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Grundkurs Soziologie

0616
2025
978-3-8385-6461-6
978-3-8252-6461-1
UTB 
Hans Peter Henecka
10.36198/9783838564616

In seinem bewährten "Grundkurs Soziologie" vermittelt Hans Peter Henecka klar und verständlich Gegenstand, Grundbegriffe, basale Theorien und Methoden der Soziologie. Seine praxisnahe Einführung stellt die Grundthemen soziologischen Denkens vor. Dabei geht der Autor auch auf die Vorväter und Begründer der Soziologie ein, darunter Auguste Comte, Herbert Spencer und Max Weber. Er beschreibt die Sicht der Soziologie auf den Menschen und dessen Rollen in der Gesellschaft. Ebenso erklärt er die zahlreichen Gruppierungen innerhalb einer Gesellschaft sowie den Wandel der Gesellschaft. Im abschließenden Kapitel dieser 11., überarbeiteten Auflage stellt der Autor verschiedene empirische Methoden der Soziologie vor, wie die Beobachtung, die Befragung und die Inhaltsanalyse. Mit vertiefenden Literaturhinweisen der ideale Einstieg in das Fach!

9783838564616/9783838564616.pdf
<?page no="0"?> ISBN 978-3-8252-6461-1 Hans Peter Henecka Grundkurs Soziologie 11. Auflage In seinem bewährten „Grundkurs Soziologie“ vermittelt Hans Peter Henecka klar und verständlich Gegenstand, Grundbegriffe, basale Theorien und Methoden der Soziologie. Seine praxisnahe Einführung stellt die Grundthemen soziologischen Denkens vor. Dabei geht der Autor auch auf die Vorväter und Begründer der Soziologie ein, darunter Auguste Comte, Herbert Spencer und Max Weber. Er beschreibt die Sicht der Soziologie auf den Menschen und dessen Rollen in der Gesellschaft. Ebenso erklärt er die zahlreichen Gruppierungen innerhalb einer Gesellschaft sowie den Wandel der Gesellschaft. Im abschließenden Kapitel dieser 11., überarbeiteten Auflage stellt der Autor verschiedene empirische Methoden der Soziologie vor, wie die Beobachtung, die Befragung und die Inhaltsanalyse. Mit vertiefenden Literaturhinweisen der ideale Einstieg in das Fach! Soziologie Grundkurs Soziologie 11. A. Henecka Dies ist ein utb-Band aus dem UVK Verlag. utb ist eine Kooperation von Verlagen mit einem gemeinsamen Ziel: Lehr- und Lernmedien für das erfolgreiche Studium zu veröffentlichen. utb.de QR-Code für mehr Infos und Bewertungen zu diesem Titel 2025-04-24_6461-1_Henecka_M_1323_PRINT.indd Alle Seiten 2025-04-24_6461-1_Henecka_M_1323_PRINT.indd Alle Seiten 24.04.25 12: 54 24.04.25 12: 54 <?page no="1"?> utb 1323 Eine Arbeitsgemeinschaft der Verlage Brill | Schöningh - Fink · Paderborn Brill | Vandenhoeck & Ruprecht · Göttingen - Böhlau · Wien · Köln Verlag Barbara Budrich · Opladen · Toronto facultas · Wien Haupt Verlag · Bern Verlag Julius Klinkhardt · Bad Heilbrunn Mohr Siebeck · Tübingen Narr Francke Attempto Verlag - expert verlag · Tübingen Psychiatrie Verlag · Köln Psychosozial-Verlag · Gießen Ernst Reinhardt Verlag · München transcript Verlag · Bielefeld Verlag Eugen Ulmer · Stuttgart UVK Verlag · München Waxmann · Münster · New York wbv Publikation · Bielefeld Wochenschau Verlag · Frankfurt am Main <?page no="2"?> Prof. Dr. Hans Peter Henecka lehrte Soziologie an der Pädagogischen Hochschule und an der Universität Heidelberg. <?page no="3"?> Hans Peter Henecka Grundkurs Soziologie 11., überarbeitete Auflage <?page no="4"?> 11., überarbeitete Auflage 2025 10., überarbeitete Auflage 2015 9. Auflage 2009 8. Auflage 2006 7. Auflage 2000 6. Auflage 1997 5. Auflage 1994 4. Auflage 1993 3. Auflage 1990 2. Auflage 1989 1. Auflage 1985 DOI: https: / / doi.org/ 10.36198/ 9783838564616 © UVK Verlag 2025 ‒ Ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikro‐ verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Heraus‐ geber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Einbandgestaltung: siegel konzeption | gestaltung Druck: Elanders Waiblingen GmbH utb-Nr. 1323 ISBN 978-3-8252-6461-1 (Print) ISBN 978-3-8385-6461-6 (ePDF) ISBN 978-3-8463-6461-1 (ePub) Umschlagabbildung: © Juan Podrigues Pazos - iStock Autorenfoto: © Mirjam Henecka Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. <?page no="5"?> 9 1 11 1.1 11 1.2 15 1.3 20 1.3.1 20 1.3.2 22 1.3.3 24 1.4 26 1.4.1 26 1.4.2 28 1.4.3 33 1.5 35 1.5.1 35 1.5.2 41 1.5.2.1 41 1.5.2.2 42 1.5.2.3 44 1.5.3 48 1.5.3.1 50 1.5.3.2 52 Inhalt Vorwort zur 11. Auflage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ansatzpunkte und Grundthemen soziologischen Denkens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wir und die anderen: Das Rätsel der Gesellschaft . . . . . . . . . . . . Die Gesellschaft als Erfahrungsfeld: Fallstricke des Alltagswissens und die soziologische Suche nach Ursachen . . . . Soziologie als Wissenschaft von-der-Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . Zum Begrifflichen: Was heißt »sozial«? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was sich Soziologen unter-»Soziologie«-vorstellen . . . . . . . . . . . Soziologie und soziale Probleme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wozu kann man Soziologie brauchen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Soziologie als Missverständnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Strukturen soziologischen Denkens und-Forschens . . . . . . . . . . . Funktionen soziologischer Erkenntnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einige Vorväter und Begründer: Soziologie-als Krisenwissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die lange Vorgeschichte: Von der Antike über das Mittelalter und die Aufklärung bis-zum Ende des 18.-Jahrhunderts . . . . . . . . . . . Die Großväter der Soziologie: Soziologie-als-Fortschrittstheorie und Universalwissenschaft im 19.-Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . Auguste Comte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Herbert Spencer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Karl Marx . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Soziologie als Erfahrungswissenschaft: Die-Klassiker zu Beginn des 20.-Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Max Weber . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Georg Simmel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . <?page no="6"?> 1.5.3.3 53 1.5.3.4 55 2 59 2.1 59 2.2 62 2.3 70 2.4 76 2.4.1 76 2.4.2 80 2.4.3 86 2.4.3.1 86 2.4.3.2 94 2.4.3.3 99 2.4.4 103 2.4.5 108 3 119 3.1 119 3.1.1 120 3.1.2 123 3.1.3 124 3.1.4 126 3.1.5 127 3.1.5.1 129 Vilfredo Pareto . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Émile Durkheim . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Mensch und Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Mensch-- gesellschaftliches Wesen oder Individuum: die falsche Alternative . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das soziologische Menschenbild oder »man is not born human« Normen, Werte und Institutionen: Soziale Sinngebungen unseres Handelns . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sozialisation und soziale Rolle: Wir-alle-spielen Theater . . . . . . . Die Mitgliedschaft in der Gesellschaft: Sozialisation . . . . . . . . . . Aspekte und Dimensionen der Sozialisation: Sozialisation als soziale Interaktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Regieanweisungen der Gesellschaft: Soziale Rollen . . . . . . . Textbücher und Aufführungen: Das Szenario . . . . . . . . . . . . . . . . Schwierigkeiten beim Rollenspiel: Rollenkonflikte . . . . . . . . . . . Abweichendes Verhalten und soziale Kontrolle: Weh’-dem, der aus der Rolle fällt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Rollenübertragung und Rollenübernahme: Traditionelle Prüfsteine für die Effizienz von-Erziehung und Sozialisation . . . Sind wir wirklich alle Schauspieler? Zur Kritik und Erweiterung des Rollenmodells . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Soziale Zusammenhänge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bausteine der Gesellschaft: Gruppierungen . . . . . . . . . . . . . . . . . »Gemeinschaft« und »Gesellschaft« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Statistische Gruppen (reine Kategorien) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Soziale Aggregate . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sozialkategorien oder Quasi-Gruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Soziale Gruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Primär- und Sekundärgruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 Inhalt <?page no="7"?> 3.1.5.2 130 3.1.5.3 133 3.2 139 3.2.1 139 3.2.2 143 3.2.3 148 3.2.4 152 4 155 4.1 155 4.2 162 4.2.1 164 4.2.2 166 4.2.3 174 4.3 177 4.3.1 178 4.3.2 180 4.4 183 4.4.1 184 4.4.2 188 4.4.3 199 4.4.4 200 4.4.5 204 4.4.6 206 4.4.7 208 4.4.8 210 4.4.9 217 221 230 Formelle und informelle Gruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Großgruppen und Kleingruppen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Soziale Stabilität und Wandel der-Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . Gesellschafts-»bilder« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gesellschaft als soziales System: Soziale-Stabilität . . . . . . . . . . . . Gesellschaft als Konfliktfeld: Sozialer Wandel . . . . . . . . . . . . . . . Zur Reziprozität und Komplementarität von-Gesellschaftstheorien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Soziologisches Messen und Prüfen . . . . . . . . . . . . . . . . Soziologie als empirische Wissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zur Forschungslogik und -praxis empirischer Projekte . . . . . . . . Der Entdeckungszusammenhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Begründungszusammenhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der Verwertungs- und Wirkungszusammenhang . . . . . . . . . . . . Methodenprobleme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Datenerhebungsartefakte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Datenauswertungsartefakte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einige Methoden der Sozialforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Beobachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Befragung: Interview und Umfrage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sekundäranalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inhaltsanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Biografische Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Experiment . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Aktionsforschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Soziometrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Soziale Netzwerkanalyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inhalt 7 <?page no="8"?> 235 241 242 Sachregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tabellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Inhalt <?page no="9"?> Vorwort zur 11. Auflage Dieses Buch soll als »Grundkurs« eine elementare Einführung in den Gegenstand, die Grundbegriffe und die Methode der Soziologie vermitteln. Es richtet sich deshalb vor allem an Studienanfängerinnen und Studien‐ anfänger, die sich - im Haupt- oder Nebenfach - auf das Wagnis der Soziologie eingelassen haben: die Beobachtung, Beschreibung und Analyse menschlichen Zusammenlebens. Darüber hinaus zählen zu den Adressaten dieser Einführung Studierende aller Lehrämter, für die im Rahmen ihrer erziehungswissenschaftlichen Aus‐ bildung soziologische Inhalte in den Studienplänen und Prüfungsordnungen zum verbindlichen Kanon gehören sowie auch Studierende an Fachschulen und Fachhochschulen für Sozialwesen. »Last but not least« ist dieses Buch aber auch geschrieben worden für all jene interessierten »Laien«, die sich - aus welchen Gründen auch immer - einen handlichen und allgemein verständlichen Zugang zur soziologischen Perspektive erhoffen. Didaktisch orientiert an der Konzeption von Peter L. Berger, demzufolge die wissenschaftliche Erstbegegnung mit der Soziologie durchaus als »Ein‐ ladung« realisiert werden kann, soll dieser Grundkurs sowohl von der sprachlichen wie von der inhaltlichen Seite für soziologische Fragestellun‐ gen und Sichtweisen motivieren. Durch die Annahme dieser »Einladung« sollen die Leserinnen und Le‐ ser neue Einsichten gewinnen in das mitmenschliche Zusammenleben, in die sozialen Prozesse des Handelns, Denkens und Fühlens sowie in gesell‐ schaftlich-politische Zusammenhänge, die der Alltagserfahrung gemeinhin versperrt bleiben. Da uns das tägliche Leben in der Gesellschaft betriebsblind machen kann, sind besondere Anstrengungen notwendig, die soziale Welt in ihrer Entwicklung und Struktur, ihrer Dynamik und Beharrlichkeit, ihren Wirkungen und Anforderungen neu zu entdecken. Hierzu gehören beispielsweise Fragen, was Menschen veranlasst, sich zusammenzutun, welche Formen des sozialen Lebens dabei entstehen, was sich in diesen abspielt und wie wir als Einzelne dadurch in unserem Verhalten beeinflusst werden. Mit dieser Einführung sollen zunächst die notwendigen Grundlagen geschaffen werden für eine soziologische Perspektive, mittels derer gesell‐ schaftliche Erscheinungen und Vorgänge genauer betrachtet und besser <?page no="10"?> »verstanden« werden können (= Beitrag zur diagnostischen Qualifikation). Ferner soll der Grundkurs in exemplarischer Absicht eine praxisorien‐ tierte Hinführung zu den sozialwissenschaftlichen Erkenntnis- und Unter‐ suchungsmethoden leisten (= Beitrag zur methodischen Qualifikation). Und schließlich sollen über eine bloße Vermittlung semantischer Bedeutungen hinaus pragmatische Benutzungsregeln vermittelt werden, die es den Le‐ serinnen und Lesern erlauben, gesellschaftliche Phänomene und Prozesse in ihren vielfältigen Zusammenhängen und Ursachen besser beobachten, erklären und beurteilen zu können (= Beitrag zur professionellen Qualifika‐ tion). Einladungen sind häufig mit neuen Bekanntschaften verbunden, die wiederum neue Einladungen auslösen. Diese Funktion erfüllen die am Ende jedes Abschnittes angebotenen Hinweise zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre. Die Annahme dieser Einladungen sei den Studierenden herzlich empfohlen, da dem Autor die Unvollständigkeit und die Subjektivität seiner thematischen Auswahl bewusst ist: Das Ausmaß an Systematik und fach‐ wissenschaftlicher Information erfuhr sein Korrektiv durch die gewählte didaktische Orientierung. Entstanden ist das vorliegende Buch aus einem Fernstudienprojekt des vormaligen Deutschen Instituts für Fernstudien (DIFF) an der Universität Tübingen. Den Kollegen aus dem wissenschaftlichen Beirat sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Projektgruppe »Politische Bildung« bin ich für ihre anregende und ermutigende Kritik zu diesem Projekt sehr verbunden. Wenn der »Grundkurs Soziologie« nach seiner Erstauflage 1985 jetzt zu seinem 40-jährigen Jubläum in 11., überarbeiteter Auflage erscheinen kann, dann freut mich das sehr. Dies ist nicht zuletzt auch dem verlässlichen utb-Engagement der UVK Verlagsgesellschaft (ehem. Konstanz, jetzt Mün‐ chen) zu verdanken. Frau Nadja Hilbig, der Lektorin von UVK, danke ich sehr herzlich für ihr umsichtiges Lektorat und ihre hilfreichen Anregungen zu dieser neuen Auflage. Im Januar 2025 Hans Peter Henecka 10 Vorwort zur 11. Auflage <?page no="11"?> 1 Ansatzpunkte und Grundthemen soziologischen Denkens 1.1 Wir und die anderen: Das Rätsel der Gesellschaft Mit Adam und Eva kann man auch in der Soziologie anfangen. Denn als sich die beiden im Paradies zum ersten Mal begegneten, waren sie vermutlich außer sich vor Staunen über dieses Rendezvous. Und in ähnlicher Weise mag es einem neugeborenen Kind ergehen, das zum allerersten Mal seiner Mutter oder seines Vaters gewahr wird und in seinem Lächeln die »Taufrische dieses ersten gesellschaftlichen Erlebnisses« (Berger & Berger 1974, 12) spiegelt. Kurz: Die Verwunderung über die Tatsache, dass Menschen uns begegnen und miteinander leben, ist schon ein erster Schritt auf dem Weg zur Soziologie. Längst bevor wir darüber nachdenken und grübelnd forschen, stellt die einfache Erfahrung, dass wir nicht allein auf dieser Welt existieren, sondern in irgendeiner Weise immer mit anderen Menschen und Gruppen verbunden sind, den Zusammenhang her zu allem, was uns umgibt: zur Natur und zur Technik, zur Kunst und zur Wissenschaft, zur Politik und zur Wirtschaft, zum Recht, zur Religion, zur Musik usw. Denn auch die Erfahrungen mit all diesen Bereichen werden uns von anderen vermittelt, aufbereitet und interpretiert. So sind die »anderen«, auf die wir dann zeitlebens angewiesen sind und mit denen wir - wenn auch manchmal unter Mühen und Enttäuschungen - zusammenleben und -arbeiten, für uns eine grundlegende und lebenslange Erfahrung, - die wichtigste und entscheidendste Lebenserfahrung obendrein. Oder anders ausgedrückt: Wir befinden uns immer schon in einer von Menschen gestalteten und gedeuteten Kultur. Ohne sie ist menschliche Existenz nicht möglich. Manchmal sinnieren wir über uns selbst und die anderen. Ausgelöst werden solche »besinnlichen« Anlässe meist durch unerwartete Situationen oder krisenhafte Erfahrungen, durch persönliches Betroffensein und durch ein unerklärliches Unbehagen: Wir wundern oder ärgern uns gar über Mitmenschen, die sich plötzlich ganz anders verhalten als wir erhofft oder befürchtet haben. Wir durchschauen unsere eigene Lage nicht mehr und beginnen an uns selbst und unseren Fähigkeiten zu zweifeln. Wir kommen aus dem routinierten Gleichgewicht des Alltags, weil sich Entwicklungen <?page no="12"?> abzeichnen, mit denen wir nicht rechneten. Solche Alltagserfahrungen im privaten Bereich wären etwa eine unvorhergesehene Konflikt- oder schwie‐ rige Entscheidungssituation, der Verlust eines geliebten Partners, eine nach‐ haltige Veränderung unserer vertrauten Umwelt. Im öffentlichen Bereich könnten solche »Anstöße« beispielsweise ausgelöst werden durch eine wachsende Arbeitslosigkeit, durch Inflationen und Energiekrisen, durch politische Spannungen oder das Aufkommen von neuen Technologien, die unser bisheriges berufliches Wissen in Frage stellen und uns zum Umdenken und Umlernen zwingen. Plötzlich verstehen wir die Welt nicht mehr und fühlen uns abhängig oder gar bedroht von anonymen, gesichtslosen Mäch‐ ten und Kräften oder undurchschaubaren globalen Entwicklungen, deren Ursprünge, Absichten und Wirkungen wir nicht mehr erkennen und auch nicht mehr kalkulieren, geschweige denn kontrollieren können. Daneben stehen dann unsere ganz gewöhnlichen Routineerfahrungen mit anderen und uns selbst, bei denen der Brauch als vertraute Gewissheit die Regie führt. Es sind die Erfahrungen des üblichen Alltags, die wir im Großen und Ganzen gemacht haben und die uns immer wieder in gleicher oder sehr ähnlicher Weise begegnen. Alltägliche Erfahrungen und Erlebnisse, Vorgänge ohne Überraschungen und voller Selbstverständlichkeiten, die uns auch darum kaum noch bewusst werden, erregen oder gar zu einer Ausei‐ nandersetzung provozieren. Denn wir kennen ja das Leben und wissen, »wo es lang geht« und »was angesagt ist«. So haben wir feste Vorstellungen darüber, wie die anderen beschaffen sind; meinen, die anderen deshalb auch »richtig« einschätzen zu können und verhalten uns ihnen gegenüber jeweils entsprechend. Ohne viel darüber nachzudenken wissen wir, dass es Menschen und Gruppen gibt, die »über uns« stehen und denen »es besser geht« oder auch andere, die »schlechter dran« sind als wir. Wir wissen, dass damit auch in unterschiedlichem Maße Macht, Einfluss und gesellschaftliches Ansehen verbunden sind. Wir argumentieren bei der Verteilung häuslicher Arbeiten mit dem »Wesen der Geschlechter« und haben recht klare Vorstellungen darüber, was nun einmal »typisch männliche bzw. typisch weibliche Arbeitsbereiche« im Haushalt sind. Wir haben gelernt, dass unsere Lebensbereiche in der Familie, im Beruf oder in der Freizeit teilweise recht verschieden, vielleicht sogar widersprüchlich sind und wissen ziemlich genau, wie wir uns jeweils in typischen Situationen zu verhalten haben, wie »man« sich beispielsweise zu bestimmten Anlässen zu kleiden pflegt, wie »man« sich eben hier oder dort begegnet und grüßt, wie »man« bei dieser oder jener Gelegenheit 12 1 Ansatzpunkte und Grundthemen soziologischen Denkens <?page no="13"?> miteinander umgeht und miteinander spricht, ob »man« sich sachlich kühl und distanziert gibt oder sich persönlich einbringt, mitteilt und engagiert. Wir und die anderen folgen dabei weitgehend denselben Spielregeln und Routinen, deuten unsere jeweiligen Handlungen und Verhaltensweisen gleich oder zumindest ziemlich ähnlich. Der Großteil unseres Alltags und unserer Begegnungen mit anderen folgt so bereits vorgespurten Linien fester gegenseitiger Erwartungen: Wir stellen so beispielsweise montags früh unseren Mülleimer vor die Haustür und verlassen uns darauf, ihn am Abend geleert vorzufinden; wir gehen zum Bäcker, um dort mit frischen Brötchen bedient zu werden; wir besteigen die Straßenbahn der Linie 7, weil wir wissen, dass sie uns zum Bahnhof bringt; wir bedanken uns beim Nachbarn, der in unserer Abwesenheit das für uns bestimmte Paket in Empfang nahm … Zwar mag gerade hinsichtlich schematischer Verhaltensregeln und ein‐ geschliffener Machtverteilungen, schablonenhafter Informationsprozesse oder traditionell befolgter Sitten und Gewohnheiten dieser Routinecharak‐ ter unserer Alltagserfahrungen ziemlich eintönig und langweilig sein, gele‐ gentlich gar als unliebsame Einengung empfunden und ärgerlicher Zwang beklagt werden, doch wirkt er in den von uns täglich neu geforderten Entscheidungssituationen auch entlastend und schenkt uns die notwendige Verhaltenssicherheit im Umgang miteinander. Ja ohne diese vertrauten Er‐ wartungen, Gewissheiten und Regelmäßigkeiten unseres gesellschaftlichen Alltags wäre wohl überhaupt keine vernünftige Verständigung und gegen‐ seitig verlässliche Orientierung möglich. Das Gegenteil hierzu könnten wir uns vielleicht folgendermaßen gedank‐ lich ausmalen: Alle Menschen müssten bei jedem Zusammentreffen jeweils neu ihre Verhältnisse zueinander festlegen und könnten jeweils nach Lust und Laune, jedenfalls willkürlich, ihr jeweiliges Verhalten und Handeln bestimmen. Wenn es so etwas überhaupt gäbe - was nicht der Fall ist - wäre das für alle Beteiligten zumindest außerordentlich anstrengend. Stellen wir uns beispielsweise vor, es gäbe keine kulturelle Konvention bei der Begrüßung eines Fremden: Wir wüssten nicht, ob wir die Hand schütteln, ihn auf die Wange küssen, unsere Nasen aneinander reiben oder ihm ins Gesicht spucken sollten! - Wahrscheinlich würden wir unter solchen Bedingungen recht bald die Nerven oder gar den Verstand verlieren. Wenn uns daher gelegentlich - halb verwundert, halb ärgerlich - die langweilige Eintönigkeit der Alltagsbräuche und Rituale aufstößt oder wir vielleicht über irritierende Ereignisse, die sich in unser vertrautes Weltbild nicht mehr einordnen lassen, tiefer greifend reflektieren, dann beschäftigen 1.1 Wir und die anderen: Das Rätsel der Gesellschaft 13 <?page no="14"?> wir uns tatsächlich bereits mit dem Gegenstand der Soziologie, - meist ohne zu wissen, dass das, worüber wir gerade räsonnieren, überhaupt eine soziologische Fragestellung ist. Denn indem wir beginnen, über solche Erfahrungen nachzudenken, versuchen wir die Vielfalt unserer Eindrücke und Erlebnisse zu ordnen und zu interpretieren. Wir versuchen, trotz lauter Bäumen, den Wald zu sehen. Auch die Soziologie sucht nämlich nach Ordnungen und Deutungen. Sie versucht, in den alltäglich erlebten Vorgängen »Gewebe aus immer wiederkehrenden Verhaltensmustern« (Berger & Berger) zu erkennen und hierbei die Bedingungen zu erschließen, unter denen Menschen zusammen leben und arbeiten. Und sie untersucht darüber hinaus die mehr oder weniger konstanten Beziehungsformen oder »Netzwerke«, die zwischen Mensch und Mensch, zwischen Mensch und Gruppe, zwischen Gruppen und Gesellschaft entstehen, mehr oder weniger lange andauern, abgeschwächt oder verstärkt werden, sich verändern oder sich auch wieder ganz auflösen. Wie wir noch sehen werden, sind also sowohl die menschlichen Indi‐ viduen wie die von ihnen geschaffenen Gemeinschaften bzw. (fachlicher ausgedrückt: ) »sozialen Systeme« (von Kleingruppen über Organisationen bis hin zu ganzen Gesellschaften) zentrale Themen der Soziologie. Einerseits geht es hierbei der Soziologie um die Erforschung menschlichen Handelns und Verhaltens im Allgemeinen sowie zwischenmenschlicher Interaktionen, Kommunikationen und sozialer Beziehungen im Besonderen; zum anderen untersucht sie die Entstehungsbedingungen sowie die grundlegenden Ent‐ wicklungsprozesse und Veränderungen unserer modernen sozialen Welt. Diese soziale Welt werden wir dabei als ein strukturiertes Gebilde erkennen, das in höchst komplexer Weise aus unzähligen Gewebsmustern zusammen‐ gesetzt (d. h. »vernetzt«) ist und das in unterschiedlicher Weise unsere Beziehungen zueinander bestimmt. So ist das Netz unseres noch unmittelbar überschaubaren Lebenskreises (z. B. Familie, Freundeskreis) in größere, schon komplexere soziale Gebilde (z. B. Verwandtschaft, Nachbarschaft, Hochschule oder Arbeitsplatz, Verein oder Freizeitgruppen) eingebunden, diese in zunehmend unübersichtliche, ja oft unsichtbare, zuweilen aber auf höchst reale Art und Weise wirksame Netzwerke (wie z. B. Gemeinde, Berufsorganisationen, Kirchen, Parteien, Wirtschaft, Staat) verwickelt - bis hin zu einer fließenden Grenze (z. B. deutsche Sprachgruppe, Euro‐ päische Gemeinschaft, Industrienationen, westliche Hemisphäre,… »Welt‐ gesellschaft«), an der die Verknüpfungen und Verbundenheiten immer schwächer werden oder ganz abbrechen. 14 1 Ansatzpunkte und Grundthemen soziologischen Denkens <?page no="15"?> Kurz und bündig formuliert: Soziologie befasst sich mit dem Zusammenle‐ ben der Menschen, ihrem zwischenmenschlichen Handeln und Verhalten und sucht dabei die gesellschaftlichen »Webmuster« und Verknüpfungszusammen‐ hänge - die Strukturen, Funktionen und Prozesse der verschiedenen sozialen Systeme (einschließlich deren Rückwirkungen auf das Individuum) - zu beschreiben, zu analysieren und zu erklären. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Peter L. Berger, (2017): Einladung zur Soziologie. Eine humanistische Perspek‐ tive. (Darin insbesondere Kapitel 1 »Soziologie als Fröhliche Wissenschaft« und Kapitel 2 »Soziologie als Bewusstsein«. 2. Aufl. UVK: Konstanz. 1.2 Die Gesellschaft als Erfahrungsfeld: Fallstricke des Alltagswissens und die soziologische Suche nach Ursachen Es gibt Kritiker der Soziologie, die behaupten, Soziologie sei die Kunst, eine Sache, die eigentlich jeder versteht, so auszudrücken, dass sie keiner mehr kapiert. Soziologie wäre damit der Missbrauch einer zu diesem Zweck er‐ fundenen Terminologie. Dieser geläufige Vorwurf beinhaltet einen formalen und einen inhaltlichen Aspekt. • Was die formale Seite soziologischer Aussagen betrifft, so muss man auch als berufsmäßiger Soziologe zugeben, dass manche Fachvertreter durch ihren »Soziologenjargon« Sprach- und Verständnisbarrieren er‐ richten, die in der Tat nicht geeignet sind, die Popularität des Faches zu fördern. Indem künstliche und sachlich nicht mehr vertretbare Kommunikationsschranken zwischen Öffentlichkeit und Wissenschaft aufgebaut werden, deren Erkenntnisse lediglich einer Handvoll »Einge‐ weihter« mehr oder weniger noch zugänglich sind, erscheint der eigent‐ liche Auftrag von Wissenschaft in Frage gestellt: aufzuklären, Wissen zu vermitteln und damit auch einen Beitrag zum »Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit« (Kant) zu leisten. Dort und nur dort, wo sich Soziologen hinter einer abgehobenen Experten‐ sprache verschanzen, erscheint dieser Vorwurf berechtigt. Allerdings ist dies nicht nur ein Problem von Soziologen: »Wissenschaftliches« Imponiergehabe lässt sich auch bei Vertretern anderer akademischer 1.2 Die Gesellschaft als Erfahrungsfeld 15 <?page no="16"?> Disziplinen beobachten, die gleichfalls durch übermäßige und unnötige Strapazierung eines elitären Fachjargons ihre »besondere Kompetenz« auszuweisen trachten. Auf der anderen Seite sind jedoch wissenschaftliche Aussagen nicht beliebig vereinfachbar, so dass zugestanden werden muss, dass die Soziologie - wie jede andere Wissenschaft auch - als Handwerkszeug bestimmte Begriffe benötigt, die bestimmte Sachverhalte präziser zu erfassen und zu bezeichnen in der Lage sind als die teilweise unscharfe und »oberflächliche« Begrifflichkeit unserer Umgangssprache. Insofern kommt man auch in der Soziologie um die Einführung und Verwendung spezifischer fachlicher Begriffe nicht herum, so dass die Benutzung von bestimmten Grundbegriffen und die Anwendung einer entsprechenden soziologischen Grammatik nicht nur wissenschaftlich legitim, sondern auch sachlich geboten erscheint. • Die inhaltliche Seite des einleitend zitierten Vorwurfs wiegt schwerer. Denn in der Tat reden Soziologen oft von Dingen, von denen jeder schon etwas weiß oder zumindest zu wissen glaubt. Anders als etwa bei der Physik oder in der Medizin sind wir Menschen ja im Bereich des »Sozialen« keine unbedarften Anfänger mehr, sondern in gewis‐ sem Sinne »Amateursoziologen«, wie schon der amerikanische Sozial‐ wissenschaftler Robert MacIver (1882-1970) bemerkte. Allein schon aufgrund unserer Biografie verfügen wir über Gesellschaftserfahrung und Alltagswissen, was einen Anspruch auf eine allgemeine soziale Kompetenz zu begründen scheint, - lange bevor die Soziologie als »Wissenschaft vom Sozialen« auf den Plan tritt. Kennzeichnend für diese Art des Alltagsverständnisses ist, dass wir für fast jede Lebenssituation nicht nur bestimmte Rezepte und Strategien zur Verfügung haben, sondern auch in der Regel ganz präzise erklären können, warum beispielsweise Frau Schmidt sich von ihrem Ehemann scheiden lässt, warum die Tina von Müllers in der Schule nicht mit‐ kommt und die Zwillinge von nebenan immerzu streiten und die Verbote des Hausmeisters missachten. Wie erklären die Leute im Allgemeinen solche Probleme? Wenn wir uns selbst einmal bei derartigen Gelegenheiten beobachten und kontrollieren könnten oder anderen bei ihren Erklärungen aufmerksam und vielleicht etwas kritischer als üblich zuhörten, würden wir rasch 16 1 Ansatzpunkte und Grundthemen soziologischen Denkens <?page no="17"?> feststellen, dass bei der Konfrontation mit Alltagsproblemen bereits gewisse Vorstellungen über deren Ursachen abgerufen werden. Persönliche Erfah‐ rungen und übernommene Meinungen, allzu oft auch - meist unbewusste - soziale Vorurteile, spielen dabei eine wichtige Rolle. So werden wohl im Hinblick auf bestimmte Probleme in der Regel kaum sorgfältig abgewogene oder wohlüberlegte Gedanken und klare, präzise Kausalketten entwickelt, sondern eher spontane, für »richtig« und »plausibel« gehaltene Deutungen der Situation, die für uns dann »wirklich so ist«, zum Ausdruck gebracht. Die Alltagsprobleme werden von der eigenen Perspektive aus wahrgenommen und von den eigenen Werten, Normen und Überzeugungen her beurteilt. Ausgangspunkt ist jeweils das eigene, für »selbstverständlich« und »na‐ türlich« gehaltene Bezugssystem. Die Sicht des anderen oder dessen Inter‐ pretation des Problems bleibt unberücksichtigt. Oft werden (vor-)schnell »Etiketten« verteilt und komplexere Zusammenhänge damit auf bestimmte Beziehungen zwischen Personen oder auf deren angenommene Eigenschaf‐ ten reduziert. Erfahrungen, die sich solchen Zuschreibungen entziehen, werden dann meist fatalistisch als undurchschaubares Schicksal oder als in der Natur der Sache liegend begriffen. Der Philosoph und Begründer der phänomenologischen Soziologie Alfred Schütz (1899-1959) bezeichnet unser Alltagswissen als »natürliche Einstel‐ lung«, die sich unterscheidet von der wissenschaftlichen Erkenntnis mittels eines spezifischen Erkenntnisstils: In unserer »natürlichen Einstellung« stellen wir die Wirklichkeit nicht in Frage und haben keinen Zweifel, ob die Welt und ihre »Tatsachen« anders sein könnten. Unser Alltagswissen und unser Alltagsverständnis bestimmen also, welche Zusammenhänge bei gewissen Problemfällen in unseren Gesichtskreis rücken, welche Faktoren wichtig sind. Oft wird das Denken dabei von bewertenden Kategorien und absoluten Begriffen wie »gut« und »böse«, »schuldig« oder »unschuldig«, »richtig« oder »falsch« geleitet; zudem werden unsere »Erklärungen« von den durch das Problem ausgelösten eigenen Gefühlen und Eindrücken überlagert und-- eben meist unbewusst-- gesteuert: Herr Schmidt ist ja bekannt als recht aufbrausender »Alkoholiker«, die 12-jährige Tina flirtet bereits mit einem »Punker« (was offensichtlich in der Familie liegt, denn die Mutter hat ja seinerzeit auch schon »früh angefangen«), die Zwillinge von nebenan sind »schlecht erzogen« oder vielleicht hat auch der Hausmeister eine »unsoziale Einstellung«, weil er die Kinder nicht auf dem gepflegten Rasen spielen lässt. Für Frau Schmidt ist die Ehe sicher eine einzige Tortur, denn man 1.2 Die Gesellschaft als Erfahrungsfeld 17 <?page no="18"?> »weiß« ja, dass Alkoholiker sehr labil sind, sich nicht beherrschen können und sich so ihr Schicksal selbst zuzuschreiben haben. Man »weiß« auch, dass bei »Frühreifen« die Triebhaftigkeit und sexuelle Aktivität im Blut steckt, was man aber durch geeignete Erziehungsmaßnahmen sicherlich in den Griff bekäme. Es ist »ganz offensichtlich«, dass die Nachbarin depressiv ist und mit der Geburt der Zwillinge total überfordert wurde. Und man kennt ja schließlich auch den übereifrigen Hausmeister, der im ganzen Viertel als Kinderschreck gilt. Dass es sich bei diesen »Eigenschaften« um etwas handelt, das mit der »Veranlagung« der Betreffenden zu tun hat, wird hierbei oft stillschweigend vorausgesetzt. Dass es sich bei den beklagten Verhaltensweisen jedoch gar nicht so sehr um individuelle Veranlagungen handeln könnte, sondern vielleicht eher um Eigenschaften, die sich erst unter ganz bestimmten Bedingungen des Zusammenlebens entwickelt haben, - diese Möglichkeit bleibt meist außerhalb unseres gewohnten Denkhorizonts. • Oder denken wir daran, dass beispielsweise Alkoholismus weniger ein individuelles Problem ist, insofern dieses Problem ja besonders in Gesellschaften verbreitet ist, die den Alkoholkonsum als Zeichen von Männlichkeit und Lebensfreude ansehen oder auch als Seelentröster und probaten Konfliktlöser empfehlen? • Denken wir daran, dass bestimmte Persönlichkeitseigenschaften und bestimmte Ausdrucksformen des Protests (wozu aggressive sowie de‐ pressive Formen zu rechnen sind) sich eigentlich erst im Anschluss an ganz bestimmte Erfahrungen und Erlebnisse in zwischenmenschlichen Beziehungsfeldern (z. B. in der Partnerschaft, in der Familie, in der Verwandtschaft, in der Nachbarschaft, am Arbeitsplatz usw.) bilden? • Oder denken wir daran, dass - wie beim Beispiel des »unsozialen« Hausmeisters - vielleicht auch eine mangelhafte Wohnungspolitik für Familien oder kinderfeindliche Leitbilder von Architekten, Baugesell‐ schaften und Raumplanern eine Rolle spielen könnten? Die »Gewissheit« mit der wir aus unserem Alltagsverständnis heraus derartige Probleme beschreiben und erklären, wird eigentlich viel zu selten in Frage gestellt. Daher ist es auch kaum erstaunlich, wie selbstsicher und souverän wir im Umgang miteinander gewissermaßen »aus der Hüfte geschossene« Diagnosen abgeben, ohne die vielen komplexen Umweltbe‐ dingungen und Lebenserfahrungen zu kennen, die diese Menschen und ihre Probleme erst zu dem machten, was sie in den Augen der anderen sind. 18 1 Ansatzpunkte und Grundthemen soziologischen Denkens <?page no="19"?> Hier hat die Soziologie eine kritische und aufklärende Funktion. Sie macht darauf aufmerksam, dass die raschen und intuitiven Zuordnungen und plausibel erscheinenden Zuschreibungen unserer privaten Alltagsinterpretationen nur allzu oft trügerisch sind und den tatsächlichen Problemhintergründen keines‐ wegs gerecht werden. Es genügt nämlich nicht, irgendeine Meinung über ein Problem im zwischenmenschlichen Verhalten von sich zu geben, sondern diese Meinung muss an der konkreten Situation aufgewiesen, belegt und überprüft werden. Manche Erklärungen und Beschreibungen der Soziologie stimmen dann mit unseren bisherigen Meinungen und Überzeugungen nicht mehr überein. Manche beliebte »individualisierende« Denkfigur, manch gesellschaftlich akzep‐ tiertes (und so bisweilen recht nützliches) Argument, manche gewohnte und vertraute Vorstellung von der sozialen Welt wird hierdurch fragwürdig. Indessen: Im Aufwerfen solcher »kontra-intuitiver« Fragen liegt gerade der besondere Nutzen der Soziologie. Oder um es mit Peter Berger (2017, 41) zu formulieren: »Die erste Stufe der Weisheit in der Soziologie ist, dass die Dinge nicht sind, was sie scheinen«. Indem die Soziologie ihr Erkenntnisinteresse vor allem auf die sozialen Bedingungen richtet, die hinter den beobachtbaren Tatsachen wirksam werden, und indem sie auf die Einbettung vieler Probleme in umfassendere gesellschaftliche Strukturzusammenhänge aufmerksam macht, leuchtet sie Bereiche aus, die vom naiven Alltagsdenken oft ausgeblendet werden oder deren Zugang versperrt bleibt. Damit eröffnet uns die Soziologie neue und rational anregende Sichtweisen, die eine Hilfe sein können für ein besseres Verständnis von uns selbst und von der Gesellschaft, in der wir leben. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Arbeitsgruppe Soziologie (2004): Denkweisen und Grundbegriffe der Soziologie. Eine Einführung. (Darin Kapitel 1 »Die Soziologen-- Notorische Besserwis‐ ser? «, S. 9-22). Campus: Frankfurt/ M. Peter L. Berger & Thomas Luckmann (2009): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. 22. Aufl. (Darin Kapi‐ tel-1 »Die Grundlagen des Wissens in der Alltagswelt«, S. 21-48). Fischer: Frankfurt/ M. Hartmut Esser (1999): Soziologie. Allgemeine Grundlagen. (Darin Kapitel 3 »So‐ ziologische Forschungsfragen: Fünf Beispiele«, S. 31-37). Campus: Frank‐ furt/ M. 1.2 Die Gesellschaft als Erfahrungsfeld 19 <?page no="20"?> 1.3 Soziologie als Wissenschaft von-der-Gesellschaft 1.3.1 Zum Begrifflichen: Was heißt »sozial«? Wir haben bisher - ohne besondere semantische Reflexion - die Wörter »so‐ zial« und »soziologisch« benutzt bzw. von der »Soziologie« gesprochen. Um Missverständnissen vorzubeugen, soll vor unseren weiteren Überlegungen der Bedeutungsgehalt dieser elementaren Begriffe untersucht und unsere Verwendungspraxis erläutert werden. • Beginnen wir bei dem Wort »sozial«. Hier hat die klassische Feststellung Senecas, dass »es sozial sei, ein gutes Werk zu tun« (»beneficium dare socialis res est«, Seneca, De beneficiis, V. 11) die alltagssprachliche Sinngebung und Benutzung dieses Wortes bis heute beeinflusst. Mit »sozial« in diesem Sinne wird eine ethisch-moralische Haltung angesprochen, wie sie beispielsweise nach christlichem Verständnis in den Seligpreisungen der Bergpredigt zum Ausdruck gebracht wird: Es ist »sozial«, den Armen und Behinderten zu helfen, Witwen und Waisen zu unterstützen, kranke und alte Menschen zu besuchen, Haftentlassenen eine berufliche Chance zu geben, für Katastrophenopfer oder für die Hungernden in der Dritten Welt zu spenden. Dieses Sinnverständnis unterliegt auch noch der »säkularisierten« Redewendung, wenn wir umgangssprachlich von einem »sozialen Typ« sprechen, der heute seinen »sozialen Tag« hat, weil er großzügig einen ausgibt. • Neben diese menschenfreundliche, durch das christliche Gebot der Nächstenliebe oder einen säkularen Humanismus normativ bestimmte und meist durch eine persönliche Zuwendung zum Ausdruck gebrachte soziale Handlung tritt mit der Entwicklung des modernen Staates, insbesondere mit dem Aufkommen des Industrialismus und des expan‐ siv sich entfaltenden Kapitalismus, ein neuer Bedeutungsgehalt: In der sogenannten »sozialen Frage« verdichten sich jetzt Problembündel, die nicht mehr von Einzelnen aufgrund privater ethisch-moralischer Verpflichtung und fürsorglichen Engagements gelöst werden können, sondern einer gemeinschaftlichen politischen Lösung zugeführt werden müssen. Das Wort »sozial« gewinnt damit eine öffentlich-politische Di‐ mension, ausgedrückt etwa in Wortverbindungen wie »Sozialpolitik«, »Sozialhilfe«, »Sozialreform«, »soziale Revolution«, »soziale Gerech‐ tigkeit« oder »Sozialstaat«. 20 1 Ansatzpunkte und Grundthemen soziologischen Denkens <?page no="21"?> • In diesem Zusammenhang entsteht auch in programmatisch-politischer Zuspitzung das mit »sozial« verwandte Wort »sozialistisch«. Es be‐ zeichnet die Gesamtheit der Ideen und Bewegungen, die über eine Verstaatlichung der Produktionsmittel und durch eine sozial gerechte Verteilung der Güter an alle Mitglieder der Gesellschaft die Überwin‐ dung der gesellschaftlichen und politischen Ungleichheiten und Klas‐ senverhältnisse anstreben, die durch die kapitalistische Industrialisie‐ rung geschaffen wurden (Marx). Wie jedoch auch dieser ursprünglich politisch-aggressive und gesellschaftlich-moralisch aufgeladene Begriff durch die Praxis desavouiert wurde, zeigte sich in der historischen Tatsache, wie sich selbst als »sozialistisch« reklamierende Staaten dann über viele Jahrzehnte mit höchst menschenfeindlichen Mitteln ihre Machtverhältnisse und ihre »neue Klasse« (Djilas) zu erhalten trachteten. • Neben dem moralischen und politischen Gebrauch des Wortes »so‐ zial« im Sinne von »dem Gemeinwohl, der Allgemeinheit dienend, die menschlichen Beziehungen in der Gemeinschaft regelnd und fördernd und den (wirtschaftlich) Schwächeren schützend« (Duden) erfährt die‐ ser Begriff nun allerdings in seiner wissenschaftlichen (soziologischen) Verwendung eine entscheidende Erweiterung des Bedeutungsrahmens. Ausgehend von der Grundtatsache, dass der Mensch als »soziales Wesen« von anderen Menschen in hohem Maße abhängig ist, nur in Gemeinsamkeit vorkommt und nur darin existieren kann, wird als »sozial« hier schlechterdings jedes zwischenmenschliche, wechselseitig orientierte Handeln und Verhalten von Menschen bezeichnet, - gleich‐ gültig, ob es sich um »gute« Taten oder »schlechte« Formen des Mitei‐ nanderumgehens, um moralische Verbundenheiten oder unmoralische Verhaltensakte handelt. Es bezeichnet also nicht nur karitative Werke der Nächstenliebe und Fürsorge oder der produktiven Kooperation, sondern ebenso Akte der Gleichgültigkeit und Ablehnung, der Inhu‐ manität und Grausamkeit, des Wettbewerbs, der Auseinandersetzung oder des offenen Konflikts. In deutlichem Gegensatz zum normativen Alltagsgebrauch wird durch die bewusste Ausscheidung von einseitig positiven Bewertungen und Gefühlen der wissenschaftliche Begriff des »Sozialen« wertneutral benutzt. Sozial in diesem Sinne sind nach einer Umschreibung einer der Pioniere der amerikanischen Soziologie, Edward A. Ross (1866-1951) »alle Phänomene, die wir nicht erklären 1.3 Soziologie als Wissenschaft von-der-Gesellschaft 21 <?page no="22"?> können, ohne dabei den Einfluss des einen Menschen auf den anderen einzubeziehen« (Ross 1905, 7, zit. nach Jager &-Mok, 1972, 22). »Das Soziale in diesem Verständnis kann schöne und schreckliche Züge haben. Moralisch gesprochen kann es menschliche und un-menschliche Züge tragen; sozialwissenschaftlich gesehen ist es in jedem Falle menschlich, weil es zwi‐ schen Menschen geschieht, von ihnen gewollt und ausgeführt wird. Eine im moralischen Sinne unsoziale Handlung kann also im wissenschaftlichen Sinne durchaus sozial sein, weil das Wort als wissenschaftlicher Begriff die zwischen Menschen geschehenden Handlungen beobachtet und sehr viele Handlungen gar nicht in den Blick der Wissenschaft gerieten, wenn nur die moralisch ›sozialen‹ beobachtet, die moralisch ›unsozialen‹ wegen wertmäßiger Anschauungen der Wissenschaftler nicht beachtet würden. Die neutrale Bedeutung des Wortes ›sozial‹ ermöglicht also bessere Erkenntnis.« (Deichsel 1983, 20 ff.). 1.3.2 Was sich Soziologen unter-»Soziologie«-vorstellen Für die neutrale Beschreibungsart menschlichen Handelns und Zusammen‐ lebens verwendete zum ersten Mal (1837) der französische Sozialphilosoph Auguste Comte (1798-1857) »faute de mieux« den Namen »Soziologie«. Comte selbst war über diesen, seiner Ansicht nach recht uneleganten lateinisch-griechischen »Wortbastard« (von lat. socius = Gefährte, Geselle, Mitmensch; griech. logos = Wort, Vernunft, Lehre) alles andere als glück‐ lich. Denn eigentlich wollte er sein neu geschaffenes wissenschaftliches System - angeregt von Saint-Simon (1760-1825) und in Anlehnung an die ihn faszinierenden Naturwissenschaften und deren methodisch strenge empirische Ausrichtung - »Physique sociale« nennen. Doch sein akademi‐ scher Gegenspieler, der belgische Statistiker Adolphe Quetelet (1796-1874) veröffentlichte kurz zuvor (1835) eine Untersuchung unter eben diesem Titel und »stahl« ihm so, wie Comte bitter bemerkt, seine originäre Be‐ griffsidee und »missbrauchte« sie als »einfache Statistik«. Die Bezeichnung »Soziologie« als die »Lehre vom Sozialen« oder als die »Wissenschaft vom gesellschaftlichen Zusammenleben« setzte sich jedoch in der Folgezeit gegenüber der Sozialphysik durch, zumal dann auch Herbert Spencer 1873 diesen Begriff aufnahm und »Sociology« in die englischsprachige Literatur einführte. Ja selbst in den Ländern des ehemaligen Ostblocks, in denen Gesellschaftslehre als »wissenschaftlicher Sozialismus« betrieben wurde, gewann die ursprünglich als »bürgerlich« verfemte Bezeichnung Soziologie 22 1 Ansatzpunkte und Grundthemen soziologischen Denkens <?page no="23"?> zunehmend an Raum, wenn auch unter der unmissverständlich program‐ matisch-ideologischen Einengung als »marxistisch-leninistische Soziologie«. Dies zeigt allerdings auch, dass Soziologie aufgrund weltanschaulicher, wissenschaftstheoretischer oder methodologischer Orientierung recht un‐ terschiedlich aufgefasst und definiert werden kann. Als »Lehre vom Sozialen« erforscht Soziologie das menschliche Zusam‐ menleben bzw. das zwischenmenschliche Verhalten, beschäftigt sich mit der Gesellschaft und mit den in ihr lebenden Menschen. Diesen Gegenstand teilt sich die Soziologie allerdings auch mit anderen Sozialwissenschaften, wie etwa der Sozialpsychologie, der Kulturanthropologie und Ethnologie, der Demographie, der Ökonomie, der Politologie, der Erziehungswissen‐ schaft, der Jurisprudenz und der Geschichtswissenschaft, neuerdings auch mit der Kommunikationswissenschaft, der Stadt- und Raumplanung oder der Friedens- und Zukunftsforschung. Wenn wir darum die Soziologie charakterisieren wollen, genügt es nicht, nur ihr Untersuchungsobjekt zu nennen. Vielmehr müssen wir deutlich machen, in welcher typischen Art und Weise, mit welcher besonderen Fragestellung, mit welcher spezifischen Perspektive und mit welchen Methoden und Regeln sie an ihren Gegenstand als Sozialwissenschaft herangeht. Der deutsche Soziologe Alfred Vierkandt (1867-1953) spricht dabei von einer »soziologischen Denkweise, die alle menschlichen Tätigkeiten und Erzeugnisse in Beziehung setzt zu der menschlichen Gesellschaft, der ihre Träger angehören und sie unter dem Gesichtspunkt ihrer Abhängigkeit von dieser auffasst« (Vierkandt 1928, 14). Das zentrale Bemühen dieser Versuche ist es, analytisch den »sozialen Faktor« zu isolieren und von der Zurückführung »sozialer Tatsachen« auf irgend etwas Nichtsoziales abzusehen, d. h. - wie der berühmte französische Soziologe Émile Durkheim (1858-1917) es ausdrückt-- »Soziales nur durch Soziales zu erklären«. Es gibt dabei ziemlich viele konkurrierende Definitionen von »Soziolo‐ gie«. Böse Zungen behaupten, es gehöre zum professionellen Lebenswerk eines jeden echten Soziologen, eine eigene Begriffsbestimmung seines Fachs zu entwickeln. Dass es keine allgemein anerkannte, verbindliche und umfassende Definition von Soziologie gibt, hängt jedoch eng mit der Tatsache zusammen, dass nahezu alle Gegenstände und Erfahrungen unseres täglichen Lebens einen soziologischen Bezug aufweisen und deshalb eine Aufzählung bzw. Abgrenzung der Gegenstandsbereiche der Soziologie praktisch unmöglich ist. Eher lässt sich die »soziologische Denkweise« oder die »soziologische Perspektive« als professionelles Neugierverhalten 1.3 Soziologie als Wissenschaft von-der-Gesellschaft 23 <?page no="24"?> charakterisieren, hinter die scheinbaren Selbstverständlichkeiten und Rätsel unseres Alltags zu schauen und die damit verbundenen Erfahrungen aus kritischer Distanz zu beschreiben, zu hinterfragen und zu erklären. In diesem Sinne lässt sich Soziologie pragmatisch definieren als »das systematische und kontrollierte Beobachten und Erklären von regelmäßig auftretenden sozialen Beziehungen, von ihren Ursachen, Bedingungen und Folgen« (Seger 1970, 13). Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Hermann L. Gukenbiehl (2016): Soziologie als Wissenschaft. Warum Begriffe lernen? In Hermann Korte &-Bernhard Schäfers (Hrsg.), Einführung in Hauptbegriffe der Soziologie. 9. Aufl. S. 11-22. Springer VS: Wiesbaden. Karl-Heinz Hillmann (2007): Wörterbuch der Soziologie, 5. Aufl. (Darin Stich‐ wort »Soziologie« mit weiteren Literaturhinweisen). Kröner: Stuttgart. 1.3.3 Soziologie und soziale Probleme Die Bezeichnungen sozial und soziologisch werden oft verwechselt. Etwa wenn ein Politiker von der »soziologischen« Struktur einer Gemeinde spricht oder von einem Journalisten in einem Pressebericht über Arbeitslo‐ sigkeit vermutet wird, dass hier »soziologische« Faktoren im Spiel seien. »Soziologisch« bedeutet jedoch im eigentlichen Sinne »gesellschaftswissen‐ schaftlich«, d. h. von den Erkenntnissen, Begriffen, Theorien, kurz vom Bezugssystem der Soziologie her gesehen. Gemeint ist aber »sozial« im Sinne von »gesellschaftlich«, so dass also in derartigen Fällen sachlich rich‐ tig von der sozialen Struktur und von sozialen Faktoren gesprochen werden muss. Entsprechend ist deshalb ein soziales Problem keineswegs auch immer ein soziologisches und umgekehrt betreffen soziologische Fragestellungen entgegen einem weit verbreiteten Missverständnis durchaus nicht immer soziale Probleme. • Ein soziales oder gesellschaftliches Problem liegt meist dann vor, wenn eine Diskrepanz (Widerspruch) zwischen den gesellschaftlichen Nor‐ men und Zielvorstellungen und dem tatsächlichen Verhalten der Men‐ schen besteht (z. B. im Falle von Devianz und Kriminalität) oder wenn eine unvorhergesehene oder unvorhersehbare Situation eintritt, die in der Gesellschaftsordnung (noch) nicht geregelt ist (wie beispielsweise Massenarbeitslosigkeit in Deutschland und gleichzeitige Verlagerung 24 1 Ansatzpunkte und Grundthemen soziologischen Denkens <?page no="25"?> von Arbeitsplätzen durch inländische Unternehmen in Billiglohnlän‐ der). • Eine soziologische Fragestellung liegt dagegen erst dann vor, wenn be‐ stimmte gesellschaftliche Problemlagen, Zustände und Prozesse erklärt werden sollen. Wenn also ein Soziologe ein soziales Problem bearbeiten soll, muss er es zunächst in eine soziologische Frage »übersetzen«; erst dann kann er mit seinem Handwerkszeug, d. h. mit seinen Begriffen, Theorien und Untersuchungsmethoden, das Problem erfassen, beschrei‐ ben und zu erklären suchen. Hierbei wird schon deutlich, dass ein bestimmtes soziales Problem, auch nachdem es soziologisch geklärt ist, durchaus als soziales Problem weiter bestehen kann. So können beispiels‐ weise Soziologen in Bezug auf das soziale Problem der Chancengerech‐ tigkeit im Bildungswesen schon seit den 1970er-Jahren und nicht erst seit den international vergleichenden Schulleistungsuntersuchungen der OECD (PISA-Studien) der letzten zwanzig Jahre auf die Wirkung der sozialen Herkunft aufmerksam machen und auch empirisch nach‐ weisen, dass das Schulsystem durch seine typische »Schulkultur« insbe‐ sondere im Sprachverhalten Schüler aus mittleren und oberen Schichten begünstigt. Vielmehr konnten Bildungssoziologen auch schon seit Lan‐ gem darauf aufmerksam machen, wie sehr Lehrerurteile über Eignung und Leistungsfähigkeit von Schülerinnen und Schüler von typologi‐ schen Vorstellungen und impliziten Persönlichkeitstheorien beeinflusst werden können, in die auch leistungsfremde, kaum objektivierbare Beurteilungsbestandteile eingehen und inwiefern auch solche Schüler‐ typologien wiederum stark schichten- und milieuspezifisch orientiert sind. Den betroffenen Kindern helfen solche theoretischen Erklärungen zunächst wenig, denn das soziale Problem der Benachteiligung bleibt ja zunächst weiter bestehen. Ähnlich verhält es sich bei dem allseits bekannten und nicht nur ökologisch, sondern auch soziologisch viel‐ fach erforschten Problem der Umweltverschmutzung durch CO 2 - und Feinstaub-Emissionen. Die Analysen sind klar, und Umweltschutz gilt weithin als dringend geboten. Geht es aber an die praktisch zu ziehenden Konsequenzen wie die Einschränkung der gewohnten Lebensführung, ist nach wie vor mit erheblichen Widerständen zu rechnen. 1.3 Soziologie als Wissenschaft von-der-Gesellschaft 25 <?page no="26"?> Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Axel Groenemeyer (2012): Soziologie sozialer Probleme-- Fragestellungen, Konzepte und theoretische Perspektiven. In Günter Albrecht &-Axel Groe‐ nemeyer (Hrsg.), Handbuch Soziale Probleme, 2. Aufl., S. 17-116. VS: Wies‐ baden. 1.4 Wozu kann man Soziologie brauchen? 1.4.1 Soziologie als Missverständnis In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach dem Nutzen der Soziologie für die gesellschaftliche Praxis. Unter dem noch unmittelbaren Eindruck der internationalen Studentenbewegung der späten 1960er-Jahre bemerkte die Soziologin Imogen Seger (1970, 11): »Wer in den letzten Jahren die Berichte im Fernsehen und in den Zeitungen verfolgt hat, der muss zu der Ansicht kommen, die Hauptbeschäftigung der Soziologiestudenten sei es, die Revolution inner- und außerhalb der Universitäten vorzubereiten, und die Hauptbeschäftigung ihrer Professoren sei es, sie dabei zu ermuntern.« In der Tat hatten manche Politiker und Kommentatoren einen guten Anteil an den landläufig recht gängigen Klischees, Soziologie habe etwas mit Revolution und Sozialismus oder gar Kommunismus zu tun. Sie vermu‐ teten einen Zusammenhang zumindest zwischen einer bestimmten soziolo‐ gischen Denkweise (gemeint war vor allem die »Kritische Theorie« der sogenannten »Frankfurter Schule« der Soziologie) und radikalen jungen Leuten, die vorgeben würden, Gesellschaftswissenschaften zu studieren, in Wirklichkeit aber auf Kosten der Steuerzahler in Hörsälen und auf Straßen randalieren oder gar terroristische Gewaltakte planen und durchführen. Dieses verallgemeinernde Vorurteil entzündete - und entzündet sich immer wieder vor allem an der Beobachtung, dass Soziologie offenbar nicht nur für jene Studentinnen und Studenten anziehend und anregend wirkt, die die Gesellschaft, in der sie leben, verstehen wollen, sondern auch für solche höchst attraktiv erscheint, die die gesellschaftlichen Ordnungen radikal in Frage stellen und auch grundsätzlich verändern möchten, für jene also, die sich in der Soziologie eine Art Revolutionswissenschaft erhoffen und die hierbei Denkmodelle bestimmter Gesellschaftstheoretiker mit politischen Aktionsprogrammen verwechseln. 26 1 Ansatzpunkte und Grundthemen soziologischen Denkens <?page no="27"?> Oft zählen zur letzten Gruppe vor allem jene, die »ein bisschen Sozi‐ ologie studiert« haben, bald aber angesichts der Studienanforderungen von Statistik und Methodenlehre oder der Pflichtkurse über soziologische Grundbegriffe und Theorievergleiche abgeschreckt werden und der »pra‐ xisfernen« universitären Soziologie enttäuscht den Rücken kehren. Dies hindert sie jedoch nicht, unter Hinweis auf ihre soziologischen Erkenntnisse (die wohl eher den Charakter von Bekenntnissen haben), zu glauben, die Gesellschaft »in den Griff« zu bekommen und damit die Hoffnung verbinden, sie grundlegend verändern zu können, um sie so von allem Übel zu befreien. Ein bisschen Soziologie ist jedoch ebenso wie ein bisschen Wahrheit eine gefährliche Sache. Bloße Gesellschaftskritik und darauf beru‐ hendes »politisches« Handeln ohne fundierte Information und gründliches Studium gesellschaftlich-politischer Zusammenhänge hat eine unbehagli‐ che Nähe zum Vorurteil, zum pauschalisierenden Rundumschlag und zum irrational-eifernden Aktivismus. Wer sich indessen auf die moderne Soziologie ernsthaft einlässt, wird sehr rasch feststellen müssen, dass sie als Ersatzreligion überhaupt nicht taugt. Soziologie »ist kein Ersatz für verlorene Identifikationen, keine begleitende Sinngebung für Handlungen, sondern schlicht Erkenntnis der Zusammenhänge in ihrem Problemfeld« ( Jonas 2021a, 3). Ihre empirischen und theoretischen Ergebnisse entziehen sich von ihrem Anspruch her ex‐ plizit allen »schrecklichen Vereinfachungen« und lassen sich auch faktisch - z. B. im Hinblick auf geplante soziale Aktionen - nur äußerst sperrig handhaben. So beachtlich die methodologischen und analytischen Fortschritte der Soziologie mittlerweile auch sein mögen, so vorsichtig sind seriöse Sozial‐ wissenschaftler dennoch im Umgang mit handlungsleitenden Prognosen oder gar handlungsanweisenden Rezepten. Statt von Gewissheiten reden So‐ ziologen heute lieber von Wahrscheinlichkeiten, wie überhaupt die meisten soziologischen Aussagen den Charakter von Wahrscheinlichkeitsaussagen haben. Dies vor allem deshalb, weil Soziologen die Erfahrung gemacht haben, dass ihre Untersuchungsgegenstände höchst dynamisch und unbe‐ rechenbar sind, ja dass im gesellschaftlichen Bereich fast jede Wirkung eine oft überraschende und unvorhersehbare Gegenwirkung auslösen kann. 1.4 Wozu kann man Soziologie brauchen? 27 <?page no="28"?> Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Norbert Elias (2014): Was ist Soziologie? 12. Aufl. (Darin das Kapitel 5/ 4 »Ge‐ sellschaftsideale und Gesellschaftswirklichkeit«, S. 182-188). Beltz Juventa: Weinheim, Basel. 1.4.2 Strukturen soziologischen Denkens und-Forschens Trotz der vorgenannten Einschränkungen hat die Soziologie für unseren Alltag dennoch wichtige Funktionen zu erfüllen, wie wir im Folgenden sehen können. Die in diesem Zusammenhang immer wieder neu gestellten Fragen • Was ist eigentlich Soziologie? • Wozu ist Soziologie nütze? • Was kann die Soziologie leisten? • Was bietet sie uns? lassen sich dabei allerdings nicht ganz so einfach und bündig beantworten, weil es die Soziologie im strengen Sinne eigentlich nicht gibt, sondern immer nur Soziologen verschiedener Schulen und Denkrichtungen. Abgesehen von differenten wissenschaftstheoretischen und methodologischen Zugängen kommt dann deren Verständnis von Soziologie auch in ihren jeweiligen Lehr- und Forschungsprogrammen zum Ausdruck und lässt sich systema‐ tisch etwa so strukturieren: • Soziologie als Wissenschaft vom sozialen Handeln und zwischen‐ menschlichen Verhalten; • Soziologie als Wissenschaft von den sozialen Institutionen und Organi‐ sationen; • Soziologie als Wissenschaft von der Gesamtgesellschaft und deren Stabilität und Wandel; • Soziologie als Wissenschaft von den Ideen über die Gesellschaft und als Ideologiekritik. Mit diesen unterschiedlichen Perspektiven und Ansätzen werden nichts anderes als verschiedene Ebenen der recht komplizierten sozialen Wirk‐ lichkeit angesprochen. Ausgehend vom Menschen als soziales Wesen und seinen auf andere gerichteten bzw. an anderen orientierten Handlungen und 28 1 Ansatzpunkte und Grundthemen soziologischen Denkens <?page no="29"?> Verhaltensweisen weisen diese unterschiedlichen Analysedimensionen auf soziologisch unterscheidbare Einflussgrößen und Kontexte hin, was man grafisch vereinfacht so darstellen kann: Einfluss der die Gesells chaft und Kultur konstituierenden Ideen (=Meta -Ebene) Einfluss der Gesell schaft und Kultur (=Makro-Ebene) Einfluss von so zialen Organisationen (=Mes o-Ebene) Mensch als soziales Wesen Einfluss v on Kleingruppen (=M ikroebene) Abb. 1: Soziologie als Sozialwissenschaft Wenn also Soziologen versuchen, Situationen unseres Alltags zu verstehen und zu analysieren, dann versuchen sie, diese Situationen in einen größeren, überindividuellen Zusammenhang zu stellen. Indem die Soziologen das Individuum, das es-- per definitionem-- als isoliertes Wesen gar nicht gibt, immer als ein soziales Wesen begreifen, suchen sie nach überindividuellen Einflussgrößen und entpersonalisierten Kontextbedingungen von dessen Lebensweise. Seriös kann man das nur tun, wenn man einerseits das soziale Individuum mit anderen Individuen in der Gesellschaft vergleicht und andererseits zusätzlich noch weitere Ebenen berücksichtigt, mit denen das soziale In‐ dividuum in wechselseitig orientierten (Max Weber) Austauschprozessen verbunden ist, die sein Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen: 1.4 Wozu kann man Soziologie brauchen? 29 <?page no="30"?> • die Ebene von Kleingruppen (=-Mikro-Ebene), • die Ebene von Organisationen (=-Meso-Ebene), • die Ebene der Gesellschaft (=-Makro-Ebene) und • die Ebene der einer Gesellschaft allgemein zugrunde liegenden Ideen und Ideologien (=-Meta-Ebene). Die Mikro-Ebene wird entsprechend von der Mikrosoziologie untersucht, die mit der Phänomenologie und der Sozialpsychologie eng verwandt ist. Sie befasst sich vor allem mit den Grundbedingungen und -formen sozialen Handelns und Verhaltens im sozialen Nahbereich der sogenannten face-to-face-Beziehungen (z. B. Familie, Freundeskreis). Darüber hinaus erforscht sie aber auch die Prozesse der Wahrnehmung und Interpreta‐ tion sowie Aneignung und Auseinandersetzung des Individuums mit der es umgebenden Kultur sowie mit gesellschaftlichen Rollen und Normen einschließlich der von den sozialen Normierungen abweichenden Verhal‐ tensweisen. Typisch mikrosoziologische Theorien sind beispielsweise der sogenannte »Symbolische Interaktionismus«, die »Verstehende Soziologie« oder die vom Behaviorismus ausgehende verhaltenstheoretische Soziologie. Die Meso-Ebene wird vor allem über organisationssoziologische Ansätze erhellt, wobei einzelne Untersuchungen oder vergleichende Darstellun‐ gen sowohl den zweckorientierten, d. h. planmäßig gestalteten (Auto‐ ritäts-)Strukturen und (Interaktions-)Prozessen in Organisationen (z. B. Industriebetrieben, Verbänden, Parteien, Kirchen, aber auch Bildungsinsti‐ tutionen wie Schulen u. a.), wie auch den informellen Prozessdynamiken und -strukturen solcher sozialen Gebilde ihre analytische Aufmerksamkeit schenken. Der Makro-Ebene wendet sich die sog. Makrosoziologie zu; sie analysiert sowohl große soziale Einheiten und gesamtgesellschaftliche Prozesse wie auch Austauschprozesse zwischen den einzelnen gesellschaftlichen Teilsys‐ temen (z. B. Wirtschaft, Politik, Bildung). Besonders thematisiert sie dabei die jeweiligen Sozialstrukturen wie Stände, Kasten, Klassen, Schichten oder Milieus. Die damit verbundenen stabilisierenden Bedingungen (»was hält Gesellschaft zusammen? «) bzw. evolutionären oder revolutionären Wandlungsprozesse (»wodurch wird Gesellschaft verändert? «) sind im all‐ gemeinen Gegenstand ihrer Forschung. Grundlegende theoretische Ansätze (Paradigmen) der Makrosoziologie sind z. B. der Struktur-Funktionalismus, die Systemtheorie oder die Konflikttheorie. 30 1 Ansatzpunkte und Grundthemen soziologischen Denkens <?page no="31"?> Die Meta-Ebene schließlich, die die sozialen Objektivationen gesamtge‐ sellschaftlich übergreifender Norm- und Wertstrukturen, also den ideolo‐ gischen »Überbau« von Gesellschaften beinhaltet, wird fachlich von der sogenannten Wissenssoziologie bzw. der soziologischen Ideologiekritik bearbeitet. Wie bei den meisten typologischen Versuchen ist auch diese Aufteilung unserer sozialen Welt in die vier Kernbereiche Kleingruppe, Organisation, Gesellschaft und Ideenwelt eine in erster Linie analytische Trennung und methodische Unterscheidung bzw. ein Versuch fachsoziologischer Struk‐ turierung. In Wirklichkeit sind alle vier Ebenen voneinander abhängig, durchdringen sich gegenseitig und sind deshalb auch in soziologischen Beschreibungs- und Erklärungsversuchen soweit wie möglich theoretisch und empirisch miteinander zu verbinden. Eine diese verschiedenen Bereiche integrierende allgemeine soziologische Theorie sozialer Systeme wurde zwar in der Wissenschaftsgeschichte der Soziologie von einigen großen Soziologen wie z. B. Talcott Parsons (1902-1979) oder Niklas Luhmann (1927-1998) immer wieder versucht, steht jedoch indessen als schlüssige und auch generell akzeptierte »Allgemeine Theorie« noch aus. Unter dem Gesichtspunkt der praktischen Verwertung soziologischen Wissens sind überdies die sogenannten materiellen oder »Bindestrich-So‐ ziologien« weit interessanter als die vorgenannten eher theoretischen Differenzierungen und Strukturierungen. Hierbei handelt es sich um prob‐ lemorientierte Detailforschung in gesellschaftlichen Teilbereichen, die auch inzwischen zu einer ausgeprägten professionellen Spezialisierung innerhalb der Soziologie geführt hat. Solche speziellen und auch weitgehend univer‐ sitär in einschlägigen Lehrstühlen etablierten Soziologien sind zum Beispiel • Bevölkerungssoziologie, • Migrations- und Asylsoziologie, • Politische Soziologie, • Soziologie der Entwicklungsländer, • Ethnosoziologie, • Familiensoziologie, • Soziologie der Ehe und Partnerschaft, • Soziologie der Kindheit und Jugend, • Soziologie des Alters, • Erziehungs- und Bildungssoziologie, • Pädagogische Soziologie, 1.4 Wozu kann man Soziologie brauchen? 31 <?page no="32"?> • Geschlechtersoziologie, • Religionssoziologie, • Soziologie des Lebenslaufs, • Soziologie der Behinderten, • Soziologie der Freizeit, • Agrarsoziologie, • Gemeinde-, Stadt- und Regionalsoziologie, • Architektursoziologie, • Mediensoziologie • Kommunikations- und Netzwerk-/ Internetsoziologie, • Organisations- und Managementsoziologie, • Industrie- und Betriebssoziologie, • Arbeits- und Berufssoziologie, • Techniksoziologie, • Wirtschafts- und Konsumsoziologie, • Medizinsoziologie, • Rechtssoziologie, • Kriminalsoziologie, • Kultur-, Kunst-, Musik- und Literatursoziologie, • Sportsoziologie, • Konfliktsoziologie, • Militärsoziologie, • Soziologie der Freizeit, • Wissenssoziologie, und nicht zuletzt auch gewissermaßen als »Meta-Disziplin« die • Soziologie der Soziologie. Der Wissens- und Forschungsstand in diesen speziellen Soziologien, die untereinander auch theoretisch und empirisch mehr oder weniger verknüpft werden, ist recht unterschiedlich. Einige dieser Teildisziplinen, die bereits auch mit eigenen »Sektionen« innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) vertreten sind, verfügen bereits über einen sehr großen Fundus an empirischen Untersuchungen und theoretischen Konstrukten, andere sind noch relativ jung und haben eher den Charakter von »Or‐ chideenfächern«. Neben persönlichen Neigungen ist das unterschiedlich starke Interesse von Soziologen an diesen materiellen Spezialisierungen sicher u. a. auch als Reflex entsprechender gesellschaftlich und politisch 32 1 Ansatzpunkte und Grundthemen soziologischen Denkens <?page no="33"?> aktueller Problemlagen, vielleicht auch sogar manchmal als eine Art lokal und temporär gebundene »Wissenschaftsmode« zu interpretieren. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Günter Endruweit, Gisela Trommsdorff &-Nicole Burzan (Hrsg.) (2014): Wör‐ terbuch der Soziologie. 3. Aufl. (Mit lexikalischen Informationen zu einzelnen Speziellen Soziologien). UVK: Konstanz. Hermann Korte & Bernhard Schäfers (Hrsg.) (1997): Einführung in Praxisfelder der Soziologie. (Mit Kurzdarstellungen der wichtigsten Speziellen Soziolo‐ gien.) 2. Aufl. Leske + Budrich: Opladen. 1.4.3 Funktionen soziologischer Erkenntnis Auf unsere Ausgangsfrage nach den Aufgaben und dem Nutzen der Sozio‐ logie zurückkehrend, lässt sich zusammenfassend sagen, dass verschiedene Soziologen in Nuancen, Akzentsetzungen, im Grad der Konkretheit sowie in Abhängigkeit von ihrem »strukturellen« Erkenntnisinteresse wohl un‐ terschiedliche Antworten geben werden. Gemeinsam ist ihnen aber die Überzeugung, dass wir durch soziologisches Denken und Forschen bessere Einsichten in die mannigfaltigen Formen und Prozesse unseres zwischen‐ menschlichen Zusammenlebens erhalten werden, als uns dies durch bloße Alltagserfahrung je möglich sein wird. Bei der Durchsicht der einschlägigen soziologischen Literatur lassen sich hierbei quer zur Pluralität der verschiedenen Erkenntniszugänge verschie‐ dene funktionale Wirkungen der Soziologie ausmachen: • Indem Soziologie versucht, die vorhandenen gesellschaftlichen Verhält‐ nisse und Lebenslagen in ihrer Entstehung und Entwicklung, in ihrem Zusammenhang und in ihrer ideologischen Begründung sowie mit ihren Macht- und Herrschaftsansprüchen einsichtig und transparent zu machen, verfolgt sie zweifellos zunächst eine aufklärende und informie‐ rende Funktion. • Da sie darüber hinaus den Menschen helfen will, die Motive, Bedingun‐ gen und Folgen ihres Verhaltens und Handelns zu erkennen und sie über diese Einsichten dazu befähigen möchte, ihren Zielen entsprechend rational zu handeln, erfüllt sie auch eine diagnostische und pädagogische Funktion. 1.4 Wozu kann man Soziologie brauchen? 33 <?page no="34"?> • Daneben hat die Soziologie von Anfang an - wenn auch nicht in dem einleitend beschriebenen vulgären Missverständnis - immer auch eine kritische Funktion und eine prognostische Absicht begleitet. Als kritische Wissenschaft ist sie »verpflichtet auf das sapere aude, auf die Distanz gegenüber geltenden Werten und Institutionen« ( Jonas 2021a, 3). In diesem Sinne möchte sie anhand der Analyse der gesellschaftlichen Strukturen und der Bedingungen ihrer Verwirklichung ein kritisches Bewusstsein gegenüber dem Status quo erzeugen, bestimmte Missstände in herrschenden Zuständen aufzeigen und möglichst rationale Alterna‐ tiven des sozialen Handelns entwerfen. Langfristiges Ziel dabei ist es, durch methodisch gesicherte Erklärungen zu versuchen, hinsichtlich künftig zu erwartender oder auch bewusst angestrebter Veränderungen sozialer Bedingungszusammenhänge Prognosen über erwünschte oder unerwünschte gesellschaftliche Wirkungen beim Einsatz verschiedener Mittel aufzustellen. • Schließlich soll auch die potenziell gesellschaftlich affirmative Stabilisie‐ rungs- und Konservierungsfunktion von Soziologie nicht unterschlagen werden. Insbesondere in stark ideologisierten, fundamentalistischen und rationalen Zielen gegenüber nicht offenen Gesellschaften findet Soziologie - wenn sie überhaupt als wissenschaftliche Disziplin toleriert wird - oft nur insoweit Unterstützung und Entfaltung, als sie sich in der Analyse und Beschreibung auf das gesellschaftlich Bestehende be‐ schränkt und die Interessen und Privilegien von herrschenden Gruppen durch unkritische Anwendung soziologischen Wissens zu unterstützen geneigt ist. In diesem Sinne kann Soziologie auch zur Zementierung der jeweils herrschenden Zustände missbraucht werden. Wenn die Soziologie - wie wahrscheinlich jede andere Denkrichtung auch - letztlich nicht gefeit ist gegen bestimmte ideologische Uminterpretationen und Missverständnisse im Sinne einer revolutionären Heilslehre oder einer letztlich nur noch vorgegebenen administrativen Zielen dienenden Hilfs‐ wissenschaft, so kann sie sich dennoch jenseits dieser extremen Positionen für alle, denen Wissenschaft nicht Selbstzweck bedeutet, sondern die von ihr einen praktischen Nutzen zum Wohle der Menschen erwarten, vor allem aus folgenden drei Gründen (Behrendt 1962, 17-f.) empfehlen: • Sie hilft, einzelne Erlebnisse und Beobachtungen nicht isoliert - und damit ohne Aussicht auf Verständnis ihrer Ursachen und Bedeutung - zu sehen, sondern sie als Teil umfassender gesellschaftlicher Strukturen, 34 1 Ansatzpunkte und Grundthemen soziologischen Denkens <?page no="35"?> u. a. als Auswirkungen von Wertsystemen, Schichtungsordnungen und sozial-kulturellen Milieus interpretierend zu verstehen. • Sie hilft, die Relativität der Werte und Verhaltensweisen der eigenen Umwelt und Zeit zu erkennen und fördert damit die Fähigkeit - und zu‐ weilen auch die Bereitschaft -, die Verhaltensweisen von Angehörigen anderer Sozialgebilde und Kulturkreise zu verstehen und sich einfühlend in ihre Lage zu versetzen. • Sie hilft, den dynamischen Charakter von Verhaltensweisen und Gesell‐ schaftsstrukturen insbesondere in unserer Zeit verständlich zu machen und hiermit die Panik zu bekämpfen, die aus mangelndem Verständnis komplizierter und sich rasch wandelnder gesellschaftlicher Strukturen entspringt. So kann Soziologie die Wurzeln aufdecken, aus denen die Tagesereignisse entspringen und aus deren Kenntnis diese dann besser verstanden und gelassener bewältigt werden können. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Norbert Elias (2014): Was ist Soziologie? 12. Aufl. (Darin die »Einführung«, S. 11-35). Beltz Juventa: Weinheim, Basel. Anthony Giddens (2009): Soziologie. 3. Aufl. (Darin Kapitel-1 »Was ist Soziolo‐ gie? «). Nausner: Graz, Wien. 1.5 Einige Vorväter und Begründer: Soziologie-als Krisenwissenschaft 1.5.1 Die lange Vorgeschichte: Von der Antike über das Mittelalter und die Aufklärung bis-zum Ende des 18.-Jahrhunderts Gelegentlich mag der Eindruck entstehen, Soziologie sei eine hochmoderne, eher geschichtslose Wissenschaft, die sich weder um ihre eigene Geschichte noch um historische Prozesse viel kümmere. Tatsächlich lässt sich aber die Soziologie - zumindest in ihrer Vorgeschichte - zurückführen bis in die Antike und das Mittelalter. Schon Platon, Aristoteles, die Sophisten oder Thomas von Aquin haben sich mit elementaren Problemen des menschli‐ chen Zusammenlebens kritisch auseinandergesetzt. Der österreichisch-britische Philosoph, Soziologe und Wissenschaftsthe‐ oretiker Karl Raimund Popper (1902-1994) etwa sieht (in seinem Buch »Die 1.5 Einige Vorväter und Begründer: Soziologie-als Krisenwissenschaft 35 <?page no="36"?> offene Gesellschaft und ihre Feinde«) »Platons Größe als Soziologe in der Fülle und der Detailliertheit seiner Beobachtungen sowie in der erstaunenswerten Schärfe seiner soziologischen Intuition. Er sah Dinge, die man vor ihm nicht gesehen hatte und die erst in unserer Zeit wieder entdeckt worden sind.« (Popper 1975, I, 68). Wie »modern« Platon (427-347 v. Chr.) in seiner Staats- und Gesellschaftslehre in gewissem Sinne ist, lässt sich beispielsweise an der Wahl seiner Themen erkennen: »Dazu gehören die Prinzipien und Auswirkungen der Arbeitsteilung, die Gefahren des Privateigentums, der Zusammenhang zwischen Luxuskonsum und Expansion des Wirtschafts‐ raumes, die entfremdenden Folgen der Geldwirtschaft, die Entstehung von Ständen, die Geschichte der Gesellschaft als Geschichte von Standeskämp‐ fen, die Spaltung von Eliten als Voraussetzung von Revolutionen« sowie die Einbindung dieser mehr theoretischen Überlegungen »in einen historischen Zusammenhang, der von der patriarchalischen Viehzüchterfamilie zur Sip‐ penorganisation, [bis hin] zur Dorf- und Städtebildung mit monarchischer Verfassung und gesetztem Recht nach dem Muster eines Gesellschaftsvertrages reicht« (Rüegg 1969, 25). Ähnliche soziologische Perspektiven finden sich auch bereits bei den Sophisten, die die Gesellschaft ihres religiösen Nimbus und metaphysischen Schleiers zu entkleiden suchten und sie als Ergebnis menschlichen Handelns und sozialer Übereinkunft betrachteten. Auch Platons Schüler Aristoteles (384-322 v. Chr.), dessen Schrift »Poli‐ tik« nach der Einschätzung des amerikanischen Soziologen Franklin H. Gid‐ dings (1855-1931) das bedeutendste Werk ist, das jemals die menschliche Ge‐ sellschaft behandelt hat, ist in dem Sinne bereits »modern«, als Aristoteles zur Grundlegung seiner sozialen und politischen Erkenntnisse zunächst auf die sozialphilosophisch üblichen, wertgeladenen Spekulationen verzichtete. Dafür sammelte er erst einmal umfangreiches empirisches Material und versuchte so in seinen Arbeiten bereits jenem Anspruch einer möglichst werturteilsfreien Erfahrungswissenschaft gerecht zu werden, der heute als fundamentale Voraussetzung für soziologisches Denken eingefordert wird. Denn »wer irgendeinen Zweig des Wissens wirklich wissenschaftlich behandeln und nicht bloß auf das Praktische sein Augenmerk richten will, dem kommt es zu, nichts zu übersehen oder unberührt zu lassen, sondern die Wahrheit über ein jedes zu Tage zu fördern« (Aristoteles, Politik, III, 5). Von Aristoteles stammt übrigens auch jene berühmte Aussage, die später u. a. auch von Thomas von Aquin (1225-1274) wieder aufgegriffen wurde: nämlich dass der Mensch ein soziales Wesen sei (»ánthropos zóon politikón«, Politik, I, 2) - eine Kurzformel, in der im Grunde genommen bereits das 36 1 Ansatzpunkte und Grundthemen soziologischen Denkens <?page no="37"?> spätere Forschungsprogramm der Soziologie enthalten ist, wenn auch ein noch sehr weiter Weg zur Soziologie als einer eigenständigen wissenschaft‐ lichen Disziplin blieb. Denn »trotz der überragenden Leistungen des Aris‐ toteles vermochten die Griechen nicht zur Soziologie als einer spezifischen Wissensdisziplin vorzudringen, da ihnen das Vermögen fehlte, zwischen Staat und Gesellschaft deutlich zu unterscheiden, so dass sie die sozialen Beziehungen niemals völlig unabhängig von ihren politischen Aspekten betrachteten, ja im Zweifelsfall dem politischen Aspekt stets Priorität vor dem sozialen einräumten« (Eisermann 1973, 4). Das Mittelalter führte auf diesem Weg nicht weiter. Die starke Bindung an Autoritäten sowie das vorherrschende Interesse am »Wesen der Dinge«, d. h. an der »richtigen Ordnung« der zwischenmenschlichen Beziehungen in einer »vollkommenen Gesellschaft« (»societas perfecta«, Thomas von Aquin) standen einer strikt erfahrungswissenschaftlichen und undogmati‐ schen Auffassung von Gesellschaft im Wege. Relativ isoliert und ohne unmittelbaren Einfluss auf die Soziologie blieb auch der Berber Ibn Chaldun (1333-1406), der - in heute erstaunlicher Aktualität - in seinen Auseinandersetzungen mit der arabisch-islamischen Orthodoxie und ihrem Fundamentalismus die mittelalterlichen Fesseln der unbedingten Autoritätsgläubigkeit zerbrach und methodisch über die Beobachtung und rationale Analyse des menschlichen Zusammenlebens vielleicht als Erster die menschliche Gesellschaft zum Gegenstand einer eigenen Wissenschaft zu machen versuchte. Nicht umsonst knüpfen an ihn einige spätere soziologische Denker des 19. Jahrhunderts wie Frédéric Le Play, Karl Marx, Ludwig Gumplowicz und Franz Oppenheimer wieder an. Als weiterer Vorvater der Soziologie kann sicher auch der Florentiner Nic‐ colò Machiavelli (1469-1527) gelten, der sich zu Beginn der italienischen Re‐ naissance gegen jeglichen scholastisch-theologischen Dogmatismus wandte und die sozialen Gleichförmigkeiten in Geschichte, Gesellschaft und Poli‐ tik einer rein auf Erfahrung und Beobachtung beruhenden empirischen Analyse zu unterziehen suchte. Insbesondere in seiner 1532 erschienenen Schrift »Über den Fürsten« (Il Principe) stellt er nachdrücklich fest, dass die Menschen betrachtet werden müssten, wie sie sind und nicht, wie sie nach bestimmten Glaubenssätzen zu sein hätten. In seinem konsequenten Realismus verfocht er die These, dass das soziale Handeln des Menschen aus seinen Antrieben heraus verstanden werden müsse. Hierzu lieferte er im Principe bereits eine klassische sozialpsychologische Studie über die Ursachen und Effekte verschiedener Motivstrukturen auf die zwischen‐ 1.5 Einige Vorväter und Begründer: Soziologie-als Krisenwissenschaft 37 <?page no="38"?> menschlichen Beziehungen. Außerdem begründete er mit dieser Schrift eine Klassifikation politischer Herrschaft und legte eine bis heute häufig zitierte Liste bestimmter moralischer Eigenschaften des Regierenden und seiner Macht- und Herrschaftstechniken im Hinblick auf eine möglichst effiziente Ordnung und Zielerreichung vor. Seitdem sind allerdings auch der Begriff des Machiavellismus und die damit verbundene Vorstellung einer skrupello‐ sen Politik immer wieder Gegenstand macht- und herrschaftstheoretischer Diskussionen. Die eigentliche zusammenhängende Vorgeschichte der Soziologie beginnt jedoch wohl erst mit der Krise des absolutistischen Staates, jener »crise de la conscience européenne« (Hazard 1935), die die Gesellschaftslehre der Aufklärung hervorbrachte und zur Trennung von Staat und Gesellschaft führte. Neben vielen, in erster Linie philosophisch orientierten Beiträgen zur Gesellschaft und Politik ihrer Zeit (vgl. hierzu Jonas 2021a, 7) werden jetzt für die erwachende Soziologie insbesondere jene Arbeiten begründend, die die Gesellschaft aus dem globalen philosophischen und theologischen Prob‐ lembezug lösen und die bislang selbstverständliche Geltung von tradierten Werten und Institutionen in Frage stellen. Hierzu zählen z. B. in England die staatspolitischen Schriften von Tho‐ mas Hobbes (1588-1679), insbesondere dessen Abhandlung »Leviathan« von 1651, sodann die Vertreter eines empirischen Skeptizismus wie John Locke (1632-1704) und David Hume (1711-1776) sowie die Theoretiker der sogenannten Schottischen Schule Adam Smith (1723-1790), Adam Ferguson (1723-1816) und John Millar (1735-1801). In Frankreich wird diese Entwicklung vor allem von Montesquieu (1689-1755) vorangetrieben, der seine zeitgenössische Gesellschaft einer beißend-ironischen Kritik unterzog und im Anschluss daran eine histo‐ risch-analytische Theorie des sozialen Wandels entwarf. In ähnlicher Weise profilieren sich nicht nur Jean-Jacques Rousseau (1712-1778) und der Marquis de Condorcet (1743-1794) als engagierte Kritiker einer moralisch verrotteten, feudalen Rokoko-Gesellschaft, sondern auch der zu den Früh‐ sozialisten zählende Comte de Saint-Simon (1760-1825). Wichtige vorsoziologische Quellen sind beispielsweise nicht nur Rous‐ seaus berühmt gewordene Abhandlung über den »Gesellschaftsvertrag« (Du contrat social, 1762), sondern auch seine Antwort auf die Preisfrage der Akademie von Dijon (»ob die Wiederherstellung der Wissenschaften und Künste zur Läuterung der Sitten beitrage«, 1750), in der der Autor nachhaltig und kompromisslos die von der Akademie gestellte Frage verneint und 38 1 Ansatzpunkte und Grundthemen soziologischen Denkens <?page no="39"?> seine Auffassung insbesondere mit den Folgen der sozialen Ungleichheit begründet. Diesen Gedanken führt er dann in der Abhandlung »Über den Ursprung und die Grundlagen der Ungleichheit unter den Menschen« (1755) systematisch weiter, wobei er den folgenschweren Gedanken entwickelt, dass die Entstehung des Eigentums den eigentlichen Sündenfall des Men‐ schengeschlechts bilde. Grundlegende Beiträge für eine spätere Theorie des menschlichen Han‐ delns sowie eine differenzierte Theorie der bürgerlichen Gesellschaft und des Staates lieferten im damals allerdings »revolutionsabstinenten« Deutschland vor allem die großen Philosophen der Romantik bzw. des deutschen Idealismus wie Immanuel Kant (1724-1804), Johann Gottlieb Fichte (1762-1814), Friedrich Schleiermacher (1768-1835), Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) und Friedrich Wilhelm Schelling (1775-1854). Auch ist in diesem Zusammenhang der Staatsrechtler Lorenz von Stein (1815-1890) zu nennen, der im deutschen Vormärz die ideologischen und politischen Positionen des in Bewegung geratenen Bürgertums zu klären versuchte. Sie und viele andere bedeutende Denker dieser Epoche wurden aufgrund bereits spürbarer tief greifender Veränderungen dazu angeregt, die Gesell‐ schaft ihrer Zeit mit neuen Augen zu sehen: • An Stelle der traditionellen Agrarwirtschaft, die vor allem auf Selbst‐ versorgung ihrer Angehörigen angelegt war (marktunabhängige Sub‐ sistenzwirtschaft), trat in immer stärkerem Maße die Produktion von Waren, die man auf dem Markt gewinnbringend verkaufen konnte. Naturwissenschaftliche Entdeckungen und entsprechende technische Erfindungen und Entwicklungen verstärkten diesen Prozess. • Für Autoren, die den Beginn der Industrialisierung aus eigener Anschau‐ ung und Erfahrung miterlebten, wird die fortschreitende Arbeitsteilung und Arbeitszerlegung in den Manufakturen und Fabriken und die damit einhergehende berufliche Spezialisierung zu einem besonders auffälligen Vorgang, der die zwischenmenschlichen Beziehungen wie die gesamtgesellschaftlichen Strukturen entscheidend verändert. • Die feste Verankerung der Menschen in den sozialen Gruppen und Gemeinschaften, in die sie hineingeboren wurden, begann sich zu lockern. Nicht mehr die Herkunft und Abstammung, sondern das un‐ terschiedliche Maß an Eigentum wurde zunehmend als die große Quelle der Distinktion zwischen den Menschen erkannt. Folglich wurden 1.5 Einige Vorväter und Begründer: Soziologie-als Krisenwissenschaft 39 <?page no="40"?> auch die herkömmlichen Überlieferungen, traditionellen Symbole und Sitten einer ständischen Gesellschaft längst nicht mehr von allen als selbstverständlich und unveränderbar begriffen. • Insbesondere das aufsteigende Bürgertum rüttelt jetzt an der jahrhun‐ dertelang unangefochtenen Herrschaft des Adels und beginnt, seine eigenen Interessen zu artikulieren. Es postuliert in seiner neuen Philo‐ sophie ein in erster Linie rational handelndes Individuum, das - dem gesamtgesellschaftlichen Fortschritt entsprechend - von feudal-kleri‐ kalen Bevormundungen und berufsständischen Bindungen sowie von ideologischen Einengungen und Einschränkungen vitaler Bedürfnisse befreit sein sollte. • Neue gesellschaftliche und politische Ordnungen werden diskutiert und in zunehmendem Maße auch praktisch ausprobiert, - in England bereits im 17. Jahrhundert in pragmatischen Kompromissen zwischen dem Adel und dem selbstbewussten Bürgertum, in Frankreich erst später im Zusammenhang mit der Französischen Revolution und den damit verbundenen sozialen und politischen Erfahrungen von Revolution und Kaiserreich. Zusammenfassend lässt sich jedoch festhalten, dass die »stillere« industri‐ elle Revolution insgesamt tiefer greifende und andauerndere Umwälzungen im sozialen Alltag bewirkte als die diversen politischen Veränderungen und spektakulär lärmenden Revolutionsakte in dieser Zeit. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Friedrich Jonas (1981): Geschichte der Soziologie I. Aufklärung, Liberalismus, Idealismus, Sozialismus, Übergang zur industriellen Gesellschaft (mit Quel‐ lentexten). (Darin exemplarisch Jean-Jacques Rousseau, »Vom Gesellschafts‐ vertrag oder den Prinzipien des politischen Rechts«, S. 355-363.) 2. Aufl. Westdt. Verlag: Opladen. Hermann Korte (2011): Einführung in die Geschichte der Soziologie. (Darin Kapitel 1 »Von den Anfängen der Soziologie: Hoffnung auf eine neue Welt«, S. 11-26.) 9. Aufl. VS: Wiesbaden. 40 1 Ansatzpunkte und Grundthemen soziologischen Denkens <?page no="41"?> 1.5.2 Die Großväter der Soziologie: Soziologie-als-Fortschrittstheorie und Universalwissenschaft im 19.-Jahrhundert Eine präzise Aussage, wer denn nun eigentlich als Begründer der Soziologie zu gelten habe, lässt sich kaum machen. Sicherlich sind die - als eigentliche founding fathers oder »Großväter« der Soziologie im Sinne einer Univer‐ salwissenschaft - immer wieder genannten Autoren des 19. Jahrhunderts wie Auguste Comte, Herbert Spencer oder Karl Marx ohne die Vorarbeiten der Aufklärung sowie der verschiedenen Varianten der Vertragstheorie (Hobbes, Locke, Rousseau) oder der Vordenker eines (auch revolutionären) sozialen Wandels nicht denkbar. 1.5.2.1 Auguste Comte Das Hauptanliegen von Auguste Comte (1798-1857), auf den, wie wir schon gesehen haben, der Begriff Soziologie ja zurückgeht (vgl. Abschnitt 1.3.2), war der wissenschaftliche Entwurf einer für seine Zeit passenden sozialen und politischen Ordnung. Aus einem sozialreformerischen Elan heraus suchte er, wie andere vor und nach ihm, nach den Gesetzmäßigkeiten der Menschheitsentwicklung, um störende Einflüsse auf den »sozialen Organis‐ mus« auszuschalten, bei unvermeidlichen Krisen »weise zu intervenieren« (»savoir pour prévoir, et prévoir pour prévenir«) und den »naturgeschichtli‐ chen Entwicklungen« der Gesellschaft zum Durchbruch zu verhelfen (vgl. hierzu A. Comte, Rede über den Geist des Positivismus, in Jonas, 2021b, 250ff.). Als erklärter Gegner jeglicher Metaphysik waren für ihn Fragen nach dem Sein oder Spekulationen nach Sinn- und Zweckzusammenhängen der Geschichte müßig. Vielmehr stellte sich für ihn die Geschichte der Menschheit als eine lineare Entwicklung des Verstandes dar, die nach festen Gesetzen abläuft. In Weiterführung entsprechender Ansätze seiner Landsleute Turgot, Condorcet und vor allem Saint-Simon entwarf er ein geschichtsphilosophi‐ sches Schema als Grundlage seiner wissenschaftlichen Perspektive, das sogenannte Dreistadiengesetz: Nach Überwindung einer vorausgegangenen theologischen und metaphysischen Epoche folge jetzt ein »positives« Zeit‐ alter, das von der Soziologie als der neuen Königin aller Wissenschaften be‐ stimmt werde. Diese »positivistische« Aufklärung verband Comte mit einer Heilslehre der Vernunft, in der der Soziologie gleichfalls die entscheidende 1.5 Einige Vorväter und Begründer: Soziologie-als Krisenwissenschaft 41 <?page no="42"?> Rolle zugedacht war. Ähnlich der in den aufblühenden Naturwissenschaften angewandten und erstaunlich erfolgreichen Methoden sollten auch auf die sozialen Organisationen rationale Denkweisen und Verfahren angewandt werden, um zu ähnlich »positiven« Resultaten zu gelangen. Mit anderen Worten: Die »positive« Soziologie sollte - wie Comte sich ausdrückte - nur über die sorgfältige Beobachtung und Beschreibung sinnlich wahrnehmbarer Tatbestände in der gesellschaftlichen Wirklichkeit, d. h. über erfahrbare, sogenannte »objektive Tatbestände«, zu »allgemein‐ gültigen sozialen Gesetzmäßigkeiten und Ordnungen« gelangen. Von den so gewonnenen Einsichten versprach er sich - ähnlich der technischen Verwertung naturwissenschaftlicher Erkenntnisse - wichtige Hinweise für eine stabilere Neugestaltung und praktisch-politische Steuerung von Gesellschaften im Sinne einer modernen Sozialtechnik, die letztlich allen ein Höchstmaß an Glück und Zufriedenheit eröffnen könne. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Raymond Aron (1979): Hauptströmungen des soziologischen Denkens. 1. Band. (Darin »Auguste Comte«, S. 71-130). Kiepenheuer &-Witsch: Köln. Raymond Boudon &-François Bourricaud (1992): Soziologische Stichworte. Ein Handbuch. (Darin »Auguste Comte«, S. 62-66). Westdt. Verlag: Opladen. Friedrich Jonas (2021b): Geschichte der Soziologie 2, hrsgg. von Stephan Moe‐ bius. (Darin Kap. VI »Soziologie in Frankreich: Die soziologische Totalität«, S. 51-70). 3. Aufl. VS: Wiesbaden. Hermann Korte (2011): Einführung in die Geschichte der Soziologie (Darin »Der ›erste‹ Soziologe: August Comte«, S. 27-41). 9. Aufl. VS: Wiesbaden. 1.5.2.2 Herbert Spencer Auch Herbert Spencer (1820-1903), dessen berühmte dreibändige »Principles of Sociology« zwischen 1876 und 1896 entstanden und der gegen Ende des 19. Jahrhunderts schlechthin als der englische Soziologe galt (und zugleich den größten Einfluss auf die aufsteigende amerikanische Soziologie ausüben sollte) war überzeugt, einen Weg gefunden zu haben, der es ihm ermöglichte, die tiefgreifenden gesellschaftlichen Veränderungen seiner Zeit zu verste‐ hen. Er ging davon aus, dass alle Formen des sozialen Lebens, die kleineren zwischenmenschlichen Verflechtungen wie die größeren sozialen Gruppen 42 1 Ansatzpunkte und Grundthemen soziologischen Denkens <?page no="43"?> und Organisationen und erst recht das Ganze der Gesellschaft als soziale Organismen aufzufassen seien. Ebenso wie bei den individuellen Organismen von Menschen, Tieren oder Pflanzen liege auch den sozialen Organismen eine eigene Dynamik zugrunde. Hier wie dort bedeute dies »Wachstum« im Sinne der Vermehrung von Grundelementen oder Bausteinen (z. B. im gesellschaftlichen Bereich: Vermehrung der Bevölkerung), aber auch »Entwicklung« im Sinne einer natürlichen Evolution von niederen zu höheren, von einfachen zu komple‐ xeren Gebilden (in der Gesellschaft: die vielfältigen Zusammenschlüsse kleinerer Einheiten zu größeren sozialen »Geweben« der verschiedensten Art, z. B. der Familien zur Verwandtschaft, der Verwandtschaften zu Sip‐ pen, der Sippen zu Stämmen, der Stämme zu Völkern, der Völker zu Staatengemeinschaften usw.). Schließlich: Wie es im Leben der natürlichen Organismen Steuerungsprogramme gebe, die das Zusammenwirken der einzelnen Elemente und Teile regulieren, so gebe es auch in der Gesellschaft Regulierungen, die dafür sorgten, dass der soziale Organismus überdauere und arbeitsteilige Differenzierungen auf wirtschaftlichem und gesellschaft‐ lichem Gebiet durch Prozesse der Verflechtung und Integration wieder aufgefangen würden. Spencer fasst dies in seiner universalen Weltformel zusammen: »Vom Aggregat zum System« und versteht Soziologie als Studium der Evolution. Daher war er davon überzeugt, dass die beobachtbaren Veränderungen im gesellschaftlichen und politischen Bereich insgesamt als Fortschritt anzuse‐ hen seien und letztlich auf eine vollkommenere und bessere Welt von freien und verantwortungsvollen Individuen hinausliefen. Zwar ließen sich diese evolutionären Vorgänge gedanklich erfassen und unterstützend steuern, doch als Anhänger des Darwinismus hielt es Spencer für eher störend bzw. für weitgehend zwecklos, in die mit jedem Fortschritt im Bereich des Lebens verbundenen Prozesse der natürlichen Auslese (Darwin: »survival of the fittest«) etwa durch sozialpolitische Aktivitäten (z. B. durch Unterstützungs‐ programme für Behinderte, Kranke, Bildungsschwache, Arme, Obdachlose usw.) einzugreifen. Im Gegenteil: Je weniger politische Regulierung und Kontrolle, desto besser. Der gesellschaftliche Organismus bzw. das soziale System sei auch dank der »überragenden Weisheit der Natur« ohne Herr‐ schaft und Zwang denkbar, ja eine liberale Anarchie als Idealzustand sogar wünschenswert. 1.5 Einige Vorväter und Begründer: Soziologie-als Krisenwissenschaft 43 <?page no="44"?> Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Raymond Boudon &-François Bourricaud (1992): Soziologische Stichworte. Ein Handbuch, (Darin »Herbert Spencer«, S. 532-540). Westdt. Verlag: Opladen. Ralf Dahrendorf & Colin Crouch (1980): Herbert Spencer. In Wilhelm Bernsdorf &-Horst Knospe (Hrsg.), Internationales Soziologenlexikon. Band-1, S. 406- 408. Enke: Stuttgart. Michael Kunczik (2020): Herbert Spencer. In Dirk Kaesler (Hrsg.), Klassiker der Soziologie. Bd. 1, S.-92-111. 7. Aufl. Beck: München. Friedrich Jonas (2021b): Geschichte der Soziologie 2, hrsgg. von Stephan Moebius. (Darin Kap. IX »Amerikanische Soziologie unter Einschluß der englischen: Die Gründerväter«, S. 237-257). 3. Aufl. VS: Wiesbaden. 1.5.2.3 Karl Marx Selbst ein kursorischer Überblick über die Soziologiegeschichte kann Karl Marx (1818-1883) als Soziologen nicht unerwähnt lassen. Dabei liegt die Bedeutung von Marx weniger im Gehalt seiner soziologischen (und ökono‐ mischen) Theorien begründet, als vielmehr in deren faktischen Wirkungen auf die soziale und politische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts und in der Faszination, die der Marxismus auf Generationen von Gelehrten und Sozialreformern ausübte. Dies ist wohl nicht zuletzt dadurch erklärbar, dass es nicht ganz einfach ist, den Soziologen Karl Marx von Karl Marx als dem spekulativen Philosophen und rigorosen Moralisten sowie dem sozialistischen Agitator und Propheten der Revolution zu lösen. Wie jeder Denker übernahm auch Marx Vorstellungen anderer und deutete sie, seinen Prämissen folgend, entsprechend um. So entlehnte er von dem Philosophen des deutschen Idealismus Georg Wilhelm Friedrich Hegel das geschichtsphilosophische Konzept, übernahm von dem Staatsrechtler Lorenz von Stein den Klassenbegriff und die Vorstellung der Geschichte als eine Abfolge von Klassenkämpfen und gewann seine volkswirtschaft‐ lichen Überlegungen in Auseinandersetzung mit den Erkenntnissen des englischen Nationalökonomen David Ricardo. Von den Positivisten seiner Zeit unterschied sich Marx dadurch, dass er durchaus noch Sinnfragen stellt und folglich seinen soziologischen Ansatz offen in sein philosophisches System einbettet. Andererseits glaubt er wie sie und die Aufklärer des 18. Jahrhunderts noch fest an eine stetige Entwicklung der Geschichte im Sinne eines linearen Fortschritts. Von den aufstrebenden Naturwissenschaf‐ 44 1 Ansatzpunkte und Grundthemen soziologischen Denkens <?page no="45"?> ten und ihren Erfolgen ebenso fasziniert wie Auguste Comte und andere Denker seiner Zeit suchte auch er nach ähnlichen Gesetzmäßigkeiten in den historischen Abläufen, um die Wandlungen der Gesellschaftsstruktur durch Ursachen-Wirkungs-Zusammenhänge erklären und künftige Entwicklun‐ gen sicher prognostizieren zu können. In der - in Zusammenarbeit mit seinem Freund Friedrich Engels (1820- 1895) entwickelten - Theorie des »historischen Materialismus« stellt Marx das Gedankengebäude Hegels »auf den Kopf« und wählt als analytische Basis die »materiellen« Bedingungen des Lebens. Danach sind die jeweiligen religiösen, ideologischen und politischen Strukturen einer Gesellschaft nur von der Struktur ihrer Basis, d. h. von den Strukturen der materiellen Produktion her einsichtig zu machen und zu verstehen. In anderen Worten: Nicht das Bewusstsein der Menschen prägt ihr Sein, sondern umgekehrt bestimmt ihr gesellschaftliches Sein ihr Bewusstsein. Marx’ Ziel ist von daher die Anbahnung eines permanenten Entideologisierungs- und Selbst‐ aufklärungsprozesses der Gesellschaft. Marx bleibt jedoch nicht bei der bloßen Ideologiekritik stehen, sondern geht noch einen Schritt weiter zur revolutionären Praxis. Demnach ist die Entwicklung der Gesellschaft bestimmt durch einen dialektischen, d. h. in Widersprüchen sich vollziehenden Prozess, der durch ökonomische Faktoren ausgelöst und in seinem Fortgang bestimmt wird: »Diese wirtschaftlichen Faktoren sind die Produktionsmittel und die Produktions‐ formen, die zu den Mitteln gehören. Jedes System wirtschaftlicher Produktion ist zunächst einmal ›richtig‹ für die Produktionsmittel einer bestimmten Zeit und eines bestimmten Ortes und schafft sich seine soziale Ordnung und seinen ganzen ›Überbau‹ von Politik, Recht, Kunst, Wissenschaft, Religion und Philosophie samt dem Selbstverständnis, den Regeln und Sitten der Bevölkerung. Es ist eine ›These‹. Doch schon erscheint die ›Antithese‹ in Gestalt technischen Fortschritts und neuer, besserer Produktionsmittel. Die alten Produktionsformen und die alte soziale Ordnung hindern die Entwicklung der neuen, bis diese stark genug geworden sind, durch eine soziale Revolution die neuen Produktionsmittel einzuführen - und damit eine neue Ordnung wirtschaftlicher Produktion und eine neue soziale Ordnung. Dies ist dann die ›Synthese‹, die im Laufe der weiteren Entwicklung zur ›These‹ wird« (Seger 1970, 40). Die Auseinandersetzung zwischen den alten und den neuen Produktions‐ mitteln wird auf der gesellschaftlichen Ebene im Klassenkampf abgebildet. Die neuen Mittel werden jeweils durch die neu aufgestiegene Klasse ver‐ 1.5 Einige Vorväter und Begründer: Soziologie-als Krisenwissenschaft 45 <?page no="46"?> treten: »Die Handmühle ergibt eine Gesellschaft mit Feudalherren, die Dampfmühle eine Gesellschaft mit industriellen Kapitalisten« (Marx). Ent‐ sprechend formuliert Marx das allgemeine »ökonomische Bewegungsge‐ setz« für sozialen Wandel: »Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen«. Auf die Epoche der Sklaverei folge die der Fronarbeit im Feudalismus und schließlich die Gesellschaftsformation der kapitalistischen Produktionsweise. Für Marx’ Diagnose seiner Zeit bedeutete dies, dass die bürgerliche Ge‐ sellschaft, die »Bourgeoisie« wie er sie voller Verachtung nannte, mit ihrer kapitalistischen Produktion und der Erzeugung eines falschen Bewusstseins die »These« präsentierte, die proletarischen Arbeiter dagegen als »Anti‐ these« die zukünftigen sozialistischen Gesellschaftsformen verhießen. Der soziale Antagonismus zwischen der durch Zentralisation und Konzentration des Kapitals immer kleiner werdenden Klasse der Kapitalisten und der pro‐ portional immer größer werdenden Klasse der immer mehr verelendenden Proletarier polarisiere sich schließlich so, dass nur noch die proletarische Revolution die »Synthese« bringen könne: Das Proletariat übernimmt durch die »Expropriation der Expropriateure« revolutionär die Produktionsmittel, eliminiert die Bourgeoisie und verwirklicht schließlich als letzte der in der Weltgeschichte auftretenden sozialen Klassen die »klassenlose Gesell‐ schaft«. In dieser letztlich »kommunistischen Gesellschaft« wird es nach Marx dann keine Spannungen, keine Klassenbildung und auch keine weite‐ ren Revolutionen mehr geben, da sich diese Gesellschaftsstruktur ständig mit den wechselnden Produktivkräften verändere. Erst dort könne sich das Individuum frei von materiellen und geistigen Zwängen entfalten. Unter der Annahme, der Mensch verhalte sich ebenso berechenbar wie Elemente in der Natur, war Marx davon überzeugt, der historische Ablauf sei ebenso determiniert wie natürliche Vorgänge, für freie menschliche Entscheidung bleibe deshalb wenig Raum. Von daher war er sicher, den naturgesetzlich festliegenden Ablauf der Geschichte erkannt zu haben, d. h. das Bestimmungsziel aller gesellschaftlichen Prozesse vorhersagen zu können. Wir wissen heute, dass die Voraussagen von Marx großteils und gerade in entscheidenden Punkten falsch waren und nicht eingetroffen sind, und zwar nicht nur seine utopischen Prophezeiungen, sondern auch seine kurzfristigen wirtschaftlichen Prognosen. Dennoch liegt die Bedeutung von Marx auch noch für die heutige Soziologie vor allem darin, dass er Fragen 46 1 Ansatzpunkte und Grundthemen soziologischen Denkens <?page no="47"?> aufgeworfen hat, die grundsätzlich immer wieder neu zu stellen und zu untersuchen sind, nämlich: • Inwieweit wirkt sich der gesellschaftliche Standort (= die Klassenlage in der Terminologie von Marx) auf die Art und Struktur des Denkens aus? Kann das Auftreten oder Fehlen bestimmter geistiger Ideen aus gesellschaftlichen Umständen erklärt werden? • Welchen Einfluss nehmen ökonomische Faktoren auf das übrige soziale Geschehen und welche Wechselwirkungen bestehen zwischen Wirt‐ schaft und Gesellschaft bzw. Politik? • Welche Funktionen haben soziale Konflikte in der Gesellschaft? Welche Verlaufsformen entwickeln sie? Wie werden Gesellschaften zusammen‐ gehalten, wenn ihre Teile in dauerndem Konflikt miteinander stehen? Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Raymond Boudon &-François Bourricaud (1992): Soziologische Stichworte. Ein Handbuch. (Darin »Karl Marx«, S. 309-316). Westdt. Verlag: Opladen. Ralf Dahrendorf & Christoph Henning (2020): Karl Marx. In Dirk Kaesler (Hrsg.), Klassiker der Soziologie. Bd. 1, S.-58-91. 7. Aufl. Beck: München. Iring Fetscher (1985): Karl Marx und der Marxismus. Von der Ökonomiekritik zur Weltanschauung. (Darin insbes. S. 16-43). 4. Aufl. Piper: München. Friedrich Jonas (2021a): Geschichte der Soziologie 1, hrsgg. von Stephan Moe‐ bius. (Darin Kap. IV »Gesellschaftslehre des Sozialismus«, S. 187-230), 3. Aufl. VS: Wiesbaden. Oskar Negt (2007): Karl Marx. In Dirk Kaesler &-Ludgera Vogt (Hrsg.), Haupt‐ werke der Soziologie. S. 273-293. 2. Aufl. Kröner: Stuttgart. Karl R. Popper (2003): Die offene Gesellschaft und ihre Feinde. Band-2: Falsche Propheten. Hegel, Marx und die Folgen. 8. Aufl. Mohr (Siebeck): Tübingen. * Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Unterschiede in den Problem‐ stellungen und in den Antwortversuchen bei den Begründern und »Groß‐ vätern« der Soziologie im 19. Jahrhundert - exemplarisch dargestellt anhand der soziologischen Perspektiven von Comte, Spencer und Marx - noch sehr viel größer sind als in der heutigen Soziologie. Unsere etwas saloppe, jedoch nicht respektlos gemeinte Bezeichnung »Großväter der Soziologie« bezieht sich daher eher auf die Gemeinsamkeit des Alters als die der 1.5 Einige Vorväter und Begründer: Soziologie-als Krisenwissenschaft 47 <?page no="48"?> intellektuellen Tradition. Andererseits gibt es aber auch Gemeinsamkeiten, die diese Gründungsphase der Soziologie charakterisieren. Sie sind vor allem in der gemeinsamen Suche nach den Grundlagen des sozialen Wandels, ins‐ besondere nach den Hauptfaktoren der krisenhaften Veränderungsprozesse von der vorindustriellen zur industriellen Gesellschaft zu erkennen. Diese Suche nach der Idee der »natürlichen« Gesetzmäßigkeit aller gesell‐ schaftlichen Dynamik wurde zum typischen Merkmal für die Makrosoziolo‐ gie des 19. Jahrhunderts. Soziologie wurde hierbei je nach Akzent als univer‐ sale Wissenschaft vom gesamtgesellschaftlichen Wandel verstanden. Ihren Ausdruck fand sie dann in den Varianten einer linearen Fortschrittstheo‐ rie oder auch eines evolutionären Fortschrittsglaubens. Denn soviel auch Comte, Spencer oder Marx von »positiven«, »wissenschaftlichen« oder »materialistischen« (was übrigens Marx synonym mit »empirisch« verstan‐ den wissen wollte) Tatsachen sprachen, so war ihre neue Wissenschaft doch vom Ausgangspunkt und vom Ziel her - offen oder versteckt - eher eine Gesellschaftsphilosophie als eine objektive sozialwissenschaftliche Analyse. So sieht man - trotz unstreitig bedeutender Einsichten und Beiträge der soziologischen »Großväter« - viele ihrer Aussagen und Folgerungen als zu einseitige Spekulationen an, »weil sie sich entweder zu stark auf Abstraktion stützen oder irgendwelche natürlichen Charakteristika oder auffallenden Formen in den Vordergrund stellen und alle Beobachtungen diesen Vorstellungen unterordnen« (Barley 1978, 3). Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Volker Kruse (2018): Geschichte der Soziologie. (Darin Kapitel 2 »Soziologie im 19.-Jahrhundert: Comte, Spencer, Marx«, S. 29-73). 3. Aufl. UVK: Konstanz. 1.5.3 Soziologie als Erfahrungswissenschaft: Die-Klassiker zu Beginn des 20.-Jahrhunderts War es das große Verdienst der soziologischen Gründungsväter, die be‐ obachtbare soziale Wirklichkeit als das eigentliche Feld des soziologischen Forschens bestimmt zu haben, so war es einer neuen Generation von Sozialwissenschaftlern vorbehalten, die Dimensionen und Grenzen dieses Feldes auf erfahrungswissenschaftlicher Grundlage inhaltlich und metho‐ disch präziser zu bestimmen. Diese gemeinhin als »Klassik der Soziologie« bezeichnete Epoche begann mit dem Ende des 19. Jahrhunderts und ging 48 1 Ansatzpunkte und Grundthemen soziologischen Denkens <?page no="49"?> schon in den Zwanzigerjahren des letzten Jahrhunderts zu Ende. Dies hing zusammen mit dem Ausbruch des 1. Weltkriegs und den unglücklichen Folgen nationaler Isolierungen sowie mit der bei allen akademischen Dis‐ ziplinen üblichen Herausbildung von meist an bestimmten Denktraditionen bzw. deren Protagonisten orientierten wissenschaftlichen »Schulen«, die sich auf verschiedene Theorien oder methodische Positionen versteiften und sich auch teilweise (bis heute noch) entschieden »bekämpften«. Als wichtigste Vertreter der klassischen Periode der Soziologiegeschichte sind hier-- zumindest im europäischen Raum-- vor allem zu nennen: • Max Weber (1864-1920), • Georg Simmel (1858-1918), • Vilfredo Pareto (1848-1923) und • Émile Durkheim (1858-1917). Überblickt man das Lebenswerk dieser soziologischen Klassiker am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts, so ist kennzeichnend, dass diese Autoren zunehmend klarere Vorstellungen über die tatsächlichen the‐ oretischen und methodischen Schwierigkeiten gewannen, die komplizierten Verwicklungen und Verflechtungen innerhalb sozialer Gruppen oder gar ganzer Gesellschaften zu entwirren, sich aber dennoch ohne Illusionen auf dieses gewagte Forschungsabenteuer einließen. In ihrer Zeit entstand die Soziologie als eine echte Wissenschaft von der Gesellschaft, konzipiert als Erfahrungswissenschaft, die auf Beobachtung, systematischem Vergleich und Experiment aufbaut. Wenn auch die Soziologie damals noch kaum als eigenständiges Fach an den Universitäten gelehrt wird, sondern meist in Verbindung mit Nationalökonomie, Staatswissenschaften oder Pädagogik in Erscheinung tritt, so wird mit dieser »klassischen« Periode doch die allmähliche universitäre Verortung und Institutionalisierung der Soziologie zumindest vorbereitet. Für ihre Vertreter bedeutete dies u.-a., dass sie nicht mehr wie die früheren soziologischen Denker »sich als freie Schriftsteller und Privatgelehrte allein gegen die ganze Welt stellen mussten« (Seger 1970, 58), sondern in ihrer Forschung und Lehre auch einen gewissen akademischen Rückhalt fanden. Und noch etwas wird für die Soziologen dieser Generation charakteris‐ tisch: Sie wenden sich nicht nur den notwendigen erkenntnistheoretischen und methodologischen Problemen zu, sondern sie befassen sich auch sehr eingehend mit den aktuellen sozialen Fragen ihrer Zeit: z. B. mit dem Problem der Armut (Simmel), der sozialen Lage der Landarbeiter, den 1.5 Einige Vorväter und Begründer: Soziologie-als Krisenwissenschaft 49 <?page no="50"?> Produktionsbedingungen in den Webereien oder auch - grundsätzlicher - mit dem Zusammenhang zwischen protestantischer Religion und kapital‐ istischer Wirtschaftsgesinnung (Weber), mit der Rolle der Eliten in der Gesellschaft (Pareto) oder etwa mit möglichen sozialen Einflüssen auf die Selbstmordraten (Durkheim). Diese Autoren beschränkten sich jetzt darauf, konkrete Aussagen über die soziale Wirklichkeit zu machen und wandten sich somit der Erforschung des sozialen Alltags zu, statt von irgendeinem fiktiven Punkt aus allumfassende Theorien über gesellschaftliche Strukturen und Entwicklungen zu wagen und nicht minder vage Prognosen in eine ferne Zukunft zu formulieren. Dadurch gewann der Einzelne nicht als »reines« Individuum (denn dies ist ja der Forschungsgegenstand der Psychologie), sondern in Verbindung mit anderen als sozial und kulturell geprägte Persönlichkeit, auch verstärkt soziologische Beachtung. Neben der Frage, was für die verschiedenartigen sozialen Gebilde, Gewebe und Verflechtungen konstitutiv wird - also der immer wieder neu gestellten Frage nach dem Rätsel des sozialen Zusammen‐ halts und seinen zwischenmenschlichen Variationen - erregte das besondere Interesse der Klassiker die Frage nach den wichtigsten Kennzeichen des sozialen Handelns des Menschen, gleichsam verstanden als kleinste soziale Einheit oder molekularer Baustein des Sozialen. 1.5.3.1 Max Weber Für Max Weber ist das soziale Handeln des Individuums deutlich und »subjektiv sinnvoll« auf einen anderen Menschen bezogen: ein Mensch, der einem anderen Menschen Hilfe suchend oder liebend begegnet; ein Mensch, der einen anderen übervorteilt oder an ihm feindselig seine Aggressionen abreagiert; ein Mensch, der einem anderen über die Ladentheke hinweg eine Ware verkauft oder ihn am Büroschalter berät; einer, der auf ein Podium steigt, sich den Hörern zuwendet und zu ihnen spricht oder einer, der sich an den dort befindlichen Flügel setzt und dem versammelten Publikum Beethovens »Pathétique« interpretiert. Aber: »Nicht jede Art von Berüh‐ rung von Menschen ist sozialen Charakters, sondern nur ein sinnhaft am Verhalten des anderen orientiertes eigenes Verhalten. Ein Zusammenprall zweier Radfahrer z. B. ist ein bloßes Ereignis wie ein Naturgeschehen. Wohl aber wären ihr Versuch, dem anderen auszuweichen, und die auf den Zusammenprall folgende Schimpferei, Prügelei oder friedliche Erörterung ›soziales Handeln‹« (Weber 1984, 19). 50 1 Ansatzpunkte und Grundthemen soziologischen Denkens <?page no="51"?> Nach Weber, dessen Soziologie auch »Verstehende Soziologie« genannt wird, erfassen wir das soziale Handeln eines anderen, wenn wir es auf eigene seelische Erlebnisse und Erfahrungen beziehen. (Von daher wird Weber ge‐ legentlich auch unter die »psychologistischen« Soziologen eingereiht, - eine Etikette, die seinem Gesamtwerk jedoch nicht gerecht wird.) Doch wenn dieses Verstehen auch mehr oder weniger »psychologisch« evident ist, ist es noch nicht unbedingt empirisch gültig. Die evidenteste Interpretation muss nicht zwangsläufig auch die richtige sein. Wahrscheinlichkeit und Wahr‐ heit sind nicht notwendigerweise deckungsgleich. Indem Weber deshalb die geisteswissenschaftliche Methode des Verstehens mit der naturwissen‐ schaftlichen Logik des Erklärens verknüpft, will er - einem Gedankengang Heinrich Rickerts folgend - die »Besonderheit« und »Objektivität« der Soziologie begründen (vgl. Bernsdorf 1980). Da es für die Soziologie leider kein unmittelbares Erfassen ihrer Ge‐ genstände und auch keine Möglichkeit zur Bestimmung eindeutiger Ursa‐ che-Wirkungs-Zusammenhänge gibt, will Weber die Gültigkeit des Verste‐ hens und Erklärens mit Hilfe des sogenannten »Idealtyps« überprüfen. Der Idealtyp ist bei ihm ein konstruierter Begriff, eine gedanklich zugespitzte, überprägnante Idee, die aus der Komplexität der Wirklichkeit einige konsti‐ tutiv erscheinende Faktoren als »rein« ausgeprägte hervorhebt, sie also im logischen (nicht unbedingt auch im moralischen) Sinne »ideal« erscheinen lässt, wobei störende und widersprüchliche Aspekte ignoriert werden. Beim Idealtyp handelt es sich also primär um einen heuristischen Begriff, der ge‐ wonnen wird »durch einseitige Steigerung eines oder einiger Gesichtspunkte und durch Zusammenschluß einer Fülle von diffus und diskret, hier mehr, dort weniger, stellenweise gar nicht vorhandenen Einzelerscheinungen, die sich jenen einseitig herausgehobenen Gesichtspunkten fügen, zu einem in sich einheitlichen Gedankengebilde« (Weber 1968, 235). Indessen sind die konstruktiven Begriffe der Soziologie für Weber nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich idealtypisch, so dass das reale so‐ ziale Handeln in den meisten Fällen »in dumpfer Halbbewußtheit oder Unbewußtheit seines ›gemeinten Sinns‹« (Weber 1984, 18) verläuft. Die richtige ursächliche Erklärung eines konkreten Handelns bedeutet also, dass der äußere Ablauf und das zugrunde liegende innere Motiv in ihrem Zusammenhang sinnhaft verständlich erkannt werden. Hierfür entwickelt Weber folgende Typologie des sozialen Handelns: 1.5 Einige Vorväter und Begründer: Soziologie-als Krisenwissenschaft 51 <?page no="52"?> • beim zweckrationalen Handeln wird der eigene Zweck des handelnden Individuums gegenüber den Mitteln rein vernunftmäßig abgewogen; • beim wertrationalen Handeln wird der Handelnde motivisch von einem irrational gesetzten Wert bestimmt; • beim affektuellen Handeln sind Ziel und Verlauf des Handelns Ergeb‐ nisse augenblicklicher Gefühle und Stimmungslagen; • beim traditionalen Handeln schließlich beruht das Verhalten auf »ein‐ gelebten Gewohnheiten« und irrationalen Überlieferungen. Entsprechend wird bei Weber die Soziologie zu einer »Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und seinen Wirkungen ursächlich erklären will« (Weber 1984, 5). Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Raymond Aron (2018): Hauptströmungen des soziologischen Denkens. 2. Band. (Darin »Max Weber«,). Kiepenheuer &-Witsch: Köln. Hans Norbert Fügen (1992): Max Weber mit Selbstzeugnissen und Bilddoku‐ menten. Rowohlt: Reinbek. Dirk Kaesler (2020): Max Weber. In Dirk Kaesler, Klassiker der Soziologie. Bd. 1, S.-206-229. 7. Aufl. Beck: München. Hermann Korte (2011): Einführung in die Geschichte der Soziologie. (Darin »Der Mythos von Heidelberg: Max Weber«, S. 97-116). 9. Aufl. VS: Wiesba‐ den. Volker Kruse (2018): Geschichte der Soziologie. (Darin Kapitel 3.5 »Max Weber«, S.-138-163). 3. Aufl. UVK: Konstanz. 1.5.3.2 Georg Simmel Auch in Georg Simmels theoretischem Ansatz stehen im Mittelpunkt des soziologischen Interesses die Prozesse des sozialen Handelns. Soziales Han‐ deln verbindet die Individuen in typischer Weise untereinander und erzeugt wechselseitige Beziehungen, die zu unterschiedlichen sozialen Gebilden kristallisieren können. Hierbei vermischt Simmel bewusst die »subjektive« mit der »objektiven« Bedeutung von sozialen Handlungen und sucht vor‐ rangig nach »Typen« oder »Klassen« von Beziehungsformen, unabhängig davon, welche Bedeutung die handelnden Menschen diesen zeitlosen »For‐ men der Vergesellschaftung« beimessen. 52 1 Ansatzpunkte und Grundthemen soziologischen Denkens <?page no="53"?> Gleich, was die Menschen miteinander verbindet oder was sie voneinan‐ der abstößt, wie sie sich aufeinander einstellen, sich miteinander einlassen, aufeinander zugehen oder miteinander streiten, - die gleichen formalen Beziehungsformen sind in allen sozialen Verbänden, ob familiärer, religiöser, politischer, wirtschaftlicher oder militärischer Art nachweisbar. Simmel wird von daher zum Begründer einer »formalen Soziologie«, die als ihren Gegenstand nur die zwischenmenschlichen Beziehungen wie Über- und Unterordnung, Konkurrenz, Streit, Nachahmung, Parteibildung, aber auch Neid, Eifersucht u.-Ä. anerkennt und gelten lässt. Soziales Handeln und damit Gesellschaft ist bei Simmel schlechterdings »überall da existierend, wo mehrere Individuen in Wechselwirkung treten«. Von daher wird bei ihm (in seinem 1908 zuerst erschienenen und 2013 in 7. Auflage neu gedruckten grundlegenden Werk »Soziologie - Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung«) die soziale Gruppe auch zum konstitutiven Element der Soziologie. Wie kein anderer vor ihm unterzieht er diese auch feinsinnigen qualitativen und vor allem auch quantitativen Detailanalysen, von denen die zeitgenössische Soziologie noch heute profi‐ tiert. Dies gilt insbesondere auch für seine dort aufgenommene klassische Studie des »Streits« als einer Form sozialen Handelns, die ihn zu einem Begründer der modernen soziologischen Konflikttheorie werden ließ. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Werner Jung (2016): Georg Simmel zur Einführung. 2. Aufl. Junius: Hamburg. Uwe Krähnke (2020): Georg Simmel. In Dirk Kaesler (Hrsg.), Klassiker der Soziologie. Bd. 1, S.-147-164. 7. Aufl. Beck: München. Otthein Rammstedt (2007): Georg Simmel. In Dirk Kaesler &-Ludgera Vogt (Hrsg.), Hauptwerke der Soziologie. S. 389-407. 2. Aufl. Kröner: Stuttgart. Georg Simmel (2013): Exkurs über das Problem: Wie ist Gesellschaft möglich? In Ders., Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Vergesellschaftung. S. 29-41. 7. Aufl. (zuerst 1908). Duncker & Humblot: Berlin. 1.5.3.3 Vilfredo Pareto Anders als in der Vorstellung von Weber betont der italienische Soziologe Vilfredo Pareto in seinem theoretischen Ansatz die irrationalen und nicht-lo‐ gischen Quellen des menschlichen Verhaltens. Er sieht das soziale Handeln überwiegend von Gefühlen und Glaubensvorstellungen her bestimmt, wobei 1.5 Einige Vorväter und Begründer: Soziologie-als Krisenwissenschaft 53 <?page no="54"?> das Individuum sich solcher irrationalen Wurzeln des Handelns meist nicht bewusst ist, sondern vielmehr von der »Wahrheit« der überformenden Sinn‐ gebungen und der »Logik« seiner Rationalisierungen überzeugt scheint. Pareto erklärt »den geringen Grad von Folgerichtigkeit in der Praxis des sozialen Lebens aus dem großen Einfluß von Residuen (Überbleibseln) und Derivationen (Ableitungen). Jene äußern sich in Instinkten, Gefühlen und dem, was die heutige Psychiatrie ›Komplexe‹ nennt; Derivationen sind die Ideologien, die mehr in Einklang mit den Residuen als mit Erfahrung und Logik stehen« (v. Wiese 1954, 100). »Residuen« sind somit relativ stabile Antriebskräfte und Motivstrukturen, »Derivate« eher variable Ausdrucks‐ formen von Meinungen und Alltagstheorien. Unter diesen Voraussetzungen sieht er das soziale Handeln als einen Vorgang an, der bestimmt ist von Gewohnheiten, Interessen, aber auch von Leidenschaften und Gefühlen, die zwar beobachtbar und messbar sind, denen jedoch eigentlich erst im Nachhinein ein bestimmter Sinn und eine Rechtfertigung unterlegt wird. »Am Beispiel eines beliebigen, wohlerzogenen Mannes, der einen Salon betritt, seinen Hut abnimmt, einige Worte spricht und bestimmte Bewegungen ausführt, entwickelt Pareto so wesentliche Variablen seiner Analyse. Denn wenn man diesen Mann nach dem Warum seines Verhaltens fragte, so könnte er nur erwidern: das ist so Brauch. Man kann leicht zeigen, dass er sich ganz analog in zahllosen Situationen verhält, die gesellschaftlich von viel weitreichenderer Bedeutung sind« (Eisermann 1973, 28). Die sozial überwiegend nicht-logisch handelnden Individuen werden ge‐ sellschaftlich und politisch von einer Machtelite zusammengehalten, wobei in Anlehnung und Überwindung der älteren Analogie von Gesellschaft und Organismus (z. B. bei Spencer) Pareto die Vorstellung von der Gesellschaft als einem dynamischen System entwickelt, das sich im Gleichgewicht hält oder zumindest immer wieder zum Gleichgewicht tendiert, - eine Vorstel‐ lung, die dann von der modernen Systemtheorie wieder aufgenommen wurde und auf die wir später noch zu sprechen kommen (vgl. Abschnitt 3.2). Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Raymond Aron (1971): Hauptströmungen des soziologischen Denkens. 2. Band. (Darin »Vilfredo Pareto«, S. 96-175). Kiepenheuer &-Witsch: Köln. Maurizio Bach (2020): Vilfredo Pareto. In Dirk Kaesler (Hrsg.), Klassiker der Soziologie. Bd. 1, S.-112-131. 7. Aufl. Beck: München. 54 1 Ansatzpunkte und Grundthemen soziologischen Denkens <?page no="55"?> Raymond Boudon &-François Bourricaud (1992): Soziologische Stichworte. Ein Handbuch. (Darin »Vilfredo Pareto«, S. 385-392). Westdt. Verlag: Opladen. Vilfredo Pareto (2007): Ausgewählte Schriften. Hrsgg. von Carlo Mongardini. (Darin Carlo Mongardini: »Paretos Soziologie um die Jahrhundertwende«, S. 15-72). VS: Wiesbaden. 1.5.3.4 Émile Durkheim Der französische Soziologe Émile Durkheim, der übrigens als erster Sozio‐ loge überhaupt 1896 in Bordeaux einen eigens eingerichteten Lehrstuhl für Soziologie und Pädagogik erhielt und dann ab 1902 an der Sorbonne in Paris lehrte, betont schließlich - ähnlich wie Simmel - die Bedeutung der Gruppe bzw. des Kollektivs für das soziale Handeln. Er will das soziale Handeln wie »Tatsachen« betrachten, die außerhalb des Individuums liegen, eine »Wirklichkeit eigener Art« darstellen und als Ausdruck »kollektiver Vorstellungen« von äußeren Zwängen, Verpflichtungen, Geboten, Sitten u. Ä. bestimmt werden: »Weit davon entfernt, ein Erzeugnis unseres Willens zu sein, bestimmen sie ihn von außen her; sie bestehen gewissermaßen aus Gussformen, in die wir unsere Handlungen gießen müssen« (Durkheim 1961, 226). Durch die mehr oder weniger von außen auferlegten Zwänge wird soziales Handeln zu einem »soziologischen Tatbestand« (»fait social«). Da er davon ausgeht, dass sich gesellschaftliche Vorgänge nicht auf individualpsychologische Phänomene reduzieren lassen und er vielmehr »Soziales nur durch Soziales erklären« will, legt er dem Sozialen ein solches Gewicht bei, dass er sich dem Vorwurf des »Soziologismus«, d. h. der einseitigen Betonung der gesellschaftlichen Bedingtheit und Abhängigkeit menschlichen Denkens und Handelns, ausgesetzt sah. Für Durkheim ist eine soziale Gruppe oder auch die Gesellschaft immer mehr als die Summe ihrer Teile, d. h. mehr als die Summe ihrer individuellen Mitglieder. Dieses »Mehr« bezeichnet er als »kollektives Bewusstsein«, das zugleich so etwas wie das Gewissen der Gruppe ist und sich als eine mora‐ lische, sittliche oder religiöse Kraft niederschlägt, die in ihren Wirkungen deutlich bei den Individuen der jeweiligen Gruppe (z. B. im Bereich der Sozialisation und Erziehung) nachweisbar sei. Die gesellschaftliche Entwicklung folgt nach Durkheim einer sozialen Evolution, die von der auf der Gemeinsamkeit von Ideen, Gefühlen und Traditionen beruhenden »mechanischen Solidarität« der Menschen in einfa‐ 1.5 Einige Vorväter und Begründer: Soziologie-als Krisenwissenschaft 55 <?page no="56"?> cheren Gesellschaften sich zu einer »organischen Solidarität« der Menschen in zivilisierten und industrialisierten Gesellschaften gewandelt habe und die hier vor allem auf der hoch entwickelten Arbeitsteilung, der weitgehenden Differenzierung der Persönlichkeiten und dem Vorherrschen vertraglicher Beziehungen beruhe. Die Erschütterung eines bestehenden Systems durch Gruppen, von denen man nicht weiß, welche Ziele sie verfolgen sowie den Zusammenbruch der bisherigen Gruppenmoral und sozialen Ordnung, also ein Zustand der gesellschaftlichen Kontroll- und Rechtlosigkeit, nennt Durkheim »Anomie«. Deren differenziertes Ausmaß versucht er dann exemplarisch anhand von Selbstmordraten in seiner Theorie des Selbstmords (Le Suicide, 1897) empi‐ risch zu belegen und zu klassifizieren. Aus Überidentifikation mit Systemnormen kann so ein altruistischer Selbstmord resultieren, der am häufigsten in einfachen Gesellschaften und vorindustriellen Hochkulturen auftritt, wo sich das Individuum dem Kollektiv noch besonders stark verpflichtet fühlt. Der egoistische Selbstmord ist dagegen eher für die moderne Gesellschaft typisch, da in ihr bei hochgra‐ diger Subjektivierung der Bindungen die kollektiven Integrationsleistungen relativ schwach ausgeprägt sind. Der anomische Selbstmord (wie auch der fatalistische, den Durkheim allerdings nicht weiter behandelt) weist dagegen auf einen Zusammenbruch bisheriger Regelungen und sozialer Orientierungen hin, wie dies etwa bei wirtschaftlichen Depressionen oder bei Umbrüchen gesellschaftlich-politischer Systeme zu beobachten ist: Die bislang verlässliche Ordnung gilt nicht mehr und eine neue, sozial verbind‐ liche Regulation ist noch nicht installiert, - Zustände, wie sie beispielsweise beim Zusammenbruch der sozialistisch-kommunistischen Ostblockstaaten in den 1990er-Jahren zu beobachten waren. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Raymond Aron (1971): Hauptströmungen des soziologischen Denkens. 2. Band. (Darin »Émile Durkheim«, S. 19-95). Kiepenheuer &-Witsch: Köln. Heike Delitz (2013): Émile Durkheim zur Einführung. Junius: Hanburg. Dirk Kaesler (Hrsg.) (2020): Klassiker des soziologischen Denkens. Bd. 1 (Darin: Hans-Peter Müller »Émile Durkheim«, S. 165-186). 7. Aufl. Beck: München. * 56 1 Ansatzpunkte und Grundthemen soziologischen Denkens <?page no="57"?> Der knappe Exkurs in die Soziologiegeschichte zeigt uns, dass Soziologie in der Krise der modernen Gesellschaft ihren Ausgang genommen hat: In den tiefgreifenden Wandlungsprozessen und rapiden Veränderungen, die in den letzten zwei bis drei Jahrhunderten vor allem die industrialisierten westli‐ chen Gesellschaften erfasst haben und sich auf unseren Alltag unmittelbar oder mittelbar auswirken. Dazu gehören alle Merkmale der modernen sozia‐ len Welt, wie die atemberaubenden wissenschaftlichen und technologischen Umbrüche, die gravierenden und folgenschweren Veränderungen unserer Arbeitswelt, die Art und Weise des Wohnens in zunehmend urbanisierten Umwelten, die Tendenzen zur umfassenden Informationsvernetzung und ökonomischen Globalisierung, der Zusammenbruch alter und das Aufkom‐ men neuer politischer Systeme, aber auch die neuen Herausforderungen durch zu Ende gehende natürliche Ressourcen und durch Energiekrisen usw. All diese immensen Veränderungen erfassen auch die sozialen Subsysteme und Institutionen und wirken fort bis hinein in unsere private Lebensfüh‐ rung. Insofern wird Soziologie auch zu Recht als »Krisenwissenschaft« oder »Gegenwartswissenschaft« bezeichnet, da sie vor allem moderne, d. h. industrialisierte Gesellschaften mit ihren vielfältigen Wandlungsprozessen und deren Folgen systematisch analysiert. Im Laufe unserer weiteren Überlegungen werden wir immer wieder bestimmten Grundgedanken und theoretischen Perspektiven der Klassiker der modernen Soziologie begegnen. Die knappen Skizzen zu ihrem mehr oder weniger unterschiedlichen Verständnis von »sozialem Handeln« wie beispielsweise die wichtige Unterscheidung zwischen beabsichtigten, sozial »sinnhaften« und unbeabsichtigten Resultaten menschlichen Handelns und Verhaltens bei Max Weber sollten dabei zeigen, wie die Gründungsväter der modernen Soziologie dieses Konzept auch als Schlüssel zum Verstehen gesellschaftlicher Vorgänge und Zusammenhänge, gewissermaßen als Ba‐ siskategorie des Sozialen überhaupt begriffen. Damit haben diese Autoren das Interesse an den Grundelementen des Gesellschaftlichen zu wecken verstanden, an die sich seither die Forschung aus den verschiedensten Richtungen - fantasievoll und distanziert von vorgeformten Ideen und pauschalen Vorurteilen - heranzutasten sucht und dabei immer wieder zu neuen Entdeckungen und Befunden gelangt. Die wesentlichen Gesichtspunkte der unterschiedlichen Akzentuierun‐ gen und teilweise differierenden Perspektiven unserer Klassiker lassen sich etwas vereinfacht auch grafisch darstellen. Dies soll uns im Hinblick auf ihre 1.5 Einige Vorväter und Begründer: Soziologie-als Krisenwissenschaft 57 <?page no="58"?> zentralen und basalen Konzepte des »Sozialen« zur zusammenfassenden und abschließenden Anschauung dienen: Weber Simmel Pareto Durkheim Individuelles Verhalten und Handeln, das wesentlich bestimmt wird von »irrationalen« und unbewussten sozialen Faktoren. Soziales Handeln, das subjektiv sinnhaft auf den anderen bezogen ist. In typischer Form wiederkehrende soziale Wechselwirkungen (Prototyp: Beziehungen in der sozialen Gruppe). Soziales Handeln als durch kollektives Bewusstsein vermittelter soziologischer Tatbestand (»fait social«). Abb. 2: Die kleinsten sozialen Einheiten nach Weber, Simmel, Pareto und Durkheim (nach Seger 1970, 60; eigene Darstellung) 58 1 Ansatzpunkte und Grundthemen soziologischen Denkens <?page no="59"?> 2 Mensch und Gesellschaft 2.1 Der Mensch-- gesellschaftliches Wesen oder Individuum: die falsche Alternative Wenn man Soziologie betreibt und über die Menschen nachdenkt, die sich durch »soziales Handeln« zu Gruppen und Gesellschaften zusammenschlie‐ ßen oder sich gegenseitig mit vielfältigen Mitteln und in den verschieden‐ sten Ausdrucksformen bekämpfen, muss man sich fragen: • Wie sieht die Soziologie den Menschen? • Wie sieht sie die Beziehungen zwischen Individuum, sozialer Gruppe und Gesellschaft? • Worin unterscheidet sich das soziologische Menschenbild von anderen Definitionen und Sichtweisen? Wie wir bereits gesehen haben (vgl. Abschnitt 1.2), besitzen wir ja alle bestimmte Vorstellungen von der Beschaffenheit des Menschen. Ausgehend von der Annahme bestimmter psychischer Eigenschaften und der Unter‐ stellung bestimmter Motive, deuten wir einmal den Menschen als ein vernunftbegabtes, aus freiem Willen handelndes Individuum oder vermuten ein anderes Mal, der Mensch sei durch seine Erbanlagen sowie durch Rasse, Geschlecht und Instinkte vorprogrammiert oder auch durch sein Milieu mehr oder weniger ausschließlich determiniert. Auch die Diskussion des Begriffs »soziales Handeln« bei den Klassikern hat gezeigt, dass die Soziologie im Hinblick auf die Erkenntnis der mensch‐ lichen Natur in einer schwierigen und nicht widerspruchsfreien Lage ist. Besonders in der älteren Soziologie haben entsprechende Abgrenzungsver‐ suche vielfach zu weitreichenden philosophischen Auseinandersetzungen geführt, in deren Folge oft genug überhaupt die Berechtigung einer sozio‐ logischen Betrachtungsweise der Person in Frage gestellt wurde. In krasser Entgegensetzung von »Person« und »Gesellschaft«, »Individuum« und »Gemeinschaft«, »Ich« und »Kollektivität« stand auf der einen Seite das Individuum im Vordergrund, das außer- oder übersozial begriffen wurde - wie z. B. bei dem psychologisch orientierten Sozialphilosophen Wilhelm Dilthey, (1833-1911), der sich über die Soziologie eher abfällig äußert und von der »weltlichen Innerlichkeit« eines »unabhängigen, von den historischen Umständen nicht mehr gebundenen Menschen« spricht. In <?page no="60"?> radikalem Gegensatz hierzu wurde auf der anderen Seite die Gruppe oder die Gesellschaft hervorgehoben, deren Mitglieder als Teile des größeren Ganzen im »Sozialen« aufgelöst erschienen - so etwa bei Diltheys Zeitgenossen Ludwig Gumplowicz (1838-1909), der die »Annahme, der Mensch denke« als »größten Irrtum der individualistischen Psychologie« bezeichnet und sich dabei zur folgenden überspitzten, gewissermaßen »soziologistischen« Behauptung versteigt: »Aus diesem Irrtum ergibt sich dann das ewige Suchen der Quelle des Denkens im Individuum und der Ursachen, warum es so und nicht anders denke … Es ist das eine Kette von Irrtümern: Denn erstens, was im Menschen denkt, das ist gar nicht er - sondern seine soziale Gemeinschaft; die Quelle seines Denkens liegt gar nicht in ihm, sondern in der sozialen Umwelt, in der er lebt, in der sozialen Atmosphäre, in der er atmet. Und er kann nicht anders denken als so, wie es aus den in seinem Hirn sich konzentrierenden Einflüssen der ihn umgebenden sozialen Umwelt mit Notwendigkeit sich ergibt« (Gumplowicz 1885, zit. n. René König 1970, 242). Spätere Soziologen wie etwa der Franzose Émile Durkheim (1856-1917) oder der Amerikaner James Baldwin (1860-1934) haben solche sachlich unangemessenen und auch empirisch nicht belegbaren Absolutsetzungen »psychologistischer« oder »soziologistischer« Art jedoch wieder zurecht‐ gerückt. Sie betonten, dass die Vorstellungen in unserem Bewusstsein teils auf die konkreten Gegebenheiten unseres Selbst, teils auf die uns umgebende Gesellschaft gerichtet sind. Indem sie darauf hinwiesen, dass der Mensch sowohl eine individuelle als auch eine soziale Seite hat, machten sie klar, dass die scheinbar kontroversen Begriffe Individuum und Gesellschaft komplementär zu verstehen sind: Der Mensch stellt einerseits ein kleines Stück Gesellschaft dar, während die Gesellschaft andererseits aus Individuen besteht, die in ihr wirken und sie teils bewahren, teils verändern. So gibt es ebenso wenig ein Individuum ohne Gesellschaft wie eine Gesellschaft ohne Individuen. Diese Betrachtungsweise hat sich auch in der modernen Soziologie weit‐ gehend durchgesetzt, wobei das Forschungsinteresse natürlich primär den sozialen Einflüssen gilt, denen ein Individuum ausgesetzt ist und die es mit vielen anderen teilt. Eben dies ist ja die eigentliche soziologische Perspektive und die Entwicklung eines solchen Deutungssystems die besondere Aufgabe der Soziologie. Von daher betrachtet die Soziologie selbstverständlich immer nur einen bestimmten Ausschnitt aus dem Gesamt der »Wirklichkeit«, 60 2 Mensch und Gesellschaft <?page no="61"?> doch ist es wichtig, dass sich eine Wissenschaft auch dieser Realität zuwendet. Mit anderen Worten: Alle Sozialwissenschaften befassen sich mit menschlichem Handeln und Verhalten, doch konzentrieren sie sich dabei auf verschiedene Aspekte. Entsprechend gibt es dann auch konkurrierende Erklärungssysteme und Auffassungen vom Menschen (sowie dementspre‐ chend unterschiedliche Perspektiven auf das formal gemeinsame Erkennt‐ nisobjekt »Gesellschaft«), die per definitionem gleichfalls ausschnitthaft, eben beispielsweise psychologischer, pädagogischer, philosophischer oder theologischer Natur sind. Während aber der Philosoph nach dem Wesen des Menschen fragt, der Theologe den Menschen im Zusammenhang mit einem letzten Prinzip (Gott) zu verstehen sucht oder der Psychologe sich auf die Bewusstseinsstrukturen des Menschen konzentriert, interessiert sich der Soziologe für das Zwischenmenschliche, für das soziale Beziehungsge‐ füge und die wechselseitigen Orientierungsmuster, die ganz verschiedene Individuen ziel- und zweckgerichtet miteinander handeln lassen. Allerdigs muss diese Grundperspektive nicht ausschließen, dass der eine Soziologe beispielsweise eher eine optimistischere, der andere eher eine pessimistischere Akzentuierung oder Grundierung seines gesellschaftlichen Erkenntnismaterials vornimmt. Solche Prämissen oder erkenntnisleitenden Interessen beruhen jedoch auf vorbzw. außerwissenschaftlichen Wertentscheidungen wie z. B. der grundsätzlichen Weltanschauung oder der politischen Philosophie des jeweiligen Autors und sollten aus wissenschafts‐ theoretischer Sicht auch offen gelegt werden. So kann es sein, dass der eine Soziologe vor allem die Entscheidungs‐ spielräume des Individuums, d. h. dessen Möglichkeiten für autonome und kreative Selbstverwirklichung für vorrangig hält und die »ärgerliche Tatsache Gesellschaft« als eine Bedrohung der individuellen Freiheit und Selbständigkeit versteht, ein anderer Soziologe dagegen primär die Gesell‐ schaft als Ganzes im Blickfeld hat, deren Ordnung und Stabilität-- in Form von »Strukturen und Funktionen« - durch die persönliche Willkür einzelner Mitglieder nicht zu sehr beeinträchtigt werden sollte. Für die erstgenannte, konflikttheoretisch geleitete Position steht zum Beispiel der, dem politischen Liberalismus verpflichtete deutsch-britische Soziologe Ralf Dahrendorf (1929-2009), für die alternative Orientierung dagegen der eher konservative amerikanische Soziologe Talcott Parsons (1902-1979), der als Vater der sogenannten »strukturell-funktionalen Theorie« gilt. Beide Theorien gelten inzwischen als basale soziologische Paradigmen und werden später-- noch 2.1 Der Mensch-- gesellschaftliches Wesen oder Individuum: die falsche Alternative 61 <?page no="62"?> ergänzt durch das dritte Paradigma des »Symbolischen Interaktionismus« - im Einzelnen vorgestellt. Derartige theoretische Prämissen bzw. Paradigmen haben insofern Folgen für die konkrete Analyse, als der eine Soziologe beispielsweise die gesell‐ schaftliche Wirklichkeit dann eher mit Begriffen wie Herrschaft, Macht oder Zwang zu erfassen meint und den hierdurch ausgelösten sozialen Span‐ nungen und Interessenkonflikten unter den Menschen mehr Aufmerksam‐ keit schenkt (Konflikttheorie), während der andere sozialwissenschaftliche Forscher eher den Konsens der Gesellschaftsmitglieder über die sozialen Spielregeln beachtet und die sozialen Mechanismen untersucht, die dafür sorgen, dass die meisten Menschen in ihren sozialen Gebilden sich auch an diese Regeln halten (strukturell-funktionale Theorie). Doch nochmals: Gleichgültig, welchen Standpunkt ein Soziologe auch einnimmt: das allen Soziologen gemeinsame Interesse gilt den sozialen Kontexten, Umwelteinflüssen und Wirkkräften, die oft auf den ersten Blick überhaupt nicht wahrnehmbar sind, die aber dennoch entscheidend das menschliche Denken und Fühlen, Handeln und Verhalten prägen. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Michael Corsten & Michael Kauppert (Hrsg.), (2013): Der Mensch - nach Rücksprache mit der Soziologie. Campus: Frankfurt/ M. Ralf Dahrendorf (2010): Homo Sociologicus. Ein Versuch zur Geschichte, Be‐ deutung und Kritik der sozialen Rolle. 17. Aufl. VS: Wiesbaden. Urs Jaeggi &-Manfred Fassler (1982): Kopf und Hand. Das Verhältnis von Gesellschaft und Bewußtsein. (Darin besonders Kapitel 2 »Der Mensch: das notwendig soziale Wesen«, S. 17-21 und Kapitel 6 »Das Verhältnis: Indivi‐ duum und Gesellschaft«, S. 35-40). Campus: Frankfurt/ M. René König (1973): Soziologische Orientierungen. 2. Aufl. (Darin das Kapitel »Der Mensch in der Sicht der Soziologie«, S. 29-44). Kiepenheuer & Witsch: Köln. 2.2 Das soziologische Menschenbild oder-»man is not born human« Der aus Wien stammende und in den USA lehrende Religionssoziologe und Sozialtheoretiker Peter L. Berger (1929-2017) verdeutlichte in seiner recht 62 2 Mensch und Gesellschaft <?page no="63"?> anschaulich geschriebenen »Einladung zur Soziologie« unsere sozialwissen‐ schaftliche Perspektive durch einen Vergleich von zwei für das Tier wie den Menschen charakteristischen Situationen: • In der ersten Situation trifft eine hungrige Katze auf eine vorbeihu‐ schende Maus. Da Katzen einen ererbten Instinktapparat haben, muss niemand der Katze erst beibringen, was zu tun ist, um eine Maus zu fangen. Vielmehr ist der durch diese Situation ausgelöste Verhaltensab‐ lauf bereits entsprechend vorprogrammiert. Das Auftauchen der Maus bedeutet für die Katze einen »Reiz«, auf den sie eine fix und fertige »Reaktion« als Antwort parat hat. »Wahrscheinlich«, vermutet Berger, »steckt etwas in der Katze, das, sobald sie eine Maus sieht, unüberhörbar verlangt: Friß, friß, friß. Die Katze faßt nicht etwa den Entschluss, auf ihre innere Stimme zu hören. Sie folgt einfach dem Gesetz ihrer angeborenen Natur und packt die unselige Maus, deren innere Stimme übrigens wahrscheinlich nicht minder unüberhörbar fordert: Lauf, lauf, lauf. Die Katze aber kann nicht anders« (Berger 2017, 109). • In der zweiten Situation kreuzt ein Mädchen den Weg eines Jünglings und erweckt in ihm vielleicht zum ersten Male heftige und leidenschaft‐ liche Gefühle der Zuwendung und Liebe. Zwar gibt es auch hier für den jungen Mann einen Imperativ, den er - wie Berger verschmitzt bemerkt - mit allen jungen Katern, Schimpansen oder Krokodilen gemeinsam hat. Doch für diesen hinreichend bekannten Imperativ inte‐ ressieren wir uns hier nicht, da er den jungen Mann in aller Regel eben nicht erfolgssicher leitet, um seine Angebetete für immer zu besitzen. Im Gegenteil, ein allzu ungestümer und plumper Annäherungsversuch würde wohl auf heftige Widerstände stoßen und das erstrebte Ziel wahrscheinlich endgültig verfehlen lassen (ebenda, 110). Berger zeigt, wie an die Stelle eines beim Tier ererbten primitiven Mecha‐ nismus in der Menschenwelt ein komplexeres Verhaltensprogramm als Katalog gesellschaftlicher Spielregeln tritt. Im Sinne einer sozialen Strategie und Taktik stecken solche Regeln einen verlässlichen Rahmen ab, wie man sich in solchen Fällen zu verhalten hat. Ein solcher sozialer Imperativ ist wiederum sehr stark kulturell abhängig und hat die unterschiedlichsten Ausprägungen, wenn wir etwa an die entsprechenden Gepflogenheiten in der Türkei, bei den Nuba in Afrika, den Eskimos auf Grönland oder irgend‐ einer anderen Kultur denken. Es formuliert auch die Regeln, die einzuhalten sind, wenn beispielsweise im Rahmen unserer Gesellschaft ein junger Mann 2.2 Das soziologische Menschenbild oder-»man is not born human« 63 <?page no="64"?> die Verbindung zu einem Mädchen sucht, wie ein »anständiges« Mädchen darauf zu reagieren hat und wie schließlich eine zwischengeschlechtliche Verbindung in der Institution Ehe als rechtens und dauerhaft angesehen werden soll. Bemerkenswert ist daher, dass zugunsten der Regeln oder Möglichkeiten, die eine Gesellschaft vorschreibt oder erlaubt, alle anderen denkbaren Optionsmöglichkeiten ausgeschlossen werden. Der soziale Im‐ perativ präsentierte in unserer Kultur - zumindest noch zu dem Zeitpunkt, als Berger diese Gedanken niederschrieb - die Formel: »Begehren bedeutet lieben und heiraten. Alles, was unser Mann zu tun hat, ist, die im Programm vorgeschriebenen Schritte nachzuvollziehen … Nur ganz, ganz selten einmal werden wir in die Lage versetzt, neue Typen zu erfinden, uns selbst die Modelle für unser Verhalten zu schaffen« (Berger 2017, 111). Dass nur relativ kurze Zeit nach der 1963 zuerst veröffentlichten Aus‐ gabe von Bergers »Invitation to Sociology. A Humanistic Perspective« - als Folgen der seit den 70er-Jahren einsetzenden Individualisierungs- und sozialstrukturellen Differenzierungsprozesse - tatsächlich solche neuen und zum bisherigen kulturellen Standardprogramm »alternativen« Optionen für Ehe und Familie in unserer Gesellschaft »erfunden« wurden und auch als »innovative« LGBTQ-Lebensformen in den meisten westlich orientierten Gesellschaften inzwischen weitgehend akzeptiert, legalisiert und institutio‐ nalisiert sind, konnte der Autor damals noch nicht voraussehen. Kaum eine Verhaltensweise, die der Mensch benötigt, um am gesellschaft‐ lichen Leben teilzunehmen, kaum eine Strategie, auf Grund der er seine Wünsche verwirklichen kann, werden dem Menschen etwa durch ein erblich verankertes Steuerungsprogramm einfach in die Wiege gelegt. Viel‐ mehr sind nahezu alle menschlichen Verhaltensweisen nach soziologischer Auffassung Ergebnisse von Erfahrungen und Lernprozessen, die das Indivi‐ duum mit seinem jeweiligen genetischen Potential in einem komplizierten Wechselspiel mit seiner Umwelt erwerben muss, - egal, ob es sich um die Art und Weise handelt, sich verständlich zu machen, einander Freude zu bereiten oder Leid zuzufügen oder, wie in Bergers Beispiel, Kontaktwünsche zu signalisieren. Um Missverständnisse bei der Erläuterung ihres Menschenbildes zu ver‐ meiden, sprechen Soziologen daher heute lieber von der »sozialkulturellen Persönlichkeit«, als dass sie den mit philosophischen Wertungen befrachte‐ ten Begriff der »Person« verwenden. In diesem soziologischen Sinne wird der Mensch paradoxerweise auch nicht als »Mensch« geboren, sondern erst dazu »gemacht« (»man is not born human«, Burgess & Locke 1945, 64 2 Mensch und Gesellschaft <?page no="65"?> 213). Zwar ist das Menschsein bei der Geburt als Anlage vorhanden, doch ohne humane Umgebung kann ein neugeborenes menschliches Leben nicht zu dem werden, was seiner Gattung entspricht. Unsere Gene statten uns zwar mit einem in der Regel ungeheuren Potenzial aus; doch wird dies nur zu unserem »Wesen«, wo und soweit wir von diesem Potenzial Gebrauch machen (können). In anderen Worten: Der Mensch muss seine Lebensform, die er in der Kultur der ihn umgebenden Gesellschaft vorfindet, erst in komplexen und vielschichtigen Prozessen erlernen. Oder, um es mit Goethe zu sagen: »Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen.« Bei dieser nach der Geburt beginnenden Phase der gesellschaftlichen »Menschwerdung« geht es nur bedingt um schlicht körperliche Vorgänge. Das Kind spürt zwar körperlich Hunger und Durst, Hitze und Kälte, Licht und Dunkelheit, Behagen und Unbehagen. Doch auch diese frühkindlichen Erfahrungen werden in der Regel von anderen Menschen beeinflusst. Sie stillen beispielsweise Hunger oder Durst in einer ganz bestimmten Form und auf eine ganz bestimmte Weise mit kulturell typischen Nahrungsmitteln und nach kulturell für richtig gehaltenen Zeitplänen. »Auf diese simple Weise drückt die Gesellschaft dem kindlichen Verhalten ihren Stempel auf. Sie reicht bis in das Kind hinein, weil sie die Funktionen seines Magens organisiert hat. Dasselbe gilt natürlich auch für Ausscheidung, Schlaf und andere organische Vorgänge« (Berger &-Berger 1974, 35). In anderen Worten: Ursprünglich offene und unangepasste Impulse, Affekte und Reaktionen des Menschen werden durch die Übernahme sozial-kultureller Elemente (wie Normen, Werte, Sprache, Symbole usw.) überformt. Dies geschieht durch eine starke und in diesem Ausmaß der menschlichen Gattung allein eigentümliche Einbindung in ein Geflecht sozialer Beziehungen. Diese »Menschwerdung« wird deshalb nach über‐ einstimmender Meinung von Sozialwissenschaftlern als ein sozialer und kultureller Prozess verstanden, als eine »zweite, sozial-kulturelle Geburt« (René König 1955, 127). Erst im »sozialen Mutterschoß« der Familie werden in vielfältiger Weise und Ausprägung die passiven und aktiven Vorausset‐ zungen für die Entwicklung grundlegender menschlicher Eigenschaften und Fähigkeiten geschaffen. Wie fundamental eine sozial-kulturelle Umgebung Voraussetzung für die Entwicklung des Menschen und für die menschliche Existenz ist, zeigt die Tatsache, dass bloße physische Aufzucht in extremer Einsamkeit und ohne jede gefühlsmäßige Zuwendung und Sprachvermittlung letztlich scheitert. 2.2 Das soziologische Menschenbild oder-»man is not born human« 65 <?page no="66"?> Besonders eindrucksvoll wird dies durch jene Schilderungen von »wilden Kindern« belegt, die ohne Einfluss von Mitmenschen, sozialen Beziehungen, Sprache und kulturellen Einrichtungen aufwuchsen (vgl. Malson, Itard &-Mannoni 1974). So wird bereits vom altägyptischen König Psammetich I. berichtet, dass er einige neugeborene Kinder in die Wildnis bringen und unter Ziegen heranwachsen ließ. Er wollte mit diesem Versuch - einem der ersten überlieferten »Humanexperimente« überhaupt - ermitteln, ob Kinder von sich aus spontan eine Sprache entwickeln und welche die wohl wäre. Das »bek, bek«, das diese Kinder einige Jahre später äußerten, deutete er als phrygisches Wort für »Brot« und schloss daraus, dass die Ursprache des Menschen das Phrygische sei. Auch aus dem Mittelalter wird von einem ähnlich grausam angelegten Experiment des Stauferkaisers Friedrich II. berichtet, der zu einem gleichfalls entsprechenden Ergebnis kam, mit dem einzigen Unterschied, dass diesmal das Gestammel der allesamt früh sterbenden Kinder als Aramäisch, der Sprache Christi, gedeutet wurde. Da sich heutzutage, nicht zuletzt aus ethischen Gründen, derart brutal angelegte Isolationsversuche verbieten, vermitteln uns diverse Fallgeschich‐ ten von unfreiwillig »wilden Kindern« ein auf verbürgten Beobachtungen beruhendes empirisches Material, das sich so sonst nicht herstellen lässt. So wurden in den letzten dreihundert Jahren etwa 50 solcher Fälle mehr oder weniger detailliert wissenschaftlich beschrieben. Wenn bei diesen »Fällen« Wissenschaftler zur Stelle sind, die das Vorgefundene, dessen Umstände und die Folgen beschreiben, geben uns diese Fallgeschichten leise, aber unüberhörbar deutliche Antworten auf die nicht nur philosophische Grundfrage nach dem »Wesen des Menschen«. Wissenschaftstheoretisch haben diese Antworten zwar zunächst den Charakter von vorläufigen Hypothesen, die erste Einblicke in die Zusam‐ menhänge von Mensch und Umwelt, menschlicher Existenz, Gesellschaft und Kultur vermitteln. Doch diese Hypothesen sind keine Ausgeburten eines abenteuerlich spekulativen Denkens, sondern vielmehr durch überprüfbare Erfahrungen begründet. Denn bei all diesen Fällen gibt es genügend Ähn‐ lichkeiten. Sie vermitteln eine Ahnung, wie beschränkt die menschlichen Fähigkeiten wären, durchliefe der Mensch keine ausgedehnte Periode des Aufwachsens in einer Familie oder einer familienähnlichen Beziehung. All diese »wilden Kinder« verhielten sich nämlich nicht nur bei ihrer Auffindung menschenunähnlich und waren extrem verstört. Es fiel ihnen auch allesamt unsäglich schwer, die Menschenart, insbesondere die Sprache, 66 2 Mensch und Gesellschaft <?page no="67"?> aber auch andere erwerbbare Geschicklichkeiten wie den differenzierten Gebrauch der Hände oder in bestimmten sozialen Situationen entsprechen‐ des Rollenverhalten zu erlernen. Ein derartiges, gut dokumentiertes Fallbeispiel der Neuzeit ist bereits der »Hamelsche Wilde Peter«, der 1724 auf einer Wiese bei Hameln als nacktes, braungelbes, schwarzhaariges und stummes Geschöpf von etwa zwölf Jahren aufgegriffen wurde. Man brachte ihn nach Hannover zu Kur‐ fürst Georg Ludwig, der zugleich als George I. in England regierte und der »dieses Kuriosum« 1726 nach England brachte, wo damals besonders reges Interesse am »Naturmenschen« herrschte. Der »wilde Peter« wurde dort im Zeitalter der Aufklärung zum begehrten Studienobjekt für Philosophen und Naturwissenschaftler und starb schließlich 1785 als gutmütiger, dem Brandy ergebener und immer noch sprachloser Greis, der nur wenige unverständliche Laute hervorbrachte. Ein anderes penibel dokumentiertes Beispiel ist der 1800 in einem südfranzösischen Wald aufgegriffene »wilde Junge von Aveyron«, den man »Victor« nannte und der von dem jungen Pariser Mediziner und Taubstummenlehrer Jean-Marie Itard behandelt und »erzogen« wurde. Als Anhänger der Philosophie der Aufklärung und der Französischen Revolution glaubte Itard an die Überwindung »natürlicher« Barrieren durch den schöpferischen Geist und die Kultur des Menschen und damit an Victors Umwandlung »vom Tier zum Menschen«. Doch trotz anfangs kleinerer Erfolge scheiterte Itards Vorhaben, den wilden Jungen von Aveyron dem gesellschaftlichen Leben seiner Epoche zuzuführen: Victor blieb zeitlebens auf Anstaltspflege angewiesen. - Diese letztlich gleichfalls erfolglose soziale Lerngeschichte machte übrigens der Regisseur François Truffaut 1969 zum Thema seines preisgekrönten Filmes »L’enfant sauvage« (Der Wolfsjunge). Namensgebend für diese sozialwissenschaftliche Thematik wurde in der Neuzeit dann der Fall »Kaspar Hauser«, der bis heute gerade in Deutschland die Fantasie und Spekulation von Anthropologen und Genetikern, von Juristen und Kriminologen, von Schriftstellern (u. a. Peter Handke) und Filmemachern erregt, wobei hier allerdings unklar geblieben ist, ob es sich mehr um einen Gesellschaftsskandal, einen dubiosen Kriminalfall oder lediglich um einen raffinierten Schwindel handelte. Jedenfalls entdeckte man 1828 in Nürnberg die »wackelnde, possierliche und pudelnärrische« Gestalt eines Knaben von etwa 16 Jahren mit einem Brief in der Hand und unfähig, mehr als ein paar schwer verständliche Worte zu stammeln-… 2.2 Das soziologische Menschenbild oder-»man is not born human« 67 <?page no="68"?> Am bekanntesten sind jedoch wohl die beiden kleinen Mädchen Amala und Kamala, die man 1920 in Indien, einige hundert Kilometer westlich von Kalkutta in der Gesellschaft von Wölfen aufgefunden hatte und die bei ihrer Entdeckung weder aufrecht gehen, sprechen noch sich sonstwie sinnhaft artikulieren konnten und nur auf dem Boden liegendes rohes Fleisch und Aas als Nahrung akzeptierten (vgl. Singh 1964). Da sie vermutlich von ihren Eltern oder ihrem Stamm in frühester Kindheit - vielleicht auch zum Opfer irgendeiner Gottheit - ausgesetzt wurden, ihnen also faktisch in entscheidenden Entwicklungsphasen der soziale Mutterschoß fehlte und sie wohl nur aufgrund außergewöhnlicher Umstände und Zufälle in der Gesell‐ schaft von Tieren überlebten, hatten sie typische menschliche Fähigkeiten nicht ausbilden können und hielten auch die Menschen offenbar nicht für Artgenossen; beide »Wolfskinder« mussten in einem Waisenhaus regelrecht gezähmt werden. Für unseren Zusammenhang wissenschaftlich besonders aufwändig do‐ kumentiert gilt der »Fall Genie«, eines über dreizehn Jahre lang in Los Angeles von einem fanatischen, von Wahnideen heimgesuchten Vater in einem leeren Zimmer an einen Toilettenstuhl gefesselten und isoliert eingeschlossenen Mädchens, dessen Tragödie erst 1970 entdeckt wurde. Eine ganze Reihe angesehener amerikanischer Psychologen, Neurologen und Psycholinguisten bemächtigte sich damals durchaus medienwirksam dieses »Falles«, wobei das »zweite Drama« von Genie darin bestand, dass sie tatsächlich für die Forscherinnen und Forscher nur temporär als Studi‐ enobjekt interessant war und nach einigen zaghaften ersten sprachlichen, kognitiven und emotionalen Lernerfolgen mit dem Abklingen des akademi‐ schen Interesses wieder in ihre einsame und apathische Stummheit verfiel. Gerade auch dieser »Fall« belegt - wie übrigens auch andere Beispiele soge‐ nannter »Kaspar-Hauser«-Schicksale -, dass ohne echte zwischenmensch‐ liche Beziehungen und Hilfen grundlegende soziale Fertigkeiten ab einem bestimmten Alter nicht (mehr) erworben werden können. Vergleichbare Ergebnisse für die Wirkungen solcher Deprivationen von sozialen Interaktionen, insbesondere im Säuglings- und Kleinkindalter, erbrachten auch die Beobachtungen des in den USA lehrenden Psychoanaly‐ tikers René Spitz (vgl. Spitz 2005) und seiner Schüler (insbesondere Goldfarb & Bowlby). Frühe Trennung von den Eltern, beispielsweise bei hospitalisier‐ ten, längere Zeit ohne feste Bezugspersonen in Krankenhäusern, Anstalten oder Heimen untergebrachten Kindern, führt mit zunehmender Dauer zu tiefgreifenden psychischen und auch physischen Entwicklungsstörungen 68 2 Mensch und Gesellschaft <?page no="69"?> (Hospitalismus). Da - so die Deprivationsforscher - infolge der in klinischen und vielen sozialpädagogischen Institutionen üblichen, geregelten Schicht‐ arbeit diese Kinder bei ständig wechselndem Personal nur mangelhafte individuelle und emotionale Beziehungen zu festen Zuneigungspersonen aufnehmen können und als Folge der geringeren sozialen Kontakte auch nur verminderte entwicklungsfördernde taktile und visuelle Sinnesreize erfah‐ ren, erleiden sie in solchen Einrichtungen häufig irreversible Schädigungen kognitiver und affektiver Art mit entsprechenden psycho-somatischen Effekten. Ab einem gewissen Zeitpunkt können diese Deprivationen nicht mehr ausgeglichen oder allenfalls nur mit großen Schwierigkeiten wieder (z. B. psychotherapeutisch) »repariert« werden (vgl. hierzu Casler 1968, Hassenstein 1975, Lehr 1975, Schmalohr 1975). Halten wir jedoch abschließend fest, dass der Begriff der sozial-kulturellen Persönlichkeit nicht den Menschen in seiner Gesamtheit umschreibt, sondern eben nur die Summe von relativ stabilen Motiv-, Denk-, Gefühls- und Verhaltens‐ strukturen, die er haben bzw. lernen muss, um die Erwartungen seiner sozialen und kulturellen Umwelt zu erfüllen und an deren produktiven Fortführung mitwirken zu können. Bis zu einem gewissen Grade stellt die sozial-kulturelle Persönlichkeit ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Verhältnisse dar, die sie geprägt haben. Später wird allerdings noch zu zeigen sein, dass die sozial-kulturelle Persönlichkeit keineswegs als bloßes Ergebnis der passiven Anpassung des Individuums an die Gesellschaft zu verstehen ist. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Alfred Bellebaum (2001): Soziologische Grundbegriffe. Eine Einführung für Soziale Berufe. (Darin Kapitel 3 »Soziales Handeln«, S. 19-25). 13. Aufl. Kohl‐ hammer: Berlin, Köln. Hans Joas (1984): Anthropologie. In Harald Kerber & Arnold Schmieder (Hrsg.), Handbuch Soziologie. Zur Theorie und Praxis sozialer Beziehungen, S. 28-32. Rowohlt: Reinbek. Lucien Malson, Jean-Marie Itard, & Octave Mannoni (2001): Die wilden Kinder. 13. Aufl. Suhrkamp: Frankfurt/ M. 2.2 Das soziologische Menschenbild oder-»man is not born human« 69 <?page no="70"?> 2.3 Normen, Werte und Institutionen: Soziale-Sinngebungen unseres Handelns Ausgehend von unserer täglichen Erfahrung sind wir bereits im ersten Abschnitt unseres Kurses auf bestimmte Regelmäßigkeiten und Gleichför‐ migkeiten im zwischenmenschlichen Handeln und Verhalten der Menschen unserer Umgebung gestoßen. Wir haben erkannt, dass wir über viele Dinge, die wir zusammen mit anderen Menschen und so wie andere tun, im Alltag schon gar nicht mehr nachdenken. Wir haben die Regeln unserer Kultur ganz offensichtlich absorbiert, sie sind ein Teil unseres Selbst geworden und verschaffen uns die notwendige Entlastung von der »Qual der Wahl«, fortwährend über situationsadäquate Handlungsweisen nachzudenken und immer wieder neu entscheiden zu müssen. Dies oder jenes von anderen Menschen zu erwarten und so oder so zu handeln erscheint uns selbstver‐ ständlich und konsistent: Wir praktizieren es in gewohnter Routine. Vieles dabei ist von außen beobachtbar, manches erscheint noch rätselhaft und undurchsichtig und erschließt sich nur allmählich sozialwissenschaftlicher Forschung. • Soziologisch ist es allemal interessant, wenn Menschen mit bestimm‐ ten sozialen Situationen mehr oder weniger bestimmte Erwartungen verbinden, an denen sie dann faktisch ihr Verhalten orientieren. Diese Erwartungen in Bezug auf das Handeln oder Nichthandeln der Mitglie‐ der einer Gesellschaft werden Normen genannt. Diese Bezeichnung bringt den mehr oder weniger verpflichtenden Aufforderungscharakter entsprechender Erwartungen zum Ausdruck. Nach Dahrendorf sind Normen in gradueller Abstufung »imperativisch« geprägt, was sich für uns je nachdem in Muss-, Soll- oder Kann-Erwartungen verdeutlicht. Entsprechen wir (innerhalb bestimmter Toleranzen) den jeweiligen Erwartungen nicht, so müssen wir mit negativen Sanktionen (Bestrafun‐ gen) rechnen, die je nach Grad und Art der Abweichung auf einer Palette von Klatsch, Verachtung, Hohn und Spott bis zu unmittelbarem physischem Druck reichen können. Umgekehrt hat die Befolgung der Normen positive Sanktionen (Beloh‐ nungen) zur Folge, die beispielsweise aus Ansehen, Prestige oder aus einem »guten Ruf« bestehen können. • Bestimmte Normen werden in allen komplexen, aber auch in den meisten einfachen Gesellschaften in einem kodifizierten Normensys‐ tem verankert, das wir Recht nennen; »Spezialisten« wie Polizisten, 70 2 Mensch und Gesellschaft <?page no="71"?> Staatsanwälte und Richter überwachen dessen Einhaltung. Viele der gesellschaftlichen Sitten sind so als soziale Muss-Erwartungen auch juristisch abgesichert. Im Allgemeinen handelt es sich hier um unsere vielfältigen Pflichten im Alltag, für die verbindliche Regelungen festgesetzt sind: Kinder müssen im schulpflichtigen Alter die Schule besuchen, Lehrer z. B. dürfen nicht die sprichwörtlichen »silbernen Löffel« stehlen, da gerade sie als Beamte dann die ganze Strenge des Gesetzes treffen würde. • Etwas weniger verpflichtend ist der gesellschaftliche Anspruch auf die Berücksichtigung bestimmter Bräuche. Diese Soll-Erwartungen be‐ zeichnen durchaus auch Pflichten des Alltags, ohne dass sie jedoch in Form von Rechtsregeln fixiert sein müssen. Wir können uns ja beispielsweise die möglichen Reaktionen der Umwelt auf eine etwaige Verletzung solcher Soll-Erwartungen durch unser Liebespaar aus dem letzten Abschnitt gut ausmalen. • Kann-Erwartungen schließlich tragen den schwächsten Verpflichtungs‐ druck. Es handelt sich hier um soziale Gewohnheiten, denen man sich unter Umständen auch entziehen kann. Erfüllt man sie dennoch, so darf man beinahe ausschließlich mit positiven Reaktionen rechnen. Ein Lehrer bräuchte sich eigentlich nicht so intensiv um die privaten Schwierigkeiten eines Schülers zu kümmern. Bemüht er sich trotzdem, so werden ihn Schüler und Eltern für einen guten Lehrer halten; ein pädagogischer Übereifer aufgrund mangelnden Fingerspitzengefühls könnte indessen aber auch gegenteilige Wirkungen zeitigen. • Die sozialen Normen lassen sich bei genauerer Analyse auf Leitbilder bzw. auf Vorstellungen darüber zurückführen, was von der überwiegen‐ den Mehrheit einer Gruppe oder einer Gesellschaft für richtig und erstrebenswert angesehen wird. Diese mehr abstrakten Ideen werden im soziologischen Sprachgebrauch als Werte bezeichnet und beinhalten die einer Gruppe oder Gesellschaft als Kern ihrer Kultur zugrunde liegenden gemeinsamen Zielsetzungen. Diese kollektiven Zielsetzungen sind nicht immer oder ausschließlich rational, sondern häufig auch triebhaft, emotional, religiös, moralisch oder ästhetisch besetzt. Die Geschichte der Menschheit ist voll von lan‐ gen und blutigen Kriegen, die im Namen solcher nicht-rationalen Ideen geführt wurden, und Tausende sind in ihrem Namen, begeistert etwa »für Volk und Vaterland«, in den dann noch so genannten »Heldentod« gegangen. 2.3 Normen, Werte und Institutionen: Soziale-Sinngebungen unseres Handelns 71 <?page no="72"?> Gesellschaftliche Werte sind also, wie die daraus abgeleiteten sozialen Normen, von unterschiedlicher Bedeutung und Wichtigkeit. Der amerika‐ nische Soziologe William Graham Sumner (1840-1910) hat schon 1906 unterschieden zwischen den normativ weniger verpflichtenden »folkways« (im Sinne von sozialen Gewohnheiten) und den »mores« (im Sinne von Sitten) in der Form von strengen Geboten, Verboten oder Tabus. • Die folkways bieten eine Art »Konfektionslösungen« ( Jager & Mok) für soziale Alltagssituationen an: Dass wir uns bei der Begrüßung die Hand geben, gehört hierzulande ebenso zu unseren sozialen Gewohnheiten wie wir es für schicklich halten, dass ein getippter Brief mit der Hand unterschrieben wird. • Die mores dagegen berühren im Allgemeinen unmittelbar und existenzi‐ ell das Funktionieren einer Gesellschaft. Als komplexe Normensysteme beanspruchen sie gesamtgesellschaftlich verbindliche Gültigkeit und regulieren in festgelegter Weise unser Verhalten in jenen Sinn- und Daseinsbereichen, die sozial als besonders bedeutsam definiert sind. Die mores finden wir deshalb in allen Gesellschaften in der Form von organisierten Institutionen, die man gleichsam als »geronnene Sitten« verstehen kann. So reguliert z. B. die Institution Ehe das sexuelle Verhalten, die Institution Familie die Reproduktion und »Aufzucht« des gesellschaftlichen Nachwuchses sowie das Handeln des Einzelnen in diesem Sozialsystem oder die Institution Schule versucht u. a. die Nach‐ frage der Gesellschaft nach qualifizierter Ausbildung und politischer Integration zu sichern: Institutionen befriedigen somit die fundamentalen Bedürfnisse jeder Gesellschaft und Kultur. Dies geschieht indessen in den einzelnen Gesellschaften mit durchaus unterschiedlicher Konkretisierung bzw. Akzentuierung und vor allem auch verschiedenartiger Koordination: • In der einen Gesellschaft mag die Familie oder das Verwandtschafts‐ system als zentrale Institution gelten (wie in vielen sogenannten »ein‐ fachen« Gesellschaften, die Gegenstand der Völkerkunde resp. der Ethnologie sind). • In anderen Gesellschaften mögen unter dem ideologischen (totalitä‐ ren oder fundamentalistischen) Programm staatlicher Institutionen die wichtigsten sozialen Institutionen (Familie, Wirtschaft, Religion, Recht) »gleichgeschaltet« werden. 72 2 Mensch und Gesellschaft <?page no="73"?> • In wiederum anderen Gesellschaften ist eine Pluralität von Institutionen charakteristisch. Institutionen sind also auch veränderbar und können sogar an Bedeutung verlieren, wenn ihre ursprünglichen Funktionen anderen Institutionen übertragen oder an sie ausgegliedert werden bzw. ihre normativen Regu‐ lierungen aufgrund eines allgemeinen gesellschaftlichen Wertewandels im Bewusstsein der Gesellschaftsmitglieder an Gültigkeit eingebüßt haben. Und Institutionen können auch in zunehmenden Widerspruch zueinander geraten, wenn wir beispielsweise an die teilweise gegensätzlichen Wertsys‐ teme der Familie und der Wirtschaftsordnung oder der Kirche und des Staates in den modernen Industriegesellschaften denken. Darüber hinaus kann aber auch die Gewichtung einzelner Wertvorstel‐ lungen in verschiedenen sozialen Gruppen innerhalb einer Gesellschaft variieren. Die unterschiedlichen Haltungen beispielsweise zu Problemen des Wirtschaftswachstums und des Klimaschutzes, zum Schwangerschafts‐ abbruch oder zur embryonalen Stammzellenforschung, zur Einwanderungs‐ politik und der Aufnahme von Flüchtlingen und Asylsuchenden zeigen, dass beispielsweise bestimmte religiöse Gruppierungen, bestimmte Altersgrup‐ pen, Angehörige bestimmter Berufe oder bestimmte soziale Milieus von der Gesamtkultur abweichende Wertorientierungen vertreten. Je mehr und je systematischer die Werte solcher Teilgruppen von den Wertsetzungen der umfassenden Kultur abweichen und je entscheidender sie das Leben und das alltagspraktische Handeln des Einzelnen prägen, umso eher gewinnen solche sozialen Gruppierungen den Charakter von gesellschaftlich-politi‐ schen Subkulturen. Der Grad der Abweichung solcher Subkulturen vom kulturellen Wertzusammenhang der Gesamtgesellschaft kann dabei von bloßer Modifikation bis hin zu ausdrücklich gegenkulturellen Entwürfen und Positionen reichen. Derartige subkulturelle Differenzierungen finden sich in unterschiedlicher Ausprägung beispielsweise bei bestimmten Al‐ tersgruppen, bei Anhängern sogenannter »Alternativer Bewegungen«, bei gewissen Sekten oder bei diskriminierten Minderheiten, aber auch bei kriminellen Gruppen und Organisationen. Zusammenfassend können wir festhalten, dass soziale Normen, Werte und Institutionen eine »anthropologische Voraussetzung für Handeln« (Bellebaum 2001, 36) darstellen. In gewisser Weise können wir sie als »Instinktersatz« sehen, da sie den instinktmäßig ungesicherten Menschen im gesellschaftlichen Alltag leiten. Sie grenzen in sozialkultureller Spezifität die 2.3 Normen, Werte und Institutionen: Soziale-Sinngebungen unseres Handelns 73 <?page no="74"?> nahezu unendlich große Zahl möglicher, d. h. beliebiger und willkürlicher Handlungen und Verhaltensweisen ein und korrigieren somit die Folgen der biologischen Weltoffenheit des Menschen. Oder in der Sprache des Gesell‐ schaftstheoretikers Niklas Luhmann: Normen, Werte und Institutionen sind als »Reduktionen von Komplexität« für menschliches Handeln unerlässlich. Dadurch wird zwischenmenschliches Handeln und Verhalten mehr oder weniger im Voraus berechenbar. Das »mehr oder weniger« macht darauf aufmerksam, dass trotz allem Menschen sich eben oft nicht so verhalten, wie wir es von ihnen erwarten. Diese durchaus mögliche »Unberechenbarkeit« zeigt, dass die sozial und kulturell präformierten Handlungsabläufe doch keine »mechanischen Instinkte« im Sinne einer völlig automatischen Reak‐ tion auf einen Auslösereiz erzeugen. Denn immer wieder werden Normen verletzt, Werte verändern sich und Institutionen geraten miteinander in Konflikt, ja eine gewisse Spannung und Diskrepanz zwischen den offiziel‐ len Normen und Werten und dem tatsächlichen Verhalten ist geradezu »normal«. Dies mag zwar für uns oft irritierend und für die Stabilität der Gesellschaft im Sinne der Erhaltung eines Status quo unter Umständen sogar bedrohlich sein, doch liegt in dieser nur partiellen Wirksamkeit von Normen und Werten auch ein Element der gesellschaftlichen Dynamik und der Anpassungsfähigkeit sozialen Handelns und Verhaltens. Man erinnere sich umgekehrt an die fatalen Wirkungen einer exakten Befolgung aller Anordnungen im Sinne eines »Dienstes nach Vorschrift«. Émile Durkheim hat dies bereits erkannt, als er darauf hinwies, dass zwar ohne ein hohes Maß an Konformität in den Normen kein Sozialsys‐ tem existieren kann, dass aber bei vollständiger Normenkonformität eine Gesellschaft erstarre und es keine sozialen Spielräume und Anpassungsfä‐ higkeiten mehr gebe. Wie wir oben (Abschnitt 1.5.3.4) bereits gesehen haben, entwickelte Durkheim in diesem Zusammenhang den Begriff der Anomie (= Normlosigkeit), die er als Zustand beschreibt, in dem viele Normen gleichzeitig ihre gesellschaftliche Verbindlichkeit verlieren. Da dies ein unerträglicher Zustand ist, wird in einem solchen Fall einerseits versucht werden, durch Sanktionen den alten Normen wieder ihren früheren Gül‐ tigkeitsgrad zu verschaffen, während andererseits die Normabweichenden ihr Verhalten als »neue Norm« zu deuten versuchen. Nach Durkheim stellen viele Normabweichungen nur eine Antizipation (Vorwegnahme) der zukünftig geltenden Moral dar. Im Allgemeinen ändern sich soziale Werte und die dazugehörenden Institutionen und Normen nur langsam. Hinken sie zu stark der gesamt‐ 74 2 Mensch und Gesellschaft <?page no="75"?> gesellschaftlichen Entwicklung hinterher, so werden sie »dysfunktional« in dem Sinne, dass sie ihre Aufgabe, die Anpassung an die Bedingungen des Alltags zu ermöglichen, nur noch ungenügend oder schlecht erfüllen. Ändern sie sich zu rasant, werden sie gleichfalls dysfunktional, da sie die Funktion, die Gesellschaft oder soziale Gruppen zusammenzuhalten (Inte‐ grationsfunktion) nicht mehr befriedigend erfüllen, sondern die Konflikte zwischen »traditionell Denkenden« und »Progressiven« verschärfen. In jedem Fall aber werden bei solchen Normenkonflikten Individuen und Gruppen vor das Problem eigener Entscheidungen gestellt. Normen, Werte und Institutionen sind also keine ewigen, unveränderli‐ chen sozialen Tatsachen, sondern jeweils an einen bestimmten gesellschaft‐ lichen Zusammenhang gebunden; sie sind relativ, d. h. sie variieren sehr stark hinsichtlich Zeit und Ort. Zwar sind sie für die soziale Struktur und das gesellschaftliche Funktionieren immer notwendig, aber die Notwendigkeit und Allgemeingültigkeit beispielsweise einer bestimmten Einzelnorm lässt sich empirisch nicht nachweisen. »Für die empirische Soziologie gibt es Werte, Normen und Institutionen nur insofern und solange es Menschen gibt, die diese anerkennen und nach ihnen leben« ( Jager & Mok 1972, 63). Unter diesem Gesichtspunkt ist in der Soziologie dann tatsächlich »der Mensch das Maß aller Dinge«. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Hans Paul Bahrdt (2014): Schlüsselbegriffe der Soziologie. (Darin Kapitel III »Soziale Normen: Wertvorstellungen, Verhaltensregelmäßigkeiten, Verhal‐ tenserwartungen, Normenkonflikte, Normenwandel«). 10. Aufl. Beck: Mün‐ chen. Alfred Bellebaum (2001): Soziologische Grundbegriffe. Eine Einführung für Soziale Berufe. (Darin Kapitel 5 »Soziale Norm«, S. 36-50). 13. Aufl. Kohlham‐ mer: Stuttgart, Berlin, Köln. Karl-Heinz Hillmann (2007): Wörterbuch der Soziologie. 5. Aufl. (Darin die Stichwörter »Norm«, »Wert« und »Institution« mit weiteren Literaturanga‐ ben). Kröner: Stuttgart. Heinrich Popitz (1980): Die normative Konstruktion von Gesellschaft. Mohr (Siebeck): Tübingen. 2.3 Normen, Werte und Institutionen: Soziale-Sinngebungen unseres Handelns 75 <?page no="76"?> Max Weber (1984): Soziologische Grundbegriffe. (Darin § 4: »Typen sozialen Handelns: Brauch, Sitte«, S. 23-25). Mohr (Siebeck): Tübingen. 2.4 Sozialisation und soziale Rolle: Wir-alle-spielen Theater 2.4.1 Die Mitgliedschaft in der Gesellschaft: Sozialisation Die Vermittlung sozialer Normen und Wertvorstellungen erfolgt in einem Prozess, den die Soziologie als Sozialisation bezeichnet. Der Begriff Sozi‐ alisation (engl.: socialisation) stammt aus den angelsächsischen Sozialwis‐ senschaften. Gelegentlich wurde er auch mit »Sozialisierung« übersetzt, was jedoch leicht zu Missverständnissen führt, da dieses Wort durch seine wirtschaftspolitische Bedeutung (= Verstaatlichung der Privatwirtschaft) bereits »belegt« ist. Sozialisation meint mehr als der klassische pädagogische Begriff der Erziehung, der sich ja vor allem auf jene, in der Regel absichtsvollen und bewusst geplanten Bemühungen und Handlungsschritte von Eltern oder Lehrern bezieht, die zum Ziel haben, die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes pädagogisch positiv zu beeinflussen, d.-h. bestimmte Verhaltensdis‐ positionen zu entwickeln oder vorhandene zu verändern. Vielmehr schließt Sozialisation den Vorgang der Erziehung mit ein und umfasst darüber hinaus auch jene ungeplanten, aber persönlichkeitsprä‐ genden Lernvorgänge, die sowohl das Kleinkind wie auch später noch der Erwachsene durch eigene Erfahrungen machen kann. Hierzu zählen auch jene unspezifischen Lernvorgänge, für die selbst in Gesellschaften mit breit entwickeltem Erziehungswesen keine pädagogische Instanz und keine erzieherischen Maßnahmen als explizite Einwirkungen auszumachen sind. Überhaupt lassen sich solche Einflüsse - denkt man beispielsweise an die prägenden Wirkungen von jugendlichen Peergroups, aber auch die Auswirkungen einer zunehmenden Nutzung von digitalen Medien und sozialen Netzwerken auf Kinder und Jugendliche - nach pädagogischem Selbstverständnis schwerlich alle sinnvoll als Erziehung oder Ausbildung charakterisieren, während sie indessen zweifellos sozialisierende Prozesse darstellen. 76 2 Mensch und Gesellschaft <?page no="77"?> Es sind jedoch gerade diese Lernvorgänge, die den Soziologen besonders interessieren. Denn dass der Mensch durch seine Umwelt geformt werden kann, ist zunächst keine exklusive Erkenntnis der Sozialwissenschaft: Alle Erziehung fußt auf dieser Voraussetzung. Unser Alltagswissen verbucht erst dann durch die soziologische Perspektive einen Zugewinn an »Welt‐ verständnis«, wenn prägende Einflüsse dort entdeckt werden, wo man zunächst keine vermutet, oder wenn wir als Soziologen zeigen können, dass die intendierte Erziehung oder die geplante Ausbildung noch andere als die beabsichtigten Effekte hat: eben die Vermittlung jener sozialen Regeln und Gepflogenheiten menschlichen Zusammenlebens und konkreter Lebenswirklichkeit, die kein Erziehungsprogramm und kein Curriculum thematisieren. Sozialisation begegnet uns damit als ein relativ weit gefasster Begriff, der alle sozialen Geschehensverläufe abbildet, durch die das Individuum, das mit rudimentären Instinkten, aber mit dispositionell großer Plastizität und Lernfähigkeit, also »mit einer enormen Variationsbreite von Verhal‐ tensmöglichkeiten geboren wird, zur Ausbildung seines faktischen, weit enger begrenzten Verhaltens geführt wird - wobei die Grenzen des üblichen und akzeptablen Verhaltens durch die Normen der Gruppe, der es angehört, bestimmt werden« (Child 1959, 665). In anderen Worten: Der Begriff Soziali‐ sation bezeichnet einen Vorgang, der aus unendlich vielen Einzelereignissen zusammengesetzt ist, die sich unmöglich nur einem einzigen, z.-B. dem pä‐ dagogischen Handlungssystem und -feld zuordnen lassen. Sozialisation ist vielmehr allgegenwärtig und beinhaltet alle prozessualen Zusammenhänge, durch die der zunächst nur »biologisch« geborene Mensch allmählich zu einem Mitglied seiner ihn umgebenden Gruppe und Gesellschaft wird, eben zur sozial-kulturellen Person. Émile Durkheim hat diesen Aspekt der Sozi‐ alisation sehr zutreffend mit »Vergesellschaftung der menschlichen Natur« umschrieben, was allerdings nicht »soziologistisch« verkürzt als einseitige soziale Vereinnahmung der Persönlichkeit bzw. als totale Unterwerfung des Menschen unter gesellschaftliche Anforderungen verstanden werden darf (siehe hierzu auch die Abschnitte 2.4.2, 2.4.4 und 2.4.5). Die - biologisch gesehen - »defizitäre« Ausstattung des »Mängelwesens Mensch« (Gehlen 1961) erweist sich damit gerade aufgrund ihres Nicht-fest‐ gelegt-Seins als eine positive, den Menschen auszeichnende Voraussetzung zu einer fast unendlichen Lernfähigkeit und sozial-kulturellen Variabilität. So ist der Mensch »Nesthocker« und »Nestflüchter« zugleich, - ein »hilfloser Nestflüchter« (Portmann 1969), der zunächst auf intensive Pflege und 2.4 Sozialisation und soziale Rolle: Wir-alle-spielen Theater 77 <?page no="78"?> ständige Zuwendung durch seine soziale Umwelt angewiesen ist, aber andererseits infolge seiner entwickelten Sinnesorgane und der damit kor‐ respondierenden Weltoffenheit und Entscheidungsfreiheit sich verschiede‐ nen kulturellen Umgebungen und gesellschaftlichen Alternativen anpassen kann bzw. dieselben auch nach seinen Wünschen und Bedürfnissen umzu‐ gestalten in der Lage ist, um in ihnen leben zu können. In diesem Sinne kann der Mensch als zugleich Schöpfer und Geschöpf der Kultur bezeichnet werden (Mühlmann 1962). Im Gegensatz zur rein biologischen Geburt stellt die Sozialisation keine biomechanische, unabänderliche und situationsunabhängige Größe dar. Das zu sehen ist wichtig, da die Kultur und Gesellschaft, in der wir leben und der wir angehören, nur eine von vielen möglichen Arten der Konkretisie‐ rung menschlicher Lebensformen ist, innerhalb derer Neugeborene auf eine nach Ort und Zeit bemerkenswert unterschiedliche Art und Weise »Menschen werden«. Welche Vielfalt gesellschaftlicher und kultureller Organisationsformen, den Einzelnen prägenden Sitten und Bräuche es wirklich gibt, haben uns vor allem die Berichte der modernen Völkerkunde (Ethnologie) gezeigt. Dass das, was man - auch in der Wissenschaft - lange für »natürlich« gehalten hat, im Wesentlichen »kultürlich« ist und durch Sozialisation vermittelt und gelernt erscheint, hat beispielsweise die amerikanische Kulturanthropologin und Ethnologin Margaret Mead (1901-1978) sehr anschaulich in den Berichten über ihre Forschungsreisen zu Naturvölkern der Südsee illustriert. Bei einem Vergleich dreier nahe beieinander lebender »primitiver« Gesellschaften auf Neuguinea, die sie in den Jahren 1925-1933 besuchte, zeigte sich, dass nicht nur soziale Gewohnheiten, Bräuche und Sitten, sondern auch das Temperament und das geschlechtsspezifische Verhalten jedes einzelnen Menschen zutiefst von seiner Kultur geprägt sind. Selbst Eigenschaften wie »Männlichkeit« und »Weiblichkeit«, die ja nach landläufiger Meinung unmittelbar aus der biologischen Mitgift erklärt werden, sind in hohem Maße sozialer Natur, d. h. Ergebnis der Auffassungen von Mann und Frau, die in der jeweiligen Gesellschaft dominieren. Gemessen an unserer eigenen Kultur waren bei einem der von Margaret Mead untersuchten Stämme, den Tchambuli, die Rollen von Mann und Frau geradezu vertauscht. Die Frauen besaßen dort aktive, sachorientierte, planende und »herrische« Eigenschaften, zogen zum Fischen aus und er‐ nährten die Familie. Die »typisch fraulichen« Interessen gingen ihnen völlig ab. Ihre Männer dagegen blieben im Dorf und widmeten sich der Herstellung 78 2 Mensch und Gesellschaft <?page no="79"?> von Kostümen und Masken, der Malerei, dem Tanz und der Gestaltung von Festlichkeiten. Bei den benachbarten Arapesh und Mundugumor fand die Ethnologin eine völlig andere Form der Rollenverteilung und nur sehr geringe Temperamentunterschiede zwischen Mann und Frau. Bei den Arapesh zeigten Männer und Frauen eine gleichermaßen sanfte und eher ängstliche Persönlichkeitsstruktur und einen ausgesprochen altruistischen Sozialcharakter, gutmütig, freundlich und verständnisvoll gegenüber den Wünschen und Bedürfnissen anderer Menschen; bei den kannibalistischen Mundugumor erschienen beide Geschlechter in ihrem Charakter dagegen rücksichtslos und egoistisch, misstrauisch, ehrgeizig und hochgradig ag‐ gressiv gegenüber ihrer Umwelt. Aus Meads Beobachtungen geht hervor, dass diese großen Unterschiede nicht auf eine allgemeine Natur des Menschen zurückzuführen sind, sondern nur mit der jeweiligen Sozialisation, d. h. mit den kulturbedingt gelernten und erworbenen Normen, Werten und Institutionen, die sich in ihr ausdrü‐ cken, erklärt werden können. So werden die Kinder der Arapesh liebevoll umsorgt, erhalten jede Zuwendung und werden von allen Kümmernissen ferngehalten. Die Mutter ist dauernd bei ihnen, sie stillt sie sehr lange und ist sehr zärtlich. Das Arapesh-Kind erfährt damit eine freundliche, bejahende Umgebung, in der es nach Möglichkeit nie abgewiesen und verletzt wird. Dagegen gelten Kinder bei den Mundugumor als Ärgernis und Quelle eheli‐ cher Spannungen und Konflikte. Sie werden oft unmittelbar nach der Geburt getötet oder - sofern sie am Leben bleiben - mit betonter Gefühlskälte, Härte und Gleichgültigkeit behandelt. Die Mundugumor-Kinder erfahren ihre Umwelt als einen permanenten Kampfplatz, auf dem es nur um das Überleben geht. Jede »Weichheit« ist Ausdruck von Schwäche, keinem Menschen kann man vertrauen, alles muss man gewaltsam erringen und gegen Feinde behaupten. Margaret Mead folgert aus diesen sehr unterschiedlichen Sozialisations‐ effekten bei Stämmen, die geografisch gar nicht so weit voneinander ent‐ fernt leben, »dass die menschliche Natur außerordentlich formbar ist und auf verschiedene Kulturbedingungen entsprechend reagiert. Individuelle Unterschiede zwischen Menschen verschiedener Kulturmilieus beruhen fast ausschließlich auf verschiedenen Umweltbedingungen, vor allem auch der frühesten Kindheit, und die Beschaffenheit dieser Umwelt wird durch die Kultur bestimmt« (Mead 1970, 250). Wenn auch die damaligen Beobachtungsweisen von Margaret Mead aus heutiger methodologischer Sicht problematisiert und ihre Neigung zu einem 2.4 Sozialisation und soziale Rolle: Wir-alle-spielen Theater 79 <?page no="80"?> »kulturellen Determinismus« entsprechend kritisiert werden können - was ja in populären, aber auch in wissenschaftlichen Publikationen teilweise ziemlich polemisch geschah (vgl. z. B. Freeman 1983) -, so werden doch die aus ihren Beobachtungen gezogenen allgemeinen Schlussfolgerungen des »kulturellen Relativismus« in der modernen Kulturanthropologie und Ethnologie überhaupt nicht in Frage gestellt. Wir können somit festhalten, dass selbst biologische Vorgaben wie das Geschlecht oder physische Merk‐ male wie Haarfarbe, Stellung der Nase oder des Kinns, Körpergröße u. Ä., durch die im Sozialisationsprozess vermittelte gesellschaftliche Sinngebung erst diese oder jene soziale Bedeutung erhalten. D. h., welche tatsächliche Bedeutung das Geschlecht, der Besitz bestimmter physischer Merkmale usw. hat, wird erst durch die damit verbundenen Definitionen und Zuschreibun‐ gen im jeweiligen Sozialsystem sinnhaft erhellt. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Peter L. Berger & Thomas Luckmann (2009): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie. 22. Aufl. (Darin Kapitel II »Gesellschaft als objektive Wirklichkeit«). Fischer: Frankfurt/ M. Claude Levi-Strauss (1966): Natur und Kultur. In Wilhelm Emil Mühlmann &-Ernst W. Müller (Hrsg.), Kulturanthropologie, S. 80-107. Kiepenheuer &-Witsch: Köln. Ludwig Liegle (2002): Kulturvergleichende Ansätze in der Sozialisationsfor‐ schung. In Klaus Hurrelmann & Dieter Ulich (Hrsg.), Handbuch der Sozialis‐ ationsforschung, 6. Aufl., S. 215-230. Beltz: Weinheim, Basel. Gisela Trommsdorff (Hrsg.) (1989): Sozialisation im Kulturvergleich. (Darin Dies. »Kulturvergleichende Sozialisationsforschung«, S. 6-24). Enke: Stutt‐ gart. 2.4.2 Aspekte und Dimensionen der Sozialisation: Sozialisation als soziale Interaktion Aus unseren bisherigen Darlegungen wurde schon deutlich, dass sich Sozialisati‐ onsvorgänge nicht auf die Kindheit beschränken, sondern als relativ allgemeine Bestandteile des menschlichen Lebenszyklus’ zu verstehen sind. Denn Sozialisationsprozesse lassen sich zunächst danach unterscheiden, ob es darum geht, die grundlegende Mitgliedschaft in der Gesellschaft und damit die Fähigkeit zur Teilnahme am sozialen Geschehen überhaupt zu erwerben 80 2 Mensch und Gesellschaft <?page no="81"?> oder darum, sich neue und weitere Möglichkeiten der Verwirklichung dieser Beteiligung anzueignen. Damit wird zum Ausdruck gebracht, dass nicht nur die Sozialisation als ein dynamischer Prozess, sondern auch der Begriff der Person selbst »dynamisch« zu sehen ist. Menschliches Leben können wir daher verstehen als eine komplexe Abfolge von Prozessen des Lernens, Verlernens und neuen Lernens. »So erfährt ein Kleinkind, dass die Umwelt auf sein Schreien in ganz bestimmter Weise reagiert. Wenn das Kind dann später eine elementare Sprache gelernt hat, wird erwartet, dass sich von da ab das Kind der Sprache bedient, statt undiffe‐ renziert zu schreien: Schreien als Form der Kommunikation ist zu verlernen, Sprechen selbst bei sehr dringlichen Bedürfnissen zu erlernen. Weinen als Form der Mitteilung des Kindes, nun wünsche es Trost und zumindest Aufmerksamkeit, wird in unserem Kulturkreis über viele Lebensjahre hinweg akzeptiert, wird dann aber mit dem Beginn des Schulalters immer weniger legitim. Zunächst soll das Kind sich vertrauensvoll an alle Erwachsenen wenden. Doch in dem Maße, wie der Kreis der Erwachsenen, denen das Kind begegnet, differenzierter wird, soll das Kind lernen, sich differenziert zu verhalten und unbekannten Erwachsenen gegenüber misstrauisch zu sein« (Scheuch &-Kutsch 1972, 103 f.). Mit anderen Worten: Die Erwartungen, die mit der Teilnahme am gesellschaft‐ lichen Leben verknüpft sind, ändern sich mit zunehmendem Alter und mit der Erweiterung der Lebenskreise. Veränderte Situationen und Umgebungen stellen an das Individuum neue Probleme der sozialen Beteiligung und Beanspruchung. Manches muss daher im Lebensverlauf korrigiert, vieles neu erworben werden. Man bezeichnet die erste und elementare Sozialisation in der frühen Kindheit als primäre Sozialisation. Sie erfolgt in der Regel in der Familie und vermittelt inhaltlich und formal die Grunderfahrungen des sozialen Lebens in einer kleinen und vertrauten Gruppe: Das Kind lernt, welche Bedeutungen die Menschen sei‐ ner unmittelbaren Umgebung mit ihren Worten, Gesten, Mienen und mit ihrem Tun und Lassen verbinden; es lernt, sich selbst bestimmte Verhaltensweisen sowie vorsprachliche und dann auch sprachliche Ausdrucksformen anzueignen, die die anderen verstehen und gelten lassen; und schließlich muss das Kind lernen, seine Bedürfnisse nach und nach mit den Erwartungen seiner Umwelt in Einklang zu bringen. Fachlich gesprochen werden damit kognitive, sprachliche, motivationale und affektiv-emotionale Persönlichkeitsmerkmale in der primären Sozialisation elementar ausgeformt. Die hierbei vermittelten gesellschaftlichen Verhaltensmuster und Erfahrun‐ gen legen zwar ein relativ solides Fundament, das im Verlauf späterer Lebens‐ 2.4 Sozialisation und soziale Rolle: Wir-alle-spielen Theater 81 <?page no="82"?> phasen jedoch nach zahlreichen Richtungen hin weiter ausgebaut und ergänzt sowie differenziert und modifiziert werden muss. Dies geschieht dann in der sogenannten sekundären Sozialisation, die auf der Basis primärer Sozialisiertheit aufbaut, hingegen im Wesentlichen im außerfamiliären Raum verläuft, wie z.-B. im Kindergarten, in der Schule und in Freundschaftsgruppen, in der beruflichen Ausbildung oder im Studium, in der Freizeit, in Vereinen, in weltanschaulichen oder religiösen Gruppen, aber auch in den »anonymen« Feldern der Konsumin‐ dustrie, der Massenmedien sowie der sozialen Netzwerke im Internet. Sozialisation müssen wir darum auch als einen kumulativen, aktuell sich voll‐ ziehenden lebenslangen Prozess verstehen, der nicht-- wie auch manche frühere soziologische Autoren (z. B. Schelsky 1963, 84 ff.) noch annahmen - mit dem Ende der Jugendphase als abgeschlossen gelten kann. Vielmehr ergeben sich in jeder neuen Lebensphase nicht zuletzt unter veränderten materiellen Bedingungen und durch den Wechsel von sozialen Beziehungen, z. B. bei Eheschließung, Berufseintritt, Arbeitslosigkeit, Wahl in einen Vereinsvorstand o. Ä. (tertiäre Sozialisation) oder bei Eintritt in den Ruhestand, Tod des Partners, Umzug in ein Altenheim (quartäre Sozialisation), immer wieder neue, meist auch mehr oder minder krisenhafte Konstellationen, die beim Individuum Veränderungen von bestehenden bzw. die Übernahme neuer Handlungsfähigkeiten erforderlich machen. Auch regressive Verlaufsformen sind letztlich beobachtbar, wenn sich beispielsweise infolge von Altersdemenz oder Alzheimer-Erkrankungen bei Menschen so etwas wie prozesshaft schleichende »De-Sozialisationen« in frühe kindliche Verhaltensmuster ereignen. So lässt sich unter soziologischer Perspektive für unsere Kultur und Gesell‐ schaft als eine mögliche Strukturgliederung im Lebenslauf beispielsweise fol‐ gende Phaseneinteilung der sozialen Bedingungen und Folgen des lebenslangen Sozialisationsprozesses vornehmen. Soziologische Lebensalterphasen Soziales Feld, sozialisationsdominante Orientierungen und Rollenpartner 1) - Klein(st)kind (bis 2 oder 3 Jahre) Mutter/ Vater, aber auch Alleinerziehende (und evtl. an‐ dere biologische oder soziale Mitglieder der Kleinfami‐ lie), ggf. auch Großeltern, Tagesmutter, professionelles Betreuungspersonal in Kinderkrippen, Kitas u.-Ä. 2) - Familienkind (ca. 2.-4. Lebens‐ jahr) Familie (traditionell oder in einer modernen Alterna‐ tivform) und ihr Verkehrskreis (Verwandte, Nachbarn, Freunde, Handwerker, Postbote, Arzt u.-a. m.). 82 2 Mensch und Gesellschaft <?page no="83"?> Soziologische Lebensalterphasen Soziales Feld, sozialisationsdominante Orientierungen und Rollenpartner 3) - Nachbarschaftli‐ ches Spielkind (ca. 3.-6. Lebens‐ jahr) Neben Feld 1 und 2 werden nachbarschaftliche Spiel‐ gruppen und Kindergarten bzw. Vorschulgruppe ein‐ flussreich. 4) - Schulkind (ca. 6.-16. Lebens‐ jahr) Neben den Feldern 1-3 erhält die staatlich bestimmte Organisationsstruktur der Schule mit den Lehrern als Autoritätspersonen in Schulorganisation, Lehre und Prüfung große Bedeutung; Motivierung und Diszipli‐ nierung zu systematischem, schulischem Lernen, in‐ dividuelle Leistungskonkurrenz und individuelle Zer‐ tifikate als Voraussetzung für künftigen Sozialstatus; Integration in das gesellschaftlichpolitische System. 5) - Auszubildender, Berufs-, Fach- oder Hochschüler (ca. ab 16. und viel‐ fach-über das 25. Lebensjahr hi‐ naus) Zu den Sozialisationsinstanzen aus den Feldern 1- 4 kommen die Gruppe der Gleichaltrigen in einer stark jugendspezifischen Freizeitkultur sowie die Be‐ rufsschule und der Betrieb bzw. weiterführende und Hochschulen; Probleme der Berufswahl, der Ausbil‐ dungs- oder Studienplatzsuche und der Geschlechts‐ partnerbeziehung werden dominant. 6) - Lediger, junger Er‐ wachsener (ab ca. 18. Lebens‐ jahr) -Hinausgeschobene Elternschaft und evtl. nachfolgende (Erst-) Heirat (2023 in Deutschland: durchschnittliches weibliches Heirats‐ alter 32,8, männli‐ ches 35,3 - Tendenz steigend) Der öffentliche Raum mit Engagement im sog. Bun‐ desfreiwilligendienst in sozialen, ökologischen und kulturellen Bereichen sowie im Sport und Zivil-/ Kata‐ strophenschutz kommt zu den Feldern 1-5; mit Ende der Lehr- oder Studienzeit ergibt sich das Problem der Arbeitsplatzfindung, möglicherweise auch eine notwendig gewordene Um- oder Weiterqualifizierung unter den Anforderungen beruflicher Flexibilität und Mobilität. Fragen der Lebenspartnersuche und eine evtl. Verein‐ barkeit von beruflicher und familialer Lebensperspek‐ tive treten in den Vordergrund. 7) - Phase des mittleren Erwachsenendas‐ eins (etwa von der Hei‐ rat bis zum Aus‐ scheiden der-Kin‐ der aus dem elterlichen Haus‐ halt, ca.-bis zum 50./ 55. Lebensjahr) Soziale Strukturen aus den Feldern 1-6 wirken selektiv nach. Neue Sozialisationsanforderungen ergeben sich aus eigenem Haushalt, ggf. Gattenrolle, Elternrolle; dazu treten evtl. zusätzliche Sozialisationswirkungen durch Mitgliedschaften bei Verbänden, Elternbeiräten, Freizeitvereinigungen. Erfahrungen der Abhängigkeit des eigenen und des familialen Status’ nicht nur von beruflicher Ausbildung, Fortbildung und Initia‐ tive, sondern auch von unvorhersehbaren Effekten raschen ökonomischen Wandels mit u. U. temporärer 2.4 Sozialisation und soziale Rolle: Wir-alle-spielen Theater 83 <?page no="84"?> Soziologische Lebensalterphasen Soziales Feld, sozialisationsdominante Orientierungen und Rollenpartner Arbeitssuche oder längerfristiger Arbeitslosigkeit. Zu‐ nehmend auch krisenhafte Eheerfahrungen mit hoher Scheidungsquote (2023 in Deutschland: 35,75-%), ggf. auch Rückzug als »Single« oder Bildung neuer Stiefbzw. »Patchworkfamilien«. 8) - Phase des älteren Erwachsenen (etwa vom 55. Le‐ bensjahr bis zur be‐ ruflichen Pensionierung) Schwiegerkinder und schwiegerelterliche Rollenpro‐ bleme; Nachlassen beruflicher Leistungs- und Kon‐ kurrenzfähigkeit, Konfrontation mit konkurrierendem jüngerem beruflichem Nachwuchs; Altersabstieg der eigenen Eltern in die statusmindernde Pensionierung, die Verwitwung und evtl. in die Pflegebedürftigkeit. 9a) - Die Phase des rüs‐ tigen alten Men‐ schen im Pensions‐ alter (ab 60./ 65. Lebensjahr) - 1) Konfrontation mit dem Problem der stetigen Alters‐ freizeit und des Ausgeschiedenseins aus Berufstätig‐ keit und Berufseinfluss; -2) mit Fragen und Möglichkeiten früherer oder Ent‐ wicklung neuer Hobbies, der hobbyartigen Weiterfüh‐ rung früherer Berufsinteressen und Berufsbeziehun‐ gen; - - 3) mit der materiellen Versorgung im Alter: »Alters‐ reichtum« vs. rapid zunehmendem Problem versteck‐ ter oder offener »Altersarmut«; - - 4) mit dem Problem einer adäquaten und optimalen Distanz zu Haushalt, Ehe und Familie der Kinder; 9b) - Die Phase des pfle‐ gebedürftigen alten Menschen 5) Konfrontation mit einem schrumpfenden Haushalt, mit Pflegebedürftigkeit und Verlust des Ehepartners; Notwendigkeit des Umzugs in ein Altenheim; - - 6) zunehmende Begegnung mit den Organisa‐ tionsstrukturen des Gesundheitswesens und der Al‐ tersfürsorge (ggfs. auch Betreuung) und - - 7) mit dem Problem des sich nähernden Lebensendes. Tab. 1: Kulturspezifische Lebensalterphasen und Bedingungen eines lebenslangen Sozia‐ lisationsprozesses in Deutschland (aktualisiertes und erweitertes Modell nach Wurzbacher 1977, 7 f.) Bei sog. »einfachen«, d. h. überschaubaren und relativ stabilen, nicht-indust‐ riellen Gesellschaften der Vergangenheit erscheinen solche lebenslangen Sozialisationsprozesse zweifellos deutlich weniger differenziert als in den 84 2 Mensch und Gesellschaft <?page no="85"?> hoch dynamischen Industriegesellschaften der Gegenwart, deren ökonomi‐ sche, politische, soziale und kulturelle Strukturen raschen Wandlungen und rapiden Umbrüchen unterworfen sind. Gerade in unserer Gegenwart gewinnt daher dieser Prozess - und damit verbunden die Notwendigkeit lebenslangen Lernens - sowohl individuell als auch sozial zunehmend an existenzieller und funktionaler Bedeutung. Schließlich soll hierbei auch nochmals ausdrücklich auf die Eigenaktivität des Individuums im Sozialisationsprozess verwiesen werden. Zwar ist das zu sozialisierende Kind in seinen ersten Lebensjahren in seinem physischen Überleben völlig abhängig von seiner sozialen Umwelt, was es damit »be‐ zahlt«, dass es von dieser Umwelt vereinnahmt wird und sich ihr anpasst. Aber diese Anpassung erfolgt nicht so, dass das Kind einfach alles aufnimmt, sondern es trifft schon unbewusst - und manchmal auch durchaus bewusst - eine Auswahl aus der angebotenen Fülle: Was ihm nicht passt, das sieht und hört es nicht; es lernt also durchaus nicht alles, und was es lernt, lernt es verschieden gut. So setzt sich das Individuum-- mit zunehmendem Alter immer deutlicher - mit seiner materiellen und gesellschaftlichen Umwelt auseinander, wirkt auf dieselbe zurück und macht sie sich auf seine eigene Art und Weise zu eigen. Sozialisationsvorgänge sind deshalb keineswegs einseitig und unreflektiert als »Einbahnstraßen« zu betrachten, sondern müssen notwendigerweise als soziale Interaktionsprozesse begriffen werden,-- ein Aspekt, den beispielsweise Goslin (1969) betont, wenn er die Sozialisation als einen »two-way«-Prozess charakterisiert. In einem sozialen Interaktionssystem wie z. B. der Familie wird jedes Mitglied das Verhalten eines jeden anderen Familienmitglieds beeinflussen, regulieren und somit wechselseitig sozialisieren. Solche Effekte lassen sich beispielsweise immer wieder beobachten, wenn Paare erfahren, dass sie Nachwuchs erwarten; allmählich übernehmen sie ihre neue »familiäre Rolle« und wachsen dann auch bei der alltäglichen physischen und psy‐ chischen Versorgung ihres Kindes in ihre konkrete Elternrolle hinein, so dass dann - soziologisch gesehen - auch von einer »Geburt der Eltern« gesprochen werden kann. Zwar könnte hierzu angemerkt werden, dass in dem angeführten Beispiel der Eltern-Kind-Beziehung die Eltern ja ihren Säugling in dessen prägsamsten Zeit (primäre Sozialisation) beeinflussen, während umgekehrt die etwa durch das Lächeln des Kindes hervorgerufenen Sozialisationseffekte die Eltern zu einem Zeitpunkt treffen, in dem deren Persönlichkeitsentwick‐ lung bereits eine bestimmte Strukturierung, Ausprägung und Reife erreicht 2.4 Sozialisation und soziale Rolle: Wir-alle-spielen Theater 85 <?page no="86"?> hat (sekundäre Sozialisation), also solche wechselseitigen Sozialisationspro‐ zesse auf zwei verschiedenen qualitativen Ebenen ablaufen. Doch lassen sich gegenseitige Sozialisationswirkungen auch in horizontalen bzw. symmetri‐ schen Interaktionsbeziehungen altersgleicher Partner nachweisen, - etwa zwischen Geschwistern, den Spielgefährten in der Kindergartengruppe, zwischen den Schülern einer Klasse und selbstverständlich auch zwischen Erwachsenen. So lässt sich also sagen, dass im Sozialisationsprozess das Individuum psychisch und sozial zu einem potenziell handlungsfähigen menschlichen Subjekt wird, das nicht nur in der Lage ist, sich seiner gesellschaftlichen Umwelt anzupassen und sich deren Erwartungen entsprechend zu verhal‐ ten, sondern das zugleich auch kommunikativ und interaktiv auf deren Gestaltung Einfluss zu nehmen vermag. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Klaus Hurrelmann, Ulrich Bauer, Matthias Grundmann & Sabine Walper (Hrsg.) (2015): Handbuch Sozialisationsforschung. (Darin Dies. »Die Entwicklung der Sozialisationsforschung«, S. 9-13 sowie Heinz Abels »Der Beitrag der Soziologie zur Sozialisationsforschung«, S. 50-79). 8. Aufl. Beltz: Weinheim. 2.4.3 Die Regieanweisungen der Gesellschaft: Soziale Rollen 2.4.3.1 Textbücher und Aufführungen: Das Szenario Im Mittelpunkt der Erklärung von Sozialisation als Zugriff der Gesellschaft auf das Individuum steht ein Bild, das nicht nur von Soziologen im Laufe der Geschichte immer wieder herangezogen wurde, um den Geheimnissen des zwischenmenschlichen Handelns auf die Spur zu kommen: das Gleichnis vom Menschen als Rollenspieler. So sagen und hören wir im Alltag immer wieder: »Der Schüler A spielt in seiner Klasse eine wichtige Rolle«-- »Wir brauchen einen Kollegen, der die Rolle des Vermittlers übernimmt« - »B ist gestern abend ganz schön aus der Rolle gefallen« - »Die C spielt doch nur Theater« - »Die Rollenverteilung innerhalb der politischen Führung der XYZ-Partei ist besonders effizient« usw. Oder wie es der junge melan‐ cholische Jacques in Shakespeares »Wie es euch gefällt« (II, 7) zum Ausdruck bringt: 86 2 Mensch und Gesellschaft <?page no="87"?> »Die ganze Welt ist Bühne, und alle Frau’n und Männer bloße Spieler. Sie treten auf und gehen wieder ab, Sein Leben lang spielt einer manche Rollen, Durch sieben Akte hin.« Aus dieser beliebten und umgangssprachlich vertrauten Theater-Metapho‐ rik, die wir da und dort auf Vorgänge unseres täglichen Lebens anwenden, ergibt sich wohl der didaktische Vorzug des Rollenbegriffs. Denn mit dem in der Soziologie weithin verbreiteten und akzeptierten Konzept der sozialen Rolle lassen sich leicht und anschaulich die vielfältigen wechselseitigen Beziehungen zwischen Individuum und Gesellschaft abbilden und die Rol‐ lenhaftigkeit des menschlichen Lebens illustrieren: Mit der Geburt betritt man die »Bühne der Gesellschaft«, lernt nach und nach - nolens volens - diesen und jenen Part und damit verschiedene Rollen zu spielen, tritt in unterschiedlichen Masken auf, um mit dem Tod wieder von dieser Bühne abzutreten. Andere übernehmen dann »unseren« Part und spielen »unsere« Rollen. Zudem geschieht das Spielen der sozialen Rolle unter den kritischen Augen von Mitspielern und Zuschauern, die unser »Skript«, d. h. den der Rolle zugrunde liegenden »sozialen Text«, kennen und konkrete Vorstellun‐ gen und Erwartungen hinsichtlich unseres Verhaltens und Handelns sowie unserer Darstellungsqualität in der jeweiligen Szene hegen. In einem solchen gesellschaftlichen Szenario werden meist recht unter‐ schiedliche Tätigkeiten und Verhaltensweisen in einen sinnvollen Zusam‐ menhang gebracht, ja oft sind diese sogar direkt aufeinander bezogen und damit unmittelbar voneinander abhängig. Dabei handelt es sich dann um so‐ genannte »komplementäre Rollen«, wie etwa Arzt-Patient, Lehrer-Schüler, Meister-Auszubildender, Verkäufer-Kunde, Eltern-Kinder u. Ä., - soziale Rollen also, die ohne die entsprechenden Rollenpartner nicht nur keinen Sinn machen, sondern sich auch handlungsorientiert nicht realisieren las‐ sen. Unser Rollenspiel muss also bewusst oder unbewusst auf die jeweilige »szenische« Situation und die dort uns gegenübertretenden Akteure abge‐ stimmt werden, was letztlich auch plausible Erklärungen dafür liefert, dass die Menschen bei diesem oder jenem Auftritt verschiedene »Masken« tragen, in denen wir sie oft nicht mehr wiedererkennen, - etwa wenn wir ihr liebevolles und nachsichtiges Verhalten als Freund oder Partner vergleichen mit ihrem knallharten Habitus im Beruf oder anderswo. 2.4 Sozialisation und soziale Rolle: Wir-alle-spielen Theater 87 <?page no="88"?> Dass schließlich auch unsere gewöhnlichen Wahrnehmungen voneinan‐ der durch das gegenseitige Einschätzen und Einordnen von Rollen (aufgrund von gewissen typischen Merkmalen und Signalen) abläuft, mag folgendes Beispiel illustrieren: »Eine Frau steht am Fenster einer Schule und schaut hinaus. Draußen fährt ein Mercedes vor, in dem ein Mann sitzt. Sie nimmt wahr: ein Autofahrer - ein Mercedesbesitzer. Ein Mann steigt aus, der einen blauen Overall trägt. Sie nimmt wahr: ein Monteur - ein Arbeiter … Der Mann geht auf den Schulhof, auf dem die Schüler gerade Pause haben. Ein Kind rennt auf ihn zu. Sie nimmt wahr: Vater. Kein Widerspruch. Der Hausmeister bringt dem Mann ein Bündel Plakate. Sie nimmt wahr: Parteimitglieder. Kein Widerspruch. Auch der Mann hat dieses Rollenraster. Als er hochsieht zur Frau am Fenster, nimmt er wahr: Lehrerin« (Müller 1977, 62). Dieses Beispiel zeigt deutlich, wie wir in alltäglichen Beobachtungen oder Begegnungen herauszufinden suchen, in welcher Rolle eine Person auftritt bzw. wer oder was sie »sozial« ist. Wenn wir ihren »sozialen Ort« kennen, den sie in der Gesellschaft oder in einer Gruppe im Verhältnis zu anderen einnimmt, dann wissen wir meist auch, wie sich diese Person verhalten wird und wie wir ihr begegnen müssen. In der Soziologie bezeichnet man diesen sozialen Ort als soziale Position. Sicher sind soziale Wahrnehmungen wie »Mann«, »Mercedesbesitzer«, »Arbeiter«, »Vater«, »Parteimitglied« oder »Lehrerin« noch keine ausreichenden Informationen über die Persönlichkeit der beobachteten Menschen. Aber dennoch wird durch derartige Wahrnehmungen oder durch solche Angaben bereits unsere soziologische Fantasie beflügelt. Wir glauben, konkrete Vorstellungen darüber entwickeln zu können, wie sich dieser Mann oder jene Frau mit hoher Wahrscheinlichkeit in ihren verschiedenen sozialen Positionen - weitgehend unabhängig von allen individuellen Be‐ sonderheiten - jeweils zu verhalten pflegen. Der soziologische Blickwinkel berührt hier insofern unsere Alltagsperspektive, als die Begriffe »Rolle« und »Position« abgelöst sind von ganz bestimmten Personen aus unserem eige‐ nen Erfahrungsbereich und vielmehr abheben auf »Figuren« oder »Typen«, die im Zusammenleben mit anderen jeweils auf bestimmten gesellschaftli‐ chen Schauplätzen oder Bühnen in »entsprechender« Weise voraussehbar agieren. Damit entsprechen der sozialen Position auf der Verhaltensebene ganz bestimmte soziale Rollen. Oder in der griffigen Charakterisierung des amerikanischen Rollentheoretikers Ralph Linton: Der Begriff soziale 88 2 Mensch und Gesellschaft <?page no="89"?> Position bezieht sich auf den »strukturellen« oder »statischen« Aspekt, der korrespondierende Begriff der sozialen Rolle auf den »dynamischen« Aspekt des zwischenmenschlichen Handelns und Verhaltens. Die Gesellschaft erscheint uns dabei als ein riesiges organisiertes Gefüge, Netzwerk oder System, in dem vom einzelnen Individuum unabhängige Positionen zu besetzen sind: die Eltern in der Familie, die Lehrerin in der Schule, der Meister im Betrieb, der Pfarrer in der Kirchengemeinde, die Bürgermeisterin in der Verwaltung, der Offizier beim Militär, der Vorstand im Verein usw. Wird eine dieser sozialen Positionen z.-B. durch freiwilliges Ausscheiden oder Tod ihres bisherigen Inhabers frei, so nimmt ein anderer die freigewordene Stelle ein. Soziologisch gesehen gibt es daher - anders als in Nachrufen-- keine Lücke, die sich nicht wieder schließen lässt. Von seiner wissenschaftlichen Perspektive her lassen sich also für den Soziologen - wiederum im Unterschied zum Psychologen, den ja primär die besonderen Eigenschaften und individuellen Erlebniswelten interessieren - die Menschen vor allem differenzieren nach den sozialen Positionen, die sie im Laufe ihres Lebens einnehmen oder auch gleichzeitig nebeneinander innehaben. Hierbei unterscheidet man: • zugewiesene oder zugeschriebene Positionen, die wir ohne eigenes Zutun (gewissermaßen »natürlich«) erlangen und die z. B. bestimmt werden durch unser Geschlecht (Mann, Frau), durch unser jeweiliges Alter (Kleinkind, Kind, Jugendlicher, Erwachsener, Greis), durch unsere Posi‐ tion in der Herkunftsfamilie (Sohn, Bruder, Tochter, Schwester) und durch unsere Hautfarbe, ethnische Gruppe oder Nationalität; • erworbene Positionen, wie beispielsweise unsere berufliche Stellung (Lehrer, Auszubildender, Schreinermeister, Versicherungsvertreter, Be‐ amter, Hilfsarbeiter, Ärztin, Friseuse, Sekretärin usw.), unsere Position in der selbst gegründeten Familie (Ehemann, Vater, Ehefrau, Mutter), in Freizeitgruppen (Freund, Freundin, Kegelbruder, Kassierer des Fuß‐ ballklubs, Jugendtrainer u. Ä.) oder in öffentlichen Organisationen (Parteifreund, Gemeinderat, Kirchenältester, aber auch Patient im Kran‐ kenhaus usw. usf.). Mit den Positionen verbinden sich nicht nur entsprechende soziale Erwar‐ tungskomplexe, die rollengemäßes Handeln für die Akteure definieren, sondern auch bestimmte soziale Wertschätzungen. Wiederum unabhängig von der persönlichen Eigenart des Menschen, der eine Position zu einem bestimmten Zeitpunkt innehat, verknüpfen wir allein schon mit der Kennt‐ 2.4 Sozialisation und soziale Rolle: Wir-alle-spielen Theater 89 <?page no="90"?> nis einer bestimmten Position einen höheren oder niedrigeren sozialen Prestigewert. Diesen Prestigewert einer sozialen Position bezeichnet man als Status. So wird beispielsweise der Status eines Gymnasiasten höher bewertet als der eines Realschülers. Doch auch solche Bewertungen sind relativ: In den Augen einer Akademikerfamilie ist vermutlich der Status eines Realschülers wesentlich niedriger als in den Augen einer Arbeiterfamilie. Mit manchen Positionen verbinden sich bestimmte Äußerlichkeiten, die ihre Bedeutung nach außen hin sichtbar unterstreichen und eine entspre‐ chende soziale »Einordnung« rascher ermöglichen sollen. Der Doppelsinn des Wortes »Bedeutung« verweist schon darauf, dass es sich hierbei einmal um mehr rationale Äußerlichkeiten im Sinne nützlicher Erkennungszeichen, d. h. um sogenannte Rollenattribute, zum anderen jedoch um eher irrationale Auswüchse der Dokumentation von eigenem Prestige, Macht und Reichtum, um sogenannte Statussymbole, handelt. So erleichtert es fraglos die soziale Orientierung, wenn wir im Kranken‐ haus den Arzt an seinem Stethoskop, auf dem Bahnsteig den Stationsvorste‐ her an seiner roten Mütze und Trillerpfeife oder in einer fremden Stadt den Verkehrspolizisten an seiner Uniform erkennen. Andererseits muss man sich fragen, inwieweit in vielen Betrieben und auch Behörden beispielsweise die Lage, Größe und Ausstattung der Büros eine vernünftige Grundlage haben. Wahrscheinlich gibt es in jeder größeren Firma den Gruppenleiter, der bisher viele Akten und Zeichnungen auf seinem relativ kleinen Schreibtisch in ei‐ nem engen und vielleicht auch noch düsteren Büro zu bearbeiten hatte, jetzt aber - zum Abteilungsleiter befördert - ein repräsentatives, lichtdurchflu‐ tetes Zimmer mit einem sehr großen Schreibtisch, auf dem er jetzt aber nur noch wenige Akten auszubreiten hat, beanspruchen darf, ja sogar förmlich verordnet bekommt. Nur am Rande sei in diesem Zusammenhang auch auf die vielfältigen Ausdrucksformen von Statussymbolen verwiesen, mit denen wir überall um uns herum in Form von Autos, Kleidung, Luxusgegenständen u. Ä. konfrontiert werden und die oft lächerliche Versuche darstellen, sich um jeden Preis von den anderen zu unterscheiden bzw. manchmal auch schlicht soziale Täuschungsmanöver sind. Kehren wir zurück zu unserem Ausgangspunkt, zum Gleichnis vom Rollenspieler. Ralf Dahrendorf hat diese Metapher in der Rezeption frühe‐ rer amerikanischer Beiträge zu diesem Thema bereits gegen Ende der 1950er-Jahre einem breiteren Leserkreis in Deutschland vorgestellt. Wahr‐ scheinlich ist der Titel seines Buches »Homo sociologicus« etwas irreführend, weil man darunter vor allem eine Aussage über den Menschen vermuten 90 2 Mensch und Gesellschaft <?page no="91"?> kann und weniger eine Erörterung soziologischer Betrachtungsweisen und Modelle. Wie auch immer -, Dahrendorf hat mit dieser Schrift eine bis heute andauernde Auseinandersetzung mit dem Grundthema des sozialen Rollenspiels provoziert. Unsere bisherigen Überlegungen hierzu lassen sich deshalb in der Diktion Dahrendorfs wie folgt zusammenfassen: »Zu jeder Stellung, die ein Mensch einnimmt, gehören gewisse Verhaltensweisen, die man von dem Träger dieser Position erwartet; zu allem, was er ist, gehören Dinge, die er tut und hat; zu jeder sozialen Position gehört eine soziale Rolle. Indem der Einzelne soziale Positionen einnimmt, wird er zur Person des Dramas, das die Gesellschaft, in der er lebt, geschrieben hat. Mit jeder Position gibt die Gesellschaft ihm eine Rolle in die Hand, die er zu spielen hat. Durch Positionen und Rollen werden die beiden Tatsachen des einzelnen und der Gesellschaft vermittelt; dieses Begriffspaar bezeichnet homo sociologicus, den Menschen der Soziologie, und es bildet daher das Element soziologischer Analyse. Soziale Rollen bezeichnen Ansprüche der Gesellschaft an die Träger von Positi‐ onen, die von zweierlei Art sein können: einmal Ansprüche an das Verhalten der Träger von Positionen (Rollenverhalten), zum anderen Ansprüche an sein Aussehen und seinen ›Charakter‹ (Rollenattribute). Soziale Rollen sind Bündel von Erwartungen, die sich in einer gegebenen Gesell‐ schaft an das Verhalten der Träger von Positionen knüpfen« (Dahrendorf - zuerst 1958/ 1959 - 2010, 37). Wenn in der Soziologie also von sozialer Rolle die Rede ist, steht zunächst die objektive Betrachtung eines Verhaltens im Hinblick auf eine bestimmte soziale Position im Vordergrund. D. h. es geht nicht darum, wie sich ein einzelnes Individuum selbst subjektiv sieht, sondern darum, wie es von anderen wahrgenommen wird, was andere an unausgesprochenen Erwartungen und/ oder direkt artikulierten Ansprüchen und Forderungen an es richten. In dieser Beziehung normieren dann auch Rollen systematisch und überindividuell das Aufgabenverhalten in einem sozialen System (einer Gruppe, einer Gesellschaft). Die an die sozialen Positionen geknüpften typischen Bündel von Verhaltenserwartungen werden deshalb auch Rollen‐ normen genannt, d. h. sie sind Ausdruck gesellschaftlicher Wertstrukturen, treten unter bestimmten Bedingungen auf und verlangen vom Rollenträger ein regelhaftes Handeln und Verhalten. Hinzu kommt, dass im Feld sozialer Beziehungen eine Position immer auch mit anderen Positionen verknüpft ist, so dass die dazugehörenden 2.4 Sozialisation und soziale Rolle: Wir-alle-spielen Theater 91 <?page no="92"?> Rollen sich wechselseitig aufeinander beziehen und beeinflussen. Wir ha‐ ben solche Interdependenzen sozialer Rollen schon in komplementären Rollenbeziehungen wie Ehemann-Ehefrau, Lehrer-Schüler, Arzt-Patient, Verkäufer-Kunde u. Ä. kennengelernt. Die Erwartungen der einen Rolle beziehen sich hier auf das Verhalten der anderen und umgekehrt, wobei derartige Rollenbezüge häufig auch durch Überbzw. Unterordnung ihrer Spieler unterscheidbar sind. Allerdings bezieht sich die Komplementarität von Rollen nicht nur auf jeweils zwei Rollen, sondern muss meist als Ausdruck der Beziehungen zu mehreren anderen Positionen verstanden werden. Die Rolle »Kind« beispielsweise ist unaufhebbar mit den Rollen »Vater« und »Mutter« verschränkt, gegebenenfalls noch mit der Rolle »Erzieherin im Kindergarten«, später »Lehrerin« usw. Somit setzt sich fast jede Rolle aus den Verhaltenserwartungen mehrerer, jeweils in einer spezifischen Beziehung zum Rollenträger stehender Bezugspersonen und Bezugsgruppen zusammen. Die nachfolgende Abbildung zeigt, wie beispielsweise die Position des Lehrers eingebettet ist in ein ziemlich komplexes Beziehungsverhältnis verschiedener sozialer »Regisseure« und Bezugsgruppen innerhalb und außerhalb der Organisation Schule, die das »Drehbuch« für die Berufsrolle des Lehrers schreiben und inszenieren sowie deren individuelle »Auffüh‐ rungsqualität« überwachen. In die Definition der Lehrerrolle gehen somit die Erwartungen von Schülern, Eltern, Kollegen, Vorgesetzten, aber auch vom Schulträger, von Gewerkschaften, von kulturellen Vereinigungen oder Sportvereinen, von Wirtschaftsverbänden, Handwerkskammern usw. ein. Jede dieser Bezugs‐ gruppen richtet an das Lehrerverhalten spezifische Ansprüche, an jeder dieser Erwartungen muss der Lehrer sein Verhalten orientieren. Diese Ausschnitte aus den Rollenbeziehungen, die sich in der situativen Orientie‐ rung des Rollenspielers an den Verhaltenserwartungen seines jeweiligen Rollenpartners manifestieren (z. B. Lehrer gegenüber Schülerinnen im Unterricht, Lehrer gegenüber Kollegen im Konferenzzimmer, Lehrerin ge‐ genüber Schulrat beim fälligen Schulbesuch), werden Rollensektoren oder auch Rollensegmente genannt. Die Gesamtmenge aller miteinander zusam‐ menhängenden Rollenbeziehungen, die eine Person in einer bestimmten sozialen Position eingeht, wird dagegen als Rollensatz bezeichnet (z. B. der Lehrer als Klassenlehrer, Fachlehrer, Mitglied der Prüfungskommission, Sprecher des Kollegiums, Personalratsmitglied und Beauftragter für die Lehrerbibliothek). 92 2 Mensch und Gesellschaft <?page no="93"?> Universitäten Wissenschaftl. Vereinigungen Gewerkschaften Lehrerverbände Heimatverbände Schulträger Eltern Gemeinde Polit. Parteien Sportvereine Kulturelle Vereinigungen (Chöre, ...) Wirtschaft Kirche Kultusministerium Schulabteilung Staatl. Schulamt, Untere Schulaufsichtsbehörde Oberschulamt Binnenraum der Schule Schulleiter stellv. Schulleiter Lehrer Kollege Hilfspers. Schüler Hausmeister Abb. 3: Bezugsgruppen und -personen am Beispiel des Lehrers (modifiziert nach Klose 1971, 81) Die Bezugspersonen und Bezugsgruppen des Lehrers, wie Schüler, Eltern, Vorgesetzte oder Kollegen, legen mit ihren Erwartungen nicht nur die Leh‐ rerrolle (oft mit gegenseitig recht widersprüchlichen und konfliktträchtigen Zumutungen, auf die wir noch zu sprechen kommen werden) weitgehend fest, sondern machen ihre Vorstellungen dem Lehrer als Rollenträger auch nachdrücklich bewusst. Hierfür stehen ihnen die klassischen Instrumente der sozialen Kontrolle zur Verfügung, indem sie auf die Erfüllung ihrer Ansprüche (= rollenkonformes Verhalten) mit Anerkennung, Lob und Be‐ 2.4 Sozialisation und soziale Rolle: Wir-alle-spielen Theater 93 <?page no="94"?> lohnung (= positive Sanktionen), auf die Enttäuschung ihrer Erwartungen (= abweichendes Verhalten) aber mit Vorwürfen, Missbilligung, Verachtung oder gar mit der Androhung disziplinarischer Maßnahmen (= negative Sanktionen) reagieren. Auch in diesem Sinne bringt das Attribut »sozial« im Begriff der sozialen Rolle die gesellschaftliche Verbindlichkeit der Ver‐ haltenserwartungen zum Ausdruck, denen man sich in der Regel nicht ohne Schaden entziehen kann. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Raymond Boudon &-François Bourricaud (1992): Soziologische Stichworte. Ein Handbuch. (Darin »Rolle«, S. 435-440). Westdt. Verlag: Opladen. Ralf Dahrendorf (2010): Homo sociologicus. Ein Versuch zur Geschichte, Bedeu‐ tung und Kritik der Kategorie der sozialen Rolle. (Darin insbesondere Kapitel III bis VII). 17. Aufl. Verlag für Sozialwissenschaften: Wiesbaden. Joachim Fischer (2010): Art. »Die Rollendebatte - Der Streit um den `Homo sociologicus´«. In Georg Kneer & Stephan Moebius (Hrsg.), Soziologische Kontroversen. Eine andere Geschichte von der Wissenschaft vom Sozialen. S.-79-101. Suhrkamp: Berlin. Gottfried Eisermann (1991): Rolle und Maske. (Darin insbesondere die Kapitel V »Handeln«, VI »Rolle«, VIII »Rollenmerkmal« und XI »Maske«). Mohr (Siebeck): Tübingen. 2.4.3.2 Schwierigkeiten beim Rollenspiel: Rollenkonflikte Wie uns die Rollentheorie gezeigt hat, sind schon mit einer einzigen sozialen Position - beispielsweise der des Lehrers - unterschiedliche Erwartungen verbunden, aus denen zahlreiche Widersprüche und Konflikte resultieren können. So wird etwa der Lehrer immer wieder auf bestimmte Erwartungen seiner Schüler stoßen, die sich nicht mehr mit jenen Rollenvorstellungen vereinbaren lassen, die die Schulverwaltung an ihn richtet. Er muss also in jedem Fall bestimmten Erwartungen zuwiderhandeln. Und selbst innerhalb einer einzigen Bezugsgruppe können schon Widersprüche auftreten, wenn z. B. beim Elternabend der Klassenpflegschaft der eine Teil der Eltern vom Lehrer leistungsorientierten Unterricht und soziale Auslese fordert, während ein anderer Teil mehr für individuelle Förderung und pädagogische Hilfen plädiert. Kurz: Alle Personen und Gruppen, mit denen ein Lehrer im Rahmen seiner beruflichen Position zu tun hat, können ihn mit einander wi‐ 94 2 Mensch und Gesellschaft <?page no="95"?> dersprechenden Erwartungen und grundsätzlich divergenten Zumutungen belasten. Da der Lehrer dadurch unter Umständen sozial in arge Bedrängnis und auch in einen inneren Zwiespalt gerät, wird diese typische Situation des Erwartungskonflikts innerhalb einer sozialen Rolle als Intra-Rollenkonflikt bezeichnet. Nun hat - wie wir auch gesehen haben - niemand im alltäglichen Leben und Handeln nur eine einzige soziale Position inne. Der Mensch des All‐ tags - nennen wir ihn Wilhelm Müller - ist ja z. B. nicht nur Lehrer, sondern auch Mann, Ehegatte, Vater, Katholik, Staatsbürger, aktives Mitglied eines Musikvereins u. v. a. Dieser Sachverhalt wird auch als Rollenkonfiguration bezeichnet und lässt sich grafisch wie folgt darstellen: Wilhelm Müller Ehegatte Lehrer Katholik Vereinsmitglied Staatsbürger Vater Mann X Y Z Abb. 4: Rollenkonfiguration einer Person. x, y, z = situativ aktualisierte andere Rollen (z. B. Autofahrer, Kunde, Patient usw.). Die mit diesen einzelnen Positionen verknüpften Rollenerwartungen kön‐ nen teilweise miteinander vereinbar sein. Man kann sich aber aufgrund der eigenen Alltagserfahrung sicher gut vorstellen, dass sich aus diesem Nebeneinander von Rollen und der Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Er‐ wartungen auch erhebliche Spannungen und schwerwiegende Konfliktla‐ 2.4 Sozialisation und soziale Rolle: Wir-alle-spielen Theater 95 <?page no="96"?> gen ergeben können: Der Lehrer Wilhelm Müller ist vielleicht mit seinem Beruf »verheiratet« und begegnet deshalb den seitens der Familie an ihn als Ehemann und Vater gerichteten Ansprüchen nur unzureichend. Oder er probt mit seinem Musikverein intensiv für verschiedene bevorstehende Konzerte, was ihn an der notwendigen Unterrichtsvorbereitung hindert, die fälligen Korrekturen der Klassenarbeiten verzögert sowie das erwartete kollegiale Engagement beeinträchtigt. Je mehr soziale Positionen Wilhelm Müller im Netzwerk verschiedener sozialer Beziehungen einnimmt, desto wahrscheinlicher wird er den unterschiedlichen, oft auch noch grundsätz‐ lich widersprüchlich formulierten Anforderungen und Erwartungen nicht mehr in vollem Umfang gerecht werden können. Und zwar nicht nur von der zeitlichen Erfüllung der Rollenzumutungen her, sondern auch insbesondere aufgrund verschiedener moralischer Implikationen, die die einzelnen Rollen beinhalten und die die eine oder andere Partei enttäuschen bzw. die eine oder andere Verhaltenserwartung verletzen (müssen). Diese Konfliktart zwischen verschiedenen Rollen wird Inter-Rollenkonflikt genannt. Noch komplizierter und spannungsreicher wird es, wenn man gegenüber einer Person oder einer Bezugsgruppe gleichzeitig verschiedene Positionen einnimmt und entsprechend heterogene Rollenverpflichtungen erfüllen soll. Wenn z. B. ein Lehrer sein eigenes Kind in der Klasse unterrichten muss, ein Vorgesetzter gleichzeitig Nachbar seines Mitarbeiters ist oder - allgemei‐ ner - wenn beispielsweise Berufsrollen durch Alters- und Geschlechtsrollen überlagert sind (junger Schulleiter mit überwiegend älterem weiblichem Lehrerkollegium) usw. Die Ungewissheit darüber, in welcher Position die anderen einen gerade sehen bzw. welchen Status und welche Erwartungen sie damit verbinden, kann zu großer persönlicher Unsicherheit führen. Der portugiesische Werkmeister bei VW in Wolfsburg beispielsweise weiß oft nicht genau, ob man in ihm primär den Ausländer oder den Vorgesetzten sieht. Bei der Rolle des Jugendlichen in unserer Gesellschaft sind solche positionalen und statusmäßigen Unsicherheiten übrigens besonders cha‐ rakteristisch: Seine Rolle wird nicht nur häufig doppelt negativ bestimmt (»nicht mehr Kind, - aber auch noch nicht Erwachsener«), was zweifellos keineswegs identitätsfördernd ist, sondern es kann ihm im Alltag tatsächlich in rascher Folge passieren, dass er einmal in dieser oder jener Altersrolle angesprochen und dabei mit gesellschaftlich höchst unterschiedlichen Er‐ wartungen konfrontiert wird. Für empirische Rollenanalysen wie für das alltagspraktische Handeln ist es von zentraler Bedeutung, welche verschiedenen Lösungsmöglich‐ 96 2 Mensch und Gesellschaft <?page no="97"?> keiten dem Individuum bei Rollenstress bzw. einem »ausgewachsenen« Rollenkonflikt zur Verfügung stehen, um diesen in Grenzen zu halten, zu mildern oder ganz zu beseitigen und aufzulösen. Die Rollentheorie nennt hier eine Reihe von möglichen Mechanismen zur Lösung bzw. Regelung solcher Rollenkonflikte (z. B. Dreitzel 1972, Wössner 1986, Merton 1973). In Anlehnung hieran hat beispielsweise Kurt Holm (1970, 86 f.) für den Intra-Rollenkonflikt eines Werkmeisters einige »Lösungstricks« entworfen. Der von ihm dabei beschriebene Fall geht aus von der für Vorgesetzte geradezu typischen Konfliktlage einerseits zwischen den Erwartungen der Betriebsleitung, leistungsorientiert bei den Mitarbeitern bestimmte Ziele durchzusetzen und andererseits den Erwartungen der Mitarbeiter, auf ihre personalen Bedürfnisse einzugehen und sie »nach oben« zu transformieren. Die hierfür beschriebenen »Lösungsmuster« können unter Umständen auch auf andere Intra-Rollenkonflikte übertragen werden: • Handlungsverzögerung Wenn eine Situation entsteht, in der an den Werkmeister konträre Erwartungen gerichtet werden -, dann zögert er seine Handlungen so lange hinaus, bis sich die Situation inzwischen von allein ändert oder bis einer der »Erwartungsheger« die Angelegenheit vergessen hat. Im Extremfall führt diese Haltung des »Aussitzens« zur absoluten Verant‐ wortungsscheu und zum »sozialen Rückzug«, da der Meister versucht, jeglichen Kontakt mit seinen Erwartungshegern zu vermeiden. • Handlungsverschleierung Der Meister vollzieht zwar eine Handlung, gibt sich dabei jedoch die größte Mühe, die Wahrnehmung seiner Handlung durch die eine oder durch beide Seiten zu trüben. In der Regel dürfte ihm das beim Betriebsleiter besser gelingen. • Alternierende Erwartungstreue Der Meister betreibt eine Art Schaukelpolitik. Um es nicht völlig mit einer der beiden Seiten zu verderben, entspricht er in seinem Handeln einmal den Erwartungen der einen und einmal den Erwartungen der anderen Seite. • Handlung nach Legitimitätsgesichtspunkten Der Meister entspricht jeweils der Erwartung, der er Legitimität zuer‐ kennt. 2.4 Sozialisation und soziale Rolle: Wir-alle-spielen Theater 97 <?page no="98"?> • Handlung nach Sanktionskalkül Der Meister trifft (allmählich und alle Möglichkeiten abwägend) eine grundsätzliche Entscheidung. Er stellt sich auf die Seite, die die stärkeren Sanktionsmittel besitzt: Und das ist in der Regel die Betriebsleitung. In der Realität erweisen sich häufig gerade Intra-Rollenkonflikte als derart kompliziert und vielschichtig, dass dem bedrängten Rollenträger selten eine einzige und spezielle Bewältigungsstrategie zur Verfügung steht, sondern er vielmehr zu situational entworfenen Mischformen der oben genannten fünf Möglichkeiten greifen dürfte. Letztendlich werden in der sozialen Wirklich‐ keit Rollenkonflikte jedoch meist zugunsten der stärker sanktionierenden Bezugspersonen oder -gruppen entschieden, zumal wenn von ihnen die berufliche Existenzsicherung oder Karriere abhängt. In ähnlicher Weise ergibt sich auch bei Inter-Rollenkonflikten im Allge‐ meinen die Möglichkeit zu einem situationsspezifischen Verhalten mittels einer sogenannten Rollenpriorisierung, indem die für die jeweilige Situation weniger bedeutsamen »externen Variablen« oder »privaten Externa« ent‐ sprechend hintangestellt werden. So könnte eine solche Prioritätenabfolge für unseren Wilhelm Müller etwa wie in Abb.-5 dargestellt werden. Dominante Situation: Familie → Beruf → Verein Hypothetische Reihenfolge der Absättigung von Rollenver‐ pflichtungen: 1. Vater 1. Lehrer 1. Vereinsmitglied 2. (Ehe-)Mann 2. Mann 2. Mann 3. Katholik 3. Staatsbürger 3. Lehrer 4. Lehrer 4. Vater 4. Vater 5. Vereinsmitglied 5. Katholik 5. Staatsbürger 6. Staatsbürger 6. Vereinsmitglied 6. Katholik Abb. 5: Hypothetische Rollenpriorisierungen (nach Scheuch & Kutsch 1972, 82; eigene Darstellung) Damit wird es »immer mehr zu einer Kunst, im sozialen Leben die richtige Rolle zur rechten Zeit und am rechten Ort auszuüben und seine Rollen nicht durcheinander zu bringen. Häufiger und flexibler Rollenwechsel mit raschem und sozial-sensiblem Umschalten ist typisch für die Alltagsanforde‐ 98 2 Mensch und Gesellschaft <?page no="99"?> rungen in der heutigen Gesellschaft. Doch neben dieser sozial abgeforderten Virtuosität und Sensibilität beim Rollenspiel ist individuell auch immer gutes Augenmaß vonnöten. Denn man würde es Wilhelm Müller wohl übel nehmen, wenn er innerhalb der Organisation Schule die Rolle des Lehrers nicht wenigstens einigermaßen »standesgemäß« darstellt, sondern, weil ihm das vielleicht sympathischer erscheint, seinen Schülern unvermittelt kumpelhaft und distanzlos gegenübertritt. Vor einiger Zeit erschien dazu in verschiedenen pädagogischen Publikationen eine Karikatur mit soziolo‐ gischem Tiefgang: Ein junger, »emanzipatorisch« sich dünkender Lehrer kommt am ersten Schultag in die neue Klasse mit den Worten: »Hallo, ich heiße Klaus, ihr könnt gerne zu mir ›Du‹ sagen.« - Reaktion des Klassensprechers: »Und Du darfst zu uns ›Sie‹ sagen! « Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Heinz Hartmann (Hrsg.) (1973): Moderne amerikanische Soziologie. Neuere Beiträge zur soziologischen Theorie. (Darin insbesondere die Beiträge Robert K. Merton, »Der Rollen-Set: Probleme der soziologischen Theorie«, S. 316- 333 und William J. Goode, »Eine Theorie des Rollen-Stress«, S. 336-360). 2. Aufl. dtv/ Enke: München, Stuttgart. Karl-Heinz Hillmann (2007): Wörterbuch der Soziologie. (Darin die Stichwörter »Rollenkonflikt«, und »Rollenüberlastung«). 5. Aufl. Kröner: Stuttgart. 2.4.3.3 Abweichendes Verhalten und soziale Kontrolle: Weh’-dem, der aus der Rolle fällt Im Zusammenhang mit sozialen Normen begegnen wir im Alltag nicht nur Rollenkonflikten, sondern auch jenen Verhaltensweisen, die mit den gelten‐ den Normen und Werten nicht übereinstimmen, darum gesellschaftlich als problematisch gelten und meist als »abweichend« oder »deviant« bezeichnet werden. Wir haben uns ja bereits in Abschnitt 2.3 mit kollektiven Abweichungen (insbesondere in der Form von subkulturellen Entwürfen und Verhaltens‐ prägungen) befasst. Hier soll dieses Thema nochmals in systematischer Absicht aufgenommen werden, um u. a. auch die Prozesse individueller Abweichungen von Rollenvorgaben näher zu beleuchten, zumal wir uns im Alltag gerade mit diesen Formen der Abweichung immer wieder auseinan‐ dersetzen müssen. 2.4 Sozialisation und soziale Rolle: Wir-alle-spielen Theater 99 <?page no="100"?> Die Spannweite abweichenden Verhaltens und Handelns ist erheblich und hat auch ganz verschiedene Relevanzen. Sie beginnt bei augenfälligen Verletzungen bestimmter gesellschaftlicher Normen, Werte und Institutio‐ nen, also im engeren Sinne sog. delinquenten Verhaltensweisen, die von Strafgesetzen und von Strafverfolgungsinstanzen ausdrücklich kriminali‐ siert werden. Darüber hinaus umfasst sie aber auch Abweichungen und Devianzen im Sinne von »aktiver Neugestaltung der Umwelt, über versuchte Neuantworten auf die Sinnfrage bis hin zu wissenschaftlichen Erfindungen und Entdeckungen« (Bellebaum 2001, 84). Wie wir schon gesehen haben, lässt sich abweichendes Verhalten in allen uns bekannten Gesellschaften nachweisen und wird von der jeweils gesellschaftlich herrschenden Perspektive aus auch als negativ angesehen und bewertet. Erklärt wird es oft damit, dass die Erziehung wohl nicht funktioniert habe, dass verkehrte Leitbilder vermittelt worden seien und die soziale Kontrolle versagt habe. Neben solchen pädagogischen Ursachen werden häufig auch noch psychologische Erklärungsgründe angeführt, die sich auf die Persönlichkeitsstruktur bzw. auf bestimmte »schädliche Neigungen« und Veranlagungen des Abweichenden stützen. Wenn auch im Einzelfall das abweichende Verhalten eines Menschen mit einer falschen Erziehung, mit negativen Lernprozessen oder auch mit bestimmten Persönlichkeitseigenschaften mehr oder weniger monokausal plausibel gemacht werden kann, so hat doch eine ausgedehnte sozialwissen‐ schaftliche Erforschung der Hintergründe von Abweichungen inzwischen komplexere Bedingungszusammenhänge nachgewiesen, von denen im All‐ gemeinen auszugehen ist. So kann es sein, dass gerade durch ein Übermaß bzw. eine allzu perfekte Organisation der sozialen Kontrolle bestimmte biologische oder psychische Bedürfnisse nur ungenügend befriedigt werden können, was zu Frustrationen führt, die dann beispielsweise als Abwei‐ chungen in Form von Aggressionen entladen werden (sogenannte Frustrati‐ ons-Aggressions-Hypothese). Oder in einer Gesellschaft bzw. in einer sozialen Gruppe werden bestimmte Werte so übermäßig betont und entsprechend mit sozialer Anerkennung verknüpft, dass Individuen, die nicht in der Lage sind, diese Werte auf konventionell und rechtlich angemessene Art und Weise zu erreichen, sich ihretwegen gesellschaftlich nicht akzeptierter Mit‐ tel bedienen. Als ein entsprechendes Beispiel für abweichendes Verhalten führen Pearlin und Mitarbeiter die bekannte Erfahrung des »Abschreibens« in der Schule an: 100 2 Mensch und Gesellschaft <?page no="101"?> »›Abschreiben‹ kommt hauptsächlich bei solchen Schülern vor, bei denen die Diskrepanz zwischen dem Wert, der dem Vollbringen von Leistungen beigemes‐ sen wird, und den entsprechenden Leistungsmöglichkeiten am größten ist. Eltern, die ihren Kindern gute Leistungen abverlangen, wollen ihnen wahrscheinlich nur beibringen oder ihnen dabei helfen, etwas zu erreichen; sie können aber unbewusst und ungewollt auf diesem Wege dazu beitragen, dass ihre Kinder sich Formen eines abweichenden Verhaltens aneignen« (zit. n. Jager &-Mok 1972, 70). Eine ganz andere Sichtweise hinsichtlich abweichenden Verhaltens entwi‐ ckelt ein neuerer Erklärungsversuch, der sogenannte Etikettierungsansatz (auch als »labeling approach« oder »social reaction approach« bezeichnet). Abweichendes Verhalten ist dabei nach der berühmten Definition von Howard S. Becker (2014, 26 ff., 172 ff.) das Verhalten, das Menschen so bezeichnen. Hiernach sind die Reaktionen der Umwelt im Hinblick auf den Devianten mindestens ebenso wichtig wie das abweichende Verhalten selbst. Abweichung wird daher als das Ergebnis eines sozialen Interaktions‐ prozesses aufgefasst, der auf mehreren Ebenen abläuft: • Gesellschaftlich werden bestimmte Normen und Regeln gesetzt, deren Verletzung »Abweichung« bedeutet; • diejenigen, die die Regeln bewusst oder unbewusst verletzen und dabei ertappt werden, werden von den anderen »gebrandmarkt« (»stigmati‐ siert«); • dementsprechend werden sie »behandelt«, »isoliert«, »bestraft« oder »resozialisiert«; • diese »Behandlung«, d. h. die Anwendung von Normen und Sanktionen auf die »Täter«, kann wiederum in der Konsequenz (im Sinne eines Teufelskreises, aus dem es scheinbar kein Entrinnen mehr gibt) für weiteres abweichendes Verhalten bestimmend sein usw. Beispielsweise kommt ein als »Dieb« verurteilter Jugendlicher im Gefängnis schnell mit echten Dieben in Kontakt und lernt dort erst richtig deren profes‐ sionelle Praktiken; werden diese Lernerfahrungen mit entsprechenden Diskriminierungen der Umwelt gedoppelt, so können sich daraus leicht typische »kriminelle Karrieren« entwickeln. Obwohl dieser Etikettierungsansatz zunächst innerhalb der Kriminalsozio‐ logie entwickelt wurde, lässt er sich auch übertragen auf die persönlich diskreditierenden Zuschreibungsprozesse gegenüber körperlich, psychisch oder geistig Behinderten sowie in Bezug auf Angehörige ethnischer, nati‐ 2.4 Sozialisation und soziale Rolle: Wir-alle-spielen Theater 101 <?page no="102"?> onaler, politischer oder sexueller Minderheiten. Abweichendes Verhalten ist von diesem theoretischen Erklärungsversuch her weniger das Ergebnis bestimmter Persönlichkeitsstrukturen Einzelner als vielmehr das Produkt der sozialen Definitionskraft und durchgesetzter Zuschreibungsmacht von sozialen Gruppen und Institutionen. Eine Schwierigkeit dieses Ansatzes liegt jedoch in der begrenzten Möglichkeit, konkrete gesellschaftliche Be‐ dingungen für die Existenz bestimmter Etikettierungen anzugeben und abzuleiten. Schließlich wird von bedeutenden Soziologen, wie beispielsweise George C. Homans (1910-1989) oder Lewis A. Coser (1913-2003), darauf verwiesen, dass eine Gesellschaft paradoxerweise ein gewisses Maß an normverletzenden Abweichungen zur Sicherung ihrer Stabilität geradezu benötigt. Solche - auf den ersten Blick möglicherweise provokanten - Erklärungen lassen sich indessen durch folgende empirische Befunde einsichtig machen: • Manche Abweichungen von Normen können in Bezug auf ungelöste oder unlösbare gesellschaftliche oder auch individuelle Probleme eine Art »Ventil-Charakter« haben. In diesem Zusammenhang wird dann immer wieder die Funktion der Prostitution als Beispiel angeführt, die in vielen Gesellschaften als eine »quasi-institutionalisierte Aus‐ weich-Sitte« gilt. • Die Wahrnehmung abweichenden Verhaltens gibt den, auf Normeinhal‐ tung achtenden Repräsentanten der entsprechenden sozialen Bezugs‐ gruppe der »Erwartungsheger« beispielsweise auch die Möglichkeit, »aus gegebenem Anlass« die Gültigkeit von bestimmten Normen und Regeln wieder in Erinnerung zu rufen und deren unveränderten Gel‐ tungsanspruch anzumahnen und neu zu bekräftigen. • Die beispielsweise als Folge einer sozialen »Anprangerung« mögliche kollektive Reaktion auf »Abweichler« und »Sündenböcke« kann - sozialpsychologisch gesehen - die Kohäsion und Integration und damit die Stabilität einer sozialen Gruppe fördern, was jedoch nicht heißt, dass dieses Verfahren aufgrund seiner empirisch funktionalen Wirkungen auch pädagogisch oder moralisch zu rechtfertigen ist. • Wie kollektive Abweichungen sind auch die Devianzen Einzelner manchmal Vorboten und Schrittmacher gesellschaftlichen und kultur‐ ellen Wandels und damit auch vorweggenommene Ausdrucksformen künftigen »normalen« Verhaltens. Émile Durkheim wies z. B. auf Sokrates hin, der - gemessen am damaligen athenischen Recht - ein 102 2 Mensch und Gesellschaft <?page no="103"?> »Verbrecher« gewesen sei, dennoch aber einen neuen Glauben und eine neue Moral vorbereitet habe. Wäre jene Norm, die Gedankenfreiheit verbot, nicht nachhaltig verletzt worden, könnten wir uns heute nicht der Gedankenfreiheit erfreuen. Insofern sind also auch ohne individuelle und dann auch kollektive Abweichungen von üblichen und bekannten Regeln keine neuen sozialen Trends und gesellschaftliche Entwicklun‐ gen möglich. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Howard S. Becker (2014): Außenseiter. Zur Soziologie abweichenden Verhal‐ tens. 2. Aufl. Springer VS: Wiesbaden. Alfred Bellebaum (2001): Soziologische Grundbegriffe. Eine Einführung für Soziale Berufe. (Darin Kapitel 8 »Soziale Kontrolle«, S. 78-103). 13. Aufl. Kohlhammer: Stuttgart, Berlin, Köln. Émile Durkheim (1984): Die Regeln der soziologischen Methode. (Darin 3. Ka‐ pitel »Regeln für die Unterscheidung des Normalen und des Pathologischen«, S. 141-164). Suhrkamp: Frankfurt/ M. Erving Goffman (2020): Stigma: Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. (Darin Kap. 1 »Stigma und soziale Identität«, S. 9-55). 25. Aufl. Suhrkamp: Frankfurt/ M. Karl-Heinz Hillmann (2007): Wörterbuch der Soziologie. (Stichwort »Abwei‐ chendes Verhalten«). 5. Aufl. Kröner: Stuttgart. 2.4.4 Rollenübertragung und Rollenübernahme: Traditionelle Prüfsteine für die Effizienz von Erziehung und Sozialisation Die wohl systematischste und konsequenteste Anwendung rollentheoreti‐ scher Annahmen auf den Sozialisationsprozess findet sich bei dem ameri‐ kanischen Soziologen Talcott Parsons (1902-1979), der als einer der großen modernen soziologischen Theoretiker und als Hauptvertreter der struktu‐ rell-funktionalen Theorie gilt. In vergleichender Analyse verschiedener Aspekte des sozialen Handelns bei Émile Durkheim, Max Weber und Vilfredo Pareto (vgl. Abschnitt 1.5.3) weist Parsons gemeinsame Grundlagen individuellen und gesellschaftlichen Handelns auf und fügt sie in einen einheitlichen Bezugsrahmen als »Theorie sozialen Handelns« (Parsons & Shils 1951, Parsons 1964 und 1976). 2.4 Sozialisation und soziale Rolle: Wir-alle-spielen Theater 103 <?page no="104"?> Im Rahmen seiner allgemeinen Handlungstheorie geht Parsons der sozio‐ logischen Grundfrage nach, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit ein Zusammenleben und -wirken von mehreren Menschen möglich ist. Dabei begreift er die Gesellschaften als Systeme, in denen bestimmte Funk‐ tionen erfüllt sein müssen, damit die Struktur des Systems über einen gewis‐ sen Zeitraum gesichert bleibt (daher auch: strukturell-funktionale Theorie). Hierbei ist nicht in vordergründiger Weise nur an das Funktionieren eines sozialen Systems und an die Erhaltung gerade bestehender Systemstruktu‐ ren zu denken, sondern ganz allgemein auch an den physischen Fortbestand der Menschen. Dieses physische Überleben ist an ein soziales Verhalten der Individuen geknüpft, das kulturell und gesellschaftlich wirksamen Mustern entspricht und so für andere voraussehbare und berechenbare Beziehungsabläufe zulässt. Damit die Mitglieder eines sozialen Systems diese selbstregulativen Bedingungen erfüllen, gibt es nach Parsons zwei Mechanismen, die dies sicherstellen: • Die Sozialisation der heranwachsenden Individuen, mittels derer sie gleichfalls über die gesellschaftlich notwendigen Verhaltensmuster (Rol‐ len) verfügen und sich ihrer für vorhandene oder neu sich abzeichnende Systemzwecke bedienen können sowie • die sozialen Kontrollen, die dann einsetzen, wenn von den Rollenerwar‐ tungen abgewichen wird. Von den verschiedenen sozialen Positionen aus gesehen, ist dieser Rollen‐ zwang objektiv unterschiedlich stark und wird auch von den Rollenträgern selbst subjektiv differenziert wahrgenommen. Je mehr das Individuum als Rollenträger sich solche, quasi von »außen« herangetragene Anforderun‐ gen zu eigen macht, sie bejaht und sich ihnen unterwirft, umso weniger wird es diese Zumutungen und Erwartungen als zwanghaft empfinden. Überdies ist der Einzelne auf viele Rollenverpflichtungen schon deshalb vorbereitet, weil er sie bereits in früher Kindheit gelernt und in selbstverständlicher Weise verinnerlicht hat. Über diese Norminternalisierung werden soziale Verhaltensvorschriften in das Repertoire der Handlungsmuster des Indivi‐ duums übernommen, so dass sie mehr und mehr als subjektiv selbstbestimmt und quasi »natürlich« begriffen werden. Da parallel dazu auch das Gewissen eine Kontrollfunktion ausübt, er‐ scheint das sozialisierte Individuum - relativ unabhängig von äußeren Zwängen - nicht nur fähig (im kognitiven Sinne), sondern vor allem auch 104 2 Mensch und Gesellschaft <?page no="105"?> willens (im motivationalen Sinne), sich in entsprechenden Situationen rol‐ lenkonform zu verhalten. Im Idealfall besteht somit zwischen den Rollener‐ wartungen und den Rollenentsprechungen ein reziprokes Gleichgewicht: Der Mensch ist Lehrer, Facharbeiter, Arzt, Beamter oder Familienvater. Grund‐ annahme dieser strukturell-funktionalen Rollentheorie ist also nicht nur, dass die Individuen im Sozialisationsprozess ihre Rollen, d.-h. insbesondere deren gesellschaftliche Bedeutung und funktionalen Sinn erkennen lernen, um ihre Rollen dann auch »textgetreu spielen« zu können, sondern auch, dass durch Sozialisation die Rollen geradezu zum Bestandteil der Persönlichkeit werden. Unser bisher zur Anschauung benutztes Bild, die Analogie zwischen Schauspiel und Gesellschaftsbühne, wird damit in einem entscheidenden Punkt eingeschränkt. Dahrendorf formuliert dies so: »Während die Uneigentlichkeit des Geschehens für das Schauspiel konstitutiv ist, wäre sie im Bereich der Gesellschaft eine höchst missverständliche Annahme. Der Terminus ›Rolle‹ darf also nicht dazu verführen, in der rollen-›spielenden‹ Sozialpersönlichkeit gewissermaßen einen uneigentlichen Menschen zu sehen, der seine ›Maske‹ nur fallenzulassen braucht, um in seiner wahren Natur zu erscheinen. Homo sociologicus und der integre ganze Einzelne unserer Erfahrung stehen in einem paradoxen und gefährlichen Missverhältnis zueinander, das zu ignorieren oder zu bagatellisieren wir uns schwerlich leisten können. Dass der Mensch ein gesellschaftliches Wesen sei, ist mehr als eine Metapher, seine Rollen sind mehr als ablegbare Masken, sein Sozialverhalten mehr als die Komödie oder Tragödie, aus der auch der Schauspieler in die ›eigentliche‹ Wirklichkeit entlassen wird« (Dahrendorf 2010, 29). An anderer Stelle heißt es (wie übrigens in ähnlicher Weise schon bei Parsons &-Bales 1955, 107 sowie Parsons 1974, 55) bei ihm: »Am Schnittpunkt des Einzelnen und der Gesellschaft steht homo sociologicus, der Mensch als Träger sozial vorgeformter Rollen. Der Einzelne ist seine sozialen Rollen, aber diese Rollen sind ihrerseits die ärgerliche Tatsache der Gesellschaft« (Dahrendorf 2010, 23). Im Prinzip wird damit der Sozialisationsvorgang nicht nur als Integrations-, sondern auch als Durchdringungs-(Interpenetrations-)Prozess von Kultur, Gesellschaft und Person gedeutet. Sozialisation selbst erscheint bereits inhalt‐ lich mit den gegebenen allgemein-gesellschaftlichen bzw. subkultur-spezifi‐ schen Normen, Werten und sozialstrukturell verankerten Institutionalisie‐ 2.4 Sozialisation und soziale Rolle: Wir-alle-spielen Theater 105 <?page no="106"?> rungen festgelegt. Der Sozialisationsprozess ist umso erfolgreicher, je mehr das Individuum seine Rolle auch »ist«, d. h. je mehr es so handeln will, wie es handeln soll. Das dieser Denkfigur zugrunde liegende »elementare Modell« einer Sozialisationssequenz lässt sich grafisch folgendermaßen veranschaulichen: I II III „Dispositonen” Faktoren der Persönlichkeitsstruktur Rollenerwartung Bereich des sozialen Systems , in dem das Individuum mit der Rollenerwartung konfrontiert wird (Bezugsgröße) „Verarbeitung” der Rollenerwartung durch das Individuum als (potenzieller) Rollenträger (RT) SAG „Sozialisationsagent” RT „Sozialisand“ Schwankungsbereich des tatsächlichen Rollenverhaltens V innerhalb des sozialen Systems (Messgröße) V EE ideale Entsprechung der Rollenerwartung V RT Abb. 6: Struktur einer elementaren Sozialisationssequenz (nach Frey 1974, 42) Das Feld I bezeichnet gewissermaßen einen »Input« von Seiten der »Sozia‐ lisationsagenten« (z. B. Eltern, Lehrer u. Ä.), mit denen der Sozialisand interagiert und kommuniziert und von denen er die zu erwerbenden Normen und Werte in Form von Geboten und Verboten erhält. In der Konsequenz dieses Inputs wird in Feld II auf der personalen Ebene des Sozialisanden und potenziellen Rollenträgers ein individual-psychologischer Umsetzungs- und Lernprozess in Gang gebracht, der die individuellen Bedürfnisse des Handelnden mit den normativen Erwartungen seiner Interaktionspartner in Einklang bringt. Dies äußert sich dann in Feld III als »Output« in einem mehr oder weniger angepassten faktischen Verhalten des Rollenträgers. 106 2 Mensch und Gesellschaft <?page no="107"?> Allzu starke Abweichungen von der idealen Entsprechung der Rollenerwar‐ tung - d. h. Überentsprechungen und insbesondere Untererfüllungen von Normen - werden als »Pannen« oder »Defekte« im Sozialisationsprozess angesehen bzw. als individuelle »Kurzschlüsse« und »Fehlreaktionen« bedauert bzw. verurteilt und je nach dem Grad der Abweichung mehr oder weniger scharf negativ sanktioniert. Die strukturell-funktionale Handlungs- und Sozialisationstheorie geht also - insbesondere in der Version von Parsons - von der Frage nach den Be‐ dingungen aus, unter denen soziale Systeme stabil und überlebensfähig sind. Eine relative Gleichförmigkeit des Verhaltens und Handelns verschiedener Individuen in gleichen sozialen Situationen wird hierfür als entscheidende Voraussetzung angenommen. Entsprechend wird der Vermittlungsprozess von Individuum und Gesellschaft einseitig oder zumindest primär von der gesellschaftlichen Ebene her betrachtet, wenn Sozialisation in anpassungs‐ mechanistischer Tendenz als ein Vorgang begriffen wird, durch den ein In‐ dividuum von diversen Sozialisationsagenturen und -medien in bestehende soziale Rollen- und Interaktionssysteme integriert wird, in denen es die normativen Erwartungen seiner Kultur lernt, verinnerlicht und dann ihnen entsprechend handelt. Letztlich geht diese Sozialisationstheorie von einem voll sozialisierten Individuum aus, das selbst wieder vorwiegend als Element eines integrierten Sozialsystems verstanden und in dieser Betrachtungsweise vorrangig auf seine Funktionalität für dieses System untersucht wird. Unterstellt wird gleichzeitig, dass beim einzelnen Menschen jeglicher »Naturrest« in Form von Triebimpulsen und Affekten kulturell überformt bzw. von den gesell‐ schaftlichen Wertvorstellungen und Institutionen absorbiert worden ist. Fraglos bleiben hierbei aber jene Dimensionen möglicher Freiheitsgrade des Handelns und Denkens weitgehend unberücksichtigt, »in denen das Verhältnis des handelnden Subjekts zu seinen Rollen gefasst werden kann« (Habermas 1968, 8). Mit anderen Worten: Die Anteile des Individuums (das immer noch »mehr« ist als das Bündel der von ihm »getragenen« Rollen) am konkreten Rollenspiel, Probleme der autonomen Stellungnahme und der kritischen Auseinandersetzung des Individuums mit seinen Rollen werden von einer rein rollentheoretisch arbeitenden, strukturell-funktional orientierten So‐ zialisationsforschung nicht erfasst, »es sei denn mit dem Hinweis auf das im Prinzip über den Mechanismus der Sanktionen erfolgende ›Einspielen‹ des 2.4 Sozialisation und soziale Rolle: Wir-alle-spielen Theater 107 <?page no="108"?> Menschen auf seine Rolle, eine Grundannahme, die ein deutlich pessimisti‐ sches Bild vom Menschen verrät« (Hartfiel 1973, 28). Empirisch ist leicht nachzuweisen, dass es sich bei den Annahmen des Parsonsschen Sozialisations- und Rollenmodells eher um idealtypische Prä‐ missen eines theoretisch voll integrierten und stabilisierten Sozialsystems handelt. Explizit deutlich wird das bei Dahrendorf, der ja seine Rollentheorie nicht auf wirkliche Menschen bezog, sondern eben auf die gedankliche Konstruktion eines »homo sociologicus« (analog den wirtschafts- und poli‐ tikwissenschaftlichen Konstrukten des »homo oeconomicus« und des »homo politicus«), - auf ein theoretisches Modell vom »soziologischen Menschen« also, an dem man das »ideale« Rollenverhalten darstellen und ableiten kann. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Ulrich Bauer & Klaus Hurrelmann (2021): Einführung in die Sozialisationsthe‐ orie: Das Modell der produktiven Realitätsverarbeitung. (Darin insbesondere Kap.-1, S.-10-40). 14. Aufl. Beltz: Weinheim, Basel. Klaus-Jürgen Tillmann (2017): Sozialisationstheorien. Eine Einführung in den Zusammenhang von Gesellschaft, Institution und Subjektwerdung. (Darin Kap. 1.1 »Sozialisation«, S. 14-28 und Kap. 3.2 »Schulische Sozialisation in struktur-funktionaler Sicht«, S. 142-168). 2. Aufl. Rowohlt: Reinbek. 2.4.5 Sind wir wirklich alle Schauspieler? Zur-Kritik-und Erweiterung des Rollenmodells Kritische Einwände gegen die analytische Fassungskraft und theoretische Reichweite des strukturell-funktionalen Sozialisations- und Rollenkonzepts kamen vor allem von jenen Sozialwissenschaftlern, die weniger an einer (idealtypischen) Rekonstruktion sozialer Systeme als an Aussagen über das tatsächliche soziale Alltagshandeln von Menschen interessiert waren. Bedenken gegen die übermäßige Betonung des gesellschaftlich Normativen und damit auch gegen die, die sozialisierende Seite des Sozialisationsprozesses akzentuierende Rollentheorie (= »normatives Paradigma«) wurden dabei insbesondere von jenen Soziologen und Sozialpsychologen formuliert, die sich eher der Schule des sogenannten »Symbolischen Interaktionismus« verpflichtet fühlen (z.-B. in den USA Gouldner 1960, Turner 1962, Goffman 1973, Wilson 1973 u. a., in Deutschland vor allem Jürgen Habermas 1968 und Lothar Krappmann 2010). 108 2 Mensch und Gesellschaft <?page no="109"?> Dieser von George Herbert Mead (1862-1931) begründete - allerdings erst nach dessen Tod zur breiteren wissenschaftlichen Anerkennung und Gel‐ tung gelangende - mikrosoziologisch-sozialpsychologische Theorieansatz (vgl. Mead 1973, zuerst 1934 postum) berücksichtigt zur Erfassung des alltä‐ glichen Normalfalles von sozialem Handeln nämlich stärker die individuierenden Aspekte des Sozialisationsgeschehens. Das Kernstück dieses An‐ satzes ist es, im Spannungsfeld zwischen den rollenmäßigen Begrenzungen und Zwängen der Gesellschaft und den primären Bedürfnissen und Voraus‐ setzungen des Individuums gerade auch jene individuellen Freiheitsräume sozialen Handelns auszumachen und jene menschlichen Grundqualifikati‐ onen zu erkennen, die eine relative Autonomie bzw. subjektive Interpre‐ tation des Individuums beim Rollenspiel ermöglichen (= »interpretatives Paradigma«). Der symbolische Interaktionismus deutet also die Entwicklung des zwi‐ schenmenschlichen Handelns und Verhaltens nicht nach dem Lernmodell von »Reiz« (Stimulus) und »Reaktion« (Response), sondern betont nach‐ haltig die kommunikativen und symbolischen Aspekte von Sozialisation. Menschliches Verhalten entsteht zwar aus der Teilnahme an sozialen Prozessen innerhalb sozialer Strukturen und Ordnungen, beruht jedoch grundlegend auf Interaktion und Kommunikation und bedient sich überwie‐ gend symbolischer Zeichen, insbesondere der Sprache. Durch gemeinsame Interpretationen erhalten alle Gegenstände, Strukturen, Personen und Ver‐ haltensweisen der jeweiligen Kultur soziale Bedeutungen (»meanings«), die es dem Individuum ermöglichen, soziales Handeln - wie beispielsweise Rol‐ lenhandeln - stets auch intentional, d. h. mit einem bestimmten Sinngehalt, zu verwirklichen (vgl. Krappmann 2021, 20 f., Lindesmith & Strauss 1986, 27 ff.). Mit anderen Worten: Die soziologische Grundfrage nach den Entwick‐ lungsgesetzen menschlichen Zusammenlebens beantwortet der symboli‐ sche Interaktionismus mit dem Prinzip einer einvernehmlichen Interpreta‐ tion über Gegenstandsbedeutungen im Rahmen sozialer Beziehungen, in die sich die Persönlichkeitsentwicklung als Zusammenhang von »Interaktion« und »Selbst«-Entwicklung eingliedern lässt (= »Modell einer vereinbarten Ordnung«, Strauss 1969, 19). Diese nicht ganz einfachen Ableitungen versucht Mead im amerikani‐ schen Original seiner Schriften mit den Termini »I« und »me« zu erhellen. Beide Begriffe wären im Deutschen mit »ich« wiederzugeben, was jedoch die von Mead beabsichtigte Differenzierung verwischen würde. Mit der 2.4 Sozialisation und soziale Rolle: Wir-alle-spielen Theater 109 <?page no="110"?> grammatikalischen Unterscheidung von »I« als Subjektfall und »me« als Objektfall der ersten Person Singular möchte Mead vielmehr bewusst auf zwei verschiedene Seiten des sozialen Handelns aufmerksam machen. Auf die uns bereits geläufige Theatermetapher bezogen, stellt das »»me« die objektive Seite des Rollenspiels dar, das von anderen auf die Aufführungs‐ richtigkeit und »Werktreue« des »sozialen Textes« hin beobachtet und kontrolliert wird, während das »I« den subjektiven Aspekt, nämlich den Schauspieler in seiner persönlichen Originalität und individuellen Unver‐ wechselbarkeit sowie der schöpferischen Interpretation seiner Rolle, zum Ausdruck bringt. Oder allgemeiner formuliert: Das »me« besteht aus einer Reihe von gesellschaftlich vorbestimmten und normierten Rollen (z. B. Lehrer oder Schüler, Sohn oder Tochter, Katholik oder Protestant) und stellt meine soziale Identität dar, während das nach Verwirklichung meiner genuin eigenen Bedürfnisse drängende »I« das Freiheitspotenzial meines »Selbst«, d. h. meine personale Identität bezeichnet. Das »I« denkt über die zugemu‐ teten oder vorgeschriebenen Rollen nach, sucht sie individuell zu gestalten oder kennt auch Wege, sich unter bestimmten Voraussetzungen dem Zwang oktroyierter, beispielsweise tradierter Kulturmuster zu entziehen. Aus dieser Konstruktion von »I« und »me« ergibt sich für die Binnen‐ struktur des Selbst ein labiles Gleichgewicht. Begreift man bildhaft die analytische Trennung zwischen »I« und »me« gewissermaßen als eine flexible Membrane, so lassen sich die Austauschprozesse zwischen »I« und »me« grafisch etwa folgendermaßen erläutern: Tendenzen der Individuation und Personalisation Tendenzen der Vergesellschaftung „Selbst“ „I“ „me“ personale Identität soziale Identität Ich-Identität Abb. 7: Das labile Gleichgewicht der Ich-Identität Je stärker die Umwelt seitens ihrer Sozialisationsagenturen bestimmte Erziehungsziele verfolgt und z. B. den Wert der sozialen Anpassung und 110 2 Mensch und Gesellschaft <?page no="111"?> Gleichförmigkeit über den der individuellen Originalität und Kreativität stellt (und derartige Ziele über damit korrespondierende Erziehungsprak‐ tiken und Sozialisationskontrollen absichert), umso mehr wird das Indivi‐ duum gesellschaftlichem Druck ausgesetzt und seine (tendenziell gleichfalls expandierenden) Selbstverwirklichungstendenzen einschränken. Das heißt, der individuelle Gestaltungs- und Einflussbereich des Einzelnen wird ent‐ sprechend beschnitten. Im äußersten Fall kann dies zu pathologischen Grenzfällen zwischenmenschlicher Beziehungen führen, wie dies in extre‐ men Interaktionssystemen, sogenannten »totalen Institutionen« (Goffman 2019) wie Kasernen, Gefängnissen oder (psychiatrischen) Kliniken vorkom‐ men mag. Dort werden nämlich häufig die Insassen auf nur eine einzige und überdies noch sehr rigide definierte Rolle fixiert (»Rekrut«, »Sträf‐ ling«, »Patient«). - Einen entgegengesetzten Fall stellt gewissermaßen die ausufernde Tendenz zur Ignoranz gesellschaftlicher Ansprüche und Notwendigkeiten dar, wie sie beispielsweise in extremer Form als soziale Extravaganz, übersteigerter Egozentrismus oder in gesellschaftsfeindlichen, »asozialen« Attitüden (»Ich bin das Gesetz! «) in Erscheinung treten kann. Von daher wird es verständlich, dass sich das pädagogische Problem der Vermittlung und Gewinnung von Ich-Identität mit zunehmender Modernität und wachsender Komplexität einer Gesellschaft verschärft. Infolge des Pluralismus von Werten und daraus resultierender partieller oder grund‐ sätzlicher Widersprüche in Bezug auf Ziele der Erziehung oder Inhalte der Sozialisation werden pädagogische Probleme in dem Ausmaße schwieriger, »wie die Zahl der Gruppen, in denen der Einzelne lebt, größer und ihre Heterogenität intensiver wird« (Braun &-Hahn 1973, 111). Zusammenfassend kann an dieser Stelle bereits festgehalten werden, dass die im Anschluss an die Überlegungen von Mead vorgenommene Kritik und Erweiterung der herkömmlichen, strukturfunktionalistischen Rollentheorie über die begriffliche Darstellung der An- und Einpassungsprozesse des Menschen an und in ein solches System gesellschaftlich vorgegebener Rol‐ lenstrukturen und -funktionen hinausgeht. Indem auch explizit die Prozesse menschlicher Individuation und Personalisation thematisiert werden, wird hier der realitätsbezogenere Versuch unternommen, die sozialstrukturellen Bedingungen aufzudecken und auszuleuchten, die einer sozial wirksamen Individualität bzw. Autonomie der Person eher förderlich oder eher hinder‐ lich sein können. Illustrieren lässt sich dieses analytische Vorgehen an einem Versuch Hans Peter Dreitzels, soziale Rollen wirklichkeitsnah zu klassifizieren. Auch Drei‐ 2.4 Sozialisation und soziale Rolle: Wir-alle-spielen Theater 111 <?page no="112"?> tzel geht hierbei idealtypisch zunächst von zwei Grenzfällen des sozialen Handelns aus: zum einen von rigide festgelegten Rollen, zum anderen von Rollen mit einem relativ hohen Toleranz- und Gestaltungsspielraum. Im ersten Fall wird der Rollenträger dazu gezwungen, sich mit seiner Rolle zu identifizieren, im zweiten Fall wird es ihm aufgrund der verhältnismäßig vagen und »offenen« Rollenerwartungen ermöglicht, aktive Ich-Leistungen einzubringen und die Rolle individuell und schöpferisch zu gestalten. Die zu‐ nehmende Verfügbarkeit des Individuums über seine sozialen Rollen ergibt sich dann auf einem Kontinuum resultierend aus den beiden Koordinaten »abnehmende Identifikation« und »zunehmende Ich-Leistungen«: »Die Verfügbarkeit der sozialen Rollen wächst mit dem Abstand vom Nullpunkt beider Koordinaten: je größer die geforderten Ich-Leistungen und je geringer die erforderliche Identifikation bei einer sozialen Rolle ist, desto leichter kann der Rollenspieler über seine Rolle verfügen, sich von ihr lösen oder auch sie abwandeln und ausgestalten« (Dreitzel 1972, 138). zunehmende Ich-Leistungen abnehmende Identifikation wachsende Verfügbarkeit Abb. 8: Determinanten der Verfügbarkeit über soziale Rollen (Dreitzel 1972, 138) 112 2 Mensch und Gesellschaft <?page no="113"?> Dreitzel begründet dieses Modell mit dem Hinweis darauf, dass die Dimen‐ sion »abnehmende Identifikation« eng mit der gesellschaftlichen Herkunft der Rollennormen zusammenhängt, während die Dimension »zunehmende Ich-Leistungen« in hohem Maße von der Art der sich mit einer Rolle verbindenden Verhaltenserwartungen abhängig ist. - Das folgende Klassi‐ fikationsschema zeigt denn auch, wie der Zwang des Rollenspielers zur Identifikation mit seiner Rolle sich graduell verändern kann: abnehmende Identifikation zunehmende Ich-Leistung Herkunft der Normen Art der Normen Interaktionsnormen situationsbezogen Spielrollen Verkehrsteilnehmer, Fußballspieler Bewältigungsrollen Prüfling, Diskussionsleiter Beziehungsrollen Ehemann, Liebhaber, charismatischer Führer Kontaktrollen Nachbar, Gastgeber Herrschaftsnormen organisationsbezogen Ausführungsrollen Soldat, Strafgefangener Arbeitsrollen Postbeamter, Arbeiter, Vereinsvorsitzender Leistungsrollen Politiker, Schauspieler, Wissenschaftler Kulturelle Normen personenbezogen Sozialisierungsrollen Kind, Patient Helfer-Rollen Eltern, Doktorvater, Seelsorger Vollzugsnormen Gehorsam gegenüber Regeln Qualitätsnormen Bewältigung von Aufgaben Gestaltungsnormen Stil der Wertrealisierung Abb. 9: Klassifikationsschema für soziale Rollen (modifiziert nach Dreitzel 1972, 140) Während die weitgehend verinnerlichten »personenbezogenen« Rollen noch einen sehr hohen Identifikationsgrad voraussetzen, nimmt über die 2.4 Sozialisation und soziale Rolle: Wir-alle-spielen Theater 113 <?page no="114"?> »organisationsbezogenen« bis hin zu den »situationsbezogenen« Rollen der Identifikationsdruck sukzessiv ab. Entsprechend wachsen die Möglichkeiten des Individuums zu interpretierenden Ich-Leistungen mit dem graduell abnehmenden Zwangscharakter der sozialen Normen. Die individuelle Verfügbarkeit über soziale Rollen und damit die subjektive Interpretations‐ chance ist bei den Sozialisationsrollen (Kind, Patient) am geringsten, bei den situativ gestaltbaren Kontaktrollen (Nachbar, Gastgeber) dagegen am umfassendsten. In ähnlicher Weise unterscheidet auch Habermas in seiner berühmten Frankfurter Vorlesung über »Thesen zur Theorie der Sozialisation« soziale Rollen »nach dem Grad ihrer Repressivität, dem Grad ihrer Rigidität und der Art der von ihnen auferlegten Verhaltenskontrollen« (Habermas 1968, 10). Dadurch lassen sich unterschiedliche faktische oder potenzielle Interpreta‐ tionsmargen ausmachen, die das Gleichnis vom Menschen als Schauspieler und die Veranschaulichung des sozialen Handelns durch das Szenario des Theaters in entscheidenden Punkten ergänzen. Ist der Auftritt des Akteurs auf der Theaterbühne durch seinen Rollentext und die Regieanweisung zwar weitgehend festgelegt und sind die Mitspieler gleichfalls auf die entsprechenden Stichwörter fixiert bzw. auf bestimmte, ihren Part auslö‐ sende Handlungen angewiesen, so erweist sich doch im sozialen Alltag der Rahmen der vorgegebenen Aktions- und Reaktionsweisen bei den meisten Rollen durchaus offen für mehrere Handlungsalternativen. Mit anderen Worten: Trotz aller Präskriptionen von Normen, trotz insti‐ tutioneller Verfestigungen und trotz vielfältiger sozialer Kontrollen ist in den meisten Fällen die Darstellung der jeweiligen Rolle für den Rollenträger durchaus noch ein schöpferischer Akt, fordert ihn in der konkreten Situation zur Konstruktion seines Verhaltens auf und zwingt ihn auch zur gelegent‐ lichen Improvisation. Wie das Individuum hierbei die Rolle entwirft und den gegebenen bzw. wahrgenommenen Spielraum ausfüllt, hängt sehr stark davon ab, wie es das sich entfaltende Verhalten seiner Interaktionspartner berücksichtigt, abschätzt und »versteht«, wie die am Rollenspiel Beteiligten ihre Situation erkennen und definieren und wie sie ihre wechselseitigen Erwartungen aufeinander abstimmen. Bezugspunkte der Situationsdefinition sind neben den subjektiv wahrge‐ nommenen »äußeren« Bedingungen der Situation das Konzept des Selbst in der jeweiligen Situation und die (oft recht unterschiedlichen) Vorstellun‐ gen, die die Handelnden mit der Rolle ihres Gegenübers verbinden (vgl. Mead 1973). Über ein in der Regel von außen nicht wahrzunehmendes 114 2 Mensch und Gesellschaft <?page no="115"?> und beobachtbares und auch nur teilweise den Handelnden selbst immer ganz bewusstes wechselseitiges Sich-Abtasten, Sich-Vergleichen, Sich-Aus‐ probieren vollzieht sich zwischen den Interaktionspartnern ständig ein »Handel um Identität« (McCall & Simmons 1974). Ziel und Zweck ist es, dabei herauszufinden, wie der andere mich wohl in meiner Rolle haben möchte, bzw. den anderen deutlich zu machen, wie ich meine Rolle in dieser Situation auffasse. Die Rollenpartner kommunizieren bei diesem permanen‐ ten Prozess des Aushandelns über gemeinsam verfügbare Zeichensysteme und Symbole, wobei das Verhalten eines jeden teilweise eine Reaktion auf das Verhalten des anderen ist. Je nach den Interaktionspartnern kann deshalb ein und dieselbe Rolle im Alltag durchaus variieren und je nachdem mit mehr oder weniger stark abweichenden Handlungsfolgen verbunden werden. (Vgl. hierzu beispielsweise die Anwendung der »pragmatischen Axiome« menschlicher Kommunikation von Watzlawick et al. 2007 auf Lehrer-Schüler-Beziehungen in Henecka 1978, 104 ff.). Die Rollenspieler bringen also in ihr soziales Handeln über ihre sinnhafte Deutung der Situation auch ihre persönlichen Gefühle und Bedürfnisse, ihre individuellen Erwartungen und Fähigkeiten, ihre eigene Lebensgeschichte und Lebenserfahrungen, ihre gegenwärtige soziale und materielle Lage usw. ein, - insgesamt alles Bedingungen, die sich wiederum gegenseitig beeinflussen. Damit wird anerkannt, dass die Prozesse der individuellen Rollenprägung auch von diversen Faktoren mitbestimmt sind, die sich einer einseitigen soziologischen Reduzierung auf gesellschaftliche Normenmus‐ ter entziehen. Das, was in interaktionellen Prozessen geschieht, ist also niemals völlig und ausschließlich von sozialstrukturellen oder sozialkulturellen Kräften determiniert, wenn wir auch davon ausgehen können, dass derartige Wirkkräfte unter Umständen erheblich die Möglichkeiten von Denken und Handeln des Individuums einzuengen in der Lage sind. Andererseits haben aber sozial Handelnde immer auch »gewisse« Freiheitsspielräume, und zwar insoweit sie selbst ihre Lebenswelt sehen und interpretieren als auch innerhalb von Handlungsalternativen, die in bestimmten Situati‐ onen ergriffen werden können. Da zudem einem objektiv beobachtbaren Handeln sehr unterschiedliche subjektive Motive zugrunde liegen können, wird deutlich, dass ein Unterschied besteht zwischen der herkömmlichen theoretischen Rekonstruktion des sozialen Handelns als Zusammenspiel von Rollenerwartung und Rollenentsprechung und den alltäglich konkret erfahrbaren zwischenmenschlichen Handlungsabläufen. 2.4 Sozialisation und soziale Rolle: Wir-alle-spielen Theater 115 <?page no="116"?> Es ist das Verdienst der erweiterten interaktionistischen Rollenperspek‐ tive, dass sie über die sozialpsychologische Analyse der differenzierten und zum Teil sehr subtilen sozialen Interaktions- und Kommunikationsvorgänge im Rahmen des sozialen Handelns die subjektiven Interpretationen der je institutionellen Bedingungen und Strukturen in den Vordergrund rückt. Alle sozialen Beziehungen und Systeme, in denen wir zusammen leben und arbeiten, Erziehungs- und Bildungsinstitutionen wie Familie und Schule, Arbeitsorganisationen wie Betriebe und Verwaltungen, politische Parteien, Verbände, Kirchen und Freizeitgruppen, ja selbst das Militär (vgl. hierzu das Konzept der »Inneren Führung« als Orientierung im Spannungsfeld zwischen Rechten und Pflichten bei der Bundeswehr) lassen sich deshalb daraufhin überprüfen, inwiefern sie ihren Mitgliedern dazu verhelfen bzw. sie daran hindern, das Dilemma zwischen der sozialen Identität (=-Normen, denen das Individuum im Interaktionsprozess gegenübersteht) und der personalen Identität (= die dem Individuum und seinen Bedürfnissen zuge‐ schriebene Einzigartigkeit) zu bewältigen. Um den Menschen in Gesellschaften, die sich als offene, freiheitliche und demokratische Ordnungssysteme verstehen, ein optimales Maß an individueller Verfügbarkeit über ihre sozialen Rollen zu gewährleisten, sind indessen nicht nur strukturelle und normative Voraussetzungen zu überprüfen, sondern auch von Seiten der handelnden Individuen selbst sind bestimmte soziale Kompetenzen zu erwerben und nachzuweisen. In diesem Zusammenhang postuliert Lothar Krappmann (2010) einige Grund‐ qualifikationen, die dem handelnden Subjekt im Erziehungs- und Sozialisationsprozess zu vermitteln sind und mittels derer es fähig werden soll, das labile Gleichgewicht der Ich-Identität auszubalancieren und die notwendige individuelle Präsentation des Selbst im Rollenhandeln des Alltags zu sichern. Diese sozialen Lernziele sind: • Rollendistanz Das Individuum kann sich über die Anforderungen seiner Rolle erheben, um bestimmte Erwartungen auswählen, negieren, modifizieren und interpretieren zu können. • Empathie Das Individuum besitzt kognitive und affektive Fähigkeiten zur Antizi‐ pation und Übernahme der Erwartungen des Interaktionspartners. 116 2 Mensch und Gesellschaft <?page no="117"?> • Ambiguitätstoleranz Das Individuum toleriert die Ambivalenzen von Rollen (Ambiguität = Doppeldeutigkeit, Widersprüchlichkeit) und findet sich mit deren Divergenzen, Inkompatibilitäten und unvollständiger Bedürfnisbefrie‐ digung ab. • Identitätsdarstellung Das Individuum kann eigene Erwartungen und Bedürfnisse darstellen und damit sein Selbst artikulieren. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Peter L. Berger & Thomas Luckmann (2009): Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. (Darin Kapitel III »Gesellschaft als subjektive Wirklich‐ keit«). 22. Aufl. Fischer: Frankfurt/ M. Erving Goffman (2019): Wir alle spielen Theater: Die Selbstdarstellung im Alltag. (Vorwort von Ralf Dahrendorf) 18. Aufl. Piper: München. Lothar Krappmann (2021): Soziologische Dimensionen der Identität. Struktu‐ relle Bedingungen für die Teilnahme an Interaktionsprozessen. (Darin ins‐ besondere das Kapitel »Identität und Rolle«, S. 97-131). 13. Aufl. Klett-Cotta: Stuttgart. 2.4 Sozialisation und soziale Rolle: Wir-alle-spielen Theater 117 <?page no="119"?> 3 Soziale Zusammenhänge 3.1 Bausteine der Gesellschaft: Gruppierungen Wenn wir in Kapitel 2 versucht haben, das soziale Handeln aus dem Blickwinkel der Gesellschaft darzustellen und gleichzeitig aus der Per‐ spektive des Individuums die Gesellschaft als den größeren Rahmen für zwischenmenschliche Prozesse zu begreifen, dann haben wir bislang jene vermittelnden sozialen Netzwerke vernachlässigt, in denen wir im Alltag faktisch unsere sozialen Beziehungen anknüpfen und entfalten. Gemeint sind damit jene mehr oder weniger deutlich voneinander abgrenzbaren Handlungsbereiche, die wir umgangssprachlich als »Gruppen«, »soziale Kreise« oder »Gruppierungen« bezeichnen und in denen sich im Alltag das »Skript« der Gesellschaft konkretisiert: in Familien, Freundes- und Bekanntenkreisen, Spielgruppen und Schulklassen, Arbeitsgruppen und Abteilungen, in Betrieben und Behörden, in Parteien und Verbänden, in Gemeinden, in der Region, im Land, - als Deutscher oder Ausländer, als Kirchgänger, Steuerzahler oder als Fußballfan, als zur Gruppe der Achtzehn‐ jährigen oder zu den Rentnern zählend usw. usf. Diese »sozialen Gewebe« stellen recht unterschiedliche Verflechtungs‐ zusammenhänge dar, stehen in vielfältigen Beziehungen zueinander und bilden in ihrer eigentümlichen Gemengelage die eigentlichen Bausteine der Gesellschaft. Viele Soziologen haben sich gerade deshalb mit diesem Thema befasst, weil sie diese sozialen Einheiten für die wesentlichen Elemente von Gesellschaften und damit für den Hauptgegenstand der Soziologie überhaupt halten. Friedrich Tenbruck (1919-1994) hat dies so formuliert: »Um eine Gesellschaft zu begreifen, muss man zuerst die Arten von Grup‐ pen, danach ihre charakteristische Zusammensetzung zu einer Gesellschaft erkennen (1967, 296).« Dementsprechend groß ist die Vielfalt von Versuchen zu definieren, was unter einer Gruppe oder Gruppierung zu verstehen ist. Um alle möglichen Arten und Formen gruppenmäßiger Beziehungseinheiten zu erfassen, kann man zwar zunächst ganz formal davon ausgehen, dass Gruppen bzw. Gruppierungen immer mehrere Menschen umfassen, die sich zumindest durch ein gemeinsames Merkmal von anderen abgrenzen. Da wir jedoch in einer solch vagen Definition sowohl alle Weißen oder Europäer wie auch alle Deutschen bis hin zur konkreten Familie Müller unterbringen könnten, <?page no="120"?> ist eine derart inflationäre Aufblähung des Gruppenbegriffs analytisch wenig hilfreich. Zur soziologischen Beschreibung und Untersuchung ver‐ schiedenartiger Flechtwerke sozialer Beziehungen benötigen wir vielmehr genauere Merkmale und Indikatoren, die sich auf beobachtbare und erfahr‐ bare Unterschiede beziehen: z. B. die Dauer dieser zwischenmenschlichen Beziehungen, die Gruppengröße, die Art des Zugangs zur Gruppe und die Formen der Mitgliedschaft, die gefühlsmäßige Intensität, in der sich die Gruppenmitglieder untereinander verbunden wissen, die Förmlichkeit bzw. Zwanglosigkeit, mit der sie miteinander umgehen, die Bedeutung, die sie der Gruppe für ihr eigenes Leben zuschreiben u.-Ä. In seiner logischen Konsequenz führt dies zu einer notwendigerweise differenzierteren Terminologie und damit zu einer präziseren und sozialwis‐ senschaftlich brauchbaren Verwendung des Begriffs »Gruppe«. Denn es ist weder theoretisch noch empirisch sinnvoll, wenn einer unter »Gruppe« nur ad hoc gebildete Ansammlungen von Personen auf Straßen und öffent‐ lichen Plätzen, bei Volksfesten oder in Ausstellungen versteht, der andere jedoch den Gruppenbegriff mit »Gemeinschaft« assoziiert und darunter nur Mitglieder von Vereinen und ähnlichen Sozialgebilden subsumiert oder schließlich wieder ein anderer zu »Gruppen« unterschiedslos auch organisierte Großgebilde wie Betriebe oder Verwaltungen zählt. Trotz voraussehbarer Schwierigkeiten-- wenn nicht gar der Unmöglich‐ keit -, die Grenzen zwischen den verschiedenen sozialen Gebilden ein für allemal scharf und eindeutig zu ziehen, müssen wir dennoch versuchen, zu‐ mindest ansatzweise Kriterien zu entwickeln und Randbedingungen anzu‐ geben, um die verschiedenen Formen kollektiver sozialer Zusammenhänge inhaltlich zu klären und damit auch begrifflich exakter zu fassen. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Bernhard Schäfers (Hrsg.) (1999): Einführung in die Gruppensoziologie. Ge‐ schichte, Theorien, Analysen. (Darin vor allem der Beitrag von Bernhard Schäfers, »Entwicklung der Gruppensoziologie und Eigenständigkeit der Gruppe als Sozialgebilde«, S. 19-36). 3. Aufl. Quelle &-Meyer: Wiesbaden. 3.1.1 »Gemeinschaft« und »Gesellschaft« Einer der ersten Versuche, soziale Zusammenhänge voneinander zu unter‐ scheiden, stammt von dem deutschen Soziologen Ferdinand Tönnies (1855- 120 3 Soziale Zusammenhänge <?page no="121"?> 1936). Er knüpfte hierbei an romantisch-philosophische Vorstellungen bei Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) und Friedrich Schleiermacher (1768- 1834) an und reduzierte die Vielfalt sozialer Beziehungsmöglichkeiten sowie deren Konkretisierungen und Verfestigungen auf eine Zweiteilung in soziale Gebilde vom Typus der »Gesellschaft« und solche vom Typus der »Gemein‐ schaft«,-- zwei elementare gesellschaftliche Formen »zwischen denen sich das wirkliche soziale Leben bewegt«. Diese zwei sozialen Gebilde konstituie‐ ren sich auch durch zwei unterschiedliche Arten des »Zusammenwollens«, durch den »Wesenwillen« (bei der »Gemeinschaft«) und den »Kürwillen« (bei der »Gesellschaft«). Entscheidendes Kriterium für die dichotomische Unterscheidung ist somit das Ausmaß an mitmenschlicher Vertrautheit und »seelischer, innerer« Verbundenheit: • Soziale Gebilde vom Typus der »Gemeinschaft« sind demnach durch ei‐ nen sozialen Zustand der gefühlsmäßigen, teilweise sogar ethnisch und »blutsmäßig« begründeten Zusammengehörigkeit bestimmt. Mitglieder der Gemeinschaft sind füreinander da, bedeuten einander etwas und helfen einander in der Not. Die Gemeinschaft stellt nach Tönnies die ursprüngliche Form menschli‐ chen Zusammenlebens dar und herrscht noch in kleinen, überschauba‐ ren sozialen Einheiten: in der Familie, in der Nachbarschaft, im Stamm, im Dorf. • Dem gegenüber stehen die sozialen Erfahrungsbereiche der »Gesell‐ schaft«, in denen man eigentlich nur miteinander in Verbindung tritt, um in egoistischer Absicht bestimmte Ziele zu verfolgen bzw. bestimmte Tauschinteressen möglichst vorteilhaft für sich durchzusetzen: »Keiner wird für den anderen etwas tun oder leisten, keiner dem anderen etwas gönnen und geben wollen, es sei denn um einer Gegenleistung oder Gegengabe willen, welche er seinem Gegebenen wenigstens gleich ach‐ tet« (Tönnies 1887, neu abgedr. 2005, 34). Die Mitglieder der Gesellschaft bleiben einander fremd und akzeptieren sich nur im Hinblick auf ihr gemeinsames Schicksal. Im Gegensatz zur ursprünglichen Form der Gemeinschaft repräsentiert die Gesellschaft als Folge der Ausbreitung industrieller Lebensbedingungen die moderne Form des »förmlichen« und von eigenen Interessen geleiteten Zusammenlebens. Soziale Konkretisierungen solcher anonymen und entfremdeten Bezie‐ hungen sind für Tönnies typischerweise die Lebensverhältnisse in den 3.1 Bausteine der Gesellschaft: Gruppierungen 121 <?page no="122"?> Groß- und Industriestädten, in Betrieben und Organisationen sowie überhaupt im modernen Staat. Der positiven Einschätzung der Gemeinschaft steht - so Tönnies in kultur‐ pessimistischer Tendenz - der »bedauerlicherweise« nicht mehr rückgängig zu machende Fortschritt von der »Kultur des Volkstums« zur »Zivilisation des Staatstums« bzw. von der »organischen Gemeinschaft« zur »mechani‐ schen Gesellschaft« gegenüber. Hier zeichnet er - ganz ähnlich wie vor ihm Émile Durkheim - (kultur)kritisch den Übergang von der traditionalen zur modernen Gesellschaft nach, wie überhaupt die Nähe zu Durkheims Unterscheidung von »organischer« und »mechanischer Solidarität« auch terminologisch auffällig ist. Dass aber der zweifellos sozialromantische Ge‐ meinschaftsbegriff von der nationalsozialistischen Propaganda dann später zur »Volksgemeinschaft« ideologisch hochstilisiert wurde, hat Tönnies al‐ lerdings besonders geschmerzt. Seine öffentliche Zurückweisung einer der‐ art vulgären und demagogischen Umdeutung sowie seine damit verknüpfte Kritik an der Person Hitlers und am Nationalsozialismus hat ihn schließlich seinen Lehrstuhl in Kiel und die Entlassung aus dem Beamtenstand gekostet. Andererseits hat auch Tönnies’ Gemeinschafts-Gesellschafts-Dichotomie wiederum eine ganze Reihe bedeutender Soziologen in den 20er-Jahren des letzten Jahrhunderts zu begrifflichen Ergänzungen und Variationen stimuliert: so etwa Hermann Schmalenbach, der diesen beiden Typen den charismatisch bestimmten »Bund« als weitere Kategorie anfügte, Alfred Vierkandt, der auf Tönniesscher Grundlage eine phänomenologische Typo‐ logie von Gemeinschaften entwickelte und nicht zuletzt Max Weber, der mit »Vergemeinschaftung« und »Vergesellschaftung« den prozesshaften Charakter beider Phänomene unterstreicht. Dass die Tönniessche Typologie nicht nur beschreibenden Charakter bzw. eine klassifikatorisch-formale Struktur hat, sondern auch normativ oder gar sozialethisch belegt erscheint, hat ihr zwar lange Zeit die Aufnahme in eine allgemeine soziologische The‐ orie erschwert. Neuerdings jedoch gewinnen die Bezüge von Gemeinschaft und Gesellschaft - sowohl theoretisch wie empirisch - insofern wieder an Relevanz, da sich zunehmend deutlich zeigt, dass die Menschen und ihre Beziehungen in modernen Gesellschaften sich nicht in zweckrationalem Kalkül erschöpfen lassen. Entsprechend sind - neben Philosophen und Theologen - auch zeitgenössische Soziologen wie Ulrich Beck, Anthony Giddens oder Scott Lash (1996) mit ihrem Konzept der »reflexiven Gemein‐ schaften« in der modernen Gesellschaft durchaus auf der Spurensuche 122 3 Soziale Zusammenhänge <?page no="123"?> nach gegenwärtig erfahrbaren funktionalen Äquivalenten traditioneller Gemeinschaftsformen. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Cornelius Bickel (2007): Ferdinand Tönnies. In Dirk Kaesler &-Ludgera Vogt (Hrsg.), Hauptwerke der Soziologie, S. 423-428. 2. Aufl. Kröner: Stuttgart. Raymond Boudon &-François Bourricaud (1992): Soziologische Stichworte. Ein Handbuch. (Darin »Gemeinschaft«, S. 161-165). Westdt. Verlag: Opladen. Ralf Dahrendorf (1965): Gesellschaft und Demokratie in Deutschland. (Darin zur Kritik an Tönnies Kapitel 9 »Gemeinschaft und Gesellschaft«, S. 144-158). Piper: München. Volker Ronge (2014): Ferdinand Tönnies: Gemeinschaft und Gesellschaft. Grundbegriffe der reinen Soziologie. In Georg W. Oesterdiekhoff (Hrsg.), Lexikon der soziologischen Werke, S. 721-722. 2. Aufl. Springer VS: Wiesba‐ den. 3.1.2 Statistische Gruppen (reine Kategorien) Weitaus nüchterner als der gerade im deutschen Sprachraum besonders normativ und emotional belegte Gemeinschaftsbegriff sind terminologische Differenzierungen, wie sie vor allem von Demographen und Sozialstatisti‐ kern bei Volkszählungen oder bei der Erstellung der amtlichen Statistik benutzt werden. Mit »statistischer Gruppe« oder besser (weil unmissver‐ ständlich) mit »Kategorie« wird hier schlicht eine Anzahl von Personen bezeichnet, die sich aufgrund eines oder mehrerer gemeinsamer Merkmale rein rechnerisch zusammenfassen lassen. Hierunter fallen beispielsweise Brillenträger, Mopedfahrer, Linkshänder, Menschen mit der Blutgruppe A usw. Als rein statistische Kategorie hat diese formale Gemeinsamkeit keine weitere soziale Bedeutung mehr: Träger solcher Charakteristika haben weder spezifische Normen und Werte gemein, noch stehen sie (in der Regel wenigstens) aufgrund ihres statistischen bzw. kategorialen Merkmals mit‐ einander in Interaktion und Kommunikation. Es handelt sich hier lediglich um eine gedankliche Zusammenfassung bzw. quantifizierende Zuordnung von Menschen aufgrund bestimmter Merkmale und Kriterien. 3.1 Bausteine der Gesellschaft: Gruppierungen 123 <?page no="124"?> 3.1.3 Soziale Aggregate Ganz ähnlich verhält es sich auch, wenn Menschen im Zusammenhang mit irgendeinem Ereignis zu einem festgelegten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort zusammenkommen. Man denke hier etwa an die Besucher eines Klavier‐ abends in einem Konzerthaus oder an die Zuschauer eines Fußballmatchs in einem Stadion. Obwohl solche Menschen aufgrund eines gemeinsamen Merkmals und gemeinsamer Interessen in einem räumlichen (und oft noch »hautnahen«) Zusammenhang stehen, müssen sie dennoch überhaupt keine sozialen Kontakte und wechselseitigen Beziehungen aufweisen. Nach Fichter (1970, 58) ist bei der Definition und Beschreibung solcher sogenannter sozialer Aggregate u. a. von folgenden Eigenschaften und Merkmalen auszugehen: • Die Personen, die das Aggregat bilden, sind einander weitgehend fremd und bleiben auch relativ anonym. • Das soziale Aggregat hat keine hierarchische Struktur im Sinne von spezifischen Rollen und Funktionen, d.-h. es ist auch nicht organisiert. • Trotz potenziell sehr großer physischer Nähe besteht innerhalb eines Aggregats - wenn überhaupt - nur sehr beschränkte soziale Kontakt‐ möglichkeit. • Die meisten sozialen Aggregate sind durch bestimmte räumliche Be‐ grenzungen umschrieben, sodass sich ihre soziale Bedeutung im We‐ sentlichen auch auf diese territoriale Dimension beschränkt. • Die meisten Aggregate sind schließlich auch zeitlich definiert und haben vorübergehenden Charakter, insofern Menschen in rascher Abfolge in sie eintreten und sie wieder verlassen bzw. zwischen ihnen hin- und herpendeln. Haupttypen sozialer Aggregate sind demnach: • Die Menschenmenge als amorphe Ansammlung von Personen bei so un‐ terschiedlichen und alltäglichen Anlässen wie als wartende Fußgänger am Zebrastreifen oder als neugierige Gaffer bei einem Verkehrsunfall. • Der Mob, der sich meist spontan aus einem konkreten, stark emotio‐ nalisierten Anlass heraus entwickelt (z. B. bei Unzufriedenheit mit dem Ausgang eines Fußballspiels) und in meist von irgendwelchen »Rädelsführern« angestifteten destruktiven, antisozialen und gewalttä‐ tigen Verhaltensweisen (Randale, Aufruhr, Lynchjustiz) seinen aggres‐ siven Ausdruck findet. Zwar sind auch hier die sozialen Interaktionen 124 3 Soziale Zusammenhänge <?page no="125"?> zwischen den teilnehmenden Individuen minimal, doch besteht - im Gegensatz zur Menschenmenge - fast immer irgendein »gefühltes« (irrationales) Verhältnis zwischen »Anführern« und der »Gefolgschaft«. • Das Publikum als eine Anzahl von Personen, die sich mit dem Vorsatz und Ziel an einem bestimmten Ort versammeln, um dort eine bestimmte Aufführung oder Vorstellung zu besuchen und die sich hierauf in rezeptiver Absicht mit einer gewissen Aufmerksamkeit konzentrieren. • Als öffentliche Demonstrationen kann man oft kurzfristig geplante und organisierte soziale Aggregate bezeichnen, deren Personen sich in der bewussten Absicht zusammenfinden, eine bestimmte Idee oder Über‐ zeugung zu unterstützen bzw. für eine Person oder eine Bewegung in sichtbarer Weise - und daher bevorzugt auf öffentlichen Straßen und Plätzen - Propaganda zu machen. Zu diesem Aggregatstyp gehören neben politischen Demonstrationen von Parteien, Bürgerbewegungen und Gewerkschaften, auch »ritualisierte«, jährlich wiederkehrende religiöse Ereignisse wie Prozessionen oder die traditionellen Fasnachtsbzw. Karnevalsumzüge. • Sogenannte Wohnaggregate werden ferner von Bewohnern großer - in der Regel urbaner - Wohnanlagen gebildet, die zwar physisch dicht beieinander wohnen, dennoch aber einander fremd bleiben und untereinander keinen Kontakt (außer vielleicht einem gegenseitigen »Grüßen«) pflegen wollen. • Als funktionelle Aggregate werden schließlich jene Aggregatsformen bezeichnet, deren Mitglieder und deren Grenzen meist von dritter Seite relativ willkürlich aufgrund bestimmter formaler Kriterien festgelegt werden. Hierzu zählen die kommunalen Abgrenzungen von Ortsteilen und Wohnvierteln, die verwaltungsmäßigen Einteilungen in Wahlkreise oder die räumlichen Zuordnungen zu Pfarrgemeinden usw. Aufgrund ihrer Festlegungen bzw. Bestimmungsverfahren können funktionelle Aggregate auch als Zwangsaggregate erfahren werden. Schulanfänger beispielsweise können hier erste gesellschaftlich-politi‐ sche Erfahrungen sammeln, da Einschulungsklassen ja in der Regel bürokratisch, d. h. »ohne Ansehen der Person« aufgrund der gesetzli‐ chen Schulpflicht unter Berücksichtigung von Jahrgang und Einzugs‐ bereich zusammengestellt werden. Gerade dieses Beispiel zeigt aber auch, dass funktionelle Aggregate durchaus Entwicklungschancen zu anderen Sozialformen eröffnen, wenn aus dem Zwangsaggregat des 3.1 Bausteine der Gesellschaft: Gruppierungen 125 <?page no="126"?> ersten Schultags nach einem Schuljahr eine echte Klassengruppe bzw. Klassengemeinschaft geworden ist. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass es sich in all diesen Fällen insofern um soziale Aggregate handelt, als verschiedene Menschen raum-zeitlich zusammentreffen, jedoch hierbei zunächst weitgehend in gegenseitiger Anonymität verbleiben. Aus den Aggregatszuständen heraus können sich unter bestimmten Bedingungen gruppenbildende Prozesse und neue Sozialformen entwickeln,-- sie sind jedoch keineswegs die Regel. 3.1.4 Sozialkategorien oder Quasi-Gruppen Bedeutet ein gemeinsames Merkmal bei den davon betroffenen Menschen mehr als bloß eine statistische Gemeinsamkeit, dann spricht man häufig von einer Sozialkategorie. Dieser Begriff kann beispielsweise auf Personen mit hohem Einkommen angewandt werden, wenn sie aufgrund dieses Merkmals gesellschaftlich eine besondere Stellung einnehmen, einer bestimmten so‐ zialen Schicht angehören und dadurch oft Macht und politischen Einfluss ausüben. Ebenso stellen auch Arbeitslose und Sozialhilfeempfänger, deren Teilhabe am gesellschaftlichen Leben und sozialen Gütern mehr oder weni‐ ger stark eingeschränkt ist, eine Sozialkategorie dar. Auch die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Geschlecht, zu einer bestimmten ethnischen Gruppe oder Nationalität, aber auch die Tatsache, dass man ein bestimmtes Alter hat oder einen bestimmten Schulabschluss nachweisen kann, hat im Allge‐ meinen mehr als eine nur statistisch feststellbare Bedeutung. Vielmehr haben derartige kategoriale Zugehörigkeiten meist weiterrei‐ chende, eben soziale Konsequenzen, die sich beispielsweise auf den gesell‐ schaftlichen Rang, die Arbeitsmöglichkeiten oder die Kreditwürdigkeit, aber auch auf eine prekäre Lebenslage, Armutserfahrungen, soziale Ausgren‐ zungen u. Ä. auswirken können. Das vordergründig bloß statistisch bzw. kategorial erfasste Merkmal wird damit sozial relevant. Da überdies die gemeinsamen sozialen Anknüpfungspunkte wie latent übereinstimmende Interessen, gleiche oder ähnliche Lebenslagen sowie Anteil an oder Ausschluss von Macht und Einfluss dazu führen können, dass sich Personen unter gewissen Bedingungen und in bestimmten Si‐ tuationen organisieren und zu Gruppen zusammenschließen, um gemein‐ same Aktionen zur Durchsetzung bestimmter Interessen zu realisieren (Beispiel: Streik der Assistenzärzte an Uni-Kliniken wegen unprofessioneller 126 3 Soziale Zusammenhänge <?page no="127"?> Arbeitszeitregelungen), spricht man nach einem Vorschlag des britischen Soziologen Morris Ginsberg (1889-1970) hier auch von Quasi-Gruppen. Solche Quasi-Gruppen können beispielsweise nach Ralf Dahrendorf überall dort vermutet werden, wo Menschen zueinander in einem Über- und Unterordnungsverhältnis stehen, die damit verbundenen divergierenden Interessen aber noch latent bleiben, d. h. noch nicht zur Bildung eines jeweils eigenen Gruppenbewusstseins geführt haben. Als Quasi-Gruppen können in diesem Sinne beispielsweise bestimmte Einkommensschichten, Berufe, sozialkulturelle Milieus u.-Ä. bezeichnet werden. 3.1.5 Soziale Gruppen Aufgrund gleicher - sozial relevanter - kategorialer Merkmale können sich bei den hiervon betroffenen Menschen unter bestimmten Voraussetzungen Gefühle der Zusammengehörigkeit entwickeln, die zur Aufnahme von enge‐ ren sozialen Beziehungen untereinander und zur Ausbildung systematischer Muster der Interaktion führen können. Wird das so entstandene Gebilde von den Beteiligten selbst oder auch von ihrer Umwelt als soziale »Einheit« angesehen und behandelt, dann können wir von der Existenz einer »sozialen Gruppe« sprechen. Als Illustration zum Übergang von Quasi-Gruppen zu sozialen Gruppen mögen uns hier folgende alltägliche Beispiele dienen: »Die Haarfarbe spielt zwar bei uns im Allgemeinen keine große Rolle, wenngleich sie auch nicht völlig folgenlos für mancherlei Zu- und Abneigungen ist. Eine auffallend rote Haarfarbe dagegen kann besondere Aufmerksamkeit erregen. Tatsächlich gelten Rothaarige oft als Außenseiter und als Objekte von negativen Vorurteilen, Spott und Diskriminierung. Dabei könnte sich bei Rothaarigen ein Wir-Gefühl entwickeln und also eine soziale Gruppe entstehen. Körpergröße ist zwar nicht unbedingt folgenschwer, zwergenhafter Wuchs war aber seit jeher vielfach Anlass für Hohn und Beschränkung auf besondere Tätigkeiten. Und selbst auffällige Körperlänge kann zum Keim einer sozialen Gruppe werden, wie der ›Verein langer Menschen‹ zeigt. Die Sozialkategorie Einkommenshöhe bedeutet dann mehr, wenn die Bezieher höchster Einkommen beispielsweise der Oberschicht angehören und die Mitglie‐ der der Oberschicht eine besondere Schichtmentalität aufweisen, die sich etwa an gleichen Lebenseinstellungen, Überzeugungen und Handlungen ablesen lässt. In dem Fall hätte man es mit einer sozialen Gruppe zu tun. 3.1 Bausteine der Gesellschaft: Gruppierungen 127 <?page no="128"?> Ähnliches kann, muss aber nicht zutreffen beispielsweise für Hauseigentümer, hohes Alter, Rasse, Konfession und Pkw-Besitzer, desgleichen für Geschiedene, unehelich Geborene oder Handwerker« (Bellebaum 2001, 27 f.). Für das Vorhandensein einer sozialen Gruppe müssen demnach folgende Bedingungen gegeben sein: • die Existenz gemeinsamer Motive, Ziele und Interessen, die die Einzelnen überhaupt erst zusammenführen; • ein »Wir«-Bewusstsein der Mitglieder, das einerseits bestimmt, »wer dazu gehört« (Eigengruppe) und andererseits zur Abgrenzung nach außen gegenüber »den anderen« (Fremdgruppe) dient; • ein gemeinsames Werte- und Normensystem, das die Identität der Grup‐ penmitglieder wesentlich mitbestimmt, die orientierende Grundlage ihrer Interaktions- und Kommunikationsprozesse bildet und ggf. auch ihre sozialen Beziehungen nach außen begleitet; • ein längerfristiges Zusammenwirken der Gruppenmitglieder und zu‐ mindest Ansätze, meist aber klar erkennbare Ausbildungen einer in‐ ternen Rollenstruktur und Statusdifferenzierung. Dieses Rollenbzw. Statusdifferenzial soll sowohl das Gruppenziel verfolgen wie auch den sozial-emotionalen Bedürfnissen der Gruppenmitglieder gerecht werden und mögliche Konflikte lösen. Auch diese begriffliche Fassung der sozialen Gruppe ist noch relativ abs‐ trakt, insofern sie eine ganze Reihe verschiedener Arten und Formen alltäg‐ licher Konkretisierungen »sozialer Gruppen« umspannt. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit und einzig gültige Systematisierung werden daher im Folgenden unter Berücksichtigung zusätzlicher bzw. feinerer Merkmale wei‐ tere Begriffsdifferenzierungen zur Charakterisierung bestehender sozialer Gruppen vorgenommen. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Oliver König & Karl Schattenhofer (2022): Einführung in die Gruppendynamik. (Kap. 2 »Was ist eine Gruppe? «, S. 15-22). 11. Aufl. Auer: Heidelberg. Bernhard Schäfers (2016): Die soziale Gruppe. In Hermann Korte &-Bernhard Schäfers (Hrsg.), Einführung in Hauptbegriffe der Soziologie, S.-153-172. 9. Aufl. VS: Wiesbaden. 128 3 Soziale Zusammenhänge <?page no="129"?> Erika Spieß & Lutz von Rosenstiel (2010): Prozesse in und zwischen Gruppen. In Dies.,-Organisationspsychologie. Basiswissen, Konzepte und Anwendungs‐ felder. S.-47-56. Oldenbourg: München. 3.1.5.1 Primär- und Sekundärgruppen Eine recht geläufige Unterscheidung von Gruppen ist die Einteilung in Primär- und Sekundärgruppen, - eine Differenzierung, die auf einen der Klassiker der amerikanischen Soziologie, Charles Horton Cooley (1864- 1929) zurückgeht. • Charakterisiert werden die Primärgruppen durch enge und gefühls‐ mäßige Bindungen, überschaubare und umfassend personenbezogene Kontakte, direkte und unmittelbare zwischenmenschliche Beziehungen (sogenannte »face-to-face-relations«) sowie durch relativ freie Hand‐ lungsräume mit der Möglichkeit zur Spontaneität. Als »primär« sind diese Gruppen zunächst durchaus im zeitlichen Sinne als erste soziale Erfahrungsräume des Kindes zu sehen, darüber hinaus aber auch als »primär« unter dem qualitativen Aspekt besonders nachhaltiger und entscheidender Prägungen auf die Sozialnatur des Individuums zu verstehen. Gemeint sind Gruppen, die einem am nächsten stehen und denen man sich vor allen anderen Zugehörigkeiten verbunden fühlt. Als Prototyp einer Primärgruppe gilt daher die Familie, andere Beispiele wären aber auch eine enge freundschaftliche Verbindung, eine »Clique«, eine Bande u.-Ä. • Den Primärgruppen stehen die übrigen gesellschaftlichen Gruppenverflechtungen gegenüber, die zusammenfassend als Sekundärgruppen be‐ zeichnet werden. Bei diesen Sekundärgruppen handelt es sich in der Re‐ gel um Gruppen, die auf bestimmte Ziele hin zweckhaft ausgerichtet und organisiert sind, wie beispielsweise in Schulen, Industriebetrieben, Stan‐ desorganisationen, Vereinen oder politischen Parteien. Solche Sekun‐ därgruppen sprechen nicht mehr den »ganzen« Menschen an, sondern sind - je nach ihren Zielsetzungen - überwiegend oder ausschließlich nur an dessen spezifischen Fähigkeiten interessiert (z. B. an bestimm‐ ten beruflichen Leistungen, betrieblichem Engagement, politischem Durchsetzungsvermögen usw.). Von daher grenzen Sekundärgruppen die sozialen Beziehungen auf bestimmte Ausschnitte der Person ein. 3.1 Bausteine der Gesellschaft: Gruppierungen 129 <?page no="130"?> Die zwischenmenschlichen Kontakte sind weniger gefühlhaft und eher unpersönlich, ja im Prinzip sachlich bestimmt; sie werden auch weniger auf der Grundlage wechselseitigen Vertrauens als vielmehr über formale Abmachungen und rechtliche Vertragsvereinbarungen geregelt. Hinzu kommt, dass Sekundärgruppen aufgrund ihrer zahlenmäßigen Größe für das einzelne Mitglied oft auch unübersichtlich sind. Gegenüber dem Begriff der Primärgruppe ist das Konzept der Sekundär‐ gruppe relativ unscharf und diffus, was aber hier in der Natur der Sache liegt. Denn da es neben der Primärgruppe »gruppenmäßig alles Übrige« darstellt, ist es dem definitorischen Charakter nach eine ziemlich weit gespannte Restkategorie. Aus den Alltagserfahrungen ist uns aber bekannt, dass Primär- und Sekundärgruppen keineswegs immer so unvermittelt und kontrastierend einander gegenüberstehen, wie dies vielleicht von der the‐ oretisch-systematischen Betrachtungsweise her erscheinen mag. Offenbar gibt es auch soziale Erfahrungsfelder, die sowohl primärals auch sekundär‐ gruppenhafte Bezüge nebeneinander ermöglichen. Dies führt uns zu einer weiteren in der Soziologie üblichen Unterscheidung, nämlich derjenigen von informeller und formeller Gruppe. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Gerhard Preyer (2012): Rolle, Status, Erwartungen und soziale Gruppe. Mitglied‐ schaftstheoretische Reinterpretationen. (Teil III: »Die Gruppe als soziales System«, S.-95-146). VS: Wiesbaden. Bernhard Schäfers (Hrsg.) (1999): Einführung in die Gruppensoziologie. (Darin Ders. »Primärgruppen«, S. 97-112). 3. Aufl. Quelle & Meyer: Wiesbaden. 3.1.5.2 Formelle und informelle Gruppen Formelle Gruppen finden wir überall dort, wo Menschen zusammengeführt werden, um bestimmte Ziele aufgrund planvoller organisatorischer Festle‐ gungen zu erreichen, also insbesondere im beruflichen Bereich. Wie bei Sekundärgruppen im Allgemeinen steht im Besonderen auch bei formellen Gruppen der jeweils genau fixierte Zweckcharakter im Vordergrund. Die Aufteilung von Arbeiten und das Zusammenwirken im Hinblick auf die zu erreichenden Ziele sind vielfach so weitgehend vorweggedacht und die damit verbundenen Positionen neben möglichst eingehenden und präzisen 130 3 Soziale Zusammenhänge <?page no="131"?> Rollenerwartungen über Organigramme und Arbeitsplatzbeschreibungen so stark vorbestimmt und definiert, dass in der Regel nur noch Menschen gesucht werden, die in der Lage sind, sich in die so entworfenen und organisierten Handlungsabläufe optimal einzufügen. An den Bewerbern für Aufgaben in solchen formellen Gruppen ist daher in erster Linie ihre leistungsorientierte Funktionalität im Hinblick auf den formellen Grup‐ penzweck interessant. Sie sollen sich möglichst reibungslos in das ihnen zugeordnete Funktionsgefüge einordnen, in der vorgeschriebenen Weise arbeitsteilig zusammenwirken und die erwarteten spezifischen Leistungs‐ nachweise erbringen. Dabei erscheint es systemlogisch, wenn sich die sozi‐ alen Beziehungen der Gruppenmitglieder untereinander im Prinzip auf den Austausch formal definierter Einzelleistungen beschränken. Infolgedessen sind auch die Handlungsabläufe in formellen Gruppen über entsprechende Organisationspläne, Geschäftsordnungen, Satzungen u. Ä. in der Regel eindeutig festgelegt und formal ausgestaltet: • Wer hat was zusammen mit wem unter Beachtung welcher Kommuni‐ kationskanäle (»Dienstwege«) zu tun? • Auf welchen Ebenen werden Anweisungen mit welchen Wirkungen an welchen Personenkreis erteilt? • Welche Schlichtungsstellen können in Konfliktfällen angerufen wer‐ den? Hierzu ein Beispiel: »Die im Außendienst tätige Fürsorgerin besucht einen Klienten und schreibt einen Bericht, der Sachbearbeiter im Innendienst liest den Bericht und hakt ab, der Abteilungsleiter liest ebenfalls und genehmigt, die Sekretärin schreibt die Zahlungsanweisung aus, der Kassierer liest gegen und überweist das Geld, der Prüfer liest erneut und entdeckt einen Fehler, der Leiter des Sozialamtes wird mit dem Fall befasst, sein Assistent hält die Auszahlung überhaupt für ungerechtfertigt, der Abteilungsleiter bekommt einen Rüffel, er gibt ihn an den Sachbearbeiter weiter, dieser hält die Sozialarbeiterin für schuldig, sie macht einen erneuten Besuch - und wenn sie auf ihrer Interpretation des Falles besteht und vielleicht noch die Presse davon erfährt, beginnt alles von vorn, exakt, bürokratisch geregelt […]. Nicht persönliche Gefühle sollen für die Gestaltung der sozialen Beziehungen maßgeblich sein, sondern ausschließlich die geltenden Arbeitsvorschriften. Würde sich ein Sachbearbeiter weigern, mit Inspektor Y zusammenzuarbeiten, 3.1 Bausteine der Gesellschaft: Gruppierungen 131 <?page no="132"?> weil dieser CDU-, SPD-Mitglied, Schürzenjäger, Jude, Beat-Anhänger, Bachlieb‐ haber, Junggeselle, Benutzer eines bestimmten Waschpulvers, Single oder Fern‐ sehzuschauer ist, würde das die vom Zweck der Organisation her vorgeschriebe‐ nen sozialen Beziehungen stören« (Bellebaum 2001, 33 f.). Wie wir jedoch aus Ergebnissen einschlägiger soziologischer Untersuchungen, aber wohl auch aufgrund unserer eigenen Erfahrungen in beruflichen Arbeits‐ gruppen, in und mit großen Organisationen (Bundeswehr, Krankenhaus, Kir‐ chen, Behörden, Verbände u. Ä.) her wissen, sind die dort tätigen Menschen im Allgemeinen keine »blutleeren Funktionäre«, die gleichsam mechanisch und emotionslos ihre Position verwalten und ihre Rollen in organisatorisch vorpro‐ grammierten Formen quasi marionettenhaft vollziehen, sondern auch Menschen aus Fleisch und Blut, mit Stärken und Schwächen, deren Handeln sich - im Allgemeinen wenigstens-- nicht auf rein formelle Beziehungen begrenzen lässt. Seitens der Organisationsleitung nicht berechenbar und im Hinblick auf die geplanten sozialen Beziehungen in formellen Gruppen durchaus nicht immer funktional, bringen die Gruppenmitglieder als Individuen doch immer auch nicht kalkulierbare Eigenschaften und Haltungen mit, persönliche Lebenserfahrungen und individuelle Arbeitsstile, mitmenschliche Wertungen und emotional getönte Zu- und Abneigungen, Kontaktbedürfnisse oder Distanzansprüche, so dass sie auf die ihnen dort zugedachten »objektiven« Anforderungen der Aufgaben im allgemeinen nur mehr oder weniger »persönlich« gefärbte Antworten zu geben vermögen. Diese Gegebenheiten führen beispielsweise in einem Industriebetrieb, einer Behörde oder einem Verband dazu, dass sich innerhalb oder auch außerhalb formeller bzw. organisierter Gruppen immer auch sogenannte informelle Sozial‐ beziehungen entwickeln, die wesentlich auf persönlicher Sympathie, ähnlichen Gefühlslagen, gleichgerichteten Interessen und Erwartungen beruhen, formelle Strukturen oft durchkreuzen und sich auch in informellen Gruppen kristallisieren können. Diese informellen Gruppen sind vergleichsweise klein und dienen primär der Befriedigung persönlicher, privater und emotionaler Bedürfnisse wie z. B. nach Anerkennung und Achtung, Mitsprache und Mitwissen, spontaner Personenbeziehung, Geborgenheit, Kollegialität oder Freundschaft, - individu‐ elle Bedürfnisse also, die im Rahmen von Großgruppen formal nur ungenügend berücksichtigt werden (können). Da sich informelle Gruppen jedoch nicht nur auf die sie begründenden affekti‐ ven Aspekte und Verbundenheiten begrenzen lassen, wirken sie sich auch häufig in positiver (funktionaler) oder negativer (dysfunktionaler) Weise auf die formalen 132 3 Soziale Zusammenhänge <?page no="133"?> Organisationsstrukturen, -ziele und -zwecke aus. Da vorweg unmöglich alle Eventualitäten einer Organisation formal zu regeln sind, können informelle Beziehungen beispielsweise bestehende Lücken der formalen Organisation im Sinne flexibler, situativ und sachlich angemessener, »unbürokratischer« Problemlösungen (z. B. auf dem »kleinen Dienstweg«) ausfüllen. Umgekehrt kann aber auch der von der Organisationsleitung unkontrollierbare Aus‐ tausch einzelner Leistungen und Informationen »Sand ins Getriebe« brin‐ gen: Beispielsweise können sich leistungshemmende Cliquenstreitigkeiten und gruppenspaltende Rivalitäten entfalten, Gerüchte können sich ausbrei‐ ten, informelle, die offiziellen Arbeitsvorschriften unterlaufende Leistungs- und Verhaltensnormen können sich herausbilden u. v. m. Aus diesem Grunde können informelle Gruppen sowohl Folge wie Ursache von Span‐ nungen und Problemen innerhalb formeller Gruppen sein. Im Zusammenhang mit formellen Gruppen sind praktisch immer und überall auch informelle Gruppen anzunehmen. Selbst in »totalen Institutio‐ nen« wie Gefängnissen lassen sich erfahrungsgemäß informelle Gruppen mit subkulturellen Effekten nicht verhindern, wobei sie sich dort allerdings in der Regel sehr geschickt zu tarnen vermögen. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre George Caspar Homans (1978): Theorie der sozialen Gruppe. (Darin zum sog. Hawthorne-Effekt vor allem Kapitel 3: »Der ›Bank Wiring Observation Room‹«, S. 72-99). 7. Aufl. Westdt. Verlag: Opladen. Heiner Minssen (2006): Arbeits- und Industriesoziologie. (Darin Kapitel 5: »Der Betrieb als soziales System«, S. 64-89). Campus: Frankfurt/ M. Bernhard Schäfers (Hrsg.) (1999): Einführung in die Gruppensoziologie. (Darin die Beiträge von Hermann L. Gukenbiehl, »Formelle und informelle Gruppe als Grundformen sozialer Strukturbildung«, S. 80-97 und von Bärbel Kern, »Gruppen am Arbeitsplatz«, S. 194-226). 3. Aufl. Quelle & Meyer: Wiesbaden. 3.1.5.3 Großgruppen und Kleingruppen Dass jede Gesellschaft mehr ist als die Summe ihrer Individuen und dass sie sich nur über graduell abgestufte soziale Gruppen, Kreise und Kollek‐ tive in fließenden Übergängen und komplexen Vernetzungen konstruktiv begreifen lässt, haben wir bereits an anderer Stelle diskutiert. Wir wissen, dass jede Gesellschaft im Allgemeinen nach irgendwelchen Elementen 3.1 Bausteine der Gesellschaft: Gruppierungen 133 <?page no="134"?> und Kriterien (z. B. Alters-, Geschlechts-, Abstammungs-, Berufsgruppen) gegliedert ist. Diese interne funktionale Differenzierung gilt für kleine überschaubare Sozialgebilde, wie sie einfache Stämme und Naturvölker darstellen, ebenso wie für mittlere und große gesellschaftlich-politische Entitäten wie beispielsweise die Schweiz oder auch die Bundesrepublik Deutschland und Frankreich bis hin zu den riesigen sozialen Gebilden vom Typ der indischen, chinesischen oder US-amerikanischen Gesellschaft. Die hier überall nachweisbaren gesellschaftlichen Differenzierungen als Teile umfassender sozialer Einheiten lassen sich u. a. auch nach der Zahl ihrer jeweiligen Mitglieder aufteilen, wobei üblicherweise dann zwischen Großgruppen und Kleingruppen unterschieden wird. So sinnvoll diese Unterscheidung nach unserer Erfahrung ist, so theore‐ tisch einleuchtend sich mit verschiedenen Quantitäten auch unterschiedli‐ che Qualitäten verbinden, so schwierig kann es im Einzelfall werden, ein konkretes soziales Gebilde dem jeweils gemeinten Typ nach soziologisch eindeutig zuzuordnen. Bei näherer Betrachtung erweisen sich nämlich die Begriffe »Großgruppe« und »Kleingruppe« als außerordentlich vage, ja die jeweilige typologische Zuordnung kann - wie schon 1908 Georg Simmel bemerkte-- geradezu sophistisch-spitzfindige Überlegungen provozieren: »Wie viel Soldaten eine Armee ausmachen, wie viel Teilnehmer nötig sind, um eine politische Partei zu bilden, wie viel Mittuende zu einem Auflauf gehören - sie scheinen die klassische Rätselfrage zu wiederholen: wie viel Weizenkörner einen Haufen geben? Denn da ein, zwei, drei, vier Körner es noch keineswegs tun, tausend aber jedenfalls, so müsse doch zwischen diesen Zahlen eine Grenze liegen, an der das Hinzufügen eines einzigen Kornes die bisherigen zu einem ›Haufen‹ ergänze; macht man aber diesen Versuch des Weiterzählens, so zeigt sich, dass niemand diese Grenze anzugeben vermag« (Simmel 2013, 63). Wenn Simmel dennoch den Größenvariationen sozialer Gruppen besondere Bedeutung zumaß, dann deshalb, weil er klar erkannte, dass nicht nur die zunehmende Größe einer Gruppe ihre internen Strukturen verändert und unterscheidbare soziale Prozesse initiiert, sondern dass größere Gruppen auch inhaltlich und formal andere Probleme aufwerfen als kleinere soziale Gebilde. Hinzu kam seine Entdeckung, dass mit der numerischen Verän‐ derung von Gruppen deren qualitative soziale Effekte nicht etwa linear, sondern vielmehr sprunghaft variieren, so dass nicht die relative, sondern die absolute Größe zur jeweils entscheidenden Variablen wird. Simmel erläutert dies so: 134 3 Soziale Zusammenhänge <?page no="135"?> »Wenn in einer parlamentarischen Partei von 20 Köpfen sich vier, gegen das Parteiprogramm kritische oder sezessionistische Mitglieder befinden, so wird deren Rolle für die Tendenz und das Verfahren der Partei eine andere sein, als wenn die Partei 50 Köpfe stark ist und zehn Rebellen in ihrer Mitte hat: im Allgemeinen wird, trotz der gleichgebliebenen Zahlrelation, die Bedeutung der letzteren in der größeren Partei eine größere sein […]. Man hat hervorgehoben, dass eine Militärtyrannis ceteris paribus um so haltbarer sei, je größer ihr Gebiet sei; denn umfasse das Heer etwa ein Prozent der Bevölkerung, so ließe sich eher eine Bevölkerung von zehn Millionen mit einem Heer von 100.000 Mann im Zaume halten, als eine Stadt von 100.000 Einwohnern mit 100 Soldaten oder ein Dorf von 100 Einwohnern mit einem einzigen. Das Eigentümliche ist hier, dass die absoluten Zahlen der Gesamtgruppe und der in ihr einflussreichen Elemente, obgleich ihre Relation als Zahlen die identische bleibt, doch gerade die Relationen innerhalb der Gruppe so merkbar verschieden bestimmen. Jene beliebig zu vermehrenden Beispiele zeigen, dass die Relation soziologischer Elemente nicht nur von der relativen, sondern zugleich von den absoluten numerischen Quanten dieser Elemente abhängt« (Simmel 2013, 51 f.). Für unseren Zusammenhang wird vor allem auch Simmels Diskussion der unteren Grenze von Kleingruppen wichtig. Auf der Suche nach dem Grenzpunkt zwischen Individuum und sozialer Kleingruppe stieß er nämlich auf die sozialen Gebilde der Zweierbeziehung oder des Paars (Dyade) und der Dreierbeziehung (Triade). Hierbei erkennt er in einer umfassenden Analyse den dyadischen Beziehungen eine spezifische soziale Qualität zu, die es nahelegt, sie als Sozialgebilde eigener Art zu verstehen. Denn das Paar stellt jenes einzigartige soziale Gebilde dar, in der zwei - und nur zwei-- Individuen sich unmittelbar gegenüberstehen und ihre Handlungen unvermittelt aufeinander beziehen. In keiner anderen sozialen Beziehung lassen sich so extrem und elementar die zwischenmenschlichen Gefühle der Liebe und des Hasses, der Freiheit und der Isolation, der Eifersucht und des Verständnisses, der Verehrung und des Verrats erfahren wie gerade in der Zweierbeziehung. Hier gibt es im Prinzip nur zwei zwischenmenschliche Bewegungen: das Aufeinanderzugehen und Miteinanderauskommen oder das Sichvoneinanderentfernen und sich schließlich Trennen. Mit dem Hinzukommen einer dritten Person verändert sich nicht nur grundlegend die Struktur der Paarbeziehung zur Triade, sondern auch die Auswirkungen auf die beteiligten Personen sind unverhältnismäßig groß. Völlig neue Möglichkeiten des sozialen Arrangements entstehen: 3.1 Bausteine der Gesellschaft: Gruppierungen 135 <?page no="136"?> Der »Dritte« kann in Konfliktfällen mit dem einen oder dem anderen »koalieren« oder auch als »lachender Dritter« abseits stehen, er kann aber auch als Vermittler oder Schiedsrichter intervenieren und - was Simmel für besonders wichtig hält - beim Ausscheiden einer Person aus der Triade wird, im Gegensatz zur Dyade, der soziale Charakter der Beziehung nicht fundamental erschüttert. Von daher empfiehlt es sich, die untere Grenze von Kleingruppen bei mindestens drei Mitgliedern anzusetzen. Eine Zweierbeziehung ist dagegen als eine soziale Verknüpfung ganz besonderer Art zu betrachten, die sich in ihrer Beziehungsqualität, aber auch in ihren Beziehungsmöglichkeiten von anderen sozialen Gebilden in so typischer Art und Weise unterscheidet, dass sie auch terminologisch von Kleingruppen abgehoben und begrifflich eigens als »Paar« oder »Dyade« gefasst werden muss. Kann so die quantitative Bestimmung der Untergrenze von Kleingruppen noch einigermaßen problemlos konventionell festgelegt werden, so entste‐ hen - wie schon bei Simmel angedeutet - größere Schwierigkeiten bei der Definition von deren Obergrenze. Zur Lösung dieses Problems kann als entscheidendes Kriterium für Kleingruppen das Vorhandensein direkter, unmittelbar persönlicher Beziehungsmöglichkeiten der Gruppenmitglieder untereinander herangezogen werden, jenes Merkmal der »face-to-face-rela‐ tions«, das uns bereits bei der Bestimmung von Primärgruppen begegnet ist. Entsprechend definiert auch einer der bekanntesten Gruppentheoretiker, der amerikanische Soziologe George Caspar Homans (1910-1989), die Klein‐ gruppe als »eine Reihe von Personen, die in einer bestimmten Zeitspanne häufig miteinander Umgang haben und deren Anzahl so gering ist, dass jede Person mit allen anderen Personen in Verbindung treten kann, und zwar nicht nur mittelbar über andere Menschen, sondern von Angesicht zu Angesicht« (Homans 1978, 29). Nun ist das menschliche Vermögen, mit anderen »face-to-face« zu kom‐ munizieren und zu interagieren, physisch wie psychisch begrenzt. Wir können nicht mit unendlich vielen Menschen irgendeines Kollektivs soziale Beziehungen aufnehmen und unterhalten. Wie groß beispielsweise die Zahl möglicher sozialer Kontakte innerhalb einer Gruppe mit der gegebenen Mitgliederzahl n ist, lässt sich nach einer »gruppendynamischen Formel« (Moore 1986, 97) auch mathematisch errechnen. 136 3 Soziale Zusammenhänge <?page no="137"?> Dabei gilt für eine Gruppe mit gegebener Mitgliederzahl (n): Summe der möglichen Zweierbeziehungen n(n − 1) 2 Für eine Fünfergruppe bedeutet dies: 5(5 − 1) 2 = 20 2 d. h. zehn mögliche Zweierbeziehungen. Für eine Gruppe mit zehn Mitglie‐ dern sind es bereits: -- 10(10 − 1) 2 = 90 2 = 45 potenzielle Kontakte, bei 20 Gruppenmitgliedern 190 usw. Berücksichtigt man darüber hinaus noch, dass Mitglieder sozialer Gruppen untereinander ja nicht nur wechselseitige Zweierbeziehungen, sondern auch größere Koalitionen, Cliquenverbindungen u. Ä. eingehen können, so steigt die Zahl der Beziehungsmöglichkeiten noch sprunghafter. Zur Berechnung der Summe aller theoretisch möglichen sozialen Beziehungen in Gruppen mit gegebener Personenzahl (n ≥ 2) bedient man sich der Formel: Summe der gruppeninternen Beziehungsmöglichkeiten 3 n − 2 n + 1 + 1 2 Sind es bei einer Gruppe mit drei Mitgliedern noch sechs verschiedene mög‐ liche Beziehungskonstellationen, so gibt es bei fünf Mitgliedern bereits 90 unterschiedliche Verbindungsmöglichkeiten, bei sieben schon 966, bei zehn bereits die unglaubliche Menge von 28.501 potenziellen gruppeninternen Arrangements usw. Diese Zahlen belegen eindrücklich, dass mit steigender Personenzahl die potenziellen Zweierbeziehungen und die Beziehungsmöglichkeiten insgesamt so stark zunehmen, dass die einzelnen Gruppenmitglieder in ihren Fähigkeiten, mit den anderen Kontakt aufzunehmen, ab einem gewissen Punkt überfordert sind. Schon von daher ist unter dem Aspekt der interaktionellen Muster und 3.1 Bausteine der Gesellschaft: Gruppierungen 137 <?page no="138"?> der kommunikativen Kapazität die obere Grenze von Kleingruppen bei einer verhältnismäßig geringen Zahl von Mitgliedern anzusetzen. Zwar hängt die optimale Größe nicht zuletzt vom jeweiligen Gruppen‐ zweck ab, und es mag auch unter Umständen eine besondere Rolle spielen, ob die Zahl der Gruppenmitglieder gerade oder ungerade ist, doch sollen Kleingruppen-- je nach ihrer »raison d’être«-- nach Meinung von Soziolo‐ gen und Sozialpsychologen nicht mehr als sieben bis 15 Mitglieder umfassen. Bei diesen Grenzen dürfte im Allgemeinen bei den Gruppenmitgliedern noch ein Sicherheitsgefühl durch realisierbare soziale Kontakte sowie auch ein Gefühl des Akzeptiertwerdens erreichbar sein. Darüber hinaus wird es zumindest kritisch: Eine Studie über das Lernverhalten zeigt beispiels‐ weise, dass die persönliche Beteiligung der einzelnen Gruppenmitglieder bei einer Lerngruppe von über 15 Teilnehmern so stark zurückgeht, dass die Mitglieder sich dann genauso verhalten, als ob sie sich als Zuhörer in einer Vorlesung für 400 Personen befänden (Boocock 1966, zit. n. Hopper &-Weyman 1977, 176). Aus der bisherigen Diskussion ergibt sich, dass die Mitglieder von Großgruppen sich nicht persönlich zu kennen brauchen, die übrigen Be‐ stimmungsmerkmale für soziale Gruppen (gemeinsame Ziele und Interes‐ sen, Wir-Bewusstsein, gemeinsames Wert- und Normensystem, interne Rollenstruktur und Aufgabenverteilung) indessen vorhanden sein müssen. Als typische Beispiele für solche Großgruppen gelten Verbände, Gewerk‐ schaften, politische Parteien, Kirchen und Religionsgemeinschaften. Solche Großgruppen konstituieren sich oft zunächst nur durch abstrakte, gemein‐ sam geltende Vorstellungen und einander verbindende Überzeugungen: Man denkt und handelt wie die anderen, die sich oft erst in bestimmten Situationen durch ihre Handlungen, Haltungen, Aussagen, auch Abzeichen, Symbole usw. als gleich gesinnte Mitglieder zu erkennen geben. Hinzu kommt bei vielen Großgruppen auch ein bestimmter Grad an Organisiert‐ heit, der sie als Organisationen kenntlich macht: eingeschriebene Mitglieder, Mitgliedsausweis, Zeitschrift, Führungskader usw. Wie jedes andere Konzept gerät auch der Begriff der Großgruppe dort an die Grenze seiner praktischen Brauchbarkeit und analytischen Ergiebigkeit, wo er inhaltlich überfrachtet und formal überdehnt wird. Große und umfas‐ sende soziale Gebilde wie beispielsweise die Bundesrepublik Deutschland werden daher nicht mehr als Großgruppen, sondern als Gesamtgesellschaf‐ ten bezeichnet, weil sich ja u. a. solche übergreifenden nationalen Systeme wieder selbst aus unüberschaubar vielen Großgruppen zusammensetzen. 138 3 Soziale Zusammenhänge <?page no="139"?> Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Raymond Boudon &-François Bourricaud (1992): Soziologische Stichworte. Ein Handbuch. (Darin »Gruppen«, S. 183-191). Westdt. Verlag: Opladen. Lionel Kreeger (Hrsg.) (1977): Die Großgruppe. (Darin Earl Hopper & Anne Weyman, »Große Gruppen aus soziologischer Sicht«, S. 154-183). Klett-Cotta: Stuttgart. Georg Simmel (2013): Soziologie. Untersuchungen über die Formen der Ver‐ gesellschaftung. (Darin die Kapitel »Die quantitative Bestimmtheit der Gruppe«, S.-42-109 und »Die Erweiterung der Gruppe und die Ausbildung der Individualität«, S.-547-594). 7. Aufl. (zuerst 1908). Duncker &-Humblot: Berlin. Haim Weinberg &-Stanley Schneider (2003): The Large Group Re-Visited, (Darin »Background, Structure and Dynamics of the Large Group«, S. 13-28). Kingsley: London, Philadelphia. 3.2 Soziale Stabilität und Wandel der-Gesellschaft 3.2.1 Gesellschafts-»bilder« Zumindest glauben wir alle zu wissen, was »Gesellschaft« ist, aber meist fällt es uns schwer, genauer zu formulieren oder gar zu definieren, was unter diesem Begriff zu verstehen ist. Selbst bei Soziologen, den eigentlichen Ge‐ sellschaftswissenschaftlern, gibt es offenbar Schwierigkeiten, Gesellschaft präzise zu bestimmen. Der in Deutschland wohl bedeutendste soziologische Systemtheoretiker, Niklas Luhmann versucht unser terminologisches Problem zunächst prag‐ matisch zu lösen, wenn er schreibt: »Es muss in der Soziologie einen Begriff geben für die Einheit der Gesamtheit des Sozialen - ob man dies nun […] als Gesamtheit der sozialen Beziehungen, Prozesse, Handlungen oder Kommunikationen bezeichnet. Wir setzen hierfür den Begriff der Gesellschaft ein. Gesellschaft ist danach das umfassendste Sozialsys‐ tem, das alles Soziale in sich einschließt und infolgedessen keine soziale Umwelt kennt« (Luhmann 2021, 555). Mit dieser Vorstellung von »Gesellschaft« als eine (die? ) oberste Ebene der Organisation sozialer Beziehungen kommt Luhmann dem am Schluss 3.2 Soziale Stabilität und Wandel der-Gesellschaft 139 <?page no="140"?> unseres vorangegangenen Abschnitts angesprochenen Konzept der »Ge‐ samtgesellschaft« recht nahe, - wenn nicht gar in einer progressiven Projektion letztlich dem Modell einer »Weltgesellschaft« -, was uns im Hinblick auf unser Ausgangsproblem aber wohl nicht weniger ratlos lässt. Etwas später lesen wir dann unter dem von Luhmann noch selbst verfassten Stichwort »Gesellschaft« in einem der gebräuchlichsten soziologischen Fachwörterbücher seine lapidare Feststellung, Gesellschaft sei »das jeweils umfassendste System menschlichen Zusammenlebens«, wobei er resignie‐ rend fortfährt: »über weitere einschränkende Merkmale besteht kein Ein‐ verständnis« (Lexikon zur Soziologie 2007, 234 f.). Diese ziemlich diffuse Vorstellung und definitorische Verlegenheit rührt sicher nicht zuletzt daher, dass mit »Gesellschaft« eben keine konkrete Sache bezeichnet werden kann. Da mit diesem Begriff von soziologischen Theoretikern offensichtlich ganz verschiedene soziale Gebilde auf unter‐ schiedlichen Realitätsebenen verknüpft werden, wird von ihnen gesell‐ schaftstheoretisch wohl eher ein Bild kommuniziert, das einerseits in einer verwirrenden und unübersichtlichen Vielfalt von Einzelheiten sozialer Tat‐ sachen aufzugehen scheint, andererseits aber auch eher abstrakte, weniger deutlich konturierte Züge mit ineinander verwobenen Fließzonen aufweist. Wir gehen für unsere weiteren Überlegungen deshalb davon aus, dass der einzelne Mensch als soziale und kulturelle Persönlichkeit zunächst die sozi‐ alen Bezüge zu seinen Primärgruppen als - wie Cooley dies nennt - »nursery of human nature« grundlegend benötigt, diese primären Beziehungsfelder jedoch wieder notwendigerweise in weitere und umfassendere Klein- und Großgruppen, formelle und informelle Kontakte, sekundäre Sozialgebilde und Organisationen eingebunden sind. So lässt sich das Gesamt dieser mannigfachen Formen der Verflechtungseinheiten und -zusammenhänge sozialer Gebilde innerhalb einer Kultur als »Gesellschaft« (im Sinne von »Staat« oder »Nation«) begreifen. Rein deskriptiv können dann die Rah‐ menbedingungen dieses Bildes annähernd bestimmt werden durch eine Aufzählung von Eigenschaften wie beispielsweise: • eine hinreichend große, altersmäßig und geschlechtlich gemischte Be‐ völkerung, • eine gemeinsame Sprache und ein gemeinsames Geschichtsbewusstsein, • das Vorhandensein einer politischen Ordnung und der Bezug auf ein Territorium, 140 3 Soziale Zusammenhänge <?page no="141"?> • bestimmte, das Gesamtsystem erhaltende bzw. dessen Grundbedürfnisse befriedigende Institutionen und Organisationen, • ein bestimmter Grad der wirtschaftlichen Entwicklung und ein ent‐ sprechender Lebensstandard, • eine eigene Kultur usw. Es gibt zahlreiche gedankliche Entwürfe und viele Bilder von Gesellschaften, und - was hinzukommt -, eine und dieselbe soziale Realität hat oft noch verschiedene, je nach Standort und Betrachtungsweise variierende Facetten: • Wenn wir beispielsweise von einer Agrar- oder einer Industriegesell‐ schaft sprechen, so betonen wir damit zweifellos die für die jeweilige Gesellschaft typische Art und Weise wirtschaftlicher Produktion. • Reden wir von sozialistischer oder kapitalistischer Gesellschaft, dann steht die jeweilige Eigentumsordnung im Vordergrund. • Eine zurückgehende, stagnierende oder expandierende Gesellschaft be‐ zieht sich auf die demographische Bilanz der Bevölkerungsentwicklung. • Bei primitiven Gesellschaften denken wir z. B. an deren schriftlose Kulturstufe. • Die Bezeichnungen kommunistische oder faschistische Gesellschaft verweisen auf die zugrunde liegenden gesellschaftlich-politischen Ide‐ ologien. • Totalitär ist im allgemeinen Sprachgebrauch eine Gesellschaft, die durch die diktatorische Macht des Staates auf allen Ebenen und in allen Lebensbereichen charakterisiert wird. Eine Variante hiervon ist eine fundamentalistische Gesellschaft, die von einem fanatisch-radikalen, meist mehr oder weniger religiös motivierten Antimodernismus be‐ herrscht wird. • Gegenwärtig viel diskutiert wird unser Thema »Gesellschaft« auch zeitdiagnostisch-thesenhaft unter Bezeichnungen wie »Überflussge‐ sellschaft« ( John Kenneth Galbraith), »Weltgesellschaft« (Niklas Luh‐ mann), »Risikogesellschaft« (Ulrich Beck), »postindustrielle Gesell‐ schaft« (Daniel Bell), »postmoderne Gesellschaft« (Ronald Inglehart), »Bürgergesellschaft« (Ralf Dahrendorf und Jürgen Habermas), »Erleb‐ nisgesellschaft« (Gerhard Schulze), »Informations- und Mediengesell‐ schaft« (Neil Postman), »Arbeitsgesellschaft« (Claus Offe), »Wissensge‐ sellschaft« (Karin Knorr-Cetina), »Single-Gesellschaft« (Stefan Hradil), »multikulturelle Gesellschaft« (Claus Leggewie), »transparente Gesell‐ 3.2 Soziale Stabilität und Wandel der-Gesellschaft 141 <?page no="142"?> schaft« (Gianni Vattimo), »Netzwerkgesellschaft« (Manuel Castells), »Multioptionsgesellschaft« (Peter Gross) u.-Ä. Die jeweilige Bezeichnung hebt hierbei immer etwas Wichtiges in präg‐ nanter Weise hervor, vernachlässigt aber gleichzeitig anderes und erfasst so die tatsächlichen gesellschaftlichen Strukturen und Abläufe nur unvoll‐ kommen. Ganz im Sinne der Max Weberschen Idealtypen haben solche Attribute eher heuristische Funktionen und besitzen den Charakter von abstrahierenden historisch-soziologischen Modellen. Der Soziologe steht also vor der Schwierigkeit, immer nach belangvollen und untersuchungswerten, d. h. relevanten Bestimmungsfaktoren im Zu‐ sammenspiel der umfassenden sozialen Prozesse zu suchen, wohl wissend, dass in jeder Gesellschaft eigentlich alles vorkommt, irgendwie alles mit allem zusammenhängt und somit eine eng verwobene Totalität bildet. Jedoch, »um eine exakte Theorie der Totalität zu haben, müssten wir alle Einzelvorgänge und ihre Ursachen, auch im geschichtlichen Verlauf, kennen. Zur Totalität gehört schließlich auch das eigene Denken über sie. Deswegen ist prinzipiell keine eindeutige Beschreibung und Analyse einer Totalität möglich. Auch in den Naturwissenschaften sind die Vor‐ stellungen vom Gesamtzusammenhang aller Naturvorgänge (›die Natur‹) notwendigerweise verschwommen. Eine ›präzise Vorstellung‹ kann man nur über etwas haben, das sich auch präzise abgrenzen lässt und somit keine Totalität darstellen kann« (Stromberger &-Teichert 1986, 256). Dies erklärt auch, weshalb man in den meisten soziologischen Lehrbüchern vergeblich nach einem eigenen Kapitel über die Gesellschaft sucht: »Die Autoren haben durchaus ein Gedankenbild, aber es ist undifferenziert, verträgt keine systematische Darstellung und kann oft mit wenigen Sätzen formuliert werden« (Stromberger &-Teichert, ebenda). Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Karl-Heinz Hillmann (2007): Wörterbuch der Soziologie. (Darin das Stichwort »Gesellschaft«, S. 289-292, mit zusätzlichen Literaturhinweisen). 5. Aufl. Kröner: Stuttgart. Georg Kneer, Armin Nassehi &-Markus Schroer (Hrsg.) (2000): Soziologische Gesellschaftsbegriffe. Konzepte moderner Zeitdiagnosen. 2. Aufl. Fink: Mün‐ chen. 142 3 Soziale Zusammenhänge <?page no="143"?> Talcott Parsons (1976): Zur Theorie sozialer Systeme. (Darin der Beitrag »Der Begriff der Gesellschaft: Seine Elemente und ihre Verknüpfungen«, S. 121- 160). Westdt. Verlag: Opladen. Armin Pongs (2004): Gesellschaft X. In welcher Gesellschaft leben wir eigent‐ lich? Band-1. (Darin als Einstieg »Per Anhalter durch die Gesellschaft«, S. 11-17 und »Individuum und Gesellschaft in Zeiten der Globalisierung«, S. 25-37). 2. Aufl. Dilemma: München. 3.2.2 Gesellschaft als soziales System: Soziale-Stabilität Trotz dieser vielfältigen Schwierigkeiten sind verschiedene Versuche ge‐ macht worden, Gesellschaften auf ihre funktionalen Gemeinsamkeiten oder ihre strukturellen Unterschiede hin zu betrachten. Die wichtigsten klassischen Ansätze hierzu haben wir bereits bei Herbert Spencer (Gesell‐ schaft als Organismus und Mechanismus) oder Karl Marx (Gesellschaft des historischen Materialismus) kennen gelernt. Für neuere, sogenannte systemtheoretische Ansätze sind insbesondere die Arbeiten von Talcott Parsons und Niklas Luhmann wegweisend geworden. So geht Parsons beispielsweise davon aus, dass in allen Gesellschaf‐ ten bestimmte Funktionsvoraussetzungen für das zwischenmenschliche Zusammenleben erbracht werden müssen, die dann überdies zum Hand‐ lungszwang im Hinblick auf den Bestand eines gesellschaftlichen Systems werden. In seinem berühmt gewordenen, jedoch relativ abstrakt gebliebenen AGIL-Schema (worin die Begriffe adaption, goal-attainment, integration und latency die vier wichtigsten Systemprobleme bezeichnen) fasst Parsons die Grundfunktionen sozialer Systeme zusammen. • Anpassung (adaption) meint, dass alle Gesellschaften zunächst mit den natürlichen Gegebenheiten ihres Lebensraumes fertig werden müssen. Je nachdem wie die gegebenen Umweltbedingungen bewältigt werden und welche Ressourcen sich eine Gesellschaft hierbei zunutze macht, werden typische Formen des Arbeitens und Wirtschaftens entwickelt: in einer Jäger- und Sammlergesellschaft sichern die Menschen ihr Überle‐ ben vorwiegend durch das Sammeln von wild wachsenden Früchten und das Jagen von Tieren, in einer Agrargesellschaft erfolgt die materielle Lebenssicherung mit Hilfe von Ackerbau und Viehzucht sowie der Herstellung handwerklicher Gegenstände, in einer Industriegesellschaft 3.2 Soziale Stabilität und Wandel der-Gesellschaft 143 <?page no="144"?> sind die Arbeits- und Wirtschaftsprozesse vorwiegend durch die in‐ dustrielle Güterproduktion und den damit verbundenen Gütertausch gekennzeichnet. • Zielerreichung (goal-attainment) weist darauf hin, dass die Mitglieder einer Gesellschaft auf gemeinsame Zielvorstellungen bzw. kollektive Grundüberzeugungen hinzuverpflichten sind. An solchen Grundwerten sollen sich im Alltag die konkreten Handlungsvollzüge orientieren. Normative Rahmenbedingungen dieser Art sind beispielsweise für die Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland im gesellschaftlich-poli‐ tischen Auftrag des Grundgesetzes verankert. • Um die Systemziele zu erreichen, ist eine Integration aller Systemele‐ mente oder - anders ausgedrückt - eine »soziale Einheit« anzustreben. Die gegenseitigen Interaktionen sollen, über gemeinsame Deutungs‐ schemata verknüpft, zu komplementären Handlungsmustern bzw. zu einem koordinierten Zusammenhalt gebracht werden. • Schließlich ist allen Gesellschaften das Bemühen gemeinsam, ihre kon‐ stitutiven Merkmale, die sie als eigenständige Systeme von der Umwelt abheben, zu erhalten. Im Interesse dieser Strukturerhaltung (latency, pattern maintenance) und im Hinblick auf die Zukunft sollen daher die geltenden Überzeugungen und Maßstäbe im Innern der einzelnen Gesellschaftsmitglieder verankert werden. Diesen funktionalen Hauptproblemen entsprechend erscheint nach Parsons die komplexe Ganzheit der Gesellschaft in verschieden strukturierte Teilsys‐ teme ausdifferenziert. Jeweils bestimmte Teil- oder Subsysteme sehen eines dieser Probleme im Sinne des Gesamtsystems als ihre spezifische, jedoch nicht ausschließliche Aufgabe an, indem sie bestimmte Zwecke anstreben und gleichzeitig geeignete Mittel und geistige Bedingungen produzieren, um diese Zwecke zu erreichen: • So wird die Anpassungsfunktion dem Wirtschaftssystem zugeordnet, das imstande sein muss, gegebene Ressourcen je nach den sich entfaltenden Bedürfnissen zu erschließen und bereitzustellen. • Wesentliche Aufgaben der Politik sind dagegen das Aushandeln von kollektiv verbindlichen Zieldefinitionen, mittels derer die einzelnen gesellschaftlichen Gruppen mit ihren divergierenden Einzelinteressen zusammengehalten werden sowie die Mobilisierung von Potenzialen zur staatlichen Zielverwirklichung bzw. deren praktische Durchsetzung im Führungs- und Verwaltungshandeln. 144 3 Soziale Zusammenhänge <?page no="145"?> • Unter Zuhilfenahme von gemeinsamen Symbolen (z. B. Wappen, Hymne, Fahne, Dynastie, Staatsoberhaupt u. Ä.) und unter Bezug auf eine gemeinsame geschichtliche Entwicklung und kulturelle Tradition wird ein Bewusstsein der Zusammengehörigkeit aufgebaut, das die ein‐ zelnen Gruppen übersteigt, - eine integrative Funktion, die in modernen Gesellschaften im Wesentlichen vom Schulsystem bzw. von gesellschaft‐ lich organisierten Instanzen öffentlicher Sozialisation, Erziehung und Bildung übernommen wird. • Das Subsystem Familie sorgt schließlich dafür, dass im Sinne der Erhal‐ tungs- oder Reproduktionsfunktion der Gesellschaft neue Mitglieder zugeführt werden, die sich den gemeinsamen Maßstäben motivational verpflichtet fühlen und von sich aus handeln möchten, wie sie handeln sollen. Wenn auch in dieser strukturell-funktionalen Systemtheorie den gesellschaft‐ lichen Teilsystemen primär bestimmte Aufgaben zugeordnet werden, so bedeutet dies - wie schon angedeutet - keineswegs, dass diese Subsysteme nicht bewusst oder unbewusst auch andere Funktionen miterfüllen. So treten beispielsweise im Bereich von Sozialisation und Erziehung Schule und Familie zueinander in Konkurrenz (oder geraten gar miteinander in Konflikt), aber auch Wirtschaft und Politik sind an Inhalten und Formen von Erziehungs- und Bildungsprozessen nicht nur interessiert, sondern auch faktisch beteiligt. Gleichzeitig ist es für das Schulsystem über die integrative Funktionserfüllung hinaus unerlässlich, auch für das politische, ökonomische und familiale System bedeutsame Beiträge bzw. nachgefragte Leistungen zu erbringen. Insofern haben alle Teilsysteme von ihren je spezifisch ausdifferenzierten Aufgaben her einen interdependenten Bezug zum Gesamt der vier gesellschaftlichen Hauptprobleme herzustellen. Allerdings gilt in der Parsonsschen Systemkonzeption die normative Zielstruktur einer Gesellschaft als zentrale Regelinstanz für die konkreten Aufgaben und situativen Bedingungen. Die Imperative, die das normative Gefüge definieren, stellen das eigentliche Kräftefeld und die faktischen Bezugspunkte aller sozialen Prozesse dar. Hierbei perpetuieren gesellschaft‐ liche Systeme über eine Art »Trägheitsgesetz« ihre Identität, weshalb auch Parsons den kontinuierlichen Vorgängen der Gleichgewichtserhaltung und Stabilitätssicherung von Gesellschaften seine besondere Aufmerksamkeit schenkt. 3.2 Soziale Stabilität und Wandel der-Gesellschaft 145 <?page no="146"?> Die Überlegungen von Talcott Parsons wurden von Niklas Luhmann wei‐ tergeführt, der sich insbesondere mit der Funktion von Systemstrukturen beschäftigt und seine Theorie sozialer Systeme im Zusammenhang eines interdisziplinären Paradigmas einer allgemeinen Systemtheorie entwickelt. Im Mittelpunkt steht dabei das Konzept der selbstreferenziellen Operati‐ onsweise (»Autopoiesis«), das Luhmann auf die gesellschaftlichen Systeme anwendet. Da die Welt stets komplexer ist als jedes System in der Welt, reduzieren nach Luhmann alle sozialen Systeme über ihren Sinnzusammenhang die Komplexität einer sozial kontingenten Welt dadurch, dass sie als struktu‐ rierte Beziehungsgefüge bestimmte soziale Handlungsmöglichkeiten aus‐ wählen, andere ausschließen und dadurch in der Lage sind, zwischenmenschliches Handeln und Erwarten sinnhaft zu orientieren. Dieses gene‐ rell an die »Selektion von Sinngebung« gebundene Reduktionsprogramm findet seinen Ausdruck in einer spezifischen Sinnverwendung, die entspre‐ chend differenziertes Rollenhandeln und -verhalten in den jeweiligen sozi‐ alen Systemen reguliert. Doch nicht nur durch innere Widersprüche, sondern auch durch externe Einflüsse einer äußerst komplexen und hochdynamischen Umwelt sind so‐ ziale Systeme kontinuierlich in ihrem Bestand gefährdet. Ein durch exogene Variablen provoziertes elementares Bestandsproblem kann beispielsweise durch den Versuch einer Stabilisierung der Innen-/ Außen-Differenz gelöst werden, indem der Komplexität der Umwelt eine hohe Eigenkomplexität des Systems entspricht. Diese Eigenkomplexität muss ausreichen, d. h. das System muss hinreichend viele Zustände annehmen können, um in einer sich verändernden Umwelt systemerhaltende Reaktionen zu ermöglichen. Oder anders ausgedrückt: Je größer die Eigenkomplexität des Systems ist, umso mehr Umweltkomplexität kann es absorbieren. Gleichzeitig werden die gesellschaftlichen Subsysteme mit ihrer spezifi‐ schen Orientierung im arbeitsteiligen Sinne von übermäßiger Komplexität entlastet. D. h. eine entsprechende Innendifferenzierung steigert letztlich die Anpassungsfähigkeit des Systems, da bei wechselnden Anforderungen der Umwelt nicht jeweils das ganze System korrigiert werden muss. Vielmehr können eine veränderte Umweltlage und/ oder auch interne Störungen ein Teilsystem zum Austausch oder zur Erweiterung seiner vorhandenen Programme (inklusive seiner Zwecke) zur Komplexitätsreduzierung gera‐ dezu zwingen, da sonst sein Bestand gefährdet wäre. Im Systemprozess übernehmen dann die anderen Teilsysteme ohne erneute Prüfung diese 146 3 Soziale Zusammenhänge <?page no="147"?> Selektionsleistung. Durch solche Innendifferenzierung lassen sich also Stö‐ rungen bereits in einem Subsystem auffangen. Diese hochgradig abstrakte und formale soziologische Systemtheorie ist - zumindest teilweise - auch als Reaktion auf bestimmte Ansätze einer historisierenden Soziologie zu verstehen, die sich - oft recht spekulativ - in die Entstehungsbedingungen und Ursachen von Gesellschaft bzw. bestimm‐ ter gesellschaftlicher Phänomene vertiefte. Im Gegensatz dazu macht der systemtheoretisch geschulte Funktionalist die gegebene soziale Situation zum Ausgangspunkt möglichst exakter Deskription und analysiert eher die Folgen eines bestimmten Phänomens für die Gesellschaft insgesamt oder für bestimmte Bereiche bzw. Gruppen innerhalb derselben, wobei er den wechselseitigen Zusammenhängen (Interdependenzen) besondere Aufmerksamkeit widmet. Mit der zunehmenden Erkenntnis der tatsächlichen Komplexität des sozialen Lebens wird nicht mehr die Totalität der Gesellschaft zum Studi‐ enobjekt, sondern man beschränkt sich auf die Untersuchung von Teilen einer Gesellschaft oder bestimmten sozialen Erscheinungsformen. Über sogenannte »Theorien mittlerer Reichweite« (Robert K. Merton) will man bausteinartig wissenschaftliche Ergebnisse gewinnen, die schließlich zum Verständnis einer ganzen Gesellschaft führen können. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Niklas Luhmann (2021, zuerst 1987): Soziale Systeme. Grundriß einer allgemei‐ nen Theorie. 18. Aufl. Suhrkamp: Frankfurt/ M. Julius Morel u.-a. (2015): Soziologische Theorie. Abriß der Ansätze ihrer Hauptvertreter. (Darin von Helmut Staubmann die Kapitel 8»Handlungsthe‐ oretische Systemtheorie: Talcott Parsons«, S. 197-222, und Kapitel 11 »So‐ zialsysteme als selbstreferentielle Systeme: Niklas Luhmann«, S. 275-300). 9. Aufl. de Gruyter: Berlin, Boston. Talcott Parsons (2023): Zur Theorie sozialer Systeme. Hrsgg., eingeleitet und kommentiert von Helmut Staubmann & Paul Reinbacher (Darin vor allem das Kapitel »Allgemeine Theorie in der Soziologie«, S. 17-52). Springer VS: Wiesbaden. Helmut Willke (2006): Systemtheorie I. Grundlagen. 7. Aufl. Lucius &-Lucius: Stuttgart. 3.2 Soziale Stabilität und Wandel der-Gesellschaft 147 <?page no="148"?> 3.2.3 Gesellschaft als Konfliktfeld: Sozialer Wandel In diesem Zusammenhang erscheint die inzwischen schon »klassisch« zu nennende Auseinandersetzung Ralf Dahrendorfs mit Talcott Parsons von prinzipieller und nach wie vor höchst aktueller Bedeutung. Diese Debatte dreht sich in erster Linie um die Streitfrage: Wie können eigentlich soziale Konflikte in eine systematische soziologische Theorie eingebaut werden? Dahrendorf (1961, 209) stellt Parsons dabei als einen Vertreter der so‐ genannten »Consensus-Theorie der gesellschaftlichen Integration« dar, die auf den folgenden vier Annahmen über die Eigenschaften menschlicher Gesellschaften beruhe: • Jede Gesellschaft ist ein relativ beharrendes, stabiles Gefüge von Ele‐ menten (Annahme der Stabilität). • Jede Gesellschaft ist ein gleichgewichtiges Gefüge von Elementen (An‐ nahme des Gleichgewichts). • Jedes Element in einer Gesellschaft leistet einen Beitrag zu ihrem Funktionieren (Annahme der Funktionalität). • Jede Gesellschaft erhält sich durch eine Verständigung ihrer Mitglieder über bestimmte gemeinsame Werte (Annahme des normativen Konsens). Diesem etwas vergröberten »harmonischen« Gesellschaftsmodell Parsons’ stellt Dahrendorf (ebd. 210) in einer zugespitzt formulierten Alternative seine eigene »Zwangstheorie der gesellschaftlichen Integration« gegenüber, die er durch folgende vier Annahmen charakterisiert: • Jede Gesellschaft und jedes ihrer Elemente unterliegt zu jedem Zeit‐ punkt dem Wandel (Annahme der Geschichtlichkeit). • Jede Gesellschaft ist ein in sich widersprüchliches und explosives Gefüge von Elementen (Annahme der Explosivität). • Jedes Element in einer Gesellschaft leistet einen Beitrag zu ihrer Verän‐ derung (Annahme der Dysfunktionalität oder Produktivität). • Jede Gesellschaft erhält sich durch den Zwang, den einige ihrer Mitglie‐ der über andere ausüben (Annahme des Zwanges). Der Wahl von normativem Konsens, Integration, Konfliktlosigkeit und Stabilität als soziologische Zentralkategorien setzt Dahrendorf damit ein alternatives Begriffssystem entgegen, dessen zentrale Konzepte Zwang, Desintegration, Konflikt und Wandel sind. Nach Dahrendorf beinhaltet das theoretische System von Parsons einige empirische Annahmen, deren 148 3 Soziale Zusammenhänge <?page no="149"?> allgemeine Gültigkeit bestritten werden muss. Eine derartige »Integrations‐ theorie« sei eher programmatisch als realistisch, »weil sie sich darauf beschränkt, die Funktionsbedingungen eines utopischen sozialen Systems zu artikulieren« (Dahrendorf 1961, 99). Ferner - und das ist Dahrendorfs wichtigstes Argument gegen Parsons - lasse sich auf der Grundlage eines derartigen Systemmodells eine angemessene Analyse endogener sozialer Konflikte bzw. endogenen sozialen Wandels überhaupt nicht mehr durch‐ führen. Um sozialen Konflikt oder Wandel zu erklären, müsse auf außerhalb des Systems liegende Variablen zurückgegriffen werden, da diese Theorie ja als Grundannahme die Tendenz sozialer Ordnung impliziere, die Grenzen einer bestehenden Struktur nicht zu durchbrechen. Soziale Konflikte oder sozialer Wandel erschienen so als abweichende Prozesse, als exzeptionell oder pathologisch. Diese von Dahrendorf vorgetragene Kritik an der strukturell-funktiona‐ len Systemtheorie Parsons’ kann in dieser Form jedoch nicht unwiderspro‐ chen hingenommen werden. Denn obwohl sich Parsons häufig unangemes‐ sen schwierig und missverständlich ausdrückt, steht auch fest, dass er seine Aussagen nicht als allgemein gültige, generelle Hypothesen verstanden wissen will (vgl. Parsons 1960, 482 ff.). Vielmehr handelt es sich bei ihm einerseits um begriffliche Konstruktionen, andererseits um den Versuch der Spezifizierung von Bedingungen, unter denen bestimmte Phänomene wie etwa »Gleichgewicht« oder »Integration« eintreten. Ausdrücklich insistiert Parsons darauf, dass es sich hierbei nur um ein analytisches Hilfsmittel zur Vereinfachung des Erkenntnisproblems handelt. Der Verbindung zwischen den Prozessen und der Struktur eines Systems dient dabei der Begriff der Funktion, der sich sowohl auf die Funktionen im engeren Sinne (positive Beiträge zur Erhaltung der Struktur) als auch auf Dysfunktionen (negative Beiträge zur Veränderung der Struktur) bezieht. Trotzdem glaubt Dahrendorf, dass seine Grundannahme von der »Ubi‐ quität«, d. h. Allgegenwart latenter Konflikte, die allerdings nur unter bestimmten Bedingungen manifest werden, besser zur Analyse sozialer Zusammenhänge geeignet sei als Parsons’ Systemmodell. Unter »Konflikt« versteht er »alle strukturell erzeugten Gegensatzbeziehungen von Normen und Erwartungen, Institutionen und Gruppen« (Dahrendorf 1961, 125). Die Hauptaufgabe einer soziologischen Konflikttheorie (und damit einer Theorie des sozialen Wandels) sieht er in der Erklärung der Modalitäten sozialer Bewegung. 3.2 Soziale Stabilität und Wandel der-Gesellschaft 149 <?page no="150"?> Um den Prozess der Entfaltung eines gegebenen Konflikts aus bestimmten sozialen Strukturlagen zu erklären, unterscheidet Dahrendorf (1961, 217 ff.) analytisch drei Etappen, deren Trennung allerdings empirisch nicht immer in der gewünschten Schärfe möglich sein dürfte: • Die erste Etappe der Manifestierung von Konflikten bildet die struktu‐ relle Ausgangslage selbst. • Die zweite Etappe wird gekennzeichnet durch das Bewusstsein latenter Interessen in der Konfliktkristallisierung. • Die dritte Etappe schließlich besteht im Ablauf des ausgebildeten Kon‐ flikts. In der Frage nach den sozialen Einheiten, in oder zwischen denen soziale Konflikte ausgetragen werden, schlägt Dahrendorf (1961, 203 ff.) analytisch fünf Alternativen vor: A. Konflikte in und zwischen einzelnen Rollen; B. Konflikte innerhalb einzelner sozialer Gruppen; C. Konflikte zwischen organisierten oder nichtorganisierten sozialen Grup‐ pierungen innerhalb von regionalen oder institutionellen Sektoren der Gesellschaft; D. Konflikte zwischen organisierten oder nichtorganisierten Gruppierungen, die eine ganze Gesellschaft erfassen; E. Konflikte innerhalb größerer Einheiten von Verbindungen zwischen zwei Ländern über breitere Föderationen bis zur gesamten Welt. Quer zu dieser Einteilung legt Dahrendorf eine Klassifikation nach dem Rangverhältnis der am Konflikt beteiligten Gruppen bzw. Elemente. Hierbei werden analytisch drei Möglichkeiten unterschieden: 1. Konflikte zwischen prinzipiell ranggleichen Gegnern; 2. Konflikte zwischen einander über- oder untergeordneten Gegnern; 3. Konflikte zwischen dem Ganzen der betreffenden Einheit und einem ihrer Teile. Eine Kombination dieser beiden Klassifizierungsmerkmale »Umfang« und »Rangverhältnis« ergibt bereits fünfzehn mehr oder weniger typische Arten sozialer Konflikte, die von Rollenkonflikten (A1, A2, A3) über Konkurrenz‐ verhältnisse (B2, C2, D2), über Diskriminierungen abweichenden Verhaltens und Minderheitenkonflikte (B3, C3, D3) bis zu Auseinandersetzungen auf internationaler Ebene (E1, E2, E3) reichen. 150 3 Soziale Zusammenhänge <?page no="151"?> Die Mittelwahl zur Austragung eines Konflikts ist nach Dahrendorf abhängig von der allgemeinen gesellschaftlichen Situation, vom Grad der »Bedeutung« des Konflikts für die Beteiligten und schließlich vom erhofften Endergebnis. Der Grad der Gewaltsamkeit in der Austragung sozialer Konflikte hängt dabei weitgehend ab von einer Einschätzung ihrer instrumentalen Angemessenheit bzw. vom Vorhandensein oder Fehlen eines Systems rationaler Regelung. Überlagern sich soziale Strukturbereiche bei den Konfliktpartnern und/ oder fehlen solche Regelungsmechanismen, so nehmen die Konflikte an potenzieller Schärfe zu; umgekehrt nimmt die Intensität sozialer Konflikte in pluralistischen Gesellschaften entsprechend ab. Durch verschiedene - für moderne Industriegesellschaften typische - Regelungssysteme können Auseinandersetzungen in verbindlicher Weise kanalisiert werden, und durch die Anerkennung der jeweiligen »Spiel‐ regeln« durch beide Konfliktpartner werden gewaltsame Methoden der Interessendurchsetzung eingeschränkt und der Konflikt selbst entschärft. Dabei werden Konflikte nicht notwendigerweise auch gleich »gelöst«; auch ihr Intensitätsgrad braucht bei der Existenz eines Regelungssystems nicht geringer zu werden. Jedoch werden Konflikte kontrollierbar und ihre konstruktive Kraft kann zur allmählichen Entwicklung neuer sozialer Strukturen beitragen. Dahrendorf gibt schließlich vier Voraussetzungen für die rationale Rege‐ lung von Konflikten an: • Konflikte müssen als berechtigt und sinnvoll anerkannt werden; • jeder Eingriff in Konflikte muss sich auf die Regelung seiner Formen beschränken; • Konflikte müssen organisiert und kanalisiert sein (z. B. in Parteien, Gewerkschaften, Unternehmerverbänden usw.); • es muss Einigkeit über gewisse Spielregeln bestehen, nach denen der Konflikt ausgetragen wird. Nach Dahrendorfs konflikttheoretischem Ansatz ist die Struktur sozialer Systeme nicht nur als integriertes, sondern vor allem als dichotomisches Ganzes zu sehen, als Ausdruck der verschiedenen Herrschaftsinteressen, die sich in der Gesellschaft überlagern. In jedem Sozialsystem ließen sich so grundsätzlich zwei, durch gemeinsame Klasseninteressen vereinte Qua‐ sigruppen (zum Begriff siehe Abschnitt 3.1.4) unterscheiden, deren Interes‐ senorientierung durch den Anteil an bzw. den Ausschluss von Herrschaft be‐ stimmt sei. Der Konflikt zwischen kollidierenden Interessenorientierungen 3.2 Soziale Stabilität und Wandel der-Gesellschaft 151 <?page no="152"?> sei die Ursache des sozialen Wandels, der »rasch« oder »allmählich«, »heftig« oder »geregelt«, »umfassend« oder »stückweise« vonstatten gehe, jedoch niemals fehle (Dahrendorf 1961, 91). Damit sei sowohl der soziale Konflikt als auch der soziale Wandel in das allgemeine soziologische System integriert und nicht mehr von Variablen abhängig, die nach dem Modell von Parsons außerhalb des Systems gesucht werden müssten. Wenn Dahrendorf hierbei auch von Marx ausgeht und dessen umfassende und allgemeine Theorie des sozialen Wandels (oder genauer: des Klassen‐ kampfs) als fruchtbare Anregung versteht, so weist er doch mit allem Nachdruck darauf hin, dass die vom Marxismus vorgenommene Rückfüh‐ rung sozialer Konflikte und Wandlungen auf die eine Ursache des Besitzes bzw. Nicht-Besitzes von Produktionsmitteln für die soziologische Analyse der vielfältig gelagerten und höchst komplizierten Strukturbedingungen der modernen Industriegesellschaft nicht angemessen sei. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Julius Morel u.-a. (2015): Soziologische Theorie. Abriß der Ansätze ihrer Hauptvertreter. (Darin Heinz-Jürgen Niedenzu, »Konflikttheorie: Ralf Dah‐ rendorf«, S.-223-242). 9. Aufl. de Gruyter: Berlin, Boston. Wolfgang Zapf (Hrsg.) (1984): Theorien des sozialen Wandels. (Darin besonders die Aufsätze von Talcott Parsons, »Das Problem des Strukturwandels: eine theoretische Skizze«, S. 35-54 und von Ralf Dahrendorf, »Zu einer Theorie des sozialen Konflikts«, S. 108-123). 4. Aufl. Athenäum: Frankfurt/ M. 3.2.4 Zur Reziprozität und Komplementarität von-Gesellschaftstheorien Als Ergebnis unserer Diskussion der Konflikt- oder Zwangstheorie der Gesellschaft lässt sich festhalten, dass dieser von Dahrendorf besonders profiliert vertretene Ansatz nicht einen grundsätzlich neuen theoretischen Bezugsrahmen darstellt: »Sie [die Konflikttheorie, H.P.H.] erscheint im Gegenteil - extrem formuliert - ihrem Gegner, der strukturell-funktionalen ›Integrationstheorie‹, so sehr verbun‐ den, dass man sie weitgehend als Variante der gleichen theoretischen Orientie‐ rung ansehen darf. Man kann sie auch als einen theoretischen Bezugsrahmen auffassen, der den kritisierten ergänzt, indem polar entgegengesetzte Begriffe 152 3 Soziale Zusammenhänge <?page no="153"?> und Problemstellungen […], die im Parsonsschen Ansatz implizit enthalten sind, explizit zum Bestandteil des analytischen Instrumentariums gemacht werden« (Rüschemeyer 1964, 25). Nach Wilhelm E. Mühlmann (1904-1988) ist darum auch die »Reziprozität« die allgemeinste Kategorie, unter die solche Polaritäten zu stellen sind: »Alle empirischen Gruppen und Gesellschaften, vor allem aber unsere moderne Gesellschaft, sind hochgradig asymmetrisch aufgebaut, sie stecken voll von latenten oder offenen Unverträglichkeiten, Spannungen, Konflikten, Kämpfen, ›dyschronen‹ Entwicklungstendenzen. Es stehen aber die Menschen dauernd unter der Erwartung eines anpassenden Ausgleichs, einer ›gerechten‹ Lösung, einer vollkommenen Reziprozität in symmetrischen Sozialbeziehungen; an dieser Erwartung orientieren sie ihr Handeln. Diese Erwartung gehört […] zur Struktur der menschlichen Welt, sie ist die antizipierte ›künftige Umwelt‹. ›Anpassung‹ und ›Gleichgewicht‹ beim Menschen müssen unter dieser Perspektive gesehen werden« (Mühlmann 1962, 99). In diesem Sinne, jedoch unter Verzicht auf die bei Dahrendorf immer wieder durchbrechende intellektuelle Polemik gegenüber Parsons, finden wir bei dem amerikanischen Soziologen Lewis A. Coser (1912-2003) in seiner Diskussion Simmelscher Thesen zum Problem des »Streits« eine geeignete Synthese der beiden im Grunde komplementären bzw. reziprok aufeinander bezogenen Ansätze. Coser (1965/ 2009) geht dabei von Simmels zentraler These aus, die den Streit als eine »Vergesellschaftungsform« beschreibt. Das bedeutet bei Simmel, dass kein Sozialsystem völlig harmoniert, es sei denn, es lebe ohne Entwicklung und Struktur. Simmel (2013, 200) schreibt wörtlich: »… ein gewisses Maß von Misshelligkeiten, innerem Auseinandergehen und äußeren Kontroversen (ist) mit alledem, was das Band schließlich zusammenhält, organisch verbunden und aus der Einheit des soziologischen Gebildes überhaupt nicht herauszulösen […]. Auf der anderen Seite tritt die durchaus positive und integrierende Rolle des Antagonismus an Fällen hervor, wo die Struktur durch die Schärfe und sorgfältig konservierte Reinheit sozialer Einteilungen und Abstufungen charakterisiert wird […]. Feindseligkeiten hindern nicht nur die Abgrenzungen innerhalb der Gruppe am allmählichen Verschwinden […], sondern darüber hinaus sind sie direkt soziologisch produktiv: sie geben Klassen und Persönlichkeiten oft erst ihre gegenseitige Stellung, die diese nicht oder nicht so gefunden hätten, wenn etwa die objektiven Ursachen der Feindseligkeiten […] nicht von dem Gefühle und den Äußerungen der Feindschaft begleitet wären.« 3.2 Soziale Stabilität und Wandel der-Gesellschaft 153 <?page no="154"?> Coser verbindet diese und ähnliche Aussagen Simmels über die Funktionen sozialer Konflikte mit soziologischen Theoremen Robert K. Mertons (1910- 2003) sowie mit der genetischen Psychologie Jean Piagets (1896-1980) und mit psychoanalytischen Erkenntnissen, wobei es sein Ziel ist, den Konflikt als positives Element in die strukturell-funktionale Theorie einzubauen. Sein theoretischer Ansatz, der sich inzwischen bei zahlreichen empirischen Analysen bewährt hat, unterstreicht den Nutzen von Konflikten für die Gesellschaftsordnung insofern, als interne wie externe Konflikte als unab‐ dingbare Voraussetzungen für soziale Entwicklung und gesellschaftlichen Wandel gelten. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Johannes Berger (Hrsg.) (1986): Die Moderne-- Kontinuitäten und Zäsuren. Sonderband 4 der Zeitschrift Soziale Welt. Thorsten Bonacker (Hrsg.) (2008): Sozialwissenschaftliche Konflikttheorien. Eine Einführung. (Darin u.-a. Beitrag von Jörn Lamla »Die Konflikttheorie als Gesellschaftstheorie«, S. 207-230). 4. Aufl. VS: Wiesbaden. Lewis A. Coser (2009): Theorie sozialer Konflikte. (Darin insbesondere Kapitel 1 »Einführung«, S. 15-35). VS: Wiesbaden. Richard Münch (1992): Die Struktur der Moderne. Grundmuster und differen‐ tielle Gestaltung des institutionellen Aufbaus der modernen Gesellschaften. Suhrkamp: Frankfurt/ M. 154 3 Soziale Zusammenhänge <?page no="155"?> 4 Soziologisches Messen und Prüfen 4.1 Soziologie als empirische Wissenschaft Der Begriff »Wissenschaft« lässt sich definieren als »das von einer Gruppe von Menschen (Wissenschaftlern) nach anerkannten Regeln methodisch ge‐ wonnene und systematisch geordnete Wissen« (Wössner 1986, 255). Solches Wissen erscheint im Allgemeinen zusammenhängend in entsprechenden Theorien ausformuliert, die den Charakter von konsistent angeordneten, mehrstufigen und logisch miteinander verbundenen Aussagen über die Wirklichkeit - bzw. genauer: über einen Teil der Wirklichkeit - haben. In diesem Sinne können Theorien jedoch beispielsweise auch in logisch geschickt angelegter Beweisführung letztlich lediglich plausible Ergebnisse spekulativer Schreibtischarbeit darstellen, von denen niemand nachweisen kann, ob das Behauptete auch tatsächlich der Wirklichkeit entspricht. Auch in der Soziologie muss deshalb das Verhältnis von methodischer Forschungspraxis und sozialwissenschaftlicher Theoriebildung gelöst wer‐ den. Beispielsweise birgt die rapide Entwicklung und Ausdifferenzierung von Forschungstechniken die Gefahr einer Verselbständigung der Methoden im Sinne eines naiven Empirismus in sich. Dies kann dann dazu führen, dass weniger die wissenschaftlichen Probleme die Forschungsstrategie bestimmen, sondern eher umgekehrt die Zugänglichkeit von Daten und die Anwendungsmöglichkeiten für Forschungstechniken die zu untersu‐ chende soziale Realität definieren. Wie wir uns erinnern, haben wir (in Abschnitt 1.3.2) in der Übernahme der Definition von Imogen Seger Soziologie umschrieben als »das systematische und kontrollierte Beobachten und Erklären von regelmäßig auftretenden sozialen Beziehungen, von ihren Ur‐ sachen, Bedingungen und Folgen«. Dies bedeutet eben nichts anderes, als dass wir Soziologie als eine empirische, d. h. sich auf Erfahrung gründende Wissenschaft verstehen, die sich zwischen Beobachtung und Beschreibung sowie Analyse und Interpretation menschlichen Zusammenlebens bewegt. (Vgl. auch das entsprechende Konzept von Max Weber in Kap.-1.5.3.1). Aus dieser programmatisch-methodischen Orientierung der Soziologie folgt nicht nur, dass soziologische Aussagen und Theorien informativ und von einer gewissen praktischen Bedeutung sein sollen, sondern vor allem auch, dass sie immer wieder an der Wirklichkeit geprüft werden müssen und die Überprüfung kommunizierbar und nachvollziehbar sein muss. Darüber <?page no="156"?> hinaus folgt aus der Forderung nach empirischer Prüfbarkeit wissenschaft‐ licher Aussagen, dass diese - etwa aufgrund neuerer oder weitergehender Forschungsergebnisse - prinzipiell verwerfbar sein müssen (= Kriterium der Falsifizierbarkeit). Gelingt es nicht, eine Theorie bei der Überprüfung zu verwerfen (d. h. zu falsifizieren), so gilt sie so lange als »bewährt«, bis sie aufgrund neuer Erkenntnisse schließlich doch noch falsifiziert oder zumindest relativiert bzw. modifiziert werden muss. Empirische Theorien sind also allenfalls nur so lange gültig, bis in einem entscheidenden Punkt das Gegenteil bewiesen wird. Ein weiteres Grundproblem ist, dass die volle soziale Wirklichkeit - also das ganze »Material« möglicher Erkenntnis - niemals vollständig erfasst werden kann. So wie unsere Kapazität zur Aufnahme und Verarbeitung alltäglicher Informationen (z. B. beim Autofahren, beim Stadtbummel, beim Zeitungslesen oder Fernsehen usw.) beschränkt und somit auch unsere Wahrnehmungsmöglichkeit sowie unsere hierauf basierende Strukturie‐ rung von Informationen immer nur selektiv ist (vgl. hierzu Luhmanns Konzept der »Reduktion von Komplexität«), so kann auch wissenschaftliche Erkenntnis immer nur auf einen Ausschnitt der »unübersehbaren Man‐ nigfaltigkeit« (Rickert) des Wirklichen gerichtet sein. Der Altmeister der modernen Wissenschaftstheorie, Karl Raimund Popper (2002, 46), berich‐ tet hierzu von einem Versuch, den er einmal während einer Vorlesung unternommen hat. Er gab seinen Studenten den Auftrag: »Nehmt ein Blatt Papier! Beobachtet und schreibt Eure Beobachtung auf! « Sofort wurde im Hörsaal die Frage laut: »Ja, was sollen wir beobachten? Wie lautet unsere Beobachtungsaufgabe? « Diese Fragen zeigen uns, dass wir zuerst einmal eine Idee über den Ge‐ genstand und Zweck unserer Beobachtungen haben müssen. Das, wonach wir schauen oder suchen und wie wir dann die so bestimmten Phänomene betrachten, müssen wir in jeweiligen Begriffen zu fassen versuchen. Denn solche Begriffe sind Ausdruck unseres Auswahlprinzips und heben nach Wössner unser »Denkobjekt« nach bestimmten Kriterien und Merkmals‐ komplexen aus dem »Erfahrungsobjekt« heraus. Während beispielsweise für alle Sozialwissenschaften die Gesellschaft als Erfahrungsobjekt materiell gleich ist, werden doch aufgrund der unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven etwa des Ökonomen, des Juristen, des Historikers, des Polito‐ logen und eben auch des Soziologen im Hinblick auf dieses gemeinsame Erfahrungsobjekt formell die unterschiedlichsten Denkobjekte konstituiert. Jede dieser wissenschaftlichen Disziplinen hat eigene Erkenntnisinteressen 156 4 Soziologisches Messen und Prüfen <?page no="157"?> oder »Einkaufszettel«, wie das der schwedische Soziologe und Wissen‐ schaftstheoretiker Hans L. Zetterberg (1927-2014) etwas salopp genannt hat, auf denen Begriffe stehen, die uns sagen, worauf wir achten müssen, wenn wir die Gesellschaft aus wirtschaftlichem, rechtlichem, geschichtlichem, politikwissenschaftlichem oder soziologischem Blickwinkel betrachten. Die hierfür benutzten fachspezifischen Begriffe beinhalten jeweils fachtypische Vorstellungen von einem gesellschaftlichen Phänomen und stellen auch im‐ mer Abstraktionen dar, über die wir uns paradoxerweise erst an die konkrete Wirklichkeit herantasten können,-- was nach zunehmender Einsicht unter Sozialwissenschaftlern letztlich befriedigend nur interdisziplinär gelingen kann. Zusätzlich erschwert wird unser erkenntnistheoretisches Problem noch dadurch, dass es auch in der Soziologie nicht nur einen einzigen »Ein‐ kaufszettel« gibt, sondern mehrere, da - wie wir es exemplarisch in der Diskussion zwischen Parsons und Dahrendorf gesehen haben - nicht alle Soziologen ihr Erkenntnisobjekt »Gesellschaft« auf dieselbe Art und Weise betrachten. Hinzu kommt ein nicht einheitliches Theorieverständnis unter den Sozialwisssenschaftlern selbst, so dass die Ziele sozialwissen‐ schaftlichen Arbeitens bzw. der Anwendung empirischer Sozialforschung teilweise recht divergierend bestimmt werden können. So benutzen streng erfahrungswissenschaftlich ausgerichtete Forscher sozialwissenschaftliche Methoden zur Absicherung von Theorien, die sie selbst als Systeme von empirisch überprüfbaren Aussagen über begrenzte Sachverhalte verstehen. Vertreter einer eher kritisch-dialektischen Forschungsrichtung dagegen streben neben solchen Beschreibungen und Erklärungen kausaler Beziehun‐ gen vor allem eine kritische Beurteilung sozialer Phänomene in ihrem gesellschaftlich-politischen Gesamtzusammenhang an. Ganz abgesehen von der forschungs-»politischen« Frage, welchen Aspekt unseres Erkenntnisobjekts wir für eine Untersuchung auswählen bzw. wie wir unsere Problemstellung formulieren, kann uns aber das Fehlen bestimm‐ ter Begriffe gegenüber gewissen Phänomenen blind machen, ebenso wie eine einseitige Umschreibung bzw. Fassung von Theorien uns bestimmte As‐ pekte der sozialen Realität leicht übersehen lässt. Da also Begriffe in hohem Maße unsere Wahrnehmung beeinflussen, ist es keineswegs unerheblich, welche Konzepte wir für unsere analytischen Zwecke benutzen. Wie wir immer wieder in den vorangegangenen Abschnitten unseres Grundkurses zu zeigen versuchten, bemüht sich die moderne Soziologie in besonderem Maße, die selbstverständlich gewordenen Begriffe und Werturteile des All‐ 4.1 Soziologie als empirische Wissenschaft 157 <?page no="158"?> tags, mit denen wir konkrete soziale Tatbestände als »normal« bezeichnen, konzeptionell stets in kritischer Distanz zu hinterfragen. Dem methodischen Postulat der »Werturteilsfreiheit« folgend müssen daher bei der Analyse und Erklärung eines sozialen Verhaltens alle Be‐ griffe vermieden werden, die einen emotionalen Beigeschmack haben bzw. schon ein implizites Urteil über das enthalten, was eigentlich bezeichnet resp. erforscht werden soll. Zur Vermeidung von terminologischen Miss‐ verständnissen und überflüssigen Diskussionen ist es darum notwendig, soziologische Begriffe sorgfältig zu definieren und bei diesen Abgrenzungen (d. h. »Definitionen«) präzise alle Merkmale anzugeben, die ein soziales Phänomen besitzen muss, damit es mit dem entsprechenden Konzept belegt werden kann. Dies alles macht deutlich, wie sehr soziologische Theoriebildung und empirische Sozialforschung voneinander abhängig sind. Ein klassisches Beispiel dafür, wie durch theoretisch gesteuerte und methodisch reflektierte empirische Forschung nicht nur die analytischen Konzepte verfeinert, sondern gleichzeitig auch bestimmte theoretische Ansätze »bewiesen« bzw. weiterentwickelt wurden, bietet die berühmte Studie von Émile Durkheim über den Selbstmord (»Le suicide«, 1897). Bei der Untersuchung der in seinem umfangreichen empirischen Material wirksamen Faktoren erkannte Durkheim sehr verschiedene Ursachen und heterogene Formen des Selbstmords, die er auch begrifflich klar differenzierte und theoretisch unterschiedlich einordnete: Neben dem »egoistischen Selbstmord« zu dem bisweilen Menschen in sozialer Isolierung getrieben werden, unterschied Durkheim aufgrund seiner Befunde den »altruistischen Selbstmord« als Selbstaufopferung für eine Gruppe oder für die Gesellschaft sowie den »ano‐ mischen Selbstmord« als Folge des Verlustes einer verlässlichen normativen Orientierung (vgl. Durkheim 1973, dort auch das ausgezeichnete Nachwort von René König, 470-502). Zusammenfassend können wir demnach festhalten, dass ohne Erprobung an der Wirklichkeit Theorien spekulativ bleiben. Da ihnen neues - vor allem auch widersprüchliches - Material fehlt, können sie sich überdies nicht weiterentwickeln und drohen deshalb zu stagnieren oder sich in einem unfruchtbaren Dogmatismus zu verheddern. Andererseits bleibt bloßes Faktensammeln oder »Sozialtechnik« ohne theoretische Leitgedanken und vorbereitende Studien meist ebenso unfruchtbar, weil in diesem Fall unklar bleibt, worauf man achten und wonach man suchen muss: Eine blinde Methodengläubigkeit wird die soziale Praxis nachhaltig enttäuschen und 158 4 Soziologisches Messen und Prüfen <?page no="159"?> eine ziellose Fragerei erweckt dann eher den Charakter eines aktionistischen »Fliegenbeinzählens«. Der amerikanische Soziologe Robert K. Merton hat den einseitigen The‐ oretiker bzw. den einseitigen Empiriker einmal folgendermaßen charakter‐ isiert: Der eine sagt, »ich weiß nicht, ob das, was ich behaupte, wahr ist, aber es ist jedenfalls wichtig«, der andere dagegen meint, »ob das, was ich behaupte, wichtig ist, weiß ich nicht, es ist aber auf jeden Fall wahr«. Aufgabe der Soziologie ist es daher, zwischen diesen beiden extremen Neigungen eine Balance herzustellen, indem sie versucht, über wichtige Sachverhalte richtige Aussagen zu machen. In diesem Zusammenhang ist auch die - vor allem seit dem teilweise zugespitzten und polemisch aufgeladenen sogenannten »Positivismusstreit in der deutschen Soziologie« (Adorno u. a. 1969) geführte - Kontroverse um Vorzüge und Nachteile quantitativer und qualitativer Verfahren zu sehen. Auf der einen Seite standen hier die von naturwissenschaftlichen Paradig‐ men beeinflussten »harten Empiriker«, die eine Deskription »objektiver Wirklichkeit« mit quantitativen (sogenannten »positivistischen«) Methoden, d. h. über eine standardisierte und kontrollierbare Datenermittlung und deren Auswertung mit statistischen Zähl- und Messverfahren, anstreben. Und auf der anderen Seite positionierten sich Anhänger einer geisteswis‐ senschaftlich, sozialphilosophisch-kritisch orientierten »emanzipatorischen Sozialforschung« (= Kritisch-dialektische Theorie, Frankfurter Schule) mit ihrer Forderung nach qualitativen (sogenannten »interpretativen«) Verfah‐ ren, mittels derer die Inhalte sozialer Wirklichkeit »subjektorientiert« und hermeneutisch-deutend analysiert werden sollten. Während sich diese, übrigens nur in Deutschland so radikal geführte methodologische Entgegensetzung bald als doch ziemlich unfruchtbar und in dieser Form auch forschungspraktisch irrelevant zeigte, gilt die gegen‐ wärtige Diskussion auch hierzulande kaum noch dogmatischen Grund‐ satzfragen einer prinzipiellen Überlegenheit dieses oder jenes Forschungs‐ ansatzes. Vielmehr geht es heute unter Berücksichtigung gemeinsamer forschungsmethodologischer Grundprinzipien wie Gültigkeit (Validität), Zuverlässigkeit (Reliabilität) und intersubjektive Überprüfbarkeit um ganz praktische Fragen der Angemessenheit qualitativer und/ oder quantitativer Verfahren für ein spezifisches Forschungsproblem. Beispielsweise haben sich qualitative Verfahren, bei denen verbale bzw. nichtnumerische Daten interpretativ verarbeitet werden, vor allem bei Fragestellungen aus dem Bereich der Mikrosoziologie oder der Organisationsforschung bewährt. 4.1 Soziologie als empirische Wissenschaft 159 <?page no="160"?> Andererseits müssen die Sozialberichterstattung, die Sozialstrukturanalyse oder auch die Wahlforschung nach wie vor primär mit quantitativen Messwerten und statistischen Verfahren arbeiten, da es hier vor allem um die Verallgemeinerung von Daten auf Populationen bzw. um präzise Bestimmungen von Verteilungen geht. Ferner zeigt sich auch gerade bei der anwendungsorientierten Forschung, dass ein adäquates Verständnis konkreter sozialer Probleme in der Regel nur erreicht werden kann durch einen kombinierten Einsatz unterschiedlicher, sich ergänzender, aber auch gegenseitig kontrollierender qualitativer und/ oder quantitativer Herange‐ hensweisen im Sinne eines Methodenmix, - ein Prozess, der als methodische Triangulation bezeichnet wird. Wissenschaftsgeschichtlich lassen sich die Vorläufer heutiger Sozialfor‐ schung bis auf die sozialstatistischen Verfahren im 17. und 18. Jahrhun‐ dert zurückverfolgen, wo man mittels der damals üblichen »Politischen Arithmetik« versuchte, soziale Gesetzmäßigkeiten in den gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Massenerscheinungen zu entdecken. Im 19. Jahrhundert wurde dann - insbesondere angeregt durch die großange‐ legten Untersuchungen von Frédéric Le Play (1806-1882) in Frankreich und Charles Booth (1840-1916) in England - die Methode der Enquete entwickelt, um die durch den Frühindustrialismus entstandenen Lebensbedingungen der Arbeiterfamilien zu erfassen und mit ausführlichem Zahlenmaterial darzustellen. In Deutschland führte erst ab 1908 der »Verein für Socialpolitik« syste‐ matische Erhebungen über »Auslese und Anpassung der Arbeiterschaft« durch. Parallel dazu wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Enquete zur sozialen Übersichtsstudie (Survey-Methode) weiterentwickelt, die ab den Zwanzigerjahren besonders in den USA im Rahmen von berühmten Gemeindeuntersuchungen methodisch verfeinert wurde. Während in Nord‐ amerika die empirische Sozialforschung in der Folgezeit institutionalisiert und laufend ausgeweitet wurde, dominierten in den deutschen Sozialwissen‐ schaften bis in die Weimarer Zeit hinein theoretische und sozialhistorische Analysen. Erste Ansätze einer sich entwickelnden empirischen Sozialfor‐ schung erhielten dann durch die nationalsozialistische Herrschaft einen empfindlichen Rückschlag. Wenn sich deshalb mangels entsprechender For‐ schungstraditionen die Sozialforschung in Nachkriegsdeutschland anfangs eher an historisch bezogenen Einzelfallanalysen bzw. an qualitativen Ver‐ fahren der Datenerhebung und -analyse orientierte, wurde die Entwicklung quantitativer empirischer Verfahren bald schon vorangetrieben durch eine 160 4 Soziologisches Messen und Prüfen <?page no="161"?> tendenzielle Planungsgläubigkeit der politischen Praxis und entsprechend zunehmendem Bedarf an gesicherten Daten zur Meinungsforschung. In den letzten 60 Jahren ist es dann der deutschen Sozialforschung gelungen, durch ihre universitäre Verankerung bzw. durch Schaffung universitätsna‐ her Forschungszentren sowie durch die Gründung von überwiegend auf kommerzieller Basis arbeitenden Markt- und Meinungsforschungsinstituten an den elaborierten Standard der in den USA entwickelten empirischen Methoden Anschluss zu finden. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Theodor W. Adorno u.-a. (1987): Der Positivismusstreit in der deutschen Soziologie. 12. Aufl. Luchterhand: Neuwied. Andreas Diekmann (2023): Empirische Sozialforschung. Grundlagen, Metho‐ den, Anwendungen. (Darin Abschnitt II »Probleme empirischer Sozialfor‐ schung« und III »Von den Anfängen bis zur Gegenwart«).19. Aufl. Rowohlt: Reinbek. René König (Hrsg.) (1967): Handbuch der empirischen Sozialforschung. Band I. (Darin insbesondere die Beiträge von René König, »Einleitung«, S. 3-17 und von Heinz Maus, »Zur Vorgeschichte der empirischen Sozialforschung«, S. 18-37). 2. Aufl. Enke: Stuttgart. Philipp Mayring (2023): Einführung in die qualitative Sozialforschung. Eine Anleitung zu qualitativem Denken. (Darin »Geschichte und Theorie qualita‐ tiven Denkens«, S. 9-37). 7. Aufl. Beltz: Weinheim, Basel. Jürgen Ritsert (2010): Art. »Der Positivismusstreit«. In Georg Kneer & Stephan Moebius (Hrsg.), Soziologische Kontroversen. Eine andere Geschichte von der Wissenschaft vom Sozialen. S.-102-130. Suhrkamp: Berlin. Rainer Schnell, Paul B. Hill &-Elke Esser (2013): Methoden der empirischen Sozialforschung. (Darin Kap. 2 »Historische Entwicklung der empirischen Sozialforschung«, S. 13-44). 10. Aufl. Oldenbourg: München. Johann August Schülein & Simon Reitze (2021): Wissenschaftstheorie für Einsteiger. 5. Aufl. facultas: Wien. 4.1 Soziologie als empirische Wissenschaft 161 <?page no="162"?> 4.2 Zur Forschungslogik und -praxis empirischer Projekte Die folgenden Abschnitte verfolgen mehrere Intentionen: • Zum einen und auch zuallererst soll den Studienanfängerinnen und -anfängern die Scheu vor dem oft als »Buch mit sieben Siegeln« verstan‐ denen Bereich der sozialwissenschaftlichen Empirie genommen werden. • Des Weiteren sollen den Leserinnen und Lesern im »genetischen« Zusammenhang (d. h. von der Entstehung über die Begründung bis zur Verwertung von Untersuchungen) einige Kriterien zur Beurteilung der Seriosität und wissenschaftlichen Dignität von veröffentlichten Forschungsergebnissen vermittelt werden. • Und schließlich könnten auch Studierende dazu ermutigt werden, ein bestimmtes »soziales Problem« aus ihrem Lebens- und Arbeitsbereich in eine »soziologische Frage« zu übersetzen und in Form eines zunächst vielleicht erst einmal bescheidenen eigenen Projekts zu überprüfen. Ziel wäre es dann, ein bestimmtes »Phänomen« aus dem Bereich des vagen Vermutens und Dafürhaltens der Alltagstheorien in begründete und objektive Aussagen und Handlungsgrundlagen zu überführen. Letzteres wird sicher von den Möglichkeiten dieses einführenden Grund‐ kurses her nur ansatzweise »angestiftet« werden können. Denn hier kann lediglich ein geraffter und kursorischer Überblick über einige zentrale Aspekte und Techniken der empirischen Sozialforschung gegeben werden. Einmal »auf den Geschmack gekommen«, stehen indessen für interessierte Leserinnen und Leser einige ausgezeichnete Studientexte zur gründlicheren Einführung und Vertiefung in dieses Gebiet zur Verfügung (siehe wie immer: vertiefende und ergänzende Literatur am Schluss der jeweiligen Abschnitte). Darüber hinaus helfen bei der Planung und Realisierung von eigenen kleineren Projekten meist gerne mit ihrem fachlichen Rat in Forschungs‐ fragen erfahrene Soziologen, Psychologen oder Statistiker weiter, die an jedem mittleren oder größeren sozialwissenschaftlichen Hochschulinstitut zu finden sind. Zunächst soll jedoch anhand eines Modells von Jürgen Friedrichs (vgl. Abb. 10) der forschungslogische Aufbau empirischer Untersuchungen vor‐ gestellt werden. Ähnliche Schemata finden sich in verzweigterer und detail‐ lierterer Form bei Peter Zeugin (1979, 67 ff.) und Volker Dreier (1994, 36 f.) 162 4 Soziologisches Messen und Prüfen <?page no="163"?> sowie unter dem Gesichtspunkt der synchronen Darstellung verschiedener Dimensionen des Forschungsprozesses bei Heine v. Alemann (1984, 148 f.). soziales Problem Theorie Auftrag Problem Exploration Theorie (+ vorliegende Untersuchungen etc.) Hypothesen Definition von Begriffen geeignete Methode Isolation relevanter Variablen Operationalisierung Stichprobe statistische Prüfkriterien und Tests Code Indikatoren evtl. Pretest Datenerhebung Auswertung + statistische Prüfung Interpretation (Beschreibung Analyse Erklärungen) Hypothesen Theorie Darstellung Publikation(en) Vorträge Soziale Planung Vorträge Pressemitteilungen Entdeckungszusammenhang Begründungszusammenhang Verwertungs- und Wirkungszusammenhang Abb. 10: Forschungslogischer Ablauf empirischer Untersuchungen (Friedrichs 1990, 51; eigene Darstellung) In den folgenden Abschnitten werden dann die drei, auch zeitlich aufeinan‐ der folgenden »Grobphasen« des 4.2 Zur Forschungslogik und -praxis empirischer Projekte 163 <?page no="164"?> • Entdeckungszusammenhangs, • Begründungszusammenhangs sowie • Verwertungs- und Wirkungszusammenhangs von empirischen Untersuchungen näher erläutert und diskutiert. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Nina Baur &-Jörg Blasius (Hrsg.) (2022): Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung. (Darin Jo Reichertz »Empirische Sozialforschung und sozi‐ ologische Theorie«, S.-69-86). 3. Aufl. Springer VS: Wiesbaden. Andreas Diekmann (2023): Empirische Sozialforschung. Grundlagen, Metho‐ den, Anwendungen. (Darin Abschnitt V. »Planung und Ablauf empirischer Untersuchungen«). 19. Aufl. Rowohlt: Reinbek. Nicola Döring & Jürgen Bortz (2023): Forschungsmethoden und Evaluation in den Sozial- und Humanwissenschaften. (Darin Kap.-1 »Empirische Sozi‐ alforschung im Überblick«, S.-3-30 und Kap. 2 »Wissenschaftstheoretische Grundlagen der empirischen Sozialforschung«, S.-31-60). 6. Aufl. Springer: Berlin. Helmut Kromrey, Jochen Roose & Jörg Strübing (2016): Empirische Sozialfor‐ schung. Modelle und Methoden der standardisierten Datenerhebung und Datenauswertung mit Annotationen aus qualitativ-interpretativer Perspek‐ tive. 13. Aufl. UVK: Konstanz, München. 4.2.1 Der Entdeckungszusammenhang Wie wir gesehen haben, beginnt soziologisches Denken und Forschen mit der Erfahrung und dem Bewusstwerden der Problematik sozialer Phäno‐ mene und gesellschaftlicher Zusammenhänge. Ausgangs- und Bezugspunkt soziologischer Analysen ist daher immer ein erklärungsbedürftiges bzw. zu lösendes soziales Problem. • Empirische Sozialforschung kann dabei in problemlösendem Sinne primär auf eine theoretische oder aber auf eine unmittelbar praktische Ebene zielen. So können beispielsweise zu einem bestimmten sozialen Problem schon verschiedene Untersuchungen mit unterschiedlichen Ergebnissen vorliegen, oder aber bereits vorhandene und bekannte Theorien lassen kontroverse Interpretationen des Problems zu (wie z. B. die Erklärung von aggressivem Schülerverhalten zurückgeführt werden 164 4 Soziologisches Messen und Prüfen <?page no="165"?> kann auf endogene Triebimpulse, auf Folge von Frustrationen oder auf Resultate eines »Lernens am Modell«). • Konkreter Anlass von empirischer Forschung kann indessen auch ein unmittelbar praktischer Untersuchungsauftrag privater oder öffent‐ licher Interessenten sein, insofern ein bestimmtes soziales Problem analysiert werden soll, um Handlungsmöglichkeiten für soziale Verän‐ derungen zu ermöglichen, die zu einer Lösung des Problems beitragen können: beispielsweise der Drogenkonsum von Jugendlichen, die poli‐ tische Attraktivität extremistischer Bewegungen, die gesellschaftliche und politische Integration von Asylsuchenden und Arbeitsmigranten oder auch ein manifester bzw. latenter Konflikt innerhalb eines Unter‐ nehmens. Welches Problem »entdeckt« und für ein Projekt ausgewählt und aufbereitet wird, lässt sich selbst nicht forschungslogisch begründen. Denn dieser Entdeckungszusammenhang wird häufig von außer- oder vorwissenschaft‐ lichen Zufällen und Momenten bestimmt, wie etwa durch das persönliche, in einer bestimmten politischen oder weltanschaulichen Einstellung grün‐ dende Interesse eines Forschers an einer ganz bestimmten Fragestellung. Das Projekt könnte aber auch schlicht »akquiriert« worden sein durch eine Bewerbung um einen privaten oder öffentlichen Forschungsauftrag in einem Bereich, in dem ein Forscher oder ein Forschungsteam kontinuierlich arbeitet und somit bereits eine spezielle Forschungsexpertise erworben hat. Umso mehr kommt es darauf an, dass Sozialforscher hier ein Gefühl dafür entwickeln, welche Problemstellungen im Hinblick auf die theoretische und methodologische Weiterentwicklung der Soziologie bzw. hinsichtlich praktisch verwertbarer Ergebnisse wichtige und bedeutungsvolle Sachver‐ halte darstellen, deren Analyse sich also theoretisch wie praktisch auch lohnt und die nicht im »soziologischen Datengrab« ihren »ewigen Frieden« (Friedrichs) finden. Dafür wiederum gibt es keine Rezepte, sondern erfor‐ derlich sind ein gewisses Maß an beruflicher Erfahrung sowie an sozialer Sensibilität und Neugierde; auch Originalität, Kreativität und ähnliche Forschereigenschaften sind hier gefragt. Ein professionell arbeitender Soziologe wird sich z. B. erst einmal in einem Stadtviertel umsehen und mit einigen Bewohnern ins Gespräch kommen, ehe er mit einer Studie über dessen Sanierung beginnt. In ähnlicher Weise wird er bei einer Studie über die Arbeitsmoral und das Betriebsklima in einem Industrieunternehmen sinnvollerweise zunächst erst einige Vertreter 4.2 Zur Forschungslogik und -praxis empirischer Projekte 165 <?page no="166"?> der Arbeitgeberwie auch der Arbeitnehmerseite, als Experten vor Ort, zu einigen Facetten des Problems aus ihrer Sicht anhören, ehe er sich der ei‐ gentlichen Problemformulierung und Erstellung des Untersuchungsdesigns, d. h. der theoretischen und methodologischen Konzeptualisierung seiner Studie, zuwendet. Solche explorativen Gespräche vermögen oft genug das Vorwissen des Forschers überraschend zu erweitern und dienen einer - wenn auch zunächst noch eher impressionistischen - Strukturierung des gestellten Problems. Hinzu kommt in dieser Phase zweifellos ein gründliches Studium der einschlägigen Literatur, um sich ein Bild darüber zu verschaffen, welche Aspekte des ausgewählten Problems mit welchen Methoden und welchen Ergebnissen bereits erforscht sind und welche »Gesetze« von allgemeiner Gültigkeit für die Untersuchung herangezogen werden können. Insofern ist also der Entdeckungszusammenhang bei aller schöpferisch-explorativen Intuition nicht völlig voraussetzungslos, sondern eingebunden in eine For‐ schungstradition, an der sich letztlich erst die Relevanz einer Problemstel‐ lung sowie der Grad bzw. die Qualität einer Problemlösung messen lassen. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Andreas Diekmann (2023): Empirische Sozialforschung. Grundlagen, Metho‐ den, Anwendungen. (Darin Abschnitt I »Einführung: Ziele und Anwendun‐ gen«). 19. Aufl. Rowohlt: Reinbek. Michael Häder (2019): Empirische Sozialforschung. Eine Einführung. (Darin Kap. 2. »Die Bedeutung des Methodenwissens für das Verständnis empiri‐ scher Daten«, S.-5-18). 4. Aufl. Springer VS: Wiesbaden. Morton Hunt (1991): Die Praxis der Sozialforschung. Reportagen aus dem Alltag einer Wissenschaft. Campus: Frankfurt/ M. Claire Selltiz, Marie Jahoda, Morton Deutsch &-Stuart W. Cook (1972): Unter‐ suchungsmethoden der Sozialforschung. Teil 1. (Darin insbesondere Kapitel 2 »Auswahl und Formulierung eines Forschungsproblems«, S. 35-61 und Ka‐ pitel 3 »Forschungsplanung I«, S. 62-96). Luchterhand: Neuwied. 4.2.2 Der Begründungszusammenhang Das bereits angesprochene spezielle Literaturstudium soll nicht nur einen Einstieg in die Untersuchungsproblematik verschaffen und einen aktuellen Überblick über den vorhandenen Wissensstand ergeben, sondern insbeson‐ 166 4 Soziologisches Messen und Prüfen <?page no="167"?> dere auch die Transformation des Problems in eine (testbare) soziologi‐ sche Fragestellung erleichtern. Diese Übersetzung des Forschungsproblems in die Fachsprache soll sicherstellen, dass die benutzten Begriffe präzise definiert und in der soziologischen Terminologie sowie Forschungspraxis hinreichend ausgewiesen sind. In der Praxis erfolgt dieser erste wichtige Schritt im sogenannten Begrün‐ dungszusammenhang eines Projekts mit der Suche nach einleuchtenden und beweisbaren Annahmen über gesellschaftliche Zusammenhänge, Ab‐ hängigkeiten oder Regelmäßigkeiten. Da Soziologen oft als Spezialisten dafür bezeichnet werden, dort, wo andere Leute sich zufrieden geben, über‐ raschende Fragen aufzuwerfen und neue Annahmen zu wagen, gehört die Bildung und Entwicklung von Hypothesen gewissermaßen zu den elementa‐ ren soziologischen Arbeitsformen. Hypothesen können hierbei sowohl aus bestehenden Theorien formal abgeleitet oder auch - wie Heinz Hartmann (1986, 91) dies ausdrückt - in »Intuition und Mut« erforderndem »Freistil« gewonnen werden. Charakteristisch für die so gewonnenen Hypothesen ist, dass in ihnen ein erlebter oder bereits in der einschlägigen Literatur genauer beschrie‐ bener gesellschaftlicher Tatbestand entweder als Ursache oder als Folge bestimmter anderer sozialer Gegebenheiten angenommen wird. Da es sich jedoch im Allgemeinen dabei um veränderliche Größen handelt, die erst durch die Fragestellung des einzelnen Forschers genauer abgegrenzt wer‐ den, spricht man hier von Variablen. So ist beispielsweise das, was man als »soziale Schichtzugehörigkeit eines Schülers« umschreibt, bestimmten Schwankungen unterworfen, je nachdem, welche Kriterien man für das »Oben« und »Unten« in einer Gesellschaft anlegt bzw. wie man die Gren‐ zen zwischen den einzelnen gesellschaftlichen Schichten oder sozialen Milieus definiert. Hinzu kommt, dass im Begründungszusammenhang ei‐ nes Forschungsprojekts meist nicht nur zwei oder mehrere Variablen als Untersuchungsgegenstand in den Vordergrund gerückt, sondern auch die Beziehungen zwischen den einzelnen Variablen näher bestimmt werden. So enthält eine Hypothese immer eine Aussage darüber, welche Variable als Kausalfaktor (=-unabhängige Variable) und welche als Wirkfaktor (=-ab‐ hängige Variable) zu betrachten ist. Da indessen die meisten soziologischen Variablen in einem komplexen gegenseitigen Beziehungszusammenhang stehen und somit je nach Perspektive bzw. Fragestellung als abhängige oder als unabhängige Variable begriffen werden können, gehört es zur Entscheidung des Forschers, welchen Aspekt er primär untersuchen will. 4.2 Zur Forschungslogik und -praxis empirischer Projekte 167 <?page no="168"?> »Politische Partizipation« kann beispielsweise einmal als unabhängige Variable für die abhängige Variable »Demokratisierung von Gesellschaften« betrachtet werden; »politische Partizipation« könnte jedoch andererseits selbst als von bestimmten Sozialisationserfahrungen, Persönlichkeitsfak‐ toren und der Stellung im Sozialsystem abhängige Variable untersucht werden. Die Bezeichnung »unabhängig« ist also nicht wörtlich zu nehmen: Sie bezieht sich jeweils nur auf den theoretischen Bezugsrahmen einer bestimmten Hypothese und bedeutet, dass eine bestimmte Variable die andere Größe beeinflusst, sie selbst aber im Rahmen der Hypothese auf ihre eigenen Abhängigkeiten nicht weiter untersucht wird. Wie auch immer Untersuchungshypothesen zustande gekommen sein mögen, ihre eigentliche Bedeutung liegt im Anreiz zur Überprüfung ihrer Aussagen. Diese Möglichkeit zur Überprüfung hängt nun aber von der Messbarkeit der in den Hypothesen enthaltenen Begriffe und Beziehungszu‐ sammenhänge ab, was wiederum die Übersetzung der benutzten Begriffe in sogenannte operationale Definitionen voraussetzt. Durch operationale Definitionen sollen Begriffe der interpretativen Willkür entzogen und durch Angabe von messbaren Merkmalen bzw. Ereignissen präzisiert und standardisiert werden, so dass auch tatsächlich beobachtet und gemessen wird, was beobachtet und gemessen werden soll. Diese Indikatoren sind zur quantitativen Erfassung des durch den Begriff bezeichneten Sachverhaltes notwendig und werden zweckmäßigerweise jeweils im Hinblick auf die zu testenden Hypothesen entwickelt. Soziale Sachverhalte, die im Rahmen empirischer Forschung in den Sozialwissenschaften mittels »Rezeptoren«, d.-h. mit natürlichen Sinnesor‐ ganen oder mit künstlich-apparativen Mitteln, systematisch erfasst werden können, sind sowohl objektive Tatbestände (wie Lebensalter, Ausbildung, Beruf, Einkommenshöhe, Familiengröße, Parteizugehörigkeit u. Ä.) als auch subjektive Daten (z.-B. ethnische Identität, Kirchlichkeit, Einstellungen zum Wertewandel) oder reale Handlungen und Verhaltensweisen, die im Zusam‐ menhang mit subjektiven Daten sozialwissenschaftlich gleichfalls relevant werden können. Während objektive Tatbestände in ihrer Konkretheit relativ leicht zu operationalisieren und damit beliebiger Interpretation zu entziehen sind, sind subjektive Daten schon viel schwieriger in operationale Definitionen zu transformieren und damit einer intersubjektiven Kontrolle zugänglich zu machen. Ob beispielsweise ein Bürger »politische Mündigkeit« oder »kirchliche Bindung« besitzt, kann man - falls nicht näher konkretisiert - 168 4 Soziologisches Messen und Prüfen <?page no="169"?> prinzipiell so lange nicht überprüfen, so lange jeder unter »politisch mün‐ dig« oder »kirchlich gebunden« etwas anderes verstehen kann. Um dennoch auch solche Einstellungen einigermaßen messbar zu machen, muss man sie in der Weise konkretisieren, dass man z. B. festlegt: Der »politisch Mündige« macht u. a. von seinem aktiven oder passiven Wahlrecht Ge‐ brauch, kennt die Grundzüge unserer Verfassung und unserer politischen Institutionen und ist in der Lage, die aktuellen Themen der Kommunalpolitik seiner Wohngemeinde zu benennen, während andererseits der »kirchlich Gebundene« nicht nur an Weihnachten Gottesdienste besucht, die jeweilige konfessionelle Auffassung über den Sinn des Abendmahls kennt sowie über den Inhalt des Glaubensbekenntnisses Bescheid weiß. Natürlich wird mit diesen Operationalisierungen nicht vollständig abge‐ bildet, was mit »politischer Mündigkeit« oder »kirchlicher Bindung« ge‐ meint ist, und offensichtlich haben derartige operationale Umschreibungen für politische, religiöse, aber z. B. auch ästhetische und andere Dimensionen ihre Grenzen. Insofern also möglicherweise wichtige Tatbestände ausge‐ klammert werden müssen, weil sie empirisch nicht direkt beobachtbar bzw. messbar sind, rekurrieren Operationalisierungen teilweise zumindest auf spezifische Symptome, die immerhin bei der zu untersuchenden Gruppe, über die man Näheres wissen möchte, auftreten können. Unter diesen in‐ haltlichen Einschränkungen ist dann auch in diesen Fällen die Anwendung empirischer sozialwissenschaftlicher Methoden möglich, so dass andere Sozialforscher den Zusammenhang von Forschungshypothesen, theoreti‐ scher Fragestellung und zur Klärung benutzter Verfahren verstehen und kontrollieren können. Theodor W. Adorno (1903-1969) und seine Mitarbeiter haben beispiels‐ weise in einer inzwischen schon klassisch gewordenen Studie (The Autho‐ ritarian Personality. Studies in Prejudice, New York 1950) als Indikatoren für den Begriff der »autoritären Persönlichkeit« ein ganzes Bündel von in der Regel gemeinsam auftretenden Einstellungen, ein sogenanntes Syndrom, gewählt, wie z. B. eine hohe Bereitschaft zu konformem Verhalten, die Tendenz zur Unterwerfung unter Stärkere und zur Beherrschung von Schwächeren, eine übermäßige Kontrolle der eigenen Gefühle und Impulse, Intoleranz, sexuelle Prüderie sowie Ethnozentrismus und Antisemitismus, - alles mehr oder weniger innere Einstellungen, die dann über speziell hierfür entworfene »Einstellungsskalen« gemessen wurden. Durch die Indikatoren werden also die jeweiligen Forschungsoperationen schon mit festgelegt. Es ist daher notwendig, sie auf ihre Gültigkeit (Validi‐ 4.2 Zur Forschungslogik und -praxis empirischer Projekte 169 <?page no="170"?> tät) und Zuverlässigkeit resp. Verlässlichkeit (Reliabilität) zu untersuchen, denn die Indikatoren sollen ja tatsächlich auch das messen, was sie zu mes‐ sen vorgeben (Gültigkeit) bzw. unter gleichen Bedingungen bei wiederholter Messung desselben Sachverhalts gleiche Werte ergeben (Zuverlässigkeit). So ist z. B. ziemlich fragwürdig, ob Schulnoten als valide Indikatoren für Schulleistungen gelten können und ob derartige Messungen dann auch zuverlässig sind. Ähnliche Kritik lässt sich übrigens auch hinsichtlich der bekannten »Intelligenztests« begründen, da der jeweils gemessene Intelli‐ genz-Quotient (IQ) das theoretische Intelligenz-Konzept allenfalls teilweise repräsentiert. Wie schon angedeutet ist eng mit den im Prozess der Operationalisierung zum Ausdruck gebrachten Messabsichten die Auswahl einer oder mehrerer geeigneter Messmethoden verbunden. Hierfür stehen der empirischen Sozi‐ alforschung verschiedene Verfahren zur Verfügung wie beispielsweise • die systematische Beobachtung, • die Befragung mittels Interview und Umfrage, • die Inhalts- oder Dokumentenanalyse, • die Soziometrie, • das Experiment usw. Selbstverständlich muss auch jedes gewählte und auf die Untersuchung hin organisierte bzw. oft auch speziell konstruierte Messinstrument den bekannten Gütekriterien der Validität und Reliabilität genügen. Da die methodische Entscheidung selten klar für nur einen Ansatz ausfallen wird, ist es somit in der Regel sinnvoll, in kontrollierender oder ergänzender Absicht »multimethodisch« zu verfahren, d. h. mit verschiedenen Techniken und Instrumenten gleichzeitig oder sukzessiv zu arbeiten (methodische Triangulation). Des Weiteren muss in dieser Phase einer Untersuchung auch über die Festlegung der Beobachtungseinheiten für die Datengewinnung entschie‐ den werden. Bei einer qualitativ angelegten Einzelfallstudie (case study) werden beispielsweise verbale, d. h. nichtnumerische Daten interpretativ verarbeitet. So führt man mit einer Person oder allenfalls mit wenigen Menschen Gespräche, um etwas über ihre Lebensgeschichte in Erfahrung zu bringen und zu ergründen, wie sie zu bestimmten Denkweisen, Hand‐ lungen und Entscheidungen gekommen sind. Nur reicht eben dann das so gewonnene Wissen nicht über den untersuchten Einzelfall hinaus und führt allenfalls zur Entwicklung bestimmter Forschungshypothesen. Da 170 4 Soziologisches Messen und Prüfen <?page no="171"?> Soziologen indessen ständig auf der Suche nach gewissen Regelmäßigkeiten und Zusammenhängen in der sozialen Wirklichkeit sind, benötigen sie für ihre Analysen eine breitere Datenbasis, weil nur so - durch das Gesetz der großen Zahl - zufällige Ergebnisse weitgehend ausgeschaltet werden können. Dieses Problem ist also abhängig von der Untersuchungsfrage, der Größe der dadurch definierten »Grundgesamtheit« oder »Population« (beispiels‐ weise der zu erfassenden Personen oder Gruppen) sowie der Reichweite der beabsichtigten Schlussfolgerungen. Bei einer Untersuchung der Sympathie- und Antipathiebeziehungen innerhalb einer bestimmten Schulklasse muss man sicher eine Vollerhebung durchführen und kann in der Regel auch tech‐ nisch ohne Schwierigkeiten alle Schüler dieser Klasse z. B. einem soziometrischen Test (vgl. hierzu Abschnitt 4.4.8) unterwerfen. Bei Untersuchungen über »Einstellungsänderungen der Wähler auf Grund des Bundestagswahl‐ kampfs der Parteien«, über »Die soziale Lage der ethnischen Minderheiten in Berlin« oder über »Ursachen und Motive des Studienabbruchs von Pädagogikstudenten an baden-württembergischen Hochschulen« können indessen nicht nur aus technischen, sondern auch aus finanziellen Grün‐ den nicht mehr alle Mitglieder der zu untersuchenden Grundgesamtheit befragt werden. Hier muss dann nach standardisierten Regeln eine reprä‐ sentative Stichprobe (»Sample«) gezogen werden, die ein möglichst genaues Spiegelbild der jeweiligen Population darstellt, um statistisch zuverlässige Schlussfolgerungen beispielsweise über das Wählerverhalten in der Bundes‐ republik, über ethnische Subkulturen in Berlin oder über Studienabbrecher im Fach Pädagogik zu ermöglichen. Die Erkenntnis, dass aufgrund der statistischen Wahrscheinlichkeitsrech‐ nung von einer relativ kleinen Zufallsauswahl auf die Grundgesamtheit geschlossen werden kann, hat die Entwicklung der empirischen Sozialfor‐ schung jedoch geradezu revolutioniert. Ohne allzu großen Kostenaufwand lassen sich heute über Stichproben mit geringen, überdies zuverlässig ab‐ schätzbaren Fehlermargen, verallgemeinernde Aussagen über ein bestimm‐ tes soziales Phänomen und die Merkmale der damit in Verbindung stehen‐ den Menschen der gesamten Population machen. Allgemein gilt dabei die Regel, dass die Größe der Stichprobe abhängig ist vom Grad der Heteroge‐ nität der Grundgesamtheit. Mit anderen Worten: Je mehr Variablen wie etwa Alter, Geschlecht, Konfession, Familienstand, Ausbildung, Beruf, Wohnort usw. in die Untersuchung miteinbezogen werden, desto mehr Personen 4.2 Zur Forschungslogik und -praxis empirischer Projekte 171 <?page no="172"?> müssen befragt werden. Hierbei haben sich nach Heine v. Alemann (1984, 91) folgende pragmatische Richtwerte für Stichprobengrößen eingebürgert: 2.000 Personen (Einheiten): repräsentative Stichprobe einer heterogenen, um‐ fangreichen Bevölkerung (etwa die Stimmbürger der gesamten Bundesrepublik), angebracht bei einer Untersuchung mit offener Themenstellung, die auch detail‐ lierte Analysen von Teilgruppen erlaubt. 1.000 Personen: repräsentative Stichprobe für eine Untersuchung mit spezifischer Themenstellung und verminderter Möglichkeit der Teilgruppenbildung. 500 Personen: repräsentative Stichprobe von spezifischen (homogenen) Grund‐ gesamtheiten (Berufsgruppen, regionale Spezifizierung) und mit spezifischer Fragestellung der Untersuchung. 100-200 Personen: repräsentative Stichprobe von sehr spezifischen Grundgesam‐ theiten (einzelne Berufe) mit eingeschränkter, sehr spezifischer Fragestellung, wobei in der Auswertung weitgehend auf Teilgruppenaufgliederungen verzichtet werden muss. Bevor die eigentliche Datenerhebung durchgeführt wird, empfiehlt es sich, insbesondere bei Benutzung eines Beobachtungsschemas oder eines Fra‐ gebogens das Untersuchungsinstrument vorab an einer kleinen Gruppe von Personen, die zur Zielgruppe der Untersuchung gehören, auszupro‐ bieren (z. B. Probeinterview). Dieser sogenannte Pretest vermag manche Schwachstellen etwa in sprachlicher (Eindeutigkeit, Verständlichkeit), aber auch in logischer oder praktisch-psychologischer Hinsicht aufzudecken und gleichzeitig die Diskriminationsfähigkeit der benutzten Begriffe, Katego‐ rien, Fragen usw. zu überprüfen und gegebenenfalls zu korrigieren. Manche Hauptuntersuchung ist durch diesen Prüfstand des Pretests schon vor unliebsamen Überraschungen und vermeidbaren Enttäuschungen bewahrt worden. In der Hauptuntersuchung, der sogenannten »Feldphase«, erfolgt dann die Datenerhebung in der durch die gewählte Methode möglichen und durch diese festgelegten Form. Daran anschließend müssen die gesammelten Daten oft noch bereinigt werden, indem beispielsweise unvollständige Beobachtungsschemata oder unklare Fragebogenmarkierungen ausgeschie‐ den werden. Erst mit »sauberen« Daten sollte die eigentliche Auswertung erfolgen, die heute - analytisch routiniert - nur noch mit Hilfe elektron‐ ischer Rechenanlagen vorgenommen wird. Hierfür sind auch einschlägige 172 4 Soziologisches Messen und Prüfen <?page no="173"?> sozialwissenschaftliche Softwareprogramme zur Datenanalyse verfügbar, die das Schreiben eigener Analyseprogramme weitestgehend überflüssig machen. Gebräuchlich sind vor allem das international eingeführte SPSS (Statistical Package for Social Sciences) mit inzwischen leicht zu bedienender grafischer Benutzeroberfläche, das wegen seiner Komplexität für Anfänger etwas schwieriger zu bedienende, andererseits sich durch transparente Dokumentation auszeichnende SAS (Statistical Analysis System) und die beispielsweise für speziellere deskriptive und explorative Datenanalysen geeigneten beiden Statistikprogramme Systat und SigmaStat. Für Analysen und Datenvisualisierungen in den Sozialwissenschaften gilt derzeit, vor allem bei Einsteigern, R als beliebte und vielseitige freie Statistiksoftware. Die Interpretation selbst sollte schließlich die methodisch gewonnenen Ergebnisse vor dem Hintergrund der in der Forschungsfrage zum Ausdruck gebrachten theoretischen Überlegungen diskutieren, wobei signifikante Ergebnisse in das theoretische Ausgangskonzept zurückzuübersetzen sind. Neben der deskriptiven Ausschöpfung des Gehalts der durchgeführten Erhe‐ bung sollen somit auch die formulierten Ausgangshypothesen überprüft, der Geltungsbereich der durch die Untersuchung gewonnenen - erweiternden, stabilisierenden oder ggf. auch einschränkenden - Aussagen abgeschätzt und die entsprechenden Konsequenzen für die Theorieentwicklung bzw. praktische Problemlösung gezogen werden. In vielen Fällen werden deshalb im Anschluss an eine Untersuchung neue und weiterführende Hypothesen zu entwickeln sein. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Andreas Diekmann (2023): Empirische Sozialforschung. Grundlagen, Metho‐ den, Anwendungen. (Darin Abschnitt V. »Planung und Ablauf empirischer Untersuchungen«). 19. Aufl. Rowohlt: Reinbek. Nicola Döring & Jürgen Bortz (2023): Forschungsmethoden und Evaluation in den Sozial- und Humanwissenschaften. (Darin Kap.5 »Forschungsthema«, S.-147-160). 6. Aufl. Springer: Berlin. Maike Luhmann (2020): R für Einsteiger. Einführung in die Statistiksoftware für die Sozialwissenschaften. (Mit Online-Material). 5. Aufl. Beltz: Weinheim, Basel. Claire Selltiz, Marie Jahoda, Morton Deutsch & Stuart W. Cook (1972): Untersu‐ chungsmethoden der Sozialforschung. Teil I. (Darin Kapitel 4 »Forschungs‐ planung II«, S. 97-172). Luchterhand: Neuwied. 4.2 Zur Forschungslogik und -praxis empirischer Projekte 173 <?page no="174"?> 4.2.3 Der Verwertungs- und Wirkungszusammenhang Unter Verwertungs- und Wirkungszusammenhang einer empirischen Un‐ tersuchung werden ihr Beitrag zur Lösung des anfangs gestellten theoreti‐ schen oder praktischen Problems, ihre Resonanz in der »scientific commu‐ nity« der Fachkollegen und der interessierten Öffentlichkeit wie auch die Entwürfe entsprechender Handlungsstrategien bzw. die Effekte praktischer Schlussfolgerungen seitens eventueller Auftraggeber verstanden. Zweifellos entscheidet nicht zuletzt die Form der Darstellung einer Studie über die Zugänglichkeit und Verbreitung ihrer Ergebnisse. Hierbei kommt es sowohl auf eine ansprechende und gut dekodierbare grafische Aufbereitung der Daten wie gerade auch auf eine entsprechende Textverständlichkeit an. Es gilt, den Abstand - vielleicht sogar den »Abgrund« - zwischen der Denkweise und Sprache der Soziologen, d. h. der Theorie und Forschung auf der einen, und dem alltäglichen Denken und Sprechen der interessierten Öffentlichkeit oder der Auftraggeber, d. h. der Praxis auf der anderen Seite, soweit wie möglich kommunikativ zu überbrücken und aufzuheben. Immer wieder zeigt es sich nämlich, dass soziologische Analysen für die soziale Praxis umso wirksamer zu vermitteln sind, je konkreter und u. U. auch dramatischer ihre Relevanz sichtbar wird und je erfolgreicher ihre Übertra‐ gung aus der Fachterminologie der Sozialwissenschaften in die öffentliche Sprache erfolgt. Besonders eindrucksvoll ist dies hierzulande den Autoren bzw. Forschungsleitern verschiedener jugendsoziologischer Studien gelun‐ gen (vgl. beispielsweise Schelsky 1963 mit »Die skeptische Generation«, Allerbeck & Hoag 1985 mit »Jugend ohne Zukunft? «, Zinnecker u. a. 2003 mit »null zoff und voll busy« oder die bekannten Shell-Studien, die seit 1953 in regelmäßigen Abständen mittels repräsentativer Stichproben und qualitativer Fallstudien die jeweiligen Jugendgenerationen in Deutschland spiegeln, zuletzt 2019 mit »Eine Generation meldet sich zu Wort« oder mit der aktuell 19. Shell-Studie »Jugend 2024 - Pragmatisch zwischen Verdrossenheit und gelebter Vielfalt«). Neben der Form der Darstellung vermag auch die Art und Weise der Interpretation von Untersuchungsergebnissen deren praktische Verwertung und Wirkung nachhaltig zu beeinflussen. Wie stark hier die subjektive Ausnutzung objektiver Interpretationsmargen bei gleichen Befunden ambi‐ valente Problemlösungen für die Praxis zu suggerieren vermögen, lehrt in zugespitzter Form jene Anekdote von dem Schuhfabrikanten, der zwei Marktforscher nach Zentralafrika schickte und nach einiger Zeit zwei 174 4 Soziologisches Messen und Prüfen <?page no="175"?> Telegramme erhielt: »Fantastische Möglichkeiten - Stop - Hier trägt niemand Schuhe« und zum andern »Keine Marktchance - Stop - Schuhe werden hier nicht getragen«. Diese amüsante Geschichte berührt indessen ein grundsätzliches Problem jeglicher Darstellung, Interpretation und Verwertung von empirischen Be‐ funden - ein Problem, das besonders nachdrücklich die Forderung nach einer klaren und transparenten, kommunizierbaren und nachvollziehbaren Präsentation des Forschungsprozesses und seiner Ergebnisse unterstreicht: »Je exakter die Aussagen der Studie begründet wurden und je mehr die Untersuchung dem Umfang des anfangs formulierten Problems entspricht, desto eher werden sich auch Handlungsmöglichkeiten nennen lassen. Die Exaktheit des Begründungszusammenhangs ist demnach die Bedingung einer begründbaren Verwertung, einer Verwertung, die mehr ist als bloße Legitimation von Interessen durch einige empirische Ergebnisse« (Fried‐ richs 1990, 54). Im Fall einer primär theoretisch motivierten Forschung wird die Ver‐ breitung der methodischen Prozesse und der Untersuchungsergebnisse im Allgemeinen zunächst mündlich auf wissenschaftlichen Fachtagungen, Symposien, Kongressen u. Ä. oder auch in einschlägigen wissenschaftlichen Publikationsorganen erfolgen. Beide Formen der Veröffentlichung haben den Vorteil, dass damit die Chancen einer kompetenten und oft auch hoch‐ gradig selektiven Kritik der Studie durch interessierte Fachkollegen genutzt und mögliche eigene Kunstfehler (beispielsweise im Hinblick auf Repräsen‐ tativität, statistische Datenanalyse etc.) oder unter Umständen inzwischen eingetretene »Betriebsblindheit« hinsichtlich unzulässiger Schlussfolgerun‐ gen (z. B. bezüglich Signifikanz oder Korrelationen) erkannt werden können. Damit sollen Untersuchungen nicht nur durch die »scientific community« kontrollierbar sein, sondern nach erfolgreich bestandener kritischer Prü‐ fung und Diskussion auch als »Bausteine« dem allgemeinen theoretischen und methodologischen Wissensstand der Soziologie zugeführt werden kön‐ nen. Eine nachfolgende Verbreitung von relevanten Forschungsergebnissen über Pressemitteilungen, öffentliche Vorträge, Interviews in den Medien usw. ist dann sicher gerechtfertigt. Der umgekehrte Weg dagegen ist eher risikoreich, ja kann sogar recht blamabel werden, wenn über öffentliche Medien »sensationelle Forschungsergebnisse« angekündigt werden, die sich später wissenschaftlich lediglich als peinliche »Windeier« erweisen. Schwieriger erweist sich die Kontrolle des Verwertungs- und Wirkungs‐ zusammenhang bei angewandter und Auftragsforschung. Je nach Anlass 4.2 Zur Forschungslogik und -praxis empirischer Projekte 175 <?page no="176"?> der Studie soll die Verwertung ja mittelbar, unmittelbar oder in schrittwei‐ ser Anwendung im Rahmen sozialer Planung erfolgen. Für notwendige Entscheidungsprozesse sollen daher bestimmte Informationen als grund‐ legende Entscheidungshilfen bereitgestellt werden, wobei die praktische Problemlösung immer im Vordergrund steht. Gerade hier kommt es aber leider immer wieder vor, dass die rationale, wissenschaftliche Betrachtungsweise des forschenden (aber andererseits auch auftragsabhängigen) Soziologen zwischen nicht-rationalen Interessen‐ standpunkten verbogen und aufgerieben wird. Passt beispielsweise einem Auftraggeber das Resultat einer Untersuchung nicht, so ist von seiner Seite gelegentlich schnell der Vorwurf zur Hand, die Befunde könnten ja gar nicht wissenschaftlich, objektiv und »wertfrei« sein, sondern seien vielmehr von der politischen Position oder weltanschaulichen Optik des Forschers her diktiert. Umgekehrt mag jedoch auch mancher Forscher gelegentlich den Eindruck gewinnen, dass er den Beifall eigentlich von der falschen Seite erhält. Das hier angesprochene Problem der Bewertung der sich aus einer Un‐ tersuchung ableitbaren Schlussfolgerungen kann nun aber offenbar auf rationaler Ebene nicht mehr gelöst werden. Die hierfür notwendigen Krite‐ rien sind vielmehr normativer Provenienz, also ethisch, moralisch, politisch usw., aber eben nicht mehr soziologisch begründbar. Aufgabe des Sozialfor‐ schers wird es daher sein, die verschiedenen praktischen Möglichkeiten, die sich aus verschiedenen (normativ gesetzten) Zielen ergeben, analytisch zu trennen und aufzuweisen, was geschehen kann, wenn dieser oder jener Zielsetzung Priorität eingeräumt wird. Insgesamt zeigt sich also, dass die Phase der Verwertung und Wirkung von Forschungsprojekten keineswegs eine »quantité négligeable« darstellt. Denn will ein Forscher nicht das unkalkulierbare Risiko einer willkürlichen Verfügung über seine Daten und Ergebnisse durch Dritte eingehen, wird er gut beraten sein, insbesondere die Prozesse der gesellschaftspolitischen Wirkung und ethisch verantwortlichen Verwertung seiner Untersuchung kritisch zu begleiten - eine Forderung, aus der manch einem forschenden Soziologen gelegentlich ein handfester Intraund/ oder Inter-Rollenkonflikt zuwachsen mag. 176 4 Soziologisches Messen und Prüfen <?page no="177"?> Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Nicola Döring & Jürgen Bortz (2023): Forschungsmethoden und Evaluation in den Sozial- und Humanwissenschaften. (Darin Kap.4 »Forschungs- und Wissenschaftsethik«, S.-119-145). 6. Aufl. Springer: Berlin. Rainer Schnell, Paul B. Hill &-Elke Esser (2013): Methoden der empirischen Sozialforschung. (Darin Anhang G »Regeln guter wissenschaftlicher Praxis«, S. 491 ff.). 10. Aufl. Oldenbourg: München. Claire Selltiz, Marie Jahoda, Morton Deutsch & Stuart W. Cook (1972): Untersu‐ chungsmethoden der Sozialforschung. Teil II. (Darin insbesondere Kapitel 13 »Die Anwendung sozialwissenschaftlicher Forschung«, S. 267-291). Luch‐ terhand: Neuwied. 4.3 Methodenprobleme Wie wir gesehen haben, stellt der sozialwissenschaftliche Forschungspro‐ zess eine logisch organisierte Abfolge von Entscheidungen und Handlungs‐ schritten in einzelnen Phasen dar: von der theoriegeleiteten Hypothesenbil‐ dung über die Erhebung der Daten mittels geeigneter Forschungsmethoden und -techniken sowie der Verarbeitung des erhobenen Materials mittels sta‐ tistischer Verfahren bis hin zur Interpretation der Befunde im Hinblick auf ihre Folgen für Theorie und/ oder Praxis. Es muss in diesem Zusammenhang jedoch auch darauf aufmerksam gemacht werden, dass gelegentlich infolge von Mängeln oder unbeabsichtigten Fehlern innerhalb dieser methodischen Schritte und Entscheidungen auch Fakten suggeriert, d. h. sogenannte Forschungsartefakte hervorgerufen werden können, so dass das Untersu‐ chungsergebnis letztlich trügt und keine angemessene Beantwortung der ursprünglichen Forschungsfrage durch die Ergebnisaussagen möglich ist. Bei einem Verdacht auf derartige Forschungsartefakte ist daher genau zu prüfen und zu spezifizieren, wo der oder die Fehler für das entstandene »Kunst-Produkt« liegen könnte. Erfahrungsgemäß liegen hierbei den Arte‐ fakten häufig Fehlerquellen im Bereich von Datenerhebung und -auswer‐ tung zugrunde. 4.3 Methodenprobleme 177 <?page no="178"?> 4.3.1 Datenerhebungsartefakte Da die meisten sozialwissenschaftlichen Untersuchungen über soziale In‐ teraktionen und Kommunikationen zwischen mindestens zwei Personen laufen, kann es beispielsweise durch die Person des jeweiligen Versuchs‐ leiters zu meist unbewussten und schwer kontrollierbaren Verzerrungen oder Verfälschungen bei der Versuchsplanung und -durchführung kommen. Unter einem derartigen Versuchsleitereffekt (experimenter effect) werden höchst diffizile Einflüsse verstanden, die durch äußerliche Merkmale des Versuchsleiters wie Alter, Geschlecht oder Habitus, aber auch durch kom‐ munikativ unbewusst übertragene Signale und Hinweise paralinguistischer Art (Tonfall, Betonung, Dialektfärbung der Sprache, Pausen usw.) bzw. mi‐ misch-gestischer Prägung (wie Lächeln, Zunicken, sichtbare Entspannung bei Erreichen der »richtigen«, - Stirnrunzeln oder nervöses Räuspern bei der »falschen« Antwort) vermittelt werden (experimenter bias). Derartige unterschwellig kommunizierte Erwartungshaltungen des Versuchsleiters können die Forschungssituation erheblich beeinflussen und ungewollt die Prüfung der Hypothesen in die Irre führen. Bekannt sind auch die Auswirkungen des Halo-Effekts beim Vorgang der Beobachtung (Wahrnehmungsfehler). Analog zum »Halo« - dem Lichthof von Sonne und Mond, der angeblich exakte Wetterprognosen erlaubt - wird die wahre Einschätzung einzelner Eigenschaften von Menschen (oder Objekten) irrtümlich geleitet von der subjektiven »Ausstrahlung« oder »Überstrahlung« durch andere hervorstechende Merkmale im Um‐ kreis des betrachteten Sachverhalts bzw. von einem impliziten »Gesamt‐ eindruck« seitens des Untersuchenden. Ausstrahlende und zu selektiven Wahrnehmungsprozessen führende Merkmale sind auch hier häufig Alter, Geschlecht, Aussehen, Kleidung, soziale oder ethnische Herkunft, Konfes‐ sion, Beruf, Sprache/ Dialekt oder Hautfarbe. Dies kann dann in Untersu‐ chungen dazu führen, dass bei der Protokollierung der Erhebungssituation und der kategorialen Einordnung bestimmter sozialer Tatbestände Fehler überzufällig häufig im Sinne der Erwartungen und Hypothesen auftreten, so dass z. B. »sympathisch« eingestufte Personen auch bei anderen Merk‐ malsdimensionen (wie Intelligenz, Natürlichkeit oder soziale Aufgeschlos‐ senheit) vergleichsweise positiv eingestuft werden. Auch auf Seiten der Versuchspersonen gibt es potenzielle Tendenzen, in bestimmten Situationen auf angebotene Reize nicht adäquat und flexibel zu reagieren, sondern bestimmten Mustern oder Schemata zu folgen (re- 178 4 Soziologisches Messen und Prüfen <?page no="179"?> sponse sets). Insbesondere bei Fragebogenerhebungen mit vorgegebenen Ja/ Nein-Antworten sind so - unabhängig vom Inhalt der vorgelegten Fragen - öfter Ja-Sager-Tendenzen feststellbar. Prophylaktisch können solche Reak‐ tionstendenzen bereits bei der Fragebogenkonstruktion, d. h. bei der Formu‐ lierung und Anordnung der Fragen, berücksichtigt sowie durch mehrfache Umformulierung derselben Fragen und Antwortvergleiche kontrolliert wer‐ den. In ähnlicher Weise können Versuchspersonen auch im Widerspruch zu ihren wahren Überzeugungen ihre Verhaltens- und Meinungsäußerungen an den von ihnen vermuteten Wünschen und Erwartungen der sozialen Umwelt, etwa des Versuchsleiters oder des Auftraggebers, ausrichten (social desirability). Hohe Werte bei Schülern hinsichtlich ihrer »Zufriedenheit mit dem Unterricht« könnten beispielsweise in einer Untersuchung auch dadurch zustande gekommen sein, dass die Schüler befürchteten, der Lehrer könnte vielleicht doch erfahren, welcher Schüler ihn wie beurteilt hat. Andererseits kann es auch zu einem »umgekehrten« Effekt der sozialen Erwünschtheit kommen: Jemand, der z. B. als »Nonkonformist« angesehen werden will, ist bestrebt, gerade deshalb prinzipiell nicht sozial-wünschens‐ werte Antworten zu geben. Forschungsgeschichtliche Berühmtheit hat auch der sogenannte Haw‐ thorne-Effekt, im Sozialforscherjargon auch »Versuchskanincheneffekt« genannt, erreicht. Im Rahmen einer klassischen betriebssoziologischen und gruppenbasierten Studie im Hawthorne-Werk der Western Electric Company in Illinois/ USA hatte sich gezeigt, dass das Gefühl, Versuchsper‐ son zu sein und dadurch verstärkte soziale Aufmerksamkeit zu erfahren, sich nicht unerheblich auf die Reaktionen von Personen, deren Verhalten experimentell untersucht werden soll, auswirken kann, so dass auch die Wirksamkeit einer bestimmten Intervention von den Forschern u. U. völlig falsch beurteilt wird. Ein ausgesprochen origineller Weg zur Vermeidung von Forschungsar‐ tefakten dieser Art liegt in einer verstärkten Berücksichtigung von soge‐ nannten nicht reaktiven Verfahren (nonreactive measures) oder versteckten Messungen (unobtrusive measures). So können z. B bestimmte physikalische Verhaltensspuren wie der Abnutzungsgrad von Teppichen und Treppen in Museen auf das Interesse an bestimmten Ausstellungsobjekten, der Wasserverbrauch vor und nach dem Ende eines Films auf relative Einschalt‐ quoten beim Fernsehen oder die Zusammensetzung des Mülls auf bestimmte materielle Lebensstile verweisen. Der quasi detektivischen Fantasie des Sozialforschers sind hier keine Grenzen gesetzt. 4.3 Methodenprobleme 179 <?page no="180"?> 4.3.2 Datenauswertungsartefakte Die Aufbereitung und Weiterverarbeitung von erhobenen und zu Daten ver‐ schlüsselten Informationen erfolgt im Forschungsprozess in der Regel mit den Mitteln der Statistik. Als Teilgebiet der Mathematik benutzt die Statistik dabei bestimmte, nach strengen formalen Regeln axiomatisch eingeführte Strukturprinzipien, die mit der empirisch erhobenen sozialen Wirklichkeit nicht notwendigerweise abbildungsgleich sind. Typische Übersetzungspro‐ bleme können hier aus dem Wechsel von sprachlicher zu numerischer Ebene entstehen, so dass beispielsweise immer kritisch geprüft werden muss, ob der statistisch exakt gleich definierte und durch identische Zahlenrelationen ausgedrückte Intensitäts-Abstand zwischen den Antwortkategorien »nie« und »selten« real genauso groß ist wie der zwischen »oft« und »sehr oft«. Denn was für den einen Befragten »oft« ist, bedeutet für den anderen vielleicht nur »öfter«-- Zahlen indessen suggerieren den Eindruck des Ge‐ nauen, Präzisen und Exakten. Pseudogenauigkeit wird überdies in manchen Tabellen vorgetäuscht, wenn prozentual mehrere Stellen hinter dem Komma angegeben werden, wo doch schon eine Stelle hinter dem Komma »genau« ist und sogar vielfach auf ganze Zahlen gerundete Prozentwerte ausreichen würden. Statistische Methoden sind daher nicht einfach mechanisch anzuwenden, vielmehr ist zur Umgehung von Artefakten bei jeder sozialwissenschaftli‐ chen Untersuchung neu zu prüfen, inwieweit sie als »Modelle« für den untersuchten Tatbestand auch tatsächlich geeignet sein können. Im Forschungsprozess treten bei diesem Anpassungsversuch regelmäßig eine Vielzahl von theoretischen und praktischen Fragen auf. Wird jedoch deren Diskussion bewusst oder unbewusst vernachlässigt, dann können leichtere oder schwerwiegendere Forschungsartefakte das Ergebnis sein, wie die nachfolgende Übersicht anschaulich illustriert. Sozialwissenschaftler wollen primär nicht einzelne Daten sammeln und archivieren, sondern möglichst weitreichende theoretische und/ oder prak‐ tische Schlussfolgerungen aus ihrem Material ziehen. Sind z. B. in einer Untersuchung Verhaltensunterschiede bei verschiedenen Kategorien von Menschen, etwa zwischen Männern und Frauen, Katholiken und Protestan‐ ten, Jugendlichen und Erwachsenen feststellbar, dann wird mit einem soge‐ nannten Signifikanztest darüber zu entscheiden sein, ob diese Unterschiede nur zufällig sind oder aber so groß (d. h. statistisch signifikant), dass man auf ihrer Basis Aussagen über allgemeinere Hypothesen machen kann. Auf‐ 180 4 Soziologisches Messen und Prüfen <?page no="181"?> grund methodologischer Missverständnisse werden jedoch Signifikanztests oft nicht als formale Entscheidungsmodelle über Hypothesen, sondern eher als Messverfahren zur Gütebezeichnung bestimmter Effekte benutzt. Daten falsch Daten richtig durch Fälschung durch Fehler Erhebung (Urmaterial) Aufbereitung Interpretation Auslegung durch den Leser richtig richtig fehlerhaft gefälscht irrig bewusst irreführend gute Statistik richtig irrig Leser fasst falsch auf Leser versteht falsche Statistik (fehlerhafte statistische Arbeit) Statistik wird zur Lüge missbraucht Lüge (keine Statistik) Abb. 11: Schema der Fehlerquellen und Täuschungsmöglichkeiten beim Erarbeiten und Verarbeiten von Statistiken (modifiziert bei Zeugin 1979, 132 nach Swoboda 1974, 181; eigene Darstellung) Schließlich werden auch nicht selten Korrelationskoeffizienten als Maß für den statistischen Zusammenhang zwischen zwei oder mehr Variablen kausal interpretiert. So wird beispielsweise aus einem gegebenen Zusammenhang zwischen X und Y geschlossen, X sei die Ursache von Y. Abgesehen davon, dass Y unter Umständen theoretisch auch X bewirken könnte, erweist sich nämlich bei näherer Prüfung manche festgestellte Beziehung zwischen Phänomenen nur als Scheinkorrelation (spurious oder nonsense correlation). So konnte z. B. tatsächlich eine statistische Beziehung gefunden werden zwischen der Anzahl der bei Brandkatastrophen eingesetzten Feuerwehren (X) und der Höhe des entstandenen Sachschadens (Y) oder auch zwischen der Anzahl der in einer bestimmten Region nistenden Störche (X) und der 4.3 Methodenprobleme 181 <?page no="182"?> Geburtenrate (Y) in diesem Landstrich. Der Schluss, dass die Löschfahrzeuge den Sachschaden oder die Störche den Kindersegen verursachen, ist dann zwar erheiternd, übersieht aber, dass man bei jeder Kombination von Merkmalen immer wieder prüfen muss, ob nicht eine zunächst verborgene, dann jedoch zu kontrollierende dritte, sogenannte intervenierende Variable (Z) die Annahme einer Kausalbeziehung zwischen X und Y widerlegen oder wenigstens zum Teil miterklären kann. So lässt sich bereits mit gesundem Menschenverstand bei beiden Beispielen zeigen, dass die Beziehung zwi‐ schen der Anzahl der Löschzüge und der Höhe des Brandschadens mit der Größe des Schadenfeuers (Z) sowie die Beziehung zwischen der Anzahl der Störche und der Geburtenrate mit dem Grad der Urbanisierung (Z) zu erklären ist. Die Beispiele mögen zeigen, dass statistisch signifikante Zusammenhänge häufig eben keine kausalen Erklärungsmuster bieten, sondern lediglich vordergründig »rechnerisch« vermittelt sein können. D. h. der Prozess der Auswertung und vor allem auch der Interpretation von Daten schließt notwendigerweise Schritte ein, das erhobene Material auch unter anderen als den zunächst für »bedeutungsvoll« erkannten Zusammenhängen und Beziehungen zu analysieren. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Hartmut Esser (1986): Können Befragte lügen? In Kölner Zeitschrift für Sozio‐ logie und Sozialpsychologie, 38/ 2, S. 314-336. Bernd Klammer (2005): Empirische Sozialforschung. Eine Einführung für Kom‐ munikationswissenschaftler und Journalisten, S. 51 ff., 128 ff., 282 ff. UVK: Konstanz. Walter Krämer (2015): So lügt man mit Statistik. (Darin u.-a. so amüsante Korrelationen wie »Hunde beißen lieber Männer«, S.-47ff. oder »Fluglärm erzeugt Aids«, S.-185ff.) Campus: Frankfurt/ M. Jürgen Kriz (1981): Methodenkritik empirischer Sozialforschung. Eine Prob‐ lemanalyse sozialwissenschaftlicher Forschungspraxis. S. 56-86. Teubner: Stuttgart. 182 4 Soziologisches Messen und Prüfen <?page no="183"?> 4.4 Einige Methoden der Sozialforschung Die rapide Entwicklung und Ausdifferenzierung von Forschungstechniken sowie die Zahlenmagie und der Methodenfetischismus, dem manche Sozi‐ alforscher gelegentlich zu verfallen scheinen, bergen sicher die Gefahr einer Verselbständigung der Techniken im Sinne eines naiven sozialwissen‐ schaftlichen Empirismus. In der Folge könnten dann weniger die wissen‐ schaftlichen Probleme die Forschungsstrategie, sondern eher umgekehrt die Zugänglichkeit von Daten und die Anwendungsmöglichkeiten von Methoden die zu untersuchende soziale Realität definieren. In diesem Zusammenhang wird immer wieder grundlegende Kritik an den herkömm‐ lichen Forschungstechniken der Soziologie laut. Hauptsächlicher Stein des Anstoßes ist dabei, dass auf diese Weise zustande gekommene Forschungs‐ ergebnisse komplexe und individuelle Lebensverhältnisse in fragwürdiger Trennschärfe zu problematischen Zahlen und Tabellen verdichten. Leicht bei der Hand ist dann auch die Redensart, wonach es Lügen, große Lügen und Statistik gebe. Hinzu kommt, dass der Gegenstand soziologischer Untersuchungen immer die Gesellschaft oder genauer: ein bestimmter gesellschaftlicher Teilbereich ist. Dies kann bedeuten, dass der Sozialforscher auch persönlich in den Untersuchungsbereich involviert ist oder auch, dass sich der Unter‐ suchungsgegenstand sowohl während als auch gerade durch den Einsatz sozialwissenschaftlicher Forschungstechniken verändert. Ähnlich wie beim bereits beschriebenen »Hawthorne-Effekt« haben beispielsweise Personen bei einer Umfrage nach dem »Eheglück« oder nach ihren Motiven für den Beitritt in einen Verein erst beim Interview erkannt, dass sie unglücklich verheiratet oder mit dem Vereinsleben unzufrieden waren (Seeley 1963 in Jager & Mok 1972, 34). Ebenso kann die Veröffentlichung von Umfrageer‐ gebnissen Menschen in ihrem Denken und Handeln beeinflussen. In den methodologisch allerdings umstrittenen Ansätzen der sogenannten »Akti‐ onsforschung« (siehe Abschnitt 4.4.7) wurde deshalb sogar die durch eine Untersuchung ausgelöste Dynamik des Forschungsgegenstands bewusst und gewollt in die Anlage eines Projekts miteinbezogen. Andererseits gibt es jedoch bei aller selbstkritischen Problematisierung soziologischer Forschung keine Alternative zur Empirie. Gleichzeitig muss natürlich eine berechtigte Methodenkritik ernst genommen werden, wes‐ halb es sich in jedem Fall empfiehlt, bei empirischen Untersuchungen nicht nur die Ergebnisse vorzustellen, sondern auch die benutzten Methoden, 4.4 Einige Methoden der Sozialforschung 183 <?page no="184"?> insbesondere in ihrer je konkreten Anpassung an das Untersuchungsobjekt, ausführlich zu diskutieren. Im Folgenden sollen nun die wichtigsten Techniken der sozialwissen‐ schaftlichen Datenerhebung mit ihren jeweiligen Einsatzmöglichkeiten und besonderen Charakteristika vorgestellt werden. Zur vertiefenden Auseinan‐ dersetzung wie im Hinblick auf eine mögliche praktische Anwendung wird auf die jeweils angegebene ergänzende Literatur verwiesen. 4.4.1 Beobachtung Von naiver Beobachtung, wie wir sie alltäglich im Hinblick auf unsere Mit- und Umwelt anwenden, sind sozialwissenschaftliche Beobachtungsverfah‐ ren durch ihre geplante und systematische Erfassung sozialer Sachverhalte zu unterscheiden. Man kann sagen, dass die methodische Beobachtung sozialer Tatbestände und die entsprechende Beschreibung des Beobachteten als grundlegende Technik häufig am Anfang erfahrungswissenschaftlicher Forschung steht. Da jedoch grundsätzlich alle Wahrnehmungen selektiv sind, muss auch wissenschaftliche Beobachtung davon ausgehen, dass soziale Situationen niemals vollständig in allen Einzelheiten erfasst werden können. Im Unterschied zu einer unsystematischen, willkürlichen und in der Regel auch unbewussten Auslese von Umweltreizen bei der naiven Alltags‐ beobachtung wird daher der erfahrungswissenschaftliche Selektionsprozess bei der systematischen Beobachtung bewusst geplant. Dabei müssen vorab drei Grundfragen geklärt werden: 1. Was überhaupt soll beobachtet werden? 2. Wann und wo und auf welche Art und Weise soll dies beobachtet werden? 3. In welcher Form kann das Beobachtete aufgezeichnet und festgehalten werden? Zu 1: Mit Beobachtungstechniken können sehr verschiedene soziale Situ‐ ationen und Zusammenhänge erfasst werden, wie beispielsweise ganze Kulturen (was besonders in der Ethnologie oder Kulturanthropologie üblich ist), religiöse Sekten, soziale Bewegungen, Bürgerinitiativen, Rockergrup‐ pen, Entscheidungsprozesse in der Kommunalpolitik, das Verhalten von Lehrern und Schülern im Unterricht oder die Entwicklung und Dynamik einer Konferenzgruppe. Meist wird hier die Beobachtung des unmittelbaren sprachlichen Verhaltens als Analyseeinheit im Vordergrund stehen, doch je nach Untersuchungsziel bzw. Fragestellung werden oft auch außersprach‐ 184 4 Soziologisches Messen und Prüfen <?page no="185"?> liches Verhalten (wie Lautstärke, Modulation, Sprechdauer, Vokabular), non-verbales Verhalten (wie bestimmte Gestik, Mimik, Augenspiel und allge‐ meine Körpersprache) sowie spezifisches personen-, raum- und zeitbezogenes Verhalten miteinbezogen. Zu 2: Methodisch können Beobachtungen auf recht unterschiedliche Art und Weise angelegt sein. Im Hinblick auf die Position des Forschers zum Untersuchungsobjekt bzw. den Versuchspersonen wird hier zunächst zwi‐ schen teilnehmender und nicht-teilnehmender Beobachtung unterschieden. Im ersten Fall versucht der Forscher, sich selbst in die zu untersuchende Gruppe zu integrieren, um über einen hohen Partizipationsgrad ein mög‐ lichst tiefes Verständnis seines Untersuchungsgegenstandes zu gewinnen, was allerdings auch die Gefahr in sich birgt, dass die Zuverlässigkeit der Beobachtung durch zu große Identifikation leiden kann. Bei der nicht-teil‐ nehmenden Beobachtung geht der Forscher aus Gründen der Praktikabilität des Zugangs oder auch aus Sorge um die eigene Objektivität gleichsam von außen an sein Beobachtungsobjekt heran. Des Weiteren können Beobachtungen kontrolliert oder unkontrolliert sein, d. h. sie können aufgrund einer relativ eng vordefinierten Beobach‐ tungsstruktur (z. B. zur Erfassung quantifizierbarer Elemente) oder aber auch auf eine eher lockere und impressionistische, dem generellen Unter‐ suchungszweck dienende Art (z.-B. zur Erfassung vornehmlich qualitativer Merkmale) gewonnen werden. Ferner können die Rahmenbedingungen für Beobachtungen natürliche soziale und physische Umgebungen der Untersuchungsobjekte oder auch künstliche soziale Arrangements (z. B. in einer experimentellen Laboratoriumssituation zur Ausschaltung des Einflusses bestimmter Merkmale) sein. Und schließlich können sie offen oder - falls Verzerrungseffekte bei den Versuchspersonen zu erwarten sind - auch verdeckt (z. B. der Investigativjournalist Günter Wallraff in großen Unternehmen in Deutschland als »Türke Ali«) durchgeführt werden, wobei gerade auch hier legale und ethische Aspekte zu beachten sind. Hinsicht‐ lich der Anwendung in der Praxis ist eine vom Forschungszweck und den Forschungsmöglichkeiten abhängige Mischform dieser verschiedenen Dimensionen üblich. Zu 3: Wie die Wahrnehmung kann auch die Aufzeichnung von Beobach‐ tungen mehr oder weniger strukturiert sein bzw. das, was man festhalten will, kann mehr oder auch weniger dem Zufall überlassen werden. »Sitzt man etwa lediglich dabei, während ein Ehepaar sich streitet, und versucht 4.4 Einige Methoden der Sozialforschung 185 <?page no="186"?> nur ›soviel wie möglich‹ aufzuschreiben oder zu behalten, so wird die Beobachtung weder vollständig noch objektiv sein. Hat man aber einen strukturierten Bogen Papier bei sich, auf dem bereits bestimmte Kategorien vorgegeben strukturierten sind, wie ›aggressive Bemerkung von ihm‹, ›aggressive Bemerkung von ihr‹, ›Hohnlachen‹, ›beschwichtigende Bemer‐ kung‹, ›aggressive Geste‹, ›abwehrende Geste‹, ›weint‹, ›läuft davon‹ usw., und braucht man also nur noch Haken oder Kreuze einzuzeichnen, so kommt man erstens besser mit und erfasst zweitens wahrscheinlich die meisten Verhaltensformen, die den vorgegebenen Kategorien entsprechen - über‐ sieht freilich andererseits wahrscheinlich viele, die man nicht vorgegeben hatte« (Seger 1970, 186). Zur Aufzeichnung und Dokumentation von Beobachtungen werden deshalb am häufigsten inhaltlich und formal definierte Kategorienschemata benutzt. Das bekannteste dieser Beobachtungssysteme ist wohl die Interaktionsana‐ lyse des amerikanischen Sozialpsychologen Robert F. Bales (1916-2004), die zwölf theoretisch begründete instrumental/ aufgabenorientierte bzw. sozio-emotionale Kategorien zur Erfassung von Kleingruppendiskussionen enthält (Bales 1962). Auf der Basis von selektiven Beobachtungsdaten sollen hierdurch die wechselseitig aufeinander bezogenen Verhaltenswei‐ sen zweier oder mehrerer Menschen systematisch erfasst und klassifiziert werden (vgl. hierzu Abb. 12). Registriert wird dabei sowohl das verbale wie das nonverbale Verhalten der Interaktionspartner, das in der Regel sofort mit Hilfe des selektiven Analysesystems den jeweils entsprechenden Bereichen bzw. Kategorien zugeordnet wird. Dadurch können für die Ak‐ teure bestimmte Verhaltensprofile erstellt, aber auch verschiedene Phasen und Sequenzen des Interaktionsprozesses abgebildet bzw. die Stabilität und Veränderung von sozialen Beziehungen transparent gemacht werden. Bales hat dann in den 1980er-Jahren seine Interaktionsanalyse metho‐ disch und theoretisch konsequent zum SYMLOG-System (Systematic Mul‐ tiple Level Observation of Groups) weiterentwickelt, das den Versuch un‐ ternimmt, Verhaltensweisen auf mehreren Ebenen - Verhaltensebene, Statusebene, Werturteilsebene - zu beobachten, zu beschreiben und zu analysieren. Anwendungsbereiche solcher Beobachtungsverfahren sind beispielsweise die Gruppensoziologie, die Unterrichtsforschung sowie die angewandte Gruppendynamik (wie beschlussfassende und problemlösende Konferenzgruppen, Familiendiagnostik und -therapie usw.). 186 4 Soziologisches Messen und Prüfen <?page no="187"?> ASozialemotionaler Bereich: positive Reaktionen BAufgabenbereich: Versuche der Beantwortung CAufgabenbereich: Fragen DSozialemotionaler Bereich: negative Reaktionen 1. zeigt Solidarität, bestärkt den anderen, hilft, belohnt 2. entspannt Atmosphäre, scherzt, lacht, zeigt Befriedigung 3. stimmt zu, nimmt passiv hin, versteht, stimmt überein, gibt nach 4. macht Vorschläge, gibt Anleitung, wobei Autonomie des anderen impliziert ist 5. äußert Meinung, bewertet, analysiert, drückt Gefühle oder Wünsche aus 6. orientiert, informiert, wiederholt, klärt, bestätigt 7. erfragt Orientierung, Information, Wiederholung, Bestätigung 8. fragt nach Meinungen, Stellungnahmen, Bewertung, Analyse, Ausdruck von Gefühlen 9. erbittet Vorschläge, Anleitungen, mögliche Wege des Vorgehens 10. stimmt nicht zu, zeigt passive Ablehnung, Förmlichkeit, gibt keine Hilfe 11. zeigt Spannung, bittet um Hilfe, zieht sich zurück 12. zeigt Antagonismus, setzt andere herab, verteidigt oder behauptet sich a b c d e f a - Probleme der Orientierung b - Probleme der Bewertung c - Probleme der Kontrolle d - Probleme der Entscheidung e - Probleme der Spannungsbewältigung f - Probleme der Integration Schlüssel: Abb. 12: Beobachtungskategorien bei der Interaktionsanalyse von Bales (Krapp, Hofer & Prell 1982, 73; eigene Darstellung) Allgemein lässt sich sagen, dass Beobachtungsverfahren eine Reihe von Problemen in Bezug auf Zuverlässigkeit und Gültigkeit aufwerfen. In der Praxis versucht man, gerade bei komplexeren Kategorienschemata derar‐ tige Probleme dadurch aufzufangen, dass die Beobachter zuvor in intensi‐ ven Wahrnehmungs- und Kategorisierungstrainings entsprechend geschult werden und darüber hinaus die Registrierung des konkreten Verhaltens‐ aktes - neben Audio-/ Videoaufnahmen - durch multiple Beobachtung 4.4 Einige Methoden der Sozialforschung 187 <?page no="188"?> (zwei oder mehr Beobachter registrieren und kategorisieren den gleichen Sachverhalt) abgesichert wird. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Andreas Diekmann (2023): Empirische Sozialforschung. Grundlagen, Metho‐ den, Anwendungen. (Darin Abschnitt XI »Beobachtung«). 19. Aufl. Rowohlt: Reinbek. Werner Greve &-Dirk Wentura (1997): Wissenschaftliche Beobachtung. Eine Einführung, (Darin Kap. 1 »Seh’ ich was, was Du nicht siehst? «, S. 9-31 und Kap. 3 »Wie zuverlässig und genau kann Beobachtung sein? «, S. 44-78). PVU: Weinheim. René König (Hrsg.) (1972): Beobachtung und Experiment in der Sozialforschung. Praktische Sozialforschung II. (Darin insbesondere die Beiträge von René König, »Einleitung: Beobachtung und Experiment«, S. 17-47, Marie Jahoda, Morton Deutsch und Stuart W. Cook, »Beobachtungsverfahren«, S. 77-96, Florence Kluckhohn, »Die Methode der teilnehmenden Beobachtung«, S. 97- 114, Alvin Zander, »Systematische Beobachtung kleiner Gruppen«, S. 129- 147 und Robert F. Bales, »Die Interaktionsanalyse: Ein Beobachtungsverfah‐ ren zur Untersuchung kleiner Gruppen«, S. 148-167). 8. Aufl. Kiepenheuer &-Witsch: Köln. 4.4.2 Befragung: Interview und Umfrage Personen mittels Einzelgespräch, Gruppendiskussion, Fragebogen, persön‐ lichem oder telefonischem Interview systematisch zu befragen, was sie über dies oder jenes denken und meinen, wie sie sich in diesem oder jenem Fall verhalten haben, was sie gewöhnlich tun oder welche Ziele sie in der Zukunft verfolgen, - dies ist immer noch der beliebteste und am häufigsten benutzte Weg der praktischen Sozialforscher, sozialwissenschaftlich wie ge‐ sellschaftlich-politisch relevante Daten zu sammeln. Und auch faktisch wird der weitaus größte Teil der Daten, die in der empirischen Sozialforschung verarbeitet werden (ganz abgesehen von den zahlreichen routinierten Um‐ fragen der kommerziellen Demoskopie- und Marktforschungsinstitute), mit Hilfe von Umfragetechniken erhoben. Kein Wunder also, dass als typisches und gebräuchlichstes Forschungs‐ instrument soziologischer Datenerhebung der Fragebogen gilt und dass Soziologie und Umfragen oft geradezu gleichgesetzt werden. Imogen Seger 188 4 Soziologisches Messen und Prüfen <?page no="189"?> (1970, 181) meint dazu: »Wie wir uns den Chemiker mit einem Reagenzröhr‐ chen in der Hand vorstellen, den Biologen mit einem Mikroskop, so den Soziologen mit einem langen Fragebogen. Zwar teilt er dieses Instrument und Symbol seiner Arbeit mit einem Teil der Psychologen, zwar benutzt er noch eine ganze Reihe anderer Instrumente, doch hat sich der Fragebogen als charakteristisches (und häufig negativ beurteiltes) Werkzeug soziologischer Forschung im Bewusstsein jener Leute eingenistet, die sich überhaupt für Sozialwissenschaften interessieren.« Wenn nun auch die Befragung die inzwischen am weitesten und am systematischsten entwickelte sozialwissenschaftliche Forschungstechnik darstellt, die überdies sehr vielfältig einsetzbar ist, so ist gerade diese Methode auch einer wachsenden Kritik ausgesetzt. Als besonders diskussi‐ onswürdig erweisen sich hierbei folgende Argumente und Einwände: • Durch Befragungen werden nur Aussagen, eventuell auch Einstellun‐ gen und Meinungen, nicht aber die tatsächlichen Verhaltensweisen abgebildet. Es ist insofern schwierig, die Bedeutung von Aussagen, Meinungen oder Einstellungen im Hinblick auf das konkrete Verhalten der Befragten abzuschätzen. • Das übliche Frage- und Antwortspiel von Interview bzw. Fragebogen-- oft noch mit vorgegebenen Antworten zur Auswahl - kann niemals die ganze Komplexität der sozialen Wirklichkeit erfassen, wie sie der Befragte faktisch in seinem Kontext erlebt. • Die Messung von Einstellungen ist neben der aktuellen physischen und psychischen Verfassung des Befragten oft auch abhängig vom jeweiligen sozialen Setting der Befragung bzw. von der konkreten Interviewerpersönlichkeit (Alter, Geschlecht, Kleidung und Sprache, unbewusstes oder bewusstes Aussenden von bestimmten Signalen oder Hinweisen usw.). Probleme der Gültigkeit entstehen deshalb u. U. dann, wenn prestigegeladene oder als indiskret empfundene Fragen gestellt werden, die möglicherweise keine sachliche, sondern eher eine sozial erwünschte oder ausweichende Antwort finden. • Da es - wenigstens in modernen Gesellschaften - keine »einheitliche Sprache mit gleichartigem Stimuluscharakter« (Scheuch) gibt und somit das Begriffsverständnis (Semantik) oder die Abstraktionsfähigkeit oft von der Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht abhängig ist, sind große Befragungen (z. B. von Bevölkerungsquerschnitten) von den 4.4 Einige Methoden der Sozialforschung 189 <?page no="190"?> Methoden wie den Ergebnissen her auch unter diesem Aspekt nicht unproblematisch. • Schließlich werden Umfragen von einer kritischen Öffentlichkeit im Hinblick auf die Datenauswertung und Datennutzung zunehmend ge‐ sellschaftspolitisch problematisiert. Für viele Bürgerinnen und Bürger sind die Verwertungsprozesse von erhobenen Daten nicht mehr durch‐ schaubar. Ungeachtet der Datenschutzgesetze, der Unbedenklichkeits‐ bescheinigungen von Datenschutzbeauftragten und der ohnehin in der Regel zugesicherten Anonymisierung wächst die Angst vor Daten‐ pannen bzw. Datenvernetzungen und unkontrollierbarer Überprüfung persönlicher Bereiche, die zum »gläsernern Bürger« führen können, so dass die Auskunftsbereitschaft vieler Probanden entsprechend abnimmt. Trotz dieser und anderer Bedenken erweisen sich aber Befragungen nach wie vor als eine zentrale Möglichkeit, bestimmte Aspekte und Ausschnitte der komplexen sozialen Wirklichkeit zu untersuchen. Hinzu kommt, dass es in vielen Fällen - nicht zuletzt aus Kostengründen - keine methodische Alternative gibt. Ansonsten werden eigentlich die Schwierigkeiten der Planung und Durchführung von seriösen Befragungen eher unter-, die Aussagekraft der erhobenen Befragungsdaten dagegen eher überschätzt. Insbesondere bei der Interpretation von Befragungsergebnissen und den hierauf gründenden Schlussfolgerungen sind deshalb die vorgenannten einschränkenden Argumente sorgfältig zu berücksichtigen. Einer der Nestoren der empirischen Sozialforschung in Deutschland, der ehemals in Köln lehrende Soziologe Erwin K. Scheuch (1928-2003) definiert die Befragung als »ein planmäßiges Vorgehen mit wissenschaftlicher Ziel‐ setzung, bei dem die Versuchsperson durch eine Reihe gezielter Fragen oder mitgeteilter Stimuli [das können z. B. non-verbale Reize wie die Darbietung von Figuren, Karten oder Bildern sein, H.P.H.] zu verbalen Informationen veranlasst werden soll« (1973, 70 f.). Wie bei den anderen Methoden auch hängt hierbei die formale und inhaltliche Qualität einer Fragebogenerhe‐ bung oder eines Interviews entscheidend ab von der Art des Forschungsziels und seiner mittels Indikatoren zu leistenden Übersetzung in erfragbare Sachverhalte. Darüber hinaus sind bei der praktischen Anwendung dieser Forschungstechnik folgende Punkte zu klären: 190 4 Soziologisches Messen und Prüfen <?page no="191"?> a) Befragungssituation Befragungen können mündlich (in »face-to-face«-Situationen oder telefo‐ nisch) und schriftlich erfolgen, wobei jedes Verfahren Vor- und Nachteile hat. Bei der direkten »face-to-face«-Befragung stellt ein, in der Regel speziell geschulter Interviewer einer Person oder auch einer zu diesem Zweck zusammengerufenen Gruppe Fragen und kann etwaige Gesprächsstörun‐ gen von außen unmittelbar kontrollieren. Darüber hinaus können vom Interviewer hier auch spezielle Befragungsmaterialien wie Auswahllisten, Bilder, Antwortvorgaben, Entscheidungskarten u. Ä. eingesetzt werden. Diese klassische Form der unmittelbaren Befragung ist indessen meist recht kosten- und zeitintensiv. Daneben steht das Zeit sparendere telefonische Interview, das auch bei größeren Befragungen noch eine Alternative dar‐ stellen kann und außerdem den Vorzug einer besseren Supervision der Interviewer durch die Projektleitung hat. Beide mündlichen Befragungs‐ formen werden in zunehmendem Maße computergestützt durchgeführt, wobei die Antwortdaten der zu befragenden Person vom Interviewer z. B. mit einem Notebook, auf dem das jeweilige Fragebogenprogramm läuft, über einschlägige Softwareprogramme direkt in die entsprechende Maske des Bildschirms eingegeben werden (CAPI - Computer Assisted Personal Interview / CATI - Computer Assisted Telephone Interview). Allerdings kann es auch hier aufgrund der Präsenz des Interviewers zu einer Verzerrung von Ergebnissen z.-B. durch den Effekt der »sozialen Erwünschtheit« kommen. Aus finanziellen Gründen dominieren jedoch schriftliche Befragungen. Denn als Folge verbesserter und befragtenfreundlicherer Erhebungstechni‐ ken erscheint es vielen Projektleitern akzeptabel, dass die Versuchspersonen selbständig, d. h. ohne externe Vermittlungshilfe oder Rücksprachemöglich‐ keit einen Fragebogen ausfüllen. Dies setzt jedoch in besonderem Maße voraus, dass die gestellten Fragen präzise und gleichzeitig im Hinblick auf die Zielgruppe möglichst verständlich formuliert sind. Auch hier wird in den letzten Jahren vor allem in der Markt- und Media-Forschung mit rech‐ nergestützten Selbstinterviews (CASI - Computer Assisted Self Interviewing) gearbeitet, bei denen der Proband auf einem Laptop/ Pentop mittels Stifteingabe ein vorstrukturiertes Frageprogramm beantwortet. Es ist zwar kostengünstiger, Fragebögen per Post zu verschicken oder sonstwie zu verteilen (empfohlenermaßen mit frankiertem Rücksendeum‐ schlag), doch ist bei diesem Vorgehen mit einer deutlich höheren Verwei‐ gerungsrate bzw. Ausfallquote zu rechnen als beim Aufsuchen der zu 4.4 Einige Methoden der Sozialforschung 191 <?page no="192"?> Befragenden durch Interviewer. Auch sind bei diesem Verfahren in der Regel mindestens zwei schriftliche Mahnungswellen erforderlich. Außerdem ist hier im Allgemeinen die Ausschöpfungsquote im Vergleich zu den mündli‐ chen Befragungen niedriger. Um diese verschiedenen Nachteile abzufedern, wurde ab den 1980er-Jahren auch eine Kombination von schriftlichen und telefonischen Befragungsverfahren eingesetzt (Total-Design-Method). Seit den 1990er-Jahren werden schließlich neben kurzen telefonischen Befragungen über Festnetz oder Mobilfunk (Bsp. ZDF-Politbarometer) vor allem bei komplexeren Inhalten zunehmend Online-Befragungen durchge‐ führt. Personen, die in der Regel nach statistischen Kriterien ausgewählt wurden, werden dabei zunächst per E-Mail kontaktiert, über die Befragung informiert (z. B. anhand einer eigens zum Forschungsprojekt erstellten Website) und dann um ihre Mitarbeit gebeten. Hierfür stehen inzwischen unzählige, für Studierende teilweise auch kostenfreie Softwarelösungen zur Verfügung, wobei dann fachlich geprüft werden muss, welches Tool- auch unter Datenschutzkonzepten und Einarbeitungszeiten - sich für die gestellte Forschungsfrage am besten eignet. b) Standardisierungsgrad Wie schon angesprochen, können Befragungen ja mehr oder weniger standardisiert sein. Beim echten, d. h. völlig offenen und freien Interview ist nur der Themenbereich als allgemeines Erkenntnisziel der Befragung grob vorgegeben. Der Interviewer kann also hier sensibel den Inhalt sowie auch situativ angemessen den Verlauf der Befragung gestalten, wofür er allerdings ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen, Gesprächsgeschick sowie an Kenntnissen über das Forschungsziel und den theoretischen Rahmen benötigt. Ein solches nicht-standardisiertes Interview hat meist eine deutlich explorative Funktion, es dient also primär der qualitativen Auslotung eines bislang noch wenig erforschten Problemfeldes. Als bei qualitativen Projekten zunehmend eingesetzte Befragungsform gilt hierbei das narrative Interview oder das Tiefeninterview, bei dem beispielsweise die Interviewpartner unter minimaler Gesprächslenkung aufgefordert werden, spontan Geschichten zu ihrer Biografie, zu ihrer Rolle bei bestimmten politischen Prozessen oder anderen erlebten Ereignissen zu erzählen. Das gelenkte oder fokussierte, halbstandardisierte Interview erfordert dagegen für die anzusprechenden Themenbereiche einen Interviewleitfaden, anhand dessen der Interviewer die Fragen dann situationsadäquat variieren 192 4 Soziologisches Messen und Prüfen <?page no="193"?> und nach Bedarf auch zusätzliche Sondierungsfragen einbringen kann. Auch hierfür ist ein entsprechendes fachliches Qualifikationsniveau des Interviewers die entscheidende Voraussetzung. Der Wunsch nach größtmöglicher Formalisierung führt schließlich zum standardisierten Interview. Über eine »Fragenbatterie« sind hier Wortlaut und Reihenfolge der Fragen eindeutig (und meist schriftlich) festgelegt; thematische Improvisationen seitens des Interviewers sind nicht erlaubt. Zwar können die einzelnen Fragen prinzipiell offen (Antworten können frei formuliert werden) oder geschlossen (Antwortalternativen sind vorge‐ geben) sein, doch werden in der Regel bei standardisierten Befragungen aus Gründen der Auswertbarkeit geschlossene Fragen bevorzugt. Beim voll strukturierten bzw. komplett standardisierten Interview wird dann zusätz‐ lich noch das verbale und nonverbale Reaktionsverhalten des Interviewers detailliert vorgeschrieben. c) Einzelbefragung, Gruppeninterview und Delphi-Methode Befragungen können je nach Forschungsziel als Einzelbefragung und/ oder auch als Gruppeninterview (Gruppendiskussion) durchgeführt werden. Handelt es sich eher um subjektbezogene Fragestellungen (d. h. Einstel‐ lungen, Meinungen usw. der Versuchspersonen sollen erforscht werden), wird die Einzelsituation die Regel sein. Handelt es sich dagegen um eher objektbezogene Befragungen (z. B. Schüler werden über den Unterrichtsstil eines Lehrers, über das Schulklima oder über die Gestaltung des Pausenhofes befragt), dann ist auch ein halb- oder nicht-standardisiertes Gruppeninter‐ view möglich, das heute (eine zuvor eingeholte Zustimmung der Befragten selbstverständlich vorausgesetzt) üblicherweise mittels Videoaufzeichnung dokumentiert wird. Seit den 1990er-Jahren gelangte auch in Deutschland die in den USA entwickelte sogenannte Delphi-Methode als professionelle Sonderform der Expertenbefragung und Foresight-Studie zunehmend zur Anwendung. Die Methode verdankt ihren Namen dem als Entscheidungshilfe in der grie‐ chischen Antike angesehenen »Orakel von Delphi« und dient dazu, mit‐ tels eines systematischen, mehrstufigen Befragungsverfahrens bzw. einer Schätzmethode zukünftige Ereignisse, Trends, Entwicklungen oder Innova‐ tionen möglichst gut prognostizieren zu können. Hierbei handelt es sich zunächst formal um eine hoch strukturierte, in der Regel computergestützte und via Internet arrangierte Kommunikation zwischen Projektleiter und den 4.4 Einige Methoden der Sozialforschung 193 <?page no="194"?> einzelnen Experten. Ziel dieser Befragungsform ist es, aus anonymisierten schriftlichen Einzelbeiträgen der an einem bestimmten Forschungsprozess Beteiligten, z. B. von Experten unterschiedlicher oder gleicher Fachrichtun‐ gen, über mehrere Befragungs- und Evaluationsstufen hinweg synthetisch aufbereitete Ideenfindungen und Lösungen für komplexe Problemstellun‐ gen wie z. B. gesellschaftliche Folgen bestimmter ökonomischer oder poli‐ tischer Entscheidungen in entsprechenden Roadmaps zu erarbeiten. d) Häufigkeit der Befragung: Panel oder Survey Neben der einmaligen Befragung bestimmter Personen oder Gruppen bedient man sich insbesondere in der Markt- und Meinungsforschung noch der sogenannten Panel-Methode. Dabei geht es um die Befragung einer einmal ausgewählten Personengruppe mit dem gleichen Erhebungs‐ instrument zum gleichen Sachverhalt in mehr oder weniger gleichmäßigen Zeitabständen. Ziel eines solchen Verfahrens ist es also, beispielsweise Änderungen von Einstellungen und Verhaltensweisen im Zeitverlauf zu analysieren. Dieses Befragungsverfahren ermöglicht damit eine diachrone Analyse (Längsschnitt) der interessierenden Untersuchungsvariablen unter veränderten Umweltbedingungen oder neuen Außeneinflüssen. Mit einem Panel lassen sich somit insbesondere die kurz- und langfris‐ tigen Effekte sozialen Wandels empirisch abbilden. Seit 1984 wird in der Bundesrepublik Deutschland beispielsweise das multidisziplinäre und am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin angesiedelte »Sozio-ökonomische Panel« (SOEP) durchgeführt, das ab 1990 auch auf die neuen Bundesländer ausgeweitet wurde und bei dem durch die jährlich wiederholte Befragung von zurzeit etwa 30.000 Probanden in knapp 22.000 Haushalten der Wandel in den Lebensbedingungen und -weisen sowohl im Verlauf des Lebens von Individuen sowie im Zusammenhang ihrer fami‐ lialen bzw. partnerschaftlichen Zugehörigkeiten kontinuierlich beobachtet und analysiert wird. Es ist somit eine der größten und am längsten laufenden Panelstudien überhaupt. Das Besondere am SOEP ist, dass jedes Jahr diesel‐ ben Personen befragt werden und Kinder aus den Haushalten der Befragten ab deren 16. Lebensjahr in die Befragung »nachrücken«, wodurch sich nicht nur langfristige gesellschaftliche Trends, sondern auch gruppenspezifische Entwicklungen von Lebensläufen besonders gut analysieren lassen. Kritisch bei diesem Verfahren sind die meist recht hohen Kosten und die nicht zu beeinflussende Panel-»Mortalität« (neben Todesfällen auch 194 4 Soziologisches Messen und Prüfen <?page no="195"?> Ausfälle von Probanden, Antwortverweigerungen u. Ä.), die Repräsenta‐ tivitätsverzerrungen auslösen kann und eine zeitintensive »Panelpflege« erfordert. Als weitere Panelprobleme gelten bestimmte psychische Effekte, die durch wiederholte Befragung derselben Versuchsperson hervorgerufen werden und zu verändertem Reaktionsverhalten führen können. Als Variante des Paneldesigns gilt das Survey, also eine Übersichtsstudie oder Trendanalyse, die auch als unechte Panel-Untersuchung bezeichnet wird. Im Unterschied zum Panel ist das Survey eine wiederholte (replika‐ tive) Untersuchung (Follow-up-Studie) ein und desselben Problems mit zeitlichem Abstand, jedoch bei verschiedenen Stichproben. Damit entfällt die beim Panel gegebene Möglichkeit, Veränderungen bei einzelnen Individuen oder Gruppen identifizieren zu können. Lediglich Veränderungen zwischen den jeweiligen Gesamtheiten (Populationen, Kohorten) der Befragten sind damit also feststellbar. Auf der anderen Seite empfiehlt sich jedoch (vor allem im Vergleich zum kostenintensiveren Panel) bei vielen Untersuchungen das Survey unter forschungsökonomischen Gesichtspunkten. Als Survey-Bei‐ spiele für gesellschaftliche Dauerbeobachtungen (»Social Monitoring«) und daher auch als wichtige Quellen für die soziologische Forschung seien hier genannt • die seit 1949 im Zusammenhang mit den Bundestagswahlen erfolgenden Wahlstudien, die Aufschluss geben über die Bedingungen und Verände‐ rungen des Wählerverhaltens und über wahlentscheidende Faktoren wie z. B. die Kieler Wahlstudien und Studien der Konrad-Adenauer-Stif‐ tung. Ab 1962 stehen auch für Landtagswahlen in Deutschland entspre‐ chende Umfragen und statistische Analyen zur Verfügung. Zu diesem thematischen Feld zählen dann z. B. auch der Forsa-Bus der Gesellschaft für Sozialforschung (seit 1991), die ARD-Deutschland-Trends (seit 1998) sowie die Jahreskumulationen des ZDF-Politbarometers der Forschungs‐ gruppe Wahlen. Darüber hinaus sind seit 2009 die Wahlsurveys der German Longitudinal Election Study (GLES) methodisch noch vielfältiger und qualitativ hochwertiger angelegt. • die von 1978 bis 1998 in unregelmäßiger Folge erhobenen sechs Wohl‐ fahrtssurveys zur Entwicklung der aus objektiven Lebensbedingungen und subjektiven Bewertungen resultierenden Lebensqualität der Bevöl‐ kerung, • die seit 1980 in zweijährigem Turnus durchgeführte Allgemeine Bevöl‐ kerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS), mit repräsentati‐ 4.4 Einige Methoden der Sozialforschung 195 <?page no="196"?> ven Stichproben von (seit der Wiedervereinigung) netto 3.500 Befragten oder • der 1986 erstmals durchgeführte und vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) betreute Familiensurvey zum Wandel und zur Entwicklung fami‐ lialer Lebensformen (zuletzt 3. Welle 2000). e) Fragebogenkonstruktion Bei der Entscheidung für ein standardisiertes Befragungsverfahren wird die Konstruktion eines Fragebogens notwendig. Hierbei sind einige generelle Grundsätze zu beachten: • Die Fragen sollen im Hinblick auf den sachlichen Zweck des hypotheti‐ schen Hintergrunds möglichst einfach formuliert sein. Der Befragte soll sich also, was Begrifflichkeit, Wissensstand, Abstraktionsniveau und Erinnerungsvermögen betrifft, nicht überfordert fühlen. • Die Fragen sollen dementsprechend eindeutig sein und präzise das erfassen, was abgefragt bzw. gemessen werden soll. • Schließlich dürfen Fragen nicht suggestiv sein, d. h. sie sollten so neutral wie möglich abgefasst werden. Neben der bereits oben genannten Möglichkeit, Fragen offen oder geschlos‐ sen zu formulieren, können noch direkte oder indirekte Frageformen un‐ terschieden werden. Gerade bei sensiblen und heiklen Themen werden indirekte Fragen bevorzugt, indem z. B. eine kleine Geschichte erzählt wird, zu der dann seitens des Befragten projektiv Stellung bezogen werden kann. Weitere zu beachtende Besonderheiten bei der Fragebogenkonstruktion sind auch • die Formulierung der Einleitungsfrage als »Eisbrecher«, • geschickte Übergangsfragen zur Erleichterung eines Themenwechsels, • Ablenkungs- und Pufferfragen zur Verhinderung unerwünschter Aus‐ strahlungseffekte bereits angesprochener Themen, • Filterfragen zur Ausscheidung bestimmter, für den Befragten irrelevan‐ ter Fragen oder Fragengruppen oder • Kontrollfragen zur Aufdeckung von Widersprüchen bzw. zur Prüfung der Aufrichtigkeit der Antworten. 196 4 Soziologisches Messen und Prüfen <?page no="197"?> Zu Einzelheiten der anwendungsorientierten Gestaltung solcher methodo‐ logischer »Raffinessen« wird auch hier auf die nachfolgende Literaturemp‐ fehlung verwiesen. Im Gegensatz zu einer bei fachfremden Anwendern weit verbreiteten Ansicht ist der Aufbau eines brauchbaren Fragebogens und der sachgemäße Umgang mit den erhobenen Daten ohne beratende Unterstützung durch so‐ zialwissenschaftliche Experten eine recht schwierige, oft unlösbare Aufgabe. Die tatsächlichen Konstruktionsprobleme und Auswertungsfragen sind so vielseitig, dass sich inzwischen eine professionelle Methodenlehre des Inter‐ views entwickelt hat, die ein System von Regeln bereitstellt, Fehlerquellen so weit wie möglich auszuschalten und den Forschungsprozess transparent und kontrollierbar zu-machen. Typische Probleme und Fehlerquellen ergeben sich vor allem daraus, dass die Befragung ein kommunikativer Prozess in einer nicht alltäglichen Situation ist, der je nach Gegenstand der Befragung und der kommunikati‐ ven bzw. interaktiven Relation zwischen Interviewer und befragter Person beeinflusst werden kann. Das heißt mit anderen Worten, dass sich die erhobenen Daten erst als Reaktion auf die Fragen des Forschers ergeben (reaktive Methode). Dazu gibt es z. B. folgende aufschlussreiche Anekdote (zit. n. Porst 2014, 14): »Zwei Priester, ein Dominikaner und ein Jesuit, streiten darüber, ob es Sünde sei, gleichzeitig zu rauchen und zu beten. Weil sie sich nicht einig werden können, beschließen sie, ihren jeweiligen Prior zu fragen. Ein paar Tage später treffen sie sich wieder. Der Dominikaner fragt: ›Na, was hat Dein Prior gesagt? ‹ Der Jesuit antwortet: ›Er sagt, das sei schon in Ordnung, es sei keine Sünde, beides gleichzeitig zu tun.‹ ›Das ist ja lustig‹, antwortet der Dominikaner. ›Mein Prior sagt, gleichzeitig rauchen und beten sei natürlich eine Sünde.‹ Der Jesuit: ›Was hast Du ihn denn gefragt? ‹ Der Dominikaner antwortet: ›Ich fragte meinen Prior, ob man beim Beten rauchen darf.‹ ›Nun‹, sagt der Jesuit, ›meinen Prior habe ich gefragt, ob man beim Rauchen beten darf‹.« Eine kritische Distanz des Forschers gegenüber den Datenerhebungs- und Auswertungsverfahren ist deshalb bei der Interpretation und Verwertung der Befunde unabdingbare Voraussetzung, da sonst die Möglichkeit besteht, 4.4 Einige Methoden der Sozialforschung 197 <?page no="198"?> dass artifizielle, in der sozialen Wirklichkeit nicht vorhandene, jedoch durch Erhebungs- und Auswertungsfehler produzierte Befunde für Abbildungen der faktischen gesellschaftlichen Realität gehalten werden. Gerade weil Befragungsergebnisse, z. B. in der Sozialberichterstattung, immer stärker auch als Argumentations- und Entscheidungshilfen in Politik, Verwaltung, Planung sowie in den Medien herangezogen werden, muss sich jeder, der in irgendeiner Form damit konfrontiert wird, vergegenwärtigen, dass solche Befunde immer nur vor dem jeweiligen Hintergrund ihrer seriös offen zu legenden Methodendiskussion und konkreten Erhebungs- und Auswertungsprobleme beurteilt werden können. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Peter Atteslander (2010): Methoden der empirischen Sozialforschung. (Kap. 4 »Befragung«, S. 109-170). 13. Aufl. ESV: Berlin. Hans-Bernd Brosius, Alexander Haas & Friederike Koschel (2016): Methoden der empirischen Kommunikationsforschung. Eine Einführung. (Zur Befra‐ gung S.-83-136). 7. Aufl. Springer VS: Wiesbaden. Andreas Diekmann (2023): Empirische Sozialforschung. Grundlagen, Metho‐ den, Anwendungen. (Darin Abschnitt X. »Befragung«). 19. Aufl. Rowohlt: Reinbek. Sabine Kirchhoff, Sonja Kuhnt, Peter Lipp &-Siegfried Schlawin (2010): Der Fragebogen. Datenbasis, Konstruktion und Auswertung. (bes. Kap. 10 »Vor‐ sicht Falle: Gesammelte Tipps«, S. 113 ff.). 5. Aufl. VS: Wiesbaden. Elisabeth Noelle-Neumann &-Thomas Petersen (2005): Alle, nicht jeder. Ein‐ führung in die Methoden der Demoskopie. (Darin vor allem Kap. I »Das demoskopische Interview«, S. 59-92, Kap. II »Der Fragebogen«, S. 93-207 und »Nachwort: Wie erkennt man Qualität in der Umfrageforschung? «, S. 612-618). 4. Aufl. Springer: Berlin, Heidelberg. Rolf Porst (2014): Fragebogen. Ein Arbeitsbuch. (vor allem Kap. 1 »Einleitung«, (S.-11-19). 4. Aufl. VS: Wiesbaden. Elisabeth Steiner & Michael Benesch (2021): Der Fragebogen. Von der For‐ schungsidee zur SPSS-Anwendung. (Darin Kap. 4 »Datenerhebung: Die schriftliche Befragung «, S.-43-65). 6. Aufl. facultas: Wien. Rainer Schnell, Paul B. Hill &-Elke Esser (2023): Methoden der empirischen Sozialforschung. (Kap. 7.1 »Befragung«, S.-295-357). 12. Aufl. de Gruyter: Berlin. 198 4 Soziologisches Messen und Prüfen <?page no="199"?> 4.4.3 Sekundäranalyse Bei der Sekundär- oder auch Reanalyse (secondary analysis) handelt es sich um eine sozialwissenschaftlich weit verbreitete Methode, die bereits von an‐ deren Forschern oder Institutionen erhobenen, meist quantifizierten Daten oder Datensammlungen (Primärdaten) für eigene neue Fragestellungen zu nutzen. Im Grunde genommen handelt es sich bei jeder am Schreibtisch pro‐ duzierten Forschung um eine Sekundäranalyse, wenn bereits publizierte Er‐ gebnisse oder sonstwie über Forschungsinfrastrukturen zugängliche Daten für eigene Fragestellungen (kostengünstig) aggregiert und neu ausgewertet werden. Hierbei kann es sich um die amtliche Statistik handeln, wie dem Datenpool von GENESIS (= »Gemeinsames Neues Statistisches Informations‐ system« des Statistischen Bundesamtes und der Statistischen Landesämter), um in öffentlichen Verwaltungen anfallende prozessproduzierte Datensätze (z. B. Immatrikulationen und Exmatrikulationen bei den Studierendensekre‐ tariaten von Hochschulen und Universitäten, Beantragung von Personal‐ ausweisen und Reisepässen bei kommunalen Bürgerbüros oder Passämtern) oder auch um nichtamtliche Datensätze abgeschlossener Umfragen oder empirischer Untersuchungen, die in entsprechenden Datenpools wie dem in Mannheim und Köln angesiedelten Leibniz Institut für Sozialwissenschaften GESIS (mit Forschungsdaten- und Kompetenzzentren wie »ALLBUS«, »In‐ ternationale Umfragen«, »Wahlstudien«, »Eurobarometer« u.v.a.) als eine Art kollektiver Besitz der wissenschaftlichen Öffentlichkeit zur Neuaufbe‐ reitung von Daten früher oder später zur Verfügung stehen. Besonders im Bereich international vergleichender Forschung hat dabei die quantita‐ tive Sekundäranalyse zur Überprüfung und Kumulierung von Ergebnissen in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen. Dagegen erscheint die analytische Weiternutzung qualitativ (z. B. durch biografische Interviews) gewonnener Daten aufgrund von Validitätsproblemen sowie datenschutz‐ rechtlicher und forschungsethischer Fragen mit manchen Einschränkungen und Schwierigkeiten verbunden. Da das jeweilige Datenmaterial von den Untersuchungszielen der Pri‐ märerhebungen abhängig ist, sind eigenständigen Problemformulierungen und Fragestellungen unter einem neuen theoretischen Bezugssystem bei diesem Vorgehen allerdings inhaltliche und methodische Grenzen gesetzt. Der Vorteil der Sekundäranalyse besteht jedoch in der Ersparnis von Zeit und Kosten, die für die Primärerhebung und deren Aufbereitung des Daten‐ materials angefallen sind. 4.4 Einige Methoden der Sozialforschung 199 <?page no="200"?> Bewährt haben sich Sekundäranalysen von Umfragen auch beim Design sogenannter Replikationsstudien, bei denen gleiche Fragen mit nominell gleichen Grundgesamtheiten zu verschiedenen Zeitpunkten wiederholt werden. Dies lässt dann die Abbildung von Zeitreihen zu, mittels derer bei‐ spielsweise die Gültigkeit und Stabilität oder der soziale Wandel von Werteinstellungen oder Wahlpräferenzen bei bestimmten Bevölkerungsgruppen geprüft und beschrieben werden kann. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Werner Beutelmeyer &-Gabriele Kaplitza (1999): Sekundäranalyse. In Erwin Roth & Heinz Holling (Hrsg.), Sozialwissenschaftliche Methoden, S. 293-308. 5. Aufl. Oldenbourg: München, Wien. Nicola Döring & Jürgen Bortz (2023): Forschungsmethoden und Evaluation in den Sozial- und Humanwissenschaften. 6. Aufl. Springer: Berlin. Irena Medjedovic (2014): Qualitative Sekundäranalyse. Zum Potenzial einer neuen Forschungsstrategie in der empirischen Sozialforschung. (Darin »Se‐ kundäranalyse als Forschungsstrategie«, S. 19-26). Springer VS: Wiesbaden. Rolf Porst (2000): Praxis der Umfrageforschung. Erhebung und Auswertung sozialwissenschaftlicher Umfragedaten. (Darin S. 130-153). 2. Aufl. Teubner: Stuttgart. Caroline Richter & Katharina Mojescik (Hrsg.) (2021): Qualitative Sekundär‐ analysen. Daten der Sozialforschung aufbereiten und nachnutzen. (Darin »Einleitung«, S.-1-16). Springer VS: Wiesbaden. 4.4.4 Inhaltsanalyse Eine der Beobachtung verwandte, allerdings vergleichsweise seltener ange‐ wandte Methode der Sozialforschung ist die Inhaltsanalyse (content analy‐ sis) - auch Text- oder Dokumentenanalyse genannt. Sie geht davon aus, dass Kommunikationen schriftlicher, mündlicher oder auch visueller Art wichtige soziale Funktionen haben und dass die in manifest gewordenen Kommunikationen übermittelten Symbole Indikatoren für Einstellungen, Meinungen, Werthaltungen, Tendenzen und Wirkungsabsichten, für Vorur‐ teile oder andere nicht unmittelbar feststellbare Eigenschaften des jeweili‐ gen Autors darstellen. Im Mittelpunkt der Inhaltsanalyse steht die von einem ihrer Begründer, dem amerikanischen Politologen und Kommunikationsforscher Harold D. 200 4 Soziologisches Messen und Prüfen <?page no="201"?> Laswell (1902-1978), formulierte Frage: »Wer teilt wem, was, wie, mit welcher Absicht und mit welcher Wirkung mit? « Da Träger dieser Inhalte die verschiedensten Medien und Formate sein können, zählen zu den Unter‐ suchungsobjekten der Inhaltsanalyse beispielsweise Gesprächsprotokolle, Verträge, Reden, archivierte Korrespondenz, Tagebücher und Autobiogra‐ fien, bestimmte Zeitungsartikel oder ganze Jahrgänge von Zeitungen oder Zeitschriften, Plakate oder Annoncen, Prospekte und Rundbriefe aller Art, bestimmte Funk- oder Fernsehsendungen aber auch Schlagertexte oder Graffiti auf Häuserwänden, subkulturelle Sprüche oder Autoaufkleber, In‐ ternetblogs oder Social-Media-Foren usw. David McClelland (1917-1998) hat beispielsweise in einer inzwischen zu den klassischen Inhaltsanalysen zählenden Studie versucht, anhand einer interkulturell vergleichenden Inhaltsanalyse von Volksmärchen und Kin‐ dergeschichten einen Zusammenhang zwischen Leistungsmotivation und wirtschaftlicher Entwicklung eines Landes nachzuweisen (The Achieving Society, 1961; dt. Die Leistungsgesellschaft, 1966). Insofern wird deutlich, dass die Inhaltsanalyse methodisch einen recht breiten Anwendungsbereich bietet. Auch ist ihre geläufige Bezeichnung nicht ganz korrekt, da auch formale Merkmale von Mitteilungen wie Umfang, Stil oder Gestaltung untersucht werden. Man bedient sich ihrer zur quantitativen Beschreibung der Inhalte und auch der Formen bzw. zur systematischen qualitativen Analyse der sozialen Bedeutung und Wirkungen von bereits vorhandenen Mitteilungen oder eigens zum Untersuchungszweck erstellten Texte (z. B. Schulaufsätze). Anwendungsbereiche sind Forschungen nicht nur in der Soziologie und Sozialpsychologie, sondern in interdisziplinärer Erweiterung beispielsweise auch in der Literatur- und Kunstwissenschaft, Erziehungswissenschaft, Politikwissenschaft und Geschichte, ja selbst in der Kriminalistik z. B. bei der Klärung der Urheberschaft anonymer Texte oder Videobotschaften terroristischer Gruppen anhand von Mustervergleichen; in der Medien- und Kommunikationsforschung ist sie zu einer der wichtigsten Untersuchungs‐ methoden überhaupt avanciert, zumal mit fortschreitender Mediatisierung der Gesellschaften Informationen aus allen Lebensbereichen meist schon in digitaler Form via Internet verfügbar sind und sich damit auch compu‐ tergestützten Auswertungsmodulen ganz neue technische Möglichkeiten eröffnen. In der Anwendung dieses Verfahrens muss in der Regel zu jedem For‐ schungsproblem eine spezielle methodische Variante entwickelt werden. 4.4 Einige Methoden der Sozialforschung 201 <?page no="202"?> Dabei werden zunächst mit dem Ziel, die vorhandene Komplexität des Untersuchungsmaterials zu reduzieren, objektiv vorgefundene und feststell‐ bare Eigenschaften von Kommunikationsinhalten, wie die Art und Häufig‐ keit von übermittelten Symbolen (manifester Inhalt), aufgrund theoretischer Überlegungen als Indikatoren formalisiert und entsprechend kodiert. Über die den Indikatoren zugrunde liegenden problemorientierten Hypothesen wiederum lassen sich anhand der Messwerte nicht nur Schlüsse ziehen im Hinblick auf Einstellungen und Wertsysteme von Autoren bzw. Sender, sondern auch in Bezug auf Wirkungen bei Zielgruppen bzw. Empfängern (latenter Inhalt). Analyseeinheiten sind in der Regel bestimmte Wörter (key words), Sym‐ bole, Schlagzeilen usw., deren Auftreten und Häufigkeit, Umfang und Inten‐ sität gemessen wird. Hierzu ein Beispiel aus der Praxis der Sozialforschung: »Mit einer Mutter wurde ein Interview über ihr Erziehungsverhalten durchge‐ führt. Die Auswertung der Tonbandabschrift orientierte sich an Dimensionen des Erziehungsverhaltens aus der Erziehungsstilforschung. Jede dieser Dimensionen wurde in Kategorien zerlegt. Schlüsselbegriffe, Beispiele, Prinzipien etc. aus den zu untersuchenden Satzeinheiten des Interviews wurden den Kategorien zugeordnet. Aus dem relativen Vergleich der Kategorienhäufigkeiten zueinander wurde eine vorherrschende Einstellungsdimension zum Erziehungsverhalten erschlossen. Die Gültigkeit des Schlusses kann durch eine kommunikative Va‐ lidierung überprüft werden, indem man entweder den Interviewpartner zum Ergebnis der Analyse Stellung nehmen lässt oder dessen Einstellung mit dem tatsächlichen Verhalten konfrontiert (Handlungsvalidierung)« (Krapp, Hofer &-Prell 1982, 69). Da dem Forscher in der Regel nur der konservierte Teil eines Kommuni‐ kationsprozesses vorliegt, sind Möglichkeiten zur »kommunikativen Vali‐ dierung« wie in diesem Beispiel eher die Ausnahme. Insofern entstehen häufig praktische Probleme hinsichtlich der Herstellung des Kontextbezugs bzw. der situativen Bedeutungsrekonstruktion des Untersuchungsmaterials. So ist beispielsweise für die Wortfolge »Frische Brise aus dem Osten« nicht nur entscheidend, ob sie im Rahmen eines Wetterberichts, politischer Nachrichten, eines Wirtschaftsreports oder einer Sportreportage steht, sondern auch in welchem tagesaktuellen bzw. zeitgeschichtlichen Zusam‐ menhang, in welchem Medium und möglicherweise auch von welchem Autor bzw. Sender sie benutzt wurde. Da darüber hinaus das grundlegende Textmaterial sehr oft recht umfangreich ist, ergeben sich weitere Probleme 202 4 Soziologisches Messen und Prüfen <?page no="203"?> hinsichtlich der Repräsentativität der Textauswahl (Stichprobenproblem). Ebenso können Fragen in Bezug auf die Zuverlässigkeit auftauchen, da bei der Einordnung der Einheiten in Kategorien die Interpretationsmaßstäbe der Untersucher sowohl untereinander wie auch im Zeitverlauf variieren können. Die Einhaltungen von Kodierregeln müssen daher vorab durch entsprechende Prüfungen (Pretests) der Intrakoder-Reliabiltät (gleiches Er‐ gebnis bei identischem Kodierer in verschiedenen Kodierphasen) bzw. der Interkoder-Reliabilität (gleiches Ergebnis von verschiedenen Kodierern bei identischem Untersuchungsmaterial) empirisch sichergestellt werden. Durch die Anwendung statistischer Methoden, insbesondere auch durch die Entwicklung maschinenlesbarer Kategoriensysteme für bestimmte The‐ menbereiche bzw. computergestützter Verfahren der Textkodierung und Textanalyse scheint das Problem der Textmasse heute weitgehend gelöst zu sein; allerdings wird bei diesen automatisierten Verfahren weniger das Problem der Reliabilität als das der Validität diskutiert. Insgesamt jedoch gilt als überragender Vorzug der Inhaltsanalyse, dass ihre Messungen beliebig oft wiederholt werden können und deshalb sub‐ jektive Untersuchungsfehler intersubjektiv relativ einfach überprüf- und korrigierbar sind. Drei Ansätze bzw. Anwendungsbereiche können hierbei unterschieden werden: • ein primär formal deskriptiver Ansatz, der sich vor allem auf äußere Merkmale des Untersuchungsmaterials bezieht, • ein eher diagnostischer Ansatz, mit dem versucht wird, aus dem Material Schlüsse (»Inferenzen«) über dessen Entstehungsbedingungen bzw. Motive zu ziehen sowie darüber hinaus • ein prognostischer Ansatz, mittels dessen man anhand des Materials Aus‐ sagen über dessen Wirkung auf potenzielle Adressaten bzw. Rezipienten zu formulieren versucht. Während bei den Forschungsmethoden der Beobachtung (4.4.1) und Befra‐ gung (4.4.2) das Problem des Einflusses des Beobachters oder des Intervie‐ wers auf die Untersuchungsperson nie vollständig gelöst werden kann, lässt die Inhaltsanalyse im Forschungsprozess dagegen keine derartigen Veränderungen zu, so dass man dieses Verfahren auch zu den sogenannten nicht-reaktiven Methoden zählt. Besondere Schwierigkeiten ergeben sich bei der Inhaltsanalyse indessen nach wie vor aus dem Problem, ganz bestimmte qualitative Elemente des Textverständnisses wie zum Beispiel eine feine 4.4 Einige Methoden der Sozialforschung 203 <?page no="204"?> Ironisierung oder eine subjektiv verfremdete Redeweise analytisch zu erfas‐ sen und intersubjektiv überprüfbar zu machen. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Andreas Diekmann (2023): Empirische Sozialforschung. Grundlagen, Metho‐ den, Anwendungen. (Darin Abschnitt XII. »Inhaltsanalyse«). 19. Aufl. Ro‐ wohlt: Reinbek. Werner Früh (2017): Inhaltsanalyse. Theorie und Praxis. (Darin Kap. 2 »Die Inhaltsanalyse als empirische Methode«, S.-29-69). 9. Aufl. UVK: Konstanz. Udo Kuckartz & Stefan Rädiker (2024): Qualitative Inhaltsanalyse. Methoden, Praxis, Umsetzung mit Software und künstlicher Intelligenz. 6. Aufl. Beltz Juventa: Weinheim. Philipp Mayring (2022): Qualitative Inhaltsanalyse. Grundlagen und Techniken. (Darin Kap. 1 »Einleitung«, S. 9-10). 13. Aufl. Beltz: Weinheim, Basel. Patrick Rössler (2017): Inhaltsanalyse. (Kap.-1 »Wozu quantitative, standardi‐ sierte Inhaltsanalysen? «, S. 13-26). 3. Aufl. UVK: Konstanz. Alphons Silbermann (1967): Systematische Inhaltsanalyse. In René König (Hrsg.), Handbuch der empirischen Sozialforschung, Band-1, S. 570-600. Enke: Stuttgart. 4.4.5 Biografische Methode Die biografische Methode will die soziale Wirklichkeit des Alltags durch eine Analyse lebensgeschichtlichen Materials von Individuen und der darin eingeschlossenen Bewertungen, Meinungen, Einstellungen und Ereignisse rekonstruieren. Diese, bereits von den Klassikern der sog. »Chicagoer Schule der Soziologie« wie William I. Thomas (1863-1947) und Florian Znaniecki (1882-1958) Anfang der 1920er-Jahre benutzte qualitative Methode, nach der sich objektive gesellschaftliche Bedingungen in subjektiven Bewusst‐ seinsphänomenen spiegeln, hatte bis in die 70er-Jahre des letzten Jahrhun‐ derts lediglich den Status eines Material gewinnenden und Hypothesen generierenden Hilfsinstruments. Sie befand sich damals noch im Schatten einer stark expandierenden quantitativen Sozialforschung sowie des damals dominierenden Theorieansatzes des Strukturfunktionalismus, bei dem ja das soziale System und weniger das handelnde Individuum im Mittelpunkt steht. Insbesondere dann in Reaktion auf diese makrosoziologischen, system‐ theoretischen und quantitativen Forschungsansätze sowie als Folge der 204 4 Soziologisches Messen und Prüfen <?page no="205"?> Renaissance einer phänomenologisch orientierten Soziologie und der Ver‐ breitung des aus der Chicagoer Schule hervorgegangenen Symbolischen Interaktionismus’ entwickelte sich während der 1980er-Jahre die Lebens‐ verlaufsforschung als ein eigenständiges, aber gleichfalls interdisziplinär orientiertes Forschungsfeld mit der biografischen Methode als zentraler Analysetechnik. Mit diesem Paradigmenwechsel standen jetzt die sozial Handelnden als Akteure in ihrem Alltag und ihrer Lebenswelt im Fokus soziologischer Betrachtungen. Untersucht wurden seither verstärkt auffällige Lebensver‐ läufe (z. B. in der Devianzforschung) sowie auch einzelne unauffällige, aber als exemplarisch geltende Lebensgeschichten. Da etwa zeitgleich mit der zunehmenden gesellschaftlichen Modernisierung und Differenzierung sowie der damit einhergehenden Pluralisierung und Individualisierung von Lebenswelten sich bisherige »Normalbiografien« auflösen und den Einzel‐ nen die Aufgabe zufällt, ihren Lebenslauf in eigener Regie selbst zu gestalten (»Bastelbiografie«) und damit individuelle Antworten auf sehr komplexe und widersprüchliche Alltagskonfigurationen zu finden, werden die mit der selbst konstruierten biografischen Identität verbundenen sozialen Pro‐ zesse auch zu einem spannenden sozialwissenschaftlichen Forschungsfeld. Thematisiert werden hier beispielsweise das Individuum im Schnittpunkt di‐ vergierender Rollenanforderungen und normativer Leitbilder oder im Kon‐ fliktfeld zwischen institutioneller Steuerung und individueller Handlungs‐ strategie. Dabei stehen vor allem auch die verschiedenen Statuspassagen im Lebensverlauf mit ihren Sinnkrisen, teilweise auch riskanten Übergängen, Brüchen und rapiden Wechseln im Zentrum der Biografieforschung. Als Material dieses Prototyps einer qualitativen Methode gelten einer‐ seits geschriebene Lebensläufe und Memoiren oder archivierte Briefe und Tagebücher, die dann insbesondere inhaltsanalytisch ausgewertet werden. Andererseits werden in den letzten Jahren hierzu ergänzend oder alternativ auch narrative Interviews und/ oder offene Leitfadenbzw. Tiefeninterviews eingesetzt, bei denen das Erzählen von Lebensgeschichten und bestimmten lebensgeschichtlichen Ereignissen (oral history) gleichfalls als sinnvoller und ertragreicher Modus der Material- und Datengewinnung gilt. Von der Forschungssystematik her gilt die biografische Methode als qualitative Einzelfallforschung. Der Vorteil dieses Verfahrens liegt in seiner relativ einfachen Praktikabilität; kritisch sind dagegen die durch nachträg‐ liche Rationalisierungen der Probanden möglichen Modifikationen oder Verzerrungen autobiografischer Realität. Zwar lässt sich der menschlichen 4.4 Einige Methoden der Sozialforschung 205 <?page no="206"?> Fähigkeit, die eigene Biografie infolge sich im Lebensverlauf ständig ver‐ ändernder Bezugspunkte und Reflexionen »sinnhaft« zu (re)konstruieren, nicht grundsätzlich Irrtümlichkeit anlasten. Doch ist hermeneutisch nicht bestimmbar, wann frühere Ereignisse an späteren relativiert oder unan‐ genehme Einsichten etwa im Sinne der Reduktion kognitiver Dissonanz durch angenehmere ersetzt werden. Wenngleich die Art und Weise der subjektiven Verarbeitung sozialer Wirklichkeit für sozialwissenschaftliche Fragestellungen von grundlegender Relevanz ist, wird die Bewertung der Leistungsfähigkeit der biografischen Methode hinsichtlich der Rekonstruk‐ tion latenter Sinnstrukturen bei sozialexemplarischen Lebensverläufen noch kontrovers diskutiert. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Heinz Bude (1984): Rekonstruktion von Lebenskonstruktionen. Eine Antwort auf die Frage, was die Biographieforschung bringt. In Martin Kohli & Günther Robert (Hrsg.), Biographie und soziale Wirklichkeit. Neue Beiträge und Forschungsperspektiven, S. 7-28. Metzler: Stuttgart. Werner Fuchs-Heinritz (2009): Biographische Forschung. Eine Einführung in Praxis und Methoden. (Kap. II »Geschichte, Forschungsziele, Kontroversen«, S. 85-213). 4. Aufl. VS: Wiesbaden. Karl Ulrich Mayer (Hrsg.) (1990): Lebensverläufe und sozialer Wandel. (=-Son‐ derheft 31 der Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie). Westdt. Verlag: Opladen. Reinhold Sackmann (2013): Lebenslaufanalyse und Biografieforschung. Eine Einführung. (Kap. 4 »Methoden der Lebenslaufanalyse und Biografiefor‐ schung«, S. 67-88). 2. Aufl. VS: Wiesbaden. Hans-Georg Soeffner (2015): Sozialwissenschaftliche Hermenetik. In Uwe Flick, Ernst v. Kardorff & Ines Steinke (Hrsg.), Qualitative Forschung. Ein Hand‐ buch, S.-164-174. 11. Aufl. Rowohlt: Reinbek. 4.4.6 Experiment Nach dem Vorbild der klassischen Naturwissenschaften gilt das wissen‐ schaftliche Experiment in den Sozialwissenschaften als reaktivste Form und gleichzeitig sicherstes Verfahren zur Feststellung von Kausalbeziehungen bestimmter Sachverhalte im Bereich sozialer Phänomene. 206 4 Soziologisches Messen und Prüfen <?page no="207"?> Grundlagen der Kausalbeziehungen sind Hypothesen über Sachverhalte, die in theoretischen Konstrukten ihren Ausdruck finden. Die »Überset‐ zung« dieser theoretischen Konstrukte eines Ursache-Wirkungs-Prinzips in adäquate Messvariablen wird »Operationalisierung« genannt. Gemäß eines vorher erstellten Versuchsplans wird mindestens eine unabhängige Variable (UV) planmäßig und unter kontrollierten Bedingungen variiert. Dabei werden die Effekte dieser Veränderungen bei einer abhängigen Va‐ riablen (AV) beobachtet und gemessen. So kann man z. B. den Einfluss verschiedener Unterrichtsmethoden oder die Wirkungen unterschiedlicher Lehrmaterialien (=UV) auf den Lernerfolg der Schüler (=AV) experimentell untersuchen. Dabei vergleicht man zwei Gruppen von Versuchspersonen: die Experimentalgruppe (die einen definierten Stimulus erhält) mit der Kontrollgruppe (ohne diesen Stimulus). Bis auf die Variation der UV müssen Kontroll- und Experimentalgruppe in ihren sonstigen Merkmalen idealer‐ weise übereinstimmen (vgl. Brosius et al. 2016, 223 ff.). Andere Faktoren, die die AV beeinflussen könnten - wie beispielsweise Alter, Geschlecht, Herkunft, Intelligenz oder Motivation - müssen entweder durch planvolle situative Bedingungen konstant oder mittels späterer mathematisch-statis‐ tischer Analyseverfahren herausgefiltert werden. Als wesentliche Kennzeichen des Experiments gelten die Planbarkeit (Kontrolle), die Wiederholbarkeit (Replikation) und die Variierbarkeit (»Ma‐ nipulation«), - Kriterien, die allerdings in der empirischen Sozialforschung oft schwer oder überhaupt nicht erfüllbar sind, da sich im sozialen Bereich künstliche bzw. isolierte, d. h. labormäßige Experimentalsituationen nur sehr bedingt herstellen lassen. Nicht zuletzt aus diesem Grund erfolgen sozialwissenschaftliche Experimente häufiger unter weitgehender Belas‐ sung der natürlichen Umwelt (Feldexperiment). Bei diesen so genannten Ex-post-facto-Experimenten ist aufgrund natürlicher sozialer Prozesse die Situationsänderung durch die vermutete Ursache bereits eingetreten. So kann beispielsweise die Sympathiekurve für die XYZ-Partei (abhängige Variable) während verschiedener Phasen eines Wahlkampfs anhand von Interviews oder auch nachträglichen Aktenstudien bzw. Inhaltsanalysen aus bestimmten Tagesereignissen, veränderten Wahlspots, der Teilnahme des Spitzenkandidaten an einer Fernsehdiskussion oder Ähnlichem, d. h. aus Veränderungen der unabhängigen Variablen, kausal erklärt werden. Mit anderen Worten: Die Rekonstruktion der unabhängigen Variablen hinsichtlich ihrer variierenden Rückwirkungen auf die abhängige Variable erfolgt in der Regel erst im Nachhinein. 4.4 Einige Methoden der Sozialforschung 207 <?page no="208"?> Während Laborexperimente in der Regel im Hinblick auf die untersuchte Situation ein hohes Maß an interner Gültigkeit beanspruchen können, haben Feldexperimente in natürlichen Situationen den Vorteil höherer externer Gültigkeit, da deren Ergebnisse eher verallgemeinernde Aussagen hinsicht‐ lich realer sozialer Verhältnisse und Zusammenhänge zulassen. Andererseits ist neuerdings gegen diese klassischen experimentellen Verfahrensweisen eingewandt worden, dass sich die meisten konkreten sozialen Phänomene weniger als Ursache-Wirkungs-Folge, sondern eher als systemische Ver‐ netzungen erfassen lassen, - ein anspruchsvolles neues experimentelles Forschungsprogramm, das bislang allerdings erst auf der Modellebene über Computer-Simulation realisiert werden konnte. Darüber hinaus stößt diese Methode aufgrund ihrer starken sozialen Eingriffsmöglichkeiten auf Indivi‐ duen und Gruppen besonders rasch an forschungsethische und rechtliche Grenzen. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Nina Baur &-Jörg Blasius (Hrsg.) (2022): Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung. (Darin Jürgen Friedrichs, »Forschungsethik«, S.-349-358). 3. Aufl. Springer VS: Wiesbaden. Hans-Bernd Brosius, Alexander Haas & Friederike Koschel (2016): Methoden der empirischen Kommunikationsforschung. Eine Einführung. (Dort zum Experiment S.-217-256). 7. Aufl. Springer VS: Wiesbaden. Marc Keuschnigg & Tobias Wolbring (Hrsg.) (2015): Experimente in den Sozi‐ alwissenschaften. Nomos: Baden-Baden. Helmut Kromrey, Jochen Roose & Jörg Strübing (2016): Empirische Sozialfor‐ schung. Modelle und Methoden der standardisierten Datenerhebung und Datenauswertung mit Annotationen aus qualitativ-interpretativer Perspek‐ tive. (Darin »Experiment und Quasi-Experimemt«, S. 85-91). 13.  Aufl. UVK: Konstanz, München. 4.4.7 Aktionsforschung Die Aktions- oder auch Handlungsforschung (action research) geht in ihrer theoretischen Orientierung auf die amerikanische Human-Relations-Bewe‐ gung innerhalb der Organisationssoziologie sowie auf gruppendynamische Überlegungen des Sozialpsychologen Kurt Lewin (1890-1947) vom Mas‐ sachusetts Institute of Technology zurück und konstituierte sich in den 208 4 Soziologisches Messen und Prüfen <?page no="209"?> 1970er- und 80er-Jahren in Deutschland unter dem Einfluss der Kritischen Theorie als ein vom damaligen Selbstverständnis her »innovatives« For‐ schungsprogramm in den Human- und Sozialwissenschaften. Ziel dieses Ansatzes war es vor allem bei Lewin, die Menschen und sozialen Gruppen, die üblicherweise der Wissenschaft als »Untersuchungsobjekte« dienen, nicht länger nur als bloße Informationsquellen von Forschung zu verstehen, sondern vielmehr als Subjekte (Individuen) zu begreifen, mit denen sich der Forscher gemeinsam auf den Weg der Erkenntnis und sozialen Problemlö‐ sung begibt. So sollte sich die jeweilige soziologische Erkenntnisgewinnung mit einer gleichzeitigen Verbesserung der untersuchten gesellschaftlichen Verhältnisse (z. B. Stadtteilsanierung, Abbau von Ausländerfeindlichkeit und Rassismus, Resozialisation von Straffälligen, aber auch Innovationen in Bildungsinstitutionen oder Einführung verbesserter Arbeitsbedingungen in Industriebetrieben) verbinden lassen. Der Idealfall für diese unmittelbare Verknüpfung von sozialwissen‐ schaftlicher Forschungsmethode und praktischer Sozialreform erschien in der Aufhebung der traditionellen empirischen Trennung von Forschungs‐ subjekt und -objekt durch die Herstellung eines kooperierenden wissen‐ schaftlich-sozialen, quasi »symmetrischen« Beziehungsgefüges zwischen Forschenden und Betroffenen. In bewusster Abkehr von empirischen For‐ schungsstandards wie »Objektivität« und »Neutralität« sollte sozialwissen‐ schaftliche Forschung jetzt vielmehr als »normativ« definiert und konkrete Projekte als »emanzipatorisch« und »politisch« begriffen werden. Die »For‐ scher« sollten gleichzeitig beobachtende wie aktiv handelnde Teilnehmer an den zu untersuchenden und zu verändernden sozialen Prozessen sein, wäh‐ rend parallel dazu die von dem Forschungsprogramm »Betroffenen« (z. B. die Slumbewohner) ihrerseits nicht nur als »Datenlieferanten«, sondern auch als »Subjekte« aktiv und kontinuierlich an der Planung, Durchfüh‐ rung und Auswertung der Forschungen beteiligt werden sollten. Die von Lewin empfundene »Entfremdung« von bisheriger Theorie und Praxis sollte so über symmetrische Kommunikationsstrukturen in den Beziehungen zwischen Forschern und Betroffenen aufgehoben werden. Im prozessorien‐ tierten Dialog zwischen Wissenschaftlern und Praxishandelnden wollte man damit (theoretisch unterstützt durch die sog, »Frankfurter Schule der Kritischen Theorie«) eine Art Einübung demokratischer Beteiligung für den politischen Alltag erreichen. So wurde beispielsweise vor allem in den 1960er bis 80er-Jahren im erziehungswissenschaftlichen Bereich Aktionsforschung betrieben. 4.4 Einige Methoden der Sozialforschung 209 <?page no="210"?> Sinnvoll erschien diese Methode zunächst vor allem dann, wenn be‐ stimmte soziale Probleme nur unter Mitwirkung der Betroffenen zu lösen erschienen oder waren. Irritationen und Schwierigkeiten entstanden in der Praxis allerdings dann dadurch, dass hier die professionell eingefor‐ derte »kritische Distanz« des Soziologen, die ja erst eine Intersubjektivität wissenschaftlicher Forschung ermöglicht, gewissermaßen programmatisch aufgekündigt wurde. Damit erschien das prinzipiell gegensätzliche Verhält‐ nis von anwendungsorientierter Soziologie und praktischer Sozialarbeit zum gemeinsamen Wirklichkeitsbereich »Soziale Probleme« entscheidend eingetrübt. Da das soziale Feld durch diese Forschungspraxis bewusst verändert wurde oder werden sollte, war auch wissenschaftstheoretisch eine Hypo‐ thesenprüfung mit dieser, seit den 1990er-Jahren eher selten eingesetzten interventionistischen Methode kaum mehr möglich. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Günter Endruweit (1981): Beratungsforschung in wissenschaftstheoretischer Sicht. In Heinz Jürgen Kaiser & Hans-Jürgen Seel (Hrsg.), Sozialwissenschaft als Dialog, S. 264-280. Beltz: Weinheim. Jürgen Friedrichs (1990): Methoden empirischer Sozialforschung. (»Aktionsfor‐ schung«, S. 370-375). 14. Aufl. Westdt. Verlag: Opladen. Fritz Haag, Helga Krüger &-Wiltrud Schwärzel (1986): Aktionsforschung. For‐ schungsstrategien, Forschungsfelder und Forschungspläne. 2. Aufl. Juventa: München. Kurt Lewin (1953): Die Lösung sozialer Konflikte. (Darin insbesondere den 1946 verfassten Aufsatz »Tat-Forschung und Minderheitenprobleme«, S. 278- 298). Christian Verlag: Bad Nauheim. 4.4.8 Soziometrie Unter der im Vergleich zur klassischen Aktionsforschung bekannteren soziologischen Forschungstechnik der Soziometrie versteht man ein sozialwis‐ senschaftliches Messverfahren zur quantitativen Erfassung und Darstellung bestimmter affektiver und/ oder funktionaler Aspekte zwischenmenschli‐ cher Beziehungen in einer Gruppe. Ursprünglich wurde dieses Konzept in den 1930er-Jahren in den USA von dem österreichischen Arzt und Psychi‐ ater Jacob L. Moreno (1892-1974) entwickelt, der es im Zusammenhang 210 4 Soziologisches Messen und Prüfen <?page no="211"?> mit den gleichfalls auf ihn zurückgehenden sozialtherapeutischen Formen des »Psychodramas« und »Soziodramas« einsetzte, - zwei Weiterentwick‐ lungen eines damals in der klassischen Psychotherapie weit verbreiteten »Stegreiftheaters« oder »Rollenspiels« zur Analyse der Beziehungen von Gruppenmitgliedern untereinander bzw. ihrer Abhängigkeiten von sozialen und kulturellen Normen. Inzwischen hat sich die vom ursprünglichen therapeutischen Kontext Morenos gelöste und in der Gruppendynamik eigenständig fortentwickelte Methode der Soziometrie überall dort analytisch bewährt, wo Spannungen zwischen formellen (z. B. durch die Arbeitsorganisation vorgeschrie‐ benen) und informellen (d. h. spontan und freiwillig daneben sich ent‐ wickelnden) Gruppenstrukturen und -beziehungen entstanden sind (vgl. Abschnitt 3.1.5.2). So findet die soziometrische Methode auch insbesondere in der Betriebssoziologie und in pädagogischen Bereichen Anwendung. Beispielsweise lassen sich mit diesem Diagnoseinstrument, das quantitative mit qualitativen Ansätzen verbindet in Werkstätten, Büros oder Schulklas‐ sen die Kanäle informeller Kommunikations- und Informationsprozesse abbilden und die Bedeutung damit korrespondierender Autoritätspositionen bzw. informeller Führungsstrukturen für das allgemeine Gruppenklima wie für die Leistung der Gruppe und einzelner Gruppenmitglieder erforschen. Moreno versteht dabei die »soziometrische Struktur« als ein Gebilde der »sozialen Atome« (d. h. der Individuen und ihrer Beziehungen zu anderen) und der »sozialen Moleküle« (d. h. der psycho-sozialen Verflechtungen), die er Netzwerke (»networks«) nennt. Mit Hilfe eines relativ einfach durchführbaren, sogenannten soziometri‐ schen Tests sollen über das, für Moreno soziologisch wie »politisch« zentrale Medium der Wahl (»choice«) die sozialen Wechselbeziehungen zwischen Gruppenmitgliedern über die Kriterien der Bevorzugung, Gleichgültigkeit und Ablehnung gemessen werden. Dies wird dadurch zu erreichen versucht, dass die Gruppenmitglieder hinsichtlich ihrer Interaktionspräferenzen oder faktischen Interaktionen meist schriftlich befragt werden, welche anderen Mitglieder der Gruppe sie am meisten mögen oder nicht mögen, als Partner in bestimmten Situationen (z. B. bei der Arbeit, in der Freizeit, im Urlaub) bevorzugen oder ablehnen würden oder mit wem sie üblicherweise inter‐ agieren und kommunizieren und mit wem nicht. Beim Psychodrama, der »Themenzentrierten Interaktion« (TZI) nach Ruth Cohn oder in Teamtrainings kann dies auch nonverbal erfolgen, indem die Gruppenmitglieder durch ihre räumliche Konstellation in einer bestimmten Situation (»Pro‐ 4.4 Einige Methoden der Sozialforschung 211 <?page no="212"?> xemik«) ihr Einvernehmen oder ihre Distanz auch graduell austauschen können. Es werden also Wahlakte aller Art erfragt, die sich teils undifferenziert manifestieren können oder auch schon direkt auf die affektive Dimension Beliebtheit/ Sympathie (»Wen würdest Du als besten Freund ansehen? «) oder auf die funktionale Ebene Leistungsfähigkeit/ Tüchtigkeit (»Mit wem möchtest Du bei dieser Aufgabe am liebsten zusammenarbeiten? «) der Gruppe beziehen. Vielfach werden auch durch entsprechende Fragen nach den mutmaßlichen Ergebnissen des soziometrischen Tests, bezogen auf die eigene Person, die beziehungsmäßigen Erwartungshaltungen der Grup‐ penmitglieder miterhoben (»Was glaubst Du, wie oft Du selbst in diesem Zusammenhang genannt wirst? «). Aus Gründen der Auswertbarkeit bzw. Übersichtlichkeit wird bei soziometrischen Tests die Anzahl der Wahlmöglichkeiten häufig begrenzt, wo‐ durch allerdings dann auch keine zuverlässigen Aussagen mehr über das ganze »emotionale Ausdehnungsvermögen« bzw. den Grad der »sozialen Expansion« (Moreno) der Gruppenmitglieder ermöglicht werden. So könnte es beispielsweise analytisch durchaus aufschlussreich sein, wenn eine Per‐ son nur einer einzigen anderen Person in ihrer Gruppe mit Sympathie begegnet, gleichzeitig aber zehn andere Gruppenmitglieder ablehnt. Die Häufigkeit, mit der einzelne Gruppenmitglieder »positive Wahlen« (+) oder »negative Wahlen« bzw. Ablehnungen (-) auf sich vereinigen, wird zunächst tabellarisch in eine Soziomatrix übertragen. Tabelle 2 zeigt hierzu beispielsweise die Soziomatrix einer Jugendgruppe, bei der die Anzahl der Wahlmöglichkeiten nicht begrenzt war. 212 4 Soziologisches Messen und Prüfen <?page no="213"?> Gewählte Anzahl der abgegebe‐ nen Wahlen - - 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 + - Ges. Wählende 1 / + + + + - - - - - - - - 4 2 6 2 + / + - + - - - - - - - - 3 1 4 3 + + / - - - - - - - - - - 2 1 3 4 + - + / - - - - - - - - - 2 1 3 5 + - - + / - - - - - - - - 2 0 2 6 + - - - + / - - - - - - - 2 1 3 7 - - - - - - / + + - - - - 2 2 4 8 - - - - - - + / + - - - - 2 0 2 9 - - - - - - - - / - - - - 0 3 3 10 - - - + - - + - - / - - - 2 1 3 11 - - - - - - + + - - / - - 2 0 2 12 + - - - - - + - - - - / - 2 1 3 13 - - - - - - - - - - - - / 0 4 4 - + 6 2 3 3 3 0 4 2 2 0 0 0 0 --- - 1 1 1 0 0 0 3 1 0 0 0 1 9 Ʃ 7 3 4 3 3 0 7 3 2 0 0 1 9 - Erhaltene Wahlen - Tab. 2: Soziomatrix einer Jugendgruppe (rekonstruiert von Wellhofer 1984, 134 nach Höhn & Seidel 1976) Die Mitglieder der untersuchten Gruppe erscheinen dabei in der Randspalte als Wählende, in der Randzeile als Gewählte. Die Symbole in den einzelnen Matrixzellen informieren darüber, wer von wem gewählt oder abgelehnt wurde und wer nicht. Eine derartige Soziomatrix kann nun in unterschiedlicher Weise weiterbear‐ beitet werden. So können auf ihrer Grundlage einzelne Gruppenpositionen 4.4 Einige Methoden der Sozialforschung 213 <?page no="214"?> statistisch näher charakterisiert werden, wobei z. B. die Spaltensumme für die Kennwertberechnung des soziometrischen Status’ (S) der einzelnen Grup‐ penmitglieder (im Hinblick auf die Kriterien Sympathie und/ oder Leistung) herangezogen werden. Hierbei bedient man sich der folgenden Formeln S + = Anzaℎl-der -erℎaltenen-positiven-W aℎlen n − 1 bzw. S − = Anzaℎl-der -erℎaltenen-negativen-W aℎlen n − 1 wobei n der Anzahl der Gruppenmitglieder entspricht. Der so berechnete S-Wert schwankt zwischen 0 und 1. Falls die Anzahl der möglichen Wahlakte beim soziometrischen Test nicht begrenzt war, lässt sich in ähnlicher Weise über die Zeilensummen die soziale Expansion (E) der einzelnen Individuen anzeigen. Hier gelten die Formeln E + = Anzaℎl-der -von-X -abgegebenen-positiven-W aℎlen n − 1 bzw. E − = Anzaℎl-der -von-X -abgegebenen-negativen-W aℎlen n − 1 Um den Grad des Zusammenhalts einer Gruppe zu bestimmen, wird in diesem Rahmen häufig auch der Gruppenkohäsionsindex (K) nach folgender Formel ermittelt: K = Z aℎl-der -gegenseitigen-W aℎlen Z aℎl-der -prinzipiell-möglicℎen-gegenseitigen-W aℎlen Bei unbeschränkten Wahlmöglichkeiten berechnet sich dabei die Anzahl der potenziellen zwischenmenschlichen Wahlakte in einer Gruppe mit bekannter Mitgliedzahl (n) mit Hilfe der Formel 214 4 Soziologisches Messen und Prüfen <?page no="215"?> n(n − 1) 2 War die Anzahl der Wahlen beim soziometrischen Text auf x beschränkt, dann ergibt sich der entsprechende Wert aus n • x 2 Neben solchen statistischen Kennwerten zur Auswertung soziometrischer Ergebnisse wird die Soziomatrix jedoch meist in ein sogenanntes Sozio‐ gramm überführt, wobei auch hier vielfältige Möglichkeiten der grafischen Darstellung (z. B. Säulen-, Kreis-, Profil-, Koordinatensoziogramm usw.) zur Verfügung stehen. Nach wie vor wird jedoch insbesondere im pädagogi‐ schen Bereich das von Moreno selbst entwickelte Netzsoziogramm benutzt. Bei dieser grafischen Form werden die am häufigsten gewählten »Stars« einer Gruppe zunächst in der Blattmitte verortet und um sie herum diejeni‐ gen, die sie gewählt haben, gruppiert. Die Randfiguren werden schließlich ins weitere Umfeld gezeichnet. Die Gruppenmitglieder werden dabei durch Dreiecke (männlich) und Kreise (weiblich) symbolisiert, die mit entsprech‐ enden Identifikationsnummern versehen sind. Jede positive Wahl wird mit einem durchgezogenen Pfeilstrich, jede negative Wahl durch eine punktierte Pfeillinie verdeutlicht; gegenseitige Wahlen werden entsprechend verdickt und mit Pfeilen an beiden Enden dargestellt. In der qualitativen Interpretation dieses Soziogramms erscheint beispiels‐ weise das am meisten gewählte Gruppenmitglied 1 eindeutig als »Star«, während das Gruppenmitglied 7 als »Antipode« oder vielleicht »Oppositi‐ onsführer« eine weniger klare Führungsposition innehat. Beide »Stars« leh‐ nen sich gegenseitig ab und bilden um sich herum mit ihren »Verbündeten« Subgruppen. Gruppenmitglied 13 wird von den meisten Gruppenmitglie‐ dern offensichtlich abgelehnt und übernimmt wohl auch durch sein eigenes Verhalten die Rolle des »Außenseiters«, vielleicht gar des »Schwarzen Schafs« oder »Sündenbocks«. Die Gruppenmitglieder 10 und 12 wollen sich anscheinend mit keiner Untergruppe überwerfen und sind sich darüber hinaus mit den anderen einig, den »Außenseiter« 13 abzulehnen usw. 4.4 Einige Methoden der Sozialforschung 215 <?page no="216"?> 6 2 5 1 3 4 7 9 8 11 12 13 10 Abb. 13: Netzsoziogramm einer (weiblichen) Jugendgruppe (nach Höhn & Seidel 1976, 33; eigene Darstellung; vgl. die dazugehörige Soziomatrix auf S.-213) Derartige Ergebnisse sind als aktuelle Momentaufnahmen zwischenmenschlicher Beziehungsstrukturen in einer Gruppe zu deuten, d. h. sie sollten sinnvollerweise zur Validierung und interpretativen Absicherung sowohl hinsichtlich ihrer Entstehungsbedingungen wie auch im Hinblick auf ihre künftige potenzielle Prozessdynamik durch weitere Untersuchungs‐ methoden wie durch systematische Beobachtung u. Ä. ergänzt werden. Hierbei könnten die dadurch methodisch zusätzlich abgesicherten soziometrischen Befunde zur Regulierung von Entwicklungstendenzen der jeweili‐ gen sozialen Netzwerke benutzt werden. Beispielsweise kann der Lehrer den von der Klasse isolierten Kindern zu helfen versuchen bzw. ältere Schüler auch mit dem Soziogramm ihrer Klasse kritisch konfrontieren und damit sozialpädagogisch herausfordern. Oder in betrieblichen Arbeitsgruppen können dem informell Führenden auch formal leitende Aufgaben übertragen werden, man kann ihn bei Personalförderungsprogrammen im Rahmen der betriebsinternen oder externen Weiterbildung berücksichtigen usw. Die Wirkungen solcher Maßnahmen lassen sich dann durch weitere Soziogramme untersuchen und dokumentieren. 216 4 Soziologisches Messen und Prüfen <?page no="217"?> Soziometrische Analyseverfahren und Anwendungsbereiche sind sehr vielfältig und werden auch laufend weiterentwickelt. So versuchte man beispielsweise in der Kommunikationssoziologie über Soziometrie »Mei‐ nungsführer« (opinion leaders, change agents) im Bereich von Mode oder Politik zu ermitteln, wobei diese Methode hier an Grenzen stößt, da sozio‐ metrische Kennzahlen und Analysen aus technischen Gründen auf relativ kleine Gruppen beschränkt sind. Der Übergang zur neueren Forschungsme‐ thode der soziologischen Netzwerkanalyse (Kap. 4.4.9), die dann - auch unter erweiterten Fragestellungen - weitaus größere und umfassendere Populationen untersucht, ist daher fließend. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Elisabeth Ardelt &-Anton Laireiter (1999): Das Soziogramm. In Erwin Roth, Klaus Heidenreich &-Heinz Holling (Hrsg.), Sozialwissenschaftliche Metho‐ den. Lehr- und Handbuch für Forschung und Praxis, S. 668-673. 5. Aufl. Oldenbourg: München, Wien. Andreas Diekmann (2023): Empirische Sozialforschung. Grundlagen, Metho‐ den, Anwendungen. (Darin Kapitel X.8. »Soziometrie und soziale Netz‐ werke«).19. Aufl. Rowohlt: Reinbek. Jacob L. Moreno (1996): Die Grundlagen der Soziometrie. Wege zur Neuordnung der Gesellschaft. 4. Aufl. Leske + Budrich: Opladen. Horst-Joachim Rahn (2010): Erfolgreiche Teamführung, S. 24-30. 6. Aufl. Wind‐ mühle: Hamburg. Christian Stadler (Hrsg.) (2023): Soziometrie. Messung, Darstellung, Analyse und Intervention in sozialen Beziehungen. (Mit aktuellen Beiträgen zu den fachlichen Grundlagen und möglichen Anwendungsfeldern.) 2. Aufl. Springer VS: Wiesbaden. 4.4.9 Soziale Netzwerkanalyse Moderne Industriegesellschaften werden nicht zuletzt aufgrund der alle Lebensbereiche umfassenden und andauernd rasanten Entwicklungen ihrer Informations- und Kommunikationstechnologien gerne auch als »Netzwerk‐ gesellschaften« (Castells 2003) beschrieben. So ist das World Wide Web heute nicht mehr nur Internet, sondern für dessen unzählige Nutzer inzwischen gleichfalls Socialnet. Ein aktives »networking« als nicht nur inflationär »freundschaftliche«, sondern gezielt strategische Handlungspraxis sowie 4.4 Einige Methoden der Sozialforschung 217 <?page no="218"?> ein dann möglichst »gutes Vernetzt-Sein« bei permanenter und ubiquitärer Erreichbarkeit (Konnektivität) erscheint heute für Individuen wie Organi‐ sationen vor allem in Wirtschaft und Politik, aber auch im Bereich der Wissenschaft als geradezu »existentiell« relevant. In diesem Kontext erfreut sich daher die soziale Netzwerkanalyse als eine seit etwa 2000 zunehmend eingesetzte und relativ komplexe Methode der empirischen Sozialforschung einer ganz besonderen Konjunktur. Ähnlich wie bei der eher »konservativen«, auf Moreno zurückgehenden Methode der Soziometrie, die primär überschaubare und affektive Gruppen‐ strukturen sowie deren Anziehungs- und Abstoßungskräfte untersucht und als Vorläuferin der modernen Netzwerkanalyse zu betrachten ist, finden sich hier theoretische Wurzeln in der soziologischen Klassik: etwa in Georg Simmels berühmtem Kapitel über »Die Kreuzung sozialer Kreise«, in der er u. a. die Zahl der verschiedenen gesellschaftlichen Bezugssysteme, mit denen das Individuum verknüpft ist, als einen »Gradmesser der Kultur« (2013, 323) bezeichnet, - aber auch beispielsweise bei Ferdinand Tönnies’ Unterscheidung zwischen »Gemeinschaft« und »Gesellschaft« oder Émile Durkheims »mechanischer« und »organischer Solidarität«. Hieran anknüpfend versucht die soziologische Netzwerkanalyse soziale Auswirkungen einer zunehmend intensiven und allumfassenden Vernet‐ zung auf individuelles Verhalten wie auf gesellschaftliche Systeme zu erfor‐ schen. Ein Netzwerk wird in diesem Sinne als eine Art Mesoebene begriffen, die einen analytischen »Link« zwischen individueller Handlungsebene und gesellschaftlicher Makrostruktur darstellt (vgl. Abb. 1 in Kap. 1.4.2). So lassen sich z. B. Differenzierungen zwischenmenschlicher Beziehungen in und zwischen sozialen Systemen - oder in der Terminologie der Organisations‐ soziologe: »intra-« und »interorganisationalen« Netzwerken - in ihrer Inten‐ sität und in ihrem Ausmaß mit dieser Methode erfassen und beschreiben. Bei interorganisationalen Netzwerken kann es sich etwa um einen Austausch von Gütern und Dienstleistungen bis hin zu personalen Verknüpfungen, Beziehungen und Identitäten zwischen Organisationen handeln, während intraorganisationale Netzwerkanalysen eher als Operationalisierungen von informellen, formale Organisationshierarchien unterstützende oder konter‐ karierende Strukturen und Prozesse begriffen werden. Mittels Anwendung der mathematischen Graphentheorie, einem Gebiet der kombinatorischen Topologie, werden dabei algorithmisch komplexe Indizes für die Stellung von einzelnen Sozialakteuren und deren Eigenschaf‐ ten sowie von Strukturmerkmalen sozialer Systeme rekonstruiert und in 218 4 Soziologisches Messen und Prüfen <?page no="219"?> einer abstrakten Darstellung (ähnlich dem soziometrischen Soziogramm) visualisiert. Ein Graph besteht hier aus einer definierten Menge sozialer Akteure als Knoten sowie - zwischen Knotenpaaren - einer Menge von Kanten, die bestehende soziale Beziehungen zwischen den Akteuren reprä‐ sentieren. Ein »ungerichteter« Graph stellt symmetrische, ein »gerichteter« Graph dagegen einseitige Sozialbeziehungen dar, während ein »bewerteter« Graph mehr als zwei Ausprägungen bei den Beziehungsdaten symbolisiert. Verbindet eine Kante einen Knoten mit sich selbst (als Ausgangs- und Endpunkt), spricht man von Schleifen. Darüberhinaus kann je nach Eigenart der Sozialbeziehungen das Netzwerk graphentheoretisch als Relation oder bei komplexeren Verhältnissen mit soziometrischen und algebraischen Verfahren als (Sozio-)Matrix erfasst und interpretiert werden. Die ganze Gesellschaft wird damit als ein abgestuftes System sozialer Netzwerke begriffen, - von den primären Verwandtschafts-, Freundschafts- oder Nachbarschaftsbeziehungen bis hin zu gesellschaftlichen Zonen n.ter Ordnung. Entsprechend thematisieren konkrete Forschungsprogramme sehr unterschiedliche Fragestellungen, - etwa ehe- und familiensoziologisch von Rollendifferenzierungen bei Paaren oder familialen Unterstützungsnet‐ zwerken, über politische und wirtschaftliche Kontexte von Macht in der Parteien-, Management- und Eliteforschung, über kundenzentrierte Fragen der Markt- und Konsumforschung, bis hin zu Netzwerken mafioser Struktur und organisierter Kriminalität oder des politischen Extremismus und inter‐ nationalen Terrorismus, an deren soziologischer Analyse naturgemäß vor allem Kriminalisten und Geheimdienste ein vitales Interesse zeigen. Verschiedene Verfahren generieren dabei Maßzahlen zum besseren Ver‐ ständnis solcher Netzwerke, womit dann z. B. wichtige und prominente, aber auch besonders aktive Akteure in ihren relativen Positionen bzw. dem differenzierten Grad ihrer Nähe und Verbundenheit sowie ihrer Inter‐ aktionsdichte und Transitivität identifiziert werden können. Nicht zuletzt lassen sich ggfs. dabei - durchaus ähnlich der klassischen Soziometrie - auch kohäsive Subgruppen im Sinne von »Cliquen« und »Seilschaften« graphentheoretisch bestimmen und formalisieren. Überhaupt werden bei der Netzwerkanalyse zentrale soziologische Grundbegriffe wie soziale Rolle, Position, Status und Prestige oder das Konzept der sozialen Gruppe mit seinen begrifflichen Varianten nicht nur »instrumentell« zu wichtigen Werkzeugen (»research tools«), sondern diese Begriffe werden ihrerseits über diese neuere empirische Methode auch theoretisch weiter ausdifferenziert. 4.4 Einige Methoden der Sozialforschung 219 <?page no="220"?> Angesichts der bei sozialen Gesamtnetzwerken meist unfassbar großen digitalen Datenmengen ist für die praktische Forschung vor allem ent‐ sprechend leistungsfähige Hardware Voraussetzung. Zur Softwareauswahl existieren mittlerweile weit über 50 verschiedene Computerprogramme, mit denen je nach ihrer Architektur deskriptive, explorative und/ oder stochastische Verfahren mit Signifikanzprüfungen sowie verschiedene Mög‐ lichkeiten der Visualisierung angeboten werden. UCINET ist dabei das derzeit in der Lehre wohl am meisten genutzte Softwareprogramm zur Anwendung dieser innovativen Forschungsmethode; frei zugängliche Da‐ tensätze aus der berühmten, in den Jahren 1954-56 entstandenen Studie des amerikanischen Sozialpsychologen Theodore M. Newcomb zur Entstehung von Freundschaftsnetzen unter Studienanfängern (bekannt als »Newcomb Fraternities«-Study) dienen beispielsweise mit diesem Programm und zu‐ nächst kleineren empirischen Fallzahlen als hochschuldidaktisch besonders geeignetes Übungsmaterial zur Einführung in soziologische Netzwerkanalysen. Zur vertiefenden und ergänzenden Lektüre Jens Beckert (2005): Soziologische Netzwerkanalyse. 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Aron, R.-42, 52, 54, 56 Atteslander, P.-198 Bach, M.-54 Bahrdt, H.P.-75 Baldwin, J.-60 Bales, R.F.-105, 186, 188 Barley, D.-48 Bauer, U.-108 Baur, N.-164, 208 Beck, U.-122, 141 Becker, H.S.-101, 103 Beckert, J.-220 Behrendt, R.F.-34 Bell, D.-141 Bellebaum, A.-69, 73, 75, 100, 103, 128, 132 Benesch, M.-198 Berger, B.-11, 14, 65 Berger, J.-154 Berger, P.L.-11, 14f., 19, 62-65, 80, 117 Bernsdorf, W.-44, 51 Beutelmeyer, W.-200 Bickel, C.-123 Blasius, J.-164, 208 Bonacker, Th.-154 Boocock, S.S.-138 Booth, Ch.-160 Bortz, J.-164, 173, 177, 200 Boudon, R.-42, 44, 47, 55, 94, 123, 139 Bourricaud, F. 42, 44, 47, 55, 94, 123, 139 Bowlby, J.-68 Braun, H.-111 Brosius, H.B.-198, 208 Bude, H..-206 Burgess, E.W.-64 Casler, L.-69 Castells, M.-142, 217 Chaldun, Ibn-37 Child, I.L.-77 Comte, A.-22, 41f., 47f. Condorcet, M.J.A.M.-38, 41 Cook, St.W.-166, 173, 177, 188 Cooley, C.H.-129, 140 Corsten, M.-62 Coser, L.A.-102, 153f. Crouch, C.-44 Dahrendorf, R,-62 Dahrendorf, R.-44, 47, 61, 70, 90f., 94, 105, 108, 117, 123, 127, 141, 148-153, 157 Darwin, Ch.-43 Deichsel, A.-22 Delitz, H.-56 Deutsch, M.-166, 173, 177, 188 Diekmann, A.-161, 164, 166, 173, 188, 198, 204, 217 Dilthey, W.-59 Djilas, M.-21 <?page no="231"?> Döring, N.-164, 173, 177, 200 Dreier, V.-162 Dreitzel, H.P.-97, 112f. Durkheim,É.-55 Durkheim, É.-23, 49f., 55f., 60, 74, 77, 102f., 122, 158, 218 Eisermann, G.-37, 54, 94 Elias, N.-28, 35 Endruweit, G.-33, 210 Engels, F.-45 Esser, E.-161, 177, 198 Esser, H.-19, 182 Fassler, M.-62 Ferguson, A.-38 Fetscher, I.-47 Fichte, J.G.-39, 121 Fichter, J.H.-124 Fischer, A.-117 Fischer, J.-94 Flick, U.-206 Freeman, D.-80 Friedrich, II.-66 Friedrichs, J.-162, 165, 175, 208 Früh, W.-204 Fuchs-Heinritz, W.-206 Fügen, H.N.-52 Galbraith, J.K.-141 Gehlen, A.-77 Genie von Los Angeles-68 George, I.-67 Giddens, A.-35, 122 Giddings, F.H.-36 Ginsberg, M.-127 Goethe, J.W.v.-65 Goffman, E.-103, 108, 111, 117 Goldfarb, W.-68 Goode, W.J.-99 Goslin, D.A.-85 Gouldner, A.W.-108 Greve, W.-188 Groenemeyer, A.-26 Gross, P.-142 Gukenbiehl, H.L.-24, 133 Gumplowicz, L.-37, 60 Haag, F.-210 Haas, A.-198, 208 Habermas, J.-107f., 114, 141 Häder, M.-166 Hahn, A.-111 Handke, P.-67 Hartfiel,G.-108 Hartmann, H.-99, 167 Hassenstein, B.-69 Hauser, K.-67f. Hazard, P.-38 Hegel, G.W.F.-39, 44, 47 Heidenreich, K.-217 Henecka, H.P.-115 Henning, Ch.-47 Hill, P.B.-161, 177, 198 Hillmann, K.H.-24, 75, 99, 103, 142 Hoag, W.-174 Hobbes, Th.-38, 41 Hofer, M.-202 Holling, H.-200, 217 Hollstein, B.-220 Holm, K.-97 Holzer, B.-220 Homans, G.C.-102, 133, 136 Hopper, E.-138 Hradil, S.-141 Hume, D.-38 Personenregister 231 <?page no="232"?> Hunt, M.-166 Hurrelmann, K.-80, 108 Inglehart, R.-141 Itard, J.M.-66f., 69 Jaeggi, U.-62 Jager, H.-22, 72, 75, 101, 183 Jahoda, M.-166, 173, 177, 188 Joas, H.-69 Jonas, F.-27, 34, 38, 40f. Jung, W.-53 Kaesler, D.-44, 47, 52ff., 123, 220 Kaiser, H.J.-210 Kamala-68 Kant, I.-15, 39 Kaplitza, G.-200 Kardorff, E.v.-206 Kauppert, M.-62 Kerber, K.-69 Kern, B.-133 Kirchhoff, S.-198 Kluckhohn, F.-188 Kneer, G.-94, 142, 161 Knorr-Cetina, K.-141 Knospe, H.-44 Kohli, M.-206 König, O.-128 König, R.-60, 62, 65, 158, 161, 188, 204 Korte, H.-24, 33, 40, 42, 52, 128 Koschel, F.-198, 208 Krähnke, U.-53 Krämer, W.-182 Krapp, A.-202 Krappmann, L.-108f., 116f. Kriz, J.-182 Kromrey, H.-164, 208 Krüger, H.-210 Kruse, V.-48, 52 Kuckartz, U.-204 Kuhnt, S.-198 Kunczik, M.-44 Kutsch, Th.-81 Laireiter, A.-217 Lamla, J.-154 Lash, S.-122 Laswell, H.D.-201 Leggewie, K.-141 Lehr, U.-69 Le Play, F.-37, 160 Levi-Strauss, C.-80 Lewin, K.-208, 210 Liegle, L.-80 Lindesmith, A.R.-109 Linton, R.-88 Lipp, P.-198 Locke, H.J.-64 Locke, J.-38, 41 Luckmann, T.-19, 80, 117 Luhmann, M.-173 Luhmann, N.-31, 74, 139ff., 143, 146f., 156 Machiavelli, N.-37 MacIver, R.-16 Malson, L.-66, 69 Mannoni, O.-66, 69 Marx, K.-21, 37, 41, 44-48, 143, 152 Mau, St.-220 Mayer, K.U.-206 Mayring, P.-161, 204 McCall, G.-115 McClelland, D.L.-201 Mead, G.H.-79, 109, 111, 114 232 Personenregister <?page no="233"?> Mead, M.-78f. Medjedovic, I.-200 Merton, R.K.-97, 99, 147, 154, 159 Millar, J.-38 Minssen, H.-133 Moebius, St.-94, 161 Mojescik, K.-200 Mok, A.L.-22, 72, 75, 101, 183 Montesquieu, Ch.-38 Moore, W.E.-136 Morel, J.-147, 152 Moreno, J.L.-210ff., 215, 217f. Mühlmann, W.E.-78, 80, 153 Müller, E.W.-80 Müller, H.-88 Münch, R.-154 Nassehi, A.-142 Negt, O.-47 Newcomb, T.M.-220 Niedenzu, H.J.-152 Noelle-Neumann, E.-198 Oesterdiekhoff, G.W.-123 Offe, C.-141 Oppenheimer, F.-37 Pareto, V.-49f., 53ff., 103 Parsons, T. 31, 61, 103ff., 107f., 143-149, 152f., 157 Pearlin, L.I.-100 Petersen, Th.-198 Piaget, J.-154 Platon-35f. Pongs, A.-143 Popitz, H.-75 Popper, K.R.-35f., 47, 156 Porst, R.-198, 200 Portmann, A.-77 Postman, N.-141 Prell, S.-202 ‘Preyer, G.-130 Psammetich, I.-66 Quetelet, A.-22 Rädicker, St.-204 Rahn, H.J.-217 Rammstedt, O.-53 Reichertz, J.-164 Reinbacher, P.-147 Reitze, S.-161 Ricardo, D.-44 Richter, C.-200 Rickert, H.-51, 156 Ritsert, J.-161 Robert, G.-206 Ronge, V.-123 Roose, J.-164, 208 Rosenstiel, L.v.-129 Ross, E.A.-21 Rössler, P.-204 Roth, E.-200, 217 Rousseau, J.J.-38, 40f. Rüegg, W.-36 Rüschemeyer, D.-153 Sackmann, R.-206 Saint-Simon, C.H.-22, 38, 41 Schäfers, B.-24, 33, 120, 133 Schattenhofer, K.-128 Schelling, F.W.-39 Schelsky, H.-82, 174 Scheuch, E.K.-81, 189f. Schlawin, S.-198 Schleiermacher, F.-39, 121 Personenregister 233 <?page no="234"?> Schmalenbach, H.-122 Schmalohr, E.-69 Schmieder, A.-69 Schnell, R.-161, 177, 198 Schöneck, N.M.-220 Schroer, M.-142 Schülein, J.A.-161 Schulze, G.-141 Schütz, A.-17 Schwärzel, W.-210 Seel, H.J.-210 Seeley, J.R.-183 Seger, I.-24, 26, 45, 49, 155, 186, 188 Selltiz, C.-166, 173, 177 Seneca-20 Shakespeare, W.-86 Shils, E.-103 Silbermann, A.-204 Simmel, G.-49, 52f., 55, 134ff., 139, 153, 218, 220 Simmons, J.L.-115 Singh, J.A.L.-68 Smith, A.-38 Soeffner, H.G.-206 Sokrates-102 Spencer, H.-22, 41-44, 47f., 54, 143 Spieß, E.-129 Spitz, R.-68 Stadler, Ch.-217 Staubmann, H.-147 Stegbauer, Ch.-220 Stein, L.v.-39, 44 Steiner, E.-198 Steinke, I.-206 Strauss, A.L.-109 Stromberger, P.-142 Strübing, J.-164, 208 Sumner, W.G.-72 Teichert, W.-142 Tenbruck, F.-119 Thomas, W.I.-204 Thomas von Aquin-35ff. Tillmann, K.J.-108 Tönnies, F.-120-123, 218 Trommsdorff, G.-33 Truffaut, F.-67 Turgot, A.R.J.-41 Turner, R.H.-108 Ulich, D.-80 Vattimo, G.-142 Victor von Aveyron-67 Vierkandt, A.-23, 122 Vogt, L.-47, 53, 123 Wallraff, G.-185 Watzlawick, P.-115 Weber, M.-29, 49-53, 57, 76, 103, 122, 142, 155 Wentura, D.-188 Weyman, A.-138 Wiese, L.v.-54 Willke, H.-147 Wilson, Th.-108 Wössner, J.-97, 155f. Zander, A.-188 Zapf, W.-152 Zetterberg, H.L.-157 Zeugin, P.-162 Zinnecker, J.-174 Znaniecki, F.-204 234 Personenregister <?page no="235"?> Sachregister abweichendes Verhalten-94, 100ff. action research-208 Adel-40 Aggregat, soziales-125f. -, Haupttypen-124 AGIL-Schema-143 Agrargesellschaft-39, 143 Aktionsforschung-183 ALLBUS-195, 199 Alltag(s)-13, 57, 70, 86, 99, 205 -erfahrung-33 -theorie-54, 162 -wissen-16f., 77 Ambiguitätstoleranz-117 Anomie-56, 74 Anpassung-69, 85, 143, 153 Antagonismus, sozialer-46, 153 Antike-35 Arbeitsteilung-36, 39, 56 Arbeitszerlegung-39 Aufklärung-38, 41, 67 Auftragsforschung-175 Auslese, natürliche-43 Autopoiesis-146 Bastelbiografie-205 Befragung(s)-190f., 203 -ergebnis-190, 198 Begriffe-16, 24, 51, 139, 156ff., 167f., 172 Behinderte-101 Beobachtung-37, 49, 66, 156, 178, 184- 187, 200, 203 Bewusstsein-45, 60 -, kollektives-55 Bezugsgruppe-94, 96, 102 Bindestrich-Soziologie-31 Biografieforschung-192, 206 Brauch-12, 54, 71, 78 Bürgertum-39f. case study-170 Chicagoer Schule-204f. Consensus-Theorie-148 content analysis-200 Darwinismus-43 Datenanalyse-173, 175 Datenpanne-190 Definition, operationale-168 Delphi-Methode-193 Deprivation-68f. Desintegration-148 Desozialisation-82 Devianz-24, 100, 102, 205 Differenzierung, funktionale-134 Distanz, kritische-24, 34, 57, 158, 197, 210 Dreistadiengesetz-41 Dyade-135f. Ehe-64, 72 Eigentum-36, 39 Einzelbefragung-193 Elite-36, 50 Empathie-116 Empirie-162, 183 Empirismus-155, 183 Enquete-160 <?page no="236"?> Erbanlagen-59 Erfahrung(s)-11, 37, 155, 164 -wissenschaft-36, 48f., 157, 184 Erkenntnisinteresse-19, 33 Erziehung-55, 76f., 100, 145 Ethnologie-23, 72, 78, 80, 184 Etikettierungsansatz-101 Evolution, soziale-43, 55 Experiment-49, 206f. experimenter bias-178 face-to-face-relations-30, 129, 136 fait social-55 Faktor, sozialer-23f. Falsifizierbarkeit-156 Familie-30, 64, 66, 72f., 81, 85, 89, 145 -, Reproduktionsfunktion-72, 145 -, sozialer Mutterschoß-65, 68 Feldexperiment-207 folkways-72 Forschungsprozess-177, 180, 194, 197, 203 Fortschritt, sozialer-40, 43 Fragebogen-188f., 191 -konstruktion-179, 196 Frustrations-Aggressions-Hypothese 100 Funktion (Begriff)-149 Funktionalität-107, 148 Geburt, sozial-kulturelle-65 Gemeinschaft-59f., 120-123, 218 GENESIS-199 Gesellschaft(s)-14, 19, 23, 26, 30f., 38f., 41, 43, 45f., 53-57, 59f., 65, 72, 75, 91, 102, 119, 121f., 133, 139f., 142, 148, 150, 157, 183, 218 -, agrarische-141 als ärgerliche Tatsache-61, 105 -, bürgerliche-39, 46 -, fundamentalistische-141 -, industrielle-141, 143 -, kapitalistische-21, 46, 141 -, klassenlose-46 -, kommunistische-26, 46, 141 -philosophie-48 -, primitive-141 -, sozialistische-21, 46, 56, 141 -, ständische-40 -, totalitäre-141 -typen-122, 141 Gesellschaftsvertrag-36, 38 GESIS-199 Gewohnheit-13, 52, 54, 71f., 78 Gleichgewicht(s)-110, 116, 148f., 153 -erhaltung-54, 145, 148 Graphentheorie-218 Grundgesamtheit-171 Grundwerte-144 Gruppe(n), soziale-53, 55, 59, 119f., 133, 138f., 216, 219 -begriff-120 -, Beziehungsmöglichkeiten-136f. -, formelle-211 -größe-120 -, informelle-211 -merkmale-128 -, primäre-129, 136, 140 -, sekundäre-129f. -, statistische-123 Gruppeninterview-193 Gültigkeit-159, 166, 169f., 187, 189, 202, 208 Halo-Effekt-178 Handeln, affektuelles-52 -, soziales 50-55, 57, 59, 109, 112, 115 236 Sachregister <?page no="237"?> -, traditionales-52 -, wertrationiales-52 -, zweckrationales-52 Handlungstheorie-104 Hawthorne-Effekt-133, 179, 183 Herrschaft-38, 62, 151 homo sociologicus-91, 105, 108 Hospitalismus-69 Hypothese-167f. Idealtyp-51, 142 Identität-111, 115, 128, 205 -, personale-110, 116 -, soziale-110, 116 Identitätsdarstellung-117 Ideologiekritik-28, 31, 45 Imperativ, sozialer-63 Indikatoren-168ff., 190, 200, 202 Individuation-111 Individuum 29, 40, 50, 54, 56, 59f., 64, 86, 89, 91, 111, 204f. Industrialisierung-20, 39, 48 Industriegesellschaft-152 Inhaltsanalyse-200f., 203 Instinktersatz-73 Institution-64, 72 -, totale-111, 133 Integration(s)-72, 144, 148f. -theorie-149, 152 Interaktion, soziale-14, 30, 68, 85f., 101, 106, 109, 114ff., 123f., 127f., 137, 144, 178, 211 Interaktionismus, symbolischer-30, 62, 108f., 205 Interaktionsanalyse-186 Interpenetration-105 Inter-Rollenkonflikt-96, 98 Interview-192f., 197 Intra-Rollenkonflikt-95, 97 Kapitalismus-20 Kategorie, soziale-126f. -, statistische-123 Kinder, wilde-66 Klasse, soziale-21, 30, 44ff., 151, 153 Klassenkampf-44f. Klassenlage-47 Kleingruppe-31 Kommunikation-14, 81, 109, 115f., 128, 131, 139, 178, 200, 202, 211 Komplexitätsreduktion-74, 146, 156 Konflikt, sozialer-148f., 152 -arten-150 -etappen-150 -funktionen-47, 154 -intensität-151 -klassifikation-150 -theorie-30, 53, 62, 149, 152 Konformität-74 Kontrolle, soziale-93, 100, 104 Korrelationskoeffizient-181 Kultur-11, 30, 63-67, 70-73, 78f. Kulturanthropologie-23, 80, 184 labeling approach-101 Laborexperiment-208 Lebensverlauf-205f. Machiavellismus-38 Macht-38, 62, 90, 126 Makroebene-218 Makro-Ebene-30 Makrosoziologie-30, 48 Männlichkeit-78 Marxismus-44, 152 Maske-87, 94, 105 Sachregister 237 <?page no="238"?> Materialismus, historischer-45 Menschenbild, soziologisches-59, 64 Menschwerdung, soziale-65 Meso-Ebene-30, 218 Meta-Ebene-30f. Metaphysik-41 Methoden-157, 161, 169, 180, 183, 203 -, biografische-204f. -, nicht-reaktive-179, 203 -, qualitative-159, 204 -, qualtitative-201 -, quantitative-159, 168, 201, 204, 210 -, reaktive-197 Mikro-Ebene-30 Mikrosoziologie-30, 159 Milieu, soziales-30, 35, 59, 73, 127, 167 Minderheit(en), soziale-73, 102 -konflikt-150 Mittelalter-35, 37, 66 mores-72 Netzwerk, soziales-14, 89, 96, 119, 211, 216 Netzwerkanalyse-218 Norm(en)-17, 24, 30, 70f., 73ff., 79, 99, 103, 114, 149, 211 -internalisierung-104 -konflikt-75 -system-70, 128, 138 Operationalisierung-169f., 207 oral history-205 Organisation-14, 28, 30f., 100, 132f., 138 Organismus, sozialer-41, 43, 54 Panel-Untersuchung-194 Paradigma, interpretatives-109 -, normatives-108 Person-59, 64, 81, 91f. Personalisation-111 Persönlichkeit, autoritäre-169 -, sozial-kulturelle-50, 64, 69, 77, 79, 102, 105, 109, 140, 153 Perspektive, soziologische 23, 60, 63, 77 Phänomenologie-30 physique sociale-22 PISA-Studie-25 Politik-11, 36ff., 144f., 198 Population-171 Position, soziale-88f., 91, 95f., 219 -, erworbene-89 -, zugeschriebene-89 Positivismus-41 -streit-159 Pretest-172 Primäranalyse-199 Problem, soziales-24f., 162, 164f. Produktionsmittel-21, 45f. Prognose-27, 34, 46, 50 Proxemik-212 Quasi-Gruppe-127, 151 Reanalyse-199 Recht-11, 70, 72, 102 Relativismus, kultureller-35 Reliabilität-159, 170, 203 Replikationsstudie-200 response sets-179 Revolution-26, 45f. -, Französische-40, 67 -, industrielle-40 Rezeptoren-168 Reziprozität-153 Rolle(n), soziale-30, 78, 86ff., 91-96, 98, 238 Sachregister <?page no="239"?> 105, 110-116, 150, 215, 219 -attribut-90f. -begriff-87 -beziehung-92 -distanz-116 -erwartung-107, 115 -handeln-109, 116, 146 -interpretation-110, 114 -, Klassifikationsschema-113 -komplementarität-92 -konfiguration-95 -konflikt-95, 97, 176 -norm-91, 113 -priorisierung-98 -satz-92 -segment-92 -sektor-92 -spiel-87, 99, 107, 109, 114 -stress-97 -struktur-128, 138 -theorie-94, 97, 108, 111 Routine-12f. Sample-171 Sanktion-70, 74, 94, 98, 101, 107 Scheinkorrelation-181 Schicht, soziale 25, 30, 35, 126f., 167, 189 Schule-72, 92, 145 Schulsystem-25, 145 scientific community-174f. Sekundäranalyse-199 Selbstmord-50, 56, 158 Selbstverwirklichung-61 Signifikanztest-180 Sitte-13, 38, 40, 45, 55, 71f., 78 Situationsdefinition-114 Social Monitoring-195 social reaction approach-101 Solidarität- -, mechanische-55, 122, 218 -, organische-56, 122, 218 Sophisten-36 sozial, Soziales-20-24, 55, 58, 94 Sozialarbeit-210 Sozialforschung, empirische-158, 160 Sozialisation(s)-55, 76-79, 81, 86, 104f., 145 -agent(ur)-106, 110 -effekt-79, 85 -, primäre-81, 85 -prozess 80, 82, 86, 103, 105f., 108, 116 -, quartäre-82 -, sekundäre-86 -sequenz-106 -, tertiäre-82 -theorie-107, 114 Sozialismus-22, 26 Sozialphysik-22 Sozialpsychologie-23, 30, 37, 201 Sozialwissenschaft-29 Soziogramm-215f., 219 - Netz--215 Soziologie 11, 14ff., 19f., 22ff., 26ff., 34f., 41ff., 48f., 51f., 57, 59f., 75, 91, 155, 201 -, formale-53 -, funktionale Wirkungen-33 -, marxistisch-leninistische-23 -, phänomenologische-205 -, spezielle-31f. -, verhaltenstheoretische-30 -, verstehende-30, 51 Soziologismus-55 Soziomatrix-212f., 215, 219 Soziometrie-210, 218 Spielregeln, gesellschaftliche-13, 62f., 151 Sachregister 239 <?page no="240"?> Sprache-65f., 81, 109 Stabilität, soziale-61, 74, 102, 148 Stabilitätssicherung-145 Statistik-22, 27, 180, 199 Status, sozialer-219 -differenzierung-128 -passagen-205 -symbol-90 Stichprobe, repräsentative-171f. Stichprobengröße-172 Streit-53, 153 Struktur-24, 75, 104, 149, 153 Strukturfunktionalismus-30, 61f., 103f., 107f., 111, 145, 149, 154, 204 Subkultur-73, 99, 133, 201 Survey-160, 195 SYMLOG-System-186 Syndrom-169 System, soziales-43, 218 -, Grundfunktionen-143 -, Innen-/ Außen-Differenz-146 ,- Selektionsleistung-147 Systemtheorie-30, 54, 143, 145ff., 149 Tabu-72 Tatsache, soziale-23, 55, 75 Test, soziometrischer-171, 211f. Theorie(n)-56, 156, 177 -bildung-155, 158 -, empirische-156 -, kritische-26, 157 -, mittlerer Reichweite-147 -, spekulative-158 Total-Design-Method-192 Triade-135f. Triangulation, methodische-160, 170 Umwelt 60, 64, 66, 69, 77ff., 81, 85, 100f., 139, 146, 207 Ungleichheit, soziale-21, 39 Validierung, kommunikative-202 Validität-159, 170, 199, 203 Variable-134, 146, 149, 167f., 181 -, abhängige-167f., 207 -, intervenierende-182 -, unabhängige-167f., 207 Ventilsitte-102 Verhaltensmuster-81 Vertragstheorie-41 Vorurteil, soziales-17, 27, 200 Wandel, sozialer-38, 41, 48, 148f., 152 Weiblichkeit-78 Weltoffenheit-74, 78 Wert(e)-91, 101 -, Pluralismus-111 -systeme-73, 202 Werturteilsfreiheit-158 Wesen, soziales-21, 28f., 36 Wir-Bewusstsein-128, 138 Wirtschaftssystem-144 Wissenssoziologie-19, 31, 80 Wolfskinder-68 Zielerreichung-144 Zielstruktur, normative-145 Zwang-13, 62, 113, 148 240 Sachregister <?page no="241"?> Abbildungsverzeichnis Abb. 1: Soziologie als Sozialwissenschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 Abb. 2: Die kleinsten sozialen Einheiten nach Weber, Simmel, Pareto und Durkheim (nach Seger 1970, 60; eigene Darstellung) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58 Abb. 3: Bezugsgruppen und -personen am Beispiel des Lehrers (modifiziert nach Klose 1971, 81) . . . . . . . . . . 93 Abb. 4: Rollenkonfiguration einer Person. x, y, z = situativ aktualisierte andere Rollen (z.-B. Autofahrer, Kunde, Patient usw.). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95 Abb. 5: Hypothetische Rollenpriorisierungen (nach Scheuch & Kutsch 1972, 82; eigene Darstellung) . . . . . . . . . . . . 98 Abb. 6: Struktur einer elementaren Sozialisationssequenz (nach Frey 1974, 42) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106 Abb. 7: Das labile Gleichgewicht der Ich-Identität . . . . . . . . . 110 Abb. 8: Determinanten der Verfügbarkeit über soziale Rollen (Dreitzel 1972, 138) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112 Abb. 9: Klassifikationsschema für soziale Rollen (modifiziert nach Dreitzel 1972, 140) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113 Abb. 10: Forschungslogischer Ablauf empirischer Untersuchungen (Friedrichs 1990, 51; eigene Darstellung) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 163 Abb. 11: Schema der Fehlerquellen und Täuschungsmöglichkeiten beim Erarbeiten und Verarbeiten von Statistiken (modifiziert bei Zeugin 1979, 132 nach Swoboda 1974, 181; eigene Darstellung) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 181 Abb. 12: Beobachtungskategorien bei der Interaktionsanalyse von Bales (Krapp, Hofer & Prell 1982, 73; eigene Darstellung) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 187 Abb. 13: Netzsoziogramm einer (weiblichen) Jugendgruppe (nach Höhn & Seidel 1976, 33; eigene Darstellung; vgl. die dazugehörige Soziomatrix auf S.-213) . . . . . . . . . . 216 <?page no="242"?> Tabellenverzeichnis Tab. 1: Kulturspezifische Lebensalterphasen und Bedingungen eines lebenslangen Sozialisationsprozesses in Deutschland (aktualisiertes und erweitertes Modell nach Wurzbacher 1977, 7 f.) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 82 Tab. 2: Soziomatrix einer Jugendgruppe (rekonstruiert von Wellhofer 1984, 134 nach Höhn & Seidel 1976) . . . . . . . . 213 <?page no="243"?> ISBN 978-3-8252-6461-1 Hans Peter Henecka Grundkurs Soziologie 11. Auflage In seinem bewährten „Grundkurs Soziologie“ vermittelt Hans Peter Henecka klar und verständlich Gegenstand, Grundbegriffe, basale Theorien und Methoden der Soziologie. Seine praxisnahe Einführung stellt die Grundthemen soziologischen Denkens vor. Dabei geht der Autor auch auf die Vorväter und Begründer der Soziologie ein, darunter Auguste Comte, Herbert Spencer und Max Weber. Er beschreibt die Sicht der Soziologie auf den Menschen und dessen Rollen in der Gesellschaft. Ebenso erklärt er die zahlreichen Gruppierungen innerhalb einer Gesellschaft sowie den Wandel der Gesellschaft. Im abschließenden Kapitel dieser 11., überarbeiteten Auflage stellt der Autor verschiedene empirische Methoden der Soziologie vor, wie die Beobachtung, die Befragung und die Inhaltsanalyse. Mit vertiefenden Literaturhinweisen der ideale Einstieg in das Fach! Soziologie Grundkurs Soziologie 11. A. Henecka Dies ist ein utb-Band aus dem UVK Verlag. utb ist eine Kooperation von Verlagen mit einem gemeinsamen Ziel: Lehr- und Lernmedien für das erfolgreiche Studium zu veröffentlichen. utb.de QR-Code für mehr Infos und Bewertungen zu diesem Titel 2025-04-24_6461-1_Henecka_M_1323_PRINT.indd Alle Seiten 2025-04-24_6461-1_Henecka_M_1323_PRINT.indd Alle Seiten 24.04.25 12: 54 24.04.25 12: 54