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Geoökonomie, Zölle und Sanktionen

mit eLearning-Kurs

0413
2026
978-3-8385-6586-6
978-3-8252-6586-1
UTB 
Thieß Petersen
10.36198/9783838565866

Die aktuellen Herausforderungen verstehen Die Weltwirtschaft ist im Wandel. Geopolitische Interessen, Zölle und Sanktionen prägen zunehmend den globalen Handel. Sie schwächen die internationale Arbeitsteilung und führen zu Wohlfahrtseinbußen. Thieß Petersen stellt die Geoökonomie vor. Er behandelt u.a. die Wirkungen von Zöllen, Sanktionen und Subventionen, Wechselkursbeeinflussungen sowie die Industrie- und die Handelspolitik. Der Autor zeigt zudem, wie Staaten mit geoökonomischen Spannungen umgehen können. Das Buch richtet sich an Studierende der Wirtschaftswissenschaften, der Politikwissenschaft und der internationalen Beziehungen.

9783838565866/9783838565866.pdf
<?page no="0"?> Thieß Petersen Geoökonomie, Zölle und Sanktionen <?page no="1"?> utb 6586 Eine Arbeitsgemeinschaft der Verlage Brill | Schöningh - Fink · Paderborn - Vandenhoeck & Ruprecht · Göttingen - Böhlau · Wien · Köln Verlag Barbara Budrich · Opladen · Toronto facultas · Wien Walter de Gruyter · Berlin · Boston Haupt Verlag · Bern Verlag Julius Klinkhardt · Bad Heilbrunn Mohr Siebeck · Tübingen Narr Francke Attempto Verlag - expert verlag · Tübingen Psychiatrie Verlag · Köln Psychosozial-Verlag · Gießen Ernst Reinhardt Verlag · München transcript Verlag · Bielefeld Verlag Eugen Ulmer · Stuttgart UVK Verlag · München Waxmann · Münster · New York wbv Publikation · Bielefeld Wochenschau Verlag · Frankfurt am Main UTB (M) Impressum_09_25_4c.indd 1 UTB (M) Impressum_09_25_4c.indd 1 17.09.2025 16: 06: 23 17.09.2025 16: 06: 23 <?page no="2"?> Dr. Thieß Petersen arbeitet bei der Bertelsmann Stiftung in Gütersloh. Er ist Autor zahlreicher Lehrbücher und lehrte langjährig an der Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder). <?page no="3"?> Thieß Petersen Geoökonomie, Zölle und Sanktionen mit eLearning-Kurs <?page no="4"?> DOI: https: / / doi.org/ 10.36198/ 9783838565866 © UVK Verlag 2026 ‒ Ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikro‐ verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Heraus‐ geber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Einbandgestaltung: siegel konzeption | gestaltung Druck: Elanders Waiblingen GmbH utb-Nr. 6586 ISBN 978-3-8252-6586-1 (Print) ISBN 978-3-8385-6586-6 (ePDF) ISBN 978-3-8463-6586-1 (ePub) Umschlagabbildung: © golero ∙ iStock Autorenbild: © privat Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. <?page no="5"?> 9 11 1 15 2 19 2.1 19 2.2 22 2.3 24 2.4 32 2.5 35 3 37 3.1 37 3.2 40 3.3 43 3.4 45 4 47 4.1 47 4.2 51 4.3 54 4.4 60 4.5 62 5 65 5.1 66 5.2 69 Inhalt eLearning-Kurs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Begriffliche Klärungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vorteile der internationalen Arbeitsteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . . David Ricardo und komparative Kostenvorteile . . . . . . . . . Das Heckscher-Ohlin-Modell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Internationaler Handel und Wohlfahrtsgewinne . . . . . . . . . Dynamische Effekte der internationalen Arbeitsteilung . . Zwischenfazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nachteile der internationalen Arbeitsteilung . . . . . . . . . . . . . . . . . Handels- und Leistungsbilanzungleichgewichte . . . . . . . . . Veränderung der Einkommensverteilung . . . . . . . . . . . . . . . Arbeitsplatzverlagerungen durch Offshoring . . . . . . . . . . . Zwischenfazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Protektionismus am Beispiel von Zöllen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Folgen eines Zolls im Stolper-Samuelson-Theorem . . . . . . Wohlfahrtseffekte in einer kleinen Volkswirtschaft . . . . . . Wohlfahrtseffekte in einer großen Volkswirtschaft . . . . . . Dynamische Wirkungen eines Importzolls . . . . . . . . . . . . . Zwischenfazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Geopolitische Motive auf dem Vormarsch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Geopolitische Zielkonflikte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ursachen für die Zunahme geopolitischer Präferenzen . . . <?page no="6"?> 5.3 73 5.4 77 6 79 6.1 80 6.2 81 6.3 84 6.4 88 6.5 90 6.6 95 6.7 99 6.8 103 6.9 107 6.10 110 7 113 7.1 113 7.2 116 7.3 118 7.4 119 7.5 121 7.6 122 7.7 125 8 127 8.1 129 8.2 132 8.3 134 8.4 135 8.5 138 9 141 147 151 Beispiele für Zunahme geopolitischer Konflikte . . . . . . . . . Zwischenfazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Geoökonomische Instrumente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wirtschaftliche Sanktionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Strafzölle, Optimalzoll und Erziehungszoll . . . . . . . . . . . . . Subventionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Industriepolitik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Freihandelsabkommen und Auslandshilfen . . . . . . . . . . . . . Devisenmarktinterventionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Auslandinvestitionen und Kapitalverkehrskontrollen . . . . Stärkung der Wehrfähigkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Hybride Bedrohungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zwischenfazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Geoökonomie am Beispiel von Handelssanktionen . . . . . . . . . . . . Auswirkungen von Export- und Importverboten . . . . . . . . Die Bedeutung von Vorleistungen und Drittländern . . . . . Mittel- und langfristige Effekte für das sanktionierte Land Außenhandel, Wechselkurs und Zinsniveau . . . . . . . . . . . . Empirie zu den wirtschaftlichen Folgen von Sanktionen . . Voraussetzungen für erfolgreiche Sanktionen . . . . . . . . . . . Zwischenfazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Antworten auf geopolitische Spannungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . De-Risking und De-Coupling . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Reshoring, Nearshoring und Friendshoring . . . . . . . . . . . . . Reduktion des Bedarfs von Importen . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abwehr- und Vergeltungsmaßnahmen . . . . . . . . . . . . . . . . . Zwischenfazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fazit und Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anhang: Konsumenten- und Produzentenrente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 Inhalt <?page no="7"?> 158 162 164 Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tabellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inhalt 7 <?page no="9"?> eLearning-Kurs Zu diesem Buch wird ein eLearning-Kurs angeboten. Vor der Lektüre hilft er Ihnen dabei, Ihren aktuellen Wissensstand zu testen. Nach der Lektüre können Sie mithilfe des Kurses das Erlernte auf die Probe stellen und festigen. Der QR-Code bzw. der folgende Link führen Sie zum eLearning-Kurs: https: / / narr.kwaest.io/ s/ 1476 <?page no="11"?> Einleitung Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurden Zölle und andere Han‐ delshemmnisse weltweit abgebaut. Der Fall des Eisernen Vorhangs 1989 band Osteuropa in die Weltwirtschaft ein und stellte somit einen weiteren Globalisierungsschub dar. Und mit Chinas Beitritt zur Welthandelsorgani‐ sation im Jahr 2001 wurden neben China auch große Teile Asiens Teil in die internationale Arbeitsteilung integriert. In den beiden letzten Jahr‐ zehnten gab es jedoch zunehmende Störungen des grenzüberschreitenden Güteraustauschs. Seit der durch die Lehman-Pleite im September 2008 ausgelösten globalen Finanz- und Wirtschaftskrise werden beispielsweise weltweit vermehrt protektionistische Maßnahmen ergriffen. In den letzten Jahren nutzen zudem immer mehr Staaten ihre außenwirtschaftlichen Beziehungen, um damit Einfluss auf andere Länder nehmen zu können und so ihre internationalen Interessen besser verfolgen zu können. An die Stelle einer wohlfahrtssteigernden Globalisierung tritt immer stärker eine Außenwirtschaftspolitik, bei der geopolitische und sicherheitspolitische Aspekte eine wachsende Bedeutung spielen. Das geht zulasten des materi‐ ellen Wohlstands der Menschen, denn Einschränkungen der internationalen Arbeitsteilung bedeuten den Verzicht auf Spezialisierungsgewinne. Hier setzt der Begriff der Geoökonomie an. Er verbindet ökonomische Überlegungen mit geopolitischen Erwägungen, also dem Streben von Staa‐ ten, ihre eigenen Interessen nicht nur im Inland, sondern auch im Rest der Welt durchzusetzen. Ziel dieses Buchs ist es, einen grundlegenden Überblick über Ursachen, Instrumente und Folgen geoökonomischer Strategien zu geben. Dazu werden im → ersten Kapitel einige grundlegende Begriffe und Konzepte im Kontext von Globalisierung und Geoökonomie erläutert. Das → zweite Kapitel gibt einen Überblick über die wichtigsten Gründe und Wirkungszusammenhänge, die dazu führen, dass die internationale Arbeitsteilung für alle beteiligten Volkswirtschaften eine Steigerung ihrer Wohlfahrt bedeutet. Im → dritten Kapitel wird gezeigt, dass die interna‐ tionale Arbeitsteilung auch gravierende wirtschaftliche Nachteile haben kann. Hierzu zählt vor allem eine Veränderung der Einkommensverteilung innerhalb eines Lands. Sie hat zur Folge, dass es im Zuge der Spezialisie‐ <?page no="12"?> rungstendenzen in jedem Land auch Personengruppen geben kann, für die diese Arbeitsteilung Einkommenseinbußen nach sich zieht. Wenn es in einem Land zu spürbaren Einkommensverlusten für be‐ stimmte Personen bzw. Wirtschaftssektoren kommt, greifen Regierungen häufig zu Maßnahmen, die die betroffenen Sektoren vor der ausländischen Konkurrenz schützen. Ein besonders prominentes Instrument dafür sind Zölle. Welche Folgen sie für die wirtschaftliche Entwicklung eines Lands haben können, wird im → vierten Kapitel erläutert. Dabei wird deutlich: Selbst, wenn es gelingt, in den geschützten heimischen Wirtschaftsberei‐ chen Produktion, Beschäftigung und Einkommen zu erhöhen, wird der Wohlstand der Volkswirtschaft als Ganzes dadurch geschmälert. Das → fünfte Kapitel gibt einen Überblick über zentrale Ursachen, die dafür verantwortlich sind, dass geopolitische Erwägungen eine wachsende Bedeu‐ tung für die Ausgestaltung der Außenwirtschaftsbeziehungen von Ländern erhalten. Zu nennen sind in diesem Kontext vor allem die weltweite Rück‐ kehr der Knappheit und das Aufkommen neuer Wirtschaftsmächte, allen voran China. Beides bewirkt eine Zunahme der geopolitischen Spannungen. Im → sechsten Kapitel werden überblicksartig zentrale geoökonomi‐ sche Instrumente erläutert. Dafür gibt es einen umfangreichen Instrumen‐ tenkasten. Die möglichen wirtschaftspolitischen Aktivitäten lassen sich grob unterscheiden in Maßnahmen, die die eigene Wirtschaft stärken, und solche, die die Wirtschaft eines anderen Lands schwächen. Eine Schwächung ausländischer Volkswirtschaften lässt sich beispielsweise durch Sanktionen, Zölle und Exportverbote erreichen. Zur Stärkung der heimischen Wirtschaft bieten sich u. a. Subventionen, industriepolitische Maßnahmen und das Schmieden internationaler Koalitionen mithilfe von Freihandelsabkommen oder Wirtschaftshilfen für ausländische Partnerländer an. Das → siebte Ka‐ pitel widmet sich den Wirkungsmechanismen und Konsequenzen von Han‐ delssanktionen. Sie können sowohl den Export in andere Länder erschweren bzw. verbieten als auch den Import von Waren und Dienstleistungen aus dem Ausland. Diese Sanktionen schwächen die wirtschaftliche Entwicklung im sanktionierten Ausland, sie führen aber auch im sanktionsverhängenden Land zu ökonomischen Schäden. Das → achte Kapitel bietet einige Ansatzpunkte, mit denen Deutschland und die EU auf die wachsende Bedeutung geoökonomischer Phänomene reagieren könnten. Ansatzpunkte sind in diesem Kontext die Reduktion kritischer Importabhängigkeiten, der Abschluss neuer sowie die Vertiefung bestehender Freihandelsabkommen, technologische Fortschritte, die eine 12 Einleitung <?page no="13"?> Rückverlagerung ausgewählter Produktionsprozesse in die EU ermöglichen, die Stärkung des EU-Binnenmarkts und eine Diversifizierung der Zuliefer‐ beziehungen. Diese und andere Maßnahmen sind jedoch auch mit höheren Kosten verbunden, die es zu berücksichtigen gilt. Das abschließende → neunte Kapitel wagt einen Blick in die Zukunft. Die beiden zentralen Thesen lauten wie folgt: Zunächst einmal ist davon auszugehen, dass die Bedeutung geopolitischer Erwägungen für die Aus‐ gestaltung der internationalen Handelsbeziehungen in den nächsten Jah‐ ren und Jahrzehnten weiter an Bedeutung gewinnen wird. Das bedeutet jedoch keinesfalls das Ende der internationalen Arbeitsteilung und der Globalisierung. Vielmehr ist davon auszugehen, dass die Globalisierung ihr Aussehen verändert. Stichworte in diesem Kontext sind eine wachsende Bedeutung von ausländischen Direktinvestitionen, eine Regionalisierung der Wirtschaftsverflechtungen und der verstärkte Einsatz moderner Pro‐ duktionstechnologien, allen voran digitale Technologien. Einleitung 13 <?page no="15"?> 1 Begriffliche Klärungen Das Konzept der Geoökonomie verbindet ökonomische und geopolitische Überlegungen. Damit sind zwei wissenschaftliche Disziplinen beteiligt, die Volkswirtschaftslehre und die politischen Wissenschaften, wobei jedoch die ökonomischen Aspekte überwiegen. Die Berücksichtigung dieser beiden Disziplinen hat zur Folge, dass die Geoökonomie zwei unterschiedliche Ziele verfolgt: Ein ökonomisches - die Steigerung des materiellen Wohlstands der heimischen Bevölkerung - und ein politisches. Letzteres besteht aus der Erhöhung der staatlichen Möglichkeiten, Einfluss auf politische Entschei‐ dungen und Entwicklungen im Ausland zu nehmen. Die ökonomischen Aspekte der Geoökonomie werden durch volkswirt‐ schaftliche Überlegungen abgedeckt. In der Volkswirtschaftslehre geht es im Wesentlichen darum, die materielle Wohlfahrt der heimischen Bevöl‐ kerung unter gegebenen Restriktionen zu maximieren. Im Zentrum der Überlegungen stehen die Produktion und der anschließende Konsum von Gütern. Ein Gut ist ein Mittel zur Bedürfnisbefriedigung. Dabei kann es sich um physische bzw. materielle Güter handeln (das sind Waren) oder um nichtmaterielle Güter, also Dienstleistungen. Ein Weg zur Steigerung der gesamtgesellschaftlichen Wohlfahrt ist die internationale Arbeitsteilung (siehe dazu ausführlicher → Kapitel 2). Das bedeutet, dass sich einzelne Länder auf die Herstellung der Güter konzentrieren, bei deren Herstellung sie im Vergleich zu anderen Volkswirtschaften einen Kostenvorteil haben, und die sie deshalb zu einem geringeren Preis anbieten können als die Unternehmen aus anderen Ländern. Daraus resultiert ein internationaler Handel. Wenn Waren und Dienstleistungen im Ausland verkauft werden, liegt ein Güterexport vor, was kürzer als Export bezeichnet wird. Werden Güter im Ausland gekauft, handelt es sich um einen Import. Die internationale Arbeitsteilung und der daraus resultierende interna‐ tionale Handel sind nur eine ökonomische Verflechtung zwischen verschie‐ denen Ländern. Wird von Globalisierung gesprochen, so liegen weitere grenzüberschreitende Beziehungen vor. Generell bedeutet Globalisierung die ökonomische, soziale und politische Verflechtung der Länder unterein‐ ander. Bei der ökonomischen Globalisierung geht es vor allem um den grenzüberschreitenden Austausch von Gütern (Konsumgüter und In‐ vestitionsgüter, also physische Produktionsmittel wie z. B. Maschinen und <?page no="16"?> Werkzeuge), Rohstoffen, Vorleistungen, Arbeitskräften, Technologien und Wissen sowie Vermögensgegenständen, allen voran Geldkapital. Bei der politischen Dimension der Geoökonomie spielen geopolitische Erwägungen eine zentrale Rolle. Für den Begriff der Geopolitik gibt es keine einheitliche Definition. Bei einer engen Definition, die vor allem für analytische Zwecke genutzt wird, geht es um die Bedeutung geografischer Gegebenheiten für die politischen Handlungsmöglichkeiten eines Staats. Im weiteren Sinne bedeutet Geopolitik, dass Länder danach streben, Einfluss auf oder sogar Kontrolle über andere Regionen in der Welt zu erhalten (vgl. Münkler 2025, S. 100f., Parlament Österreich 2024, S. 3f.). Dieses um‐ fassendere Verständnis des Konzepts der Geopolitik ist stärker auf Konflikte und Rivalität ausgerichtet und kann letztendlich auch militärische bzw. kriegerische Aktivitäten einschließen (vgl. Mohr und Trebesch 2025, S. 4). Weniger drastisch als ein bewaffneter Konflikt ist ein Wirtschafts- oder Handelskrieg. Er liegt vor, wenn eine große Volkswirtschaft versucht, einem kleineren Land seinen Willen mithilfe wirtschaftspolitischer Instru‐ mente aufzuzwingen, ohne dabei jedoch militärische Mittel anzuwenden (vgl. Krause 2019, S. 39). Eng mit der Geopolitik verknüpft ist der Begriff der Geostrategie. Damit ist eine zielgerichtete Außenpolitik eines Staats gemeint, mit der er seine Interessen im Ausland durchsetzen will (vgl. Parlament Österreich 2024, S. 4). Das bedeutet, dass der Staat bereit ist, die wirtschaftliche Stärke seiner Volkswirtschaft sowie seine Handels- und Finanzbeziehungen gezielt einzusetzen, um so seine geopolitischen Ziele durchzusetzen (vgl. Mohr und Trebesch 2025, S. 4). Das Konzept der Geoökonomie betrifft schließlich, wie eingangs an‐ gedeutet, den Zusammenhang zwischen ökonomischen Faktoren und der Geopolitik (vgl. Parlament Österreich 2024, S. 4, Mohr und Trebesch 2025, S. 4). Im Kern geht es darum, dass ein Land seine wirtschaftliche Kraft nutzt, um damit seine geopolitischen Interessen durchsetzen zu können. Hier sind zwei Wechselwirkungen zu beachten. Zum einen ist die Wirtschaftsstärke des eigenen Lands eine Voraussetzung für den Erfolg seiner geopolitischen Aktivitäten. Und zum anderen kann eine erfolgreiche Einflussnahme auf an‐ dere Weltregionen Rückwirkungen auf die heimische Wirtschaftsentwick‐ lung haben. Von zentraler Bedeutung geoökonomischer Phänomene ist der erste Zusammenhang, also die Nutzung der inländischen Wirtschaftsstärke zur Verfolgung der eigenen Geostrategie. Das beinhaltet auch wirtschaftspo‐ litische Instrumente, die die Wirtschaftskraft eines anderen Lands bewusst 16 1 Begriffliche Klärungen <?page no="17"?> schwächen, also z. B. Zölle, Sanktionen und Exportbeschränkungen (vgl. Görg und Kamin 2021, S. 854). Die Geoökonomie verbindet somit wirtschaft‐ liche Instrumente, allen voran die Mittel des internationalen Handels, mit der Logik des Konflikts (vgl. Babić 2025, S. 14). Das bedeutet auch: Eine regel‐ basierte globale Wirtschaftsordnung, die auf einer weltweiten Kooperation beruht, wird bei einer stärkeren geoökonomischen Ausrichtung staatlichen Handelns zunehmend durch eine machtbasierte Wirtschaftsordnung ersetzt. Aus einer Welt der Kooperation wird somit mehr und mehr eine Welt der Konflikte (vgl. Münkler 2025, S. 27). Zentraler Indikator der wirtschaftlichen Stärke eines Lands ist das Brut‐ toinlandsprodukt. Dieses ist jedoch kein Indikator für die gesellschaftliche Wohlfahrt. Die Wohlfahrt ist ein Maß für die Vorteilhaftigkeit, die die Gesellschaft als Ganzes daraus zieht, dass sie eine bestimmte Gütermenge produziert und anschließend konsumiert. Dafür gibt es in der Volkswirt‐ schaftslehre zwei grundlegende Konzepte. Eine Methode zur gesellschaft‐ lichen Wohlfahrtsmessung besteht aus dem Konzept der Konsumenten- und der Produzentenrente. Diese analytischen Instrumente werden im → Anhang erläutert. Das zweite Instrument ist eine soziale Wohlfahrts‐ funktion. Sie bildet die sozialen Präferenzen einer Gesellschaft ab. Eine Wohlfahrtsfunktion ordnet unterschiedlichen Güterbündeln eine Zahl zu, die die Erwünschtheit dieses Bündels aus Sicht der gesamten Gesellschaft ausdrückt (vgl. ausführlicher Petersen 2024). Wissen | Das Bruttoinlandsprodukt (im Folgenden auch BIP) ist der traditionelle Indikator zur Messung der wirtschaftlichen Leistungskraft einer Volkswirtschaft (vgl. Petersen 2018). Es entspricht dem Wert aller Waren und Dienstleistungen, die innerhalb eines Jahrs in einem Land hergestellt werden. Die Messung der wirtschaftlichen Leistungsfähig‐ keit eines Lands mithilfe des BIP hat eine Reihe von Mängeln. Es erfasst z. B. nur wirtschaftliche Aktivitäten, die über Märkte gegen Bezahlung eines Preises getauscht werden, nicht aber wirtschaftliche Aktivitäten, die innerhalb eines Haushalts erfolgen oder die ohne eine monetäre Gegenleistung erbracht werden. Ein anderes Defizit betrifft den Um‐ stand, dass bestimmte Aktivitäten den Wert des BIP erhöhen, obwohl die Versorgung der Bevölkerung mit Gütern unverändert bleibt. Wenn beispielsweise ein Haus brennt und anschließend zahlreiche Schäden beseitigt werden, fließen die mit den Reparaturarbeiten verbundenen 1 Begriffliche Klärungen 17 <?page no="18"?> Geldbeträge in das BIP ein, weil sie eine wirtschaftliche Leistung darstellen. Für die Bewohner wird damit jedoch nur der ursprüngliche Zustand wiederhergestellt. Die Menge des nutzbaren Wohnraums hat sich im Vergleich zur Situation ohne den Brand nicht vergrößert. Dies verdeutlicht, dass das BIP kein Wohlfahrtsmaß ist, sondern lediglich die wirtschaftliche Leistungskraft eines Lands misst. 18 1 Begriffliche Klärungen <?page no="19"?> 2 Vorteile der internationalen Arbeitsteilung Wie im → ersten Kapitel erwähnt, ist es das primäre Ziel der Volkswirt‐ schaftslehre, die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt eines Lands zu maxi‐ mieren. Eine zentrale Aussage volkswirtschaftlicher Überlegung besagt, dass die internationale Arbeitsteilung den materiellen Wohlstand aller beteiligten Volkswirtschaften erhöht - und damit auch die gesamtgesell‐ schaftliche Wohlfahrt. Dafür gibt es verschiedene Erklärungsansätze. Zwei besonders prominente sind das auf David Ricardo zurückgehende Konzept der komparativen Kostenvorteile und das Heckscher-Ohlin-Modell, das auf unterschiedlichen Ausstattungen der Volkswirtschaften mit Produktions‐ faktoren basiert. In einem generelleren Ansatz lässt sich zeigen, dass die internationale Arbeitsteilung und der mit ihr einhergehende Außenhandel immer dann lohnend sind, wenn die Preisverhältnisse im Inland von den Preisverhältnissen des Weltmarkts abweichen. Des Weiteren ergeben sich noch dynamische Wohlfahrtseffekte aus der internationalen Arbeitsteilung. 2.1 David Ricardo und komparative Kostenvorteile Eine der ersten Erklärungen zur Aufnahme grenzüberschreitender Wirt‐ schaftsbeziehungen geht auf den britischen Ökonomen David Ricardo (1772 bis 1823) zurück. Er zeigt, dass die Vorteilhaftigkeit der internationalen Arbeitsteilung nicht auf absoluten Kostenvorteilen basiert, sondern auf relativen. Ricardo verdeutlicht dieses Prinzip mithilfe eines Beispiels, in dem es zwei Länder (England und Portugal) und zwei Waren (Wein und Tuch) gibt. Die pro Jahr hergestellten Mengen an Wein und Tuch sind in beiden Ländern identisch. • England ist dabei in einer wirtschaftlichen Situation, in der die Erzeu‐ gung des von England pro Jahr benötigten Tuchs den Arbeitseinsatz von 100 Personen erfordert. Für die Herstellung der jährlich konsumierten Weinmenge werden 120 Menschen gebraucht. • Portugal benötigt zur Produktion der jährlichen Tuchmenge die Jahres‐ arbeit von 90 Menschen, während für die Herstellung der Weinmenge die Arbeit von 80 Menschen erforderlich ist. <?page no="20"?> Übersichtsartig lassen sich die produktionsbedingt erforderlichen Arbeits‐ mengen in Personenjahren wie in → Tabelle 2.1 darstellen. England Portugal Tuchproduktion: 100 Personenjahre Tuchproduktion: 90 Personenjahre Weinproduktion: 120 Personenjahre Weinproduktion: 80 Personenjahre Tab. 2.1: Notwendiger Arbeitseinsatz zur Herstellung der jährlichen Tuch- und Weinmen‐ gen in England und Portugal Unter diesen Annahmen lohnt sich ein bilateraler Handel für beide Länder, obwohl Portugal beide Produkte mit weniger Arbeitseinsatz als England herstellen kann. Dieses Beispiel beschreibt das so genannte Theorem der komparativen Kostenvorteile. Obwohl Portugal bei der Herstellung von beiden Waren einen absoluten Kostenvorteil hat - und damit zugleich einen Preisvorteil -, ist die Aufnahme von Handelsbeziehungen aus nationaler Sicht dennoch sinnvoll. Das lässt sich wie folgt erklären: • Wenn Portugal auf die Produktion von Tuch verzichtet, spart das Land dadurch die Jahresarbeit von 90 Personen ein. 80 von ihnen werden in der Weinproduktion eingesetzt. Sie produzieren die Menge an Wein, die erforderlich ist, um damit den portugiesischen Jahresverbrauch an Tuch aus England importieren und bezahlen zu können. Damit verbleiben 10 Personen, die zusätzliche Mengen an Wein oder Tuch herstellen können und so die Menge der Konsumgüter in Portugal erhöhen. Der materielle Wohlstand Portugals wird dadurch gesteigert. • Das gleiche Prinzip gilt für die Vorteilhaftigkeit des Handels aus eng‐ lischer Sicht. England verzichtet auf die Herstellung von Wein, spart damit 120 Arbeitskräfte ein und setzt 100 von ihnen in der Tuchproduk‐ tion ein. Das Tuch wird anschließend gegen den portugiesischen Wein eingetauscht, sodass England über die jährlich benötigten Tuch- und Weinmengen verfügt. Die verbleibenden 20 Personen können für die Herstellung von zusätzlichem Tuch bzw. Wein eingesetzt werden. Ricardo zeigt damit, dass die Vorteilhaftigkeit des Handels mit anderen Län‐ dern nicht von den absoluten Kosten der Produktion abhängt. Dieses Theorem lässt sich durch eine Modifikation des Zahlenbeispiels noch verallgemeinern. 20 2 Vorteile der internationalen Arbeitsteilung <?page no="21"?> Hierzu müssen für die Produktionsmengen, die in dem oben genannten Beispiel nicht quantifiziert sind, konkrete Werte genannt werden. • Angenommen wird, dass in England die Arbeit von 100 Personen in der Tuchproduktion ein Produktionsergebnis von 400 Ballen Tuch pro Jahr zur Folge hat, während der Output der 120 Personen im Weinbau aus 240 Fässern Wein besteht. • Die gleichen Mengen an Tuch und Wein lassen sich in Portugal mit den genannten 90 bzw. 80 Menschen herstellen. • Bezogen auf jeweils eine Gütereinheit bedeutet dies, dass in England ein Ballen Tuch die Arbeit von 0,25 Personen erfordert und ein Fass Wein die Arbeit von 0,5 Personen (→ Tabelle 2.2). Damit kostet die Herstellung von einem Fass Wein den Verzicht auf zwei Ballen Tuch. • In Portugal wird zur Produktion eines Ballen Tuchs die Jahresarbeit von 0,225 Personen benötigt und zur Herstellung eines Fasses Wein die von 0,333 Personen. Das hat zur Folge, dass ein Fass Wein den Verzicht auf 1,48 Ballen Tuch bedeutet. England: 100 Personen = 400 Ballen Tuch ⇒ 1 Ballen Tuch = 0,25 Personen 120 Personen = 240 Fässer Wein ⇒ 1 Fass Wein = 0,5 Personen also gilt: 1 Fass Wein = 0,5 Personen = 2 Ballen Tuch Austauschverhältnis in England daher: 1 Fass Wein = 2 Ballen Tuch 0,5 Fass Wein = 1 Ballen Tuch Portugal: 90 Personen = 400 Ballen Tuch ⇒ 1 Ballen Tuch = 0,225 Personen 80 Personen = 240 Fässer Wein ⇒ 1 Fass Wein = 0,333 Personen also gilt: 1 Fass Wein = 0,333 Personen = 1,48 Ballen Tuch Austauschverhältnis in Portugal daher: 1 Fass Wein = 1,48 Ballen Tuch 0,675 Fass Wein = 1 Ballen Tuch Tab. 2.2: Beispiel für das Theorem der komparativen Kostenvorteile 2.1 David Ricardo und komparative Kostenvorteile 21 <?page no="22"?> England verfügt somit über einen relativen Kostenvorteil bei der Produk‐ tion von Tuch: In England kostet die Herstellung von einem Ballen Tuch den Verzicht auf 0,5 Fässer Wein, während die Kosten eines Ballens Tuch in Portugal den Verzicht auf 0,675 Fässer Wein betragen. In Portugal hingegen ist die Herstellung von Wein - gemessen durch den Verzicht auf Tuch - billiger. Im England-Portugal-Beispiel ist das Verhältnis von Weinkosten zu Tuch‐ kosten in jedem der beiden Länder entscheidend. Sobald dieses Verhältnis in den Ländern unterschiedlich ist, lohnt sich die Aufnahme internationaler Handelsbeziehungen. Jedes Land spezialisiert sich dabei auf die Produktion der Güter, bei denen es im internationalen Vergleich einen relativen Kos‐ tenvorteil hat. Das führt in allen Ländern, die sich am internationalen Handel beteiligen, zu einer größeren verfügbaren und konsumierbaren Gütermenge. Und dies erhöht die Konsummöglichkeiten der Bevölkerung und steigert so die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt. 2.2 Das Heckscher-Ohlin-Modell Außenhandel kann zudem entstehen, wenn die beteiligten Länder über unterschiedliche Ausstattungen mit Produktionsfaktoren verfügen. Diese Konstellation wird im so genannten Heckscher-Ohlin-Modell analysiert. Es wurde von den schwedischen Ökonomen Eli Heckscher (1879 bis 1952) und Bertil Ohlin (1899 bis 1979) entwickelt. In diesem Modell gibt es zwei Länder (Deutschland und China), zwei Produktionsfaktoren (Arbeit und Kapital) sowie zwei Güter (Textilien und Stahl). Bei den hergestellten Produkten gibt es für die Verbraucher keine erkennbaren Unterschiede. Die Kaufentscheidung wird daher ausschließlich vom Preis abhängig gemacht. Annahmegemäß verfügen die beiden beteiligten Länder über identische Produktionsverfahren. Dabei gelten folgende produktionstechnologischen Gegebenheiten: • In der Textilproduktion werden relativ viele Arbeitskräfte benötigt und nur relativ wenig Sachkapital. • In der Stahlproduktion werden hingegen viele Maschinen benötigt, aber nur wenige Arbeitskräfte. Die Stahlherstellung ist daher kapitalintensiv, während die Herstellung von Textilien arbeitsintensiv ist. Die deutsche Volkswirtschaft verfügt über relativ wenige Arbeitskräfte, hat aber einen hohen Kapitalbestand. In China ist die Faktorausstattung umge‐ 22 2 Vorteile der internationalen Arbeitsteilung <?page no="23"?> kehrt. Das Land hat viele Arbeitskräfte, aber nur relativ wenig Kapital. Das arbeitsreiche China hat daher einen geringeren Lohn als Deutschland. Im kapitalreichen Deutschland ist hingegen der Preis für den Produktionsfaktor Kapital niedriger als in China. Beide Produktionsfaktoren sind innerhalb eines einzelnen Lands vollkommen mobil (sie können problemlos von der Textilin die Stahlproduktion wandern und umgekehrt), aber zwischen den beiden Ländern vollkommen immobil. Bezüglich der Produktionsbedingun‐ gen und Faktorkosten werden folgende Annahmen getroffen: • In Deutschland ist der Lohn als Preis für den Produktionsfaktor Arbeit mit 25 Euro pro Stunde höher als in China, wo für eine Arbeitsstunde 5 Euro bezahlt werden. • Im kapitalreichen Deutschland liegt der Preis für den Einsatz einer Kapitaleinheit bei 4 Euro, in China bei 18 Euro. • Wegen der Annahme der identischen Produktionstechnologien in bei‐ den Ländern werden sowohl in Deutschland als auch in China für die Herstellung einer Textileinheit 20 Arbeitsstunden und 6 Einheiten Kapital benötigt. • Bei der Produktion einer Einheit Stahl werden in beiden Ländern 8 Arbeitsstunden eingesetzt und 15 Einheiten Kapital. - Deutschland China Lohn je Arbeitsstunde in Euro: 25 5 Preis je Kapitaleinheit in Euro: 4 18 Textilproduktion: Arbeitseinsatz in Stunden: 20 Kapitaleinsatz in Mengeneinheiten: 6 Stahlproduktion: Arbeitseinsatz in Stunden: 8 Kapitaleinsatz in Mengeneinheiten: 15 Tab. 2.3: Rahmenbedingungen in Deutschland und China bei der Stahl- und Textilproduktion 2.2 Das Heckscher-Ohlin-Modell 23 <?page no="24"?> Die Produktionsbedingungen für Stahl und Textilien sind in → Tabelle 2.3 dargestellt. Aus ihnen ergeben sich die in → Tabelle 2.4 berechneten Güterpreise in Deutschland und China. - Arbeitskosten in Euro Kapitalkosten in Euro Gesamtkosten in Euro Deutschland: Textilien: 25 × 20 4 × 6 524 Stahl: 25 × 8 4 × 15 260 China: Textilien: 5 × 20 18 × 6 208 Stahl: 5 × 8 18 × 15 310 Tab. 2.4: Produktionskosten von Stahl und Textilien in Deutschland und China Bei diesen Güterpreisen stellt Deutschland die Textilproduktion ein und im‐ portiert Textilien aus China. Die dadurch in der Textilbranche freigesetzten Produktionsfaktoren werden stattdessen in der Stahlproduktion eingesetzt. Der in Deutschland nicht benötigte Stahl wird nach China verkauft. So bezahlt Deutschland seine Textilimporte aus China. Für die Konsumenten ist das in beiden Ländern eine positive Entwicklung. So können beispielsweise in Deutschland chinesische Textilien konsumiert werden, für die statt 524 Euro nur 208 Euro bezahlt werden. Das hat zur Folge, dass sich die deutschen Verbraucher mit ihren Einkommen mehr Güter leisten können. Gleiches gilt für die chinesischen Konsumenten. Insgesamt führen die internationale Arbeitsteilung und der grenzüberschreitende Handel dazu, dass die Menschen in beiden beteiligten Volkswirtschaften eine größere Gütermenge konsumieren können, für die sie geringere Preise bezahlen müssen. 2.3 Internationaler Handel und Wohlfahrtsgewinne Die wohlfahrtserhöhende Wirkung der internationalen Arbeitsteilung ba‐ siert sowohl im Modell von David Ricardo als auch im Heckscher-Ohlin-Mo‐ dell auf unterschiedlichen Produktionskosten in den beteiligten Ländern. Daraus ergeben sich unterschiedliche Preisrelationen in den verschiedenen Volkswirtschaften. Die Bedeutung unterschiedlicher Preisrelationen lässt 24 2 Vorteile der internationalen Arbeitsteilung <?page no="25"?> sich grafisch mithilfe der gesamtgesellschaftlichen Transformationskurve und Indifferenzkurve analysieren. Ausgangspunkt ist die Maximierung der sozialen Wohlfahrt in einer Volkswirtschaft ohne Außenhandel. Vereinfachend wird dabei von einer Volkswirtschaft mit nur zwei Gütern ausgegangen. Die Produktionstechno‐ logie und die verfügbaren Mengen der Produktionsfaktoren eines Lands sind gegeben und konstant. Werden alle Produktionsfaktoren für die Herstellung des ersten Guts verwendet, lässt sich die Menge x 1max produzieren, während vom zweiten Gut gar keine Einheit hergestellt werden kann. Werden die Produktionsfaktoren hingegen ausschließlich in der Herstellung des zwei‐ ten Guts eingesetzt, resultiert daraus die Menge x 2max . Die herstellbaren Gü‐ terkombinationen lassen sich grafisch durch die Transformationskurve abbilden. Wissen | Die Transformationskurve ist die Kurve, auf der alle Güterbündel liegen, die die Gesellschaft mit den gegebenen Produkti‐ onsfaktoren maximal herstellen kann. Güterkombinationen oberhalb dieser Kurve sind wegen der begrenzten Produktionskapazitäten nicht realisierbar. Bei Punkten unterhalb der Kurve würde die Gesellschaft ihre Produktionsmöglichkeiten nicht vollständig ausnutzen und auf die Herstellung noch möglicher Gütereinheiten verzichten. Der Verlauf der Transformationskurve kann mithilfe der Opportunitätskos‐ ten im Fall einer neoklassischen Produktionsfunktion erläutern werden. Wissen | Eine Produktionsfunktion ordnet jeder Kombination von eingesetzten Produktionsfaktoren die damit maximal herstellbare Gü‐ termenge zu. Eine in volkswirtschaftlichen Analysen häufig verwendete Funktion ist die neoklassische Produktionsfunktion. Sie zeichnet sich durch folgende Eigenschaften aus: Die Funktion arbeitet mit den beiden Produktionsfaktoren Arbeit (also menschliche Arbeitskräfte) und Kapital (das sind Maschinen, Werkzeuge, Gebäude etc., also phy‐ sische Produktionsmittel). Beide Faktoren stehen in einem Substituti‐ onsverhältnis. Das bedeutet: Wenn beispielsweise die Einsatzmenge an Kapital verringert wird, kann die produzierte Gütermenge dennoch konstant bleiben, wenn der Kapitalmindereinsatz durch eine größere 2.3 Internationaler Handel und Wohlfahrtsgewinne 25 <?page no="26"?> Arbeitseinsatzmenge ausgeglichen wird. Wird die Einsatzmenge an Kapital konstant gehalten und die Menge an Arbeit sukzessive erhöht, steigt die produzierbare Gütermenge. Dabei liegen jedoch abnehmende Grenzerträge vor. Die Erhöhung des Arbeitseinsatzes um jeweils eine Mengeneinheit, also z. B. eine Stunde Arbeit, führt zu einem steigenden Output (positiver Grenzertrag). Die Outputzuwächse werden dabei allerdings immer kleiner (abnehmender Grenzertrag). Die Annahme der abnehmenden Grenzerträge hat steigende Grenzkosten zur Folge. Dies lässt sich an einem einfachen Beispiel verdeutlichen: Der hier betrach‐ tete Output ist die in Quadratmetern (qm) gemessene Bodenfläche, die umgegraben werden soll. Der Kapitaleinsatz ist konstant und besteht aus einem Spaten. Der variable Produktionsfaktor ist die in Stunden gemessene Arbeitsmenge. In der ersten Stunde gräbt eine Person 10 qm um. Wegen einsetzender Erschöpfung sind es in der zweiten Stunde nur noch 8 qm, in der dritten 6 qm und so weiter. Bei einem Stundenlohn von 20 Euro verursacht 1 qm während der ersten Stunde also Arbeitskosten in Höhe von 2 Euro. In der zweiten Stunde steigen die Arbeitskosten für 1 qm Boden auf 2,50 Euro, in der dritten auf 3,33 Euro und so weiter. Steht ein Entscheider vor der Wahl zwischen verschiedenen Handlungsop‐ tionen, so ist mit den Opportunitätskosten der Verzicht auf die Güter oder den Nutzen gemeint, der dadurch entsteht, dass die zweitbeste Alternative nicht gewählt wird. Die Opportunitätskosten der gewählten - und daher besten - Alternative bestehen also aus dem Verzicht auf den Nutzen, der mit der zweitbesten - aber nicht realisierten Alternative - verbunden ist. Die Opportunitätskosten lassen sich für jede beliebige Menge eines hergestellten Guts berechnen. • Wird beispielsweise ausgehend vom Punkt Q 1 die produzierte Menge von Gut 2 um eine Mengeneinheit erhöht (Δx 2 = +1), so verlangt dies den Verzicht auf eine bestimmte Menge von Gut 1, beispielsweise auf 0,5 Einheiten (Δx 1 = -0,5). Der Verzicht auf diese Menge von Gut 1 stellt die Opportunitätskosten einer Einheit von Gut 2 dar, d. h. eine Einheit von Gut 2 kostet den Verzicht auf 0,5 Einheiten von Gut 1. • Wird die Produktionsmenge von Gut 2 - ausgehend von dieser neuen Ausgangslage (Q 2 ) - um eine weitere Einheit erhöht, steigt bei einer neoklassischen Produktionsfunktion mit positiven, aber abneh‐ 26 2 Vorteile der internationalen Arbeitsteilung <?page no="27"?> menden Grenzerträgen die Menge des ersten Guts, auf die nun verzichtet werden muss, z. B. auf 1,5 Einheiten (Δx 1 = -1,5). Mit zunehmender Menge von Gut 2 steigen also die Opportunitätskosten des zweiten Guts. Der Verlauf einer Transformationskurve im Fall einer neoklassischen Produktionsfunktion ist in → Abbildung 2.1 dargestellt. x 1 x 2 - ∆ x 1 = 0,5 • • • x 1max Q 1 Q 2 Q 3 • + ∆ x 2 = 1 + ∆ x 2 = 1 - ∆ x 1 = 1,5 • x 2max Abb. 2.1: Transformationskurve bei neoklassischer Produktionsfunktion Während die Transformationskurve die objektiven Produktionsmöglichkei‐ ten einer Volkswirtschaft abbildet, beschreibt die gesellschaftliche Indiffe‐ renzkurve die subjektive Erwünschtheit verschiedener Güterbündelbündel. Die analytische Basis dieser Indifferenzkurve ist die soziale Wohlfahrts‐ funktion. Sie ordnet jedem Güterbündel eine Zahl zu. Diese Zahl drückt den Nutzen (U für utility) aus, den die Gesellschaft aus dem Konsum dieses Güterbündels zieht. Die Wohlfahrtsfunktion beschreibt so die Präferenzord‐ nung der Gesellschaft. Dabei gelten folgende Zusammenhänge: • Wenn die Gesellschaft ein Güterbündel X A höher schätzt als ein Güter‐ bündel X B , dann ist der Wohlfahrtsindex des Güterbündels X A größer als der des Güterbündels X B . Es gilt daher U(X A ) > U(X B ). • Wenn die Gesellschaft zwei Güterbündel X A und X B hingegen gleich einschätzt, also zwischen ihnen indifferent ist, erhalten beide Güterbün‐ del den gleichen Wohlfahrtsindex, sodass U(X A ) = U(X B ) gilt. 2.3 Internationaler Handel und Wohlfahrtsgewinne 27 <?page no="28"?> Bei Wohlfahrtsfunktionen wird in der Regel davon ausgegangen, dass die Nichtsättigungsannahme gilt. Sie besagt, dass aus jeder zusätzlich konsumierten Mengeneinheit eines Guts ein Wohlfahrtszuwachs für die Ge‐ sellschaft resultiert. Es gibt daher annahmegemäß keine Sättigungsgrenzen. Grafisch lässt sich die Bewertung von Güterbündeln durch die Gesellschaft mithilfe von gesellschaftlichen bzw. von sozialen Indifferenzkurven durchführen. Wissen | Die soziale Indifferenzkurve ist die Kurve, auf der alle Güterbündel liegen, die für die Gesellschaft den gleichen Nutzen stiften. Weil alle Güterbündel einer Indifferenzkurve definitionsgemäß den gleichen Nutzen stiften, zieht die Gesellschaft keines der Bündel einem anderen Güterbündel vor. Die Gesellschaft ist daher zwischen allen Güterbündeln dieser Kurve indifferent. Bei einer normalen sozialen Wohlfahrtsfunktion verläuft die gesamtgesell‐ schaftliche Indifferenzkurve konvex zum Ursprung eines entsprechenden Gütermengen-Diagramms (siehe → Abbildung 2.2). Dabei gilt: Je weiter die soziale Indifferenzkurve vom Ursprung entfernt ist, desto höher ist die gesellschaftliche Wohlfahrt. Daher gilt in → Abbildung 2.2: U (I 2 ) > U(I 1 ) > U(I 0 ). x 1 x 2 I 0 I 1 I 2 Abb. 2.2: Verlauf von gesamtgesellschaftlichen Indifferenzkurven 28 2 Vorteile der internationalen Arbeitsteilung <?page no="29"?> Grafisch lässt sich das gesellschaftliche Wohlfahrtsmaximum im Fall von zwei Gütern mithilfe der Transformationskurve und der sozialen Indif‐ ferenzkurve ermitteln. Die Transformationskurve erlaubt die Produktion verschiedener Güterbündel und legt damit den Konsummöglichkeitsraum der Gesellschaft fest. Ziel einer wohlfahrtsmaximierenden Gesellschaft ist es, angesichts dieser Produktionsbzw. Konsumrestriktion die Indifferenz‐ kurve zu erreichen, die am weitesten vom Ursprung entfernt ist. Dieses Ziel wird realisiert, wenn die Transformationskurve eine Indifferenzkurve tan‐ giert. Der so gefundene Tangentialpunkt stellt den optimalen Produktions- und Konsumpunkt der Gesellschaft dar (siehe → Abbildung 2.3). Abb. 2.3: Gesellschaftliches Wohlfahrtsoptimum ohne Außenhandel x 1 x 2 x 2 * x 1 * soziale Indifferenzkurve Transformationskurve • optimaler Konsumpunkt (Q K *) optimaler Produktionspunkt (Q P *) Abb. 2.3: Gesellschaftliches Wohlfahrtsoptimum ohne Außenhandel Ohne die Möglichkeit des Außenhandels sind der Produktionspunkt und der Konsumpunkt der Gesellschaft identisch (Q P * = Q K *). Die Gesellschaft kann nur das konsumieren, was sie auch selbst produziert hat. Durch die Aufnahme von Außenhandel kann das Inland seine Konsummöglichkeiten vergrößern. Ausgehend vom optimalen Produktionspunkt Q P * kann die Gesellschaft eine Mengeneinheit von Gut 1 auf dem Weltmarkt anbieten und dafür z. B. zwei Einheiten von Gut 2 eintauschen. Das Tauschverhältnis ist durch den Weltmarkt festgelegt und für das Inland eine gegebene und unveränderbare Größe. Das Inland wird somit als ein kleines Land angesehen. Dies bedeutet, dass ökonomische Aktivitäten des Inlands, wie 2.3 Internationaler Handel und Wohlfahrtsgewinne 29 <?page no="30"?> beispielsweise eine Erhöhung des Angebots von Gut 1, keinen Einfluss auf die Weltmarktpreise haben. Das Inland kann also annahmegemäß beliebige Mengen von Gut 1 auf dem Weltmarkt anbieten und erhält dafür jeweils zwei Einheiten von Gut 2. Grafisch resultiert daraus eine Tauschgerade (siehe → Abbildung 2.4). x 1 x 2 Transformationskurve • • Tauschgerade I 0 I 1 Konsumpunkt (Q K *) Produktionspunkt (Q P *) Abb. 2.4: Tauschgerade bei Aufnahme von Außenhandel Es ist unmittelbar einsichtig, dass das Inland durch den Gütertausch mit dem Ausland eine Indifferenzkurve erreichen kann, die weiter vom Ursprung entfernt ist und deshalb eine höhere soziale Wohlfahrt darstellt (U (I 1 ) > U (I 0 )). In → Abbildung 2.4 hat die Gesellschaft infolge des Außenhandels jedoch nur ihren Konsumpunkt verändert, während der Produktionspunkt noch der gleiche ist wie ohne Handel mit dem Ausland. Den gesamtgesellschaftlich optimalen Produktions- und Konsumpunkt erreicht die Gesellschaft, wenn sie auch ihre Produktion verändert. Der optimale Produktionspunkt (Q P *) nach Aufnahme des Außenhandels findet sich, indem die Tauschgerade so weit vom Ursprung entfernt wird, dass sie die Transformationskurve gerade noch tangiert. Durch das Ver‐ schieben der Tauschgeraden vergrößert die Gesellschaft ihre Konsummög‐ lichkeiten nochmals. Anschließend wird der optimale Konsumpunkt (Q K *) bestimmt, indem die soziale Indifferenzkurve gewählt wird, die am weitesten vom Ursprung entfernt ist und die Tauschgerade tangiert (siehe 30 2 Vorteile der internationalen Arbeitsteilung <?page no="31"?> → Abbildung 2.5). Die neue Indifferenzkurve (I 2 ) ist weiter vom Ursprung entfernt. Folglich gilt U (I 2 ) > U (I 1 ) > U (I 0 ) und die Gesellschaft kann somit durch den Außenhandel ihre Wohlfahrt steigern. x 1 x 2 Transformationskurve • • Tauschgerade I 2 I 1 • • Ohne Außenhandel: Q P * = Q K * Q P * bei Außenhandel Q K * bei Außenhandel Abb. 2.5: Optimaler Produktions- und Konsumpunkt bei Außenhandel Abschließend lassen sich noch die Mengen an importierten und exportierten Gütern bestimmen. Hierzu müssen lediglich die produzierten und konsu‐ mierten Mengen von Gut 1 und 2 miteinander verglichen werden (siehe → Abbildung 2.6). Die Gesellschaft produziert von Gut 1 die Menge x 1P *, von der sie jedoch nur die Menge x 1K * konsumiert. Die Differenz (x 1P * - x 1K *) wird im Ausland verkauft und stellt somit die Exporte (EX) des Inlands dar. Von Gut 2 produziert die Volkswirtschaft weniger Einheiten (x 2P *) als sie konsumiert (x 2K *). Die Differenz (x 2K * - x 2P *) wird aus dem Ausland beschafft und stellt folglich die Importe (IM) des Inlands dar. 2.3 Internationaler Handel und Wohlfahrtsgewinne 31 <?page no="32"?> x 1 x 2 Transformationskurve Tauschgerade I 2 • • Q P * bei Außenhandel Q K * bei Außenhandel x 1P * x 1K * x 2P * x 2K * IM EX Abb. 2.6: Exporte und Importe bei Aufnahme von Außenhandel Diese grafischen Analysen zeigen, dass die internationale Arbeitsteilung und der internationale Handel die Wohlfahrt einer Gesellschaft erhöhen und somit ökonomisch betrachtet vorteilhaft sind. 2.4 Dynamische Effekte der internationalen Arbeitsteilung Die bisher geschilderten Vorteile der internationalen Arbeitsteilung basie‐ ren auf der Ausnutzung von bestehenden Kostenvorteilen. Die daraus resultierenden Wohlfahrtseffekte sind also das Resultat von statischen Effi‐ zienzgewinnen. Daneben gibt es Wohlfahrtseffekte, die sich erst mit einer gewissen zeitlichen Verzögerung einstellen. Sie werden als dynamische Wohlfahrtsgewinne bezeichnet. Die drei wichtigsten Gründe für derartige Effekte sind Wettbewerbseffekte, Innovationseffekte und Skaleneffekte. Wenn es zu internationalen Handelsbeziehungen kommt, stehen die Unternehmen des Inlands nicht nur mit inländischen, sondern auch mit ausländischen Unternehmen im Wettbewerb. Bei einem steigenden Kon‐ kurrenzdruck wächst der Zwang, die eigenen Produktionskosten zu re‐ duzieren, um im internationalen Wettbewerb bestehen zu können. Der Wettbewerbseffekt der internationalen Arbeitsteilung führt dazu, dass die 32 2 Vorteile der internationalen Arbeitsteilung <?page no="33"?> Unternehmen ihre Anstrengungen intensivieren, um durch technologische Fortschritte ihre Produktionskosten zu verringern. So nimmt ihre preisliche Wettbewerbsfähigkeit zu. In einem Preis-Mengen-Diagramm lassen sich die Folgen eines preisreduzierenden technologischen Fortschritts mithilfe einer Angebots- und einer Nachfragegeraden analysieren: • Die Unternehmen bieten zu jedem beliebigen Preis (p) eine bestimmte Menge (x) des betrachteten Guts an. Die angebotene Gütermenge (x s mit s für supply) hängt in positiver Weise vom Güterpreis ab. Je höher er ist, desto größer ist die angebotene Gütermenge. • Die privaten Haushalte bzw. die Verbraucher machen ihre nachgefragte Gütermenge (x d mit d für demand) ebenfalls vom Güterpreis anhängig. Sie reduzieren ihre nachgefragte Menge, wenn der Preis steigt. • Ein technologischer Fortschritt (TF) hat zur Folge, dass die Unternehmen jede beliebige Gütermenge zu geringeren Kosten herstellen können. Deshalb sind sie in der Lage, ihr Produkt zu einem niedrigeren Preis anzubieten. Das bedeutet, dass die Güterangebotsgerade nach unten verschoben wird (siehe → Abbildung 2.7). p x • x 1 x d x 0 • p 1 p 0 Q 1 Q 0 x s0 x s1 TF Abb. 2.7: Folgen eines kostensenkenden technologischen Fortschritts Der durch den höheren internationalen Wettbewerbsdruck ausgelöste kos‐ tensenkende technologische Fortschritt führt zu einem neuen Marktgleich‐ gewicht. Dieses zeichnet sich durch einen geringeren Güterpreis (p 1 < p 0 ) 2.4 Dynamische Effekte der internationalen Arbeitsteilung 33 <?page no="34"?> und eine größere Gütermenge (x 1 > x 0 ) aus. Für die Konsumenten stellt das eine Wohlfahrtssteigerung dar. Die Konsumentenrente (siehe → Anhang) steigt um die Fläche p 0 Q 0 Q 1 p 1 . Eng mit dem Wettbewerbseffekt verbunden ist der Innovationseffekt. Eine Innovation liegt vor, wenn es in einer Volkswirtschaft zu einem technologischen, organisatorischen oder wirtschaftlichen Wandel kommt. Beispiele sind neue Produkte, neue Produktionsverfahren und neue orga‐ nisatorische Abläufe bei Produktionsprozessen. Wenn diese Innovationen die Produktionskosten reduzieren, haben sie die gleichen ökonomischen Effekte wie ein kostensenkender technologischer Fortschritt. Werden neue Produkte entwickelt, verbessert das die Qualität oder Vielfalt der Güteran‐ gebote. Beides erhöht die quantitative bzw. qualitative Ausstattung der Menschen mit Konsumgütern und bewirkt so eine Wohlfahrtssteigerung. Die Teilnahme am internationalen Handel hat für die betroffenen Unter‐ nehmen schließlich noch die Konsequenz, dass sie für einen größeren Markt produzieren können. Bei einer steigenden Produktionsmenge können sie ihre Fixkosten auf eine größere Menge hergestellter Produkte verteilen. Wissen | Fixkosten sind Kosten, die unabhängig von der produzierten Gütermenge anfallen. Hierzu gehören beispielsweise die Forschungs- und Entwicklungskosten, die zur Entwicklung eines neuen Produkts erforderlich sind. Auch die Kosten für den Bau von Produktionsanlagen und Maschinen - bzw. genauer die jährlichen Abschreibungskosten, die unabhängig davon anfallen, ob etwas produziert wird oder nicht - gehören zu den Fixkosten. Die variablen Kosten sind z. B. Ausgaben für den Materialverbrauch, den Stromverbrauch und für die geleisteten Arbeitsstunden. Die Höhe dieser Kosten hängt von der jährlichen Produktionsmenge ab. Wenn die Fixkosten auf eine größere Gütermenge verteilt werden, redu‐ ziert das die Stückkosten des Unternehmens. Die Stückkosten bzw. die Durchschnittskosten ergeben sich, indem die insgesamt anfallenden Pro‐ duktionskosten (also Fixkosten plus variable Kosten) durch die Anzahl der produzierten Gütereinheiten dividiert werden. Bei einem wachsenden Absatzmarkt können die Unternehmen also ihre Stückkosten und mit ihnen den Güterpreis senken. Dies wird als Skaleneffekt bezeichnet. Die Verbraucher profitieren dadurch von sinkenden Konsumgüterpreisen. 34 2 Vorteile der internationalen Arbeitsteilung <?page no="35"?> 2.5 Zwischenfazit Die Teilnahme an der internationalen Arbeitsteilung und dem damit verbun‐ denen internationalen Handel erhöht in den beteiligten Volkswirtschaften Produktion, Einkommen und Wohlfahrt. Das konkrete Ausmaß dieser Wohl‐ fahrtszuwächse kann mithilfe von mathematischen Verfahren geschätzt werden. So stellte Gabriel Felbermayr 2017 mit Blick auf die Einbindung Deutschlands in den Welthandel fest: „Ohne die Effekte der Handelslibe‐ ralisierung wäre das reale Einkommensniveau in Deutschland heute um schätzungsweise 22 % niedriger“ (SVR 2017, S. 314). Ralph Ossa verweist auf Berechnungen, die bei den Wachstumseffekten des Außenhandels nicht nur das reine Handelsvolumen berücksichtigen, sondern auch kritische Güter. Dies sind Güter, die für das Land besonders wichtig sind, aber nicht selbst hergestellt werden können. Werden diese Gütereigenschaften berück‐ sichtigt, fallen die Handelsgewinne höher aus: „Berechnungen anhand dieser erweiterten Formel bestätigen, dass … ca. ein Drittel des deutschen Realeinkommens dem Außenhandel zuzuschreiben“ (Ossa 2018, S. 14) sind. Die positiven ökonomischen Effekte der internationalen Arbeitsteilung haben also ein durchaus beachtliches Volumen. Allerdings können mit der internationalen Arbeitsteilung auch einige negative gesamtwirtschaftliche Entwicklungen verbunden sein. Die beiden wichtigsten werden im nachfol‐ genden Kapitel beschrieben. 2.5 Zwischenfazit 35 <?page no="37"?> 3 Nachteile der internationalen Arbeitsteilung Die internationale Arbeitsteilung erhöht die Wohlfahrt aller beteiligten Volkswirtschaften in dem Sinne, dass die zur Verfügung stehenden Gü‐ termengen größer sind als ohne den Handel mit anderen Ländern. Alle am Außenhandel beteiligten Volkswirtschaften profitieren daher von ihm. Innerhalb eines Lands kann die internationale Arbeitsteilung jedoch dazu führen, dass einzelne Personengruppen durch den Außenhandel Einkom‐ menseinbußen erleiden können. Das Stolper-Samuelson-Theorem ist ein prominentes Beispiel hierfür. Daneben gibt es ein weiteres makroökonomi‐ sches Problem, das sich aus dem internationalen Handel ergeben kann: globale Handelsbzw. Leistungsbilanzungleichgewichte. 3.1 Handels- und Leistungsbilanzungleichgewichte Die Handelsbilanz eines Lands erfasst die Exporte und Importe von Wa‐ ren und Dienstleistungen, die ein Land innerhalb eines Jahres durchführt. Die Leistungsbilanz enthält neben der Handelsbilanz auch grenzüber‐ schreitende Einkommens- und Transferzahlungen. Da jedoch die Exporte und Importe empirisch den größten Teil der Leistungsbilanz ausmachen, werden die Begriffe Leistungsbilanz und Handelsbilanz hier synonym verwendet. Aus der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung ergeben sich einige grundlegende makroökonomische Zusammenhänge (vgl. zu den nachfol‐ genden Ausführungen Petersen 2013, S. 87-96): Die von einer Volkswirt‐ schaft innerhalb eines Jahrs produzierte Menge an Gütern - also das BIP - kann entweder von den privaten Haushalten konsumiert werden (C für consumption), für die Vergrößerung des gesamtwirtschaftlichen Produkti‐ onsapparats verwendet werden (I für Investitionen), vom Staat verbraucht werden (G für government) oder ins Ausland exportiert werden (EX für Exporte). Die Konsummöglichkeiten des Inlands werden durch den Import von Gütern aus dem Ausland (IM für Importe) erweitert. Damit gelten definitionsgemäß folgende Zusammenhänge: <?page no="38"?> (1) BIP + IM = C + I + G + EX (2) BIP - (C + I + G) = (EX - IM) (2a) BIP > (C + I + G) ⇒ (EX - IM) > 0 (2b) BIP < (C + I + G) ⇒ (EX - IM) < 0 Im Fall (2a) ist die im Inland produzierte Gütermenge größer als die von den inländischen Wirtschaftsakteuren verbrauchte Menge an Waren und Dienstleistungen. Die Gesellschaft lebt so gesehen unter ihren Verhältnis‐ sen, weil sie nicht alle Güter verbraucht, die sie hergestellt hat. Die nicht verbrauchten Güter werden ins Ausland exportiert. Die Volkswirtschaft weist somit einen Exportüberschuss bzw. einen Leistungsbilanzüberschuss auf. Im Fall (2b) verbraucht die Volkswirtschaft mehr Güter, als sie hergestellt hat. Diese Gesellschaft lebt über ihre Verhältnisse und hat ein Leistungsbi‐ lanzdefizit. Für die inländische Bevölkerung bedeutet das eine Steigerung ihrer Konsummöglichkeiten. Ein Exportbzw. Leistungsbilanzüberschuss hat jedoch weitere ökonomi‐ sche Effekte. Eine zentrale Auswirkung betrifft den gesamtwirtschaftlichen Vermögensbestand: • Wenn eine Volkswirtschaft einen Exportüberschuss erwirtschaftet, gibt sie im Außenhandel weniger Geld aus, als sie einnimmt. Das Einkom‐ men der Volkswirtschaft wird also nicht vollkommen ausgegeben, die gesamtgesellschaftliche Ersparnis ist positiv. Ein Exportüberschuss hat somit für das betreffende Land einen Vermögensaufbau gegenüber dem Ausland zur Folge. Dieser kann entweder in Form von zusätzlichen Finanztiteln, also Aktien, Staatsanleihen, Forderungen etc. erfolgen oder in Form von Währungsreserven, d. h. Gold und Devisen. • Umgekehrt gibt ein Land mit einem Handelsbilanzdefizit im Außen‐ handel mehr Geld aus als es einnimmt. Dieses Einnahmedefizit muss finanziert werden. Das Land kann sich dafür entweder im Ausland durch eine Kreditaufnahme verschulden oder seinen Konsum mit dem Verkauf von Vermögenstiteln finanzieren (Gold, Devisen oder Beteiligungen am Produktivkapital in Form von Aktien oder Direktbeteiligungen). Beides hat zur Folge, dass das Vermögen des Lands geringer wird - entweder direkt, weil Finanztitel oder Währungsreserven verkauft werden, oder indirekt, weil die Schulden des Landes gegenüber dem Ausland steigen und das Reinvermögen (also das Vermögen abzüglich der Verbindlichkeiten) schrumpft. 38 3 Nachteile der internationalen Arbeitsteilung <?page no="39"?> Darüber hinaus haben Leistungsbilanzungleichgewichte Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Ein Land mit einem Handelsbilanzüberschuss produ‐ ziert mehr Güter als es verbraucht. Würde dieses Land nur die Dinge produzieren, die es selbst benötigt, wäre dies mit einem geringeren Einsatz von Produktionsfaktoren verbunden, also auch mit einem geringeren Ar‐ beitseinsatz. Der Handelsbilanzüberschuss wirkt sich daher positiv auf das gesamtwirtschaftliche Beschäftigungsniveau aus. Im Fall eines Handelsbi‐ lanzdefizits ist das Beschäftigungsniveau geringer, was zur Arbeitslosigkeit führen kann. Vor dem Hintergrund der skizzierten Zusammenhänge wird deutlich, dass dauerhafte Handelsbzw. Leistungsbilanzdefizite für die betreffenden Volkswirtschaften ein problematisches Phänomen sind. • Das Land lebt über seine Verhältnisse, was für die heimischen Konsu‐ menten zunächst einmal positiv ist. Allerdings zahlt das Land mit einem Leistungsbilanzdefizit einen Preis für den übermäßigen Güterverbrauch. Es muss sich dafür entweder im Ausland verschulden oder Teile des heimischen Vermögens an das Ausland abtreten. • Zudem hat das Leistungsbilanzdefizit eine negative Auswirkung auf den heimischen Arbeitsmarkt. Dort ist das Beschäftigungsniveau tendenziell niedriger und die Arbeitslosigkeit entsprechend höher. Ein Leistungsbilanzüberschuss ist für das betreffende Land ein eher positives Phänomen. Länder mit einem Handelsbilanzüberschuss haben in der Regel ein höheres Beschäftigungsniveau als ohne diesen Überschuss. Zudem erwirtschaften Überschussländer im Außenhandel mehr Einnahmen als Ausgaben, was zu einem Vermögensaufbau gegenüber dem Rest der Welt führt. Aus den Vermögensbeteiligungen entstehen Einkommen, z. B. Dividenden oder Zinseinnahmen. Daraus resultiert für die Volkswirtschaft als Ganzes ein höheres verfügbares Einkommen. Mit ihm kann sich das Land mehr Güter leisten, indem es Waren und Dienstleistungen im Ausland erwirbt und so die Konsummöglichkeiten der inländischen Bevölkerung steigert. Obwohl Leistungsbilanzungleichgewichte also vor allem für die Defizit‐ länder ein Problem darstellen, sind sie auch für ein Überschussland nicht vollkommen risikofrei. Die starke Exportabhängigkeit der Überschussländer führt zu einem raschen Rückgang der Beschäftigung, wenn der Welthan‐ del infolge einer globalen Wirtschaftskrise einbricht oder die wichtigsten Exportländer einen Konjunktureinbruch erleiden. Der Zufluss von Gold- 3.1 Handels- und Leistungsbilanzungleichgewichte 39 <?page no="40"?> und Devisenbeständen erhöht die monetäre Basis der einheimischen Volks‐ wirtschaft, was zu inflationären Tendenzen führen kann. Das Vermögen gegenüber dem Ausland kann an Wert verlieren, wenn diese Forderungen wertlos werden (Bankrott der betreffenden Unternehmen oder sogar des Staats, wenn von ihm festverzinste Staatsanleihen erworben wurden) oder wenn die Währung des Auslands stark abgewertet wird. In allen diesen Fällen hätte das Überschussland seine Güter gegen wertlose Forderungen eingetauscht und im schlimmsten Fall verschenkt. Besonders problematisch sind Handels- und Leistungsbilanzungleichge‐ wichte, wenn sie dauerhaft bestehen - so wie im Fall der USA. Die amerika‐ nische Volkswirtschaft weist seit Jahrzehnten hohe Leistungsbilanzdefizite auf (siehe → Tabelle 3.1). China und Japan haben bereits seit vielen Jahren hohe Leistungsbilanzüberschüsse. Für die EU als Ganzes gilt dies erst seit einigen Jahren. - 2005 2010 2015 2020 2021 2022 2023 2024 EU 49,0 87,2 419,2 376,1 574,9 148,3 493,1 668,7 China 132,4 237,8 293,0 248,8 352,9 443,4 263,4 423,9 Japan 170,1 221,1 136,4 149,9 196,2 89,9 158,5 193,0 USA -749,2 -432,0 -408,5 -601,2 -868,0 -1.012,1 -905,4 -1.133,6 Tab. 3.1: Entwicklung der Leistungsbilanzen ausgewählter Volkswirtschaften für ausge‐ wählte Jahre, Angaben in Milliarden US-Dollar | Quelle: IMF 2025 Diese Entwicklungen sind vor allem dem US-Präsidenten Donald Trump ein Dorn im Auge. Sie sind eine Begründung für seine protektionistische Wirtschaftspolitik, bei der er mit massiven Importzöllen versucht, über sin‐ kende Importe das hohe amerikanische Handels- und Leistungsbilanzdefizit zu verringern. 3.2 Veränderung der Einkommensverteilung Ausgangspunkt für die Analyse der Auswirkungen der internationalen Arbeitsteilung auf die Einkommensverteilung innerhalb eines Lands ist das bereits erläuterte Heckscher-Ohlin-Modell. Die Grundidee dieses Modells lautet mit Blick auf die ökonomische Realität wie folgt: Industrie‐ 40 3 Nachteile der internationalen Arbeitsteilung <?page no="41"?> länder wie Deutschland und die USA sind kapitalreiche Länder, die sich auf die Produktion kapitalintensiver Produkte, wie beispielsweise Stahl spezialisieren. Entwicklungs- und Schwellenländer wie China und Indien sind arbeitsreiche Volkswirtschaften. Sie konzentrieren sich im Rahmen der internationalen Arbeitsteilung auf arbeitsintensiv hergestellte Produkte, wie z. B. Textilien. Jedes Land exportiert die Produkte, auf die es sich spezialisiert, und importiert die nicht mehr hergestellten Produkte aus dem Ausland. Die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt und das BIP der Länder, die sich an dieser Form der Arbeitsteilung beteiligen, nehmen dadurch - wie im → zweiten Kapitel gezeigt - zu. Das bedeutet jedoch nicht, dass auch alle Menschen in den einzelnen Ländern von der internationalen Arbeitsteilung profitieren, denn im Heck‐ scher-Ohlin-Modell hat der Außenhandel auch Konsequenzen für die Ein‐ kommensverteilung. Durch den Export der Güter, bei denen der im Inland reichlich vorhandene Produktionsfaktor besonders intensiv genutzt wird, profitiert dieser Faktor vom Außenhandel. • Im kapitalreichen, aber arbeitsarmen Industrieland ist der Preis für den relativ knappen Faktor Arbeit - also der Lohn - relativ hoch. • Durch die Spezialisierung auf die Produktion des kapitalintensiven Pro‐ dukts steigt die Nachfrage nach Kapital und damit der Preis für diesen Produktionsfaktor, also der Zinssatz. Gleichzeitig geht die Produktion des arbeitsintensiv hergestellten Guts zurück, weil dieses Gut nun aus dem Ausland importiert wird. Damit sinkt die Nachfrage nach Kapital zwar auch ein wenig, per Saldo aber kommt es in dem Land dennoch zu einem Anstieg der Kapitalnachfrage. • Umgekehrt ist die Entwicklung bei der Nachfrage nach Arbeit. Die Arbeitsnachfrage geht durch den Import des arbeitsintensiv produzier‐ ten Produkts stark zurück. Die höhere Produktion des kapitalintensiv hergestellten Produkts erhöht die Nachfrage nach Arbeit nur wenig, sodass es in der Summe zu einem Rückgang der Arbeitsnachfrage kommt. Der Außenhandel führt im Heckscher-Ohlin-Fall somit zu einer Realloka‐ tion der Produktionsfaktoren, bei der die Nachfrage nach dem reichlich vorhandenen Faktor zunimmt, während die Nachfrage nach dem relativ knappen Faktor zurückgeht. Im arbeitsarmen Land wird durch den Import des arbeitsintensiv hergestellten Produkts die Knappheit des Faktors Arbeit reduziert, sodass der Lohn sinkt. Im Ergebnis führt die Aufnahme des 3.2 Veränderung der Einkommensverteilung 41 <?page no="42"?> Außenhandels dazu, dass der im Inland relativ knappe - und daher im Autarkiezustand relativ teure - Produktionsfaktor verliert, während der reichlich vorhandene - und daher ursprünglich auch relativ preiswerte - Faktor gewinnt. Diese Verteilungswirkungen zu Gunsten des reichlich vorhandenen Produktionsfaktors und zu Ungunsten des knappen Faktors werden durch das so genannte Stolper-Samuelson-Theorem beschrieben. Es wurde vom österreichisch-amerikanischen Ökonomen Wolfgang F. Stol‐ per (1912 bis 2002) und dem US-amerikanischen Ökonomen Paul Anthony Samuelson (1915 bis 2009) entwickelt (vgl. Stolper und Samuelson 1941). Dieses Theorem lässt sich mithilfe eines einfachen Beispiels wie folgt verdeutlichen: Angenommen werden ein arbeitsreiches Land A und ein kapitalreiches Land K. In beiden Ländern werden ein arbeitsintensiv her‐ gestelltes Produkt (P a ) und ein kapitalintensiv hergestelltes Produkt (P k ) produziert. Ohne Außenhandel stellen beide Länder beide Produkte her. Mit der Aufnahme des Handels zwischen den beiden Ländern spezialisiert sich jedes Land auf das Produkt, für dessen Herstellung der im Land reichlich vorhandene Produktionsfaktor besonders benötigt wird. Für das arbeitsreiche Land A bedeutet dies Folgendes: • Die Produktion des kapitalintensiv hergestellten Produkts wird verrin‐ gert (P k ↓). Damit geht der Einsatz beider Produktionsfaktoren zurück. Der Rückgang des Arbeitseinsatzes ist dabei relativ gering (A↓), weil von dem Faktor Arbeit nur wenige Mengen bei der Produktion eingesetzt werden. Der Rückgang des Kapitaleinsatzes ist relativ groß (K↓↓), weil von diesem Faktor viele Einheiten benötigt werden. • Die Produktion des arbeitsintensiv hergestellten Produkts wird hinge‐ gen erhöht (P a ↑). Der Anstieg des Kapitaleinsatzes ist dabei relativ gering (K↑), weil von diesem Faktor nur wenige Einheiten in der Produktion eingesetzt werden. Der Anstieg des Arbeitseinsatzes ist hingegen relativ groß (A↑↑), weil von diesem Faktor viele Einheiten benötigt werden. • Per Saldo resultiert daraus im arbeitsreichen Land ein Anstieg des Arbeitseinsatzes(A↑), während der Kapitaleinsatz zurückgeht (K↓). • Der höhere Arbeitseinsatz führt zu einer Erhöhung des Lohns (w↑ mit w für wage), während der Preis für den Faktor Kapital - also der Zins - zurückgeht (r↓ mit r für rate of interest). • Ein steigender Lohn führt in Verbindung mit einem Anstieg des Arbeits‐ einsatzes zu einer Erhöhung der gesamtgesellschaftlichen Lohnsumme (w × A) in Land A. Ein sinkender Preis für den Faktor Kapital führt in 42 3 Nachteile der internationalen Arbeitsteilung <?page no="43"?> Kombination mit einem sinkenden Kapitaleinsatz zu einer Verringerung der Summe der Kapitaleinkommen bzw. kurz der Kapitalsumme (r × K). • Diese Entwicklungen haben zudem zur Folge, dass der Anteil der Lohnsumme am gesamtwirtschaftlichen Einkommen - also die Lohn‐ quote (LQ) - steigt, während Kapitaleinkommensquote bzw. kurz die Kapitalquote (KQ) sinkt. Im kapitalreichen Land K finden die umgekehrten Entwicklungen statt. Dort verschlechtert sich die Einkommenssituation für die Arbeitskräfte, während die Kapitaleigentümer von der höheren Kapitalnachfrage und einem höhe‐ ren Zinssatz profitieren. Diese Zusammenhänge sind übersichtsartig in → Tabelle 3.2 dargestellt. Land A (arbeitsreich) Land K (kapitalreich) Faktoreinsatzmengen (A = Arbeitsmenge, K = Kapitalmenge) Produktion von P k ↓: K ↓↓ A ↓ Produktion von P k ↑: K ↑↑ A ↑ Produktion von P a ↑: K ↑ A ↑↑ Produktion von P a ↓: K ↓ A ↓↓ Gesamteffekt: K ↓ A ↑ Gesamteffekt: K ↑ A ↓ Faktorpreise Lohn (w): w ↑ Lohn (w): w ↓ Zinssatz (r): r ↓ Zinssatz (r): r ↑ Indikatoren der Einkommensverteilung Lohnsumme: (w × A) ↑ Lohnsumme: (w × A) ↓ Lohnquote (LQ): LQ ↑ Lohnquote (LQ): LQ ↓ Kapitalsumme: (r × K) ↓ Kapitalsumme: (r × K) ↑ Kapitalquote (KQ): KQ ↓ Kapitalquote (KQ): KQ ↑ Tab. 3.2: Beispiel für das Stolper-Samuelson-Theorem 3.3 Arbeitsplatzverlagerungen durch Offshoring Das Stolper-Samuelson-Theorem beschreibt eine Situation, in der arbeitsin‐ tensive Produktionsprozesse aus Hochlohnländern wie Deutschland und 3.3 Arbeitsplatzverlagerungen durch Offshoring 43 <?page no="44"?> den USA in Niedriglohnländer wie China und Indien verlagert werden. Diese Arbeitsplatzverlagerung wird als Offshoring bezeichnet. Für die arbeitsreichen Schwellenländer ist das eine positive Entwicklung, weil das dort zu mehr Beschäftigung und höheren Einkommen führt. In den Industrienationen kommt es hingegen zu den skizzierten Beschäf‐ tigungs- und Lohnrückgängen. Diese negativen Arbeitsmarkteffekte sind in den letzten Jahren wiederholt untersucht worden. Eine vielbeachtete Arbeit, die den Einfluss chinesischer Importe auf die Arbeitsmarktentwicklung in den USA untersucht, wurde 2013 veröffentlicht. Die Untersuchung deckt den Zeitraum von 1990 bis 2007 ab. Sie analysiert den Einfluss der chinesischen Importe auf die regionalen amerikanischen Arbeitsmärkte. Die Studienergebnisse zeigen, dass chinesische Importe in den US-Regionen, die überdurchschnittlich hohe Importe aus China aufweisen, zu einem Anstieg der Arbeitslosigkeit und einem Rückgang der Löhne führten (vgl. Autor, Dorn und Hanson 2013). Für Deutschland analysiert eine 2016 veröffentlichte Arbeit den Einfluss von Importen aus China, Lateinamerika und Osteuropa auf die Lohnhöhe und die Beschäftigung in Deutschland zwischen 1995 und 2007. Die Studie belegt den lohn- und beschäftigungssenkenden Effekt der Importe aus arbeitsreichen Ländern mit einem geringeren Lohnniveau für die Importe aus China und Osteuropa. Für Lateinamerika gibt es keine nachweisbaren Arbeitsmarkteffekte (vgl. Bertelsmann Stiftung 2016). Der Grund dafür dürfte das relativ geringe Importvolumen sein. Die Außenhandelsbeziehun‐ gen zwischen Lateinamerika und Deutschland sind vom Volumen her zu gering, um die regionalen deutschen Arbeitsmärkte spürbar zu beeinflussen. Südekum, Dauth und Findeisen kommen zu ähnlichen Einschätzungen (vgl. Südekum, Dauth und Findeisen 2017). Die berechneten Arbeitsmarkteffekte chinesischer Importe in Deutsch‐ land sind jedoch geringer als in den USA. Grund dafür ist die Struktur der produzierten Güter. China exportierte in den Untersuchungszeiträumen vor allem arbeitsintensiv produzierte Waren wie Textilien, Schuhe, Computer- und Elektroteile sowie billige Massenware. Dies sind größtenteils auch Produkte, die in den USA hergestellt wurden, sodass dort die betroffenen Ar‐ beitsplätze wegfielen. Deutschland hatte und hat hingegen einen größeren Anteil qualitativ hochwertigerer Produkte wie Autos, Produktionsmaschi‐ nen sowie chemische Produkte (vgl. Ritter und Ulrich 2025, S. 1f.). Diese Produkte gehörten in den untersuchten Zeiträumen nicht oder bestenfalls in geringem Umfang zu Chinas Produkten. Daher litten die regionalen 44 3 Nachteile der internationalen Arbeitsteilung <?page no="45"?> deutschen Arbeitsmärkte in den ersten beiden Jahrzehnten des 21. Jahrhun‐ derts weniger unter den chinesischen Importen - dem sogenannten ersten China-Schock - als die USA. Mit Blick auf die nächsten Jahre und Jahrzehnte ist jedoch zu erwarten, dass sich das ändert. Im Rahmen des zweiten China-Schocks, der 2020 begann, fördert China eine Vielzahl von innovativen Sektoren. Zu nennen sind u. a. die Luftfahrt, der Bereich Robotik und künstliche Intelligenz (KI), die Telekommunikation, Mikroprozessoren, die Kern- und Fusionsenergie, Quantencomputer, Biotechnologie und Pharmazeutik sowie die Solarener‐ gie, die Batterieproduktion und die Elektromobilität. Diese Produkte stehen in unmittelbarer Konkurrenz zu Europas Kernindustrie und setzen diese entsprechend unter Druck (vgl. Tordoir und Setser 2025). 3.4 Zwischenfazit Im → zweiten Kapitel wurde gezeigt, dass die internationale Arbeitsteilung die Wohlfahrt aller beteiligten Volkswirtschaften erhöht. Ein Grund dafür sind Importe. Sie haben zur Folge, dass dem Inland eine größere Gütermenge zur Verfügung steht. Zudem reduziert der Import preiswerter Produkte die Güterpreise und damit das inländische Preisniveau. Gleichzeitig aber kön‐ nen Importe auch negative wirtschaftliche Konsequenzen nach sich ziehen. Zum einen können hohe Importe zu einem Handelsbzw. Leistungsdefizit führen. Daraus können sich gesamtwirtschaftliche nachteilige Effekte erge‐ ben. Zu denken ist dabei vor allem an ein geringeres Beschäftigungsniveau und eine steigende Auslandsverschuldung. Zum anderen hat die Teilnahme an der internationalen Arbeitsteilung Auswirkungen auf die Einkommens‐ verteilung im Inland. In hochentwickelten Industrienationen bewirkt der Handel mit Niedriglohnländern einen tendenziellen Rückgang von Beschäf‐ tigung, Lohnhöhe und damit den Arbeitseinkommen. Davon sind vor allem geringqualifizierte Arbeitskräfte betroffen. Diese Arbeitsmarkteffekte sind ein Motiv für den Einsatz von Importzöllen. Wie diese funktionieren und welche Auswirkungen sie auf die sektorale und die gesamtwirtschaftliche Höhe von Produktion und Einkommen haben, wird im nachfolgenden Kapitel erläutert. 3.4 Zwischenfazit 45 <?page no="47"?> 4 Protektionismus am Beispiel von Zöllen Zölle auf importierte Produkte werden seit Jahrhunderten immer wieder eingesetzt. In der Regel sollen so ausgewählte heimische Sektoren vor der Konkurrenz aus dem Ausland geschützt werden. Im Kontext der inter‐ nationalen Arbeitsteilung sind das in den entwickelten Industrienationen wie Deutschland und den USA gegenwärtig vor allem Branchen, in denen arbeitsintensiv hergestellte Güter produziert werden. Die Unternehmen dieser Branchen stehen in Konkurrenz zu Anbietern aus weniger entwickel‐ ten arbeitsreichen Volkswirtschaften. Wegen der geringeren Löhne in den arbeitsreichen Volkswirtschaften sind die Unternehmen der Industrieländer oftmals preislich nicht wettbewerbsfähig. Das kann die Regierungen in den Industrieländern zu einem Importzoll auf arbeitsintensive Produkte bewegen. 4.1 Folgen eines Zolls im Stolper-Samuelson-Theorem Eine Standardaussage der Außenwirtschaftstheorie besagt, dass der inter‐ nationale Handel den materiellen Wohlstand aller beteiligten Volkswirt‐ schaften erhöht. Das bedeutet jedoch nicht, dass alle Individuen von der internationalen Arbeitsteilung profitieren. Das im → dritten Kapitel skizzierte Stolper-Samuelson-Theorem zeigt, dass der Außenhandel unter bestimmten Umständen einzelnen Personengruppen innerhalb der am Handel beteiligten Länder in dem Sinne schaden kann, dass sich deren Einkommenssituation verschlechtert. Außenhandel führt dann zu Vertei‐ lungskonflikten, in denen es Gewinner und Verlierer gibt. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Verlierer sich für wirtschaftspolitische Maß‐ nahmen einsetzen, die den Außenhandel einschränken. Wenn beispiels‐ weise im arbeitsreichen Land die Kapitaleigentümer eine Begrenzung der Importe von kapitalintensiv hergestellten Produkten erreichen können, nimmt die inländische Produktion des kapitalintensiven Produkts zu. Der damit verbundene Anstieg der Nachfrage nach Kapital erhöht den Zinssatz und verbessert so die Einkommensposition der Kapitaleigentümer. <?page no="48"?> Die Konsequenzen eines Importzolls lassen sich mithilfe des im → Abschnitt 3.2. skizzierten Beispiels mit zwei Ländern (Deutschland und China) und zwei Gütern (Stahl und Textilien) verdeutlichen. Wird davon ausgegangen, dass beide Länder im Vergleich zum Rest der Welt kleine Länder sind und daher den Weltmarktpreis für Stahl (p Sta ) und Textilien (p Tex ) nicht beeinflussen können, so sind die beiden Produktpreise für Deutschland und China exogene Größen. Wissen | Ein ökonomischer Indikator ist für einen Wirtschaftsakteur eine exogene Größe, wenn er die Höhe dieses Indikators durch sein eigenes Verhalten nicht beeinflussen bzw. verändern kann. Eine exogene Größe ist somit für den Wirtschaftsakteur eine Konstante. Ebenfalls exogen und damit kurzfristig nicht beeinflussbar sind die Pro‐ duktionsbedingungen. Dies bedeutet, dass die Menge an Arbeit, die zur Herstellung einer Mengeneinheit Stahl - also der Arbeitsinputkoeffizient (a Sta ) - in beiden Ländern gegeben und konstant ist. Gleiches gilt für den notwendigen Arbeitsinput zur Herstellung einer Mengeneinheit Textilien (a Tex ) sowie die entsprechenden Kapitalinputkoeffizienten (k Sta und k Tex ). Die Preise für die beiden Produkte setzen sich aus den jeweiligen Arbeitskosten (Arbeitsinputkoeffizient × Lohnsatz) und Kapitalkosten (Kapitalinputkoef‐ fizient × Zinssatz) zusammen. Daraus ergeben sich zwei Preisgleichungen, wobei das w für den Lohn steht (w für wage) und das r für den Zinssatz (r für rate of interest) als Preis für eine Kapitaleinheit. (1) p Sta = a Sta × w + k Sta × r (2) p Tex = a Tex × w + k Tex × r Wird zudem davon ausgegangen, dass es in beiden Ländern nur diese beiden Produkte und nur diese beiden Produktionsfaktoren gibt, lassen sich daraus für jedes Land der Lohnsatz und Zinssatz berechnen, bei denen der Arbeitsmarkt und der Kapitalmarkt im Gleichgewicht sind. In den Gleichungen (1) und (2) sind die Güterpreise und die Inputkoeffizienten exogene, also vorgegebene und konstante Größen. Das Gleichsystem hat somit zwei Gleichungen und zwei Unbekannte - den Lohnsatz w und den Zinssatz r. Grafisch lässt sich dieses Problem wie folgt lösen: 48 4 Protektionismus am Beispiel von Zöllen <?page no="49"?> • In einem Lohnsatz-Zinssatz-Diagramm können die beiden Preisgeraden eingezeichnet werden. Die Preisgerade für Stahl gibt dabei jede Kombination aus Lohnsatz und Zinssatz an, die in Kombination mit den exogen vorgegebenen Inputkoeffizienten (a Sta und k Sta ) die Gesamtkosten in Höhe des ebenfalls exogen vorgegebenen Stahlpreises ergeben. • Wenn also beispielsweise der Weltmarktpreis für eine Tonne Stahl 100 Euro beträgt und für die Herstellung einer Tonne Stahl in Deutsch‐ land 10 Stunden Arbeit (a St = 10) und 5 Einheiten Kapital (k St = 5) benötigt werden, so sind zahlreiche Kombinationen aus Lohn- und Zinssatz möglich, die zu Gesamtkosten in Höhe von 100 Euro führen. • Bei einem Zinssatz von null, also einem Preis von null Euro pro Kapitaleinheit, ist ein Lohnsatz von 10 Euro pro Arbeitsstunde mög‐ lich. Wenn der Einsatz einer Kapitaleinheit hingegen 5 Euro kostet, fallen Kapitalkosten in Höhe von 25 Euro an, sodass der Lohnsatz jetzt nur noch bei 7,50 Euro liegen darf. Bei einem höheren Lohn würde der Stahlpreis nicht mehr alle Produktionskosten decken. Die maxi‐ mal möglichen Kapitalkosten, die gerade noch eine kostendeckende Produktion erlauben, setzen einen Lohnsatz von null Euro voraus. In diesem Fall führt ein Preis von 20 Euro pro Kapitaleinheit zu Produktionskosten, die vom geltenden Weltmarktpreis in Höhe von 100 Euro gedeckt werden. Für den Preis einer Mengeneinheit aus der Textilbranche gelten die entspre‐ chenden Überlegungen. Die zulässigen Lohn-Zins-Kombinationen können in einem entsprechenden Diagramm eingetragen werden (siehe → Abbil‐ dung 4.1). Die Preisgerade für Textilien verläuft dabei steiler als die für Stahl. Dies lässt sich wie folgt erklären: Weil für die Herstellung einer Einheit Textilien relativ wenig Kapital erforderlich ist, kann diese Branche auch bei einem hohen Zinssatz produzieren. Der maximal zulässige Lohnsatz ist hingegen im Vergleich zur Stahlbranche geringer, weil die Textilproduktion annahmegemäß arbeitsintensiver ist. 4.1 Folgen eines Zolls im Stolper-Samuelson-Theorem 49 <?page no="50"?> Zinssatz (r) Lohnsatz (w) w* • Preisgleichung Textilien Preisgleichung Stahl r* Abb. 4.1: Preisgeraden und Faktorpreise bei Außenhandel Aus dem Schnittpunkt der beiden Preisgleichungen ergeben sich der gleich‐ gewichte Lohn- und Zinssatz (w* und r*) für die Volkswirtschaft. Die Beteiligung am internationalen Handel äußert sich in den vom Weltmarkt exogen vorgegebenen Preisen für die Güter. Wie bereits gezeigt wurde, führt die Beteiligung am Außenhandel für das kapitalreiche Deutschland dazu, dass sich die Einkommenssituation für die Arbeitskräfte verschlechtert. Die Verringerung des Lohnsatzes in Deutschland, die aus der Teilnahme am internationalen Handel resultiert, lässt sich abmildern, wenn auf das importierte, arbeitsintensiv produzierte Gut ein Zoll erhoben wird. Wenn Deutschland in dieser Situation also einen Zoll auf die importierten Textilien erhebt, erhöht dies den Preis für Textilien in Deutschland. Der durch den Importzoll erhöhte Preis erlaubt es den heimischen Unternehmen, ihre Textilien für einen höheren Preis in Deutschland anzubieten. In dem Zinssatz-Lohnsatz-Diagramm hat dies zur Folge, dass die Preisgerade für Textilien nach rechts verschoben wird. Die Preisgerade für Stahl bleibt unverändert, weil der Stahlpreis konstant geblieben ist. Daraus ergibt sich ein neuer Schnittpunkt der Preisgeraden (siehe → Abbildung 4.2). Der Zoll auf die importierten Textilien führt dazu, dass der Lohnsatz in Deutschland höher ist, während der Zinssatz geringer ist. In einer arbeits‐ armen Volkswirtschaft haben die Arbeitnehmer daher einen Anreiz, sich für 50 4 Protektionismus am Beispiel von Zöllen <?page no="51"?> die Einführung eines Importzolls auf arbeitsintensiv hergestellte Produkte einzusetzen. Zinssatz (r) Lohnsatz (w) w* • Preisgleichung Textilienalt Preisgleichung Stahl r* Preisgleichung Textilienneu r* neu • w* neu Abb. 4.2: Preisgeraden bei einem Importzoll auf Textilien Die Vorteilhaftigkeit eines Importzolls für den konkurrierenden inländi‐ schen Sektor lässt sich auch mithilfe einer Analyse der Zollwirkungen in einem Preis-Mengen-Diagramm nachweisen. Dort wird jedoch deutlich, dass der Schutz eines einzelnen Wirtschaftssektors für die Volkswirtschaft als Ganzes im Normalfall mit einem Wohlfahrtsverlust verbunden ist. 4.2 Wohlfahrtseffekte in einer kleinen Volkswirtschaft Die ökonomischen Folgen eines Zolls auf importierte Güter lassen sich in einem Preis-Mengen-Diagramm wie folgt darstellen: Ausgangspunkt ist eine Volkswirtschaft, für die der Weltmarktpreis (p W ) eines Produkts eine exogene und damit gegebene Größe ist. Das Land ist also eine kleine Volks‐ wirtschaft. Grafisch bedeutet dies, dass die Angebotsgerade des Rests der Welt (x sWelt ) in einem Preis-Mengen-Diagramm parallel zur Mengen-Achse verläuft (siehe → Abbildung 4.3). Die Angebotskurve der heimischen Unternehmen (x sInland ) hat den üb‐ lichen steigenden Verlauf. Eine größere Menge wird nur zu höheren 4.2 Wohlfahrtseffekte in einer kleinen Volkswirtschaft 51 <?page no="52"?> Preisen angeboten. Das Nachfrageverhalten der heimischen Konsumenten entspricht der Annahme des Nachfragegesetzes, d. h. die Nachfragegerade (x dInland ) hat einen fallenden Verlauf. Ein Land importiert ein bestimmtes Produkt, wenn dessen Preis im Rest der Welt (p W ) geringer ist als der Preis, der sich im Inland ohne grenzüber‐ schreitende Handelsbeziehungen ergibt (p Inl. ). Wenn das Inland in dieser Situation seine Grenzen für ausländische Produkte öffnet, sinkt der Preis, den die heimischen Verbraucher zahlen müssen, auf das Weltmarktniveau. Für die Verbraucher ist dies eine positive Entwicklung: Sie können eine größere Gütermenge (x dInl.,1 > x 0 ) zu einem geringeren Preis erwerben (p W < p Inl. ). Die inländischen Unternehmen reduzieren hingegen ihre Produktion, weil sie nun nur noch den geringeren Weltmarktpreis erhalten. Die von ihnen angebotene Gütermenge geht zurück (von x 0 auf x sInl.,1 ). Die Differenz zwischen der gestiegenen Nachfrage und dem gesunkenen Güterangebot wird durch die aus dem Ausland importierten Produkte gedeckt. p x x sInl. ↓ p Inl. p W x sInland x sInl.,1 x dInl. ↑ x dInl.,1 x dInland x sWelt • • • Q 0 Q‘ 1 Q 1 Import x 0 Abb. 4.3: Marktgleichgewicht in einer offenen Volkswirtschaft Die Produktionsrückgänge in den heimischen Unternehmen, deren Pro‐ dukte nun durch die Importe verdrängt werden, haben oftmals zur Folge, dass die Unternehmen - inklusive der dort beschäftigten Menschen - einen 52 4 Protektionismus am Beispiel von Zöllen <?page no="53"?> Schutz vor der ausländischen Konkurrenz fordern. Diesem Wunsch kann durch einen Importzoll nachgekommen werden. Er erhöht den Preis, den die einheimischen Verbraucher für Produkte aus dem Ausland bezahlen müssen. Damit werden die Angebote der inländischen Unternehmen wieder wettbewerbsfähiger. Der Schutz der einheimischen Unternehmen lässt sich mit einem Men‐ genzoll (z für Zollsatz) erreichen. Das bedeutet, dass auf jede importierte Mengeneinheit ein fester Geldbetrag als Zoll erhoben wird, z. B. 25 Euro pro Tonne Stahl. Dadurch wird die Angebotsgerade des Rests der Welt um diesen Geldbetrag nach oben verschoben. Hieraus resultiert ein neues Marktgleichgewicht, bei dem der Preis für das betreffende Produkt im Inland die Höhe (p W + z) hat (siehe → Abbildung 4.4). p x x sInl.,0 p W x s x sWelt ohne Zoll x sInl.,1 x dInl.,0 x dInl.,1 x dInland x sWelt mit Zoll p W + z • • a b d c • • e • • f Import z x sInland Abb. 4.4: Folgen eines Importzolls (z) Der Importzoll bedeutet also einen Schutz des inländischen Sektors vor der Konkurrenz aus dem Ausland. Wegen des höheren Preises im Inland weiten die heimischen Unternehmen ihre Produktion aus (von x sInl.,0 auf x sInl.,1 ). In der Regel ist ein höheres Produktionsniveau auch mit einem höheren Beschäftigungsniveau verbunden. Im geschützten Sektor nehmen also Produktion, Beschäftigung und Einkommen zu. 4.2 Wohlfahrtseffekte in einer kleinen Volkswirtschaft 53 <?page no="54"?> Dieser Schutz hat jedoch einen Preis. Die inländischen Nachfrager müssen nun einen höheren Güterpreis zahlen. Das reduziert die Kaufkraft ihrer Einkommen. Für die Konsumenten bedeutet dies, dass die Menge der Konsumgüter, die sie sich mit ihren Einkommen leisten können, geringer wird. Die Konsummöglichkeiten der einheimischen Verbraucher werden somit kleiner. Für die Konsumenten ist der Importzoll daher eine nutzenre‐ duzierende Maßnahme. Auch für die Volkswirtschaft als Ganzes bedeutet die Einführung eines Importzolls in der Summe eine Reduktion der Wohlfahrt: • Die Produktion der inländischen Unternehmen nimmt zu. Daraus resul‐ tiert ein Anstieg der Produzentenrente um die Fläche (p W + z c a p W ). • Die Verbraucher konsumieren eine geringere Gütermenge, für die sie einen höheren Preis zahlen müssen. Die Konsumentenrente sinkt daher um die Fläche (p W + z d b p W ). • Der Höhe der staatlichen Zolleinnahmen ergibt sich aus der Multiplika‐ tion der Importmenge mit dem Zollsatz. Das entspricht der Fläche (c d e f). • Insgesamt resultiert aus diesen drei Effekten ein gesamtwirtschaftlicher Wohlfahrtsverlust. Er entspricht der Summe der beiden hellblauschraf‐ fierten Dreiecke (a e c) und (d b f). Der Schutz eines einzelnen Sektors bedeutet somit für die Volkswirtschaft als Ganzes eine Reduktion ihrer gesellschaftlichen Wohlfahrt. 4.3 Wohlfahrtseffekte in einer großen Volkswirtschaft Die Wohlfahrtseffekte eines Importzolls ändern sich, wenn die Annahme einer kleinen Volkswirtschaft aufgegeben wird. Im Fall einer großen Volks‐ wirtschaft haben das Angebots- und Nachfrageverhalten des Inlands Ein‐ fluss auf die Höhe des Weltmarktpreises. Die Einführung eines Importzolls führt dazu, dass die Nachfrage der inländischen Wirtschaftsakteure nach dem Produkt des Auslands zurückgeht. Auf dem Weltmarkt führt das für sich genommen zu einem Angebotsüberschuss. Dieser hat zur Folge, dass der Preis für dieses Produkt auf dem Weltmarkt sinkt (von p W0 auf p W1 in → Abbildung 4.5). Die ökonomischen Konsequenzen eines sinkenden Weltmarktpreises lassen sich wie folgt zusammenfassen: Die Produktion der inländischen 54 4 Protektionismus am Beispiel von Zöllen <?page no="55"?> Unternehmen wird geringer. Daraus resultiert ein Rückgang der Produzen‐ tenrente um die Fläche (p W0 a c p W1 ). Die Verbraucher können eine größere Gütermenge konsumieren, für die sie einen geringeren Preis zahlen. Die Konsumentenrente wächst um die Fläche (p W0 b f p W1 ). Insgesamt bedeuten beide Entwicklungen einen Anstieg der gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrt um die Fläche (a b f c). p x x sInl.,0 p W1 p W0 x sInland x sWelt,1 x sInl.,1 x dInl.,0 x dInl.,1 x dInland x sWelt,0 • • • • • • a b d c e f Abb. 4.5: Folgen eines sinkenden Weltmarktpreises Dem wohlfahrtserhöhenden Effekt eines geringeren Weltmarktpreises, sind die Wohlfahrtsverluste entgegenzustellen, die mit der Erhebung eines Zolls verbunden sind. Der Effekt eines geringeren Weltmarktpreises in Kombina‐ tion mit einem Importzoll, der den geringeren Weltmarktpreis verursacht, wird in → Abbildung 4.6 dargestellt. • Ohne einen Zoll stellt sich ein Marktgleichgewicht ein, bei dem die in‐ ländischen Unternehmen die Menge x sInl.,0 anbieten und die Verbraucher die Menge x dInl.,0 nachfragen. • Wenn eine große Volkswirtschaft nun einen Importzoll erhebt, geht der Weltmarkpreis zurück auf p W1 und ist damit geringer als in der Ausgangssituation (p W1 < p W0 ). • Der Preis, den die inländischen Verbraucher zahlen, liegt hingegen wegen des zu zahlenden Importzolls über dem ursprünglichen Welt‐ 4.3 Wohlfahrtseffekte in einer großen Volkswirtschaft 55 <?page no="56"?> marktpreis (p W1 + z > p W0 ). Er muss höher sein als der ursprüngliche Weltmarktpreis, denn nur dann geht die Nachfrage des Inlands zurück. Und erst dieser Nachfragerückgang führt zu einem sinkenden Welt‐ marktpreis. Die Wohlfahrtseffekte, die sich aus der Erhebung eines Importzolls im Fall einer großen Volkswirtschaft ergeben, lassen sich wie folgt quantifizieren: • Die steigende Produktion der inländischen Unternehmen bewirkt einen Anstieg der Produzentenrente um die Fläche (p W1 + z Q s1 Q s0 p W0 ). • Die Verbraucher schränken ihre Güternachfrage ein und müssen einen höheren Preis bezahlen. Das führt zu einer Verringerung der Konsumen‐ tenrente um die Fläche (p W1 + z Q d1 Q d0 p W0 ). • Die staatlichen Einnahmen aus der Erhebung eines Importzolls entspre‐ chen der Fläche (Q s1 c d Q d1 ). Abb. 4.6: Wohlfahrtseffekte eines Importzolls in einer großen Volkswirtschaft p x x sInl.,0 p W1 p W0 Q d1 x sInland x sWelt,1 x sInl.,1 x dInl.,0 x dInl.,1 x dInland x sWelt,0 x sWelt,1 mit Zoll p W1 + z • • • • • • • • Q d0 Q s1 Q s0 a b d c Abb. 4.6: Wohlfahrtseffekte eines Zolls einer großen Volkswirtschaft Aus diesen Wohlfahrtseffekten resultiert insgesamt eine Steigerung der gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrt um die dunkelblauschraffierte Fläche (a b c d) und eine Reduzierung um die beiden hellblauschraffierten Dreiecke (Q s1 a Q s0 ) und (Q d1 b Q d0 ). In → Abbildung 4.6 ist das Viereck (a b c d) größer als die Summe der beiden Dreiecke. Der Importzoll erhöht also per Saldo 56 4 Protektionismus am Beispiel von Zöllen <?page no="57"?> die Wohlfahrt der Volkswirtschaft. Das gilt jedoch nicht für jede Höhe eines Zolls auf importierte Produkte. Die Wohlfahrtseffekte, die ein Importzoll hervorruft, hängen maßgeblich von der Höhe des Zollsatzes ab. Dabei sind folgende Zusammenhänge zu beachten: • Wenn ausgehend von einer Situation des Freihandels ein geringer Im‐ portzoll eingeführt wird, hat dieser mit Blick auf die Konsumentenrente nur eine geringe Reduktion zur Folge. Damit sind auch die Dreiecke, die einen Wohlfahrtsverlust bedeuten, klein (in → Abbildung 4.6 die Flächen Q s1 a Q s0 und Q d1 b Q d0 ). Die Zolleinnahmen, die dem Staat zuflie‐ ßen, sind zunächst noch relativ hoch. Das liegt daran, dass bei einem nur geringen Zollsatz noch sehr viele Mengeneinheiten des ausländischen Produkts importiert werden. Die Folge: Der Wohlfahrtszuwachs, der aus den staatlichen Zolleinnahmen resultiert (in → Abbildung 4.6 die Fläche a b c d), ist in diesem Fall größer als die Wohlfahrtseinbuße der Konsumenten. • Bei einem weiter steigenden Zollsatz setzt sich diese Entwicklung zunächst fort, d. h. mit einem steigenden Zollsatz wird die durch die Summe aus Konsumentenrente, Produzentenrente und staatlichen Zoll‐ einnahmen ausgedrückte gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt größer. • Ab einem bestimmten Zollsatz kippt dieser Zusammenhang jedoch: Je höher der Zollsatz ausfällt, desto größer wird die Differenz zwischen dem Weltmarktpreis und dem Preis, den die inländischen Verbraucher zahlen müssen (Weltmarktpreis plus Importzoll). Damit werden die Flächen der wohlfahrtsreduzierenden Dreiecke größer. Gleichzeitig gehen die staatlichen Zolleinnahmen zurück. Grund ist, dass die impor‐ tierte Gütermenge immer kleiner wird. Der steigende Zollsatz kann den aus einer schrumpfenden Importmenge resultierenden staatlichen Einnahmenrückgang nicht mehr kompensieren. Diese Situation ist in → Abbildung 4.7 dargestellt. Dort ist die Fläche, die sich aus den beiden Dreiecken (Q s1 a Q s0 und Q d1 b Q d0 ) ergibt, größer als das Viereck (a b c d). In der Summe bedeutet der Importzoll des Inlands in diesem Fall einen Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrt. 4.3 Wohlfahrtseffekte in einer großen Volkswirtschaft 57 <?page no="58"?> Abb. 4.7: Importzoll in einer großen Volkswirtschaft mit Wohlfahrtsverlust p x x sInl.,0 p W1 p W0 Q d1 x sInland x sWelt,1 x sInl.,1 x dInl.,0 x dInl.,1 x dInland x sWelt,0 x sWelt,1 mit Zoll p W1 + z • • • • • • • • Q d0 Q s1 Q s0 a b d c Abb. 4.7: Importzoll einer großen Volkswirtschaft mit Wohlfahrtsverlust Aus diesen Überlegungen lässt sich der Zusammenhang zwischen der gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrt (definiert als Summe aus Konsumenten‐ rente, Produzentenrente und Staatseinnahmen) in Abhängigkeit von der Höhe des Zollsatzes abbilden (siehe → Abbildung 4.8). • Ausgangspunkt ist eine offene Volkswirtschaft ohne einen Zoll auf importierte Produkte. Der Zollsatz hat somit einen Wert von null (z = 0), es herrscht Freihandel (Q F ). Die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt ist im Fall des Freihandels (W F ) höher als in einer geschlossenen Volkswirtschaft, also einer Situation der Autarkie (W A ). Grund dafür ist der im → zweiten Kapitel erläuterte Wohlfahrtszuwachs, der sich in einer offenen Volkswirtschaft aus dem niedrigeren Weltmarktpreis für das Importgut ergibt. • Bei einem steigenden Zollsatz kommt es zunächst zu dem in → Ab‐ bildung 4.6 skizzierten Wohlfahrtszuwachs. Die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt wird mit einem steigenden Zollsatz größer. Diese Entwick‐ lung hält an, bis der Zollsatz den erwähnten Kipppunkt erreicht. Der Zollsatz z* ist somit der optimale Zollsatz bzw. der Optimalzoll. Mit ihm erreicht die Volkswirtschaft die höchstmögliche Wohlfahrt (W*). Bei einem Zollsatz, der höher ist als z*, kommt es zu den skizzierten Wohlfahrtseinbußen. Die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt wird gerin‐ 58 4 Protektionismus am Beispiel von Zöllen <?page no="59"?> ger. Sie ist aber zunächst noch größer als im Fall der Autarkie, weil es immer noch zu Importen kommt. • Wenn der Zollsatz jedoch so hoch wird, dass der Preis, den die inländi‐ schen Käufer für ein importiertes Produkt zahlen müssen, wegen des Importzolls größer ist als der Preis, der sich im Inland ohne außenwirt‐ schaftliche Beziehungen einstellt, wird das betreffende Produkt nicht mehr importiert. Ein Zollsatz, der die Importe zum Erliegen bringt (z A mit p W + z A = p Inl. ), hat also zur Folge, dass sich das Land mit Blick auf das betrachtete Produkt im Zustand der Autarkie befindet (Q A mit einer Wohlfahrt in Höhe von W A ). Wohlfahrt (W) Zollsatz (z) z* W F Q F W = f(z) • • Q* Q A z A W* • W A z = 0 Abb. 4.8: Zollsatz und gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt | Quelle: Siebert 2000, S. 189 Ein großes Land kann seinen Importzoll also so variieren, dass es die heimische Wohlfahrt damit steigert. Es kann den Zoll aber auch einsetzen, um andere Länder wirtschaftlich unter Druck zu setzen. Diese Zielsetzung wird im → sechsten Kapitel näher untersucht. 4.3 Wohlfahrtseffekte in einer großen Volkswirtschaft 59 <?page no="60"?> 4.4 Dynamische Wirkungen eines Importzolls Neben den bisher genannten Effekten eines Importzolls, die das Resultat einer komparativ-statischen Analyse sind, gibt es dynamische Zollwirkun‐ gen, von denen die wichtigsten hier kurz skizziert werden sollen. Zunächst einmal hat die Importbeschränkung durch das Inland eine Verringerung der Nachfrage nach der ausländischen Währung zur Folge, was eine Abwertung der ausländischen und damit eine Aufwertung der heimischen Währung bewirkt. Das lässt sich wie folgt erklären: • Der Wert einer Währung ergibt sich auf dem Devisenmarkt aus dem Zusammenspiel von Devisenangebot und Devisennachfrage. • Europäische Bürger fragen Dollar nach, wenn sie US-Produkte kaufen wollen. Diese Importe werden letztendlich in Dollar bezahlt, denn die US-Unternehmen müssen ihre Löhne, Mieten, Steuern usw. mit Dollar bezahlen. • Falls die Europäische Union (EU) nun einen Zoll auf US-Importe erhebt, fragen die Europäer weniger amerikanische Produkte nach. Die Importe der EU aus den USA gehen zurück. Ein Rückgang der europäischen Nachfrage nach US-Produkten bewirkt eine geringere Dollarnachfrage. • Angenommen wird in der Ausgangssituation, dass ein Euro einen Wert von einem US-Dollar hat. Wenn die Dollarnachfrage sinkt, ist das Dollarangebot höher als die Nachfrage. Der Preis für einen Dollar sinkt. Das bedeutet beispielsweise, dass ein Dollar nun nur noch 0,80 Euro wert. Dies wird als eine Dollarabwertung bezeichnet. Gleichzeitig steigt der Preis für einen Euro an den Devisenmärkten auf 1,25 Dollar. Das ist eine Aufwertung des Euros. Der Importzoll der EU auf amerikanische Produkte bewirkt also eine Aufwertung des Euros. Sie verteuert die europäischen Exportgüter in den USA und führt dadurch zu einem Rückgang der Exporte der EU. Dieser Exportrückgang schadet nicht nur der heimischen Exportindustrie, sondern sie schwächt auch alle inländischen Zuliefererbetriebe. Das Spiegelbild einer Aufwertung des Euros ist eine Abwertung des Dollars. Sie verringert in der EU die Preise für amerikanische Produkte. Folglich werden einige Verbraucher in der EU auf US-Produkte umsteigen und ihre Nachfrage nach europäischen Konkurrenzangeboten reduzieren. Das verringert in den europäischen Unternehmen, die diese Produkte herstellen, die Produktion. Sinkende Exporte und steigende Importe haben somit zur Folge, dass in 60 4 Protektionismus am Beispiel von Zöllen <?page no="61"?> der EU Produktion, Beschäftigung und Einkommen zurückgehen (siehe → Abbildung 4.9) - und damit auch die gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt. Abb. 4.9: Auswirkungen einer Euro-Aufwertung auf das BIP der EU Importzoll der EU auf US-Produkte Produktion und BIP der EU ↓ Aufwertung des Euros Abwertung des Dollars Exporte der EU in die USA ↓ Importe der EU aus den USA ↑ Abb. 4.9: Auswirkungen einer Euro-Aufwertung auf das BIP der EU Zweitens stellt der Rückgang der europäischen Importe aus Sicht der USA eine Verringerung ihrer Exporte dar. Dieser Exportrückgang in den USA verringert dort die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und damit auch das verfügbare Einkommen der US-Wirtschaft. Folglich geht die amerikanische Importnachfrage zurück. Da diese amerikanische Importnachfrage die Ex‐ porte der EU betrifft, findet in der EU ein zusätzlicher Rückgang der Exporte statt, der wiederum negative Konsequenzen für Produktion, Beschäftigung und Wohlfahrt hat. Drittens ist zu bedenken, dass die europäische Wertschöpfung auf im‐ portierte Vorprodukte angewiesen ist. Wenn sich diese durch einen Zoll verteuern, erhöhen sich die Produktionskosten der europäischen Anbie‐ ter. Damit verteuern sich die Exportgüter der EU, was die internationale Wettbewerbsfähigkeit europäischer Unternehmen beeinträchtigt und die Nachfrage nach europäischen Exportgütern verringert. Viertens hat der Schutz der einheimischen Unternehmen zur Folge, dass dort der Zwang zur Kostenreduzierung durch technologische und organisa‐ torische Innovationen nachlässt. Der in → Abbildung 2.7 im → zweiten Kapitel erläuterte preisreduzierende Effekt des technologischen Fortschritts fällt geringer aus oder unterbleibt sogar vollständig. Das schwächt die Produktivitätsentwicklung im Inland und damit die internationale Wettbe‐ werbsfähigkeit der inländischen Unternehmen. Schließlich geht das Konzept des Optimalzolls nur auf, wenn die übrigen Handelspartner auf diese protektionistische Maßnahme nicht reagieren. Das ist jedoch unwahrscheinlich. Wenn das Ausland ebenfalls mit Importzöllen 4.4 Dynamische Wirkungen eines Importzolls 61 <?page no="62"?> oder anderen Handelshemmnissen reagiert, gehen auch die Exporte des Inlands zurück. Am Ende schrumpft der weltweite Handel und alle Volks‐ wirtschaften erleiden Wohlfahrtsverluste (vgl. Felbermayr 2018, S. 18). 4.5 Zwischenfazit Importzölle können die Wettbewerbsfähigkeit eines inländischen Sektors, der international nicht mehr wettbewerbsfähig ist, stärken. In dem so geschützten Wirtschaftssektor nehmen Produktion und Beschäftigung zu. Allerdings zahlt die Volkswirtschaft als Ganzes einen Preis für diesen Schutz: Die inländischen Verbraucher müssen nun einen höheren Preis für das betroffene Produkt zahlen. Das senkt ihre Kaufkraft und reduziert die Konsummöglichkeiten. Sofern Vorleistungen mit einem Zoll belegt werden, steigen die Produktionskosten der inländischen Unternehmen, die diese Vorleistungen nutzen. Das reduziert ihre preisliche internationale Wettbewerbsfähigkeit. Im Inland gehen Produktion und Beschäftigung daher zurück. Die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt sinkt, d. h. die Einkom‐ menszuwächse des geschützten Sektors sind vom Betrag her geringer als die Einkommensverluste der übrigen Wirtschaftssektoren. Die beschriebenen wachstumsdämpfenden Effekte, die sich für ein Land ergeben, das sich vor den Importen aus dem Ausland schützt, sind mehr als nur theoretische Überlegungen. Es gibt zahlreiche historische Beispiele, in denen Länder zum Schutz einzelner Branchen handelsbeschränkende Maß‐ nahmen ergriffen haben und damit der eigenen Volkswirtschaft per Saldo wirtschaftliche Schäden bescherten. Die USA haben derartige Maßnahmen besonders häufig angewendet. Ein frühes Beispiel ist das generelle Han‐ delsembargo, das unter Präsident Thomas Jefferson beschlossen wurde und von Dezember 1807 bis März 1809 galt. Es führte zu einem nahezu vollständigen Zusammenbruch des US-Außenhandels. Der daraus resultie‐ rende Rückgang des amerikanischen Bruttonationaleinkommens wird auf 5 Prozent geschätzt (vgl. Irwin 2005, S. 643). Eine ebenfalls sehr weitgehende Beschränkung des amerikanischen Au‐ ßenhandels erfolgte durch den „Smoot-Hawley Tariff Act“. Dieses 1930 erlassene Bundesgesetz hob die Importzölle für mehr als 20.000 Produkte erheblich an. Das konkrete Ausmaß der Wirkung dieses Gesetzes auf die amerikanische Wirtschaft ist nicht eindeutig quantifizierbar. Klar ist jedoch, dass diese Handelsbeschränkungen den wirtschaftlichen Abschwung in den 62 4 Protektionismus am Beispiel von Zöllen <?page no="63"?> USA während der Weltwirtschaftskrise verschärften. So ging das amerikani‐ sche Bruttonationaleinkommen zwischen 1929 und 1933 um rund 30 Prozent zurück. Crucini und Kahn gehen davon aus, dass bis zu einem Drittel dieses Rückgangs auf Handelsbeschränkungen zurückzuführen ist (vgl. Crucini und Kahn 2003, S. 11). Ein Beispiel für Strafzölle aus der jüngeren Vergangenheit sind die Schutz‐ zölle für Stahl, die unter Präsident Bush 2002 in den USA eingeführt wurden. Der damit verbundene Anstieg des Stahlpreises führte nach Schätzungen im Laufe des Jahres 2002 in den USA insgesamt zu einem Verlust von rund 200.000 Arbeitsplätzen. Das waren mehr Arbeitsplätze, als die gesamte amerikanische Stahlindustrie im gleichen Jahr hatte (187.500 im Dezember 2002, vgl. Francois und Baughman 2002, S. 12). 4.5 Zwischenfazit 63 <?page no="65"?> 5 Geopolitische Motive auf dem Vormarsch Die internationale Arbeitsteilung war seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs von einem deutlichen Abbau bestehender Handelshemmnisse geprägt. Das äußert sich vor allem darin, dass die weltweit geltenden Importzölle spürbar abgebaut wurden. Ein wichtiges Instrument zur Reduktion der Zölle ist das Allgemeine Zoll- und Handelsabkommen (General Agreement on Tariffs and Trade, kurz GATT), das am 30. Oktober 1947 abgeschlossen wurde. Zentrales Ziel dieses Abkommens ist der Abbau von Handelshemmnissen. In verschiedenen Verhandlungsrunden einigten sich die Mitgliedsländer u. a. auf eine Verringerung der Zölle. Der Erfolg dieser Verhandlungen äußert sich darin, dass die durchschnittlichen Zölle im weltweiten Handel bis Anfang der 1990er-Jahre auf 3,8 Prozent sanken. Kurz nach dem Krieg lag der weltweit geltende durchschnittliche Zollsatz bei 40 Prozent (siehe → Tabelle 5.1). GATT-Runde Jahr der Umsetzung durchschnittl. Zollsatz Abschluss des GATT 1947 40,0 % Annecy 1949 30,0 % Torquay 1951 25,0 % Genf 1956 23,0 % Dillion-Runde (1960 bis 1962) 1962 15,0 % Kennedy-Runde (1964 bis 1967) 1967 10,0 % Tokio-Runde (1973 bis 1979) 1979 6,4 % Uruguay-Runde (1986 bis 1993) 1993 3,8 % Hinweis: Die Zollsätze beziehen sich auf das Jahr der vollständigen Umsetzung der vereinbarten Zollsenkungen. Tab. 5.1: Entwicklung der weltweiten durchschnittlichen Importzölle | Quelle: Busse 2001, S. 12 <?page no="66"?> Die mit dem Abbau dieser und weiterer Handelshemmnisse verbundene Intensivierung der internationalen Arbeitsteilung hat, wie im → zweiten Kapitel gezeigt, die materielle Wohlfahrt der Volkswirtschaften weltweit erhöht. In den letzten Jahren ist jedoch eine Änderung bezüglich der Zielsetzung der außenwirtschaftspolitischen Ausrichtung in immer mehr Ländern er‐ kennbar. Eine wachsende Zahl von Regierungen verfolgt mit ihrer Außen‐ wirtschaftspolitik nicht mehr nur die Steigerung des materiellen Wohlstands ihrer Bevölkerung, sondern auch das Erreichen geopolitischer Ziele. Wenn mit einem wirtschaftspolitischen Instrument zwei Ziele verfolgt werden, ergibt sich häufig ein Zielkonflikt: Die stärkere Gewichtung eines Ziels, z. B. die Erhöhung des geopolitischen Einflusses des eigenen Lands, geht zulasten des zweiten Ziels, also des materiellen Wohlstands. Aus diesem Zielkonflikt ergibt sich ein Optimierungsproblem. 5.1 Geopolitische Zielkonflikte Das Optimierungsproblem betrifft die Frage, wie stark eine Regierung die Verfolgung der beiden Ziele gewichten soll. Diese Frage lässt sich mithilfe einer gesamtwirtschaftlichen Transformationskurve und einer so‐ zialen Indifferenzkurve beantworten. Beide Analyseinstrumente sind im → Abschnitt 2.3 erläutert. In diesem Fall gibt es zwei politische Ziele, die die Gesellschaft verfolgt: die Steigerung des materiellen Wohlstands der heimischen Bevölkerung (MW) und die Erhöhung der geopolitischen Macht (GPM) des eigenen Lands. Der materielle Wohlstand ist dabei zu verstehen als die Menge der Güter, die der Bevölkerung eines Lands für Konsumzwecke zur Verfügung steht. Zur Erreichung beider Ziele müssen knappe Ressourcen eingesetzt werden, vor allem Arbeitskräfte und Sachkapital. Für einen gegebenen Zeitraum, also beispielsweise ein Jahr, sind die insgesamt verfügbaren Mengen dieser Ressourcen gegeben und nicht steigerbar. Die Gesellschaft muss sich also entscheiden, für welche Zwecke sie diese Ressourcen einsetzt. • Eine Fachkraft kann in der Produktion von Konsumgütern eingesetzt werden. Das vergrößert die Konsummöglichkeiten der einheimischen Bevölkerung und somit ihren materiellen Wohlstand. Diese Fachkraft kann aber auch genutzt werden, um militärische Geräte zu warten. Diese Dienstleistung fließt zwar in das BIP ein, aber sie erhöht nicht die 66 5 Geopolitische Motive auf dem Vormarsch <?page no="67"?> Versorgung der Menschen mit Konsumgütern. Dieser Zielkonflikt wird im → Abschnitt 6.8 unter dem Begriff Guns-versus-Butter-Problem näher erläutert. • Ein anderes Beispiel, das diesen Zielkonflikt beschreibt, betrifft den Ort des Einsatzes knapper Ressourcen. Ein Land kann produktive Ressour‐ cen direkt im Ausland einsetzen, um dort seinen Einfluss zu steigern. Es könnte sich z. B. den Zugriff auf ausländische Rohstoffvorkommen sichern, indem es im Land mit den Rohstoffen Förderanlagen erstellt und dort zudem den Bau der notwendigen Infrastruktur für den Transport der Rohstoffe unterstützt. Die dafür erforderlichen Produktionsfaktoren stehen nicht mehr für die Produktion von Waren und Dienstleistungen im Inland zur Verfügung. Das reduziert die herstellbare Konsumgüter‐ menge. Gleiches gilt, wenn ein Land Militärstützpunkte im Ausland errichtet. Der Zielkonflikt zwischen einem hohen materiellen Wohlstand und einer Stärkung der geopolitischen Macht ist indirekt bereits im → Abschnitt 4.2 angesprochen worden: Ein Land kann seine geopolitische Machtposition ge‐ genüber einem anderen Land z. B. dadurch verbessern, dass es die Produkte des anderen Lands mit einem Importzoll belegt. Im Ausland gehen deshalb Produktion und Einkommen zurück. Das schwächt die Wirtschaftskraft des Auslands. Und da die wirtschaftliche Stärke eine zentrale Grundlage für geopolitische Macht ist, sinkt die geopolitische Macht des Auslands. Solange die wirtschaftlichen Schäden der Zollerhebung im Ausland größer sind als im Inland, verbessert das die Machtposition des Inlands. So gesehen verzich‐ tet das Inland bewusst auf einen Teil seines wirtschaftlichen Wohlstands, um dafür seine geopolitische Position zu verbessern. Die Ausführungen des nachfolgenden → sechsten Kapitels zeigen, dass dieses grundsätzliche Prinzip, nach dem eine Stärkung der geopolitischen Machtposition in der Regel durch den Verzicht auf materiellen Wohlstand erkauft werden muss, für sehr viele geoökonomische Instrumente gilt. Somit besteht ein Zielkonflikt zwischen der Steigerung des materiellen Wohlstands der heimischen Bevölkerung und der Steigerung der geopo‐ litischen Machtposition des eigenen Lands. Grafisch lässt sich dies mit der in → Abschnitt 2.3 erläuterten Transformationskurve erläutern. Alle möglichen Kombinationen von materiellem Wohlstand und geopolitischer Macht liegen auf der Transformationskurve (T) in → Abbildung 5.1. Wenn die Gesellschaft alle verfügbaren Ressourcen ausschließlich zur Stei‐ 5.1 Geopolitische Zielkonflikte 67 <?page no="68"?> gerung ihres materiellen Wohlstands einsetzt, kann sie den Punkt A in → Abbildung 5.1 erreichen. Die Verfolgung geopolitischer Ziele macht es erforderlich, einige der insgesamt zur Verfügung stehenden Ressourcen für die Erreichung dieses Ziels einzusetzen. Die Erhöhung des geopolitischen Einflusses geht daher mit Einbußen beim materiellen Wohlstand einher. Und wie bereits im → Abschnitt 2.3 gezeigt, werden die Reduktionen des materiellen Wohlstands immer größer, je höher der geopolitische Einfluss wird. MW GPM GPM 0 MW 1 I 0 T • • Q 0 Q 1 I 1 GPM 1 MW 0 • A Abb. 5.1: Wachsende Relevanz geopolitischer Macht Die gesellschaftliche Erwünschtheit verschiedener Kombinationen von ma‐ teriellem Wohlstand und geopolitischer Macht wird durch die soziale Indifferenzkurve (I) ausgedrückt. Grundlage dieser Kurve ist die Überzeu‐ gung, dass sowohl eine Zunahme des materiellen Wohlstands als auch eine Zunahme des geopolitischen Einflusses bzw. der dafür erforderlichen geo‐ politischen Macht den gesellschaftlichen Nutzen erhöhen. Die Gesellschaft maximiert ihren Nutzen, wenn die soziale Indifferenzkurve die Transforma‐ tionskurve gerade noch tangiert. Die genaue Lage dieses Tangentialpunkts hängt maßgeblich von der Lage der sozialen Indifferenzkurve ab. In → Abbildung 5.1 hat die Gesellschaft in der Ausgangssituation (I 0 mit Q 0 ) eine relativ hohe Präferenz für einen materiellen Wohlstand. Im Zeitablauf kann sich diese gesamtgesellschaftli‐ 68 5 Geopolitische Motive auf dem Vormarsch <?page no="69"?> che Präferenz dahingehend ändern, dass der materielle Wohlstand weniger stark gewünscht wird und geopolitische Erwägungen an Relevanz gewin‐ nen (I 1 mit Q 1 ). Alternativ können die beiden Indexzahlen auch für zwei verschiedene Gesellschaften stehen, die zu einem identischen Zeitpunkt unterschiedliche Präferenzen bezüglich der beiden Aspekte Wohlstand und geopolitische Macht haben. 5.2 Ursachen für die Zunahme geopolitischer Präferenzen Der Wunsch, die geopolitische Position des eigenen Lands zu stärken, kann verschiedene Motive haben. Eine erste mögliche Unterscheidung bezieht sich auf geopolitische Macht als Selbstzweck oder als Mittel zur Erreichung anderer Ziele. • Geopolitische Macht als Selbstzweck: In diesem Fall wird die Verfol‐ gung geopolitischer Ziele als ein Wert an sich angesehen. Ein größerer Einfluss auf die Entscheidungen in einem anderen Land hat in diesem Fall einen Wert bzw. Sinn in sich selbst - das Land zieht einen Nutzen aus dem Umstand, dass es Einfluss auf andere Länder ausüben kann. Wenn ein Land dafür knappe Ressourcen aufwendet, sind sie der Preis für eine größere geopolitische Macht. • Geopolitische Macht als Mittel: In diesem Fall sind geopolitische Ziele kein Selbstzweck, sondern lediglich ein Mittel zur Erreichung anderer Ziele. Das ist z. B. der Fall, wenn sich ein Industrieland durch die finanzielle Unterstützung eines Entwicklungs- oder Schwellenlands mit umfangeichen Rohstoffvorkommen den langfristigen Zugriff auf diese Rohstoffe sichert. Die Verfolgung geopolitischer Ziele in der Gegenwart hat dann einen positiven Effekt auf den zukünftigen materiellen Wohl‐ stand einer Volkswirtschaft. Die knappen Ressourcen, die ein Land in diesem Fall einsetzt, sind eine Investition in den zukünftigen materiellen Wohlstand der eigenen Bevölkerung. Eine ähnlich gelagerte Zweiteilung der Motivation für das Streben nach geopolitischer Macht ist die Unterscheidung zwischen ökonomischen und nicht-ökonomischen Interessen. Für das Streben nach geopolitischer Macht ohne ökonomische Interessen sind vor allem drei Motive denkbar: 5.2 Ursachen für die Zunahme geopolitischer Präferenzen 69 <?page no="70"?> • Ein Motiv ist der Wunsch der Bevölkerung - oder der politischen Entscheider -, Kontrolle über die Politik anderer Staaten zu erlangen. Dieses Motiv war beispielsweise entscheidend für den Imperialismus des 19. Jahrhunderts (vgl. Fenske 1991, S. 660f.). • Denkbar ist auch eine zivilisatorische Mission. Sie wurde vor allem in der Phase des Kolonialismus als eine Begründung dafür herangezogen, dass entwickelte europäische Länder Regionen außerhalb Europas eroberten (vgl. Fenske 1991, S. 664f.). • Schließlich ist noch an den Wunsch von Politikern oder Herrschern zu denken, sich durch die Veränderung der Weltordnung und die Vergrößerung des Einflussbereichs ihres Lands einen Platz in den Geschichtsbüchern zu sichern (vgl. Münkler 2025, 22 f.). Auch wenn außerökonomische Motive eine Ursache für das Streben nach geopolitischer Macht sein können, dürften ökonomische Interessen - zu‐ mindest in der Gegenwart - von größerer Bedeutung sein. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass sich beide Ziele gegenseitig befördern können (siehe → Abbildung 5.2): • Wenn ein Land seine wirtschaftliche Stärke steigert, ermöglicht das eine bessere Verfolgung der geopolitischen Interessen. Die wirtschaftliche Stärke ist so gesehen Ursache für eine Stärkung der geopolitischen Position des Lands. • Ein größerer Einfluss auf andere Volkswirtschaften bedeutet u. a. einen besseren Zugriff auf knappe Ressourcen des Auslands, also Rohstoffe, Vorleistungen und technologisches Wissen. Denkbar ist auch, dass ein Land so im Ausland erwirtschaftete Einkommen ins Inland transferiert. Das alles steigert die Produktionsmöglichkeiten der heimischen Wirt‐ schaft. Bei dieser Sichtweise ist die geopolitische Macht eines Lands die Ursache für seine wirtschaftliche Stärke. Abb. 5.2: Wechselspiel zwischen ökonomischer Stärke und geopolitischer Macht Stärkung der heimischen Wirtschaftskraft verbesserter Zugriff auf Ressourcen des Auslands Stärkung der eigenen geopolitischen Macht Abb. 5.2: Wechselspiel zwischen ökonomischer Stärke und geopolitischer Macht 70 5 Geopolitische Motive auf dem Vormarsch <?page no="71"?> Wird geopolitischer Einfluss als Mittel gesehen, so stehen ökonomische Interessen im Zentrum geoökonomischer Aktivitäten. Die Verfolgung wirtschaftlicher Interessen basiert vor allem auf Knappheiten. Der Kampf um knappe Ressourcen durch den Einsatz außerökonomischer Instrumente ist nicht neu. Er war z. B. prägend für den Kolonialismus. Im Zuge des Kolonialismus nahmen entwickelte europäische Volkswirtschaften in den letzten Jahrhunderten nicht-europäische Regionen unter ihre Herrschaft. Damit wurden drei grundlegende Ziele verfolgt, die zu unterschiedlichen Arten von Kolonien führten (vgl. Zimmerer 2012, S. 10-13): • Beherrschungskolonien: Diese Form des Kolonialismus entspricht am stärksten der Vorstellung einer Kolonie. Die Kolonialmächte besetz‐ ten fremde Länder, um deren Ressourcen auszubeuten. Das betraf vor allem den Zugriff auf Rohstoffe. Darüber hinaus wurden die Kolonien als Absatzmarkt für die Produkte der Kolonialmächte benötigt. Schließ‐ lich dienten Kolonien als Quelle für staatliche Steuereinnahmen. Die Kolonialmacht führte in der Kolonie ein Besteuerungssystem ein, die damit erzielten Einnahmen flossen an die Kolonialmacht. Beispiele für derartige koloniale Beziehungen sind vor allem Indonesien und weite Teile Afrikas. • Siedlungskolonien: In diesem Fall dienten die Kolonien als Siedlungs‐ fläche für Teile der wachsenden Bevölkerung der Kolonialmächte. Die besetzten Gebiete wurden mit Einwanderern aus Europa besiedelt, die das Land bewirtschafteten. Beispiele für diese Form des Kolonialismus sind insbesondere die USA und Kanada sowie Australien und Neusee‐ land. • Stützpunktkolonien: Mit der Errichtung dieser Kolonien wurden strategische Ziele verfolgt. Die Kolonialmächte nutzten ausländische Regionen als Basis, um von dort aus auf weiter entfernte Regionen einen militärischen, ökonomischen oder politischen Einfluss ausüben zu können. Ein Beispiel dafür ist Kapstadt, das als zentraler Hafen für den Seeweg nach Indien wichtig war. Die Entscheidung, knappe Ressourcen aufzuwenden, um Kolonien zu er‐ obern und zu halten, kann in den skizzierten Fällen ökonomisch begründet werden. Dafür bietet sich das im → Abschnitt 2.3 erwähnte Prinzip der Opportunitätskosten an. 5.2 Ursachen für die Zunahme geopolitischer Präferenzen 71 <?page no="72"?> • Wenn es in einem entwickelten europäischen Land viele Rohstoffe gibt und das zur Verfügung stehende Land nur dünn besiedelt ist, haben Beherrschungs- und Siedlungskolonien nur einen geringen Wert für das Land. Die Knappheit der Ressourcen Land und Rohstoffe ist relativ gering. Es lohnt sich daher nicht, andere knappe Ressourcen aufzuwen‐ den, um sich in weit entfernten Regionen den Zugriff auf Rohstoffe zu sichern oder Siedlungsgebiete für die eigene Bevölkerung zu erobern. Damit ist auch der ökonomische Wert von Stützpunktkolonien gering. Stattdessen ist es sinnvoller, die zur Verfügung stehenden heimischen Ressourcen als Produktionsfaktoren im eigenen Land zu nutzen. Die Opportunitätskosten der Errichtung von Kolonien sind so hoch, dass sich die Eroberung von anderen Ländern nicht lohnt. • Dieses Entscheidungskalkül kann sich jedoch im Laufe der wirtschaftli‐ chen Entwicklung eines Lands verändern. Die wirtschaftliche Entwick‐ lung von einer landwirtschaftlich geprägten Volkswirtschaft hin zu einer Industriegesellschaft ist mit einer Verbesserung der Lebensbedin‐ gungen verbunden. Die damit einhergehende steigende Lebenserwar‐ tung und die gleichzeitig nachlassende Kindersterblichkeit bewirken einen Bevölkerungszuwachs. Eine wachsende Bevölkerung benötigt mehr Land. Das betrifft Landflächen als Wohnraum, als Anbaufläche für Agrarprodukte, als Standort für Produktionsanlagen und so weiter. Gleichzeitig wächst der Verbrauch natürlicher Rohstoffe. Dies gilt insbe‐ sondere, wenn sich im Zuge der Industrialisierung der Energieverbrauch spürbar erhöht. Der ökonomische Wert von Landflächen und natürli‐ chen Rohstoffen steigt. Das erhöht die Attraktivität der Errichtung von Kolonien - die Opportunitätskosten für die Eroberung von Kolonien und die anschließende Sicherung der Herrschaft sind gesunken. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Errichtung von Kolonien eine - rein wirtschaftlich betrachtet - sinnvolle Entscheidung ist. • Es ist jedoch noch an einen weiteren Kostenaspekt zu denken, nämlich den Ressourcenaufwand, der erforderlich ist, um eine Kolonie dauerhaft halten zu können. Vor allem im Fall der Beherrschungskolonie sind dafür erhebliche personelle und sachliche Aufwände notwendig. Wenn die Widerstände der einheimischen Bevölkerung gegen die Kolonialmacht immer größer werden, steigen auch die Aufwände der Kolonialmacht, um ihre Herrschaft durchsetzen zu können. Das kann zur Folge haben, dass sich die Opportunitätskosten wiederum so verändern, dass sich das Festhalten an einer Kolonie nicht mehr lohnt. 72 5 Geopolitische Motive auf dem Vormarsch <?page no="73"?> Diese Erklärung des Aufkommens und Endens des Kolonialismus ist selbst‐ verständlich unvollständig und insofern auch nur eines von zahlreichen Erklärungsmustern. Dennoch kann dieser Gedanke weitergesponnen wer‐ den und zumindest eine Ursache für die aktuelle Zunahme geopolitscher Präferenzen sein. Mit Blick auf die aktuellen Entwicklungen spielt vor allem die wachsende Weltbevölkerung eine zentrale Rolle. Mitte 2024 lebten bereits rund 8,2 Milliarden Menschen auf der Erde. Nach den Prognosen der Vereinten Nationen könnten es im Jahr 2050 sogar 9,7 Milliarden sein (vgl. UN 2024). Eine stark wachsende Weltbevölkerung führt in vielen Bereichen zu steigenden Knappheiten. Das betrifft beispielsweise nichterneuerbare Ressourcen wie Erdöl und Erdgas, Metalle und Erze, aber auch Land, den Zugriff auf sauberes Wasser und vieles mehr. Die zunehmende Erderwärmung und der damit verbundene Klimawan‐ del verschärfen diese Knappheiten. Dürren und Hitzewellen reduzieren nicht nur die Erträge in der Landwirtschaft, sondern auch die Produktion in der Industrie. Gründe dafür sind u. a. eine hitzebedinge Reduktion der Arbeitsproduktivität, Produktionsunterbrechungen wegen fehlenden Kühlwassers oder ausbleibenden Vorleistungen aus dem Ausland infolge klimabedingter Unterbrechungen der Transportwegen, um nur einige we‐ nige Aspekte zu nennen (vgl. Petersen 2025a, S. 22f.). Diese veränderten weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen können eine mögliche Erklärung dafür sein, dass in den letzten Jahren geopolitische Interessen eine größere Rolle spielen. 5.3 Beispiele für Zunahme geopolitischer Konflikte Unabhängig von der Frage, welche Faktoren für eine Zunahme der Präfe‐ renzen für geopolitische Stärke verantwortlich sind, ist festzustellen, dass es in den letzten Jahren immer mehr geopolitische Spannungen gibt. Dazu nur einige wenige Beispiele. Ein Beleg ist die weltweit wachsende Zahl von bewaffneten Konflikten. Für das Jahr 2023 zählte das Uppsala Conflict Data Programm (UCDP) 59 Gewaltkonflikte in 34 Ländern, bei denen auf mindestens einer Seite staatliche Akteure beteiligt waren. Das ist der höchste Wert seit dem Beginn dieser statistischen Erfassung im Jahr 1946. Für das Jahr 2023 werden 9 dieser Gewaltkonflikte vom UCDP als Kriege eingestuft, da sie mehr als 1.000 durch 5.3 Beispiele für Zunahme geopolitischer Konflikte 73 <?page no="74"?> Kampfhandlungen getötete Personen in diesem Jahr verursacht haben (vgl. von Boemcken et al. 2025, S. 45-48). Konkrete Beispiele für gewalttätige Konflikte sind - neben Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine und dem Krieg in Gaza - Konflikte in der südlichen Nachbarschaft Europas (Iran, Hamas, Hisbollah), die Angriffe der Huthi-Rebellen auf Handelsschiffe im Roten Meer und Konflikte in Afrika, z. B. in der Sahelzone und am Horn von Afrika. Hinzu kommen geopolitische Drohgebärden, z. B. die stärkere Militärpräsenz Chinas im Südchinesischen Meer sowie Chinas Ansprüche auf Taiwan. Mit Blick auf die gesamte Weltordnung spielen die zunehmenden Strei‐ tigkeiten zwischen den USA und China eine zentrale Rolle. Die Zuspitzung des US-China-Konflikts nimmt spätestens seit dem Amtsantritt von Donald Trump im Januar 2025 zu. Dieser Konflikt begann jedoch bereits deutlich früher. Der wirtschaftliche Aufstieg Chinas seit dem Beginn der 2000er-Jahre bedroht die amerikanische Vormachtstellung in der Weltpo‐ litik. Diese Vormachtstellung ist seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zunächst größer geworden. Die Zeit zwischen 1945 und 1991 ist die Zeit des „Kalten Kriegs“. Sie war geprägt von einer bipolaren Weltordnung mit zwei militärischen Großmächten - den USA und der Sowjetunion - und deren jeweiligen Verbündeten. Mit dem Ende des real existierenden Sozialismus und dem Zerfall der Sowjetunion begann die Phase des „Pax Americana“. Sie zeichnete sich aus durch eine unipolare Weltordnung unter der Führung der USA. Diese Phase dauerte von 1991 bis 2021. Sie war eine weitgehend regelbasierte Weltordnung, die vor allem die im → zweiten Kapitel beschriebenen Vorteile der internationalen Arbeitsteilung so weit wie möglich ausnutzte. Die grenzüberschreitenden Verflechtungen wurden bis zum Ausbruch der durch die Lehman-Pleite ausgelösten weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise immer weiter vorangetrieben, um durch eine größtmögliche kostenoptimierende Arbeitsteilung den materiellen Wohl‐ stand zu steigern. Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine wurde diese Phase beendet. Seit 2022 entwickelt sich die Welt in Richtung einer multipolaren Ordnung, in der es neben den USA weitere Großmächte gibt, allen voran China, aber auch Russland, Indien und selbstverständlich auch Europa bzw. die Europäische Union (vgl. Heilmann 2022, S. 4f.). Allerdings wurde die amerikanische globale Führungsrolle auch schon vor dem Ende des Pax Americana von China unter Druck gesetzt. Im Dezember 2001 trat China der Welthandelsorganisation (World Trade Or‐ ganization, kurz WTO) bei. Dadurch wurde das Land in die Weltwirtschaft 74 5 Geopolitische Motive auf dem Vormarsch <?page no="75"?> integriert und konnte durch eine massive Steigerung der eigenen Exporte ein kräftiges Wirtschaftswachstum auslösen. Mit dem wirtschaftlichen Aufstieg Chinas wuchs auch der Wunsch nach einem stärkeren Einfluss auf welt‐ politische Entwicklungen. Spätestens seit Xi Jinping 2013 Staatspräsident Chinas wurde, wird diese Zielsetzung deutlich. Sein Ziel ist es, die Welt an China - und das zu chinesischen Bedingungen - anzudocken. Es geht also nicht mehr darum, China stärker in die regelbasierte, liberale internationale Ordnung zu integrieren, sondern sich stärker von dieser westlich geprägten Weltordnung zu entfernen (vgl. Godehardt 2022, S. 13, 17). Aus diesem Anspruch Chinas ergibt sich eine systemische Konkurrenz mit den USA, die zunehmend konfrontativer wird. Neben wirtschaftlichen Maßnahmen zur Schwächung des systemischen Gegners erhöhen beide Länder auch ihre militärischen Ausgaben. Der Konflikt zwischen diesen beiden Großmächten kann als „Thukydides-Falle“ bezeichnet werden. Der amerikanische Politikwissenschaftler Graham T. Allison verwendet diesen Begriff erstmals mit Blick auf die USA und China in einem Artikel für die Financial Times im Jahr 2012. Diese als Falle bezeichnete Situation bezieht sich auf den Umstand, dass das Aufeinandertreffen einer aufstrebenden Macht (im antiken Griechenland war das Athen) auf eine dominante Macht (Sparta) unvermeidlich in einem militärischen Konflikt endet, wenn die etablierte Großmacht nicht bereit ist, ihren herausgehobenen Platz ohne Gegenwehr aufzugeben. Der Begriff geht auf den antiken griechischen Geschichtsschreiber Thukydides zurück. Er vertrat die Ansicht, dass der Peloponnesische Krieg zwischen Athen und Sparta aus diesem Grund unvermeidlich war (vgl. Heinemann 2022, S. 9). Gerade an dem Beispiel der zunehmenden Konkurrenz zwischen den USA und China zeigt sich, dass sich die in → Abbildung 5.1 beschriebene Verän‐ derung der Relevanz von geopolitischer Macht durch geänderte Präferenzen erklären lässt. In der Phase des Pax Americana herrschte eine weitgehend regelbasierte Weltwirtschaftsordnung vor, in der sich alle beteiligten Volks‐ wirtschaften auf die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung verlassen konnten. Wenn jedoch im Rahmen einer zunehmenden Konkurrenz zwi‐ schen zwei Großmächten das Streben nach wirtschaftlicher, politischer und militärischer Macht an Bedeutung gewinnt, sind beide Länder eher bereit, Teile ihres materiellen Wohlstands zu opfern und dafür ihre geopolitische Position zu stärken. China verfolgt seine Ziele außerordentlich strategisch. Zwei zentrale Instrumente - die Strategie „Made in China 2025“ und die „Belt and Road 5.3 Beispiele für Zunahme geopolitischer Konflikte 75 <?page no="76"?> Initiative“ - werden im nachfolgenden → sechsten Kapitel näher erläutert. An dieser Stelle ist lediglich der Hinweis wichtig, dass China die Stärkung der heimischen Wirtschaft nicht nur anstrebt, um zur weltweiten Konkur‐ renz aufzuschließen, sondern um diese zu verdrängen (vgl. Zenglein und Holzmann 2018, S. 6). Um dieses Ziel zu erreichen, nutzt China auch die wirtschaftlichen Abhängigkeiten anderer Volkswirtschaften von China aus. Wissen | Der Begriff Weaponized Interdependence kann mit dem Begriff ‚wirtschaftliche Abhängigkeiten als Waffe‘ übersetzt werden. Er bedeutet, dass Länder ihre wirtschaftliche Stärke - also z. B. Rohstoff‐ vorkommen oder nur schwer zu ersetzende Einzelteile - nutzen, um politischen Druck auf andere Volkswirtschaften auszuüben. Der Begriff wurde 2019 in die wissenschaftliche Diskussion eingeführt (vgl. Farrell und Newman 2019). Eine andere Strategie zur Stärkung der geopolitischen Position Chinas gegenüber den USA ist der Aufbau und Ausbau des Zusammenschlusses der BRICS-Gruppe. Dieser Staatenverbund wurde 2006 gegründet, zunächst als BRIC-Gruppe von den Ländern Brasilien, Russland, Indien und China. 2011 kam Südafrika dazu. 2024 traten Iran, Ägypten, Äthiopien und die Vereinigten Arabischen Emirate bei und im Jahr 2025 wurde Indonesien Mitglied. Daher wird diese Gruppe auch als „BRICS plus“ bezeichnet. Diese Gruppierung ist der erste große Länderzusammenschluss, der nicht von den USA geprägt wird. Der BRICS-Verbund versteht sich als Vertreter der Interessen der Länder des globalen Südens (vgl. Chellaney 2024, S. 8 und Kappel 2024, S. 19). Aus Sicht Chinas ist das eine Möglichkeit, durch die Kooperation mit anderen Ländern die eigene geopolitische Position gegen‐ über den USA bzw. den westlichen Marktwirtschaften zu stärken. Ein Ziel der BRICS-Staaten ist es, die Vormachtstellung des US-Dollars zu brechen. Der Dollar ist die einzige Währung, die derzeit die Funktion einer globalen Leitwährung wahrnimmt und daher auch als Weltwährung bezeichnet werden kann. Die BRICS-Länder streben eine Entdollarisierung an. Sie wollen also die Bedeutung des US-Dollars für die Weltwirtschaft reduzieren und perspektivisch eine gemeinsame Währung etablieren, die die Rolle des Dollars einnimmt (vgl. Wulf 2024, S. 39). Für die USA hat die Neuordnung der Beziehungen zu China höchste Priorität - nicht nur für die Trump-Regierung und deren Anhänger (vgl. von 76 5 Geopolitische Motive auf dem Vormarsch <?page no="77"?> Daniels 2025, S. 21). Das hat vor allem geopolitische Gründe, aber auch rein ökonomische. Zwei im → dritten Kapitel beschriebene Nachteile der inter‐ nationalen Arbeitsteilung - das Entstehen von Handelsbilanzdefiziten und die mit dem Stolper-Samuelson-Theorem verbundenen negativen Arbeits‐ markteffekte - sind in den USA besonders stark ausgeprägt. Die USA sind daher bereit, auf einige ökonomische Vorteile des internationalen Handels zu verzichten, weil sie so hoffen, diese beiden negativen wirtschaftlichen Entwicklungen stoppen oder zumindest abmildern zu können. Wenn es den USA bei der Ausgestaltung ihrer internationalen Beziehungen jedoch nicht mehr primär um die Steigerung des materiellen Wohlstands der heimischen Bevölkerung geht, sondern verstärkt um eine geopolitische Überlegenheit, bedeutet auch das eine Veränderung der Präferenzen mit Blick auf den materiellen Wohlstand und die geopolitische Macht - eine Veränderung, die in → Abbildung 5.1 dargestellt ist. 5.4 Zwischenfazit Zunehmende Ressourcenknappheiten und damit verbundene Verteilungs‐ konflikte sowie der wachsende Macht- und Statuskonflikt zwischen den USA und China dürften dazu führen, dass sich die weltwirtschaftlichen Beziehungen weiter verändern. Die internationale Arbeitsteilung wird nicht mehr als ein Positivsummenspiel betrachtet, bei der der internationale Handel den materiellen Wohlstand aller beteiligten Länder erhöht. Es geht nicht mehr so sehr darum, den eigenen Wohlstand und die eigene Wirt‐ schaftsleistung zu steigern, sondern die eigene Wirtschaftskraft gegenüber anderen Nationen zu steigern. Bei dieser Zielsetzung wird die internatio‐ nale Arbeitsteilung als ein Nullsummenspiel verstanden: Wenn Land A seine wirtschaftliche Stärke erhöhen kann, bedeutet das für Land B eine Verschlechterung seiner wirtschaftlichen Position gegenüber Land A. Das spricht für eine Zunahme protektionistischer Maßnahmen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten. Aus dem sich verschärfenden US-China-Konflikt kann sich eine zusätzli‐ che Fragmentierung der Weltwirtschaft ergeben. Denkbar ist eine Zweitei‐ lung der Weltwirtschaft. Auf der einen Seite stehen demokratische Markt‐ wirtschaften, also Europa, Nord- und Südamerika, einige asiatische Länder wie Japan und Südkorea sowie Australien. Auf der anderen Seite finden sich autokratische Staaten, allen voran China und Russland sowie deren 5.4 Zwischenfazit 77 <?page no="78"?> Verbündete. Daneben kann sich eine dritte Gruppe von Ländern bilden, die sich keinem dieser beiden Blöcke anschließen wollen, um weiterhin mit allen diesen Volkswirtschaften Handel betreiben zu können. Sollten sich die USA jedoch auch von demokratischen Marktwirtschaften wie Europa und Kanada abschotten, würde der erstgenannte marktwirtschaftliche Block in zwei Blöcke zerfallen. Diese Entwicklungen führen zu einer Verringerung der internationalen wirtschaftlichen Verflechtungen und damit zu einer Deglobalisierung. Das hat zur Folge, dass die im → zweiten Kapitel beschriebenen Vorteile der internationalen Arbeitsteilung zumindest teilweise verloren gehen: Das BIP und mit ihm die Menge der für Konsumzwecke verwendbaren Güter geht zurück. Der preissenkende Effekt der internationalen Arbeitsteilung lässt nach, was zu steigenden Güterpreisen führt. Sie reduzieren die Kaufkraft der Bürger. Folge dieser wirtschaftlichen Entwicklungen ist eine Zunahme der Verteilungskonflikte in den einzelnen Gesellschaften. Das wiederum erhöht die sozialen Spannungen und erschwert politische Kompromisse - sowohl mit Blick auf die innenpolitischen Beziehungen eines Lands als auch auf die außenpolitischen. Generell ist deshalb mit einer Verschiebung weg von einer regelbasierten weltweiten Wirtschaftsordnung hin zu einer machtbasierten Weltwirtschaft zu rechnen. Es ist daher in den nächsten Jahren mit einer Zunahme geopo‐ litischer Spannungen und Konflikte zu rechnen. Das hat zur Folge, dass viele Staaten verstärkt auf geoökonomische Instrumente zugreifen werden, um so ihre machpolitische Position zu stärken. Die wichtigsten dieser Instrumente werden im nachfolgenden → sechsten Kapitel erläutert. 78 5 Geopolitische Motive auf dem Vormarsch <?page no="79"?> 6 Geoökonomische Instrumente Das Ziel des Einsatzes von geoökonomischen Instrumenten ist die Stär‐ kung der eigenen Wirtschaftskraft in Relation zur wirtschaftlichen Stärke ausländischer Volkswirtschaften, um so die eigene geopolitische Position gegenüber dem Ausland zu verbessern. Dafür gibt es unterschiedliche Hand‐ lungsoptionen, die wiederum nach verschiedenen Kriterien strukturiert werden können: • Ein Unterscheidungsmerkmal besteht aus den Zielen geoökonomischer Aktivitäten. Zum einen kann das Inland eine Schwächung des Auslands anstreben, indem es dort wirtschaftliche Schäden verursacht. Zum anderen kann das Inland versuchen, die eigene wirtschaftliche Stärke zu erhöhen. Die Zweiteilung gilt auch mit Blick auf die geopolitische Machtposition. Sie verbessert sich, wenn entweder die eigene Macht gestärkt oder die des Auslands geschwächt wird. • Eine andere Systematik bezieht sich auf den Charakter der Aktivitäten. Ein Land kann Maßnahmen ergreifen, mit denen es geoökonomische Angriffe des Auslands abwehrt. Dies kann als eine reaktive Geoökono‐ mie bezeichnet werden. Ein Land kann aber auch eine aktive Geoöko‐ nomie betreiben, also von sich aus Maßnahmen ergreifen, um die eigene geopolitische Position zu verbessern (vgl. Hilgers 2023, S. 9). • Eine dritte Unterscheidungsmöglichkeit bezieht sich auf den Charakter geoökonomischer Maßnahmen hinsichtlich der Anreize für ausländi‐ sche Staaten. Ein Land kann mit positiven Anreizen arbeiten. Das bedeutet: Das Inland bietet anderen Ländern Vorteile an und erwartet im Gegenzug ein Verhalten, das den geopolitischen Interessen des Inlands hilft. Es kann aber auch negative Anreize setzen. In diesem Fall werden dem Ausland negative Konsequenzen angedroht, wenn es sich nicht so verhält, wie vom Inland gewünscht. Geoökonomische Instrumente werden somit in die Bereiche „Zuckerbrot und Peitsche“ unterteilt (vgl. Eckert 2025, S. 6). Für diese geoökonomischen Ansätze gibt es zahlreiche Instrumente. Die wichtigsten von ihnen werden in diesem Kapitel kurz erläutert. <?page no="80"?> 6.1 Wirtschaftliche Sanktionen Das klassische geopolitische Instrument sind Sanktionen. Bei einer Sanktion handelt es sich um einen „Zwangsakt …, der als Reaktion auf eine bestimmte Handlung oder Unterlassung gesetzt wird“ (Hafner 2016, S. 392). Dabei gibt es eine Reihe von Wirtschaftssanktionen, die Länder einsetzten können: • Das am häufigsten eingesetzte Sanktionsinstrument sind Handels‐ sanktionen. Sie können sich auf die Exporte und die Importe eines Lands beziehen. Wenn ein Land den Import von Waren und Dienstleis‐ tungen aus einem sanktionierten Land verbietet, liegt ein Importboykott vor. Falls die Regierung eines Lands seinen Unternehmen verbietet, bestimmte Produkte in ein sanktioniertes Land zu verkaufen, ist das ein Exportverbot. • Eine andere Form sind Finanzsanktionen. Sie verbieten finanzielle Transaktionen mit dem sanktionierten Land. Beispiele sind das Ver‐ bot, Gelder an Banken und Unternehmen im sanktionierten Land zu überweisen und das Einfrieren von Geldvermögen. Wenn Vermögens‐ gegenstände eines Staats oder eines Unternehmens eingefroren werden, gehören diese Gegenstände noch dem Staat bzw. dem Unternehmen. Die Eigentümer können jedoch nicht über die betroffenen Geld- und Devisenbestände verfügen, sie also so lange wirtschaftlich nicht nutzen, wie die Sanktionen aufrechterhalten werden. Zu den Finanzsanktionen zählt auch das Verbot, Vermögensgegenstände aus dem sanktionierten Land zu erwerben, also z. B. Unternehmensanteile und zinstragende Wertpapiere. • Im Fall von Technologiesanktionen wird dem sanktionierten Land der Zugang zu technologischem Wissen und technologischen Innovationen aus den Ländern, die diese Sanktionen verhängen, verwehrt. • Schließlich gibt es noch das Instrument des Einreiseverbots. Diese Maßnahme richtet sich gegen natürliche Personen. Ihnen wird die Ein‐ reise in das sanktionsverhängende Land oder auch nur die Durchreise verboten. So wird die Mobilität von Einzelpersonen eingeschränkt. Das Ziel von Wirtschaftssanktionen ist es, die wirtschaftliche Entwicklung im Ausland zu schwächen. Bei einem Importverbot, das gegen das sanktio‐ nierte Land ausgesprochen wird, können die Unternehmen des sanktionier‐ ten Lands weniger exportieren, was dort Produktion und Beschäftigung reduziert. Wenn das Inland eine Exportsanktion gegen ein anderes Land 80 6 Geoökonomische Instrumente <?page no="81"?> verhängt, fehlen im Ausland wichtige Vorleistungen und Güter, die die Versorgungslage der Verbraucher und Unternehmen verschlechtert. Finanz- und Technologiesanktionen schwächen vor allem die Investitions- und Innovationsaktivitäten im Ausland und dämpfen dort die langfristige Wirt‐ schaftsentwicklung. Diese kurzen Ausführungen bieten nur einen ersten Überblick über Wirtschaftssanktionen. Die Wirkungen und Nebenwirkungen von Handels‐ sanktionen werden im → siebten Kapitel ausführlicher diskutiert. 6.2 Strafzölle, Optimalzoll und Erziehungszoll Im → vierten Kapitel ist die Wirkungsweise von Importzöllen skizziert. Grundsätzlich dienen Zölle dem Schutz einheimischer Sektoren, also den Eigentümern der betroffenen Unternehmen und den dort beschäftigten Menschen. Der Schutz der einheimischen Sektoren kann als eine Stärkung der eigenen Volkswirtschaft angesehen werden. Ein Importzoll wirkt somit vor allem nach innen, aber er schwächt gleichzeitig das Ausland. Dort gehen Produktion, Beschäftigung und Einkommen zurück, weil die Unternehmen weniger Güter exportieren können. Strafzölle wenden sich gegen das Ausland und wirken somit eher nach außen. Sie werden als Reaktion auf ein als unangemessen angesehe‐ nes wirtschaftspolitisches Handeln im Ausland verhängt. Tatsächlich ist der Ausdruck Strafzoll jedoch nur ein umgangssprachlicher Begriff. Er beschreibt einen Zoll auf importierte Produkte, mit denen der Staat seine Unternehmen vor unfairen Handelsmaßnahmen des Auslands schützen will. Der Zoll wird also als Strafe für die unfairen Handelspraktiken des Auslands verstanden. Das internationale Handelssystem kennt in diesem Kontext im Wesentlichen drei Arten von Zöllen. Sie sind unter bestimmten Bedingungen zulässig (vgl. Möbius 2015): • Antidumpingzoll: Dieser Zoll wird erhoben, wenn das Ausland seine Produkte in anderen Ländern zu Preisen verkauft, die unter den Her‐ stellungskosten liegen. Bei einem nachgewiesenen Dumping können die Importländer einen Zoll erheben, der die Differenz zwischen dem Importpreis und den höheren Herstellungskosten ausgleicht und somit für gleiche Wettbewerbsbedingungen zwischen inländischen und aus‐ ländischen Anbietern sorgt. 6.2 Strafzölle, Optimalzoll und Erziehungszoll 81 <?page no="82"?> • Antisubventionszoll: Auch bei diesem Zoll verkaufen Unternehmen ihre Produkte im Ausland zu einem Preis, der unter den tatsächlichen Produktionskosten liegt. Ursache für diesen geringen Preis sind staat‐ liche Subventionen, die die ausländischen Unternehmen erhalten. Ein Antisubventionszoll wird in Höhe dieses künstlich hervorgerufenen Preisvorteils erhoben und eliminiert so diese Wettbewerbsverzerrung. • Schutzzoll: Schutzzölle werden von einem Importland erhoben, wenn es bei einem bestimmten Produkt zu einem abrupten und starken Anstieg der Importmengen kommt und diese Importzunahme den einheimischen Unternehmen erhebliche Schäden zufügt. Anders als die beiden vorher genannten Zölle, richtet sich ein Schutzzoll nicht gegen einzelne Länder, sondern gegen alle entsprechenden Importe des betroffenen Produkts. Wenn es beispielsweise einen weltweiten Ange‐ botsüberschuss an Stahl gibt und dieser zu einem spürbaren Rückgang des Stahlpreises führt, kann die EU einen Zoll auf den Import von Stahl erheben, um so Produktionseinbrüche und Massenentlassungen in den europäischen Stahlwerken zu vermeiden. Grundsätzlich versuchen Länder mit dem Einsatz von Importzöllen ihre heimische Wirtschaft zu stärken. Wie die Ausführungen des → vierten Kapitels jedoch gezeigt haben, geht ein Importzoll im Normalfall mit einer Reduzierung der heimischen Wohlfahrt einher. Die Volkswirtschaft als Ganzes wird also geschwächt. Das geopolitische Ziel eines Importzolls ist daher primär eine Schwächung der Wirtschaft anderer Länder. Geoökono‐ misch betrachtet, kann das sinnvoll sein, wenn die wirtschaftlichen Schäden im Ausland größer sind als im Inland. Relativ gesehen, hat das Inland dadurch seine Wirtschaftskraft gegenüber dem Ausland erhöht, was die geopolitische Position des Inlands verbessert. Es gibt jedoch auch zwei Situationen, in denen ein Importzoll die heimi‐ sche Wirtschaft stärken kann: • Ein Beispiel ist der in → Abschnitt 4.3 erläuterte Optimalzoll. Im Fall einer großen Volkswirtschaft kann ein Land seine gesamtwirtschaftli‐ che Wohlfahrt durch einen klug gewählten Zollsatz steigern. Diese wirtschaftliche Stärkung verbessert auch die geopolitische Position des Inlands. Gleichzeitig schwächt der Optimalzoll das Ausland: Die große Volkswirtschaft setzt ihre wirtschaftliche Stärke ein, um den Weltmarktpreis zu senken. Das reduziert die Exporterlöse aller Länder, 82 6 Geoökonomische Instrumente <?page no="83"?> die das Produkt verkaufen, das vom Inland mit einem Zoll belegt wird. Damit sinken im Ausland Einkommen und die Wirtschaftskraft. • Eine andere Begründung für einen wohlfahrtserhöhenden Importzoll ist der Schutz von zukunftsträchtigen Sektoren, die sich im Inland noch nicht entwickelt haben und die in Konkurrenz zu wettbewerbsfähigen ausländischen Unternehmen stehen. Wenn es also beispielsweise in einigen Ländern außerhalb der EU bereits qualitativ hochwertige An‐ gebote von Elektroautos gibt, die EU aber noch keine Unternehmen mit vergleichbaren Produkten hat, kann der temporäre Schutz der europäischen Unternehmen sinnvoll sein. Ein temporärer Zoll auf ausländische Elektroautos gibt den europäischen Unternehmen Zeit, um durch technologische Fortschritte und Lerneffekte international wettbewerbsfähige Angebote zu entwickeln. So ein Zoll wird als Er‐ ziehungszoll bezeichnet. Das Erziehungszollargument geht auf den deutschen Ökonomen Daniel Friedrich List (1789 bis 1846) zurück. Ein weiteres Argument für die Einführung eines Importzolls ist der Wunsch, drohende Versorgungsrisiken zu vermeiden. Im Zuge der in‐ ternationalen Arbeitsteilung kann es aus wohlfahrtstheoretischen Über‐ legungen sinnvoll sein, dass ein Land auf die Herstellung zahlreicher Produkte verzichtet, weil es diese Güter preiswerter aus dem Ausland im‐ portieren kann. Dieses grundlegende Prinzip der internationalen Arbeits‐ teilung ist im → zweiten Kapitel beschrieben. Das setzt aber voraus, dass diese Importe auch dauerhaft und verlässlich stattfinden. Die Erfahrungen der letzten Jahre haben jedoch gezeigt, dass dies nicht garantiert ist. Das kann im Inland zu einer Versorgungkrise führen. Um Versorgungs‐ engpässe zu vermeiden, kann das Inland eigene Produktionskapazitäten vorhalten und nutzen. Wegen des preislichen Vorteils ausländischer An‐ bieter sind die heimischen Unternehmen jedoch nur wettbewerbsfähig, wenn ihr preislicher Nachteil durch staatliche Maßnahmen beseitigt wird. Ein Importzoll auf diese kritischen Produkte ist eine denkbare Maßnahme. Daneben sind aber auch andere wirtschaftspolitischen Maßnahmen zur Absicherung gegen drohende Versorgungsrisiken denkbar. Sie werden im → achten Kapitel diskutiert. 6.2 Strafzölle, Optimalzoll und Erziehungszoll 83 <?page no="84"?> 6.3 Subventionen Für den Subventionsbegriff gibt es keine allgemein akzeptierte Definition. Verschiedene Institutionen arbeiten mit teilweise sehr unterschiedlichen Konzepten (vgl. Bertelsmann Stiftung 2023). In der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) wird mit einem sehr engen Verständnis dieses Begriffs gearbeitet. Danach werden nur Geldbeträge, die der Staat einem im Inland ansässigen Unternehmen zahlt und für die er keine Gegenleistung erhält, als Subvention angesehen. Eine erste Erweiterung dieser Definition ergibt sich, wenn sämtliche Geldbeträge, die der Staat ohne Gegenleistungen zahlt, als Subvention angesehen werden. Auch entsprechende Zahlungen an private Haushalte, die in der VGR als Transferzahlung bezeichnet werden, sind dann eine Subvention. Alle diese Zahlungen werden auch Finanzhil‐ fen genannt. Bei einer weiteren Ausweitung werden zusätzlich Steuererleichterun‐ gen unter diesen Begriff gefasst. Grund dafür ist der Umstand, dass eine Steuererleichterung die gleiche wirtschaftliche Wirkung haben kann wie eine staatliche Geldzahlung. Angenommen, das verfügbare monatliche Einkommen einer Privatperson - also der Geldbetrag, der nach Abzug der zu zahlenden Steuern übrigbleibt - beträgt 1.500 Euro. Der Staat kann dieses Einkommen erhöhen, indem er dem Haushalt direkt 100 Euro zahlt. Er kann aber auch eine Steuererleichterung gewähren, durch die die Steuerlast der Person um 100 Euro reduziert wird. Das Resultat ist in beiden Fällen identisch: das verfügbare Einkommen steigt auf 1.600 Euro. Schließlich können neben Geldzahlungen und Steuererleichterungen alle staatlichen Entscheidungen, die für die privaten Haushalte oder die Unternehmen einen monetären Vorteil bedeuten, als Subvention angesehen werden - sofern der Staat dafür keine Gegenleistung erhält. Ein Beispiel sind staatliche Bürgschaften für Unternehmenskredite. Sie haben für die betroffenen Unternehmen den Vorteil, dass eine staatliche Bürgschaft für die kreditvergebende Bank das Risiko eliminiert, dass es wegen einer möglichen Zahlungsunfähigkeit des Unternehmens zu einem Kreditausfall kommt. Das schlägt sich in der Regel in geringeren Kreditzinsen nieder, weil ein Aufschlag für einen möglichen Kreditausfall nicht mehr anfällt - das Unternehmen kann somit seine Kreditkosten reduzieren, was auch seine Produktionskosten verringert. Eine Subvention für einheimische Unternehmen hat zur Folge, dass diese Unternehmen gegenüber ausländischen Unternehmen einen preislichen 84 6 Geoökonomische Instrumente <?page no="85"?> Vorteil haben. Das stärkt die Position der einheimischen Unternehmen und kann die Wirtschaft im Ausland schwächen. Diese Effekte erreicht eine Subvention, weil sie es den subventionierten Unternehmen ermöglicht, ihre Produkte zu geringeren Preisen anzubieten. Das lässt sich wie folgt erklären: • Wenn der Staat einem Unternehmen eine Subvention zahlt, wirkt dies wie eine Reduzierung der Produktionskosten. Angenommen, die Herstellung von 100 Mengeneinheiten eines Produkts führt zu Produk‐ tionskosten in Höhe von 1.200 Euro. Die Stückkosten liegen somit bei 12 Euro. In dieser Summe ist auch eine Normalverzinsung des eingesetzten Kapitals enthalten, d. h. das Unternehmen ist bereit, diese 100 Mengeneinheiten zu einem Stückpreis von 12 Euro auf dem Markt anzubieten. • Nun zahlt der Staat je Produkteinheit eine Subvention in Höhe von 2 Euro. Diese staatliche Zahlung wirkt für das Unternehmen wie eine zusätzliche Einnahme. Das Unternehmen kann seine 100 Produktein‐ heiten deshalb zum Preis von 10 Euro anbieten, was die preisliche Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens und seinen mengenmäßigen Umsatz erhöht. Die preisreduzierende Wirkung einer Subvention lässt sich in einem Preis-Mengen-Diagramm analysieren (siehe → Abbildung 6.1). Ohne staat‐ liche Unterstützung ergibt sich ein Marktgleichgewicht Q 0 mit dem Gleich‐ gewichtspreis p 0 und der Gleichgewichtsmenge x 0 . Die Zahlung einer Mengensubvention - also einem bestimmten Euro‐ betrag je Produkteinheit - ermöglicht es dem Unternehmen, seine Produkte zu einem geringeren Preis anzubieten. Im volkswirtschaftlichen Standard‐ modell bedeutet dies, dass die Angebotsgerade des Unternehmens um den Subventionsbetrag nach unten verschoben wird. Es ergibt sich somit ein neues Marktgleichgewicht, das sich durch einen geringeren Marktpreis (p 1 < p 0 ) und eine höhere Gütermenge (x 1 > x 0 ) auszeichnet. Die Preisreduzierung erlaubt es den inländischen Unternehmen, ihre Produkte zu einem gerin‐ geren Preis auf dem Weltmarkt anzubieten. Gleichzeitig gehen die Absatz‐ chancen der ausländischen Unternehmen zurück, weil ihre internationale preisliche Wettbewerbsfähigkeit geschwächt wird. Auf den ersten Blick stärkt das die Wirtschaftsleistung des Lands, das die Subvention einsetzt. Und damit wird die geopolitische Position des subventionsgewährenden Lands erhöht. 6.3 Subventionen 85 <?page no="86"?> Abb. 6.1: Auswirkungen einer Subvention auf das Marktgleichgewicht p x x 1 x d x 0 p 1 p 0 Q 1 Q 0 x s0 x s1 • • • Q‘ 1 Subv. Abb. 6.1: Auswirkungen einer Subvention auf das Marktgleichgewicht Allerdings sind auch die negativen Wohlfahrtseffekte einer Subvention zu berücksichtigen. Wenn der Staat eine Subvention für die Produktion eines bestimmten Produkts gewährt, wird die Produktionsmenge in → Abbildung 6.1 ausgeweitet. Aus Wohlfahrtserwägungen ist das jedoch nicht sinnvoll: Jede Gütereinheit zwischen x 0 und x 1 verursacht gesamtwirtschaftliche Kos‐ ten, die höher sind als der gesellschaftliche Nutzen, den diese Gütereinheiten stiften. Der damit verbundene gesamtwirtschaftliche Wohlfahrtsverlust entspricht dem Dreieck Q 0 Q‘ 1 Q 1 . Subventionen haben darüber hinaus Auswirkungen auf die wirtschaft‐ liche Entwicklung im Zeitablauf. Sie können sowohl positive als auch negative dynamische Effekte nach sich ziehen. Das Ausmaß dieser Effekte hängt maßgeblich davon ab, welche wirtschaftlichen Aktivitäten subventio‐ niert werden. Wenn einheimische Unternehmen gegenüber Anbietern aus dem Ausland an preislicher Wettbewerbsfähigkeit verlieren, führt das im Inland häufig zu Produktionsverringerungen mit Arbeitsplatzverlusten und Einkommens‐ einbußen. An der Wiederwahl interessierte Politiker haben einen hohen Anreiz, zur Verbesserung ihrer Wahlergebnisse diese Unternehmen bzw. Sektoren zu subventionieren. Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht ist dies jedoch langfristig gesehen keine gute Entscheidung. Die Subventionen sor‐ gen dafür, dass Produktionsfaktoren - also menschliche Arbeitskräfte und 86 6 Geoökonomische Instrumente <?page no="87"?> physische Produktionsanlagen, d. h. Maschinen, Werkzeuge und Gebäude - in Sektoren gehalten werden, die langfristig nicht mehr wettbewerbsfähig sind. Die Subventionen führen so zur Erhaltung einer Wirtschaftsstruktur, die auf Dauer wirtschaftlich nicht überlebensfähig ist. Derartige Struktu‐ rerhaltungssubventionen stellen eine negative Entwicklung dar, weil sie die Wanderung der Produktionsfaktoren in zukunftsträchtige Branchen verhindern. Anders ist die Situation, wenn die Subventionen in die Förderung zu‐ kunftsweisender Technologien und Produkte fließen, die ohne eine staatli‐ che Unterstützung preislich noch nicht wettbewerbsfähig sind. Ein Beispiel dafür ist die Wieder- und Weiterverwertung von Rohstoffen im Rahmen der Kreislaufwirtschaft bzw. der Circular Economy. Gegenwärtig ist diese als Sekundärrohstoffgewinnung bezeichnete Handlungsalternative in der Regel teurer als die Nutzung von Primärrohstoffen (das sind Rohstoffe, die durch eine direkte Entnahme aus der Natur gewonnen werden) (vgl. Umweltbundesamt 2019, S. 9f.). Das spricht gegen die Wiederverwertung dieser Rohstoffe. Angesichts der Begrenztheit nichterneuerbarer Rohstoffe ist die Förderung der Sekundärrohstoffgewinnung jedoch zwingend erfor‐ derlich. Subventionen können den derzeitigen preislichen Nachteil der langfristig sinnvollen Sekundärrohstoffgewinnung ausgleichen. In diesem Fall bewirkt die Subvention, die dann als Anpassungshilfe bezeichnet wird, eine Beschleunigung des Strukturwandels, was positiv zu bewerten ist. Ein wichtiger Aspekt, der ebenfalls für den Einsatz von Subventionen spricht, ist der Umstand, dass andere große Volkswirtschaften gegenwärtig erhebliche Subventionen einsetzen, um ihre Wirtschaft zu fördern. Ein besonders prominentes Beispiel ist der „Inflation Reduction Act“, mit dem die USA seit der Biden-Regierung die ökologische Transformation durch Subventionszahlungen und Steuererleichterungen fördern. Dies hat zur Folge, dass es attraktiver wird, klimafreundliche Produkte in den USA her‐ zustellen, um in den Genuss dieser staatlichen Förderung zu kommen. Das kann für den Wirtschaftsstandort Deutschland gravierende Konsequenzen haben. Wenn es für deutsche Unternehmen betriebswirtschaftlich lohnend ist, geplante Investitionen nicht mehr in Deutschland, sondern in den USA zu tätigen, schwächt das die langfristigen Wachstums- und Beschäftigungs‐ aussichten der deutschen Volkswirtschaft. Auch Investoren aus dem Rest der Welt, die jetzt noch in Deutschland investieren, könnten sich für den Stand‐ ort USA entscheiden. Wenn das zudem dazu führt, dass klimafreundliche Technologien und Produkte gar nicht erst in Deutschland entwickelt werden 6.3 Subventionen 87 <?page no="88"?> können, droht Deutschland an Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren. Denkbar ist auch, dass die ökologische Transformation in Deutschland damit erheblich erschwert oder sogar unmöglich gemacht wird - weil sich die dafür erforderlichen Produktionsverfahren nicht entwickeln können. Solange Deutschland die für die ökologische Transformation erfor‐ derlichen Technologien und Produkte günstig aus den USA importieren kann, ist das unproblematisch. Es besteht jedoch die Gefahr, dass die USA diese Importabhängigkeit Deutschlands irgendwann zur Durchsetzung ihrer geopolitischen Interessen nutzen. Aus strategischen Gründen, d. h. zur Vermeidung dieser Abhängigkeit, kann der Einsatz von Subventionen gerechtfertigt werden. 6.4 Industriepolitik Eine einheitliche, von allen geteilte Definition für den Begriff der Industrie‐ politik gibt es nicht. Eine mögliche Definition versteht darunter ein gezieltes staatliches Eingreifen in die marktwirtschaftlichen Entwicklungen, um eine gewünschte Struktur der Wirtschaft zu erreichen. Bei der Konkretisierung entsprechender Interventionen gibt es zwei Arten. • Bei einer horizontalen Industriepolitik geht es um allgemeine Maß‐ nahmen der Rahmensetzung, mit denen der Staat innovations- und wachstumsförderliche Bedingungen für die Wirtschaft schafft. Hori‐ zontale industriepolitische Maßnahmen beziehen sich also auf alle Unternehmen und Branchen, ohne spezielle Zielgruppen. • Eine vertikale Industriepolitik fördert ausgewählte Branchen bzw. Sektoren mit Maßnahmen, die die wirtschaftliche Entwicklung dieser Sektoren in besonderem Maße unterstützen. Hier geht es folglich um ausgewählte Zielgruppen. Das können Unternehmen, Regionen oder Sektoren bzw. Branchen sein. Mit der Industriepolitik können zahlreiche Ziele verfolgt werden (vgl. Oxford Economics 2024, S. 18). Mit Blick auf die Geoökonomie spielen vor allem folgende eine Rolle: • Ein zentrales Ziel ist die Sicherung der internationalen Wettbewerbsfä‐ higkeit der heimischen Unternehmen, entweder im Allgemeinen oder in strategisch wichtigen Sektoren. Hier geht es also vor allem um 88 6 Geoökonomische Instrumente <?page no="89"?> die Stärkung der heimischen Wirtschaftskraft bzw. um eine aktive Geoökonomie. • Industriepolitische Maßnahmen können dem Ziel dienen, wirtschaftli‐ che Gefahren, die vom Ausland ausgehen, zu reduzieren. Diese Maß‐ nahmen haben einen defensiven Charakter und gehören in den Bereich der reaktiven Geoökonomie. • Ein weiteres industriepolitisches Ziel kann aus der Stärkung der na‐ tionalen Sicherheit bestehen, also der Förderung der militärischen Sicherheit und der Erhöhung der Verteidigungsbzw. Wehrfähigkeit. • Die Stärkung der Resilienz im Allgemeinen oder speziell mit Blick auf die globalen Lieferketten ist ebenfalls ein denkbares industriepolitischen Ziel. Hier geht es insbesondere um den Umgang mit Importabhängig‐ keiten. Wissen | Der Begriff der Resilienz wird in zahlreichen wissenschaft‐ lichen Disziplinen verwendet. Eine einheitliche Definition für diesen Begriff gibt es nicht. Elemente unterschiedlicher Resilienzkonzepte sind mit Blick auf einen ökonomischen Resilienzbegriff abrupte und zudem spürbare Störungen der wirtschaftlichen Abläufe eines Lands und angemessene Reaktionen darauf. Das betrifft nicht nur die Reaktion auf eine Störung, sondern auch schon die Vorbereitung auf mögliche störende Ereignisse. Eine denkbare Definition lautet daher wie folgt: „Ökonomische Resilienz ist die Fähigkeit einer Volkswirtschaft, vorbe‐ reitende Maßnahmen zur Krisenbewältigung zu ergreifen, unmittelbare Krisenfolgen abzumildern und sich an veränderte Rahmenbedingungen anzupassen“ (Brinkmann et al. 2017, S. 649). Der Instrumentenkasten der Industriepolitik ist umfangreich. Es bieten sich sowohl nachfrageals auch angebotsorientierte Ansätze an. Nachfra‐ georientierte industriepolitische Ansätze zielen auf die Beeinflussung der Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen ab, z. B. durch Produktre‐ gulierungen und staatliche Kaufanreize in Form einer Kaufprämie oder Steuererleichterung. Angebotsorientierte Ansätze betreffen die Unterstüt‐ zung von Unternehmen. Daraus ergeben sich zahlreiche industriepolitische Instrumente. Sie reichen von Steuererleichterungen und Finanzhilfen über Exportsubventionen und Importbeschränkungen bis hin zu Sanktionen und Importverboten. Die Industriepolitik zeichnet sich also nicht durch konkrete 6.4 Industriepolitik 89 <?page no="90"?> wirtschaftspolitische Instrumente aus, sondern durch die Entscheidung für eine industriepolitische Gesamtstrategie. China ist mit dem „Made in China 2025“ Plan ein international prominentes Beispiel für so eine langfristige industriepolitische Strategie. Wissen | China verkündete 2015 eine weitreichende wirtschaftspoliti‐ sche Strategie mit dem Namen „Made in China 2025“. Ziel dieser Strategie ist es, die Struktur der chinesischen Wirtschaft deutlich zu verbessern. Im Jahr 2049 - dem Jahr, in dem die Volksrepublik China ihr hundertjähriges Bestehen feiert - soll das Land die führende Indus‐ trienation der Welt sein. Um dies zu erreichen, werden 10 zukunftsori‐ entierte Schlüsselindustrien staatlich gefördert. Zu ihnen gehören u. a. Informationstechnologien, künstliche Intelligenz, Raum-, Luft- und See‐ fahrt, erneuerbare Energien und Elektromobilität, Pharmatechnologien, Robotik und andere Spitzentechnologien (vgl. Löchel 2018, S. 9 sowie Kunze und Windels 2018, S. 5). Ein Zwischenziel auf dem Weg bis zum Jahr 2049 ist das Jahr 2025. Bis dahin soll sich die Qualität der chinesischen Industrie nachhaltig und spürbar verbessert haben (vgl. Löchel 2018, S. 9). Dabei geht es nicht nur darum, zur internationalen Konkurrenz aufzuschließen, sondern diese zu verdrängen (vgl. Zenglein und Holzmann 2018, S. 6). Zur Erreichung dieses Ziels werden zahlrei‐ che wirtschaftspolitische Instrumente eingesetzt. Sie reichen von einer staatlichen Förderung der heimischen Wirtschaft durch umfangreiche Subventionsprogramme und der staatlichen Förderung von Forschung und Entwicklung im eigenen Land über den Erwerb von Unternehmen im Ausland und den anschließenden Transfer der dort vorhandenen Technologien nach China bis hin zur Anwerbung hochqualifizierter Spezialisten aus dem Ausland und den Einsatz von Industriespionage (vgl. Zenglein und Holzmann 2018, S. 8). 6.5 Freihandelsabkommen und Auslandshilfen Neben der strategischen Beschränkung des eigenen Markts kann es auch eine strategische Öffnung des heimischen Markts für ausgewählte Länder geben. Ziel ist es - neben einer Wohlfahrtssteigerung durch die Nutzung der Vorteile der internationalen Arbeitsteilung -, diese Länder enger an 90 6 Geoökonomische Instrumente <?page no="91"?> sich zu binden und so die eigene geopolitische Position zu stärken. Das Recht zum Abschluss solcher Abkommen liegt bei der EU, sodass einzelne EU-Mitgliedstaaten wie Deutschland solche Abkommen nicht abschließen dürfen. Wenn Länder ein Freihandelsabkommen schließen, bauen sie Handels‐ hemmnisse, die vor dem Abschluss dieses Abkommens bestehen, ab. Der‐ artige Abkommen zeichnen sich durch eine unterschiedliche Tiefe aus. Die Tiefe eines Freihandelsabkommens bezeichnet das Ausmaß, in dem Handelshemmnisse zwischen den vertragsschließenden Volkswirtschaften abgebaut werden. Dabei gilt: Je mehr Hemmnisse eliminiert werden, desto tiefer ist das Abkommen. Maßnahmen zum Abbau von bilateralen Han‐ delshemmnissen können einerseits in der Reduktion oder Abschaffung von Zöllen bestehen. Es gibt aber auch weitergehende Handelserleichte‐ rungen, z. B. die gegenseitige Anerkennung von Produktstandards sowie Regelungen zum Schutz des geistigen Eigentums, zu Subventionen, zur Wettbewerbspolitik, um nur einige zu nennen. Der Abbau von Handelshemmnissen hat die im → zweiten Kapitel beschriebenen positiven Wachstumseffekte, indem sie den grenzüberschrei‐ tenden Handel zwischen den Mitgliedsländern des Abkommens steigern. Neben diesem handelsschaffenden Effekt hat ein Freihandelsabkommen noch einen zweiten Handelseffekt, der als Handelsumlenkung bezeichnet wird (vgl. Langhammer 1980). • Bei der Handelsschaffung führt der Abschluss eines Freihandels‐ abkommens zwischen zwei Ländern bzw. Regionen zur Entstehung neuer Handelsströme. Wenn beispielsweise die EU und Indien so ein Abkommen schließen, kann sich Indien auf die Produktion der Güter spezialisieren, bei denen das Land im Vergleich zu der EU einen Kos‐ ten- und damit auch Preisvorteil hat, also z. B. Textilien. Deutschland verzichtet auf die Herstellung von Textilien und erhöht stattdessen seine Produktion von Autos, die es dann nach Indien exportiert. Wenn beide Länder sich auf die Herstellung der Güter konzentrieren, bei denen ihre Produktionskosten geringer sind als im Partnerland des Frei‐ handelsabkommens, werden die insgesamt zur Verfügung stehenden Produktionskapazitäten besser genutzt. Die Menge der in einem Jahr weltweit produzierbaren Güter steigt. Die Handelsschaffung ist deshalb unter dem Gesichtspunkt der weltweiten Wohlfahrtssteigerung positiv zu bewerten. 6.5 Freihandelsabkommen und Auslandshilfen 91 <?page no="92"?> • Bei der Handelsumlenkung geht es darum, dass ein Freihandels‐ abkommen den Handel zwischen den beteiligten Volkswirtschaften zulasten eines nicht beteiligten Lands umleitet. Das kann mit einer Verringerung der weltweit zur Verfügung stehenden Gütermengen einhergehen. Aus wohlfahrtstheoretischen Überlegungen ist das eine negative Entwicklung, die sich wie folgt erklären lässt: Angenommen, vor dem Abschluss eines EU-Indien-Freihandelsabkommens importiert Deutschland bestimmte elektrische Geräte aus China, weil die chinesi‐ schen Produkte 5 Prozent günstiger sind als die qualitativ gleichwerti‐ gen indischen Produkte. Der Zollsatz der EU, der auf diese Importe erhoben wird, liegt annahmegemäß bei 7,5 Prozent. Er gilt sowohl für indische als auch für chinesische Elektrogeräte. Im Rahmen des bilateralen Freihandelsabkommens schafft die EU diesen Importzoll für indische Produkte ab. Dadurch sind die indischen Produkte nun in Deutschland preiswerter als die chinesischen Konkurrenzprodukte. Deutschland und die EU importieren diese Elektrogeräte deshalb nicht mehr aus China, sondern aus Indien. Sofern der chinesische Preisvorteil auf echten Kostenvorteilen basiert und nicht auf staatlichen Subven‐ tionen, ist diese Handelsumlenkung wohlfahrtstheoretisch negativ zu bewerten: Die Welt als Ganzes verzichtet auf den Kostenvorteil der chinesischen Volkswirtschaft. Das lässt das globale BIP sinken. Daneben haben Freihandelsabkommen weitere Vorteile. So kann beispiels‐ weise die EU durch solche Abkommen eine Diversifizierung ihrer Zuliefe‐ rerbeziehungen erreichen und so kritische Abhängigkeiten von einzelnen Ländern reduzieren. Das betrifft sowohl Importabhängigkeiten - allen voran die Versorgungssicherheit bei Energie und essenziellen Rohstoffen - als auch Exportabhängigkeiten. Zudem hat eine Diversifizierung der Handelsbeziehungen zur Folge, dass die ökonomischen Schäden von plötz‐ lichen Lieferkettenunterbrechungen geringer ausfallen, weil die EU im Fall ausbleibender Importe auf andere Zulieferer zurückgreifen kann (vgl. Stoll 2025, S. 19-21). Das alles stärkt die geopolitische Position der EU, weil sie dadurch weniger erpressbar wird. Diese Vorteile haben positive wirtschaftliche Konsequenzen: Wenn Un‐ ternehmen weniger Ressourcen aufwenden müssen, um sich gegen dro‐ hende Lieferkettenunterbrechungen oder ausbleibende Rohstoffimporte abzusichern, reduziert das ihre Produktionskosten. Die Folge sind sinkende Güterpreise und eine wachsende internationale Wettbewerbsfähigkeit. Au‐ 92 6 Geoökonomische Instrumente <?page no="93"?> ßerdem können die dadurch freigesetzten Ressourcen für produktivere Zwecke genutzt werden. Darüber hinaus kann die EU den erleichterten Zugang zum EU-Binnen‐ markt nutzen, um ihre geopolitischen Ziele besser durchsetzen zu können. So könnte die EU die Größe und Kaufkraft ihres Binnenmarkts dahingehend einsetzen, dass der einfachere Zugang zu diesem Markt nur gewährt wird, wenn die Handelspartner ein kooperatives Verhalten an den Tag legen. Schließlich können weitgehende bilaterale Freihandelsabkommen der EU die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass die EU ihre rechtlichen Regeln zu internationalen Standards machen kann. Schon die Größe des EU-Binnen‐ markts stellt für Anbieter außerhalb der EU einen Anreiz dar, sich den Produkt- und Umweltschutzstandards der EU anzupassen - andernfalls können sie ihre Produkte nicht in der EU verkaufen. Und wenn beispiels‐ weise ein indonesisches Unternehmen seine Produkte an die EU-Standards angepasst hat, hat es ein großes Interesse, diese hohen Standards auch auf dem indonesischen Heimatmarkt zu etablieren. Andernfalls müsste das Unternehmen zwei Produktvarianten herstellen, was mit höheren Kosten verbunden wäre. So kann die EU ihre hohen Standards in zentralen Berei‐ chen (also den Bereichen Verbraucherschutz, Umwelt- und Klimaschutz, Lebensmittelrecht, Datenschutz usw.) zu internationalen Standards machen. Dies wird als Brüssel-Effekt bezeichnet (vgl. Felbermayr et al. 2021, S. 78f.). Werden diese Regeln in einem Freihandelsabkommen zwischen der EU und anderen Ländern umgesetzt, vergrößert das den Anreiz für Anbieter im Rest der Welt, ihre Produkte an diese Standards anzupassen. Und es vergrößert so den europäischen Einfluss auf die Ausgestaltung weltweiter Normen und Standards. Falls ein Land eine Verringerung seiner Importabhängigkeit bei essen‐ ziellen Rohstoffen anstrebt, bieten sich Rohstoffabkommen bzw. stra‐ tegische Rohstoffpartnerschaften an. Gegenwärtig bestehen derartige Abhängigkeiten für Deutschland und die EU vor allem mit Blick auf China. Im Rahmen von Rohstoffabkommen bzw. -partnerschaften sichert sich ein Land den langfristigen Zugang zu relevanten Rohstoffimporten und erhöht so die eigene Versorgungssicherheit. Im Gegenzug unterstützt das Land die wirtschaftliche Entwicklung in den beteiligten Partnerländern, vor allem durch die Bereitstellung finanzieller Mittel, die dann u. a. dem Infrastruktu‐ raufbau in den Partnerländern dienen (vgl. ausführlicher Korn, Gohla und Dünhaupt 2024 sowie Kuhn 2025). Aktuell gibt es 14 Absichtserklärungen zwischen der EU und anderen Ländern über strategische Rohstoffpartner‐ 6.5 Freihandelsabkommen und Auslandshilfen 93 <?page no="94"?> schaften: Argentinien, Australien, Chile, Grönland, Kanada, Kasachstan, der Demokratischen Republik (DR) Kongo, Namibia, Norwegen, Ruanda, Sambia, Serbien, der Ukraine und Usbekistan (vgl. Kuhn 2025, S. 511). Rohstoffpartnerschaften und die damit verbundenen Verträge können auch von der Bundesregierung für Deutschland verhandelt und geschlossen werden (vgl. Dahlmann und Mildner 2013, S. 4), d. h. hier ist Deutschland nicht auf Maßnahmen der EU angewiesen. Besonders eng lassen sich ausländische Volkswirtschaften an das Inland binden, wenn Freihandels- und Rohstoffabkommen von den wirtschaftlich starken Ländern mit finanziellen Unterstützungen für die weniger entwi‐ ckelten Partnerländer verbunden werden. Wenn also beispielsweise die EU ein Freihandelsabkommen mit einem weniger entwickelten Land abschließt, kann es dem Land finanzielle oder technologische Unterstützung anbieten, damit das Land seine Infrastruktur auf ein international wettbewerbsfähiges Niveau bringen kann. Das betrifft sowohl Produktionsanlagen als auch eine leistungsfähige öffentliche Infrastruktur, also Straßen, Häfen, Stromnetze und so weiter. Ein besonders prominentes Beispiel für den Versuch, den Einfluss des eigenen Lands im Ausland auszubauen, ist Chinas Seidenstraßen-Initiative. Der Begriff Seidenstraße beschreibt die Überlegung, dass eine intensivere Beziehung zwischen Europa, China und Zentralasien wirtschaftliche Vor‐ teile nach sich ziehen dürfte. Der chinesische Staatspräsident äußerte die Idee, dass China eine Seidenstraße errichten sollte, anlässlich eines Besuchs in Kasachstan im Jahr 2013. Dort fiel auch der Begriff Seidenstraßen-Wirt‐ schaftsgürtel. Seit 2016 wird diese Strategie deshalb als „Belt and Road Initiative“ bezeichnet. Mit dieser Initiative verfolgt China mehrere Ziele (vgl. Senz 2022 sowie Godehardt 2022). • Zum einen geht es um den Aufbau neuer Handelsrouten. Dazu gehören u. a. Überlandrouten in 6 Wirtschaftsregionen. Die Verbindungen ver‐ laufen erstens über Sibirien und Kasachstan nach Europa, zweitens über Nordchina in die Eurasische Wirtschaftsunion, drittens zur arabischen Halbinsel, viertens wird eine Verbindung des chinesischen Südwestens mit Süd- und Südostasien angestrebt, fünftens eine Route nach Singapur und schließlich noch eine Anbindung über Pakistan an den Persischen Golf. • Eine weitere Zielsetzung ist die Erschließung von Bodenschätzen bzw. Rohstoffvorkommen im Ausland. 94 6 Geoökonomische Instrumente <?page no="95"?> • Ein anderes Motiv ist die Suche nach neuen Absatzmärkten. Das hohe Investitionsvolumen der chinesischen Volkswirtschaft hat zu einem kräftigen Zuwachs der Produktionskapazitäten in China geführt. Aller‐ dings reicht die Kaufkraft der chinesischen Bevölkerung nicht aus, die damit produzierbaren Güter zu kaufen. Daher ist Chinas Volkswirtschaft auf Exportmärkte angewiesen. • Die im Kontext der Seidenstraßen-Initiative getroffenen Maßnahmen betreffen vor allem chinesische Infrastrukturprojekte. Dabei geht es u. a. um Verkehrsnetzwerke, also Straßen, Brücken und Schienen, aber auch Häfen, wie beispielsweise den Kauf des griechischen Hafens Piräus. Weitere Elemente sind die Bereiche Elektrizität und Telekommunika‐ tion, Energieverbindungen, wie z. B. Pipelines, digitale Bezahlsysteme, aber auch sauberes Wasser und Sanitäreinrichtungen. Die Finanzierung dieser Vorhaben erfolgt zu großen Teilen über chinesische Kredite. 6.6 Devisenmarktinterventionen Der Wechselkurs wird auf dem Devisenmarkt bestimmt. Er ergibt sich aus dem Zusammenspiel von Währungsangebot und -nachfrage. Im Normalfall halten sich staatliche Institutionen aus diesem Prozess heraus. Allerdings ist es auch möglich, durch wirtschaftspolitische Maßnahmen den Wert der eigenen Währung zu verändern. Wissen | Der Wechselkurs ist der Wert der heimischen Währung, ausgedrückt in Einheiten einer anderen Währung. Der Wert eines US-Dollars kann also beispielsweise in Euro oder Yen ausgedrückt werden, der eines Euros in Dollar, Yen oder Schweizer Franken. Wenn der Wechselkurs flexibel ist, also beliebig steigen oder sinken kann, bildet er sich auf dem Devisenmarkt. Devisen sind ausländische Währungs‐ einheiten, aus Sicht Deutschlands also US-Dollar, Yen, Schweizer Franken etc. Wird der Dollarmarkt als Beispiel für einen Devisenmarkt gewählt, gelten folgende grundsätzliche Zusammenhänge: • Deutsche Wirtschaftsakteure fragen US-Dollar nach, wenn sie ameri‐ kanische Konsumgüter oder Vorleistungen importieren wollen. Diese müssen letztendlich mit Dollar bezahlt werden, weil die amerikanischen 6.6 Devisenmarktinterventionen 95 <?page no="96"?> Unternehmen ihre Löhne, Steuern, Stromrechnungen und andere Input‐ faktoren mit der heimischen Währung bezahlen müssen. Zudem benö‐ tigen deutsche Wirtschaftsakteure US-Dollar, wenn sie amerikanische Aktien, Staatsanleihen und ähnliche Vermögenswerte kaufen wollen. Aus Sicht Deutschlands setzt sich die Dollarnachfrage also aus den deutschen Importen aus den USA und dem Kauf von US-Vermögensge‐ genständen zusammen. • Amerikanische Wirtschaftsakteure bieten Dollar an, wenn sie Euro benötigen. Diese brauchen sie, wenn sie z. B. Produkte aus Deutschland erwerben möchten. Aus Sicht Deutschlands sind das Exporte. Außerdem brauchen Amerikaner Euro, wenn sie Aktien von deutschen Unterneh‐ men kaufen möchten oder Bundesanleihen. Aus Sicht der deutschen Volkswirtschaft besteht das Dollarangebot somit aus den Exporten in die USA und dem Verkauf von deutschen Vermögensgegenständen an Käufer in den USA. Der Wechselkurs ist entscheidend für die internationale preisliche Wettbe‐ werbsfähigkeit der Produkte der inländischen Unternehmen. Angenommen, ein deutsches Automobil kostet 20.000 Euro. Bei einem Wechselkurs von einem US-Dollar je Euro kostet dieses Produkt in den USA 20.000 Dollar. Nun kommt es zu einer Abwertung des Euros, d. h. der Wert des Euros sinkt. Dieser ist beispielsweise nur noch 0,80 US-Dollar wert ist. Der Preis des deutschen Automobils sinkt in den USA schlagartig auf 16.000 Dollar. Im Normalfall steigt die von den amerikanischen Verbrauchern nachge‐ fragte Menge bei einem sinkenden Preis. Für die deutsche Volkswirtschaft bedeutet das eine steigende Menge exportierter Produkte - Deutschlands mengenmäßige Exporte in die USA nehmen zu. Zudem steigen die in Euro ausgedrückten Exporteinnahmen: Der erzielte Preis pro Automobil bleibt - in Euro gerechnet - konstant bei 20.000 Euro. Die Zahl der in den USA verkauften Autos steigt. Im Ergebnis nehmen in Deutschland Produktion, Beschäftigung und Einkommen zu. Die Abwertung der eigenen Währung geht also mit einer Stärkung der eigenen Wirtschaft einher. Ein sinkender Wert des Euros geht mit Aufwertung des US-Dollars einher. Wenn der Wechselkurs eines Euros von einem Dollar auf 0,80 Dollar sinkt, bedeutet das gleichzeitig, dass der Wert eines Dollars auf 1,25 Euro steigt. Die Dollar-Aufwertung hat Auswirkungen auf die deutschen Importe aus den USA. Eine US-Jeans, die in den USA 100 Dollar kostet, hat vor der Euro-Abwertung einen Preis von 100 Euro in Deutschland. Wenn 96 6 Geoökonomische Instrumente <?page no="97"?> die Aufwertung des US-Dollars dazu führt, dass ein Dollar nun 1,25 Euro kostet, steigt der Preis, den deutsche Verbraucher für eine US-Jeans zahlen müssen, auf 125 Euro. Die Nachfrage nach US-Produkten geht daher in Deutschland zurück. Das reduziert in den USA Produktion, Beschäftigung und Einkommen. Zudem ist zu erwarten, dass die Konsumenten in Deutsch‐ land zumindest einige der nicht mehr aus den USA importierten Produkte durch deutsche Vergleichsangebote ersetzen. Eine Abwertung des Euros (und damit eine Aufwertung des Dollars) stärkt also über höhere Exporte und den Ersatz amerikanischer Produkte durch deutsche bzw. europäische nicht nur die europäische Wirtschaft, sondern sie schwächt gleichzeitig die Wirtschaftskraft der USA. Für die Beeinflussung des Werts der eigenen Währung gibt es verschie‐ dene Instrumente. Das wichtigste sind Devisenmarktinterventionen. Sie liegen vor, wenn die Zentralbank eines Lands das Devisenangebot oder die Devisennachfrage verändert. Wenn beispielsweise die Europäische Zentralbank (im Folgenden: EZB) eine Euro-Abwertung erreichen möchte, muss sie das Euro-Angebot erhöhen. Ein höheres Angebot bedeutet unter sonst unveränderten Rahmenbedingungen auf dem Markt für Euro einen Angebotsüberschuss - bei dem aktuellen Wechselkurs ist die von allen Marktteilnehmern nachgefragte Euromenge kleiner als die angebotene Menge. Im Normalfall führt ein Angebotsüberschuss zu einem Rückgang des Preises für das betroffene Produkt. Die EZB kann also eine Abwertung des Euros herbeiführen, indem sie mehr Euros auf den internationalen Devisenmärkten anbietet. Die EZB bewirkt damit gleichzeitig eine Aufwertung anderer Währungen. Wenn sie die eigene Währung auf den internationalen Devisenmärkten verkauft, müssen die Käufer dafür mit anderen Währungen bezahlen. Die EZB könnte ihr Euro-Angebot beispielsweise dafür nutzen, um US-Dollar zu erwerben. Die stärkere Nachfrage nach der US-Währung führt zu einem stei‐ genden Preis für einen Dollar. Es kommt also zu einer Dollar-Aufwertung. Sie verschlechtert die Exportchancen der US-Unternehmen und schwächt so die amerikanische Volkswirtschaft. Alternativ kann die EZB auch ihren Leitzins verändern. Das ist der Zins, zu dem sich die Geschäftsbanken eines Lands Geld bei ihrer Zentral‐ bank leihen können und auf deren Basis sie Kredite an Unternehmen und Privatpersonen vergeben können. Soll es zu einer Abwertung des Euros kommen, kann die EZB ihren Leitzins reduzieren. Damit können sich die Geschäftsbanken in der Eurozone zu geringeren Kosten Geld bei der EZB 6.6 Devisenmarktinterventionen 97 <?page no="98"?> leihen. Damit sinkt das Zinsniveau in der Eurozone. Das reduziert jedoch den Anreiz für US-Sparer, ihr Geld in Europa anzulegen. Folglich geht die Nachfrage der Amerikaner nach zinstragenden Wertpapieren aus der Eurozone zurück. Damit sinkt gleichzeitig die Nachfrage nach Euro - und mit ihr der Preis, der für einen Euro an den internationalen Devisenmärkten gezahlt werden muss. Die Steigerung von Produktion und Beschäftigung im eigenen Land durch eine Abwertung der heimischen Währung hat jedoch auch einen gravierenden Nachteil. Wie weiter oben beschrieben, werden importierte Produkte teurer. Wenn es also beispielsweise zu einer Abwertung des Euros gegenüber dem US-Dollar kommt, werden alle in Dollar zu bezahlenden im‐ portierten Produkte teurer. Falls eine hinreichend große Zahl von ausländi‐ schen Produkten davon betroffen ist, steigt auch das gesamtwirtschaftliche Preisniveau in der Eurozone. Das ist vor allem mit Blick auf den US-Dollar zu erwarten, weil die allermeisten international gehandelten Rohstoffe - allen voran Erdöl - in Dollar gehandelt werden. Die Verbesserung der eigenen Exportchancen durch eine Abwertung des Euros hat für die Länder der Eurozone somit auch Nachteile: Die Preise für importierte Konsumgüter, Rohstoffe und Vorleistungen steigen. Das reduziert die Kaufkraft der Kon‐ sumenten. Zudem steigen die Produktionskosten der Unternehmen, die in spürbarem Ausmaß Vorleistungen einsetzen, die sie mit Dollar bezahlen müssen. Das verschlechtert für sich genommen die internationale Wettbe‐ werbsfähigkeit der europäischen Unternehmen. Damit zeigt sich erneut, dass eine Stärkung der eigenen geopolitischen Position für die Volkswirtschaft als Ganzes auch Kosten hat. Im Fall einer Abwertung der eigenen Währung zur Verbesserung der Exportchancen der heimischen Unternehmen - und damit einer Verschlechterung der Exportaussichten für Unternehmen im Ausland - kommt es gleichzeitig zu einer Reduzierung der Kaufkraft für die Konsumenten und einer Schwä‐ chung der preislichen Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen, die auf den Import von Rohstoffen und Vorleistungen angewiesen sind. Das kann es erforderlich machen, dass die heimische Regierung zur Stabilisierung der Wettbewerbsposition ihrer Unternehmen mit weiteren wirtschaftspoli‐ tischen Maßnahmen reagieren muss. Denkbar wäre beispielsweise, dass die Abwertung der heimischen Währung flankiert wird mit Subventionen in Form von Steuererleichterungen oder Finanzhilfen für die Unternehmen, die in besonderem Maße unter steigenden Preisen für importierte Vorleistungen leiden. 98 6 Geoökonomische Instrumente <?page no="99"?> 6.7 Auslandinvestitionen und Kapitalverkehrskontrollen Auslandsinvestitionen liegen vor, wenn der Kapitalgeber einer Investition nicht aus dem Land kommt, in dem die Investition erfolgt. Bei den Investi‐ tionsarten ist zwischen Direktinvestitionen und Portfolioinvestitionen zu unterscheiden. • Zwei wesentliche Kennzeichen einer Direktinvestition sind die Lang‐ fristigkeit der damit angestrebten Geschäftsbeziehung und der Umstand, dass der Investor in einem erheblichen Ausmaß Einfluss auf die Unter‐ nehmensführung nehmen will. Letzteres setzt voraus, dass ein signifi‐ kanter Anteil eines Unternehmens erworben wird. International wird i. d. R. erst dann von einer Direktinvestition gesprochen, wenn mindes‐ tens 10 Prozent der Anteile eines Unternehmens erworben werden. • Bei einer Portfolioinvestition handelt es sich um eine kurz- oder mittelfristige Geschäftsbeziehung. Zentrales Motiv für eine Portfolioin‐ vestition ist das Ertragsmotiv, also die Aussicht auf eine möglichst hohe Rendite. Eine Einflussnahme auf die Führung des betreffenden Unternehmens ist hingegen nicht angestrebt. Ausländische Direktinvestitionen können verschiedene Formen annehmen. Neben der Neugründung bzw. Erweiterung von Betriebsstätten und Nieder‐ lassungen im Ausland (so genannte „Greenfield Investitionen“) zählen auch Fusionen mit Unternehmen im Ausland, die Übernahme von Unternehmen im Ausland sowie der Ankauf von Beteiligungen vorhandener ausländischer Unternehmen zu ausländischen Direktinvestitionen (so gennannte „Brown‐ field Investitionen“). Auch der Transfer von finanziellen Mitteln an auslän‐ dische Unternehmen in verschiedenen Formen, wie Krediten und Darlehen, reinvestierten Gewinnen, Sacheinlagen in Form von Maschinen, Patenten, Lizenzen und anderen Rechten, wird als eine ausländische Direktinvestition angesehen (vgl. ausführlicher Petersen 2014). Für den Erwerb von Unternehmensanteilen im Ausland gibt es unter geoökonomischen Gesichtspunkten vor allem vier zentrale Motive: • Umgehung von Handelshemmnissen: Wenn die USA einen Importzoll auf Autos erheben, die aus der EU importiert werden, verschlechtert das die Absatzchancen deutscher Automobilhersteller. Um dennoch ihre Produkte in den USA ohne einen Importzoll verkaufen zu können, kann das Unternehmen eine Produktionsanlage in den USA errichten. 6.7 Auslandinvestitionen und Kapitalverkehrskontrollen 99 <?page no="100"?> Die Autos werden dann in den USA für den amerikanischen Markt produziert, sodass kein Zoll bezahlt werden muss. • Zugriff auf kritische Rohstoffe: Zur Sicherung des Zugriffs auf Rohstoffe, die es im eigenen Land nicht gibt, können Unternehmen in den Ländern mit den benötigten Rohstofflagern rohstoffproduzierende Unternehmen - ganz oder teilweise - erwerben, um so die Versorgung mit den benötigten Ressourcen zu gewährleisten. Denkbar ist auch, dass nur die Lagerstätten gekauft werden, also z. B. Erdölfelder oder Minen, die Seltene Erden enthalten. Falls eine Beteiligung an Rohstoffunternehmen oder Lagerstätten nicht möglich ist, bietet sich die Errichtung einer Fi‐ liale im Ausland an. Sie kann die benötigten Rohstoffe vor Ort erwerben und anschließend ins Heimatland transportieren. Denkbar ist auch der Bau einer Produktionsanlage in dem Land mit den Rohstoffvorkommen. Die Produktion erfolgt dann am Ort der Rohstoffvorkommen und die damit hergestellten Produkte werden ins Heimatland transportiert bzw. aus diesem Land an Kunden aus anderen Ländern exportiert. • Zugriff auf essenzielle Vorleistungen: In diesem Fall werden die gleichen Maßnahmen wie im Fall kritischer Rohstoffe ergriffen. Die Auswahl der Länder, in denen Direktinvestitionen durchgeführt werden, richtet sich in diesem Fall nach den Herkunftsländern der Unternehmen, die wichtige Einzelteile, wie beispielsweise Halbleiter, produzieren. • Zugang zu neuen Technologien: Ein weiteres Motiv für den Kauf von Unternehmen oder Unternehmensanteilen sind die Technologien, die in diesen Unternehmen genutzt werden. Die Entwicklung neuer Produktionstechnologien und Produkte ist kosten- und zeitintensiv. Um diese Aufwendungen zu vermeiden, kann ein Investor Unternehmen kaufen, die bereits über diese innovativen Technologien und Produkte verfügen. Im Fall von Produktionstechnologien können diese sogar an die heimischen Unternehmen weitergeleitet werden, sodass im Inland mit den Technologien des Auslands produziert werden kann. Die genannten Motive für den Erwerb von Unternehmensanteilen im Ausland stärken vor allem die Wirtschaftskraft des Lands, das diese Inves‐ titionen tätigt. Es handelt sich somit um eine aktive Geoökonomie. Für die Volkswirtschaft, deren Unternehmen teilweise oder vollständig in den Besitz ausländischer Investoren übergehen, kann das eine Schwächung der heimischen wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit bedeuten. Dies ist insbeson‐ dere zu erwarten, wenn ausländische Investoren Unternehmen kaufen, die 100 6 Geoökonomische Instrumente <?page no="101"?> über modernste Technologien verfügen. In diesem Fall besteht die Gefahr, dass der Investor diese Technologien in seinen heimischen Unternehmen einsetzt. Ein ursprünglich bestehender technologischer Wettbewerbsvorteil geht dadurch verloren. Aber auch der Erwerb von Rohstoffunternehmen oder Rohstofflagern kann die wirtschaftliche - und ebenso die geopolitische - Position eines Lands schwächen. Wenn die Rohstoffe ausländischen Investoren gehören, kann das im schlimmsten Fall dazu führen, dass die Ei‐ gentümer diese Rohstoffe in ihr Heimatland transportieren und deshalb die Versorgung der eigenen Volkswirtschaft mit diesen natürlichen Ressourcen gefährdet ist. Um Nachteile für die eigene Volkswirtschaft zu vermeiden, können Länder eine Investitionsprüfung durchführen, um zu klären, ob der Erwerb von Anteilen an inländischen Unternehmen durch ausländische Investoren möglicherweise zu verbieten ist. In Deutschland erlauben das Außenwirtschaftsgesetz und die Außenwirtschaftsverordnung (AWV) der‐ artige Prüfungen. Falls eine ausländische Beteiligung an einem deutschen Unternehmen für Deutschland ein Sicherheitsrisiko darstellt, kann diese Beteiligung beschränkt oder sogar untersagt werden (vgl. Wissenschaftli‐ che Dienste Deutscher Bundestag 2021, S. 4). Dies ist insbesondere bei Anlagen im Bereich der kritischen Infrastruktur zu erwarten. Die Außen‐ wirtschaftsverordnung nennt eine Vielzahl von Unternehmen, die für die öffentliche Ordnung und Sicherheit relevant sind, was eine entsprechende Investitionsprüfung rechtfertigen kann. Um nur einige wenige Beispiele zu nennen: Cloud-Computing-Dienste, Künstliche Intelligenz, Quantencom‐ puter und Quantenkommunikation, ausgewählte Medizinprodukte, persön‐ liche Schutzgeräte, Entwickler oder Hersteller von Robotern, Komponenten für autonomes Fahren, Telematikinfrastruktur, Software im Bereich der Strom-, Gas-, Kraftstoff-, Heizöl- oder Fernwärmeversorgung, mikro- oder nanoelektronische nicht-optische Schaltungen und vieles mehr (vgl. AWV, § 55a). Wissen | Der Begriff kritische Infrastruktur beschreibt grundsätz‐ lich Anlagen und Einrichtungen bzw. Teile von ihnen, die von beson‐ derer Bedeutung für die Funktionsfähigkeit einer Gesellschaft sind. In Deutschland wird dieser Begriff wie folgt definiert: „Kritische In‐ frastrukturen (KRITIS) sind Organisationen und Einrichtungen mit wichtiger Bedeutung für das staatliche Gemeinwesen, bei deren Ausfall 6.7 Auslandinvestitionen und Kapitalverkehrskontrollen 101 <?page no="102"?> oder Beeinträchtigung nachhaltig wirkende Versorgungsengpässe, er‐ hebliche Störungen der öffentlichen Sicherheit oder andere dramatische Folgen eintreten würden“. Gegenwärtig gehören 9 Sektoren hierzu: Energie, Informationstechnik und Telekommunikation, Transport und Verkehr, Gesundheit, Wasser, Ernährung, Finanz- und Versicherungs‐ wesen, Staat und Verwaltung sowie Medien und Kultur. Jeder Sektor ist in Branchen unterteilt. Zur kritischen Infrastruktur im Sektor Energie gehören beispielsweise die Strom-, Gas-, Kraftstoff- und Heizölversor‐ gung sowie die Versorgung mit Fernwärme (vgl. Bundesamt für Bevöl‐ kerungsschutz und Katastrophenhilfe 2021, S. 5). Eine andere Maßnahme zur Einschränkung des grenzüberschreitenden Kapitalverkehrs ist - neben den weiter oben bereits erläuterten Finanzsank‐ tionen - eine Kapitalverkehrskontrolle, die den Erwerb von Devisen betrifft. → Abschnitt 6.6 zeigt, dass Wechselkursveränderungen negative Effekte für die heimische Währung haben können. Eine starke Abwertung der heimischen Währung hat beispielsweise die Folge, dass die Preise für importierte Güter steigen. Das kann zu einer hohen Inflationsrate führen, die die Kaufkraft der Einkommen sinken lässt und die preisliche Wettbe‐ werbsfähigkeit der heimischen Unternehmen schwächt. Um das zu verhin‐ dern, können bestimmte Devisenmarktaktivitäten verboten oder zumindest spürbar eingeschränkt werden. Die Wirkungslogik dieser Maßnahme lautet wie folgt: • Wenn es zu einer Abwertung der eigenen Währung kommt und diese die Inflationsrate im Inland deutlich steigen lässt, besteht die Gefahr einer Kapitalflucht. Inländer, die über hohe finanzielle Mittel verfügen, haben einen starken Anreiz, ihr Geldvermögen ins Ausland zu verlagern. Dort leiden sie nicht unter dem Kaufkraftverlust, der mit der hohen Inflationsrate im eigenen Land verbunden ist. Zudem bedeutet die Abwertung der heimischen Währung eine Aufwertung der ausländi‐ schen Währung. Eine Geldanlage im Ausland führt daher zu einem aufwertungsbedingten Vermögenszuwachs. • Wenn jedoch große Mengen an finanziellen Mitteln aus dem Inland abgezogen werden, reduziert das die Kreditvergabemöglichkeiten der einheimischen Banken. Das erschwert es den Unternehmen im Inland, kreditfinanzierte Investitionen durchzuführen. Auch für private Haus‐ 102 6 Geoökonomische Instrumente <?page no="103"?> halte wird es immer schwieriger, finanzielle Engpässe durch einen Kredit zu überbrücken. Im schlimmsten Fall kann die Kapitalflucht das gesamten Bankensystem zum Erliegen bringen. • Um diese Entwicklung zu verhindern, kann die inländische Regierung Maßnahmen ergreifen, mit denen sie diese Kapitalflucht eindämmt. So kann sie beispielsweise den Kauf ausländischer Währungen ein‐ schränken oder sogar komplett untersagen. Das hat zur Folge, dass die inländischen Geldeigentümer nun nicht mehr ausländische Aktien oder Staatsanleihen erwerben können, um so ihr Geld ins Ausland zu verlagern. 6.8 Stärkung der Wehrfähigkeit Zur Durchsetzung geopolitischer Interessen bieten sich neben wirtschafts‐ politischen Instrumenten auch militärische Maßnahmen an. Selbst wenn ein Land gar nicht beabsichtigt, militärische Mittel zur Verfolgung seiner Interessen einzusetzen, muss es angesichts der zunehmenden geopolitischen Spannungen befürchten, dass andere Länder diese Mittel einsetzen. Das verlangt eine Stärkung der eigenen Wehrfähigkeit, also der Verteidigungs‐ fähigkeit. Um dies zu erreichen, muss die Volkswirtschaft mehr in ihre Landesverteidigung investieren, also das Verteidigungsbudget erhöhen. Das hat nicht nur Auswirkungen auf die staatlichen Finanzen, sondern auch realwirtschaftliche Konsequenzen. Die realwirtschaftlichen Effekte einer Stärkung der eigenen Verteidi‐ gungsfähigkeit lassen sich mit der schon erläuterten Transformationskurve erklären (siehe → Abbildung 6.2). Eine Volkswirtschaft kann in diesem Fall zwei Arten von Gütern herstellen. Zum einen können Konsum- und Investitionsgüter (x C+I ) hergestellt werden, die anschießend von den privaten Haushalten und dem Staat konsumiert oder von den privaten Unternehmen und dem Staat investiert werden. Zum anderen können militärische Güter (x Militär ) hergestellt werden. 6.8 Stärkung der Wehrfähigkeit 103 <?page no="104"?> x C+I x Militär • • x C+I1 Q 1 Q 3 Abb. 6.2: Transformationskurve für Konsum- und Investitionsgüter sowie militärische Güter Q 2 • • Q 0 x Militär0 = x Militär1 x C+I3 x C+I0 = x C+I2 x Militär2 Abb. 6.2: Transformationskurve für zivile und militärische Güter Ob eine Erhöhung der Produktion von Gütern zur Verbesserung der Wehr‐ fähigkeit mit einer Einschränkung der Konsum- und Investitionsgüterpro‐ duktion verbunden sein muss, hängt von der aktuellen Auslastung der gesamtwirtschaftlich zur Verfügung stehenden Produktionskapazitäten ab. • Wenn die Volkswirtschaft noch nicht alle Produktionskapazitäten nutzt, kann die Produktion der militärischen Güter gesteigert werden, ohne die Menge der hergestellten Konsum- und Investitionsgüter zu verringern. Ausgehend vom Punkt Q 0 könnte die Volkswirtschaft die Menge ihrer militärischen Güter von x Militär0 auf x Militär2 erhöhen. Die Menge der Konsum- und Investitionsgüter kann in diesem Fall unverändert bei x C+I0 bleiben. Die Steigerung der Produktion militärischer Produkte hat einen weiteren ökonomischen Vorteil: Wenn das Land nicht alle zur Verfügung stehenden Produktionskapazitäten nutzt, gilt das auch für den Produktionsfaktor Arbeit. In der zum Punkt Q 0 gehörenden wirtschaftlichen Ausgangssituation gibt es also arbeitslose Menschen im Inland. Die Erhöhung der Produktion militärischer Produkte leistet folglich einen Beitrag zur Reduzierung der Arbeitslosigkeit. • Falls bereits alle gesamtwirtschaftlichen Produktionskapazitäten ge‐ nutzt werden (Q 1 ), verlangt die Verbesserung der Landesverteidigung eine Einschränkung bei der Produktion von Konsum- und Investitions‐ 104 6 Geoökonomische Instrumente <?page no="105"?> gütern (beispielsweise von x C+I1 auf x C+I3 ). In diesem Fall besteht ein Zielkonflikt: Wenn die Gesellschaft ihre Wehrfähigkeit steigern will, muss sie eine Einschränkung ihrer Versorgung mit Konsum- oder Investitionsgütern akzeptieren. Der Zielkonflikt zwischen einer Steigerung der Wehrfähigkeit und einer Verbesserung der Versorgungslage der Bevölkerung mit Gütern wird als Guns-versus-Butter-Problem bezeichnet. Dieses Konzept wurde erstmals von dem Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Anthony Samuelson (1915 bis 2009) in einem volkswirtschaftlichen Lehrbuch thematisiert. Dabei kann zwischen zwei Interpretationen des Konzepts ‚Kanonen oder Butter‘ unter‐ schieden werden: • Im engen Sinne geht es um die Frage, wie der Staat seine Ausgaben aufteilen soll. Dafür stehen ihm - vereinfachend betrachtet - zwei Ausgabemöglichkeiten zur Verfügung: Er kann militärische Ausgaben tätigen, um die Verteidigungsfähigkeit des eigenen Lands zu steigern, oder Sozialausgaben (vgl. Dikici 2015). Das bedeutet auch: Falls die Regierung ihre Verteidigungsausgaben steigern will, muss sie ihre Sozialausgaben herunterfahren. Hier steht also der finanzpolitische Aspekt im Zentrum. • Im weiten Sinne geht es um den weiter oben skizzierten realwirtschaft‐ lichen Zielkonflikt. Die Gesellschaft als Ganzes muss sich entscheiden, ob sie mit den gegebenen Produktionskapazitäten lieber mehr Waffen herstellen möchte oder mehr Konsumgüter. Von zentraler Bedeutung ist letztendlich der realwirtschaftliche Zielkonflikt. Das zeigt sich auch daran, dass ein finanzpolitischer Zielkonflikt nur besteht, wenn das Budget, das dem Staat zur Verfügung steht, als eine feste bzw. unveränderliche Größe angesehen wird. Grundsätzlich kann der Staat seine Verteidigungsausgaben erhöhen, ohne seine Ausgaben für Bildung, Gesundheit etc. reduzieren zu müssen. Dafür muss er seine Einnahmen steigern. Hierfür gibt es wiederum zwei zentrale Finanzierungsansätze: • Verteidigungsausgaben können steuerfinanziert werden. Der Staat er‐ höht also die Steuern, um damit seine Verteidigungsausgaben zu finan‐ zieren. Höhere Steuern reduzieren die verfügbaren Einkommen der Bürger. Diese müssen deshalb ihre Konsumausgaben einschränken. Die Steigerung der Wehrfähigkeit geht in diesem Fall mit einer Verringerung der Menge an Konsumgütern einher. 6.8 Stärkung der Wehrfähigkeit 105 <?page no="106"?> • Der Staat kann seine Verteidigungsausgaben auch durch die Aufnahme eines Kredits finanzieren. In diesem Fall greift er auf die Ersparnisse seiner Bürger zurück. Diese Ersparnisse stehen dann nicht mehr für Unternehmen bereit, die damit ihre Investitionen finanzieren. Diese Form der Finanzierung der militärischen Ausgaben geht somit mit einer Verringerung der Investitionen in den Unternehmen einher. Das beein‐ trächtigt die zukünftigen Produktionsmöglichkeiten der Gesellschaft. Ihr stehen in der Zukunft weniger Konsum- und Investitionsgüter zur Verfügung. Der Vorteil von kreditfinanzierten Finanzierungsausgaben besteht hingegen darin, dass der Staat seine Sozialausgaben nicht redu‐ zieren muss. Damit kann die Regierung soziale Proteste verhindern. Der Kanonen-oder-Butter-Zielkonflikt zeigt sich auch im umgekehrten Fall, also einer Reduzierung der staatlichen Verteidigungsausgaben. Mit dem Ende des real existierenden Sozialismus und dem damit verbundenen Ende des so genannten Kalten Kriegs konnten viele europäische Staaten ihre Militärausgaben spürbar reduzieren. Die damit freigesetzten finanziellen Mittel und Produktionsfaktoren wurden zur Steigerung des materiellen Wohlstands der Bürger genutzt. Diese Entlastung der öffentlichen Haushalte wird als Friedensdividende bezeichnet. Um ein Gefühl über die Höhe dieser Dividende für Deutschland zu erhalten, bietet sich folgende Über‐ schlagsrechnung an (vgl. Bardt 2021): • Die NATO formulierte in ihrer gemeinsamen Erklärung anlässlich des NATO-Treffens in Wales im Jahr 2014 das Ziel, dass sich die Verteidigungsausgaben jedes Lands einer Höhe von 2 Prozent ihres BIP annähern sollten. • Um die Höhe der jährlichen Friedensdividende für Deutschland grob abzuschätzen, können die tatsächlichen Verteidigungsausgaben mit den hypothetischen Ausgaben verglichen werden, die sich eingestellt hätten, wenn Deutschland jedes Jahr dieses 2-Prozent-Ziel realisiert hätte. • Wird schließlich angenommen, dass sich die NATO bereits 1990 auf dieses Ziel verständigt hätte, so hätte Deutschland zwischen 1990 und 2019 fast 620 Milliarden US-Dollar mehr für seine Verteidigung ausgeben müssen. Dieser Betrag kann somit als Deutschlands Friedensdividende angesehen werden. Weltweit sind die Militärausgaben in den letzten Jahrzehnten zunächst deut‐ lich zurückgegangen. 1960 lag der Anteil der weltweiten Militärausgaben 106 6 Geoökonomische Instrumente <?page no="107"?> am BIP der Welt bei rund 6 Prozent. In den USA betrug der Wert sogar 9 Prozent, im Vereinigten Königreich 7 Prozent und in der Bundesrepublik Deutschland knapp 3,8 Prozent (vgl. Weltbank 2025). → Tabelle 6.1 zeigt, dass der Anteil der Militärausgaben am BIP in den ausgewählten Ländern nach dem Ende des Kalten Kriegs gesunken ist. Seit 2015 ist in vielen Regionen jedoch wieder ein Anstieg dieses Indikators festzustellen. - 1990 1995 2000 2005 2010 2015 2020 2023 Russland - 3,78 3,31 3,33 3,59 4,87 4,17 5,86 USA 5,61 3,86 3,11 4,09 4,90 3,46 3,65 3,36 Welt 3,33 2,37 2,20 2,39 2,51 2,25 2,33 2,36 UK 3,98 2,85 2,37 2,42 2,57 2,05 2,16 2,26 Frankreich 2,81 2,49 2,09 2,02 1,97 1,87 2,00 2,06 China 2,45 1,69 1,84 1,87 1,73 1,78 1,76 1,67 Deutsch‐ land 2,52 1,50 1,36 1,07 1,27 1,14 1,37 1,52 Hinweis: Werte für Russland liegen erst ab 1992 vor, in dem Jahr betrug der russische Wert 4,43 Prozent. Tab. 6.1: Entwicklung der Militärausgaben ausgewählter Länder, Angaben in Prozent des BIP | Quelle: Weltbank 2025 6.9 Hybride Bedrohungen Der Begriff der hybriden Bedrohungen ist ein Sammelbegriff für eine Vielzahl von Maßnahmen. Sie alle haben das übergeordnete Ziel, ein anderes Land zu destabilisieren. Diese Destabilisierung kann sich sowohl auf die Wirtschaft eines Lands beziehen als auch auf dessen politisches System. Schon einzelne Maßnahmen können erhebliche Schädigungen anrichten. Eine zentrale Eigenschaft der hybriden Art einer Konfliktführung ist, dass alle Maßnahmen unterhalb der Schwelle eines offiziellen Kriegs bleiben (vgl. Capaul 2024, S. 2). Beispiele für die Schädigung der wirtschaftlichen Infrastruktur einer Volkswirtschaft durch derartige Maßnahmen sind Spionage, Sabotage und Cyberattacken. 6.9 Hybride Bedrohungen 107 <?page no="108"?> • Bei der Spionage wird versucht, illegal an das Know-how eines anderen Lands zu gelangen. Das vermindert u. a. die Vorteile, die ein Land aus dem eigenen technologischen Fortschritt ziehen kann. So wird dessen internationale Wettbewerbsfähigkeit - relativ betrachtet - verringert. Die Volkswirtschaft, die Spionagetätigkeiten durchführt, kann in den Besitz von wertvollem technologischem und ökonomischem Wissen kommen, ohne dafür Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten durch‐ führen zu müssen. Zur Spionage gehören auch Drohnenflüge über Industrieanlagen oder militärische Sperrgebiete (vgl. Wissenschaftliche Dienste Deutscher Bundestag 2025, S. 1). • Im Fall von Sabotage werden Infrastrukturanlagen und andere Teile des gesamtwirtschaftlichen Produktionsapparats eines anderen Lands zerstört oder zumindest beschädigt. Das kann z. B. besonders wichtige Bereiche der Erzeugungs- und Transportinfrastruktur betreffen, also Stromnetze, Erdgaspipelines, Erdölraffinerien, Fernwärmenetze, Eisen‐ bahnlinien, Brücken und ähnliches. Auch Telefonnetze und andere Kommunikationskanäle können hiervon betroffen sein. • Bei einer Cyberattacke kommt es zu einem unerlaubten Zugriff auf einzelne Computer oder ganze Computernetzwerke. Ziel kann sein, Daten zu entwenden, was ein Fall der Spionage wäre. Ein anderes Ziel eines Cyberangriffs besteht darin, Computer bzw. Netzwerke zu beschädigen oder sogar zu zerstören sowie Daten zu verändern bzw. zu manipulieren. Dies kommt einer Sabotage sehr nahe. Wissen | Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) ist die Cybersicherheitsbehörde des Bunds. Es berichtet regelmäßig über die Entwicklung von Cyberangriffen in Deutschland. Die Bandbreite entsprechender Angriffe ist groß. Durch den Einsatz von Schadsoftware werden beispielsweise Computernetze angegriffen. Dort werden Daten entwendet, verändert oder verschlüsselt. Durch das Entwenden von Daten stehlen diejenige, die diesen Angriff durchführen, Informationen und Technologien. Im Fall einer Verschlüsselung von Daten können Lösegelder erpresst werden. Denkbar ist auch, dass Computernetzwerke komplett funktionsunfähig werden. Derartige Angriffe können für alle Beteiligten erhebliche Nachteile haben. Dazu nur ein Beispiel: Von einem Cyberangriff auf einen IT-Dienstleister waren rund 20.000 Arbeitsplätze in 72 Kommunen betroffen. Das betraf potenziell 1,7 108 6 Geoökonomische Instrumente <?page no="109"?> Millionen Einwohner, die zahlreiche kommunale Dienstleistungen, wie beispielsweise Kfz-Zulassungen, Bürger- und Elterngeld, Bauanträge und so weiter nicht nutzen konnten. Ziele derartiger Angriffe sind neben staatlichen und öffentlichen Institutionen auch Unternehmen und Privatpersonen. Werden Unternehmensnetzwerke durch einen Cy‐ berangriff lahmgelegt, entstehen wirtschaftliche Schäden. Beispiele sind Einnahmeausfälle, Kosten der Wiederherstellung und ggf. sogar ein Reputationsschaden für das betroffene Unternehmen (vgl. ausführlicher BSI 2024). Bei der Störung der gesellschaftlichen Zusammenhänge und der Desta‐ bilisierung von Demokratien geht es primär um die Beeinflussung der öffentlichen Meinung und die Manipulation von Wahlen. • Die Beeinflussung der öffentlichen Meinung erfolgt vor allem durch die Verbreitung von verwirrenden oder falschen Informationen, also durch eine Desinformation. Ein Ziel dieses Vorgehens ist es, die öffentliche Meinung dahingehend zu beeinflussen, dass eine unliebsame Regierung im Ausland destabilisiert wird (vgl. Maschmeyer 2023, S. 2). Ein anderes Ziel von Desinformationskampagnen kann es sein, innerhalb einer Bevölkerung die Unsicherheit und das Misstrauen zu erhöhen, was zu sozialen Spannungen führen kann (vgl. Wissenschaftliche Dienste Deutscher Bundestag 2025, S. 1). Soziale Spannungen können eine politische Polarisierung hervorrufen, was letztendlich die politische Handlungsfähigkeit der gesamten Gesellschaft beeinträchtigt - und damit ihre geopolitische Position schwächt. • Die Beeinflussung der öffentlichen Meinung kann so weit gehen, dass Wahlen im Ausland manipuliert werden können. Ein Beispiel dafür ist die Einflussnahme Russlands auf die US-Wahlen im Jahr 2016 (vgl. Bendiek und Bossong 2022, S. 2). Ein weiteres Instrument zur politischen Destabilisierung kann eine gezielte Steuerung der Migration sein. So ist es beispielsweise durchaus denkbar, dass ein Land das Instrument der irregulären Migration nutzt, also Menschen aus anderen Ländern die Durchreise erlaubt, damit sie in ein Drittland einreisen können. Es wird beispielsweise angenommen, dass Belarus mit seiner temporären Steuerung der Migration in die EU versuchte, den ge‐ 6.9 Hybride Bedrohungen 109 <?page no="110"?> samten Schengen-Raum, in dem Grenzkontrollen an den Binnengrenzen abgeschafft sind, zu destabilisieren (vgl. Bendiek und Bossong 2022, S. 4). Einzelne Maßnahmen zur Störung der Wirtschaft stellen noch keine hybride Bedrohung dar. Erst wenn eine größere Zahl von störenden bzw. destabilisierenden Maßnahmen ergriffen wird und diese Maßnahmen koor‐ diniert erfolgen, kann von einer hybriden Bedrohung gesprochen werden (vgl. Bendiek und Bossong 2022, S. 4). Schließlich ist noch darauf hinzuweisen, dass eine hybride Konfliktfüh‐ rung kein komplett neues Phänomen ist. Schon in der Vergangenheit kam es immer wieder zu ausländischen Einmischungen, die das Ziel verfolgten, wirtschaftliche und gesellschaftliche Bereiche im Ausland zu stören und ausländische Regierungen zu destabilisieren. Neu ist jedoch, dass die Verbreitung neuer Technologien - insbesondere der Einsatz moderner Informationstechnologien - dazu führt, dass die Reichweite derartiger In‐ terventionen erheblich zunimmt. Das betrifft insbesondere die Verbreitung von Informationen über die sozialen Medien und die damit verbundenen Möglichkeiten zur Beeinflussung der öffentlichen Meinung und demokrati‐ scher Wahlen (vgl. Bendiek und Bossong 2022, S. 4 sowie Capaul 2024, S. 2). 6.10 Zwischenfazit Der geoökonomische Instrumentenkasten enthält eine Vielzahl von Maß‐ nahmen, mit denen Länder ihre wirtschaftliche Stärke nutzen können, um die eigene geopolitische Position gegenüber anderen Ländern zu verbessern. In den meisten Fällen haben geoökonomische Aktivitäten aber auch eine negative Auswirkung auf die wirtschaftliche Wohlfahrt der heimischen Bevölkerung. Handelssanktionen gegen ein anderes Land reduzieren bei‐ spielsweise die Einkommen und Kaufkraft der ausländischen Bevölkerung und fügen dem Ausland so einen wirtschaftlichen Schaden zu, was ein an‐ gestrebtes Ziel ist. Gleichzeitig ergeben sich aber auch für die sanktionsver‐ hängende Volkswirtschaft nachteilige Konsequenzen. Bei einem Importzoll, der die Produktion und Beschäftigung im Ausland verringert, steigen in dem Land, das diesen Zoll erhebt, die Preise, die die inländischen Käufer zahlen müssen. Wegen dieser unerwünschten Nebeneffekte machen geoökonomi‐ sche Maßnahmen nur Sinn, wenn sie tatsächlich die geopolitische Macht eines Lands verbessern. 110 6 Geoökonomische Instrumente <?page no="111"?> Wichtig ist in diesem Kontext der Hinweis, dass Macht ein relationales Phänomen ist. Das bedeutet: Ein Land A kann seine Macht gegenüber Land B auch dadurch steigern, dass es die Wirtschaftskraft des Lands B stärker redu‐ ziert als seine eigene. Wenn also Land A einen Importzoll auf Produkte von Land B erhebt, führt das im Normalfall in beiden Ländern zu einer Reduktion des BIP, was dann auch die ökonomische Grundlage der geopolitischen Macht schwächt. Wenn jedoch das BIP in Land B um 2 Milliarden Euro sinkt, in Land A jedoch nur um 1,2 Milliarden Euro, kann das die geopolitische Position von Land A gegenüber Land B stärken. Das verdeutlicht, dass es bei der Verfolgung geopolitischer bzw. geoökonomischer Ziele nicht um einen absoluten, sondern einen relativen Zugewinn gegenüber anderen Ländern geht (vgl. Eckert 2025, S. 8). Dennoch sollte beim Einsatz geoöko‐ nomischer Instrumente stets auf die damit einhergehenden ökonomischen Schäden bzw. Wohlfahrtsverluste geachtet werden. Welche unerwünschten Wechselwirkungen mit dem Einsatz unterschiedlicher geoökonomischer Instrumente verbunden sein können, wird im nachfolgenden Kapitel am Beispiel von Handelssanktionen analysiert. 6.10 Zwischenfazit 111 <?page no="113"?> 7 Geoökonomie am Beispiel von Handelssanktionen Ein besonders gut erforschtes geopolitisches Instrument sind die bereits kurz erwähnten Wirtschaftssanktionen. Regierungen setzen sie immer wie‐ der gegen andere Nationen ein, um die sanktionierten Länder zu einem bestimmten Handeln zu bewegen. Die Verhaltensänderung soll dadurch erwirkt werden, dass dem von der Sanktion betroffenen Land ein wirt‐ schaftlicher Schaden zugefügt wird. Er erhöht den Preis für staatliche Handlungen, die von dem sanktionsverhängenden Land als unerwünscht angesehen werden. Darüber hinaus können Sanktionen auch das Ziel haben, die Wirtschaft eines anderen Lands zu schwächen, um so die politischen Handlungsspielräume der ausländischen Regierung einzuschränken. So lässt sich die eigene geopolitische Machtposition gegenüber diesem Land stärken. 7.1 Auswirkungen von Export- und Importverboten Handelssanktionen beschränken die Exporte und Importe von Waren und Dienstleistungen. Bei einem Exportverbot ist es den Unternehmen des sanktionsverhängenden Lands verboten, ihre Produkte an das sanktionierte Land zu verkaufen. Das hat negative ökonomische Konsequenzen für das sanktionierte Land, aber auch für die sanktionsverhängende Volkswirt‐ schaft. Um die weitere Analyse zu vereinfachen, wird folgende Annahme getroffen: Das Land, gegen das sich das Exportverbot richtet, stellt das betroffene Produkt nicht selbst her. Es ist daher vollkommen auf die Exporte anderer Länder angewiesen. Die Angebotsgerade setzt sich aus den ange‐ botenen Mengen verschiedener ausländischer Anbieter zusammen. Ohne Sanktionen ergibt sich das Marktgleichgewicht Q 0 (siehe → Abbildung 7.1). Wenn nun eines der Exportländer seine Lieferungen reduziert oder sogar komplett einstellt, bedeutet das für das sanktionierte Land eine Verringerung des Güterangebots. Die Angebotsgerade (x s ) wird in einem Preis-Mengen-Diagramm nach links verschoben. Die Verbraucher im Emp‐ fängerland können nun nur noch eine geringere Gütermenge konsumieren, für die sie einen höheren Preis zahlen müssen. Das reduziert ihre Konsum‐ <?page no="114"?> möglichkeiten und stellt so gesehen einen ökonomischen Schaden für das sanktionierte Land dar. Wird als Maß für die gesellschaftliche Wohlfahrt das Konzept der Konsumentenrente gewählt (siehe → Anhang), lässt sich der Wohlfahrtsverlust durch die Fläche Q 1 p 1 Q 0 p 0 darstellen. Dabei gilt: Je mehr Länder sich für Exportsanktionen gegen ein Land entscheiden, desto größer ist der Angebotsrückgang in dem sanktionierten Land. Damit werden dort auch die wirtschaftlichen Schäden größer: Die im sanktionierten Land zur Verfügung stehende Gütermenge sinkt, was zu Versorgungsengpässen führen kann. Der Preis, den die Verbraucher dort zahlen müssen, steigt stärker. Insgesamt wird dadurch auch der durch die Konsumentenrente gemessene Wohlfahrtsverlust größer. p x • x 0 x d x 1 • p 0 p 1 Q 0 Q 1 x s1 x s0 Abb. 7.1: Folgen eines Exportverbots für das sanktionierte Land Für das Land, das ein Exportverbot verhängt, ergeben sich allerdings ebenfalls wirtschaftliche Nachteile. Für die Unternehmen des sanktionsver‐ hängenden Lands bedeutet dies eine Verringerung ihrer Absatzmöglichkei‐ ten im Ausland. In einem Preis-Mengen-Diagramm entspricht das einer Verschiebung der Nachfragegeraden (x d ) nach links. Das Exportverbot re‐ duziert die Produzentenrente - und damit auch die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt - um die Fläche Q 1 p 1 Q 0 p 0 (siehe → Abbildung 7.2). 114 7 Geoökonomie am Beispiel von Handelssanktionen <?page no="115"?> p x • x 0 x s x 1 • p 1 p 0 Q 1 Q 0 x d0 x d1 Abb. 7.2: Folgen eines Exportverbots für das sanktionsverhängende Land Auch das Land, das eine Sanktion beschließt, zahlt somit einen ökonomi‐ schen Preis. Getragen wird er im Fall von Exportbeschränkungen vor allem von den Produzenten - also von den Eigentümern der Unternehmen, die von den geringeren Exporten betroffenen sind, und von den dort beschäftigten Arbeitskräften. Während sich für die Beschäftigten Lohneinbußen oder sogar Arbeitsplatzverluste ergeben, erzielen die Eigentümer der Unterneh‐ men geringere Kapitaleinkommen. Auch die Steuerzahler können an den volkswirtschaftlichen Kosten dieser Handelssanktion beteiligt werden. Das ist der Fall, wenn die Ausgaben zur sozialen Abfederung der Folgen der Arbeitslosigkeit steigen und diese von den Steuerzahlern finanziert werden. Das Ausmaß des Wohlfahrtsverlusts im sanktionsverhängenden Land hängt u. a. von der Zahl der Länder ab, die sich an dieser Wirtschaftssanktion beteiligen. Wenn sich viele andere Länder den Exportbeschränkungen an‐ schließen, werden die Exportreduktionen auch von vielen Volkswirtschaften geteilt. Der individuelle Wohlfahrtsverlust eines einzelnen Lands ist daher relativ gering. Falls jedoch nur ein Land die gesamten Exportrückgänge trägt, können sich größere Produktions- und Wohlfahrtseinbußen ergeben. Bei einer Importsanktion verbietet das sanktionsverhängende Land sei‐ nen Unternehmen und Bürgern den Import von Waren und Dienstleistungen aus dem sanktionierten Land. Die sich aus einem Importverbot ergebenden 7.1 Auswirkungen von Export- und Importverboten 115 <?page no="116"?> Wohlfahrtseffekte sind dabei die spiegelbildlichen Effekte eines Exportver‐ bots. • Wenn gegen ein Land ein Importverbot verhängt wird, bedeutet das für das sanktionierte Land den erzwungenen Verzicht auf Exporterlöse, denn die Nachfrage nach den Produkten der exportierenden Unterneh‐ men sinkt. Diese Situation wurde in → Abbildung 7.2 analysiert. • Für das sanktionsverhängende Land ist das Importverbot mit dem Ausfall ausländischer Produkte verbunden. Es kommt also zu der in → Abbildung 7.1 dargestellten Situation. 7.2 Die Bedeutung von Vorleistungen und Drittländern Die ökonomischen Kosten, die der sanktionierten Volkswirtschaft wegen fehlender Importe entstehen, hängen auch davon ab, ob es sich dabei um Konsumgüter oder um Vorleistungen bzw. Rohstoffe handelt. Gibt es für Vorleistungen keine Substitute, kann es im sanktionierten Land zu einer Produktionsunterbrechung kommen, die wiederum weitreichende ökonomische Auswirkungen hat: • Wenn die Produktion in einigen Unternehmen nicht fortgeführt werden kann, kommt es dort zu Entlassungen. Für die betroffenen Beschäftigten ergeben sich Einkommensreduzierungen. • Eine Einkommensreduzierung stellt einen Kaufkraftverlust dar. Daher müssen die Haushalte ihre Konsumausgaben einschränken. Für die einheimischen Unternehmen der Konsumgüterindustrie bedeutet das Umsatzeinbußen. Die Unternehmen passen sich daran an und reduzie‐ ren Produktion und Beschäftigung. Es kommt zu weiteren Entlassungen, die wiederum Rückgänge bei der gesamtwirtschaftlichen Konsumnach‐ frage nach sich ziehen. • Für die Verbraucher im sanktionierten Land kann es zu Versorgungs‐ engpässen kommen, wenn bestimmte Konsumgüter wegen fehlender Vorleistungen nicht mehr von den einheimischen Unternehmen ange‐ boten werden können und wenn ein Import wegen der verhängten Sanktionen ebenfalls nicht mehr möglich ist. • Sofern die von den inländischen Unternehmen hergestellten Produkte von Unternehmen in Drittländern als Vorleistung eingesetzt werden, kann es auch in diesen Ländern zu Produktionsunterbrechungen kom‐ 116 7 Geoökonomie am Beispiel von Handelssanktionen <?page no="117"?> men, obwohl sie von den verhängten Sanktionen gar nicht direkt betroffen sind. Die Höhe des ökonomischen Schadens von Handelssanktionen hängt zudem davon ab, ob es Drittländer gibt, aus denen das sanktionierte Land Güter beziehen kann oder in die es seine Produkte verkaufen kann. Im Fall eines Exportverbots bedeutet dies Folgendes: Wenn es neben den sanktionsver‐ hängenden Ländern viele Drittländer gibt, die ihre Produkte weiterhin an das sanktionierte Land verkaufen, und wenn die Angebote dieser Länder ein Substitut für die Exporte des sanktionsverhängenden Lands sind, ergeben sich ggf. gar keine Wohlfahrtsverluste für das sanktionierte Land: Es ersetzt den Importausfall durch höhere Importe aus anderen Ländern, sodass sich die Versorgungssituation für die Verbraucher nicht verändert. Gleiches gilt für die Lieferung von Vorleistungen und Rohstoffen. Eine Wohlfahrtsein‐ buße ergibt sich allerdings, falls die Drittländer ihre Produkte nur zu einem höheren Preis anbieten können als das Land, das nun keine Exporte mehr liefert. Für das sanktionsverhängende Land hängt die Höhe des Wohlfahrtsver‐ lusts eines Exportverbots davon ab, ob die einheimischen Unternehmen ihre Produkte an andere Länder verkaufen können oder nicht. Falls es auf dem Weltmarkt eine hinreichend hohe Nachfrage nach den Produkten des sankt‐ ionsverhängenden Lands gibt, können die einheimischen Unternehmen die Umsatzausfälle durch vermehrte Exporte in andere Länder kompensie‐ ren. Die Produzentenrente bleibt unverändert, wenn die produzierte Güter‐ menge und der erzielbare Preis konstant bleiben. Die sanktionsverhängende Volkswirtschaft erleidet in diesem Fall keinen Wohlfahrtsverlust. Eine für das sanktionsverhängende Land besonders ungünstige Situation stellt sich hingegen ein, wenn es selbst im Fall eines Exportverbots keine Exportsteigerungen in Drittländer durchführen kann und wenn zudem viele Drittländer das sanktionierte Land mit ihren Produkten versorgen. In diesem Fall wäre die Handelssanktion wirkungslos, weil das Versorgungs‐ niveau im sanktionierten Land unverändert bleibt. Die Unternehmen des sanktionsverhängenden Lands tragen hingegen die wirtschaftlichen Folgen des Exportverbots. Das wäre unter geopolitischen Gesichtspunkten eine schlechte Situation: Das sanktionsverhängende Land schwächt seine eigene Wirtschaftskraft, ohne dass es seinen politischen Einfluss auf das sanktio‐ nierte Land erhöhen kann. 7.2 Die Bedeutung von Vorleistungen und Drittländern 117 <?page no="118"?> 7.3 Mittel- und langfristige Effekte für das sanktionierte Land Die mithilfe der grafischen Analyse skizzierten ökonomischen Konsequen‐ zen eines Exportverbots beschreiben dessen kurzfristige Effekte. Mittel- und langfristig gibt es für ein sanktioniertes Land mehr Möglichkeiten, sich an ein Exportverbot anzupassen. Das betrifft vor allem die Möglichkeit, das nicht mehr gelieferte Produkt durch alternative Produkte zu ersetzen. Eine Substitutionsmöglichkeit besteht darin, das betreffende Produkt im eigenen Land herzustellen. Diese Anpassung der einheimischen Produkti‐ onsmöglichkeiten kostet jedoch Zeit. Das gilt insbesondere, wenn es im Inland bisher keine Unternehmen gibt, die dieses Produkt herstellen. In diesem Fall müssten komplett neue Produktionsanlagen errichtet werden. Das setzt voraus, dass die inländischen Unternehmen Zugang zu den tech‐ nologischen Grundlagen bzw. dem Know-how dieser Produktionsprozesse haben. Zudem braucht es entsprechend qualifizierte Fachkräfte. Alterna‐ tiv kann das sanktionierte Land seine Handelsbeziehungen anpassen und auf Zulieferbetriebe aus anderen Ländern zurückgreifen. Diese Strategie funktioniert, wenn die Sanktionen von einer Großzahl weiterer Nationen nicht mitgetragen werden. Wegen dieser Anpassungsmöglichkeiten nimmt die Effektivität von Sanktionen im Zeitablauf ab. So gibt es empirische Untersuchungen, die darauf schließen lassen, dass eine Wirtschaftssanktion vor allem in den beiden ersten Jahren nach ihrer Einführung wirksam ist (vgl. Smeets 2018, S. 7). Dennoch kann die Abtrennung von den internationalen Handelsbezie‐ hungen auch negative langfristige Konsequenzen für die sanktionierte Volkswirtschaft haben: • Problematisch wird es für ein sanktioniertes Land, wenn es auch mittel- und langfristig keine Substitutionsmöglichkeiten hat. Falls es sich bei den nicht mehr gelieferten Produkten um Technologien und moderne Maschinen handelt, kommt es in dem sanktionierten Land zu einer dauerhaften Schwächung der Produktionskapazitäten. Das wirkt sich negativ auf die langfristigen Beschäftigungs- und Einkommenschancen der einheimischen Bevölkerung aus. • Die Unterbrechung der Handelsbeziehungen mit dem Ausland kann zur Folge haben, dass internationale Kapitalanleger ihr Kapital aus diesem Land abziehen. Wenn das sanktionierte Land beispielsweise bestimmte Exporte nicht mehr durchführen kann, bedeutet das Umsatz- 118 7 Geoökonomie am Beispiel von Handelssanktionen <?page no="119"?> und Gewinneinbrüche für die davon betroffenen Unternehmen. Sofern ausländische Investoren an diesen Unternehmen beteiligt sind, kann der befürchtete Gewinnrückgang ein Motiv sein, ihr Kapital aus dem Land abzuziehen. Damit kommt es in dem sanktionierten Land zu einer Kapitalknappheit. Diese kann Investitionen verhindern und damit ebenfalls die langfristigen Beschäftigungs- und Einkommenschancen der einheimischen Bevölkerung beeinträchtigen. • Selbst wenn die Handelssanktionen nur temporärer Natur sind - also nach der erwünschten politischen Handlungsänderung wieder zurück‐ genommen werden -, können sich daraus langfristige wirtschaftliche Schäden für das sanktionierte Land ergeben. Das ist z. B. der Fall, wenn sich die Unternehmen aus den sanktionsverhängenden Ländern im Sanktionszeitraum neue Handelspartner gesucht haben, an die sie ihre Produkte verkaufen können. Sofern langfristige Lieferverträge unterzeichnet wurden, werden die Unternehmen an diesen festhalten, selbst wenn sie ihre Produkte nach Beendigung der Sanktionen wieder in das sanktionierte Land liefern dürfen. 7.4 Außenhandel, Wechselkurs und Zinsniveau Die sanktionsbedingten Veränderungen der Handelsbeziehungen haben Auswirkungen auf den Wert der Währungen der involvierten Länder, also auf den Wechselkurs. Wenn die Exporte des sanktionierten Lands wegen eines Boykotts zurückgehen, benötigt der Rest der Welt weniger Einheiten der Währung dieses Lands. Grund für diesen Zusammenhang ist, dass die Produkte eines Exportlands, wie in → Abschnitt 6.6 erläutert, in dessen Währung bezahlt werden müssen. Es kommt daher zu einer geringeren Nachfrage nach der Währung des sanktionierten Lands und somit zu deren Abwertung. Diese hat wiederum weiterreichende ökonomische Konsequen‐ zen (siehe → Abbildung 7.3): • Die Abwertung der eigenen Währung ist zugleich eine Aufwertung der Währungen des Auslands. Das sanktionierte Land muss nun für seine Importe, die in der Währung des Auslands bezahlt werden, mehr Einheiten der eigenen Währung hergeben. Das bedeutet auch, dass das sanktionierte Land mehr Einheiten seiner Exportgüter hergeben muss, um eine Einheit eines Importguts zu erhalten. Das reale Austauschverhältnis des sank‐ 7.4 Außenhandel, Wechselkurs und Zinsniveau 119 <?page no="120"?> tionierten Lands sinkt. Der einheimischen Bevölkerung stehen deshalb weniger Güter zur Verfügung, ihre Versorgungslage verschlechtert sich. • Die Abwertung der eigenen Währung erhöht - wie im → Abschnitt 6.6 gezeigt - die Preise der importierten Produkte. Bei einer hinreichend großen Zahl von importierten Produkten mit abwertungsbedingt höheren Preisen steigt auch das gesamtwirtschaftliche Preisniveau. Damit sinkt die Kaufkraft der einheimischen Bevölkerung. Die Menschen im sanktionierten Land können sich deshalb mit ihren Einkommen nur noch eine geringere Gütermenge leisten. Das schränkt ihre Konsummöglichkeiten weiter ein. • Eine Kombination aus Abwertung und steigender Inflation ist ein Motiv, Kapital aus dem sanktionierten Land abzuziehen. Die einheimischen Bürger können sich durch eine Anlage ihrer Ersparnisse im Ausland vor der inflationsbedingten Verringerung ihres Realvermögens schützen und zudem einen aufwertungsbedingten Vermögenszuwachs realisie‐ ren. Ausländische Anleger vermeiden durch ihren Kapitalabzug einen abwertungsbedingten Vermögensverlust. Die Kapitalflucht verringert das Kapitalbzw. Kreditangebot im sanktionierten Land und verschlech‐ tert dadurch die Finanzierungskonditionen. Die Folge sind geringere Investitionen, was sich negativ auf die langfristigen Beschäftigungs- und Einkommenschancen auswirkt. • Zur Verhinderung einer Kapitalflucht muss die Zentralbank des sank‐ tionierten Lands ihren Leitzins erhöhen. Höhere Zinsen können den Abzug des Kapitals verhindern, wenn im Ausland so geringe Zinsen geboten werden, dass die Zinseinnahmen höher sind als die erwarteten inflations- und abwertungsbedingten Vermögensverluste. Allerdings schwächen höhere Zinsen die Investitionstätigkeiten. Abb. 7.3: Folgen eines Importboykotts der sanktionsverhängenden Länder für die langfristige Wirtschaftsentwicklung des sanktionierten Lands Exporte des sanktionierten Lands ↓ Abwertung der Währung des sanktionierten Lands Preise importierter Produkte im sanktionierten Land ↑ Inflationsrate des sanktionierten Lands ↑ Kapitalflucht aus dem sanktionierten Land ↑ Leitzins im sanktionierten Land ↑ Investitionen im sanktionierten Land ↓ langfristiges Wirtschaftswachstum ↓ Abb. 7.3: Langfristige Folgen eines Importboykotts 120 7 Geoökonomie am Beispiel von Handelssanktionen <?page no="121"?> Insgesamt ist somit festzuhalten, dass Handelssanktionen dem sanktionier‐ ten Land - zusätzlich zu Verlusten an Konsumenten- und Produzentenrente - auch über eine Abwertung der heimischen Währung sowie höhere Preise und Zinsen wirtschaftliche Schäden zufügen. 7.5 Empirie zu den wirtschaftlichen Folgen von Sanktionen Die ökonomischen Konsequenzen von Wirtschaftssanktionen sind relativ gut analysiert. Grundsätzlich deuten empirische Untersuchungen auf deut‐ liche Produktionsrückgänge und damit auch Wohlfahrtsverluste als Folge von Sanktionen hin. Eine Auswertung von 68 sanktionierten Ländern im Zeitraum von 1976 bis 2012 zeigt einen Rückgang des BIP in diesen Ländern von mehr als 2 Prozentpunkten. Bei besonders weitreichenden und umfangreichen Sanktionen beträgt der Rückgang des BIP mehr als 5 Prozentpunkte (vgl. von Neuenkirch und Neumeier 2015, S. 111). Das sind spürbare Wirtschaftseinbrüche. Wie eine Auswertung von 158 Ländern im Zeitraum von 1960 bis 2016 zeigt, entfalten sich die ökonomischen Auswirkungen der Sanktionen in‐ nerhalb von zwei Jahren ab dem Erlass der Sanktionen. Dem Rückgang der Produktion folgt zeitgleich ein Konsumrückgang in ähnlicher Höhe. Der Rückgang bei den Investitionen - mit Ausnahme von Auslandsinvesti‐ tionen, die ebenfalls beginnend mit den Sanktionen zurückgehen - setzt hingegen erst im zweiten Jahr nach Erlass der Sanktionen ein (vgl. Gutmann, Neuenkirch und Neumeier 2021). Die ökonomischen Auswirkungen von Sanktionen sind daher anhaltend. Der Rückgang in der Produktion im sanktionierten Land ist für zumindest 10 Jahre beobachtbar (vgl. Neuenkirch und Neumeier 2015, S. 111). Der ökonomische Schaden akkumuliert sich entsprechend über die Zeit und kann nicht wieder kompensiert werden. Eine aktuelle Studie, die die wirtschaftlichen Auswirkungen von weltwei‐ ten Import- und Exportsanktionen seit 1920 untersucht, stellt hingegen eher moderate ökonomische Schäden in den sanktionierten Ländern fest. Wird der Außenhandel eines Lands in Höhe von einem Prozent seines BIP mit Handelssanktionen belegt, sinkt das reale BIP des sanktionierten Lands um durchschnittlich 0,3 Prozentpunkte. Im Einzelfall können die Auswirkungen jedoch auch höher ausfallen. Einkommensschwache Volkswirtschaften mit einer hohen Importabhängigkeit leiden beispielsweise deutlich stärker unter 7.5 Empirie zu den wirtschaftlichen Folgen von Sanktionen 121 <?page no="122"?> Handelssanktionen. Dennoch gilt: Wenn einem Land spürbare wirtschaftli‐ che Schäden zugefügt werden sollen, müssen Handelssanktionen ergriffen werden, die mindestens 10 Prozent des BIP des sanktionierten Lands betref‐ fen (vgl. Bernstein et al. 2025, S. 16). Somit lässt sich festhalten, dass die skizzierten ökonomischen Auswir‐ kungen von Sanktionen durch empirische Evidenz belegbar sind und auch in der langen Frist zu ökonomischen Schäden führen. 7.6 Voraussetzungen für erfolgreiche Sanktionen Bei den Wirkungen von Handelssanktionen ist zwischen den ökonomischen und den politischen Effekten zu unterscheiden. Das wirtschaftliche Ziel von Handelssanktionen ist es, dem sanktionierten Land Produktions- und Einkommenseinbußen zuzufügen. Ob dieses Ziel erreicht wird, hängt von zahlreichen Rahmenbedingungen ab. Dazu gehören vor allem die folgenden (vgl. Zweynert 2014, S. 606f. sowie Rudolf 2024, S. 12-19): • Die Größe der sanktionierten Volkswirtschaft: Je größer eine Volkswirt‐ schaft ist, desto größer ist deren Binnenmarkt und desto weniger ist das Land auf Importe angewiesen. Auch der Absatzmarkt ist groß, sodass die Unternehmen des sanktionierten Lands weniger unter sinkenden Exportmöglichkeiten leiden. • Die Geschlossenheit der sanktionsverhängenden Staatengemein‐ schaft: Je mehr Länder sich an den Sanktionen beteiligen, desto geringer sind die Ausweichmöglichkeiten für das sanktionierte Land und desto größer sind die wirtschaftlichen Schäden. Bezüglich des Zusammenhalts der Staatengemeinschaft besteht jedoch die Gefahr eines Trittbrettfah‐ rerverhaltens: Die Vermeidung der volkswirtschaftlichen Kosten, die sich für sanktionsverhängende Volkswirtschaften ergeben, stellt einen Anreiz dar, sich nicht an den Sanktionen zu beteiligen. Stattdessen wird darauf vertraut, dass die Sanktionen der übrigen Länder ausreichen, um eine politische Verhaltensänderung zu erwirken. Das ermöglicht der sanktionierten Volkswirtschaft Ausweichreaktionen, die den wirt‐ schaftlichen Schaden verringern. • Die Stärke und Schnelligkeit der Sanktionen: Je mehr Konsumgüter, Vorleistungen und Rohstoffe von den verhängten Handelssanktionen betroffen sind, desto größer sind die wirtschaftlichen Schäden. Vergrö‐ ßert werden die Kosten, wenn es zusätzliche Wirtschaftssanktionen 122 7 Geoökonomie am Beispiel von Handelssanktionen <?page no="123"?> gibt, also z. B. das Verbot von Technologietransfers, der Ausschluss vom internationalen Zahlungsverkehr, das Einfrieren von staatlichen und privaten Auslandsvermögen des sanktionierten Staats und vieles mehr. Mit Blick auf die Handelssanktionen müssen diese schnell umgesetzt werden, damit das sanktionierte Land keine Vorkehrungen treffen kann, also z. B. aus dem Ausland benötigte Hightech-Produkte und Rohstoffe auf Vorrat kauft und somit einen ausreichend großen Lagerbestand hat. • Abhängigkeit des sanktionierten Lands von den betroffenen Produk‐ ten: Je größer beispielsweise der Anteil der von einem Importverbot betroffenen Produkte an den Gesamtexporten des sanktionierten Lands ist, desto höher ist der wirtschaftliche Schaden für das sanktionierte Land. Bei einem Exportembargo ist der wirtschaftliche Schaden im sanktionierten Land hoch, wenn das Land für diese Produkte keine Substitute hat und die ausländischen Produkte eine wichtige Rolle für die Versorgung der einheimischen Bevölkerung haben (beispielsweise Medikamente, Nahrungsmittel und Energie) bzw. Vorprodukte für die Produktion von existenziellen Produkten sind. • Das Ausmaß der bisherigen Wirtschaftsbeziehungen zwischen dem sanktionsverhängenden und dem sanktionierten Land: Wenn vor der Verhängung von Wirtschaftssanktionen enge ökonomische Beziehun‐ gen bestanden, ist das sanktionierte Land auf den Handel mit dem sankt‐ ionsverhängenden Land angewiesen. Import- und Exportbeschränkun‐ gen treffen das sanktionierte Land relativ hart. Falls es jedoch nur wenige wirtschaftliche Beziehungen gibt, beeinträchtigen Wirtschafts‐ sanktionen das sanktionierte Land nur geringfügig. Sofern die Voraussetzungen für hohe wirtschaftliche Schäden im sanktio‐ nierten Land nicht gegeben sind, ist die ökonomische Wirksamkeit von Sanktionen gering. Während die wirtschaftlichen Effekte von Handelssanktionen empirisch einigermaßen gut quantifizierbar sind, ist dies mit Blick auf die politischen Reaktionen des sanktionierten Lands weniger gut möglich. Ein Grund dafür ist, dass sich kein kontrafaktisches Szenario berechnen lässt (vgl. Christen und Felbermayr 2022, S. 70). Bezüglich der ökonomischen Wirkungen einer Handelssanktion kann die beobachtete Wirtschaftsentwicklung mit einer hypothetischen Entwicklung verglichen werden, die sich in dem sanktio‐ nierten Land ergeben hätte, wenn keine Sanktionen verhängt worden wä‐ ren. Dies lässt sich mithilfe von volkswirtschaftlichen Modellen berechnen. 7.6 Voraussetzungen für erfolgreiche Sanktionen 123 <?page no="124"?> Für politische Entscheidungen gibt es derartige Modelle nicht, womit eine kausale Identifikation des politischen Erfolgs von Sanktionen kaum möglich ist. Somit gibt es letztendlich keine belastbare Evidenz für eindeutige kausale Zusammenhänge zwischen sanktionsbedingten wirtschaftlichen Schäden und dem politischen Erfolg der verhängten Sanktionen (vgl. Rudolf 2024, S. 13). Ein zweiter Grund für die geringen Nachweismöglichkeiten der politi‐ schen Erfolge von Handelssanktionen besteht darin, dass diese Sanktionen in der Regel Teil eines umfassenden politischen Ansatzes zu Veränderung des Verhaltens eines anderen Staats sind. Falls der sanktionierte Staat also tatsächlich sein Verhalten ändert, kann das selten einer einzelnen politischen Maßnahme - also z. B. einem Exportverbot - zugschrieben werden (vgl. Wissenschaftliche Dienste Deutscher Bundestag 2020, S. 13). Drittens ist zu berücksichtigen, dass Handelssanktionen zwar die er‐ wünschten ökonomischen Schäden in dem sanktionierten Land hervorrufen können, die Unterstützung der politischen Führung durch die einheimische Bevölkerung möglicherweise aber dennoch steigt. Das ist insbesondere zu erwarten, wenn es der sanktionierten Regierung gelingt, die Sanktio‐ nen als eine Bedrohung von außen darzustellen und die Regierung diese Bedrohungslage nutzt, um die Stabilität und Ordnung im Inland durch repressive Mittel zu sichern (vgl. Rudolf 2024, S. 24). In diesem Fall ruft die wirtschaftliche Sanktion ggf. sogar das Gegenteil der anvisierten politischen Reaktion hervor (vgl. Hafner 2016, S. 411). Schließlich ist noch zu berücksichtigen, dass Sanktionen noch ein weite‐ res Ziel verfolgen können. Sie können einen abschreckenden Charakter haben. In diesem Fall haben Sanktionen das Nebenziel, andere Staaten von unerwünschten Handlungen abzuhalten. Ob Sanktionen das Ziel der Abschreckung erreichen, lässt sich ebenfalls nicht kausal nachweisen. Angesichts der hohen Anforderungen an den wirtschaftlichen Erfolg von Sanktionen und der methodischen Probleme beim empirischen Nachweis ihres politischen Erfolgs ist die Literatur bezüglich des politischen Erfolgs von Wirtschaftssanktionen eher skeptisch. Die empirische Analyse der politischen Wirkung von Sanktionen kommt zu dem Ergebnis, dass die Erfolgsrate der untersuchten Sanktionsfälle zwischen 5 und 34 Prozent liegt (vgl. Hafner 2016, S. 412; Wissenschaftliche Dienste Deutscher Bundestag 2020, 12 und die dort angegebene Literatur). Generell gilt somit die Daumenregel, dass rund ein Drittel der Wirt‐ schaftssanktionen ihr politisches Ziel erreichen. Allerdings ist diese Ein‐ 124 7 Geoökonomie am Beispiel von Handelssanktionen <?page no="125"?> schätzung dahingehend zu relativieren, dass sich die Erfolgsraten nach ver‐ schiedenen Zielen unterscheiden. Bei wenig ambitionierten Zielen, wie z. B. der Freilassung politischer Gefangener, beträgt der Erfolg rund 50 Prozent. Bei weiterreichenden Ambitionen, wie beispielsweise der Einschränkung militärischer Aktivitäten und anderen spürbaren politischen Änderungen, ist nur noch rund ein Fünftel der Sanktionen erfolgreich (vgl. Rudolf 2024, S. 15-18). 7.7 Zwischenfazit Wirtschaftsbzw. Handelssanktionen können die intendierten wirtschaft‐ lichen Schäden in einem sanktionierten Land anrichten, sofern die im → Abschnitt 7.6 skizzierten Voraussetzungen erfüllt sind. Werden diese Sanktionen also eingesetzt, um die Wirtschaftskraft einer ausländischen Volkswirtschaft zu reduzieren und damit die geopolitische Machtposition dieses Lands zu schwächen, kann dieses Ziel erreicht werden. Das originäre Ziel von Wirtschaftssanktionen - also eine bestimmte angestrebte Veränderung des Regierungsverhaltens im sanktionierten Land - bleibt jedoch häufig aus. Doch selbst wenn der politische Erfolg der Sank‐ tionen fraglich ist, senden Handelssanktionen ein starkes politisches Signal aus: Sie zeigen, dass die sanktionsverhängenden Staaten bereit sind, selbst Kosten zu tragen, um das sanktionierte Land zu einer Verhaltensänderung zu bewegen. Das ist ein wesentlich stärkeres Signal als bloße politische Erklä‐ rungen (vgl. Smeets 2018, S. 9). Zudem haben Sanktionen damit auch einen abschreckenden Charakter für andere Staaten, die möglichweise ähnliche unerwünschte Handlungen planen. Handelssanktionen werden also aller Voraussicht nach auch in Zukunft zum geopolitischen Instrumentenkasten vieler Länder zählen. 7.7 Zwischenfazit 125 <?page no="127"?> 8 Antworten auf geopolitische Spannungen Wie im → fünften Kapitel gezeigt, nutzen immer mehr Länder ihre Wirt‐ schaftskraft zur Stärkung ihrer geopolitischen Position. Für Deutschland und die EU sind dabei vor allem die wirtschafts- und geopolitischen Maß‐ nahmen der USA und Chinas relevant. Nicht erst seit dem Beginn der zweiten Amtsperiode von Donald Trump ist in den USA eine stärkere Nutzung geoökonomischer Instrumente fest‐ zustellen. Importzölle werden, wie am Ende des → vierten Kapitels erwähnt, dort seit über 200 Jahren immer wieder eingesetzt. Die Biden-Regierung schnürte zudem mehrere milliardenschwere Subventionspakete. Hier ist vor allem an den „Inflation Reduction Act“ (kurz IRA) zu denken. Er wurde im August 2022 von US-Präsident Joe Biden unterzeichnet und ist seit dem Beginn des Jahres 2023 wirksam. Zentrales Element sind Finanzhilfen und Steuergutschriften für klimafreundliche Technologien und Produkte. Das Volumen des über 10 Jahre laufenden Programms ist schwer abschätzbar, da der IRA auch Steuererleichterungen enthält, deren Höhe nicht gedeckelt ist. Schätzungen zufolge kann das Volumen des IRA 800 Milliarden Dollar oder sogar 1.200 Milliarden Dollar erreichen (vgl. Jansen, Jäger und Redeker 2023, S. 3). Hinzu kommen weitere Subventionsprogramme. Der „Infrastructure Investment und Jobs Act“ stellt beispielsweise 1.200 Milliarden Dollar zur Verfügung, der „CHIPS and Science Act“ 280 Milliarden Dollar (vgl. Baur et al. 2023, S. 7). Donald Trump forciert den Einsatz geoökonomischer Instrumente. Mit massiven Importzöllen will er die US-Wirtschaft stärken. Steuererleichterungen für die heimischen Unternehmen sollen die Investiti‐ onstätigkeiten ankurbeln. Zudem äußert er immer wieder Pläne zur Schwä‐ chung des Dollars, um so die internationale preisliche Wettbewerbsfähigkeit der US-Firmen zu verbessern. Wissen | Der Plan, durch eine konzertierte wirtschaftspolitische Aktion eine Abwertung des US-Dollars zu erwirken, wird unter dem Namen „Mar-a-Lago Accord“ diskutiert (vgl. Kraemer 2025). Für die Schwä‐ chung der eigenen Währung gibt es unterschiedliche Instrumente. Eines ist eine spürbare Senkung der Zinsen in den USA durch eine Reduktion des Leitzinses, wie in → Abschnitt 6.6 erläutert. Das kann <?page no="128"?> eine Erklärung für den massiven Druck sein, den der US-Präsident auf die US-Notenbank ausübt, um diese zu Leitzinssenkungen zu bewegen. Die strategischen geoökonomischen Ambitionen von China sind bereits angesprochen. Beispiele sind die industriepolitische Strategie „Made in China 2025“ und die „Belt and Road Initiative“. China setzt dafür hohe Subventionen ein. Das Land gibt schätzungsweise knapp 2 Prozent seines BIP für industriepolitische Maßnahmen aus. Das ist etwa fünfbis sechsmal so viel wie die USA und die EU. Zudem werden Milliardenbeträge eingesetzt, um den Wert der eigenen Währung zu schwächen. Um eine Abwertung der heimischen Währung zu erreichen, kaufen chinesische Finanzinstitute Vermögenswerte im Ausland (vgl. Jean, Mejean und Schularick 2025, S. 4- 6). Die damit verbundene höhere Nachfrage nach Devisen bewirkt eine Aufwertung der ausländischen Währungen und damit eine Abwertung der chinesischen Währung, was die Exportchancen Chinas verbessert. Ein weiterer Baustein der chinesischen geoökonomischen Strategie be‐ trifft die weltmarktbeherrschende Stellung des Lands im Bereich der Selte‐ nen Erden. Noch bis in die 1990er-Jahre dominierten die USA die weltweite Produktion der Seltenen Erden. China begann jedoch in den 1980er-Jahren damit, die gesamte Wertschöpfungskette vom Abbau dieser Rohstoffe bis hin zur Erstellung der Endprodukte zu fördern. Eine Kombination aus günstigen Abbaubedingungen mit niedrigen Produktionskosten, staatlichen Subventionen und laxen Umweltauflagen führte dazu, dass China seit den frühen 2000er-Jahren den Markt für Seltene Erden dominiert und fast eine Monopolstellung erreicht hat. Sie wird dadurch gestärkt, dass China sich durch den Kauf von ausländischen Rohstoffvorkommen einen weiteren Zugriff auf Seltene Erden sichert. Hinzu kommt, dass China durch die technologische Führerschaft entlang der gesamten Wertschöpfungskette in vielen Fällen das einzige Land ist, das Seltene Erden weiterverarbeiten kann. So ist China bei der Herstellung von Permanentmagneten, die z. B. für Elektromotoren und Windturbinen notwendig sind, die einzige Volkswirt‐ schaft, die die erforderlichen Produktionsschritte von der Erzgewinnung bis zum Endprodukt durchführen kann. Diese marktbeherrschende Position kann eingesetzt werden, um durch Exportverbote von Seltenen Erden, aber auch Einzelteilen und Endprodukten, deren Herstellung ohne diese Rohstoffe unmöglich ist, politischen Druck auf andere Länder auszuüben. Wenn China die Ausfuhr dieser Rohstoffe und Produkte verbietet, führt 128 8 Antworten auf geopolitische Spannungen <?page no="129"?> das im Rest der Welt zu Produktionsunterbrechungen und Preisanstiegen. Und da Seltene Erden zentraler Bestandteil von Produkten sind, die für die Energiewende, die Digitalisierung und militärische Güter erforderlich sind, kann das Ausbleiben der chinesischen Lieferungen alle Produktionsprozesse dieser Produkte massiv stören (vgl. Kullik 2019, S. 2f., IRENA 2023, S. 59). Wissen | Seltene Erden sind eine Gruppe von 17 Metallen. Sie werden in geringen Mengen in zahlreichen Hochtechnologie-Produkten benö‐ tigt. Beispiele sind Batterien, Magnete, Solaranlagen und Computer, um nur einige zu nennen. Diese Rohstoffe werden daher u. a. für die Elektromobilität, die Wind-, Solar- und Wasserenergie, Mobiltelefone sowie Computer und damit die Digitalisierung und die Künstliche In‐ telligenz benötigt. Auch zahlreiche militärische Technologien kommen nicht ohne Seltene Erden aus (vgl. Kullik 2019, S. 1, IRENA 2023, S. 32). Vor dem Hintergrund der zunehmenden geopolitischen Spannungen stellt sich die Frage, wie Deutschland und die EU darauf angemessen reagieren können. Hierfür gibt es eine Reihe von Handlungsoptionen, von denen die wichtigsten kurz skizziert werden. 8.1 De-Risking und De-Coupling Ein erstes Ziel im Kontext der wachsenden geopolitischen Spannungen ist die Verringerung von Abhängigkeiten. Für rohstoffarme Länder wie Deutschland spielen vor allem Importabhängigkeiten eine zentrale Rolle. Daneben gibt es auch Exportabhängigkeiten, finanzielle und technologische Abhängigkeiten, um nur die wichtigsten zu nennen. Besonders relevant sind dabei kritische Abhängigkeiten. Für diesen Begriff gibt es keine eindeutige Definition. Für die Kritikalität einer Abhängigkeit werden un‐ terschiedliche Kriterien herangezogen. Zu den wichtigsten zählen mit Blick auf Importabhängigkeiten folgende: die erwarteten wirtschaftlichen Schäden im Fall eines Ausbleibens von Importen, die Möglichkeiten einer Substitution der fehlenden Importe und die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einer Importunterbrechung kommt. Wenn das Ausbleiben eines bestimmten Rohstoffs in dem importierenden Land zahlreiche Produktionsprozesse zum Erliegen bringt, die technischen Substitutionsmöglichkeiten gering und 8.1 De-Risking und De-Coupling 129 <?page no="130"?> zudem teuer sind und das Importland den betreffenden Rohstoff aus nur einem Land bezieht, das zudem bereit ist, seine Rohstoffe als politisches Druckmittel einzusetzen, spricht das für eine kritische Importabhängigkeit. Ein Blick auf die Import- und Exportbeziehungen Deutschlands zeigt, dass das Land grundsätzlich eine breite Diversität bei seinen Importen und Exporten aufweist. Eine hohe Konzentration auf nur wenige Handelspartner gibt es lediglich bei fossilen Brennstoffen sowie einigen Rohstoffen und Mineralien. Kritisch sind diese Abhängigkeiten insbesondere dann, wenn die Zuliefererländer dieser natürlichen Ressourcen Autokratien sind, die bereit sind, ihre geopolitische Position auf Kosten des eigenen materiellen Wohlstands zu stärken (vgl. Fremerey und Iglesias 2022, S. 41). Für die Re‐ duktion derartiger Abhängigkeiten gibt es zwei grundsätzliche Strategien, das De-Risking und das De-Coupling (vgl. Hilgers 2023, S. 12, IMW 2024, S. 10, 21): • De-Risking bedeutet Risikominderung. Dieser Begriff stammt ur‐ sprünglich aus der Finanzwissenschaft. Er bezieht sich darauf, dass Finanzinstitute Beziehungen zu bestimmten Kunden einschränken oder sogar komplett beenden, um so Risiken, wie z. B. die Finanzierung ter‐ roristischer Gruppierungen oder Geldwäsche zu vermeiden. Im Kontext volkswirtschaftlicher Beziehungen beschreibt der Begriff Maßnahmen, die darauf abzielen, Risiken zu reduzieren, die sich aus wirtschaftlichen Beziehungen zu anderen Ländern bzw. Regionen ergeben. Dabei geht es häufig - aber nicht ausschließlich - um die Verringerung von Importabhängigkeiten. • Beim De-Coupling geht es ebenfalls um Risiken, die sich aus außen‐ wirtschaftlichen Beziehungen und den damit verbundenen Abhängig‐ keiten ergeben. Beim De-Coupling handelt es sich jedoch um eine weit‐ gehende Abkopplung von Wirtschaftspartnern, die ihre Produkte oder Rohstoffe als politisches Druckmittel einsetzen könnten. Ein De-Coup‐ ling ist somit eine deutlich weiterreichende geoökonomische Reaktion als ein De-Risking. Es ist daher auch mit höheren Opportunitätskosten bzw. wirtschaftlichen Schäden für das Land verbunden, das sich bewusst von anderen abkoppelt. Beide Begriffe können sich grundsätzlich auf alle Länder beziehen, mit denen wirtschaftliche Beziehungen bestehen, die zu risikobehafteten Ab‐ hängigkeiten führen. Gegenwärtig werden diese Termini jedoch meistens in Bezug auf China verwendet. 130 8 Antworten auf geopolitische Spannungen <?page no="131"?> Für derartige Risikoreduktionen gibt es wiederum verschiedene Instru‐ mente. Mit Blick auf Importabhängigkeiten ist vor allem an eine Diver‐ sifizierung der Zuliefererbeziehungen zu denken. Hier bieten sich die in → Abschnitt 6.5 erläuterten Freihandelsabkommen sowie Rohstoffpartner‐ schaften an. Die Sicherheit eines dauerhaften Rohstoffbezugs aus anderen Ländern kann zusätzlich gesteigert werden, wenn die im → Abschnitt 6.7 beschriebenen Direktinvestitionen in Rohstoffländern durchgeführt werden, um sich so den Zugriff auf diese Rohstoffe zu sichern. Eine andere Maßnahme besteht aus dem Anlegen von Vorratslagern für kritische Rohstoffe. Ein Beispiel dafür sind strategische Ölreserven, die viele Länder haben. In Deutschland gibt es seit dem 1. Januar 1966 eine gesetzliche Pflichtbevorratung für Mineralöl. Das Volumen dieses Vorrats deckt den Bedarf für 90 Tage ab. Die Ölreserve wird vom Erdölbevorratungsverband organisiert. Er ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Deutsche Unternehmen, die Erdöl importieren oder verarbeiten, sind per Gesetz Pflichtmitglieder. Die Kosten, die mit der Erdölbevorratung verbunden sind, werden von den Unternehmen aufgebracht. Sie werden auf den Verkauf von Ottokraftstoff, Dieselkraftstoff, leichtem Heizöl und Flugkraftstoff auf‐ geschlagen (vgl. Deutscher Bundestag 2019, S. 2-4). Für die Verringerung von Exportabhängigkeiten bieten sich ebenfalls der Abschluss neuer Freihandelsabkommen und die Vertiefung bestehender Abkommen an. Mit Blick auf die einzelnen Staaten der EU ist darüber hinaus an eine Vertiefung des europäischen Binnenmarkts zu denken. Wenn der grenzüberschreitende Handel in Europa weiter erleichtert wird, können deutsche Unternehmen durch einen vermehrten innereuropäischen Handel wegfallende Exporte kompensieren, die sich aus zunehmenden Handelsbeschränkungen in außereuropäischen Ländern wie den USA und China ergeben. Eine besonders weitreichende Strategie zur Reduktion von wirtschaft‐ lichen Abhängigkeiten ist Chinas Politik der zwei Kreisläufe. China will damit vor allem die Abhängigkeiten von den USA verringern, aber auch unabhängiger von globalen Wirtschaftsentwicklungen werden. Dafür werden in vielen Bereichen zwei voneinander getrennte Wirtschaftskreis‐ läufe etabliert. Die Bedürfnisse der eigenen Volkswirtschaft werden dabei von grenzüberschreitenden Wirtschaftsbeziehungen mit anderen Ländern getrennt. So kann China weiter von der Globalisierung profitieren, die wirtschaftlichen Abhängigkeiten anderer Länder aufrechterhalten und gleichzeitig die eigenen Abhängigkeiten von anderen Ländern reduzieren. 8.1 De-Risking und De-Coupling 131 <?page no="132"?> Ein Beispiel für derartige Doppelstrukturen ist der Aufbau eines eigenen Finanzkommunikationsnetzes, um sich von amerikanischen Kreditkarten- und Zahlungsdienstleistern unabhängig zu machen (vgl. Hilgers 2023, S. 11). Mit Blick auf die Maßnahmen zur Verringerung wirtschaftlicher Abhän‐ gigkeiten ist vor allem das De-Coupling ein massiver Schritt in Richtung einer stärkeren wirtschaftlichen Isolation. Das bedeutet den Verzicht auf zahlreiche der im → zweiten Kapitel beschriebenen Vorteile der internatio‐ nalen Arbeitsteilung. De-Coupling sollte daher nur das allerletzte geoöko‐ nomische Mittel sein. 8.2 Reshoring, Nearshoring und Friendshoring Ein weniger drastisches Mittel zur Reduktion bestehender Importabhängig‐ keiten ist eine Verlagerung der Produktion aus dem Ausland ins Inland oder zumindest in die Nähe des eigenen Lands. Drei Konzepte sind hier zu unterscheiden. Ihnen ist gemeinsam, dass Produktionsaktivitäten, die ursprünglich im Rahmen des im → Abschnitt 3.3 erwähnten Offshorings in andere Länder verlagert wurden, nun wieder zurückgeholt werden (vgl. Michalski, Sohlbach und Baroutas 2025, S. 6). • Beim Reshoring werden die Produktionsaktivitäten aus dem Ausland in das Heimatland zurückverlagert. • Ein Nearshoring liegt vor, wenn die Produktionskapazitäten nicht im eigenen Land, sondern in Ländern in dessen Nähe angesiedelt werden. Im Fall von Deutschland wären das z. B. europäische und nordafrikani‐ sche Länder. • Auch beim Friendshoring werden die Produktionsstätten nicht im eigenen Land, sondern im Ausland angesiedelt. Entscheidend ist in diesem Fall jedoch nicht die räumliche Nähe zum Inland, sondern der Umstand, dass beide Länder die gleichen politischen Werte teilen. Für Deutschland bedeutet ein Friendshoring, dass die Produktion in demokratischen Marktwirtschaften und nicht in autoritär regierten Ländern stattfindet. Rein ökonomisch betrachtet sind diese Maßnahmen nicht sinnvoll, denn es gibt bereits Anbieter im Rest der Welt, die die betreffenden Produkte zu geringeren Kosten anbieten können. Ein Land, das seine Importabhängig‐ keiten durch derartige Produktionsstandortverlagerungen verringern will, 132 8 Antworten auf geopolitische Spannungen <?page no="133"?> verzichtet bewusst auf die niedrigeren Arbeits-, Material-, Rohstoff- und Energiekosten im Ausland. Die Produktion bisher importierter Produkte im eigenen Land oder in benachbarten Volkswirtschaften ist deshalb mit höhe‐ ren Kosten verbunden. Das hat zwei gravierende ökonomische Nachteile. • Zum einen steigen im Inland die Preise für Vorleistungen und End‐ produkte. Teurere Vorleistungen erhöhen die Produktionskosten der inländischen Unternehmen und reduzieren so deren internationale Wettbewerbsfähigkeit. Für die Konsumenten bedeuten steigende Güter‐ preise einen Kaufkraftverlust. • Zum anderen müssen im Inland Produktionsfaktoren in Produktions‐ prozessen eingesetzt werden, bei denen das Inland vor dem Reshoring nicht wettbewerbsfähig war, weil die Produktivität geringer ist als im Ausland. Der Einsatz von Produktionsfaktoren in weniger produktiven Unternehmen verringert die gesamtwirtschaftliche Produktivität. Auch das verschlechtert die internationale Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Volkswirtschaft. Produkte, die im Rahmen des Re-, Near- und Friendshorings hergestellt werden, sind also in der Regel preislich nicht wettbewerbsfähig. Damit sie dennoch hergestellt werden, müssen die betroffenen Unternehmen staatliche Unterstützungen erhalten. Zu denken ist dabei vor allem an Finanzhilfen und Steuererleichterungen. Möglich ist auch, dass der Staat die Produkte in eigenen Unternehmen herstellt und anschließend zu inter‐ national wettbewerbsfähigen Preisen anbietet. Damit verbundene Verluste müssen durch Steuereinnahmen gedeckt werden. Eine Handlungsoption mit einem längeren Zeithorizont ist eine staatliche Förderung von Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten, die die Produktionskosten der betroffenen Produkte reduzieren. Wenn es gelingt, die Kostenunterschiede zwischen den ausländischen und den heimischen Anbietern durch technologische Fort‐ schritte und Produktivitätssteigerungen abzubauen, sind die heimischen Unternehmen auch ohne Finanzhilfen und Steuererleichterungen wettbe‐ werbsfähig. In jedem Fall ist jedoch festzuhalten, dass Rückverlagerungen von Produktionsaktivitäten zur Verringerung von Importabhängigkeiten den Verzicht auf die im → zweiten Kapitel beschriebenen positiven Wachs‐ tumseffekte der internationalen Arbeitsteilung bedeuten. Es kommt wegen der beschriebenen negativen gesamtwirtschaftlichen Auswirkungen auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit per Saldo zu Produktions- und 8.2 Reshoring, Nearshoring und Friendshoring 133 <?page no="134"?> Beschäftigungsrückgängen im Inland. Die ökonomischen Schäden sind bei einer Rückverlagerung ins eigene Land in der Regel größer als im Fall einer Produktionsverlagerung in benachbarte Länder (Nearshoring). Dazu nur eine Abschätzung: Würde Deutschland alle im Rahmen des Offshorings ausgelagerten Produktionen nach Deutschland zurückholen, würde das zu einem Rückgang des realen deutschen BIP um schätzungsweise 9,7 Prozent führen. Im Fall eines Nearshorings läge dieser Rückgang bei rund 4,2 Prozent. Derart massive Produktionseinbrüche würden nicht nur zu Wohlstandeinbußen und einer höheren Arbeitslosigkeit führen, sondern letztendlich auch die politische Stabilität gefährden (vgl. Fuest et al. 2022, S. 13, 26). Die Entscheidung für ein Rebzw. Nearshoring sollte also wohl‐ überlegt sein und nur bei besonders relevanten Produkten bzw. Einzelteilen zum Einsatz kommen. 8.3 Reduktion des Bedarfs von Importen Eine weitere denkbare Antwort auf wirtschaftliche Abhängigkeiten setzt bei der heimischen Nachfrage an. Für rohstoffarme Industrieländer wie Deutschland betrifft das vor allem die Nachfrage nach Rohstoffen und fos‐ siler Energie. Ein zentraler Baustein zur Verringerung der Rohstoffnachfrage ist das Konzept der Circular Economy. Bei der Circular Economy verbleiben die Stoffe, die mit der Herstellung eines Produkts verbunden sind, über dessen Lebensdauer hinaus im Stoff‐ kreislauf. Im Idealfall wird gar kein Abfall deponiert oder verbrannt, weil die Ressourcen immer wieder für die Herstellung von Produkten verwendet werden (vgl. Pesik und Langer 2021, S. 22). Das Konzept der Circular Economy zeichnet sich durch eine Vielzahl von grundlegenden Prinzipien aus. An erster Stelle stehen die Rückgewinnung und Weiterverwendung von Materialien am Ende der Nutzungsphase eines Produkts (Recycling), die Steigerung der Ressourcenproduktivität, was zu einer Verringerung des Ressourcenverbrauchs führt (Reduce), und die Verlängerung der Nut‐ zungsdauer von Produkten. Letzteres kann durch die Reparatur defekter Produkte (Repair) erreicht werden oder dadurch, dass entsorgte, aber noch funktionsfähige Produkte von anderen genutzt werden (Reuse) (vgl. Rat für Nachhaltige Entwicklung 2021, S. 5). Weitere Maßnahmen, die allesamt als R-Strategien bezeichnet werden, sind eine Intensivierung der Nutzung von Produkten (Rethink), z. B. durch den gemeinsamen Gebrauch von langlebi‐ 134 8 Antworten auf geopolitische Spannungen <?page no="135"?> gen Konsumgütern wie beispielsweise im Rahmen des Carsharings, und die Wiederaufbereitung eines älteren Produkts (Refurbish). Ein Beispiel dafür ist die Generalüberholung eines IT-Geräts, um es so auf den neusten Stand der Technik zu bringen. Weitere R-Strategien verfolgen die Weiternutzung von Einzelteilen eines entsorgten Produkts - entweder in einem Produkt, das die gleichen Funktionen hat wie der entsorgte Gegenstand (Remanufacture), oder in einem Produkt mit anderen Funktionen (Repurpose). Schließlich gibt es noch die Überflüssigmachung von Produkten (Refuse), beispielsweise mithilfe des Ersatzes von gedruckten Büchern durch digitale Angebote, und die Nutzung der Energie von Materialien, die stofflich nicht mehr weiterverwertet werden können, in Form der Verbrennung (Recover) (vgl. Deloitte und BDI 2021, S. 30f. sowie García Schmidt et al. 2023, S. 13f.). Eine Verringerung der Abhängigkeit von Erdöl- und Erdgasimporten lässt sich u. a. durch den vermehrten Einsatz von erneuerbaren Energien erreichen. Die Nutzung von Sonnen- und Windenergie macht den Import von fossilen Energieträgern überflüssig. Langfristig wird beispielsweise die Stromerzeugung in Deutschland nahezu vollständig mit erneuerbaren Energien erfolgen. Das hat zwei Gründe. Zum einen lässt sich nur so das Ziel der Klimaneutralität erreichen. Zum anderen bietet Strom aus erneuerbaren Energien langfristig den günstigsten Strompreis, denn für Sonnen- und Windenergie fallen weder Kosten für Brennstoffe noch für den Erwerb von Emissionszertifikaten im Rahmen des EU-Emissionshandelssystems an. Für die staatliche Förderung eines schnellen Ausbaus der erneuerbaren Energien gibt es wiederum zahlreiche wirtschaftspolitische Instrumente. Zu denken ist an Finanzhilfen und Steuererleichterungen für private Haushalte und Unternehmen, an Investitionskostenzuschüsse für Unternehmen, an höhere staatliche Investitionen in Stromnetze und in eine öffentliche Lade‐ infrastruktur im Kontext der Elektromobilität, um nur einige zu nennen (vgl. ausführlicher Hellbusch und Petersen 2025). 8.4 Abwehr- und Vergeltungsmaßnahmen Wenn ausländische Staaten geoökonomische Instrumente einsetzen, kann das davon betroffene Land darauf reagieren, indem es ebenfalls derartige In‐ strumente einsetzt. Hierfür sind verschiedene Handlungsoptionen denkbar, die davon abhängen, welche konkreten Maßnahmen das Ausland anwendet. 8.4 Abwehr- und Vergeltungsmaßnahmen 135 <?page no="136"?> Wenn beispielsweise die USA Importzölle in Höhe von 25 Prozent auf ausgewählte Produkte der EU erheben, kann die EU mit entsprechenden Vergeltungszöllen antworten. Denkbar wären also europäische Zölle auf US-Produkte, die ebenfalls 25 Prozent betragen. Bei der Auswahl der betrof‐ fenen US-Produkte bietet es sich an, das jeweils relevante Exportvolumen zu berücksichtigen. Sollten also die US-Zölle europäische Exporte in die USA in Höhe von 80 Milliarden Euro pro Jahr betreffen, kann die EU amerikanische Produkte auswählen, die in Summe ein Importvolumen in gleicher Höhe erreichen. Um den Druck auf die amtierende US-Regierung zu erhöhen, bietet es sich zudem an, diese Zölle auf Güter zu erheben, die vor allem in den Regionen bzw. Bundesstaaten hergestellt werden, in der es besonders viele Trump-Anhänger gibt. Werden im Ausland staatliche Subventionen gewährt, die es den auslän‐ dischen Unternehmen erlauben, ihre Produkte zu geringeren Preisen in der EU zu verkaufen, kann die EU mit dem in → Abschnitt 6.2 erwähnten Antisubventionszoll reagieren. Der Einsatz dieses Instruments sollte jedoch situationsabhängig erfolgen: • Wenn im Ausland ein Produkt subventioniert wird, das in der EU realistischerweise nicht zu international wettbewerbsfähigen Preisen angeboten werden kann, sollte die EU auf eine handelspolitische Reak‐ tion verzichten. Wie in → Abschnitt 6.3 gezeigt, bedeutet der Einsatz von Subventionen im Normalfall einen Wohlfahrtsverlust für das Land, das seine Unternehmen subventioniert. Falls also beispielsweise China preiswerte Massenprodukte subventioniert und diese in der EU verkauft, bedeutet dies: China verkauft seine Produkte zu Preisen unterhalb der eigenen Produktionskosten. So gesehen verschenkt das Land einen Teil seiner Produkte. Der Wohlfahrtsverlust der chinesischen Volkswirt‐ schaft bedeutet einen Wohlfahrtsgewinn für die EU. Darauf sollte die EU nicht verzichten. Im Gegenteil: Der Import dieser Güter erhöht in der EU das Güterangebot und reduziert gleichzeitig die Güterpreise. In diesem Fall ist es also am besten, den europäischen Konsumenten und Unternehmen die Vorteile der geringen subventionierten Preise zu belassen (vgl. Jean, Mejean und Schularick 2025, S. 10). • Problematisch wird es jedoch, wenn durch die subventionierten chine‐ sischen Produkte europäische Unternehmen, die ohne die künstlich reduzierten chinesischen Preise international wettbewerbsfähig wären, vom Markt verdrängt werden. In diesem Fall kommt es darauf an, 136 8 Antworten auf geopolitische Spannungen <?page no="137"?> wie relevant die Bereitstellung der betroffenen Güter für die EU ist. Falls der Verzicht auf diese Produkte leichtfällt, ergeben sich keine kritischen Importabhängigkeiten für die EU. Handelt es sich hingegen um Vorleistungen oder Konsumprodukte, für die die EU keine Substitute hat und deren Fehlen gravierende Versorgungsengpässe verursachen würde, wäre das Verschwinden europäischer Anbieter problematisch. Die EU wäre dann auf die chinesischen Importe angewiesen, was ein po‐ litisches Erpressungspotenzial bedeutet. In diesem Fall kann der Schutz der europäischen Unternehmen vor subventionierten chinesischen Pro‐ dukten sinnvoll sein. Neben Zöllen können auch eigene europäische Subventionen eine mögliche wirtschaftspolitische Antwort sein. • Gleiches gilt, wenn die vom Ausland gewährten Subventionen zukunfts‐ trächtige Produkte und Technologien betreffen. Dann kann der Aufbau bzw. Erhalt wettbewerbsfähiger europäischer Unternehmen strategisch sinnvoll sein, um die zukünftige Wettbewerbsfähigkeit der EU zu verbessern. In diesem Fall würde das in → Abschnitt 6.2 genannte Erziehungszoll-Argument gelten. Eine ähnliche Argumentation kann herangezogen werden, wenn es um die Frage geht, ob Deutschland bzw. die EU es erlauben sollen, dass ausländische Investoren Anteile an europäischen Unternehmen erwerben (vgl. Jean, Mejean und Schularick 2025, S. 9f.): • Wenn es sich um Unternehmen handelt, deren Produkte die kritische Infrastruktur betreffen, können die in → Abschnitt 6.7 beschriebenen Investitionskontrollen sinnvoll sein. Das kann zur Folge haben, dass bestimmte Beteiligungen ausländischer Investoren untersagt werden. • Bei strategisch nicht bedeutsamen Unternehmensbeteiligungen ist der Kapitalzufluss aus dem Ausland sinnvoll. Er erhöht die gesamtwirt‐ schaftlichen Finanzierungsmöglichkeiten und kann so heimische Inves‐ titionen in anderen Schlüsseltechnologien und wichtigen Infrastruktur‐ bereichen erleichtern. Besonders relevant werden abwehrende politische Maßnahmen, wenn die geoökonomischen Maßnahmen des Auslands über wirtschaftspolitische Instrumente hinausgehen. Dies ist beispielsweise der Fall, wenn das Ausland im Rahmen hybrider Bedrohungen auf Cyberattacken, Desinformationen und die Manipulation von Wahlen setzt. Zum Schutz kritischer Infrastruk‐ turanlagen ist dann u. a. eine aktive Cyberabwehr erforderlich. Und um 8.4 Abwehr- und Vergeltungsmaßnahmen 137 <?page no="138"?> Desinformationen aus dem Ausland einzuschränken, bietet sich ein Verbot bestimmter ausländischer Medien an, so wie z. B. im Fall des EU-weiten Verbots der russischen Medien Sputnik und Russia Today (vgl. Bendiek und Bossong 2022, S. 2-6). Eine letzte abwehrende Maßnahme betrifft die Steigerung der eigenen Wehrfähigkeit. Wie im → Abschnitt 6.8 gezeigt, verlangt dies zukünftig deutlich höhere Militärausgaben. Dabei ist es zweifelhaft, ob das 2-Pro‐ zent-Ziel der NATO überhaupt ausreicht, um die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands und der EU zu gewährleisten. Dieses Ziel geht davon aus, dass die USA ihren NATO-Verpflichtungen nachkommen. Spätestens seit dem Beginn der zweiten Amtsperiode von Donald Trump ist dies jedoch fraglich. Es ist daher durchaus möglich, dass die deutschen Verteidigungsausgaben zukünftig eher 3 bis 3,5 Prozent des BIP betragen müssen. Das bedeutet nicht nur höhere Investitionen, sondern auch höhere Betriebs- und Personalkos‐ ten. Gleichzeitig müsste also auch das Personal der Bundeswehr ausgebaut werden (vgl. Heinemann, Mölling und Schütz 2025, S. 4-6). Dadurch ver‐ schärft sich das im → Abschnitt 6.8 erläuterte Guns-versus-Butter-Problem. 8.5 Zwischenfazit Wenn immer mehr Länder außerhalb der EU danach streben, ihre geopo‐ litische Position zu stärken, setzen sie zukünftig aller Voraussicht nach verstärkt geoökonomische Instrumente ein. Deutschland und die EU müssen darauf reagieren. Der dafür zur Verfügung stehende wirtschaftspolitische Instrumentenkasten ist im → sechsten Kapitel beschrieben. Der Einsatz dieser Instrumente als Reaktion auf geoökonomische Aktivitäten des Aus‐ lands ist jedoch auch für Deutschland und die EU mit ökonomischen Schäden verbunden. Mit Blick auf die Ausführungen des → fünften Kapitels, insbesondere → Abbildung 5.1, bedeutet dies Folgendes: Nicht nur der Ausbau der eigenen geopolitischen Machtposition ist mit einem Verzicht auf materiellen Wohlstand verbunden. Auch abwehrende wirtschaftspolitische Antworten auf geoökonomische Maßnahmen des Auslands haben Oppor‐ tunitätskosten in Form eines Wohlstandsverlusts. Diese ökonomischen Schäden müssen bei der Entscheidung für oder gegen eine wirtschaftspoli‐ tische Reaktion berücksichtig werden. Falls sich das Inland für eine entsprechende Reaktion entscheidet, ist zudem abzuwägen, wie stark diese ausfallen soll. Hier sind mindestens zwei 138 8 Antworten auf geopolitische Spannungen <?page no="139"?> Aspekte zu berücksichtigen. Zum einen gilt: Je stärker die Reaktion ausfällt, desto höher sind auch die eigenen ökonomischen Schäden, die sich aus dem Verzicht auf die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung ergeben. Wie im → Abschnitt 8.1 gezeigt, ist die Entscheidung für ein De-Coupling mit besonders hohen Opportunitätskosten für das Inland verbunden, weil dies ein sehr weitgehender Schritt der ökonomischen Abschottung ist. Zum anderen sind die potenziellen Reaktionen des Auslands zu berücksichtigen. Gerade mit Blick auf China zeigen die Erfahrungen der Vergangenheit, dass die chinesische Regierung häufig wirtschaftspolitische Vergeltungs‐ maßnahmen ergreift, deren Ausmaß denen des Auslands entspricht. Dazu nur ein Beispiel: Als die US-Regierung Anfang April 2025 ihre Zölle auf chinesische Produkte spürbar erhöhte, reagierte China umgehend mit hö‐ heren Zöllen auf US-Produkte. Innerhalb weniger Tage schaukelten sich die wechselseitigen Zölle in beiden Ländern auf über 100 Prozent hoch (vgl. Kolev-Schaefer, Matthes und Sultan 2025, S. 4f.). Aus dem Einsatz einzelner wirtschaftspolitischer Instrumente kann so ein Handelskrieg werden. Schließlich ist bei den möglichen Reaktionen auf den Einsatz geoöko‐ nomischer Instrumente im Ausland noch zu klären, welche Akteure hier gefordert sind. Grundsätzlich ist es in einer Marktwirtschaft Aufgabe der Unternehmen, auf wachsende wirtschaftliche Unsicherheiten zu reagieren. Zur Reduktion bestehender Importabhängigkeiten und damit drohender Lieferkettenunterbrechungen bieten sich verschiedene Antworten an. Die Unternehmen können Vorratslager anlegen, neue Zuliefererbetriebe in anderen Ländern suchen oder Direktinvestitionen in den Ländern tätigen, aus denen sie besonders essenzielle Rohstoffe und Einzelteile beziehen. Viele der im → sechsten Kapitel skizzierten wirtschaftspolitischen Instrumente können jedoch nur von staatlichen Institutionen durchgeführt werden. Das betrifft u. a. Finanzhilfen, Steuererleichterungen, den Abschluss von Freihandelsabkommen und strategischen Rohstoffpartnerschaften sowie den Einsatz von Zöllen und Wirtschaftssanktionen. Wenn also in Zukunft China, die USA und andere Volkswirtschaften vermehrt auf den Einsatz geoökonomischer Instrumente setzen, um so ihre geopolitische Position zu verbessern, verlangt das in Deutschland und der EU eine stärkere Einmischung des Staats in die Wirtschaft. Die wachsende Relevanz geo‐ ökonomischer Erwägungen verlangt so gesehen eine Neujustierung der Beziehungen zwischen Staat und Markt (vgl. Eckert 2025, S. 7). 8.5 Zwischenfazit 139 <?page no="141"?> 9 Fazit und Ausblick Die Entwicklungen der jüngsten Vergangenheit lassen darauf schließen, dass in den nächsten Jahren und Jahrzehnten geopolitische Spannungen zunehmen werden. Vor allem mit Blick auf autokratische Staaten wie China und Russland ist davon auszugehen, dass deren Regierungen in wachsendem Ausmaß bereit sind, auf materiellen Wohlstand zu verzichten, um so ihre geopolitischen Einflussmöglichkeiten auszubauen. Aber auch die USA dürften zumindest in den Jahren der Trump-Regierung den Einsatz geoökonomischer Instrumente intensivieren. Folge der geopolitisch angespannten Weltlage sind zunehmende protek‐ tionistische Tendenzen, eine Reduzierung der internationalen Arbeitstei‐ lung und eine Verringerung des grenzüberschreitenden Austauschs von Gütern. Infolge dieser Deglobalisierungstendenzen gehen die Vorteile der internationalen Arbeitsteilung zurück. Die Menge der weltweit produ‐ zierten Güter fällt daher geringer aus. Bei einer gleichzeitig wachsenden Weltbevölkerung wird die Knappheit von Gütern größer. Damit nehmen die Inflationstendenzen zu. Und bei einer zunehmenden Knappheit werden auch die Verteilungskonflikte größer - sowohl zwischen den Nationen als auch innerhalb einzelner Volkswirtschaften. Bei wachsenden Verteilungskonflikten ist mit einem Anstieg der sozialen Spannungen zu rechnen, was zu einer stärkeren politischen Polarisierung führen kann. Die zukünftigen ökonomischen und politischen Entwicklun‐ gen können sich somit gegenseitig verschärfen. • Innerhalb eines Lands kann der Wunsch nach weiteren Abschottungen gegenüber dem Ausland zunehmen, weil dies - scheinbar - eine sinn‐ volle Antwort auf kritische Importabhängigkeiten und die Gefahr von politischen Erpressungen ist. Damit steigt die Wahrscheinlichkeit, dass in einzelnen Ländern politische Parteien und Strömungen an Zustim‐ mung gewinnen, die auf eine wirtschaftliche Abschottung und nationale Alleingänge setzen. Das kann in entwickelten Volkswirtschaften wie Deutschland vor allem rechtspopulistische Tendenzen stärken (vgl. Petersen 2025b). • Bei steigenden Knappheiten und wachsenden Verteilungskonflikten nimmt darüber hinaus die Kompromissbereitschaft ab. Innerhalb eines Lands erschwert das einen Interessenausgleich. Zwischen den Ländern <?page no="142"?> dürfte es zunehmend schwieriger werden, gemeinsame Lösungen für globale Probleme zu finden. Das betrifft insbesondere die weltweite Durchsetzung eines ambitionierten Klima- und Umweltschutzes. Zudem wächst die Gefahr gewaltsamer Konflikte. Vor allem militärisch starke Länder haben einen wachsenden Anreiz, sich beispielsweise die von ihnen benötigten Rohstoffe gewaltsam anzueignen. Hieraus kann sich ein Teufelskreis ergeben: Die skizzierten negativen Begleiterscheinungen der internationalen Arbeitsteilung führen zu natio‐ nalen Abschottungstendenzen und dem verstärkten Einsatz geoökonomi‐ scher Instrumente, also einer geopolitisch geprägten Wirtschaftspolitik. Das schwächt das wirtschaftliche Wachstum und den realen materiellen Wohlstand im eigenen Land. Diese Wachstumsschwäche kann weitere protektionistische Maßnahmen hervorrufen, die den materiellen Wohlstand zusätzlich reduzieren und die Verteilungskonflikte verschärfen. Im Ergebnis kann daraus eine Zunahme von geoökonomischen Konflikten und geopoli‐ tischen Konfrontationen resultieren. Die Verknüpfung von geopolitischen Zielen mit der heimischen Wirtschaftspolitik durch Donald Trump sind ein aktuelles Beispiel dafür. Wissen | Der Begriff Trumponomics bezieht sich auf die Wirtschafts‐ politik von Donald Trump. Er setzt seit dem Beginn seiner zweiten Amtszeit auf wirtschaftspolitische Instrumente, mit denen er sowohl die heimische Wirtschaft stärken als auch ausländische Volkswirtschaften schwächen will. Zu Förderung des amerikanischen Wirtschaftswachs‐ tums werden beispielsweise massive Steuersenkungen gewährt. Zudem übt er Druck auf die US-Notenbank aus, damit diese den Leitzins senkt. So erhofft sich Trump höhere Investitionen in den USA und eine Abwertung des Dollars, denn ein schwächerer Dollar verbessert die Exportchancen amerikanischer Unternehmen. Importzölle sollen die heimischen Unternehmen vor ausländischer Konkurrenz schützen und die Wirtschaftskraft exportstarker Volkswirtschaften schwächen. Zudem droht Trump immer wieder einzelnen Ländern mit Importzöllen, um von den betroffenen Ländern ein politisches Entgegenkommen zu erhalten. Mit dieser Wirtschaftspolitik schwächen die USA die gesamte Weltwirtschaft, also sowohl das eigene Wirtschaftswachstum als auch das im Rest der Welt (vgl. Petersen 2025c). Selbst die Annexion von roh‐ 142 9 Fazit und Ausblick <?page no="143"?> stoffreichen Regionen wie Grönland durch die USA wird mittlerweile nicht mehr ausgeschlossen. Allerdings gibt es auch Auswege aus diesem drohenden Teufelskreis. Eine Möglichkeit besteht aus einer Modifikation der internationalen Arbeits‐ teilung. Wenn der weltweite Austausch von Waren, Vorleistungen und Rohstoffen durch Zölle und andere Handelshemmnisse erschwert wird, bietet sich eine Intensivierung von regionalen Kooperationen an. Diese könnten beispielsweise dazu führen, dass sich weltweit zwei Handelsblöcke herausbilden. Einer besteht aus demokratischen Marktwirtschaften, also vor allem aus europäischen sowie nord- und südamerikanischen Volkswirt‐ schaften sowie aus Japan, Südkorea und Australien. Der zweite Block umfasst Autokratien, insbesondere China, Russland, Iran und den Irak. Daneben könnte es eine weitere Gruppe von Ländern geben, die sich keinem der Blöcke zuordnen lassen wollen, um weiterhin mit beiden Ländergruppen Handel zu treiben. Sollten sich die USA jedoch weiter von Europa entfernen, könnten sich die demokratischen Marktwirtschaften in zwei Wirtschaftsre‐ gionen aufteilen - eine von den USA dominierte Gruppe und ein europäisch geprägtes Bündnis. So käme es zu drei Wirtschaftsblöcken sowie einer Gruppe von blockfreien Nationen. Schließlich ist es denkbar, dass sich auch aus der Runde der blockfreien Länder einzelne Volkswirtschaften mit einem eigenen geopolitischen Gestaltungsanspruch abspalten. Das Resultat dieser Entwicklungen wäre eine multipolare Welthandelsordnung. Die wirtschaftlichen Beziehungen zwischen den verschiedenen Blöcken würden dabei nachlassen. Dafür ist mit einer Intensivierung der Wirtschaftsbezie‐ hungen innerhalb der einzelnen Blöcke zu rechnen. Jeder dieser Blöcke könnte zudem versuchen, durch den Abschluss von Freihandelsabkommen weitere Länder an sich zu binden. Darüber hinaus ist davon auszugehen, dass die Globalisierung ihr Aus‐ sehen über diese neue Blockbildung hinaus verändert. Wenn der grenz‐ überschreitende Austausch von Waren nachlässt, kann der internationale Austausch von Kapital in Form von Direktinvestitionen zunehmen. Durch den Kauf oder Neubau einer Produktionsanlage in den USA kann beispiels‐ weise ein deutsches Unternehmen amerikanische Zölle auf Produkte aus der EU umgehen. Und durch die Errichtung einer Produktionsanlage in einem rohstoffreichen Entwicklungsland verbessern sich die Zugriffsmöglichkei‐ ten auf diese Rohstoffe. Diese Veränderungen der grenzüberschreitenden 9 Fazit und Ausblick 143 <?page no="144"?> Wirtschaftsbeziehungen würden auch das Regelwerk des internationalen Handels umgestalten. An die Stelle von Freihandelsabkommen würden in diesem Fall vermehrt Investitionsschutzabkommen treten. Diese Ab‐ kommen sind in der Regel Verträge zwischen zwei Staaten. Sie schützen die Investitionen, die die Unternehmen des Inlands in dem anderen Land des bilateralen Schutzabkommens durchführen. Der Investitionsschutz betrifft vor allem eine entschädigungslose Enteignung durch den ausländischen Staat. Er kann aber auch weiter reichen und den Investor vor unfairen staatlichen Behandlungen im Ausland schützen (vgl. Gundel 2021, S. 3-7). Eine weitere Option zum Umgang mit wachsenden geopolitischen Span‐ nungen ist eine konstruktive Antwort auf die skizzierte Zunahme von Knappheiten. In und auch zwischen Ländern nehmen die Verteilungskonflikte zu, wenn die Globalisierungs- und die Friedensdividende verloren gehen, nichterneuerbare Rohstoffe immer knapper werden und der Klima‐ wandel die Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung erschwert. Eine Entschärfung der Verteilungskonflikte zwischen den Ländern ist sinnvoll, weil das die Gefahr militärischer Konflikte reduziert. Und eine Verringerung der Verteilungskonflikte innerhalb der einzelnen Länder ist hilfreich, weil ansonsten populistische Parteien an Zustimmung gewinnen können und es zu weiteren nationalen Abschottungen käme. Das würde die Globalisie‐ rungsgewinne zusätzlich verringern und die Verteilungskonflikte wachsen lassen. Ein Weg zur Reduzierung von Knappheiten sind technologische Fort‐ schritte, die die Produktivität erhöhen. Wenn z. B. eine bestimmte Menge an Konsumgütern mit weniger Energie hergestellt werden kann, reduziert dies die gesamtwirtschaftliche Energienachfrage. Das wirkt für sich genommen knappheitsreduzierend. Eine andere Möglichkeit besteht aus der verstärkten Nutzung von Elementen der Circular Economy. Werden Rohstoffe zweit- und drittverwertet, bedeutet das einen geringeren Rohstoffbedarf. Damit wird die Rohstoffknappheit verringert. Gleiches gilt, wenn durch den gemeinsamen Konsum - z. B. im Rahmen des Carsharings - die nachfragte Menge von Konsumgütern zurückgeht. Ein anderer Ansatzpunkt besteht aus einer stärkeren Nutzung digitaler Technologien. Digitale Technologien sind in erster Linie ein Instrument zur Optimierung von Prozessen. Das erhöht die Produktivität, sodass sich mit den gegebenen Produktionsfaktoren mehr Güter herstellen lassen. Außerdem können so Kostennachteile gegenüber bisher noch importier‐ ten Produkten verringert werden. Das macht es leichter, auf den Import 144 9 Fazit und Ausblick <?page no="145"?> kritischer Produkte zu verzichten und diese stattdessen durch heimische Angebote zu ersetzen. Dadurch lassen sich kritische Importabhängigkeiten verringern. Im Ergebnis lässt sich somit festhalten: Die Phase einer voranschreitenden Globalisierung, die mit dem Ende des Kalten Kriegs und dem Beitritt Chinas zur WTO eingeleitet wurde, scheint vorerst ein Ende gefunden zu haben. Geopolitische Ziele gewinnen zunehmend an Bedeutung, sodass einzelne Länder bereit sind, auf einige wirtschaftliche Vorteile der internationalen Arbeitsteilung zu verzichten. Diese Länder nutzen ihre wirtschaftliche Stärke, um die eigenen geopolitischen Einflussmöglichkeiten auszubauen. Wenn diese Länder bestehende wirtschaftliche Export- und Importabhän‐ gigkeiten nutzen, um ihre machtpolitische Position zu verbessern, müssen auch jene Länder darauf reagieren, die eigentlich gar keine geopolitischen Ambitionen verfolgen. Aktive geoökonomische Strategien einzelner Länder rufen so in vielen anderen Regionen eine reaktive geoökonomische Antwort hervor. Deutsch‐ land und die EU sollten sich deshalb besser als bisher auf Strategien der Weaponized Interdependence einstellen. Bei allen wirtschaftspolitischen Maßnahmen sind jedoch stets die damit verbundenen Opportunitätskosten zu berücksichtigen. Die Ausführungen zum De-Risking und De-Coupling zeigen: Je stärker die eigene Reaktion auf den Einsatz geoökonomischer Instrumente im Ausland ausfällt, desto größer sind normalerweise auch die ökonomischen Schäden im eigenen Land. Die Ausbalancierung dieses Zielkonflikts verlangt eine ausgewogene Reaktion auf geoökonomische Strategien im Ausland. Autokratien haben hier einen strategischen Vorteil: Selbst wenn die Verfolgung geopolitischer Ziele mit spürbaren Wohlstandseinbußen für die heimische Bevölkerung verbunden sein sollte, stellt das für die politische Führung des Lands keine Gefahr dar: Sofern es keine freien Wahlen gibt, ist eine Abwahl der amtierenden Regierung nicht zu befürchten. Geopolitische Drohgebärden dürften daher auch zukünftig vor allem von autokratischen Staaten ausgehen. Westliche Demokratien müssen hingegen stärker auf die Konsumwünsche ihrer Bevölkerung eingehen, weil sonst eine Abwahl der Regierungsparteien droht. Das alleine schwächt die geopolitische Posi‐ tion der demokratischen Marktwirtschaften. Für Deutschland und die EU bedeutet das u. a., dass diese Volkswirtschaften mehr Vorsorge betreiben müssen, um ökonomisch unabhängiger zu werden. Der damit verbundene Verzicht auf bestimmte Formen der internationalen Arbeitsteilung geht mit 9 Fazit und Ausblick 145 <?page no="146"?> Einbußen beim materiellen Wohlstand einher. Dieser Wohlstandsverlust ist dann als Preis für eine reduzierte politische Erpressbarkeit anzusehen. Eine Verringerung der wirtschaftlichen Abhängigkeiten und eine damit einhergehende Steigerung der ökonomischen Resilienz sind folglich nicht zum Nulltarif zu haben. 146 9 Fazit und Ausblick <?page no="147"?> Anhang: Konsumenten- und Produzentenrente Ein Instrument zur Messung der Wohlfahrt besteht aus der Summe der Konsumenten- und der Produzentenrente. Diese Summe gibt an, wie hoch die in Geldeinheiten ausgedrückte Vorteilhaftigkeit für die Gesellschaft als Ganzes ist, die sich daraus ergibt, dass eine bestimmte Menge eines Guts von den Unternehmen produziert und anschließend von den Haushalten konsumiert wird (die Ausführungen dieses Anhangs sind Petersen 2010 entnommen). Die Konsumentenrente ist ein Maß für die Vorteile, die ein privater Haushalt daraus zieht, dass er eine bestimmte Menge eines Produkts kauft und konsumiert. Wenn beispielsweise ein Produkt 6,50 Euro kostet und der Haushalt bereit wäre, maximal 9,50 Euro zu bezahlen, hat die in Geldeinheiten ausgedrückte Konsumentenrente dieser Produkteinheit eine Höhe von 3 Euro. Die Produzentenrente ist ein Maß für die Vorteile, die ein Unternehmen daraus zieht, dass es eine bestimmte Gütermenge produziert und verkauft. Wenn ein Produkt für einen Marktpreis von 6,50 Euro verkauft werden kann und die Produktionskosten bei 5 Euro liegen, hat die in Geldeinheiten ausgedrückte Produzentenrente dieser Produkteinheit eine Höhe von 1,50 Euro. Um die Höhe der gesamtwirtschaftlichen Wohlfahrt zu messen, die eine Gesellschaft aus der Produktion und dem Konsum einer Mengeneinheit eines bestimmen Produkts zieht, werden die Produzenten- und die Konsu‐ mentenrente addiert. Für die beschriebene Produkteinheit mit einem Markt‐ preis von 6,50 Euro beträgt die Wohlfahrt daher 3 Euro Konsumentenrenten plus 1,50 Euro Produzentenrente, also 4,50 Euro. Alternativ kann auch die Differenz zwischen der maximalen Zahlungsbereitschaft der Konsumenten (9,50 Euro) und den Produktionskosten (5 Euro) zur Berechnung herange‐ zogen werden. Grafisch lassen sich die Konsumenten- und die Produzentenrente mithilfe eines Preis-Mengendiagramms darstellen (siehe → Abbildung A.1). • Die Konsumentenrente, die mit einer bestimmten Gütermenge verbun‐ den ist, entspricht der Fläche zwischen der Nachfragegeraden und dem Marktpreis. Die mit der Menge x* verbundene Konsumentenrente entspricht somit der Fläche a Q* p*. <?page no="148"?> • Die Produzentenrente entspricht der Fläche zwischen dem Marktpreis und der Angebotsgeraden. Die zur Menge x* gehörende Produzenten‐ rente wird durch die Fläche b Q* p* ausgedrückt. • Die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt ist die Summe aus der Konsu‐ menten- und der Produzentenrente. Die mit der Menge x* verbundene Wohlfahrt entspricht somit dem Dreieck a Q* b. Die Gesellschaft maximiert ihre Wohlfahrt, wenn sie die Summe aus Kon‐ sumenten- und Produzentenrente maximiert. Die wohlfahrtsmaximierende Gütermenge ergibt sich aus dem Schnittpunkt der Marktangebotsgeraden und der Marktnachfragegeraden (siehe → Abbildung A.1). Mit diesem Schnittpunkt erreicht eine Volkswirtschaft ihr Wohlfahrtsmaximum. Jede Abweichung hiervon ist mit einem Wohlfahrtsverlust verbunden. p x • Angebotsgerade x* • p* Q* Nachfragegerade • • a b Produzentenrente: Fläche b Q* p* Konsumentenrente: Fläche a Q* p* Marktpreis p* Abb. A.1: Bestimmung der Konsumenten- und der Produzentenrente Dass jede Abweichung von diesem Schnittpunkt mit einer geringeren Wohl‐ fahrt verbunden ist, lässt sich zeigen, wenn die Summe aus Konsumenten- und Produzentenrente untersucht wird, die sich ergibt, wenn das produ‐ zierte und konsumierte Gütervolumen kleiner oder größer ist als die Menge x*. Der Wohlfahrtsverlust im Fall eines zu geringen Gütervolumens (x 0 < x*) ist in → Abbildung A.2 dargestellt. 148 Anhang: Konsumenten- und Produzentenrente <?page no="149"?> • Die gesamtgesellschaftliche Wohlfahrt, die mit dem Gütervolumen x* verbunden ist, entspricht der Fläche a Q* b. • Bei einem geringeren Gütervolumen x 0 entspricht die Wohlfahrt nur noch der kleineren Fläche a d c b. • Der Unterschied entspricht der Fläche d Q* c, sodass sich der Wohl‐ fahrtsverlust durch dieses Dreieck ausdrücken lässt. p x • Angebotsgerade x* • p* Q* Nachfragegerade • • a b • • x 0 d c p 0 p‘ 0 Abb. A.2: Wohlfahrtsverlust bei einem zu geringen Gütervolumen Ökonomisch lässt sich dieser Wohlfahrtsverlust wie folgt erklären: Aus‐ gehend von der Menge x 0 wäre eine Ausweitung der Produktion und des Konsums für die Gesellschaft als Ganzes ökonomisch sinnvoll. Die Erhöhung des Konsums führt zu einer besseren Bedürfnisbefriedigung der privaten Haushalte. Der Nutzenzuwachs, der sich aus der Erhöhung des Konsums bis zur Menge x* ergibt, lässt sich mithilfe der Nachfragegeraden messen. Diese Gerade lässt sich unterschiedlich interpretieren: • Die Nachfragekurve gibt an, wie viele Gütereinheiten in der Gesellschaft zu einem bestimmten Güterpreis nachgefragt werden. Die nachgefragte Gütermenge ist somit abhängig von der Höhe des Güterpreises. • Die Nachfragekurve kann aber auch angeben, wie viel Geld die Ver‐ braucher maximal für eine bestimmte Gütereinheit zu zahlen bereit sind. Diese maximale Zahlungsbereitschaft drückt den in Geldeinheiten Anhang: Konsumenten- und Produzentenrente 149 <?page no="150"?> gemessenen Nutzen aus, den die Verbraucher mit dem Konsum dieser Gütereinheit verbinden. Die Angebotsgerade lässt sich wie folgt interpretieren: Sie gibt an, wie viele Gütereinheiten die Unternehmen zu einem bestimmten Güterpreis anbieten. Damit die Unternehmen keine Verluste erleiden, muss der Güterpreis die Kosten decken, die mit der Herstellung einer zusätzlichen Gütereinheit verbunden sind. Ausgehend von diesen grundsätzlichen Zusammenhängen lässt sich der Wohlfahrtsverlust, der sich im Fall der Menge x 0 in → Abbildung A.2 ergibt, wie folgt erklären: • Der Nutzen, den die Verbraucher aus dem Konsum der Gütereinheit x 0 ziehen, entspricht dem Preis p 0 ‘. • Die Kosten, die mit der Produktion der Gütereinheit x 0 verbunden sind, entsprechen dem Preis p 0 . • Da der in Geldeinheiten gemessene gesellschaftliche Nutzen größer ist als die Kosten der Produktion, ist die Herstellung der Gütereinheit x 0 gesamtgesellschaftlich sinnvoll. Diese Zusammenhänge haben zur Folge, dass sich die Produktion und der anschließende Konsum einer bestimmten Gütereinheit aus Gründen der Wohlfahrtsmaximierung immer dann lohnen, wenn der Nutzen größer ist als die Kosten bzw. wenn die Nachfragegerade über der Angebotsgeraden liegt. In → Abbildung A.2 ist es daher sinnvoll, ausgehend von der Menge x 0 die Produktion bis zur Menge x* auszuweiten, denn das würde die gesamt‐ gesellschaftliche Wohlfahrt steigern. Umgekehrt bedeutet ein Festhalten an der Gütermenge x 0 den Verzicht auf diese Wohlfahrtssteigerung. Der mit der Menge x 0 verbundene Wohlfahrtsverlust entspricht dabei der Fläche d Q* c. Analog lässt sich begründen, dass eine Ausweitung der Gütermenge über das Niveau x* ebenfalls mit einem Wohlfahrtsverlust verbunden ist. Für jede Mengeneinheit, die über x* hinausgeht, gilt, dass deren Produktionskosten höher sind als der gesellschaftliche Nutzen. Wenn die Herstellung einer Gütereinheit beispielsweise 6,75 Euro kostet, diese Gütereinheit aber nur einen gesellschaftlichen Nutzen in Höhe von 6,25 Euro stiftet, verursacht die Bereitstellung dieser Gütereinheit einen gesellschaftlichen Wohlfahrts‐ verlust in Höhe von 0,50 Euro. 150 Anhang: Konsumenten- und Produzentenrente <?page no="151"?> Literaturverzeichnis Autor, David H., David Dorn und Gordon H. Hanson (2013): The China Syndrome: Local Labor Market Effects of Import Competition in the United States, in: American Economic Review, 103. Jg., S. 2121-2168. AWV: Außenwirtschaftsverordnung vom 2. August 2013 (BGBl. I S. 2865), die zuletzt durch Artikel 2 der Verordnung vom 11. Dezember 2024 (BGBl. 2024 I Nr. 411) geändert worden ist. Babić, Milan (2025): Geoökonomie - Anatomie der neuen Weltordnung, Berlin. Bardt, Hubertus (2021): Verteidigungsausgaben in Deutschland, IW-Trends 1/ 2021, Köln. 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Außenwirtschaftspolitik-66 Autarkie-58 Bedrohung, hybride-107, 110 Beherrschungskolonien-71 Belt and Road Initiative-76, 94, 128 BRICS-Verbund-76 Brüssel-Effekt-93 Bruttoinlandsprodukt-17 China 11, 22, 24, 40f., 44, 74f., 77, 90, 93f., 128, 130f., 136, 139, 141, 143 China-Schock-45 Circular Economy-87, 134, 144 Cyberangriffe-108 Cyberattacke-108, 137 De-Coupling-130, 132, 139, 145 Deglobalisierung-78 Deglobalisierungstendenzen-141 De-Risking-130, 145 Desinformation-109 Devisen-95 Devisenmarkt-95 Devisenmarkt, Interventionen-97 Direktinvestitionen 13, 99, 131, 139, 143 Dollarangebot-96 Dollarnachfrage-96 Einkommensverteilung-45 Einmischung, ausländische-110 Einreiseverbot-80 Entdollarisierung-76 erneuerbare Energien-135 Erziehungszoll-83, 137 Export-15, 41 Exportabhängigkeit-39, 131 Exporte-31, 60, 96 Exportüberschuss-38 Exportverbot-113f., 118, 128 Finanzhilfen-84, 89, 98, 133, 135, 139 Finanzsanktionen-80, 102 Fixkosten-34 Freihandelsabkommen-12, 91f., 131, 139, 143f. Friedensdividende-106 Friendshoring-132 Geoökonomie-11, 15f., 88, 113 Geoökonomie, aktive-79, 89, 100 Geoökonomie, Instrumente-79 Geoökonomie, reaktive-79, 89 Geopolitik-16 <?page no="159"?> geopolitische Spannungen-127 geopolitische Zielkonflikte-66 Geostrategie-16 Gewaltkonflikte-73 Globalisierung-11, 13, 15, 131, 143, 145 Grenzertrag-26 Grenzkosten-26 Guns-versus-Butter-Problem-67, 105, 138 Gut-15 Handelsbilanz-37 Handelsbilanzdefizit-77 Handelsembargo-62 Handelshemmnisse-66, 91, 99 Handelskrieg-16, 139 Handelssanktionen-80, 110, 123, 125 Handelsschaffung-91 Handelsumlenkung-92 Heckscher-Ohlin-Modell-22, 40 Import-15, 41 Importabhängigkeit-88f., 92f., 129, 131ff., 137, 139, 145 Importboykott-80 Importe-31, 40, 45, 47, 52, 60, 96 Importverbot-115, 123 Importzoll-47, 53-56, 60, 67, 81, 110 Indifferenzkurve-27, 29f., 66, 68 Indifferenzkurve, soziale-28 Industriepolitik-88f. Industriepolitik, horizontale-88 Industriepolitik, vertikale-88 Industriespionage-90 Inflation Reduction Act-87, 127 Innovationseffekt-34 Investitionskontrollen-137 Investitionsprüfung-101 Investitionsschutzabkommen-144 Kalter Krieg-74, 106, 145 Kapitalflucht-102, 120 Kapitalknappheit-119 Kapitalquote-43 Kapitalverkehrskontrolle-102 Kaufkraftverlust-116 Kaufprämie-89 Klimawandel-73 Kolonialismus-70f. komparative Kostenvorteile-20 Konflikte-17 Konsumentenrente-34, 54-57, 114, 147 Konsumpunkt, optimaler-30 Kooperation-17 kritische Abhängigkeiten-129 kritische Infrastruktur-101, 137 Leistungsbilanz-37 Leistungsbilanzdefizit-38ff. Leistungsbilanzüberschuss-38f. Leitzins-97, 120 Lieferkettenunterbrechungen-92 List, Friedrich-83 Lohn-41f. Lohnquote-43 Lohnsatz-48 Made in China 2025-75, 90, 128 Mar-a-Lago Accord-127 Markt-34, 85, 93, 97, 128, 136, 139 Marktgleichgewicht-85 Mengensubvention-85 Mengenzoll-53 Migration-109 Nachfragegerade-52, 149 Register 159 <?page no="160"?> Nearshoring-132, 134 Offshoring-44, 132 Opportunitätskosten-26, 71f., 130, 138, 145 Optimalzoll-58, 82 Pax Americana-74 Politik der zwei Kreisläufe-131 Portfolioinvestitionen-99 Preisgerade-49 Produktionsfaktor-23, 41f. Produktionsfaktoren-48 Produktionsfunktion, neoklassische-25f. Produktionspunkt, optimaler-30 Produktionstechnologien-23, 25 Produzentenrente-54, 56f., 147 Recycling-134 Reshoring-132f. Resilienz-89, 146 Ricardo, David-19 Rohstoffabkommen-93 Rohstoffe-100, 116f. Rohstoffpartnerschaften-131 Rohstoffpartnerschaften, strategische-93 Rohstoffvorkommen-67, 69 Sabotage-108 Samuelson, Paul Anthony-105 Sanktionen-12, 17, 80, 121, 124 Schutzzoll-82 Seidenstraße-94 Seltene Erden-128f. Siedlungskolonien-71 Skaleneffekte-34 Spionage-108 Staat-16, 37, 57, 80, 84, 86, 103, 105, 124, 133, 139 Steuererleichterung-84, 89, 98, 133, 135 Steuern-105 Stolper-Samuelson-Theorem-37, 42f., 47, 77 Strafzoll-81 Strukturerhaltungssubventionen-87 Stützpunktkolonien-71 Subventionen-12, 82, 84f., 98, 128, 136f. systemische Konkurrenz-75 Tauschgerade-30 Technologien-100, 118 Technologiesanktionen-80 technologischer Fortschritt-33f. Thukydides-Falle-75 Transferzahlung-84 Transformationskurve-25, 27, 29, 66ff., 103 Trump, Donald-138, 142 Trumponomics-142 USA-40f., 44, 74-77, 127f., 131, 136, 138f., 141, 143 US-China-Konflikt-77 variable Kosten-34 Vergeltungszölle-136 Versorgungkrise-83 Verteidigungsfähigkeit-105 Verteilungskonflikte-144 Vorleistungen-100, 116f. Weaponized Interdependence-76, 145 Wechselkurs-95, 119 Wehrfähigkeit-89, 103, 138 160 Register <?page no="161"?> Weltmarkt-117 Weltmarktpreis-48f., 51, 82 Wettbewerb-32 Wettbewerbseffekt-32 Wettbewerbsfähigkeit-33, 61f., 85, 88, 92, 96, 98, 102, 108, 127, 133 Wirtschaftssanktionen-80, 139 Wohlfahrt 11, 15, 17, 19, 22, 30ff., 35, 37, 41, 45, 54, 56ff., 61f., 82, 110, 147f. Wohlfahrt, soziale-25 Wohlfahrtseffekte-32 Wohlfahrtsfunktion-27f. Wohlfahrtsfunktion, soziale-17 Wohlfahrtsmaximum-148 Wohlfahrtsverlust-51, 54, 57, 86, 111, 114, 117, 136, 148ff. Wohlstand-12, 66, 69, 74, 77, 138, 142, 146 WTO-74, 145 Zins-42 Zinssatz-48f. Zölle-12, 17, 47, 137, 139 Zollsatz-59 Register 161 <?page no="162"?> Abbildungsverzeichnis Abb. 2.1: Transformationskurve bei neoklassischer Produktionsfunktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27 Abb. 2.2: Verlauf von gesamtgesellschaftlichen Indifferenzkurven . 28 Abb. 2.3: Gesellschaftliches Wohlfahrtsoptimum ohne Außenhandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29 Abb. 2.4: Tauschgerade bei Aufnahme von Außenhandel . . . . . . . . . 30 Abb. 2.5: Optimaler Produktions- und Konsumpunkt bei Außenhandel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 31 Abb. 2.6: Exporte und Importe bei Aufnahme von Außenhandel . . 32 Abb. 2.7: Folgen eines kostensenkenden technologischen Fortschritts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 Abb. 4.1: Preisgeraden und Faktorpreise bei Außenhandel . . . . . . . 50 Abb. 4.2: Preisgeraden bei einem Importzoll auf Textilien . . . . . . . . 51 Abb. 4.3: Marktgleichgewicht in einer offenen Volkswirtschaft . . . 52 Abb. 4.4: Folgen eines Importzolls (z) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53 Abb. 4.5: Folgen eines sinkenden Weltmarktpreises . . . . . . . . . . . . . 55 Abb. 4.6: Wohlfahrtseffekte eines Zolls einer großen Volkswirtschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56 Abb. 4.7: Importzoll einer großen Volkswirtschaft mit Wohlfahrtsverlust . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58 Abb. 4.8: Zollsatz und gesamtwirtschaftliche Wohlfahrt | Quelle: Siebert 2000, S. 189 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59 Abb. 4.9: Auswirkungen einer Euro-Aufwertung auf das BIP der EU 61 Abb. 5.1: Wachsende Relevanz geopolitischer Macht . . . . . . . . . . . . 68 Abb. 5.2: Wechselspiel zwischen ökonomischer Stärke und geopolitischer Macht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70 Abb. 6.1: Auswirkungen einer Subvention auf das Marktgleichgewicht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86 Abb. 6.2: Transformationskurve für zivile und militärische Güter . 104 Abb. 7.1: Folgen eines Exportverbots für das sanktionierte Land . . 114 Abb. 7.2: Folgen eines Exportverbots für das sanktionsverhängende Land . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115 Abb. 7.3: Langfristige Folgen eines Importboykotts . . . . . . . . . . . . . 120 <?page no="163"?> Abb. A.1: Bestimmung der Konsumenten- und der Produzentenrente . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 148 Abb. A.2: Wohlfahrtsverlust bei einem zu geringen Gütervolumen . 149 Abbildungsverzeichnis 163 <?page no="164"?> Tabellenverzeichnis Tab. 2.1: Notwendiger Arbeitseinsatz zur Herstellung der jährlichen Tuch- und Weinmengen in England und Portugal . . . . . . . . . 20 Tab. 2.2: Beispiel für das Theorem der komparativen Kostenvorteile . 21 Tab. 2.3: Rahmenbedingungen in Deutschland und China bei der Stahl- und Textilproduktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 Tab. 2.4: Produktionskosten von Stahl und Textilien in Deutschland und China . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 Tab. 3.1: Entwicklung der Leistungsbilanzen ausgewählter Volkswirtschaften für ausgewählte Jahre, Angaben in Milliarden US-Dollar | Quelle: IMF 2025 . . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 Tab. 3.2: Beispiel für das Stolper-Samuelson-Theorem . . . . . . . . . . . . . 43 Tab. 5.1: Entwicklung der weltweiten durchschnittlichen Importzölle | Quelle: Busse 2001, S. 12 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65 Tab. 6.1: Entwicklung der Militärausgaben ausgewählter Länder, Angaben in Prozent des BIP | Quelle: Weltbank 2025 . . . . . . . 107 <?page no="165"?> ISBN 978-3-8252-6586-1 Die aktuellen Herausforderungen verstehen Die Weltwirtschaft ist im Wandel. Geopolitische Interessen, Zölle und Sanktionen prägen zunehmend den globalen Handel. Sie schwächen die internationale Arbeitsteilung und führen zu Wohlfahrtseinbußen. Thieß Petersen stellt die Geoökonomie vor. Er behandelt u. a. die Wirkungen von Zöllen, Sanktionen und Subventionen, Wechselkursbeeinflussungen sowie die Industrie- und die Handelspolitik. Der Autor zeigt zudem, wie Staaten mit geoökonomischen Spannungen umgehen können. Das Buch richtet sich an Studierende der Wirtschaftswissenschaften, der Politikwissenschaft und der internationalen Beziehungen. utb+ Das Lehrwerk mit dem digitalen Plus Dies ist ein utb-Band aus dem UVK Verlag. utb ist eine Kooperation von Verlagen mit einem gemeinsamen Ziel: Lehr- und Lernmedien für das erfolgreiche Studium zu veröffentlichen. utb.de QR-Code für mehr Infos und Bewertungen zu diesem Titel geht auf die Trumponomics ein Wirtschaftswissenschaften Politikwissenschaft