesetzt. Persönlichkeitsmerkmale und soziale Kompetenzen: Für mich sind Team‐ fähigkeit, hohe Kommunikationsfähigkeit, Flexibilität (zeitlich/ örtlich), Umset‐ zungsstärke, Offenheit für neue Projekte und neue Kontakte, selbständiges und strukturiertes Arbeiten, Ehrgeiz und Leidenschaft für den zu verantwortenden Tä‐ tigkeitsbereich die bedeutsamsten Persönlichkeitsmerkmale und sozialen Kom‐ petenzen, die man in meinem Berufsfeld braucht. Natürlich sollte man sportliche Affinität besitzen - insbesondere zu den aktuellen Sponsoring-Engagements. Einstiegsgehalt: Das Einstiegsgehalt ist abhängig von der persönlichen Qualifi‐ kation und dem Standort des Unternehmens. Es beträgt 2.900-3.750 Euro (brutto/ Monat). Tipps: Berufsfelderfahrungen in unterschiedlichen Branchen und Organisatio‐ nen (z. B. Agenturen, Wirtschaftsunternehmen, Vereinen) bilden eine gute Basis, um verschiedene Akteure und die damit verbundenen Arbeitsweisen kennenzulernen. Praktika sollten daher nicht als Pflicht, sondern als Chance zur Vorbereitung für den angestrebten Beruf gesehen werden. Durch Praktika und ehrenamtliche Arbeit können sich Kontakte ergeben, die einen Berufsein‐ stieg erleichtern. Die sogenannten Soft Skills gewinnen auch an Bedeutung im Bewerbungsprozess und sollten daher im Hinblick auf den angestrebten Beruf entsprechend gewählt werden. L. A. (27 Jahre, Projektmanager Sponsoring/ Events in der Konsumgüterindus‐ trie/ FMCG) 5.2 Ausgewählte Berufsfelder und Profile von Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftlern 321 <?page no="322"?> 5.2.8 Sport und Massenmedien Sport ist mit seinen vielen Facetten zu einer zentralen Erscheinung des heutigen gesellschaftlichen Lebens geworden und steht dadurch im Zentrum des Interesses der Massenmedien. Die mit den Massenmedien verbundene Berufsbezeichnung „Journalis‐ tin“ oder „Journalist“ ist kein geschützter Begriff, die Tätigkeit daher kein anerkanntes Berufsbild. Aus diesem Grund gibt es auch keine zwingend vorgeschriebene und ein‐ heitliche Berufsausbildung. Vom Deutschen Journalistenverband wird als Journalistin oder Journalist bezeichnet, wer hauptberuflich an der Verbreitung von Informationen, Meinungen und Unterhaltung durch Massenmedien beteiligt ist. Das Berufsfeld „Sport und Massenmedien“ lässt sich in die Bereiche Print, Hörfunk, Fernsehen und Internet sowie Public Relations/ Öffentlichkeitsarbeit unterteilen. Die Zeitungsbranche kämpft seit Ende des 20. Jahrhunderts mit rückläufigen Auflagen und Einbrüchen am Anzeigenmarkt. Es werden immer weniger Redakteurinnen und Redakteure fest eingestellt - der Trend geht zum freien Mitarbeiter, auch im Sportjournalismus der Tageszeitungen. Viele Zeitschriften suchen inzwischen den Erfolg im Internet, indem sie ihr Onlineangebot deutlich ausbauen, da auch der Zeitschriftenmarkt von der Krise nicht verschont bleibt. Doch ständige Neugrün‐ dungen sorgen für einen gesättigten Markt. Unterschieden wird zwischen Sportfach‐ zeitschriften und populären Sportmagazinen sowie zwischen Verlagspublikationen und Verbandszeitschriften. Frei, also ohne festes Arbeitsverhältnis, arbeiten auch viele Journalistinnen und Journalisten im Hörfunk, gerade bei lokalen Anbietern. Arbeitsplätze bieten öffentlich-rechtliche und private Radiostationen. Selbiges gilt für das Berufsfeld Sportfernsehen. Öffentlich-rechtliche und private Fernsehsender sowie Streamingdienste expandieren im Bereich Sport, vor allem aufgrund hoher Ein‐ schaltquoten telegener Sportarten. Mögliche Tätigkeiten sind hier Moderatorin oder Moderator, Redakteurin oder Redakteur sowie Kommentatorin oder Kommentator. Das Internet ist das jüngste Berufsfeld im Sport und bietet das wohl breiteste Tätig‐ keitsspektrum, da es multimedial gestaltet ist. Dieser Bereich wächst, da sich immer mehr Menschen über Internetportale und Social-Media-Plattformen informieren. Medienunternehmen bieten Tätigkeiten als Online-Redakteurinnen und -redakteure sowie im Bereich Social Media an. Public Relations/ Öffentlichkeitsarbeit stellt ein weiteres Tätigkeitsfeld dar. Bei Me‐ dien- und PR-Agenturen, PR-Abteilungen von Vereinen und Verbänden, in Medienab‐ teilungen der Sportartikelindustrie oder bei Sportgroßveranstaltungen finden Absol‐ ventinnen und Absolventen sportpublizistischer Studiengänge Arbeitsmöglichkeiten, sie müssen jedoch inhaltlich breit aufgestellt sein, um ihre Arbeit möglichst über verschiedene Medienkanäle hinweg ausüben zu können. 322 5 Berufsfelder und Beschäftigungsverhältnisse (Verena Burk) <?page no="323"?> Fallbeispiel: Berufsfeld Sport und Massenmedien Studium, weitere berufsqualifizierende Qualifikationen: Ich habe den Ba‐ chelorstudiengang „Sportwissenschaft mit dem Profil Sportpublizistik“ absolviert. Während meines Studiums habe ich meine Kenntnisse in den Sprachen Englisch und Italienisch in Kursen an der Universität und an der Volkshochschule verbessert. Zugang zur hauptberuflichen Stelle: Nach Abschluss des Bachelorstudiums bewarb ich mich auf eine Stelle als crossmedialer Volontär. Die dreijährige Volon‐ tariatsstelle war ausgeschrieben, allerdings hatte ich bereits zuvor Kontakt zum Medienunternehmen über mehrere Praktika vor und während meines Studiums in der Lokal- und Sportredaktion (Printausgabe). Zudem habe ich über meine gesamte Studiendauer hinweg als freier Mitarbeiter für diese Zeitung geschrieben. Tätigkeitsfeld: In meiner Volontärszeit war ich in drei verschiedenen Lokalre‐ daktionen der Printausgabe eingesetzt. Während der Ausbildung standen zudem Ausbildungszeiten bei einem Hörfunksender und einem regionalen TV-Sender auf dem Programm. Zum Abschluss meines Volontariats durchlief ich die verschiede‐ nen Ressorts der Print-Matelredaktion (Sport, Wirtschaft, Politik, Kultur, Online und Ipad). Nun arbeite ich als Redakteur in der Lokalredaktion. Berufsfelderfahrungen: Nach dem Abitur absolvierte ich zunächst ein Praktikum in der Sportredaktion einer lokalen Zeitung. Während des Studiums folgten ein Prak‐ tikum in einer Lokalredaktion sowie die freie Mitarbeit in diversen Sportredaktionen lokaler und regionaler Zeitungen. Rückblickend waren diese Erfahrungen hilfreich, um den Alltag und die Arbeitsabläufe einer Zeitungsredaktion kennenzulernen. Der wichtigste Aspekt war jedoch der kontinuierliche Kontakt zu Personen aus der Medienbrache, die bei der Jobsuche nach dem Studium hilfreich waren. Persönlichkeitsmerkmale und soziale Kompetenzen: Wichtige Merkmale und Kompetenzen in meinem derzeitigen Arbeitsumfeld sind Teamfähigkeit, Selbstbewusstsein, Kritikfähigkeit, Durchsetzungsvermögen und Flexibilität. Einstiegsgehalt: Als Volontär habe ich 1.400 Euro (brutto/ Monat) verdient. Eine Jungredakteurin oder ein Jungredakteur in meinem Medienunternehmen erhalten ein Gehalt von ca. 3.000 Euro (brutto/ Monat). Tipps: Rückblickend waren die praktischen Arbeitserfahrungen als Praktikant und freier Mitarbeiter sehr wichtig. Die Mitarbeit an (sport-)journalistischen Projekten an der Universität ist ebenfalls zu empfehlen, da potenzielle Arbeitge‐ bende auf Texte aufmerksam werden und die Beiträge als Arbeitsproben bei der Bewerbung geeignet sind. J. G. (28 Jahre, Redakteur in einem regionalen Medienhaus (Print/ Hörfunk/ TV)) 5.2 Ausgewählte Berufsfelder und Profile von Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftlern 323 <?page no="324"?> 5.2.9 Sport und Gesundheit Vor dem Hintergrund einer wachsenden Bedeutung von körperlicher Aktivität bei Gesundheitsförderung, Prävention und Rehabilitation, rücken diese Themenfelder verstärkt in den Fokus von Absolventinnen und Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge. Zahlreiche Bachelor- und Masterstudiengänge weisen den Studien‐ schwerpunkt Sport und Gesundheit auf. „Bewegung und Gesundheit“, „Gesundheits‐ förderung“, „Sportwissenschaft - Performance and Health“, „Fitness- und Gesundheits‐ management“ sowie „Sporttherapie und Prävention“ sind nur einige ausgewählte Titel (Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft - Kommission Gesundheit, 2024). Arbeitgebende im Berufsfeld Sport und Gesundheit sind z. B. Kliniken und Kran‐ kenhäuser, Krankenkassen und -versicherungen, private Gesundheitsvorsorger, Reha‐ bilitationseinrichtungen, Sportvereine und -verbände sowie Ausbildungsstätten des Gesundheitswesens. Es existieren sowohl befristete als auch unbefristete Angestellten‐ verhältnisse, auch Honorartätigkeiten und projektbezogene Mitarbeit sind möglich. Die Tätigkeiten im Berufsfeld Sport und Gesundheit erstrecken sich über die Arbeitsfelder ■ Prävention und Gesundheitsförderung/ -erziehung (Aufklärung und vorbeugende Maßnahmen zur Gesunderhaltung des Körpers), ■ Therapie und Sport (Behandlungsmaßnahmen zur Heilung von Krankheiten) sowie ■ ambulante und stationäre Rehabilitation und Rehabilitationssport (Wiederherstel‐ lung des vormals existierenden körperlichen Zustands). In der Regel werden zielgruppenspezifische Gesundheits-, Bewegungs-, Freizeit- und therapeutische Maßnahmen entwickelt, geplant und durchgeführt. Ein wichtiger Aspekt ist hierbei die kontinuierliche Beratung und das Coaching der Maßnahmen‐ teilnehmerinnen und -teilnehmern. Ferner werden Fitness- und Wellnessangebote konzipiert und organisiert. Organisations- und Verwaltungstätigkeiten ergänzen - je nach Arbeitsfeld - die aufgeführten Tätigkeiten. Fallbeispiel: Berufsfeld Sport und Gesundheit Studium, weitere berufsqualifizierende Qualifikationen: Ich habe die Bachelorstudiengänge Sportwissenschaft mit den Profilen Sportmanagement und Gesundheitsförderung abgeschlossen. Anschließend habe ich den Master‐ studiengang „Sportwissenschaft mit dem Profil Sportmanagement“ absolviert. Zusatzqualifikationen habe ich in Gesprächsführung und Rhetorik, im Team- und Konfliktmanagement, in Kommunikations- und Präsentationskompetenzen erworben. Zusätzlich habe ich Trainerlizenzen in Sport nach Krebs und Orthopä‐ discher Hüftschule erworben. 324 5 Berufsfelder und Beschäftigungsverhältnisse (Verena Burk) <?page no="325"?> Zugang zur hauptberuflichen Stelle: Während meines Masterstudiums habe ich ein Praktikum im Gesundheitsmanagement absolviert und danach freiberuf‐ lich diese Tätigkeit weitergeführt. Über diesen Kontakt wurde ich auf eine befristete Referentenstelle im Bereich Gesundheitsförderung in Kindertagesein‐ richtungen bei einer Krankenkasse aufmerksam, auf die ich mich beworben habe. Nach sieben Monaten lief die Stelle aus und ich habe mich über freiberufliche Tätigkeiten (u. a. Kurse in Vereinen und an der Universität) über Wasser gehalten. Nach zahlreichen Bewerbungen und Bewerbungsgesprächen habe ich eine Füh‐ rungsposition im medizinischen Bereich einer Stiftung angenommen. Nach acht Monaten Tätigkeit erhielt ich ein Angebot als Referentin Gesundheitsförderung im Betrieblichen Gesundheitsmanagement (BGM) bei der Krankenkasse, bei der ich meine erste Anstellung hatte. Tätigkeitsfeld: Mein Tätigkeitsfeld umfasst die konzeptionelle Ausarbeitung und Erweiterung des Betrieblichen Gesundheitsmanagements für die Kranken‐ kasse als fachliche Vorgesetzte. Berufsfelderfahrungen: Meine Berufsfelderfahrungen waren vielfältig. Ich absolvierte ein sechsmonatiges Praktikum bei einer städtischen Veranstaltungs‐ gesellschaft im Bereich Eigenveranstaltungen. Darüber hinaus war ich acht Wochen in der Sport- und Ernährungstherapie einer Klinik sowie im Gesundheits‐ management eines BGM-Dienstleisters tätig. Parallel zu meinen Studien habe ich Kurse im Hochschulsport, in Sportvereinen und an der Volkshochschule gegeben und als wissenschaftliche Hilfskraft an einem sportwissenschaftlichen Lehrstuhl gearbeitet. Persönlichkeitsmerkmale und soziale Kompetenzen: Für mich sind beson‐ ders sicheres Auftreten, Verhandlungssicherheit, rhetorische Fähigkeiten, moti‐ vierende Gesprächsführung, Team- und Konfliktmanagement besonders wichtig. Auch Durchsetzungsvermögen sowie Selbst- und Zeitmanagement sind von Bedeutung. Einstiegsgehalt: Mein Einstiegsgehalt betrug 2.500 Euro (brutto/ Monat). Tipps: Als besonders wichtig erachte ich neben dem Engagement im Studium Kontakte im Gesundheitsbereich zu knüpfen und zu pflegen und somit ein Netzwerk aufzubauen. Ebenso relevant sind meines Erachtens Praktika in allen interessanten Bereichen des angestrebten Berufsfelds. Geduld bei der Jobsuche, ehrliches Auftreten bei den Bewerbungsgesprächen und die Äußerung konkreter Vorstellungen zum Tätigkeitsfeld kann ich allen ans Herz legen. G. B.-L. (30 Jahre, Referentin Betriebliches Gesundheitsmanagement bei einer Krankenkasse) 5.2 Ausgewählte Berufsfelder und Profile von Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftlern 325 <?page no="326"?> Kontrollfrage Die Berufsfelder für Absolventinnen und Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge weisen spezifische Kennzeichen auf. Charakterisieren Sie drei aus‐ gewählte Berufsfelder mit ihren spezifischen Kennzeichen. Literatur Bundesinstitut für Sportwissenschaft (2024). Aufgaben und Selbstverständnis. https: / / www.bisp. de/ DE/ UeberUns/ Aufgaben_und_Selbstverstaendnis/ aufgaben_und_selbstverstaendnis_nod e.html Cachay, K., Thiel, A., & Meier, H. (2001). Der organisierte Sport als Arbeitsmarkt. Eine Studie zu Erwerbsarbeitspotenzialen in Sportvereinen und Sportverbänden. Hofmann. Deutscher Olympischer Sportbund (2024a). Das ist der DOSB. https: / / www.dosb.de/ ueber-uns Deutscher Olympischer Sportbund (2024b). Geschäftsstelle des DOSB - Organigramm der DOSB- Geschäftsstelle. https: / / www.dosb.de/ ueber-uns/ geschaeftsstelle Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft - Kommission Gesundheit (2024). Gesundheitsori‐ entierte Bachelor- und Masterstudiengänge in der Sportwissenschaft in Deutschland. https: / / w ww.sportwissenschaft.de/ fileadmin/ pdf/ Kommissionen/ Gesundheit/ 2020_Uebersicht-Gesun dheitsorientierte_Studiengaenge.pdf Fahrner, M. (2014). Grundlagen des Sportmanagements (2. Auflage). Oldenbourg. Haag, H., & Mess, F. (2010). Einführung in das Studium der Sportwissenschaft. Berufsfeld-, Studienfach- und Wissenschaftsorientierung (3., überarbeitete Auflage). Hofmann. Institut für Angewandte Trainingswissenschaft (2024). Philosophie. https: / / sport-iat.de/ allgeme in/ philosophie Lange, A. (1995). Arbeitsmarkt Sport: außerschulische Berufsfelder. Brockmeyer. 326 5 Berufsfelder und Beschäftigungsverhältnisse (Verena Burk) <?page no="327"?> 6 Zusammenfassung und Ausblick (Verena Burk, Marcel Fahrner) In diesem Lehrbuch wurden ausgewählte Themen der Sportwissenschaft aufgearbeitet, die für eine umfassende Orientierung von Studieninteressierten und Studienanfängern der Sportwissenschaft von Bedeutung sind. ■ Ausgangspunkt waren zunächst relevante Entwicklungsschritte der Sportwissen‐ schaft als Fachdisziplin. Daran anschließend wurde u. a. mit Blick auf ausgewählte Definitionsansätze und Beschreibungsmodelle „Sport“ als Gegenstandsbereich der Sportwissenschaft fokussiert und Schwierigkeiten in der Abgrenzung des Sportbegriffs in ihren Auswirkungen auf den exklusiv sportwissenschaftlichen Zuständigkeitsraum reflektiert. Eine Auseinandersetzung mit dem ursprünglichen Anspruch einer integrativen Querschnittwissenschaft und den tatsächlichen Bin‐ nendifferenzierungen in der Sportwissenschaft schloss den ersten Teil ab. ■ Vor diesem Hintergrund wurden ausgewählte sportwissenschaftliche Teildiszi‐ plinen beschrieben - Sportpädagogik, Sportgeschichte, Sportpsychologie, Sport‐ soziologie, Sportökonomik, Sportmedizin, Bewegungswissenschaft und Trainings‐ wissenschaft - und mit ihren jeweiligen Erkenntnisinteressen, Fragestellungen, Theorien und Forschungszugängen gekennzeichnet. Über die teildisziplinären Kennzeichen hinaus wurde dabei deutlich, dass die Sportwissenschaft heute keine einheitliche, in sich geschlossene Wissenschaftsdisziplin darstellt. ■ In einem weiteren Schritt wurden zentrale Kennzeichen wissenschaftlichen Arbei‐ tens skizziert. Neben typischen Schrittfolgen wissenschaftlicher Arbeitsprozesse - Forschungsproblem, zentrale Fragestellungen, Forschungsüberblick, theoriege‐ leitete Reflexion, Forschungsdesign, Ergebnisdarstellung - umfasste dies typische Wege und Formen der Informationsbeschaffung und Literaturrecherche, Anforde‐ rungen an die Gestaltung wissenschaftlicher Arbeiten sowie Ausführungen zu Standards guter wissenschaftlicher Praxis. ■ Abschließend erfolgte eine Beschreibung relevanter Berufsfelder von Absolventin‐ nen und Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge - Schule, Hochschule und Wissenschaft, Sportvereine, Sportverbände, privatwirtschaftliche Sportanbie‐ ter, öffentliche Sportverwaltung, Sport und Wirtschaft, Sport und Massenmedien, Sport und Gesundheit. Dabei wurde auch deutlich, welche Kenntnisse, Kompe‐ tenzen und Qualifikationen in diesen Berufsfeldern jeweils als wichtig erachtet werden. Richtet man den Blick über dieses ausgewählte Themenspektrum hinaus, zeigt sich gleichwohl eine Reihe hier nicht ausgeleuchteter Perspektiven. Beispielsweise haben sich weitere sportwissenschaftliche Disziplinen ausdifferenziert, die auch über Sektio‐ nen in der Deutschen Vereinigung für Sportwissenschaft organisiert sind: <?page no="328"?> ■ Sportphilosophie: Kennzeichnend für die Sportphilosophie ist ihr distanziertes, reflexives Verhältnis zum Gegenstandsbereich Sport. Dies ist Voraussetzung für die Bearbeitung ihrer zentralen Fragestellungen, z. B. nach dem Wesen des Sports, den anthropologischen Aspekten von Leiblichkeit und Körperlichkeit im Sport, der Ästhetik und Inszenierung sowie den ethisch-moralischen Kennzeichen von Sport. ■ Sportinformatik: Datenaufnahme und -analyse, Modellbildung und Simulation sowie Datenbanken und Informationssysteme sind zentrale Bereiche der Sportin‐ formatik. Damit unterstützt sie andere sportwissenschaftliche Disziplinen v. a. in der Ausgestaltung forschungsrelevanter Schnittstellen zur Informatik, etwa die Bewegungs- und Trainingswissenschaft. Als Reaktion auf gesellschaftliche und technische Entwicklungen, die z. B. juristische oder wirtschaftliche Problem- und Fragestellungen mit sich bringen, sind noch weitere spezialisierte Gebiete innerhalb der Sportwissenschaft entstanden. ■ Sportrecht: Aus juristischer Perspektive ist der Sport einerseits durch ein von Sportvereinen und Sportverbänden autonom gesetztes Recht gekennzeichnet. Andererseits existieren in der Sportpraxis zahlreiche Berührungspunkte zum staatlichen Recht, was vielfältige juristische Probleme mit teilweise sportspezifi‐ schen Rechtsnormen nach sich zieht, z. B. hinsichtlich gesellschaftsrechtlicher, arbeitsrechtlicher, wettbewerbs- und kartellrechtlicher Fragen sowie hinsichtlich des Schutzes und der Vewertung medialer und werblicher Rechte im Sport. ■ Sportpublizistik: Forschungsfragen, die sich auf Sportberichterstattung in Massen‐ medien beziehen oder Öffentlichkeitsarbeit im Sport in den Blickpunkt nehmen, wurden lange Zeit innerhalb der Sportsoziologie aufgegriffen. Mit zunehmender Bedeutung des Sports in der Gesellschaft und dessen massenmedialer Vermittlung rückten entsprechende Themenfelder verstärkt in den Fokus wissenschaftlicher Analyse. Dies machte es erforderlich, neben soziologischen Aspekten hinausge‐ hende Expertise z. B. in den Bereichen Publizistik, Journalistik und Medienwissen‐ schaft anzuwenden. Neben dem an sportwissenschaftlichen Teildisziplinen orientierten Zugang können alternativ auch sportspezifische Themen und Problemfelder zur Orientierung heran‐ gezogen werden: ■ Sport und Gesellschaft: Zusammenhänge von Sport und Gesellschaft, die sich z. B. in der Entwicklung des Sports selbst, in seinen Beziehungen zu anderen gesell‐ schaftlichen Teilsystemen sowie in den Abstimmungs- und Steuerungsproblemen von Sportorganisationen zeigen, können mittels soziologischer, ökonomischer, philosophischer und historischer Zugänge in den Blick genommen werden. ■ Sport und Gesundheit: Unter Nutzung biologischer, medizinischer, bewegungs- und trainingswissenschaftlicher sowie sozial-psychologischer Erkenntnisse können 328 6 Zusammenfassung und Ausblick (Verena Burk, Marcel Fahrner) <?page no="329"?> Fragen der gesundheitlichen Prävention und Rehabilitation durch Sport analysiert werden. ■ Sport und Erziehung: Sportspezifische Erziehungspotenziale in pädagogischen Kontexten, z. B in Schule oder Sportverein, können unter Bezug insbesondere auf erziehungswissenschaftliche, psychologische, soziologische und historische Zugänge analysiert werden. ■ Sport und Wirtschaft: Beschäftigungswirkungen und ökonomische Wertschöp‐ fungen von Sport werden typischerweise aus volkswirtschaftlicher Perspektive analysiert. Ökonomische Bedingungen und Wirkungsweisen in organisierten Zu‐ sammenhängen („Betrieben“) stehen hingegen im Fokus betriebswirtschaftlicher Perspektiven und werden - als Sportmanagement bezeichnet - unter Zugriff auch auf politische, soziologische und psychologische Erklärungsmuster bearbeitet. ■ Sport und Massenmedien: Die Beziehungen zwischen Sport und Massenmedien werden in der Regel aus soziologischer (z. B. Sport und Massenmedien als ge‐ sellschaftliche Subsysteme), psychologischer (z. B. Nutzung und Wirkung von Sportberichterstattung bei Rezipientinnen und Rezipienten), pädagogischer (z. B. Vermittlung von Medienkompetenz bei der Nutzung massenmedialer Sportbericht‐ erstattung) und ökonomischer (z. B. ökonomische Verwertung medialer Rechte im Sport) Perspektive beleuchtet. Die aufmerksame Lektüre und kritische Auseinandersetzung mit den in diesem Lehr‐ buch dargestellten Themen ermöglicht eine umfassende „Einführung in die Sportwis‐ senschaft“. Bleibt den Leserinnen und Lesern zu wünschen, dass sie in ihrem Studium die Möglichkeit erhalten, diese Inhalte im Rahmen ansprechender Lehrveranstaltungen kennenzulernen, mittels aktueller Forschungsergebnisse zu vertiefen und mit Blick auf zukünftige berufliche Tätigkeiten anwenden zu können. 6 Zusammenfassung und Ausblick (Verena Burk, Marcel Fahrner) 329 <?page no="331"?> Verzeichnis der Autorinnen und Autoren Dr. Verena Burk arbeitet als Akademische Oberrätin am Institut für Sportwissenschaft der Universität Tübingen. Schwerpunkte ihrer Forschungs- und Lehrtätigkeit sind u. a. Medien und Kommunikation im Sport. verena.burk@uni-tuebingen.de PD Dr. Marcel Fahrner arbeitet als Akademischer Oberrat am Institut für Sportwis‐ senschaft der Universität Tübingen. Schwerpunkte seiner Forschungs- und Lehrtätig‐ keit sind u. a. Governance und Organisationsentwicklung im Sport. marcel.fahrner@uni-tuebingen.de Prof. Dr. Stefan König arbeitet als Professor für Sportwissenschaft mit dem Schwer‐ punkt Empirische Sportpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Weingarten. Schwerpunkte seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit sind u. a. Schulsportforschung, Sportspielvermittlung und -training sowie Mixed Methods Research. koenig@ph-weingarten.de Prof. Dr. Inga Krauß leitet die Arbeitsgruppe Biomechanik/ Trainingswissenschaft der Abteilung Sportmedizin des Universitätsklinikums Tübingen. Sie ist Sportwissen‐ schaftlerin und Physiotherapeutin und ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Konzeption und Evaluation sporttherapeutischer Interventionen bei chro‐ nischen Erkrankungen, sportartspezifische Leistungsdiagnostik und Überlastungsbe‐ schwerden im (Lauf-)Sport. inga.krauss@med.uni-tuebingen.de Prof. Dr. Christoph von Laßberg ist Sportmediziner und Bewegungswissenschaftler in der Abteilung Sportmedizin des Universitätsklinikums Tübingen. Der Schwerpunkt seiner klinischen Tätigkeit ist die orthopädische Sportmedizin. Seine Forschungs- und Lehrtätigkeit bezieht sich primär auf Aspekte der sensointegrativen Bewegungssteue‐ rung in Alltag und Sport. christoph.lassberg@med.uni-tuebingen.de Prof. Dr. Andreas Luh arbeitet als Akademischer Oberrat und apl. Professor an der Fakultät für Sportwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum. Schwerpunkte seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit sind die Sozial- und Zeitgeschichte des Sports und die Sportart Badminton. andreas.luh@rub.de Prof. Dr. Christian Maiwald (Technische Universität Chemnitz) leitet den Arbeits‐ bereich Forschungsmethoden und Analyseverfahren in der Biomechanik am Institut für Angewandte Bewegungswissenschaften der TU Chemnitz. Seine Forschung befasst sich vorwiegend mit methodologischen Aspekten der Analyse biomechanischer Daten. christian.maiwald@hsw.tu-chemnitz.de <?page no="332"?> Prof. Dr. Tim Pawlowski leitet den Arbeitsbereich für Sportökonomik, Sportmanage‐ ment und Sportpublizistik am Institut für Sportwissenschaft der Universität Tübingen. Seine Forschung konzentriert sich auf die ökonomischen Aspekte im Zuschauer- und Freizeitsport. tim.pawlowski@uni-tuebingen.de Prof. Dr. Ines Pfeffer ist Professorin für Medizinpädagogik mit Schwerpunkt Gesund‐ heitswissenschaften an der Fakultät Humanwissenschaft der Medical School Hamburg. Ihre Forschungsschwerpunkte konzentrieren sich auf motivationale und volitionale Aspekte des körperlichen Aktivitätsverhaltens und die Rolle der Selbstregulation zur Erklärung der Intentions-Verhaltens-Lücke. ines.pfeffer@medicalschool-hamburg.de Prof. Dr. Mark Pfeiffer leitet die Abteilung Theorie und Praxis der Sportarten am Institut für Sportwissenschaft der Johannes Gutenberg-Universität Mainz. Schwer‐ punkte seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit sind Kinder- und Jugendsport (einschl. Talentforschung), Athletenmonitoring, Trainingswirkungsanalyse, KI im Sport, Rege‐ nerationsmanagement und die Sportspielforschung. mark.pfeiffer@uni-mainz.de Dr. Lars Riedl (Universität Paderborn) arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Arbeitsbereich Sportsoziologie der Universität Paderborn. Schwerpunktthemen seiner Forschungs- und Lehrtätigkeit bilden u. a. das Sportpublikum, organisationssoziologi‐ sche Analysen des Sports sowie kommunale Sportentwicklungsplanung. lars.riedl@uni-paderborn.de Prof. Dr. Petra Wagner leitet das Institut für Gesundheitssport und Public Health in der Sportwissenschaftlichen Fakultät der Universität Leipzig. Schwerpunkte ihrer sozialwissenschaftlichen Forschungs- und Lehrtätigkeit sind Gesundheits- und Reha‐ bilitationssport sowie körperliche Aktivität und Inaktivität über die Lebensspanne. petra.wagner@uni-leipzig.de Prof. Dr. Manfred Wegner ist Leiter der Arbeitsbereiche Sportpsychologie und Bewegungswissenschaft an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Die Arbeits‐ schwerpunkte sind die Sportspiel- und Stressforschung, Teamentwicklung, Präventi‐ ons-, Rehabilitations- und Behindertensport, Familiensport und das Psychologische Training. mwegner@email.uni-kiel.de 332 Verzeichnis der Autorinnen und Autoren <?page no="333"?> Register Absolventenstudien-298 Adaptation-245 Aktivität- Körperliche-36, 43, 115, 117, 165, 185 Akzelerometrie-220 Angebotsversagen-165 Anwendungsforschung-235 Berufsfelder-297 Hochschule und Wissenschaft-309 Öffentliche Sportverwaltung-318 Privatwirtschaftliche Sportanbieter-316 Schule-307 Sport und Gesundheit-324 Sport und Massenmedien-322 Sport und Wirtschaft-320 Sportverband-314 Sportverein-312 Bewegungslehre-210 Bewegungsmangel-185, 195, 202 Bewegungswissenschaft-208 Bibliothekskataloge-274 Biomechanik-53, 197, 215 Bundesinstitut für Sportwissenschaft-22, 275, 277, 310 Datenauswertung-267, 269 Datenbanken-274f. SPORTDiscus-276 ViFa Sport-276 Datenerhebung-266, 269 Qualitative-73 Quantitative-73 DDR-Spitzensport-107 Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention-190, 195 Deutsche Hochschule für Körperkultur-22, 238 Deutsche Vereinigung für Sportwissenschaft-25 Doping-54, 147, 185, 194, 277 Dynamometrie-220 E-Gaming-45 Einkommenselastizität der Nachfrage-175 Elektromyografie-221 Elektronische Zeitschriftenbibliothek-275 Entsportung des Sports-31 E-Sport-40 E-Sport-42f. Evaluationsforschung-242 Externe Effekte-164 Formale Textgestaltung-283 Forschungsfrage-262 Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport-23 Forschungsmethoden-218, 248, 250, 265 Qualitative-268 Quantitative-266 Forschungsproblem-262 Forschungsstrategien-235 Forschungsüberblick-263 Forschungs- und Entwicklungsstelle für Sportgeräte-23 Funktionsanalysen-216 Geschichtswissenschaft-95 Gewinn-163 Google Scholar-277 Grundlagenforschung-236 Gütekriterien-268f. Gymnastik-28 Hermeneutische Methode-70, 102, 265 Historische Methode-99 Hypothesen-265 <?page no="334"?> Innere Medizin-186f., 196 Institut für Angewandte Trainingswissenschaft-24, 239, 276 Interdisziplinarität-53 Kinematik-218 Kinemetrie-218 Kooperenz-164 Kraftdiagnostik-197 Leistungsdiagnostik-186, 199f., 250 Leistungsstrukturmodelle-249 LiDA-276 Literaturrecherche-273, 275, 277 Literaturverzeichnis-286 Medizinische Trainingstherapie-198 Meisterlehren-238 Meritorische Güter-165 Meta-Kataloge-274 Modellsimulation-223 Morphologie-218 Motorikforschung-217 Nachfrageversagen-165 Neue Kulturgeschichte des Sports-105 Nominaldefinition-33 Öffentliches Gut-164 Orthopädie-196f. Paraphrase-286 Philanthropen-19, 28, 63, 93, 95 Prävention-119, 185, 202, 224, 301, 324 Preiselastizität der Nachfrage-172 Quellenangaben-284 Quellenkurzbeleg-284 Realdefinition-33 Regeln-30, 33, 35, 40, 130 Regulierung-164 Rehabilitation 119, 127, 185, 192, 198, 211, 224, 301 Spannung-173 Spiroergometrie-199 Spitzensport 23f., 54, 75, 79, 108, 119, 124, 130, 147, 154, 160, 164, 170, 192, 203, 254, 271, 310 SPONET-276 Sportarten- Virtuelle-45 Sportärzteschaft-192 Sportbegriff-29, 32 Sportgeschichte-87 Sportliche Leistung-249 Sportliche Leistungsfähigkeit-249 Sportmanagement-160 Sportmedizin-184 Sportmodelle-37 Sportökonomie-160 Sportökonomik-160 Sportpädagogik-57 Empirisch-analytische-70 Normative-69 Sportspieldidaktik-76 Sportstättenplanung-177 Superkompensation-246 Talentdiagnostik-254 Theorie-264 Training-230f., 239 Trainingsberatung-200 Trainingslehre-237 Trainingsmethoden-248 Trainingssteuerung-199, 243, 245 Trainingswissenschaft-231 Transdisziplinarität-53 Turnen-28, 63, 93 Unsicherheitshypothese-163 Untersuchungsdesign-265 Verbundkataloge-274 334 Register <?page no="335"?> Verletzung-271 Versportlichung der Gesellschaft-31 Wettbewerbsintensität-170 Wettkampf-251 Wissenschaftliches Arbeiten-261 Wissenschaftliches Schreiben-282 Zitate-285 Änderungen an Zitaten-285 Sekundärzitat-286 Zitat im Zitat-286 Zivilisationsgeschichte des Sports-105 Register 335 <?page no="336"?> Abbildungsverzeichnis Abb. 2.2.1: Hägeles Sportmodell (Hägele, 1982) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38 Abb. 2.3.1: Spannungsfeld integrative Sportwissenschaft vs. additive Sportwissenschaften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54 Abb. 3.1.1: Das Spannungsverhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft in der Leibeserziehung (Prohl, 2010, S.-84) . . . . . . . 67 Abb. 3.1.2: Grundpositionen der Sportpädagogik (Dietrich & Landau, 1990, S.-52) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 68 Abb. 3.1.3: Der hermeneutische Zirkel (Danner, 2006, S.-62) . . . . . . . . . . . . . 71 Abb. 3.1.4: Fiktives PRISMA-Flowchart eines systematischen Reviews . . . 72 Abb. 3.1.5: Developmental Model of Sport Participation (Côté et al., 2003) . 77 Abb. 3.2.1: Historisches Denken im Alltag des Menschen (Luh, 2004, S. 443) 90 Abb. 3.2.2: Die methodischen Operationen historischen Forschens (Luh, 2004, S.-447) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100 Abb. 3.3.1: Integriertes Modell zu grundlegenden Aspekten des psychischen Systems nach Nolting und Paulus (2018, S.-134) . . . . . . . . . . . . . . 117 Abb. 3.3.2: Das Multidimensionale Modell des Führungsverhaltens nach Chelladurai (2007, S.-117) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 128 Abb. 3.5.1: Die Sportökonomik im Schnittfeld von Sportwissenschaft, Volkswirtschaftslehre und angrenzenden Disziplinen . . . . . . . . 162 Abb. 3.5.2: Das CBR der Top-5-Teams in den Top-5-Ligen Europas vor und nach der Jahrtausendwende (Pawlowski et al., 2010) . . . . . . . . . 171 Abb. 3.5.3: Die durchschnittlichen UEFA Champions League Einnahmen ausgewählter Teams vor und nach der Jahrtausendwende (Pawlowski et al., 2010) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172 Abb. 3.6.1: Sportmedizinische Institute in Deutschland (DGSP, 2019b) . . . . 187 Abb. 3.7.1: Unterschiedliche Ansätze und theoretische Grundpositionen innerhalb der Bewegungswissenschaft (modifiziert nach Roth & Willimczik, 1999, S.-13) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 215 Abb. 3.8.1: Die Trainingswissenschaft als integrative Wissenschaft zwischen Trainingspraxis und ausgewählten Basiswissenschaften (Hohmann, 1999, S.-38) . . . . . . . . . . . . . . . . 234 Abb. 3.8.2: Wissensbestände von Trainingswissenschaft, Trainingslehre und Sportpraxis (Hohmann et al., 2010, S.-25) . . . . . . . . . . . . . . . 237 Abb. 3.8.3: Integratives Modell der sportlichen Leistung mit Verortung der drei trainingswissenschaftlichen Gegenstandsbereiche: Training, Leistungsfähigkeit und Wettkampf . . . . . . . . . . . . . . . . 241 Abb. 3.8.4: Wechselwirkungen zwischen den Gegenstandsbereichen der Trainingswissenschaft (nach Hohmann et al., 2020, S.-31) . . . . . 242 <?page no="337"?> Abb. 3.8.5: Modell der Trainingssteuerung (nach Hohmann et al., 2020, S.-215) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 244 Abb. 3.8.6: Die wichtigsten Elemente und Beziehungen für ein Beanspruchungsmodell sportlichen Trainings und Wettkampfs; a) Ressourcenauswahl und -einsatz, b) Ressourcenveränderungen (Olivier et al., 2008, S.-28, 33) . . . . . . 247 Abbildungsverzeichnis 337 <?page no="338"?> Tabellenverzeichnis Tab. 3.6.1: Übersicht über Fächer und Forschungsbereiche der Sportmedizin . 196 Tab. 3.8.1: Komponenten der Leistungsfähigkeit mit Leistungsvoraussetzungen und typischen trainingswissenschaftlichen Themen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 249 Tab. 3.8.2: Themengebiete zum sportlichen Wettkampf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 251 Tab. 5.1.1: Durchschnittliches Bruttomonatsgehalt (in Euro) der Absolventinnen und Absolventen der Bachelor- und Masterstudiengänge an der Deutschen Sporthochschule Köln - Jahrgänge 2014, 2016, 2018 und 2020 (Deutsche Sporthochschule Köln, 2024) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 299 Tab. 5.1.2: Kompetenzbereiche und deren Berufsrelevanz aus der Perspektive von Sportmanagerinnen und Sportmanagern (modifiziert nach Fahrner & Schüttoff, 2020) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 303 <?page no="339"?> Sportwissenschaft von allen Seiten beleuchtet Das Studium der Sportwissenschaft ist vielfältig und beliebt. Bereits zu Beginn des Studiums setzen sich die Studierenden mit Bewegungs- und Trainingswissenschaft, Sportpädagogik, Sportpsychologie, Sportsoziologie, Sportgeschichte, Sportmedizin und Sportökonomik auseinander. In dem bewährten Lehrbuch stellen ausgewiesene Sportwissenschaftlerinnen und Sportwissenschaftler diese Teildisziplinen im Detail vor. Jedes Kapitel wird mit Lernzielen eingeleitet und durch ein Praxisbeispiel und Kontrollfragen abgeschlossen. Als Service bietet das Buch Wichtiges zum wissenschaftlichen Arbeiten und skizziert Berufsfelder für Absolventinnen und Absolventen sportwissenschaftlicher Studiengänge. Die dritte Auflage wurde überarbeitet und mit aktuellen Beispielen versehen. Sportwissenschaft | Gesundheit ISBN 978-3-8252-6451-2 Dies ist ein utb-Band aus dem Verlag UVK Verlag. utb ist eine Kooperation von Verlagen mit einem gemeinsamen Ziel: Lehr- und Lernmedien für das erfolgreiche Studium zu veröffentlichen. utb.de QR-Code für mehr Infos und Bewertungen zu diesem T itel
