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Terrorismus? Frag doch einfach!

Klare Antworten aus erster Hand

0316
2026
978-3-8385-6598-9
978-3-8252-6598-4
UTB 
Tobias Hof
10.36198/9783838565989

Terroristische Gewalt erschüttert Gesellschaften - doch hinter den Anschlägen verbergen sich klare Ziele, komplexe Narrative und vernetzte Strukturen. Tobias Hof untersucht historische Wurzeln und aktuelle Formen des Terrorismus: von linksextremen Zellen über rechtsextreme Netzwerke bis zu dschihadistischen Gruppen wie al-Qaida und dem Islamischen Staat. Er analysiert Radikalisierungsprozesse, die Rolle der Medien und die Folgen von Attentaten für Gemeinschaften. Gleichzeitig beleuchtet er Anti-Terror-Maßnahmen demokratischer Staaten im Hinblick auf Effektivität und Risiken für Grundrechte. Ein abschließendes Kapitel wirft einen Blick auf zukünftige Entwicklungen wie Cyberterrorismus. Frag doch einfach! Die utb-Reihe geht zahlreichen spannenden Themen im Frage-Antwort-Stil auf den Grund. Ein Must-have für alle, die mehr wissen und verstehen wollen.

9783838565989/9783838565989.pdf
<?page no="0"?> Tobias Hof Terrorismus? Klare Antworten aus erster Hand Frag doch einfach! <?page no="1"?> utb 6598 Eine Arbeitsgemeinschaft der Verlage Brill | Schöningh - Fink · Paderborn - Vandenhoeck & Ruprecht · Göttingen - Böhlau · Wien · Köln Verlag Barbara Budrich · Opladen · Toronto facultas · Wien Walter de Gruyter · Berlin · Boston Haupt Verlag · Bern Verlag Julius Klinkhardt · Bad Heilbrunn Mohr Siebeck · Tübingen Narr Francke Attempto Verlag - expert verlag · Tübingen Psychiatrie Verlag · Köln Psychosozial-Verlag · Gießen Ernst Reinhardt Verlag · München transcript Verlag · Bielefeld Verlag Eugen Ulmer · Stuttgart UVK Verlag · München Waxmann · Münster · New York wbv Publikation · Bielefeld Wochenschau Verlag · Frankfurt am Main <?page no="2"?> PD Dr. Tobias Hof ist Associate Professor for History and German Studies an der University of Toronto und Privatdozent für Neuere und Neueste Geschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. #fragdocheinfach Alle Bände der Reihe finden Sie am Ende des Buches. <?page no="3"?> Tobias Hof Terrorismus? Frag doch einfach! Klare Antworten aus erster Hand <?page no="4"?> DOI: https: / / doi.org/ 10.36198/ 9783838565989 © UVK Verlag 2026 ‒ Ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikro‐ verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Heraus‐ geber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Einbandgestaltung: siegel konzeption | gestaltung Druck: Elanders Waiblingen GmbH utb-Nr. 6598 ISBN 978-3-8252-6598-4 (Print) ISBN 978-3-8385-6598-9 (ePDF) ISBN 978-3-8463-6598-4 (ePub) Umschlagabbildung: © bgblue - istock Icons im Innenteil: Figur, Glühbirne, Lupe: © Die Illustrationsagentur Abbildungen 1, 3, 4: Wikimedia Commons. Public Domain Abbildung 2: https: / / www.bbc.com/ news/ world-us-canada-43883052 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. <?page no="5"?> 11 13 14 17 21 22 23 26 27 30 33 37 38 39 41 43 46 50 Alle Fragen im Überblick Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was die verwendeten Symbole bedeuten . . . . . . . . . . . . . . . . Zahlen und Fakten zum Terrorismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Aktuelles Beispiel - Terrorismus in Deutschland . . . . . . . . . Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung . . . . . . . . Woher kommt der Begriff „Terrorismus“? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wie hat sich der Begriff „Terrorismus“ historisch gewandelt? . . . . . . . . Wie wird der Begriff heute im deutschen Strafrecht verwendet? . . . . . . Welchen Terrorismusbegriff verwenden Sicherheitsbehörden? . . . . . . . Existiert-auf-internationaler-Ebene-ein- einheitlicher Terrorismusbegriff ? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gibt es eine einheitliche wissenschaftliche Definition? . . . . . . . . . . . . . . Warum ist Terrorismus so schwierig zu definieren? . . . . . . . . . . . . . . . . . Wie wird der Begriff in der Politik und in den Medien verwendet? . . . . Werden terroristische Anschläge im öffentlichen Diskurs unterschiedlich rezipiert? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kann ein Staat „terroristische“ Gewalt begehen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wie unterscheidet sich Terrorismus zur politischen Gewalt und anderen Gewaltformen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wie entwickelte sich die Terrorismusforschung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was sind die Critical Terrorism Studies (CTS)? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . <?page no="6"?> 53 54 55 57 58 60 63 66 68 70 72 74 77 81 82 83 84 86 89 91 93 95 98 99 Terrorismen: Die Spielformen des Terrorismus . . . . . . . . . . . Welche Formen des Terrorismus gibt es? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Welchen Nutzen haben diese diversen Typologien? . . . . . . . . . . . . . . . . . Wie unterscheidet sich nationaler, internationaler und transationaler Terrorismus? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was verstehen wir unter ethnonationalistischem Terrorismus? . . . . . . . Was ist Linksterrorismus? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was ist Rechtsterrorismus? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was ist religiöser Terrorismus? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was ist salafistisch-dschihadistischer Terrorismus? . . . . . . . . . . . . . . . . . Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen salafistisch-dschihadistischem und rechtsextremem Terrorismus? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was ist Incel-Gewalt? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ist Incel-Gewalt eine Form des Terrorismus? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gibt es Verbindungen zwischen terroristischen Gruppen und der organisierten Kriminalität? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was ist eine terroristische Gruppe? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was ist „Lone Wolf “-Terrorismus? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wie lässt sich der Einsatz terroristischer Methoden erklären? . . . . . . . Welche Methoden setzen Terrorist*innen ein? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Warum setzen manche Terrorist*innen Selbstmordattentate ein und andere nicht? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Welche Strategien setzen terroristische Gruppen ein? . . . . . . . . . . . . . . Welche Ziele verfolgen Terrorist*innen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kann Terrorismus erfolgreich sein? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wie wichtig ist der Terrorismus zur Erreichung der Ziele? . . . . . . . . . . . Handeln Terrorist*innen „rational“? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 Alle Fragen im Überblick <?page no="7"?> 100 103 105 107 108 110 111 113 117 118 120 123 126 128 130 132 133 139 140 142 143 144 146 148 150 Welche Narrative legitimieren terroristische Gewalt? . . . . . . . . . . . . . . . Wie funktioniert die Radikalisierung? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bedingt Armut Terrorismus? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Welches Verhältnis existiert zwischen häuslicher Gewalt und Terrorismus? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wer sind die Terrorist*innen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Welche Rolle spielen Frauen in terroristischen Gruppen? . . . . . . . . . . . . Wie organisieren sich terroristische Gruppen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wie endet Terrorismus? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Geschichte des Terrorismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gibt es Vorläufer zum modernen Terrorismus? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wie entwickelte sich der Terrorismus seit dem 19.-Jahrhundert? . . . . . Was besagt David C. Rapoports „Wellentheorie“? . . . . . . . . . . . . . . . . . . Welche Kritik wird an der „Wellentheorie“ geäußert? . . . . . . . . . . . . . . . Leben wir in einer „fünften Welle“ des Terrorismus? . . . . . . . . . . . . . . . . Warum ist nach dem Ende des Kalten Kriegs von einem „neuen Terrorismus“ die Rede? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ist der „neue Terrorismus“ wirklich „neu“? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was waren die tödlichsten terroristischen Attentate in der Geschichte? Bedeutende terroristische Gruppen der Gegenwart . . . . . . Wer ist al-Qaida? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wer ist die Atomwaffen Division? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wer steht hinter der Gruppe The Base? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wer ist Boko Haram? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wer ist die Hamas? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wer ist die Hisbollah? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wer ist der Islamische Staat (IS)? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Alle Fragen im Überblick 7 <?page no="8"?> 153 154 156 158 159 161 162 164 165 169 171 173 174 176 177 179 180 183 187 188 190 194 Anti-Terrorismus-Politik und Terrorismusbekämpfung . . . . Welche Formen der Anti-Terrorismus-Politik gibt es? . . . . . . . . . . . . . . Mit welchen Problemen sind demokratische Rechtsstaaten bei der Terrorismusbekämpfung konfrontiert? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Welche Formen der Terrorismusbekämpfung sind erfolgreich? . . . . . . Welche Kooperation bei der Terrorismusbekämpfung existiert auf internationaler Ebene? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was ist der „War on Terror“? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was versteht man unter Deradikalisierung bzw. Countering Violent Extremism (CVE)? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Soll mit Terrorist*innen verhandelt werden? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kann die Terrorismusbekämpfung das Problem sogar verschärfen? . . . Was bedeutet „auf dem rechten Auge blind“ zu sein? . . . . . . . . . . . . . . . . Sind Demokratien anfälliger für Terrorismus? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Folgen terroristischer Attentate . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Welche Auswirkungen hat der Terrorismus auf die Gesellschaft? . . . . . Welche politischen Folgen hat der Terrorismus? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Welche wirtschaftlichen Folgen haben terroristische Anschläge? . . . . . Wie wirken sich terroristische Attentate auf die Börsen und den Aktienhandel aus? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wie erholen sich Gemeinschaften von Terroranschlägen? . . . . . . . . . . . Wie gehen Staaten mit den Opfern terroristischer Anschläge und deren Familien um? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Terrorismus, Medien und Populärkultur . . . . . . . . . . . . . . . . . . Welche Beziehung besteht zwischen Medien und dem Terrorismus? . . Wie verhält sich die Populärkultur zum Terrorismus? . . . . . . . . . . . . . . . Wie trägt die (Pop-)Kultur zur Mythenbildung des Linksterrorismus bei? 8 Alle Fragen im Überblick <?page no="9"?> 196 198 200 203 204 207 208 210 212 213 215 219 223 235 Wie nutzen terroristische Gruppen (Pop-)Kultur für ihre Zwecke? . . . . Welche Rolle spielen Videospiele und interaktive Medien in Bezug auf terroristische Gewalt? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Welche Bedeutung kommt der Ikonographie des Terrorismus zu? . . . . Was war der erste terroristische Anschlag, der auf Film festgehalten wurde? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was zählt als die erste Tötung, die von einer Terrorgruppe auf Bild festgehalten wurde? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Aktuelle und zukünftige Entwicklung des Terrorismus . . . Erleben wir einen Anstieg terroristischer Gewalt? . . . . . . . . . . . . . . . . . . Was ist Cyberterrorismus? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wie reagieren Staaten und internationale Organisationen auf Cyberterrorismus? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wie entwickeln sich die zugrunde liegenden Ursachen? . . . . . . . . . . . . . Wie könnte die Zukunft des Terrorismus in den nächsten Jahrzehnten aussehen? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Glossar - Wichtige Begriffe kurz erklärt . . . . . . . . . . . . . . . . . . Verwendete Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wo sich welches Stichwort befindet . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Alle Fragen im Überblick 9 <?page no="11"?> Vorwort Heutzutage vergeht kaum ein Tag, an dem nicht in irgendeiner Form über Terrorismus berichtet wird. Ob im Zusammenhang mit dem Hamas-An‐ schlag vom 7. Oktober 2023 und dem darauffolgenden Krieg in Gaza, mit Reportagen und politischen Debatten über die Einstufung der „Antifa“ als terroristische Vereinigung durch die Regierung Donald Trumps, mit der wiederholten Verwendung des Terrorismusbegriffs durch autoritäre Regierungen - etwa unter Recep Tayyip Erdoğan, der politische Gegner und Journalist*innen pauschal als „Terroristen“ bezeichnet - oder durch Anschläge wie jene in Magdeburg im Dezember 2024 und in Delhi im November 2025: Das Thema bleibt allgegenwärtig und prägt die politische wie gesellschaftliche Wahrnehmung weltweit. Schlagzeilen über terroristische Akte beherrschen regelmäßig die Nach‐ richten, lösen Empörung, Angst und Mitgefühl aus - und üben zugleich eine eigentümliche, beinahe morbide Faszination aus. Diese Faszination ist keineswegs ein neues Phänomen: Sie begleitet das Thema Terrorismus seit seinen modernen Ursprüngen im 19. Jahrhundert. Immer wieder stellen sich dabei grundlegende Fragen: Wer begeht solche Taten - und warum? Welche politischen, ideologischen oder religiösen Ziele stehen dahinter? Was bedeutet es überhaupt, als „Terrorist“ zu gelten? Und wo verlaufen die Grenzen zwischen politischem Aktivismus, Widerstand und Terrorismus? Diese mediale Dauerpräsenz hat das Thema längst zu einem festen Bestandteil des öffentlichen Diskurses gemacht - ein Diskurs, der zwischen moralischer Verurteilung, politischer Instrumentalisierung und voyeuristi‐ scher Neugier oszilliert. Gerade diese Ambivalenz, die Verbindung von Furcht, Faszination und Deutungskampf, hat mein Interesse an dem Thema früh geweckt - und bis heute nachhaltig geprägt. Der vorliegende Band versteht sich als eine verständliche Einführung in die vielfältigen Facetten des Phänomens Terrorismus - von seinen histo‐ rischen Wurzeln über ideologische, religiöse und politische Beweggründe bis hin zu seiner medialen Darstellung und gesellschaftlichen Wirkung. Ziel ist es, das Thema in seiner Komplexität zu beleuchten, ohne dabei die historische Tiefendimension aus dem Blick zu verlieren. Als Historiker richte ich den Blick besonders auf die langfristigen Entwicklungslinien, Kontinuitäten und Brüche, die zum Verständnis moderner Formen des Ter‐ <?page no="12"?> rorismus beitragen. Dabei liegt der Schwerpunkt naturgemäß etwas stärker auf historischen Zusammenhängen - andere Aspekte, die Kolleg*innen aus benachbarten Disziplinen vielleicht intensiver behandeln würden, treten dadurch möglicherweise etwas in den Hintergrund. Mein besonderer Dank gilt Nadja Hilbig vom UVK Verlag, die die Anregung zu diesem Buch gegeben und das Projekt von Anfang an mit großem Interesse und Vertrauen begleitet hat. Ebenso möchte ich Bernhard Blumenau, Thomas Riegler und meinen Kolleg*innen an der University of Toronto danken, deren sorgfältige Durchsicht früherer Fassungen und zahlreiche wertvolle Hinweise wesentlich dazu beigetragen haben, den Text zu präzisieren und zu vertiefen. Vor allem aber danke ich meiner Familie und meinen Freunden - für ihre Geduld, ihren Zuspruch und ihre beständige Unterstützung. Ohne sie wäre weder dieses Buch noch eines meiner früheren Werke entstanden. Toronto, im Januar 2026 Tobias Hof 12 Vorwort <?page no="13"?> Was die verwendeten Symbole bedeuten Toni verrät spannende Literaturtipps, Videos und Blogs im World Wide Web. Die Glühbirne zeigt eine Schlüsselfrage an, deren Antwort unbedingt lesenswert ist. Die Lupe weist dich auf eine Expert: innenfrage hin. Hier geht die Antwort ziemlich in die Tiefe. Sie richtet sich an alle, die es ganz genau wissen wollen. <?page no="14"?> 1 Eigene Darstellung nach Statista 2025: https: / / de.statista.com/ statistik/ daten/ studie/ 38 0942/ umfrage/ anzahl-der-terroranschlaege-weltweit/ ; https: / / de.statista.com/ statistik/ daten/ studie/ 380949/ umfrage/ getoetete-personen-durch-terroranschlaege-weltweit/ Zahlen und Fakten zum Terrorismus Anzahl der Terroranschläge und der Todesopfer durch Terroranschläge weltweit von 2018 bis 2023 1 <?page no="15"?> 2 Eigene Darstellung nach Statista 2025: https: / / de.statista.com/ statistik/ daten/ studie/ 48 5980/ umfrage/ terroranschlaege-todesopfer-und-verletzte-nach-terrororganisationen/ 3 Eigene Darstellung nach Statista 2025: https: / / de.statista.com/ statistik/ daten/ studie/ 12 221/ umfrage/ todesfaelle-in-folge-terroristischer-angriffe/ Anzahl der Terroranschläge weltweit nach den wichtigsten Terrororganisationen 2023 2 Anzahl der Todesopfer durch Terroranschläge nach den meist betroffenen Ländern 2023 3 Zahlen und Fakten zum Terrorismus 15 <?page no="17"?> Aktuelles Beispiel - Terrorismus in Deutschland Am Abend des 20. Dezember 2024 steuerte der 50-jährige Taleb Al-Abdul‐ mohsen (*1974) ein Fahrzeug in eine Menschenmenge auf dem Magdeburger Weihnachtsmarkt. Sechs Menschen kamen dabei ums Leben, rund 300 weitere wurden zum Teil schwer verletzt. Der Täter, ein in Saudi-Arabien geborener Arzt, der seit 2006 in Deutschland lebt, wurde noch am Tatort festgenommen. Die Gerichtsverhandlung begann im November 2025. Der Anschlag ereignete sich in einem aufgeheizten politischen Klima: Nach dem Zerbrechen der Regierungskoalition aus Sozialdemokratischer Partei (SPD), den Grünen und den Liberalen (FDP) und der Ausrufung von Neuwahlen stand Deutschland kurz vor einem Richtungsentscheid. Die rechtsextreme Partei Alternative für Deutschland (AfD), die bei den Landtagswahlen in Sachsen und Thüringen im September 2024 jeweils über 30 Prozent der Stimmen erzielt hatte, legte auch in nationalen Umfragen deutlich zu. Es war daher absehbar, dass der Anschlag unmittelbar für politische Zwecke genutzt werden würde. Tatsächlich ließen rechte und rechtsextreme Kreise nicht lange auf sich warten: Sie stuften den Anschlag allein aufgrund des Namens des Täters reflexhaft als islamistisch motiviert ein - ohne Rücksicht auf die laufenden Ermittlungen - und reihten ihn ein in eine Serie angeblicher Angriffe „muslimischer Einwanderer auf christlich-abendländische Werte“. Dieses Narrativ wurde nicht nur von rechtsextremen Akteuren wie der AfD und entsprechenden Netzwerken im Ausland aufgegriffen, sondern fand auch Widerhall in Teilen konservativer und sogar sozialdemokratischer Diskurse, insbesondere in der Forderung nach einer „Neuausrichtung“ der Migrationspolitik. Allein durch diese Verschiebung der politischen Debatte konnte die AfD bereits im Vorfeld der Wahlen diskursiv an Einfluss gewin‐ nen - ein Muster, das aus früheren Wahlkämpfen bekannt ist. Doch die Realität hinter dem Anschlag erwies sich als weitaus komplexer: Erste Erkenntnisse der Ermittlungsbehörden deuteten darauf hin, dass Al-Abdulmohsen keineswegs islamistische, sondern vielmehr islamfeindli‐ che Überzeugungen hegte. In einem Abschiedsbrief sowie mehreren On‐ line-Beiträgen beschuldigte der Täter die deutsche Regierung, mit ihrer Mi‐ grationspolitik bewusst eine „Islamisierung Europas“ voranzutreiben. Diese Argumentation greift zentrale Narrative rechtsextremer Ideologie auf - ins‐ <?page no="18"?> besondere die vom französischen Autor Renaud Camus (*1946) formulierte Verschwörungstheorie des „Großen Austauschs“ („Great Replacement“), wonach eine gezielte Ersetzung der europäischen Bevölkerung durch musli‐ mische Migrant*innen stattfinde. Solche Vorstellungen fanden auch Eingang in die Rechtfertigungsstrategien rechtsterroristischer Attentäter wie Anders Behring Breivik (*1979), der 2011 in Norwegen 77 Menschen tötete. Noch brisanter war die Erkenntnis, dass Al-Abdulmohsen mehrfach versucht hatte, mit rechtsextremen Akteuren in Kontakt zu treten. Ermittler stellten Verbindungen zu Kreisen der AfD sowie zum britischen Rechtsextre‐ misten Tommy Robinson (*1982), dem Gründer der English Defence League (EDL), fest. Diese Verbindungen sowie die ideologische Rechtfertigung des Anschlags durch Al-Abdulmohsen entlarvten die Deutungsmuster rechts‐ extremer Gruppen wie der AfD als nicht tragfähig und politisch motiviert. Handelte es sich also um einen rechtsextremen Anschlag? Wenn man Motivlage, Zielsetzung und Ideologie des Täters in den Blick nimmt, spricht vieles dafür. Und doch: Während islamistisch motivierte Anschläge in den Medien meist hohe Aufmerksamkeit und klare Etikettierungen erfahren, ge‐ raten rechtsextreme Gewalttaten häufiger in den Hintergrund oder werden entpolitisiert. Nach Bekanntwerden der Verbindungen zum rechtsextremen Gedankengut des Täters verschwand auch der Anschlag in Magdeburg rasch wieder aus der medialen Öffentlichkeit. Er reihte sich damit ein in eine Kette rechtsextremer Anschläge in Deutschland und Europa, die trotz ihrer Tragweite oft als Einzelfälle behandelt werden und nur kurze Zeit in den Medien präsent sind. Besonders zynisch war die politische Reaktion: Ausgerechnet jene Kräfte, die den Anschlag zuerst als „Beleg“ für ein gescheitertes Integrationsmodell nutzten und eine Verschärfung von Sicherheits- und Migrationspolitik forderten, begründeten ihre Forderungen anschließend mit angeblich „be‐ rechtigten Sorgen“ der Bevölkerung vor „Überfremdung“. Damit stärkten sie indirekt rechtsextreme Akteure und deren Narrative. Dabei stand nicht selten weniger die Sicherheit selbst im Vordergrund, sondern der Versuch, „verlorenes Vertrauen“ zurückzugewinnen - ein symbolischer Aktionismus mit potenziell gefährlichen Folgen. Die Frage bleibt: Wie konnte ein derartiger Anschlag überhaupt gesche‐ hen - und warum scheinen sich solche Vorfälle gerade in politisch sensiblen Zeiten zu häufen? Weshalb entschied sich der Täter für den Rückgriff auf terroristische Mittel? Der Anschlag von Magdeburg führt zentrale Themen zusammen, die für das Verständnis terroristischer Gewalt entscheidend 18 Aktuelles Beispiel - Terrorismus in Deutschland <?page no="19"?> sind: die Zuschreibung und politische Instrumentalisierung von Gewaltak‐ ten, ihre mediale Darstellung und Verarbeitung, die Herausforderungen für Sicherheitsbehörden und Justiz, die politischen, psychologischen und gesellschaftlichen Folgen solcher Taten sowie die vielschichtigen Formen von Radikalisierung und Legitimierung von Gewalt. All diese Aspekte berühren zentrale Fragen bezüglich der Vielgestaltigkeit des Phänomens Terrorismus - Fragen, auf die das vorliegende Buch versucht zumindest ein paar Antworten zu geben. Aktuelles Beispiel - Terrorismus in Deutschland 19 <?page no="21"?> Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung Was genau ist Terrorismus - und wer entscheidet das? Dieses Kapitel widmet sich den vielschichtigen Definitionen des Begriffs, seiner politi‐ schen Aufladung sowie den Herausforderungen einer trennscharfen Ab‐ grenzung. Es beleuchtet die historischen, rechtlichen und ideologischen Dimensionen des Terrorismusbegriffs, fragt nach seiner analytischen Brauchbarkeit und gibt Einblicke in die Entwicklung der Terrorismus‐ forschung. Dabei wird sichtbar, wie umstritten und kontextabhängig der Begriff bis heute bleibt. <?page no="22"?> Woher kommt der Begriff „Terrorismus“? Der Begriff „Terror“ selbst geht auf antike assyrische Texte zurück, wo er die bewusste Anwendung von Gewalt zur Unterdrückung und Einschüchterung von Gegnern beschreibt. Das moderne Wort „Terror“ leitet sich wiederum vom lateinischen „terror“ ab und taucht 1356 im Französischen (terreur), 1375 im Englischen und 1440 im Spanischen auf. Im Mittelalter war „Terror“ in mehreren europäischen Sprachen zu einem Begriff für die psychologische, physische und politische Anwendung von Gewalt geworden. Im europäischen Kontext erhielt der Begriff „Terror“ seine prägende po‐ litische Bedeutung insbesondere im Zusammenhang mit der jakobinischen Schreckensherrschaft (régime de la terreur), die sich unmittelbar nach der Französischen Revolution von 1793 bis 1794 ereignete. Für die Jakobiner um Maximilien de Robespierre (1758-1794) war Terror ein legitimes und notwendiges Mittel staatlicher Herrschaft. Er stand für sie für „nichts anderes als die sofortige, unerbittliche und unbeugsame Gerechtigkeit“. In diesem Verständnis diente der systematische Einsatz von Terror nicht nur dazu, einen radikalen gesellschaftlichen Wandel herbeizuführen und eine bessere Ordnung zu schaffen, sondern auch dazu, die neu zu schaffende Gesellschaft gegen innere und äußere Feinde zu verteidigen. Der Begriff „Terrorismus“ entstand unmittelbar nach dem Sturz der jakobinischen Herrschaft und wurde maßgeblich von dem einstigen Revo‐ lutionär und Journalisten Jean Lambert Tallien (1767-1820) geprägt. Tallien verwendete den Ausdruck, um sich kritisch von der jakobinischen Gewalt‐ herrschaft zu distanzieren und sie als Form tyrannischer Willkürherr‐ schaft zu brandmarken. Der französische Philosoph François Noël Babeuf (1760-1797) wiederum bezeichnete die Jakobiner explizit als terroriste. 1798 definierte das Dictionnaire de l’Académie française in seiner fünften Edition den Begriff „Terrorismus“ als ein „System oder Regime des Terrors“ und nahm damit direkten Bezug auf die jakobinische Schreckensherrschaft. In den folgenden Jahren verbreiteten sich die Begriffe terroriste und terrorisme auch in anderen europäischen Sprachen, darunter Englisch, Deutsch, Italie‐ nisch und Spanisch. Bereits in diesen ersten Jahren zeigte sich die Wandlungsfähigkeit der Begriffe „Terror“ und „Terrorismus“. Die Jakobiner benutzten Terror, als sie an der Macht waren. Es war zu diesem Zeitpunkt ein Instrument der Herrschenden und symbolisierte somit im engeren Sinne Staatsterror. Unmittelbar nach ihrem Sturz verlor der Begriff „Terror“ seine bei den 22 Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung <?page no="23"?> Revolutionären vorzufindende positive Konnotation. Die Jakobiner selbst wurden als illegale Usurpatoren dargestellt, die nicht den Staat repräsentier‐ ten, sondern diesen lediglich zerstören wollten. Diese Lesart verbreiteten vor allem Widersacher der Jakobiner wie der zuvor erwähnte Tallien oder der Brite Edmund Burke (1729-1797), der die Jakobiner polemisch als „tausend Höllenhunde mit Namen Terroristen“ bezeichnete. Literaturtipps | Einen guten Überblick über die Französiche Revolution geben Hans-Ulrich Thamer, Die Französische Revolution, München 2004 und Susanne Lachenicht, Die Französische Revolution, Darmstadt 2 2016. Zur Schreckensherrschaft der Jakobiner empfiehlt sich Marisa Linton, Choosing Terror. Virtue, Friendship, and Authenticity in the French Revolution, Oxford New York 2013 und Timothy Tackett, The Coming of the Terror in the French Revolution, Cambridge 2015. Wie hat sich der Begriff „Terrorismus“ historisch gewandelt? Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde der Begriff meist mit spektakulären, politisch motivierten Gewalttaten assoziiert, die vor allem von nichtstaatli‐ chen Akteuren oder Gruppen verübt wurden. Diese Entwicklung prägte entscheidend das Bild des Jahrhunderts als jene Epoche, in der der moderne Terrorismus seinen Ursprung fand. Über die Jahrzehnte hinweg dienten die Begriffe „Terrorismus“ und „Terror“ immer wieder dazu, unterschiedlichste Formen politischer Gewalt zu beschreiben - oftmals, um die Ziele und Handlungen politischer Gegner zu diskreditieren und zu delegitimieren. Ein frühes Beispiel dafür war die Verwendung des Begriffs „Weißer Terror“ nach der Französischen Revolution. Mit diesem Ausdruck wurde die Gewalt mo‐ narchistischer Kräfte (symbolisiert durch die Farbe Weiß) gegen Jakobiner und Republikaner bezeichnet. Insgesamt gesehen wurden über weite Teile des 19. Jahrhunderts die Begriffe „Terrorismus“ und „Terrorist“ nur sporadisch verwendet, bevor sie gegen Ende des Jahrhunderts allmählich häufiger, wenn auch weiterhin uneinheitlich, in den politischen und öffentlichen Diskurs Eingang fanden. Akteure aufständischer Bewegungen oder symbolträchtiger politischer Ge‐ Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung 23 <?page no="24"?> walt griffen in einigen Fällen bewusst auf die Selbstbezeichnung „Terroris‐ mus“ zurück, um ihrem Handeln ideologische Legitimität zu verleihen - so etwa die russische Organisation Narodnaja Wolja („Volkswille“), die sich ausdrücklich in der Nachfolge der jakobinischen Tradition sah. Gleichzeitig entwickelte sich der Begriff zu einem wirkungsvollen Schlag‐ wort für politische Eliten und herrschende Akteure, die damit gezielt Gegner delegitimierten, deren Ziele oder Methoden sie als unrechtmäßig betrachte‐ ten. In westlichen Staaten, insbesondere in Europa und Nordamerika, kam es in dieser Zeit verstärkt zu einer Gleichsetzung von Anarchist*innen - wobei „Anarchist“ pauschal für verschiedene linksgerichtete Gruppierungen stand - mit Terrorist*innen. Vor allem im Kontext zunehmender Einwanderung in die USA wurden Immigrant*innen vor allem aus Russland sowie aus Süd- und Osteuropa häufig mit anarchistischen Ideen in Verbindung gebracht und dadurch schnell unter Generalverdacht gestellt, terroristische Aktionen durchführen zu wollen (vgl. Abb. 1). Abb. 1: James P. Alley, „Come Unto Me, Ye Opprest! “ Veröffentlicht im Memphis Commercial Appeal, reproduziert im Literary Digest vom 5. Juli 1919. 24 Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung <?page no="25"?> Als Journalist*innen, Politiker*innen und Wissenschaftler*innen ab der Mitte des 20. Jahrhunderts begannen, Terrorismus systematisch zu analy‐ sieren, sah man ihn meist als eng mit Aufstandsbewegungen verbunden - im Kern als Form asymmetrischer Kriegsführung, die von Gruppen oder Bevölkerungen ohne offiziellen Souveränitätsstatus gegen Staaten geführt wurde. Ein besonders eindrückliches Beispiel hierfür ist der Mau-Mau-Krieg (1952-1960) in der damaligen britischen Kolonie Kenia, der exemplarisch verdeutlicht, wie Gewalt gegen europäische Kolonialmächte im Westen wahrgenommen und interpretiert wurde. Erst mit dem Aufkommen des Linksterrorismus, der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) und der Verbreitung des sogenannten „in‐ ternationalen Terrorismus“ in den späten 1960er Jahren differenzierten Beobachter*innen Terrorismus zunehmend analytisch von anderen Gewalt‐ formen. Vor allem Politik- und Sozialwissenschaftler*innen identifizierten dabei mehrere Schlüsselmerkmale: Zum einen beinhalte Terrorismus Ge‐ walt gegen Zivilpersonen außerhalb der traditionellen Regeln der Kriegs‐ führung; zum anderen verfolge er das Ziel, durch Einschüchterung von staatlichen Stellen oder der Allgemeinheit politische Veränderungen herbei‐ zuführen; und schließlich werde Terrorismus vorwiegend von nichtstaatli‐ chen Akteuren gegen Staaten ausgeübt. Ab den 1980er Jahren begannen Wissenschaftler*innen, den Blick ver‐ stärkt auf die symbolische Dimension des Terrorismus zu richten und ihn primär als kommunikativen Akt zu begreifen. Mit diesem Ansatz rückten sie von der bis dahin dominierenden, immer länger werdenden Liste technischer oder rein operativer Definitionen ab. Stattdessen betonten sie, dass Terrorismus nicht ausschließlich von nichtstaatlichen Akteuren ausgeübt werde, sondern ebenso von staatlichen Kräften, und dass er sich sowohl gegen zivile als auch gegen militärische Ziele richten könne - unabhängig davon, ob innerhalb oder außerhalb bewaffneter Konflikte. Im Mittelpunkt dieser Deutung stand die Auffassung, Terrorismus sei vor allem eine strategische Handlungsform, die darauf ausgerichtet sei, durch gezielte Gewaltakte gegen wenige ausgewählte Opfer, eine weitreichende Wirkung auf eine größere Öffentlichkeit zu erzielen. Terroristische Akteure würden ihre Ziele daher bewusst im Hinblick auf deren symbolische Bedeutung aus‐ wählen und die mediale Aufmerksamkeit ausnutzen, um ihre Botschaften zu verbreiten. Auf diese Weise sollen neue Unterstützer gewonnen, Gegner eingeschüchtert und provoziert sowie letztlich politische Veränderungen herbeigeführt werden. Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung 25 <?page no="26"?> Literatur- und Linktipps | Wie der koloniale Kontext das westliche Verständnis von „Terrorismus“ beeinflusste, beleuchtet Joseph McQuade in seinem Buch A Genealogy of Terrorism. Colonial Law and the Origins of an Idea, Cambridge New York 2020. Kurze Einführungen zur Begriffsgeschichte finden sich in Richard Eng‐ lish (Hg.), The Cambridge History of Terrorism, Cambridge New York 2021 sowie in Matt Seaton, The Etymology of Terror, in: The New York Review, 17. November 2021, https: / / www.nybooks.com/ online/ 2021/ 11/ 17/ the-etymology-of-terror/ . Wie wird der Begriff heute im deutschen Strafrecht verwendet? Im deutschen Strafrecht gibt es bislang keine eigenständige, spezifische Legaldefinition des Begriffs „Terrorismus“. Folglich gestaltet sich die straf‐ rechtliche Verfolgung von Terrorismus in der Bundesrepublik Deutschland besonders komplex. Zwar existiert mit § 129a des Strafgesetzbuches (StGB) eine zentrale Norm, die sich mit der „Bildung terroristischer Vereinigungen“ befasst. Diese wurde ursprünglich im Kontext der Bekämpfung der Roten Armee Fraktion (RAF) in den 1970er Jahren eingeführt. Im Zuge der welt‐ weiten sicherheitspolitischen Neuausrichtung nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurde der Anwendungsbereich mit § 129b StGB erweitert, um auch die Mitgliedschaft in ausländischen terroristischen Vereinigungen unter Strafe zu stellen. Weder § 129a noch § 129b StGB enthalten eine eigenständige Definition von „Terrorismus“. Stattdessen orientieren sie sich an der Zielrichtung der Tat, etwa daran, „die Bevölkerung erheblich einzuschüchtern, staatliche Stellen oder internationale Organisationen mit Gewalt oder Gewaltandro‐ hung zu nötigen oder die politischen, verfassungsrechtlichen, wirtschaftli‐ chen oder sozialen Grundstrukturen eines Staates oder einer internationalen Organisation erheblich zu beeinträchtigen oder zu beseitigen“ - wobei die Tat durch Art und Folgen geeignet sein muss, einen Staat oder eine inter‐ nationale Organisation schwer zu schädigen. Ob eine konkrete Handlung diesen Kriterien entspricht, liegt im Einzelfall im Ermessen der Gerichte. Als Orientierung können Definitionen von Sicherheitsbehörden, wissenschaft‐ liche Ansätze oder die im § 129a genannten Straftaten dienen. 26 Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung <?page no="27"?> Auch andere Paragrafen wie §§ 89a („Vorbereitung einer schweren staats‐ gefährdeten Gewalttat“), 89b („Aufnahme von Beziehungen zur Begehung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat“), 89c („Terrorismusfinanzie‐ rung“) und 91 („Anleitung zur Begehung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat“) StGB werden dem Terrorismusbereich zugerechnet. Die Bundesrepublik stellt hierbei keinen Sonderfall dar: Auch im italie‐ nischen Straf- und Strafprozessrecht existiert keine Definition von Terro‐ rismus. Stattdessen wurden im Zuge der terroristischen Bedrohung in den 1970er und 1980er Jahren spezifische Straftatbestände geschaffen, um schwerere Strafen zu ermöglichen, etwa für die „terroristische Vereinigung“ (Art. 270 Codice Penale), das „terroristische Attentat“ (Art. 280 CP) oder die „Entführung zu terroristischen Zwecken“ (Art. 289-bis CP). Gleichzeitig wurden gesetzliche Regelungen eingeführt, um durch Strafmilderungen Anreize für die Kooperation zu schaffen - etwa für Kronzeugen im Rahmen der Gesetze zur Verteidigung der verfassungsmäßigen Ordnung (Gesetz vom 29. Mai 1982, Nr. 304) oder für Personen, die sich vom Terrorismus distanzieren (Gesetz vom 18. Februar 1987, Nr.-34). Literaturtipps | Eine Einführung in das Terrorismusstrafrecht liefert Kai-Daniel Weil, Terrorismus(-strafrecht): Eine vergleichende Analyse des Phänomens und seiner strafrechtlichen Erfassung, Baden-Baden 2022 sowie das entsprechende Kapitel in Jana Kärgel (Hg.), Terrorismus im 21. Jahrhundert. Perspektiven, Kotnroversen, Blinde Flecken, Bonn 2021. Welchen Terrorismusbegriff verwenden Sicherheitsbehörden? Organisationen und Institutionen, die mit der nationalen und internatio‐ nalen Terrorismusbekämpfung betraut sind - darunter Strafverfolgungsbe‐ hörden, Nachrichtendienste, Ministerien, Gesetzgeber und internationale Organisationen - operieren häufig mit jeweils eigenen Definitionen, die stark von ihrem spezifischen Auftrag, dem politischen Kontext und institu‐ tionellen Interessen geprägt sind. Der deutsche Inlandsgeheimdienst, das Bundesamt für Verfassungsschutz (Bf V), verwendet nachfolgende Arbeits‐ definition: Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung 27 <?page no="28"?> „Terrorismus ist der nachhaltig geführte Kampf für politische Ziele, die mit Hilfe von Anschlägen auf Leib, Leben und Eigentum anderer Menschen durchgesetzt werden sollen, insbesondere durch schwere Straftaten, wie sie in § 129a Abs. 1 StGB genannt sind, oder durch andere Straftaten, die zur Vorbereitung solcher Straftaten dienen.“ (https: / / www.verfassungsschutz.de/ SharedDocs/ glossareintra ege/ DE/ T/ terrorismus.html) Das Bundeskriminalamt (BKA) bezeichnet Terrorismus als die extremste Ausprägung politisch motivierter Kriminalität. Für eine genauere Begriffs‐ bestimmung verweist es auf die Definition des Bundesamtes für Verfas‐ sungsschutz. Zudem wird ausdrücklich betont, dass terroristische Straftaten nicht nur von Gruppen oder Netzwerken, sondern auch von Einzeltätern verübt werden können. Ein internationaler Vergleich offenbart erhebliche Unterschiede zwischen den deutschen und anderen nationalen Terrorismusdefinitionen - besonders deutlich wird dies am Beispiel der Vereinigten Staaten. Innerhalb des US-Staatsapparats existieren über zwanzig verschiedene Definitionen von Terrorismus, die sich zudem im Laufe der Zeit teils erheblich gewandelt haben. Die US-amerikanische Bundespolizei Federal Bureau of Investigation (FBI) etwa unterscheidet zwischen nationalem und internationalem Terro‐ rismus und definiert diese folgendermaßen: “International terrorism: Violent, criminal acts committed by individuals and/ or groups who are inspired by, or associated with, designated foreign terrorist organizations or nations (state-sponsored). Domestic terrorism: Violent, criminal acts committed by individuals and/ or groups to further ideological goals stemming from domestic influences, such as those of a political, religious, social, racial, or environmental nature.” (https: / / w ww.fbi.gov/ investigate/ terrorism) Andere US-Behörden, die zwar nicht unmittelbar mit der Strafverfolgung befasst sind, jedoch häufig selbst Ziel terroristischer Angriffe werden oder in militärische Maßnahmen zur Terrorismusbekämpfung eingebunden sind, verwenden ihre eigenen Definitionen. So beschrieb beispielsweise das US-Außenministerium (Department of State) Terrorismus vor 2006 folgen‐ dermaßen: “The term terrorism means premeditated, politically motivated violence perpetrated against noncombatant targets by subnational or cladestine agents 28 Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung <?page no="29"?> usually intended to influence an audience.” (Title 22 of the United States Code, Section 2656 f) Der Zusatz „usually intended to influence an audience“ wurde nach 2006 entfernt. Das US-Verteidigungsministerium (Department of Defense) hinge‐ gen betont den strategischen Charakter und die politischen Ziele: “Terrorism is the unlawful use of violence or threat of violence to instill fear and coerce governments or societies. Terrorism is often motivated by religious, political, or other ideological beliefs and committed in the pursuit of goals that are usually political.” ( Joint Pub 3-07.2, Antiterrorism, 24. November 2010) Die Unterschiede zwischen den Definitionsansätzen lassen sich durch die jeweiligen institutionellen Interessen, Aufgabenbereiche sowie die staatli‐ chen und rechtsstaatlichen Rahmenbedingungen erklären: Während bei‐ spielsweise das US-Verteidigungsministerium und das FBI bereits die bloße Androhung von Gewalt als Terrorismus einstufen - was ihnen ermöglicht, ihre Befugnisse auf eine Vielzahl weiterer Bereiche auszudehnen -, definie‐ ren andere Institutionen, wie das US-Außenministerium oder der deutsche Verfassungsschutz, Terrorismus enger und beschränken ihn auf die tatsäch‐ liche Durchführung von Gewaltakten. Das US-Außenministerium wiederum wählt eine engere Definition und konzentriert sich ausschließlich auf Gewalttaten gegen Nichtkombattanten („noncombatants“). Diese Fokussierung erscheint folgerichtig, da es sich um eine zivile Behörde handelt, deren Schutzinteresse primär auf eigene Diplomat*innen sowie diplomatische Einrichtungen gerichtet ist. Auffällig ist, dass nahezu alle Definitionen die politische Zielsetzung als zentrales Merkmale nennen - wenig überraschend, handelt es sich doch um staatliche Institutionen, für die der Schutz der bestehenden politischen Ordnung im Vordergrund steht. Teilweise werden diese politischen Ziele noch ergänzt durch gesellschaftliche, religiöse oder allgemein ideologische Motive - oft bewusst vage formuliert, um möglichst weitreichende Befug‐ nisse und Zugriffsmöglichkeiten zu schaffen. Literaturtipp | Einen Überblick über die staatlichen Definitionsansätze liefert das zweite Kapitel in Alex P. Schmid (Hg.), The Routledge Handbook of Terrorism Research, London 2011. Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung 29 <?page no="30"?> Existiert auf internationaler Ebene ein einheitlicher Terrorismusbegriff? Angesichts dieser länderspezifischen Unterschiede und sogar abweichender Definitionen innerhalb einzelner Staaten überrascht es kaum, dass bis heute keine allgemein anerkannte internationale Definition von Terrorismus existiert - trotz zahlreicher Bemühungen. Einer der frühesten internationa‐ len Versuche zur Bekämpfung von Terrorismus war das Übereinkommen des Völkerbundes zur Verhütung und Bestrafung des Terrorismus von 1937. Es entstand als Reaktion auf die Ermordung des jugoslawischen Königs Alexander I. (1888-1934) und des französischen Außenministers Louis Barthou (1862-1934) in Marseille im Jahr 1934. Letztlich trat das Übereinkommen jedoch nie in Kraft, da es lediglich Indien ratifizierte. Darin wurde Terrorismus definiert als: „Kriminelle Handlungen, die sich gegen einen Staat richten und darauf abzielen oder darauf berechnet sind, einen Zustand des Schreckens bei bestimmten Personen, einer Gruppe von Personen oder der Allgemeinheit zu erzeugen.“ (Con‐ vention for the Prevention and Punishment of Terrorism, Geneva, 16.11.1937) Nach den Anschlägen auf israelische Sportler bei den Olympischen Spielen in München 1972 begannen die Vereinten Nationen - angestoßen vom da‐ maligen Generalsekretär Kurt Waldheim (1918-2007) - mit neuen Debatten und Verhandlungen über ein umfassendes, rechtsverbindliches Abkommen zur Bekämpfung des Terrorismus. Diese Bemühungen scheiterten jedoch vor allem daran, dass zahlreiche (nord-)afrikanische, arabische und kommu‐ nistische Staaten in einer festen Definition den Versuch westlicher Staaten sahen, anti-koloniale und nationale Befreiungsbewegungen pauschal als terroristisch zu brandmarken - und damit eine neue Form neokolonialer Einflussnahme zu etablieren. Die politischen Spannungen des Kalten Kriegs und der globale Nord-Süd-Konflikt verhinderten schließlich eine Einigung. Bis heute existiert kein umfassendes UN-Terrorismusabkommen. Angesichts der Anschläge vom 11. September 2001 und des daran anschließenden „War on Terror“ legte der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen in der Resolution 1566 im Jahr 2004 einvernehmlich fest, welche Straftaten als „terroristisch“ zu betrachten sind: „Straftaten, namentlich auch gegen Zivilpersonen, die mit der Absicht begangen werden, den Tod oder schwere Körperverletzungen zu verursachen, oder Geisel‐ nahmen, die mit dem Ziel begangen werden, die ganze Bevölkerung, eine Gruppe 30 Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung <?page no="31"?> von Personen oder einzelne Personen in Angst und Schrecken zu versetzen, eine Bevölkerung einzuschüchtern oder eine Regierung oder eine internationale Organisation zu einem Tun oder Unterlassen zu nötigen, welche Straftaten im Sinne und entsprechend den Begriffsbestimmungen der internationalen Übereinkommen und Protokolle betreffend den Terrorismus darstellen, unter keinen Umständen gerechtfertigt werden können, indem politische, philosophi‐ sche, weltanschauliche, rassische, ethnische, religiöse oder sonstige Erwägungen ähnlicher Art angeführt werden, und fordert alle Staaten auf, solche Straftaten zu verhindern und, wenn sie nicht verhindert werden können, sicherzustellen, dass für solche Straftaten Strafen verhängt werden, die der Schwere der Tat entsprechen.“ (https: / / digitallibrary.un.org/ record/ 532676) Die Resolution ist umstritten, weil sie keine eindeutige Terrorismusdefini‐ tion liefert, Befreiungsbewegungen kriminalisieren könnte, den Einfluss des Sicherheitsrats stärkt und die Verhandlungen der Generalversammlung umgeht. Gerade der Begriff „Absicht“ erweist sich als unscharf, da er stark von subjektiver Interpretation und äußerer Zuschreibung abhängt - was Kritiker*innen als Einfallstor für politische Instrumentalisierung betrachten. Zwar ist die Resolution 1566 nicht völkerrechtlich bindend im Sinne eines unmittelbar durchsetzbaren Völkerrechtsakts, hat aber politisch und normativ prägende Wirkung. Vor dem Hintergrund der Anschäge von 9/ 11 entwickelte auch die Europäische Union (EU) eine Definition des Terrorismus, die vom Euro‐ päischen Rat im Jahr 2002 angenommen wurde. Nach dieser Definition werden Straftaten als terroristische Handlungen eingestuft, wenn sie mit dem Ziel begangen werden, „die Bevölkerung ernsthaft einzuschüchtern, eine Regierung oder eine internationale Organisation in unzulässiger Weise zur Vornahme oder Unterlassung einer Handlung zu zwingen oder die grundlegenden politischen, verfassungsrechtlichen, wirtschaftlichen oder sozialen Strukturen eines Landes oder einer internationalen Organisation ernsthaft zu destabilisieren oder zu zerstören“. (Rahmenbeschluss des Rates vom 13. Juni 2002 zur Terrorismusbekämpfung (2002/ 475/ JI)) Diese Definition war durch den Kontext ihrer Entstehung geprägt und spiegelte die Prioritäten der EU als internationale Organisation wider. Außerdem fehlte es ihr an Spezifität in Bezug auf die Motivationen und die beteiligten Akteure, sodass es schwierig bleibt, Terrorismus von anderen Gewaltpraktiken zu unterscheiden. Folglich ist nach wie vor ihr praktischer Einfluss auf die Verfolgung terroristischer Gruppen begrenzt. Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung 31 <?page no="32"?> Um den Herausforderungen einer einheitlichen Terrorismusdefinition zu begegnen, orientieren sich einige internationale Organisationen - etwa Interpol - an den jeweiligen nationalen Definitionen. Zudem verfolgt die internationale Gemeinschaft häufig einen sektorspezifischen Ansatz, um Teilaspekte des Terrorismus (z. B. Finanzierung, Luftsicherheit oder Geiselnahmen) jeweils gezielt zu addressieren. Diese Strategie konzentriert sich auf die Definition spezifischer terroristischer Handlungen, anstatt zu versuchen, das Phänomen in seiner Gesamtheit zu erfassen. So befassen sich beispielsweise das „Übereinkommen über strafbare und bestimmte andere an Bord von Luftfahrzeugen begangene Handlungen“ (Übereinkommen von Tokio, 1963) und das „UN-Übereinkommen zur Verhütung nuklearter‐ roristischer Handlungen“ (2005) mit bestimmten Arten von terroristischen Aktivitäten. Auch das „Europäische Übereinkommen zur Bekämpfung des Terroris‐ mus“ des Europarats von 1977 zielt darauf ab, die Auslieferung bei be‐ stimmten Straftaten zu klassifizieren und zu erleichtern. Diese Abkommen spiegeln einen pragmatischen Ansatz wider, der funktionalen Definitionen den Vorrang vor einer universellen Definition gibt. Liste der wichtigsten Konventionen zur Terrorismusbekämp‐ fung 1963: Übereinkommen über strafbare und bestimmte andere Handlun‐ gen an Bord von Luftfahrzeugen (Tokio-Übereinkommen) 1970: Übereinkommen zur Bekämpfung der widerrechtlichen Inbesitz‐ nahme von Luftfahrzeugen (Haager Übereinkommen) 1971: Übereinkommen zur Bekämpfung widerrechtlicher Handlungen gegen die Sicherheit der Zivilluftfahrt (Montrealer Übereinkommen) 1973: Übereinkommen über die Verhütung und Bestrafung von Strafta‐ ten gegen international geschützte Personen einschließlich diplomati‐ scher Vertreter 1979: Internationales Übereinkommen gegen Geiselnahme 1980: Übereinkommen über den physischen Schutz von Kernmaterial (ergänzt 2005) 1988: Protokoll zur Bekämpfung von Gewaltakten auf Flughäfen, die der zivilen Luftfahrt dienen 1988: Übereinkommen zur Bekämpfung widerrechtlicher Handlungen gegen die Sicherheit der Seeschifffahrt (SUA-Übereinkommen) 32 Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung <?page no="33"?> 1988: Protokoll zur Bekämpfung widerrechtlicher Handlungen gegen die Sicherheit fester Plattformen auf dem Festlandsockel 1991: Übereinkommen über das Kennzeichnen von Plastiksprengstoffen zum Zweck ihrer Entdeckung 1997: Internationales Übereinkommen zur Bekämpfung terroristischer Bombenanschläge 1999: Internationales Übereinkommen zur Bekämpfung der Finanzie‐ rung des Terrorismus 2005: Internationales Übereinkommen zur Bekämpfung nuklearterro‐ ristischer Handlungen Literatur- und Linktipps | Einführungen liefern Ben Saul, Defining Terrorism in International Law, Oxford New York 2006 sowie Ben Saul (Hg.), Research Handbook on International Law and Terrorism, Chentham 2014. Zu den Debatten innerhalb der UN in den 1970er Jahren siehe Bernhard Blumenau, The United Nations and Terrorism: Germany, multilateralism, and antiterrorism efforts in the 1970s, Basingstoke 2014. Eine vollständige Liste der wichtigsten UN-Konventionen inklusive ih‐ rer Erweiterungen findet sich auf der Website des UN Office of Coun‐ ter-Terrorism (https: / / www.un.org/ counterterrorism/ international-lega l-instruments). Gibt es eine einheitliche wissenschaftliche Definition? Seit Beginn der akademischen Terrorismusforschung in den 1970er Jahren waren Wissenschaftler*innen aus verschiedenen Disziplinen - insbesondere Politik- und Sozialwissenschaftler*innen - auf der Suche nach einer uni‐ versellen Terrorismusdefinition. Der Terrorismusexperte Walter Laqueur (1921-2018) wies die Möglichkeit einer solchen Definition mit dem Hinweis auf die Komplexität des Phänomens zurück. Nicht alle Wissenschaftler*in‐ nen haben sich jedoch fatalistisch mit der Unschärfe des Terrorismusbe‐ griffs abgefunden. Immer wieder gab es Versuche, präzisere, analytisch brauchbare Definitionen zu formulieren - bis heute wurden mehr als 150 verschiedene Definitionen erarbeitet, doch ein Konsens liegt noch in weiter Ferne. Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung 33 <?page no="34"?> Die US-amerikanische Politikwissenschaftlerin Martha Crenshaw (*1945), eine der renommiertesten Terrorismusforscherinnen weltweit, schlug 1981 eine bis heute häufig zitierte Definition vor. In ihrem Beitrag The Causes of Terrorism, der in der Fachzeitschrift Comparative Politics erschien, definierte sie Terrorismus als: “If we focus on terrorism directed against governments for purposes of political change, we are considering the premeditated use or threat of symbolix, low-level violence by conspiratorial organizations. Terrorist violence communicates a political message; its ends go beyond damaging an enemy’s material resources. The victims or objects of terrorist attack have little intrinsic value to the terrorist group but represent a larger human audience whose reaction the terrorists seek.” Der deutsche Soziologe Peter Waldmann (*1937), der sich über viele Jahre hinweg mit politischer Gewalt insbesondere in Lateinamerika beschäftigte, legte 1998 sein Standardwerk Terrorismus. Provokation der Macht vor, dessen letzte Auflage 2005 erschien. Darin definierte er Terrorismus wie folgt: „Unter Terrorismus sind planmäßig vorbereitete, schockierend Gewaltanschläge gegen eine politische Ordnung aus dem Untergrund zu verstehen. Sie sollen vor allem Unsicherheit und Schrecken verbreiten, daneben aber auch Sympathie und Unterstützungsbereitschaft erzeugen.“ Der US-amerikanische Terrorismusforscher Bruce Hoffman (*1954), der lange an der renommierten RAND Corporation tätig war und später Pro‐ fessor am Georgetown University’s Center for Security Studies wurde, prägte seine Definition in seinem einflussreichen Buch Inside Terrorism (Erstauflage 1998): “Terrorism is the deliberate creation and exploitation of fear through violence or the threat of violence in the pursuit of political change.” Diese Definitionen zeigen die Bemühungen, den Terrorismusbegriff wissen‐ schaftlich klarer und systematischer zu fassen, auch wenn sie in einzelnen Akzentsetzungen variieren: Während Crenshaw den kommunikativen Cha‐ rakter terroristischer Gewalt in den Vordergrund stellt, legt Waldmann den Schwerpunkt auf die physische Anwendung von Gewalt, und Hoffman betont insbesondere die strategische Erzeugung von Angst als zentrales Ziel. Trotz dieser unterschiedlichen Gewichtungen fällt auf, dass diese 34 Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung <?page no="35"?> und viele andere Definitionen in ihren Grundelementen deutlich mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede aufweisen. Darauf haben auch die Politikwissenschaftler*in Leonard B. Weinberg (*1939), Ami Pedahzur (*1970) und Sivan Hirsch-Hoefler hingewiesen. In ihrem gemeinsamen Aufsatz The Challenges of Conceptualizing Terrorism, der in der Zeitschrift Terrorism and Political Violence im Jahr 2004 veröf‐ fentlicht wurde, analysierten sie 73 verschiedene wissenschaftliche Defini‐ tionen, die in führenden Fachzeitschriften erschienen waren. Auf Basis ihrer Untersuchung schlugen sie eine Konsensdefinition vor, die die wichtigsten Gemeinsamkeiten bündelt. Das Ergebnis lautete kurz und knapp: “Terrorism is a politically motivated tactic involving the threat or use of force or violence in which the pursuit of publicity plays a significant role.” Diese Konsensdefinition mag nicht alle Besonderheiten jeder einzelnen, jemals existierenden terroristischen Gruppe erfassen, da in der Tat - wie Laqueur feststellte - die Realität oftmals komplexer ist. Dies war aber auch nicht die Absicht der Autor*in. Vielmehr können aus ihr vier Komponenten des Terrorismus herausgelesen werden, die im Sinne eines genealogischen Definitionsansatzes als Kerncharakteristik terroristischer Gewalt angese‐ hen werden können: politische Motivation der Terrorist*innen; angedrohte und/ oder angewendete Gewalt; Terrorismus als ein Kommunikationsakt; sowie Terrorismus als Taktik und nicht als eine Ideologie. Im Jahr 1988 präsentierte der Terrorismusforscher und spätere Leiter der Terrorism Prevention Branch des UN Office on Drugs and Crime Alexander P. Schmid (*1943) eine etwas andere Definition: “Terrorism is an anxiety-inspiring method of repeated violent action, employed by (semi-)clandestine individual, group or state actors for idiosyncratic criminal or political reasons, whereby - in contrast to assassinations - the direct targets of violence are not the main targets.” Wie andere Wissenschaftler*innen legte Schmid zunächst den Fokus auf den psychologischen Effekt von Terrorismus: Es gehe darum, Angst zu erzeugen, wobei die unmittelbaren Opfer primär als Mittel zum Zweck fungieren, um eine breitere Öffentlichkeit oder bestimmte Gruppen einzuschüchtern. Im Vergleich zu den zuvor genannten Definitionen zeigen sich jedoch einige Unterschiede, die in der Forschung teils kritisch bewertet wurden. Problematisch erscheint etwa die Abgrenzung zu Attentaten, da auch gezielte Tötungen terroristisch motiviert sein können - insbesondere, wenn Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung 35 <?page no="36"?> sie öffentlichkeitswirksam inszeniert werden. Zudem bleibt der Begriff „idiosyncratic criminal reasons“ unscharf, da Terrorismus definitionsgemäß politische, religiöse oder ideologische Ziele verfolgt, während das „Krimi‐ nelle“ eher in der Ausführung liegt. Auffällig ist außerdem, dass Schmid - anders als Crenshaw oder Waldmann - ausdrücklich auch (halb-)staatliche Akteure als mögliche Täter nennt. Damit greift er eine bis heute umstrittene Grundsatzfrage auf: Können auch Staaten terroristisch handeln? Schmid selbst reagierte später auf diese Kritik und entwickelte gemeinsam mit anderen Wissenschaftler*innen eine umfangreiche Konsensdefinition, die er 2011 in dem Standardwerk The Routledge Handbook of Terrorism Research veröffentlichte. Dort versuchte er, die unterschiedlichen Ansätze zu bündeln und insbesondere die Problematik der Akteursfrage stärker zu differenzieren. Seine neue Konsensdefinition wird durch elf weitere Punkte ergänzt, in denen spezifische Aspekte des Terrorismus beleuchtet werden - im ersten dieser Punkte wird der Staat selbst als möglicher Akteur benannt - und lautet: “Terrorism refers on the one hand to a doctrine about the presumed effectiveness of a special form or tactic of fear-generating, coercive political violence and, on the other hand, to a conspiratorial practice of calculated, demonstrative, direct violent action without legal or moral restraints, targeting mainly civilians and non-combatants, performed for its propagandistic and psychological effects on various audiences and conflict parties.” Literaturtipps | Die Literatur über die wissenschaftliche Definition von Terrorismus ist heute nahezu unüberschaubar umfangreich. Als Einstieg sind zu empfehlen: Erica Chenoweth u.-a. (Hg.), The Oxford Handbook of Terrorism, Oxford New York 2019; Bruce Hoffman, Inside Terrorism, New York 3 2017; Liane Rothenberger u. a. (Hg.), Terrorismusforschung. Interdisziplinäres Handbuch für Wissenschaft und Praxis, Baden-Baden 2022; Alex P. Schmid (Hg.), The Routledge Handbook of Terrorism Research, London 2011; Peter Waldmann, Terrorismus: Provokation der Macht, Hamburg 2 2005. 36 Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung <?page no="37"?> Warum ist Terrorismus so schwierig zu definieren? Trotz dieser zahlreichen Definitionen gibt es bis heute keine allgemein ak‐ zeptierte Begriffsbestimmung. Der Terrorismusexperte Boaz Ganor (*1961) nennt hierfür fünfzehn Gründe, die sich teils überschneiden oder eng miteinander zusammenhängen. Deshalb soll hier nur auf die zentralen Gründe kurz eingegangen werden: Neben der historischen Entwicklung des Begriffs und des Phänomens - wobei sich nicht nur die Bedeutung des Begriffs wandelte, sondern auch vielfältige Erscheinungsformen von Terrorismus entstanden - greifen die meisten terroristischen Gruppen auch auf andere Gewaltformen zurück, die von Guerillakriegsführung bis hin zu gewöhnlicher Kriminalität wie Banküberfällen reichen. Diese Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Aktionsformen erschwert oftmals eine eindeutige Abgrenzung oder klare Zuordnung solcher Gruppen als rein terroristisch und bedingt letztlich eine Unschärfe des Begriffs. Darüberhinais spielen verschiedene sozio-politische Faktoren eine ent‐ scheidende Rolle. So ist zunächst festzuhalten, dass es sich bei „Terrorismus“ häufig um eine Fremdzuschreibung handelt. Nur wenige Gruppen haben sich jemals selbst als „terroristisch“ bezeichnet. Stattdessen verwenden sie Bezeichnungen wie „Befreiungsbewegung“ oder „(Stadt-)Guerilla“, um sich zu legitimieren. Dies liegt wiederum daran, dass der Begriff „Terrorismus“ stark umstritten und negativ konnotiert ist und nicht selten als politisch-rhetorisches Instrument eingesetzt wird, um Gegner zu delegitimieren, statt als analy‐ tischer Begriff, der zur objektiven Beschreibung dient. Diese Praxis lässt sich historisch nachverfolgen, hat jedoch insbesondere seit der Internatio‐ nalisierung des Terrorismus in den späten 1960er Jahren - sinnbildlich durch das Motto „One man’s freedom fighter is another man’s terrorist“ - und noch deutlicher seit dem 11. September 2001 an Bedeutung gewonnen. Ins‐ besondere staatliche Institutionen nutzen den Begriff „Terrorismus“ häufig strategisch, um bestimmte Gewaltakte zu delegitimieren und als besonders bedrohlich zu kennzeichnen. Gleichzeitig dient diese Etikettierung dazu, das eigene staatliche Gewaltmonopol zu untermauern und zu rechtfertigen. Dabei wird staatliche Gewalt in der Regel nicht als Teil des Problems betrachtet, sondern grundsätzlich als legitim dargestellt - im Gegensatz zur als „terroristisch“ klassifizierten Gewalt, die moralisch wie rechtlich verurteilt wird. Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung 37 <?page no="38"?> Eng damit verbunden ist die Frage, welche Ziele oder Taten in welchem sozio-politischen Kontext von Politik und Öffentlichkeit als legitim oder illegitim gelten: Gewalt wird dann eher akzeptiert, wenn sie mit den eigenen Wertvorstellungen übereinstimmt, während abweichende Gewalt als „terroristisch“ verurteilt wird. In diesem Zusammenhang spielen neben der Polititk auch die mediale Darstellung und die öffentliche Debatte eine zentrale Rolle. Literaturtipps | Detaillierte Informationen finden sich bei Boaz Ganor, Defining Terrorism: Is One Man’s Terrorist another Man’s Freedom Fighter? In: Police Practice and Research. An International Journal 3, Nr. 4 (2002), S, 287-304 sowie in zahlreichen, der bereits bei der wissenschaftlichen Definition angeführten Sammelbänden. Wie wird der Begriff in der Politik und in den Medien verwendet? Politiker*innen nutzen den Begriff oft strategisch, um bestimmte Akteure oder Gruppen zu diskreditieren und deren Anliegen pauschal zu delegiti‐ mieren - mit oder ohne hinreichende Beweislage. Diese Form der politi‐ schen Instrumentalisierung lässt sich nicht nur in autoritären Regimen beobachten, sondern spätestens seit der Dekolonisierungsphase - etwa in der pauschalen Gleichsetzung von Anhängern antikolonialer Bewegungen mit Terroristen - zunehmend auch in demokratischen Kontexten, und ver‐ stärkt seit den 1990er Jahren: Im Jahr 2016 bezeichnete der türkische Präsi‐ dent Recep Tayyip Erdoğan (*1954) wiederholt Oppositionspolitiker*innen, Journalist*innen und Mitglieder der Demokratische Partei der Völker als Terroristen oder Terrorunterstützer*innen. Während der Black-Lives-Mat‐ ter-Proteste im Jahr 2020 bezeichnete Präsident Donald J. Trump (*1946) die Demonstrierenden als „Terroristen“. Im Herbst 2022 verglich Alexander Dobrindt (*1970), damaliger Chef der Landesgruppe der Christlich-Sozialen Union (CSU) im Bundestag, die Klimaaktivisten der Letzten Generation mit der linksterroristischen RAF. Auch geopolitische Erwägungen spielen bei der rhetorischen Instrumen‐ talisierung des Begriffs eine Rolle. So stufte die Trump-Administration 2021 die jemenitische Huthi-Bewegung als terroristische Gruppe ein - ein 38 Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung <?page no="39"?> Schritt, der später von der Regierung unter Joe Biden (*1942) aufgrund humanitärer Bedenken rückgängig gemacht wurde. In ähnlicher Weise hat China seine Unterdrückung der Uiguren mit dem Vorwurf des Terrorismus gerechtfertigt und die Islamische Bewegung Ostturkestan als terroristische Gruppierung bezeichnet. Die USA folgten im Jahr 2002 dieser Einstufung, um die Beziehungen zu China während des „War on Terror“ zu stärken, zogen diese Entscheidung jedoch später aufgrund mangelnder Beweise und trotz chinesischer Kritik zurück. Medien spielen ebenfalls eine zentrale Rolle bei der zweideutigen Verwen‐ dung des Begriffs. In einer zunehmend beschleunigten und von Konkurrenz geprägten Medienlandschaft steht oftmals die schnelle Berichterstattung im Vordergrund, um das Engagement der Nutzer (Klicks) zu maximieren - oft auf Kosten einer analytischen Tiefe und gründlichen Recherche. Dies führt dazu, dass der Begriff „Terrorismus“ einerseits inflationär auf unter‐ schiedlichste Gewaltakte angewendet wird, die nicht immer den gängigen Definitionen entsprechen. Andererseits vermeiden es Medien in bestimmten Fällen, den Begriff zu verwenden - etwa um Neutralität zu suggerieren oder um politische Sensibilitäten nicht zu verletzen. Literaturtipps | Zu empfehlen sind Brigitte L. Nacos, Mass-mediated Terrorism: The Central Role of the Media in Terrorism and Counterter‐ rorism, Lanham 2002; Pippa Norris, Montague Kern und Marion R. Just (Hg.), Framing Terrorism: The News Media, the Government, and the Public, New York 2003; Susan D. Moeller, Packaging Terrorism: Co-Opting the News for Politics and Profit, Malden 2009; Susanne Kirchhoff, Krieg mit Metaphern: Mediendiskurse über 9/ 11 und den „War on Terror“, Bielefeld 2015. Werden terroristische Anschläge im öffentlichen Diskurs unterschiedlich rezipiert? Wie unterschiedlich Terrorismus im politischen und medialen Diskurs eingeordnet wird, zeigt sich insbesondere im Vergleich der Reaktionen und Berichterstattungen zu islamistisch motivierten Anschlägen einerseits und rechtsextremer Gewalt andererseits. Während Anschläge mit islamis‐ tischem Hintergrund meist schnell als Terrorismus eingeordnet werden, Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung 39 <?page no="40"?> bleibt diese Einstufung bei rechtsextremen Taten im Inland oft vage oder wird ganz vermieden. So tötete David Sonboly (1998-2016), ein Anhänger der rechtsextremen Partei AfD und Verehrer Adolf Hitlers (1889-1945), in München im Jahr 2016 neun Menschen und sich selbst. Zunächst brach‐ ten einige Politiker wie der damalige bayerische Innenminister Joachim Herrmann (*1956) (CSU), Donald J. Trump und Boris Johnson (*1964) den Anschlag mit islamistischem Terrorismus in Verbindung, obwohl die Strafverfolgungsbehörden jeden Zusammenhang ausschlossen. Trotzdem kritisierte das TIME-Magazin einige Tage später die deutschen Behörden, weil sie angeblich voreilige Schlüsse zogen, und belebte das „islamistische Narrativ“ erneut. In seinem ersten Bericht stufte das Bayerische Landeskri‐ minalamt den Anschlag jedoch als unpolitischen Amoklauf ein. Erst im Sommer 2019 revidierte es seine Einschätzung und bezeichnete Sonboly offiziell als Rechtsterroristen. Sonboly ist kein Einzelfall. Politiker*innen, Sicherheitskräfte und Me‐ dien in westlichen Ländern zögern heute oft, Anschläge von Rechtsextre‐ mist*innen als terroristische Akte einzustufen. Wenn jugendliche Rechts‐ extremist*innen, wie Mitglieder von Skinhead- oder Hooligan-Gruppen, Gewalttaten begehen, werden diese oft entpolitisiert, indem sie als Taten von „Verrückten“ oder „Betrunkenen“ und nicht als terroristische Akte dargestellt werden. Selbst wenn zwingende Beweise auf politische Motive vorliegen, werden Rechtsterroristen häufig als psychisch instabile „Einzel‐ gänger“ abgetan, die ohne ideologische Absicht handeln. Während des Prozesses gegen den norwegischen Rechtsterroristen Anders Behring Brei‐ vik im Jahr 2012 behaupteten Psychologen beispielsweise, er leide an einer psychischen Störung, womit sein Anschlag aus seinem politischen Kontext gerissen wurde. Eine derartige Einordnung reduziert solche Taten auf isolierte Vorfälle, losgelöst von der breiteren ideologischen Landschaft, in der sie geschehen. Diese Sichtweise fügt sich in ein Narrativ ein, das den Terrorismus als ein inhärent „fremdes“ Phänomen darstellt, das der westlichen Zivilisation fremd ist. Nach dieser Sichtweise sind nur die „Anderen“ - um 1900 die Anarchist*innen und im heutigen Kontext islamistische Extremist*innen - zu solch gewalttätigen, barbarischen Taktiken fähig. Folglich wird die Trennung zwischen einer angeblich zivilisierten, christlichen, westlichen Welt und einer rückständigen, irrationalen islamischen Welt verstärkt, die von religiösem Fundamentalismus beherrscht wird. Infolgedessen wurden rechtsextreme Terroranschläge sowohl von Politiker*innen als auch von den 40 Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung <?page no="41"?> Medien reflexartig immer wieder fälschlicherweise dem islamistichen Ter‐ rorismus zugeschrieben - prominente Beispiele hierfür sind der Anschlag von Breivik (2011) und der Anschlag auf den Magdeburger Weihnachts‐ markt (2024). Der politische, mediale und öffentliche Diskurs über rechtsextremen und islamistischen Terrorismus macht erneut deutlich, dass der Begriff zu einem Machtinstrument wird, zu einem Mittel, um bestimmte Gruppen oder Einzelpersonen zu delegitimieren. Vor diesem Hintergrund ist es entscheidend zu analysieren, wann, aus welchen Gründen und in welcher Weise der Begriff „Terrorismus“ im öffentlichen Diskurs verwendet wird - ein Aspekt, der insbesondere von Vertreter*innen der Critical Terrorism Studies betont wird. Ob eine Person als Terrorist*in bezeichnet wird, hängt häufig davon ab, ob ihre Gewalttat zum Zeitpunkt des Geschehens und im Nachhinein als (moralisch) legitim oder illegitim empfunden wird. Letztlich ist die Einstufung einer Tat als Terrorismus eng mit dem kulturellen, sozialen und politischen Kontext verbunden, in dem sie begangen wird. Diese Rahmenbedingungen, die sich ständig weiterentwickeln und von Region zu Region unterschiedlich sind, prägen die Art und Weise, in der Terrorismus verstanden und diskutiert wird. Literaturtipp | Die unterschiedliche Darstellung von Rechtsterroris‐ mus und islamistischen Terrorismus in der Öffentlichkeit untersuchen Vanja Zdjelar und Gareth Davies, Let’s not put a label on it: right-wing terrorism in the news, in: Critical Studies on Terrorism 14, Nr. 3 (2021), S.-291-311. Kann ein Staat „terroristische“ Gewalt begehen? Zahlreiche internationale Organisationen und westliche Staaten lehnen es ab, staatliche Gewalt als „terroristisch“ zu klassifizieren. Auch Terrorismusexpert*innen wie Crenshaw und Waldmann konzentrieren sich in ihren Definitionen vor allem auf Gewaltakte nichtstaatlicher Akteure. Einige Wissenschaftler*innen kritisieren diese Einschränkung als zu eng gefasst und argumentieren, dass auch Staaten terroristische Praktiken anwenden können - Alex P. Schmid nahm den staatlichen Akteur explizit in seiner Begriffsbestimmung auf. Darüber hinaus argumentieren sie, dass Gewalt Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung 41 <?page no="42"?> von nichtstaatlichen Akteuren gegen mächtige Nationen unverhältnismäßig viel Aufmerksamkeit erhält, während ähnliche oder sogar noch größere Gewalt seitens des Staates gegen marginalisierte oder kolonialisierte Be‐ völkerungsgruppen häufig übersehen wird - was eine selektive, westlich geprägte Sichtweise auf den Terrorismus bedinge. Auch wenn die angsprochen Sorgen und Bedenken durchaus ihre Berech‐ tigung haben, die sich aus der Historiographie der Terrorismusforschung ergeben, so birgt eine solche Kritik gerade heute jedoch die Gefahr, zu ver‐ allgemeinern und wichtige Nuancen zu übersehen. Denn erstens leugnen die meisten Wissenschaftler*innen, die Terrorismus als Form der Gewalt durch nichtstaatliche Akteure definieren, per se nicht, dass auch Staaten terroris‐ tische Praktiken anwenden können. Somit ist die Behauptung irreführend, sie würden terroristische Staatsgewalt ignorieren. Tatsächlich verwenden sie Begriffe wie „Terror“ oder „Staatsterror“ - insbesondere im deutschen und in geringerem Maße auch im englischen Sprachgebrauch -, um den staatlichen Terror vom nichtstaatlichen Terrorismus zu unterscheiden und den Missbrauch und die gezielte Gewalt gegen die eigene Bevölkerung durch autoritäre Regime oder Kolonialmächte zu beschreiben. Obwohl Terrorismusforscher*innen sich nur selten oder kaum mit der Terrorherr‐ schaft des Nationalsozialismus oder Stalinismus beschäftigt haben, liegt dies weniger an einem fehlenden Interesse am Untersuchungsgegenstand. Vielmehr haben sich Wissenschaftler*innen aus anderen Fachrichtungen bereits intensiv mit diesen Themen auseinandergesetzt. Ein verstärkter Austausch zwischen den Disziplinen wäre sicherlich wünschenswert. Zweitens kann eine unscharfe Trennung zwischen Staatsterror und nichtstaatlichem Terrorismus wichtige Unterschiede verwischen, anstatt die analytische Klarheit zu verbessern. Es besteht folglich auch die Gefahr, die historischen Besonderheiten und die zugrunde liegende Dynamik zwischen terroristischen Gruppen und staatlichen Akteuren zu übersehen. Die Unter‐ scheidung zwischen staatlichem Terror und nichtstaatlichem Terrorismus ist nicht nur aus Gründen der begrifflichen Präzision wichtig (zumal keine einzelne Studie alle Formen politischer Gewalt angemessen abdecken kann), sondern auch, weil sich diese Akteure in Bezug auf Ressourcen, Ziele und Motivationen oft grundlegend unterscheiden. Terrorismus wird seit dem 19. Jahrhundert als „Waffe der Schwachen“ verstanden - so bezeichnete der deutsche Anarchist Johann Most (1846- 1906) die terroristisch eingesetzte Bombe als „Artillerie des Proletariats“ - und richtet sich gegen übermächtige Gegner. Er gilt daher als zentrale Form 42 Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung <?page no="43"?> asymmetrischer Kriegsführung oder Gewaltstrategie, mit dem Ziel, beste‐ hende Machtverhältnisse infrage zu stellen. Dem steht die systematische und repressive Gewalt staatlicher Akteure gegenüber, die zur Aufrechterhal‐ tung des Systems oppositionelle Gruppen unterdrücken. Staaten verfügen meist über deutlich größere Ressourcen. Diese grundlegende Kategorisie‐ rung darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass es Grauzonen gibt - etwa im Fall von staatlich gefördertem Terrorismus oder bei rechtsextre‐ men Akteuren, deren Zielsetzungen teilweise mit denen autoritärer oder konservativer Regierungen übereinstimmen. Vor diesem Hintergrund begreift auch dieses Buch Terrorismus als eine Form politisch motivierter Gewalt, die von nichtstaatlichen Akteuren aus‐ geübt wird. Der Begriff „Terror“ hingegen wird hier verwendet, um die Anwendung terroristischer Mittel durch staatliche Akteure zu bezeichnen. Literaturtipp | Einen kurzen Überblick bietet Tim Wilson, State Ter‐ rorism, in: Erica Chenoweth u. a. (Hg.), The Oxford Handbook of Terrorism, Oxford New York 2019, S.-331-347. Wie unterscheidet sich Terrorismus zur politischen Gewalt und anderen Gewaltformen? Aufgrund der Schwierigkeiten, eine einheitliche Definition von Terrorismus zu finden, haben einige Wissenschaftler*innen den Versuch unternommen, sich dem Phänomen „ex negativo“ zu nähern - also Terrorismus über die Abgrenzung zu anderen Gewaltformen zu definieren und sein Verhältnis zu diesen herauszuarbeiten. Besonders häufig wird dabei auf fünf Formen Bezug genommen: Politische Gewalt; Guerilla, organisierte Kriminalität, Amokläufe und psychisch inspirierte Gewalt. Politische Gewalt kann sich in Formen äußern, die nicht langfristig geplant oder strategisch vorbereitet sind. Solche spontanen Gewaltausbrü‐ che entstehen häufig in akuten Konfliktsituationen, etwa im Rahmen von Protesten, Demonstrationen oder politischen Unruhen. Dabei kann es sich um Straßenschlachten, Angriffe auf staatliche Institutionen oder Gewaltakte gegen politische Gegner handeln. Diese Formen der Gewalt sind oft durch eine niedrige Organisationsstufe, situative Eskalation und emotionale Dynamik geprägt - sie unterscheiden sich damit zwar deutlich Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung 43 <?page no="44"?> von strukturiertem, systematisch vorbereitetem Terrorismus, können aber oftmals Vorläufer oder Begleiterscheinungen sein. Im Unterschied zu vielen Terroristen kontrollieren Rebellengruppen oft größere Gebiete - meist in ländlichen Regionen - und verfügen in der Regel über ausreichende Ressourcen, um auch direkte militärische Kon‐ frontationen oder Guerillakämpfe mit dem Staat zu führen. Diese Form der Gewalt folgt primär einer strategisch-instrumentellen Logik: Sie zielt darauf ab, Territorium gegenüber der bestehenden Regierung zu verteidigen oder neues zu erobern, mit dem Ziel letztlich die politische Macht im gesamten Staatsgebiet zu übernehmen. Zu den bedeutendsten Theoretikern des Guerillakriegs zählen Thomas E. Lawrence (1888-1935), Hồ Chí Minh (1890-1969), Mao Zedong (1893-1976) und Che Guevara (1928-1967). Bei organisierter Kriminalität hingegen stehen individuelle Bereiche‐ rung und materielle Interessen im Vordergrund. Politische Motive spielen dabei keine Rolle, ebenso wenig das Streben nach öffentlicher Aufmerksam‐ keit. Während Terrorismus gezielt auf mediale Wirkung und politische Botschaften abzielt, meidet die organisierte Kriminalität öffentliche Sicht‐ barkeit, um ihre Geschäfte ungestört weiterführen zu können. Bei Amokläufen stehen meist persönliche Motive wie Rache, Hass oder Verzweiflung im Vordergrund. Amoktäter - wie zum Beispiel der Schütze beim Massaker an der Columbine High School (1999) - handeln meist allein und richten ihre Gewalt wahllos oder gegen ihr unmittelbares Umfeld. Psychisch inspirierte Gewalt wiederum entspringt häufig Wahnvor‐ stellungen oder schweren psychischen Erkrankungen, ohne dass dahinter eine nachvollziehbare ideologische Agenda steht. Sowohl Amok- und psy‐ chisch motivierte Gewalttaten erfolgen zudem oft impulsiv und erscheinen irrational. Weder bei Amokläufen noch bei psychisch inspirierter Gewalt lassen sich übergeordnete politische Ziele erkennen. Die Unterscheidung zwischen Terrorismus, Guerillakrieg und organisier‐ ter Kriminalität bleibt in der Praxis indes häufig unscharf. Der Grund dafür liegt darin, dass Terrorismus primär eine Gewaltpraxis darstellt, die von Gruppen je nach Lage strategisch eingesetzt werden kann. Gerade Rebel‐ lenorganisationen können sich je nach Situation und in der Perspektive des Betrachters terroristischer Taktiken bedienen. Insbesondere außerhalb ihres Kerngebiets greifen sie häufig auf terroristische Mittel zurück. Ein Beispiel hierfür sind die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens (FARC), die insbesondere in den späteren Phasen ihres Bestehens und mit dem fortschreitenden Verlust territorialer Kontrolle vermehrt auf terroristische 44 Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung <?page no="45"?> Mittel zurückgriffen. Terrorismus kann somit ein Element von Aufständen und Bürgerkriegen darstellen - ist jedoch nicht zwangsläufig ein fester Bestandteil davon. Umgekehrt beziehen sich terroristische Gruppen immer wieder auf den Begriff „Guerilla“, um sich von der negativ belegten Bezeichnung „Terroris‐ mus“ abzugrenzen und ihrem Kampf einen Anschein von Legitimität zu verleihen. Ein anschauliches Beispiel bildet die RAF, die sich - orientiert an den Konzepten des brasilianischen Revolutionärs Carlos Marighella (1911-1969) - als „Stadtguerilla“ und zugleich als Teil des internationalen antiimperialistischen Kampfes ihrer Zeit verstand. Auch kriminelle Praktiken wie Banküberfälle oder Erpressung gehören zum Repertoire terroristischer Gruppen, um Ressourcen zu beschaffen. Einige Wissenschaftler, etwa Ronald Crelinsten (*1947), argumentieren so‐ gar, dass bestimmte Mafiaorganisationen wie die Cosa Nostra oder ’Ndrangheta aufgrund ihrer einschüchternden Gewaltpraktiken als terroristische Akteure betrachtet werden müssen. Auch im Fall von psychisch erkrankten Personen kann sich im Einzelfall eine Nähe zum Terrorismus ergeben, etwa wenn diese glauben, im Auftrag einer höheren Macht - vielfach im Fall von religiös motiviertem Terrorismus zu anzutreffen - zu handeln. Letztlich verdeutlichen diese Überschneidungen erneut die Kernheraus‐ forderung für die Terrorismusforschung: Die Bezeichnungen von Gewalt‐ praktiken und Gruppen müssen stets kritisch hinterfragt, kontextualisiert und eindeutig benannt werden. Die Kategorisierung ist selten eindeutig und stets dynamisch, abhängig von Kontext, Perspektive und strategischer Ausrichtung. Literaturtipps | Während Ronald D. Crelinsten, Analysing Terrorism and Counter-Terrorism: A Communication Model, in: Terrorism and Political Violence 14, Nr. 2 (2002), S. 77-122 auf das Verhältnis zwischen organisierter Kriminalität und Terrorismus eingeht, widmet sich Jeremy Weinstein, Inside Rebellion: The Politics of Insurgent Violence, Cam‐ bridge New York 2006 vor allem Guerillagruppen in Südamerika. Grundlegende Einblicke liefern Spencer Tucker (Hg.), Encyclopedia of Insurgency and Counterinsurgency: A New Era of Modern Warfare, Santa Barbara 2013 sowie Beatrice Heuser, Rebellen, Partisanen, Gueril‐ leros. Asymmetrische Kriege von der Antike bis heute, Paderborn 2013. Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung 45 <?page no="46"?> Wie entwickelte sich die Terrorismusforschung? Vor den 1970er Jahren existierte kein eigenständiges akademisches Fachge‐ biet, das sich systematisch mit dem Thema Terrorismus auseinandersetzte. Zwar tauchte es gelegentlich in historischen oder politikwissenschaftlichen Debatten oder in der medialen Öffentlichkeit auf, doch wurde es meist nur als eine unspezifische Form politischer Gewalt behandelt, ohne dass seine besonderen Merkmale klar herausgearbeitet wurden. Dies änderte sich Ende der 1960er Jahre - ausgelöst durch eine Serie spektakulärer terroristischer Anschläge, die weltweit für Aufmerksamkeit sorgten. Besonders prägend waren dabei mehrere Flugzeugentführungen, die von palästinensischen Gruppen verübt wurden, sowie der Anschlag während der Olympischen Spiele 1972 in München, bei dem Terroristen der Gruppe Schwarzer September elf Mitglieder der israelischen Mannschaft als Geiseln nahmen und schließlich ermordeten. Parallel dazu kam es auch in zahlreichen westlichen Staaten ab den frühen 1970er Jahren zu einer spür‐ baren Eskalation politischer Gewalt: Linksterroristische Gruppen wie die RAF in Deutschland oder die Roten Brigaden in Italien, rechtsterroristische Akteure, aber auch ethnonationalistische Gruppen wie die Irish Republican Army (IRA) in Nordirland rückten verstärkt ins öffentliche Bewusstsein. Diese Ereignisse führten dazu, dass Terrorismus zunehmend als eigen‐ ständiges Problem- und Forschungsfeld wahrgenommen wurde. Regierun‐ gen und Sicherheitsbehörden begannen, sich intensiv mit dieser Bedrohung auseinanderzusetzen, was wiederum einen erheblichen Forschungsbedarf schuf. Vor allem in den USA und Europa fingen Wissenschaftler*innen an, sich gezielt mit dem Phänomen Terrorismus zu beschäftigen. Zu den Pio‐ nieren dieser frühen Forschung zählen Persönlichkeiten wie Brian Michael Jenkins (*1942) von der RAND Corporation, Laqueur, Paul Wilkinson (1937- 2011), David C. Rapoport (1929-2024) und Yonah Alexander (1931-2024). Ihre Arbeiten konzentrierten sich vor allem auf die Strukturen, Taktiken und Strategien terroristischer Gruppen sowie auf mögliche staatliche Gegen‐ maßnahmen. Dabei wurde ein Großteil der frühen Terrorismusforschung von staatlichen Institutionen gefördert oder sogar initiiert und war folglich stark sicherheits- und ordnungspolitisch geprägt. Ein bedeutender Meilenstein in der Entwicklung der Terrorismusfor‐ schung war die Gründung der ersten Fachzeitschrift auf diesem Gebiet im Jahr 1977: Terrorism: An International Journal, herausgegeben von Yonah Alexander. Obwohl sie sich als international verstand, war die Zeitschrift 46 Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung <?page no="47"?> inhaltlich stark von einer US-amerikanischen Perspektive geprägt und verfolgte primär politiknahe Fragestellungen. Einer der ersten Think Tanks, der sich gezielt mit dem Thema Terrorismus auseinandersetzte, war das Jonathan Institute. Es wurde 1976 von Benjamin Netanjahu (*1949) ins Leben gerufen - in Erinnerung an seinen Bruder Yonatan Netanjahu (1946-1976), der bei der israelischen Kommandoaktion in Entebbe ums Leben kam. Dieser institutionelle Kontext verdeutlicht bereits eine zentrale Problematik der frühen Terrorismusforschung: Ihr Erkenntnisinteresse war stark an sicherheitspolitischen Fragestellungen ausgerichtet und konzentrierte sich auf das Thema der effektiven Bekämpfung von Terrorismus. Der politische Einfluss auf die Terrorismusforschung zeigte sich auch ge‐ gen Ende des Kalten Kriegs. Besonders angloamerikanische Forscher*innen diffarmierten linksterroristische Bewegungen in westlichen Industrienatio‐ nen als Werkzeuge sowjetischer Einflussnahme. Autoren wie Michael A. Ledeen (1941-2025) oder Claire Sterling (1919-1995) argumentierten, dass Organisationen wie die RAF oder die Volksfront zur Befreiung Palästi‐ nas (PFLP) Teil einer von Moskau gesteuerten Strategie zur Destabilisierung des Westens seien. Diese Annahme, die später teilweise oder vollständig widerlegt wurde, prägte damals maßgeblich die öffentliche Wahrnehmung und fand insbesondere in der US-Regierung unter Ronald Reagan (1911- 2004) etliche Anhänger. Gleichzeitig darf nicht übersehen werden, dass zahlreiche Regierungen wissenschaftlich fundierte Untersuchungen in Auftrag gaben, um die Ur‐ sachen und Dynamiken terroristischer Gewalt besser zu verstehen. Ein Beispiel hierfür ist die unter dem damaligen deutschen Innenminister Gerhart Baum (1932-2025) angestoßene Studie, deren Ergebnisse zwischen 1981 und 1984 in der fünfbändigen Reihe Analysen zum Terrorismus veröffentlicht wurden. Einen wichtigen Impuls für die wissenschaftliche Unabhängigkeit der Terrorismusforschung setzte schließlich David C. Rapoport, der 1989 die Fachzeitschrift Terrorism and Political Violence gründete. Diese entwickelte sich zu einer der führenden wissenschaftlichen Plattformen für die Terro‐ rismusforschung und trug wesentlich dazu bei, das Feld auch jenseits rein sicherheitspolitischer Interessen zu professionalisieren und zu pluralisieren. Besonders Rapoports Wellentheorie des modernen Terrorismus wurde später zu einem zentralen Analyserahmen innerhalb der Disziplin. Nach dem Ende des Kalten Kriegs gewann die Terrorismusforschung weiter an Bedeutung und breitete sich stark aus. Es entstanden neue Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung 47 <?page no="48"?> Forschungszentren, Fachzeitschriften und universitäre Lehrangebote zum Thema. 1994 wurde mit dem Center for the Study of Terrorism and Political Violence in St. Andrews (CSTPV) das erste rein akademische Forschungs‐ zentrum mit Fokus auf Terrorismus gegründet. Vielen Studien mangelte es jedoch an historischer Tiefe, einer soliden empirischen Grundlage und einem strengen theoretischen Rahmen. Im Jahr 2001 übte der Kriminologe Andrew Silke eine vernichtende Kritik an der Terrorismusforschung und verglich das Fachgebiet mit „Fast-Food-Forschung“ - übereilt, oberflächlich und zu sehr auf paraphrasierte Sekundärquellen statt auf empirische Origi‐ nalstudien gestützt. Die Anschläge vom 11. September 2001 waren ein wichtiger Wendepunkt. Das öffentliche und politische Interesse an der Terrorismusforschung explo‐ dierte über Nacht und zahlreiche Regierungen investierten enorme Summen in die Wissenschaft - mit letztlich dem Ziel den islamistisch motivierten Terrorismus zu bekämpfen. Infolgedessen erstellten Forscher*innen eine Vielzahl von Studien, insbesondere über Gruppen wie al-Qaida und später den Islamischen Staat (IS). Auch weiterhin sprechen Terrorismusstudien ein breites Publikum an und überbrücken oftmals die Kluft zwischen Wissenschaft und öffentlichem Diskurs. Dieses öffentliche Interesse hat jedoch auch seine Schattenseiten und bringt neue Herausforderungen mit sich. Einerseits fühlen sich Wis‐ senschaftler*innen manchmal gedrängt, aktuelle Ereignisse jenseits ihres Fachwissens zu kommentieren, was zu vereinfachten Analysen führt, die als empirische Forschung präsentiert werden. Im Jahr 2015 äußerte Marc Sage‐ man (*1953) diese Bedenken und kritisierte das Vorherrschen spekulativer Studien und den unangemessenen Einfluss von Medienkommentator*innen gegenüber akademischen Expert*innen. Die Terrorismusforschung wird nach wie vor stark durch tagespolitische Ereignisse beeinflusst. Dabei orientieren sich die Forschungsprioritäten an den Interessen von Strafverfolgungsbehörden und verlageren sich wieder verstärkt hin zu datenintensiven, quantitativen Ansätzen - in der Annahme, dass umfangreiche Datenerhebung der Schlüssel zur Problemlösung sei. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 richtete sich der Fokus fast ausschließlich auf den islamistischen Terrorismus - ein Trend, der bis heute anhält und durch Ereignisse wie den Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 erneut an Dynamik gewonnen hat. Darüber hinaus lässt sich feststellen, dass Politik- und Sozialwissen‐ schaftler*innen nach wie vor die Terrorismusforschung dominieren, wäh‐ 48 Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung <?page no="49"?> rend empirisch fundierte Studien aus der Geschichtswissenschaft bislang weniger vertreten sind. Infolgedessen bleiben die historischen Wurzeln terroristischer Erscheinungsformen sowie ihre langfristigen Entwicklungs‐ linien - einschließlich transnationaler Netzwerke und der strategischen Nutzung moderner Kommunikationstechnologien - häufig unbeachtet. Besonders deutlich wird diese Forschungslücke im Bereich des Rechtsterro‐ rismus, der selbst in Überblickswerken zur Geschichte des Terrorismus oft nur am Rande erwähnt oder vollständig ausgeklammert wird. Weil sozialwissenschaftliche Perspektiven vorherrschen und geschichts‐ wissenschaftliche Ansätze seltener berücksichtigt werden, werden be‐ stimmte Phänomene oft als neu dargestellt, obwohl sie historische Vorgän‐ ger haben und eher Weiterentwicklungen oder Anpassungen darstellen. Hinzu kommt eine oft unkritische Fixierung auf quantitative Datenerhebun‐ gen, die problematisch ist - nicht nur wegen der anhaltend schwierigen Definition von Terrorismus, sondern auch, weil systematische Datensamm‐ lungen erst seit den späten 1970er Jahren in nennenswertem Umfang existieren. Zu den wichtigsten Fachzeitschriften, die sich mit Terrorismus und im weiteren Sinne mit Sicherheitsfragen beschäftigen, zählen laut dem Journal Impact Factor ( JIF) derzeit (Stand: 2024) folgende: 1. International Security 2. Journal of Peace Research 3. Security Dialogue 4. Terrorism and Political Violence 5. Critical Studies on Terrorism 6. Behavioral Sciences of Terrorism and Political Aggression 7. Studies in Conflict & Terrorism 8. Perspectives on Terrorism 9. Armed Forces & Society 10. International Journal of Conflict and Violence Literatur- und Linktipps | Überblicke zum Forschungsstand bieten unter anderem Richard English (Hg.), The Cambridge History of Terro‐ rism, Cambridge New York 2021; Magnus Ranstorp, Mapping Terrorism Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung 49 <?page no="50"?> Research. State of the Art, Gaps and Future Direction, London 2007; Andrew Silke (Hg.), Research on Terrorism: Trends, Achievements & Failures, London 2004 sowie Liane Rothenberger u. a. (Hg.), Terro‐ rismusforschung. Interdisziplinäres Handbuch für Wissenschaft und Praxis, Baden Baden 2022. Die Kritik von Marc Sageman findet sich in The Stagnation in Terrorism Research, in: Terrorism and Political Violence 26, Nr.-4 (2024), S.-565-580. Zur aktuellen Entwicklung der Forschung vgl. die Internetauftritte des National Consortium for the Study of Terrorism and Reponses to Ter‐ rorism (https: / / www.start.umd.edu) sowie des Handa Centre for the Study of Terorrism and Political Violence (https: / / cstpv.wp.st-andrews.a c.uk). Was sind die Critical Terrorism Studies (CTS)? Als Reaktion auf die wachsende Zahl von Terrorismusstudien im Zuge der Anschläge vom 11. September 2001 und des „War on Terror“, formierte sich Mitte der 2000er Jahre eine neue Strömung innerhalb der Terrorismusfor‐ schung, die grundlegende Kritik an den Herangehensweisen, der Methodik und der Zielrichtung der etablierten Forschung äußerte. Sie kritisierte, dass die Terrorismusforschung zu sehr im Dienst staatlicher Interessen stehe und sich vorrangig an den sicherheitspolitischen Bedürfnissen westlicher Regierungen orientiere. Statt kritisch zu hinterfragen, woher der Begriff „Terrorismus“ stamme, wer ihn definiere und wessen Gewalt unter dieser Kategorie nicht erfasst werde, habe sich die Forschung zu stark auf techno‐ kratische Fragen und das Sammeln vermeitlich objetiver Daten - Anzahl von Anschlägen, Anzahl von Todesfällen, Anzahl von terroristischen Gruppen etc. - konzentriert. Aus dieser Kritik heraus entwickelte sich ein Forschungsansatz, der heute als Critical Terrorism Studies (CTS) bekannt ist. Die CTS verstehen sich explizit als Gegenbewegung zur traditionellen, „orthodoxen“ Terrorismus‐ forschung. Ihre Vertreter*innen argumentieren, dass viele grundlegende Aspekte des Phänomens Terrorismus bislang ausgeblendet wurden - ins‐ besondere die Rolle staatlicher Gewalt und kolonialer Kontinuitäten und die zentrale Funktion von Sprache und Medien bei der Konstruktion von „Terrorismus“ als Bedrohungsbild. 50 Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung <?page no="51"?> Einer der wichtigsten Vertreter dieser Richtung ist der Politikwissen‐ schaftler Richard Jackson (*1967), der 2005 gemeinsam mit Jeroen Gunning und Marie Breen Smyth (*1953) das Centre for the Study of Radicalisation and Contemporary Political Violence (CSRV) an der University of Aber‐ ystwyth in Wales gründete. Im selben Jahr veröffentlichte Jackson sein programmatisches Werk „Writing the War on Terrorism: Language, Politics and Counter-terrorism“ in dem er die diskursive Konstruktion des „War on Terror“ und die Rolle von Sprache in der Legitimation westlicher Anti-Terror-Maßnahmen untersucht. 2008 folgte die Gründung der Fach‐ zeitschrift Critical Studies on Terrorism (CST), die sich seitdem als zentrales Publikationsorgan für CTS etabliert hat. Ein Überblick über die Ziele, Methoden und Grenzen der CTS wurde 2014 in dem Sammelband Critical Terrorism Studies: A New Research Agenda publiziert. Heute existieren - auch wenn die CTS noch ein vergleichsweise kleiner Bereich innerhalb der Terrorismusforschung sind - neben spezialisierten Fachzeitschriften eigene Konferenzen, Forschungsnetzwerke und zunehmend auch Ansätze, die klassische und kritische Forschungsperspektiven miteinander zu verbinden versuchen, um ein differenzierteres Bild des Phänomens Terrorismus zu gewinnen. Im Zentrum der CTS steht die Erkenntnis, dass Terrorismus kein neutraler Begriff ist. Vielmehr wird er häufig von Regierungen und internationalen Organisationen in einer Weise definiert, die ihre eigenen politischen und militärischen Interessen unterstützt. Besonders augenfällig wird dies in der ungleichen Behandlung von Gewalt: Während staatliche Gewalt gegen Zivilist*innen selten als Terrorismus bezeichnet wird, gilt dies bei Gewalt nichtstaatlicher Akteure deutlich häufiger. Das führt zur grundlegenden Frage: Wer hat die Definitionsmacht, Gewalt als legitim oder illegitim zu klassifizieren? Ein zentrales Anliegen der CTS ist daher die Dekonstruktion von Sprache. Begriffe wie „Terrorist“, „Aufständischer“ und „Freiheitskämpfer“ würden je nach politischem Kontext gezielt eingesetzt, um Gewaltakteure entweder zu delegitimieren oder zu heroisieren. Diese sprachlichen Zu‐ schreibungen beeinflussen maßgeblich die öffentliche Wahrnehmung und politischen Entscheidungen. Neben dieser diskurskritischen Perspektive fordern Vertreter der CTS auch eine stärkere Reflexivität in der Forschung. Wissenschaftler*innen sollen sich bewusst werden, welche Rolle sie selbst in diesem Erkenntnis‐ prozess spielen: In welchem soziokulturellen Umfeld sind sie sozialisiert? Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung 51 <?page no="52"?> Inwiefern beeinflussen eigene Vorurteile und kulturelle Prägungen die Fragestellungen und Interpretationen? Unterstützt ihre Forschung mögli‐ cherweise staatliche Kontroll- und Repressionsmechanismen, selbst wenn dies unbeabsichtigt geschieht? Ethik ist ein weiterer zentraler Aspekt der CTS. Während sich die klassische Forschung häufig darauf beschränkt, Anschläge zu zählen oder Strategien zur Bekämpfung terroristischer Gruppen zu analysieren, fordert der kritische Ansatz, auch die menschlichen Konsequenzen von Anti- Terror-Maßnahmen zu berücksichtigen - sowohl für die Opfer terroristi‐ scher Gewalt als auch für diejenigen, die als Terrorist*innen etikettiert werden. Dazu gehört etwa die Auseinandersetzung mit Folter, Drohnenan‐ griffen oder politischen Asylfragen. Allerdings bleiben die CTS nicht ohne Widerspruch. Kritisiert wird vor allem eine vermeintlich antiwestliche Grundhaltung, eine ideologische Schlagseite sowie eine starke Ausrichtung auf Theorie zulasten empirischer Forschung. Auch methodische Unschärfen werden bemängelt. Zudem wer‐ fen Kritiker den CTS vor, den Schwerpunkt stärker auf die Kritik westlicher Anti-Terror-Politik und staatlicher Gewalt zu legen, statt zu einem besseren Verständnis von Terrorismus selbst beizutragen. Häufig wird CTS auch eine Distanz zu politischen Praxisdebatten und der bewusste Verzicht auf eine klare Terrorismusdefinition vorgeworfen. Oft heißt es, CTS problematisiere vieles, ohne konkrete Alternativen anzubieten. Trotz dieser teils berechtigten, teils überzogenen Einwände hat CTS wich‐ tige Impulse gesetzt: Sie hat den Blick geweitet, blinde Flecken aufgezeigt und Fragen nach Definitionsmacht, normativer Perspektive und ethischer Verantwortung stärker in den Fokus gerückt - auch über den engeren Kreis der kritischen Schule hinaus. Literaturtipps | Mittlerweile gibt es zahlreiche Überblickswerke über die Methoden und Ansätze der CTS. Zu nennen wären Priya Dixit und Jacob L. Stump, Critical Methods in Terrorism Studies, London 2016; Richard Jackson (Hg.), Routledge Handbook of Critical Terrorism Studies, New York 2016 sowie Alice Martini und Raquel da Silva (Hg.), Contemporary Reflections on Critical Terrorism Studies, Oxford 2023. 52 Terrorismus: Begriffsbestimmung und Verortung <?page no="53"?> Terrorismen: Die Spielformen des Terrorismus Terrorismus tritt nicht in einheitlicher Form auf - vielmehr existieren unterschiedliche Ausprägungen, Motive und Strategien. Dieses Kapitel beleuchtet die vielfältigen Spielformen des Terrorismus: vom religiösen bis hin zum links- und rechtsextremen Terrorismus. Im Fokus stehen dabei Gemeinsamkeiten und Unterschiede, um ein differenziertes Ver‐ ständnis für die Heterogenität terroristischer Gewalt zu vermitteln. <?page no="54"?> Welche Formen des Terrorismus gibt es? Wird Terrorismus als eine spezifische Form von Gewaltpraxis verstanden, wird schnell deutlich, dass im Verlauf der Geschichte ganz unterschiedliche Akteure - Gruppen ebenso wie Einzelpersonen - auf sie zurückgegriffen haben. Aus diesem Grund wäre es präziser, von „Terrorismen“ in der Mehrzahl zu sprechen, um seine vielfältigen Erscheinungsformen anzuer‐ kennen, anstatt ihn als singuläres, monolithisches Phänomen zu behandeln. Terrorismus ist kein starres Konzept, sondern ein dynamisches, historisch wandelbares Feld unterschiedlicher Akteure, Motivlagen und Erscheinungs‐ formen. Insbesondere in den Politik- und Sozialwissenschaften gibt es seit Langem Bemühungen, die vielfältigen Gattungen terroristischer Gewalt systema‐ tisch zu erfassen und zu typologisieren. Die jeweilige Kategorisierung orien‐ tiert sich dabei maßgeblich am Erkenntnisinteresse sowie an der konkreten Fragestellung der Untersuchung. Besonders verbreitet ist die Einteilung nach ideologischen Zielsetzungen und weltanschaulichen Ausrichtungen der Akteure. Betrachtet man zunächst die Zielsetzungen terroristischer Gruppen, lässt sich grob zwischen revolutionärem und reaktionärem Terrorismus unterscheiden. Revolutionäre Gruppen verfolgen das Ziel, durch Gewalt‐ anwendung die bestehende gesellschaftliche oder politische Ordnung zu stürzen und ein neues System zu errichten - dessen genaue Ausgestaltung bleibt dabei oft vage. Vor allem der revolutionäre Terrorismus entspricht der gängigen Vorstellung von Terrorismus als asymmetrischer Gewaltstrategie gegen bestehende Machtverhältnisse. Reaktionäre Gruppen hingegen wollen den Status quo bewahren oder eine idealisierte Vergangenheit wie‐ derherstellen - staatlicher Terror und staatlich subventionieter Terrorismus fallen meist ebenfalls in diese Kategorie. Eine differenziertere Analyse der zugrundeliegenden Weltsicht und der sich davon ableitenden Ziele und Absichten der Terrorist*innen erlaubt aber auch eine wesentlich feinere Einteilung. Oft wird dabei zwischen ethnona‐ tionalistischem, linksextremistischem, rechtsextremistischem sowie religiös motiviertem Terrorismus (z. B. christlich-fundamentalistisch, hinduistisch oder islamistisch) unterschieden. Eine Stichprobe von 586 Terrorgruppen, die zwischen 1970 und 2007 aktiv waren, zeigt, dass 37 Prozent als links‐ extrem, 37 Prozent als ethnonationalistisch, 21 Prozent als religiös und 5 Prozent als rechtsextrem eingestuft wurden. Inzwischen hat sich das 54 Terrorismen: Die Spielformen des Terrorismus <?page no="55"?> Bild verändert: Heute machen vor allem religiös und ethnonationalistisch motivierte Gruppen den Großteil aus. In den letzten Jahren wurden nicht nur neue Konzeptualisierungen vorgeschlagen - so unterteilen Tom Parker (*1968) und Nick Sitter (*1970) 2016 Terrorismus in sozialistisch, nationalistisch, religiös und ausgrenzend (rechtsextremistisch) -, sondern es wurden auch neue Erscheinungsfor‐ men diskutiert, wie der Umweltterrorismus und der Incel-Terrorismus. Dabei definiert die zugrundeliegende politische und/ oder religiöse Weltan‐ schauung nicht nur das Ziel dieser Gruppen, sondern sie dient auch als zentrales Argument, um die Anwendung von Gewalt zu legitimieren. Immer wieder erhalten insbesondere rechtsextreme, aber auch sozialre‐ volutionäre, ethnonationalistische und religiös motivierte Gruppen Unter‐ stützung durch staatliche Akteure. Auch wenn diese Verbindungen nicht immer zweifelsfrei belegbar sind, spricht man in solchen Fällen von halb‐ staatlichem Terrorismus. Dieses Phänomen lässt sich weiter differenzieren - je nachdem, in welchem Ausmaß der betreffende Staat involviert ist. Die Formen reichen von direkter finanzieller oder logistischer Unterstützung über das bewusste Dulden terroristischer Aktivitäten bis hin zur gezielten Instrumentalisierung solcher Gruppen als Stellvertreter im Sinne eines Proxy-Terrorismus. Literaturtipp | Die verschiedenen Spielformen des Terrorismus werden in den bereits erwähnten Handbüchern behandelt. Zusätzlich sei auf Martha Crenshaw (Hg.), Terrorism in Context, Philadelphia 1995 sowie Andreas Bock, Terrorismus, Stuttgart 2009 verwiesen. Welchen Nutzen haben diese diversen Typologien? Gerade in der Geschichtswissenschaft werden die Typologisierungen und Modelle kritisch hinterfragt oder gänzlich verworfen. Der Vorwurf lautet, dass sie zu schematisch und starr seien, um den historischen Entwicklungen und inneren Wandlungsprozessen terroristischer Gruppierungen gerecht zu werden. Besonders deutlich wird dies an hybriden Gruppierungen, die klassi‐ sche Einteilungen gezielt unterlaufen oder überschreiten. Ein prominen‐ tes Beispiel ist der Order of Nine Angles (O9A), eine neonazistische, Terrorismen: Die Spielformen des Terrorismus 55 <?page no="56"?> okkult-esoterische Strömung, die in jüngerer Zeit gezielt Versatzstücke des islamistischen Dschihadismus rezipiert hat, um terroristische Gewaltakte zu fördern. Solche Gruppen stehen exemplarisch für die strategische Instru‐ mentalisierung unterschiedlicher Ideologiefragmente, um einen möglichst destruktiven Wirkungsgrad zu erzielen. Auch bei manch anderen rechtsterroristischen Bewegungen lässt sich ein solcher Wandel beobachten: Viele Gruppierungen, die ursprünglich stark antikommunistisch geprägt waren, entwickelten sich zu Organisationen, die vor allem rassistische oder völkisch-nationalistische Feindbilder in den Vordergrund rückten. In einigen Fällen verschoben sich die Schwerpunkte sogar in Richtung eines aggressiven Vigilantismus, bei dem der vermeint‐ liche „Schutz“ der eigenen „Volksgemeinschaft“ gegen imaginierte innere Feinde zum zentralen Rechtfertigungsnarrativ wurde. Diese Beispiele zeigen, dass starre Kategoriensysteme zwar analytische Orientierung bieten können, aber immer auch Gefahr laufen, die Komple‐ xität historischer Entwicklungen zu vereinfachen oder gar zu verzerren. Terroristische Gruppen sind oftmals situativ flexibel und können ideologi‐ sche Grenzen überschreiten, wenn es ihren strategischen Zielen dient. Daher plädieren viele Historiker*innen und Vertreter*innen der CTS dafür, offene und dynamische Analysemodelle zu verwenden, die Wandlungsprozesse und ideologische Hybridisierungen angemessen berücksichtigen. Die Forderung, Terrorismus im Plural zu denken, ist damit nicht nur eine sprachliche Präzisierung, sondern Ausdruck eines grundsätzlichen analytischen Anspruchs: Gewaltakte, die unter dem Label „Terrorismus“ verhandelt werden, sollen in ihrer jeweiligen historischen, sozialen und ideologischen Kontextualität verstanden werden - und nicht als immer gleiche Erscheinungsform einer vermeintlich universellen Bedrohung. Sind also folglich all diese Gedankenspiele, die unzähligen Versuche, Terrorismus in verschiedene Spielarten einzuteilen, nicht angesichts der komplexen Realität vergebene Liebesmüh? Sind sie nicht typische Debatten, wie sie sich in einem akademischen Elfenbeinturm abspielen? Diese berech‐ tigten Fragen können dennoch mit „Nein“ beantwortet werden. Sowohl die Definition von Terrorismus als auch die Unterteilung in verschiedene Kategorien dienen dazu, sich den Motiven der Terrorist*innen zu nähern sowie die Mechanismen der Radikalisierung zu dechiffrieren. Dieses Wissen bildet eine der wichtigsten Grundlagen, um die Bedrohung durch den Terrorismus zu erfassen und letztlich zu minimieren. 56 Terrorismen: Die Spielformen des Terrorismus <?page no="57"?> Wie unterscheidet sich nationaler, internationaler und transationaler Terrorismus? Betrachtet man den geografischen Wirkungskreis terroristischer Orga‐ nisationen, so wird in der Literatur meist zwischen nationalem, interna‐ tionalem und transnationalem Terrorismus unterschieden. Der nationale Terrorismus umfasst dabei alle Gewalt, die von Terrorist*innen innerhalb ihres eigenen Landes gegen die eigenen Mitbürger*innen ausgeübt wird. International operierende Gruppen agieren hingegen grenzüberschrei‐ tend, das heißt die Opfer sind entweder Bürger fremder Staaten oder solche mit Verbindungen zu fremden Staaten. Beim transnationalen Terroris‐ mus spielt indes der Bezugspunkt Staat sowohl auf Opferwie auch auf Täterseite nur eine untergeordnete Rolle. Transnationaler Terrorismus - wie er etwa durch Gruppen wie al-Qaida oder den Islamischen Staat verkörpert wird - tritt zwar seltener auf als na‐ tional ausgerichteter Terrorismus, findet jedoch deutlich stärkere weltweite Beachtung, insbesondere in den Medien. Das liegt unter anderem daran, dass solche Organisationen grenzüberschreitend operieren und dadurch in‐ ternationale Zusammenarbeit bei der Terrorismusbekämpfung erforderlich machen. Erneut spiegelt diese schematische Einteilung das tatsächliche Geschehen nur unzureichend wider: So verfügten und verfügen auch vermeintlich national agierende Gruppen - etwa die irischen Fenians im 19. Jahrhundert oder die deutsche RAF - häufig über transnationale Netzwerke. Ebenso problematisch ist es, rechtsterroristische Organisationen, die Anschläge gegen Ausländer im eigenen Land verüben, als international operierend einzuordnen. Ihr ideologischer Fokus liegt in der Regel auf der „Reinheit“ der eigenen Nation und nicht auf grenzüberschreitender Aktion im klassischen Sinne. Literaturtipps | Weitere Informationen liefern Ulrich Schneckener, Transnationaler Terrorismus: Charakter und Hintergründe des „neuen“ Terrorismus, Frankfurt am Main 2006; Wilhelm Dietl, Kai Hirschmann und Rolf Tophoven, Das Terrorismus-Lexikon. Täter, Opfer, Hinter‐ gründe, Frankfurt am Main 2006 sowie Nicolas Stockhammer (Hg.), Routledge Handbook of Transnational Terrorism, Abingdon 2024. Terrorismen: Die Spielformen des Terrorismus 57 <?page no="58"?> Was verstehen wir unter ethnonationalistischem Terrorismus? Ethnonationalistischer Terrorismus beschreibt den Einsatz politischer Ge‐ walt durch Gruppen oder Personen, die für Selbstbestimmung, Unabhän‐ gigkeit oder Autonomie einer bestimmten ethnischen, kulturellen oder nationalen Gemeinschaft kämpfen. Ziel solcher Bewegungen ist es in der Regel, einen eigenen Nationalstaat zu schaffen oder politische Rechte für eine als unterdrückt wahrgenommene Bevölkerungsgruppe durchzusetzen. Diese Form des Terrorismus entsteht häufig im Kontext lang andauern‐ der historischer Konflikte, in denen betroffene Gruppen ihre Identität, Kultur oder Souveränität bedroht sehen - während gleichzeitig politische, diplomatische oder rechtliche Lösungswege als versperrt oder wirkungslos empfunden werden. Ein frühes Beispiel ethnonationalistischer Gewalt sind die Fenians in Irland im 19. Jahrhundert. Diese irisch-republikanische Bewegung setzte sich für die Unabhängigkeit Irlands von Großbritannien ein. Ab den 1860er Jahren verübten sie unter anderem Anschläge in nordamerikanischen und britischen Städten - eine der ersten transnational organisierten Terrorkam‐ pagnen. Aus dieser Bewegung entwickelte sich später eine Reihe weiterer irisch-republikanischer Gruppen, die den bewaffneten Kampf fortführten. Auch zahlreiche antikoloniale Bewegungen des 20. Jahrhunderts nutz‐ ten ähnliche Gewaltstrategien im Kampf für nationale Selbstbestimmung. Sie verstanden den Einsatz von terroristischer Gewalt als legitimes Mittel zur Befreiung von kolonialer Herrschaft. Beispiele hierfür sind die jüdische Irgun während der Mandatszeit in Palästina (1931-1948), die algerische Front de Libération Nationale (FLN) im Unabhängigkeitskrieg gegen Frank‐ reich (1954-1962) und die Nationale Organisation zypriotischer Kämpfer (EOKA) auf Zypern, die von 1955 bis 1959 gegen die britische Kolonialherr‐ schaft kämpfte. Die IRA zählt zu den bekanntesten terroristischen Gruppen des 20. Jahr‐ hunderts. Ihr Ziel war die Beendigung der britischen Kontrolle in Nordirland und die Vereinigung mit der Republik Irland. Die IRA ging aus der Irish Volunteers-Bewegung hervor, die am Osteraufstand von 1916 beteiligt war. 1919 formierte sie sich offiziell und führte den Irischen Unabhängigkeits‐ krieg (1919-1921) gegen Großbritannien. Der darauffolgende Anglo-Irische Vertrag führte zur Spaltung der Bewegung. Mit Beginn der „Troubles“ ab 1969 entstand die militantere Provisional IRA (PIRA), die den bewaffneten 58 Terrorismen: Die Spielformen des Terrorismus <?page no="59"?> Kampf mit Bombenanschlägen, Attentaten und Sabotageakten weiterführte. Ereignisse wie der „Bloody Sunday“ 1972 oder die Hungerstreiks von 1981 trugen zur weiteren Eskalation bei. Ab den 1980er Jahren gewann Sinn Féin als politischer Arm der IRA an Einfluss. Erst das Karfreitagsabkommen von 1998 markierte das Ende des bewaffneten Konflikts, der über 3.600 Menschen das Leben kostete. Parallel dazu entwickelte sich die Euskadi Ta Askatasuna (ETA), die für die Unabhängigkeit des Baskenlandes von Spanien kämpfte. Während die ETA ursprünglich als Widerstandsbewegung gegen die Diktatur von Francisco Franco (1892-1975) begann, setzte sie ihren Terrorismus auch nach dem Übergang Spaniens zur Demokratie fort. Sie verübte zwischen den 1960er und 2010er Jahren zahlreiche Anschläge, insbesondere gegen Vertre‐ ter des spanischen Staates, aber auch gegen Zivilist*innen, was zunehmend an gesellschaftlicher Unterstützung kostete. 2018 erklärte die ETA offiziell ihre Auflösung. Ein weiteres prominentes Beispiel ist die Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) in der Türkei. Seit den 1970er Jahren kämpft die PKK für Autono‐ mierechte und kulturelle Anerkennung der kurdischen Bevölkerung in der Türkei. Die PKK griff dabei auf Guerillataktiken und gezielte Anschläge gegen türkische Sicherheitskräfte zurück, wurde aber auch für Angriffe auf Zivilist*innen kritisiert. Der Konflikt mit der Türkei setzte sich bis ins Jahr 2025 fort - wenn auch mit wechselnder Intensität sowie Phasen von Waffenruhen und Friedensverhandlungen. Im Februar 2025 rief der inhaftierte PKK-Gründer Abdullah Öcalan (*1949) die Organisation zur Selbstauflösung auf. Im Mai wurde die Bereitschaft zur Auflösung offiziell erklärt - unter der Bedingung, dass Öcalan freigelassen werde. Ethnonationalistischer Terrorismus ist häufig regional begrenzt und konzentriert sich auf spezifische Konfliktherde. In einigen Fällen jedoch - wie bei den Fenians, der IRA oder der PKK - entwickelten sich inter‐ nationale Dimensionen, etwa durch die Mobilisierung der Diaspora oder durch gezielte Anschläge im Ausland. Seit den späten 1960er Jahren ist zudem eine ideologische Annäherung an linke Bewegungen erkennbar: Teile dieser Gruppen übernahmen marxistisch-leninistische Vorstellungen und verbanden den Kampf um nationale Unabhängigkeit mit dem Ziel einer sozialistischen Staatsgründung. Mitunter kommt es auch zu Überschnei‐ dungen mit religiösen Bewegungen, insbesondere solchen, die für ihre Religionsgemeinschaft einen eigenen Staat anstreben - Beispiele hierfür sind unter anderem die Tamil Tigers oder Babbar Khalsa. Terrorismen: Die Spielformen des Terrorismus 59 <?page no="60"?> Bis heute stellt der ethnonationalistische Terrorismus eine Herausforde‐ rung dar - insbesondere in Gebieten mit ungelösten ethnischen Konflik‐ ten oder territorialen Streitigkeiten. Allerdings hat sich das Gesamtbild seit den 1990er Jahren grundlegend verändert. Viele dieser „klassischen“ nationalistischen Terrororganisationen - etwa die PIRA oder die baski‐ sche ETA - gelangten um die Jahrtausendwende an einen „toten Punkt“. Staatliche Anti-Terror-Maßnahmen hatten ihre Handlungsfähigkeit massiv eingeschränkt, gleichzeitig wurden die meisten politischen Forderungen im Rahmen von Friedensprozessen zumindest teilweise erfüllt und damit deren Kernforderungen aufgegriffen. Dadurch drohte den Gruppen der Verlust ihrer Legitimation, gepaart mit wachsender Frustration in den eins‐ tigen Unterstützermilieus. Letztlich sahen sich viele dieser Organisationen einem fundamentalen Identitätsproblem gegenüber: Ohne klare politische Perspektive und ohne die frühere gesellschaftliche Rückendeckung wurde ihre weitere Existenz und Gewaltanwendung zunehmend fragwürdig und viele leiteten den Selbstauflösungsprozess ein. Literaturtipps | Hilfreiche Einführungen bieten Glen M. E. Duerr, Secessionism and Terrorism: Bombs, Blood and Independence in Europe and Euroasia, London 2019 sowie Benjamin Schreer und Andrew T. H. Tan (Hg.), Terrorism and Insurgency in Asia: A Contemporary Examination of Terrorist and Separatist Movements, London 2019. Zur Geschichte der Fenian und der IRA sind Richard English, Armed Struggle: The History of the IRA, Oxford 2003 sowie Jonathan Gantt, Irish Terorism in the Antlantic Community, 1865-1922, New York 2010 einschlägig. Für die IMRO sei Keith Brown, Loyal Unto Death. Trust and Terror in Revolutionary Macedonia, Bloomington 2013 empfohlen. Die Geschichte der ETA behandel Rafael Leonisio u. a. (Hg.), ETA’s terrorist campaign: From violence to politic, 1865-2015, London New York 2017 und Imanol Murua, ETA’s armed campaign: How and why the Basque armed group abandoned violence, London New York 2017. Was ist Linksterrorismus? Unter Linksterrorismus versteht man politisch motivierte Gewaltakte, die von Individuen oder Gruppen verübt werden, die radikale soziale, politische 60 Terrorismen: Die Spielformen des Terrorismus <?page no="61"?> oder wirtschaftliche Veränderungen auf der Grundlage linker Ideologien anstreben. Diese Ideologien orientieren sich in der Regel an marxistischen, sozialistischen, kommunistischen oder anarchistischen Denktraditionen und richten sich gegen Strukturen, die als Vertreter von Kapitalismus, Imperialismus, Kolonialismus oder autoritären Systemen wahrgenommen werden. Ziel linksterroristischer Gewalt ist die grundlegende Umgestaltung oder der Sturz bestehender politischer und wirtschaftlicher Ordnungen zu‐ gunsten einer egalitären, klassenlosen oder herrschaftsfreien Gesellschaft. Historisch betrachtet trat der Linksterrorismus im 19. und 20. Jahrhundert in Erscheinung, oft als militante Reaktion auf Industrialisierung, soziale Ungleichheit und den Aufstieg autoritärer beziehungsweise faschistischer Regime. Bereits im späten 19. Jahrhundert kam es in Europa und den USA zu einer Welle anarchistischer Attentate, Bombenanschläge und politischer Morde. Frühe Gruppen wie die Narodnaja Wolja („Volkswille“) im zaristi‐ schen Russland des 19. Jahrhunderts bezeichneten ihr Vorgehen selbstbe‐ wusst als „Terrorismus“. Ihr Ziel war die Abschaffung der autokratischen Zarenherrschaft und die Errichtung einer konstitutionellen Staatsordnung. Sie sahen den Terrorismus als einzig wirksames Mittel an, um die politische Lethargie Russlands zu durchbrechen, die Massen zu mobilisieren und den Staatsapparat zu Reformen zu zwingen. Der bekannteste und folgenreichste Anschlag der Narodnaja Wolja war die Ermordung des russischen Zaren Alexander II. (1818-1881) am 13. März 1881 in St. Petersburg. Eine neue Dimension erreichte der Linksterrorismus im Verlauf des Kalten Kriegs. Vor allem in den 1970er Jahren entstanden in Westeuropa und den USA verschiedene militante Gruppierungen, darunter die RAF in der Bundesrepublik Deutschland, die Roten Brigaden in Italien und die Weather Underground Organization in den Vereinigten Staaten. Viele dieser Organisationen gingen aus dem Umfeld der linken Protestbewegungen der 1960er Jahre hervor. Sie verbanden antikapitalistische, antiimperialisti‐ sche und antikoloniale Ideologien mit einer bewussten Strategie direkter Gewaltanwendung. Ziel ihrer Anschläge waren staatliche Einrichtungen, Militärstützpunkte, Unternehmen sowie Einzelpersonen, die aus ihrer Sicht das kapitalistische System repräsentierten oder mit dem „US-Imperialismus“ kooperierten. In Deutschland kulminierte der Linksterrorismus 1977 im sogenannten „Deutschen Herbst“: Generalbundesanwalt Siegfried Buback (1920-1977) und der Bankier Jürgen Ponto (1923-1977) wurden ermordet, Arbeitgeber‐ präsident Hanns Martin Schleyer (1915-1977) entführt und später getötet. Terrorismen: Die Spielformen des Terrorismus 61 <?page no="62"?> Zeitgleich entführten palästinensische Terroristen das Lufthansa-Flugzeug „Landshut“, das schließlich von der Grenzschutzgruppe 9 (GSG9) befreit wurde. Kurz darauf begingen Andreas Baader (1943-1977), Gudrun Ensslin (1940-1977) und Jan-Carl Raspe (1944-1977) in der JVA Stammheim Suizid. In Italien verübten die Roten Brigaden ähnliche Anschläge. Ihr bekanntes‐ ter war die Entführung und Ermordung des ehemaligen Ministerpräsidenten Aldo Moro (1916-1978) im Jahr 1978. Die Grausamkeit der Tat führte zur gesellschaftlichen Isolation der Gruppe. Interne Spannungen, insbesondere wegen der zunehmenden Militarisierung, führten zur Spaltung. Zahlreiche Ex-Mitglieder sagten später vor Justiz und Polizei aus. Diese Gruppen verstanden sich selbst als revolutionäre Avantgarde im globalen Klassenkampf. Sie sahen ihre Aktionen nicht als isolierte Gewaltakte, sondern als Teil eines umfassenden Befreiungskampfes gegen wirtschaftliche Ausbeutung und politische Unterdrückung. In diesem Selbst‐ verständnis inszenierten sie sich als Kämpfer im Dienst der internationalen Arbeiterklasse und bekundeten Solidarität mit den unterdrückten Völkern der sogenannten Dritten Welt. Auch in Lateinamerika und Teilen Asiens spielte linksterroristische Gewalt eine bedeutende Rolle. Gruppen wie der Leuchtende Pfad (Sendero Luminoso) in Peru oder die FARC in Kolumbien orientierten sich an marxistisch-leninistischen Ideologien. Während diese Bewegungen oft eher als Aufstandsbewegungen galten, wurden viele ihrer Aktionen - insbesondere Bombenanschläge, Entführungen und gezielte Tötungen - von Regierungen und Wissenschaftler*innen als Terrorismus klassifiziert. Seit dem Ende des Kalten Kriegs ist der Linksterrorismus in vielen Regionen zurückgegangen, was unter anderem auf den Bedeutungsverlust marxistischer Ideologien und das Erstarken anderer Extremismusformen - etwa des islamistischen oder rechtsextremen Terrorismus - zurückzuführen ist. Dennoch existieren weiterhin vereinzelte Gruppen, vor allem in Staaten mit extremer sozialer Ungleichheit, politischer Repression oder ungelösten revolutionären Konflikten. Literaturtipps | Zum Linksterrorismus des 19. Jahrhunderts vgl. Be‐ verly Gage, The Day Wall Street Exploded: A Story of America in its first Age of Terror, New York 2009; Richard Bach Jensen, The Battle against Anarchist Terrorism: An International History: 1878-1934, Cambridge 62 Terrorismen: Die Spielformen des Terrorismus <?page no="63"?> 2014 sowie Michael Kemp, Bombs, Bullets and Bread. The Politics of Anarchist Terorism Worldwide 1866-1926, Jefferson 2018 Aus der umfangreichen Literatur zur RAF seien Wolfgang Kraushaar, Die RAF und der linke Terrorismus, 2 Bde., Hamburg 2006; Sven Felix Kellerhoff, Was stimmt? RAF: Die wichtigsten Antworten, Freiburg 2007, Willi Winkler, Die Geschichte der RAF, Berlin 2007; Petra Terhoe‐ ven, Deutscher Herbst in Europa: Der Linksterrorismus der siebziger Jahre als transnationales Phänomen, München 2013; Petra Terhoeven, Die Rote Armee Fraktion: Eine Geschichte terroristischer Gewalt, Mün‐ chen 2017; Jan-Hinrick Pesch, Linksterrorismus zwischen Konkurrenz und Basissolidarität, Baden-Baden 2022 empfohlen. Eine historisch-vergleichende Perspektive bietet Ignacio Sánchez-Cu‐ enca, The Historical Roots of Political Violence: Revolutionary Violence in Affluent Countries, Cambridge 2019. Was ist Rechtsterrorismus? Ähnlich wie beim Begriff „Terrorismus“ existiert auch für „Rechtsextremis‐ mus“ keine allgemein anerkannte Definition. Was als „rechts“ oder „rechts‐ extrem“ gilt, variiert je nach Zeit, Land und kulturellem Kontext. Zudem lassen sich manche Ideologien gerade heute schwer eindeutig verorten und überschreiten mitunter die klassische Links-Rechts-Dichotomie. Der Extre‐ mismusforscher Cas Mudde (*1967) subsumiert unter dem Begriff „extreme Rechte“ sowohl die „radikale Rechte“ (innerhalb demokratischer Normen) als auch die „extreme Rechte“ (gewaltbefürwortend und demokratiefeind‐ lich). Nach Mudde sind typische Merkmale rechtsextremer Bewegungen Rassismus, Nativismus, Autoritarismus, Antiliberalismus, extremer Natio‐ nalismus, Gewaltverherrlichung und die Nostalgie für ein vermeintliches „Goldenes Zeitalter“. Zentral sind dabei zwei Grundüberzeugungen: eine gefühlte existenzielle Bedrohung - häufig durch mutmaßlich konspirative Feinde - sowie der Glaube an die angeborene Ungleichheit der Menschen, was antipluralistische und autoritäre Gesellschaftsbilder fördert. Rechtsex‐ tremist*innen zeichnen ein Bild westlicher Gesellschaften, das von Unter‐ minierung durch Multikulturalismus, Einwanderung und vermeintliche globalistische Verschwörungen geprägt ist, wobei sie oft antisemitische Terrorismen: Die Spielformen des Terrorismus 63 <?page no="64"?> Rhetorik verwenden. Sie befürworten autoritäre oder ethnisch homogene Staatsformen. Rechtsextremer Terrorismus lässt sich somit als politisch motivierte Gewalt definieren, die von nichtstaatlichen Akteuren ausgeübt wird. Sie ist getragen von der Überzeugung eigener Überlegenheit, basiert auf der Vorstellung angeborener Ungleichheit und nutzt die (Androhung von) Gewalt bewusst als Botschaft an die Öffentlichkeit. Er kann vielfältige Formen annehmen und sowohl revolutionäre als auch reaktionäre Elemente umfassen. Daher ist es von entscheidender Bedeutung zu beurteilen, ob eine Person oder Gruppe als nichtstaatliche Einheit agiert oder in Zusammenar‐ beit mit - oder sogar im Auftrag von - bestimmten Segmenten staatlicher Institutionen handelt. Der israelische Politikwissenschaftler Ehud Sprinzak (1940-2002) war einer der ersten, der eine spezifische Theorie des Rechtsterrorismus entwi‐ ckelte und eine detaillierte Typologie zur Kategorisierung seiner verschie‐ denen Formen erarbeiten. Sprinzak zufolge folgen Rechtsextremisten in der Regel einer „gespaltenen Delegitimierung“, die mit einem primären Konflikt gegen eine „minderwertige“ Gemeinschaft beginnt und sich spä‐ ter zu einem sekundären Konflikt mit dem Staat selbst ausweitet. Diese zweite Phase tritt ein, wenn Terrorist*innen sich selbst als Zielscheibe des staatlichen Sicherheitsapparats wahrnehmen, was sie dazu veranlasst, einen bewaffneten Kampf sowohl gegen die Randgruppe als auch gegen das Regime zu führen und zu versuchen, das gesamte System zu stürzen. Auf der Grundlage dieses Rahmens identifizierte Sprinzak sechs Formen des Rechtsterrorismus: revolutionärer Terrorismus, reaktiver Terroris‐ mus, Selbstjustizterrorismus, rassistischer Terrorismus, millenarischer Ter‐ rorismus und Jugend-Gegenkulturterrorismus. Diese Kategorien schließen sich seiner Meinung nach nicht gegenseitig aus, sondern überschneiden sich häufig. Er klassifiziert faschistische und neonazistische Gruppen der 1920er bis 1940er Jahren sowie Bewegungen nach 1945, die sich der faschis‐ tischen Ideologie verschrieben haben - wie die italienische Ordine Nuovo, die deutsche Wehrsportgruppe Hoffmann (WSG) und den französischen Club Charles Martel - als Beispiele für revolutionären Rechtsterroris‐ mus. Reaktive terroristische Organisationen hingegen entstehen, wenn Gruppen, die zuvor die Macht innehatten, diese entweder verlieren oder deren Verlust befürchten. Die französische Organisation Armée Secrète (OAS) war ein Schlüsselbeispiel für diese Kategorie. Eine Untergruppe des reaktiven Terrorismus ist der vigilantistische Terrorismus, bei dem 64 Terrorismen: Die Spielformen des Terrorismus <?page no="65"?> Einzelpersonen oder Gruppen gewaltsam vorgehen, weil sie der Meinung sind, dass die Regierung versagt hat, sie zu schützen. Während Rassismus ein Bestandteil aller rechtsterroristischen Ideologien sein kann, unterscheidet Sprinzak den rassistischen Terrorismus als eine Kategorie, bei der die rassische Vorherrschaft im Mittelpunkt der Gruppenideologie steht, mit dem amerikanischen Ku-Klux-Klan (KKK) als Hauptbeispiel. Der millenarische Terrorismus hingegen ist religiös motiviert und stellt sich eine postapo‐ kalyptische Gesellschaft vor, die von der arischen Ethnie beherrscht wird - ein Beispiel dafür sind Gruppen wie die amerikanische Christian-Iden‐ tity-Bewegung. Die Kategorie der jugendlichen Gegenkultur schließlich umfasst Subkulturen wie Hooligan-Gruppen und Skinheads, insbesondere die Hammerskins, die Gewalt als Teil ihrer extremen Ideologie betrachten. Trotz seines wegweisenden Beitrags weist Sprinzaks Modell mehrere Schwächen auf. Vier zentrale Kritikpunkte stechen dabei hervor: Erstens fehlt es an begrifflicher Präzision, insbesondere bei der Definition des sekundären Ziels. Begriffe wie „Regime“, „Staat“, „Regierung“ und „Behör‐ den“ werden synonym verwendet, obwohl Rechtsterroristen häufig klar zwischen der aktuellen Regierung und dem übergeordneten „System“ unter‐ scheiden. Während etwa linke Politiker*innen frühzeitig als legitime Ziele gelten konnten, blieben Vertreter des „Staates“ - etwa Polizeibeamte - zu‐ nächst meist verschont. Ein Strategiewechsel hin zu Angriffen auf staatliche Sicherheitskräfte markierte oft den Beginn einer neuen Eskalationsstufe. Zweitens stellt Sprinzak die Entwicklung von Angriffen auf Minderheiten hin zu Angriffen auf den Staat als lineare Progression dar. Tatsächlich verlaufen rechtsterroristische Gewaltzyklen häufig überlappend oder wie‐ derholen sich, statt einem starren Ablauf zu folgen. Verschiedene Phasen können dabei auch gleichzeitig auftreten. Drittens vertritt er die These, dass rechtsterroristische Gruppen dann Minderheiten angreifen, wenn sie sich stark fühlen, während Angriffe auf staatliche Institutionen Ausdruck einer empfundenen Schwäche seien. Diese Auffassung greift jedoch zu kurz, da sie die komplexe Wechselwir‐ kung zwischen Selbstwahrnehmung und Zielauswahl nicht ausreichend berücksichtigt. Darüber hinaus geht er nicht darauf ein, dass das eigene Machtgefühl nicht nur die Auswahl der Ziele, sondern auch die Art der Gewalt beeinflussen kann: offene Angriffe in Phasen der Stärke, verdeckte Operationen in Phasen der Schwäche. Viertens bleibt Sprinzaks Typologie trotz des Anspruchs, die Vielfalt des Rechtsterrorismus abzubilden, teilweise unübersichtlich. Die Kategorien Terrorismen: Die Spielformen des Terrorismus 65 <?page no="66"?> überschneiden sich, und die Kriterien für die Einordnung - mal Ziele, mal Ideologie, mal demografische Merkmale - sind uneinheitlich. Dies schmälert die analytische Schärfe des Modells und erschwert eine umfassende Erfas‐ sung der Komplexität rechtsterroristischer Gewalt. Literatur- und Linktipps | Ehud Sprinzak fromulierte seine Überle‐ gungen im Aufsatz Right-Wing Terrorism in a Comparative Perspective: The Case of Split Delegitimization, der 1995 im von Tore Bjørgo heraus‐ gegebenen Sammelband Terror from the Extreme Right erschien. Aus geschichtlicher Perspektive behandelt Johannes Dafinger und Moritz Florin (Hg.), A Transnational History of Right-Wing Terrorism. Political Violence and the Far Right in Eastern and Western Europe since 1900, New York 2022 den Rechtsterrorismus. Für Deutschland sei Daniel Köhler, Right-Wing Terrorism in the 21st Century: The National Socialist Underground and the History of Terror from the Far-Right in Germany, London 2017 sowie Hendrik Puls und Fabian Virchow (Hg.), Rechtsterrorismus in der alten Bundesrepu‐ blik: Historische und Sozialwissenschaftliche Perspektiven, Cham 2023 empfohlen. Für die USA sind Kathleen Belew, Bring the War Home: The White Power Movement and Paramilitary America, Cambridge 2018 sowie Bruce Hoffman und Jacob Ware, Gods, Guns, and Sedition. Far-Right Terrorism in America, New York 2024 einschlägig. Das Zentrum für Zeithistorische Forschung und das Moses Mendelssohn Zentrum führen derzeit ein gemeinsames Forschungsprojekt durch, des‐ sen Ergebnisse in Kürze in monographischer Form veröffentlicht wer‐ den. Weitere Informationen zum Projekt finden sich unter: https: / / proje kt.radikale-rechte.de Was ist religiöser Terrorismus? Religiöser Terrorismus bezeichnet Gewaltakte, die im Namen einer Religion oder mit der Absicht ausgeführt werden, religiöse Ziele durchzusetzen. Dabei wird Gewalt oft als „heilige Pflicht“ verstanden, um göttliche Gebote zu verteidigen oder durchzusetzen. Religiöser Terrorismus ist kein neues Phänomen, sondern lässt sich bis in die Antike zurückverfolgen. Ein frühes Beispiel sind die Sikarier, eine jüdische Widerstandsgruppe im 1. Jahrhun‐ 66 Terrorismen: Die Spielformen des Terrorismus <?page no="67"?> dert n. Chr., die mit Attentaten gegen römische Besatzer und jüdische Kollaborateure vorging. Religiös motivierter Terrorismus wird heute in erster Linie mit islamisti‐ schen Gruppierungen wie al-Qaida, dem IS, der Hamas oder Boko Haram in Verbindung gebracht. Diese Organisationen stützen ihre Ideologie auf eine extremistische Auslegung des Islam und richten ihre Gewalt sowohl gegen sogenannte „Ungläubige“ als auch gegen Muslime, die aus ihrer Sicht vom „wahren Glauben“ abgefallen sind. Dabei verfolgen sie das Ziel, durch Terrorakte ihre politischen und religiösen Vorstellungen gewaltsam durchzusetzen. Religiöser Terrorismus ist jedoch kein auf den Islam beschränktes Phäno‐ men - auch wenn westliche Politiker*innen und Medien häufig genau diese Gleichsetzung suggerieren. In nahezu allen Religionen und religiösen Sekten und Kulten lassen sich Strömungen finden, die in bestimmten Kontexten Radikalisierungstendenzen aufweisen und zu terroristischen Methoden greifen. So existieren im christlichen Fundamentalismus seit den 1960er Jahren in den Vereinigten Staaten Gruppen, die mit Anschlägen und Gewaltakten insbesondere gegen Abtreibungskliniken oder staatliche Einrichtungen vorgegangen sind. In den 1990er Jahren gewann vor allem die sogenannte Christian-Patriot-Bewegung an Einfluss, die sich mit einem diffusen christlich-nationalistischen Weltbild gegen den Staat richtete. Auch im Kontext des Hinduismus finden sich Beispiele für religiös mo‐ tivierten Terrorismus. Besonders hervorzuheben ist hier die Hindutva-Be‐ wegung in Indien, aus deren Umfeld es wiederholt zu Angriffen auf reli‐ giöse Minderheiten, insbesondere Muslime und Christen, gekommen ist. Diese Gewaltakte werden häufig mit dem Anspruch begründet, Indien als „Hindu-Nation“ zu definieren und religiöse „Fremdkörper“ zu bekämpfen. Auch im Judentum existieren radikale Gruppen wie die 1968 von Meir Kahane (1932-1990) gegründete Jewish Defense League ( JDL), die immer wieder mit Gewaltakten, vor allem gegen Palästinenser, auffiel. Sie berief sich auf einen religiös überhöhten Anspruch auf das biblische Land Israel und rechtfertigte ihre Taten mit dieser vermeintlich göttlichen Legitimation. Die JDL stand auch in Verbindung mit der Kach-Partei von Kahane, deren Ziel die Errichtung einer jüdischen Theokratie in Israel war. Wie beim islamistischen Terrorismus ist die Religion an sich nicht für die Gewaltanwendung verantwortlich, sie kann aber instrumentalisiert werden, um eine Weltsicht zu predigen, die Gewalt erlaubt und legitimiert. Dabei spielen auch die Bildsprache und die Geschichte religiöser Auseinanderset‐ Terrorismen: Die Spielformen des Terrorismus 67 <?page no="68"?> zungen (u.-a. die Kreuzzüge) eine wichtige Rolle, um die Gewalt im Namen einer höheren Macht zu rechtfertigen. Letzteres führt wiederum dazu, dass sich Terrorist*innen fanatisch dem bewaffneten Kampf verschreiben, auch wenn die Chancen eines Erfolgs marginal sind. Dieser (bewussten) Instrumentalisierung des Glaubens steht im öffent‐ lichen Diskurs eine verzerrte Darstellung gegenüber, die den Konflikt zwischen Staaten und religiös motivierten terroristischen Gruppen - v. a. islamistischen - in ein Schwarz-Weiß-Muster zwängen: Auf der einen Seite der säkulare Staat und die säkulare Gesellschaft, die sich den liberalen, fortschrittlichen und demokratischen Werten der Aufklärung verschrieben haben, auf der anderen Seite der irrationale, fanatische Glaube, der die Zivilisation der westlichen Welt gefährde. Die Interpretation auf Seiten der Terrorist*innen ist freilich eine andere: Sie befürchten, dass der westliche Imperialismus beziehungsweise ein übergreifender, säkularer Staat die Re‐ ligion und den damit verbundenen Lebensstil verdrängen würde. Dieses Opfernarrativ führt auch hier zu einer Radikalisierung und zum Rückgriff auf die Gewaltpraxis des Terrorismus. Literaturtipps | Zum religiös inspirierten Terrorismus siehe Mark Juergensmeyer, Die Globalisierung religöser Gewalt: Von christlichen Milizen bis al-Qaida, Hamburg 2009; James R. Lewis (Hg.), The Cam‐ bridge Companion to Religion and Terrorism, Cambridge New York 2017 sowie Lori J. Underwood (Hg.), The Root of All Evil? Religious Perspectives on Terrorism, New York 2013. Was ist salafistisch-dschihadistischer Terrorismus? Salafistisch-dschihadistischer Terrorismus bezeichnet politisch motivierte Gewalttaten von Einzelpersonen oder Gruppen, die ihre Handlungen durch eine extremistische Auslegung des islamischen Konzepts des Dschihad le‐ gitimieren. Während Dschihad im islamischen Denken auch spirituelle und ethische Anstrengungen umfassen kann, wird er hier auf den gewaltsamen Kampf gegen vermeintliche Feinde des Islams verengt. Die ideologische Grundlage beruht auf dem salafistischen Dschihadismus, der unter anderem auf den Ägypter Sayyid Qutb (1906-1966) zurückgeht. Anhänger dieser Strömung fordern eine Rückkehr zu den als ursprünglich verstandenen 68 Terrorismen: Die Spielformen des Terrorismus <?page no="69"?> Praktiken der Frühzeit des Islams und sehen Gewalt als legitimes Mittel zur Durchsetzung religiöser und politischer Ziele. Europol wiederum definiert den Begriff des Dschihad folgendermaßen: „A violent ideology exploiting traditional Islamic concepts. Jihadists legitimise the use of violence with a reference to the classical Islamic doctrine on jihad, a term which literally means ‘striving’ or ‘exertion’, but in Islamic law is treated as religiously sanctioned warfare.” (https: / / www.europarl.europa.eu/ topics/ en/ artic le/ 20180703STO07127/ jihadist-terrorism-in-the-eu-since-2015) Gruppen, die mit salafistisch-dschihadistischem Terrorismus in Verbindung stehen - etwa al-Qaida, der IS oder Boko Haram - sind der Überzeugung, dass gewaltsamer Dschihad ein legitimes Mittel sei, um den Islam zu verteidigen, muslimische Gesellschaften zu „reinigen“ und letztlich einen theokratischen Staat oder ein Kalifat unter ihrer Auslegung der Scharia zu errichten. Sie gehen davon aus, dass die globale muslimische Gemeinschaft (die Umma) von westlichem Säkularismus und militärischer Aggression belagert wird. Die Angriffe dieser Gruppen richten sich nicht ausschließlich gegen westliche Staaten, auch wenn diese oft als „ferner Feind“ ins Visier genommen werden. Ebenso häufig sind lokale Regime in mehrheitlich muslimischen Ländern Ziel von Anschlägen, da sie als „abtrünnig“ oder korrupt gelten („naher Feind“). Auch Muslime selbst sowie Gläubige reli‐ giöser Minderheiten, die der Zusammenarbeit mit den „Feinden“ beschuldigt werden, werden häufig attackiert. Charakteristisch für den salafistisch-dschihadistischen Terrorismus ist seine transnationale Ausrichtung, die nationale Grenzen überwindet und letztlich auf der ideologischen Zurückweisung westlich geprägter Vorstellungen von Staatlichkeit und politischer Ordnung basiert. Typisch für ihre Vorgehensweise sind spektakuläre Gewalttaten - etwa Selbstmord‐ attentate, koordinierte Angriffe in Großstädten oder Geiselnahmen -, die aufgrund ihrer politischen oder psychologischen Wirkung gezielt inszeniert werden. Über die unmittelbare Gewalt hinaus spielt (Online-)Propaganda eine zentrale Rolle in den Strategien dschihadistischer Organisationen, um weltweit Sympathisanten zu gewinnen, neue Mitglieder zu rekrutieren und potenzielle neue Täter*innen zu inspirieren. Der salafistisch-dschihadistische Terrorismus ist nur eine radikale Rand‐ erscheinung innerhalb der muslimischen Welt. Die überwältigende Mehr‐ heit muslimischer Gelehrter und Gemeinschaften weltweit lehnt terro‐ ristische Gewalt entschieden ab und widerspricht den theologischen Terrorismen: Die Spielformen des Terrorismus 69 <?page no="70"?> Rechtfertigungen salafistisch-dschihadistischer Ideologen ausdrücklich. Dennoch bleibt der salafistisch-dschihadistische Terrorismus eine bedeu‐ tende sicherheitspolitische Herausforderung - nicht nur wegen der unmit‐ telbaren Gefahr für Menschenleben, sondern auch wegen seiner destabi‐ lisierenden Wirkung auf lokale, regionale und internationale politische Strukturen. Literaturtipps | Weiterführend seien empfohlen: Peter R. Neumann, Die neuen Dschihadisten: IS, Europa und die nächste Welle des Terroris‐ mus, Berlin 2015; Peter Nesser, Islamist Terrorism in Europe: A History, London 2015; Shiraz Maher, Salafi-Jihadism. The History of an Idea, London 2016; Paul Burke u. a. (Hg.), Global Jihadist Terrorism: Terrorist Groups, Zones of Armed Conflict and National Counter-Terrorism Strategies, Cheltenham 2021; Glenn E. Robinson, Global Jihad. A Brief History, Stanford 2021 sowie Hanna Pfeifer, Islamists and the Global Order: Between Resistance and Recognition, Edinburgh 2024. Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen salafistisch-dschihadistischem und rechtsextremem Terrorismus? Obwohl der Rechtsterrorismus und der salafistisch-dschihadistische Terro‐ rismus in sehr unterschiedlichen ideologischen Rahmen wurzeln - rassisti‐ scher Suprematismus gegenüber islamistischem Fundamentalismus - wei‐ sen sie erhebliche strukturelle und operative Ähnlichkeiten auf. Zahlreiche Wissenschaftler*innen haben hervorgehoben, wie sehr sich diese Formen des Terrorismus in Bezug auf Radikalisierungsdynamik, Propagandastrate‐ gien und taktische Ansätze ähneln. Sowohl der rechtsextreme als auch der salafistisch-dschihadistische Ter‐ rorismus basieren häufig auf einem binären, apokalyptischen Weltbild. In diesen Erzählungen wird die Welt in „Gut“ und „Böse“ unterteilt, wobei die durch Ethnie, Religion oder Kultur definierte „In-Group“ als moralisch überlegen und von einer „Out-Group“ existenziell bedroht dargestellt wird. Dieses dualistische Denken rechtfertigt jegliche Gewalt als notwendiges Mittel zum Überleben oder zur Erlösung. 70 Terrorismen: Die Spielformen des Terrorismus <?page no="71"?> Eng verbunden mit dieser Weltanschauung ist die Betonung von Identi‐ tät und Gruppenzugehörigkeit. Sowohl salafistisch-dschihadistische als auch rechtsextreme Bewegungen stützen ihre Ideologien auf den Begriff der Reinheit - im Falle des Dschihadismus religiös, im Falle der Rechtsextremen rassisch oder kulturell. Diese identitätsbasierte Exklusivität ermöglicht die Dehumanisierung vermeintlicher Feinde, seien es Nicht-Muslime, Juden, Einwanderer oder politische Gegner. Solche Identitätskonstruktionen moti‐ vieren nicht nur zu Gewalt, sondern fördern auch ein Zugehörigkeitsgefühl, das für die Radikalisierung entscheidend ist. Darüber hinaus lehnen sowohl salafistisch-dschihadistische als auch rechtsgerichtete Terrorist*innen liberale demokratische Werte ab. Sie betrachten Demokratie, Pluralismus und Toleranz als Zeichen von Schwä‐ che oder moralischem Verfall und liberal-demokratische Institutionen als Hindernis für die Verwirklichung ihrer ideologischen Utopien. Ein weiteres gemeinsames Merkmal ist die strategische Nutzung von On‐ line-Plattformen zur Rekrutierung und Radikalisierung von Perso‐ nen. Sowohl salafistisch-dschihadistische als auch rechtsextreme Gruppen haben transnationale digitale Netzwerke geschaffen, in denen Propaganda, ideologische Indoktrination und taktisches Wissen frei zirkulieren. Die An‐ onymität des Internets senkt die Barrieren für die Äußerung extremistischer Ansichten und ermöglicht die Bildung von Echokammern, die radikale Überzeugungen verstärken. Diese virtuellen Räume ermöglichen es den terroristischen Gruppen allein auf Grundlage ideologischer Übereinstim‐ mung Einzelpersonen zu radikalisieren und zu terroristischen Aktionen zu verleiten, auch wenn ansonsten keine direkte persönliche Verbindung besteht. Was die operative Strategie anbelangt, so setzen beide häufig auf spek‐ takuläre Gewalttaten, die eine maximale psychologische und mediale Wirkung erzielen sollen. Die Anschläge vom 11. September durch al-Qaida sowie die rechtsterroristischen Attentate von Anders Breivik in Norwegen und Brenton Harrison Tarrant (*1990) in Christchurch verdeutlichen, wie Terrorismus gezielt als performativer Akt genutzt wird, um maximale Aufmerksamkeit zu erzeugen, Nachahmungstäter zu motivieren und gesell‐ schaftliche Spaltungen weiter zu vertiefen. Die Verwendung von Manifesten und Livestreaming durch rechte Angreifer weist Parallelen zur Verbreitung von Märtyrervideos und Propagandamaterial durch salafistisch-dschihadis‐ tische Gruppen auf und unterstreicht die Rolle des Spektakels im modernen Terrorismus. Terrorismen: Die Spielformen des Terrorismus 71 <?page no="72"?> Beide Bewegungen glorifizieren das Märtyrertum und stilisieren die At‐ tentäter*innen zu heldenhaften Figuren. Während die salafistisch-dschiha‐ distische Ideologie ihren Anhängern oft religiöse Belohnungen im Jenseits verspricht, inszenieren rechtsextreme Subkulturen Gewalttäter zunehmend als „Heilige“ oder Soldat*innen in einem imaginierten Krieg. Dieser Märty‐ rerkult wirkt als starkes Instrument zur Motivation, besonders bei jungen Menschen, die auf der Suche nach Sinn, Anerkennung oder Vergeltung sind. Ein wesentlicher Unterschied zeigt sich allerdings in der Rolle des Selbst‐ mordattentats: Während im salafistisch-dschihadistischen Terrorismus der gezielte Einsatz von Selbstmordattentaten als strategisches Mittel fester Bestandteil ist, bleibt es im rechtsextremen Terrorismus bislang eine seltene Ausnahme. Dort wird der eigene Tod meist eher als mögliches, aber nicht angestrebtes Risiko betrachtet, nicht als bewusstes Ziel der Tat. Literaturtipps | Mit dieser Frage setzen sich Lukas Geck, Ist Anders Breivik ein Dschihadist? Eine vergleichende Betrachtung der Ideologien im rechtsextremen und islamistischen Terrorismus, in: Mark Coester u. a. (Hg.), Rechter Terrorismus: international - digital - analog, Wies‐ baden 2023, S. 293-314 sowie Jennifer Schellhöh u. a. (Hg.), Großerzäh‐ lungen des Extremen: Neue Rechte, Populismus, Islamismus, War on Terror, Bielefeld 2018 auseinander. Was ist Incel-Gewalt? Am 6. Dezember 1989 ermordete Marc Lépine (1964-1989), ein 25-jähriger Mann bewaffnet mit einem halbautomatischen Gewehr und einem Messer, vierzehn Frauen und vier Männer an der École Polytechnique, einer Inge‐ nieursschule der Universität Montréal in Kanada. Während des Angriffs trennte Lépine gezielt Männer und Frauen und richtete seine Gewalt explizit gegen die Studentinnen. Anschließend nahm er sich selbst das Leben. In einem später gefundenen Abschiedsbrief schilderte er seinen Hass auf Frauen und den Feminismus. Der Angriff war sorgfältig geplant - Lépine hatte sogar eine Liste mit fünfzehn bekannten Frauen erstellt, die er ebenfalls töten wollte. Während Medien und Politik den Anschlag an der École Polytechnique zunächst als „Amoklauf eines Einzelgängers“ beschrieben, wird er heute 72 Terrorismen: Die Spielformen des Terrorismus <?page no="73"?> häufig als früher Vorläufer dessen gesehen, was später als „Incel-Gewalt“ bezeichnet wurde. Der Begriff „Incel“ (Kurzform für „involuntary celibate“, also unfreiwillig zölibatär) entstand in den späten 1990er Jahren und wurde von einer Kanadierin namens Alana geprägt, die ein Online-Forum für Menschen mit Schwierigkeiten in romantischen Beziehungen gründete. Mit der Zeit entwickelte sich der Begriff innerhalb bestimmter Online-Commu‐ nities, insbesondere unter heterosexuellen Männern, zu einer Selbstbezeich‐ nung für Männer, die ihre Frustration und Verbitterung über vermeintliche sexuelle und gesellschaftliche Ausgrenzung ausdrückten. Bis 2019 zählte die Online-Incel-Community etwa 60.000 aktive Mit‐ glieder. Sie ist Teil der größeren „Manosphäre“ (manosphere) - eines Online-Ökosystems, das männliche Vorrechte propagiert und weibliche Selbstbestimmung sowie Feminismus als Bedrohung für traditionelle Männ‐ lichkeitsbilder darstellt. Die Manosphäre lässt sich grob in vier Strömungen unterteilen: Männerrechtsaktivisten (MRA), Pick-Up-Artists (PUA), „Men Going Their Own Way“ (MGTOW) und Incels. Incels vertreten eine Weltanschauung, die von feindseligem Sexismus geprägt ist. Während Frauenfeindlichkeit auch in anderen extremistischen Ideologien eine Rolle spielt, ist sie für Incels das zentrale Motiv. Das Internet fungiert dabei als Echokammer, die ihre Ressentiments verstärkt, ihre zunehmend gewaltbereite Rhetorik schürt und den Radikalisierungsprozess hin zur Gewalt beschleunigt. Sie machen ihre vermeintlichen romantischen Misserfolge für gewöhnlich an einer feministischen Gesellschaft fest, die ihrer Ansicht nach die „natürliche Ordnung“ zerstört habe. Ihrer Vorstellung nach begünstige diese Gesellschaft attraktive Männer („Chads“) und Frauen („Stacys“), während sie selbst ausgeschlossen blieben. Im Gegensatz zu an‐ deren Akteuren der extremen Rechten oder der Manosphäre, die behaupten, „die rote Pille geschluckt“ zu haben - eine Anspielung auf den Film „The Matrix“ (1999) und das vermeintliche Erwachen gegenüber gesellschaftli‐ chen Ungerechtigkeiten -, bekennen sich Incels zur „schwarzen Pille“. Diese Philosophie steht für einen nihilistischen Fatalismus, der jede Hoffnung auf Veränderung aufgibt. Zwischen 2014 und 2020 kamen durch Incels in Nordamerika etwa fünfzig Menschen ums Leben. Am 23. Mai 2014 tötete der 21-jährige Elliot Rodger (1991-2014) sechs Menschen in Isla Vista, Kalifornien, verletzte vierzehn weitere und beging anschließend Suizid. Sein Manifest „My Twisted World“ und seine Videos drückten tiefen Hass auf Frauen und die Gesellschaft aus - Rodger wurde für manche Incels zum Märtyrer. Sein Angriff inspirierte Terrorismen: Die Spielformen des Terrorismus 73 <?page no="74"?> wiederum den 25-jährigen Alek Minassian (*1992), der am 23. April 2018 in Toronto mit einem Lieferwagen in eine Menschenmenge fuhr, elf Menschen tötete und sechzehn verletzte. Weitere Fälle sind der Anschlag von Scott Paul Beierle (1978-2018) im Jahr 2018 auf ein Yoga-Studio in Tallahassee, Florida, bei dem zwei Frauen getötet und vier verletzt wurden, sowie das Attentat von Jake Davison (1998-2021) am 12. August 2021 in Plymouth, Großbritannien, bei dem sieben Menschen ums Leben kamen. Als Reaktion auf die zunehmende Online-Radikalisierung begannen soziale Plattformen wie Reddit, Incel-Foren zu sperren, insbesondere solche, in denen Gewalt‐ verherrlichung betrieben wurde. Literaturtipps | Als Einstieg sei empfohlen Julia R. DeCook und Megan Kelly, Interrogating the ‘incel menace’: assessing the threat of male supremacy in terrorism studies, in: Critical Studies on Terrorism 15, Nr. 3 (2022), S. 706-726; Lisa Sugiura, The Incel Rebellion: The Rise of the Manosphere and the Virtual War Agains Women, Emerald Publshing 2021 sowie Frazer Heritage, Incels and Ideologies: Exploring how Incels use Language to Construct Gender and Race, Cham 2023. Ist Incel-Gewalt eine Form des Terrorismus? Unter Wissenschaftler*innen und Sicherheitsbehörden ist umstritten, ob Incel-Gewalt als Terrorismus eingestuft werden sollte. Gegner dieser Ein‐ stufung argumentieren, dass es sich bei Incels überwiegend um eine nicht-gewaltbereite Online-Community handelt und die wenigen Anschläge eher auf individuelle Motive als auf Strukturen zurückgehen. Incel-Täter seien folglich „lone wolves“, deren Taten eher mit typischen Amokläufen als mit systematisch geplanten Terroranschlägen zu vergleichen seien. Ein weiterer Streitpunkt ist die politische Motivation: Während mancher Terrorismusforscher wie Bruce Hoffman zwar für eine Einzelfallprüfung plädiert, entspricht seiner Ansicht nach die Incel-Bewegung aber nicht den klassischen Kriterien für gewaltbereiten Extremismus. Trotz bestehender Einwände stufte Kanada im Jahr 2019 Incel-Gewalt of‐ fiziell als Form des Terrorismus ein - und dafür sprechen durchaus mehrere überzeugende Argumente. Zum einen ist es ein typisches Merkmal extre‐ mistischer Milieus, dass einer kleinen, gewaltbereiten Minderheit eine 74 Terrorismen: Die Spielformen des Terrorismus <?page no="75"?> weitaus größere, passive Unterstützerszene gegenübersteht. Auch andere ideologische Strömungen, etwa die französische „Neue Rechte“, agierten mehrheitlich gewaltfrei, lieferten jedoch die ideologischen Narrative für spätere Gewalttaten. In einschlägigen Incel-Foren finden sich regelmäßig Gewaltdrohungen, Aufrufe zur Tat und Legitimationsmuster für Gewalt - häufig auch von Personen, die selbst (noch) nicht aktiv geworden sind. Darüber hinaus ist Terrorismus nicht allein durch tatsächliche Gewaltta‐ ten gekennzeichnet, sondern auch durch deren Androhung - ein Element, das in Incel-Foren weit verbreitet ist. Durch die Anonymität des Internets werden extreme Ansichten verstärkt, selbst wenn die Täter diese offline nicht explizit äußern würden. Das schließt eine reale Radikalisierung jedoch nicht aus - im Gegenteil, die geschlossene Online-Kultur fördert eine Spirale der Radikalisierung. Incels, die sich für Gewalt entscheiden, wollen sich an einer Gesellschaft rächen, die sie für ihr Leiden verantwortlich machen, Aufmerksamkeit erhalten oder Anhänger gewinnen. Drittens richtet sich Incel-Gewalt nicht nur gegen die Opfer eines An‐ schlags, sondern sie soll auch eine Botschaft an die Gesellschaft senden. Elliot Rodgers Manifest war ein Hassaufruf gegen Frauen, aber auch gegen „die Welt und die Gesellschaft“ insgesamt. Er griff nicht nur Frauen, sondern auch Männer an - insbesondere jene „Chads“, die Incels als Gewinner eines ungerechten Systems betrachten. Damit überschreitete seine Tat die Grenze zwischen Frauenhass und Terrorismus: Es war ein gezielter Versuch, andere zum Handeln zu inspirieren. Rodgers Einfluss zeigte sich später etwa im Anschlag von Minassian, der vor seiner Tat auf Facebook verkündete: „Die Incel-Rebellion hat begonnen! Es lebe der edle Gentleman Elliot Rodger! “ (Abb. 2) Dadurch wurde der Begriff „Incel“ weltweit bekannt. Abb. 2: Facebook Post von Alek Minassian (2018). Terrorismen: Die Spielformen des Terrorismus 75 <?page no="76"?> Doch macht diese Radikalisierung Incels politisch - und damit zu Terro‐ risten? Und sind sie Teil des rechten Spektrums? Incels vertreten explizit politische Forderungen: etwa Zwangsmonogamie, die Abschaffung des Frauenwahlrechts, die Legalisierung von Vergewaltigung und Kindesmiss‐ brauch oder die körperliche Bestrafung von Frauen. Solche Forderungen wirken zwar absurd, ähneln aber den utopischen Fantasien der extremen Rechten - etwa bei Denkern wie Julius Evola (1898-1974), der weibliche Emanzipation als Zeichen gesellschaftlichen Niedergangs betrachtete. Folg‐ lich verfolgen auch Incels wie viele extremistische Bewegungen das Ziel radikaler gesellschaftlicher Umwälzung, auch wenn ihr Weltbild nicht immer in klassische Links-Rechts-Schemata passt. Zudem bestehen deutliche Überschneidungen mit der Alt-Right-Bewe‐ gung in den USA, etwa mit rechtsextremen Milizen wie den Proud Boys. Die Gemeinsamkeiten mit Rechtsextremen reichen über den Frauenhass hinaus: Gewaltverherrlichung, Märtyrerkult und Opferideologien verbin‐ den beide Szenen. Personen wie Rodger werden von Incels ähnlich verehrt wie Terroristen in rechtsextremen Kreisen. Auch Rassismus ist Teil dieser Ideologie: „Chads“ werden meist als weiße Männer dargestellt. Rodgers Ma‐ nifest enthielt explizit rassistische Passagen, und sein erster Angriff richtete sich gegen seine asiatischstämmigen Mitbewohner - ein Beispiel dafür, wie auch Incels weiße Überlegenheitsvorstellungen reproduzieren. Zudem kursieren antisemitische Verschwörungserzählungen, die Jüdinnen und Ju‐ den für Feminismus und gesellschaftlichen Wandel verantwortlich machen. Rechtsextreme Online-Foren versuchen gezielt, Incels zu rekrutieren, indem sie antifeministische Ressentiments als Einstieg in weitergehende rechte Ideologien nutzen. Andere Wissenschaftler*innen argumentieren, dass Misogynie in zahl‐ reichen extremistischen Ideologien verbreitet sei und dass die ethnische Zugehörigkeit mancher Incel-Täter zu Minderheiten das gängige Narrativ vom Schutz der „weißen Frau“ konterkariere. Doch dieses Argument greift zu kurz: Erstens ist der Schutzgedanke tief im patriarchalen Weltbild des Rechtsextremismus verankert, etwa schon bei den frühen Ku-Klux-Klan-Be‐ wegungen. Zweitens zeigt etwa der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Magdeburg 2024, dass auch Täter mit Migrationshintergrund rechtsextreme Ideologien übernehmen können, selbst wenn rechtsextreme Gruppen sie nicht als Teil ihrer vollständig akzeptieren. Seit 2019 stufen Sicherheitsbehörden frauenfeindliche und männliche Überlegenheitsvorstellungen zunehmend als terroristische Gefahr ein. Da‐ 76 Terrorismen: Die Spielformen des Terrorismus <?page no="77"?> bei werden Begriffe und Umschreibungen wie „misogynistischer Extremis‐ mus“ oder „Terrorismus im Zeichen männlicher Vorherrschaft“ verwendet. Ob Gewalttaten von Incels (also von Männern, die sich selbst als unfreiwillig ohne sexuelle Beziehungen sehen) eine eigene Form von Terrorismus darstellen oder zum rechtsextremen Terrorismus gezählt werden sollten, ist umstritten - auch unter Fachleuten, die solche Taten grundsätzlich als Terrorismus ansehen. Einige befürchten, dass eine Gleichsetzung mit Rechtsextremismus den strukturellen, alltäglichen Frauenhass aus dem Blick geraten lässt. Gleichzeitig besteht jedoch Einigkeit darüber, dass Mi‐ sogynie ein zentrales Element im Selbstverständnis rechter Identität bildet. Dies zeigen auch zahlreiche rechtsterroristische Anschläge, die Incel-Narra‐ tive aufgriffen, darunter München (2016) , Halle (2019) sowie Hanau (2020). Literaturtipps | Mit dieser Frage setzen sich u. a. Bruce Hoffman, Jacob Ware und Ezra Shapiro, Assessing the Threat of Incel Violence, in: Studies in Conflict & Terrorism 43, Nr. 7 (2020), S. 565-587; Simon Cottee, Incel (E)motives: Resentment, Shame and Revenge, in: Studies in Conflict & Terrorism 44, Nr. 2 (2021), S. 93-114 sowie Demeter Lockyer, Michael Halpin und Finlay Maguire, The Emergence of the Incel Community as a Misogyny-Motivated Terrorist Threat, in: Terro‐ rism and Political Violence (2024): DOI: 10.1080/ 09546553.2023.2296515 auseinander. Gibt es Verbindungen zwischen terroristischen Gruppen und der organisierten Kriminalität? Die Beziehung zwischen terroristischen Gruppen und organisierter Krimi‐ nalität ist komplex und hat sich zu einem immer wichtigeren Gegenstand wissenschaftlicher Untersuchungen entwickelt. Auch wenn terroristische und kriminelle Organisationen in der Regel unterschiedlichen Zielen folgen - politische oder ideologische Motive auf der einen, persönliche oder materielle Interessen auf der anderen Seite - kommt es immer wieder zu strategischen und zweckorientierten Kooperationen, die auf gegenseitigem Nutzen beruhen. Solche Verbindungen finden sich besonders in Regionen mit schwachen staatlichen Strukturen oder dort, wo Polizei und Justiz nicht willens oder in der Lage sind, effektiv gegen solche Netzwerke vorzugehen. Terrorismen: Die Spielformen des Terrorismus 77 <?page no="78"?> Diese Entwicklung ist keineswegs neu, sondern lässt sich über einen länge‐ ren Zeitraum hinweg beobachten. Terroristische Gruppen können mit Netzwerken der organisierten Kri‐ minalität zusammenarbeiten, um logistische Unterstützung, Finanzierung ihrer militanten Operationen, Waffen und sichere Unterschlüpfe zu erhal‐ ten. In Regionen wie Nordafrika, dem Balkan und dem Nahen Osten über‐ schneiden sich die Netzwerke von Terrorgruppen und Mafiaorganisationen. Ableger von IS und al-Qaida nutzten dort nachweislich Schmuggelrouten für Waffen und Drogen, die häufig unter Kontrolle lokaler krimineller Organisationen standen. Besonders Libyen, das nach dem „Arabischen Frühling“ in ein politisches Machtvakuum und einen Bürgerkrieg stürzte, entwickelte sich zu einem zentralen Knotenpunkt solcher Aktivitäten. Dort arbeiten islamistische Terroristengruppen und Milizen zum Teil mit mafiös strukturierten Schmugglerbanden zusammen. Überschneidungen und Kooperationen zwischen Terrorismus und orga‐ nisierter Kriminalität zeigen sich vor allem im Bereich des Drogenhandels und der Geldwäsche. Bereits in den 1970er Jahren waren deutsche und ita‐ lienische Rechtsterroristen am Drogenanbau und -handel in Lateinamerika beteiligt. Auch die Hisbollah soll Medienberichten zufolge im sogenannten „Dreiländereck“ von Paraguay, Brasilien und Argentinien in Zusammen‐ arbeit mit kriminellen Netzwerken Drogengeschäfte und Geldwäsche be‐ treiben. Ähnlich haben sich salafistisch-dschihadistische Gruppen wie die Taliban in Afghanistan auf die Produktion und den Handel mit Drogen als zentrale Finanzierungsquelle gestützt, sodass auch hier die Grenze zwischen Terrorismus und organisierter Kriminalität oftmals verschwimmt. In Konfliktgebieten wie Syrien oder Teilen Afrikas fordern terroristische Gruppen von kriminellen Banden Geld, damit diese im Gegenzug Schutz erhalten oder sichere Transitrouten nutzen dürfen. Solche Zweckbündnisse zeigen sich auch in anderen Regionen der Welt: In Japan bestehen seit Jahrzehnten enge Verflechtungen zwischen der organisierten Kriminalität (Yakuza) und rechtsextremen Gruppen. Beide eint eine ultranationalistische Ideologie - darunter die Verehrung des Kaisers, die Ablehnung linker Bewegungen und eine feindliche Haltung gegenüber liberalen Reformen. Die Yakuza unterstützte rechtsextreme Gruppierungen durch finanzielle Mittel, Schutz und logistische Hilfe. Im Gegenzug traten rechte Aktivisten gewaltsam gegen linke Bewegungen, Gewerkschaften und kritische Medien auf. Ein prominentes Beispiel ist die Ermordung des sozialistischen Politi‐ kers Inejiro Asanuma (1898-1960) im Jahr 1960 durch einen rechtsextremen 78 Terrorismen: Die Spielformen des Terrorismus <?page no="79"?> Jugendlichen. Auch der Anschlag auf die Zeitung Asahi Shimbun im Jahr 1987 geht auf das Konto rechter Terroristen mit Yakuza-Verbindungen. In einigen Fällen sind Akteure auch in beiden Welten aktiv, indem sie sich an kriminellen Unternehmungen beteiligen und gleichzeitig ideologi‐ sche oder organisatorische Verbindungen zu terroristischen Bewegungen unterhalten. Das Phänomen der „hybriden Akteure“ - d. h. derjenigen, die gleichzeitig in der kriminellen und der terroristischen Sphäre agieren - ist zu einem wichtigen Anliegen der Terrorismusbekämpfung geworden. Die Zusammenarbeit zwischen organisierter Kriminalität und Terroris‐ mus existiert zwar, ist aber nicht universell oder unvermeidlich. Viele Ter‐ rororganisationen lehnen die gewöhnliche Kriminalität aus ideologischen Gründen ab, weil sie befürchten, ihre Legitimität zu untergraben oder ihre Anhängerschaft zu verprellen. Wie Wissenschaftler*innen jedoch festge‐ stellt haben, macht der zunehmende Pragmatismus vieler zeitgenössischer terroristischer Gruppen - in Verbindung mit der Dezentralisierung globaler Terrornetzwerke - eine Annäherung an die organisierte Kriminalität in Zukunft wahrscheinlicher. Literaturtipps | Neben dem Sonderheft der Zeitschrift European Journal of Criminology, Jahrgang 5, Nr. 1 (2008) behandeln auch die Sammelbände von Leslie Holmes (Hg.), Terrorism, Organised Crime and Corruption: Networks and Linkages, Cheltenham 2007 sowie von Letizia Paoli, Cyrille Fijnaut und Jan Wouters (Hg.), The Nexus between Organized Crime and Terrorism: Types and Responses, Cheltenham 2022 den Themenkomplex. Riikka Puttonen und Flavia Romiti bieten in The Linkages between Organized Crime and Terrorism, in: Studies in Conflict & Terrorism 45, Nr. 6 (2022), S. 331-334 einen aktuellen Zugang. Terrorismen: Die Spielformen des Terrorismus 79 <?page no="81"?> Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke Was macht einen Menschen zum Terroristen? Dieses Kapitel beleuchtet zunächst die gängigen Radikalisierungstheorien und fragt nach ihren Grenzen und Erklärungswerten. Dabei zeigt sich: Der Weg in den Terrorismus ist selten linear - und kaum je monokausal. Aber auch die unterschiedlichen terroristischen Methoden, Gruppenstrukturen und Ziele stehen im Fokus, da sie unmittelbar die Genese des Terrorismus beeinflussen. <?page no="82"?> Was ist eine terroristische Gruppe? In vielen Fällen gehen terroristische Anschläge von organisierten Gruppen aus. Solche terroristischen Gruppen sind subnationale Kollektive, bestehend aus Einzelpersonen, die durch die Anwendung oder Androhung von Gewalt politische Ziele verfolgen. Ziel ist es dabei, eine größere Öffentlichkeit - etwa die Wählerschaft in einer Demokratie oder auch die internationale Gemeinschaft - zu beeinflussen, um politischen Druck auf Regierungen oder Entscheidungsträger im Sinne der Gruppe auszuüben. Auch für den Begriff der „terroristischen Gruppe“ existiert keine einheit‐ liche Definition. Der Begriff wird ebenso unscharf verwendet wie der des Terrorismus selbst. Man unterscheidet grob zwischen zwei Definitionsan‐ sätzen: einer inklusiven und einer exklusiven. Die inklusive Definition umfasst alle Gruppen, die sich terroristischer Gewalt als Mittel bedienen - unabhängig davon, ob sie auch andere Strategien wie politischen Pro‐ test oder Guerillataktiken einsetzen. Die exklusive Definition hingegen beschränkt sich auf Gruppen, deren vorrangiges Mittel der politischen Auseinandersetzung der Terrorismus ist. Viele Wissenschaftler*innen tendieren zur inklusiven Definition, da die exklusive Variante zahlreiche historische Akteure ausschließen würde, die dennoch maßgeblich durch terroristische Praktiken bekannt wurden. Bei‐ spiele hierfür sind die algerische FLN, die sowohl Guerillataktiken als auch Anschläge einsetzte, oder Gruppen wie die IRA, Irgun oder die PLO. Letztere verfolgte teilweise diplomatische Strategien, während einzelne Unterorga‐ nisationen wie die PFLP offen terroristisch agierten. Auch Organisationen wie der IS oder die FARC, die über längere Zeiträume territoriale Kontrolle ausübten, würden durch eine zu enge Definition nicht adäquat erfasst. Terroristische Gruppen unterscheiden sich zudem erheblich in ihrer Größe, was wiederum Einfluss auf ihre Reichweite, Taktik, Organisations‐ form sowie ihre Lebensdauer hat. Großorganisationen wie der IS, die FARC oder die PLO verfügten zeitweise über zehntausende Mitglieder. Mittlere Gruppen wie ETA oder die IRA operierten mit einigen tausend Kämpfern, während kleinere Organisationen - etwa die Japanische Rote Armee - oft nur über wenige hundert oder sogar nur dutzende Mitglieder verfügten. 82 Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke <?page no="83"?> Literaturtipps | Empfohlen sei für diesen Fragenkomplex - und zu vielen anderen - Todd Sandler, Terrorism: What everyone needs to know, New York Oxford 2018. Was ist „Lone Wolf“-Terrorismus? Der Begriff des sogenannten „Lone Wolf “-Terrorismus, der Anschläge von vermeintlichen Einzeltätern beschreibt, hat in den letzten Jahren stark an Aufmerksamkeit gewonnen. Dabei bleibt die Begriffsverwendung oft unscharf. Es stimmt zwar, dass die Zahl solcher Taten zunimmt - insbeson‐ dere durch rechtsextremistisch oder religiös motivierte Täter -, doch die Einordnung als „einsamer Wolf “ ist problematisch. Beispiele wie Timothy McVeigh (Oklahoma 1995) oder Anis Amri (Berlin 2016) zeigen zwar schein‐ bar isolierte Täter - tatsächlich aber bewegen sich viele dieser Personen in extremistischen Netzwerken oder sind durch ideologische Einflüsse stark geprägt und radikalisiert worden. Gerade im Kontext des religiös motivierten Terrorismus wurde das „Lone Wolf “-Modell früh strategisch aufgegriffen - etwa durch al-Qaida oder später den IS. Diese Organisationen riefen seit den 2000er Jahren gezielt zu individuell ausgeführten Anschlägen auf, insbesondere dann, wenn eine direkte organisatorische Anbindung nicht möglich war. Durch Inter‐ netpropaganda, Online-Radikalisierung und religiös aufgeladene Narrative wurden Einzelne dazu ermutigt, unabhängig zu handeln - etwa mit dem Ziel, Angriffe in westlichen Staaten durchzuführen. Die Täter agierten zwar formell allein, waren aber ideologisch und oft auch logistisch mit einer größeren Bewegung verbunden. Ein bekanntes Beispiel ist Omar Mateen (1986-2016), der 2016 in Orlando ein Massaker im Namen des IS verübte. Im Rechtsextremismus lässt sich seit den späten 1970er Jahren eine ähnliche Entwicklung beobachten. Besonders einflussreich war William L. Pierce (1933-2002), Autor der Romane The Turner Diaries (1978) und Hunter (1989), in denen das Konzept des „führerlosen Widerstands“ (leaderless resistance) propagiert wird. Diese Strategie zielt darauf ab, autonome Kleinstzellen oder Einzelakteure aufzubauen, um staatlicher Überwachung zu entgehen. Der Begriff „Lone Wolf “ selbst wurde in den 1990er Jahren vom US-amerikanischen Neonazi Thomas L. Metzger (1938-2020) popularisiert, Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke 83 <?page no="84"?> der in einem Manifest betonte, dass der Kampf nicht über Parteien, sondern durch einzelne, unabhängige „Krieger“ geführt werden solle. Problematisch ist, dass Medien und politische Akteure den Begriff „Lone Wolf “ häufig so verwenden, als handle es sich um isolierte Einzelfälle. Dadurch wird die Einbettung solcher Täter in extremistische Milieus oder ideologische Strömungen verschleiert. Neuere Forschung betont daher, dass sogenannte Einzeltäter keineswegs isoliert sind, sondern vielmehr Teil einer größeren sozialen und ideologischen Dynamik. „Lone Wolf “-Terrorismus ist somit weniger Ausdruck persönlicher Vereinzelung als vielmehr eine bewusste Strategie innerhalb terroristischer Bewegungen - sei es religiös, rechtsextrem oder anderweitig ideologisch geprägt. Literaturtipps | Zum Phänomen des „Lone Wolf “-Terrorismus seien u. a. Jeffrey D. Simon, Lone Wolf Terrorism: Understanding the Growing Threat, Amherst 2013; Mark S. Hamm und Ramón Spaaij, The Age of Lone Wolf Terrorism, New York 2017; Florian Hartleb, Lone Wolves. The New Terrorism of Right-Wing Single Actors, Cham 2020 sowie Mattias Gardell, Lone Wolf Race Warriors and White Genocide, Cambridge New York 2021 empfohlen. Wie lässt sich der Einsatz terroristischer Methoden erklären? Die Frage, warum Gruppen oder Einzelakteure terroristische Gewalt zur Durchsetzung ihrer Ziele einsetzen, steht seit Langem im Zentrum der Terrorismusforschung. Im Kern handelt es sich beim Terrorismus um eine strategische Handlungsweise, eine bewusst gewählte Form gewaltsamen Handelns, um überlegene Gegner unter Druck zu setzen und Ziele zu verfol‐ gen, die auf legalem oder diplomatischem Weg als nicht erreichbar erschei‐ nen. Gerade für nichtstaatliche Akteure ohne militärische Machtressourcen stellt Terrorismus somit eine vermeintlich kosteneffiziente Strategie dar. Darüber hinaus verstärken mediale Logiken die Attraktivität terroristischer Gewalt: Mit spektakulären Anschlägen können kleine Gruppen Aufmerk‐ samkeit erlangen, ihre Gegner provozieren und gleichzeitig Unterstützer mobilisieren. 84 Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke <?page no="85"?> Neben dieser grundlegenden Feststellung untersuchen verschiedene theoretische Ansätze die politischen, psychologischen und sozialen An‐ triebskräfte, die hinter dieser Gewaltform stehen - Kräfte, die sich oft auch in den selbstrechtfertigenden Erzählungen der Täter*innen widerspiegeln. Je nach theoretischem Zugang werden dabei unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt: Die politisch-strategische Theorien sehen Terrorismus primär als Instrument rational handelnder Akteure, die Gewalt bewusst und vor allem, gezielt einsetzen, um bestimmte Ziele zu erreichen - etwa den Staat unter Druck zu setzen, Gegengesellschaften aufzubauen oder Unter‐ stützer zu mobilisieren. Diese Logik findet sich vor allem in Aufstands- und Guerillatheorien eines Carlos Marighella sowie in modernen Ratio‐ nal-Choice-Ansätzen. Psychologische Erklärungsansätze stellen individuelle Motive in den Vordergrund. Dazu zählen Gefühle von Marginalisierung, Demütigung, Rache oder existenzieller Bedeutungslosigkeit, die durch ideologische Nar‐ rative in Gewalt umgedeutet werden. Häufig zeichnen sich die ideologischen Weltbilder der Terrorist*innen durch eine stark vereinfachende, dualistische Weltsicht aus - ein klassisches „Schwarz-Weiß-Denken“ im Sinne eines manichäischen Weltbildes, das die Welt als Kampf zwischen „Gut“ und „Böse“ interpretiert. Terroristische Gruppen wiederum bieten dem Einzel‐ nen in diesem Zusammenhang oftmals eine identitätsstiftende Funktion: Sie vermitteln ein starkes Zugehörigkeitsgefühl und helfen bei der Konstruk‐ tion einer kollektiven Identität. Besonders charismatische Anführer*innen können zusäztzlich als Leitfiguren fungieren, die Sinn, Ordnung und Orien‐ tierung stiften. Die Entscheidung, terroristische Gewalt als Handlungsoption zu wählen, ist oft Ausdruck eines Spannungsverhältnisses zwischen der Erfahrung von Niederlagen und dem Festhalten an einer utopischen Hoffnung. Gerade weil Terrorismus in vielen Fällen nicht zum gewünschten politischen Erfolg führt, greifen Anführer*innen extremistischer Gruppen häufig auf überstei‐ gerte Propaganda zurück, um ihren Anhängern Siegeszuversicht zu vermit‐ teln. Effektive Führungspersönlichkeiten innerhalb terroristischer Gruppen sind daher nicht selten auch geschickte Manipulatoren von Informationen und Symbolik. Soziologische und strukturelle Ansätze wiederum richten den Blick auf den gesellschaftlichen Kontext. Terroristische Gruppen entstehen häufig in Kontexten von Repression oder Korruption geprägten oder gesell‐ schaftlich tief gespaltenen Systemen, in denen konventionelle politische Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke 85 <?page no="86"?> Partizipation oder militärisches Vorgehen entweder tatsächlich unmöglich erscheint (wie in autoritären oder kolonialen Systemen) oder subjektiv als wirkungslos wahrgenommen wird (auch in demokratischen Staaten). Diese Dynamik beruht oft auf einer verzerrten Wahrnehmung der eigenen Ohnmacht gegenüber dem politischen System. Zentral für terroristische Gewalt ist in diesem Zusammenhang das Prinzip der „Propaganda der Tat“ - also die Überzeugung, dass Worte allein nicht mehr ausreichen und Gewalt zur Kommunikation eingesetzt werden muss. Terroristische Gewalt kann hier als Reaktion auf erlebte Machtlosigkeit, soziale Ausgrenzung oder als ideologisch begründete Gegenwehr gegen bestehende Verhältnisse verstanden werden. Darüber hinaus können Fragmentierungen innerhalb extremistischer Szenen selbst zur Radikalisierung und Eskalation von Ge‐ walt beitragen. Solche Spaltungen entstehen etwa, wenn in Teilen der Szene Ungeduld wächst, weil politische oder gesellschaftliche Veränderungen ausbleiben. Gewalt erscheint zunehmend als einzig verbliebene Möglichkeit, um Aufmerksamkeit zu erzeugen oder den politischen Stillstand zu durch‐ brechen. Literaturtipps | In den meisten Terrorismus-Studien wird diese Frage behandelt. Insbesondere sei auf Jürgen Manemann, Der Dschihad und der Nihilismus des Westens: Warum ziehen junge Europäer in den Krieg? Bielefeld 2015 sowie John Horgan, Terrorist Minds: The Psycho‐ logy of Violent Extremismn from Al-Qaeda to the Far Right, New York 2024 verwiesen. Welche Methoden setzen Terrorist*innen ein? Terroristische Akteure bedienen sich einer Vielzahl unterschiedlicher Me‐ thoden, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Dabei richten sich die eingesetzten Mittel nicht nur nach technischen Entwicklungen, sondern auch nach den strategischen Zielen der Gruppen sowie nach der Verfügbar‐ keit der jeweiligen Waffen oder Ressourcen. Eine der ältesten und häufigsten Methoden ist die gezielte Tötung politi‐ scher Gegner oder Repräsentant*innen des jeweiligen Staatssystems - eng verknüpft mit der Idee des „Tyrannenmords“. Solche Attentate gelten histo‐ risch vielfach als „legitime“ Form des Widerstands gegen Unterdrückung. 86 Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke <?page no="87"?> Auch viele anarchistische und linksterroristische Gruppen bevorzugten gezielte Anschläge auf Machtträger, um zivile Opfer möglichst zu vermeiden - aus moralischen Gründen, aber auch, um die eigene Bewegung nicht zu delegitimieren. Besonders in den 1970er Jahren war dies ein zentrales Unterscheidungsmerkmal gegenüber anderen Formen von Terrorismus. Neben Attentaten griffen viele terroristische Gruppen auch auf Entfüh‐ rungen und Geiselnahmen zurück, um Aufmerksamkeit zu erzeugen oder Verhandlungen zu erzwingen. Während bei einer Geiselnahme Ort und Situation meist öffentlich bekannt sind, bleibt bei einer Entführung der Aufenthaltsort der Geisel oft im Verborgenen - was die Verunsicherung weiter verstärkt. Solche Taktiken fanden breite Anwendung, etwa durch die RAF und die Bewegung 2. Juni, aber auch durch palästinensische Organisationen wie die PFLP (insbesondere bei Flugzeugentführungen). Der Olympia-Anschlag 1972 in München oder der Zugüberfall der südmolukki‐ schen Separatisten in den Niederlanden (1977) sind weitere prominente Beispiele. Mit dem technischen Fortschritt trat Sprengstoff zunehmend in den Vordergrund terroristischer Gewalt. Seit der Erfindung des Dynamits durch Alfred Nobel (1833-1896) im 19. Jahrhundert nutzten insbesondere anarchis‐ tische und ethnonationalistische Terroristen Sprengsätze zur symbolischen und physischen Zerstörung. Die Folgen solcher Anschläge sind oft unkon‐ trollierbar: So brach die russische Gruppe Narodnaja Wolja („Volkswille“) mehrfach geplante Attentate ab, weil sie zivile Opfer vermeiden wollte. Der „Clerkenwell“-Anschlag der Fenians in London (1867) führte durch eine fehlgeleitete Explosion zum Tod zahlreicher Unbeteiligter - und schadete letztlich dem Anliegen der Gruppe. Die britische Presse, etwa das Magazin Punch, griff solche Vorfälle in Form rassistischer Karikaturen auf (vgl. Abb. 3). Im Gegensatz dazu zeigten sich einige Anarchisten - wie Émile Henry (1872-1894), der für den Anschlag auf das Café Terminus in Paris im Februar 1894 verantwortlich war, bei dem eine Person getötet wurde - gänzlich skrupellos gegenüber zivilen Opfern. Nach seiner Überzeugung existierten keine „unschuldigen“ Angehörigen des Bürgertums. Im 20. und 21.-Jahrhundert kamen nicht nur immer zerstörerischere und tödlichere Sprengsätze zum Einsatz, sondern auch zunehmend neue, teils unkonventionelle Methoden wurden verwendet. Der Einsatz von Nervengas durch die Aum-Sekte in der Tokioter U-Bahn (1995) oder die Nutzung ziviler Flugzeuge als Waffen bei den Anschlägen vom 11. September 2001 gelten Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke 87 <?page no="88"?> als paradigmatisch für eine vermeintlich neue Dimension terroristischer Gewalt. Abb. 3: The Fenian Guy Fawkes, Punch Magazine vom 28. Dezember 1867. Zugleich ist in den letzten Jahren ein verstärkter Rückgriff auf „einfache“ Mittel zu beobachten: Fahrzeuge und Schnellfeuerwaffen werden häufig verwendet, um möglichst viele Opfer zu treffen - wie etwa bei Anschlägen in Nizza (2016), Berlin (2016) oder Christchurch (2019). Diese Methoden erfordern keine besondere technische Ausbildung, lassen sich mit geringem 88 Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke <?page no="89"?> Aufwand realisieren und sind deshalb - unabhängig von der ideologischen Ausrichtung der Täter - besonders attraktiv. Warum setzen manche Terrorist*innen Selbstmordattentate ein und andere nicht? In der Forschung ist umstritten, welches Ereignis als das erste Selbstmord‐ attentat der Geschichte gelten kann. Dabei stellt sich unter anderem die Frage, ob auch Fälle berücksichtigt werden sollten, bei denen der Tod des Attentäters oder der Attentäterin nicht direkt durch die Tat, sondern beispielsweise durch die Reaktion von Sicherheitskräften oder durch Selbst‐ tötung in einer aussichtslosen Lage erfolgte - wie etwa beim rituellen Suizid des rechtsterroristischen, japanischen Schriftstellers Mishima Yukio (1925-1970) im Jahr 1970. Klar ist: Selbstmordattentate als gezielte Methode zur Ausführung terroristischer Gewalt traten erst ab den 1980er Jahren systematisch in Erscheinung. Ein zentraler Wendepunkt war der Anschlag auf das Hauptquartier der US-Marines im libanesischen Beirut am 23. Oktober 1983 durch islamisti‐ sche Terroristen. Ein mit Sprengstoff beladener Lastwagen durchbrach die Sicherheitsbarrieren und explodierte im Gebäude, wobei 241 US-Soldaten getötet wurden. Die Tat rückte das Selbstmordattentat als strategisches Mittel ins Zentrum internationaler Aufmerksamkeit. Seit den 1990er Jahren greifen insbesondere religiös motivierte Terrorgruppen verstärkt auf diese Form des Anschlags zurück. Zuvor waren solche Methoden kaum bei linken oder ethnonationalisti‐ schen Gruppen - etwa der RAF, der ETA oder der PLO - zu beobachten gewesen. Diese Gruppen konzentrierten sich zumeist auf gezielte Anschläge oder Entführungen, versuchten aber in der Regel, den Tod von Zivilist*innen und eigene Verluste zu minimieren. Das bewusste Opfern des eigenen Lebens für den „Erfolg“ eines Anschlags stellte daher eine neue Qualität des Terrors dar. Eine der ersten Organisationen, die Selbstmordanschläge systematisch in ihre Strategie integrierte, war jedoch keine religiös motivierte, sondern eine ethnonationalistische Gruppe: die Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) - besser bekannt als Tamil Tigers - im Bürgerkrieg Sri Lankas. Seit den spä‐ ten 1980er Jahren führte die LTTE zahlreiche Selbstmordanschläge durch, unter anderem gegen hochrangige politische und militärische Ziele. Beson‐ Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke 89 <?page no="90"?> ders berüchtigt war der Anschlag auf den indischen Premierminister Rajiv Gandhi (1944-1991) im Jahr 1991 durch eine weibliche Selbstmordattentä‐ terin. Die LTTE entwickelte sogar eine eigene Eliteeinheit, die sogenannten „Black Tigers“, die speziell für diese Form des Attentats ausgebildet wurde. In ihrer Hochzeit zwischen 1987 und 2000 war die LTTE weltweit führend in der Zahl durchgeführter Selbstmordattentate - lange vor islamistischen Gruppen wie al-Qaida. Die Methode des Selbstmordattentats erscheint für diese Gruppen auf‐ grund einer Vielzahl von Gründen besonders attraktiv. Erstens erzeugt ein Selbstmordanschlag durch seine Radikalität und Brutalität enormen politi‐ schen Druck. Die gezielte Selbstopferung eines Täters wirkt schockierend und kann Regierungen zwingen, auf Forderungen einzugehen - wie etwa im Fall des Abzugs der US-amerikanischen Truppen aus dem Libanon im Jahr 1984 nach dem Anschlag auf das US-Marinehauptquartier in Beirut. Zweitens verursachen Selbstmordanschläge in der Regel mehr Opfer als herkömmliche Attentate. Studien zeigen, dass bei solchen Attacken im Durchschnitt elf bis zwölf Menschen getötet werden, während bei anderen Formen des Anschlags die Zahl der Todesopfer meist bei etwa zwei liegt. Der höhere „Ertrag“ an Zerstörung und Tod erhöht den propagandistischen und strategischen Wert solcher Taten erheblich. Drittens ziehen Selbstmordanschläge aufgrund ihrer spektakulären und drastischen Natur große mediale Aufmerksamkeit auf sich. Die gezielte Inszenierung des eigenen Todes als Waffe garantiert eine breite nationale und internationale Berichterstattung. Viertens sind Selbstmordanschläge nur schwer zu verhindern. Die Entscheidung zur Tat erfolgt oft individuell, wodurch klassische präventive Maßnahmen an Wirksamkeit verlieren. Geheimdienste und Sicherheitsbe‐ hörden können solche Angriffe kaum antizipieren, da es keine langfristige Vorbereitung oder Kommunikation innerhalb größerer Gruppen geben muss. Fünftens ermöglichen Selbstmordattentäter*innen den Zugang zu schwer geschützten Zielen, etwa Sicherheitszonen an Flughäfen, diplo‐ matischen Einrichtungen oder militärischen Checkpoints. Oft dient ein erster Angriff dazu, ein Chaos zu erzeugen, das anschließend für eine zweite Welle von Gewalt genutzt werden kann. Sechstens handelt es sich bei Selbstmordanschlägen - aus Sicht der Tätergruppen - um eine relativ kostengünstige Taktik. Abgesehen vom psychologischen und menschlichen Preis, also dem Leben des Attentäters 90 Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke <?page no="91"?> oder der Attentäterin, erfordern solche Anschläge kaum technische Mittel oder aufwendige logistische Planung. Gerade für Gruppen mit begrenzten Ressourcen ist dies ein entscheidender Vorteil. Hinter der Bereitschaft zum Selbstopfer stehen unterschiedliche Motive. In religiös motivierten Szenarien spielen Vorstellungen vom „Märtyrertod“ und dem Eintritt ins Paradies eine zentrale Rolle. In anderen Kontexten - etwa bei der LTTE - waren es Loyalität, Opferbereitschaft für die „nationale Sache“ und militärische Effizienz, die diese Strategie attraktiv machten. Nicht zuletzt greifen Gruppen zu dieser Methode, wenn andere Mittel - etwa diplomatische Kanäle, klassische Guerillakriegsführung, der Einsatz anderer terroristische Methoden oder Massenmobilisierung - nicht mehr zur Verfügung stehen oder sich als ineffektiv erwiesen haben. Selbstmord‐ attentate werden so zur „Waffe der Verzweiflung“, aber auch zur „Waffe der Effizienz“ - mit maximalem Effekt bei minimalem Aufwand. Literaturtipps | Zur Geschichte des religiösen Selbstmordattentats sei auf die Dissertation von Thorsten Hoffmann, Sterben für den Glauben: Ursprung, Genese und Aktualität des Martyriums in Christentum und Islam, Paderborn 2018 verwiesen. Für einen allgemeinen Einblick emp‐ fehlen sich Ami Pedahzur, Suicide Terrorism, Cambridge 2005; Assaf Moghadam, The Globalization of Martyrdom: Al Qaeda, Salafi Jihad, and the Diffusion of Suicide Attacks, Baltimore 2008; Dominic Hanes (Hg.), Martyrdom and Terrorism. Pre-Modern to Contemporary Perpectives, New York 2014 sowie Radhika Halder, Understanding Suicide Terrorism, London 2020. Welche Strategien setzen terroristische Gruppen ein? Terroristische Gruppen verfolgen ihre Ziele im Rahmen übergeordneter strategischer Überlegungen. Diese Strategien dienen weniger der öffentli‐ chen Legitimierung ihres Handelns, sondern vielmehr der inneren Selbst‐ vergewisserung sowie der ideologischen Rechtfertigung gegenüber den eigenen Mitgliedern und potenziellen Unterstützer*innen. Ein grundlegendes strategisches Prinzip geht auf den italienischen Frei‐ heitskämpfer Carlo Pisacane (1818-1857) zurück, der im 19. Jahrhundert das Konzept der „Propaganda der Tat“ ersann. Diese Idee wurde unter Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke 91 <?page no="92"?> anderem vom Anarchisten Michail Bakunin (1814-1876) aufgegriffen und popularisiert. Ihr liegt die Überzeugung zugrunde, dass Worte allein keine gesellschaftliche Veränderung bewirken können - stattdessen müsse die Tat selbst zum Auslöser von Transformation werden. Der Terrorakt dient in dieser Logik nicht nur der Zerstörung eines konkreten Ziels, sondern vor allem der Mobilisierung, Symbolisierung und Sichtbarmachung eines als notwendig empfundenen politischen Umbruchs. Auch wenn sich viele Gruppen nicht explizit auf diese Doktrin beziehen, bildet sie doch ein ideologisches Fundament vieler terroristischer Bewegungen - unabhängig von deren politischer oder religiöser Ausrichtung. Bei linksterroristischen, ethnonationalistischen oder auch religiös-funda‐ mentalistischen Gruppen tritt häufig ein weiteres strategisches Element hinzu: das gezielte Herbeiführen einer staatlichen Überreaktion. Diese sogenannte Eskalationslogik soll die Gewalt des Staates offenlegen, ihn delegitimieren, potenzielle Sympathisant*innen radikalisieren und dadurch neue Rekrut*innen gewinnen. Ziel ist es, sich als Avantgarde eines größeren politischen Kampfes zu inszenieren, der letztlich die Massen mobilisieren soll. Besonders erfolgreich war dieses Vorgehen etwa bei der zionistischen Untergrundorganisation Irgun im Mandatsgebiet Palästina, die mit spekta‐ kulären Anschlägen internationale Aufmerksamkeit erregte und die briti‐ sche Kolonialmacht zu repressiven Maßnahmen zwang - was wiederum die jüdische Bevölkerung stärker auf ihre Seite zog. Auch die FLN im algerischen Unabhängigkeitskrieg und die PLO versuchten diese Strategie mit unterschiedlichem Erfolg nachzuahmen. Eine besonders perfide Strategie verfolgte der rechtsterroristische Unter‐ grund in Italien in den 1970er und 1980er Jahren. Durch Bombenanschläge, Straßenschlachten und andere Gewalttaten, die der politischen Linken zuge‐ schrieben wurden, sollte gezielt ein Klima der Angst geschaffen werden. Ziel war es, in der Bevölkerung den Ruf nach „Recht und Ordnung“ zu verstärken und so die Voraussetzungen für die Etablierung eines autoritäreren Regimes zu schaffen. Dieses Vorgehen wurde als „Strategie der Spannung“ bekannt. Ähnlich gelagert war das Vorgehen der Organisation Consul im Deutsch‐ land der frühen Weimarer Republik. Hier entwickelte deren Anführer Hermann Ehrhardt (1881-1971) eine gezielte Provokationsstrategie: Pro‐ republikanische Politiker und Aktivist*innen wurden ermordet, um eine Protestwelle und potenziell gewaltsame Reaktionen linksgerichteter Kräfte zu provozieren. Auf diese Weise sollte die öffentliche Meinung auf einen autoritären „Ordnungsruf “ eingeschworen werden, um dann im Schutz 92 Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke <?page no="93"?> solcher Stimmungslagen mit Hilfe von Freikorps und der Reichswehr rechte Machtoptionen zu realisieren. Welche Ziele verfolgen Terrorist*innen? Terroristische Gruppen verfolgen in der Regel ein übergeordnetes, lang‐ fristiges politisches Anliegen: Viele Organisationen streben grundlegende Veränderungen an, etwa das Ende einer ausländischen Besatzung, die Unabhängigkeit eines bestimmten Territoriums, den Sturz einer Regierung oder die Errichtung eines neuen politischen Systems, beispielsweise in Form eines islamistischen Gottesstaates. Diese Ziele werden oft öffentlich bekanntgegeben und in offiziellen Erklärungen dokumentiert. Dabei lassen sich grundsätzlich zwei Arten von Zielen unterscheiden: Einerseits Gruppen mit begrenzten und möglicherweise verhandelbaren Forderungen, anderer‐ seits solche mit radikalen, kompromisslosen Ansprüchen, die auf einen grundlegenden Umsturz des bestehenden Systems abzielen. Neben diesen übergeordneten Zielsetzungen verfolgen terroristische Or‐ ganisationen kurzfristige, taktische Zwischenziele, die sich an unterschied‐ liche Adressaten richten können. Ein häufiges Ziel besteht darin, den Staat zu einer übermäßigen Reaktion zu provozieren. Unverhältnismäßige Gegenmaßnahme sollen das autoritäre oder gar faschistische System entlarven und dazu führen, dass Teile der Bevölkerung Sympathie für die Terroristen entwickeln oder das Vertrauen in den Staat schwindet. Ebenso zielt terroristische Gewalt oft darauf ab, mediale Aufmerksamkeit zu erzeugen. Öffentlichkeitswirksame Anschläge sollen die eigene Botschaft verbreiten, Angst in der Gesellschaft schüren und potenzielle Unterstüt‐ zer*innen ansprechen. Publicity fungiert dabei als zentrales Mittel, um die politische Agenda der Gruppe sichtbar zu machen und den Konflikt in die öffentliche Wahrnehmung zu rücken. Die Zielsetzung terroristischer Gruppen wird auch von inneren Fakto‐ ren beeinflusst. So kann ein zentrales Ziel darin bestehen, den Zusammen‐ halt innerhalb der Gruppe zu festigen, die Mitglieder zu motivieren und ihre Bindung an die Organisation zu stärken. Gewaltakte dienen dabei oft als „Bewährungsprobe“ für bestehende Mitglieder und gleichzeitig als Mittel der Propaganda, um neue Anhänger zu gewinnen oder vermeintliche Verräter einzschüchtern. Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke 93 <?page no="94"?> Gerade in der Frühphase der Gruppenbildung ist eines der primären Ziele die Beschaffung finanzieller Mittel. Banküberfälle, Entführungen oder Erpressungen sind klassische Mittel zur Beschaffung von Geldmitteln, mit denen Waffen beschafft und logistische Strukturen aufgebaut werden. Zahlreiche terroristische Gruppen haben ihre Operationsfähigkeit zunächst durch derartige kriminelle Aktivitäten gesichert, bevor sie terroristische Taten durchführten. Andererseits dient Gewalt auch dazu, sich innerhalb des radikalen Milieus zu profilieren und gegenüber konkurrierenden Gruppierungen Dominanz zu demonstrieren. Insbesondere in fragmentierten oder zerstrittenen Szenen können Gruppen versuchen, durch immer spektakulärere oder brutalere Taten ihre Vormachtstellung zu behaupten. Gewalteskalation zielt also nicht immer auf den äußeren Feind, sondern ist häufig Ausdruck innerer Dynamiken - seien es ideologische Konflikte, Führungsstreitigkeiten oder strategische Differenzen. Gewalt wird dann nicht nur als Mittel gegen den politischen Gegner verstanden, sondern auch als Instrument der internen Disziplinierung und Machtsicherung. Ein weiteres Ziel vieler Anschläge besteht darin, Handlungsfähigkeit und Stärke zu demonstrieren, insbesondere dann, wenn die betreffende Organisation zuvor längere Zeit inaktiv war oder sich in einer Phase des Niedergangs befindet. Solche Aktionen dienen nicht nur der Einschüchte‐ rung des Gegners, sondern auch der Selbstvergewisserung innerhalb der Gruppe und der (Re-)Mobilisierung von Unterstützer*innen. Gerade in diesen Krisen- oder Rückzugsphasen greifen terroristische Gruppen häufig zu spektakulären Anschlägen, um öffentlichkeitswirksam zu signalisieren, dass sie weiterhin existieren und über operative Schlagkraft verfügen. Diese Logik erklärt, warum gerade Organisationen, die militärisch oder politisch bereits geschwächt sind, besonders grausame oder öffentlichkeitswirksame Taten begehen. Beispiele hierfür lassen sich historisch wie aktuell zahlreich finden. So versuchte in den 1980er und frühen 1990er Jahren die RAF in der Bundes‐ republik nach Jahren sinkender Unterstützung und innerer Zerrüttung 1991 mit dem Anschlag auf Detlev Karsten Rohwedder (1932-1991) - damals Präsident der Treuhandanstalt und Symbolfigur des wirtschaftlichen Wiederaufbaus in Ostdeutschland - erneut öffentliche Aufmerksamkeit zu gewinnen und sich als handlungsfähig zu inszenieren. Auch italienische Linksterroristen wie die Roten Brigaden setzten in ihren späteren Phasen auf spektakuläre Aktionen, um einem drohenden Bedeutungsverlust ent‐ 94 Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke <?page no="95"?> gegenzuwirken - etwa durch Entführungen wie die des NATO-Generals James L. Dozier (*1931) oder von Roberto Peci (1956-1981), dem Bruder des Kronzeugen Patrizio Peci (*1953). Ein ähnliches Muster zeigte sich beim IS nach dem territorialen Zerfall seines „Kalifats“ in Syrien und im Irak. Durch eine Serie von Anschlägen im Nahen Osten und in Europa versuchte die Organisation, ihre Handlungsfä‐ higkeit zu demonstrieren und ihre Relevanz zu behaupten. Diese Form des „letzten Aufbäumens“ terroristischer Bewegungen zeigt, dass terroristische Gewaltakte auch Ausdruck einer Krise oder Schwäche sein können. Gewalt erscheint als einzig verbliebene Option, um politisches Gewicht zurückzugewinnen oder den eigenen Mythos am Leben zu erhalten. Schließlich sind nicht alle Ziele strategisch oder politisch. Manchmal wird der Terrorismus von Emotionen wie Rache oder Hass angetrieben. Terrorakte können für Menschen eine Möglichkeit sein, ihre Wut auszu‐ drücken oder nach einer tatsächlichen oder empfundenen Ungerechtigkeit zurückzuschlagen. In diesen Fällen dient die Gewalt eher als Botschaft denn als Mittel, um ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen. Literaturtipp | Besonders empfohlen sei Louise Richardson, What Terrorists Want: Understanding the Enemy, containing the Threat, New York 2006 (dt: Was Terroristen wollen: Die Ursachen der Gewalt und wie wir sie bekämpfen können, Frankfurt 2007). Kann Terrorismus erfolgreich sein? Viele Wissenschaftler*innen, die sich mit den Entwicklungen der letzten Jahrzehnte beschäftigt haben, neigen dazu, dem Terrorismus grundsätz‐ lich jede Aussicht auf Erfolg abzusprechen. Häufig schwingen dabei die Erfahrungen mit linksterroristischen Bewegungen der 1970er und 1980er Jahre mit, deren ideologische Utopien als weltfremd galten, sowie mit der Radikalisierung islamistischer Gruppen seit den 1990ern. Solche Einschätzungen sind jedoch nicht immer rein analytisch begrün‐ det, sondern oft auch geprägt von den politischen Haltungen der Forschen‐ den selbst oder den Kontexten, in denen ihre Arbeiten entstanden. Teilweise schwingen auch strategische Überlegungen mit: Wenn Terrorismus ohne‐ Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke 95 <?page no="96"?> hin als zum Scheitern verurteilt gilt, könnte das zumindest potenziellen Rekrut*innen den Anreiz nehmen, sich solchen Gruppen anzuschließen. Letztlich greift aber diese pauschale Beurteilung zu kurz und verdeckt die Tatsache, dass Terrorismus unter bestimmten sozio-politischen Bedingun‐ gen erfolgreich sein kann. Zentral ist dabei die Frage, wie eine terroristische Gruppe ihre eigenen Ziele definiert - denn der Erfolg bemisst sich in erster Linie daran, ob und in welchem Maß diese erreicht werden. Wie bereits dargestellt, verfolgen terroristische Organisationen in der Regel eine Mischung aus langfristigen ideologisch-politischen Zielsetzungen und kurzfristigen taktischen Zwischenetappen. Gerade auf taktischer Ebene lassen sich immer wieder Erfolge beobach‐ ten. Terroristische Gruppen schaffen es oft, nationale und teils internatio‐ nale Aufmerksamkeit zu generieren, politische Prozesse zu stören, Debatten zu beeinflussen oder durch gezielte Provokationen den Staat zu überzogenen Reaktionen zu verleiten. Solche staatlichen Überreaktionen können die Legi‐ timation der Terroristen in den Augen bestimmter Zielgruppen erhöhen und so deren Rekrutierung erleichtern. Auch das Erreichen kurzfristiger Ziele - wie die Freilassung von Gefangenen oder die Aufnahme von Verhandlungen - zeigt, dass Terrorismus in gewissem Maße funktionieren kann, selbst wenn die großen politischen Umwälzungen ausbleiben, auf die sich viele Gruppen offiziell berufen. Die politischen Zielsetzungen terroristischer Bewegungen sind häufig radikal, utopisch und grundsätzlich nicht verhandelbar - ihre vollständige Umsetzung erscheint daher meist unrealistisch. Dennoch verfolgen man‐ che Gruppen auch begrenztere Forderungen, die unter bestimmten Bedin‐ gungen zumindest theoretisch durch politische Zugeständnisse erreichbar wären. Tatsächlich existieren zahlreiche Beispiele, in denen Ziele oder zu‐ mindest Teilforderungen realisiert wurden. Besonders deutlich wird dies bei ethnonationalistischen Bewegungen, die konkrete politische Forderungen verfolgten. Die Irgun im Mandatsgebiet Palästina, die FLN im Algerienkrieg oder die EOKA auf Zypern erreichten mit ihren Kampagnen letztlich die Unabhängigkeit oder zumindest einen politischen Umbruch. In diesen Fällen wandelten sich frühere Terroristen später zu anerkannten Staatsmännern. Auch im Fall der IRA oder des Südtirol-Konflikts konnten signifikante politische Zugeständnisse erreicht werden. Dabei ist jedoch zu betonen, dass solche Entwicklungen nie ausschließlich auf terroristische Aktivitäten zurückzuführen sind. Vielmehr waren sie eingebettet in umfassendere geo‐ politische Umbrüche sowie in das Wirken politischer Organisationen, die 96 Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke <?page no="97"?> als Vermittler zwischen militanten Akteuren und staatlichen Institutionen fungierten. Dennoch fungierten terroristische Gruppen in vielen Fällen als maßgebliche Katalysatoren, die politische Prozesse überhaupt erst in Gang setzten oder beschleunigten. Nicht zu übersehen ist auch, dass rechtsterroristische Gewalt in be‐ stimmten historischen Kontexten politische Auswirkungen hatte. Der Ku-Klux-Klan beispielsweise spielte im 19. Jahrhundert eine zentrale Rolle bei der Etablierung des rassistischen Jim-Crow-Systems in den USA. Auch in Zeiten intensiver migrationspolitischer Debatten konnten rechtsextreme Terrorakte spürbaren Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen. So lassen sich etwa die Verabschiedung restriktiver Einwanderungsgesetze in den USA der 1920er Jahre oder die Asylrechtsverschärfungen in Deutsch‐ land in den 1990er Jahren in einen Kontext setzen, in dem rechtsextreme Gewalttaten und rassistische Agitation den politischen Handlungsdruck auf konservative Akteure erheblich verstärkten. Diese Beispiele verdeutlichen auch, dass unter bestimmten Umständen punktuelle Interessenkonvergen‐ zen zwischen rechtsterroristischen Gruppen und konservativen politischen Strömungen bestehen beziehungsweise sich ergeben können. Gleichzeitig gilt als weitgehend gesichert, dass Terrorismus dann nahezu aussichtslos bleibt, wenn das erklärte Ziel darin besteht, den Status quo vollständig zu zerstören, um es durch eine ideologische oder religiöse Utopie zu ersetzen. In solchen Fällen lassen Staaten und internationale Akteure kaum Spielräume für Verhandlungen, sodass umfassende politische Umwälzungen durch terroristische Gewalt äußerst unwahrscheinlich sind. Auch wenn es Terrorgruppen nur selten gelingt, ihre großen politischen Ziele zu verwirklichen, bleibt festzuhalten, dass sie kurzfristig durchaus erfolgreich sein können: Sie erzeugen Aufmerksamkeit, provozieren staat‐ liche Reaktionen und erzwingen mitunter taktische Zugeständnisse. Gerade deshalb ist es entscheidend, wiederkehrende Muster zu erkennen, um wirksame Strategien zur Terrorismusbekämpfung entwickeln zu können. Wissenschaftler*innen wie Audrey K. Cronin (*1958) betonen in diesem Zusammenhang, dass es nicht zielführend sei, Terrorismus pauschal als ir‐ rational oder sinnlos abzutun. Vielmehr gehe es darum, die zugrunde liegen‐ den Dynamiken zu verstehen, die terroristische Gewalt unter bestimmten Bedingungen als wirkungsvoll erscheinen lassen. Aus diesen Erkenntnissen lassen sich Maßnahmen ableiten, um terroristischen Bewegungen langfris‐ tig die gesellschaftliche und politische Grundlage zu entziehen - etwa durch Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke 97 <?page no="98"?> gezielte, begrenzte Zugeständnisse, die deren Gewaltakte als überzogen und illegitim erscheinen lassen. Literaturtipps | Einen Einblick in die Debatte liefern neben Audrey K. Cronin, How Terrorism Ends, Understanding the Decline and Demise of Terrorist Campaigns, Princeton 2009 auch Peter R. Neumann, The Strategy of Terrorism: How it works, and why it fails, London 2008 sowie Richard English, Does Terrorism Work? A History, Oxford New York 2016. Wie wichtig ist der Terrorismus zur Erreichung der Ziele? Gerade im Hinblick auf ethnonationalistische Bewegungen wie der Irgun oder der IRA wird immer wieder kontrovers diskutiert, ob sich deren politische Erfolge nicht auch ohne den Einsatz terroristischer Mittel hätten erreichen lassen. Im Zentrum dieser Debatte steht der Versuch einer nüch‐ ternen, gewissermaßen „moralfreien“ Analyse der politischen Wirksamkeit von terroristischer Gewaltanwendung - ohne dabei die Taten selbst zu relativieren oder moralisch zu rechtfertigen. Es geht vielmehr darum, die Frage zu klären, ob Gewalt tatsächlich ein ausschlaggebender Faktor war oder ob sich ähnliche Resultate auch auf anderen Wegen hätten erzielen lassen. Die eigentlich spannende Frage lautet daher nicht, ob Terrorismus mo‐ ralisch gerechtfertigt werden kann - das wird in der Forschung zumeist verneint -, sondern ob terroristische Gewalt tatsächlich der ausschlagge‐ bende Faktor für den politischen Erfolg war. Manche Historiker*innen und Politikwissenschaftler*innen argumentieren, dass auch ohne Gewalt ähnli‐ che Ergebnisse möglich gewesen wären, etwa durch diplomatische Prozesse, internationale Unterstützung oder den Rückzug der Kolonialmächte aus strukturellen Gründen. Andere wiederum halten den Einsatz von Gewalt zumindest für einen (mit-)entscheidenden Impuls, der politische Verhand‐ lungen überhaupt erst erzwungen hat. Gerade bei Gruppen, die für nationale Unabhängigkeit oder Autonomie kämpften, vermischen sich Bewertungen häufig mit politischen und ideo‐ logischen Zuschreibungen - ein Effekt, der durch die rückblickende Recht‐ 98 Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke <?page no="99"?> fertigungsnarrative zusätzlich verstärkt wird. In vielen nationalistischen Geschichtsnarrativen werden solche Organisationen im Nachhinein einsei‐ tig als „Freiheitskämpfer“ verklärt, während die Bezeichnung „Terroristen“ energisch zurückgewiesen wird. Diese widersprüchlichen Interpretationen haben zur bekannten Formel geführt: „One man’s terrorist is another man’s freedom fighter.“ Oft wird verkannt, dass es sich beim Terrorismus um eine Gewaltstrategie handelt, die durchaus auch von Akteuren aus Befreiungs‐ bewegungen oder Freiheitskämpfern angewendet wurde. Denn die Begriffe „Terrorist“ und „Freiheitskämpfer“ schließen sich nicht per se aus, sondern können sich - abhängig vom politischen Kontext -überschneiden. Die wissenschaftliche Diskussion bewegt sich hier auf einem schmalen Grat: Einerseits will man die Wirkmächtigkeit terroristischer Gewalt nicht überhöhen, um keine nachträgliche Legitimation zu erzeugen. Andererseits wäre es analytisch unredlich, den möglichen Einfluss terroristischer Gewalt auf politische Entscheidungsprozesse pauschal zu leugnen. Letztlich bleibt festzuhalten, dass es von Fall zu Fall unterschiedlich bewertet werden muss, ob Terrorismus für den Erfolg einer Bewegung ausschlaggebend war - und dass dabei immer auch die politischen Rahmenbedingungen, die inter‐ nationale Lage und alternative Handlungsspielräume in die Betrachtung einbezogen werden müssen. Handeln Terrorist*innen „rational“? Wissenschaftler*innen betonen, dass Terrorist*innen keineswegs irrational oder wahllos handeln - im Gegenteil: In der Forschung besteht weitgehend Konsens darüber, dass es sich bei terroristischen Akteur*innen um rational handelnde Personen oder Gruppen handelt, die ihre Ziele bewusst wählen, strategisch verfolgen und ihre Taktiken flexibel an veränderte Bedingungen anpassen. Diese Annahme gilt nicht nur für die Auswahl der ideologischen oder politischen Zielsetzungen, sondern vor allem auch für die praktische Durchführung von Anschlägen sowie für die langfristige Organisationsent‐ wicklung. Terroristische Gruppen analysieren in der Regel genau die Wirksamkeit ihrer Methoden und reagieren auf Maßnahmen von Sicherheitsbehörden mit einer bemerkenswerten Anpassungsfähigkeit. Werden Flughäfen stär‐ ker gesichert, verlagern sich Anschläge auf weiche Ziele wie Bahnhöfe, Einkaufszentren oder Fußgängerzonen. Wird der Mobilfunk stärker über‐ Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke 99 <?page no="100"?> wacht, greifen Gruppen auf analoge Kommunikationsmittel zurück - etwa konspirative Treffen, Botendienste oder sogar klassische Briefwechsel. Der Film „Body of Lies“ (2008) mit Leonardo DiCaprio (*1974) und Russell Crowe (*1964) greift genau dieses Motiv auf: Ein islamistischer Terrorist nutzt gezielt die Rückkehr zur handschriftlichen Korrespondenz, um sich der digitalen Überwachung durch westliche Geheimdienste zu entziehen - ein fiktives Szenario, das auf reale Sicherheitsdynamiken verweist. Auch in der Auswahl der Anschlagsformen zeigt sich diese strategische Flexibilität: Selbstmordanschläge, wie sie ab den 1980er Jahren etwa durch die Tamil Tigers in Sri Lanka systematisch eingesetzt wurden, sind nicht Ausdruck blinder Fanatik, sondern taktisch kalkulierte Mittel zur Maximie‐ rung von Wirkung bei minimalem Ressourceneinsatz. Ähnliche Rationalität zeigt sich bei der Nutzung sozialer Medien durch Gruppen wie den IS, der mit professionellen Videos und Propaganda-Plattformen gezielt junge Männer und Frauen im Westen ansprach, um sie zur Ausreise oder zu eigenständigen Anschlägen („Homegrown Terrorism“) zu bewegen. Dass Terrorist*innen rational handeln, bedeutet dabei keineswegs, ihr Handeln zu legitimieren. Vielmehr erschwert diese Erkenntnis eine trivia‐ lisierende oder moralisierende Betrachtung, die Terrorismus ausschließlich als „Wahnsinn“ oder „krankhaft“ abstempelt, wie dies teils im öffentlichen Diskurs geschieht. Eine solche Sichtweise verkennt nicht nur die strategi‐ sche Raffinesse terroristischer Akteure, sondern unterschätzt auch deren Fä‐ higkeit, auf politische, gesellschaftliche und technologische Veränderungen zu reagieren. Nur wer Terrorismus auch als rationales, wenn auch destruk‐ tives politisches Instrument begreift, kann angemessene Gegenstrategien entwickeln - sei es durch Sicherheitsmaßnahmen, durch politisch-gesell‐ schaftliche Deeskalation oder durch die gezielte Prävention extremistischer Radikalisierungsprozesse. Welche Narrative legitimieren terroristische Gewalt? Terroristische Gewalt stützt sich häufig auf wirkungsvolle Narrative, die Anhänger mobilisieren und den Einsatz von Gewalt sowohl nach innen als auch nach außen rechtfertigen sollen. Diese Erzählungen stehen in engem Zusammenhang mit den zuvor dargestellten Ursachen für das Entstehen ter‐ roristischer Gewalt sowie mit der Zielsetzung der terroristischen Gruppen. Welche Erzählungen dabei im Vordergrund stehen, hängt maßgeblich von 100 Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke <?page no="101"?> der ideologischen Ausrichtung der jeweiligen Gruppe ab. Aber unabhängig davon, ob es sich um religiös-extremistische, ethnonationalistische, rechts- oder linksextreme Gruppen handelt, lassen sich gemeinsame Legitimati‐ onsmuster erkennen. Dazu zählen etwa die Vorstellung eines heroischen Kampfes gegen eine übermächtige Unterdrückung, der Schutz der eigenen Gemeinschaft oder Kultur vor vermeintlichen Bedrohungen sowie das Selbstbild als Teil eines historischen oder gar mythischen Auftrags. Im Folgenden werden weitere zentrale Narrative skizziert, die sowohl der äußeren Rechtfertigung als auch der inneren Selbstvergewisserung dienen. Eines der Schlüsselnarrative zum Verständnis terroristischer Gewalt besteht in der Selbstwahrnehmung und -darstellung als Opfer. Die Gründe für dieses Opferbewusstsein können vielfältig sein, hängen jedoch häufig mit einer empfundenen gesellschaftlichen Ausgrenzung und der Überzeugung zusammen, nicht mehr Teil der bestehenden Gemeinschaft zu sein. Dabei wird der gegenwärtige Zustand oder die erwartete zukünftige Entwicklung der Gesellschaft als Bedrohung für die eigenen Werte und die eigene Lebensweise wahrgenommen. Eng verknüpft mit diesem Opfernarrativ - und in der Praxis oft schwer davon zu trennen - ist das Motiv der Vergeltung. Gewalt wird hierbei als legitime Reaktion auf erfahrenes oder empfundenes Unrecht dargestellt oder als Mittel, um Gerechtigkeit herzustellen, wenn die bestehenden Institutio‐ nen versagt haben. Der Terrorismusforscher Richard English (*1963) betont in seinem Werk Does Terrorism Work? , dass Terroristen ihre Taten häufig als moralisch notwendige Antwort auf Massaker, staatliche Repression oder historische Ungerechtigkeiten präsentieren. Auf diese Weise beanspruchen sie moralische Überlegenheit und rechtfertigen ihre Gewalt als Akt der Ver‐ teidigung. Besonders salafistisch-dschihadistische Terrorist*innen führen regelmäßig ausländische Militäreinsätze, zivile Opfer oder Missstände in Einrichtungen wie Guantanamo Bay als Rechtfertigung für Angriffe auf westliche Ziele an. Das Opfernarrativ sowie das Rachebeziehungsweise Gerechtigkeitsnar‐ rativ stehen häufig in engem Zusammenhang mit der Selbstdarstellung als Freiheitskämpfer oder Widerstandsbewegung. Viele Gruppen be‐ haupten, sie seien die einzige Kraft, die aktiv gegen unterdrückerische Regime, fremde Besatzungsmächte oder korrupte politische Eliten kämpfe. Die ausgeübte Gewalt wird dabei als Teil eines größeren historischen oder politischen Befreiungskampfes inszeniert, der häufig auf antikoloniale oder revolutionäre Bewegungen verweist oder sich von ihnen inspirieren lässt. Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke 101 <?page no="102"?> Ideologische oder religiöse Unterschiede treten dabei oft in den Hintergrund - so etwa beim langjährigen PLO-Vorsitzenden Jassir Arafat (1929-2004), der die zionistische Untergrundorganisation Irgun als Vorbild für den eigenen Kampf betrachtete. Gerade diese Erzählung verleiht den Taten eine scheinbare moralische Legitimität und dient dazu, sowohl die eigene Anhängerschaft als auch potenzielle Unterstützer*innen im In- und Ausland zu mobilisieren. So stilisieren sich beispielsweise palästinensische Gruppen als Kämpfer gegen die israelische Besatzung, während sich Organisationen wie die IRA als Fortsetzung eines historischen Widerstandes gegen die britische Vorherr‐ schaft in Irland begreifen. Religiös motivierter Terrorismus legitimiert sich oft durch göttliche Autorität. Terrorgruppen wie al-Qaida, IS oder Anhänger der Christian-Pa‐ triot-Bewegung behaupten, dass sie den Willen Gottes ausführen und ihre Gewalt daher nicht nur gerechtfertigt, sondern notwendig sei. Ihre Narrative stützen sich häufig auf selektive Auslegungen religiöser Texte, um Angriffe, insbesondere gegen Zivilist*innen, zu rechtfertigen. Das Gefühl, im Namen einer höheren Macht zu handeln, verleiht der Gewalt eine heilige und nicht verhandelbare Qualität. Religiöse Narrative tragen auch dazu bei, terroristische Handlungen als Teil eines kosmischen Kampfes zwischen Gut und Böse darzustellen, was die Gruppenidentität stärkt und das Engagement vertieft. In einigen Fällen wird terroristische Gewalt auch als notwendiges Mittel zur Herbeiführung revolutionärer Veränderungen gerechtfertigt. Gewalt wird dabei als reinigende Kraft angesehen - eine, die notwendig ist, um eine korrupte Welt zu zerstören und durch eine neue Ordnung zu ersetzen. Dies gilt insbesondere für millenaristische Vorstellungen oder die faschistische Ideologie, bei denen die Welt entsprechend einer Vision von rassischer, religiöser oder politischer Reinheit gewaltsam umgestaltet werden muss. So stützen sich z. B. amerikanische Terroristen der Christian-Patriot-Bewegung häufig auf Erzählungen über einen „Rassenkrieg“, in dem Gewalt der Weg zur Erhaltung oder Wiederherstellung einer „reinen“ Nation ist. Faschisti‐ sche und neonazistische Attentäter wiederum beziehen sich auf die Idee der schöpferischen Kraft von Gewalt - ein Motiv, das sich unter anderem bei dem französischen Philosophen Georges Sorel (1847-1922) oder dem Futuristen Filippo Tommaso Marinetti (1876-1944) findet. Gruppen verherrlichen ihre Mitglieder oft als Helden oder Märtyrer, insbesondere diejenigen, die bei Selbstmordattentaten sterben. Bruce Hoff‐ 102 Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke <?page no="103"?> man zufolge wird das Märtyrertum als die höchste Form der Aufopferung dargestellt - etwas, das persönlichen Ruhm und ewige Belohnung garan‐ tiert. Dieses Narrativ ist besonders stark in religiös motivierten Gruppen, aber auch in säkularen Gruppen, wo gefallene Kämpfer als Nationalhelden oder Freiheitskämpfer verehrt werden. Dies trägt dazu bei, eine Kultur der Tapferkeit rund um die Gewalt zu schaffen, und inspiriert andere, den gleichen Weg zu gehen. Literaturtipps | Neben dem beretis erwähnten Buch von Richard English, Does Terrorism Work? A History, Oxford New York 2016 sei erneut auf Bruce Hoffman, Inside Terrorism, New York 3 2017 sowie die diversen Sammelbände zum Terrorismus der Verlage Cambridge University Press, Oxford University Press und Routledge verwiesen. Wie funktioniert die Radikalisierung? Die Legitimierungsnarrative terroristischer Gruppen ähneln in vielerlei Hinsicht den Argumentationsmustern extremistischer Bewegungen. Ent‐ scheidend für den Schritt in den Terrorismus ist jedoch letztlich die Überzeugung, dass nur durch den Einsatz von Gewalt eine grundlegende Veränderung herbeigeführt werden kann. Die Radikalisierung beschreibt den allmählichen Übergang von passiver Unterstützung extremistischer Ideen zu aktiver Teilnahme an terroristischer Aktivitäten, der durch die Auseinandersetzung mit radikalen Ideologien und die Stärkung innerhalb unterstützender Netzwerke erleichtert wird. Dabei ist die Radikalisierung hin zur Gewalt kein linearer Vorgang, sondern ein vielschichtiger und komplexer Prozess, der von individuellen Erlebnissen, sozialen Dynamiken und übergeordneten gesellschaftlichen Rahmenbedingungen geprägt wird. Dennoch lassen sich einige grundlegende Muster und Entwicklungsschritte erkennen, die den Übergang vom Extremismus zum Terrorismus prägen. Diese Grundstrukturen finden sich unabhängig von ideologischer Ausrich‐ tung oder Zielsetzung in den verschiedenen Ausprägungen terroristischer Gewalt wieder. Im Folgenden sollen diese Entwicklungspfade in vereinfach‐ ter Form dargestellt werden. Das CSTPV an der Universität von St. Andrews hat umfangreiche Unter‐ suchungen über Radikalisierungswege durchgeführt. Ihre Ergebnisse deu‐ Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke 103 <?page no="104"?> ten darauf hin, dass Radikalisierung oft eine Kombination aus persönlichen Schwachstellen, wie Identitätskrisen oder Diskriminierungserfahrun‐ gen, und äußeren Einflüssen, einschließlich der Auseinandersetzung mit extremistischen Erzählungen und der Rekrutierung durch extremistische Gruppen, ist. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt auch Farah Pandith (*1968), die sich auf ihre weltweiten Erfahrungen in der Arbeit mit muslimischen Gemein‐ schaften stützt. Sie betont die Rolle von Identität und Zugehörigkeit bei der Radikalisierung. Sie argumentiert, dass Personen, die sich an den Rand gedrängt oder von ihren Gemeinschaften abgekoppelt fühlen, anfälliger für extremistische Ideologien und aktive Gewaltanwendung sind. Gerarde letzteres suggeriert für viele ein Gefühl von Zugehörigkeit und neuer Sinnhaftigkeit. Die empfundene Entfremdung von der Gesellschaft spielt auch bei Anhängern anderer extremistischer Ideologien eine zentrale Rolle. Sie kann sich auf das „Hier und Jetzt“ beziehen oder sie ist Ausdruck einer Zukunftsangst vor einer politischen und gesellschaftlichen Ordnung, in der die eigene Existenz angeblich bedroht sei. Dieses Gefühl der Isolation und Marginalisierung kann ganz unterschiedliche Ursachen haben, wobei sich in den meisten Fällen strukturelle und individuelle Faktoren überlappen und gegenseitig bestärken. Zu diesen zählen soziale Isolation, wirtschaftliche Not, ideologische Indoktrination, Opposition gegen das herrschende politi‐ sche System, Selbstzweifel und -mitleid, Minderwertigkeitskomplexe, hege‐ moniale Männlichkeitsfantasien, der Glaube an Verschwörungserzählungen und/ oder eine grundlegende Abneigung gegen einen kulturell-gesellschaft‐ lichen Wertewandel und Modernisierungsprozess. Um dieser wahrgenommenen Isolation im Jetzt oder in der Zukunft einen Sinn zu geben, um sie erklären zu können, suchen Terrorist*innen oftmals Zuflucht in einem Weltbild, das sich in einer manichäischen Schwarz-Weiß-Dichotomie erschöpft. Als Folge stilisiert man sich selbst zu einem Opfer einer ungerechten und feindlichen Welt oder solidarisiert sich mit einer Gruppe, der tatsächliches - oder als solches wahrgenommenes - Unrecht widerfahren ist. Gefangen in diesem Opfernarrativ werden die eigenen Entscheidungen und die Anwendung von Gewalt nicht mehr hinter‐ fragt. Vielmehr wird Gewalt zum einzig legitimen Mittel, um das geschehene Unrecht entweder zu rächen oder rückgängig zu machen oder sich zu verteidigen. Dabei wird das Existenzrecht der Gegner in Frage gestellt und 104 Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke <?page no="105"?> diese teils ihrer Menschlichkeit beraubt; sie werden dehumanisiert, was wiederum die Schwelle zur Gewaltanwendung gegen sie massiv senkt. Diesem Weltbild vieler Terrorist*innen liegt meist eine subjektiv-ver‐ zerrte Wahrnehmung der Unterdrückung, Marginalisierung und Fremdbe‐ stimmung zugrunde. Weist diese Perzeption auch einen starken realen Kern auf, dann fällt es Terrorist*innen umso einfacher, weitere Rekruten anzuwerben und einen Kreis an Sympathisanten aufzubauen. Zugleich wird das Gefühl der Entfremdung durch den Gang in den Untergrund und der damit selbstgewählten Isolation weiter verstärkt. Abgeschnitten von der Außenwelt wird das eigene Weltbild von den anderen Mitgliedern der terroristischen Gruppe bestätigt und potenziert - ein Phänomen wie es bereits bei der RAF oder den Roten Brigaden in den 1970er Jahren zu beobachten war. Dieser Teufelskreis ist oftmals ausschlaggebend für die gewaltsame und bewaffnete Auflehnung gegen die Gesellschaft und/ oder die staatlichen Institutionen. Literaturtipps | Einen Überblick zum Themenkomplex Radikalisie‐ rung bietet Joel Busher, Leena Malkki and Sarah Marsden (Hg.), The Routledge Handbook on Radicalisation und Countering Radicalisation, London 2023. Cynthia Miller-Idris Hate in the Homeland. The New Global Far Right, Princeton 2022 und Peter R. Neumann, Der Terror ist unter uns: Dschihadismus und Radikalisierung in Europa, Bonn 2017 be‐ handeln die Thematik speziell für Rechtsextremismus beziehungsweise Islamismus. Bedingt Armut Terrorismus? In der wissenschaftlichen Debatte über die sozioökonomischen Ursachen von Terrorismus zeigt sich, dass der Zusammenhang zwischen Armut und terroristischer Gewalt weitaus komplexer ist als häufig in der Öffentlichkeit oder Politik angenommen. Entgegen der weit verbreiteten Vorstellung, Terrorismus sei ein direkter Ausdruck sozialer Not und wirtschaftlicher Verzweiflung, kommen empirische Studien zu einem differenzierteren Bild. Besonders der Terrorismusforscher Todd Sandler (*1946) betont in seinen Arbeiten, dass Armut allein keinen zuverlässigen Prädiktor für das Aufkom‐ men oder die Intensität terroristischer Aktivitäten darstellt. Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke 105 <?page no="106"?> Erstens lässt sich Terrorismus - insbesondere in seiner transnationalen Form - als eine Art „Luxusgut“ verstehen, das Ressourcen, organisatorische Strukturen und technisches Know-how benötigt. Diese Voraussetzungen finden sich typischerweise nicht in den ärmsten Regionen der Welt, sondern eher in Ländern mit mittlerem Einkommensniveau oder unter relativ gut ausgebildeten Bevölkerungsschichten. Terroristische Gruppen benötigen Infrastruktur, sichere Rückzugsräume, Kommunikationsmittel und ein ge‐ wisses Maß an logistischer Unterstützung - Bedingungen, die in armen Kontexten oft nicht gegeben sind. Gerade in asymmetrischen Konflikten mit übermächtigen Gegnern spielt das Bild des mittellosen, idealistischen Kämpfers eine zentrale Rolle, um die strukturelle Ungleichheit hervorzuhe‐ ben und den eigenen Kampf als moralisch gerecht erscheinen zu lassen. Auch Osama bin Laden (1952-2011) nutzte dieses Narrativ gezielt: Trotz seines millionenschweren Hintergrunds inszenierte er sich als asketischer Krieger im Dienste des Islam. In den arabischen Medien wurde er häufig zum Volkshelden stilisiert - als jemand, der seinen Reichtum hinter sich gelassen habe, um sich ganz dem Schutz und der Verteidigung der weltweiten muslimischen Gemeinschaft zu verschreiben. Zweitens ist es nicht die absolute Armut, sondern vielmehr das Gefühl relativer Deprivation, das als Radikalisierungsfaktor eine zentrale Rolle spielt. Menschen, die sich trotz objektiv besserer Lebensbedingungen im Vergleich zu früheren Generationen als benachteiligt oder marginalisiert empfinden - etwa gegenüber anderen sozialen Gruppen, ethnischen Mehr‐ heiten oder politischen Eliten -, entwickeln unter Umständen ein höheres Gewaltpotenzial. Gerade in Gesellschaften im Wandel kann dieses subjek‐ tive Gefühl von Ungerechtigkeit ein Katalysator für politische Gewaltakte sein. Drittens deuten zahlreiche Untersuchungen darauf hin, dass politische Repression, Korruption und mangelnde Partizipationsmöglichkei‐ ten wesentlich stärkere Auslöser für Terrorismus darstellen als ökonomi‐ sche Armut. Insbesondere autokratische Regime, die oppositionelle Bewe‐ gungen unterdrücken, Medienfreiheit einschränken und politische Kanäle der Artikulation versperren, schaffen Bedingungen, unter denen extremis‐ tische Gruppen Zulauf erhalten und Gewalt als einzig verbleibendes Mittel erscheint. Viertens besteht ein häufig übersehener Zusammenhang zwischen Bil‐ dung und Terrorismus. Entgegen dem Klischee ungebildeter Terrorist*in‐ nen zeigen viele Studien, dass Mitglieder terroristischer Gruppen wie die 106 Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke <?page no="107"?> Attentäter von 9/ 11 überdurchschnittlich häufig akademisch oder technisch ausgebildet sind. Bildung allein schützt also nicht vor Radikalisierung - vielmehr scheint sie in manchen Fällen die Fähigkeit zu erhöhen, komplexe ideologische Narrative zu durchdringen, strategisch zu planen und sich innerhalb militanter Strukturen effektiv zu organisieren. Insgesamt zeigt sich: Terrorismus ist kein Automatismus wirtschaftli‐ cher Not, sondern ein politisch motiviertes, strategisches Verhalten, das in spezifischen gesellschaftlichen und institutionellen Kontexten gedeiht. Einfache Ursache-Wirkungs-Zuschreibungen greifen zu kurz - gefragt ist eine differenzierte Betrachtung der politischen, sozialen und kulturellen Rahmenbedingungen, die extremistische Gewalt begünstigen. Literaturtipps | Neben den Arbeiten von Todd Sandler (insbesondere Todd Sandler und Walter Enders, The Political Economy of Terrorism Cambridge New York 2012) sei auf den Sammelband von Philip Keefer und Norman Loayza, Terrorism, Economic Development, and Political Openness, Cambridge New York 2008 sowie Peter J. Phillips, The Economics of Terrorism, London 2016 verwiesen. Welches Verhältnis existiert zwischen häuslicher Gewalt und Terrorismus? Der Zusammenhang zwischen häuslicher Gewalt und Terrorismus ist in den letzten Jahren zunehmend in den Fokus wissenschaftlicher Forschung geraten. Immer mehr Studien und Analysen deuten darauf hin, dass es Überschneidungen zwischen diesen beiden Gewaltformen gibt, sowohl auf individueller als auch auf struktureller Ebene. Besonders auffällig ist, dass zahlreiche Attentäter, insbesondere im Bereich des rechtsextremen Terrorismus oder im Kontext freuenfeindlich motivierter Gewalt (wie bei den sogenannten „Incels“), bereits vor ihren Taten durch Gewalt gegen Partnerinnen, Familienmitglieder oder andere Frauen auffällig geworden sind. Ein zentrales Bindeglied zwischen häuslicher Gewalt und terroristischen Anschlägen ist das zugrundeliegende Macht- und Kontrollstreben. Bei häuslicher Gewalt geht es selten um spontane Aggression, sondern meist um den Wunsch, das Verhalten und das Leben einer anderen Person - zumeist Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke 107 <?page no="108"?> einer Frau - zu dominieren. Ähnlich verhält es sich beim Terrorismus: Auch hier streben die Täter*innen aus politisch-ideologischen Motiven, Macht über bestimmte Gruppen oder die gesamte Gesellschaft auszuüben. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die ideologische Komponente. Be‐ sonders bei rechtsextremen und frauenfeindlich motivierten Tätern lassen sich gemeinsame Weltbilder erkennen. Misogynie, also Frauenfeindlichkeit, spielt dabei eine herausragende Rolle. Die Täter sehen sich selbst häufig als Opfer gesellschaftlicher Veränderungen - etwa durch Feminismus, Mi‐ gration oder den Verlust traditioneller Geschlechterrollen. Diese vermeint‐ lichen „Demütigungen“ werden dann zur ideologischen Rechtfertigung von Gewalt herangezogen, sowohl im privaten Umfeld als auch in Form öffentlicher Anschläge. Auch institutionelle und gesellschaftliche Versäumnisse tragen dazu bei, dass der Zusammenhang zwischen häuslicher Gewalt und Terroris‐ mus häufig übersehen wird. Viele Sicherheitsbehörden betrachten häusliche Gewalt immer noch primär als „Privatangelegenheit“ und messen ihr keine sicherheitsrelevante Bedeutung bei. Dabei zeigen Fälle wie Elliot Rodger oder Alek Minassian, dass frühe Warnzeichen im familiären und sozialen Umfeld ignoriert wurden, obwohl diese später in schwerwiegenden Gewalt‐ taten gipfelten. Besonders in den USA, aber auch in Europa, fordern daher Expert*innen eine stärkere Verzahnung von Programmen zur Prävention häuslicher Gewalt mit der Bekämpfung extremistischer Radikalisierung. Literaturtipps | Insbesondere Abigail R. Esman, Rage, Narcissism, Patriarchy, and the Culture of Terrorism, Lincoln 2020 sowie Rachel Pain, Everyday Terrorism: Connecting domestic violence and global terrorism, in: Progress in Human Geography 38, Nr. 4 (2014), S. 531-550 bieten einen guten Einblick in das Thema. Wer sind die Terrorist*innen? Die biografischen Hintergründe von Terrorist*innen sind vielfältig und stark von der jeweiligen Zeit, der Gruppe und deren ideologischer Ausrichtung geprägt. Dennoch lassen sich einige gemeinsame Muster erkennen, die teils gängige Stereotype hinterfragen. Terrorist*innen stammen überwiegend aus der Mittelschicht oder sogar aus wohlhabenden Verhältnissen und 108 Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke <?page no="109"?> besitzen oft einen höheren Bildungsabschluss. So hatten beispielsweise viele Mitglieder linker Terrorgruppen wie der RAF oder den Roten Brigaden einen vergleichsweise hohen Bildungsstand, häufig mit akademischem Hintergrund. Im Gegensatz dazu finden sich bei rechtsterroristischen Bewe‐ gungen häufiger Personen mit niedrigeren Bildungsabschlüssen, auch wenn Ausnahmen bestehen. Was den wirtschaftlichen Hintergrund betrifft, spielt Armut zwar in einigen Fällen, vor allem bei lokalen Konflikten oder Aufständen, eine Rolle, doch stellt sie kein einheitliches Merkmal dar. Viele Terrorist*innen kommen aus finanziell stabilen Verhältnissen. Diese wirtschaftliche Sicherheit kann sogar die nötigen Ressourcen und Freiräume bieten, um sich politisch zu engagieren oder radikalen Bewegungen anzuschließen. Insgesamt zeigt sich, dass soziale, politische und ideologische Faktoren weitaus bedeutender für die Radikalisierung sind als rein ökonomische Notlagen. Das durchschnittliche Alter liegt meist im jungen Erwachsenenalter zwischen 20 und 30 Jahren, da diese Lebensphase besonders anfällig für ideologische Beeinflussung, Identitätskrisen und Gruppenzwang ist, was Radikalisierungsprozesse fördert. Allerdings zeigen sich bei bestimmten Ausprägungen des reaktionären Rechtsterrorismus Abweichungen von die‐ sem Muster: Hier sind die Akteure in der Führungsebene häufig älter als in vielen anderen terroristischen Gruppierungen, während die eigentlichen Gewalttaten meist von einer jüngeren Generation ausgeübt werden. Dies deutet darauf hin, dass ideologische Radikalisierung in diesem Spektrum nicht nur ein Phänomen jugendlicher Rebellion ist, sondern auch mit langanhaltenden politischen Überzeugungen und strategischen Kalkülen im späteren Lebensalter einhergehen kann. Außerdem sind Terrorist*innen überwiegend männlich, wobei die Be‐ teiligung von Frauen in bestimmten Kontexten, insbesondere in nationalis‐ tischen oder religiösen Bewegungen, zunimmt. Frauen übernehmen dort nicht nur operative Rollen, sondern auch Aufgaben in der Propaganda. Literaturtipps | Nähere Informationen zum sozio-kulturellen Hinter‐ grund der Terrorist*innen finden sich in den Studien zu den diversen Formen des Terrorismus sowie den Gruppen und in den bereits erwähn‐ ten Handbüchern. Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke 109 <?page no="110"?> Welche Rolle spielen Frauen in terroristischen Gruppen? Die Geschlechterrollen in terroristischen Gruppen sind sehr unterschiedlich und werden stark von der ideologischen, kulturellen und organisatorischen Ausrichtung der jeweiligen Gruppierung geprägt. Terrorismus wurde his‐ torisch vor allem als männlich dominiertes Phänomen verstanden - ein Bild, das sich besonders im Kontext rechtsextremer und ethnonationalisti‐ scher Gruppen bestätigt. In diesen Organisationen herrschen meist stark patriarchale Strukturen und traditionelle Geschlechterrollen vor, wodurch Frauen oftmals auf unterstützende oder randständige Aufgaben beschränkt blieben. Ein historisch besonderes Beispiel stellt jedoch der Ku-Klux-Klan nach dem Ersten Weltkrieg dar: Anders als die ursprüngliche Organisation, die ausschließlich männlich geprägt war, entstand 1923 mit den Women of the Ku Klux Klan (WKKK) eine eigenständige Frauenorganisation. Diese war formal dem Klan angeschlossen und ermöglichte es Frauen, aktiv am ideologischen und organisatorischen Aufbau mitzuwirken - nicht nur als Unterstützerinnen, sondern als eigenständig organisierte politische Akteu‐ rinnen. Anders stellt sich die Situation in sozialrevolutionären und linksterroris‐ tischen Gruppierungen dar, etwa bei der Organisation Narodnaja Wolja („Volkswille“), anarchistischen Bewegungen, der RAF oder den Roten Bri‐ gaden. In diesen Gruppen waren Frauen nicht nur in logistischen oder propagandistischen Bereichen tätig, sondern beteiligten sich auch direkt an Anschlägen und bewaffneten Aktionen. Dies verdeutlicht, dass linkster‐ roristische Gruppen häufig egalitärere Geschlechterverhältnisse aufwiesen und Frauen als gleichberechtigte Akteurinnen anerkannten. Prominente Beispiele dafür sind Vera Ivanovna Zasulič (1849-1919), Brigitte Mohnhaupt (*1949), Gudrun Ensslin, Ulrike Meinhof (1934-1976) und Mara Cagol (1951- 1975). Auch in ethnonationalistischen und religiös motivierten Gruppen über‐ nahmen Frauen zunehmend vielfältigere und aktivere Aufgaben. So wurden Frauen in Bewegungen wie den Tamil Tigers als vollwertige Kämpferinnen eingesetzt und konnten sogar Führungsrollen übernehmen; auch innerhalb der PLO avanciert Leila Khaled (*1944) zu einer der bekanntesten Gesichter der paläestinensichen Bewegung. In religiös motivierten Gruppen sind Frauen oft noch stärker an traditio‐ nelle Rollen gebunden, nehmen aber trotzdem Funktionen als Kämpferin‐ 110 Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke <?page no="111"?> nen, Selbstmordattentäterinnen, Rekrutiererinnen und Propagandistinnen wahr. Ihre Beteiligung wird strategisch genutzt, da Frauen bei Sicherheits‐ kontrollen häufig weniger Verdacht erregen und daher für bestimmte Anschläge prädestiniert sind. Die Präsenz von Frauen hat auch taktische und propagandistische Bedeutung, denn sie verdeutlicht die breite Unterstützung einer Bewegung und kann das Image einer Gruppe stärken. Trotz dieser Entwicklungen sind operative und führende Positionen in den meisten terroristischen Organisationen weiterhin überwiegend von Männern besetzt. Insgesamt ist es wichtig, die Geschlechterdynamiken in Terrorgruppen genau zu verstehen, denn Frauen übernehmen nicht nur unterstützende Rollen, sondern beeinflussen direkt Rekrutierung, Radikalisierung und die operationelle Schlagkraft der Organisationen. Besonders im Linksterroris‐ mus zeigt sich ihre Rolle oft als zentral und vielschichtig, wie die aktive Beteiligung an Anschlägen und politischen Aktionen deutlich macht. Literatur- und Linktipps | Speziell seien Laura Sjoberg und Caron E. Gentry (Hg.), Women, Gender, and Terrorism, Athens 2011; C. D. Ortbals und L. Poloni-Staudinger, Gender and Political Violence: Women Changing the Politics of Terrorism, Cham 2018 sowie das Sonderheft der Zeitschrift Studies in Conflict & Terrorism ( Jahrgang 46 (2023), Band 4) empfohlen. Für den deutschen Kontext empfiehlt sich Irene Bandhauer-Schöffmann und Dirk van Laak (Hg.), Der Linksterrorismus der 1970er Jahre und die Ordnung der Geschlechter, Trier 2013. Die 13. Folge des Podcasts „Terrorismus. Strategie des Schreckens“ der Bundeszentrale für Politische Bildung beschäftigt sich ebenso mit die‐ sem Thema (https: / / www.bpb.de/ mediathek/ podcasts/ terrorismus-strat egie-des-schreckens/ ). Grundsätzlich ist dieser Podcast auch für zahl‐ reiche anderen Aspekte zu empfehlen. Wie organisieren sich terroristische Gruppen? Terroristische Gruppen unterscheiden sich stark in ihrer organisatorischen Struktur, was maßgeblich von ihren Zielen, der ideologischen Ausrichtung, den zur Verfügung stehenden Ressourcen sowie vom Grad der Verfolgung durch staatliche Sicherheitsbehörden abhängt. Grundsätzlich lassen sich Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke 111 <?page no="112"?> zwei Hauptformen unterscheiden: zentralistisch-hierarchische Organisatio‐ nen und lose, dezentralisierte Netzwerke. Beide Modelle bringen spezifische Vor- und Nachteile mit sich - und viele Gruppen bewegen sich in einem hybriden Spektrum dazwischen. Hierarchisch aufgebaute Gruppen - wie etwa die Aum Shinrikyō oder die ETA - verfügen über klare Führungsstrukturen, Befehlsketten und Verantwortlichkeiten. Diese Form ermöglicht strategische Planung, Koordination und Disziplin. Sie sind jedoch leicht durch Geheimdienste oder die Polizei zu infiltrieren und können durch Festnahmen der Führung schnell zerschlagen werden. Besonders in den 1970er und 1980er Jahren wurden viele solcher Gruppen durch gezielte Verhaftungen oder das Aus‐ schalten zentraler Kader erheblich geschwächt. Diese Anfälligkeit führte zur Entwicklung neuer Organisationskonzepte, wie sie beispielsweise die Roten Brigaden mit ihren unabhängig operierenden Kolonnen umsetzten. Im rechtsterroristischen Spektrum gewann das Konzept der „Leaderless Resistance“ an Bedeutung, das sich auch an Vorgehensweisen linksterro‐ ristischer Gruppen orientierte. Es setzt auf kleine, unabhängige Zellen oder Einzeltäter, die zwar durch gemeinsame Ideologie verbunden sind, jedoch keine zentrale Steuerung benötigen. Diese Struktur erschwert die Überwachung und Bekämpfung terroristischer Gruppen erheblich, verrin‐ gert jedoch zugleich deren strategische Koordination. Gruppen wie al-Qaida und der IS haben sich zusätzlich in Richtung dezen‐ traler Netzwerke entwickelt, bei denen eine lose Struktur mit ideologischer Klammer weltweit operierende Zellen und Unterstützergruppen verbindet. Besonders auffällig ist hier der „Franchise“-Charakter, bei dem regionale Gruppen ihre Gefolgschaft zu einer bekannten Gruppe erklären, jedoch weitgehend autonom agieren. Gleichzeitig entstehen hybride Modelle, bei denen ideologische Führung und mediale Propaganda zentral gesteuert werden, operative Zellen jedoch dezentral handeln. Wenn man über die Struktur terroristischer Gruppen spricht, darf ein wei‐ terer wesentlicher Aspekt nicht fehlen: das „Untertauchen“. Insbesondere nichtstaatliche Milizen und paramilitärische Gruppen sind immer wieder für den Einsatz terroristischer Methoden im öffentlichen Raum bekannt geworden - etwa im zaristischen Russland, erneut in der Zwischenkriegs‐ zeit, oder in jüngerer Zeit durch Milizen wie die Proud Boys in den USA, die gewaltverherrlichende Ideologien propagieren und teils in terroristische Aktivitäten verwickelt sind. Werden solche Gruppierungen durch staatliche Repression oder gesellschaftlichen Druck in den Untergrund gedrängt, 112 Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke <?page no="113"?> verändert sich ihre Struktur meist grundlegend - etwa durch konspirativere Organisationsformen und angepasste Kommunikationsstrategien. Die Kontakte zwischen Mitgliedern werden stark eingeschränkt, was die Überprüfung und Anwerbung neuer Rekrut*innen erheblich erschwert. Gleichzeitig steigt die Gefahr der Enttarnung durch Sicherheitsbehörden oder Informanten, was zu einem Klima zunehmenden Misstrauens und Paranoia führt. Diese stärkere Abschottung nach außen kann jedoch auch eine Intensivierung der inneren Radikalisierung bewirken, da die Gruppen sich noch stärker auf ihre ideologischen Grundsätze zurückziehen und sich in einem „Wir gegen die Welt“-Denken verfestigen. Zudem zwingt das Leben im Verborgenen die Organisationen oft dazu, ihre Kommunikations- und Aktionsformen anzupassen, was beispielsweise den verstärkten Einsatz verschlüsselter Kanäle oder dezentrale Strukturen zur Folge haben kann. Insgesamt zeigt sich: Terroristische Organisationen sind wandlungsfähig. Sie lernen aus Fehlern früherer Generationen, passen sich an technische Entwicklungen, Repressionsstrategien und gesellschaftliche Bedingungen an - sei es durch Miniaturisierung, Konspiration, Digitalisierung oder die flexible Kombination von zentraler Führung und dezentraler Umsetzung. Literaturtipps | Gute Einblicke liefern Marc Sageman, Understanding Terror Networks, Philadelphia 2004 und Thomas Riegler, Terrorismus: Akteure, Strukturen, Entwicklungslinien, Innsbruck 2009. Wie endet Terrorismus? In ihrem wegweisenden Werk How Terrorism Ends: Understanding the Decline and Demise of Terrorist Campaigns (2009) liefert Audrey K. Cronin eine systematische und empirisch fundierte Analyse darüber, auf welchen Wegen terroristische Kampagnen ihr Ende finden können. Sie widerspricht der weit verbreiteten Vorstellung, Terrorismus sei eine endlose Bedrohung, und identifiziert stattdessen sechs zentrale Mechanismen - darunter auch die bereits erwähnte Zielerreichung - die historisch zum Rückgang oder zur Auflösung terroristischer Gruppen beigetragen haben. Einer der häufigsten Wege, terroristische Gruppen zu zerschlagen, ist die gezielte Tötung oder Festnahme der Führungspersönlichkeiten. Gerade charismatische oder strategisch bedeutende Anführer stellen für Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke 113 <?page no="114"?> viele Gruppen eine entscheidende Stütze dar. Wird diese Führungsfigur beseitigt, kann das zur Desorientierung und Schwächung der Organisation führen. Cronin betont allerdings, dass der Erfolg dieser Strategie stark von der inneren Struktur der jeweiligen Gruppe abhängt: Während hierarchisch aufgebaute Organisationen besonders anfällig sind, können dezentrale Netz‐ werke den Verlust einzelner Führungspersönlichkeiten eher verkraften. Ein prägnantes Beispiel für die Wirksamkeit dieser Methode ist der Fall des Leuchtenden Pfads in Peru, dessen militärischer Zusammenbruch maßgeb‐ lich durch die Gefangennahme seines Anführers Abimael Guzmán (1934- 2021) 1992 ausgelöst wurde. Ein weiterer Grund für das Ende terroristischer Gruppen ist deren allmäh‐ liche interne Erosion. Dies geschieht häufig, wenn es den Organisationen nicht gelingt, neue Generationen von Kämpfer*innen zu rekrutieren oder ideologisch zu festigen. Mit dem Altern, der Gefangennahme oder dem Tod der Gründungsmitglieder schwindet oftmals auch der innere Zusam‐ menhalt. Verstärkt wird dieser Zerfall häufig durch eine Entfremdung von der ursprünglichen politischen Basis - insbesondere dann, wenn die Organisation zunehmend in Kriminalität abgleitet und ihre ideologische Glaubwürdigkeit verliert. Ein häufiger Weg zum Ende des Terrorismus ist auch der Übergang in den politischen Prozess. Manche Organisationen erkennen mit der Zeit die begrenzte Wirksamkeit von Gewalt und entscheiden sich stattdessen für den Weg der politischen Partizipation. Diese Transformation erfolgt oft im Kontext von Verhandlungen, Amnestien oder Friedensprozessen. Ein prominentes Beispiel ist die IRA, die über ihren politischen Arm Sinn Féin schrittweise vom bewaffneten Kampf zum politischen Dialog überging. Vor‐ aussetzung für solche Übergänge ist allerdings, dass sowohl die Regierungen als auch die ehemaligen Terroristen kompromissbereit sind - und dass das politische System als offen und legitim wahrgenommen wird. Eine klassische, wenngleich häufig kostspielige Strategie zur Bekämpfung terroristischer Gruppen bleibt der massive Einsatz militärischer und polizeilicher Gewalt. In manchen Fällen kann eine Organisation so voll‐ ständig zerschlagen werden. Doch dieser Weg birgt erhebliche Risiken: Ne‐ ben humanitären Katastrophen und der Gefahr von Radikalisierungswellen kann staatliche Repression auch neue terroristische Bewegungen hervor‐ bringen. Der militärische Sieg Sri Lankas über die Tamil Tigers 2009 ist hierfür ein Beispiel, das mit enormen politischen und zivilgesellschaftlichen Folgekosten einherging. 114 Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke <?page no="115"?> Ein weiterer möglicher Ausgang terroristischer Kampagnen ist die voll‐ ständige Transformation in andere Gewaltformen. Manche Gruppen glei‐ ten in organisierte kriminelle Netzwerke ab, wenn politische Ziele zuneh‐ mend in den Hintergrund treten oder die Organisation ihre ideologische Kohärenz verliert. Besonders deutlich wurde diese Entwicklung bei Teilen der kolumbianischen FARC, die sich immer stärker im Drogenschmuggel engagierten, wodurch die Grenzen zwischen Terrorismus, Rebellion und organisierter Kriminalität verschwammen. Cronins zentrale Botschaft lautet: Terrorismus ist kein statisches, ewiges Phänomen. Vielmehr folgt sein Ende bestimmten Mustern, deren Kenntnis politische Entscheidungsträger*innen in die Lage versetzen kann, realisti‐ schere und wirksamere Gegenstrategien zu entwickeln. Allerdings bleibt auch hier Vorsicht geboten. Cronin schrieb ihr Werk unter anderem mit Blick auf das vermeintliche Ende von al-Qaida, kam dabei aber zu optimis‐ tischeren Einschätzungen, als sich später bewahrheitete. Zwar wurde das Terrornetzwerk für den Westen in den Folgejahren weniger bedrohlich, doch globale islamistische Terrorgruppen bleiben weiterhin aktiv. Ein Aspekt, der in Cronins Analyse teilweise unterbelichtet bleibt, ist die Bedeutung der Unterstützungsnetzwerke terroristischer Gruppen. Gerade die Beziehung zu sympathisierenden Milieus entscheidet häufig über das Fortbestehen oder Scheitern terroristischer Organisationen. Ein großes Netz an Unterstützer*innen fungiert dabei nicht nur als praktische Ressource, sondern verleiht den Anliegen der Gruppen auch eine Form gefühlter Legitimation, da die Terrorist*innen oftmals in deren Namen agieren. In Anlehnung an Mao Zedongs Bild vom Guerillakämpfer als „Fisch im Wasser“ lässt sich festhalten: Terroristische Gruppen überleben, solange sie in einem Umfeld operieren können, das ihnen Schutz und Unterstützung bietet. Der Verlust dieser Sympathisantenbasis - sei es durch Repression, ideologische Erosion, überzogene Gewalt wie der Mord am US-Soldaten Edward Pimental (1965-1985) durch die RAF oder politisches Entgegenkommen - stellt daher eine der wirksamsten Möglichkeiten dar, terroristische Bewegungen langfristig zu schwächen und zum Verschwinden zu bringen. Literaturtipps | Besonders zu empfehlen ist Audrey K. Cronin, How Terrorism Ends: Understanding the Decline and Demise of Terrorist Campaigns, Princeton 2009 und Leonard Weinberg, The End of Terro‐ rism, London 2012. Terrorist*innen: Radikalisierungserklärungen und biographische Einblicke 115 <?page no="117"?> Die Geschichte des Terrorismus Terrorismus ist kein rein gegenwärtiges Phänomen - seine Wurzeln reichen tief in die Geschichte. Dieses Kapitel verfolgt zentrale Ent‐ wicklungslinien terroristischer Gewalt vom 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart und beleuchtet dabei historische Kontexte, Akteursgruppen und Zielsetzungen. Der heutige Terrorismus wird in diese historischen Kontinuitäten eingeordnet, um seine oft behauptete Neuartigkeit kri‐ tisch zu hinterfragen. <?page no="118"?> Gibt es Vorläufer zum modernen Terrorismus? Der Begriff „Terrorismus“ entstand während der Französischen Revolution. Viele Wissenschaftler*innen vertreten daher die Auffassung, dass terroris‐ tische Gewaltpraktiken in ihrer heutigen Ausprägung erst ab dem 19. Jahr‐ hundert zu beobachten sind. Ein Begriff, der aus dem späten 18. Jahrhundert stammt, sei ihrer Ansicht nach als analytisches Werkzeug ungeeignet, um frühere Ereignisse und Akteure adäquat zu erfassen. Es wäre aber historisch verkürzt und irreführend, anzunehmen, die Ideen und Konzepte des Terrorismus seien im späten 18. Jahrhundert isoliert und ohne Vorläufer entstanden. So gilt es als weitgehend unstrittig, dass sich seit der Antike bestimmte ideologische Grundannahmen, Legitimationsmuster sowie takti‐ sche Vorgehensweisen herausgebildet haben, die entweder den modernen Terrorismus mitprägen oder heute als dessen wesentliche Merkmale be‐ trachtet werden. Bei der Betrachtung möglicher Vorläufer terroristischer Gewalt geht es daher nicht darum, Akteure der Antike oder des Mittelalters pauschal mit den Terrorist*innen der Neuzeit gleichzusetzen. Vielmehr soll gezeigt werden, dass einzelne Elemente und Charakteristika dieser Gewaltform historisch gewachsen, verändert und angepasst wurden. Die Idee, durch Verbreitung von Angst politische Ziele zu erreichen, ist deutlich älter als die Französische Revolution. Bereits in assyrischen Texten finden sich Hinweise auf diese Praxis. Ebenso lässt sich zeigen, dass Terror nicht ausschließlich von staatlichen Akteuren ausgeübt wurde, sondern dass auch Beispiele für Gewaltakte „von unten“ seit der Antike bekannt sind. Ein häufig genanntes Beispiel für Vorformen terroristischer Gewalt ist der Tyrannenmord, der in der Antike als legitimes Mittel zur Beseitigung grausamer Herrscher galt. Dieses Konzept entwickelte sich während des Mittelalters und der Frühen Neuzeit weiter und ist eng mit den Schriften von Marcus Tullius Cicero (106-43 v. Chr.), Johannes von Salisbury (1115-1180), Thomas von Aquin (1225-1274), Jean Petit (1360-1411), dem Jesuiten Juan de Mariana (1536-1624) sowie dem italienischen Aristokraten Vittorio Alfieri (1749-1803) verbunden. Spätere terroristische Bewegungen wie die russische Gruppe Narodnaja Wolja („Volkswille“), aber auch der Attentäter von Abraham Lincoln (1809- 1865), John Wilkes Booth (1838-1865), oder der Ku-Klux-Klan bezogen sich explizit auf diese Tradition. Besonders im Kontext der Revolutionen von 1848/ 49 forderte etwa Karl Heinzen (1809-1880) eine Ausweitung 118 Die Geschichte des Terrorismus <?page no="119"?> dieser Gewalt, der nach der gescheiterten Revolution im Großherzugtum Baden über London in die USA geflohen war. In „Mord und Freiheit“ (1853) argumentierte er, dass nicht nur Tyrannen selbst, sondern auch ihre Unterstützer getötet werden müssen, um eine wirksame Revolution zu ermöglichen. Damit wurde eine argumentative Brücke vom Tyrannenmord zum modernen Terrorismus geschlagen. Als weiterer oft genannter Vorläufer gelten die Sikarier, jüdische Extre‐ misten des 1. Jahrhunderts n. Chr., die gezielt römische Besatzer und deren Kollaborateure töteten, um Angst zu verbreiten und ihre politischen und religiösen Ziele durchzusetzen. Im Jahr 70 n. Chr. verschanzten sich die Sikarier in ihrer Festung Massada und führten von dort ihren bewaffneten Kampf gegen die Römer fort. Nach drei Jahren Belagerung begingen die Sikarier - Schätzungen sprechen von 960 Personen - Selbsttötung. Der kollektive Suizid beendete offiziell den fehlgeschlagenen Aufstand gegen die römischen Besatzer. Ähnlich agierten auch die Nizariten - oft bekannt als Assassinen -, eine ismailitisch-schiitische Geheimgesellschaft des Mittelalters, die wiederholt politisch und religiös motivierte Attentate auf hochrangige Persönlichkeiten verübte und damit ein systematisches Muster gezielter politischer Gewalt etablierte. Zu ihren prominentesten Opfern zählten der Großwesir des Seldschuken-Sultanats und heimliche Herrscher der Seldschuken, Nizām al-Mulk (1018-1092) sowie der König von Jerusalem, Konrad von Montferrat (1146-1192). All diese frühen Formen politischer Gewalt zeigen bereits zentrale Merk‐ male der modernen terroristischen Strategie auf: der Einsatz von Gewalt als Kommunikationsmittel, die Zielsetzung, eine breite Öffentlichkeit ein‐ zuschüchtern, und die Konzentration auf symbolisch bedeutende Opfer. Es mag deshalb wenig verwundern, wenn sich islamistische oder jüdische Ter‐ rorgruppen später und auch heute noch auf die Assassinen beziehungsweise Sikarier berufen, um ihren eigenen Aktionen historische Tiefenschärfe und Legitimation zu verleihen. Dabei werden jedoch zahlreiche Unterschiede geflissentlich ignoriert, wie die Tatsache, dass die Sikarier und die Nizariten bei der Wahl ihrer Opfer sehr selektiv vorgingen und keine unbeteiligten Personen ermordeten. Literaturtipps | Einen guten Überblick über Attentate in der Geschichte bietet die Neuauflage von Alexander Demandt (Hg.), Das Attentat in der Die Geschichte des Terrorismus 119 <?page no="120"?> Geschichte, Feiburg 2018 sowie Georg Schild (Hg.), Politische Morde in der Geschichte: Von der Antike bis zur Gegenwart, Paderborn München 2012. Grundlegend für die Theorien von Karl Heinzen ist Benjamin Grob-Fitzgibbon, From the Dagger to the Bomb: Karl Heinzen and the Evolution of Political Terror, in: Terrorism and Political Violence 16, Nr. 1 (2004). David C. Rapoport, Fear and Trembling: Terrorism in Three Religious Traditions, in: American Political Science Association 78, Nr. 3 (1984), S. 658-677 wiederum bietete eine frühe Einführung in die Geschichte der Sikarier. Wie entwickelte sich der Terrorismus seit dem 19.-Jahrhundert? Seit dem Aufkommen des Neologismus „Terrorismus“ lässt sich erstmals konkret von einer Geschichte des (modernen) Terrorismus sprechen. Aller‐ dings erscheint es wenig zielführend, den Versuch zu unternehmen, eine bestimmte Aktion als die „erste“ terroristische Tat oder als Urszene des Terrorismus zu definieren. Vielmehr entstand der Terrorismus im europä‐ isch-russischen Raum als Reaktion auf die gescheiterten Revolutionen von 1830 und 1848/ 49 sowie auf den Erfolg der gegenrevolutionären Kräfte oftmals parallel in verschiedenen sozio-politischen Kontexten. Denn An‐ hänger der revolutionären Bewegungen - wie der zuvor erwähnte Karl Heinzen - gelangten zu der Überzeugung, dass Veränderungen nicht mehr durch Massenbewegungen erreicht werden könnten, sondern nur durch die Anwendung neuer Gewaltpraktiken: gezielte Attenttate und Anschläge wurden somit zum Instrument, um politische Ziele durchzusetzen. Eines der frühesten Beispiele für organisierten Terrorismus war die Irish Republican Brotherhood, oftmals besser bekannt als die Fenians. Gegründet in den 1850er Jahren in Irland, verfolgte diese Organisation das Ziel zusam‐ men mit ihrem nordamerikanischen Ableger, die britische Herrschaft in Irland zu beenden. Besonders in den 1860er und 1880er Jahren verübten die Fenians Anschläge in England und Kanada und waren damit eine der ersten Gruppen, die urbane Gewalt als politische Ausdrucksform nutzten. Auch auf dem Balkan griffen Gruppen zu terroristischen Mitteln, um nationale Unabhängigkeit zu erkämpfen. Die im Jahr 1893 gegründete Innere Maze‐ donische Revolutionäre Organisation (IMRO) führte Bombenanschläge und 120 Die Geschichte des Terrorismus <?page no="121"?> Attentate durch, um sich von der osmanischen Herrschaft zu befreien. Ebenso entstanden in Japan im 19. Jahrhundert nationalistische Gruppen, die mit Gewalt gegen den wachsenden westlichen Einfluss kämpften - ein deutliches Zeichen dafür, dass Terrorismus kein ausschließlich westliches Phänomen ist, auch wenn dies in der Forschung lange behauptet wurde. Zeitgleich entwickelte sich Russland zu einem Zentrum sozialrevolu‐ tionärer und anarchistischer Terrorgruppen. Besonders bekannt wurde Narodnaja Wolja („Volkswille“), die gegen Ende des 19. Jahrhunderts die Abschaffung der zaristischen Autokratie anstrebte. Internationale Bekannt‐ heit erlangte die Gruppe durch das erfolgreiche Attentat auf Zar Alexander II. im Jahr 1881. Ihre Strategie gezielter politischer Attentate diente später zahlreichen revolutionären und anarchistischen Bewegungen in Europa als Vorbild. In der Folge kam es zu zahlreichen Anschlägen auf Vertreter*innen der politischen und wirtschaftlichen Elite - darunter prominente Opfer wie US-Präsident William McKinley (1843-1901), Kaiserin Elisabeth „Sisi“ von Österreich (1837-1898) und König Umberto I. von Italien (1844-1900). Im frühen 20. Jahrhundert verband sich Terrorismus zunehmend mit antikolonialen Befreiungskämpfen, während gleichzeitig auch rechtsextre‐ mer Terrorismus erstarkte. In der Weimarer Republik etwa war nach dem Ersten Weltkrieg die rechtsextreme und antisemitische Organisation Consul aktiv, ein Zusammenschluss ehemaliger Freikorps-Kämpfer, die in den frühen 1920er Jahren gezielt Attentate auf demokratische Politiker und Unterstützer des Versailler Vertrags verübten; unter anderem ermordeten sie den Zentrumspolitiker Matthias Erzberger (1875-1921) sowie den Au‐ ßenminister der Weimarer Republik, Walther Rathenau (1867-1922). Ihre Gewalt richtete sich gegen die junge Republik, die sie als Verrat an den deutschen Interessen betrachteten. Seit dem Ende des Ersten Weltkriegs wurde Terrorismus zunehmend zu einem prägenden Mittel antikolonialer und separatistischer Bewegun‐ gen. Besonders bekannt wurde die jüdische Irgun im von Großbritannien kontrollierten Palästina, die mit Anschlägen auf britische Einrichtungen die Gründung eines eigenen jüdischen Staates anstrebte. Aufgrund ihres strategischen Erfolgs diente sie später separatistischen und antikolonialen Organisationen weltweit als Vorbild. Dazu gehörte etwa die EOKA, die in den 1950er Jahren mit Gewalt gegen die britische Kolonialherrschaft kämpfte, um eine Vereinigung Zyperns mit Griechenland zu erreichen. Auch die FLN in Algerien orientierte sich an der Irgun. Im Algerienkrieg (1954- 1962) setzte die FLN gezielt auf Guerillataktiken und Terroranschläge in ur‐ Die Geschichte des Terrorismus 121 <?page no="122"?> banen Zentren wie Algier, um die französische Herrschaft zu destabilisieren. Der Erfolg dieser Strategie demonstrierte eindrucksvoll, wie terroristische Gewalt als asymmetrisches Mittel im Kampf gegen militärisch überlegene Gegner eingesetzt werden konnte. Nach dem Ende der Kolonialreiche verlagerte sich das Zentrum terro‐ ristischer Gewalt erneut. In den 1960er und 1970er Jahren erlebten vor al‐ lem Westeuropa und Lateinamerika einen Aufschwung linksterroristischer Bewegungen. Gruppen wie die RAF in der Bundesrepublik Deutschland oder die Roten Brigaden in Italien gingen aus den Studenten- und Arbei‐ terprotesten hervor und verbanden marxistisch-leninistische Ideologie mit bewaffnetem Kampf. Während die RAF mit Entführungen und Bomben‐ anschlägen das westdeutsche „kapitalistische System“ ins Visier nahm - mit dem Höhepunkt im sogenannten „Deutschen Herbst“ 1977 -, erregten die Roten Brigaden 1978 weltweites Aufsehen durch die Entführung und Ermordung des ehemaligen italienischen Ministerpräsidenten Aldo Moro. Der ethnonationalistische Terrorismus blieb weiterhin ein prägendes Phänomen: In Nordirland führte die IRA ihren bewaffneten Kampf fort, in Spanien verübte die ETA Anschläge im Streben nach einem unabhängigen Baskenland, die PKK setzte in der Türkei Gewalt ein, um einen kurdischen Staat zu errichten, und die Tamil Tigers kämpften in Sri Lanka mit militäri‐ schen und terroristischen Mitteln für ein eigenes Tamilengebiet. Parallel dazu erstarkte der rechtsextreme Terrorismus. Seit den 1960er Jahren nutzten rechtsextreme Gruppen in den USA, Europa - insbesondere in Italien („Strategie der Spannung“) - sowie in Japan terroristische Gewalt als Mittel zur Destabilisierung demokratischer Gesellschaften. Viele dieser Gruppen fanden Rückzugsräume, finanzielle Unterstützung und Exil in den (Militär-)Diktaturen Europas und Lateinamerikas. In den USA verlagerte sich der Rechtsterrorismus zunehmend von den traditionellen Strukturen des Ku-Klux-Klans - der im 19. Jahrhundert, in den 1920er Jahren und erneut während der Bürgerrechtsbewegung für tausende Todesopfer verantwort‐ lich war - hin zu neuen, christlich-fundamentalistischen und rechtsextre‐ men Netzwerken sowie Milizen. Eine Reihe von Gewalttaten verdeutlicht die Eskalation des Rechtsterrorismus seit den 1990er Jahren, darunter der Bombenanschlag in Oklahoma City im Jahr 1995, die rechtsextremen Morde in Norwegen (2011) und der Terroranschlag im neuseeländischen Christchurch (2019). Ab den 1980er Jahren traten zunehmend religiös motivierte Terrorgrup‐ pen in den Vordergrund. Gruppen wie die Hisbollah im Libanon oder 122 Die Geschichte des Terrorismus <?page no="123"?> die Hamas in Palästina verbanden nationale Anliegen mit islamistischer Ideologie. Mit al-Qaida entstand in den 1990er Jahren schließlich eine global agierende Terrororganisation, deren Anschläge - insbesondere die Angriffe vom 11. September 2001 - vielfach als Ausdruck einer neuen Phase des transnationalen Terrorismus gewertet wurden. Literaturtipps | Etliche Monografien geben einen Überblick über die Geschichte des Terrorismus, wobei unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt werden. Walter Laqueurs Klassiker (Terrorismus. Die globale Herausforderung, Frankfurt am Main Berlin 1987) ist in Teilen überholt. Michael Burleighs Blood & Rage, London 2008 ist gut lesbar, bemüht sich jedoch nicht immer um eine ausgewogene Darstellung. Aktuel‐ lere und kompaktere Einführungen liefern Tobias Hof (Geschichte des Terrorismus. Von der Antike bis zur Gegenwart, Stuttgart 2024) sowie Randall D. Law (Terrorism. A History, Cambridge 3 2024). Wer sich für die historischen Ursprünge des Terrorismus interessiert, dem sei Carola Dietzes fundierte Studie Die Erfindung des Terrorismus in Europa, Russland und den USA 1858-1866, Hamburg 2016 empfohlen. Ebenso bieten die diversen Handbücher einen guten Einstieg und als Nachschlagewerk empfiehlt sich Sean Anderson, Historical Dictionary of Terrorism, Metuchen 1995. Was besagt David C. Rapoports „Wellentheorie“? Ende der 1990er Jahre begann der amerikanische Politikwissenschaftler David C. Rapoport seine sogenannte „Wellentheorie“ des modernen Terro‐ rismus aus dem Bedürfnis heraus zu konzeptualisieren, die Geschichte des modernen Terrorismus systematisch zu strukturieren. Zu diesem Zeitpunkt mangelte es an theoretischen Modellen, die die historische Entwicklung terroristischer Gewalt umfassend und schlüssig dargestellt hätten. In seinem einflussreichen Aufsatz The Four Waves of Modern Terrorism, der 2001 in der Zeitschrift Current History veröffentlicht wurde, argumentierte Rapo‐ port, dass sich der moderne Terrorismus seit dem ausgehenden 19. Jahrhun‐ dert in mehreren aufeinanderfolgenden Wellen entfaltet habe. Diese Wellen, die jeweils etwa vier Jahrzehnte andauern, werden seiner Meinung nach Die Geschichte des Terrorismus 123 <?page no="124"?> von unterschiedlichen ideologischen Strömungen („Energien“) getragen. Er definierte sie folgendermaßen: “A cycle of activity in a given time period characterized by expansion and contraction phases, driven by a common ideology or motivating cause that inspires multiple groups across different regions.” Aus dieser Definition lassen sich drei zentrale Merkmale der „Wellentheo‐ rie“ ableiten. Zum einen folgt jede Welle einem bestimmten zyklischen Verlauf, der sich in Phasen des Aufschwungs, eines Höhepunkts und schließlich eines Niedergangs gliedert. Der Rückgang beginnt in der Regel dann, wenn die eingesetzten Taktiken an Wirksamkeit verlieren, interne Konflikte innerhalb der Bewegungen entstehen oder sich die politischen Rahmenbedingungen grundlegend verändern. Ein weiteres Kennzeichen ist die ideologische Prägung jeder Welle: Jede Phase wird von einer spezifischen Leitidee getragen. Zwar können sich ideologische Motive überschneiden oder vermischen, doch lässt sich für jede Welle eine dominierende ideologische Richtung erkennen. Schließlich weist Rapoport auf die internationale Dimension des Phänomens hin. Obwohl viele der beteiligten Bewegungen lokal oder regional agieren, verbreiten sich ihre Ideen, Strategien und Organisationsformen grenzüberschreitend und entfalten so globale Wirkung. Auf Grundlage dieses Modells identifizierte Rapoport vier zentrale Leit‐ ideen -Anarchismus, Nationalismus und Dekolonisierung, Sozialismus oder Religion - die jeweils eine entsprechende „Welle“ des modernen Terrorismus seit dem späten 19. Jahhunderts prägten: 1. Die anarchistische Welle (1880er-1920er Jahre) Getragen von anarchistischen und nihilistischen Ideen, zielte diese Welle auf die Zerschlagung staatlicher Autoritäten und etablierter Ordnungssysteme. Terroristische Gewalt galt hier als „Propaganda der Tat“, um durch Attentate auf Monarchen, Regierungsvertreter und andere prominente Persönlichkeiten revolutionäre Massenbewegungen auszulösen. Russische Nihilisten, amerikanische, italienische, spanische und französische Anarchisten und sozialrevolutionäre Gruppen wie Narodnaja Wolja („Volkswille“) prägten diese Phase. Technologische Innovationen wie der Einsatz von Dynamit spielten eine zentrale Rolle. 124 Die Geschichte des Terrorismus <?page no="125"?> 2. Die antikoloniale Welle (1920er-1960er Jahre) Diese Welle entstand nach dem Ersten Weltkrieg und beschleunigte sich nach dem Zweiten Weltkrieg. Im Zentrum standen nationale Befrei‐ ungsbewegungen, die Terrorismus als Mittel einsetzten, um gegen die koloniale Herrschaft zu kämpfen. Gewalt wurde als legitim angesehen, um das Selbstbestimmungsrecht der Völker - etwa gestützt auf Wood‐ row Wilsons (1856-1924) „14-Punkte-Programm“ oder die UN-Charta - durchzusetzen. Beispiele sind die IRA, die jüdische Irgun im britischen Mandatsgebiet Palästina und die algerische FLN. 3. Die neue linke Welle (1960er-1980er Jahre) Geprägt von marxistisch-leninistischen Ideen, Antikolonialismus und Antiimperialismus, entstand eine Vielzahl linker terroristischer Grup‐ pen. Der Vietnamkrieg (1955-1975) und antiwestliche Ressentiments lieferten ideologische Begründungen. Organisationen wie die RAF in Deutschland, die Roten Brigaden in Italien, die Japanische Rote Armee oder der Weather Underground in den USA setzten auf internationale Vernetzung. Geiselnahmen, Flugzeugentführungen und Anschläge auf Symbole des Kapitalismus prägten diese Phase. Auch Organisationen, die der PLO zugerechnet wurden, griffen auf vergleichbare Taktiken zurück. Die gezielte Inszenierung von Gewalt zur Erlangung medialer Aufmerksamkeit - begünstigt durch die wachsende Verbreitung des Fernsehens - wurde dabei zu einem zentralen Bestandteil ihrer Strate‐ gie. 4. Die religiöse Welle (seit 1979) Die vierte und bislang längste Welle begann mit der iranischen Revolu‐ tion im Jahr 1979 und der sowjetischen Invasion in Afghanistan. Anders als frühere Bewegungen legitimieren religiös motivierte Gruppen aller großen Glaubensrichtungen ihre Gewalt mit göttlichem Auftrag und Sie sehen die Anwendung terroristischer Mittel als heilige Pflicht an. Anschläge mit vielen Opfern, Selbstmordattentate und global agierende Netzwerke sind typisch. Der 11. September 2001 markierte einen Wen‐ depunkt, der nach Rapoport die globale Reichweite und zerstörerische Kraft dieser Welle verdeutlichte. Heute gilt Rapoports Ansatz als eines der einflussreichsten theoretischen Modelle in der Terrorismusforschung. Sein Konzept bietet sowohl Wissen‐ Die Geschichte des Terrorismus 125 <?page no="126"?> schaftler*innen als auch politischen Entscheidungsträger*innen ein einfa‐ ches Instrument, um die historische Entwicklung terroristischer Gewalt besser zu verstehen. Es ermöglicht - so seine Befürworter*innen - eine analytische Einordnung, wie ideologische Strömungen, gesellschaftliche Missstände und globale Ereignisse den Charakter und den Verlauf politi‐ scher Gewalt prägten und prägen. Angesichts aktueller Entwicklungen wird immer häufiger darüber diskutiert, ob sich mittlerweile eine neue, fünfte Welle des Terrorismus abzeichnet (siehe: Leben wir in einer „fünften Welle“ des Terrorismus? ). Literaturtipps | Im Jahr 2022 veröffentlichte Rapoport seine „Wellen‐ theorie“ erstmals in Buchform: David C Rapoport, Waves of Global Terrorism. From 1879 to the Present, New York 2022. Seine Theorie hat seine Spuren in eienr Vielzahl von Veröffentlichungen zur Geschichte des Terrorismus hinterlassen. Ein gutes Beispiel für diesen Einfluss ist Jean E. Rosenfeld (Hg.), Terrorism, Identity and Legitimacy. The Four Waves Theory and Political Violence, London New York 2011. Welche Kritik wird an der „Wellentheorie“ geäußert? Trotz der großen Bedeutung von Rapoports „Wellentheorie“ für die Terroris‐ musforschung ist sie auch auf Kritik gestoßen, insbesondere von Seiten der Geschichtswissenschaft. Ein zentraler Einwand besteht darin, dass die Theo‐ rie den Einfluss ideologischer Beweggründe möglicherweise überbetont. Terroristische Gewalt ist häufig das Ergebnis komplexer Gemengelagen, in denen neben ideologischen Faktoren - von Rapoport als „energies“ bezeich‐ net - auch ethnische, wirtschaftliche, psychologische und geopolitische Aspekte eine Rolle spielen. Diese vielschichtigen Ursachen lassen sich nicht immer eindeutig einer bestimmten „Welle“ oder einer klaren Leitidee zuordnen. Gerade in der Gegenwart verschwimmen die ideologischen Gren‐ zen zunehmend: Terroristische Gruppen verfolgen oftmals hybride Zielset‐ zungen, in denen politische, religiöse und persönliche Motive miteinander verschmelzen. Diese Vielschichtigkeit erschwert es, vergangene und neue Entwicklungen klar einer einzelnen „Welle“ zuzuordnen. Zudem wird der Theorie eine eurozentrische Perspektive vorgewor‐ fen. Rapoports Darstellung konzentriert sich stark auf Entwicklungen in 126 Die Geschichte des Terrorismus <?page no="127"?> Europa und Nordamerika, insbesondere in den ersten drei „Wellen“. Terro‐ ristische Bewegungen in anderen Weltregionen - etwa in Afrika, Asien oder Lateinamerika - werden hingegen nur am Rande berücksichtigt, obwohl auch dort bedeutende terroristische Dynamiken existierten, die nicht immer in das Schema der vier „Wellen“ passen. Auch die zeitliche Einteilung in Wellen mit einem ungefähren Vier‐ zig-Jahres-Zyklus gilt als problematisch - nicht zuletzt deshalb, weil Ra‐ poport diese zeitliche Dimension selbst teils ignorierte. Die Vorstellung, dass Terrorismus in klar abgegrenzten Zyklen mit einem Aufschwung, Höhepunkt und anschließenden Niedergang verläuft, erscheint oftmals zu schematisch. Tatsächlich überlappen sich verschiedene terroristische Strö‐ mungen häufig zeitlich, und viele Gruppen aus unterschiedlichen „Wellen“ agieren gleichzeitig. Eng damit verknüpft ist auch die Frage nach der Einordnung der „religiösen Welle“. Gemäß dem Modell hätte sich auch diese, wie die vor‐ angegangenen Wellen, nach etwa vier Jahrzehnten abschwächen müssen. Tatsächlich scheint jedoch der religiös motivierte Terrorismus, insbeson‐ dere in seiner salafistisch-dschihadistischen Ausprägung, bis heute eine prägende Erscheinung zu bleiben. Gleichzeitig treten andere Formen terro‐ ristischer Gewalt stärker in den Vordergrund, etwa rechtsextremistischer Terrorismus oder ökologisch motivierte Gewalt. Ein weiterer kritischer Punkt betrifft die Vernachlässigung bestimmter historischer Phänomene im Rahmen der Theorie. Rechtsterrorismus spielt in Rapoports Modell keine eigenständige Rolle, und auch frühere Terroris‐ musformen, wie etwa die Gewaltakte des Ku-Klux-Klans, werden lediglich als lokale Erscheinungen betrachtet und finden somit keinen Eingang in seine Wellentheorie. Dabei übersieht Rapoport, dass bereits im 19. und frühen 20. Jahrhundert transnationale Netzwerke existierten und solche Bewegungen auch international beobachtet wurden und Nachahmer fanden. Literaturtipps | Um einen Überblick über die wichtigsten Kritikpunkte und die Grenzen von Rapoports Theorie zu erhalten, empfehlen sich Tom Parker and Nick Sitter, The Four Horsemen of Terrorism: It’s not Waves, It’s Strains, in: Terrorism and Political Violence 28, Nr. 2 (2016), S. 197-216 sowie Chris Millington, Bad History: A Historian’s Critique of Rapoport’s ‘four waves of modern terrorism’ model, in: Critical Studies on Terrorism 17, Nr.-3 (2024), S.-488-505. Die Geschichte des Terrorismus 127 <?page no="128"?> Leben wir in einer „fünften Welle“ des Terrorismus? Ausgehend von Rapoports einflussreichem Modell, dem zufolge jede Terro‐ rismuswelle etwa vier Jahrzehnte andauert, wird in der Forschung intensiv darüber diskutiert, ob wir heute am Beginn einer „fünften Welle“ des Terrorismus stehen. Da Rapoport die „religiöse Welle“ um 1980 beginnen ließ, wäre etwa um 2020 der Zeitpunkt für den Beginn einer neuen Phase erreicht - geprägt von eigenen ideologischen, politischen und technologi‐ schen Rahmenbedingungen. In der wissenschaftlichen Auseinandersetzung stehen vor allem zwei ver‐ meintlich neue Entwicklungen im Mittelpunkt: Zum einen die Ausbreitung eines transnational agierenden Rechtsterrorismus, zum anderen der Anstieg von Einzeltätern, die unabhängig von festen Strukturen handeln - häufig als „Lone Actor“ oder „Lone Wolf “ bezeichnet. Besonders der rechtsextreme Terrorismus und rassistische Ideologien wie die white supremacy haben in den vergangenen Jahren weltweit an Bedeutung gewonnen. Anschläge wie jene in Christchurch (2019) oder El Paso (2019) zeigen eindrücklich, wie international vernetzt rechtsextreme Täter mittlerweile agieren. Viele dieser Attentäter berufen sich auf ähnliche Ideologien, allen voran auf die Verschwörungserzählung des „Great Replacement“, die einen angeblichen gezielten Bevölkerungsaustausch zu Ungunsten der weißen Mehrheitsge‐ sellschaft thematisiert. Ein besonders auffälliges Kennzeichen dieser neuen Form rechtsextremer Gewalt ist der sogenannte Akzelerationismus. An‐ hänger dieser Strömung glauben, durch gezielte Gewaltakte einen gesell‐ schaftlichen Zusammenbruch herbeiführen zu können, um daraus einen faschistischen Umsturz zu erzwingen. Gruppen wie Atomwaffen Division (AWD) oder The Base gelten als Vertreter dieser Szene. Parallel dazu gewinnt der „Lone Wolf “-Terrorismus zunehmend an Be‐ deutung. Viele Täter handeln dabei ohne organisatorische Einbindung in klassische Terrornetzwerke, radikalisieren sich jedoch über Internetfo‐ ren, soziale Netzwerke oder extremistische Meme-Kulturen. Digitale Platt‐ formen erleichtern nicht nur die weltweite Vernetzung Gleichgesinnter, sondern auch die Verbreitung von Propaganda sowie das Livestreamen von Anschlägen. Ideologisch ist diese neue Form terroristischer Gewalt oft hybrid. Rechtsextreme, islamistische, frauenfeindliche („Incel“-) und ökofaschistische Motive können zunehmend miteinander verschmelzen. Diese Vermischung ist Ausdruck einer sich verstärkenden Fragmentierung politischer Gewalt im digitalen Zeitalter. 128 Die Geschichte des Terrorismus <?page no="129"?> Gleichzeitig werden auch kritische Gegenpositionen formuliert. Einige For‐ scher*innen argumentieren, dass die religiöse Welle keineswegs abgeschlossen sei. Terrororganisationen wie der Islamische Staat oder al-Qaida existieren weiterhin, und auch islamistisch motivierte Anschläge prägen nach wie vor das weltweite Gewaltgeschehen. Zudem sei rechtsterroristische Gewalt historisch keineswegs neu: Bereits in den 1920er Jahren in Deutschland oder im Kontext der „Strategie der Spannung“ in Italien traten rechtsextreme Terrorakteure in Erscheinung. Auch der Ku-Klux-Klan in den USA steht exemplarisch für eine frühe Form des rechtsextremen Terrorismus. Nach dieser Sichtweise handelt es sich bei den aktuellen Entwicklungen also eher um eine Wiederkehr bekannter Muster als um eine klar abgrenzbare neue Welle. Andere Stimmen gehen noch weiter und stellen grundsätzlich infrage, ob das „Wellenmodell“ im 21. Jahrhundert überhaupt noch Anwendung finden kann. Sie sprechen stattdessen von einer „post-Phase“ des Terrorismus, in der verschiedene ideologische Strömungen parallel existieren, ohne dass eine dominante Strömung erkennbar wäre. Terrorismus sei heute vor allem durch Dezentralität, ideologische Hybridisierung und die Dynamik digitaler Radikalisierung geprägt. Anstelle einer klar umrissenen neuen Welle lasse sich eher von einer multipolaren oder fragmentierten Phase sprechen, in der alte und neue Formen der politischen Gewalt ineinander übergehen. Ob wir also tatsächlich in einer „fünften Welle“ leben, bleibt letztlich eine Frage der wissenschaftlichen Perspektive und der Einschätzung der Tragfähigkeit von Rapoports Modell. Befürworter sehen in der aktuellen Entwicklung eine logische Fortsetzung des Konzepts - teilweise auch, um einem der Hauptkritikpunkte an Rapoports Modell entgegenzutreten, nämlich der Vernachlässigung des Rechtsterrorismus. Skeptiker hingegen heben entweder die zunehmende Vielfalt und Wandelbarkeit terroristischer Phänomene hervor oder sprechen sich grundsätzlich gegen eine Anwen‐ dung des Wellenmodells aus. Literaturtipps | Die Idee einer „fünften Welle” vertreten unter anderem Jeffrey Kaplan, Terrorist Groups and the New Tribalism: Terrorism’s Fifth Wave, London 2010; Or Honig und Ido Yahel, A Fifth Wave of Terrorism? The Emergence of Terrorist Semi-States, in: Terrorism and Political Violence 31, Nr. 6 (2019), S. 1210-1228 sowie Vincent A. Auger, Right-Wing Terror: A Fifth Global Wave? In: Perspectives on Terrorism 14, Nr.-3 (2020), S.-87-97. Die Geschichte des Terrorismus 129 <?page no="130"?> Warum ist nach dem Ende des Kalten Kriegs von einem „neuen Terrorismus“ die Rede? Zeitungsüberschriften nach den Anschlägen vom 11. September 2001 evo‐ zierten einen tiefgreifenden Umbruch, eine Zäsur in der Geschichte der Menschheit. „The Day the World Changed” titelte etwa die britische Zeit‐ schrift The Economist. Auch in der Terrorismusforschung meldeten sich zahlreiche Stimmen zu Wort, die 9/ 11 als Wendepunkt interpretierten. Häu‐ fig war dabei vom Beginn - oder zumindest vom endgültigen Durchbruch - eines „neuen Terrorismus“ die Rede. Ursprünglich bezog sich diese Bezeichnung vor allem auf den islamistisch motivierten Terrorismus, findet mittlerweile aber auch auf den Rechtster‐ rorismus Anwendung. Der Begriff „neuer Terrorismus“ wird von Sozialwis‐ senschaftler*innen und politischen Entscheidungsträger*innen genutzt, um wahrgenommene Veränderungen in den Zielen, Motiven und Methoden terroristischer Gewalt zu kennzeichnen. Besonders häufig werden in diesem Zusammenhang fünf zentrale Merkmale hervorgehoben: Erstens, so wird argumentiert, seien viele der heutigen terroristischen Akteure im Gegensatz zu den überwiegend säkularen Ideologien früherer Terrorgruppen (z. B. Nationalismus, Anarchismus, Marxismus) von religiö‐ sen Weltanschauungen geprägt, insbesondere von extremen Auslegun‐ gen des Islam oder Christentums. Organisationen wie al-Qaida oder der IS, aber auch Täter aus dem Umfeld christlich-fundamentalistischer Gruppen wie Dylann Roof (*1994), verstehen ihre Gewalt als göttlichen Auftrag. Ihr Ziel ist dabei weniger die Durchsetzung begrenzter politischer Forderungen, sondern die Verwirklichung spiritueller oder eschatologischer Visionen - etwa die Errichtung eines Kalifats oder die Rückkehr zu einem idealisierten „Goldenen Zeitalter“. Zweitens gilt der „neue Terrorismus“ als deutlich hemmungsloser in der Wahl seiner Mittel: Während frühere Gruppen meist gezielte politische At‐ tentate verübten oder symbolische Gewalt einsetzten, um ihre Botschaften zu verbreiten, setzen neue Täter*innen verstärkt auf massenhafte, wahl‐ lose Gewalt. Im Vordergrund stehen maximale Zerstörung und das mediale Spektakel. Diese Entwicklung wird häufig auf die religiöse Legitimierung solcher Taten zurückgeführt, die eine göttliche Rechtfertigung sowohl für die Tötung von Zivilist*innen als auch für den eigenen Märtyrertod beansprucht. 130 Die Geschichte des Terrorismus <?page no="131"?> Drittens würden zeitgenössische terroristische Gruppen zunehmend in dezentralen, netzwerkartigen Strukturen operieren, anstelle hier‐ archisch organisierter Organisationen. Diese flexible Organisationsform mache sie widerstandsfähiger und schwerer angreifbar, da autonome Zellen unabhängig voneinander agieren können. Wissenschaftler*innen wie Marc Sageman beschrieben Organisationen wie al-Qaida als „führerlose Netz‐ werke“ aus selbstradikalisierten Individuen und Kleingruppen, die primär durch gemeinsame Ideologie verbunden sind. Auch im Rechtsterrorismus würden heute Konzepte wie der „führerlose Widerstand“ und die Figur des „Lone Wolf “ dominieren. Viertens agiere der „neue Terrorismus“ zunehmend transnational. Während klassische Terrorgruppen wie die RAF, die IRA oder die ETA in erster Linie nationale oder regionale Ziele verfolgten, verstehen sich heutige Organisationen häufig als Teil eines globalen Kampfes. Ihr Anspruch reicht von der Umgestaltung ganzer Gesellschaftsordnungen bis hin zu einem universalen religiösen Sendungsbewusstsein, wobei Rekrutierung und Aktionen oft über nationale Grenzen hinausgehen. Fünftens würden heutige Terrorist*innen in hohem Maße digitale Kommunikationsmittel nutzen. Das Internet, soziale Netzwerke und verschlüsselte Messenger-Dienste ermöglichen es, weltweit Anhänger zu rekrutieren, Radikalisierungsprozesse zu steuern und Anschläge zu koor‐ dinieren - teils sogar live zu übertragen. Besonders der IS hat digitale Medien gezielt eingesetzt, um Hinrichtungen zu verbreiten, Märtyrertum zu glorifizieren und seine Ideologie weltweit in mehreren Sprachen publik zu machen. Diese Form digitaler Propaganda ist dabei längst auch im rechts‐ terroristischen Spektrum angekommen wie die Attentate in Christchurch und Hanau belegen. Literaturtipps | Von einem „neuen Terrorismus“ sprechen u. a. Peter R. Neumann, Old and New Terrorism: Late Modernity, Globalization and the Transformation of Political Violence, Cambridge 2009 sowie Stefan Goertz, Der neue Terrorismus: Neue Akteure, Strategien, Taktiken und Mittel, Wiesbaden 2021. Die Geschichte des Terrorismus 131 <?page no="132"?> Ist der „neue Terrorismus“ wirklich „neu“? Die Bezeichnung „neuer Terrorismus“ ist in der akademischen Diskussion umstritten, insbesondere unter Historiker*innen. Richard English und Mar‐ tha Crenshaw warnen davor, die Neuartigkeit terroristischer Erscheinungs‐ formen überzubetonen. Ihrer Ansicht nach überwiegen die Kontinuitäten gegenüber den Unterschieden. Besonders English hebt hervor, dass terroris‐ tische Gewalt - unabhängig davon, ob religiös oder säkular motiviert - stets durch strategische Rationalität geprägt war und ist. Er warnt davor, dass das Etikett „neuer Terrorismus“ zu übersteigerten Bedrohungsszenarien und überzogenen politischen Reaktionen führen könne. Kritiker*innen versuchen, die Argumente der Befürworter des Konzepts unter anderem dadurch zu entkräften, dass sie auf historische Beispiele religiös motivierter Gewalt verweisen. Bereits in der Antike und im Mit‐ telalter agierten Gruppen wie die Sikarier oder die Nizariten mit ähnlichen Motiven. Auch vor Rapoports angeblicher Zäsur im Jahr 1979 gab es religiös begründeten Terrorismus, etwa durch Anhänger von Meir Kahane. Ebenso sei das Streben nach massiver Zerstörung kein neues Phäno‐ men. Bereits um 1900 verübten anarchistische Gruppen Attentate mit hoher Opferzahl. Auch die Bombenanschläge im Rahmen der italienischen „Strategie der Spannung“ oder die Anschläge von Bologna und München im Jahr 1980 belegen, dass exzessive Gewaltanwendung und symbolische Zerstörung schon früher Teil terroristischer Strategien waren. Neu waren stets die technischen Möglichkeiten zur Eskalation der Gewalt - von Pistole und Dynamit zu automatischen Schusswaffen und hochwertigen Bomben -, nicht jedoch das strategische Grundmuster. Auch hinsichtlich der transnationalen Vernetzung und des Einsatzes moderner Kommunikationstechnologien sehen die Kritiker weniger eine fundamentale Neuheit oder gar einen Bruch mit traditionellen Muster als vielmehr eine qualitative Veränderung und Anpassung an neue Möglich‐ keiten. Terroristische Akteure hätten stets versucht, technologische Errun‐ genschaften für ihre Zwecke zu nutzen - sei es Alfred Nobels Dynamit im 19. Jahrhundert oder die frühen Formen des Internets, in denen insbesondere rechtsextreme Akteure von Anfang an aktiv waren. Bereits der Ku-Klux-Klan des 19. Jahrhunderts beobachtete europäische Terrorgruppen aufmerksam und übernahm deren Methoden. In den 1920er Jahren verfolgte der Klan sogar den Aufbau eines globalen „Invisible Em‐ pire“ der „weißen Rasse“ und dachte weit über die Grenzen der USA hinaus. 132 Die Geschichte des Terrorismus <?page no="133"?> Die RAF und die Japanische Rote Armee verstanden sich als Teil eines weltweiten antiimperialistischen Kampfes. Sie pflegten enge Verbindungen zu palästinensischen Organisationen und führten teilweise mit diesen ge‐ meinsame Aktionen durch - oder agierten in deren Namen. Auch vermeintlich neue Ideen, Methoden und Legitimierungsnarrative sind keineswegs neu, sondern greifen häufig auf ältere Traditionen und ideologische Strömungen zurück. So ist etwa das vielzitierte Konzept des „führerlosen Widerstands“ keine Innovation der Gegenwart, sondern eine Strategie, die sich bereits seit den 1960er Jahren schrittweise herausgebildet hat. Ähnliches gilt für die philosophische Denkschule des Akzelerationismus oder die sogenannte „Great Replacement“-Theorie, deren Grundgedanken bereits in den 1970er Jahren formuliert wurden. Letztlich lehnen Kritiker*innen die Bezeichnung „neuer Terrorismus“ ab, weil keine radikale Zäsur stattgefunden habe, sondern ein kontinuierlicher Wandlungsprozess zu beobachten sei, der typisch für terroristische Bewe‐ gungen ist: die Anpassung an veränderte Rahmenbedingungen und die Nutzung jeweils aktueller technologischer Möglichkeiten. Literaturtipps | Einblicke in die Diskussion liefern Isabelle Duyvens‐ teyn, How New is The New Terrorism, in: Studies in Conflict & Terrorism 27, Nr. 5 (2004), S. 439-454 sowie Martha Crenshaw, The Debate over “New” vs. “Old” Terrorism, in: Ibrahim A. Karawan, Wayne McCormack und Stephen E. Reynolds (Hg.), Values and Violence. Intan‐ gible Aspects of Terrorism, Dordrecht 2008, S.-117-136. Was waren die tödlichsten terroristischen Attentate in der Geschichte? Möchte man eine Antwort auf diese Frage finden, so ist zunächst zwi‐ schen direkten und indirekten Auswirkungen terroristischer Gewalt zu unterscheiden. Terroristische Anschläge haben in der Geschichte immer wieder Kriege ausgelöst oder zumindest entscheidend beeinflusst - man denke etwa an das Attentat auf Erzherzog Franz Ferdinand (1863-1914) im Jahr 1914 oder an die Anschläge vom 11. September 2001. Bei den nachfolgenden Beispielen liegt jedoch der Fokus auf den unmittelbaren, direkten Auswirkungen terroristischer Gewalt. Die Geschichte des Terrorismus 133 <?page no="134"?> Auch wenn gerade in den vergangenen Jahrzehnten die Welt zahlreiche Anschläge mit hohen Opferzahlen erlebt hat, wäre es verkürzt und irrefüh‐ rend, den Blick ausschließlich auf die Gegenwart zu richten. Eine solche Perspektive würde nicht nur eine gewisse Einseitigkeit fördern, sondern auch die Vorstellung stützen, es handele sich bei massenhafter Gewalt um ein neuartiges Phänomen. Um dieser Vereinfachung entgegenzuwirken, ist es notwendig, auch frü‐ here Anschläge in den Blick zu nehmen, die - gemessen an den technischen Möglichkeiten ihrer Zeit - große Zerstörungskraft entfalteten. Gerade der historische Kontext ist entscheidend, um das jeweilige Ausmaß der Gewalt und ihre Wirkung angemessen beurteilen zu können. Im Folgenden wer‐ den exemplarisch ausgewählte terroristische Anschläge in chronologischer Reihenfolge vorgestellt. Es handelt sich dabei nicht um eine vollständige Auflistung, sondern um eine bewusst getroffene Auswahl, die ein möglichst breites Spektrum geografischer Herkunft, politischer Kontexte und ideo‐ logischer Hintergründe abbilden soll. Trotz aller Unterschiede eint diese Ereignisse ein zentrales Merkmal: Sie forderten zahlreiche Todesopfer und erschütterten das kollektive Sicherheitsgefühl nachhaltig - sowohl in den direkt betroffenen Gesellschaften als auch international. Anarchistischer und sozialrevolutionärer Terrorismus prägten vor allem das späte 19. und frühe 20.-Jahrhundert, insbesondere in Spanien, Russland und Frankreich. Besonders Barcelona wurde zum Symbol anarchistischer Gewalt. Zwischen 1892 und 1896 erschütterte eine Welle von Bombenan‐ schlägen die Stadt, ausgelöst durch staatliche Repressionen gegen Arbei‐ terproteste. Ein besonders folgenschwerer Anschlag ereignete sich am 7. November 1893, als Santiago Salvador Franch (1864-1894) zwei Bomben während einer Opernaufführung im Gran Teatre del Liceu zündete. Zwi‐ schen 20 und 30 Menschen starben, viele weitere wurden verletzt. 1896 forderte ein weiterer Anschlag während einer Fronleichnamsprozession zwölf Todesopfer und verletzte 44 Personen, darunter Frauen und Kinder. In einer zweiten Welle zwischen 1903 und 1909 folgten über 80 Bombenan‐ schläge allein in Barcelona, was der Stadt international den Namen „Stadt der Bomben“ einbrachte und mehr als 25 Menschen das Leben kostete. Ende Mai 1906 versuchte Mateu Morral (1879-1906) den spanischen König Alfonso XIII. (1886-1941) und seine Frau Victoria Eugenie (1887-1969) zu ermorden; die beiden blieben unverletzt aber die Bombe tötete 24 Personen. In der bulgarischen Hauptstadt Sofia verübten Mitte April 1925 bulgarische 134 Die Geschichte des Terrorismus <?page no="135"?> Kommunisten einen Bombenanschlag auf die Katehdrale Sweta Nedelja, der über 120 Personen tötete und über 500 weitere verletzte. Auch in den USA kam es zu anarchistisch motivierten Anschlägen, insbe‐ sondere im Kontext eskalierender Arbeitskämpfe Ende des 19. Jahrhunderts. Nach einem gescheiterten Bombenanschlag auf den damaligen US-Justiz‐ minister Alexander Mitchell Palmer (1872-1936) im Jahr 1919 folgten die berüchtigten Palmer Razzien, bei denen tausende Anarchist*innen und Sozialist*innen festgenommen wurden. Den bis dahin folgenschwersten An‐ schlag auf amerikanischem Boden konnten diese Maßnahmen jedoch nicht verhindern: Am 16. September 1920 explodierte vor der New Yorker Börse an der Wall Street eine Bombe, die nahezu 40 Menschen das Leben kostete und rund 140 weitere schwer verletzte. Hinter dem Anschlag vermutete man Anhänger des italienischen Anarchisten Luigi Galleani (1861-1931), doch die Täter konnten nie identifiziert oder zur Rechenschaft gezogen werden. Auch in den folgenden Jahrzehnten forderten Bombenanschläge immer wieder zahlreiche Opfer. 1946 verübten jüdische Terroristen der Irgun einen Anschlag auf das King-David-Hotel in Jerusalem, in dem Teile der britischen Mandatsverwaltung untergebracht waren. Dabei wurden 91 Menschen getötet und 46 verletzt. In den 1970er und 1980er Jahren richteten sich Bombenanschläge zuneh‐ mend gegen Flugzeuge, Züge, Banhöfe und andere Verkehrsknotenpunkte. Vor allem zivile Infrastrukturen des internationalen Reise- und Nahverkehrs rückten in den Fokus terroristischer Gruppen, da sie hohe Opferzahlen und weltweite Aufmerksamkeit versprachen. Der tödlichste Anschlag dieser Art war der Angriff auf Air-India-Flug 182 im Jahr 1985, der sich auf dem Weg von Montreal nach Bombay befand: Eine von der terroristischen Sikh-Or‐ ganisation Babbar Khalsa platzierte Kofferbombe detonierte während des Fluges über dem Atlantik. Alle 329 Menschen an Bord - vor allem kanadische und indische Staatsbürger - kamen ums Leben. Nur drei Jahre später, 1988, folgte das Attentat auf Pan-Am-Flug 103 über der schottischen Stadt Lockerbie. Dabei starben 270 Menschen, darunter viele US-Amerikaner. Hinter dem - heute als staatsterroristisch deklarierten - Anschlag steckten libysche Geheimdienstkreise; auch hier kam eine Kofferbombe zum Einsatz. Auch in Europa gerieten Verkehrsinfrastrukturen ins Visier. Der Bom‐ benanschlag auf den Bahnhof von Bologna am 2. August 1980, verübt durch die rechtsextreme Gruppe Nuclei Armati Rivoluzionari (NAR), forderte 85 Todesopfer und über 200 Verletzte. Die Geschichte des Terrorismus 135 <?page no="136"?> Auch in den 1990er Jahren waren Bombenanschläge für die meisten To‐ desopfer terroristischer Gewalt verantwortlich. Besonders verheerend war der Anschlag auf das Alfred-P.-Murrah-Federal-Building in Oklahoma City im Jahr 1995, bei dem 168 Menschen ums Leben kamen. Der rechtsextreme Attentäter Timothy McVeigh wurde dafür im Jahr 2001 hingerichtet. Ebenso erschütternd war der Anschlag in Omagh (Nordirland) im Jahr 1998, bei dem eine Autobombe der Real IRA in einem belebten Einkaufsviertel explodierte und 29 Menschen, darunter mehrere Kinder, tötete. Ebenfalls 1998 verübte al-Qaida Bombenanschläge auf die US-Botschaften in Nairobi (Kenia) und Daressalam (Tansania). Die beiden koordinierten LKW-Bombenexplosionen forderten insgesamt 224 Todesopfer und mar‐ kierten einen ersten großen internationalen Anschlag von al-Qaida, der Osama bin Laden weltweit bekannt machte. Eine besondere Ausnahme bildete der Sarin-Giftgasanschlag auf die Tokioter U-Bahn 1995, verübt von der apokalyptischen Sekte Aum Shinrikyō unter der Führung von Shōkō Asahara (1955-2018). Dabei starben 13 Men‐ schen, mehr als 1.000 wurden verletzt. Der Anschlag verstärkte weltweit die Angst vor möglichen Terroranschlägen mit biologischen, chemischen oder nuklearen Waffen (ABC-Waffen). Zu den folgenreichsten Anschlägen des 21. Jahrhunderts gehören die Anschläge vom 11. September 2001 in den USA. Vier Verkehrsflugzeuge wurden entführt; zwei davon wurden in die Zwillingstürme des World Trade Centers in New York gelenkt, eines traf das Pentagon, das vierte stürzte in Pennsylvania ab, nachdem Passagiere eingegriffen hatten. 2.977 Menschen aus 92 Ländern und die 19 Entführer kamen ums Leben. Am 11. März 2004 verübten islamistische Terroristen die Anschläge auf den Madrider Nahverkehr. Während der morgendlichen Hauptverkehrszeit explodierten zehn Bomben in Pendlerzügen; 193 Menschen starben über 2.000 wurden verletzt. Am 7. Juli 2005 folgten die von al-Qaida organisierten Selbtmorattentate auf den Londoner Nahverkehr, bei denen 56 Menschen ums Leben kamend und 784 Personen verletzt wurden. Im selben Zeitraum intensivierten islamistische Tschetschenen ihre An‐ schläge gegen Russland. Besonders brutal war die Geiselnahme in der Schule von Beslan 2004, bei der über 1.100 Kinder und Erwachsene in die Gewalt der Terroristen gerieten. Der missglückte Befreiungsversuch der russischen Spezialkräfte endete in einem Massaker: Offiziellen Angaben zufolge wur‐ den 331 Geiseln, darunter viele Kinder, getötet. Andere Schätzungen gehen von rund 400 Todesopfern aus. 136 Die Geschichte des Terrorismus <?page no="137"?> In den folgenden Jahren kamen zunehmend Schusswaffen bei terroris‐ tischen Angriffen zum Einsatz, mit dem Ziel, möglichst viele Menschen wahllos zu töten. 2008 etwa verübten Mitglieder der Gruppe Lashkar-e-Taiba die sogenannten Mumbai-Anschläge. Zehn schwer bewaffnete Terrorist*in‐ nen attackierten mit Schußwaffen und Bomben über mehrere Tage hinweg Luxushotels, einen Bahnhof, ein jüdisches Zentrum und Cafés. Insgesamt wurden 166 Menschen getötet. Eines der blutigsten Massaker in Afrika verübte die islamistische Terror‐ gruppe Boko Haram 2015 in und um die nigerianische Stadt Baga. Mehr als 2.000 Menschen wurden dabei ermordet, auch wenn genaue Opferzahlen schwer festzustellen sind. In Pakistan sorgte der Angriff auf die Army Public School in Peshawar 2014 für Entsetzen. Terroristen der Tehrik-i-Taliban Pakistan drangen in die Schule ein und töteten 149 Menschen, darunter 132 Kinder. Ein Jahr später, im November 2015, forderte eine Anschlagserie der Terrororganisation IS in Paris 130 Todesopfer. Im selben Jahr führte al-Shabaab einen bewaffneten Angriff auf das Garissa University College in Nairobi durch, bei dem 148 Personen getötet wurden. Im Oktober 2017 tötete die Gruppe mit einer Bombe mindestens 320 Menschen in Mogadischu. Eine besonders grausame Dimension erreichte die terroristische Gewalt mit dem Völkermord an den Jesiden, der 2014 in der irakischen Region Sindschar begann. Der IS ermordete systematisch jesidische Männer, ver‐ schleppte Frauen und Kinder zur Versklavung und versuchte, die gesamte Gemeinschaft auszulöschen. Die Vereinten Nationen stuften diese Verbre‐ chen offiziell als Völkermord ein. Mehr als 5.000 Menschen wurden getötet. Schließlich erschütterten seit dem Beginn des 21. Jahrhunderts auch wieder vermehrt rechtsterroristische Anschläge die Welt. Im Jahr 2011 tötete Anders Breivik in Norwegen insgesamt 77 Menschen, die meisten von ihnen Jugendliche. 2019 folgte das rassistisch motivierte Attentat auf zwei Moscheen in Christchurch (Neuseeland), verübt von Brenton Tarrant, bei dem 51 Menschen starben. Die Geschichte des Terrorismus 137 <?page no="139"?> Bedeutende terroristische Gruppen der Gegenwart Terroristische Gruppen prägen in vielfältiger Weise die sicherheitspo‐ litischen Debatten der Gegenwart. Dieses Kapitel stellt ausgewählte Organisationen vor, analysiert ihre Ideologien, Strukturen und Aktions‐ formen und ordnet sie in regionale sowie globale Kontexte ein. <?page no="140"?> Wer ist al-Qaida? Die salafistisch-dschihadistische Organisation al-Qaida entstand in den 1980er Jahren im Kontext des afghanischen Widerstands gegen die sowje‐ tische Besatzung. Unter der Führung von Abdallah Azzam (1941-1989), Osama bin Laden und Ayman al-Zawahiri (1951-2022) wurde 1984 in Peschawar eine Anlaufstelle für islamische Kämpfer geschaffen. Diese zog zahlreiche Freiwillige an, die aus ideologischen oder abenteuerlichen Moti‐ ven am Kampf gegen die Sowjets teilnehmen wollten. Die offizielle Grün‐ dung al-Qaidas im Jahr 1988 war das Ergebnis dreier zentraler Erkenntnisse: die Effektivität asymmetrischer Kriegsführung, die Rückkehr radikalisierter Kämpfer in ihre Heimatländer und der Wunsch, eine globale Organisation zur Verteidigung der Muslime zu schaffen. Uneinigkeit bestand darüber, ob der Fokus auf den „nahen Feind“ (säkulare arabische Regime) oder den „fernen Feind“ (Westen, v. a. USA) gelegt werden sollte. Nach der Ermordung Azzams 1989 setzte sich die Position gegen den Westen durch. Nach dem sowjetischen Abzug aus Afghanistan 1989 etablierte sich bin Laden, vor allem durch arabische Medien, als Symbolfigur des erfolgreichen Dschihad gegen die Sowjets. Als der Irak 1990 Kuwait besetzte, bot bin Laden der saudischen Regierung militärische Hilfe an. Diese lehnte ab und setzte stattdessen auf Unterstützung durch die USA. Nach dem Sieg der westlichen Koalition warf bin Laden dem saudischen Königshaus vor, Ungläubige ins Land der heiligen Stätten gebracht zu haben. Aufgrund seiner zunehmenden Radikalisierung wurde er aus Saudi-Arabien ausgewiesen. Im Sudan errichtete er ein Bauunternehmen, das zur finanziellen Unterstüt‐ zung von al-Qaida beitrug. Von dort aus koordinierte er erste Anschläge auf US-Ziele - Ausdruck seiner wachsenden Feindseligkeit gegenüber der zuneh‐ menden Präsenz der USA in der islamischen Welt. 1996 musste bin Laden den Sudan verlassen und fand Zuflucht bei den Taliban in Afghanistan. Dort errichtete er ein Netz von Ausbildungslagern und rief zum globalen Kampf gegen die USA auf. Seine Propaganda verband religiöse Legitimierung mit politischen Gräuelvorwürfen - etwa der Unterstützung Israels oder der Irak-Sanktionen. So etablierte er ein Opfernarrativ, das die muslimische Welt als unterdrückt darstellte und den bewaffneten Widerstand rechtfertigte. Al-Qaida verübte mehrere Anschläge, darunter 1998 auf US-Botschaften in Afrika, 2000 auf die USS Cole und 2001 die Anschläge vom 11. September, bei denen fast 3.000 Menschen starben. Diese sollten laut bin Laden den USA wirtschaftlich und psychologisch massiv schaden. Infolge der Angriffe 140 Bedeutende terroristische Gruppen der Gegenwart <?page no="141"?> begannen die USA unter Präsident George W. Bush (*1946) mit einer globalen Anti-Terror-Strategie. Trotz militärischer Rückschläge blieb al-Qaida aktiv, da es zunehmend als loses Netzwerk operierte. Lokale Gruppen wie Jemaah Islamiyah in Indonesien oder Kämpfer in Tschetschenien wurden inspiriert oder indirekt unterstützt. Die Ideologie al-Qaidas gewann insbesondere durch die westlichen Re‐ aktionen auf den Terror - etwa den Irakkrieg oder Folterskandale - an Zulauf. Al-Qaida verstand es, Marginalisierungserfahrungen in westlichen Gesellschaften auszunutzen und neue Mitglieder zu gewinnen, wie die Anschläge in Madrid (2004) und London (2005) zeigten. Dabei reichte häufig eine ideologische Verbindung, ohne direkten Befehl von der Führung. Trotz zunehmender Gewalt gegen Muslime selbst, etwa bei Anschlägen in Ägypten, Irak oder Pakistan, hielt die Organisation an ihrer extremistischen Linie fest. Doch spätestens ab 2008 ließ die Unterstützung nach. Der Tod bin Ladens 2011 durch US-Spezialkräfte war ein wichtiger Einschnitt. Zwar existierte al-Qaida weiter, doch verlor die Organisation an Einfluss - nicht zuletzt aufgrund innerislamischer Kritik, strategischer Fehler und der zunehmenden Attraktivität anderer Gruppen wie dem Islamischen Staat. Das heutige operative Modell der al-Qaida stützt sich stark auf ihre Franchise-Organisationen, zu deren bekanntesten die al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP), die al-Qaida im Islamischen Maghreb (AQIM) und die hauptsächlich in Somalia ansässige al-Shabaab gehören, die erst 2012 al-Qaida beitrat. Diese Zweigorganisationen arbeiten halbautonom und passen ihre Strategien an die lokalen Gegebenheiten an, während sie sich ideologisch den übergeordneten Zielen von al-Qaida verpflichtet fühlen. In jüngster Zeit hat al-Qaida den Schwerpunkt auf eine langfristige Strategie des Aufstands, der Infiltration von Gemeinschaften und der all‐ mählichen Kontrolle von Gebieten und Bevölkerungen gelegt, insbesondere in schwachen oder gescheiterten Staaten. Diese Verschiebung spiegelt eine strategische Neukalibrierung wider, die darauf abzielt, lokale Legitimität aufzubauen, sich in Konfliktzonen einzubetten und die Gegenreaktion zu vermeiden, die öffentlichkeitswirksame Terroranschläge oft auslösen. Literatur- und Linktipps | Zu al-Qaida sind Jason Burke, Al-Qaida: Wurzeln, Geschichte, Organisation, Düsseldorf 2004; Fawaz A. Gerges, The Rise and Fall of Al-Qaeda, Oxford 2011 sowie Anne Stenersen, Al-Qaida in Afghanistan, Cambridge 2017 einschlägig. Bedeutende terroristische Gruppen der Gegenwart 141 <?page no="142"?> Wer ist die Atomwaffen Division? Die Atomwaffen Division (AWD) ist eine neonazistische Terrororganisation, die 2015 in den Vereinigten Staaten von Brandon Russell (*1955) gegründet wurde. Die Gruppe ging aus dem White-Supremacist-Forum Iron March hervor, einem inzwischen nicht mehr existierenden Online-Zentrum für gewalttätige akzelerationistische Ideologien. Besonders nach der „Unite the Right“-Kundgebung 2017 in Charlottesville verzeichnete sie ein deutliches Wachstum. AWD organisierte paramilitärische Trainingscamps, in denen Mitglieder - häufig unter Beteiligung ehemaliger Soldaten - auf einen heiligen „Rassenkrieg“ vorbereitet wurden. Von den USA aus expandierte die Organisation rasch nach Kanada, die Ukraine, ins Baltikum, nach Russland und Deutschland. Die Ideologie der AWD vereint neonazistische Weltbilder mit apoka‐ lyptischem Akzelerationismus, Antisemitismus und der Vorstellung einer weißen Vorherrschaft. Sie bezieht sich unmittelbar auf die Schriften von James Mason (*1952), insbesondere auf dessen Newsletter Siege (1980-1986), in dem er eine gewaltsame Revolution fordert, um den Zusammenbruch demokratischer Gesellschaften herbeizuführen und stattdessen einen na‐ tionalsozialistischen Staat zu errichten. Mason war jahrzehntelang in der rechtsextremen Szene der USA aktiv und gehörte in den 1980er Jahren der National Socialist Liberation Front an, die den bewaffneten Umsturz des politischen Systems durch terroristische Akte propagierte. Die AWD verehrte Täter wie Timothy McVeigh, Dylann Roof und Anders Breivik und vertrat - ausgehend von Masons Schriften - die Überzeugung, westliche Regierungen seien durch und durch korrupt. Durch die gezielte Eskalation gesellschaftlicher Konflikte soll das bestehende System zum Einsturz gebracht und der Weg für ein „Viertes Reich“ bereitet werden. Gewalt wurde dabei als einziges Mittel angesehen, um eine apokalyptische „ethnische Säuberung“ zu erzwingen und der als chaotisch empfundenen modernen Welt eine neue, totalitäre Ordnung aufzuzwingen. Die AWD fördert den „führerlosen Widerstand“ und den Einzelkämpferterrorismus und ermutigt kleine Zellen oder Einzelpersonen, gewalttätige Angriffe gegen vermeintliche Feinde wie Juden, People of Color, LGBTQ+-Personen und Regierungsbeamte zu verüben. Die AWD wurde mit mehreren gewalttätigen Vorfällen in Nordamerika in Verbindung gebracht, darunter Morde, die zwischen 2017 und 2020 von ihren Mitgliedern begangen wurden oder an denen sie beteiligt waren. Als 142 Bedeutende terroristische Gruppen der Gegenwart <?page no="143"?> Reaktion auf die wachsende Bedrohung begann das US-Justizministerium im Jahr 2020 mit einer Razzia gegen die AWD, die zu mehreren Verhaftungen und Verurteilungen von wichtigen Mitgliedern führte. Im gleichen Jahr kam es zu einer Spaltung innerhalb der AWD, da einige Mitglieder zunehmend satanistischen Ideen anhingen. Dies führte zur Gründung der National Socialist Order, die Symbole und Ideologie des okkulten Netzwerks O9A übernahm. Obwohl die AWD offiziell für aufgelöst erklärt wurde, wirkt ihr Ein‐ fluss weltweit nach. Sie inspirierte zahlreiche weitere rechtsextreme Ter‐ rorzellen, darunter die neopagane-satanistische Sonnenkrieg Division, die 2016 von Andrew Dymock (*1997) im Vereinigten Königreich gegründet wurde. Ebenso ist die Feuerkrieg Division zu nennen, die 2017 von einem 13-jährigen Jungen in Estland gegründet wurde und sich seither zu einem transnationalen Netzwerk entwickelt hat. Literatur- und Linktipps | Zur AWD liegen vor allem Aufsätze und Internetressourcen vor. Einen guten Überblick über die Gruppe bietet Jacob Ware, Siege: The Atomwaffen Division and Rising Far-Right Ter‐ rorism in the United States, 2019, https: / / icct.nl/ publication/ siege-atom waffen-division-and-rising-far-right-terrorism-united-states. Den Ein‐ fluss von James Mason behandelt ausführlich Spencer Sunshine, Neo-Nazi Terrorism and Countercultural Fascism: The Origins and Af‐ terlife of James Mason’s ‘Siege’, London 2024. Wer steht hinter der Gruppe The Base? Die Organisation The Base ist eine neonazistische und akzelerationistische Gruppe, die 2018 in den USA von Rinaldo Nazzaro (*1973) gegründet wurde. Nazzaro, ein früherer Auftragnehmer des Pentagon, dem Verbindungen zum FBI nachgesagt wurden, geriet später im Kontext des Ukrainekriegs unter Verdacht, als möglicher Einflussagent für Russland zu agieren. Im Juli 2025 behauptete die Gruppe, für die Tötung eines ukrainischen Nachrich‐ tenoffiziers verantwortlich zu sein. Sie bekennt sich offen zur Ideologie der militanten weißen Vorherrschaft und propagiert gewalttätigen Extremismus mit dem Ziel, einen rassisch „reinen“ Ethnostaat zu errichten. Bedeutende terroristische Gruppen der Gegenwart 143 <?page no="144"?> Mittels einer paramilitärischen Ausbildung möchte The Base seine Mit‐ glieder auf einen bewaffneten Aufstand und einen „Rassenkrieg“ vorberei‐ ten und sie für gewaltsame Aktionen gegen Minderheiten, Regierungsver‐ treter*innen und vermeintliche Feinde der „weißen Rasse“ trainieren. Sie agiert als loses Netzwerk autonomer Zellen, insbesondere in den USA, Kanada und weiteren Ländern. Zur Koordination ihrer Aktivitäten bedie‐ nen sie sich verschlüsselter Kommunikationsplattformen, über die auch Waffenwissen und Kampferfahrung ausgetauscht werden. Zudem bestehen enge Verbindungen zu den ebenfalls extremistischen Gruppen Feuerkrieg Division und Sonnenkrieg Division. Ihre Mitglieder waren in verschiedene Anschlagspläne involviert, darun‐ ter Vorhaben zur Ermordung politischer Gegner und zur Durchführung groß angelegter Gewalttaten. Die Organisation legt großen Wert auf konspirati‐ ves Verhalten: Mitglieder werden zur Nutzung von Tarnidentitäten und zu strikter Geheimhaltung angehalten. Kanada, Großbritannien und die Europäische Union stuften The Base als terroristische Gruppe ein. Zahlreiche Mitglieder wurden weltweit ver‐ haftet und unter anderem wegen Verschwörung zu Gewalttaten, illegalem Waffenbesitz und Hassverbrechen angeklagt. Sicherheitsbehörden sehen in der Gruppierung ein Teilphänomen des wachsenden rechtsextremen Spek‐ trums, das durch seine Gewaltbereitschaft und terroristischen Absichten eine erhebliche Gefahr darstellt. Während der zweiten Amtszeit Donald Trumps war ein Wiedererstarken der Gruppe zu beobachten. Wie andere rechtsterroristische und -extremistische Organisation versuchte sie, von der allgemeinen politischen Polarisierung und dem Rechtsruck in den USA zu profitieren. Linktipp | Insbesondere Zeitungsartikel und Think Tanks befassen sich mit der Gruppe The Base - eine akademische Monografie liegt noch nicht vor. Einen Überblick bietet unter anderem https: / / www.counterex tremism.com/ supremacy/ base. Wer ist Boko Haram? In Nigeria sowie in den angrenzenden Regionen von Tschad, Niger und Kamerun ist die islamistische Gruppe Boko Haram aktiv, die im Jahr 144 Bedeutende terroristische Gruppen der Gegenwart <?page no="145"?> 2002 von Mohammed Yusuf (1970-2009) gegründet wurde. Yusuf kam 2009 während eines Aufstands der Gruppe ums Leben - ein Ereignis, das erstmals internationale Aufmerksamkeit auf Boko Haram lenkte. Unter der Führung seines Nachfolgers Abubakar Shekau (1973-2021) etablierte die Organisation anschließend eine Machtbasis im Norden Nigerias. Zwischen 2015 und 2016 bekannte sie sich offiziell zum IS. Die Allianz wurde aber rasch wieder aufgegeben, da Boko Haram den Alleinvertretungsanspruch des damaligen IS-Anführers Abu Bakr al-Baghdadis (1971-2019) grundle‐ gend ablehnte. Seitdem strebt Boko Haram danach, in der nördlichen Region in Nigeria und den angrenzenden Gebieten einen islamistischen, auf der Scharia basierenden Staat aufzubauen. Einzig eine Gruppe um Abu Musab al-Barnawi, bekannt unter dem Akronym ISWAP (Islamischer Staat - Westafrika Provinz), hielt weiterhin aus persönlichen, religiösen und strategischen Gründen an der Allianz mit dem IS fest und spaltete sich von Boko Haram ab. In ihren Aktionen weist Boko Haram einige Parallelen zu Guerillaorga‐ nisationen im Allgemeinen und zu den Taliban in Afghanistan im Speziellen auf. Im Gegensatz zu al-Qaida und dem IS konzentriert sich Boko Haram auf die eigene Region und ist bislang noch nicht als global agierendes Netzwerk in Erscheinung getreten. Im Westen ist die Gruppe deshalb vor allem aufgrund der Ermordung von Christen und Muslimen, der Entführung hunderter Schulkinder im Jahr 2014 und der Tötung von Missionaren bekannt geworden. In den bewaffneten Auseinandersetzungen mit den Truppen Nigerias und seinen Verbündeten sind Schätzungen zufolge bis zu 35.000 Menschen getötet worden. Zudem befinden sich etwa zwei Millionen Menschen auf der Flucht, um den Kämpfen und dem Fanatismus der Boko Haram zu entkommen. 2021 töteten Mitglieder der Gruppe ISWAP auf Befehl des IS den Anführer von Boko Haram, Shekau. ISWAP unter der Führung von al-Barnawi konnte aber seine Position als stärkste islamistische Terrororganisation der Region nur für begrenzte Zeit behaupten. Im Jahr 2023 gelang es Boko Haram, sich unter dem neuen Anführer Bakura Doro, der sich nach internen Machtkämpfen durch‐ gesetzt hatte, neu zu formieren. In anschließenden Gefechten mit ISWAP errang Boko Haram etliche militärischen Erfolge und eroberte mehrere ISWAP-Stützpunkte am Tschadsee, auch wenn die schweren Kämpfe in den folgenden Monaten weiter andauerten. Bedeutende terroristische Gruppen der Gegenwart 145 <?page no="146"?> Literaturtipps | Empfohlen seien Alexander Thurston, Boko Haram: The History of an African Jihadist Movement, Princeton Oxford 2018 sowie Jacob Zenn, Unmasking Boko Haram: Explorign Global Jihad in Nigeria, Boulder London 2020. Wer ist die Hamas? Im Jahr 1987 gründete Scheich Ahmad Yassin (1936-2004) die sunnitisch-is‐ lamistische Hamas, die sich in der Tradition der Muslimbruderschaft be‐ wusst als eine Massenbewegung verstand und sich gegen die PLO und gegen Israel wandte. Die Hamas erklärte, dass Allah ganz Palästina den Muslimen gegeben habe, und sprach dem israelischen Staat jegliche Existenzberech‐ tigung ab. Anders als die PLO lehnte die Hamas jegliche Verhandlungen mit Israel kategorisch ab. Von anderen Dschihadisten wurde die Hamas wiederum für ihre Fixierung auf das Schicksal der Palästinenser scharf kritisiert und es wurde ihr vorgehalten, die globale Strategie zugunsten einer nationalen verraten zu haben. Unterschieden sich die Ziele von Hamas und PLO - hier die Schaffung eines islamistischen Staates, dort die Etablierung eines säkularen Staates -, so glichen sich die Aktionen der beiden Organisationen zunächst. Während der Ersten Intifada (1987-1993) kämpfte die Hamas an der Seite der PLO und anderer palästinensischer Organisationen gegen Israel. 1993 änderte die Hamas ihre Taktik und setzte erstmals Selbstmordattentate gegen israe‐ lische Soldat*innen ein, eine Taktik, die in den folgenden Jahren stetig an Bedeutung gewinnen sollte. Die Hamas rechtfertigte diesen Wandel damit, dass es die einzige Möglichkeit sei, um die Überlegenheit der israelischen Armee auszugleichen. Während der Zweiten Intifada (2000-2005) baute die Hamas ihre Position in den palästinensischen Gebieten zusehends aus und nahm auch vermehrt Einfluss auf den Verlauf der bewaffneten Auseinandersetzung. Im Gegensatz zur Ersten Intifada führte die Hamas nun zahlreiche terroristische Aktionen durch, wobei sie ihre Angriffe auch auf israelische Zivilist*innen ausdehnte und diese als Vergeltungsaktionen für die Tötung von Palästinenser*innen rechtfertigte. Da die Hamas nicht wie die PLO bemüht war, Sympathien in der weltweiten Öffentlichkeit für sich zu gewinnen, untergruben diese Anschläge gegen Zivilist*innen auch nicht ihre Strategie. 146 Bedeutende terroristische Gruppen der Gegenwart <?page no="147"?> Im Jahr 2006 nahm die Hamas - entgegen ihrer ursprünglichen Linie - an den Nationalratswahlen in den palästinensischen Autonomiegebieten teil und gewann die Mehrheit der Sitze. Bereits ein Jahr später führten bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen im Gazastreifen dazu, dass sie sich gewaltsam gegen die säkulare PLO durchsetzte und die alleinige Kontrolle über das Gebiet übernahm. Ihr erklärtes Ziel, einen eigenen Staat zu errichten, verfolgt die Hamas seither weiterhin - unter Einsatz sowohl politischer als auch terroristischer Mittel. Sie etablierte dabei eine Parteistruktur, humanitäre Hilfsorganisationen sowie paramilitärische und terroristische Einheiten. Der bewaffnete Kampf gegen Israel gilt ihr als heilige Pflicht, richtet sich inzwischen jedoch zunehmend auch gegen Teile der eigenen Bevölkerung im Gazastreifen, insbesondere gegen jene, die sich gegen ihre Machtkonzentration, autoritäre Herrschaft und Korruption wenden. Am 7. Oktober 2023 verübte die Hamas einen groß angelegten Angriff gegen Israel, bei dem 1.233 Zivilist*innen und Soldat*innen getötet und mehrere hundert Geiseln genommen wurden. Israel reagierte mit massiven Militäroperationen im Gazastreifen, unterstützt von weiten Teilen der inter‐ nationalen Gemeinschaft. Mit zunehmender Dauer der Kampfhandlungen und den hohen zivilen Opferzahlen unter der palästinensischen Bevölke‐ rung wuchs jedoch national als auch international die Kritik am israelischen Vorgehen. Der ehemalige Premierminister Ehud Barak (*1942) warf Benja‐ min Netanjahu vor, selbst zur Stärkung der Hamas beigetragen zu haben, um die PLO und insbesondere die Fatah zu schwächen - mit dem Ziel, eine Zwei-Staaten-Lösung zu untergraben. Während er die Menschenrechts‐ verletzung der Regierung Netanjahu kritisierte, verglichen internationale Beobachter das israelische Vorgehen teilweise mit ethnischen Säuberungen oder einem Genozid. Im November 2024 erließ der Internationale Strafge‐ richtshof Haftbefehle unter anderem gegen Premierminister Netanjahu, dem Kriegsverbrechen sowie weitere Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen werden, darunter das systematische Aushungern als Kriegs‐ taktik, Mord und Verfolgung. Besonders seit der erneuten Eskalation im Frühsommer 2025 liegen Berichte vor, darunter auch ein EU-Bericht, der in sehr diplomatischer Form von Belegen für Kriegsverbrechen spricht. Die Zahl der Todesopfer durch Israels Luftangriffe und Bodenoperationen im Gazastreifen zwischen Oktober 2023 und Ende Juni 2024 wird nach wissenschaftlichen Auswertungen vorliegender Daten auf etwa 55.000 bis 78.500 Menschen geschätzt. Welche politischen, diplomatischen oder sicher‐ Bedeutende terroristische Gruppen der Gegenwart 147 <?page no="148"?> heitspolitischen Konsequenzen sich daraus ergeben werden, ist derzeit noch unklar. Es ist jedoch wahrscheinlich, dass die Entwicklungen langfristig extremistischen Gruppen zusätzlichen Zulauf verschaffen könnten. Literaturtipps | Eine Einführung in die Geschichte und Ziele der Hamas bieten Beverley Milton-Edwards und Stephen Farrell, Hamas: The Quest for Power, Cambridge 2024 sowie Joseph Croitoru: Die Hamas: Herrschaft über Gaza, Krieg gegen Israel, München 2024. Wer ist die Hisbollah? Die schiitische Hisbollah oder „Partei Gottes“ gründete sich im von Israel besetzten Südlibanon im Jahr 1982, um gegen die israelische Besatzung sowie die Stationierung amerikanischer, französischer und italienischer Soldaten im Land zu kämpfen. Vorläufer der Hisbollah hatten bereits am 18. April 1982 einen Bombenanschlag auf die US-Botschaft in Beirut verübt, bei dem 63 Personen starben und über 120 verletzt wurden. In den folgenden Jahren intensivierte die Hisbollah ihre Terrorkampagne gegen ausländische Personen, vor allem Amerikaner. Neben Geiselnahmen und Entführungen - zu nennen wären unter anderem die Fälle David S. Dodge (1922-2009) und William F. Buckley (1928-1985) - führte sie auch weiterhin Anschläge gegen im Libanon stationierte amerikanische und europäische Militärs aus. So tötete die Hisbollah am 23. Oktober 1983 241 US-Marines und 58 französische Soldaten. Mit derartigen Aktionen konnte sie zumindest kurzfristig Erfolge erzielen: Im Februar 1984 gab US-Präsident Ronald Reagan den Abzug der US-Truppen bekannt. Ebenso führte die Hisbollah Selbstmordattentate gegen Israel durch und gab diese Taktik erst in den 1990er Jahren wieder auf. Ins Visier der Hisbollah gerieten aber nicht nur Ausländer, sondern ihre Gewalt richtete sich vor allem gegen Libanesen, denen sie eine Kollaboration mit den Besatzungsmächten und damit einen Verrat am Islam anlasteten. Im September 1982 töteten sie durch eine Autobombe den gewählten libanesischen Präsidenten Bachir Gemayel (1947-1982). Schätzungen gehen davon aus, dass die Hisbollah in dem fast 15-jährigen libanesischen Bürgerkrieg (1975-1990), der beinahe 90.000 Menschen das Leben kostete, etwa 8.000 Menschen tötete, die große Mehrheit davon waren Libanesen. 148 Bedeutende terroristische Gruppen der Gegenwart <?page no="149"?> Trotz der hohen Opferzahlen waren die Gewaltakte der Hisbollah alles andere als willkürlich. Gezielt wurden angebliche Feinde eines unabhängi‐ gen, schiitischen Libanon ins Visier genommen. Ideologisch richtet sich die Hisbollah an den Grundsätzen der Wilayat al-Faqih (Vormundschaft des islamischen Rechtsgelehrten) aus und unterhält enge Beziehungen zur Islamischen Republik Iran, die ihr in Bezug auf Finanzierung, Ausbildung und strategische Führung als wichtigster Förderer dient. Das iranische Regime versucht wiederum über die Hisbollah seine eigenen strategischen Interessen in der Region durchzusetzen, ohne direkt intervenieren zu müs‐ sen. Militärisch verfügt die Gruppe heute über einen gut organisierten bewaff‐ neten Flügel, der von einigen Analysten für schlagkräftiger gehalten wird als die libanesische Nationalarmee. Die Hisbollah war zudem stark in den syrischen Bürgerkrieg involviert, wo sie an der Seite des Regimes von Bashar al-Assad (*1965) kämpfte, und steht nach wie vor in Feindschaft zu Israel, mit dem sie mehrere bewaffnete Konflikte ausgetragen hat, vor allem im Jahr 2006 und zuletzt 2024-2025. Innenpolitisch agiert die Hisbollah als wichtige politische Partei inner‐ halb des konfessionell geprägten Systems der Machtteilung im Libanon und kontrolliert Ministerien, Parlamentssitze und umfangreiche soziale Dienstleistungsnetze. Diese doppelte Identität - sowohl als politischer als auch als militanter Akteur - hat dazu beigetragen, dass die internationale Bezeichnung der Hisbollah unklar ist. Während die Vereinigten Staaten, die EU und der Golf-Kooperationsrat die Hisbollah (ganz oder teilweise) als terroristische Organisation einstufen, erkennen andere Staaten und internationale Organisationen ihre politische und soziale Dimension an. Literaturtipps | Einführungen in die Geschichte der Hisbollah bieten Judith P. Harik, Hezbollah: The Changing Face of Terrorism, London 2004: James J. Worrall, Hezbollah: From Islamic Resistance to Govern‐ ment, Santa Barbara 2016; Bashir Saade, Hizbullah and the Politics of Remembrance: Writing the Lebanese Nation, New York Cambridge 2016 sowie Hadi Wahab, Hezbollah: A Regional Armed Non-State Actor, London 2022. Bedeutende terroristische Gruppen der Gegenwart 149 <?page no="150"?> Wer ist der Islamische Staat (IS)? Die Ursprünge des Islamischen Staates (IS) lassen sich auf die islamistische Gruppierung Dschamaʿat at-Tauḥīd wa-l-Dschihād zurückführen, die 1999 von Abu Musab az-Zarqawi (1966-2006) in Jordanien gegründet wurde. Ihr ursprüngliches Ziel war der Sturz des jordanischen Königshauses und die Errichtung eines islamistischen Staates. Schon früh suchte Zarqawi die Nähe zu al-Qaida, um von deren Ressourcen zu profitieren. Im Gegenzug erhoffte sich Osama bin Laden eine stärkere Verankerung seiner Organisation unter Jordaniern und Palästinensern. Die Gruppe erhielt ein Ausbildungslager in Afghanistan, musste dieses jedoch nach der US-geführten Invasion 2001 verlassen und verlagerte ihre Aktivitäten in den Irak. Mit dem Beginn des Irakkriegs 2003 nutzte Zarqawi das entstehende Machtvakuum zur Ausweitung seiner Aktivitäten. 2004 schwor er bin Laden die Treue, womit seine Gruppe zum offiziellen al-Qaida-Ableger im Irak wurde (al-Qaida im Irak). Zarqawi verfolgte eine radikale Eskalationsstrate‐ gie durch gezielte Angriffe auf schiitische Heiligtümer, in der Hoffnung, Ver‐ geltungsschläge zu provozieren und sich als Schutzmacht der sunnitischen Bevölkerung zu profilieren. Die daraus resultierende sektiererische Gewalt trieb das Land in einen Bürgerkrieg. Doch Zarqawis Vorgehen erwies sich als strategisch problematisch: Die sunnitische Mehrheit im Irak lehnte seine Brutalität zunehmend ab, und 2006 wurde er durch einen US-Luftangriff getötet. Trotz seiner Tötung bestand die Gruppe weiter, nannte sich nun Isla‐ mischer Staat im Irak (ISI) und geriet zunächst ins Hintertreffen. Unter neuen Anführern verlor sie an Einfluss und Territorium, bis der syrische Bürgerkrieg und der „Arabische Frühling“ ab 2011 neue Gelegenheiten eröffneten. Der neue Anführer, Abu Bakr al-Baghdadi, entsandte Abu Muhammad al-Dschaulani (*1982) nach Syrien, der dort die al-Nusra-Front gründete - eine der erfolgreichsten Rebellengruppen im Kampf gegen das Assad-Regime und später Teil der Interimsregierung in Syrien nach dem Sturz von Assad. Bald kam es jedoch zu Spannungen zwischen ISI und al-Nusra sowie zwischen ISI und al-Qaida selbst. Al-Qaida kritisierte das brutale Vorgehen des ISI gegenüber Zivilist*innen und Schiit*innen als kontraproduktiv und trennte sich im Jahr 2014 vom ISI. Baghdadi erklärte daraufhin die Gründung des Islamischen Staates im Irak und Syrien (ISIS), der sich bald darauf nur noch Islamischer Staat nannte. Die Organisation nahm in kurzer Zeit weite Teile Syriens und des 150 Bedeutende terroristische Gruppen der Gegenwart <?page no="151"?> Irak ein. Sie proklamierte ein „Kalifat“ und versuchte, staatliche Strukturen aufzubauen - mit eigener Verwaltung, Justiz, Infrastruktur und einem um‐ fassenden Sozialwesen. IS wurde so zur reichsten und territorial stärksten Terrororganisation der Geschichte. Die Gruppe übte nicht nur lokalen Terror aus, sondern nutzte insbesondere soziale Medien und propagandistische Schriften, um international Kämpfer zu rekrutieren. Viele dieser ausländi‐ schen Anhänger waren junge Muslime aus westlichen Ländern, die sich entfremdet fühlten und in der Ideologie des IS einen Sinn fanden. Parallel zu den Kämpfen in Syrien und im Irak kam es zu zahlreichen Terroranschlägen weltweit, unter anderem in Paris, Berlin, London, Istanbul und Beirut. Oftmals standen die Täter nicht in direktem Kontakt mit der IS-Führung, fühlten sich aber ideologisch verbunden. Diese Anschläge dien‐ ten der globalen Machtdemonstration des IS, schürten Angst im Westen und führten zu verschärften Sicherheitsmaßnahmen. Die ungleiche Reaktion auf Anschläge im Westen und in muslimisch geprägten Regionen vertiefte das Gefühl der Ausgrenzung bei vielen Muslimen, was wiederum zu weiterer Radikalisierung führte. Trotz des territorialen Niedergangs ab 2017 und der Tötung Baghdadis im Jahr 2019 bleibt der IS als dezentrales Netzwerk aktiv. Die Gruppe agiert hybrid - als Guerilla, Terrororganisation und Pseudostaat - und entzieht sich damit klaren analytischen Kategorien. Die Behauptung, der IS sei voll‐ ständig besiegt, wie von der US-Regierung 2020 verkündet, erweist sich als voreilig. Vielmehr bleibt der IS eine komplexe sicherheitspolitische Heraus‐ forderung mit globaler Reichweite. IS hat sich zu einer zersplitterten, aber widerstandsfähigen Einheit entwickelt, die in erster Linie durch klandestine Zellen in verschiedenen Regionen, darunter im Nahen Osten, in Nord- und Westafrika sowie in Zentral- und Südasien, operiert. Einer der aktivsten und gefährlichsten Zweige der Gruppe ist heute der Islamische Staat - Provinz Khorasan (IS-PK), die eine beachtliche Präsenz in Afghanistan, Pakistan und Teilen Zentralasiens aufgebaut hat. IS-PK ist für zahlreiche Anschläge verantwortlich, die häufig Zivilist*innen, religiöse Minderheiten und staatliche Einrichtungen zum Ziel haben, und wird von regionalen und internationalen Akteuren als wachsende Sicherheitsherausforderung angesehen. Bedeutende terroristische Gruppen der Gegenwart 151 <?page no="152"?> Literaturtipps | Einen guten Überblick über den IS bieten - trotz seiner Nähe zur US-Regierung - Daniel Byman, Al Qaeda, the Islamic State, and the global jihadist movement: what everyone needs to know, Oxford 2015; Fawaz A. Gerges, ISIS: A History, Princeton 2016 sowie Simon Mabon, The Origins of ISIS: The Collapse of Nations and Revolution in the Middle East, London New York 2017. 152 Bedeutende terroristische Gruppen der Gegenwart <?page no="153"?> Anti-Terrorismus-Politik und Terrorismusbekämpfung Maßnahmen zur Terrorismusbekämpfung sind längst zu einem festen Bestandteil staatlicher Politik geworden - doch wie wird genau ge‐ gen Terrorismus vorgegangen? Dieses Kapitel untersucht Strategien, Akteure und Instrumente der Anti-Terror-Politik im nationalen und internationalen Kontext. Im Fokus stehen dabei auch die Grauzonen zwischen Sicherheit und Freiheit sowie der umstrittene „War on Terror“. <?page no="154"?> Welche Formen der Anti-Terrorismus-Politik gibt es? Anti-Terrorismus-Politik umfasst sämtliche staatlichen, institutionellen und gesellschaftlichen Maßnahmen, die darauf abzielen, terroristische Gewalt zu verhindern, zu bekämpfen und ihre Folgen zu bewältigen. Sie ist ein zen‐ trales Element moderner Sicherheitspolitik und bewegt sich in Staaten mit freiheitlich-demokratischer Grundordnung stets in einem Spannungsfeld zwischen dem Schutz der öffentlichen Sicherheit und der Wahrung demo‐ kratischer Grundrechte. Dabei ist der Begriff selbst keineswegs eindeutig definiert, sondern umfasst ein breites Spektrum an Strategien, Instrumenten und politischen Konzepten, die je nach Bedrohungslage, politischem System und rechtlichem Rahmen unterschiedlich ausgestaltet sein können. Politikwissenschaftler*innen haben eine Reihe von Modellen entwickelt, um die von demokratischen Regierungen angewandten Strategien zur Terrorismusbekämpfung zu klassifizieren und zu bewerten. Ein weithin akzeptierter Rahmen unterscheidet zwischen zwei Haupttypen von Maß‐ nahmen: kommunikative bzw. präventive und repressive Reaktionen. Kommunikative Maßnahmen zielen darauf ab, die Ursachen des Terrorismus zu bekämpfen, indem sie auf seine ideologischen und soziopo‐ litischen Rechtfertigungsstrategien abzielen. Diese Ansätze konzentrieren sich darauf, die öffentliche Unterstützung für terroristische Akteure durch Reformen in Bereichen wie Bildung, Beschäftigung, soziale Gerechtigkeit und politische Integration zu verringern. Ziel ist es, wenn möglich gar präventiv, die Missstände und Bedingungen zu beseitigen, die eine Radi‐ kalisierung begünstigen können. Darüber hinaus können kommunikative Strategien auch psychologische Operationen, Bemühungen um öffentliche Botschaften zur Delegitimierung terroristischer Narrative, Dialoge oder Verhandlungen mit terroristischen Gruppierungen sowie Gesetzesinitiati‐ ven zur Wiedereingliederung und Rehabilitation - beispielsweise Amnestie- oder Deradikalisierungsprogramme (siehe Frage zu Countering Violent Extremism) - umfassen. Diese Maßnahmen wirken in erster Linie, indem sie sowohl die eigentlichen Ursachen als auch die breiteren gesellschaftlichen Symptome des Terrorismus angehen. Am anderen Ende des Spektrums konzentrieren sich die repressiven Maßnahmen auf die unmittelbare Eindämmung und Abschreckung. Dazu gehören die Verabschiedung von speziellen Anti-Terrorismus-Gesetzen, der Ausbau der Überwachungsmöglichkeiten, die Erweiterung der Befug‐ nisse und des Zuständigkeitsbereichs der Strafverfolgungsbehörden, die 154 Anti-Terrorismus-Politik und Terrorismusbekämpfung <?page no="155"?> Entsendung von Militär- oder Spezialeinheiten und der Bau von Hochsicher‐ heitsgefängnissen. Mit diesen Maßnahmen sollen bestehende Bedrohungen neutralisiert und künftige Anschläge verhindert werden. Wissenschaftler*innen unterteilen repressive Strategien häufig in zwei Untermodelle: das „Strafrechtsmodell“, bei dem Terrorismus als rechtli‐ ches Problem behandelt wird, das mit Hilfe von Gerichten und Strafver‐ folgungsbehörden zu lösen ist, und das „Kriegsmodell“, bei dem Terroris‐ mus als kriegerischer Akt betrachtet wird, der militärische Maßnahmen erfordert. Je nach Art und Intensität der Bedrohung können Regierungen zwischen diesen Modellen hin- und herpendeln oder sie miteinander kom‐ binieren. Das Verständnis dieser unterschiedlichen Ansätze ist zentral für die Entwicklung effektiver Strategien zur Terrorismusbekämpfung. Ein rein sicherheitsfixierter, repressiver Zugriff greift meist zu kurz, weil er die politischen, gesellschaftlichen und ideologischen Ursachen terroristischer Gewalt ausblendet. Erst eine umfassendere Perspektive - die auch strategi‐ sche Motive, symbolische Kommunikation und legitimatorische Narrative der Täter berücksichtigt - ermöglicht eine differenzierte und langfristig wirkungsvolle Antwort auf das Phänomen politisch motivierter Gewalt. Literaturtipps | Gute thematische Einführungen in die Breite der Anti-Terrorismus-Politik sind Johannes Hürter (Hg.), Terrorismusbe‐ kämpfung in Westeuropa: Demokratie und Sicherheit in den 1970er und 1980er Jahren, München 2015; Andrew Silke (Hg.), Routledge Handbook of Terrorism and Counterterrorism, London 2018 sowie Ronald Crelins‐ ten, Terrorism, Democracy, and Human Security: A Communication Model, Oxford 2021. Für den deutschen Kontext vgl. auch Klaus Wein‐ hauer, Jörg Requate und Heinz-Gerhard Haupt (Hg.), Terrorismus in der Bundesrepublik. Medien, Staat und Subkulturen in den 1970er Jahren, Frankfurt 2006. Für die Prozesse gegen Terrorist*innen vgl. Beatrice de Graaf und Alex P. Schmid (Hg.), Terrorist on Trial: A Performative Perspective, Leiden 2016. Anti-Terrorismus-Politik und Terrorismusbekämpfung 155 <?page no="156"?> Mit welchen Problemen sind demokratische Rechtsstaaten bei der Terrorismusbekämpfung konfrontiert? Demokratische Staaten müssen ein Gleichgewicht zwischen dem Schutz der öffentlichen Sicherheit und der Wahrung der bürgerlichen Freiheiten finden - ein Spannungsverhältnis, das den Kern der Terrorismusbekämpfung in offenen Gesellschaften bildet. Wissenschaftler*innen unterschiedlicher Dis‐ ziplinen haben verschiedene Richtlinien aufgestellt, die ein demokratischer Rechtsstaat bei der Auswahl und Ausgestaltung der Anti-Terrorismus-Stra‐ tegie berücksichtigen sollte. Dem Politologen Peter Chalk (*1967) zufolge muss die Antwort auf die terroristische Herausforderung erstens glaubhaft sein, zweitens zeitlich und operativ begrenzt und drittens stets unter parla‐ mentarischer Kontrolle erfolgen. Der deutsche Soziologe Peter Waldman setzt in seinen Überlegungen andere Schwerpunkte. Seiner Meinung nach ist es essenziell, gegen jede potenzielle terroristische Bedrohung schnell repressiv vorzugehen und die Terrorist*innen zu isolieren sowie jegliche zeitlichen und räumlichen Freizonen für ihre Reorganisation zu unterbinden. Außerdem müsse ihnen die symbolische und propagandistische Bühne streitig gemacht werden. Und schließlich sei es wichtig, den Terrorist*innen im Strafvollzug keinen Sonderstatus einzuräumen, diese zu isolieren und ihnen individuelle Mög‐ lichkeiten zum Ausstieg aufzuzeigen. Ziel dieser Vorschläge ist es, das Dilemma für rechtsstaatliche Demo‐ kratien zu minimieren und eine Balance zwischen „Wirksamkeit“ und „rechtsstaatlicher Akzeptanz“ zu finden. Autoritäre Staaten unterliegen diesen Beschränkungen nicht - sie können ihrerseits Gewalt anwenden, um Widerstände brutal zu unterdrücken. Erschwert wird die Suche nach einem Mittelweg zwischen den beiden Zielvorgaben zusätzlich dadurch, dass der Begriff „Rechtsstaat“ zwar - wie der Terrorismusbegriff - in der öffentlichen Diskussion weit verbreitet, seine Verwendung jedoch oftmals ungenau und generell umstritten ist. Der Staatsrechtler Ernst-Wolfgang Böckenförde (1930-2019) formulierte folgende Definition: „Der Rechtsstaat richtet sich seinem Grund-Sinn nach auf die Begrenzung und Eingrenzung staatlicher Macht und Herrschaft im Interesse der Freiheit des Einzelnen bzw. der Verwirklichung materiellen Rechts, der Primat des Rechts gegenüber der Politik erscheint als immer wiederkehrendes Postulat rechtsstaat‐ lichen Denkens.“ (Piazolo: Rechtsstaat) 156 Anti-Terrorismus-Politik und Terrorismusbekämpfung <?page no="157"?> Aus dieser Definition wird ersichtlich, dass die Rechtsstaatlichkeit zum einen die Handlungsstruktur des Staates und zum anderen das vom ihm zu verfolgende Ziel bestimmt. Es wird deswegen zwischen einem formellen (Struktur) und einem materiellen (Ziel) Rechtsstaatsbegriff unterschieden. Neben diesen eher abstrakten Überlegungen spielt auch die konkrete ver‐ fassungsrechtliche Ausgestaltung eines Staates eine zentrale Rolle. Verschie‐ dene Staatsverfassungen eröffnen unterschiedliche Handlungsspielräume im Umgang mit Terrorismus. Während beispielsweise in Deutschland das Grundgesetz den Einsatz des Militärs im Inneren weitgehend verbietet, eine klare Trennung zwischen Geheimdiensten und Polizei vorschreibt und zudem föderale Kompetenzabgrenzungen existieren, sind diese Grenzen in anderen Ländern wie Italien oder den USA weniger strikt. In den Vereinigten Staaten etwa vereint das FBI geheimdienstliche und polizeiliche Aufgaben in einer Behörde und kann entsprechend flexibel agieren. Literaturtipps | Einblicke in das Dilemma bieten Peter Chalk, West European Terrorism and Counter-Terrorism. The Evolving Dynamic, London 1996; Peter Waldmann (Hg.), Determinanten des Terrorismus, Weilerswist ²2008; Gabriele Metzger u. a. (Hg.), Terrorismusbekämpfung in Europa im Spannungsfeld zwischen Freiheit und Sicherheit. Histori‐ sche Erfahrungen und aktuelle Herausforderungen, Baden-Baden 2019 oder auch Tom Parker, Avoiding the Terrorist Trap. Why Respect for Human Rights is the Key to Defeating Terrorism, London 2019. Historische Einblicke bieten Matthias Dahlke, Demokratischer Staat und transnationaler Terrorismus. Drei Wege zur Unnachgiebigkeit in Westeurop, 1972-1975, München 2011; Tobias Hof, Staat und Terroris‐ mus in Italien, 1969-1982, München 2011; Beatrice de Graaf, Evalua‐ ting Counterterrorism Performance. A Comparative Study, Hoboken 2011; Klaus Weinhauer, Staatsmacht ohne Grenzen? Innere Sicherheit, „Terrorismus“-Bekämpfung und die bundesdeutsche Gesellschaft der 1970er Jahre, in: Susanne Krasmann und Jürgen Martschukat (Hg.), Rationalitäten der Gewalt: Staatliche Neuordnungen vom 19. bis zum 21.-Jahrhundert, Bielefeld 2015, S.-215-238. Anti-Terrorismus-Politik und Terrorismusbekämpfung 157 <?page no="158"?> Welche Formen der Terrorismusbekämpfung sind erfolgreich? Mit dieser Frage setzen sich Wissenschaftler*innen bereits seit Generationen auseinander - nicht zuletzt, weil viele von ihnen auch als Politikberater tätig sind oder einem öffentlichen Bedürfnis nach schnellen Antworten insbesondere nach schweren Anschlägen begegnen wollen. Eine pauschale Antwort darauf zu geben, ist jedoch kaum möglich, da die Wirksamkeit von Anti-Terror-Maßnahmen stets von der konkreten Art der Bedrohung und den jeweiligen sozio-politischen Rahmenbedingungen abhängt. Eine allgemeingültige Formel, die in allen Situationen anwendbar wäre, existiert schlichtweg nicht. Historische Beispiele belegen, dass sich unter bestimmten nationalstaat‐ lichen Rahmenbedingungen insbesondere vier Strategien im Kampf gegen den Terrorismus als wirksam erwiesen haben. Entscheidend für den Erfolg war zunächst stets die systematische Informationsgewinnung über die betreffenden terroristischen Organisationen - ihre Ideologien und Zielset‐ zungen, ihre Rekrutierungspraktiken sowie ihre operativen Strukturen und Netzwerke. Ohne dieses Wissen wären präzise und effektive Maßnahmen kaum realisierbar gewesen. Dabei gibt es grundsätzlich drei Methoden, mit denen die Informationen gesammelt werden können: Human Intelligence (menschliche Quellen), Signal Intelligence (elektronische Überwachung) und Open Source Intelligence (offen zugängliche Informationen). Gerade in rechtsstaatlichen Demokratien stellt die Informationsgewinnung aber eine besondere Herausforderung dar, da hier stets ein sensibles Gleichge‐ wicht zwischen dem Schutz der öffentlichen Sicherheit und der Wahrung individueller Freiheitsrechte aufrechterhalten werden muss. Ein zentrales Erfolgsmuster bestand vielfach in einer flexiblen Doppel‐ strategie: Zum einen wurde konsequent strafrechtlich gegen terroristische Akteure vorgegangen, zum anderen zeigte der Staat Bereitschaft zur geziel‐ ten Reintegration ehemals gewaltbereiter Individuen. Ein erster Baustein dieser Strategie war die Einrichtung spezialisierter Sondereinheiten, die unabhängig von den traditionellen Hierarchien der Sicherheitsbehörden operierten. Diese Einheiten vereinten nachrichtendienstliche mit polizeili‐ chen Aufgaben, um schnell und flexibel auf Bedrohungen reagieren zu können. Voraussetzung für ihre Legitimität ist jedoch eine strikte parlamen‐ tarische Kontrolle - ohne diese drohen Verfassungsgrundsätze ausgehöhlt 158 Anti-Terrorismus-Politik und Terrorismusbekämpfung <?page no="159"?> zu werden. Für die Bundesrepublik Deutschland wären solche Strukturen in ihrer reinen Form indes nicht mit dem Grundgesetz vereinbar. Ein zweiter, ergänzender Aspekt war die Kombination von Deradikali‐ sierungsmaßnahmen (CVE) mit der Einführung von Kronzeugenrege‐ lungen. Letztere ermöglichten nicht nur wichtige Einblicke in das Innenle‐ ben terroristischer Gruppen, sondern förderten auch deren gesellschaftliche Isolierung. Zentral war hierbei auch die Idee, ausstiegswilligen Extremist*in‐ nen eine frühzeitige und glaubwürdig Reintegration zu ermöglichen. Den‐ noch muss auch bei dieser Strategie die rechtsstaatliche Integrität gewahrt bleiben, um nicht den Eindruck selektiver Strafmilderung oder ungerechter Behandlung zu erwecken. Schließlich ging es im Kampf gegen den Terrorismus nicht nur um die physische Bekämpfung bewaffneter Gruppierungen, sondern ebenso um den „Kampf um die öffentliche Meinung“. Ein Staat kann nur dann erfolgreich gegen Terrorismus vorgehen, wenn es ihm gelingt, das Vertrauen der eigenen Bevölkerung zu erhalten oder zurückzugewinnen und die Gewalt der terroristischen Gruppen zu deligitimieren. Dafür ist es essenziell, staatliche Glaubwürdigkeit und Handlungskompetenz unter Beweis zu stellen. Gelingt dies, sind Bürger*innen oftmals bereit, temporäre Einschränkungen ihrer Grundrechte hinzunehmen - selbst dann, wenn solche Maßnahmen vor einer Eskalation der Bedrohungslage noch auf breite Ablehnung gestoßen wären. Welche Kooperation bei der Terrorismusbekämpfung existiert auf internationaler Ebene? Die internationale Zusammenarbeit in der Terrorismusbekämpfung hat sich seit den 1970er Jahren erheblich intensiviert. Ein früher und bedeutender Schritt war die Gründung der TREVI-Gruppe (Terrorism, Radicalism, Extremism and International Violence) im Jahr 1976 durch die Mitglied‐ staaten der damaligen Europäischen Gemeinschaft. TREVI diente als infor‐ melles Forum zum Austausch von Informationen und zur Koordinierung der Sicherheitsbehörden in Reaktion auf die zunehmenden terroristischen Bedrohungen durch Gruppierungen wie die PFLP, RAF oder die IRA. Ob‐ wohl die Gruppe ursprünglich außerhalb der offiziellen EWG-Institutionen operierte, legte sie den Grundstein für die spätere sicherheitspolitische Zusammenarbeit innerhalb der EU. Anti-Terrorismus-Politik und Terrorismusbekämpfung 159 <?page no="160"?> Mit dem Vertrag von Maastricht (1992) und vor allem nach den Anschlä‐ gen vom 11. September 2001 wurden die Maßnahmen zur internationalen Terrorismusbekämpfung erheblich ausgeweitet. Auf europäischer Ebene entstand unter anderem Europol, die Europäische Polizeibehörde, mit einer Spezialeinheit für Terrorismusbekämpfung, sowie das Gemeinsame Lage‐ zentrum der EU (INTCEN), das sicherheitsrelevante Analysen liefert. Auch Eurojust, die EU-Agentur für justizielle Zusammenarbeit, spielt bei der grenzüberschreitenden Strafverfolgung eine zentrale Rolle. In globalem Maßstab arbeiten Staaten bei der Terrorismusbekämpfung im Rahmen der Vereinten Nationen zusammen - insbesondere durch das Counter-Terrorism Committee Executive Directorate (CTED), das mit der Umsetzung und Überwachung zentraler Resolutionen wie der Resolution 1373 (2001) betraut ist. Ergänzend dazu leisten internationale Organisationen wie Interpol wichtige Beiträge durch den Austausch von Informationen, die Bereitstellung von Datenbanken sowie die internationale Koordination von Fahndungsmaßnahmen. Ein bedeutender technischer Fortschritt war dabei die Einführung der Mobile Interpol Network Da‐ tabase (MIND) und der Fixed Interpol Network Database (FIND) im Jahr 2005. Diese Systeme ermöglichen es, Reisedokumente wie Pässe in Echtzeit mit den Interpol-Datenbanken abzugleichen - etwa bei der Einreise an Flughäfen oder Grenzstationen. Neben dieser multilateralen Zusammenarbeit bestehen zahlreiche bila‐ terale und regionale Kooperationsformate. Besonders hervorzuheben ist die Geheimdienst-Allianz der Five Eyes (USA, Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland), die einen intensiven Austausch sicherheitsre‐ levanter Informationen pflegt. Auch regionale Zusammenschlüsse wie die Counter-Terrorism Working Group des Verbands Südostasiatischer Natio‐ nen verfolgen das Ziel, koordinierte Strategien gegen Extremismus und Terrorismus zu entwickeln und umzusetzen. Trotz dieser vielfältigen Bemühungen steht die internationale Zusam‐ menarbeit vor strukturellen Herausforderungen. Der Austausch sensibler Informationen ist oft durch unterschiedliche Datenschutzstandards, recht‐ liche Rahmenbedingungen oder politische Vorbehalte erschwert. Hinzu kommt, dass innere Sicherheit und die Arbeit der Nachrichtendienste tradi‐ tionell als Kernbereiche nationaler Souveränität gelten und daher besonders geschützt werden. Dennoch hat sich die grenzüberschreitende Kooperation in einer zunehmend vernetzten Welt als zentraler Baustein einer wirksamen 160 Anti-Terrorismus-Politik und Terrorismusbekämpfung <?page no="161"?> Terrorismusbekämpfung etabliert -, gerade weil terroristische Netzwerke oftmals selbst keine nationalen Grenzen kennen. Literaturtipps | Gute Einblicke in die unterschiedlichen Facetten bieten unter anderem Christian Kaunert, The European Union as a global counter-terrorism actor, Cheltenham 2022; Stuart Casey-Maslen, Inter‐ national Counterterrorism Law, Cambridge 2024 sowie Sagnik Dutta u. a. (Hg.), Global Counter-Terrorism. A Decolonial Approach, Manches‐ ter 2025. Zu TREVI vgl. die Studie von Eva Oberloskamp, Codename TREVI. Terrorismusbekämpfung und die Anfänge einer europäischen Innenpolitik in den 1970er Jahren, München 2016. Was ist der „War on Terror“? Der „War on Terror“ bezeichnet die internationale militärische und poli‐ tische Kampagne, die von den USA und ihren Verbündeten nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 ins Leben gerufen wurde. Unter Präsident George W. Bush gestartet, zielte sie zunächst darauf ab, globale Terrororganisationen - insbesondere al-Qaida - zu zerschlagen und weitere Anschläge auf westlichem Boden zu verhindern. Schnell entwickelte sich daraus ein weltumspannender Einsatz, der militärische Interventionen, Geheimdienstkooperationen, Anti-Terror-Gesetze und Überwachungsmaß‐ nahmen umfasste. Die erste große militärische Operation war der Einmarsch in Afghanis‐ tan im Oktober 2001 (Operation Enduring Freedom), mit dem Ziel, das Taliban-Regime zu stürzen, das al-Qaida Unterschlupf gewährt hatte. 2003 folgte die Invasion des Irak (Operation Iraqi Freedom), gestützt auf die Unterstellungen, Saddam Hussein (1937-2006) verfüge über Massenvernich‐ tungswaffen und habe Verbindungen zum Terrorismus - Behauptungen, die später weitgehend widerlegt wurden. Der Irakkrieg entwickelte sich zu einem der umstrittensten Abschnitte im „War on Terror“ und gilt vielfach als Wendepunkt in der Aushöhlung des internationalen Völkerrechts. Weitere Maßnahmen innerhalb dieser globalen Strategie umfassten unter anderem den Einsatz von Drohnenangriffen in Ländern wie Pakistan und dem Jemen, Programme zur Festnahme und Folter mutmaßlicher Terrorist*innen - etwa Anti-Terrorismus-Politik und Terrorismusbekämpfung 161 <?page no="162"?> im umstrittenen Gefangenenlager Guantánamo Bay - sowie umfassende Kooperationen mit Regierungen weltweit. Die menschlichen Kosten dieses Kriegs sind enorm. In Afghanistan, im Irak und anderen betroffenen Regionen kamen Hunderttausende Zivili‐ stinnen ums Leben. Tausende Soldat*innen der internationalen Koalition verloren ihr Leben, und Millionen Menschen wurden durch Krieg und Gewalt zur Flucht gezwungen. Die finanziellen Belastungen summieren sich auf mehrere Billionen US-Dollar. Der „War on Terror“ bleibt hoch umstritten. Kritiker*innen werfen den beteiligten Staaten schwerwiegende Menschenrechtsverletzungen vor, ver‐ weisen auf die Destabilisierung ganzer Weltregionen und die Entstehung neuer terroristischer Gruppen wie den IS. Nicht zuletzt wird infrage gestellt, ob es überhaupt möglich oder sinnvoll ist, einen Krieg gegen ein abstraktes Konzept wie den „Terrorismus“ zu führen. So wurde das Narrativ „Wir befinden uns im Krieg“ zur rhetorischen Grundlage einer teils dauerhaft militärisch legitimierten Sicherheitspolitik. Auch über zwei Jahrzehnte nach Beginn bleibt die Bilanz des Kriegs gegen den Terror ambivalent - und wirft grundlegende Fragen zum Verhältnis von Freiheit und Sicherheit sowie zu den langfristigen Folgen militärischer Interventionen auf. Literaturtipps | Als Einstieg seien empfohlen David Holloway, 9/ 11 and the War on Terror, Edinburgh 2008 sowie Mohammed Ayoob und Etga Ugur (Hg.), Assessing the War on Terror, Boulder 2013. Eine kritische Perspektive findet sich in Arbeiten der CTS sowie im Sammelband Satvinder S. Juss (Hg.), Beyond Human Rights and the War on Terror, London 2019. Was versteht man unter Deradikalisierung bzw. Countering Violent Extremism (CVE)? Countering Violent Extremism (CVE) umfasst eine Vielzahl von Strategien, theoretischen Konzepten und praktischen Ansätzen zur Bekämpfung von gewalttätigem Extremismus. Dazu zählen insbesondere Maßnahmen zur Deradikalisierung und Reintegration von Personen, die in terrroristische Gewalt involviert waren. In der wissenschaftlichen Debatte wird hierbei zwischen Disengagement, Deradikalisierung und Rehabilitation unterschie‐ 162 Anti-Terrorismus-Politik und Terrorismusbekämpfung <?page no="163"?> den - Begriffe, die zwar häufig synonym verwendet werden, jedoch unter‐ schiedliche Prozesse bezeichnen: Während Disengagement vor allem eine Verhaltensänderung im Sinne des Verzichts auf Gewalt beschreibt, geht es bei Deradikalisierung um einen kognitiven Wandel, bei dem extremisti‐ sche Ideologien aktiv abgelehnt werden. Rehabilitation wiederum meint die umfassende Wiedereingliederung ehemaliger Extremist*innen in die Gesellschaft. Seit den frühen 2000er Jahren rückten Deradikalisierungsprogramme (DRPs) verstärkt in den Fokus politischer Bemühungen, um der wachsen‐ den Bedrohung durch den salafistisch-dschihadistischen Terrorismus zu begegnen. Obwohl viele dieser Programme vor allem auf islamistischen Extremismus ausgerichtet sind, lassen sich die Ansätze auch auf rechts‐ extreme, linksextreme oder ethnonationalistische Formen terroristischer Gewalt übertragen. Ähnlich wie bei allgemeinen Anti-Terrorismus-Strategien existiert jedoch kein universell gültiges Modell, da Radikalisierungsprozesse stets individu‐ ell und kontextabhängig verlaufen. Ziel vieler Maßnahmen ist es, extremis‐ tische Radikalisierungs- und Legitimierungsnarrative gezielt zu widerlegen. Nach Ansicht von Farah Pandith bedarf es hierfür insbesondere eines pro‐ aktiven Ansatzes, der auf den Aufbau widerstandsfähiger Gemeinschaften setzt. Sie betont dabei die zentrale Rolle von Bildung, der Einbindung und Förderung junger Menschen sowie die Stärkung inklusiver Identitäten als entscheidende Faktoren, um Radikalisierung vorzubeugen und nachhaltige Deradikalisierungsprozesse zu ermöglichen. Deradikalisierungsprogramme lassen sich grob in drei Kategorien glie‐ dern: ideologische, psychologische und soziale Ansätze. Ideologische Programme setzen auf die Infragestellung extremistischer Weltbilder durch religiöse oder weltanschauliche Aufklärung, häufig unter Einbin‐ dung anerkannter Theologen oder Gelehrter. Psychologische Programme adressieren individuelle Faktoren wie persönliche Traumata, emotionale Belastungen oder psychische Dispositionen, die eine Rolle im Radikalisie‐ rungsprozess gespielt haben könnten. Soziale Programme wiederum legen den Schwerpunkt auf das soziale Umfeld der Betroffenen und versuchen, durch die Förderung stabiler familiärer und gesellschaftlicher Bindungen Alternativen zu extremistischen Netzwerken zu schaffen. Die Wirksamkeit solcher Programme bleibt schwer messbar. Rückfall‐ quoten werden zwar oft als Indikator herangezogen, liefern jedoch kein verlässliches Bild über den tatsächlichen ideologischen Wandel bei den Anti-Terrorismus-Politik und Terrorismusbekämpfung 163 <?page no="164"?> Teilnehmer*innen. Zudem beeinflussen politische Interessen häufig die Be‐ wertung solcher Programme. Erfolgreiche Programme sind in der Regel an die politischen, kulturellen und sozialen Gegebenheiten vor Ort angepasst. Ansätze in Ländern wie Saudi-Arabien oder Indonesien unterscheiden sich daher grundlegend von Programmen in europäischen oder afrikanischen Kontexten. Zugleich müssen ethische Fragen berücksichtigt werden, darun‐ ter die Wahrung der Freiwilligkeit, der Schutz individueller Rechte und der Schutz vor Stigmatisierung. Besonders wirkungsvoll sind Maßnahmen, wenn sie individuell ausge‐ richtet sind und auf die enge Kooperation zwischen staatlichen Akteuren, zivilgesellschaftlichen Organisationen und glaubwürdigen Stimmen ehema‐ liger Extremist*innen setzen. Langfristige Begleitung und Unterstützung sind essenziell, um Rückfällen vorzubeugen. Farah Pandith unterstreicht zudem die Bedeutung eines frühzeitigen Eingreifens und des Engagements in der Gemeinschaft, um das Fortschreiten von Extremismus zu Terroris‐ mus zu verhindern. Die zunehmende Bedeutung des digitalen Raums bei Radikalisierungsprozessen macht es erforderlich, dass CVE-Akteure neue, kreative Ansätze entwickeln und verstärkt mit Technologieunternehmen sowie zivilgesellschaftlichen Organisationen kooperieren. Literaturtipps | Farah Pandiths, How we win: how cutting-edge entre‐ preneurs, political visionaries, enlightened business leaders, and social media mavens can defeat the extremist threat, New York 2019 bietet praxisorientierte Einblicke in die Thematik während unter anderem der Sammelband von Daniel Köhler (Hg.), Understanding Deradicalization. Methods, Tools and Programs for Countering Violent Extremism, Lon‐ don: Routledge 2016 mehr eine akademische Perspektive einnimmt. Soll mit Terrorist*innen verhandelt werden? Die Frage, ob mit Terrorist*innen verhandelt werden soll, ist seit jeher Gegenstand kontroverser politischer und ethischer Debatten. Sie lässt sich nicht pauschal beantworten, sondern ist stark vom jeweiligen historischen, politischen und gesellschaftlichen Kontext abhängig. Viele Staaten vertreten öffentlich den Standpunkt, dass jegliche Form der Verhandlung mit terroris‐ tischen Gruppen deren Legitimität erhöhe, Nachahmungseffekte begünstige 164 Anti-Terrorismus-Politik und Terrorismusbekämpfung <?page no="165"?> und somit langfristig mehr Gewalt provozieren könnte. Kritiker*innen argumentieren zudem, dass dadurch ein gefährlicher Präzedenzfall geschaf‐ fen werde: Gewalt werde belohnt, und politische Ziele könnten durch Erpressung erreicht werden. Häufig wird in diesem Zusammenhang auf das Beispiel der Entführung des CDU-Politikers Peter Lorenz (1922-1987) im Jahr 1975 verwiesen, bei der die Bundesregierung auf die Forderungen der extremistischen Bewegung 2. Juni einging - ohne dass dies zu einem Ende der linksterroristischen Gewalt führte. Auch Israel kritisierte wiederholt europäische Regierungen dafür, sich in den 1970er und 1980er Jahren auf Absprachen mit palästinensischen Gruppen eingelassen zu haben - etwa nach der Geiselnahme von Schönau (1973). Gleichzeitig zeigen viele historische Beispiele, dass Dialog - sei er offiziell oder geheim - unter bestimmten Bedingungen ein wirkungsvolles Mittel zur Deeskalation sein kann. Verhandlungen mit der IRA führten nach Jahr‐ zehnten des Konflikts zum Karfreitagsabkommen von 1998. Die Gespräche zwischen Israel und der PLO, teilweise über geheime Kanäle, ebneten den Weg zum Oslo-Abkommen (1993). Inoffizielle Absprachen europäischer Staaten mit der PLO beinhalteten in den 1970er Jahren beispielsweise, dass palästinensische Gruppen auf Anschläge in diesen Ländern verzichteten - im Gegenzug wurde ihnen politische und diplomatische Unterstützung signalisiert. Auch mit den Taliban wurden über Jahre hinweg verdeckte Verhandlungen geführt, ehe es 2020 zu einem offiziellen Abkommen mit den USA kam. Ähnliches gilt für Kolumbien, wo die Gespräche mit der FARC 2016 in ein umfassendes Friedensabkommen mündeten. Ob Verhandlungen sinnvoll oder erfolgreich sind, hängt letztlich vom konkreten Fall ab - insbesondere davon, ob es realistische Aussichten auf eine politische Lösung gibt und ob die Gesprächsbereitschaft auf beiden Seiten vorhanden ist. Nur dann können Verhandlungen eine pragmatische Strategie darstellen, um Gewalt zu beenden, Leben zu retten und politische Transformationsprozesse anzustoßen. Kann die Terrorismusbekämpfung das Problem sogar verschärfen? Sollte einem demokratischen Rechtsstaat die Gratwanderung zwischen „Effizienz“ und „Rechtsstaatlichkeit“ nicht gelingen, so läuft er Gefahr, Anti-Terrorismus-Politik und Terrorismusbekämpfung 165 <?page no="166"?> seine eigene Legitimität zu untergraben und möglicherweise eine weitere Radikalisierung politischer Gewalt zu provozieren. Gerade nach den Anschlägen des 11. Septembers 2001 konstatierten viele Intellektuelle eine Einschränkung der freiheitlichen Rechte und be‐ fürchteten, dass der Rechtsstaat einem Präventions- und Sicherheitsdenken geopfert würde. Außerdem prophezeiten sie einen besorgniserregenden Machtverfall der Parlamente gegenüber der Exekutive und damit den Nie‐ dergang des parlamentarischen Rechtsstaates. Angesichts eines perzipierten Notstands infolge terroristischer Gewalt verwandle sich der freiheitliche parlamentarische Rechtsstaat in einen Präventionsstaat Orwell’schen Aus‐ maßes. Der Ausnahmezustand, so der italienische Philosoph Giorgio Agam‐ ben (*1942), werde zum Paradigma des Regierens, in dessen Folge die Exekutive keiner Machtbeschränkung mehr unterworfen sei. Dieser Kritik liegt das dualistische Bild einer klaren Gewaltenteilung von Parlament und Regierung nach John Stuart Mill (1806-1873) zu Grunde. Dieser machtstrukturelle Ansatz geht von einem Verfassungsverständnis aus, in dem eine bestimmte Kompetenzverteilung festgelegt ist. In modernen parlamentarischen Systemen wurde jedoch wegen der Parlamentarisierung der Regierungsverantwortung die traditionelle horizontale Gewaltenteilung von „Legislative“ und „Exekutive“ meist durch eine moderne Gewaltenver‐ schränkung ersetzt. Diese Einschränkung bedeutet jedoch keineswegs, dass es in Vergangen‐ heit und Gegenwart nicht zahlreiche Beispiele für exzessive staatliche Maßnahmen gäbe, die zur Eskalation beigetragen, terroristische Gruppen gestärkt oder ihnen sogar zum Erfolg verholfen haben. Genau darauf zielt(e) die Strategie vieler terroristischer Organisationen ab - etwa der RAF, der Roten Brigaden oder des IS: Sie versuchen, den Staat zu Reaktionen zu provozieren, die seine eigene Glaubwürdigkeit und Legitimität untergraben. Solche überzogenen oder rechtsstaatlich fragwürdigen Maßnahmen werfen nicht nur ein negatives Licht auf das staatliche Handeln, sondern wirken sich auch auf das Urteil jener Bevölkerungsgruppen aus, aus denen Terror‐ organisationen potenziell neue Mitglieder*innen rekrutieren - ebenso wie auf die nationale und internationale öffentliche Wahrnehmung. Unverhältnismäßige Sicherheitsmaßnahmen wie umfassende Über‐ wachung, diskriminierende Kontrollen aufgrund von Religion oder Her‐ kunft, willkürliche Verhaftungen oder exzessive Gewalt bis hin zur Anwen‐ dung von Folter entfremden betroffene Gemeinschaften zunehmend und verschärfen bestehende gesellschaftliche Spannungen. Wer staatliche Ge‐ 166 Anti-Terrorismus-Politik und Terrorismusbekämpfung <?page no="167"?> walt als ungerecht oder willkürlich erlebt, entwickelt nicht selten ein tiefes Gefühl von Ausgrenzung und Demütigung - Erfahrungen, die den Nähr‐ boden für Radikalisierung bereiten können. Gerade Folteranwendung, häufig mit dem Vorwand legitimiert, dadurch an angeblich lebenswichtige Informationen zu gelangen, hat immer wieder gezeigt, welche langfristigen Schäden solche Praktiken verursachen. Der Algerienkrieg bietet hierfür ein besonders drastisches Beispiel: Die französische Armee ging mit äußerster Brutalität gegen den Widerstand vor - dabei kam es systematisch auch zum Einsatz von Folter. Diese repressiven Maßnahmen führten nicht zur Schwächung, sondern vielmehr zur weiteren Radikalisierung der antikolo‐ nialen Bewegung. Auch im Rahmen des sogenannten „War on Terror“ wurden ähnliche Muster sichtbar: Die Enthüllungen über Folterpraktiken und Menschenrechtsverletzungen in Hochsicherheitsgefängnissen wie Abu Ghraib und Guantánamo Bay oder in geheimen CIA-Standorten (black sites) zeugten nicht nur von gravierenden moralischen Verfehlungen west‐ licher Demokratien, sondern verstärkten weltweit den Eindruck, dass west‐ liche Staaten muslimische Gefangene nicht als gleichwertige Menschen behandelten. Dies diente nicht nur der ideologischen Mobilisierung und Rekrutierung neuer Mitglieder für terroristische Organisationen, sondern schuf auch gefährliche Räume der Vernetzung. Inhaftierte Kämpfer konnten sich austauschen, radikalisieren und strategische Allianzen schmieden - manche Beobachter bezeichneten diese Gefängnisse deshalb als regelrechte „Universitäten des Terrors“. Solche staatlichen Übergriffe sind Wasser auf die Mühlen terroristischer Organisationen. Mit jedem dokumentierten Fall staatlicher Repression fes‐ tigen sie ihre Selbstinszenierung als Schutzmacht gegen Unterdrückung und Willkür, was ihre Gewaltakte in den Augen potenzieller Anhänger*innen als gerechtfertigte Gegenwehr erscheinen lässt. Diese Mechanismen sind bis in aktuelle gesellschaftliche Diskurse spürbar. Besonders deutlich wird das in der oft einseitigen Wahrnehmung islamistisch motivierter Anschläge: Während terroristische Anschläge in westlichen Metropolen große mediale Aufmerksamkeit und weltweite Solidaritätsbekundungen hervorrufen, werden vergleichbare Gewalttaten in anderen Weltregionen oft übergangen oder lediglich am Rande erwähnt. Nach den Anschlägen in Paris am 13. November 2015, bei denen 130 Menschen getötet wurden, zeigten sich überall im Westen Anteilnahme und Betroffenheit: Zeitungen titelten in schwarzer Schrift, soziale Medien waren überflutet von Beileidsbekundun‐ Anti-Terrorismus-Politik und Terrorismusbekämpfung 167 <?page no="168"?> gen, und Wahrzeichen wie das Brandenburger Tor wurden in den Farben der französischen Flagge beleuchtet. Nur einen Tag zuvor jedoch hatte der IS einen verheerenden Doppelan‐ schlag in Beirut verübt, bei dem über 40 Menschen ums Leben kamen. Trotz der zeitlichen Nähe und der vergleichbaren Brutalität fand dieser Anschlag im Westen kaum Beachtung - weder in den Medien noch in der politischen Rhetorik. Diese selektive Wahrnehmung ist keineswegs folgenlos. Sie liefert ex‐ tremistischen Gruppen genau jene Argumente, die sie seit jeher für ihre Propaganda nutzen: dass das Leben muslimischer oder arabischer Menschen im globalen Diskurs weniger zähle, dass Empathie und Solidarität nicht universell, sondern selektiv verteilt würden. Solche Doppelstandards tragen dazu bei, das Gefühl von Ausgrenzung und Ungleichbehandlung zu verstär‐ ken - und damit auch die ideologische Erzählung extremistischer Akteure weiter zu nähren und zu legitimieren. Aggressive Maßnahmen zur Terrorismusbekämpfung können auch leicht Vergeltungsakte von terroristischen Gruppen hervorrufen, was dazu führt, dass sich ein Kreislauf der Gewalt etabliert. Mit jedem neuen Angriff wächst die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Konflikt weiter zuspitzt, Spaltungen innerhalb der Gesellschaft verfestigt werden und die Instabilität anhält oder sich sogar vertieft. Die Geschichte liefert dafür zahlreiche Beispiele. Beson‐ ders im Russland des Zarenreichs im 19. und frühen 20. Jahrhundert zeigte sich, wie sozialrevolutionäre Gewalt und staatliche Repression einander immer weiter antrieben. Auch in vielen Ländern Lateinamerikas in den 1970er und 1980er Jahren entwickelte sich eine Spirale eskalierender Gewalt zwischen Guerillagruppen und staatlichen Sicherheitskräften, aus der kaum ein Ausweg gefunden wurde. Ein weiteres Risiko solcher Vorgehensweisen liegt darin, dass politische Lösungen zunehmend in den Hintergrund gedrängt werden. Wenn der Fokus fast ausschließlich auf militärischen oder sicherheitspolitischen Antworten liegt, geraten andere Ansätze aus dem Blick - insbesondere die notwendigen politischen und gesellschaftlichen Maßnahmen, um die Ursachen von Terrorismus zu bekämpfen. Soziale Ausgrenzung, politische Marginalisierung und wirtschaftliche Ungleichheit sind oft zentrale Fakto‐ ren, die Menschen überhaupt erst anfällig für extremistische Ideologien machen. Werden diese Missstände ignoriert oder nur unzureichend adres‐ siert, verfestigt sich der Kreislauf, in dem Gewalt mit Gewalt beantwortet wird, während mögliche politische Auswege immer weiter schwinden. 168 Anti-Terrorismus-Politik und Terrorismusbekämpfung <?page no="169"?> Literaturtipps | Zur Gewalteskalation im russischen Zarenreich siehe Martin A. Miller, The Foundations of Modern Terrorism, Cambridge 2013. Allgemein siehe Peter Chalk, The Response to Terrorism as a Threat to Liberal Democracy, in: Australian Journal of Politics and History 44, Nr. 3 (1998), S. 373-388 oder Alex Conte, Human Rights in the Prevention and Punishment of Terrorism - Commonwealth Approaches: The United Kingdom, Canada, Australia and New Zealand, New York 2010. Was bedeutet „auf dem rechten Auge blind“ zu sein? Die Redewendung „auf dem rechten Auge blind sein“ beschreibt die Tendenz staatlicher Institutionen, rechtsextreme Gewalt und Ideologien zu verharm‐ losen, zu übersehen oder nicht mit der gleichen Konsequenz zu verfolgen wie andere Formen politisch motivierter Gewalt. Gemeint ist damit eine politische und institutionelle Schieflage, bei der rechtsextremer Terrorismus nicht als gleich gefährlich wie etwa linker oder islamistischer Terrorismus wahrgenommen oder bekämpft wird. Ein anschauliches historisches Beispiel ist die Weimarer Republik. Wäh‐ rend linke Aufstände - wie der Spartakusaufstand von 1919 - mit äußerster Härte niedergeschlagen wurden und linksextreme Gewalttäter mit drako‐ nischen Strafen rechnen mussten, konnten rechtsnationalistische Freikorps oft mit der stillschweigenden Billigung oder gar aktiven Unterstützung staatlicher Stellen agieren. Politisch motivierte Morde durch rechte Täter - etwa der Mord an Außenminister Walther Rathenau im Jahr 1922 - wurden von Teilen der Polizei und Justiz nur halbherzig verfolgt oder sogar verharm‐ lost. Zeitgenössische Kritiker wie der Statistiker Emil Julius Gumbel (1891- 1966) oder der Schriftsteller Kurt Tucholsky (1890-1935) prangerten diese einseitige Rechtspflege öffentlich an. Die dadurch entstehende Ungleichbe‐ handlung untergrub das Vertrauen vieler linksliberaler und demokratischer Kräfte in den Rechtsstaat und leistete radikalen Strömungen sowohl von links als auch von rechts langfristig Vorschub. Ein vergleichbares Muster zeigt sich auch im Umgang mit rechtsterroris‐ tischen Gruppen im Japan der Zwischenkriegszeit. In den 1920er Jahren ver‐ übten nationalistische Militante wiederholt Anschläge auf liberale Politiker, kritische Intellektuelle und linke Organisationen. Besonders berüchtigt ist Anti-Terrorismus-Politik und Terrorismusbekämpfung 169 <?page no="170"?> der sogenannte Amakasu-Zwischenfall von 1923, bei dem der Militärpolizist Amakasu Masahiko (1891-1945), den Anarchisten Ōsogui Sakae (1885- 1923) und die Feministin Itō Noe (1895-1923) sowie Ōsoguis sieben-jährigen Neffen brutal ermorden ließ. Während des Prozesses gelang es Amakasu, die öffentliche Meinung teilweise zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Das ohnehin milde Strafmaß wurde nach nur drei Jahren Haft weiter reduziert, sodass er vorzeitig entlassen wurde. Später setzte er seine Karriere fort und übernahm erneut hohe Positionen im Staatsapparat. Diese Tendenz, rechte Gewalt zu tolerieren oder zu relativieren, trug maßgeblich zur schrittweisen Aushöhlung demokratischer Strukturen in Japan bei. Auch in der Nachkriegszeit zeigte sich in vielen Demokratien ein in‐ stitutionelles Wegsehen gegenüber rechtsextremem Terrorismus. In der Bundesrepublik Deutschland wurde lange über behördliches Versagen diskutiert - etwa im Zusammenhang mit dem späten Verbot der rechts‐ extremen WSG Hoffmann, den zahlreichen Ermittlungspannen rund um das Oktoberfestattentat 1980 oder bei der jahrelangen Verharmlosung und Verschleierung der Taten des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). In den USA richtete sich staatliche Repression zunächst vor allem gegen linke Bewegungen und Bürgerrechtler*innen, während gewaltbereite Gruppen wie der Ku-Klux-Klan in den 1960er Jahren häufig unbehelligt blieben. In Italien wiederum erschwerten enge Verbindungen zwischen rechtsextremen Akteuren und Teilen des Staatsapparats nicht nur eine konsequente Straf‐ verfolgung, sondern führten in einigen Fällen sogar dazu, dass Täter*innen mit Hilfe staatlicher Stellen ins Ausland fliehen konnten und dort Schutz erhielten. Das „blinde rechte Auge“ ist somit kein bloßes Bild, sondern Ausdruck realer politischer und struktureller Defizite im Umgang mit einer ernst‐ zunehmenden Bedrohung für Demokratie und Menschenrechte. Ein aus‐ gewogener Umgang mit allen extremistischen Bedrohungen ist deshalb unerlässlich. Literaturtipps | Zur Organisation Consul empfiehlt sich Florian Huber, Rache der Verlierer. Die Erfindung des Rechtsterrorismus in Deutsch‐ land, München 2020. Zum NSU sei auf den Sammelband Juliane Kara‐ kayali u. a. (Hg.) Den NSU-Komplex analysieren. Aktuelle Peropektiven aus der Wissenschaft, Bielefeld 2017 verwiesen. 170 Anti-Terrorismus-Politik und Terrorismusbekämpfung <?page no="171"?> Sind Demokratien anfälliger für Terrorismus? Spätestens seit Paul Wilkinsons Bücher Terrorism Versus Democracy (1976) und Terrorism and the Liberal State (1977) wird die Frage, ob Demokra‐ tien anfälliger für Terrorismus sind, kontrovers diskutiert. Ein zentrales Argument lautet, dass offene Gesellschaften mit Meinungs- und Versamm‐ lungsfreiheit sowie einem rechtsstaatlich begrenzten staatlichen Gewaltmo‐ nopol mehr Angriffsfläche für terroristische Gruppen bieten als autoritäre Systeme. Gerade im 20. und 21. Jahrhundert lassen sich dafür zahlreiche Beispiele finden. In liberalen Demokratien wie der Bundesrepublik Deutschland kam es in den 1970er Jahren zur Eskalation linker Gewalt durch die RAF, während in Italien die Roten Brigaden aktiv waren. Auch ethnonationalistische Terrorgruppen wie die ETA in Spanien oder die IRA in Großbritannien operierten lange Zeit in demokratischen Staaten. Nach den Anschlägen vom 11. September 2001 wurden die USA selbst zur Zielscheibe islamistischer Gewalt - obwohl, oder gerade weil sie als Symbol westlicher Freiheit und Macht gelten. Ein weiterer Faktor ist, dass Demokratien - im Gegensatz zu autoritären Regimen - in der Regel öffentlich über Anschläge berichten müssen, was der Logik des Terrorismus entgegenkommt: Angst erzeugen, mediale Auf‐ merksamkeit erlangen und politische Wirkung entfalten. Zudem schrecken Demokratien oft davor zurück, präventiv mit repressiver Härte zu agieren, was sie aus Sicht terroristischer Akteure verwundbarer erscheinen lässt. Allerdings wird deutlich, dass auch autoritäre Staaten keineswegs vor Terrorismus gefeit sind - Beispiele hierfür sind etwa Russland im Zusam‐ menhang mit dem Tschetschenien-Konflikt oder die Türkei im Umgang mit der PKK. In solchen Regimen wird Terrorismus häufig nicht als solcher benannt, sondern als „illegaler Aufstand“ oder „Störung der öffentlichen Ordnung“ delegitimiert. Zudem sind autoritäre Regierungen im Gegensatz zu demokratischen Systemen nicht an rechtsstaatliche Prinzipien gebun‐ den und können mit drastischen Maßnahmen reagieren, ohne sich vor einer kritischen Öffentlichkeit verantworten zu müssen. Diese scheinbare Handlungsfreiheit birgt jedoch auch Risiken: Eine willkürliche und brutale Repression kann in autoritären Kontexten zu langwierigen, gewaltsamen Auseinandersetzungen führen - oder sogar den Boden für revolutionäre Bewegungen bereiten. Anti-Terrorismus-Politik und Terrorismusbekämpfung 171 <?page no="172"?> Insgesamt gilt: Demokratien sind nicht per se anfälliger, aber durch ihre Offenheit und mediale Transparenz stärker exponiert. Ihre Resilienz liegt jedoch in ihrer Fähigkeit, auf Gewalt nicht mit Repression, sondern mit rechtsstaatlichen Mitteln, gesellschaftlichem Zusammenhalt und langfristi‐ ger Prävention zu reagieren. Literaturtipps | Zu empfehlen seien Paul Wilkinson, Terrorism versus Democracy. The Liberal State Response. 3. Aufl., London New York 1976 (3. Auflage: 2006) sowie William L. Eubank, und Leonard B. Weinberg, Does Democracy Encourage Terrorism? In: Terrorism and Political Violence 6, Nr.-4 (1994), S.-417-435. 172 Anti-Terrorismus-Politik und Terrorismusbekämpfung <?page no="173"?> Die Folgen terroristischer Attentate Terroranschläge wirken sich auf Politik, Gesellschaft und Wirtschaft aus. Dieses Kapitel untersucht, wie solche Ereignisse Sicherheitsdebat‐ ten formen, politische Prozesse steuern und die kollektive Erinnerung prägen. Dabei liegt ein besonderer Schwerpunkt darauf, wie Gesell‐ schaften und Einzelpersonen mit den traumatischen Folgen terroristi‐ scher Taten umgehen. <?page no="174"?> Welche Auswirkungen hat der Terrorismus auf die Gesellschaft? Terrorismus als eine Form politisch motivierter Gewalt, die sich gezielt gegen Zivilist*innen und symbolträchtige Einrichtungen richtet, entfaltet weitreichende und oftmals tiefgreifende Auswirkungen auf die betroffenen Gesellschaften. Diese Auswirkungen manifestieren sich auf politischer, sozialer, psychologischer und wirtschaftlicher Ebene. Während das primäre Ziel terroristischer Gewalt darin besteht, Angst zu verbreiten und politi‐ schen Druck auszuüben, reichen die Folgen häufig weit über die unmittel‐ baren Absichten der Täter hinaus. Terrorismus greift in gesellschaftliche Strukturen ein, verändert politische Entscheidungsprozesse und beeinflusst staatliche Reaktionen nachhaltig. Neben politischen Auswirkungen entfaltet Terrorismus auch eine zer‐ setzende Wirkung auf den sozialen Zusammenhalt. Anschläge, die bestimmten ethnischen oder religiösen Gruppen zugeschrieben werden, führen häufig zu deren kollektiver Stigmatisierung, Marginalisierung oder gar zur offenen Diskriminierung. Besonders deutlich zeigte sich dies im Anstieg islamfeindlicher Ressentiments in westlichen Gesellschaften nach islamistisch motivierten Anschlägen. Bis 2017 hatte sich eine antimuslimi‐ sche Stimmung in den Vereinigten Staaten und Europa weit verbreitet. Umfragen zeigten, dass 72 Prozent der Ungarn, 66 Prozent der Polen und fast 30 Prozent der Befragten in Frankreich und Deutschland eine ablehnende Haltung gegenüber Muslimen hatten - ein Klima, das zu einem Anstieg von Hassverbrechen gegen muslimische Gemeinschaften beitrug. Diese Dynamik kann bestehende gesellschaftliche Spaltungen vertiefen, Vorurteile verstärken und letztlich zur weiteren Radikalisierung beitragen. Der daraus resultierende Teufelskreis - soziale Ausgrenzung, Radikalisie‐ rung, erneute Gewalt - liefert terroristischen Akteuren wiederum neue Legitimationsmuster für ihre Gewaltstrategien. Gleichzeitig kann Terrorismus aber auch gegenteilige gesellschaftliche Reaktionen hervorrufen. Viele Gemeinschaften reagieren auf Anschläge mit Solidaritätsbekundungen, kollektiver Trauer und der bewussten Verteidigung demokratischer Werte. Diese Formen der Resilienz unterlaufen das eigentliche Ziel der Terrorist*innen, nämlich Angst und Zersetzung zu verbreiten. Die breite öffentliche Solidarität gegenüber den Opfern der OAS-Anschläge im Algerienkrieg oder die zivilgesellschaftliche Mobilisie‐ rung nach den Pariser Anschlägen von 2015 sind eindrucksvolle Beispiele 174 Die Folgen terroristischer Attentate <?page no="175"?> für solche Reaktionen. Allerdings bleiben solche solidarischen Reaktionen oft selektiv: Während nach bestimmten Anschlägen eine breite öffentliche Anteilnahme zu beobachten ist, bleiben andere Ereignisse ohne vergleich‐ bare Resonanz. Dieses Ungleichgewicht kann wiederum von terroristischen Gruppen instrumentalisiert werden, um Narrative der Marginalisierung zu verstärken. Die psychologischen Auswirkungen terroristischer Gewalt reichen häufig weiter als die materiellen Schäden. Gerade durch Anschläge auf all‐ tägliche Orte - Schulen, Märkte, Verkehrsmittel - sollen gezielt Unsicherheit und Angst geschürt werden. Diese emotionalen Reaktionen können indivi‐ duelles Verhalten und gesellschaftliche Normen nachhaltig verändern: Viele Menschen verändern infolge terroristischer Bedrohungen ihr Verhalten: Sie meiden öffentliche Orte, begegnen Unbekannten mit größerer Vorsicht und befürworten sicherheitspolitische Maßnahmen, die sie zuvor möglicher‐ weise abgelehnt hätten. Auf diese Weise wird Angst zu einem wirksamen politischen Einflussfaktor. So zeigte etwa eine Umfrage im Dezember 2017, dass 42 Prozent der AfD-Wähler*innen angaben, Weihnachtsmärkte aus Sorge vor Anschlägen nicht mehr zu besuchen. Studien aus der politischen Psychologie und der Traumaforschung ver‐ deutlichen zudem die langfristigen seelischen Folgen terroristischer Gewalt. Neben unmittelbaren Opfern leiden auch viele indirekt betroffene Menschen - etwa durch mediale Dauerpräsenz der Ereignisse - unter psychischen Be‐ lastungen wie Angststörungen, Depressionen oder posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS). Besonders in Gesellschaften, die über län‐ gere Zeiträume hinweg terroristischer Bedrohung ausgesetzt sind, können solche psychischen Belastungen strukturelle gesellschaftliche Auswirkun‐ gen entfalten, etwa in Form allgemeiner Verunsicherung oder des Rückzugs aus dem öffentlichen Leben. Literaturtipps | Einblicke gibt u. a. Randall Collins, Rituals of Solidarity and Security in the Wake of Terrorist Attack, in: Sociological Theory 22, Nr. 1 (2004), S. 53-87 sowie Jasmin Zine, Under Siege: Islamophobia and the 9/ 11 Generation, Montreal 2022. Die Folgen terroristischer Attentate 175 <?page no="176"?> Welche politischen Folgen hat der Terrorismus? Insbesondere in liberalen Demokratien kann Terrorismus erhebliche Aus‐ wirkungen auf den politischen Diskurs und die staatliche Politik haben. Terroranschläge führen oftmals zur Verabschiedung von Notstandsgesetzen, zum Ausbau der Sicherheitsapparate und zu einer Ausweitung staatlicher Überwachungskompetenzen. Während solche Maßnahmen darauf abzielen, zukünftige Anschläge zu verhindern, bergen sie gleichzeitig die Gefahr, grundlegende bürgerliche Freiheitsrechte, rechtsstaatliche Prinzipien und demokratische Normen zu untergraben: Frankreich rief den Ausnahmezu‐ stand im November 2015 aus, der bis November 2017 andauerte. In Deutsch‐ land wurde die Forderungen nach einem Einsatz der Bundeswehr im Inneren zur Terrorismusbekämpfung laut. In zahlreichen westlichen Staaten - etwa in Großbritannien, den USA (USA PATRIOT Act) oder auch Deutschland - wurden in den letzten Jahren Sondergesetze gegen den Terrorismus erlassen, die massiv in bürgerliche Grundrechte eingreifen. Bewegungsfreiheit, Da‐ tenschutz und die Unverletzlichkeit der Privatsphäre wurden dabei häufig mit nur geringer öffentlicher Gegenwehr eingeschränkt. Der Satz „Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten“ scheint dabei in vielen Debatten über Sicherheit und Überwachung jedes Argument für den Schutz der Privatsphäre zu übertrumpfen. Warnungen vor der schleichenden Etablierung eines Überwachungsstaates à la Or‐ well bleiben meist auf zivilgesellschaftliche Gruppen und kritische Journa‐ list*innen beschränkt. Ein weit verbreitetes Gefühl ständiger Bedrohung, verbunden mit der Angst vor einer andauernden Notlage, schafft politische Spielräume, die es Regierungen ermöglichen, immer weitreichendere Maß‐ nahmen durchzusetzen. Die Exekutive gewinnt in diesem Klima zunehmend an Macht, während rechtsstaatliche Kontrollmechanismen geschwächt wer‐ den. Darüber hinaus kann Terrorismus Wahlergebnisse beeinflussen und das Vertrauen der Bevölkerung in politische Institutionen erschüttern. Populis‐ tische Parteien und Akteure nutzen terroristische Bedrohungen häufig stra‐ tegisch, um restriktive Maßnahmen zu rechtfertigen oder fremdenfeindliche Narrative zu bedienen. Insbesondere islamistische Anschläge im frühen 21. Jahrhundert lieferten in mehreren europäischen Ländern die argumen‐ tative Grundlage für Forderungen nach restriktiveren Einwanderungsge‐ setzen - was rechtsextremen Parteien erhebliche Zugewinne verschaffte. Marine Le Pen (*1968) erzielte bei der französischen Präsidentschaftswahl 176 Die Folgen terroristischer Attentate <?page no="177"?> 2017 34 Prozent der Stimmen, die AfD erreichte bei der Bundestagswahl 2025 20,8 Prozent. Auch in anderen Ländern Europas gewannen nationalistische und rechtspopulistische Parteien zunehmend an Einfluss - so etwa in Italien und Skandinavien: Die Schwedendemokraten (Sverigedemokraterna) kamen 2022 auf 20,5 Prozent, die Partei Die Finnen (Perussuomalaiset) erreichte 2023 20,1 Prozent. Auch darüber hinaus lässt sich ein Erstarken entsprechender Bewegungen beobachten. Auffällig ist dabei, dass auch rechtsterroristische Anschläge instrumentalisiert werden, um den „Sorgen“ der Bevölkerung vor einer vermeintlichen „Überfremdung“ eine politische Legitimation zu verleihen, was wiederum das gesellschaftliche Klima pola‐ risiert. Literaturtipps | Zu den sicherheitspolitischen Konsequenzen vgl. He‐ ribert Prantl, Der Terrorist als Gesetzgeber. Wie man mit Angst Politik macht, München 2008 sowie zahlreiche Aufsätze in Tobias Hof und Klaus Larres (Hg.), Terrorism and Transatlantic Relations. Threats and Challenges, Cham 2022 und Marine Guéguin, The Normalisation of Exceptional Counterterrorism Powers, London 2025. Welche wirtschaftlichen Folgen haben terroristische Anschläge? Die wirtschaftlichen Folgen terroristischer Gewalt sind erheblich. Kurz‐ fristig führen Anschläge zu massiven wirtschaftlichen Verwerfungen: Tourismus bricht ein, Investitionen werden zurückgehalten, das Konsum‐ verhalten ändert sich. Langfristig können steigende Sicherheitsausgaben, Umschichtungen im Staatshaushalt zugunsten von Verteidigung und Über‐ wachung sowie strukturelle Veränderungen im internationalen Handel fol‐ gen. Diese Belastungen betreffen sowohl Industriestaaten als auch Schwel‐ lenländer - für ökonomisch fragile Staaten können sie existenzbedrohend sein. Der Anschlag von Luxor am 17. November 1997, bei dem islamistische Attentäter der Gruppe al-Gama’a al-Islamiyya 62 Menschen - darunter 58 ausländische Tourist*innen - am Tempel von Hatshepsut ermordeten, hatte gravierende Folgen für die ägyptische Tourismusbranche. In der Folge brach dieser - eine zentrale Säule der ägyptischen Wirtschaft mit etwa 10 Prozent des BIP- massiv ein: Allein 1998 sank die Zahl der Besucher*innen um rund Die Folgen terroristischer Attentate 177 <?page no="178"?> 16 Prozent. Der wirtschaftliche Schaden war erheblich, viele Betriebe im Tourismussektor standen vor dem Aus. Terroristischen Gruppen ist dabei die wirtschaftliche Wirkung ihrer Anschläge durchaus bewusst. Die islamistische al-Gama’a al-Islamiyya versuchte gezielt, den ägyptischen Tourismussektor zu treffen, um das säkulare Regime Hosni Mubaraks (1928-2020), der seit 1981 an der Macht war, zu destabilisieren und letztlich zu stürzen. Auch Osama bin Laden verfolgte mit den Anschlägen vom 11. September 2001 das strategische Ziel, die USA durch militärische und sicherheitspoli‐ tische Überdehnung wirtschaftlich auszubluten. Obwohl er sein Ziel nicht vollständig erreichte, so wurden die Vereinigten Staaten nach den Anschlä‐ gen dennoch in langjährige, kostspielige Militäreinsätze in Afghanistan und im Irak verwickelt - mit enormen finanziellen Folgen. Schätzungen zufolge beliefen sich die direkten und indirekten Kosten dieser Kriege auf über acht Billionen US-Dollar. Alleine für die Kriege in Afghanistan, dem Irak und Syrien wandte das US-Verteidigungsministerium 1,6 Billionen Dollar auf. Zudem hatte 9/ 11 unmittelbare wirtschaftliche Auswirkungen: Der Luft‐ verkehr kam zeitweise zum Erliegen, und zahlreiche Branchen - etwa die Versicherungswirtschaft, Tourismus und Luftfahrt - verzeichneten er‐ hebliche Verluste. Der Anschlag führte weltweit zu einem Umdenken in der Sicherheitsarchitektur und löste eine massive Ausweitung staatlicher Ausgaben im Bereich der inneren und äußeren Sicherheit aus. Auf mikroökonomischer Ebene wirken sich Terroranschläge direkt auf Unternehmen aus, die sich in der Nähe der Tatorte befinden. Höhere Ver‐ sicherungskosten, Produktionsausfälle, beschädigte Infrastruktur und Ver‐ luste durch rückläufige Kundschaft können insbesondere kleinere Betriebe existenziell gefährden. In wirtschaftlich schwachen oder politisch fragilen Staaten können solche lokalen Schocks langfristige Destabilisierungseffekte auslösen. Literaturtipps | Als Einstieg empfehlen sich Friedrich Schneider, Ursa‐ chen und Wirkungen des weltweiten Terrorismus: Eine Analyse der gesellschaftlichen und ökonomischen Auswirkungen und neue Ansätze zum Umgang mit dem Terror, Wiesbaden 2008 und Todd Sandler und Walter Enders, The Political Economy of Terrorism, Cambridge New York 2012. 178 Die Folgen terroristischer Attentate <?page no="179"?> Wie wirken sich terroristische Attentate auf die Börsen und den Aktienhandel aus? Börsen, als zentrale Institutionen des kapitalistischen Wirtschaftssystems, sind nicht nur symbolische Zielscheiben für terroristische Gewalt, sondern auch tatsächlich angegriffene Objekte, wie etwa der Bombenanschlag auf die Wall Street im Jahr 1920 zeigt. Doch auch wenn sie nicht direkt getroffen werden, haben terroristische Anschläge häufig spürbare unmittelbare und mittelbare Auswirkungen auf die Finanzmärkte. Besonders dann, wenn die Attacken unerwartet erfolgen, hohe Opferzahlen fordern oder bedeutungs‐ geladene Orte wie Regierungsgebäude, Finanzzentren oder touristische Hotspots treffen, reagieren die Börsen oft mit Nervosität, Kurseinbrüchen und erhöhter Volatilität. In der Regel sind insbesondere sensible Branchen wie Tourismus, Luftfahrt oder Versicherungen von diesen oft kurzfristigen Auswirkungen betroffen. Gleichzeitig gelten andere Anlageklassen wie Gold oder Staatsanleihen in solchen Phasen als „sichere Häfen“ und gewin‐ nen an Wert. Ein besonders eindrückliches Beispiel ist der 11. September 2001: Nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York blieben die US-Börsen mehrere Tage geschlossen. Als sie am 17. September wieder öffneten, verzeichnete der Dow Jones seinen bis dahin größten Punktever‐ lust an einem einzigen Tag (über 680 Punkte, rund 7 Prozent). Die Kurse von Fluggesellschaften und Versicherungen stürzten ab, während Gold- und Ölpreise stark anstiegen. Insgesamt verlor der Dow Jones in den ersten zehn Tagen nach den Anschlägen rund 14 Prozent seines Werts. Auch der Anschlag auf den Bahnhof Atocha in Madrid 2004, bei dem über 190 Menschen starben, hatte Auswirkungen an der Börse. Der spani‐ sche Leitindex IBEX 35 fiel unmittelbar nach dem Anschlag um mehrere Prozentpunkte. Anleger*innen fürchteten politische Instabilität und einen Rückgang des Konsumverhaltens. Selbst vergleichsweise kleinere Anschläge können Reaktionen hervorru‐ fen - etwa die Anschläge in Paris (2015) , die zu Kursverlusten in Europa führten, insbesondere im Tourismus- und Freizeitbereich. Allerdings zeigten sich die Märkte hier relativ schnell erholt, was auf eine gestiegene Resilienz hindeutet. Langfristig beeinflussen Terroranschläge meist weniger stark die Börsen‐ kurse als andere Faktoren (z. B. wirtschaftliche Rezessionen oder politische Krisen). Dennoch zeigen historische Beispiele: Terrorismus wirkt auch Die Folgen terroristischer Attentate 179 <?page no="180"?> als ökonomischer Schock - mit psychologischen und realwirtschaftlichen Folgen für Märkte und Investoren. Wie erholen sich Gemeinschaften von Terroranschlägen? Die Bewältigung von Terroranschlägen und die Überwindung ihrer lang‐ fristigen Auswirkungen ist ein komplexer Prozess, der mehrere Dimen‐ sionen umfasst - psychologische, soziale, politische und institutionelle. Wissenschaftler*innen aus Bereichen wie der Terrorismusforschung, der Politikwissenschaft, der Psychologie und der Justiz betonen, dass Gesell‐ schaften - insbesondere die direkt betroffenen Gruppen - sowohl das unmittelbare Trauma als auch die zugrunde liegenden sozialen Spannungen, die der Terrorismus offenbart oder verschärft, angehen müssen. Wirksame Maßnahmen müssen daher den Aufbau von Resilienz, integratives Geden‐ ken, Justizmechanismen und transparente Regierungsführung miteinander verbinden. Eine der unmittelbarsten Auswirkungen terroristischer Gewalt ist psy‐ chologischer Natur: Terrorismus verbreitet Angst, erschüttert das Sicher‐ heitsgefühl einer Gesellschaft und kann tiefgreifende Traumata hinterlassen - sowohl bei Überlebenden und Einsatzkräften als auch in der breiteren Bevölkerung. Um langfristige seelische Schäden und soziale Spaltung zu verhindern, ist es essenziell, gesellschaftliche Resilienz zu fördern. Dazu gehören unter anderem der Ausbau psychotherapeutischer und psychoso‐ zialer Angebote, öffentliche Aufklärung über Traumafolgen sowie gezielte Unterstützungssysteme für Betroffene und deren Angehörige. Gerade in diesem Bereich bleibt staatliches Engagement jedoch häufig unzureichend, und viele Opfer erhalten über Jahrzehnte nicht die notwendige Betreuung, Hilfe und Entschädigung. Neben konkreter Hilfe sind auch symbolische, kollektive Rituale von großer Bedeutung, einer Gesellschaft nach einem Anschlag Orientierung und Halt zu geben. Gedenkveranstaltungen, Mahnwachen oder Ge‐ denkstätten erfüllen eine wichtige Funktion für die Verarbeitung von Verlust und Leid. Sie können helfen, Momente tiefster Erschütterung in gemeinschaftsstiftende Narrative des Zusammenhalts und der Widerstands‐ kraft zu überführen. Beispiele dafür sind etwa die öffentlichen Gedenk‐ veranstaltungen nach dem Olympia-Attentat in München 1972 oder dem 180 Die Folgen terroristischer Attentate <?page no="181"?> Oktoberfestattentat 1980. Solche kollektiven Formen des Erinnerns stärken demokratische Grundwerte und können dazu beitragen, dass aus der Erfah‐ rung von Gewalt neue Solidarität entsteht. Weltweit erinnern zahlreiche Gedenkstätten an die Opfer terroristischer Anschläge. In New York markiert das 9/ 11 Memorial am Ground Zero die ehemaligen Standorte der Twin Towers und erinnert an die fast 3.000 Todesopfer der Anschläge vom 11. September 2001. Auch in Europa gibt es zentrale Erinnerungsorte: In Madrid gedenkt eine Glaskuppel nahe dem Bahnhof Atocha den 193 Opfern der Bombenanschläge vom 11. März 2004, und im norwegischen Utøya erinnern mehrere Mahnmale an die 77 Todes‐ opfer der rechtsextremen Anschläge von 2011. In Italien steht am Bahnhof von Bologna ein Denkmal für die 85 Menschen, die beim rechtsextremen Attentat am 2. August 1980 ums Leben kamen - die Bahnhofsuhr blieb symbolisch auf dem Zeitpunkt der Explosion stehen. In Deutschland wurde erst viele Jahrzehnte nach dem Anschlag auf die israelische Olympiamannschaft 1972 in München ein angemessenes Geden‐ ken eingerichtet. Das Erinnerungsort Olympia-Attentat im Olympiapark wurde 2017 eröffnet - auch als Reaktion auf jahrelange Kritik an der mangelnden Aufarbeitung, der unzureichenden Unterstützung für die Op‐ ferfamilien und dem lange fehlenden öffentlichen Gedenken. Die Diskussion um München 1972 zeigt exemplarisch, wie politisch umkämpft Erinnerung an Terroranschläge sein kann - und wie stark sie vom Engagement der Angehörigen abhängt. Gedenkstätten sind somit nicht nur Orte des stillen Erinnerns, sondern auch Ausdruck gesellschaftlicher Verantwortung, histo‐ rischer Aufarbeitung und öffentlicher Anerkennung der Betroffenen. Von zentraler Bedeutung für den gesellschaftlichen Zusammenhalt ist auch die politische Reaktion auf einen Terroranschlag. Wie Regierungen handeln - rechtlich, sicherheitspolitisch und kommunikativ - beeinflusst maßgeblich, ob eine Gesellschaft gestärkt aus einer solchen Krise hervorgeht oder ob Misstrauen und Spaltung vertieft werden. Ein Beispiel für eine weithin anerkannte, sensible Reaktion war das Vorgehen der neuseelän‐ dischen Premierministerin Jacinda Ardern (*1980) nach den Anschlägen von Christchurch (2019). Gerade in solchen Situationen müssen politische Entscheidungsträger*innen vermeiden, durch überzogene Maßnahmen bür‐ gerliche Freiheiten einzuschränken, falsche und utopische Versprechungen zu machen oder ganze Bevölkerungsgruppen zu stigmatisieren, was im schlimmsten Fall zu neuer Radikalisierung führen kann. Die Folgen terroristischer Attentate 181 <?page no="182"?> Ein klarer Bezug zum Rechtsstaat und faire Verfahren sind in solchen Situationen unverzichtbar. Anschläge müssen umfassend aufgeklärt werden und terroristische Täter*innen rechtsstaatlich vor Gericht gestellt werden, anstatt auf außergerichtliche Mittel zurückzugreifen. Dies stärkt nicht nur demokratische Grundprinzipien, sondern ermöglicht den Opfern und ihren Angehörigen auch ein gewisses Gefühl des Abschlusses. Darüber hinaus können unabhängige Untersuchungskommissionen - wie sie beispiels‐ weise nach den Anschlägen in Großbritannien (2005) oder Norwegen (2011) eingerichtet wurden - dabei helfen, staatliches Versagen aufzuarbeiten, Verantwortlichkeiten offenzulegen und künftige Fehler zu vermeiden. Aller‐ dings sind solche Kommissionen nicht immer unumstritten, da sie mitunter parteipolitisch instrumentalisiert werden können, wie es zahlreiche Bei‐ spiele aus Italien (etwa im Zusammenhang mit den Terrorjahren der 1970er) oder jüngst die Untersuchungsausschüsse zum Sturm auf das US-Kapitol am 6. Januar 2021 zeigen. Langfristig kann der gesellschaftliche Wiederaufbau nach Terroranschlä‐ gen nur gelingen, wenn bestehende gesellschaftliche Gräben - seien sie ethnischer, religiöser oder ideologischer Natur - überwunden werden. Durch gezielte politische und zivilgesellschaftliche Anstrengungen müssen marginalisierte Gruppen eingebunden, interkulturelle Verständi‐ gung gefördert und der Stigmatisierung ganzer Bevölkerungsgruppen ent‐ gegengewirkt werden. In diesem Zusammenhang sind auch Programme zur Deradikalisierung von Bedeutung. In Fällen, in denen der Terrorismus erhebliche physische oder wirtschaft‐ liche Schäden verursacht - wie bei den Anschlägen vom 11. September 2001 oder den Anschlägen in Mumbai 2008 -, sind die wirtschaftliche Erholung und der Wiederaufbau der Infrastruktur ein wesentlicher Bestandteil der gesellschaftlichen Heilung. Reinvestitionen in betroffene Gemeinden, die Unterstützung lokaler Unternehmen und die Gewährleistung eines gleichberechtigten Zugangs zu Ressourcen tragen zu einem Gefühl der Ge‐ rechtigkeit und Kontinuität bei. Die Regierungen und die Zivilgesellschaft müssen auch sicherstellen, dass die Wiederaufbaubemühungen nicht einige Gruppen unverhältnismäßig stark begünstigen, was bestehende Ungleich‐ heiten und Spannungen vertiefen kann. Die Überwindung terroristischer Anschläge erfordert mehr als repres‐ sive Sicherheitsmaßnahmen oder Strategien zur Terrorismusbekämpfung. Stattdessen ist ein umfassender sozialer und politischer Prozess nötig, der Missstände addressiert, Traumata aufarbeitet, Gerechtigkeit fördert und 182 Die Folgen terroristischer Attentate <?page no="183"?> das Vertrauen zwischen Gesellschaft und Politik wiederherstellt. Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass Gesellschaften, die den Terrorismus nicht nur als Sicherheitsbedrohung, sondern auch als Herausforderung für den sozialen Zusammenhalt betrachten, mit größerer Wahrscheinlichkeit gestärkt und geeint daraus hervorgehen. Wie gehen Staaten mit den Opfern terroristischer Anschläge und deren Familien um? Die Frage, wie Staaten mit Opfern terroristischer Anschläge und ihren Angehörigen umgehen, ist von großer politischer, moralischer und gesell‐ schaftlicher Bedeutung - und sie offenbart häufig gravierende Defizite. Zwar gibt es Gedenkveranstaltungen und Denkmäler, doch gehen viele davon nicht auf staatliche Initiative zurück, sondern auf das beharrliche En‐ gagement von Hinterbliebenen, Überlebenden oder zivilgesellschaftlichen Organisationen. Staatliche Behörden hingegen zeigen sich oftmals zögerlich oder überbordend bürokratisch, wenn es um Anerkennung, Entschädigung oder umfassende Aufarbeitung geht. Diese Vernachlässigung äußert sich dabei vor allem in den Bereichen Entschädigungszahlungen, Gedenken und Aufarbeitung. Entschädigungs‐ zahlungen an Opfer und deren Angehörige erfolgen oft verspätet, intrans‐ parent oder nur nach langen Verfahren. Nach dem Anschlag auf die Olym‐ pischen Spiele in München 1972 kämpften die Familien der elf getöteten israelischen Sportler jahrzehntelang für eine angemessene Entschädigung und Anerkennung. Die ersten Entschädigungszahlungen entsprachen zwar den damaligen Standards, erreichten die Angehörigen jedoch teils verspätet - unter anderem auch wegen bürokratischer Hürden und Verzögerungen auf israelischer Seite. Erst anlässlich des 50. Jahrestags erfolgte eine offizielle Entschuldigung durch die Bundesrepublik sowie die Zusage einer umfas‐ senderen und verbesserten finanziellen Entschädigungsregelung. Viele Opfer fühlen sich im öffentlichen Gedenken marginalisiert. So wurde etwa nach dem Anschlag von Bologna 1980, bei dem 85 Menschen durch rechtsterroristische Gewalt starben, erst Jahre später ein offizielles Denkmal errichtet. Eine zentrale Rolle für das Gedenken an die Opfer terroristischer Gewalt in Italien spielt die Associazione Italiana Vittime del Terrorismo e dell’Eversione contro l’Ordinamento Costituzionale dello Stato (AIVITER), die 1985 gegründet wurde. AIVITER engagiert sich insbesondere Die Folgen terroristischer Attentate 183 <?page no="184"?> für eine angemessene gesellschaftliche Anerkennung der Opfer, unterstützt Angehörige, fordert eine konsequente juristische Aufarbeitung der Taten und setzt sich für historische Aufklärung und Bildungsarbeit ein. Neben AIVITER sind es auch Gedenkinitiativen auf kommunaler Ebene - etwa in Bologna, Mailand oder Brescia -, die durch Veranstaltungen, Denkmäler oder Archivprojekte dafür sorgen, dass die Erinnerung an die Opfer der „Strategie der Spannung“ und anderer Gewaltakte im öffentlichen Bewusst‐ sein bleibt. Auch in Bezug auf 9/ 11 wurde das Gedenken anfangs stark national und heroisch aufgeladen, während die vielfältigen Erfahrungen der Opfer - insbesondere der nicht-amerikanischen - nur langsam ins öffentliche Bewusstsein rückten. Die Aufklärung von Hintergründen und Verantwortlichkeiten verläuft oft schleppend. Opferfamilien müssen häufig selbst Druck ausüben, um Antworten zu erhalten. So sind beispielsweise wesentliche Fragen zur ge‐ scheiterten Geiselbefreiung bei den Olympischen Spielen 1972 in München auch ein halbes Jahrhundert später noch unbeantwortet - ein Umstand, der Raum für Spekulationen und alternative Erzählungen lässt. Ähnlich verhielt es sich im Fall des rechtsterroristischen NSU: Über viele Jahre erhielten die Opfer und ihre Angehörigen weder angemessene staatliche Anerkennung noch gesellschaftliche Unterstützung - stattdessen waren sie sogar Stigmatisierungen ausgesetzt. Die behördlichen Ermittlungen richteten sich lange Zeit einseitig gegen die Opfer selbst und deren soziales Umfeld, was sich etwa in der problematischen Bezeichnung „Dönermorde“ widerspiegelte. Dieses Vorgehen führte zu zusätzlicher Belastung für die Betroffenen und lenkte den Fokus von den tatsächlichen Tätern ab. Erst durch den beharrlichen Einsatz von Angehörigen und investigativen Medien kam das ganze Ausmaß der behördlichen Versäumnisse ans Licht. Der Umgang mit Terroropfern ist ein Spiegel für den Zustand demo‐ kratischer Verantwortung und Erinnerungskultur. Ein würdevoller und transparenter Umgang erfordert weit mehr als finanzielle Entschädigungen. Es braucht öffentliches Gedenken, politische Anerkennung und eine umfas‐ sende, ehrliche Aufarbeitung des Geschehenen. Erst 2017 reagierte die deutsche Bundesregierung mit der Einrichtung des Beauftragten für die Anliegen von Betroffenen terroristischer und extremistischer Anschläge im Inland. Diese zentrale Anlaufstelle auf Bundesebene richtet sich an Hinterbliebene, Verletzte, Augenzeug*innen, Ersthelfer*innen, Geschäftsinhaber*innen sowie weitere direkt betroffene Personen. International existieren ähnliche Strukturen: In Frankreich über‐ 184 Die Folgen terroristischer Attentate <?page no="185"?> nimmt seit 1990 der Fonds de garantie des victimes des actes de terrorisme et d'autres infractions (FGTI) die Entschädigung von Terroropfern. In Nordir‐ land wurde 2005 der Commissioner for Victims and Survivors etabliert, um Überlebende des Nordirlandkonflikts zu unterstützen. Spanien wiederum institutionalisierte im Jahr 1999 die staatliche Auszeichnung Real Orden de Reconocimiento Civil a las Víctimas del Terrorismo, um Opfer offiziell zu würdigen. Literaturtipps | Einblicke in dieses Forschungsfeld bieten Petra Ter‐ hoeven (Hg.), Victimhood and Acknowledgement: The Other Side of Terrorism, Berlin 2018 sowie William McGowan, Victims of Political Violence and Terrorism: Making up Resilient Survivors, London 2022. Die Folgen terroristischer Attentate 185 <?page no="187"?> Terrorismus, Medien und Populärkultur Terrorismus wird nicht nur politisch, sondern auch medial und kulturell konstruiert. Dieses Kapitel analysiert, wie Medien und Populärkultur den Terrorismus darstellen, verbreiten und oft dramatisieren. Dabei werden die Herausforderungen einer differenzierten Begriffsnutzung und die Auswirkungen auf das öffentliche Bewusstsein thematisiert. Es zeigt sich, wie Narrative und Bilder den Terrorismus verständlich machen - oder verzerren können. <?page no="188"?> Welche Beziehung besteht zwischen Medien und dem Terrorismus? Der Einfluss von Medien und sozialen Medien auf den Terrorismus ist bedeutend, vielschichtig und wird in der wissenschaftlichen Literatur breit diskutiert. Wissenschaftler*innen haben hervorgehoben, wie sowohl tradi‐ tionelle als auch digitale Medien eine entscheidende Rolle bei der Gestaltung der Wahrnehmung, der Wirkung und sogar der Strategien terroristischer Akteure spielen. Die Beziehung ist nicht einseitig: Während die Medien über den Terrorismus berichten, versuchen terroristische Organisationen aktiv, die Medienberichterstattung für ihre eigenen Ziele zu nutzen. Eine der am häufigsten diskutierten Auswirkungen ist die Verstärkung terroristischer Handlungen. Terrorismus wird oft als „Propaganda der Tat“ beschrieben, was bedeutet, dass die Gewalt selbst darauf abzielt, Aufmerksamkeit zu erregen und eine politische Botschaft zu vermitteln. Medien, die über Terroranschläge berichten, tragen oft ungewollt dazu bei, diese Botschaften an ein weltweites Publikum zu verbreiten. Diese symbiotische Beziehung zwischen Terrorismus und Medien erlaubt es auch kleinen, ressourcenbeschränkten Gruppen, Sichtbarkeit und Einfluss weit über ihre eigentlichen Möglichkeiten hinaus zu gewinnen. Die Medienberichterstattung spielt eine wichtige Rolle bei der Gestaltung der öffentlichen Wahrnehmung des Terrorismus. Durch das Agenda-Set‐ ting bestimmen die Medien, welche Ereignisse als bedeutsam und der nationalen Besorgnis würdig erachtet werden. Das Framing beeinflusst, wie das Publikum diese Ereignisse interpretiert - ob Terrorist*innen als ideo‐ logische Extremisten, Freiheitskämpfer oder psychisch labile Individuen gesehen werden. Dies wiederum beeinflusst die öffentliche Meinung und die politische Reaktion. Studien zeigen, dass Medien dazu neigen, sich stark auf den islamistischen Terrorismus zu konzentrieren und dabei rechtsextreme Gewalt zu vernachlässigen, wodurch das öffentliche Verständnis der Bedro‐ hungslage verzerrt wird. Eine umfangreiche Medienberichterstattung kann auch zu Nachahmungstaten führen. Täter, die auf der Suche nach Ruhm oder Bestätigung sind, können früheren Angreifern nacheifern, deren Taten weithin bekannt gemacht wurden. Dies ist besonders bei sogenannten „Lone Wolf “-Terrorist*innen der Fall. Der Angreifer von Christchurch beispiels‐ weise bezog sich ausdrücklich auf Anders Breivik. Der Aufstieg der sozialen Medien hat die Dynamik der terroristischen Kommunikation verändert. Plattformen wie Twitter (heute: X), Telegram 188 Terrorismus, Medien und Populärkultur <?page no="189"?> und YouTube wurden und werden von Gruppen wie IS und al-Qaida genutzt, um Mitglieder zu rekrutieren, Propaganda zu verbreiten, Aktivitäten zu koordinieren und die Verantwortung für Anschläge zu übernehmen. On‐ line-Plattformen ermöglichen es Terrorist*innen, traditionelle Medienfilter zu umgehen und ihr Publikum direkt zu erreichen, indem sie Inhalte auf verschiedene sprachliche, ideologische und demografische Gruppen zuschneiden. Soziale Medien ermöglichen auch die rasche virale Verbreitung von angst‐ einflösenden Inhalten wie Videos von Enthauptungen oder Live-Aufnahmen von Anschlägen. Dadurch bewirken die Täter, dass die psychischen Folgen ihres Anschlags weit über den Kreis der direkt Betroffenen hinausreichen. Sowohl der Attentäter von Christchurch, Brenton Tarrant, als auch der Täter von Hanau nutzten soziale Plattformen, um ihre Taten live zu übertragen. Dies verdeutlicht die neue Schnittstelle zwischen medialem Spektakel und terroristischer Gewalt, bei der Inszenierung und Reichweite zu zentralen Bestandteilen der Tat selbst werden. Darüber hinaus kann die algorithmus‐ gesteuerte Natur dieser Plattformen „Echokammern“ schaffen, in denen radikale Inhalte verstärkt werden, was den Prozess der Online-Radikalisie‐ rung möglicherweise beschleunigt. Darüber hinaus beobachten terroristische Gruppen die Reaktionen der Medien und der Regierung auf Anschläge genau, um ihre Taktiken und Medienstrategien zu verfeinern. Auf diese Weise wird die Medienbericht‐ erstattung nicht nur zu einem Spiegelbild des Terrorismus, sondern auch zu einer Rückkopplungsschleife, die das Verhalten der Terrorist*innen beeinflusst. Die Rolle der Medien im Zusammenhang mit dem Terrorismus wirft ethische Fragen darüber auf, wie detailliert berichtet werden soll, ob gra‐ fische Bilder gezeigt werden sollen und wie vermieden werden kann, dass Terrorist*innen die von ihnen gewünschte Publicity erhalten. Verant‐ wortungsbewusster Journalismus muss das Recht der Öffentlichkeit auf Information mit dem potenziellen Schaden abwägen, der durch sensationelle oder übertriebene Berichterstattung entsteht. Einige Medienorganisationen haben Richtlinien zur Schadensminimierung verabschiedet, z. B. keine Namen von Angreifern zu nennen oder gewalttätiges Bildmaterial zu zeigen, aber diese werden nicht überall befolgt. Terrorismus, Medien und Populärkultur 189 <?page no="190"?> Literatur- und Linktipps | Einblicke liefern Brigitte L. Nacos, Mass-mediated Terrorism. The Central Role of Media in Terrorism and Counterterrorism, New York 2002; David J. Slocum (Hg.), Terrorism, Media, Liberation, New Brunswick 2005; Andreas Elter, Propaganda der Tat. Die RAF und die Medien, Frankfurt am Main 2008; Hanno Balz, Von Terroristen, Sympathisanten und dem starken Staat. Die öffentliche Debatte über die RAF in den 70er Jahren, Frankfurt am Main 2008; Mo‐ nika Schwarz-Friesel und Jan-Henning Kromminga (Hg.), Metaphern der Gewalt: Konzeptualisierungen von Terrorismus in den Medien vor und nach 9/ 11, Tübingen 2013; Liane Rothenberger, Terrorismus als Kommunikation. Bestandsaufnahme, Erklärungen, Herausforderungen, Wiesbaden 2020 sowie Jörg Requate, Dirk Schumann und Petra Terhoe‐ ven (Hg.), die (Un)sichtbarkeit der Gewalt. Medialisierungsdynamiken seit dem späten 19.-Jahrhundert, Göttingen 2023. Folge 15 des Podcasts „Terrorismus. Strategie des Schreckens“ der Bun‐ deszentrale für Politische Bildung beschäftigt sich ebenso mit diesem Thema (https: / / www.bpb.de/ mediathek/ podcasts/ terrorismus-strategie -des-schreckens/ ). Wie verhält sich die Populärkultur zum Terrorismus? Die Beziehung zwischen Populärkultur und Terrorismus ist komplex und facettenreich. Terroristische Gewalt - sowohl historisch als auch gegen‐ wärtig - prägt nicht nur Filme, Serien, Literatur, Videospiele und digitale Medien, sondern wird von diesen auch mitgestaltet. Diese enge Verflechtung überrascht kaum: Terrorismus ist nicht nur ein Akt politischer Gewalt, sondern immer auch ein symbolischer und kommunikativer. Terroristische Gruppen nutzen (Pop-)Kultur gezielt, um ihre Ideologien zu transportieren. Gleichzeitig beeinflussen kulturelle Produkte maßgeblich, wie Gesellschaf‐ ten Terrorismus wahrnehmen, interpretieren und auf ihn reagieren - teils auch, indem sie ihn retrospektiv mythisieren oder verzerren. Angesichts der performativen Dimension verglich Brian Jenkins „Ter‐ rorismus“ mit einem „Theater“. Die Popkultur und insbesondere Unter‐ haltungsmedien werden dabei zur Bühne dieser Inszenierung, oft ganz unabhängig davon, ob Terrorist*innen direkt daran beteiligt sind oder nicht. Bereits früh zeigte sich die Populärkultur fasziniert von terroristicher Ge‐ 190 Terrorismus, Medien und Populärkultur <?page no="191"?> walt. Seit dem späten 19. Jahrhundert zog die Vorstellung eines international agierenden, geheimen anarchistischen Terrornetzwerks viele Zeitgenossen in ihren Bann und beeinflusste die Literatur nachhaltig. Schriftsteller wie Joseph Conrad (1857-1924), Oscar Wilde (1854-1900), G. K. Chesterton (1874-1936) oder Émile Zola (1840-1902) setzten sich in ihren Werken kritisch mit der Gewalt des Anarchismus auseinander. Sie beleuchteten sowohl die Motive der Täter*innen als auch das Spannungsfeld zwischen radikalen Bewegungen und einem reaktionären Staatsapparat - ohne dabei offen Partei für die Terrorist*innen zu ergreifen. Auch später blieben Terrorismus, Radikalisierung und die staatliche Reaktion darauf ein zentrales Thema in der Literatur. Dario Fos (1926-2016) Theaterstück „Morte accidentale di un anarchico“ (1970) thematisiert auf satirische Weise Polizeigewalt und staatliche Vertuschung. Doris Lessing (1919-2013) beschreibt in „The Good Terrorist“ (1985) das psychologische Innenleben einer jungen Frau, die sich einer linksradikalen Zelle anschließt. In Heinrich Bölls (1917-1985) „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1974) steht nicht der terroristische Akt selbst, sondern der mediale und staatliche Umgang mit einer vermeintlichen Unterstützerin im Zentrum - ein Werk, das auch als Kritik an der Sensationspresse verstanden werden kann. Don DeLillos (*1936) „Falling Man“ (2007) wiederum befasst sich mit den psychologischen Nachwirkungen der Anschläge vom 11. September 2001 und der individuellen Verarbeitung des kollektiven Traumas. Mit dem Aufstieg Hollywoods wurde Terrorismus auch zu einem der beliebtesten Motive im Mainstream-Kino. Seit dem Blockbuster „The Birth of a Nation“ (1915) taucht Terrorismus als narratives Element in nahezu allen Genres auf - vom Politthriller über Actionfilme bis hin zu Dramen und Satiren. Laut der Internet Movie Database (IMDb) existieren über 50 Filme, in denen die IRA eine zentrale Rolle spielt - darunter bekannte Titel wie „In the Name of the Father“ (1993) oder „Michael Collins“ (1996). Auch die Anschläge vom 11. September 2001 wurden rasch von der Filmindustrie aufgegriffen, etwa in Filmen wie „United 93“ (2006) oder „The Siege“ (1998), aber auch in Fernsehserien wie „Homeland“ (2011-2020). Solche fiktionalen Auseinandersetzungen können dazu beitragen, Empa‐ thie zu wecken und ein breiteres Verständnis für die emotionalen und poli‐ tischen Dimensionen von Terrorismus zu fördern. Zugleich besteht jedoch die Gefahr, dass Gewalt in solchen Darstellungen dramatisiert, Täter*innen klischeehaft gezeichnet und komplexe politische oder gesellschaftliche Zu‐ sammenhänge stark vereinfacht werden. Dies zeigt sich besonders deutlich Terrorismus, Medien und Populärkultur 191 <?page no="192"?> bei der Inszenierung von Terrorist*innen: Während im Kalten Krieg häufig sowjetische Akteure als Feindbilder dienten, treten heute vor allem islamis‐ tische Gruppen oder diffus agierende, global vernetzte Organisationen - etwa in den neuen James-Bond-Filmen - an ihre Stelle. Gleichzeitig dient die Populärkultur häufig auch als kritisches Korrektiv. Filme wie „Four Lions“ (2010) oder „The Day Shall Come“ (2019) nutzen Satire, um sowohl die Absurdität terroristischer Ideologien als auch die Wi‐ dersprüche staatlicher Anti-Terror-Politik bloßzustellen. Auch „Die Schlacht von Algier“ (1966), jahrzehntelang in Frankreich verboten, eröffnet einen kritischen Blick auf die französische Kriegsführung während des algerischen Unabhängigkeitskrieg - wenn auch nicht vollkommen objektiv. Auch die Musikindustrie nimmt Bezug auf den Terrorismus. Besonders stark prägte der Nordirlandkonflikt Künstler*innen: Songs wie „Sunday Bloody Sunday“ (1983) von U2, „Zombie“ (1994) von den Cranberries oder „Sunday Bloody Sunday“ (1972) von John Lennon (1940-1980) und Yoko Ono (*1933) verarbeiten den Schmerz und die Gewalt der „Troubles“. Nach dem 11. September griffen Musiker*innen wie Bruce Springsteen (*1949) („You’re Missing“ 2016), Lupe Fiasco (*1982) („Words I Never Said“ 2011) oder Pink (*1979) („Dear Mr. President“ 2006) das Thema auf, um sowohl individuelles Trauma als auch politische Folgen zu reflektieren. Neben dem kommerziellen Interesse am Thema zeigt sich in der Popu‐ lärkultur auch ein deutliches kulturelles Bedürfnis, Terrorismus und seine Auswirkungen einzuordnen, zu verarbeiten und kritisch zu hinterfragen. Liedermacher*innen wie Konstantin Wecker (*1947), dessen Lied „Willy“ sich seit 1977 in mehreren Versionen gegen rechtsextreme Gewalt richtet, oder Punk-Bands wie Die Ärzte mit ihrem Song „Schrei nach Liebe“ (1993) greifen das Thema pointiert auf. In Italien setzten sich Künstler*innen mit der sogenannten „Strategie der Spannung“ auseinander - etwa in Liedern wie „Agosto“ (1976) von Claudio Lolli (1950-2018) über das Attentat auf den Zug Italicus im Jahr 1974. Diese kulturelle Intervention und ihre kritische Auseinandersetzung mit staatlicher Überwachung und Terrorismusbekämpfung (inkl. dem „War on Terror“) fordern dazu auf, die oft dominierenden Schwarz-Weiß-Narrative in Politik und Medien zu hinterfragen. So wird Populärkultur - bei aller Widersprüchlichkeit - auch zu einem Raum für Reflexion, Kritik und Widerstand. 192 Terrorismus, Medien und Populärkultur <?page no="193"?> Literatur- und Filmtipps | Interessante Einblicke liefern Lynn Ellen Patyk, Written in Blood: Revolutionary Terrorism and Russian Literary Culture, Madison 2017; Peter C. Herman (Hg.), Terrorism and Literature, Cambridge 2018 sowie Michael C. Frank, The Cultural Imaginary of Terrorism in Public Discourse, Literature, and Film: Narrating Terror, London 2020. Daneben gibt es eine Reihe von Spielfilmen, hier eine kleine Auswahl: • The Day of the Jackal (1973), Regie: Fred Zinnemann. • Die bleierne Zeit (1981), Regie: Margarethe von Trotta. • In the Name of the Father (1992), Regie: Jim Sheridan. • Michael Collins (1996), Regie: Neil Jordan. • American History X (1998), Regie: Tony Kaye. • Bloody Sunday (2002), Regie: Paul Greengrass. • Munich (2005), Regie: Steven Spielberg. • Syriana (2005), Regie: Stephen Gaghan. • The Wind That Shakes the Barley (2006), Regie: Ken Loach. • United 93 (2006), Regie: Paul Greengrass. • Body of Lies (2008), Regie: Ridley Scott. • Hunger (2008), Regie: Steve McQueen. • Five Minutes of Heaven (2009), Regie: Oliver Hirschbiegel. • Zero Dark Thirty (2012), Regie: Kathryn Bigelow. • ‘71 (2014), Regie: Yann Demange. • Hotel Mumbai (2018), Regie: Anthony Maras. • 7 Days in Entebbe (2018), Regie: José Padilha. • Utøya 22. Juli (2018), Regie: Erik Poppe. Liste ausgewählter Romane, Kurzgeschichten und Theaterstü‐ cken: • Oscar Wilde, Vera: Or the Nihilsts, 1880. • Émile Zola, Germinal, 1885. • Thomas Dixon, The Clansman: A Historical Romance of the Ku Klux Klan, 1905. • Joseph Conrad, The Secret Agent. 1907. • Gilbert Keith Chesterton, The Man Who was Thursday, 1908. • Ōe Kenzaburō, Seiji Shōnen shisu. Seventeen dainibu, 1961. Terrorismus, Medien und Populärkultur 193 <?page no="194"?> • Dario Fo, Morte accidentale di un anarchico, 1970. • Heinrich Böll, Die verlorene Ehre der Katharina Blum oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann, 1974. • John le Carré, The Little Drummer Girl, 1983. • Doris Lessing, The Good Terrorist, 1985. • Tom Clancy, Patriot Games, 1987. • Don DeLillo, Falling Man, 2007. • Ferdinand von Schirach, Terror: Ein Theaterstück und eine Rede, 2016. Wie trägt die (Pop-)Kultur zur Mythenbildung des Linksterrorismus bei? Spätestens nach den Anschlägen auf das World Trade Center in New York am 11. September 2001 kam es in zahlreichen westlichen Ländern zu einer Verklärung des Linksterrorismus der 1970er Jahre. Ein Grund für diese Entwicklung lag darin, dass im Vergleich zu dem willkürlichen Töten unschuldiger Zivilist*innen der als gezielt wahrgenommene Terrorismus der Roten Brigaden oder der RAF beinahe zivilisiert erschien - zumal er sich in der öffentlichen Wahrnehmung vor allem gegen Vertreter*innen des Systems richtete und damit für die „normale Bevölkerung“ keine Gefahr darstellte. Musiker wie Jan Delay (*1976) zeichnen in ihren Liedern („Söhne Stamm‐ heims“ 2001) das Bild eines gerechtfertigten Aufstandes der RAF gegen den ausufernden Kapitalismus und eine moralisch verwerfliche und korrupte politische Elite. Sie formulieren fast eine Art Sehnsucht nach den Taten der Terrorist*innen, denn ohne sie sei die Gesellschaft vollkommen abgestumpft und die politische Elite könnte unbehelligt Unheil und Krankheiten verbrei‐ ten, Kinder abschieben und sich am Waffenhandel bereichern. Auch die deutsche Punk-Band WIZO greift in ihrem Lied „Rote Armee Fraktion“ (2001) die RAF-Ikonografie auf - mit Textzeilen wie „geiler Haufen“ und „ich fand euch immer spitze“. Der Refrain beklagt, man sei „leider noch zu klein gewesen, um bei euch dabei zu sein“, doch „das Herz schlug damals schon für die Rote Armee Fraktion“. Solche Texte spielen mit der Symbolik und Emotionalität linker Militanz, wobei die 194 Terrorismus, Medien und Populärkultur <?page no="195"?> Grenzen zwischen Provokation, Sympathie und popkultureller Überhöhung oft verschwimmen. Diese Ästhetisierung setzt sich auch visuell fort: So trug etwa The Clash-Frontmann Joe Strummer (1952-2002) ein T-Shirt mit RAF-Logo und dem Schriftzug der Roten Brigaden - ein Ausdruck jener popkulturellen Aneignung linker Terrorismus-Ästhetik, die sich auch in Mode und Design wiederfindet. Begriffe wie „Prada Meinhof “ zeigen, wie Symbole des Links‐ terrorismus auch außerhalb politisch aktivistischer Milieus Anklang fanden - oft als reines Stilmittel, losgelöst von den historischen Gewalttaten. Auch die bildenden Künste im weitesten Sinne haben sich mit dem Thema Linksterrorismus auseinandergesetzt - häufig in kritischer, reflektierender oder provokanter Weise. Besonders hervorzuheben ist Gerhard Richter (*1932), dessen 1988 entstandener Bilderzyklus „18. Oktober 1977“ zu den bekanntesten künstlerischen Auseinandersetzungen mit der RAF zählt. Die 15 Gemälde, in Grau gehalten und auf der Basis von Pressefotos gemalt, zeigen unter anderem die Toten der RAF im Gefängnis (Baader, Ensslin, Raspe) sowie ihre Festnahme und Beerdigung. Der Zyklus löste heftige Reaktionen aus, die zwischen Anerkennung als kritische Reflexion über Me‐ dien, Erinnerung und Gewalt und Vorwürfen der Heroisierung schwankten. Auch im Kino schlug sich dieser Trend nieder. Filme wie der „Ba‐ ader-Meinhof-Komplex“ (2008), die für sich historische Authentizität rekla‐ mierten, setzten sich zumeist unkritisch mit den Taten der RAF auseinan‐ der und erklärten ihre Protagonist*innen im Stil einer deutschen Version von „Bonny und Clyde“ zu Draufgängern und Fashion-Helden. Besonders deutlich zeigt sich diese Glorifizierung im US-Trailer des Films, in dem statt „Terrorists? “ Begriffe wie „Rebels? “, „Martyrs? “ oder gar „Heroes? “ eingeblendet werden. Diese Darstellung trägt zur Mythologisierung und Popkulturalisierung des Linksterrorismus bei - mit der Folge, dass die ideologischen und gewalttätigen Dimensionen der RAF zunehmend in den Hintergrund treten und der Begriff „Terrorismus“ verzerrt wird - und, in der Konsequenz, einseitig mit islamistsischen Terrorismus gleichgesetzt wird. Ein ähnliches Phänomen lässt sich im italienischen Kontext beobachten: Filme wie „Piazza delle Cinque Lune“ (2003) greifen reale Ereignisse wie die Aldo-Moro-Entführung auf, verstricken sich jedoch oft in spekulativen Verschwörungserzählungen. Solche Darstellungen fanden in der Öffentlich‐ keit durchaus Anklang und spiegeln ein verbreitetes Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen wider. Auch hier verschwimmen die Grenzen Terrorismus, Medien und Populärkultur 195 <?page no="196"?> zwischen Aufarbeitung, Fiktion und Legendenbildung - mit entsprechenden Auswirkungen auf das öffentliche Verständnis von Terrorismus. Literatur- und Linktipps | Als Einführung sei Nicole Colin u. a. (Hg.). Der „Deutsche Herbst“ und die RAF in Politik, Medien und Kunst: Na‐ tionale und internationale Perspektiven, Bielefeld 2009; Alan O’Leary, Tragedia all’italiana: Italian Cinema and Italian Terrorisms, 1970-2010, Bern 2011 sowie der Artikel Die Prada-Meinhof-Bande, in: Der Spiegel vom 27. Februar 2002, https: / / www.spiegel.de/ kultur/ gesellschaft/ zeitge ist-die-prada-meinhof-bande-a-184222.html empfohlen. Einen kommentierten Überblick über die wichtigsten RAF-Filme bietet Christian Heger Holger Twele auf der Internetseite der Bundeszentrale für Politische Bildung (https: / / www.bpb.de/ lernen/ filmbildung/ 43367/ d ie-raf-im-film-eine-kommentierte-uebersicht/ ). Wie nutzen terroristische Gruppen (Pop-)Kultur für ihre Zwecke? Auch terroristische Bewegungen haben früh erkannt, welche Macht in kul‐ turellen Symbolen und Ästhetiken liegt - insbesondere in den Ausdrucks‐ formen der Popkultur. Dabei nutzen sie gezielt Medienformate, Stilelemente und Narrative, die besonders auf junge Menschen anziehend wirken, um ihre Botschaften zu verbreiten, Anhänger zu rekrutieren und Gewalt zu legitimieren. Ein eindrucksvolles Beispiel hierfür ist die Propaganda des IS. Die Organisation produzierte aufwendig inszenierte Videos, die sich in Dramaturgie, Schnitttechnik und musikalischer Untermalung an westlichen Action- und Kriegsfilmen orientierten. Diese mediale Strategie zielte darauf ab, den „Dschihad“ als heroisches Abenteuer zu inszenieren - mit klaren Gegnern, einem ästhetisierten Gewaltideal und der Verheißung persönlicher Größe durch den „Märtyrertod“. Dieser Trend wird in der Forschung ofmals als Übergang zu einem „visuellen Dschihadismus“ beschrieben: Die Bildsprache westlicher Po‐ pulärkultur wird von Terrorgruppen bewusst aufgegriffen und umgedeutet, um eine Brücke zur Lebenswelt potenzieller Rekrut*innen zu schlagen. Aber nicht nur professionell produzierte Propaganda erfüllt diese Funktion. Auch einfache Mittel wie Memes, Internet-Humor, Anspielungen auf Videospiele 196 Terrorismus, Medien und Populärkultur <?page no="197"?> und die Ästhetik von YouTube-Influencer*innen werden von dschihadis‐ tischen wie auch rechtsextremen Gruppen eingesetzt, um insbesondere Jugendliche und junge Erwachsene emotional anzusprechen. Diese gezielte Nutzung popkultureller Codes dient dazu, radikale Inhalte unter einem scheinbar harmlosen, spielerischen Deckmantel zu verbreiten. Gleichzeitig wäre es verkürzt, diese Verbindung zwischen Popkultur, medialer Instrumentalisierung und Terrorismus nur als ein Phänomen der Gegenwart zu begreifen. Schon frühere terroristische Bewegungen nutzten populärkulturelle Ausdrucksformen zur Verbreitung ihrer Ideologien und Rechtfertigung ihrer Gewalt. Im 19. Jahrhundert nutzten Anarchist*innen und deren Sympathisant*innen - etwa Karl Heinzen oder Johann Most - Bücher, Pamphlete und Zeitungen, um Attentate zu rechtfertigen, zu glorifizieren oder sogar technische Anleitungen zu verbreiten. Ein weiteres historisch markantes Beispiel ist der Ku-Klux-Klan in den USA der 1920er Jahre. Der enorme Erfolg des Films „The Birth of a Nation“ (1915) von D. W. Griffith (1875-1948) - basierend auf den rassistischen Ro‐ manen von Thomas Dixon (1864-1946) - trug maßgeblich zur Renaissance des Klans bei. Der Film glorifizierte den Klan als heroische Kraft im Kampf gegen die Emanzipation der schwarzen Bevölkerung und wurde von der Bewegung gezielt zur Mitgliederwerbung eingesetzt. Auch die sogenannte „Neue Rechte“ in Europa griff in den 1960er und 1970er Jahren bewusst auf kulturelle Strategien zurück, inspiriert von Antonio Gramscis (1891-1937) Theorie der „kulturellen Hegemonie“. Musik wurde dabei ein zentrales Mittel der Mobilisierung: Festivals wie das italieni‐ sche „Campo Hobbit“ oder die Rechtsrock-Szene um Bands wie Skrewdriver mit ihrem Sänger Ian Stuart Donaldson (1957-1993) verbanden Musik mit politisch-rechtsextremen Botschaften. Die Konzerte von Donaldsons global agierendem Blood-and-Honour-Netzwerk dienten und dienen nicht nur der Rekrutierung, sondern auch der Radikalisierung, da sie Hass auf Minderheiten propagieren und nationalsozialistische Ideologien verherrli‐ chen. Sicherheitsbehörden betrachteten und betrachten diese kulturellen Veranstaltungen zunehmend als Einfallstor in rechtsterroristische Milieus. Auch Literatur spielte eine bedeutende Rolle. Romane wie „Die Tur‐ ner-Tagebücher“ von William L. Pierce oder „Siege“ von James Mason gelten bis heute als Schlüsseltexte rechtsextremer und rechtsterroristischer Bewegungen. Solche Werke dienen nicht nur zur ideologischen Schulung, sondern auch als Handlungsanweisungen für gewaltbereite Einzelakteure. Terrorismus, Medien und Populärkultur 197 <?page no="198"?> Sie legitimieren terroristische Gewalt als notwendigen Schritt im Kampf gegen die vermeintliche „Zersetzung“ der eigenen Kultur und Identität. Insgesamt zeigt sich, dass die Verbindung von Popkultur und Extremis‐ mus kein neues Phänomen ist. Vielmehr handelt es sich um eine seit Jahrhunderten bewährte Strategie extremistischer Bewegungen, kulturelle Ausdrucksformen zu instrumentalisieren, um politische Gewalt zu norma‐ lisieren und neue Rekrut*innen anzuwerben. Literaturtipps | Empfohlen seien Cori E. Dauber, Youtube War: Fighting in a World of Cameras in Every Cell Phone and Photoshop on Every Computer, Carlisle 2009 und John R. Vacca (Hg.), Online Terrorist Propaganda, Recruitment and Radicalization, Boca Raton 2020. Für die White Power Music, vgl. Kirsten Dyck, Reichsrock. An International Web of White-Power and Neo-Nazi Hate Music, New Brunswick 2016. Welche Rolle spielen Videospiele und interaktive Medien in Bezug auf terroristische Gewalt? Auch Videospiele spielen in terroristischen Kreisen eine zunehmend be‐ deutsame Rolle. Digitale Spiele sind längst fester Bestandteil der globalen Popkultur, insbesondere unter jungen Menschen, und bilden damit einen wichtigen sozialen und kulturellen Raum, in dem sich Weltbilder, Normen und Feindbilder formen können. Gerade populäre Ego-Shooter wie Call of Duty, Counter-Strike oder Battlefield inszenieren Kampfhandlungen, Terrorismusbekämpfung und Kriegsführung in einer Weise, die oft klare Gut-Böse-Dichotomien transportieren. In vielen dieser Spiele werden Geg‐ ner - häufig klischeehaft dargestellte „Terrorist*innen“ mit arabischem oder osteuropäischem Hintergrund - als gesichtslose Bedrohung inszeniert, die es zu beseitigen gilt. Solche Darstellungen tragen dazu bei, bestimmte Feind‐ bilder unreflektiert zu reproduzieren und können das gesellschaftliche Bild vom „Terroristen“ als fremde, homogene und brutalisierte Figur verfestigen. Diese eindimensionale Darstellung kann - bewusst oder unbewusst - beste‐ hende Ressentiments verstärken und extremistische Narrative legitimieren oder verstärken. Dabei bedeutet das nicht, dass Videospiele automatisch Radikalisierungs‐ maschinen sind oder Gewaltbereitschaft fördern. Zahlreiche Studien haben 198 Terrorismus, Medien und Populärkultur <?page no="199"?> gezeigt, dass der Zusammenhang zwischen gewalthaltigen Spielen und realer Gewalt keineswegs eindeutig ist. Dennoch lässt sich festhalten, dass die wiederholte spielerische Auseinandersetzung mit Terrorismus, Gewalt und Krieg durchaus zu einer gewissen Desensibilisierung führen kann. Gewalt wird als Teil eines unterhaltsamen Spiels konsumiert, was reale Konflikte abstrakter erscheinen lassen kann. Besonders problematisch wird der Zusammenhang zwischen Videospie‐ len und Extremismus, wenn radikale Gruppen versuchen, Spiele aktiv für ihre eigenen Zwecke zu nutzen. Es gibt Fälle, in denen extremistische Gruppierungen eigene Spiele entwickelt oder populäre Games modifiziert haben, um ihre Ideologien zu verbreiten. Schon Anfang der 2000er kur‐ sierten im Internet Spiele mit dschihadistischer Propaganda, bei denen etwa amerikanische Soldaten als Feindbilder dienten. Rechtsextreme Kreise wiederum haben Mods (modifizierte Spielinhalte) von bekannten Spielen erstellt, um rassistische, antisemitische oder verschwörungsideologische Inhalte einzubetten. Noch bedeutsamer als eigens produzierte Spiele ist jedoch die Nutzung von Spieleplattformen, Chats und Online-Communities als Räume der Re‐ krutierung und Radikalisierung. Plattformen wie Discord, Steam oder spezi‐ elle Server in Spielen wie Minecraft oder Roblox werden von Extremist*in‐ nen gezielt genutzt, um junge Menschen anzusprechen, ideologisch zu beeinflussen und in radikale Subkulturen hineinzuziehen. Hier vermischen sich spielerische Kommunikation, popkulturelle Codes und extremistisches Gedankengut oft nahtlos. Gerade in anonymen oder halb-anonymen Räu‐ men können extreme Ideologien in ironischer, „memiger“ Form verbreitet werden, wodurch sich die Grenzen zwischen Spiel, Spaß und politischem Extremismus zunehmend verwischen. Ein besonders perfides Beispiel dieser Dynamik ist der sogenannte „Ga‐ mification“-Ansatz rechtsextremer Akteure. Hierbei wird reale Gewalt - etwa terroristische Anschläge - wie eine Art „Highscore-Spiel“ inszeniert. Der Attentäter von Christchurch (2019) etwa verwendete Begriffe und Formulierungen aus der Gaming-Kultur in seinem Manifest und inszenierte seinen Anschlag wie einen Ego-Shooter, inklusive Livestream für ein On‐ line-Publikum. Solche Taten können auf extremistische Subkulturen wie eine „Challenge“ wirken, Nachahmung inklusive. Terrorismus, Medien und Populärkultur 199 <?page no="200"?> Literaturtipps | Um einen Einblick in die Thematik zu erhalten seien folgende Artikel empfohlen: Daniel Köhler, Verena Fiebig und Irina Jugl, From Gaming to Hating: Extreme-Right Ideological Indoctrination and Mobilization for Violence of Children on Online Gamine Platforms, in: Political Psychology 44, Nr.-2 (2023), S.-419-434; Adam Lankford, Clare S. Allely und Sonya A. McLaren, The Gamification of Mass Violence: Social Factors, Video Game Influence, and Attack Presentation in the Christchurch Mass Shooting and Its Copycats, in: Studies in Conflict & Terrorism (2025), S.-1-25. Welche Bedeutung kommt der Ikonographie des Terrorismus zu? Terrorismus ist immer auch ein Spektakel - eine gezielte Inszenierung von Gewalt, die über den eigentlichen physischen Schaden hinaus psychologi‐ sche und politische Wirkung entfalten soll. In diesem Zusammenhang spie‐ len Bilder und visuelle Symbole eine zentrale Rolle. Während Reportagen, Analysen und Hintergrundberichte wichtig für das Verständnis sind, prägen sich vor allem die Bilder eines Anschlags oder Attentats ins kollektive Gedächtnis ein. Die Ikonographie des Terrorismus - also die symbolischen Bilder, die mit terroristischen Akten verbunden werden - ist deshalb von entscheidender Bedeutung. Solche Bilder bedienen zum einen die Sensationsgier eines Publikums, das schockiert, fasziniert und zugleich verängstigt ist. Gleichzeitig aber transportieren sie oft ungewollt die Botschaften der Täter*innen. Terroristi‐ sche Gruppen wissen um diese Wirkung und nutzen sie gezielt. Propaganda‐ fotos und -videos, Manifeste in Bildform, Livestreams von Anschlägen oder bewusst inszenierte Bekennervideos sind Beispiele dafür, wie Terrorist*in‐ nen Bildmaterial strategisch ausnutzen, um ihre politischen, ideologischen oder religiösen Ziele in die Öffentlichkeit zu tragen. Die Macht der Bilder liegt auch darin, Emotionen unmittelbarer anzu‐ sprechen als Texte. Ein brennendes Gebäude, maskierte Terrorist*innen oder symbolträchtige Tatorte wirken als visuelle Metaphern für die Ziele oder Feindbilder der Täter*innen. Gleichzeitig vermitteln solche Bilder auch Einblicke in die Selbstinszenierung der Terrorist*innen: Sie präsentieren sich 200 Terrorismus, Medien und Populärkultur <?page no="201"?> als Soldaten, Märtyrer oder Rächer - Rollenbilder, die wiederum bestimmte Zielgruppen ansprechen sollen. Ein Blick in die Geschichte des Terrorismus zeigt, dass dieses Phänomen keineswegs neu ist, sondern sich lediglich an neue Kommunikationsmittel und Medien angepasst hat. Bereits der anarchistische Terrorismus des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts wurde in französischen Illustrierten wie dem Le Petit Journal oder dem Le Petit Parisiene reich bebildert und verbreitet (siehe Abb. 4). Die Ermordungen von Staatsoberhäuptern wie Präsident McKinley (1901) oder Erzherzog Franz Ferdinand (1914) wurden damals schon zu medialen Großereignissen, die das öffentliche Interesse auf sich zogen und die politische Wirkung der Taten verstärkten. Abb. 4: Künstlerische Darstellung der Bombenexplosion im Liceu-Theater in Barcelona im November 1893. Terrorismus, Medien und Populärkultur 201 <?page no="202"?> Seit den 1960er Jahren begannen terroristische Gruppen selbst, visuelle Medien strategisch für ihre Zwecke zu nutzen. Linksterroristische Organi‐ sationen wie die RAF oder die Roten Brigaden setzten gezielt Fotos und Filmaufnahmen ihrer Entführungsopfer ein, um Macht zu demonstrieren und ihre Aktionen als Form einer „proletarischen Justiz“ zu präsentieren. Auch palästinensische Gruppen nutzten gezielt visuelle Inszenierungen zur politischen Kommunikation - so wurde etwa das von Eddie Adams (1933- 2004) aufgenommene Foto der bewaffneten Leila Khaled, mit AK-47 und traditioneller Kufiya, zu einem ikonischen Symbol des palästinensischen Widerstands. Gleichzeitig prägten weiterhin indirekte Bilddokumente - Fotos und Videoaufnahmen, die nicht von den Terrorist*innen selbst erstellt wurden - das visuelle Gedächtnis des Terrorismus. Ein prägnantes Beispiel ist das weltberühmte Foto der Ermordung von Asanuma Inejirō (1898-1960) im Jahr 1960 durch einen rechtsextremen Jugendlichen, das 1961 zum World Press Photo gekürt wurde. Auch das Bild des maskierten Geiselnehmers auf dem Balkon des olympischen Dorfes in München 1972 avancierte zur ikonischen Darstellung des palästinensischen Terrorismus. Die Bilder der brennenden Zwillingstürme markierten einen weiteren Höhepunkt in der Ikonographie des Terrorismus. Obwohl Bewegtbilder - insbesondere Videos - heute eine zunehmend zentrale Rolle spielen und viele klassische Fotografien verdrängen, behalten solche ikonischen Bilder ihre Wirkung. Sie bleiben kraftvolle Symbole, die das kollektive Gedächtnis prägen und den globalen Diskurs über terroristische Gewalt nachhaltig beeinflussen. Die Ikonografie terroristischer Gewalt erweist sich dabei als ein sich ständig wandelndes Mittel der Kommunikation - eng verknüpft mit medialen, technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen. Literatur- und Linktipps | Empfohlen sei insbesondere Charlotte Klonk, Terror: Wenn Bilder zu Waffen werden, Frankfurt am Main 2017 und Se‐ bastian Baden u. a. (Hg.), Mindbombs: visual cultures of political violence: visuelle Kulturen politischer Gewalt, Bielefeld 2021. Speziell mit dem 11. September und seinen Folgen befasst sich W. J. T. Mitchell, Cloning Terror: The War of Images, 9/ 11 to the Present, Chicago 2011. Das Bild der Ermor‐ dung von Asanuma Inejirō findet sich unter https: / / www.worldpressphot o.org/ collection/ photo-contest/ 1961/ yasushi-nagao-sn/ 1. 202 Terrorismus, Medien und Populärkultur <?page no="203"?> Was war der erste terroristische Anschlag, der auf Film festgehalten wurde? Am 9. Oktober 1934 wurde König Alexander I. von Jugoslawien während eines offiziellen Staatsbesuchs in Marseille ermordet. Er reiste in einem offenen Wagen gemeinsam mit dem französischen Außenminister Louis Barthou, der ebenfalls tödlich verletzt wurde. Der Attentäter war Vlado Chernozemski (1897-1934), ein bulgarisches Mitglied der IMRO, der in Zusammenarbeit mit der kroatischen Ustaša handelte. Historisch bedeutsam wird dieser Anschlag auch dadurch, dass die Zeit unmittelbar davor und danach - wenn auch nur inmitten chaotischer Szenen - auf Kamera festgehalten wurde. Das Filmmaterial zeigt, wie der Autokonvoi durch die dicht gedrängten Straßen von Marseille fährt sowie das sofort ausbrechende Chaos unter den Umstehenden nach dem Attentat. Sicherheitskräfte und Polizei eröffnen das Feuer, um den Angreifer zu überwältigen. Es folgen Szenen großer Verwirrung: Menschen werfen sich zu Boden, während berittene Einheiten versuchen, die Lage unter Kontrolle zu bringen. Auch wenn der exakte Moment der Schüsse nicht klar im Bild zu sehen ist, dokumentieren die Aufnahmen eindrucksvoll die chaotischen Folgen des Attentats - und liefern damit ein seltenes, frühes filmisches Zeugnis eines politischen Mordes. Die Aufnahmen wurden weltweit verbreitet unter anderem an 20th Cen‐ tury Fox, die das Filmmaterial mit einem Kommentar von Graham McNamee (1888-1942) unterlegte. Dabei wurde es an verschiedenen Stellen nachträg‐ lich manipuliert und mit offensichtlichen faktischen Fehlern versehen. So wird beispielsweise ein Strohhut auf dem Boden gezeigt, der angeblich dem Attentäter gehören soll, tatsächlich aber einer anderen Person gehörte, da Chernozemski selbst keinen Strohhut trug. Außerdem wird als Tatwaffe eine Mauser C96 mit einem Magazin für zehn Patronen dargestellt, obwohl Chernozemski eine Version mit einem zwanzig Schuss fassenden Magazin verwendete. Zusätzlich wurden dem Film nachträglich drei identische Pistolenschüsse hinzugefügt, obwohl Chernozemski tatsächlich über zehn Schüsse abfeuerte und dabei insgesamt 15 weitere Menschen tötete oder verletzte. Die bewusste Manipulation des Films verwischte die Grenze zwischen Dokumentation und Inszenierung. Die künstlichen Schüsse erzeugten ein falsches Gefühl von Unmittelbarkeit und Authentizität, sodass die Zuschauer*innen glaubten, das Attentat in Präsenz zu erleben - tatsächlich Terrorismus, Medien und Populärkultur 203 <?page no="204"?> aber waren sie einer medial konstruierten Dramaturgie ausgesetzt, die gezielt ihre emotionale Beteiligung verstärken sollte. Der Film wurde so zu einem frühen Beispiel dafür, wie Massenmedien politische Gewalt unmittelbar global sichtbar machen und manipulieren konnten. Damit beeinflusste es sowohl den Journalismus als auch Strategien politischer Propaganda in den folgenden Jahrzehnten nachhaltig. Dies ge‐ schah aber weder zufällig noch war es ein Einzelfall. Vielmehr spiegelte die Manipulation breitere Trends der Medienlandschaft im frühen 20. Jahrhun‐ dert wider, in der Film zunehmend nicht nur als journalistisches Medium, sondern auch als Unterhaltungs- und Propagandainstrument verstanden wurde. Durch die Dramatisierung des Attentats mit reißerischem Kom‐ mentar, falschen visuellen Identifikationen und inszenierten Toneffekten verwandelte die amerikanische Version der Wochenschau reale politische Gewalt in ein filmisches Spektakel. Literaturtipps | Zum Anschlag vgl. Mario Jareb, Marseilles 1934: The death of the King, in: Johannes Dafinger und Moritz Florin (Hg.), A Transnational History of Right-Wing Terrorism, New York 2022, S. 115- 128. Zur Ustaša vgl. Adriano Pinto und Giorgio Cingolani, Nationalism and Terror. Ante Pavelić and Ustasha Terrorism from Fascism to the Cold War, New York 2018. Was zählt als die erste Tötung, die von einer Terrorgruppe auf Bild festgehalten wurde? Die Geschichte der medialen Inszenierung terroristischer Gewalt ist eng mit der Frage verknüpft, wann Terrorist*innen erstmals eine Hinrichtung gezielt für propagandistische Zwecke filmten. Eine zentrale Rolle spielt hierbei der Fall von Roberto Peci, Mitglied der kommunistischen Partei Italiens und Bruder eines Kronzeugen gegen die linksterroristischen Roten Brigaden. Peci wurde 1981 von den Brigaden entführt, gefangen gehalten und in einer Art Schauprozess verhört. Die Verhöre wurden per Video dokumentiert und anschließend an Medien übermittelt. Ziel dieser Inszenierung war es, Druck auf den Staat auszuüben und gleichzeitig eine abschreckende Warnung an mögliche zukünftige Informanten zu senden. Die Aufnahmen zeigen einen eingeschüchterten, entkräfteten Mann, der zu erzwungenen Geständnissen 204 Terrorismus, Medien und Populärkultur <?page no="205"?> gedrängt wurde. Die italienische Rundfunkanstalt RAI weigerte sich jedoch, das Material auszustrahlen. Der eigentliche Mord an Peci, der am 3. August 1981 mit elf Schüssen getötet wurde, wurde jedoch nicht gefilmt. Stattdessen verbreiteten die Terroristen ein Polaroid-Foto von seiner Leiche. Damit war dies zwar einer der ersten Fälle, in denen Video gezielt zur medialen Inszenierung terroristischer Gewalt eingesetzt wurde, aber noch ohne den expliziten Mordakt im Bild. Als erste gefilmte Hinrichtung durch eine Terrorgruppe - im Sinne einer gezielt vor der Kamera inszenierten Ermordung zu Propagandazwecken - gilt der Fall von William F. Buckley, dem damaligen CIA-Stationsleiter in Beirut. Buckley wurde 1984 von der Hisbollah entführt. Von ihm existieren Videoaufnahmen, die seine monatelange Folter dokumentieren. Berichten zufolge wurde auch seine Ermordung auf Video festgehalten - allerdings wurde dieses Material nie veröffentlicht, sondern lediglich von Geheim‐ diensten bestätigt. Einen Wendepunkt in der terroristischen Medienstrategie stellt die Er‐ mordung des amerikanischen Journalisten Daniel Pearl (1963-2002) dar. Pearl wurde 2002 in Pakistan von einer Gruppe um Khalid Sheikh Mo‐ hammed (*1965) entführt. Seine Enthauptung wurde bewusst gefilmt, die Aufnahmen professionell zusammengeschnitten, mit politischen Forderun‐ gen unterlegt und über das Internet verbreitet. Dieses Video war weltweit abrufbar und setzte einen neuen Standard für terroristische Propaganda im digitalen Zeitalter. Im Gegensatz zu früheren Fällen war hier die eigentliche Tötung das zentrale Element der medialen Botschaft. Der Mord an Pearl markierte einen Paradigmenwechsel: Terroristische Gewalt wurde nicht mehr nur medial begleitet, sondern der Akt des Mor‐ dens selbst wurde zum Propagandamittel erhoben. Diese Strategie wurde später von Gruppen wie al-Qaida im Irak oder dem IS systematisch wei‐ terentwickelt, mit gezielten Inszenierungen von Geiselhinrichtungen und einer immer professionelleren medialen Aufbereitung. Auch rechtsextreme Attentäter übernahmen dieses Muster - wie etwa bei den Anschlägen von Christchurch (2019) und Hanau (2020), bei denen die Tat live übertragen wurde. Terrorismus, Medien und Populärkultur 205 <?page no="207"?> Aktuelle und zukünftige Entwicklung des Terrorismus Der Terrorismus von morgen wird von neuen Technologien, globalen Verschiebungen und veränderten Akteursmustern geprägt sein. Dieses Kapitel beschäftigt sich mit möglichen zukünftigen Trends und Her‐ ausforderungen und reflektiert, wie sich Staaten und Gesellschaften wappnen können. <?page no="208"?> Erleben wir einen Anstieg terroristischer Gewalt? Die Frage, ob wir seit den 2010er Jahren einen Anstieg terroristischer Gewalt erleben, lässt sich nicht pauschal beantworten, sondern erfordert eine differenzierte Betrachtung von Zahlen, regionalen Entwicklungen und Formen des Terrorismus. Global betrachtet kam es insbesondere in der ersten Hälfte der 2010er Jahre tatsächlich zu einem dramatischen Anstieg terroristischer Gewalt. Laut dem Global Terrorism Index (GTI), herausgegeben vom Institute for Economics and Peace (IEP), erreichte die Zahl der Todesopfer durch Terrorismus 2014 ihren bisherigen Höhepunkt. In jenem Jahr wurden weltweit über 32.000 Menschen durch terroristische Anschläge getötet - mehr als dreimal so viele wie noch 2010 und zum Vergleich: 2024 waren es 7555. Verantwortlich für diesen rapiden Anstieg waren vor allem vier Gruppen: der IS, Boko Haram, die Taliban und al-Qaida. Allein der IS war 2014 für etwa 6.000 Tote verantwortlich, während Boko Haram in Nigeria sogar über 6.600 Menschen tötete. Die Konfliktregionen Afghanistan, Irak, Nigeria, Pakistan und Syrien bildeten die Hotspots dieses Anstiegs. In Europa zeigte sich der Anstieg terroristischer Gewalt insbesondere ab 2015. Die Anschläge auf die Redaktion von Charlie Hebdo in Paris (2015), die koordinierte Anschlagsserie in Paris im November 2015 (130 Tote) sowie die Anschläge von Nizza (2016) und Berlin (2016) markierten eine Welle dschihadistisch inspirierter Gewalt in westlichen Gesellschaften. Besonders beunruhigend war dabei die Zunahme von Tätern, die im Westen geboren oder sozialisiert waren und über Internetpropaganda radikalisiert wurden. Auch in anderen Regionen der Welt kam es in den vergangenen Jahren zu schweren und oft verheerenden terroristischen Anschlägen - jenseits derjenigen, die im Kontext des syrischen Bürgerkriegs oder anderer bür‐ gerkriegsähnlicher Konflikte stattfanden. Viele dieser Attacken forderten hunderte Todesopfer und blieben im globalen Bewusstsein dennoch oft unterrepräsentiert. Beispielhaft seien hier einige besonders folgenschwere Anschläge genannt: Ankara (2015), Sanaa (2015), Bagdad (2016), Kabul (2017), Mogadischu (2017 und 2022), Sehwan Sharif (2017), Bir al-Abd (2017), Masar-e Scharif (2017) und Sri Lanka (2019). Seit dem Höhepunkt in den 2010er Jahren lässt sich ein deutlicher Rückgang verzeichnen. Der Global Terrorism Index 2023 berichtet, dass die Zahl der Terroropfer seit 2015 um etwa 25 Prozent gesunken ist. Der IS hat seit dem Verlust seines Kalifats 2019 massiv an Schlagkraft verloren. 208 Aktuelle und zukünftige Entwicklung des Terrorismus <?page no="209"?> Auch al-Qaida operiert derzeit mehr regional, vor allem in Teilen Afrikas und des Nahen Ostens. In Europa ist die Zahl der tödlichen Anschläge seit 2017 zurückgegangen. Zwar kam es weiterhin zu Einzeltaten, wie etwa den Messerangriffen von Nizza 2020 oder den Anschlägen in Wien, doch diese blieben in ihrer Opferzahl deutlich hinter den großen Attacken der Jahre 2015-2016 zurück. Eine gegenläufige Tendenz zeigt sich allerdings im Bereich des rechtsex‐ tremen Terrorismus. Gerade in den USA, aber auch in Europa und Ozeanien, kam es in den letzten Jahren zu einer Zunahme rechtsterroristischer An‐ schläge. Beispiele sind der Anschlag auf eine Synagoge in Halle (2019) oder der Anschlag in Christchurch (2019). Hier lässt sich eine zunehmende Ver‐ netzung über rechtsextreme Online-Foren und die Verbreitung rassistischer Ideologien feststellen. Abschließend sei auf drei zentrale Problembereiche hingewiesen: Ers‐ tens ist eine klare Unterscheidung zwischen der Anzahl terroristischer Anschläge und der Zahl der Todesopfer notwendig - beide Kennzahlen werden oft vermischt oder missverständlich verwendet. Zweitens besteht eine grundsätzliche Herausforderung in der Erhebung der Daten selbst: Diese ist nicht nur durch die bereits erwähnte Definitionsproblematik erschwert - also durch die Frage, was als „terroristisch“ gilt, wer diese Einordnung vornimmt und auf welcher Grundlage (Erhebungsmethode) dies geschieht. Hinzu kommt, dass systematische Datensammlungen erst seit den 1970er Jahren verfügbar sind. Die Global Terrorism Database (GTD), die als eine der umfassendsten Datenquellen gilt, wurde ursprünglich vom Pinkerton Global Intelligence Service initiiert und wird heute vom National Consortium for the Study of Terrorism and Responses to Terrorism (START) an der University of Maryland betreut. Der Global Terrorism Index, der sich auf die GTD stützt, veröffentlicht erst seit 2007 entsprechende Aus‐ wertungen. Und drittens: Selbst vermeintlich objektive Zahlen und Fakten treten häufig in den Hintergrund, wenn die öffentliche Wahrnehmung - insbesondere unmittelbar nach einem Anschlag - emotional geprägt ist und ein verzerrtes Bild der Bedrohungslage entstehen lässt. Linktipps | Wichtige Datenbanken und Statistiken für die Entwicklung des Terrorismus sind der Global Terrorismus Index (https: / / www.econo micsandpeace.org/ global-terrorism-index/ Aktuelle und zukünftige Entwicklung des Terrorismus 209 <?page no="210"?> sowie die Global Terrorism Database (https: / / www.start.umd.edu/ data-t ools/ GTD). Das European Counter Terrorism Centre (ECTC) von Europol veröf‐ fentlicht ebenso Berichte über die Trends des Terrrorismus, die auf deren Homepage gefunden werden können (https: / / www.europol.europa.eu/ a bout-europol/ european-counter-terrorism-centre-ectc). Was ist Cyberterrorismus? Der Begriff „Cyberterrorismus“ bezeichnet in der Regel den Einsatz von Computern, digitalen Netzwerken oder Technologien zur Durchführung oder Unterstützung terroristischer Handlungen. Die Absicht ist, Schaden anzurichten oder Angst zu verbreiten, um politische Ziele zu erreichen. Dabei richten sich Cyberangriffe häufig gegen kritische Infrastrukturen oder die Zivilbevölkerung. Obwohl es Überschneidungen mit dem klassischen Terrorismus gibt - etwa in Bezug auf politische Motive und die weitreichen‐ den psychologischen und gesellschaftlichen Folgen - unterscheidet sich Cyberterrorismus vor allem durch seinen Handlungsraum: Er verzichtet auf physische Gewalt und nutzt stattdessen gezielt die Verwundbarkeit digital vernetzter Gesellschaften aus. Cyberterroristische Akteure setzen eine breite Palette digitaler Tools und Techniken ein, um ihre Ziele zu erreichen. Zu den gängigen Methoden gehören Phishing und Social Engineering, um Benutzer zur Preisgabe sensibler Informationen zu verleiten, sowie Denial-of-Service (DoS)- und Distributed-Denial-of-Service (DDoS)-Angriffe, die Systeme überlasten und Dienste unzugänglich machen. Anspruchsvollere Operationen können Malware und Ransomware beinhalten, die oft eingesetzt werden, um Daten zu verschlüsseln oder Systeme zu deaktivieren. Weitere Taktiken wie Spoofing und die Verbreitung von Desinformationen oder Fake News wer‐ den eingesetzt, um die Öffentlichkeit in die Irre zu führen und das Vertrauen in Institutionen zu untergraben. Um ihre Identitäten und ihre Kommunika‐ tion zu schützen, nutzen Cyberterrorist*innen häufig Verschlüsselung und das Dark Web, während Botnets eingesetzt werden, um das Ausmaß und die Wirkung der Angriffe zu verstärken. Obwohl groß angelegte cyberterroristische Angriffe bislang selten sind, zeigen einige aufsehenerregende Fälle und theoretische Szenarien, wie 210 Aktuelle und zukünftige Entwicklung des Terrorismus <?page no="211"?> ernst die Bedrohung genommen werden muss. So wurde etwa der Cyber‐ angriff auf das ukrainische Stromnetz im Jahr 2015 - der zu erheblichen Ausfällen führte - weitgehend russischen, staatlich unterstützten Akteuren zugeschrieben. Auch als auf der iberischen Halbinsel im April 2025 der Strom für mehrere Stunden ausfiel und das öffentliche Leben weitgehend zum Erliegen kam, stand kurzzeitig der Verdacht eines cyberterroristischen Angriffs im Raum, der später jedoch nicht bestätigt wurde. Zwar gingen diese Vorfälle nicht direkt auf terroristische Gruppen zurück, sie zeigen aber die Möglichkeiten für Terrorist*innen auf, ähnliche Methoden einzusetzen, um kritische Infrastrukturen wie Stromnetze, Wasserversorgung oder Ver‐ kehrssysteme zu sabotieren - mit dem Ziel, Angst zu schüren und erhebliche gesellschaftliche Störungen hervorzurufen. Eine weitere Methode ist die Verunstaltung oder Entführung von Web‐ sites, die häufig von Gruppen wie IS oder al-Qaida eingesetzt wird, um Propaganda zu verbreiten, Drohungen auszusprechen oder symbolische Siege zu erringen, indem sie staatliche oder institutionelle Plattformen angreifen. Noch besorgniserregender ist die Unterbrechung von Notfallsys‐ temen wie Notrufzentralen oder Krankenhausnetzwerken, die eine unmit‐ telbare Gefahr für Menschenleben und die öffentliche Sicherheit darstellt. Ransomware-Angriffe sind zwar in der Regel auf finanziellen Gewinn ausgerichtet, könnten aber auch für ideologische Ziele missbraucht werden - entweder als Instrument zur Mittelbeschaffung oder als Strategie zur Untergrabung des öffentlichen Vertrauens und der institutionellen Stabilität. Obwohl Cyberterrorismus im Vergleich zu Cyberkriminalität oder staat‐ lich geförderter Cyberkriegsführung vergleichsweise selten ist, stellt er aufgrund der zunehmenden Abhängigkeit moderner Gesellschaften von der digitalen Infrastruktur - von Gesundheits- und Finanzsystemen bis hin zu Kommunikationsplattformen und demokratischen Prozessen - eine immer größere Bedrohung dar. Erstens sind Cyber-Tools kostengünstig und dennoch in der Lage, hochwirksame Ergebnisse zu erzielen, was sie für ein breites Spektrum von Akteuren zugänglich macht. Zweitens erschwert die Anonymität digitaler Technologien die Zuordnung der Täter und damit die nationale und internationale Strafverfolgung. Und drittens ermöglicht die globale Reichweite des Cyberspace, dass Angriffe Grenzen überschreiten und Ziele in Echtzeit treffen können. Aktuelle und zukünftige Entwicklung des Terrorismus 211 <?page no="212"?> Literaturtipps | Einführungen in das Thema Cyberterrorismus bieten Imran Awan und Brian Blakemore (Hg.), Policing Cyber Hate, Cyber Threats and Cyber Terrorism, London 2019 sowie Thomas-Gabriel Rüdiger und P. Saskia Byerl (Hg.), Handbuch Cyberkriminologie 2: Phänomene und Auswirkungen, Wiesbaden 2023. Wie reagieren Staaten und internationale Organisationen auf Cyberterrorismus? Als Reaktion auf diese wachsende Bedrohung haben Regierungen, Cyber‐ sicherheitsbehörden und Akteure des Privatsektors einen mehrgleisigen Ansatz gewählt. Zu den wichtigsten Maßnahmen gehören der Schutz kriti‐ scher Infrastrukturen, die Einführung von Echtzeit-Überwachung und der Austausch von Informationen sowie öffentliche Aufklärungskampagnen über Cybersicherheit, um die Anfälligkeit für Manipulationen zu verringern. Darüber hinaus spielt die internationale Zusammenarbeit durch Organisa‐ tionen wie die NATO, Interpol und verschiedene bilaterale Initiativen eine wichtige Rolle bei der Entwicklung einheitlicher Reaktionen auf grenzüber‐ schreitende Cyberbedrohungen. In vielen Ländern werden auch die gesetz‐ lichen Rahmenbedingungen verschärft, um cyberterroristische Aktivitäten ausdrücklich unter Strafe zu stellen und die Möglichkeiten zur Verfolgung der Täter zu verbessern. Deutschland verfolgt eine umfassende und koordinierte Strategie zur Bekämpfung von Cyberterrorismus, die sowohl staatliche Institutionen als auch private Akteure und zivilgesellschaftliche Initiativen einbindet. Als na‐ tionale Cybersicherheitsbehörde fungiert das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI). Es entwickelt Standards zur IT-Sicher‐ heit, wie etwa den IT-Grundschutz, berät öffentliche Einrichtungen und Unternehmen und betreibt mit CERT-Bund eine zentrale Anlaufstelle zur Abwehr und Analyse von Sicherheitsvorfällen. Gleichzeitig ist das BKA für die strafrechtliche Verfolgung von Cyberangriffen zuständig. Es koordiniert in diesem Bereich die Ermittlungsarbeit auf Bundesebene und arbeitet eng mit internationalen Partnern wie Europol und Interpol zusammen. Auch der Verfassungsschutz (Bf V) und der Bundesnachrichtendienst (BND) sind in die cybersicherheitspolitische Architektur eingebunden. Ebenso beteiligt sich die Bundeswehr an der Cyberabwehr, insbesondere durch den Aufbau 212 Aktuelle und zukünftige Entwicklung des Terrorismus <?page no="213"?> des Kommandos Cyber- und Informationsraum, das in die militärische Sicherheitsarchitektur integriert ist. Eine zentrale Plattform für die ressortübergreifende Zusammenarbeit bildet das Nationale Cyber-Abwehrzentrum, das seit 2011 als Koordi‐ nationsstelle zwischen BSI, Bf V, BND, BKA sowie der Bundeswehr und anderen Behörden fungiert. Hier werden Informationen in Echtzeit ausge‐ tauscht und gemeinsame Lagebilder erstellt. Ergänzt wird dieser staatliche Rahmen durch öffentlich-private Partnerschaften wie das UP KRITIS, in dem Betreiber kritischer Infrastrukturen eng mit staatlichen Stellen kooperieren. Auch die Allianz für Cybersicherheit, eine Initiative des BSI, vernetzt Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Behörden zum Austausch von Best-Practice-Erfahrungen. Auf rechtlicher Ebene bilden die „Cyber-Sicherheitsstrategie für Deutsch‐ land“ (zuletzt aktualisiert 2021) und das novellierte BSI-Gesetz die Grundla‐ gen für die nationale Cybersicherheitsarchitektur. Sie legen unter anderem Ziele wie die Stärkung föderaler Zusammenarbeit, die Absicherung kriti‐ scher Infrastrukturen sowie eine stärkere Resilienz gegenüber hybriden Bedrohungen fest. Im Rahmen der Umsetzung der EU-Verordnung zur Bekämpfung terroristischer Online-Inhalte wurde zudem ein Mechanismus etabliert, mit dem terroristische Inhalte innerhalb einer Stunde gelöscht oder gesperrt werden können. Zur Prävention setzt auch Deutschland auf umfassende Aufklärungs- und Bildungsarbeit. Über das Portal „BSI für Bürger“ werden Privatper‐ sonen über Risiken und Schutzmaßnahmen informiert, während Bildungs‐ initiativen auf Bundes- und Länderebene digitale Kompetenz fördern sollen. Literaturtipps | Als Einführungen seien Paul J. Springer (Hg.), Cyber Warfare: A Reference Handbook, New York 2 2024 und Richard Bingley, Combatting Cyber Terrorism: A Guide to Understanding the Cyber Threat Landscape and Incident Response Planning, Ely 2024 empfohlen. Wie entwickeln sich die zugrunde liegenden Ursachen? Internationale und gesellschaftliche Wandlungsprozesse haben seit jeher die Entwicklung des Terrorismus mitgeprägt. Terrorismus war immer so‐ wohl Spiegelbild als auch Katalysator politischer, sozialer und kultureller Aktuelle und zukünftige Entwicklung des Terrorismus 213 <?page no="214"?> Konflikte und Umbrüche. Diese enge Verflechtung mit realen oder auch nur wahrgenommenen Krisen der jeweiligen Zeit wird auch in Zukunft be‐ stehen bleiben. Globale Ereignisse und Machtverschiebungen beeinflussen die Form, Zielsetzung und Akteure terroristischer Gewalt - und werden ihrerseits auch durch Terrorismus beeinflusst. Der Übergang von der bipolaren Struktur des Kalten Kriegs zu einer multipolaren Weltordnung ist bis heute nicht abgeschlossen. Diese neue geopolitische Landschaft ist geprägt von diffusen Machtverhältnissen, insta‐ bilen Allianzen und regionalen Konfliktblöcken. In solchen Konstellationen kann Terrorismus erneut als Instrument geopolitischer Einflussnahme die‐ nen. Beispiele dafür finden sich etwa im Mittleren Osten, wo Gruppen wie die Hisbollah im Libanon oder die Huthi im Jemen als Stellvertreter iranischer Interessen agieren. Ebenso nutzt Russland im Kontext des Ukra‐ inekriegs private Militärunternehmen wie die Wagner Gruppe, die teilweise terroristische Methoden anwenden, um politische Ziele zu verfolgen. Im April 2025 gingen deutsche Nachrichtendienste Hinweisen nach, Russland könne hinter mehreren terroristischen Aktionen stehen, die im Vorfeld der Bundestagswahl 2025 in Deutschland verübt wurden. Proxy-Terrorismus, also das indirekte Unterstützen terroristischer Akteure durch Staaten, wird auch künftig eine Rolle in internationalen Auseinandersetzungen spielen. Hinzu kommt die Gefahr, dass terroristische Anschläge oder Drohungen gezielt eingesetzt werden könnten, um demokratische Prozesse wie Wahlen zu manipulieren oder Gesellschaften zu destabilisieren. Solche Strategien, die bereits in der Vergangenheit Anwendung fanden, könnten in Zukunft durch digitale Technologien noch effektiver und schwerer nachweisbar werden. Besorgniserregend ist zudem der Einfluss globaler Trends wie Klimawan‐ del und Migration. Umweltkrisen werden zunehmend als Bedrohungsmulti‐ plikatoren für Terrorismus betrachtet. Klimabedingte Katastrophen können den Kampf um knappe Ressourcen anheizen, ganze Bevölkerungsgruppen zur Flucht zwingen und dadurch ethnische, religiöse oder soziale Konflikte verschärfen. In fragilen Staaten unterminieren solche Entwicklungen die ohnehin schwachen staatlichen Strukturen und schaffen Machtvakua, die extremistische Gruppen füllen können. Terroristische Organisationen könn‐ ten Umwelt- und Migrationskrisen gezielt propagandistisch instrumentali‐ sieren, um Anhänger zu gewinnen oder Gewalttaten zu legitimieren. Auch rechtsextremistische Ideologien knüpfen an diese Entwicklungen an. Verschwörungsnarrative wie die Vorstellung eines „Großen Austauschs“ 214 Aktuelle und zukünftige Entwicklung des Terrorismus <?page no="215"?> verstärken unter bestimmten Bevölkerungsschichten die Angst vor dem „Niedergang“ der eigenen ethnischen oder kulturellen Identität. Die demo‐ grafischen Verschiebungen durch Migration und Geburtenraten werden in diesem Narrativ als existentielle Bedrohung inszeniert, was rechtsterroris‐ tische Gewalt befeuern kann. Zusätzlich bedrohlich wirkt die zunehmende Entfremdung großer Teile der Bevölkerung von demokratischen Institutionen. Emotionen und Ver‐ schwörungserzählungen treten immer häufiger an die Stelle von Fakten, wodurch sich gesellschaftliche Spaltungen vertiefen. In diesem Klima aus Misstrauen, Angst und Wut gedeiht extremistisches Denken - und damit steigt auch das Risiko terroristischer Gewalt. Wie könnte die Zukunft des Terrorismus in den nächsten Jahrzehnten aussehen? Sich als Historiker mit der Zukunft des Terrorismus zu beschäftigen, wirkt auf den ersten Blick fast paradox. Doch gerade die historische Perspektive kann wertvolle Hinweise liefern. Wie in der Vergangenheit wird auch der Terrorismus der Zukunft stark von technologischen Entwicklungen, sich wandelnden geopolitischen Rahmenbedingungen und ideologischen Strömungen beeinflusst werden. Diese Faktoren werden sowohl die Struktur terroristischer Gruppen als auch ihre Methoden und Strategien verändern. Historiker*innen stehen mit dieser Fragestellung allerdings nicht allein da; ganz im Gegenteil. Zahlreiche internationale Forschungseinrichtungen und Thinktanks wie die RAND Corporation oder das Center for Strategic and International Studies (CSIS) befassen sich intensiv mit möglichen Entwicklungslinien. Auf Basis ihrer Analysen lassen sich heute bestimmte Trends ausmachen, die ein Bild davon vermitteln, wie sich Terrorismus künftig gestalten könnte. Die Zukunft des Terrorismus wird voraussichtlich durch einen verstärk‐ ten Einsatz moderner Technologien und digitaler Strategien geprägt sein. Terroristische Gruppen integrieren zunehmend digitale Werkzeuge in ihre Vorgehensweisen, was die Bedrohungslandschaft grundlegend ver‐ ändert. Cyberterrorismus als effektive und kostengünstige Variante wird dabei eine zentrale Rolle spielen: Angriffe auf kritische Infrastrukturen wie Stromnetze, Verkehrssysteme oder Gesundheitsnetzwerke könnten gezielt ausgeführt werden. Zudem könnten Ransomware-Attacken oder Aktuelle und zukünftige Entwicklung des Terrorismus 215 <?page no="216"?> Hackerangriffe als Mittel zur Finanzierung terroristischer Operationen oder zur gezielten Destabilisierung staatlicher Institutionen verstärkt genutzt werden. Technologien, die Anonymität gewährleisten, wie Verschlüsselung, das Dark Web oder Kryptowährungen, erleichtern es Terroristen, ihre Aktivitäten zu verschleiern. Terroristische Gruppen nutzen zunehmend frei zugängliche KI-Tools wie ChatGPT, um ihre Aktivitäten zu optimieren - nicht neu zu erfinden. Organisationen wie der IS oder rechtsextreme Netzwerke wie The Base setzen KI gezielt ein: zur Verbreitung von Propaganda, für audiovisuelle Rekrutierungsmaterialien, verschlüsselte Kommunikation und sogar mit autonomen Avataren. KI wirkt dabei als Multiplikator: Sie steigert die Reich‐ weite extremistischer Inhalte und ermöglicht gezieltere Ansprache sowie komplexere Operationen. Der IS bezeichnet KI offen als „unverzichtbar“ für die Kriegsführung der Zukunft. Experten wie Adam Hadley (Tech Against Terrorism) warnen, dass die wachsende Verfügbarkeit von KI die globalen Defizite in der Terrorismusbekämpfung noch verschärfe. Plattformbetreiber und Staaten müssten dringend ihre Kontrollmechanismen ausbauen, um der digitalen Radikalisierung wirksam zu begegnen. Eine weitere Entwicklung ist der zunehmende Einsatz autonomer Waffensysteme und Drohnen. Terroristische Gruppen haben bereits bewaffnete Drohnen eingesetzt, doch die Zukunft könnte von Schwärmen autonomer, KI-gesteuerter Geräte geprägt sein. Diese könnten für gezielte Anschläge, zur Störung öffentlicher Veranstaltungen oder für Angriffe auf Infrastrukturen genutzt werden, ohne dabei eigenes Personal zu gefährden. Die zunehmende Verfügbarkeit und Erschwinglichkeit von Drohnentech‐ nologie senkt die Barriere für kleinere Gruppen oder Einzeltäter erheblich. Auch im Bereich der Chemie- und Biotechnologie wird ein erhebliches Gefahrenpotenzial gesehen. Besonders Entwicklungen in der synthetischen Biologie könnten es terroristischen Akteuren in Zukunft ermöglichen, gezielt biologische Kampfstoffe - etwa genetisch modifizierte Viren oder Bakterien - herzustellen und einzusetzen. Solche Angriffe könnten Epi‐ demien oder gar Pandemien ähneln, weitreichende Panik auslösen und gravierende wirtschaftliche Folgen nach sich ziehen. Die zunehmende Ver‐ fügbarkeit biotechnologischer Open-Source-Tools verschärft dieses Risiko zusätzlich und stellt Sicherheitsbehörden vor neue, schwer kontrollierbare Herausforderungen. Dabei ist die Angst vor dem Einsatz sogenannter ABC-Waffen (atomar, biologisch, chemisch) keineswegs neu: Bereits in den 1990er Jahren - etwa 216 Aktuelle und zukünftige Entwicklung des Terrorismus <?page no="217"?> nach dem Sarin-Anschlag in der Tokioter U-Bahn (1995) - wurde intensiv über solche Szenarien diskutiert. Dass es bislang jedoch nicht zu einem umfassenden Einsatz dieser Waffen durch Terrorgruppen gekommen ist, liegt unter anderem an den enormen praktischen Hürden, die mit ihrer Herstellung, sicheren Lagerung und effektiven Anwendung verbunden sind. Zudem zeichnet sich eine ideologische Zersplitterung des Terrorismus ab. Während klassische Gruppen wie al-Qaida oder IS weiterhin bestehen, gewinnen dezentrale Akteure an Bedeutung. Einzelkämpfer, die primär durch Online-Propaganda motiviert sind, und heterogene Bewegungen mit ökologischen, antistaatlichen oder synkretistischen religiösen Motiven prägen zunehmend das Bild des Terrorismus. Diese Dezentralisierung er‐ schwert die Erkennung und Prävention von Anschlägen erheblich, da die Bedrohung oft nicht mehr klar an bestimmte Organisationen gebunden ist. Schließlich eröffnet die Entwicklung digitaler Welten wie dem Meta‐ verse neue Räume für terroristische Aktivitäten. Terrorgruppen könnten diese virtuellen Umgebungen nutzen, um Rekrutierung und Training durch‐ zuführen, verschlüsselte Kommunikation abzuhalten oder psychologische Operationen zu starten. Virtuelle Anschlagsimulationen könnten gezielt Angst verbreiten und gesellschaftliche Stabilität untergraben. Diese neuen digitalen Schlachtfelder erfordern innovative Ansätze zur Terrorismusbe‐ kämpfung, die weit über traditionelle Methoden hinausgehen. Die Zukunft des Terrorismus wird digitaler, dezentraler und schwieriger zu erkennen sein. Angesichts des rasanten technologischen Fortschritts und der sich wandelnden gesellschaftlichen Dynamik werden terroristische Bedrohungen nicht nur fortbestehen, sondern sich auch in einer Weise weiterentwickeln, die traditionelle Sicherheitsmodelle in Frage stellt. Eine wirksame Terrorismusbekämpfung in den kommenden Jahrzehnten erfor‐ dert anpassungsfähige Strategien, interdisziplinäre Zusammenarbeit und ein umfassendes Verständnis sowohl der neuen Technologien als auch der zugrunde liegenden sozialen Faktoren. Fest steht: Terrorismus wird auch in Zukunft eine Bedrohung bleiben. In offenen Gesellschaften lässt sich die Gefahr terroristischer Anschläge niemals vollständig ausschließen. Wer dennoch den Eindruck erweckt, es könne absolute Sicherheit geben - etwa um harte Anti-Terror-Maßnahmen oder Grenzschließungen zu rechtfertigen -, handelt nicht nur naiv, sondern gefährdet auch die demokratische Legitimität des Staates. Ein realistischer Umgang mit dieser Tatsache kann dazu beitragen, überzogene Ängste zu Aktuelle und zukünftige Entwicklung des Terrorismus 217 <?page no="218"?> relativieren - und damit der stärksten Waffe des Terrorismus, der Verbrei‐ tung von Angst und Schrecken, entgegenzuwirken. Linktipps | Neben internationalen Organisationen und staatlichen Si‐ cherheitsbehörden äußern sich zu den möglichen Trends und Entwick‐ lungen des Terrorismus: • das amerikanische Center for Strategic and International Studies (https: / / www.csis.org), • das Foreign Policy Research Institute (https: / / www.fpri.org), • die RAND Corporation (https: / / www.rand.org). Ebenso gibt das Institut für Sicherheitspolitik an der Universität Kiel ein jährliches Terrorismus-Jahrbuch mit den Trends und wissenschaftlichen Aufsätzen und Einschätzungen heraus (https: / / www.ispk.uni-kiel.de/ de). 218 Aktuelle und zukünftige Entwicklung des Terrorismus <?page no="219"?> Glossar - Wichtige Begriffe kurz erklärt Akzelerationismus | Ideologie, die gesellschaftlichen oder systemischen Zusammenbruch durch bewusste Eskalation beschleunigen will - in rechts‐ extremen Kontexten zielt sie auf die Destabilisierung liberal-demokratischer Ordnungen. Alt-Right-Bewegung | Lose verbundene rechtsextreme Bewegung aus den USA, die Nationalismus, Rassismus, Antifeminismus und Verschwörungsi‐ deologien propagiert - stark internetbasiert. Anarchismus | Politische Philosophie, die Herrschaft, Staat und Hierar‐ chien ablehnt; Ziel ist eine selbstorganisierte, herrschaftsfreie Gesellschaft. Black Lives Matter | Internationale Bewegung gegen rassistische Polizei‐ gewalt und strukturellen Rassismus, entstanden 2013 in den USA nach dem Tod von Trayvon Martin. Dschihad | Beschreibt im Islam Konzept der „Anstrengung auf dem Weg Gottes“ - reicht von innerer spiritueller Bemühung bis hin zu bewaffnetem Kampf; im Extremismus oft als ideologische Rechtfertigung für Gewalt missbraucht. Freikorps | Paramilitärische Verbände nach dem Ersten Weltkrieg in Deutschland und Europa, meist nationalistisch und antirepublikanisch aus‐ gerichtet. Guerilla | Form des asymmetrischen, oft bewaffneten Widerstands kleiner Gruppen gegen überlegene staatliche oder militärische Gegner. Hooligan-Bewegung | Subkulturelle Szene gewaltbereiter Fußballfans; oft mit nationalistischer, rechtsextremer Ideologie verbunden. Imperialismus | Politik oder Ideologie der Ausweitung von Herrschaft, Kontrolle oder Einfluss über andere Länder - reicht von wirtschaftlicher, politischer und/ oder kultureller Abhängigkeit bis zur Unterwerfung. Incels | Abkürzung für „involuntary celibates“ - Männer, die unfreiwillig sexuell enthaltsam leben und häufig misogynes, frauenfeindliches Gedan‐ kengut verbreiten. <?page no="220"?> Intifada | „Aufstand“ auf Arabisch - bezeichnet insbesondere zwei paläs‐ tinensische Volksaufstände gegen die israelische Besatzung (1987-1993, 2000-2005). Islamismus | Bezeichnet eine politische Ideologie, die den Islam als Grund‐ lage für Staat und Gesellschaft sieht. Islamisten wollen religiöse Regeln (Scharia) politisch durchsetzen - teils mit legalen, teils mit gewaltsamen Mitteln. Der Begriff ist umstritten und sollte klar vom islamischen Glauben unterschieden werden. Kommunismus | Ideologie, die eine klassenlose Gesellschaft anstrebt, in der Produktionsmittel gemeinschaftlich besessen werden. Letzte Generation | Klimaaktivistische Bewegung in Deutschland, die durch zivile Ungehorsamsaktionen wie Straßenblockaden auf die Klimakrise aufmerksam macht. Männerrechtsaktivisten | Vertreter einer Bewegung, die Männer als durch Gleichstellungspolitik benachteiligt sieht - oft mit antifeministischer Grundhaltung. Manosphäre | Online-Netzwerk misogyn geprägter Männergruppen (z. B. Incels, MGTOW, Pick-Up-Artists), die patriarchale Narrative reproduzieren. Marxismus | Gesellschaftstheorie, die von einem historischen Klassen‐ kampf ausgeht; Grundlage für viele sozialistische und kommunistische Bewegungen. Men Going Their Own Way (MGTOW) | Männer, die sich bewusst von Frauen und traditionellen Partnerschaftsmodellen abwenden - oft frauenfeindlich motiviert. Misogynie | Frauenfeindlichkeit - tiefe Abwertung, Hass oder Diskriminie‐ rung gegenüber Frauen. Nativismus | Ideologie, die „Einheimische“ gegenüber „Fremden“ bevorzugt - oft fremdenfeindlich und nationalistisch geprägt. Nihilismus | Weltanschauung, die alle moralischen, religiösen oder politi‐ schen Werte ablehnt - radikale Formen können destruktiv oder gewaltbe‐ jahend sein. 220 Glossar - Wichtige Begriffe kurz erklärt <?page no="221"?> Pick-Up-Artists | Männer, die vermeintlich systematische Techniken zur Manipulation und Eroberung von Frauen propagieren - oft sexistisch und entmenschlichend. Salafismus | Streng konservative, puristische Strömung innerhalb des Islams, die eine Rückkehr zu den Praktiken der „Altvorderen“ anstrebt - radikale Strömungen gelten als Nährboden für islamistischen Terrorismus. Scharia | Gesamtheit des islamischen Rechtssystems, das sich aus Koran und Sunna speist - je nach Auslegung sehr unterschiedlich in Anwendung und Strenge. Schiiten | Zweitgrößte Glaubensrichtung im Islam - sie erkennen Ali, den Vetter und Schwiegersohn Mohammeds, und seine Nachkommen als rechtmäßige Nachfolger an. Skinhead-Bewegung | Ursprünglich unpolitische Jugendkultur mit Arbei‐ terklassenbezug - Teile radikalisierten sich ab den 1980ern stark in Richtung Rechtsextremismus. Sozialismus | Gesellschaftsmodell, das auf gemeinschaftlichem Besitz der Produktionsmittel basiert - Ziel ist soziale Gleichheit und Umverteilung von Reichtum. Spoofing | Technik der digitalen Täuschung - z. B. beim Cyberterrorismus genutzt, um Identitäten zu fälschen oder Datenverkehr umzuleiten. Stadtguerilla | Form des urbanen bewaffneten Widerstands, etwa durch kleine Zellen wie bei RAF oder Roten Brigaden - oft mit marxistisch-leni‐ nistischer Ausrichtung. Strategie der Spannung | Begriff für staatlich oder parastaatlich gelenkte Gewaltakte zur Erzeugung von Angst, um autoritäre Maßnahmen zu recht‐ fertigen - fand u. a. in Italien der 1970er statt Sunniten | Größte Glaubensrichtung im Islam - im Gegensatz zu den Schiiten erkennen sie die ersten vier Nachfolger Mohammeds an. Theokratie | Staatsform, in der religiöse Führer die politische Macht ausüben und religiöses Recht (z. B. Scharia) Grundlage der Gesetzgebung ist. Vigilantismus | Selbstjustiz durch Einzelpersonen oder Gruppen, die sich als Ersatz für staatliche Sicherheitsorgane verstehen. Glossar - Wichtige Begriffe kurz erklärt 221 <?page no="223"?> Verwendete Literatur A L T H E I D E , David L., Terror post 9/ 11 and the Media, New York 2009. A N D E R S O N , Sean, Historical Dictionary of Terrorism, Metuchen 1995. A U G E R , Vincent A., Right-Wing Terror: A Fifth Global Wave? In: Perspectives on Terrorism 14, Nr.-3 (2020), S.-87-97. 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Algerienkrieg-167 al-Nusra-Front-150 al-Qaida 48, 57, 67, 69, 71, 78, 83, 90, 102, 112, 115, 123, 129, 136, 140f., 145, 150, 161, 189, 205, 208f., 217 al-Shabaab-137, 141 Alternative für Deutschland-17f., 40, 175, 177 Alt-Right-Bewegung-76 Amoklauf-40, 44, 72 Amri, Anis-83 Anarchisten-24, 40, 87, 124, 135, 197 Anschläge, terroristische- Beirut (1983)-89f. Beirut (2015)-168 Berlin (2016)-83, 88, 208 Beslan (2004)-136 Bologna (1980)-132, 135, 181, 183 Christchurch (2019)-71, 88, 122, 128, 131, 137, 181, 188, 199, 205, 209 Daressalam (1998)-136 El Paso (2019)-128 Halle (2019)-77, 209 Hamas, 7. Oktober 2023-48, 147 Hanau (2020)-77, 131, 189, 205 Jerusalem, King-David-Hotel (1946)-135 Lockerbie (1988)-135 London (2005)-136, 141 Luxor (1997)-177 Madrid (2004)-136, 141, 179, 181 Magdeburger Weihnachtsmarkt (2024)-17f., 41, 76 Masar-e Scharif (2017)-208 Mumbai (2008)-137, 182 München, Oktoberfestattentat (1980)-132, 170, 181 München, Olympia-Anschlag (1972)-30, 46, 87, 180f., 183f., 202 München, Olympiaeinkaufszentrum (2016)-40, 77 Nairobi (1998)-136 New York 9/ 11 (2001)-26, 30f., 37, 48, 50, 71, 87, 107, 123, 125, 130, 133, 136, 140, 160f., 166, 171, 178f., 181f., 184, 191f., 194 Nizza (2016)-88, 208 Norwegen (2011)-18, 41, 71, 122, 137, 181 Oklahoma (1995)-83, 122, 136 Omagh (2001)-136 Orlando (2016)-83 Paris (2015)-137, 167, 174, 179, 208 Sehwan Sharif (2017)-208 Tokio (1995)-87, 136, 217 Arabischer Frühling-78, 150 Arbeiterpartei Kurdistans (PKK)-59, 122, 171 Armut-105, 109 Asahara, Shōkō-136 Assassinen-119 Atomwaffen Division-128, 142 <?page no="236"?> Aum Shinrikyō-87, 112, 136 Baader, Andreas-62, 195 Babbar Khalsa-59, 135 Babeuf, François Noël-22 Barthou, Louis-30, 203 Base, The-128, 143f., 216 Bewegung 2. Juni-87, 165 Biden, Joe-39 bin Laden, Osama 106, 136, 140, 150, 178 Black Lives Matter-38 Boko Haram-67, 69, 137, 144f., 208 Breivik, Anders Behring-18, 40f., 71, 137, 142, 188 Bundesamt für Verfassungsschutz-27, 212 Bundeskriminalamt-28, 212 Bundesnachrichtendienst-212 Burke, Edmund-23 Bush, George W.-141, 161 Christian-Identity-Bewegung-65 Christian-Patriot-Bewegung-67, 102 Cosa Nostra-45 Countering Violent Extremism-162 Critical Terrorism Studies-50 Cyberterrorismus-210ff. Deradikalisierung-162 de Robespierre, Maximilien-22 Die Finnen (Partei)-177 Dschihad-68, 196 English Defence League-18 Ensslin, Gudrun-62, 110, 195 Erdoğan, Recep Tayyip-38 Europäische Union-31, 149, 159 Europol-69, 160, 212 Euskadi Ta Askatasuna (ETA)-59f., 89, 112, 122, 131 Federal Bureau of Investigation (FBI)-28, 143, 157 Feminismus-72 Fenians-57f., 87, 120 Feuerkrieg Division-143 Five Eyes-160 Französische Revolution-22f., 118 Front de Libération Nationale (FLN) 58, 82, 92, 96, 121 Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (FARC)-44, 62, 82, 115, 165 GSG9-62 Guantánamo Bay-167 Guerilla-37, 43f., 59, 82, 85, 91, 115, 121, 168 Hamas-48, 123, 146f. Hammerskins-65 Hindutva-Bewegung-67 Hisbollah-78, 122, 148, 205, 214 Hitler, Adolf-40 Hooligan-40, 65 Hussein, Saddam-161 Huthi-Bewegung-38 Incel-Gewalt-72, 74f., 107, 128 Interpol-32, 160, 212 Irgun 58, 82, 92, 96, 98, 102, 121, 125, 135 Irischer Unabhängigkeitskrieg-58 Irish Republican Army (IRA)-46, 58, 82, 96, 98, 102, 114, 122, 131, 136, 165, 171, 191 Iron March-142 Islamische Bewegung Ostturkestan-39 236 Wo sich welches Stichwort befindet <?page no="237"?> Islamischer Staat (IS)-48, 69, 78, 83, 95, 100, 102, 112, 129, 137, 145, 150f., 168, 189, 196, 205, 208, 216f. Islamischer Staat---Provinz Westafrika (ISWAP)-145 Japanische Rote Armee ( JRA)-82, 125, 133 Jemaah Islamiyah-141 Jesiden-137 Jewish Defense League-67 Jim-Crow-System-97 Kach-Partei-67 Karfreitagsabkommen-59, 165 Kriminalität, organisierte-37, 43f., 77, 115 Ku-Klux-Klan-65, 76, 97, 110, 118, 122, 127, 129, 132, 170, 197 Laqueur, Walter-33, 46 Lashkar-e-Taiba-137 Letzte Generation-38 Leuchtender Pfad-62, 114 Liberation Tigers of Tamil Eelam (Tamil Tigers)-59, 89, 100, 110, 114, 122 „Lone Wolf “-Terrorismus-74, 83, 128, 188 Märtyrertod-72, 91, 196 Mau-Mau-25 McVeigh, Timothy-83, 136, 142 Medien 18f., 38f., 57, 72, 84, 90, 93, 188f., 201, 204 Migration-17f. Misogynie-76, 108 Most, Johann-42, 197 Muslimbruderschaft-146 Narodnaja Wolja-24, 61, 87, 110, 118, 121, 124 Nationale Organisation zypriotischer Kämpfer (EOKA)-58, 96, 121 National Socialist Liberation Front-142 Nationalsozialistischer Untergrund (NSU)-170, 184 ’Ndrangheta-45 Neue Rechte-75, 197 Nizariten-119, 132 Nuclei Armati Rivoluzionari (NAR) 135 Order of Nine Angles-55, 143 Organisation Armée Secrète (OAS)-64, 174 Organisation Consul-92, 121 Oslo-Abkommen-165 Palästinensische Befreiungsorganisation (PLO)-25, 46, 82, 89, 92, 102, 110, 125, 146f., 165 Proud Boys-76, 112 Proxy-Terrorismus-55, 214 RAND Corporation-34 Rechtsextremismus-83 Resilienz-180 Robinson, Tommy-18 Rote Armee Fraktion (RAF) 26, 38, 45ff., 57, 61, 87, 89, 94, 105, 109f., 115, 122, 131, 133, 159, 165, 171, 194, 202 Rote Brigaden-46, 61f., 94, 105, 109f., 112, 122, 125, 166, 171, 194f., 202, 204 Schwarzer September-46 Schwedendemokraten-177 Selbstmordattentat-89, 100 Seldschuken-119 Wo sich welches Stichwort befindet 237 <?page no="238"?> Sexismus-73 Sikarier-66, 119 Sinn Féin-59, 114 Skinheads-40, 65 Sonnenkrieg Division-143 Taliban-78, 140, 145, 161, 165, 208 Tallien, Jean Lambert-22 Tehrik-i-Taliban Pakistan-137 Terrorismus- ethnonationaler-57f. linksextremer-25, 60ff., 111, 194f. rechtsextremer 49, 63ff., 70, 109, 122, 127-131 religiöser-66 salafistisch-dschihadistischer-68, 70 transnationaler-57 Terrorismusbekämpfung 156, 158f., 165 Trauma-175, 180 TREVI-159 Troubles, The-58, 192 Trump, Donald J.-38, 40, 144 Uiguren-39 Ukrainekrieg-214 Vertrag von Maastricht-160 Videospiele-198 Vietnamkrieg-125 Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP)-47, 82, 87, 159 Waldheim, Kurt-30 War on Terror-30, 39, 50, 153, 161, 167, 192 Weather Underground Organization-61, 125 Wehrsportgruppe Hoffmann-170 Wehrsportgruppe Hoffmann (WSG)-64 Weißer Terror-23 Wellentheorie (Rapoport)-47, 123, 126, 128f. Women of the Ku Klux Klan-110 Yakuza-78 238 Wo sich welches Stichwort befindet <?page no="239"?> ISBN 978-3-8252-6598-4 Terroristische Gewalt erschüttert Gesellschaften - doch hinter den Anschlägen verbergen sich klare Ziele, komplexe Narrative und vernetzte Strukturen. Tobias Hof untersucht historische Wurzeln und aktuelle Formen des Terrorismus: von linksextremen Zellen über rechtsextreme Netzwerke bis zu dschihadistischen Gruppen wie al-Qaida und dem Islamischen Staat. Er analysiert Radikalisierungsprozesse, die Rolle der Medien und die Folgen von Attentaten für Gemeinschaften. Gleichzeitig beleuchtet er Anti- Terror-Maßnahmen demokratischer Staaten im Hinblick auf Effektivität und Risiken für Grundrechte. Ein abschließendes Kapitel wirft einen Blick auf zukünftige Entwicklungen wie Cyberterrorismus. Frag doch einfach! Die utb-Reihe geht zahlreichen spannenden Themen im Frage-Antwort-Stil auf den Grund. Ein Must-have für alle, die mehr wissen und verstehen wollen. Politikwissenschaft Dies ist ein utb-Band aus dem UVK Verlag. utb ist eine Kooperation von Verlagen mit einem gemeinsamen Ziel: Lehr- und Lernmedien für das erfolgreiche Studium zu veröffentlichen. utb.de QR-Code für mehr Infos und Bewertungen zu diesem Titel