Insider-Spionage
erkennen und abwehren durch das Fünf-Faktoren-Modell. Mit eLearning-Kurs
0811
2025
978-3-8385-6479-1
978-3-8252-6479-6
UTB
Frank C. Danesy
10.36198/9783838564791
Spionagerisiken frühzeitig erkennen und abwehren
Insider-Spionage ist ein drängendes Phänomen unserer Zeit, für das bisher keine hinreichende Erklärung existiert. Frank C. Danesy präsentiert mit einem Fünf-Faktoren-Modell einen multidisziplinären Ansatz, der eine Analyse der Insider-Spionage ermöglicht und Wege zur Früherkennung und Prävention aufzeigt. Drei Fallbeispiele veranschaulichen die praktische Anwendung und ein eLearning-Kurs mit rund 200 Fragen hilft beim Verstehen.
Das erste deutschsprachige Buch zum Thema richtet sich an Studierende der Politikwissenschaft, der Intelligence Studies sowie der Psychologie, der Wirtschaftswissenschaften und der Rechtswissenschaften. Es ist zudem für Wissenschaft und Praxis wertvoll.
9783838564791/9783838564791.pdf
<?page no="0"?> ISBN 978-3-8252-6479-6 Frank C. Danesy Insider- Spionage Spionagerisiken frühzeitig erkennen und abwehren Insider-Spionage ist ein drängendes Phänomen unserer Zeit, für das bisher keine hinreichende Erklärung existiert. Frank C. Danesy präsentiert mit einem Fünf-Faktoren-Modell einen multidisziplinären Ansatz, der eine Analyse der Insider-Spionage ermöglicht und Wege zur Früherkennung und Prävention aufzeigt. Drei Fallbeispiele veranschaulichen die praktische Anwendung und ein eLearning-Kurs mit rund 200 Fragen hilft beim Verstehen. Das erste deutschsprachige Buch zum Thema richtet sich an Studierende der Politikwissenschaft, der Intelligence Studies sowie der Psychologie, der Wirtschaftswissenschaften und der Rechtswissenschaften. Es ist zudem für Wissenschaft und Praxis wertvoll. utb+ Das Lehrwerk mit dem digitalen Plus Politik- | Rechts- | Wirtschafts- und Sozialwissenschaften Insider-Spionage Danesy Dies ist ein utb-Band aus dem UVK Verlag. utb ist eine Kooperation von Verlagen mit einem gemeinsamen Ziel: Lehr- und Lernmedien für das erfolgreiche Studium zu veröffentlichen. utb.de QR-Code für mehr Infos und Bewertungen zu diesem Titel mit eLearning- Kurs 6479-6_Danesy_M_6479_PRINT.indd Alle Seiten 6479-6_Danesy_M_6479_PRINT.indd Alle Seiten 24.07.25 10: 26 24.07.25 10: 26 <?page no="1"?> utb 6479 Eine Arbeitsgemeinschaft der Verlage Brill | Schöningh - Fink · Paderborn Brill | Vandenhoeck & Ruprecht · Göttingen - Böhlau · Wien · Köln Verlag Barbara Budrich · Opladen · Toronto facultas · Wien Haupt Verlag · Bern Verlag Julius Klinkhardt · Bad Heilbrunn Mohr Siebeck · Tübingen Narr Francke Attempto Verlag - expert verlag · Tübingen Psychiatrie Verlag · Köln Psychosozial-Verlag · Gießen Ernst Reinhardt Verlag · München transcript Verlag · Bielefeld Verlag Eugen Ulmer · Stuttgart UVK Verlag · München Waxmann · Münster · New York wbv Publikation · Bielefeld Wochenschau Verlag · Frankfurt am Main <?page no="2"?> Dr. Frank C. Danesy ist Experte für strategische Unter‐ nehmensführung, Personalmanagement und Spionageab‐ wehr. Er lehrt aktuell an der Universität Mannheim. <?page no="3"?> Frank C. Danesy Insider-Spionage erkennen und abwehren durch das Fünf-Faktoren-Modell mit eLearning-Kurs <?page no="4"?> DOI: https: / / doi.org/ 10.36198/ 9783838564791 © UVK Verlag 2025 ‒ Ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikro‐ verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. 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Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Einbandgestaltung: siegel konzeption | gestaltung Druck: Elanders Waiblingen GmbH utb-Nr. 6479 ISBN 978-3-8252-6479-6 (Print) ISBN 978-3-8385-6479-1 (ePDF) ISBN 978-3-8463-6479-6 (ePub) Umschlagabbildung: © Willi Bucher · Darmstadt Autorenbild: © intelsource.eu Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. <?page no="5"?> 11 15 19 21 23 27 1 29 1.1 29 1.2 36 1.3 39 1.4 45 2 51 2.1 51 2.2 60 2.3 64 2.4 66 2.5 68 2.6 72 Inhalt Abkürzungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Danksagungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ➲ eLearning . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Glossar | Wichtige Begriffe, die Sie kennen sollten . . . . . . . . . . . . . . . . . . Teil 1 · Auf dem Weg zum Modell der Insider-Spionage . . . . . . . . . . . . . Kapitel | Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Problem der Insider-Spionage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Herausforderungen bei der Spionageabwehr . . . . . . . . . . . . Spionageabwehr in Lehre und Praxis . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitelübersicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel | Die Welt der Spionage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Spionage im Wandel der Zeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Auswirkungen der Globalisierung auf die Spionage . . Spionage im privaten Sektor . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Spionage in zwischenstaatlichen Organisationen . . . . . . . . Die Auswirkungen der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) auf die Spionage . . . . . Wie Insider zu Spionen werden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . <?page no="6"?> 3 75 3.1 76 3.2 84 3.2.1 86 3.2.2 89 3.2.3 92 3.2.4 94 3.2.5 97 4 99 4.1 99 4.2 101 4.3 103 4.3.1 104 4.3.2 113 4.3.3 116 4.3.4 122 4.3.5 131 4.3.6 136 4.3.7 137 4.4 138 143 5 145 5.1 146 5.1.1 148 5.1.2 149 5.2 151 5.2.1 153 5.2.2 153 Kapitel | Der aktuelle Erklärungsstand der Insider-Spionage . . . . Aktuelle Erklärungsansätze der Insider-Spionage im Überblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was aktuelle Ansätze der Insider-Spionage lehren und was nicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Auslöser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Motivation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Enthemmende Faktoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Organisatorische Schwachstellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Marktchancen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel | Hinleitung zum Fünf-Faktoren-Modell . . . . . . . . . . . . . . . Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Aufbau des Modells . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Erklärung der fünf Faktoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Auslöser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Motive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Organisatorische Schwachstellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Marktchancen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Enthemmende Faktoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Entscheidung zur Spionage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Erfolgreiche Spionagehandlung als Auslöser . . . . . . . . . . . Das Fünf-Faktoren-Modell der Insider-Spionage . . . . . . . . . Teil 2 · Fallstudien und Anwendung des Fünf-Faktoren-Modells der Insiderspionage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel | In der Honigfalle gefangen - Der Fall Clayton Lonetree Persönlicher Hintergrund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Lonetrees Leben mit seinem Vater . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Lonetrees Persönlichkeitsentwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . Beruflicher Werdegang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das Marine-Guard-Programm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Entsendung nach Moskau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 Inhalt <?page no="7"?> 5.3 156 5.3.1 158 5.3.2 160 5.4 165 5.4.1 166 5.4.2 168 5.4.3 170 5.4.4 172 5.4.5 173 6 177 6.1 178 6.2 181 6.2.1 185 6.2.2 188 6.3 190 6.3.1 190 6.3.2 194 6.3.3 196 6.3.4 197 6.4 199 6.4.1 200 6.4.2 200 6.5 202 6.5.1 202 6.5.2 205 6.5.3 208 6.5.4 211 6.5.5 215 7 219 7.1 220 7.2 223 7.2.1 223 7.2.2 225 7.3 226 Die Honigfalle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Violetta Seinas Geschichte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Einführung von Onkel Sasha . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fünf Faktoren im Fall Lonetree . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Auslöser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Motive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Organisatorische Schwachstellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Marktchancen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Enthemmende Faktoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel | Ein Coup für den CIA - Der Fall Sergej Tretyakov . . . . Persönlicher Hintergrund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Beruflicher Werdegang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tretyakovs Übergang zum Auslandsgeheimdienst . . . . . . . Tretyakovs Beförderung zum amtierenden Residenten . . . Desillusionierungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zunehmende Entfremdung vom russischen Staat . . . . . . . . Der erste Gedanke an eine Flucht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Verlust des Vertrauens in den SVR . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abscheu vor der Korruption . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Entscheidung zum Überlaufen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Der finale Anstoß - Jelzins Fall und Putins Aufstieg . . . . . Der letzte Schritt - Tretyakovs Flucht in die Freiheit . . . . . Fünf Faktoren im Fall Tretyakov . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Auslöser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Motive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Organisatorische Schwachstellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Marktchancen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Enthemmende Faktoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel | Insider-Spionage für Ego und Profit - Der Fall Robert Hanssen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Persönlicher Hintergrund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Beruflicher Werdegang und Spionagetätigkeit . . . . . . . . . . Eintritt in das Chicago Police Department . . . . . . . . . . . . . . Eintritt in das Federal Bureau of Investigation . . . . . . . . . . Versetzung nach New York und erste Spionagehandlung . Inhalt 7 <?page no="8"?> 7.4 230 7.5 233 7.5.1 233 7.5.2 235 7.5.3 236 7.5.4 237 7.5.5 238 7.6 239 7.7 241 7.8 243 7.9 246 7.10 248 7.11 250 7.12 252 7.12.1 252 7.12.2 255 7.12.3 257 7.12.4 260 7.12.5 261 8 265 8.1 265 8.2 266 8.2.1 267 8.2.2 268 8.2.3 269 8.2.4 270 8.3 272 8.3.1 272 8.3.2 274 8.3.3 276 8.3.4 278 8.4 280 8.4.1 280 8.4.2 282 Zwischenstation in Washington - Eine Phase der Inaktivität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wiederaufnahme der Spionagetätigkeit . . . . . . . . . . . . . . . Erneute Versetzung nach New York . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Erneute Versetzung nach Washington . . . . . . . . . . . . . . . . . Außendienstauftrag und reduzierte Spionagetätigkeit . . . . Beförderung zum Programmleiter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zerfall der Sowjetunion und Abbruch des Kontakts . . . . . . Der Lichtenberg-Vorfall . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fehlgeschlagener Kontaktversuch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Entschluss zur erneuten Spionagetätigkeit . . . . . . . . . . . . . Entlarvung und Verhaftung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Eine unerwartete Wendung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Einschätzung des Psychiaters . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fünf Faktoren im Fall Hanssen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Auslöser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Motive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Organisatorische Schwachstellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Marktchancen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Enthemmende Faktoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel | Fallübergreifende Analyse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einführung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Auslöser . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Clayton Lonetree . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sergej Tretyakov . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Robert Hanssen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fallübergreifender Vergleich der Auslöser . . . . . . . . . . . . . . Motive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Clayton Lonetree . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sergei Tretyakov . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Robert Hanssen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fallübergreifender Vergleich der Motivation . . . . . . . . . . . . Organisatorische Schwachstellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Clayton Lonetree . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sergei Tretyakov . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Inhalt <?page no="9"?> 8.4.3 282 8.4.4 284 8.5 287 8.5.1 287 8.5.2 288 8.5.3 289 8.5.4 290 8.6 291 8.6.1 292 8.6.2 293 8.6.3 294 8.6.4 295 8.7 297 9 301 9.1 301 9.1.1 302 9.1.2 303 9.1.3 304 9.1.4 306 9.1.5 307 9.1.6 308 9.1.7 309 9.1.8 309 9.2 311 315 329 333 334 Robert Hanssen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fallübergreifender Vergleich der Organisatorische Schwachstellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Marktchancen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Clayton Lonetree . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sergei Tretyakov . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Robert Hanssen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fallübergreifender Vergleich der Marktchancen . . . . . . . . . Enthemmende Faktoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Clayton Lonetree . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sergei Tretyakov . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Robert Hanssen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fallübergreifender Vergleich der enthemmenden Faktoren Validierung des Modells . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kapitel | Handlungsempfehlungen und Schlusswort . . . . . . . . . . . Handlungsempfehlungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Entwicklung einer Sicherheitskultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Effektives Recruiting . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sicherheitsmonitoring und Gefahrenanalyse . . . . . . . . . . . . Zugriffsbeschränkung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Schutz physischer Sicherheitsbereiche . . . . . . . . . . . . . . . . . Schutz der Informationssicherheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Schutz der IKT-Sicherheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Informationsgewinnung über externe Informationsinteressen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Schlusswort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Quellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Stichwortverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tabellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inhalt 9 <?page no="11"?> Abkürzungsverzeichnis ADIV | Algemene Dienst Inlichting en Veiligheid (Allgemeiner belgischer Nachrichten und Sicherheitsdienst) AfD | Alternative für Deutschland ASD | Australian Signals Directorate (Australisches Direktorium für Signale) ASEAN | Association of Southeast Asian Nations (Vereinigung südostasia‐ tischer Nationen) AU | African Union (Afrikanische Union) Bf V | Bundesamt für Verfassungsschutz BND | Bundesnachrichtendienst BSI | Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik CCI | Center for Cyber Intelligence (Zentrum für Cyber Intelligenz) CIA | Central Intelligence Agency (Zentraler Nachrichtendienst der USA) CIL | Customary International Law (Völkergewohnheitsrecht) CIP | Critical Infrastructure Program (Programm für kritische Infrastruktu‐ ren) CNI | Centro Nacional de Inteligencia (spanischen Nachrichtendienstes) COVCOM | Covert Communication (Verdeckte Kommunikation) CSEC | Communications Security Establishment Canada (Kanadischer Kommunikationssicherheitsdienst) CSIS | Canadian Security Intelligence Service (kanadischer Sicherheitsnach‐ richtendienst) DIRNSA | Director of National Security Agency (Direktor der Nationalen Sicherheitsbehörde der USA) DO | Directorate of Operations (Direktion für Operationen) DoD | Department of Defense (Verteidigungsministerium der USA) DSM-V | Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, Fifth Edition (Diagnostisches und Statistisches Handbuch Psychischer Störungen, 5. Auflage) EU | European Union (Europäische Union) FBI | Federal Bureau of Investigation (Bundeskriminalamt der USA) FSB | Federal'naya sluzhba bezopasnosti (Russischer Föderaler Sicherheits‐ dienst) GCHQ | Government Communications Headquarters (Regierungskommu‐ nikationszentrale des Vereinigten Königreichs) <?page no="12"?> GCSB | Government Communications Security Bureau (Neuseeländisches Kommunikationssicherheitsbüro) GPU | Gosudarstvennoe politicheskoe upravlenie (Staatliches Politisches Direktorat der UdSSR) GRU | Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawlenije (Hauptverwaltung des Generalstabs der Streitkräfte der Russischen Föderation) IEC | International Electrotechnical Commission (Internationale Elektro‐ technische Kommission) IGO | Intergovernmental Organization (Zwischenstaatliche Organisation) IKT | Informations und Kommunikationstechnologie IO | Information Operations (Informationsoperationen) ISO | International Organization for Standardization (Internationale Orga‐ nisation für Normung) KGB | Komitet Gosudarstvennoy Bezopasnosti (Komitee für Staatssicher‐ heit der UdSSR) KH 11 | Key Hole11 („Big Bird“) reconnaissance satellite (Aufklärungssatel‐ lit „Big Bird“) MAD | Militärischer Abschirmdienst MI 6 | Military Intelligence Section 6 (Militärischer Nachrichtendienst, Sektion 6) M.I.C.E. | Money, Ideology, Compromise (coercion), Ego (Geld, Ideologie, Kompromittierung, Ego MIVD | Militaire Inlichtingen en Veiligheidsdienst (Niederländischer Mili‐ tärnachrichtendienst) NATO | North Atlantic Treaty Organization (Organisation des Nordatlan‐ tikvertrags) NGO | Non-governmental organization (Nichtregierungsorganisationen) NIIRP | Wissenschaftlichen Forschungsinstitut für nachrichtendienstliche Probleme der Ersten Hauptdirektion des KGB NKWD | Narodnyy Komissariat Vnutrennikh Del (Volkskommissariat für innere Angelegenheiten) NOC | Non-official Cover (Inoffizielle Legende) NRO | National Reconnaissance Office (Nationales Aufklärungsbüro der USA) NSA | National Security Agency (Nationale Sicherheitsagentur der USA) OPCW | Organization for the Prohibition of Chemical Weapons (Organisa‐ tion für das Verbot chemischer Waffen) OPSEC | Operations Security (Operationssicherheit) 12 Abkürzungsverzeichnis <?page no="13"?> PKK | Partiya Karkerên Kurdistanê (Arbeiterpartei Kurdistans) PCL R | Psychopathy Checklist - Revised (Psychopathie Checkliste - Revidiert) R&D | Research and Development (Forschung und Entwicklung) RAW | Research and Analysis Wing (Forschungs und Analyseflügel Indiens) SVR | Sluzhba Vneshney Razvedki (Auslandsgeheimdienst der Russischen Föderation) TS/ SCI | Top Secret/ Sensitive Compartmented Information (Streng ge‐ heim/ Sensibel unterteilte Informationen) UK | United Kingdom (Vereinigtes Königreich) UN | United Nations (Vereinte Nationen) US | United States (Vereinigte Staaten) UdSSR | Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken WTO | World Trade Organization (Welthandelsorganisation) Abkürzungsverzeichnis 13 <?page no="15"?> Vorwort In den ersten Jahren meiner Berufstätigkeit arbeitete ich für die US-Streit‐ kräfte bei der Berlin Brigade in West-Berlin und war dort dem Bereich G1-Personal zugeordnet. Meine Aufgaben umfassten die Bereitstellung tech‐ nischer Dienstleistungen für den G2-Nachrichten- und Sicherheitsdienst, darunter den stellvertretenden Stabschef für Geheimdienste (DCSI), die 67th Military Intelligence Group und das Joint Refugee Observation Center ( JROC-B). Nach Abschluss meines Bachelorstudiums in Betriebswirtschaft und Psychologie sowie meines Masterstudiums in Betriebswirtschaft wurde ich mit der Ausbildung des Personals dieser und weiterer Einheiten der Berlin Brigade betraut. Dies geschah in einer Zeit tiefgreifender geopolitischer Spannungen zwischen der North Atlantic Treaty Organization (NATO) und dem War‐ schauer Pakt. West-Berlin, oft als ‚Insel‘ inmitten eines Meeres sowjetischen Einflusses bezeichnet, war während des Kalten Krieges ein Leuchtturm westlicher Werte. 170 km im Herzen der DDR gelegen und vom Eisernen Vorhang umgeben, symbolisierte die Stadt die Widerstandsfähigkeit und die Entschlossenheit der westlichen Alliierten - der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und Frankreichs - bei der Verteidigung von Freiheit und Demokratie auf einem ideologisch gespaltenen Kontinent. Die 12.000 bis 15.000 westalliierten Soldaten in West-Berlin standen einer überwältigenden Übermacht gegenüber: rund 20 Divisionen des Warschauer Pakts mit Hunderttausenden von Soldaten, die die Stadt umgaben. Inmitten dieser herausfordernden Umstände war West-Berlin nicht nur ein Symbol für den westlichen Widerstand, sondern auch ein Brennpunkt geopolitischer Auseinandersetzungen und ein Prüfstein für die Standhaftigkeit der westli‐ chen Alliierten. Die strategische Lage West-Berlins, tief im sowjetisch kontrollierten Gebiet, machte die Stadt zu einem zentralen Ziel für Spionage und ver‐ deckte Operationen der sowjetischen und der ostdeutschen Geheimdienste. Diese waren darauf ausgerichtet, westliche Interessen zu untergraben und Schwachstellen auszunutzen. Jede Verletzung der Sicherheitsvorkehrungen stellte eine ernsthafte Bedrohung dar, die potenziell lebenswichtige Ressour‐ cen der Nachrichtendienste gefährdete und das Leben des in West-Berlin stationierten Personals aufs Spiel setzte. <?page no="16"?> Daher waren wir gezwungen, strenge Maßnahmen zu ergreifen, um un‐ sere Verteidigung zu stärken und die inhärenten Risiken durch gegnerische Aktivitäten zu minimieren. Inmitten dieser angespannten Lage wurden zahlreiche Spionagefälle aufgedeckt, die ihren Höhepunkt 1985 - im soge‐ nannten ‚Jahr des Spions‘ - erreichten, als 16 Spione, die meisten von ihnen sowjetisch, enttarnt wurden. Diese Enthüllungen erschütterten viele von uns zutiefst und warfen die Frage auf, warum jemand sein Land, seine Organisation und seine Kollegen so schwer verraten würde. 1989 fiel die Berliner Mauer und der Kalte Krieg endete 1991, doch Spionage blieb ein anhaltendes Thema, das sich zunehmend auch auf den privaten Sektor ausweitete. In der Zwischenzeit hatte ich in Unterneh‐ mungspolitik promoviert und mehrere Jahre in der Wissenschaft sowie in der industriellen Beratung gearbeitet. Schließlich wechselte ich zur Europäischen Weltraumagentur (ESA), wo ich zunächst für die Rekrutierung und die Ausbildung hochqualifizierter Ingenieure und Wissenschaftler ver‐ antwortlich war. Wie ich bald erkannte, ist der Raumfahrtsektor besonders anfällig für Spionage, weshalb der Schutz privilegierter Informationen höchste Priorität hatte. Später übernahm ich die Leitung der Personalabteilung im Raumfahrt‐ kontrollzentrum der Agentur. In dieser Funktion gehörten Personal- und Informationssicherheit stets zu meinen zentralen Aufgaben und Anliegen. Jahre später, im März 2014 wurde das Top-Management-Team der Direk‐ tion für bemannte Raumfahrt und Raumfahrtbetrieb unserer Organisation von einem leitenden Vertreter des Bundesamtes für Sicherheit in der Infor‐ mationstechnik (BSI) zu einem Vortrag eingeladen. Dieser informierte uns umfassend über die Risiken, denen unsere Organisation im Kontext von Spionage ausgesetzt ist. Es wurde deutlich, dass diese Bedrohungen nicht nur von Cyberangriffen, sondern auch von menschlichen Geheimdienst‐ quellen ausgehen können. Unser geschäftsführender Direktor, ein abgeordneter General der Luft‐ waffe, ermutigte uns, das Bewusstsein für diese Risiken weiter zu schärfen. Inspiriert durch diesen Impuls entschied ich mich, einen Master-Abschluss in Intelligence Studies zu absolvieren, mit einem Schwerpunkt auf Human Intelligence (HUMINT) und Spionageabwehr - eine naheliegende Wahl, die meine Expertise im Personalmanagement ergänzte. Als ich tiefer in das Gebiet der Spionageabwehr eintauchte und dieses Wissen mit den sicherheitsrelevanten Erfahrungen kombinierte, die ich im Laufe der Jahre gesammelt hatte, wurde mir bewusst, dass etwas Wesent‐ 16 Vorwort <?page no="17"?> liches in den bestehenden Konzepten fehlte. Ich suchte nach einem umfas‐ senden und systematischen Rahmen, mit dem Insider-Spionage effektiv verhindert werden könnte. Was ich jedoch vorfand, war ein uneinheitliches Geflecht aus Konzepten - einige mehr, andere weniger strukturiert -, die jeweils nur einzelne Aspekte der Insider-Spionage beleuchteten. In diesem kathartischen Moment entschloss ich mich, mein über Jahrzehnte im Personalwesen erworbenes Wissen über menschliches Verhalten - ins‐ besondere über kontraproduktives Verhalten - zu nutzen, um das Problem der Insider-Spionage systematisch und ganzheitlich anzugehen. Diese Überlegungen führten zur Konzeption eines mehrjährigen For‐ schungsprojekts, das ich im Rahmen einer Promotion durchführen konnte. Ziel war es, ein wissenschaftlich fundiertes Modell zu entwickeln, mit dem sich Risiken von Insider-Spionage im Einzelfall systematisch erkennen und bewerten lassen. Im Zentrum standen vier Leitfragen: Welche Faktoren deuten auf ein Spionagerisiko hin? Wie hängen diese zusammen? Wie lassen sie sich in einem praxisnahen Modell abbilden? Und wie kann dieses Modell auf reale Fälle angewendet und validiert werden? Schnell wurde deutlich, dass sich das Problem der Insider-Spionage nicht angemessen adressieren lässt, wenn es nur aus der Perspektive einer einzel‐ nen Disziplin - etwa der Psychologie - betrachtet wird. Diese Erkenntnis führte zu meinem Kontakt mit Prof. Dries Velthuizen von der UNISA, einem ausgewiesenen Experten für multi-, inter- und transdisziplinäre Forschung sowie für Strafjustiz, der zudem jahrzehntelange Erfahrung als Oberst im militärischen Nachrichtendienst mitbrachte. Prof. Velthuizen erklärte sich bereit, das Vorhaben als wissenschaftli‐ cher Mentor zu betreuen. Umso erfreulicher war es, dass sich auch Prof. Juanida Horne - Expertin für forensische Ermittlungen und ehemalige Oberstleutnantin im Polizeinachrichtendienst - bereit erklärte, das Projekt als Co-Mentorin zu begleiten. Der Fokus des Projekts lag auf Personen, die zunächst ohne Spionageab‐ sicht in eine Organisation eintreten und erst im Verlauf ihrer Tätigkeit zu Insider-Spionen werden. Die Ergebnisse beruhen auf der Analyse internatio‐ naler Fallbeispiele und wurden im Rahmen eines qualitativ ausgerichteten, formal begutachteten Forschungsprozesses erarbeitet, der höchsten wissen‐ schaftlichen Standards genügt. Das Projekt begann Anfang 2019 und wurde Ende 2022 erfolgreich abgeschlossen - es bildete die Grundlage für meine Promotion im Fach Strafjustiz und für die Veröffentlichung dieses Lehr- und Praxisbuchs. Vorwort 17 <?page no="19"?> Danksagungen Ein Buchprojekt dieser Größenordnung und dieses Umfangs wäre ohne die direkte und indirekte Unterstützung vieler Menschen, die durch ihr Interesse, ihre Ermutigung und ihre Anleitung dazu beigetragen haben, mich auf Kurs zu halten, nicht möglich gewesen. Dieses Werk ist nicht nur das Ergebnis meiner eigenen Bemühungen, sondern auch Ausdruck der Beiträge all jener, die ihre Anregungen, ihr Wissen, ihre Zeit und ihre unerschütterliche Unterstützung auf diesem Weg eingebracht haben. Zunächst möchte ich meinen aufrichtigen Dank an Prof. Dr. A. Velthuizen, den ehemaligen Leiter des Institute for African Renaissance Studies an der UNISA, richten. Sein umfassendes Wissen und seine Erfahrung waren eine unschätzbare Orientierungshilfe in allen Phasen dieses Projekts. Ebenso danke ich Prof. Dr. J.-S. Horne vom Department of Police Practice an der UNISA, die freundlicherweise die Rolle der Co-Mentorin für mein Forschungsprojekt übernommen hat. Ihre unermüdliche Unterstützung und ihre wertvollen Beiträge haben diese Arbeit bereichert und wesentlich zur Tiefe beigetragen. Die Ermutigung meiner Familie war ein wesentlicher Pfeiler auf meinem Weg. Besonders erwähnen möchte ich Dorothea Danesy, die mich während des Forschungsprojekts tatkräftig unterstützt hat - insbesondere durch ihr wertvolles Lektorat des englischen Forschungsberichts. Mein besonderer Dank gilt auch meinem ältesten Enkel Tristan, der mich mit seinen durch‐ dachten Beobachtungen in unseren Gesprächen über meine Forschung immer wieder überrascht und inspiriert hat. Trotz seines jungen Alters hat er mich oft mit seinen Einsichten verblüfft. Ich freue mich darauf, zu sehen, wohin ihn seine vielversprechende Zukunft führen wird. Ein besonderer Dank gilt meinem Freund und ehemaligen Kollegen, Brigadegeneral Dr. Thomas Reiter, der mein Interesse an Sicherheitsfragen neu entfacht hat. Seine Inspiration war ein zentraler Faktor dafür, dass ich dieses Projekt in Angriff nahm. Als ehemaliger europäischer Astronaut und Direktor für bemannte Raumfahrt und Raumfahrtbetrieb bei der Euro‐ päischen Weltraumorganisation war seine einzigartige Perspektive an der Schnittstelle von Sicherheit und Raumfahrtforschung für mich wegweisend. Mein Dank gilt ebenso meinem guten Freund Dr. Rolf Densing, Direktor für Raumfahrtbetrieb bei der Europäischen Weltraumorganisation, für un‐ <?page no="20"?> sere zahlreichen inspirierenden Gespräche über Strategie und die Bedeutung des ‚Über-den-Tellerrand-Denkens‘. Diese Diskussionen haben mich bei der Entwicklung des konzeptionellen Rahmens meiner Forschung erheblich beeinflusst. Ein weiterer Dank geht an Stefano Zatti, den ehemaligen Leiter der Sicherheitsabteilung der Europäischen Weltraumorganisation, für unsere vielen anregenden und freundschaftlichen Gespräche über organisatorische Sicherheit und den Schutz privilegierter Informationen. Seine Erkenntnisse waren von unschätzbarem Wert für die praktische Ausrichtung meiner Forschung. Meinem geschätzten Kollegen Prof. Dr. Torsten Biemann danke ich herz‐ lich für seine Expertise im Bereich der Organisationspsychologie. Seine Unterstützung in zentralen Fragen wie Motivation, kontraproduktivem Ar‐ beitsverhalten und Testverfahren hat die theoretische Basis dieses Projekts erheblich bereichert und mir geholfen, wichtige psychologische Konzepte präzise in meine Arbeit zu integrieren. Ein weiterer besonderer Dank gilt meinem Freund Prof. Dr. Manfred Schölch, dem ehemaligen stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der FRA‐ PORT AG, für die inspirierenden Diskussionen über die juristischen und philosophischen Aspekte der Insider-Spionage. Ich möchte auch Maura Preiß-Starke vom Büro für Sozialplanung der Wissenschaftsstadt Darmstadt meinen besonderen Dank aussprechen. Ihre sorgfältige Durchsicht des Manuskripts sowie ihre wertvollen Anregungen und Impulse waren von unschätzbarem Wert für die Weiterentwicklung dieses Buches. Darüber hinaus möchte ich Anna Zebovec, Lektorin bei Scribbr, für ihre sorgfältige sprachliche Überarbeitung und Anne Forstmann, Layoutexpertin bei Scribbr, für ihre professionelle Unterstützung beim Layout danken. Zu guter Letzt möchte ich meinen Freunden danken, die sich oft nach dem Fortschritt meiner Forschung erkundigt und mit Spannung auf die Ergeb‐ nisse gewartet haben. Besonders hervorheben möchte ich Julia Rupenthal, Roger Klein und Olaf Kühn für ihre Bereitschaft, das Manuskript zu lesen und mir hierzu Feedback zu geben. Jede dieser Personen hat einen bleibenden Eindruck auf dieses Werk hinterlassen, und ich bin zutiefst dankbar für ihre Beiträge. Dieses Projekt steht als Zeugnis für den kollaborativen Geist und die gemeinsame Hingabe aller Beteiligten. 20 Danksagungen <?page no="21"?> ➲ eLearning Zu diesem Buch wird ein eLearning-Kurs mir über 200 Fragen angeboten. Zu Kapitelbeginn finden Sie jeweils einen Hinweis mit Link und QR-Code. Vor der Lektüre hilft Ihnen der eLearning-Kurs dabei, Ihren aktuellen Wissenstand zu testen. Nach der Lektüre können Sie mithilfe dieses Kurses das Erlernte auf die Probe stellen und festigen. <?page no="23"?> Glossar | Wichtige Begriffe, die Sie kennen sollten Das Glossar können Sie downloaden. Nutzen Sie hierfür den Link oder QR-Code. 🔗 https: / / files.narr.digital/ 9783825264796/ glossar.pdf Anreiz | Ein erwarteter Nutzen, Vorteil oder Zugewinn - materiell oder immateriell -, der das Verhalten einer Person gezielt beeinflussen kann. Im Kontext von Insider-Spionage bezieht sich der Anreiz auf die Attraktivität eines Angebots oder einer Gelegenheit, die eine Person zur Preisgabe sensibler Informationen motivieren oder verleiten kann, etwa durch Geld, ideologische Zugehörigkeit, Anerkennung oder Erpressbarkeit. Auslöser | Ereignisse oder Situationen, die - im Zusammenspiel mit beste‐ henden persönlichen Prädispositionen - motivationsrelevante Prozesse in Gang setzen können. Bedürfnis | Ein Bedürfnis stellt eine Prädisposition dar, die für die Anpas‐ sung, Integrität und das persönliche Wachstum eines Individuums von wesentlicher Bedeutung ist. Emotionale Reaktion | Eine emotionale Reaktion ist eine unmittelbare, oft intensive Antwort auf einen auslösenden Reiz, bei der Gefühle, körperliche Veränderungen und Handlungsimpulse zusammenwirken - etwa in Form von Angst, Wut, Scham oder Kränkung - und das Denken sowie Verhalten einer Person beeinflussen können. Entscheidung | Entscheidungen sind bewusste Festlegungen auf eine bestimmte Handlungs- oder Vorgehensweise, die auf der Abwägung von Optionen basieren und kognitive, emotionale sowie situative Faktoren einbeziehen können. Handler | Ein Agentenführer, der direkt für die operativen Aktivitäten von Agenten verantwortlich ist. Die Begriffe „Handler“, „Agentenführer“, und „Führungsoffizier“ werden häufig synonym verwendet. <?page no="24"?> Handlungsbereitschaft | Die Bereitschaft eines Individuums, auf eine Emotion zu reagieren, um das zugrundeliegende Ziel dieser Emotion zu erfüllen. Honigfalle | Eine Strategie in der Spionage, bei der eine Person durch romantische oder sexuelle Manipulation in eine Falle gelockt wird, um sensible Informationen oder Loyalität zu gewinnen. Ideologie | Ein System von religiösen, politischen oder philosophischen Überzeugungen, die in einer Gesellschaft mehr oder weniger institutionell verankert oder weit verbreitet sind. Informationssicherheit | Der Schutz sensibler Informationen - ob digital, physisch oder als personenbezogenes Wissen - vor unbefugtem Zugriff, Missbrauch, Offenlegung, Zerstörung, Veränderung oder Störung. Informations- und Kommunikationstechnologie-(IKT)-Sicherheit | Der Schutz von informationstechnischen Systemen, Netzwerken und digita‐ len Kommunikationsmitteln vor unbefugtem Zugriff, Manipulation, Ausfall oder Datenverlust - durch technische und organisatorische Maßnahmen wie Firewalls, Verschlüsselung, Rechteverwaltung oder Sicherheitsupdates. Insider-Spionage | Insider-Spionage bezeichnet das unbefugte Weiter‐ geben oder Offenbaren sensibler Informationen durch eine Person mit legitimem Zugang innerhalb einer Organisation - meist mit dem Ziel persönlicher Vorteile. Kunden | Kunden sind Empfänger von Gütern oder Dienstleistungen, die ihnen im Rahmen einer Markttransaktion von einem Anbieter bereitgestellt werden. Lieferanten | Lieferanten sind Anbieter von Gütern oder Dienstleistungen, die diese im Rahmen einer Markttransaktion einem Kunden zur Verfügung stellen. Loyalitätskonflikt | Ein Zustand der inneren Zerrissenheit, der in Spiona‐ gefällen auftreten kann, wenn ein Individuum zwischen seiner Loyalität gegenüber seiner Organisation und einer externen Macht, wie einer fremden Regierung, hin- und hergerissen ist. 24 Glossar | Wichtige Begriffe, die Sie kennen sollten <?page no="25"?> Markt | Ein System, das Angebot und Nachfrage für ein bestimmtes Gut oder eine Dienstleistung vereint, bestehend aus Kunden, Lieferanten und den Mechanismen zur Durchführung von Transaktionen. Motivationsprozess | Ein Prozess, der durch einen Auslöser initiiert wird und die Bewertung des Auslösers, eine emotionale Reaktion darauf sowie eine Handlungsbereitschaft umfasst, die durch diese emotionale Reaktion beeinflusst wird. Motive | Ein Motiv ist ein Bedürfnis, eine Überzeugung, ein Wert oder eine Ideologie, das durch externe Ereignisse oder Situationen ausgelöst wird und eine Person zu einer Handlung bewegt. Nachrichtendienst | Eine staatliche Organisation, die Informationen über sicherheitsrelevante Vorgänge sammelt, auswertet und bereitstellt - insbe‐ sondere zu politischen, wirtschaftlichen, militärischen oder technologischen Entwicklungen im In- und Ausland. Personalsicherheit | Der Schutz einer Organisation vor sicherheitsrele‐ vanten Risiken, die sich aus dem Verhalten, der Vertrauenswürdigkeit oder der Verletzlichkeit eigener Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ergeben - durch präventive Maßnahmen wie Zuverlässigkeitsprüfungen, Sicherheits‐ unterweisungen und Zugriffsregelungen. Persönlichkeitsstörung | Eine psychische Störung, die durch ein dauer‐ haftes Muster von inneren Erfahrungen und Verhaltensweisen gekennzeich‐ net ist, das sich stark von den kulturellen Erwartungen unterscheidet und zu Belastungen oder Beeinträchtigungen im Leben des Individuums führt. Physische Sicherheit | Der Schutz von Gebäuden, Anlagen, Räumen und sonstiger Infrastruktur vor unbefugtem Zutritt, Sabotage, Diebstahl oder sonstigen physischen Angriffen - durch Maßnahmen wie Zugangskontrol‐ len, Überwachungstechnik, bauliche Sicherungen oder Wachpersonal. Prädisposition | Eine Tendenz, bestimmte Haltungen einzunehmen oder auf spezifische Weise auf Bedürfnisse, Überzeugungen, Werte oder Ideolo‐ gien zu reagieren. Psychische Störung | Ein Zustand, der durch signifikante Störungen in der Kognition, der Emotionsregulation oder im Verhalten eines Individuums gekennzeichnet ist und auf eine Funktionsstörung in psychologischen, biologischen oder entwicklungsbedingten Prozessen hinweist. Glossar | Wichtige Begriffe, die Sie kennen sollten 25 <?page no="26"?> Rekrutierung | Der Prozess, bei dem Individuen, insbesondere durch externe Akteure, dazu bewegt werden, gegen ihre eigene Organisation zu spionieren. Spionageabwehr | Spionageabwehr umfasst sämtliche organisatorischen, personellen und technischen Maßnahmen zur Verhinderung, Erkennung und Abwehr von Spionageaktivitäten. Sie zielt darauf ab, sicherheitsrele‐ vante Informationen, Systeme und Strukturen vor unbefugtem Zugriff oder Informationsabfluss zu schützen. Überzeugung | Eine Überzeugung ist eine als wahr empfundene Annahme über die Welt, sich selbst oder andere, die das Denken, Fühlen und Handeln einer Person maßgeblich steuert - unabhängig davon, ob sie objektiv überprüfbar ist. Verhaltensanalyse | Eine Methode, die darauf abzielt, Veränderungen im Verhalten oder in der Einstellung von Individuen zu analysieren, um mögliche Insider-Spione zu identifizieren. Wert | Werte sind normative Überzeugungen darüber, was als wünschens‐ wert, richtig oder wichtig gilt. Sie haben einen allgemeinen Geltungsan‐ spruch, sind nicht objekt- oder situationsgebunden und prägen Entschei‐ dungen, Verhalten und Urteilsbildung über verschiedene Kontexte hinweg. Wirtschaftsspionage | Ein krimineller Akt, bei dem eine Person bewusst Geschäftsgeheimnisse stiehlt oder anderweitig unbefugt zugänglich macht, um einen ausländischen Staat oder eine fremde Institution zu begünstigen. 26 Glossar | Wichtige Begriffe, die Sie kennen sollten <?page no="27"?> Teil 1 · Auf dem Weg zum Modell der Insider-Spionage <?page no="29"?> 1 Kapitel | Einleitung ➲ eLearning-Kurs Nutzen Sie den QR-Code oder den Link, um zu dem Kurs zu gelangen: 🔗 https: / / narr.kwaest.io/ s/ 1382 1.1 Das Problem der Insider-Spionage Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Warum Insider-Spionage eine Bedrohung darstellt. ● Wie die Gefahren durch Spionage zunehmen. ● Welche Staaten durch Spionage besonders betroffen sind. ● Welche strategischen Ziele Russland und China durch Spionage verfolgen. ● Welche Sektoren durch Spionage besonders bedroht sind. Spionage, die von vertrauten Mitarbeitern begangen wird, bedroht die innere Sicherheit des Staates, gefährdet Infrastrukturen, destabilisiert Regie‐ rungen, schwächt die Wirtschaft und fordert mitunter Menschenleben. An‐ gefangen bei hochrangigen Führungskräften, die ihren Zugriff auf sensible Informationen missbrauchen, bis hin zu Bürogehilfen, die sich vertrauliche Unterlagen gesetzeswidrig aneignen, um sie an Unbefugte weiterzuleiten, stellen Insider-Spione eine erhebliche Gefahr für die Gesellschaft dar. Jüngste Ereignisse verdeutlichen dies. Im September 2022 musste sich Ralph G., ein deutscher Reserveoffizier, wegen ‚besonders schwerer geheimdienstlicher Agententätigkeit‘ für Russ‐ land vor einem deutschen Gericht verantworten. Laut Anklage unterhielt G. von 2014 bis 2020 Kontakte mit Personen, die in Deutschland als diplo‐ matische Vertreter Russlands getarnt und in Wirklichkeit Mitarbeiter des russischen Militärgeheimdienstes (Glawnoje Raswedywatelnoje Uprawle‐ <?page no="30"?> 1 Hoffer, 2022 2 Bewarder et al., 2023; Lehberger et al., 2023 3 Der Generalbundesanwalt beim Bundesgerichtshof, 2023 4 Wehner, 2023 nije, GRU) waren. Ralph G. wurde zur Last gelegt, dem GRU vertrauliche Informationen über das Reservistenwesen, die Cybersicherheit sowie zu den Auswirkungen der Europäische-Union(EU)-Sanktionen gegen die Pipeline Nord Stream 2 1 geliefert zu haben. In einem anderen Fall wurde zwei Monate später, im Dezember 2022, Carsten L., ein hochrangiger Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes (BND), von Beamten des Bundeskriminalamtes wegen des dringenden Ver‐ dachts auf Landesverrat verhaftet. Ihm wurde vorgeworfen, dem russischen Inlandsgeheimdienst (Federal'naya sluzhba bezopasnosti, FSB) mitgeteilt zu haben, dass der Westen Zugang zu einem internen Messenger-Dienst namens ‚Kod‘ hatte, den die russische paramilitärische Gruppe Wagner nutzte, um Informationen über ihre Verluste, Taktiken und Ziele im Ukra‐ inekrieg zu kommunizieren. Als Reaktion auf diesen Verrat ordnete die Wagner-Führung an, einen anderen Kanal zu verwenden, sodass der Westen fortan keinen Zugriff auf die Echtzeitinformationen über diesen Kanal hatte. 2 Ermittlungsbehörden gingen davon aus, dass Carsten L. nicht allein gehandelt hat. Im Januar 2023 wurde sein Bekannter, Artur E., wegen des dringenden Verdachts auf Landesverrat in Mittäterschaft ebenfalls verhaftet. Laut Anklage soll Arthur E. die von Carsten L. gesammelten Informationen nach Russland gebracht und dort dem russischen Nachrichtendienst im Tausch für beträchtliche Summen Geld übergeben haben. 3 Einige Monate später, im August 2023, kam ein neuer Spionagefall ans Licht. Thomas H., ein Berufssoldat beim Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw), wurde von deutschen Behörden wegen des Verdachts der Spionagetätigkeit für Russ‐ land festgenommen. Dem Verdächtigen wurde vorgeworfen, sich ab Mai desselben Jahres mehrfach mit dem russischen Generalkonsulat in Bonn und der russischen Botschaft in Berlin in Verbindung gesetzt zu haben, um eine Zusammenarbeit anzubieten und Informationen aus seinem beruflichen Umfeld zur Weitergabe an einen russischen Geheimdienst bereitzustellen. 4 Allein in der Zeit von Januar 2020 bis Dezember 2023 wurden in Deutsch‐ land insgesamt 129 Personen der geheimdienstlichen Agententätigkeit be‐ 30 1 Kapitel | Einleitung <?page no="31"?> 5 Deutscher Bundestag, 2023 6 Bundesamt für Verfassungsschutz, 2023: 278-279 7 Merkur, 2024 8 FAZ, 2024 9 Handelsblatt, 2024 schuldigt und diese Fälle sind vermutlich nur die Spitze des Eisbergs. 5 Durch seine Rolle in der EU, der NATO und anderen internationalen Organisationen ist Deutschland zum Ziel vielfältiger politischer Spionage‐ angriffe geworden. Ferner haben Deutschlands Wirtschaftskraft sowie die technologische und wissenschaftliche Kompetenz das Land in den Fokus der Wirtschafts-, Wissenschafts- und Industriespionage gerückt. Laut eines Berichts des Bundesamtes für Verfassungsschutz gibt es vier Hauptakteure, die mit ihrer gegen Deutschland gerichteten Spionage tätig sind: die Russi‐ sche Föderation, die Volksrepublik China, die Islamische Republik Iran und die Republik Türkei. 6 Die Häufigkeit der Spionagefälle, die in Deutschland ans Licht kommen, verdichtet sich. Im April 2024 hat der Generalbundesanwalt zwei Russ‐ landdeutsche, die unter Spionageverdacht stehen, festnehmen lassen. Die Beschuldigten werden verdächtigt, Sabotageaktionen geplant zu haben, um die Unterstützung Deutschlands für die Ukraine gegen den russischen Angriffskrieg zu stören. 7 Des Weiteren wurde ebenfalls im April 2024 Jian G., ein Mitarbeiter des Alternative-für-Deutschland(AfD)-Politikers Maximilian Krah, in Dres‐ den von Beamten des Landeskriminalamtes aufgrund des Verdachts der Spionage festgenommen. Die Generalbundesanwaltschaft in Karlsruhe be‐ stätigte, dass der Beschuldigte im Auftrag des chinesischen Geheimdienstes tätig gewesen sein soll. Im Januar 2024 soll G. wiederholt Informationen über Verhandlungen und Entscheidungen des Europäischen Parlaments an sei‐ nen nachrichtendienstlichen Auftraggeber weitergegeben haben. Darüber hinaus habe er im Auftrag des Nachrichtendienstes chinesische Oppositio‐ nelle in Deutschland ausgespäht. 8 Nachdem der Mitarbeiter von Maximilian Krah festgenommen wurde, geriet auch Krah selbst ins Visier der Justiz. Die Generalstaatsanwaltschaft Dresden hat zwei Vorermittlungsverfahren gegen den AfD-Spitzenkandida‐ ten für die Europawahl eingeleitet. Diese Verfahren stehen im Zusammen‐ hang mit russischen und chinesischen Zahlungen, die er für seine Tätigkeit als Abgeordneter erhalten haben soll. 9 Ob auch in diesem Fall - wie im 1.1 Das Problem der Insider-Spionage 31 <?page no="32"?> 10 von Salzen, 2024 11 Deutschlandfunk, 2024 Falle des Krah-Mitarbeiters - mit dem Vorwurf der geheimdienstlichen Agententätigkeit zu rechnen ist, bleibt abzuwarten. Spionage stellt nicht nur für Regierungen, Behörden und das Militär eine Gefahr dar, sondern auch für die Industrie, Forschungseinrichtungen und Universitäten. Ebenfalls im April 2024 wurde ein Ehepaar aus Düsseldorf zusammen mit einem weiteren Mann wegen des Spionageverdachts für den chinesischen Geheimdienst festgenommen. Die Beschuldigten sollen Informationen über in Deutschland entwickelte Technologien an China weitergegeben haben. Das Ehepaar betrieb eine Firma in Düsseldorf, die als Mittler für die Kontaktaufnahme und die Zusammenarbeit mit Personen aus der deutschen Wissenschaft und Forschung genutzt wurde. Sie sollen ihre engen Beziehungen zu einer deutschen Universität genutzt haben, um sich Forschungsergebnisse anzueignen, die potenziell die maritime Kampfkraft Chinas stärken könnten. Sie sollen auch einen Speziallaser gekauft und ohne Genehmigung nach China exportiert haben. Die deutschen Behörden waren den Verdächtigen bereits frühzeitig auf der Spur und überwachten ihre Aktivitäten, bis es zur Festnahme kam. 10 Der Verfassungsschutz warnt deutsche Unternehmen davor, eine naive Haltung im Umgang mit China einzunehmen. Die Behörde verzeichnet zunehmende Fälle von chinesischer Industriespionage. China versuche auch mit illegitimen Mitteln, Einfluss auf Politik und Wirtschaft zu nehmen. Deutsche Unternehmen sollten daher zu einer realistischeren Einschätzung gelangen. Der Verfassungsschutz betont, dass China an dem Know-how deutscher Unternehmen interessiert sei und gleichzeitig versuche, wirt‐ schaftliche Abhängigkeiten zu schaffen. Manager sollten berücksichtigen, dass hinter einem chinesischen Partnerunternehmen immer auch der Staat und ein anderes Rechtssystem stehen. 11 Auf der 17. Sicherheitstagung des Bundesamtes für Verfassungsschutz (Bf V) und der Allianz für Sicherheit in der Wirtschaft e. V. (ASW Bundes‐ verband) wurde ebenfalls im April 2024 in Berlin über die Auswirkungen von Chinas Streben auf die Sicherheit deutscher Unternehmen und die Politik diskutiert, insbesondere im Zusammenhang der wachsenden Bedrohung durch Spionage. Experten aus verschiedenen Bereichen tauschten sich über die zunehmenden Versuche der Einflussnahme durch illegitime Mittel auf Politik, Wirtschaft und Wissenschaft aus und betonten die Dringlichkeit, 32 1 Kapitel | Einleitung <?page no="33"?> 12 Bundesamt für Verfassungsschutz, 2024a 13 Franke, 2024 14 Griera, 2024 15 Griera, 2024 16 Griera, 2024 17 Griera, 2024 robuste Sicherheitsmaßnahmen zu implementieren, um sich gegen diese Bedrohungen zu schützen. Es wurde die Notwendigkeit hervorgehoben, die Resilienz der deutschen Wirtschaft und Wissenschaft gegen Spionage und andere Formen der Einflussnahme von außen zu stärken, um den Wirtschaftsstandort Deutschland zu schützen. 12 Spionage ist jedoch nicht nur für Deutschland, sondern auch für andere westliche Staaten zum ernsten Problem geworden. Europa sieht sich inzwi‐ schen mit einer Welle von Spionagefällen konfrontiert, die weitreichende Besorgnis bezüglich der Sicherheit und der Souveränität dieser Region ausgelöst hat. 13 Dabei stellen Russland und China für Europa eine besondere Gefahr dar. Laut eines Berichts des spanischen Nachrichtendienstes (Centro Nacional de Inteligencia, CNI) hat die russische Invasion in der Ukraine das Interesse Russlands, aber auch Chinas an der Sammlung staatlicher Informationen aus dem Westen stark gesteigert. Ziel ihrer Spionageangriffe ist es, strategische, politische, militärische und diplomatische Vorteile zu sichern. Der Bericht des CNI stellt fest, dass die Aktivitäten feindlicher Nachrichtendienste eine ernste Bedrohung für Spanien und seine Verbündeten darstellen. 14 Trotz der verschärften Haltung Österreichs gegenüber ausländischen Spionen bleibt Wien weiterhin eines der Zentren der Spionageaktivitäten in Europa. Ende März 2024 wurde das Land von einem bedeutenden Spionageskandal erschüttert, als ein ehemaliger Mitarbeiter des österreichi‐ schen Nachrichtendienstes beschuldigt wurde, über Jahre hinweg geheime Informationen systematisch an die russischen Behörden weitergeleitet zu haben. 15 In Italien wurde - ebenfalls 2024 - ein hochrangiger Marineoffizier zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt, weil er geheime Dokumente an einen russischen Botschaftsangehörigen weitergegeben hatte. 16 Zur gleichen Zeit deckte der finnische Nachrichtendienst auf, dass Russland versucht, Asyl‐ bewerber als Spione anzuwerben. Als Reaktion darauf schloss das Land Mitte April 2024 seine Grenze zu Russland und erwägt ein Gesetz, das in Ausnahmefällen die Zurückweisung von Migranten an der Grenze erlaubt. 17 1.1 Das Problem der Insider-Spionage 33 <?page no="34"?> 18 Franke, 2024 19 Franke, 2024 20 Franke, 2024 21 Tunney, 2024 Jüngst begann in London ein Gerichtsprozess gegen zwei Männer im Alter von 29 und 32 Jahren, denen vorgeworfen wird, dass sie von Ende 2021 bis Anfang 2023 vertrauliche Dokumente und Informationen der britischen Regierung beschafft und an China weitergeleitet haben. Einer der Männer war wissenschaftlicher Mitarbeiter im britischen Parlament und hatte dadurch Zugang zu führenden Politikern der regierenden Konservati‐ ven Partei, darunter die Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses und der Sicherheitsminister. 18 In den Niederlanden hat der Nachrichtendienst kürzlich vor vermehrten Spionageaktivitäten chinesischer Agenten in der Halbleiterindustrie sowie in der Luft- und Seefahrt gewarnt. 19 In Belgien wurde bekannt, dass der chinesische Geheimdienst über einen Zeitraum von drei Jahren einen Parlamentarier der rechtsextremen Partei Vlaams Belang bezahlt hat, um Einfluss auf die europäischen Rechtsparteien auszuüben. Der belgische Premierminister Alexander De Croo äußerte daraufhin Besorgnis darüber, dass einige Personen innerhalb einer im Parlament vertretenen Partei den Wohlstand, die Sicherheit und die Demokratie Belgiens zu untergraben bestrebt sind. 20 Während die Spionageangriffe Russlands hauptsächlich auf Subversion, Sabotage sowie die Spaltung und Schwächung des Westens - insbesondere der EU und der NATO - ausgerichtet sind, dient die Spionage Chinas hauptsächlich der wirtschaftlichen und politischen Einflussnahme und dem Diebstahl von westlichen Geschäftsgeheimnissen, Technologien und geistigem Eigentum, um Wettbewerbsvorteile am Weltmarkt zu erzielen. Auch jenseits des Atlantiks ist Spionage ein massives Problem. Unlängst warnte der kanadische Nachrichtendienst (Canadian Securiy Intelligence Service, CSIS) vor einer von der Volksrepublik China groß angelegten E-Mail-Kampagne in Kanada, die darauf abzielt, Regierungsbeamte und Akademiker mit beträchtlichen Gehältern zwischen 95.000 und 374.000 Dol‐ lar anzuwerben. Im Gegenzug sollen die rekrutierten Personen ‚signifikante‘ Informationen liefern, die laut CSIS häufig vertraulich sind. CSIS weist darauf hin, dass die Kommunistische Partei Chinas solche Initiativen nutzt, um Agenten anzuwerben. 21 Wenige Monate später wurde in Kanada ein 34 1 Kapitel | Einleitung <?page no="35"?> 22 The Canadian Press, 2024; 23 United States Attorney's Office, 2024; Roth, 2022 ehemaliger Mitarbeiter des Energieversorgungsunternehmens von Quebec beschuldigt, im Auftrag Chinas Geschäftsgeheimnisse des Unternehmens beschafft und an China weitergeleitet zu haben. 22 Zur gleichen Zeit wurde der ehemalige Central-Intelli‐ gence-Agency(CIA)-Mitarbeiter Joshua Adam Schulte in den Vereinigten Staaten wegen Spionage verurteilt. Schulte, ein Softwareentwickler am Cen‐ ter for Cyber Intelligence (CCI), führte Cyberoperationen durch und hatte im Rahmen seiner Tätigkeit Zugang zu geheimen Informationen betreffend die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten. Ihm wurde zur Last gelegt, geheime CIA-Dateien gestohlen und an WikiLeaks übermittelt zu haben. Wie seinerzeit im Fall von Edward Snowden, dessen Weitergabe von Na‐ tional-Security-Agency(NSA)-Geheiminformationen an Wikileaks für die Vereinigten Staaten und seine Verbündeten einen beträchtlichen Schaden verursacht hatte, geht der Fall Schulte als bisher größte Sicherheitspanne in die Geschichte der CIA ein. Während es jedoch Edward Snowden gelang, der amerikanischen Justiz zu entkommen und sich nach Russland abzusetzen, wo er inzwischen auch die russische Staatsangehörigkeit erhalten hat, ist Schulte in den Vereinigten Staaten wegen Spionage zu 40 Jahren Haft verurteilt worden. 23 1.1 Das Problem der Insider-Spionage 35 <?page no="36"?> 24 Bundesministerium der Justiz, 2024: § 99 Geheimdienstliche Agententätigkeit 25 Bundesministerium der Justiz, 2024: § 94 Landesverrat 1.2 Herausforderungen bei der Spionageabwehr Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Drei Grundstrategien der Spionageabwehr und deren Schwächen. ● Gründe für das begrenzte Abschreckungspotenzial strafrechtlicher Sanktionen. ● Schwierigkeiten bei der Ermittlung und Aufdeckung von Spionage‐ fällen. ● Herausforderungen bei der Rekrutierung und Qualifizierung von Personal in der Spionageabwehr. ● Notwendigkeit eines umfassenden Modells zur Erklärung von Insi‐ der-Spionage. Angesichts der Gefahren, die von der Spionage und insbesondere der Insider-Spionage ausgehen, ist es unerlässlich, dass ein Staat effektive Maßnahmen ergreift, um seine Bürger und Institutionen zu schützen. Aber genau darin besteht das nächste Problem. Im Wesentlichen gibt es drei Strategien, mit denen Spionage abgewehrt werden kann, - Abschreckung, Ermittlung und Prävention - und jede dieser Strategien ist mit Problemen behaftet. Die Abschreckung bezieht sich auf die Strafen, die mit einer Straftat verbunden sind. In Deutschland wird geheimdienstliche Agententätigkeit mit einer Freiheitsstrafe von bis zu fünf Jahren oder einer Geldstrafe geahndet. In schwerwiegenden Fällen kann die Strafe auf bis zu zehn Jahre Freiheitsentzug erweitert werden. 24 Für Landesverrat beträgt die Mindest‐ strafe ein Jahr Freiheitsentzug, während sie in besonders schweren Fällen zwischen fünf Jahren und lebenslänglich liegen kann. 25 Zwar ist es unmöglich zu ermitteln, wie viele Geheimnisträger tatsächlich durch die mit der Spionage verbundenen Strafen abgeschreckt werden. Doch wie aus den zahlreichen in den Medien berichteten Spionagefällen ersichtlich ist, erweist sich Abschreckung als eine Strategie, die nicht hinreichend greift. Dies mag unterschiedliche Gründe haben, doch einer der 36 1 Kapitel | Einleitung <?page no="37"?> 26 Braun, 2024; Elch, 2024; Eyssel, 2024; Triesch, 2024 27 Wehner, 2024 28 Zeit Online, 2024 Hauptgründe dürfte sein, dass sich die Täter in Sicherheit wiegen und nicht glauben, dass ihre Taten entdeckt oder sie überführt werden können. Ermittlung bezeichnet den Prozess der Untersuchung von Straftaten und der Sammlung von Beweisen, um Täter zu identifizieren und strafrechtlich zu verfolgen. Der Zweck der Ermittlung besteht darin, genügend belastbare Beweise zu sammeln, um einen Fall vor Gericht zu bringen und die Straftäter zur Rechenschaft zu ziehen. Um Ermittlungsprozesse einzuleiten, muss jedoch erst einmal erkannt werden, dass es höchstwahrscheinlich einen Spionageangriff gegeben hat. Während andere kriminelle Delikte, z. B. Einbruch oder Diebstahl, sofort erkannt werden, bleiben Spionagedelikte und die Ursachen der damit verbundenen Schäden häufig unerkannt. Ermittlungsbehörden können zweifellos Erfolge vorweisen. Dennoch ist es wichtig, sich bewusst zu machen, dass die gegen den Westen gerichteten Spionagenetzwerke über Jahre hinweg weitgehend ungestört aufgebaut werden konnten und dementsprechend groß und weit verzweigt sind. Aus diesem Grund weisen Experten darauf hin, dass die bisherigen Ermittlungs‐ erfolge lediglich als Teilerfolge betrachtet werden können. 26 Geheimdienste feindlicher Staaten entsenden ihre Mitarbeiter in den Westen mit dem Auftrag, möglichst viele Quellen (Agenten und Informan‐ ten) anzuwerben. Diese Mitarbeiter sind teils in offiziellen Funktionen als Attachés an Botschaften und Konsulaten und teils - als sogenannte Illegale - in inoffizieller Funktion als Privatpersonen, Geschäftsleute, Studenten und dergleichen getarnt. Laut Schätzung des Verfassungsschutzes hat Russland allein in Deutschland 180 als Botschaftsmitarbeiter getarnte Spione des russischen Auslandsgeheimdienstes (Sluzhba Vneshney Razvedki, SVR), sowie der russischen Geheimdienste GRU und FSB platziert. Zwar hat die Bundesregierung unlängst 50 als Diplomaten getarnte Spione ausgewiesen, doch die Kontakte zwischen den angeworbenen Agenten und den jeweiligen Geheimdiensten bleiben bestehen und werden von anderen Geheimdienst‐ mitarbeitern übernommen. 27 Angesichts der Bedrohungslage durch Spionage haben westliche Staaten - darunter auch Deutschland - ihre Absicht erklärt, ihre Kapazitäten in der Spionageabwehr zu stärken. 28 Dies dürfte aber kein schneller Prozess sein. Es müssen zunächst geeignete Personen eingestellt werden, die im Rahmen 1.2 Herausforderungen bei der Spionageabwehr 37 <?page no="38"?> 29 Defense Personnel Security Research Center, 2009: 2, 19, 45 und 54 30 Zeit Online, 2023 31 Zeit Online, 2023 der Spionageabwehr zum Einsatz kommen können. Sie müssen sich auch - sofern noch nicht geschehen - einer Sicherheitsüberprüfung unterziehen und in der Spionageabwehr ausgebildet werden. Gerade im Bereich der Spionageabwehr darf kein Fehler bei der Sicherheitsüberprüfung unterlau‐ fen, denn Mitarbeiter in diesem Bereich werden besonders gerne von fremden Mächten als Agenten angeworben. Einige der folgenschwersten Spionagefälle der Geschichte - darunter die von Aldrich Ames, Phillip Hanssen und mutmaßlich auch Carsten L. - folgten diesem Muster. 29 Aufgrund dieser Gefahrenlage wird von Politikern gefordert, dass mehr Befugnisse und eine bessere Ausstattung für die Sicherheitsdienste bereitge‐ stellt werden und dass sie „alle Ressourcen und rechtliche[n] Möglichkeiten an die Hand bekommen, um die besondere Gefährdung durch Spionage auf‐ zuklären und aktiv entgegenzuwirken“ 30 . Indes hat der Bundeswehrverband zur größeren Wachsamkeit aufgerufen. Sein stellvertretender Verbandsvor‐ sitzender weist darauf hin, dass die Truppe achtsam bleiben und sich der neuen Gefahren - insbesondere durch den Ukrainekrieg verursacht - bewusst werden müsse. 31 Dies gilt für die Ermittlung, aber ebenso für die Prävention. Allerdings besteht hierbei das Problem, dass jene Faktoren, die jemanden dazu bewegen, Agent zu werden, bisher wenig erforscht sind und es deshalb auch an einem umfassenden Konzept fehlt, das die Ermittlung und die Prävention von Spionageaktivitäten unterstützen kann. Auf der personellen Ebene befassen sich die aktuellen Konzepte, mit denen im Rahmen der Spionageabwehr gearbeitet wird, mit jenen Motiven, die bereits Menschen zur Insider-Spionage bewegt haben. Dabei werden Geld, Ideologie, Erpressung und Geltungssucht besonders häufig aufgeführt. Doch diese Betrachtungsweise greift zu kurz. Zum einen gibt es auch andere Motive, die jemanden zur Insider-Spionage bewegen können, und zum anderen spielen nebst Motiven auch weitere Faktoren eine wesentliche Rolle bei der Insider-Spionage. Vor dem Hintergrund der vorangegangenen Ausführungen besteht das Problem, mit dem sich dieses Buch befasst, darin, dass einerseits die Insi‐ der-Spionage weitverbreitet und gefährlich ist und dass es andererseits bisher kein umfassendes Konzept gibt, das erklärt, wodurch ein vertrauter Mitarbeiter zum Insider-Spion wird. Ein solches Konzept wäre jedoch 38 1 Kapitel | Einleitung <?page no="39"?> für die Prävention und die Ermittlung von Spionagehandlungen dringend erforderlich. 1.3 Spionageabwehr in Lehre und Praxis Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Notwendigkeit der Erweiterung des Kreises der Mitwirkenden bei der Spionageabwehr. ● Welche Akteure in Organisationen zur Früherkennung von Spiona‐ gerisiken beitragen können. ● Welche Rolle das Fach Intelligence Studies in der Lehre spielt und wo es in Deutschland noch Lücken gibt. ● Wie verschiedene wissenschaftliche Disziplinen zur Prävention von Insider-Spionage beitragen können. ● Warum eine interdisziplinäre Verankerung des Themas in For‐ schung und Lehre notwendig ist. Die steigende Häufigkeit und Schwere von Insider-Spionagefällen in Eu‐ ropa, insbesondere in Deutschland, verdeutlichen die Bedrohung für Politik, Wirtschaft und nationale Sicherheit - vor allem im Kontext der aktuellen geopolitischen Spannungen. Gleichzeitig wird deutlich, dass die gängigen Maßnahmen der Spionage‐ abwehr - Ermittlung, Abschreckung und Prävention - nur begrenzt wirk‐ sam sind. Obwohl Ermittlungsbehörden immer wieder Erfolge verzeichnen können, resultieren diese häufig aus einem Verrat und nicht aus einem effektiven Ermittlungsprozess. Was ans Licht kommt, stellt daher lediglich die Spitze des Eisbergs dar. Auch die Abschreckung durch Strafandrohung ist nur bedingt effektiv, wie der unaufhörliche Strom an Spionagefällen zeigt. Schließlich schätzen viele Täter das Risiko einer Enttarnung als gering ein. Prävention könnte eine wirksame Maßnahme zur Spionageabwehr dar‐ stellen, doch die Ämter, die mit der Sicherheitsüberprüfung von Mitarbeitern vor und während ihrer Einstellung in sicherheitssensiblen Bereichen betraut sind, sind häufig überlastet. In anderen, nicht sicherheitssensiblen Bereichen fehlen Sicherheitsüberprüfungen gänzlich, obwohl auch dort vertrauliche Informationen existieren, die vor dem Zugriff unbefugter Dritter geschützt 1.3 Spionageabwehr in Lehre und Praxis 39 <?page no="40"?> 32 Masterprogramme in Intelligence Studies werden beispielsweise an der Carleton University in Kanada, der Brunel University London, dem King's College London sowie der Georgetown University und der Texas A&M University angeboten. 33 Austria Presse Agentur, 2025 werden sollten. Daher wäre es sinnvoll, den Kreis derer zu erweitern, die zur Verbesserung der Informationssicherheit beitragen können. Vorgesetzte von Geheimnisträgern sind mit ihren Mitarbeitern am ehes‐ ten vertraut und daher besonders gut positioniert, um Risikoindikatoren frühzeitig zu erkennen. Aus diesem Grund sollten sie stärker in das Sicher‐ heitskonzept integriert werden - unabhängig davon, ob ihre Mitarbeiter mit Geschäfts- oder Staatsgeheimnissen betraut sind und ob sie im öffentlichen oder privaten Sektor tätig sind. Auch organisatorische Funktionsbereiche wie das Personalmanagement, die IKT und die betriebliche Sicherheit könn‐ ten im Rahmen eines integrierten Systems einen wertvollen Beitrag leisten. Voraussetzung hierfür ist jedoch, dass entsprechende Schulungsangebote bereitgestellt werden, die es diesen Akteuren ermöglichen, Risikoindikato‐ ren zuverlässig zu erkennen. In diesem Zusammenhang ist das Fach Intelligence Studies hervorzu‐ heben, das sowohl relevante theoretische als auch praktische Kenntnisse vermittelt. Zu den Lehrinhalten dieses Fachs gehören unter anderem stra‐ tegische Aufklärung, Informationsgewinnung, Informationsanalyse und Berichterstattung sowie Spionageabwehr (Counterintelligence). In vielen Ländern, insbesondere im englischsprachigen Raum, ist dieses Fach bereits fest im akademischen Umfeld etabliert und wird umfassend in Programmen auf Bachelor- und Master-Niveau angeboten. Zwar existieren in Deutschland an der Hochschule der Bundeswehr und der Hochschule des Bundes für öffentliche Verwaltung Programme im Bereich der Intelligence Studies, jedoch richten sich diese primär an zukünftige Mitarbeiter der Nachrichtendienste und sind damit auf eine spezifische Berufsgruppe begrenzt. Im Gegensatz dazu ist das Fach Intel‐ ligence Studies in Ländern wie Großbritannien, Kanada, und den USA tief in das akademische und berufliche Umfeld integriert. 32 In Österreich wurde zudem an der Universität Graz, in Zusammenarbeit mit dem Austrian Center for Intelligence, Propaganda and Security Studies (ACIPSS), ein interdisziplinärer Schwerpunkt zur Erforschung und Lehre von Intelligence Studies geschaffen. 33 40 1 Kapitel | Einleitung <?page no="41"?> In Deutschland ist das Studien- und Lehrfach Intelligence Studies, mit Ausnahme des Angebots an den genannten Hochschulen, bislang weitge‐ hend unterentwickelt. Es fehlen nach wie vor spezialisierte Forschungs‐ programme und akademische Lehrangebote, die sich mit diesem Bereich befassen und für einen breiteren Teilnehmerkreis zugänglich sind. Daher wird an dieser Stelle angeregt, dieses Fachgebiet - auch an deutschen Hochschulen - weiter auszubauen. Betriebswirtschaftslehre Von dem Fach Intelligence Studies abgesehen, muss das Thema Spionage auch in anderen Disziplinen an Bedeutung gewinnen. In der Betriebswirt‐ schaftslehre (BWL), insbesondere im Bereich des Organizational Behavior (OB), spielt das kontraproduktive Arbeitsverhalten (Counterproductive Work Behavior, CWB) eine wichtige Rolle, da es sich mit verschiedenen Phänomenen wie Diebstahl, Sabotage, unethischem Verhalten und Arbeits‐ verweigerung befasst. Sowohl in der Forschung als auch in der Lehre liegt der Fokus dabei auf die Ursachen, Indikatoren und Präventionsmaßnah‐ men. Angesichts der schwerwiegenden Konsequenzen von Industrie- und Wirtschaftsspionage wäre es sinnvoll, dieses Thema auch im Rahmen der Forschung und Lehre der BWL zu behandeln und Spionage als eine Form von kontraproduktivem Verhalten zu betrachten. Politikwissenschaft In der Politikwissenschaft gibt es mehrere Bereiche, in denen die Lehre zum Thema Insider-Spionage und Spionageabwehr von Nutzen sein könnte. Ein relevanter Bereich ist die Untersuchung der nationalen Sicherheitsstrategie, bei der ein Verständnis für die Bedrohungen durch Insider-Spionage wichtig ist, um geeignete Schutzmaßnahmen zu entwickeln. Insbesondere in der Analyse der internationalen Beziehungen ist dieses Wissen von Bedeutung, da Insider-Spionage die diplomatische und sicherheitspolitische Landschaft beeinflussen kann, vor allem im Kontext geopolitischer Spannungen. Auch die Lehre im Bereich der Demokratie- und Regierungsforschung kann von der Integration dieses Themas profitieren, vor allem wenn es um die Verwundbarkeit politischer Institutionen gegenüber Unterwanderung und Spionage geht. Hier kann die Untersuchung von Insider-Bedrohungen 1.3 Spionageabwehr in Lehre und Praxis 41 <?page no="42"?> helfen, Schwachstellen in der politischen Steuerung und Verwaltung zu identifizieren. Psychologie In der Psychologie gibt es mehrere Ansatzpunkte, die durch die Integration von Lehre und Forschung zu Insider-Spionage erheblich profitieren könn‐ ten. Besonders relevant ist die Organisationspsychologie, die sich mit den sozialen und psychologischen Dynamiken innerhalb von Organisationen befasst. Sie könnte dazu beitragen, Risikofaktoren für Insider-Spionage zu identifizieren, indem sie untersucht, wie bestimmte Persönlichkeitsmerk‐ male, Stressfaktoren oder der Umgang mit Macht und Autorität zu Fehl‐ verhalten führen können. Der Bereich der Verhaltenspsychologie könnte durch die Untersuchung von Verhaltensmustern und frühen Anzeichen von abweichendem Verhalten zur Entwicklung von Frühwarnsystemen und Prä‐ ventionsmaßnahmen beitragen. Zudem könnte die Forensische Psychologie wertvolle Erkenntnisse über die psychologischen Profile von Täter*innen liefern und somit die Erkennung und Prävention von Insider-Spionage unterstützen, indem sie die Entscheidungsprozesse und Motivationen hinter solchen Straftaten analysiert. Ein vertieftes Verständnis dieser psycholo‐ gischen Subdisziplinen im Kontext der Lehre könnte die Fähigkeit zur Identifikation verdächtiger Verhaltensweisen und zur Implementierung entsprechender Sicherheitsmaßnahmen erheblich verbessern. Kriminologie Die Kriminologie befasst sich mit den Ursachen, der Prävention und der Kontrolle von Kriminalität. Innerhalb dieses Bereichs könnten Studien zu Insider-Spionage wertvolle Einblicke in die sozialen und psychologischen Mechanismen liefern, die zu kriminellen Handlungen innerhalb von Orga‐ nisationen führen. Besonders relevant für die Lehre sind die Felder der Kriminalprävention und der Kriminalsoziologie. In der Kriminalprävention könnten neue didaktische Konzepte entwickelt werden, um Insider-Spio‐ nage frühzeitig zu erkennen und zu verhindern, indem Risikofaktoren wie unzureichende Überwachungsmechanismen oder eine mangelhafte Sicher‐ heitskultur berücksichtigt werden. Darüber hinaus könnte die Kriminalso‐ ziologie die sozialen Strukturen innerhalb von Organisationen im Rahmen der Lehre untersuchen, um zu verstehen, wie Normen, Hierarchien und 42 1 Kapitel | Einleitung <?page no="43"?> Machtverhältnisse das Verhalten von Mitarbeitern beeinflussen und welche Bedingungen Spionage begünstigen. Die kriminologische Forschung und Lehre könnte somit zu einem besseren Verständnis von Insider-Spionage beitragen und wertvolle Hinweise zur Entwicklung von präventiven Maß‐ nahmen liefern. Sicherheitsstudien Im Bereich der Sicherheitsstudien, die sich mit der Analyse und Bewältigung von Bedrohungen auf individueller, organisatorischer und nationaler Ebene beschäftigen, ist Insider-Spionage ein zentrales Thema. Insbesondere in der Forschung zu nationaler und internationaler Sicherheit könnte das Thema Spionageabwehr von großem Nutzen sein. Hierbei sind vor allem die Bereiche der Bedrohungsanalyse und der Sicherheitsmanagementsysteme relevant. Sicherheitsstudien könnten neue Perspektiven darauf bieten, wie Insider-Spionage als Bedrohung innerhalb der Sicherheitsarchitektur von Staaten und Unternehmen integriert werden kann. Die Entwicklung von Ri‐ sikomanagementstrategien, die auf Insider-Bedrohungen ausgerichtet sind, könnte dazu beitragen, Sicherheitslücken frühzeitig zu identifizieren und geeignete Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Zudem könnten Sicherheitsstu‐ dien dazu beitragen, eine praxisorientierte Sicherheitskultur zu entwickeln, die sowohl technologische als auch menschliche Aspekte der Bedrohungs‐ abwehr berücksichtigt. Soziologie In der Soziologie gibt es verschiedene Forschungsbereiche, die durch die In‐ tegration von Wissen über Insider-Spionage profitieren könnten, insbeson‐ dere in Bezug auf soziale Strukturen, Machtverhältnisse und institutionelles Verhalten. Soziale Netzwerke und die Dynamik von Gruppen sind besonders relevant, wenn es darum geht, wie Individuen innerhalb von Organisationen agieren und welche sozialen Mechanismen dazu beitragen können, dass Insider zu Spionen werden. Die Untersuchung von Loyalitätskonflikten, die Analyse von Gruppeninteraktionen sowie die Art und Weise, wie soziale Normen und Werte die Handlungen von Individuen beeinflussen, könnten aufschlussreiche Einblicke in die Ursachen von Insider-Spionage bieten. Darüber hinaus könnte die Soziologie helfen, zu verstehen, wie institutionelle Schwächen, wie mangelnde Kontrolle oder Hierarchien, zu 1.3 Spionageabwehr in Lehre und Praxis 43 <?page no="44"?> einer erhöhten Anfälligkeit für Insider-Spionage führen. Dieser Ansatz könnte dazu beitragen, Präventionsstrategien zu entwickeln, die sowohl soziale als auch organisatorische Aspekte berücksichtigen. Abschließend lässt sich festhalten, dass Insider-Spionage sowohl aus prak‐ tischer als auch aus theoretischer Perspektive eine der zentralen Her‐ ausforderungen unserer Zeit darstellt. Die wachsende Zahl an Fällen, insbesondere im europäischen Kontext, verdeutlicht die Notwendigkeit, dieses Thema intensiver zu erforschen und in verschiedenen Disziplinen zu behandeln. Das Fach Intelligence Studies bietet dabei einen wichtigen Einstieg, ist jedoch nicht die einzige Disziplin, die zur Bekämpfung von Insider-Spionage beitragen kann. In der Betriebswirtschaftslehre, Politikwissenschaft, Psychologie, Kri‐ minologie, Sicherheitswissenschaft und Soziologie gibt es zahlreiche relevante Ansatzpunkte, die zur Prävention und Aufdeckung von Insider-Spionage beitragen können. Eine verstärkte Integration dieses Themas in die akademische Lehre und Forschung würde es ermög‐ lichen, fundierte, interdisziplinäre Lösungen zu entwickeln. Die Ver‐ bindung unterschiedlicher Perspektiven - von der psychologischen Analyse von Persönlichkeitsmerkmalen bis hin zu der soziologischen Untersuchung von Machtstrukturen und Gruppendynamiken - ist entscheidend, um eine ganzheitliche Sicherheitskultur zu schaffen, die Insider-Spionage effektiv verhindert und bekämpft. Das vorliegende Buch soll diese Bemühungen unterstützen, indem sie auf‐ zeigt, wie unterschiedliche Fachdisziplinen zum besseren Verständnis von Insider-Spionage und zur Entwicklung präventiver Maßnahmen beitragen können. Die detaillierte Analyse von Fallbeispielen, die Einordnung von theoretischen Modellen und die Identifikation praktischer Handlungsan‐ sätze bieten eine Grundlage für die Integration des Themas in die akademi‐ sche Lehre. 44 1 Kapitel | Einleitung <?page no="45"?> Forschung Wenn Sie mehr über theoretische Grundlagen und die Forschung des Autors erfahren möchten, nutzen Sie den Link oder QR-Code. 🔗 https: / / files.narr.digital/ 9783825264796/ forschung.pdf 1.4 Kapitelübersicht Das vorliegende Buch ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil wird das Thema der Insider-Spionage problematisiert, die Geschichte der Spionage dargestellt, aktuelle Ansätze zur Erklärung von Insider-Spionage beschrie‐ ben und das Fünf-Faktoren-Modell der Insider-Spionage vorgestellt. Diesem theoretischen Teil folgt → Teil 2 des Buches, der sich mit der praktischen Anwendung des Modells befasst. In diesem zweiten Teil werden vier reale Fälle der Insider-Spionage auf der Grundlage des Fünf-Faktoren-Modells so‐ wohl im Einzelnen als auch in einer fallübergreifenden Analyse untersucht. Der zweite Teil endet mit konkreten Handlungsempfehlungen und einer gesamtheitlichen Schlussbetrachtung. Schwerpunkte der einzelnen Kapitel werden im Folgenden dargelegt. Teil 1 · Auf dem Weg zum Modell der Insider-Spionage Kapitel 1 | Einleitung Dieses Kapitel hat die Insider-Spionage und die von ihr ausgehenden Be‐ drohungen beleuchtet, die die innere Sicherheit gefährden, Infrastrukturen schwächen sowie die wirtschaftliche und staatliche Stabilität untergraben. Insider-Spione, von hochrangigen Führungskräften bis zu Bürogehilfen, stellen demnach eine erhebliche Gefahr dar. Es wurde die Notwendig‐ keit effektiver Spionageabwehrstrategien - Abschreckung, Ermittlung und Prävention - und ihrer Herausforderungen erläutert. Zudem wurde die Notwendigkeit eines umfassenden Modells zur Erklärung der Faktoren hervorgehoben, die Mitarbeiter zur Spionage motivieren, um geeignete Ge‐ genmaßnahmen zu entwickeln. In dem Kapitel wurde das Ziel des zugrunde liegenden vierjährigen Forschungsprojekts beschrieben: die Entwicklung 1.4 Kapitelübersicht 45 <?page no="46"?> und die Validierung eines Modells zur Risikoeinschätzung und Prävention von Insider-Spionage. Kapitel 2 | Die Welt der Spionage Das zweite Kapitel bietet einen umfassenden Überblick über die Geschichte und die Entwicklung der Spionage. Es beleuchtet, wie Spionage von den frühesten Zivilisationen bis zur Neuzeit eine zentrale Rolle in politischen, militärischen und wirtschaftlichen Strategien spielte. Die evolutionäre An‐ passung von Spionagemethoden an technologische und gesellschaftliche Veränderungen wird aufgezeigt und es wird erklärt, wie die Globalisierung und die modernen Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) Spionagepraktiken verändert haben. Zudem wird skizziert, inwiefern Insi‐ der-Spionage nicht nur auf Staatsebene, sondern auch im privaten Sektor und in zwischenstaatlichen Organisationen zum Risiko geworden ist. Diese historischen und zeitgenössischen Einblicke verdeutlichen die fortwährende Bedeutung und den Einfluss von Spionage auf globale Ereignisse und Machtverhältnisse. Kapitel 3 | Der aktuelle Erklärungsstand der Insider-Spionage In Kapitel 3 werden die verschiedenen Ansätze zur Erklärung von Insi‐ der-Spionage untersucht, die seit den 1980er Jahren entwickelt wurden. Psychologische, organisatorische, ökonomische und kontextuelle Faktoren werden vorgestellt, die zu Spionage führen, und Lücken in diesen Modellen werden identifiziert. Ziel des Kapitels ist es, diese Faktoren zu einem umfas‐ senden Rahmenwerk zu vereinen und fehlende Bausteine zu identifizieren. Dadurch soll ein tieferes Verständnis der Ursachen von Insider-Spionage erreicht und ein Modell entwickelt werden, das zur frühzeitigen Erkennung und Abwehr solcher Bedrohungen dient. Kapitel 4 | Hinleitung zum Fünf-Faktoren-Modell Mit Kapitel 4 wird das Fünf-Faktoren-Modell der Insider-Spionage einge‐ führt und zu einem umfassenden Rahmenwerk entwickelt, das die komple‐ xen Zusammenhänge erklärt, die zu Spionage führen können. Das Kapitel beginnt mit einer detaillierten Beschreibung des Modellbildungsprozesses, der die Identifizierung, die Spezifizierung und die Verknüpfung zentraler 46 1 Kapitel | Einleitung <?page no="47"?> Erklärungskonzepte umfasst. Diese fünf Faktoren - Auslöser, Motive, orga‐ nisatorische Schwachstellen, Marktchancen und enthemmende Faktoren - werden systematisch analysiert. Das Modell beschreibt den Ablauf von Aus‐ lösern ausgehend, die Motivationsprozesse aktivieren, über die Bewertung von Schwachstellen und Chancen bis hin zur Rolle enthemmender Faktoren, die die Selbstkontrolle schwächen und illegales Handeln ermöglichen. Durch die Integration von Erkenntnissen aus Psychologie, Organisations‐ forschung und Sicherheitsstudien wird verdeutlicht, wie diese Faktoren dynamisch zusammenspielen und schließlich Spionagehandlungen auslö‐ sen. Teil 2 · Fallstudien und Anwendung des Fünf-Faktoren-Modells der Insider-Spionage Teil 2 des vorliegenden Buches befasst sich mit der praktischen Umsetzung des Fünf-Faktoren-Modells der Insider-Spionage anhand realer Fallbeispiele. Dies dient einerseits der Validierung des Modells und andererseits der Ver‐ mittlung der Kenntnisse, die erforderlich sind, um dem interessierten Leser Wege aufzuzeigen, wie dieses Modell angewendet werden kann. Hierzu werden drei Fälle herangezogen und Handlungsempfehlungen abgeleitet. Kapitel 5 | In der Honigfalle gefangen - Der Fall Clayton Lonetree Dieses Kapitel untersucht den Fall Clayton Lonetree, eines Marine-Wach‐ soldaten in der US-Botschaft in Moskau, der während des Kalten Krieges geheime Informationen an den KGB weitergab. Es wird analysiert, wie emo‐ tionale Abhängigkeit und Isolation ihn anfällig für Manipulation machten und wie der sowjetische Geheimdienst gezielt seine Schwächen ausnutzte. Zudem wird beleuchtet, welche organisatorischen Versäumnisse dazu bei‐ trugen, dass seine Spionagetätigkeit unentdeckt blieb und welche Rolle psychologische Faktoren bei seiner Entscheidung spielten. Kapitel 6 | Ein Coup für die CIA - Der Fall Sergej Tretyakov Dieses Kapitel behandelt den Fall Sergej Tretyakov, eines hochrangigen Offiziers des russischen Auslandsgeheimdienstes SVR, der während seiner Tätigkeit in den USA überlief. Der Schwerpunkt liegt auf seiner wachsenden Desillusionierung über die systemische Korruption innerhalb des russischen 1.4 Kapitelübersicht 47 <?page no="48"?> Staates und des SVR, die ihn letztlich zur Spionage für die USA bewegte. Die Analyse zeigt, wie seine moralische Empörung seine Hemmungen abbauen ließ, welche organisatorischen Schwächen seinen Übertritt erleichterten und welche nachrichtendienstlichen Konsequenzen seine Enthüllungen hatten. Kapitel 7 | Insider-Spionage für Ego und Profit - Der Fall Robert Hanssen Dieses Kapitel analysiert den Fall Robert Hanssen, eines FBI-Agenten für Spionageabwehr, der über zwei Jahrzehnte hinweg für die Sowjetunion und später für Russland spionierte. Im Mittelpunkt stehen die psychologischen Faktoren, insbesondere narzisstische und psychopathische Persönlichkeits‐ züge, die seine Enthemmung begünstigten und ihn dazu brachten, seine eigene Behörde zu hintergehen. Darüber hinaus wird untersucht, wie finanzielle Anreize, persönliche Frustration und eklatante Sicherheitslücken im FBI es ihm ermöglichten, trotz zahlreicher Warnsignale lange unentdeckt zu bleiben. Kapitel 8 | Fallübergreifende Analyse In diesem Kapitel werden die vier vorherigen Fallstudien zusammengefasst und miteinander verglichen, um gemeinsame Muster und Unterschiede zu identifizieren. Es wird gezeigt, wie die fünf Faktoren des Modells in jedem der Fälle eine Rolle gespielt haben und welche Lehren daraus für die Spionageabwehr gezogen werden können. Mit diesem Kapitel werden die Bedeutung präventiver Maßnahmen und die Notwendigkeit betont, Sicherheitsprotokolle kontinuierlich zu überprüfen und anzupassen, um Spionagehandlungen zu verhindern. Kapitel 9 | Handlungsempfehlungen und Schlusswort Das abschließende Kapitel bietet auf Grundlage des Fünf-Faktoren-Modells konkrete, praxisorientierte Empfehlungen zur Prävention von Insider-Spio‐ nage. Die Empfehlungen resultieren aus der Analyse der Fälle Lonetree, Tretyakov und Hanssen und adressieren sowohl psychologische als auch organisatorische und technische Aspekte. Sie sind entlang zentraler Sicher‐ heitsziele strukturiert und beinhalten differenzierte Maßnahmen für alle 48 1 Kapitel | Einleitung <?page no="49"?> Hierarchieebenen. Ziel ist es, Risiken frühzeitig zu erkennen, systemische Schwächen zu beheben und die Resilienz gegenüber Insider-Bedrohungen nachhaltig zu stärken. Das Kapitel schließt mit einer integrativen Betrach‐ tung, die die Entwicklung und Anwendung des Modells zusammenführt, dessen Validität bestätigt und Handlungsoptionen für die Praxis aufzeigt. 1.4 Kapitelübersicht 49 <?page no="51"?> 2 Kapitel | Die Welt der Spionage ➲ eLearning-Kurs Nutzen Sie den QR-Code oder den Link, um zu dem Kurs zu gelangen: 🔗 https: / / narr.kwaest.io/ s/ 1383 2.1 Spionage im Wandel der Zeit Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Die Entwicklung der Spionage im historischen Verlauf. ● Die Rolle von Spionage in machtpolitischen Konflikten der Vergan‐ genheit. ● Der Einfluss wirtschaftlicher Interessen auf die Ausweitung der Spionagetätigkeit. ● Die Professionalisierung der Geheimdienste im 19. und 20. Jahrhun‐ dert. ● Die Bedeutung historischen Wissens für das Verständnis moderner Spionageabwehr. Ein fundiertes Verständnis der Geschichte der Spionage ist von entscheiden‐ der Bedeutung, da es uns tiefgreifende Einblicke in die Entwicklung und die Anwendung nachrichtendienstlicher Strategien vermittelt. Vom frühesten Nachweis der Spionage zur Zeit König Hammurabis im alten Babylon bis hin zu den Entwicklungen der Neuzeit zeigt die Geschichte, dass das Sammeln von Informationen eine zentrale Rolle in politischen, militärischen und wirtschaftlichen Strategien gespielt hat. Durch das Studium historischer Entwicklungen können wir nachvollziehen, wie Spionageaktivitäten im Laufe der Jahrhunderte erweitert und an die jeweiligen technologischen und gesellschaftlichen Gegebenheiten angepasst wurden. Dies hilft uns, <?page no="52"?> 34 Sheldon, 1989: 9 35 Sun Tzu, n.d.: 59-60 die kontinuierliche Bedeutung und den Einfluss von Spionage auf globale Ereignisse und Machtverhältnisse zu erkennen. Der früheste Nachweis der Nutzung von Spionage, um einen strategi‐ schen Vorteil zu erreichen, lässt sich auf König Hammurabi zurückführen, der Babylon von etwa 1792 v. Chr. bis 1750 v. Chr. regierte. In den 1760er Jahren v. Chr. führte Hammurabi einen Feldzug gegen Elam und die Stadt‐ staaten Eshnunna und Larsa. Um den Erfolg seiner militärischen Strategie zu sichern, benötigte er Informationen über die Stärke, die Positionen und die Absichten des Feindes. In einem Brief an Zimri-Lim, Hammurabis Kriegsverbündeten und Herrscher von Mari, schrieb er: „Ich werde keine Truppen entsenden, bis ich Informationen über den Feind erhalten habe.“ In einer Nachricht an einen Abgesandten von Zimri-Lim schrieb Hammurabi: „Warte mindestens fünf Tage, bis wir vollständige Informationen über den Feind erhalten haben.“ Mit den notwendigen Informationen ausgestattet, formulierte Hammurabi seinen militärischen Plan, mit dem er schließlich die feindlichen Truppen bezwingen konnte. 34 Der chinesische Feldherr, Stratege und Philosoph Sun Tzu (544 v. Chr. bis 496 v. Chr.) betrachtete Spionage als integralen Bestandteil der Kriegsfüh‐ rung. In seinem Werk „Die Kunst des Krieges“ widmet er ein ganzes Kapitel dem Einsatz von Spionen in der Militärstrategie. Er erklärt: Was den weisen Herrscher und den guten General befähigt, zuzuschlagen und zu siegen und außerordentliche Leistungen zu vollbringen, ist Vorherwissen. Doch dieses Vorherwissen kann nicht Geistern entlockt werden; es kann nicht aus Erfahrungen und auch durch keine Schlussfolgerungen gewonnen werden. Nein, das Wissen um die Pläne des Feindes kannst du nur von Menschen erhalten, von Menschen, die die Bedingungen beim Gegner kennen. Die Kenntnis der Geisterwelt wird durch das Orakel erlangt; Informationen in Naturwissenschaften können durch Erfahrungswerte gewonnen werden; die Ge‐ setze des Universums können durch mathematische Schlüsse bewiesen werden. Doch die Pläne des Feindes sind durch Spione und nur durch sie zu ermitteln. 35 Sun Tzu unterscheidet zwischen verschiedenen Arten von Spionen: ortsan‐ sässige Spione, innere Spione, Überläufer, todgeweihte Spione und überle‐ bende Spione. Seine Kategorie der inneren Spione ist für das vorliegende 52 2 Kapitel | Die Welt der Spionage <?page no="53"?> 36 Sun Tzu, n.d.: 60 37 King James, Num. 13: 3-25 38 Collins, 2005: 45 39 Barceló, 2003: 30-31 Thema von besonderem Interesse, da es sich hierbei um Personen handelt, die entscheidende Positionen im gegnerischen Heer innehaben. 36 Historisch gesehen wurde Spionage jedoch genutzt, um Informationen nicht nur über feindliche Streitkräfte zu sammeln, sondern auch über die Zi‐ vilbevölkerung fremder Nationen und deren Ressourcen. Das biblische Buch Numeri, ein Bericht aus dem 13. Jahrhundert v. Chr., beschreibt Ereignisse, bei denen Moses die Israeliten aus der ägyptischen Unterdrückung in die Freiheit geführt hat. In der Absicht, ein neues Zuhause für die Israeliten in Kanaan zu finden, entsandte Moses zwölf Spione, um die Wüste Negev und das Hügelland zu erkunden und eine Invasion vorzubereiten. Ihre Aufgabe war es, Informationen über die Kanaaniter zu sammeln, einschließlich der Beschaffenheit ihres Landes, der Größe ihrer Bevölkerung, der Art der Städte, in denen sie lebten (ob befestigt oder nicht), der Fruchtbarkeit ihres Bodens und der Präsenz von Bäumen auf ihrem Land. 37 Obwohl es unter Historikern Debatten über die Genauigkeit dieses Berichts gibt, besteht kein Zweifel daran, dass der Bericht aus der Antike stammt und dass es in dieser Zeit bereits Vorstellungen gab, die Spionage für mehr als nur militärische Zwecke zu nutzen. 38 Spionage wurde in der Antike auch zur Sammlung wirtschaftlicher und politischer Informationen genutzt. Während des 7. und 6. Jahrhunderts v. Chr. erweiterte Karthago seinen Einfluss im westlichen Mittelmeerraum durch Feldzüge, die Verstärkung von Handelsrouten und die Gründung neuer Kolonien. Die militärischen Unternehmen dienten lediglich als Mittel zur weiteren Expansion des karthagischen Einflusses. Bevor die Karthager einen Feldzug unternahmen, erkundeten sie durch Spione Küstenregionen, um das wirtschaftliche und politische Potenzial möglicher Angriffsziele zu beurteilen. Erst nachdem sie durch ihre Spionagetätigkeiten Klarheit über diese Potenziale gewonnen hatten, setzten sie ihre strategischen Ziele mit Feldzügen um. 39 Spätestens im 18. Jahrhundert wurden Fertigungsprozesse zum Ziel ausländischer Spionageaktivitäten. Ein herausragendes Beispiel ist das chinesische Porzellan, das zu dieser Zeit weit über die Grenzen Chinas hinaus als äußerst wertvolles Gut galt. Über Jahrhunderte hinweg wurde 2.1 Spionage im Wandel der Zeit 53 <?page no="54"?> 40 Kleiner, 2016: 1053 41 Staatliche Porzellan-Manufaktur Meissen, 2021 42 Hillier, 1968: 190-192 43 Richelson, 1995: 5 es von Händlern entlang der Seidenstraße nach Asien, Afrika und Europa exportiert, wo es höchst begehrt war. Westliche Töpfer, die die Aussicht auf immense Reichtümer sahen, versuchten wiederholt, chinesisches Porzellan zu imitieren, scheiterten jedoch immer wieder. 40 Erst im Jahr 1710 gelang es dem deutschen Alchemisten Johann Friedrich Böttger, das Geheimnis der Porzellanherstellung zu entschlüsseln. Dies führte zur Gründung der Meißener Porzellanmanufaktur. 41 Ohne Kenntnis dieser Errungenschaften in Deutschland nutzte der fran‐ zösische Jesuitenpriester François Xavier d'Entrecolles, der als Missionar in China tätig war, seine Verbindungen zu chinesischen Konvertiten, um Einblicke in den Fertigungsprozess von Porzellan zu gewinnen. 1712 do‐ kumentierte d'Entrecolles seine Erkenntnisse in einem umfassenden Brief an Pater Louis-François Orry in Paris. Pater Orry, der Schatzmeister der Jesuitenmissionen in China und Indien war, veröffentlichte den Inhalt von d'Entrecolles‘ Brief im Jahresbericht der Missionen. Ausgestattet mit dem von d'Entrecolles gesammelten Wissen und Mustern chinesischen Porzel‐ lans begann Frankreich schließlich selbst, Porzellan herzustellen. Dies führte 1740 zur Gründung der Manufacture Nationale de Sèvres, die bis heute existiert. Diese Ereignisse markierten den Beginn der Porzellanproduktion im Westen und die damit verbundenen signifikanten Markteinbrüche für die chinesische Porzellanmanufaktur. 42 Mit der Zeit wurde die Spionage genutzt, um ein breites Spektrum an militärischen, politischen, wirtschaftlichen und industriellen Informationen zu sammeln. Die für Spionage eingesetzten Ressourcen blieben jedoch lange Zeit bescheiden. Regierungen unterhielten typischerweise kleine Geheim‐ dienstorganisationen, die oft finanziell und personell unzureichend ausge‐ stattet waren, am Rande ihrer Verwaltungen agierten und nur begrenzten Zugang zur obersten Führung hatten. 43 In der ersten Hälfte des 19. Jahrhun‐ derts stammten die meisten Geheimdienstinformationen, die Staats- oder Regierungschefs erhielten, nicht von Geheimdienstorganisationen, sondern von im Ausland ansässigen diplomatischen Attachés, die Informationen im Gastland sammelten. Die Informationssammlung durch Attachés wurde von ethischen Grundsätzen geleitet und sollte in einer „gentlemanhaften und 54 2 Kapitel | Die Welt der Spionage <?page no="55"?> 44 Richelson, 1995: 5 45 Richelson, 1995: 5 46 Furgusson,1984: 212 47 Richelson, 1995: 5 48 Richelson, 1988: 102 49 Richelson, 1995: 7 ehrenhaften Weise“ erfolgen. 44 Attachés sollten nur Informationen sammeln, die offen zugänglich waren. Heute wird dies als Open Source Intelligence (OSINT) bezeichnet. 45 Furgusson 46 zitiert einen britischen Attaché jener Zeit, der erklärte: Ich würde niemals Geheimdienstarbeit leisten. Meiner Ansicht nach ist der Militärattaché ein Gast des Landes, dem er akkreditiert ist, und darf nur das sehen und erfahren, was einem Gast erlaubt ist. Natürlich muss er seine Augen und Ohren offenhalten und nichts verpassen, aber Geheimdienstarbeit ist nicht seine Aufgabe, und er sollte immer ablehnen, solche Aufgaben zu übernehmen. 47 Im späten 19. Jahrhundert gab es bedeutende Veränderungen in der Infor‐ mationsbeschaffung, als sich die Spannungen zwischen den europäischen Staaten verschärften und die europäischen Staats- und Regierungschefs zu‐ nehmend besorgt über die Aktivitäten und Absichten rivalisierender Staaten wurden. Die ethischen Überlegungen zur Geheimniserlangung traten in den Hintergrund, was zur Gründung größerer Geheimdienstorganisationen und einer erhöhten Finanzierung für nachrichtendienstliche Aktivitäten führte. 1863 gründete Italien das Informationsbüro (Ufficio de Informazione) unter dem Oberkommando der italienischen Armee, und drei Jahre später, kurz vor Ausbruch der Kampfhandlungen zwischen Preußen und Öster‐ reich, gründete Deutschland die Politische Feldpolizei. Beide Organisationen hatten die Aufgabe, geheime Informationen über militärische Gegner zu sammeln. 48 Nach der verheerenden Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg von 1870 bildete Frankreich das Deuxième Bureau als Teil des Generalstabs seiner Streitkräfte. Innerhalb des Deuxième Bureau konzentrierte sich die Statistikabteilung (Section de Statistique), später umbenannt in den Nachrichtendienst (Service de Renseignements, SR), auf die Sammlung von Informationen über deutsche Truppenbewegungen. Großbritannien gründete 1873 die Intelligence Branch innerhalb seines Kriegsministeriums. 1882 gründete das britische Marineamt das Foreign Intelligence Committee, das 1887 in Naval Intelligence Department umbenannt wurde. 49 Weltweit 2.1 Spionage im Wandel der Zeit 55 <?page no="56"?> 50 Richelson, 1988: 102 51 Black & Helmreich, 1972: 27 52 Andrew & Gordievsky, 1990: 64 53 Mattis & Brazil 2019: 25 entstanden zu dieser Zeit weitere Geheimdienstorganisationen, und bis Ende des 19. Jahrhunderts hatten die meisten großen und mittleren Mächte ihre eigenen Einrichtungen etabliert. 50 Das frühe 20. Jahrhundert erlebte eskalierende globale Spannungen zwischen Nationen, die zu beispiellosen Militärausgaben führten. Von 1890 bis 1914 stieg die Anzahl der stehenden Armeeangehörigen unter den soge‐ nannten Großmächten, darunter Deutschland, Österreich-Ungarn, Italien, das British Empire, Frankreich und Russland, um 64-%. Im selben Zeitraum wuchsen die Militärausgaben dieser Länder um 140 %, während die Tonnage und die Ausgaben für die Marine sogar um 360 % bzw. 285 % anstiegen. 51 Die erhebliche Zunahme militärischer Ressourcen, sowohl in Umfang als auch in Komplexität, erforderte verstärkte Anstrengungen zur Sammlung von Informationen über die Entwicklungen in rivalisierenden Ländern. Russland gründete seine erste Geheimdienstorganisation, die Allrussische Außerordentliche Kommission (Vserossijskaja črezvyčajnaja komissija), die als Tscheka bekannt wurde, zu Beginn der Oktoberrevolution im Jahr 1917 als sowjetische Geheimpolizei. Im Gegensatz zu den Geheimdienstorganisa‐ tionen im Westen bestand der Zweck der Tscheka nicht darin, Informationen im Ausland zu sammeln, sondern die Revolution zu unterstützen, indem sie Informationen über russische Bürger sammelte und ‚Klassenfeinde‘ wie das Bürgertum und Mitglieder des Klerus sowie schließlich alle politischen Gegner des kommunistischen Regimes inhaftierte und hinrichtete. Erst mit der Gründung des Nachfolgers der Tscheka, der Staatspolitischen Verwal‐ tung (Gosudarstvennoe politicheskoe upravlenie" GPU, im Jahr 1922 begann Russland, im Ausland geheimdienstlich Informationen zu sammeln. 52 Die Entwicklungen in Russland legten den Grundstein zur Einrichtung eines Geheimdienstes in China. Ab 1926 begannen Mitglieder des russischen Volkskommissariats für Innere Angelegenheiten (Naródny komissariát vnútrennih del, NKWD), zahlreiche chinesische Geheimdienstmitarbeiter auszubilden. 53 1927 entging die kommunistische chinesische Regierung nur knapp einem nationalistischen Staatsstreich. Nach diesen Ereignissen gründete die Kommunistische Partei Chinas (KPCh) noch im selben Jahr 56 2 Kapitel | Die Welt der Spionage <?page no="57"?> 54 Mattis & Brazil 2019: 26 55 Richelson, 1988: 1-2 56 Scriba, 2015 57 Richelson, 1995: 256 58 Security Intelligence Service MI6, 2024 ihren ersten Geheimdienst, die Zentrale Sonderabteilung (Zhōngyāng Tè Kē, Teke). 54 In Russland wurde die Tscheka zu einer weit verbreiteten Organisation mit Hunderten von Tscheka-Komitees im ganzen Land und auf allen Ebenen der sowjetischen Hierarchie. Ebenso umfasste Teke, einmal gegründet, eine umfangreiche Organisation sowohl innerhalb als auch außerhalb Chi‐ nas. Im Westen hingegen hatte der Prozess der Informationssammlung mit Herausforderungen zu kämpfen, da die Geheimdienstorganisationen unterentwickelt waren und oft auf Informationen aus unzuverlässigen Quellen angewiesen waren. Um dieses Problem zu lösen, war eine Erhöhung der Anzahl der Geheimdienstmitarbeiter, ihres Professionalisierungsgrads sowie der Fortschritte in den eingesetzten Technologien erforderlich. 55 Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs erlebten die Nachrichtendienste in den großen Mächten Europas und den Vereinigten Staaten erhebliche Entwicklungen und Umstrukturierungen. In Deutschland wurde nach dem Ersten Weltkrieg die militärische Aufklärung und Spionagearbeit von der Abwehr übernommen, die 1920 als Teil der Reichswehr gegründet wurde. Die Abwehr war in den 1930er und 1940er Jahren unter Admiral Wilhelm Canaris aktiv und spielte eine bedeutende Rolle während des Zweiten Weltkriegs. Die Nationalsozialisten bauten parallel dazu das Reichssicher‐ heitshauptamt (RSHA) auf, das 1939 gegründet wurde und den Sicherheits‐ dienst (SD) sowie die Gestapo umfasste. Der Sicherheitsdienst (SD) war für Spionage und Gegenspionage verantwortlich, während die Gestapo die innere Sicherheit überwachte. 56 In Frankreich wurde das Deuxième Bureau 1932 reorganisiert und war für Spionage und Gegenspionage verantwortlich. Während des Zweiten Welt‐ kriegs wurde der Dienst durch den Einmarsch der Deutschen geschwächt, spielte aber weiterhin eine Rolle im Widerstand und in der Zusammenarbeit mit den Alliierten. 57 In Großbritannien wurde 1919 der Secret Intelligence Service (SIS), besser bekannt als MI6 (Military Intelligence Section 6), gegründet. MI6 war für Auslandsspionage verantwortlich und übernahm eine entscheidende Rolle während des Zweiten Weltkriegs, insbesondere in Operationen gegen das nationalsozialistische Deutschland. 58 Parallel dazu 2.1 Spionage im Wandel der Zeit 57 <?page no="58"?> 59 Security Service MI5, 2024 60 Knightley, 1989: 204 & 231 61 Bundesamt für Verfassungsschutz, 2024b 62 Bundesamt für Verfassungsschutz, 2024b operierte der Inlandsgeheimdienst MI5, der sich auf Gegenspionage und innere Sicherheit konzentrierte. 59 In den Vereinigten Staaten wurde das Office of Strategic Services (OSS) während des Zweiten Weltkriegs 1942 gegründet, um koordinierte Geheimdienstoperationen hinter feindlichen Linien zu führen. Der OSS, unter der Leitung von William J. Donovan, war das Fundament für die spätere Gründung der Central Intelligence Agency (CIA) nach dem Krieg. 60 Im Jahr 1950, fünf Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges und drei Jahre nach Beginn des Kalten Krieges, wurde in Deutschland das Bundesamt für Verfassungsschutz (Bf V) gegründet, zu dessen Aufgaben unter anderem die Spionageabwehr gehörte. Während des Kalten Krieges sah sich das Bf V wiederholt mit der Situation konfrontiert, dass die DDR beträchtliche Res‐ sourcen einsetzte, um Spionage gegen die Bundesrepublik zu betreiben. Dies erreichte einen Höhepunkt in den 1950er Jahren, als die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit (Stasi) über einen Zeitraum von fünf Jahren mehr als 28.000 sogenannte Aufklärer in die Bundesrepublik einschleuste. Trotz des massiven Aufwands war dieses Unternehmen von nur begrenztem Erfolg gezeichnet. Die meisten der ver‐ meintlich linientreuen Aufklärer stellten sich kurz nach ihrer Übersiedlung in den Westen den bundesdeutschen Behörden. 61 Dies war sicherlich für das Bf V eine willkommene, jedoch höchst unerwartete Entwicklung, die ohne eigenes Zutun eintrat. Das Bf V konnte jedoch auch eigene Erfolge bei der Enttarnung der verbleibenden eingeschleusten Aufklärer verbuchen. Es erkannte, dass Aufklärer aus der DDR einem wiederkehrenden Schema folgten, um ihre wahre Identität und Herkunft zu verschleiern. Diese Agenten beschafften sich falsche Identitäten durch Anmeldungen im Ausland und wechselten mehrfach innerhalb kurzer Zeit ihren Wohnsitz. Aufgrund dieser Erkennt‐ nisse entwickelte das Bf V methodische Suchmaßnahmen und überprüfte ab den 1970er Jahren im Rahmen der ‚Aktion Anmeldung‘ hunderttausende Meldekarten von Einwohnermeldeämtern. Dadurch war das Bf V in der Lage, verdächtige Personen zu identifizieren. Die Erfolge bei der Enttarnung der Agenten legten die Auslandsspionage der DDR für mehrere Jahre lahm. 62 58 2 Kapitel | Die Welt der Spionage <?page no="59"?> 63 Bundesamt für Verfassungsschutz, 2024b; Der Spiegel, 1992 64 Bundesamt für Verfassungsschutz 2024b; Der Spiegel, 1992 65 Herbig, 2017: 25; B1-B9 66 Richelson, 2016: 438 In den 1980er Jahren erlitt die bundesdeutsche Spionageabwehr jedoch zwei gravierende Rückschläge, die zur Mythenbildung der DDR-Spionage beitrugen. Zunächst bot 1982 der Bf V-Spionageabwehr-Sachbearbeiter Klaus Kuron der DDR seine Dienste als Doppelagent an. Er lieferte dem ostdeutschen Ministerium für Staatssicherheit (MfS) fortan bis 1990 hoch‐ sensible Informationen aus dem Inneren der bundesdeutschen Spionageab‐ wehr. Kuron suchte den Kontakt zum MfS, weil er seinen Lebensunterhalt mit dem Einkommen aus der Tätigkeit beim Bf V kaum bestreiten konnte. Als Mitarbeiter im Mittleren Dienst hatte Kuron zudem keine Aussicht auf eine wesentliche Verbesserung seiner finanziellen Situation. Durch seine Agententätigkeit für die Stasi konnte Kuron sein Einkommen verdoppeln, erhielt den Rang eines Stasi-Obersten und gewann zudem die Anerkennung des Stasi-Chefs Generaloberst Markus Wolf. 63 Wenige Jahre später, im Jahr 1985, setzte sich Hansjoachim Tiedge, damaliger Chef der westdeutschen Spionageabwehr in die DDR ab. Aller‐ dings wurde auch Tiedge nicht von der HVA angeworben. Tiedge, der an einer schweren Alkoholerkrankung litt, befand sich in einer finanziellen und sozialen Lebenskrise. Er sah seinen Übertritt in die DDR als einzige Möglichkeit, sein Leben wieder in den Griff zu bekommen, und wurde deshalb zum Überläufer. 64 Die 1980er Jahre stellten auch den Verbündeten USA vor eine große Her‐ ausforderung hinsichtlich feindlicher Spionageaktivitäten. Während in der Zeit von 1949 bis Ende der 1970er Jahre ein bis zwei Spione pro Jahr entlarvt wurden, wuchs diese Zahl in den 1980er Jahren um ein Vielfaches. Im Jahr 1985 erreichte diese Entwicklung mit 16 Fällen einen Höhepunkt, sodass dieses Jahr als ,das Jahr des Spions‘ (Year of the Spy) in der Öffentlichkeit be‐ kannt wurde. 65 Diese Entwicklung rückte das Problem der Insider-Spionage verstärkt in das Blickfeld der US-Regierung und der Nachrichtendienste. Sie weckte auch das Interesse der Wissenschaft an diesem Thema, was schließlich zur Entstehung der Nachrichtendienststudien (engl.: Intelligence Studies) als akademisches Forschungs- und Lehrgebiet führte. 66 Das Gebiet Nachrichtendienststudien umfasst Themen wie strategische Aufklärung (engl. ‚strategic intelligence‘), nachrichtendienstliche Operationen (‚intel‐ 2.1 Spionage im Wandel der Zeit 59 <?page no="60"?> 67 Richelson, 1988: 3 ligence operations‘), Informationsbeschaffung (‚intelligence collection‘), Analyse von nachrichtendienstlichen Informationen (‚intelligence analysis‘) und Gegenspionage (‚counterintelligence‘). Die geschichtlichen Entwicklungen des 20. Jahrhunderts veränderten schließlich die Rolle und die Größe geheimdienstlicher Organisationen. Ereignisse wie die Russische Revolution, die beiden Weltkriege, der Kalte Krieg und zahlreiche andere nationale und internationale Krisen haben zur Transformation der nachrichtendienstlichen Landschaft beigetragen. Organisationen, die vor dem Ersten Weltkrieg mit nur wenigen hundert Mitarbeitern ausgestattet waren, wurden zu großen Organisationen mit Tausenden von Mitarbeitern. Ihre Aufgaben nahmen an Komplexität zu und ihre Kapazitäten und Kompetenzen mussten schließlich diesen Anfor‐ derungen angepasst werden. 67 2.2 Die Auswirkungen der Globalisierung auf die Spionage Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Veränderungen des geopolitischen Umfelds nach dem Kalten Krieg. ● Neue Chancen und Risiken für Spionage im Zeitalter der Globalisie‐ rung. ● Die Rolle der Globalisierung bei der Ausbreitung transnationaler Kriminalität und Extremismus. ● Die wachsende Relevanz von Loyalitätskonflikten in globalisierten Strukturen. ● Die erhöhte Gefährdung internationaler Organisationen durch Insi‐ der-Spionage. Während des Kalten Krieges kooperierten oder konkurrierten Staaten aufgrund ihrer politischen und ideologischen Ausrichtungen miteinander. Die Länder der Welt waren im Wesentlichen in drei Lager unterteilt: die westliche Allianz geführt von den USA, die östliche Allianz geführt von der 60 2 Kapitel | Die Welt der Spionage <?page no="61"?> 68 Schaeffer, 1997: 22-24; Shiraz, 2017: 265 69 Eriksen, 2014: 3; Robertson, 1992: 8 70 Eriksen, 2014: 123 71 Thompson, 2008: 59 72 Eriksen, 2014: 8 73 Herbig, 2017: 171 74 Beynon & Dunkerley, 2000: 18; Herbig, 2017: 171 Sowjetunion und die Gruppe der blockfreien und neutralen Staaten. 68 In den frühen 1990er Jahren endete der Kalte Krieg, die Sowjetunion zerbrach und die ideologische bipolare globale Spaltung wurde aufgehoben. Die Zeit nach dem Kalten Krieg leitete eine neue Ära ein, die von einem „meteorhaften Anstieg des öffentlichen Interesses an Globalisierung“ geprägt war und zu einer stärkeren Vernetzung, Integration und Interdependenz der Nationen in verschiedenen Bereichen führte. 69 Mit einem Gefühl des Optimismus begannen Nationen, die einst ver‐ feindet waren, aktiv nach Möglichkeiten der engeren Zusammenarbeit zu suchen. 70 Wirtschaftliche und technologische Aktivitäten, die zuvor nur mit Partnern derselben Allianz oder den blockfreien und neutralen Staaten un‐ ternommen wurden, waren nun plötzlich Gegenstand der Zusammenarbeit von Nationen, die zuvor verfeindeten Blöcken angehörten. Im sich rasch verändernden internationalen Umfeld nahm die Globalisierung Gestalt als die Erweiterung eines globalen politischen Systems und seiner Institutionen an, in denen interregionale Transaktionen gefördert wurden. 71 In diesem Zusammenhang gewannen zwischenstaatliche Organisationen weiter an Bedeutung. In der sich zunehmend globalisierenden Welt haben wirtschaftliche Verflechtungen und technologische Fortschritte Entfernungen praktisch irrelevant gemacht oder zumindest ihre Bedeutung im Vergleich zur Vergan‐ genheit erheblich verringert. 72 Des Weiteren hat die Globalisierung Märkte geöffnet, die zuvor unzugänglich waren. Dieser Wandel hat den Fokus auf kreative Prozesse und innovative Ideen gelenkt, um eine erweiterte Beteiligung in diesem veränderten Umfeld zu ermöglichen. 73 Kulturell hat sich die Globalisierung durch den verstärkten Austausch in Bereichen wie Musik, Fernsehen, Kino und Tourismus manifestiert. Die kulturellen Grenzen, die die Nationen historisch trennten, wurden verschwommen und unbedeutend. 74 2.2 Die Auswirkungen der Globalisierung auf die Spionage 61 <?page no="62"?> 75 Robertson, 1992: 27-28 76 Israel, 2012 77 Eriksen, 2014: 123 78 Heinrich-Böll-Stiftung & Schönenberg, 2013: 11 79 Kaya, 2021: 204 80 Eriksen, 2014: 123 81 Herbig, 2017: 56 Politisch hat sich der Fokus der Welt vielfach vom engen nationalen Interesse zur globalen Verantwortung verlagert. 75 Viele Menschen sahen sich weniger als Staatsbürger und mehr als Weltbürger und dies spiegelte sich auch in vielen Institutionen und Organisationen wider. Angesichts dieses neuen Zeitgeistes schrieb Ron Israel: „[…] als Ergebnis des Lebens in einer globalisierten Welt verstehen wir, dass wir eine zusätzliche Verant‐ wortung haben; wir sind auch Mitglieder einer weltweiten Gemeinschaft von Menschen, die dieselbe globale Identität teilen.“ 76 In den 1990er Jahren wurde die Globalisierung hauptsächlich als Mittel zur Förderung eines besseren Verständnisses zwischen den Nationen und zur Verbesserung der internationalen Beziehungen wahrgenommen. In den 2000er Jahren wurde jedoch die negative Seite der Globalisierung zuneh‐ mend offensichtlich. 77 Kriminelle Organisationen begannen, sich grenzüber‐ schreitend in zuvor unzugänglichen Regionen zu vernetzen und dabei eine Mischung aus legalen und illegalen Aktivitäten zu betreiben. 78 Darüber hinaus wurde die Globalisierung als wesentlicher Treiber der transnatio‐ nalen Radikalisierung unter extremistischen religiösen und nativistischen Gruppen erkannt. 79 Die Anschläge vom 11. September auf das World Trade Center und das Pentagon verdeutlichten die Globalisierung des Terroris‐ mus und führten zu einem Wandel in der öffentlichen Wahrnehmung. Anstatt Globalisierung als Werkzeug für transnationale Verständigung und Zusammenarbeit zu betrachten, entstand ein Gefühl der Angst und des Unbehagens. Von vielen wurde die Globalisierung nun als volatiler, anar‐ chischer und gefährlicher Zustand wahrgenommen, der mit einem Verlust an Kontrolle einhergeht. 80 Ein weiterer Aspekt der Globalisierung ist es, dass Menschen zunehmend ihre Loyalität von der eigenen Nation auf eine wie auch immer geartete globale Gemeinschaft verlagert haben. 81 Dieses globale Denken hat dazu geführt, dass manche Menschen den Dienst an anderen Nationen als moralisch höherwertig betrachten als den Dienst am eigenen Land und 62 2 Kapitel | Die Welt der Spionage <?page no="63"?> 82 Herbig, 2017: 56 83 Herbig, 2017: 46 & 51 84 Fink, 2002: 12 85 Gowan, 2018 86 Bundesamt für Verfassungsschutz, 2021 dadurch die landeseigenen Interessen vernachlässigen. 82 Seitdem der Glo‐ balisierungstrend Einzug gehalten hat, sind Loyalitätskonflikte zunehmend zu Motiven für Spionagedelikte geworden. Im Zeitraum von 1947 bis 2015 war Geld zwar durchgängig das häufigste Motiv für Spionage, gefolgt von Loyalitätskonflikten als zweithäufigstem Motiv. Während jedoch die Häufigkeit finanziell motivierter Spionage nach dem Kalten Krieg um 37 % abnahm, stieg die Spionage aufgrund geteilter Loyalitäten um 57 % an. Dies zeigt eine Annäherung der Häufigkeiten dieser beiden Motive und deutet darauf hin, dass Loyalitätskonflikte bei Fortsetzung dieser Trends das finanzielle Motiv übertreffen könnten. 83 Die Globalisierung hat den Umfang der Spionageziele erheblich beein‐ flusst. Die zunehmende „Integration von Märkten, Nationalstaaten und Technologien“ hat es den Menschen ermöglicht, entfernte Regionen leichter, schneller und kostengünstiger zu erreichen als je zuvor. 84 Diese Veränderung hat neue Möglichkeiten für die internationale Zusammenarbeit im öffentli‐ chen und privaten Sektor eröffnet, aber auch neue Wege für Insider-Spio‐ nage geschaffen. Zwischenstaatliche Organisationen, die darauf ausgelegt sind, den Interessen aller Mitgliedstaaten gleichermaßen zu dienen, haben sich zu Brutstätten der Spionage entwickelt. 85 Ferner kam es infolge der Globalisierung zu einem Anstieg der wirtschaftlichen und der industriellen Spionage, angeheizt durch Wirtschaftskonkurrenten und Regierungen, die Wettbewerbsvorteile auf den internationalen Märkten suchen. Außerdem sind Universitäten und Forschungseinrichtungen, insbesondere diejenigen, die mit der Entwicklung wertvoller Technologien befasst sind, zu Zielen von Insider-Spionage geworden. 86 2.2 Die Auswirkungen der Globalisierung auf die Spionage 63 <?page no="64"?> 87 Barceló, 2003: 30-31; Gowan, 2018; Sheldon, 1989: 9 88 Hillier, 1968: 190-192; Fink, 2002: 12; Bundesamt für Verfassungsschutz, 2021 89 Benny, 2014: 8-10; Geis, 1994: 127; Wimmer, 2015: 14-16 90 Defense Personnel Security Research Center, 2009: xiv 2.3 Spionage im privaten Sektor Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Die Entwicklung der Industriespionage und ihre Dynamik. ● Gründe für die zunehmende Bedrohung von Unternehmen durch Spionage. ● Parallelen zwischen Spionage im öffentlichen und privaten Sektor. ● Die Rolle von Insidern als Schwachstelle im Unternehmen. ● Unzureichende Sicherheitsstrukturen in Unternehmen. Während Spionage schon lange zur Sammlung von Erkenntnissen bezüglich des Militärs, der politischen Führung und der Ressourcen rivalisierender Nationen verwendet wird 87 , ist Spionage im privaten Sektor (d. h. Industrie- und Unternehmensspionage) ein vergleichsweise neues Phänomen, das auf die Anfänge der Industriellen Revolution im 18. Jahrhundert zurückgeht. 88 Diese Art der Spionage konzentriert sich hauptsächlich auf den illegalen Erwerb von Geschäftsgeheimnissen und geistigem Eigentum. Häufig aufge‐ worfene Fragen in diesem Zusammenhang sind, ob Unterschiede in den Spionagezielen (öffentlich vs. privat) auch Unterschiede in den Motiven von Insider-Spionen oder den von ihnen angewendeten Methoden implizieren. Mit Blick auf die Motive bietet eine Studie von PERSEREC eine erste Annäherung an eine Antwort. Die Studie besagt, dass die Motive von Insider-Spionen im privaten Sektor nicht anders sind als die im öffentli‐ chen Sektor. 89 Obwohl die Stichprobengröße dieser Studie klein und die untersuchten Fälle geografisch auf Spionageangriffe gegen US-Interessen beschränkt waren, bietet die Erhebung dennoch wichtige Einblicke. 90 Die Abnehmer gestohlener Geschäftsgeheimnisse und anderer vertrau‐ licher Informationen lassen sich in zwei Gruppen einteilen: ausländische Geheimdienste und konkurrierende Unternehmen. Manche ausländischen Geheimdienste betreiben Industriespionage, um die Wirtschaft ihres Lan‐ des zu fördern, ihren heimischen Industrien einen Wettbewerbsvorteil 64 2 Kapitel | Die Welt der Spionage <?page no="65"?> 91 Benny, 2014: 10 92 Benny, 2014: 19-23 93 Tsolkas & Wimmer, 2013: 9; Benny, 2014: 17-19 94 Benny, 2014: 11-12 zu verschaffen und ihre nationalen Wirtschaftsstrategien voranzutreiben. Angesichts der Professionalität, mit der diese ausländischen Geheimdienste ihre Informationsbeschaffung gestalten, stellt die von solchen Diensten ausgehende Spionage eine erhebliche Gefahr für den privaten Sektor dar. In vielen Fällen sind die Sicherheitsmaßnahmen des privaten Sektors den Infor‐ mationsbeschaffungsmöglichkeiten dieser Dienste nicht gewachsen. 91 Nur wenige ausländische Geheimdienste sind in Industriespionage involviert, aber die, die es sind, wenden typischerweise die gleichen Methoden an, die sie auch bei Spionageaktivitäten gegen staatliche und militärische Ziele ein‐ setzen. 92 Die Rekrutierung und die Entwicklung menschlicher Quellen (d. h. Spione) erfolgen nach ähnlichen Verfahren. Auch der Intelligence Cycle, der die Planung und die Leitung des Informationsbeschaffungsprozesses, die Sammlung, die Verarbeitung und die Analyse der Informationen sowie deren Bereitstellung an die Abnehmer umfasst, folgt derselben Herangehensweise wie bei der Spionage gegen Ziele im öffentlichen Sektor. 93 Auch konkurrierende Unternehmen können eine erhebliche Spionage‐ bedrohung für die Industrie darstellen. Zwar sind viele Informationen über Mitbewerber öffentlich zugänglich und damit legal zu beschaffen, aber es gibt auch zahlreiche Fälle, in denen Konkurrenzunternehmen wider‐ rechtlich, d. h. durch Industriespionage, vertrauliche Informationen über ihre Mitbewerber erlangt haben. Besonders häufig geschah dies mithilfe von vertrauten Mitarbeitern betroffener Firmen, die ihren Zugang zu Ge‐ schäftsgeheimnissen missbraucht und diese für beträchtliche Summen an Konkurrenzunternehmen verkauft haben. Ebenso gab es Fälle, in denen die Initiative vom Konkurrenzunternehmen ausging, indem es gezielt Mit‐ arbeiter des auszuspionierenden Unternehmens anwarb und dazu brachte, Geschäftsgeheimnisse zu verraten. 94 2.3 Spionage im privaten Sektor 65 <?page no="66"?> 95 Harvard Law School, 2019 96 Harvard Law School, 2019; United Nations Convention Against Transnational Organi‐ zed Crime, 2010 2.4 Spionage in zwischenstaatlichen Organisationen Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Gründe für die wachsende Zielgerichtetheit auf internationale Or‐ ganisationen. ● Strukturelle Schwächen, die Spionage in internationalen Organisa‐ tionen begünstigen. ● Loyalitätskonflikte als Risikofaktor in multinationalen Organisatio‐ nen. ● Erschwerte Entdeckung von Spionage in internationalen Struktu‐ ren. ● Bekannte Spionagefälle gegen die NATO und die EU. Wie privatwirtschaftliche Unternehmen sind auch internationale Orga‐ nisationen bzw. zwischenstaatliche Organisationen (‚intergovernmental organizations‘ - IGOs) zu Hauptzielen der Insider-Spionage geworden. IGOs sind juristische Personen, die durch Verträge zwischen zwei oder mehr Nationen geschaffen werden, um an Themen zusammenzuarbeiten, die von gemeinsamem Interesse sind. 95 Diese Organisationen sind häufig auf Bereiche wie Friedenssicherung, Wirtschaftsförderung, Sozialwesen, Umweltschutz, Wissenschaft und Technologieentwicklung ausgerichtet. Die Zahl der zwischenstaatlichen Organisationen ist groß und umfasst prominente Einrichtungen wie die Vereinten Nationen (UN), die Nordatlan‐ tikpakt-Organisation (NATO), die Afrikanische Union (AU), die Vereinigung Südostasiatischer Nationen (ASEAN), die Europäische Union (EU) und die Welthandelsorganisation (WTO). 96 Solche Organisationen verfügen generell über wertvolle Informationen bezüglich der Interessen und der Intentionen ihrer Mitgliedstaaten und können für andere Staatsregierungen äußerst wertvoll sein. Ferner unterhalten diese Organisationen typischerweise weit‐ reichende internationale Netzwerke, die Zugang zu Informationen bieten, die für Spione ebenfalls von großem Wert sein können. 66 2 Kapitel | Die Welt der Spionage <?page no="67"?> 97 Gowan, 2018 98 Bosco, 2012 99 International Civil Service Commission, 2013: 4-6 100 Reinisch, 2009: 3 Trotz der Bemühungen, die Vertraulichkeit im Interesse aller Mitglied‐ staaten zu wahren und entsprechende Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen, sind internationale Organisationen häufig Ziel von Spionageaktivitäten. Die große Belegschaft und die zahlreichen Abteilungen internationaler Organi‐ sationen erschweren es häufig, verdächtiges Verhalten zu erkennen. Hinzu kommt die komplexe Bürokratie internationaler Organisationen, die dazu führen kann, dass Sicherheitslücken übersehen werden. So haben hochran‐ gige Mitarbeiter der Vereinten Nationen eingeräumt, dass jeder Raum im UN-Hauptquartier in New York abgehört werden könnte. 97 Es hat auch wiederholt Fälle gegeben, in denen sich Personen während UN-Sitzungen unerlaubterweise in Übersetzerkabinen aufgehalten haben, um vertrauliche Gespräche abzuhören und die gewonnenen Informationen an unbefugte Dritte weiterzuleiten. 98 Zudem kann es auch bei Mitarbeitern von internationalen Organisatio‐ nen zu Loyalitätskonflikten kommen, bei denen ein Spannungsverhältnis zwischen der Loyalität gegenüber ihrer Herkunftsnation und der Loyalität gegenüber der internationalen Organisation, für die sie tätig sind, entsteht. Obwohl die Vertraulichkeit und die Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber typischerweise arbeitsvertraglich und durch organisatorische Richtlinien festgeschrieben ist und diese durch zwischenstaatliche Abkommen von allen Mitgliedstaaten der IGO mitgetragen werden, 99 kommt es dennoch gelegent‐ lich vor, dass Mitarbeiter unerlaubt offizielle Vertreter ihrer Herkunftsländer über organisatorische Interna informieren. Die Übermittlung dieser Infor‐ mationen kann ihrem Herkunftsland nützen und anderen Mitgliedstaaten oder der IGO zum Nachteil werden. Internationale Organisationen sind auch deshalb besonders anfällig für Insider-Spionage, weil sie ihren Mitarbeitern oft diplomatische oder funk‐ tionale Immunitäten gewähren, die sie vor den rechtlichen Konsequenzen ihrer Handlungen schützen. Das Gewohnheitsvölkerrecht (Customary In‐ ternational Law, CIL) trägt ebenfalls zu der Gefahr bei, da es oft keine klaren Mechanismen zur Verfolgung von Spionagehandlungen bietet. 100 Dies könnte erklären, warum relativ wenige Fälle von Spionage in internationa‐ len Organisationen ans Licht kommen. Dennoch gibt es diese Fälle. So 2.4 Spionage in zwischenstaatlichen Organisationen 67 <?page no="68"?> 101 Sontheimer, 2014; Scally, 2008; Schindler, 2016 102 Rettman, 2019a; Rettman, 2019b 103 Eden, 2018: 16; IBM, 2022 wurden zum Beispiel Rainer Rupp aus Deutschland, Herman Simm aus Estland und Frederico Carvalh-o Gil aus Portugal, alles Insider innerhalb der NATO, respektiv in den Jahren 1993, 2008 und 2016 wegen Spionage gegen die NATO verurteilt. 101 Kürzlich wurde ein Major des belgischen General‐ nachrichtendienstes und Sicherheitsdienstes (Algemene Dienst Inlichting en Veiligheid, ADIV), dessen Identität nicht öffentlich bekannt gegeben wurde, beschuldigt, die Europäische Union durch Spionagehandlungen gefährdet zu haben. 102 2.5 Die Auswirkungen der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) auf die Spionage Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Veränderungen im Zugang zu vertraulichen Informationen durch technologische Entwicklungen. ● Neue Möglichkeiten für Spionageangriffe durch moderne IKT. ● Die Rolle von Cloud-Computing und Big Data bei der Zielauswahl von Spionen. ● Verdeckte Kommunikation durch neue technische Möglichkeiten. ● Die sinkende Entdeckungswahrscheinlichkeit technikgestützter Spionage. Der Fortschritt in der Informationstechnologie hat eine entscheidende Funktion bei der Förderung der globalen Zusammenarbeit übernommen, aber er hat auch die Spionage auf beispiellose Weise erleichtert. In den 1970er Jahren waren Großrechner teuer, aber viele große Regierungs- und Wirtschaftsorganisationen nutzten sie, weil sie große Datenmengen schnell und genau verarbeiten konnten. 103 Während dies eine attraktive Funktion war, war die Arbeit mit einem Großrechner umständlich, erfor‐ derte erhebliche Vorkenntnisse und oft maßgeschneiderte Programmierung. Darüber hinaus war der Zugang aufgrund fehlender Sicherungen und der Möglichkeit, erheblichen Schaden an der Computerhardware, Software und 68 2 Kapitel | Die Welt der Spionage <?page no="69"?> 104 Eden, 2018: 16; IBM, 2022 105 Eden, 2018: 16; De Wet, Koekemoer & Nel, 2016: 1 106 De Wet, Koekemoer & Nel, 2016: 1; Müllner & Filatotchev, 2018: 91-92 den Daten zu verursachen, stark kontrolliert und typischerweise auf eine kleine Anzahl ausgewählter Personen beschränkt. Diese Beschränkungen schützten effektiv die Informationen, die Computer damals enthielten. Die Einführung des Personal Computers (PC) in den 1980er Jahren änderte all dies schnell. PCs wurden erschwinglich. Computerprogramme boten eine zunehmend breite Palette an kommerziellen, technischen und Büroanwendungen und wurden benutzerfreundlicher. Dies führte zu erheb‐ lichen Veränderungen im Arbeitsumfeld. Während in den frühen 1980er Jahren Büros mit PCs selten anzutreffen waren, waren sie Ende desselben Jahrzehnts kaum mehr wegzudenken. 104 In den 1980er Jahren waren PCs hauptsächlich unvernetzte Einheiten. Die Einführung des Internets in den 1990er Jahren änderte dies jedoch schnell und erhöhte die Leichtigkeit der Informationsbeschaffung und -übermitt‐ lung. Benutzer konnten über ihre PCs miteinander kommunizieren und riesige Mengen an Informationen auf Knopfdruck abrufen. 105 Die Konver‐ genz von Technologien in diesem Bereich führte zur Schaffung dessen, was heute als Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) bekannt ist. Die Verbreitung von IKT veränderte grundlegend, wie Menschen denken, interagieren und arbeiten. Die Einführung von IKT war für Organisationen unerlässlich geworden, um wettbewerbsfähig, effizient und kostengünstig zu bleiben. Das Versäumnis, sich an die neue IKT-getriebene Umgebung anzupassen, konnte ein erhebliches Risiko für das Überleben der Organisa‐ tion darstellen. IKT hat jedoch auch die Spionage transformiert, indem sie leichteren Zugang zu vertraulichen Informationen bei reduzierten Risiken ermöglicht. 106 Im Laufe der Zeit wurden Computer immer leistungsfähiger. Die Verar‐ beitungs- und Speicherkapazitäten von Computern sowie die Reichweite und die Fähigkeit von Softwareanwendungen wuchsen kontinuierlich, was zu einer stetigen Zunahme der Menge und der Vielfalt der in Computersys‐ temen gespeicherten Daten führte. Sowohl Regierungsals auch private Organisationen strebten zunehmend danach, ihre Informationstechnolo‐ gie-Ressourcen zu konsolidieren und die darin enthaltenen Informationen zu zentralisieren. Während diese Maßnahmen zu größerer betrieblicher Effizienz führten, erhöhten sie auch die Dichte und den Wert der Spionage‐ 2.5 Die Auswirkungen der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) 69 <?page no="70"?> 107 Mehan, 2016: 36&75; Ferguson, 2004: 80; Herbig, 2017: 147; Lucas, 2018: 12-13; Mehan, 2016: 35 108 Mehan, 2016: 35&86 109 Mehan, 2016: 35&86 110 Wallace & Melton, 2008: 447 111 Clark, 2014: 126-127 112 Clark, 2014: 126-127 ziele. 107 Dieser Trend setzte sich mit der Einführung des Cloud-Computings und der Entwicklung von Big Data fort, die die Geschwindigkeit, die Vielfalt und das Volumen der verfügbaren Informationen weiter erhöhten. Die Fülle an Daten hat die Bedrohung durch Insider-Spionage erhöht, da große Mengen an Informationen jetzt mit minimalem Aufwand aus einer einzigen Quelle abgerufen werden können. 108 Fortschritte in der Informationstechnologie haben auch die Wahrschein‐ lichkeit einer Entdeckung verringert. 109 In der Vergangenheit waren Spione auf physische Medien wie Film, Einmal-Pads oder Geheimschriftchemika‐ lien angewiesen, um gestohlene Informationen zu transportieren. Diese Medien konnten leicht entdeckt werden. Heute können Tausende von geheimen Dokumenten innerhalb weniger Tage gesammelt und auf einer winzigen Speicherkarte gespeichert werden, die kleiner ist als eine Brief‐ marke. Solche Speicherkarten werden in harmlosen Gegenständen wie elektronischen Spielzeugen, Kameras, Taschenrechnern, Uhren, Autos und Haushaltsgeräten genutzt, können aber auch verwendet werden, um die gestohlenen Informationen zu verbergen. 110 IKT hat Spionen weitere Möglichkeiten zum Zugang zu vertraulichen Informationen geboten. 111 Zwar können Insider-Spione ihre eigenen Zu‐ gangsrechte nutzen, um unerlaubt an Informationen heranzukommen, aber sie können sich auch die Zugangsdaten anderer Benutzer beschaffen, um auf Informationen unter falscher Identität zuzugreifen und somit ihre Spiona‐ gehandlung weiter zu verschleiern. In einigen Fällen haben Insider-Spione plausible Ausreden genutzt, um Kollegen dazu zu bringen, ihnen unbefugten Zugang zu ihren Computerkonten zu gewähren. Dadurch ermöglichten die Kollegen es den Spionen unwissentlich, Hintertüren für nachfolgende Sys‐ temdurchdringungen einzurichten und den Netzwerkautorisierungsprozess zu umgehen. 112 Die Welt hat durch das Aufkommen des Internets tiefgreifende Verän‐ derungen erlebt. Benutzer können über global miteinander verbundene Netzwerke leicht auf Informationen zu fast jedem Thema zugreifen. Wäh‐ 70 2 Kapitel | Die Welt der Spionage <?page no="71"?> 113 Clark, 2014: 26 114 Ferguson, 2004: 236 115 Wallace & Melton, 2008: 448 116 Wallace & Melton, 2008: 448-449 rend die Qualität der internetbasierten Informationen höchst variabel ist, können viele der dort enthaltenen Informationen von großem Nutzen sein. Mit entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen kann das Internet als effektives Werkzeug für die Sammlung von Open-Source-Intelligence ohne Spuren genutzt werden. 113 Personen, die bestrebt sind, als Insider-Spione tätig zu werden, können online eine Fülle von Informationen finden, einschließ‐ lich Botschaftsdetails und Kontaktinformationen von Geheimdiensten. Die Leichtigkeit, mit der solche Informationen gesammelt werden können, kann die Geschwindigkeit beschleunigen, mit der erste Kontakte zu potenziellen Abnehmern gestohlener Informationen hergestellt werden. 114 In diesem Sinne ist das Internet zu einem wahren Fundus für Personen geworden, die ihre Dienste als Spione anbieten möchten. Das Internet hat auch die Geheimdienstmethoden in Bezug auf verdeckte Kommunikation (covert communication, COVCOM) beeinflusst. Mit Ver‐ schlüsselungsfunktionen erlaubt das Internet den Informationsfluss, ohne die Identität oder den Standort des Absenders oder des Empfängers preiszu‐ geben. 115 In der Vergangenheit erforderten COVCOM-Pläne umfangreiche Vorbereitungen und waren riskant durchzuführen. Heute können Nachrich‐ ten innerhalb von Sekunden sicher gesendet und ihre Existenz dabei ver‐ schleiert werden. Darüber hinaus ermöglicht das Internet die Übertragung praktisch unbegrenzter Datenmengen. 116 2.5 Die Auswirkungen der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT) 71 <?page no="72"?> 117 Herbig, 2017: v &29 2.6 Wie Insider zu Spionen werden Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Die zwei Hauptpfade zur Insider-Spionage. ● Die Rolle von Tarnidentitäten bei der Agentenrekrutierung. ● Der typische Ablauf eines geheimdienstlichen Rekrutierungsproz‐ esses. ● Gründe dafür, warum nicht jeder Kontaktversuch zur Anwerbung führt. ● Merkmale, die Zielpersonen für eine Rekrutierung attraktiv machen. Es stellt sich wiederholt die Frage, auf welche Weise Personen zu Insi‐ der-Spionen werden. Laut einer Studie von Herbig (2017) werden 40 % direkt oder indirekt von ausländischen Geheimdiensten angeworben, während 60 % der Insider-Spione Selbstanbieter sind. Unter den angeworbenen Insider-Spionen wurden 11 % von einem Familienmitglied, 30 % von einem Freund und 59 % direkt von einem ausländischen Geheimdienst rekrutiert. Diejenigen, die sich als Spione anboten, nahmen am häufigsten über eine Botschaft des Landes Kontakt auf, dessen Geheimdienst sie dienen wollten. Alternativ hatten Selbstanbieter bereits direkten Kontakt zu Geheimdienst‐ mitarbeitern oder zu anderen Personen, die als Vermittler zwischen ihnen und dem Geheimdienst fungierten. Zunehmend wurde der Erstkontakt jedoch auch per E-Mail an den Geheimdienst hergestellt. 117 Geheimdienste rekrutieren menschliche Quellen, einschließlich Insi‐ der-Spione, durch Geheimdienstmitarbeiter. Diese Mitarbeiter können ent‐ weder mit offizieller oder mit nicht offizieller Tarnung im Zielgebiet ope‐ rieren. Geheimdienstmitarbeiter mit offizieller Tarnung (Official Cover, O. C.) sind typischerweise einer Botschaft oder einem Konsulat zugewiesen. Von dort aus operieren sie, genießen diplomatische Immunität und sind vor Strafverfolgung im Gastland geschützt. Geheimdienstmitarbeiter mit nicht offizieller Tarnung (Non-Official Cover, NOC) haben - dem Anschein nach - keine offizielle Verbindung zu ihrer Regierung. Während ihrer Missionen nehmen NOCs typischerweise falsche Identitäten an und werden manchmal als sogenannte Illegale mit langfristig angelegten Tarnungen 72 2 Kapitel | Die Welt der Spionage <?page no="73"?> 118 Suvorov, 1984: 75-79 & 83-85 119 Department of Defense, 2023: 14-15 120 Department of Defense, 2023: 5 121 NASA, 2023 ausgestattet, um ihre Integration in das operative Umfeld zu erleichtern. NOCs genießen keine Immunität und können daher mit harten Strafen rechnen, wenn sie von den Behörden im Gastland enttarnt werden. 118 Der Prozess, durch den Geheimdienstmitarbeiter Agenten rekrutieren, folgt im Allgemeinen einem spezifischen Muster, das aus den folgenden Schritten besteht: 119 ● Erkennen - Identifizierung der Zielperson ● Bewerten - Auskundschaften der Zielperson ● Entwickeln - Aufbau einer Beziehung zur Zielperson ● Rekrutierung - Überzeugung der Zielperson, Informationen bereitzustellen ● Führung - Anleitung des Spions zur fortwährenden Sammlung weiterer Infor‐ mationen Im Wesentlichen konzentrieren sich die Rekrutierer von Agenten auf Ziel‐ personen aufgrund (1) ihrer Kontakte zu nützlichen Personen, (2) der Informationen, die sie beschaffen können, oder (3) der Kenntnisse, die sie haben. Wenn einer dieser Punkte für den Geheimdienst des Rekrutierers von Wert sein könnte, wird der Rekrutierer diesen Kontakt entwickeln. 120 Es führen nicht alle Kontakte, die ein Geheimdienstmitarbeiter herstellt, zur Rekrutierung eines Agenten. Laut einem Rekrutierer führen 121 ● 1.000 Erstkontakte zu ● 100 operativen Kontakten, die zu ● 10 entwickelbaren Kontakten führen, die zu ● 3 vertrauenswürdigen Quellen führen, die wiederum zu ● einer Rekrutierung führen. Diese Zahlen veranschaulichen den erheblichen Aufwand, den Rekrutie‐ rer unternehmen müssen, um einen Spion anzuwerben. Angesichts der 2.6 Wie Insider zu Spionen werden 73 <?page no="74"?> Tausenden von Personen, die Zugang zu vertraulichen Informationen ha‐ ben, vermittelt die Aussicht, einen Kontakt von tausend erfolgreich zu rekrutieren, jedoch ein beunruhigendes Bild vom potenziellen Umfang des Insider-Spionageproblems. 74 2 Kapitel | Die Welt der Spionage <?page no="75"?> 3 Kapitel | Der aktuelle Erklärungsstand der Insider-Spionage ➲ eLearning-Kurs Nutzen Sie den QR-Code oder den Link, um zu dem Kurs zu gelangen: 🔗 https: / / narr.kwaest.io/ s/ 1384 Seit der Entstehung der Nachrichtendienststudien als Forschungs- und Lehrfach in den 1980er Jahren wurden mehrere Ansätze entwickelt, um Spionagehandlungen - vor allem jene, die durch Insider begangen werden - zu erklären, um entsprechende Gefahren künftig vorherzusehen und abzuwehren. Angesichts der Thematik des vorliegenden Buches bildet die Auseinandersetzung mit diesen Ansätzen das notwendige Fundament, um die Faktoren zu verstehen, die ursächlich mit Insider-Spionage verbunden sind. Die Ziele dieses Kapitels sind daher: (1) diese Ansätze vorzustellen, (2) die darin enthaltenen Faktoren zu präsentieren, (3) die wesentlichen Komponenten in ein umfassendes Rahmenwerk einzubetten und (4) die noch nicht erforschten Faktoren zu identifizieren. <?page no="76"?> 122 Pincher, 1987: 277-278 123 Levchenko, 1988: 106 3.1 Aktuelle Erklärungsansätze der Insider-Spionage im Überblick Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Psychologische, organisatorische und ökonomische Faktoren in bestehenden Erklärungsansätzen zur Insider-Spionage. ● Unterschiede in der Schwerpunktsetzung aktueller Erklärungsan‐ sätze. ● Begrenzungen bestehender Modelle in Bezug auf die Abdeckung relevanter Aspekte. ● Die Notwendigkeit eines integrativen Rahmens für ein umfassendes Verständnis von Insider-Spionage. Die frühesten Ansätze zur Erklärung und Vorhersage von Risiken der Insi‐ der-Spionage fokussierten sich auf psychologische Aspekte, insbesondere auf die Motivationen von Insidern, die sich der Spionage zuwenden, sowie auf Persönlichkeitsstörungen, die bei Insider-Spionen beobachtet wurden. Pincher (1987) identifizierte Ideologie, Ressentiments gegenüber dem Ar‐ beitgeber, den Wunsch nach gesteigertem Selbstwertgefühl und Erpressung als zentrale Motivationsfaktoren. Er argumentiert, dass diese Motive durch Persönlichkeitsstörungen verstärkt werden können. Gleichzeitig betont er jedoch, dass diese Faktoren allein nicht ausreichen, um Spionagehandlungen auszulösen, sofern die betroffene Person keinen Zugang zu vertraulichen Informationen hat. 122 Levchenko (1988), ein ehemaliger Oberst des KGB, der als Führungs‐ offizier für Geheimdienstagenten in Japan tätig war und später in den Westen überlief, erläutert, dass der KGB die Anfälligkeit einer Person für Spionage anhand von vier zentralen Motiven beurteilte: Geld, Ideologie, Kompromittierung (Zwang) und Ego. Diese vier Faktoren, im Englischen als Money, Ideology, Compromise/ Coercion und Ego bezeichnet, ergeben das Akronym MICE. 123 Dieser Ansatz beeinflusst bis heute das Denken der 76 3 Kapitel | Der aktuelle Erklärungsstand der Insider-Spionage <?page no="77"?> 124 Smith, 2017: 14 125 Director of Central Intelligence, 1990: 1-2 126 Timm, 1991: 51-52 Sicherheits- und Nachrichtendienste und bestimmt nach wie vor Konzepte der Spionageabwehr. 124 Project Slammer (1990), ein Forschungsprogramm der CIA, identifi‐ zierte Gemeinsamkeiten unter verurteilten Insider-Spionen. Laut dem Project-Slammer-Bericht haben Insider-Spione generell ein überzogenes Selbstwertgefühl und glauben, dass sie etwas Besonderes oder Einzigartiges sind. Zum Zeitpunkt ihrer Spionagetätigkeit sind sie mit ihrer persönlichen oder beruflichen Situation unzufrieden und sehen keinen anderen oder zumindest keinen leichteren Weg, ihre Situation zu verbessern, als durch Spionage. Sie betrachten sich nicht als unmoralisch, denn sie rationalisieren ihre Spionagehandlungen als normale Tätigkeit, die schließlich von vielen Menschen begangen werde, und begreifen die Spionage als ein opferloses Verbrechen. 125 Timm (1991) argumentiert, dass Insider-Spione durch bestimmte physi‐ sche oder psychische Bedürfnisse motiviert werden und Spionagehandlun‐ gen in der Erwartung begehen, dass diese dadurch befriedigt werden. Besonders häufig spielen dabei die folgenden Bedürfnisse eine Rolle: 126 ● Geld und der Wunsch, finanziellen Schwierigkeiten zu entkommen, ● Loyalität und der Wunsch, eine fremde Macht zu unterstützen, ● Sicherheit und der Wunsch, Gefahren (z. B. durch Erpressung) von sich abzuwenden, ● Liebe und der Wunsch nach Zuneigung, ● Rache und der Wunsch nach Genugtuung, ● psychische oder emotionale Stimulanz und der Wunsch nach Nerven‐ kitzel, ● Selbstwertgefühl und der Wunsch nach Anerkennung, ● Macht und der Wunsch nach Kontrolle und Einfluss, ● physische Stimulanz und der Wunsch nach Sex, ● soziale Stimulanz und der Wunsch nach Zugehörigkeit. Laut Timm können diese Motivationen auch in Kombination auftreten. Er betont zudem, dass fünf zentrale Bedingungen das Zustandekommen von Spionagehandlungen begünstigen: (1) eine wahrgenommene Gelegenheit zur Spionage, (2) die bewusste Erwägung der kriminellen Handlung, (3) 3.1 Aktuelle Erklärungsansätze der Insider-Spionage im Überblick 77 <?page no="78"?> 127 Timm, 1991: 53 128 Heuer, 1994: 29, 35, 42, 45, 50, 59, & 64 129 Eoyang, 1994: 85-88 ein starkes Verlangen, die durch die Spionage erzielbaren Ergebnisse zu erreichen, (4) unzureichende innere (psychologische) Kontrollmechanismen und (5) unzureichende äußere (sicherheitsbezogene) Kontrollmechanismen. Nach Timms Einschätzung ist es unwahrscheinlich, dass eine Person Spio‐ nage begeht, wenn auch nur eine dieser Bedingungen nicht erfüllt ist. 127 Heuer (1994) analysiert die Drogen, die ein Sicherheitsrisiko verursachen können, und führt hierzu Cannabis, Kokain, Heroin, Halluzinogene, Stimu‐ lanzien, Inhalationsmittel und Steroide auf. Er erläutert, dass der Konsum von Drogen das Urteilsvermögen und damit die Fähigkeit, Verschlusssachen zu schützen, beeinträchtigen kann. Heuer argumentiert ferner, dass Perso‐ nen, die illegale Substanzen verwenden, erpressbar sind und schon deshalb ein Sicherheitsrisiko darstellen. 128 Eoyangs (1994) Ansatz verlagert die Aufmerksamkeit weg von Motiven und Persönlichkeitsstörungen hin zum Prozess, durch den eine Person zum Spion wird. Er argumentiert, dass es neun Schritte gibt, die stets im Prozess der Insider-Spionage involviert sind: (1) Entwicklung der Absicht, (2) Planung oder Verschwörung zur Begehung des Verbrechens, (3) Zugang‐ serlangung, (4) Erwerb privilegierter Informationen, (5) Täuschung und Verbergen der Spionagehandlungen, (6) Kontaktaufnahme mit einem aus‐ ländischen Geheimdienst, (7) Austausch von Informationen gegen erhoffte Vorteile oder zur Vermeidung von Nachteilen (z. B. unter Zwang), (8) Nutzung der erhaltenen Vorteile oder Abwendung negativer Konsequenzen und (9) Flucht im Falle einer erwarteten Verhaftung. Eoyang führt weiter aus, dass die Reihenfolge, in der diese Schritte auftreten, variieren kann, je nachdem, von wem die Initiative zur illegalen Zusammenarbeit ausgeht. Die oben beschriebene Reihenfolge treffe zu, wenn der Insider-Spion ein Selbstanbieter ist. Wird die Person jedoch durch Dritte angeworben, beginnt der Prozess mit der Herstellung des Kontakts zu einem ausländischen Geheimdienst, gefolgt von den anderen Schritten in der oben beschriebenen Reihenfolge. 129 Heuer (2001) greift in seinem synoptischen Artikel Faktoren auf, die bereits in früheren Ansätzen zur Erklärung von Insider-Spionage untersucht wurden, nämlich Motivation und Persönlichkeitsstörung. Allerdings erwei‐ tert er seine Betrachtung um die Faktoren Auslöser und Gelegenheit. In 78 3 Kapitel | Der aktuelle Erklärungsstand der Insider-Spionage <?page no="79"?> 130 Heuer, 2001 131 Heuer, 2001 132 Heuer, 2001 seinem Ansatz versteht er die Gelegenheit als Faktor, der einerseits die Mög‐ lichkeit, auf privilegierte Informationen zuzugreifen, und andererseits die Bekanntschaft mit Mitarbeitern fremder Nachrichtendienste umschließt. 130 Heuer nennt verschiedene Motive, die bei Spionage eine Rolle spielen können, darunter Geld, Macht, Abenteuerlust, Loyalitätskonflikte und den Wunsch, Wut abzubauen. Er argumentiert, dass zweifellos viele Geheimnis‐ träger existieren, die potenziell solche Motive hätten, sich jedoch bewusst gegen Spionage entscheiden. Dies liege daran, dass sie ausreichend Hem‐ mungen und Selbstkontrolle besitzen, um der Versuchung zu widerstehen und kein Verbrechen zu begehen. Insider-Spione hingegen seien Personen, bei denen diese Hemmungen und die Fähigkeit zur Selbstkontrolle unter‐ drückt oder gänzlich aufgehoben sind. Dies könne beispielsweise der Fall sein, wenn jemand von unkontrollierbarer Wut, einem instabilen Charakter oder anderweitigen Belastungen geprägt ist. 131 Heuer führt ferner aus, dass diese Faktoren nur dann aktiviert werden, wenn es einen Auslöser gegeben hat. Exemplarisch nennt er hierzu folgende Situationen, die zum Auslöser werden können: (1) Personalabbau, Outsour‐ cing, Verlagerung von Arbeitsplätzen, organisatorische Umstrukturierun‐ gen, (2) finanzielle Nöte, (3) karrierebezogenes Konkurrenzverhalten von Kollegen und das Unvermögen, selbst mithalten zu können, (4) vermeintli‐ che oder tatsächliche Ungerechtigkeit durch Arbeitgeber oder Vorgesetzte, (5) Kündigung des Arbeitsverhältnisses, (6) Ablehnung oder Hintergehung durch einen Ehepartner oder andere nahestehende Familienmitglieder und (8) das vermeintliche Wissen, was im besten Interesse des Staates liegt. 132 Houben (2003) analysierte die Fälle von achtzehn westdeutschen Frauen, die von ostdeutschen und sowjetischen ‚Romeo-Agenten‘ als Insider-Spione rekrutiert wurden. In ihrer Studie konzentrierte sie sich auf fünf Persön‐ lichkeitsmerkmale, die oft entweder positiv oder negativ mit Frauen in Verbindung gebracht werden, die in sogenannte Honigfallenoperationen verwickelt wurden: 1) Schüchternheit, 2) Religiosität, 3) Intelligenz, 4) Raffinesse und 5) psychische Störung. In ihrer Studie konnte sie nur bei zwei dieser Merkmale signifikante Zusammenhänge finden: Intelligenz, die 3.1 Aktuelle Erklärungsansätze der Insider-Spionage im Überblick 79 <?page no="80"?> 133 Houben, 2003: 278 134 Taylor, 2007: 8 135 Herbig, 2008: XI 136 Herbig, 2008: 32 137 Herbig, 2008: IX-X sie bei ihren Probanden als mäßig hoch bis hoch einstufte, und psychische Störung, die in vier der achtzehn Fälle vorhanden waren. 133 Im Gegensatz zu den psychologischen Ausrichtungen der bisher vorge‐ stellten Ansätze befasst sich die Arbeit von Taylor (2007) mit organisatori‐ schen Schwachstellen. Er betont, dass Organisationen ihre Informationen durch konkrete Sicherheitsmaßnahmen schützen müssen. Dazu gehören Maßnahmen in der personellen Sicherheit (vor der Einstellung und wäh‐ rend der Dienstzugehörigkeit), Anlagensicherheit, IT-Sicherheit, Kommu‐ nikationssicherheit sowie die Verwendung von Geheimhaltungsstufen und Informationsabschottung. Das Fehlen solcher Sicherungsmaßnahmen bietet Gelegenheit, Spionage zu betreiben. 134 Herbig (2008) verfolgt, ähnlich wie Heuer (2001), einen multifaktoriellen Ansatz zur Erklärung von Insider-Spionage. Sie ist der Ansicht, dass Indivi‐ duen Spionage betreiben, wenn Lebensereignisse als Auslöser sie dazu ver‐ anlassen. 135 In ihrer Analyse möglicher Motive schließt sie sich Levchenko (1988) an und nennt (1) Geld, (2) Ideologie (Loyalitätskonflikt), (3) Zwang und (4) Ego (Anerkennung) als Beweggründeründe von Insider-Spionen. Sie ergänzt jedoch (5) Enttäuschung, (6) Anbiederung und (7) Nervenkitzel als mögliche Motive für eine Spionagehandlung hinzu. 136 Herbig betrachtet auch die enthemmende Wirkung, die der Missbrauch von Alkohol und Drogen (legal und illegal) sowie Spielsucht auf den Einzelnen und sein Urteilsvermögen haben, was wiederum zu Spionagehandlungen führen kann. 137 Greitzer et al. (2013) richten ihr Augenmerk ebenfalls auf psychologische Aspekte. Anstatt sich jedoch wie andere Autoren mit Motivation oder psy‐ chischen Störungen zu befassen, konzentrieren sie sich auf die Persönlich‐ keitsstruktur und darauf, wie die ‚Big-Five‘-Persönlichkeitseigenschaften (Offenheit, Gewissenhaftigkeit, Extraversion, Verträglichkeit im sozialen Verhalten und Neurotizismus) mit Insider-Bedrohungen zusammenhängen. Sie fanden zwar keinen signifikanten Zusammenhang zwischen Offenheit und Extraversion einerseits und Insider-Spionage andererseits, stellten aber fest, dass verschiedene illegale Verhaltensweisen, darunter auch Spionage, 80 3 Kapitel | Der aktuelle Erklärungsstand der Insider-Spionage <?page no="81"?> 138 Greitzer et al., 2013: 138-141 139 Burkett, 2013: 11-17 140 Maasberg & Beebe, 2014: 64-66 mit geringer Gewissenhaftigkeit, hohem Neurotizismus und geringer Ver‐ träglichkeit verbunden sind. 138 Burkett (2013) vertritt die Auffassung, dass ein umfassendes Verständnis der Insider-Spionage nur erreicht werden kann, wenn der Fokus auf den Motivationsprozess anstatt auf individuelle Motive gelegt wird. Sein Ansatz ist wesentlich von der Arbeit von Cialdini (1984) beeinflusst, der ein Konzept zur Erläuterung von Beeinflussungs- und Überzeugungsprozessen entwi‐ ckelt hat. Was Burketts Ansatz von anderen Ansätzen unterscheidet, ist die Anwendung von Cialdinis Arbeit auf die Rekrutierung von Insider-Spio‐ nen. So konzeptualisiert Burkett die Rekrutierung von Spionen als einen Beeinflussungsprozess, der sechs Schritte umfasst: (1) Der Agentenführer kultiviert eine Beziehung des Gebens und Nehmens zwischen sich und dem Spion, (2) der Agentenführer erlangt Autorität über den Spion, (3) der Agentenführer vermittelt ein Gefühl der Knappheit (flüchtige Gelegen‐ heiten und Schaffung eines Gefühls der Dringlichkeit), (4) es kommt zu einer allmählichen Entwicklung von Engagement (5) sowie zur Entwicklung von Sympathie und Kameradschaft zwischen dem Agentenführer und dem Spion und (6) letztlich zur Nutzung sozialer Beweise durch Verweis auf erfolgreiche Aktionen anderer Partner, die den Spion beruhigen und zu ähnlichen Verhaltensweisen ermutigen sollen. 139 Maasberg und Beebe (2014) tragen vor, dass sich Suchtproblematiken nachteilig auf die Sicherheit auswirken können und mit zahlreichen Fällen von Insider-Spionage in Verbindung gebracht wurden. Sie schlagen vor, dass die Suchttheorie einen wesentlichen Einblick in die Vorgeschichte von Insider-Spionen bieten kann, und weisen darauf hin, dass mehrere Faktoren die potenziell negativen Auswirkungen von Suchtproblematiken auf die Sicherheit entweder verschärfen oder abmildern können. Zu den Faktoren, die die negativen Auswirkungen der Suchtproblematik verstärken, gehö‐ ren die Persönlichkeitsmerkmale der dunklen Triade (d. h. Narzissmus, Machiavellismus und Psychopathie) sowie traumatische Erlebnisse und eine abnorme Physiologie (z. B. Hirntrauma, Tumor, toxische Belastung). Zu den Faktoren, die die Auswirkungen der Suchtproblematik mildern, gehören Resilienz, soziale Unterstützung und gesetzliche Abschreckung. 140 3.1 Aktuelle Erklärungsansätze der Insider-Spionage im Überblick 81 <?page no="82"?> 141 Wimmer, 2015: 113&149 142 Moore et al., 2016: 1-2 & 5 143 Smith, 2017: 5 Wimmer (2015) vertritt die Auffassung, dass Gefahren der Insider-Spio‐ nage durch die Umsetzung der erforderlichen Gegenmaßnahmen gemildert werden können, wobei er den Schwerpunkt auf personelle Sicherheit, physi‐ sche Sicherheit sowie elektronische und Cyber-Sicherheit legt. Er argumen‐ tiert, dass Insider-Spionage nur dann auftreten kann, wenn entsprechende Maßnahmen nicht oder nur unzureichend umgesetzt werden. Unter diesen Umständen könnten Insider eine Gelegenheit sehen, die Geheimnisse ihrer Organisation zu stehlen und sie an unbefugte Dritte weiterzugeben. 141 Moore et al. (2016) argumentieren, dass sich Maßnahmen zur personellen Sicherheit negativ auf den Einzelnen auswirken können. Sie betrachten diese Maßnahmen als negative Anreize, die zu Unmut, Verärgerung und Demotivation führen können, und schlagen daher vor, dass Organisatio‐ nen positive Anreize schaffen sollten, um die negativen Auswirkungen auszugleichen. Sie plädieren für die Integration von Maßnahmen wie Job Enrichment, Job Enlargement, Job Rotation, organisatorische Unterstützung und die Förderung positiver Beziehungen zu den Mitarbeitern. Die Autoren gehen davon aus, dass die Kombination dieser positiven Ansätze mit den bestehenden Sicherheitspraktiken dafür sorgt, dass die Mitarbeiter in ihrem Arbeitsumfeld hoch motiviert bleiben. Umgekehrt können Mitarbeiter ohne solche positiven Maßnahmen derart frustriert werden, dass sie der Versu‐ chung erliegen, Spionage zu betreiben. 142 Smith (2017) konzentriert sich in seiner Arbeit auf die Motivationen von Insider-Spionen. Wie Levchenko (1988) betrachtet er Geld, Ideologie, Kom‐ promiss (Zwang) und Ego als wesentliche Motive von Insider-Spione. Er fügt jedoch hinzu, dass auch sexuelle Beziehungen, Patriotismus, Abenteuerlust, Fantasie, Psychopathie, Rache und der Wunsch, ‚das Richtige zu tun‘, Motive sind, die Personen anfällig dafür machen, Spione zu werden. 143 Der Ansatz von Wilder (2017) konzentriert sich in erster Linie auf Persönlichkeitsstörungen. Sie behauptet, dass Psychopathie, Narzissmus und Unreife unter Insider-Spionen weit verbreitet sind. Diese Eigenschaften werden jedoch in der Regel durch eine akute persönliche Krise zum Auslöser. Sie ist außerdem der Ansicht, dass Spionagehandlungen nur dann begangen 82 3 Kapitel | Der aktuelle Erklärungsstand der Insider-Spionage <?page no="83"?> 144 Wilder, 2017: 20-29 145 Prunckun, 2019: 58-59 146 Charney, 2019: 2-6 werden können, wenn die betreffende Person Zugang zu vertraulichen Informationen hat und die Gelegenheit zur Begehung der Tat leicht ist. 144 Prunckun (2019) sieht die Risiken der Insider-Spionage in den Sicher‐ heitssystemen von Organisationen. Wenn diese Systeme unzureichend gestaltet sind, können sie Möglichkeiten für Insider-Spionage eröffnen. Er stellt ein Konzept für ein Sicherheitsszenario vor, das ein mehrschichtiges Defense-in-Depth-System verwendet. Dieser Ansatz soll das physische Vorankommen von Spionen durch die Errichtung mehrerer Barrieren er‐ schweren. Das System umfasst eine äußere Schicht mit Barrieren wie Zäunen, Beleuchtungsanlagen und Stacheldraht, eine Zwischenschicht mit Zugangskontrollen wie Drehkreuzen und Zugangskarten und eine innere Schicht, die den Zugang zu Informationen ausschließlich auf Grundlage des Wissensbedarfs durch Klassifizierung und Abschottung von Dokumenten gewährt. 145 Charney (2019) skizziert einen zehnstufigen Lebenszyklus der Insi‐ der-Spionage. Die ersten sechs Phasen beschreiben die Entwicklung zum Engagement als Spion: (1) Sensibilisierung, (2) Stress, (3) Krisen, (4) Vor‐ bereitung der Spionageaktivitäten, (5) Reue und (6) aktive Spionage. Die darauffolgenden Phasen (7 bis 10) betreffen die Beendigung der Spionage‐ tätigkeit des Einzelnen. Charney hebt hervor, dass es Spionen oft schwerfällt, ihr Engagement zu beenden, da es ihnen an praktikablen Ausstiegsmög‐ lichkeiten fehlt. Er schlägt deshalb vor, in den Phasen 2, 5 und 6 gezielt Ausstiegsmöglichkeiten anzubieten, um Personen, die in Spionageaktivitä‐ ten verwickelt sind, eine attraktive und realistische Möglichkeit zu geben, ihre Aktivitäten zu beenden, bevor der Schaden vergrößert wird. 146 Die hier vorgestellten Ansätze bieten unterschiedliche Betrachtungswei‐ sen hinsichtlich der Faktoren, die eine Person dazu bewegen können, Insider-Spion zu werden. Jeder dieser Ansätze ist fall- und tatsachenbasiert und wirkt daher plausibel. Wenn jedoch alle diese Faktoren relevant sind, zeigt sich, dass keiner dieser Ansätze einen vollständigen Überblick über die Ursachen von Insider-Spionage bietet, da keiner sämtliche Faktoren erfasst. Somit liefert jeder Ansatz nur Teile des Mosaiks, aber keiner bietet das komplette Bild. 3.1 Aktuelle Erklärungsansätze der Insider-Spionage im Überblick 83 <?page no="84"?> Es ist zudem fraglich, ob diese Ansätze in ihrer Gesamtheit alle relevanten Faktoren berücksichtigen. Beispielsweise erklären sie nicht, warum eine bestimmte Situation für eine Person ein Auslöser ist, während sie für eine andere Person keinen solchen Effekt hat. Darüber hinaus fehlt eine syste‐ matische Übersicht der Motive, die Individuen zur Spionage veranlassen, da die in den Ansätzen genannten Motive lediglich anekdotischer Natur sind und nicht systematisch erfasst wurden. Ein weiterer kritischer Punkt betrifft die unterschiedliche Berücksichti‐ gung der einzelnen Faktoren in den verschiedenen Ansätzen. Während einige Modelle den Fokus stark auf psychologische Aspekte legen, betonen andere organisatorische Schwachstellen oder die Rolle spezifischer Gelegen‐ heiten. Diese Heterogenität erschwert die Entwicklung eines einheitlichen und umfassenden Verständnisses der Insider-Spionage. Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die aktuellen Ansätze zur Erklärung der Insider-Spionage wichtige Einblicke bieten, aber keiner von ihnen alleine ausreicht, um das komplexe Phänomen vollständig zu erfassen. Eine integrierte Perspektive, die psychologische, organisatorische, wirtschaftliche und kontextuelle Faktoren einbezieht, ist daher unerlässlich. Dafür bedarf es eines konzeptionellen Rahmens, der eine klare Systema‐ tik bietet, die von den Ansätzen erfassten Faktoren integriert und die derzeitigen Lücken aufzeigt. Ein solcher Rahmen wird im nächsten Kapitel detailliert vorgestellt. 3.2 Was aktuelle Ansätze der Insider-Spionage lehren und was nicht Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Grenzen bestehender Modelle in ihre Erklärungskraft. ● Lücken in der bisherigen wissenschaftlichen Literatur zur Insi‐ der-Spionage. ● Erkenntnisse aus konkreten Spionagefällen als Bestätigung oder Infragestellung theoretischer Annahmen. ● Erkenntnis von fünf Faktoren als Erklärungsrahmen der Insi‐ der-Spionage (Auslöser, Motive, organisatorische Schwachstellen, Marktchancen und enthemmende Faktoren) . 84 3 Kapitel | Der aktuelle Erklärungsstand der Insider-Spionage <?page no="85"?> Auslöser Motive Enthem‐ mende Faktoren Organisa‐ torische Schwach‐ stellen Marktchancen Pincher (1987) - • • • - Levchenko (1988) - • - - - Director of Cen‐ tral Intelligence (1990) • - • - - Timm (1991) - • • - - Heuer (1994) - - • - - Eoyang (1994) - - • • • Heuer (2001) • • • • • Houben (2003) - - • - - Taylor (2007) - - - • - Herbig (2008) • • • • - Greitzer et al. (2013) - - • - - Burkett (2013) - - - - • Maasberg & Beebe (2014) • - • - - Wimmer (2015) - - - • - Moore et al. (2016) • - - - - Smith (2017) - • • - - Wilder (2017) • - • • • Prunckun (2019) - - - • - Charney (2019) • - - • - Tab. 1: Zuordnung der Faktoren zu den Ansätzen | Quelle: Danesy, 2024: 71 3.2 Was aktuelle Ansätze der Insider-Spionage lehren und was nicht 85 <?page no="86"?> 147 Director of Central Intelligence, 1990: 1-2 Ziel des vorangegangenen Abschnitts war es, die derzeitigen Ansätze zur Erklärung von Insider-Spionage vorzustellen und die darin enthaltenen Faktoren näher zu beleuchten. In diesem Abschnitt geht es darum, (1) die wesentlichen Faktoren in einem zusammenhängenden Rahmen zu vereinen, (2) die noch nicht berücksichtigten Faktoren aufzuzeigen und (3) eine Grundlage zu schaffen, die notwendig ist, um ein umfassendes Modell der Insider-Spionage zu entwickeln. Nach eingehender Analyse wird an dieser Stelle argumentiert, dass sich die Gesamtheit der in den Ansätzen genannten Faktoren in fünf übergeord‐ nete Kategorien unterteilen lässt: (1) Auslöser, (2) Motive, (3) enthemmende Faktoren, (4) organisatorische Schwachstellen und (5) Marktchancen. → Tab. 1 stellt die Verbindung zwischen diesen fünf Faktoren und den im vorherigen Abschnitt besprochenen Ansätzen der Insider-Spionage her. In dem hier präsentierten Modell gelten diese als die Hauptfaktoren, die jeman‐ den dazu bewegen, Insider-Spion zu werden. Im Folgenden werden diese Faktoren im Einzelnen besprochen und die fehlenden Aspekte (Bausteine) aufgezeigt. 3.2.1 Auslöser Aus konzeptioneller Sicht ist es sinnvoll, mit der Untersuchung des Aus‐ lösers zu beginnen, da dieser Faktor den Prozess, ein Insider-Spion zu werden, einleitet. Auslöser werden in verschiedenen Ansätzen berücksich‐ tigt und sollen an dieser Stelle noch einmal zusammengefasst werden. Dem Project-Slammer-Bericht des Director of Central Intelligence zufolge empfanden die Insider-Spione ihre private oder berufliche Situation als unbefriedigend, bevor sie sich zur Insider-Spionage entschlossen. 147 Heuer geht davon aus, dass der Entschluss, Spionage zu begehen, typischerweise aus schweren persönlichen oder beruflichen Belastungen resultiert. Dazu können Situationen wie Personalabbau, Outsourcing, Arbeitsplatzverlage‐ rung und organisatorische Umstrukturierungen gehören. Finanzielle Nöte können ebenfalls ein starker Auslöser sein. Der Eindruck, mit Kollegen bei der Karriereentwicklung nicht schritthalten zu können, von Arbeitgebern oder Vorgesetzten ungerecht behandelt zu werden sowie Ressentiments infolge einer Kündigung sind weitere Auslöser. Persönliche Faktoren wie Ablehnung oder Hintergehung durch enge Familienangehörige und die 86 3 Kapitel | Der aktuelle Erklärungsstand der Insider-Spionage <?page no="87"?> 148 Heuer, 2001 149 Maasberg & Beebe, 2014: 66 150 Wilder, 2017: 20 151 Herbig, 2017: A5 152 Charney, 2019: 2-6 153 Moore et al., 2016: 1 154 Heuer, 2001 155 Herbig, 2008: 42; Ross & Mirowsky, 1979: 176-177 Überzeugung, besser als die Regierung zu wissen, was im Staatsinteresse liegt, tragen ebenfalls zur komplexen Palette von Auslösern bei, die eine Person zur Spionage bewegen können. 148 Maasberg und Beebe weisen darauf hin, dass Spionagehandlungen durch Traumata ausgelöst werden können 149 , und Wilder behauptet, dass akute persönliche Krisen typischer‐ weise Spionagehandlungen vorausgehen. 150 Herbig weist darauf hin, dass die erste Spionagehandlung häufig nach bedeutenden Lebensereignissen stattfindet. 151 Charney geht davon aus, dass Spionagehandlungen stets auf Stress und Krisen folgen. 152 Moore et al. stellen fest, dass die Personal-Si‐ cherheitsverfahren eines Unternehmens bei den Mitarbeitern zu Unmut, Enttäuschung und Demotivation führen und somit als Auslöser wirken können. 153 Die vorgestellten Ansätze, die das Konzept des Auslösers beinhalten, und dessen Rolle bei der Einleitung des Prozesses, ein Spion zu werden, sind für das vorliegende Verständnis der Insider-Spionage zwar hilfreich, aber sie zeigen auch, dass dieser Faktor noch nicht gut verstanden wird. Keiner der Autoren bietet eine Definition des Begriffs ‚Auslöser‘, sodass es dem Leser überlassen bleibt, die Bedeutung zu interpretieren. So zählt Heuer lediglich mehrere Situationen auf, die als Auslöser wirken könnten, aber seine Liste ist anekdotisch und unvollständig. 154 In dieser Hinsicht bietet Herbigs Verweis auf den Katalog von Ross und Mirowsky einen umfassen‐ deren Überblick. Ross und Mirowsky führen 24 negative Lebensereignisse (z. B. Tod oder schwere Erkrankung eines Ehepartners, Degradierung, gescheiterte Geschäfte) und 14 positive Lebensereignisse (z. B. die Geburt eines Kindes, der Bau eines neuen Hauses oder größere Umbaumaßnahmen) auf. Herbig schlägt vor, dass jeder der in der Liste von Ross und Mirowsky genannten Umstände Menschen destabilisieren und deshalb zum Auslöser werden kann. 155 Es gibt jedoch noch ein weiteres Problem im Zusammenhang mit dem Fokus auf schwerwiegende Ereignisse oder Situationen. Wie ausgeführt 3.2 Was aktuelle Ansätze der Insider-Spionage lehren und was nicht 87 <?page no="88"?> 156 Maasberg & Beebe, 2014: 66 157 Wilder, 2017: 20-29 158 Herbig, 2017: A5 159 Charney, 2019: 2-6 160 Defense Personnel Security Research Center, 2009: 18-19 161 Defense Personnel Security Research Center, 2009: 27 gehen Heuer, Maasberg und Beebe 156 , Wilder 157 , Herbig 158 sowie Charney 159 davon aus, dass der ersten Spionagehandlung ein schwerwiegendes Ereig‐ nis oder eine schwerwiegende Situation (Lebensereignis, schwerer Stress, Krisen) vorausgegangen ist. Zwar gibt es zahlreiche Fälle, in denen solche Umstände als Auslöser fungiert haben, doch gibt es ebenfalls zahlreiche Fälle, die durch Ereignisse oder Situationen ausgelöst wurden, die kaum als schwerwiegend anzusehen sind. Dies wird an den Fällen von James Hall und William Kampiles deutlich. James Hall, ein US Army Warrant Officer, gab offen zu, die Spionage eher aus Habgier als aus finanzieller Not heraus begangen zu haben. Seinen eigenen Angaben zufolge befand sich Hall nicht in finanziellen Schwierigkeiten. Sein Auslöser war der Wunsch nach einem opulenteren Lebensstil, als es sein Sold zuließ. 160 Kampiles, ein Büroangestellter der CIA mit Ambitionen auf einen Posten im Außendienst, musste einen Rückschlag hinnehmen, als er feststellte, dass seine Qualifikationen nicht den notwendigen Anforderungen für eine Beförderung entsprachen. Um seine Eignung für den Außendienst - trotz fehlender Qualifikationen - zu beweisen, schmiedete er den Plan, ein geheimes Dokument der CIA zu stehlen, es an einen ausländischen Geheimdienstmitarbeiter zu verkaufen und den CIA-Managern von seiner Aktion zu berichten. In der Hoffnung, das CIA-Management mit seinen operativen Fähigkeiten zu beeindrucken, setzte er seinen Plan um und verkaufte das Dokument an einen sowjetischen Geheimdienstmitarbeiter in Griechenland für 3.000 US-Dollar. Als Kampiles, in den Vereinigten Staaten wieder angekommen, den CIA-Managern von seinem Unternehmen berich‐ tete, wurde ihm nicht - wie von ihm erhofft - eine Außendienstposition angeboten. Stattdessen wurde Kampiles verhaftet, vor Gericht gestellt und schließlich zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt. 161 Weder Hall noch Kampiles befanden sich zum Zeitpunkt ihrer Taten in ei‐ ner existenziellen Notlage oder Lebenskrise. Ihre Auslöser waren alltägliche Umstände, die von vielen Menschen zwar als irritierend empfunden, aber dennoch letztlich akzeptiert würden. Für Hall und Kampiles jedoch reichten 88 3 Kapitel | Der aktuelle Erklärungsstand der Insider-Spionage <?page no="89"?> 162 Timm, 1991: 53 163 Deckers, 2005: 194; Griggs & Jackson, 2020: 177; Nolen-Hoeksema et al., 2014: 343 & 347 164 Griggs & Jackson, 2020: 177; siehe auch Nolen-Hoeksema et al., 2014: 343 diese Situationen aus, um sie zur Spionage zu verleiten. Dies verdeutlicht, dass auch relativ unspektakuläre Lebensumstände, die im Allgemeinen nicht als schwerwiegend angesehen werden, ausreichen können, um jemanden zur Spionage zu bewegen. Die aktuellen Ansätze zur Insider-Spionage bieten außerdem keine Erklä‐ rung dafür, warum ähnliche Ereignisse oder Situationen Menschen unter‐ schiedlich beeinflussen. Der Autor argumentiert, dass es nicht ausreicht, lediglich aufzulisten, welche Umstände als Auslöser fungieren können, wie es in den derzeitigen Ansätzen üblich ist. Es ist ebenso wichtig zu verstehen, warum es höchst unterschiedliche Reaktionen auf ähnliche Umstände gibt. Insbesondere fehlt bei der Betrachtung der auslösenden Ereignisse und Situationen in aktuellen Ansätzen die Erkenntnis, dass diese nur deshalb zum Auslöser werden können, weil sie durch die Prädispositionen (d. h. Be‐ dürfnisse, Überzeugungen, Werte oder Ideologien) der betroffenen Personen an Brisanz gewinnen. Diese Lücke wird durch das hier vorgestellte Modell im nächsten Kapitel geschlossen. 3.2.2 Motivation Timm (1991) geht davon aus, dass die Motivation einer Person von dem Wunsch angetrieben wird, die eigenen physischen und psychischen Bedürf‐ nisse zu befriedigen und letztlich die Ergebnisse zu erzielen, die von der Spionagehandlung erwartet werden können. 162 Seine Auffassung stimmt mit der von Psychologen überein, die Motivation als Schlüsselkonzept zum Verständnis menschlichen Verhaltens betrachten. 163 Motivation ist die Gesamtheit der inneren und äußeren Faktoren, die unsere Handlungen anregen und auf Ziele ausrichten. 164 → Tab. 2 enthält eine aggregierte Liste der spezifischen Motivationen, die die oben genannten Autoren in Fällen von Insider-Spionage festgestellt haben. Diese Liste ist zwar nützlich, um die Bandbreite möglicher Motive zu veranschaulichen. Sie zeigt jedoch auch, dass es zwischen den Autoren wenig Übereinstimmung gibt hinsichtlich der Motivationen, die bei Spionagehandlungen eine Rolle spielen. Dies ist eine zentrale Erkenntnis, da dem Konzept der Motivation im Hinblick auf die Ursachen der Insider-Spionage viel Bedeutung zukommt. 3.2 Was aktuelle Ansätze der Insider-Spionage lehren und was nicht 89 <?page no="90"?> Pincher (1987) Lev‐ chenko (1988) Timm (1991) Heuer (2001) Herbig (2008) Smith (2017) Geld • • • • • • Ideologie • • - - - • Loyalitätskonflikte - - • • • - Patriotismus - - - - - • Zwang/ Kompro‐ miss/ Erpressbarkeit • • • - • • Ego/ Erkenntnis - • • - • • Nervenkitzel/ Abenteuerlust - - • • • • Macht - - • • - - Rache - - • • - • Sex - - • - - • Ethik (das Richtige tun) - - - - - • Fantasie - - - - - • Ressentiments • - - - - - Anbiederung/ Zuneigung - - • - • - Verärgerung/ Wut - - - - • - Selbstzufriedenheit • - - - - - Tab. 2: Zusammenstellung der Beweggründe für Insider-Spionage | Quelle: Danesy, 2024: 75 Damit ein Konzept als substanzielle Grundlage für die Entwicklung einer Sicherheitspolitik und eines Sicherheitsverfahrens dienen kann, ist es von wesentlicher Bedeutung, dass die Motivation von Spionen gut verstanden wird. In der Umsetzung bedeute dies, dass das Konzept jene Punkte erfassen muss, die die Autoren in konkreten Spionagefällen identifiziert haben. Aber um einer unliebsamen Überraschung vorzubeugen, muss ein solches 90 3 Kapitel | Der aktuelle Erklärungsstand der Insider-Spionage <?page no="91"?> 165 Heuer, 2001 Konzept auch jene Motive berücksichtigen, die in dieser Liste nicht enthalten sind, aber dennoch zur Spionagehandlung motivieren können. Im vorherigen Abschnitt wurde auf die Bedeutung der individuellen Prädispositionen (d. h. Bedürfnisse, Überzeugungen, Werte und Ideologien) bei der Entstehung eines Auslösers hingewiesen und herausgearbeitet, dass dieser Zusammenhang in aktuellen Ansätzen der Insider-Spionage vernach‐ lässigt wird. Dieses Defizit spiegelt sich schließlich auch in der Weise wider, wie die Motive von Insider-Spionen in diesen Ansätzen betrachtet werden. Es ist aus der Sicht des Autors weniger zielführend, Listen von Motiven zu erstellen. Stattdessen ist es erforderlich zu verstehen, wie bzw. durch welchen Prozess ein Auslöser ein Motiv verursachen kann. Ein umfassendes Modell der Insider-Spionage sollte nach Auffassung des Autors nicht nur Bedürfnisse, sondern auch jene Überzeugungen, Werte und ideologischen Vorstellungen berücksichtigen, die den Motiven zur Spi‐ onagehandlung zugrunde liegen können. Diese wichtigen Aspekte werden in den derzeitigen Ansätzen gänzlich vernachlässigt, sind jedoch im hier vorgestellten Modell integriert (s. Kapitel 4). Durch die Berücksichtigung dieser zusätzlichen Faktoren wird ein tieferes Verständnis der vielschichti‐ gen Gründe ermöglicht, die Individuen dazu bewegen, sich auf Spionage einzulassen. Ein weiteres Problem der aktuellen Ansätze besteht darin, dass sie keine Erklärung dafür bieten, weshalb Personen mit ähnlichen Motiven unterschiedlich handeln, weshalb manche Menschen sich der Versuchung, Spionage zu betreiben, hingeben, während andere dies nicht tun. Heuer 165 weist darauf hin, dass es zahlreiche Personen gibt, die Zugang zu vertraulichen Informationen haben und ein finanzielles Motiv haben könnten, Spionage zu betreiben. Sie haben vielleicht hohe Rechnungen zu bezahlen, Hypotheken auf Häuser, Kinder an der Universität und ähnliches, was eine finanzielle Belastung darstellen kann. Allerdings entscheiden sich nur sehr wenige Personen in dieser Situation dafür, ihre finanziellen Probleme durch Spionagehandlungen zu lösen. Dies wirft die Frage auf, warum einige Personen bereit sind, Spionage zu betreiben, während andere eine solche Situation als vorübergehenden Zustand betrachten, der sich irgendwann von selbst löst, oder sich dazu entscheiden, legale Lösungen umzusetzen. Um diese Frage zu beantworten, muss verstanden werden, warum Individuen ähnliche Situationen unterschiedlich bewerten, daher 3.2 Was aktuelle Ansätze der Insider-Spionage lehren und was nicht 91 <?page no="92"?> 166 Director of Central Intelligence, 1990: 1-2 167 Timm, 1991: 50-53 168 Heuer, 2001 169 Director of Central Intelligence, 1990: 1-2; Greitzer et al., 2013; Heuer, 2001: 4; Houben, 2003: 278; Maasberg & Beebe, 2014: 65 170 Houben, 2003: 278; Maasberg & Beebe, 2014: 67; Smith, 2017: 5; Timm, 1991: 49-53; Wilder, 2017: 21, 24 & 27 171 Herbig, 2008: X; Heuer, 1994: 29, 35, 42-45, 50, 59 & 64; Maasberg & Beebe, 2014: 65; Timm, 1991: 49-53 unterschiedlich reagieren und letztlich auch unterschiedlich viel Hand‐ lungsbereitschaft zeigen. Obwohl diese Überlegungen für die Erklärung und die Vorhersage von Insider-Spionage unerlässlich sind, werden sie in den aktuellen Modellen nicht berücksichtigt. Auch dies wird in Kapitel 4 näher erörtert. 3.2.3 Enthemmende Faktoren Laut dem Project-Slammer-Bericht werden die Handlungen von Insi‐ der-Spionen durch Situationen ausgelöst, die sie als unbefriedigend empfin‐ den und die sie nachhaltig ändern wollen. Sie sehen keinen anderen oder zumindest keinen einfacheren Weg, ihre Probleme zu lösen, als sich auf Spionage einzulassen. Sie rationalisieren ihre Handlungen, indem sie sie lediglich als etwas betrachten, das viele andere vor ihnen bereits getan haben und indem sie vorgeben, dass Spionage letztlich ein Verbrechen ohne Opfer ist. 166 Timm vertritt die Auffassung, dass Insider-Spione solchen Fehl‐ einschätzungen unterliegen, weil ihnen die inneren Kontrollmechanismen fehlen, die andere davon abhalten, ein solches Verbrechen zu begehen. 167 In ähnlicher Weise führt Heuer dies darauf zurück, dass Insider-Spione in der Lage sind, jene Hemmungen zu überwinden, die die meisten Menschen davon abhalten würden, Spione zu werden. 168 Die im Project-Slammer-Bericht sowie in den Arbeiten von Timm und Heuer dargelegten Beobachtungen werfen die Frage auf, worauf diese Enthemmungen zurückzuführen sind. Die in der Literaturübersicht präsen‐ tierten Modelle legen nahe, dass solche Enthemmungen mit einem oder mehreren der folgenden Faktoren begründet werden können: (1) Persönlich‐ keitsmerkmale 169 , (2) psychische Störungen 170 sowie (3) Suchtproblematiken und Drogenmissbrauch 171 . 92 3 Kapitel | Der aktuelle Erklärungsstand der Insider-Spionage <?page no="93"?> 172 Greitzer et al., 2013: 138-141 173 Houben, 2003: 278 174 Pincher, 1987: 277-278 175 Wilder, 2017: 27-29 176 Heuer, 2001: 4 177 Maasberg & Beebe, 2014: 67; Wilder, 2017: 27-29 178 Maasberg & Beebe, 2014: 67; Smith, 2017: 5; Timm, 1991: 50-53; Wilder, 2017: 27-29 179 Timm, 1991: 50-53 180 Maasberg & Beebe, 2014: 65 181 Herbig: 2008: X; Maasberg & Beebe, 2014: 65; Timm, 1991: 49-53 Persönlichkeitsmerkmale. Persönlichkeitsmerkmale sind wichtige De‐ terminanten für die Entscheidungsfindung und das Verhalten. Greitzer et al. untersuchten in ihrer Studie die Beziehung zwischen Insider-Bedrohungen einerseits und den ‚Big-Five‘-Persönlichkeitsmerkmalen (d. h. Gewissen‐ haftigkeit, Verträglichkeit im sozialen Verhalten, Neurotizismus, Extrover‐ tiertheit und Offenheit gegenüber neuen Erfahrungen) andererseits. Dabei fanden sie heraus, dass illegales Verhalten wie Insider-Spionage negativ mit Gewissenhaftigkeit und sozialer Verträglichkeit und positiv mit Neuro‐ tizismus zusammenhängt. 172 Dies ist eine entscheidende Erkenntnis, da die Persönlichkeit eines Menschen hinsichtlich der ‚Big-Five‘-Persönlichkeits‐ merkmale durch einen validierten Test - das NEO-Persönlichkeitsinventar - zuverlässig gemessen werden kann. Psychische Störung. Psychische Störungen können sich negativ auf das Urteilsvermögen einer Person auswirken und haben deshalb im Zusam‐ menhang mit der Insider-Spionage viel Beachtung gefunden. Houben 173 , Pincher 174 und Wilder 175 konnten feststellen, dass Insider-Spione in vielen, aber nicht in allen Fällen psychisch gestört waren. Heuer weist darauf hin, dass es sich bei Insider-Spionen häufig um mental instabile oder anderweitig gestörte Personen handelt. 176 Andere Autoren gehen auf die spezifische Art der Störungen ein, die bei Insider-Spionen festgestellt wur‐ den. Dazu gehören Narzissmus 177 , Psychopathie 178 und Soziopathie (d. h. antisoziale Persönlichkeitsstörung). 179 Nach Maasberg und Beebe wird die dunkle Triade (Machiavellismus, Psychopathie und Narzissmus) besonders häufig mit Insider-Spionage in Verbindung gebracht. 180 Suchtproblematik und Substanzmissbrauch. Die dritte Gruppe ent‐ hemmender Faktoren, die in den oben beschriebenen Ansätzen angespro‐ chen wurde, betrifft Suchtproblematik und Drogenmissbrauch. Vier The‐ men treten in Fällen von Insider-Spionage besonders häufig auf: (1) Alkoholmissbrauch und Suchtproblematik 181 , (2) Drogenmissbrauch und 3.2 Was aktuelle Ansätze der Insider-Spionage lehren und was nicht 93 <?page no="94"?> 182 Herbig: 2008: X; Heuer, 1994: 29; Maasberg & Beebe, 2014: 65; Timm, 1991: 49-53 183 Herbig: 2008: X; 29; Maasberg & Beebe, 2014: 65 184 Maasberg & Beebe, 2014: 65 185 Herbig, 2008: 40 Suchtproblematik mit legalen und illegalen Drogen 182 , (3) Spielsucht 183 sowie (4) Hypersexualität. 184 Laut Herbig war exzessiver Alkoholkonsum in etwa 19 % aller Fälle von Insider-Spionage ein Thema. Drogenkonsum trat in 28 % der Fälle auf. Spielsucht war mit einem Anteil von nur 1 % weit weniger verbreitet, ist aber dennoch nicht zu vernachlässigen. Die Studie befasst sich auch mit der Hypersexualität, enthält jedoch keine statistischen Angaben zu deren Häufigkeit unter Insider-Spionen. 185 Die durch die vorangegangenen Ansätze gewonnenen Erkenntnisse tra‐ gen dazu bei, die Faktoren zu ermitteln, die die Hemmschwelle einer Person, gegen das Gesetz zu verstoßen, verringern können. Aber sie erklären nicht, ab welchem Punkt der Faktor zu einem Risiko wird. In einigen Fällen mag dies nicht notwendig sein, in anderen jedoch zweifellos schon. So bleibt beispielsweise unklar, ab wann Alkoholkonsum oder Glücksspiel nicht mehr nur eine Freizeitbeschäftigung ist, sondern als Missbrauch oder Suchtpro‐ blematik und damit als Risiko anzusehen ist. Es wäre jedoch essenziell, dies zu verstehen, da es eine genauere Beurteilung der Anfälligkeit einer Person für Spionage ermöglichen würde. Es wird in aktuellen Ansätzen auch nicht darauf eingegangen, dass es in etlichen Fällen der Insider-Spionage keine Hinweise auf das Vorhandensein der drei genannten enthemmenden Faktoren gab, wohl aber, dass der Spionagehandlug eine sehr starke emotionale Reaktion (Affekt) vorausging, die ebenfalls enthemmend wirken kann. Dies ist eine weitere wichtige Erkenntnis und unterstreicht die Notwendigkeit, den Faktor Affekt in die Analyse einzubeziehen. Dies wird im Zusammenhang mit dem hier vorgestellten Modell in Kapitel 4 weiter erörtert. 3.2.4 Organisatorische Schwachstellen Mehrere in der Literaturübersicht skizzierte Ansätze informieren über einen weiteren Faktor, der es Organisationsinsidern ermöglicht, Spionagehand‐ lungen zu begehen. Dieser Faktor betrifft Mängel im organisatorischen Sicherheitssystem und wird hier als organisatorische Schwachstelle bezeich‐ 94 3 Kapitel | Der aktuelle Erklärungsstand der Insider-Spionage <?page no="95"?> 186 Timm, 1991: 50-53 187 Wilder, 2017: 20 188 Herbig: 2008: IX-X 189 Taylor, 2007: 8 190 Wimmer, 2015: 113 191 Ross et al., 2020: 57 192 Prunckun, 2019: 58-59 193 Taylor, 2007: 8 194 Wimmer, 2015: 113 195 Prunckun, 2019: 58-59 196 Eoyang, 1994: 85-86 197 Heuer, 2001: 4 198 Pincher, 1987: 277-278 199 Wilder, 2017: 20 net. Timm 186 und Wilder 187 weisen darauf hin, dass Insider, die mit dem Sicherheitssystem und seinen Mängeln vertraut sind, Wege finden können, das System zu umgehen und auf diese Weise vertrauliche Informationen von den Räumlichkeiten ihrer Organisation zu entfernen. Die Bereiche, in denen organisatorische Schwachstellen auftreten können, lassen sich in vier Kategorien unterteilen: (1) personelle Sicherheit, (2) physische Sicherheit, (3) Informationssicherheit und (4) IKT-Sicherheit. Personelle Sicherheit. Herbig, 188 Taylor 189 und Wimmer 190 heben die Risiken hervor, die sich aus unzureichenden Strategien, Verfahren und Praktiken der personellen Sicherheit ergeben. Die personelle Sicherheit beinhaltet die Durchführung von Bewertungen hinsichtlich „des Verhaltens, der Integrität, des Urteilsvermögens, der Loyalität, der Zuverlässigkeit und der Stabilität von Personen für Aufgaben und Verantwortlichkeiten, die ein hohes Maß an Vertrauenswürdigkeit erfordern“. 191 Physische Sicherheit. Prunckun, 192 Taylor 193 und Wimmer 194 betonen die Bedeutung eines gut entwickelten physischen Sicherheitssystems, um die mit Insider-Bedrohungen verbundenen Risiken zu mindern. Prunckun führt aus, dass ein solches System (1) eine äußere Schicht von Barrieren (z. B. Zäune, Beleuchtung, Stacheldraht), (2) eine mittlere Schicht von Zugangs‐ kontrollen (z. B. Drehkreuze, Zugangskarten und Stichprobenkontrollen durch Sicherheitspersonal) und (3) eine innere Schicht der Informationssi‐ cherheit (s. nächster Punkt) enthalten muss. 195 Wenn diese unzureichend gegeben sind, besteht eine unmittelbare Gefahr, dass dies durch Mitarbeiter zum Zweck der Spionage ausgenutzt wird. Informationssicherheit. Eoyang, 196 Heuer 197 , Pincher 198 und Wilder 199 weisen darauf hin, dass unzureichende Maßnahmen im Umgang mit In‐ 3.2 Was aktuelle Ansätze der Insider-Spionage lehren und was nicht 95 <?page no="96"?> 200 Taylor, 2007: 8 201 Prunckun, 2019: 58-59 202 Prunckun, 2019: 58-59 203 Heuer, 2001 204 Taylor, 2007: 8 205 Wimmer, 2015: 149 206 Senate Select Committee on Intelligence, 1994: 69-70. 207 Bhattacharjee, 2016: 97 & 102 formationen eine weitere Schwachstelle darstellen können. Taylor 200 und Prunckun 201 heben die Bedeutung der Informationssicherheit hervor, die die Schaffung einer inneren Sicherheitsebene beinhaltet, die den Zugang zu Informationen ausschließlich auf der Basis von ‚Need-to-know‘ (etwa ‚Kenntnis nur bei Bedarf ‘) erlaubt und die Klassifizierung und die Abschot‐ tung von Dokumenten beinhaltet. 202 IKT-Sicherheit. Die vierte Gruppe organisatorischer Schwachstellen bezieht sich auf die Informations- und Kommunikationstechnologien. Heuer verweist darauf, dass es die Entwicklungen auf dem Gebiet der IKT Insi‐ der-Spionen leicht gemacht haben, auf vertrauliche Informationen ihrer Organisation zuzugreifen. 203 Taylor 204 und Wimmer 205 betonen, dass es erforderlich ist, moderne IKT-Sicherheitsmaßnahmen zu implementieren, um Insider-Bedrohungen zu verhindern. Während eine beträchtliche Menge an Literatur die Maßnahmen be‐ schreibt, die Organisationen zum Schutz ihrer vertraulichen Informationen ergreifen sollten, zeigen zahlreiche Fälle von Insider-Spionage, dass Sicher‐ heitsrichtlinien, -verfahren und -praktiken oft nicht mit den ‚Best Practices‘ übereinstimmen. Im Fall Aldrich Ames stellte die CIA unangekündigte und stichprobenartige Durchsuchungen bei Mitarbeitern ein, die das CIA-Ge‐ lände verließen, weil dies als unangenehm für die Betroffenen angesehen wurde. 206 Der ehemalige Unteroffizier der US-Luftwaffe Brian Patrick Regan erhielt uneingeschränkten Zugang zum Intelink, dem Speicher für geheime Dokumente der US-Geheimdienste, obwohl seine Aufgabe lediglich darin bestand, die Website seiner Abteilung zu pflegen. 207 Die derzeitigen Ansätze konzentrieren sich auf die empfohlenen Sicherheitsprotokolle, sagen aber wenig über die Gründe aus, warum in den Sicherheitsrichtlinien, -verfahren und -praktiken von diesen ‚Best Practices‘ abgewichen wird. Das Erkennen der Gründe für solche Abweichungen und das Nachdenken über die notwen‐ digen Gegenmaßnahmen würde Organisationen helfen, ihre vertraulichen Informationen besser zu schützen. 96 3 Kapitel | Der aktuelle Erklärungsstand der Insider-Spionage <?page no="97"?> 208 Burkett, 2013: 11-17 209 Eoyang, 1994: 85-86 210 Heuer, 2001 211 Wilder, 2017: 20 212 Imber & Toffler, 2000: 342 213 MacIntyre, 2018: 58; Bhattacharjee, 2016: 105 & 108 3.2.5 Marktchancen Die Marktchance ist der am meisten vernachlässigte der fünf Faktoren. Nur vier der vorgestellten Autoren gehen auf diesen Faktor ein, und sie behandeln ihn nur kursorisch. Burkett 208 charakterisiert die Austauschbe‐ ziehung zwischen dem Spion und dem Agentenführer als eine Beziehung der Knappheit und des wechselseitigen Gebens und Nehmens. Eoyang 209 stellt fest, dass Insider-Spione einen ausländischen Kontakt herstellen müssen, um Informationen gegen einen gewissen Anreiz oder einen erwarteten Anreiz zu tauschen. Heuer führt aus, dass Insider-Spione persönliche Bekanntschaft mit oder leichten Zugang zu Personen haben müssen, von denen die Spione erwarten, dass sie an den vertraulichen Informationen interessiert und bereit sind, dafür Geld zu zahlen oder andere Anreize zu bieten. 210 In ähnlicher Weise stellt Wilder fest, dass ein Insider-Spion eine einfache Möglichkeit haben muss, Zugang zu einem interessierten ‚Abnehmer‘ zu erhalten. 211 Trotz der Kürze macht die Behandlung dieses Faktors durch die voran‐ gegangenen Autoren einen wesentlichen Punkt deutlich: Die Beziehung zwischen dem Spion und dem Agentenführer ist eine Austauschbeziehung, bei der jede der beiden Parteien etwas besitzt, was die jeweils andere Partei begehrt. Dies ist jedoch eine vereinfachte Sicht auf die Dynamik der Austauschbeziehung. Um diese Beziehung vollständig zu verstehen, ist es wichtig, den Gegenstand, den jede Partei begehrt, und den Anreiz, den jede Partei bieten kann, zu kennen. Ein Austausch wird jedoch niemals stattfin‐ den, wenn die beiden Parteien nicht wissen, was die jeweils andere Partei bieten kann. Wie bei jedem Marktvorgang muss es auch hier einen Mecha‐ nismus zur Durchführung der Transaktion geben. 212 Während ein einfacher Zugang, wie von Heuer und Wilder vorgeschlagen, die Spionagehandlung zweifellos erleichtern würde, gibt es Fälle, in denen die Kontaktaufnahme ein langwieriger und mühsamer Prozess war. 213 Es wäre deshalb falsch zu meinen, dass der Austauschprozess grundsätzlich zügig vonstatten geht. Auch dies ist eine wichtige Erkenntnis, die Möglichkeiten eröffnet, Risiken 3.2 Was aktuelle Ansätze der Insider-Spionage lehren und was nicht 97 <?page no="98"?> der Insider-Spionage frühzeitig zu erkennen, bevor es zu einem Schaden kommt. Zusammenfassend hat der vorangegangene Abschnitt die bestehenden Ansätze zur Erklärung von Insider-Spionage und deren zugrunde liegende Faktoren detailliert beleuchtet. Dabei wurde gezeigt, welche Faktoren be‐ reits berücksichtigt werden, welche bisher vernachlässigt wurden und wie diese sich auf das Verständnis des Phänomens auswirken. Damit legt diese Analyse den Grundstein für den nächsten Abschnitt, in dem es darum geht, die wesentlichen Faktoren in einem zusammenhängenden Rahmen zu vereinen und ein umfassendes Modell der Insider-Spionage zu entwickeln. 98 3 Kapitel | Der aktuelle Erklärungsstand der Insider-Spionage <?page no="99"?> 214 Jaccard & Jacoby, 2010: 39 215 Jaccard & Jacoby, 2010: 75 216 Jaccard & Jacoby, 2010: 91 4 Kapitel | Hinleitung zum Fünf-Faktoren-Modell ➲ eLearning-Kurs Nutzen Sie den QR-Code oder den Link, um zu dem Kurs zu gelangen: 🔗 https: / / narr.kwaest.io/ s/ 1385 4.1 Einführung In diesem Kapitel wird das Fünf-Faktoren-Modell der Insider-Spionage vorgestellt. Der Aufbau eines Modells ist ein mehrstufiger Prozess und das hier vorgestellte Modell wurde dementsprechend entwickelt. Der erste Schritt beim Aufbau eines Modells besteht darin, Ideen für neue erklärende Konzepte und Beziehungen zu entwickeln. 214 Im zweiten Schritt müssen die in das neue Modell aufgenommenen Konzepte spezifiziert und erläutert werden. 215 Sind diese Schritte abgeschlossen, geht es im letzten Schritt darum, die Beziehungen zwischen den Konzepten zu klären. 216 Erst in diesem letzten Schritt gilt ein Modell als vervollständigt. Die Analyse in Kapitel 3 hat dazu gedient, den ersten Schritt des Mo‐ dellbildungsprozesses abzuschließen. Durch die Analyse der verschiedenen Ansätze, mit denen erklärt werden soll, warum jemand zum Insider-Spion wird, konnte eine breite Palette von Faktoren ermittelt werden, die eine zentrale Rolle einnehmen. Hierbei wurde herausgearbeitet, dass es fünf übergeordnete Faktoren gibt, die dazu beitragen, dass eine Person zum Insider-Spion wird, nämlich (1) Auslöser, (2) Motive, (3) enthemmende Faktoren, (4) organisatorische Schwachstellen und (5) Marktchancen. Dies sind die zentralen Erklärungsansätze des Fünf-Faktoren-Modells der Insi‐ der-Spionage. Jeder dieser Faktoren beinhaltet bestimmte Bestandteile, die <?page no="100"?> 217 Jaccard & Jacoby, 2010: 75 218 Jaccard & Jacoby, 2010: 91 zum besseren Verständnis des jeweiligen Faktors beitragen und deshalb im Folgenden erläutert werden. Während die aktuellen Ansätze zur Insider-Spionage viele Hinweise auf solche Aspekte liefern, hat die Analyse in Kapitel 3 jedoch auch deutlich gemacht, dass wichtige Aspekte, die für das Verständnis von Insider-Spio‐ nage entscheidend sind, in diesen Ansätzen fehlen. Mit anderen Worten: Jeder Ansatz liefert Teile des Mosaiks der Insider-Spionage, aber keiner vervollständigt das Bild oder legt fest, welche anderen Teile noch fehlen könnten. Wie bereits angesprochen, besteht das Ziel des zweiten Schritts des Modellbildungsprozesses in der Spezifizierung und der Klärung der in das neue Modell aufgenommenen Konzepte. 217 In dem hier vorgestellten Modell bedeutet dies (1) die Spezifizierung und die Klärung von Konzepten aus aktuellen Ansätzen, die in das Fünf-Faktoren-Modell der Insider-Spionage aufgenommen wurden, (2) die Schließung aktueller Lücken durch die Iden‐ tifizierung, die Spezifizierung und die Klärung relevanter Konzepte aus benachbarten Disziplinen, die in das Modell aufgenommen wurden, sowie (3) die Bereitstellung eines umfassenden Überblicks über die im Modell ent‐ haltenen Faktoren und Bestandteile. Dieser Schritt ist essenziell, da der Leser hierdurch eine klare Vorstellung davon bekommt, welche Bausteine zur Vervollständigung des Modells verwendet wurden. Der nächste Abschnitt dieses Kapitels dient diesem Zweck. Sobald alle relevanten Konzepte spezifiziert und geklärt sind, besteht der letzte Schritt des Modellbildungsprozesses darin, die Beziehungen zwischen diesen Konzepten zu klären. 218 Diese Aufgabe wird im dritten Unterabschnitt dieses Kapitels ausgeführt, in dem die Beziehungen zwischen den Faktoren, Bestandteilen und Prozessen, die zu Insider-Spionage führen, dargelegt werden. Dieser Schritt wird das Fünf-Faktoren-Modell der Insider-Spionage vollständig entfalten. 100 4 Kapitel | Hinleitung zum Fünf-Faktoren-Modell <?page no="101"?> 219 Kaplan 1998: 263; Shoemaker et al., 2003: 112 4.2 Aufbau des Modells Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Die fünf Faktoren im Modell zur Insider-Spionage als notwendige Bedingungen. ● Die wechselseitige Abhängigkeit der Faktoren im Modell. ● Das Fehlen eines Faktors als mögliche Verhinderung von Insi‐ der-Spionage. ● Die Bedeutung von Auslösern und enthemmenden Faktoren im Entscheidungsprozess. ● Der zyklische Aufbau des Modells und die Möglichkeit wiederholter Spionagehandlungen. Modelle können verschiedene Formen annehmen, darunter physikalische, mathematische, statistische oder konzeptionelle. Physikalische Modelle werden häufig im Ingenieurwesen und in den Naturwissenschaften einge‐ setzt, wo verkleinerte Darstellungen realer Systeme für Tests und Experi‐ mente verwendet werden. Mathematische und statistische Modelle beruhen auf Gleichungen oder Formeln und statistische Methoden ermöglichen die quantitative Darstellung von Phänomenen. Konzeptionelle Modelle sind häufig in den Sozialwissenschaften zu finden, wo Diagramme oder andere visuelle Darstellungen Beziehungen und Ideen veranschaulichen. 219 Die Diskussion in Kapitel 3 legt nahe, dass Insider-Spionage das Produkt von fünf Faktoren ist. Auf Grundlage dieser Analyse kann die Beziehung zwischen den fünf Faktoren einerseits und der Insider-Spionage andererseits in einer Funktionsgleichung dargestellt werden: 𝐸𝐸 = 𝑓𝑓 ( 𝑇𝑇 × 𝑀𝑀 × 𝑉𝑉 × O × 𝐷𝐷 ) wobei, E = Insider-Spionage (Espionage); T = Auslöser (Trigger); M = Motiv (Motive); V = Organisatorische Schwachstelle (Organizational Vulnerabi‐ lity); O = Marktchance (Market Opportunity); und D = enthemmender Faktor (Disinhibiting Factor) ist. 4.2 Aufbau des Modells 101 <?page no="102"?> Diese Darstellung ist nützlich, weil sie zum Ausdruck bringt, dass Insi‐ der-Spionage eine Funktion der fünf Faktoren ist und die Wahrscheinlich‐ keit der Insider-Spionage mit zunehmendem Vorhandensein dieser Faktoren wächst. Sie zeigt auch, dass alle fünf Faktoren für das Auftreten von Insi‐ der-Spionage notwendig sind und dass Insider-Spionage nicht auftritt, wenn einer oder mehrere dieser Faktoren nicht vorhanden sind (d. h. gleich null sind). Diese Darstellung charakterisiert zwar die Beziehung zwischen den Faktoren als unabhängige Variablen einerseits und der Insider-Spionage als abhängige Variable andererseits, gibt jedoch keinen Aufschluss über die Beziehungen zwischen den Faktoren (d. h. den unabhängigen Variablen). Das konzeptionelle Modell in → Abb. 1 bietet deshalb einen besseren Einblick, da es auch die Beziehungen zwischen den einzelnen Faktoren widerspiegelt. Abb. 1: Fünf-Faktoren-Modell der Insider-Spionage [deutsch oder englisch? ] Decision to Commit Espionage Disinhibiting Factor Organizational Vulnerability Motive Market Opportunity Trigger Entscheidung, Spionage zu begehen Enthemmende Faktoren Organisatorische Schwachstellen Motive Marktchancen Auslöser (Trigger) Abb. 1: Fünf-Faktoren-Modell der Insider-Spionage | Quelle: Danesy, 2024: 109 Nach dem hier vorgestellten konzeptionellen Modell wird der Prozess, ein Insider-Spion zu werden, durch einen Auslöser eingeleitet, der eine Motivationssequenz in Gang setzt, die in der Bereitschaft des Einzelnen zum Handeln gipfelt. Organisatorische Schwachstellen und Marktchancen sind unabhängige Variablen, die das Individuum in Verbindung mit dem Motiv bewertet. Diese Faktoren zusammengenommen machen Spionage zwar möglich, aber aus der Sicht des Entscheiders nicht unbedingt erstrebenswert. Wenn jedoch enthemmende Faktoren das Urteilsvermögen einer Person beeinträchtigen, kann sich diese Person über rechtliche und soziale Normen 102 4 Kapitel | Hinleitung zum Fünf-Faktoren-Modell <?page no="103"?> 220 Jaccard & Jacoby, 2010: 75 221 Creswell & Creswell, 2018: 40-41 hinwegsetzen und folglich entscheiden, dass Spionage die bevorzugte Vor‐ gehensweise ist, um die Probleme zu lösen, die als Auslöser auftraten. Wenn die Insider-Spionage zu einem für die Person günstigen Ergebnis führt, kann das Ergebnis selbst zum Auslöser für weitere Spionagehandlungen werden. 4.3 Erklärung der fünf Faktoren Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Die fünf Faktoren des Modells als Risikoindikatoren. ● Die Bedeutung klarer Begriffsdefinitionen zur Vermeidung von Missverständnissen. ● Der Nutzen der Faktoren zur Risikoidentifikation und Analyse von Zusammenhängen. ● Die Anwendbarkeit des Modells in Praxis und Lehre. In diesem Abschnitt wird zwei der in Kapitel 1 genannten Fragen nach‐ gegangen, nämlich (1) welche Faktoren das Risiko der Insider-Spionage im Einzelfall erkennen lassen und (2) wie diese Faktoren miteinander zusammenhängen. Hierzu bedarf es der Spezifizierung und der Klärung der Faktoren, die im Fünf-Faktoren-Modell der Insider-Spionage enthalten sind. 220 Dieser Prozess ist von wesentlicher Bedeutung, da er den Leser mit den Konzepten vertraut macht, die in diesem Modell verwendet wer‐ den. Wird diese Klärung nicht vorgenommen, bleibt die Interpretation der Konzepte der Fantasie des Lesers überlassen, was dazu führen kann, dass kritische Aspekte des Modells missverstanden werden. 221 Fünf Faktoren bilden die Grundlage des hier vorgestellten Modells: (1) Auslöser, (2) Motive, (3) organisatorische Schwachstellen, (4) Marktchancen und (5) enthemmende Faktoren. Im Folgenden werden diese Faktoren und ihre Bestandteile näher beschrieben und erläutert. 4.3 Erklärung der fünf Faktoren 103 <?page no="104"?> 222 Director of Central Intelligence, 1990: 1-2; Heuer, 2001; Maasberg & Beebe, 2014: 66; Wilder, 2017: 20; Herbig, 2017: A5; Charney, 2019: 2-6 Moore et al., 2016: 1 4.3.1 Auslöser Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Die Rolle des Auslösers im Entstehungsprozess von Insider-Spio‐ nage. ● Positive und negative Lebensereignisse als potenzielle Auslöser. ● Der Konflikt zwischen Ereignis und Prädispositionen als Ausgangs‐ punkt eines Motivationsprozesses. ● Übereinstimmende Situationen (z. B. Honigfallen) als spezifische Auslösemechanismen. Bausteine der Auslöser Der erste zu berücksichtigende Faktor im Fünf-Faktoren-Modell ist der Auslöser, da Spionagehandlungen in der Regel durch Umstände (Ereignisse oder Situationen) ausgelöst werden, die für die betroffene Person von Bedeutung sind. Ein Ereignis ist ein Umstand von erheblicher Bedeutung für das Individuum, während eine Situation eine Abfolge solcher Ereignisse darstellt. Diese Ereignisse und Situationen können tiefgreifend sein, etwa in Form von Lebensereignissen, Krisen oder anderen bedeutenden Belastungen wie jene, die in → Tab. 4 aufgeführt sind. 222 Hierbei gilt es zu erkennen, dass es nicht nur unerfreuliche Umstände sind, die zu Auslösern werden können. Vielmehr können auch positive Ereignisse zu Auslösern werden, wenn sie in der Erlebniswelt des Betreffenden, trotz allem, eine Belastung darstellen. 104 4 Kapitel | Hinleitung zum Fünf-Faktoren-Modell <?page no="105"?> Auslöser Motive Organisatorische Schwachstellen • Ereignisse/ Situationen • Prädispositionen ▸ Bedürfnisse ▸ Überzeugungen ▸ Werte ▸ Ideologien • Motive (Anreize) • Motivationsprozess ▸ Bewertung ▸ Emotionale Reaktion ▸ Handlungsbereitschaft • Unzureichende Richtlinien, Verfah‐ ren und Praktiken • Angriffsvektoren ▸ Personal ▸ Physisch ▸ Information ▸ IKT Marktchancen Enthemmende Faktoren - • Lieferant (Insider-Spion) • Kunde (Handler, Führungsoffizier) • Wechselseitige Anreize • Marktchancen • Enthemmende Faktoren ▸ Persönlich‐ keitsmerk‐ male ▸ Persönlich‐ keitsstörun‐ gen ▸ Drogenmiss‐ brauch und Sucht ▸ Intensive Emotionale Reaktion (Affekt) • Beeinträchtigtes Urteilsvermögen - Tab. 3: Faktoren der Insider-Spionage und ihre Bestandteile | Quelle: Danesy, 2024: 101 Eine weitere Erkenntnis hinsichtlich der Auslöser ist, dass sie nicht unbe‐ dingt nur durch Lebensereignisse oder -situationen, die einen Einschnitt bedeuten, verursacht werden. Sie können auch durch alltägliche Ereignisse oder Situationen hervorgerufen werden, die allgemein als unkritisch be‐ trachtet werden. Entscheidend dabei ist nicht, wie die Allgemeinheit das Ereignis oder die Situation wahrnimmt, sondern wie das Individuum diese erlebt. Wenn das Ereignis oder die Situation für das Individuum bedeutsam genug ist, kann dies auch zum Auslöser werden, der schließlich zu illega‐ 4.3 Erklärung der fünf Faktoren 105 <?page no="106"?> 223 Die Fälle von James Hall und William Kampiles dienen zur Veranschaulichung dieses Punktes in Kapitel 3 224 Keltner & Shiota, 2003: 89; Deckers, 2016: 33 len Handlungen motiviert. 223 Grundsätzlich kann jedes Ereignis oder jede Situation zu einem Auslöser werden, wenn es für die betreffende Person hinreichend bedeutsam ist. 224 Negative Lebensereignisse Positive Lebensereignisse • Tod des Ehepartners bzw. der Ehe‐ partnerin • Tod des Lebensgefährten bzw. der Lebensgefährtin • Tod eines anderen nahestehenden Angehörigen • Ehescheidung • Trennung • Konflikte mit den Schwiegereltern • Ernste nachhaltige körperliche Be‐ schwerden oder Gebrechen • Herabstufung am Arbeitsplatz • Katastrophales finanzielles Ereig‐ nis • Gerichtsprozess • Heirat • Bau eines neuen Hauses • Großer Umbau eines Hauses • Geburt eines Kindes • Adoption eines Kindes • Erste Berufserfahrung Tab. 4: Bedeutsame Lebensereignisse (Auszug aus Ross & Mirowsky, 1979: 176-177) Da das Arbeitsumfeld in vielen Spionagefällen eine signifikante Rolle ge‐ spielt hat, ist es wichtig zu erkennen, wie vielfältig die Ereignisse und Situationen sein können, die zu Auslösern werden. → Tab. 5 bietet hierzu einen exemplarischen Überblick. Auch hier lässt sich erkennen, dass man‐ che Umstände durchaus als negative Lebensereignisse oder -situationen betrachtet werden können und andere eher nicht. 106 4 Kapitel | Hinleitung zum Fünf-Faktoren-Modell <?page no="107"?> 225 Deckers, 2016: 369; McClelland, 1987: 6; Rokeach, 1968: 113 • Übergangen werden bei der Be‐ förderung • Unerfüllte Jobversprechen • Unerwünschte Versetzung • Ablösung eines beliebten Vorge‐ setzten • Versetzung an einen neuen Dienstort • Feststellung von unethischen Unternehmenspraktiken • Anweisung, unethische Tätig‐ keiten auszuführen • Unterbezahlung im Vergleich zu Kollegen • Unerfüllte erwartete Beförde‐ rung • Druck, unzumutbare persönli‐ che oder familiäre Opfer zu brin‐ gen • Aufforderung, untergeordnete Aufgaben zu erfüllen • Unangemessene und kleinliche Autoritätsbekundungen durch den Vorgesetzten • Ablehnung eines Antrags auf Urlaub aus familiären Gründen • Ablehnung eines Versetzungs‐ antrags • Kündigung oder Entlassung der betroffenen Person • Kündigung oder Entlassung ei‐ nes engen Kollegen • Meinungsverschiedenheiten oder Konflikte mit einem Kolle‐ gen oder dem Vorgesetzten • Unerwartet schlechte Leistungs‐ bewertung • Unerwartet bescheidene oder keine Gehaltserhöhung Tab. 5: Arbeitsbezogene Ereignisse und Situationen, die zu Auslösern werden können | Quelle: auf der Grundlage von Branham 2004: 12-13 Es gilt des Weiteren im Zusammenhang mit Auslösern zu erkennen, dass Menschen unterschiedlich auf ähnliche Ereignisse oder Situationen reagieren - eine Tatsache, die in aktuellen Ansätzen der Insider-Spionage vernachlässigt wird. Diese Lücke kann jedoch mit Erkenntnissen aus dem Bereich der Psychologie geschlossen werden. Um Auslöser zu werden, müssen Ereignisse oder Situationen auf signifikante Weise mit den Prädispo‐ sitionen der betroffenen Person übereinstimmen oder ihnen zuwiderlaufen. Prädispositionen umfassen (1) Bedürfnisse, (2) Überzeugungen, (3) Werte und (4) Ideologien von Personen. Sie werden als Tendenzen verstanden, eine bestimmte Geisteshaltung einzunehmen oder ein bestimmtes Verhalten gegenüber unterschiedlichen Geschehnissen an den Tag zu legen. Diese Prä‐ dispositionen beeinflussen maßgeblich, wie Menschen auf unterschiedliche Umstände reagieren und welche Handlungen sie in bestimmten Situationen in Erwägung ziehen oder umsetzen. 225 Es sind demnach nicht bloß die Ereignisse oder die Situationen selbst, die als Auslöser fungieren, sondern die spezifischen Umstände in Verbindung 4.3 Erklärung der fünf Faktoren 107 <?page no="108"?> 226 Keltner & Shiota, 2003: 89; Deckers, 2016: 33; Danesy, 2024: 101 227 Guillen-Royo, 2014: 3027 mit den Prädispositionen des Individuums, die Auslöser entstehen lassen. Nur wenn Ereignisse oder Situationen in ausreichendem Maße mit den Prä‐ dispositionen des Individuums in Resonanz treten, können sie als Auslöser wirken und somit den Motivationsprozess aktivieren. Ein Auslöser kann daher als Impetus definiert werden, der aus einer signifikanten Übereinstim‐ mung oder Unstimmigkeit zwischen einem Ereignis oder einer Situation einerseits und den Prädispositionen eines Individuums andererseits entsteht und dadurch einen Motivationsprozess in Gang setzt. 226 In der praktischen Umsetzung bedeutet dies, dass bei der Identifizierung und der Bewertung von potenziellen Insider-Bedrohungen nicht nur die äußeren Ereignisse und Situationen berücksichtigt werden sollten, sondern auch die individuellen Prädispositionen der betroffenen Personen. Schließ‐ lich sind es diese Prädispositionen, die beeinflussen, wie eine Person auf bestimmte Umstände reagiert. Die Begriffe ‚Bedürfnis‘, ‚Überzeugung‘, ‚Wert‘ und ‚Ideologie‘ sollten ebenfalls geklärt werden, da sie eine entscheidende Rolle dabei spielen, einem Ereignis oder einer Situation Relevanz zu verleihen und damit einen Motivationsprozess in Gang zu setzen, der in einer Spionagehandlung gipfeln kann. Ein Bedürfnis ist ein Antrieb für die Handlungen einer Person, der durch einen Mangelzustand verursacht wird. 227 Menschliche Bedürfnisse umfassen ● physiologische Bedürfnisse, ● Sicherheitsbedürfnisse, ● soziale Bedürfnisse, ● Wertschätzungsbedürfnisse und ● Selbstverwirklichungsbedürfnisse. Wenn gegebene Umstände die Erfüllung dieser Bedürfnisse behindern (Ereignis oder Situation) und dies mit einem hinreichend großen Mangel‐ empfinden des Individuums verbunden ist (Prädisposition), können sie zu Auslösern werden. Ebenso können Umstände, die die Erfüllung eines Mangelempfindens in Aussicht stellen (z. B. durch sexuelle Handlungen), als Auslöser wirken. Bedürfnisse wie Selbstwertgefühl und Zugehörigkeit sind oft tief in frühkindlichen Erfahrungen verwurzelt. Zum Beispiel kommt laut De Graaff 108 4 Kapitel | Hinleitung zum Fünf-Faktoren-Modell <?page no="109"?> 228 De Graaff, 2019: 54-55 229 Rokeach, 1968: 113 230 Rokeach, 1968: 160 231 Rokeach, 1968: 160 (2019) der Beziehung zwischen Insider-Spionen und ihren Vätern in der Kindheit eine besonders wichtige Rolle bei der Gestaltung ihres späteren Handelns zu. Er argumentiert, dass die Entscheidung, Spionage zu betreiben, oft von ungelösten psychologischen Konflikten getrieben wird, insbeson‐ dere solchen, die mit Autorität zu tun haben. 228 Neben den Bedürfnissen können auch Überzeugungen, Werte und Ideo‐ logien die Prädisposition einer Person bestimmen. Überzeugungen werden als bewusste oder unbewusste Standpunkte verstanden, die aus dem, was eine Person sagt oder tut, abgeleitet werden und denen die Formulierung „Ich glaube, dass …“ vorausgehen kann. 229 Ein Wert ist eine explizite oder im‐ plizite Vorstellung von einem wünschenswerten Zustand, der die Wahl der alternativen Handlungen, Mittel und Ziele beeinflusst. 230 Werte sind globale Überzeugungen, die Handlungen und Urteile in spezifischen Ereignissen oder Situationen transzendent leiten. 231 → Tab. 6 bietet einen Überblick über die Werte, die laut Rokeach (1979) handlungsbestimmend wirken können. • Komfortables Leben • Spannendes Leben • Erfolg • Welt in Frieden • Welt der Schönheit • Gleichheit/ Gerechtigkeit • Sicherheit der Familie • Freiheit • Zufriedenheit • Innere Harmonie • Liebe • Nationale Sicherheit • Vergnügen • Erlösung • Selbstachtung • Gesellschaftliche Anerkennung • Wahre Freundschaft • Weisheit Tab. 6: Endwerte nach Rokeach | Quelle: Rokeach, 1979: 62-65 Eine Ideologie wird als ein Denkgebäude verstanden, das aus Überzeugun‐ gen besteht, die mehr oder weniger institutionalisiert sind und meistens mit anderen geteilt werden. Ideologien können religiöser, politischer oder phi‐ losophischer Art sein und beinhalten typischerweise (1) eine Darstellung der bestehenden Gesellschaftsordnung, (2) ein Modell für eine erstrebenswerte Gesellschaftsordnung in der Zukunft und (3) Vorstellungen darüber, wie der 4.3 Erklärung der fünf Faktoren 109 <?page no="110"?> 232 Rokeach, 1968: 123-124 233 Keltner & Shiota, 2003: 89; Deckers, 2016: 33; Danesy, 2024: 101 Übergang von der bestehenden zur angestrebten Ordnung erreicht werden kann. 232 Prozesse der Auslöser Der Prozess, der schließlich zu Spionagehandlungen führt, beginnt grund‐ sätzlich mit einem Auslöser. Im vorherigen Abschnitt wurde ein Auslöser als Impetus definiert, der einen Motivationsprozess in Gang setzt, der entweder aus einer Übereinstimmung oder einer Unstimmigkeit zwischen einem Ereignis oder einer Situation einerseits und den Prädispositionen der Person andererseits entsteht (→ Abb. 2). 233 Ereignisse oder Situationen, die das Verhalten einer Person auf diese Weise beeinflussen, können tiefgreifend sein (z. B. Lebensereignisse, Krisen oder andere bedeutende Belastungen), sie können aber auch alltäglich sein. Um eine auslösende Wirkung zu haben, müssen die Ereignisse oder Situationen jedoch in erheblichem Maße mit den Prädispositionen der Person - d. h. mit ihren Bedürfnissen, Überzeugungen, Werten oder Ideologien - interagieren. Je mehr ein Ereignis oder eine Situation eine Person - aufgrund ihrer Prädisposition - entweder anzieht oder abstößt, desto wahrscheinlicher ist es, dass eben dieses Ereignis oder diese Situation für die Person zum Auslöser wird. In den meisten Fällen wird Spionage durch einen Konflikt zwischen den Prädispositionen eines Individuums und dessen negativer Wahrnehmung eines Ereignisses oder einer Situation ausgelöst. Das Ausmaß der Unver‐ einbarkeit zwischen einem Ereignis oder einer Situation - ob real oder eingebildet - und der individuellen Prädisposition bestimmt maßgeblich das Potenzial des Auslösers. Das bedeutet, dass das Ereignis oder die Situation umso wahrscheinlicher zum Auslöser wird, der einen Motivationsprozess in Gang setzt, der wiederum zur Spionagehandlung führen kann, je stärker die Unvereinbarkeit zwischen dem Ereignis oder der Situation einerseits und der Prädisposition der Person andererseits ist. Diese Erkenntnis ist entscheidend, da der Konflikt zwischen den Prädispositionen einer Person und ihrer negativen Wahrnehmung eines Ereignisses oder einer Situation eine erste Möglichkeit bietet, den Weg zur Insider-Spionage zu verhindern. Je stärker dieser Konflikt ist, desto wahrscheinlicher manifestiert er sich in 110 4 Kapitel | Hinleitung zum Fünf-Faktoren-Modell <?page no="111"?> 234 Götschenberg, 2023a; Götschenberg, 2023b Äußerungen und Handlungen des Individuums und desto eher werden diese von Menschen im Umfeld des Individuums wahrgenommen. Abb. 2: Auslösungsprozess Ereignisse oder Situationen Individuelle Prädisposition Auslöser Abb. 2: Auslösungsprozess Die Entstehung eines negativen Auslösers lässt sich exemplarisch anhand eines kürzlich bekannt gewordenen Falles veranschaulichen. Im Jahr 2022 wurde ein Mitarbeiter eines Nachrichtendienstes wegen des Verdachts der Spionage für einen fremden Staat verhaftet. Auslöser sind oft einzelne, prä‐ gende Umstände, die mit der individuellen Prädisposition eines Menschen kollidieren. In diesem Fall deutet jedoch vieles darauf hin, dass nicht ein ein‐ zelner, sondern eine Kombination mehrerer Faktoren zum Auslöser wurde, der letztlich zum Verrat führte. So soll eine interne Umstrukturierung zu einer dienstlichen Versetzung geführt haben, die mit einem Wohnortwechsel verbunden war (Situation). Der Betroffene schätzte den Lebensstil, den er und seine Familie an ihrem bisherigen Wohnort führten (Wert), und empfand die Aussicht auf einen Umzug als erhebliche Belastung. Berichten zufolge war er zudem im Kontext der COVID-19-Pandemie überzeugt, dass das Land vor einer drohenden Hyperinflation stehe (Situation), was er als ernsthafte Bedrohung seiner finanziellen Sicherheit wahrnahm (Bedürfnis). Darüber hinaus soll er eine extremistische politische Ideologie vertreten und drakonische Maßnahmen gegen Flüchtlinge (Ideologie) befürwortet haben. Seine Überzeugungen standen im starken Gegensatz zur moderateren Hal‐ tung der Regierung, die bereit war aus humanitären Gründen, eine große Zahl von Flüchtlingen aufzunehmen (Situation). Diese Umstände führten laut Berichten zu einer ausgeprägten inneren Dissonanz, die den Motivati‐ onsprozess auslöste und schließlich den Weg zur Spionage ebnete. 234 4.3 Erklärung der fünf Faktoren 111 <?page no="112"?> 235 Defense Personnel Security Research Center, 2009: 5; Franklin, 1987 In vereinzelten Fällen werden auch Ereignisse oder Situationen zu Aus‐ lösern der Insider-Spionage, die - zumindest zunächst - mit den Prädispo‐ sitionen der Person außerordentlich kompatibel sind. Dieses Szenario kann beispielsweise eintreten, wenn eine Person in eine Verlockungsoperation (auch Honigfallenoperation, ‚Honey Trap Operation‘) verwickelt wird, in der ein feindlicher Agent bzw. eine feindliche Agentin Zuneigung oder Bewunderung vortäuscht (Situation), um die Sehnsucht der Zielperson nach Liebe und Zugehörigkeit (Bedürfnis) auszunutzen und sie auf diese Weise zur Preisgabe vertraulicher Informationen zu bewegen. In solchen Situationen kann festgestellt werden, dass es umso wahrscheinlicher ist, dass die Zielperson den Verlockungen erliegen wird, je stärker das Bedürfnis der Zielperson nach Zuneigung oder Bewunderung ist (Prädisposition) und je attraktiver die Zielperson die Annäherungsversuche des feindlichen Agenten bzw. der feindlichen Agentin empfindet (Situation). Allgemeiner gilt, dass die Wirkung umso anziehender ist und dass dies umso wahrschein‐ licher zum Auslöser wird, der einen entsprechenden Motivationsprozess nach sich zieht, je stärker ein Ereignis oder eine Situation mit den Prädis‐ positionen einer Person im Einklang steht. Der Fall des US-Marine-Corps-Wachsoldaten Clayton John Lonetree ver‐ anschaulicht, wie eine mit den eignen Prädispositionen kompatible Situation zum Auslöser werden kann. Alleinstehend und an der amerikanischen Botschaft in Moskau stationiert, lernte Lonetree die junge Moskauerin Violetta Seina kennen. Sein Wunsch nach einer ernsthaften Beziehung (Zu‐ gehörigkeitsbedürfnis) schien von Seina erwidert zu werden (Situation), was ihn in eine Spirale führte, die letztlich in Spionagehandlungen mündete. Es stellte sich später heraus, dass es sich um eine gezielte Verlockungsoperation des KGB handelte, bei der Seina als KGB-Mitarbeiterin den Auftrag hatte, Lonetree dazu zu bringen, Geheiminformationen aus der US-Botschaft in Moskau preiszugeben. 235 112 4 Kapitel | Hinleitung zum Fünf-Faktoren-Modell <?page no="113"?> 236 Nolen-Hoeksema et al., 2014: 343 4.3.2 Motive Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Die Bedeutung von Motiven im Kontext der Insider-Spionage. ● Die Entstehung von Motiven aus der Bewertung von Auslösern, emotionalen Reaktionen und Handlungsbereitschaft. ● Motive als Ergebnis eines bewertenden, nicht isolierten Prozesses. ● Emotionen wie Wut, Traurigkeit oder Angst als Impulsgeber für unterschiedliche Handlungen. Bausteine der Motive Der nächste zu berücksichtigende Faktor ist das Motiv des Insider-Spions. Motivation kann definiert werden als die Gesamtheit der inneren und äußeren Faktoren, die das Handeln anregen und auf Ziele ausrichten. 236 In diesem Zusammenhang ist ein Motiv eine konkrete Ausprägung einer Motivation und stellt im Einzelfall den spezifischen Grund bzw. die trei‐ bende Kraft hinter einem bestimmten Verhalten dar. Aktuelle Ansätze der Insider-Spionage nennen zusammengenommen eine Vielzahl einzelner Motive, die bereits in realen Fällen zur Insider-Spionage geführt haben. Dazu gehören beispielsweise Motive wie Geld, Ideologie, Erpressung und Anerkennung (→ Tab. 2). Wie jedoch bereits in Kapitel 3 erläutert, ist diese Liste der Motive das Ergebnis anekdotischer Beobachtungen und nicht einer systematischen Plausibilitätserwägung. Eine auf der Grundlage reiner Beobachtung entwickelte Liste birgt die Gefahr, dass sie stets unvollständig sein wird, weil es - wie die Praxis wiederholt gezeigt hat - immer wieder Fälle der Insider-Spionage gegeben hat, die durch Motive eingeleitet wurden, die nicht in einer solchen Liste enthalten sind. Es ist deshalb eher zielführend zu erkennen, dass sich Motive aus den Auslösern ableiten lassen. Auslöser aktivieren Motivationsprozesse, die sich aus drei Teilprozessen zusammensetzen: (1) die Bewertung des Auslösers, (2) eine auf der Bewertung basierende emotionale Reaktion auf den Auslöser und (3) ein gewisses Maß an Handlungsbereitschaft, das sich 4.3 Erklärung der fünf Faktoren 113 <?page no="114"?> 237 Deckers, 2016: 369 238 Smith & Ellsworth, 1985: 818 239 Smith & Ellsworth, 1985: 822 240 Smith & Ellsworth, 1985: 829 241 Smith & Ellsworth, 1985: 817-818 242 Smith & Ellsworth, 1985: 829 aus der Intensität der emotionalen Reaktion ergibt. 237 Dieser Prozess wird in → Abb. 3 veranschaulicht. Bei der Bewertung des Auslösers beurteilt das Individuum: 1. Die Annehmlichkeit, d. h. das Behagen oder Unbehagen, das ein Ereignis oder eine Situation auslöst. 238 2. Die antizipierte Anstrengung, d. h. das Ausmaß der Anstrengung, die das Individuum erwartet, um mit einem Ereignis oder einer Situation umzugehen. 239 3. Die Gewissheit, d. h. die Sicherheit, mit der das Ergebnis eines Ereignis‐ ses oder einer Situation vorhergesagt werden kann. 240 4. Die Aufmerksamkeit, d. h. das Ausmaß der Aufmerksamkeit, die ein Ereignis oder eine Situation erfordert und dadurch von anderen Dingen ablenkt. 241 5. Die Verantwortung, d. h. das Ausmaß, in dem ein Ereignis oder eine Situation von der Person selbst herbeigeführt wurde. 6. Die Kontrolle, d. h. das Ausmaß, in dem ein Ereignis oder eine Situation von der Person selbst beeinflusst werden kann. 242 Abb. 3: Motivationsprozess Auslöser Beurteilung des Auslöser Emotionale Reaktion Handlungsbereitschaft Motivationsprozess Abb. 3: Motivationsprozess 114 4 Kapitel | Hinleitung zum Fünf-Faktoren-Modell <?page no="115"?> 243 Deckers, 2016: 359 244 Izard, 1993: 68 245 Deckers, 2016: 388; Izard, 1993: 82 & 85-86 Die Beurteilung des Auslösers bestimmt die emotionale Reaktion des Individuums. Dabei lassen sich Emotionen in vier Cluster unterteilen: ● Cluster 1: Wut (Abneigung, Hass und Ekel), ● Cluster 2: Traurigkeit (Kummer, Scham, Trauer, Niedergeschlagenheit und Ver‐ zweiflung), ● Cluster 3: Furcht (Angst, Terror, Bedrängnis und Panik), ● Cluster 4: Freude (Glück, Hochgefühl, Sehnsucht, Liebe und Zärtlichkeit). Wenn die Beurteilung eher neutral ausfällt, ist mit keiner oder allenfalls einer geringen emotionalen Reaktion zu rechnen. Fällt sie aber insgesamt sehr positiv oder sehr negativ aus, kann eine starke emotionale Reaktion erwartet werden. Handlungsbereitschaft bezeichnet einen Zustand der Bereitschaft, eine durch Emotionen ausgelöste zielgerichtete Handlung auszuführen. 243 Emo‐ tionen steuern das Verhalten auf bestimmte Ziele hin. Menschen neigen dazu, Dinge anzustreben, die ihnen Freude bereiten, und solche zu ver‐ meiden, die negative Gefühle hervorrufen. Situationen, die Freude und Glücksgefühle auslösen, z. B. soziale Interaktionen, wecken Wünsche und rufen entsprechendes Handeln hervor. 244 Wenn ein Auslöser dagegen Angst verursacht, ist das Ziel des Individu‐ ums, der wahrgenommenen Gefahr zu entkommen. Wut entsteht oft, wenn ein Ziel behindert wird. Angesichts von Situationen, die Wut auslösen, sind Menschen motiviert, das Hindernis zu beseitigen, das sie am Erreichen ihrer Ziele hindert. Wenn ein Ereignis oder eine Situation Menschen zutiefst traurig macht, streben sie danach, Erleichterung zu finden. Auf diese Weise bestimmt jede Emotion die Art der Handlung, zu der das Individuum bereit ist. 245 4.3 Erklärung der fünf Faktoren 115 <?page no="116"?> 246 National Institute of Standards and Technology, 2021 247 European Space Agency, 2020: 8, 14, 26 & 33; Mehan, 2016: 102; Prunckun, 2019: vii 248 National Institute of Standards and Technology, 2023 4.3.3 Organisatorische Schwachstellen Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Der Begriff der organisatorischen Schwachstelle im Kontext von Insider-Spionage. ● Betroffene Sicherheitsbereiche: personell, physisch, informations‐ technisch und IKT-basiert. ● Sicherheitslücken durch unzureichende Richtlinien, Strukturen und Praktiken. ● Reale Spionagefälle als Beispiele für durch Schwachstellen begüns‐ tigtes Fehlverhalten. Bausteine der organisatorischen Schwachstellen Organisatorische Schwachstellen sind der nächste zu berücksichtigende Faktor im Fünf-Faktoren-Modell der Insider-Spionage. Eine organisatori‐ sche Schwachstelle bezieht sich auf eine Lücke im Sicherheitssystem, die von feindlichen Akteuren genutzt werden kann, um der Organisation Schaden zuzufügen. 246 Sicherheitssysteme können nach vier Gesichtspunk‐ ten unterteilt werden: (1) personelle Sicherheit, (2) physische Sicherheit, (3) Informationssicherheit und (4) IKT-Sicherheit. 247 Wenn es Mitarbeitern gelingt, Insider-Spionage zu betreiben, dann liegt es daran, dass sie Wege gefunden haben, bestimmte Bereiche des Sicherheitssystems zu umgehen. Die Bereiche von Sicherheitssystemen können wie folgt beschrieben wer‐ den: ● Personelle Sicherheit bezieht sich auf die Beurteilung des Verhaltens, der Integrität, des Urteilsvermögens, der Loyalität, der Zuverlässigkeit und der mentalen Stabilität von Personen für Aufgaben und Verantwortlich‐ keiten, die Vertrauenswürdigkeit erfordern. 248 ● Die physische Sicherheit beinhaltet den Objektschutz und den Sach‐ schutz und umfasst aktive und passive Maßnahmen, die darauf abzielen, unbefugten Zugang und Zugriff auf Personal, Ausrüstung, Anlagen, 116 4 Kapitel | Hinleitung zum Fünf-Faktoren-Modell <?page no="117"?> 249 Center for Development of Security Excellence, 2015: 1 250 Secretary oft the Air Force, 2019: 11 251 Prunckun, 2019: 131 252 Wąsiński, 2015: 72 Materialien und Informationen zu unterbinden und damit die Organi‐ sation vor Spionage, Sabotage, Terrorismus, Beschädigung und andere kriminellen Aktivitäten zu schützen. 249 ● Bei der Informationssicherheit geht es um den Schutz jener Informa‐ tionen, die bei einer ungewollten Offenlegung erheblichen Schaden anrichten könnten. 250 Zu den Komponenten der Informationssicherheit gehören (1) die Klassifizierung von Informationen (d. h. Verschlusssache - nur für den Dienstgebrauch, vertraulich, geheim und streng geheim), (2) die Verwendung von Decknamen, (3) die Abschottung von Informa‐ tionen, (4) Zugriffskontrollprotokolle, (5) Richtlinien für einen sicheren Arbeitsplatz, (6) Richtlinien zur Aufbewahrung von Dokumenten und (7) Richtlinien zur Entsorgung von Dokumenten. 251 ● Informations- und Kommunikationstechnologien integrieren audiovi‐ suelle und telefonische Netzwerktechnologien (Kommunikation) mit Informationsnetzwerken (Computer). Die IKT-Sicherheit umfasst alle Maßnahmen zur Gewährleistung der Verfügbarkeit, Vertraulichkeit und Integrität des IKT-Systems und der in ihm enthaltenen Daten. 252 Wenn ein Sicherheitssystem von einem feindlichen Akteur umgangen wird, um der Organisation Schaden zuzufügen, wird oft nur die Frage untersucht, welche Sicherheitslücken der Akteur ausnutzen konnte, um diese dann zu schließen. Zu selten wird der Frage nachgegangen, ob die Lücken im Sicherheitssystem möglicherweise auf die unzureichende Ausarbeitung von (1) Richtlinien (Policies), (2) Verfahren und (3) Praktiken zurückzuführen ist und - falls zutreffend - womit dieser Mangel zu begründen ist. Diese Erkenntnis ist ebenso wichtig wie das Erkennen der Lücke, die der feindliche Akteur nutzen konnte, um seine Tat zu begehen. Richtlinien (Policies) werden in diesem Zusammenhang als die höchste Ebene organisationsinterner Vorschriften verstanden, die organisatorische Angelegenheiten regeln und das Engagement der obersten Führungsebene für die Sicherheit der Organisation klar kommunizieren. Die aus diesen Richtlinien abgeleiteten Verfahren sind umfassende Dokumente, die die praktische Umsetzung der Richtlinien detailliert beschreiben und struktu‐ 4.3 Erklärung der fünf Faktoren 117 <?page no="118"?> 253 Cabric, 2015: 18 & 76 rieren. Sicherheitspraktiken beziehen sich auf die konkrete Anwendung dieser Sicherheitsrichtlinien und -verfahren durch die Mitarbeiter. 253 Prozess der organisatorischen Schwachstellen Wie oben bereits erläutert, ist eine organisatorische Schwachstelle eine Lücke im Sicherheitssystem, die ein feindlicher Akteur nutzen kann, um der Organisation einen Schaden zuzufügen. Schwachstellen, die Spionage begünstigen, umfassen eine Vielzahl möglicher Angriffspunkte im Bereich personelle Sicherheit, physische Sicherheit, Informationssicherheit und Sicherheit in der IKT. Solche Schwachstellen können aus Mängeln in den Sicherheitsrichtlinien, den Sicherheitsverfahren oder den Sicherheitsprak‐ tiken einer Organisation resultieren. Hieraus ergeben sich verschiedene Felder, die als mögliche Schwachstellen auftreten können (→ Tab. 7). - Sicherheitsrichtlinien Sicherheitsverfahren Sicherheitspraktiken Personelle Sicherheit Entscheidungsträger Experten im Be‐ reich Sicherheits‐ überprüfung Ausführende im Be‐ reich Sicherheits‐ überprüfung Physische Sicherheit Experten im Be‐ reich physische Si‐ cherheit Ausführende im Be‐ reich physische Si‐ cherheit Informationssicherheit Experten im Be‐ reich Informations‐ sicherheit Ausführende im Be‐ reich Informations‐ sicherheit IKT- Sicherheit Experten im Be‐ reich IKT-Sicher‐ heit Ausführende im Bereich IKT-Sicher‐ heit Tab. 7: Verantwortungsfelder der organisatorischen Schwachstellen Als höchste Ebene organisationsinterner Vorschriften signalisieren Sicher‐ heitsrichtlinien den Willen der obersten Organisationsführung, die sachge‐ mäße Ausarbeitung und Umsetzung von organisatorischen Sicherheitsstan‐ dards zu gewährleisten. Diese Richtlinien werden typischerweise allgemein gehalten und können die vier Bereiche - personelle Sicherheit, physische 118 4 Kapitel | Hinleitung zum Fünf-Faktoren-Modell <?page no="119"?> 254 Cabric, 2015: 18 255 Cabric, 2015: 18 & 27 256 Cabric, 2015: 18 Sicherheit, Informationssicherheit und IKT-Sicherheit - umfassen. Unzurei‐ chende Sicherheitsrichtlinien können aus verschiedenen Ursachen resultie‐ ren. Dazu gehört ein mangelndes Verständnis der Spionagebedrohungen und ihrer potenziellen Auswirkungen auf die Organisation. Sie könnten auch die Schwere und die Komplexität dieser Risiken unterschätzen. Unzu‐ reichende Schulung und Expertise in Sicherheitsfragen können zu schlecht gestalteten Richtlinien führen. Zusätzlich fehlt es oft an einem robusten Feedback-Mechanismus, um Richtlinien auf Grundlage neuer Bedrohungen und sich entwickelnder Sicherheitslandschaften zu aktualisieren. 254 Budgetbeschränkungen und Ressourcenengpässe behindern häufig die Entwicklung und die Umsetzung effektiver Sicherheitsrichtlinien. Darüber hinaus kann es innerhalb der Organisation Widerstand gegen Veränderun‐ gen geben, wobei bestehende Prozesse und Gewohnheiten tief verwurzelt sind. Das Fehlen klarer Kommunikation und Koordination innerhalb der Or‐ ganisation kann zu fragmentierten und inkonsistenten Richtlinien führen. Politische und organisatorische Dynamiken, einschließlich konkurrierender Prioritäten und Interessen, können ebenfalls die Aufmerksamkeit von der Bedeutung robuster Sicherheitsrichtlinien ablenken. Schließlich können Entscheidungsträger vor der Herausforderung stehen, Sicherheitsbedürf‐ nisse mit betrieblicher Effizienz in Einklang zu bringen, was zu Kompromis‐ sen führt, die die Gesamteffektivität der Richtlinien schwächen. 255 Sicherheitsverfahren leiten sich in der Regel aus den Sicherheitsrichtli‐ nien ab und werden typischerweise von Sicherheitsexperten ausgearbeitet. Diese Verfahren sind häufig umfangreiche und detaillierte Dokumente, die die vier Bereiche - personelle Sicherheit, physische Sicherheit, Infor‐ mationssicherheit und IKT-Sicherheit - umfassen und die Umsetzung der Richtlinien praktisch regeln. Auch hier können Mängel auftreten, die auf verschiedene Ursachen zurückzuführen sein können. Die mit der Ausarbei‐ tung der Sicherheitsverfahren beauftragten Sicherheitsexperten können unter Zeitdruck stehen, was die sorgfältige Entwicklung und Prüfung von Sicherheitsprotokollen beeinträchtigt. Es kann an ausreichenden Ressour‐ cen und Finanzierung fehlen, um umfassende und robuste Sicherheitsmaß‐ nahmen zu implementieren. Ferner können Wissenslücken oder fehlende Weiterbildung zu veralteten oder unvollständigen Verfahren führen. 256 4.3 Erklärung der fünf Faktoren 119 <?page no="120"?> 257 Cabric, 2015: 18-19 258 Cabric, 2015: 18-19 Weitere Gründe für unzureichende Sicherheitsverfahren könnten die mangelnde Berücksichtigung neuer und sich entwickelnder Bedrohungen sowie die übermäßige Konzentration der Sicherheitsexperten auf bekannte Bedrohungen sein, wobei die neuen Angriffsvektoren übersehen werden. Ein weiterer Aspekt ist die unzureichende Einbeziehung der Endnutzer in den Entwicklungsprozess. Wenn die Verfahren nicht benutzerfreundlich sind oder den Arbeitsalltag der Mitarbeiter behindern, besteht die Gefahr, dass diese umgangen oder nicht ordnungsgemäß angewendet werden. 257 Zudem könnten organisatorische Barrieren und mangelnde Kommunika‐ tion zwischen den Abteilungen die Effektivität der entwickelten Verfahren einschränken. Sicherheitsexperten könnten auch Schwierigkeiten haben, ihre Vorschläge an die oberen Führungskräfte zu vermitteln, was dazu führen kann, dass notwendige Sicherheitsmaßnahmen nicht genehmigt oder umgesetzt werden. Schließlich kann eine übermäßige Komplexität der Sicherheitsverfahren dazu führen, dass sie in der Praxis nicht umge‐ setzt werden können. Zu strenge oder komplizierte Protokolle können die Akzeptanz und das Verständnis bei den Mitarbeitern vermindern, was die Einhaltung und damit die Wirksamkeit der Sicherheitsmaßnahmen beeinträchtigt. 258 Sicherheitspraktiken beschreiben die Weise, in der Mitarbeiter Sicher‐ heitsrichtlinien und Sicherheitsverfahren hinsichtlich der personellen Si‐ cherheit, der physischen Sicherheit, der Informationssicherheit und der IKT-Sicherheit umsetzen. Mitarbeiter können aus verschiedenen Gründen versäumen, Sicherheitsstandards anzuwenden. Dazu gehören ein Mangel an Bewusstsein für Spionagebedrohungen, das Unterschätzen der Schwere des Risikos und die fehlende Kenntnis über Sicherheitsrichtlinien und -verfahren. Problematische Einstellungen wie Gleichgültigkeit oder die Überzeugung, dass Sicherheit nicht die eigene Aufgabe ist, spielen ebenfalls eine Rolle. Unzureichende Schulungen, komplexe Verfahren und Zeitdruck können die ordnungsgemäße Einhaltung von Sicherheitsmaßnahmen be‐ hindern. Zudem tragen inkonsistente Durchsetzung, fehlende Ressourcen und mangelnde Unterstützung durch das Management zur Nichteinhaltung bei. Menschliches Versagen, kulturelle Faktoren, die Sicherheit weniger betonen, Widerstand gegen Veränderungen, wahrgenommene Unannehm‐ 120 4 Kapitel | Hinleitung zum Fünf-Faktoren-Modell <?page no="121"?> 259 Cabric, 2015: 83 260 Stiller, 2010: 18 261 Stiller, 2010: 122-123 lichkeiten, übermäßiges Selbstvertrauen und das Fehlen von Konsequenzen bei Nichteinhaltung verschärfen das Problem weiter. 259 Wie die organisatorischen Schwachstellen auf unterschiedlichen Ebenen und in verschiedenen Bereichen Spionagehandlungen begünstigen können, lässt sich an den Fällen Werner Stiller und Edward Snowden veranschau‐ lichen. Stiller war Stasi-Offizier und gleichzeitig Agent des BND. Bereits vor seiner Einstellung bei der Stasi gab es Schwachstellen im Sicherheitsge‐ flecht, die ihm den Eintritt in die Organisation ermöglichten. Durch die laxe Sicherheitsüberprüfung blieben Stillers antisoziale Verhaltensweisen und seine früheren engen Verbindungen zu systemkritischen Personen unerkannt. Beides wären Gründe gewesen, Stillers Einstellungsgesuch aus Sicherheitsgründen abzulehnen. 260 Als sich Stiller, Jahre nach seiner Einstellung, dazu entschloss, als Agent für den BND tätig zu werden, konnte er Schwächen im physischen Si‐ cherheitssystem der Stasi nutzen, um sich geheime Unterlagen aus den Büroräumen seines Vorgesetzten und seiner Kollegen zu verschaffen. Dies war möglich, weil das Wachpersonal am Empfang der Stasi-Zentrale nicht befugt war, Stiller daran zu hindern, die erforderlichen Schlüssel vom Empfang an sich zu nehmen und die Räumlichkeiten zu betreten. Gemäß der Stasi-Sicherheitsrichtlinien und -verfahren hatten Stasi-Offiziere in diesen Bereichen freien Zugang. Zwar waren die geheimen Unterlagen in den Büroräumen in Tresoren deponiert, doch diese waren leicht aufzubrechen, sodass sich Stiller frei bedienen konnte. Stiller wurde auch beim Verlassen des Stasi-Gebäudes nicht vom Wachpersonal kontrolliert und konnte somit unerlaubt mit den geheimen Dokumenten das Gebäude verlassen. 261 Auch im Fall von Edward Snowden gab es vor Beginn seiner nachrichten‐ dienstlichen Tätigkeit erhebliche Mängel bei der Sicherheitsüberprüfung. Snowden war zunächst beim CIA und später bei den NSA-Verteidigungs‐ dienstleistern Dell und Booz Allen Hamilton als EDV-Spezialist angestellt. Für diese Positionen war ein Bachelorabschluss erforderlich. Eine genauere Überprüfung seiner Bewerbungsunterlagen hätte jedoch offenbart, dass Snowden keinen Hochschulabschluss besitzt und seinen Lebenslauf ma‐ 4.3 Erklärung der fünf Faktoren 121 <?page no="122"?> 262 Snowden, 2019: 2 263 Snowden, 2019: 259 264 Hosenball & Strobel, 2013; Snowden, 2019: 3 265 Snowden, 2019: 259 nipuliert hatte, um den Anschein zu erwecken, er habe einen solchen Abschluss. Diese Erkenntnis hätte seine Einstellung verhindert. 262 Nachdem Snowden den Entschluss gefasst hatte, geheime Operationen seines Landes zu verraten, lud er nächtelang geheime Dokumente auf SD-Karten herunter. Dies blieb unbemerkt. 263 Zudem verschaffte er sich Zu‐ gang zu den Servern der NSA, indem er seine Kollegen unter verschiedenen Vorwänden dazu überredete, ihm ihre geheimen Zugangsdaten zu geben. Diese kamen seiner Aufforderung nach und verstießen dabei selbst gegen die Sicherheitsvorschriften der NSA. Durch die Verletzung dieser Vorschriften konnte Snowden seine Spuren verwischen und gleichzeitig weitere geheime Informationen in großem Umfang sammeln. 264 Strengere Kontrollen beim Verlassen der NSA-Anlage hätten möglicherweise verhindern können, dass er die Informationen unerlaubt entfernt. Allerdings wurden SD-Karten sel‐ ten entdeckt und das Sicherheitspersonal zeigte Verständnis, wenn Snowden einen so kleinen Gegenstand in seiner Hosentasche ‚vergaß‘. Daher schöpfte niemand Verdacht. 265 4.3.4 Marktchancen Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Marktchancen als Ermöglichungsfaktor von Insider-Spionage. ● Der Einfluss individueller Prädispositionen auf die Entscheidung, als „Lieferant“ zu agieren. ● Anreize als Motivationsfaktor für die Preisgabe vertraulicher Infor‐ mationen. ● Marktbeziehungen als Initiative des Insiders oder des „Kunden“. Bausteine der Marktchancen Marktchancen bilden den vierten Faktor im Fünf-Faktoren-Modell der Insider-Spionage. Sie stellen die Grundlage dar, auf der Insider-Spione die Möglichkeit erhalten, geheime Informationen gegen Anreize zu tauschen. 122 4 Kapitel | Hinleitung zum Fünf-Faktoren-Modell <?page no="123"?> 266 Imber & Toffler, 2000: 342 Ein Markt wird allgemein als ein System verstanden, das die Kräfte von Angebot und Nachfrage für eine bestimmte Ware oder Dienstleistung integriert. Marktsysteme beinhalten grundsätzlich vier zentrale Elemente: (1) Abnehmer, (2) Waren und Dienstleistungen, (3) Lieferanten sowie (4) Anreize. 266 Diese Grundelemente finden auch in der Insider-Spionage Anwendung. In diesem Zusammenhang können die Abnehmer unterschied‐ liche Akteure sein, darunter ausländische Nachrichtendienste und Kon‐ kurrenzunternehmen. Die Rolle des Abnehmers wird typischerweise von spezifischen Personen wahrgenommen, etwa Agentenführern, Führungs‐ offizieren, Firmenvertretern oder Mittlerpersonen, die mit der gezielten Informationsbeschaffung beauftragt sind. Die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen im Zusammenhang mit der Insider-Spionage wird von politischen, strategischen oder wirtschaftli‐ chen Zielen bestimmt und konzentriert sich auf Informationen und Aktivi‐ täten, die oft streng geheim oder schwer zugänglich sind. Waren umfassen in diesem Kontext sensible oder verschlusssachengekennzeichnete Infor‐ mationen, die die nationale Sicherheit, internationale politische Strategien oder den Wettbewerb beeinflussen können. Dazu zählen beispielsweise mi‐ litärische Pläne, technologische Innovationen oder Geschäftsgeheimnisse. Dienstleistungen hingegen beziehen sich auf die eigentliche Durchführung der Spionage, also die Beschaffung und die Weitergabe dieser Informationen durch Insider. Dabei handelt es sich um eine konspirative Tätigkeit, die spezielle Fähigkeiten, Diskretion und den Einsatz geheimer Kommunikati‐ onskanäle erfordert. In der praktischen Umsetzung zeigt die Analyse potenzieller Abnehmer und ihrer Ziele, welche Informationen besonders gefährdet sind und priori‐ tären Schutz erfordern. Der spezifische Informationsbedarf der Abnehmer, geprägt durch politische, wirtschaftliche oder strategische Interessen, de‐ finiert ihre Nachfrage. Dieses Wissen ermöglicht gefährdeten Organisatio‐ nen, gezielte Schutzmaßnahmen für besonders wertvolle Informationen zu implementieren und unbefugtem Zugriff entgegenzuwirken. Bei der Insider-Spionage agieren die Täter als Lieferanten, indem sie ihren Zugang zu sensiblen und geschützten Informationen nutzen, um Abnehmer unrechtmäßig mit wertvollen Daten zu versorgen. Diese Insider, die meist ein hohes Maß an Vertrauen innerhalb ihrer Organisation genießen und 4.3 Erklärung der fünf Faktoren 123 <?page no="124"?> über umfassende Zugriffsrechte verfügen, brechen dieses Vertrauen, indem sie Informationen weitergeben. Dadurch werden sie zu entscheidenden Ak‐ teuren in einem Prozess, der den Interessen ihrer Organisation erheblichen Schaden zufügt. Die Bereitschaft von Insider-Spionen, als Lieferanten tätig zu werden - also sich auf Spionage einzulassen und die vom Abnehmer gewünschten vertraulichen Informationen bereitzustellen -, beruht auf individuellen Prädispositionen wie Bedürfnissen, Überzeugungen, Werten und Ideologien. Mit der Durchführung der Spionagehandlungen verfolgen sie das Ziel, Anreize zu erlangen, die diesen Prädispositionen entsprechen. Diese Anreize können unterschiedlich ausfallen, von finanziellen Vorteilen über ideologi‐ sche oder emotionale Befriedigung bis hin zur Verwirklichung persönlicher Bestrebungen. Die Rolle der Lieferanten, also der Insider-Spione, gibt Einblicke in die menschliche Dimension der Insider-Spionage. Da sie Zugang zu sensiblen Informationen haben, liegt der Fokus darauf, Risikofaktoren frühzeitig zu erkennen. Ihre Prädispositionen - wie Bedürfnisse, Überzeugungen, Werte und Ideologien - spielen eine zentrale Rolle bei der Einschätzung ihres Verhaltens. Mitarbeitende mit finanziellen Sorgen, extremen Überzeu‐ gungen oder emotionalen Konflikten sind möglicherweise anfälliger für Spionagehandlungen. Dieses Wissen ermöglicht es Organisationen, durch Maßnahmen wie Mitarbeiterunterstützung, finanzielle Beratung, aber ggfs. auch Versetzung proaktiv potenzielle Risiken zu minimieren. Ein ebenso entscheidender Faktor ist das Verständnis der Anreize, die Abnehmer anbieten, um Insider zur Zusammenarbeit zu bewegen. Diese Anreize korrespondieren oft direkt mit den Prädispositionen der Insider. Finanzielle Belohnungen können bei Mitarbeitenden mit Geldproblemen attraktiv sein, während ideologische oder emotionale Bestätigung andere Bedürfnisse ansprechen. Durch die Analyse der möglichen Anreize wird deutlich, wie gezielt Abnehmer auf die Schwächen von Insidern eingehen können. Auch hierauf können Organisationen reagieren, indem sie ein unterstützendes Arbeitsumfeld schaffen, das solche Schwächen ausgleicht und die Attraktivität der Anreize verringert. Das Verständnis der zentralen Marktelemente - Abnehmer, Waren und Dienstleistungen, Lieferanten und Anreize - ist entscheidend, um die Marktmechanismen der Insider-Spionage zu entschlüsseln. Es zeigt auf, woraus sich die Interessen der Abnehmer ergeben und welche vertraulichen Informationen besonders gefährdet sind. Es macht außerdem deutlich, wie 124 4 Kapitel | Hinleitung zum Fünf-Faktoren-Modell <?page no="125"?> 267 Cova & Salle, 2008: 272; Akaka, Vargo & Lusch, 2012: 35-36 268 Cova & Salle, 2008: 272; Akaka, Vargo & Lusch, 2012: 35-36 269 Cova & Salle, 2008: 276 spezifische Prädispositionen Insider für Spionage anfällig machen und wie Abnehmer gezielt diese Schwachstellen ausspielen können. Dieses Wissen schafft nicht nur die Grundlage, um den tatsächlichen Austausch zwischen Insidern und Abnehmern besser zu verstehen, sondern ermöglicht es auch, daraus gezielte präventive Maßnahmen abzuleiten. Während diese Grund‐ elemente den Rahmen der Insider-Spionage definieren, wird im nächsten Abschnitt beschrieben, wie diese Elemente in einem Prozess interagieren, der die Durchführung von Spionagehandlungen ermöglicht. Prozesse der Marktchancen Marktchancen entstehen, wenn eine hinreichend große Schnittmenge zwi‐ schen dem Bedarf eines Abnehmers und den Fähigkeiten eines Lieferanten besteht, diesen zu erfüllen. In gesetzeskonformen Märkten äußert sich dies darin, dass Abnehmer gezielt nach Produkten oder Dienstleistungen suchen, während Lieferanten passende Lösungen für deren spezifische Probleme oder Ziele anbieten. Eine Marktchance wird Wirklichkeit, wenn der Abnehmer eine klare Nachfrage formuliert, der Lieferant diese erfüllen kann und beide Parteien den Austausch als vorteilhaft empfinden. Solche Prozesse werden häufig durch strukturierte Abläufe unterstützt, die Abneh‐ merbedürfnisse mit den Fähigkeiten der Lieferanten in Einklang bringen. 267 Im modernen Marketing wird ein Wert nicht einfach als ein statisches Produkt verstanden, das ein Lieferant bereitstellt, sondern als ein Ergeb‐ nis dynamischer Zusammenarbeit zwischen Lieferanten und Abnehmern. Hierbei spielt das Konzept der kooperativen Wertschöpfung eine zentrale Rolle, denn es hebt diese Zusammenarbeit hervor und zeigt, dass sich der Wert sowohl aus den inhärenten Eigenschaften eines Produkts oder einer Dienstleistung als auch aus den Beziehungen, Interaktionen und dem Zusammenhang ableitet, in dem der Austausch stattfindet. Dieser Ansatz, der von Cova und Salle (2008) eingehend untersucht wurde, zeigt die Bedeutung eines tiefgehenden Verständnisses von Abnehmernetzwerken und den Prozessen, die überzeugende Wertversprechen ermöglichen. 268 In ihrem Konzept skizzieren Cova und Salle fünf Schritte, die für die gemeinsame Wertschöpfung entscheidend sind: 269 4.3 Erklärung der fünf Faktoren 125 <?page no="126"?> 1. Identifizierung von Akteuren im Netzwerk Der erste Schritt besteht darin, die relevanten Teilnehmer innerhalb des Abnehmernetzwerks zu identifizieren, z. B. Entscheidungsträger, Influencer und Vermittler. Diese Akteure gestalten den Wertfluss und bestimmen die Machbarkeit des Tausches. 2. Ausrichtung auf Akteure im Netzwerk Nach der Identifizierung möglicher Teilnehmer besteht der nächste Schritt darin, spezifische Akteure auszuwählen, deren Rollen und Ein‐ fluss für die Realisierung des Wertversprechens am wichtigsten sind. 3. Identifizierung motivierender Faktoren In diesem Schritt geht es darum, zu verstehen, was diese Akteure motiviert, sich am Austausch zu beteiligen. Zu diesen Faktoren können ihre Ziele, Herausforderungen oder spezifischen Bedürfnisse gehören, auf die der Lieferant eingehen kann. 4. Zugang zu oder Einbindung des Akteurs Der Aufbau einer Verbindung oder einer Beziehung zu den Zielakteuren ist unerlässlich. Dies erfordert die Nutzung geeigneter Kommunikati‐ onskanäle und den Aufbau von Vertrauen. 5. Integration von Ressourcen aus dem Netzwerk Schließlich muss der Lieferant mit dem Abnehmer zusammenarbeiten, um die erforderlichen Ressourcen zu integrieren und sicherzustellen, dass das Wertversprechen effektiv geliefert wird und für beide Seiten von Vorteil ist. Dieser fünfstufige Prozess beleuchtet, wie Lieferanten und Abnehmer in einem Markt interagieren, um Werte zu schaffen und zu realisieren. Über‐ tragen auf Insider-Spionage bieten die Konzepte der Marktchancen und der kooperativen Wertschöpfung wertvolle Einblicke in die heimliche Weiter‐ gabe sensibler Informationen. In diesem Zusammenhang ist der Abnehmer typischerweise ein ausländischer Geheimdienst oder ein Konkurrent, wäh‐ rend der Lieferant ein Insider-Spion ist, der seinen Zugang zu geschützten Informationen nutzt, um dem Abnehmer illegal einen Wert zu liefern. Im Gegenzug bietet der Abnehmer Anreize wie finanzielle Vergütung, ideologische Unterstützung oder andere Belohnungen. In den folgenden Abschnitten werden die unterschiedlichen Perspektiven beider Parteien im Rahmen der Wertschöpfung in der Insider-Spionage untersucht. 126 4 Kapitel | Hinleitung zum Fünf-Faktoren-Modell <?page no="127"?> Aufbau der Austauschbeziehung auf Initiative des Lieferanten (Selbstanbieter) Das Verhältnis zwischen dem Lieferanten (Insider-Spion) und dem Ab‐ nehmer (ausländischer Geheimdienst oder Konkurrenzunternehmen) kann als Austauschbeziehung verstanden werden. Diese kann entweder vom Lieferanten als Selbstanbieter oder vom Abnehmer als Anwerber initiiert werden. Der fünfstufige Prozess nach Cova und Salle (2008) bietet einen geeigneten Rahmen, um beide Perspektiven zu analysieren. Im Folgenden wird zunächst die Initiierung durch den Lieferanten unter Berücksichtigung des fünfstufigen Prozesses beschrieben. 1. Identifizierung potenzieller Abnehmer Im ersten Schritt identifizieren Lieferanten potenzielle Abnehmer wie ausländische Nachrichtendienste oder Konkurrenzunternehmen, die ein Interesse an den privilegierten Informationen haben könnten, auf die die Lieferanten Zugriff haben. Zudem bemühen sie sich herauszufinden, welche Repräsentanten potenzieller Abnehmer als mögliche Ansprech‐ partner infrage kommen könnten - etwa Mitarbeitende der Nachrich‐ tendienste, Mittelsleute oder andere relevante Akteure. Gleichzeitig versuchen sie, zu ermitteln, wie geeignete Kommunikationskanäle zu diesen Akteuren aufgebaut werden können. 2. Ausrichtung auf Akteure Nach der Identifizierung potenzieller Abnehmer und ihrer Vertreter im ersten Schritt verdichten Insider im zweiten Schritt die ermittelten Alternativen, um zu entscheiden, welche Option sie verfolgen möchten. Diese Auswahl basiert auf einer Abwägung verschiedener Aspekte, wie der wahrgenommenen Vertrauenswürdigkeit der potenziellen Ab‐ nehmer und ihrer Vertreter, dem Risiko einer Entdeckung und der Frage, inwiefern die Interessen der Abnehmer mit den eigenen Zielen übereinstimmen. Dabei wählen Insider typischerweise jene Abnehmer aus, die die attraktivsten Anreize und gleichzeitig den größten Schutz vor Enttarnung bieten können. 3. Entwicklung eines maßgeschneiderten Wertversprechens Nachdem Insider potenzielle Abnehmer bzw. deren Vertreter ausge‐ wählt haben, analysieren sie deren strategische Ziele und Prioritäten, um ein Wertversprechen zu entwickeln, das den spezifischen Bedarf der Abnehmer optimal anspricht. Hierbei berücksichtigen Insider die poli‐ tischen, militärischen oder wirtschaftlichen Interessen der Abnehmer. 4.3 Erklärung der fünf Faktoren 127 <?page no="128"?> Zum Beispiel könnten Insider in Regierungsbehörden geheime militä‐ rische Informationen anbieten, die ausländischen Nachrichtendiensten strategische Vorteile verschaffen. In einem anderen Szenario könnten Mitarbeitende eines Technologieunternehmens Wettbewerbern Zugang zu proprietärem Know-how gewähren, um deren Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Durch die gezielte Anpassung des Angebots an die Zielset‐ zungen der Abnehmer maximieren Insider die Attraktivität ihres Wert‐ versprechens und erhöhen die Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Austauschs. 4. Kontaktaufnahme mit dem Abnehmer Im vierten Schritt initiieren Insider die Kommunikation mit dem poten‐ ziellen Abnehmer, wobei sie sich indirekter oder anonymer Methoden bedienen können, um das Risiko einer Enttarnung zu minimieren. Zu den möglichen Ansätzen gehören das Versenden anonymisierter Nachrichten, die Nutzung toter Briefkästen oder die Kontaktaufnahme über Mittelsleute. Alternativ könnten Insider bestehende Beziehungen innerhalb ihres Netzwerks nutzen, um ihre Absichten diskret zu signa‐ lisieren. Dieser Schritt erfordert sorgfältige Planung, um Diskretion sicherzustellen und den gesamten Prozess vor Entdeckung zu schüt‐ zen. Zudem beinhaltet er die Einigung bezüglich der Einzelheiten des Austauschs, wie etwa der Art der Informationen, der Gegenleistungen und der genauen Kommunikationswege. Ebenso müssen Insider darauf achten, dass die gewählten Kommunikationswege zuverlässig sind, um eine effektive und risikofreie Interaktion zu gewährleisten. 5. Informationsaustausch und Aufrechterhaltung der Beziehung Nach erfolgreicher Kontaktaufnahme und Klärung der Einzelheiten der Austauschbeziehung beginnen Insider mit der Übermittlung sensibler Informationen und erhalten im Gegenzug die vereinbarten Anreize. In dieser Phase steht der tatsächliche Austausch im Mittelpunkt, wo‐ bei beide Parteien die gelieferten Informationen und die erhaltenen Anreize kontinuierlich bewerten. Gleichzeitig wird die Beziehung auf‐ rechterhalten, um eine dauerhafte Zusammenarbeit zu gewährleisten. Insider-Spione müssen dabei sorgfältig abwägen, wie sie ihre eigene Sicherheit wahren und gleichzeitig die Anforderungen der Abnehmer erfüllen können, um die Stabilität der Austauschbeziehung sicherzustel‐ len. 128 4 Kapitel | Hinleitung zum Fünf-Faktoren-Modell <?page no="129"?> Die Betrachtung des Prozesses verdeutlicht, wie Insider-Spione taktisch vorgehen, um ihre Informationen und Zielvorstellungen in einen illegalen Austausch zu überführen. Jeder Schritt, von der Identifizierung potenziel‐ ler Abnehmer bis zur Aufrechterhaltung einer andauernden Beziehung, basiert auf gezielten Entscheidungen, die sowohl von den individuellen Prädispositionen des Insiders als auch von den spezifischen Anforderungen des Abnehmers geprägt sind. Die gezielte Auswahl geeigneter Abnehmer, die Abwägung persönlicher Motivationen sowie die sorgfältige Planung der Kontaktaufnahme bilden die Grundlage für den Austausch sensibler Informationen. Durch die Aushandlung von Bedingungen und die kontinu‐ ierliche Zusammenarbeit wird die Beziehung gefestigt, während der Insider zugleich darauf bedacht ist, seine eigene Sicherheit zu gewährleisten. Dieses taktische Vorgehen verdeutlicht die Notwendigkeit, die Dynamiken und die Einflussfaktoren dieses Prozesses genau zu verstehen, um Organisationen dabei zu unterstützen, frühzeitig wirksame Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Das Verständnis der Dynamiken, die Selbstanbieter bei der Initiierung einer Austauschbeziehung prägen, bietet wertvolle Ansatzpunkte für Vor‐ gesetzte und Sicherheitsexperten. Sie sollten auf Anzeichen achten, die auf potenzielle Risiken hinweisen können, wie plötzliche Veränderungen im Verhalten, übermäßiges Interesse an sensiblen Informationen oder unerklär‐ liche Networking-Aktivitäten außerhalb der Organisation. Ein unterstüt‐ zendes Arbeitsumfeld, das auf Mitarbeiterzufriedenheit, finanzieller Stabili‐ tät und emotionaler Resilienz aufbaut, kann solche Risiken mindern. Durch offene Kommunikation und die Förderung eines positiven Arbeitsklimas können Vorgesetzte dazu beitragen, potenzielle Selbstanbieter frühzeitig zu identifizieren und das Risiko einer Insider-Bedrohung zu verringern. Aufbau der Austauschbeziehung auf Initiative des Abnehmers (Anwerbung) Das Rahmenwerk von Cova und Salle (2008) dient nicht nur als Grundlage, um das Marktverhalten von Insidern zu analysieren, sondern bietet auch wertvolle Einblicke in die taktische Vorgehensweise von Abnehmern - wie ausländischen Nachrichtendiensten oder Konkurrenzunternehmen - bei der Identifizierung und der Anwerbung potenzieller Lieferanten, d. h. Quellen für illegal zu beschaffende Informationen: 4.3 Erklärung der fünf Faktoren 129 <?page no="130"?> 1. Identifizierung potenzieller Lieferanten Vertreter des Abnehmers wie Späher oder Agentenführer (engl. Hand‐ ler) analysieren Insider innerhalb der Zielorganisation, die Zugang zu sensiblen Informationen haben. Dabei liegt der Fokus darauf, wer welche Informationen bereitstellen könnte, basierend auf dessen Rolle, Kontakten und Zugriffsrechten. 2. Ausrichtung auf geeignete Akteure Nach der Identifizierung potenzieller Lieferanten konzentriert sich der Agentenführer auf die Personen, deren persönliche Umstände wie finan‐ zielle Probleme, ideologische Nähe oder berufliche Unzufriedenheit sie für eine mögliche Kooperation besonders empfänglich machen können. 3. Analyse motivierender Faktoren Im nächsten Schritt untersucht der Agentenführer, welche Anreize oder Druckmittel geeignet sind, um den Insider zur Zusammenarbeit zu bewegen. Dabei werden potenzielle Motivatoren wie finanzielle Vorteile, ideologische Unterstützung, emotionale Bedürfnisse oder Er‐ pressungspotenziale detailliert analysiert und auf ihre wahrscheinliche Wirksamkeit hin bewertet. 4. Kontaktaufnahme und Beziehungsaufbau Die Kontaktaufnahme zum Insider ist ein kritischer Schritt, der sorgfäl‐ tige Planung und Diskretion erfordert. Agentenführer können dabei indirekte oder verdeckte Ansätze wählen, beispielsweise über Mittler oder bestehende persönliche Beziehungen. Nach der initialen Kontakt‐ aufnahme wird eine Vereinbarung über den Austausch getroffen, in der festgelegt wird, welche Informationen der Lieferant bereitstellen soll und welche Gegenleistungen der Abnehmer bietet. Zu Beginn erheben Agentenführer oft nur kleine, unverfängliche Anforderungen, um die Bereitschaft des Insiders zu testen und die Grundlage für eine vertrau‐ ensvolle Beziehung zu schaffen. Ziel ist es, Vertrauen aufzubauen, die Prädispositionen des Insiders gezielt anzusprechen und die Sicherheit der Operation zu gewährleisten. 5. Ressourcenzuweisung und Aufrechterhaltung der Kooperation Sobald der Insider erste Anforderungen erfüllt hat und zur nachhaltigen Zusammenarbeit bereit ist, stellt der Agentenführer die erforderlichen Anreize, präzise Anweisungen und sichere Kommunikationsmittel be‐ reit. Der Informationsfluss wird kontinuierlich überwacht, um sicher‐ zustellen, dass die gelieferten Daten den vereinbarten Erwartungen 130 4 Kapitel | Hinleitung zum Fünf-Faktoren-Modell <?page no="131"?> entsprechen. In dieser Phase erhöhen Agentenführer häufig schrittweise die Anforderungen, um die Verlässlichkeit des Insiders weiter zu bestä‐ tigen und den Nutzen der Zusammenarbeit zu maximieren. Gleichzeitig wird die Beziehung aktiv gepflegt, wobei darauf geachtet wird, den Insider motiviert zu halten, sein Vertrauen zu stärken und mögliche Zweifel an seiner Sicherheit zu zerstreuen. Dies minimiert das Risiko eines Abbruchs der Zusammenarbeit oder einer Enttarnung. Das taktische Vorgehen von Abnehmern bei der Anwerbung von Insidern macht deutlich, wie wichtig die Rolle von Vorgesetzten und Sicherheitsex‐ perten beim Schutz vor solchen Angriffen ist. Sie sollten aufmerksam auf Mitarbeiter reagieren, die Anzeichen von Stress, Unzufriedenheit oder ideolo‐ gischen Konflikten zeigen, da solche Faktoren Mitarbeiter für Kontaktversuche von Abnehmern anfälliger machen können. Regelmäßige Gespräche und die Bereitschaft, Unterstützung bei Problemen anzubieten, sind ebenso essenziell wie die Förderung eines starken Sicherheitsbewusstseins im Team. Auf diese Weise können Vorgesetzte nicht nur das Wohlbefinden ihrer Mitarbeiter steigern, sondern auch aktiv dazu beitragen, Insider-Spionage zu verhindern. 4.3.5 Enthemmende Faktoren Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Enthemmende Faktoren als psychologische oder situative Einflüsse auf das Entscheidungsverhalten. ● Persönlichkeitsmerkmale, psychische Störungen, Substanzmiss‐ brauch/ Suchtverhalten und Affekt als begünstigende Elemente. ● Fehlurteile und eingeschränktes Risikobewusstsein im Entschei‐ dungsprozess. ● Beispiele für enthemmende Faktoren in realen Spionagefällen. Bausteine der enthemmenden Faktoren Enthemmung ist der letzte Faktor im Fünf-Faktoren-Modell der Insi‐ der-Spionage. Die meisten Menschen widerstehen der Versuchung, ein Spion zu werden, selbst dann, wenn sie die Gelegenheit dazu und ein Motiv dafür hätten, weil sie über die Selbstkontrolle verfügen, die ein solches Ver‐ halten verhindert. In manchen Fällen fehlt jedoch diese Selbstkontrolle auf‐ 4.3 Erklärung der fünf Faktoren 131 <?page no="132"?> 270 Heuer, 2001 271 Eysenck & Brysbaert, 2018: 399 272 Director of Central Intelligence, 1990: 1-2; Greitzer et al., 2013; Heuer, 2001: 4; Houben, 2003: 278; Maasberg & Beebe, 2014: 65 273 Houben, 2003: 278; Maasberg & Beebe, 2014: 67; Smith, 2017: 5; Timm, 1991: 49-53; Wilder, 2017: 21, 24 & 27 274 Herbig, 2008: X; Heuer, 1994: 29, 35, 42-45, 50, 59 & 64; Maasberg & Beebe, 2014: 65; Timm, 1991: 49-53 275 Blanchette & Richards, 2010: 561 276 American Psychological Association, 2023 grund von Faktoren, die auf die Person enthemmend wirken. Enthemmende Faktoren werden hier verstanden als Einflüsse, die das Urteilsvermögen einer Person beeinträchtigen und sie dazu veranlassen können, gesetzliche oder soziale Normen zu missachten oder zu ignorieren. 270 Entscheidungen, die ein Mensch trifft, beruhen auf dessen Urteilsvermö‐ gen. Urteile sind Einschätzungen der Wahrscheinlichkeit des Eintretens eines bestimmten Ereignisses auf der Grundlage der zum Zeitpunkt der Ent‐ scheidungsfindung verfügbaren Informationen. 271 Solche Einschätzungen können durch bestimmte Persönlichkeitsmerkmale 272 , psychische Störun‐ gen 273 und Suchtproblematiken bzw. Drogenmissbrauch 274 beeinträchtigt werden. Obwohl in den aktuellen Ansätzen nicht berücksichtigt, hat es sich in etlichen Fällen der Insider-Spionage gezeigt, dass Affekt (d. h. die extreme emotionale Reaktion) ebenfalls das Urteilsvermögen beeinträchti‐ gen kann, und zwar unabhängig von den drei erstgenannten enthemmenden Faktoren. 275 Daher wird der Affekt auch als vierte Variable in die Gruppe der enthemmenden Faktoren aufgenommen. Diese vier in diesem Modell berücksichtigten enthemmenden Variablen werden wie folgt verstanden: ● Persönlichkeitsmerkmale sind relativ stabile, konsistente und dauer‐ hafte innere Charakteristika, die aus einem Muster von Verhaltenswei‐ sen, Einstellungen, Gefühlen und Gewohnheiten der Person abgeleitet werden können. 276 ● Psychische Störungen sind Syndrome, die durch klinisch bedeutsame Beeinträchtigungen der Kognition, der Emotionsregulation oder des Verhaltens einer Person gekennzeichnet sind. Diese Beeinträchtigungen spiegeln eine Funktionsstörung der psychologischen, der biologischen oder der entwicklungsbedingten Prozesse wider, die dem psychischen 132 4 Kapitel | Hinleitung zum Fünf-Faktoren-Modell <?page no="133"?> 277 American Psychiatric Association, 2013: 20 278 American Psychiatric Association, 2013: 646-649 279 American Psychiatric Association, 2013: 481, 483-485 280 American Psychiatric Association, 2013: 481, 585-589 281 Niven, 2013: 49 Funktionieren zugrunde liegen. 277 Persönlichkeitsstörungen sind ge‐ kennzeichnet durch dauerhafte maladaptive Muster des Verhaltens, der Kognition und des inneren Erlebens, die sich in vielen Zusammenhän‐ gen zeigen und von jenen abweichen, die von der Kultur der Person generell akzeptiert werden. 278 ● Drogenmissbrauch und damit zusammenhängende Suchtproblematiken umfassen Symptommuster, die durch den Konsum einer Substanz verur‐ sacht werden, die eine Person trotz der negativen Auswirkungen weiter einnimmt. 279 Die Glücksspielsucht als eine Form der nicht substanzbezo‐ genen Suchtproblematik beinhaltet wiederholtes Glücksspielverhalten, das die Person nicht kontrollieren kann und das deshalb zu finanziellen und anderen Problemen für die Person und die von ihrem Verhalten betroffenen Personen führt. 280 ● Affekt wird als Sammelbegriff definiert, der Gefühlszustände wie Emo‐ tionen und Stimmungen beschreibt. Affektive Zustände weisen eine Variabilität in Aspekten wie Dauer, Intensität, Spezifität und Erregungs‐ niveau auf und spielen eine wichtige Rolle bei der Regulierung von Kognition, Verhalten und sozialen Interaktionen. 281 Prozess der enthemmenden Faktoren Das Fünf-Faktoren-Modell der Insider-Spionage geht davon aus, dass einer Spionagehandlung immer ein Auslöser vorausgeht. Dieser Auslöser setzt einen Motivationsprozess in Gang, der in der Handlungsbereitschaft und damit in der Entstehung eines Motivs gipfelt. Wenn sich außerdem heraus‐ stellt, dass es Schwachstellen im Sicherheitssystem der Organisation gibt, die der Insider-Spion ausnutzen kann, um an Informationen mit illegalem Marktwert zu gelangen, sind die Voraussetzungen gegeben, um Spionage als reale Alternative in Betracht zu ziehen. Die vier Faktoren - Auslöser, Motive, organisatorische Schwachstellen und Marktchancen - sind notwendige, aber allein nicht ausreichende Bedingungen, um Spionagehandlungen aus‐ zulösen. Es fehlt noch ein entscheidender fünfter Faktor, der enthemmende Faktor. Erst wenn dieser enthemmende Faktor in Kombination mit den 4.3 Erklärung der fünf Faktoren 133 <?page no="134"?> 282 Greitzer et al., 2013: 138-141 283 Shechter & Lang, 2011: vii 284 Herbig, 2008: 46, 52, 55 & 70 285 Hicks & Drislane, 2018: 299 286 Herbig, 2008: 6, 25 & 40 287 Herbig, 2008: 8, 20, 38, 40, 41, & 47 anderen Faktoren vorliegt, verwandelt sich Insider-Spionage von einer theoretischen Alternative in ein tatsächliches Risiko. Im Umkehrschluss gilt: Wenn eine Person über ausreichende Selbstkon‐ trolle verfügt und dadurch in der Lage ist, der Versuchung zu widerstehen, Spion zu werden, wird die Wahrscheinlichkeit einer Spionagehandlung nahezu auf null reduziert. Diese Selbstkontrolle kann als innerer Schutzme‐ chanismus wirken, der trotz vorhandener Auslöser, Schwachstellen in der Organisation und Marktchancen verhindert, dass sich die Motivation zu einer tatsächlichen Spionage entwickelt. Personen können durch eine beliebige Kombination der folgenden Fak‐ toren enthemmt werden: (1) Persönlichkeitsstruktur, (2) psychische Störun‐ gen, (3) Drogenmissbrauch und Suchtproblematik sowie (4) extreme emo‐ tionale Reaktionen (Affekt). In Bezug auf die Persönlichkeitsstruktur wurde festgestellt, dass verschiedene Formen illegalen Verhaltens, einschließlich Spionage, häufig mit geringer Gewissenhaftigkeit, hohem Neurotizismus und niedriger Verträglichkeit im sozialen Verhalten in Verbindung stehen. 282 Bezüglich der psychischen Störungen wurden antisoziale Persönlich‐ keitsstörungen, maligner Narzissmus, Borderline-Persönlichkeitsstörun‐ gen 283 , bipolare Störungen 284 und psychopathische Störungen 285 besonders häufig mit einem erhöhten Sicherheitsrisiko in Verbindung gebracht. Die häufigste Suchtproblematik, die im Zusammenhang mit Insider-Spionage beobachtet wurde, ist Alkoholismus. Es gab jedoch auch Fälle in denen Heroin-, Kokain- und Spielsucht eine Rolle gespielt haben. 286 Bezüglich des Affekts haben nachhaltige Verärgerung und Wut besonders häufig den Weg zur Insider-Spionage geebnet. 287 Jeder der genannten enthemmenden Faktoren kann das Urteilsvermögen eines Menschen beeinträchtigen. Fehler im Urteilsvermögen können dazu führen, dass Menschen die Auswirkungen einer bestimmten Handlung über- oder unterschätzen. Bei der Spionage können sich solche Fehler darin äußern, dass ein Spion seine Fähigkeit, sich der Entdeckung zu entziehen, überschätzt oder die Ermittlungsfähigkeiten der Spionageabwehr oder des Sicherheitspersonals unterschätzt. Im Zusammenhang mit solchen Fehlein‐ 134 4 Kapitel | Hinleitung zum Fünf-Faktoren-Modell <?page no="135"?> 288 Defense Personnel Security Research Center, 2009: 41 289 Defense Personnel Security Research Center, 2009: 6 290 Defense Personnel Security Research Center, 2009: 54 schätzungen kann das Individuum dazu neigen, die Spionage als einzige oder zumindest als optimale Lösung für das auslösende Ereignis oder die Situation zu betrachten. Die Auswirkungen enthemmender Faktoren können anhand der folgen‐ den vier Fälle veranschaulicht werden. Frank Arnold Nesbitt, ein ehemaliger Marine- und Luftwaffen-Kommunikationsoffizier, wurde verhaftet, weil er unerlaubt Informationen an die sowjetische Regierung verraten hatte. Nesbitts Handlungen wurden von einem Verlangen nach Nervenkitzel und Abenteuerlust (Thrill-Seeking) angetrieben. Ein psychiatrisches Gutachten ergab, dass er unter schweren Persönlichkeitsstörungen litt. 288 Christopher John Boyce, ein Angestellter des Rüstungsunternehmens TRW Inc., und sein Freund Andrew Daulton Lee, ein Kokain- und He‐ roin-Dealer, wurden verhaftet, weil sie geheime Informationen an die Sowjetunion verkauft hatten. Beide waren von jugendlicher Rebellion und Abenteuerlust getrieben und brauchten Geld zur Finanzierung ihres Dro‐ genkonsums. 289 Timothy Steven Smith, ein Zivilist, der auf der USS Kilauea diente, wurde festgenommen, weil er versucht hatte, Verschlusssachen zu stehlen, darunter Dokumente über den Transport von Munition und Torpedos auf Schiffen der US-Marine. Smith wollte sich für die Misshandlungen durch die Schiffsbesatzung rächen und glaubte, dass er durch die Beschaffung und die Weitergabe von Verschlusssachen an unbefugte Dritte seinem Leben eine neue Richtung geben könnte. Bei Smith wurden psychische Probleme und schwerer Alkoholismus festgestellt. 290 Tai Shen Kuo, ein in Taiwan geborener und eingebürgerter US-Bürger, wurde wegen Spionage für die Volksrepublik China (VRC) verhaftet. Kuo, ein erfolgreicher Möbelimporteur, baute eine geheime Beziehung zu dem Pentagon-Analysten Gregg William Bergersen auf und nutzte dessen Ver‐ bindungen, um geheime Informationen zur nationalen Verteidigung über US-Militärverkäufe an Taiwan zu erhalten. Durch das Versprechen lukrati‐ ver Geschäfte in China motiviert, erhielt Kuo 50.000 Dollar von einem nicht identifizierten chinesischen Agenten. Kuo, der mit einer Spielsuchtproble‐ 4.3 Erklärung der fünf Faktoren 135 <?page no="136"?> 291 Defense Personnel Security Research Center, 2009: 31 matik kämpfte, lockte Bergersen mit Spielgeld und großzügigen Reisen nach Las Vegas, um an sensible Informationen zu gelangen. 291 4.3.6 Entscheidung zur Spionage Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Die Entscheidung zur Spionage als Ergebnis eines Abwägungsproz‐ esses. ● Die aktive Handlung als gezielte Reaktion auf einen Auslöser. ● Die Verzerrung des Urteilsvermögens durch enthemmende Fakto‐ ren. ● Die Erhöhung der Handlungswahrscheinlichkeit durch reduzierte Hemmschwellen. In der letzten Phase des Prozesses trifft der Insider die Entscheidung darüber, ob er die Spionage tatsächlich durchführen soll. Diese Entscheidung wird von den fünf Faktoren beeinflusst, die den Entscheidungsprozess bestim‐ men. Dabei geht es darum, zwischen verschiedenen Handlungsalternativen zu wählen. Eine Entscheidung umfasst mindestens zwei Alternativen: eine aktive Option (die Spionage zu begehen) und eine Null-Option (die Spiona‐ gehandlung zu unterlassen). Die aktive Option ist eine Reaktion auf einen Auslöser und zielt darauf ab, diesen in irgendeiner Weise zu beeinflussen (z. B. Auslöser: Geldnot; Entscheidung: Geld beschaffen durch Spionage), während die Null-Option den aktuellen Zustand so belässt, wie er ist. Bei der Entscheidung der Person, ob sie Spionage begehen soll, bewertet sie die potenziellen Konsequenzen (d. h. Vorteile und Nachteile) ihrer Alternativen sowie die damit verbundenen Wahrscheinlichkeiten, dass diese Konsequenzen eintreten. Wenn alle anderen Vorzeichen (d. h. Auslöser, Motive, organisatorische Schwachstellen und Marktchancen) für eine Spi‐ onagehandlung sprechen, ist es schließlich die fehlende Selbstkontrolle - bedingt durch enthemmende Faktoren -, die der Person den Weg zur Spiona‐ gehandlung freigibt. Dies kann durch Persönlichkeitsmerkmale, psychische Störungen, Suchtproblematiken und emotionale Reaktionen verursacht werden. Ist das Urteilsvermögen hierdurch beeinträchtigt, steigt die Wahr‐ 136 4 Kapitel | Hinleitung zum Fünf-Faktoren-Modell <?page no="137"?> scheinlichkeit, dass sich die Person für die aktive Option entscheidet. So könnte die Person bei ihrer Abwägung beispielsweise schlussfolgern, dass die potenziellen Vorteile, die sie durch Spionage realisieren könnte, groß und die Wahrscheinlichkeit der Entlarvung gering ist und dass die Spionage deshalb - trotz der empfindlichen Strafe, die im Falle ihrer Demaskierung folgen würde - mit einem überschaubaren Risiko verbunden ist. Wenn die Person die Entscheidung trifft, Spionage zu begehen, bleibt dies handlungsbestimmend, es sei denn, es treten unvorhergesehene Um‐ stände ein. Zu diesen unvorhergesehenen Umständen zählen beispielsweise folgende: ● Die Person ändert ihre Haltung hinsichtlich des auslösenden Ereignisses oder der auslösenden Situation. ● Unerwartete Entwicklungen lösen das Problem, das die Bereitschaft zum Handeln ausgelöst hat, in der Weise, dass die Spionagehandlung überflüssig wird. ● Organisatorische Schwachstellen werden behoben, sodass die Spiona‐ gehandlung erheblich erschwert oder unmöglich wird. ● Die erwarteten Marktchancen bestehen, wider Erwarten, doch nicht oder sie zerschlagen sich. ● Die Person gerät in Verdacht, Spionage betreiben zu wollen. Diese Umstände können die Entscheidung zur Spionage revidieren und somit den Weg zur Spionagehandlung blockieren. Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass die Entscheidung zur Spionage durch die Abwägung von Risiken und Nutzen bestimmt wird und durch verschiedene persönliche und psychologische Faktoren beeinflusst werden kann. Unvorhergesehene Umstände können die Entscheidung revi‐ dieren. Wenn aber solche Umstände ausbleiben, steht der Durchführung der Spionagehandlung nichts mehr im Wege. 4.3.7 Erfolgreiche Spionagehandlung als Auslöser Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Der Rückkopplungseffekt einer erfolgreichen Spionagehandlung als neuer Auslöser. 4.3 Erklärung der fünf Faktoren 137 <?page no="138"?> 292 Keltner & Shiota, 2003: 89; Deckers, 2016: 33 ● Neue Motivation durch die Konsequenzen einer vorigen Spionage‐ handlung. ● Die Entstehung von Wiederholungstätern durch positive Bestär‐ kung und Risikoverharmlosung. Ein Auslöser wurde an anderer Stelle als Impetus definiert, der sich aus einer signifikanten Übereinstimmung oder Unstimmigkeit zwischen einem Ereignis oder einer Situation einerseits und den Prädispositionen eines Individuums andererseits ergibt und somit einen Motivationsprozess in Gang setzt. 292 Nachdem eine Spionagehandlung vollzogen wurde, geht diese mit Konsequenzen einher, die den Erwartungen der Person hinsichtlich ihrer Prädispositionen entsprechen oder zuwiderlaufen. Hierdurch sieht sich die Person in einer Situation, die sie entweder als weiterhin erstrebenswert oder alternativ als unerwünscht betrachtet. Steht die Konsequenz der Spio‐ nagehandlung mit den Prädispositionen des Individuums in Einklang, wird dies zum Auslöser weiterer Spionagehandlungen, sofern keine weiteren Hindernisse eintreten. Durch diesen Rückkopplungsmechanismus wird ein Insider-Spion zum Wiederholungstäter. 4.4 Das Fünf-Faktoren-Modell der Insider-Spionage Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Das Zusammenspiel der fünf Faktoren im Entscheidungsprozess zur Spionage. ● Das Fehlen eines Faktors als entscheidende Barriere gegen Spionage. ● Die Entwicklung einer Spionageabsicht als Folge des Zusammen‐ spiels von Risiko- und Einflussfaktoren. Im vorherigen Abschnitt ging es darum, die Hauptfaktoren des Fünf-Fakto‐ ren-Modells der Insider-Spionage im Einzelnen einschließlich der mit ihnen verbundenen Teilaspekte und Zusammenhänge im Detail zu betrachten. 138 4 Kapitel | Hinleitung zum Fünf-Faktoren-Modell <?page no="139"?> Nachdem diese Betrachtung abgeschlossen ist, wenden wir uns nun der dritten in Kapitel 1 genannten zentralen Fragestellung zu, nämlich: (3) Wie können die Faktoren und ihre Zusammenhänge in einem Modell abgebil‐ det werden, das dazu dienen kann, die Risiken der Insider-Spionage im Einzelfall zu erkennen? Hierzu dient der in → Abb. 4 dargestellte Prozess, mit dem erklärt wird, wodurch ein Mitarbeiter zum Insider-Spion wird. Das Modell bringt zum Ausdruck, dass es fünf Hauptfaktoren gibt, die die Entscheidung beeinflus‐ sen, Spion zu werden: Auslöser, Motive, organisatorische Schwachstellen, Marktchancen und enthemmende Faktoren. Der Prozess, ein Insider-Spion zu werden, beginnt typischerweise mit einem Auslöser. Dieser entsteht durch eine signifikante Diskrepanz oder, alternativ, durch eine signifikante Übereinstimmung zwischen den Prädis‐ positionen einer Person und den Ereignissen oder Situationen, die sie erlebt. Diskrepanzen können beispielsweise auftreten, wenn eine Person mit finanziellen Schwierigkeiten konfrontiert ist, die ihr Bedürfnis nach (finanzieller) Sicherheit bedrohen könnten. Ein weiteres Beispiel für eine signifikante Diskrepanz wäre, wenn die Organisation oder der Staat des Insiders Maßnahmen ergreift, die den Überzeugungen, den Werten oder der Ideologie dieser Person widersprechen. Es gibt jedoch auch Umstände, in denen Ereignisse oder Situationen in hohem Maße mit den Prädispositionen einer Person übereinstimmen. Dies zeigt sich beispielsweise im Erfolg von Verlockungsoperationen, bei denen Bedürfnisse nach menschlicher Nähe und Zugehörigkeit durch vorge‐ täuschte Zuneigung, Romantik oder Partnerschaft seitens eines feindlichen Agenten oder einer feindlichen Agentin gezielt angesprochen werden. Sowohl im Fall von Diskrepanzen als auch bei Übereinstimmungen kann festgehalten werden, dass die Wahrscheinlichkeit, dass diese Konstellation zu einem Auslöser wird, umso höher ist, je größer das Spannungsverhältnis zwischen den Prädispositionen und den erlebten Ereignissen oder Situa‐ tionen ist. Wenn dieses Spannungsverhältnis tatsächlich zum Auslöser wird, setzt es einen Motivationsprozess in Gang, bei dem der Auslöser im Mittelpunkt steht. 4.4 Das Fünf-Faktoren-Modell der Insider-Spionage 139 <?page no="140"?> Abb. 4: Zusammenfassende Darstellung des Fünf-Faktoren-Modells Entscheidung, Spionage zu begehen Enthemmende Faktoren • Persönlichkeitsstruktur • Psychische Störung • Drogenmissbrauch und Suchtprobleme • Affekt (starke emotionale Reaktion) Organisatorische Schwachstellen • Angriffsvektoren • Richtlinien und Verfahren • Praktiken Motive • Motive (Anreize) • Motivationsprozess • Bewertung • Emotionale Reaktion • Handlungsbereitschaft Marktchancen • Lieferant (Insider-Spion) • Kunde (Handler) • Information • Anreize Auslöser (Trigger) • Prädisposition • Ereignisse und Situationen Abb. 4: Zusammenfassende Darstellung des Fünf-Faktoren-Modells Der Motivationsprozess, der schließlich in Spionagehandlungen münden kann, umfasst drei eng mit dem Auslöser verbundene Teilprozesse: (1) die Bewertung des Auslösers, (2) die Entwicklung einer emotionalen Reaktion basierend auf dieser Bewertung und (3) die Erzeugung eines gewissen Maßes an Handlungsbereitschaft. Wenn der Motivationsprozess eines potenziellen Insider-Spions beispielsweise durch finanzielle Schwierigkeiten ausgelöst wird, die seine finanzielle Sicherheit bedrohen, beginnt der Prozess mit der Einschätzung der möglichen negativen Tragweite des Problems in Bezug auf die individuellen Bedürfnisse. Je größer die Tragweite ist, desto intensiver 140 4 Kapitel | Hinleitung zum Fünf-Faktoren-Modell <?page no="141"?> ist das Spannungsverhältnis und desto stärker die emotionale Reaktion, die in diesem Fall als Angst (Existenzangst) auftreten könnte. Je intensiver die emotionale Reaktion ist, desto wahrscheinlicher wird die Person bereit sein, Maßnahmen zu ergreifen, um das Spannungsverhältnis zu verringern. Hierdurch entwickelt sich die Handlungsbereitschaft. An diesem Punkt angekommen, sucht die Person aktiv nach Möglich‐ keiten, um der Situation entgegenzuwirken. Ob Spionage aus ihrer Sicht ein realistischer Weg sein könnte, diese Spannung zu mindern, hängt von zwei weiteren Faktoren ab: organisatorische Schwachstellen, die die Entwendung geheimer Informationen ermöglichen, und Marktchancen, die die Möglichkeit bieten, diese Informationen gegen gewünschte Anreize zu tauschen. Unter organisatorischen Schwachstellen werden Lücken im Sicherheits‐ system von Organisationen verstanden, die von feindlichen Akteuren aus‐ genutzt werden können, um Spionage zu ermöglichen. Diese Schwachstellen können in verschiedenen Bereichen auftreten: (1) personelle Sicherheit, (2) physische Sicherheit, (3) Informationssicherheit und (4) IKT-Sicherheit. Häufig sind diese Lücken auf Mängel in den Sicherheitsrichtlinien, -ver‐ fahren und -praktiken zurückzuführen. Die Erkenntnis eines Mitarbeiters, dass im Sicherheitssystem der Organisation Schwachstellen existieren, die Spionagehandlungen ermöglichen können, ist ein entscheidender Faktor bei der Überlegung eines potenziellen Insider-Spions, eine solche Tat zu begehen. In der Spionage beschreibt eine Marktchance die Möglichkeit für einen Insider-Spion, gegenüber Abnehmern wie Nachrichtendiensten oder Kon‐ kurrenzunternehmen als Lieferant geheimer Informationen aufzutreten. Im Gegenzug für die Bereitstellung dieser Informationen erwartet der Insider-Spion Geld, Schutz vor Entdeckung und andere Anreize. Dieser Austausch basiert auf einem Marktmechanismus, der die Offenlegung ge‐ genseitiger Bedürfnisse und Interessen, die Einrichtung sicherer Kommuni‐ kationskanäle, die Verhandlung der Bedingungen, die sichere Übermittlung der Informationen sowie die Bewertung und die Gegenleistung durch den Abnehmer umfasst. Erkennt ein Mitarbeiter eine solche Gelegenheit, wird dies zu einem weiteren Faktor, der seine Entscheidung, Spionage zu betreiben, beeinflussen kann. Durch das Zusammenspiel von Auslösern und Motivationsprozessen wird das Individuum unter bestimmten Voraussetzungen handlungsbereit und beginnt, nach Möglichkeiten zu suchen, auf den Auslöser zu reagieren. 4.4 Das Fünf-Faktoren-Modell der Insider-Spionage 141 <?page no="142"?> Organisatorische Schwachstellen und Marktchancen eröffnen dabei die Option, Spionagehandlungen in Erwägung zu ziehen. Ob das Individuum diesen Weg tatsächlich einschlägt, hängt jedoch von seiner Selbstkontrolle ab. Selbst wenn alle Anzeichen - also Auslöser, Motiv, organisatorische Schwachstellen und Marktchancen - aus der Sicht des Individuums für die Spionagehandlung sprechen, wird es der Versuchung widerstehen, Spion zu werden, sofern seine Selbstkontrolle nicht durch enthemmende Faktoren beeinträchtigt ist. Liegt jedoch eine Beeinträchtigung vor, sodass das Indi‐ viduum hinsichtlich der kriminellen Handlung der Spionage ungehemmt ist, steht einer solchen Handlung nichts mehr im Wege - es sei denn, äußere Einflüsse verhindern sie. Enthemmende Faktoren können das Urteilsvermögen eines Individuums bei der Entscheidungsfindung beeinflussen und zu Fehleinschätzungen füh‐ ren - etwa zu einer Überschätzung der eigenen Fähigkeit, einer Entdeckung zu entgehen, sowie einer Unterschätzung der Fähigkeiten der Gegenspio‐ nage, solche Handlungen aufzudecken. Das Urteilsvermögen kann durch vier Faktoren beeinträchtigt werden: (1) Persönlichkeitsstruktur, (2) psychi‐ sche Störungen, (3) Drogenmissbrauch und Suchtproblematiken sowie (4) starke emotionale Reaktionen (Affekte). Wenn solche Faktoren vorliegen, ist die betroffene Person stärker gefährdet, den Versuchungen der Spionage zu erliegen. Entscheidungen leiten sich aus vorhandenen Optionen und den damit verbundenen Handlungsalternativen ab. Die Handlungsalternativen wer‐ den auf Grundlage der zu erwartenden Konsequenzen bewertet. Wenn alle Vorzeichen für eine Spionagehandlung sprechen und das Urteilsvermögen durch enthemmende Faktoren beeinträchtigt ist, kann die Option, Spionage zu betreiben, aus Sicht des Individuums zur einzig sinnvollen Alternative werden. Begeht das Individuum eine Spionagehandlung und führt diese zu den von ihr gewünschten Anreizen bei geringerem Enthüllungsrisiko, kann dies zum Auslöser weiterer Spionagehandlungen werden. Hierdurch wird der Insider-Spion zum Wiederholungstäter. 142 4 Kapitel | Hinleitung zum Fünf-Faktoren-Modell <?page no="143"?> Teil 2 · Fallstudien und Anwendung des Fünf-Faktoren-Modells der Insiderspionage Mit dem Übergang zu → Teil 2 dieses Buches verlagert sich der Fokus von der theoretischen Untersuchung der Insider-Spionage auf die praktische Anwendung des Fünf-Faktoren-Modells. In diesem Abschnitt steht die vierte zentrale Frage im Mittelpunkt: (4) Wie kann dieses Modell auf spezifische Fälle von Insider-Spionage angewendet werden, um einerseits das Vorhandensein der Faktoren zu identifizieren und andererseits das Modell zu validieren? Um diese Frage zu beantworten, werden die Fälle von Clayton Lonetree, Sergei Tretyakov und Robert Hanssen in den Kapiteln 5 bis 7 detailliert un‐ tersucht. Diese Fallstudien zeigen, wie die fünf Faktoren in realen Szenarien wirken und welche spezifischen psychologischen, organisatorischen und situativen Bedingungen Insider-Spionage begünstigen. Kapitel 8 widmet sich einer fallübergreifenden Analyse, die gemeinsame Muster sowie entscheidende Unterschiede zwischen den drei Fällen her‐ ausarbeitet. Diese vergleichende Untersuchung verdeutlicht, wie jeder der fünf Faktoren die Handlungen der Insider beeinflusst hat und welche struk‐ turellen Schwachstellen ausgenutzt wurden. Im Anschluss wird geprüft, inwieweit das Modell die untersuchten Fälle konsistent erfasst und somit als Analyseinstrument für Insider-Bedrohungen validiert werden kann. Das abschließende Kapitel im → Teil 2 zieht aus diesen Erkenntnissen konkrete Lehren für den Schutz sensibler Informationen. Durch die Identi‐ fikation organisatorischer Schwachstellen und das Lernen aus vergangenen Sicherheitslücken trägt diese Analyse nicht nur zur Anwendung des Mo‐ dells bei, sondern liefert auch praxisnahe Empfehlungen zur Stärkung von Sicherheitsmaßnahmen sowie zur Verhinderung zukünftiger Spionagefälle. <?page no="145"?> 293 United States Court of Military Appeals 1992 5 Kapitel | In der Honigfalle gefangen - Der Fall Clayton Lonetree ➲ eLearning-Kurs Nutzen Sie den QR-Code oder den Link, um zu dem Kurs zu gelangen: 🔗 https: / / narr.kwaest.io/ s/ 1386 Clayton Lonetree ist ein ehemaliger Unteroffizier des United States Marine Corps, der als erster Marineinfanterist der Geschichte wegen Spionage verurteilt wurde. Während des Kalten Krieges als Wachsoldat der US-Bot‐ schaft in Moskau stationiert, wurde Lonetree in eine romantische Beziehung mit der sowjetischen Agentin Violetta Seina gelockt. Unter dem Einfluss von Seina und ihrem KGB-Führungsoffizier Alexei Jefimow - bekannt als ‚Onkel Sasha‘ - begann Lonetree, sensible Informationen an die Sowjets weiterzugeben. Nach seiner Versetzung in die US-Botschaft in Wien setzte Lonetree seine Agententätigkeit für die Sowjetunion fort. Sein Doppelleben fand am 14. Dezember 1986 ein Ende, als er zwei US-Geheimdienstoffi‐ zieren freiwillig seine Aktivitäten gestand und damit eine umfangreiche Untersuchung auslöste, die in der Spionagegeschichte nach wie vor für Kontroversen und Diskussionen sorgt. 293 <?page no="146"?> 294 Barker, 1996: 107; Earley, 1988 295 Barker, 1996: 107; Earley, 1988 5.1 Persönlicher Hintergrund Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Wie Lonetrees biografischer Hintergrund seine emotionale Ver‐ wundbarkeit prägte. ● Wie Bindungsabbrüche und familiäre Einflüsse sein Bedürfnis nach Zugehörigkeit verstärkten. ● Wie psychologische Prädispositionen und die Honey-Trap als Aus‐ löser zusammenwirkten. ● Wie Charakterstruktur und emotionale Bedürftigkeit seine Anfäl‐ ligkeit erhöhten. ● Wie der Fall Lonetree alle fünf Faktoren des Modells exemplarisch vereint. Clayton John Lonetree wurde am 6. November 1961 in Pierre, South Dakota, geboren. Seine Eltern, Spencer Lonetree und Sally Tsosie, stammten aus unterschiedlichen Welten. Spencer, ein indigener Amerikaner aus Wiscon‐ sin, wuchs in einer Familie auf, die Assimilation als Überlebensstrategie verstand. Seine Eltern glaubten, dass Erfolg bedeutet, sich anzupassen: perfektes Englisch zu sprechen, in der Schule herausragende Leistungen zu erbringen und alte Traditionen hinter sich zu lassen. 294 Spencer war in seiner Jugend ein talentierter Langstreckenläufer, bekannt für seinen Ehrgeiz und Kampfgeist. Später trat er als Darsteller auf, sang traditionelle Lieder und führte Reifentänze bei kulturellen Veranstaltungen vor. Doch hinter diesem selbstbewussten Auftreten verbarg sich eine tiefe Überzeugung: Seine Kinder sollten erfolgreich sein - wo er gescheitert war, sollten sie in der Welt der Weißen bestehen und ohne Rückblick ihren eigenen Weg gehen. 295 Das Leben von Sally Tsosie hätte kaum unterschiedlicher sein können. Aufgewachsen in einem Navajo-Reservat im Norden Arizonas, verbrachte ihre Familie ihr Leben als Schafhirten in nahezu völliger Armut. Sallys Kindheit war tief in der Tradition der Navajo verwurzelt - sie sprach ihre Muttersprache und lebte nach den über Generationen weitergegebenen 146 5 Kapitel | In der Honigfalle gefangen - Der Fall Clayton Lonetree <?page no="147"?> 296 Barker, 1996: 107; Earley, 1988 297 Barker, 1996: 117; Earley, 1988 298 Barker, 1996: 117; Earley, 1988 299 Barker, 1996: 66-68; Earley, 1988 Bräuchen. Doch mit dem Teenageralter wuchs in ihr der Wunsch nach mehr als dem, was das Reservat ihr bieten konnte. Mit gerade einmal 16 Jahren traf sie eine mutige Entscheidung: Sie verließ ihre Familie und zog nach Chicago, fest entschlossen, sich ein neues Leben aufzubauen - fernab der harten Realität des Reservats. 296 In einem Indianerzentrum in Chicago kreuzten sich 1961 die Wege von Spencer und Sally. Spencer, damals 19 Jahre alt, arbeitete als Jugendleiter in dem Zentrum, während Sally, schüchtern und wortkarg, erst vor Kur‐ zem in der Stadt angekommen war. Er war fasziniert von ihrer stillen Entschlossenheit, sie fand Trost in seinem Selbstbewusstsein und Charme. Ihre Verbindung war intensiv und unmittelbar - nur zwei Monate nach ihrem Kennenlernen war Sally mit ihrem ersten Kind, Clayton, schwanger. 297 Ihr neues Leben als Familie erwies sich nicht als einfach. Während Spencer weiterhin auftrat, blieb Sally zu Hause bei ihrem Baby. Das Geld war knapp, und die Verantwortung, ein Kind großzuziehen, lastete schwer auf ihrer Beziehung. In Chicago kämpften sie ums Überleben, bis sie schließlich den Entschluss fassten, in eine Kleinstadt in Wisconsin zu ziehen und bei Spencers Eltern unterzukommen. Es sollte ein Neuanfang sein - doch statt sie einander näherzubringen, vertiefte es die Kluft zwischen ihnen. 298 Sally fühlte sich in Spencers Welt wie eine Außenseiterin. Seine Familie war selbstbewusst und sprach nur Englisch, während sie sich immer noch an ihre Navajo-Wurzeln klammerte. Die kulturelle Kluft war zu groß, um sie zu überbrücken. Zwei Jahre nach Claytons Geburt brachte Sally einen zweiten Sohn, Craig, zur Welt. Aber zu diesem Zeitpunkt war die Beziehung von Sally und Spencer bereits in die Brüche gegangen. Bald darauf beschlossen sie, sich zu trennen. Sally nahm die Jungen mit zurück nach Chicago, in der Hoffnung, ihr Leben neu aufbauen zu können. 299 Doch das Leben als alleinerziehende Mutter war unerbittlich. Sally kämpfte darum, ihre Söhne zu versorgen, und als sie erneut schwanger wurde, wuchs ihre Verzweiflung. Ihre Tochter Valerie kam zur Welt, doch mit drei kleinen Kindern und kaum Ressourcen sah sie keinen Ausweg mehr. In ihrer Not wandte sie sich an eine Missionsstation in New Mexico, wo man ihr eine Stelle als Köchin anbot. Vier Monate später traf sie eine 5.1 Persönlicher Hintergrund 147 <?page no="148"?> 300 Barker, 1996: 107-108; Earley, 1988 301 Barker, 1996: 109 Earley, 1988 302 Barker, 1996: 109; Earley, 1988 der schwersten Entscheidungen ihres Lebens. Überfordert und hoffnungslos ließ sie alle drei Kinder in der Obhut der Mission zurück - in der Überzeu‐ gung, dass dies deren einzige Chance auf eine bessere Zukunft war. Clayton war fünf Jahre alt, Craig drei, und die kleine Valerie noch ein Säugling. 300 In den folgenden fünf Jahren wuchsen die Kinder in der Mission unter der Obhut ständig wechselnder Betreuer auf. Nächte voller Tränen wurden für sie zur traurigen Gewohnheit, da die ständigen Veränderungen keine Gelegenheit für eine feste Bindung mit einem Erwachsenen boten. Zwar gewährte die Mission ihnen Schutz und ein Dach über dem Kopf, doch das Leben dort war hart und einsam - eine Erfahrung, die Clayton für den Rest seines Lebens prägen sollte. 301 5.1.1 Lonetrees Leben mit seinem Vater Fünf Jahre nachdem Clayton und Craig in der Mission aufgenommen worden waren, lud ihr Vater sie ein, die Weihnachtsferien mit ihm zu verbringen. Doch kaum waren sie angekommen, schaltete Spencer einen Anwalt ein und drohte, seine Frau wegen des Sorgerechts zu verklagen. Von diesem Moment an blieben die Jungen bei ihm - eine Wende, die Claytons Leben grundlegend veränderte. Spencer Lonetree erwies sich als strenger und kontrollierender Vater, oft betrunken und verbal verletzend. Das Leben unter seinem Dach war von Unberechenbarkeit und Spannungen geprägt. Auch die neue Schule wurde für Clayton zur täglichen Belastungsprobe - sowohl akademisch als auch sozial. 302 Clayton entwickelte sich zu einem ruhigen, zurückhaltenden Teenager. Als er sich an der Johnson High School einschrieb - einer riesigen Schule mit über 2.000 Schülern -, fühlte er sich in der anonymen Masse oft verloren. Akademisch tat er sich schwer, doch er war entschlossen, mitzuhalten. Seine Hartnäckigkeit zeigte sich besonders im Sport: Er verpasste kein einziges Football-Training und gab sich genauso viel Mühe wie der Starting Quarterback, obwohl er nur Ersatzspieler war. „Er tauchte auf und war gut genug, um zu bestehen“, erinnert sich Fred Brett, der stellvertretende Schulleiter der Johnson High. „Das war besser als bei vielen anderen Kindern.“ Seine Lehrer beschrieben ihn als jemanden, der zwar in keinem 148 5 Kapitel | In der Honigfalle gefangen - Der Fall Clayton Lonetree <?page no="149"?> 303 Earley, 1988 304 Barker, 1996: 111-112; Earley, 1988 305 Earley, 1988 306 Earley, 1988 Bereich herausragte, aber niemals aufgab. Diese Entschlossenheit zeigte sich auch außerhalb der Schule - nach dem Unterricht arbeitete Clayton in zwei Teilzeitjobs, um sich über Wasser zu halten. 303 5.1.2 Lonetrees Persönlichkeitsentwicklung Clayton Lonetree war ein vielschichtiger Mensch - nach außen hin ru‐ hig und zurückhaltend, doch innerlich zerrissen von widersprüchlichen Gefühlen und tiefen Unsicherheiten. Jahre des Verlassen-Seins und der emotionalen Vernachlässigung hatten eine Persönlichkeit geformt, die von unbändiger Entschlossenheit geprägt war, sich zu beweisen, und zugleich von einem beinahe verzweifelten Bedürfnis nach Anerkennung. Die ein‐ dringlichen Worte seines Vaters - „Der zweite Platz ist für Verlierer“ - hatten sich tief in sein Bewusstsein eingebrannt. Sie hallten lange nach und trieben ihn dazu, sich noch stärker anzustrengen und jede Schwäche um jeden Preis zu verbergen. 304 Er sehnte sich nach Struktur und Disziplin - Eigenschaften, die ihn zum idealen Kandidaten für das Militärleben machten. Befehle zu befolgen war für Clayton eine Selbstverständlichkeit, und er tat dies mit Präzision und Konzentration. Er galt als hartnäckig und verlässlich, wenn auch nicht als besonders schnell oder innovativ. Seine Vorgesetzten beschrieben ihn später als „perfektes Material für einen Unteroffizier“ - zuverlässig, gehorsam und entschlossen. Doch hinter der disziplinierten Fassade verbarg sich ein junger Mann, der nach einem tieferen Sinn und einer Identität suchte, die sich authentisch anfühlte. 305 Claytons Erfahrung, von seiner Mutter verlassen worden zu sein, hin‐ terließ eine tiefe seelische Wunde. Sie machte ihn anfällig für Eifersucht und zwanghafte Bindungen in Beziehungen. Die Angst vor Ablehnung beherrschte ihn mehr als alles andere, und er betonte oft, dass er „nie wieder verlassen werden“ wolle. Diese Furcht trieb ihn mitunter zum Äußersten - er klammerte sich an seine Partnerinnen, suchte Kontrolle und zeigte oft ein besitzergreifendes Verhalten. 306 5.1 Persönlicher Hintergrund 149 <?page no="150"?> 307 Earley, 1988 308 Barker, 1996: 112; Earley, 1988 Trotz seiner Unsicherheiten hatte Clayton auch eine sanfte und fürsorgli‐ che Seite. Kinder fühlten sich in seiner Nähe wohl, und er tat sein Bestes, um anderen ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit zu vermitteln. In der Mission zeigte er besonders seiner jüngeren Schwester Valerie gegenüber liebevolle Zuwendung. Freunde erinnerten sich später an ihn als einen Mann, der warmherzig und beschützend sein konnte - jemand, der stets danach strebte, Teil von etwas Größerem als sich selbst zu sein, aber zugleich damit rang, seinen eigenen Platz in der Welt zu finden. 307 Doch es gab auch eine dunklere Seite in Claytons Persönlichkeit - eine Faszination für Macht und Stärke. Er bewunderte historische Figuren, die scheinbar unüberwindbare Hindernisse überwunden hatten, um die Welt nach ihren Vorstellungen zu formen. In seinen Augen war Adolf Hitler nicht nur ein Diktator, sondern ein Sinnbild für jemanden, der sich aus der Bedeutungslosigkeit zu Größe emporgearbeitet hatte. Für Clayton ging es dabei weniger um Ideologie als um Transformation - die Erzählung eines Aufstiegs aus dem Nichts zu einer unaufhaltsamen Kraft faszinierte ihn. 308 Diese widersprüchlichen Impulse - seine Warmherzigkeit einerseits und sein Verlangen nach Macht und Kontrolle andererseits - machten Clayton zu einer unberechenbaren und vielschichtigen Persönlichkeit. Getrieben von tief verwurzelten Unsicherheiten und einem unstillbaren Bedürfnis nach Bestätigung traf er Entscheidungen, die letztlich den Verlauf seines gesamten Lebens bestimmen sollten. 150 5 Kapitel | In der Honigfalle gefangen - Der Fall Clayton Lonetree <?page no="151"?> 309 Barker, 1996: 113-114; Earley, 1988 5.2 Beruflicher Werdegang Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Wie Lonetrees Karriereplanung mit seinem Eintritt ins Marine Corps verknüpft war. ● Wie familiäre Prägungen seine Berufswahl beeinflussten. ● Wie familiäre Unterstützung trotz Rückschlägen zum Botschafts‐ dienst führte. ● Wie Isolation in der Botschaft durch strukturelle Ausgrenzung entstand. ● Wie fehlende Vorbilder und Einsamkeit seine Sicherheitsdisziplin untergruben. Claytons Vater hatte hohe Erwartungen an die berufliche Zukunft seines Sohnes. Er sah in ihm einen zukünftigen Politiker und leitete ihn entspre‐ chend an. Aus diesem Grund war Clayton Lonetrees Entscheidung, den Marines beizutreten, keineswegs impulsiv, sondern das Ergebnis eines sorg‐ fältig ausgearbeiteten Plans, den er gemeinsam mit seinem Vater Spencer entwickelt hatte. Beide waren überzeugt, dass das Marine Corps Clayton die Disziplin, das Prestige und die Erfahrung vermitteln würde, die er für eine spätere Karriere in der Politik benötigte. Spencer ermutigte seinen Sohn, hoch hinauszuwollen, und sprach sogar davon, dass Clayton eines Tages eine Laufbahn als US-Senator in Betracht ziehen sollte. In ihren Augen war das Marine Corps der ideale erste Schritt auf dem Weg zu diesem ehrgeizigen Ziel. 309 Im Jahr 1980, noch während seiner Schulzeit an der Johnson High School, trat Clayton, der Marineinfanterie bei. Direkt nach seinem Schulabschluss im Juni besuchte er kurz seine Mutter und seine jüngere Schwester Valerie in New Mexico, bevor er zur Grundausbildung aufbrach. Der Abschied von Valerie fiel ihm besonders schwer. Während der Jahre in der Mission hatte er sich um sie gekümmert, und ihre Bindung war tief. Doch Clayton war überzeugt, dass das Leben bei den Marines ihm eine neue Aufgabe geben 5.2 Beruflicher Werdegang 151 <?page no="152"?> 310 Schmitt, 1987; Barker, 1996: 113-114 311 Barker, 1996: 114-115; Earley, 1988 312 Barker, 1996: 112; Earley, 1988 313 Barker, 1996: 115; Earley, 1988 würde - eine Chance, endlich seinen Platz in der Welt zu finden und etwas aus sich zu machen. 310 Die Grundausbildung des Marine Corps war zermürbend, doch Clayton blühte in der streng geregelten Umgebung auf. Er passte sich schnell an, lernte, Befehle mit Präzision auszuführen, und übernahm die stoische, disziplinierte Haltung, die von einem Marine erwartet wurde. Seine Hart‐ näckigkeit und seine Fähigkeit, Entbehrungen ohne Klagen zu ertragen, verschafften ihm den Respekt seiner Kameraden. Nach Abschluss der Grundausbildung wurde er zur Infanterieausbildung nach Camp Pendleton in Kalifornien geschickt. Anschließend folgte sein erster Einsatz - auf der Militärbasis in Guantánamo Bay, Kuba. 311 Trotz seines wachsenden Erfolgs im Militär kämpfte Clayton weiterhin mit persönlichen Beziehungen. Seine besitzergreifende Art und tief verwur‐ zelten Unsicherheiten belasteten seine Verlobung mit Nancy Snyder, seiner Highschool-Freundin, die ebenfalls den Marines beigetreten war. Claytons Eifersucht und sein starkes Kontrollbedürfnis trieben sie schließlich von ihm fort - eine Trennung, die ihn tief verletzte. Doch anstatt innezuhalten, lenkte er seinen Schmerz in noch mehr Ehrgeiz um. Mehr denn je war er entschlossen, sich beruflich zu beweisen und seine Zukunft über seine persönlichen Rückschläge hinaus voranzutreiben. 312 Ende 1984 entschied sich Clayton, sich für das Eliteprogramm ‚Marine Guard‘ zu bewerben - eine prestigeträchtige Einheit, die für den Schutz amerikanischer Botschaften und diplomatischer Vertretungen weltweit ver‐ antwortlich war. Die Anforderungen waren hoch, und nur Marines mit außergewöhnlicher Disziplin, Zuverlässigkeit und einem tadellosen Dienst‐ nachweis wurden zugelassen. Für Clayton bedeutete diese Perspektive weit mehr als einen Karriereschritt. Sie bot ihm die Chance, sich neu zu definie‐ ren, den persönlichen Enttäuschungen der Vergangenheit zu entkommen und sich in eine Aufgabe zu vertiefen, die ihm endlich Sinn und Struktur versprach. 313 152 5 Kapitel | In der Honigfalle gefangen - Der Fall Clayton Lonetree <?page no="153"?> 314 Barker, 1996: 115-116; Earley, 1988 315 Barker, 1996: 116-117; Earley, 1988 316 Earley, 1988 5.2.1 Das Marine-Guard-Programm Lonetrees erster Versuch, dem Marine-Guard-Programm beizutreten, schei‐ terte. Bei den Eignungstests verfehlte er die erforderliche Punktzahl und seine Bewerbung wurde abgelehnt. Doch anstatt sich damit abzufinden, suchte er Unterstützung bei seinem Vater. Spencer Lonetree wandte sich an Senator Rudy Boschwitz aus Minnesota und bat um ein Empfehlungs‐ schreiben, um die Bewerbung seines Sohnes zu unterstützen. Die Familie Lonetree hatte eine lange militärische Tradition. Claytons Großonkel, Mit‐ chell Red Cloud, war für seinen Einsatz im Koreakrieg mit der Ehrenmedaille ausgezeichnet worden, und zwei seiner Onkel hatten in Vietnam gedient. Spencer war überzeugt, dass die Marines das Potenzial seines Sohnes unterschätzten. Er vermutete sogar, dass das Auswahlverfahren indigene Amerikaner benachteiligt. 314 Der Brief von Senator Boschwitz zeigte Wirkung. Clayton erhielt eine zweite Chance, die Eignungstests zu absolvieren, und bestand sie diesmal. Er wurde in die Marine Guard School in Quantico, Virginia, aufgenommen, wo er eine spezialisierte Ausbildung in Botschaftssicherheit erhielt. Das Programm war anspruchsvoll und legte den Fokus auf den Umgang mit Schusswaffen, den Objektschutz sowie diplomatisches Protokoll. Besonders die körperlichen Herausforderungen meisterte Clayton mit Leichtigkeit und nahm die Verantwortung seiner neuen Aufgabe mit großem Ernst an. Nach Abschluss des Programms erhielt er den Auftrag, an der US-Botschaft in Moskau zu dienen - einer der anspruchsvollsten und prestigeträchtigsten Posten für einen Wachsoldaten der Marines. 315 5.2.2 Entsendung nach Moskau Im September 1984 erreichte Clayton Lonetree Moskau, um seinen Dienst als Wachsoldat in der US-Botschaft aufzunehmen. Der Posten galt als anspruchsvoll und von hoher Bedeutung. Moskau war während des Kalten Krieges eine Hochrisikostation, in der die Grenzen zwischen Freund und Feind oft verschwammen und jede Interaktion außerhalb der Botschaft potenzielle Risiken mit sich brachte. 316 5.2 Beruflicher Werdegang 153 <?page no="154"?> 317 Earley, 1988 318 Earley, 1988 Für einen jungen Marinesoldaten mit einer Faszination für Spionagero‐ mane und Weltgeschichte schien der Einsatz zunächst wie ein Traum. Doch die Realität erwies sich als ernüchternd. In der US-Botschaft herrschte eine klare Trennung zwischen dem diplomatischen Personal des Außenministe‐ riums und den Marinewachen. Die Diplomaten waren gut ausgebildet, kul‐ tiviert und an einen Lebensstil gewöhnt, der formelle Empfänge, kulturelle Ausflüge und häufige Reisen umfasste. Sie stammten oft aus wohlhaben‐ den Familien und bewegten sich in elitären Kreisen. Die Marinewachen hingegen hatten eine einzige Aufgabe: für Sicherheit zu sorgen. Ihre Rolle war essenziell, aber wenig prestigeträchtig. Sie besetzten Sicherheitsposten, überprüften Ausweise und stellten sicher, dass keine Unbefugten Zugang zu geschützten Bereichen erhielten. 317 Von Beginn an war deutlich, dass die Marines als Bürger zweiter Klasse behandelt wurden. Ihre Unterkünfte waren beengt und veraltet, mit unzu‐ verlässigen Sanitäranlagen und häufigem Mangel an heißem Wasser. Einmal mussten sie einen ganzen Monat lang ohne warme Duschen auskommen. Währenddessen genossen die Diplomaten deutlich bessere Wohnverhält‐ nisse und hatten Zugang zu Vergünstigungen in der Botschaft, die den Wachen verwehrt blieben. Selbst scheinbar unbedeutende Einschränkun‐ gen, wie die begrenzte Nutzung der Botschaftstelefone für private Anrufe nach Hause, waren eine ständige Erinnerung an ihren niedrigeren Status. 318 Das gesellschaftliche Leben in der Botschaft bot kaum Abwechslung. Die alleinstehenden Frauen im Auswärtigen Dienst zeigten wenig Interesse an den Marines und zogen die Gesellschaft von Diplomaten oder anderen expatriierten Amerikanern vor. Botschaftsveranstaltungen waren für die Wachsoldaten oft unangenehm, da sie sich inmitten der kultivierten Gesprä‐ che der Diplomaten fehl am Platz fühlten. Auch außerhalb der Botschaft waren ihre Möglichkeiten begrenzt. Bestimmte Nachtclubs und Bars in Moskau waren für sie tabu, und sie durften sich in der Stadt nur in Begleitung von Kameraden bewegen. Doch Lonetree fand oft niemanden, der ihn begleiten wollte. Um der Enge der Botschaft zu entfliehen, meldete er sich ab und wanderte unerlaubterweise allein in Moskau umher. Jeder Ausflug war riskant - die ständige Beobachtung durch sowjetische Agenten war 154 5 Kapitel | In der Honigfalle gefangen - Der Fall Clayton Lonetree <?page no="155"?> 319 Barker, 1996: 79 & 83-84; Earley, 1988 320 Earley, 1988 321 Earley, 1988 322 Earley, 1988 eine reale Gefahr. Jeder Ausflug barg das Risiko, von sowjetischen Agenten beobachtet zu werden - oder Schlimmeres. 319 Die Einsamkeit lastete schwer auf ihm. Während seine Kameraden sich mit verschiedenen Aktivitäten ablenkten, fühlte sich Clayton zunehmend isoliert. Er schrieb Briefe an seine frühere Freundin Nancy Snyder, doch diese hatte inzwischen geheiratet. Die Zurückweisung traf ihn tief und verstärkte sein Gefühl, nirgendwo dazuzugehören. Er begann eine kurze Beziehung mit einer irischen Frau, die in einer anderen Botschaft tätig war, doch auch diese Verbindung hielt nicht lange. 320 Innerhalb der Botschaft stellte Clayton eine beträchtliche Gleichgültigkeit gegenüber Sicherheitsvorschriften fest. Seine Ausbilder an der Marineschule hatten immer wieder vor den Gefahren des Umgangs mit sowjetischen Bür‐ gern gewarnt. Doch mehrere seiner Kameraden ignorierten diese Mahnun‐ gen und trafen sich offen mit sowjetischen Frauen. Bei einer Weihnachtsfeier in der Residenz des Botschafters beobachtete Clayton, wie ein Marinesoldat lachend mit zwei Sowjetbürgerinnen im Arm für Fotos posierte - eine von ihnen wurde später als KGB-Oberst identifiziert. 321 In dieser Situation - kalt, isoliert und geprägt von widersprüchlichen Botschaften über Sicherheitsdisziplin - begann Claytons Wachsamkeit allmählich zu schwinden. Sein anfänglicher Entschluss, sich von Sowjetbür‐ gern fernzuhalten, verlor mit jedem Tag an Kraft. Er fühlte sich unsichtbar, wie ein Schatten unter Menschen, die seine Existenz kaum wahrzunehmen schienen. Dann, eines Tages, änderte sich alles. Er begegnete einer Frau namens Violetta Seina. 322 5.2 Beruflicher Werdegang 155 <?page no="156"?> 323 Barker, 1996: 82-83; Earley, 1988 324 Barker, 1996: 82-83; Earley, 1988 325 Barker, 1996: 83; Earley, 1988 5.3 Die Honigfalle Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Wie Biografie und emotionale Prägung die Anfälligkeit für Anwer‐ bung erhöhen. ● Wie Isolation und Anerkennungsbedürfnis die Wirkung einer Ho‐ ney-Trap verstärken. ● Wie Nachrichtendienste gezielt psychologische Schwächen ausnut‐ zen. ● Wie schrittweise Grenzverschiebung die Wahrnehmung von Verrat verändert. ● Wie Enthemmung durch Alkohol, Konflikte oder Dilemmata die Handlungsauslösung begünstigt. Für Lonetree begann der Tag in der US-Botschaft in Moskau wie jeder andere - bis er Violetta Seina zum ersten Mal sah. Ihre anmutige und selbstbewusste Ausstrahlung zog ihn augenblicklich in ihren Bann. Ohne nachzudenken, trat er aus seinem Posten hervor und forderte ihren Ausweis. 323 Violetta war eine der einheimischen Angestellten der Botschaft und ar‐ beitete dort als Dolmetscherin. Ihr ruhiges Auftreten weckte seine Neugier, und für einen Moment trafen sich ihre Blicke. Clayton war niemand, der leicht ins Gespräch kam. Doch etwas an Violetta ließ ihn zögern, als wolle er den Moment auskosten. Sie lächelte höflich, drehte sich um und ging. Zurück blieb Clayton mit einer Neugier, die er lange nicht mehr gespürt hatte. 324 In den folgenden Tagen ließ Violetta Clayton gedanklich nicht mehr los. Jedes Mal, wenn sie das Tor passierte, fand er einen Vorwand, sie anzuhalten und ihr belanglose Fragen über ihre Arbeit und das Leben in Moskau zu stellen. Zu seiner Überraschung wies sie ihn nicht ab. Sie zeigte echtes Interesse an ihren Gesprächen und nahm sich immer die Zeit, mit ihm zu reden. 325 156 5 Kapitel | In der Honigfalle gefangen - Der Fall Clayton Lonetree <?page no="157"?> 326 Barker, 1996: 83-84; Earley, 1988 327 Barker, 1996: 85-86; Earley, 1988 328 Earley, 1988 329 Barker, 1996: 87-88; Earley, 1988 Eines Abends fasste Clayton schließlich den Entschluss, ihr zu folgen, als sie die Botschaft verließ. In einigem Abstand ging er ihr durch die Straßen der Stadt nach, bis sie in die U-Bahn stieg. Er nahm all seinen Mut zusammen, holte sie im Zug ein und stellte sich ihr namentlich vor. Sie unterhielten sich bis zu ihrer Haltestelle, und als er ihr anbot, sie nach Hause zu begleiten, zögerte Violetta zunächst, willigte dann aber ein. 326 In den Wochen danach wartete Clayton regelmäßig am Tor auf sie und nutzte jede Gelegenheit, sie nach Hause zu begleiten. Violetta erzählte ihm von ihrem Leben in Moskau und von der kleinen Wohnung, die sie mit ihrer Mutter und ihrer Schwester teilte. Sie erwähnte, dass ihre Familie ukrainisch-jüdischer Abstammung war, was sie im Umgang mit Fremden vorsichtig machte - insbesondere mit jemandem wie ihm, einem US-Marine. Doch trotz ihrer Zurückhaltung schien sie seine Gesellschaft zu genießen. 327 Als sich ihre Gespräche vertieften, wuchsen Claytons Gefühle für Vio‐ letta. Sie war anders als jede Frau, die er zuvor kennengelernt hatte - intelligent, kultiviert und freundlich. Doch hinter ihrer ruhigen Fassade spürte er eine Verletzlichkeit, die in ihm den Wunsch weckte, sie zu beschützen. Violetta vertraute ihm an, dass ihre Mutter über ihre wachsende Freundschaft besorgt war. Es lag nicht nur daran, dass Clayton ein ameri‐ kanischer Marinesoldat war, sondern auch an der allgegenwärtigen Angst, dass der KGB jeden ihrer Schritte überwachte. „Ich rede gerne mit dir“, sagte sie eines Abends. „Aber es ist für uns beide gefährlich. Wir müssen vorsichtig sein.“ 328 Entschlossen, ihre Beziehung geheim zu halten, begann Clayton, Tech‐ niken zur Gegenüberwachung anzuwenden, von denen er bisher nur in Spionageromanen gelesen hatte. Immer wenn er in Moskau unterwegs war, wechselte er währenddessen seinen Mantel, variierte seine Wege und nutzte unterschiedliche Verkehrsmittel, um mögliche Verfolger abzuhängen. Jedes Mal, wenn es ihm gelang, unbemerkt durch die Straßen zu schleichen, verspürte er einen Nervenkitzel. Die Risiken waren ihm bewusst, doch er war bereit, sie einzugehen, um Violetta zu sehen. 329 Nach Monaten sorgfältig geplanter Begegnungen entwickelte sich ihre Freundschaft zu etwas Tieferem. Eines Tages lud Violetta ihn in ihre Woh‐ 5.3 Die Honigfalle 157 <?page no="158"?> 330 Earley, 1988 331 Earley, 1988 332 Earley, 1988 333 Barker, 1996: 250-251 334 Barker, 1996: 256-257 nung ein, während ihre Mutter und ihre Schwester nicht da waren. In der Stille des kleinen Apartments wurden sie zum ersten Mal ein Liebespaar. 330 Ihre Romanze hatte wenig mit den leidenschaftlichen, sorglosen Affären gemein, die in Spionageromanen beschrieben werden. Die Einschränkungen ihres Alltags - Violettas Angst vor dem KGB und Claytons strenge Pflichten in der Botschaft - ließen kaum Raum für ungestörte Treffen. In den folgenden drei Monaten gelang es ihnen nur selten, Zeit allein miteinander zu verbringen. Jede Begegnung fühlte sich wie ein gestohlener Moment an, eine kurze Flucht vor der Realität, die unaufhörlich über ihnen lastete. 331 Für Clayton wurde Violetta zum Mittelpunkt seines Lebens. In der Einsamkeit Moskaus war sie sein einziger Halt, die einzige Person, bei der er sich gesehen fühlte. Er glaubte, dass ihre Verbindung aufrichtig war, etwas Reines, das es um jeden Preis zu schützen galt. Doch ahnte er nicht, dass ihre Beziehung bald eine gefährliche Wendung nehmen würde. 332 5.3.1 Violetta Seinas Geschichte Violetta Seinas Leben begann in einfachen Verhältnissen in Moskau. Ihre Mutter Genrietta, eine gebildete Frau mit großen Ambitionen für ihre Tochter, hatte die Entbehrungen des Großen Vaterländischen Krieges erlebt und war entschlossen, Violetta eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Sie förderte ihre Begeisterung für Kunst, Musik und Kultur, nahm sie mit zu klassischen Konzerten und Gemäldeausstellungen. Diese Prägung formte Violetta zu einer kultivierten jungen Frau mit einer ruhigen Eleganz, die Aufmerksamkeit auf sich zog. Ihr attraktives Aussehen brachte ihr oft Bewunderung ein. Doch sie blieb zurückhaltend und vorsichtig. 333 Nach dem Schulabschluss wollte sie am renommierten Maurice-Tho‐ rez-Institut für Fremdsprachen studieren. Die Zulassung war hart um‐ kämpft, doch mit Entschlossenheit und Charme sicherte sie sich eine Stelle am Institut. Dort besuchte sie Abendkurse, während sie gleichzeitig in der Verwaltung arbeitete. Mit der Zeit wuchsen ihre Aufgaben - allerdings nicht ausschließlich aufgrund ihrer akademischen Leistungen. 334 158 5 Kapitel | In der Honigfalle gefangen - Der Fall Clayton Lonetree <?page no="159"?> 335 Barker, 1996: 257-259 336 Barker, 1996: 259-260 337 Barker, 1996: 260-261 338 Barker, 1996: 261-263 Das Institut verfügte über ein System zur Identifizierung von Studieren‐ den, die für sicherheitsrelevante Aufgaben in Frage kamen. Schon bald wurde Violetta angesprochen und gebeten, Informationen über die persön‐ lichen Gewohnheiten, politischen Ansichten und potenziellen Schwächen ihrer Mitschüler weiterzugeben. Was zunächst wie eine einfache Formalität erschien, markierte den Beginn ihrer Zusammenarbeit mit dem sowjeti‐ schen Geheimdienst. Ihre Berichte waren anfangs subtil und unaufdringlich, lieferten ihren Vorgesetzten jedoch wertvolle Erkenntnisse, um potenzielle Rekruten für den Geheimdienst zu identifizieren. 335 In ihrem letzten Studienjahr weckten Violettas Aussehen und Ehrgeiz die Aufmerksamkeit von KGB-Offizieren, die beauftragt waren, vielverspre‐ chende Talente für künftige Einsätze vorzumerken. Sie wurde eingeladen, an einem zweijährigen Postgraduiertenkurs des Außenministeriums teilzu‐ nehmen - einem Programm, das darauf abzielte, die sozialen Fähigkeiten derjenigen zu verfeinern, die später in ausländischen Botschaften tätig sein sollten. Obwohl es sich nicht explizit um eine Spionageausbildung handelte, waren die Lektionen eindeutig: wie man gezielt Gespräche führt, Intellekt und Tiefe vermittelt und auf subtile Weise Vertrauen gewinnt. 336 Im Jahr 1985 wurde Violetta für eine Position in der US-Botschaft in Moskau vorgesehen - eine Gelegenheit, die der KGB als strategisch wertvoll betrachtete. Sie erhielt eine Anstellung als Sachbearbeiterin in der Zollabtei‐ lung, eine scheinbar unbedeutende Aufgabe, die ihr jedoch direkten Zugang zum Botschaftspersonal verschaffte. Anfangs war sie nervös, geprägt von der Vorstellung, dass Amerika der Feind sei. Doch zugleich war sie fasziniert von den westlichen Diplomaten und Marines, denen sie begegnete. Ihr kul‐ tiviertes Auftreten und ihr stilsicheres Erscheinungsbild machten sie schnell zu einer auffälligen Persönlichkeit innerhalb der Botschaft und erregten die Aufmerksamkeit sowohl der Diplomaten als auch der Marines. 337 Nach Angaben ihrer Mutter wurde Violetta von zahlreichen Marines umworben, die in der Botschaft stationiert waren. Zunächst wies sie alle zurück. Als Lonetree begann, ihr heimlich von der Arbeit aus zu folgen, und sie später in der U-Bahn ansprach, wurde sie misstrauisch. Besorgt darüber, dass er ein CIA-Agent sein könnte, meldete sie ihn dem KGB. 338 5.3 Die Honigfalle 159 <?page no="160"?> 339 Barker, 1996: 264 340 Barker, 1996: 264-265 341 Barker, 1996: 264-267 342 Barker, 1996: 267 Ihr Vorgesetzter beim KGB, Vladimir Pavlovich Geraschenko, genannt „Slava“, erkannte das Potenzial dieser Situation. Statt Violetta zu raten, den Kontakt zu vermeiden, forderte er sie auf, die Dinge ihren Lauf nehmen zu lassen. Ihre Sicherheit werde durch die Überwachung des KGB gewährleis‐ tet, während sie über jede Entwicklung berichten sollte. Gleichzeitig weitete der KGB seine Nachforschungen über Lonetree aus. Je mehr sie über ihn erfuhren, desto deutlicher wurde, dass er ein vielversprechendes Ziel für eine mögliche Anwerbung war. 339 Als Lonetree schließlich den Mut aufbrachte, mit ihr zu sprechen, war Violetta überrascht. Er war anders als die anderen Marines - ruhig, zu‐ rückhaltend und fast schüchtern. Im Gegensatz zu seinen oft rüpelhaften Kollegen schien er echtes Interesse an ihren Gedanken und Erfahrungen zu haben. Mit der Zeit wurden ihre kurzen Begegnungen zu längeren Gesprächen, und Violetta erkannte in ihm eine Verletzlichkeit, die sie auf eine Weise berührte, die sie selbst kaum verstand. 340 Die Strategie des KGB war klar: Violetta sollte eine emotionale Bindung zu Lonetree aufbauen und ihn schrittweise näher an sich heranführen. Es ging nicht um eine aggressive Verführung, sondern um einen langsamen, gezielten Prozess, der auf Vertrauen und Intimität basieren sollte. Sie dokumentierte alles - seinen Hintergrund, seine inneren Kämpfe und die Einsamkeit, die er ihr in stillen Momenten anvertraute. 341 Niemand hatte erwartet, dass Violetta tatsächlich Gefühle für Clayton entwickeln würde. Doch genau das war geschehen. Aus einem ursprünglich klar definierten Auftrag wurde etwas weit Persönlicheres. Während ihre Beziehung intensiver wurde, geriet sie in einen Konflikt zwischen zwei Welten - den Erwartungen ihrer KGB-Führungsoffiziere und den wachsen‐ den Gefühlen für den Mann, den sie eigentlich manipulieren sollte. 342 5.3.2 Die Einführung von Onkel Sasha Kurz nachdem sich die Beziehung zwischen Violetta und Lonetree vertieft hatte, stellte sie ihm einen Mann vor, den sie als Onkel Sasha bezeichnete. Später stellte sich heraus, dass es sich um Alexei Yefimov handelte, ein 160 5 Kapitel | In der Honigfalle gefangen - Der Fall Clayton Lonetree <?page no="161"?> 343 Barker, 1996: 225-227; Earley, 1988 344 Earley, 1988 345 Earley, 1988 346 Barker, 1996: 225-227; Earley, 1988; United States Court of Military Appeals 1992 hochrangiges Mitglied der Kommunistischen Partei und ein KGB-Agent. Violetta beschrieb ihn jedoch nur als gut vernetzten Anwalt mit großem Interesse an der amerikanischen Kultur. Der freundliche und zugängliche Onkel Sasha machte auf Lonetree den Eindruck eines Mannes mit echter Neugier auf die Welt außerhalb der Sowjetunion. Lonetree fühlte sich in seiner Gegenwart schnell wohl und ließ sich auf ungezwungene Gespräche über das Leben in Amerika, die Geschichte der amerikanischen Ureinwoh‐ ner und den Zweiten Weltkrieg ein. Anfangs wirkten diese Unterhaltungen harmlos - nicht mehr als ein freundlicher Austausch bei Spaziergängen durch Moskaus Parks. 343 Doch mit der Zeit erkannte Lonetree, dass Sasha für ihn mehr als nur ein neugieriger Bekannter war. Eines Tages zog Sasha eine Liste mit Fragen hervor und erklärte, dass ein hochrangiger Beamter der Kommunistischen Partei sie vorbereitet habe. Die Fragen waren zunächst unverfänglich - sie drehten sich um das Leben in der Botschaft, Sicherheitsroutinen und den Alltag der Marines. Doch Lonetree gab später zu, dass ihm in diesem Moment klar wurde, dass Sasha zweifellos ein KGB-Agent war. 344 Trotz dieser Erkenntnis meldete Lonetree seine Treffen mit Sasha nicht. Er fürchtete, dass eine Meldung Violetta in Gefahr bringen könnte. Zudem hatte das Marine Corps strenge Vorschriften für den Kontakt mit sowjeti‐ schen Bürgern, und er wusste, dass das Bekanntwerden seiner Beziehung zu Violetta ihr abruptes Ende bedeuten würde. Gefangen in diesem Dilemma entschied er sich, zu schweigen. 345 Erste Übergabe geheimer Informationen Zunächst schienen die von Sasha erbetenen Informationen unbedeutend zu sein. Er fragte nach grundlegenden Botschaftsprotokollen und belanglosen Details - nichts, was einen tatsächlichen nachrichtendienstlichen Wert zu haben schien. Ermutigt durch Sashas warmherzige und beruhigende Art, sah Lonetree in der Zusammenarbeit kein Problem. Er begründete dies damit, dass die Informationen harmlos gewesen seien und dass er Violetta vor Schaden habe bewahren können, wenn er sich weiterhin mit Sasha treffe. 346 5.3 Die Honigfalle 161 <?page no="162"?> 347 Barker, 1996: 225-227; Earley, 1988; United States Court of Military Appeals 1992 348 Barker, 1996: 225-227; Earley, 1988; United States Court of Military Appeals 1992 349 Barker, 1996: 225-227; Earley, 1988; United States Court of Military Appeals 1992 350 Barker, 1996: 225-227; Earley, 1988; United States Court of Military Appeals 1992 Doch die Fragen wurden zunehmend verfänglich. Sasha fragte nach Grundrissen, Sicherheitsmaßnahmen und der Zuteilung der Büros an Bot‐ schaftsmitarbeiter. Clayton gab weiterhin Auskunft, wobei er sich oft ein‐ redete, dass der KGB diese Details wahrscheinlich bereits kannte. Bis zum Endes seines Einsatzes in Moskau hatte Lonetree Sasha bereits mehrere Monate lang getroffen und ihm eine große Menge an Informationen gege‐ ben. Vieles davon schien trivial zu sein, aber manches überschritt die Grenze zur Geheimhaltung. 347 Fortsetzung der Spionagetätigkeit Als Lonetree an die US-Botschaft in Wien versetzt wurde, hoffte er, seine Geschichte mit dem KGB hinter sich lassen zu können. Doch kaum hatte er sich eingelebt, tauchte Onkel Sasha wieder auf - mit Fotos und Briefen von Violetta. Der KGB-Agent versprach, ein geheimes Treffen zwischen Violetta und Lonetree in Moskau zu arrangieren, sofern er weiterhin kooperierte. Das Angebot war unwiderstehlich. Lonetree war immer noch in Violetta verliebt und wollte sie um jeden Preis wiedersehen. 348 Sashas Ersuchen in Wien folgte demselben Muster wie zuvor - zunächst harmlose Bitten. Er forderte ein altes Telefonbuch der Botschaft an, das Lonetree ihm ohne Bedenken übergab. Als Gegenleistung erhielt er 1.800 Dollar und die Anregung, etwas Besonderes für Violetta zu kaufen. Der leichte Erfolg ermutigte Sasha, seine Forderungen zu steigern. Bald ver‐ langte er Grundrisse der US-Botschaft in Wien, die Lonetree ihm ohne Zögern aushändigte. Auch dafür erhielt er erneut 1.800 Dollar. 349 Das eigentliche Ziel des KGB wurde jedoch bald offensichtlich: Sie wollten Fotos von Botschaftsmitarbeitern, bei denen die Vermutung bestand, dass sie für die CIA arbeiteten. Sasha versprach, Lonetree für ein Wiedersehen mit Violetta nach Moskau zu schmuggeln, wenn er diese Bilder liefern würde. Lonetree ließ sich darauf ein und übergab mehrere Fotos. Sashas Reaktion ließ keinen Zweifel - er war zufrieden, lobte Claytons Loyalität und versicherte ihm, dass seine Kooperation die Zukunft zwischen ihm und Violetta sichern würde. 350 162 5 Kapitel | In der Honigfalle gefangen - Der Fall Clayton Lonetree <?page no="163"?> 351 Barker, 1996: 226-228; Earley, 1988 352 Barker, 1996: 226-228 353 Barker, 1996: 225-228; Earley, 1988 Sasha nutzte geschickt Claytons Verletzlichkeit aus, indem er ihm das Gefühl gab, Teil von etwas Größerem zu sein - eines Netzwerks von Gleichgesinnten, die an ihre Mission glaubten. Gleichzeitig bot er ihm eine Möglichkeit, seine Zweifel zu zerstreuen und sein Handeln zu rechtfertigen. Andere hätten bereits denselben Weg eingeschlagen, versicherte Sasha, und seien dabei erfolgreich gewesen. Alles, was Clayton tun musste, war Vertrauen zu zeigen und den nächsten Schritt zu wagen. 351 Bei ihrem letzten Treffen stellte Sasha Lonetree einem weiteren KGB-Agenten vor - Yuri Lysov. Gemeinsam machten die beiden Agenten ihm unmissverständlich klar, dass nun der Zeitpunkt für eine formelle Spionageausbildung gekommen sei. Diese sollte während einer geheimen Reise nach Moskau stattfinden, bei der Lonetree auch wieder mit Violetta zusammenkommen würde. Doch die Entscheidung der KGB-Agenten dies zu fordern, beruhte auf eine Fehleinschätzung. So sehr Lonetree Violetta wiedersehen wollte, brachte ihn die Aussicht, KGB-Agent zu werden, in ein unauflösbares moralisches Dilemma. 352 Lonetree stellt sich Lonetree fühlte sich gefangen. Einerseits fürchtete er, dass jede Weigerung, Sashas und Lysovs Forderungen nachzukommen, Violetta in ernsthafte Gefahr bringen könnte, andererseits wollte er die Ausbildung zum Spion nicht antreten. Der Druck begann, ihn zunehmend zu belasten. Sein Alko‐ holkonsum stieg und er wirkte immer mehr verstört. Sein Vorgesetzter in Wien bemerkte die Veränderungen und erinnerte sich später daran, dass Clayton emotional instabil wirkte und weinte, als er seinen Posten als Gruppenführer verlor. Doch obwohl Lonetree zunehmend Anzeichen von Belastung zeigte, erkannte sein Vorgesetzter nicht, dass er bereits zu einem Sicherheitsrisiko geworden war. 353 Ende 1986 wurde der Druck unerträglich. Das einst aufregende Spiel der Geheimdienste hatte sich in ein emotionales Gefängnis verwandelt. Claytons Alkoholkonsum geriet außer Kontrolle, und die ständige Angst vor Entdeckung lastete schwer auf ihm. Vor allem aber nagten Schuldgefühle an ihm, während ihn die Überzeugung quälte, dass Violetta die Konsequenzen 5.3 Die Honigfalle 163 <?page no="164"?> 354 Barker, 1996: 225-228; Earley, 1988; United States Court of Military Appeals 1992 355 Earley, 1988 356 Earley, 1988 357 Earley, 1988 358 Earley, 1988 tragen müsste, wenn er den Anweisungen seiner KGB-Kontakte nicht mehr folgte. 354 Am 14. Dezember 1986, während einer Weihnachtsfeier in der Residenz des US-Botschafters in Wien, traf Lonetree schließlich eine folgenschwere Entscheidung. Er wandte sich an den anwesenden Leiter der CIA-Station und teilte diesem mit, dass er in Schwierigkeiten stecke und reden müsse. 355 Lonetree hatte das Interesse des CIA-Leiters geweckt. Obwohl Lonet‐ rees Geständnis verblüffend war, kam es nicht völlig unerwartet. Sein KGB-Kontakt, Onkel Sasha (Alexei Yefimov), war dem US-Geheimdienst als hochrangiges Mitglied der Kommunistischen Partei bekannt, das sowohl mit dem KGB als auch mit dem amerikanischen Geheimdienst in Verbindung stand. 356 Die CIA-Beamten, die später mit dem Fall betraut wurden, ermutigten Lonetree zum Gespräch und versprachen ihm absolute Vertraulichkeit. In den nächsten Tagen gab Lonetree alles preis - seine Beziehung zu Violetta, seine Treffen mit Sasha und die Informationen, die er dem KGB in Moskau und Wien geliefert hatte. 357 Die CIA erwog zunächst, Lonetree als möglichen Doppelagenten einzu‐ setzen, verwarf diese Idee jedoch, da sie ihn für unzuverlässig und instabil hielt. Daraufhin wurde Lonetree verhaftet und angeklagt. Am 13. August 1987 befand eine Jury ihn der Spionage, der Verschwörung und der Nicht‐ meldung von Kontakten mit sowjetischen Agenten für schuldig. Er wurde zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt, seines Ranges enthoben und unehrenhaft aus dem Marine Corps entlassen. Später wurde seine Strafe jedoch auf 25 Jahre reduziert, und schließlich kam er nach neun Jahren vorzeitig frei. 358 164 5 Kapitel | In der Honigfalle gefangen - Der Fall Clayton Lonetree <?page no="165"?> 5.4 Fünf Faktoren im Fall Lonetree Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Wie emotionale Verwundbarkeit, Isolation und Biografie als Auslö‐ ser zusammenwirken. ● Wie Motive durch emotionale Abhängigkeit und mangelnde Stabi‐ lität entstehen. ● Wie fehlende Aufsicht und Sensibilisierung organisatorische Schwachstellen schaffen. ● Wie Marktchancen auch emotionale und psychologische Bedürf‐ nisse ansprechen können. ● Wie enthemmende Faktoren das Urteilsvermögen trüben und Hand‐ lungen begünstigen. Clayton Lonetrees Fall ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie emotio‐ nale Verwundbarkeit, persönliche Unsicherheiten und organisatorische Schwachstellen zusammenwirken können, um einen Insider zur Spionage zu treiben. Sein Verrat war weder das Ergebnis ideologischer Überzeugungen noch finanzieller Gier, sondern ein schrittweiser Prozess, der durch seine tief verwurzelte Sehnsucht nach Anerkennung und Zugehörigkeit vorangetrie‐ ben wurde. In einer Umgebung, die von Isolation und psychischem Druck geprägt war, bot ihm seine Beziehung zu Violetta Seina eine emotionale Rettung - eine Verbindung, die der KGB gezielt nutzte, um ihn zu manipulieren. Doch Lonetrees Geschichte ist nicht nur die eines Mannes, der seine Loyalität verlor. Sie zeigt auch, wie strukturelle Sicherheitsmängel es ermöglichten, dass ein emotional instabiler Marinesoldat unentdeckt sensible Informatio‐ nen preisgab. Die folgenden Abschnitte analysieren die psychologischen, die situativen und die organisatorischen Faktoren, die zu seinem Verrat führten, und beleuchten die Mechanismen, die es dem KGB ermöglichten, Lonetree in ein Netz aus emotionaler Abhängigkeit und geheimdienstlicher Einflussnahme zu verstricken. 5.4 Fünf Faktoren im Fall Lonetree 165 <?page no="166"?> 359 Barker, 1996: 111 & 117; Earley, 1988 360 Barker, 1996: 111 & 117; Earley, 1988 5.4.1 Auslöser Die Ursachen für Clayton Lonetrees Handlungen lassen sich nicht ohne die Berücksichtigung seiner Prädispositionen verstehen, die seine Wahrneh‐ mung der Umstände und seine Erfahrungen maßgeblich beeinflussten. Sein frühes Leben war geprägt von emotionaler Instabilität, innerer Distanz und einem tiefen Bedürfnis nach Liebe, Bestätigung und Zugehörigkeit. Diese grundlegende Verletzlichkeit machte ihn anfällig für äußere Einflüsse, ins‐ besondere in Umfeldern, die seine Gefühle von Isolation und emotionalem Mangel verstärkten. Prädispositionen Lonetrees Kindheit war von emotionalen Erschütterungen geprägt. Die Scheidung seiner Eltern und die damit verbundene Instabilität hinterließen tiefe Spuren. Die frühe Trennung von seinem Vater führte zu einem ausge‐ prägten Gefühl der Entwurzelung, das auch nach der Wiedervereinigung mit dem Vater nicht verschwand. Trotz der erneuten Nähe blieb Lonetree mit unerfüllten emotionalen Bedürfnissen zurück. Ihm fehlte die Sicherheit bedingungsloser Liebe und Zugehörigkeit, sodass er auf jede Form von Zuneigung besonders empfänglich reagierte. Die emotionale Entbehrung seiner prägenden Jahre weckte in ihm eine tiefe Sehnsucht nach Bindung. Ohne stabile, nährende Beziehungen wurde er anfällig für die Suche nach Liebe und Bestätigung, wo immer diese ihm begegneten. Dieser innere Hunger nach Akzeptanz und Nähe blieb bis ins Erwachsenenalter bestehen, prägte seine zwischenmenschlichen Beziehungen und machte ihn empfäng‐ lich für äußere Einflüsse. 359 Lonetrees Selbstwertgefühl hing stark von äußerer Anerkennung ab, während ihm eine innere Widerstandskraft fehlte. Menschen, die ihm Freundlichkeit, Wärme und Aufmerksamkeit entgegenbrachten, hatten gro‐ ßen Einfluss auf ihn, da er in seiner frühen Entwicklung wenig davon erfahren hatte. Diese Abhängigkeit von externer Bestätigung machte ihn emotional formbar, insbesondere in engen Beziehungen. 360 166 5 Kapitel | In der Honigfalle gefangen - Der Fall Clayton Lonetree <?page no="167"?> 361 Earley, 1988 362 Earley, 1988 363 Earley, 1988 Situation Lonetrees Einsatz in Moskau als Wachsoldat verstärkte die emotionale Leere, die ihn seit seiner Kindheit begleitete. Die strengen Bedingungen in der US-Botschaft, geprägt durch die allgegenwärtige Bedrohung der KGB-Überwachung, schufen ein isolierendes Umfeld. Anders als an anderen Standorten, wo Marines Zugang zu sozialen Kontakten und strukturier‐ ter Unterstützung hatten, bot Moskau kaum Möglichkeiten für zwischen‐ menschlichen Austausch. Der Umgang mit Einheimischen war verboten, was das Gefühl verstärkte, von bedeutsamen Beziehungen abgeschnitten zu sein. Zudem verstärkte die organisatorische Trennung zwischen Marines und Botschaftspersonal die Isolation. Die Diplomaten und Zivilisten der Botschaft bewegten sich in anderen sozialen Kreisen und genossen Privile‐ gien, die den Marines verwehrt blieben. Diese ungleiche Behandlung und die distanzierte Haltung innerhalb der Botschaft führten dazu, dass sich die Marines nicht als Teil der Gemeinschaft fühlten, sondern als außenstehende Sicherheitskräfte ohne echte soziale Anbindung. 361 In diesem Umfeld wurde seine Beziehung zu Violetta Seina zu einer emotionalen Rettung. Die sowjetische Botschaftsangestellte gab ihm die Aufmerksamkeit und Bestätigung, nach der er sich sehnte. Zum ersten Mal fühlte er sich geschätzt und umsorgt, was seine emotionale Abhängigkeit verstärkte. Die Heimlichkeit ihrer Beziehung verlieh ihr zusätzliche Inten‐ sität und ließ sie noch bedeutsamer erscheinen. Sie war nicht nur eine romantische Partnerin, sondern wurde zu seiner einzigen Quelle von Wärme und Zugehörigkeit in einer ansonsten kalten und isolierenden Welt. 362 Mit der Zeit vertiefte sich Lonetrees Abhängigkeit. Sein Urteilsvermö‐ gen wurde zunehmend getrübt, je mehr er in die Beziehung zu Violetta investierte. Die emotionale Leere, die ihn ein Leben lang begleitet hatte, schien plötzlich ausgefüllt, wodurch eine Bindung entstand, die sich nur schwer lösen ließ. Der KGB erkannte diese Schwachstelle und nutzte sie gezielt aus, indem er eine persönliche Beziehung in eine strategisch gelenkte Manipulation verwandelte. 363 5.4 Fünf Faktoren im Fall Lonetree 167 <?page no="168"?> 364 Barker, 1996: 111 & 117; Earley, 1988 365 Barker, 1996: 82-86; Earley, 1988 Auslösender Effekt Lonetrees Spionagetätigkeit wurde nicht durch ideologische Überzeugun‐ gen oder finanzielle Anreize motiviert, sondern durch die emotionalen Herausforderungen, die aus seinen Lebensumständen resultierten. Sein tief verwurzeltes Bedürfnis nach Liebe und Anerkennung, kombiniert mit der extremen Isolation seines Moskauer Postens, machte ihn besonders anfällig für Manipulation. Der KGB erkannte seine emotionale Abhängigkeit von Violetta und nutzte diese gezielt aus. Anders als in Fällen, in denen Spionage durch finanzielle Belohnungen oder ideologische Überzeugung beginnt, war Lonetrees Verrat das Ergebnis seiner emotionalen Verwundbarkeit. Die Situation verstärkte tief sitzende Ängste vor Verlassenheit und Ablehnung und führte zu einer inneren Krise, die ihn zunehmend empfänglich für äußeren Einfluss machte. 364 5.4.2 Motive Lonetrees Entscheidung, sein Land zu verraten, war kein plötzlicher, ratio‐ naler Entschluss, sondern das Ergebnis eines schrittweisen psychologischen Prozesses. Dieser bestand aus drei miteinander verknüpften Phasen: seiner Wahrnehmung der Situation, seiner emotionalen Reaktion darauf und seiner daraus resultierenden wachsenden Bereitschaft zu handeln. Aus dem verzweifelten Versuch seine emotionale Sicherheit zu bewahren, trug jede dieser Stufen zu seinem allmählichen Abgleiten in die Spionage bei. Beurteilung der Situation Von dem Moment an, als Lonetree Violetta Seina kennenlernte, beeinflusste seine Wahrnehmung der Beziehung seine Sicht auf die Realität. Anstatt Violetta als flüchtige Romanze oder potenzielles Risiko zu betrachten, sah er in ihr die Person, die ihm die Liebe und die Bestätigung gab, nach denen er sich immer gesehnt hatte. Seine Überzeugung, dass ihre Zuneigung echt war, wurde zum zentralen Element seiner Motivation. 365 Lonetree empfand Violettas Zuneigung als tief und aufrichtig. Zum ersten Mal fühlte er sich auf eine Weise wertgeschätzt, die er zuvor nie erlebt hatte. 168 5 Kapitel | In der Honigfalle gefangen - Der Fall Clayton Lonetree <?page no="169"?> 366 Barker, 1996: 85-86; Earley, 1988 367 Barker, 1996: 83-84; Earley, 1988 368 Earley, 1988 369 Barker, 1996: 87-88; Earley, 1988 Da er in der Vergangenheit emotional vernachlässigt und isoliert worden war, neigte er dazu, die Bedeutung dieser Liebe zu überschätzen. Sein tiefes Bedürfnis nach Verbundenheit ließ ihn nicht erkennen, dass er manipuliert wurde. Moskau stellte eine einsame und restriktive Umgebung dar, und die Marines wurden ausdrücklich davor gewarnt, sich mit Einheimischen einzulassen. Ohne emotionale Unterstützung sah Lonetree jedoch in Violetta seine einzige Quelle für Wärme, Stabilität und Zugehörigkeit. 366 Emotionale Reaktion Lonetrees positive Wahrnehmung der Beziehung rief eine intensive emotio‐ nale Reaktion hervor, die weitgehend unbewusst ablief und keiner kritischen Reflexion unterzogen wurde. Anstatt zu hinterfragen, ob er manipuliert wird, empfand er ein tiefes Gefühl der Erleichterung, des Glücks und der Erfüllung - Emotionen, die seine Bindung an die Beziehung weiter festigten und sein Engagement dafür verstärkten. 367 Bei Violetta fand Lonetree eine emotionale Sicherheit, die er zuvor kaum erlebt hatte. Die Freude darüber, geliebt und akzeptiert zu werden, überlagerte jede mögliche Skepsis. Sein neu gewonnenes Glück machte es ihm schwer, Manipulationen zu erkennen. Je tiefer sich seine Bindung zu Violetta entwickelte, desto größer wurde seine Angst, sie zu verlieren. 368 Handlungsbereitschaft Lonetrees intensive emotionale Reaktion löste einen starken Handlungs‐ drang aus, auch wenn er anfangs nicht wusste, in welche Richtung er sich bewegen würde. Sein verletzlicher Zustand machte ihn empfänglich für Beeinflussung und steigerte schrittweise seine Bereitschaft, kleine Kom‐ promisse einzugehen - ein Prozess, der mit der Zeit eskalierte. Um die Beziehung zu Violetta aufrechtzuerhalten, war er bereit, Risiken einzuge‐ hen. 369 Lonetree begann, Vorschriften zu umgehen, um Violetta zu sehen, und setzte sich über die Verbote der Botschaft hinweg. Seine Prioritäten verscho‐ 5.4 Fünf Faktoren im Fall Lonetree 169 <?page no="170"?> 370 Barker, 1996: 87-88; Earley, 1988 371 Earley, 1988; United States Court of Military Appeals 1992 372 Earley, 1988; United States Court of Military Appeals 1992 ben sich, und er stellte die Beziehung zunehmend über seine beruflichen Pflichten. Diese Verhaltensänderungen waren frühe Anzeichen für seine wachsende Bereitschaft, Regeln zu brechen. Als Violetta ihm ‚Onkel Sasha‘ vorstellte - einen KGB-Offizier -, erkannte Lonetree keine unmittelbare Gefahr. Sashas erste Bitten um scheinbar harmlose Informationen wirkten unbedeutend. 370 5.4.3 Organisatorische Schwachstellen Dass Clayton Lonetree die nationalen Sicherheitsinteressen der USA verra‐ ten konnte, lag nicht nur an seinen persönlichen Schwächen, sondern auch an schwerwiegenden Sicherheitsmängeln in der US-Botschaft in Moskau und später in Wien. Versäumnisse in der Personellen Sicherheit und der Informationssicherheit schufen ein Umfeld, in dem ein gefährdeter Marine unbemerkt agieren konnte. Die fehlende Aufsicht sowie die uneinheitliche Durchsetzung von Sicherheitsvorschriften ermöglichten es ihm, eine uner‐ laubte Beziehung aufzubauen und aufrechtzuerhalten - ein entscheidender Faktor, der schließlich zur Spionage führte. 371 Sicherheitslücken in der Personellen Sicherheit Die Sicherheitsmaßnahmen für das Personal der US-Botschaft in Moskau waren unzureichend, um gefährdete Mitarbeiter vor gezielter Ausbeutung zu schützen, insbesondere junge Marines wie Lonetree, denen es an Erfah‐ rung und Schulung fehlte, um sich gegen Anwerbungsversuche ausländi‐ scher Geheimdienste zu wehren. Die psychische Belastung der in Moskau stationierten Marines war allgemein bekannt, doch die Botschaftsleitung versäumte es, wirksame Unterstützungsmechanismen bereitzustellen. Iso‐ lation, Stress und Einsamkeit waren unter den Marines weit verbreitet und machten sie anfällig für Manipulationen. Es gab keine routinemäßigen psy‐ chologischen Screenings oder moralischen Unterstützungen, um frühzeitig Anzeichen emotionaler Abhängigkeit oder stressbedingter Verhaltensände‐ rungen zu erkennen. 372 170 5 Kapitel | In der Honigfalle gefangen - Der Fall Clayton Lonetree <?page no="171"?> 373 Barker, 1996: 79, 85, 87-88; Earley, 1988 374 Barker, 1996: 225-227; Earley, 1988; United States Court of Military Appeals 1992 375 Earley, 1988; United States Court of Military Appeals 1992 Obwohl Vorschriften vorsahen, dass sich Marines außerhalb der Botschaft nur in Begleitung bewegen durften, um das Sicherheitsrisiko zu minimieren, wurde diese Regel kaum durchgesetzt. Lonetree traf sich regelmäßig allein mit Violetta und nutzte das Fehlen von Kontrolle und Rechenschaftspflicht aus. Da die Führung nicht eingriff, konnte sich eine persönliche Beziehung ungehindert zu einer sicherheitsrelevanten Bedrohung entwickeln. 373 Schwachstellen in der Informationssicherheit Obwohl Lonetree keinen Zugang zu Verschlusssachen hatte, ermöglichte es ihm seine Rolle als Wachsoldat dennoch, die Aktivitäten innerhalb der Botschaft zu beobachten, sich Details einzuprägen und dem KGB wertvolle Informationen zu übermitteln. Lonetree hatte umfassende Kenntnisse über die physischen Sicherheitsmerkmale der Botschaft, darunter Grundrisse, Sicherheitskontrollpunkte und Zugangsverfahren. Er lieferte detaillierte Beschreibungen der Arbeitsabläufe des Personals, einschließlich der Identi‐ täten der CIA-Offiziere. Diese Informationen verschafften dem KGB einen erheblichen Vorteil bei der Überwachung und Unterwanderung amerikani‐ scher Geheimdienstoperationen. 374 Einer der gravierendsten Verstöße bestand darin, dass Lonetree dem KGB Fotos von CIA-Offizieren übergab, die der Botschaft zugeteilt waren. Diese Bilder gefährdeten die operative Sicherheit des US-Geheimdienstpersonals. Seine Weitergabe von Informationen begann mit scheinbar belanglosen Details, etwa über soziale Gewohnheiten und Abläufe innerhalb der Bot‐ schaft, entwickelte sich jedoch rasch zu sicherheitskritischen Enthüllun‐ gen. Da es an strengen Spionageabwehrmaßnahmen und systematischen Sicherheitsunterweisungen für das Marinepersonal mangelte, blieb seine allmähliche Kompromittierung unbemerkt. Hätte die Botschaft regelmäßige Überprüfungen der Kommunikation und des sozialen Umfelds der Marines durchgeführt, wären seine nicht autorisierten Kontakte möglicherweise frühzeitig aufgefallen und unterbunden worden. 375 5.4 Fünf Faktoren im Fall Lonetree 171 <?page no="172"?> 376 Barker, 1996: 225-227; Earley, 1988; United States Court of Military Appeals 1992 377 Barker, 1996: 225-227; Earley, 1988; United States Court of Military Appeals 1992 378 Barker, 1996: 225-227; Earley, 1988; United States Court of Military Appeals 1992 5.4.4 Marktchancen Spionage basiert auf dem Prinzip der Transaktion: Der Insider liefert wertvolle Informationen, während der Empfänger im Gegenzug Anreize bietet. In Lonetrees Fall war dieser Austausch jedoch nicht primär finanzi‐ eller Natur. Stattdessen wurde er durch emotionale und psychologische Belohnungen angetrieben, die für ihn letztlich bedeutender waren als jede materielle Entschädigung. Der KGB erkannte sein tiefes Bedürfnis nach Liebe, Zugehörigkeit und Anerkennung und nutzte diese Verwundbarkeit gezielt aus, um an Informationen zu gelangen, die für den sowjetischen Geheimdienst von großem Wert waren. 376 Lonetree war kein Geheimdienstoffizier, doch seine Position als Marine‐ wächter in der US-Botschaft in Moskau verschaffte ihm direkten Zugang zu sicherheitsrelevanten Informationen, darunter Sicherheitspläne, Personal‐ identitäten und Betriebsabläufe. Diese Details hatten für den sowjetischen Geheimdienst erheblichen strategischen Wert. Eine seiner folgenschwersten Handlungen war die Weitergabe von Fotos des in Moskau stationierten CIA-Personals, die es dem KGB ermöglichten, amerikanische Geheimdienst‐ mitarbeiter zu identifizieren und gezielt zu überwachen. 377 Diese Bilder, kombiniert mit Lonetrees Beschreibungen ihrer Aufgaben und Bewegungen, halfen dem KGB, seine Spionageabwehrmaßnahmen zu verfeinern, und stellten eine potenzielle Bedrohung für US-Interessen dar. Darüber hinaus ermöglichte sein Wissen über den inneren Aufbau der Botschaft sowie die Lage von Sicherheitskontrollpunkten und Sperrgebieten dem KGB wertvolle Einblicke in mögliche Infiltrations- und Überwachungs‐ möglichkeiten. Selbst vermeintlich belanglose Details über tägliche Abläufe, interne Interaktionen und Schwachstellen des Botschaftspersonals erwiesen sich als nützlich für die Identifizierung potenzieller Rekrutierungsziele. Obwohl Lonetree keinen direkten Zugang zu geheimen Dokumenten hatte, verschaffte sein Wissen über die internen Abläufe der Botschaft dem KGB eine Insiderperspektive auf die Strategien der amerikanischen Spionageab‐ wehr und trug damit erheblich zur Gefährdung der operativen Sicherheit bei. 378 Die Anreize des KGB waren gezielt auf Lonetrees persönliche Schwach‐ stellen abgestimmt, um seine anhaltende Kooperation zu sichern. Der 172 5 Kapitel | In der Honigfalle gefangen - Der Fall Clayton Lonetree <?page no="173"?> 379 Barker, 1996: 225-227; Earley, 1988; United States Court of Military Appeals 1992 380 Barker, 1996: 225-227; Earley, 1988; United States Court of Military Appeals 1992 381 Barker, 1996: 225-227; Earley, 1988; United States Court of Military Appeals 1992 stärkste Einflussfaktor war Violetta selbst - die Frau, die für ihn Liebe und Zugehörigkeit verkörperte, nach denen er sich sein Leben lang gesehnt hatte. Der KGB inszenierte ihre Rolle mit Bedacht, um sicherzustellen, dass Lonetree emotional gebunden blieb. Selbst nach seiner Versetzung nach Wien hielt Onkel Sasha die Verbindung aufrecht, indem dieser ihm Briefe und Fotos von Violetta gab. Dies verstärkte Lonetrees emotionale Abhängigkeit und nährte die Überzeugung, dass seine weitere Kooperation notwendig sei, um Violetta in seinem Leben zu behalten. 379 Auch die psychologische Bestätigung spielte eine entscheidende Rolle. Der KGB gab ihm das Gefühl, mehr als nur ein einfacher Marinesoldat zu sein, indem er ihn als Insider behandelte und ihm Schmeicheleien und Anerkennung zukommen ließ. Diese Art der Wertschätzung bedeutete ihm weit mehr als materielle Entlohnung. Tatsächlich war die finanzielle Ent‐ schädigung minimal - während seiner gesamten Spionagetätigkeit erhielt er lediglich 3.600 Dollar. Dieses Geld hatte eher symbolischen Charakter und diente weniger als Hauptanreiz denn als Verstärkung seiner Rolle. Doch selbst diese vergleichsweise geringe Summe markierte einen entschei‐ denden Wendepunkt: Die Annahme von Geld von einem ausländischen Geheimdienst hatte schwerwiegende Konsequenzen und machte ein Zu‐ rückweichen immer schwieriger. 380 Auf dem Höhepunkt seiner Spionagetätigkeit glaubte Lonetree, dass seine Kooperation ihm eine stabile Zukunft mit Violetta sichern würde. Der KGB nährte diese Illusion gezielt und ließ ihn glauben, dass seine weiteren Spionagehandlungen ein notwendiger Schritt auf dem Weg zu diesem Ziel seien. 381 5.4.5 Enthemmende Faktoren Die Entscheidung, Spionage zu betreiben, erfordert mehr als bloße Motiva‐ tion - sie setzt auch voraus, dass eine Person innere Hemmungen überwin‐ det, die sie normalerweise davon abhalten würden, ethische, rechtliche oder berufliche Grenzen zu überschreiten. Diese Hemmschwellen können durch 5.4 Fünf Faktoren im Fall Lonetree 173 <?page no="174"?> 382 Danesy, 2024: 185-186 383 Barker, 1996: 225-227; Earley, 1988 Persönlichkeitsmerkmale, psychische Störungen, Substanzmissbrauch oder extreme emotionale Zustände verringert werden. 382 Persönlichkeitsmerkmale Lonetree zeichnete sich durch hohe Verträglichkeit im sozialen Verhalten und Gewissenhaftigkeit im Sinne der fünf großen Persönlichkeitsfaktoren (‚Big Five‘) aus - Eigenschaften, die ihn loyal, pflichtbewusst und darauf bedacht machten, anderen zu gefallen. Während diese Merkmale ihm in seiner Rolle als Marine zugutekamen, machten sie ihn auch anfällig für Manipulation. Sein starkes Bedürfnis nach Liebe und Anerkennung schwächte seine Widerstandsfähigkeit, da er bereit war, große persönliche Opfer zu bringen, um Beziehungen aufrechtzuerhalten. Diese Anfälligkeit verringerte seine Fähigkeit, sich gegen Einflussnahme zu wehren, und erleichterte es dem KGB, ihn schrittweise in eine Haltung der Nachgiebigkeit zu drängen. 383 Psychische Störungen Im Gegensatz zu anderen Insider-Spionen gibt es keine Hinweise darauf, dass Lonetree an einer diagnostizierbaren psychischen Störung wie Narziss‐ mus, Psychopathie oder bipolarer Störung litt. Er zeigte keine Grandiosität, keine Anspruchshaltung und kein mangelndes Einfühlungsvermögen, wie sie bei narzisstischen oder psychopathischen Spionen häufig vorkommen. Er zeigte auch keine manische Impulsivität oder extreme Stimmungsschwan‐ kungen, die auf eine bipolare Störung hindeuten könnten. Seine Entschei‐ dungen waren eher gefühlsgesteuert als kalkuliert - er schien die Spionage nicht aus Gründen der Macht, der Dominanz oder des materiellen Vorteils zu betreiben. Seine Schwachstellen waren eher situativ und emotional bedingt, als dass sie auf eine zugrundeliegende Persönlichkeitsstörung zurückgingen. Substanzmissbrauch Zwar spielte Alkoholmissbrauch in der Anfangsphase seiner Spionagetätig‐ keit keine wesentliche Rolle als enthemmender Faktor, doch sein zunehmen‐ 174 5 Kapitel | In der Honigfalle gefangen - Der Fall Clayton Lonetree <?page no="175"?> 384 Barker, 1996: 225-228; Earley, 1988 385 Barker, 1996: 225-227; Earley, 1988; United States Court of Military Appeals 1992 der Konsum in den späteren Phasen könnte dazu beigetragen haben, dass seine Fähigkeit, klar zu denken und dem Druck des KGB zu widerstehen, nachließ. Berichten zufolge trank er während seiner Spionagetätigkeit mehr, insbesondere als Onkel Sashas Forderungen in Wien eskalierten. Alkohol diente ihm vermutlich als Bewältigungsmechanismus, um Schuldgefühle, Stress und innere Konflikte zu betäuben. 384 Starke Emotionen Der entscheidende enthemmende Faktor in Lonetrees Fall war zunächst seine Liebe zu Violetta. Ihre Aufmerksamkeit und Zuneigung gaben ihm das Gefühl, endlich die emotionale Nähe und Anerkennung zu erfahren, nach denen er sich sein ganzes Leben gesehnt hatte. Bereits in der frühen Phase machte ihn seine tiefe Verbundenheit zu ihr blind für die Risiken ihrer Beziehung. Die emotionale Erfüllung, die sie ihm bot, ließ seine Bedenken verblassen, und er begann, Sicherheitsvorschriften zu missachten, um mehr Zeit mit ihr verbringen zu können. Seine Prioritäten verschoben sich - nicht aus bewusster Missachtung seiner Pflichten, sondern aus dem starken Bedürfnis heraus, die Beziehung aufrechtzuerhalten. In diesem Stadium war es seine Liebe, die ihn dazu brachte, Grenzen zu überschreiten. 385 Doch mit der Zeit wandelte sich diese Liebe in Angst. Als der KGB seine Forderungen erhöhte, wurde Lonetree bewusst, dass seine Beziehung zu Violetta nicht nur eine persönliche Angelegenheit war, sondern ein Werkzeug in einem größeren Spiel. Er begann zu fürchten, dass sie in Gefahr geraten könnte, sollte er sich den Erwartungen des KGB widersetzen. Die Vorstellung, sie zu verlieren - sei es durch direkte Konsequenzen oder durch die Kontrolle des KGB - wurde zu einem dominierenden Faktor in seiner Entscheidungsfindung. Je tiefer er in die Spionage verstrickt wurde, desto stärker wich die anfängliche Euphorie einer stetigen Angst vor den Konsequenzen seines Handelns. Schließlich war es nicht mehr nur seine Liebe zu Violetta, die ihn trieb, sondern auch die Überzeugung, dass seine Kooperation notwendig sei, um Violetta zu schützen, sowie die Angst davor, was geschehen könnte, wenn er nicht weiter kooperierte. Damit war seine Selbstkontrolle vollständig kompromittiert. Die Kontrolle seiner Handlungen war vollständig in die Hände des KGB übergegangen, 5.4 Fünf Faktoren im Fall Lonetree 175 <?page no="176"?> 386 Barker, 1996: 225-227; Earley, 1988; United States Court of Military Appeals 1992 bis dieser mit der überzogenen Forderung Lonetree überforderte und das Gleichgewicht in der Austauschbeziehung damit gestört hat. 386 176 5 Kapitel | In der Honigfalle gefangen - Der Fall Clayton Lonetree <?page no="177"?> 6 Kapitel | Ein Coup für den CIA - Der Fall Sergej Tretyakov ➲ eLearning-Kurs Nutzen Sie den QR-Code oder den Link, um zu dem Kurs zu gelangen: 🔗 https: / / narr.kwaest.io/ s/ 1387 Ein fundiertes Verständnis der Insider-Spionage setzt voraus, sich mit höchst unterschiedlichen Fällen zu befassen - unabhängig davon, gegen welchen Staat oder welche Organisation sich der Verrat richtete. Spionage ist kein Phänomen, das sich ausschließlich auf eine bestimmte Ideologie, Loyalität oder ein politisches System beschränkt - sie kann in jedem Kontext auftreten. Sie folgt wiederkehrenden Mustern, die aus dem Zusam‐ menspiel psychologischer und situativer Faktoren entstehen. Jeder Fall von Insider-Spionage, ob gegen Staaten, Unternehmen oder andere Institutionen gerichtet, unabhängig vom politischen Kontext, der Art des Verrats oder den dahinterstehenden Motiven, liefert wertvolle Einblicke in die Mechanismen, die Individuen dazu bewegen, Spionage zu begehen. So gesehen bietet der Fall Sergej Tretyakov wertvolle Einblicke, obwohl sich seine Spionagetätigkeit gegen Russland und nicht gegen den Westen richtete. Seine Handlungen waren von systemkritischen Überzeugungen geprägt und weisen insofern auch Parallelen zu weiteren bekannten Fällen politisch motivierter Insider-Spionage auf. Veröffentlichten Informationen zufolge standen die betreffenden Personen ihrer Regierung kritisch gegen‐ über und pflegten politische Sympathien sowohl für die AfD als auch für Russland, was sich in entsprechenden Äußerungen und Verhaltensweisen niedergeschlagen haben soll. Ihre politische Haltung soll eine wesentliche Rolle bei ihrer Entscheidung gespielt haben, sich gegen den eigenen Staat zu wenden. Während diese Fälle ebenfalls wertvolle Einblicke in die politisch motivierte Insider-Spionage liefern könnten, ist die Datenlage im Vergleich zum Fall Tretyakov jedoch deutlich begrenzt. Um die Mechanismen und <?page no="178"?> 387 Götschenberg, 2023a; Götschenberg, 2023b; Hoffer, 2022; Mascolo, 2023; Seliger, 2023; Stark, 2023; Zeit Online, 2023 388 Earley, 2007: 2-4 Dynamiken dieser Art von Spionage umfassender zu verstehen, bietet sich daher eine eingehende Analyse des Tretyakov-Falls an. 387 Sergej Tretyakov war einer der ranghöchsten russischen Geheimdienst‐ offiziere, die nach dem Kalten Krieg in die Vereinigten Staaten überliefen. Über Jahre hinweg widmete er sich der Spionage und stieg sowohl im KGB als auch in dessen Nachfolgeorganisation, dem Auslandsgeheimdienst SVR, auf. Seine Karriere war geprägt von strategischem Geschick und operativem Erfolg, nahm jedoch eine unerwartete Wendung, als er sich entschied, die Seiten zu wechseln. Mit seinem Übertritt verschaffte er den USA wertvolle Einblicke in russische Geheimdienstoperationen und wurde zu einer der bedeutendsten Quellen der amerikanischen Spionageabwehr. 388 6.1 Persönlicher Hintergrund Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Familiäre Prägungen und politische Sozialisierung als Einflussfak‐ toren auf Loyalität. ● Innere Wertekonflikte zwischen Systemtreue und persönlicher Überzeugung. ● Elitäre Netzwerke und Bildungssysteme als Rekrutierungsumfeld. ● Frühe Bewährungsproben als mögliche Indikatoren späterer Spio‐ nagetätigkeit. ● Persönliche Beziehungen als stabilisierende oder destabilisierende Faktoren. Sergej Olegowitsch Tretyakov wurde am 5. Oktober 1956 in Moskau in eine Familie hineingeboren, die tief mit dem Sicherheitsapparat der Sowjetunion verwoben war. Seine Großmutter mütterlicherseits, Lyubov Ionina, arbeitete im Volkskommissariat für innere Angelegenheiten (NKWD) unter Lavrenty Beria, Stalins gefürchtetem Geheimpolizeichef. Sie vermittelte ihrer Familie ein tiefes Bewusstsein für die Macht des KGB sowie die Notwendigkeit von Schweigen und Gehorsam im stalinistischen Russland. Tretyakovs Mutter, 178 6 Kapitel | Ein Coup für den CIA - Der Fall Sergej Tretyakov <?page no="179"?> 389 Earley, 2007: 25 390 Earley, 2007: 26-27 391 Earley, 2007: 29 392 Earley, 2007: 33 Revmira, trat in ihre Fußstapfen und arbeitete im Finanzbüro des KGB, wo sie regelmäßig mit hochrangigen Geheimdienstoffizieren im exklusiven Club Lubjanka verkehrte. 389 Sergejs Vater, Oleg Tretyakov, entstammte einer gefallenen aristokrati‐ schen Familie. Obwohl er der Kommunistischen Partei loyal gegenüber‐ stand, betrachtete er das sowjetische System mit Zynismus. Nach seinem Einsatz im Zweiten Weltkrieg begann er eine Karriere in der Kernforschung, bevor er als Handelsvertreter der Sowjetunion in den Iran entsandt wurde. Dort entwickelte er eine Vorliebe für Jazz und Hollywoodfilme und lehnte im Privaten die sowjetische Propaganda offen ab. Sergej wuchs mit westlicher Kultur auf - ein Widerspruch zu seinem tief verwurzelten sowjetischen Patriotismus, der später in ihm einen inneren Konflikt auslösen sollte. 390 Mit neun Jahren wurde Sergej nach Moskau zurückgeschickt, um seine Schulausbildung fortzusetzen. Zunächst wurde er von seinen Mitschülern schikaniert, doch er lernte schnell, sich mit Gewalt zu widersetzen, und erwarb damit bei Gleichaltrigen Respekt. Schließlich setzte seine Mutter seine Versetzung an eine angesehene Akademie für die sowjetische Elite durch. Dort machte er eine prägende Erfahrung: Beziehungen bedeuten alles. Die Kinder der Nomenklatura der Kommunistischen Partei mussten kaum Konsequenzen für ihr Handeln fürchten. Zwar war Sergej akademisch begabt, doch er bevorzugte es, sich mit Mädchen zu befassen, wodurch er gelegentlich in Schwierigkeiten geriet. 391 Nach seinem Schulabschluss wurde Tretyakov am Moskauer Institut für Fremdsprachen aufgenommen, ohne zu wissen, dass dieses insgeheim vom KGB finanziert wurde. Dies markierte den Beginn seiner stillen Rekru‐ tierung durch den sowjetischen Geheimdienst. Sein durchsetzungsstarkes Wesen, seine Erziehung in der Elite der Gesellschaft und seine engen fami‐ liären Verbindungen zum KGB machten ihn zu einem idealen Kandidaten für eine nachrichtendienstliche Laufbahn - ein Weg, der ihn schließlich als SVR-Offizier nach New York führen sollte. 392 Mit neunzehn Jahren fiel es Tretyakov schwer, sich auf sein Studium zu konzentrieren. Er verbrachte mehr Zeit mit sozialen Kontakten als mit akademischen Verpflichtungen. Seine Mutter Revmira war überzeugt, dass 6.1 Persönlicher Hintergrund 179 <?page no="180"?> 393 Earley, 2007: 32-34 394 Earley, 2007: 34 395 Earley, 2007: 35 ihm eine Ehe Stabilität verleihen würde. Sie arrangierte seine Hochzeit mit Helen Mikhaylovna, einer intelligenten und disziplinierten Studentin aus einer angesehenen Familie. Helens Vater hatte im Zweiten Weltkrieg gekämpft, ihre Mutter war eine gut vernetzte Gesellschaftsdame. Die Ehe wurde über ein Telefongespräch zwischen den Großmüttern vereinbart. Um die Stabilität ihrer Beziehung zu testen, beschloss das Paar jedoch, vorerst auf Kinder zu verzichten. 393 Kurz nach der Hochzeit wurde Tretyakov unerwartet vom KGB kon‐ taktiert. Bei einem geheimen Treffen im Hotel Tsentralnaya wurde ihm mitgeteilt, dass er bereits seit einiger Zeit beobachtet werde und nun für eine Rekrutierung infrage komme. Der Offizier machte ihm unmissverständlich klar, dass der Eintritt in den KGB eine lebenslange Verpflichtung sei und dass es keinen Austritt gebe. Seine erste Aufgabe bestand darin, während eines Universitätsaustauschs in Frankreich Informationen über seine Kommilito‐ nen und über französische Akademiker zu sammeln. Entschlossen, sich zu beweisen, beobachtete er seine Klassenkameraden und verfasste Berichte über sie, die er an den KGB weiterleitete. 394 Der entscheidende Moment seiner Rekrutierung kam, als ein Kommili‐ tone, Vladimir Kozlov, versuchte, in den Westen überzulaufen. Der KGB beauftragte Tretyakov, Kozlov mit einer List zur Rückkehr in die UdSSR zu bewegen. Mit einer Mischung aus Täuschung und Alkohol gelang es ihm, den ahnungslosen Kozlov in einen Zug zu locken, in dem er den sowjeti‐ schen Behörden übergeben wurde. Dieser Vorfall demonstrierte Tretyakovs Fähigkeit zur Manipulation und seine Bereitschaft, Skrupel beiseitezulegen - Eigenschaften, die ihn endgültig als wertvollen Kandidaten für den KGB qualifizierten. 395 180 6 Kapitel | Ein Coup für den CIA - Der Fall Sergej Tretyakov <?page no="181"?> 396 Earley, 2007: 58-60 397 Earley, 2007: 40-41 & 45 6.2 Beruflicher Werdegang Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Manipulation und Netzwerke als Wegbereiter für Tretyakovs KGB-Karriere. ● Anerkennungsstreben und persönliche Umstände als Karrierean‐ trieb. ● Familienunterstützung und strategisches Verhalten zur Überwin‐ dung bürokratischer Hürden. ● Interne Machtkämpfe und Loyalität als prägende Faktoren sei‐ ner Professionalisierung, Auslandserfahrungen, insbesondere in Kanada, als Auslöser operativer Distanzierung. Zurück in Moskau durchlief Tretyakov eine umfassende Sicherheitsüber‐ prüfung, wie sie für KGB-Kandidaten üblich war. Jeder Aspekt seiner Familiengeschichte wurde überprüft, selbst Jahrzehnte alte Briefe unterla‐ gen der Kontrolle. Am Vorabend seines Universitätsabschlusses erhielt er schließlich die Nachricht, dass er den Auswahlprozess des KGB bestanden hatte. Doch anstatt direkt in eine operative Spionagetätigkeit einzusteigen, wurde er zunächst dem Wissenschaftlichen Forschungsinstitut für nach‐ richtendienstliche Probleme der Ersten Hauptdirektion des KGB (NIIRP) zugeteilt. Dort bestand seine Aufgabe vorerst lediglich darin, ausländische Zeitungen zu analysieren - eine Tätigkeit, die weit von den abenteuerlichen Einsätzen entfernt war, die er sich erhofft hatte. 396 Sein erster bedeutender analytischer Erfolg war die Erkenntnis, dass Berichte über die Wohnsituation des US-Militärs wertvolle Hinweise auf Truppenverlegungen und Stützpunktkapazitäten enthielten. Doch anstatt Anerkennung zu erhalten, sah er, wie sein Vorgesetzter die Lorbeeren für diese Entdeckung erntete und mit einem Orden ausgezeichnet wurde. Diese Erfahrung machte ihm die interne Politik des KGB schmerzhaft bewusst. Trotz seiner analytischen Fähigkeiten blieb Tretyakov fünf Jahre im NIIRP - deutlich länger als erwartet -, was seine Frustration über die stagnierende Karriereentwicklung erheblich verstärkte. 397 6.2 Beruflicher Werdegang 181 <?page no="182"?> 398 Earley, 2007: 42 399 Earley, 2007: 42-43 400 Earley, 2007: 59-60 401 Earley, 2007: 63 Entschlossen, an der Eliteakademie des sowjetischen Geheimdienstes, dem Red Banner Institut, aufgenommen zu werden, sah sich Tretyakov jedoch mit einem unerwarteten Hindernis konfrontiert: Sein chronischer Bluthochdruck führte zu seiner medizinischen Disqualifizierung. Seine Mutter Revmira, mit den internen Abläufen des KGB bestens vertraut, setzte Bestechungsgelder ein, um die Diagnose zu verschleiern. Doch als auch seine Frau Helen aufgrund einer kleinen Zyste abgelehnt wurde, griff Tretyakov selbst ein. Mit einer Mischung aus Manipulation und theatralischem Flehen gegenüber hochrangigen Funktionären überzeugte er den medizinischen Direktor des KGB, die Diagnose zu revidieren. Sein kühnes Vorgehen zahlte sich aus - die Ablehnung wurde rückgängig gemacht, und er erhielt schließlich die Zulassung zum Red Banner Institut. 398 Anstatt für seine Bestechung und Täuschung gemaßregelt zu werden, erhielt Tretyakov von seinen Vorgesetzten Anerkennung für seinen Einfalls‐ reichtum. Seine Fähigkeit, bürokratische Hürden zu umgehen, Beamte zu beeinflussen und Ergebnisse zu erzielen, überzeugte die Führung des KGB davon, dass er das Potenzial für eine vielversprechende Geheimdienstkarri‐ ere besaß. 399 Als einer der besten Absolventen des Red Banner Instituts richtete Tretyakov sein Augenmerk auf die Erste Abteilung, die für Operationen in den USA und Kanada zuständig war - die prestigeträchtigste Einheit des KGB. Am Tag seiner Abschlussfeier wurde er einbestellt, um seinen ersten offiziellen Einsatz zu erhalten, und erfuhr, dass er tatsächlich für die Erste Abteilung ausgewählt worden war. 400 Im Jahr 1985 trat Tretyakov offiziell der Ersten Hauptdirektion des KGB bei und wurde der kanadischen Abteilung unter dem berüchtigten General Dmitri Jakuschkin zugewiesen. Das KGB-Zentrum in Jasenewo, südwestlich von Moskau, war eine Hochsicherheitsanlage und zugleich ein Symbol für den Luxus, der den meisten Sowjetbürgern verwehrt blieb. Offiziere der Ersten Hauptdirektion hatten Zugang zu exklusiven Geschäften mit westli‐ chen Waren, erstklassiger medizinischer Versorgung, Freizeiteinrichtungen und persönlichen Fahrern. Die Generäle lebten in großzügigen Datschen mit eigenem Personal. 401 182 6 Kapitel | Ein Coup für den CIA - Der Fall Sergej Tretyakov <?page no="183"?> 402 Earley, 2007: 64 403 Earley, 2007: 65 404 Earley, 2007: 65 Trotz der beeindruckenden Größe der Organisation erkannte Tretyakov schnell, dass die wahre Macht des KGB in dessen Fähigkeit zu Manipulation und Täuschung lag. Eine erste Lektion über die Risiken und Machtkämpfe innerhalb des Geheimdienstes erhielt er durch den Fall von Vitaly Jurt‐ schenko, einem hochrangigen KGB-Offizier der Gegenspionage, der unter General Jakuschkin gedient hatte. Die offizielle Darstellung des KGB lautete, dass die CIA Jurtschenko in Rom entführt und unter Drogen gesetzt habe. Westliche Medien hingegen berichteten, dass er freiwillig übergelaufen sei - angeblich aus Liebe zu einer Frau aus dem Umfeld sowjetischer Diplomaten. 402 Tretyakov wurde beauftragt, einen Propagandaartikel zu verfassen, der die offizielle KGB-Version stützte, wonach Jurtschenko von der CIA entführt und unter Drogen gesetzt worden sei - obwohl er wusste, dass diese Darstellung nicht den Tatsachen entsprach. Als er den Artikel einreichte, warf ein hochrangiger KGB-Beamter diesen spöttisch in den Papierkorb und warnte Tretyakov, dass seine gesamte Laufbahn darauf basieren würde, „offizielle“ Geschichten zu erfinden. 403 Die Wahrheit über Jurtschenko kam schließlich ans Licht. Er war im August 1985 in die Vereinigten Staaten übergelaufen und hatte den US-Be‐ hörden wertvolle Informationen geliefert. Dazu gehörten die Identitäten zweier amerikanischer Verräter: des ehemaligen CIA-Offiziers Edward Lee Howard und des ehemaligen NSA-Mitarbeiters Ronald Pelton. Zudem ent‐ hüllte er, dass der KGB sogenannte ‚Spionagestaub‘-Techniken einsetzte, um CIA-Informanten in Moskau zu überführen. Jurtschenkos Überlaufen war jedoch nicht nur durch politische Motive getrieben - später stellte sich heraus, dass er darauf gehofft hatte, dass seine Geliebte ihm in die USA folgen würde. Als sie dies ablehnte, entschied er sich, nach Moskau zurückzukehren. 404 Nach seiner Rückkehr wiederholte Jurtschenko auf einer Pressekonferenz des Kremls die Behauptung, er sei von der CIA entführt worden. Anstatt für sein Überlaufen bestraft zu werden, wurde er zum Propagandainstrument, um die CIA in Misskredit zu bringen. Er erhielt die höchste KGB-interne Auszeichnung, den Orden „Verdienter Tschekist“, und wurde anschließend 6.2 Beruflicher Werdegang 183 <?page no="184"?> 405 Earley, 2007: 66-67 406 Earley, 2007: 66-67 407 Earley, 2007: 69-70 408 Earley, 2007: 71-73 409 Earley, 2007: 73 stillschweigend an einen Schreibtischposten im NIIRP versetzt, wo ihn seine Kollegen weitgehend mieden. 405 In der Zwischenzeit wurden General Jakuschkin, der frühere Vorgesetzte von Jurtschenko und Tretyakov, sowie sein Stellvertreter Anatoli Lebedew zum Rücktritt gezwungen, da sie die Verantwortung für Jurtschenkos Überlaufen übernehmen mussten. Bei seiner Abschiedsveranstaltung brach Jakuschkin beinahe in Tränen aus und gestand, dass ihn sein Vertrauen gegenüber den falschen Personen zerstört habe. Tretyakov musste mitan‐ sehen, wie sich Kollegen, die Jakuschkin einst loyal ergeben waren, über Nacht von ihm abwandten, um sich von einem gescheiterten Vorgesetzten zu distanzieren. Für Tretyakov war die Lektion eindeutig: Beim KGB war Loyalität eine Illusion, und Überleben bedeutete, rücksichtslos zu sein. Er nahm sich vor härter als alle anderen zu werden. 406 Während der Jurtschenko-Affäre fiel Tretyakov auf, dass Major Motorin, ein kürzlich aus Washington, D.C. zurückgekehrter Offizier, trotz seines Ranges keine neue Aufgabe erhielt und bald darauf unter mysteriösen Umständen verschwand. Kurz darauf wurde Tretyakov zum Leiter des Komsomol innerhalb der Ersten Hauptdirektion ernannt - eine Position, die ihm Zugang zu den höchsten Kreisen des KGB verschaffte. 407 In dieser Funktion nahm er an exklusiven Treffen des Auslandsgeheim‐ dienstes teil, bei denen General Wladimir Krjutschkow die Verhaftung und anschließende Hinrichtung von Tretyakovs ehemaligem Ausbilder Wladimir Pigusow sowie seines Familienfreundes General Dmitri Poljakow verkündete. Beide waren durch die Enthüllungen des CIA-Doppelagenten Aldrich Ames und des FBI-Maulwurfs Robert Hanssen (siehe nächstes Kapitel) enttarnt worden. Jede dieser Ankündigungen wurde von den anwesenden Offizieren mit stehenden Ovationen quittiert. 408 Tretyakov wurde beauftragt, dem geheimen Prozess gegen Major Sergej Motorin beizuwohnen, dessen Schuldspruch auf konstruierten Anschuldi‐ gungen beruhte und unausweichlich zur Hinrichtung führte. Diese Erfah‐ rung hinterließ einen tiefen Eindruck bei ihm. 409 Bei einem anschließenden Abendessen des Auslandsgeheimdienstes wurde die Verkündung von Motorins Hinrichtung von den Anwesenden, 184 6 Kapitel | Ein Coup für den CIA - Der Fall Sergej Tretyakov <?page no="185"?> 410 Earley, 2007: 73-74 411 Earley, 2007: 79 412 Earley, 2007: 83 413 Earley, 2007: 83-84 darunter auch Tretyakov, ebenfalls mit stehenden Ovationen aufgenommen. Trotz der Brutalität dieser Vorgänge blieb Tretyakov zunächst fest in seinem Glauben an das sowjetische System verankert. Einen Überlauf hielt er für unverständlich, den Verrat an seinem Heimatland für undenkbar. 410 6.2.1 Tretyakovs Übergang zum Auslandsgeheimdienst Im Jahr 1989 endete Tretyakovs dreijährige Amtszeit als Komsomol-Funk‐ tionär, und er erhielt endlich seinen ersten Einsatz im Ausland - eine Station in Ottawa, Kanada. Für ihn war dies die lang ersehnte Gelegenheit, als operativer KGB-Offizier im Ausland tätig zu sein. 411 Entschlossen sich zu beweisen, traf Tretyakov im Januar 1990 in Ottawa ein,. Doch die Realität entsprach nicht seinen Erwartungen. Die sowjetische Botschaft, ein tristes, von einem Eisenzaun umgebenes Steingebäude, wirkte eher wie ein Hochsicherheitsgefängnis als wie ein angesehener Auslands‐ posten. Noch ernüchternder war die Haltung des KGB-Residenten Leonid Iwanowitsch Ponomarenko, der ihn mit kühler Gleichgültigkeit empfing und ihn aufgrund seines Komsomol-Hintergrunds für einen unbedeutenden politischen Bürokraten hielt. 412 Trotz dieser Hindernisse verstand Tretyakov schnell die strategische Bedeutung der Ottawa-Residentur. Der KGB hatte kein besonderes Interesse an den nationalen Geheimnissen Kanadas - das eigentliche Ziel waren die USA. Kanada diente lediglich als nützliche Operationsbasis zur Beschaffung von Informationen über Amerika. In seiner Rolle als PR-Offizier der „Linie PR“ war es Tretyakovs Aufgabe, politische und militärische Informationen zu sammeln, die dazu beitragen konnten, die USA, die NATO und China zu untergraben. 413 Entschlossen, sich zu profilieren, vertiefte sich Tretyakov in Geheim‐ dienstberichte und nutzte seine Ausbildung am NIIRP, um verwertbare Erkenntnisse zu gewinnen. Innerhalb von sechs Wochen stellte er einen neuen KGB-Rekord auf, indem er monatlich zwölf verschlüsselte Nachrich‐ ten nach Moskau übermittelte. Doch sein Ehrgeiz brachte ihm nicht nur 6.2 Beruflicher Werdegang 185 <?page no="186"?> 414 Earley, 2007: 84 415 Earley, 2007: 84-85 416 Earley, 2007: 85-86 Anerkennung, sondern auch Feinde. Einige seiner Kollegen reagierten mit Missgunst auf seinen Erfolg, und einer von ihnen stellte ihm eine Falle. 414 In Ottawa machte Tretyakov durch seine Interaktionen mit Aleksandr Fokin, einem weiteren PR-Offizier der Linie, eine entscheidende Erfahrung über interne Intrigen innerhalb des KGB. Fokin, der zuvor in der Mos‐ kauer Spionageabwehr tätig war und dort sowjetische Wissenschaftler zur gegenseitigen Bespitzelung gezwungen hatte, agierte in Kanada als Geschäftsführer der sowjetisch-kanadischen Freundschaftsgesellschaft - einer vom KGB gesteuerten Tarnorganisation mit wohltätigem Anstrich. Als Tretyakov Interesse an einem Sony-Trinitron-Fernseher zeigte, jedoch nicht über die nötigen finanziellen Mittel verfügte, bot Fokin ihm ein Darlehen von 1.400 Dollar aus den Geldern der Gesellschaft an. Trotz anfänglichen Zögerns nahm Tretyakov das Angebot an, nachdem Fokin versichert hatte, dass andere Beamte dies ebenfalls getan hätten. Doch kurze Zeit später erhielt er eine Warnung aus Moskau: Fokin hatte ihn wegen des Missbrauchs von KGB-Geldern zur persönlichen Bereicherung denunziert - die Falle war zugeschnappt. 415 Tretyakov erkannte noch rechtzeitig die Falle und entschied sich, direkt zum KGB-Residenten Ponomarenko zu gehen, um seine Naivität einzuge‐ stehen. Zu seinem Vorteil hatte Ponomarenko eine persönliche Abneigung gegen Fokin und nutzte die Gelegenheit, um diesen auszuschalten. Er wies Tretyakov an, Fokins Kommunikation mit Moskau zu überwachen, was zur Entdeckung führte, dass Fokin Ponomarenkos Frau gemeldet hatte, weil sie ein Gehalt bezog, ohne tatsächlich in der Botschaft zu arbeiten. Als Vergel‐ tung veranlasste Ponomarenko, dass Tretyakov Fokins Aktivitäten weiter beobachtete, und stellte fest, dass dieser nachrichtendienstliche Berichte verfasste, die lediglich auf öffentlich zugänglichen Nachrichtenartikeln basierten. Mit diesen Informationen leitete Ponomarenko heimlich negative Beurteilungen über Fokin nach Moskau weiter, während er ihm gegenüber Loyalität vortäuschte. Schließlich wurde Fokin zurückgerufen und ohne Pensionsanspruch aus dem KGB entlassen. 416 Mit dem gewonnenen Vertrauen von Resident Ponomarenko erhielt Tretyakov seinen ersten bedeutenden Spionageauftrag: die Anwerbung ka‐ nadischer Zielpersonen für nachrichtendienstliche Zwecke. Ponomarenko 186 6 Kapitel | Ein Coup für den CIA - Der Fall Sergej Tretyakov <?page no="187"?> 417 Earley, 2007: 87 418 Earley, 2007: 94 übergab ihm eine Liste von Regierungsbeamten und Mitarbeitern von Nichtregierungsorganisationen (NGOs), die trotz früherer erfolgloser An‐ werbeversuche weiterhin als potenzielle Rekrutierungskandidaten galten. Tretyakovs Aufgabe war es, Beziehungen zu ihnen aufzubauen, ihre Schwachstellen zu identifizieren und ihr Potenzial als nachrichtendienstli‐ che Quellen zu bewerten. Ponomarenko warnte ihn vor der Aufmerksam‐ keit des kanadischen Geheimdienstes CSIS (Canadian Security Intelligence Service) und der Möglichkeit, dass einige der Zielpersonen frühere Anwer‐ beversuche bereits gemeldet haben könnten, was eine äußerst vorsichtige Vorgehensweise erforderlich machen würde. 417 Tretyakov machte sich die relative Unerfahrenheit des kanadischen Geheimdienstes sowie die positive Wahrnehmung Michail Gorbatschows in Kanada zunutze, die das Misstrauen gegenüber sowjetischen Diplomaten verringerte. Er identifizierte fünf vielversprechende Kontakte, die trotz ihrer Loyalität zu Kanada eine antiamerikanische Haltung vertraten. Über diese Beziehungen gelangte er an vertrauliche politische und militärische Informationen, insbesondere an Dokumente über Kanadas Pläne zur Mo‐ dernisierung seiner U-Boot-Flotte - ein strategisch relevantes Thema für sowjetische Operationen in der Arktis. Sein ausführlicher Bericht dazu wurde von General Trubnikov ausdrücklich gelobt, was sein Ansehen innerhalb des KGB erheblich steigerte. Im Laufe des folgenden Jahres legte Tretyakov mehr als 200 Geheimdienstberichte vor, übertraf damit seine Kollegen in Produktivität und festigte seinen Ruf als effektiver und leistungsfähiger Feldoffizier. 418 Tretyakovs Erfolg erstreckte sich auch auf den Aufbau eines weitreichen‐ den Spionagenetzes in Kanada, das ihm wertvolle Informationen lieferte - oft, ohne dass die Quellen sich ihrer Rolle bewusst waren. Diese Kon‐ takte ermöglichten Einblicke in die kanadische Überwachung sowjetischer U-Boote in der Arktis. Besonders bedeutsam war ein ehemaliger Insider der kanadischen Liberalen Partei, der Tretyakov mit sensiblen militärischen Informationen versorgte, darunter vertrauliche Studien zu Verteidigungsst‐ rategien in der Arktis. Um einer Enttarnung vorzubeugen, riet Tretyakov seinen Informanten, die Treffen mit ihm dem CSIS zu melden, um so bei der kanadischen Spionageabwehr ein trügerisches Gefühl der Kontrolle zu erzeugen. Am Ende seines ersten Jahres in Ottawa hatte er ein Netzwerk 6.2 Beruflicher Werdegang 187 <?page no="188"?> 419 Earley, 2007: 95-96 420 Earley, 2007: 102-103 421 Earley, 2007: 104-105 von über 100 Quellen aufgebaut, darunter einige mit direktem Zugang zu geheimen Informationen, die die geopolitische Position der Sowjetunion in der Arktis stärkten. 419 Nach seiner Rückkehr nach Moskau im Januar 1991 sah sich Tre‐ tyakov mit einer Beschwerde der sowjetisch-kanadischen Freundschafts‐ gesellschaft konfrontiert, die ihm vorwarf, Spannungen in Kanada für nachrichtendienstliche Zwecke auszunutzen. KGB-Vorsitzender Wladimir Krjutschkow wies diese Anschuldigungen jedoch als haltlose Propaganda zurück und ermutigte Tretyakov, seine Aktivitäten nach seiner Rückkehr nach Ottawa weiter zu intensivieren. Die Rückendeckung durch die KGB-Führung festigte Tretyakovs Position und bestärkte ihn in seinem Engagement für die Operationen in Kanada. 420 6.2.2 Tretyakovs Beförderung zum amtierenden Residenten Mitte 1991 erschüttert das Überlaufen von Anatoli Gayduk, einem KGB-Of‐ fizier die sowjetische Botschaft in Ottawa. Aus Sorge vor einer möglichen Enttarnung ordnet KGB-Resident Leonid Ponomarenko eine umfassende Schadensbewertung an. Tretyakov war erleichtert, dass Gayduk keine Kenntnis bezüglich seiner fünf wertvollsten Quellen haben konnte. Dennoch warnte ihn Ponomarenko, dass der KGB nach jedem Überlaufen eine sym‐ bolische Bestrafung vornehme. Tretyakov und seine Frau Helen bereiteten sich daher auf einen erzwungenen Rückruf nach Moskau vor und rechneten mit dem Schlimmsten. 421 Überraschenderweise traf es jedoch nicht Tretyakov, sondern Ponoma‐ renko, der nach Moskau zurückbeordert wurde. An seiner Stelle wurde Tretyakov zum amtierenden Residenten befördert. Mit nur 35 Jahren wurde er der jüngste KGB-Offizier, der je eine kanadische Residentur geleitet hatte. Diese Ernennung sorgte für Unmut unter älteren, erfahreneren KGB-Offi‐ zieren und erzürnte insbesondere den sowjetischen Botschafter Aleksandr Belonogow, einen langjährigen Gegner des KGB, der Tretyakov als politi‐ sche Belastung betrachtete. Entschlossen, ihn aus Ottawa zu entfernen, 188 6 Kapitel | Ein Coup für den CIA - Der Fall Sergej Tretyakov <?page no="189"?> 422 Earley, 2007: 106 423 Earley, 2007: 106-108 424 Earley, 2007: 108 arbeitete Belonogow insgeheim mit kanadischen Behörden zusammen, die sich ebenfalls für seine Ausweisung einsetzten. 422 Kurz darauf übermittelte das kanadische Außenministerium eine offizielle diplomatische Beschwerde (‚non-paper‘), in der Tretyakov als KGB-Offizier identifiziert und seine Rückberufung nach Moskau gefordert wurde. Belo‐ nogow glaubte, damit das Ende von Tretyakovs Zeit in Ottawa besiegelt zu haben. Doch Tretyakov kam ihm zuvor: Er rekrutierte Belonogows persönlichen Code-Sekretär, Wladimir Seleznew, und verschaffte sich Zu‐ gang zu sämtlichen vertraulichen Mitteilungen des Botschafters. Mit diesem Wissen übermittelte Tretyakov belastende Berichte nach Moskau, in denen er Belonogow als korrupt und unzuverlässig darstellte - ein Schachzug, der sein eigenes Überleben sicherte. 423 Trotz der 14 hartnäckigen diplomatischen Beschwerden Kanadas, in de‐ nen Sergej Tretyakovs Abberufung gefordert wurde, weigerte sich Moskau, ihn zurückzubeordern. Der KGB tat die kanadischen Vorwürfe als ‚Hysterie‘ ab und erlaubte ihm, weiterhin im Amt zu bleiben. Für Tretyakov wurde jede weitere Ausweisungsforderung zum Beleg seines eigenen Erfolgs - je vehementer Kanada protestierte, desto überzeugter war er, dass seine Spionagetätigkeit Wirkung zeigte. 424 6.2 Beruflicher Werdegang 189 <?page no="190"?> 425 Earley, 2007: 115 426 Earley, 2007: 115 6.3 Desillusionierungen Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Wachsende Entfremdung durch Korruption und Ineffizienz im Ge‐ heimdienstapparat. ● Vertrauensverlust durch moralischen Verfall und interne Macht‐ kämpfe. ● Erfahrungen mit dubiosen Delegationsgeschäften als Auslöser von Systemkritik. ● Empörung über das „Öl für Lebensmittel“-Programm und fehlende Ethik. ● Unzufriedenheit als Keimzelle für den Wunsch nach Ausstieg und Neubeginn. 6.3.1 Zunehmende Entfremdung vom russischen Staat Mitte 1991 erhielt Tretyakov vom KGB-Zentrum den Auftrag, eine sowjeti‐ sche Delegation zu unterstützen, die unter der Leitung von Anatoli Kulakow in Ottawa eintraf. Kulakow, ein hochrangiger Beamter, war mit der Aufgabe betraut, Möglichkeiten zur Umwandlung der sowjetischen Militärindustrie in zivile Unternehmen zu erkunden. Begleitet wurde er von zwei Geschäfts‐ leuten der Chetek Corporation, einem Unternehmen mit Verbindungen zu sowjetischen Militär- und Nuklearstellen. Tretyakov wurde angewiesen, die Delegation genau zu beobachten, da der KGB Korruption und verdeckte Absichten vermutete. 425 Schnell stellte Tretyakov fest, dass Chetek ein fragwürdiges Unternehmen war. Einer der leitenden Angestellten war Aleksandr Fokin, der ehemalige KGB-Offizier, der Tretyakov in Ottawa einst verraten hatte. Diese Erkennt‐ nis beunruhigte ihn, da er wusste, dass Fokin weder vertrauenswürdig noch zuverlässig war. 426 Das Ziel der Delegation war der Verkauf sowjetischer Militärtechnologie an kanadische Unternehmen - ein Vorhaben, das Tretyakov schockierte. Während eines Abendessens enthüllte Kulakow, dass seine Aktentasche 100 190 6 Kapitel | Ein Coup für den CIA - Der Fall Sergej Tretyakov <?page no="191"?> 427 Earley, 2007: 115-116 428 Earley, 2007: 115-116 429 Earley, 2007: 118-119 streng geheime sowjetische Militärdokumente enthielt, die der sowjetischen Wirtschaft Millionen von Dollar einbringen könnten. Als Tretyakov seinen Unglauben äußerte, präsentierte ihm Kulakow eines der Dokumente mit der Kennzeichnung „Streng geheim“ - notdürftig mit Wite-Out überklebt. Es enthielt detaillierte Informationen über ein elektrisches System, das in sowjetischen Atom-U-Booten verwendet wurde. Kulakow war überzeugt, dass westliche Unternehmen bereit wären, für diese gestohlene Technologie hohe Summen zu zahlen. 427 Das erste Geschäftstreffen in Ottawa erwies sich als Fiasko. Kulakow stellte ein angeblich ‚streng geheimes‘ Halbleiterherstellungsverfahren vor, das der kanadische Geschäftsführer umgehend als veraltete Technologie abtat - eine Technologie, die bereits 25 Jahre zuvor aufgegeben worden war. Panisch durchsuchte Kulakow seine Aktentasche und musste feststellen, dass sämtliche Dokumente, die er anbieten wollte, veraltet und wertlos waren. Währenddessen blamierten sich die beiden Chetek-Führungskräfte, indem sie sich maßlos am Buffet bedienten und die geschäftliche Diskussion weitgehend ignorierten. 428 Am Abend traf sich Tretyakov mit Vladimir Dmitriev, dem Präsidenten von Chetek, um mehr über die Pläne des Unternehmens zu erfahren. Dmit‐ riev präsentierte stolz ein neues Geschäftsmodell und behauptete, Chetek werde giftige und nukleare Abfälle durch die Zündung von Atombomben auf einem ehemaligen sowjetischen Testgelände in Nowaja Semlja entsorgen. Das Konzept sehe vor, Tausende Tonnen chemischer Abfälle in tiefen unterirdischen Hohlräumen zu lagern und diese anschließend durch eine Atomdetonation zu verdampfen. Noch beunruhigender war sein Vorschlag, mit derselben Methode 30.000 sowjetische Atomwaffen zu vernichten - er gehe davon aus, dass dafür 15 bis 30 Detonationen ausreichen würden. 429 Tretyakov war entsetzt über die Skrupellosigkeit dieses Plans. Die scho‐ ckierende Enthüllung folgte jedoch, als Dmitriev beiläufig behauptete, selbst im Besitz einer Atombombe zu sein. Er erklärte, dass sowjetische Wissenschaftler ihm als Entschädigung für ausstehende Zahlungen eine Bombe überlassen hätten, die er nun in einem Schuppen auf seiner Datscha außerhalb Moskaus aufbewahre. Tretyakov hielt dies zunächst für einen Scherz, doch Dmitriev bestand darauf, dass im postsowjetischen Russland 6.3 Desillusionierungen 191 <?page no="192"?> 430 Earley, 2007: 119 431 Earley, 2007: 119 432 Earley, 2007: 119-120 433 Earley, 2007: 119-120; Rauf, 1991: 2 434 Earley, 2007: 120 jeder mit ausreichenden finanziellen Mitteln eine Atomwaffe erwerben könne. 430 Sich der Tragweite dieser Information bewusst, sendete Tretyakov um‐ gehend ein dringendes Telegramm an das KGB-Zentrum. Die Antwort war alarmierend, aber kaum überraschend: Chetek stand unter dem Schutz einflussreicher Persönlichkeiten in Moskau, weshalb der KGB angewiesen war, sich nicht direkt einzumischen. Tretyakov erhielt lediglich den Befehl, sicherzustellen, dass sowjetische Beamte nicht öffentlich mit dem Unterneh‐ men in Verbindung gebracht wurden. 431 Um Chetek zu untergraben, brachte Tretyakov Dmitriev dazu, seinen Plan zur Entsorgung der Atombombe offen mit kanadischen Abrüstungsexperten zu erörtern - wohlwissend, dass diese schockiert reagieren würden. Wie erwartet, waren die kanadischen Beamten entsetzt und brachen umgehend jegliche Kontakte zu Chetek ab. Wenig später kehrte die gesamte sowjetische Delegation gedemütigt und mit leeren Händen nach Moskau zurück. 432 Doch Chetek gab nicht auf. In Moskau veröffentlichte das Unternehmen eine Broschüre, in der fälschlicherweise behauptet wurde, kanadische Be‐ amte unterstützten den Plan zur Entsorgung giftiger und nuklearer Abfälle durch die unterirdische Sprengung von Atombomben. Der stellvertretende sowjetische Minister für Atomenergie reichte den Vorschlag sogar bei den Vereinten Nationen ein und ersuchte um Zustimmung. Empört ließ Tretyakov die Geschichte an Tariq Rauf, einen hochrangigen Beamten des kanadischen Abrüstungszentrums, durchsickern. Kurz darauf erschien in der Zeitung Toronto Star ein kritischer Enthüllungsartikel, der weltweit Empörung auslöste. 433 Die Geschichte wurde von der New York Times und der International Herald Tribune aufgegriffen, was die sowjetische Führung weiter in Er‐ klärungsnot brachte. Dmitriev trat schließlich von Chetek zurück, und das Unternehmen wurde gezwungen, seinen Atombombenentsorgungsplan aufzugeben. Obwohl der KGB offiziell schwieg, glaubte Tretyakov insge‐ heim, dass seine Intervention dazu beigetragen habe, eine potenzielle Kata‐ strophe zu verhindern, indem er die rücksichtslosen Ambitionen von Chetek offengelegt hatte. 434 192 6 Kapitel | Ein Coup für den CIA - Der Fall Sergej Tretyakov <?page no="193"?> 435 Earley, 2007: 121-123 436 Earley, 2007: 146 437 Earley, 2007: 146-147 438 Earley, 2007: 146-147 439 Earley, 2007: 146-147 Beim Rückblick auf das Debakel empfand Tretyakov tiefes Unbehagen. Er konnte nicht fassen, wie eine einst mächtige sowjetische Führung in solch eine Verzweiflung geraten konnte, alte militärische Geheimnisse zu verkaufen und absurde Atombombenprojekte vorzuschlagen. Dieses Ereig‐ nis markierte einen Wendepunkt in seiner wachsenden Desillusionierung gegenüber dem sowjetischen System. 435 Im selben Jahr besuchte Tretyakovs Mutter, Revmira, ihren Sohn in Ottawa und berichtete von den dramatischen Zuständen in Moskau. Sie schilderte eine Stadt, die von wirtschaftlichem Niedergang gezeichnet war, und erzählte von der Armut, die sie täglich beobachtete. Die Inflation hatte Löhne und Ersparnisse entwertet und viele Menschen in existenzielle Not gestürzt. 436 Tretyakov und seine Frau Helen erkannten, dass eine kleine Elite von Oligarchen - enge Vertraute und Familienmitglieder von Boris Jelzin, der 1991 zum ersten Präsidenten Russlands gewählt worden war - innerhalb kürzester Zeit zu Milliardären wurde. Ihr Reichtum beruhte auf der Priva‐ tisierung russischer Rohstoffressourcen, die sie weit unter ihrem tatsächli‐ chen Wert erwerben konnten. 437 Am 25. Dezember 1991 trat Michail Gorbatschow als Präsident der Sowjetunion zurück. Am folgenden Tag beschloss der Oberste Sowjet die formelle Auflösung der UdSSR, womit ihr offizielles Ende besiegelt wurde. Gleichzeitig wurde das Erste Hauptdirektorat des KGB, das für die Aus‐ landsspionage zuständig war, in den Auslandsgeheimdienst (SVR, Служба внешней разведки) umgewandelt. Die inländischen Sicherheits- und Spi‐ onageabwehraufgaben des KGB gingen auf den Föderalen Sicherheitsdienst (FSK) über. Russland übernahm die Rechtsnachfolge der Sowjetunion, ein‐ schließlich des ständigen Sitzes im UN-Sicherheitsrat, und wurde im Februar 1992 international weitgehend anerkannt. 438 In den Jahren 1992 und 1993 erreichte die soziale Ungleichheit in Russ‐ land ein beispielloses Niveau. Die "Schocktherapie"-Reformen führten zu massiver Inflation, dem Wertverfall der Ersparnisse breiter Bevölkerungs‐ schichten und einer drastischen Umverteilung des Wohlstands zugunsten einer neuen Oligarchenschicht. 439 6.3 Desillusionierungen 193 <?page no="194"?> 440 Earley, 2007: 147 441 Earley, 2007: 148 442 Earley, 2007: 149 443 Earley, 2007: 149 444 Earley, 2007: 149-150 Im März 1993 überstand Jelzin einen Amtsenthebungsversuch und löste daraufhin das Parlament auf - ein umstrittener Schritt, der im Oktober einen gewaltsamen Aufstand auslöste. Am 3. Oktober 1993 stürmten oppo‐ sitionelle Kräfte das Büro des Moskauer Bürgermeisters und übernahmen die Kontrolle über den größten Fernsehsender, wobei 23 Menschen ums Leben kamen. Am folgenden Tag befahl Jelzin den Einsatz von Panzern gegen das Weiße Haus, in dem sich seine politischen Gegner verschanzt hatten. Über 100 Menschen kamen dabei zu Tode. 440 Bei einem diplomatischen Empfang in Ottawa versicherte Tretyakov den kanadischen Gästen noch optimistisch, dass Russland ein zivilisiertes Land sei und die Krise friedlich gelöst werde. Doch als er am nächsten Morgen die Bilder russischer Panzer sah, die auf Zivilisten feuerten, war er schockiert. 441 Für Tretyakov war dies ein Wendepunkt. „In diesem Moment wurde mir klar, dass mein Land niemals auch nur annähernd eine zivilisierte, demokratische Gesellschaft gewesen war. Wir waren nicht bereit für die Demokratie.“ Er begann, sich erstmals ernsthaft zu fragen: „Wer sind diese Menschen, die ich beschütze, und warum diene ich ihnen? “ 442 In dieser Nacht blieben Tretyakov, Helen und Revmira wach und disku‐ tierten über die Krise in Moskau. In einem besonders emotionalen Moment überraschte Revmira ihren Sohn mit den Worten: „Ich hasse es, dass meine Enkelin in diesem neuen Russland aufwachsen wird.“ Für Tretyakov war diese Aussage erschütternd. Seine Mutter, die ihr Leben lang eine überzeugte Patriotin war, gab offen zu, dass Russland kein geeigneter Ort für Ksenia sei. Diese einfache, aber tiefgreifende Erkenntnis verstärkte die Zweifel, die bereits in ihm gereift waren. 443 6.3.2 Der erste Gedanke an eine Flucht Kurz darauf erhielt Tretyakov den Befehl, nach Moskau zurückzukehren. Er wurde zum Leiter der kanadischen Abteilung innerhalb der nordameri‐ kanischen Direktion des SVR befördert und übernahm die Aufsicht über alle russischen Geheimdienstoperationen in Ottawa und Montreal. 444 194 6 Kapitel | Ein Coup für den CIA - Der Fall Sergej Tretyakov <?page no="195"?> 445 Earley, 2007: 150 446 Earley, 2007: 150 447 Earley, 2007: 150 & 317-318 448 Earley, 2007: 150 & 317-318 449 Earley, 2007: 150 & 317-318 Bevor sie Ottawa verließen, unternahmen Helen und Tretyakov einen Spaziergang entlang des Ottawa River. Sie beobachteten das Leben der Kanadier - ruhig, stabil, geordnet. Schließlich wendete sich Helen an ihren Mann: „Sergei, schau dir all diese Leute an… Sie leben in gemütlichen Häusern, keine Villen, aber sie scheinen glücklich zu sein. Sie haben ordentliche Jobs, keine wichtigen wie Generäle, aber es scheint ihnen gut zu gehen. Sie schicken ihre Kinder auf öffentliche Schulen, und diese Kinder wirken zufrieden und haben eine Zukunft. Aber wir - was haben wir in Moskau wirklich? “ 445 Dann sprach sie die Worte aus, die ihr Leben für immer verändern sollten: „Sag mir, Sergej, was wäre, wenn wir nicht zurückkehren würden? “ 446 Zu diesem Zeitpunkt war Tretyakov noch nicht bereit, einen Überlauf ernsthaft in Betracht zu ziehen, doch dies war nicht mehr undenkbar. In den folgenden Monaten führten Helen und er immer wieder heimliche Gespräche, wägten Möglichkeiten ab und überlegten potenzielle Wege in eine neue Zukunft. 447 Hätte Tretyakov sich für einen vorzeitigen Ruhestand entschieden und eine Anstellung in der Privatwirtschaft gesucht, wäre er mit einer Reihe kritischer Fragen konfrontiert worden. Eine legale Auswanderung wäre eine denkbare Option gewesen - doch wohin? Kanada, Europa oder Lateiname‐ rika? Die Wahl des Ziels wäre davon abhängig gewesen, ob er dort eine sichere und stabile Zukunft hätte aufbauen können. 448 Mit seinen Erfahrungen hätte er sich in den Bereichen Sicherheitsbera‐ tung oder nachrichtendienstliche Analyse eine neue Karriere aufbauen können. Doch dies hätte bedeutet, seine vielversprechende Laufbahn im SVR abrupt aufzugeben - ein schwerer Schritt. Hinzu kam die emotionale Herausforderung, seine Mutter Revmira in Russland zurückzulassen. Diese Unsicherheiten machten den Vorruhestand und eine legale Auswanderung zu einem riskanten und ungewissen Unterfangen. Noch gab es keine end‐ gültigen Antworten. Doch zum ersten Mal erlaubten sich Tretyakov und Helen, ernsthaft über eine Zukunft außerhalb Russlands nachzudenken. 449 6.3 Desillusionierungen 195 <?page no="196"?> 450 Earley, 2007: 155-156 451 Earley, 2007: 156-157 452 Earley, 2007: 157-159 6.3.3 Verlust des Vertrauens in den SVR Als Sergej Tretyakov im April 1994 in die Zentrale des SVR zurückkehrte, erkannte er sofort den Niedergang der Behörde. Die einst disziplinierte und präzise organisierte Geheimdienstzentrale wirkte vernachlässigt. Die Marmorfassade bröckelte, die Innenräume waren schmutzig, und grundle‐ gende Materialien wie Toilettenpapier verschwanden regelmäßig. Während die grundlegenden Sicherheitsmaßnahmen weiterhin bestanden, war die Professionalität des Dienstes spürbar gesunken. Die Atmosphäre wirkte verwahrlost, und viele Beamte machten einen ungepflegten Eindruck. Trunkenheit war weit verbreitet, was Tretyakov zutiefst beunruhigte. 450 Innerhalb der Behörde herrschte eine Kultur der Lethargie. Bereits am Nachmittag seines ersten Arbeitstages wurde er von Kollegen zu Wodka und Sandwiches eingeladen. Sie erklärten ihm unverblümt, dass viele Offi‐ ziere nach 11: 00 Uhr zu betrunken zum Arbeiten seien. Während früher hochrangige KGB-Offiziere bis spät in die Nacht arbeiteten, dominierten nun Desinteresse und Bequemlichkeit. Die talentiertesten Mitarbeiter hat‐ ten den Dienst verlassen, um lukrative Karrieren in der Privatwirtschaft oder sogar in kriminellen Netzwerken aufzubauen. Tretyakov beobachtete, wie ehemalige Kollegen Reichtum anhäuften, hielt aber dennoch an der Vorstellung fest, dass der Geheimdienst sein Prestige bewahren könnte - ein Glaube, der zunehmend ins Wanken geriet. 451 Die Verhaftung von Aldrich Ames erschütterte die Moral der Behörde zusätzlich und befeuerte eine Atmosphäre der Paranoia. Während die CIA die Enttarnung von Ames auf finanzielle Unregelmäßigkeiten zurückführte, glaubte Moskau nicht an diese Erklärung und vermutete einen Maulwurf in den eigenen Reihen. Es folgte eine fieberhafte interne Jagd auf Verräter, die das Misstrauen unter den Offizieren weiter verstärkte. In dem Versuch, das Ansehen des SVR wiederherzustellen, besuchte Präsident Boris Jelzin demonstrativ das Hauptquartier und betonte, dass Russland angesichts der Kürzungen im Militärhaushalt stärker auf seinen Geheimdienst angewiesen sei. Doch trotz seiner kämpferischen Worte blieb Tretyakov skeptisch. Er sah eine Institution, die sich in einem unumkehrbaren Niedergang befand. 452 Trotz wachsender Desillusionierung blieb Tretyakov ehrgeizig und setzte alles daran, einen Posten in New York zu bekommen. Die Stadt hatte 196 6 Kapitel | Ein Coup für den CIA - Der Fall Sergej Tretyakov <?page no="197"?> 453 Earley, 2007: 158-160 454 Earley, 2007: 179 ihn schon bei seinem ersten Besuch fasziniert, und der Abgang vieler hochrangiger SVR-Offiziere erhöhte seine Chancen auf eine Versetzung dorthin. Vor allem aber war er überzeugt, eine innovative Spionagestrategie entwickelt zu haben, die die Methoden des SVR bei der Rekrutierung und den nachrichtendienstlichen Operationen grundlegend verändern könnte. Nach außen blieb er loyal, doch seine Erfahrungen bestärkten ihn in der Überzeugung, dass das russische Geheimdienstimperium im Niedergang begriffen war - eine Erkenntnis, die seine künftigen Entscheidungen maß‐ geblich beeinflussen sollte. 453 6.3.4 Abscheu vor der Korruption Tretyakov erhielt im April 1995 die von ihm begehrte Position als stellver‐ tretender Resident in New York. Während die gleichzeitige Platzierung eines verdeckten SVR-Offiziers als UN-Botschafter Aserbaidschans als nachrichtendienstlicher Erfolg gewertet wurde, war Tretyakov in eine noch weitreichendere Operation involviert: die Manipulation des UN-Pro‐ gramms „Öl für Lebensmittel“. Das 64-Milliarden-Dollar-Programm, das der irakischen Bevölkerung unter internationalen Sanktionen humanitäre Hilfe leisten sollte, wurde durch weitreichende Korruption untergraben. Der SVR-Offizier Alexander Kramar infiltrierte die UN und stieg dort zum UN-Ölinspektor auf. Anstatt klassische Spionage zu betreiben, nutzte er seine Position, um einen massiven Finanzskandal zu orchestrieren. Über diesen wurden Hunderte Millionen Dollar an russische Eliten umgeleitet - zunächst unter Jelzin und später unter Putin. 454 Das UN-Programm litt unter zwei zentralen Schwachstellen. Erstens lag die Entscheidung darüber, wer irakisches Öl kaufen durfte, direkt in den Händen von Saddam Hussein. Dies ermöglichte es ihm, Kaufoptionen mit einem erheblichen Rabatt an korrupte ausländische Beamte zu vergeben, die diese anschließend zum Marktpreis weiterverkaufen und die Differenz als persönliche Bereicherung einstreichen konnten. Zweitens unterlag die Preisgestaltung für irakisches Rohöl eigentlich der Aufsicht internationaler UN-Experten. Doch als ein Überwacher nach dem anderen zurücktrat, blieb schließlich nur noch Kramar übrig - was ihm die alleinige Kontrolle über 6.3 Desillusionierungen 197 <?page no="198"?> 455 Earley, 2007: 212-213 456 Earley, 2007: 215-216 457 Earley, 2007: 218 458 Earley, 2007: 222 459 Earley, 2007: 223 die Preisfestsetzung ermöglichte und die Tür für systematischen Betrug öffnete. 455 Ursprünglich hatte Tretyakov erwartet, dass Kramar Informationen über UN-Beamte sammeln würde. Doch statt Spionage zu betreiben, konzen‐ trierte sich Kramar auf die Manipulation der Ölpreise - zum Vorteil von Saddam Hussein und russischen Oligarchen. Indem er den Preis für iraki‐ sches Rohöl künstlich senkte, ermöglichte er den Inhabern von Öl-Gutschei‐ nen enorme Sofortgewinne - bis zu 3,5 Millionen Dollar pro Gutschein. Damit verwandelte er das „Öl-für-Lebensmittel“-Programm in ein globales Korruptionssystem, bei dem Russland den größten Anteil an Saddams Bestechungsgeldern erhielt. 456 Spätere Ermittlungen der USA und der UNO enthüllten ein weitreichen‐ des Korruptionsnetzwerk, in das Hunderte internationaler Beamter verwi‐ ckelt waren. 457 Trotz der Enthüllungen über weitreichenden Betrug und Diebstahl unternahmen weder Putin noch Jelzin Schritte gegen Kramar. Statt einer Bestrafung wurde er mit dem renommierten russischen Ehren‐ orden ausgezeichnet, zum Oberst des SVR befördert und erhielt später eine lukrative Position bei Zarubezhneft, einer russischen Ölfirma mit engen Verbindungen zu Saddam Hussein. 458 Tretyakov war empört über die Korruption und erkannte, dass im russischen Geheimdienst finanzieller Diebstahl offenbar mehr geschätzt wurde als nachrichtendienstliche Arbeit. Er stellte fest, dass „Diebe mehr respektiert und geschätzt werden - solange sie für Spitzenbeamte und Oligarchen stehlen - als hart arbeitende SVR-Agenten“. 459 198 6 Kapitel | Ein Coup für den CIA - Der Fall Sergej Tretyakov <?page no="199"?> 460 Earley, 2007: 263 461 Earley, 2007: 263 462 Earley, 2007: 264-265 6.4 Entscheidung zum Überlaufen Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Desillusionierung und moralischer Verfall als Motive für Tretyakovs Übertritt. ● Persönliche Verluste als emotionale Verstärker seiner Entscheidung. ● Putins Regimewahrnehmung als Fortsetzung systemischer Verkom‐ menheit. ● Wissensweitergabe an US-Dienste als strategischer Beitrag zur Gefahrenabwehr. ● Der Übertritt als Ausdruck moralischer Integrität und bewusster Abgrenzung. Während Tretyakov weiterhin die Disziplin und die Traditionen des SVR aufrechterhielt, lebte er zunehmend nach westlichen Maßstäben und passte sich vollständig an den New Yorker Lebensstil an. Die politischen Macht‐ kämpfe innerhalb des SVR machten ihm die Dysfunktion des russischen Geheimdienstes noch mehr bewusst. 460 Mit der wachsenden Überzeugung, dass Russland „moralisch nicht zu retten“ sei, wurde aus der vagen Idee eines Überlaufens ein ernsthafter Plan. Doch Tretyakov und Helen wussten, dass ein einziger Fehler unter der Überwachung der SVR fatale Konsequenzen haben konnte. Was einst ein gedankliches Fluchtkonzept war, wurde zu einer strategischen Entschei‐ dung, die höchste Präzision erforderte. 461 Der plötzliche Tod seiner Mutter Anfang 1997 beseitigte für Tretyakov den letzten emotionalen Anker, der ihn an Russland band. Mit diesem Einschnitt gewann die Idee des Überlaufens an konkreter Dringlichkeit. Obwohl die genauen Abläufe geheim bleiben, bestätigen US-Behörden, dass Tretyakov bereits als aktiver SVR-Offizier in New York mit dem ame‐ rikanischen Geheimdienst kooperierte. Sein pragmatischer Ansatz, Risiken kalkuliert einzugehen, anstatt sich von Angst leiten zu lassen, ermöglichte ihm schließlich den gefährlichen Schritt, die Seiten zu wechseln. 462 6.4 Entscheidung zum Überlaufen 199 <?page no="200"?> 463 Earley, 2007: 296 464 Earley, 2007: 298 465 Earley, 2007: 314-315 466 Earley, 2007: 314-315 6.4.1 Der finale Anstoß - Jelzins Fall und Putins Aufstieg Im Jahr 1999 sank Boris Jelzins Popularität auf einen historischen Tiefpunkt, woraufhin er Wladimir Putin zum Ministerpräsidenten ernannte. Eine Serie von Bombenanschlägen in Moskau, die offiziell tschetschenischen Terroristen zugeschrieben wurden, ermöglichte es Putin, sich als Garant von Sicherheit und Stabilität zu präsentieren. Dies verschaffte ihm einen klaren Vorteil bei den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2000. Nach seinem Amtsan‐ tritt sicherte Putin Jelzin und dessen korrupten Verbündeten Immunität, wodurch ihr finanzielles Netzwerk unberührt blieb. 463 Für Tretyakov stand fest, dass Putins Regime genauso korrupt war wie das von Jelzin - nur mit einer neuen Generation von Schlägern an der Spitze. 464 6.4.2 Der letzte Schritt - Tretyakovs Flucht in die Freiheit Am 11. Oktober 2000 erkannte Tretyakov, dass der Moment gekommen war, den entscheidenden Schritt zu wagen. Seine Entscheidung, überzulaufen, war der Höhepunkt jahrelanger Desillusionierung und wachsender Abscheu über die Entwicklungen in Russland. Die allgegenwärtige Korruption, die skrupellose Bereicherung einer kleinen Elite und der moralische Verfall des SVR, der sich zunehmend in eine Organisation verwandelte, die krimi‐ nelle Machenschaften unterstützte, hatten ihn an diesen Punkt gebracht. Er konnte nicht länger Teil eines Systems sein, das Verrat belohnte und Rechtlosigkeit förderte. 465 Nun gab es kein Zurück mehr. Er versammelte Helen und Ksenia, und gemeinsam begannen sie mit den letzten Vorbereitungen, während sie nach außen den Anschein eines normalen Tages wahrten. Sie wussten, dass sie alles hinter sich lassen würden - ihren Wohlstand, ihre Karriere und ihr Heimatland -, doch die Aussicht auf ein Leben in Freiheit wog schwerer als jede Bindung an die Vergangenheit. 466 Nachdem Tretyakov mit seiner Familie den entscheidenden Schritt gewagt hatte, bot er den US-Geheimdiensten tiefgehende Einblicke in die Operationen des russischen Nachrichtendienstes. Als hochrangiger SVR-Offizier in New York verfügte er über wertvolle Informationen zu 200 6 Kapitel | Ein Coup für den CIA - Der Fall Sergej Tretyakov <?page no="201"?> 467 Earley, 2007: 322-325 468 Earley, 2007: 322-325 469 Earley, 2007: 322-325 Russlands Spionageoperationen, Rekrutierungsmethoden und verdeckten Einflussstrategien. Besonders gefragt war sein Wissen über russische Agen‐ ten, die unter diplomatischer Tarnung operierten, sowie über die Zielper‐ sonen russischer Anwerbungsversuche in den USA. Seine Erkenntnisse ermöglichten es der amerikanischen Spionageabwehr, bestehende russische Netzwerke zu enttarnen und zukünftige Bedrohungen effektiver einzuschät‐ zen. 467 Sein Überlaufen fiel in eine Zeit, in der die US-Geheimdienste mit den Folgen der Enthüllungen von Aldrich Ames und Robert Hanssen kämpften, die massive Schäden in der Spionageabwehr hinterlassen hatten. Tretyakovs Informationen halfen, diese Defizite auszugleichen und die Abwehrstrate‐ gien gegenüber russischen Geheimdienstaktivitäten zu verbessern. Darüber hinaus verschafften seine Kenntnisse über Desinformationskampagnen, Finanzierungsstrukturen und Tarnfirmen der USA neue Mittel, um russische Einflussoperationen zu durchkreuzen. 468 Im Gegenzug gewährten ihm die US-Geheimdienste politisches Asyl und die amerikanische Staatsbürgerschaft für sich und seine Familie. Er erhielt finanzielle Unterstützung für den Neuanfang sowie umfassenden Schutz vor möglichen Vergeltungsmaßnahmen durch den Kreml. Zudem konnte er seine Expertise als Berater nutzen, um die Öffentlichkeit und politische Entscheidungsträger über die Methoden und Ziele des russischen Geheimdienstes aufzuklären. Für die USA war er eine der wertvollsten nachrichtendienstlichen Quellen der Nachkriegszeit - sein Wissen trug entscheidend dazu bei, Russlands verdeckte Operationen zu schwächen und die eigenen Spionageabwehrmaßnahmen zu optimieren. 469 6.4 Entscheidung zum Überlaufen 201 <?page no="202"?> 6.5 Fünf Faktoren im Fall Tretyakov Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Wertekonflikte und Integritätsansprüche als zentrale Auslöser für den Systembruch. ● Familiäre Prägung und persönliche Maßstäbe im Spannungsfeld von Anspruch und Realität. ● Korruption und Inkompetenz als Katalysatoren der Handlungsmo‐ tivation. ● Persönliche und familiäre Belastungen als Verstärker der Abkehr vom System. ● Emotionale Reaktionen als enthemmender Faktor bei der endgülti‐ gen Entscheidung. 6.5.1 Auslöser Sergej Tretyakovs Entscheidung, überzulaufen, lässt sich nur durch eine eingehende Analyse seiner Überzeugungen und Werte verstehen. Diese tief verwurzelten Faktoren beeinflussten seine Betrachtung der Veränderungen im russischen Staat und dem SVR und damit auch seine Reaktion darauf. Zwar spielte Ideologie eine Rolle in seiner Weltanschauung, doch weit entscheidender waren sein Verständnis von Integrität, seine beruflichen Ambitionen und seine Erwartungen an Führung und Ethos innerhalb des russischen Staates und Geheimdienstes. Diese Faktoren bestimmten, welche Ereignisse für ihn als gravierende Verstöße erschienen und sich letztlich zu Auslösern entwickelten. Prädispositionen Tretyakovs Werdegang war von der Kultur des sowjetischen Geheimdiens‐ tes geprägt. Seine Familie, insbesondere seine Mutter und seine Großmut‐ ter, hatte tiefe Wurzeln im NKWD sowie im KGB, was ihm ein starkes Pflichtbewusstsein und Loyalität gegenüber der Geheimdienstgemeinschaft vermittelte. Gleichzeitig lehrte ihn der Zynismus seines Vaters gegenüber der sowjetischen Autorität, dass das System nicht unfehlbar war. Diese 202 6 Kapitel | Ein Coup für den CIA - Der Fall Sergej Tretyakov <?page no="203"?> 470 Earley, 2007: 25-26 471 Earley, 2007: 218 & 223 472 Earley, 2007: 150 Dualität - einerseits Respekt für die Arbeit der Geheimdienste, andererseits die Erkenntnis ihrer Schwächen - formte sein Weltbild. 470 Tretyakov war ehrgeizig und wollte sich als fähiger Geheimdienstoffizier beweisen. Er strebte nach Anerkennung für seine analytischen und opera‐ tiven Fähigkeiten und erwartete, dass der Geheimdienst vorrangig dem nationalen Interesse diente - nicht persönlicher Bereicherung oder politi‐ scher Korruption. Seine Vorstellungen von Führung und institutioneller Integrität waren stark von den Idealen der Sowjetzeit geprägt, die den Nach‐ richtendienst als Beruf mit strategischer Verantwortung und professioneller Disziplin ansahen. Er erwartete von den russischen Führungskräften, dass sie diese Tradition fortführten, und maß dem Geheimdienst eine zentrale Rolle im Schutz der nationalen Interessen zu. Doch als er zunehmend mit Korruption, Inkompetenz und Machtmissbrauch konfrontiert wurde, geriet sein Selbstverständnis in Konflikt mit der Realität - eine Diskrepanz, die den Boden für seine spätere Abkehr bereitete. 471 Seine Erziehung vermittelte ihm das Verständnis, dass Stabilität - sowohl im persönlichen als auch im beruflichen Leben - eine zentrale Vorausset‐ zung für Erfolg war. Für ihn bedeutete dies, seiner Familie eine sichere Zukunft zu ermöglichen. Er glaubte an ein System, in dem Leistung aner‐ kannt und belohnt wurde und in dem er stolz auf seine Arbeit sein konnte. Doch als er auf Strukturen stieß, die diesen Überzeugungen widersprachen, erlebte er eine zunehmende kognitive und emotionale Dissonanz. Dieser innere Konflikt verstärkte sich, als er die allgegenwärtige Korruption, die Inkompetenz und den moralischen Verfall in jenem System beobachtete, dem er sein berufliches Leben gewidmet hatte. 472 Situation Die wachsende Diskrepanz zwischen seinen persönlichen Überzeugungen und der Realität, die er im russischen Geheimdienst vorfand, wurde zu einem zentralen Auslöser, der seine Bereitschaft zum Handeln steigerte. Während seiner Zeit in Ottawa wurde er mit der systematischen Korruption innerhalb der russischen Führung konfrontiert. Besonders in Geheimdiens‐ toperationen erkannte er, dass nicht die nationale Sicherheit, sondern die 6.5 Fünf Faktoren im Fall Tretyakov 203 <?page no="204"?> 473 Earley, 2007: 170 & 212-213 474 Earley, 2007: 329 475 Earley, 2007: 150 & 317-318 finanzielle Bereicherung der Eliten im Vordergrund stand. Der „Öl-für-Le‐ bensmittel“-Skandal offenbarte ein System, in dem Geheimdienstmitarbeiter strategische Interessen zugunsten persönlicher Gewinne opferten. Er sah, wie hochrangige Beamte sich an Betrug, Bestechung und Täuschung betei‐ ligten - Methoden, die aus seiner Sicht nicht mit den Prinzipien eines funktionierenden Nachrichtendienstes vereinbar waren. Diese Beobachtun‐ gen untergruben sein Vertrauen in die Institution, der er diente, und ließen ihn zunehmend an der Legitimität seines eigenen Handelns zweifeln. 473 Tretyakov hatte erwartet, dass sich die postsowjetische russische Regie‐ rung in Richtung Demokratisierung und institutioneller Integrität entwi‐ ckeln würde. Stattdessen erlebte er einen Geheimdienst, der zunehmend von korrupten Oligarchen gesteuert wurde. Die systematische Ausbeutung der eigenen Bevölkerung durch die russische Führung stand im direkten Widerspruch zu seiner Überzeugung, dass der Geheimdienst die Nation schützen sollte. Die Tatsache, dass nachrichtendienstliche Ressourcen nicht mehr der nationalen Sicherheit, sondern der persönlichen Bereicherung dienten, ließ ihn daran zweifeln, ob das System überhaupt noch reformierbar war. 474 Auslösender Effekt Die fortschreitende Aushöhlung der Professionalität innerhalb des SVR verstärkte seine Zweifel daran, ob er weiterhin im Dienst bleiben konnte, ohne seine eigenen Werte zu verraten. Die zunehmende Desillusionierung seiner Frau Helen und ihre gemeinsamen Hoffnungen für die Zukunft ihrer Tochter führten ihm vor Augen, dass Loyalität gegenüber dem russischen Geheimdienst möglicherweise nicht mit dem langfristigen Wohlergehen seiner Familie vereinbar war. Besonders das Eingeständnis seiner Mutter, dass Russland kein Ort sei, um seine Tochter großzuziehen, traf ihn tief und verstärkte seinen inneren Konflikt. 475 204 6 Kapitel | Ein Coup für den CIA - Der Fall Sergej Tretyakov <?page no="205"?> 476 Earley, 2007: 25-26 477 Earley, 2007: 156-157 478 Earley, 2007: 220 6.5.2 Motive Sergej Tretyakovs Entscheidung, sich gegen den SVR zu stellen, war kein impulsiver Akt, sondern das Ergebnis eines schrittweisen psychologischen Prozesses. Seine wachsende Desillusionierung gegenüber dem russischen Staat und dessen Geheimdiensten führte nicht sofort zu konkreten Hand‐ lungen, sondern setzte eine Kette miteinander verknüpfter Entwicklungen in Gang: die Analyse seiner Situation, seine emotionale Reaktion darauf und seine allmählich steigende Bereitschaft zum Handeln. Jede dieser Phasen brachte ihn der Erkenntnis näher, dass er nicht länger untätig bleiben konnte. 476 Beurteilung der Situation Tretyakovs wachsendes Bewusstsein für die tief verwurzelte Korruption und den moralischen Verfall innerhalb des russischen Geheimdienstapparats führte zu einer zunehmend kritischen Einschätzung der Umstände. Er trat dem SVR nicht als ideologischer Gegner des russischen Staates bei - im Gegenteil, er war ein engagierter Offizier, der stolz auf seine Arbeit im Geheimdienst war. Doch seine Erfahrungen ließen ihn erkennen, dass das System, dem er diente, nicht mehr mit den Prinzipien übereinstimmte, an die er einst glaubte. 477 Ursprünglich betrachtete er die Geheimdienste als Instrumente zur Wah‐ rung von Russlands globalem Einfluss. Doch mit der Zeit stellte er fest, dass sie zunehmend von korrupten Eliten für persönliche Bereicherung missbraucht wurden, anstatt der nationalen Sicherheit zu dienen. Besonders die Veruntreuung im Rahmen des „Öl-für-Lebensmittel“-Programms, bei der hochrangige SVR-Offiziere ein humanitäres Hilfsprogramm für persönliche Gewinne ausschlachteten, bestärkte ihn in der Überzeugung, dass der Geheimdienst seine ursprüngliche Mission längst aufgegeben hatte. Seine Begegnungen mit hochrangigen Funktionären bestätigten diesen Eindruck - viele waren mehr an eigenem Wohlstand und Macht interessiert als an echter Geheimdienstarbeit. 478 Der fortschreitende Verfall der Professionalität innerhalb des SVR ver‐ stärkte seine Desillusionierung zusätzlich. Tretyakov beobachtete, wie die 6.5 Fünf Faktoren im Fall Tretyakov 205 <?page no="206"?> 479 Earley, 2007: 157-158 480 Earley, 2007: 296-298 481 Earley, 2007: 263 Organisation von einer disziplinierten Institution zu einem System wurde, das von Inkompetenz, Alkoholismus und internem Verrat durchsetzt war. Die Paranoia nach der Enttarnung von Aldrich Ames machte deutlich, dass die Führung des SVR stärker mit internen Säuberungen als mit strategischer Geheimdienstarbeit beschäftigt war. In seinen Augen hatte der Geheim‐ dienst nicht nur seine Effizienz verloren, sondern auch seinen moralischen Kompass. 479 Tretyakovs wachsende Unzufriedenheit wurde nicht nur durch die Zu‐ stände innerhalb des Geheimdienstes genährt, sondern auch durch die all‐ gemeine politische Entwicklung in Russland. Der Aufstieg Wladimir Putins und die fortschreitende Verflechtung der Oligarchen mit der Staatsführung bestätigten seine Befürchtung, dass Russland sich nicht zu einer stabilen Demokratie entwickelte, sondern zunehmend in autoritäre Strukturen ver‐ fiel. Er erkannte, dass Putins Macht auf Angst, politischer Manipulation und systematischer Korruption beruhte - nicht auf dem Wohl der Bevölkerung. Während frühere sowjetische und russische Führer zumindest vorgaben, ideologische Ziele zu verfolgen, schien Putins innerer Zirkel keinerlei Skrupel zu haben, sich offen krimineller Methoden zu bedienen. Diese Erkenntnis ließ Tretyakov endgültig zu dem Schluss kommen, dass das System, dem er jahrelang gedient hatte, nicht nur dysfunktional, sondern unwiderruflich korrupt war. 480 Emotionale Reaktion Seine zunehmende Desillusionierung löste eine starke emotionale Reaktion aus. Besonders schwer wog für ihn das Gefühl des Verrats, da er ursprünglich fest an den Auftrag und die Bedeutung der Geheimdienstarbeit geglaubt hatte. Doch mit jeder neuen Beobachtung verstärkte sich seine Überzeu‐ gung, dass das System nicht mehr zu retten war. 481 Die weitverbreiteten Diebstähle und Betrügereien innerhalb des SVR waren für ihn nicht nur ein Ausdruck von Inkompetenz, sondern ein direkter Verrat an den Interessen Russlands. Während viele Offiziere diese Zustände als unvermeidlichen Teil des Systems hinnahmen oder sogar für ihren eigenen Vorteil nutzten, konnte Tretyakov sie nicht akzeptieren. Sein 206 6 Kapitel | Ein Coup für den CIA - Der Fall Sergej Tretyakov <?page no="207"?> 482 Earley, 2007: 218 & 223 483 Earley, 2007: 218 & 223 484 Earley, 2007: 150 Nationalstolz geriet ins Wanken, als er erkannte, dass Russlands politische und geheimdienstliche Führung nicht dem Land diente, sondern sich auf dessen Kosten bereicherte. 482 Diese Erkenntnis führte zu einem tiefen Gefühl der Entfremdung. Tretya‐ kov war in der Überzeugung beigetreten, Teil einer Institution zu sein, die dem Schutz und den strategischen Interessen Russlands diente. Stattdessen fühlte er sich zunehmend fehl am Platz, da die Werte, die er vertrat, von der politischen Führung untergraben wurden. Seine Kollegen, die dem System weiterhin loyal blieben, sah er entweder als willige Komplizen oder als naive Mitläufer, die die Realität ignorierten. Diese Sichtweise verstärkte sein Ge‐ fühl der Isolation. Der Kontrast zwischen der wachsenden Dysfunktionalität des russischen Systems und der Effizienz westlicher Gesellschaften ließ ihn endgültig reflektieren, ob Russland seine Bevölkerung nicht längst im Stich gelassen hatte. 483 Tretyakovs Unruhe beschränkte sich nicht nur auf seine berufliche Situation, sondern war auch eng mit seiner Sorge um Russlands Zukunft verknüpft. Er erkannte nicht nur das Versagen der SVR, sondern auch die langfristigen Folgen für das gesamte Land. Die zunehmende Repression und Korruption ließen ihn befürchten, dass Russland auf einen unumkehrbaren Niedergang zusteuerte. Besonders die Vorstellung, dass seine Tochter in einem immer autoritäreren und perspektivlosen Staat aufwachsen könnte, verstärkte seine Zweifel daran, dass ein Verbleib im System noch tragbar war. Je stärker diese emotionale Reaktion wurde, desto größer wurde seine Bereitschaft zu handeln. 484 Handlungsbereitschaft Die wachsende Frustration und Desillusionierung Tretyakovs schufen eine innere Dynamik, die seine Bereitschaft zum Handeln verstärkte. Seine kritische Einschätzung des Systems, verbunden mit intensiven emotionalen Reaktionen, führte ihn zu der Erkenntnis, dass er nicht länger passiv bleiben konnte. Dennoch hatte er noch keine klare Handlungsstrategie entwickelt 6.5 Fünf Faktoren im Fall Tretyakov 207 <?page no="208"?> 485 Earley, 2007: 150 & 317-318 486 Earley, 2007: 150 & 317-318 487 Earley, 2007: 150 & 317-318 - er wusste nur, dass ein Weitermachen unter den aktuellen Bedingungen für ihn zunehmend unhaltbar wurde. 485 Mit jeder neuen Beobachtung von Korruption und Inkompetenz innerhalb des SVR fiel es ihm schwerer, seine Arbeit mit seinen persönlichen Über‐ zeugungen in Einklang zu bringen. Seine Frustration war nicht mehr nur ein abstraktes Gefühl, sondern äußerte sich in einer wachsenden inneren Spannung, die ihn zwang, die Widersprüche zwischen seinen Werten und seiner Rolle innerhalb des Geheimdienstes aufzulösen. Die Loyalität zu einer Institution, die er zunehmend verachtete, wurde zu einer psychischen Belastung, die kognitive Dissonanzen erzeugte und sein Bedürfnis nach einer Lösung immer dringlicher machte. 486 Obwohl er sich noch nicht auf einen bestimmten Weg festgelegt hatte, war er nun offener für Möglichkeiten, die er zuvor womöglich ausgeschlossen hätte. Die wachsende Bereitschaft, seine Loyalität und seine Funktion im System infrage zu stellen, deutete darauf hin, dass ein entscheidender Wendepunkt näher rückte. 487 In dieser Phase hatte Tretyakov eine entscheidende psychologische Schwelle erreicht. Seine Bereitschaft zum Handeln war auf dem Höhepunkt - er wusste, dass er etwas tun musste, hatte aber noch keine konkrete Ent‐ scheidung über das Wie getroffen. Äußere Bedingungen, die sein Vorgehen erleichtern würden - etwa erkennbare Schwachstellen in der Organisation, konkrete Gelegenheiten zum Seitenwechsel oder der Einfluss hemmender Faktoren -, waren noch nicht vollständig gegeben. Dennoch hatte sein Motivationsprozess den Punkt erreicht, an dem er Untätigkeit nicht mehr als Option betrachtete. 6.5.3 Organisatorische Schwachstellen Umstände, die Insider-Spionage begünstigen, können einen oder mehrere Bereiche der Sicherheitsarchitektur einer Organisation betreffen. Dazu gehören Schwachstellen in der (1) personellen Sicherheit, (2) physischen Sicherheit, (3) Informationssicherheit und (4) IKT-Sicherheit. Während es im Fall Tretyakov keine Hinweise auf Probleme in der physischen oder IKT-Sicherheit gibt, lassen sich Defizite in der personellen Sicherheit und 208 6 Kapitel | Ein Coup für den CIA - Der Fall Sergej Tretyakov <?page no="209"?> 488 National Institute of Standards and Technology, 2023 489 Earley, 2007: 34 490 Earley, 2007: 32-34 491 Earley, 2007: 32-34 Informationssicherheit erkennen. Fehlende Kontrollmechanismen im per‐ sonellen Bereich ermöglichten es ihm, trotz fragwürdiger Eignung eine Position im Geheimdienst zu erreichen. Gleichzeitig hatte er Zugang zu einer Vielzahl geheimer Operationen, ohne dass effektive Maßnahmen zur Abschottung dieser Informationen existierten. Diese strukturellen Defizite machten nicht nur seinen Verrat möglich, sondern begünstigten ihn aktiv. Sicherheitslücken in der personellen Sicherheit Personelle Sicherheit bezieht sich auf die Beurteilung des Verhaltens, der Integrität, des Urteilsvermögens, der Loyalität, der Zuverlässigkeit und der mentalen Stabilität von Personen für Aufgaben und Verantwortlichkeiten, die ein hohes Maß an Vertrauenswürdigkeit erfordern. 488 Im Fall von Sergei Tretyakov wurden diese essenziellen Aspekte in mehreren kritischen Pha‐ sen vernachlässigt. Tretyakov wurde kurz nach seiner Hochzeit von einem KGB-Offizier kontaktiert. Bei diesem Treffen hat ihm der Offizier mitgeteilt, dass der KGB ihn bereits seit einiger Zeit beobachtet habe und ihm nun eine Anstellung anbiete, sofern er dies wünsche. 489 Allerdings stellt sich die Frage, auf wel‐ cher Grundlage diese Entscheidung getroffen wurde. Betrachtet man diese Phase seines Lebens, hätten die Beobachtungen eher darauf hingedeutet, dass es ihm an Pflichtbewusstsein und innerer Stabilität mangelte. Während seines Studiums lag sein Fokus weniger auf akademischen Verpflichtungen als vielmehr auf sozialen Kontakten. 490 Auch seine eigene Mutter war der Ansicht, dass es ihm an Stabilität fehlte, und initiierte deshalb die Ehe mit Helen Mikhaylovna, um ihm die notwendige Beständigkeit zu verleihen. 491 Zwar ist ein solches Verhalten für einen jungen Mann seines Alters nicht ungewöhnlich, doch es lässt dennoch den Schluss zu, dass ihm in dieser Zeit die Reife und Ernsthaftigkeit fehlten, die für eine Tätigkeit im Geheimdienst erforderlich gewesen wären. Die Entscheidung, ihn in den KGB aufzuneh‐ men, erscheint daher zumindest voreilig und war vermutlich eher auf die Verbindungen seiner Großmutter und Mutter zum KGB zurückzuführen. 6.5 Fünf Faktoren im Fall Tretyakov 209 <?page no="210"?> 492 Earley, 2007: 42-43 493 Earley, 2007: 263 494 Prunckun, 2019: 131 Später, als er bereits für den KGB tätig war und die Aufnahme am renommierten Red Banner Institut anstrebte, wurde er zunächst aufgrund seines chronischen Bluthochdrucks abgelehnt und später erneut, als bei seiner Frau eine Zyste festgestellt wurde. Die Bedenken, die zu diesen Ablehnungen führten, wurden jedoch durch Täuschung und Bestechung seitens Tretyakov und seiner Mutter ausgeräumt. Seine Bereitschaft, das System zu manipulieren, hätte als Warnsignal dienen müssen. Stattdessen wurde sie nicht als charakterliche Schwäche, sondern als Zeichen seines Einfallsreichtums gewertet. 492 Dass er aktiv Richtlinien unterwanderte - ein Vergehen, das in anderen Organisationen Disziplinarmaßnahmen nach sich gezogen hätte - wurde vom KGB großzügig ignoriert. Mit zunehmender Erfahrung wuchs Tretyakovs Kritik am russischen Staat, einhergehend mit der Überzeugung, dass Russland „moralisch nicht zu retten“ sei. 493 In einem funktionierenden System hätte der SVR über ein effektives Verfahren zur regelmäßigen Vertrauenswürdigkeitsprüfung verfügen müssen. Dadurch hätte seine fortschreitende Desillusionierung möglicherweise frühzeitig erkannt und geeignete Gegenmaßnahmen ergrif‐ fen werden können. Doch die strukturellen Schwächen sowohl des Staates als auch des SVR - gepaart mit der allgemeinen Resignation vieler Mitar‐ beiter - führten dazu, dass Tretyakovs wachsende Frustration unbemerkt blieb. Sicherheitslücken in der Informationssicherheit Informationssicherheit umfasst den Schutz sensibler Daten, deren unge‐ wollte Offenlegung erheblichen Schaden anrichten kann. Sie beinhaltet mehrere Kernkomponenten, darunter (1) die Klassifizierung von Informa‐ tionen (z. B. Verschlusssache, vertraulich, geheim und streng geheim), (2) die Verwendung von Decknamen, (3) die Abschottung von Informationen, (4) Zugriffskontrollprotokolle, (5) Richtlinien für einen sicheren Arbeitsplatz, (6) Richtlinien zur Aufbewahrung von Dokumenten und (7) Richtlinien zur Entsorgung von Dokumenten. 494 Der Fall Tretyakov offenbart gravierende Defizite in der Umsetzung solcher Prinzipien, die es ihm ermöglichten, große Mengen sensibler Informationen an den US-Geheimdienst weiterzugeben. 210 6 Kapitel | Ein Coup für den CIA - Der Fall Sergej Tretyakov <?page no="211"?> 495 Earley, 2007: 322-325 496 Earley, 2007: 106-108 497 Earley, 2007: 106-108 Tretyakov verfügte über umfassende, unkontrollierte operative Kennt‐ nisse über die Spionageaktivitäten des SVR in den USA. Insbesondere hatte er tiefgehende Einblicke in die Identitäten russischer Agenten, die unter diplomatischer Tarnung operierten, sowie in die Zielpersonen russischer Anwerbungsversuche. Er war mit zahlreichen Details zu Tarnidentitäten und Rekrutierungsstrategien des SVR vertraut. Die Schutzmechanismen zur Geheimhaltung von Decknamen sowie die Abschottung sensibler Infor‐ mationen über operative Aktivitäten erwiesen sich als unzureichend oder fehlten gänzlich. 495 Sein Zugriff beschränkte sich nicht nur auf Informationen des SVR. Tre‐ tyakov gelang es zudem, vertrauliche Mitteilungen aus dem diplomatischen Dienst zu erlangen. Aleksandr Belonogow, der sowjetische Botschafter in Kanada, betrachtete Tretyakov als politische Belastung und verfolgte bereits seit einiger Zeit das Ziel, ihn aus Ottawa abberufen zu lassen. Schließlich übermittelte das kanadische Außenministerium eine offizielle diplomatische Beschwerde („non-paper“), in der Tretyakov als KGB-Offizier identifiziert und seine Rückberufung nach Moskau gefordert wurde. Belonogow war überzeugt, damit Tretyakovs Zeit in Ottawa endgültig besiegelt zu haben. 496 Doch Tretyakov kam ihm zuvor: Er rekrutierte Belonogows persönli‐ chen Code-Sekretär, Wladimir Seleznew, und verschaffte sich Zugang zu sämtlichen vertraulichen Mitteilungen des Botschafters. Mithilfe dieser Informationen sammelte er belastendes Material über Belonogow und leitete Berichte nach Moskau weiter, in denen er den Botschafter als ineffektiv und unzuverlässig darstellte. Das Ergebnis war das Gegenteil dessen, was Belonogow beabsichtigt hatte: Nicht Tretyakov, sondern Belonogow wurde schließlich abberufen. 497 Auch in diesem Fall wird deutlich, dass grundle‐ gende Sicherheitsmaßnahmen zur Verhinderung des unbefugten Zugriffs auf sensible diplomatische Kommunikation fehlten. 6.5.4 Marktchancen Spionage schafft Marktchancen, wenn eine Person über wertvolle Informa‐ tionen verfügt, die für einen Gegner von Interesse sind, und die Bedingungen für einen Austausch gegeben sind. Im Fall von Tretyakov bot seine Position 6.5 Fünf Faktoren im Fall Tretyakov 211 <?page no="212"?> 498 Earley, 2007: 322-325 499 Earley, 2007: 322-325 500 Earley, 2007: 322-325 501 Earley, 2007: 322-325 502 Earley, 2007: 322-325 in der SVR-Zentrale bei der Ständigen Vertretung Russlands bei den Verein‐ ten Nationen in New York Zugang zu sensiblen Informationen, die für die Vereinigten Staaten von strategischer Bedeutung waren. 498 Die US-Geheimdienste, insbesondere die CIA und das FBI, hatten ein starkes Interesse daran, mit ihm zusammenzuarbeiten. Sein Wissen über Russlands nachrichtendienstliche Operationen und geopolitische Strategie stellte einen erheblichen Gewinn für die amerikanische Spionageabwehr dar. Die Kombination aus seinem Zugang zu geheimdienstlichen Informa‐ tionen und der wachsenden Kluft zwischen seinen Überzeugungen und der Realität innerhalb des SVR schuf die Grundlage für eine mögliche Zusammenarbeit mit den US-Behörden. 499 Tretyakov war kein gewöhnlicher Geheimdienstoffizier, sondern ein hochrangiger SVR-Offizier in New York mit direktem Zugang zu Russland verdeckten Operationen, Rekrutierungsstrategien und Spionagetaktiken. Seine Position machte ihn zu einer der wertvollsten Quellen des amerikani‐ schen Geheimdienstes in der Zeit nach dem Kalten Krieg. 500 Als stellvertretender Resident überwachte Tretyakov die Operationen des SVR gegen amerikanische Einrichtungen, darunter Regierungsbehörden, die Vereinten Nationen und private Organisationen. Er war in der Lage, russische Geheimdienstoffiziere zu identifizieren, die unter diplomatischer Tarnung operierten, und lieferte der amerikanischen Spionageabwehr ent‐ scheidende Hinweise zur Aufdeckung russischer Spionagenetzwerke. 501 Sein Wissen um die Methoden des SVR bei der Rekrutierung amerikani‐ scher Agenten war besonders geschätzt. Er kannte die Zielpersonen der russischen Residentur, die Schwachstellen, die ausgenutzt wurden, sowie die Strategien, mit denen Informanten angeworben und geführt wurden. Dar‐ über hinaus hatte er Zugang zu SVR-Chiffren, Verschlüsselungsprotokollen und sicheren Kommunikationskanälen - Informationen, die es westlichen Geheimdiensten ermöglichten, russische Nachrichten zu entschlüsseln und operative Abläufe besser zu verstehen. 502 Tretyakov spielte eine entscheidende Rolle bei der Aufdeckung russischer Spione, die unter diplomatischer Tarnung operierten, und unterstützte so das FBI und die CIA dabei, aktive SVR-Operationen in den USA zu neu‐ 212 6 Kapitel | Ein Coup für den CIA - Der Fall Sergej Tretyakov <?page no="213"?> 503 Earley, 2007: 322-325 504 Earley, 2007: 322-325 505 Earley, 2007: 322-325 tralisieren. Er hatte umfassendes Wissen darüber, welche amerikanischen Beamten, Wirtschaftsführer und Akademiker als potenzielle nachrichten‐ dienstliche Quellen ins Visier genommen wurden, und ermöglichte es den US-Behörden, gezielt gegen russische Einflussoperationen vorzugehen. 503 Darüber hinaus verfügte Tretyakov über Informationen zu russischen Informanten und Doppelagenten, was den USA einen erheblichen Vorteil in der Spionageabwehr verschaffte. Sein Wissen erstreckte sich über die langfristigen nachrichtendienstlichen Ziele Russlands, einschließlich der strategischen Einschätzung des Kremls über die USA und der Methoden, mit denen Moskau versuchte, die amerikanische Außenpolitik zu untergraben. 504 Durch seinen Zugang zu internen SVR-Diskussionen und geheimen Berichten konnte Tretyakov enthüllen, welche Bedrohungen die russische Führung als vorrangig betrachtete, welche Schwachstellen sie in den USA ausnutzen wollte und mit welchen Desinformationskampagnen sie ver‐ suchte, geopolitische Narrative zu beeinflussen. Er lieferte Einblicke in Russlands wirtschaftliche, politische und militärische Strategien sowie in die gezielte Manipulation internationaler Organisationen wie der Vereinten Nationen zur Förderung russischer Interessen. 505 Tretyakov verfügte über detaillierte Kenntnisse darüber, wie der SVR Geld wusch, Tarnfirmen nutzte und Finanzmittel für nachrichtendienstliche Operationen verschob. Seine Einblicke in den „Öl-für-Lebensmittel“-Skan‐ dal enthüllten, wie Russland UN-Gelder abzweigte, um Kreml-Eliten zu bereichern und geheime Operationen zu finanzieren. Er konnte aufzeigen, wie korrupte russische Beamte internationale Finanzinstitutionen miss‐ brauchten, um Geld in illegale Spionageprojekte zu leiten und verdeckte Operationen zu unterstützen. Seine Informationen waren für die Vereinigten Staaten aus mehreren Gründen von hohem strategischem Wert. Trotz des offiziellen Endes des Kalten Krieges blieb Russland ein geopolitischer Rivale. Gleichzeitig hatte der US-Geheimdienst durch die Enthüllungen von Aldrich Ames und Robert Hanssen schwere Rückschläge erlitten, was erhebliche Lücken in den Spi‐ onageabwehrfähigkeiten gegenüber Russland hinterließ. Tretyakovs Über‐ laufen bot eine seltene Gelegenheit, diese Informationsmängel auszuglei‐ 6.5 Fünf Faktoren im Fall Tretyakov 213 <?page no="214"?> 506 Earley, 2007: 195 507 Earley, 2007: 195 508 Earley, 2007: 322-325 chen und die Abwehrstrategien gegen russische Geheimdienstaktivitäten neu auszurichten. Das FBI und die CIA hatten große Schwierigkeiten, russische Geheim‐ dienstmitarbeiter in den USA zu identifizieren, insbesondere jene, die unter diplomatischer Tarnung operierten. Tretyakovs umfassendes Wissen über die Operationen des SVR in New York ermöglichte es der amerikanischen Spionageabwehr, russische Spionagebemühungen gezielt zu überwachen, zu stören und zu neutralisieren. Seine Erkenntnisse verstärkten die Über‐ wachungsmaßnahmen des FBI und trugen dazu bei, amerikanische Institu‐ tionen vor russischer Infiltration zu schützen. 506 Für die US-Nachrichtendienste war es von besonderem Interesse, zu ver‐ stehen, wie Russland seine nachrichtendienstlichen Aktivitäten nach dem Kalten Krieg angepasst hatte. Tretyakov lieferte entscheidende Einblicke in die Rekrutierungstaktiken des SVR, seine Spionagemethoden und strate‐ gischen Prioritäten. Dadurch konnten die USA russische Geheimdienstak‐ tivitäten besser antizipieren und ihnen entgegenwirken. Zudem bot sein Wissen über russische Desinformations- und Beeinflussungsoperationen den US-Behörden ein Frühwarnsystem gegen verdeckte Versuche, die öf‐ fentliche Meinung und die amerikanische Außenpolitik zu manipulieren. 507 Tretyakovs Geheimdienstinformationen lieferten direkte Beweise für die weitreichende Korruption innerhalb des russischen Staatsapparats und verschafften den USA ein wertvolles Druckmittel in diplomatischen Ver‐ handlungen. Seine Enthüllungen über den Missbrauch des UN-Programms „Öl für Lebensmittel“ durch Russland untergruben dessen Glaubwürdigkeit auf der internationalen Bühne und boten den USA die Möglichkeit, Moskaus Einfluss in multilateralen Institutionen zu schwächen. 508 Seine Erkenntnisse über die Verflechtung von Korruption und Spionage in der russischen Elite ermöglichten es den USA, gezielten Druck auf ihre Verbündeten auszuüben, um strengere Finanzkontrollen gegen russische Geheimdienstoperationen durchzusetzen. Zudem hatte Tretyakov Zugang zu internen Einschätzungen Russlands zu globalen Ereignissen, was den USA half, die Strategien und Reaktionen des Kremls besser zu antizipieren. Sein Wissen über die Sichtweise der russischen Führung auf den Westen verschaffte den US-Politikern eine fundierte Grundlage, um effektivere 214 6 Kapitel | Ein Coup für den CIA - Der Fall Sergej Tretyakov <?page no="215"?> 509 Earley, 2007: 322-325 510 Earley, 2007: 322-325 511 Earley, 2007: 322-325 512 Danesy, 2024: 186 513 Danesy, 2024: 187-190 Gegenmaßnahmen gegen russische Einflussnahme und geopolitische Ag‐ gressionen zu entwickeln. 509 Tretyakovs Überlaufen war nicht allein durch Ideologie oder moralische Opposition gegen das russische Regime motiviert, sondern beruhte auf einem strategischen Austausch, der beiden Seiten Vorteile brachte. Die US-Geheimdienste gewährten ihm Schutz, Sicherheit und die Möglichkeit eines neuen Lebens, während er im Gegenzug hochwertige Informationen lieferte, die die russischen Spionageoperationen erheblich schwächten. 510 Für seine Zusammenarbeit erhielt Tretyakov politisches Asyl und die US-Staatsbürgerschaft für sich und seine Familie, finanzielle Unterstützung für die Umsiedlung sowie Schutz vor möglichen Vergeltungsmaßnahmen Russlands. Darüber hinaus konnte er als Geheimdienstberater seine umfas‐ senden Kenntnisse über russische Geheimdienststrukturen in eine berufli‐ che Laufbahn überführen. Die USA wiederum gewannen mit ihm einen der wertvollsten russischen Überläufer der Zeit nach dem Kalten Krieg. 511 6.5.5 Enthemmende Faktoren Enthemmende Faktoren sind Bedingungen, die die Selbstkontrolle schwä‐ chen, innere Hemmungen aufheben und die Wahrscheinlichkeit erhöhen, sich auf riskantes oder verbotenes Verhalten einzulassen. Dazu gehören Persönlichkeitsmerkmale, psychische Störungen, Substanzmissbrauch und extreme emotionale Zustände. 512 Persönlichkeitsmerkmale Bestimmte Persönlichkeitsmerkmale werden mit einer erhöhten Wahr‐ scheinlichkeit für Spionage in Verbindung gebracht, insbesondere hoher Neurotizismus (emotionale Instabilität, chronischer Stress und Angst), niedrige Verträglichkeit (Manipulationsneigung, Zynismus, mangelndes Einfühlungsvermögen), niedrige Gewissenhaftigkeit (Impulsivität, Verant‐ wortungslosigkeit, mangelnde Disziplin) sowie eine ausgeprägte Suche nach Nervenkitzel. 513 6.5 Fünf Faktoren im Fall Tretyakov 215 <?page no="216"?> 514 Earley, 2007: 87 515 Earley, 2007: 149 516 Earley, 2007: 149 517 Danesy, 2024: 190-191 Im Fall von Tretyakov gibt es jedoch keine Hinweise darauf, dass seine Entscheidung zur Spionage durch diese Faktoren begünstigt wurde. Im Ge‐ genteil: Mit zunehmendem Alter zeichnete er sich durch hohe Disziplin und strategisches Denken aus. Seine nachrichtendienstliche Laufbahn zeugte von ausgeprägter Gewissenhaftigkeit - er arbeitete akribisch, analytisch und operativ versiert. Seine Spionagetätigkeit war weder eine impulsive Handlung noch von Abenteuerlust getrieben, sondern das Ergebnis eines langwierigen Prozesses der Desillusionierung. 514 Sein Entschluss zum Überlaufen war vielmehr eine Konsequenz eben dieser Gewissenhaftigkeit: Zum einen wollte er sich nicht länger mit ei‐ nem System identifizieren, das er zunehmend als korrupt und moralisch verkommen empfand. 515 Zum anderen fühlte er sich gegenüber seiner Tochter verpflichtet, ihr ein Leben in einer stabilen und sicheren Umge‐ bung zu ermöglichen - etwas, das Russland seiner Ansicht nach nicht bieten konnte. 516 Seine Entscheidung war somit nicht Ausdruck persönlicher Schwächen, sondern vielmehr Ausdruck seines Wertesystems und seines Verantwortungsbewusstseins. Persönlichkeitsstörungen Bestimmte Persönlichkeitsstörungen werden häufig mit Insider-Bedrohun‐ gen und Spionage in Verbindung gebracht, insbesondere die narzissti‐ sche Persönlichkeitsstörung (NPD), die antisoziale Persönlichkeitsstörung (ASPD), Psychopathie und bipolare Störungen (insbesondere in manischen Episoden). 517 Im Fall von Tretyakov gibt es jedoch keine Hinweise darauf, dass pathologische Persönlichkeitsmerkmale eine Rolle bei seiner Entschei‐ dung zur Spionage spielten. Er zeigte keine für Narzissmus typischen Merkmale wie Grandiosität oder übermäßige Anspruchshaltung - seine Motive waren nicht selbstbezo‐ gen, sondern wurden durch ideologische und moralische Überzeugungen geprägt. Ebenso gibt es keine Anzeichen für antisoziales Verhalten oder eine gefühllose Missachtung anderer. Im Gegenteil, er war tief von ethischen 216 6 Kapitel | Ein Coup für den CIA - Der Fall Sergej Tretyakov <?page no="217"?> 518 Earley, 2007: 149 519 Danesy, 2025: 194-195 520 Earley, 2007: 157-158 Fragen betroffen und zeigte eine ausgeprägte Sensibilität gegenüber der Korruption und dem Verfall der Institutionen, denen er einst diente. 518 Auch psychopathische Züge wie eine kalte oder manipulative Natur sind bei ihm nicht erkennbar. Sein Überlaufen war kein Versuch, Macht oder Kontrolle zu gewinnen, sondern vielmehr der Wunsch, seine Handlungen mit seinen Werten in Einklang zu bringen. Zudem gibt es keine Hinweise auf eine bipolare Störung oder eine andere schwere psychische Erkrankung, die zu impulsiven oder enthemmten Entscheidungen geführt haben könnte. Persönlichkeitsstörungen lassen sich daher nicht als enthemmender Faktor in Tretyakovs Fall identifizieren. Drogenmissbrauch Drogenmissbrauch, insbesondere Alkoholismus und Substanzabhängigkeit, kann die Hemmschwelle für riskantes Verhalten deutlich senken, das Ur‐ teilsvermögen trüben und die Wahrscheinlichkeit impulsiver Entscheidun‐ gen erhöhen. 519 Im Fall von Tretyakov gibt es jedoch keine Hinweise darauf, dass Suchtverhalten oder exzessiver Konsum von Alkohol oder Drogen seine Entscheidungsfindung beeinflusst hätten. Obwohl der exzessive Alkoholkonsum im SVR weit verbreitet war, gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass Tretyakov selbst diesem Muster folgte. 520 Vielmehr zeichnete er sich durch Disziplin und strategisches Denken aus. Seine Entscheidungen waren weder das Resultat einer Impulsivität noch durch Substanzen beeinträchtigt. Stattdessen beruhten sie auf einer sorgfäl‐ tigen und langfristigen Abwägung der politischen und moralischen Realität, mit der er konfrontiert war. In seinem Fall spielte Drogenmissbrauch daher keine Rolle als enthemmender Faktor für seine Spionagetätigkeit. Starke Emotionen Neben Persönlichkeitsmerkmalen, Substanzmissbrauch und psychischen Störungen kann auch eine extreme emotionale Reaktion die Hemmschwelle für regelwidriges oder riskantes Verhalten senken. Intensive Gefühle wie Wut, Enttäuschung, Angst oder moralische Empörung können rationale 6.5 Fünf Faktoren im Fall Tretyakov 217 <?page no="218"?> 521 Danesy, 2025: 196-200 522 Earley, 2007: 223 523 Earley, 2007: 223 524 Earley, 2007: 223 Abwägungen überlagern und Entscheidungen begünstigen, die unter an‐ deren Umständen nicht getroffen worden wären. Eine solche emotionale Enthemmung tritt häufig auf, wenn eine Person eine tiefe Diskrepanz zwischen ihren eigenen Werten und den Bedingungen in ihrer Umgebung wahrnimmt. 521 Tretyakov zeigte zwar keine persönlichkeits- oder substanzbedingte Enthemmung, doch seine emotionale Reaktion auf die allgegenwärtige Korruption, den Zynismus und den Verrat im russischen Staat erwies sich als maßgeblicher enthemmender Faktor. Seine Überzeugung, dass die russische Regierung unrettbar korrupt und moralisch bankrott war, löste eine tiefe emotionale Reaktion aus. 522 Er fühlte sich von dem System, dem er sein Leben gewidmet hatte, betrogen und erkannte, dass seine Arbeit nicht der Sicherheit Russlands oder dem Wohl des Volkes diente, sondern lediglich eine skrupellose Elite bereicherte. Die Dimension des Diebstahls, des Betrugs und der kriminellen Machenschaften innerhalb des russischen Geheimdienstes schockierte ihn zunehmend - insbesondere die Plünderung des UN-Programms „Öl für Lebensmittel“, bei dem Gelder, die für humanitäre Hilfe bestimmt waren, systematisch abgezweigt wurden. 523 Seine wachsende Erkenntnis, dass Putins Russland nicht weniger korrupt war als das von Jelzin, sondern lediglich mit einer autoritäreren Fassade versehen wurde, vertiefte seine Desillusionierung. Diese Einsicht schwächte die psychologischen Barrieren, die ihn davon abgehalten hatten, aktiv gegen das System vorzugehen, und schuf die innere Rechtfertigung für seinen späteren Übertritt zur Gegenseite. 524 218 6 Kapitel | Ein Coup für den CIA - Der Fall Sergej Tretyakov <?page no="219"?> 7 Kapitel | Insider-Spionage für Ego und Profit - Der Fall Robert Hanssen ➲ eLearning-Kurs Nutzen Sie den QR-Code oder den Link, um zu dem Kurs zu gelangen: 🔗 https: / / narr.kwaest.io/ s/ 1388 Robert Hanssen, ein Spezialagent des FBI, wurde zu einem der folgen‐ schwersten Spione in der Geschichte der USA. Über mehr als zwei Jahr‐ zehnte lieferte er geheime Informationen an die Sowjetunion und später an die Russische Föderation - im Austausch gegen Bargeld und Diamanten. Sein Verrat kompromittierte hochsensible nationale Sicherheitsprogramme, darunter die Spionageabwehr, Überwachungsmaßnahmen und nukleare Verteidigungsstrategien der USA. Hanssens Spionage führte direkt zur Enttarnung und Hinrichtung wichtiger US-Informanten in Russland und schwächte die amerikanischen Geheimdienste erheblich. Nach seiner Ver‐ haftung im Jahr 2001 bekannte er sich in mehreren Fällen der Spionage schuldig und wurde zu lebenslanger Haft ohne die Möglichkeit auf Bewäh‐ rung verurteilt. <?page no="220"?> 525 Vise, 2002; Wise, 2003: 10 526 Vise, 2002; Wise, 2003: 10-11 7.1 Persönlicher Hintergrund Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Familiäre Prägung und die Beziehung zum überkritischen Vater als Auslöser für das Bedürfnis nach Selbstbestätigung. ● Das Streben nach Anerkennung und die Suche nach Bestätigung als Grundlage späterer Spionagehandlungen. ● Disziplinierte Erziehung und innere Distanz zu familiären Erwar‐ tungen als Ausgangspunkt für Normabweichung. ● Schwaches Selbstwertgefühl, Machtstreben und familiäre Konflikte als psychologische Risikofaktoren. ● Psychologisches Bedürfnis nach Anerkennung als zentraler Treiber für Hanssens Spionagebereitschaft. Robert Hanssen wurde während des Zweiten Weltkriegs am 18. April 1944 in Chicago, Illinois, als einziges Kind von Howard und Vivian Hanssen geboren. Sein Vater diente zu dieser Zeit als Unteroffizier der US Navy und arbeitete nach dem Krieg zunächst für die Campbell Soup Company, bevor er in den Polizeidienst wechselte. In Chicago wurde er schließlich Mitglied der ‚Red Squad‘, einer umstrittenen Einheit, die mutmaßliche Subversive und politische Radikale überwachen sollte. Hanssens Mutter, Vivian Baer Hanssen, war Hausfrau. 525 Die Familie lebte in einem bescheidenen Haus in Norwood Park, einem konservativen Arbeiterviertel am nordwestlichen Stadtrand von Chicago. Das Viertel hatte einen vorstädtischen Charakter mit Einfamilienhäusern und gepflegten Rasenflächen. Ein starkes Gemeinschaftsgefühl prägte die Nachbarschaft, Karrieren im öffentlichen Dienst waren weit verbreitet, und die politischen Ansichten tendierten eher in Richtung der Republikaner. 526 Hanssens Erziehung war von einem starken Kontrast in der elterlichen Fürsorge geprägt. Während seine Mutter warmherzig war und sich um seine emotionalen Bedürfnisse kümmerte, galt sein Vater als streng und oft übermäßig kritisch. Die Disziplin im Haushalt war streng und gelegentlich körperlich. Berichten zufolge drehte sein Vater ihn so lange herum, bis ihm 220 7 Kapitel | Insider-Spionage für Ego und Profit - Der Fall Robert Hanssen <?page no="221"?> 527 Vise, 2002; Wise, 2003: 11-12 528 Vise, 2002; Wise, 2003: 11-12 529 Wise, 2003: 12 übel wurde, oder streckte ihm gewaltsam das Bein - Demütigungen, die sein Gefühl der Machtlosigkeit und sein geringes Selbstwertgefühl verstärkten. Öffentliche Kritik, insbesondere Bemerkungen, die andeuteten, dass er es nie zu etwas bringen würde, hinterließen tiefe Spuren. Hanssen wuchs mit dem Gefühl auf, dass er seinem Vater nie genügen konnte und stets dessen Enttäuschung spürte. 527 Die verbalen und körperlichen Misshandlungen durch seinen Vater hin‐ terließen bei Robert Hanssen tiefe Spuren. Zwar suchte er gelegentlich Kontakt zu anderen - etwa bei Besuchen seiner Großeltern oder Gesprächen mit Klassenkameraden -, doch insgesamt zeigte er ein ausgeprägtes Rück‐ zugsmuster. Sein wichtigster Bewältigungsmechanismus war die Flucht in Bücher und intellektuelle Beschäftigungen, die ihm eine temporäre Zuflucht vor der harten Realität zu Hause boten. Die Struktur und Disziplin, die er in seinen Studien fand, standen in starkem Kontrast zu der Unberechenbar‐ keit und den Demütigungen, die er durch seinen Vater erdulden musste. Trotz einzelner positiver Momente - Angelausflüge, Schießunterricht oder das symbolische Geschenk eines Gewehrs - entwickelte Hanssen ein tief verwurzeltes Bedürfnis, sich selbst zu beweisen. Dieser innere Antrieb sollte sowohl seine Karriere als auch später seinen Weg in die Spionage beeinflussen. 528 Während seiner Schulzeit an der Norwood Park Grammar School und später an der Taft High School fand Hanssen in Jack Hoschouer einen engen Freund. Hoschouer, dessen Familie eine Druckerei besaß, bot ihm die Un‐ terstützung und Kameradschaft, die ihm in seinem familiären Umfeld fehlte. Die Freundschaft basierte auf gemeinsamen Interessen wie Autorennen und harmlosen Teenagerstreichen. Später testeten die beiden ihre Grenzen aus, indem sie in einem alten Corvair bei einem improvisierten ‚Grand Prix‘ durch die Seitenstraßen Chicagos rasten und dabei einige Verkehrsregeln missachteten - Erlebnisse, die ihre lebenslange Verbindung festigten. 529 Nach seinem Highschool-Abschluss schrieb sich Hanssen an der North‐ western University für ein Zahnmedizinstudium ein - möglicherweise, um die Erwartungen seines Vaters zu erfüllen. Während seines ersten Studienjahres erhielt er eine kostenlose Mitgliedschaft im Playboy Club, eine übliche Vergünstigung für Studenten dieses Fachbereichs in jener Zeit. 7.1 Persönlicher Hintergrund 221 <?page no="222"?> 530 Wise, 2003: 13 531 Wise, 2003: 13 532 Wise, 2003: 15 533 Wise, 2003: 15 Fasziniert von der Gelegenheit, lud er seinen Freund Hoschouer ein, ihn zu begleiten, und gemeinsam besuchten sie den Club. 530 Während seines Studiums lernte Hanssen Bernadette ‚Bonnie‘ Wauck kennen, die später seine Frau werden sollte. Bonnie stammte aus einer gro‐ ßen, tiefgläubigen römisch-katholischen Familie, deren Einfluss maßgeblich dazu beitrug, dass Hanssen später zum Katholizismus konvertierte und sich dem Opus Dei anschloss. 531 Das Paar zog in eine Wohnung in der North Side von Chicago, während Bonnie als Grundschullehrerin arbeitete. Hanssen hingegen gab seine ur‐ sprünglichen Pläne, Zahnarzt zu werden, auf und richtete seinen Fokus stattdessen auf Buchhaltung und Strafverfolgung. Dieser abrupte Wechsel spiegelte einen tieferliegenden inneren Konflikt wider: den Wunsch, eine eigene Identität zu formen und sich von der kritischen und dominanten Präsenz seines Vaters zu lösen. 532 Nur eine Woche nach ihrer Hochzeit erhielt Bonnie Hanssen einen verstö‐ renden Anruf von einer Frau, die behauptete, Roberts Freundin zu sein und eine intime Beziehung mit ihm zu haben. Hanssen wies die Anschuldigung entschieden zurück, und Bonnie entschied sich, die Angelegenheit nicht weiter zu verfolgen. Doch dieser Vorfall hinterließ einen ersten Schatten auf ihrer Ehe - eine subtile Vorahnung des weitreichenden Verrats, der später sein Doppelleben prägen sollte. 533 222 7 Kapitel | Insider-Spionage für Ego und Profit - Der Fall Robert Hanssen <?page no="223"?> 534 Wise, 2003: 15 535 Vise, 2002: 28-29 7.2 Beruflicher Werdegang und Spionagetätigkeit Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Das Bedürfnis nach Kontrolle und Autorität als Reaktion auf frühe Machtlosigkeit. ● Psychologische Prägung durch autoritäre Erziehung als Verstärker beruflicher Kompensation. ● Moralische Überzeugungen und religiöse Bindungen als wider‐ sprüchliche Handlungsgrundlagen. ● Gefühl der Isolation und Misstrauen im Kollegenkreis als Auslöser für innere Konflikte. ● Beruflicher Aufstieg und Spionagetätigkeit als Ausdruck einer psy‐ chologischen Selbstvervollständigung. 7.2.1 Eintritt in das Chicago Police Department Hanssen erwarb 1971 einen MBA in Rechnungswesen und Informations‐ systemen an der Northwestern University. Anschließend arbeitete er ein Jahr lang als Junior Associate in einer Wirtschaftsprüfungsgesellschaft in Chicago und erhielt 1973 die Zulassung als Certified Public Accountant (CPA). Doch trotz seiner Qualifikation im Finanzwesen fühlte er sich zur Geheimdienstarbeit hingezogen und bewarb sich bei der National Security Agency (NSA). Als seine Bewerbung abgelehnt wurde, entschied er sich für eine Karriere in der Strafverfolgung und trat dem Chicago Police Department bei. 534 Dort wurde Hanssen der Abteilung für interne Ermittlungen, bekannt als C5, zugewiesen - einer Spezialeinheit, die Korruptionsfälle innerhalb der Polizei untersuchte. Dank seines Hintergrunds in Rechnungswesen spezialisierte er sich auf Finanzermittlungen und analysierte Bankunterla‐ gen, um Unregelmäßigkeiten aufzudecken. Dabei spürte er Beamte auf, die routinemäßig Schmiergelder von Barbesitzern und anderen Geschäftsleuten entgegennahmen. 535 7.2 Beruflicher Werdegang und Spionagetätigkeit 223 <?page no="224"?> 536 Vise, 2002: 28-30 537 Vise, 2002: 29 538 Vise, 2002: 29-30 539 Vise, 2002: 30-31 Von Anfang an fiel Hanssen durch seine analytische Akribie auf. Er nutzte sein technisches Wissen, um ein komplexes Netzwerk illegaler Zahlungen nachzuverfolgen und die darin verwickelten Beamten zu identifizieren. Seine Untersuchungen offenbarten nicht nur einzelne Fälle von Fehlverhal‐ ten, sondern legten ein tief verwurzeltes Korruptionssystem innerhalb der Behörde offen. Diese Präzision brachte ihm den Ruf eines gründlichen Ermittlers ein - aber auch Skepsis unter seinen Kollegen. Einige fragten sich, woher er so detaillierte Kenntnisse über die internen Abläufe der Abteilung hatte, und vermuteten, dass er möglicherweise von höherer Stelle als Informant in C5 eingesetzt wurde. 536 Hanssen ging es bei seiner Arbeit in der Abteilung für interne Ermittlun‐ gen um mehr als bloßen beruflichen Ehrgeiz. Auf einer tieferen Ebene wurde er von einem starken Bedürfnis nach Kontrolle angetrieben - einer Reaktion auf die Machtlosigkeit, die er in seiner Kindheit unter einem dominanten und oft misshandelnden Vater empfunden hatte. Die C5-Einheit bot ihm die seltene Gelegenheit, in einer Behörde, die lange Zeit als nachsichtig gegenüber Korruption galt, Autorität auszuüben. Indem er Fehlverhalten in den eigenen Reihen aufdeckte, konnte er nicht nur seinen Wert unter Beweis stellen, sondern auch gegen die tief verwurzelten Gefühle von Un‐ zulänglichkeit und Wut ankämpfen, die sein frühes Leben geprägt hatten. 537 Trotz der feindseligen Haltung vieler Kollegen, die Ermittler der C5 als ‚Spitzel‘ betrachteten, ließ sich Hanssen nicht beirren. Er akzeptierte, dass ihn einige Beamte misstrauisch beäugten, während seine Vorgesetzten seine analytischen Fähigkeiten zunehmend zu schätzen wussten. Seine präzise und methodische Arbeitsweise brachte ihm Anerkennung ein. 538 Hanssens Vorgesetzte erkannten schließlich, dass sein Talent auf Bundes‐ ebene besser genutzt werden könnte, und empfahlen ihm eine Bewerbung beim FBI. Diese Empfehlung markierte einen entscheidenden Wendepunkt in seiner Karriere: Sie bedeutete das Ende seiner Tätigkeit in der Abteilung für interne Ermittlungen und ebnete den Weg für eine Laufbahn im Nach‐ richtendienst - einem Umfeld, in dem seine analytischen Fähigkeiten und sein Bedürfnis nach Kontrolle in noch größerem Maße auf die Probe gestellt werden sollten. 539 224 7 Kapitel | Insider-Spionage für Ego und Profit - Der Fall Robert Hanssen <?page no="225"?> 540 Vise, 2002: 40-41 541 Vise, 2002: 40-41 542 Vise, 2002: 41 7.2.2 Eintritt in das Federal Bureau of Investigation Hanssen trat im Januar 1976 in das Federal Bureau of Investigation ein. Nach seiner Ausbildung an der FBI-Akademie in Quantico wurde er der Außenstelle in Indianapolis zugewiesen, wo er sich mit Wirtschaftskrimi‐ nalität in Gary, Indiana, befasste. Während dieser Zeit lebte er mit seiner wachsenden Familie in Munster, Indiana. Bonnie, eine engagierte und gläubige Hausfrau, war der Anker der Familie und prägte das Zuhause mit ihrem tief verwurzelten katholischen Glauben. Trotz persönlicher Her‐ ausforderungen - darunter Fehlgeburten, Fruchtbarkeitsprobleme und die Belastungen der Kindererziehung inmitten häufiger Umzüge - hielt Bonnie an festen familiären Routinen fest. Ihre Disziplin und Beständigkeit schufen eine Stabilität, die ihre Ehe als heiligen Bund festigte. 540 Parallel zu seiner beruflichen Entwicklung durchlief Hanssen eine tief‐ greifende geistige Wandlung. Auf Anregung seines Paten Patrick Hogan und mit Bonnies Unterstützung ließ er sich römisch-katholisch taufen. In den folgenden Jahren trat er dem Opus Dei bei, einer katholischen Laienorganisation, die einen strengen, methodischen Ansatz zur Heiligkeit verfolgt. Unter dem Einfluss von Bonnie und Hogan fand Hanssen in den Prinzipien des Opus Dei eine klare moralische Ordnung, die ihm Halt gab - ein Kontrast zur moralischen Zweideutigkeit, die er in der modernen Welt wahrnahm. 541 Die Rolle des Opus Dei in Hanssens Leben bleibt ambivalent. Während die Organisation ihm Struktur und geistige Disziplin bot, ist sie auch umstritten. Kritiker innerhalb und außerhalb der Kirche äußern Bedenken, dass Opus Dei ein Gefühl moralischer Überlegenheit und ideologische Unnachgiebigkeit fördern könne - Eigenschaften, die später in Hanssens Persönlichkeit und Handlungen sichtbar wurden. 542 7.2 Beruflicher Werdegang und Spionagetätigkeit 225 <?page no="226"?> 543 Wise, 2003: 19 7.3 Versetzung nach New York und erste Spionagehandlung Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Emotionale Misshandlung in der Kindheit als Grundlage für späteres Machtstreben. ● Berufliche Enttäuschung und finanzielle Belastungen als begünsti‐ gende Umstände. ● Faszination für Spionage und der Wunsch, sich als intellektuelle Autorität zu inszenieren. ● Religiöse Orientierung und moralische Instabilität im Spannungs‐ verhältnis. ● Isolation und Schuldgefühle als Hindernisse für Selbstreflexion und Hilfeannahme. Im August 1978 zog die Familie Hanssen, mittlerweile mit drei Kindern, vom Mittleren Westen nach New York und ließ sich in einem bescheidenen Haus in Scarsdale, Westchester County, nieder. Obwohl eine Versetzung nach New York in der Regel als Karriereschritt galt, brachte sie erhebliche Herausfor‐ derungen mit sich. Viele FBI-Agenten zögerten, in die Stadt zu ziehen, da die hohen Lebenshaltungskosten sie zwangen, entweder lange Pendelwege aus den Vororten auf sich zu nehmen oder sich mit der überfüllten U-Bahn von Queens ins Stadtzentrum zu quetschen. Scarsdale war ein wohlhabender Vorort, weit über die finanziellen Möglichkeiten eines jungen FBI-Agenten mit einer wachsenden Familie hinaus. 543 Hanssens erster Auftrag als Buchhalter in der New Yorker Kriminalabtei‐ lung bot wenig Anreiz, doch im März 1979 wurde er in die Abteilung für Nachrichtendienste versetzt - sein erster Schritt in die Spionageabwehr. Dort wurde er mit der Entwicklung einer geheimen nationalen Datenbank beauftragt, die Informationen über ausländische Beamte, darunter bekannte und mutmaßliche Spione, enthielt. Ein großer Teil der Daten stammte aus New York, einem Zentrum der sowjetischen Spionage. Der KGB operierte von der sowjetischen UN-Vertretung aus, während Geheimdienstler aus 226 7 Kapitel | Insider-Spionage für Ego und Profit - Der Fall Robert Hanssen <?page no="227"?> 544 Wise, 2003: 20-21 545 Wise, 2003: 20-21 546 Wise, 2003: 21 dem gesamten Ostblock im UN-Sekretariat tätig waren - beide Institutionen standen im Fokus der Spionageabwehr des FBI. 544 Die von Hanssen mitentwickelte Datenbank, die bis zur Geheimhaltungs‐ stufe Secret klassifiziert war, diente praktisch als umfassendes Verzeichnis des sowjetischen Geheimdienstes. Sie enthielt nicht nur Informationen über KGB-Agenten, sondern auch über Mitglieder des GRU, des sowjetischen Militärgeheimdienstes, der ebenfalls in den USA aktiv war. Die beiden Dienste verfolgten unterschiedliche Tarnstrategien: Während der KGB seine Spione oft über TASS, die staatliche sowjetische Nachrichtenagentur, einschleuste, nutzte der GRU die Amtorg Trading Corporation als Fassade. Amtorg, ursprünglich als offizieller Handelsvertreter der UdSSR in den USA gegründet, war seit 1924 eine zentrale Anlaufstelle für wirtschaftliche Transaktionen zwischen sowjetischen und amerikanischen Unternehmen. Doch hinter dieser kommerziellen Fassade diente das Büro als Deckmantel für GRU-Agenten, die dort Spionageoperationen koordinierten, Agenten rekrutierten und Informationen über die US-Industrie, Technologie und nationale Sicherheit sammelten. 545 Mit seinem Wissen über sowjetische Spionagenetzwerke und in anhal‐ tender finanzieller Not traf Hanssen eine folgenschwere Entscheidung. Im November 1979 betrat er das Büro der Amtorg Trading Corporation in Manhattan und bot dem GRU seine Dienste an. In späteren Gesprächen mit einer Regierungskommission behauptete er, seine Motivation sei in erster Linie finanzieller Natur gewesen - er habe „ein wenig Geld bekommen und aus der Sache herauskommen“ wollen. Die von Ex-FBI-Direktor William H. Webster geleitete Kommission kam später zu dem Schluss, dass Hanssens Entscheidung zur Spionage auf dem Druck beruhte, seine wachsende Familie in New York mit einem unzureichenden FBI-Gehalt zu unterstützen. 546 Ein Bericht des Office of the Inspector General legt jedoch nahe, dass Hanssens Spionagetätigkeit nicht allein durch finanzielle Engpässe moti‐ viert war. Vielmehr sei sie das Ergebnis einer komplexen Mischung per‐ sönlicher und psychologischer Faktoren gewesen - darunter ein geringes Selbstwertgefühl, das Bedürfnis, intellektuelle Überlegenheit zu demonstrie‐ ren, sowie eine ausgeprägte Missachtung rechtlicher und ethischer Zwänge. Seine langjährige Faszination für die Welt der Spionage und der Wunsch, 7.3 Versetzung nach New York und erste Spionagehandlung 227 <?page no="228"?> 547 Office of the Inspector General, 2003: 10 548 Wise, 2003: 21-22 549 Office of the Inspector General, 2003: 10; Wise, 2003: 21 550 Wise, 2003: 21, 25 & 159-160 sich in diesem Umfeld zu behaupten, spielten ebenfalls eine Rolle. Während finanzielle Anreize nicht zu unterschätzen seien, deuteten die Beweise darauf hin, dass seine Neigung zur Spionage stärker durch Persönlichkeits‐ merkmale und frühere Erfahrungen geprägt wurde als durch seine Zeit als FBI-Agent. 547 Die Informationen, die Hanssen dem GRU übermittelte, gehörten zu den folgenschwersten des Kalten Krieges. Einer seiner gravierendsten Verrate war die Enttarnung von „Tophat“, dem FBI-Codenamen für General Dimitri Fjodorowitsch Poljakow, einen hochrangigen GRU-Offizier, der fast 17 Jahre lang heimlich für die Vereinigten Staaten spionierte. Aus Angst, dass Poljakow eines Tages seine eigenen Aktivitäten aufdecken könnte, verriet Hanssen den Sowjets seine Identität - ein Verrat, der schließlich zu Poljakows Hinrichtung führte. Eine spätere Untersuchung durch die Webster-Kommission kam zu dem Schluss, dass Hanssen dies aus reinem Selbsterhaltungstrieb tat, da er Poljakow als potenzielle Gefahr für sich selbst betrachtete. 548 Von New York aus überließ Hanssen dem GRU innerhalb von 18 Monaten drei große Pakete mit geheimen Informationen. Bei seiner ersten Kontakt‐ aufnahme enthüllte er, dass das FBI einen sowjetischen Wohnkomplex verwanzt hatte, und lieferte eine Liste mutmaßlicher sowjetischer Geheim‐ dienstmitarbeiter. Da er mit der Höhe der ersten Zahlung unzufrieden war, erhöhte er seinen Wert als Quelle, indem er sich in einem Brief als FBI-Agent zu erkennen gab. Für seine Enthüllungen erhielt er dann 30.000 Dollar. 549 Seine Spionage hatte auch Auswirkungen auf sein Familienleben. Bonnie bemerkte Veränderungen in seinem Verhalten - insbesondere seine plötzli‐ che Weigerung, zur Kommunion zu gehen - und vermutete, dass er erneut eine Affäre hatte. Als sie ihn zur Rede stellte, gestand Hanssen, Geheimnisse an die Sowjets verkauft zu haben, behauptete jedoch, es sei lediglich ein Täuschungsmanöver gewesen und keine echte Spionage. Er räumte ein, 30.000 Dollar von seinen sowjetischen Kontaktpersonen erhalten zu haben, versuchte dies aber als Teil eines Plans und nicht als Verrat darzustellen. 550 Bonnie bestand darauf, geistlichen Beistand zu suchen. Als gläubige Mitglieder des Opus Dei wandten sie sich an Pater Robert P. Bucciarelli 228 7 Kapitel | Insider-Spionage für Ego und Profit - Der Fall Robert Hanssen <?page no="229"?> 551 Wise, 2003: 26 552 Office of the Inspector General, 2003: 11 553 Vise, 2002: 49-50 554 Vise, 2002: 50 in ihrem örtlichen Studienzentrum. Bucciarelli riet Hanssen zunächst, sich zu stellen, schlug später jedoch vor, dass wahre Reue und eine wohltätige Spende des erhaltenen Geldes ausreichen könnten, um die Angelegenheit zu bereinigen. Hanssen behauptete später, er habe das Geld an Mutter Teresa gespendet, doch es gibt keine Beweise dafür. Er versicherte Bonnie, dass er seine Spionagetätigkeit beendet habe, und sie entschied sich, ihm zu glauben. 551 Auf Anraten von Pater Bucciarelli brach Hanssen den Kontakt mit dem GRU ab. 552 Jahre später, als Bonnies Vater, Leroy Wauck, ein Psychologe, von dieser Episode erfuhr, war er überzeugt, dass der Rat des Priesters seiner Tochter, ihrem Ehemann und der gesamten Familie einen Bärendienst erwiesen hatte. Die Empfehlung, durch Gebet und eine wohltätige Spende Buße zu tun, griff seiner Ansicht nach zu kurz und verfehlte die eigentlichen Ursachen von Hanssens Verrat. Wauck gab zwar nicht vor, genau zu verstehen, was seinen Schwiegersohn dazu getrieben hatte, für den GRU zu spionieren, war jedoch sicher, dass eine Psychotherapie sicherlich hilfreich gewesen wäre. 553 Doch anstatt einer Therapie in Anspruch zu nehmen, verbarg Hanssen sein Geheimnis. Er sprach mit niemandem über seine Taten und begann sogar, den wenigen Freunden, die er hatte, mitzuteilen, dass er ihre Freund‐ schaft nicht verdiene. Von Schuldgefühlen geplagt, zog er sich zunehmend zurück und spiegelte damit die Einsamkeit seiner Kindheit wider, als er sich durch die ständige Kritik seines Vaters als unwürdig empfand. 554 7.3 Versetzung nach New York und erste Spionagehandlung 229 <?page no="230"?> 555 Office of the Inspector General, 2003: 12 7.4 Zwischenstation in Washington - Eine Phase der Inaktivität Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Berufliche Stagnation und das Gefühl fehlender Anerkennung als Spionagemotiv. ● Arroganz und intellektuelle Selbstüberhöhung als soziale Isolations‐ faktoren. ● Technische Expertise und privilegierter Informationszugang als strukturelle Ermöglichungsbedingungen. ● Konservative Weltanschauung und ideologische Abgrenzung vom FBI als Wertebruch. ● Emotionale Vereinsamung und Stagnation als Verstärker für Ver‐ ratsbereitschaft. Im Januar 1981 wurde Hanssen an das FBI-Hauptquartier in Washington, D.C., versetzt, wo er als Supervisory Special Agent in der Intelligence Division tätig war. Zunächst arbeitete er in der Budgeteinheit, wo er half, den FBI-Anteil am National Foreign Intelligence Program zu verwalten und Haushaltsbegründungen für den Kongress auszuarbeiten. In dieser Funktion erhielt er Zugang zu einer Vielzahl nachrichtendienstlicher und spionageabwehrtechnischer Operationen, die mit den Ressourcen des FBI durchgeführt wurden. 555 Im August 1983 wurde Hanssen der Soviet Analytical Unit im FBI-Haupt‐ quartier zugewiesen, wo er die Spionageabwehroperationen gegen sowje‐ tische Nachrichtendienste unterstützte. Zu seinen Aufgaben gehörte es, hochrangige FBI-Beamte über wesentliche Entwicklungen zu informieren und nachrichtendienstliche Bewertungen zu erstellen, die innerhalb der US-Geheimdienste ausgetauscht wurden. Während seiner Zeit in Washing‐ ton war er zudem an einem streng abgeschotteten, geheimen Programm der US-Regierung beteiligt, das ihm Einblicke in äußerst sensible nationale Sicherheitsinitiativen gewährte. Darüber hinaus war er Mitglied des Tech‐ 230 7 Kapitel | Insider-Spionage für Ego und Profit - Der Fall Robert Hanssen <?page no="231"?> 556 Office of the Inspector General, 2003: 12-13 557 Wise, 2003: 29 558 Wise, 2003: 31 559 Wise, 2003: 33 nischen Ausschusses für Spionageabwehr (FCI) des FBI, der technische Projekte zur Abwehr feindlicher Geheimdienstaktivitäten koordinierte. 556 Joseph Tierney, Leiter der Abteilung für die Unterstützung der Spionage‐ abwehr (CI-3) und Hanssens Vorgesetzter sowohl in der Budgeteinheit als auch in der Soviet Analytical Unit, war von seinem Fachwissen beeindruckt. Tierney beschrieb ihn als außergewöhnlich intelligent mit der Fähigkeit, komplexe technische Konzepte auch für Laien verständlich zu machen. Diese Expertise führte dazu, dass Hanssen einer verdeckten Initiative zu‐ geteilt wurde, die für die Entwicklung und Beschaffung moderner Überwa‐ chungstechnologie zuständig war. Im Rahmen dieses Projekts beaufsichtigte er die Forschung an innovativen Geräten - von Miniatur-Videokameras und getarnten Sendern bis hin zu hochentwickelten Abhörtechnologien. 557 Hanssens Rolle war nicht nur operativer, sondern auch strategischer Natur. Technische Experten des FBI konsultierten ihn regelmäßig, um seine Einschätzung neuer Überwachungsmethoden einzuholen. Sein Urteil war maßgeblich für die Auswahl von Technologien, darunter energieeffiziente Sender und kompakte Abhörgeräte, die sowohl den technischen als auch den operativen Anforderungen gerecht wurden. Trotz seiner bedeutenden Bei‐ träge galt Hanssen als distanziert und zurückgezogen. Kollegen beschrieben ihn als eine stille Präsenz am Rande von Besprechungen - ein „Schleicher“, dessen analytischer Verstand ihn wertvoll machte, der jedoch schwer in Gruppen zu integrieren war. 558 Hanssens Fachkenntnisse erstreckten sich weit über Überwachungstech‐ nologien hinaus. Er entwickelte sich zu einem der führenden Experten des FBI für Polygraphentechnologie. Während sich das Bureau traditionell gegen den breit angelegten Einsatz von Lügendetektoren sträubte, konnte Hanssen aufgrund seiner umfassenden Kenntnisse über die Grenzen dieser Technologie - insbesondere das erhöhte Risiko falsch negativer Ergebnisse - die gängigen Methoden kritisch bewerten und in Frage stellen. 559 Seine Tätigkeit in der Haushaltsabteilung verschaffte ihm zudem einen einzigartigen Einblick in die Finanzierungsstrukturen des FBI innerhalb des National Foreign Intelligence Program (NFIP). Zu seinen Aufgaben gehörte die Erstellung detaillierter Haushaltsberichte für den Kongress, wodurch er 7.4 Zwischenstation in Washington - Eine Phase der Inaktivität 231 <?page no="232"?> 560 Wise, 2003: 35 561 Vise, 2002: 89; Wise, 2003: 30 & 32 562 Vise, 2002: 89; Wise, 2003: 30 & 32 563 Wise, 2003: 32 & 121 tiefgehende Kenntnisse über aktuelle und geplante Mittelzuweisungen für Spionageabwehroperationen erlangte. Diese Kombination aus finanziellem Überblick und technischem Sachverstand festigte seine Rolle als einflussrei‐ che, wenn auch schwer greifbare Figur innerhalb der FBI-Zentrale. 560 Trotz seiner technischen Expertise blieb Hanssen ein Außenseiter. Inner‐ halb des FBI galt er nicht als Kandidat für eine Führungsposition. Seine zwischenmenschlichen Fähigkeiten waren begrenzt, und sein distanziertes Verhalten isolierte ihn in einer Behörde, in der beruflicher Erfolg oft von der Fähigkeit abhing, Beziehungen zu pflegen und Vertrauen aufzubauen. Hanssens Arroganz verstärkte diesen Eindruck. Er machte keinen Hehl daraus, dass er sich intellektuell überlegen fühlte, und umgab sich nur mit jenen, die er als seinesgleichen ansah. Sein Verhalten führte dazu, dass er innerhalb der Organisation zunehmend isoliert war. 561 Während sich die strenge Kleiderordnung des FBI nach dem Tod von J. Edgar Hoover im Jahr 1972 lockerte, hielt Hanssen an seinen dunklen Anzügen und weißen Hemden fest - eine Formalität, die seinen Ruf als steif und distanziert verstärkte. Unter Kollegen war er als „Dr. Tod“ oder als „der Leichenbestatter“ bekannt. Der ehemalige stellvertretende FBI-Direktor John F. Lewis Jr. beschrieb ihn als jemanden, der „im Schatten lebte“. Wenn ein Raum eine dunkle Ecke hatte, so Lewis, „saß er dort“. 562 Neben seiner reservierten Persönlichkeit fiel Hanssen durch seine starre Weltanschauung auf. Er war offen konservativ, sprach häufig über Reli‐ gion, vertrat eine kompromisslose Anti-Abtreibungshaltung und galt als entschiedener Antikommunist. Er kritisierte die Entscheidung des FBI, Frauen als Agenten einzustellen, da er sie für minderwertig, schwach und ungeeignet für den Dienst hielt. Auch seine ablehnende Haltung gegenüber homosexuellen Menschen war unter Kollegen bekannt. 563 In einer Organisation, in der Teamfähigkeit und Führungsqualitäten entscheidend für den Aufstieg waren, erwiesen sich Hanssens Distanziert‐ heit, Arroganz und mangelnde soziale Kompetenz als Karrierehindernisse. Er entwickelte nie die Fähigkeiten, die für eine Beförderung ins mittlere oder höhere Management erforderlich waren, und blieb in Positionen, die ihm zwar Zugang zu hochsensiblen Informationen verschafften, aber nur 232 7 Kapitel | Insider-Spionage für Ego und Profit - Der Fall Robert Hanssen <?page no="233"?> 564 United States District Court for the Eastern District of Virginia, 2001: 13 565 Vise, 2002: 66-67 begrenzten Einfluss boten. Seine berufliche Stagnation vertiefte nicht nur seine Ressentiments, sondern schuf auch ideale Bedingungen für seinen weiteren Verrat. 7.5 Wiederaufnahme der Spionagetätigkeit Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Berufliche Stagnation und fehlende Anerkennung als Auslöser für erneute Spionage. ● Kindheitsbedingtes Kontrollbedürfnis als psychologischer Motor seines Verrats. ● Technische Expertise und Informationszugang als Grundlage für Spionageentscheidungen. ● Politische Umbrüche in Moskau als Grund für den vorübergehenden Rückzug aus der Spionage. ● Familiäre Entfremdung und innere Widersprüche als Antrieb für fortgesetztes Doppelleben. 7.5.1 Erneute Versetzung nach New York Nach seiner Zeit in der FBI-Zentrale wurde Hanssen erneut dem Field Office in New York zugewiesen, wo er im September 1985 zum Supervisor Special Agent aufstieg. Seine Aufgaben blieben weitgehend dieselben wie fünf Jahre zuvor in Washington. Da es keine Anzeichen für eine weitere Beförderung gab, stagnierte seine Karriere. 564 Frustriert über seine mangelnde Anerkennung im FBI und belastet durch die hohen Lebenshaltungskosten in New York sowie die Geburt seiner Tochter im Oktober 1985, entschied sich Hanssen, seine Spionagetätigkeit wieder aufzunehmen. 565 Seine früheren Geheimdienstaktivitäten hatten ihm schließlich erhebliche finanzielle Vorteile verschafft, ohne dass er entdeckt wurde. Diesmal jedoch wandte er sich an den KGB und erhöhte sein Engagement. In einem detaillierten, verschlüsselten Brief an Viktor Iwano‐ 7.5 Wiederaufnahme der Spionagetätigkeit 233 <?page no="234"?> 566 Vise, 2002: 68-69 567 Vise, 2002: 70 568 Vise, 2002: 69-70 569 Vise, 2002: 75 witsch Tscherkaschin, den zweithöchsten KGB-Offizier in Washington, bot er eine Kiste mit streng geheimen Dokumenten für 100.000 Dollar an. Er skizzierte präzise seine Erwartungen hinsichtlich des Umgangs mit dem Material, der erforderlichen Geheimhaltung und des genauen Zeitplans für den Austausch, wobei er eine festgelegte Methode zur Koordination von Daten und Signalen verwendete. 566 In diesem Schreiben enttarnte Hanssen zudem die KGB-Agenten Boris Yuzhin, Valery Martynov und Sergej Motorin als Informanten des FBI. Martynov und Motorin wurden daraufhin unter einem Vorwand in die Sowjetunion zurückbeordert, vor Gericht gestellt und wegen Spionage hingerichtet. Yuzhin erhielt eine Haftstrafe von fünfzehn Jahren in einem Arbeitslager. 567 Hanssen agierte berechnend und methodisch. Er versandte sein Schreiben von einem Ort, der seine Identität verschleiern sollte, und ergriff mehrere Sicherheitsmaßnahmen, um das Risiko einer Entdeckung zu minimieren. In seiner Mitteilung betonte er ausdrücklich, dass er sich von der Vereinbarung zurückziehen würde, sollten seine Bedingungen nicht erfüllt werden. Diese präzise Abstimmung der Konditionen spiegelte sein tiefes Bedürfnis nach Kontrolle wider - eine Kontrolle, die ihm sowohl in seiner Kindheit unter einem misshandelnden Vater als auch später als Untergebener beim FBI verwehrt geblieben war. Für ihn bedeutete die erfolgreiche Leitung dieser verdeckten Operation nicht nur einen erheblichen finanziellen Gewinn, sondern auch die Bestätigung seiner Überzeugung, dass er sowohl seine Ar‐ beitgeber als auch seine sowjetischen Kontaktpersonen überlisten konnte. 568 Hanssen koordinierte tote Briefkästen, nutzte Decknamen und verein‐ barte präzise Treffpunkte, um Dokumente und Bargeld auszutauschen, ohne direkten Kontakt zu seinen Auftraggebern aufzunehmen. Sein technisches Fachwissen ermöglichte es ihm, computergestützte Methoden in seine Ak‐ tivitäten zu integrieren und so die Bandbreite der wertvollen Informationen, auf die er zugreifen und die er verkaufen konnte, erheblich zu erweitern. Gleichzeitig ging er dabei ein enormes Risiko ein: Jeder Fehltritt hätte sein Doppelleben aufdecken und katastrophale Folgen für ihn nach sich ziehen können. 569 234 7 Kapitel | Insider-Spionage für Ego und Profit - Der Fall Robert Hanssen <?page no="235"?> 570 United States District Court for the Eastern District of Virginia, 2001 571 Wise, 2003: 31 572 Wise, 2003: 31 573 Wise, 2003: 133 7.5.2 Erneute Versetzung nach Washington Im August 1987 wurde Hanssen erneut dem FBI-Hauptquartier in Washing‐ ton, D.C. zugewiesen, wo er weiterhin als Supervisory Special Agent in der Intelligence Soviet Analytical Unit arbeitete. 570 Bis 1990 hatte er sich zu einem produktiven Doppelagenten entwickelt, der geheime Informationen an Moskau weitergab. Im Frühjahr desselben Jahres übermittelte er die Identitäten von vier weiteren sowjetischen Quellen, die für das FBI und die CIA arbeiteten - darunter ein sowjetischer Illegaler und zwei Überläufer. Abgesehen von Poljakow, dessen Namen er dem GRU verriet, erhöhte sich damit die Zahl der kompromittierten Quellen auf zehn, von denen drei bereits hingerichtet worden waren. Bis zu seiner Verhaftung hatte Hanssen mehr als fünfzig menschliche Quellen oder potenzielle Rekrutierungsziele enttarnt, von denen viele mit Gefängnis oder dem Tod bestraft wurden. 571 Seine Übergabe im März umfasste zudem eine aktualisierte Einschätzung des US-Geheimdienstes zu den strategischen Nuklearfähigkeiten der So‐ wjetunion. Im Gegenzug hinterließ der KGB 40.000 Dollar, wodurch sich Hanssens Gesamteinnahmen auf über 400.000 Dollar summierten. Neben dem Geld erhielt er eine Liste mit vorrangigen Zielen - ein Zeichen für Moskaus wachsendes Vertrauen in ihn. 572 Im Mai übermittelte Hanssen mehr als 200 weitere Seiten mit gehei‐ men Dokumenten und informierte seine Führungsoffiziere über seine be‐ vorstehende Beförderung und damit verbundene Außendiensttätigkeit. In Erwartung einer Kommunikationsunterbrechung schickte der KGB 35.000 Dollar und bat um ‚Hinweise‘ auf nachrichtendienstliche Informationen, die genutzt werden konnten, ohne ihn zu gefährden. Der KGB erkannte, dass seine neue Aufgabe den Kontakt erschweren würde, und sendete ihm einen schmeichelhaften Brief mit besten Wünschen für seine neue Position. Gleichzeitig versicherte man ihm, dass die Kommunikationskanäle offen bleiben würden, damit er sich bei Bedarf melden könne. 573 7.5 Wiederaufnahme der Spionagetätigkeit 235 <?page no="236"?> 574 Wise, 2003: 135 575 Wise, 2003: 144-145 576 Wise, 2003: 136 7.5.3 Außendienstauftrag und reduzierte Spionagetätigkeit Im Juni 1990 wurde Hanssen in den Inspektionsstab des FBI befördert, wo er Außenstellen auf die Einhaltung der behördlichen Verfahren überprüfte. Diese neue Position brachte ihn der Gehaltsstufe GS-15 einen Schritt näher. Zwei Monate später, im August 1990, übermittelte er dem KGB eine weitere Diskette mit geheimen Informationen. Im folgenden Monat hinterließen die Sowjets 40.000 Dollar in bar und teilten ihm mit, dass seine Informa‐ tionen die höchsten Ebenen in Moskau erreicht hätten - möglicherweise sogar den sowjetischen Führer Michail Gorbatschow, was Hanssen erneut schmeichelte. 574 Seine neue Tätigkeit war mit zahlreichen Reisen und längeren Abwe‐ senheiten von zu Hause verbunden. Im Herbst desselben Jahres lernte Hanssen Priscilla Sue Galey kennen, eine Stripperin im Joanna’s 1819 Club in Washington, D.C. Ihre Bekanntschaft begann, als er ihr ein Trinkgeld von zehn Dollar zusammen mit einem Kompliment übermittelte. Später kehrte er in den Club zurück und gab ihr seine FBI-Visitenkarte. In den folgenden Monaten versuchte er, ihr zu helfen, ihren entfremdeten Vater ausfindig zu machen, allerdings ohne Erfolg. Dennoch überhäufte er sie mit teuren Geschenken, darunter eine Saphir- und Diamantkette. Laut Galey blieb ihre Beziehung in dieser Zeit rein platonisch. 575 Erst im Februar 1991 nahm Hanssen wieder Kontakt zum KGB auf und sendete einen dringenden Hinweis. Er informierte seine Verbindungs‐ offiziere darüber, dass das FBI neue sowjetische Quellen rekrutiert habe, vermutlich innerhalb der sowjetischen Mission bei den Vereinten Nationen. Zudem äußerte er, dass die letzte Zahlung von 40.000 Dollar seiner Meinung nach zu großzügig gewesen sei. Um ihn weiterhin an sich zu binden, überwiesen die Sowjets im April 1991 dennoch weitere 10.000 Dollar - eine Art Bonus - und legten einen Brief bei, in dem sie ihn ermutigten, sein Leben zu entschleunigen und zu überdenken. Der Ton des Schreibens war wieder schmeichelhaft und unterstrich den Wunsch, die Beziehung zu ihm aufrechtzuerhalten. 576 Im April 1991 informierte Hanssen Galey darüber, dass er geschäftlich für das FBI nach Hongkong reisen würde, und bot ihr an, ihn zu begleiten. Er kaufte ein Hin- und Rückflugticket für sie, und obwohl sie getrennt 236 7 Kapitel | Insider-Spionage für Ego und Profit - Der Fall Robert Hanssen <?page no="237"?> 577 Wise, 2003: 147-148 578 Wise, 2003: 137 579 Wise, 2003: 149-150 reisten und in verschiedenen Zimmern desselben Hotels untergebracht waren, verbrachten sie gemeinsam Zeit mit Sightseeing und dem Besuch von Kunstgalerien. Während der Reise machte Galey ihm gegenüber in ihrem Hotelzimmer einen sexuellen Annäherungsversuch, doch sie beschrieb seine Reaktion später als unbeholfen und fast unerfahren. 577 7.5.4 Beförderung zum Programmleiter Im Juni 1991 kehrte Hanssen von seiner Inspektionstour zurück und wurde als Programmmanager in der Abteilung für sowjetische Operationen im FBI-Hauptquartier in Washington, D.C. eingesetzt. Seine neue Aufgabe konzentrierte sich auf die Bekämpfung sowjetischer Geheimdienstaktivitä‐ ten, insbesondere auf den Schutz wissenschaftlicher und technologischer Geheimnisse der USA vor Spionage. Diese Position verschaffte ihm Zugang zu weiteren geheimen Informationen, die er umgehend weitergab. Im Sommer desselben Jahres übermittelte er eine Diskette mit fast 300 Seiten Geheimdokumenten und erklärte in einer verschlüsselten Nachricht, dass er aufgrund seiner vielen Reisen nicht in der Lage gewesen sei, das Material früher zu liefern. 578 In seiner neuen Funktion setzte Hanssen den Kontakt zu Galey fort und machte ihr weiterhin kostspielige Geschenke. Im August kaufte er ihr einen gebrauchten Mercedes-Benz 190E, zahlte in bar und stellte ihr eine American-Express-Karte zur Verfügung. Er schenkte ihr zudem einen Laptop, von dem sie später vermutete, dass er mit Verschlüsselungs- oder Überwachungssoftware ausgestattet war. Darüber hinaus stellte er sie in Quantico vor, versorgte sie mit einem gefälschten Ausweis und nahm sie mit in einen privaten Club für Strafverfolgungsbeamte. 579 Im August 1991 führte Hanssen einen weiteren Austausch mit dem KGB durch. Neben geheimen Informationen schlug er dem Kreml in einem ungewöhnlichen Schritt vor, zu analysieren, wie der frühere Bürgermeister von Chicago, Richard J. Daley, die Stadt regierte. Am selben Tag begann in Moskau ein Putschversuch gegen Gorbatschow. Der KGB übermittelte 7.5 Wiederaufnahme der Spionagetätigkeit 237 <?page no="238"?> 580 Wise, 2003: 137-138 581 Wise, 2003: 149-151 582 Wise, 2003: 138-139 583 Wise, 2003: 159 Hanssen daraufhin 20.000 Dollar und fragte scherzhaft, ob er ein Talent für politische Vorhersagen habe. 580 Die Beziehung zwischen Hanssen und Galey hielt bis Dezember 1991, als sie sich ein letztes Mal zum Abendessen trafen. Während dieses Treffens fragte Hanssen unerwartet, ob sie sich für ihn interessieren würde, wenn er nicht verheiratet wäre. Galey, überrascht von der Frage, antwortete, dass sie dies durchaus könnte. Kurz darauf zog sie nach Columbus, Ohio, wo sie Schulden anhäufte, ihr Mercedes bei einem Unfall zerstört wurde und sie den Schmuck sowie den Laptop verpfändete. Als Hanssen entdeckte, dass sie die Kreditkarte für unerlaubte Einkäufe genutzt hatte, reiste er nach Columbus, nahm die Karte zurück und beendete den Kontakt. Galeys Leben geriet daraufhin außer Kontrolle - sie verfiel der Crack-Sucht, wandte sich der Prostitution zu und musste schließlich eine Haftstrafe verbüßen. 581 Bei seinem letzten Austausch in diesem Jahr übergab Hanssen dem KGB weitere geheime Berichte über US-Doppelagentenoperationen. Zudem reagierte er auf die wiederholte Bitte der Sowjets um neue Rekrutierungs‐ hinweise, indem er seinen engen Freund Jack Hoschouer vorschlug, einen Armeeoffizier, der als Militärattaché in Bonn stationiert war. Hoschouer ahnte nichts davon und erklärte später, dass er nie von russischen Agenten kontaktiert wurde. Der KGB schien die Empfehlung nicht weiter verfolgt zu haben. 582 7.5.5 Zerfall der Sowjetunion und Abbruch des Kontakts Im Dezember 1991 brach die Sowjetunion zusammen. In seiner letzten Nachricht an Hanssen setzte der KGB eine Zahlung von 12.000 Dollar für seine letzte Lieferung an und versicherte ihm, dass seine Nachrichtendienste trotz der politischen Umwälzungen in Moskau erforderlich blieben und sie sich weiterhin um seine Sicherheit kümmern würden. Gleichzeitig baten sie um zusätzliche Verschlusssachen und wiesen darauf hin, dass bei früheren Lieferungen einige Seiten fehlten. Nach diesem Austausch brach Hanssen jedoch den Kontakt ab und zog sich zurück. 583 238 7 Kapitel | Insider-Spionage für Ego und Profit - Der Fall Robert Hanssen <?page no="239"?> 584 Wise, 2003: 141-142 585 United States District Court for the Eastern District of Virginia, 2001; Wise, 2003: 140 586 Wise, 2003: 153-154, & 156 Nach Dezember 1991 erhielt der KGB keine weiteren Signale von Hans‐ sen. Der KGB befürchtete, er sei für immer verschwunden. Der Zusam‐ menbruch der Sowjetunion hatte viele Geheimdienstnetzwerke in Unruhe versetzt, und da nun vermehrt Überläufer den Vereinigten Staaten Informa‐ tionen anboten, dürfte Hanssen das Risiko einer Enttarnung als zu hoch eingeschätzt haben. 584 7.6 Der Lichtenberg-Vorfall Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Der Vorfall mit Kimberly Lichtenberg als Hinweis auf psychische Instabilität. ● Kindheitserfahrungen als möglicher Ursprung emotionaler Dysba‐ lance. ● Machtmissbrauch und Kontrollbedürfnis im privaten Verhalten. ● Psychologische Instabilität als Einflussfaktor für Spionageentschei‐ dungen. ● Institutionelles Versagen bei der Bewertung und Aufarbeitung kri‐ tischer Vorfälle. Im Januar 1992 wurde er erneut beim FBI befördert und zum Leiter der Ab‐ teilung für die Liste der nationalen Sicherheitsbedrohungen im FBI-Haupt‐ quartier ernannt. Er setzte seine Arbeit in der Spionageabwehr fort, richtete seinen Fokus jedoch zunehmend auf die Wirtschaftsspionage. 585 Während seiner Zeit als Abteilungsleiter war Hanssen in einen Vorfall mit einer Mitarbeiterin namens Kimberly Lichtenberg verwickelt, der beim FBI ernsthafte Zweifel an seiner emotionalen Stabilität aufkommen ließ. Hans‐ sen war für seine feindselige Haltung gegenüber Frauen am Arbeitsplatz bekannt, da er diese als minderwertig und schädlich für die Organisation betrachtete. Dies hielt ihn jedoch nicht davon ab, Lichtenberg gegenüber aufdringlich zu sein, und sie zu berühren. Er trat ihr häufig viel zu nahe. 586 7.6 Der Lichtenberg-Vorfall 239 <?page no="240"?> 587 Wise, 2003: 153-154-156 588 Wise, 2003: 156 589 Wise, 2003: 156 590 Wise, 2003: 156-157 591 Wise, 2003: 156-157 Ende Februar 1993 berief Hanssen eine Sitzung mit drei Mitarbeiterinnen, darunter Lichtenberg, in sein Büro ein. Die Diskussion drehte sich um administrative Streitigkeiten. Als Lichtenberg erklärte, dass sie mit der Angelegenheit nichts zu tun habe, und das Büro verlassen wollte, wurde Hanssen wütend. Sie berichtete später, er sei ihr nachgelaufen, habe sie am Arm gepackt, herumgewirbelt und über den Büroboden geschleift, während er sie anschrie. Eine Kollegin, Candy Curtis, die Teile des Vorfalls beobachtete, bestätigte ihre Schilderung. Lichtenberg konnte sich losreißen und aus dem Büro fliehen, erlitt dabei jedoch Prellungen an Arm und Wange. Am Abend suchte sie mit ihrem Ehemann und ihren Eltern die Notaufnahme auf, wo ein Sehnenschaden in ihrem Arm diagnostiziert wurde. 587 Nach dem Vorfall befragten FBI-Agenten Lichtenberg in ihrer Wohnung. Sie schilderte, dass Hanssen ihr über Monate hinweg Unbehagen bereitet hatte, indem er sie anstarrte, an der Schulter berührte und leicht schüttelte, während er unangemessene Bemerkungen machte. Sie hatte sich nicht beschwert, da sie befürchtete, er könnte ihre Karriere gefährden. 588 Nach dem Übergriff nahm Lichtenberg sechs Wochen Urlaub und un‐ terzog sich einer physiotherapeutischen sowie psychotherapeutischen Be‐ handlung. Nach ihrer Rückkehr beantragte sie eine Versetzung, da sie Hanssens Stabilität und seinen Zugang zu einer Schusswaffe für beunruhi‐ gend hielt. Das FBI entsprach ihrem Wunsch und versetzte sie in eine andere Abteilung. 589 Lichtenberg reichte zudem eine Zivilklage gegen Hanssen wegen Körper‐ verletzung, Fahrlässigkeit und seelischer Grausamkeit ein. Der Fall wurde vor ein Bundesgericht gebracht, wo das Justizministerium Hanssen mit der Begründung verteidigte, er habe „im Rahmen seiner Befugnisse“ gehandelt. Ein Richter wies die Klage aufgrund eines formalen Fehlers seitens Lichten‐ bergs Anwalt ab, doch sie erhielt später eine Entschädigung in Höhe von 16.000 Dollar für ihre Verletzungen. 590 Das FBI verhängte gegen Hanssen eine fünftägige Suspendierung und eine Abmahnung. Gleichzeitig erhielt jedoch auch Lichtenberg eine Rüge, da ihr unerlaubtes Verlassen der Sitzung als Provokation der Auseinander‐ setzung gewertet wurde . 591 240 7 Kapitel | Insider-Spionage für Ego und Profit - Der Fall Robert Hanssen <?page no="241"?> 592 Wise, 2003: 158 593 Wise, 2003: 159-160 Da der Vorfall als interne Angelegenheit und nicht als Straftat einge‐ stuft wurde, konnte Hanssen in seiner Position bleiben. Wäre der Fall strafrechtlich verfolgt worden, hätte dies vermutlich eine umfassendere Un‐ tersuchung nach sich gezogen - eine Prüfung, die nicht nur seine emotionale Instabilität, sondern möglicherweise auch seine Spionagetätigkeit ans Licht gebracht hätte. 592 7.7 Fehlgeschlagener Kontaktversuch Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Wiederholte Kontaktversuche zum GRU als Zeichen instabiler Loya‐ lität. ● Sicherheitslücken und mangelnde Aufklärung als Ermöglichungs‐ faktoren. ● Verstöße gegen Sicherheitsprotokolle als Ausdruck moralischer Erosion. ● Der Hackversuch im FBI-System als Beispiel institutioneller Schwä‐ chen. Im Jahr 1993 versuchte Hanssen, den Kontakt zum GRU, für das er 1979 kurzzeitig tätig gewesen war, wieder aufzunehmen. Später erklärte er im Ermittlungsverfahren, er sei von Neugier getrieben gewesen, ob die von ihm weitergegebenen Informationen tatsächlich genutzt worden seien. Besonders verwunderte ihn, dass die gegen das GRU gerichteten Doppel‐ agentenoperationen des FBI trotz seiner früheren Enthüllungen weiterhin aktiv waren. 593 In einem gravierenden Verstoß gegen jegliche Sicherheitsprotokolle ver‐ suchte Hanssen, einen GRU-Offizier in der Garage eines Wohnhauses zu kontaktieren. Er stellte sich mit einem seiner Codenamen - „Ramon Garcia“ - vor und bot ein Paket mit Dokumenten an. Der Offizier, der eine Falle vermutete, floh, ohne die Unterlagen anzunehmen. Die russische Regierung, die den Vorfall für eine Falle des US-Geheimdienstes hielt, legte daraufhin 7.7 Fehlgeschlagener Kontaktversuch 241 <?page no="242"?> 594 Wise, 2003: 160 595 Wise, 2003: 160-161 596 Wise, 2003: 184 diplomatischen Protest ein. Das FBI leitete zwar eine Untersuchung gegen die unbekannte Person ein, die sich dem GRU-Offizier genähert hatte, doch da kaum verwertbare Informationen vorlagen, verlief der Fall im Sande. Hanssen verfolgte die Ermittlungen über das FBI-Computersystem und stellte zu seiner Beruhigung fest, dass er nicht identifiziert worden war. 594 Im selben Jahr beging er einen weiteren schwerwiegenden Sicherheits‐ verstoß, indem er sich in das interne Computernetz des FBI hackte. Er verschaffte sich unbefugten Zugang zu geheimen Dateien auf dem Compu‐ ter von Ray Mislock, dem Leiter der eurasischen Abteilung des FBI, und druckte ohne Erlaubnis ein sensibles Memo aus. Anschließend legte er Mislock das Dokument vor, um zu demonstrieren, dass das System anfällig für Angriffe war. Mislock meldete den Vorfall an hochrangige Beamte, die eine Untersuchung versprachen. Trotz der Schwere des Verstoßes wurde der Vorfall lediglich als Aufdeckung einer Systemschwachstelle gewertet, nicht als verdächtiges Fehlverhalten. 595 Im Mai 1995 wurde Hanssen als führender FBI-Vertreter in das Office of Foreign Missions (OFM) des Außenministeriums versetzt. Das OFM war für die Überwachung ausländischer Botschaften und die Kontrolle ihrer Akti‐ vitäten in den Vereinigten Staaten zuständig. Zu seinen Aufgaben gehörten die Prüfung von Reiseanträgen ausländischer Diplomaten, die Durchsetzung von Reisebeschränkungen sowie die Überwachung von Immobilienkäufen durch ausländische Regierungen. Hanssen führte ein sparsames Leben und fiel durch seine Vorliebe für preiswerte Mittagessen in der Cafeteria auf - ein Hinweis darauf, dass seine finanziellen Mittel erneut knapp geworden waren. 596 242 7 Kapitel | Insider-Spionage für Ego und Profit - Der Fall Robert Hanssen <?page no="243"?> 597 Wise, 2003: 187-188 598 Wise, 2003: 188 7.8 Entschluss zur erneuten Spionagetätigkeit Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Finanzielle Notlage und Unsicherheit über Zahlungen als Spionage‐ motiv. ● Hannsens Paranoide Kommunikation mit dem SVR als Ausdruck psychischer Instabilität. ● Suche nach Bestätigung und Fixierung auf finanzielle Lösungen als Realitätsverlust. ● Sicherheitsverstöße und unprofessionelles Verhalten als Zeichen fehlender Reue. ● Fehlende Kommunikationssicherheit als Risiko für Enttarnung und Kontrollverlust. Im Jahr 1997 beantragte Hanssen Zugang zum internen Computernetz des Außenministeriums und des FBI. Da er sich zunächst nicht von seinem Regierungscomputer aus einloggen konnte, wandte er sich an Jim Ohlson, einen ehemaligen FBI-Kollegen, der mittlerweile die Sicherheitsabteilung leitete. Ohlson sorgte für die Einrichtung einer verschlüsselten Verbindung zwischen beiden Netzwerken, wodurch Hanssen Zugriff erhielt. 597 Kurz darauf stürzte Hanssens Computer ab, und er forderte technische Unterstützung an. Als das Computer Analysis Response Team (CART) des FBI die defekte Festplatte untersuchte, entdeckte es ein Programm zum Knacken von Passwörtern. Ohlson konfrontierte Hanssen mit dem Fund, woraufhin dieser erklärte, er habe das Programm genutzt, um einen Farbdrucker anzuschließen, da der administrative Zugang eingeschränkt gewesen sei. Ohlson akzeptierte die Erklärung, warnte Hanssen jedoch davor, solche Tools erneut zu verwenden. 598 Bis 1999 hatte Hanssen über vier Jahre im Außenministerium verbracht. Da er mit seiner Tätigkeit unzufrieden war und unter zunehmendem finanziellem Druck stand, entschied er sich, die Spionagetätigkeit wieder aufzunehmen. Später erklärte er, dass er erhebliche Kreditkartenschulden 7.8 Entschluss zur erneuten Spionagetätigkeit 243 <?page no="244"?> 599 Vise, 2002: 218; Wise, 2003: 189 600 Wise, 2003: 189 601 Wise, 2003: 190 602 Wise, 2003: 191 603 Wise, 2003: 191 angehäuft, sein Haus bereits zweimal refinanziert und 100.000 Dollar benö‐ tigt habe, um seine Finanzen zu stabilisieren. 599 Am 25. Juli 1999 griff Hanssen auf das Automated-Case-Support-System (ACS) des FBI zu, eine als geheim eingestufte Datenbank, die laufende Ermittlungen zur Spionageabwehr enthält. Er suchte nach seinem eigenen Namen, um festzustellen, ob gegen ihn ermittelt wurde, fand jedoch keine Hinweise darauf. 600 Im Herbst 1999 nahm Hanssen Kontakt zum russischen Auslandsgeheim‐ dienst (SVR) auf, dem Nachfolger des KGB. Der SVR reagierte kurz danach und hieß ihn nach Jahren des Schweigens enthusiastisch willkommen. Sie boten ihm eine Zahlung von 50.000 Dollar an und informierten ihn, dass sich auf einem Treuhandkonto für ihn 800.000 Dollar angesammelt hätten. Doch nach diesem ersten Austausch blieb der SVR über einen längeren Zeitraum hinweg inaktiv. Hanssen begann zu zweifeln, ob die versprochenen Gelder tatsächlich für ihn bereitgestellt worden waren. 601 Im März 2000, frustriert über den ausbleibenden Kontakt, schrieb er einen verzweifelten Brief, in dem er erklärte, er sei „so nahe am Abgrund, wie es nur geht, ohne wirklich verrückt zu sein“. Noch am selben Tag durchsuchte er erneut die FBI-Datenbank, um sicherzustellen, dass er nicht unter Verdacht stand. 602 Im Juni 2000 sandte er ein weiteres Schreiben an den SVR, in dem er sich für die Wiederverwendung eines alten Chiffriersystems entschuldigte und andeutete, dass Moskau möglicherweise den Dekryptionsschlüssel verlegt habe. Er betonte die Notwendigkeit effizienterer Kommunikationsmethoden und schlug vor, ein drahtloses Palm-VII-Gerät zur Übermittlung verschlüs‐ selter Nachrichten zu nutzen. 603 Seine Korrespondenz mit dem SVR schwankte zwischen Schmeichelei und Paranoia. In einem Brief lobte er dessen Professionalität und verwies auf frühere Nachrichten als Beweis dafür, dass ihr Kommunikationskanal nicht kompromittiert worden war. In einem anderen machte er sich über die Behauptung lustig, dass die auf einem Treuhandkonto hinterlegten Gelder 244 7 Kapitel | Insider-Spionage für Ego und Profit - Der Fall Robert Hanssen <?page no="245"?> 604 Wise, 2003: 193-195 605 Wise, 2003: 202-203 606 Wise, 2003: 202-203 607 Wise, 2003: 203-204 tatsächlich für ihn reserviert seien, und bezeichnete diese Zusicherung als Täuschung. 604 Ende Juli 2000 erhielt Hanssen ein Schreiben des SVR, in dem ihm versichert wurde, dass die politischen Veränderungen in Russland keine Auswirkungen auf seine Bezahlung hätten. Der SVR bekräftigte seine Verpflichtung, Hanssens Sicherheit zu gewährleisten, und forderte Informa‐ tionen über menschliche, elektronische und technische Zugriffsversuche auf russische diplomatische Vertretungen. Besonders interessierte sie eine Sondergruppe des FBI und der CIA, die mit der Identifizierung von Spionen betraut war - ein Zeichen dafür, dass Moskau die laufende Suche nach Maulwürfen mit Besorgnis verfolgte. 605 Der SVR drängte Hanssen erneut zu einem Treffen außerhalb der Verei‐ nigten Staaten, ein Vorschlag, den er stets abgelehnt hatte. Der nächste Dead Drop wurde für den 21. November im Long Branch Nature Center angesetzt, während der jährliche Dead Drop im Foxstone Park für den 18. Februar vorgesehen war. Zudem kritisierte der SVR Hanssen für seine fortgesetzte Nutzung der Post zur Kommunikation und warnte ihn davor, diese Methode weiterhin zu verwenden, es sei denn, es handele sich um einen dringenden Austausch. 606 Am 17. November 2000 antwortete Hanssen und beklagte sich über die langen Kommunikationspausen, die für ihn zunehmend belastend seien. Er räumte ein, dass das Risiko für ihn gestiegen war, und wies darauf hin, dass Spionage nach den jüngsten Änderungen im US-Recht mit der Todesstrafe geahndet werden könnte. Obwohl er seine Loyalität bekräftigte, warnte er den SVR davor, die Fähigkeiten des FBI zu unterschätzen. Er äußerte zudem seine Frustration darüber, dass niemand auf sein Signal in Foxhall reagiert hatte, und betonte, es wäre ein schwerwiegender Fehler, ihn im Stich zu lassen. 607 Auf der Suche nach einem sicheren Weg zur Bereitstellung des Geldes schlug er vor, eine Firmenfront für Geldwäsche zu nutzen oder die Zahlun‐ gen als Hypothekendarlehen zu strukturieren. Er erkannte an, dass das versprochene Treuhandkonto vermutlich nur auf dem Papier existierte, 7.8 Entschluss zur erneuten Spionagetätigkeit 245 <?page no="246"?> 608 Wise, 2003: 203-204 609 Wise, 2003: 219-220 drängte aber weiterhin auf eine verlässliche Lösung zur Sicherung seiner finanziellen Zukunft. Dieser Brief war seine letzte Nachricht an den SVR. 608 7.9 Entlarvung und Verhaftung Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Systematische Ermittlungsarbeit des FBI als Schlüssel zur Identifi‐ kation. ● Tonaufnahme und Zitate als eindeutige Beweise für Hanssens Iden‐ tität. ● Überwachung und Zugriff als zentrale Operationselemente. ● Forensik, Zeugen und Technik als Grundlage für die Beweisführung. ● Hanssens Verhalten bei der Verhaftung als Einblick in seine psychi‐ sche Verfassung. Anfang 2000 intensivierte das FBI die Suche nach dem Maulwurf innerhalb der US-Geheimdienste. Die Ermittler konzentrierten sich darauf, eine russi‐ sche Quelle zu rekrutieren, die einen eindeutigen Beweis für die Identität des Spions liefern konnte. Nach sorgfältiger Prüfung identifizierte das FBI einen ehemaligen KGB-Offizier, der möglicherweise Zugang zu entscheidenden Informationen hatte. Um den Kontakt herzustellen, arrangierte das FBI ein inszeniertes Geschäftstreffen in New York und bot dem Russen einen plausiblen Grund für die Reise in die Vereinigten Staaten. 609 Der Plan war erfolgreich, und im April 2000 traf der ehemalige KGB-Of‐ fizier in den USA ein. Die Verhandlungen mit ihm übernahm FBI-Gegen‐ spionage-Agent Mike Rochford, ein erfahrener Ermittler mit fließenden Russischkenntnissen. Der Russe erklärte sich zur Zusammenarbeit bereit, bestand jedoch auf einer schrittweisen Offenlegung der Informationen. Nach mehreren Treffen enthüllte er, dass er eine Akte besaß, die die jahrelange Kommunikation zwischen dem Maulwurf und dem russischen Geheimdienst detailliert dokumentierte - jedoch ohne den Namen des Spi‐ 246 7 Kapitel | Insider-Spionage für Ego und Profit - Der Fall Robert Hanssen <?page no="247"?> 610 Wise, 2003: 221 611 Wise, 2003: 225-226 612 Wise, 2003: 225-226 613 Wise, 2003: 241-243 ons. Zudem berichtete er von einer Tonaufnahme eines Gesprächs zwischen dem Maulwurf und einem KGB-Offizier aus dem Jahr 1986. 610 Das FBI sicherte die Akte und brachte sie zur forensischen Analyse ins Hauptquartier. Die Unterlagen enthielten verschlüsselte Hinweise auf die Aktivitäten des Maulwurfs, darunter Anweisungen, die halfen, den Kreis der Verdächtigen einzugrenzen. Der entscheidende Durchbruch gelang, als FBI-Gegenspionage-Agent Michael Waguespack die Tonaufnahme auswer‐ tete. Er hatte erwartet, die Stimme von Brian Kelley, dem langjährigen Hauptverdächtigen, zu hören. Stattdessen erkannte er sofort, dass es nicht Kelleys Stimme war. 611 Während die Analysten die Dokumente weiter durchsuchten, fiel ihnen ein wiederholt verwendetes Zitat von General George S. Patton auf - ein Satz, der häufig von Robert Hanssen verwendet wurde. Diese Erkenntnis führte dazu, dass die Ermittler Hanssens Karriereverlauf erneut überprüften und feststellten, dass seine Einsätze mit den dokumentierten Bewegungen des Maulwurfs übereinstimmten. Am 22. November 2000 verlagerte das FBI offiziell seine Ermittlungen von Kelley auf Hanssen und wies ihm den Codenamen ‚Gray-Day‘ zu. Die Behörde hielt die Ermittlungen streng geheim, um zu verhindern, dass Hanssen Verdacht schöpfen oder flüchten könnte. 612 Um ihn auf frischer Tat zu überführen, stellte das FBI ihm eine Falle. Am Nachmittag des 18. Februar 2001 fuhr Hanssen zum Pike-7-Plaza-Einkaufs‐ zentrum in Nord-Virginia, wo ihn Überwachungsbeamte dabei beobachte‐ ten, wie er geheime Dokumente aus dem Kofferraum seines Autos nahm und in einer Plastiktüte verstaute. Anschließend fuhr er zum Foxstone Park, dem Ort einer geplanten Geldübergabe. Die Ermittler hatten angenommen, dass der Austausch erst nach Einbruch der Dunkelheit stattfinden würde, doch Hanssen setzte seinen Plan mitten am Tag fort. Als er das Paket unter einem hölzernen Steg ablegte, griffen die FBI-Agenten zu. Hanssen leistete kurzzeitig Widerstand, folgte dann jedoch den Anweisungen und legte sich auf den Boden. Er wurde durchsucht, mit Handschellen gefesselt und in ein FBI-Fahrzeug gebracht. 613 7.9 Entlarvung und Verhaftung 247 <?page no="248"?> 614 Wise, 2003: 241-243 Während des Transports zur FBI-Außenstelle spielten die Agenten eine alte Aufnahme ab, auf der Hanssen mit einem KGB-Offizier spricht, und konfrontierten ihn mit Beweisen aus seinen Briefen und Computerdateien. Hanssen gestand, für die Russen spioniert zu haben, und behauptete, er habe gefasst werden wollen. Zeitgleich trafen FBI-Agenten bei seinem Wohnhaus ein, um seine Frau Bonnie über die Verhaftung zu informieren. Um mediale Aufmerksamkeit zu vermeiden, wurden sie und die Kinder vorübergehend in ein Hotel gebracht. Bei ihrer Befragung gab Bonnie Hanssen an, dass seine Spionagetätigkeit bereits 1979 begonnen habe - deutlich früher als bisher angenommen. Am nächsten Morgen bestätigte FBI-Direktor Louis Freeh auf einer Pressekonferenz die Verhaftung und bezeichnete sie als bedeutenden nachrichtendienstlichen Erfolg. Gleichzeitig räumte er jedoch die Schwere des Schadens ein, den Hanssen durch seine jahrelange Spionage verursacht hatte. 614 7.10 Eine unerwartete Wendung Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Langfristige psychologische Störung als Grundlage für Hanssens Verhalten. ● Grenzverletzende Beziehung zu Jack Hoschouer als Zeichen emo‐ tionaler Dysregulation. ● Fixierung auf intime Details der Ehe als Ausdruck zunehmender Besessenheit. ● Versuch, Familie und Freund zu manipulieren, als Indikator psychi‐ scher Instabilität. ● Fallbeispiel für die Wirkung psychischer Störungen auf zwischen‐ menschliche Beziehungen. Die Ermittlungen nach Hanssens Verhaftung brachten einen weiteren ver‐ störenden Aspekt seines Verrats ans Licht. Bereits ab 1970, als sein enger Freund Jack Hoschouer in Vietnam diente, schickte Hanssen ihm Nacktfotos 248 7 Kapitel | Insider-Spionage für Ego und Profit - Der Fall Robert Hanssen <?page no="249"?> 615 Wise, 2003: 253 616 Wise, 2003: 253 617 Wise, 2003: 253 seiner Frau Bonnie ohne ihr Wissen. Auch nach Hoschouers Rückkehr setzte er dies fort und sandte ihm weiterhin Bilder. 615 In den 1980er Jahren eskalierte sein Verhalten. Er forderte Hoschouer auf, Bonnie beim Entkleiden durch ihr Schlafzimmerfenster zu beobachten. Spä‐ ter installierte er eine versteckte Kamera im Schlafzimmer, die es Hoschouer ermöglichte, intime Momente zwischen Hanssen und seiner Frau auf einem Fernseher im Arbeitszimmer zu verfolgen. Diese Praxis wurde über Jahre hinweg fortgesetzt, wobei Hanssen regelmäßig nach Bestätigung suchte, dass sein Freund tatsächlich zugesehen hatte. Hoschouer gab später an, dass ihm die Situation unangenehm war, lehnte die Teilnahme jedoch nicht ab. 616 Im Jahr 1997 schlug Hanssen eine noch verstörendere Idee vor. Er regte an, dass Bonnie und Hoschouer gemeinsam ein Kind zeugen sollten, um eine ‚gemeinsame Familie‘ zu schaffen. Als Hoschouer diesem Vorschlag ablehnte, brachte Hanssen die Möglichkeit ins Spiel, Rohypnol - ein Beru‐ higungsmittel, das als Vergewaltigungsdroge bekannt ist - zu besorgen, um den Akt ohne Bonnies Wissen zu ermöglichen. Hoschouer behauptete später, er habe nie die Absicht gehabt, dies zu tun, schloss die Idee jedoch nicht sofort aus. Hanssens Besessenheit, seine Frau zu entblößen, zeigte sich auch in expliziten Internet-Postings, in denen er Fantasien schilderte, in denen andere Männer sie nackt sahen. Bonnie erfuhr erst nach seiner Verhaftung von diesen Taten, als ein Psychiater die Wahrheit ans Licht brachte. 617 7.10 Eine unerwartete Wendung 249 <?page no="250"?> 618 Wise, 2003: 271-273 619 Wise, 2003: 271-273 7.11 Die Einschätzung des Psychiaters Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Kindheitserfahrungen und finanzieller Druck als zentrale Motivla‐ gen. ● Groll gegenüber dem FBI und enttäuschte Karriereerwartungen als Auslöser. ● Gestörte Vaterbeziehung als prägender Faktor für Institutionenbin‐ dung und Loyalität. ● Arroganz und Spionagefaszination als Wegbereiter für Verrat. ● Vielschichtige psychologische Dynamiken als Erklärungsrahmen für den Fall. Dr. David Charney, der mit der psychologischen Beurteilung von Robert Hanssen beauftragt wurde, führte im Gefängnis von Alexandria über dreißig Gespräche mit ihm. Hanssen sprach offen über seine Kindheit, seine Familie, seine Karriere beim FBI, seine Spionagetätigkeit, seine Religion und seine Beweggründe. Charney identifizierte mehrere Faktoren, die zu Hanssens Entscheidung für die Spionage beigetragen hatten, und betonte, dass Motive oft vielschichtig sind, sich im Laufe der Zeit entwickeln und von den Betroffenen selbst rationalisiert werden. 618 Finanzieller Druck spielte bei Hanssens ursprünglicher Entscheidung eine Rolle, da er vor allem in den Augen seiner Frau den Anschein von Erfolg wahren wollte. Charney stellte jedoch fest, dass Geld nicht der Hauptantrieb war, da Hanssen trotz des hohen Werts der von ihm gelieferten Informationen nie versuchte, höhere Zahlungen auszuhandeln. Auch sein Groll gegenüber dem FBI schien entscheidend. Er fühlte sich unterbewer‐ tet, von den Eliteoperationen der Spionageabwehr ausgeschlossen und auf analytische Aufgaben statt auf operative Einsätze beschränkt. Zudem respektierte er den KGB, den er als einzigen würdigen Gegner betrachtete, und könnte in der Spionage eine Möglichkeit gesehen haben, seine eigene Überlegenheit zu beweisen. 619 250 7 Kapitel | Insider-Spionage für Ego und Profit - Der Fall Robert Hanssen <?page no="251"?> 620 Wise, 2003: 271-273 621 Wise, 2003: 271-273 Charney erkannte auch die tiefen psychologischen Spuren, die Hanssens gestörtes Verhältnis zu seinem Vater hinterlassen hatte. Hanssen beschrieb diesen als harte, distanzierte Figur, die ihn herabsetzte und mit Demütigun‐ gen bestrafte. Dies führte zu einem langanhaltenden Gefühl der Unzuläng‐ lichkeit, das sich in Verbitterung und unterdrückter Wut manifestierte. Charney vermutete, dass Hanssen diese ungelösten Emotionen auf das FBI projizierte - eine Institution, die er zunächst als Ersatzvaterfigur ansah, später jedoch als enttäuschend empfand. 620 Diese Faktoren, gepaart mit seiner Arroganz und seiner Faszination für Spionage, könnten ihn letztlich dazu getrieben haben, das FBI zu verraten. Hanssen genoss die Vorstellung, als Insider über Geheimwissen zu verfügen, und nahm an Sitzungen über Maulwurfsjagden teil, wohlwissend, dass er selbst das gesuchte Ziel war. Gleichzeitig rang er mit der tiefen Angst vor persönlichem Versagen und suchte Bestätigung in seiner Spionagetätigkeit. Charney kam zu dem Schluss, dass Hanssens psychologische Komplexität eine einfache Kategorisierung unmöglich machte und ihn zu einem der rätselhaftesten Spione der amerikanischen Geschichte werden ließ. 621 7.11 Die Einschätzung des Psychiaters 251 <?page no="252"?> 7.12 Fünf Faktoren im Fall Hanssen Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Versagensängste und Bestätigungsbedürfnis als persönliche Prädis‐ positionen. ● Stagnation und Geldsorgen als psychologische Auslöser. ● Innere Bedürfnisse und äußere Stressoren als Motivationsbasis. ● Anerkennungsdrang und Kontrollbedürfnis als handlungsleitende Faktoren. ● Sicherheitslücken im FBI als Ermöglichungsbedingung für jahre‐ lange Spionage. ● Finanzielle und emotionale Marktchancen als Anreiz zur Loyalitäts‐ verlagerung. ● Enthemmende Faktoren und Persönlichkeitsstörungen als morali‐ sche Hemmnisauflösung. 7.12.1 Auslöser Der Fall Hanssen gehört zu den komplexesten Fällen von Insider-Spionage. Seine Entscheidung, für eine feindliche Macht zu arbeiten, lässt sich nur durch eine eingehende Untersuchung seiner psychologischen Prädispositi‐ onen verstehen - jener tief verwurzelten Bedürfnisse, Überzeugungen und Werte, die seine Wahrnehmung seiner Lebensumstände prägten. Ideologie spielte dabei keine erkennbare Rolle, doch sein Bedürfnis nach Anerken‐ nung, seine Angst vor Versagen und seine Abhängigkeit von externer Bestätigung trugen maßgeblich dazu bei, dass Spionage für ihn zu einer folgerichtigen Lösung wurde, als er sich in einer persönlichen Krise befand. Prädispositionen Hanssen wuchs in einem Umfeld auf, das von Versagensängsten und der Su‐ che nach äußerer Bestätigung geprägt war. Sein Vater, streng disziplinarisch, übte scharfe Kritik und demütigte ihn regelmäßig. Infolgedessen entwickelte Hanssen ein fragiles Selbstwertgefühl, das stark davon abhing, wie andere ihn wahrnahmen. Für ihn war Erfolg untrennbar mit finanzieller Stabilität, 252 7 Kapitel | Insider-Spionage für Ego und Profit - Der Fall Robert Hanssen <?page no="253"?> 622 Vise, 2002; Wise, 2003: 11-12 623 Wise, 2003: 32 & 121 624 Wise, 2003: 20-21 625 Vise, 2002: 40-41 beruflicher Anerkennung und der Bewunderung jener verbunden, die er respektierte. 622 Obwohl er nach Bestätigung suchte, fiel es ihm aufgrund seiner starren Persönlichkeit schwer, enge Beziehungen aufzubauen. Beim FBI war er zwar intellektuell fähig, aber sozial isoliert. Er wurde eher als Analytiker denn als Außendienstmitarbeiter wahrgenommen und empfand es als persönliche Zurückweisung, nicht zum inneren Kreis der Spionageabwehrfachleute zu gehören. Sein Bedürfnis, sich als überlegen zu beweisen, wuchs mit seiner Unzufriedenheit. 623 Seine Vorstellung von Erfolg war eng mit finanzieller Sicherheit ver‐ knüpft, und er fürchtete, von seiner Frau als Versager betrachtet zu werden. Früh traf er finanzielle Entscheidungen, die ihn unter Druck setzten - etwa der Kauf eines Hauses in Scarsdale, das seine finanziellen Mittel überstieg. Aufgrund seines FBI-Gehalts führte er ein bescheidenes Leben, fuhr einen Gebrauchtwagen und achtete darauf, bei Treffen mit Kollegen die günstigsten Mahlzeiten zu wählen. Dass er seine Familie nicht so unterstützen konnte, wie er es sich vorgestellt hatte, wurde für ihn zu einer existenziellen Bedrohung seines Selbstwertgefühls. 624 Hanssen zeigte neben narzisstischen und manipulativen Zügen auch Anzeichen von Abhängigkeit - er suchte unaufhörlich nach äußerer Bestä‐ tigung. Seine Beziehung zum KGB und später zum SVR wurde zu einem Ersatz für die Anerkennung, die ihm beim FBI verwehrt blieb. Sein striktes Festhalten am Katholizismus und seine Mitgliedschaft bei Opus Dei könnten darauf hindeuten, dass er eine klare, externe Struktur benötigte, um seinen moralischen und persönlichen Selbstwert zu definieren. 625 Situation Hanssens Spionage war eine Reaktion auf äußere Faktoren, die seine grundlegenden psychologischen Bedürfnisse bedrohten. Finanzielle Belas‐ tungen, eine stagnierende Karriere und mangelnde berufliche Anerkennung untergruben sein Selbstbild und drängten ihn in eine psychologische Sack‐ gasse. Der Kauf des Hauses in Scarsdale hatte seine Familie bereits in 7.12 Fünf Faktoren im Fall Hanssen 253 <?page no="254"?> 626 Wise, 2003: 43-44 & 184 627 Wise, 2003: 273-274 628 Wise, 2003: 43-44 & 184 629 Wise, 2003: 55 & 133-135 eine finanzielle Schieflage gebracht. Später geriet er durch Hypotheken in Virginia erneut unter Druck. Sein bescheidener Lebensstil - gebrauchte Autos, preiswerte Mittagessen - stand im Widerspruch zu seinem Wunsch, Erfolg zu demonstrieren. Er konnte nicht zulassen, dass seine Frau Bonnie ihn als unfähig ansah, für die wachsende Familie zu sorgen. 626 Hanssen hielt sich für hochintelligent, doch das FBI betrachtete ihn in erster Linie als Computer- und Budgetexperten, nicht als führenden Kopf der Spionageabwehr. Er wurde nie mit hochkarätigen Fällen betraut und blieb außerhalb des elitären inneren Kreises der Gegenspionage. Dieses Gefühl der Unterbewertung und Ausgrenzung trieb ihn schließlich in die Arme der Russen, die, zumindest dem Anschein nach, seine Intelligenz und strategischen Fähigkeiten anerkannten. 627 Der KGB und später der SVR gaben ihm, was das FBI ihm verweigerte. Der russische Geheimdienst schmeichelte ihm und bestätigte seine Selbstwahr‐ nehmung. In den Nachrichten des SVR wurden sein Humor, sein Intellekt und seine Professionalität gelobt, was ihm das Gefühl von Zugehörigkeit und Überlegenheit gab, das er innerhalb des FBI vermisste. Dass er seine Spionagetätigkeit fortsetzte, lange nachdem er genug Geld verdient hatte, zeigt, dass es nicht allein um finanzielle Sicherheit ging, sondern um die Bestätigung, nach der er sich sehnte. 628 Auslösender Effekt Auch nachdem seine finanziellen Probleme gelöst waren, setzte Hanssen die Spionage fort, weil die Anerkennung durch die Russen eine emotionale Leere in ihm füllte. Er war zutiefst verunsichert und suchte das Gefühl, etwas Besonderes zu sein - gebraucht, bewundert und unverzichtbar. Seine psychologische Verfassung machte ihn anfällig für Schmeicheleien, Geheim‐ haltung und Kontrolle, die ihm die Spionage bot. Jede Zurückweisung oder jeder Misserfolg beim FBI verstärkte seine Loyalität zu den Russen, die ihn als wertvollen Mitarbeiter behandelten. 629 Hanssens Auslöser waren keine isolierten Ereignisse, sondern eine Reihe kumulativer Stressfaktoren, die sein Selbstwertgefühl bedrohten. Finanzielle 254 7 Kapitel | Insider-Spionage für Ego und Profit - Der Fall Robert Hanssen <?page no="255"?> 630 Wise, 2003: 279-280 631 Office of the Inspector General, 2003; Wise, 2003: 20-21 & 59 Engpässe, Karrierestagnation und fehlende Anerkennung verstärkten seine tief sitzenden Ängste vor Unzulänglichkeit und machten die Spionage zu einer unwiderstehlichen Lösung, die ihm Geld, Macht und vor allem die Anerkennung gab, die er beim FBI niemals erhielt. 630 7.12.2 Motive Hanssens Entscheidung zur Spionage lässt sich anhand der drei zentralen Prozesse der Motivation analysieren: die Bewertung des Auslösers, die emo‐ tionale Reaktion und die daraus resultierende Handlungsbereitschaft. Seine tief verwurzelte Angst vor Versagen, sein Bedürfnis nach Anerkennung und sein Streben nach Kontrolle bestimmten, wie er seine Situation wahrnahm und verarbeitete, und führten ihn schließlich zum Verrat. Beurteilung der Situation Die Auslöser für seine Spionagetätigkeit erwuchsen aus dem Zusammen‐ spiel zwischen seinen Prädispositionen und den widrigen Umständen, mit denen er sich konfrontiert sah. Finanzielle Engpässe, eine stagnierende Karriere und das Gefühl, nicht ausreichend anerkannt zu werden, stellten für ihn nicht nur Hindernisse dar, sondern existenzielle Bedrohungen für sein Selbstbild. Wiederholt brachte er sich durch den Kauf überteuerter Häuser in prekäre finanzielle Lagen - zuerst in Scarsdale, später in Virginia. Diese finanziellen Belastungen waren nicht nur eine praktische Herausforderung, sondern auch Ausdruck seines Versuchs, ein Bild von Erfolg und Stabilität aufrechtzuerhalten. 631 Emotionale Reaktion Trotz seiner Intelligenz und technischen Fähigkeiten blieb ihm der Zugang zu den elitären Kreisen der FBI-Spionageabwehr verwehrt. Sein Ausschluss war für ihn mehr als eine berufliche Enttäuschung - er verstärkte seine Angst, übersehen und unterschätzt zu werden. Während Kollegen befördert wurden, blieb er auf analytische und administrative Aufgaben beschränkt, was sein Gefühl der beruflichen Bedeutungslosigkeit vertiefte. Er hielt 7.12 Fünf Faktoren im Fall Hanssen 255 <?page no="256"?> 632 Office of the Inspector General, 2003; Wise, 2003: 20-21 & 59 633 Wise, 2003: 273-275 634 Wise, 2003: 273-275 sich für fähiger als viele seiner Vorgesetzten, wurde jedoch systematisch übergangen, was seine Frustration zusätzlich verstärkte. Diese Faktoren führten zu einer negativen Selbsteinschätzung, die Hanssen nicht als bloße Rückschläge betrachtete, sondern als direkte Bedrohung für seine Identität und seinen Selbstwert. 632 Hanssens Erziehung spielte eine entscheidende Rolle in der Entwicklung seiner emotionalen Reaktionen. Durch die strenge und kritische Erziehung seines Vaters verinnerlichte er eine tief sitzende Angst vor Versagen. Seine Reaktionen auf Rückschläge waren unverhältnismäßig stark ausgeprägt und führten zu einem überwältigenden Bedürfnis nach Kontrolle und Bestätigung. Finanzielle Unsicherheit oder berufliche Bedeutungslosigkeit lösten bei ihm nicht nur Sorgen, sondern existenzielle Ängste aus. Dabei ging es ihm nicht nur um sein eigenes Wohlbefinden, sondern auch um die Wahrnehmung durch seine Frau, seine Kollegen und die Gesellschaft. Sein Selbstwertgefühl war stark von externer Bestätigung abhängig. 633 Berufliche Stagnation und finanzielle Schwierigkeiten waren für ihn nicht nur praktische Herausforderungen, sondern Quellen tiefer Schamgefühle, die er zu verbergen oder zu kompensieren suchte. Er entwickelte einen Groll gegen seine Vorgesetzten und Kollegen, da er sich intellektuell über‐ legen fühlte, aber dennoch konstant unterbewertet sah. Dieses empfundene Unrecht verstärkte seine Frustration und seine Wut gegenüber dem FBI als Institution. Die Kombination aus Angst, Scham und Groll schuf ein psychologisches Umfeld, in dem er sich gezwungen sah zu handeln - nicht nur, um Stress abzubauen, sondern auch, um Kontrolle über sein Leben und sein Selbstbild zurückzugewinnen. 634 Handlungsbereitschaft Der Höhepunkt dieses emotionalen Konflikts versetzte ihn in einen Zustand erhöhter Handlungsbereitschaft. Seine innere Notlage bestimmte zwar nicht zwangsläufig die Spionage als einzige Lösung, machte ihn jedoch empfänglich für Gelegenheiten, die eine scheinbare Antwort auf seine Pro‐ bleme boten. Er empfand ein dringendes Bedürfnis, sein wahrgenommenes Versagen zu kompensieren. Seine Situation ließ unmittelbares Handeln 256 7 Kapitel | Insider-Spionage für Ego und Profit - Der Fall Robert Hanssen <?page no="257"?> 635 Wise, 2003: 273-275 636 Office of the Inspector General, 2003 637 Office of the Inspector General, 2003: 21 als notwendig erscheinen, nicht als eine bloße Option. Mit wachsender Frustration und Angst sank seine Hemmschwelle, sich auf risikoreiches Verhalten einzulassen. Der Drang, wieder Kontrolle über seine eigene Ge‐ schichte zu gewinnen, überwog schließlich die Gefahr, die mit der Spionage verbunden war. Sein emotionaler Zustand machte ihn empfänglich für externe Einflüsse, die ihm Bestätigung, finanzielle Erleichterung und das Gefühl der Überlegenheit versprachen. Er suchte zunächst nicht aktiv nach der Möglichkeit zu spionieren, doch als sie sich bot, war er bereit, sie zu ergreifen. 635 7.12.3 Organisatorische Schwachstellen Zahlreiche Mängel im internen Sicherheitssystem des FBI ermöglichten es Robert Hanssen, über zwei Jahrzehnte hinweg unentdeckt Spionage zu be‐ treiben. Schwachstellen in der Personalauswahl, der physischen Sicherheit, der Dokumentenkontrolle, der Cybersicherheit und der allgemeinen Orga‐ nisationskultur schufen ein Umfeld, in dem Insider-Bedrohungen unerkannt blieben und nicht angemessen adressiert wurden. 636 Sicherheitslücken in der personellen Sicherheit Die Überprüfungsverfahren des FBI versäumten es, während Hanssens Laufbahn mehrere Warnzeichen zu erkennen. Er wurde nie einem Lügende‐ tektortest unterzogen, obwohl er 25 Jahre lang Zugang zu streng geheimen Informationen hatte. Zudem gab es keine verpflichtende Offenlegung finan‐ zieller Verhältnisse, sodass er sowjetische Spionagezahlungen problemlos auf persönliche Konten einzahlen konnte, ohne Verdacht zu erregen. 637 Während seiner gesamten Dienstzeit wurde Hanssen nur einmal über‐ prüft - 1996, zwanzig Jahre nach seinem Eintritt in das FBI. Wichtige finanzielle und verhaltensbezogene Auffälligkeiten blieben unbeachtet. Dar‐ über hinaus waren die Hintergrundüberprüfungen oberflächlich. Ermittler verließen sich weitgehend auf seine eigenen Angaben, anstatt unabhängige Prüfungen durchzuführen oder Unstimmigkeiten in seinen Finanzunter‐ 7.12 Fünf Faktoren im Fall Hanssen 257 <?page no="258"?> 638 Office of the Inspector General, 2003: 20-21 639 Office of the Inspector General, 2003: 25 640 Office of the Inspector General, 2003: 25 641 Office of the Inspector General, 2003: 23-25 lagen zu untersuchen. Das FBI verfügte auch nicht über eine zentrale Berichterstattung zu Sicherheitsverstößen. 638 Sicherheitslücken in der physischen Sicherheit Hanssen nutzte unzureichende Sicherheitsmaßnahmen, um geheime Doku‐ mente aus FBI-Einrichtungen zu entwenden. Es gab kein System zur Nach‐ verfolgung sensibler Akten, die aus gesicherten Bereichen entfernt wurden. Zudem existierten keine wirksamen Kontrollen für als Verschlusssache eingestufte Ausdrucke, sodass nicht überwacht werden konnte, welche Mitarbeiter geheime Materialien druckten, kopierten oder entnahmen. 639 Sicherheitslücken in der Informationssicherheit Das FBI verfügte über keine effektiven Mechanismen zur Kontrolle des Zu‐ gangs zu Verschlusssachen, sodass Hanssen ungehindert sensible Ausdrucke mitnehmen konnte, ohne dabei einer Aufsicht zu unterliegen. Zudem wurde das Prinzip der ‚Kenntnisnahme erforderlich‘ nicht konsequent durchge‐ setzt, wodurch er Zugang zu streng vertraulichen Spionageabwehrakten erhielt, die nicht in seinen Zuständigkeitsbereich fielen. 640 Die Ermittlungen ergaben außerdem, dass es kein System zur Protokol‐ lierung gab, welche Mitarbeiter auf bestimmte Geheimdokumente zugriffen. Dadurch wurde es nahezu unmöglich, undichte Stellen oder Sicherheitsvers‐ töße nachzuvollziehen. Diese fehlende Rückverfolgbarkeit ermöglichte es Hanssen, geheime Informationen zu kompromittieren, ohne Verdacht zu erregen. 641 Sicherheitslücken in der IKT-Sicherheit Hanssen nutzte erhebliche Schwachstellen in der Cybersicherheit des FBI, um unbemerkt Spionage zu betreiben. Er führte Tausende unautorisierter Suchvorgänge im Automated-Case-Support-System (ACS) des FBI durch und suchte gezielt nach seinem eigenen Namen, bekannten Spionageab‐ 258 7 Kapitel | Insider-Spionage für Ego und Profit - Der Fall Robert Hanssen <?page no="259"?> 642 Office of the Inspector General, 2003: 23 643 Office of the Inspector General, 2003: 9 644 Office of the Inspector General, 2003: 25 645 Office of the Inspector General, 2003: 21 646 Office of the Inspector General, 2003: 21 wurfstellen und laufenden Spionageabwehruntersuchungen, ohne eine Prü‐ fung oder Untersuchung auszulösen. 642 Die fehlenden Zugangskontrollen für sensible Spionageabwehrfälle er‐ möglichten ihm den Zugriff auf Dateien, die nicht in seinen Zuständigkeits‐ bereich fielen. Zudem installierte er auf seinem Computer eine Software zur Passwortentschlüsselung. Obwohl dies entdeckt wurde, blieb eine Untersu‐ chung aus und das Programm wurde nicht als Sicherheitsrisiko eingestuft. 643 Auch die Handhabung sensibler Dokumente war fehlerhaft. Verschluss‐ sachen wurden häufig falsch hochgeladen, wodurch sie einem größeren Personenkreis als erforderlich zugänglich waren. 644 Organisatorisches und kulturelles Versagen Die Sicherheitsphilosophie des FBI basierte eher auf Vertrauen als auf präventiver Abschreckung. Es wurde davon ausgegangen, dass Mitarbei‐ ter loyal sind, weshalb keine verpflichtenden Überprüfungen wie routine‐ mäßige Lügendetektortests oder regelmäßige Finanzprüfungen eingeführt wurden, um interne Bedrohungen zu erkennen. 645 Die Behörde versäumte es zudem, systematisch nach internen Bedrohun‐ gen zu suchen oder zu prüfen, ob sie möglicherweise von einem Maulwurf infiltriert worden war. Hanssens Vorgesetzte kontrollierten seine Arbeit nur minimal, sodass er über Jahre hinweg ungestört spionagebezogenen Aktivitäten nachgehen konnte, ohne Verdacht zu erregen. 646 Dass Hanssen über zwei Jahrzehnte unentdeckt spionieren konnte, war folglich das Ergebnis tiefgreifender Schwachstellen in mehreren Bereichen der FBI-Sicherheit. Doch nicht nur deren Existenz war problematisch - Hanssen wusste genau, wie er sie ausnutzen konnte. Durch seine langjährige Tätigkeit in der Spionageabwehr kannte er die internen Sicherheitslücken und wusste, wie er Kontrollen umgehen, Entdeckung vermeiden und Schwä‐ chen in den Personal-, physischen, Informations- und IKT-Sicherheitsstruk‐ turen gezielt ausnutzen konnte. Seine Spionage war kein opportunistisches Verbrechen, sondern eine gezielte und systematische Ausnutzung struktu‐ reller Defizite, die erst erkannt wurden, als es zu spät war. 7.12 Fünf Faktoren im Fall Hanssen 259 <?page no="260"?> 647 United States District Court for the Eastern District of Virginia, 2001 648 United States District Court for the Eastern District of Virginia, 2001 649 United States District Court for the Eastern District of Virginia, 2001 7.12.4 Marktchancen Hanssens Spionagetätigkeit war im Kern transaktional, doch seine Beweg‐ gründe reichten über finanzielle Entschädigung hinaus. Seine Zusammenar‐ beit mit dem russischen Geheimdienst brachte ihm nicht nur Geld, sondern auch die Anerkennung, die er suchte. Über die Jahre pflegte er umfangreiche Kontakte zum GRU, zum KGB und später zum SVR. Er tauschte 27 Briefe aus, übermittelte 22 Pakete und holte 33 an geheimen Orten ab. Zudem gab er 26 Disketten mit geheimen Informationen weiter. Insgesamt lieferte er über 6.000 Seiten hochsensibles Material. Als Gegenleistung erhielt er mehr als 600.000 Dollar in bar und Diamanten. 647 Die finanziellen Vorteile waren beträchtlich, doch Hanssens tiefere Mo‐ tivation lag in seinem Bedürfnis nach Bestätigung. Die emotionale Prägung durch einen missbrauchenden Vater und das Gefühl, ein Leben lang ausge‐ schlossen worden zu sein, machten ihn empfänglich für die Schmeicheleien des russischen Geheimdienstes. Während er beim FBI als technischer Spe‐ zialist galt und nicht als zentrale Figur der Spionageabwehr, verstärkte dies seinen Groll. Die Russen hingegen behandelten ihn wie einen Eliteagenten und lobten seinen Intellekt sowie seinen strategischen Scharfsinn. Ihre sorgfältig formulierten Briefe stärkten sein Selbstbild als Meisterspion. Anders als seine Kollegen, die ihn als reinen Analysten betrachteten, vermittelten die Russen ihm das Gefühl, dass er ihnen überlegen war. Seine Spionagetätigkeit wurde dadurch mehr als ein finanzielles Arrangement - sie bot einen emotionalen Anreiz, der sein Bedürfnis nach Bedeutung und Kontrolle erfüllte. 648 Im Gegenzug verschaffte Hanssens Verrat dem russischen Geheimdienst entscheidende Erkenntnisse und schadete der nationalen Sicherheit der USA erheblich. Seine Enthüllungen gefährdeten Spionageabwehroperationen, offenbarten geheime Überwachungstechniken und verrieten menschliche Quellen, die für die Vereinigten Staaten arbeiteten. Die Auswirkungen gin‐ gen über den Verlust einzelner Personen hinaus, untergruben die Effektivität der US-Geheimdienste und störten laufende Operationen. 649 Zu den folgenschwersten Enthüllungen gehörte Hanssens Verrat an Doppelagenten, die für die USA innerhalb des russischen Geheimdienstes arbeiteten. Er identifizierte mehrere Schlüsselquellen, darunter General 260 7 Kapitel | Insider-Spionage für Ego und Profit - Der Fall Robert Hanssen <?page no="261"?> 650 United States District Court for the Eastern District of Virginia, 2001 651 United States District Court for the Eastern District of Virginia, 2001 Dmitri Poljakow, eine hochrangige US-Quelle im sowjetischen Militär, der später hingerichtet wurde. Darüber hinaus legte er die elektronischen Über‐ wachungsprogramme der USA offen, wodurch der russische Geheimdienst in der Lage war, amerikanische Überwachungsmaßnahmen zu identifizieren und gezielt zu umgehen. Besonders betroffen waren die sowjetische Bot‐ schaft in Washington und die russische Vertretung bei den Vereinten Natio‐ nen. Durch die Weitergabe von Details über die Prioritäten der FBI-Spiona‐ geabwehr half Hanssen den Russen, ihre eigenen Agenten vor Entdeckung zu schützen und weiterhin ungestört in US-Behörden zu operieren. 650 Seine Spionage hatte nicht nur unmittelbare taktische Auswirkungen, sondern verschaffte dem russischen Geheimdienst auch einen langfristigen strategischen Vorteil. Durch seine Position innerhalb des FBI hatte er direkten Zugang zu den Methoden der amerikanischen Spionageabwehr, was es dem KGB und später dem SVR ermöglichte, ihre eigenen Techni‐ ken anzupassen und ihre Fähigkeit zur Infiltration der US-Geheimdienste zu verbessern. Die von ihm preisgegebenen Informationen zwangen die US-Regierung, kostspielige Überwachungsprogramme einzustellen oder zu überarbeiten und nachrichtendienstliche Strategien neu zu gestalten. Die kumulativen Auswirkungen seiner Spionagetätigkeit waren tiefgreifend - sie kompromittierte zentrale Geheimdienstprogramme, schützte russische Agenten und stärkte Moskaus Fähigkeit, mit größerer Sicherheit gegen die Vereinigten Staaten zu operieren. 651 7.12.5 Enthemmende Faktoren Hanssens Entscheidung zur Spionage kann durch enthemmende Faktoren begründet werden, die seine inneren Barrieren verringerten und einen Verrat psychologisch erleichterten. Seine Persönlichkeitsstruktur und wahr‐ scheinliche Persönlichkeitsstörungen spielten eine wesentliche Rolle bei der Schwächung seiner Hemmungen, das FBI zu hintergehen. Persönlichkeitsstruktur Robert Hanssen wies ausgeprägte Persönlichkeitsmerkmale auf, die zu seiner Spionagetätigkeit beitrugen. Insider-Spionage wird häufig mit hohem 7.12 Fünf Faktoren im Fall Hanssen 261 <?page no="262"?> 652 Danesy, 2024: 188-189 653 Danesy, 2024: 190-191 Neurotizismus und geringer Verträglichkeit im sozialen Verhalten in Ver‐ bindung gebracht. Neurotizismus umfasst emotionale Instabilität, Angst und eine erhöhte Anfälligkeit für Stress. 652 Es gab bei Hanssen klare Anzeichen der emotionalen Volatilität, die seine starken inneren Ängste und seine Selbstzweifel widerspiegelten. Seine von einem kritischen und emotional missbrauchenden Vater geprägte Kindheit hinterließ tiefe Unsicherheiten und ein starkes Bedürfnis nach Kontrolle. Trotz seiner intellektuellen Fähigkeiten fühlte er sich beim FBI stets unterbewertet. Der Psychiater Dr. David Charney, der Hanssen ein Jahr lang interviewte, vermutete, dass seine Spionagetätigkeit teilweise ein Versuch war, seine Überlegenheit zu beweisen und seine berufliche Unzufriedenheit zu kom‐ pensieren. Sein streng katholischer Glaube, kombiniert mit moralisch wi‐ dersprüchlichem Verhalten wie Voyeurismus und Verrat, deutet auf innere Konflikte und ausgeprägte neurotische Tendenzen hin. Hanssens geringe Verträglichkeit zeigte sich in seinem auffälligen Verhal‐ ten gegenüber Kollegen - ein Umstand, der wiederholt zu seiner beruflichen Stagnation führte. Kollegen beschrieben ihn als arrogant, unnahbar und sozial unbeholfen. Während seiner Tätigkeit in Abteilung C5 bei der Chica‐ goer Polizei machte es ihm nichts aus von seinen Kollegen abgelehnt und als „Spitzel“ betrachtet zu werden, da ihm seine Aufgabe das Gefühl von Kontrolle, Anerkennung durch Vorgesetzte und Überlegenheit gab. Obwohl sein manipulatives und verräterisches Verhalten lange unerkannt blieb, war auch dies ein Hinweis auf seine mangelnde Verträglichkeit im sozialen Verhalten. Persönlichkeitstörungen Persönlichkeitsstörungen können eine enthemmende Wirkung haben, in‐ dem sie die Selbstkontrolle unterdrücken, die erforderlich wäre, um der Versuchung zur Spionage zu widerstehen. Im Zusammenhang mit Insi‐ der-Bedrohungen werden insbesondere die narzisstische Persönlichkeits‐ störung (NPD), die antisoziale Persönlichkeitsstörung (ASPD), Psychopathie und bipolare Störungen (insbesondere in manischen Episoden) häufig als relevante Faktoren betrachtet. 653 262 7 Kapitel | Insider-Spionage für Ego und Profit - Der Fall Robert Hanssen <?page no="263"?> 654 Wise, 2003: 273-275 655 Wise, 2003: 273-275 656 Wise, 2003: 273-275 657 American Psychiatric Association, 2013: 669-670; Wise, 2003: 273-275 Laut Gutachten wies Hanssen Merkmale auf, die mit einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung und psychopathischen Zügen übereinstimmen. Die narzisstische Persönlichkeitsstörung zeichnet sich durch ein übersteiger‐ tes Selbstwertgefühl, ein starkes Bedürfnis nach Bewunderung und einen Mangel an Empathie aus. Narzissten halten sich oft für intellektuell oder moralisch überlegen und reagieren mit Groll, wenn sie das Gefühl haben, dass ihre Fähigkeiten nicht ausreichend gewürdigt werden. 654 Hanssens außergewöhnlich tiefgehende Frustrationen und sein Gefühl, nicht die Anerkennung zu erhalten, die er seiner Meinung nach verdiente, stehen im Einklang mit narzisstischen Tendenzen. Er betrachtete sich als intelligenter als seine FBI-Kollegen und hielt viele für inkompetent oder seiner nicht würdig. Seine Spionagetätigkeit könnte ein Versuch gewesen sein, seine Überlegenheit zu demonstrieren - nicht nur intellektuell, son‐ dern auch operativ, indem er genau jene Institution überlistete, die ihn unterschätzt hatte. 655 Seine Arroganz und sein Gefühl der Unantastbarkeit sind weitere Indizien für diese Störung. Trotz verstärkter Sicherheitsmaßnahmen setzte er seine Spionagetätigkeit fort und ignorierte Warnsignale, was darauf hindeutet, dass er sich für unantastbar hielt. Sein Mangel an Reue nach der Verhaftung und seine berüchtigte Frage „Warum hat das so lange gedauert? “ zeugen von einer narzisstischen Gleichgültigkeit gegenüber den Konsequenzen seines Handelns. 656 Psychopathie wird mit Oberflächlichkeit, emotionaler Distanziertheit, Manipulation und einem Mangel an Reue in Verbindung gebracht. Psycho‐ pathen handeln oft berechnend, nutzen andere für ihre eigenen Zwecke aus und überschreiten ethische sowie soziale Normen, ohne dabei Schuld oder Gewissensbisse zu empfinden. Hanssen zeigte eine bemerkenswerte emotionale Distanz zu den Konse‐ quenzen seines Handelns. Seine Spionagetätigkeit führte zur Hinrichtung mehrerer US-Geheimdienstquellen, doch es gibt keine Hinweise darauf, dass er jemals Reue empfand. Selbst danach setzte er den Verkauf geheimer Informationen an sowjetische und später russische Nachrichtendienste fort - auch als er finanziell längst nicht mehr darauf angewiesen war. 657 7.12 Fünf Faktoren im Fall Hanssen 263 <?page no="264"?> 658 American Psychiatric Association, 2013: 669-670; Wise, 2003: 273-275 659 American Psychiatric Association, 2013: 669-670; Wise, 2003: 273-275 660 Hare, Neumann und Mokros, 2018: 43; Wise, 2003: 273-275 661 Hare, Neumann und Mokros, 2018: 43; Wise, 2003: 273-275 Seine manipulativen Tendenzen zeigten sich in seiner Fähigkeit, selbst die Menschen in seinem engsten Umfeld zu täuschen. Er kultivierte das Image eines seriösen, pflichtbewussten FBI-Agenten, während er sich gleichzei‐ tig mit Spionage und abweichendem Sexualverhalten beschäftigte. Seine emotionale Distanz zu Kollegen und seine Fähigkeit, sein Doppelleben konsequent voneinander zu trennen, spiegeln die berechnende Natur der Psychopathie wider. 658 Sein voyeuristisches und exhibitionistisches Verhalten - darunter das heimliche Aufnehmen intimer Momente mit seiner Frau und die Weitergabe dieser Aufnahmen an einen Freund - offenbart eine eklatante Missachtung der Privatsphäre und des emotionalen Wohlergehens anderer. Seine Fähig‐ keit, dieses Fehlverhalten zu rationalisieren und die Auswirkungen auf andere auszublenden, deutet auf ein ausgeprägtes Empathiedefizit hin - ein zentrales Merkmal psychopathischer Persönlichkeiten. 659 Hanssens psychologisches Profil vereinte Merkmale von Narzissmus und Psychopathie - Faktoren, die seine Entscheidung zur Spionage beeinfluss‐ ten. Sein Narzissmus verstärkte seinen Groll gegenüber dem FBI sowie seinen Wunsch, seine Überlegenheit zu beweisen. Seine psychopathischen Züge ermöglichten es ihm, ohne Reue zu manipulieren, zu täuschen und zu verraten. 660 Hanssens Persönlichkeitsstörungen wirkten vermutlich nicht isoliert, sondern verstärkten sich gegenseitig und formten eine Persönlichkeit, die zugleich berechnend, manipulativ und reuelos war, während sie von Unsi‐ cherheit und einem übersteigerten Selbstbild angetrieben wurde. Seine Spio‐ nagetätigkeit war daher nicht rein finanziell motiviert, sondern vielmehr tief in seinem psychologischen Bedürfnis verwurzelt, Macht zu demonstrieren, Kontrolle auszuüben und die Anerkennung zu erhalten, die ihm seine legitime Karriere versagte. 661 264 7 Kapitel | Insider-Spionage für Ego und Profit - Der Fall Robert Hanssen <?page no="265"?> 8 Kapitel | Fallübergreifende Analyse ➲ eLearning-Kurs Nutzen Sie den QR-Code oder den Link, um zu dem Kurs zu gelangen: 🔗 https: / / narr.kwaest.io/ s/ 1389 8.1 Einführung Insiderspionage ist ein komplexes Phänomen, das aus dem Zusammenspiel psychologischer, organisatorischer und situativer Faktoren entsteht. Es ist ein systematischer Ansatz erforderlich, um zu verstehen, warum Individuen Spionage betreiben. Dieser muss sowohl persönliche Schwachstellen als auch die äußeren Bedingungen berücksichtigen, die einen Verrat begüns‐ tigen. Dieses Kapitel nimmt eine fallübergreifende Analyse der Insiderspi‐ onage vor, indem ein Fünf-Faktoren-Modell auf drei verschiedene Fälle angewandt wird: Clayton Lonetree, Sergei Tretyakov und Robert Hanssen. Durch die Untersuchung der Gemeinsamkeiten und der Unterschiede zwi‐ schen diesen Fällen wird gezeigt, wie die fünf Faktoren - Auslöser, Motive, organisatorische Schwachstellen, Marktchancen und enthemmende Fakto‐ ren - zusammenwirken und die Voraussetzungen für Spionage schaffen. Jeder Abschnitt dieses Kapitels konzentriert sich auf einen der fünf Schlüsselfaktoren, beschreibt dessen Manifestation in den einzelnen Fällen und veranschaulicht seine Bedeutung für den Werdegang von Insider-Spio‐ nen. Auslöser setzen den Prozess in Gang, indem sie eine innere Krise hervorrufen, die zum Handeln zwingt. Motive liefern die psychologische Begründung für die Entscheidung, Spionage als Lösung zu wählen. Orga‐ nisatorische Schwachstellen offenbaren die strukturellen Defizite, die es Insidern ermöglichen, ihren Verrat zu begehen. Marktchancen bestimmen die Durchführbarkeit der Spionage, indem sie sicherstellen, dass wertvolle Informationen gegen materielle oder immaterielle Anreize getauscht wer‐ den können. Schließlich reduzieren enthemmende Faktoren moralische und <?page no="266"?> psychologische Barrieren, sodass Individuen die Schwelle zur Spionage überschreiten. Mit dieser strukturierten Analyse werden nicht nur die zugrunde liegen‐ den Faktoren der Insider-Spionage untersucht, sondern zusätzlich wird das Fünf-Faktoren-Modell als verlässlicher Rahmen für das Verständnis und die Vorhersage von Spionagebedrohungen validiert. Die Ergebnisse unterstrei‐ chen die Notwendigkeit, jeden dieser Faktoren bei der Spionageabwehr zu berücksichtigen, um Insider-Bedrohungen frühzeitig zu erkennen und zu verhindern, bevor sie sich manifestieren. 8.2 Auslöser Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Auslöser als Ausgangspunkt eines Spionagemotivationsprozesses. ● Individuelle Prädispositionen als Grundlage für die Wirkung von Auslösern. ● Äußere Umstände als Aktivierungsmomente für vorhandene Dispo‐ sitionen. ● Psychologische Verwundbarkeiten und situative Auslöser im Ver‐ gleich (Lonetree, Tretyakov, Hanssen). ● Zusammenspiel von Prädispositionen und äußeren Druck als Moti‐ vationsbasis. Auslöser sind Katalysatoren, die einen Motivationsprozess in Gang setzen und letztlich zur Spionage führen. Sie entstehen aus der Wechselwirkung zwischen den individuellen Prädispositionen einer Person - ihren Bedürf‐ nissen, Werten, Überzeugungen und Ideologien - einerseits und den äuße‐ ren Umständen andererseits, die eine Dissonanz (oder Kongruenz, s. Honig‐ falle) erkennen lassen. Das Verständnis dieser Auslöser ist entscheidend, da sie als Wendepunkt fungieren, der eine Person von innerer Unzufriedenheit oder Not zu aktivem Handeln bewegt. Weder persönliche Prädispositionen noch äußere Umstände allein reichen aus, um Spionage zu erklären - erst ihr Zusammenspiel schafft die Bedingungen, unter denen ein Motivations‐ prozess in Gang gesetzt wird, der schließlich zum Verrat führen kann 266 8 Kapitel | Fallübergreifende Analyse <?page no="267"?> Die folgende Analyse zieht die zentralen Elemente dieser Auslöser in den Fällen von Clayton Lonetree, Sergei Tretyakov und Robert Hanssen heran. Durch die Betrachtung ihrer individuellen Prädispositionen, der Umstände, die ihre Prädispositionen aktivierten, und dadurch zu Auslösern wurden, zeigt dieser Abschnitt, wie ein prägendes Ereignis oder eine Krise eine entscheidende Rolle auf dem Weg zur Spionage spielte. 8.2.1 Clayton Lonetree Prädispositionen Lonetrees Prädispositionen waren tief in seiner instabilen Kindheit verwur‐ zelt, die von emotionaler Vernachlässigung, einer belasteten Beziehung zu seinem Vater sowie einem starken Bedürfnis nach Liebe, Anerkennung und Zugehörigkeit geprägt war. Sein Selbstwertgefühl war stark von externer Bestätigung abhängig, wodurch er besonders empfänglich für emotionale Bindungen wurde und sich leicht von Personen beeinflussen ließ, die ihm Zuneigung und Aufmerksamkeit entgegenbrachten. Situation Lonetrees Einsatz in Moskau verschärfte seine emotionale Isolation, da die strikten Sicherheitsvorkehrungen in der US-Botschaft den Aufbau sozialer Kontakte erheblich erschwerten. Während Marinesoldaten an anderen Standorten strukturierte Möglichkeiten zur Erholung und kameradschaftli‐ chen Unterstützung hatten, bot Moskau eine psychologisch restriktive Um‐ gebung, die Lonetrees bereits bestehenden Bedürfnisse weiter verstärkte. Dieser Umstand, kombiniert mit seiner Beziehung zu Violetta Seina, einer sowjetischen Frau, die zu seinem emotionalen Anker wurde, erwies sich als entscheidender Auslöser. Während die restriktive Umgebung in Moskau seine Einsamkeit verstärkte, bot ihm die Beziehung zu Seina Liebe und Anerkennung und füllte ein tief verwurzeltes inneres Bedürfnis. Doch gerade die Intensität dieser Bindung machte ihn zunehmend verletzlich, da er emotional immer stärker von ihr abhängig wurde. 8.2 Auslöser 267 <?page no="268"?> Auslösender Effekt Lonetree spionierte weder aus finanziellen noch aus ideologischen Motiven, sondern als Reaktion auf eine emotionale Krise. Seine tief verwurzelten psychologischen Bedürfnisse, verstärkt durch die extreme Einsamkeit sei‐ nes Moskauer Einsatzes, schufen die Bedingungen, die seine Anfälligkeit für Manipulation erhöhten. Der KGB erkannte diese Schwachstelle und wandelte eine zunächst persönliche Beziehung in ein gezieltes Mittel zur Einflussnahme um. Die Angst, Violetta zu verlieren, setzte ihn zunehmend unter Druck, bis er sich schließlich gezwungen sah, den Forderungen des sowjetischen Geheimdienstes nachzukommen. 8.2.2 Sergej Tretyakov Prädispositionen Sergej Tretyakov wuchs in einem Umfeld auf, das eng mit dem sowjetischen Geheimdienst verflochten war. Seine Loyalität gegenüber dem KGB und später dem SVR war tief verankert, doch er stellte zugleich hohe Ansprüche an deren Integrität, Professionalität und Pflichtbewusstsein. Er definierte sich selbst über diese Werte und betrachtete die nachrichtendienstliche Arbeit als eine ehrenvolle Aufgabe, die dem Wohl Russlands dienen sollte - nicht der persönlichen Bereicherung und Korruption Einzelner. Situation Während seiner Stationierung in Ottawa und später in New York wurde Tre‐ tyakov Zeuge, wie der russische Auslandsgeheimdienst (SVR) zunehmend von Korruption durchdrungen wurde. Der entscheidende Auslöser war seine Entdeckung des „Öl-für-Lebensmittel“-Skandals, bei dem hochrangige russische Beamte persönliche Bereicherung über das Wohl ihres Landes stellten. Diese systematische Korruption, gepaart mit der wachsenden autoritären Kontrolle unter Wladimir Putin, stand im direkten Widerspruch zu Tretya‐ kovs Überzeugung, dass die Geheimdienstarbeit dem Schutz des russischen Volkes dienen sollte. Die zunehmende Desillusionierung seiner Frau und die Sorge um die Zukunft ihrer gemeinsamen Tochter vertieften seine innere Krise und verstärkten den Eindruck, dass seine Loyalität gegenüber dem SVR nicht mehr mit dem Wohlergehen seiner Familie vereinbar war. 268 8 Kapitel | Fallübergreifende Analyse <?page no="269"?> Auslösender Effekt Die zunehmende Kluft zwischen Tretyakovs Erwartungen an den Staat und den SVR und der Realität dieser Institutionen setzte einen Motivationspro‐ zess in Gang, der schließlich seinen weiteren Weg bestimmte. Während er sich als Teil einer Organisation sah, die dem nationalen Interesse Russlands dienen sollte, wurde er zunehmend mit systemischer Korruption, Macht‐ missbrauch und eigennützigen Interessen konfrontiert - Entwicklungen, die seinen tief verwurzelten Werten und Überzeugungen zuwiderliefen. Seine wachsende Desillusionierung, verstärkt durch persönliche Beobachtungen von Bereicherung und Inkompetenz in den höchsten Rängen, ließ ihn seine Loyalität zum SVR immer stärker infrage stellen und leitete eine tiefgreifende innere Auseinandersetzung ein. 8.2.3 Robert Hanssen Prädispositionen Robert Hanssens Prädispositionen wurden maßgeblich durch die strenge und oft herabwürdigende Erziehung seines Vaters geformt. Sein Vater, ein autoritärer Mann, behandelte ihn wiederholt mit Kälte, Kritik und Demüti‐ gung, was in ihm eine tief verwurzelte Angst vor Misserfolg hinterließ. Be‐ reits in seiner Kindheit lernte Hanssen, dass seine Leistung der Maßstab für seinen Wert war und dass Anerkennung nicht selbstverständlich, sondern hart erkämpft und jederzeit entzogen werden konnte. Diese Erfahrungen führten dazu, dass er ein starkes Bedürfnis nach externer Bestätigung ent‐ wickelte - er musste sich und anderen beweisen, dass er außergewöhnlich war. Seine frühe Erfahrung mit Kontrolle durch seinen Vater prägte zudem ein tiefes Verlangen, in seinem eigenen Leben Kontrolle auszuüben. Die Unsicherheit und emotionale Kälte, die er als Kind erlebte, verstärkten sein Bedürfnis, seine Umwelt zu dominieren und zu beeinflussen. Dies äußerte sich in seinem späteren Verhalten, sowohl im Privatleben als auch in seiner beruflichen Laufbahn. Situation Hanssens Bedürfnis nach Anerkennung, Kontrolle und Bestätigung stand in scharfem Gegensatz zu seiner Realität innerhalb des FBI. Geprägt durch die strenge, oft demütigende Erziehung seines Vaters, hatte er früh gelernt, 8.2 Auslöser 269 <?page no="270"?> dass sein Wert von seiner Leistung abhing. Doch trotz seiner intellektuellen Fähigkeiten blieb ihm die Anerkennung als führender Spionageabwehrspe‐ zialist verwehrt. Statt in prestigeträchtigen Ermittlungen eingesetzt zu werden, wurde er auf technische und administrative Aufgaben reduziert - eine Rolle, die nicht seinem Selbstverständnis entsprach und sein Bedürfnis nach Status und Einfluss untergrub. Sein Wunsch nach Kontrolle wurde ebenfalls auf die Probe gestellt. Während er sich als brillanten Strategen betrachtete, wurde er in eine Position gedrängt, in der er kaum Einfluss auf operative Entscheidungen hatte. Die ihm zugewiesenen Tätigkeiten empfand er als unter seiner Würde, was sein Gefühl verstärkte, systematisch übergangen zu werden. Auch sein Bedürfnis nach externer Bestätigung blieb unerfüllt. Seine Vorgesetzten würdigten ihn nicht in dem Maße, das er für sich beanspruchte, und seine Kollegen nahmen ihn als distanziert und arrogant wahr. Die ausbleibende Anerkennung und sein sozialer Ausschluss verschärften den inneren Konflikt zwischen seinen Erwartungen und der Realität seiner beruflichen Situation. Auslösender Effekt Die wachsende Diskrepanz zwischen Hanssens psychologischen Bedürfnissen und seiner beruflichen Realität wurde für ihn zu einer zunehmenden Belastung. Seine tiefe Sehnsucht nach Anerkennung, Kontrolle und Überlegenheit stand in scharfem Kontrast zu seiner Rolle im FBI, wo er sich übergangen, unterschätzt und beruflich ausgebremst fühlte. Diese anhaltende Kluft verstärkte eine innere Spannung, die nach einem Ausweg suchte - ein Konflikt, der sich stetig zuspitzte und schließlich einen Motivationsprozess in Gang setzte. 8.2.4 Fallübergreifender Vergleich der Auslöser Wie aus den drei Fällen erkennbar wird, gab es jeweils Prädispositionen, die aus der Sicht der betreffenden Person den jeweiligen Situationen besondere Bedeutung verliehen und in Kombination zu Auslösern wurden (→ Tab. 8). Jeder Spion wies bestimmte Bedürfnisse, Werte, Überzeugungen oder Ideologien auf, die ihn für gewisse Belastungen oder Krisen besonders anfällig machten. Doch erst durch spezifische äußere Umstände - eine Situation, die diese Prädispositionen manifest werden ließen - wurde ein Motivationsprozess in Gang gesetzt, der letztlich zur Spionage führte. 270 8 Kapitel | Fallübergreifende Analyse <?page no="271"?> Im Fall Lonetree entstand der Auslöser aus der Wechselwirkung zwischen seiner Prädisposition - einem starken Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Bestätigung - und seiner Situation: einer restriktiven Umgebung in Moskau, die seine Isolation verstärkte, sowie der scheinbar erlösenden Beziehung zu Violetta Seina, die ihm genau das zu bieten schien, was ihm fehlte. Bei Tretyakov war es der zunehmende Widerspruch zwischen seinen Werten und Überzeugungen einerseits und der Realität des russischen Staates und des SVR andererseits, der den Motivationsprozess auslöste. Hanssens tief verwurzeltes Bedürfnis nach Anerkennung, Kontrolle und Überlegenheit stand in scharfem Kontrast zu einer beruflichen Realität, in der er sich systematisch übergangen und unterschätzt fühlte. Seine wach‐ sende Frustration wurde zusätzlich durch finanzielle Belastungen verstärkt. Diese Analyse verdeutlicht die zentrale Rolle der Auslöser: Erst das Zu‐ sammenspiel zwischen individuellen Prädispositionen und situativen Gege‐ benheiten setzt den Motivationsprozess in Gang. Entscheidend ist dabei nicht, wie eine Situation objektiv bewertet wird, sondern wie sie von der betreffenden Person wahrgenommen wird. Nur wenn der Auslöser für die betreffende Person von ausreichender Bedeutung ist, um eine tiefgreifende innere Reaktion hervorzurufen, kann er den Übergang zur Spionage in Gang setzen. Fall Prädispositionen Situation Auslösende Wirkung Clayton Lonetree Emotionale Abhän‐ gigkeit, starkes Be‐ dürfnis nach Zu‐ gehörigkeit und Bestätigung Extreme Isolation in Moskau, emotionale Bindung an Violetta Seina Erfüllung seinen Be‐ dürfnisses und Angst vor Verlassenwerden Sergej Tretyakov Patriotischer Pflicht‐ begriff, hohe Erwar‐ tungen an Integrität und Professionalität Enthüllung syste‐ mischer Korrup‐ tion, besonders im „Öl-für-Lebens‐ mittel“-Skandal Kognitive Dissonanz und moralische Em‐ pörung führten zur Abkehr vom SVR Robert Hanssen Unsicherheit, Be‐ dürfnis nach Aner‐ kennung und Kon‐ trolle, narzisstische Züge Berufliche Stagna‐ tion, mangelnde An‐ erkennung, finanzi‐ elle Belastungen Spionage bot finanzi‐ elle Sicherheit und Bestätigung seines Egos Tab. 8: Fallübergreifender Vergleich der Auslöser 8.2 Auslöser 271 <?page no="272"?> 8.3 Motive Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Emotionale Reaktionen und Situationsbewertungen als Ursprung von Spionagemotiven. ● Psychologische Mechanismen hinter den Motiven von Lonetree, Tretyakov und Hanssen. ● Die Rolle von Wahrnehmung und Emotion bei der Auslösung von Handlungsbereitschaft. ● Vergleich der individuellen Motive und ihre Auswirkungen auf Verhalten und Entscheidung. ● Subjektive Perspektiven als Schlüssel zur Entstehung von Spiona‐ gemotiven. Motive sind die treibenden Kräfte hinter der Entscheidung, Spionage zu begehen. Sie entstehen aus einem psychologischen Prozess, der die Bewertung persönlicher Umstände, emotionale Reaktionen darauf sowie die Bereitschaft zum Handeln umfasst. Das Verständnis dieser Motive ist entscheidend, um Verhaltensmuster zu erkennen und wirksame Gegenmaß‐ nahmen zu entwickeln. Im Folgenden werden die zentralen Motive in den Fällen von Clayton Lo‐ netree, Sergei Tretyakov und Robert Hanssen analysiert. Durch die Betrach‐ tung ihrer psychologischen Entwicklung wird aufgezeigt, wie persönliche Bedürfnisse, emotionale Notlagen und situativer Druck ihre Entscheidungen beeinflussten. 8.3.1 Clayton Lonetree Bewertung des Auslösers Lonetree nahm die Situation in der US-Botschaft in Moskau als zunehmend belastend und isolierend wahr. Die strikten Sicherheitsvorkehrungen und die geografische Lage der Botschaft erschwerten den Kontakt zur Außenwelt erheblich. Während Marinesoldaten an anderen diplomatischen Standorten oft Möglichkeiten hatten, sich sozial und kulturell zu integrieren, war der Alltag in Moskau durch ein hohes Maß an Abschottung und Kontrolle 272 8 Kapitel | Fallübergreifende Analyse <?page no="273"?> geprägt. Die Sicherheitsrichtlinien, die jeglichen engen Kontakt zu sowjeti‐ schen Bürgern untersagten, verstärkten dieses Gefühl der Isolation zusätz‐ lich. Seine Begegnung mit Violetta Seina bewertete er vor diesem Hintergrund als einen Wendepunkt. In ihr sah er nicht nur eine attraktive Frau, sondern eine Quelle von Anerkennung, Zuneigung und Zugehörigkeit - all das, was ihm in Moskau fehlte. Während er die restriktive Atmosphäre der Botschaft als belastend und entfremdend wahrnahm, erschien ihm die Beziehung zu Seina als eine Art Ausgleich. Er betrachtete Lonetree seine Beziehung zu Seina nicht nur als eine romantische Verbindung, sondern als eine existenzielle Antwort auf seine soziale Isolation. Während seine Umgebung ihn von Kontakten zur Außen‐ welt abschnitt, sah er in Seina eine Tür, die ihm Zugang zu Zuneigung, Anerkennung und emotionaler Nähe verschaffte. Seine Bewertung der Situation war somit durch die Linse seiner eigenen Bedürfnisse verzerrt: Er nahm nicht die möglichen Gefahren wahr, sondern ausschließlich die Erfüllung seiner emotionalen Sehnsüchte. Emotionale Reaktion Lonetrees emotionale Reaktion auf die Situation in der Botschaft und seine Beziehung zu Violetta Seina war tiefgreifend und unmittelbar. Die Isolation, die er in Moskau empfand, löste in ihm ein zunehmendes Gefühl der Einsamkeit und Entfremdung aus. Dies führte zu einem starken Bedürfnis nach emotionalem Halt, das durch die restriktive Umgebung noch verstärkt wurde. Seina wurde für ihn nicht nur zu einer romantischen Partnerin, sondern zu einer zentralen emotionalen Stütze. Die Bestätigung und Zuneigung, die er durch sie erfuhr, lösten ein Gefühl der Erleichterung und Sicherheit aus. Gleichzeitig entwickelte er eine zunehmende emotionale Abhängigkeit, da die Beziehung für ihn die einzige Quelle von Nähe und Zugehörigkeit in einer sonst isolierenden Umgebung darstellte. Diese emotionale Bindung verstärkte jedoch auch seine Ängste. Die Vorstellung, Violetta zu verlieren, wurde für ihn zunehmend unerträglich. Während er sich anfangs über das Glück der Beziehung freute, wandelte sich seine emotionale Reaktion in eine Furcht vor dem Verlust. Diese Angst, gepaart mit seinem tief verwurzelten Bedürfnis nach Zugehörigkeit, machte ihn besonders anfällig für Manipulation. 8.3 Motive 273 <?page no="274"?> Handlungsbereitschaft Lonetree war bereit, alles zu tun, um seine Beziehung zu Violetta Seina aufrechtzuerhalten. Die emotionale Abhängigkeit, die er zu ihr aufgebaut hatte, machte ihn zunehmend blind für die möglichen Konsequenzen seines Handelns. Seine Bindung war so stark, dass er bereit war, Regeln zu missachten und berufliche Risiken in Kauf zu nehmen, um die Beziehung nicht zu gefährden. Seine wachsende emotionale Abhängigkeit schuf eine Situation, in der er sich nicht mehr frei fühlte, Entscheidungen zu treffen, die seine Beziehung gefährden könnten. Diese innere Dynamik machte ihn potenziell anfällig für Einflussnahme - eine Möglichkeit, die der KGB erkennen konnte und noch nutzen würde. Doch an diesem Punkt war seine Handlungsbereitschaft allein darauf ausgerichtet, alles zu tun, um Violetta nicht zu verlieren, unabhängig von den Regeln oder möglichen Konsequenzen. 8.3.2 Sergei Tretyakov Bewertung des Auslösers Sergej Tretyakov betrachtete die systemische Korruption innerhalb des SVR nicht als isolierte Fehltritte Einzelner, sondern als ein tief verwurzeltes struk‐ turelles Problem, das die Integrität des Dienstes untergrub. Besonders der Öl-für-Lebensmittel-Skandal offenbarte ihm das Ausmaß dieser Korruption: Anstatt das Programm zur Unterstützung der irakischen Bevölkerung zu nutzen, zweigten hochrangige Beamte Gelder für persönliche Bereicherung und verdeckte Operationen ab. Er erkannte, dass diese Korruption nicht nur innerhalb des SVR existierte, sondern ein Symptom eines viel umfassenderen Problems war: Der russische Staat selbst war durchzogen von Machtmissbrauch, Inkompetenz und der Selbstbereicherung einer kleinen Elite. Die Führungsebene, die er einst als Garant für Stabilität und nationale Stärke gesehen hatte, erwies sich in seinen Augen zunehmend als eine Kaste, die persönliche Interessen über das Wohl Russlands stellte. Besonders ernüchternd war für ihn, dass Wladimir Putins Machtkonsolidierung nicht zu einer Stärkung Russlands führte, sondern das autoritäre und korrupte System weiter zementierte. Diese Einsicht stellte für ihn eine tiefgreifende kognitive Dissonanz dar. Er hatte den SVR und den russischen Staat als Institutionen betrachtet, die dem nationalen Wohl dienten, doch die Realität widersprach diesem 274 8 Kapitel | Fallübergreifende Analyse <?page no="275"?> Selbstverständnis fundamental. Statt eines Systems, das Russland schützte und stärkte, sah er eine politische und nachrichtendienstliche Führung, die das Land ausbeutete und hemmungslos manipulierte. Emotionale Reaktion Tretyakovs emotionale Reaktion auf seine wachsende Desillusionierung war vielschichtig. Seine anfängliche Frustration über die Korruption inner‐ halb des SVR wandelte sich zu einer tiefen Enttäuschung und Empörung, als ihm das ganze Ausmaß der Verflechtung zwischen Geheimdienst, Politik und Wirtschaft bewusst wurde. Besonders der Zynismus der Führungs‐ ebene, die Russland nicht als Nation, sondern als persönliche Einnahme‐ quelle betrachtete, löste in ihm Wut und Verbitterung aus. Doch es war nicht nur die moralische Verkommenheit des Systems, die ihn erschütterte. Die Erkenntnis, dass seine Tochter in einer Gesellschaft aufwachsen würde, in der Loyalität nicht auf Werten, sondern auf Oppor‐ tunismus beruhte, bereitete ihm große Sorgen. Er fühlte sich zunehmend ohnmächtig, da er keine Möglichkeit sah, innerhalb des Systems etwas zu verändern. Je klarer ihm wurde, dass Ehrlichkeit und Integrität nicht nur ignoriert, sondern aktiv bestraft wurden, desto stärker wuchs seine Angst vor der Zukunft. Diese Angst war nicht abstrakt, sondern persönlich. Er befürchtete, dass seine Tochter eines Tages vor der Wahl stehen würde, sich entweder an ein zutiefst korruptes System anzupassen oder zur Außenseiterin zu werden - mit allen Risiken, die dies mit sich brachte. Diese Vorstellung war für ihn unerträglich. Während seine Frau zunehmend Desillusionierung und Resignation zeigte, empfand Tretyakov eine wachsende innere Unruhe, die ihn zwang, über einen Ausweg nachzudenken. Was zunächst als innere Distanzierung vom System begann, entwickelte sich zu einer tiefgreifenden emotionalen Abwendung vom russischen Staat. Seine ursprüngliche Loyalität, die auf den Idealen von Patriotismus und nationalem Dienst basierte, war irreparabel erschüttert. Die moralische Krise, in die ihn seine Erkenntnisse gestürzt hatten, war nicht mehr nur eine Frage der beruflichen Integrität - sie war zu einer existentiellen Frage geworden, die sein eigenes Leben und das seiner Familie betraf. 8.3 Motive 275 <?page no="276"?> Handlungsbereitschaft Tretyakovs Handlungsbereitschaft entwickelte sich schrittweise und war zunächst nicht auf eine Überläufer-Situation ausgerichtet. Er und seine Frau Helen zogen in Erwägung, Russland zu verlassen, doch die konkreten Umstände und Möglichkeiten waren noch unklar. Ihre primäre Motivation war es, ihrer Tochter eine Zukunft außerhalb eines Systems zu ermöglichen, das sie als korrupt und repressiv erlebten. Anfangs erwogen sie legale Wege der Emigration durch berufliche Mög‐ lichkeiten oder diplomatische Versetzungen, die es ihnen erlauben würden, sich im Ausland niederzulassen, ohne sich offen vom russischen Staat abzuwenden. Auch eine Zukunft im Exil, außerhalb der direkten Kontrolle des Kremls, aber ohne vollständigen Bruch mit dem SVR, schien zunächst eine Option. Mit der Zeit wurde Tretyakov jedoch klar, dass ein bloßer Ortswechsel nicht ausreichen würde. Der SVR betrachtete seine hochrangigen Offiziere als lebenslange Verpflichtung, und ein einfaches Verlassen des Dienstes hätte früher oder später Konsequenzen nach sich gezogen. Auch das Wissen, das er über die Operationen des russischen Geheimdienstes besaß, machte ihn zu einer Person, die nicht einfach in Vergessenheit geraten würde. Während er weiterhin seine Optionen abwog, wuchs seine Bereitschaft, einen radikaleren Schritt zu unternehmen, falls sich keine sichere Möglich‐ keit einer legalen Emigration ergab. Die moralische und emotionale Distan‐ zierung vom russischen Staat war bereits vollzogen, doch der endgültige Bruch stand noch aus. Erst als die Aussichtslosigkeit einer stillen Emigration offensichtlich wurde und seine Abscheu gegenüber dem System weiter zunahm, begann sich die Idee einer aktiven Zusammenarbeit mit den USA als realistische Option abzuzeichnen. 8.3.3 Robert Hanssen Bewertung des Auslösers Robert Hanssen nahm seine berufliche Situation als zunehmend frustrierend und unbefriedigend wahr. Trotz seiner langjährigen Erfahrung und seines Fachwissens in der Spionageabwehr wurde er im FBI nicht als zentrale Führungspersönlichkeit anerkannt. Statt mit hochrangigen Ermittlungen betraut zu werden, blieb er in administrativen und technischen Aufgaben gefangen, die nicht seinem Selbstbild als brillanter Stratege entsprachen. 276 8 Kapitel | Fallübergreifende Analyse <?page no="277"?> Er bewertete diese anhaltende berufliche Stagnation nicht als normale Hierarchiedynamik, sondern als systematische Missachtung seiner Fähig‐ keiten und als Ausdruck der Inkompetenz seiner Vorgesetzten. Besonders schwer wog für ihn, dass Kollegen, die er als weniger talentiert betrachtete, prestigeträchtige Aufgaben erhielten, während er selbst übergangen wurde. Dies verstärkte seinen Eindruck, dass das FBI ihn nicht wertschätzte und seine Expertise nicht erkannte. Zusätzlich betrachtete Hanssen seine finanzielle Situation als belastend. Obwohl er ein solides Einkommen erzielte, empfand er es als unangemessen im Vergleich zu seiner intellektuellen Leistung und den finanziellen Mög‐ lichkeiten, die eine Person seines Kalibers seiner Meinung nach verdient hätte. Der Gedanke, dass Kollegen mit vermeintlich geringerer Kompetenz finanziell besser abgesichert waren, verstärkte seine Wahrnehmung von Ungerechtigkeit. Hanssen bewertete die Gesamtsituation als einen untragbaren Wider‐ spruch zwischen seinem Selbstbild und der Realität: Er sah sich als außer‐ gewöhnlich talentiert, aber in einer Institution gefangen, die ihn nicht nur unterschätzte, sondern aktiv daran hinderte, sein volles Potenzial auszuschöpfen. Emotionale Reaktion Hanssens emotionale Reaktion auf seine berufliche Situation war geprägt von tief sitzender Frustration und wachsendem Ressentiment. Die anhal‐ tende Missachtung seiner Fähigkeiten durch das FBI empfand er als persön‐ liche Kränkung, die seinen Ärger über das System und seine Vorgesetzten stetig verstärkte. Er hielt sich für überlegen, doch anstatt Anerkennung zu erhalten, sah er sich systematisch übergangen - eine Erfahrung, die in ihm eine Mischung aus Wut, Groll und Enttäuschung hervorrief. Diese Frustration wurde von einem Gefühl der Isolation begleitet. Hans‐ sen galt innerhalb des FBI als eigenbrötlerisch und sozial unbeholfen, was seine Distanz zu Kollegen weiter verstärkte. Sein Bedürfnis nach Bestäti‐ gung und Respekt blieb unerfüllt, und er erlebte seine berufliche Umgebung als feindselig oder zumindest gleichgültig ihm gegenüber. Neben der beruflichen Kränkung kam eine wachsende Unzufriedenheit mit seiner finanziellen Lage hinzu. Obwohl er objektiv gesehen ein stabiles Einkommen hatte, empfand er es als unzureichend für den Status, den er für sich beanspruchte. Diese Diskrepanz erzeugte zusätzlichen Frust und 8.3 Motive 277 <?page no="278"?> verstärkte seinen Eindruck, dass er nicht die Anerkennung erhielt, die ihm zustand - nicht nur in Form von Respekt, sondern auch materiell.. Handlungsbereitschaft Hanssens Handlungsbereitschaft war nicht von einem sorgfältigen Abwä‐ gen verschiedener Optionen geprägt, sondern von einem unmittelbaren, nahezu instinktiven Drang, seine Situation zu verbessern - koste es, was es wolle. Anstatt Alternativen zu prüfen oder mögliche Konsequenzen tiefgehend zu reflektieren, war er bereit, drastische Maßnahmen zu ergrei‐ fen, um seine berufliche Frustration und finanzielle Unzufriedenheit zu kompensieren. Er suchte nach einem Weg, seinen vermeintlichen Wert unter Beweis zu stellen und gleichzeitig einen persönlichen Vorteil daraus zu ziehen. Dabei stand nicht eine bestimmte Ideologie oder ein übergeordnetes Ziel im Mittelpunkt, sondern der unmittelbare Wunsch nach finanzieller Sicherheit, Machtgefühl und Bestätigung seiner Überlegenheit. In dieser Phase war seine Bereitschaft, Grenzen zu überschreiten, bereits hoch - nicht aus politischer Überzeugung oder langfristiger Planung, son‐ dern aus einem Bedürfnis nach Anerkennung und einem Wunsch, sich über das System hinwegzusetzen, das ihn übergangen hatte. Die Tatsache, dass Spionage nicht nur finanzielle Belohnung versprach, sondern ihm auch die Möglichkeit bot, sich selbst als strategischen Akteur von Bedeutung zu sehen, machte diese Option umso verlockender. 8.3.4 Fallübergreifender Vergleich der Motivation Wie aus den drei Fällen ersichtlich wird, sind Motive für Spionage nicht eindimensional, sondern basieren auf einer Wechselwirkung zwischen in‐ dividueller Bewertung der Situation, emotionaler Reaktion darauf und der Bereitschaft, zu handeln (→ Tab. 9). Lonetree war emotional motiviert: Er empfand die Isolation in Moskau als erdrückend und sah in Violetta Seina die Lösung seiner Einsamkeit. Seine wachsende Angst vor dem Verlust dieser Beziehung steigerte seine Handlungsbereitschaft, sodass er schrittweise bereit war, Regeln zu brechen. Tretyakov war moralisch motiviert: Die Korruption des russischen Staa‐ tes zerstörte sein Vertrauen in das System, dem er einst loyal diente. Seine Enttäuschung und Sorge um die Zukunft seiner Familie führten zunächst zur 278 8 Kapitel | Fallübergreifende Analyse <?page no="279"?> Erwägung einer Ausreise. Erst als sich zeigte, dass eine einfache Emigration nicht ausreichen würde, begann er, Überlaufen als ernsthafte Option in Betracht zu ziehen. Hanssen handelte aus Frustration und Selbstüberschätzung: Er empfand sich als verkanntes Genie und sah sich von inkompetenten Vorgesetzten übergangen. Sein wachsender Groll über seine berufliche und finanzielle Lage führte dazu, dass er sich ohne längere Reflexion für Spionage entschied - nicht aus ideologischen Gründen, sondern aus einem Bedürfnis nach Kontrolle, Bestätigung und finanzieller Belohnung. Diese Analyse verdeutlicht, dass ein Motiv nicht bloß das Ergebnis einer rationalen Abwägung ist. Vielmehr entsteht es aus der subjektiven Wahrnehmung einer Situation, der Stärke der emotionalen Reaktion und der Bereitschaft einen Prozess in Gang zu setzen, die Situation zu verändern. Fall Bewertung des Auslösers Emotionale Reaktion Handlungsbereitschaft Clayton Lonetree Nahm die Botschaft als isolierend wahr und betrachtete Seina als emotionale Rettung Freude, dann zuneh‐ mende Angst vor Verlust Entschlossen, alles zu tun, um die Bezie‐ hung zu bewahren Sergej Tretyakov Bewertete die Kor‐ ruption als systemi‐ sches Problem, das den Staat und seine Familie bedrohte Abscheu, Enttäu‐ schung und wach‐ sende Angst vor der Zukunft Überlegte Emigra‐ tion, wog Optionen ab, bevor er Defek‐ tion in Betracht zog Robert Hanssen Sah sich beruflich missachtet und fi‐ nanziell benachtei‐ ligt, empfand sich als unterschätztes Genie Frustration, Groll, Gefühl der Isolation Suchte sofort nach Möglichkeiten, seine Situation zu verbes‐ sern, ohne Alternati‐ ven zu reflektieren Tab. 9: Fallübergreifender Vergleich der Motivationen 8.3 Motive 279 <?page no="280"?> 8.4 Organisatorische Schwachstellen Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Organisatorische Schwächen als Ermöglichungsbedingung für Insi‐ der-Spionage. ● Defizite in den Bereichen personelle, physische, informationelle und IKT-Sicherheit. ● Vergleich der Schwachstellen in den Fällen Lonetree, Tretyakov und Hanssen. ● Strukturelle Lücken als Basis für unentdecktes Handeln von Insi‐ dern. ● Identifikation und Verbesserungspotenzial organisationaler Sicher‐ heitsarchitekturen. Organisatorische Schwachstellen sind systemische Defizite, die es Insidern ermöglichen, Sicherheitslücken auszunutzen und unentdeckt Spionage zu betreiben. Diese Schwachstellen können in den Bereichen personelle Si‐ cherheit, physische Sicherheit, Informationssicherheit und IKT-Sicherheit auftreten. Eine gut strukturierte Sicherheitsarchitektur kann Insider-Risiken minimieren. Doch Mängel in diesen Bereichen schaffen Möglichkeiten, Schutzmaßnahmen zu umgehen. Die folgende Analyse geht auf die zentralen organisatorischen Schwach‐ stellen in den Fällen von Clayton Lonetree, Sergei Tretyakov und Robert Hanssen ein. Durch die Identifizierung von Sicherheitslücken und Versäum‐ nissen, die ihre Spionage ermöglichten, wird deutlich, wie institutionelle Schwächen dazu beitrugen, dass sie als Insider-Spione agieren konnten. 8.4.1 Clayton Lonetree Lücken in der personellen Sicherheit Die US-Botschaft in Moskau verfügte über unzureichende Sicherheitsmaß‐ nahmen für ihr Personal - insbesondere für junge und unerfahrene Marine‐ soldaten, die in einem Hochrisikoumfeld eingesetzt wurden. Lonetree und seine Kameraden waren durch Isolation und den psychischen Druck ihrer Stationierung erheblich belastet, doch die Botschaft implementierte keine 280 8 Kapitel | Fallübergreifende Analyse <?page no="281"?> ausreichenden Unterstützungsmaßnahmen, um emotionale Belastungen frühzeitig zu erkennen. Obwohl der Kontakt mit Einheimischen in Moskau streng verboten war, wurden diese Vorschriften nicht konsequent durchgesetzt. Lonetree konnte eine nicht genehmigte romantische Beziehung zu Violetta aufbauen, ohne sofort aufzufallen. Die Führungsebene der Botschaft überwachte die Akti‐ vitäten der Marines außerhalb des Botschaftsgeländes nicht ausreichend, sodass sich persönliche Beziehungen entwickeln konnten, die potenzielle Sicherheitsrisiken darstellten. Nach seiner Versetzung nach Wien hätte sein fortgesetzter Kontakt mit seinem KGB-Führungsoffizier auffallen müssen. Doch es wurden keine Maßnahmen ergriffen, um verbleibende Sicherheitsrisiken nach seinem Einsatz in Moskau zu bewerten. Das Versäumnis, Marines nach Hochrisi‐ koeinsätzen nachträglich zu überprüfen, ermöglichte es Lonetree, seine Spionage unentdeckt fortzusetzen. Lücken in der Informationssicherheit Obwohl Lonetree keinen direkten Zugang zu geheimen Dokumenten hatte, verschaffte ihm seine Position als Marinewächter wertvolles Insiderwissen über Sicherheitsmaßnahmen, Personalstrukturen und tägliche Abläufe in der Botschaft. Die Botschaft versäumte es, den Zugang zu sensiblen Informa‐ tionen nach dem Prinzip ‚Kenntnis nur, wenn erforderlich‘ zu beschränken. Dadurch konnte ein Nichtgeheimdienstmitarbeiter wie Lonetree an sicher‐ heitsrelevante Details gelangen, die später vom KGB ausgewertet werden konnten. Besonders gravierend war das Versäumnis, Lonetrees Fähigkeit zur Wei‐ tergabe sensibler Informationen zu unterbinden. Er konnte unbemerkt Da‐ ten über CIA-Personal in Moskau sammeln, fotografieren und weitergeben. Hätte die Botschaft regelmäßige Sicherheitsüberprüfungen oder strengere Kontrollmechanismen für die Interaktionen zwischen Mitarbeitern imple‐ mentiert, hätten Lonetrees Spionageaktivitäten früher entdeckt werden können. 8.4 Organisatorische Schwachstellen 281 <?page no="282"?> 8.4.2 Sergei Tretyakov Lücken in der personellen Sicherheit Über mögliche Sicherheitslücken im Bereich der physischen Sicherheit, der Informationssicherheit oder der IT-Sicherheit im Fall Tretyakov ist wenig bekannt. Doch selbst wenn es in diesen Bereichen robuste Schutzmaßnah‐ men gegeben haben sollte, wären sie durch Defizite in der personellen Sicherheit weitgehend wirkungslos geblieben. Die personelle Sicherheit des SVR litt unter struktureller Selbstgefällig‐ keit, insbesondere im Umgang mit hochrangigen Offizieren. Trotz früherer Überläuferfälle konzentrierte sich die Organisation primär auf externe Bedrohungen und unterschätzte interne Risiken. Offiziere von Tretyakovs Rang genossen weitreichende Autonomie, da angenommen wurde, ihr ideologisches Bekenntnis zu Russland sei ein ausreichendes Bollwerk gegen Verrat. SVR-Offiziere, die im Ausland stationiert waren, unterlagen weniger strengen Sicherheitsüberprüfungen als ihre in Russland tätigen Kollegen. Diese Nachlässigkeit ignorierte die erhöhte Gefahr eines Überlaufs, da Offiziere mit Auslandseinsätzen mehr Bewegungsfreiheit und umfassenden Zugang zu geheimdienstlichem Material hatten. 8.4.3 Robert Hanssen Lücken in der personellen Sicherheit Die Sicherheitsmaßnahmen des FBI waren unzureichend, um Insider-Bedro‐ hungen wie jene durch Hanssen frühzeitig zu erkennen und zu neutralisie‐ ren. Trotz seiner jahrzehntelangen Arbeit mit Verschlusssachen wurde er nie einem verpflichtenden Lügendetektortest unterzogen - eine Praxis, die in anderen US-Geheimdienstbehörden gängiger war und potenziell zu einer früheren Aufdeckung hätte beitragen können. Erst nach seiner Verhaftung 2001 führte das FBI verpflichtende Polygraphentests für Mitarbeiter in sicherheitssensiblen Positionen ein. Auch finanzielle Kontrollmechanismen waren lückenhaft. Hanssen war nicht verpflichtet, regelmäßige Finanzoffenlegungen vorzunehmen, sodass er über Jahre hinweg hohe Zahlungen vom russischen Geheimdienst an‐ nehmen konnte, ohne dass dies auffiel. Während andere US-Behörden wie die CIA Finanzüberprüfungen durchführten, fehlte eine systematische 282 8 Kapitel | Fallübergreifende Analyse <?page no="283"?> Überwachung plötzlicher Vermögenszuwächse innerhalb des FBI. Hanssen konnte über 600.000 Dollar in bar und Diamanten erhalten, ohne dass dies intern hinterfragt wurde. Zudem wurden Hintergrundüberprüfungen bei langjährigen Mitarbei‐ tern nur selten durchgeführt. Hanssen unterlag erst 20 Jahre nach Beginn seiner Karriere einer einzigen routinemäßigen Sicherheitsüberprüfung. Da‐ bei wurden weder sein auffälliges Verhalten noch seine finanziellen Unre‐ gelmäßigkeiten erkannt. Hinweise von Kollegen, die sein ungewöhnliches Verhalten meldeten - darunter unautorisierte Zugriffe auf Verschlusssachen und verdächtige technische Aktivitäten -, wurden nicht konsequent ver‐ folgt. Die Kombination aus institutioneller Selbstzufriedenheit, mangelnder interner Kontrolle und fehlenden Mechanismen zur Erkennung von Insi‐ der-Bedrohungen ermöglichte es Hanssen, über zwei Jahrzehnte hinweg unentdeckt für den russischen Geheimdienst zu arbeiten. Lücken in der physischen Sicherheit Hanssens Spionage wurde durch unzureichende physische Sicherheitskon‐ trollen innerhalb des FBI begünstigt. Es gab keine konsequente Überwa‐ chung der Personalbewegungen in sicherheitsrelevanten Bereichen, wo‐ durch er geheime Dokumente unbemerkt aus FBI-Einrichtungen entnehmen konnte. Zudem fehlten effektive Mechanismen, um den unerlaubten Trans‐ port von Verschlusssachen zu verhindern. Erst nach seiner Enttarnung wurden Maßnahmen ergriffen, um interne Sicherheitsprotokolle zu ver‐ schärfen und insbesondere den Umgang mit sensiblen Materialien besser zu kontrollieren. Lücken in der Informationssicherheit Auch im Bereich der Informationssicherheit wies das FBI erhebliche Schwä‐ chen auf. Hanssen hatte über Jahre hinweg Zugang zu hochsensiblen Spionageabwehrberichten, obwohl viele dieser Informationen nicht zu seinem direkten Aufgabenbereich gehörten. Das Prinzip „Kenntnis nur, wenn erforderlich“ („Need to Know“) wurde nicht konsequent durchgesetzt, sodass er ohne begründeten Bedarf auf vertrauliche Dokumente zugreifen konnte. Zudem existierte kein durchgehendes System zur systematischen Verfolgung und Protokollierung der Nutzung von Verschlusssachen in 8.4 Organisatorische Schwachstellen 283 <?page no="284"?> Papierform. Dadurch konnte Hanssen Kopien sensibler Berichte anfertigen und außer Haus bringen, ohne dass dies registriert wurde. Lücken in der IKT-Sicherheit Hanssen nutzte erhebliche Schwachstellen in der Cybersicherheit des FBI für seine Spionagetätigkeit. Er führte zahlreiche unautorisierte Abfragen in FBI-Datenbanken durch, um nach seinem eigenen Namen, Spionageabwurf‐ stellen und laufenden Gegenspionageermittlungen zu suchen - ohne dass diese Aktivitäten Sicherheitswarnungen auslösten. Das Fehlen effektiver Überwachungsmechanismen erlaubte ihm, diese sensiblen Informationen über Jahre hinweg abzurufen. Ein weiteres Versäumnis zeigte sich in der mangelnden Zugriffskontrolle. Hanssen hatte uneingeschränkten Zugang zu hochsensiblen Spionageab‐ wehrdateien, selbst wenn diese nicht zu seinem direkten Aufgabenbereich gehörten. Diese Sicherheitslücke wurde nicht durch eine systematische Überprüfung der Zugriffsprotokolle erkannt, sodass er jahrelang unbeob‐ achtet klassifizierte Dokumente einsehen konnte. Besonders alarmierend war der Umgang mit der Entdeckung, dass Hans‐ sen auf seinem dienstlichen Computer eine Software zur Entschlüsselung von Passwörtern installiert hatte. Trotz dieses gravierenden Sicherheitsvers‐ toßes wurde der Vorfall nicht weiter untersucht, und Hanssen konnte seine Spionagetätigkeit unbehelligt fortsetzen. Ein weiterer kritischer Schwachpunkt war das Fehlen automatisierter Systeme zur Erkennung verdächtiger digitaler Aktivitäten. Während mo‐ derne Sicherheitsvorkehrungen verdächtige Zugriffe und Anomalien in Echtzeit identifizieren, verfügte das FBI damals nicht über vergleichbare Kontrollmechanismen. Dadurch konnte Hanssen große Mengen an sensi‐ blen Informationen sammeln und weitergeben, ohne interne Warnsysteme auszulösen. 8.4.4 Fallübergreifender Vergleich der Organisatorische Schwachstellen Wie aus den drei Fällen ersichtlich wird, sind organisatorische Schwachstel‐ len ein entschei-dender Faktor, der Insider-Spionage ermöglicht (→ Tab. 10). Dabei zeigt sich, dass personelle Sicherheitslücken in jedem Fall eine zentrale Rolle spielten. In allen drei Fällen wurde entweder die psychologi‐ 284 8 Kapitel | Fallübergreifende Analyse <?page no="285"?> sche Belastung des Personals nicht erkannt (Lonetree), das Vertrauen in hochrangige Offiziere überschätzt (Tretyakov) oder interne Kontrollmecha‐ nismen vernachlässigt (Hanssen). Die Bedeutung physischer Sicherheitslücken variierte: Während im Fall Lonetree und Hanssen unzureichende Kontrollen es ermöglichten, sicher‐ heitsrelevante Informationen nach außen zu tragen, spielten physische Sicherheitsmängel im Fall Tretyakov keine nachweisbare Rolle. Informationssicherheitslücken trugen in zwei der drei Fälle wesentlich zur Spionage bei. Das FBI versäumte es, den Zugriff auf Verschlusssachen zu kontrollieren, sodass Hanssen unbefugt auf hochsensible Spionageab‐ wehrinformationen zugreifen konnte. Dies stellte eine der gravierendsten Sicherheitslücken dar, da er sich über Jahre hinweg vertrauliche Berichte beschaffen konnte, die nicht in seinen direkten Zuständigkeitsbereich fielen. In der US-Botschaft in Moskau wurden sicherheitskritische Abläufe nicht nach dem Prinzip „Kenntnis nur, wenn erforderlich“ gehandhabt. Dadurch konnte Lonetree trotz seiner Position als Marinewächter sicherheitsrele‐ vante Details über Personal und Abläufe in der Botschaft sammeln und an den KGB weitergeben. Besonders gravierend war im Fall Hanssen das Fehlen grundlegender IKT-Sicherheitsmaßnahmen. Während weder im Fall Lonetree noch im Fall Tretyakov bekannte IT-Sicherheitslücken eine Rolle spielten, konnte Hans‐ sen ungehindert FBI-Datenbanken durchsuchen, unautorisierte Abfragen durchführen und selbst nach dem Fund einer Passwort-Cracking-Software unbehelligt weiterarbeiten. Sein Fall zeigt eindrücklich, wie veraltete Über‐ wachungssysteme und fehlende digitale Kontrollmechanismen Insider-Be‐ drohungen begünstigten. Diese Analyse bestätigt die organisatorischen Schwachstellen als einen kritischen Faktor. Während persönliche Motive und situative Auslöser entscheidend sind, schaffen Sicherheitslücken erst die strukturellen Voraus‐ setzungen, die es Insidern ermöglichen, unentdeckt zu operieren. Die Fälle zeigen, dass eine Verbesserung der Sicherheitsarchitektur - insbesondere im Bereich der internen Kontrolle und Überwachung - essenziell ist, um Insider-Bedrohungen frühzeitig zu erkennen und zu verhindern. 8.4 Organisatorische Schwachstellen 285 <?page no="286"?> Fall Personelle Sicherheitslücken Physische Sicherheitslücken Informationssicherheitslücken IKT- Sicherheitslücken Clayton Lonetree Fehlende Über‐ wachung der Marines, keine psychologische Unterstützung, keine Sicher‐ heitsnachprü‐ fung nach Hochrisikoein‐ sätzen, unzurei‐ chende Kon‐ trolle über private Kon‐ takte außerhalb der Botschaft Keine doku‐ mentierten physischen Schwachstellen Fehlendes „Need to Know“-Prinzip für sicherheits‐ relevante Ab‐ läufe, wodurch er sensible In‐ formationen über Personal und Sicher‐ heitsmaßnah‐ men erlangen konnte Keine relevan‐ ten IKT-Sicher‐ heitslücken do‐ kumentiert Sergei Tretyakov Mangelnde in‐ terne Kontrolle über hochran‐ gige SVR-Offi‐ ziere, keine ef‐ fektiven Sicherheits‐ überprüfungen für Auslands‐ einsätze Keine doku‐ mentierten physischen Schwachstellen Keine doku‐ mentierten in‐ formationssicherheitsbezogenen Schwachstellen Keine relevan‐ ten IKT-Sicher‐ heitslücken do‐ kumentiert Robert Hanssen Keine ver‐ pflichtenden Lügendetektor‐ tests, unzurei‐ chende finanzi‐ elle Überprüfun‐ gen, ignorierte Warnsignale von Kollegen Keine Überwa‐ chung der Per‐ sonalbewegun‐ gen in sicherheitsrele‐ vanten Berei‐ chen, kein Schutz vor un‐ bemerktem Transport ge‐ heimer Doku‐ mente Fehlendes „Need to Know“-Prinzip: uneinge‐ schränkter Zu‐ gang zu Spiona‐ geabwehrberichten außer‐ halb seines Auf‐ gabenbereichs, unzureichende Nachverfol‐ gung von Pa‐ pierdokumen‐ ten Fehlende Über‐ wachung von Datenbankzu‐ griffen, keine Anomalieer‐ kennung, igno‐ rierter Fund der Passwort-Cra‐ cking-Software Tab. 10: Fallübergreifender Vergleich der organisatorischen Schwachstellen 286 8 Kapitel | Fallübergreifende Analyse <?page no="287"?> 8.5 Marktchancen Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Marktchancen als Anreizstruktur für Spionageentscheidungen. ● Finanzielle, psychologische und strategische Faktoren als Kompo‐ nenten von Marktchancen. ● Vergleich der Fallkonstellationen Lonetree, Tretyakov und Hanssen. ● Beidseitige Transaktionsbereitschaft als Ermöglichungsfaktor von Verrat. ● Psychologische und strategische Aspekte als Einfluss auf die Nut‐ zung von Marktchancen. Spionage wird durch Transaktionsmöglichkeiten ermöglicht, die entstehen, wenn eine Person über wertvolle Informationen verfügt, die ein gegneri‐ scher Geheimdienst benötigt, und gleichzeitig Bedingungen gegeben sind, die den Austausch dieser Informationen erleichtern. Diese Bedingungen umfassen den Zugang zu sensiblen Daten, das Vorhandensein eines aufnah‐ mebereiten Empfängers sowie Mechanismen für sichere Kommunikation und Entlohnung. Während finanzielle Anreize oft als Hauptmotiv für Spionage betrachtet werden, können Marktchancen auch psychologische, ideologische oder strategische Komponenten haben. Die folgende Analyse untersucht, wie Marktchancen die Entscheidungen von Clayton Lonetree, Sergei Tretyakov und Robert Hanssen beeinflussten. Jeder Fall zeigt, wie das Vorhandensein eines interessierten Abnehmers und funktionierender Transaktionsmechanismen die Fähigkeit des Insiders zum Verrat von Verschlusssachen erleichterte. 8.5.1 Clayton Lonetree Obwohl Lonetree kein Geheimdienstoffizier war, gewährte ihm seine Posi‐ tion als Marine-Wachsoldat in der US-Botschaft in Moskau direkten Zugang zu wertvollen operativen Informationen. Der sowjetische KGB erkannte seinen potenziellen Nutzen, insbesondere in Bezug auf Sicherheitsmerkmale der Botschaft, die Identität des Personals und operative Abläufe. Ein besonders folgenreicher Aspekt seiner Spionagetätigkeit war die Weitergabe von Fotos der in Moskau stationierten CIA-Offiziere. Diese 8.5 Marktchancen 287 <?page no="288"?> Bilder, kombiniert mit seinen Beschreibungen ihrer Bewegungen und Aufgaben, ermöglichten es dem KGB, seine Spionageabwehrstrategien gezielt zu optimieren. Darüber hinaus lieferte Lonetree Informationen zu Botschaftsgrundrissen, Sicherheitskontrollpunkten und Sperrbereichen, die den Sowjets wertvolle Einblicke in die amerikanischen Sicherheitsmaßnah‐ men gaben. Im Gegensatz zu Spionen, die in erster Linie durch finanzielle Anreize mo‐ tiviert sind, wurde Lonetree von emotionalen Bedürfnissen angetrieben. Der KGB erkannte schnell, dass sein grundlegendes Verlangen nach Liebe und Zugehörigkeit stärker wog als materielle Belohnungen. Die sowjetischen Agenten passten ihre Vorgehensweise entsprechend an und stellten sicher, dass seine Beziehung zu Violetta im Zentrum ihrer Einflussnahme blieb. Das Versprechen einer stabilen Zukunft mit Violetta hielt ihn in der Spionage gefangen. Selbst nach seiner Versetzung nach Wien blieb er unter der Kontrolle des KGB, der ihn mit Briefen und Fotos von ihr beeinflusste, um ihn in dem Glauben zu bestärken, dass seine Zusammenarbeit notwendig sei, um die Beziehung aufrechtzuerhalten. Die finanzielle Entschädigung fiel mit lediglich 3600 Dollar gering aus - ein Hinweis darauf, dass die entscheidende Marktchance in seinem Fall nicht materieller, sondern psy‐ chologischer Natur war. 8.5.2 Sergei Tretyakov Tretyakovs Fall unterschied sich grundlegend von dem von Lonetree, da er als hochrangiger Geheimdienstmitarbeiter direkten Zugang zu sensiblen russischen Spionageoperationen hatte. Als stellvertretender Resident in New York leitete er nachrichtendienstliche Aktivitäten, die sich gegen US-Behörden, die Vereinten Nationen und private Unternehmen richteten. Diese Position verschaffte ihm detaillierte Einblicke in die Methoden, Rekru‐ tierungsstrategien und operativen Prioritäten des russischen Geheimdiens‐ tes. Seine Informationen waren insbesondere in der Zeit nach dem Kalten Krieg von großem Wert, als die US-Geheimdienste ihre Spionageabwehr nach den Rückschlägen durch russische Doppelagenten wie Aldrich Ames und Robert Hanssen neu aufstellen mussten. Tretyakovs Wissen über russische Geheimdienstoffiziere, Rekrutierungsziele und verdeckte Finan‐ zierungsnetzwerke stellte eine seltene und strategisch bedeutende Quelle für die USA dar. 288 8 Kapitel | Fallübergreifende Analyse <?page no="289"?> Tretyakovs Zusammenarbeit mit den US-Geheimdiensten beruhte auf einer für beide Seiten vorteilhaften Vereinbarung. Im Gegenzug für seine Informationen erhielten er und seine Familie politisches Asyl, finanzielle Unterstützung und Schutz vor möglichen russischen Vergeltungsmaßnah‐ men. Seine Enthüllungen ermöglichten es den USA, russische Spionage‐ netzwerke zu zerschlagen, laufende Operationen zu überwachen und die Spionageabwehr zu stärken. Über kurzfristige operative Erkenntnisse hinaus lieferten Tretyakovs Informationen über russische strategische Ziele und Desinformationskam‐ pagnen den Vereinigten Staaten langfristige Vorteile. Seine Einblicke in die Dynamik der russischen Führung, wirtschaftliche Strategien und diplo‐ matische Manöver beeinflussten die außenpolitische Ausrichtung der USA gegenüber Russland. 8.5.3 Robert Hanssen Hanssens Spionagetätigkeit hatte einen der höchsten Marktwerte in der Geschichte der Insider-Spionage. Als FBI-Agent für Spionageabwehr hatte er uneingeschränkten Zugang zu streng geheimen Berichten über US-Ope‐ rationen gegen Russland. Seine Enthüllungen umfassten Details über ameri‐ kanische Überwachungsmethoden, Doppelagenten und die operative Taktik der Spionageabwehr. Die russischen Geheimdienste erkannten Hanssens außergewöhnlichen Wert als Aktivposten und waren bereit, ihn großzügig zu entlohnen. Im Laufe seiner Spionagetätigkeit erhielt er mehr als 600.000 Dollar in bar und Diamanten. Seine Informationen schwächten die US-Spionageabwehr erheblich, ermöglichten es Russland, sich Überwachungsmaßnahmen zu entziehen, und führten zur Neutralisierung mehrerer amerikanischer Ge‐ heimdienstoperationen. Obwohl finanzielle Anreize eine zentrale Rolle in Hanssens Spionagetä‐ tigkeit spielten, waren sie nicht sein einziger Antrieb. Seine Zusammen‐ arbeit mit dem russischen Geheimdienst verschaffte ihm ein Gefühl der Überlegenheit und Anerkennung, das ihm beim FBI verwehrt blieb. Die Russen behandelten ihn mit besonderer Wertschätzung, schmeichelten ihm und bestärkten ihn in der Überzeugung, seinen Kollegen sowohl intellektuell als auch operativ überlegen zu sein. Im Gegensatz zu Lonetree, der aus emotionaler Abhängigkeit zur Spio‐ nage gedrängt wurde, und Tretyakov, der aus ideologischen Gründen 8.5 Marktchancen 289 <?page no="290"?> überlief, betrachtete Hanssen die Spionage als Instrument zur Kontrolle seines beruflichen Werdegangs. Für ihn handelte es sich nicht nur um eine finanzielle Transaktion, sondern auch um eine psychologische Befriedigung. Das FBI zu überlisten und von den Russen als wertvolle Quelle anerkannt zu werden, bot ihm die Bestätigung, die er in seiner offiziellen Laufbahn nie erhielt. 8.5.4 Fallübergreifender Vergleich der Marktchancen In allen drei Fällen - Clayton Lonetree, Sergei Tretyakov und Robert Hanssen - bestanden klare Marktchancen, die den Verrat begünstigten (→ Tab. 11). Ohne eine Gegenseite, die bereit war, Informationen anzunehmen und entsprechende Transaktionsmechanismen bereitzustellen, wäre keine der Spionagehandlungen möglich gewesen. Fall Verfügbare Informationen Interesse des Abnehmers Art der Marktchance Clayton Lonetree Operative Sicher‐ heitsdetails der US-Botschaft, Iden‐ titäten und Bewe‐ gungsmuster von CIA-Personal Der KGB erkannte die Möglichkeit, sen‐ sible Informationen durch eine emotio‐ nale Bindung zu er‐ halten Psychologisch: Ma‐ nipulation über emo‐ tionale Abhängigkeit Sergei Tretyakov Interna russi‐ scher Geheim‐ dienstoperationen, Strategien, Desin‐ formationskampag‐ nen, Finanzierungs‐ netzwerke Die USA hatten ein strategisches Inter‐ esse an Einblicken in russische Operatio‐ nen nach dem Kalten Krieg Strategisch: Lang‐ fristige nachrichten‐ dienstliche Vorteile für die USA Robert Hanssen Hochsensible Spionageabwehrin‐ formationen, Doppelagenten, technische Überwa‐ chungsmethoden der USA Russland hatte großes Interesse an Gegenspiona‐ geinformationen und der Neutralisie‐ rung von US-Opera‐ tionen Finanziell und psy‐ chologisch: Hohe monetäre Entloh‐ nung, Bestätigung seines Egos Tab. 11: Fallübergreifender Vergleich der Marktchancen Lonetrees Marktchance war psychologischer Natur. Der KGB erkannte, dass er weniger durch finanzielle Anreize als durch emotionale Manipulation 290 8 Kapitel | Fallübergreifende Analyse <?page no="291"?> zu beeinflussen war. Seine Beziehung zu Violetta Seina diente als zentrales Druckmittel, um ihn in die Spionage zu ziehen und dort zu halten. Tretyakov verfügte über strategisch wertvolle Informationen über rus‐ sische Geheimdienstoperationen, die für die USA von großem Interesse waren. Seine Zusammenarbeit beruhte auf einem klaren Austausch: Er bot den US-Geheimdiensten operative und langfristige Einblicke in russische Geheimdienststrukturen und erhielt im Gegenzug Sicherheit, finanziellen Schutz und eine neue Zukunft für seine Familie. Hanssen wiederum hatte Zugang zu hochsensiblen US-Spionageabweh‐ rinformationen, die von Russland mit hohen Geldsummen honoriert wur‐ den. Neben der finanziellen Entlohnung erhielt er durch die Zusammenar‐ beit mit dem russischen Geheimdienst eine Form der Anerkennung, die ihm innerhalb des FBI verwehrt blieb. Diese Fälle zeigen, dass Marktchancen in der Insider-Spionage nicht nur finanzieller Natur sind, sondern auch psychologische und strategische Dimensionen umfassen. Entscheidend ist nicht nur, dass eine Person sen‐ sible Informationen besitzt, sondern dass eine Gegenseite existiert, die diese verwerten kann und die richtigen Anreize setzt, um den Verrat zu ermöglichen. 8.6 Enthemmende Faktoren Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Enthemmende Einflüsse auf moralische, psychologische und prak‐ tische Hemmschwellen. ● Psychologische Mechanismen wie Persönlichkeitsmerkmale und Substanzmissbrauch als Risikofaktoren. ● Beobachtbare Enthemmung in den Fällen Lonetree, Tretyakov und Hanssen. ● Emotionale, moralische und psychologische Enthemmung im Ver‐ gleich. ● Reduzierte Selbstkontrolle als Folge enthemmender Einflüsse. Enthemmende Faktoren sind Einflüsse, die den psychologischen, ethischen oder prakti-schen Widerstand einer Person gegen Spionage schwächen. Sie 8.6 Enthemmende Faktoren 291 <?page no="292"?> können in Form von Persönlichkeitsmerkmalen, psychischen Störungen, Substanzmissbrauch oder emotionalen Extremzuständen wie Angst, Wut oder Verzweiflung auftreten. Indem sie innere Hemmschwellen abbauen und den Prozess der Selbstkontrolle beeinträchtigen, reduzieren oder negie‐ ren sie die Fähigkeit einer Person, der Versuchung zu widerstehen. Dadurch erleichtern sie den Übergang von der Absicht zur Tat. Die folgende Analyse untersucht, wie enthemmende Faktoren in den Fällen von Clayton Lonetree, Sergei Tretyakov und Robert Hanssen wirkten. Dabei wird aufgezeigt, welche psychologischen Mechanismen ihre Wider‐ standskraft gegen Spionage minderten und wie dies letztlich den Verrat begünstigte. 8.6.1 Clayton Lonetree Der Fall von Clayton Lonetree zeigt, wie starke emotionale Bindungen als enthemmender Faktor wirken können. In der frühen Phase seiner Spionage‐ tätigkeit spielte keine andere Form der Enthemmung eine erkennbare Rolle. Es gibt keine Hinweise darauf, dass er eine geringe Gewissenhaftigkeit oder Verträglichkeit im sozialen Verhalten hatte, die mit einer erhöhten Neigung zu Regelverstößen oder impulsivem Verhalten in Verbindung gebracht wer‐ den. Ebenso wenig gibt es Anhaltspunkte dafür, dass er besonders neurotisch war oder eine instabile emotionale Verfassung aufwies. Zwar empfand er sein Engagement in der Spionage zeitweise als aufregend, doch dies war die Folge seiner Situation und nicht die Ursache. Eine problematische Per‐ sönlichkeitsstruktur als enthemmender Faktor kann somit ausgeschlossen werden. Ebenso gibt es keine Hinweise darauf, dass Lonetree Merkmale aufwies, die auf eine narzisstische, antisoziale, psychopathische oder bipolare Stö‐ rung hindeuten würden. Es fehlen typische Charakteristika wie Grandiosi‐ tätsgefühle, Mangel an Empathie, manipulatives Verhalten oder Impulsivi‐ tät. Eine Enthemmung aufgrund einer psychischen Störung kann daher ebenfalls ausgeschlossen werden. Sein Alkoholkonsum nahm im Laufe der Zeit zu, sodass er schließlich aus der Verantwortung der Gruppenführung entbunden wurde. Der exzessive Konsum war vermutlich eine Bewältigungsstrategie, um mit dem wachsen‐ den Druck des KGB umzugehen. Während es möglich ist, dass Alkohol in der späten Phase seiner Spionagetätigkeit seine Hemmschwelle weiter senkte, spielte er zu Beginn und über lange Zeit hinweg keine Rolle. 292 8 Kapitel | Fallübergreifende Analyse <?page no="293"?> Lonetrees Spionagetätigkeit wurde primär von starken Emotionen ge‐ steuert, die seine Selbstkontrolle beeinträchtigten. Anfangs war es die Freude über seine Beziehung zu Violetta und die tiefe Liebe zu ihr, die ihn dazu brachte, Regeln zu missachten. Doch diese Euphorie schlug mit der Zeit in Angst um - die Furcht, sie zu verlieren oder dass ihr etwas zustoßen könnte, falls er den Forderungen des KGB nicht nachkam, wurde zum dominierenden Motiv seines Handelns. In beiden Phasen war es die emotionale Bindung zu Violetta, die seine Hemmschwelle senkte und ihn zu Entscheidungen trieb, die er unter anderen Umständen h höchstwahr‐ scheinlich nicht getroffen hätte. 8.6.2 Sergei Tretyakov Im Fall von Tretyakov gibt es keine Hinweise darauf, dass seine Hemm‐ schwelle, Spionage zu begehen, durch Persönlichkeitsmerkmale gesenkt wurde, die häufig mit einem erhöhten Risiko für regelwidriges Verhalten in Verbindung gebracht werden - etwa hoher Neurotizismus, geringe Verträglichkeit im sozialen Verhalten oder geringe Gewissenhaftigkeit. Im Gegenteil: Mit zunehmendem Alter zeichnete er sich durch hohe Disziplin, strategisches Denken und ausgeprägte Gewissenhaftigkeit aus. Ebenso gibt es keine Anhaltspunkte dafür, dass psychische Störungen oder Substanzmissbrauch seine Entscheidungsfähigkeit kompromittiert hät‐ ten. Während Alkoholismus und Korruption im SVR weit verbreitet waren, lehnte Tretyakov dieses Umfeld ab. Er distanzierte sich von der Verkom‐ menheit innerhalb der Organisation und hielt an einem klaren moralischen Wertesystem fest. Exzessiver Alkoholkonsum oder Drogenmissbrauch als enthemmender Faktor lassen sich somit ebenfalls ausschließen. Der entscheidende enthemmende Faktor in seinem Fall war emotiona‐ ler Natur: Seine zunehmende Abscheu gegenüber der allgegenwärtigen Korruption im SVR und dem russischen Staat schwächte seine psychologi‐ schen Barrieren gegenüber einem Bruch mit dem System. Besonders der Missbrauch humanitärer Hilfsmittel im „Öl-für-Lebensmittel“-Programm verstärkte seine Empörung. Parallel dazu wuchs seine Sorge um die Zukunft seiner Tochter. Die Vorstellung, sie in einer Gesellschaft aufwachsen zu sehen, die von Opportunismus und Machtmissbrauch geprägt war, wurde für ihn unerträglich. Diese emotionale Reaktion verringerte seine Hemm‐ schwelle, sich von Russland loszusagen. Sie diente ihm zugleich als innere Rechtfertigung für seinen späteren Entschluss, mit den USA zu kooperieren 8.6 Enthemmende Faktoren 293 <?page no="294"?> - nicht aus persönlichen Vorteilen heraus, sondern weil er keinen moralisch vertretbaren Weg mehr sah, innerhalb des Systems zu bleiben. 8.6.3 Robert Hanssen Der Fall Robert Hanssen zeigt, wie Persönlichkeitsmerkmale und patho‐ logische Züge als enthemmende Faktoren wirken können. Während bei Lonetree und Tretyakov emotionale Reaktionen eine entscheidende Rolle spielten, war Hanssens Enthemmung tief in seiner Persönlichkeit verankert. Es gibt deutliche Hinweise darauf, dass Hanssen ausgeprägte Persönlich‐ keitsmerkmale aufwies, die mit einer erhöhten Neigung zur Spionage in Verbindung stehen. Insbesondere zeigte er eine geringe Verträglichkeit, die sich in sozialer Isolation, tiefem Misstrauen gegenüber Kollegen und einer ausgeprägten Manipulationsneigung äußerte. Sein hoher Neurotizismus verstärkte diese Dynamik, da er von starken Unsicherheiten, Selbstzweifeln und einem tiefsitzenden Groll geprägt war - Faktoren, die seine Frustration über seine berufliche Stagnation und die ausbleibende Anerkennung weiter verschärften. Zudem deutet sein Verhalten auf eine geringe Gewissenhaf‐ tigkeit hin: Seine Missachtung beruflicher Normen, das Fehlen innerer Hemmungen gegenüber Täuschung und Verrat sowie seine riskanten, un‐ überlegten Handlungen - wie sein exhibitionistisches und voyeuristisches Verhalten - sprechen für eine geringe Impulskontrolle. Diese Persönlich‐ keitsmerkmale trugen höchstwahrscheinlich dazu bei, seine psychologi‐ schen Barrieren gegenüber Spionage zu reduzieren, institutionelle Loyalität zu untergraben und moralische Bedenken zu überwinden. Darüber hinaus gibt es Hinweise darauf, dass Hanssen pathologische Persönlichkeitszüge aufwies, die seine Hemmschwelle zur Spionage senk‐ ten. Seine Persönlichkeit wies deutliche narzisstische Züge auf, die sich in einer überhöhten Selbstwahrnehmung und einem starken Bedürfnis nach Bestätigung manifestierten. Gleichzeitig wies er psychopathische Merkmale wie emotionale Kälte, Manipulation und fehlende Reue auf. Er überging moralische Normen mit bemerkenswerter Berechnung und zeigte keine Schuldgefühle - weder für seinen Verrat noch für die Konsequenzen seiner Taten. Diese Kombination aus Narzissmus, Psychopathie und beruflicher Frustration machte es ihm leicht, sich über institutionelle Loyalität hinweg‐ zusetzen. Seine Entscheidung zur Spionage war nicht impulsiv oder emotio‐ nal getrieben, sondern das Ergebnis einer tief verwurzelten Überzeugung, sich über das System zu erheben, das ihn unterschätzt hatte. 294 8 Kapitel | Fallübergreifende Analyse <?page no="295"?> 8.6.4 Fallübergreifender Vergleich der enthemmenden Faktoren Die Analyse der enthemmenden Faktoren in den Fällen von Clayton Lo‐ netree, Sergei Tretyakov und Robert Hanssen zeigt, dass verschiedene psychologische Mechanismen dazu beitragen können, innere Hemmschwel‐ len gegenüber Spionage zu senken (→ Tab. 12). Während einige Insider durch starke emotionale Reaktionen und möglicherweise durch exzessiven Alkoholkonsum enthemmt wurden, spielten bei anderen tief verwurzelte Persönlichkeitsmerkmale oder pathologische Züge eine Rolle. Lonetree war ein Beispiel für emotionale Enthemmung. Persönlichkeits‐ merkmale, psychische Störungen oder Substanzmissbrauch spielten zu‐ nächst keine erkennbare Rolle. Vielmehr reduzierte seine tiefe emotionale Bindung an Violetta Seina seine Hemmungen schrittweise. Anfangs über‐ wog die Freude über die Beziehung, doch mit der Zeit wurde seine Hand‐ lungsfähigkeit durch die Angst bestimmt, sie zu verlieren. Diese Dynamik ließ ihn Regeln missachten und schließlich den Forderungen des KGB nachgeben. Erst in der Spätphase könnte sein zunehmender Alkoholkonsum seine Hemmschwelle zusätzlich gesenkt haben. Tretyakov wurde nicht durch persönliche Defizite enthemmt, sondern durch moralische Empörung. Es gibt keine Hinweise auf problematische Persönlichkeitsmerkmale, psychische Störungen oder Impulsivität. Seine hohe Disziplin und strategische Denkweise sprechen gegen eine geringe Selbstkontrolle. Dennoch schwächte seine wachsende Abscheu gegenüber der Korruption im russischen Staat seine psychologische Barriere. Beson‐ ders der Missbrauch humanitärer Hilfsmittel verstärkte seine Überzeugung, dass das System nicht reformierbar war. Gleichzeitig verringerten seine Sorgen um die Zukunft seiner Tochter seine Hemmungen, sich vom russi‐ schen Geheimdienst zu lösen. Hanssen unterscheidet sich grundlegend von den beiden anderen Fällen. Seine Enthemmung war nicht primär emotional oder moralisch motiviert, sondern tief in seiner Persönlichkeit verankert. Seine geringe soziale Ver‐ träglichkeit, sein hoher Neurotizismus und seine geringe Gewissenhaftig‐ keit erleichterten es ihm, institutionelle Loyalität und moralische Bedenken zu überwinden. Zudem deuten viele seiner Verhaltensweisen auf narzissti‐ sche und psychopathische Züge hin. Sein Bedürfnis nach Bestätigung, sein Gefühl der Überlegenheit und sein Mangel an Reue machten es ihm leicht, ethische und berufliche Grenzen zu überschreiten. 8.6 Enthemmende Faktoren 295 <?page no="296"?> Diese Analyse zeigt, dass Enthemmung verschiedene Formen anneh‐ men kann. Während emotionale Bindungen (Lonetree) oder moralische Empörung (Tretyakov) psychologische Barrieren senken, können Persön‐ lichkeitsmerkmale (Hanssen) eine grundsätzliche Anfälligkeit für Spionage begünstigen. Darüber hinaus kann Substanzmissbrauch als enthemmender Faktor wirken, indem er Urteilsvermögen und Selbstkontrolle beeinträchtigt - wie es in Lonetrees späterer Phase möglicherweise der Fall war. Enthem‐ mende Faktoren sind damit eine kritische Einflussgröße. Fall Relevante Persönlich‐ keitsmerk‐ male Psychische Störungen Substanzmissbrauch Emotionale Enthemmung Clayto Lonetree Hohe Verträg‐ lichkeit, hohe Gewissenhaf‐ tigkeit Keine Hinweise Alkohol in späterer Phase Liebe zu Vio‐ letta, später Angst Sergei Tretyakov Hohe Gewis‐ senhaftigkeit, strategisches Denken Keine Hinweise Keine Hinweise Wut über Kor‐ ruption, Sorge um Tochter Robert Hanssen Geringe Ver‐ träglichkeit, hoher Neuro‐ tizismus, ge‐ ringe Gewis‐ senhaftigkeit Hinweise auf narzisstische und psycho‐ pathische Züge Keine Hinweise Keine rele‐ vante emotio‐ nale Enthem‐ mung Tab. 12: Fallübergreifender Vergleich der enthemmenden Faktoren 296 8 Kapitel | Fallübergreifende Analyse <?page no="297"?> 8.7 Validierung des Modells Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Zusammenspiel der fünf Faktoren als Erklärung für Insider-Spio‐ nage. ● Keine isolierte Wirkung einzelner Faktoren - nur das Zusammen‐ wirken führt zur Handlung. ● Das Fünf-Faktoren-Modell als integrativer Rahmen zur Risikoerken‐ nung und Prävention. ● Fallmuster von Lonetree, Tretyakov und Hanssen als Bestätigung des Modells. ● Organisatorische Schwächen und Marktchancen als strukturelle Ermöglichungsbedingung. ● Enthemmung als psychologische Ermöglichungsbedingung. Die fallübergreifende Analyse aller fünf Faktoren - Auslöser, Motive, orga‐ nisatorische Schwachstellen, Marktchancen und enthemmende Faktoren - zeigt, dass diese Elemente in Fällen von Insider-Spionage durchweg vorhanden sind. Dieses Ergebnis bestätigt das Fünf-Faktoren-Modell der Insider-Spionage, indem es belegt, dass Spionage nicht auf eine einzelne Ursache - etwa Motivation - zurückzuführen ist, sondern aus dem Zusam‐ menspiel mehrerer interagierender Variablen entsteht. Jeder Faktor trägt dazu bei, den Werdegang eines Insider-Spions zu formen, und das wieder‐ holte Auftreten in verschiedenen Fällen unterstreicht die Universalität der Faktoren innerhalb der Spionagedynamik. Das Fünf-Faktoren-Modell geht davon aus, dass Auslöser einen psycho‐ logischen Prozess in Gang setzen, der zur Spionage führt, indem sie eine Spannung zwischen den Prädispositionen eines Individuums und seiner äußeren Umstünde erzeugen. Die Fälle von Lonetree, Tretyakov und Hans‐ sen verdeutlichen dieses Prinzip: Lonetrees emotionale Isolation in Moskau, Tretyakovs moralische Empörung über systemische Korruption und Hans‐ sens Frustration über berufliche Stagnation dienten als Katalysatoren für ihren letztlichen Verrat. Diese Auslöser aktivierten Motivationsprozesse, die jeden Einzelnen auf den Pfad der Spionage führten. Der Motivationsprozess bestimmt, welche privaten oder beruflichen Umstände eine Person verändern möchte - und welches Motiv sie dabei 8.7 Validierung des Modells 297 <?page no="298"?> verfolgt. Die untersuchten Fälle zeigen, dass Motive höchst unterschiedlich sein können: Lonetree suchte emotionale Erfüllung, Tretyakov handelte aus moralischer Überzeugung und Hanssen wurde sowohl durch finanzielle Anreize als auch durch sein Bedürfnis nach Anerkennung angetrieben. Das Vorhandensein unterschiedlicher Motive in jedem dieser Fälle bestätigt die These des hier vorgestellten Modells, dass Individuen Spionage als Mittel nutzen, um die durch die Diskrepanz zwischen ihren Prädispositionen und persönlichen Umständen entstehende Dissonanz zu reduzieren. Organisatorische Schwachstellen erleichtern den Zugang zu sensiblen Informationen und verringern das Entdeckungsrisiko für Insider-Spione. Die untersuchten Fälle belegen, dass in jeder Organisation Sicherheitslücken existierten, die von den betreffenden Personen erkannt wurden und dadurch ihre Spionage ermöglichten. Lonetree profitierte von unzureichender Über‐ wachung des Botschaftspersonals und mangelnden Schutzmaßnahmen ge‐ gen unautorisierte Kontakte. Tretyakov nutzte die Selbstgefälligkeit des SVR aus, die den hochrangigen Offizieren weitgehende Autonomie gewährte, ohne strenge interne Kontrollen durchzuführen. Hanssen konnte sich jahr‐ zehntelang unbemerkt bewegen, weil das FBI keine systematischen Finanz‐ überprüfungen oder digitalen Überwachungsmechanismen implementierte, die sein Verhalten rechtzeitig aufgedeckt hätten. Marktchancen bestimmten, ob der Insider-Spion tatsächlich die Möglich‐ keit hatte, geheime Informationen an eine gegnerische Partei im Austausch für gewünschte Anreize zu übermitteln. In allen drei Fällen waren Abnehmer vorhanden, die bereit waren, Informationen entgegenzunehmen und attrak‐ tive Gegenleistungen anzubieten. Der KGB erkannte Lonetrees emotionale Abhängigkeit und setzte gezielte Manipulationsstrategien ein, indem er ihm durch die Aufrechterhaltung der Beziehung zu Violetta Seina einen emotio‐ nalen Anreiz bot, die ihn an die Zusammenarbeit band. Tretyakov konnte den US-Geheimdiensten wertvolle Einblicke in die russischen Spionageak‐ tivitäten liefern, was seinen Übertritt attraktiv machte - im Gegenzug erhielt er politisches Asyl, finanzielle Sicherheit und den Schutz für sich und seine Familie. Hanssen wiederum wurde vom russischen Geheimdienst großzügig entlohnt und erhielt über 600.000 Dollar in bar sowie Diamanten, was nicht nur seine finanziellen Sorgen linderte, sondern ihm auch das Gefühl gab, für seine Fähigkeiten anerkannt zu werden. In jedem dieser Fälle kam es zu einem Austausch, bei dem der Insider geheime Informationen preisgab und im Gegenzug die von ihm angestrebten Anreize erhielt. 298 8 Kapitel | Fallübergreifende Analyse <?page no="299"?> Die Analyse zeigt auch, dass enthemmende Faktoren die Spionage stets erleichtert haben, indem sie psychologische Barrieren senkten. Lonetree wurde durch emotionale Abhängigkeit enthemmt - zunächst durch Eupho‐ rie, später durch Angst, während exzessiver Alkoholkonsum in der Spät‐ phase seine Selbstkontrolle weiter schwächen konnte. Tretyakovs Hemm‐ schwelle sank durch moralische Empörung über Korruption und die Sorge um seine Tochter, was seinen Bruch mit dem System erleichterte. Hanssens Enthemmung war tief in seiner Persönlichkeit verankert: Seine geringe Gewissenhaftigkeit, geringe soziale Verträglichkeit, hoher Neurotizismus sowie narzisstische und psychopathische Züge machten es ihm leichter, moralische Bedenken zu überwinden. Enthemmende Faktoren sind somit auch eine zentrale Einflussgröße in der Dynamik der Insider-Spionage. Mit der Identifizierung dieser Muster bestätigt dieser Abschnitt, dass alle fünf Faktoren notwendig und gemeinsam hinreichend sind, um In‐ sider-Spionage zu erklären. Kein einzelner Faktor allein kann Spionage vollständig begründen - selbst starke Motive oder günstige Marktchancen führen nicht zwangsläufig zum Verrat, wenn keine Auslöser den Prozess in Gang setzen, keine organisatorischen Schwachstellen die Umsetzung erleichtern oder wenn die betroffene Person durch psychologische Hemm‐ schwellen daran gehindert wird. Erst das Zusammenspiel dieser Faktoren schafft die Bedingungen, unter denen eine Person nicht nur motiviert, sondern auch in der Lage und bereit ist, Spionage zu begehen. Das Fünf-Fak‐ toren-Modell liefert somit einen integrativen Rahmen, der nicht nur die Dynamik der Insider-Spionage erklärt, sondern auch gezielte Ansätze zur Früherkennung und Prävention ermöglicht. 8.7 Validierung des Modells 299 <?page no="301"?> 9 Kapitel | Handlungsempfehlungen und Schlusswort ➲ eLearning-Kurs Nutzen Sie den QR-Code oder den Link, um zu dem Kurs zu gelangen: 🔗 https: / / narr.kwaest.io/ s/ 1390 9.1 Handlungsempfehlungen Das erfahren Sie in diesem Abschnitt: ● Insider-Spionage als Ergebnis psychologischer, organisatorischer und sicherheitsrelevanter Schwächen. ● Das Fünf-Faktoren-Modell als Grundlage für praxisorientierte Emp‐ fehlungen. ● Organisationsweite Maßnahmen zur Risikominimierung von Insi‐ der-Spionage. ● Sicherheitsrichtlinien, Recruiting, Monitoring, Zugangskontrollen und Bedrohungsanalysen als Präventionsinstrumente. ● Zusammenspiel aller Maßnahmen zur Etablierung eines proaktiven Sicherheitsbewusstseins. Die Analyse der Fälle Clayton Lonetree, Sergei Tretyakov und Robert Hanssen hat gezeigt, dass Insider-Spionage nicht auf einen einzelnen Faktor zurückzuführen ist, sondern auf das komplexe Zusammenspiel mehrerer Einflussgrößen. Das Fünf-Faktoren-Modell - bestehend aus Auslösern, Motiven, organisatorischen Schwachstellen, Marktchancen und enthemm‐ enden Faktoren - bietet einen interdisziplinären Rahmen, um diese Prozesse systematisch zu verstehen und präventiv zu adressieren. <?page no="302"?> Die folgenden Empfehlungen leiten sich direkt aus den Fallanalysen und den Erkenntnissen des Modells ab. Sie zielen darauf ab, Organisationen konkrete, differenzierte Handlungsoptionen bereitzustellen, die sowohl prä‐ ventiv als auch reaktiv wirksam sind. Dabei werden nicht nur technische und organisatorische Maßnahmen berücksichtigt, sondern auch psychologische, personelle und kulturelle Aspekte einbezogen. Die Empfehlungen sind entlang acht zentraler Sicherheitsziele struktu‐ riert und benennen für jede Hierarchieebene und Funktionsebene konkrete Maßnahmen. Dies ermöglicht eine präzise Umsetzung in der Praxis und stellt sicher, dass Verantwortung und Zuständigkeit klar definiert sind. Ziel ist es, Sicherheitsrisiken frühzeitig zu erkennen, systemische Schwächen zu beheben und die Fähigkeit zur Resilienz gegenüber Insider-Bedrohungen nachhaltig zu stärken. 9.1.1 Entwicklung einer Sicherheitskultur Bezug zum Fünf-Faktoren-Modell Eine starke Sicherheitskultur adressiert alle fünf Faktoren des Modells. Sie sensibilisiert für mögliche Auslöser, fördert das Verständnis von Motivlagen, reduziert organisatorische Schwachstellen, erschwert Marktchancen durch klare Normen und stärkt die Selbstkontrolle als Schutz gegen enthemmende Einflüsse. Eine wirksame Kultur bildet damit das Fundament für die Früh‐ erkennung und Minimierung von Spionagerisiken. Lehren aus den Fällen In allen drei Fällen wurden Warnsignale für Spionage übersehen. Hanssens Arroganz und Isolation, Lonetrees emotionale Verletzlichkeit und Tretya‐ kovs wachsende Desillusionierung zeigten deutliche Verhaltensauffälligkei‐ ten. Ein Mangel an Sensibilisierung verhinderte frühzeitiges Eingreifen. Schulungen zu Auslösern, Motivationsverschiebungen, enthemmenden Faktoren und Meldeverfahren können dazu beitragen, dass Mitarbeiter Risiken erkennen und rechtzeitig melden. 302 9 Kapitel | Handlungsempfehlungen und Schlusswort <?page no="303"?> Empfehlungen 1. Top-Management Maßnahme: Sicherheitsrichtlinien festlegen, Strategien entwickeln und eine Sicherheitskultur fördern. Ziel: Ein proaktives Sicherheitsbewusstsein etablieren, das Sicherheits‐ maßnahmen in die Werte und täglichen Abläufe der Organisation integriert. 2. Sicherheitsabteilung Maßnahme: Sicherheitsprotokolle und Richtlinien entwickeln. Ziel: Standardisierte Sicherheitsmaßnahmen zur Vermeidung von Insi‐ der-Bedrohungen und externen Sicherheitsverletzungen implementie‐ ren. 3. Internes Sicherheitscontrolling Maßnahme: Sicherstellen, dass Sicherheitsrichtlinien eingehalten und umgesetzt werden. Ziel: Durch Audits und Bewertungen sicherstellen, dass Sicherheitspro‐ tokolle wirksam sind. 9.1.2 Effektives Recruiting Bezug zum Fünf-Faktoren-Modell Rekrutierung betrifft vor allem organisatorische Schwachstellen und ent‐ hemmende Faktoren. Fehlbesetzungen und mangelnde Eignung erhöhen die Wahrscheinlichkeit beruflicher Frustration (Auslöser) und verringern die Selbstkontrolle. Hintergrundprüfungen sowie psychologische Einschät‐ zungen helfen zudem, Risikopersonen zu identifizieren und Marktchancen durch frühzeitige Prävention zu schließen. Lehren aus den Fällen Fehlbesetzungen können zu Frustration und Sicherheitsrisiken führen. Hanssen fühlte sich von seiner Behörde nicht anerkannt, was seinen Verrat begünstigte. Lonetree war emotional anfällig, was den KGB auf ihn aufmerk‐ sam machte. Strenge Auswahlverfahren, psychologische Prüfungen und umfassende Hintergrundüberprüfungen helfen, Risikofaktoren frühzeitig zu erkennen. 9.1 Handlungsempfehlungen 303 <?page no="304"?> Empfehlungen 1. Vorgesetzte Maßnahme: Sicherstellen, dass eine gute Passung zwischen Bewerber und Position besteht, um Karrierefrustrationen zu vermeiden. Ziel: Verhindern, dass berufliche Unzufriedenheit oder fehlende Aner‐ kennung zu einem Risiko für Insider-Bedrohungen werden. 2. Sicherheitsabteilung Maßnahme: Im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben umfassende Hin‐ tergrundüberprüfungen vornehmen, die auch finanzielle Verhältnisse der betreffenden Person einbeziehen. Ziel: Sicherstellen, dass Kandidaten keine persönlichen oder finanziel‐ len Risiken aufweisen, die ihre Verlässlichkeit oder Sicherheit im Dienst gefährden könnten. 3. Personalabteilung Maßnahme: Berufliche Qualifikationen und Referenzen überprüfen. Ziel: Die Integrität der Bewerber sicherstellen und unqualifizierte oder potenziell riskante Einstellungen vermeiden. 4. Psychologisch-medizinischer Dienst Maßnahme: Soweit rechtlich zulässig, psychologische Untersuchun‐ gen durchführen, um Persönlichkeitsstörungen, Substanzmissbrauch oder Suchtverhalten zu erkennen. Ziel: Kandidaten mit hohem Sicherheitsrisiko frühzeitig erkennen und ausschließen. 5. Internes Sicherheitscontrolling Maßnahme: Rekrutierungsprozesse überprüfen und sicherstellen, dass sie sicherheitskonform sind. Ziel: Transparenz und Gleichbehandlung gewährleisten sowie sicher‐ stellen, dass alle sicherheitskritischen Überprüfungen durchgeführt werden. 9.1.3 Sicherheitsmonitoring und Gefahrenanalyse Bezug zum Fünf-Faktoren-Modell Monitoring zielt auf das frühzeitige Erkennen von Auslösern, Motivati‐ onsverschiebungen und enthemmenden Faktoren. Durch kontinuierliche Beobachtung können Veränderungen erfasst werden, die auf ein steigendes 304 9 Kapitel | Handlungsempfehlungen und Schlusswort <?page no="305"?> Risiko hindeuten. Zugleich werden organisatorische Schwächen reduziert, da potenzielle Bedrohungen systematisch erfasst und bewertet werden. Lehren aus den Fällen Keiner der Spione wurde durch interne Kontrollmechanismen rechtzeitig erkannt. Hanssen konnte über Jahrzehnte hinweg unbemerkt agieren, Tretyakovs wachsende Abneigung gegen das System blieb unbeachtet. Regelmäßige Bewertungen von Verhaltensauffälligkeiten, psychischer Sta‐ bilität und finanzieller Situation können dazu beitragen, potenzielle Risiken frühzeitig zu erkennen und geeignete Präventionsmaßnahmen einzuleiten. Empfehlungen 1. Vorgesetzte Maßnahme: Verhaltensentwicklungen von Mitarbeitenden aufmerk‐ sam begleiten und auffällige Veränderungen strukturiert erfassen. Ziel: Frühzeitige Risikoeinschätzung ermöglichen und gezielte Inter‐ ventionen einleiten. 2. Sicherheitsabteilung Maßnahme: In sicherheitsrelevanten Bereichen gestufte Überprüfun‐ gen in angemessenen Abständen umsetzen, basierend auf Risikoprofilen und aktuellen Entwicklungen. Ziel: Unregelmäßigkeiten oder potenzielle Risiken erkennen und vor‐ beugende Maßnahmen ergreifen. 3. Personalabteilung Maßnahme: Arbeitsleistung und sicherheitsrelevantes Verhalten beob‐ achten und dokumentieren Ziel: Frühzeitige Erkennung von Arbeitsunzufriedenheit oder Motiva‐ tionsverlust, die zu Sicherheitsrisiken führen können. 4. Psychologisch-medizinischer Dienst Maßnahme: Anlassbezogene psychologische Einschätzungen vorneh‐ men Ziel: Psychische Belastungen und emotionale Instabilität rechtzeitig erkennen. 9.1 Handlungsempfehlungen 305 <?page no="306"?> 5. Internes Sicherheitscontrolling Maßnahme: Effektivität der Überwachungsmechanismen kontrollie‐ ren. Ziel: Sicherstellen, dass interne Kontrollmechanismen greifen und kon‐ sequent umgesetzt werden. 9.1.4 Zugriffsbeschränkung Bezug zum Fünf-Faktoren-Modell Zugriffsbeschränkungen verringern Marktchancen und wirken organisato‐ rischen Schwachstellen entgegen. Selbst wenn eine Person motiviert ist oder enthemmt handelt, kann ein eingeschränkter Zugang verhindern, dass sie Informationen weitergibt. Diese Maßnahme wirkt damit als Barriere zwischen Motivation und Tat und reduziert den Handlungsspielraum po‐ tenzieller Spione. Lehren aus den Fällen Hanssen hatte unbegrenzten Zugang zu sensiblen Informationen, obwohl er sich verdächtig verhielt. Lonetree konnte durch seine Position sicher‐ heitskritische Informationen weitergeben. Eine gezielte Einschränkung des Zugriffs auf vertrauliche Daten bei Risikopersonen kann potenzielle Spio‐ nagehandlungen verhindern. Empfehlungen 1. Vorgesetzte Maßnahme: Kritische Sicherheitsfreigaben regelmäßig prüfen und bei Bedarf anpassen. Ziel: Sensible Informationen nur autorisierten und verlässlichen Perso‐ nen zugänglich machen. 2. Sicherheitsabteilung Maßnahme: Zugriffsrechte überwachen und unberechtigte Daten‐ abrufe untersuchen. Ziel: Informationssicherheit gewährleisten und unautorisierte Zugriffe verhindern. 306 9 Kapitel | Handlungsempfehlungen und Schlusswort <?page no="307"?> 3. Personalabteilung Maßnahme: Sicherheitskritische Positionen regelmäßig neu bewerten. Ziel: Mitarbeiter in Positionen einsetzen, die ihrem Sicherheitsstatus entsprechen. 4. Internes Sicherheitscontrolling Maßnahme: Sicherheitsfreigaben und deren Vergabeprozesse überprü‐ fen. Ziel: Transparenz und Nachvollziehbarkeit in der Vergabe sicherheits‐ kritischer Rollen sicherstellen. 9.1.5 Schutz physischer Sicherheitsbereiche Bezug zum Fünf-Faktoren-Modell Schwächen in physischen Sicherheitsstrukturen zählen zu organisatori‐ schen Schwachstellen, die Spionage erleichtern. Werden diese beseitigt, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass motivierte oder enthemmte Personen Zugang zu sensiblen Bereichen erhalten. Damit wird auch der Marktwert von Insidern für Gegner reduziert, da relevante Informationen schwerer zugänglich sind Lehren aus den Fällen Hanssen konnte über Jahre hinweg geheime Dokumente unbemerkt ent‐ wenden, da Zugangskontrollen unzureichend waren. Lonetree übergab dem KGB-Informationen über die Sicherheitsinfrastruktur der Botschaft, darunter Grundrisse und Personalangaben. Effektive Zugangskontrollen sind unerlässlich, um unbefugten Zugriff zu verhindern. Empfehlungen 1. Top-Management Maßnahme: Klare Zugangsrichtlinien festlegen Zweck: Schutz von sicherheitskritischen Bereichen gewährleisten 2. Sicherheitsabteilung Maßnahme: Zugangsbeschränkungen und Kontrollen umsetzen Zweck: Unautorisierte Aktivitäten verhindern 9.1 Handlungsempfehlungen 307 <?page no="308"?> 3. Internes Sicherheitscontrolling Maßnahme: Umsetzung der Zugangskontrollen überprüfen Zweck: Sicherstellen, dass Sicherheitsmaßnahmen optimiert werden 9.1.6 Schutz der Informationssicherheit Bezug zum Fünf-Faktoren-Modell Eine konsequente Informationssicherheit verhindert Marktchancen, indem sie unbefugten Zugriff erschwert und das Need-to-Know-Prinzip konse‐ quent durchsetzt. Dadurch verringert sich die Angriffsfläche für unbefugte potenzielle Abnehmer geschützter Informationen. Lehren aus den Fällen Hanssen konnte jahrelang auf hochsensible Spionageabwehrberichte zu‐ greifen, die nicht zu seinem Aufgabenbereich gehörten. Lonetree konnte sicherheitskritische Informationen weitergeben, weil in der Botschaft das „Need-to-Know“-Prinzip nicht durchgesetzt wurde. Empfehlungen 1. Sicherheitsabteilung Maßnahme: Strenge Zugangskontrollen zu sensiblen Informationen durchsetzen Zweck: Unbefugten Zugriff verhindern und sicherstellen, dass nur autorisierte Personen mit legitimen Aufgabenbezug auf vertrauliche Daten zugreifen können, um das Risiko von Informationsabfluss und Spionage zu minimieren 2. Internes Sicherheitscontrolling Maßnahme: Einhaltung der Sicherheitsrichtlinien überprüfen Zweck: Schutz sensibler Daten sicherstellen 308 9 Kapitel | Handlungsempfehlungen und Schlusswort <?page no="309"?> 9.1.7 Schutz der IKT-Sicherheit Bezug zum Fünf-Faktoren-Modell Lücken in der Cybersicherheit gehören zu gravierenden organisatorischen Schwachstellen und eröffnen erhebliche Marktchancen für Insider. Durch gezielte IT-Sicherheitsmaßnahmen werden diese Schwächen geschlossen und Informationsabfluss über digitale Kanäle verhindert - selbst wenn andere Faktoren wie Motivation oder Enthemmung vorliegen. Lehren aus den Fällen Hanssen nutzte erhebliche Lücken in der Cybersicherheit des FBI aus. Seine unautorisierten Datenzugriffe und der Einsatz von Passwort-Crackern blieben unbemerkt. Empfehlungen 1. Sicherheitsabteilung/ IT-Sicherheit Maßnahme: Sicherheitsüberwachung und Zugriffskontrollen verstär‐ ken sowie regelmäßig an aktuelle Bedrohungslagen und technische Entwicklungen anpassen Zweck: Insider-Bedrohungen frühzeitig erkennen, Sicherheitslücken schließen und potenziellen Missbrauch sensibler Informationen wirk‐ sam verhindern 2. Internes Sicherheitscontrolling Maßnahme: Einhaltung von IKT-Sicherheitsrichtlinien prüfen Zweck: IT-Sicherheit gewährleisten 9.1.8 Informationsgewinnung über externe Informationsinteressen Bezug zum Fünf-Faktoren-Modell Ein fundiertes Lagebild über gegnerische Informationsinteressen hilft, uner‐ wünschte Marktchancen frühzeitig zu erkennen und präventiv einzugreifen. Werden diese Interessen identifiziert, lassen sich besonders gefährdete Bereiche innerhalb der eigenen Organisation erkennen und gezielt schützen. 9.1 Handlungsempfehlungen 309 <?page no="310"?> Lehren aus den Fällen In allen untersuchten Fällen - Lonetree, Tretyakov und Hanssen - war das Interesse gegnerischer Dienste an bestimmten Informationen entweder bekannt oder zumindest vorhersehbar. Wäre auf Führungsebene ein stärke‐ res Bewusstsein für die konkreten Informationsinteressen der Gegenseite vorhanden gewesen, hätten gezielte Gegenmaßnahmen frühzeitig ergriffen werden können, um besonders gefährdete Personen oder Bereiche besser zu schützen. Empfehlungen 1. Top-Management Maßnahme: Regelmäßige Lageanalysen zu gegnerischen prioritären Informationsinteressen und Bedrohungspotenzialen beauftragen und die Erkenntnisse in die strategische Sicherheitsplanung integrieren. Zweck: Potenzielle Angriffsvektoren frühzeitig identifizieren, mögliche gegnerische Rekrutierungsprioritäten erkennen und gezielte Gegen‐ maßnahmen zur Stärkung der Sicherheitslage entwickeln. 2. Bereich Risikobewertung Maßnahme: Aktivitäten gegnerischer Akteure systematisch aufklären, daraus wahrscheinliche prioritäre Informationsinteressen ableiten und diese in geeigneter Form an die eigene Führung berichten. Zweck: Sensibilisierung der Führungsebene für konkrete externe Risi‐ ken und Ableitung gezielter präventiver Maßnahmen zur Reduzierung von Anwerbeversuchen und Sicherheitslücken 3. Internes Sicherheitscontrolling Maßnahme: Sicherstellen, dass die Risikobewertung auch die Informa‐ tionsinteressen gegnerischer Akteure beinhaltet. Zweck: Externe Bedrohungen minimieren Die Empfehlungen in diesem Abschnitt zeigen, dass effektive Sicherheits‐ prävention mehr erfordert als technische Maßnahmen oder punktuelle Kontrollen. Insider-Spionage entsteht nicht zufällig, sondern in einem Um‐ feld, das Schwachstellen bietet - seien sie personell, organisatorisch oder kulturell bedingt. Die Lehren aus den analysierten Fällen machen deutlich, dass Sicherheitsstrategien nur dann wirksam sind, wenn sie interdisziplinär angelegt, institutionell verankert und kontinuierlich überprüft werden. Das 310 9 Kapitel | Handlungsempfehlungen und Schlusswort <?page no="311"?> vorgestellte Maßnahmenpaket zielt darauf ab, Sicherheitsverantwortung auf allen Ebenen zu fördern, Risiken frühzeitig zu erkennen und gezielt zu entschärfen. Letztlich entscheidet die Fähigkeit zur Anpassung, Wach‐ samkeit und Prävention darüber, wie widerstandsfähig Organisationen gegenüber Insider-Spionage sind. 9.2 Schlusswort Die Untersuchung im ersten Teil dieses Buches hat das Fundament für das Verständnis des komplexen Phänomens der Insider-Spionage gelegt und dabei die zentralen Fragestellungen der Studie adressiert. Die Analyse in → Teil 1 bot eine Grundlage für die Entwicklung des Fünf-Faktoren-Mo‐ dells der Insider-Spionage, indem sie die erste Frage beantwortete: Welche Faktoren lassen das Risiko der Insider-Spionage im Einzelfall erkennen? Durch die Analyse bestehender Theorien wurde das breite Spektrum an Faktoren sichtbar, die das Phänomen der Insider-Spionage beeinflussen. Diese Erkenntnis legte den Grundstein für die Entwicklung eines Modells, das der vielschichtigen Natur dieser Sicherheitsbedrohung Rechnung trägt. Im Zuge dieser Analyse wurde auch die zweite zentrale Frage in Angriff genommen: Wie hängen diese Faktoren zusammen? Es wurde deutlich, dass bestehende Ansätze zwar wertvolle Einsichten bieten, jedoch kein vollständiges Bild jener Faktoren liefern, die zur Spionage beitragen. Die Ansätze, seien sie psychologisch, sicherheitsanalytisch, politologisch oder wirtschaftswissenschaftlich, statisch oder prozessual, betrachten das Phä‐ nomen der Spionage ausschließlich durch die Linse einer einzelnen Disziplin und ignorieren dabei wesentliche Erkenntnisse anderer relevanter Fachdis‐ ziplinen. Diese Erkenntnis unterstreicht die Notwendigkeit eines umfassenden interdisziplinären Modells, das sowohl die in bestehenden Ansätzen erkann‐ ten Faktoren aufgreift als auch die Lücken schließt, die diese Ansätze hinterlassen. Daraus ergibt sich die dritte zentrale Frage: Wie können die relevanten Faktoren und ihre Wechselwirkungen in einem Modell abgebil‐ det werden, das dazu beiträgt, die Risiken der Insider-Spionage im Einzelfall frühzeitig zu erkennen? Die kritische Analyse bestehender Theorien legte den Grundstein für die Entwicklung eines integrierten Modells, das das Zusammenspiel verschiedener Einflussfaktoren berücksichtigt, anstatt sie isoliert zu betrachten. 9.2 Schlusswort 311 <?page no="312"?> Aufbauend auf den gewonnenen Erkenntnissen wurde das Fünf-Fakto‐ ren-Modell der Insider-Spionage entwickelt, das einen neuen Rahmen für das Verständnis dieses Phänomens bietet. Dieses Modell wurde durch einen methodischen Prozess entwickelt, der mit der Identifizierung der kritischen Faktoren - Auslöser, Motive, organisatorische Schwachstellen, Marktchancen und enthemmende Faktoren - begann. Jeder Faktor wurde gründlich spezifiziert und geklärt, um sicherzustellen, dass das Modell die wesentlichen Bausteine erfasst, die zur Insider-Spionage beitragen. Dabei wurden auch die Beziehungen zwischen diesen Faktoren betont und es wurde aufgezeigt, wie sie miteinander interagieren, um die Wahrscheinlich‐ keit von Spionage zu beeinflussen. Der Übergang zu → Teil 2 dieses Buches markiert eine Verschiebung vom theoretischen Rahmen zu einer praxisorientierten Untersuchung. Hier wurde die vierte zentrale Frage der Studie adressiert: Wie kann dieses Modell auf spezifische Fälle von Insider-Spionage angewendet werden, um einerseits das Vorhandensein der Faktoren zu identifizieren und andererseits das Modell zu validieren? Die analysierten Fälle - Clayton Lonetree, Sergei Tretyakov und Robert Hanssen - boten eine greifbare Umsetzung des Modells bei der Entschlüsselung des komplexen Geflechts der Insider-Spio‐ nage. Jedes dieser Beispiele beleuchtete verschiedene Facetten der Spionage, von den Auslösern bis hin zu den enthemmenden Faktoren, die solche Bedrohungen ermöglichen. Die fallübergreifende Analyse der drei Studien zeigte gemeinsame Muster und Unterschiede auf und demonstrierte, wie die fünf Faktoren des Modells in jedem Fall eine Rolle spielten. Diese abschließende Analyse bot nicht nur wertvolle Einblicke in präventive Maßnahmen und die Anpassung von Sicherheitsprotokollen, um zukünftige Spionagehandlungen zu verhindern, sondern validierte gleichzeitig das Fünf-Faktoren-Modell. Zudem legten das Modell und die Fallstudien die Grundlage für die Entwicklung umfas‐ sender und umsetzbarer Empfehlungen, die gezielt auf die Prävention von Insider-Bedrohungen abzielen. Die darauf basierenden Handlungsempfehlungen sind systematisch dar‐ auf ausgerichtet, die in den Fallstudien identifizierten Schwachstellen zu adressieren. Diese Empfehlungen sind nicht nur theoretisch fundiert, sondern auch praktisch umsetzbar, wodurch Organisationen konkrete Werkzeuge an die Hand bekommen, um präventiv sowie reaktiv gegen Insider-Spionage vorzugehen. Jede Empfehlung wurde entwickelt, um spe‐ zifische Risiken zu minimieren, die in den untersuchten Fällen aufgetreten 312 9 Kapitel | Handlungsempfehlungen und Schlusswort <?page no="313"?> sind, und um die Sicherheitsarchitektur in Organisationen zu stärken. Diese Maßnahmen bieten eine klare Anleitung zur Früherkennung, zur Beseiti‐ gung von Schwachstellen und zur Förderung einer sicherheitsbewussten Unternehmenskultur. Insgesamt unterstreicht → Teil 2 die Vielseitigkeit und die Anwend‐ barkeit des Fünf-Faktoren-Modells in der realen Welt und liefert bedeu‐ tende Erkenntnisse für die Praxis der Spionageabwehr. Diese umfassende Untersuchung legt den Grundstein für eine effektivere Prävention von Insider-Bedrohungen, stärkt die Fähigkeit von Organisationen, sich gegen solche Gefahren zu schützen, und bietet klare, praxisorientierte Handlungs‐ empfehlungen, die sofort in die Tat umgesetzt werden können. 9.2 Schlusswort 313 <?page no="315"?> Quellenverzeichnis Akaka, M. A., Vargo, S. 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Belonogow, Aleksandr-188 Bergersen, Gregg William-135 Beria, Lavrenty-178 Betriebswirtschaftslehre-41 Bewertung-47, 108, 113, 140f., 311 Boyce, Christopher John-135 Bundesamt für Verfassungsschutz-58 Canadian Security Intelligence Service-11, 187 CCI-35 Center for Cyber Intelligence-35 Central Intelligence Agency-58 China-31-34, 54, 56, 135 CIA-35, 58, 77, 88, 96, 121 CIL-67 collection-60 Counterintelligence-40 Counterproductive Work Behavior-41 COVCOM-71 covert communication-71 Customary International Law-67 Cybersicherheit-30 d'Entrecolles, Francois Xavier-54 Emotion-115 Emotionale Reaktion-23 Enthemmende Faktoren-92, 131f., 142 Entscheidung-23 Entscheidungsfindung-93, 132, 142 Ereignis-88, 104f., 108, 110, 112, 114f., 135, 138 Ermittlung-37 Erpressung-38, 77, 113 EU-66 Europäische Union-66, 68 Extraversion-80 Fallübergreifende Analyse-48 Fokin, Aleksandr-186, 190 Foreign Intelligence Committee-55 Frankreich-54-57 <?page no="330"?> Führungsoffizier-23 Fünf-Faktoren-Modell-45f., 99f., 102ff., 116, 122, 131, 133, 138, 265f., 297, 299, 301, 312 Fünf-Faktoren-Modell der Insider-Spionage-45, 100, 103 Gayduk, Anatoli-188 Gegenmaßnahmen-82, 96, 129 Gegenspionage-57, 60, 142 Geld-30, 38, 63, 77, 80, 82, 97, 113, 135f., 141 Geraschenko, Pavlovich-160 Gewissenhaftigkeit-80, 93, 134 Globalisierung-46, 60-63 Glück-115 Gorbatschow, Michail-187 Gordijewski, Oleg Antonovich-312 Gosudarstvennoe politicheskoe upravlenie-56 GPU-12, 56 Hall, James-88 Hammurabi-52 Handler-→ Agentenführer Handlungsbereitschaft-24 Hanssen, Robert-38, 143, 184, 201, 213, 219-245, 247-254, 256-259, 261ff., 265, 267, 269, 272, 276f., 279f., 282-285, 287-292, 294-298 Hemmung-92 Honigfalle-24 Howard, Edward Lee-183 Ideologie-24, 38, 80, 82, 108f., 113 Illegale-37, 72 Industriespionage-31f., 64f. Informationsbeschaffung-55, 60, 65, 69, 123 Informationssicherheit-24, 95, 116-120, 141 Informations- und Kommunikationstechnologie-68f. Informations- und Kommunikationstechnologiesicherheit 24 Insider-Spionage-24 Intelink-96 Intelligence Studies-40f., 44 Ionina, Lyubov-178 Jakuschkin, Dmitri-182 Jurtschenko, Vitaly-183 Kampiles, William-88 Kanada-34 Kozlov, Vladimir-180 Kriminologie-42 Krjutschkow, Wladimir-184, 188 Kulakow, Anatoli-190 Kunden-24 Kuo, Tai Shen-135 Lebensereignis-88 Lichtenberg, Kimberly-239 Lieferant-123-127, 129f., 141 Lieferanten-24 Lonetree, Clayton-143, 145f., 148f., 151, 153f., 156, 159-176, 265, 267f., 271- 274, 278, 280f., 285, 287-290, 292-299 Lonetree, John Clayton-112 Lonetree, Spencer-146 Loyalitätskonflikt-24 Lysov, Yuri-163 Macht-43 Markt-25 330 Stichwortverzeichnis <?page no="331"?> Marktchance-97, 101, 125, 141 Martynov, Valery-234 Mikhaylovna, Helen-180 Militärstrategie-52 Moses-53 Motiv-38, 47, 63f., 80, 82, 84, 86, 88f., 91, 99, 101ff., 113, 131, 133, 136, 139, 142, 312 Motivation-78, 80, 89f., 113, 134 Motivationsprozess-25 Motive-25 Motorin, Sergej-184, 234 Nachfrage-123, 125 Nachrichtendienst-25 Naval Intelligence Department-55 Nervenkitzel-77, 80, 135 Nesbitt, Frank Arnold-135 Neurotizismus-80, 93, 134 NIIRP-181, 184f. Offenheit-80, 93 Öl für Lebensmittel-197, 214, 218 Onkel Sasha-145, 160, 162, 164, 170, 173 Organisationspsychologie-42 Organisatorische Schwachstelle-94, 101f., 116, 137, 142 Organizational Behavior-41 Pelton, Ronald-183 Personalmanagement-40 Personalsicherheit-25, 80, 82, 95 Persönlichkeitsstörung-25, 78, 93 Persönlichkeitsstruktur-80, 134, 142 Physische Sicherheit-25, 82, 95, 116, 118f., 141 Pigusow, Wladimir-184 Politikwissenschaft-41 Politische Feldpolizei-55 Poljakow, Dmitri-184, 261 Ponomarenko, Leonid Iwanowitsch 185 Porzellan-53f. Porzellanherstellung-54 Prädisposition-108ff., 112 Prävention-39 Psychische Störung-25, 93 Psychologie-42 Psychopathie-81f., 93 Putin, Wladimir-200, 268 Rauf, Tariq-192 Regan, Brian Patrick-96 Regierungsbehörden-128 Rekrutierung-26 Richtlinie-67, 117ff. Risikomanagement-43 Russische Revolution-60 Russland-29f., 33, 35, 37, 56f. Sammlung-33, 37, 53, 55f., 64f., 71, 73 Seina, Violetta-112, 145, 155-165, 167- 171, 173, 175, 267f., 271, 273f., 278, 281, 288, 291, 293, 295, 298 Selbstkontrolle-47, 131, 134, 136, 142 Selbstwertgefühl-77 Service de Renseignements-55 Sicherheit-25 Sicherheitsmaßnahmen-33, 65, 67, 80, 96, 119f. Sicherheitspraktiken-82, 118, 120 Sicherheitsrichtlinien-96, 118-121, 141 Sicherheitsrisiko-78, 134 Sicherheitsstandard-118, 120 Sicherheitsstudien-43 Sicherheitsüberprüfung-38, 121 Sicherheitsverfahren-87, 118ff. Stichwortverzeichnis 331 <?page no="332"?> Simm, Herman-68 Situation-58f., 77, 84, 86, 88, 91, 104f., 108, 110, 112, 114f., 135, 137f., 141 Smith, Timothy Steven-82, 92, 135 Snowden, Edward-35, 121f. Sowjetisch-kanadischen Freundschaftsgesellschaft-186, 188 Soziologie-43 Spielsucht-80, 94, 134 Spionage-29, 31-38, 45ff., 51-54, 57-60, 63-70, 75-78, 80-84, 86-89, 91-96, 98-103, 107, 110, 112f., 116ff., 122ff., 126, 131-139, 141f., 311f. Spionageabwehr-26 Spionagestaub-183 Spionageziele-63, 70 Stiller, Werner-121 Substanzmissbrauch-93 Subversion-34 Suchttheorie-81 Sun Tzu-52 Traurigkeit-115 Tretyakov, Oleg-179 Tretyakov, Revmira-179, 182, 193ff. Tretyakov, Sergei-143, 178-200, 202- 209, 211-218, 265, 267f., 271f., 274ff., 278, 280, 282, 287f., 290, 292f., 295, 301 Tscherkaschin, Viktor Iwanowitsch 234 Tsosie, Sally-146 Überzeugung-26, 73, 108, 120 Ufficio de Informazione-55 Unzufriedenheit-130f. Verhaltensanalyse-26 Verhaltenspsychologie-42 Verträglichkeit-80, 93, 134 Vertrauenswürdigkeit-95, 116, 127 Verzweiflung-115 Wagner, Cliff-30 Welthandelsorganisation-66 Werte-26, 89, 91, 107, 109, 124, 126 Wiederholungstäter-138, 142 Wirtschaftsspionage-26 Wut-115, 134 Yefimov Alexei-160, 164 Yuzhin, Boris-234 Zarubezhneft-198 Zimri-Lim-52 Zuverlässigkeit-95, 116 Zwang-80, 82 332 Stichwortverzeichnis <?page no="333"?> Abbildungsverzeichnis Abb. 1: Fünf-Faktoren-Modell der Insider-Spionage | Quelle: Danesy, 2024: 109 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 102 Abb. 2: Auslösungsprozess . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111 Abb. 3: Motivationsprozess . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114 Abb. 4: Zusammenfassende Darstellung des Fünf-Faktoren-Modells . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 140 <?page no="334"?> Tabellenverzeichnis Tab. 1: Zuordnung der Faktoren zu den Ansätzen | Quelle: Danesy, 2024: 71 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 85 Tab. 2: Zusammenstellung der Beweggründe für Insider-Spionage | Quelle: Danesy, 2024: 75 . . . . . . . . . . . 90 Tab. 3: Faktoren der Insider-Spionage und ihre Bestandteile | Quelle: Danesy, 2024: 101 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 105 Tab. 4: Bedeutsame Lebensereignisse (Auszug aus Ross & Mirowsky, 1979: 176-177) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106 Tab. 5: Arbeitsbezogene Ereignisse und Situationen, die zu Auslösern werden können | Quelle: auf der Grundlage von Branham 2004: 12-13 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107 Tab. 6: Endwerte nach Rokeach | Quelle: Rokeach, 1979: 62-65 109 Tab. 7: Verantwortungsfelder der organisatorischen Schwachstellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 118 Tab. 8: Fallübergreifender Vergleich der Auslöser . . . . . . . . . . . . 271 Tab. 9: Fallübergreifender Vergleich der Motivationen . . . . . . . 279 Tab. 10: Fallübergreifender Vergleich der organisatorischen Schwachstellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 286 Tab. 11: Fallübergreifender Vergleich der Marktchancen . . . . . . . 290 Tab. 12: Fallübergreifender Vergleich der enthemmenden Faktoren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 296 <?page no="335"?> ISBN 978-3-8252-6479-6 Frank C. Danesy Insider- Spionage Spionagerisiken frühzeitig erkennen und abwehren Insider-Spionage ist ein drängendes Phänomen unserer Zeit, für das bisher keine hinreichende Erklärung existiert. Frank C. Danesy präsentiert mit einem Fünf-Faktoren-Modell einen multidisziplinären Ansatz, der eine Analyse der Insider-Spionage ermöglicht und Wege zur Früherkennung und Prävention aufzeigt. Drei Fallbeispiele veranschaulichen die praktische Anwendung und ein eLearning-Kurs mit rund 200 Fragen hilft beim Verstehen. Das erste deutschsprachige Buch zum Thema richtet sich an Studierende der Politikwissenschaft, der Intelligence Studies sowie der Psychologie, der Wirtschaftswissenschaften und der Rechtswissenschaften. Es ist zudem für Wissenschaft und Praxis wertvoll. utb+ Das Lehrwerk mit dem digitalen Plus Politik- | Rechts- | Wirtschafts- und Sozialwissenschaften Insider-Spionage Danesy Dies ist ein utb-Band aus dem UVK Verlag. utb ist eine Kooperation von Verlagen mit einem gemeinsamen Ziel: Lehr- und Lernmedien für das erfolgreiche Studium zu veröffentlichen. utb.de QR-Code für mehr Infos und Bewertungen zu diesem Titel mit eLearning- Kurs 6479-6_Danesy_M_6479_PRINT.indd Alle Seiten 6479-6_Danesy_M_6479_PRINT.indd Alle Seiten 24.07.25 10: 26 24.07.25 10: 26
