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Grundwissen Sportsoziologie

mit eLearning-Kurs

0615
2026
978-3-8385-6606-1
978-3-8252-6606-6
UTB 
Ingo Wagner
10.36198/9783838566061

Grundwissen Sportsoziologie bietet eine fundierte, verständliche und praxisnahe Einführung in zentrale Themen des Sports. Renommierte Expert:innen erläutern grundlegende Theorien und Methoden, beleuchten sportbezogene Sozialisation von jungen und älteren Menschen und zeigen, wie Teilhabe im Sport gelingen kann. Im Fokus stehen zudem aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen: Diversität und soziale Ungleichheit, Migration, Körperbilder und Gesundheit, Rassismus und sexualisierte Gewalt. Auch neue Trendsportarten, eSport und die zunehmende Mediatisierung von Sportereignissen werden anschaulich dargestellt. Den Abschluss bilden zwei zukunftsweisende Kapitel zu Nachhaltigkeit und Sportentwicklungsplanung. Ein besonderer Service: Über 300 Online-Fragen unterstützen beim Vertiefen und Überprüfen des Gelernten. Das unverzichtbare Grundlagenwerk für alle, die Sport aus soziologischer Perspektive verstehen, reflektieren und aktiv mitgestalten wollen.

9783838566061/9783838566061.pdf
<?page no="0"?> Grundwissen Sportsoziologie bietet eine fundierte, verständliche und praxisnahe Einführung in zentrale Themen des Sports. Renommierte Expert: innen erläutern grundlegende Theorien und Methoden, beleuchten sportbezogene Sozialisation von jungen und älteren Menschen und zeigen, wie Teilhabe im Sport gelingen kann. Im Fokus stehen zudem aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen: Diversität und soziale Ungleichheit, Migration, Körperbilder und Gesundheit, Rassismus und sexualisierte Gewalt. Auch neue Trendsportarten, eSport und die zunehmende Mediatisierung von Sportereignissen werden anschaulich dargestellt. Den Abschluss bilden zwei zukunftsweisende Kapitel zu Nachhaltigkeit und Sportentwicklungsplanung. Ein besonderer Service: Über 300 Online-Fragen unterstützen beim Vertiefen und Überprüfen des Gelernten. Das unverzichtbare Grundlagenwerk für alle, die Sport aus soziologischer Perspektive verstehen, reflektieren und aktiv mitgestalten wollen. utb+ Das Lehrwerk mit dem digitalen Plus Sportwissenschaft | Soziologie ISBN 978-3-8252-6606-6 Dies ist ein utb-Band aus dem UVK Verlag. utb ist eine Kooperation von Verlagen mit einem gemeinsamen Ziel: Lehr- und Lernmedien für das erfolgreiche Studium zu veröffentlichen. utb.de QR-Code für mehr Infos und Bewertungen zu diesem T itel mit eLearning- Kurs Grundwissen Sportsoziologie Wagner (Hrsg.) Ingo Wagner (Hrsg.) Grundwissen Sportsoziologie 6606-6_Wagner_L_6606_PRINT.indd Alle Seiten 6606-6_Wagner_L_6606_PRINT.indd Alle Seiten 27.04.26 10: 40 27.04.26 10: 40 <?page no="1"?> utb 6606 Eine Arbeitsgemeinschaft der Verlage Brill | Schöningh - Fink · Paderborn - Vandenhoeck & Ruprecht · Göttingen - Böhlau · Wien · Köln Verlag Barbara Budrich · Opladen · Toronto facultas · Wien Walter de Gruyter · Berlin · Boston Haupt Verlag · Bern Verlag Julius Klinkhardt · Bad Heilbrunn Mohr Siebeck · Tübingen Narr Francke Attempto Verlag - expert verlag · Tübingen Psychiatrie Verlag · Köln Psychosozial-Verlag · Gießen Ernst Reinhardt Verlag · München transcript Verlag · Bielefeld Verlag Eugen Ulmer · Stuttgart UVK Verlag · München Waxmann · Münster · New York wbv Publikation · Bielefeld Wochenschau Verlag · Frankfurt am Main UTB (M) Impressum_09_25_4c.indd 1 UTB (M) Impressum_09_25_4c.indd 1 17.09.2025 16: 06: 23 17.09.2025 16: 06: 23 <?page no="2"?> Prof. Dr. Ingo Wagner arbeitet als Professor und Lehrstuhlinhaber für Sportwissenschaft an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Zuvor war er Lehrstuhlinhaber für Sportpädagogik, Sportsoziologie und Gesundheitsbildung an der Universität Freiburg. Ziel seiner Forschung ist, die Zukunft von Bildung durch innovative Perspektiven mitzugestalten. Dabei finden übergreifende Aspekte wie Digitalisierung, Heterogenität, Gender/ Diversity, Organisationsentwicklung und die Prävention von (sexualisierter) Gewalt besondere Berücksichtigung. <?page no="3"?> Ingo Wagner (Hrsg.) Grundwissen Sportsoziologie mit eLearning-Kurs <?page no="4"?> DOI: https: / / doi.org/ 10.36198/ 9783838566061 © UVK Verlag 2026 ‒ Ein Unternehmen der Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG Dischingerweg 5 · D-72070 Tübingen Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Alle Informationen in diesem Buch wurden mit großer Sorgfalt erstellt. Fehler können dennoch nicht völlig ausgeschlossen werden. Weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen übernehmen deshalb eine Gewährleistung für die Korrektheit des Inhaltes und haften nicht für fehlerhafte Angaben und deren Folgen. Diese Publikation enthält gegebenenfalls Links zu externen Inhalten Dritter, auf die weder Verlag noch Autor: innen oder Herausgeber: innen Einfluss haben. Für die Inhalte der verlinkten Seiten sind stets die jeweiligen Anbieter oder Betreibenden der Seiten verantwortlich. Internet: www.narr.de eMail: info@narr.de Einbandgestaltung: siegel konzeption | gestaltung Druck: Elanders Waiblingen GmbH utb-Nr. 6606 ISBN 978-3-8252-6606-6 (Print) ISBN 978-3-8385-6606-1 (ePDF) ISBN 978-3-8463-6606-6 (ePub) Umschlagabbildung: ©iStock/ FatCamera Autorenfoto: privat Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http: / / dnb.dnb.de abrufbar. <?page no="5"?> 11 13 15 1 17 1.1 17 1.2 18 1.3 22 1.3.1 23 1.3.2 25 1.4 29 29 30 2 35 2.1 35 2.2 36 2.3 38 2.4 38 2.5 39 2.6 41 2.7 42 2.8 43 2.9 44 45 45 3 49 3.1 49 3.2 51 3.2.1 51 Inhalt Hinweise zum Buch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vorwort des Herausgebers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . I. Grundlagen des Sportsystems und der Sportsoziologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sportorganisation in Deutschland | Pamela Wicker und Christian Kraft . . . Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Struktur des Sportsystems in Deutschland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gesellschaftliche Funktionen des Sports . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Funktionen des Spitzensports . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Funktionen des organisierten Breitensports bzw. der Sportvereine . . Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weiterführende und vertiefende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sport und soziologische Theorien | Jan Haut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Soziologische Perspektiven auf Sport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Rational Choice Modelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Interpretative Ansätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Systemtheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kritische Theorie(n) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Figurationssoziologie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Praxistheorie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weiterführende und vertiefende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Forschungsmethoden in der Sportsoziologie | Michael Mutz . . . . . . . . . . . . . Wissenschaftliches Wissen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Methodologie und Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Erkenntnisziele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . <?page no="6"?> 3.2.2 52 3.2.3 53 3.3 54 3.3.1 54 3.3.2 56 3.4 58 3.4.1 58 3.4.2 60 3.5 61 63 63 65 4 67 4.1 67 4.2 69 4.3 73 4.4 75 4.4.1 76 4.4.2 77 4.4.3 78 4.4.4 80 4.5 83 83 84 5 89 5.1 89 5.2 90 5.3 92 5.3.1 92 5.3.2 95 5.4 95 5.5 98 5.6 101 103 103 Wertfreiheit und Positionalität . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Epistemologische Grundpositionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Quantitative Forschungsmethodik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Grundlegende quantitative Methoden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Güte- und Leistungskriterien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Qualitative Forschungsmethodik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Grundlegende qualitative Methoden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Güte- und Leistungskriterien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Methodische Innovationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weiterführende und vertiefende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . II. Sport und Lebensphasen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sportbezogene Sozialisation von jungen Menschen | Ulrike Burrmann . . . . Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sozialisationsbegriffe und -modelle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sportbezogene Sozialisation . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Datengrundlage und ausgewählte empirische Befunde . . . . . . . . . . . . Sportengagements von jungen Menschen in Deutschland . . . . . . . . . . Gesellschaftliche Trends und mögliche Konsequenzen für die Sportengagements . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sozialisation zum Sport am Beispiel der Vermittlung und intergenerationalen Vererbung von Sportengagements in der Familie Sozialisation im und durch Sport am Beispiel der Partizipation von Jugendlichen im Sportverein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fazit und Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weiterführende und vertiefende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sport und Alter(n) | Theresa Hoppe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Heterogenität im höheren Lebensalter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Aktives Alter(n) und die soziale Konstruktion von Alter . . . . . . . . . . . Konzept des Aktiven Alter(n)s . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Alter(n) als soziales Konstrukt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Altersbilder und ihre Auswirkungen im Kontext sportlicher Aktivität Sportaktivität im höheren Lebensalter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Schlussfolgerung und praktische Implikationen . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weiterführende und vertiefende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 Inhalt <?page no="7"?> 111 6 113 6.1 113 6.2 114 6.2.1 115 6.2.2 116 6.3 120 6.3.1 121 6.3.2 122 6.4 123 124 125 7 127 7.1 127 7.2 129 7.3 132 7.4 134 7.5 139 140 140 8 145 8.1 145 8.2 146 8.2.1 146 8.2.2 148 8.2.3 149 8.3 151 8.3.1 152 8.3.2 153 8.4 153 8.4.1 154 8.4.2 155 8.5 155 156 157 III. Teilhabe am Sport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sport, soziale Ungleichheit und Diversität | Benjamin Zander . . . . . . . . . . . . Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Soziale Ungleichheit im Sport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sport als gesellschaftlich wertvolles Gut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Theoretische Modelle und empirische Befunde sozialer Ungleichheit im Sport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Diversität im Sport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Diversität als „doing differences“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Intersektionale Analysen der Diversität im Sport . . . . . . . . . . . . . . . . . Fazit und Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weiterführende und vertiefende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Geschlechterkonstruktionen in Sport und Gesellschaft | Gabriele Sobiech . . Zur Relevanz von Körper und Geschlecht in Gesellschaft und Sport . Theoretische Grundlagen: Wie Geschlechter ‚gemacht‘ werden . . . . . Soziale Ungleichheiten in der Sportpartizipation mit Blick auf gender, class, race (ethnische Zugehörigkeit) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . (Leistungs-)Sport und geschlechtliche Vielfalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weiterführende und vertiefende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Migration und Sport | Enrico Michelini . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Grundkonzepte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Migration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Integration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zwangsmigration . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Integration und Sport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Integration im Sport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Integration durch Sport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zwangsmigration und Sport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zwangsmigrierte Athlet: innen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sport in Flüchtlingsunterkünften . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Schluss . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weiterführende und vertiefende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inhalt 7 <?page no="8"?> 161 9 163 9.1 163 9.2 164 9.2.1 165 9.2.2 165 9.2.3 166 9.2.4 167 9.2.5 168 9.3 168 9.4 172 173 173 10 175 10.1 175 10.2 176 10.3 178 10.4 179 10.5 182 10.6 183 10.7 187 188 189 195 11 197 11.1 197 11.2 199 11.3 201 11.4 202 11.5 203 11.6 205 11.7 206 207 207 12 211 12.1 211 IV. Körper und Gesundheit im Sport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Körper im Sport | Sebastian Ruin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Soziologische Körpertheorien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Körper und Zivilisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Körper und Macht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Körper als Idiom sozialer Interaktion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Körperpraktiken und Habitus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Leiblich-affektives Betroffensein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Exemplarische Studien zu Körper und Sport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weiterführende und vertiefende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gesundheit im Sport | Torsten Schlesinger und Katrin Müller . . . . . . . . . . . . Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zum aktuellen Gesundheitsverständnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gesundheitswirkungen von Bewegung und Sport . . . . . . . . . . . . . . . . Bewegungsmangel und Bewegungsempfehlungen . . . . . . . . . . . . . . . . Risiken von Sport bzw. Bewegung für Gesundheit . . . . . . . . . . . . . . . . Gesundheitsförderung durch Bewegung und Sport . . . . . . . . . . . . . . . Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weiterführende und vertiefende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . V. Dynamiken und Spannungsfelder des Sports . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Trendsport | Jürgen Schwier . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Das weite Feld des Trendsports . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Forschungsmethodische Zugänge . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Trendsport und Leistungssport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Trendsport und Schulsport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Trendsport und Fitnesssport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Trendsport und Mediensport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Perspektiven . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weiterführende und vertiefende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Mediatisierung im Sport | Christiana Schallhorn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 Inhalt <?page no="9"?> 12.2 212 12.3 214 12.4 217 12.5 221 12.6 225 225 226 13 229 13.1 229 13.2 231 13.3 233 13.4 235 13.5 237 13.6 238 240 240 243 14 245 14.1 245 14.2 247 14.3 249 14.4 251 14.5 253 254 255 15 259 15.1 259 15.2 261 15.3 264 15.3.1 265 15.3.2 266 Mediatisierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Mediatisierung von Sportarten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Mediatisierungstreppe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Aktuelle Entwicklungen in der Forschung zur Mediatisierung im Sport Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weiterführende und vertiefende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sport und eSport soziologisch beobachtet | Carmen Borggrefe und Andreas Hoffmann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Stand der Forschung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Erkenntnistheoretische Einordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sport als gesellschaftliches Funktionssystem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Anschlussfähigkeit von eSport? . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weiterführende und vertiefende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . VI. Gewalt im Sport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sexualisierte Gewalt im Sport | Ingo Wagner . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Theoretische Hintergründe: Definitionen, Täter: innen-Strategien und Auswirkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Präventions- und Interventionsmaßnahmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Empirische Befunde zu sexualisierter Gewalt im Sport . . . . . . . . . . . . Ausblick: Kultur der Achtsamkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weiterführende und vertiefende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sport und Rassismus | Tina Nobis, Lara Kronenbitter, Alessa Heimburger, Sophia Aalders, Oliver Wulf und Mahima Rai . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Theoretische Hintergründe: Rassismus als soziales Phänomen . . . . . Empirische Befunde zu Rassismus im Sport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Rassismus in der Sportberichterstattung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Racist Stacking . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Inhalt 9 <?page no="10"?> 15.3.3 267 15.3.4 268 15.4 269 271 271 277 16 279 16.1 279 16.2 280 16.2.1 280 16.2.2 282 16.3 283 16.4 286 16.5 288 16.6 290 291 291 17 295 17.1 295 17.2 297 17.3 299 17.3.1 299 17.3.2 300 17.3.3 301 17.4 302 17.5 304 305 305 309 313 317 318 Erleben von Rassismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weißsein und Sport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fazit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weiterführende und vertiefende Materialien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . VII. Sport, Raum und Umwelt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sportentwicklungsplanung | Heiko Meier, Lars Riedl und Marc Kukuk . . . . Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Planung als Problem der Zukunftssteuerung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Planungsprobleme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Steuerung durch Hierarchie, Demokratie und Verhandlungssysteme Herausforderungen der Sportentwicklungsplanung . . . . . . . . . . . . . . . Ansätze und Verfahren der Sportentwicklungsplanung . . . . . . . . . . . . Einordnung und Vergleich der Ansätze . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fazit und Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weiterführende und vertiefende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sport und Nachhaltigkeit | Olivia Wohlfart und Chris Horbel . . . . . . . . . . . . Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nachhaltigkeit und die Sustainable Development Goals (SDGs) . . . . . Sportsoziologische Perspektiven auf Nachhaltigkeit . . . . . . . . . . . . . . . Gesellschaft → Sport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sport → Gesellschaft . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Binnenstruktur Sport . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) im Sport . . . . . . . . . . . . . Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weiterführende und vertiefende Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Informationen zu den Autor: innen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Register . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tabellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 Inhalt <?page no="11"?> Hinweise zum Buch Zu diesem Buch gibt es einen ergänzenden eLearning-Kurs Mithilfe des Kurses können Sie online überprüfen, inwie‐ weit Sie die Themen des Buches verinnerlicht haben. Gleichzeitig festigt die Wiederholung in Quiz-Form den Lernstoff. Der eLearning-Kurs kann Ihnen dabei helfen, sich gezielt auf Prüfungssituationen vorzubereiten. Der eLearning-Kurs ist eng mit dem vorliegenden Buch verknüpft. Sie finden im Folgenden zu den Kapiteln QR-Codes, die Sie direkt zum dazu gehörigen Fragen‐ komplex bringen. Andersherum erhalten Sie innerhalb des eLearning-Kurses am Ende eines Fragendurchlaufs neben der Auswertung der Lernstandskontrolle auch konkrete Hinweise, wo Sie das Thema bei Bedarf genauer nachlesen bzw. vertiefen können. Diese enge Verzahnung von Buch und eLearning-Kurs soll Ihnen dabei helfen, unkompliziert zwischen den Medien zu wechseln, und unterstützt so einen gezielten Lernfortschritt. <?page no="13"?> Vorwort des Herausgebers Sport ist weit mehr als körperliche Aktivität. Er ist ein gesellschaftliches Phänomen, ein kultureller Ausdruck, ein Raum sozialer Aushandlungen und ein Spiegel unserer Zeit. Die Sportsoziologie hilft uns, diese vielfältigen Dimensionen zu verstehen - fundiert, kritisch und zugleich praxisnah. Umso mehr freue ich mich, mit Grundwissen Sportsoziologie ein Werk vorlegen zu können, das genau diesen Anspruch erfüllt. Dieses Buch bietet einen fundierten und zugleich leicht verständlichen Einstieg in die zentralen Themen der Sportsoziologie. Renommierte Expert: innen aus unterschiedli‐ chen Fachbereichen erläutern grundlegende Begriffe, Modelle und Strukturen und zeigen anhand aktueller Forschungsergebnisse, warum sportsoziologisches Wissen in Studium, Lehre und Praxis unverzichtbar ist. Dass so viele ausgewiesene Fachleute bereit waren, ihr Wissen und ihre Perspektiven einzubringen, unterstreicht die Rele‐ vanz und Aktualität dieses Grundlagenbandes. Die Beiträge sind so gestaltet, dass sie sowohl Orientierung bieten als auch zum Weiterdenken anregen. Sie eröffnen Einblicke in die Vielfalt sportsoziologischer Frage‐ stellungen und machen deutlich, wie eng Sport mit gesellschaftlichen Entwicklungen, sozialen Dynamiken und individuellen Lebenswelten verwoben ist. Das Buch gliedert sich in sieben Abschnitte, die zentrale Themenfelder der Sportsoziologie systematisch erschließen: ● Der erste Abschnitt führt in die „Grundlagen des Sportsystems und der Sportsoziologie“ ein. Er beleuchtet die Organisation des Sports in Deutschland, stellt zentrale soziologische Theorien vor und zeigt, mit welchen Forschungsmethoden sportsoziologische Fragestellungen wissenschaftlich untersucht werden. ● Der zweite Abschnitt widmet sich dem Zusammenhang von „Sport und Lebens‐ phasen“. Er thematisiert sowohl die sportbezogene Sozialisation junger Menschen als auch die Bedeutung von Sport und Bewegung im Alter und macht deutlich, wie sich sportliche Aktivität und Aktivitätsmöglichkeiten über den Lebenslauf hinweg verändern. ● Im dritten Abschnitt steht die „Teilhabe am Sport“ im Mittelpunkt. Die Beiträge untersuchen, wie soziale Ungleichheit und Diversität sportliche Beteiligung prä‐ gen, wie Geschlechterkonstruktionen im Sport und in der Gesellschaft wirken und welche Rolle Migration für sportliche Integration und Exklusion spielt. ● Der vierte Abschnitt richtet den Blick auf „Körper und Gesundheit im Sport“. Er kombiniert körpersoziologische Perspektiven auf Sport mit aktuellen Debatten zu Gesundheitsverständnissen und gesundheitsbezogenen Praktiken. ● Der fünfte Abschnitt analysiert „Dynamiken und Spannungsfelder des Sports“. Er zeigt, wie Trendsportarten gesellschaftliche Entwicklungen widerspiegeln, wie Mediatisierung sportliche Kommunikation und Wahrnehmung verändert und wie sich der Sport von außersportlichen Praktiken wie eSport abgrenzen lässt. <?page no="14"?> ● Der sechste Abschnitt setzt sich mit „Gewalt im Sport“ auseinander und behandelt sowohl sexualisierte Gewalt als auch Rassismus als tiefgreifende gesellschaftliche Herausforderungen, die sich im Sport in spezifischer Weise manifestieren. ● Abschließend widmet sich der siebte Abschnitt „Sport, Raum und Umwelt“ den räumlichen und ökologischen Dimensionen des Sports. Er beleuchtet die Grund‐ lagen der Sportentwicklungsplanung und zeigt, wie Fragen der Nachhaltigkeit zunehmend an Bedeutung gewinnen. Ich wünsche allen Leser: innen - ob im Studium, in der Lehre oder in der praktischen Anwendung - inspirierende Erkenntnisse und neue Perspektiven auf den Sport als gesellschaftliches Phänomen. Möge dieses Buch dazu beitragen, sportsoziologisches Wissen weiter zu stärken und die Diskussion über die Rolle des Sports in unserer Gesellschaft zu bereichern. Ludwigsburg im März 2026, Prof. Dr. Ingo Wagner 14 Vorwort des Herausgebers <?page no="15"?> I. Grundlagen des Sportsystems und der Sportsoziologie <?page no="17"?> 1 Sportorganisation in Deutschland Pamela Wicker und Christian Kraft Lernziele | Die Leser: innen ● kennen die Bedeutung von Sportvereinen in Deutschland und können kon‐ krete Zahlen dazu nennen (Anzahl der Sportvereine und Mitgliedschaften), ● können die unterschiedlichen Sektoren des Sports in Deutschland voneinander abgrenzen und Beispiele für diese nennen, ● verstehen das Pyramidenmodell des deutschen Sportsystems, ● definieren Trickle-Down- und Trickle-Up-Effekte im Sport und wenden sie auf Beispiele an, ● nennen und erläutern die gesellschaftlichen Funktionen des Spitzensports, ● nennen und erläutern die gesellschaftlichen Funktionen des organisierten Breitensports bzw. der Sportvereine, ● verstehen die Bedeutung von Sportvereinen für die Demokratie (Stichwort: Schulen der Demokratie). Wissens-Check | Zu diesem Kapitel werden online Lernfragen angeboten. Sie können diese über den QR-Code scannen oder über den folgenden Link aufrufen: https: / / narr.kwaest.io/ s/ 1477. 1.1 Einleitung Sportorganisationen, allen voran Sportvereine, prägen den Sport in Deutschland in Breite und Spitze. Rund 86.000 Vereine mit ca. 29 Mio. Mitgliedern bündeln unter dem Dach des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) ein enormes Organisations-, Engagement- und Infrastrukturpotenzial (DOSB, 2025a). Damit sind Vereine nicht nur Orte der Bewegung, sondern zentrale gesellschaftliche Akteure: Sie organisieren Sportangebote, qualifizieren Übungsleiter: innen und Trainer: innen, tragen Gesundheit und Prävention in den Alltag, stiften Gemeinschaft, vermitteln Werte, ermöglichen Teilhabe und leben demokratische Willensbildung vor. Weitergehend sind Sportvereine Umsetzungspartner öffentlicher Sportpolitik nach dem Prinzip der Subsidiarität. <?page no="18"?> Definition | Prinzip der Subsidiarität Das „Prinzip der Subsidiarität“ bedeutet, dass Aufgaben möglichst eigenständig gelöst werden sollen. Erst wenn dies nicht mehr möglich ist, greift der Staat unterstützend ein. Beispiel: Sportvereine organisieren selbstständig Angebote wie Kinderturnen oder Breitensportkurse. Der Staat unterstützt sie, etwa durch Fördermittel oder die Bereitstellung von Sportstätten, ohne ihre Unabhängigkeit einzuschränken. Außerdem mobilisieren Sportvereine Millionen Stunden an ehrenamtlicher Arbeit und sichern die Nutzung kommunaler Sportstätten. Allerdings stehen sie auch vor Engpässen (Ehrenamt/ Personal, Flächen/ Zeiten) und müssen Aufgaben wie Inklusion, Integration und Angebotsdiversifizierung bewältigen (DOSB, 2025a; Breuer & Feiler, 2024). Dieses Kapitel stellt zunächst Akteure und Ebenen des organisierten Sportsystems vor und erläutert anschließend das Wechselspiel von Spitzen- und Breitensport anhand des Pyramidenmodells. Abschließend werden die gesellschaftlichen Funktionen des (Olympischen) Spitzensports sowie des organisierten Breitensports bzw. der Sportver‐ eine herausgearbeitet. Aus dieser Darstellung wird ersichtlich, warum der organisierte Sport weit über Training und Wettkampf hinauswirkt und weshalb seine öffentliche Unterstützung legitim erscheint. 1.2 Struktur des Sportsystems in Deutschland Sportvereine und Sportverbände stellen die wichtigsten Sportanbieter des organisier‐ ten Sports in Deutschland dar. Sie gehören als Non-Profit-Organisationen zum Dritten Sektor, der alle Freiwilligenorganisationen bündelt. Die Angebote des Dritten Sektors werden durch den privatwirtschaftlichen Sektor (Markt) mit kommerziellen Angebo‐ ten, wie zum Beispiel Fitnessstudios, Personaltraining und Fußball- und Tennisschulen, ergänzt. Des Weiteren gibt es den öffentlichen Sektor (Staat), in dem Sportangebote beispielsweise durch Schulen, Volkshochschulen oder Bildungswerke organisiert wer‐ den. Jenseits dieser drei Sektoren existiert der Bereich des informellen Sports, der durch selbst organisierte sportliche Aktivitäten ohne institutionelle Anbindung gekennzeich‐ net ist (z.-B. Joggen gehen, Radfahren) (Werkmann, 2017). Der Fokus dieses Kapitels liegt auf dem organisierten Sport, wobei zwischen (Olympischem) Spitzensport (in Abgrenzung zu den professionellen Teamsportligen) und Breitensport bzw. Sportvereinen unterschieden wird. Insgesamt bildet der Ver‐ einssektor die tragende Infrastruktur für Regelbetrieb, Wettkampfsysteme, Ehrenamt, Nachwuchswege sowie für niedrigschwellige, dauerhafte Teilhabe und verbindet so den Breitensport mit dem Spitzensport. 18 I. Grundlagen des Sportsystems und der Sportsoziologie <?page no="19"?> Der Sport im Vereinskontext wird in Deutschland unter dem Dach des DOSB orga‐ nisiert. Diese Organisationstruktur lässt sich in drei Säulen unterteilen: eine regionale, eine sportartspezifische und eine aufgabenspezifische Säule (vgl. Abb. 1.1). In der re‐ gionalen Säule gibt es 16 Landessportbünde, die die Sportvereine in ihrem Bundesland koordinieren und unterstützen sowie Breiten-, Leistungs- und Gesundheitssport vor Ort fördern (DOSB, 2025b). Auf Kreisebene existieren die Kreissportbünde und eine Stufe darunter die Stadtsportbünde, welche die Interessen der Vereine in der jeweiligen Stadt bündeln. Abb. 1.1: Schematische Darstellung der Struktur des (organisierten) Sportsystems in Deutschland; eigene Darstellung. In der sportartspezifischen Säule ist der organisierte Sport in Deutschland in 69 Spitzenverbände untergliedert (DOSB, 2025c). Diese lassen sich weiter in Olympi‐ sche Spitzenverbände, deren Sportarten Teil des Olympischen Programms sind, und Nicht-Olympische Spitzenverbände unterteilen. Die Spitzenverbände (auch Fachver‐ bände genannt) haben die Aufgabe, den Leistungs- und Spitzensport zu fördern, Nachwuchs- und Trainingsstrukturen zu sichern sowie Wettkämpfe zu organisieren (DOSB, 2025c). Unterhalb der Spitzenverbände ist die Organisation der Sportarten in Landesfachverbände und Kreis-/ Bezirksfachverbände gegliedert, analog zur regionalen Kaskade aus Landes-, Kreis- und Stadtsportbünden, jedoch fachlich (nicht regional) ausgerichtet. Konkret bedeutet dies, dass ein Sportverein Mitglied sowohl in der regionalen als auch in der sportartspezifischen Säule ist bzw. sein kann. Bei Mehrspar‐ tenvereinen bestehen typischerweise Mitgliedschaften in mehreren Kreisverbänden (in verschiedenen Sportarten). 1 Sportorganisation in Deutschland 19 <?page no="20"?> Zusätzlich sind unter dem Dach des DOSB in einer dritten Säule Verbände mit besonderen Aufgaben organisiert, wie aus Abbildung 1.1 ersichtlich wird. Dabei handelt es sich um spezialisierte bzw. fördernde Verbände mit starkem Bezug zu Wissenschaft, Bildung und besonderen Zielgruppen/ Strukturen, die den organisierten Sport fachlich ergänzen (DOSB, 2025d). Dazu gehören unter anderem die Polizei mit dem Deutschen Polizeisportkuratorium und Hochschulen, die durch den allgemeinen deutschen Hochschulsportverband vertreten sind. Wissensbox | Sportverein (e.-V.) Das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland gewährt allen Deutschen das Recht, Vereinigungen zu gründen. Eine besondere Form dieser Vereinigungen ist der eingetragene Verein (e. V.), der durch Eintragung in das Vereinsregister rechtlich anerkannt wird. Ein eingetragener Verein ist ein auf Dauer angelegter Zusammenschluss mehrerer Personen mit einer körperschaftlichen Verfassung. Die rechtlichen Grundlagen finden sich in den §§ 21 bis 79 des Bürgerlichen Gesetzbuchs (BGB). Zentrale Strukturelemente eines e. V. sind die Mitgliederver‐ sammlung als oberstes Entscheidungsorgan, der Vorstand als vertretungsberech‐ tigtes Organ sowie eine Satzung, die die grundlegenden Regeln des Vereinslebens festlegt. Eingetragene (Sport-)Vereine genießen eine hohe organisatorische Au‐ tonomie. Neben der strukturellen Verortung lohnt ein genauerer Blick auf die funktionale Bezie‐ hung zwischen Spitzen- und Breitensport. Abbildung 1.2 visualisiert das Wechselspiel über den Trickle-Down- und Trickle-Up-Effekt anhand eines Pyramidenmodells. Aus der Einleitung ist die herausragende Bedeutung der Sportvereine im deutschen Sportsystem bekannt. Eben diese breite Basis der vorwiegend zum Breitensport gehörenden Mitglieder soll die Grundlage für erfolgreichen Spitzensport bieten (De Bosscher et al., 2013; Seguí-Urbaneja et al., 2020). Die Grundidee besteht darin, dass aus einer großen Zahl Sporttreibender Talente rekrutiert und gezielt gefördert werden, in der Hoffnung, dass daraus Spitzensportler: innen hervorgehen, die das Land in in‐ ternationalen Wettkämpfen erfolgreich repräsentieren. Zugleich entstehen aus dieser Breite weitere wichtige personelle und strukturelle Ressourcen, wie bspw. qualifizierte Trainer: innen, sportfachliches Know-how und organisatorische Grundlagen, die dem Spitzensport zugutekommen (Trickle-Up-Effekt). Dieses Pyramidenmodell (Abb. 1.2) funktioniert über wechselseitige Effekte. Der Trickle-Down-Effekt beschreibt wie der Spitzensport den Breitensport beein‐ flusst, also die entgegengesetzte Richtung zum Trickle-Up-Effekt. Konkret geht der Trickle-Down-Effekt davon aus, dass spitzensportliche Impulse in Form von sport‐ lichem Erfolg, großen Sportevents und vorbildlichen Athletenpersönlichkeiten die Bevölkerung zum Sporttreiben inspirieren (Potwarka & Wicker, 2021; Weed, 2009; Weimar et al., 2015). Folglich stärken sportliche Erfolge, Events und Vorbilder aus 20 I. Grundlagen des Sportsystems und der Sportsoziologie <?page no="21"?> dem Spitzensport, die jeweils durch mediale Aufmerksamkeit aufbereitet werden, die Motivation, Teilhabe und das Engagement in der Breite. Diese Verzahnung ist besonders am Beispiel Fußball sichtbar: Erfolge von Nationalmannschaften erhöhen Sichtbarkeit und Identifikation, ziehen Kinder und Jugendliche in die Vereine, mobili‐ sieren Sponsoring und kommunale Unterstützung und rechtfertigen Investitionen in Plätze, Trainer: innenlizenzen und Talentstützpunkte (Trickle-Down-Effekt) (Frick & Wicker, 2016; Wicker & Frick, 2016). Breitensport Spitzensport Trickle- Down- Effekt Trickle- Up- Effekt Pyramidenform Abb. 1.2: Pyramidenmodell des organisierten Sports - wechselseitige Effekte zwischen Spitzen- und Breitensport (Trickle-Down- und Trickle-Up-Effekt); eigene Darstellung. Definition | Trickle-Down und Trickle-Up „Trickle-Down“ bedeutet wörtlich „nach unten durchsickern“. In der Ökonomie beschreibt es die Annahme, dass Wohlstand von oben über Konsum und In‐ vestitionen in unteren Schichten ankommt. Übertragen auf den Sport meint Trickle-Down: Impulse aus dem Spitzensport inspirieren die Bevölkerung, selbst aktiv Sport zu treiben. Entsprechend beschreibt „Trickle-Up“ Impulse aus dem Breitensport in den Spitzensport. Allerdings ist das Wechselspiel zwischen Spitzen- und Breitensport in manchen Sportarten nur gering ausgeprägt. Dazu gehören weniger populäre Sportarten sowie Sportarten mit örtlichen oder wetterbedingten Restriktionen (z. B. Schnee, Berge oder Wasser). Ein Beispiel ist der alpine Skisport: Obwohl es in Deutschland eine breite 1 Sportorganisation in Deutschland 21 <?page no="22"?> Freizeitsportbasis (d. h. ohne Vereinsmitgliedschaft und Wettkämpfe) im alpinen Ski‐ sport gibt (ca. 8 Mio. Aktive), bleibt die Spitze vergleichsweise schmal - insbesondere im Vergleich zu Österreich oder der Schweiz, die mit jeweils rund 8-9 Mio. Einwoh‐ ner: innen deutlich kleinere Gesamtbevölkerungen, aber eine wesentlich dichtere alpine Infrastruktur und längere Schneesaisons aufweisen. Nationale Trickle-Down-Impulse durch Erfolge verpuffen daher oft regional, während Trickle-Up-Effekte durch hohe Kosten, Reiseaufwand, begrenzte Trainingszeiten und geringere Stützpunktdichte geografisch und strukturell begrenzt sind, sodass die Pyramide insgesamt schmal bleibt. Ähnliche Muster können im Skispringen und Biathlon, aber auch in Wassersportarten wie dem Surfen beobachtet werden. Darüber hinaus ist festzustellen, dass viele Freizeit- oder Breitensportler: innen gar keine Ambitionen haben, sich im Sinne eines Trickle-Up-Effekts in Richtung Spitzensport zu entwickeln. Dieser Umstand wird mithilfe einer Kirchenform illustriert (vgl. Abb. 1.3). Das Kirchenschiff repräsentiert dabei die Sportler: innen ohne leistungs- oder spitzensportliche Ambitionen. Trickle- Down- Effekt Trickle- Up- Effekt Spitzensport Breitensport Kirchenform Abb. 1.3: Kirchenform des Sports - breites ‚Schiff‘ ohne Leistungsambitionen, schmaler ‚Turm‘ mit Übergang in den Spitzensport); eigene Darstellung. 1.3 Gesellschaftliche Funktionen des Sports Sport ist nicht nur Selbstzweck, sondern erfüllt vielfältige gesellschaftliche Funktionen (Breuer & Feiler, 2024; Deutscher Bundestag, 2023; De Rycke & De Bosscher, 2019; Haut, 2014; 2024). Diese geben dem Sport, jenseits reiner Freizeitbeschäftigung, seine Daseinsberechtigung und Legitimation. Im Folgenden werden die gesellschaftlichen 22 I. Grundlagen des Sportsystems und der Sportsoziologie <?page no="23"?> Funktionen des (Olympischen) Spitzensports sowie des organisierten Breitensports bzw. der Sportvereine skizziert (vgl. Tab. 1.1). Spitzensport Organisierter Breitensport/ Sportvereine • Kollektive Identität und Nationalstolz • Feel-good Faktor und Leidenschaft • Wertevermittlung und Vorbildfunktion • Inspirationsfunktion • Soziale Gleichheit und Integration • Prestige und Image • Sportangebotsfunktion • Gesundheitsfunktion • Sozialisations- und Gemeinschaftsfunk‐ tion • Integrations- und Teilhabefunktion • Demokratiefunktion • Bildungsfunktion Tab. 1.1: Überblick über gesellschaftliche Funktionen des Spitzensports und des organisierten Breiten‐ sports; eigene Darstellung. 1.3.1 Funktionen des Spitzensports Die nachfolgende Kategorisierung gesellschaftlicher Funktionen des Spitzensports stellt eine Kombination aus der MESSI-Konzeption (MESSI=Mapping Elite Sports’ Po‐ tential Societal Impact) von De Rycke und De Bosscher (2019) und den Ausarbeitungen von Haut (2014; 2024) dar. Erstere nimmt nicht nur die internationale Perspektive dazu, sondern adressiert explizit auch negative gesellschaftliche Wirkungen. Die sechs Funktionen aus Tabelle 1.1 werden nachstehend kurz erläutert und mit dem aktuel‐ len Forschungsstand angereichert (vgl. zum Überblick auch Wicker und Downward (2019)). Kollektive Identität und Nationalstolz Die Entstehung von kollektiver Identität, nationaler Identifikation und Nationalstolz wird meist zusammen untersucht (Wicker & Downward, 2019). Dabei ist zu beachten, dass im Olympischen Spitzensport die Identifikation über die Nationalität stattfindet, wohingegen in kommerzielleren Sportarten wie Tennis oder Fußball einzelne Athlet: in‐ nen (z. B. Roger Federer, Messi) oder Teams (z. B. Real Madrid, Bayern München) auf eine weltweite Fanbasis zurückgreifen können. Somit sind letztere in ihrer Finanzie‐ rung eher marktabhängig, während der Olympische Spitzensport eher staatsabhängig ist (Haut, 2014). Viele Studien zu verschiedenen Events und Kontexten bestätigen, dass die Bevölkerung stolz auf spitzensportliche Erfolge ihrer Athlet: innen ist (z. B. Breuer et al., 2017b; Wicker et al., 2012). Diese Befunde untermauern die Legitimität der staatlichen Spitzensportförderung. Jedoch sind auch negative Wirkungen wie übertriebene Rivalität und Chauvinismus zu nennen (De Rycke & De Bosscher, 2019). Allerdings kann die nationale Identität in manchen Konstellationen mit der kom‐ merziellen Identität konfligieren. Bei Letzterem kommen die Olympischen Spiele 2000 in Sydney in Erinnerung, als sich drei Fahrer des Team Telekom - die Deutschen Jan Ullrich und Andreas Klöden sowie der Kasache Alexander Winokurow - mit 1 Sportorganisation in Deutschland 23 <?page no="24"?> einem gemeinsamen Fluchtversuch die Medaillen sicherten, obwohl sie nicht für die gleiche Nationalmannschaft fuhren. Dieser Fall erregte Aufsehen und befeuerte die Diskussion über nationale und kommerzielle bzw. professionale Identitäten im Sport ( Jutel, 2012). Zusätzlich kann auch eine Verbindung der Geldgeber mit Skandalen negative Wirkungen erzeugen (De Rycke & De Bosscher, 2019). Feel-good-Faktor und Leidenschaft Die Bevölkerung fiebert bei sportlichen Wettkämpfen leidenschaftlich mit, feuert ihre Athlet: innen an und freut sich über spitzensportliche Erfolge, die auch das persönliche Wohlbefinden steigern (z. B. Breuer et al., 2017b; Wicker et al., 2012). Allerdings finden manche Studien eher einen Wohlbefindenseffekt für die Ausrichtung von Sportevents (d. h. ein kurzfristig gesteigertes individuelles Wohlbefinden durch die Atmosphäre, Erlebnisse und Freizeitmöglichkeiten rund um ein Sportereignis im eigenen Land), weniger für sportlichen Erfolg (Kavetsos & Szymanski, 2010; Pawlowski et al., 2014). Selbstredend können sportliche Niederlagen und Enttäuschung zu negativen Wirkun‐ gen führen (De Rycke & De Bosscher, 2019). Wertevermittlung und Vorbildfunktion Die Kategorie „Ethisches Handeln und Fair Play“ aus der MESSI-Konzeption (De Rycke & De Bosscher, 2019) wird hier in einem erweiterten Sinne verwendet, da der Spitzensport nicht nur Werte wie zum Beispiel Fair Play und ethisches Handeln vermitteln soll, sondern auch Leistungsfähigkeit, Anstrengungsbereitschaft, den Um‐ gang mit Niederlagen und einen respektvollen Umgang mit Gegner: innen aufzeigt (z. B. Breuer et al., 2017b; Wicker et al., 2012). Die zuletzt genannte gesellschaftliche Funktion liegt auch im Fall sportlichen Misserfolgs vor. Spitzensportler: innen erfüllen eine Vorbildfunktion, indem sie diese Werte und Kompetenzen bei Sieg und Niederlage vermitteln. Negative Wirkungen können bei der Verletzung von Werten durch bspw. Doping, Betrug oder Korruption eintreten (De Rycke & De Bosscher, 2019). Inspirationsfunktion Verbunden mit der Vorbildfunktion ist die inspirierende und motivierende Wirkung des Spitzensports für das Sporttreiben der Bevölkerung. Aufbauend auf den Ausführungen zum Trickle-Down-Effekt in Kapitel 1.2 wird zwischen einem inspirierenden und einem motivierenden Effekt unterschieden: Bei Ersterem geht es um die Neuaufnahme sportlicher Aktivität, bei Letzterem um sportliche Verhaltensänderungen hinsichtlich Intensität, Häufigkeit, Sportart, Disziplin, Position etc. (Potwarka & Wicker, 2021). Diese gesellschaftliche Funktion taucht in vielen Dokumenten zur Legitimation der Spitzensportförderung und der Ausrichtung von Sportgroßveranstaltungen auf. Potwarka und Wicker (2021) haben sechs Bedingungen für das Zustandekommen eines Trickle-Down-Effekts identifiziert: Maßnahmen zur Wirkungsverstärkung (Le‐ veraging Activities) bei Events (z. B. Gutscheine für Probetrainings), ausreichende 24 I. Grundlagen des Sportsystems und der Sportsoziologie <?page no="25"?> Aufnahmekapazitäten der Sportvereine, jugendliche Bevölkerungsgruppen, Zuschau‐ endenerlebnisse vor Ort, Konsummöglichkeiten des Sports über Medien und Nähe zum Austragungsort. Negative Wirkungen können bspw. auftreten, wenn ein leistungs‐ sportliches Körperideal unerreichbar erscheint und demotivierend wirkt (De Rycke & De Bosscher, 2019). Soziale Gleichheit und Integration Eine weitere Funktion des Spitzensports besteht in der Förderung des gesellschaftlichen Zusammenhalts und damit auch der Integration von Personen mit Migrationshin‐ tergrund (Haut, 2014), der Inklusion von Menschen mit Behinderung sowie der sozialen Teilhabe anderer marginalisierter Gruppen (De Rycke & De Bosscher, 2019). Im internationalen Sprachgebrauch umfasst der Begriff Inklusion oft verschiedene soziodemografische Merkmale, im deutschen Kontext bezieht er sich vorrangig auf Menschen mit Behinderungen (z. B. De Rycke & De Bosscher, 2019). Durch sportliche Erfolge, den gemeinsamen Konsum dieser Erfolge und die gemeinsame Freude darüber wird der gesellschaftliche Zusammenhalt gestärkt. Weitergehend fördert der Olympi‐ sche Spitzensport den gesellschaftlichen Zusammenhalt durch eine kollektive Identität (Atkinson et al., 2008). Auch hier sind negative Effekte wie Sexismus, Ausgrenzung und Diskriminierung zu berücksichtigen (De Rycke & De Bosscher, 2019). Prestige und Image Die Kategorie „Prestige und Image“ spiegelt die Repräsentation Deutschlands im Ausland und das damit verbundene internationale Prestige wider (Haut, 2014). Im Sportbericht formuliert die Bundesregierung ein „Interesse des Bundes an einer angemessenen gesamtstaatlichen Repräsentation der Bundesrepublik Deutschland im In- und Ausland“ (Deutscher Bundestag, 2023, S. 19). Diese Repräsentation soll über den Spitzensport erfolgen und insbesondere über spitzensportlichen Erfolg, der das Ansehen Deutschlands in der Welt steigern soll. Das über spitzensportliche Erfolge generierte internationale Prestige und Image wird von der Mehrheit der deutschen Bevölkerung als wichtig erachtet, allerdings rangiert dessen Bedeutung unter der Wer‐ tevermittlung und dem Wohlbefindenseffekt (Breuer et al., 2017b). Als negative Effekte sind hier mögliche Kriegspropaganda und negative Imageeffekte durch deviantes (also von sozialen Normen und Werten einer Gesellschaft abweichendes) Verhalten des gesamten Spitzensportpersonals (das heißt nicht nur der Athlet: innen, sondern auch der Funktionär: innen und Trainer: innen) zu nennen (De Rycke & De Bosscher, 2019). 1.3.2 Funktionen des organisierten Breitensports bzw. der Sportvereine Die Funktionen des organisierten Breitensports bzw. der Sportvereine sind vielfältig und umfassen neben der Sportangebotsfunktion weitere gesellschaftliche Aufgaben. 1 Sportorganisation in Deutschland 25 <?page no="26"?> Da Sport in Deutschland zu den beliebtesten Freizeitaktivitäten zählt, leisten Sport‐ vereine als autonome zivilgesellschaftliche Akteure wichtige Beiträge zu gesellschafts‐ politischen Zielen und werden hierfür von der EU und nationalen Stellen (z. B. Bundesministerium des Innern und für Heimat; Deutscher Bundestag) als Partner adressiert. Im Folgenden werden die in Tabelle 1.1 genannten Funktionen des Vereins- und Breitensports erläutert. Sportangebotsfunktion Die Sportangebotsfunktion stellt die ursprüngliche Funktion der Sportvereine dar (Hoekman et al., 2015; Waardenburg, 2016). Ziel war und ist es, Ressourcen zusam‐ menzulegen, um gemeinsame Sportinteressen der Mitglieder zu verwirklichen. Unter anderem bieten Sportvereinen ihren Mitgliedern die Möglichkeit, Sportarten zu er‐ lernen und auszuüben. Des Weiteren informieren sie über das Sportgeschehen und stellen Sachausstattungen wie z. B. Geräte, Ausrüstungsgegenstände, Kleidung und Sportanlagen bereit. Sportvereine organisieren Trainingsangebote und bieten ihren Mitgliedern die Möglichkeit, an Wettkämpfen teilzunehmen (Hoekman et al., 2015). In Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern sind sie die Hauptanbieter für Sportmöglichkeiten (Hoekman et al., 2015; Nagel et al., 2023; Waardenburg, 2016). Laut Feiler und Breuer (2020) trainiert rund ein Drittel der Mitglieder zweimal pro Woche, knapp ein Viertel sogar drei- oder mehrmals wöchentlich, weitere 28 % einmal pro Woche; nur ein kleiner Anteil ist seltener aktiv. Entsprechend nimmt etwa die Hälfte (52 %) auch an Wettkämpfen teil. Diese regelmäßige Teilnahme unterstreicht die Bedeutung des Vereinssports und seine Rolle als Hauptträger des Breitensports. Gesundheitsfunktionen Sportvereine gelten als geeignetes Setting der Gesundheitsförderung (Kokko et al., 2016), da sie regelmäßige Bewegung in sozialen Gruppen verankern und qualifizierte Anleitung und sichere Rahmenbedingungen bieten. Dementsprechend fördern sie körperliches, psychisches und soziales Wohlbefinden (Feiler & Breuer, 2020; Nagel et al., 2023). Rund ein Drittel der Sportvereine in Deutschland bietet explizite Gesundheits‐ sport-Programme an (Breuer & Feiler, 2024), zugleich nehmen mehr als die Hälfte der Mitglieder mindestens zweimal pro Woche an Vereinsangeboten teil (Feiler & Breuer, 2020). Diese Kombination aus Angebot seitens der Sportvereine und regelmäßiger Nutzung seitens der Mitglieder geht mit positiven Gesundheitseffekten einher (Eime et al., 2010; Thiel & Mayer, 2018). Trotz fehlendem „Gesundheitssiegel“ können die Kernangebote vieler Vereine als gesundheitsfördernd erachtet werden (Feiler & Breuer, 2020). Sozialisations- und Gemeinschaftsfunktion Sportvereine haben eine Sozialisations- und Gemeinschaftsfunktion, welche einen hohen Stellenwert für die Gesellschaft haben (siehe Kapitel 4 und 6). In Deutschland 26 I. Grundlagen des Sportsystems und der Sportsoziologie <?page no="27"?> organisieren mehr als 93 % aller Sportvereine Feste und andere Gemeinschaftsevents und 62,5 % haben zumindest die Räumlichkeiten für gemeinsame Treffen (z. B. ein Vereinshaus oder -restaurant) (Breuer et al., 2020). Sportvereine legen nach ihrem Selbstverständnis viel Wert auf das Miteinander und sehen sich als Solidargemein‐ schaften (Breuer & Feiler, 2024). Die Mitglieder der Vereine legen ebenfalls großen Wert auf diese Gemeinschaftsfunktionen und geben an, nach Trainingseinheiten, Wettkämpfen oder Spielen regelmäßig länger im Sportverein zu bleiben, was damit einhergeht, dass 84 % der Mitglieder berichten, neue Freundschaften durch den Verein gefunden zu haben (Feiler & Breuer, 2020). Über 75 % der Mitglieder in Deutschland sind stolz, ihrem Verein anzugehören, und mehr als die Hälfte benennt den Verein als eine ihrer wichtigsten sozialen Gruppen (Feiler & Breuer, 2020). Das unterstreicht die starke Gemeinschafts- und Kohäsionsfunktion von Sportvereinen. Zusätzlich spielen Sportvereine eine wichtige Rolle in der Sozialisation insbesondere für Kinder und Jugendliche, denn ihnen wird eine hohe Erwartungshaltung entgegengebracht (Thiel et al., 2023). Konkret soll Sportausübung in Sportvereinen zum Fairplay erziehen, persönliche Kontakte fördern sowie Disziplin und Leistungsbereitschaft vermitteln, aber auch negative Erfahrungen wie den Umgang mit Niederlagen in einem geschütz‐ ten Setting ermöglichen (Thiel et al., 2023). Kinder erlernen durch Beobachtung und Mitmachen angemessene, situative Verhaltensweisen, zum Beispiel Fairness, Teamabstimmung und Verantwortungsübernahme (Anderson-Butcher et al., 2024; Hansen, 2008). Erwachsene Leitungspersonen und ältere Mitglieder wirken dabei als unmittelbare Vorbilder, denn jüngere Mitglieder orientieren sich an deren Verhalten (Anderson-Butcher et al., 2024; Hansen, 2008). Diese Lernprozesse stärken soziale Kompetenzen, langfristigen Beziehungsaufbau sowie normgeleitetes Handeln und gehen über den Sport hinaus. Integrations- und Teilhabefunktion Aufgrund ihrer hohen Organisationsdichte sollen Sportvereine parallel zum Spitzen‐ sport die Integration von Minderheiten fördern. Zu diesen Minderheitsgruppen zählen unter anderem Menschen mit Migrationshintergrund (siehe Kapitel 8), Menschen mit Behinderungen und Menschen mit geringerem Einkommen (siehe Kapitel 6) (Nagel et al., 2023). Sport soll diesen Menschen den Zugang zur Gesellschaft erleichtern, denn Sportvereine gelten in Politik und Verbänden als verbindende Instanz: Sie sollen Menschen mit Migrationshintergrund Räume schaffen, in denen über gemeinsame Praxis soziale Kontakte entstehen. Integration wird hier als gelebter Alltag verstanden (Bundesregierung, 2021; DOSB, 2014). Zudem wird durch den Anschluss von Menschen mit unterschiedlichen ethnischen Hintergründen Sozialkapital aufgebaut ( Janssens & Verweel, 2014; O’Driscoll et al., 2014). Auch für Menschen mit Behinderungen steht die Entstehung neuer Freundschaften im Vordergrund, ergänzt durch die Stärkung des Selbstkonzepts, die Bildung einer neuen Identität und die Förderung der eigenen Gesundheit (Darcy & Dowse, 2013; Darcy et al., 2011). Zusätzlich stellen Sportvereine auch für Personen mit geringem sozioökonomischem Status ein niederschwelliges 1 Sportorganisation in Deutschland 27 <?page no="28"?> Angebot zur gesellschaftlichen Teilhabe dar. Schließlich sind die Mitgliedsbeiträge verglichen mit kommerziellen Sportangeboten relativ gering und viele Vereine bieten spezielle Tarife für Betroffene an (Breuer & Feiler, 2024; Feiler & Breuer, 2020). Obwohl Sportvereine als Motor sozialer Integration gelten, ist die Repräsentation vulnerabler Gruppen teilweise geringer als in der allgemeinen Bevölkerung. Entspre‐ chend sind Menschen mit Behinderungen und Personen mit Migrationshintergrund in vielen Vereinen nur unterdurchschnittlich vertreten (Breuer et al., 2017a; Breuer & Feiler, 2017). Wirksame Integration ist bedingungenabhängig und scheitert häufig an Zugangshürden (Kosten, Sprache, Informationen), Vereinskultur/ Schließungsprak‐ tiken (Vorurteile, Rassismus), Ressourcenmangel (qualifiziertes Personal, Zeiten/ Flä‐ chen) oder räumlicher Erreichbarkeit (Brown & Pappous, 2018; Elling & Claringbould, 2005; Spaaij, 2013; Verdot & Schut, 2012). Demokratiefunktion Sportvereine gelten als Schulen der Demokratie: Sie kombinieren eine formale Ent‐ scheidungsordnung (Satzung, Wahlen, Mitgliederversammlung) mit einer informellen Beteiligungskultur (Diskussionen, Mitgestaltung im Alltag) und ermöglichen so De‐ mokratiebildung im geschützten, alltagsnahen Setting (Breuer & Feiler, 2024; Pateman, 2012). In vielen Vereinen besitzen Mitglieder - häufig schon mit 16 Jahren - Stimmrecht in der jährlichen Mitgliederversammlung (Breuer & Feiler, 2024; Feiler & Breuer, 2020). Über 70 % der Vereine geben an, Mitglieder in wichtige Entscheidungen einbinden zu wollen. Zudem delegiert etwa ein Drittel der Vereine Entscheidungen an Ausschüsse (Feiler & Breuer, 2020). Knapp die Hälfte der befragten Mitglieder nimmt an der Mitgliederversammlung teil, wobei sich eine Polarisierung der Beteiligung zeigt: Rund 39 % der Mitglieder versuchen nie, Entscheidungen zu beeinflussen, während 36 % dies häufig tun (Feiler & Breuer, 2020). Die gelebte Vereinsdemokratie stärkt partizipative Kompetenzen (z. B. Mitreden, Verantwortungsübernahme) und fördert damit die demokratische Sozialisation der Mitglieder. Allerdings sind Mitglieder nicht automatisch oder flächendeckend „bessere Demokraten“ (Burrmann et al., 2019; Ibsen et al., 2019). Insgesamt liefern Sportvereine zahlreiche Gelegenheiten, Demokratie über Erfahrungslernen, Ehrenamt und Mitbestimmung praktisch einzuüben. Bildungsfunktion Den Sportvereinen wird überdies eine allgemeine Bildungsfunktion zugeschrieben, die sich auf zwei Aspekte bezieht: einerseits auf die Bildung von Übungsleiter: innen und Trainer: innen (Aus-, Fort- und Weiterbildung) und andererseits auf die Bildung der Mitglieder, insbesondere der Kinder und Jugendlichen. So gibt es bspw. in knapp 30 % der Vereine eine zuständige Person für Aus- und Weiterbildung. Dies unterstreicht, dass Vereine der Fortbildung des Ehrenamts eine hohe Bedeutung beimessen, was wiederum die Qualitätssicherung der Angebote stützt (Breuer & Feiler, 2024). 28 I. Grundlagen des Sportsystems und der Sportsoziologie <?page no="29"?> Generell lassen sich im Verhältnis von Bildung und Sport bzw. Bewegung drei Bezüge differenzieren: Erstens ermöglicht Bewegung das Lernen über körperliche, soziale oder auch ethisch-philosophische Dimensionen (Bildung über Bewegung) von Bewegung und Sport (z. B. Trainingsprinzipien, Regeln, Rollen). Zweitens dient der Sport als Medium (Bildung durch Bewegung), um allgemeine Bildungsziele zu erreichen - etwa Teamarbeit, Verantwortungsübernahme, Gesundheitskompetenz oder Wertebil‐ dung. Drittens entsteht persönliche Entwicklung im Vollzug der Praxis (Bildung in Bewegung), z. B. Selbstwirksamkeit, Emotionsregulation, Durchhaltevermögen und motorische Könnerschaft (siehe Brown, 2013). Die kommunale Sportpolitik bewertet Vereine als niedrigschwellige Lernorte für organisatorische und bürger: innenschaftliche Kompetenzen. Talentzentren und Leis‐ tungsvorbilder sollen zudem inspirierende Effekte in der Breite entfalten (De Bosscher et al., 2013; Waardenburg, 2016). Auf Länderebene untermauern Landessportbünde diese Rolle durch Programme u. a. zu Bildung, Gesundheit, Integration und Engage‐ ment, deren Umsetzung durch öffentliche Förderung (z. B. Zuschüsse, kostenfreie/ ver‐ günstigte Sportstätten) unterstützt wird. 1.4 Fazit Der organisierte Sport bildet eine tragfähige Infrastruktur für Teilhabe, Qualifizierung und Wettkampf. Sportvereine wirken über Training hinaus: Sie fördern Gesundheit, stiften Gemeinschaft, sozialisieren und ermöglichen demokratische Mitbestimmung. Das Pyramidenmodell verdeutlicht das Wechselspiel von Breite und Spitze über den Trickle-Down- und Trickle-Up-Effekt. Sowohl der Spitzensport als auch der Breitensport bzw. die Sportvereine erfüllen wichtige gesellschaftliche Funktionen. Diese zeigen, dass Sportorganisationen weit über Training und Wettkampf hinaus gesellschaftlich wirken. Sie verbinden alltägliche Teilhabe mit leistungsorientierten Wegen und gesellschaftlichem Mehrwert. Weiterführende und vertiefende Literatur Als Überblick über die Struktur und Finanzierung des deutschen Sportsystems eignet sich das Kapitel von Petry und Hallmann (2013) in ihrem Sammelband zur internationalen Sportentwicklung. Vertiefende Einblicke zur Organisation, Funktion und Rolle von Sportverbänden liefert das Handbuch Sportverbände von Thieme und Wojciechowski (2021). Aktuelle empirische Befunde zur Situation und Entwicklung der Sportvereine in Deutschland liefern die regelmäßig erscheinenden Sportentwicklungsberichte. Diese werden auf der Webseite des DOSB zum Download zur Verfügung gestellt: https: / / www.dosb.de/ themen/ mensch-und-sportverein/ ehrenamt-und-engagem ent/ sportentwicklungsbericht . Die Website des DOSB bietet überdies praxisnahe 1 Sportorganisation in Deutschland 29 <?page no="30"?> Informationen zu Struktur, Aufgaben und gesellschaftlicher Funktion des orga‐ nisierten Sports. Regionale und verbandsspezifische Perspektiven sind u. a. über die Landessport‐ bünde zugänglich, etwa durch Positionspapiere oder Jahresberichte. Beispielhaft organisiert und koordiniert der Landessportbund Nordrhein-Westfalen einen gro‐ ßen Teil der Sportstruktur auf regionaler Ebene. Auf der Website findet man u. a. Informationen zum Verbundsystem der Sportvereine und Sportverbände in NRW: https: / / www.lsb.nrw/ lsb-nrw/ verbundsystem-des-sports. Die Webseite des Bundesministeriums des Innern und für Heimat (BMI) liefert Informationen über den Sport und die Sportpolitik auf Bundesebene. So bietet die Themenseite Sport Informationen zu sportpolitischen Informationen und Förder‐ grundsätzen: https: / / www.bmi.bund.de/ DE/ themen/ sport/ sport-node.html. Literaturverzeichnis Anderson-Butcher, D., Bates, S., Wade-Mdivanian, R., & Mack, S. (2024). Community sport as a context for positive youth development. In N. L. Holt & M. H. McDonough (Eds.), Positive youth development through sport (pp. 269-287). Routledge. Atkinson, G., Mourato, S., Szymanski, S., & Ozdemiroglu, E. (2008). Are we willing to pay enough to ‘back the bid’? Valuing the intangible impacts of London’s bid to host the 2012 Summer Olympic Games. Urban Studies, 45, 419-444. Breuer, C., & Feiler, S. (2017). Integrationsleistungen der Sportvereine in Deutschland. In C. Breuer (Hrsg.), Sportentwicklungsbericht 2015/ 2016. Band I. Analyse zur Situation der Sportvereine in Deutschland (S.-101-194). Sportverlag Strauss. Breuer, C., & Feiler, S. (2024). Sportvereine in Deutschland: Ergebnisse aus der 9. 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Erfahrung gewonnene - Fakten, wonach heute etwa die Hälfte der deutschen Bevölkerung Sport treibt oder in der Bundesregierung die Abteilung Sport nun im Kanzleramt angesiedelt ist? Erstmal: fast nichts! Wir wissen dadurch nicht, ob das viel oder wenig Aktivität bedeutet, für einen hohen oder niedrigen Stellenwert des Sports spricht und womit diese Entwicklungen zusammenhängen und erklärt werden könnten. „Anschauungen ohne Begriffe sind blind“ formulierte schon Immanuel Kant - d. h. isolierte, empirische Beobachtungen sind nicht sinnvoll zu begreifen oder überhaupt nicht möglich ohne Bezug zu Theorien. Diese wollen wir hier zunächst nur als allgemeinere Systeme zu‐ sammenhängender Aussagen über Ausschnitte der Wirklichkeit verstehen. Denn über weitere Merkmale soziologischer Theorien besteht Uneinigkeit: ob bzw. in welchem Ausmaß sie formalisiert und empirisch prüfbar sein müssen (Emrich, Gasmmann & Klein, 2021, S. 133ff.) oder ob sie eher dem Verstehen oder dem Erklären dienen sollen, sind alte, bis heute offene Grundsatzfragen (Schürmann, 2025). Jedenfalls können Theorien helfen, empirische Beobachtungen zu strukturieren und einzuordnen und darüber hinaus Orientierung geben - auch dann, wenn kaum empirische Erkenntnisse über ein Phänomen vorliegen. So haben sie nicht nur als Grundlage empirischer Forschung große Bedeutung, sondern auch für die Praxis von Sportlehrkräften oder Vereinsfunktionär: innen - kommt sportsoziologischer Theoriebildung doch „die Auf‐ <?page no="36"?> gabe zu, Alltagstheorien und populäre Deutungsmuster zu sozialen Phänomenen kritisch zu reflektieren.“ (Thiel, Mayer & Seiberth, 2023, S. 17). Hierzu sollten sie eben keine rein subjektiven, sondern wissenschaftliche Theorien sein, die auf empirischer Forschung beruhen oder sich in fachlichen Diskussionen vorläufig bewährt haben. 2.2 Soziologische Perspektiven auf Sport Das aktuelle „Handbuch Theorien der Soziologie“ (Delitz, Müller & Seyfert 2025) ent‐ hält rund 30 verschiedene Ansätze - welche Theorien sind davon nun die wichtigsten für die Sportsoziologie? Wo soll man anfangen und wie den Überblick behalten? Zunächst, indem man sich klar macht, dass ein wesentlicher Unterschied zwischen verschiedenen Theorien darin besteht, „dass sie die Realität - bildlich gesprochen - mit unterschiedlichen Objektiven, Blenden und Lichtstärken wahrnehmen.“ (Bette & Schimank, 2006, S. 21). Das heißt: es gibt nicht die eine, beste Theorie, die alles gleich gut sieht, sondern je nach Fokus bekommt man manche Aspekte besser in den Blick, während andere undeutlich werden. Grundlegend werden diesbzgl. auch in der Sportsoziologie drei Perspektiven unterschieden: 1. die „Mikroebene“ der Individuen/ Akteure/ Handlungen 2. die „Makroebene“ der Gesellschaft/ Systeme/ Strukturen 3. die dazwischen liegende „Mesoebene“ der Vermittlung beider Ebenen, etwa in Organisationen oder ‚strukturierten‘ Akteuren (Emrich, Gassmann & Klein, 2021) Wohlgemerkt: Bei aller berechtigten Betonung der Unterschiede zwischen den Ansät‐ zen sollte nicht vergessen werden, dass sie zwar z. T. entgegengesetzte Startpunkte haben, aber keine ernst zu nehmende soziologische Theorie die grundsätzliche Rele‐ vanz der jeweils anderen Ebene leugnen würde: „So ‚fehlen‘ in Theorien, die von der Gesellschaft als eigener Realität ausgehen, die Individuen ebenso wenig, wie um‐ gekehrt Theorien, die vom individuellen Akteur ausgehen, Formen überindividueller Ordnungsbildung negieren.“ (Delitz, Müller & Seyfert, 2025, S. 5) Daher empfiehlt es sich, das Spektrum der soziologischen Theorien nicht als eindeutig voneinander abge‐ grenzte Standpunkte zu verstehen, sondern als einen Raum mit fließenden Übergängen und Überschneidungen zwischen den Perspektiven (siehe Abbildung 2.1). Definition | Theorieperspektiven Mikrosoziologische Ansätze fokussieren das Handeln von Individuen und fragen z. B., mit welchen Bedeutungen und Motiven deren Sport(in)aktivität zusammen‐ hängen. Makrosoziologische Perspektiven nehmen demgegenüber gesellschaftliche Strukturen in den Blick und fragen z. B. nach den Effekten wirtschaftlicher oder politischer Rahmenbedingungen auf den Sport. 36 I. Grundlagen des Sportsystems und der Sportsoziologie <?page no="37"?> Mesosoziologische Perspektiven versuchen Mikro- und Makro-Aspekte zu ver‐ mitteln und fokussieren z.-B. Organisationen wie Sportvereine. Versucht man nun die in der Sportsoziologie wichtigsten Ansätze zu identifizieren und zieht als Kriterium für die Relevanz die Thematisierung in einschlägigen Einführungs‐ werken (Lamprecht & Nagel, 2022; Weiß & Norden, 2023; Thiel, Mayer & Seiberth, 2023) heran, fällt die Auswahl erstaunlich leicht. So besteht weitgehend Konsens darüber, dass Akteurtheorien zentrale Perspektiven sind, darunter einerseits Ratio‐ nal-Choice-Modelle und andererseits interpretative Ansätze. Unter den Makrotheorien ist fraglos die Systemtheorie der prominenteste Ansatz, während die Relevanz der Kritischen Theorie(n) heute mitunter bezweifelt wird. Z.T. werden hierunter auch Foucault und ‚kulturtheoretische‘ Ansätze eingeordnet, wobei diesbzgl. über eine passende Bezeichnung und Abgrenzung noch keine Einigkeit besteht. Aus der Mitte des Spektrums ist die Praxistheorie nach Bourdieu seit Jahren ein maßgeblicher Ansatz und auch die Figurationssoziologie nach Elias wird weiterhin beständig als zentrale Referenz genannt. Strukturen Kritische Theorie abweichend/ verstehend Interpretative Ansätze Praxistheorie Figurationssoziologie Systemtheorie Rational Choice Akteure konventionell/ erklärend Abb. 2.1: Theoriespektrum der Sportsoziologie. Ein Blick über den nationalen Tellerrand zeigt, dass im englischsprachigen Raum, neben Bourdieu und Elias, vor allem auch Foucault und kulturtheoretische Ansätze zentral sind - während Rational Choice Ansätze und insbesondere die Systemtheorie in der internationalen Sportsoziologie nach wie vor längst nicht derart große Beachtung finden wie in Deutschland (Tian & Wise, 2020). 2 Sport und soziologische Theorien 37 <?page no="38"?> 2.3 Rational Choice Modelle Rational Choice Modelle ist ein Sammelbegriff für verschiedene Ansätze, „die im Rahmen von Modellierungen für die Mikroebene unterstellen, dass Akteure gemäß ihrer Präferenzen handeln und damit die aus ihrer Sicht beste Alternative auswählen.“ (Gautschi & Wolbring, 2025, S. 286). Dem Ansatz eines methodologischen Individua‐ lismus folgend, können soziale Phänomene nicht allein auf Makroebene erklärt werden, sondern es soll - im Sinne des „Badewannenmodells“ (Coleman) bzw. des „Grundmo‐ dells der soziologischen Erklärung“ (Esser, 1999) - auf tieferer Ebene analysiert werden, wie eine soziale Situation das Handeln der Akteure rahmt, wie diese zwischen ver‐ schiedenen Handlungsalternativen wählen und sich aus ihren Handlungen wiederum kollektive Phänomene ergeben (Emrich, Gassmann & Klein, 2021, S.-136-138). Beispiel | Rational Choice Theorie Was hat die Sportsoziologie zum Fitnessboom zu sagen, der z. B. in kontinuierlichen Zuwächsen an Mitgliedschaften zum Ausdruck kommt? Aus Sicht der Rational Choice Theorie könnte vor allem nach den Zielen der Akteure gefragt werden, also z. B. warum Menschen ihre finanziellen und zeitlichen Spielräume für das Fitnessstudio und nicht etwa für mehr Restaurant- oder Kinobesuche einsetzen. Eine naheliegende Annahme könnte dann sein, dass sie der Realisierung von Gesundheitsidealen gegenüber anderen Zielen (z. B. Genuss oder Zerstreuung) Priorität einräumen. Unter dieser Perspektive lassen sich verschiedenste Themen der Sportsoziologie in den Blick nehmen: So kann man z. B. Sportaktivität als rationales Verhalten im Kontext der Gesundheitsförderung betrachten (Pieter et al., 2010) oder Doping als ein rationales, wenn auch normativ abweichendes Verhalten im Wettkampfsport (Emrich, Meyer & Pierdzioch, 2021). Insbesondere trägt zur Verbreitung des Ansatzes bei, dass sich die Perspektive nicht auf Individuen beschränken muss, sondern sich auch für die Analyse von Entscheidungen kollektiver Akteure und Organisationen wie Sportvereinen und -verbänden eignet, wie z.-B. Nagel, Schlesinger und Klenk (2017) zeigen. 2.4 Interpretative Ansätze Phänomenologie (Schütz), dramaturgischer Ansatz (Goffmann), symbolischer Inter‐ aktionismus (Blumer), neue Wissenssoziologie (Berger & Luckmann), Ethnomethodo‐ logie (Garfinkel), u. a. - große Namen in der Soziologie, deren Ansätzen eigene Einführungen gewidmet werden. Sie sollen hier nach Meyer (2025) als „interpretative Theorien“ zusammengefasst werden, weil sie - neben vielen Unterschieden - als Gemeinsamkeit die Annahme haben, dass Menschen die soziale Realität erst selbst interpretieren und in Interaktionen hervorbringen. D. h. sie teilen zwar mit den 38 I. Grundlagen des Sportsystems und der Sportsoziologie <?page no="39"?> o. g. Rational Choice Ansätzen die Fokussierung auf die Mikroebene (anstelle einer Strukturperspektive), lehnen jedoch die Annahme eines normativen oder zielgerichtet nutzenmaximierenden Handelns als Prämisse ab. Stattdessen nimmt die Theoriebil‐ dung ihren Ausgang in einem „Bild des Menschen, das diesen nicht modellhaft reduziert bzw. idealisiert und als Verhaltensmaschine, Triebwesen oder Kalkülgenerator begreift, sondern in seiner Vielfalt und Widersprüchlichkeit bewahrt“ (Meyer, 2025, S. 73). Entsprechende Ansätze wollen weniger anhand abstrakter Theoriemodelle soziales Handeln erklären, als vielmehr anhand von alltäglichen Praktiken, Wissensbestän‐ den und Interaktionen verstehen, weshalb zumeist auch methodologisch qualitative Forschungsansätze zu finden sind (während mit Rational Choice Theorien häufiger quantitativ gearbeitet wird; siehe Kapitel 3). Beispiel | Interpretative Ansätze Fragen wir wieder, wie der Fitnessboom theoretisch adressiert werden kann, würden interpretative Ansätze den Blick ebenfalls auf die Individuen lenken. Sie würden jedoch eine Erklärung als planvolles Handeln mit dem Ziel der Gesundheitsförderung als unzureichend erachten. Vielmehr würden sie fragen, wie Fitness in sozialen Interaktionen ‚gemacht‘, erlebt und interpretiert wird, um unterschiedliche Facetten und Deutungen des Phänomens (neben Gesundheit könnten ja z. B. Schönheits-, Leistungs-, soziale oder ganz andere Aspekte wichtig sein) zu verstehen. Weil sie sich nicht auf Annahmen wie die eines normkonformen oder nutzenmaximier‐ enden Verhaltens festlegen, kommt intepretativen Perspektiven in der Sportsoziologie vor allem dort große Bedeutung zu, wo konventionelle Erklärungen nicht so gut greifen. So haben sie auch zu Aspekten etwas beizutragen, die dem planvollen Denken und Handeln schwer zugänglich, aber für den Sport von großer Bedeutung sind: Körper und Leib, Erleben und Emotionen (z. B. Gugutzer, 2023; diverse Beiträge in Brümmer, Janetzko & Alkemeyer, 2021). Zudem wird häufig auf interpretative Ansätze rekurriert, wo es um unkonventionelles Verhalten oder neue, noch wenig institutionalisierte Phänomene geht: z. B. beruhen zahlreiche ethnographische Arbeiten (gerade auch in der Sportpädagogik), die sich mit Trendsportarten, Szenen und Subkulturen als Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen befassen (z. B. Hübner, 2025), auf interpre‐ tativen Theoriegrundlagen (auch wenn dieser Bezug nicht immer expliziert wird). 2.5 Systemtheorie Anders als bei Ansätzen, die von den Intentionen und Interaktionen der Akteure ausgehen, wird aus systemtheoretischer Perspektive umgekehrt gefragt, wie soziale Zusammenhänge die Einzelnen prägen und ihrem Handeln eine gemeinsame Struktur geben. Talcott Parsons‘ „strukturfunktionaler“ Ansatz betont noch die strukturierende 2 Sport und soziologische Theorien 39 <?page no="40"?> Wirkung kultureller Normen und Werte und fragt nach „funktionalen Leistungen, die erbracht werden müssen, um den Fortbestand des sozialen Gebildes zu gewährleisten.“ (Kneer & Nassehi, 1993, S. 36). Der spätere, „funktional-strukturelle“ Ansatz von Niklas Luhmann (1984) setzt indes keinen normativen Konsens von Handelnden voraus, son‐ dern versteht Systeme als sich durch Kommunikation von ihrer Umwelt abgrenzende, selbst erhaltende (autopoietische) Zusammenhänge, die sich verändern und anpassen können (Kneer & Nassehi, 1993, S. 38ff.). Auch wenn Luhmann gewichtige Beiträge zu Interaktions- und vor allem Organisationssystemen verfasst hat, sind die späteren Ar‐ beiten zu gesellschaftlichen Funktionssystemen die einschlägigsten: Wirtschaft, Recht, Wissenschaft, Politik, Kunst u. a. werden als autonome Teilsysteme mit spezifischen Organisationen und Rollen behandelt, die für die Gesellschaft spezifische Funktionen erfüllen, indem sie mit komplexitätsreduzierenden Programmen und Codes operieren (vgl. Thiel, Mayer & Seiberth, 2023, S. 20ff.). So ist z. B. die Funktion der Wissenschaft, anhand der Leitdifferenz wahr/ unwahr, mittels Theorien und Belegen Wissen zu produzieren und zu bewahren. Zwar hat Luhmann selbst sich nicht dem Sport gewidmet, aber eine entsprechende Anwendung der Theorie liegt auf der Hand: So wurden in sportsoziologischen Ana‐ lysen die spezifischen Strukturen des Systems herausgearbeitet und gefragt, was seine Funktion und Codierung sei. Demnach würden durch Orientierung an Sieg/ Niederlage bzw. an der Kommunikation körperlicher Leistungsfähigkeit nicht eine einzelne Funktion, sondern diverse Anschlussofferten für andere Teilsysteme (v. a. für Erziehung und Medizin bzw. Gesundheit) erbracht (Stichweh, 1990; Cachay & Thiel, 2000). Schon früh wurde dabei bemerkt, dass eine entsprechende Autonomie sich vor allem im Wettkampfsport (anhand von Regelwerken, Verbänden und Rollen wie Schiedsrichter: in, Trainer: in) zeigt, während der zunehmend wichtigere Breiten- oder Gesundheitssport kaum durch diese Spezifika gekennzeichnet ist (Schimank, 1992). Vielmehr finden sich im (Wettkampf-)Sport gerade auch solche (riskante) Elemente, die ihn aus Perspektive des Gesundheitssystems nicht immer funktional erscheinen lassen (Michelini, 2015). Beispiel | Systemtheorie Wenden wir uns wieder dem Fitnessboom zu, würden sich Systemtheoretiker: in‐ nen zunächst nicht für die individuellen Motive und Deutungen interessieren, sondern dafür, in welchen Funktionszusammenhängen sich die entsprechenden Aktivitäten vollziehen. Hier könnte auffallen, dass Fitness kaum nach der Logik des (Wettkampf-)Sportsystems (gemessene Leistung nach Regeln etc.) praktiziert wird und auch nur zu geringen Teilen in dessen typischer Organisationsform Sportverein. Vielmehr erscheinen anhand der gesundheitlichen Funktionen und der zumeist gewerblichen Betreiber die Anschlüsse an das Gesundheits- (bzw. Medizin-) und Wirtschaftssystem interessant. 40 I. Grundlagen des Sportsystems und der Sportsoziologie <?page no="41"?> Abgesehen von dieser spezifischen Problemstellung haben zahlreiche Autor: innen aus der Sportwissenschaft und Soziologie eine Vielzahl von Beiträgen zu unterschied‐ lichsten Themen verfasst, z. B. zu Problemen des Spitzensports wie Doping (Bette & Schimank, 2006) oder zum Sportverein als spezifischer Organisation (Meier & Thiel, 2017). Zweifellos stellt die Systemtheorie somit (zumindest in Deutschland) nach wie vor einen der prominentesten Ansätze der zeitgenössischen Sportsoziologie dar. 2.6 Kritische Theorie(n) Als Kritische Theorie im engeren Sinne versteht man das Denken des Kreises um Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, der ab den 1930er Jahren in Frankfurt (und lange Jahre im amerikanischen Exil) an einer umfassenden Kritik der Gesellschaft arbeitete. An Marx‘ Kritik der politischen Ökonomie angelehnt, versteht sie sich dezidiert normativ (Horkheimer, 1937) und fragt vor dem Hintergrund des national‐ sozialistischen Massenmords (aber auch der Verbrechen kommunistischer Regime), „warum die Menschheit, statt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt.“ (Horkheimer & Adorno, 1997[1944], S. 1). Ähnlich wie in der systemtheoretischen Perspektive besteht also der Anspruch, das gesellschaftliche Ganze („Totalität“) zu begreifen - dieses Ganze jedoch, ist der Kritischen Theorie „das Unwahre“ (Adorno, 2001[1951], S. 55). Sie fokussiert gerade die Dysfunktionalität der Gesellschaft und kritisiert den Zwang zum Funktionieren in verschiedenen systemischen Zusammenhängen. Auch der Sport ist in dieser Perspektive vor allem durch Zwänge geprägt und dient der Verlängerung von Herrschaft. Er „sucht dem Leib einen Teil der Funktionen zurück‐ zugeben, welche ihm die Maschine entzogen hat. Aber er sucht es, um die Menschen zur Bedienung der Maschine um so unerbittlicher einzuschulen“ (Adorno, 1969, S. 80). Im Sport unterwirft man sich dem Erreichen von Leistungszielen nach vorgegebenen Regeln, diszipliniert sich selbst und wird so auf die (falsche) gesellschaftliche Praxis eingeschworen (vgl. Haut, 2010, S.-228ff.). Beispiel | Kritische Theorie Aus Perspektive der Kritischen Theorie erscheint der Fitnessboom als Fortsetzung von Tendenzen, die zuvor schon im Sport insgesamt angelegt waren: Menschen disziplinieren sich und richten ihren Körper zu, um „fit“ (dem englischen Wortsinn nach: passend) zu sein für die Arbeit oder um den vorherrschenden Körperidealen zu entsprechen. Dies ließe sich zurückführen auf gesamtgesellschaftliche Entwick‐ lungen, die in Form von ökonomischen Zwängen und vorgegebener Massenkultur immer weniger Raum für Abweichungen und subjektive Entwürfe lassen. An diese Überlegungen knüpfte insbesondere in den 1970er Jahren die „Sportkritik“ (z. B. Rigauer, 1969) an und fragte nach im Sport zum Ausdruck kommenden Ideologien 2 Sport und soziologische Theorien 41 <?page no="42"?> und Zwängen kapitalistischer Gesellschaft sowie nach der - keineswegs zufällig prominenten - Rolle des Sports im Nationalsozialismus. Nachfolgend wurde es jedoch eher ruhig um diese Perspektive (vgl. Krüger, 2004), bzw. verlagerten sich theoretische Interessen. Während die Rezeption der Kritischen Theorie i.e.S. in allgemeineren, z. T. philosophischen Perspektiven weiterlebt (Bockrath, 2023), stützt sich Kritik am Sport als disziplinierendes Herrschaftsinstrument eher auf andere Theorieperspekti‐ ven. Eine zentrale Position nimmt hierbei sicherlich Michel Foucault ein, dessen machttheroetische Schriften (Foucault, 1987 u. v. a.) auch die Vermittlung von Makro- und Mikroebene (Biopolitik und Selbsttechnologien) in den Blick nehmen. Gerade letztere haben zahlreiche sportwissenschaftliche Arbeiten inspiriert (Reinhart, 2020), nicht zuletzt die Geschlechter- und Diversitätssoziologie (Sobiech & Günter, 2017, Günter & Schwark, 2025), die danach fragt, wie Geschlechter-, Alters- und andere Differenzen im Sport gemacht werden (siehe Kapitel 6 und 7). 2.7 Figurationssoziologie Der Ansatz von Norbert Elias ist zunächst als Zivilisationstheorie bezeichnet wor‐ den, gemäß seinem frühen Hauptwerk (Elias, 1977[1939]). Darin untersuchte er, wie seit dem Mittelalter in Europa sowohl das Verhalten von Individuen als auch gesellschaftliche Strukturen langfristig zu einer stärkeren Kontrolle von Emotionen und Aggressionen tendierten. Der zentrale Punkt zur Einordnung der Perspektive ist, dass Elias den Zivilisationsprozess weder vorrangig auf individuelle (Rationalisie‐ rung, Gewissensbildung) noch vorrangig auf strukturelle Faktoren (Staatsbildung, Gewaltmonopol) zurückführt, sondern beides („Psychogenese“ und „Soziogenese“) stets zusammenhängend betrachtet (Treibel, 2008). Genau darauf zielt der Begriff der Figurationen (etwa: dynamische Interdependenzgeflechte) ab, mit dem die Trennung von Strukturen und Akteuren überwunden werden soll (Elias, 2001[1987]). Gegenüber strukturtheoretischen Ansätzen betont Elias entsprechend, dass jegliche Strukturen von Menschen gemachte (und daher veränderliche) sind - während er gegenüber akteurtheoretischen Ansätzen stets die wechselseitige Abhängigkeit menschlichen Handelns betont (Haut & Reicher, 2025, S.-679ff.). Die historische Entwicklung des Sports fügt sich in dieses Bild: Der ab dem 18. Jahrhundert fortschreitende Prozess der „Parlamentarisierung“ spiegelt sich in der „Versportlichung“ der Freizeitaktivitäten englischer Oberschichten wider (Elias & Dunning, 2003[1986]). Die langfristige Etablierung standardisierter Regelwerke offen‐ bart eine Tendenz zu weniger Gewalt - aber zugleich wird weiterhin ein kontrolliert aggressives Verhalten möglich gemacht, um eine „angenehme Art von Spannung“ als Ausgleich zu den Alltagsroutinen zu erhalten. So ist die Entwicklung des Sports als eine „Quest for Excitement“ ein Paradebeispiel für von Menschen in Figurationen gemachte Prozesse, die strukturiert aber insgesamt ungeplant sind (vgl. Haut et al., 2018). 42 I. Grundlagen des Sportsystems und der Sportsoziologie <?page no="43"?> Beispiel | Figurationssoziologie Den Fitnessboom würde man aus figurationssoziologischer Perspektive zuallererst gerade nicht als plötzlich eingetretenen Zustand, sondern als Prozess mit einer langfristigen Entwicklung betrachten. So wäre auf der einen Seite zu fragen, ob und warum sich das individuelle Sportverständnis dahingehend gewandelt hat, dass repetetive Übungen zur Körpergestaltung für Viele wichtiger sind als das Erleben von Spannung im sportlichen Wettkampf. Auf der anderen Seite wäre parallel zu beachten, welche strukturellen Änderungen (z. B. hinsichtlich der Organisation) mit dieser Entwicklung korrespondieren. In der deutschen Sportwissenschaft wurde der Ansatz von Elias (und Dunning) v. a. historisch rezipiert, herausragend in den Arbeiten von Michael Krüger (1996 u.v. a.). Was die sportsoziologische Rezeption betrifft, sind sicherlich die kontinuierlichen Arbeiten zu Gewalt im Sport von Gunter Pilz (1982 u. a.) zu nennen. Ansonsten wird die Figurationssoziologie zwar als wichtiger Theorierahmen genannt, sie erlangte aber insbesondere in der empirischen Forschung keineswegs die Relevanz, die sie international (insbesondere, aber nicht nur, in Großbritannien) hat. Hier zeigt sich, dass der Rekurs auf sich in Prozessen entwickelnde Figurationen substanzielle Beiträge zu zahlreichen aktuellen sportsoziologischen Themen ermöglicht: von Globalisierung und nationaler Identität, Geschlecht und Migration, über Gesundheit und Doping bis hin zu Sportpolitik und organisationstheoretischen Fragen (z.-B. Malcolm & Velija, 2019). 2.8 Praxistheorie Wie Elias verbindet auch Bourdieu Struktur- und Akteursperspektiven: Sich auf „Praxis“ zu fokussieren heißt zunächst natürlich auf der Mikroebene, beim Handeln von Menschen zu beginnen. Letzteres kann Bourdieu zufolge durchaus rational sein. Aber zum einen kann diese Rationalität, hier stimmt er mit interpretativen Ansätzen überein, eine andere als die der ökonomischen Nutzenmaximierung sein (Bourdieu, 1976). Zum anderen betont er jedoch, dass jegliche Handlungen durch Strukturen begrenzt sind. In der Formel „[(Habitus) (Kapital)] + Feld = Praxis“ (Bourdieu, 1982, S. 175) kommt dies zum Ausdruck: Die Individuen agieren in ihrer Praxis weder vollständig durchdacht noch frei, sondern mit habituellen (d. h. nicht immer bewussten) Wahrnehmungs-, Denk- und Handlungsschemata und nur im Rahmen ihres verfügbaren (ökonomischen, kulturellen, sozialen) Kapitals. Beides ist schichtbzw. klassenspezifisch ausgeprägt. Des Weiteren begrenzen die Rahmenbedingungen relativ autonomer sozialer Felder (Wissenschaft, Poltik, Kunst etc.) die Praxis der Akteure, wobei Bourdieu (gegenüber der Systemtheorie) insbesondere die jeweiligen Kämpfe und Konflikte betont. Für den Sport heißt das: Je nach sozialer Herkunft haben Menschen unterschiedliche habituelle Prägungen und gemäß ihrer sozialen Position unterschiedliche Ressourcen zur Realisierung bestimmter Praktiken zur Verfügung (Haut & Gehrmann, 2025). Was 2 Sport und soziologische Theorien 43 <?page no="44"?> ‚richtiger‘ Sport ist und wozu er dienen soll, ist daher umstritten bzw. umkämpft. „(…) Und diese spezifischen Kämpfe sind nun noch weiter eingebettet in ein umfänglicheres Feld von Auseinandersetzungen, die die Definition des legitimen Körpers und des legitimen Gebrauchs des bzw. Umgangs mit dem Körper zum Gegenstand haben.“ (Bourdieu, 1993, S.-172). Beispiel | Praxistheorie Bezogen auf die Annahme eines Fitnessbooms als allgemeiner Trend ließe sich mit Bourdieu zunächst fragen, ob der Zugang zu entsprechenden Praktiken nicht doch begrenzt ist: Welche Ungleichheiten zeigen sich hier, mit welchen Kapitalres‐ sourcen und habituellen Prägungen hängt dies zusammen? Und verändern sich damit auch Deutungshoheiten und Machtpositionen im Feld des Sports? Möglich ist aber auch der Blick in die Praxis der Fitnessaktivitäten selbst, also die Frage, inwieweit die Akteure ihre Handlungen subjektiv entwerfen und damit Strukturen bloß reproduzieren oder nicht. In der deutschen wie internationalen Sportsoziologie hat Bourdieus Ansatz in den letzten Jahrzehnten viel Beachtung gefunden. Vor allem ist er die zentrale Referenz, wenn es um die Auswirkungen sozialer Ungleichheiten auf Sport-, Körper- oder Gesundheitspraktiken geht - auch weil neben den klassenbzw. schichtspezifischen Aspekten auch Diversitätskategorien wie Geschlecht, Alter, Migration berücksichtigt werden können (Haut, 2011, 2021; Mutz & Müller, 2021). An Bourdieu anknüpfend, aber auch sich von ihm abgrenzend, wird zudem diskutiert, inwieweit Praxistheorien um eine Subjektperspektive zu erweitern sind, um verstehen zu können, wie im Sport bzw. körperlichen Praktiken - trotz aller Strukturiertheit - auch neue Entwürfe und Veränderungen entstehen können (Gebauer et al., 2004; Brümmer et al., 2021). 2.9 Fazit Bette (2010, S. 52ff.) zufolge standen früher allgemeinere gesellschaftstheoretische Fragen wie die nach der Funktion von Sport in und für die Gesellschaft im Zentrum sportsoziologischer Diskussionen, die zunächst vorrangig innerhalb der Soziologie geführt wurden. Mit Institutionalisierung der Sportwissenschaft ab den 1970er Jahren wurde indes vermehrt die empirische Erforschung aktueller Probleme fokussiert und allgemeinere Theoriediskussionen an den Rand gedrängt. Wie weitgehend dieser Wandel war und in welche Richtung das Pendel jeweils stärker ausschlägt, lässt sich diskutieren. Jedenfalls gibt es heute sowohl Soziolog: innen, die am Gegenstand Sport soziologische Theoriebildung betreiben wollen, als auch Sportwissenschaftler: innen, die soziologische Theorien vorrangig als Werkzeug zum Verständnis aktueller empiri‐ scher Probleme des Sports nutzen (Haut, Staack & Schwank, 2020). Sicherlich können 44 I. Grundlagen des Sportsystems und der Sportsoziologie <?page no="45"?> beide Perspektiven profitieren, wenn es weiterhin einen Austausch zwischen ihnen gibt. Welche konkreten Theorieansätze derzeit die wichtigsten sind und wohin sich die fachliche Diskussion insgesamt entwickelt, ist eine offene Frage. Giulianotti und Thiel (2023) sehen Bourdieu, Foucault, Elias und Luhmann als zentrale Ansätze, weisen jedoch auf das fortgeschrittene Alter dieser Theorien hin und mahnen Offenheit für Neues und ein insgesamt breites Spektrum an. In diesem Sinne schadet es sicherlich nicht, die Potenziale jüngerer Ansätze wie Netzwerktheorien (Wäsche, 2022) bzw. der Akteur-Netzwerk-Theorie (Staack, 2022) für die Sportsoziologie zu eruieren (siehe Kapitel 3). Andererseits stellt sich die Frage, ob es tatsächlich immer neue Rahmen‐ theorien braucht. Denn für das Verständnis aktueller Entwicklungen des Sports hat die Soziologie schon einen reichhaltigen Fundus bereitgestellt - man muss eben nur bereit sein, daraus zu schöpfen-… Weiterführende und vertiefende Literatur Wer sich ernsthaft für soziologische Theorien interessiert, sollte die Vertreter: in‐ nen der entsprechenden Perspektiven im Original lesen! Vorab finden sich viele gelungene Einführungen zu zentralen Ansätzen, z. B. in Delitz et al. (2025). Zur Anwendung klassischer Theorien auf den Sport liefert Roberts (2016) einen guten Überblick in englischer Sprache. Einen Einstieg in weiterführende, aktuelle Theoriediskussionen bieten Brümmer et al. (2021). 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Grundlagen des Sportsystems und der Sportsoziologie <?page no="49"?> 3 Forschungsmethoden in der Sportsoziologie Michael Mutz Lernziele | Die Leser: innen ● kennen den Unterschied von Alltagswissen und wissenschaftlichem Wissen, ● kennen verschiedene Methoden der Datenerhebung und können diese an sportsoziologischen Beispielen illustrieren, ● können Erkenntnisziele und Gütekriterien von qualitativen und quantitativen Forschungsmethoden differenziert beschreiben, ● können Vor- und Nachteile des Methodenpluralismus reflektieren, ● können wesentliche neue Entwicklungen und Trends im Methodenrepertoire der Sportsoziologie darstellen. Wissens-Check | Zu diesem Kapitel werden online Lernfragen angeboten. Sie können diese über den QR-Code scannen oder über den folgenden Link aufrufen: https: / / narr.kwaest.io/ s/ 1479. 3.1 Wissenschaftliches Wissen Eine Handballtrainerin ist überzeugt, dass Jugendliche im Handball lernen, sich fair zu verhalten. Eine Journalistin führt den knappen Sieg einer Fußballmannschaft auf den Heimvorteil und die lautstarke Unterstützung der Fans zurück. Ein Vereinsvorsitzender ist überzeugt, dass Sportvereine effektiv zur Integration von zugewanderten Menschen beitragen. Solche Einschätzungen stützen sich auf Alltags- oder Erfahrungswissen. Gerade mit Bezug zum Sport, der für viele Menschen leicht zugänglich ist und vielfäl‐ tigen Gesprächsstoff im Alltag bietet, sind „Laien-Theorien“ und „Laien-Erklärungen“ schnell zur Hand. Alltagswissen basiert häufig auf Deutungen und Erfahrungen, die sich situativ und praktisch bewährt haben. Zugleich stecken in einer „Laien-Erklärung“ oft unge‐ prüfte Annahmen (z. B. zu einfache Ursache-Wirkungs-Vorstellungen) oder selektive Verzerrungen, die darauf basieren, dass Ereignisse, die zu den eigenen Annahmen passen, eher bemerkt und erinnert werden, während kontrafaktische Fälle ignoriert werden. Solche Alltagsannahmen können sich bei genauerer Betrachtung schnell als falsch entpuppen. Sportsoziologie muss als empirische Wissenschaft gründlicher vorgehen. Sie soll naheliegende, sozial geteilte Annahmen nicht bestätigen, sondern <?page no="50"?> diese kritisch auf ihren Erkenntnisgehalt befragen und durch Modelle ersetzen, „die durch Tatsachenbeobachtungen überprüfbar, belegbar und korrigierbar sind“ (Elias, 1993, S.-53). Wissenschaftliches Wissen unterscheidet sich insofern von Alltagswissen, als es nach transparenten, systematischen Regeln und durch wissenschaftlich anerkannte Forschungsmethoden erzeugt wird. Es kann von Dritten nachvollzogen, geprüft, kritisiert und weiterverwendet werden. Subjektive Verzerrungen und typische Fehler der Beobachtung sollen minimiert werden, indem Fragestellungen explizit formuliert, Daten systematisch erhoben, die Verfahren der Datenanalyse festgelegt und Schluss‐ folgerungen prinzipiell der Prüfung und Kritik durch Dritte zugänglich gemacht werden. Durch diese Regeln, die der Wissensproduktion zu Grunde liegen, kann wis‐ senschaftlichen Erkenntnissen ein höherer Geltungsanspruch zugeschrieben werden als subjektivem Alltags- und Erfahrungswissen. Dem kritischen Rationalismus folgend, wird wissenschaftliches Wissen aber immer als vorläufig „wahr“ und im Grunde nie als endgültig bestätig angesehen. Definition | Kritischer Rationalismus Der kritische Rationalismus ist eine von Karl Popper (1934) geprägte wissen‐ schaftstheoretische Position, nach der empirische Beobachtungen allgemeine Aussagen nie endgültig beweisen können. Theorien bleiben stets vorläufig und fehlbar. Bewähren sich Hypothesen in empirischen Tests, gelten sie nicht als unumstößlich „wahr“, sondern lediglich als vorläufig gültig. Nach diesem Ver‐ ständnis ist wissenschaftliche Erkenntnis ein Prozess fortlaufender Problem- und Fehlerkorrektur. Wissenschaftliche Disziplinen benötigen deshalb einen Kanon an anerkannten For‐ schungsmethoden. Der Methodenkanon standardisiert nicht die Inhalte, sondern die Begründungs- und Prüfverfahren, sodass diskutierbar wird, welche Geltung ein Befund beanspruchen kann. Ein geteilter Methodenkanon ermöglicht somit Qualitätssiche‐ rung über Gütekriterien, die „gute“ und „schlechte“ Forschung zu unterscheiden helfen. Weiterhin ist ein Kanon an Forschungsmethoden Voraussetzung für kumulative Wissensbildung: Forschung kann an methodisch ähnliche Vorarbeiten anschließen, Ergebnisse können dann repliziert, verglichen, präzisiert oder widerlegt werden. Langfristig entsteht dadurch ein stabileres und differenzierteres Verständnis sportbe‐ zogener sozialer Phänomene. Zugleich unterliegen diese Regeln bzw. Methoden der Wissensproduktion wiederum selbst einer ständigen Kritik: In der wissenschaftlichen Community werden die methodischen Standards fortlaufend reflektiert, erweitert oder revidiert. Sportsoziologie zeichnet sich durch einen Methodenpluralismus aus, also die Vielfalt der Forschungsmethoden, die eingesetzt werden. Für diese Vielfalt gibt es mehrere Gründe. Sportsoziologie ist einerseits am sozialwissenschaftlich geprägten 50 I. Grundlagen des Sportsystems und der Sportsoziologie <?page no="51"?> Methodenkanon ihrer „Mutterwissenschaft“, der Soziologie, orientiert. Zugleich sollte sie die naturwissenschaftlich geprägten Methoden anderer sportwissenschaftlicher Teildisziplinen aber auch kennen, um innerhalb der Sportwissenschaft interdisziplinär anschlussfähig zu bleiben. Daraus folgt eine gewisse Breite im methodischen Repertoire der Disziplin. Darüber hinaus kann der Gegenstand „Sport“ auf sehr unterschiedlichen Ebenen und in sehr verschiedenen Formen untersucht werden: als individuelles Handeln und Erleben, als Interaktion in Teams, als organisierte Aktivität in Vereinen, als mediale Inszenierung, in seinen Bezügen zu Politik und Wirtschaft oder als kulturelle Praxis. Angesichts dieser Breite des Gegenstands hat Methodenpluralität den Vorteil, dass einzelne Forschungsfragen mit der „richtigen“, also gegenstandsangemessenen, Methode bearbeitet werden können. Mitunter kann Methodenpluralismus aber auch zu einer Herausforderung werden, wenn Grundannahmen und Qualitätsmaßstäbe stark auseinanderlaufen, innerfachliche Lager entstehen oder Ergebnisse schlecht zu vergleichen sind. 3.2 Methodologie und Methode Methodologie bezeichnet die übergeordneten Regeln und Begründungslogiken wissen‐ schaftlicher Forschung: Sie verweist auf Erkenntnisziele und Erkenntnismöglichkeiten und legt Kriterien fest, nach denen etwas als „evident“ oder „wahr“ angesehen wird. Methoden sind dagegen die konkreten Werkzeuge, auf die sich die Forschungspraxis stützt, etwa Befragungen, Interviews oder Beobachtungen sowie die Verfahren der Datenanalyse. 3.2.1 Erkenntnisziele Zentrale Erkenntnisziele von Wissenschaft im Allgemeinen und der Sportsoziologie im Speziellen sind das Beschreiben, Erklären und Verstehen. Hinzu kommt möglicher‐ weise noch ein viertes Ziel: das Kritisieren. Um ein vermutetes Problem sichtbar zu machen, benötigt es eine Beschreibung. Robert K. Merton (1987) stellte an den Anfang seiner Forschungsprogrammatik die Aufgabe, das „Phänomen zu etablieren“. Damit meinte er einen grundlegenden For‐ schungsschritt, der zeigt, dass ein behaupteter Zusammenhang, ein Muster oder ein Sachverhalt regelmäßig empirisch auftritt und nicht nur eine Vermutung oder ein Einzelfall ist. Es geht dabei um den empirischen Nachweis, dass ein Problem existiert, indem auf verallgemeinerbare Beschreibungen verwiesen wird, die in der Regel repräsentative Beobachtungs- oder Befragungsdaten voraussetzen. Angenommen, es soll erforscht werden, ob Menschen mit geringem Einkommen im Vereinssport unterrepräsentiert sind. Eine aussagekräftige Beschreibung, z. B. basierend auf einer Bevölkerungsbefragung, könnte dann zeigen, dass ärmere Gruppen tatsächlich seltener 3 Forschungsmethoden in der Sportsoziologie 51 <?page no="52"?> Sportvereinsmitglieder sind und das vermutete Phänomen nicht nur anekdotisch, sondern systematisch existiert. Die Erklärung geht einen Schritt weiter und fragt nach den Ursachen, Bedingungen und Mechanismen, durch die ein Phänomen zu Stande kommt. Wenn eine Studie einen Erklärungsanspruch hat, benötigt sie methodologisch eher eine analytisch-empirische Ausrichtung, die Hypothesen prüft und durch das Forschungsdesign alternative Erklä‐ rungen kontrollieren bzw. zeitliche Dynamiken zwischen „Ursache“ und „Wirkung“ abbilden kann. Eine Erklärung der Unterrepräsentation von einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen am Vereinssport könnte einzelne Lebensbedingungen, z. B. pre‐ käre Arbeitsbedingungen, strukturschwache Wohngegenden oder finanzielle Sorgen als Einflussfaktoren analysieren und z. B. mit Längsschnittdaten modellieren, wie stark sich Veränderungen in diesen Bedingungen auf das Sporttreiben im Verein auswirken. Verstehen richtet den Blick dagegen auf das Erleben und die Deutungen, die aus Sicht der handelnden Personen rekonstruiert werden: Hier geht es vor allem um die Rekonstruktion von subjektivem Sinn, weshalb methodologisch ein interpretativ-re‐ konstruktiver Zugang angemessen ist, der individuelle und kollektive Deutungsmuster bzw. implizite Praxislogiken aufdecken kann. Auf das Beispiel bezogen, könnte man hier die Sichtweisen der Menschen mit geringem Einkommen rekonstruieren, wie sie den Vereinssport erleben oder welche Barrieren sie selbst wahrnehmen. Hier könnten problemzentrierte Interviews Einblicke eröffnen, ob Armut mit Erfahrungen von sozialer Diskreditierung oder dem Erleben von Scham einhergeht. 3.2.2 Wertfreiheit und Positionalität Es wird seit vielen Jahrzehnten diskutiert, ob ein weiteres Ziel der Sportsoziologie das Kritisieren sein soll. Der Sport wird dabei nicht nur als soziales Feld analysiert, sondern auch seine Macht- und Ungleichheitsverhältnisse sowie seine ideologischen Grundorientierungen werden problematisiert. Hierbei geht es um eine nachvollzieh‐ bare Verbindung von Diagnose und normativer Kritik. Eine solche methodologische Grundorientierung in den Sozialwissenschaften geht auf die „Frankfurter Schule“ zurück, die kritische Wissenschaft so versteht, dass sie gesellschaftliche Verhältnisse und Widersprüche im Hinblick auf ihre Veränderbarkeit hin problematisieren und „vernünftige Zustände“ herbeiführen solle (Horkheimer, 1937). Wissensbox | Werturteilsstreit Seit mehr als 120 Jahren dreht sich dieser Streit um die Frage, welche Rolle Werte und normative Urteile in wissenschaftlichen Analysen spielen dürfen. Während eine Position fordert, empirische Forschung von normativen Bewertungen strikt zu trennen, hebt die Gegenposition darauf ab, dass sozialwissenschaftliche For‐ schung notwendigerweise wertgeladen ist und dies offen reflektieren muss. 52 I. Grundlagen des Sportsystems und der Sportsoziologie <?page no="53"?> Inwieweit Sportsoziologie als Sozialwissenschaft so weit wie möglich „wertfrei“ blei‐ ben kann oder auch Kritik an gesellschaftlichen Zuständen äußern bzw. sich dazu positionieren darf, was ethisch „richtig“ oder politisch „wünschenswert“ ist, war und bleibt aber ein kontrovers diskutiertes Thema (König, 1964). Breiter Konsens ist zwar, dass ein soziologischer Befund möglichst nicht von Werturteilen der Person, die eine Analyse durchführt, beeinflusst sein soll. Gleichwohl gehört es inzwischen oft zum „guten Ton“ in Forschungsbeiträgen, die eigene Positionalität zu reflektieren, also offenzulegen, wie Forschende in Bezug auf das Beforschte positioniert sind. Dies soll die Transparenz darüber erhöhen, wie z. B. Zugehörigkeiten oder theoretische Voran‐ nahmen der Forschenden mit dem Forschungsthema zusammenhängen. In jedem Fall sollten Forschende für den Unterschied zwischen faktischen Aussagen (wahr/ unwahr) und normativen Aussagen (wünschenswert/ nicht wünschenswert) sensibilisiert sein. 3.2.3 Epistemologische Grundpositionen Wissenschaftliche Methodologie beruht auf Grundannahmen darüber, wie Wirklich‐ keit überhaupt erkannt werden kann. Diese Annahmen werden als Epistemologie bezeichnet. Forschungsmethoden weisen oft einen engen Bezug zu epistemologischen Grundpositionen auf, weshalb Forschende durch die Wahl der Methode - ob ihnen das bewusst ist oder nicht - auch Annahmen über die Erkenntnismöglichkeiten von Wirklichkeit treffen. In der Sportsoziologie lassen sich aktuell zwei epistemologische Grundpositionen vorfinden, die hier idealtypisch vorbzw. gegenübergestellt werden. Das (post-)positivistische Paradigma geht davon aus, dass eine objektive soziale Wirklichkeit existiert, die - zumindest annäherungsweise - erkennbar und beschreib‐ bar ist. Wie weit sich Forschung an diese objektive Wirklichkeit annähern kann, hängt primär von der Genauigkeit der eingesetzten Messinstrumente ab. Messung gilt als eine kontrollierte Form der Beobachtung. Messinstrumente sind zwar nie perfekt, bei gege‐ bener Reliabilität und Validität (vgl. Abschnitt 3.3.2) lassen sie aber belastbare Aussagen über Wirklichkeit zu und ermöglichen detaillierte Erklärungen oder Prognosen über künftige Entwicklungen. Das (post-)positivistische Paradigma sieht sportbezogene Phänomene insofern häufig als regelhafte Muster von Merkmalen und Beziehungen, die sich messen und modellieren lassen. Befunde und Aussagen gelten als „wahr“, wenn sie auf standardisierten, reliablen, validen, objektiven Messungen und statistisch begründeter Inferenz basieren und sich in ähnlich aufgebauten Studien replizieren lassen. Das interpretativ-konstruktivistische Paradigma setzt anders an: Soziale Wirklichkeit gilt hier nicht als Objekt „da draußen“, sondern als etwas, das in Sinn- und Bedeu‐ tungszusammenhängen hergestellt wird (u. a. Schütz, 1974). Wissen wird hierbei als perspektivisch konzeptualisiert und ist an einen Deutungsrahmen gebunden. Nach diesem Verständnis geht es weniger darum, durch Methoden einen Zugang zu einer objektiven Wahrheit zu finden, sondern vielmehr Sinn und Bedeutung, Typiken sowie implizite Regeln des Handelns nachvollziehbar zu erschließen. 3 Forschungsmethoden in der Sportsoziologie 53 <?page no="54"?> Die Grundidee besagt, dass soziale Wirklichkeit wesentlich über geteilte Bedeutun‐ gen und situative Praktiken hergestellt wird. Einige Strömungen in diesem Paradigma betonen zudem, dass Wissen nicht nur die materialen und kulturellen Strukturen der Welt abbildet, sondern de facto mit hervorbringt. Wirklichkeit erscheint dann auch als das Ergebnis historisch-situierter Wissens-, Diskurs- und Machtordnungen, die sich auf das Sprechen und Bewerten auswirken (Berger & Luckmann, 1969). Geltung entsteht in diesem Paradigma nicht durch genaues Messen, sondern durch dichte und nachvollziehbare Rekonstruktion von Sinnperspektiven, Diskursen und Praxislogiken; wobei eher das Verstehen des jeweils Besonderen im Mittelpunkt steht und weniger der Anspruch auf statistische Repräsentativität bzw. Generalisierbarkeit. 3.3 Quantitative Forschungsmethodik Quantitative Methoden zielen auf die systematische empirische Beobachtung gesell‐ schaftlicher Phänomene mit standardisierten Verfahren und numerischen Daten ab. Der Forschungsprozess folgt meist einer deduktiven Logik: Aus dem Forschungsstand oder aus geeigneten Theorien werden Hypothesen über die zu erwartenden Unter‐ schiede, Zusammenhänge oder Wirkungen abgeleitet. Hypothesen sind dabei allge‐ meine, konditional formulierte und falsifizierbare Annahmen, die sich auf abhängige Variablen (zu erklärende Konstrukte) und unabhängige Variablen (Erklärungsfaktoren) beziehen. Diese Hypothesen werden anschließend an Daten getestet, weshalb quanti‐ tative Methoden oft als „strukturprüfend“ oder „theorieprüfend“ bezeichnet werden. Der Forschungsprozess verläuft eher linear: Fragestellung, Hypothesenbildung, die Wahl der geeigneten Methodik, Datenerhebung und Analyse folgen schrittweise aufeinander. 3.3.1 Grundlegende quantitative Methoden Zu den typischen Datenerhebungsverfahren der quantitativen Forschung gehören standardisierte Befragungen, Tests, Beobachtungen oder Experimente. Diese Methoden passen deshalb zur Grundlogik quantitativer Forschung, weil die interessierenden Merkmale durch die standardisierte Erhebung systematisch vergleichbar sind und sie in der Regel in Form von Zahlenwerten vorliegen, die mit statistischen Verfahren aus‐ gewertet werden können. Wenn alle Untersuchungseinheiten zudem unter möglichst gleichen Bedingungen gemessen, beobachtet oder befragt werden, spiegelt die Varia‐ tion in den Messwerten reale Unterschiede im Untersuchungsgegenstand wider und nicht etwa Unterschiede, die auf Besonderheiten der jeweiligen Erhebungssituation zurückgehen. Bei standardisierten Befragungen beantworten alle Teilnehmenden dieselben vor‐ gegebenen Fragen mit festgelegten Antwortkategorien. Dadurch lassen sich persön‐ liche Daten, Einstellungen oder Verhaltensangaben einheitlich erfassen und später statistisch vergleichen. Mit standardisierten Befragungungen lassen sich auch solche 54 I. Grundlagen des Sportsystems und der Sportsoziologie <?page no="55"?> Merkmale erfassen, die nicht unmittelbar beobachtbar sind, etwa Einstellungen, Per‐ sönlichkeitsmerkmale oder Sportmotive. Solche theoretischen Konstrukte müssen mit Hilfe geeigneter Items und Skalen operationalisiert, also messbar gemacht werden. Standardisierte Tests erfassen Merkmale wie motorische Leistungen, Wissen oder Fähigkeiten über identische Aufgaben und Auswertungsregeln. Man denke etwa an den Deutschen Motoriktest (Bös et al., 2009) oder an die Testaufgaben, die für die Erhebung von kognitiven Fähigkeiten, wie z.-B. Konzentrationsleistungen, entwickelt wurden. Bei einer standardisierten Beobachtung wird Verhalten anhand eines Kategorien‐ systems und klarer Beobachtungsregeln registriert (z. B. als Häufigkeit bestimmter Handlungen). Damit wird Beobachtung zu einem messbaren Verfahren, das nicht nur einzelne Eindrücke sammelt, sondern systematisch Daten erzeugt, die über Personen, Gruppen oder Zeitpunkte hinweg verglichen werden können (siehe Beispiel 1). Wissen Menschen, dass sie beobachtet werden, verändern sie oft ihr Verhalten - diese Tendenz wird als Reaktivität bezeichnet. Beispiel 1 | Vorbildeffekte Am Berliner Bahnhof „Zoologischer Garten“ haben Krisam et al. (2020) beobachtet, ob Vorbilder Einfluss darauf nehmen, ob Passant: innen die Treppe oder die Rolltreppe nutzen. Dazu lief ein Komplize - das Vorbild - in standardisierten 3-Minuten-Sequenzen entweder die Treppe hinauf oder nahm die Rolltreppe. In Kontrollphasen gab es kein Vorbild. Zwei Forschende erfassten in jeder Sequenz nach einem einheitlichen Schema die Anzahl der Passant: innen, welche die Treppe bzw. Rolltreppe nutzten. Die Ergebnisse zeigen: Mit einem Vorbild, das die Treppe nahm, stieg die Treppennutzung leicht an; mit einem Vorbild, das die Rolltreppe nahm, sank die Treppennutzung leicht. Die Effekte waren aber zu gering, um statistische Signifikanz zu erreichen. Als standardisierte Beobachtung ist die Studie dennoch ein gutes Beispiel, weil sie das Verhalten in einem natürlichen Setting systematisch, nicht-reaktiv und mit klar definierten, wiederholbaren Be‐ obachtungsbedingungen erfasst hat. Im Experiment werden mindestens zwei Versuchsbedingungen (Treatment- und Kon‐ trollbedingung) definiert, die sich dadurch unterscheiden, dass eine unabhängige Variable gezielt verändert wird, während alle anderen Bedingungen konstant bleiben. Werden Versuchspersonen zufällig der Treatment- oder Kontrollbedingung zugewie‐ sen und misst man nach dem Experiment in der abhängigen Variable einen Unterschied zwischen den beiden Gruppen, kann dieser kausal dem Treatment zugeschrieben werden. Quantitative Auswertungsverfahren folgen der Grundlogik, numerische Daten so zu verdichten, dass Muster und Regelmäßigkeiten sichtbar werden. Zentrale Prinzipien sind das Beschreiben von Verteilungen (z. B. Häufigkeiten, Streuungen), das Prüfen von Unterschieden zwischen Gruppen, das Analysieren von Zusammenhängen bzw. 3 Forschungsmethoden in der Sportsoziologie 55 <?page no="56"?> der Kovariation zwischen Variablen. Längsschnittdesigns erweitern die quantitative Logik, indem sie Daten zu mehreren Zeitpunkten erfassen und so in der Lage sind, Veränderungen empirisch zu beschreiben und zu erklären (siehe Beispiel 2). Beispiel 2 | Aufwachsen mit Sport In einer 10-jähigen Längsschnittstudie (Gerlach & Brettschneider, 2013) wurden Kinder motorisch getestet und dann nahezu über die gesamte Schulzeit hinweg mehrfach standardisiert zu verschiedenen Themen befragt, z. B. zu Gesundheits‐ problemen, dem Selbstkonzept oder zum Alkohol- und Tabakkonsum. Das längs‐ schnittliche Design erlaubt die Beschreibung von Entwicklungsverläufen, u. a. differenziert für motorisch hoch, mittel und weniger leistungsfähige Subgruppen. Die Analysen lassen erkennen, dass motorische Leistung oder eine langjährige Sportvereinsmitgliedschaft nicht per se mit günstigeren Entwicklungsverläufen assoziiert sind. Vielmehr zeigen sich sportbezogene Entwicklungsvorteile nur in spezifischen Altersphasen (z. B. in der späten Kindheit) und in wenigen Outcomes (z. B. im Rauchverhalten). Die Studie ist beispielhaft für die Möglichkeit, durch Wie‐ derholungsbefragungen derselben Personen Entwicklungsverläufe analysieren zu können. 3.3.2 Güte- und Leistungskriterien Die Gütekriterien quantitativer Forschung sind eng mit der Messlogik und der Qualität der eingesetzten Erhebungsinstrumente verbunden. Für eine aussagekräftige quantita‐ tive Beschreibung ist zudem die Stichprobenqualität zentral; für überzeugende Erklä‐ rungen müssen theoretisch plausible Ursache-Wirkungs-Beziehungen nachgewiesen werden. Soziale Phänomene zu „messen“ bedeutet, sie nicht nur zu erzählen oder zu inter‐ pretieren, sondern in einer Form zu erfassen, die vergleichbar, zählbar und statistisch auswertbar ist. Das Messen bildet nicht soziale Wirklichkeit eins zu eins ab, sondern übersetzt theoretische Konzepte (z. B. „Integration“, „Leistungsmotivation“ etc.) in beobachtbare Variablen. Diese Übersetzungsleistung wird als Operationalisierung bezeichnet. Entscheidend für die Überzeugungskraft späterer Befunde ist die Reliabi‐ lität und Validität einer Messung: Wie präzise und zuverlässig wird ein Konstrukt erfasst (Reliabilität) und wie gut wird es durch die gemessenen Variablen abgebildet (Konstruktvalidität)? Wenn man beispielsweise an „sozialer Integration“ (einem theoretischen Konstrukt) interessiert ist, könnte man Personen nach der „Anzahl ihrer engen Freundinnen und Freunde“ fragen. Das wäre ein einfacher Vorschlag für eine Operationalisierung, der sich aber unter dem Gesichtspunkt der Konstruktvalidität diskutieren lässt. 56 I. Grundlagen des Sportsystems und der Sportsoziologie <?page no="57"?> Definition | Reliabilität und Validität Reliabilität und Validität sind wichtige Gütekriterien der quantitativen Forschung. Eine Messung gilt als reliabel (zuverlässig), wenn sie bei Wiederholung unter vergleichbaren Bedingungen konsistente Ergebnisse liefert. Eine Messung wird als valide (gültig) angesehen, wenn die intendierten theoretischen Konstrukte durch die beobachteten Variablen möglichst adäquat abgebildet werden. Die Aussagekraft quantitativer Beschreibungen hängt weiterhin wesentlich von der Repräsentativität der Stichprobe ab. Ausgangspunkt ist die Grundgesamtheit: jene Population, über die Aussagen gemacht werden sollen (z. B. Sportvereinsmitglieder eines Landes, alle Trainer: innen eines Verbands). Idealtypisch soll eine Stichprobe in ihrer Zusammensetzung ein verkleinertes Abbild der Grundgesamtheit sein. Will man z. B. Aussagen über die Wohnbevölkerung in Deutschland treffen, soll die Stich‐ probe auch der Alters-, Bildungs-, Geschlechterzusammensetzung der Bevölkerung entsprechen. Um dies zu erreichen, gelten probabilistische (Zufalls-)Stichproben als die Methode der Wahl, denn hierbei hat jedes Element der Grundgesamtheit die gleiche Wahrscheinlichkeit, für die Stichprobe ausgewählt zu werden. Bei Quotenstichproben werden Befragte so ausgewählt, dass die Stichprobe einige bekannte Populationspara‐ meter gut widerspiegelt. Das ist weniger aufwendig als eine echte Zufallsstichprobe zu ziehen, deshalb sind Quotenstichproben in der Umfrageforschung verbreitet und auch wissenschaftlich überwiegend akzeptiert (Quatember, 2019). Willkürliche Stichproben, die keiner besonderen Auswahllogik folgen, erlauben keine Verallgemeinerungen, weshalb ihr Nutzen in der Soziologie begrenzt ist. Quantitative Forschung zielt häufig nicht nur auf Zusammenhänge ab, bei denen zwei Merkmale, X und Y, zusammen auftreten (Kovariation). Vielmehr geht es in einer Erklärung um Kausalität: Ist die Ausprägung von X die Ursache für die Ausprägung von Y? Während eine Kovariation recht einfach zu belegen ist, sind Kausalaussagen anspruchsvoll, weil Befunde oft mehrere Deutungen zulassen (Goldthorpe, 2001). Der stärkste Kausalitätsnachweis entsteht in randomisierten Experimenten, in denen Personen zufällig der Treatment- oder Kontrollgruppe zugewiesen werden. In der Sportsoziologie sind Experimente jedoch selten, weil sie oft außerhalb der natürlichen Umwelt stattfinden, in denen Menschen normalerweise agieren. Jenseits von experimentellen Designs sind kausale Aussagen schwer zu belegen. Manchmal können quasi-experimentelle Designs genutzt werden, die kausale Schlüsse zulassen, z. B. Vorher-Nachher-Vergleiche mit Kontrollgruppe oder Feldexperimente (siehe Beispiel 3). In nicht-experimentellen Forschungsdesigns sollten Zusammen‐ hänge möglichst immer auf die mögliche Konfundierung mit Drittvariablen geprüft werden (Lazarsfeld & Rosenberg, 1955). Konfundierung bedeutet, dass der beobachtete Zusammenhang zwischen zwei Variablen, X und Y, (teilweise) auf eine dritte Variable zurückzuführen ist, die sowohl X als auch Y beeinflusst. Wenn man z. B. am Zusam‐ menhang von Sport und Gesundheit interessiert ist, stellt das Alter eine relevante 3 Forschungsmethoden in der Sportsoziologie 57 <?page no="58"?> Drittvariable dar, denn es beeinflusst sowohl die Häufigkeit und Art des Sporttreibens als auch den Gesundheitszustand. Beispiel 3 | Diskriminierung im Vereinssport In einem Feldexperiment (Nobis et al., 2021) wurden mehr als 1.600 Sportvereine in Deutschland per E-Mail angeschrieben. Der vermeintliche Absender bat darum, bei der Fußballmannschaft des Vereins mittrainieren zu dürfen und gab an, schon auf ähnlichem Niveau gespielt zu haben. Experimentell variiert wurde der Name des Absenders: Dieser hatte entweder einen deutsch klingenden Namen (z. B. Christian Weber) oder einen ausländisch klingenden Namen (z. B. Mustafa Sahin). Das Ergebnis zeigte, dass die Anfrage bei einem deutschen Namen häufiger zu einer Einladung zum Probetraining führte als bei einem Namen, der auf eine ausländische Herkunft schließen ließ. Ein solches Design lässt den kausalen Schluss zu, dass die deutsche vs. ausländische Herkunft des Absenders die Ursache für die Wahrscheinlichkeit einer positiven Antwort ist (siehe Kapitel 15). 3.4 Qualitative Forschungsmethodik Qualitative Methoden zielen auf das Verstehen und Rekonstruieren sozialer Wirk‐ lichkeit aus der Perspektive der Beteiligten ab. Qualitative Forschung arbeitet mit nicht-standardisierten Verfahren, vorwiegend nicht-numerischen Daten und ist meist induktiv angelegt: Ausgehend von ausgewählten Einzelfällen werden erste und noch vorläufige Bedeutungen, Interpretationen oder Praktiken herausgearbeitet, aus denen später im Analyseprozess schrittweise fallübergreifende Muster und allgemeinere Er‐ klärungsansätze entwickelt werden. Theorie wird nicht als Hypothesengerüst verstan‐ den, sondern als sensibilisierender Rahmen, der den Blick zwar auf mögliche relevante Aspekte lenken darf, zugleich aber auch korrigiert oder ganz neu gedacht werden kann. Durch diese Offenheit eignet sich qualitative Forschung besonders für wenig erforschte Problemstellungen, schwer zugängliche Lebenswelten oder für Phänomene, die erst im Kontext ihrer Bedeutungen und Praktiken angemessen verstanden werden können. Qualitative Methoden werden durch ihre Offenheit für Unerwartetes häufig als „struk‐ turentdeckend“ oder „theoriegenerierend“ bezeichnet. Der Forschungsprozess ist eher zirkulär bzw. iterativ angelegt, d. h. die Datengewinnung und Datenanalyse können sich abwechseln. 3.4.1 Grundlegende qualitative Methoden Typische qualitative Forschungsmethoden in der Sportsoziologie sind qualitative Interviewstudien, Gruppendiskussionen, Ethnografien oder qualitativ angelegt Doku‐ menten- oder Medienanalysen. In der Datenerhebung (häufig als Feldphase bezeichnet) bewegen sich Forschende meist nah am Untersuchungsfeld und gewinnen ihre Daten 58 I. Grundlagen des Sportsystems und der Sportsoziologie <?page no="59"?> direkt aus den sozialen Situationen heraus - etwa über beobachtete Interaktionen, erzählte Erfahrungen oder feldbezogene Texte und Medien. Entscheidend ist dabei weniger die Standardisierung als die Qualität des Materials: Sie bemisst sich daran, wie reichhaltig und tiefgründig die erhobenen Informationen sind und wie sensibel sie die Kontext- und Lebensweltbezüge miterfassen. Je besser es gelingt, relevante Perspek‐ tiven und Situationen im Feld zu erschließen, desto eher lassen sich Sinnzusammen‐ hänge, Praktiken und Prozessverläufe im Sport sozialwissenschaftlich rekonstruieren. Qualitative Interviews nutzen offene Gesprächssituationen, um Sinnstrukturen des Interviewten zu erschließen. Es gibt eine Vielzahl verschiedener Interviewvarianten, die sich darin unterscheiden, wie stark sie vorstrukturiert sind. Narrative Interviews setzen auf möglichst offene Erzählanlässe, sodass Befragte eine Erfahrung oder Le‐ bensphase zusammenhängend darstellen können; sie eignen sich besonders, um bio‐ grafische Verläufe und Erfahrungen zu rekonstruieren. Problemzentrierte Interviews arbeiten mit einem Leitfaden, der ein bestimmtes Thema einerseits gezielt fokussiert, zugleich aber genug Offenheit lässt, damit Befragte ihre Sichtweisen ausführlich und entlang ihrer eigenen Relevanzsetzungen entfalten können. Experteninterviews werden mit Personen geführt, die über spezialisiertes Wissen verfügen und zielen darauf ab, fachliche Einschätzungen oder internes Kontext- und Prozesswissen zu einem Thema zu erschließen. Gruppendiskussionen unterscheiden sich von Einzelinterviews vor allem dadurch, dass Daten aus der Interaktion in der Gruppe entstehen. Während Einzelinterviews stärker individuelle Erfahrungen, biografische Verläufe und persönliche Deutungen in einer dyadischen Situation erschließen, rücken Gruppendiskussionen in den Vor‐ dergrund, wie Meinungen im Austausch hervorgebracht, bestätigt, relativiert oder bestritten werden. Ihr möglicher Mehrwert liegt deshalb darin, dass sie kollektive Orientierungen und geteilte Wissensbestände sichtbarer machen können. Eine Ethnografie zielt auf ein dichtes Beschreiben eines Kontextes ab, indem For‐ schende über einen längeren Zeitraum in diesem Setting präsent sind und Praktiken, Interaktionen und informelle Regeln im „natürlichen“ Verlauf beobachten und do‐ kumentieren. So können etwa Vereinsalltage, Trainingskulturen oder Fanszenen in ihren wiederkehrenden Mustern und den zugrundeliegenden Orientierungen sichtbar werden. Ethnografie erlaubt es, die „Logik des Feldes“ aus dem Miterleben sowie aus Handlungen, informellen Gesprächen und Interviews zu rekonstruieren. Ethnografien fokussieren in der Regel einen speziellen Kontext, etwa einen Sportverein oder eine lo‐ kale Sportszene - und erschließen diesen mit mehreren Datenquellen (siehe Beispiel 4). Ihre Stärke liegt in der Kontexttiefe und darin, Beobachtungen und Gesprächsmaterial aufeinander beziehen zu können. Beispiel 4 | Sport im Gefängnis In einer qualitativen Ethnografie (Müller, 2024) besuchte der Autor mehrere Jahre eine Strafvollzugsanstalt und leitete dort ein Sportangebot für die Gefangenen 3 Forschungsmethoden in der Sportsoziologie 59 <?page no="60"?> an. Gestützt auf Beobachtungen und Gespräche rekonstruiert er die Bedeutung des Sports aus Sicht der Gefangenen. Die Ethnografie zeigt, dass Sport in der Haft ganz andere Bedeutungen besitzt als außerhalb des Gefängnisses. Sport wird von den Gefangenen als Mittel gegen Monotonie und Langeweile gesehen und dient gerade in den Außenbereichen der Haftanstalten als Erweiterung sinnlicher Erlebensmomente (z. B. durch Sonne, frische Luft, Laufen auf Gras). Sport wird aber auch zur Inszenierung eines stabilen Körpers eingesetzt, der Wehrhaftigkeit signalisieren und abschreckend wirken soll. Diese Sinnperspektiven werden eng auf die „Lebenswelt“ des Gefängnisses bezogen, mit seinen minutiös vorgegebenen Tagesabläufen und den oft gewaltförmigen Hierarchiekämpfen unter Gefangenen. Qualitative Dokumenten- oder Medienanalysen erschließen soziale Wirklichkeit über vorhandene Texte, Bilder, Videos oder Audioquellen, indem sie Deutungsmuster und Darstellungsformen systematisch interpretieren. Untersucht werden können etwa Presseberichte, Social-Media-Posts oder Dokumente von Sportverbänden und vieles mehr. Diskursanalytische Zugänge fokussieren wiederkehrende Leitbilder, Begriffe, Argumentationsmuster oder das Sagbare und Ausgeblendete innerhalb eines Themen‐ felds. Die Analysen können einzelne Fälle oder breitere Debatten umfassen und Vergleiche über Zeit, Akteure oder Medienformate beinhalten. Ihre Stärke liegt u. a. darin, verbreitete Deutungsordnungen zu rekonstruieren. 3.4.2 Güte- und Leistungskriterien Gütekriterien sind in der qualitativen Forschung im Vergleich zur quantitativen Forschung weniger klar festgelegt. Manchmal wird sogar negiert, dass es allgemeine Gütekriterien für qualitative Forschung geben könne. Gleichwohl werden im Folgen‐ den wichtige Qualitäts- und Leistungsmerkmale skizziert, auf die sich „gute“ qualitative Forschung beziehen lässt. Die Merkmale sind an Beiträgen von Steinke (2015) und Strübing et al. (2018) orientiert, beanspruchen aber nicht, diese Beiträge vollständig abzubilden. Weitere mögliche Kriterien (z. B. Validität, Originalität, Intersubjektivität) werden an dieser Stelle nicht erläutert, weil sie als weniger spezifisch für den qualita‐ tiven Forschungsansatz erscheinen. Ein grundlegendes Gütekriterium wird in der Gegenstandsangemessenheit gesehen, wobei hiermit mehr gemeint ist, als nur die Passung der Methode zur Forschungsfrage. Bei qualitativen Studien kommt vielmehr hinzu, dass die Passung von Frage, Methode und empirischem Material selten von Beginn an „fertig“ ist, sondern durch eine laufende Überprüfung und Nachjustierung im Forschungsprozess erst hergestellt werden muss. Dies setzt Reflexivität und Flexibilität auf der Seite der Forschenden und eine gewisse „Biegsamkeit“ (Strübing et al., 2018) der methodischen Werkzeuge voraus, die zur präzisen Fokussierung des Phänomens beitragen sollen. 60 I. Grundlagen des Sportsystems und der Sportsoziologie <?page no="61"?> Die Feldzugänge in einen spezifischen Kontext oder in eine besondere Lebenswelt sind ein wesentlicher Aspekt, der die Qualität qualitativer Forschung mitdefiniert. Das meint mehr als nur das Finden von auskunftsfreudigen Personen, sondern schließt Akzeptanz und Vertrauen ein, damit Befragte oder Beobachtete authentische Einsich‐ ten gewähren. Mit vielfältigen Kontakten im Feld steigt die Chance auf eine theoretische Sättigung des Materials: Neue Daten bestätigen dann vor allem bereits rekonstruierte Muster, erweitern oder differenzieren sie aber nicht mehr wesentlich. Theoretische Sättigung ist damit ein Kriterium dafür, wann Sampling und Analyse als ausreichend weit vorangetrieben gelten können. Es ist offensichtlich, dass dies nicht mit einer bestimmten Fallzahl quantifiziert werden kann, sondern sich ausschließlich aus dem Material speist. Definition | Theoretische Sättigung Als theoretische Sättigung wird in der qualitativen Forschung ein Punkt im Forschungsprozess bezeichnet, an dem zusätzliche Datenerhebung oder der Einbezug weiterer Fälle keine neuen inhaltlich relevanten Erkenntnisse mehr für die Entwicklung der Kategorien liefern. Ein weiteres Gütekriterium kann in der empirischen Verankerung der Ergebnisse von qualitativen Studien im Material gesehen werden. Das bedeutet, dass es sich auf Basis der ausgewählten Belege und Beispiele gut nachvollziehen lässt, dass die abgeleiteten Kategorien und Deutungen tatsächlich fest im Material gegründet bzw. sich schlüssig und für Dritte nachvollziehbar im Datenmaterial erkennen lassen. Das bedeutet aber nicht, dass die im Material vorfindbaren Sichtweisen oder Praktiken einfach „nur“ reproduziert werden, denn auch die theoretische Durchdringung ist ein Gütekriterium: Empirische Befunde sollen systematisch mit theoretischen Konzepten und Annahmen verknüpft und dadurch analytisch verdichtet werden. Dabei sollen Daten nicht in Theorien „gepresst“ werden, sondern Theorie dient als Reflexions- und Ordnungshilfe. Ein Ergebnis gilt als theoretisch durchdrungen, wenn Studien nicht bei einer dichten Beschreibung des Gesagten oder Beobachteten stehen bleiben, sondern analytische Kategorien ausgearbeitet, begründet und in ihren Beziehungen zueinander erklärt sind, sodass ein Beitrag zur Theorieentwicklung entsteht. 3.5 Methodische Innovationen Forschungsmethoden werden in Fach- und Methodendebatten immer wieder reflek‐ tiert und ggf. angepasst oder verfeinert. Der gesellschaftliche und technologische Wandel bringt zudem regelmäßig neue Datentypen und Auswertungsmöglichkeiten hervor. Im Folgenden werden einige der neueren Entwicklungen und Trends im Bereich der Sportsoziologie skizziert. 3 Forschungsmethoden in der Sportsoziologie 61 <?page no="62"?> Die Digitalisierung eröffnet der Sportsoziologie substanzielle neue Forschungs- und Erkenntnispotenziale, denn in bislang ungekanntem Umfang hinterlassen online Interaktionen digitale Spuren. Das gilt z. B. für Social Media Interaktionen, Mobilfunk‐ daten, das Self-Tracking von Schritten oder Schlafroutinen mit Wearables, oder die GPS-gestützte Aufzeichnung von räumlicher Bewegung von Personen. Viele dieser digitalen Verhaltensspuren gehören zu den „nicht-reaktiven Daten“, werden also nicht durch die wissenschaftliche Beobachtung verändert oder verfälscht. Dieckmann (2020) fordert von der Soziologie, dieses neue Feld der Forschungsmöglichkeiten nicht der „Data Science“ zu überlassen, sondern aktiv zu besetzen. Ebenso werden sich Kodier- und Auswertungsverfahren durch künstliche Intelligenz (KI) dynamisch erweitern, so dass größere und komplexere Datenmengen schneller verarbeitet und analysiert werden können. Weiterhin werden sich Einsatzmöglichkeiten von KI beim Erkennen von Mustern in Text- und Bildmaterial in der qualitativen Forschung ergeben (Hitch, 2024). Mixed-Methods-Designs kombinieren verschiedene Methoden oder Datentypen und gewinnen in der Sportsoziologie an Bedeutung. Ein exemplarisches Verfahren ist das biografische Mapping (Schubring et al., 2019): Befragte visualisieren z. B. ihren sportbezogenen Lebenslauf in einem zeitlich bzw. biografisch strukturierten Koordi‐ natensystem (z. B. durch das Markieren von Einstieg in und Ausstieg aus einer Sportart, Verletzungen oder Vereinswechseln) und quantifizieren darin die Ausprägung und den Verlauf der interessierenden Variablen (z. B. Leistungen oder Motivation). Dieses Mapping erzeugt qualitatives Material, weil die grafischen Markierungen in einem begleitenden Interview narrativ begründet und gedeutet werden, und quantitativ auswertbare Informationen, weil Ereignisse, Dauer und Verlaufsmuster systematisch kodiert, aggregiert und zwischen Gruppen verglichen werden können. Dadurch lassen sich biografische Sinnkonstruktionen und strukturelle Muster sportlicher Laufbahnen aufeinander beziehen. Eine dynamische Entwicklung ist bei fortgeschrittenen statistischen Methoden zum Nachweis kausaler Inferenz in nicht-experimentellen Settings zu erkennen. An‐ gesichts der begrenzten Umsetzbarkeit randomisierter Experimente in der Sportsozi‐ ologie gewinnen Designs an Relevanz, die Kausalannahmen über andere Logiken absichern. Dazu zählen u. a. Difference-in-Differences-Ansätze, Analyseverfahren mit Instrumentvariablen, Matchingverfahren mit Propensity Scores oder vignettenbasierte faktorielle Designs. Gemeinsam ist diesen Verfahren, dass sie den Nachweis von Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen reklamieren (Cunningham, 2021). Schließlich gewinnen partizipative Forschungsdesigns in der Sportsoziologie an Bedeutung (siehe Kapitel 16), bei denen Forschungsprozesse gemeinsam mit Vereinen, Athlet: innen, Trainer: innen oder anderen Gruppen gestaltet werden. Dabei werden Fragestellungen, Erhebungsinstrumente und die Interpretation der Ergebnisse gemein‐ sam entwickelt, sodass die Perspektiven der Betroffenen nicht nur erfasst, sondern als handlungsrelevantes Wissen systematisch in die Analyse integriert werden. Der Mehrwert für die Beforschten liegt insbesondere in einer stärkeren Passung der 62 I. Grundlagen des Sportsystems und der Sportsoziologie <?page no="63"?> Themen zu ihren tatsächlichen Problemlagen, in unmittelbarer Rückkopplung der Ergebnisse in die Praxis (z. B. für Prävention oder Teilhabe) sowie in Lern- und Empowermenteffekten durch Beteiligung an Diagnose- und Entscheidungsprozessen. Netzwerkanalysen eröffnen der Sportsoziologie eine jüngere Forschungsmethode, deren Stärke darin liegt, soziale Beziehungen als grundlegendes Strukturelement sportlicher Praxis sichtbar zu machen (Wäsche, 2022). Soziale Netzwerkanalysen ermöglichen es, sportliche Konstellationen nicht primär über individuelle Merkmale oder institutionelle Rahmenbedingungen zu verstehen, sondern über die Muster von Interaktionen, durch die Akteur: innen tatsächlich miteinander verbunden sind. Damit rücken sie ein relationales Verständnis von Sport in den Vordergrund. Zum Schluss sei auf Datenrepositorien in den Sozial- und Gesundheitswissenschaften hingewiesen, die Forschungsdaten sichern, dokumentieren und nach klaren Regeln einer Nachnutzung zugänglich machen. Mit Hilfe der dort hinterlegten Datensätze können Analysen repliziert oder erweitert werden. Insgesamt steigert dies die Effizienz und Nachhaltigkeit, z. B. weil Doppelerhebungen vermieden und unausgeschöpfte Potenziale von Datensätzen genutzt werden. Wichtige sozial- und gesundheitswis‐ senschaftliche Datensätze findet man u. a. im Datenarchiv des Leibniz-Instituts für Sozialwissenschaften (www.gesis.org). Entsprechende Repositorien für qualitative Daten sind selten; exemplarisch kann auf das Projekt Qualiservice der Universität Bremen verwiesen werden (www.qualiservice.org). Weiterführende und vertiefende Literatur Als grundlegende Einführung in den Forschungsprozess eignet sich das Lehrbuch „Erfolgreiches Forschen im Sportstudium“ (Kornmann et al., 2024). Einen umfas‐ senden Überblick über nahezu alle quantitativen und qualitativen Methoden ist dem über 1.700 Seiten umfassenden „Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung“ (hrsg. von Baur und Blasius (2022)) zu entnehmen. Wenn Sie sich intensiver mit der Frage der Kausalität befassen möchten, lesen Sie John Gold‐ thorpe’s (2001) Beitrag „Causation, Statistics, and Sociology“. Einen vertiefenden Einblick in die „Datenqualität von Stichprobenerhebungen“ bietet Quatember’s (2019) gleichnamiges Lehrbuch. Literaturverzeichnis Baur, N., & Blasius, J. (Hg.) (2022). Handbuch Methoden der empirischen Sozialforschung. Springer VS. Berger, P. L., & Luckmann, T. (1969). Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit: Eine Theorie der Wissenssoziologie. Fischer. Bös, K., Schlenker, L., Büsch, L., Lämmle, L., Müller, H., Oberger, J., Seidel, I., Tittlbach, S. (2009). Deutscher Motorik-Test 6-18 (DMT 6-18). Czwalina. Cunningham, S. (2021). Causal Inference. Yale University Press. 3 Forschungsmethoden in der Sportsoziologie 63 <?page no="64"?> Dieckmann, A. (2020). Die Renaissance der „Unobtrusive Methods“ im digitalen Zeitalter. In: Mays, A. et al. (Hg.), Grundlagen - Methoden - Anwendungen in den Sozialwissenschaften (S.-161-172). Springer VS. Elias, N. (1993). Was ist Soziologie? Juventa. Gerlach, E., & Brettschneider, W.-D. (2013). Aufwachsen mit Sport: Befunde einer 10-jährigen Längsschnittstudie zwischen Kindheit und Adoleszenz. Meyer & Meyer. Goldthorpe, J. H. (2001). Causation, Statistics, and Sociology. European Sociological Review, 17(1), 1-20. Hitch, D. (2024). Artificial Intelligence Augmented Qualitative Analysis: The Way of the Future? Qualitative Health Research, 34(7), 595-606. Horkheimer, M. (1937). Traditionelle und kritische Theorie. Zeitschrift für Sozialforschung, 6(2), 245-294. König, R. (1964). Einige Überlegungen zur Frage der „Werturteilsfreiheit“ bei Max Weber. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 16(1), 1-29. Kornmann, J., Ennigkeit, F., Hänsel, F., & Bös, K. (2024). Erfolgreiches Forschen im Sportstudium. Springer Spektrum. Krisam, M., Korenke, R., Maier, M., & Korenke, J. (2020). Nudges can both raise and lower physical activity levels: The effects of role models on stair and escalator use-A Pilot study. Physical Activity and Health, 4(1), 86-94. Lazarsfeld, P. F., & Rosenberg, M. (1955). The language of social research: a reader in the methodology of the social sciences. Free Press. Merton, R. K. (1987). Three Fragments from a Sociologist’s Notebooks: Establishing the Pheno‐ menon, Specified Ignorance, and Strategic Research Materials. Annual Review of Sociology, 13, 1-29. Müller, J. (2024). Sport in der totalen Institution - eine Gefängnisethnographie. Springer VS. Nobis, T., Gomez-Gonzalez, C., Nesseler, C., & Dietl, H. (2021). (Not) being granted the right to belong - Amateur football clubs in Germany. International Review for the Sociology of Sport, 57(7), 1157-1174. Popper, K. (1935). Logik der Forschung. Julius Springer. Schubring, A., Mayer, J., & Thiel, A. (2019). Drawing Careers: The Value of a Biographical Mapping Method in Qualitative Health Research. International Journal of Qualitative Methods, 18. Schütz, A. (1974). Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt: Eine Einleitung in die verstehende Soziologie. Suhrkamp. Steinke, I. (2015). Gütekriterien qualitativer Forschung. In U. Flick, E. von Kardorff & I. Steinke (Hg.), Qualitative Forschung (S.-319-331). Rowohlt. Strübing, J., Hirschauer, S., Ayaß, R., Krähnke, U., & Scheffer, T. (2018). Gütekriterien qualitativer Sozialforschung. Ein Diskussionsanstoß. Zeitschrift für Soziologie, 47(2), 83-100. Quatember, A. (2019). Datenqualität in Stichprobenerhebungen. Eine verständnisorientierte Ein‐ führung in die Survey-Statistik. Springer Spectrum. Wäsche, H. (2022). Auf die Beziehungen kommt es an! Die Analyse sozialer Netzwerke in der Sportwissenschaft. Sport und Gesellschaft, 19, 131-162. 64 I. Grundlagen des Sportsystems und der Sportsoziologie <?page no="65"?> II. Sport und Lebensphasen <?page no="67"?> 4 Sportbezogene Sozialisation von jungen Menschen Ulrike Burrmann Lernziele | Die Leser: innen ● können die Relevanz sozialisationstheoretischer Forschungsarbeiten einschät‐ zen, ● kennen zentrale Definitionen von Sozialisation und sportbezogener Sozialisa‐ tion, ● können ein sozialisationstheoretisches Konzept der sportbezogenen Sozialisa‐ tion erläutern, wobei sie insbesondere - die Vorteile und Funktionen eines solchen theoretischen Rahmenmodells kennenlernen und verstehen, - die Perspektiven einer Sozialisation zum, im und durch Sport differen‐ zieren, - empirische Befunde kennen und in den theoretischen Rahmen einordnen können, ● können Beispiele zu sozialisationstheoretischen Fragestellungen angeben und weiterführende Fragen generieren. Wissens-Check | Zu diesem Kapitel werden online Lernfragen angeboten. Sie können diese über den QR-Code scannen oder über den folgenden Link aufrufen: https: / / narr.kwaest.io/ s/ 1480. 4.1 Einleitung Einerseits gehört Sporttreiben für viele junge Menschen zu den wichtigsten Hob‐ bies. Viele Kinder und Jugendliche sind in ihrer Freizeit sportlich aktiv, gehen in verschiedenen Settings (z. B. in Sportvereinen, bei kommerziellen Sportanbietern, im sportbezogenen Ganztag, allein oder in selbstorganisierten Gruppen) und mit unter‐ schiedlichen Motiven und Leistungsniveaus ihren Bewegungs- und Sportaktivitäten nach (Dreiskämper et al., 2025). Andererseits gibt es viele Kinder und Jugendliche, die die Bewegungsempfehlungen der WHO (Rütten & Pfeiffer, 2017), mindestens 60 Minuten am Tag moderaten bis intensiven körperlich-sportlichen Aktivitäten nachzugehen, nicht erreichen (Burrmann & Mutz, 2017). Einige junge Menschen und Erwachsene äußern sich rückblickend sehr positiv über ihren Sport, andere <?page no="68"?> verbinden mit dem Sport in der Schule oder im Verein eher schlechte Erinnerungen und Erfahrungen (Burrmann, 2007). Zudem werden gerade dem organisierten Sport neben den Möglichkeiten, vielfältige Bewegungs- und Sporterfahrungen zu sammeln, eine Reihe extrafunktionaler Leistungen zugeschrieben (siehe Kapitel 1). Sportsettings (z. B. Schulsport, Sportvereine) werden als relevante Orte für Bildungsprozesse (Krüger & Neuber, 2011) und Wertevermittlung ( Jaitner, 2018; Burrmann & Konowalczyk, 2020) angesehen. Sie würden zur Persönlichkeitsentwicklung und zum sozialen Zusammen‐ halt beitragen (Lamprecht & Nagel, 2022). Beispiel | Interviewzitate über Sportvereine aus Sicht von Jugendlichen im Alter von 16 Jahren (Burrmann, 2007): Nadine, Schülerin einer sportbetonten Schule: „Sportvereine sind sehr gut. Da können Jugendliche und Erwachsene sich beschäftigen, können was für ihre Gesundheit tun. Nicht faul vor dem Fernseher sitzen oder Unsinn machen […]. Da verbinde ich Freundschaft mit. Da habe ich Freunde. Damit verbinde ich Erfolg. Meine Ziele im Sport zu verwirklichen. Turniere, ins Ausland mit dem Sportverein zu fahren. Andere Kultur kennen zu lernen, andere Menschen kennen zu lernen.“ Phillip, Vereinsmitglied: „Durch den Sportverein lernt man meiner Meinung nach Disziplin und Mannschaftsbewusstsein. Je nach dem, was man für einen Sport macht im Verein. Und […] man lernt neue Freunde kennen auf jeden Fall. Ist ganz wichtig. Und es macht natürlich auch Spaß mit den ganzen anderen Leuten, die alle dieselbe Sportart betreiben, sich zu unterhalten und so.“ Mark, ehemaliges Vereinsmitglied: „Finde ich abartig. Ich hasse Sportvereine! Ich bin mal in einem Fußballverein gewesen. Da hatten wir einen Trainer, der war wirklich immer besoffen […]. Das hat keinen Spaß gemacht.“ Melanie, kein Vereinsmitglied: „War ich nie. Hätte ich aber gerne gemacht […]. Ich wollte mal zum Volleyball gehen. Da haben sie gesagt, ich bin zu dick. Ja danke, da war ich mit Freunden da gewesen. Meine Freundin war auch da gewesen. Dann hieß es, wir sind zu voll. Nein, die anderen konnten da noch mit rein, und ich nicht. Weil ich zu dick war. Fand ich auch sehr spaßig.“ Sie können sich selbst fragen, wieviel Sie dem eigenen Sporttreiben oder auch dem Sportkonsum (z. B. Sportveranstaltungen besuchen, Sportberichte lesen) abgewinnen können. Haben Sie als Kind und/ oder Jugendliche: r Sport getrieben und wie hat sich das mit zunehmendem Lebensalter verändert (z. B. Beginn, Verlauf, Sportarten, Sportkontexte, Motive, Leistungsniveau, aktueller Stand)? Wie sind Sie überhaupt zum Sport gekommen (z. B. Anlass, Vorbilder, Unterstützung) und/ oder was hat den Einstieg in den Sport erschwert oder gar verhindert (z. B. Barrieren, finanzielle Mittel, Verbote der Eltern)? Sind Sie einer Sportart oder Bewegungsform über viele Jahre treu geblieben und/ oder haben Sie verschiedene sportliche und andere Freizeitaktivitäten zeitgleich oder zeitlich versetzt ausprobiert? In welchen Sportsettings und Sportgruppen haben 68 II. Sport und Lebensphasen <?page no="69"?> Sie sich wohl und zugehörig gefühlt, in welchen nicht, und woran lag das? Was haben Sie an persönlichen Veränderungen durch die (langjährige) Sport- und Bewegungskar‐ riere wahrgenommen? Inwieweit hat Ihr „Sporthobby“ zur Berufswahl beigetragen? Diese Fragen beziehen sich auf das Thema dieses Buchkapitels. Im nachfolgenden Kapitel 4.2 werden zunächst relevante Begriffe geklärt und interaktionale Sozialisationskonzepte vorgestellt. Im Kapitel 4.3 wird speziell auf die sportbezogene Sozialisation Bezug genommen, es wird auf Analyseebenen und methodische Aspekte bei der Erforschung sozialisationstheoretischer Fragestellungen eingegangen. Exemplarisch werden im Kapitel 4.4 empirische Befunde zu den Sport‐ engagements junger Menschen und zu den Perspektiven einer Sozialisation zum, im und durch Sport dargelegt, wobei hauptsächlich auf Befunde einer bundesweit repräsentativen Studie zu Kindern und Jugendlichen in Deutschland (Move for Health) zurückgegriffen wird. Abschließend erfolgen im Kapitel 4.5 ein kurzes Fazit und Ausblick mit weiterführenden Fragestellungen. 4.2 Sozialisationsbegriffe und -modelle Die Sozialisationsforschung befasst sich einerseits mit der Frage, „wie der Mensch zu einem sozialen Wesen gemacht wird und wie ein Individuum befähigt wird, mit konkreten Anderen nach den Regeln einer gegebenen Gesellschaft gemeinsam zu handeln“ (Abels & König, 2016, S. 1). Zum anderen interessiert aber auch, „wie das Individuum die sozialen Einflüsse verarbeitet und durch sein entsprechendes Handeln zu seiner Sozialisation selbst beiträgt“ (Abels & König, 2016, S. 2). Forschende unter‐ schiedlicher Fachdisziplinen beschäftigen sich mit diesen Fragen. Die soziologische Betrachtung rückt dabei u. a. die sozialen Mechanismen in den Vordergrund, mit denen die Gesellschaft bzw. soziale Gruppen sicherstellen, dass Werte, Verhaltenser‐ wartungen, Kenntnisse, Fähigkeiten und Praktiken von den Mitgliedern erworben und verinnerlicht werden. Die psychologische Perspektive fokussiert die Wege und Verlaufsschritte, über die die Entwicklung zu einer handlungsfähigen Persönlichkeit abläuft. Aus pädagogischer Sicht interessiert vor allem die Frage, wie das Individuum und seine soziale und dingliche Umwelt so angeregt und beeinflusst werden können, dass eine nach persönlichen und gesellschaftlichen Kriterien wünschenswerte Per‐ sönlichkeitsentwicklung zustande kommt oder wie Bedingungen gestaltet werden können, um ein gutes bzw. gelingendes Leben, im Idealfall für alle Menschen, zu ermöglichen. Wünschenswert, gut oder gelingend deuten auf die normativen Aspekte von Sozialisation hin, denn was sich hinter diesen Wörtern verbirgt, kann je nach Gesellschaft und Milieu differieren. Das Verständnis von Sozialisation, vom Einfluss und Zusammenspiel von Anlagen und Umwelt sowie der Rolle des Individuums im Sozialisationsprozess haben sich im Laufe der Zeit gewandelt. Während in den 1960er und 1970er Jahre strukturalistische (der Aspekt der Vergesellschaftung wird betont) und in den 1980er und 1990er Jahre subjektzentrierte (der Aspekt der Individuation wird hervorgehoben) Ansätze 4 Sportbezogene Sozialisation von jungen Menschen 69 <?page no="70"?> dominierten (Bauer, 2022), überwiegen seit vielen Jahrzehnten interaktionale Konzep‐ tionen von Sozialisation, die die Einseitigkeiten bisheriger Konzepte theoretisch und empirisch überwinden wollen. Interaktionale Konzepte gehen - wie in den u. g. Definitionen ersichtlich - von einer ständigen Wechselwirkung zwischen Person und Umwelt aus und sprechen Individuen eine aktive Rolle im Sozialisationsprozess zu. Sozialisation wird als Prozess der Persönlichkeitsgenese - darauf hebt die Definition von Bauer und Hurrelmann (2021) - und als Beziehungspraxis - siehe Definition von Grundmann (2006) - verstanden. Definition | Sozialisation Nach Bauer und Hurrelmann (2021, S. 33) bezeichnet Sozialisation „die Per‐ sönlichkeitsentwicklung als eine ständige Interaktion zwischen individueller Entwicklung und den umgebenden sozialen Strukturen. Diese Interaktionserfah‐ rungen werden aktiv und produktiv verarbeitet und dabei sowohl mit den inneren körperlichen und psychischen als auch mit den äußeren sozialen und physischen Gegebenheiten vermittelt“. Grundmann (2006, S. 30) setzt weniger am einzelnen Individuum, sondern an den sozialen Interaktionen an und versteht Sozialisation als soziale Praxis, „die sich durch das Zusammenleben von Menschen etabliert, wobei Erfahrungen, Fertigkeiten und Wissen zwischen Menschen ausgetauscht und kultiviert werden“. Wenden wir uns zunächst den Prozessen der Persönlichkeitsgenese zu, die u. a. von Bauer und Hurrelmann (2021) in zehn Prinzipien des Modells der produktiven Realitätsver‐ arbeitung beschrieben wurden. Die inneren körperlichen und psychischen als auch äußeren sozialen und physischen Gegebenheiten stecken einen Handlungsrahmen ab, in dem wir uns entwickeln können. Uns bleiben aber Handlungsspielräume, Wahl- und Entscheidungsmöglichkeiten (siehe z. B. Büsra). Wir können z. B. Regeln abwandeln, uns bestehenden Normen widersetzen und sogar körperliche Prozesse aktiv beeinflussen. Beispiel | Büsra (aus Brandmann et al., 2015): Büsra geht dreibis fünfmal pro Woche zum Boxen und trainiert dort für an‐ stehende Wettkämpfe, obwohl ihre Eltern die Leidenschaft zum Boxen nicht unterstützen. „Meine Eltern wollen, dass ich damit aufhöre, aber das sehe ich nicht ein“, sagt die 16-Jährige im Interview. Büsra wirkt sehr selbstbewusst und zielstrebig. Bevor sie zum Boxen kam, spielte sie Fußball in der Schulmannschaft und probierte verschiedene andere Kampfsportarten aus. Nach der mittleren Reife möchte Büsra am liebsten ausziehen, ihr Abitur in einer anderen Stadt machen und später in Australien studieren. Um ihren Traum zu erfüllen, arbeitet Büsra in einer Bäckerei, um Geld zu sparen. 70 II. Sport und Lebensphasen <?page no="71"?> Unsere Persönlichkeitsentwicklung wird also weder durch unsere Anlagen noch durch unsere Umwelt vollständig determiniert. Auf der personellen (inneren) Ebene sind u. a. genetische Prädispositionen, körperliche Konstitution, Intelligenz wie auch die über vorgängige Sozialisationsprozesse erworbenen Orientierungen und Kompetenzen einzubeziehen. Auf der Mikro- und Mesoebene stellen Familie, Peers, Bildungseinrich‐ tungen aber auch Medien (siehe Kapitel 12), soziale Organisationen und Freizeitein‐ richtungen Sozialisationskontexte für Kinder und Jugendliche dar, die es zu berücksich‐ tigen gilt. Auf der Makroebene sind u. a. politische, ökonomische, sozio-kulturelle und ökologischen Rahmenbedingungen zu beachten (siehe Kapitel 1). In jeder Lebensphase werden an uns gesellschaftliche Anforderungen und Erwartungen gerichtet, die wir mit unseren individuellen Bedürfnissen, Interessen und Zielen in Einklang bringen müssen. Aber auch unvorhergesehene Ereignisse wie Verletzungen können dazu führen, dass individuelle Ziele angepasst werden müssen und sich Entwicklungsverläufe ändern (siehe Lina). Beispiel | Lina (aus Brandmann et al., 2015): Bereits als Kind entdeckte Lina ihre Leidenschaft zum Fußball. Sie verbrachte mit ihren Brüdern viel Zeit auf dem Fußballplatz. Auch ihr Vater spielt Fußball. Über eine Mädchenfußballmannschaft in der Schule kam sie zum Vereinssport. Aufgrund einer Verletzung musste Lina ihren Traum als Profifußballerin aufgeben. Die Studentin betreut inzwischen eine Mädchenfußballmannschaft und möchte einen Trainerschein machen. Die Fähigkeit, die Spannungen zwischen persönlicher Individuation und sozialer Integration vorzunehmen, drückt sich „im Aufbau einer Ich-Identität“ (Bauer & Hurrelmann, 2021, S. 35) aus. Je nach Bewältigung dieser Spannung kann eine stabile Identität entstehen und gefestigt oder auch gefährdet werden. Diese Prozesse finden ein Leben lang statt. Aus den bisherigen Beispielen wird auch ersichtlich, dass Sozialisationsprozesse direkt oder indirekt, geplant und beabsichtigt erfolgen können. Sie geschehen aber häufig auch nicht intendiert und unbewusst (Burrmann, 2021). Mit dem Modell von Sozialisation als Beziehungsgestaltung verweist Grundmann (2015, S. 162) darauf, dass nicht nur einzelne Individuen sozialisiert werden, „sondern auch Prozesse der aktiven Sozialisation durch gemeinsames Tun“ stattfinden. Grundmann (2015) beschreibt verschiedene Schritte, wie soziale Beziehungen gestaltet werden: Zu‐ nächst nehmen Interaktionspartner: innen aufeinander Bezug. Dies kann gelingen aber auch scheitern. Gelingen die Anschlusshandlungen werden gemeinsame Handlungs‐ praxen aufgebaut. Dabei können wir unterschiedliche Vorerfahrungen und Bedürfnisse haben, die mit denen anderer Gruppenmitglieder in Einklang gebracht und so gestal‐ tet werden, dass Handlungssicherheit, soziale Zugehörigkeit und gemeinsame Hand‐ lungsmöglichkeiten entstehen können. Die in sozialen Gruppen und Gemeinschaften ausgebildeten und geteilten Orientierungen, Haltungen und Kommunikationsformen 4 Sportbezogene Sozialisation von jungen Menschen 71 <?page no="72"?> wirken wiederum sozialisierend auf die einzelnen Mitglieder dieser Gruppe. „Personale Handlungsbefähigung entwickelt sich dabei aus der fortgesetzten Partizipation an spe‐ zifischen sozialen Praxen und ist gleichzeitig bedingende Voraussetzung der Teilhabe an ihnen“ (Grundmann, 2015, 167-168). Grundmann (2015) verweist darauf, dass sich die konjunktiven Beziehungserfahrungen im Rahmen spezieller Erfahrungsmilieus und Sozialstrukturen vollziehen. Sozialisationspraxen unterscheiden sich - „je nach den ihnen zugrunde liegenden sozialen Lebensverhältnissen und sozio-kulturellen Rahmenbedingungen - vor allem durch die Art und Weise, wie sich Bezugspersonen aufeinander beziehen und wie sich die Akteure selbst in die Interaktion einbringen kön‐ nen“ (Grundmann, 2006, S 12). In sozialen Beziehungen entwickeln und verfestigen sich einerseits unsere Persönlichkeitsmerkmale und habituelle Praktiken (siehe z. B. Dilara und Habitusbegriff). Andererseits verändern oder verfestigen sich auch die sozialen Strukturen, in denen gehandelt wird. „Sozialisationserfahrungen korrespondieren stets mit sozialem Erkenntnisgewinn, führen zum Erwerb sozialer Handlungskompetenzen und bringen pragmatisches Handlungswissen hervor, das sich erfahrungsbiografisch in der Bildung von Persönlichkeitseigenschaften und personalen Handlungsbefähigun‐ gen äußert“ (Grundmann & Hofmeister, 2007, S.-131). Beispiel | Dilara (aus Brandmann et al., 2015): Dilara fühlt sich offenbar eher in Gruppen wohl, die sich auch unter sozialen Aspekten gut verstehen und nicht nur auf sportlichen Erfolg aus sind. Im Interview macht sie deutlich, dass es viele Chancen gegeben habe, im Fußball leistungsmäßig aufzusteigen. Sie nahm diese Angebote nicht an, da ihre Prioritäten auf Mann‐ schaftszusammenhalt und sozialem Engagement lägen. „Lieber spiele ich in ’nem kleinen Verein, anstatt dass ich mit arroganten Mädchen spiele! “, so die 26-Jährige im Interview. Trotz des Angebots eines Zweitligavereins gründet Dilara eine eigene Mädchenmannschaft, um Vorurteilen gegenüber dem türkischen Mädchenfußball entgegenzutreten. Definition | Habitus Der Habitus umfasst nach Bourdieu (2020) Wahrnehmungs-, Denk- und Hand‐ lungsschemata eines Menschen, in denen „sämtliche inkorporierten, früheren sozialen Erfahrungen zum Ausdruck kommen. Dabei ist der Habitus vor allem durch die spezifische gesellschaftliche Position geprägt, die Angehörige einer sozialen Gruppe innerhalb einer Sozialstruktur einnehmen. Genereller gefasst dient das Konzept der Vermittlung individueller Dispositionen (Subjekt-Ebene) und gesellschaftlicher Möglichkeiten (Struktur-Ebene)“ (Lenger et al., 2013, S. 14). 72 II. Sport und Lebensphasen <?page no="73"?> 4.3 Sportbezogene Sozialisation Wenn von der sportbezogenen Sozialisation gesprochen wird, geraten Bewegungs‐ tätigkeiten in den Blick, die als Sport gesellschaftlich definiert sind (Bindel et al., 2018). Das kleine Kind treibt in der Regel noch keinen Sport. Es erwirbt aber durch vielfältige explorative und spielerische Aktivitäten körper- und bewegungsbezogene Erfahrungen. Diese können den Zugang zu sportlichen Aktivitäten eröffnen. „Je nachdem, welche Erfahrungen es erwirbt, wird dieser Zugang leichter gelingen oder schwerfallen. Ebenso wird es von den im Verlauf der Körper- und Bewegungskarriere aufgebauten Körper- und Bewegungserfahrungen abhängen, ob sich das Kind in der Lebens‐ spanne weiterhin dem Sport zuwendet und in welchem Maße es sich als Jugendlicher und Erwachsener engagiert. Die Sportkarriere entsteht also innerhalb der Körper- und Bewegungskarriere und bleibt in sie eingebunden“ (Baur 1989, S.-68). Die o. g. Beispiele von Büsra, Lina und Dilara beziehen sich bereits auf Aspekte der sportbezogenen Sozialisation. Arbeiten zur sportbezogenen Sozialisation basieren ebenfalls überwiegend auf interaktionalen Konzepten von Sozialisation (Burrmann, 2021; Lamprecht & Nagel, 2022). Demnach entwickeln Personen ihre Sportaktivitäten in Auseinandersetzung mit den vorfindlichen Umweltgegebenheiten und vor dem Hintergrund ihrer natürlichen Anlagen und biografischen Vorerfahrungen. Sie wirken ihrerseits aktiv auf die Umwelt ein, indem Kinder beispielsweise Unterstützung für ihr Sporttreiben von ihren Eltern oder in Sportvereinen mehr Möglichkeiten der Mitbestimmung einfordern. Die in sozialen Interaktionen (z. B. in Familienbeziehungen oder Sportgruppen) ausgebildeten und geteilten Orientierungen und Haltungen wirken sozialisierend auf die einzelnen Mitglieder dieser Gruppe. Künftige Interaktionen finden also immer auch unter veränderten Umweltgegebenheiten statt. Durch die Beteiligung am Sport entwickeln und verfestigen sich einerseits individuelle Persönlichkeitsmerkmale und habituelle Praktiken (z. B. entwickelt sich ein sportiver Lebensstil), andererseits verändern oder verfestigen sich auch die sozialen Strukturen, in denen Sport getrieben wird (z. B. entwickelt sich das Team/ die Sportgruppe mit entsprechenden geteilten Werten). Ein Sozialisationsziel könnte in der Entwicklung und Ausprägung einer „sportiven Handlungsbefähigung“ liegen (Thiele & Burrmann, 2020). Definition | Sportive Handlungsbefähigung Sportive Handlungsbefähigung beinhaltet die habituelle Prägung und Verinnerli‐ chung einer bewegungsorientierten, aktiven Lebensführung, die die Erfahrungen von Handlungswirksamkeit in Bewegungskontexten, die Integration von Bewe‐ gung und Sport in die alltägliche Handlungspraxis sowie deren perspektivische Verortung im Lebenslauf umfasst (Thiele & Schierz, 2011). 4 Sportbezogene Sozialisation von jungen Menschen 73 <?page no="74"?> Und auch bei der Analyse der sportbezogenen Sozialisation wird davon ausgegangen, dass sie „Regelmäßigkeiten“ folgt, die sozialstrukturell bedingt sind. Ob und welche Be‐ wegungs- und Sportaktivitäten, mit welchen Beweggründen und/ oder Sportpartnern, in welchen Sportsettings aufgenommen und ausgeübt werden, hängt von der jeweili‐ gen Lebenslage ab. An wie vielen Tagen in der Woche junge Menschen in der Freizeit sportlich aktiv sein können und wollen, hängt auch von den Anforderungen in anderen Lebensbereichen - wie der Schule, Familie, Freundeskreis, anderen Freizeitaktivitäten - ab. Die alltägliche Lebensführung ist wiederum in den Lebenslauf eingebunden. Sportengagements ändern sich im lebenszeitlichen Verlauf wie auch Erwartungen und Anforderungen in den anderen Lebensbereichen. Dabei lassen sich „typische“ Entwicklungsverläufe beobachten, ohne allerdings den Einzelfall prognostizieren und determinieren zu können. Und schließlich sind Prozesse der sportbezogenen Sozialisa‐ tion nicht immer intentional gesteuerte und bewusst ablaufende Prozesse. Vieles läuft unbewusst, aber nicht zufällig ab. Definition | Lebenslage und alltägliche Lebensführung Nach Hradil (1999) lässt sich die Lebenslage als Konglomerat sozialstruktu‐ rell konstituierter Merkmale fassen, die einen objektiven Handlungsspielraum aufspannt, unterschiedliche individuelle Gestaltungsoptionen eröffnet und all‐ gemeine Lebenschancen eines Individuums eingrenzt. „So mag beispielsweise die Lebenslage eines Menschen durch geringe Einkünfte, viel Freizeit, eine billige, gesundheitlich und ökologisch gut gelegene Wohnung, hohe Integration in die Gemeinde, schlechte Arbeitsbedingungen im Schichtdienst und geringe Qualifikation gekennzeichnet sein“ (Hradil, 1999, S.-40; Burzan, 2007, S.-141). Die alltägliche Lebensführung lässt sich als eine Methode fassen, „mit der die Person ihre Alltagstätigkeiten in den einzelnen Lebensbereichen zu einem prak‐ tikablen Arrangement bindet. Obschon eine Konstruktionsleistung eigener Art, wohnt der alltäglichen Lebensführung eine strukturelle Eigenlogik inne, so dass sie nicht so einfach zu verändern ist, auch wenn die Person das möchte - nicht nur, aber auch aufgrund immer vorhandener gesellschaftlicher Randbedingungen und ihren Veränderungen. Das hat unter anderem dazu geführt, dass die alltägliche Lebensführung konzeptionell als ein ‚missing link‘ verstanden wird, das zwischen Person und Gesellschaft vermittelt …“ ( Jochum et al., 2020, S.-8). Prozesse der sportbezogenen Sozialisation lassen sich unter verschiedenen Perspek‐ tiven betrachten. Bei der Sozialisation zum Sport geht es u. a. um die Frage, wie Kinder und Jugendliche zum Sport kommen und im Sport gehalten werden können. Warum sind bestimmte Gruppen von jungen Menschen im Sport unterrepräsentiert? Welche personeninternen und -externen Bedingungen wirken sich förderlich oder hinderlich auf den Zugang und die Teilhabe am Sport aus? Die Sozialisation im Sport fokussiert Fragen der Handlungsbefähigung und Persönlichkeitsentwicklung im Sport. 74 II. Sport und Lebensphasen <?page no="75"?> 1 Das Move-for-Health-Projekt der Deutschen Sportjugend wurde gefördert vom BMFSFJ durch das Zukunftspaket. An dieser Stelle ein herzlicher Dank an das gesamte Projektteam (ausführlicher in Dreiskämper et al., 2025). Wie gelingt es beispielsweise, Wirksamkeitserfahrungen im Sport zu machen, einen sportiven Lebensstil zu entwickeln, in Wettkampfsituationen mit Sieg und Niederlage konstruktiv umzugehen oder in sportlichen Situationen fair und prosozial zu agieren? Wie muss Sport arrangiert werden, damit individuell und gesellschaftlich wünschens‐ werte Effekte in der Persönlichkeits- und auch Teamentwicklung erreicht werden? Inwiefern sind Veränderungen in den Ausprägungen von Persönlichkeitsmerkmalen und Handlungskompetenzen überhaupt auf den Sport zurückführbar? Bei der Sozialisa‐ tion durch Sport geht es um die Frage nach dem Transfer der in sportlichen Situationen erworbenen Einstellungen, Orientierungen und Handlungskompetenzen. Inwieweit und unter welchen Bedingungen werden z. B. die im Sport entwickelten Werte wie (Un-)Fairness, (fehlende) Verantwortungsübernahme oder (fehlende) Solidarität in Situationen außerhalb des Sports handlungswirksam? Diese Einteilung findet sich in der Literatur häufig wieder, wenngleich beispielsweise Heinemann (1998) insgesamt sechs Phasen unterscheidet, indem er u. a. mit der „vorgängigen Sozialisation“ beginnt (also z. B. wie kleine Kinder zu Bewegungsaktivitäten angeregt werden) und mit der „De-Sozialisation“ endet (z. B. die Frage nach Veränderungen im Selbstkonzept, die sich durch das Ende einer Leistungssportkarriere ergeben könnten). Interaktionale sozialisationstheoretische Konzepte erfordern längsschnittliche, mul‐ timethodische (qualitative und quantitative Zugänge) und multidisziplinäre Ansätze (Burrmann, 2021; Bauer & Hurrelmann, 2020). In der empirischen Praxis ist dies jedoch aus verschiedenen Gründen nicht immer möglich. 4.4 Datengrundlage und ausgewählte empirische Befunde Nachfolgend wird auf einige empirische Befunde aus der Move-for-Health-Studie (MfH) zurückgegriffen (Dreiskämper et al., 2025). 1 Im Jahr 2023 und 2024 wurden jeweils ca. 2.000 Eltern von Kindern im Alter von 5 bis 12 Jahren sowie jeweils ca. 2.000 Jugendliche im Alter von 13 bis 17/ 18 Jahren zu ihren Sportaktivitäten in der Freizeit und zu Aspekten der mentalen Gesundheit befragt. Die Online-Umfrage wurde von Verian, einem renommierten Umfrageinstitut durchgeführt. Es handelt sich um quotierte Stichproben nach Geschlecht, Alter, Bildungsgrad und Region (Bundesland). Neben den bundesweit repräsentativen Datensätzen aus 2023 und 2024 liegt auch ein Längsschnittdatensatz vor, der 2.700 junge Menschen umfasst. Die querschnittli‐ chen Erhebungen erlauben Situationsbeschreibungen zu einem bestimmten Zeitpunkt. Längsschnittliche Daten gestatten beispielsweise Aussagen darüber, wieviel Prozent der Kinder und Jugendlichen innerhalb eines Jahres aus dem Sportverein ausgestiegen sind und ob sich dadurch Veränderungen in der mentalen Gesundheit zeigen. Die MfH-Studie beinhaltet auch qualitative Teilstudien, beispielsweise zur Rekonstruktion 4 Sportbezogene Sozialisation von jungen Menschen 75 <?page no="76"?> von Sportengagements und -abbrüchen sozioökonomisch marginalisierter Jugendli‐ cher (Bartsch et al., 2025). Definition | Repräsentativität Repräsentativität bezieht sich auf die möglichst gute Widerspieglung der im Hin‐ blick auf eine Forschungsfrage relevanten Merkmale einer Grundgesamtheit in einer Stichprobe. Dies setzt in der Regel zufällige Stichproben voraus. Eine Stich‐ probe kann nur hinsichtlich bestimmter Merkmale oder Merkmalsausprägungen repräsentativ sein (z. B. repräsentativ hinsichtlich der Geschlechterverteilung, des Alters, Bildungsgrads oder Wohnorts der Personen). Eine große Fallzahl bedeutet nicht automatisch Repräsentativität (Bortz, 2005; siehe Kapitel 3). 4.4.1 Sportengagements von jungen Menschen in Deutschland Im Jahr 2024 gaben knapp 64 % der Eltern an, dass ihre Kinder in der Freizeit regelmäßig Sport treiben, 23 % waren unregelmäßig sportlich aktiv, 13 % trieben keinen Sport. 58 % der Kinder waren im Sportverein Mitglied. Sowohl bei der Sportbeteiligung in der Freizeit als auch bei der Sportvereinsmitgliedschaft zeigten sich im Kindesalter keine Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen. Dem freien Spiel wurde von den Eltern eine ähnlich hohe Bedeutung zugeschrieben (90 % wichtig/ sehr wichtig) wie organisierten Sportangeboten im Verein (93 %). Der Sportverein nimmt unter den organisierten Sportangeboten Platz 1 ein, 58 % der sportaktiven Mädchen und 63 % der sportaktiven Jungen im Alter von 5 bis 12 Jahren übten ihren Sport (auch) im Sportverein aus. Neben informellen Sportorten nahm jedes vierte sportaktive Mädchen im Alter von 5 bis 12 Jahren an einem kommerziell organisierten Sportangebot teil. Die Hitliste der Sportarten bei den sportaktiven Jungen führten Fußball (58 %), Radfahren (50 %), Schwimmen (35 %) und Turnen (14 %) an. Bei den sportaktiven Mädchen nahmen Radfahren (41 %), Schwimmen (36 %), Tanzen (36 %) und Turnen (32 %) die ersten Rangplätze ein. Die 13bis 17/ 18-jährigen Jugendlichen wurden zu ihren Sportaktivitäten selbst befragt. 19 % der Jungen, 30 % der Mädchen und 78 % der non-binären Jugendlichen (N=7) gaben im Jahr 2024 an, in der Freizeit nicht sportlich aktiv zu sein. 35 % der Mädchen und 44 % der Jungen waren Mitglied im Sportverein. Die meisten sportaktiven Jugendlichen übten ihren Sport im Verein aus (43 % der Mädchen und 51 % der Jungen). Jedes dritte sportaktive Mädchen und jeder vierte sportaktive Junge im Alter von 13 bis 17/ 18 Jahren nutzte kommerzielle Angebote. 21 % der sportaktiven Mädchen und 22 % der sportaktiven Jungen übten ihren Sport in der Freizeit ausschließlich in informellen Settings aus. Die Hitliste der Sportarten bei den sportaktiven männlichen Jugendlichen führt Fußball (41 %), Fitness-/ Kraftsport (30 %), Radfahren (28 %), Laufen/ Joggen (17 %), Schwimmen (16 %) an. Sportaktive Mädchen sind besonders oft beim Fitness-/ Kraft‐ 76 II. Sport und Lebensphasen <?page no="77"?> sport (26 %), Tanzen (23 %), Schwimmen (21 %), Laufen/ Joggen (20 %) und Radfahren (18 %) zu finden. Die Sportengagements junger Menschen differenzieren nach sozialstrukturellen Merkmalen wie Geschlecht, Alter, Schulbildung oder Region (Dreiskämper et al., 2025; Burrmann et al, 2025b). 4.4.2 Gesellschaftliche Trends und mögliche Konsequenzen für die Sportengagements Versportung, Fitnesstrend, und Digitalisierung sind nur einige gesellschaftliche Trends, die mit Veränderungen in den Sportengagements von Kindern und Jugendlichen einhergehen könnten (siehe Kapitel 11). Mit der „Versportung jugendlicher Körper“ beschrieb Zinnecker (1989) einen Prozess der zunehmenden Bedeutung sportiver Praxen in der individuellen Lebensführung und im Lebenslauf des Einzelnen, der sich bereits seit den 1950er Jahren insbesondere bei Jugendlichen beobachten ließ, sich dann auf andere Altersphasen (z. B. Kindheit) ausgeweitet und verallgemeinert habe. Der Trend wurde in vielen Aspekten empirisch bestätigt (Burrmann & Mutz, 2017). Aktuelle Daten deuten allerdings darauf hin, dass im Jahr 2023 deutlich weniger Jugendliche in der Freizeit regelmäßig sportlich aktiv und Mitglied in einem Sportverein waren als noch vor rund zehn Jahren (Burrmann et al., 2024). Zugleich konstatieren Studien einen zunehmenden Bewegungsmangel bei Kindern und Jugendlichen (WHO, 2024). In Deutschland erfüllen 46 % der 4bis 5-Jährigen die WHO-Empfehlungen, bei den 11bis 17-Jährigen sind es nur noch 15 % (Bundesministerium für Gesundheit, 2022). Im Kontext der Versportungsthese beschrieb Zinnecker (1989) bereits einige Sportar‐ ten, die an Relevanz gewinnen würden, wie z. B. Joggen, Yoga, Karate. Diese sportlichen Aktivitäten seien strikt individualistisch, richten sich „auf den eigenen Körper, des‐ sen Leistungsfähigkeit, Gesundheit, ästhetische Modellierung, Bewegungsdynamik“ (Zinnecker 1989, S. 154). Bindel und Theis (2020) führen diese Argumentation implizit weiter, in dem sie den Fitnesssport als neuen Sporttrend im Alltag von Jugendlichen skizzieren. Eine hohe Beteiligung von jungen Menschen an Fitnesssportaktivitäten (Züchner, 2013) und die veränderten Orientierungen und Einstellungen zum Körper und Sporttreiben (Bindel & Theis, 2020) werden als Anhaltspunkte für diesen Trend gesehen. In der Move-for-Health-Studie wurden zwar Fahrradfahren, Schwimmen und Fußball häufiger genannt als Fitness- und Kraftsport. Dennoch ging im Jahr 2023 jede: r dritte Jugendliche im Alter von 15 bis 17 Jahren Fitnesssportaktivitäten in der Freizeit nach, bei den 13- und 14-Jährigen waren es 15 %, bei den Kindern im Alter von 5 bis 12 Jahren 5 % (Burrmann et al., 2025c). Zudem zeigten sich Unterschiede in den Beweggründen des Sporttreibens, je nachdem, ob in der Freizeit Fitnesssport, Tanzen oder Fußball ausgeübt wurde (Burrmann et al., 2024). Bindel und Theis (2020) verweisen zudem auf enge Bezüge zwischen Fitnesssport und der Nutzung sozialer Medien (siehe Kapitel 12). Insgesamt werden die Auswirkun‐ 4 Sportbezogene Sozialisation von jungen Menschen 77 <?page no="78"?> gen von Mediennutzung und Digitalisierung auf die Sportbeteiligung von Kindern und Jugendlichen in der Literatur kontrovers diskutiert. Sesshaftigkeit, ein inaktiver Lebensstil, Einsamkeit und Isolation, Konzentrationsprobleme sowie gesundheitliche Folgen werden im Review von Thulin und Vilhelmson (2019) als mögliche negative Auswirkungen einer intensiven digitalen und sozialen Mediennutzung genannt. Dem stehen positive Effekte wie „die Erleichterung sozialer Interaktion, die Förderung sozialer Kontakte über sozio-geografische Entfernungen und Grenzen hinweg, die Erweiterung der Informationssuche und des räumlichen Horizonts sowie die Bereiche‐ rung an Unterhaltungsmöglichkeiten“ (Thulin & Vilhelmson, 2019, ref. in Burrmann et al., 2024, S. 118) gegenüber. Diese Ambivalenz zeigt sich auch in den Daten der Move-for-Health-Studie. Zum einen gehörten mediale Freizeitaktivitäten im Jahr 2023 zu den wichtigsten Freizeitbeschäftigungen von jungen Menschen. Zum zweiten nutzte knapp die Hälfte aller Jugendlichen im Alter von 13 bis 17 Jahren digitale Medien zum Thema Sport. Zum Dritten schließen sich aktives Sporttreiben und vielfältige Mediennutzung nicht aus, so wie auch „nur“ ein Drittel der Nichtsportler: innen digitale Mediennutzung als wichtigste Freizeitbeschäftigung angab (Burrmann et al., 2025c; Braumüller, 2018). 4.4.3 Sozialisation zum Sport am Beispiel der Vermittlung und intergenerationalen Vererbung von Sportengagements in der Familie Der Familie, insbesondere den Eltern wird eine hohe Relevanz bei der Ausbildung und Förderung sportlicher Aktivitäten und Orientierungen ihrer Kinder zugeschrieben (vgl. bereits Baur, 1989; Georg et al., 1996). Die Struktur des Lebensraums, den die Familie ihren Kindern zur Verfügung stellt und die darin eingebundenen intergenerationalen Transferbeziehungen, dürfte für die Entwicklung und Förderung der Sportengagements der Kinder relevant sein (vgl. Zinnecker, 1994; Stecher, 2001). Dabei sind (1) die familialen Wohnverhältnisse und die damit vorgegebenen Bewegungsräume (z. B. Einfamilienhaus mit Garten oder kein eigenes Kinderzimmer in einem Plattenbau) sowie (2) die im Haushalt vorhandenen Sportgeräte zu berücksichtigen. In Betracht zu ziehen sind auch (3) die elterlichen Erziehungsvorstellungen, inklusive der Vorstellungen über die Bedeutung sportlicher Aktivität für die Entwicklung der Kinder. (4) Die Sportbeteiligung und Sportkarrieren der Eltern und die damit verkoppelten sportbezogenen Erfahrungen dürften auch ihre Vorstellungen über bzw. die Einstellungen zum Sport der Kinder beeinflussen. Sportliche Eltern dürften zugleich als Verhaltensmodelle wirken und darüber ihre Kinder zur Sportbeteiligung anregen. Zu berücksichtigen sind aber auch (5) die intergenerationalen Transferbeziehungen zwischen Eltern und Kindern (Burrmann, 2005). Neben den kulturellen Transferleistungen (z. B. Stellenwert von Sport als Element der Alltagskultur im Vergleich zu schulischen Bildungsinhalten, zur Teilnahme an 78 II. Sport und Lebensphasen <?page no="79"?> der Musikkultur etc.) lassen sich unterscheiden: psychosoziale Transferbeziehungen (gemeint ist die Qualität der emotionalen und sozialen Eltern-Kind-Beziehungen), der Transfer persönlicher Dienstleistungen (z. B. spezielle Haushalts- und Fahrdienste der Eltern für den Sport ihrer Kinder) sowie materielle und finanzielle Transferleistungen (z. B. Sportausrüstungen kaufen, für Mitgliedsbeiträge und Wettkampfkosten aufkom‐ men). Wie an den o. g. Beispielen deutlich wird, variiert der familiale Lebensraum bzw. das sozialökologische Ambiente mit der Verortung der Familie im sozialen Raum. Kinder aus Familien, die beispielsweise auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, werden vermutlich eher in wenig bewegungsfreundlichen Wohnverhältnissen aufwachsen, als das in gut situierten Familien der Fall sein dürfte. Auch die Ausstattung der Familie mit Sportgeräten, die allgemeinen und sportbezogenen Erziehungsorientierungen der Eltern, das Sportengagement der Eltern, der Transfer persönlicher Dienstleistungen oder die finanzielle Unterstützung der Eltern dürfte durch die sozialstrukturellen Konstellationen der Herkunftsfamilie mit konstituiert werden. Gleichwohl ist nicht auszuschließen, dass beengte Wohnverhältnisse oder knappe finanzielle Ressourcen bis zu einem gewissen Grad kompensiert werden können, beispielsweise durch Bewegungs- und Sportaktivitäten, die im Freien stattfinden, durch das Aufsuchen von kostengünstigen oder -freien Sport- und Bewegungsangeboten, durch die Inan‐ spruchnahme von Leistungen nach dem Bildungs- und Teilhabepaket oder durch die psychosoziale Qualität der Eltern-Kind-Beziehungen (Burrmann, 2005). Viele dieser Annahmen wurden in der Vergangenheit aufgegriffen und bestätigt (Schmiade & Mutz, 2012; Hayoz et al., 2016, 2019). Aktuelle Daten der MfH-Studie bestätigen ebenfalls die große Bedeutung, die den Eltern beim Zugang der Kinder zum Sport zukommt. Treiben beide Elternteile oder Bezugspersonen keinen Sport in der Freizeit, so sind gut 50 % ihrer Kinder in der Freizeit regelmäßig sportlich aktiv. Wenn beide Elternteile sportlich aktiv sind, treiben über 85 % der Kinder regelmäßig Sport. Noch deutlicher fallen die Unterschiede bei der Sportvereinsmitgliedschaft aus: 43 % der Kinder, deren Eltern keine Sportvereinsmitgliedschaft besitzen, sind Mitglied in einem Sportverein. Verfügen beide Eltern über eine Sportvereinsmitgliedschaft, sind über 90 % ihrer Kinder ebenfalls Mitglied in einem Sportverein. Mittlere positive Zusammenhänge zeigen sich zwischen der Verfügbarkeit von Sportgeräten im Haushalt, dem sportfreundlichen Familienklima, elterlichen Unter‐ stützungsleistungen einerseits und der Sportbeteiligung (r s =. 30 bis .53, p<.01) bzw. Sportvereinsmitgliedschaft der Kinder andererseits (r s =. 27 bis .50, p<.01). Die Verfüg‐ barkeit von Sportgeräten, die Sportbeteiligung der Eltern und die Unterstützungsleis‐ tungen der Eltern korrelieren im mittleren Ausmaß mit dem Bildungshintergrund der Eltern (r s zwischen .21 und .32, p<.01) und in geringem Ausmaß mit den finanziellen Ressourcen der Familie (r s zwischen .05 und .16, p<.01). Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass sich Unterschiede in der Sportbeteili‐ gung von Kindern nach wie vor auf ungleiche elterliche Anregungen und Unterstüt‐ zungsleistungen zurückführen lassen. In multivariaten Regressionsanalysen (hier nicht 4 Sportbezogene Sozialisation von jungen Menschen 79 <?page no="80"?> dargestellt) erweist sich die elterliche Sportbeteiligung, auch wenn die Eltern in diesem Fall möglicherweise als Verhaltensmodelle fungieren, sozialisatorisch weniger wirk‐ sam als sportbezogene Unterstützungsleistungen der Eltern und ein sportfreundliches Familienklima, wenngleich die Merkmale auch untereinander korrelieren. Einschrän‐ kend ist auf mögliche negative Effekte elterlichen Drucks und überzogener Erwartun‐ gen an die sportlichen Leistungen der Kinder hinzuweisen, die in der MfH-Studie nicht erhoben wurden. Ungleiche Bildungsabschlüsse und finanzielle Ressourcen in der Familie leisten nicht immer einen eigenständigen Anteil zur Vorhersage der Sportbeteiligung der Kinder, sie wirken jedoch vermittelt über Merkmale des familialen Lebensraums und tragen so zur Tradierung sozialer Ungleichheiten im Sport bei. Neben der sportbezogenen Sozialisation in der Familie dürften Prozesse der Peer- und Selbstsozialisation mindestens eine ebenso bedeutende Rolle spielen und v. a. mit zunehmendem Lebensalter an Relevanz gewinnen. Die MfH-Daten deuten darauf hin, dass eher in einen Sportverein eingetreten wird, wenn es die Freunde auch tun. 54 % der männlichen und 50 % der weiblichen Jugendlichen übten ihre wichtigsten Sportaktivitäten im Verein aus, weil die Freunde auch im Verein waren (Burrmann et al., 2025c, S. 90). 18 % der Jungen und 15 % der Mädchen im Alter von 13 bis 17 Jahren traten aus dem Verein aus, weil auch die Freunde nicht mehr im Verein waren oder ausgetreten sind (Burrmann et al., 2025c, S. 91). Und schließlich gaben 8 % der männlichen und 21.5 % der weiblichen Jugendlichen, die in der Freizeit keinen Sport treiben, als Grund für ihre Sportabstinenz an, dass sich ihr Freundeskreis für Sport nicht interessieren würde (Burrmann et al., 2025c, S. 77). Eine umfassende Analyse zur Peersozialisation im Schul- und Freizeitsport finden Sie bei Zander und Thiele (2020). 4.4.4 Sozialisation im und durch Sport am Beispiel der Partizipation von Jugendlichen im Sportverein Sportvereine als demokratisch verfasste Freiwilligenvereinigungen basieren auf der Selbstorganisation ihrer Mitglieder. Vereinspolitik und Vereinsleben können (und müssen) also unmittelbar durch die Mitglieder selbst gestaltet werden. Zwei Voraus‐ setzungen sind dabei zu berücksichtigen: Zum einen müssen die Mitglieder die Möglichkeit haben, ihre mit dem Sport assoziierten Interessen artikulieren und über Verfahren demokratischer Entscheidungsfindung in die Vereinspolitik einbringen zu können. Das Recht zur Partizipation von jungen Menschen ist beispielsweise in der UN-Kinderrechtskonvention (§12) sowie im Kinder- und Jugendhilfegesetz (SGB VIII) verankert. Zum zweiten müssen die Mitglieder auch bereit sein, im Verein Aufgaben freiwillig zu übernehmen, um ihre Interessen in der „Praxis des Vereinslebens“ zu realisieren (vgl. bereits Baur & Braun, 2000; Baur & Burrmann, 2003). In Sportvereinen gibt es nun eine Vielzahl an Partizipationsmöglichkeiten, die von der Mitgestaltung von kleinen Trainingsanteilen ohne einen festen Posten bekleiden zu müssen bis hin zur Übernahme von ehrenamtlichen Aufgaben als Übungsleiter: in oder Jugendwart reichen (Nagel, 1998; Quade et al., 2024). Eine geläufige Annahme besteht darin, dass in 80 II. Sport und Lebensphasen <?page no="81"?> (Sport-)Vereinen Demokratie als Lebens- und Regierungsform „im Kleinen“ eingeübt werden kann. Sportvereine seien „Schulen der Demokratie“ (Braun, 2021; Jaitner, 2018). Die strukturellen Möglichkeiten zur Partizipation dürften mit der Bereitschaft der Jugendlichen zur Partizipation zusammenhängen. Zudem könnte die Partizipation der Jugendlichen im Sportverein - so eine Transferannahme - demokratische Handlungs‐ kompetenzen nicht nur im Sportverein, sondern auch in anderen Lebensbereichen fördern. Definition | Partizipation Partizipation wird im Kontext der Jugendarbeit als Sammelbegriff für unter‐ schiedliche Dimensionen der Mitsprache, Mitwirkung, Mitbestimmung, Mitent‐ scheidung, Einmischung, des Engagements, der Teilhabe und Teilnahme betrach‐ tet (Hafeneger, 2005). In der MfH-Studie wurden verschiedene Partizipationsmöglichkeiten abgefragt. Etwa 9 bis 14 % der 13bis 18-Jährigen gaben im Jahr 2024 an, dass es entsprechende Beteiligungsmöglichkeiten in ihrem Sportverein gibt (z. B. Wahl der Jugendvertretung, Stimmrecht von Jugendlichen in der Hauptversammlung). Etwa 15 % der Befragten engagierten sich in ihrem Verein freiwillig (z. B. durch Mithilfe bei Vereinsfesten) oder ehrenamtlich (z.-B. als Übungsleiter: in oder Jugendsprecher: in). Während einerseits 30 bis 50 % der Jugendlichen in Angelegenheiten und Entschei‐ dungsprozesse der Sportgruppe eingebunden werden (vgl. Abb. 4.1), gibt es anderer‐ seits einen nicht unerheblichen Anteil an Altersgleichen, die gar nicht mitentscheiden wollen. 49 % der Jugendlichen stimmten der Aussage, „es ist mir nicht wichtig in meiner Trainingsgruppe mitzubestimmen, ich fühle mich auch so wohl“, eher oder voll und ganz zu. 39 % der Befragten waren eher oder voll und ganz der Meinung, dass die Trainer: innen allein entscheiden sollten, was im Training geschieht. 27 % stimmten der Aussage eher oder völlig zu, dass sie bei wichtigen Entscheidungen in der Trainingsgruppe nicht mitbestimmen wollen, sondern lieber das ausführen, was entschieden wurde. 11 13 17 16 19 21 14 24 31 33 19 27 27 24 25 17 12 9 25 15 Planung und Durchführung außersportlicher Aktivitäten Planung und Durchführung von Trainingsinhalten Wahl Gruppensprecher: in Entscheidung über Wettkampfteilnahme nie selten manchmal oft immer Abb. 4.1: Beteiligungsmöglichkeiten von Jugendlichen in der Sportgruppe im Jahr 2024 (N > 488). 4 Sportbezogene Sozialisation von jungen Menschen 81 <?page no="82"?> Bivariate Korrelationen zeigen, dass Partizipationsmöglichkeiten in der Trainings‐ gruppe und im Verein mit der Engagementbereitschaft der Jugendlichen in Zusammen‐ hang stehen, wenngleich die Korrelationen eher niedrig ausfallen (r=.14 bzw. r=.16, p<.01). Ebenso korreliert der fehlende Wunsch nach Partizipation negativ mit den Mög‐ lichkeiten zur Partizipation (r=-.24 bzw. -.13, p<.01). Die Beteiligungsmöglichkeiten in der Trainingsgruppe sind wiederum positiv korreliert mit demokratischen Einstellun‐ gen (r=.33, p<.01), demokratischer Urteilsfähigkeit (r=.26, p<.01) und demokratischen Handlungskompetenzen (r=.37, p<.01) der Jugendlichen. Je mehr Jugendliche in der Trainingsgruppe partizipieren, desto stärker sind die drei Subdimensionen der demo‐ kratischen Handlungskompetenz ausgeprägt. Beispiel | Items zur demokratischen Handlungskompetenz Inwiefern treffen folgende Aussagen auf deine Trainingsgruppe zu (Antwortka‐ tegorien von 1= trifft gar nicht zu bis 5=trifft voll und ganz zu)? In meiner Trainingsgruppe sollten alle mitbestimmen dürfen, was gemacht wird (Beispiel für Einstellungen). / Ich höre mir in meiner Trainingsgruppe die Argumente anderer an und reflektiere meine eigenen (Beispiel für Urteilsfähigkeit). / In Diskussionen und Auseinandersetzungen in meiner Trainingsgruppe vertrete ich klar meine Meinung (Beispiel für Handlungsfähigkeit). Die Originalskalen stammen von Bouchehri (2023). Aus den MfH-Daten lassen sich einige Schlussfolgerungen in Bezug auf die vereinsor‐ ganisierte Jugendarbeit ziehen: Die Partizipationsmöglichkeiten der Jugendlichen im Sportverein sind ausbaufähig, die Möglichkeiten zur Partizipation scheinen eher abals zugenommen zu haben (Breuer & Feiler, 2021). Es könnte sich lohnen, Jugendliche niederschwellig an ein Engagement heranführen (vgl. dazu Quade et al., 2024). Durch stärkere Beteiligung und Einbindung der Mitglieder können nicht nur Potenziale und Ideen der jungen Menschen genutzt werden, sondern auch eine bessere Identifikation mit und so auch eine stärkere Bindung an den Sport/ den Verein erzielt werden (Burrmann et al., 2025a). Einschränkend wird darauf hingewiesen, dass alle Aussagen auf Selbsteinschätzun‐ gen der Jugendlichen basieren. Zudem handelt es sich um Querschnittdaten, so dass offen bleiben muss, ob die Mitwirkung von Jugendlichen bei Entscheidungsprozessen im Sportverein oder die Übernahme von Aufgaben demokratische Handlungskom‐ petenzen fördert oder umgekehrt demokratische Handlungskompetenzen zu einer erhöhten Bereitschaft führen, sich für und im Verein zu engagieren. Zudem wurde die Transferannahme nicht geprüft. 82 II. Sport und Lebensphasen <?page no="83"?> 4.5 Fazit und Ausblick Begriffsverständnisse verändern sich mit der Zeit, so auch der Sozialisationsbegriff. In den vergangenen Jahrzehnten haben sich interaktionale Konzepte von Sozialisation als konsensfähig erwiesen, die auch in der Forschung zur sportbezogenen Sozialisation vorherrschend sind. Interaktionale Konzepte von Sozialisation enthalten einen invari‐ anten Kern von forschungsleitenden Annahmen. Je nach Problem- und Fragestellung ist eine Erweiterung und Präzisierung über Brückentheorien und Zusatzannahmen erforderlich. Die Funktionen eines heuristischen Rahmens bestehen u. a. darin, dass er Annahmen begründen und Hypothesen generieren, eine theorieorientierte empirische Forschung anleiten und einen „Ordnungsrahmen“ zur Verortung der gewonnenen empirischen Befunde und für die Weiterentwicklung des Annahmenzusammenhangs bieten kann (vgl. bereits Baur & Burrmann, 2008). Methodisch lassen sich sozialisati‐ onstheoretische Fragestellungen am ehesten durch multimethodische längsschnittli‐ che Designs realisieren, die in der Sportwissenschaft noch rar sind (Ausnahmen u. a. Albert, 2017; Conzelmann et al., 2011). In Bezug auf die sportbezogene Sozialisation lassen sich eine Sozialisation zum, im und durch Sport unterscheiden. An Beispie‐ len der Move-for-Health-Studie wurden diese Perspektiven exemplarisch erläutert, wenngleich hier nur querschnittliche Befunde präsentiert wurden. Die Studie bietet allerdings Ansatzpunkte sowohl für längsschnittliche Betrachtungen als auch für eine fruchtbare Verschränkung von quantitativen und qualitativen Daten (Bartsch et al., 2025). Weiterführende und vertiefende Literatur Als Einführung in das Forschungsfeld im Allgemeinen eignen sich die Einfüh‐ rungsbücher von Bauer und Hurrelmann (2021) oder Grundmann (2006). Wenn Sie sich intensiver mit Fragen der schulischen und Peersozialisation befas‐ sen möchten, lesen Sie das Buch von Zander und Thiele (2020). Mit Fragen der Sozialisation von Jugendlichen mit Migrationsgeschichte befassen sich Burrmann et al. (2015) und Mutz (2018). Lesenswert ist hinsichtlich der Sozialisation durch Sport das Buch von Conzel‐ mann et al. (2011) zur Berner Interventionsstudie zum Schulsport. Einige Beispiele für längsschnittliche Untersuchungen in der Sozialisationsfor‐ schung finden Sie bei König und Türkyilmaz (2020). Lesenswert ist auch die qualitative Längsschnittstudie von Albert (2017) über die Sportengagements von sozial benachteiligten Jugendlichen. Wer mehr zur Move-for-Health-Studie wissen möchte, kann bei Dreiskämper et al. (2025) nachlesen. 4 Sportbezogene Sozialisation von jungen Menschen 83 <?page no="84"?> Literaturverzeichnis Abels, H., & König, A. (2016). Sozialisation. Über die Vermittlung von Gesellschaft und Individuum und die Bedingungen von Identität (2., überarb. und erw. Aufl.). Springer VS. Albert, K. (2017). Sportengagement sozial benachteiligter Jugendlicher. Eine qualitative Längs‐ schnittstudie in den Bereichen Freizeit und Schule. Springer VS. 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Sport und Lebensphasen <?page no="85"?> oads/ Publikationen/ Publikationssuche_SEB/ SEB2020_2022Teil1.pdf ? __blob=publicationFile &v=1 Bundesministerium für Gesundheit, (2022). Bewegungsförderung bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. Bestandsaufnahme (Kurzversion). Online verfügbar unter: https: / / www.bund esgesundheitsministerium.de/ service/ publikationen.html. Burrmann, U. (2021). Sportbezogene Sozialisation. In A. Güllich & M. Krüger (Hrsg.), Hand‐ buch Sport und Sportwissenschaft, Sektion Sportsoziologie, Sport in Kultur und Gesellschaft (S.-197-216). Springer. Burrmann, U. (2007). Die Sicht der Jugendlichen auf den vereinsorganisierten Sport. In U. Burrmann (Hrsg.), Zum Sportverständnis von Jugendlichen (S.-237-280). Sportverlag Strauß. Burrmann, U. (2005). Zur Vermittlung und intergenerationalen „Vererbung“ von Sport (ver‐ eins)engagements in der Herkunftsfamilie. Sport und Gesellschaft - Sport and Society, 2, 125-154. Burrmann, U., & Mutz, M. (2017). 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Beltz. 4 Sportbezogene Sozialisation von jungen Menschen 87 <?page no="89"?> 5 Sport und Alter(n) Theresa Hoppe Lernziele | Die Leser: innen ● können das Modell des aktiven Alterns erläutern, kritisch einordnen und von defizitorientierteren Konzepten abgrenzen, ● verstehen, was mit der sozialen Konstruktion von Alter gemeint ist und können zwischen einem biologischen, chronologischen und sozialen Alter differenzieren, ● können reflektiert einschätzen, warum ältere Menschen im Kontext sportlicher Aktivität als eine besonders heterogene und diverse Zielgruppe betrachtet werden (sollten), ● kennen Altersbilder und ihre Auswirkungen im Kontext sportlicher Aktivität, ● können die Motive und Barrieren sowie die am häufigsten von älteren Men‐ schen betriebenen Sportarten und -settings nennen, ● erkennen die vielfältigen Potenziale, die Sport und Bewegung im höheren Lebensalter mit Blick auf die gesellschaftliche Herausforderung des demogra‐ fischen Wandels bieten können. Wissens-Check | Zu diesem Kapitel werden online Lernfragen angeboten. Sie können diese über den QR-Code scannen oder über den folgenden Link aufrufen: https: / / narr.kwaest.io/ s/ 1481. 5.1 Einleitung Der demografische Wandel stellt aktuell eine der größten gesellschaftlichen Heraus‐ forderungen dar. Deutschland verzeichnet durch den stetig wachsenden Anteil älterer Menschen bei gleichzeitigem Rückgang der jungen Bevölkerung weiterhin eine zuneh‐ mende Alterung der Bevölkerung. Der Anteil über 67-Jähriger an der Bevölkerung betrug 2021 ca. 20 % und wird weiter steigen (Statistisches Bundesamt [Destatis], 2022). Aufgrund der längeren Lebenserwartung von Frauen sind knapp zwei Drittel der über 80-Jährigen weiblich (Destatis, 2025b), weshalb auch von einer Feminisierung des Alters gesprochen wird. Die steigende Lebenserwartung und der wachsende Anteil Älterer an der Bevölke‐ rung haben dazu geführt, dass die Frage nach der Erhaltung oder Verbesserung von Ak‐ <?page no="90"?> tivität, Teilhabe und Gesundheit älterer Menschen stärker in den Mittelpunkt gerückt ist. Der folgende Beitrag beschäftigt sich daher intensiver mit der Frage danach, was Sport und Bewegung vor dem Hintergrund der unterschiedlichen Lebenssituationen Älterer für die Erhaltung oder Verbesserung von Aktivität, Teilhabe und Gesundheit der älteren Menschen leisten können und inwiefern hierbei ein stärkerer Fokus auf benachteiligtere Gruppen Älterer gelegt werden kann. 5.2 Heterogenität im höheren Lebensalter Trotz unterschiedlich definierter Altersgrenzen, ab wann jemand als „alt“ gilt - ob beispielsweise ab 60plus, 70plus oder auch „ab Renteneintritt“ - umfasst diese Gruppe mit jeder dieser Definitionen eine große Altersspanne und mehrere Generationen. Zwar wird häufig von „den Älteren“ gesprochen, jedoch besteht im höheren Lebensal‐ ter eine sehr große Bandbreite an Lebensrealitäten, von „älteren Arbeitnehmer: innen“ in Unternehmen über selbstständig lebende Renter: innen hin zu durch pflegende Angehörige unterstützt (zu Hause) oder in Institutionen versorgten Pflegebedürftigen. Dazu kommen individuelle Lebensbiografien mit möglicher Migrationsgeschichte, variierende kognitive, körperliche sowie soziale Ressourcen und unterschiedliche Bil‐ dungshintergründe, was die insgesamt hohe Diversität (siehe Kapitel 6) „der Älteren“ erahnen lässt. Wesentliche Unterschiede zeigen sich beispielsweise bei der Lebensform älterer Menschen. Während ca. zwei Drittel der 65bis 84-Jährigen mit einer oder einem Partner: in zusammenleben, leben bei den 85-Jährigen und Älteren insgesamt 56 % allein - davon aufgrund der unterschiedlichen Lebenserwartung 71 % der Frauen und nur 32 % der Männer (Destatis, 2025b). Von den Ende 2023 ca. 5,7 Mio. pflegebedürftigen Menschen (nach SGB XI) wurden ungefähr 86 % zu Hause von Angehörigen und/ oder mit Hilfe von Pflegediensten und ca. 800.000 Pflegebedürftige (14 %) in stationären Pflegeeinrichtungen versorgt (ebd.). Im Kontext der Lebenssituation hat das Thema Einsamkeit in den letzten Jahren eine stärkere Aufmerksamkeit erfahren. Definition | Einsamkeit Einsamkeit ist die subjektive Wahrnehmung einer Person, bei der die eigenen sozialen Beziehungen in quantitativer oder qualitativer Weise als unzureichend empfunden werden (de Jong Gierveld et al., 2006). Eine erhöhte Einsamkeitsbelastung bei Menschen, die partnerlos und/ oder allein im Haushalt leben, besteht häufig dann, wenn sie zudem verwitwet sind (Heu et al., 2021). In der Altersgruppe 70-75 Jahre sind fast ein Viertel aller Frauen und ab 80 knapp zwei Drittel verwitwet. Männer sind demgegenüber deutlich seltener verwitwet (Destatis, 2025c). Trotz häufigerer Verwitwung älterer Menschen im Vergleich zu Jüngeren sind 90 II. Sport und Lebensphasen <?page no="91"?> Ältere laut Einsamkeitsbarometer 2021 nicht signifikant öfter von Einsamkeitsbelas‐ tungen betroffen als andere Altersgruppen. 9,8 % der 51bis 75-Jährigen und 10,2 % der über 75-Jährigen fühlten sich einsam (BMFSFJ, 2024). Allerdings weisen Erhebungen wie die D80+ Studie zur Lebensqualität und zum Wohlbefinden hochaltriger Menschen in Deutschland darauf hin, dass Einsamkeit und soziale Isolation in der Altersgruppe 80+ tendenziell verbreiteter sind als in jüngeren Altersgruppen innerhalb der späten Lebensphase (Kaspar et al., 2023b; Wagner & Zank, 2022). Hier beschrieben sich 22,1 % der Personen ab 90 Jahren, aber nur 8,7 % der 80bis 84-Jährigen als einsam. Zudem sind Hochaltrige in vollstationären Pflegeeinrichtungen einsamer als die Gesamtgruppe der Hochaltrigen (ebd.). In der Phase des höheren Lebensalters zeigen sich darüber hinaus im Zugang zu Ressourcen, Pflege und Teilhabe an der Gesellschaft signifikante Unterschiede u. a. nach Geschlecht, sozioökonomischem Status und Migrationsgeschichte. So sind die Lebensumstände hochaltriger Frauen im Vergleich zu denen gleichaltriger Männer oftmals schwieriger. Sie wohnen häufiger zur Miete, sind stärker armutsgefährdet, fühlen sich häufiger einsam und werden im Fall von Hilfebedarf seltener privat versorgt (Wagner & Zank, 2022; Kaspar et al., 2023b). Hinzu kommt nicht selten ein Zusam‐ menspiel mehrerer sozialer Kategorien (Intersektionalität, siehe Kapitel 6), bei dem sich verschiedene Formen von Diskriminierung und Privilegierung überschneiden, gegenseitig verstärken oder beeinflussen. Besondere soziale Herausforderungen oder eine soziale Benachteiligung gehen zumeist mit größeren Gesundheitsbelastungen und einem riskanteren Gesundheits‐ verhalten einher. Beispielsweise führen Einsamkeitsbelastungen häufig zu einer er‐ heblichen Verschlechterung der psychischen und physischen Gesundheit, wie z. B. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Depressionen, Schlafproblemen oder einer höheren Mortalität (Bücker, 2022; Griffin et al., 2020; McClelland et al., 2020). Die soziale Ungleichheit, die auch im höheren Alter weiter fortbesteht, manifestiert sich in deutlichen Unterschieden in der Lebenserwartung, Gesundheit und gesundheitsrele‐ vanten Parametern (z. B. Ernährungsweise, Alkohlkonsum, Sportengagement etc.) sowie der Lebensqualität. Menschen mit niedrigem Sozialstatus (i. d. R. basierend auf einem Index aus Bildung, Beruf und Einkommen) sterben früher, haben häufiger mehrere chronische Krankheiten (Multimorbidität) und verbringen weniger gesunde Lebensjahre (Lampert & Hoebel, 2019) (siehe Kapitel 6). Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass ein Teil der Älteren noch selbst‐ ständig lebend sowie sozial gut eingebunden ist und an der Gesellschaft teilhaben kann, während andere eher (un)gewollt zurückgezogen leben, teils einsam sind oder den Großteil ihres Alltags in einer Pflegeeinrichtung verbringen (Kaspar et al., 2023a). Unterschiede innerhalb von Altersgruppen sind oftmals größer als zwischen ihnen (Lang et al., 2022). So sind manche Ältere jenseits der 80 kognitiv noch äußerst leis‐ tungsfähig, während bei anderen eine kontinuierliche Abnahme erkennbar ist (Godde et al., 2016). Eine Kategorisierung nach dem chronologischen Alter scheint daher wenig angemessen (Bödecker, 2026). Die insgesamt hohe Diversität der Zielgruppe Älterer gilt 5 Sport und Alter 91 <?page no="92"?> es auch im Kontext des Sports zu berücksichtigen, um alle Zielgruppen - insbesondere auch die benachteiligteren - zu erreichen und bei einem aktiven Altern zu unterstützen. 5.3 Aktives Alter(n) und die soziale Konstruktion von Alter Zum (Leben im) Alter und zum Prozess des Älterwerdens entwickelten sich über die letzten Jahrzehnte verschiedene Altersmodelle, die den Alternsprozess zu beschreiben, verstehen und strukturieren versuchen. In Deutschland dominierte im öffentlichen Diskurs zunächst eine biomedizinisch defizitorientierte Perspektive auf das Alter(n), bei der diese Lebensphase vor allem vor dem Hintergrund eines unweigerlichen körperlichen und kognitiven Abbaus und einer damit einhergehenden Abhängigkeit betrachtet wurde (Defizitmodell) (van Dyk, 2020; Backes & Clemens, 2013). Infolgedes‐ sen sollte ein Rückzug Älterer aus der Gesellschaft (Disengagement) stattfinden, der als von allen Seiten gewollt und funktional beschrieben wurde (Cumming & Henry, 1961). 5.3.1 Konzept des Aktiven Alter(n)s Im Zuge der alternden Gesellschaft und einer damit einhergehenden intensiven Debatte über die Funktionsweise des Renten-, Gesundheits- und Pflegesystems wird die Leistungsfähigkeit und Teilhabe Älterer an der Gesellschaft seit Ende der 1990er Jahre intensiv diskutiert. Internationale Organisationen wie z. B. die World Health Organisation (WHO) oder die Vereinten Nationen (UN) unterstützen die neueren Konzepte eines aktiven und produktiven Alter(n)s (van Dyk, 2020), bei denen im Gegensatz zu der defizitorientierten Perspektive auf das Alter(n) seither nun eher die Kompetenzen, produktiven Potenziale und Stärken Älterer hervorgehoben werden. Das „Aktive Altern“ („active ageing”) entwickelte sich in Europa zu einem der wissen‐ schaftlich und politisch am meisten diskutierten Konzepte für das Leben im Alter und als zentrale politische Strategie zur Bewältigung der demografischen Alterung (Foster & Walker, 2021). Definition | Aktiv Altern Die WHO (2002, S. 12) versteht unter Aktiv Altern „den Prozess der Optimierung der Möglichkeiten von Menschen, im zunehmenden Alter ihre Gesundheit zu wahren, am Leben ihrer sozialen Umgebung teilzunehmen und ihre persönliche Sicherheit zu gewährleisten, und derart ihre Lebensqualität zu verbessern.“ Gemeint ist damit zum einen, über einen gesundheitsbewussten Lebensstil die eigene Lebensqualität zu bewahren, welche nachweislich eng mit dem Gesundheitszustand sowie der körperlichen Leistungsfähigkeit einer Person in Zusammenhang steht (WHO, 2023; Kojima et al., 2016; Kiełtyka-Słowik et al., 2024; Marquez et al., 2020). 92 II. Sport und Lebensphasen <?page no="93"?> Darüber hinaus geht das Konzept jedoch auch mit der Forderung einher, dass ältere Menschen produktiv bleiben soll(t)en (Foster & Walker, 2021). Von ihnen wird erwartet, dass sie über die aktive Erhaltung ihrer Gesundheit erstens so lange wie möglich selbstständig und unabhängig von fremder Hilfe bleiben und zweitens zusätzlich dazu einen Beitrag zur Gesellschaft leisten. Über die Nutzbarmachung der Potenziale und Ressourcen Älterer soll so den Herausforderungen für das gesamte Sozial- und Gesundheitssystem durch die Bevölkerungsalterung begegnet und die Belastung für die jüngeren Generationen verringert werden. Betont wird hierbei, dass dies durchaus auch von den Älteren selbst gewollt sei, um zukünftigte Generationen zu entlasten und weiterhin an der Gesellschaft teilhaben zu können (van Dyk, 2020). Van Dyk (ebd.) unterscheidet bezüglich des Beitrags zur Gesellschaft drei Aktivitätsfelder: 1. die Erwerbsarbeit, die aufgrund der steigenden Lebenserwartung bei gleichzeiti‐ gem Fachkräftemangel u. a. durch die Rücknahme von Frühverrentungsoptionen und Heraufsetzung der Regelaltersgrenze bereits forciert wird; 2. die Ausübung freiwilliger Aktivitäten für andere, wie bspw. ehrenamtliche Tätig‐ keiten oder auch Betreuungs- und Pflegeleistungen im sozialen Umfeld (z. B. Betreuung von Enkelkindern) sowie 3. Aktivitäten, die dem eigenen gesunden und leistungsfähigen Altern dienen, d. h. sportliche Aktivitäten, eine gesunde Ernährungsweise, mentales Training und lebenslanges Lernen (ebd.). Zu 1.: Zwischen 2014 und 2024 ist ein deutlicher Anstieg in der Erwerbsbeteiligung der 55bis 64-Jährigen und auch der 65bis 69-Jährigen jenseits des regulären Renteneintrittsalters erkennbar (Destatis, 2025a). Möglich ist dies erst durch die länger bestehende körperliche und kognitive Leistungsfähgkeit Älterer. Heutige 60-Jährige sind im physiologischen Vergleich deutlich leistungsfähiger als damalige (Beard et al., 2025). Dies bestätigt sich auch mit Blick auf das subjektive Alter, d. h. wie alt sich jemand fühlt. Auch hier ist über die Kohorten hinweg ein Verjüngungseffekt erkennbar (Wettstein et al., 2023). Beispiel | Laufzeiten im Lebensverlauf Leyk et al. (2010), die über 900.000 Laufzeiten von 20bis 79-jährigen (Halb-)Mara‐ thonteilnehmer: innen analysierten, zeigten, dass die Leistungsverluste der älteren Ausdauersportler: innen lediglich gering ausfielen. 25 % der 65bis 69-Jährigen waren sogar schneller als 50 % der 20bis 54-jährigen Langstreckenläufer: innen. Dies verdeutlicht bereits das große Potenzial von gezieltem körperlichen Training. Zu 2.: Freiwilliges Engagement ist ein zentraler Baustein für eine funktionierende Gesellschaft inkl. ihres Zusammenhalts und findet in unterschiedlichen gesellschaftli‐ chen Bereichen statt. Neben dem Benefit für die Gesellschaft bietet es Menschen, die 5 Sport und Alter 93 <?page no="94"?> nicht (mehr) erwerbstätig sind, gesellschaftliche Teilhabe und kann das Gefühl sozialer Ausgrenzung mindern (Simonson et al., 2025). Der 5. Deutsche Freiwilligensurvey aus dem Jahr 2019 (Simonson et al., 2022) zeigt, dass die Anteile freiwillig Engagierter seit 1999 in allen Altersgruppen, aber besonders bei den ab 65-Jährigen zugenommen haben. Die Engagementquote stieg hier von 18 % (1999) auf 31,2 % (2019) und ist damit unter allen Altersgruppen trotzdem die niedrigste. Bei den 50bis 64-Jährigen lag sie 2019 bei 40,6 % (1999: 32,4 %). Eine frühere Sonderauswertung zum freiwilligen Engagement Älterer (Vogel et al., 2017) stellte heraus, dass Männer und Personen mit höherem Bildungsstatus oder guter subjektiver Gesundheit häufiger freiwillig engagiert sind. Am häufigsten sind die 55bis 74-jährigen Frauen und Männer im Bereich des Sports engagiert, während dieser bei der Gruppe 75+ erst an zweiter Stelle steht. Zu den freiwilligen Aktivitäten für andere gehören aber auch Versorgungstätigkei‐ ten im Krankheitsfall oder die Pflege einer nahestehenden pflegebedürftigen Person im häuslichen Bereich, die nach wie vor überwiegend (auch ältere) Frauen leisten (ebd.; Klaus & Tesch-Römer, 2017; Rebaudo et al., 2022). Zu 3.: Unter die Aktivitäten für das eigene gesunde Altern fallen in besonderem Maße auch sportliche Aktivitäten. Die vielfältigen positiven Effekte eines gezielten körper‐ lichen Trainings für sowohl selbstständig lebende ältere Menschen als auch Ältere mit bereits bestehenden chronischen Erkrankungen oder funktionellen Einschränkungen gelten als umfassend erwiesen (Zacher et al., 2020; Köppel, 2023; Wackerhage et al., 2022). Gerade Pflegebedürftige, die sich häufig an einer Schwelle zum Verlust ihrer Mobilität und Selbstständigkeit befinden, können maßgeblich von gezielten Kraft-, Beweglichkeits- oder Gleichgewichtstrainings profitieren (de Souto Barreto et al., 2016). Auch zwischen der körperlichen und kognitiven Leistungsfähigkeit Älterer be‐ steht ein positiver Zusammenhang (Voelcker-Rehage & Stojan, 2022). Hinzu kommen positive soziale Effekte des Sporttreibens. So können sportliche Gruppenaktivitäten z. B. über den Aufbau von sozialer Unterstützung das subjektive Wohlbefinden von älteren Migrant: innen verbessern (He & Wang, 2025). Dagegen kommt es ohne regelmäßiges Training und bei einem überwiegend im Sitzen verbrachten Alltag unweigerlich zu einem Abbau der physischen und kognitiven Leistungsfähigkeit. Die Folge für ältere Menschen ist meistens eine (weiter fortschrei‐ tende) Einschränkung ihrer Mobiltät sowie der funktionellen Fähigkeiten, woraus wie‐ derum eine deutliche Abnahme der (gesundheitsbezogenen) Lebensqualität und eine erheblich erschwerte gesellschaftliche Teilhabe resultiert. Die körperliche, kognitive und mentale Gesundheit, aber auch ein schlechterer subjektiver Gesundheitszustand stehen signifikant mit einer erlebten Einsamkeit in Verbindung (Luhmann & Hawkley, 2016; Cohen-Mansfield et al., 2016; zsfd. Luhmann & Bücker, 2019). Im Umkehrschluss bestätigt sich eine gute körperliche Gesundheit als Schutzfaktor gegen Einsamkeit (ebd.). 94 II. Sport und Lebensphasen <?page no="95"?> 5.3.2 Alter(n) als soziales Konstrukt Konzepte wie die des aktiven Alterns verdeutlichen, dass Altern nicht nur rein biolo‐ gisch determiniert, sondern gleichzeitig auch sozial konstruiert ist. Es kann zwischen einem biologischen, chronologischen und sozialen Alter unterschieden werden (van Dyk, 2020). Das biologische Alter drückt die naturgemäße Alterung eines Menschen auf zellulärer Ebene aus. Beeinflusst wird das u. a. durch den Lebensstil, genetische und Umweltfaktoren einer Person. Das chronologische Alter beschreibt das kalendarische Alter nach Jahren, wobei Menschen gleichen chronologischen Alters in biologischer Hinsicht unterschiedlich alt sein können (ebd.). Dieser Umstand wird auch mit Blick auf sozioökonomische Unterschiede und die damit verbundene gesundheitliche Ungleichheit in unserer Gesellschaft deutlich. Bspw. zeigen sich in der Lebenserwartung eines Menschen Unterschiede von über 10 Jahren in der gesunden und bis zu 15 Jahren in der gesamten Lebenserwartung zugunsten der höheren Einkommenspositionen. Dies lässt sich auf die insgesamt besseren Ressourcen, stärkere Gesundheitsvorsorge und einen gesün‐ deren Lebensstil dieser Gruppe zurückführen (Lampert & Kroll, 2005) (siehe Kapitel 6). Gleichzeitig fungiert das chronologische Alter in unserer Gesellschaft zwischen Personengruppen, aber auch innerhalb eines Lebensverlaufs als Differenzkategorie (van Dyk, 2020). So sind „Stationen“ wie z.-B. die Einschulung oder der Renteneintritt rein formal an das Alter gebunden. Auch die kostenlose Inanspruchnahme einzelner Gesundheitsdienstleistungen besteht überwiegend ab einer spezifischen Altersgrenze (z. B. Mammographie-Screening für Frauen ab 50 J., Prostatakrebs-Früherkennung für Männer ab 45 J.). Durch die Unterteilung in Lebensphasen nach kalendarischem Alter wird eine Gliederung der Gesellschaft nach Lebensalter konstruiert. So wurde z. B. auch die Altersgrenze für den Ruhestand (sozial-)politisch bestimmt und gesetzlich verankert. Ältere Menschen im Ruhestand werden mit der Abgrenzung von der erwerbstätigen Bevölkerungsgruppe sozial zu der eigenständigen Gruppe der Renter: innen oder Pensionär: innen (Denninger et al., 2014). Dieser Gruppe werden vielfältige soziale Ei‐ genschaften und dazugehörige normative Erwartungen über ihre Rechte und Pflichten in der Gesellschaft zugeschrieben (= soziales Alter), wie sie u. a. auch aus dem Modell des aktiven Alterns hervorgehen. Die sozial konstruierten normativen Erwartungen und Vorstellungen werden u. a. in Form von Altersbildern oder innerhalb gesellschaftlicher Diskurse über das Alter(n) sichtbar (Hoppe & Hartmann-Tews, 2017). 5.4 Altersbilder und ihre Auswirkungen im Kontext sportlicher Aktivität Altersbilder sind kontextabhängig (Kornadt & Rothermund, 2011; Lang et al., 2022) und betreffen unterschiedliche Lebensbereiche (Hildebrand & Kleiner, 2012; Lang et al., 5 Sport und Alter 95 <?page no="96"?> 2022), wie u. a. Ansichten über Gesundheit und Krankheit (Hartmann-Tews & Hoppe, 2018), Vorstellungen über Autonomie und Abhängigkeiten oder auch Kompetenzen und Defizite im Alter. Beispiel | Analyse von Altersbildern Butson et al. (2023) analysierten die Sichtbarkeit älterer Menschen auf australi‐ schen Websites von Schwimm- und Sporteinrichtungen. Ältere waren visuell unterrepräsentiert und ihre Darstellung oft von einer stereotypen sowie altersdis‐ kriminierenden Sprache und defizitorientierten Inhalten begleitet. Gesellschaftliche Vorstellungen vom Alter(n) beeinflussen zum einen die Wahrnehmung und Beurteilung älterer Menschen und damit einhergehend auch die soziale Interaktion mit ihnen (z. B. lautes, langsames Sprechen aufgrund der Annhame von altersbeding‐ ter Schwerhörigkeit, sog. „elderspeak“) (Voss et al., 2018; Rothermund et al., 2021). Schmidt-Hertha et al. (2012) stellten hierzu fest, dass Kinder und Jugendliche, die in verschiedenen Lebensbereichen häufiger Kontakt mit älteren Menschen hatten, diesen auch eher positive Eigenschaften zuschreiben und ein positives Altersbild haben. Zum anderen prägen Altersbilder aber auch das Selbstbild älterer Menschen und ihre Vorstellungen dazu, was es heißt, alt zu sein oder was man im Alter vermeintlich noch tun kann oder darf (Voss et al., 2017; Kornadt et al., 2017, 2019; Kaspar et al., 2023c). Sobiech (2023), de Paula Couto et al. (2022) oder auch Rudman (2015) zeigen in ihren Studien, wie die befragten Älteren die positiven Diskurse im Sinne eines aktiven Alterns über z. B. Ratgeberliteratur, Medien oder auch Gesundheitskampagnen als eigene Leitbilder für ihr Alter(n) verinnerlicht haben. Gleichzeitig wurde jedoch auch deutlich, wie über die mit dem Konzept des aktiven Alterns verbundenen normativen Erwartungen und Leitbilder sozialer Druck erzeugt wird (Sobiech, 2023). So wurde von den Interviewten ein Mangel an eigener körperlicher Fitness mit der Belastung des Sozialsystems gleichgesetzt (ebd.). Die NRW-Studie 80+, in der ausschließlich Hochaltrige befragt wurden, stellte entgegen des Konzepts vom aktiven Alter heraus, dass fast 60 % der Befragten ab 80 Jahren das Gefühl haben, dass Ältere von der Gesellschaft (eher) nicht gebraucht werden (Wagner & Zank, 2022). Beispiel | Auswirkungen positiver Sichtweisen De Paula Couto et al. (2022), die den Grad der Zustimmung von N = 2.900 Menschen im Alter von 40 bis 90 Jahren zu normativen Ansichten (z. B. „Meiner Meinung nach sollten Ältere …“) hinsichtlich eines aktiven Alterns versus eines „Alterns als freiwilliger Rückzug“ (Disengagement) untersuchten, fanden einen positiven Zusammenhang zwischen der Zustimmung zum aktiven Altern und einer höheren Lebenszufriedenheit sowie einer besseren subjektiven Gesundheit. 96 II. Sport und Lebensphasen <?page no="97"?> Bereits in unserer 2014 nach Alter und Geschlecht repräsentativen und bundesweiten telefonischen Befragung (CATI) zeigte sich, dass eindeutige normative Erwartungen im Bereich der Erhaltung von Gesundheit und körperlicher Leistungsfähigkeit im höheren Alter in den gesellschaftlichen Vorstellungen über das Alter(n) verankert sind. Hierzu wurden rund 1.000 Personen (m= 47 %, w= 53 %) im Alter von 18 bis 80 Jahren befragt. Abbildung 5.1 (Hoppe et al., 2016; Quelle: teils unveröffentlichte Daten aus Hartmann-Tews, Hoppe et al., 2014) bildet auf einer Skala von 1= ‚stimme überhaupt nicht zu‘ bis 5= ‚stimme voll und ganz zu‘ ab, wie sehr die Befragten den normativen Aussagen bezüglich älterer Menschen in den beiden genannten Bereichen zustimmten. 4,57 3,74 3,62 3,61 3,5 3,17 3,07 2,3 2,27 1,4 Auch im Alter kann man sehr viel selbst dazu beitragen, gesund zu bleiben Es liegt vor allem an einem selbst, wie körperlich leistungsfähig man im Alter ist Ältere Menschen erhalten durch sportliche Aktivität mehr gesellschaftliches Ansehen Ältere Menschen erhalten mehr gesellschaftliches Ansehen, wenn sie etwas für ihre Gesundheit tun Ältere sollten ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie nichts für ihre Gesundheit tun Wie leistungsfähig man körperlich im höheren Alter ist, hängt sehr von den Genen ab Ältere sollten ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie sich nicht körperlich fit halten Um im Alter gesund zu bleiben, sollte man sich insgesamt schonen Im Alter scheint die körperliche Gesundheit am meisten vom Zufall abhängig zu sein Ältere Menschen machen sich eher lächerlich, wenn sie Sport treiben Auch im Alter kann man sehr viel selbst dazu beitragen, gesund zu bleiben. Es liegt vor allem an einem selbst, wie körperlich leistungsfähig man im Alter ist. Ältere Menschen erhalten durch sportliche Aktivität mehr gesellschaftliches Ansehen. Ältere Menschen erhalten mehr gesellschaftliches Ansehen, wenn sie etwas für ihre Gesundheit tun. Ältere sollten ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie nichts für ihre Gesundheit tun. Wie leistungsfähig man körperlich im höheren Alter ist, hängt sehr von den Genen ab. Ältere sollten ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie sich nicht körperlich fit halten. Um im Alter gesund zu bleiben, sollte man sich insgesamt schonen. Im Alter scheint die körperliche Gesundheit am meisten vom Zufall abhängig zu sein. Ältere Menschen machen sich eher lächerlich, wenn sie Sport treiben. Abb. 5.1: Zustimmungsgrad zum Thema Gesundheit und körperliche Leistungsfähigkeit im höheren Lebensalter, n= 990-1003 (Mittelwerte). Insgesamt sind sich die Befragten über alle Altersgruppen und soziale Schichten einig, dass man (auch) im Alter aktiv selbst etwas für die eigene Gesundheit sowie die körperliche Leistungsfähigkeit tun kann und sollte. In der Gesellschaft besteht demnach ein Bewusstsein über die Möglichkeit zur eigenen Einflussnahme. Gleichzeitig bestätigt sich aber auch ein gewisser sozialer Druck, den auch Sobiech (2024) in ihrer Studie identifizierte. Die besonders starke Ablehnung des Items, dass man sich im Alter lächerlich mache, wenn man Sport treibt, zeigt, dass das Bild sportlich aktiver Älterer mittlerweile als Normalität in der Bevölkerung wahrgenommen wird. Dies stellt eine wichtige Voraussetzung dafür dar, dass sportliche Aktivitäten von Älteren als möglicher Handlungsspielraum in Betracht gezogen werden. Lediglich bei dem Item zur Schonung im Alter ergab sich ein hochsignifikanter Schichtunterschied, da Befragte 5 Sport und Alter 97 <?page no="98"?> der Ober- und Mittelschicht diese Aussage deutlich ablehnten, während die Befragten der Unterschicht ihr mit 3,01 weder zustimmten noch sie ablehnten (vgl. Abb. 5.1). Mehrere Studien deuten darauf hin, dass auch die allgemeinen körperlichen sowie gezielten sportlichen Aktivitäten Älterer von Altersbildern beeinflusst werden (Sarki‐ sian et al., 2005; Thiel et al., 2009; Meisner et al., 2013; Wurm et al., 2010; Emile et al., 2014; Hoppe et al., 2016; Rai et al., 2020). Rai et al. (2020) konnten zeigen, dass die Einstellung, dass Altern Verfall und Zeit zu entschleunigen bedeute, zu einer geringeren sportlichen Aktivität führt, während eine positive Einstellung ein Sportengagement wahrscheinlicher macht. Zusammenfassend können Altersbilder einerseits neue Handlungsspielräume er‐ öffnen oder auch (neue) soziale Rollen ermöglichen, aber andererseits auch dazu beitragen, dass mögliche Potenziale nicht ausgeschöpft werden oder verloren gehen (Hildebrand & Kleiner, 2012). Sie haben einen großen Einfluss auf die Verwirklichung von Entwicklungsmöglichkeiten oder auch die Ausführung von gesundheitsförderli‐ chen Verhaltensweisen im höheren Lebensalter. So können die im Bereich des Sports existierenenden Altersbilder u. a. auch Einfluss auf persönliche Vorstellungen über sportliches Alter(n) nehmen und darüber das Sportengangement Älterer beeinflussen. 5.5 Sportaktivität im höheren Lebensalter Trotz der vielfältigen positiven Effekte von allgemeinen körperlichen und gezielten sportlichen Aktivitäten erreicht ein Großteil der älteren Bevölkerung die WHO-Emp‐ fehlungen zu sportlichen Aktivitäten nicht. Wissensbox | Bewegungsempfehlungen der WHO Laut WHO (2020; 2023) werden Erwachsenen ab 65 Jahren (unbabhängig von ihren kognitiven und körperlichen Fähigkeiten) ≥ 150 Min. moderate aerobe oder ≥ 75 Min. intensivere Aktivitäten pro Woche empfohlen. Zusätzlich ist u.-a. zur Sturzprävention ein regelmäßiges Training von Kraft und Gleichgewicht angeraten. Ältere sollten so aktiv sein, wie es ihre Fähigkeiten und ihr Gesund‐ heitszustand zulassen, und Zeiten im Sitzen so gering wie möglich halten. Laut einer Umfrage von Personen ab 60 Jahren in Deutschland sind lediglich 38 % der Befragten mehrmals die Woche für mindestens 30 Minuten durchgängig intensiver körperlich aktiv (Albrecht & Dresel, 2023). Im Gegensatz dazu gaben 30 % nach eigener Aussage an, nie solche Tätigkeiten auszuüben, bei denen man intensiver atmet und ins Schwitzen gerät. Die differenziertere Betrachtung der Altersgruppe über 60 Jahren zeigte, dass insbesondere in der Gruppe der über 80-Jährigen fast die Hälfte nie intensiver körperlich aktiv ist (ebd.). Auch in der Erhebung des Deutschen Zentrums für Altersfragen gaben nur 34,6 % der Befragten ab 76 Jahren an, regelmäßig mindestens einmal pro Woche Sport zu 98 II. Sport und Lebensphasen <?page no="99"?> 2 Die voneinander abweichenden Studienergebnisse sind auf die unterschiedlichen Operationalisie‐ rungen von körperlicher bzw. sportlicher Aktivität zurückzuführen. Albrecht und Dresel (2023) schlossen auch moderate Bewegungen im Alltag (z. B. zu Fuß oder mit dem Rad zurückgelegte Wege, Haus- und Gartenarbeit) ein, während bei Nowossadeck und Spuling (2025) über die Definition von „Aktivitäten, bei denen man ins Schwitzen oder außer Atem gerät“ eher intensivere (sportliche) Aktivitäten erfasst wurden. machen. 2 Unterschiede nach Einkommen zuungunsten Einkommenschwächerer, die weniger häufig regelmäßig Sport treiben, wurden deutlich. Obgleich beim Sportengagement auf den ersten Blick ein Unterschied nach kalenda‐ rischem Alter zu bestehen scheint, ist es vielmehr der (subjektive) Gesundheitszustand einer älteren Person, der die sportlichen Aktivitäten mediiert, d. h. beeinflusst (Richter & Gösenbauer, 2022): umso schlechter die subjektive Gesundheit einer älteren Person, desto wahrscheinlicher war in der Befragung zu „Beweg-Gründen im Alter“, dass sie nicht sportlich aktiv ist. Auch Personen mit Herzerkrankungen oder Diabetes und Personen mit mobilitätseinschränkenden Erkrankungen sind weniger oft regelmäßig sportlich aktiv (Nowossadeck & Spuling, 2025). Die subjektive Gesundheit (siehe Kapitel 10), d. h. die eigene Einschätzung dessen, wie man sich gesundheitlich fühlt, spielt im höheren Lebensalter eine besonders zentrale Rolle, da sie eine höhere Vorhersagekraft für u. a. die Sterblichkeit einer Person oder auch die Ausführung gesundheitsförderlicher Verhaltensweisen hat als die objektive Gesundheit (Zimmermann et al., 2023; Spuling et al., 2017). Obwohl es im höheren Alter zu einer Zunahme von objektiv diagnostizierbaren chronischen Er‐ krankungen kommt (Maresova et al., 2019), beschreiben sich auch Ältere mit mehreren Erkankungen oftmals als gesund (siehe Kapitel 10). Die Studie D80+ zeigte, dass mehr als die Hälfe der über 80-Jährigen ihre Gesundheit als sehr oder eher gut bewertet, obwohl die Mehrheit mehrfach erkrankt war (Zimmermann et al., 2023). Ergebnisse aus der GEDA-Studie 2019/ 2020 bestätigen diesen Befund auch für die Altersgruppen zw. 65 und 79 Jahren (Heidemann et al., 2021). In der oberen Bildungsgruppe berichtete ein deutlich höherer Anteil von einem (sehr) guten Gesundheitszustand (ebd.; Spuling et al., 2017; Zimmermann et al., 2023). Hinsichtlich der präferierten Sportsettings geben ältere Sporttreibende am häufigsten an, selbständig sportlich aktiv zu sein (z. B. outdoor in der Natur). Hierunter fallen bspw. Sportarten wie Radfahren, Schwimmen oder Nordic Walking in privat organisierten Gruppen (Hartmann-Tews et al., 2012). Am zweit häufigsten sportlich aktiv sind Ältere in Sportvereinen. Die regelmäßig durchgeführten Erhebungen des DOSB (2023) zeigen, dass in den letzten Jahrzehnten insbesondere in der Altersgruppe ab 60 Jahren deutliche Zugewinne zu verzeichnen sind. Mit dem derzeitigen Anteil von ca. 20 % aller Mitgliedschaften innerhalb der Landessportbünde sind Ältere gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil jedoch nach wie vor in Sportvereinen unterrepräsentiert. Die Top 5 der Olympischen Spitzenverbände, in denen Männer und Frauen ab 60 Jahren in 2023 am stärksten vertreten waren, waren bei beiden Geschlechtern - jedoch in unter‐ schiedlicher Rangfolge und Frauen deutlich weniger - der Fußball-, Schützen-, Turn-, 5 Sport und Alter 99 <?page no="100"?> Tennis- und Golfverband (ebd.). Auch im nichtolympischen Behindertensportverband, worunter bspw. der „Rehasport“ oder auch die sogenannten „Herzsportgruppen“ fallen, ist ein ähnlich hoher Anteil der Gruppe 60+ zu verzeichnen (ebd.). Das Fitnessstudio gehört mittlerweile ebenfalls zu den populäreren Settings, in denen Ältere sportlich aktiv sind (Sobiech, 2023). Laut DSSV Eckdaten 2025 sind 26,5 % aller Mitglieder über 50 Jahre (bzw. 9,5 % über 60 Jahre). Ein Großteil der Fitnessanlagen positioniert sich seit mehreren Jahren immer stärker im Bereich der Gesundheit (ebd.), was eines der wichtigsten Motive Älterer bedient, sportlich aktiv zu werden. Das stärkste Motiv Älterer, eine sportliche Aktivität aufzunehmen und aufrecht zu erhalten, liegt in dem Bedürfnis nach der Erhaltung von Gesundheit, funktioneller Fitness und Autonomie (Aaltonen et al., 2020; Costello et al., 2011; Hartmann-Tews et al., 2012; Jenkin et al., 2021; Richter & Gösenbauer, 2023), d. h. dem Wunsch, möglichst lange gesund, selbstständig und unabhängig von fremder Hilfe zu bleiben. Die Überzeugung, dass Sport der Gesundheit guttut, erhöht wesentlich die Chance, auch im höheren Alter sportlich aktiv zu sein (Richter & Gösenbauer, 2023). Für Ältere (insbesondere Frauen) spielt das soziale Miteinander beim Sporttreiben eine große Rolle (Breuer, 2018; Blessing & Landau, 2018; Hartmann-Tews et al., 2012; Jenkin et al., 2021). Ältere Männer verbinden mit sportlichen Aktivitäten oft auch noch Leistung und (spielerischen) Wettkampf (ebd.). Im Gegensatz dazu ist eine körperliche Inaktivität sehr wahrscheinlich, wenn die subjektive Gesundheit und das Sehvermögen als schlecht empfunden werden (Richter & Gösenbauer, 2023) oder eine Verletzungs- und Sturzangst besteht (Costello et al., 2011; Jenkin et al., 2021). Einige nicht sportaktive Ältere geben an, im Verein keine passende Sportmöglichkeit zu sehen, um neu zu beginnen (ebd.). Sozioökonomische Variablen wie das Einkommen sind ebenfalls wesentliche Einflussfaktoren für die Sportpartizipation Älterer (Chalabaev et al., 2022; Kono et al., 2025; Richter & Gösen‐ bauer, 2023). Zentrale Rahmenbedingungen für das Sporttreiben selbstständig lebender Älterer sind eine gute und sichere Erreichbarkeit der sportiven Örtlichkeiten (z. B. mit öffentlichen Verkehrsmitteln oder zu Fuß) und ein angemessener Standard der Räum‐ lichkeiten. Ältere legen großen Wert auf kompetente Trainer: innen, die sie motivieren können, gut ausgebildet sind und ihnen Sicherheit bei der Sportausübung vermitteln (Costello et al., 2011; Breuer, 2018; Deneau et al., 2020; Jenkin et al., 2021). Betrachtet man hingegen die Gruppe nicht selbstständig lebend Älterer in Pfle‐ geeinrichtungen so werden wesentliche Unterschiede in den Rahmenbedingungen deutlich. Aufgrund ihrer kognitiven und/ oder körperlichen Einschränkungen sind Pflegebedürftige auch bei körperlich-sportlichen Aktivitäten auf unterschiedliche Arten von Hilfe angewiesen, die mangels knapper Personalressourcen häufig nicht gegeben sind. Oftmals liegen eher defizitorientierte Vorstellungen zu den körperlichen Potenzialen Pflegebedürftiger und ein mangelndes Fachwissen zu adäquaten Trai‐ ningsmöglichkeiten dieser Zielgruppe vor, was gezielte Sportaktivitäten verhindert (Hoppe, 2018). Erfolgsfaktoren zur Durchführung adäquater Angebote für die äußerst 100 II. Sport und Lebensphasen <?page no="101"?> heterogenen Pflegeheimbewohner: innen sind u. a. eine qualifizierte Übungsleitung, aber auch eine angemessene Raumsituation zur Durchführung von Sportangeboten in der Pflegeeinrichtung (Hoppe & Rolwes, 2021). 5.6 Schlussfolgerung und praktische Implikationen Gezielte Sportaktivitäten bieten älteren Menschen ein hohes Potenzial für eine Reihe von positiven (gesundheitlichen und sozialen) Effekten zur Erhaltung ihrer Lebens‐ qualität und sozialer Teilhabe. Zudem tragen sie zur Vermeidung hoher Kosten für das Pflege- und Gesundheitssystem bei (Coughlan et al., 2021). Die Ausübung sportlicher Aktivität im höheren Alter stellt mittlerweile eine gesellschaftliche Norm dar und gilt als sozial erwünscht. Gleichzeitig kann dadurch aber auch gesellschaftlicher Druck entstehen. Mit dem Konzept des aktiven Alterns wird die Verantwortung für die eigene Gesunderhaltung größtenteils auf das Individuum übertragen, was diesbezügliche Problemlagen benachteiligter Bevölkerungsgruppen außer Acht lässt (Sobiech, 2023). Eine dauerhafte Krankheit, Pflegebedürftigkeit oder Abhängigkeit von fremder Hilfe, die im höheren Alter wahrscheinlicher werden, dürfen in diesem Zuge nicht als ein Scheitern des Individuums angesehen werden. Ältere mit ökonomischen, sozialen oder gesundheitlichen Herausforderungen oder Pflegebedarf und höhere Altersgruppen in der späten Lebensphase werden in den verschiedenen Sportsettings aktuell noch nicht ausreichend mit gezielten Sportangeboten erreicht. Zur Erreichung der äußerst heterogenen Bevölkerungsgruppe der über 60-Jährigen braucht es innovative und vielfältigere Angebote, die zielgruppenspezifisch an die sportlichen Vorerfahrungen, den Gesundheitsstatus bzw. die subjektive Gesundheit, Migrationsgeschichte und den Bildungshintergrund, die (geschlechtsspezifischen) Sportmotive, finanzielle und soziale Ressourcen sowie die wahrgenommenen Barrieren angepasst werden. Hierzu braucht es vermehrt geeignete Public-Health-Strategien, die diese spezifischen Gruppen Älterer bei der Integration von gezielten Sportaktivitäten in ihren Lebensalltag unterstützen und sie für deren zentrale Bedeutung sensibili‐ sieren. Unter anderem die evidenzbasierten Bewegungsempfehlungen für Ältere in stationären Pflegeeinrichtungen der „International Association of Gerontology and Geriatrics“ (de Souto Barreto et al., 2016) machen die Notwendigkeit differenzierterer Empfehlungen für Ältere deutlich. Mit bspw. dem OTAGO-Trainingsprogramm zur Sturzprävention von Menschen, die ihre Wohnung nicht mehr verlassen (Reichwein, 2013), dem Krafttraining „fit für 100“ für Ältere in Pflegeeinrichtungen oder auch dem Lifestyle-integrated Functional Exercise-Programm (LiFE) (Boulton et al., 2019), das Trainingsmöglichkeiten für Kraft und Gleichgewicht in den Alltag von Älteren integriert, oder Move for Life (García et al., 2021) liegen mittlerweile evidenzbasierte und praxiserprobte Sportprogramme vor, welche die Heterogenität der „Zielgruppe Älterer“ und ihre jeweiligen Lebensumstände berücksichtigen. Technologiebasierte Projekte bieten zudem das Potenzial, schwer 5 Sport und Alter 101 <?page no="102"?> zugängliche Zielgruppen, wie z. B. ambulant versorgte Pflegebedürftige, zu erreichen (z.-B. über die Sturzprophylaxe via Exergaming: Buchner & Fleiner, 2021). Da ältere Sporttreibende häufig selbstständig in der Natur aktiv sind, sollte bei der Sportentwicklungs- und Stadtplanung (siehe Kapitel 16) auf ausreichend gesunde Bewegungsräume geachtet werden, die für jeden unabhängig von Alter, Geschlecht, kulturellen Erfahrungen oder sozialen und materiellen Verhältnissen erreichbar und offen sind (Kähler & Rohkohl, 2024). Dazu gehört auch eine u. a. an die Bedürfnise Älterer angepasste Gestaltung von Parkanalgen (Van Cauwenberg et al., 2022) oder „outdoor fitness areas“, z. B. über ausreichend schattenspendende Bäume (Paudel et al., 2025). In Sportsettings wie dem Sportverein oder Fitnessstudio ist die ältere Bevölkerungs‐ gruppe bis dato unterrepräsentiert. Auch hier sollte das Angebot differnzierter werden und sich (neben den anderen Zielgruppen) auch stärker an den vielfältigen Erwar‐ tungen und heterogenen Bedürfnisse und Fähigkeiten sowie den unterschiedlichen Lebenssituationen der Älteren orientieren ( Jenkin et al., 2021; Blessing & Landau, 2018). Hierzu könnten z. B. partizipativ Ältere einbezogen werden und u. a. ausgewählte Sportarten mittels Regelanpassung oder Verlangsamung des Spiels altersadäquat wei‐ terentwickelt werden (bspw. wie beim Pickleball, das auf einem kleineren Spielfeld gespielt wird). Auch die adäquate Ansprache gesundheitlich eingeschränkter Älterer aus marginalisierten Gruppen oder in prekären Lebenssituationen ist von zentraler Bedeutung, um ihre Barrieren hinsichtlich einer Aufnahme von sportlichen Aktivitäten zielgenauer adressieren und abbauen zu können. Bereits aus der Formulierung des Angebots muss für die potentiell an Sport interessierten Älteren hervorgehen, ob es zu ihnen passt und was sie erwartet. Darüber hinaus sind entsprechend vielfältige Altersbilder notwendig, die das Altern auch im Kontext von sportlicher Aktivität mit all seinen Verlusten und Gewinnen abbil‐ det. Sie fungieren als Leitbilder und eröffnen bestenfalls auch weniger leistungsfähigen, gesundheitlich eingeschränkten oder bis dato sportabstinenten Älteren sportliche Handlungspielräume und neue soziale Rollen (z. B. in einem Ehrenamt im Sportverein). Mit Blick auf die Erreichbarkeit benachteiligter Zielgruppen kommt Gemeinden oder auch Quartieren eine besondere Schlüsselrolle zu, da sie die Rahmenbedingun‐ gen für niedrigschwellig zugängliche Angebote schaffen müssen. Sinnvoll erscheint hierzu eine Förderung von Kooperationsprojekten, wie z. B. von Sportvereinen mit Hausarztpraxen, Pflegeeinrichtungen (siehe hierzu z. B. das Modellprojekt BAP 2.0 „Bewegende Alteneinrichtungen und Pflegedienste 2.0“) oder Seniorenorganisationen. Hausärzt: innen müssen in ein kommunales Netzwerk der Prävention und Gesund‐ heitsförderung eingebunden sein, um ihre Patient: innen systematisch und effektiv zu passenden Sportangebote vermitteln können (Wangler & Jansky, 2022). Darüber hinaus braucht es entsprechende Aus-/ Weiterbildungsangebote rund um den Sport der Zielgruppe Älterer, die möglichst auch jüngere Menschen ansprechen sollten, die sich für Ältere engagieren wollen. In der Sportpraxis könnte dies gleichzeitig auch den generationenübergreifenden Austausch und Zusammenhalt befördern. 102 II. Sport und Lebensphasen <?page no="103"?> Weiterführende und vertiefende Literatur Als Einführung in das Forschungsfeld von Bewegung und Sport im höheren Lebensalter eignet sich das Handbuch von Granacher, Mechling und Voelcker-Re‐ hage (2018). Wenn Sie sich aus soziologischer Perspektive intensiver mit sportlichen Aktivitä‐ ten im Alter befassen möchten, lesen Sie z.-B. Hartmann-Tews et al. (2012). 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Teilhabe am Sport <?page no="113"?> 6 Sport, soziale Ungleichheit und Diversität Benjamin Zander Lernziele | Die Leser: innen ● können soziale Ungleichheit definieren und zentrale Merkmale erkennen, ● können den Sport als ein gesellschaftlich wertvolles Gut einschätzen, ● können ein Verständnis für vertikale und horizontale Ungleichheiten entwi‐ ckeln, ● können die Unterschiede zwischen klassischen Ungleichheitsansätzen und Di‐ versitätsansätzen im Sport differenzieren und die Relevanz von Analyseebenen (Mikro, Meso, Makro) einschätzen, ● können Diversität am Beispiel des Doing-Differences-Ansatzes als soziale Konstitution von Differenzlinien im Sport charakterisieren, ● können Überschneidungen sozialer Kategorien als Bestandteil intersektionaler Analysen beschreiben und in ihrer Bedeutung für die Erforschung von Teilha‐ beprozessen im Sport einschätzen, ● können Beispiele sozialer Ungleichheiten und Diversitätsprozesse im Sport anführen und den aktuellen Forschungsstand zu sozialer Ungleichheit und Diversität im Sport reflektiert einschätzen, ● können offene normative Fragen erkennen und daraus weiterführende For‐ schungsfragen entwickeln. Wissens-Check | Zu diesem Kapitel werden online Lernfragen angeboten. Sie können diese über den QR-Code scannen oder über den folgenden Link aufrufen: https: / / narr.kwaest.io/ s/ 1482. 6.1 Einleitung Sport gilt in modernen Gesellschaften häufig als ein Feld, das von Freiwilligkeit und Chancengleichheit geprägt ist. Leitbilder wie „Sport für alle“ oder die Vorstellung, dass sportliche Leistung allein vom individuellen Einsatz abhängt, prägen sowohl öffentliche Diskurse als auch pädagogische Konzepte. Aus sportsoziologischer Perspektive zeigt sich jedoch, dass der Zugang zum Sport, die Art der Sportbeteiligung sowie die daraus resul‐ tierenden Erfahrungen keineswegs gleich zwischen den Mitgliedern einer Gesellschaft verteilt sind (u. a. Haut, 2021) (siehe Kapitel 4 und 5). Vielmehr spiegeln sich auch im Sport <?page no="114"?> die gesamtgesellschaftlichen Macht- und Herrschaftsverhältnisse in Form sogenannter sozialer Ungleichheiten wider. Das Kapitel setzt hier an und zeigt auf, wie und inwieweit die Sportbeteiligung im Rückgriff auf Theorien sozialer Ungleichheit und Diversität theoretisch verstanden und empirisch beschrieben werden kann. Fragen sozialer Ungleichheit gehören zu den zentralen Fragestellungen der Sozio‐ logie insgesamt und nehmen auch in der Sportsoziologie eine Schlüsselrolle ein. In den letzten Jahrzehnten hat sich die Diskussion über soziale Ungleichheit auch in der Sportwissenschaft zunehmend erweitert (Cachay & Hartmann-Tews, 1998, Hart‐ mann-Tews & Rulofs, 2018). Neben klassischen vertikalen Ungleichheitsdimensionen wie Einkommen, Bildung und Beruf rücken hierbei weitere horizontale Differenzlinien in den Blick, etwa Geschlecht, Migration oder Behinderung (siehe Kapitel 7 und 8). Diese Perspektiverweiterung wird häufig unter dem Begriff der Diversität gefasst. Diversitätsansätze knüpfen an Ungleichheitsdebatten an, setzen jedoch andere Ak‐ zente, indem sie die Vielfalt sozialer Positionen und die Überschneidung verschiedener Ungleichheitsdimensionen betonen. Das vorliegende Kapitel führt grundlegend in das Thema „Sport, soziale Ungleichheit und Diversität“ ein. Zunächst werden zentrale Begriffe und theoretische Modelle sozialer Ungleichheit vorgestellt und auf empirische Befunde zur ungleichen Sportpartizipation bezogen. Darauf aufbauend widmet sich der zweite Teil dem Diversitätsansatz als Weiterentwicklung und Ergänzung klassischer Ungleichheitsperspektiven. Abschließend werden die zentralen Erkenntnisse zusam‐ mengefasst und Anschlussperspektiven im Sinne noch offener Fragen aufgezeigt. 6.2 Soziale Ungleichheit im Sport Unterschiede zwischen Menschen sind insbesondere in modernen Gesellschaften in vielfältiger Weise sichtbar. Gerade diese Vielfalt macht eine begriffliche Präzisierung notwendig, da nicht jede Differenz als soziale Ungleichheit zu verstehen ist. „Ein erster Anhaltspunkt besteht darin, dass es keinesfalls um beliebige Andersartigkeiten geht, sondern um die ungleiche Verteilung von Lebenschancen. So ist es nicht die Schuhgröße oder die Haarfarbe, die soziale Ungleichheit ausmacht (obwohl sich selbst in körperlichen Merkmalen Ungleichheiten widerspiegeln können), sondern z. B. ein höheres oder niedrigeres Einkommen oder ungleich verteilte Chancen je nach Geschlecht“ (Burzan, 2011, S.-7). Auch wenn die Auseinandersetzung mit sozialer Ungleichheit häufig mit Fragen von Macht- und Herrschaftsverhältnissen verbunden ist, ist der Begriff zunächst deskriptiv zu verstehen. In der soziologischen Tradition der Werturteilsfreiheit (siehe Kapitel 2 und 3) geht es darum, Unterschiede zwischen Menschen zu beschreiben, ohne diese unmittelbar in ihrer Legitimität einzuordnen bzw. normativ als gerecht oder ungerecht zu bewerten. Der Fokus der Ungleichheitsforschung liegt darauf, die Ungleichheiten differenziert in ihren Ausprägungen zu verstehen und diese in ihrer Entstehung zu erklären und hinsichtlich ihrer Folgen zu beschreiben. Der Begriff der sozialen Ungleichheit ist dabei in einem doppelten Sinne zu verstehen. Zum einen verweist er 114 III. Teilhabe am Sport <?page no="115"?> auf Unterschiede, die sich im Sozialen manifestieren, etwa in Berufspositionen oder kulturellen Präferenzen. Zum anderen macht der Begriff deutlich, dass es sich um gesellschaftlich hervorgebrachte Unterschiede handelt. Soziale Ungleichheiten sind kein naturgegebenes Schicksal, sondern Ergebnis sozialer Prozesse, institutioneller Regelungen und historischer Entwicklungen. Gerade deshalb sind sie prinzipiell veränderbar und Gegenstand sozialwissenschaftlicher Analyse und bieten einen Aus‐ gangspunkt für macht- und herrschaftskritische Reflexionen. Definition | Soziale Ungleichheit Soziale Ungleichheit liegt dann vor, wenn „die Möglichkeiten des Zugangs zu allgemein verfügbaren und erstrebenswerten sozialen Gütern und/ oder zu sozia‐ len Positionen, die mit ungleichen Machtund/ oder Interaktionsmöglichkeiten ausgestattet sind, dauerhafte Einschränkungen erfahren und dadurch die Lebens‐ chancen der betroffenen Individuen, Gruppen oder Gesellschaften beeinträchtigt bzw. begünstigt werden“ (Kreckel, 2004, S.-17). Gesellschaftlich wertvolle (und i. d. R. auch knappe) Güter können materieller Natur sein, etwa Einkommen oder Wohnraum, aber auch immateriell, wie Bildung, soziale Anerkennung oder der Zugang zum Sport. 6.2.1 Sport als gesellschaftlich wertvolles Gut Vor dem Hintergrund der oben genannten Definition sozialer Ungleichheit ist die Frage, ob Sport als gesellschaftlich wertvolles Gut betrachtet werden kann, ein zentraler Ausgangspunkt für die Ungleichheitsdebatte im Sport. Zunächst lässt sich festhalten, dass der Sport als eigenständiges gesellschaftliches Teilsystem aufgrund seiner Größe, seiner institutionellen Einbettung und seiner gesamtgesellschaftlichen Bedeutung und Reichweite vielfältige Möglichkeiten für Teilhabe an Gesellschaft eröffnet. Über formelle (Schule, Verein etc.), kommerzielle (Fitnessstudios etc.) und informelle Orga‐ nisationsformen (Sportszenen etc.) finden Bewegungs- und Sportpraktiken statt, die wiederum einen großen Teil der Bevölkerung erreichen und die Gestaltung ihres Alltags maßgeblich beeinflussen. In diesem Sinne fungiert der Sport (zumindest in unserer heutigen Gesellschaft) als ein wertvolles Gut zur Teilhabe an Gesellschaft und zur Herstellung von sozialer Zugehörigkeit zu ebendieser. Beispiel | Sport als gesellschaftlich wertvolles Gut Körperliche Aktivität spielt eine zentrale Rolle für die Gesundheit, wobei insbe‐ sondere der Beitrag zur Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen empirisch gut belegt ist (u. a. Kazemi et al., 2024). Aus diesem Grund könnte der Sport z. B. auch als ein gesellschaftlich wertvolles Gut betrachtet werden (siehe Kapitel 10). 6 Sport, soziale Ungleichheit und Diversität 115 <?page no="116"?> Werden Menschen in ihrem Zugang zum Sport eingeschränkt, können langfristig gesundheitliche Benachteiligungen entstehen, insbesondere wenn alternative For‐ men körperlicher Aktivität fehlen. Mit Blick auf den Sport ist zudem der Aspekt der Lebens- und Entwicklungschancen be‐ sonders relevant. Gerade in bildungsbezogenen Debatten wird wiederholt davon ausge‐ gangen, dass Teilhabe am Sport nicht nur spezifische körperlich-leibliche Erfahrungen ermöglicht, sondern für die Menschen mit einer breiten Palette sozialer, emotionaler und kognitiver Entwicklungschancen einhergeht. Auch wenn die empirische Befund‐ lage zu konkreten Wirkungszusammenhängen eher uneindeutig ausfällt, ist bereits die gesellschaftliche Selbstbeschreibung des Sports aufschlussreich, da sie über einen engen „Nutzen“ im sportlichen Bereich hinausgeht. Dazu zählen u. a. körperbezogene Wahrnehmungsprozesse, Regelakzeptanz, Leistungsbereitschaft sowie die Erfahrung von Anerkennung und Zugehörigkeit. Internationale Organisationen wie die UNESCO (2015) betonen entsprechend das Recht aller Menschen auf körperliche Aktivität und Sport. Sport wird damit nicht nur als Freizeitoption, sondern als wichtiger Bestandteil von Bildung und Persönlichkeitsentwicklung verstanden. Ungleiche Zugänge zum Sport sind folglich nicht trivial, sondern berühren grundlegende Fragen eines „guten“ oder „gelingenden“ Lebens. 6.2.2 Theoretische Modelle und empirische Befunde sozialer Ungleichheit im Sport Soziale Ungleichheit bezieht sich nicht auf individuelle Unterschiede zwischen einzel‐ nen Personen, sondern auf systematische Differenzen zwischen sozialen Gruppen. Im Fokus stehen also nicht Einzelfälle, sondern wiederkehrende Muster, die größere Bevölkerungsgruppen betreffen. Konkret gilt es zu klären, wie die Beteiligung am Sport ausfällt und welche Bevölkerungsgruppen in bestimmten Sportsettings über- oder auch unterrepräsentiert sind. Damit ist die Analyse sozialer Ungleichheit immer auch eine Frage der Gesellschaftsbeschreibung: Sie macht sichtbar, wie die Gesellschaft strukturiert ist, welche sozialen Positionen existieren und welche gesellschaftlich relevanten Güter zwischen sozialen Gruppen wie verteilt werden. Entsprechend finden sich in Ungleichheitsdebatten stets auch zeitdiagnostische Aussagen darüber, wie die Gesellschaft selbst verfasst ist, welche Strukturprinzipien sie prägen und inwieweit sich diese auch verändert haben. Um soziale Ungleichheit analytisch zu erfassen, wurden in der Soziologie unterschiedliche Ansätze zur sozialen Ungleichheit entwickelt, die jeweils auf konkrete soziohistorische Bedingungen zugeschnitten und im Zuge gesell‐ schaftlicher Entwicklung angepasst wurden (vgl. im Überblick ausführlich Burzan, 2011). Diese Ansätze versuchen ein möglichst plausibles Erklärungsangebot zu liefern, wobei die Erklärungsansätze teilweise aufeinander aufbauen bzw. sich zusammenden‐ ken lassen. Im Folgenden werden diese Ansätze aufgrund ihrer Komplexität lediglich 116 III. Teilhabe am Sport <?page no="117"?> verkürzt als Modelle sozialer Ungleichheit präsentiert. Als Modelle sind sie jedoch nicht mit dem theoretischen Ansatz selbst und auch nicht mit ‚der‘ Wirklichkeit zu verwechseln. Die Auflistung orientiert sich dabei an den Ausführungen von Thiel et al. (2023, S.-346ff.). Schicht- und Klassenmodelle zählen zu den klassischen Ansätzen. Sie strukturie‐ ren Gesellschaften vertikal entlang von Merkmalen wie Einkommen, Bildung und Berufsprestige. In sportsoziologischen Studien zeigte sich früh, dass insbesondere der organisierte Vereins- und Wettkampfsport stärker von mittleren und oberen Schichten genutzt wird, während untere Schichten hier unterrepräsentiert sind (Schlagenhauf, 1977). Empirische Untersuchungen zeigen trotz veränderter Sportkultur weiterhin deutliche Ungleichheitsmuster. Personen mit höherem Bildungsniveau und höherem Einkommen treiben häufiger Sport und sind vielfältiger sportlich aktiv. Auch die Prä‐ ferenzen für bestimmte Sportarten variieren schichtspezifisch und werden maßgeblich durch das verfügbare kulturelle Kapital wie z. B. familiär vermitteltes Wissen über implizite Regeln („So etwas macht man bei uns“) beeinflusst. Auch wenn sich die Präferenzstrukturen in den vergangenen Jahrzehnten teilweise verschoben haben, lassen sich zumindest idealtypische Unterschiede zwischen unteren und oberen Sozi‐ alschichten ausmachen (vgl. Tab. 6.1): „Angehörige oberer Schichten bevorzugen typischerweise Sportarten, die neu, distinktiv und gesundheitsdienlich sind, einen Naturbezug aufweisen, mit vergleichsweise geringem Körperkontakt ausgeübt werden können und in denen die individuelle Leistung erkennbar ist. In unteren Schichten werden aufgrund des instrumentellen Verhältnisses zum eigenen Körper und zur Natur demgegenüber Sportarten favorisiert, die den Einsatz des ganzen Körpers, direkten Kontakt mit dem Gegner sowie eine gewisse Schmerzunempfindlichkeit verlangen, wie Fußball, Boxen oder Ringen“ (Nagel, 2003, S.-80). untere Sozialschichten obere Sozialschichten • volkstümliche Sportarten • Sportarten mit Körperkontakt • Sportarten, in denen Kraft und Schmerzunempfindlichkeit demons‐ triert werden können • Sportarten mit instrumentellem Kör‐ perbezug • Sportarten mit kollektiver Leistungs‐ komponente • Sportarten ohne Naturbezug • moderne Sportarten • Sportarten ohne Körperkontakt • Sportarten, in denen Technik und Ästhe‐ tik demonstriert werden können • Sportarten mit gesundheitsdienlichem Körperbezug • Sportarten mit individueller Leistungs‐ komponente • Sportarten mit Naturbezug Tab. 6.1: Idealtypische Kennzeichnung der unterschiedlichen Sportpräferenzen unterer und oberer Sozialschichten (Nagel, 2003, S.-80). Die in der Tabelle dargestellten Dimensionen (z. B. Körperkontakt, Leistungsform oder Körperbezug) ermöglichen eine idealtypische Einordnung schichtspezifischer Sportpräferenzen. Diese Merkmale lassen sich grundsätzlich verschiedenen Sportarten 6 Sport, soziale Ungleichheit und Diversität 117 <?page no="118"?> zuordnen - etwa Fußball, Boxen oder Ringen auf der einen sowie Tennis, Golf oder Klettern auf der anderen Seite. Zugleich können sie auch über dieses Modell hinaus als heuristische Orientierung für andere Ungleichheitsansätze dienen. Für die Analyse sozialer Ungleichheit im Sport bedeutet dies, dass nicht allein zu betrachten ist, ob Menschen sportlich aktiv sind, wo dies geschieht (Stadt/ Land, strukturschwach/ -stark usw.) und in welchem organisatorischen Kontext (formell, informell, kommerziell). Vielmehr ist ebenso zu berücksichtigen, welche Sportarten gewählt werden und wie diese Sportarten mit Bedeutung versehen werden, um die zugrundeliegenden Werthaltungen, Normen und kulturellen Muster zu identifizieren. Lagemodelle erweitern diese Perspektive um horizontale Merkmale wie Geschlecht, Alter, Migration oder Wohnort. Innerhalb derselben sozialen Schicht können sich dadurch sehr unterschiedliche Lebenslagen ergeben, die die Teilhabe am Sport be‐ einflussen. Forschung zum Wandel des Sportverständnisses weist auf enge Zusam‐ menhänge zwischen veränderten Bedeutungszuschreibungen von Sport und sozialen Ungleichheiten in der Sportaktivität hin. Empirische Befunde von Haut und Emmrich (2011) zeigen, dass Gruppen, die im Sport lange Zeit unterrepräsentiert waren - insbesondere Frauen und ältere Menschen -, heute in vielen Bereichen stärker beteiligt sind (siehe Kapitel 5 und 7). Diese Öffnung vollzieht sich jedoch vor allem außer‐ halb des traditionellen Wettkampf- und Vereinssports. Gerade dieser weist weiterhin deutliche alters- und geschlechtsspezifische Differenzierungen auf. Zugleich zeigt sich, dass ein traditionelles Sportverständnis, das Sport primär mit Leistung und Wettkampf verbindet, insbesondere in niedrigeren sozialen Lagen verbreitet ist. In diesen Gruppen fällt die sportliche Aktivität insgesamt geringer aus. Damit deutet sich ein Spannungsverhältnis zwischen dem Leitbild eines „Sports für alle“ und einem wettkampforientierten Sportmodell an, das für bestimmte Gruppen vergleichsweise exklusiv bleibt. Beispiel | Schulform und Sportvereinsnutzung Ein Fallvergleich zwischen Hauptschülerinnen und Gymnasiastinnen zeigt, dass die Nutzung von Sportvereinsangeboten entlang der Schulform unterschiedlich verteilt ist. Während Gymnasiastinnen in mehrere sportnahe Bezugsgruppen eingebunden sind, bewegen sich Hauptschülerinnen in weniger Bezugsgruppen, die häufig andere, vereinssportferne Relevanzen verfolgen. Gymnasiastinnen pro‐ fitieren von förderlichen Wechselwirkungen zwischen Familie, Peergroup und Schule, insbesondere in der Kindheit und am Übergang zur Jugend. Demgegenüber sind Hauptschülerinnen eher hemmenden Wirkbeziehungen ausgesetzt, die sich aus fehlender familiärer Unterstützung, negativen schulischen Sporterfahrungen und dem hohen Stellenwert peergroupbezogener, nicht sportvereinsbezogener Orientierungen ergeben (Zander, 2016). 118 III. Teilhabe am Sport <?page no="119"?> An dem Beispiel wird sichtbar, dass sozialstrukturelle Merkmale (horizontal und ver‐ tikal) einen Einfluss auf die Sportbeteiligung haben und gleichzeitig mit differenzierten Sportpräferenzen und Organisationsformen verknüpft sind. Vor diesem Hintergrund wird eine ungleichheitstheoretische Perspektive betont, die nicht nur das Ausmaß, sondern auch die qualitativen Unterschiede sportlichen Verhaltens in den Mittelpunkt der Analyse rückt. Insbesondere zur Beschreibung dieser qualitativen - eher feinen - Unterschiede in der Teilhabe von sozialen Gruppen am Sport kommen Milieu- und Lebensstilmodelle infrage. Milieu- und Lebensstilmodelle tragen der zunehmenden Individualisierung moderner Gesellschaften Rechnung. Sie kombinieren strukturelle Merkmale mit Wertorientie‐ rungen, Präferenzen und Alltagspraktiken. Sportverhalten wird hier nicht mehr allein aus der sozialen Schicht abgeleitet, sondern als Ergebnis gerahmter, zugleich jedoch in‐ dividueller Entscheidungen verstanden. Ein zentraler Zugang zum Verständnis sozialer Ungleichheit in Milieu- und Lebensstilmodellen ist die Idee der kulturellen Passung, die theoretisch an das bourdieusche Konzept des Habitus anschließt (vgl. für den Sport auch Haut (2011)) und im Konzept der milieuspezifischen Handlungsbefähigung wei‐ tergeführt wird (Grundmann et al., 2006). Milieuspezifische Handlungsbefähigung ver‐ weist darauf, dass sportliche Teilhabe nicht allein vom formalen Zugang zu Angeboten abhängt, sondern davon, inwieweit sportliche Anforderungen, Deutungsmuster und Handlungserwartungen mit den kollektiv geteilten Orientierungen sozialer Milieus übereinstimmen. Empirische Studien zeigen hierbei unter anderem milieuspezifische Handlungsbefähigungen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund im Vereinssport auf (Zander, 2015a; 2015b). Teilhabe gelingt dabei vor allem dort, wo die Kultur des Sportvereins mit den handlungsleitenden Orientierungen und familialen Unter‐ stützungsressourcen der Sportler: innen kompatibel ist. Darüber hinaus verdeutlichen Studien, dass Peergroups eine zentrale Rolle für die Teilhabe am Sport spielen (Zander, 2026; Zander & Thiele, 2020). Je nachdem, ob peerbezogene Orientierungen mit sportbezogenen Kulturen in Schule und Freizeit - etwa starkem Wettkampffokus, bestimmten Körperidealen oder hoher Trainingsintensität - übereinstimmen oder in Spannung stehen, entstehen harmonische oder konflikthafte Passungsverhältnisse. So können milieuspezifische Handlungsbefähigungen einerseits Teilhabe am Sport (und damit verbundene Zugehörigkeit und Anerkennung) fördern - oder aber dazu führen, dass Sportangebote als unpassend erlebt und schließlich aufgegeben werden. Ein zentraler Mehrwert dieser Analysen besteht darin, sichtbar zu machen, dass Milieus nicht isoliert nebeneinanderstehen, sondern in einem relationalen Verhältnis zueinander agieren. Benachteiligungen einzelner Milieus sind mit den Bevorteilungen anderer Milieus verknüpft. Die Erklärung sozialer Ungleichheit im Sport bleibt in einem gesamtgesellschaftlichen Strukturzusammenhang eingebettet - unabhängig davon, ob dieser analytisch über Milieus oder über andere Modelle wie Schichten, Klassen oder Lagen gefasst wird. Inklusions- und Exklusionsmodelle schließlich betrachten Sport als Funktionssystem, das grundsätzlich allen offensteht, dessen Organisationen jedoch durch formelle und 6 Sport, soziale Ungleichheit und Diversität 119 <?page no="120"?> informelle Mechanismen Zugänge erleichtern oder erschweren. Neben institutionel‐ len Barrieren spielen auch Selbstexklusionsprozesse eine Rolle. Ein naheliegendes Argument lautet, dass bei eingeschränktem Zugang zu formell organisierten Sportan‐ geboten der informelle, selbstorganisierte Sport als Alternative offensteht und somit zumindest eine Inklusion in das Sportsystem über diesen Weg möglich erscheint. Empirische Studien, insbesondere die Arbeiten von Bindel (2008) zum informellen Sport, zeigen jedoch, dass (gerade) auch dort erhebliche körperliche und soziale Anforderungen bestehen. Insbesondere die Teilhabe an Gruppenprozessen im Sport ist keineswegs selbstverständlich, wobei zum informellen Sport noch weitere Analysen nötig sind. Wie die Gesellschaft selbst haben sich auch die Konzepte sozialer Ungleichheit verändert. Trotz aller Veränderungen weisen die bisherigen empirischen Befunde (u. a. Haut, 2021, Thiel et al., 2023) immer wieder auf die Selektivität des Vereins- und Wettkampfsports hin. Aktuell sind hier - insbesondere weibliche - Menschen mit Mi‐ grationshintergrund sowohl im Kindes- und Jugendals auch im Erwachsenenalter in Sportvereinen unterrepräsentiert beziehungsweise mit Zugangsbarrieren konfrontiert. Dies betrifft auch Personen aus sozioökonomisch marginalisierten Lebenslagen sowie Menschen mit Behinderungen. 6.3 Diversität im Sport Die Diversitätsforschung knüpft an die Analyse sozialer Ungleichheit an, verschiebt jedoch ihren Fokus in mehrfacher Hinsicht. Während klassische Ungleichheitsmodelle vor allem die Verteilung wertvoller Güter in der Gesamtgesellschaft zwischen ver‐ gleichsweise wenigen sozialen Großgruppen entlang vertikaler Hierarchien in den Blick nehmen, fokussiert die Diversitätsforschung stärker auf eine Beschreibung der Vielfalt sozialer Positionen, Lebenslagen und Zugehörigkeiten von Menschen in teils auch ‚kleinen‘ gesellschaftlichen Bereichen, wie z.-B. Organisationen des Sports. Während Konzepte sozialer Ungleichheit den Sport primär als Spiegel gesamtgesell‐ schaftlicher Strukturen begreifen und danach fragen, wie sich außerhalb des Sports wirksame soziale Unterschiede im Sport reproduzieren oder auch brechen, rücken Diversitätsansätze den Sport selbst stärker ins Zentrum der Analyse und untersuchen, wie in ihm soziale Ordnung mit und über soziale Unterscheidungen hervorgebracht wird. Fragen nach Diversität zielen dabei auf soziale Unterscheidungen zwischen Menschen, die in konkreten sozialen Kontexten des Sports als relevant markiert werden und sowohl mit Chancen als auch mit Benachteiligungen verbunden sein können. Diversität beschreibt somit ähnlich wie Konzepte sozialer Ungleichheit keine beliebige Verschiedenheit, sondern jene Unterschiede, die gesellschaftlich wirksam werden und soziale Folgen entfalten. Neben der Frage, welche Unterschiede bestehen, rückt zunehmend in den Fokus, wie diese Unterschiede in sozialen Interaktionen hergestellt, stabilisiert oder auch infragegestellt werden. 120 III. Teilhabe am Sport <?page no="121"?> Definition | Diversität Unter Diversität werden „Differenzen gefasst, die die Chancen auf Teilhabe von Individuen oder Gruppen von Individuen in Organisationen beeinflussen. Auch im Sport lassen sich auf Basis bisheriger Forschungen systematische Trennlinien für die Teilhabe am Sport identifizieren, die den sogenannten Kerndimensionen von Diversität (Geschlecht, Alter, Behinderung, Nationalität, sexuelle Orientie‐ rung) entsprechen, und Hinweise auf andere relevante Dimensionen geben (z. B. soziale Schicht)“ (Rulofs, 2014, S.-13). Diversitätsansätze betonen nicht nur den prozessualen, sondern auch den relationalen Charakter sozialer Zugehörigkeit und Teilhabe. Im Sport eröffnet der Diversitätsansatz die Möglichkeit, Mehrfachzugehörigkeiten und Überschneidungen sozialer Kategorien systematisch mitzudenken. So können etwa Geschlecht, soziale Herkunft, Migration, Alter oder körperliche Voraussetzungen gleichzeitig wirksam sein und spezifische Bedingungen sportlicher Teilhabe hervorbringen. Sport wird damit zu einem zentralen Analysefeld für die Untersuchung von Diversität in sozialen Praxen. 6.3.1 Diversität als „doing differences“ Ein zentrales Anliegen der Diversitätsforschung besteht darin, soziale Differenzdimen‐ sionen nicht als feststehende Eigenschaften von Individuen zu begreifen, sondern als soziale Hervorbringungen. Anknüpfend an sozialkonstruktivistische Perspektiven wird davon ausgegangen, dass Unterschiede wie Geschlecht, Ethnizität, Alter oder Behinderung nicht einfach „gegeben“ sind, sondern in sozialen Situationen immer wieder hergestellt werden. In diesem Zusammenhang ist der Ansatz des „doing differences“ (Hirschauer, 2014) von besonderer Bedeutung, der im Sinne der Erforschung eines „doing inequality“ (Behrmann et al., 2018) gerade auch in empirischen Studien der qualitativen Sozial‐ forschung zum Einsatz kommt. Er knüpft an die Idee des „doing gender“ (West & Fenstermaker, 1996) an und überträgt sie auf weitere Differenzlinien. Differenzen entstehen demnach nicht unabhängig von sozialen Praktiken, sondern werden in konkreten Interaktionen hervorgebracht, bestätigt oder auch relativiert. Soziale Ak‐ teurinnen und Akteure „tun“ Unterschiede, indem sie bestimmte Merkmale relevant machen und andere ausblenden. Diese konstitutionslogische Perspektive richtet den Blick auf die Frage, unter welchen Bedingungen Differenzlinien in einer sozialen Situation bedeutsam werden. Im Sport kann dies etwa bedeuten, dass Geschlecht, Leistungsfähigkeit oder Körper‐ normen (siehe Kapitel 9) je nach Kontext unterschiedlich stark betont werden - etwa im Wettkampfsport, im Schulsport oder in informellen Bewegungssettings. Eng verbunden mit der Herstellung sozialer Differenz ist der Prozess der Subjektivierung. Menschen werden nicht nur als Träger bestimmter Merkmale wahrgenommen, son‐ 6 Sport, soziale Ungleichheit und Diversität 121 <?page no="122"?> dern im sozialen Vollzug als spezifische Subjekte adressiert, anerkannt und über Zuschreibungsprozesse als bestimmte Subjekte markiert - etwa als „sportlich“, „un‐ sportlich“, „talentiert“ oder „ungeeignet“. Diese Kategorien wirken auf die Selbstbilder der Akteur: innen zurück und beeinflussen langfristig Zugangs- und Teilhabemöglich‐ keiten (sowie biografische Orientierungen). Definition | Differenzen, Differenzlinien und Differenzdimensionen Differenzen sind grundlegende Unterschiede zwischen Personen oder Gruppen (z. B. Sprache). Sie beschreiben wertneutral soziale Unterscheidungen. Differenz‐ linien sind strukturierte, gesellschaftlich bedeutsame Formen von Differenzen. Sie markieren jene Unterschiede, die in einer Gesellschaft relevant gemacht, benannt, geordnet und oft auch hierarchisiert werden (z. B. Ethnizität/ Herkunft oder Geschlecht). Differenzdimensionen sind analytische Kategorien, mit denen man verschiedene Differenzlinien im Kontext gesellschaftlicher Differenzierungspro‐ zesse systematisch ordnet, beschreibt oder untersucht (z. B. Soziale Dimension, kulturelle Dimension). Diversitätsforschung fragt nicht statisch nach Differenzdimensionen im Sinne eindeu‐ tiger sozialer Strukturen, sondern sie lenkt vielmehr den Blick auf alltägliche Praktiken der Differenzsetzung. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf Diskriminierungs- und Ausschlussmechanismen (siehe Kapitel 15), die sich nicht allein auf gesamtgesell‐ schaftlicher Ebene, sondern vor allem auf der Mikro- und Mesoebene sozialer Praxis zeigen, etwa in Organisationen wie Schulen, Sportvereinen oder Fitnessstudios. Für die Sportsoziologie bedeutet dies, dass auch einzelne Differenzdimensionen nicht isoliert voneinander betrachtet werden können. Vielmehr ist zu analysieren, wie auch mehrere Differenzdimensionen zu spezifischen Diskriminierungs- und Ausschlussprozessen führen. 6.3.2 Intersektionale Analysen der Diversität im Sport Während Differenzdimensionen zunächst einmal einzelne Kategorien sozialer Unter‐ schiedlichkeit fokussieren, zielt der intersektionale Ansatz darauf, deren Zusammen‐ wirken dezidiert in den Blick zu nehmen. Intersektionalität geht davon aus, dass soziale Positionen nicht additiv, sondern relational entstehen: Geschlecht, soziale Herkunft, Migration, Alter oder Behinderung wirken nicht unabhängig voneinander, sondern überlagern und verstärken sich wechselseitig. Ursprünglich in der Geschlechter- und Rassismusforschung entwickelt, hat sich der intersektionale Ansatz auch in der Sportsoziologie als analytisch fruchtbar erwiesen (Bartsch & Rulofs, 2023; Günter & Schwark, 2025). Insbesondere die Geschlechterfor‐ schung im deutschsprachigen Raum kann hier als wichtiger Vorreiter gelten, da sie 122 III. Teilhabe am Sport <?page no="123"?> früh gezeigt hat, dass Geschlecht nicht isoliert analysiert werden kann, sondern stets mit weiteren sozialen Kategorien verwoben ist. Im Sport wird deutlich, dass bestimmte Gruppen besonders stark von Ausschluss- oder Benachteiligungsmechanismen betroffen sind, wenn mehrere Differenzlinien zusammenwirken. So unterscheiden sich etwa die Teilhabechancen von Frauen je nach sozialer Herkunft, Migrationserfahrung oder Religiosität erheblich. Intersektionale Analysen ermöglichen es, diese komplexen Konstellationen sichtbar zu machen, ohne sie auf eine einzige Ursache zu reduzieren. Für die Analyse sportlicher Teilhabe bedeutet dies, dass weder soziale Ungleichheit noch Diversität eindimensional erklärt werden können. Vielmehr erfordert eine differenzierte sportsoziologische Perspektive die Berücksichtigung mehrfacher Zugehörigkeiten und ihrer situativen Bedeutung. Gerade darin liegt das besondere Potenzial intersektionaler Ansätze für das Verständnis von Exklusions- und Inklusionsprozessen im Sport. 6.4 Fazit und Ausblick Zusammenfassend zeigt sich, dass soziale Ungleichheit und Diversität keine konkur‐ rierenden, sondern sich wechselseitig ergänzende Perspektiven sportsoziologischer Forschung darstellen. Ihre Verbindung ermöglicht es, Sport sowohl als strukturabhän‐ giges Teilsystem als auch als situativ hervorgebrachtes soziales Feld zu analysieren und damit Fragen der Sportbeteiligung differenziert in ihrer gesellschaftlichen Be‐ deutung zu erfassen. Während zumindest klassische Ungleichheitsansätze vor allem auf stabile Verteilungsstrukturen und vertikale soziale Ordnungsmuster verweisen, lenken Diversitätsansätze den Blick auf die prozesshafte Herstellung von Differenz, auf Anerkennungsordnungen sowie auf kontextabhängige Ausschlüsse und multiple Zugehörigkeiten im Sport. Gerade in der Zusammenschau von Ungleichheits- und Di‐ versitätsforschung wird deutlich, dass die Frage der Sportbeteiligung über quantitative Aussagen des Zugangs zum Sport hinausreicht und sich durch qualitative Fragen nach dem Wie der Teilhabe am Sport erweitern lässt. Im vorliegenden Beitrag wurden verschiedene Ebenen, Modelle und Forschungsrich‐ tungen beschrieben: So lässt sich Teilhabe am Sport sowohl im Hinblick auf vertikale und horizontale Sozialstrukturen, institutionelle Arrangements und organisationale Zugangsbedingungen als auch mit Blick auf kulturelle Deutungsmuster, Interaktions‐ ordnungen und Subjektivierungsprozesse untersuchen. Auf dieser breiten Basis liefert Forschung zu sozialer Ungleichheit und Diversität sehr reichhaltige Erkenntnisse und stellt einen wichtigen Motor der sportsoziologischen Forschung in Deutschland dar. Darüber hinaus eröffnet die Ungleichheits- und Diversitätsforschung mit ihren Perspektiven und empirischen Befunden zentrale Anschlussstellen, insbesondere für die Bearbeitung sportpädagogischer Fragestellungen (Bindel, 2024) sowie für den Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse in die Praxisfelder des Sports, etwa im Hin‐ blick auf ein differenziertes Verständnis heterogener Zielgruppen in sportpolitischen Entscheidungsprozessen und für die Entwicklung passgenauer Fördermaßnahmen. Die 6 Sport, soziale Ungleichheit und Diversität 123 <?page no="124"?> Themen soziale Ungleichheit und Diversität sind damit von unmittelbarer Relevanz für die Zukunft des Sports. Gerade weil sich unsere Gesellschaft permanent verändert und aktuell in vielfältige Transformationsprozesse (Digitalisierung, Klimawandel, Migration, etc.) eingebunden ist, bleiben entsprechende Analysen stets unabgeschlos‐ sen. Die empirische Untersuchung von Mustern der Sportbeteiligung mit ihren Aner‐ kennungsordnungen und Selektionsmechanismen bildet daher auch zukünftig eine unverzichtbare Grundlage sportsoziologischer Forschung. Neben mehreren Aspekten, die im vorliegenden Kapitel unterbelichtet geblieben sind (wie u.-a. der historische Wandel des Sports), verweist die skizzierte Forschungs‐ lage auf eine Reihe offener Fragen und Forschungsbedarfe. So ist ein verstärktes Bemühen um intersektionale Analysen (Günter & Schwark, 2025) zu konstatieren. Anders als der Schul- und Vereinssport ist auch zukünftig vermehrt der informelle und kommerzielle Sport im Kontext sozialer Ungleichheit und Diversität zu beforschen. Zudem werden Desiderate mit Blick auf das weite Feld von Bewegung, Spiel und Sport in der Kindheit deutlich. Gerade die Frage, wie Ungleichheiten frühzeitig auch im Kontext einer Verschränkung von u. a. Bildungs- und Konsumlogiken entstehen, wie sie im Sport wirksam werden und welche gesellschaftlichen Erwartungen, Zuschrei‐ bungen und Normalitätsvorstellungen dabei an Kinder herangetragen werden, eröffnet ein zentrales Feld für eine sportsoziologische Forschung, die sich auch für ‚gleiche‘ Startbedingungen von bestimmten Gruppen und Milieus stark machen möchte. Grundsätzlich bleibt damit der normative Horizont sozialer Ungleichheit ein zen‐ traler, jedoch bislang nicht abschließend geklärter Bezugspunkt, der in zukünftigen Arbeiten systematischer aus einer Perspektive sozialer Gerechtigkeit reflektiert wer‐ den sollte. Dabei stellt sich die grundlegende Frage, ob es jenseits der Vielfalt sozialer Unterschiede eine von allen geteilte normative Klammer geben kann, die als Orientie‐ rungsrahmen für die Bewertung von Ungleichheiten dient. Die allgemeinen Menschen‐ rechte könnten in diesem Zusammenhang stärker als übergreifender Referenzrahmen in den Blick genommen und ggf. noch einmal in ihrer Relevanz für den Sport aktualisiert werden. Offen bleibt zudem, wie unterschiedliche subjektive Vorstellungen von Gerechtigkeit im Sport theoretisch fundiert und empirisch zugänglich gemacht werden können. Der Capability-Approach bietet hierfür einen vielversprechenden Ansatz (Edelhoff, 2025), da er die Frage nach realen Handlungsmöglichkeiten und Teilhabechancen von Menschen in den Mittelpunkt stellt und sich zugleich für sport‐ bezogene Analysen fruchtbar machen lässt. Weiterführende und vertiefende Literatur Als umfangreiche Einführung in das Forschungsfeld der sozialen Ungleichheit im Allgemeinen eignet sich das Lehrbuch von Burzan (2011). Zur sportbezogenen Weiterarbeit eignen sich die die Monographie von Nagel (2003) und der Hand‐ buchbeitrag von Haut (2021). 124 III. Teilhabe am Sport <?page no="125"?> Wenn Sie sich intensiver mit Diversität im Sport befassen möchten, lesen Sie Rulofs (2014), Bartsch & Rulofs (2023) und Günter & Schwark (2025). Literaturverzeichnis Bartsch, F., & Rulofs, B.-(2023).-Diversität im organisierten Sport. In M. Funder, J. Gruhlich, & N. Hossain (Hrsg.), Diversitäts- und Organisationsforschung - Handbuch für Wissenschaft und Praxis-(S.-519-538). Nomos. Behrmann, L., Eckert, F., Gefken, A., & Berger, P., A. (Hrsg.) (2018). „Doing inequality“. Prozesse sozialer Ungleichheit im Blick qualitativer Sozialforschung. Springer VS. Bindel, T. (2008). Soziale Regulierung in informellen Sportgruppen. Eine Ethnographie. Czwalina. Bindel, T. (2024). Soziale Ungleichheit. Forum Kinder- und Jugendsport, 5(2), 101-104. Burzan, N. (2011). Soziale Ungleichheit. Eine Einführung in die zentralen Theorien (4., Aufl). VS. Cachay, K., & Hartmann-Tews, I. (Hrsg.). (1998). Sport und soziale Ungleichheit. Theoretische Überlegungen und empirische Befunde. Naglschmid. Edelhoff, D. (2025). Soziale Gerechtigkeit für Kinder in Bewegung, Spiel und Sport. Eine qualitative Studie aus sportpädagogischer Sicht. Springer VS. Grundmann, M., Dravenau, D., Bittlingmayer, U. H., & Edelstein, W. (Hrsg.). (2006). Handlungs‐ befähigung und Milieu. Zur Analyse milieuspezifischer Alltagspraktiken und ihrer Ungleich‐ heitsrelevanz. LIT. Günter, S., & Schwark, A. (2025).-Diversität und Sport: Intersektionale Perspektiven der sportwis‐ senschaftlichen Geschlechter- und Diversitätsforschung. Nomos. Hartmann-Tews, I., & Rulofs, B. (2018). Editorial zum Schwerpunktheft Soziale Ungleich‐ heit.-Sport und Gesellschaft,-15(1), 1-3. Haut, J. (2011). Soziale Ungleichheiten in Sportverhalten und kulturellem Geschmack. Eine empi‐ rische Aktualisierung der Bourdieu’schen Theorie symbolischer Differenzierung. Waxmann. Haut, J., & Emrich, E. (2011). Sport für alle, Sport für manche: Soziale Ungleichheiten im pluralisierten Sport. Sportwissenschaft, 41(3), 315-326. Haut, J. (2021). Sport und soziale Ungleichheit. In A. Güllich & M. Krüger (Hrsg.), Sport in Kultur und Gesellschaft (S.-237-247). Springer. Hirschauer, S. (2014). Un/ doing Differences. Die Kontingenz sozialer Zugehörigkeiten. Zeit‐ schrift für Soziologie, 43(3), 177-191. Kazemi, A., Soltani, S., Aune, D. et al. (2024). Leisure-time and occupational physical activity and risk of cardiovascular disease incidence: a systematic-review and dose-response meta-analy‐ sis of prospective cohort studies. Int J Behav Nutr Phys Act (21) 45. https: / / doi.org/ 10.1186/ s 12966-024-01593-8 Kreckel, R. (2004). Politische Soziologie der sozialen Ungleichheit (3. Aufl.). Campus. Nagel, M. (2003).-Soziale Ungleichheiten im Sport. Meyer & Meyer. Rulofs, B. (2014). „Diversität“ & „Diversitäts-Management“ - Auslegungen der Konzepte für die Entwicklung von Sportorganisationen. in P. Gieß-Stüber, U. Burrmann, S. Radtke, B. Rulofs, & H. Tiemann (Hrsg.), Expertise "Diversität, Inklusion, Integration und Interkulturalität": Leit‐ 6 Sport, soziale Ungleichheit und Diversität 125 <?page no="126"?> begriffe der Politik, sportwissenschaftliche Diskurse und Empfehlung für den DOSB/ dsj (S. 7-13). DOSB. Schlagenhauf, K. (1977). Sportvereine in der Bundesrepublik Deutschland. Teil I: Strukturelemente und Veraltensdeterminanten im organisierten Freizeitbereich. Hofmann. Thiel, A., Seiberth, K., & Mayer, J. (2023). Sportsoziologie. Ein Lehrbuch in 14 Lektionen (3. vollständig überarbeitete und erweiterte Aufl.). Meyer & Meyer. UNESCO (2015). Internationale Charta für Leibeserziehung, körperliche Aktivität und Sport. Artikel 1: https: / / unesdoc.unesco.org/ ark: / 48223/ pf0000235409_ger West, C., & Fenstermaker, S. (1996). Doing Difference. In E. Ngan-Ling Chow, D. Wilkinson & M. Baca Zinn (Hrsg.), Race, Class & Gender (S.-357-384). Sage. Zander, B. (2015a). Passungsverhältnisse Jugendlicher mit Migrationshintergrund zum Sport‐ verein. In U. Burrmann, M. Mutz, & U. Zender (Hrsg.), Jugend, Migration und Sport - Kulturelle Unterschiede und die Sozialisation zum Vereinssport (S.-39-68). Springer VS. Zander, B. (2015b). „Aber irgendwie wird das schon gehen.“. Ein Passungsverhältnis jugendlicher Migranten zum Leistungssport unter der Perspektive einer milieuspezifischen Handlungsbe‐ fähigung. In U. Burrmann, M. Mutz, & U. Zender (Hrsg.), Jugend, Migration und Sport - Kulturelle Unterschiede und die Sozialisation zum Vereinssport (S.-339-374). Springer VS. Zander, B. (2016). Sozialisation zum Vereinssport von Schülerinnen der 7.-Jahrgangsstufe im Schulformvergleich. Rekonstruktion sozialer Mikroprozesse und kollektiver Orientierungen an der Schnittstelle von Familie, Peergroup und Schule. Sport und Gesellschaft, 13(3), 307-335. Zander, B. (2026). Sport from the Perspective of Peer Groups. Exploring Collectively Shared Knowledge in School and Leisure During Early Adolescence. Barbara Budrich. Zander, B., & Thiele, J. (Hrsg.). (2020). Jugendliche im Spannungsfeld von Schule und Lebenswelt. Rekonstruktion sportiver Erfahrungsräume in synchroner und diachroner Perspektive. Springer VS. 126 III. Teilhabe am Sport <?page no="127"?> 7 Geschlechterkonstruktionen in Sport und Gesellschaft Gabriele Sobiech Lernziele | Die Leser: innen ● kennen zentrale Begriffe und Definitionen wie sex/ gender, doing gender, doing difference, Zweigeschlechtlichkeit, Heteronormativität und Intersektionalität, ● können biologische und soziale Dimensionen von Geschlecht unterscheiden sowie die Geschlechterbinarität kritisch bewerten, ● können die Wechselwirkungen von Geschlecht, Klasse und ethnischer Zuge‐ hörigkeit (gender, class, race) analysieren, ● können den Forschungsstand zu geschlechterbezogenen Ungleichheiten im Sport reflektiert einschätzen, ● verstehen die Rolle des Körpers als Produkt und Produzent sozialer Ordnungen im Sportkontext, ● können die Relevanz von Geschlechterkonstruktionen für Sportpolitik, Medien und Vereinsarbeit anhand konkreter Folgen (z. B. Ressourcenverteilung, Sicht‐ barkeit, Zugangsbeschränkungen) darstellen, ● können praxisorientierte Maßnahmen zur Förderung geschlechtlicher Vielfalt und Chancengleichheit im Sport vorschlagen und begründen. Wissens-Check | Zu diesem Kapitel werden online Lernfragen angeboten. Sie können diese über den QR-Code scannen oder über den folgenden Link aufrufen: https: / / narr.kwaest.io/ s/ 1483. 7.1 Zur Relevanz von Körper und Geschlecht in Gesellschaft und Sport Geschlecht ist in westlichen Gesellschaften eine zentrale Strukturkategorie, die aus den gesellschaftlichen Bezügen, in denen Körper und Geschlecht geformt werden, nicht herauszulösen ist. In alltäglichen Situationen bringen Menschen sowohl bewusst als auch unbewusst zum Ausdruck, welcher Geschlechterkategorie sie angehören. Dies geschieht durch körperliche Praktiken - also neben dem Erscheinungsbild und Klei‐ dungsstil sind es vor allem Gestik, Mimik, Körperhaltung und Bewegungen - mit dem Ergebnis, dass Handlungen in Interaktionen im „System der Zweigeschlechtlichkeit“ <?page no="128"?> (Hagemann-White, 1984) als ‚männlich‘ oder ‚weiblich‘ eingeordnet und nach Maßgabe gesellschaftlicher Standards bewertet werden. Körperliche Praktiken zeigen also an, ob soziale Normen erfüllt werden oder ob und auf welche Weise von diesen abgewichen wird. So ist es im Großen und Ganzen immer noch gesellschaftlicher Konsens, dass Männer mehr Muskelkraft besitzen, die Stärke‐ ren sind, während Frauen als fragiler, verletzungsoffener und eher an der Gestaltung des eigenen Erscheinungsbildes interessiert erscheinen. Mit solchen traditionellen, kulturell gewachsenen Geschlechterbildern sind verschiedene Anforderungen an das Körpermanagement von Jungen und Mädchen verknüpft, um eine im Sinne der Zweigeschlechtlichkeit adäquate Position einzunehmen. Für solche geschlechtsbezogenen Körperstrategien sind sportive Aktivitäten gemäß diesen Zuschreibungen ein gutes Beispiel: Jungen riskieren eher ihren Körper, zum Beispiel beim Down Hill mit dem Mountainbike oder auch in Kampfsportarten wie Martial Arts, und eignen sich dadurch männliche Tugenden wie Kampfgeist, körperliches Durchsetzungsvermögen und Kraft an. Mädchen und Frauen hingegen bevorzugen Sportarten, die nach ästhetischen und gesundheitsorientierten Maßstäben ausgerichtet sind und eher Gebote der Zurückhaltung verfolgen (Meuser, 2005). Körperliche Praktiken, so lässt sich nach Gugutzer (2006) festhalten, sind demnach sowohl Produkt, also Ergebnis, als auch Produzent, also Erzeuger, sozialer Ordnungen. Dabei spielen Ein- und Ausschlüsse, Zugehörigkeiten und Diskriminierungen, also Macht- und Herrschaftsverhältnisse, eine entscheidende Rolle, welche Position eine Person in einem sozialen Feld, z.-B. dem Sport, einnimmt. Geschlechtsbezogene Positionierungen werden, wie oben beispielhaft ausgeführt, bereits in der Kindheit vermittelt und eingeübt. Sie zeigen sich nicht nur in körperlichen Umgangsweisen, sondern vielmehr auch in der Inanspruchnahme von Räumen, Objek‐ ten und Tätigkeiten. In den Prozessen des Aneignens, Einübens und Praktizierens wer‐ den körper- und geschlechtsbezogene Differenzen erzeugt, die auf eine hierarchisch strukturierte Geschlechterordnung verweisen. Geschlechtliche Ungleichheiten zeigen sich z. B. in der gesellschaftlichen Organisation der Lohn- und Reproduktionsarbeit: Frauen sind durch ihr Engagement in der Carearbeit stärker auf untere Positionen verwiesen und immer noch vom sogenannten gender pay gap, also eine niedrigere Entlohnung für gleiche oder gleichwertige Arbeit, betroffen (Sobiech, 2023, S. 17f.). Im Sport gilt der von Männern betriebene Sport nach wie vor als Norm. Hingegen erscheint das, was Frauen tun, als das Besondere und Abweichende. Die Sportart Fußball heißt, wird sie von Männern betrieben, schlicht ‚Fußball‘, die gleiche Aktivität von Frauen ausgeübt, wird dann eben ‚Frauenfußball‘ genannt. Sportarten, die von Männern praktiziert werden, stoßen generell auf stärkeres öffent‐ liches Interesse, sind in den Medien stärker vertreten (Rulofs & Hartmann-Tews, 2017) und mit Geld und Prestige verbunden, was sich im Weiteren in der Verfügung umfassenderer Ressourcen innerhalb des Sportsystems niederschlägt. So sind, wie auch in Wissenschaft und Wirtschaft, Entscheidungsgewalt und Machtressourcen immer noch fest in Männerhand. D. h. dem Anteil an Frauen, die aktiv Sport treiben, entspricht 128 III. Teilhabe am Sport <?page no="129"?> bei weitem nicht der Anteil der von Frauen besetzten Schlüsselpositionen auf der Führungsebene in Sportorganisationen (Sobiech & Ochsner, 2012). Fazit: Je höher das Amt, desto weniger Frauen sind zu finden. Geschlechterdifferenzen mit ihren Dominanz- und Abhängigkeitsverhältnissen sind demnach keine in der ‚Natur‘ liegenden Verhältnisse, sie sind vielmehr kulturell erzeugt und werden auf fundamentale Weise in und an Körpern manifest (Sobiech, 2013). Zugleich ist es nicht die Geschlechtszugehörigkeit in Reinform, die das soziale Mitein‐ ander strukturiert. Auch die Klassen- und ethnische Zugehörigkeit sowie sexuelle Orientierung spielen eine wichtige Rolle bei der Einnahme von gesellschaftlichen Positionen (siehe Kapitel 6). In den folgenden Unterkapiteln sollen Körper- und Geschlechterverhältnisse stärker ausgeleuchtet werden. So geht es im zweiten Abschnitt um theoretische Überlegungen, die erklären, auf welche Weise die biologischen und kulturellen Gegebenheiten des Körpers interagieren, wie sich Geschlechterdifferenz im Alltagshandeln zeigt und in‐ wiefern Klassen- und ethnische Zugehörigkeit Geschlechterverhältnisse beeinflussen (7.2). Danach folgen Ausführungen zur sozialen Ungleichheit im Sport mit Blick auf gender, class and race (7.3). Die Frage nach dem Umgang mit geschlechtlicher Vielfalt im (Leistungs-)Sport stellt ein weiteres Kapitel dar (7.4). Am Ende erfolgt ein Fazit (7.5). 7.2 Theoretische Grundlagen: Wie Geschlechter ‚gemacht‘ werden Als Erstes ist festzuhalten, dass der Körper ein geradezu augenfälliger Ort für die Zu‐ schreibung und Verkörperung von Dualismen darstellt (siehe Kapitel 9): Natur - Kultur, weiß - schwarz, normal - krank, so auch männlich - weiblich scheinen am Körper ables- und nachweisbar. Auch in der Geschlechtersoziologie war die Diskussion um körperlich Natürliches und Kulturelles, deutlich durch die Unterscheidung zwischen sex, dem biologischen Geschlecht, und gender, dem sozialen Geschlecht, lange Zeit einflussreich. Im Zuge der Auseinandersetzungen um den § 218 (Abtreibung) in den 1970er Jahren wurden dann aber in der zweiten Frauenbewegung solche Annahmen problematisiert, die mit ‚natürlichen‘ Verhaltensweisen von Frauen argumentierten: z. B. die natürliche Bestimmung der Frau sei die Mutterschaft, lesbisch lieben und leben sei ‚widernatürlich‘ (Villa, 2011). Die Ablehnung der „Biologie-als-Schicksal-Ideologie“ richtete sich auf die Forderung nach autonomer Selbstbestimmung über den Körper. Später wurde die Unterscheidung zwischen sex und gender als „bloß verlagerter Biologismus“ (ebd., S. 77) kritisiert, der weiterhin unterstellt, es gäbe ein eindeutiges biologisches, sprich natürliches Geschlecht. Vor allem materialistische Perspektiven der Vergesellschaftung betonten in den 1990er Jahren, dass ‚biologische‘ Tatsachen des Lebens ebenso vergesellschaftete Phänomene (ebd.), d. h. durch menschliches Zusammenwirken entstanden seien: da es keine von der Dimension des Sozialen freie Wahrnehmung und Betrachtung des Körpers geben, der Körper also nur als wahrgenommener sozial relevant werden kann, 7 Geschlechterkonstruktionen in Sport und Gesellschaft 129 <?page no="130"?> seien auch körperliche Vorgänge wie Gebären, Sexualität, Alter sozial überformt und ein Zugriff auf die reine ‚Natur‘ nicht möglich. „Erkenntnistheoretisch gesehen gibt es keinen unmittelbaren Zugang zur ‚reinen‘, ‚wirkli‐ chen‘ oder ‚bloßen‘ Natur; und anthropologisch gesehen lässt sich über die ‚Natur‘ des Menschen nicht mehr, aber auch nicht weniger sagen, als dass sie gleichursprünglich mit Kultur ist“ (Gildemeister & Wetterer, 1992, S.-210). Diesem Beitrag liegt daher eine konstruktivistische Perspektive zugrunde, die die Wirklichkeit des Geschlechtskörpers und ihr sowohl kognitives wie unbewusstes Tun und Erleben als konstruierte Wirklichkeit (Abels, 2007) bezeichnet. Präziser formuliert: Wissensbox | Konstruktivistische Geschlechtszugehörigkeit Entgegen der alltagstheoretischen Grundannahme, dass die Geschlechtszugehö‐ rigkeit natürlich, von Geburt an vorgegeben und unveränderbar sei, verstehen Konzepte sozialer Konstruktion die soziale Wirklichkeit zweier Geschlechter als Ergebnis historischer Entwicklungsprozesse und einer fortlaufenden Praxis. Der Geschlechtskörper wird „nicht als Basis“, sondern als Effekt sozialer Pra‐ xis begriffen (Hirschauer, 1989, S. 1). Effekt insofern, als Erziehungspraktiken, Verhaltensweisen, Handlungsspielräume und Denkstile zu einer Formung des Geschlechtskörpers in und durch körperliche Praxen führen. Z. B. lässt sich anhand der Farben rosa und blau, die bereits Kleinstkinder geschlechtlich markieren, aufzeigen, wie Geschlechter sozial hergestellt werden. Denn mit den Farben werden zugleich unterschiedliche geschlechtsbezogene Verhaltensanforderungen an Mädchen und Jungen herangetragen (z. B. Jungen weinen nicht! ). Diese Formung des Geschlechtskörpers ab frühester Kindheit hat selbstverständlich Auswirkungen auf das Alltagshandeln bis ins hohe Erwachsenenalter. Die grundlegende Frage im Rahmen einer mikrosoziologischen Perspektive lautet dann: Auf welche Weise offenbart sich das eigene Geschlecht Interaktionspartner: innen gegenüber und wie erkennen andere, welchem Geschlecht eine Person angehört? Da Genitalien in Interaktionen in der Regel nicht sichtbar sind noch Interaktionspartner: innen ihre Geschlechtszugehörigkeit the‐ matisieren wie „Guten Tag, ich bin eine Frau und was bist du? “ (Villa, 2011, S. 89), sind am Körper offensichtlich Zeichen ablesbar, die die eigene Geschlechtszugehörigkeit ohne nachzudenken zum Ausdruck bringen. Wie Geschlechterdifferenz und Alltagshandeln zusammenhängen, zeigt z. B. Hirsch‐ auer (1989) auf. Danach umfassen Geschlechterkonstruktionen in Interaktionen (ders., S. 103) zum einen Darstellungsressourcen wie Kleidung, Tätigkeiten, Raumnutzung (z. B. Fußballplätze als „Arena der Männlichkeit“, wie Kreisky und Spitaler (2006) formulieren) etc. Es handelt sich dabei um eine präreflexive, spontane und verbindliche „Zur-Schau-Stellung“ der sozialen Ordnung im Alltag, die ein körperliches Know-how voraussetzt. Die andere Dimension bezieht sich auf Geschlechtsattributionen, die von 130 III. Teilhabe am Sport <?page no="131"?> anderen beteiligten Personen in der Interaktion vorgenommen werden. Durch die ‚richtige‘ Einordnung - die Klassifikation einer Person als Mann oder Frau - beweisen die Interaktionspartner: innen die notwendige Interaktionskompetenz. Eine solche mikrosoziologische Perspektive richtet sich auf die Praxen des Alltags, die die Zweigeschlechtlichkeit nicht nur darstellen, sondern auch selbst hervorbringen. Der theoretische Ansatz, dass der Körper nicht nur Produkt, sondern auch Produzent von Gesellschaft ist, also sich nicht nur passiv in vorhandene Verhältnisse einfügen lässt, ist unter dem Schlagwort „doing gender“ (West & Zimmerman, 1987) in die sozialwissenschaftliche Diskussion eingegangen. Im Anschluss daran wurde das Kon‐ zept in „doing difference“ weiterentwickelt, welches mit dem Interesse verbunden war, solche Prozesse und Mechanismen zu identifizieren, durch die soziale Ungleichheiten entstehen und die je nach Kontext unterschiedlich benachteiligende Wechselwirkun‐ gen hervorbringen (siehe Kapitel 6). „Erst wenn man die Konstruktion von Geschlecht, Klasse und Ethnie als simultane Prozesse begreift, wird es möglich zu erkennen, dass die Relevanz dieser Ordnungsmuster je nach Interaktionskontext variieren kann“ (Fenstermaker & West, 2001, S.-237). Hier zeigt sich bereits, dass Geschlecht immer nur in Verschränkung mit anderen Kategorien zu betrachten ist, um Machtverhältnisse adäquat zu berücksichtigen. Inter‐ sektionale Konzepte greifen dieses Anliegen bereits im letzten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts auf. Vor allem die Schwarze Frauenbewegung in den USA bezog sich auf die ungleichheitserzeugenden Wechselwirkungen zwischen soziostrukturellen Kategorien wie „gender, race and class“ (Lutz, 2018; Dierckxs, 2018; siehe Kapitel 15). Kimberlé Crenshaw (1989) entwarf später das Bild einer Straßenkreuzung, um die Verwobenheit sozialer Ungleichheitskategorien (Intersektionen) aufzuzeigen, „an der sich Machtwege kreuzen, überlagern und überschneiden“ (Winker & Degele, 2009, S. 12). Auch wenn es in der Geschlechterforschung/ Sozialwissenschaften Uneinigkeit darüber gibt, wie viele Differenzkategorien in die Analyse einfließen sollen, ist für die Analyse sozialer Ungleichheiten im Sport/ Leistungssport neben Klassen- und eth‐ nischer Zugehörigkeit die Kategorie sexuelle Orientierung/ sexuelle Vielfalt zentral, da diese Thematik in sportwissenschaftlicher und sportpolitischer Hinsicht an Aktualität und Relevanz gewonnen hat (Heckemeyer & Gramespacher, 2019). Aber auch auf gesamtgesellschaftliche Verhältnisse bezogen, in denen immer noch eine dichotome Geschlechterordnung und das „Regime der Heterosexualität“ (Kop‐ petsch & Lewandowski, 2015) als Normalität gilt - Butler (1991) hat hierfür den Begriff ‚Heteronormativität‘ geprägt - werden trotz der Änderung und Umsetzung des Personenstandsrechts 2018, trotz zunehmender Toleranz in akademisch geprägten Milieus gegenüber vielfältigen Geschlechtsidentitäten sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in den unterschiedlichsten Institutionen, auch in Bildung und Schule (Wagner et al., 2025; Weselek et al., 2023), weiterhin marginalisiert und diskriminiert. 7 Geschlechterkonstruktionen in Sport und Gesellschaft 131 <?page no="132"?> Im nächsten Kapitel soll zunächst beschrieben werden, welche sozialen Ungleichhei‐ ten in der Sportpartizipation zu konstatieren sind, bevor die Thematik geschlechtliche Vielfalt im (Leistungs-)Sport genauer dargestellt wird. 7.3 Soziale Ungleichheiten in der Sportpartizipation mit Blick auf gender, class, race (ethnische Zugehörigkeit) Sport hat sich seit dem Zweiten Weltkrieg von einem Privileg für männliche Jugendli‐ che aus gutem Hause, auch durch die Zunahme der Freizeit, zu einem generations- und geschlechtsübergreifenden Phänomen entwickelt (Rohrer & Haller, 2015, S. 59). Vor allem die Ausdifferenzierung und Pluralisierung von Sportarten und Sportinteressen wie „Spaß an der Bewegung, Unterhaltung, Geselligkeit, die Verbesserung der Gesund‐ heit und körperlichen Leistungsfähigkeit, die Verwirklichung von Schönheitsidealen“ (Klein, 2009, S. 2) hat dazu beigetragen, dass in Deutschland seit Mitte der 1990er Jahre ein kontinuierlicher Anstieg des Sportengagements festzustellen ist. Dabei hat die Pluralisierung der Sportkultur und die Tatsache, dass inzwischen auf Fitness und Ausdauer zielende Aktivitäten auch als Sport gelten, die vor allem von Frauen und Älteren bevorzugt betrieben werden, zu einer überproportionalen Zunahme sportlich aktiver Frauen geführt (Hartmann-Tews & Hoppe, 2018). Bevorzugte Aktivitäten sind dabei sowohl rhythmisch-tänzerische, an Beweglichkeit und Ästhetik orientierte Bewegungsformen als auch die Ausübung von Entspannungstechniken. Gründe liegen in der somatischen Kultur, denn nach Meuser (2005, S.-275) ist keine soziale Differenz „derart unmittelbar körperbasiert“ wie die Geschlechterdifferenz. Während Frauen immer noch stärker die Sorge um den Körper und die Stilisierung des Aussehens nahegelegt wird - so sind die Rhythmische Sportgymnastik und Synchronschwimmen originär ‚weibliche‘ Sportdisziplinen und für Männer nicht zugänglich - verlangt die Präsentation von Härte und Durchsetzungskraft Männern ein anderes Körperma‐ nagement ab. Die Ausübung als ‚weiblich‘ geltender Aktivitäten wie z. B. Balletttanz wird nach dieser Maßgabe für letztere als unpassend interpretiert, ja nicht selten müssen Jungen und Männer, die solcherlei Aktivitäten betreiben, damit rechnen als homosexuell stigmatisiert zu werden. Bei Sportarten hingegen, die eine kämpferische Auseinandersetzung erfordern und den eigenen Körper auf ‘s Spiel setzen, z. B. im Extremsport wie beim Freeriden oder Basejumping, ist der Aufforderungscharakter für Jungen und Männer besonders groß. Connell (2015) beschreibt Sport in diesem Zusammenhang als ein zentrales Feld hegemonialer Männlichkeitskonstruktionen, in dem geschlechtliche Hierarchien verkörpert und reproduziert werden. Für Männer scheint es dadurch schwieriger als für Frauen zu sein, traditionellen Geschlechterbildern zu entkommen, wie Kiep (2017) für die Körpernormen der Fitness‐ kultur analysiert. In seiner Studie wird vor allem denjenigen Männern Anerkennung zuteil, die durch ihre Körperformungsstrategien die begehrte V-Form eines männli‐ chen Idealkörpers erzeugen konnten. Untrainierte Männerkörper werden hingegen ignoriert oder mit abfälligen Blicken bedacht. 132 III. Teilhabe am Sport <?page no="133"?> Hingegen gelingt es immer mehr Mädchen und Frauen traditionelle Machtverhält‐ nisse, Zuschreibungen und Einschränkungen zu überwinden und Zugang zu neuen Feldern des Sports zu finden. So sind Frauen in männlich konnotierten Sportarten wie Boxen, Sumoringen, Skispringen oder in sportlichen Settings aktiv, in denen Muskel‐ aufbau, Kraft und Verteidigungsfähigkeit zum Selbst- und Körperkonzept gehören. Hollander (2016) zeigt in ihren empirischen Arbeiten, dass körperlich konfrontative Trainingsformen Frauen dabei unterstützen können, ein verändertes Verhältnis zu ihrem Körper zu entwickeln. Insbesondere Aspekte wie Selbstschutz, Grenzsetzung und körperliche Selbstwirksamkeit werden als zentrale Ressourcen beschrieben, die das Selbstvertrauen stärken und die Selbstwahrnehmung nachhaltig beeinflussen. Auch in sogenannten Crossfit-Boxen wird der Körper durch hartes Muskeltraining auf eine Weise bearbeitet, dass er mit traditionellen Vorstellungen von Weiblichkeit nichts mehr gemein hat (Brederek, 2024). Allerdings sind Frauen außerhalb des Sports immer noch dazu aufgerufen, sich, entgegen dem ‚Mannweiber-Klischee‘ (Sobiech, 2013), als attraktive Frauen zu präsentieren. Die Ausführungen zeigen, dass die mit diesen Differenzen verbundenen Bedeutun‐ gen, Assoziationen und Präsentationen keineswegs ‚natürlich‘ sind, sie erscheinen in Abhängigkeit von der somatischen Kultur einer Gesellschaft als sozial konstruiert und sind damit veränderbar. Um genauer bestimmen zu können, welche sozialen Faktoren, z. B. soziale Herkunft, den Zugang zu sportlicher Aktivität erleichtern oder erschweren, sei an dieser Stelle auf Bourdieu (1999) verwiesen (siehe Kapitel 2), der die Bedeutung kultureller Praktiken im Rahmen des individuellen Lebensstils für die Reproduktion sozialer Ungleichheiten in den Fokus stellte. Zentral sind dabei die Lebensbedingungen, durch die sich Perso‐ nen Wahrnehmungs-, Einstellungs- und Handlungsschemata aneignen, die zu einem klassenspezifischen Habitus führen. Aufgrund dessen nehmen sie eine soziale Position im sozialen Raum ein, die die Akkumulation ökonomischen, sozialen und kulturellen Kapitals entweder erschweren oder begünstigen sowie Lebenschancen beeinträchtigen oder verbessern kann (Kreckel, 1992). Der Zugang zum Sport wird dabei nicht in erster Linie über das ökonomische Kapital entschieden, sondern vielmehr über das kulturelle Kapital, da es zum einen in Form von Wissen, um z. B. gesundheitliche Vorteile von Sportaktivitäten, eine Rolle spielt. Zum anderen sind erworbene Verhaltensdispositionen, das eigene Körperbild, insgesamt individuelle Haltungen entscheidend dafür, ob sich jemand sportlichem Wettkampf mit Disziplin, Leistungsbereitschaft und Durchhaltevermögen stellen, den Körper mit Übungen kräftigen und gesund erhalten will oder einen nicht-sportlichen Lebensstil pflegt (Haut, 2018). Der durch Essgewohnheiten, Kleidungsstil und eben Sportverhalten geformte Körper ist nach Bourdieu (1999, S. 307) die „unwiderlegbarste Objektivierung des Klassengeschmacks“. Dass insbesondere der soziale Status Einfluss auf die Sportpartizipation und Sport‐ vereinsmitgliedschaft hat, zeigte Schlagenhauf bereits 1977 auf, d. h. in fast 50 Jahren hat sich in dieser Hinsicht kaum etwas verändert. Denn auch neuere empirische Studien 7 Geschlechterkonstruktionen in Sport und Gesellschaft 133 <?page no="134"?> belegen, dass der Einfluss vertikaler, schichtspezifischer Ungleichheiten konstant bleibt, aber auch horizontale Ungleichheiten wie Alter, Geschlecht, Nationalität etc. zu berücksichtigen sind (Rohrer & Haller 2015; Breuer 2018; Jekauc et al. 2018). Beide Ungleichheitsdimensionen stehen in Wechselwirkung zueinander (Winker & Degele, 2009) und beeinflussen die individuelle Sportpartizipation und den Gesundheitszustand (siehe Kapitel 6 und 10), wie auch die empirischen Ergebnisse der Studie von Jekauc et al. (2018, S. 275) zeigen. Danach weisen vor allem Frauen mit niedrigem Sozialstatus niedrigere Aktivitätsraten im Sport auf. Gründe liegen z. B. in familiär-privaten Verpflichtungen, wie die Betreuung von Kindern oder zu versorgende ältere Personen im Haushalt, die zu Belastungen führen und die sich negativ auf die Aufnahme einer Sportaktivität auswirken. Auch die Studie von Bartsch & Rulofs (2024) über Jugendliche aus marginalisierten Lebenslagen hat zum Ergebnis, dass aufgrund von Habitusunterschieden Fremdheits‐ gefühle entstehen können, die eine Mitgliedschaft im Sportverein erschweren. Bemer‐ kenswert ist, dass Männlichkeitsnormen, wie stark zu sein, eher verhindert haben sich bei Mobbing und/ oder körperlichen Übergriffen Unterstützung zu suchen, sondern im Gegenteil zum Rückzug aus dem Vereinssport führten. Neben dem Sozialstatus ist die ethnische Zugehörigkeit bedeutsam. So zeigen Breuer und Wicker (2008) für Deutschland auf, dass Mitbürger: innen mit türkischen oder südeuropäischen Migrationserfahrungen signifikant seltener sportlich aktiv sind. Allerdings ist die Studie schon älter und möglicherweise muss auch bei Personen mit Migrationserfahrung stärker der Sozialstatus berücksichtigt werden, der die Sportver‐ einspartizipation beeinträchtigt. Genau darauf verweisen Hoenemann et al. (2021) mit ihrer Studie, die einen Zusammenhang zwischen Schulniveau, Migrationserfah‐ rungen, Geschlecht und der Teilhabe am Vereinssport belegen können. Mädchen aus sozioökonomisch schwachen Familien bevorzugen danach eher Sportaktivitäten in Sport-AGs der jeweiligen Schule, Personen mit Migrationserfahrungen insgesamt stärker vereinsungebundene Sportangebote wie sie z. B. Fitnessstudios anbieten. Für die USA belegen Humphreys und Ruseski (2006), dass Afroamerikaner: innen und Hispanics unabhängig vom ökonomischen Kapital seltener sportlich aktiv sind als weiße Amerikaner: innen. 7.4 (Leistungs-)Sport und geschlechtliche Vielfalt Die Kategorie Geschlecht stellt im Leistungssportsystem sehr viel stärker als im Breitensport ein zentrales, ein- und ausschließendes Unterscheidungsmerkmal dar, wie in kaum einem anderen Bereich westlicher Gesellschaften, was auch noch fast 20 Jahre später die Schlussfolgerung zulässt: „Doing Sport ist doing gender“ (Pfister, 2008). So werden in den verschiedenen Ligen und Meisterschaftssystemen in der Regel nach Geschlechtern getrennte Wettkämpfe durchgeführt, außer beim Reiten, Motor- und Segelsport treten Männer und Frauen nicht gegeneinander an. Häufig gelten unterschiedliche Maßstäbe und Regeln, die sich auf die Nutzung unterschiedlicher 134 III. Teilhabe am Sport <?page no="135"?> Sportgeräte, z.-B. Schwebebalken und Stufenbarren gegenüber Gleichholmbarren und Ringen, auf unterschiedliche Leistungsbewertungen (z. B. in der Leichtathletik) oder auf differente Bekleidungsregeln erstrecken können (z.-B. beim Turnen). Beispiel | Sexualisierung Sarah Voss hatte während der Turn-EM in Basel 2021 als Erste ein Zeichen gegen Sexualisierung der Turnerinnen in ihren knappen Turnanzügen gesetzt, indem sie einen Ganzkörperanzug trug. Für Männer sind lange Turnhosen selbstverständlich. Eine zentrale Ursache dafür ist darin zu sehen, dass der Körper und körperliche Differenzen im Zentrum leistungsorientierten Sports stehen, in dem systematisch Un‐ terschiede ermittelt und auf körperlichen Leistungen basierende Rangfolgen aufgestellt werden. In einem solchen System erhält die soziale Ordnung der Zweigeschlechtlich‐ keit eine besondere Anschaulichkeit, da die überlegene Männlichkeit quasi unter der Haut sitzt: Das höhere Leistungs- und Durchsetzungspotenzial zeigt sich in stärkeren Muskeln, in Kraft, Kampfgeist und Schnelligkeit. Leistungssportliche Erfolge von Mädchen und Frauen stehen damit nicht gleichberechtigt neben denen von Jungen und Männern, sie sind in den Medien und der Öffentlichkeit zweitrangig. Wenn allerdings Frauen durch sehr gute sportliche Leistungen, egal in welcher Sportart, auffallen, wird häufig ihr Frau-Sein in Frage gestellt. Sie gelten als keine ‚richtigen‘ Frauen, als verkappte Männer, als Mann-Weiber, die sich schlimmstenfalls in Frauenwettbewerbe einschleichen wollen (Krämer, 2020, S. 325 ff). Eine Einbahnstra‐ ßen-Argumentation in dem Sinne, dass in einem heteronormativem Wettkampfsystem die Möglichkeit, dass Frauen sich in Männerwettbewerbe einschleichen, gar nicht erst in Betracht gezogen wird. Diese Denkweise hat für leistungsstarke Frauen Folgen: Die algerische Boxerin Imane Khelif z. B., die im Jahr 2024 die Goldmedaille in Paris gewann, wurde von einem niederländischen Boxwettkampf ausgeschlossen, weil sie sich dem vom Verband World Boxing eingeführten „Sextest“ verweigerte. Die Zeitschrift Stern (2025) fragte: „Wie umgehen mit intergeschlechtlichen Boxerinnen und Athletinnen, die sich als Frauen verstehen, so wie es Khelif tut, aber Muskeln wie ein Mann haben? “ Beispiel | Sextests und Gender Verification Tests Sextests und Gender Verification Tests gibt es in den Regularien des IOC (Inter‐ national Olympic Committee) und IAAF (Internationaler Leichtathletikverband) seit den 1960er Jahren. Zu Beginn wurden die äußeren Geschlechtsmerkmale begutachtet, in den 1970er und 1980er Jahren galten chromosomale und genetische Tests als überzeugend. Aber auch diese Verfahren erwiesen sich als fehlerhaft, so dass der IAAF in den 1990er Jahren auf Geschlechtstests verzichtete und damit der Erkenntnis folgte, dass sich „Geschlecht (…) aus medizinisch-biologischer Sicht 7 Geschlechterkonstruktionen in Sport und Gesellschaft 135 <?page no="136"?> als weit facettenreicher“ darstellt, als die Einteilung des Sports in Männer- und Frauenwettkämpfen nahelegt (Heckemeyer, 2017, S.-32 f). Allein Muskeln zu haben wie ein Mann, stellt offenbar ein Ausschlusskriterium dar, eine Strategie, die von der feministischen Kulturanthropologin Gayle Rubin (1997) als „sameness taboo“ bezeichnet wurde. D. h. Frauen dürfen alles tun, wenn sie sich darin von Männern unterscheiden. Imane Khelif bezeichnete sich übrigens selbst als Frau, denn sie sei als Frau geboren, wie auch ihr Personalausweis beweise. Sportverbände wie der internationale Leichtathletikverband (IAAF) gehen davon aus, dass Fairness und Chancengleichheit bei geschlechtersegregierten Wettkämpfen gegenüber den ‚richtigen‘ Sportlerinnen nur durch die Begrenzung des Testosteronle‐ vels von intersexuellen Sportlerinnen gewährleistet werden kann. Noch 2015 galt für solche Sportlerinnen der Nachweis über ein mindestens zwölf Monate lang maximales Testosteronlevel von 10nmol/ L (Heckemeyer, 2017), die Heruntersetzung 2019 auf maximal 5nmol/ L ging als „verschärfte Diskriminierung“ in den Diskurs ein (Krämer, 2020, S. 402). Prominentes Beispiel im Kampf um das Testosteron-Doping ist Caster Semenya, die 2009 in Berlin die Goldmedaille im 800-m-Lauf gewann. Da in der media‐ len Öffentlichkeit Semenyas Geschlechtszugehörigkeit angezweifelt wurde, wollte ihr auch der IAAF die Goldmedaille für den Frauenwettkampf entziehen. Dies läutete einen langen Kampf um Anerkennung ihrer geschlechtlichen Besonderheit ein, den Semenya letztendlich verlor, da die diskursive Verschränkung von Hormonen und Leistung im Wettkampfsystem Mann- und Frau-Sein mittels der untersuchten Testosteronwerte aufrechterhalten wurde. Hormone scheinen sich für solche Begründungen, z. B. man wolle das Fairplay-Prinzip gewährleisten, besonders zu eignen, da sie als „körperinnere Substanzen entsprechend Objektivität suggerierten“ (Krämer, 2020, S. 331). Durch die „Deutungshoheit von Hormonen“ (ebd., S. 333) traten bei Semenya andere potenzielle Leistungsparameter wie Ausdauer, Training und Talent in den Hintergrund, was die Zweigeschlechterordnung wiederum als ‚Naturgesetz‘ zu bestätigen schien. Weiterhin wäre mit Blick auf das Gebot der Fairness zu fragen, wie fair können in‐ ternationale Wettkämpfe überhaupt sein, wenn die Startbedingungen für Athlet: innen insgesamt sehr unterschiedlich sind. Ein Beispiel, was wohl eher als ‚Wettbewerbsver‐ zerrung‘ in Erscheinung tritt, denn als faire Ausgangsbedingungen für die Olympiade 2024 in Paris: Topathlet: innen in Deutschland erhalten als Förderung maximal 800 Euro im Monat, während an den Top-Universitäten der USA sich der Wert der Stipendien bis auf 200.000 Dollar im Jahr beläuft. Die mangelnde Sportförderung in Deutschland wirkt sich selbstverständlich auf die Trainingsbedingungen, z. B. Expertise von Trainer: innen, Einsatz modernster Trainingsmethoden etc., aus. Hinzu kommt das Dopingkontrollsystem, das in Deutschland sehr streng ist, aber z. B. in China nicht gilt (Holzkamp, 2024). Um die Diskussion über Fairness mit Blick auf intersexuelle Sportler: innen noch einmal aufzugreifen: Ist es tatsächlich fair, dass ein zu viel oder zu wenig Testosteron 136 III. Teilhabe am Sport <?page no="137"?> die Grenzziehung zwischen einem legitimen und illegitimen Körper zieht, ohne dass es bisher gesicherte Studien darüber gibt, ob Top-Leistungen allein mit einem bestimmten Wert an männlichen Hormonen zu erklären sind? Zu jeder Zeit, auch als noch Sextests ausschlaggebend waren, diente eine androzentrische Deutung von Leistung dazu, die Geschlechtertrennung anhand ‚objektiver‘ Geschlechtsmerkmale zu gewährleis‐ ten und nicht passende Körper auszugrenzen. Mittlerweile hat sich bezüglich des gesellschaftlichen Umgangs mit Intersexualität einiges verändert, was auch im Sport zum Umdenken geführt hat. So wird vom IAAF zumindest die Einrichtung einer Startkategorie für intersexuelle Sportler: innen in Aussicht gestellt (Krämer, 2020). Während intergeschlechtliche Personen, deren angeborene körperliche Merkmale in Bezug auf Chromosomen, Hormonproduktion, Genitalien und/ oder Keimdrüsen nicht in heteronormative Vorstellungen eines männlichen und weiblichen Körpers passen, können sich Trans*Personen nicht oder nur teilweise mit dem bei der Ge‐ burt verkündeten und eingetragenen Geschlecht identifizieren und streben häufig einen Geschlechtswechsel an. Auch non-binäre Personen identifizieren sich mit dem ihnen zugewiesenen Geschlecht nicht und wehren sich gegen die Einteilung in ‚männlich‘ - ‚weiblich‘, wollen also weder als Mann noch als Frau angesprochen werden. Dieser Personenkreis wird kurz als TIN (trans- und intergeschlechtlich sowie non-binär) bezeichnet, im Gegensatz zu cis-geschlechtlichen Personen, die sich mit der Geschlechtszuweisung bei Geburt identifizieren können. Wie und ob sich Trans*- und non-binäre Personen im Freizeit-Sport verorten und welche Erfahrungen sie dabei machen, zeigen die folgenden Ausführungen. In der Studie „Queere Freizeit“ (Krell & Oldemeier, 2018) wurden insgesamt 1.711 LGBTQ+ Jugendliche (lesbisch, schwul, bisexuell, trans*, inter*, queer) zwischen 14 und 27 Jahren - drei Viertel davon mit formal hoher Bildung - per Online-Fragebogen zu ihren Freizeit- und Sporterfahrungen befragt. 16 Jugendliche dieses Samples wurden mit Hilfe qualitativer Methoden interviewt, um vertiefte Erkenntnisse zu Diskrimi‐ nierungserfahrungen in Sportkontexten zu gewinnen. Die ebenso heteronormative Geschlechterordnung im Breitensport weist nach den Erkenntnissen der Studie beson‐ ders für trans* oder geschlechter*diverse Jugendliche Diskriminierungspotenziale auf, kann aber durchaus auch eine Quelle von Unterstützung und Teilhabe darstellen. Die häufigste Weise, in der Sport ausgeübt wird, ist ein allein ausgeübter Sport wie Joggen, Mountainbike fahren und Yoga/ Pilates. Im Sportverein sind die beliebtesten Sportarten Fußball, Kampfsport und Tanzen. Der Sportverein wird allerdings eher von jüngeren Jugendlichen zu Sportaktivitäten genutzt, während ältere häufiger kom‐ merzielle Angebote, z. B. im Fitnessstudio, in Anspruch nehmen. Besonders wichtig für die Partizipation an Sportangeboten ist den LGBTQ+ Jugendlichen ein offener Um‐ gang mit geschlechtlicher Zugehörigkeit bzw. sexueller Orientierung. Daher suchen sich Jugendliche zum Teil Sportvereine oder kommerzielle Angebote aus, die sich ausdrücklich an LSBTIQ* Personen richten. Dies ist insofern folgerichtig, als dass 68 % der Befragten von Diskriminierungen im Sportverein berichten. Dazu gehören LSBTIQ*feindliche Witze und Schimpfworte, aber auch Anstarren sowie sexuelle 7 Geschlechterkonstruktionen in Sport und Gesellschaft 137 <?page no="138"?> Belästigung. Überwiegend sind es männliche Erwachsene wie Trainer, Übungsleiter oder andere Betreuer, die im Sport sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ausüben (Rulofs, 2015). Die heteronormative Zweigeschlechter-Ordnung im Sport stellt besonders für Trans*Jugendliche ein Problem für die Partizipation an Sportangeboten dar. Vor allem wird die Sportart Schwimmen aufgrund der Unvermeidbarkeit, im Umkleidebereich und in der Schwimmhalle einen nahezu unbekleideten Körper zu präsentieren, abgelehnt. Umkleidesituationen können generell für Trans*Jugendliche zu belastenden und ausgrenzenden Erfahrungen führen. Andererseits finden besonders trans*männliche Jugendliche in kraftorientierten Sportaktivitäten ein Mittel, ihre gewünschte Körperform per Muskelaufbautraining zu erzielen. Die aktuellere Studie von Hartmann-Tews et al. (2022) schließt an diesen Ergebnissen an, die 858 LGBTQ+ Personen in Deutschland per Online-Umfrage neben ihrer sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität nach ihren Partizipationserfahrungen der letzten zwölf Monate im Sport befragt haben. Von den Befragten waren 42,1 % in Sportvereinen organisiert, während 57,9 % in anderen Kontexten Sport betrieben. Über die Hälfte der Teilnehmenden berichtete über Diskriminierungen im organisierten Sport durch homo- oder trans*negative Sprachverwendung und dies vermehrt in den Mannschaftsportarten des Wettkampf- und Hochleistungssports. Von solchen Diskriminierungen besonders betroffen sind homosexuelle Männer, die in einem heteronormativem Sportsystem mit Schwäche und Verweiblichung assoziiert werden. Insgesamt berichteten vier Mal mehr LGBTQ+ Sportler: innen über negative Erfah‐ rungen in Zusammenhang mit ihrer sexuellen Orientierung als dies bei cis-geschlecht‐ lichen Sportler: innen der Fall war. Dazu gehörten verbale Angriffe, Online-Mobbing, strukturelle Exklusion und sogar physische Grenzverletzungen. Die Befragten ent‐ schieden sich in der Mehrheit aber dafür, nicht auf solche Angriffe zu reagieren, sondern vielmehr die diskriminierende Situation zu verlassen oder sogar aus dem Sportverein auszutreten. Nur 7,6 % der Befragten teilten ihre Erfahrungen dem Trainer oder einer anderen offiziellen Person mit. Aufgrund solcher Stressoren sind LGBTQ+ Sportler: innen höheren gesund-heitlichen Risiken ausgesetzt, sie fühlen sich mit ihrer sexuellen Orientierung häufig in Sportkontexten weder willkommen noch wirklich sicher. In einem heteronormativen, geschlechtersegregierenden Sportsystem sind Trans*Frauen, non-binäre und geschlechter*diverse Athlet: innen am stärksten von trans*negativen Erfahrungen und Diskriminierungen betroffen. Da, vor allem in der ersten Studie von Krell & Oldemeier (2018), einige der Studienteilnehmenden davon berichteten, ihren Sportaktivitäten in Fitnessstudios nachzugehen, soll an dieser Stelle kurz auf die Teilnahme von LGBTQ+-Personen im Fitnesskontext verwiesen werden. Hutson (2016, S. 54) zeigt auf, dass das im Fitnessfeld propagierte, durchtrainierte schlanke, fettfreie Körperideal ein Ideal darstellt, dass unter einer intersektionalen Perspektive als „gendered, raced, and classed“ zu bezeich‐ nen ist. Denn „Black, Latina and lesbian women“ sind von der hegemonialen weißen und heterosexuellen Weiblichkeit ausgeschlossen. Auch die Studie von Schmechel (2018) belegt, dass für Personen mit anderer Geschlechtsorientierung das Fitnessstudio 138 III. Teilhabe am Sport <?page no="139"?> keinen „queerer safer space“ darstellt. Schon die Umkleiden erzwingen eine Zuordnung zu ‚männlich‘, ‚weiblich‘, auch Blicke und Dresscodes entsprechen eher heteronorma‐ tiven Standards. Die Studienteilnehmenden sehen sich deshalb ‚gezwungen‘, einen „anderen Raum“ für die Ausübung von Fitnessaktivitäten bei gleichzeitiger Akzeptanz und Anerkennung ihrer geschlechtlichen Selbstdefinition zu schaffen. Durch das Zusammentreffen mit Menschen, die ähnliche Körpererfahrungen erlebt und ähnliche geschlechtliche Identitäten ausgebildet haben, können ihre „anderen Körper“ nun als ‚normal‘ empfunden werden. Unter einer intersektionalen Perspektive ist auch die Teilnahme von Älteren an Sportangeboten in Fitnessstudios nicht frei von Diskriminierungen (siehe Kapitel 5). Vor allem wenn Trainer: innen keinerlei Qualifikationen im Umgang mit Älteren erworben haben, verhindern altersbezogene Stereotypen angemessene Trainingsme‐ thoden und -formen. Besonders ältere Männer fühlen sich im Fitnessfeld marginalisiert, da jüngere, mittelalte Männer das Feld mit ihren Praxen dominieren. Ältere Frauen hingegen können sich aufgrund ihrer sportlichen Leistungen eher vor negativen Altersstereotypen schützen (Sobiech, 2023). 7.5 Fazit Die Ausführungen führen zu der Frage, wie ein inklusiver Sport, der ‚gender, race, class‘, aber auch sexuelle Orientierung, Alter usw. einbezieht, aussehen könnte. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und seine angegliederten Sportverbände und -vereine haben inzwischen das Thema geschlechtliche Vielfalt auf ihre Agenda gesetzt, ausgelöst durch die Änderung des Personenstandrechts, nach dem es eine ‚Dritte Option‘ des Geschlechtereintrags gibt. Gleichwohl fehlt eine differenzierte Auseinandersetzung mit der Partizipation von TIN-Personen im Wettkampf- und Ligensystems des Sports. Einzig im Breitensport existieren inzwischen ‚Bunte Ligen‘, aber auch Sportvereine wie „Querfeldein - lgbtiq Sportverein Freiburg e.V.“, der 2024 gegründet wurde. Ein Schwerpunkt des Vereins liegt, neben der Förderung des Amateursports, auf der Integration von Lesben, Schwu‐ len, Bisexuellen, Transsexuellen, Transgender, Intersexuellen und Queeren (LSBTTIQ). Allerdings, so sieht es die Satzung vor, ist die Teilnahme an sportlichen Aktivitäten nicht auf diese Personenkreise begrenzt. Fitnessbetreiber hingegen als Anbieter auf dem neuen Gesundheitsmarkt sind marktwirtschaftliche Akteure, die die körperlichen Idealbilder des gesamtgesellschaft‐ lichen Diskurses durch ihre wirtschaftlichen Interessen mit beeinflussen. Der Schwer‐ punkt liegt auf Gewinnmaximierung, gleichberechtigte Zugangschancen für alle Men‐ schen spielen auf dieser Ebene keine Rolle. 7 Geschlechterkonstruktionen in Sport und Gesellschaft 139 <?page no="140"?> Weiterführende und vertiefende Literatur Als Einführung in das Forschungsfeld im Allgemeinen eignet sich: Sobiech und Günter (2017). Wenn Sie sich intensiver mit dem Thema befassen möchten, lesen Sie Butler (1991). Lesenswert ist hinsichtlich zentraler Personenkategorien im Sport zudem: Müller und Steuerwald (2017). Literaturverzeichnis Abels, H. (2007). Berger und Luckmann: Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. In ders. Interaktion, Identität, Präsentation. Kleine Einführung in interpretative Theorien der Soziologie (S.-87-114). VS Verlag. Bartsch, F., & Rulofs, B. (2024). Perspektiven von Jugendlichen aus sozioökonomisch marginali‐ sierten Lebenslagen auf Sportvereine: Erkenntnisse aus einer Interviewstudie. Forum Kinder- und Jugendsport, 2. https: / / doi.org/ 10.1007/ s43594-024-00134-2 Bredereck, B. (2024): Cross Fit: Fitness als universelle Überlebensstrategie. Frankfurt am Main: Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg. Breuer, C. (2018). Demografische Entwicklungen im Sport. In U. Granacher, H. Mechling & C. Voelcker-Rehage (Hrsg.), Handbuch Bewegungs- und Sportgerontologie (S.-50-63). Hoffmann. Breuer, C., & Wicker, P. (2008). 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Zur Analyse sozialer Ungleichheiten. transcript. 7 Geschlechterkonstruktionen in Sport und Gesellschaft 143 <?page no="145"?> 8 Migration und Sport Enrico Michelini Lernziele | Die Leser: innen ● kennen rezente Daten, zentrale Grunddefinitionen und Theorien bezüglich Migration, Integration und Flucht, ● können das Konzept der Integration bezogen auf Sport differenziert betrachten, ● können das Thema Zwangsmigration ausdifferenziert in Bezug auf Sport beziehen, ● können die Wechselwirkung zwischen Zwangsmigration und Migrationsfor‐ schung erklären, ● können die normativen Aspekte des politischen Diskurses über Migration und Sport kritisch reflektieren. Wissens-Check | Zu diesem Kapitel werden online Lernfragen angeboten. Sie können diese über den QR-Code scannen oder über den folgenden Link aufrufen: https: / / narr.kwaest.io/ s/ 1484. 8.1 Einleitung Migration stellt ein relevantes und dynamisches gesellschaftliches Phänomen dar, das in vielfältigen Wechselwirkungen mit dem Feld des Sports steht. Sichtbar wird die Verknüpfung von Sport und Migration in unterschiedlichen Kontexten: in In‐ itiativen, die Sport gezielt als Integrationsinstrument für Geflüchtete einsetzen, in Fancommunities, die transnational vernetzt sind und migrantische Zugehörigkeiten sichtbar machen, in der Rekrutierung internationaler Trainer: innen und Spieler: innen durch professionelle Sportvereine, in der Repräsentation von Migrationsthemen in Sportmedien und Werbung, in Konflikten oder Aushandlungsprozessen um kulturelle Praktiken, etwa bei der Frage nach religiös konformer Sportkleidung. Die Analyse dieses Wechselverhältnisses ermöglicht es, Sport als Spiegel und Mitgestalter gesell‐ schaftlicher Transformationsprozesse zu begreifen. Darüberhinaus sind sowohl Sport als auch Migration durch übergeordete Prozesse wie Globalisierung, demografischen Wandel und Digitalisierung beeinflusst (siehe Kapitel 5 und 12). Aufgrund seiner Relevanz hat sich das Thema „Migration und Sport“ zu einem eigenständigen multidisziplinären Forschungsfeld international und national (bzw. in <?page no="146"?> Deutschland) entwickelt (Rojo et al., 2022). Ein Beweis für die zentrale Bedeutung des Themas in der deutschen Sportsoziologie ist, dass sich alle neu erschienenen Lehrbücher zur Sportsoziologie mit Migration und/ oder Integration befassen (Güllich & Krüger, 2021; Nagel & Lamprecht, 2022; Thiel et al., 2023). Auch dieses Handbuch bildet dabei keine Ausnahme. In Anlehnung an die genannten Werke sowie weitere Beiträge (z. B. Thiel & Seiberth, 2020) beginnt das Kapitel mit der Darstellung grund‐ legender Definitionen und theoretischer Konzepte, um eine gemeinsame Basis für die anschließende inhaltliche Auseinandersetzung zu schaffen. Es wird hier besonderer Wert daraufgelegt, die neuesten wissenschaftlichen Ergebnisse einzubauen. Darüber hinaus wird im zweiten Teil des Beitrags der Schwerpunkt auf zwei Subthemen gesetzt, nämlich Integration und Zwangsmigration im Zusammenhang mit Sport. Es wird schon längst in Deutschland diskutiert, dass der organisierte Sport für Migrant: innen Gelegenheitsstrukturen zur Integration eröffnet, zugleich treten jedoch auch Exklusionsmechanismen und Diskriminierungserfahrungen auf. Zum anderen stellt das Phänomen der Zwangsmigration eine aktuelle und akute gesellschaftliche Herausforderung für die Gesellschaft und den Sport dar. Im Schluss wird diskutiert, wie diese Bereiche zusammenkommen und welche Zukunftsperspektiven in der Forschung abzusehen sind. 8.2 Grundkonzepte Laut De Haas et al. (2019, S. 72) wird häufig argumentiert, dass Versuche, Migration theoretisch zu fassen, vergeblich seien, da es sich um einen äußerst komplexen Prozess handelt. Die Autor: innen halten dieses Argument jedoch für wenig überzeugend: Viele Phänomene sind ihrem Wesen nach komplex - gerade deshalb benötigen wir Theorien, um ihre Vielfalt und Dynamik zu verstehen. Komplexität bedeutet zudem nicht, dass keine Muster oder Regelmäßigkeiten erkennbar wären. Im Gegenteil, man kann argumentieren, dass Migration ein stark strukturiertes soziales Phänomen ist, da sich die meisten Menschen entlang weniger spezifischer geografischer Routen bewegen - beeinflusst durch Dynamiken von Migrationssystemen. Deswegen werden in diesem Kapitel aktuelle Daten, Grunddefinitionen und theore‐ tische Konzepte eingeführt, die das Phänomen Integration und die Facetten Integration und Zwangsmigration greifbar machen. 8.2.1 Migration Nach Schätzungen der Bevölkerungsabteilung der UN (2025) lebten im Jahr 2024 etwa 304 Millionen Migranten weltweit, was 3,7 % der Weltbevölkerung entspricht. Nach Deutschland kamen im Jahr 2024 rund 1,7 Millionen Menschen, gleichzeitig verließen etwa 1,3 Millionen Menschen das Land (Statista, 2025). Diese Daten verdeutlichen die Dimension von Migration als gesellschaftlichem Phänomen. Obwohl Migration ein fester Bestandteil der Menschheitsgeschichte ist, bringt sie in der modernen, staatlich 146 III. Teilhabe am Sport <?page no="147"?> organisierten Welt weitreichende Implikationen mit sich - insbesondere rechtlicher und politischer Natur. Definition | Migration „Migration ist der auf Dauer angelegte bzw. dauerhaft werdende Wechsel in eine andere Gesellschaft bzw. in eine andere Region von einzelnen oder mehreren Menschen.“ (Treibel, 2010, S.-11) In Deutschland gibt es keine einzelne offizielle, rechtlich normierte Definition für den Begriff „Migrant: in“. Stattdessen wird der Begriff „Migrant: in“ umgangssprachlich als Oberbegriff für alle in Deutschland lebenden „Ausländer: innen“ und „Personen mit Migrationshintergrund“ verwendet, die das Statistische Bundesamt wie folgt definiert: Definition | Ausländer: innen und Personen mit Migrationshintergrund Ausländer: innen: „Dazu zählen alle Personen, die nicht Deutsche im Sinne des Art. 116 Abs. 1 GG sind, d. h. nicht die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Zu ihnen gehören auch die Staatenlosen und die Personen mit ungeklärter Staatsangehörigkeit. Deutsche, die zugleich eine fremde Staatsangehörigkeit besitzen, gehören nicht zu den Ausländerinnen und Ausländern.“ (Statistisches Bundesamt, 2025) Migrationshintergrund: „Eine Person hat einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde. Im Einzelnen umfasst diese Definition zugewanderte und nicht zugewanderte Ausländerinnen und Ausländer, zugewanderte und nicht zugewan‐ derte Eingebürgerte, (Spät-)Aussiedlerinnen und (Spät-)Aussiedler sowie die als Deutsche geborenen Nachkommen dieser Gruppen“ (Statistisches Bundesamt, 2025) Thiel und Seiberth (2020, S. 3) merken an, dass diese Erweiterung des Diskurses auf Menschen, die nicht selbst aktiv migriert sind, methodisch problematisch ist. Darüber hinaus stellt die Zuordnung von Menschen mit Migrationshintergrund nach Geburtsland und Staatsangehörigkeit zwar eine nützliche Differenzierungskategorie für die Erhebung statistischer Daten dar, erlaubt jedoch keine direkten Aussagen über ihre Lebenswelten oder den Stand ihrer Integration (Derecik & Tiemann, 2022, Sp. 74). Die Anfänge der Migrationstheorien stützen sich auf die wegweisenden „Gesetze der Wanderung“ (Ravenstein, 1972) zu Arbeitsmigration im 19.-Jahrhundert sowie auf die Push-Pull-Theorien (Lee, 1966) zu Ursachen ökonomisch motivierter Migration. Der Beitrag von O’Reilly (2022) zu Migrationstheorien würdigt die Vielfalt zeitgenössischer Perspektiven und Ansätze, die unterschiedliche Typen von Migrationsflüssen in größere Systeme und Netzwerke einordnen. Zunehmend werden auch Grenzziehungs‐ 8 Migration und Sport 147 <?page no="148"?> prozesse, die alltägliche Konstruktion von „Wir“ und „Sie“ sowie die Rolle von Frauen in der Migration berücksichtigt - ebenso wie die Erfahrungen jener, die selbst nicht migrieren, aber dennoch betroffen sind. Die Trennung von Makro- und Mikroebene, die die Anfänge der Migrationsforschung stark prägte, wird dabei überwunden, indem Faktoren auf Makro-, Meso- und Mikroebene gemeinsam betrachtet werden, um die Erfahrungen von Akteur: innen besser zu verstehen. Darüber hinaus wurden umfassende Theorien und synthetisierende Ansätze entwickelt, die eine einheitlichere theoretische Erfassung von Migration ermöglichen. 8.2.2 Integration Es ist wichtig zu betonen, dass die Heterogenität der Migrant: innen sehr hoch ist. In Deutschland leben nach den aktuellsten Erhebungen (Statistisches Bundesamt, 2025) rund 25,2 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund (30,4 % der gesammte Bevölkerung), davon 12,2 Milionen ohne (Ausländer) und 13 Milionen mit Deutscher Staatsbürgerschaft (Personen mit Migrationshintergrund). Der anhaltende Anstieg dieser Zahl und die tiefgreifenden Folgen anderer Phänomene, u. a. demografischer und ökonomischer Natur, machen deutlich, dass Integration eine drängende und zukunftsweisende politische wie auch soziale Aufgabe ist. Laut des BMI ist Integration: Definition | Integration „Integration ist ein langfristiger Prozess, der zum Ziel hat, alle Zugewanderten, die dauerhaft und rechtmäßig in Deutschland leben, in die Gesellschaft einzube‐ ziehen. Ziel der staatlichen Integrationspolitik ist es, Zugewanderten die gleichen Chancen auf Teilhabe im wirtschaftlichen, sozialen und gesellschaftlichen Bereich wie der Mehrheitsgesellschaft zu ermöglichen. Hierfür ist das Erlernen der deutschen Sprache sowie Kenntnis und Respektierung der Gesetze essenziell. Gleichzeitig muss den Zugewanderten ein gleichberechtigter Zugang zu allen ge‐ sellschaftlichen Bereichen ermöglicht werden.“ (Bundesministerium des Innern, 2025) In der sozialwissenschaftlichen Migrationsforschung dominierten lange Zeit Assimi‐ lationsansätze, die eine vollständige Angleichung von Menschen mit Migrationshin‐ tergrund an die Aufnahmegesellschaft forderten. Seit den 1990er Jahren hat sich in Deutschland ein Wandel hin zu einem integrativen Ansatz vollzogen, der kulturelle Vielfalt anerkennt und Integration als multidirektionalen, wechselseitigen Prozess versteht. Integration bedeutet demnach nicht vollständige Assimilation, sondern gleichberechtigte Teilhabe und Einbindung in verschiedene gesellschaftliche Zusam‐ menhänge, getragen von einem interkulturellen Dialog zwischen Mehrheits- und Minderheitsgesellschaft (Derecik & Tiemann, 2022). Im deutschen sportsoziologischen 148 III. Teilhabe am Sport <?page no="149"?> Diskurs wird oft Integration als Prozess mit verschiedenen Dimensionen betrachtet (Esser, 2001; Heckmann, 2015): ● Strukturelle Integration: Zugang zu Bildung, Arbeitsmarkt, Wohnen, politischer Partizipation ● Soziale Integration: Aufbau von Kontakten, Netzwerken und Zugehörigkeitsge‐ fühlen ● Kulturelle Integration: Erwerb von Sprachkenntnissen, Wissen über Normen und Werte ● Identifikatorische Integration: Entwicklung von Zugehörigkeitsgefühlen zur Auf‐ nahmegesellschaft 8.2.3 Zwangsmigration Laut dem Hohen Flüchtlingskommissar der Vereinten Nationen waren Ende 2024 mehr als 123 Millionen Menschen weltweit zur Flucht gezwungen (UNHCR, 2025). Ende 2024 lebten rund 3,3 Millionen Schutzsuchende in Deutschland (Statistisches Bundesamt, 2025). Solche wiederkehrenden Massenvertreibungen haben weitreichende gesellschaft‐ liche Auswirkungen, die im Globalen Norden häufig auch als „Flüchtlingskrisen“ bezeichnet werden, wobei ihre wirtschaftlichen, politischen und sozialen Folgen betont und oftmals problematisiert werden (Menjívar et al., 2019). Angesichts der gesellschaftlichen Relevanz von Zwangsmigration und der begrenzten Übertragbarkeit bestehender Ergebnisse der Migrationsforschung auf dieses Phänomen hat sich sowohl in der allgemeinen Soziologie als auch speziell in der Sportsoziologie eine neue Forschungsagenda zum Thema Sport und Flucht herausgebildet. Die „International Organization for Migration“ definiert Zwangsmigration folgendermaßen: Definition | Zwangsmigration „Eine Migrationsbewegung, die - auch wenn die Ursachen vielfältig sein können - unter Anwendung von Zwang, Druck oder Nötigung erfolgt.“ (Sironi et al., 2019, S.-77; Übersetzung EM) Der Begriff Zwangsmigrant: in wird in der Wissenschaft jedoch nicht durchgängig verwendet; stattdessen werden manchmal Begriffe wie „Geflüchtete“ „Flüchtling“, „Asylsuchender“ oder einfach „Migrant: in“ bevorzugt. Dies liegt zum Teil an dem weithin anerkannten Asyl-Migrations-Nexus bzw. an der Erkenntnis der überlappen‐ den Beziehung zwischen irregulärer und Asylmigration. Obwohl es Gründe für die Bevorzugung anderer Begriffe geben mag, wird hier argumentieriert, dass der Begriff „Zwangsmigration“ als Kompromiss zwischen den breiteren und engeren Bezeichnun‐ gen vorzuziehen ist, insbesondere wenn der genaue Status der erforschten Personen nicht offengelegt werden kann oder sollte und wenn die Selbstwahrnehmung von 8 Migration und Sport 149 <?page no="150"?> Personen einbezogen werden soll, die von verschwommenen oder sogar ungerechten rechtlichen Unterscheidungen getroffen wurden (Scherr & Scherschel, 2019). Tatsächlich kann ein wichtiger rechtlicher Bereich bei der Erforschung von Zwangs‐ migration nicht ignoriert werden. Die Artikel 1-A.2 der Genfer Konvention über die Rechtsstellung der Flüchtlinge von 1951 und ihr Protokoll von 1967 definieren einen Flüchtling wie folgt: Definition | Flüchtling Jede Person, die „aus der begründeten Furcht vor Verfolgung wegen ihrer Rasse, Religion, Nationalität, Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe oder wegen ihrer politischen Überzeugung sich außerhalb des Landes befindet, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt, und den Schutz dieses Landes nicht in Anspruch nehmen kann oder wegen dieser Befürchtungen nicht in Anspruch nehmen will; oder die sich als staatenlose infolge solcher Ereignisse außerhalb des Landes befindet, in welchem sie ihren gewöhnlichen Aufenthalt hatte, und nicht dorthin zurückkehren kann oder wegen der erwähnten Befürchtungen nicht dorthin zurückkehren will.“ (UNHCR, 1967, S.-7) Der Flüchtlingsstatus wird durch ein formelles Anerkennungsverfahren vergeben, das Kriterien im Zusammenhang mit den Umständen ihrer Vertreibung bewertet. Ein Asylsuchender hingegen ist eine Person, die internationalen Schutz sucht, deren Antrag jedoch in dem Land, in dem er gestellt wurde, noch nicht endgültig entschieden wurde. Während nicht jeder Asylsuchende letztendlich als Flüchtling anerkannt wird, beginnt jeder anerkannte Flüchtling zunächst als Asylsuchender. Während das Streben nach Asyl ein grundlegendes Menschenrecht ist, hängt die Erlangung des anerkannten Flüchtlingsstatus sowohl vom Antrag auf diesen Status als auch von dessen Gewährung ab. Es beantragen jedoch nicht alle vertriebenen Personen, die für den Flüchtlingsstatus in Frage kommen, diesen, und selbst diejenigen, die dies tun, werden möglicherweise nicht als Flüchtlinge anerkannt. Tatsächlich wird die formelle Feststellung des Flüchtlingsstatus von verschiedenen Faktoren beeinflusst, darunter die Einschätzung der Fallprüfer: innen und die vorherrschenden soziopolitischen Bedingungen. Schließlich ist zu betonen, dass eine dynamische rechtliche und politische Diskus‐ sion über die Typologie von Flüchtlingen und über die Aufnahme neuer Typen, insbesondere von Binnenvertriebenen, Klimaflüchtlingen und entwicklungsbedingten Flüchtlingen, stattfindet. Die Sozialwissenschaften haben traditionell eine kritische Haltung gegenüber der legalen und sozialen Konstruktion dieser Labels und dem Prozess ihrer sozialen Akzeptanz (oder deren Fehlen) eingenommen (Zetter, 2007). In einem Review von Zwangsmigrationstheorien beobachtet Piguet (2018), dass Konflikte und Gewalt zwar zentrale Merkmale von Flüchtlingsbewegungen sind und sich diese deutlich von anderen Migrationsformen unterscheiden, sie jedoch stets im 150 III. Teilhabe am Sport <?page no="151"?> Kontext der globalen politischen Ökonomie betrachtet werden müssen. Selbst unter Geflüchteten, die dringend Schutz benötigen, verfügen manche über ein gewisses Maß an Handlungsspielraum hinsichtlich ihrer Zielorte und Reiserouten (Castles, 2003). Daraus ergibt sich, dass eine Theorie der Zwangsmigration eine Vielzahl von Einflussfaktoren auf unterschiedlichen Ebenen berücksichtigen muss - von den Be‐ dingungen in den Herkunftsregionen über die Fluchtrouten bis hin zu den Zielregionen und den globalen Rahmenbedingungen (Richmond, 1993). Zugleich zeigt sich, dass es zunehmend wenig gerechtfertigt ist, Zwangsmigration grundsätzlich von allgemeinen Migrationstheorien zu trennen, da Migration stets sowohl aus Wahlmöglichkeiten als auch aus Zwängen besteht (Piguet, 2018). 8.3 Integration und Sport Dem Sport werden generell hohe Integrationspotenziale - u. a. von der Politik - zugeschrieben. Zum Beispiel wird die Partizipation in Sportvereinen von Menschen mit Migrationshintergrund als gewünschtes Ziel dargestellt, und als Indikator hoher sozialer Zusammenhalt und interkulturelle Öffnung des Sports wahrgenommen. Thiel et al. (2023) heben vier Integrationserwartungen hervor: Sport als verbindende Instanz, als attraktive Praxis, als Symbol für Offenheit sowie als universelle Sprache. Es wird aber auch darauf hingewiesen, dass diese Erwartungen durch Phänomene wie die Un‐ terrepräsentanz und segregative Verteilung von Menschen mit Migrationshintergrund, durch ethnische Grenzziehungsprozesse und „interkulturelle“ Konflikte im Sport und durch Exklusion und Diskriminierung von Menschen mit Migrationshintergrund im Sport teils widersprochen werden. Seiberth (2012) führt diese Grenzen der Integration im Sport an Barrieren zurück, die auf der Ebene des Körpers (z. B. Stereotypen, bei denen vom äußeren Erscheinungsbild auf religiöse oder ethnische Herkunft und daraus auf bestimmte Werte, Einstellungen und Eigenschaften geschlossen wird), des Lebensstils (z. B. individuelle Präferenzen, die Integration behindern, indem sie zu einer Selbstausgrenzung aus bestimmten Sporträumen bzw. -szenen führen) und der Sportorganisation (z. B. offene Benachteiligungen oder subjektiv empfundene Ablehnung, die durch vereinsbezogene Strukturen und Praktiken entstehen) zu finden sind. Wie bereits im vorangehenden Kapitel betont, handelt es sich um ein hochkomplexes Phänomen. Darüber hinaus wird der Integrationsbegriff in der sportsoziologischen Debatte uneinheitlich verwendet (Derecik & Tiemann, 2022). Durch einen theorieba‐ sierten analytischen Rahmen (Esser, 2001; Heckmann, 2015) wird hier ein ausdifferen‐ zierter Blick in den Stand der Forschung zum Thema angeboten. Auch wenn andere Modelle sowie unterschiedliche Versionen des Models existieren (Derecik & Tiemann, 2022; Mutz, 2018), wird hier einer zweistufigen Differenzierung gefolgt: Integration im Sport und durch Sport. Es ist anzumerken, dass diese Stufen überlappen und nicht immer trennbar sind. 8 Migration und Sport 151 <?page no="152"?> Beispiel | DOSB-Projekt Das Bundesprogramm „Integration durch Sport“ (IdS) des DOSB fördert seit den 1980er Jahren die gesellschaftliche Teilhabe von Menschen mit Migrations- und Fluchtgeschichte. Über Sportvereine werden Begegnung, interkulturelles Lernen und Teilhabe ermöglicht. Das Programm unterstützt Vereine mit Beratung, Qualifi‐ zierung und finanzieller Förderung. Es wird über die Landessportbünde umgesetzt und vom Bundesministerium des Innern und für Heimat finanziert. IdS gilt als wichtiger Bestandteil der deutschen Integrationspolitik (DOSB, 2025). 8.3.1 Integration im Sport Die Integration im Sport zielt auf eine tatsächliche Einbindung von Menschen mit Migrationshintergrund in das sportliche Geschehen ab und bezieht sich auf Prozesse, die durch Sportkontakte entstehen. Ziel ist eine langfristige Handlungsfähigkeit in sportlichen Kontexten, häufig als Binnenintegration bezeichnet, die aktive oder passive Teilhabe sowie Kompetenzerweiterung ermöglicht (Nobis & Mutz, 2011). Diese Inte‐ gration umfasst die oben genannten vier Dimensionen, die nun auf den Sport bezogen werden (Nagel & Lamprecht, 2022): ● Kulturelle Integration: Sport gilt als universelle Sprache, die über kulturelle Grenzen hinweg Verständigung ermöglicht. Sprachliche Hürden sollen keine Barriere darstellen, dennoch ist das Erlernen sportartspezifischer Regeln und Kommunikationsmuster notwendig. ● Soziale Integration: Sport wird als verbindende Instanz betrachtet, die Begegnung und Austausch zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft erleichtert und so Differenzen ausblenden oder reduzieren kann. ● Identifikatorische Integration: Durch Zugehörigkeit zu Sportarten, Vereinen oder Teams kann ein starkes Wir-Gefühl entstehen, das emotionale Bindung und gemeinsame Identität fördert. ● Strukturelle Integration: Chancengleichheit im Sport ermöglicht Aufstiegschancen - vom Erfolg im Wettkampf bis hin zur Übernahme von Funktionen wie Trainer: in oder Vereinsvorstand. Beispiel | Integration im Sport Der 37-jährige Nikos ist vor fünfzehn Jahren aus beruflichen Gründen von Grie‐ chenland nach Düsseldorf gezogen. Seitdem spielt er in einem Verein Fußball, in dem einige Griechen spielen. Er hat enge Freundschaften zu anderen Vereins‐ mitgliedern geschlossen und sich für den Verein ehrenamtlich engagiert (fiktives Beispiel). 152 III. Teilhabe am Sport <?page no="153"?> 8.3.2 Integration durch Sport Die Integration durch Sport bezieht sich auf Wirkungen, die über den sportlichen Bereich hinausreichen und das Individuum in seinem gesellschaftlichen Kontext betreffen. Diese Integrationsstufe ist eng mit der Sozialisation durch Sport verbunden und kann zur allgemeinen Persönlichkeitsentwicklung beitragen (Burrmann, 2022; Nobis & Mutz, 2011). ● Kulturelle Integration: Dazu gehören die Auseinandersetzung mit gesellschaftli‐ chen Regeln und Normen, das Erlernen der Sprache und sozialer Verhaltensweisen wie Fair Play. Sportvereine bieten zudem Gelegenheiten, demokratische Werte kennenzulernen und bürgerschaftliche Kompetenzen zu entwickeln. ● Soziale Integration: Langfristige persönliche Bindungen können durch regelmä‐ ßige Begegnungen im Training oder Wettkampf entstehen - besonders, wenn ein lebendiges Vereinsleben außerhalb des Sports existiert. ● Identifikatorische Integration: Sport Konsum und Mitgliedschaft können das Gefühl stärken, ein anerkanntes Mitglied der Gesellschaft zu sein. ● Strukturelle Integration: Auch wenn die Möglichekeit begrenzt ist, kann der Sport Netzwerke aufbauen, die Zugänge zum Arbeitsmarkt eröffnen. Beispiel | Integration durch Sport Der 25-jährige Lukas mit türkischem Hintergrund ist ein leidenschaftlicher Fan des örtlichen Fußballvereins. Durch den Besuch von Spielen, die Teilnahme an Fanaktionen und den Austausch mit anderen Fans fühlt er sich der Gemeinschaft verbunden (fiktives Beispiel). 8.4 Zwangsmigration und Sport In den letzten Jahren hat sich „Zwangsmigration und Sport“ zu einem eigenständigen, bedeutenden Forschungsbereich in der Sportsoziologie entwickelt. Die neuesten Lite‐ raturübersichten zu diesem Thema sowie aktuelle Monographien (De Martini Ugolotti & Caudwell, 2021; Michelini, 2023; Spaaij et al., 2023) dokumentieren eine wachsende Zahl empirischer Studien in westlichen (und einigen nicht-westlichen) Ländern zu Themen wie Integration, Gesundheitsförderung sowie Barrieren und Fördererung der Partizipation. Diese Studien beleuchten, wie die Narrative und Lebensgeschichten von Zwangsmigrant: innen ein Verständnis ihrer Sporterfahrungen ermöglichen, wie diese sich von denen freiwilliger Migrant: innen unterscheiden können und welche Relevanz Gefühle von Sicherheit und Zugehörigkeit in ihrem Leben und im Sport haben. Die allgemeinen Annahmen, dass der Breitensport bestimmte positive Effekte für Flüchtlinge haben kann, z. B. durch die Förderung von Integration, Zugehörigkeit und Wohlbefinden, werden durch diese Studien weitgehend bestätigt. Diese positiven Effekte können jedoch aufgrund der hohen Heterogenität von Flüchtlingen nicht 8 Migration und Sport 153 <?page no="154"?> verallgemeinert werden, und die negativen Auswirkungen der Sportbeteiligung, wie Gewalt, Diskriminierung und die Ausbeutung von geflüchteten Athlet: innen, schmä‐ lern diese optimistische Einschätzung. Es ist nötig, migrantenzentrierte, kritische und stärkenorientierte Ansätze anzuwenden, um die Bedürfnisse, Bestrebungen und Ressourcen von Zwangsmigrant: innen besser zu verstehen. Beispiel | Zwangsmigration und Sport Während der „Flüchtlingskrise“ 2015/ 2016 fanden viele Geflüchtete in Sportein‐ richtungen wie Turn- und Sporthallen kurzfristige Unterkünfte. Neben der Be‐ reitstellung von Schlaf- und Aufenthaltsräumen ermöglichten einige Angebote gleichzeitig sportliche Aktivitäten, die soziale Kontakte, Bewegungsmöglichkeiten und ein Gefühl von Normalität förderten (Michelini, 2023). 8.4.1 Zwangsmigrierte Athlet: innen Während sich die meisten bestehenden Forschungsarbeiten auf den Amateursport konzentrieren, haben wenige Forschungsgruppen sich dem Thema Zwangsmigration und Elitesport gewidmet ( Jurković & Spaaij, 2022; Michelini & Krause, 2025; Norrito & Michelini, 2025). Ein aktuelles Projekt untersucht Athlet: innen mit Zwangsmigra‐ tionshintergrund auf höchstem Wettkampfniveau und betrachtet Sinnerleben als psychologischen Mechanismus, der adaptive kulturelle Übergänge erleichtert (Giffin et al., 2024). Die Ergebnisse zeigen, dass die Fähigkeit, Sinn zu finden, entscheidend für persönliches Wachstum ist - und dass der zentrale interne Faktor hierfür in der Übernahme der Verantwortung liegt, aktiv nach Sinn zu suchen und ihn zu verfolgen. Die wichtigsten externen Faktoren waren Vertrauen und Zugehörigkeit, die durch die Unterstützung der Eliteathlet: innen verwirklicht wurden. Die forschungsbasierten Empfehlungen sind individuelle Anpassungsfähigkeit, Wohlbefinden, Sinnhaftigkeit, soziale Integration und Wachstum. Bei der Reflexion über die Limitationen des Projekts regen die Autor: innen an, die Forschung fortzusetzen und zu untersuchen, wie jene Fähigkeiten und Rahmenbedingungen gefördert werden können, die notwendig sind, um die Entwicklung von Eliteathlet: innen trotz widriger Umstände zu unterstützen. Sie betonen zudem, dass künftig verstärkt erforscht werden sollte, inwiefern der nationale Sportkontext die Erfahrungen von zwangsmigrierten Eliteathlet: innen prägt. (Giffin et al., 2024, p.-8). Beispiel | Zwangsmigrierte Athlet: innen Mohannad (ein Pseudonym) zog 2016 in ein skandinavisches Land. Bevor er mig‐ rierte, war er in Syrien als Wasserballspieler auf Eliteniveau aktiv und trat in seinem neuen Wohnland einem lokalen Wasserballverein bei. Obwohl er eine Ausbildung dem Sport vorzog, gelang es ihm, weiterhin zu trainieren und in der höchsten 154 III. Teilhabe am Sport <?page no="155"?> nationalen Liga zu spielen. Im Jahr 2021 erhielt er die Staatsbürgerschaft und wurde umgehend in die Wasserball-Nationalmannschaft aufgenommen (Michelini & Krause, 2025). 8.4.2 Sport in Flüchtlingsunterkünften Sport for development and peace (SDP) ist derzeit das größte Forschungsfeld, das Sport in Notsituationen, einschließlich Flüchtlingsunterkünften, wissenschaftlich untersucht (z. B. Collison et al., 2019). Forschung in Flüchtlingsunterkünften hat das Potenzial, die Problematiken dieser liminalen Räume aufzudecken und das Leben ihrer Bewoh‐ ner: innen zu verbessern. Wie der Name schon sagt, baut SDP auf der Annahme auf, dass Sport Frieden, Konfliktlösung, soziale Mobilisierung, Gesundheit sowie nachhaltige menschliche und gemeinschaftliche Entwicklung fördern kann. Obwohl verschiedene Richtlinien und Programme innerhalb von SDP auch in Flüchtlingslagern implemen‐ tiert und evaluiert wurden, bleibt die Wirksamkeit von Sport als Instrument für Ent‐ wicklung und Frieden weitgehend unbewiesen. Trotz einer wachsenden soziologischen und kritischen Literatur bleibt der Kern von SDP grundsätzlich die Konzeption, Imple‐ mentierung und Evaluation von Sportprogrammen, die oft postkolonialistische und hegemoniale Standpunkte widerspiegeln. Dieses Machtungleichgewicht begünstigt Akteur: innen aus dem Globalen Norden und führt zu geberorientierten Prioritäten mit begrenztem Input von Zielgruppen im Globalen Süden. Dies hat zu einer Gemeinschaft von Wissenschaftler: innen geführt, die die weitgehend glaubensbasierte Annahme, dass Sport von Natur aus Frieden und Entwicklung fördert, in Frage stellen (Holmes, 2023; Michelini & Norrito, 2025). Beispiel | Sport in Flüchtlingsunterkünften Hamdallaye ist eine Stadt in der Nähe der Hauptstadt Nigers, die eine Flüchtlings‐ unterkunft beherbergt. Dort finden trotz des extrem heißen Wetters und der ende‐ mischen Ressourcenknappheit regelmäßig Sportaktivitäten statt. Die Lagerleitung organisiert, implementiert und fördert eine Vielzahl von Sportarten, vorwiegend Fußball. Zusammen mit anderen sogenannten psychosozialen Aktivitäten wird Sport als eine Form der Therapie verstanden, um Flüchtlingen bei der Bewältigung ihrer Zwangsmigrationserfahrung zu helfen (Michelini & Norrito, 2025). 8.5 Schluss Zusammenfassend liefert die Betrachtung der Themen Integration und Zwangsmigra‐ tion im Zusammenhang mit Sport einen exemplarischen Blick in den dynamischen und ausdifferenzierten sozialwissenschaftlichen Diskurs von Migration und Sport. Trotz 8 Migration und Sport 155 <?page no="156"?> langer Tradition und zunehmender Ausdifferenzierung besteht die Notwendigkeit, Forschung zur Migration und Sport weiter auszubauen, den kritischen Ansatz zu stär‐ ken und empirische Ergebnisse zu liefern, die Politikgestaltung und gemeindebasierte Praxis informieren können. In einer Reflexion über die möglichen Wirkungen zwischen Zwangsmigration und anderen Bereichen der Migration bemerken FitzGerald & Arar (2018), dass theoretische und empirische Studien zur Soziologie internationaler Migration sich vor allem aus Beobachtungen wirtschaftlicher Migration entwickelten, die den Fall von Geflüchteten nicht vollständig berücksichtigen kann. Die Einbeziehung von Menschen, die vor Gewalt fliehen, zwingt die Rahmenbedingungen und die Wechselwirkungen verschie‐ dener Faktoren zu berücksichtigen, die auch im Sport eine Rolle spielen. Der Forschungsstand zu Zwangsmigration und Sport weist weiterhin einen deutli‐ chen eurozentrisches Bias auf, sowohl in geografischer Hinsicht als auch in Bezug auf die Konzepte, Fragen und Wissensformen, die untersucht werden. Zwar nimmt das Interesse an einer kritischen Auseinandersetzung mit neokolonialen Formen der Wissensproduktion stetig zu, doch bleiben die Ansätze zur Dekolonisierung in diesem Forschungsfeld bislang vergleichsweise unterentwickelt. Insbesondere im weiteren Feld von Sport for Development and Peace lässt sich jedoch ein wachsender Rückgriff auf epistemologische Perspektiven des Globalen Südens beobachten - etwa auf deko‐ loniale Theorien, kritische Pädagogik oder Ubuntu Weltanschauung (Giulianotti, 2023). Generell bieten dekoloniale Perspektiven die Möglichkeit, Wissen und Erfahrungen von Migrant: innen selbst in den Mittelpunkt zu stellen und Forschungsprozesse stärker nach Prinzipien von Selbstbestimmung, partizipativen Methoden, kritischem Kapazitätsaufbau und Vorteilsausgleich zu gestalten. Erste Arbeiten (Luguetti et al., 2021), weisen bereits in diese Richtung, doch bleibt das Potenzial dieser Ansätze für das Forschungsfeld noch weitgehend unausgeschöpft. Weiterführende und vertiefende Literatur Als Einführung in das Forschungsfeld Migration und Sport im Allgemeinen eignen sich: Derecik & Tiemann, 2022; Nagel & Lamprecht, 2022; Thiel & Seiberth, 2020; Thiel et al., 2023. Wenn Sie sich intensiver mit der Frage nach dem Gegenstand der Migrationswis‐ senschaft befassen möchten, lesen Sie: Oswald, 2007; Röder & Zifonun, 2024. 156 III. Teilhabe am Sport <?page no="157"?> Literaturverzeichnis Bundesministerium des Innern. (2025). Warum Integration so wichtig ist. https: / / www.bmi.bund. de/ DE/ themen/ heimat-integration/ integration/ integration-bedeutung/ integration-bedeutun g-node.html Burrmann, U. (2022). Sportbezogene Sozialisation. In A. Güllich & M. Krüger (Eds.), Sport in Kultur und Gesellschaft: Handbuch Sport und Sportwissenschaft (pp. 197-216). Springer. https: / / doi.org/ 10.1007/ 978-3-662-53407-6_15 Castles, S. (2003). Towards a Sociology of Forced Migration and Social Transformation. 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Körper und Gesundheit im Sport <?page no="163"?> 9 Körper im Sport Sebastian Ruin Lernziele | Die Leser: innen ● kennen zentrale soziologische Körpertheorien in ihren Grundzügen, ● können Unterschiede zwischen den vorgestellten Körpertheorien benennen, ● verstehen den Unterschied zwischen einer Perspektivierung des Körpers als Produkt und einer als Produzent von Gesellschaft, ● können körpersoziologische Studien zum Sport auf soziologische Körpertheo‐ rien beziehen, ● können exemplarische körpersoziologische Forschung zum Sport in ihren Grundzügen (Anliegen und Zugänge) erläutern, ● können Beispiele zu körpersoziologischen Zugängen zum Sport angeben, ● können körpersoziologische Theorien auf eigene Fragen und Probleme im Sport übertragen. Wissens-Check | Zu diesem Kapitel werden online Lernfragen angeboten. Sie können diese über den QR-Code scannen oder über den folgenden Link aufrufen: https: / / narr.kwaest.io/ s/ 1485. 9.1 Einleitung Dem menschlichen Körper kommt im Sport eine maßgebliche Bedeutung zu. Traditio‐ nell wird Sport als vorwiegend körperliche Tätigkeit begriffen, in der zielgerichtet nach körperlicher Leistung gestrebt und bei der die Beherrschung des Körpers zum ausdrücklichen Thema wird (Grieswelle, 1978). Und wenngleich sich in den letzten Jahrzehnten die Sichtweisen auf den Sport merklich geweitet und ausdifferenziert haben, bleibt die elementare Bedeutung des Körpers auch in alternativen Perspektiven auf den Sport bestehen - womit der Körper in unterschiedlichen Auslegungen zum Thema wird. Fraglich ist aus einer körpersoziologischen Perspektive auf den Sport entsprechend nicht, ob der Körper im Sport relevant ist, sondern vielmehr, in welchem Verständnis und auf welche Weise er hier wie relevant wird. Diesen und ähnlichen Fragen widmen sich körpersoziologische Untersuchungen im Kontext des Sports. Die Körpersoziologie hat sich Mitte der 1990er Jahre als eine vergleichsweise junge Teildisziplin der Soziologie etabliert (Gugutzer, 2006). Dies geschah aus der <?page no="164"?> Erkenntnis heraus, „dass dem Körper ein zentraler Ort in soziologischen Analysen und Theorien zuzuweisen sei“ (Klein, 2010, S. 457). Während die Grundsteine für eine Soziologie des Körpers bereits in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gelegt wurden, können die erste Ausgabe der Zeitschrift Body and Society im Jahr 1995 sowie die zeitgleiche Einrichtung von Sektionen zur Körperthematik in der British und American Sociological Association (Shilling, 2012) als wesentliche internationale Meilensteine benannt werden. Etwas verzögert wurde auch in Deutschland im Jahr 2005 die Sektion Soziologie des Körpers und des Sports in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie gegründet. In ihren Ursprüngen im 19. Jahrhundert war die Soziologie jedoch stark vom Ratio‐ nalismus geprägt, in dem der Körper - in der philosophischen Tradition Descartes’ - als der Ratio untergeordnetes Instrument betrachtetet wurde (siehe Kapitel 2). Dieser cartesianische Dualismus beeinflusste die klassische Soziologie nachhaltig (Meuser, 2004). Damit blieben Gründerväter der Soziologie wie Weber, Marx, Durkheim oder Simmel in ihrer Forschung weitgehend „körpervergessen“ (ebd., S. 204). Es erscheint plausibel, dass diese Zurückhaltung nicht zuletzt auch strategisch bedingt war, da die Soziologie sich in ihren Anfängen von den Naturwissenschaften abgrenzen und als eigenständige Disziplin etablieren musste (Shilling, 2012). Entsprechend wurde der Körper zwar erwähnt, jedoch nicht als zentraler Untersuchungsgegenstand behandelt. Inzwischen hat sich die Körpersoziologie zu einem eigenständigen Teilbereich soziologischer Forschung entwickelt, mit vielfältigen theoretischen Perspektiven, Forschungsfeldern und methodischen Zugängen (Gugutzer et al, 2022a; 2022b). Auch in der Sportsoziologie hat die Körpersoziologie mittlerweile einen festen Platz und befasst sich mit verkörperten Strukturen des Sports, mit Körperdiskursen des Sports und mit verkörpertem Handeln im Sport (Gugutzer, 2022). 9.2 Soziologische Körpertheorien Um körpersoziologische Zugänge zu verstehen und differenzieren zu können, ist es ratsam, sich mit unterschiedlichen Körpertheorien - also den theoretischen Grund‐ lagen der Körpersoziologie - zu befassen. Entsprechend werden in diesem Kapitel grundlegende theoretische Zugänge zum Körper dargestellt. Grob lassen sich diese in zwei Perspektiven differenzieren: einerseits in solche, die den Körper vornehmlich als Produkt von Gesellschaft begreifen - also beispielsweise als verkörperte Strukturen oder als durch Körperdiskurse konstruiert; und andererseits in solche, in denen der Körper vorrangig als Produzent von Gesellschaft - also als Agens - in den Blick gerät (Gugutzer, 2006). Diese Unterscheidung ist jedoch allenfalls eine analytische, sind Körper in ihrer Verflechtung mit Gesellschaft stets gesellschaftlich geprägt und stellen wiederum zugleich Gesellschaft her. Vor diesem Hintergrund werden im Folgenden fünf als wesentlich erachtete theo‐ retische Zugänge zum Körper umrissen. Diese Auswahl erhebt keinen Anspruch 164 IV. Körper und Gesundheit im Sport <?page no="165"?> auf Vollständligkeit. Sie dient der Darstellung prominenter Perspektiven und der Illustration der Vielfalt theoretischer Zugänge zum Körper. Definition | Soziologische Körpertheorien Soziologische Körpertheorien befassen sich mit der Entstehung, Bedeutung und Wirkung der Rolle des Körpers (bzw. dessen Verständnisses) in sozialen Kontexten. Dabei geraten insbesondere die komplexen Verflechtungen zwischen Gesellschaft und Körper in den Blick - sowohl in gesellschaftlicher Hinsicht wie auch auf Seiten des Subjekts. 9.2.1 Körper und Zivilisierung Einer der ersten Soziologen, der sich intensiv mit dem menschlichen Körper befasst, ist Norbert Elias. In seinem zentralen Werk „Über den Prozess der Zivilisation“ (1976a; 1976b) untersucht er langfristige gesellschaftliche Transformationsprozesse und beleuchtet dabei die Rolle des Körpers, wenngleich er keine explizite Theorie des Körpers formuliert (Shilling, 2012). Dem Körper kommt in seinen Analysen eine zentrale Bedeutung zu, insbesondere im Hinblick auf die historische Entwicklung der Zivilisierung. Elias (1976a; 1976b) zeigt, wie sich über Jahrhunderte hinweg die Trieb- und Affektbeherrschung in westeuropäischen Gesellschaften intensiviert hat. Beispiele hierfür sind z. B. Tischmanieren oder die Verlagerung von Aspekten der Körperpflege und körperlicher Ausscheidungen aus dem öffentlichen Raum in den privaten Bereich. Diese Entwicklung ist gekennzeichnet durch eine zunehmende Selbstkontrolle, den Verlust spontanen Verhaltens sowie eine stärkere Sensibilisierung für Scham und Peinlichkeit. Den Zivilisationsprozess versteht Elias als Ergebnis komplexer sozialer Figurationen - dynamische Netzwerke wechselseitiger Abhängigkeiten in sozialen Bezügen -, die in enger Verbindung zur Ausbildung von Machtstrukturen und zu gesellschaftlicher Differenzierung stehen (siehe Kapitel 2). Der Körper wird bei Elias demnach weniger als biologisches Objekt betrachtet, sondern vielmehr als Ausdruck sich wandelnder, historisch gewachsener, machtvoller und emotional erlebter Beziehungsgeflechte. Er spiegelt die historische und soziale Formung des Menschen wider (Shilling, 2012). Damit führt diese Perspektive vor Augen, wie gesellschaftliche Strukturen und Normen (mit der Zeit) inkorporiert werden. 9.2.2 Körper und Macht Ein zentraler Ausgangspunkt für die soziologische Beschäftigung mit Körper und Macht sind die Untersuchungen Michel Foucaults (u. a. 1977). In genealogischen Studien - in denen Macht-Wissen-Komplexe in ihrer historischen Entwicklung nach‐ gezeichnet werden - entfaltet er, wie der menschliche Körper seit dem 18. Jahrhundert 9 Körper im Sport 165 <?page no="166"?> zur Steigerung seiner Fähigkeiten manipuliert und dressiert wird. Integriert in wirk‐ same ökonomische Kontrollsysteme - wie Schulen, Kasernen und Fabriken - wird der Körper zur „Zielscheibe der Macht“ (ebd., S. 174). Er ist eingelassen in ein ausgetüfteltes Ensemble aus Zwängen und kalkulierten Manipulationen, um unterworfene, geübte, fügsame und gelehrige Körper zu produzieren und so eine optimale Ausschöpfung zu erzielen (ebd., S. 176f.). Ziel des Ganzen ist es, die „Gesellschaftskräfte zu steigern - die Produktion zu erhöhen, die Wirtschaft zu entwickeln, die Bildung auszudehnen, das Niveau der öffentlichen Moral zu heben; zu Wachstum und Mehrung beizutragen“ (ebd., S.-267). Der Körper gerät hier also als Produkt von Gesellschaft in den Blick. Foucault betont, dass sich bei der auf den Körper einwirkenden Macht ein Wandel vollzogen hat; weg von einer destruktiven, hin zu einer produktiven Macht. So wird über die Produktion gelehriger Körper eine individuelle Innenwelt erzeugt, die Men‐ schen weitaus effizienter an die Anforderungen der kapitalistischen Wirtschaft und der modernen Verwaltung anpasst, als es jede frühere Herrschaftsform je hätte erreichen können (Kögler, 2004). Hierbei gehen die Machtverhältnisse derart auf den Menschen über, dass dieser sich dessen gar nicht zwingend bewusst wird (Foucault, 2003). Vielmehr werden sie - über eine permanente Reaktualisierung machtvoller Diskurse, Praktiken und Disziplierungsmechanismen - zur wahrgenommenen Normalität, an die sich Menschen scheinbar freiwillig annähern. „Die Macht geht durch das Individuum, das sie konstituiert hat, hindurch“ (Foucault 1978, S. 83). Jedoch ist dies nicht rein deterministisch zu sehen, sondern beinhaltet auch Freiheitsgrade, die in Subjektivie‐ rungsprozessen zum Ausdruck kommen; also in Prozessen, in denen Menschen sich über Selbstgestaltungen und Selbsttechniken zu (mehr oder weniger anerkennbaren) Subejktpositionen ins Verhältnis setzen (Foucault, 1989; in Weiterentwicklung Butler, 2005). 9.2.3 Körper als Idiom sozialer Interaktion Erving Goffmans Interaktionsstudien (u. a. 1971; 1991) gelten als „zentrale Referenz‐ quelle“ (Gugutzer, 2006, S. 18) für körpersoziologische Untersuchungen, in denen der Körper explizit als Produzent von Gesellschaft begriffen wird. Goffman widmet sich in mikrosoziologischen Studien der Sphäre der direkten körperlichen Interaktion. Eine besondere Bedeutung kommt hierbei der Interaktionsordnung zu, einer Ordnung, die immer dann zutage tritt, wenn Menschen sich physisch begegnen. Ein zentrales Merkmal der Interaktionsordnung ist die körperliche Präsenz von zwei oder mehr Akteuren, die sich gegenseitig wahrnehmen und ihre eigene Wahrnehmung durch andere realisieren können (vgl. Goffman, 1971). Dabei ist körperliche Präsenz für Goffman untrennbar mit körperlicher Kommunikation verbunden, da Menschen, wenn sie sich begegnen, zwangsläufig mit ihrem Körper kommunizieren: „Ein Mensch kann aufhören zu sprechen, er kann aber nicht aufhören, mit seinem Körper zu kommunizieren“ (ebd., S.-43). 166 IV. Körper und Gesundheit im Sport <?page no="167"?> Der Körper ist für Goffman somit ein ständiges Kommunikationsmittel in sozialen Situationen (ein Idiom), wobei Körpersprache durch Routinen und Konventionen geprägt ist. In zwischenmenschlichen Kommunikationszusammenhängen besteht ent‐ sprechend eine „Verpflichtung“ zur Übermittlung bestimmter Informationen und zum Verzicht auf andere Eindrücke, was Erwartungen an die Selbstpräsentation in sozialen Rollen schafft (ebd.). In einer ausdifferenzierten Gesellschaft müssen sich Menschen daher stets situationsangemessen - u. a. mit Blick auf Status und Image - darstellen. Goffman (1991) beschreibt diese ständige ritualisierte Selbstinszenierung als die „Dramaturgie des Alltagslebens“, bei der soziale Situationen durch körperlichen Ausdruck und individuelles Handeln definiert werden. Der Körper wird so zum zentralen Erzeuger sozialer Realität und prägt die Wahrnehmung und Interaktion in jeder Begegnung. 9.2.4 Körperpraktiken und Habitus Pierre Bourdieu (1989) ist an einer umfassenden Soziologie gelegen, die die Verbindung von objektiven Strukturen mit der Eigendynamik der von diesen Strukturen geprägten Akteur: innen berücksichtigt. Entsprechend thematisiert er den Körper sowohl als Produkt als auch als Produzent von Gesellschaft und zeigt in seiner Habitustheorie (Bourdieu, 1987; 1989), wie gesellschaftliche Muster durch Sozialisationsprozesse inkorporiert werden und diese inkorporierten Muster zugleich (vorreflexiv) das ei‐ gene Handeln steuern (siehe Kapitel 2). In deteilreichen Analysen der französischen Gesellschaft der 1960er und 70er Jahre führt er vor Augen, wie Körperpraktiken klassenspezifisch geprägt sind und wie individuelle Körper diese Klassen als objektive Realität herstellen. Dies betrifft nicht zuletzt auch das Sportverhalten von Menschen. Eine zentrale Rolle kommt dabei dem Habitus zu, verstanden als ein System verinnerlichter Muster, das durch Sozialisationsprozesse klassenspezifisch geformt wird und Wahrnehmungen und Handlungen (vorreflexiv) steuert (Bourdieu, 1989). Der Habitus, den Bourdieu als strukturierte und zugleich strukturierende Struktur beschreibt, symbolisiert in diesem Sinne soziale Unterschiede und reproduziert sie wiederum in praktischen Handlungen und der Hervorbringung von Werken (ebd.). Der Körper ist dabei nicht nur Medium, sondern auch „Speicher sozialer Erfahrung“ (ebd., S. 279). Körperpraktiken wie Haltung, Sprache, Ernährung oder Sporttreiben spiegeln die inkorporierten Dispositionen des Habitus wider und schaffen objektiv geregelte Praktiken, die soziale Strukturen und Ungleichheiten aufrechterhalten. Bourdieu betont, dass diese Schemata (Habitus) durch Institutionen wie die Schule weitergegeben werden, die als „verhaltensnormierende Instanz“ das kollektive Erbe in unbewusste Muster transformiert (Bourdieu, 1970). 9 Körper im Sport 167 <?page no="168"?> 9.2.5 Leiblich-affektives Betroffensein Grundlage dieses Zugangs bildet die Annahme der leiblichen Verankerung des Men‐ schen in der Welt - ausgehend von der Tatsache, dass sich jede Wahrnehmung von Welt, jede Erkenntnis und jedes Handeln in der Welt über die eigene Leiblichkeit vollzieht. Damit gelten auch sämtliche kommunikativen Prozesse als leiblich fundiert. Der Phänomenologe Merleau-Ponty (1967, S. 58) spricht in diesem Zusammenhang von einer „leiblichen Intersubjektivität“, die jeder Form von Kommunikation zugrunde liege. O'Neill greift diesen Gedanken auf und zeigt, wie Sozialität auf der „Verleibli‐ chung des kommunikativen Lebens“ basiert (O'Neill, 1990, S. 17). Eine entscheidende Rolle für die kommunikative Qualität des Körpers spielen dabei neben körperlichen Ausdrucksformen insbesondere auch leibliche Wahrnehmungsweisen. Um die Begriffe „Körper“ und „Leib“ klar zu unterscheiden, verweist der Körperso‐ ziologe Robert Gugutzer (2012) auf die philosophische Anthropologie Plessners in der die menschliche Existenz als Einheit aus Leib-Sein und Körper-Haben beschrieben wird (Plessner, 1975): Der Mensch sei einerseits zentrisch positioniert, also räumlich und zeitlich an das Hier und Jetzt gebunden; gleichzeitig sei er exzentrisch positioniert, da er in der Lage sei, seine räumliche und zeitliche Gebundenheit zu überwinden und seinen Körper als Objekt zu betrachten (ebd.). Körper-Haben sei jedoch nicht selbstverständlich, sondern müsse durch einen lebenslangen Lernprozess erarbeitet werden. Diese Gleichzeitigkeit von Körper-Haben und Leib-Sein begreift Gugutzer (2012) als unaufhebbaren Doppelaspekt des Menschseins. Die Leibphänomenologie vertieft diese Perspektive, indem sie sich besonders dem leiblichen Spüren widmet und die spürbare Erfahrung der Innenwelt des Menschen betont. Auf diesen Grundlagen entwirft Gugutzer (2012) die neophänomenologische Sozio‐ logie als leibbasierte Soziologie. Menschliches Handeln ist so betrachtet nicht nur körperlich, sondern auch leiblich begründet. Von Schütz‘ (1960) phänomenologischer Analyse des Sinns im sozialen Handeln ausgehend hebt Gugutzer (2012) hervor, dass sich sozialer Sinn im leiblich-affektiven Betroffensein manifestiert. (Sozialer) Sinn ist also kein rein geistiges Phänomen und wird auch nicht dem Körper vom Geist aufgetragen, sondern entsteht in der leiblichen Erfahrung (des Sozialen) selbst. Die Vermittlung zwischen Leib und Körper erfolgt dabei in der menschlichen Bewegung - die Verschränkung von Körper und Leib ist schließlich nicht natürlich gegeben, sondern muss (in der Bewegung) erlernt und vollzogen werden (Gugutzer, 2012). 9.3 Exemplarische Studien zu Körper und Sport Um zu veranschaulichen, welche Bedeutung die umrissenen körpertheoretischen Zugänge für eine soziologische Analyse des Sports haben (können), werden in diesem Kapitel exemplarische Untersuchungen zum Themenkomplex Körper und Sport vorge‐ stellt. Die exemplarische Auswahl wird dabei anhand des Anliegens vorgenommen, die 168 IV. Körper und Gesundheit im Sport <?page no="169"?> Vielfalt theoretischer Zugänge abzubilden sowie zugleich verschiedene Sportbereiche aufzugreifen. Als einer der ersten Soziologen, die sich dem Sport widmen, analysiert Elias die Soziogenese des Sports und charakterisiert diesen aus figurationssoziologischer Perspektive als durch Klassen- und Machtkonstellationen geprägt (zusammenfassend Haut, 2013). Er beschreibt den Übergang vom rural sport der ländlichen Oberschicht im 18. Jahrhundert hin zu einem modernen Sport, der im 19. Jahrhundert von städtischen Schichten mitgestaltet wurde. Dabei betont Elias die wechselseitige Befruchtung körperlicher Praktiken unterschiedlicher Schichten und damit verbunden klassenspe‐ zifischer Figurationen unterschiedlicher Sportarten. Diese Dynamik ermöglicht die charakteristische Balance zwischen Aggression und Kontrolle, die den Wettkampfsport prägt. Elias sieht den Sport als ein Feld schichtspezifischer Interpretationen körperli‐ cher Aktivitäten, ähnlich wie Bourdieu, jedoch mit stärkerem Fokus auf Verflechtungen zwischen den Schichten. Seine Figurationsperspektive bietet - laut Haut (ebd.) - Ansätze zur Erklärung des Wandels im Sport, etwa einer Entsportlichung oder der Entstehung neuer Sportmodelle und Bewegungspraktiken. Beispiel | Boxen Die Spannung von Aggression und Kontrolle wird im Boxen plastisch: Im Ge‐ gensatz zu den relativ brutalen Zweikämpfen in der Antike äußert sich die Versportlichung des Boxens in einer Etablierung detaillierter Regelwerke und deren strikter Durchsetzung (Haut, 2013). Zweifellos bleibt der Boxkampf dabei aber ein an sich aggressiver Akt. Prominent wird der Körper in der Sportsoziologie seit Jahrzehnten im Zusammen‐ hang mit der Dimension Geschlecht thematisiert. Aus diskurstheoretischer Sicht hat insbesondere Judith Butler (1991) in Anlehnung an Foucault verdeutlicht, dass gesellschaftliche Diskurse Wissensstrukturen schaffen, die soziale Normen in Bezug auf Geschlechtskörper formen. Diese historisch bedingten Konstruktionen werden durch performative Praktiken - nicht zuletzt im Sport - als natürlich und essenziell dargestellt (Klein, 2010). In dieser Tradition wird der Körper in der sportwissenschaftli‐ chen Geschlechterforschung „als Produzent, Instrument und Produkt gesellschaftlicher Machtverhältnisse“ (Sobiech & Günter, 2017, S. 5) beforscht. Dies zielt darauf, schein‐ bar biologisch determinierte Geschlechterunterschiede im Sport als gesellschaftliche Konstruktion und „ideologische Wissensproduktion zu entlarven“ (ebd.). Es soll nicht zuletzt dazu beitragen, Spielräume für neue Geschlechterrollen und -vorstellungen zu eröffnen und bestehende Geschlechterordnungen und auf ihnen begründete Macht‐ verhältnisse aufzubrechen (siehe Kapitel 7). 9 Körper im Sport 169 <?page no="170"?> Beispiel | Geschlecht Nach ihrem Gewinn der Goldmedaille im 800-Meter-Lauf bei der Weltmeisterschaft in Berlin musste sich die mehrfache Olympiasiegerin sowie Weltmeisterin Caster Semenya einem Test zur Überprüfung ihres Geschlechts unterziehen, angeordnet durch den internationalen Leichtathletikdachverband. Karolin Heckemeyer (2018) untersucht an Beispielen wie diesen, wie die heteronormativ-hierarchische Ge‐ schlechterordnung in den Regelwerken internationaler Sportorganisationen sowie in den Konflikten von Athletinnen mit den Vorgaben des Sports (re-)produziert und legitimiert wird. In der Tradition einer Soziologie der sozialen Praxis nach Bourdieu untersuchen Alke‐ meyer et al. (2003) um die Jahrtausendwende die Rolle des Körpers in „Aufführungen des Sozialen“ in Sport, Tanz, Mode und Jugendkulturen. Sie zeigen, wie performative Akte, inspiriert von Körpermodellen, Zeichen und Gesten aus Sport und Popkultur zur Selbstbestimmung beitragen und Gemeinschaften schaffen (können). Dies geschieht vor dem Hintergrund einer Zunahme des informellen Sports und einem Lösen des Sports als Kulturphänomen aus einer traditionellen „Kodifizierung, Normierung und Kontrolle“ (Alkemeyer & Schmidt, 2003, S. 79). Dabei gewinnen Praxisformen an Bedeutung, die auf die „Irritation habitueller Routinen zielen“ (ebd., S. 77). Dies wird befeuert durch gesellschaftliche Veränderungen wie Individualisierung und Pluralisie‐ rung, die zu einer Verflüssigung habitueller Prägungen führen, wodurch Akteure gefordert sind, ihr Selbst neu formen zu müssen (ebd.). Seit dem „Körperboom“ der 1980er Jahre wächst das Angebot zur Selbstformung, etwa durch Kleidung, Ernährung, Fitness und Styling sowie neu aufkommende Bewegungspraktiken. Dies trägt der zunehmenden „Relevanz aller auf Selbstformung, Selbstveränderung und Selbstverbes‐ serung ausgerichteten Körper und Kulturtechniken“ (ebd., S.-98) Rechnung. Beispiel | Selbstformung Wie sich Prozesse der Selbstformung, -veränderung und -verbesserung am Körper vollziehen, verdeutlichen Alkemeyer und Schmidt anhand eines ethnographischen Schlaglichts zum Inlineskaten auf dem Berliner Winterfeldplatz: „Die geübten Akteure lassen ein Bewegungs- und Gestensystem der Leichtigkeit entstehen, das im Kontrast zu den elementar auf das Laufen sich gründenden Bewegungsformen des klassischen Sports fließender, unbegrenzter und schwereloser erscheint“ (Al‐ kemeyer & Schmidt, 2003, S.-80). Als Teil des informellen Sports zeichnen sich trendsportliche Bewegungskulturen insbe‐ sondere durch die Inszenierung körperlicher Praktiken - im Sinne einer Stilisierung von Bewegungen, gepaart mit bestimmten Kleidungsgewohnheiten, Gesten, Sprechweisen usw. - und die ständige Suche nach neuen Herausforderungen aus (siehe Kapitel 11). 170 IV. Körper und Gesundheit im Sport <?page no="171"?> Besonders deutlich wird diese Verbindung von Stilisierung und Extremisierung im Abenteuer- und Risikosport (Schwier, 2003). Hier stellen sich Sportler: innen den Kräften der Natur, die für sie in einer immer unberechenbareren Welt als unverrückbare Grenzen gelten (Bette, 2005). Sich an diesen (potenziell todbringenden) Grenzen zu beweisen, rückt in den Fokus. Die Natur wird dabei zur Bühne, auf der nur jene bestehen, die den Naturgewalten erfolgreich trotzen können. Aus einer körpersoziologischen Perspektive arbeitet diesbzgl. Bette (2003; 2005) heraus, wie sich Extremsportler: innen bewusst selbst gefährden, um sich von verbreiteten gesellschaftlichen Erwartungen hinsichtlich Gesundheit, Fitness und Leistungserbringung zu distanzieren. Dabei gewinnen für die Sporttreibenden selbstgemachte sensorische Erfahrungen an Bedeutung, um Abstraktion und Distanz zum Körper - Kennzeichen postmoderner Lebenswelten - zu kontern (Bette, 2003). Im Abenteuer- und Risikosport wird (körperliche) Selbstdisziplinierung so zur beeindruckenden Leistung, die - wenn medial inszeniert - auch passiven Zuschauern einen symbolischen Ausbruch aus dem Alltag ermöglicht. Dieser Sportbereich kann entsprechend als eine - mitunter groß inszenierte - Form körperbezogener Selbstermäch‐ tigung und Selbststilisierung verstanden werden (Bette, 2003). Beispiel | Abenteuer- und Risikosport Am 14.10.2012 springt Felix Baumgartner aus der Stratosphäre auf die Erde (aus einer Höhe von 39 Kilometern) und ermöglicht damit einem Millionenpublikum vor den Fernsehgeräten einen symbolischen Ausbruch aus dem Alltag. Dieses schier unglaubliche Risiko, das er dabei auf sich nimmt, lässt den Sprung und ihn legendär erscheinen. „Die Anwesenheit des Todes dramatisiert das Abenteuer- und Risikogeschehen zusätzlich und verschafft denjenigen, die sich dem Tod als der größten narzisstischen Kränkung des modernen Subjekts bewusst nähern, eine Aura der Besonderheit und Verwegenheit“ (Bette, 2003, S.-27). Neben derartigen Ausbrüchen aus dem Alltäglichen und einer Abkehr von etablierten Strukturen zeigen sich in körpersoziologischen Untersuchungen ebenso Reproduktionen etablierter Orientierungen und Ordnungen im Sinne einer neoliberalen Leistungsgesell‐ schaft. So führt Sassatelli (2010) in ethnographischen Untersuchungen des Fitnessmilieus vor Augen, dass der jugendliche Fitnesssport im Wesentlichen darauf abzielt, den eigenen Körper effizient und gezielt zu modifizieren, zu verbessern und zu erhalten. Dabei steht die Präsentation einer verkörperten Leistungsfähigkeit („embodied performance“) im Vordergrund (ebd., S. 99). Der Hauptzweck dieses Sportbereichs scheint so gesehen in der Annäherung des eigenen Körpers an gesellschaftlich vorherrschende Körperideale zu liegen, die meist im Zusammenhang mit Fitness, Schönheit und Gesundheit stehen. Im Fokus des eigenen Tuns ist dabei weniger der Wettstreit mit anderen, sondern vielmehr der Wettbewerb mit sich selbst, um den eigenen Körper kontinuierlich zu optimieren und so möglichst Leistungsfähigkeit zu verkörpern. 9 Körper im Sport 171 <?page no="172"?> Beispiel | Fitnesssport Im jugendlichen Fitnesssport steht die Selbstoptimierung im Sinne einer perma‐ nenten, am Körper zur Schau getragenen Leistungsverbesserung im Zentrum: “In the exercise spaces, clients are thus asked to enter a world, where there is no competition with other participants, at least officially. This is not because everyone is or will indeed be equal. But because everyone is placed in an equivalent motivational position, that of making one’s own performance the object of a continuous self challenge” (Sassatelli, 2010, S.-106). In einer körpersoziologischen Perspektive auf den Schulsport widmet sich Ruin (2015) der Frage, welche Vorstellungen vom Körper Schulsportkonzepten zugrunde liegen. Basierend auf körpersoziologischen Theorien (u. a. Foucault, Bourdieu und Gugutzer) werden die vorherrschenden sportpädagogischen Ansätze der letzten Jahrzehnte kri‐ tisch hinsichtlich der darin vermittelten Körperbilder analysiert. Dies vertiefend nimmt Ruin eine diachrone Untersuchung der Körperbilder auf der programmatischen Ebene von Sportlehrplänen vor, wobei die Lehrpläne ausgewählter deutscher Bundesländer der letzten zwei Jahrzehnte im Fokus stehen. Die Ergebnisse dieser Analyse offenbaren ein komplexes und sich über die Zeit hinweg veränderndes Bild: Beispiel | Schulsport Im Schulsport sollen die Körper von Schüler: innen in gesellschaftlichem Interesse geformt und zugleich den Lernenden subjektive Erfahrungen ihrer Leiblichkeit im Kontext von Bewegung und Sport ermöglicht werden. Eine diachrone Analyse von Sportlehrplänen führt vor Augen, dass eine Konzeptualisierung des Körpers als Obkjekt von Disziplinierung im Schulsport an Relevanz zu verlieren scheint, während eine Orientierung an Körpernormen (insbesondere Gesundheits- und Fitnessnormen) zugleich an Bedeutung gewinnt. Eine zwischenzeitlich merkliche Akzentuierung leiblicher Erfahrung um die Jahrtausendwende tritt in den 2010er Jahren wieder in den Hintergrund (Ruin, 2015). 9.4 Fazit Die vorgestellten Zugänge erklären, wie Sportnormen, Differenzordnungen (z. B. Geschlechterordnungen) und Klassenmuster in Körperpraktiken inkorporiert und re‐ produziert werden, zugleich aber Raum für Selbststilisierung, Trendsport und leibliche Selbstermächtigung entsteht. Der Körper im Sport ist dabei zugleich Produkt und Produzent gesellschaftlicher Verhältnisse, er wird historisch, diskursiv und institutio‐ nell geformt (Elias, Foucault), erzeugt aber durch Interaktion und in körperlicher Praxis auch soziale Wirklichkeit (Goffman, Bourdieu). Leibliche Erfahrung (Gugutzer) 172 IV. Körper und Gesundheit im Sport <?page no="173"?> ergänzt diese Perspektiven, indem das subjektive Erleben und die affektive Dimension verkörperter Sinnstiftung betont werden. Weiterführende und vertiefende Literatur Als Einführung in das Forschungsfeld der Körpersoziologie im Allgemeinen eignet sich das Handbuch Körpersoziologie (Gugutzer et al., 2022a; 2022b). Wenn Sie die Fugurationssoziologische Perspektive auf den Sport besser verstehen wollen, lesen Sie Haut (2013). Einen guten Ein- und Überblick über die Arbeiten Foucaults liefert Kögler (2004). Bourdieus Konzeptualisierung seines Habituskonzepts sowie auch nicht zuletzt spannende Analysen des Sportverhaltens der französischen Gesellschaft der 1960er Jahre finden sie in „Die feinen Unterschiede“ (Bourdieu, 1989). Literaturverzeichnis Alkemeyer, T., Boschert, B., Gebauer, G., & Schmidt, R. (2003). Aufs Spiel gesetzte Körper. Eine Einführung in die Thematik. In T. Alkemeyer, B. Boschert, R. Schmidt & G. Gebauer (Hrsg.), Aufs Spiel gesetzte Körper. Aufführungen des Sozialen in Sport und populärer Kultur (S.-7-15). UVK. Alkemeyer, T., & Schmidt, R. (2003). Habitus und Selbst. Zur Irritation der körperlichen Hexis in der populären Kultur. In T. Alkemeyer, B. Boschert, R. Schmidt & G. Gebauer (Hrsg.), Aufs Spiel gesetzte Körper. Aufführungen des Sozialen in Sport und populärer Kultur (S. 77-102). UVK. Bette, K.-H. (2003). X-treme: Soziologische Betrachtungen zum modernen Abenteuer- und Risikosport. In T. Alkemeyer, B. Boschert, R. Schmidt & G. Gebauer (Hrsg.), Aufs Spiel gesetzte Körper. Aufführungen des Sozialen in Sport und populärer Kultur (S.-19-36). UVK. Bette, K.-H. (2005). Risikokörper und Abenteuersport. In M. Schroer (Hrsg.), Soziologie des Körpers (S.-295-322). Suhrkamp. Bourdieu, P. (1970). Zur Soziologie der symbolischen Formen. Suhrkamp. Bourdieu, P. (1987). Sozialer Sinn. Kritik der theoretischen Vernunft. Suhrkamp. Bourdieu, P. (1989). Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Suhrkamp. Butler, J. (1991). Das Unbehagen der Geschlechter. Suhrkamp. Butler, J. (2005). Psyche der Macht: das Subjekt der Unterwerfung. Suhrkamp Elias, N. (1976a). Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psychogenetische Un‐ tersuchungen. Erster Band. Wandlungen des Verhaltens in den weltlichen Oberschichten des Abendlandes. Suhrkamp. Elias, N. (1976b). Über den Prozess der Zivilisation. Soziogenetische und psycho-genetische Untersu‐ chungen. Zweiter Band. Wandlungen der Gesellschaft. Entwurf zu einer Theorie der Zivilisation. Suhrkamp. Foucault, M. (1977). Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses. Suhrkamp. Foucault, M. (1978). Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit. Merve. Foucault, M. (1989). Die Sorge um sich - Sexualität und Wahrheit, 3. Suhrkamp. 9 Körper im Sport 173 <?page no="174"?> Foucault, M. (2003). Schriften in vier Bänden: 3. Schriften. 1976---1979. Suhrkamp. Goffman, E. (1971). Verhalten in sozialen Situationen. Strukturen und Regeln der Interaktion im öffentlichen Raum. Bertelsmann. Goffman, E. (1991). Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag. Piper. Grieswelle, D. (1978). Sportsoziologie. Kohlhammer. Gugutzer, R. (2006). Der body turn in der Soziologie. Eine programmatische Einführung. In R. Gugutzer (Hrsg.), body turn. Perspektiven der Soziologie des Körpers und des Sports (S.-9-53). transcript. Gugutzer, R. (2012). Verkörperungen des Sozialen. Neophänomenologische Grundlagen und sozio‐ logische Analysen. transcript. Gugutzer, R. (2022). Sport. In R. Gugutzer, G. Klein & M. Meuser (Hrsg.), Handbuch Körpersozi‐ ologie. Band-2: Forschungsfelder und Methodische Zugänge (S.-483-496). Springer. Gugutzer, R., Klein, G., & Meuser, M. (Hrsg.). (2022a). Handbuch Körpersoziologie. Band-1: Grundbegriffe und theoretische Perspektiven (2. Aufl.). Springer. Gugutzer, R., Klein, G., & Meuser, M. (Hrsg.). (2022b). Handbuch Körpersoziologie. Band-2: Forschungsfelder und Methodische Zugänge (2. Aufl.). Springer. Haut, J. (2013). Norbert Elias’ unvollendete Sozialgeschichte des Sports: Überlegungen anhand unveröffentlichter Archivmaterialien. SportZeiten, 13(1), S.-45-67. Heckemeyer, K., (2018). Leistungsklassen und Geschlechtertests: Die heteronormative Logik des Sports. transcript. Klein, G. (2010). Soziologie des Körpers. In. G. Kneer, & M. Schroer (Hrsg.), Handbuch Spezielle Soziologien (S.-457-473). VS Verlag. Kögler, H.-H. (2004). Michel Foucault. Metzler. Merleau-Ponty, M. (1967). Das Auge und der Geist. Philosophische Essays. Rowohlt. Meuser, M. (2004). Zwischen "Leibvergessenheit“ und "Körperboom". Die Soziologie und der Körper. Sport und Gesellschaft, 1(3), 197-218. O'Neill, J. (1990). Die fünf Körper. Medikalisierte Gesellschaft und Vergesellschaf-tung des Leibes. W. Fink. Plessner, H. (1975). Die Stufen des Organischen und der Mensch. Einleitung in die philosophische Anthropologie. de Gruyter. Ruin, S. (2015). Körperbilder in Schulsportkonzepten. Eine körpersoziologische Untersuchung. Logos. Sassatelli, R. (2010). Fitness culture. Gyms and the commercialisation of discipline and fun. Palgrave Macmillan. Schütz, A. (1960). Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt. Eine Einleitung in die verstehende Soziologie. Springer. Schwier, J. (2003). Was ist Trendsport? In C. Breuer & H. Michels (Hrsg.), Trendsport. Modelle Orientierungen und Konsequenzen (S.-18-32). Meyer & Meyer. Shilling, C. (2012). The body and social theory. SAGE. Sobiech, G., & Günter, S. (Hrsg.). (2017). Sport & Gender. (inter)nationale sportsoziologische Geschlechterforschung: Theoretische Ansätze, Praktiken und Perspektiven. Springer. 174 IV. Körper und Gesundheit im Sport <?page no="175"?> 10 Gesundheit im Sport Torsten Schlesinger und Katrin Müller Lernziele | Die Leser: innen ● können zwischen objektiver und subjektiver Gesundheit differenzieren, ● kennen die nationalen Bewegungsempfehlungen und sind in der Lage, diese kritisch zu reflektieren, ● können den Forschungsstand zu den gesundheitsförderlichen Effekten von Bewegung und Sport reflektiert einschätzen, ● können die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Prävention und Gesund‐ heitsförderung differenzieren, ● verstehen die Bedeutung von Kommunen als Dachsetting der Gesundheitsför‐ derung, ● können eine Vielfalt an Bewegungsangeboten mit explizitem Gesundheitsbe‐ zug in Sportvereinen benennen, ● erkennen bestimmte Risiken und Ambivalenzen im Zusammenhang von Sport und Gesundheit. Wissens-Check | Zu diesem Kapitel werden online Lernfragen angeboten. Sie können diese über den QR-Code scannen oder über den folgenden Link aufrufen: https: / / narr.kwaest.io/ s/ 1486. 10.1 Einleitung Gesundheit und Sport stehen in einem engen Zusammenhang, wobei regelmäßigen Sport- und Bewegungsaktivitäten ein hohes gesundheitliches Potenzial zugeschrieben wird. Körperliche Aktivität und sportliche Betätigung gelten heute als zentrale Res‐ sourcen zur Förderung, Erhaltung und Wiederherstellung von Gesundheit. Vor dem Hintergrund steigender Prävalenzen chronischer, nichtübertragbarer Erkrankungen kommt bewegungsbezogenen Maßnahmen innerhalb der Gesundheitsförderung somit eine zunehmend zentrale Bedeutung zu. Auf individueller Ebene zeigt sich, dass Bewe‐ gung und Sport im Zuge einer stärkeren gesundheitsbezogenen Eigenverantwortung - anstelle staatlicher Fürsorge - an Relevanz gewinnen (sog. „Healthismus“; Thiel et al., 2023). Gesundheit, Wohlbefinden und Fitness stellen mittlerweile wesentliche Bewe‐ gungs- und Sportmotive dar, insbesondere im Erwachsenenalter (Sudeck et al., 2011). <?page no="176"?> Darüber hinaus entwickeln sich Fitness- und Gesundheitsideale zunehmend zu sozialen Normen, wodurch bewegungsaktive Lebensstile nicht nur gesundheitliche Vorteile, sondern auch sozialen Nutzen (z. B. Zugehörigkeit, Anerkennung) versprechen. Trotz der wachsenden Bedeutung regelmäßiger Bewegung ist jedoch festzuhalten, dass ein erheblicher Teil der Bevölkerung nach wie vor unzureichend körperlich aktiv oder sogar inaktiv ist und somit nur begrenzt von den positiven gesundheitlichen Effekten profitieren kann (Bundeministerium für Gesundheit (BMG), 2022; BMG, 2024a; b). Im Zuge einer steigenden gesellschaftlichen Bedeutung von Sport und Bewegung zur Förderung von Gesundheit hat sich das Spektrum gesundheitsorientierter Bewegungs‐ programme und -angebote ebenso ausdifferenziert wie die Heterogenität und Anzahl der beteiligten Akteure aus dem Sport- und Gesundheitssektor. So verankern Städte und Gemeinden Maßnahmen zur bewegungsbezogenen Gesundheitsförderung strate‐ gisch in ihren kommunalen Entwicklungskonzepten, Krankenkassen implementieren Bonus- und Anreizsysteme für präventive Bewegungsangebote und auch Sportvereine erweitern ihr Angebotsportfolio um zertifizierte Gesundheitssportkurse. Bewegung und Sport etablieren sich damit als integrale Bestandteile institutioneller Gesundheits‐ strategien und Versorgungsstrukturen. Vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen wird im vorliegenden Beitrag zunächst ein Gesundheitsverständnis entwickelt, das als Grundlage zur Einordnung der wachsenden Bedeutung und Ausdifferenzierung gesundheitsorientierter Bewegungs- und Sportange‐ bote dient. Darauf aufbauend werden die Wirkungszusammenhänge zwischen Gesundheit und Bewegung beleuchtet, insbesondere im Hinblick auf die Frage, inwiefern Bewegungs- und Sportaktivitäten zur Förderung, Erhaltung und Wiederherstellung von Gesundheit beitragen können. Zudem werden die gesundheitlichen Folgen von Bewegungsmangel thematisiert sowie die Bedeutung standardisierter Bewegungsempfehlungen kritisch reflektiert. Mögliche Ambivalenzen im Zusammenhang von Gesundheit und Sport werden ebenfalls in den Blick genommen. Abschließend widmet sich der Beitrag den Perspek‐ tiven zur inhaltlichen und strukturellen Einbindung bewegungs- und sportbezogener Programme innerhalb der Gesundheitsversorgung. 10.2 Zum aktuellen Gesundheitsverständnis Um die Bedeutung von Bewegung und Sport auf die Gesundheit einzuordnen, ist es notwendig, derartige Zusammenhänge auf Basis eines aktuellen Gesundheitsverständ‐ nisses zu diskutieren. Stand vor Jahrzehnten ein defizitäres Verständnis von Gesundheit im Vordergrund, bei dem nach einer pathogenetischen Sicht unter Gesundheit die Abwesenheit von Krankheit zu verstehen war, erfolgte über die Zeit ein Paradig‐ menwechsel hin zu einer salutogenetisch geprägten Gesundheitsdefinition. Dieses erweiterte Gesundheitsverständnis impliziert, dass für die Gesunderhaltung nicht nur die Heilung von Krankheit bedeutend ist, sondern bereits die Vermeidung bestimmter Erkrankungsrisiken. Damit erweitert sich auch das Zuständigkeitsspektrum um das Themenfeld der Krankheitsvorbeugung durch Risikovermeidung sowie die Förderung 176 IV. Körper und Gesundheit im Sport <?page no="177"?> von Schutzfaktoren, wodurch auch gesunde, also nicht unmittelbar von Krankheit betroffene Personengruppen gleichermaßen adressiert werden (Thiel et al., 2013). Zudem erweitert sich das Gesundheitsverständnis über rein physische Aspekte, in dem psychische, kognitive und soziale Aspekte im Hinblick auf den Gesundheits‐ zustand und das Wohlbefinden integriert werden. Dieses erweiterte Gesundheitsver‐ ständnis impliziert, dass nach WHO (1948) Gesundheit als ein Zustand vollkommenen körperlichen, psychischen und sozialen Wohlbefindens und nicht allein das Freisein von Krankheit und Gebrechen verstanden wird. In der „Internationalen Klassifikation der Funktionsfähigkeit, Behinderung und Gesundheit“ (ICF; WHO, 2005) wird dieses biopsychosoziale Gesundheitsverständnis berücksichtigt, indem neben den Funktionen und Strukturen des menschlichen Orga‐ nismus, die Umsetzung von Aktivitäten und die Funktionsfähigkeit im Alltag sowie die gesellschaftliche Teilhabe für den Erhalt bzw. Verbesserung von Gesundheit bedeutend sind (Baumann et al., 2016). Folglich ist unter Gesundheit ein multidimensionales, positiv geprägtes Konstrukt zu verstehen (vgl. Wirtz et al., 2018). Definition | Gesundheit Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, psychischen und sozia‐ len Wohlbefindens und nicht allein das Freisein von Krankheit und Gebrechen (WHO, 1948). Im Modell der ICF wird Gesundheit durch Interaktionen objektiver sowie subjektiver Komponenten und durch personbezogene sowie umweltbezogene Kontextfaktoren beeinflusst. Demzufolge ist zwischen der objektiven und subjektiv wahrgenommen Gesundheit zu unterscheiden (siehe Kapitel 5). Die objektive Gesundheit wird über messbare, vornehmlich medizinisch-naturwis‐ senschaftliche Aspekte und Störungen bestimmt (Faltermaier, 2020). Dazu zählen u. a. ärztliche Diagnosen. Im Jahr 2024 sind in Deutschland von allen Todesfällen 33,7 % der Menschen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und 22,9 % an onkologischen Erkrankungen verstorben (Statistisches Bundesamt, 2025), d. h., durch chronische nichtübertragbare Erkrankungen. Hervorzuheben ist, dass die Sterberate von Männern in allen Altersgruppen höher war als die der Frauen (Statistisches Bundesamt, 2025). Damit liegt die Lebenserwartung von Männern mit 78,5 Jahren um 4,7 Jahre niedriger als bei Frauen mit 83,2 Jahren. Neben dem Geschlecht ist der sozioökonomische Status ein beeinflussender Faktor für die Lebenserwartung. Personen mit einem hohen Sozialperzentil zeigen eine höhere Lebenserwartung als Personen mit einem niedrigen Sozialperzentil (Hoebel et al., 2025). Weiterhin ergeben sich für Personen mit niedrigen Nettoäquivalenzeinkommen höhere 12-Monats-Prävalenzen für Erkrankungen wie die Koronare Herzkrankheit, Diabetes mellitus Typ 2 und Depression als für Personen mit höheren Nettoäquivalenzeinkommen. Personen in sozioökonomisch benachteiligten Verhältnissen sind demzufolge durch verminderte Gesundheitschancen und ein erhöh‐ 10 Gesundheit im Sport 177 <?page no="178"?> tes Morbiditäts- und Mortalitätsrisiko gekennzeichnet. In diesem Zusammenhang wird von gesundheitlicher Ungleichheit gesprochen (Lampert et al., 2018; siehe Kapitel 6). Im Vergleich zur objektiven Gesundheit ist die subjektive Gesundheit ein Resultat des individuellen Erlebens und Verhaltens, welches durch persönliche Verarbeitungs‐ prozesse sowie Bedeutungszuweisungen beeinflusst wird (Wirtz et al., 2018). In Deutschland schätzen 68,6 % der Frauen und 71,6 % der Männer den eigenen subjektiven Gesundheitszustand als (sehr) gut ein, wobei zu beachten ist, dass dieser ebenfalls vom Alter und sozioökonomischen Status abhängig ist (Heidemann et al., 2021). Personen ab 65 Jahre weisen eine schlechtere subjektive Gesundheit auf als jüngere Personen (Heidemann et al., 2021). Während bei niedrigem Bildungsniveau 50 % der Frauen und 58 % Männern einen (sehr) guten allgemeinen Gesundheitszustand angeben, sind dies bei Frauen und Männern der hohen Bildungsgruppe jeweils 81 % (Hoebel et al., 2024). Personen mit einem niedrigerem Nettoäquivalenzeinkommen zeigen ebenfalls häufiger einen schlechten subjektiven Gesundheitszustand als Personen mit einem höheren Nettoäquivalenzeinkommen (Hoebel et al., 2024). Chronische, nichtübertragbare Erkrankungen können durch gesundheitsgefähr‐ dende Verhaltensweisen wie Bewegungsmangel, ungesundes Ernährungsverhalten, Rauch- und Alkoholabusus sowie erhöhtes Stressniveau verursacht werden. Nach differenzierter Betrachtung objektiver und subjektiver Komponenten der Gesundheit vor dem Hintergrund des aktuellen Gesundheitsverständnisses, sind im Folgenden potenzielle gesundheitsförderliche Effekte körperlicher Aktivität zu fokussieren. Dies‐ bezüglich sind die Fragen zu klären, wie Sport und Bewegung zur Förderung, zum Erhalt und zur Wiederherstellung von Gesundheit beitragen kann. Wie gesund ist eigentlich körperliche Aktivität und wie müsste diese für einen optimalen Gesund‐ heitsnutzen umgesetzt werden? Dazu werden aktuelle Befunde zu den bewegungs- und sportbezogenen Gesundheitswirkungen im Überblick dargestellt. 10.3 Gesundheitswirkungen von Bewegung und Sport Mittlerweile liegen umfangreiche wissenschaftliche Befunde vor, die gesundheitsför‐ dernde Effekte und langfristige Schutzwirkungen regelmäßiger körperlich-sportlicher Aktivität belegen (siehe die Überblicksarbeiten von Cunningham et al., 2020; Warburton & Bredin, 2017). Diese positiven Wirkungen sind zudem altersals auch krankheitsspe‐ zifisch nachweisbar. Dabei gilt es körperliche Aktivität als biopsychosoziale Ressource ganzheitlich zu betrachten. Regelmäßige körperliche Aktivität wirkt sich positiv auf die Gesamtsterblichkeit sowie die Entstehung und den Verlauf von chronischen, nicht‐ übertragbaren Erkrankungen, z. B. Diabetes mellitus Typ 2, Koronare Herzerkrankung, Bluthochdruck und Adipositas, aus (Haider et al., 2019; Tan et al., 2021). Zudem zeigen sich positive Effekte auf die kognitive und psychische Gesundheit (z. B. Stressabbau, positives Selbst- und Körperkonzept) sowie das Schlafverhalten (Fu et al., 2025; Haider et al., 2019; Yan et al., 2024), die allgemeine Lebenszufriedenheit und gesundheitsbezogene Lebensqualität (Marquez et al., 2020). 178 IV. Körper und Gesundheit im Sport <?page no="179"?> Weiterhin bieten gemeinsames Sporttreiben und Bewegungsaktivitäten vielfältige Gelegenheiten für Begegnungen und soziale Kontakte, was sich positiv auf das soziale Wohlbefinden und die soziale Teilhabe auswirken kann (Buecker et al., 2021), wobei bislang von kleinen Effekten auszugehen ist (Schmid & Sudeck, 2023). Menschen profitieren in den verschiedenen Lebensphasen unterschiedlich von regelmäßigen Bewegungs- und Sportaktivitäten. Für Kinder stellt Bewegung in den wichtigen sensitiven Phasen der Ontogenese (d. h. der individuellen Entwicklung(sge‐ schichte) eines Lebewesens) einen zentralen Faktor dar, der die motorische, kognitive und psychische Entwicklung maßgeblich beeinflusst (Voelcker-Rehage, 2005). Für Ältere ist das körperliche Aktivitätsverhalten ein wichtiger Bestandteil im Prozess des gesunden Alterns (Höpflinger, 2012; siehe Kapitel 5). So können ältere Menschen durch regelmäßige Sport- und Bewegungsaktivitäten insbesondere den altersbedingten Rückgang der kognitiven Leistungsfähigkeit verzögern und die Muskelkraft erhalten, um so Stürzen vorzubeugen (Sherrington et al., 2019; Yan et al., 2024). Fragen zu den spezifischen Dosis-Wirkungs-Zusammenhängen können bislang al‐ lerdings noch nicht im Detail beantwortet werden. Zwar ist bekannt, dass verschiedene Sportarten bzw. Bewegungsformen unterschiedliche gesundheitsbezogene Wirkungen hervorrufen: Krafttraining fördert den Muskelaufbau bzw. -erhalt, kompositorische und koordinativ anspruchsvolle Bewegungsformen (z. B. Tanzen) fördern besonders die kognitive Leistungsfähigkeit und Herz-Kreislauf-Erkrankungen können am besten durch Ausdauertraining vorgebeugt werden. Jedoch sind spezifische Ober- und Un‐ tergrenzen sowie Schwellenwerte für Trainingsmodalitäten gesundheitsförderlicher Sport- und Bewegungsaktivitäten bislang noch nicht hinreichend empirisch abgesi‐ chert und individualisiert bestimmbar (Thiel et al., 2023). 10.4 Bewegungsmangel und Bewegungsempfehlungen Neben den Befunden zu den gesundheitsförderlichen Effekten von Bewegung und Sport lässt sich körperliche Inaktivität als eigenständiger Risikofaktor beispielsweise für die Entstehung chronischer nichtübertragbarer oder psychischer Erkrankungen darstellen (Santos et al., 2023). Bereits im jungen Alter haben unzureichende Bewe‐ gungsaktivitäten weitreichende Negativfolgen auf die körperliche, kognitive und soziale Entwicklung von Heranwachsenden. So sind bei Kindern und Jugendlichen Zusammenhänge zwischen unzureichender körperlicher Aktivität und der Zunahme chronischer Gesundheitsprobleme (u. a. Adipositas, Bluthochdruck), motorischer De‐ fizite, schlechterer kognitiver Leistungen und steigender psychischer Auffälligkeiten (z.-B. ADHS) nachweisbar (Carson et al., 2016). Im Erwachsenenalter sind hohe Prävalenzen von Sedentarverhalten (31 %) und körperlicher Inaktivität (43 %) u. a. bei Patient: innen mit Adipositas belegt (Silveira et al., 2022). Neben den gesundheitlichen Negativfolgen von Bewegungsmangel auf Individualebene, ist körperliche Inaktivität mit finanziellen Belastungen für das Ge‐ sundheitssystem assoziiert (Gottschalk et al., 2024). Übersichtsarbeiten verdeutlichen, 10 Gesundheit im Sport 179 <?page no="180"?> dass der Anteil der jährlichen Gesundheitskosten, die auf körperliche Inaktivität zurückzuführen sind, länderspezifisch zwischen 1,0 % und 2,6 % variiert (Pratt et al., 2014). In Deutschland verursachte körperliche Inaktivität Hochrechnungen zufolge im Jahr 2013 Gesamtkosten von annähernd 2,4 Mrd. Euro (Repenning et al., 2020). Im Umkehrschluss kann eine Erhöhung der körperlichen Aktivität in der Gesamtbe‐ völkerung dazu beitragen, die Gesundheitskosten deutlich zu reduzieren, wie die Prognosestudie von Dallmeyer et al. (2017) zeigt. Körperlich-sportliche Aktivität ist demnach ein wichtiger Baustein, um in alternden Gesellschaften die ansteigenden Gesundheitskosten auf individueller wie auch kollektiver Ebene zu verringern. Dem Problem des Bewegungsmangels nimmt sich auch die WHO an und gibt Mindest‐ empfehlungen für die Umsetzung körperlicher Aktivitäten, an denen sich zumeist auch die nationalen Bewegungsempfehlungen orientieren. Die aktuellen nationalen Empfeh‐ lungen zur Bewegung und Bewegungsförderung (NEBB) basieren auf standardisierten Richtwerten und geben einen allgemeinen, evidenzbasierten Überblick zum gesundheits‐ förderlichen Aktivitätsverhalten für die Zielgruppen der Kinder, Erwachsenen und älteren Personen (siehe Tab. 10.1) (WHO, 2020; Rütten & Pfeiffer, 2016). Allerdings lassen solche globalen Richtwerte unberücksichtigt, dass Menschen biologisch verschieden sind und somit nicht jede Form von Bewegung für jeden gleichermaßen nützlich ist. Unklar bleibt dabei, ab welchem Bewegungsausmaß und welchen Bewegungsintensitäten Personen auf individueller Basis gesundheitlich pro‐ fitieren (Munz & Thiel, 2018). Insbesondere für Laien ist es schwierig, Sportarten und Bewegungsformen entsprechend ihrer Intensität einzuordnen, um dann für sie geeignete Trainingsformen zu wählen und entsprechende Mindestumfänge zu erzielen. Daher gilt es konkrete Orientierungs- und Umsetzungshilfen zielgruppenadäquat zu adressieren. Zudem sind die Bewegungsbedarfe und -motive individuell, genauso wie das passende Setting, wo Bewegung und Sport ausgeübt werden (Sudeck et al., 2011). In den Empfehlungen werden bislang auch keine individuellen gesundheitlichen Einschränkungen in Anlehnung an die ICF oder Kontextfaktoren von Bewegung berücksichtigt. Schließlich werden mit solchen Empfehlungen häufig nur jene Per‐ sonengruppen angesprochen und erreicht, die ohnehin schon bewegungsaktiv sind oder sein wollen. Die bewegungsinaktiven, zumeist vulnerablen Bevölkerungsgruppen werden selten oder gar nicht erreicht, obwohl diese in besonderem Maße von gesund‐ heitsförderlicher Bewegung profitieren würden. Ein One-size-fits-all-Ansatz scheint vor dem Hintergrund individueller Voraussetzungen, Bedürfnisse, Motivlagen und Zu‐ gangsbarrieren nur bedingt geeignet. Stattdessen bedarf es personalisierter und stärker lebensweltbezogener Konzepte der Bewegungsförderung, die solchen Heterogenitä‐ ten auch Rechnung tragen. Insbesondere gilt es die Individualität biopsychosozialer Reaktionen auf Bewegungsreize (Munz & Thiel, 2018) bei der Ausdifferenzierung und Anwendung von Bewegungsempfehlungen konsequenter zu beachten. Daher bleibt abzuwarten, inwieweit derartige Aspekte in denen für das Jahr 2027 geplanten überarbeiteten Bewegungsempfehlungen „NEBB-Update“ Berücksichtigung finden. 180 IV. Körper und Gesundheit im Sport <?page no="181"?> Kinder und Jugendliche (bis 18 Jahre) Erwachsene (18-64 Jahre) Ältere Erwachsene (ab 65 Jahre) Ausdauertraining Bewegungsempfehlungen nach Altersgruppen: Kindergartenalter (4-6 Jahre): mindestens 180 Minuten/ Tag an‐ geleitete und nicht-angeleitete Bewegung -Grundschulkinder (6-11 Jahre): mindestens 90 Minuten/ Tag in moderater bis hoher Intensität, davon 60 Minuten/ Tag durch All‐ tagsaktivität möglich -Jugendliche (12-18 Jahre): mindes‐ tens 90 Minuten/ Tag in moderater bis hoher Intensität, davon 60 Mi‐ nuten/ Tag durch Alltagsaktivität möglich mindestens 150 Minu‐ ten/ Woche in moderater Intensität bzw. mindes‐ tens 75 Minuten/ Woche in hoher Intensität mindestens 150 Minu‐ ten/ Woche in moderater Intensität bzw. 75 Minu‐ ten/ Woche in hoher Intensi‐ tät Ausdauerorientierte Bewe‐ gung in Kombination bei‐ der Intensitäten und Ge‐ samtaktivität in mindestens 10-minütigen Einzeleinhei‐ ten über die Woche sammeln Krafttraining ab Grundschulalter an 2-3 Ta‐ gen/ Woche höherintensive Bean‐ spruchung der großen Muskel‐ gruppen unter Berücksichtigung des Entwicklungsstandes an mindestens 2 Tagen/ Woche kräftigende Mus‐ kelaktivitäten in modera‐ ter bis hoher Intensität an mindestens 2 Tagen/ Wo‐ che, v.-a. große Muskelgrup‐ pen, in moderater bis hoher Intensität Zeit im Sitzen vermeidbare Sitzzeiten und Bild‐ schirmzeiten auf ein Minimum reduzieren - lange, ununterbrochene Sitzphasen vermeiden, Sitzzeiten regelmäßig mit körperlicher Aktivität un‐ terbrechen lange, ununterbrochene Sitzphasen vermeiden, Sitz‐ zeiten regelmäßig mit kör‐ perlicher Aktivität unterbre‐ chen Weitere Empfehlungen Berücksichtigung der Neigungen, Bedürfnisse und möglichen Bar‐ rieren (Alter, Geschlecht, sozio‐ kulturelle Faktoren) der Kinder und Jugendlichen -Bewegungsarme Kinder und Ju‐ gendliche schrittweise an Ziele heranführen - Bei Mobilitätseinschränkun‐ gen an mindestens 3 Tagen/ Woche Gleichge‐ wichtsübungen zur Sturz‐ prävention -Bei gesundheitlichen Ein‐ schränkungen, so viel be‐ wegen, wie es durch die aktuelle gesundheitliche Si‐ tuation möglich ist Tab. 10.1: Nationale Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung (NEBB) für verschiedene Zielgruppen nach Art der körperlichen Aktivität (in Anlehnung an WHO (2020) sowie Rütten und Pfeiffer (2016) in BMG (2022, S.-11; 2024a, S.-14-15; 2024b, S.-14-15). 10 Gesundheit im Sport 181 <?page no="182"?> 10.5 Risiken von Sport bzw. Bewegung für Gesundheit Trotz der bedeutenden und unstrittigen positiven Gesundheitseffekte sind Bewegung und Sport nicht immer gesundheitsförderlich. Demensprechend werden folgend im Sinne einer kritischen Reflexion bestimmte Gesundheitsrisiken und mögliche biopsy‐ chosoziale Nebenwirkungen von Bewegung und Sport betrachtet. Insbesondere im Leistungssport mit seinen schrankenlosen Steigerungsimperativen infolge der Sieg-Niederlage-Codierung, dem Streben nach Rekorden und Bestleistun‐ gen sowie der Überbietung der Konkurrenz sind eine Reihe gesundheitlicher Risiken immanent (Bette et al., 2012). Im Zuge sportlichen Hochleistungstrainings müssen Intensitäten jenseits gesunder körperlicher und psychischer Belastungsgrenzen trai‐ niert werden, um Leistungsentwicklungen zu gewährleisten. Der Trainings- und Wettkampfalltag von Athlet: innen ist durch ein hohes körperliches Belastungspensum gekennzeichnet, was zu Über- und Fehlbelastungen führt, wodurch Verletzungsrisi‐ ken steigen (siehe dazu im Überblick Lampert et al., 2022). Zudem zeigen sich bei Sportler: innen (auch bereits im Nachwuchsleistungssport) gesundheitsschädigende Handlungspraxen, z. B. das Trainieren mit Schmerzen und Verletzungen bzw. das Verletzungen nicht vollständig auskuriert werden (sog. „Playing Hurt“), das bewusste Inkaufnehmen von körperlichen Verschleißerscheinungen und Folgeschäden sowie ein regelmäßiger Schmerzmittelkonsum, der sich bis hin zu Dopingvergehen zur Leistungssteigerung fortsetzen kann (zur „Risikokultur im Spitzensport“ siehe auch Mayer & Thiel, 2011). Auch im Freizeit- und Breitensport zeigen sich gesundheitliche Nebenwirkungen, insbesondere durch Sportverletzungen und Sportunfälle mit hohen Belastungen für die Unfallkassen aber auch für Arbeitgeber (verletzungsbedinge Arbeitsausfälle). Insgesamt verletzen sich in Deutschland jedes Jahr ca. 2 Mio. Menschen beim Sport, wobei Verletzungen in den Sportarten Fußball, Handball, Basketball und Volleyball aufgrund ihrer Popularität besonders häufig auftreten (Henke et al., 2014). Zudem ist im Freizeit- und Breitensport zu beobachten, dass insbesondere im Fitness- und Bodybuilding-Bereich zur Leistungssteigerung und Körperoptimierung gesundheits‐ gefährdende Medikamente missbräuchlich verwendet werden (Kläber, 2010). Gesundheit- und Fitnessideale haben sich in der modernen Gesellschaft zu einer sozialen Norm entwickelt. Solche gesundheitsbezogenen Verhaltensnormen als gesell‐ schaftliche Orientierungsgrößen sind ebenfalls ambivalent: Zwar zeigt das Streben nach einem gesunden und fitten Körper positive (kollektive) Verhaltensänderungen hin zu mehr Bewegungs- und Sportaktivität (Thiel et al., 2023). Andererseits können sich im Zuge von körperlicher Selbstoptimierung geradezu exzessiv betriebene Bewe‐ gungs- und Sportpraxen entwickeln, wodurch sich bei zu hohen Trainingsumfängen und zu intensiven körperlichen Beanspruchungen der gesundheitliche Mehrwert ins Gegenteil verkehrt. Anstelle positiver Gesundheitswirkungen treten dann erhöhte Verletzungsrisiken und Abnutzungserscheinungen aber auch psychische Risiken wie Essstörungen oder Sportsucht bzw. Sportabhängigkeit auf (Bette & Gugutzer, 2012). 182 IV. Körper und Gesundheit im Sport <?page no="183"?> Zwar spielen Sportvereine als Setting durch die Bereitstellung von Sport- und Be‐ wegungsangeboten eine wichtige Rolle im Bereich der bewegungsbezogenen Gesund‐ heitsförderung, ermöglichen Zugehörigkeit und Gemeinschaft, was auch das soziale Wohlbefinden positiv beeinflusst (Mayer & Nagel, 2023). Gleichzeitig kann dies zu nicht-sportimmanenten Gesundheitsrisiken führen, etwa rauschmittelbezogene Sozia‐ lisationseffekte („Kultur des geselligen Trinkens“) bei jugendlichen Vereinsmitgliedern (Thiel & Mayer, 2018; Gerlach & Brettschneider, 2013). Zudem gefährden die im Kontext von Sportvereinen auftretenden Probleme von Missbrauch und (sexualisierter) Gewalt das psychische Wohlergehen von Betroffenen (Mayer & Nagel, 2023; siehe Kapitel 14). 10.6 Gesundheitsförderung durch Bewegung und Sport Trotz der aufgezeigten Ambivalenzen ist regelmäßige Bewegung als eine der effektivs‐ ten und auch kostengünstigsten Maßnahmen zur Stärkung individueller Gesundheits‐ ressourcen anzusehen. Damit möglichst viele Teile der Bevölkerung von den positiven Gesundheitseffekten regelmäßiger Sport- und Bewegungsaktivitäten profitieren, liegt das zu steuernde Kernproblem in der Reduktion körperlicher Inaktivität bzw. Erhöhung sportlicher Bewegung jener Bevölkerungsgruppen, die bislang in Anlehnung an Bewe‐ gungsempfehlungen noch zu wenig bewegungsaktiv oder besonders vulnerabel sind. Aufgrund der nach wie vor zu beobachtenden sozialen Ungleichheiten im Hinblick auf das Aktivitätsverhalten (Andersen & Bakken, 2019; siehe Kapitel 6), sind insbesondere untere soziale Statusgruppen durch bewegungsbezogene Gesundheitsmaßnahmen zu adressieren. Zur bedarfsgerechten Adressierung gesundheitsförderlicher Effekte körperlicher Aktivität für verschiedene Zielgruppen ist die Umsetzung geeigneter Maßnahmen innerhalb der Gesundheitsversorgung (in Prävention und Gesundheitsförderung) not‐ wendig. Schließlich können bewegungsbezogene Maßnahmen zum Erreichen von Na‐ tionalen Gesundheitszielen wie „Gesund aufwachsen: Lebenskompetenz, Bewegung, Ernährung“ und „Gesund älter werden“ beitragen (Gerlich et al., 2023). Den Begriffen Prävention und Gesundheitsförderung liegt in diesem Zusammen‐ hang ein unterschiedliches Gesundheitsverständnis (vgl. 10.2.1.) zugrunde. In der Prävention steht auf Basis einer pathogenetischen Sicht ursprünglich die Vorbeugung von Erkrankungen bzw. die Verhinderung von Erkrankung sowie Erkrankungsprogre‐ dienz im Mittelpunkt und es wird zwischen Primär-, Sekundär- und Tertiärprävention unterschieden (Habermann-Horstmeier & Lippke, 2021; Pahmeier & Tiemann, 2022). Interventionen beeinflussen demnach die Pathogenese von Erkrankungen. Hingegen basiert die theoretische Fundierung der Gesundheitsförderung auf einer salutoge‐ netischen Sichtweise mit dem Ziel, Schutzfaktoren und Gesundheitsressourcen zu stärken und dadurch die Selbstbestimmung über die eigene Gesundheit zu fördern (Ottawa-Charta, WHO, 1986). Demnach soll die Gesundheit sowohl auf individueller als auch auf kollektiver Ebene mittels geeigneter Interventionen gefördert werden (Pahmeier & Tiemann, 2022). Derartige Maßnahmen werden mittels formeller und 10 Gesundheit im Sport 183 <?page no="184"?> informeller Bewegungsangebote häufig selbstorganisiert, eigenverantwortlich und selbstfinanziert, z. B. in Sportvereinen und Gesundheits- und Fitnessstudios umgesetzt (Müller, 2025). Bezugnehmend auf die Krankheitsprävention sind als Primärprävention gesund‐ heitsbezogene Bewegungsmaßnahmen im deutschen Sozial- und Gesundheitssystem insbesondere im Handlungsfeld der Individualprävention sowie als Setting spezifischer Leistungen der Primärprävention gemäß § 20 SGB V verankert. Zuständige Träger sind hierbei u. a. die Deutsche Rentenversicherung (DRV) und die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV). Ziel dieser Maßnahmen ist es, durch bewegungsbezogene Interventionen gesundheitliche Ressourcen zu stärken und Erkrankungen vorzubeu‐ gen (Franzkowiak, 2025). Im Bereich der Sekundärprävention werden Leistungen umgesetzt, die auf die Vermeidung oder Verzögerung von Gesundheitsstörungen, chronischen Erkrankungen sowie Behinderungen bei Personen mit bestehenden Risikofaktoren abzielen (Franz‐ kowiak, 2025). Innerhalb der Tertiärprävention existieren bewegungsfördernde Angebote in Form von Bewegungs-/ Sporttherapie, welche von qualifizierten Therapeut: innen auf Basis einer ärztlichen Diagnosestellung evidenzbasiert umgesetzt wird (DVGS, 2025). Bei dieser Therapieform werden basierend auf trainingswissenschaftlichen und pädagogi‐ schen Prinzipien körperliche Aktivitäten praktiziert, um gesundheitliche Probleme „[…] auf biologischer, psychischer und sozialer Ebene zu behandeln, Ressourcen zu verbessern und damit zu einem nachhaltigen aktiven Lebensstil zu befähigen." (DVGS, 2025, S.-66). Derartige bewegungsbezogene Maßnahmen richten sich an Personen mit bereits bestehenden oder drohenden, gesundheitlich bedingten Beeinträchtigungen der Teilhabe im Sinne des SGB IX und werden sowohl in stationären als auch in ambulanten Rehabilitationseinrichtungen realisiert (Gabrys et al., 2024). Tertiärprävention zielt auf die Wiederherstellung der Gesundheit nach Krankheits‐ diagnose. Im Rahmen rehabilitativer Nachsorgeleistungen gemäß § 17 SGB VI kommt der Bewegungsversorgung eine zentrale Bedeutung zu. Entsprechende Angebote werden u. a. von ambulanten Rehabilitationseinrichtungen sowie von Rehabilitations‐ sportvereinen bereitgestellt. Exemplarisch hierfür stehen die von der DRV etablierten Programme der multimodalen Intensivierten Rehabilitationsnachsorge (IRENA) sowie der unimodalen trainingstherapeutischen Rehabilitationsnachsorge (T-RENA) (Gabrys et al., 2024). Darüber hinaus kann „Rehabilitationssport und Funktionstraining“ mittels Verordnung gemäß der Rahmenvereinbarung nach § 64 Abs. 1 Nr. 3 und 4 SGB IX u. a. für Personen mit chronischen Erkrankungen u. a. im Anschluss an eine medizinische Rehabilitation zur nachhaltigen Stabilisierung erzielter Rehabilitations‐ erfolge verordnet und umgesetzt werden. Der ambulante Rehabilitationssport ist in der Regel gruppenbasiert in Gesundheits- und Rehabilitationssportvereinen organisiert, wohnortnah angelegt und verfolgt das Ziel, die funktionale Gesundheit zu verbes‐ sern, die gesellschaftliche Teilhabe zu fördern sowie die Eigenverantwortung und 184 IV. Körper und Gesundheit im Sport <?page no="185"?> Selbsthilfekompetenzen der Teilnehmenden zu stärken (Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation e.-V. (BAR), 2022). Trotz unterschiedlicher Zielsetzungen von Prävention und Gesundheitsförderung, sollten gesundheitsförderliche und präventive Bewegungsmaßnahmen in Anlehnung an das sozial-ökologische Modell (Sallis et al., 2006; Buksch et al., 2010) neben personen‐ bezogenen Aspekten auch Faktoren der soziokulturellen und physischen Umwelt unter Berücksichtigung von gesellschaftlich-politischen Faktoren beachten, um sowohl das individuelle Verhalten von Personen als auch die Umgebungsverhältnisse bewegungs‐ förderlich zu gestalten. Diese Sichtweise spiegelte sich bereits in den fünf zentralen Handlungsbereichen der Gesundheitsförderung wider (sog. „Ottawa-Charta“, WHO, 1986): ● Entwicklung einer gesundheitsfördernden Gesamtpolitik, ● Schaffung gesundheitsförderlicher Lebenswelten, ● Unterstützung gesundheitsbezogener Gemeinschaftsaktionen, ● Entwicklung persönlicher Kompetenzen, ● Neuorientierung der Gesundheitsdienste (hin zu einer salutogenetisch geprägten Gesundheitsdefinition; siehe Kapitel 10.2). Für die Umsetzung derartiger Ziele eignet sich besonders der Setting-Ansatz, da sich bewegungsorientierte Gesundheitsförderung in den verschiedenen Lebensberei‐ chen/ -räumen (Settings) vollzieht, in denen Menschen agieren. Gesundheitsförder‐ liche Maßnahmen lassen sich demnach in verschiedenen zielgruppenspezifischen Lebensbereichen, z. B. in der Schule für Kinder und Jugendliche, am Arbeitsplatz für Erwachsene, in Pflegeeinrichtungen für Ältere, umsetzen. Vor allem Kommunen bilden das zentrale Dachsetting der Gesundheitsförderung, wo wesentliche Lebensbedingungen gestaltet werden, in denen Menschen leben. Für die Kommunen haben sich insbesondere mit dem Präventionsgesetz die politischen Rah‐ menbedingungen verbessert, um Pflichtaufgaben der (medizinischen) Gesundheitsvor‐ sorge mit freiwilligen Aufgaben der bewegungsbezogenen Gesundheitsförderung zu verbinden und Synergien zu schaffen (Semrau et al., 2023). In Deutschland werden innerhalb der kommunalen bewegungsbezogenen Ge‐ sundheitsförderung beispielsweise Bewegungsgeräte/ -stationen auf Freizeitflächen und Spielplätzen (Bewegungsparcours, Mehrgenerationenparks) sowie ausgewiesene Stadtteilspaziergänge und Wanderrouten genutzt, Bewegungstreffs für verschiedene Zielgruppen im Grünraum umgesetzt und digitale Planungshilfen zur Entwicklung bewegungsfreundlicher Kommunen angewendet (BMG, 2024b; Dippon et al., 2024). Folgend wird das Modellprojekt „MoKo-Fit“, das im Rahmen der kommunalen Gesund‐ heitsförderung entwickelt und umgesetzt wurde, exemplarisch dargestellt. 10 Gesundheit im Sport 185 <?page no="186"?> Beispiel | Modellprojekt „MoKo-Fit“ Im Modellprojekt „MoKo-Fit“ (Motorisch-kognitives Bewegungskonzept als ge‐ sundheitsförderliche Maßnahme für ältere Personen) wurde in der Stadt Chemnitz ein Bewegungsprogramm für Ältere in quartiersnahen Außenbereichen inhalt‐ lich-konzeptionell entwickelt und im Rahmen einer Pilotphase in den Jahren 2021- 2023 evaluiert (dazu im Detail Zwingmann et al., 2023). Um möglichst vielen Se‐ nior: innen Angebote für gesundheitsförderliche Bewegung zugänglich zu machen, erfolgt in einer weiteren Projektphase seit 2024 die systematische Ausweitung (Roll-out) über das gesamte Chemnitzer Stadtgebiet, wobei im Zuge der nachhal‐ tigen Verankerung des Bewegungsprogramms die Heterogenität lokaler Gegeben‐ heiten in den Stadtteilen (bzgl. der sozialen Strukturen, kapazitiven Bedingungen) zu berücksichtigen sind. Zudem ist das Thema „Bewegungsförderung für Ältere“ im kommunalpolitischen Raum und in der kommunalen Selbstverwaltung der Stadt Chemnitz strukturell zu verankern. Dies beinhaltet eine Vernetzung lokaler Akteure in der kommunalen Gesundheitsförderung, wie beispielsweise das Amt für Gesundheit und Prävention, Sportvereine oder einzelne Bürgerplattformen. Auf organisationaler Ebene wird ein Großteil der bewegungsbezogenen Angebote im Bereich der Gesundheitsförderung von Sportvereinen, Fitness- und Gesundheitsstu‐ dios oder medizinischen Einrichtungen (z. B. Rehazentren) bereitgestellt (Thiel et al., 2013). In Deutschland stellen insbesondere die ca. 87.000 Sportvereine eine zentrale Säule im Hinblick auf die flächendeckende Bereitstellung von Angeboten im Bereich Gesundheitssport dar. Aufgrund ihrer gemeinnützigen Ausrichtung (Non-Profit-Or‐ ganisationen) und der vornehmlich ehrenamtlichen Leistungserstellung lassen sich dabei Angebote vergleichsweise kostengünstiger bereitstellen als über kommerzielle Gesundheitssportanbieter, was im Hinblick auf die Teilhabe von sozial schwächeren (vulnerablen) Bevölkerungsgruppen von zentraler Bedeutung ist. Neben den klassi‐ schen Sportangeboten hat sich in Sportvereinen eine große Vielfalt an Angeboten mit explizitem Gesundheitsbezug ausdifferenziert und etabliert (Thiel et al., 2013; Mayer & Nagel, 2023): 1. Dies umfasst zunächst Trainings- und Sportangebote, die auf die Förderung und Stärkung körperlicher (Ausdauer, Kraftfähigkeiten) und psychosozialer (soziales Wohlbefinden, Gesundheitskompetenzen) Ressourcen abzielen. Solche Sportange‐ bote beziehen sich insbesondere auf jene Vereinsmitglieder für die Gesundheit und Fitness zentrale Motive ihres Sporttreibens darstellen. 2. Im Bereich Präventionssport werden Angebote entwickelt, die konkret auf die Reduktion gesundheitlicher Risiken und das Vorbeugen von Krankheiten abzielen, wodurch diese bei den Krankenkassen auch als erstattungsfähig gelten. 3. Zudem sind in Sportvereinen wie bereits erwähnt auch Rehabilitationssportgrup‐ pen (z. B. Herzsportgruppen) zu finden, an denen Menschen mit (chronischen) Vorerkrankungen oder Behinderungen partizipieren. 186 IV. Körper und Gesundheit im Sport <?page no="187"?> Zudem ist der organisierte Sport bestrebt, die Zusammenarbeit mit Akteuren des Ge‐ sundheitssystems, insbesondere Krankenkassen sowie Bundes- und Landesärztekam‐ mern, gezielt auszudehnen und zu verbessern, um nicht zuletzt eine förderungswürdige Bedeutung im Bereich der bewegungsorientierten Gesundheitsversorgung weiter zu stärken. So wurde die Initiative „Rezept für Bewegung“ gemeinsam vom Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), der Bundesärztekammer und der Deutschen Gesell‐ schaft für Sportmedizin und Prävention ins Leben gerufen, wo interessierte Ärzt: innen ihren Patient: innen gezielt Sport- und Bewegungsangebote in einem örtlichen Sport‐ verein empfehlen können, um sie so auf ihrem Weg zu mehr Bewegung und aktiver Lebensführung zu unterstützen. Im Hinblick auf die Qualitätssicherung von Gesund‐ heitssportangeboten können sich Sportvereine zudem durch das Qualitätssiegel „Sport pro Gesundheit“ durch den DOSB zertifizieren lassen, sofern bestimmte Voraussetzun‐ gen erfüllt sind (z. B. lizenzierte Übungsleiter: innen Sport in der Prävention). Damit wird gewährleistet, dass auch Vereinsangebote im Bereich Gesundheitssport für die Teilnehmenden durch Krankenkassen bezuschusst werden. Beispiel | Sportvereine Laut aktuellem Sportentwicklungsbericht für Deutschland 2023-2025 (Breuer & Feiler, 2024), bietet im Bereich der Gesundheitsversorgung ca. jeder dritte Sport‐ verein (ca. 29.000) Programme mit Gesundheitsbezug an, wenngleich sich im zeit‐ historischen Verlauf leichte Rückgänge abzeichnen. In Relation zu den gesamten Sportangeboten von Sportvereinen, weisen im Mittel 11,9 % der Sportangebote ei‐ nen expliziten Gesundheitsbezug auf. Differenziert betrachtet bieten die meisten Vereine, die über Angebote im Gesundheitsbereich verfügen, diese im Bereich des allgemeinen Gesundheitssports an (32 %). Angebote im Bereich Tertiärprävention offerieren 5,8 % der Sportvereine, und 6,8 % bieten Sport für körperlich und/ oder geistig beeinträchtigte und chronisch kranke Menschen an. Laut DOSB sind derzeit ca. 3.850 Sportvereine durch das Qualitätssiegel des DOSB „Sport pro Gesundheit“ zertifiziert (nähere Informationen unter https: / / www.dosb.de/ themen/ mensch-un d-sportverein/ breitensport-und-gesundheit/ sport-pro-gesundheit). 10.7 Fazit Im vorliegenden Buchkapitel wurde verdeutlicht, dass Bewegung und Sport grundsätz‐ lich mit positiven Wirkungen auf die Gesundheit verbunden sind. Vor dem Hintergrund eines salutogenetischen Gesundheitsverständnisses zeigen sich entsprechende Poten‐ ziale insbesondere im Hinblick auf physische, psychische und soziale Schutzfaktoren. Zugleich wurde jedoch deutlich, dass diese positiven Effekte nicht uneingeschränkt gelten. Bewegung und Sport können auch mit gesundheitlichen Risiken einhergehen, insbesondere dann, wenn Bewegungsaktivitäten und sportliches Training übertrieben werden oder nicht bedarfsgerecht erfolgen, etwa durch Überlastung, unangemessene 10 Gesundheit im Sport 187 <?page no="188"?> Trainingsformen oder falsche Intensitäten. Vor dem Hintergrund solcher Ambivalen‐ zen und bestehenden Herausforderungen kommt (sport-)soziologischen Expertisen eine zentrale Bedeutung zu, um einerseits Strukturen, Programme und Interventionen im Bereich der Gesundheitsförderung differenziert zu analysieren und fundiert wei‐ terzuentwickeln und andererseits die sozialen Bezüge von Gesundheit noch stärker herauszustellen. Dies sei an drei Aspekten exemplarisch verdeutlicht: 1. Es ist festzuhalten, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen nach wie vor körperlich inaktiv oder nur selten bewegungsaktiv sind. Daraus ergibt sich die Frage, wie diese Gruppen gezielt erreicht und aktiviert werden können. Standardisierte Bewegungsempfehlungen greifen hierbei häufig zu kurz. Vielmehr gilt es, ge‐ sundheitliche Vorstellungen und Konstruktionen, Bedarfe sowie individuelle und strukturelle Barrieren in Bezug auf Bewegung systematisch zu erfassen. Bei der Konzeption bewegungsbezogener Programme sind zudem neben individuel‐ len Voraussetzungen auch die Handlungsnormen bestimmter sozialer Gruppen und Milieus (z. B. in Quartieren) zu berücksichtigen. Denn diese beeinflussen maßgeblich, ob Angebote der Bewegungsförderung als passend empfunden und entsprechend akzeptiert werden (Thiel & Meier, 2014). 2. Im Hinblick auf die Weiterentwicklung bewegungsbezogener Gesundheitsförde‐ rung in Kommunen sind sportsoziologische Perspektiven ebenfalls von Bedeutung. Dies gilt z. B. für die differenzierte Erfassung von Bevölkerungsbedarfen in Bezug auf die Sportnachfrage sowie für sozialräumliche Analysen, die eine möglichst zielgenaue Infrastrukturplanung ermöglichen (Thieme et al., 2024). Darüber hinaus sind intersektorale Formen der Beteiligung und Zusammenarbeit zu entwickeln und zu steuern (etwa in Form von lokalen Netzwerkstrukturen), um die Potenziale von Bewegung und Sport als zentrale Bausteine kommunaler Gesundheitsversor‐ gung noch wirkungsvoller zu entfalten. 3. Zudem erfordert der Umgang mit gesundheitlichen Risiken von Bewegung und Sport eine kritische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Steigerungs- und Optimierungszwängen. Diese zeigen sich sowohl im Freizeit- und Breitensport, etwa als Nebenwirkung von Schlankheits- und Schönheitsidealen, als auch im Leistungssport. Nicht zuletzt auf der Grundlage fundierter sportsoziologischer Analysen der spezifischen Systembedingungen und Beziehungsstrukturen im Leis‐ tungssport lassen sich Konzepte des Gesundheitsbzw. Verletzungsmanagements zum Schutz und Wohle von Athlet: innen zielführend weiterentwickeln (dazu z. B. Mayer, 2010). Weiterführende und vertiefende Literatur Eine differenzierte Einführung in das Forschungsfeld der bewegungsbezogenen Gesundheitsförderung bieten die Handbücher von Thiel et al. (2023) sowie von Thiemann und Mohokum (2021). Wenn Sie sich intensiver mit Gesundheitskon‐ zepten befassen möchten, lesen Sie Blättner und Waller (2018), einen Überblick zu 188 IV. Körper und Gesundheit im Sport <?page no="189"?> zentralen Themen der Gesundheitssoziologie bietet Kriwy und Jungbauer-Gans (2020). Literaturverzeichnis Andersen, P. L., & Bakken, A. (2018). Social class differences in youths’ participation in organized sports: What are the mechanisms? 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Bundesinstitut für Sportwissenschaft. https: / / doi.org/ 10. 4126/ FRL01-006510615 Buecker, S., Simacek, T., Ingwersen, B., Terwiel, S., & Simonsmeier, B. A. (2020). Physical activity and subjective well-being in healthy individuals: a meta-analytic review. Health Psychology Review, 15(4), 574-592. https: / / doi.org/ 10.1080/ 17437199.2020.1760728 Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation e.-V. (BAR) (2022). Rehabilitationssport und Funktionstraining. Rahmenvereinbarung. Frankfurt am Main. Zugriff am 16.12.25 unter http s: / / www.bar-frankfurt.de/ fileadmin/ dateiliste/ _publikationen/ reha_vereinbarungen/ vereinb arung/ downloads/ rahmenvereinbarung_ueber_den_rehabilitationssport_und_das_funktion straining.pdf Bundesministerium für Gesundheit (2022). Bestandsaufnahme (Langversion): Bewegungsförde‐ rung bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland. 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Dynamiken und Spannungsfelder des Sports <?page no="197"?> 11 Trendsport Jürgen Schwier Lernziele | Die Leser: innen ● kennen begriffliche Eingrenzungen des Trendsports, ● können den Forschungsstand zum Trendsport reflektiert einschätzen, ● können die Beziehungen zwischen Trendsport und Leistungssport erläutern, ● können Begründungen für eine Thematisierung von Trendsportarten im Schulsport angeben, ● kennen die Zusammenhänge von Trendsport und Fitnesssport, ● können die Beziehungen von Trendsport und Mediensport darstellen und reflektieren. Wissens-Check | Zu diesem Kapitel werden online Lernfragen angeboten. Sie können diese über den QR-Code scannen oder über den folgenden Link aufrufen: https: / / narr.kwaest.io/ s/ 1487. 11.1 Das weite Feld des Trendsports Der Sport ist ein weltweit verbreitetes Handlungsfeld, dass sich eindeutigen Festle‐ gungen entzieht und als Oberbegriff für verschiedenartige organisiert oder informell betriebene Bewegungsformen bzw. -praktiken dienen kann. Es gehört schlicht zum Erfolgsgeheimnis des modernen Sports, dass er sich fortlaufend weiter ausdifferen‐ ziert und nicht nur auf einer semantischen Ebene unterschiedlichste körperbezogene Praxen, Bewegungs- und Spielformen zu inkludieren vermag: von Calisthenics und Foilsurfen über Hobby Horsing und Pickleball bis Pilates und Floating Yoga. Die zuvor beispielhaft genannten Bewegungsformen werden dabei zumeist dem Feld des Trend‐ sports zugerechnet, dass sich erst seit rund drei Jahrzehnten als Sammelbegriff für Prak‐ tiken etabliert hat, die das konventionelle Sportverständnis überschreiten, neuartige, abgewandelte oder zuvor vernachlässigte Formen des menschlichen Sich-Bewegens in den Mittelpunkt stellen und zum Teil eine alternative Sportästhetik hervorbringen. Trendsportarten besitzen dabei mittelfristig ein gewisses Verbreitungspotential und können aufgrund ihrer Dynamik, Heterogenität und Offenheit für unterschiedliche Bedeutungszuschreibungen auch Veränderungstendenzen der Sport- und Bewegungs‐ kultur sichtbar machen (Breuer & Michels, 2003; Gugutzer, 2004; Schwier, 2003; <?page no="198"?> Schwier & Erhorn, 2015). Sie stimulieren insgesamt eine weitere Ausdehnung des Sportkonsums, bieten Anknüpfungspunkte für zeitgenössische Lebensstile und die - mit Reckwitz (2017) gesprochen - Singularitätsansprüche spätmoderner Subjekte. In der Regel hält der Trendsport ferner besondere Spielräume für Selbstorganisation, Selbstregulierung und Szenebildung bereit. Auffällig ist des Weiteren die vermehrte Nutzung von Orten, die sich erheblich von den normierten (Wettkampf-)Sportstät‐ ten unterscheiden und mit vielfältigen Prozessen der intentionalen Raumaneignung einhergehen. Sowohl innerstädtische Areale als auch naturnahe Landschaftsflächen werden beispielsweise beim Skateboarding, Stand Up Paddling, Slacklining, Moun‐ tainbiking oder Outdoor Yoga durch das Sich-Bewegen der handelnden Personen temporär in einen Bewegungsraum verwandelt, was nicht selten Konflikte mit tradier‐ ten gesellschaftlichen Nutzungsansprüchen nach sich zieht. Dies gilt in besonderem Maße für jene Erscheinungsformen des Trendsports, die vor allem von Jugendlichen und jungen Erwachsenen ausgeübt werden und sich unter anderem als Stil-Kultu‐ ren (Stern, 2010), Freestyle-Bewegungskulturen (Kolb, 2015) oder - zumindest in Teilen - als extremsportliche Körperpraktiken (Gugutzer, 2025) kennzeichnen lassen. Derartige bewegungsorientierte Jugendkulturen begünstigen über den traditionellen Wettkampfsport hinausweisende Körpererfahrungen und bringen handelnd einen kollektiven Wissensvorrat, eigenständige Handlungsmuster, Symbole, Gesellungsfor‐ men und Aktionsräume hervor, die sich zu einem eigenständigen Stil verdichten und gleichzeitig eine Differenz zu anderen juvenilen Szenen anzeigen (Schwier, 2000; 2020). Es spricht sicherlich einiges dafür, die bewegungsorientierten Jugendkulturen (wie Skateboarding, BMX und Wellenreiten) gewissermaßen als Keimzelle und Motor des Trendsports zu begreifen, sie stellen jedoch nur einen Ausschnitt des uneinheitlichen, bunten und ambivalenten Felds dar. Hobby Horsing, CrossFit, Padel und DIY-Skate‐ boarding gelten so gemeinhin als Trendsportarten, weisen darüber hinaus jedoch nur wenig Gemeinsamkeiten auf. Ein Markenkern des Trendsports lässt sich daher kaum erkennen und die große Bandbreite der unter diesem Label versammelten Praxen begünstigt zugleich Wechselbeziehungen mit anderen Feldern des Sports. Exemplarisch sei hier nur darauf verwiesen, dass sich Trendsportarten einerseits zumindest in Teilbereichen in eine normierte Wettkampfsportart verwandeln können (z. B. olympisches Skateboarding) und andererseits auch etablierte Sportarten mitunter eigene Trendvarianten hervorbringen (z. B. Beach Soccer, Bubble Soccer, Footvolley). Vor diesem Hintergrund versucht die Argumentation im Folgenden die Verbindungen des Trendsports zu den Feldern des Leistungssports, des Schulsports, des Fitnesssports und des Mediensports nachzuzeichnen. Zunächst soll allerdings auf die forschungsme‐ thodischen Zugänge zum Trendsport eingegangen werden. 198 V. Dynamiken und Spannungsfelder des Sports <?page no="199"?> Definition | Trendsport Als ein Begriff mit verschwommenen Rändern kennzeichnet Trendsport allge‐ mein neuartige, bisher vernachlässigte und abgewandelte Bewegungsformen, die über mehrere Jahre ein Verbreitungspotential besitzen. Der Terminus Trendsport verweist zudem auf Veränderungstendenzen im Feld des Sports, die mit bewe‐ gungskultureller Erneuerung einhergehen (Schwier, 2003). 11.2 Forschungsmethodische Zugänge Der sportsoziologische Kenntnisstand zum Trendsport weist nach wie vor erhebliche Lücken auf. Schon allein auf die Frage, wann eine Bewegungsform als Trendsport gelten kann, gibt es keine allgemein akzeptierte und empirisch abgesicherte Antwort. Nach vorherrschender Lesart sollte man erst dann von einer Trendsportart sprechen, wenn die entsprechende Bewegungspraxis über mehrere Jahre eine gewisse Sichtbar‐ keit und Verbreitung erzielt hat. Eine solche Auffassung kann sich unter anderem auf Wopp (2006, S. 16) berufen, für den eine Trendsportart durch eine zumindest mittlere Wirkungsbreite und -dauer (mindestens fünf Jahre) gekennzeichnet ist. Forschungs‐ methodisch spannend ist in diesem Zusammenhang allerdings die Frage, wie sich die beiden genannten Kriterien mit Blick auf bestimmte Bewegungspraktiken überprüfen lassen: Haben beispielsweise die vor rund zehn Jahren als Trendsport gelabelten Praktiken Headis, Hockern und Parkour seinerzeit bereits eine mittlere Wirkungsdauer und -breite aufgewiesen? Und wie wird gemessen, wann und in welchem Umfang sie seitdem an Verbreitung eingebüßt oder zugenommen haben? In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle kann man kaum auf verlässliche Verbreitungsdaten zurückgreifen und repräsentative quantitative Erhebungen zum Thema fehlen im deutschsprachigen Raum bislang weitestgehend. Hermeneutisch orientierte Versuche zur Beantwortung der Frage, wann eine in unserer Gesellschaft neu auftauchende Bewegungsform den Status einer Trendsportart beanspruchen kann, haben nicht zuletzt Lamprecht, Murer und Stamm (2003, S. 37-41) sowie Schwier (2003, S. 193-195) unternommen, die auf der Hintergrundfolie unter‐ schiedlicher Bezugstheorien (Modell des Produktlebenszyklus bzw. Semiotik) letztend‐ lich weitgehend übereinstimmende Phasenmodelle zur Genese von Trendsportarten entfalten konnten. Lamprecht, Murer und Stamm (2003, S.-38) beschreiben zur Klassi‐ fizierung von Trendsportarten ein fünfstufiges Entwicklungsmuster, beginnend mit der Erfindung einer neuartigen Bewegungsform („Invention“), an die sich zweitens die Entwicklung weiterer Varianten im lokalen Umfeld durch die kreativen Handlungspro‐ zesse sich bildender Gruppierungen anschließt („Innovation“). In einer dritten Phase erfolgen die Bildung subkultureller Szenen und erste Kommerzialisierungsprozesse („Entfaltung und Wachstum“). Als Viertes schließt sich die Verbreitung via Medien 11 Trendsport 199 <?page no="200"?> sowie die Verknüpfung mit der Sportartikelindustrie und dem Marketing an, worauf in der fünften Phase die Etablierung im Feld des Sports folgt („Sättigung“). Die genannten Autoren bleiben allerdings hinreichende empirische Nachweise für die ihren Modellen entsprechende Trendwerdung ausgewählter Bewegungspraktiken schuldig, was vermutlich auch damit zusammenhängt, dass ein schon bewährtes gegenstandangemessenes Forschungsdesign bislang nicht vorliegt. Eine Zuordnung von Bewegungsformen zu einzelnen Phasen erfolgt daher weniger datengestützt, sondern setzt primär auf die interpretative Analyse. Unter Betonung ihres explorativen Charakters hat Schwier (2000, S. 72-80) in diesem Zusammenhang ergänzend die Methode des Scannings von (multi-)medialen Darstel‐ lungen und Formaten eingesetzt, um sich unter Bezugnahme auf sein Phasenmodell empirisch dem Trendpotenzial und den Merkmalen innovativer Bewegungsaktivitäten anzunähern. Er weist jedoch selbst darauf hin, dass die mediale Popularität einer Bewegungsform und ihre Social Media-Präsenz zwar kollektive Aufmerksamkeit zu stimulieren vermag, letztendlich jedoch nur bedingt Rückschlüsse auf ihre aktuelle und zukünftige Verbreitung zulässt. Als ein Beispiel sei hier nur die Praktik des Parkour genannt: Beispiel | Parkour/ Freerunning Während des Höhepunkts des medialen Hypes um Parkour/ Freerunning sind in der Mehrzahl der deutschen (Groß-)Städte wahrscheinlich jeweils nur einige Dutzend Traceur: innen unterwegs gewesen. Festzuhalten bleibt, dass der Trendsport sich bis heute noch nicht als eigenständi‐ ger Gegenstand empirischer Forschung ausprägen konnte und sich an dem von Brandl-Bredenbeck und Köster (2010, S. 101) konstatierten Fehlen einer „wissenschaft‐ lich abgesicherten Konzeption“ der sportbezogenen Trendsportforschung auch nach mehr als fünfzehn Jahren wenig geändert hat. Einen forschungsmethodischen Baukas‐ ten, mit dem sich das Trendpotenzial von Calisthenics, Crossboccia, Roundnet, Padel oder Tricking empirisch untersuchen ließe, sucht man jedenfalls vergebens. Anzumerken bleibt, dass die empirische Befundlage zu bewegungsorientierten Jugendkulturen, die häufig unter dem Label Trendsport subsummiert werden, deutlich besser ist, da zum Selbstverständnis, den Merkmalen sowie dem Stil von lokalen Szenen inzwischen zahlreiche qualitative Studien vorliegen (u. a. Hübner, 2025; Kil‐ berth, 2021; Stern, 2010; Theis, 2023). Gerade die Feldforschung gewinnt in diesem Zusammenhang an Bedeutung. Mitverantwortlich hierfür ist sicherlich der Umstand, dass die verschiedenen Facetten und Praxen des Trendsports auf den ersten Blick geradezu für ethnographische Betrachtungen prädestiniert zu sein scheinen. Denn da bei der Untersuchung innovativer Bewegungsformen nicht auf bereits vorhandene wissenschaftlichen Wissensbestände zurückgegriffen werden kann, erscheint ein Auf‐ suchen des jeweiligen Felds forschungsstrategisch als ein geeigneter Weg, an dessen 200 V. Dynamiken und Spannungsfelder des Sports <?page no="201"?> Ende es zu einer empirisch gesättigten Theoriebildung kommen kann (Schwier, 2023, S.-159-163). 11.3 Trendsport und Leistungssport Die Entfaltung des Trendsports hat sich jenseits des traditionellen Sportartenmodells vollzogen und der Großteil trendsportlicher Praxen grenzt sich vom Siegescode des or‐ ganisierten Wettkampfsystems ab, gleichzeitig bildet Leistung ein wesentliches Orien‐ tierungsmuster in diesen Bewegungsformen. Der Trendsport betont die Freiheitsgrade des Bewegungshandelns und die individuelle Freiheit seiner Protagonist: innen, was zugleich eine Kultivierung des Leistungshandelns sowie innnerhalb gewisser Grenzen eine Verwirklichung des „Menschenrecht(s) auf Eigenhandeln und Eigenleistung“ (Lenk, 1983, S. 182) impliziert. Leistung äußert sich in dynamischen Trendsportkon‐ texten vorwiegend in der kreativen Auseinandersetzung mit der Bewegungsaufgabe, wobei das sinnliche Erleben des Tuns, die individuelle Stilkompetenz und der Auffüh‐ rungscharakter im Vordergrund stehen. Am Beispiel Skateboarding weisen Schwier und Kilberth (2023, S. 136) auf den Umstand hin, dass sich die (Be-)Wertung eines Tricks durch die Gruppe vor Ort am individuellen Können der jeweiligen Person und deren Bereitschaft zum Ausloten ihrer Leistungsgrenzen ausrichtet, wodurch sich zugleich ein etwaiger Konkurrenzdruck verringert und das Miteinander gefördert wird. Diese Haltung kommt ebenfalls in Wettkampfsituationen zum Tragen, wenn die Skater: innen sich gegenseitig geradezu enthusiastisch anfeuern, obwohl sie eigentlich im Contest gegeneinander fahren. Nicht nur beim Skateboarding, sondern auch bei Praktiken wie Breakdancing, BMX, Calisthenics, Freerunning oder Wing-Foil lassen sich jedoch Tendenzen einer Versportlichung erkennen. Und selbst das Hobby Horsing hat bereits erste Deutsche Meisterschaften zelebriert. Versportlichung meint hier, dass zumindest in Teilbereichen einer Trendsportkultur agonaler Leistungsvergleich und Erfolgsdenken an Bedeutung gewinnen und Institutionalisierungsprozesse (mitsamt Verbandsnormen, Nachwuchs‐ förderung und Kadersystem) einsetzen. Gerade bei jenen Trendsportarten, die inzwi‐ schen in das Programm der Olympischen Spiele aufgenommen worden sind, gehen mit diesem Prozess leistungssportliche Orientierungen einher, die auf Vereinheitlichung und Vergleichbarkeit abzielen, womit als Nebenwirkung - in weitaus stärkerem Maße als bisher üblich - ausgeprägtes Konkurrenzdenken in Teilen der Szene Einzug hält. Versportlichungstendenzen forcieren zugleich die Professionalisierung und Kommer‐ zialisierung des jeweiligen Trendsports, erhöhen aber ebenfalls die Chancen für eine geschlechtergerechte Teilhabe (u. a. hinsichtlich der verfügbaren Startplätze, der Talentförderung und des Sponsorings). 11 Trendsport 201 <?page no="202"?> Beispiel | Street League Skateboarding Neben den X Games gibt es inzwischen zahlreiche hochdotierte Skateboar‐ ding-Contests und Wettkampfserien, die ein wichtiges Element der Vermarktung und Professionalisierung darstellen. Die Veranstaltungstournee Street League Skateboarding (https: / / www.streetleague.com) gilt dabei als Vorreiter einer Ver‐ sportlichung dieser Bewegungspraxis. Im Spannungsfeld von „Orthodoxie und Heterodoxie“ (Bourdieu, 1998, S. 63) sind Rationalisierung der Praxis (Versportlichung) und Kulturalisierung der vermeintlich authentischen Trendsportkultur mit ihren identitätsstiftenden Merkmalen (Selbstbe‐ stimmung, Kollaboration, Kreativität, Nonkonformismus) nach Schwier und Kilberth (2023, S. 142) zwei unterschiedliche Antworten auf die Frage, wie das Besondere des jeweiligen Trendsports zwischen Subkultur und Leistungssport weiterentwickelt und die Freude an der Eigenleistung bewahrt werden kann. 11.4 Trendsport und Schulsport Der Schulsport hat Trendsportarten in den letzten drei Jahrzehnten in unterschied‐ lichster Weise und Intensität zum Thema gemacht. Das anhaltende fachdidaktische Interesse hängt wohl nicht zuletzt damit zusammen, dass derartige Bewegungsprakti‐ ken vor allem als eine Domäne von Jugendlichen wahrgenommen werden. Mit deren unterrichtlichen Inszenierung sollen also lebensweltliche Bezüge hergestellt und an die sich wandelnden Bewegungsaktivitäten der Schüler: innen in ihrer Freizeit angeknüpft werden (Balz, 2001). Einige bewegungskulturelle Trends haben sich dabei relativ schnell als ein nahezu selbstverständlicher Inhalt des Sportunterrichts etabliert (z. B. Fitnesspraktiken), was durch die eher offene Ausformulierung von Bewegungsfeldern und Kompetenzbereichen in den neueren Lehrplänen begünstigt worden ist. Mit Blick auf die inhaltliche Auswahl geht es - neben den Rahmenbedingungen der jeweiligen Schule - nicht zuletzt um die Frage, welche Bewegungspraktiken mit Blickrichtung auf pädagogische Perspektiven und individuellen Kompetenzaufbau ge‐ eignet erscheinen und wie deren Inszenierung im Schulkontext gestaltet werden sollte. Aus sportpädagogischer Sicht benennt Laßleben (2009) in diesem Zusammenhang mit der schon erwähnten Nähe zur Lebenswelt der Jugendlichen, der Ermöglichung eines chancengleichen Zugangs, den Optionen zur Differenzierung beim Bewegungslernen, der Förderung von Selbstständigkeit, dem Aufzeigen von alternativen Formen des Sporttreibens sowie der Stimulierung selbstgesteuerter Lernprozesse wesentliche Kri‐ terien für eine Thematisierung des Trendsports. Der erfahrungsoffenen Suche nach Lösungen zur Bewältigung der Bewegungsaufgaben durch die Schüler: innen wird damit ein gewisser Vorrang gegenüber methodischen Entscheidungen der Lehrkraft eingeräumt. Gleichzeitig sollen die Formen des Lernens im Trendsport (z. B. „Trial and Error“) Eingang in den Sportunterricht finden und insgesamt eine reflexive 202 V. Dynamiken und Spannungsfelder des Sports <?page no="203"?> Auseinandersetzung mit diesen Bewegungsformen stattfinden (u. a. hinsichtlich der Aspekte Geschlechtergerechtigkeit, Körperbilder, Stilisierung). Neben den Vermittlungsmethoden wird ebenfalls die Bedeutung außerschulischer Lernorte für die schulsportliche Auseinandersetzung mit bestimmten Trendsportarten diskutiert (u. a. Calisthenics Parks, BMX- und Skateparks, Surfschulen, innerstädtische Spots als Sammelpunkte der Szene). Die Schüler: innen lernen so die Originalschau‐ plätze der jeweiligen Bewegungspraktiken kennen, die sie sich in Bewegung aneignen können und die eine spezielle Lehr-Lern-Umgebung bereitstellen (Schwier, 2024, S.-60-63). Während im Trend liegende Fitnesspraktiken sich als Themen innerhalb des Schul‐ sports schon länger etabliert haben (von BallKoRobics über Gambol Jump bis zu Fitness Workouts), geraten andere echte oder vermeintliche Trendsportarten nur für eine gewisse Zeit in den sportpädagogischen Blick (z. B. Parkour) und weitere Bewegungsformen unterliegen im schulischen Kontext periodischen Schwankungen (z. B. Skateboarding). Dabei ist zu beobachten, dass die zu einem bestimmten Zeitpunkt wahrnehmbare hohe gesellschaftliche Aufmerksamkeit für eine Bewegungspraxis sich - naturgemäß mit einer gewissen Verzögerung - in der Anzahl fachdidaktischer Veröffentlichungen zu diesem Trendsport widerspiegelt: Während beispielsweise um das Jahr 2010 eine Hochkonjunktur von sportpädagogischen Publikationen zum Parkour kaum zu übersehen ist, lässt sich in den letzten Jahren tendenziell eine Häufung von Beiträgen zum Skateboarding konstatieren (Schwier & Kilberth, 2023), die unter Umständen mit dem vermehrten Bau kommunaler Skateparks in Deutschland und mit der Aufnahme dieser Bewegungspraxis in das Programm der Olympischen Sommerspiele in Verbindung steht. Insgesamt scheint der Trendsport im deutschsprachigen Raum längst im Schulsport angekommen zu sein, dürfte allerdings im Sportunterricht auf absehbare Zeit keine Hauptrolle spielen. 11.5 Trendsport und Fitnesssport Charakteristisch für den Fitnesssport ist nicht zuletzt der Umstand, dass in diesem Feld fortlaufend neue Trends hervorgebracht und zielgruppenorientiert in marktgängige Angebote übersetzt werden. Barre, Calisthenics, Deep Work, Hyrox, Primal Movement oder Aerial Yoga sprechen zumindest in Teilen unterschiedliche Personengruppen mit unterschiedlichen Trainingsmotiven und -zielen an. In diesem Zusammenhang stellt Barre ein Beispiel für „sportorientiertes Sampling“ (Schwier, 2003, S. 203) dar, da hier Ballettelemente mit Krafttraining, Yoga und Pilates-Übungen kombiniert werden. Sportorientiertes Sampling spielt gerade im Fitnesssport schon seit den Zeiten von Tae Bo und Salsa-Aerobic eine besondere Rolle. Zumeist gehen fitnessorientierte Sampling-Praktiken aus der Addition von Komponenten bereits existierender Bewe‐ gungsformen (z. B. Yoga) und Sportdisziplinen (z. B. Kampfsport) hervor, die auf 11 Trendsport 203 <?page no="204"?> neuartige Weise miteinander verbunden werden und sich mit einer eigenen Symbolik umgeben (Schwier, 2000, S.-88-89). Nicht erst seit den Lockdown-Phasen während der Corona-Pandemie liegen ferner Online-Trainingsangebote im Trend, von denen sich die Nutzer: innen unter anderem eine Individualisierung und Flexibilisierung ihres fitnesssportlichen Sich-Bewegens erwarten. Fitness-Apps, Online-Yogastudios und Influencer: innen treten dabei nicht notwendigerweise komplett an die Stelle des Work-outs im Real-Life-Studio, sondern können auch als eine Ergänzung und Erweiterung der eigenen Trainingsroutinen dienen. Darüber hinaus stimulieren Online-Fitnessaktivitäten zum Teil eine weitere Steigerung des individuellen Fitnesskonsums (Bekleidung, Nahrungsergänzungsmit‐ tel, Personal Training usw.). Fitness verbreitet sich seit einigen Jahren des Weiteren als jugendliche Bewegungs‐ kultur, die um subjektiv wünschenswerte körperliche Veränderungen kreist und in der das eigene Bodywork mittels Bewegungstracker und Fitness-App optimiert wird (Bindel & Theis, 2020). Die nahezu allgegenwärtige Präsenz von Fitness und Fitness-Lifestyle in den sozialen Netzwerken und webbasierten Videoplattformen dürfte zu dieser Entwicklung erheblich beigetragen haben. Theis (2023, S. 169-171) porträtiert Fitness vor diesem Hintergrund als „konservative Jugendkultur“ mit nicht selten produktorientierten Motiven, in der die notwendige Wissenskommunikation (Ernährung, Trainingsplanung, Übungsausführungen usw.) vorwiegend durch infor‐ melle Strategien („Bro Science“) und die Nutzung digitaler Wissensquellen (inklusive Influencer: innen) erfolgt. Die Anziehungskraft eines auf die Optimierung des körper‐ lichen Selbst gerichteten Lebensstis fördert allerdings nicht nur den Wunsch nach Teilhabe, sondern kann unter Umständen das Körperbild von Jugendlichen negativ beeinflussen. Beispiel | „Bro-Science“ „Bro-Science“ nennt Theis (2023, S. 231) die Praxis jugendlicher Fitnesssportler, ihre „Kumpel“ als Quelle ungeprüften Wissens über trainings- oder ernährungsre‐ levante Sachverhalte heranzuziehen. Die von einem „Bro“ geteilten Wissensinhalte werden hierbei vor allem durch seinen eigenen körperlichen Trainingserfolg beglaubigt. Im Rekurs auf die Resonanztheorie von Rosa und die kultursoziologischen Überlegun‐ gen von Reckwitz zu den Singularitätsansprüchen spätmoderner Subjekte (Reckwitz & Rosa, 2021) wird gleichsam die Interpretation nachvollziehbar, dass das Streben nach Resonanzerfahrungen, nach Einzigartigkeit und Besonderheit auch in fitnesssportli‐ chen Trends bzw. ganz profan in dem Einsatz von Selftracking, Wearables und weiterer smarter Technik bei der Individualisierung des Fitnesstrainings seinen Niederschlag findet. Im Bereich des Fitnesssports und seiner Trendvarianten sind daher weiterhin Wachstumsraten zu erwarten, da er die aktuell kaum zu übersehende subjektive 204 V. Dynamiken und Spannungsfelder des Sports <?page no="205"?> und gesellschaftliche Neigung zur Körperformung und Selbstoptimierung bedient, in gewisser Hinsicht ein ideales Mittel gegen die Folgen eines inzwischen in allen Altersgruppen festzustellenden bewegungsarmen Lebensstils darstellt und sich daher als Partner des Gesundheitssystems profiliert (siehe Kapitel 10). 11.6 Trendsport und Mediensport Die Wechselbeziehung von Trendsport und audiovisuellen Medien lässt sich auf den ersten Blick als Win-Win-Situation beschreiben. Einerseits haben die Medien zahlreichen Trendsportszenen und -kulturen beachtliche Aufmerksamkeitsgewinne verschafft, damit zu deren Popularisierung beigetragen und das Interesse von Spon‐ soren, Sportartikelindustrie und werbetreibender Wirtschaft auf den Trendsport ge‐ lenkt. Andererseits liefern derartige Bewegungspraktiken den audiovisuellen Medien emotionale, ungewöhnliche (Hobby Horsing), zuvor unbekannte (Foilsurfen) und spektakuläre - vom Breaking über Kiteboarding bis zum Skateboarding - Bildanlässe, die sich massenwirksam in Szene setzen lassen (Schwier & Erhorn, 2015, S. 204-208). Dem Fernsehsender ESPN und dem Unternehmen Red Bull ist es zum Beispiel ge‐ lungen, mit den außergewöhnlichen Bewegtbildern des Trendsports ein weltweit erfolgreiches TV-Format bzw. ein originäres Markenbranding (inklusive Red Bull TV) hervorzubringen. Beispiel | X-Games Die X-Games sind ein vom US-amerikanischen Fernsehsender ESPN seit 1995 veranstaltetes und kameragerecht inszeniertes TV-Event für Trendsportarten, das jährlich als Summer- und Winter-X-Games ausgetragen wird (vgl. Thorpe & Wheaton, 2017). Die weltweit erfolgreichen X-Games werden inzwischen auch von Streaming-Diensten übertragen. Im Zuge der Digitalisierung des Mediensports (siehe Kapitel 12) haben sich die zuvor skizzierten Wechselbeziehungen noch weiter intensiviert. Social Media und webba‐ sierte Videoplattformen kommen so dem Bedürfnis zahlreicher Gruppen und Szenen im Feld des Trendsports nach Peer-to-Peer-Kommunikation, nach Vernetzung, nach einem einfachen Austausch von Informationen, Bildern und (Trick-)Videos entgegen. Gerade die für bewegungsorientierte Jugendkulturen charakteristische Tendenz zur Selbstmedialisierung und Ästhetisierung der eigenen Handlungspraxis lässt sich im digitalen Raum vor allem mittels des allgegenwärtigen Smartphones als digitalem Allrounder kreativ, kostengünstig, unterhaltsam und nahezu ungefiltert ausleben. Dar‐ über hinaus kommen bei den selbstproduzierten Trendsportvideos häufig auch neuere Technologien wie GoPro- und Drohnen-Kameras zum Einsatz (Thorpe, 2017). Die Unterschiede zwischen online und offline verwischen sich dabei schleichend im Alltag der Jugendlichen und jungen Erwachsenen: Es ist inzwischen nahezu üblich, dass bei 11 Trendsport 205 <?page no="206"?> Trendsportaktivitäten die (multimediale) Repräsentation des eigenen Tuns neben die eigentliche Aktion tritt - man nutzt beispielsweise Fitness-Apps, Influencer-Videos und YouTube-Tutorials oder lädt Videos der eigenen sportlichen Praxis in sozialen Netzwerken hoch (Hübner, 2025, S. 86-89; Schwier, 2020, S. 30-31). Und in den Pausen zwischen den Bewegungsphasen sieht man sich auf dem Handy oder Tablet gemeinsam online Szenevideos an. Digitale Inszenierungen sind unter anderem für BMX- und Skateboarding-Grup‐ pierungen ein fester Bestandteil des Wettstreits um Stil und machen sowohl den Eingeweihten als auch anderen Interessent: innen szenetypische Wissensbestände zugänglich. Wie schon erwähnt spielen digitale Medien beim Wissenserwerb in der jugendlichen Fitnesskultur ebenfalls eine bedeutsame Rolle (Burk, 2024, S. 197-199; Theis, 2023). Da es auf der digitalen Bühne des Trendsports in der Regel keine kritischen Filter und Faktenchecks gibt, müssen die Trendsportler: innen allein oder gemeinsam mit ihrer lokalen Community die Qualität, Authentizität und Stilsicherheit von Online-Videos beurteilen, was mitunter eine Auseinandersetzung mit manipulier‐ ten Bewegtbildern oder mit aggressiven und extremen Haltungen einschließt. Darüber hinaus kommen Videoclips und anderen Multimediaanwendungen im Prozess des informellen Bewegungslernens die Funktion einer Vor- und Nachbereitung zu. Digitale Videos unterstützen so die selbständige und kooperative Auseinander‐ setzung mit neuartigen Bewegungsformen, Fitnessgeräten oder Tricks, da sie die Bewegung in dynamischer Form präsentieren, beliebig oft angehalten und wiederholt abgespielt werden können. Letztendlich kann mit Alkemeyer und Brümmer (2020, S. 12) festgehalten werden: „Körper- und Medienpraktiken verzahnen sich produktiv“. Die Plattform- und Social Media-Anbieter profitieren des Weiteren davon, dass zahlreiche Protagonist: innen und Gemeinschaften des Trendsports täglich unzählige Beiträge produzieren, sich über die Plattformen vernetzen und so sehr viel Datenver‐ kehr, „Likes“ bzw. „Shares“ generieren, was die Bindung der dem jeweiligen Trendsport verbundenen Nutzer: innen an die Online-Plattform unterstützt und deren Relevanz für diese Zielgruppe und die werbetreibende Wirtschaft festigt. Anscheinend besteht eine Passung zwischen dem im Zeitalter digitaler Medien verbreiteten Drang zur Selbstpräsentation und der Suche nach Selbstwirksamkeit im Trendsport. 11.7 Perspektiven Die Entwicklungsperspektiven des Trendsports in der näheren Zukunft erscheinen günstig, da einerseits fortlaufend neue Trends und Trendvarianten popularisiert wer‐ den (Padel, Urban Fitness usw.) und sich andererseits einige „klassische“ Trendsportar‐ ten (Skateboarding, Surfen usw.) ihren festen Platz in der Sport- und Bewegungskultur gesichert haben. Der Trendsport ist eben nicht nur bei Jugendlichen beliebt, sondern zieht mit seinen nonkonformistischen Inszenierungen, Individualitätsversprechen und seiner Offenheit für Diversität ebenfalls Erwachsene, Medien, Sponsoren und die Sportartikelbranche an. Bewegungskulturen im Feld des Trendsports verändern sich 206 V. Dynamiken und Spannungsfelder des Sports <?page no="207"?> des Weiteren ständig, differenzieren sich in unterschiedliche Stilrichtungen aus (u. a. Parkour vs. Freerunning) und steigern ihre Sichtbarkeit über Social-Media-Kanäle. Mit der Aufnahme einiger dieser Bewegungspraktiken (BMX, Skateboarding, Surfen und Streetball) in das Programm der Olympischen Sommerspiele geht eine Versport‐ lichung und Kommerzialisierung einher, die das Selbstverständnis der jeweiligen Trendsportszenen berührt. Die olympische Perspektive bringt sie mehr denn je in ein Spannungsverhältnis zwischen Subkultur und Konsumentenkultur, zwischen einer Fortschreibung der stilistischen Ausdrucksformen einer alternativen Bewegungskul‐ tur, der objektiven Quantifizierung im Sinne des (Leistungs-)Sportsystems und der Ökonomisierung durch den Einfluss der Marken bzw. Medien (vgl. Kilberth & Schwier, 2019; Wheaton & Thorpe, 2022). Aktuell spricht daher einiges für die Annahme, dass sich in einzelnen Bereichen des Trendsports ein wechselseitiger Wirkungszusam‐ menhang von subkulturell geprägter Bewegungspraxis und professionellem Hochleis‐ tungssport ausbildet. Für die Mehrzahl der Trendsportszenen gilt jedoch nach wie vor, dass sie als selbstbestimmte Praxen vor allem Bewegungsfreude, Gefühle der Bedeutsamkeit, Resonanz- und Selbstwirksamkeitserfahrungen stimulieren, die auf Seiten der Akteur: innen ein Streben nach fortlaufender Weiterentwicklung bestärken. Weiterführende und vertiefende Literatur Lesenswert sind nach wie vor die frühen Annäherungen an den Trendsport: Lamprecht und Stamm (1998) sowie Schwier (1998). Einen guten Überblick über die „klassischen“ Trendsportarten Skateboarding und Surfen bekommt man bei: Borden (2019), Büscher, Kilberth und Wäsche (2025), Ford und Brown (2006) sowie Wheaton (2013). Literaturverzeichnis Alkemeyer, T., & Brümmer, K. (2020). Körper und informelles Lernen. In M. Hanning, & M. Witte (Hrsg.). Enzyklopädie Erziehungswissenschaften Online. (S.-1-17). Beltz Juventa. DOI 10.3262/ EEO23200432. Balz, E. (2001). Trendsport in der Schule. Sportpädagogik, 25(6), 2-8. Bindel, T., & Theis, C. (2020). Fitness als Trend des Jugendsports - eine Wissenskultur. Forum Kinder- und Jugendsport 1, 6-14. Bourdieu, P. (1998). Praktische Vernunft. Suhrkamp. Borden, I. (2019). Skateboarding and the City. Bloomsbury. Brandl-Bredenbeck, H.-P., & Köster, C. (2010). Trends im Sport und Trendsportarten zwischen Beliebigkeit, Subjektivität und Definitionsversuchen. Sportunterricht, 59(4), 99-105. Breuer, C., & Michels, H. (Hrsg.) (2003). Trendsport - Modelle, Orientierungen und Konsequenzen. Meyer & Meyer. Büscher, B., Kilberth, V., & Wäsche, H. (Hrsg.) (2025). Skate and Research. Transcript. 11 Trendsport 207 <?page no="208"?> Burk, V. (2024). Instagram-Video. Ein beliebtes Feature in der Sportkommunikation. In S. Rehbach (Hrsg.), Sport in audiovisuellen Medien (S.-185-204). Springer VS. Ford, N., & Brown, D. (2006). Surfing and Social Theory. Routledge. Gugutzer, R. (2004). Trendsport im Schnittfeld von Körper, Selbst und Gesellschaft. Leib- und körpersoziologische Überlegungen. Sport und Gesellschaft - Sport and Society 1(3), 219-243. Gugutzer, R. (2025). Sportive Körperextreme. Zur Körpersoziologie des Extremsports. In T. Ben‐ ken, & R. Gugutzer (Hrsg.), Extreme Körper. Eine körpersoziologische Zeitdiagnose. (S. 87-105). transcript. Hübner, C. (2025). Soziale Lernprozesse im Tricking - eine Ethnographie informellen Trendsports am Setting Gathering. Shaker. Kilberth, V. (2021). Skateparks. Räume für Skateboarding zwischen Subkultur und Versportlichung. transcript. Kilberth, V., & Schwier, J. (Eds.) (2019), Skateboarding between Subculture and the Olympics. transcript. Kolb, M. (2015). Freestyle-Bewegungskulturen. In J. Erhorn, & J. 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Leistungsverständnis und Leistungsentwicklung in bewegungs‐ orientierten Jugendkulturen am Beispiel Skateboarding. In D. Wiesche, & N. Gissel (Hrsg.), Leistung aus sportpädagogischer Perspektive (S.-133-149). Springer VS. Stern, M. (2010). Stil-Kulturen. Performative Konstellationen von Technik, Spiel und Risiko in neuen Sportpraktiken. transcript. Theis, C. (2023). Wissen für den Körper---Eine Ethnographie über Jugend und Fitness. Shaker. Thorpe, H. (2017). Action Sports, Social Media, and New Technologies. Communication & Sport 5(5), 554-578. Thorpe, H., & Wheaton, B. (2017). The X Games. Re-imaging youth and sport. In L. Wenner, & A. Billings (Eds.), Sport. Media and Mega-Events (pp 247-261). Taylor & Francis. Wheaton, B. (2013). The Cultural Politics of Lifestyle-Sports. Routledge. Wheaton, B., & Thorpe, H. (2022). Action sports and the Olympic Games. Past, present, future. Routledge. Wopp, C. (2006). Handbuch zur Trendforschung im Sport. Meyer & Meyer. 11 Trendsport 209 <?page no="211"?> 12 Mediatisierung im Sport Christiana Schallhorn Lernziele | Die Leser: innen ● kennen zentrale Definitionen und theoretische Zugänge zur Mediatisierung, ● verstehen, warum Mediatisierung als langfristiger gesellschaftlicher Metapro‐ zess verstanden wird, ● können erklären, warum der Sport ein besonders geeignetes Untersuchungs‐ feld für Mediatisierungsprozesse darstellt, ● können den Begriff der Medienlogik erläutern und dessen Wirkung auf sportliche Organisation, Inszenierung und Wahrnehmung beschreiben, ● können die Mediatisierungstreppe nach Dohle und Vowe erläutern und kritisch reflektieren, ● können Mediatisierungsprozesse bei unterschiedlichen Akteursgruppen im Sport charakterisieren, ● verstehen, wie digitale Medien und soziale Plattformen Kommunikations-, Wahrnehmungs- und Handlungsweisen im Sport verändern, ● können Chancen und Risiken der Mediatisierung im Sport reflektiert einschät‐ zen. Wissens-Check | Zu diesem Kapitel werden online Lernfragen angeboten. Sie können diese über den QR-Code scannen oder über den folgenden Link aufrufen: https: / / narr.kwaest.io/ s/ 1488. 12.1 Einleitung Sport, Medien und Gesellschaft sind heute untrennbar miteinander verbunden. Sport findet längst nicht mehr nur auf dem Spielfeld oder in der Sporthalle statt, sondern wird medial begleitet, kommentiert, bewertet und weiterverarbeitet - im Fernsehen, auf Streaming-Plattformen und in sozialen Netzwerken. Sportliche Praktiken, Orga‐ nisationen und Deutungen entstehen dadurch zunehmend in medial vermittelten Kontexten und sind ohne diese kaum noch denkbar. Mediatisierung bezeichnet in diesem Zusammenhang keinen bloßen Medieneinfluss, sondern einen umfassenden so‐ zialen Wandlungsprozess, durch den Medien, insbesondere digitale Medien, Wahrneh‐ mungsweisen, Kommunikationsformen und Handlungsorientierungen prägen (Krotz, <?page no="212"?> 2018; Lundby, 2014). Diese Entwicklungen betreffen den Sport auf allen Ebenen: vom internationalen Spitzensport bis hin zum organisierten Breitensport und informellen Sport im Alltag. Der Sport gilt als besonders geeignetes Untersuchungsfeld für Mediatisierungspro‐ zesse. Er liefert zahlreiche Beispiele dafür, wie Medien und digitale Technologien die Dynamik unterschiedlicher sozialer Teilsysteme - etwa Wirtschaft, Politik und Öffentlichkeit - beeinflussen. Entsprechend wird Sport in der Forschung häufig als Testfeld für neue technologische Entwicklungen beschrieben (Frandsen, 2020) oder als Vorreiter und anschauliches Beispiel für gesellschaftliche Mediatisierungsprozesse herangezogen (Frandsen & Landgrebe, 2022). Die enge Verflechtung des Sports mit ökonomischen Interessen, medialer Öffentlichkeit und gesellschaftlichen Aushand‐ lungsprozessen trägt dazu bei, dass Mediatisierung im Sport heute stark interdisziplinär erforscht wird - etwa an der Schnittstelle von Soziologie, Kommunikations- und Medienwissenschaft, Ökonomie und Kulturwissenschaft. Der Beitrag nähert sich dem Phänomen der Mediatisierung im Sport aus einer sportsoziologischen Perspektive und bezieht dabei interdisziplinäre Forschungsansätze ein. Im Fokus steht die Frage, wie Medien das Erleben und die Wahrnehmung von Sport verändern und wie Mediatisierung soziale, kulturelle und kommunikative Prozesse im Sport beeinflusst. Dabei geht es weniger um die Technologien an sich als vielmehr um die Wirkung medialer Logiken auf soziale Beziehungen, Handlungen und Macht‐ verhältnisse im Sport. Der Beitrag erläutert zunächst das Konzept der Mediatisierung, veranschaulicht es anhand der Mediatisierungstreppe und zeigt anschließend exem‐ plarisch, wie Mediatisierung bei ausgewählten Akteursgruppen wirkt. Abschließend werden zentrale Implikationen für Sport, Medien und Gesellschaft diskutiert. 12.2 Mediatisierung Bereits Anfang der 1930er Jahre sprach der Soziologe Ernest Manheim von „Media‐ tisierung“, um den kulturellen und sozialen Wandel in massenmedial geprägten Gesellschaften zu beschreiben (Averbeck-Lietz, 2014). Dass zu jener Zeit vor allem die Zeitung und das Radio als Massenmedien für die breite Bevölkerung galten, macht deutlich, dass der Begriff Mediatisierung lange vor der Digitalisierung existierte (Krotz, 2014). Damals wie heute stellt sich die Frage, wie Medien und die sich verändernde Medienlandschaft den Alltag der Menschen, von Organisationen und Institutionen sowie die Kultur und Gesellschaft beeinflussen. Erst in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre wurde in medien- und kommunikations‐ wissenschaftlichen Disziplinen versucht, den Begriff Mediatisierung systematisch zu entwickeln und damit vor allem die wachsende Bedeutung digitaler und computerba‐ sierter Medien zu berücksichtigen (Krotz, 2014). Seitdem hat die Mediatisierungsfor‐ schung auch andere Disziplinen, wie die Soziologie oder Pädagogik, erreicht und wird interdisziplinär studiert (Krotz, 2017). Aufgrund unterschiedlicher theoretischer Zugänge besteht bislang kein einheitliches Verständnis des Begriffs. Krotz (2018) 212 V. Dynamiken und Spannungsfelder des Sports <?page no="213"?> beschreibt Mediatisierung als Metaprozess, der vergleichbar mit der Globalisierung, Individualisierung oder Kommerzialisierung ist. Es geht ihm nicht nur um die Verän‐ derung des Mediensystems oder die Weiterentwicklung und den Wandel von Medien und Technologien, und damit verbunden, wie sich Institutionen nach den Medien ausrichten und anpassen. Sondern für ihn ist vor allem von Interesse, wie diese medialen Veränderungen auf soziales Handeln, Kommunikation und Interaktionen wirken - und dadurch Alltag, Kultur und Gesellschaft beeinflussen. Im internationalen Sprachgebrauch hat sich der Begriff „Mediatization“ durchge‐ setzt, innerhalb dessen zwei Traditionen unterschieden werden können: die instituti‐ onalistische und sozial-konstruktivistische Betrachtungsweise. Die institutionalistische Tradition der Mediatisierungsforschung untersucht, wie sich Institutionen, Organisa‐ tionen, andere Teilsysteme wie der Sport oder weitere soziale Akteur: innen an die Logik der Massenmedien anpassen oder diese nutzen, um öffentliche Aufmerksamkeit zu erzeugen (Birkner, 2019; Nieland, 2019; Nölleke et al., 2021). Das meint etwa, dass sich Sportligen, Spielzeiten oder Übertragungsformen am Fernsehen orientieren, sprich, dass beispielsweise Sportevents und Wettkämpfe zur Prime-Time angesetzt werden, um ein möglichst großes Fernsehpublikum zu erreichen. Im deutschsprachigen Raum wird hierfür mitunter die Bezeichnung Medialisierung verwendet. Die sozial-konstruktivistische Tradition hingegen fokussiert den langfristigen ge‐ sellschaftlichen Wandel, bei dem Medien zu einem festen Bestandteil von Alltag, Kommunikation und sozialem Handeln werden. Demnach ist dabei von zentraler Bedeutung, wie beispielsweise die steigende Verbreitung digitaler Medien die persön‐ liche Kommunikation verändert und somit auch die tägliche Kommunikationskultur und damit verbundene Prozesse in der Gesellschaft beeinflussen (Couldry & Hepp, 2017; Hepp, 2013). Im Sport lässt sich das sehr gut an den Fußballfans im Stadion veranschaulichen. Bevor es das Internet und entsprechende Technologien gab, wurde das Spiel im Stadion mit den eigenen Augen verfolgt und gemeinsam mit anderen Zuschauer: innen während des Spiels oder später in der Kneipe diskutiert. Heutzutage verfolgen nicht wenige Stadionbesucher: innen das Spiel parallel über Streaming-An‐ gebote, um Schlüsselszenen in der Wiederholung anschauen zu können. Der Besuch vor Ort wird auf Social Media mit einer breiten Masse geteilt, ebenso strittige Entschei‐ dungen in sozialen Netzwerken kommentiert oder in Online-Communitys debattiert. Smartphones haben das Fußballspiel nicht verändert, aber die Art, wie es verfolgt wird, sozial mit anderen interagiert wird und darüber hinaus diskutiert wird. Das heißt, auch die Art und Weise, wie Fankultur gelebt wird, verändert sich durch neue Medien. Wenn im deutschen von Mediatisierung gesprochen wird, ist meist diese Perspektive gemeint. Beide Traditionen können jedoch als komplementär zueinander gesehen werden (Hepp, 2013) und sind mitunter nicht eindeutig voneinander abzugrenzen, weil sie sich in der Praxis überschneiden, wechselseitig wirken und auch von eini‐ gen Autor: innen nicht trennscharf verwendet werden (ausführlicher: Averbeck-Lietz, 2014). Ausgehend von diesen Entwicklungen und den Unschärfen in der Abgrenzung wird Mediatisierung in diesem Kapitel nicht nach den unterschiedlichen Traditionen 12 Mediatisierung im Sport 213 <?page no="214"?> aufgeschlüsselt. Stattdessen werden die gegenseitigen Wechselwirkungen zwischen Medien und gesellschaftlichen Teilsystemen gemeinsam betrachtet. Dabei soll im Sinne von Krotz vor allem die Frage fokussiert werden, wie (digitale) Medien den Alltag, die Kultur, soziale Beziehungen und Institutionen sowie die Gesellschaft als Ganzes verändern (Hjarvard, 2018; Krotz, 2014). Definition | Mediatisierung „Der Begriff Mediatisierung bezeichnet einen ähnlich übergreifenden Entwick‐ lungsprozess wie Globalisierung oder Individualisierung, nämlich die zuneh‐ mende Prägung von Kultur und Gesellschaft durch Medienkommunikation“ (Krotz et al., 2017, S.-2). 12.3 Mediatisierung von Sportarten Der Sport befindet sich in einem strukturellen Wandel, der sich in zeitlicher, sachlicher und sozialer Hinsicht vollzieht (Dohle et al., 2009; Dohle & Vowe, 2017). So verändern sich auf der zeitlichen Dimension etwa Spielzeiten, Saisons und Trainingsrhythmen, häufig beeinflusst durch Medienpräsenz oder internationale Turnierpläne. Auch die sachliche Ebene unterliegt Anpassungen: Regeln, Wettkampfformate, Ausrüstung und Technologien entwickeln sich kontinuierlich weiter, beispielsweise durch Video‐ review-Systeme oder digitale Leistungsanalysen. Gleichzeitig verschieben sich soziale Strukturen und Rollenverhältnisse zwischen Spieler: innen, Trainer: innen, Schiedsrich‐ ter: innen, Medien und Publikum. Auch Fankulturen sowie die gesellschaftliche Wahr‐ nehmung des Sports wandeln sich. Diese Veränderungen sind heute stärker als früher auf den Einfluss der Medien zurückzuführen. Der langfristige Wandel wirkt dabei länderübergreifend, sportartenübergreifend und auf unterschiedliche Akteur: innen, wodurch Medien zu einer zentralen treibenden Kraft im Sport geworden sind, deren Einfluss inzwischen größer ist als der vieler anderer sportrelevanter Faktoren (Dohle et al., 2009). In der Folge richten Sportorganisationen, Ligen, Verbände und auch Sportler: innen ihr Handeln zunehmend an medialen Rahmenbedingungen aus, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und für ein möglichst großes Medienpublikum attraktiv zu sein. Maßgeblich ist dabei die sogenannte Medienlogik, also jene Regeln, Strukturen und Praktiken, nach denen Medien Inhalte auswählen, inszenieren und verbreiten, um Aufmerksamkeit zu bündeln (Altheide & Snow, 1979). Diese Logik wirkt über die Medien hinaus, indem sie zum Orientierungsrahmen für Wahrnehmung, Deutung und Handeln der Akteur: innen wird. So werden etwa Wettkampfzeiten und -formate oder Jubelhandlungen nicht nur nach sportlichen Kriterien gestaltet, sondern auch danach, wie gut sie sich medial inszenieren und verwerten lassen. Die Medienlogik beeinflusst damit, wie sportliche Situationen organisiert, wahrgenommen und erlebt werden. Sie richtet sich unter anderem nach potenzieller Reichweite und Aufmerksamkeit, 214 V. Dynamiken und Spannungsfelder des Sports <?page no="215"?> Unterhaltungsorientierung, Dramatisierung oder Dynamisierung von Wettkämpfen sowie an der Personalisierung sportlicher Leistungen (Dohle & Vowe, 2017). Das Interesse des Publikums an medial vermitteltem Sport ist von zentraler Bedeutung für Sportler: innen, Vereine und ganze Sportarten - nicht nur im Hinblick auf Bekanntheit, Sichtbarkeit und Nachwuchsgewinnung - sondern insbesondere aus ökonomischer Perspektive. Je größer die Reichweite der Berichterstattung und Übertragung ist, desto attraktiver werden Sportereignisse und Athlet: innen für Sponsoren, die den Sport zur Markenkommunikation nutzen. Davon profitieren wiederum auch Sportler: innen und Vereine finanziell. Entsprechend hängen auch die Preise für Medien- und Über‐ tragungsrechte maßgeblich von der erzielten oder erwarteten Reichweite ab. Auf der anderen Seite profitieren auch die Medien in hohem Maße vom Sport. Er ist ein zentraler Bestandteil des Medienangebots und nimmt in unterschiedlichen Medien und Formaten einen festen Platz ein. Mit Sportberichterstattung lassen sich hohe und vergleichsweise verlässliche Reichweiten erzielen, was zur Profilbildung von Medien beiträgt und zugleich ein besonders effektives Umfeld für Werbung schafft, weil Werbe‐ botschaften ein großes, konzentriertes und emotional involviertes Publikum erreichen. Da sportliche Inhalte weitgehend unabhängig von den Medien entstehen - etwa durch Spiele und Wettkämpfe - besteht der Produktions- und Kreativaufwand der Medien vor allem in deren Dokumentation und Aufbereitung, wodurch er vergleichsweise gering bleibt (Dohle & Vowe, 2017). Um diese Potenziale bestmöglich auszuschöpfen, gestalten Medien den Sport jedoch nicht nur als zu übertragendes Ereignis, sondern inszenieren ihn gezielt für das Publikum vor den Bildschirmen. Dies geschieht unter anderem durch spezifische Techniken der Bildinszenierung und -regie, etwa durch Kamerabewegungen und -perspektiven, Schnittfolgen oder die gezielte Auswahl von Bildausschnitten, die den Sport spannender und emotionaler erscheinen lassen (Horky, 2009b). Beispiel | Bildinszenierung Bei der Leichtathletik-WM 2019 in Doha (Katar) wurden sogenannte „upper cameras“ (Startblockkameras) eingesetzt. Durch eine sehr niedrige, körpernahe Kameraperspektive „von unten“ sollte das Gesicht der Athlet: innen fokussiert werden, um das emotionale Geschehen beim Start für das Fernsehpublikum zu intensivieren. Die Kamera zeigte aber auch den Unterkörper der Athlet: innen. Die damit verbundene problematische Körperfokussierung wurde von Sportler: innen und Verbänden kritisiert, sodass sich diese Form der medialen Inszenierung nicht durchsetzte. Heutzutage erlauben komplexe Kamera- und Videosysteme in Wettkampfstätten sowie Aufnahmen von Drohnen spektakuläre Einblicke und Rezeptionserlebnisse beim medialen Publikum. Ziel dabei ist unter anderem, affektive Wirkungen zu steigern. Das heißt, den Sport spannender, emotionaler, dramatischer, dynamischer oder ästhetischer 12 Mediatisierung im Sport 215 <?page no="216"?> zu machen (Dohle et al., 2009; Horky, 2009b). Gleichzeitig können durch zusätzliche Visualisierungen, Statistiken (heute oft in Echtzeit durch KI möglich) oder durch Kommentator: innen auch weitere positive kognitive Effekte erzielt werden, wie z. B. Wissensaufwertung, Personenzentrierung und Identifikation oder einprägsame Nar‐ rationen über Sportler: innen als Ikonen, Stars oder Helden (Horky, 2009b). Horky (2009a) identifiziert auf den Dimensionen Kontext, Organisation und Struktur von Sportarten verschiedene Merkmale, die meist von Mediensportarten aufgewiesen werden (Tab. 12.1). Definition | Mediensportarten und Randsportarten Als Mediensportarten werden Sportarten bezeichnet, „die im Medien-Sport-Kom‐ plex große Aufmerksamkeit erlangen; sie sind in medialem Sinne populär, was sich insbesondere in den Aufmerksamkeitskriterien des Mediensports wie hohen Einschaltquoten und Auflagen oder vielfältigen Thematisierungen verdeutlicht“ (Horky, 2009a, S.-299). Im Gegensatz dazu erfüllen mediale Randsportarten diese Dimensionen meist weniger und/ oder lassen sich schlechter inszenieren und mediatisieren. Infolge‐ dessen wird in der alltäglichen Berichterstattung kaum oder gar nicht über sie berichtet, sondern nur im Rahmen von Sportgroßereignissen, wie den Olympi‐ schen Spielen (ebd.). Wichtig hierbei ist jedoch zu erwähnen, dass Aufmerksamkeitskriterien national bzw. regional unterschiedlich sein können. Zudem ist auch die traditionelle Verwurzelung einer Sportart und ihre Rolle für die kulturelle Identität in einem Land entscheidend dafür, wie medial präsent Sportarten sind. Sogenannte Nationalsportarten sind daher gesondert zu betrachten. Die meisten Mediensportarten verdanken ihre mediale Prä‐ senz entweder ihrer Rolle als Nationalsportart oder ihrem hohen Mediatisierungsgrad - oder beidem. Ein hoher Mediatisierungsgrad dürfte eine gute Voraussetzung für mediale Aufmerksamkeit sein, reicht aber allein dennoch nicht aus, um eine Medien‐ sportart in den klassischen Mainstream-Medien, wie dem Fernsehen, zu werden. Dimensionen von Sportarten Merkmale von Mediensportar‐ ten Prozess der medialen Span‐ nungssteigerung • Kontext • gesellschaftsgebunden: his‐ torisch-kulturelle Veranke‐ rung • institutionsgebunden: Ereig‐ niswert, Art der Veranstal‐ tung • personengebunden: Art und Bedeutung der Teilnehmer (z.-B. nationale Erfolgschan‐ cen) • Darstellung von Tradition, Thematisierung • Kauf von Übertragungsrech‐ ten, Finanzierung und Insze‐ nierung von Veranstaltungen • Personalisierung, Sportler‐ sponsoring 216 V. Dynamiken und Spannungsfelder des Sports <?page no="217"?> • Organisa‐ tion • Organisationsgrad • (national/ international, An‐ zahl der Mitglieder, Ver‐ bandsstruktur) • Art der Wettkampforganisa‐ tion • Art der Sportstätten • Möglichkeit zur Medienpla‐ nung (Kosten, Technik, Publi‐ kum) • Leistungsvergleich, Professio‐ nalisierung • Verstärkung der Atmosphäre • Struktur • Serialität, Rhythmen • Wettkampfstruktur (gegeneinander/ nebeneinan‐ der/ hintereinander) • Nachvollziehbarkeit/ Trans‐ parenz der Bewegung und Leistung • Anpassung Zeitstrukturen, Narrativisierung • Veränderung der Wettkampf- und Zeitstruktur der Hand‐ lung • Verbesserung durch Graphi‐ ken, Spezialeffekte Tab. 12.1: Merkmale von Mediensportarten und ihre Mediatisierung (stark verkürzte und reduzierte Darstellung nach Horky, 2009a, S.-306). 12.4 Mediatisierungstreppe Aufgrund ihres Prozesscharakters ist die Mediatisierung nicht direkt messbar. Das erschwert eine systematische Erfassung. Die Mediatisierungstreppe von Dohle und Vowe (2006) bzw. deren Modifikation (Dohle et al., 2009) ist nach wie vor eine der wenigen - wenn nicht gar einzige - systematische Modellierung von Mediatisierungen im Sport. Auch wenn sie damals noch ausschließlich auf der Mediatisierung des Sports in traditionellen Massenmedien (v. a. Fernsehen, Radio, Zeitungen) basierte und viele neue Entwicklungen noch nicht berücksichtigte, die die Digitalisierung mit sich brachte, so zeigt sie sehr anschaulich, auf wie vielen Ebenen Mediatisierung stattfinden kann. Sie wird deshalb herangezogen. Die zentrale Annahme des Modells ist: Je höher die Stufe der Mediatisierung ist, desto tiefgreifender sind die Veränderungen für den Sport bzw. für einzelne Sportarten. Die einzelnen Stufen werden nachfolgend beschrieben. Mediatisierte Instrumente Mediatisierte Räume Mediatisierte Rhythmen Mediatisierte Akteure Mediatisierte Regeln Mediatisierte Handlungen Mediatisierte Ressourcen Mediatisierte Varianten Abb. 12.1: Mediatisierungstreppe (eigene Darstellung in Anlehnung an Dohle et al. (2009)). 12 Mediatisierung im Sport 217 <?page no="218"?> Mediatisierte Instrumente betreffen Spielgegenstände wie Bälle, deren Größe oder Farbe gezielt so angepasst wird, dass sie im Fernsehen besser sichtbar sind. Ein klassisches Beispiel dafür ist die Umfärbung des ursprünglich braunen Fußballs, der auf grünem Rasen - im damaligen Schwarz-Weiß-Fernsehen - kaum zu erkennen war. Durch die farbliche Anpassung hob er sich im Fernsehbild besser vom Hintergrund ab und wurde für Zuschauer: innen leichter wahrnehmbar. Ein anderes Beispiel kommt aus dem Tischtennis. Im Jahr 2000 wurde beschlossen, den Ball um 2 Millimeter zu vergrößern, um das Spiel etwas langsamer zu machen, damit die Zuschauer: innen die Ballwechsel leichter verfolgen können. Mediatisierte Räume machen deutlich, wie Sportstätten gestaltet werden, um sowohl das Publikum vor Ort als auch Zuschauer: innen zuhause optimal einzubinden. Bei‐ spielsweise ermöglichen große Videowände im Biathlon, dass das Publikum im Stadion alle wichtigen Wettkampfereignisse verfolgen kann, selbst wenn sie nicht direkt vor ihnen stattfinden. Wenn Fans an unterschiedlichen Bereichen der Wettkampfstätte mit‐ fiebern und anfeuern können, steigert dies die Atmosphäre und Stimmung vor Ort, was wiederum motivierend auf die Athlet: innen wirken kann. Gleichzeitig wird auch für das Fernsehpublikum das Live- und Unterhaltungserleben intensiviert. Bauliche An‐ passungen wie eine mediengerechte Infrastruktur in Wettkampfstätten sorgen außer‐ dem dafür, dass Presse- und Medienarbeit (z. B. Interviews, Übertragungen) reibungslos ablaufen kann. Ein anschauliches Beispiel ist die sogenannte „Best-to-beat“-Laserlinie beim Skispringen, die 2013 bei der Vierschanzentournee eingeführt wurde. Eine grüne Linie wird auf den Landehang projiziert und zeigt live an, bis wohin ein: e Athlet: in springen muss, um die Führung zu übernehmen. Die Linie wird datenbasiert genau gesteuert, sodass sie die benötigten Sprungweiten sowohl für Skispringer: innen, Zuschauer: innen im Stadion als auch am Bildschirm sichtbar macht. Mediatisierte Rhythmen zeigen sich darin, dass Wettkampfzeiten gezielt an die Anforderungen der Medien und die wichtigsten Fernsehmärkte angepasst werden. Um maximale mediale Aufmerksamkeit zu erreichen, werden Termine von Wettbewerben oft über Tage oder Wochen verteilt oder auf ungewöhnliche Tageszeiten verlegt. Nicht alle Athlet: innen begrüßen diese Anpassungen. Bei den French Open 2022 kritisierten Spieler: innen die späten Spielzeiten; Novak Djoković äußerte dazu: „Die Fernsehsender entscheiden, wann gespielt wird. Sie geben das Geld, sie bestimmen, wer in der Night Session spielt“ (Spiegel.de, 2022). Ähnlich dürften auch Nachtrennen in der Formel 1, etwa in Singapur, vor allem aus Gründen der optimalen europäischen Sendezeit stattfinden und weniger aus sportlichen Erwägungen. Mediatisierte Akteure zielt darauf ab, dass mediengerechtes und medienwirksa‐ mes Auftreten neben sportlichen Leistungen zunehmend an Bedeutung gewinnt. Aufmerksamkeit im Sport entsteht damit nicht mehr ausschließlich über Erfolge im Wettkampf, sondern auch über persönliche Eigenschaften, Inszenierungen und öffentliches Auftreten. Bestimmte Sportler: innen, aber auch Trainer: innen oder Funk‐ tionär: innen werden aufgrund ihrer Persönlichkeit, Attraktivität, Ausstrahlung oder ihres Kommunikationsstils besonders anschlussfähig für mediale Berichterstattung 218 V. Dynamiken und Spannungsfelder des Sports <?page no="219"?> und Publikumsinteresse (Dohle & Vowe, 2006). So können Akteur: innen einen hohen Wiedererkennungswert oder sogar Kultstatus erlangen, wie etwa Usain Bolt, der durch seine charismatische Art über sportliche Leistungen hinaus medial präsent war. Andere fallen durch ihr Handeln außerhalb des sportlichen Kontextes auf, etwa Colin Kaepernick, dessen politischer Protest große mediale Resonanz erzeugte, oder polarisieren durch ihre Selbstinszenierung, wie im Fall von Cristiano Ronaldo. Auch ehemalige Top-Athlet: innen können als mediatisierte Akteure wirken, indem sie als Fanlieblinge Vereine bekannter machen und Merchandising-Umsätze steigern, wie das Beispiel Thomas Müller bei den Vancouver Whitecaps zeigt. Persönliche Merkmale und narrative Anschlussfähigkeit erhöhen somit mediale Sichtbarkeit. Mediatisierte Handlungen beziehen sich auf Verhaltensweisen von Sportler: innen, die gezielt auf mediale Aufmerksamkeit und Wiedererkennbarkeit ausgerichtet sind. Dazu zählen etwa ausgeprägte Jubelgesten, Posen oder direkte Interaktionen mit der Kamera, mit denen sich Athlet: innen an Fans wenden oder ein individuelles Markenzeichen etablieren. Ein prominentes Beispiel ist der Torjubel von Cristiano Ronaldo, bei dem er in die Luft springt, sich in der Drehung vom Spielfeld abwendet, die Arme ausbreitet und bei der Landung laut „Siuuu“ ruft. Diese Form des Jubels ist mittlerweile zu einem wiedererkennbaren Symbol geworden und wird von anderen Sportler: innen - teilweise bereits im Nachwuchsbereich - nachgeahmt. Darüber hinaus lässt sich eine Ausweitung ritualisierter Handlungen beobachten, die zunehmend medial inszeniert sind. Dazu gehören etwa fest etablierte Mannschaftsfotos, standardisierte Abläufe bei Siegerehrungen oder Interviews, die nicht nur nach, sondern teilweise bereits während der Wettkämpfe stattfinden. Solche Praktiken veranschaulichen, wie Sporthandlungen an mediale Darstellungslogiken angepasst werden und über den Wettkampf hinaus Botschaften vermitteln. Mediatisierte Ressourcen lassen sich daran zeigen, dass Medienerlöse - insbesondere aus Fernseh- und Übertragungsrechten - im Spitzensport zu einer der wichtigsten Einnahmequellen geworden sind. Die durch Medienberichterstattung erzeugte Auf‐ merksamkeit bildet zudem die Grundlage für weitere Einnahmen, etwa im Bereich von Sponsoring und Werbung. Vereine und Sportler: innen nutzen gezielt medien‐ wirksame Inszenierungen, um Partner und Sponsoren zu präsentieren: Trikots, Ausrüstungsgegenstände, Bandenwerbung oder digitale Werbebanner dienen dabei als Plattformen für zielgruppenspezifische Werbung. Diese wachsende Bedeutung medialer Ressourcen geht mit einer zunehmenden Abhängigkeit des Sports von den Medien einher. Vereine investieren verstärkt in Medienarbeit, profitieren jedoch vor allem dann, wenn sie hohe Reichweiten erzielen. Im Mannschaftssport können sich hohe Medieneinnahmen direkt auf die sportliche Leistungsfähigkeit auswirken, da sie die Verpflichtung leistungsstärkerer Athlet: innen im Vergleich zu Konkurrenzteams ermöglichen. Gleichzeitig können ungleiche Einnahmen aus Medienrechten - etwa durch unterschiedliche Verteilungssysteme - Wettbewerbsverzerrungen begünstigen. Vor diesem Hintergrund ist der Einfluss medialer Ressourcen als besonders weitrei‐ chend einzustufen und entsprechend hoch auf der Mediatisierungstreppe platziert. 12 Mediatisierung im Sport 219 <?page no="220"?> Mediatisierte Regeln sind meist nicht eindeutig zu identifizieren. In vielen Fällen kann nur gemutmaßt werden, ob eine Änderung vorrangig erfolgt, damit der Sport mediengerechter wird oder sie den Sport weiterentwickeln soll. Änderungen in den Regeln für das Medienpublikum führen oft dazu, dass Abläufe für Zuschauer: innen einfacher nachvollziehbar sind und das sportliche Geschehen dynamischer und span‐ nender wird. Regeländerungen greifen somit direkt in das sportliche Geschehen ein, da Akteur: innen ihre Taktik und Strategie anpassen müssen. Gleichzeitig verdeutlichen sie, wie mediale Logiken in die Struktur und Organisation des Sports eingebettet werden und diesen im Sinne der Mediatisierung mitgestalten. Ein Beispiel ist das Rally-Point-System im Hallen- und Beachvolleyball, das ab 1999 bzw. 2001 eingeführt wurde: Jeder Fehler zählt sofort als Punkt, wodurch die Spiele schneller, intensiver und dramaturgisch ansprechender werden. Ein aktuelles Beispiel aus dem Fußball ist die neue 8-Sekunden-Regel für Torhüter: innen ab der Saison 2025/ 2026. Danach dürfen sie den Ball nur maximal acht Sekunden in der Hand halten. Bei Verstößen gibt es einen Eckball für die gegnerische Mannschaft; die letzten fünf Sekunden werden durch den bzw. wie Schiedsrichter: in sichtbar angezeigt. Ziel ist es, Zeitspiel zu verhindern, das Spieltempo zu erhöhen und ereignislose Szenen für die Zuschauer: innen zu reduzieren. Mediatisierte Varianten stellen die stärkste Form der Anpassung an die Medienlogik dar, da hier neue Varianten einer Sportart gezielt entwickelt werden, um mediengerech‐ ter zu sein. Beispiele aus dem Fußball sind Futsal, Beachsoccer oder die kommerzielle Baller League. Futsal und Beachsoccer sind als von der FIFA anerkannte Varianten attraktiv - etwa durch häufigere Tore oder ansprechende Kulissen beim Beachsoccer - haben sich aber bislang vor allem regional durchgesetzt und sind ohne maßgeblichen Einfluss der großen Verbände entstanden (Dohle & Vowe, 2017, S. 40). Die Baller League hingegen wurde gezielt mit Blick auf mediale Verwertbarkeit und Unterhaltungspo‐ tenzial entwickelt und zeigt, wie mediale Logiken die Struktur und Inszenierung des Sports direkt prägen. Als weiteres Beispiel für mediatisierte Varianten können speziell für das Fernsehen produzierte Wettkämpfe wie Ninja Warriors genannt werden. Hier werden Elemente aus Klettern, Bouldern und Parcours zusammengefügt und gezielt medial inszeniert, etwa durch Stürze in Wasserbecken, Licht- und Soundeffekte oder mitfiebernde Kommentator: innen. Solche Formate zeigen, wie mediale Logiken zu neuen sportlichen Angeboten führen und gleichzeitig das Interesse an den ursprüng‐ lichen Sportarten steigern können. Die Mediatisierungstreppe verdeutlicht, dass die Mediatisierung den Sport grundle‐ gend verändert, indem sie ihn stärker als je zuvor an die Logik der Medien bindet. Sie beeinflusst nicht nur die Struktur von Wettkämpfen, Regeln und Spielgeräten, sondern prägt auch das Verhalten der Sportler: innen und weiterer sportlicher Akteur: innen, die sich gezielt inszenieren, aber auch die Erwartungen der Zuschauer: innen. Für Athlet: innen bedeutet dies, dass sportlicher Erfolg zunehmend mit medialer Präsenz und Inszenierung gekoppelt ist, wodurch Aufmerksamkeit, Popularität und ökonomi‐ sche Chancen stark gesteigert werden können. Fans und Publikum profitieren von einer verbesserten Nachvollziehbarkeit, spektakulären Visualisierungen und intensi‐ 220 V. Dynamiken und Spannungsfelder des Sports <?page no="221"?> veren Unterhaltungserlebnissen, erfahren aber gleichzeitig eine stärker inszenierte, medienzentrierte Darstellung des Sports. Nicht alle Neuerungen werden positiv auf‐ genommen. So bleibt beispielsweise der Video Assistent Referee (VAR) beim Fußball ein kontrovers diskutiertes Thema. Insgesamt zeigt sich, dass Medien nicht nur als externe Beobachter fungieren, sondern aktiv die Struktur, Wahrnehmung und Organisation des Sports gestalten - ein Prozess, der sowohl Chancen als auch neue Herausforderungen für alle Beteiligten mit sich bringt. Aus heutiger Sicht bräuchte die Mediatisierungstreppe - gerade aufgrund komplexer gewordener eingesetzter Technologien in den Stadien sowie der Bedeutung sozialer Netzwerke und digitaler Plattformen - eine umfassende Restaurierung, bestenfalls ein Upgrade. Hinterfragt werden kann beispielsweise, ob die Relevanz einzelner Stufen heutzutage anders gewichtet und folglich die Reihenfolge anders aufgebaut werden sollte oder gar weitere Stufen ergänzt werden müssten. Unabhängig davon betrifft eine grundlegende Limitation des Modells, dass sie unterkomplex und ungenau gegenüber einzelnen Sportarten sei (Nieland, 2019; Heinecke, 2014). Als weiterer genereller Kritikpunkt kann angeführt werden, dass die Anpassungen teils von Medien, teils vom Sport ausgehen. Mediatisierte Räume sind beispielsweise auf die Anforderungen der Medienproduktion an die Sportübertragung zurückzuführen, mediatisierte Instru‐ mente hingegen klar auf den Sport, der sich den Medien anpasst. Kritisch ist auch zu sehen, dass bei vielen Änderungen, allen voran bei Regeländerungen, nicht immer klar gesagt werden kann, was aufgrund besserer medialer Vermarktbarkeit oder aus sportlichen Gründen erfolgt ist (Dohle et al., 2009). Trotz der genannten Schwächen veranschaulicht die Mediatisierungstreppe sehr gut, wie Mediatisierungsprozesse zu wechselseitigen Anpassungen zwischen Sport und Medien führen, um die Attraktivität des Sports in den Medien zu steigern. 12.5 Aktuelle Entwicklungen in der Forschung zur Mediatisierung im Sport Die Mediatisierungsforschung im Sport hat in den letzten Jahren deutlich zugenom‐ men, was eng mit der fortschreitenden Digitalisierung zusammenhängt. Untersucht werden dabei nicht mehr nur einzelne Sportarten wie Wintersport (Hagenah & Meier, 2019; Nieland, 2019), Fußball (Meyen, 2014), Basketball (Bieg, 2019), Badminton, Dressurreiten und Beachvolleyball (Heinecke, 2014), sondern auch weitere Bereiche des Sports. Mediatisierungsprozesse zeigen sich dabei weiterhin einerseits auf tech‐ nologischer Ebene durch den Einsatz neuer Technologien, Medien und Plattformen. Beispiele hierfür sind Video-Review-Systeme zur Überprüfung von uneindeutigen Szenen (z. B. VAR im Fußball, Hawk-Eye im Tennis, TMO im Rugby), Technologien zur Visualisierung und Übertragung des Sports (z. B. Drohnen, Bodycams) sowie neue Medien für die Sportrezeption wie Virtual-Reality-Brillen oder Plattformen und Apps (z. B. Twitch, Social Media). Andererseits entfalten diese technologischen Entwicklun‐ gen ihre eigentlichen Wirkungen vor allem im Handeln und in der Kommunikation 12 Mediatisierung im Sport 221 <?page no="222"?> der beteiligten Akteur: innen. Im Folgenden wird daher exemplarisch aufgezeigt, wie sich Mediatisierung bei ausgewählten Akteur: innengruppen konkret auswirkt. ● Sportler: innen werden zu aktiven Akteur: innen in medialen Kommunikations‐ prozessen, sowohl im Profials auch im Breitensport. Viele Profisportler: innen betreiben eigene Social-Media-Kanäle (z. B. Instagram, TikTok), über die sie sich direkt an ihre Fans wenden. Inhalte reichen von großen Erfolgen über Einblicke in die Wettkampfvorbereitung und in Privates bis hin zu Updates zu Verletzungen. Auf diese Weise können Athlet: innen selbst bestimmen, wie sie sich medial prä‐ sentieren und sind nicht mehr ausschließlich auf die Darstellung durch klassische Massenmedien angewiesen. Gleichzeitig nutzen sie die Plattformen, um Fans zu binden, Werbepartner zu promoten und ihre Marke aufzubauen (Linsner et al., 2021) oder um ihr außersportliches Engagement - etwa in sozialen Projekten - sichtbar zu machen. In diesem Zuge etabliert sich unter anderem auch ein neues Forschungsfeld zu Athletenaktivismus (O’Neill et al., 2025). Dies erhöht jedoch nicht nur die Chancen auf positives Feedback, sondern birgt auch Risiken wie Anfeindungen und Diskriminierung, was unter dem Begriff Hate Speech erforscht wird (Kearns et al., 2023). In diesen Bereichen haben sich in den letzten Jahren viele interdisziplinäre Forschungsschwerpunkte gebildet, die soziologische mit kommunikationswissenschaftlichen und ökonomischen Perspektiven verbinden. Auch im Breitensport sind digitale Medien für viele Sportler: innen zu wichtigen Trainingspartnern geworden. Viele Hobbysportler: innen nutzen Apps, Wearables oder Tracking-Plattformen, um Trainingsdaten und Wettkampfergebnisse zu do‐ kumentieren. Besonders Social Media beeinflusst die Interaktion, Kommunikation und das Verhalten, vor allem im informellen Sport. Ein aktuell stark wachsendes und beforschtes Phänomen sind Fitness-Influencer, die Trainingspläne, Challen‐ ges, eigene Fortschritte oder Motivationstipps online teilen und dadurch das Verhalten und die Trainingsgewohnheiten ihrer Community beeinflussen. Vor diesem Hintergrund wächst die Forschung zu den Auswirkungen von Fitness-In‐ fluencern auf die sportliche Aktivität ihrer Follower (Lavoie et al., 2025) sowie Körperbildvorstellungen und -zufriedenheit (Durau et al., 2022). Ein zentrales Konzept ist die parasoziale Beziehung (PSB) - das subjektive Gefühl der Follower, mit dem bzw. der Influencer: in vertraut oder freundschaftlich verbunden zu sein, obwohl die Beziehung in den meisten Fällen einseitig vermittelt wird. Zahlreiche Studien zeigen, dass die Einfluss- und Überzeugungskraft der Influencer: innen mit zunehmender PSB deutlich steigt (Sokolova & Perez, 2021). ● Trainer: innen und Schiedsrichter: innen stehen im Zuge der Mediatisierung mehr denn je unter öffentlicher Beobachtung und Bewertung. Sie sind daher auch für die Forschung spannend. Die mediale Logik führt zu einer starken Personalisierung von Erfolg und Misserfolg, indem komplexe sportliche Prozesse vereinfacht und Verantwortlichkeiten einzelnen Akteur: innen zugeschrieben werden. Auch Trai‐ ner: innen werden so zu zentralen Figuren der öffentlichen Wahrnehmung (Borges et al., 2025). Durch Live-Übertragungen, Kameras am Spielfeldrand sowie die kon‐ 222 V. Dynamiken und Spannungsfelder des Sports <?page no="223"?> tinuierliche Berichterstattung während und nach Wettkämpfen sind Trainer: innen permanent sichtbar. Der mediale Fokus liegt dabei nicht mehr ausschließlich auf sportlichen Entscheidungen wie Aufstellungen oder taktischen Anweisungen, son‐ dern zunehmend auf ihrer Person. Gestik, Mimik und Verhalten am Spielfeldrand werden aufgegriffen, wiederholt gezeigt und kommentiert. Diese Aspekte werden nicht mehr nur intern bewertet, sondern in Echtzeit medial eingeordnet und in sozialen Netzwerken diskutiert. Trainer: innen werden so zu zentralen Figuren der öffentlichen Wahrnehmung, was zugleich die kommunikativen Anforderungen an sie erhöht, etwa im Rahmen von Pressekonferenzen, Interviews oder öffentlichen Stellungnahmen (Borges et al., 2025). Ähnliche Mediatisierungseffekte lassen sich auch bei Schiedsrichter: innen beob‐ achten. Insbesondere seit der Einführung des Video Assistant Referee (VAR) im Fußball sind sie deutlich stärker in den medialen Fokus gerückt. Sowohl die Bildpräsenz des Hauptschiedsrichters als auch die Aufmerksamkeit für schieds‐ richterliche Entscheidungen haben zugenommen (Nasz & Schäfer, 2022). Parado‐ xerweise berichten Schiedsrichter: innen dennoch von einem geringeren Entschei‐ dungsdruck auf dem Spielfeld (Frandsen & Landgrebe, 2022). Dies lässt sich damit erklären, dass die Verantwortung durch den VAR auf mehrere Akteur: innen verteilt wird. Fehlentscheidungen können korrigiert werden, wodurch die Ent‐ scheidungslast weniger auf einer einzelnen Person liegt (Frandsen & Landgrebe, 2022; Samuel et al., 2020). Gleichzeitig geht diese Entwicklung mit einer Kehrseite einher. Durch die Möglichkeit medial vermittelter Eingriffe wird die Autorität des Hauptschiedsrichters häufiger infrage gestellt, was seine Glaubwürdigkeit auf dem Spielfeld zumindest zum Teil schwächt (Frandsen & Landgrebe, 2022; Samuel et al., 2020). Für beide Akteur: innengruppen, Trainer: innen wie Schiedsrichter: innen, lässt sich somit festhalten, dass sportliche Entscheidungen zunehmend unter medialer Beobachtung stehen und öffentlich bewertet werden. Mediatisierung führt in beiden Fällen zu einer Verschiebung von Autorität und Handlungsspiel‐ räumen in den öffentlichen und digitalen Raum. Infolgedessen verändern sich die Bedingungen sportlichen Handelns maßgeblich. ● Vereine, Ligen, Verbände müssen ebenfalls auf Mediatisierungsprozesse reagieren, weil sich diese auf allen Ebenen des organisierten Sports beobachten lassen. Während sie im Profisport eng mit Kommerzialisierung verbunden sind, hat die Digitalisierung auch in Breitensportvereinen in den letzten Jahren deutlich zugenommen, insbesondere seit der COVID-19-Pandemie (Schallhorn et al., 2022). In der Forschung wird dabei vor allem untersucht, wie Organisationen des Sports zunehmend selbst mediale Aufgaben übernehmen und sich strukturell an mediale Anforderungen anpassen und zunehmend ins Internet verlagern (Hutchings & Rowe, 2012). Vereine, Ligen und Verbände betreiben inzwischen häufig eigene Medienangebote wie Livestreams, Social-Media-Kanäle oder Apps. Dadurch können sie Fans und Sponsor: innen direkt erreichen, Inhalte selbst gestalten und bestimmen, wann und wie Informationen veröffentlicht werden. 12 Mediatisierung im Sport 223 <?page no="224"?> Diese Entwicklung wird in der Forschung als Ausdruck dafür verstanden, dass Sportorganisationen nicht mehr nur Objekt der Berichterstattung sind, sondern selbst zu Medienakteur: innen werden. Ein weiterer zentraler Forschungsbereich betrifft die Anpassung von Infrastruktur und Organisation an mediale Logiken. Stadien und Wettkampfstätten werden zunehmend mediengerecht gestaltet - etwa durch Videowände, digitale Anzeigen oder technische Einrichtungen für Fernsehübertragungen, Räumlichkeiten für die Presse - und erinnern damit immer stärker an Produktionsorte für Medien (Ross, 2008; Schallhorn, 2024). Verbände wie die DFL machen solche Anforderungen verbindlich, etwa durch Vorgaben zu Pressebereichen, Interviewzonen oder technischer Ausstattung (DFL, 2019). Solche Entwicklungen dürften insbesondere für kleinere Vereine oder weniger medien‐ präsente Sportarten große organisatorische und finanzielle Herausforderungen darstellen. Insgesamt zeigt sich, dass Mediatisierung auf organisationaler Ebene weit über Kommunikation hinausgeht. Sie beeinflusst, wie Sport organisiert, ver‐ marktet und wirtschaftlich abgesichert wird - und damit auch, welche Sportarten, Vereine oder Ligen langfristig sichtbar und erfolgreich sind. ● Fans und Medienpublikum spielen eine besondere Rolle, denn Mediatisierungs‐ prozesse verändern, wie Sport rezipiert wird. Digitale Medien ermöglichen Zu‐ schauer: innen, Sport zeit- und ortsunabhängig zu verfolgen und gleichzeitig aktiv an sportbezogenen Diskursen online teilzunehmen. Viele Fans nutzen Second Screens, Livestreams, Statistiken oder Wiederholungen und konsumieren Inhalte plattformübergreifend. Diese Formen des Multi- und Second-Screen-Viewings stehen im Fokus aktueller Forschung, da sie Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und das emotionale Erleben von Sport nachhaltig verändern (Bertling, 2022; Tang et al., 2025). Fans kommentieren Spiele in Echtzeit, sie bewerten Leistungen, diskutieren Schiedsrichter: innenentscheidungen oder äußern sich zu sportpoliti‐ schen Themen. Auf interaktiven Plattformen wie Social Media werden sie so zu aktiven Mitgestalter: innen von Inhalten, Bedeutungen und Deutungen des Sports. Mediatisierung prägt damit nicht nur das Fanhandeln (i.S.v. Mediennutzung), sondern auch Erwartungen, Bewertungen und emotionale Reaktionen. Dies wirkt sich auch auf professionelle Sportberichterstattung und Vereinskommunikation aus, indem sich Journalist: innen und PR-Abteilungen zunehmend an Publikums‐ reaktionen orientieren, etwa anhand von Klickzahlen, Likes oder Kommentaren. Insgesamt zeigt sich, dass Fans im mediatisierten Sport nicht mehr nur passive Zuschauer: innen sind, sondern zentrale Akteur: innen, deren Aufmerksamkeit, Kommunikation und Beteiligung die Produktion, Vermittlung und Interpretation von Sport maßgeblich beeinflussen. 224 V. Dynamiken und Spannungsfelder des Sports <?page no="225"?> 12.6 Ausblick Mediatisierung im Sport beschreibt einen langfristigen sozialen Wandel, durch den sportliche Praktiken, Organisationen und Deutungen zunehmend von medialen Logi‐ ken geprägt werden. Sie zeigt sich sowohl in strukturellen Anpassungen von Sportor‐ ganisationen als auch in veränderten Wahrnehmungs-, Kommunikations- und Hand‐ lungsweisen von Akteur: innen und Publikum. Die Mediatisierungstreppe verdeutlicht, dass diese Prozesse alle Ebenen des Sports betreffen können - von Wettkampfformaten über Akteure bis hin zu Regeln und Ressourcen. Die Forschung zeigt, dass Mediatisie‐ rung im Sport nicht alle Akteur: innen und Bereiche gleichermaßen betrifft: Während insbesondere der Spitzensport von erhöhter Sichtbarkeit und ökonomischen Chancen profitiert, entstehen zugleich neue Anforderungen, Belastungen und Konflikte für Sportler: innen, Organisationen und Publikum. Aus diesen Beobachtungen lassen sich mehrere Implikationen für Sport, Medien und Gesellschaft ableiten. Für Sportorganisationen bedeutet Mediatisierung, dass strategische Medienarbeit, digitale Kommunikation und mediengerechte Inszenierung zunehmend zentrale Kompetenzen sind, die über Sichtbarkeit, Sponsorenerträge und langfristigen Erfolg entscheiden. Für Akteur: innen wie Sportler: innen, Trainer: innen und Schiedsrichter: innen eröffnet Mediatisierung die Möglichkeit zur direkten Selbst‐ vermarktung, erhöht jedoch zugleich die öffentliche Aufmerksamkeit und den damit verbundenen Erwartungs- und Bewertungsdruck. Für Fans und Publikum ergeben sich neue Partizipationsformen, die sowohl die emotionale Bindung als auch die Deutungsmacht gegenüber Sportereignissen erhöhen. Für die Gesellschaft insgesamt bestätigt sich, dass Sport ein besonders anschauliches Beispiel dafür ist, wie digitale Medien soziale Interaktionen, Wahrnehmung und Kommunikation transformieren, ökonomische Interessen mit kultureller Bedeutung verknüpfen und gleichzeitig neue Formen der Öffentlichkeit und sozialen Aushandlung erzeugen. Abschließend lässt sich festhalten, dass Mediatisierung ein dynamischer, fortlaufen‐ der Prozess ist, der weiterhin interdisziplinär erforscht und gelehrt werden sollte. Denn im Sport spiegeln sich nicht nur gesellschaftliche Prozesse wider, sondern Sport ist auch ein aktiver Gestalter medialer, sozialer und kultureller Transformationen der Gesellschaft. Weiterführende und vertiefende Literatur Sehr gut verständliche, allgemeine Einführung zur Mediatisierung auf Deutsch: Krotz (2017). Als umfassendes Werk zur Mediatisierung aus unterschiedlichen Perspektiven und gesellschaftlichen Teilbereichen ist empfehlenswert: Lundby (2014). Einen guten Überblick über Mediatisierungsprozesse im Sport bietet: Frandsen (2020). Lesenswert und sehr verständlich zur Mediatisierung und Mediensport ist dieser „old but gold“ Beitrag: Horky (2009a). 12 Mediatisierung im Sport 225 <?page no="226"?> Wenn Sie mehr zum Thema Digitalisierung des Sports lesen wollen: Horky, Stiehler und Schierl (2018). Literaturverzeichnis Altheide, D. L., & Snow, R. P. (1979). Media logic. Sage. Averbeck-Lietz, S. (2014). Understanding mediatization on ‘first modernity’: Sociological classics and their perspectives on mediated and mediatized societies. In K. Lundby (Ed.), Mediatization of communication (Handbooks of Communication Science, Vol. 21, pp. 109-130). De Gruyter Mouton. Bertling, C. (2022). 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Sie können diese über den QR-Code scannen oder über den folgenden Link aufrufen: https: / / narr.kwaest.io/ s/ 1489. 13.1 Einleitung Wettkampfmäßige Video- und Computerspiele, die unter dem Begriff „eSport“ firmie‐ ren, erfreuen sich weltweit einer immer größer werdenden Beliebtheit, die in steigen‐ den Spieler- und Zuschauerzahlen zum Ausdruck kommt. In diversen Spieletiteln haben sich nationale und internationale Wettbewerbe und Turnierserien ausdifferen‐ ziert, in denen sich die Spieler online, aber auch in Präsenzveranstaltungen, messen können. Professionalisierungsprozesse und hohe Preisgelder sind Ausdruck eines steigenden Publikumsinteresses, das sich sowohl bei Live-Veranstaltungen vor Ort als auch bei Übertragungen auf einschlägigen Online-Plattformen zeigt. Definition | eSport eSport bezeichnet das wettkampfmäßige Spielen von Videobzw. Computerspie‐ len auf Computern, Konsolen und mobilen Endgeräten. Über Eingabegeräte (Computer-Maus, Tastatur, Controller) steuern die Spieler Avatare, wobei je nach Spiel und Genre dabei unterschiedliche Spielziele verfolgt werden. <?page no="230"?> 3 Dies betrifft Wettbewerbe im Bogenschießen (Tic Tac Bow), Baseball (WBSC eBASEBALL™: POWER PROS), Schach (Chess.com), Motorsport (Gran Turismo), Segeln (Virtual Regatta), Sportschießen (Fortnite) und Tennis (Tennis Clash). 4 Hier geht es um Wettbewerbe im Radsport (Zwift), Tanzen ( Just Dance) und Taekwondo (Virtual Taekwondo). Zu den wichtigsten eSport Genres gehören First-Person-Shooter-Spiele (z. B. Counter‐ strike: Global Offensive, Playerunknown‘s Battlegrounds, Call of Duty), in denen die Avatare beispielsweise kämpfende Soldaten, Polizisten und Terroristen symbolisieren, und Multi-Online-Battle-Arena-(MOBA)-Spiele (z. B. League of Legends, Dota), in denen die Avatare Fantasiefiguren (z. B. Monster) darstellen. Beiden Genres ist gemein, dass der Sieg im Wettkampf jeweils über simulierte Tötungs- und Zerstörungshandlungen ermittelt wird. Eine dritte Spielekategorie bilden die Sportsimulationen (z. B. Madden NFL, EA SPORTS FC, NBA2K), in denen bekannte Sportarten wie American Football, Fußball und Basketball im Videospiel simuliert werden. Je nach Spiel treten die Spieler einzeln oder in Mannschaften gegeneinander an. Die steigende Popularität des eSports hat nicht zuletzt dazu geführt, dass sich weltweit Sportverbände mit der Frage beschäftigen, ob Video- und Computerspiele in das Programm nationaler und internationaler Sportwettkämpfe aufgenommen werden sollen, um deren Attraktivität insbesondere für junge Zuschauer zu steigern. Während bei den Asien-Spielen 2022 erstmals offizielle Wettbewerbe in insgesamt acht eSport-Titeln ausgetragen wurden, begegnet das Internationale Olympische Komitee (IOC) einer möglichen Integration von eSport-Wettbewerben bislang eher zurückhaltend. So ließ Thomas Bach während seiner Amtszeit als IOC-Präsident öffentlich verlautbaren, dass sich insbesondere gewaltverherrlichende Elemente und simulierte Tötungshandlungen nicht mit olympischen Werten vereinbaren ließen, und erteilte damit der Aufnahme von Shooter-Spielen eine klare Absage (Wade, 2018). Gegenüber anderen Spiel-Genres, insbesondere gegenüber Sportsimulationen, zeigt sich das IOC allerdings zunehmend offener und formuliert in der „Olympic Agenda 2020+5“ (IOC, 2023b) das Ziel, die Entwicklung virtueller Sportarten zu fördern und die Zusammenarbeit mit Videospiel-Communities zu vertiefen. Zu einer Aufnahme von eSport-Wettbewerben in das olympische Programm kam es bislang jedoch nicht, allerdings hat das IOC 2023 zum ersten Mal eine „Olympic Esports Series“ veranstaltet, bei der insgesamt zehn virtuelle Sportwettkämpfe ausgetragen wurden (IOC, 2023a, 2023c). Hierbei handelte es sich zum einen um Computer- und Videospiele, in denen per Eingabegerät gesteuerte Avatare unterschiedliche Sportarten simulieren 3 , zum anderen um Wettbewerbe, in denen sportliche Bewegungen, die die Athleten ausführen, digital abgebildet werden 4 . Mit dieser Spieleauswahl stieß das IOC allerdings auf breites Unverständnis inner‐ halb der eSport-Community, weil die populärsten eSport-Titel wie Counter-Strike, 230 V. Dynamiken und Spannungsfelder des Sports <?page no="231"?> 5 Bei Fortnite, das im Rahmen der „Olympic Esports Series“ in der Disziplin „sport shooting“ als Computerspiel herangezogen wird, handelt es sich zwar um einen der erfolgreichsten eSport-Titel, jedoch wurde es bei der Veranstaltung des IOCs in einem speziellem Modus gespielt, in dem die Spieler nicht wie bei Fortnite üblich gegeneinander kämpfen, sondern analog zum Sportschießen auf Objekte zielen (IOC, 2023c). Dota 2, League of Legends und Overwatch, die weltweit von Millionen von Menschen gespielt und geschaut werden, nicht berücksichtigt wurden. 5 Beispiel | Praxisperspektive Beispielsweise äußerte Matt Woods, CEO und Co-Founder der eSports marketing and talent agency AFK, deutliche Kritik an der Entscheidung des IOC: „Unfortu‐ nately, [the IOC’s] announcement left us feeling disappointed and, honestly, a little embarrassed. Instead of working with existing game publishers or well-established tournaments, it seems that the Olympic committee has instead decided to use this event as a marketing vehicle for brand-new, poorly thought out, unlicensed mobile games” (MacDonald, 2023). Offensichtlich präferiert das IOC andere Spiele als die eSport-Community und hat eine andere Auffassung davon, welche Formen des eSports möglicherweise als olympischer Sport anerkennenswert sind und welche nicht. Diese Debatte über die Aufnahme von eSport-Wettbewerben in das Programm internationaler Sportverbände wirft unweigerlich Fragen nach der Anschlussfähigkeit von Sport und eSport auf: Inwiefern lassen sich Sport und eSport integrieren? Der vorliegende Beitrag greift diese Frage auf, indem er in einer systemtheoretischen Perspektive analysiert, inwiefern sich eSport als Sport beobachten lässt. Im Rahmen dieser Analyse wird zunächst der Forschungsstand zum Problem der Integration von Sport und eSport reflektiert (13.2) und der zugrunde gelegte systemtheoretische Analyserahmen erkenntnistheoretisch eingeordnet (13.3), bevor systemtheoretische Überlegungen zum Sport als gesellschaftliches Teilsystem darge‐ legt werden (13.4), um auf der Basis dieser Überlegungen die Anschlussfähigkeit von eSport an den Sport zu prüfen (13.5). Im abschließenden Fazit werden Perspektiven für die zukünftige wissenschaftliche Beobachtung von Sport und eSport skizziert (13.6). 13.2 Stand der Forschung Blickt man im Hinblick auf die Frage, ob sich Sport und eSport integrieren lassen auf bislang vorliegende Arbeiten, dann kommen diese zu unterschiedlichen Antworten, je nachdem, welche wissenschaftliche Perspektive und welches Verständnis von Sport sie anlegen (siehe für einen Überblick Riatti & Thiel, 2023). Auf der einen Seite lassen sich Studien finden, die Differenzen zwischen Sport und eSport markieren und in der Folge eine Anerkennung von eSport als Sport ablehnen. So kommen z. B. Jenny 13 Sport und eSport soziologisch beobachtet 231 <?page no="232"?> et al. (2017) im Hinblick auf eSport zu der Einschätzung, dass hier im Gegensatz zu traditionellen Sportarten die körperliche Bewegung (Bedienung eines Controllers) nicht ausschlaggebend für eine erfolgreiche Bewältigung der Aufgabe sei (S. 9). Darüber hinaus weisen sie darauf hin, dass organisierte eSport-Wettbewerbe (z. B. eSports World Convention, World eSports Games, World Cyber Games etc.), nicht in die Organisationsstrukturen bestehender Sportverbände eingebunden seien, weshalb man nicht von einer „Institutionalisierung“ des eSports als Sportart sprechen könne (S. 13f.). Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch Parry (2019), der unter Sport institu‐ tionalisierte, regelbasierte Wettkämpfe auf der Basis körperlicher Fähigkeiten versteht. Für ihn ist eSport kein Sport, weil beim eSport erstens die Spieler physisch vom Spielgeschehen getrennt sind (S. 9). Zweitens fehle es dem eSport an unmittelbarer Körperlichkeit in dem Sinne, dass es keine unmittelbaren Beziehungen zwischen den Bewegungen der Spieler und dem Wettkampfergebnis gibt (S. 10). Und drittens weise eSport im Gegensatz zu etablierten Sportarten keine zentrale Organisation der Wettkämpfe durch Sportverbände auf, sondern diese würden dezentral durch die „Publisher“ der Spiele organisiert (S.-11). Auch Hemmingsen (2023) weist auf deutliche Differenzen zwischen Sport und eSport hin: Während sich Sport dadurch auszeichne, dass sich die Bewegung von Sportlern unmittelbar und vollständig in dem ausdrücke, was im Wettkampf selbst geschehe, finde im eSport eine „Übersetzung“ zwischen dem Handeln der Spieler und dem Spielgeschehen statt (S.-7). Auf der anderen Seite lassen sich Forschungsarbeiten finden, die Gemeinsamkeiten von Sport und eSport hervorheben und dabei vor allem Anforderungen auf motorischer bzw. psychischer Ebene fokussieren. So widersprechen z. B. van Hilvoorde und Pot (2016), Naraine (2021) sowie Ekdahl (2022) der Annahme, dass eSport nicht ausreichend körperlich und deshalb nicht als Sport zu betrachten sei. Van Hilvoorde und Pot (2016) berufen sich auf das Motor-Action-Konzept von Tamboer (2016), das u. a. besagt, dass im Sport neben dem Körper auch externe Objekte Gegenstand der Bewegung sein können, die durch den Körper bewegt werden. Dies sei auch im eSport durch die Bedienung des Eingabegerätes gegeben, die darauf ziele, ein externes Objekt - den Avatar - intentional zu bewegen, weshalb eSport zum Beispiel mit Sportarten wie Billard zu vergleichen sei (S. 19). Naraine (2021) greift Parrys (2018) Analyse auf und ar‐ gumentiert, dass eSport analog zum traditionellen Sport „physisch“, „fähigkeitsbasiert“ und „institutionalisiert“ sei, sodass er ebenso als Sport anzuerkennen sei. Für Ekdahl (2022) ist die körperliche Betätigung beim eSport nicht von der virtuellen Leistung zu trennen, weil die gleichzeitige physische und virtuelle Erfahrung durch den Körper der Spieler miteinander verbunden sei (S.-19). In Bezug auf körperliche Voraussetzungen weisen unterschiedliche empirische Studien darüber hinaus darauf hin, dass erfolgreiche eSportler einen „ausgeglichenen Körper“ (Witkowski, 2012) haben und vergleichbare Leistungen wie Spitzensportler aufweisen, wenn es um Aspekte wie Reaktionszeit (Bickmann et al., 2021) oder die „Multiple Object Tracking Performance“ (Wechsler et al., 2021) geht. Auch ein erhöhter 232 V. Dynamiken und Spannungsfelder des Sports <?page no="233"?> Kalorienverbrauch und das Ansteigen des Blutdrucks (Kane & Spradley, 2017) wird mit dem eSport in Verbindung gebracht. Ebenso deuten empirische Erkenntnisse zu psychischen Fähigkeiten, Belastungen und Coping-Strategien von eSportlern auf Analogien zum Sport hin (Gostilovich et al., 2023; Himmelstein et al., 2017; Kane & Spradley, 2017; Polman et al., 2018; Poulus et al., 2020; Smith et al., 2019). So benötigen erfolgreiche eSportler genau wie Sportler ein spielspezifisches taktisches Wissen sowie Strategien zur Regulierung von Emotionen, um mit Stressoren wie Wettbewerbsdruck oder Publikumsanwesenheit umgehen zu können. Es lassen sich darüber hinaus auch sozialwissenschaftliche Forschungsarbeiten finden, die zwar nicht alle Merkmale anerkannter Sportdefinitionen (z. B. Gratton & Taylor, 2000; Guttmann, 2004; Rogers, 1977; Suits, 2007) im eSport wiedererken‐ nen (insbesondere fehle das Merkmal der Körperlichkeit), die jedoch angesichts der fortschreitenden Digitalisierung der Gesellschaft davon ausgehen, dass sich das Verständnis von Sport verändern und zukünftig auch eine Anerkennung des eSports als Sport bedingen wird (Cunningham et al., 2018; Funk et al., 2018; Hallmann & Giel, 2018; Jonasson & Thiborg, 2010; Riatti & Thiel, 2023; Thiel & John, 2019). Reflektiert man die vorliegenden Arbeiten zur Anschlussfähigkeit bzw. Differenz von Sport und eSport zusammenfassend, dann zeichnen diese ein ambivalentes Bild, wobei die Argumentation jeweils von den zugrunde gelegten Kriterien und der gewählten Perspektive abhängig ist. Auch der vorliegende Beitrag kann und will das Junktim zwischen den zugrunde gelegten Kriterien und dem Ergebnis der Analyse nicht auflösen, sondern zielt darauf, die wissenschaftliche Debatte um ein weiteres Beobachtungsangebot zu ergänzen, das von der zentralen Prämisse ausgeht, dass sich Sport als Phänomen weder durch Rekurs auf biologische Kriterien (z. B. Formen körperlicher Beanspruchung und physiologischer Reaktionen) noch durch psychische Kriterien (z. B. taktische Fähigkeiten) hinreichend erklären lässt, sondern dass hierbei unabdingbar auch soziale Kriterien zu berücksichtigen sind. Dabei geht es im Kern um eine soziologische Analyse, die die Frage in den Mittelpunkt rückt, wie Sport zu einem gesellschaftlich relevanten Thema wird und welche sinnhaften Anschlüsse er produziert. Ausgehend von dieser Prämisse nutzt der Beitrag Überlegungen der soziologischen Systemtheorie, um Sport und eSport zu beobachten und in diesem Sinne zu unterscheiden. 13.3 Erkenntnistheoretische Einordnung Auf Grundlage der Kybernetik zweiter Ordnung (von Foerster) hat sich das konstruk‐ tivistische Erkenntnisprogramm der soziologischen Systemtheorie von Anfang an von ontologischen Beschreibungen der Welt abgegrenzt und stattdessen die Frage in den Mittelpunkt gerückt, wie die Welt beobachtet wird (siehe Kapitel 2 und 3). Im Kontext des vorliegenden Beitrags geht es also nicht darum zu bestimmen, was Sport ist, sondern wie er als gesellschaftliches Phänomen beobachtet werden kann und wie er sich folglich von anderen Phänomenen abgrenzen lässt (siehe zu diesen erkenntnis‐ 13 Sport und eSport soziologisch beobachtet 233 <?page no="234"?> theoretischen Überlegungen allgemein Luhmann (1992, S. 68ff.); zur Anwendung auf den Sport Bette (1999, S.-44ff.)). Ein wissenschaftlicher Beobachter beobachtet die Welt anhand von Theorien, d. h. beobachtungsleitenden Unterscheidungen, die es ermöglichen sollen, die Welt zu ordnen und zu verstehen. Dabei kann jedes beobachtende System „nur sehen, was es sehen kann. Es kann nicht sehen, was es nicht sehen kann. Es kann auch nicht sehen, daß es nicht sehen kann, was es nicht sehen kann“ (Luhmann, 1986/ 2004, S. 52). Jede Theorie hat also ihre eigenen „blinden Flecken“, die nur durch eine „Beobachtung der Beobachtung“, also eine Beobachtung zweiter Ordnung, aufgehoben werden können (vgl. Luhmann, 1992, S. 64). Die Beobachtung zweiter Ordnung mit ihren wiederum spezifischen Unterscheidungen zielt darauf, zu erkennen, welche Unterscheidungen der Beobachter erster Ordnung verwendet hat, was er in seiner Beobachtung ein- und was ausgeschlossen hat. Der Beobachter erster Ordnung kann also beobachtet werden „im Hinblick auf das, was er sehen, und im Hinblick auf das, was er nicht sehen kann“ (ebd.). Wissenschaftliche Erkenntnis setzt demnach voraus, dass ein Beobachter seine beobachtungsleitenden Unterscheidungen, also die Art und Weise, wie er ein Phänomen beobachtet, nachvollziehbar macht, so dass sie von anderen Beobachtern im Hinblick auf mögliche „blinde Flecken“ beobachtet werden können. Die Offenlegung beobachtungsleitender Unterscheidungen ist in diesem Sinne nicht nur die Bedingung der Möglichkeit für wissenschaftliche Anschlusskommunikation, sondern von Erkenntnisgewinn generell. Wenn im Rahmen des vorliegenden Beitrags also das Phänomen „Sport“ entlang der soziologischen Systemtheorie Luhmanns beobachtet wird, dann geht es darum, ein Beobachtungsangebot zu unterbreiten, das darauf zielt, den Sport als gesellschaft‐ liches Phänomen zu fassen und von anderen Phänomenen abzugrenzen. Damit soll zugleich explizit zu Beobachtungen zweiter Ordnung angeregt werden, also zu An‐ schlusskommunikationen im Sinne der Auseinandersetzung mit den beobachtungslei‐ tenden Unterscheidungen des vorliegenden Beitrags. Diese sind von der zentralen Prämisse geprägt, dass sich Sport als Phänomen durch Rekurs auf Formen körperlicher Beanspruchung und physiologischer bzw. psychsicher Reaktionen nicht hinreichend erklären lässt, sondern dass es der Berücksichtigung sozialer Faktoren bedarf, d. h. der Reflexion darüber, wie der Sport zu einem gesellschaftlich relevanten Thema wird und welche kommunikativen Anschlüsse er produziert. Das Soziale wird dabei in Form sozialer Systeme konstruiert, die aus Kommunikation bestehen und sich in selbstreferenzieller, autopoietischer Weise fortlaufend reproduzieren, also eine je sys‐ temspezifische Handlungslogik ausdifferenzieren, die die Kontingenz des Handelns der an der Kommunikation partizipierenden Individuen reguliert (siehe dazu ausführlich Luhmann (1984)). 234 V. Dynamiken und Spannungsfelder des Sports <?page no="235"?> 13.4 Sport als gesellschaftliches Funktionssystem Die soziologische Systemtheorie beschreibt die moderne Gesellschaft als eine funk‐ tional differenzierte, die sich in unterschiedliche gesellschaftliche Funktionssysteme gliedert. Diese Beschreibung resultiert daraus, dass Luhmann die unterschiedlichen Teilsysteme zunächst danach differenziert hat, welche unverzichtbare Funktion sie für die Gesellschaft erbringen. So ist z. B. das Politiksystem dafür zuständig, dass kollektiv bindende Entscheidungen getroffen werden, das Wirtschaftssystem kümmert sich um die Bereitstellung von Gütern und Dienstleistungen, um Bedürfnisse von Konsumenten zu befriedigen, das Wissenschaftssystem produziert „Wahrheiten“, und das Medizinsystem ist für die Heilung von Krankheiten zuständig. Im Zuge der sogenannten autopoietischen Wende hat Luhmann dann allerdings seine gesellschafts‐ theoretische Konzeption vom Funktionsbegriff auf den Begriff des binären Codes umgestellt. Binäre Codes spezifizieren die autopoietische Reproduktion gesellschaftli‐ cher Funktionssysteme, indem sie Sinngrenzen für anschlussfähige Kommunikationen sowie für die systemspezifische Handlungslogik beschreiben, die die Kontingenz des sozialen Handelns im System reguliert (siehe hierzu ausführlich Luhmann (1986/ 2004, S. 75ff.)). Der Positivwert beschreibt dabei jeweils kommunikative Anschlussfähigkeit, der Negativwert fungiert als Abgrenzungswert. So operiert das Politiksystem entlang des binären Codes „Macht haben/ keine Macht haben“ und legt demnach Handlungen nahe, die auf die Gewinnung bzw. Sicherung politischer Macht gerichtet sind. Die Wirtschaft strukturiert ihre systemspezifischen Kommunikationen entlang des Codes „zahlen/ nicht-zahlen“: Nur wer Geld hat, kann an wirtschaftlichen Kommunikationen teilhaben, also etwas kaufen oder produzieren, wer kein Geld hat, muss zunächst seine Zahlungsfähigkeit wiederherstellen, z. B. über bezahlte Arbeit oder die Veräußerung von Gütern. Auf der Basis der Theorie funktionaler Differenzierung haben Cachay (1988), Schimank (1988) und Stichweh (1990) Vorschläge unterbreitet, auch den Sport als ein gesellschaftliches Funktionssystem zu beschreiben. Im Folgenden wird der Vorschlag von Stichweh (1990) zugrunde gelegt, der bis heute am besten geeignet erscheint, die Einheit des Sports in der modernen Gesellschaft zu beschreiben. Denn während Cachay (1988) im Rahmen historischer Analysen die Ausdifferenzierung des Sportsystems über funktionale Anschlussofferten im Medizin- und Erziehungssystem zu bestimmen versucht, ohne jedoch dessen Eigenlogik zu berücksichtigen, und Schimank (1988) den Sport mithilfe des binären Codes „Sieg/ Niederlage“ auf den Wettkampf- und Spitzen‐ sport reduziert, legt Stichweh einen Ansatz vor, mit dem sich wettkampfsportliche Handlungen in traditionellen Sportarten genauso erfassen lassen wie Jogging oder jugendkulturelle Bewegungsformen wie Skateboarden und Le Parcours. Dabei gelingt es ihm, die spezifische Eigenlogik dieses gesellschaftlichen Bereichs herauszustellen, also darzulegen, was das Sportliche am Sport ausmacht, was dieses System also von anderen Systemen unterscheidet. Stichweh (1990) definiert den Sport der modernen Gesellschaft als „jenes Funktions‐ system, das aus allen Handlungen besteht, deren Sinn die Kommunikation körperlicher 13 Sport und eSport soziologisch beobachtet 235 <?page no="236"?> 6 Stichweh (1990) argumentiert, dass sich die Ausdifferenzierung des Funktionssystems Sport durch die Auflösung der Heterogenität der drei historischen Vorläuferformen Athletik, Leibeserziehung und Sport vollzogen habe (S. 378). Während „Athletik“ den schon in der Antike entstandenen Wettkampfgedanken betont, hebt „Leibeserziehung“ den pädagogischen Aspekt hervor, der sich ebenfalls schon in der Antike in Formen der „Gymnastik“ beobachten lässt. „Sport“, abgeleitet aus dem französischen „desport“ bzw. dem englischen „disport“, ist hingegen im Sinne von „Ablenkung, Vergnügen und Zeitvertreib“ zu deuten und umfasst seit dem 15. Jahrhundert Aktivitäten des europäischen Adels wie z. B. „Jeu de Pomme“ (Vorläufer von Tennis), Fechten, Tanzen und Reiten (S.-374ff.). 7 Kommunikationen umfassen, systemtheoretisch betrachtet, drei Selektionen: Erstens die Selektion der Information, also eines Inhaltes (Was wird kommuniziert? ), zweitens die Selektion der Mitteilung, also der Codierung des Inhalts (Wie wird etwas kommuniziert? ), und drittens die Selektion des Verstehens (Wie wird die Mitteilung gedeutet und was wird verstanden? ). Die Selektionen der Information und des Verstehens finden jeweils in den beteiligten psychischen Systemen statt und sind nicht beobachtbar. Nur das Mitteilungshandeln kann beobachtet und der Kommunikation zu‐ gerechnet werden. In diesem Sinne unterscheidet man systemtheoretisch zwischen Kommunikation und Handlung (siehe hierzu ausführlich Luhmann (1984, S.-191ff.)). Leistungsfähigkeit ist“ (S. 379f.) und hebt damit drei Aspekte, die die Einheit des modernen Sports 6 prägen, hervor: Dies betrifft erstens den Körperbezug, der besagt, dass jede Operation im Kontext des Sports immer eine „Handlung des Körpers“ (S. 379) ist. Diese Handlung des Körpers bezeichnet zweitens „eine Leistung, die auf die Leistungsfähigkeit des an ihr beteiligten Körpers schließen lässt“ (ebd.). Das Besondere der Leistungen im Sport ist drittens, dass „ihr Sinn […] nicht irgendeine Verwertbarkeit ihrer Wirkung außerhalb des Sports [ist]“ (ebd.). Die Leistung ist also im Sport Selbstzweck und nicht nur Mittel zum Zweck, systemspezifische Ziele zu erreichen. Was im Sportsystem als Leistung fungiert, lässt sich mit Hilfe des Begriffs des „Rekords“ bestimmen, den Stichweh, anders als Schimank, nicht als „vereinzelte Sonderleistung“, die es zu überbieten gilt, versteht, sondern im Sinne der „Aufzeich‐ nungsspur, die jede einzelne Leistung im System hinterläßt“, d. h., die „Aggregation von Leistungen wird im System als Erwartung hinsichtlich zukünftiger Leistungen verwendet“ (ebd., S. 384). In diesem Sinne übt Stichweh dann auch Kritik an Schimanks Codevorschlag „Sieg/ Niederlage“, weil dieser den Sport auf den agonalen Aspekt, also wettkampfbezogene Leistungen, eingrenzt (ebd., S. 385) und damit körperliche Leistungen, die nicht agonal strukturiert sind, wie zum Beispiel die des Läufers, „der sich […] allein auf die Laufbahn begibt, um seine 1500-m-Zeit zu testen“, nicht berück‐ sichtigt (ebd., S. 386). Stichweh schlägt daher als binären Code, der die Einheit des gesamten Sportsystems beschreibt, (körperliches) „Leisten/ Nicht-Leisten“ vor (ebd., S. 387). Während „Leisten/ Nicht-Leisten“ also als Leitorientierung und Primärcode des Sports insgesamt fungiert, stellt „Sieg/ Niederlage“ eine Zweitcodierung dar, die die Handlungslogik des Spitzensports spezifiziert. Die Operationen des Sportsystems sind - wie die aller sozialer Systeme - Kommu‐ nikationen  7 , die weitere Kommunikationen anregen: „Ein Speerwurf ist als Mitteilung ‚Ich kann den Speer so weit werfen! ‘ zu verstehen.“ Eine Besonderheit des Sportsystems liegt darin, dass es auf die „Kommunikation von und die Kommunikation 236 V. Dynamiken und Spannungsfelder des Sports <?page no="237"?> über körperliche Leistungen spezialisiert ist“ (ebd., S. 380), d. h., kommunikative Anschlüsse in zweierlei Hinsicht bietet - ein Aspekt, den Stichweh anführt, ohne ihn allerdings weiter zu erläutern. Eine Reflexion dieses Aspekts findet man jedoch bei Riedl (2006, S. 39ff.), der argumentiert, dass das Sportsystem seine Autopoiesis nicht ausschließlich auf der Basis der Kommunikation von körperlichen Leistungen aufrechterhalten kann, weil das Mitteilungshandeln auf nicht-sprachliche Handlungen des Körpers reduziert ist, nicht aber auf Formen sprachlicher Codierung beruht: Man wirft den Speer, ohne dies verbal zu beschreiben. Daher bedarf es nach Riedl zusätzlich der Kommunikation über körperliche Leistungen, z. B. durch Schieds- oder Wettkampfrichter, die das Ergebnis der körperlichen Leistung verbalisieren und so sinnhafte Anschlüsse für die Kommunikation weiterer körperlicher Leistungen schaffen. Eine zentrale Funktion kommt in diesem Zusammenhang dem Publikum des Sports zu, das körperliche Leistungen beobachtet und darüber kommuniziert, also nichtsprachliche Kommunikationsprozesse in sprachliche transformiert und damit eine konversationelle Ebene erzeugt, auf der sich sportliche Handlungen beschreiben lassen, wodurch die kommunikative Anschlussfähigkeit des Systems erhöht wird und sportliche Handlungen als solche bezeichnet werden (Riedl, 2006, S.-60f.). 13.5 Anschlussfähigkeit von eSport? Blickt man im Lichte der theoretischen Überlegungen zum Funktionssystem Sport nun auf das Phänomen eSport, dann gilt es zu reflektieren, ob sich eSport sinn‐ haft an die Kommunikation von und über körperliche Leistung anschließen lässt. Die nachfolgende Reflexion bezieht sich also auf die prinzipielle kommunikative Anschlussfähigkeit von eSport im System Sport. Die Ausführungen verbleiben auf der Ebene theoretischer Überlegungen, die als beobachtungsleitende Unterscheidungen für empirische Untersuchungen genutzt werden können. Betrachtet man eSport entlang der von Stichweh genannten drei Merkmale zur Bestimmung der Einheit des Sports, dann lässt sich Folgendes festhalten: Das erste Merkmal - die Handlung des Körpers - ist im eSport über die Bedienung des Eingabegeräts, über das der Avatar gesteuert wird, gegeben. Auch das zweite Merkmal - die Leistung, die auf die Leistungsfähigkeit des an ihr beteiligten Körpers schließen lässt - ist erfüllt, denn eSportler entwickeln spezifische motorische Fähigkeiten und Fertigkeiten im Hinblick auf das „Klicken“ des Eingabegeräts, die viel Übung erfordern und die über Sieg und Niederlage im Wettkampf entscheiden. Das dritte Merkmal - Kommunikation körperlicher Leistung als Selbstzweck - ist im eSport hingegen nicht erfüllt. eSportler kommunizieren nicht, „Ich kann klicken! “ oder „Ich kann besser klicken als Du! “, sondern das Klicken ist ausschließlich Mittel zum Zweck, einen Avatar zu bewegen. Das Klicken der Maus oder das Drücken der Tastatur allein erzeugt keine kommunikativen Anschlüsse, weder im Hinblick auf die Kommunikation von 13 Sport und eSport soziologisch beobachtet 237 <?page no="238"?> 8 Dabei soll gar nicht ausgeschlossen werden, dass ein Experte allein durch die Beobachtung des Klickens erkennen kann, welches Spiel gespielt wird. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass im eSport kommunikative Anschlüsse jedoch nicht über die Beobachtung des Klickens entstehen. 9 Unabhängig von der Frage, ob das Klicken sinnhafte kommunikative Anschlüsse im Sportsystem produziert, lassen sich im Bereich des eSports auch Spielmodi beobachten, die auf Pay-to-win-Sys‐ temen basieren und in denen man z. B. in sogenannten Lootboxen Leistungsverbesserungen für Avatare kaufen kann, die die Siegchancen erhöhen. In diesen Spielmodi basiert der Erfolg also nicht allein auf den „Klick-Kompetenzen“, sondern auch auf der Zahlungsfähigkeit der Spieler, was die Anschlussfähigkeit an das Sportsystem ausschließt. noch hinsichtlich der über körperliche Leistungen. 8 Auch die Zuteilung von Sieg und Niederlage erfolgt im eSport nicht darüber, wie viele Klicks pro Minute jemand schafft oder welche Tastenkombinationen koordinativ bewältigt werden, sondern darüber, wie viele Tore ein Avatar bei der Fußballsimulation schießt, wie viele gegnerische Monster getötet, Terroristen erschossen oder Panzer vernichtet werden, um Geländegewinne zu erzielen und die gegnerische Basis zu erobern. Selbstverständlich bewegen sich die Avatare nicht unabhängig vom Klicken der Spieler, aber das Klicken bleibt dabei nur Mittel zum Zweck, die körperliche Leistung ist nicht als Selbstzweck verstehbar. Dieser Gedanke lässt sich an einem Beispiel aus der Musik verdeutlichen: Genauso wie ein eSportler erbringt auch ein Pianist zweifellos hochkomplexe körperliche Leistungen, aber er kommuniziert damit doch nicht, wie virtuos er die Tasten bedient, sondern er macht Musik, und niemand ist bislang auf die Idee gekommen, Pianospielen als Sport zu beobachten, selbst dann nicht, wenn es im Rahmen von Wettbewerben wie „Jugend musiziert“ stattfindet. Und ebenso wenig taugt die motorische Aktivität des Klickens, wettkampfmäßige Computer- und Videospiele als Sport zu beobachten. 9 Wenn die Beobachtung des Klickens bedeutsam wäre, um Sinn zu erzeugen, dann könnte man in eSport-Übertragungen kaum darauf verzichten, parallel zum virtuellen Spielgeschehen auch die klickenden Hände einzublenden. Und man dürfte die klickenden Spieler auch nicht durch Container von Gegnern und Zuschauern abschirmen, wie dies bei Wettkämpfen in großen Arenen häufig der Fall ist. 13.6 Fazit Im Rahmen der vorliegenden systemtheoretischen Analyse erfolgte eine Abgrenzung von Sport und eSport, die die soziale Perspektive in den Vordergrund rückte, indem sinnhafte kommunikative Anschlüsse reflektiert wurden. Die Ergebnisse dieser Ana‐ lyse eröffnen Perspektiven für die weitere wissenschaftliche Beobachtung von Sport und eSport, von denen hier zwei abschließend zumindest angedeutet werden sollen: Die erste Perspektive betrifft die - gesellschaftstheoretisch relevante - Frage nach der unverzichtbaren Funktion des Sports in der modernen Gesellschaft. Systemtheore‐ tisch betrachtet geht man bislang davon aus, dass der Sport seine Bedeutsamkeit nicht wie andere Teilsysteme aus einer gesellschaftlich unverzichtbaren Funktion gewinnt, sondern vielmehr über spezifische Leistungen, die er für andere Teilsysteme erbringt, z. B. gesundheitliche, erzieherische und politische Leistungen (siehe Schimank, 1988). 238 V. Dynamiken und Spannungsfelder des Sports <?page no="239"?> 10 Eine Ausnahme stellt hier nur das System der Familie resp. Intimbeziehungen dar. Gravierende, mit der zunehmenden Digitalisierung einhergehende gesellschaftliche Wandlungsprozesse dürften nun allerdings dazu führen, dass die Kommunikation körperlicher Leistungen, die das Sportsystem konstituiert, erheblich an Bedeutung gewinnt und damit auch den Status einer gesellschaftlich unverzichtbaren Funktion erlangen könnte. Denn nahezu alle Bereiche der modernen Gesellschaft - allen voran Wirtschaft, Massenmedien, Politik, Wissenschaft, Erziehung, Militär, Medizin und Gesundheit - sehen sich durch die fortschreitende Digitalisierung mit tiefgreifenden Veränderungsprozessen konfrontiert, die vor allem Prozesse der Entkörperlichung beschleunigen. Je stärker diese fortschreitet, desto bedeutsamer dürften Gesellschafts‐ bereiche werden, die noch unmittelbare Körpererfahrungen ermöglichen, und die die Gesellschaft dringend benötigt, um die Folgen der Digitalisierung abzupuffern. Die Funktion der Kommunikation körperlicher Leistungen dürfte also in dem Maße gesellschaftlich unverzichtbar werden, in dem man nur im Sport mithilfe des Kör‐ pers noch Unmittelbarkeit erfahren kann, was in anderen Gesellschaftsbereichen eben zunehmend unmöglich wird. 10 Theoretisch elaborierte Anknüpfungspunkte für eine Analyse dieser gesellschaftlich bedeutsamen Funktion des Sports finden sich beispielsweise in Arbeiten zur Paradoxie moderner Körperlichkeit (Bette, 1989/ 2005) sowie zum Abenteuer- und Risikosport (Bette, 2004), die systemtheoretische mit kör‐ persoziologischen Überlegungen sowie Überlegungen zur reflexiven Modernisierung verknüpfen. Mit Blick auf die Debatte über eine Anerkennung von eSport als Sport begründen diese theoretischen Überlegungen die Annahme, dass es bezogen auf die Bestandssicherung und den Erhalt der gesellschaftlichen Bedeutsamkeit des Sports geradezu kontraproduktiv wäre, durch die Integration von eSport eine „Digitalisierung des Sporttreibens“ zu fördern. Da die Abgrenzung bzw. Integration von Sport und eSport nicht zuletzt auch durch entsprechende Entscheidungen von Sportorganisationen beeinflusst werden dürfte, eröffnet sich eine zweite wissenschaftlich bedeutsame Perspektive auf organisations‐ theoretischer Ebene. Hier geht es konkret um eine Analyse der Entscheidung zur Anerkennung bzw. nicht Anerkennung von eSport als Sport sowie der Funktionen und Folgen, die damit für die Sportentwicklung und den gesellschaftlichen Stellen‐ wert des Sports verbunden sind. Der eingangs beschriebene Umgang des IOC mit dem Phänomen eSport verdeutlicht beispielhaft die Unsicherheit und Ambivalenz entsprechender Entscheidungen: Auf der einen Seite möchte sich das IOC dem eSport offensichtlich nicht vollständig verschließen, um nicht zuletzt auch positive Effekte im Hinblick auf die hohe Zuschauerresonanz insbesondere bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen und die damit einhergehenden Kopplungsmöglichkeiten mit Wirtschaft und Massenmedien nutzen zu können. Auf der anderen Seite deutet die selektive Auswahl der Spiele für die „Olympic Esports Series“ an, dass sich das IOC offensichtlich auch mit möglichen negativen Folgen in erzieherischer und gesundheitlicher Hinsicht auseinandergesetzt hat. Dies zeigt sich einerseits darin, 13 Sport und eSport soziologisch beobachtet 239 <?page no="240"?> dass die Aufnahme von Shooterspielen abgelehnt wurde, da sich die Simulation von Gewalt und Tötungshandlungen nicht mit den olympischen Werten vereinbaren lässt. Anderseits hat man ergänzend zu Computer- und Videospielen, in denen Sportarten lediglich über durch Eingabegeräte gesteuerte Avatare simuliert werden, auch solche Wettbewerbe aufgenommen, in denen Athleten tatsächlich sportliche Handlungen im Sinne der Kommunikation körperlicher Leistungen erbringen, die dann lediglich digital abgebildet werden. Damit stärkt man die Bewegungskomponente des digitalen Sports und damit auch den positiven gesundheitlichen Effekt, der dem Sport zugeschrieben wird. Die öffentlichen Reaktionen auf die Etablierung der „Olympic Esports Series“ zeigen jedoch insgesamt, dass es für die Sportverbände ein schwieriger Balanceakt bleibt, die Funktionen und Folgen einer Integration von eSport angemessen abzuwägen und Entscheidungen zu treffen, die die gesellschaftliche Legitimation des Sports langfristig erhalten. Die Ergebnisse wissenschaftlicher Analysen könnten hier einen wichtigen Beitrag leisten, um die Unsicherheit der Entscheidungen zu reduzieren und diese auch sportpolitisch zu legitimieren. Weiterführende und vertiefende Literatur Einen multidisziplinären Überblick über das Phänomen eSport bietet der Sammel‐ band von Hofmann (2020). Zur vertiefenden Abgrenzung von Sport und eSport sowie zu den Funktionen und Folgen einer Integration aus systemtheoretischer Perspektive siehe Borggrefe (2022) sowie Borggrefe und Hoffmann (2024). Literaturverzeichnis Bette, K.-H. (1989/ 2005). Körperspuren. Zur Semantik und Paradoxie moderner Körperlichkeit. Bielefeld: transkript. Bette, K.-H. (1999). Systemtheorie und Sport. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Bette, K.-H. (2004). X-treme. Zur Soziologie des Abenteuer- und Risikosports. Bielefeld: transkript. Bickmann, P., Wechsler, K., Rudolf, K., Tholl, C., Froböse, I., & Grieben, C. (2021). 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On the Digital Playing Field: How We “Do Sport” With Networked Computer Games. Games and Culture, 7(5), 349-374. 242 V. Dynamiken und Spannungsfelder des Sports <?page no="243"?> VI. Gewalt im Sport <?page no="245"?> 14 Sexualisierte Gewalt im Sport Ingo Wagner Lernziele | Die Leser: innen ● bewerten die Relevanz sexualisierter Gewalt für den Sport, ● können sexualisierte Gewalt definieren und verschiedene Formen differenzie‐ ren, ● kennen Strategien von Täter: innen, ● sind in der Lage, Beispiele sexualisierter Gewalt im Sport anzugeben, ● kennen Auswirkungen sexualisierter Gewalt (im Sport), ● können Maßnahmen der Prävention und Intervention benennen, ● ordnen empirische Befunde zu sexualisierter Gewalt in verschiedenen Sportsettings reflektiert ein, ● können empirische Befunde zur Prävention und Intervention sexualisierter Gewalt im Sport einschätzen. Wissens-Check | Zu diesem Kapitel werden online Lernfragen angeboten. Sie können diese über den QR-Code scannen oder über den folgenden Link aufrufen: https: / / narr.kwaest.io/ s/ 1490. Triggerwarning/ Hinweis an Leser: innen und Dozent: innen | In diesem Kapitel wird sexualisierte Gewalt im Sport explizit beschrieben. Die Auseinan‐ dersetzung mit diesem Inhalt kann fordernd sein. Für Leser: innen, die selbst von sexualisierter Gewalt betroffen waren, kann dies schmerzhafte Erinnerungen hervorrufen und triggernd wirken. Wir bitten Sie, bewusst auf sich Acht zu geben und die Lektüre gegebenenfalls zu unterbrechen oder Abschnitte zu überspringen. 14.1 Einleitung Sport bietet zahlreiche positive Erfahrungen und kann für Menschen jeden Alters eine wichtige Ressource u. a. für Entwicklung, Gemeinschaft und Wohlbefinden sein. Zugleich entstehen im sportlichen Kontext häufig körperliche Nähe und enge soziale Bindungen, die - insbesondere für Kinder und Jugendliche - Risiken bergen können, etwa im Hinblick auf sexualisierte Gewalt. <?page no="246"?> Sexualität zählt zu den intimsten Bereichen menschlichen Lebens, daher gehen Verletzungen dieser Sphäre häufig mit tiefgreifenden Gefühlen von Erniedrigung oder Scham einher (Stermac et al., 2020) und können erhebliche Traumatisierungen nach sich ziehen (Bundschuh, 2010). Aktuelle Schätzungen der „Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Kindesmissbrauchs“ (UBSKM) gehen davon aus, dass in Deutschland zwischen etwa 3 % und 20 % der Kinder und Jugendlichen von sexualisierter Gewalt betroffen sind ( Jud et al., 2016; UBSKM, 2025). Die genaue Häufigkeit variiert je nach Form der Gewalt. So erlebt beispielsweise etwa jedes dreiundzwanzigste Kind bis zum Alter von 16 Jahren sexuellen Missbrauch mit Körperkontakt (Stadler, Bieneck & Pfeiffer, 2012). Zudem wurden rund 128.000 Sexualstraftaten im Jahr 2024 bundesweit polizeilich erfasst (Statista, 2026). Sexualisierte Gewalt ist somit ein verbreitetes gesellschaftliches Problem mit gra‐ vierenden Folgen für Betroffene. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung damit stellt eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe dar. Dennoch galt sexualisierte Gewalt über Jahrzehnte hinweg als „Tabu-Thema“, das sowohl im öffentlichen Diskurs als auch in Institutionen häufig ausgeblendet wurde. Diese Unsichtbarkeit führte dazu, dass Betroffene kaum Gehör fanden und strukturelle Bedingungen, die Übergriffe begünstigten, selten kritisch reflektiert wurden. Öffentlich bekannt gewordene Fälle - etwa in der Odenwaldschule oder in kirchlichen Kontexten - machten diese Dyna‐ miken sichtbar. Spätestens die internationale MeToo-Bewegung rückte das Thema in den Mittelpunkt gesellschaftlicher Aufmerksamkeit, verdeutlichte das Ausmaß sexualisierter Gewalt in unterschiedlichen Lebensbereichen und löste Debatten über Machtmissbrauch, Abhängigkeiten und institutionelle Verantwortung aus. Auch der Sport geriet in diesem Zuge verstärkt in den Fokus. Medienberichte über Fälle sexualisierter Gewalt in Vereinen, Verbänden und Leistungssportstrukturen zeigen, dass der Sport keineswegs einen per se geschützten Raum darstellt. Vielmehr weist er spezifische Risiken und Dynamiken auf, die eine systematische, sportsozio‐ logische Auseinandersetzung erforderlich machen. Dies betrifft den Leistungssport (z. B. Darling et al., 2020; Rulofs, Wagner & Hartmann-Tews, 2017) ebenso wie den Breiten- und Vereinssport (z. B. Parent & Demers, 2011). Auch im Schulsport besteht ein relevantes Risiko für das Auftreten sexualisierter Gewalt (Hunger, Böhlke & Witte, 2017; Wagner & Knoke, 2022; Wagner & Rulofs, 2017). Beispiele | Sexualisierte Gewalt ● Sportunterricht: Der Sportlehrer hat „immer wieder vor mir betont, wie hübsch ich denn sei und dass ich doch bei ‚Germany´s next Topmodel‘ mitmachen solle. Das ist mir bis heute unangenehm.“ (Wagner & Knoke, 2022, S.-543). ● Beim Kampfsport im Sportverein: „Wenn dieser [Trainer] uns beim Training am Boden festgehalten hat, konnten wir nichts mehr machen. Erst hat er außen an der Hose angefasst, dann in der Hose. (…) Jede wusste genau, was mit 246 VI. Gewalt im Sport <?page no="247"?> dem Mädchen passiert, was jetzt gerade mit ihm da auf dem Boden rumliegt, weil wir das alle selbst durchhatten. Und das zu ignorieren und zu wissen, dass man nichts machen kann, war schrecklich.“ (Sophie, damals 11 Jahre; Aufarbeitungskommission, 2026). Die Fallbeispiele zeigen exemplarisch verschiedene Ausprägungen sexualisierter Ge‐ walt, die im folgenden Kapitel zu theoretischen Hintergründen systematisiert und anhand der typischen Strategien von Täter: innen illustriert werden. Im Anschluss werden Maßnahmen zur Prävention und Intervention erörtert sowie empirische Befunde zu sexualisierter Gewalt in verschiedenen Bereichen des Sports diskutiert. 14.2 Theoretische Hintergründe: Definitionen, Täter: innen-Strategien und Auswirkungen Definition | Sexualisierte Gewalt Unter dem Begriff „sexualisierte Gewalt“ werden verschiedene Formen der sexuell motivierten Machtausübung zusammengefasst (Rulofs, 2016). Das gängige Begriffsverständnis beinhaltet nach Jud (2015) die Unterscheidung in Handlungen mit oder ohne Körperkontakt sowie grenzverletzendes Verhalten. Zu sexualisierter Gewalt ohne Körperkontakt zählen beispielsweise Übergriffe verbaler oder gestischer Art sowie das Zeigen pornografischer Inhalte. Sexualisierte Gewalt mit Körperkontakt umfasst u. a. sexualisierte Berührungen am Körper und versuchte oder erfolgte Penetration sowie physische Verletzungen und Misshandlungen mit sexuellem Hintergrund. Besonders schwierig zu definieren sind sexualisierte Grenzverletzungen. Denn ob eine Handlung als Grenzüberschreitung gewertet werden kann, hängt vom in‐ dividuellen Erleben durch die Betroffenen ab, wodurch eine objektive Bestimmung von Grenzverletzungen erschwert wird (Wagner & Knoke, 2022). Sexualisierte Grenzver‐ letzungen liegen immer dann vor, wenn in einem sexualisierten Kontext die Beziehung zwischen physischer Nähe und Distanz subjektiv als unangenehm wahrgenommen wird (Rulofs, 2016). Strategien von Täter: innen, die bewusst sexualisierte Gewalt ausüben wollen, setzen oftmals genau dort an. Denn systematische Grenzüberschreitungen werden von Täter: innen gezielt dafür genutzt, eine Veränderung in der Wahrnehmung persönlicher Grenzbereiche herbeizuführen (Diketmüller, 2020). Zentraler Bestandteil ist dabei das Ausloten von Widerständen bei Grenzverletzungen, wodurch die Betroffenen für Über‐ griffe desensibilisiert werden und diese eher dulden. Zum Abbau von Widerständen bei 14 Sexualisierte Gewalt im Sport 247 <?page no="248"?> Betroffenen und von Hemmschwellen bei Täter: innen tragen Abhängigkeitsverhält‐ nisse und asymmetrische Beziehungs-/ Machthierarchien bei (Rulofs et al., 2022). Zudem versuchen Täter: innen oftmals durch sogenannte Grooming-Strategien emotionale Bindungen durch Bevorzugungen oder besondere gemeinsame Aktivitäten aufzubauen (Diketmüller, 2020). Das Vorgehen beim Grooming-Prozess lässt sich in vier sukzessive Handlungsweisen differenzieren (Rulofs et al., 2022): 1. Gezielte Opferauswahl 2. Vertrauensschaffung 3. Aufbau von Loyalität/ Abhängigkeit und Isolieren der Opfer 4. Anbahnung sexualisierter Gewalt und Verpflichtung zur Geheimhaltung Ein typisches Vorgehen illustriert das folgende Beispiel, welches aus der Auswertung der vertraulichen Anhörungen und schriftlichen Berichte der Unabhängigen Kommis‐ sion zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs stammt: Beispiel | Strategien von Täter: innen „Im Alter von elf Jahren bin ich in einen Turnverein eingetreten. Das Turntraining bei dem damals Anfang 20-jährigen Trainer war sehr diszipliniert und streng. (…) Er war bereits Abteilungsleiter im Turnen und Jugendwart. Alle himmelten ihn an, schwärmten für ihn und konkurrierten um seine Gunst und seine Aufmerksamkeit. Er genoss diese Aufmerksamkeit, scharte uns Mädchen gerne um sich herum. Er baute zu uns individuelle Kontakte auf und wusste über unsere Familienver‐ hältnisse Bescheid. (…) Die sexuelle Beziehung zu meinem neun Jahre älteren Turntrainer fing ganz langsam an. Er schaffte es, dass es für uns normal und cool wurde, sexualisierte Verhaltensweisen zu zeigen, eine sexistische Sprache zu benutzen oder sexistische Witze zu machen. Oft hat er Kommentare über meinen Körper gemacht, aber auch zu den körperlichen Beschaffenheiten der anderen Mädchen. Er erschuf ein Ranking unter uns Mädchen - Wer hat den schönsten Busen oder Po? - und kommunizierte dies öffentlich. Es war normal, sich zur Begrüßung und zum Abschied ein Küsschen zu geben und sich zu umarmen. Es war normal, dass ich oder die anderen Mädchen bei ihm auf dem Schoß saßen während des Trainings. (…) Er organisierte regelmäßig Freizeiten mit gemeinsamer Übernachtung in der Turnhalle, wo er dann mit uns Mädchen ganz alleine war. Dort verschwand er regelmäßig mit verschiedenen Mädchen in der Dusche oder im Geräteschuppen und führte dort sexuelle Handlungen aus. Auch diese Handlungen waren ,völlig normal‘ für mich. Er erzählte mir und den anderen Mädchen, dass unsere Eltern aus dem Mittelalter seien und isolierte uns damit von ihnen. Im Alter von 14 Jahren hatte ich auf diese Art mein erstes Mal mit ihm. (…) Er hat alles Mögliche mit uns ausprobiert, manchmal waren wir zu mehreren. (…) Er (…) gab mir immer wieder das Gefühl in seiner Schuld zu stehen. Der Druck auf mich wuchs“ (Rulofs et al., 2022, S.-46f.). 248 VI. Gewalt im Sport <?page no="249"?> Für die Auswirkungen sexualisierter Gewalterfahrungen konstatieren Rulofs et al. (2022, S. 60): „Betroffene betonen immer wieder, dass sie ein Leben lang unter den Folgen der Gewalt zu leiden haben“. Viele Betroffene entwickeln ausgeprägte Scham- und Schuldgefühle - etwa aufgrund vermeintlicher Einvernehmlichkeit, fehlender Ge‐ genwehr, homosexueller Konstellationen oder der traumatischen Grenzverletzungen selbst. Diese emotionalen Reaktionen sind typische Traumafolgen, werden jedoch von Betroffenen häufig fälschlicherweise als persönliches Versagen interpretiert. Die gesundheitlichen Auswirkungen sind in den meisten Fällen erheblich. Sexuali‐ sierte Gewalt beeinträchtigt sowohl die physische als auch die psychische Gesundheit und kann zu chronischen Schmerzen, Schlafstörungen, Angststörungen, Depressionen, posttraumatischen Belastungsreaktionen und weiteren psychosomatischen Beschwer‐ den führen (Rulofs et al., 2022). Auch Partnerschaft, Sexualität und Bindungsverhalten sind häufig betroffen, da Vertrauen, Intimität und körperliche Nähe durch die erlebte Gewalt nachhaltig erschüttert werden. Darüber hinaus können sexualisierte Gewalt‐ erfahrungen den Bildungsweg und das Erwerbsleben beeinträchtigen - etwa durch Konzentrationsprobleme, Leistungsabfall, Schul- oder Ausbildungsabbrüche sowie Schwierigkeiten, stabile berufliche Strukturen aufzubauen. Im sportlichen Kontext zeigen sich zudem spezifische Folgen wie ein vorzeitiger Drop-out, der Verlust sport‐ licher Perspektiven oder die Abkehr vom Leistungssport. Insgesamt verdeutlichen diese vielfältigen Auswirkungen, dass sexualisierte Gewalt ein komplexes, lebensbereichsübergreifendes Trauma darstellen kann, dessen Folgen ohne angemessene Unterstützung weit in die Zukunft der Betroffenen hineinreichen können. 14.3 Präventions- und Interventionsmaßnahmen Sexualisierte Gewalt im Sport kann für Kinder, Jugendliche und Erwachsene schwer‐ wiegende und langfristige Folgen haben. Maßnahmen zur Vorbeugung (Prävention) sowie zum professionellen Umgang mit Vorfällen (Intervention) sind daher nicht nur Ausdruck institutioneller Verantwortung, sondern eine grundlegende Voraussetzung für sichere Trainings- und Wettkampfumgebungen. Sie schützen Athlet: innen, stärken die Handlungssicherheit von Verantwortlichen und fördern eine Kultur, die Macht‐ missbrauch konsequent entgegenwirkt. Zugleich ermöglichen wirksame Interventi‐ onsstrukturen, Betroffene ernst zu nehmen, ihnen Unterstützung zukommen zu lassen und klare, transparente Abläufe im Fall eines Verdachts oder Vorfalls sicherzustellen. Maßnahmen der Prävention und Intervention sind für das Sportsystem flächende‐ ckend noch relativ jung. In der Entwicklung war ein wesentlicher Meilenstein für die Prävention im Sport in Deutschland die Münchener Erklärung von 2010, in der sich der organisierte Sport - vertreten durch DOSB, dsj und ihre Mitgliedsorganisationen (siehe Kapitel 1) - erstmals verbindlich zur Prävention sexualisierter Gewalt bekannte (Rulofs et al. 2022). Die Erklärung markierte einen Paradigmenwechsel weg von der 14 Sexualisierte Gewalt im Sport 249 <?page no="250"?> Annahme, Sport sei per se ein „geschützter Raum“, hin zur Anerkennung struktureller Risiken und der Notwendigkeit systematischer Schutzmaßnahmen. Inhaltlich formulierte die Münchener Erklärung zentrale Selbstverpflichtungen und bildet die Grundlage für zahlreiche verbands- und vereinsbezogene Initiativen, sie führte zu einer zunehmenden Professionalisierung des Schutzes vor sexualisierter Gewalt im Sport. In den Folgejahren entwickelte sich ein weiterer entscheidender Steuerungsme‐ chanismus: die Verknüpfung von Fördermitteln mit der Umsetzung von Schutz‐ maßnahmen. Auf Bundes- und Landesebene wurde zunehmend verbindlich, dass Sportverbände nur dann öffentliche Gelder erhalten, wenn sie nachweisen können, dass sie vorgegebene Präventions- und Interventionsmaßnahmen etabliert haben (s. DOSB-Stufenmodell). Diese Kopplung an finanzielle Ressourcen erhöhte die Verbind‐ lichkeit erheblich und führte dazu, dass Prävention und Intervention nicht länger als freiwillige Zusatzaufgabe, sondern als strukturelle Kernanforderung verstanden wurden. Gleichzeitig wurden die Gründung eines bundesweiten „Safe Sport“-Zentrums forciert und vielfältige Unterstützungsmaterialien für den organisierten Sport erarbei‐ tet. Wie können konkrete Maßnahmen zur Prävention und Intervention sexualisierter Gewalt im Sport gestaltet sein? Laut DOSB-Stufenmodell, das auf Forschungsergeb‐ nissen der „Safe Sport“-Studie basiert (Rulofs, 2016; Rulofs & Wagner, 2016; 2018), ist ein geeigneter Ausgangspunkt als erste Maßnahme ein Beschluss der Leitung (Commitment) sowie die Etablierung einer Ansprechperson für sexualisierte Gewalt, die öffentlich bekannt gemacht wird (z. B. via Website). Inhaltlich wäre nach der Empfehlung des Stufenmodells eine Risikoanalyse ein geeigneter nächster Meilenstein. Darin sollten institutions- oder organisationsspezifisch gewaltbegünstigende Bedin‐ gungen und Risikofaktoren beschrieben werden. Basierend auf der Risikoanalyse sollten dann klare Verhaltensregeln fixiert werden. Als weitere Bausteine werden (zwecks Sensibilisierung und Verbindlichkeit) Selbst‐ verpflichtungen aller Mitarbeitenden empfohlen sowie Schulungen oder Fortbildungen des Personals. Diese Schulungen und Fortbildungen sollten für Machtstrukturen, typi‐ sche Dynamiken sexualisierter Gewalt und angemessene Reaktionen im Verdachtsfall sensibilisieren (Rulofs, Axmann & Wagner, 2016). Weitere Stufen des Modells beschreiben die Verankerung der Thematik in der Satzung bzw. im Leitbild der Organisation, zudem auch in der Ausbildung (Lizenzen), sowie in Regelungen für einen etwaigen Lizenzentzug. Für die Intervention sollten laut Stufenmodell als Maßnahmen ein klares Beschwer‐ demanagement etabliert werden, d. h. eine Anlaufstelle sollte bekannt sein und alle Maßnahmen regelmäßig evaluiert werden, sowie ein Leitfaden für den Umgang mit Vorfällen erarbeitet werden. Diese Interventionsleifäden umfassen vorab klar definierte Melde- und Beschwerdewege, die niedrigschwellig, vertraulich und für alle Beteiligten nachvollziehbar gestaltet sind. Verbindliche Interventionsleitfäden schaffen Handlungssicherheit, indem sie Zuständigkeiten, Entscheidungswege und notwendige 250 VI. Gewalt im Sport <?page no="251"?> Sofortmaßnahmen schriftlich fixieren, um Betroffene unmittelbar zu schützen (Rulofs, Axmann & Wagner, 2016). Dies beinhaltet allerdings auch den Schutz von zu Unrecht beschuldigten Personen und ihre Rehabilitation. Über diese Bausteine des DOSB-Stufenmodells hinaus stärkt die aktive Partizipation von Kindern und Jugendlichen ihre Rechte, etwa durch Mitbestimmung bei der Entwicklung von Regeln oder Beschwerdewegen. Zudem stellt eine enge Kooperation mit externen Fachstellen - etwa Kinderschutz‐ diensten, spezialisierten Beratungsstellen oder der Polizei - sicher, dass Expertise in die Fallklärung einfließt und Betroffene angemessen begleitet werden. Sanktionen gegenüber Beschuldigten können von temporären Maßnahmen wie Suspendierungen bis hin zu vereins- oder arbeitsrechtlichen Konsequenzen reichen. Gleichzeitig sollte die Unterstützung Betroffener ein zentraler Bestandteil jeder Intervention sein. Psychosoziale Beratung, verlässliche Begleitung im Verfahren und der Schutz vor Retraumatisierung sind essenziell, um die Belastungen für Betroffene zu reduzieren und ihre Rechte zu wahren (Rulofs, 2016; Rulofs & Wagner, 2016; 2018). 14.4 Empirische Befunde zu sexualisierter Gewalt im Sport Empirische Studien aus verschiedenen Ländern zeigen konsistent, dass ein relevanter Anteil von Athlet: innen im Laufe der sportlichen Biografie Erfahrungen sexualisierter Gewalt macht (Hartill et al, 2023). Länderübergreifend liegt die Prävalenzrate für sexualisierte Gewalt ohne Körperkontakt im Sport demnach bei etwa 35 % (n = 3.565), für sexualisierte Gewalt mit Körperkontakt bei rund 20 % (n = 2.060). Definition | Prävalenz(rate) Prävalenz sagt aus, wie häufig ein Phänomen (wie sexualisierte Gewalt) in einer Population vorkommt. In diesem Kontext ist die Prävalenz also die Anzahl an Menschen einer bestimmten Bevölkerungsgruppe, die von sexualisierter Gewalt betroffen sind oder waren. Die Prävalenzrate gibt dies als relativen, prozentua‐ len Anteil an. Für Deutschland ist die Studienlage zur Prävalenz sexualisierter Gewalt im Sport noch relativ klein. Das Forschungsprojekt „Safe Sport“ gilt als das Projekt mit den ersten quantitativen wissenschaftlichen Erkenntnissen zum Ausmaß sexualisierter Gewalt im Leistungssport (Rulofs et al., 2022): von 1.799 Befragten hat etwa ein Drittel (37,6 %) der befragten Athlet: innen im Leistungssport bereits eine Form von sexualisierter Gewalt im Sport erlebt (wobei hier ein weites Begriffsverständnis von sexualisierter Gewalt angelegt wurde und neben sexualisierter Gewalt mit Körperkontakt auch sexuelle Grenzverletzungen und sexualisierte Gewalt ohne Körperkontakt einbezogen wurden). Schwere sexuelle Gewalterfahrungen hatten demnach 15 % der Athletinnen und 7 % der Athleten im Leistungssport schon gemacht (Ohlert et al., 2018). 14 Sexualisierte Gewalt im Sport 251 <?page no="252"?> Für das weite, heterogene Spektrum des Vereinssports zeigt die „Sicher-Im‐ Sport“-Studie, dass von 4.367 befragten Vereinsmitgliedern in Deutschland etwa ein Viertel (26 %) schon mindestens einmal im Kontext des Vereinssports sexualisierte Grenzverletzungen oder Belästigungen ohne Körperkontakt erlebt hat sowie rund 19 % mindestens einmal sexualisierte Gewalt mit Körperkontakt (Allroggen & Rulofs, 2021). Jedoch ist es schwierig, genaue Prävalenzraten zu erheben, weil sexualisierte Gewalt ein hochsensibles und stark schambesetztes Thema ist, über das viele Betroffene u. a. aus Angst, Loyalitätskonflikten oder fehlendem Vertrauen in Institutionen nicht sprechen. Hinzu kommen methodische Herausforderungen, denn Studien verwenden unterschiedliche Definitionen sexualisierter Gewalt, variieren in ihren Stichprobengrö‐ ßen, Rekrutierungswegen oder Befragungsformaten. Zudem werden viele Übergriffe erst Jahre oder Jahrzehnte später offenbart, was retrospektive Verzerrungen begünstigt und die Erfassung aktueller Fallzahlen erschwert. Neben Prävalenzen liegt für die Sportsoziologie ein weiterer Schwerpunkt empiri‐ scher Forschungen zu sexualisierter Gewalt auf den möglichen strukturellen Einfluss- und Risikofaktoren. Sport ist oftmals gekennzeichnet durch enge Abhängigkeitsver‐ hältnisse, hohe Leistungsorientierung, körperliche Nähe und starke Hierarchien (Wag‐ ner & Rulofs, 2023). Hinzu kommen Merkmale wie Disziplinierung, Überwachung und Fremdbestimmung, aber auch strukturell die Angewiesenheit auf ehrenamtliches Engagement sowie teilweise verbreitete Heteronormativität und das Streben nach Reputationserhalt (Rulofs et al., 2022). Diese Faktoren können dazu beitragen, dass Betroffene Übergriffe nicht unmittelbar erkennen, nicht einordnen können oder aus Angst vor Konsequenzen nicht melden. Gleichzeitig erschweren Loyalitätskonflikte, Gruppendynamiken und die starke Bindung an Trainer: innen die Offenlegung von Vorfällen. Darüber hinaus hat das institutionelle Setting einen Einfluss, beispielsweise haben Wagner und Rulofs (2023) für alle Sportinternate in Deutschland positive Einflussfak‐ toren auf der Grundlage eines theoretischen Rahmens zur Organisationsentwicklung untersucht. Unter anderem zeigt ihre Regressionsanalyse auf, dass es besonders wichtig ist, das Thema strukturell in der Organisation zu verankern, eine aktive Organisationskultur zur Thematik zu entwickeln, eine interne Selbstverpflichtung zu etablieren und regelmäßig eine themenspezifische Evaluation durchzuführen, um einen besseren Schutz aller Sportler: innen in Sportinternaten zu gewährleisten. Des Weiteren wird sportsoziologisch untersucht, welche Maßnahmen der Präven‐ tion oder Intervention in Sport-Organisationen verankert sind. Das Projekt „Safe Sport“ hat dies für alle Landessportbünde, nationalen Spitzenverbände und Verbände mit besonderen Aufgaben (siehe Kapitel 1 zur Struktur des Sportsystems) erhoben (Rulofs, Wagner & Hartmann-Tews, 2016; Hartmann-Tews et al., 2020). Demnach hatte 2015 jeder Landessportbund bereits eine spezifische Ansprechperson sowie 80 % der Spitzenverbände bzw. ihrer Jugendorganisationen und rund die Hälfte der Verbände mit besonderen Aufgaben. In den Landessportbünden standen zu diesem Zeitpunkt für die Präventionsarbeit überwiegend hauptberufliche Stellen und in jedem zweiten 252 VI. Gewalt im Sport <?page no="253"?> Landessportbund darüber hinaus auch ein spezifischer Finanzetat zur Verfügung. In den Spitzenverbänden und Verbänden mit besonderen Aufgaben sind diese Vorausset‐ zungen seltener oder gar nicht gegeben gewesen. Es ist davon auszugehen, dass sich zur flächendeckenden Verankerung der Maßnahmen in der letzten Dekade durch die Kopplung an Finanzressourcen im organisierten Sport (s. o.) Verbesserungen ergeben haben. Für den Schulsport stellt sexualisierte Gewalt noch weitgehend ein Forschungsde‐ siderat dar. Welche Formen sexualisierter Grenzverletzungen im Sportunterricht der Befragten durch Lehrkräfte aufgetreten sind haben Wagner und Knoke (2022) in einer Studie anhand retrospektiver Leitfadeninterviews mit 64 ehemaligen Schüler*innen exploriert (nicht untersucht wurden sexualisierte Übergriffe durch Schüler: innen). Als Ergebnisse berichten die Befragten sexualisierte Grenzverletzungen in verschiedensten Formen, u. a. unerwünschte Berührungen, unangenehme körperliche Nähe, unange‐ kündigtes Betreten der Umkleideräume oder auch unangemessene verbale Grenzüber‐ schreitungen durch die Sportlehrkraft. Außerdem beschreiben die Betroffenen oftmals ein mangelndes Bewusstsein für das Auftreten sexualisierter Grenzverletzungen. Deduzierte Möglichkeiten zur Optimierung der Rahmenbedingungen könnten eine Thematisierung sexualisierter Grenzverletzungen mit einer offenen Kommunikations‐ kultur im Setting Schule, feste Ansprechpersonen für die Schüler: innen sowie eine Standardisierung der Interventionsmaßnahmen bei auftretenden Vorfällen sein, aber auch Sensibilisierungsmaßnahmen in der Aus- und Weiterbildung von Sportlehrkräf‐ ten scheinen erforderlich. Mittlerweile wird der Schutz vor sexualisierter Gewalt an Schulen in vielen Bundesländern stark systematisch gefördert und entsprechende Umsetzungsauflagen vorgegeben, aber auch Fortbildungen angeboten. 14.5 Ausblick: Kultur der Achtsamkeit Die Auseinandersetzung mit sexualisierter Gewalt in Sportkontexten steht trotz erheb‐ licher Fortschritte weiterhin am Anfang eines langfristigen Transformationsprozesses. In den vergangenen Jahren haben Betroffenenberichte, mediale Recherchen und institutionelle Aufarbeitungsinitiativen dazu beigetragen, das Ausmaß des Problems sichtbar zu machen und strukturelle Veränderungen anzustoßen. Dennoch bleibt die nachhaltige Verankerung von Präventionsmaßnahmen und professionellen Interven‐ tionsstrukturen eine zentrale Herausforderung für den Sport - im Leistungssport, Vereinssport und Schulsport. Eine nachhaltige Prävention sexualisierter Gewalt im Sport und Schulsport erfordert mehr als die Implementierung einzelner Maßnahmen oder die Einhaltung formaler Vorgaben. Entscheidend wird sein, dass Prävention nicht als einmalige Maßnahme, sondern als kontinuierlicher Entwicklungsprozess verstanden wird, der regelmäßig überprüft, weiterentwickelt und an neue Erkenntnisse angepasst wird (Rulofs, Axmann & Wagner, 2016). 14 Sexualisierte Gewalt im Sport 253 <?page no="254"?> Zentral ist die Entwicklung einer Kultur der Achtsamkeit (Wagner & Rulofs, 2017; Palzkill, 2017; Rulofs & Wagner, 2016), die über organisatorische Strukturen hinausgeht und das alltägliche Miteinander prägt. Eine solche Kultur basiert u. a. auf gegenseitigem Respekt, Sensibilität für Grenzverletzungen und einem gemeinsamen Verständnis von Verantwortung (Wagner & Rulofs, 2023). Sie entsteht dort, wo Trainer: innen, Sport‐ ler: innen, Vereinsverantwortliche oder Sportlehrkräfte und Schüler: innen aufmerksam aufeinander achten, Machtverhältnisse reflektieren und offen über Unsicherheiten, Irritationen oder problematische Situationen sprechen können (Wagner & Rulofs, 2017). Gleichzeitig stärkt eine Kultur der Achtsamkeit die Handlungssicherheit aller Betei‐ ligten, indem sie Erwartungen an professionelles Verhalten klar kommuniziert und kontinuierlich reflektiert. Achtsamkeit bedeutet in diesem Kontext nicht nur, potenzi‐ elle Risiken frühzeitig zu erkennen, sondern auch, positive Beziehungen bewusst zu gestalten und eine vertrauensvolle Atmosphäre zu schaffen, in der sich alle Beteiligten sicher und wohl fühlen (Rulofs & Wagner, 2016). Weiterführende und vertiefende Literatur Einen sehr guten und ausführlichen Überblick zu sexualisierter Gewalt im Kontext des Sports in Deutschland bietet die Auswertung der vertraulichen Anhörungen und schriftlichen Berichte der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung se‐ xuellen Kindesmissbrauchs (Rulofs et al., 2022): https: / / www.aufarbeitungskomm ission.de/ wp-content/ uploads/ Sexueller-Kindesmissbrauch-Kontext-Sport_Studi e_Aufarbeitungskommission_bf.pdf Einen internationalen Überblick für sechs europäische Länder bietet der Ab‐ schlussbericht des Projektes „Voices“ (Rulofs et al., 2019): http: / / voicesfortruthand dignity.eu/ wp-content/ uploads/ 2020/ 02/ VOICE_Final-Report_kompr.pdf Weitere Fallberichte von Betroffenen können auf der Website der Aufarbeitungs‐ kommission (2026) eingesehen werden (https: / / www.geschichten-die-zaehlen.de/ ). Berichtet werden Geschichten von Menschen, die in ihrer Kindheit oder Jugend sexualisierte Gewalt erfahren haben. Die Website der UBSKM empfiehlt sich als zentrale Anlaufstelle für aktuelle In‐ formationen (https: / / beauftragte-missbrauch.de/ )). Dort sind auch zahlreiche Hil‐ festellungen und Angebote für die Prävention sexualisierter Gewalt in Schulen (https: / / www.schule-gegen-sexuelle-gewalt.de/ start). Spezifisch für den organisierten Sport bietet beispielsweise die Deutsche Sport‐ jugend (dsj im DOSB) im Internet vielfältige Materialien an (https: / / www.dsj.de/ t hemen/ kinder-und-jugendschutz). 254 VI. Gewalt im Sport <?page no="255"?> Literaturverzeichnis Allroggen, M., & Rulofs, B. (2021). Factsheet zum Forschungsprojekt „SicherImSport“. Abgerufen am 01.01.2026 unter: https: / / www.sportsoziologie.uni-wuppertal.de/ fileadmin/ sportsoziolog ie/ Projekte/ FactSheet_SicherImSport_Zwischenbericht.pdf Aufarbeitungskommission (2026). Abgerufen am 01.01.2026 unter: https: / / www.geschichten-di e-zaehlen.de/ Bundschuh, C. (2010). Sexualisierte Gewalt gegen Kinder in Institutionen. 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Sie befassen sich damit, auf welche Weisen sich Rassismus im Sport manifestiert, ● befassen sich damit, welche Rolle Weißsein im Kontext von Rassismus spielt. Sie reflektieren, wie sich Weißsein im Sport darstellt. Wissens-Check | Zu diesem Kapitel werden online Lernfragen angeboten. Sie können diese über den QR-Code scannen oder über den folgenden Link aufrufen: https: / / narr.kwaest.io/ s/ 1491. Triggerwarning/ Hinweis an Leser: innen und Dozent: innen | Im vorliegen‐ den Kapitel wird Rassismus im Sport explizit benannt, theoretisch analysiert und anhand empirischer Befunde diskutiert. Die Auseinandersetzung mit diesen Inhal‐ ten kann fordernd sein. Für Leser: innen, die selbst von Rassismus betroffen sind, können die Schilderungen und Analysen schmerzhafte Erfahrungen hervorrufen und triggernd sein. Wir bitten Sie, bewusst auf sich Acht zu geben und die Lektüre gegebenenfalls zu unterbrechen oder Abschnitte zu überspringen. 15.1 Einleitung Woran denken Sie, wenn Sie an Rassismus im Sport denken? Halten Sie kurz inne, bevor Sie diesen Text lesen und notieren Sie sich, wie Sie Rassismus definieren würden. Am Ende des Textes werden wir auf diese Notizen noch einmal zurückkommen. <?page no="260"?> Oft wird Rassismus als ein Vorfall verstanden, der am rechten Rand der Gesellschaft auftritt, als eine nationalsozialistische Vergangenheit oder als Fehltritt einer einzelnen Person, der mit einer Entschuldigung oder einer Gegendarstellung als geklärt gilt. Dass Rassismus weder eine Randerscheinung noch ein Relikt der Vergangenheit ist, sondern dass wir alle in rassistische Realitäten verstrickt sind und dass sich Rassismus durch alle Bereiche der Gesellschaft zieht, bleibt oft unberücksichtigt (Mecheril & Melter, 2011; Messerschmidt, 2010). In diesem Kapitel geht es insofern darum, die Omnipräsenz und Mehrdimensionalität von Rassismus zu verdeutlichen und aufzuzeigen, dass sich Rassismus auch im Sport auf vielfache Weise darstellt: sowohl als offene, intendierte rassistische Beleidigung gegen einzelne Sportler: innen, aber zum Beispiel auch auf subtile und strukturelle Weise. Dies zu reflektieren und dabei - bezugnehmend auf ein Grundverständnis von Soziologie - alltägliche, scheinbar vertraute Wissensbestände sowie eigene Denk- und Wahrnehmungsgewohnheiten immer wieder auf den Prüf‐ stand stellen, ist ein wichtiges Anliegen dieses Kapitels. In Deutschland wird über Rassismus im Sport nur selten geforscht und zudem dürfte Rassismus hierzulande nur selten Gegenstand eines sportwissenschaftlichen Studiums sein. Dies kann in mehrfacher Hinsicht problematisiert werden. Erstens kann das, was nicht benannt wird auch nicht der Kritik ausgesetzt werden und somit geht das Nicht-Forschen und Nicht-Sprechen über Rassismus schlussendlich mit einer Aufrechterhaltung rassistischer Machtsysteme einher (z. B. Kelly, 2021; Messerschmidt, 2010). Zweitens verweist diese Ausgangslage auf die Notwendigkeit eines Privilegien‐ checks. Denn zu „vergessen“ Rassismus zum Forschungs- und Ausbildungsgegenstand zu machen, können sich vor allem diejenigen leisten, die selbst nicht von Rassismus betroffen und somit auch nicht alltäglich mit dem Thema konfrontiert sind. Umso wichtiger ist es, dass das Thema Rassismus in dieses Lehrbuch aufgenommen und damit in der sportsoziologischen Ausbildung platziert wird. Im Sinne einer thematischen Einführung geht es uns im Folgenden darum, verständlich zu machen, was Rassismus ist und wie Rassismus soziale Interaktionen, Gruppen, Organisationen und Gesellschaften prägt (vgl. Abschnitt 15.2). Wir werden außerdem darlegen, wie Rassismus im Sport auftritt und Forschungsarbeiten vorstellen, die sich mit Rassismus in der Sportberichterstattung, mit rassistischen Mustern in der Besetzung von Spiel‐ positionen in Mannschaftssportarten (Racist Stacking), mit dem Erleben von Rassismus im Sport sowie mit Weißsein im Sport befassen (vgl. Abschnitt 15.3). Unser Beitrag schließt mit einem Fazit sowie mit Hinweisen auf weiterführende Publikationen, Podcasts und Videos (vgl. Abschnitt 15.4). Wissensbox | BIPoC und weiß/ Weißsein Die auch im deutschsprachigen Raum verwendete Abkürzung BIPoC setzt sich aus den Selbstbezeichnungen Black, Indigenous und People of Color zusammen. Es handelt sich um einen Sammelbegriff, der die geteilte Rassismuserfahrung von Personen betont, „die nicht als weiß, deutsch und westlich wahrgenommen werden und sich selbst nicht so definieren“ (Neue deutsche Medienmacher*innen, 260 VI. Gewalt im Sport <?page no="261"?> 2025). Auch die im deutschsprachigen Raum verwendete Selbstbezeichnung Schwarz bezieht sich auf geteilte Rassismuserfahrungen und auf eine sozio-poli‐ tische Positionierung. Um dies zu verdeutlichen und „um mit der biologischen Vorstellung von ‚Rasse‘ zu brechen“ (Kelly, 2021, S. 107) wird Schwarz groß geschrieben. Mit den Begriffen weiß und Weißsein wird keine Hautfarbe beschrieben, sondern eine soziale Positionierung, die im Kontext von Rassismus mit Vorteilen und Pri‐ vilegien einhergeht. Weißsein ist eine Norm, die unsere Gesellschaft maßgeblich prägt, dabei aber häufig unsichtbar ist und unmarkiert bleibt. Um zu verdeutli‐ chen, dass es sich weder um eine Selbstbezeichnung noch um ein Adjektiv zur Beschreibung der Hautfarbe von Personen handelt, wird der Begriff klein und kursiv geschrieben (z. B. Kelly, 2021; Neue deutsche Medienmacher*innen, 2025). 15.2 Theoretische Hintergründe: Rassismus als soziales Phänomen Theorien sind, wie Karl Popper 1935 in seinem Werk „Logik der Forschung“ erläutert, Netze, die „wir auswerfen, um ‚die Welt‘ einzufangen“ (Popper, 1935, S. 26). Je nach theoretischem Ansatz, aber auch in Abhängigkeit von disziplinären Zugängen und methodologischen Positionierungen können somit verschiedene Aspekte der Welt ergründet und verschiedene Momente der sozialen Realität besonders gut eingefangen werden, während andere eher außen vor bleiben (Leinius & Mauer, 2021). Um Rassis‐ mus als soziales Phänomen zu verstehen, kann es konsequenterweise sinnvoll sein, unterschiedliche Netze auszuwerfen, d. h. auf mehrere Denk- und Theorietraditionen Bezug zu nehmen, die sich mit Rassismus befassen und die zum Teil in ähnlichen, zum Teil aber auch in unterschiedlichen Disziplinen beheimatet sind. In diesem Beitrag gehören dazu post- und dekoloniale Theorien, die Critical Race Theory und Critical Whiteness Studies, intersektionale Perspektiven sowie Überlegungen zu Rassismus‐ kritik. Diese Ansätze folgen zwar keinem konsensualen Verständnis. Wenn wir die ver‐ schiedenen Aspekte, die je nach Arbeit und Ansatz hervorgehoben werden, zusam‐ menführen, kristallisiert sich jedoch das folgende Verständnis von Rassismus heraus. Definition | Rassismusverständnis in Kurzform Bezugnehmend auf verschiedene Theorie- und Denktraditionen kann Rassismus verstanden werden als ein historisch gewachsenes Phänomen, das eng mit dem Kolonialismus und der Aufklärung verbunden ist und das bis heute wirkmächtig ist. Dabei manifestiert sich Rassismus als individuelle Handlung und als Struktur, als Prozess der Veranderung (auch Othering genannt) und als ein Machtsystem, in dem weiße Privilegien und Strukturen eine wichtige Rolle spielen. Zudem ist 15 Sport und Rassismus 261 <?page no="262"?> Rassismus mit weiteren Diskriminierungsformen, wie Sexismus oder Klassismus, verschränkt (für Literaturhinweise siehe die folgenden Ausführungen). Rassismus als historisch gewachsenes Phänomen Rassismus etablierte sich vor allem im Zuge des Kolonialismus und des transatlanti‐ schen Sklavenhandels seit dem Ende des 15. Jahrhunderts sowie vor dem Hintergrund der Aufklärung seit dem 17. Jahrhundert. Diese Gleichzeitigkeit von Gewalt und Aus‐ beutung einerseits und den mit der Aufklärung verbundenen Ideen andererseits bringt Tißberger (2020) auf den Punkt: Während Europäer: innen „Menschen verschleppen, versklaven, vergewaltigen und töten sowie Humanressourcen wie auch Bodenschätze plündern, entwickeln sie in Europa mit der Aufklärung Philosophien über Freiheit, Gleichheit und Emanzipation und deklarieren die Menschenrechte“ (S. 86). Um diesen Widerspruch zu legitimieren, entstand und verfestigte sich die auch durch eine pseu‐ dowissenschaftliche Forschung vorangetriebene, binäre Vorstellung vom sogenannten Westen als intellektuell überlegen, zivilisiert und entwickelt, während Menschen im „Rest“ der Welt (Hall, 1994) vor allem in Bezug auf eine vermeintlich andere Physis beschrieben sowie als nicht zivilisiert und rückständig platziert wurden (Hall, 1994; Narku Laing, 2022; Rommelspacher, 2011). Selbstverständlich kann heute nicht mehr bestritten werden, dass diese Ideologien falsch und rassistisch sind. Sie wirken jedoch fort. So gibt es kolonial-rassistische Spuren bis heute in allen Bereichen der Gesellschaft: in Denkvorstellungen, Wissensbeständen, Sprachpraxen, Eigentumsver‐ hältnissen, Institutionen oder auch in Bildern, die wir in Museen, Filmen oder Büchern finden (Attia & Popal, 2018; Castro Varela & Dhawan, 2020; Ha et al., 2016). Rassismus als individuelle Handlung und als Struktur Rassismus tritt sowohl als individuelle Handlung als auch als Struktur auf. Individuel‐ ler Rassismus bezieht sich auf rassistische Einstellungen und Verhaltensweisen, die vor allem auf einer zwischenmenschlichen Ebene stattfinden und zum Beispiel in rassistischen Beleidigungen oder rassistischen Witzen zum Ausdruck kommen. Es kann aber auch Rassismus geben, ohne dass ein: e einzelne: r Rassist: in identifizierbar ist. Rassismus wirkt insofern auch auf einer strukturellen Ebene, prägt Institutionen und zeigt sich etwa in organisationalen Routinen, Regeln und Verfahren (Kelly, 2021; Rommelspacher, 2011). Beispiele hierfür sind, dass Personen mit nicht-deutsch klingenden Namen schlechtere Chancen haben, zu einem Jobinterview (Thijssen et al., 2021) oder einem Probetraining in einem Sportverein (Nobis et al., 2022) eingeladen zu werden. Rassismus als Struktur kann man auch auf Dating-Plattformen beobachten. Die empirisch nachweisbare Bevorzugung von weiß gelesenen Personen auf Tinder (Arranz Aldana & Salazar, 2024) ist nämlich nur vermeintlich eine individuelle Wahl. Vielmehr zeigt sie an, dass Schönheitsideale nicht in einem Vakuum entstehen, sondern durch weiß, westlich und christlich geformte Normen geprägt sind. 262 VI. Gewalt im Sport <?page no="263"?> Rassismus als Prozess der Veranderung (Othering) Rassismus basiert auf der willkürlichen Einteilung von Menschen in soziale Gruppen und auf der anschließenden Erfindung, Zuschreibung, Markierung, Pauschalisierung und Hierarchisierung von Differenz. Dieser Prozess wird auch als Othering oder Veranderung bezeichnet. Es geht dabei um die Unterscheidung zwischen „Wir“ versus „Die Anderen“ bzw. zwischen „zugehörig“ versus „nicht zugehörig“. Dieser Prozess ist gewaltvoll, denn es gibt dabei stets eine dominante (weiße) Position, die als Norm gilt und das vermeintlich Fremde markiert und anordnet sowie eine Position ohne Macht, die als nicht zugehörig bezeichnet und abseits einer weißen Norm verortet wird. Dabei meint Markierung im Kontext Rassismus, dass wiederholt hervorgehoben wird, wie vermeintlich anders oder fremd BIPoC sind und dass die vermeintlich Anderen auch sprachlich benannt werden, während die Wir-Gruppe nicht markiert wird (Hall, 1994; Kilomba, 2018; Miles & Brown, 2003; Said, 1978; Spivak, 1985). Ein Beispiel für Othering, das auch im Sport auftritt, ist die wiederkehrende Frage nach der (wirklichen) Herkunft von BIPoC, mit der impliziert wird, dass diese nicht zu Deutschland gehören würden. Ein anderes Beispiel ist das Ansprechen von BIPoC auf Englisch, womit unterstellt wird, dass diese Personen kein Deutsch sprechen oder verstehen. Rassismus als Machtsystem und die Bedeutung von Weißsein Auf der einen Seite produziert Rassismus Ausschlüsse, legitimiert diese und setzt diese fort (Fereidooni, 2017). Auf der anderen Seite schließt Rassismus nicht nur aus, sondern auch ein. Denn Rassismus besteht auch aus weißen Strukturen und aus weißen Privilegien (Kelly, 2021). Denken Sie im Hinblick auf Strukturen zum Beispiel daran, dass vor allem weiße Personen einflussreiche Positionen besetzen - sei es in der Wirtschaft, in der Politik oder an Universitäten. Relevant sind zudem weiße Privilegien: zum Beispiel das Privileg, als zugehörig wahrgenommen zu werden, nicht die einzige weiße Person in einer Gruppe zu sein, Rassismus ignorieren zu können, weil man nicht alltäglich damit konfrontiert ist oder nach dem Training nach Hause fahren zu können, ohne Angst vor rassistischen Übergriffen haben zu müssen. Diese (und weitere) Privilegien werden insbesondere von denjenigen, die davon profitieren, oft nicht bemerkt und als selbstverständlich wahrgenommen (Tißberger, 2020). Zudem geht Weißsein oft mit Abwehrhaltungen einher, die dazu beitragen, rassistische Strukturen aufrecht zu erhalten. Solche Abwehrhaltungen bestehen zum Beispiel darin, eigene Privilegien zu beschweigen, Rassismus zu negieren, zu ignorieren oder zu bagatellisieren und sich selbst von Rassismus frei zu sprechen (Bonilla-Silva, 2018; DiAngelo, 2011; Messerschmidt, 2010). Rassismus und Intersektionalität Das Konzept der Intersektionalität verweist darauf, dass verschiedene Diskriminie‐ rungsformen wie Rassismus, Sexismus, Queerfeindlichkeit (die Diskriminierung von Personen, die sich als queer verstehen; siehe Kapitel 7), Klassismus (die Diskriminie‐ 15 Sport und Rassismus 263 <?page no="264"?> rung von Personen aus unteren sozialen Klassen oder Schichten; siehe Kapitel 6) oder Ableismus (die Diskriminierung von Personen mit einer Behinderung) miteinander verschränkt sind (Combahee River Collective, 2000/ 1977; Crenshaw, 2017; hooks, 2015/ 1981). So ist eine Schwarze Frau mit einem geringen Einkommen sowohl von Rassismus als auch von Sexismus und Klassismus betroffen und erlebt daher Diskrimi‐ nierungsformen, die sich von denen weißer Frauen, Schwarzer Männer oder auch von denen gutverdienender Schwarzer Frauen unterscheiden können. Auch eine Frau of Color mit einer Behinderung wird wiederum in anderer - und mehrfacher - Hinsicht von Diskriminierung betroffen sein als eine weiße Frau mit einer Behinderung oder als eine Person of Color ohne Behinderung. Ein konkretes Beispiel für intersektionale Diskriminierungserfahrungen liefert Sasha Marianna Salzmann: „Ich werde nie wissen, wie es ist, unvorsichtig sein zu können beim Küssen im Park, einfach draufloszuknut‐ schen. Was es heißt durch die Straßen zu streifen und nicht damit rechnen zu müssen, dass jemand im Vorbeigehen meine Haare zu berühren versucht. Mich in der Menge aufzulösen, ist keine Option für mich. Ich gehöre gleich mehreren Minderheiten an; das kaschieren zu wollen, birgt für mich größere Gefahren, als meine Positionen zu benennen“ (Salzmann, 2019, S.-13). Lässt man diese Ausführungen Revue passieren, wird deutlich, dass Rassismus ein über Jahrhunderte etabliertes und bis heute wirkmächtiges System ist, in dem wir als „historisch gewordene Subjekte“ (Castro Varela, 2017, S. 1) sozialisiert wurden. Sich diese rassistischen Realitäten bewusst zu machen anstatt sie zu leugnen ist ein grundlegender Ansatz von Rassismuskritik - und zwar ebenso wie die Einsicht, dass wir alle in dieses System verstrickt sind: als Betroffene oder Privilegierte, indem wir Rassismus erkennen, ansprechen, dulden, reproduzieren, übersehen, ignorieren oder ausblenden (Broden, 2017; El-Mafaalani, 2021; Ogette, 2019). 15.3 Empirische Befunde zu Rassismus im Sport Wenn wir anerkennen, dass Rassismus alle Bereiche der Gesellschaft durchdringt, sollte Rassismus auch in der Sportsoziologie erforscht werden. Hierzulande ist dies bislang jedoch selten geschehen. Im Folgenden stellen wir deshalb primär Arbeiten vor, die in anderen nationalen Kontexten entstanden sind. Da sich viele dieser Arbeiten auf anti-Schwarzen Rassismus konzentrieren, wird auch in den folgenden Abschnitten eine entsprechende Fokussierung vorgenommen. Es ist jedoch zu betonen, dass eine binäre Unterscheidung von Schwarzen versus weißen Personen Gefahr läuft, monolithische Blöcke zu konstruieren und Rassismuserfahrungen weiterer Personen unsichtbar zu machen. Denn es gibt vielfältige Formen von Rassismus. In Deutschland werden oft die folgenden genannt: anti-Schwarzer Rassismus, anti-muslimischer Rassismus, anti-asiatischer Rassismus, Rassismus gegen Sinti*zze und Rom*nja und zum Teil anti-osteuropäischer Rassismus (z.-B. DeZIM, 2022; Mecheril & Melter, 2011). 264 VI. Gewalt im Sport <?page no="265"?> 15.3.1 Rassismus in der Sportberichterstattung Zahlreiche Arbeiten befassen sich damit, inwiefern rassistische Denkmuster in der Sportberichterstattung aufgegriffen und reproduziert werden. Dabei kommen die vor allem auf anti-Schwarzen Rassismus bezogenen Arbeiten wiederholt zu dem Ergebnis, dass Schwarze Sportler: innen eher in Bezug auf ihre angebliche körperliche Stärke, ihre angebliche Schnelligkeit und ihr angebliches sportliches Talent charakterisiert werden, während die Berichterstattung über weiße Sportler: innen eher mit Worten wie Spielintelligenz, Disziplin und Teamorientierung verbunden ist (z.-B. Bruce, 2004; Eastman & Billings, 2001; McCarthy et al., 2003; van Sterkenburg et al., 2012). Die koloniale Fantasie des vermeintlich wilden, unkontrollierten Schwarzen Sportsubjekts wird hier also aufgegriffen und weiter intensiviert, und zwar ebenso wie die rassistische Assoziation von Intellekt mit Weißsein (Carrington, 2010). Im medial vermittelten Spitzensport (siehe Kapitel 12) findet man außerdem eine Form von Othering, die sich als Absprache nationaler Zugehörigkeit äußert. So bleibt Weißsein in der Sportberichterstattung meist unkommentiert; nationale Zugehörigkeit erscheint hier in der Regel so selbstverständlich, dass sie nicht thematisiert wird. Dieses Privileg gilt für Sportler: innen of Color - Hylton und Law (2009) verweisen beispielhaft auf den britischen Boxer Amir Khan oder den britischen Cricketspieler Monty Panesar - jedoch nicht. Stattdessen müssen diese das Recht, eine Nation repräsentieren zu dürfen oft erst unter Beweis stellen (Hylton & Law, 2008; van Campenhout & van Houtum, 2021). Denken Sie in diesem Zusammenhang zum Beispiel auch daran, dass es meist nur für mediales Aufsehen sorgt, wenn BIPoC die deutsche Nationalhymne nicht mitsingen, während dies bei weißen Sportler: innen in der Regel unkommentiert bleibt. Einige Studien, die sich mit ausgewählten Sportstars in den USA befassen, zeigen außerdem, wie wichtig intersektionale Analysen in der Befassung mit Sportberichter‐ stattungen sind. Sie arbeiten heraus, dass Schwarze Sportlerinnen vergleichsweise wenig mediale Aufmerksamkeit erhalten, dass ihnen mit sehr kritischen Kommentaren begegnet wird und dass sie häufig entweder hypersexualisiert oder als besonders maskulin und jenseits einer dominanten Vorstellung von Weiblichkeit beschrieben werden (z.-B. Adjepong & Carrington, 2014; Litchfield et al., 2018). Beispiel | Rassismus in der Sportberichterstattung Dies kann eindrücklich anhand der Berichterstattung über Serena Williams illus‐ triert werden, die durch Bildauswahlen, Titel und Beschreibungen immer wieder sexualisiert, als besonders aggressiv dargestellt und abseits einer normativen Weiblichkeit positioniert wurde. Auch nachdem Serena Williams in 2002 die US Open gewonnen hatte, ohne einen einzigen Satz während des Turniers verloren zu haben, konzentrierten sich die Medien weniger auf ihre herausragenden Leis‐ tungen, sondern vielmehr auf ihr Outfit, das sie während des Turniers trug. Dies wurde darüber hinaus immer wieder als catsuit bezeichnet - was gleichsam eine 15 Sport und Rassismus 265 <?page no="266"?> besondere Form der Animalisierung und des Otherings darstellt - während das ähnliche Outfit der weißen Tennisspielerin Anne White medial stets als bodysuit bezeichnet wurde (Schultz, 2005). 15.3.2 Racist Stacking Ins Deutsche übersetzt bedeutet Racist Stacking „rassistisches Stapeln“. Gemeint ist ein Phänomen aus dem Mannschaftssport, welches darauf verweist, dass Sportler: innen entlang von rassistischen Zuschreibungen auf bestimmten Spielpositionen eingesetzt bzw. „gestapelt“ werden. Der Großteil der Forschung über Racist Stacking bezieht sich auf anti-Schwarzen Rassismus in den Ligen der Männer und beschreibt insofern meist die Überrepräsentation von weißen Sportlern auf zentralen und taktisch geprägten Spielpositionen und die Überrepräsentation von Schwarzen Sportlern auf körperbe‐ tonten und dezentralen Spielpositionen. Racist Stacking kann als Indikator dafür angesehen werden, dass die kolonial-rassistische Unterscheidung zwischen Körper und Geist bis heute wirksam ist und sich unter anderem auf Spielfeldern bzw. in den Strukturen des Sports niederschlägt (Carrington, 2010; Nobis & Lazaridou, 2023). Nach einer ersten empirischen Arbeit von Rosenblatt (1967), der sich mit der US-amerikanischen Major League Baseball der Männer befasste, und einer Monogra‐ phie von Edwards (1969), in der das geschilderte Phänomen erstmals als Stacking bezeichnet wurde, folgten in den 1970er, 1980er und 1990er Jahren zahlreiche Studien über Stacking, die sich vor allem auf den Collegesport und die Profiligen der Männer bezogen und sich primär auf die Sportarten Baseball (z. B. Loy & McElvogue, 1970; Margolis & Piliavin, 1999), American Football (z. B. Lewis, 1995; Pitts & Yost, 2013) und zum Teil auch Basketball (z. B. Eitzen & Yetman, 1979) konzentrierten. Ab den 1990er Jahren erschienen Arbeiten zu weiteren Sportarten und nationalen Kontexten (z. B. Hallinan et al., 1999; Malcolm, 1997) sowie einige experimentelle Studien, die der Frage nachgingen, welche Fähigkeiten weißen und Schwarzen Sportler: innen zugeschrieben werden und inwiefern sich dies in Stacking niederschlägt (Berns et al., 2025; Ferrucci & Tandoc, 2017). Markant an der Forschung über Stacking ist, dass in nahezu allen Studien dokumentiert wird, dass es Stacking gibt - und zwar unabhängig davon, in welchem Jahrzehnt, in welcher Sportart oder in welchem nationalen Kontext die Forschung durchgeführt wurde. Beispiel | Racist Stacking Für den Kontext Deutschland liegen zwei empirische Studien vor, die sich mit Stacking in der ersten und zweiten Fußball-Bundesliga der Männer in der Saison 2020/ 21 (Nobis & Lazaridou, 2023) und der ersten und zweiten Fußball-Bundesliga der Frauen in der Saison 2022/ 23 (Kronenbitter et al., 2025) befassen. Beide Studien zeigen eine Überrepräsentation von Schwarzen Spieler: innen auf den offensiven 266 VI. Gewalt im Sport <?page no="267"?> und defensiven Außenbahnen sowie im Sturm (also auf Positionen, die mit Athletik und Schnelligkeit verbunden werden) und eine Überrepräsentation von weißen Sportler: innen im Tor sowie im defensiven/ zentralen Mittelfeld (also auf Positio‐ nen, die mit Taktik, Spielübersicht und Spielorganisation verknüpft werden). In der Fußball-Bundesliga der Frauen gab es in der Saison 2022/ 23 außerdem keine einzige Schwarze Kapitänin. In der Fußball-Bundesliga der Männer waren in der Saison 2020/ 2021 70 % aller Spieler, aber 86 % aller Kapitäne weiß. 15.3.3 Erleben von Rassismus Empirische Studien, die sich damit befassen, wie Rassismus im Sport erlebt wird, basieren in der Regel auf qualitativen Interviews mit BIPoC. Sie dokumentieren, dass sich Rassismus im Sport nicht nur als einzelner Vorfall darstellt, sondern vielschichtige Formen annehmen kann und im Alltag von Sportler: innen omnipräsent ist. In fast allen Arbeiten schildern BIPoC Situationen, in denen sie mit rassistischen Kommentaren und Beleidigungen konfrontiert waren (z. B. Burdsey, 2011; Wolfers et al., 2017). Sie berichten von Othering-Erfahrungen, also etwa davon, dass ihnen Trainer: innen, Sportler: innen oder Schiedsrichter: innen eine besondere Athletik zu‐ schreiben, erleben in der Folge einen höheren Leistungsdruck und verweisen darauf, dass ihnen damit auch aberkannt wird, dass ihr sportlicher Erfolg Resultat harter Arbeit ist (z. B. Engh et al., 2017; Heimburger et al., 2025). Othering als Infragestellung von selbstverständlicher Zugehörigkeit äußert sich außerdem in der wiederholten Frage nach der vermeintlich wirklichen Herkunft, darin, dass den Sportler: innen ‚Komplimente‘ für ihre Sprachkenntnisse gemacht werden oder - dies gilt speziell für den Leistungssport - dass ihre Zugehörigkeit zur Nationalmannschaft hinterfragt wird (Massao, 2016). Deutlich wird außerdem, dass Sportlerinnen andere Otheringerfahrun‐ gen machen als Sportler. Während erstere als passiv wahrgenommen werden und Viktimisierungen sowie eine Absprache von Weiblichkeit erfahren, werden letztere des Öfteren als troublemaker stigmatisiert (z.-B. Engh et al., 2017; Massao & Fasting, 2014; Ratna, 2014). Zudem berichten Sportler: innen von der Herausforderung, Rassismus in weißen Sportstrukturen immer wieder erklären zu müssen und keine Ansprechperso‐ nen und Vorbilder zu haben (Scraton et al., 2005). Sie beschreiben, dass Rassismus von weißen Personen in Sportorganisationen geleugnet und bagatellisiert wird, dass ihnen nicht geglaubt wird oder sie nicht ernst genommen werden, wenn sie auf Rassismus hinweisen und dass auf rassistische Vorfälle oft keine den Sportler: innen bekannten Konsequenzen oder Sanktionen folgen (z. B. Hartmann-Tews et al., 2025; Heimburger et al., 2025; Ratna, 2014). 15 Sport und Rassismus 267 <?page no="268"?> Beispiel | Erleben von Rassismus In einer Publikation mit dem bezeichnenden Titel „That Joke Isn’t Funny Anymore” geht Burdsey (2011) auf rassistische Mikroaggressionen ein - also auf subtile und alltägliche Formen von Rassismus, die etwa in Kommentaren, Fragen oder Witzen zum Ausdruck kommen. Auf der Grundlage von Interviews mit professionellen British Asian Cricketspielern macht er deutlich, dass Mikroaggressionen im Sport häufig ignoriert werden. Zudem fühlen sich die Spieler gedrängt, rassistische Kommentare zu verharmlosen und sie vermeiden es Rassismus zu thematisieren, da sie ausufernde Diskussionen verhindern möchten und die Erfahrung gemacht haben, dass eine Problematisierung nicht zu Einsicht und Veränderung führt. 15.3.4 Weißsein und Sport Mehrere Arbeiten, die sich mit Diversität in Sportorganisationen (z. B. in Sportver‐ bänden oder -vereinen) oder in sportwissenschaftlichen Instituten an Universitäten befassen, zeigen, dass Führungspositionen meist von weißen Männern besetzt sind (z. B. Bradbury, 2013; Cunningham, 2010; Douglas & Halas, 2013). Darüber hinaus dokumentieren sie, dass sich in Sportorganisationen weiße Abwehrhaltungen finden, die sich etwa darin äußern, dass weiße Führungspersonen die Umsetzung rassismus‐ kritischer Maßnahmen für weniger wichtig erachten als andere Aufgaben oder dass sie Rassismus nicht als relevantes Problem ihrer Organisation wahrnehmen. Zudem wird das Sprechen über Rassismus bisweilen abgewehrt: so werden weiße Privilegien geleugnet oder es wird darauf verwiesen, dass alle willkommen seien oder dass sich die Vereine nicht auch noch um Diversität kümmern könnten (McKenzie et al., 2024; Spaaij et al., 2020). Ähnliche Muster arbeiten Flintoff und Dowling (2019) für Sportlehrer: innen und Sportdozent: innen in England und Norwegen heraus. Diese stellen Rassismus zum Teil als Relikt der Vergangenheit dar, wechseln das Thema, wenn sie auf Rassismus angesprochen werden oder erläutern, dass sie sich für inklusive Praktiken und Gleichberechtigung einsetzen, greifen in ihren Erzählungen allerdings selbst kolonial-rassistische Narrative auf. Beispiel | Weißsein und Sport In qualitativen Interviews mit Führungspersonen aus Spitzensportverbänden in Deutschland finden Hartmann-Tews et al. (2025) ebenfalls Abwehrhaltungen. Erstens wird Rassismus im Sport bisweilen relativiert, zum Beispiel, indem be‐ schrieben wird, dass es in anderen Lebensbereichen oder in anderen Sportarten mehr Rassismus gebe oder dass Rassismus ein Problem der Vergangenheit sei. Zweitens findet eine Verantwortungsverschiebung statt, die sich darin äußert, dass von Rassismus betroffene Personen als zu empfindlich markiert werden oder dass erwartet wird, dass sich Betroffene selbst gegen Rassismus wehren (anstatt dass 268 VI. Gewalt im Sport <?page no="269"?> dies Verbände tun). Drittens stellen sich Abwehrhaltungen als Dethematisierung dar und zwar insofern, als dass das Thema gewechselt wird oder dass auf Fragen zu rassismuskritischen Maßnahmen mit Aussagen zu Maßnahmen zur Geschlechter‐ gleichstellung geantwortet wird. Nicht zuletzt mit Blick auf die Adressat: innen dieses Lehrbuchs sollte erwähnt werden, dass auch die meisten Schulen und Universitäten von weißen Strukturen geprägt sind. Dabei geht es nicht nur darum, dass viele Mitarbeitende (z. B. wissenschaftliche Mitarbeitende und Professor: innen) weiß sind, sondern auch um die Geschichte, die Symbole oder die Traditionen vieler Bildungsinstitutionen, deren Namensgeber und Statuen zum Beispiel häufig weiße Männer sind. Zudem spielen auch Lehrpläne eine Rolle - also die Frage, welche Inhalte vermittelt werden (und welche nicht), wessen Texte gelesen werden (und wessen nicht), wessen Geschichten erzählt werden (und wessen nicht) und welche Formen von Wissen als legitim angesehen werden (und welche nicht) (Bonilla-Silva & Peoples, 2022; Joseph, 2024). Joseph (2024) argumentiert, dass auch die Sportwissenschaft durch koloniale Narrative geprägt ist und vor allem jene Wissensbestände aufgreift, die einer weißen Norm entsprechend als erzählenswert gelten. Douglas und Halas (2013) legen mit Blick auf die sportwissenschaftliche Ausbildung in Kanada dar, dass kaum über Rassismus gelehrt wird und dass zukünftige Sportlehrer: innen somit auch kaum rassismuskritisch ausgebildet werden. Für den Kontext Deutschland gibt es dazu bislang keine empirischen Studien. Doch möchten wir Sie dazu anregen, selbst zu überlegen, wessen Texte Sie im sportwissenschaftlichen Studium (nicht) lesen, auf welche Weise Wissen vermittelt wird und wie häufig Sie sich bislang mit den Themen Rassismus oder Rassismuskritik befasst haben. 15.4 Fazit Bevor wir die berichteten Ergebnisse Revue passieren lassen, möchten wir Sie bitten, die Notizen, die Sie sich eingangs gemacht haben, noch einmal durchzugehen. Hat sich Ihr Verständnis von Rassismus im Laufe der Lektüre verändert? Gibt es Dinge, über die Sie bislang noch nicht nachgedacht haben? Gibt es Aspekte, die Sie zukünftig - auch in Ihrem Sportalltag - genauer betrachten möchten? Gibt es scheinbar vertraute Wis‐ sensbestände oder Selbstverständlichkeiten, die Sie nach der Lektüre dieses Beitrags kritisch reflektieren? Als Autor: innen dieses Beitrags hoffen wir, dass mit der Lektüre dieses Kapitels deutlich geworden ist, dass Rassismus im Sport nicht nur ein singulärer Vorfall ist, sondern dass Rassismus im Sport omnipräsent ist und sich auch auf subtile und strukturelle Weise zeigt. Es soll deutlich geworden sein, dass kolonial-rassistische Vor‐ stellungen bis heute im Sport nachwirken, dass Rassismus auch im Sport eng mit weißen Privilegien und Strukturen zusammenhängt und dass eine intersektionale Betrachtung 15 Sport und Rassismus 269 <?page no="270"?> dabei helfen kann, die Verschränkungen von verschiedenen Diskriminierungsformen besser zu verstehen. Dabei sind es insbesondere Studien zu medial vermittelten Denkmustern, aber auch zu Racist Stacking und zum Erleben von Rassismus, die verdeutlichen, wie sich kolonial-rassistische Imaginationen in den Sport eingeschrieben haben. Diese Forschungsarbeiten verdeutlichen, wie der rassistische Mythos, dass Schwarze Sport‐ ler: innen schnell, athletisch und körperlich überlegen seien, in der Sportberichterstat‐ tung aufgegriffen wird, bei der Besetzung von Spielpositionen eine Rolle spielt und an Sportler: innen immer wieder herangetragen wird. Zudem werden diese rassistischen Wissensbestände über den Sport reproduziert. Denn wenn man in Betracht zieht, wie viele Millionen Menschen die Sportberichterstattung verfolgen und wöchentlich Mus‐ ter von Racist Stacking auf den Spielfeldern beobachten, wird deutlich, dass auf diese Weise sogenannte Repräsentationsregime entstehen können (dazu genauer: Hall, 2021), d. h. dass sich rassistische Bilder und Mythen in unserem Denken (weiter) festsetzen und eher manifestiert statt sabotiert und dekonstruiert werden. Zudem wird über ver‐ schiedene Forschungsarbeiten die Notwendigkeit von intersektionalen Betrachtungen offenkundig. Es sind sowohl Arbeiten zu Rassismus in der Sportberichterstattung als auch zum Erleben von Rassismus, die zeigen, dass BIPoC Sportlerinnen zum Teil von anderen rassistischen Zuschreibungs- und Otheringprozessen betroffen sind als BIPoC Sportler. Dass außerdem Weißsein betrachtet werden sollte, um Rassismus im Sport (und darüber hinaus) zu verstehen, wird einerseits anhand der Schilderungen von BIPoC Sportler: innen deutlich, die aufzeigen, dass und wie Rassismus im Sport geleugnet, ignoriert oder verharmlost wird und kommt andererseits über jene Arbeiten zum Vorschein, die sich mit Weißsein im Sport befassen und die aufzeigen, dass sowohl Sportorganisationen als auch Ausbildungsorte größtenteils weiße Räume sind, an denen die Thematisierung von Rassismus abgewehrt wird. Vor diesem Hintergrund erwähnen wir schlussendlich, dass die thematisch unter‐ schiedlich gelagerten Arbeiten wichtige Hinweise auf die Erscheinungsformen und die Wirkweisen von Rassismus im Sport liefern. Markant ist allerdings auch (a), dass sich die bisherige Forschung primär auf anti-Schwarzen Rassismus konzentriert und dass Erfahrungen anderer von Rassismus betroffener Gruppen damit oft unsichtbar bleiben und (b), dass sich manche Forschungsfelder primär mit dem Sport der Männer befassen, dass intersektionale Ansätze eher eine Seltenheit sind und dass in erster Linie die Intersektion von Rassismus und Sexismus analysiert wird. Darüber hinaus betonen wir nochmals (c), dass in Deutschland bislang kaum über Rassismus im Sport geforscht und (somit) wohl auch selten über Rassismus im Sport gelehrt wird. Eben dies ist im Sinne eines rassismuskritischen Handelns jedoch relevant - und insofern begrüßen wir es, wenn Sie sich innerhalb und außerhalb Ihres Studiums weiterführend und vertiefend mit dem Thema befassen. 270 VI. Gewalt im Sport <?page no="271"?> Weiterführende und vertiefende Materialien Folgende, sowohl wissenschaftliche als auch nicht wissenschaftliche, Materialien eignen sich zur weiterführenden Befassung mit dem Thema Rassismus im Sport: Bücher: Carrington (2010), Eggers et al. (2017), El-Mafaalani (2021), Kelly, (2021) und Ogette (2019). Hörbücher und Podcasts ● Etse, R. (2024). Beleidigungen im Fußball als Teil der Folklore. [Podcastepi‐ sode]. In Flutlicht an! mit Mara Pfeiffer. sport1. https: / / flutlicht-an-im-gespra ech-mit-der-wortpiratin.podigee.io/ 91-rachel-etse-beleidigungen-im-fussbal l-als-teil-der-folklore ● Hasters, A. (2020). Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten [Hörbuch]. tacheles+. https: / / open.spotify.com/ intl-de/ album/ 0 FhTAyG7izSGUi7x8xaPgm ● Sow, N. (2013). Deutschland Schwarz Weiß [Hörfassung]. Noiseaux. https: / / no iseaux.bandcamp.com/ album/ deutschland-schwarz-wei-album TEDTalks und Dokumentationen ● Adichie, C. N. 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Sport, Raum und Umwelt <?page no="279"?> 16 Sportentwicklungsplanung Heiko Meier, Lars Riedl und Marc Kukuk Lernziele | Die Leser: innen ● erkennen die grundlegenden Unterschiede zwischen Sportstättenplanung und Sportentwicklungsplanung und können beide Konzepte hinsichtlich Zielset‐ zung, Methoden und Anwendungsbereichen voneinander abgrenzen, ● identifizieren typische sachliche, zeitliche und soziale Problemfelder der Sport‐ entwicklungsplanung und beurteilen ihre Bedeutung für Planungsprozesse, ● können die vier zentralen Herausforderungen der Sportentwicklungsplanung erläutern und deren Auswirkungen auf strategische und operative Planungs‐ entscheidungen reflektieren, ● können die vier grundlegenden Ansätze der Sportentwicklungsplanung be‐ nennen und sie hinsichtlich ihrer theoretischen Grundlagen, Zielsetzungen und methodischen Vorgehensweisen vergleichen, ● können die Merkmale der Steuerungsmodi Hierarchie, Demokratie und Ver‐ handlungssysteme beschreiben und spezifische Vor- und Nachteile im Kontext sportbezogener Planungsprozesse analysieren, ● beurteilen die Stärken und Schwächen der vier Ansätze der Sportentwicklungs‐ planung und ordnen Einsatzmöglichkeiten kritisch ein, ● können die historischen Entwicklungslinien der vier Ansätze der Sportent‐ wicklungsplanung skizzieren und die Veränderungen in den Beteiligungsfor‐ maten im zeitlichen Verlauf erklären, ● erkennen das Potenzial Sozialer Netzwerkanalysen für die Weiterentwicklung bestehender Planungsansätze und können den Nutzen für partizipative und datenbasierte Entscheidungsprozesse bewerten. Wissens-Check | Zu diesem Kapitel werden online Lernfragen angeboten. Sie können diese über den QR-Code scannen oder über den folgenden Link aufrufen: https: / / narr.kwaest.io/ s/ 1492. 16.1 Einleitung Wer Sport und Bewegung betreiben will, benötigt zumeist spezialisierte Sportstät‐ ten und -räume, wie z. B. Fußballplätze, (Schul-)Sporthallen, Tenniscourts, Stadien, <?page no="280"?> 11 Die Autoren sind sich der Diskussion um sprachliche Gleichbehandlung der Geschlechter bewusst. Gleichwohl finden sich in diesem Kapitel zahlreiche in der Sportsoziologie etablierte Fachbegriffe, deren Anpassung an geschlechtssensible Sprachformen theoretische Unschärfen zur Folge hätte und teilweise auch den historischen Kontext ihrer Entstehung ignorieren oder verfälschen würde. Folglich wird hier durchgehend das generische Maskulinum verwendet, mit dem immer auch Frauen und Menschen, die sich nicht im binären Geschlechtersystem wiederfinden, mitgedacht sind. An den Stellen im Text, wo für den Argumentationszusammenhang biologisches und/ oder soziales Geschlecht relevant ist, wird dies sprachlich deutlich gemacht. Schwimmhallen oder Freibäder. Diese haben oftmals einen hohen Flächen- und Aus‐ stattungsbedarf, der von Städten und Gemeinden in der Regel anhand von Sportstät‐ tenbedarfsplanungen ermittelt, ausgewiesen bzw. gedeckt wird. Definition | Sportentwicklungsplanung vs. Sportstättenentwicklungspla‐ nung Die Sportstättenentwicklungsplanung bezieht sich vorwiegend auf die infrastruk‐ turelle und bauliche Entwicklung von Sportanlagen. Die Sportentwicklungspla‐ nung verfolgt zusätzlich die Angebotsgestaltung, ggf. in Abhängigkeit von Sportnachfrage, Organisationsstrukturen, Kooperations- und Fördermöglichkei‐ ten sowie gesellschaftlichen Entwicklungen im Sport. Historisch gesehen ist die Sportstättenplanung die Keimzelle der umfassenderen Sportentwicklungsplanung. Denn über den Bau und Betrieb der Sport- und Bewe‐ gungsstätten hinaus müssen Kommunen auch darüber entscheiden, inwieweit sie die Bevölkerung zielgerichtet mit Sport- und Bewegungsmöglichkeiten versorgen wollen, welchen Stellenwert im Zusammenspiel mit weiteren, die Kommune strukturierenden Rahmenbedingungen (Lage, Größe, Bevölkerungsstruktur, Wirtschaftsleistung, Image etc.) Sport und Bewegung für die Kommune und ihre Bürger 11 hat bzw. haben soll und welche Mittel hierfür bereitgestellt werden sollen. Entsprechend zielt eine kommunale Planung der Sportentwicklung auf die Gestaltung der zukünftigen Versorgung der Bevölkerung mit Sport- und Bewegungsangeboten in Übereinstimmung mit deren Bedarfen und Interessen unter Berücksichtigung kommunalpolitischer Ziele ab (u. a. Göring et al., 2018). 16.2 Planung als Problem der Zukunftssteuerung 16.2.1 Planungsprobleme Zur Analyse der Funktionsweise und Wirksamkeit spezifischer Verfahren der Sport‐ entwicklungsplanung ist es notwendig, sich vorab mit grundlegenden Überlegungen hinsichtlich Planung und Steuerung zu befassen. Den Ausgangspunkt hierfür bildet der Gedanke von Nef (1975), dass Planung bedeute, den Zufall durch Irrtum zu ersetzen. 280 VII. Sport, Raum und Umwelt <?page no="281"?> 12 Auf dieser Abfolge basieren auch Konzepte des Organisationalen Lernens, indem mittels spezifisch ausgebildeter Prämissen Entscheidungsspielräume für Veränderungsprozesse eröffnet, aber auch begrenzt und vor allem im Hinblick auf die Richtigkeit der Entscheidungen und der damit verbun‐ denen Ziele kontrolliert werden (Thiel & Meier, 2004, S.-104ff.). Hieraus lassen sich zwei wichtige Aspekte ableiten, die auch für die Sportentwick‐ lungsplanung bedeutsam sind: Zum einen wird am Begriff des Zufalls deutlich, dass sich Planung gegen eine zufällige, also ungesteuerte und evolutionäre Entwicklung richtet. Vielmehr wird mittels Planung das Gegenteil angestrebt, nämlich eine absichtsvolle und zielgerichtete Entwicklung. Nahezu jedes Planungskonzept umfasst deshalb 1. eine Analysephase, in der ein Status Quo bestimmt wird, 2. die Festlegung von Zielen, 3. die Formulierung von Strategien zur Zielerreichung, 4. die Auswahl von hierfür geeigneten Mitteln und Methoden sowie 5. die Kontrolle der Zielrealisierung. 12 Zum anderen verweist der Begriff des Irrtums auf das grundsätzliche Problem bei Planungen, dass der Status Quo, die Relevanz der Ziele, die Effektivität der Strategien und die Wirksamkeit der Maßnahmen in Hinsicht auf das Steuerungsobjekt immer auch falsch eingeschätzt werden können. Im Gegensatz zu Zufällen lassen sich Irrtümer jedoch korrigieren. Damit stellt sich die Frage nach der Bedeutung von Lernen und Wissen in Planungsprozessen. Definiert man mit Luhmann (1997, S. 790) Lernen als das Ändern von Erwartungen, so ist Lernen vor allem ein Prozess, der durch Irritationen ausgelöst wird, Gewissheiten auflöst und Unsicherheiten produziert. Die grundlegende Funktion der Planung liegt hingegen darin, einer prinzipiell offenen und ungewissen Zukunft Inseln der Sicherheit entgegenzusetzen, die in Entscheidungsprozessen Orien‐ tierung geben. Planung dient damit dazu, Irrtümer möglichst zu vermeiden. Dies lässt sich durch eine wissensbasierte Vorgehensweise, beispielsweise durch Einbeziehung von Daten, Experten und/ oder Betroffenen, unterstützen. Mit Blick auf die kommunale Sportentwicklungsplanung lassen sich die vorange‐ stellten Überlegungen konkretisieren, indem sie in sachlicher, zeitlicher und sozialer Hinsicht differenziert betrachtet werden: ● In sachlicher Hinsicht gilt es, im Rahmen einer kommunalen Sportentwicklungs‐ planung Ziele festzulegen, sie zu priorisieren sowie darauf abgestimmte Umset‐ zungsstrategien und -maßnahmen zu entwickeln. Angesichts der Komplexität ist hierbei eine Vielzahl an Daten und Variablen zu berücksichtigen. Folglich wird ein umfangreiches Vorwissen für die Planung benötigt. Doch viele, insbesondere kleinere Kommunen verfügen oftmals nicht über das hierfür erforderliche Personal oder die fachliche Expertise. Auch fehlt es häufig an vorab abgestimmten Kriterien zur Festlegung der Entwicklungsziele. Insbesondere dann, wenn sie den Sport nicht nur verwalten, sondern auch mitgestalten wollen, geraten Sportämter und 16 Sportentwicklungsplanung 281 <?page no="282"?> Sportpolitik schnell unter Druck, ihre Zielsetzungen gegenüber Interessengruppen legitimieren zu müssen. ● In zeitlicher Hinsicht ist festzustellen, dass die Antizipation von Entwicklungen im Sport mit hohen Unsicherheiten belastet ist. So unterliegt z. B. das Interesse an bestimmten Sportarten teilweise starken Schwankungen, insbesondere Trend‐ sportarten sind durch Kurzlebigkeit, rasante Veränderungsprozesse und die stän‐ dige Suche nach Innovationen charakterisiert (Lamprecht & Stamm, 2002). Insofern gehen Prognosen zur Sportnachfrage mit einer hohen Fehlerwahrscheinlichkeit einher, wodurch auch eine sorgfältige Sportentwicklungsplanung stets mit Blick auf zukünftige Bedarfe zu überprüfen ist. ● In sozialer Hinsicht gilt, dass Planung nur dann erfolgreich sein kann, wenn Ziele, Strategien und Maßnahmen von Seiten der Sportakteure allgemein akzeptiert und befürwortet werden. Andernfalls besteht das Risiko, dass diese unterlaufen oder boykottiert und die Planungsziele nicht erreicht werden. Da die Akteure differente, teilweise auch konkurrierende Interessen verfolgen, liegen hierin große Konfliktpotenziale, insbesondere wenn es um die Verteilung knapper Ressourcen geht. Daher steht eine Sportentwicklungsplanung vor der Herausforderung, unter allen beteiligten Akteuren einen Konsens oder zumindest Akzeptanz zu erreichen. 16.2.2 Steuerung durch Hierarchie, Demokratie und Verhandlungssysteme Die Steuerung gesellschaftspolitischer Prozesse erfordert die Koordination von Akteu‐ ren. In der soziologischen Steuerungstheorie werden zwei Hauptformen der Koordi‐ nation angeführt: Hierarchie und Demokratie (Willke, 1995, S.-17-86). Hierarchische Steuerung erfolgt top-down. D. h., alle Planungsentscheidungen wer‐ den an der Spitze getroffen, nachfolgende Ebenen sind weisungsgebunden und haben diese lediglich umzusetzen. Diese Steuerungsform setzt voraus, dass die Spitze über das gesamte für die Planung erforderliche Wissen verfügt. Auf diese Weise kann sie Ziele, Strategien und Maßnahmen festlegen sowie deren Umsetzung überwachen. Allerdings stößt man in sachlicher Hinsicht bezüglich der notwendigen fachlichen Kompetenzen und Expertise schnell an operative Grenzen. Ein Vorteil hierarchischer Steuerung ist hingegen darin zu sehen, in zeitlicher Hinsicht sehr schnell entscheiden zu können, wodurch aufwändige Prozesse der Abstimmung und Aushandlung entfal‐ len. Hieraus resultieren jedoch in sozialer Hinsicht Probleme der Implementierung bzw. Durchsetzung von Planung. Gelingt es nicht, Akzeptanz für die getroffenen Entscheidungen zu gewinnen, müssen Entscheidungen mit aller Macht auch gegen Widerstände durchgesetzt werden, was wiederum hohe Kontrollkosten zur Folge hat. Steuerung mittels Demokratie erfolgt als Bottom-up-Prozess. Alle zu koordinierenden Akteure können ihre Interessen in die Planungsprozesse einbringen und mitentschei‐ den - mittels direkter Abstimmung oder indirekt durch gewählte Repräsentanten. Der Vorteil demokratischer Steuerung liegt vor allem darin, dass alle Entscheidungen 282 VII. Sport, Raum und Umwelt <?page no="283"?> legitimiert sind und weitreichend akzeptiert werden, ohne hohe Kosten zu ihrer Durchsetzung und Kontrolle zu erzeugen. Das bereits beschriebene Problem des Mangels an sachlicher Expertise und fachlicher Kompetenz bei den politischen Ent‐ scheidern löst diese Form der Steuerung jedoch nicht. Demokratische Strukturen ermöglichen zwar die Berücksichtigung einer Vielzahl an Interessen und unterschied‐ liche Perspektiven; die an den Entscheidungsprozessen beteiligten Akteure müssen aber nicht zwingend über das entsprechende Fachwissen verfügen. Hinzu kommt, dass demokratisch getroffene Entscheidungen oftmals einer Kompromisslogik unterliegen und durch symbolische Politik ausgehöhlt werden können. Darüber hinaus eignen sich direktdemokratische Verfahren nur für einfache Entscheidungen mit wenigen Alternativen, d. h., Bargaining-Prozesse und die Entwicklung komplexer Lösungen sind mit ihnen nicht möglich. In zeitlicher Hinsicht dauern demokratische Verfahren zudem erheblich länger als hierarchische Prozesse, sodass der Entscheidungsprozess auch von aktuellen Entwicklungen überholt werden kann. Allerdings reduziert dies auch die Gefahr voreiliger und damit schädlicher Beschlüsse. Im Rahmen gesellschaftspolitischer Steuerungsprozesse ist noch eine weitere Form der Koordination von Akteuren zu beobachten: Verhandlungssysteme und Netzwerke (Willke, 1995, S. 109-141). Verhandlungssysteme sind soziale Arrangements, in denen Akteure ihre Interessen durch Aushandlung koordinieren, während Netzwerke Struk‐ turen sozialer Beziehungen sind, die durch Knoten (Akteure, Organisationen) und Verbindungen (Interaktionen, Kooperationen, Informationsflüsse) gebildet werden. Dieser Modus ist zwischen Hierarchie und Demokratie anzusiedeln und ermöglicht es, unterschiedliche Perspektiven und Kompetenzen für die Lösung komplexer Entschei‐ dungsprozesse zu nutzen sowie ein Höchstmaß an Akzeptanz zu erzeugen. Dies macht Netzwerke in sachlicher Hinsicht gegenüber hierarchischen und demokratischen Verfahren überlegen. Allerdings setzt eine effektive Koordination durch Verhandlungs‐ systeme die Fähigkeit zur wechselseitigen Perspektivenübernahme, die Entwicklung einer gemeinsam geteilten Problem- und Weltsicht sowie den Aufbau von Vertrauen voraus. Die Koordination durch Verhandlungssysteme und Netzwerke ist dadurch sehr zeitintensiv. Mittelfristig können sie gar dazu tendieren, zu Gunsten der Stabilität des Verhandlungssystems ihre Flexibilität und Lernfähigkeit einzuschränken. Dies birgt das Risiko der sozialen Schließung, wodurch bestimmte Akteure eingebunden, andere hingegen ausgeschlossen bleiben. 16.3 Herausforderungen der Sportentwicklungsplanung Neben den skizzierten allgemeinen Planungs- und Steuerungsproblemen bestehen für die kommunale Sportentwicklungsplanung spezifische Herausforderungen, die sich aus den Besonderheiten des Planungsgegenstands ergeben, die Strukturen des Sports mitzugestalten. 16 Sportentwicklungsplanung 283 <?page no="284"?> Herausforderung 1: Gesellschaftliche Entwicklungen Für die Sportentwicklung spielen grundlegend soziale, kulturelle, demografische, ökonomische, technologische und ökologische Rahmenbedingungen eine Rolle (Digel & Thiel, 2009; Heiden et al., 2014; Rütten et al., 2014). So sind bei der Sportentwick‐ lungsplanung die sich verändernden politischen und fiskalischen Rahmenbedingungen auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene ebenso zu beachten wie gesellschaftliche Entwicklungen, die das Freizeitverhalten und Gesundheitsbewusstsein der Bürger beeinflussen. Herausforderung 2: Die Sportnachfrageseite Dem Sport ist ein enormes Wachstum zu bescheinigen. Dies wird an der Expansion des organisierten Sports deutlich. Gab es 1950 circa 3,2 Mio. Mitgliedschaften in den Sportvereinen, weist der Deutsche Olympische Sportbund in seiner Bestandser‐ hebung für das Jahr 2025 einen Höchststand von 29,3 Mio. Mitgliedschaften aus (Deutscher Olympischer Sportbund e. V., 2025). Damit einher geht die Einbeziehung weiterer Bevölkerungsgruppen (z. B. Kinder- und Jugendliche, Frauen, Senioren, Menschen mit Beeinträchtigungen) mit höchst heterogenen Interessen, Bedürfnissen und Sportverständnissen. So haben neben dem traditionellen Wettkampfsport viele alternative Sinnmuster Einzug in den Sport gehalten. Motive wie Erlebnis, Abenteuer, Gesundheit oder Wellness sind weitgehend etabliert und lassen neue Sportarten und Organisationsformen entstehen (Braun & Hansen, 2022). Dieser Nachfragevielfalt nach Sport sowie Sportstätten und -räumen muss eine Sportentwicklungsplanung Rechnung tragen. Herausforderung 3: Die Sportangebotsseite Auch das Feld der Sportanbieter hat sich pluralisiert. Sportverbände, -vereine und Schulen stellen schon lange nicht mehr den einzigen institutionellen Rahmen für Sportangebote dar; hinzugekommen sind kommerziell ausgerichtete Sportanbieter, allen voran die Sport- und Fitnessstudios. Des Weiteren sind kommerziell betriebene Sportstätten wie z. B. Tennis-, Padel- und Kletterhallen anzuführen, die nicht nur räumliche Gelegenheiten zum Sporttreiben bereitstellen, sondern oftmals auch Kurse oder Training anbieten. Auch Eventagenturen als Ausrichter von Sportveranstaltungen (z. B. City-Marathon) haben stark an Bedeutung gewonnen. Daneben wird Sport zu großen Teilen in lockeren Zusammenschlüssen, in informellen, nichtgebundenen und selbstorganisierten Arrangements betrieben (Bindel, 2009). Zu denken ist hier vor allem an Radsport-, Lauf- und Nordic Walking-Gruppen oder Trendsport-Szenen (z. B. Calisthenics, Skaten oder Mountainbiken), die meist keine formalen Organisati‐ onsstrukturen ausbilden (siehe Kapitel 11). All diese neuen Angebotsformen führen zu veränderten Ansprüchen an den Bau und Betrieb von Sportanlagen und zur Erschließung neuer Sport- und Bewegungsräume in den Städten und der Natur. 284 VII. Sport, Raum und Umwelt <?page no="285"?> Herausforderung 4: Die Akteure der Sportentwicklung Im Kontext der kommunalen Sportentwicklungsplanung sind eine ganze Reihe an unterschiedlichen Akteuren als Stakeholder zu nennen. Allein das politische System unterteilt sich Luhmann (1981) folgend in drei Instanzen: erstens die Politik im engeren Sinne, womit vor allem die Parteien gemeint sind, die Themen aufgreifen und entwickeln, politische Ämter besetzen oder in Parlamenten kollektiv bindende Entscheidungen treffen; zweitens die Verwaltung, die alle Institutionen umfasst, welche die politischen Entscheidungen um- und durchsetzen; drittens schließlich das politische Publikum, also die Bürger, die von den politischen Entscheidungen betroffen, aber zugleich Wähler sind. Diese drei Instanzen stehen in engen Beziehungen zueinander, über die sie sich wechselseitig beeinflussen. Für die Sportentwicklungsplanung bedeutet dies, sowohl die Politik (mit dem Rat, den Ausschüssen und Parteien) als auch die Verwaltung (mit den unterschiedlichen Ressorts und fachlichen Gliederungen) sowie die Bürger und verschiedenen Ziel- und Interessengruppen (z. B. auch Migranten, Sportpublikum, Anwohner, Touristen etc.) im Blick zu behalten. Zudem sind die vielen unterschiedlichen Organisationen, die mit Sport befasst sind und Sportangebote machen, zu berücksichtigen, seien es die Sportvereine, der Stadtsportverband bzw. Stadtsportbund, kommerzielle Anbieter, Schulen, Träger der Offenen Ganztagsschulen, Kindergärten, Betriebssportanbieter oder Krankenkassen. Abb. 16.1: Akteure der kommunalen Sportentwicklung. 16 Sportentwicklungsplanung 285 <?page no="286"?> 16.4 Ansätze und Verfahren der Sportentwicklungsplanung Im Feld der Sportentwicklungsplanungen haben sich diverse Verfahren etabliert, die sich vier unterschiedlichen konzeptionellen Ansätzen zuordnen lassen. Richtwertbezogene Ansätze In der Sportentwicklungsplanung dominierten zunächst richtwertbezogene Ansätze, die auf eine quantitative Bedarfsplanung für Bewegungs-, Spiel- und Sportflächen abzielen (Rütten et al., 2010, S. 11). Ein prominentes Beispiel ist der sogenannte Goldene Plan, bei dem der organisierte Sport gemeinsam mit den staatlichen Ebenen eine planmäßige Entwicklung von Sportstätten auf der Basis eines Richtwerts von zwei Quadratmeter Sportfläche pro Einwohner initiiert hat. Durch die vorrangige Orientierung am Wettkampfsport wurde in Abhängigkeit von der Siedlungsstruktur und Einwohnerzahl eine standardisierte infrastrukturelle Grundlage für einen Kern‐ bestand an Sportstätten geschaffen. Dieses Vorgehen führte vor allem in den Jahren zwischen 1960 und 1975 zum Auf- und Ausbau einer quantitativ bedeutenden, aber qualitativ vor allem auf den normierten Breiten- und Leistungssport ausgerichteten Sportstätteninfrastruktur. Richtwertbezogene Ansätze ermöglichen eine weitgehende Grundversorgung mit kommunalen Sportanlagen. Jedoch werden die Richtwerte von den Kommunen zu‐ meist einheitlich in Abhängigkeit von der Einwohnerzahl, aber unabhängig von deren spezifischen geografischen, demografischen oder sozioökonomischen Gegebenheiten angewendet. Die spezifischen Bedarfe und Bedürfnisse vor Ort erfassen richtwertbe‐ zogene Ansätze demnach nicht, sodass das Sportverhalten der Bevölkerung und ihre differenzierten Bewegungs- und Freizeitbedürfnisse keine weitere Berücksichtigung finden. Wer Sport treibt, welche Sportarten besonders nachgefragt oder wie intensiv die Sportangebote genutzt werden, bleibt hierbei unbeachtet. Zudem werden weder der bauliche Zustand noch die funktionale Ausstattung oder die Barrierefreiheit berücksichtigt. Verhaltensorientierte Ansätze Die Grenzen des richtwertbezogenen Ansatzes führten ab den 1990er Jahren zur Entwicklung neuer Ansätze, die auf der Erfassung des Sportverhaltens basieren. Dies hängt auch mit den gesellschaftlichen Veränderungen in dieser Zeit, zunehmenden finanziellen Herausforderungen und einer sich wandelnden Sportkultur zusammen. Gefordert waren nunmehr Planungsansätze, die stärker die Nutzungsmuster, das indi‐ viduelle Sportverhalten und die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen einbeziehen. Unter Leitung des Bundesinstituts für Sportwissenschaft (2000) und der Mitwirkung von Akteuren aus Politik, organisiertem Sport, Planung und Wissenschaft wurde deshalb ein Leitfaden für die Sportstättenentwicklungsplanung entwickelt. Neu hierbei ist ein empirisches Vorgehen, welches den vorhandenen Bestand an Sportinfrastruktur mit dem Bedarf hinsichtlich des Sportverhaltens der Bevölkerung 286 VII. Sport, Raum und Umwelt <?page no="287"?> abgleicht. Entsprechend berücksichtigen verhaltensorientierte Ansätze Faktoren wie Aktivenquote, Präferenzfaktoren, Häufigkeit und Dauer der Sportausübung zur Be‐ darfsermittlung. Mit Hilfe vielschichtiger Planungsschritte werden schließlich Progno‐ sen für die zukünftige Sportentwicklung erstellt und auf dieser Grundlage wird der zukünftige Sportstättenbedarf ermittelt. Kooperative und integrierte Ansätze Parallel zu den verhaltensorientierten Ansätzen sind kooperative Planungsansätze entstanden. Diese legen besonderen Wert auf die Einbindung von politischen Akteuren, fachlichen Experten und Betroffenen (Göring et al., 2018, S. 7; Rütten et al., 2003, S. 12-14). Im Rahmen mehrerer kooperativer Planungstreffen arbeiten hier Vertreter der Sportvereine, der Verwaltung (insbesondere Sport- und Schulverwaltung, Grünflächen, Stadtentwicklung), der Politik sowie Schulen zusammen, um gemeinsam Leitziele für die kommunale Sportentwicklung zu entwickeln. Die Basis hierfür liefern quanti‐ tative Daten, die sich aus Bestandsaufnahmen, Bedarfsanalysen und Berechnungen zum Sportanlagenbedarf speisen. Diese werden in Planungsgruppen interpretiert, um abschließend konkrete Handlungsempfehlungen zu formulieren (Wetterich, 2014, S. 121-122). Durch die Einbindung der unterschiedlichen Akteure lassen sich Fragen der Sportentwicklung auch in kommunale Gesamtplanungen und Querschnittsthemen (z.-B. kommunale Gesundheits-, Schul- oder Infrastrukturpolitik) einflechten. Als integrierte Sportentwicklungsplanung werden Verfahren bezeichnet, welche auf die kommunale Bevölkerung bezogene Sportstättenbedarfsanalysen mit Beteiligungs‐ formaten verbinden. Ziel ist es, einerseits gesichertes Wissen mittels Befragungen zu erlangen und andererseits Betroffene zu Beteiligten zu machen. Idealiter werden alle sport- und bewegungsaffinen kommunalen Akteure aktiviert. Zudem ist der Ansatz dadurch charakterisiert, die Sportentwicklung als wichtiges Element der Stadtentwick‐ lung zu betrachten und den Beitrag des Sports zur Erreichung stadtplanerischer Ziele sichtbar zu machen. Die integrierte Sportentwicklungsplanung besteht somit aus dem Dreischritt: 1. Bedarfs- und Bestandsanalyse, 2. dialogisch-kooperativer Planungsprozess und 3. Maßnahmenbestimmungen mit Blick auf Visionen und Leitlinien der Kommune (Kähler, 2014, S.-130-135; Rütten & Ziemainz, 2009, S.-109-111). Partizipative Ansätze Während die allgemeine Bürgerbeteiligung bei der kooperativen und integrierten Planung - abgesehen von quantitativen Befragungen - auf ausgewählte Akteure der kommunalen Sportentwicklung begrenzt bleibt (Rütten & Ziemainz, 2009, S. 111-116), geht die partizipative Sportentwicklungsplanung einen Schritt weiter. Sie orientiert sich an der zunehmend an Bedeutung gewinnenden Governance-Form der Kooperation 16 Sportentwicklungsplanung 287 <?page no="288"?> von Politik und Zivilgesellschaft, die durch prozesshafte und ergebnisoffene Dialoge gekennzeichnet ist (Fischer, 2017; Gelius, 2014; Kuhlmann, 2017). Partizipative Ansätze sehen eine umfassende Beteiligung möglichst aller in die kommunale Sportentwicklung involvierten Akteure (vgl. Abbildung 16.1) am Pla‐ nungsprozess vor (Meier, Kukuk & Riedl, 2023). Die Beteiligten werden über öffentliche Einladungen und direkte Ansprachen gewonnen. Darüber hinaus kommen aufsu‐ chende Verfahren zum Einsatz, insbesondere um die kaum adressierbaren informell Sporttreibenden einzubinden. In einer ersten Phase werden bei diesem Verfahren mittels Bevölkerungsbefragung und vertiefender Interviews mit zentralen Akteuren der Sportentwicklung zunächst Schwerpunktthemen ermittelt. Diese werden anschließend auf einer kommunalen Sportentwicklungskonferenz vorgestellt, in Workshops diskutiert und weiter verdich‐ tet. In der dritten Arbeitskreisphase werden die Schwerpunkthemen gemeinsam vertieft und abgestimmte konkrete Lösungen, Maßnahmen und Empfehlungen für die Sportentwicklung entwickelt. Die Ergebnisse werden viertens auf einer weiteren Sportentwicklungskonferenz öffentlich vorgestellt und schließlich als Sportentwick‐ lungsplan den (sport)politischen Gremien übergeben. 16.5 Einordnung und Vergleich der Ansätze Im Folgenden gilt es, die vier Ansätze dahingehend zu betrachten, inwieweit sie die vorab dargestellten Planungsprobleme (Abschnitt 16.2.1) in sachlicher, zeitlicher und sozialer Hinsicht zu lösen vermögen. Sachdimension Richtwertbezogene und verhaltensorientierte Ansätze lassen sich als vornehmlich auf die Sportstätten reduzierte Planung beschreiben. Sie liefern eine transparente Grundlage zum Abbau quantitativer Defizite im Sportstättenbestand. Kooperative, integrierte und partizipative Ansätze sind dahingegen auch für andere Themen wie die Organisationsweise des Sports oder die Passung von Angebot und Nachfrage offen und begreifen sich als Teil der Stadtentwicklung. Hinsichtlich der genutzten Expertise beschränken sich die auf den richtwertbezo‐ genen Ansätzen basierenden Verfahren auf den Einbezug von Fachpersonal und Experten bei der Ermittlung notwendiger Daten. Dagegen nutzen die anderen Ansätze nicht nur Fachwissen, sondern zusätzlich die spezifischen Wissensbestände auf der Nachfrageseite - sei es durch Befragungen oder gar Beteiligung. Die sportplaneri‐ schen Zielsetzungen richtwertbezogener Ansätze sind gewissermaßen in den einmalig ausgehandelten bzw. festgelegten Planzahlen im Sinne eines One-fits-all fixiert. Ver‐ haltensorientierte Ansätze hingegen reagieren auf die Nachfragesituation und die weiteren Ansätze binden zudem die Sportakteure bei der Entwicklung von Zielen, Strategien und Maßnahmen direkt mit ein. Je mehr Akteure eingebunden werden, umso 288 VII. Sport, Raum und Umwelt <?page no="289"?> größere Möglichkeiten zur Einflussnahme werden geschaffen und umso eher können Innovationspotenziale für kreative, lokal passgenaue Lösungen freigesetzt werden. Zeitdimension Richtwertbezogene Ansätze ermöglichen zügige Grobabschätzungen und schnelle Entscheidungen, sind aber durch eine vergleichsweise große Veränderungsresistenz gekennzeichnet, da sie nicht auf dynamische Veränderungen des Sportverhaltens, der demografischen Entwicklung oder der Angebotsstrukturen reagieren. Das Agieren im Modus des Immer-weiter-so kann schnell zu Fehlallokationen im Lebenszyklus der Sportstätten führen. Verhaltensorientierte Ansätze orientieren sich demgegenüber mittels zeitintensiver Evaluation der Nachfrageseite an aktuellen Bedarfen, erstellen aber immer nur Momentaufnahmen; bis zur Entscheidungsreife vergeht oft ein langer Zeitraum, in dem sich die Rahmenbedingungen bereits verändert haben können. Verfahren, denen ein kooperativer, integrierter oder partizipativer Ansatz zugrunde liegt, sind in ihrer Durchführung sehr zeitaufwendig. Und auch sie können die Zukunft nicht vorhersagen. Zudem können sich durch Abstimmungen und Konflikte zwischen Interessengruppen Planungs- und Realisierungszeiträume deutlich verlän‐ gern. Allerdings erhöhen sie durch den Aufbau einer gemeinsam geteilten Problemsicht und die Selbstbindung der beteiligten Sportakteure an die Prozesse und Ergebnisse der Entscheidungsfindung Planungssicherheiten. Deshalb sind sie als nachhaltiger einzuschätzen. Sozialdimension Von den richtwertbezogenen bis hin zu den partizipativen Ansätzen lassen sich die entsprechenden Verfahren als zunehmend demokratischer verfasst beschreiben. Während richtwertbezogene Ansätze den betroffenen Akteuren - den Nutzern der Sportstätten - noch keine Mitbestimmung bei der Planung gewähren, ermöglichen es verhaltensorientierte Ansätze der Nachfrageseite, ihre Interessen und Bedürfnisse zu‐ mindest indirekt durch eine Beteiligung an Umfragen zu artikulieren. Entscheidungen über Ziele, Strategien und Maßnahmen der Sportentwicklungsplanung werden jedoch auch hier top-down durch die Politik bzw. Verwaltung getroffen. Die weiteren Ansätze bauen demgegenüber wesentlich stärker auf Bottom-up-Pro‐ zessen auf. Verfahren auf Basis kooperativer und integrierter Ansätze lassen sich als relativ dauerhafte Verhandlungssysteme beschreiben, in denen sich ausgewählte Stakeholder der Sportentwicklung - in der Regel Organisationen bzw. organisierte Interessengruppen - miteinander abstimmen. Dies trägt maßgeblich zur sozialen Kohäsion und Akzeptanz der Ergebnisse bei. Problematisch kann hierbei sein, dass die auf kommunaler Ebene ohnehin gut vernetzten Schlüsselakteure einen hohen Einfluss ausüben, während weniger sichtbare Akteure - wie z. B. der informelle Sport - ausgeschlossen bleiben. Dieses Problem lösen auf partizipativen Ansätzen basierende Verfahren dadurch, dass sie sich potenziell für alle, auch individuelle Akteure, öffnen. 16 Sportentwicklungsplanung 289 <?page no="290"?> Damit können zwar Probleme der Aktivierung einhergehen, da die Teilnahme freiwillig und ohne Verpflichtungscharakter ist. Und für alle Verfahren mit hoher Beteiligungs‐ dichte gilt, dass diese auf Dauer eine Partizipationsmüdigkeit hervorrufen können. Aber dies lässt sich genauso wie auch das Ausnutzen von Machtasymmetrien dadurch vermeiden, dass die Prozesse durchgehend begleitet und fachlich versiert moderiert werden. Zugleich ermöglicht die intensive Begleitung eine umfassende Nutzung des Wissensbestands der verschiedenen Akteure, eine große Transparenz hinsichtlich der Beteiligungsmöglichkeiten und eine immer wieder gezielte Ansprache schwer adressierbarer Sportakteure. 16.6 Fazit und Ausblick Beschränkte sich die Sportentwicklungsplanung ursprünglich auf den Bau von Sport‐ stätten, umfasst sie heute zudem Konzepte zur Versorgung der Bevölkerung mit Sport- und Bewegungsangeboten unter Berücksichtigung von Bedürfnissen, Interessen und kommunalpolitischen Zielen. Diese Erweiterung ist eine Reaktion auf den gesellschaft‐ lichen Wandel und die steigende Komplexität kommunaler Sportentwicklung durch Expansion und Pluralisierung der Sportkultur und deren Anbieter. Der Sport wird nicht mehr im Sinne eines Weiter-So lediglich verwaltet, sondern es wird zunehmend versucht, ihn angesichts offener Zukünfte auch planerisch zu gestalten. Die Evolution der verschiedenen Ansätze der Sportentwicklungsplanung ist durch eine Ausweitung von Beteiligungsformaten geprägt. Waren die frühen Ansätze stark expertenzentriert und top-down organisiert, setzen moderne Ansätze auf Partizipation und bottom-up-orientierte Verfahren. Aufgrund der Teilhabe verschiedener Sportakteure fließen vielfältige Perspektiven ein, welche die Akzeptanz und Nachhaltigkeit der Planung stärken. Beteiligungsverfahren gelten dabei nicht als Selbstzweck, sondern müssen situationsgerecht gewählt und moderiert werden, um sowohl Repräsentanz als auch Entscheidungsfähigkeit zu sichern. Für die Weiterentwicklung der gegenwärtigen Verfahren könnte vor diesem Hinter‐ grund ein folgerichtiger Schritt sein, Soziale Netzwerkanalysen (siehe Kapitel 3) als methodisches Werkzeug zur Sichtbarmachung der formalen und informellen Beziehun‐ gen der Sportakteure einzubeziehen (Wäsche, 2014). Sie eröffnet auf Basis des Wissens über relevante Akteure sowie deren Beziehungsstärken neue Steuerungsmöglichkeiten und erlaubt zugleich die Evaluation des Planungsprozesses (Meier, Peper, Riedl & Kukuk, 2026): In dem Maße, wie Sportentwicklungsplanungen zur Verdichtung und Neugestaltung sozialer Netzwerke der Sportakteure beitragen, entstehen neue Inseln der Sicherheit in der Planung der Sportentwicklung. 290 VII. Sport, Raum und Umwelt <?page no="291"?> Weiterführende und vertiefende Literatur Einen grundlegenden Überblick über die Entwicklung der verschiedenen Ansätze und Verfahren der Sportentwicklungsplanung enthält das Memorandum zur kom‐ munalen Sportentwicklungsplanung der Deutschen Vereinigung für Sportwis‐ senschaft (Göring et al., 2018). In 2026 soll eine aktualisierte Ausgabe des Memo‐ randums erscheinen, welche auch neuere Verfahren darstellt. Eine umfassende Einführung in die Sportentwicklungsplanung und einen Über‐ blick über wissenschaftliche Perspektiven hierauf enthält der Sammelband von Rütten, Nagel und Kähler (2014). Die Aufsatzsammlung ist thematisch weit aufgefächert und liefert profunde Darstellungen ganz unterschiedlicher Aspekte. Die Entwicklung des Sports im Allgemeinen lässt sich gut auf der Grundlage des Sammelbands von Balz und Kuhlmann (2009) einführend nachvollziehen. Ein anschauliches Beispiel, wie der Ansatz der kooperativen Sportentwicklungs‐ planung in der Praxis umgesetzt wird, findet sich bei Eckl und Schaber (2019). Die Umsetzung des Ansatzes der Sportverhaltensstudien lässt sich exemplarisch an Thurn (2024) studieren. Der Ansatz der Partizipativen Sportentwicklungsplanung mitsamt den Chancen, die eine Verfahrens-Ergänzung durch Soziale Netzwerkanalysen bereithält, wird anschaulich im Beitrag von Meier, Peper, Kukuk und Riedl (2026) dargestellt. Eine Auseinandersetzung mit den Methoden der Sportentwicklungsplanung kön‐ nen Sie dem Beitrag von Pitsch und Emrich (2019) entnehmen. Spezifische Aspekte der Sportentwicklungsplanung greifen mit Fokus auf Bar‐ rierefreiheit Wibowo, Haut und Müller (2024), mit Fokus auf demografische Entwicklung Kähler (2023) sowie mit Fokus auf sozialräumliche Segregation Kähler und Rohkohl (2023) auf. Literaturverzeichnis Balz, E. & Kuhlmann, D. (Hrsg.). (2009). Sportentwicklungen in Deutschland: Bd. 21. Sportentwick‐ lung. Grundlagen und Facetten. Meyer & Meyer. Abruf unter http: / / www.dersportverlag.de/ media/ uploads/ 9783898993487p.pdf. Bindel, T. (2009). Entwicklungspotenziale des informellen Freizeitsports. In E. Balz & D. Kuhlmann (Hrsg.), Sportentwicklung. Grundlagen und Facetten (S.-211-224). Meyer & Meyer. Braun, S., & Hansen, S. (2022). Pluralisierte Sportlandschaften in der Stadtgesellschaft. Play‐ ground@Landscape, 4 (15), 34-42. Bundesinstitut für Sportwissenschaft (2000). 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Gustav Fischer Verlag. 16 Sportentwicklungsplanung 293 <?page no="295"?> 17 Sport und Nachhaltigkeit Olivia Wohlfart und Chris Horbel Lernziele | Die Leser: innen ● erkennen, warum Nachhaltigkeit ein zentrales gesellschaftliches Leitprinzip darstellt und können zwischen ökologischer, ökonomischer und sozialer Nach‐ haltigkeit unterscheiden, ● verstehen, wie sich die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) auf den Sport beziehen und wie sich diese in internationalen und nationalen Kontexten (z. B. im Bildungsbereich oder im Verbandswesen) widerspiegeln, ● können sportsoziologische Perspektiven auf Nachhaltigkeit anwenden, indem sie die Wechselwirkungen zwischen Gesellschaft, Sport und Binnenstrukturen im Sport im Kontext nachhaltiger Entwicklung analysieren, ● reflektieren, wie Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) im Sport umge‐ setzt werden kann und wie sportliche Akteure zur Förderung von Transfor‐ mationsprozessen beitragen können. Wissens-Check | Zu diesem Kapitel werden online Lernfragen angeboten. Sie können diese über den QR-Code scannen oder über den folgenden Link aufrufen: https: / / narr.kwaest.io/ s/ 1493. 17.1 Einleitung Die Welt steht vor komplexen Herausforderungen: Klimakrise, soziale Ungleichheit, Ressourcenverbrauch und wirtschaftliche Disparitäten gefährden die Grundlagen nachhaltiger Entwicklung. Auch auf lokaler Ebene - etwa in Schulen, Vereinen oder Städten - rücken Fragen der ökologischen Verantwortung, sozialen Teilhabe und ökonomischen Tragfähigkeit zunehmend in den Fokus. Nachhaltige Entwicklung ist in diesem Zusammenhang kein statischer Zustand, sondern ein langfristiger, gesellschaftlicher Transformationsprozess mit dem Ziel, nachhaltige Lebensweisen zu ermöglichen. Was unter nachhaltiger Entwicklung verstanden wird, zeigt die Definition der Brundtland-Kommission: <?page no="296"?> Definition | Nachhaltige Entwicklung Nachhaltig ist eine Entwicklung, „die den Bedürfnissen der heutigen Generation entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, ihre eigenen Bedürfnisse zu befriedigen und ihren Lebensstil zu wählen.” (World Commission on Environment and Development, 1987) Auch der Sport ist Teil dieser Entwicklung. Aufgrund seiner gesellschaftlichen Reich‐ weite, seiner Wertorientierung, seiner symbolischen Kraft und seiner Ressourcennut‐ zung kommt dem Sport eine besondere Verantwortung zu - sowohl im Hinblick auf seine Wirkungen nach außen als auch im Hinblick auf seine eigene Struktur. Der Sport ist nicht nur Betroffener ökologischer, ökonomischer und sozialer Veränderungen, sondern auch Gestalter: Er erreicht Menschen aller Altersgruppen, prägt Werte, schafft Gemeinschaft - und verbraucht gleichzeitig Energie, Flächen, Materialien und Aufmerksamkeit. Die Soziologie, die sich mit dem Wechselspiel zwischen Individuen, Institutionen und Gesellschaft beschäftigt, kann maßgeblich zur Beantwortung von Fragen wie „Wie beeinflussen gesellschaftliche Nachhaltigkeitsdiskurse den Sport? “ oder „Wie kann der Sport selbst zum Motor sozialer oder ökologischer Transformation werden? “ beitragen. Die wissenschaftliche Debatte um Nachhaltigkeit im Sport hat in den letzten Jahren an Tiefe und Breite gewonnen. Ziel des Kapitels ist es, Grundwissen zum Zusammen‐ hang von Sport und Nachhaltigkeit aus sportsoziologischer Perspektive zu vermitteln. Dazu wird zunächst der Nachhaltigkeitsbegriff selbst eingeordnet - sowohl in einem engen Verständnis als auch in einem weiten Sinne, der soziale Gerechtigkeit und ökonomische Stabilität umfasst. Im Anschluss wird die UN-Agenda 2030 vorgestellt, insbesondere die darin formulierten „Sustainable Development Goals (SDGs)“, die als globaler Referenzrahmen für nachhaltige Entwicklung gelten. Im Zentrum des Kapitels steht die sportsoziologische Analyse wechselseitiger Beziehungen zwischen Sport und Gesellschaft im Kontext nachhaltiger Entwicklung - von gesellschaftlichen Einflüssen auf den Sport über dessen Wirkung auf gesellschaft‐ liche Transformationsprozesse bis hin zur Verankerung von Nachhaltigkeit in den Strukturen des Sportsystems selbst. Darauf aufbauend wird im vierten Abschnitt das Konzept der Bildung für nachhal‐ tige Entwicklung (BNE) im Sportkontext beleuchtet - inklusive konkreter Umsetzungs‐ beispiele. Abschließend werden offene Fragen, Herausforderungen und Perspektiven für Forschung, Lehre und Praxis skizziert. Das Kapitel möchte dabei nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch zur Reflexion anregen: Welche Rolle spielt der Sport in einer nachhaltigen Gesellschaft? Und welche Rolle kann er spielen? 296 VII. Sport, Raum und Umwelt <?page no="297"?> 17.2 Nachhaltigkeit und die Sustainable Development Goals (SDGs) Nachhaltigkeit wird im öffentlichen Diskurs oft auf ökologische Fragen wie Klima‐ wandel oder Artenverlust verengt. Angesichts globaler Umweltkrisen - etwa der vom Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC, 2018) dokumentierten Zunahme extremer Wetterereignisse oder der von Steffen et al. (2015) und Richardson et al. (2023) beschriebenen planetaren Belastungsgrenzen - ist diese Fokussierung nachvollziehbar. Doch Nachhaltigkeit umfasst mehr. Spätestens der Bericht der Brundtland-Kom‐ mission (World Commission on Environment and Development, 1987) etablierte ein Verständnis, das ökologische, soziale und ökonomische Dimensionen integriert und zwei Leitprinzipien hervorhebt: die Befriedigung grundlegender Bedürfnisse - insbesondere benachteiligter Gruppen - sowie Generationengerechtigkeit. Darauf baut das verbreitete Drei-Säulen-Modell nachhaltiger Entwicklung auf, das die Gleichwertigkeit ökologischer, sozialer und ökonomischer Aspekte betont (vgl. Abb. 17.1a; Mebratu, 1998). Alternativ setzt das Vorrangmodell die Ökologie als Grundlage gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Prozesse (vgl. Abb. 17.1b). Ein weiterführender integrativer Ansatz ist Raworths (2017) „Doughnut-Modell“, das einen sicheren und gerechten nachhaltigen Handlungsraum definiert, begrenzt durch planetare Grenzen und soziale Mindeststandards. Soziales Wirtschaft Ökologie Ökologie Soziales Wirtschaft a) b) Abb. 17.1: Nachhaltigkeit im Spannungsfeld ökologischer, sozialer und ökonomischer Aspekte. Insgesamt zeigt sich: Der Begriff Nachhaltigkeit hat sich von einem umweltpolitischen Anliegen zu einem ganzheitlichen Entwicklungsprinzip erweitert. Dieses weite Ver‐ ständnis bildet die Grundlage für die folgenden Abschnitte, die die Verflechtungen zwischen Sport und nachhaltiger Entwicklung aus ökologischer, sozialer und ökono‐ mischer Perspektive beleuchten. 17 Sport und Nachhaltigkeit 297 <?page no="298"?> Seit dem Brundtland-Bericht (World Commission on Environment and Develop‐ ment, 1987) wurde das Leitbild nachhaltiger Entwicklung in zahlreichen internationa‐ len Rahmenwerken konkretisiert. Auf die Millennium Development Goals (MDGs), die Schwerpunkte auf Armutsbekämpfung, Gesundheit und Bildung legten (United Nations General Assembly, 2000), folgten im Jahr 2015 die umfassenderen Sustainable Development Goals (SDGs) als Kern der Agenda 2030 (vgl. Abb. 17.2; UN, 2015). Die 17 SDGs mit 169 Unterzielen verbinden ökologische, soziale und ökonomische Dimensionen nachhaltiger Entwicklung (UN, 2015) - von Armutsreduktion und Bil‐ dung über Geschlechtergleichstellung und nachhaltige Städte bis zu Klimaschutz und globaler Partnerschaft. Abb. 17.2: Die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals - SDGs) der UN (2015). Als globaler Orientierungsrahmen dienen die SDGs Regierungen, Organisationen und Unternehmen sowie Kommunen, Hochschulen und zivilgesellschaftlichen Akteuren als Grundlage, um Nachhaltigkeitsziele systematisch zu planen, umzusetzen und zu evaluieren. Dennoch stehen die SDGs auch in der Kritik. Drei zentrale Kritikpunkte sind: 1. Komplexität und Unschärfe: Die große Zahl an Zielen und Unterzielen erschwert Prioritätensetzung und konkrete Umsetzung (Elder et al., 2016). 298 VII. Sport, Raum und Umwelt <?page no="299"?> 2. Wachstumskritik: Mehrere SDGs setzen explizit auf ökonomisches Wachstum (z. B. Ziel 8: menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum), was potenziell in Konflikt mit planetaren Grenzen geraten kann (Hickel, 2019). 3. Fehlende Verbindlichkeit: Die SDGs sind politisch motivierend, aber völkerrecht‐ lich nicht bindend - ihre Umsetzung hängt stark vom politischen Willen auf nationaler und lokaler Ebene ab. Trotz bestehender Herausforderungen bleibt die Agenda 2030 ein zentrales Steuerungs‐ instrument globaler Nachhaltigkeitspolitik - auch für den Sport. Die SDGs bieten normative Orientierung und konkrete Zielvorgaben, an denen sportbezogene Akteure ihr Handeln ausrichten und legitimieren können. 17.3 Sportsoziologische Perspektiven auf Nachhaltigkeit Um die komplexen Wechselwirkungen zwischen Sport und Gesellschaft differenziert analysieren zu können, bietet sich die Orientierung an den drei klassischen Analyse‐ richtungen der Sportsoziologie an - wie sie in der Tradition von Heinemann (2007) etabliert wurden. Diese Dreiteilung unterscheidet zwischen ● den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, unter denen Sport stattfindet (Gesell‐ schaft → Sport), ● den Wirkungen sportlicher Praxis und Organisation auf die Gesellschaft (Sport → Gesellschaft) und ● den Binnenstrukturen des Sports, also seinen eigenen Organisationsformen, Nor‐ men und Interaktionsmustern (Binnenstruktur des Sports). Diese drei Perspektiven ermöglichen es, das Thema Nachhaltigkeit im Sport nicht nur auf ökologische Maßnahmen zu reduzieren, sondern soziale, kulturelle und ökonomi‐ sche Verflechtungen sichtbar zu machen. Im Folgenden werden diese drei Perspektiven einzeln betrachtet und jeweils mit Blick auf Potenziale, Herausforderungen und Zielkonflikte im Zusammenhang mit nachhaltiger Entwicklung analysiert. 17.3.1 Gesellschaft → Sport Sport ist kein isoliertes Phänomen, sondern in politische, wirtschaftliche und kulturelle Strukturen eingebettet (Heinemann, 2007). Nachhaltigkeitsanforderungen ergeben sich daher aus gesellschaftlichen Normen, Diskursen und Erwartungen, die den Sport sowie seine Organisation, Werte und Entwicklungsmöglichkeiten prägen. Bereiche wie Politik, Wirtschaft, Medien oder Zivilgesellschaft wirken darauf ein, welche Praktiken im Sport gefördert werden und welche Themen - etwa Umweltauswirkungen oder soziale Verantwortung - Aufmerksamkeit erhalten (Coakley & Pike, 2014). Im Kontext nachhaltiger Entwicklung zeigt sich dies besonders deutlich: Politische Programme wie die Agenda 2030, mediale Debatten über Umweltwirkungen von 17 Sport und Nachhaltigkeit 299 <?page no="300"?> Großveranstaltungen oder zivilgesellschaftliche Bewegungen erzeugen wachsenden Druck, Nachhaltigkeit auch im Sport umzusetzen. Die Fähigkeit des Sports, nachhaltig zu handeln, hängt somit von externen Anreiz- und Erwartungsstrukturen ab. Die Stakeholder-Theorie verdeutlicht dies: Sportorga‐ nisationen sichern ihre Legitimität nur, wenn sie die Interessen relevanter Gruppen wie Fans, Kommunen, Sponsoren, Umweltinitiativen oder politischer Akteur: innen berücksichtigen (Freeman et al., 2018). Beispiel | UEFA Klub-Lizenzsystem Die UEFA verlangt im Rahmen ihres Klub-Lizenzsystems die Benennung eines Beauftragten für soziale und ökologische Nachhaltigkeit (SES Officer) - ein Bei‐ spiel dafür, wie normative gesellschaftliche Ansprüche in verbindliche sportliche Anforderungen überführt werden (UEFA, 2024). Auch wirtschaftliche Entwicklungen wie Nachhaltigkeitsberichterstattung, Lieferket‐ tengesetze oder Reputationsrisiken verstärken den Druck auf Sportorganisationen, Nachhaltigkeit strategisch zu berücksichtigen (Todaro et al., 2023). Dadurch entstehen für Sportorganisationen neue Anreizstrukturen, sich mit Nachhaltigkeit auseinander‐ zusetzen - teils aus Überzeugung, teils aus strategischer Notwendigkeit (Breitbarth et al., 2025; Strittmatter et al., 2025). 17.3.2 Sport → Gesellschaft Sport besitzt eine hohe gesellschaftliche, symbolische und mediale Wirkung (siehe Kapitel 12). Aus soziologischer Perspektive stellt sich daher die Frage, welchen Beitrag er zur nachhaltigen Entwicklung leisten kann. Die Agenda 2030 erkennt den Sport ausdrücklich als „enabler of sustainable development“ an (UN, 2015) - als Bereich nachhaltiger Entwicklung und zugleich als Akteur gesellschaftlicher Transformation. Diese Sicht prägt das Konzept „Sport for Sustainable Development“ (S4SD), das den Sport als Plattform zur Förderung von Gesundheit, Bildung, sozialer Teilhabe und Frieden versteht (Triantafyllidis & Mallen, 2022). Durch seine mediale Reichweite und Vorbildfunktion kann der Sport Werte vermitteln und Verhaltensänderungen anstoßen. Athlet: innen, Vereine und Verbände verfügen dabei über besondere kommunikative Strahlkraft, etwa in Kampagnen zu Diversität, Klimaschutz oder Gesundheit (Beutler, 2008; Filo et al., 2015). Beispiel | FC Internationale Berlin Der FC Internationale Berlin 1980 e. V. ist seit 2021 der erste nachhaltig zertifizierte Amateurfußballverein in Deutschland. Mit seinem nachhaltigkeitsbezogenen Han‐ deln möchte der Verein zur Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft und des Planeten 300 VII. Sport, Raum und Umwelt <?page no="301"?> beitragen und innerhalb und außerhalb des Vereins ein Vorbild sein (FC Interna‐ tionale Berlin, 2025). Im Rahmen des Projektes „DAS TRIKOT“ entwickelte der Verein gemeinsam mit runamics und dem Textilhersteller HAKRO das erste Cradle to Cradle Gold-zertifizierte Fußballtrikot, ein vollständig kreislauffähiges Produkt aus einem sortenreinen Polymer, frei von Schadstoffen, biologisch abbaubar und technisch recycelbar. Die Lieferkette ist vollkommen transparent: Alle Produkti‐ onsschritte erfolgen innerhalb von 20 km in Portugal. Ein Rücknahmesystem für getragene Trikots gehört ebenfalls zum Konzept. Auf der Brust trägt das Trikot den Schriftzug „NO RACISM“, der das langjährige gesellschaftliche Engagement des Vereins gegen Diskriminierung sichtbar macht - statt eines klassischen Sponsors (Klischewski & Otten, 2025). Gleichzeitig darf der Sport nicht idealisiert oder gar generalisiert werden. Während Sport einerseits ein Medium der Aufklärung, Beteiligung und Transformation sein kann, trägt er auch zu ökologischen und sozialen Problemen bei. Vor allem Groß‐ veranstaltungen verursachen erhebliche Umweltbelastungen durch Reisen, Infrastruk‐ tur, Energieverbrauch und Abfall; sie emittieren regelmäßig Millionen Tonnen CO₂ (McCullough, Orr & Watanabe, 2020; Ross & Orr, 2023). 17.3.3 Binnenstruktur Sport Die Binnenstruktur des Sports umfasst die internen Regeln, Prozesse und Organisa‐ tionslogiken von Vereinen, Verbänden, Unternehmen und anderen sportbezogenen Institutionen (Heinemann, 2007). Sie bildet den Rahmen, innerhalb dessen Entschei‐ dungen getroffen, Ressourcen verteilt und Ziele gesetzt werden - und damit auch dafür, ob und wie Nachhaltigkeit verankert oder behindert wird. Im Gegensatz zu externen gesellschaftlichen Einflüssen richtet diese Perspektive den Blick auf die Eigenlogik sportlicher Organisationen: Wie interpretieren sie Nachhal‐ tigkeit, und welche internen Anreizsysteme, Machtstrukturen oder Routinen fördern oder blockieren nachhaltiges Handeln? Die Binnenstruktur des Sports umfasst die institutionelle Verankerung von Nach‐ haltigkeit, den Umgang mit Zielkonflikten sowie die Fähigkeit zu organisationalem Lernen. Nachhaltigkeit kann nur wirksam werden, wenn sie strategisch in Satzungen, Leitbildern und Steuerungsprozessen verankert ist, interne Spannungsfelder zwischen Leistung, Wirtschaftlichkeit und Verantwortung ausbalanciert werden und Innovatio‐ nen langfristig in die Organisationskultur übergehen. McCullough et al. (2016) beschreiben die ökologische Transformation im Sport anhand von „Green Waves“: von einzelnen Umweltmaßnahmen („wave 1“) über deren institutionelle Routinisierung („wave 2“) bis zur strategischen und kulturellen Integration von Nachhaltigkeit („wave 3“). Das Modell verdeutlicht, dass Verände‐ 17 Sport und Nachhaltigkeit 301 <?page no="302"?> rungsprozesse mehrstufig und nicht linear verlaufen sowie anfällig für Rückschritte sind - etwa bei Ressourcenknappheit oder veränderten Prioritäten. Ein konkreter Ausdruck struktureller Verankerung ist das Nachhaltigkeitsleitbild des DOSB (o.D.-b), das ökologische, soziale und ökonomische Handlungsfelder wie Veranstaltungsplanung, Infrastruktur sowie Aus- und Fortbildung umfasst. Auch auf Landesebene entstehen entsprechende Programme: Beispiel | N! -Charta Sport Baden-Württemberg Die 2019 eingeführte N! -Charta Sport bietet Vereinen und Verbänden einen nie‐ derschwelligen Einstieg in nachhaltiges Handeln. In einem fünfstufigen Prozess verpflichten sich Organisationen, jährlich aus zwölf Leitsätzen konkrete Maßnah‐ men auszuwählen, umzusetzen und zu evaluieren (Ministerium für Umwelt, Klima und Energiewirtschaft BW, 2025). Bis 2025 haben fast 80 Vereine und Verbände die Charta unterzeichnet - angesichts von über 11.000 Vereinen in Baden-Württem‐ berg noch ein geringer Anteil, der jedoch die Potenziale einer breiten Diffusion aufzeigt (Nachhaltig handeln Baden-Württemberg, 2025). Für Sportveranstaltungen existieren inzwischen Leitfäden für nachhaltige Planung - etwa im Rahmen von „Green Events“ -, die Mobilität, Ressourcenschonung, faire Beschaffung oder CO₂-Kompensation adressieren (BMU, 2020). Ihre Umsetzung bleibt jedoch meist freiwillig und hängt von Budget, Veranstaltungsgröße und organisatori‐ schen Prioritäten ab (BMU, 2020). Im Profisport und bei internationalen Wettbewerben treten strukturelle Zielkon‐ flikte besonders deutlich hervor: Internationale Ligensysteme und globale Turnierfor‐ mate verursachen hohe Reiseemissionen, entkoppeln den Sport vom lokalen Bezug und erzeugen erhebliche, bislang kaum regulierte Umweltfolgekosten. Hier stehen Wachstums- und Vermarktungslogiken im Widerspruch zu ökologischer Nachhaltig‐ keit (Gammelsæter & Loland, 2023). Hinzu kommt, dass Nachhaltigkeit im Sport vielfach eher kommunikativ als strukturell verankert ist (Rocha & McCullough, 2026). Der Begriff „Greenwashing“ beschreibt die Praxis, wie Organisationen Nachhaltigkeit öffentlichkeitswirksam ein‐ setzen, ohne interne Entscheidungsprozesse oder Strukturen substanziell zu verändern (Kleinschmidt & Breitbarth, 2025; Rocha & McCullough, 2026). Insgesamt zeigt die Binnenstruktur des Sports eine ambivalente Entwicklung: Zwar entstehen zunehmend Strategien und Leitbilder, doch ihre Umsetzung bleibt oft selektiv oder symbolisch (Hugaerts & Könecke2025; Strittmatter et al., 2025). 17.4 Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) im Sport Nach der Analyse struktureller und gesellschaftlicher Aspekte richtet sich der Blick nun auf die Bildungsdimension nachhaltiger Entwicklung. Bildung für nachhaltige 302 VII. Sport, Raum und Umwelt <?page no="303"?> Entwicklung (BNE) befähigt Menschen dazu, Zukunft verantwortungsvoll mitzuge‐ stalten - auch im und durch Sport. Definition | Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) BNE wird als Grundlage angesehen, indem sie allen Menschen „Wissen, Kompe‐ tenzen, Werte und Einstellungen vermittelt, die notwendig sind, um den Wandel hin zu einer nachhaltigen Entwicklung mitzugestalten“ (UNESCO, 2015). International wurde BNE über mehrere Initiativen politisch verankert, u. a. die UN-Weltdekade (2005-2014), das UNESCO-Weltaktionsprogramm (2015-2019) und aktuell „ESD for 2030“ (ESD: Education for Sustainable Development; UNESCO, 2020). Auf nationaler Ebene ist BNE in zahlreichen Bildungsplänen als Querschnittsaufgabe verankert. In Deutschland sollen Themen wie Klimaschutz, Ressourcennutzung, Kon‐ sumkritik oder soziale Teilhabe fächerübergreifend vermittelt werden (Gräsel, 2017). Auch im Sportkontext ist BNE anschlussfähig - nicht nur im Schulsport, sondern auch im Vereinssport, in der Trainer: innenausbildung oder in Leitbildern von Verbän‐ den. Sport bietet Lernräume, in denen nachhaltige Werte, Kompetenzen und Beteili‐ gung praktisch erfahrbar werden. Gleichzeitig wächst der Druck, BNE strukturell im Sport zu verankern - durch Bildungspläne, Förderkriterien oder Programme von Sportorganisationen. Die Perspektive der Sportsoziologie auf BNE ist dabei doppelt gerichtet. Einerseits kann der Sport als Bildungsakteur gesellschaftlich wirken, indem er Reflexionsräume schafft, Diversität thematisiert und nachhaltiges Handeln fördert. Andererseits wird der Sport selbst adressiert, etwa durch politische Programme, Bildungsstrategien oder zivilgesellschaftliche Erwartungen, die nachhaltige Bildungsarbeit im Sport einfordern. Auch innerhalb der Binnenstruktur des Sports spielt BNE eine zunehmende Rolle. Aktuelle Praxisbeispiele aus dem organisierten Sport und der Sportpädagogik zeigen, wie BNE in den letzten Jahren zunehmend konkret umgesetzt und institutionalisiert wurde: Beispiele | BNE Die Deutsche Sportjugend hat neben dem Grundsatzpapier von 2014 das Thema seit 2020 systematisch ausgebaut, etwa durch den Aktionsplan „Bildung - Jugend - Sport“, den Moderationskoffer BNE und die Weiterbildungsreihe „Nachhaltigkeit & BNE im Kinder- und Jugendsport“ (Deutsche Sportjugend, 2020; Deutsche Sportjugend, 2024). Auch der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) greift das Thema BNE auf und hebt im Handlungsfeld „Bildung fördern“ Übungsleiter: innen und Trainer: innen als 17 Sport und Nachhaltigkeit 303 <?page no="304"?> Multiplikator: innen hervor, die BNE im organisierten Sport vermitteln können (DOSB, o.D.-a). Ein konkretes Praxisbeispiel liefert das Projekt „Klima bewegt! “ der Technischen Universität München (2019-2021), das im Rahmen der Nationalen Klimaschutzini‐ tiative gefördert wurde. Im Rahmen des Projekts wurden 16 Übungseinheiten zu Themen wie Klimawandel, Mobilität und Konsum entwickelt, die spielerisch in den Sportunterricht integriert werden können, zudem werden Fortbildungen sowie frei verfügbare Materialien bereitgestellt (TUM, o.-D.; Klimaschutz.de, 2021). 17.5 Ausblick Die Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeit im Sport eröffnet zentrale soziologische Fragen: Wie wird Nachhaltigkeit definiert und umgesetzt? Welche Akteure setzen Maßstäbe - und mit welchen Interessen? Wie können soziale, ökologische und ökonomische Belange im Sport in ein ausgewogenes Verhältnis gebracht werden? In den vorangegangenen Abschnitten wurde deutlich, dass Nachhaltigkeit nicht nur eine technische oder ökologische Herausforderung darstellt, sondern eine gesell‐ schaftliche und kulturelle Querschnittsaufgabe, die den Sport auf allen Ebenen betrifft. Die Sportsoziologie kann in diesem Zusammenhang eine doppelte Rolle einnehmen: Einerseits beobachtet sie kritisch die Prozesse und Machtverhältnisse, die nachhaltige Entwicklung im Sport fördern oder behindern. Andererseits trägt sie dazu bei, neue Perspektiven und Reflexionsräume zu schaffen - etwa im Umgang mit Zielkonflikten, mit Symbolpolitik oder mit sozialen Ausschlüssen, die auch Nachhaltigkeitsdiskurse im Sport mit sich bringen können. Zugleich bleibt Nachhaltigkeit im Sport eine offene Gestaltungsaufgabe. Noch ist unklar, wie tief Nachhaltigkeitsstrategien tatsächlich in die Binnenlogik sportlicher Organisationen eindringen und wie dauerhaft solche Veränderungen sind. Gerade dort, wo kurzfristige Erfolge, ökonomische Interessen oder Traditionslogiken dominieren, stoßen nachhaltige Transformationsbemühungen oft an ihre Grenzen. Für die sportsoziologische Forschung ergeben sich daraus vielfältige Anschlussmög‐ lichkeiten: ● Wie verändern Nachhaltigkeitsziele die Entscheidungsprozesse in Sportvereinen, Verbänden oder bei der Organisation von Sportveranstaltungen oder in der Sportentwicklungsplanung (siehe Kapitel 16)? ● Welche Rolle spielen soziale Ungleichheiten (siehe Kapitel 6) bei der Umsetzung von Nachhaltigkeitsmaßnahmen? ● Wie wird Bildung für nachhaltige Entwicklung im Sport verstanden und konkret umgesetzt? ● Wie lässt sich Nachhaltigkeit aus Sicht der Beteiligten - etwa Trainer: innen, Athlet: innen oder Ehrenamtlicher - erfassen? 304 VII. Sport, Raum und Umwelt <?page no="305"?> Auch für die Lehre in Studium und Ausbildung bietet das Thema zahlreiche Anknüp‐ fungspunkte. Sportsoziologie kann helfen, Nachhaltigkeit mehrdimensional zu denken, kritisch zu reflektieren und konkrete Spannungsfelder zu analysieren - etwa zwischen Leistung und Verantwortung, zwischen Wachstum und Begrenzung oder zwischen Symbol und Struktur. Dabei sollte sie nicht nur bestehende Realitäten beschreiben, sondern auch zur Entwicklung zukunftsfähiger Praktiken beitragen. Weiterführende und vertiefende Literatur Als Einführung in das Forschungsfeld „Sport und Nachhaltigkeit“ eignet sich das Lehrbuch Nachhaltigkeit im Sport: Das Lehrbuch für Studierende und Fachkräfte der Sport- und Nachhaltigkeitswissenschaften ( Jansen & Roth, 2025). Es bietet einen systematischen Überblick über ökologische, soziale und ökonomische Aspekte im Sportkontext und verbindet wissenschaftliche Fundierung mit praxis‐ nahen Beispielen - ideal für Studium und Lehre. Wenn Sie sich intensiver mit der kommunikativen und strategischen Dimension von Nachhaltigkeit im Sport befassen möchten, lesen Sie CSR und Nachhaltigkeit im Sport: Konzeption, Kommunikation, Berichterstattung (Breitbarth, Breuer & Kleinschmidt, 2025). Der Band beleuchtet insbesondere die Rolle von Corporate Social Responsibility und zeigt, wie Nachhaltigkeit in Sportorganisationen doku‐ mentiert und nach außen getragen wird. Einen guten Überblick über die Zusammenhänge zwischen Sport, Umwelt und Gesellschaft bietet zudem das Routledge Handbook of Sport and the Environ‐ ment (McCullough & Kellison, 2018). Es enthält internationale Fallstudien und theoretische Beiträge zur Sportökologie, Veranstaltungsplanung und politischen Verantwortung im Sport. Literaturverzeichnis Beutler, I. (2008). Sport serving development and peace: Achieving the goals of the United Nations through sport. 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Weiterbildung: Bildung für nachhaltige Entwicklung über Bewegung, Spiel und Sport. https: / / www.dsj.de/ news/ weiterbildung-bildung-fuer-nachhaltig e-entwicklung-ueber-bewegung-spiel-und-sport Deutscher Olympischer Sportbund (DOSB). (o.D.-a). Bildung fördern. https: / / www.dosb.de/ the men/ sustainability/ bildung-foerdern Deutscher Olympischer Sportbund (DOSB). (o.D.-b.). Sustainability. Abgerufen am 13. Dezember 2025, von https: / / www.dosb.de/ themen/ sustainability Elder, M., Bengtsson, M., & Akenji, L. (2016). An Optimistic Analysis of the Means of Implemen‐ tation for Sustainable Development Goals: Thinking about Goals as Means. Sustainability, 8(9), 962. https: / / doi.org/ 10.3390/ su8090962 FC Internationale Berlin. (2025). Nachhaltigkeit. Retrieved 12.12.2025 from https: / / www.inter-b erlin.de/ seite/ 521939/ nachhaltigkeit.html Filo, K., Lock, D., & Karg, A. (2015). Sport and social media research: A review. 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Kleinschmidt (Hrsg.), CSR und Nachhaltigkeit im Sport: Konzeption, Kommunikation, Berichterstattung (S.-201-212). Springer Berlin Heidelberg. Klimaschutz.de. (2021). Projekt „Klima bewegt! - Klimabewusstes Verhalten im und durch Sport“. Nationale Klimaschutzinitiative. https: / / www.klimaschutz.de/ de/ foerderung-der-nki/ projek te/ klima-bewegt-klimabewusstes-verhalten-im-und-durch-sport 306 VII. Sport, Raum und Umwelt <?page no="307"?> Klischewski, A., & Otten, S. (2025). Die Wahrheit liegt endlich auf dem Platz: Kreislaufwirtschaft am Beispiel des weltweit ersten Fußballtrikot aus Cradle-to-Cradle-zertifizierten Materialien. In T. Breitbarth, M. Breuer, & J. Kleinschmidt (Hrsg.), CSR und Nachhaltigkeit im Sport: Konzeption, Kommunikation, Berichterstattung (S.-133-144). Springer Nature. McCullough, B. P., Pfahl, M. E., & Nguyen, S. N. (2016). The green waves of environmental sustainability in sport. Sport in Society, 19(7), 1040-1065. https: / / doi.org/ 10.1080/ 17430437.20 15.1096251 McCullough, B., & Kellison, T. B. (Hrsg.) (2018). Routledge Handbook of Sport and the Environment. Taylor & Francis. McCullough, B. P., Orr, M., & Watanabe, N. M. (2020). Measuring Externalities: The Imperative Next Step to Sustainability Assessment in Sport. Journal of Sport Management, 34(5), 393-402. https: / / doi.org/ 10.1123/ jsm.2019-0254 Ministerium für Umwelt, Kultur und Energiewirtschaft Baden-Württemberg (2025). N! -Charta Sport. https: / / um.baden-wuerttemberg.de/ de/ umwelt-natur/ nachhaltigkeit/ n-charta-sport Mebratu, D. (1998). Sustainability and sustainable development: Historical and conceptual review. Environmental Impact Assessment Review, 18(6), 493-520. https: / / doi.org/ 10.1016/ S01 95-9255(98)00019-5 Nachhaltig handeln Baden-Württemberg. (2025). N! -Charta Sport Mitglieder. 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Predicting climate impacts to the Olympic Games and FIFA Men's World Cups from 2022 to 2032. In J. A. L. Ludvigsen, J. Rookwood, & D. Parnell (Hrsg.), The Sport Mega-Events of the 2020s (S.-163-184). Routledge. Steffen, W., Richardson, K., Rockström, J., Cornell, S. E., Fetzer, I., Bennett, E. M., Biggs, R., Carpenter, S. R., de Vries, W., de Wit, C. A., Folke, C., Gerten, D., Heinke, J., Mace, G. M., Persson, L. M., Ramanathan, V., Reyers, B., & Sörlin, S. (2015). Planetary boundaries: Guiding human development on a changing planet. Science, 347(6223), 1259855. https: / / doi.org/ doi: 10 .1126/ science.1259855 Strittmatter, A.-M., Horbel, C., Traberg, J., Strömberg, J. Z., Bodemar, A., Grønkjær, A. B., & Hanstad, D. V. (2025). Prioritization of the Sustainable Development Goals in the sustainability transition process of sport organizations: national strategies and sport managers’ perspecti‐ 17 Sport und Nachhaltigkeit 307 <?page no="308"?> ves. German Journal of Exercise and Sport Research, 55(1), 94-103. https: / / doi.org/ 10.1007/ s12 662-024-00985-z Technische Universität München (TUM). (o. D.). Klima bewegt! Praxismaterialien. https: / / www .hs.mh.tum.de/ sportdidaktik/ praxismaterialien/ klima-bewegt Todaro, N. M., McCullough, B., & Daddi, T. (2023). Stimulating the adoption of green practices by professional football organisations: a focus on stakeholders’ pressures and expected benefits. Sport Management Review, 26(1), 156-180. https: / / doi.org/ 10.1080/ 14413523.2022.2046971 Triantafyllidis, S., & Mallen, C. (Eds.). (2022). Sport and Sustainable Development: An Introduction. Routledge. https: / / doi.org/ 10.4324/ 9781003128953 UEFA. (2024). How UEFA social and environmental sustainability requirements are catalysing change across Europe. https: / / www.uefa.com/ uefachampionsleague/ news/ 0293-1c6b667f54b8 -f4a056792649-1000--how-uefa-social-and-environmental-sustainability-requirem/ UNESCO. (2015). Berliner Erklärung zur Bildung für nachhaltige Entwicklung. https: / / www.bne -portal.de/ bne/ shareddocs/ downloads/ files/ Berliner_Erkl%C3%A4rung_barrierefrei.pdf ? __b lob=publicationFile&v=7 UNESCO. (2020). Education for sustainable development: Towards achieving the SDGs (ESD for 2030). UNESCO. https: / / www.unesco.org/ en/ education-sustainable-development/ esd-2030 United Nations General Assembly. (2000). United Nations Millennium Declaration (Resolution A/ RES/ 55/ 2). https: / / digitallibrary.un.org/ record/ 422015. United Nations (UN). (2015). Transforming our world: The 2030 Agenda for Sustainable Develop‐ ment. https: / / sdgs.un.org/ 2030agenda World Commission on Environment and Development. (1987). Report of the World Commission on Environment and Development: Our common future (A/ 42/ 427). United Nations. 308 VII. Sport, Raum und Umwelt <?page no="309"?> Informationen zu den Autor: innen Aalders, Sophia, arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Sportsoziologie an der Bergischen Universität Wuppertal. Sie forscht zu Diskriminie‐ rung und Rassismus. Borggrefe, Carmen, Prof. Dr., leitet an der Universität Stuttgart die Abteilung Sports‐ oziologie und -management. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der soziologischen Kommunikationsforschung, sportbezogenen Organisationsforschung sowie der Erforschung von Inklusions- und Exklusionsmechanismen im organisierten Sport. Burrmann, Ulrike, Prof. Dr. in , arbeitet an der Humboldt-Universität zu Berlin. Sie leitet die Abteilungen „Sportpädagogik“ am Institut für Sportwissenschaft und „Integration, Sport und Fußball“ am Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung. Sie forscht zu Themen der sportbezogenen Sozialisation von jungen Menschen, zu Sport und sozialer Ungleichheit, zur Wertesozialisation und zu gesellschaftspolitischen Einstellungen im organisierten Sport. Haut, Jan, PD Dr., vertritt die Professur für Sport- und Gesundheitssoziologie an der Georg-August-Universität Göttingen. Er forscht u. a. zu Sozialen Ungleichheiten und Teilhabe im Sport (z. B. Schichteffekte, Antisemitismus, Barrierefreiheit), gesellschaft‐ lichen Effekten des Spitzensports (z. B. Internationales Prestige, Vorbildwirkungen, Nationalstolz) sowie theoretischen Aspekten der Entwicklung des Sports (v. a. zu Norbert Elias‘ Figurationssoziologie). Heimburger, Alessa, arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Sportsoziologie an der Bergischen Universität Wuppertal. Sie forscht zu Sport und Geschlecht, Rassismus und Diskriminierung im Sport. Hoffmann, Andreas, Dr., arbeitet am Institut für Sportwissenschaft an der Univer‐ sität Stuttgart in der Abteilung Sportsoziologie und -management. Er forscht zu Kommunikationsprozessen im Sport sowie zu den strukturellen Bedingungen des Spitzensports. Hoppe, Theresa, Dr. in , ist Sport- und Bewegungsgerontologin und arbeitet an der Deutschen Sporthochschule Köln. Sie forscht aus sportsoziologischer Perspektive zum Thema Sport und Alter(n) in unterschiedlichen Lebenssituationen älterer Menschen. Ihr Schwerpunkt liegt auf sportlichen Aktivitäten in Pflegeeinrichtungen sowie dem wechselseitigen Wissenstransfer zwischen Wissenschaft und Praxis. Horbel, Chris, Prof. Dr., ist Professorin für Sportmanagement an der Norwegian School of Sport Sciences in Oslo, Norwegen. Ihre Forschung beschäftigt sich damit, wie Sportorganisationen durch Zusammenarbeit in Netzwerken mit ihren Stakeholdern <?page no="310"?> Wert schaffen. In diesem Zusammenhang beschäftigt sie sich unter anderem mit Fragestellungen zu Nachhaltigkeit im Sport und der Rolle des Sports für nachhaltige Entwicklung. Kraft, Christian, M. Sc., arbeitet im Arbeitsbereich ‚Sport und Gesellschaft‘ an der Universität Bielefeld und promoviert im Themenfeld ökologische Nachhaltigkeit und Wohlbefinden im Sport. Kronenbitter, Lara, arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Sportsoziologie an der Bergischen Universität Wuppertal. Sie forscht zu Kolonialität und Rassismus im Sport, intersektionalen Diskriminierungserfahrungen und Wissens‐ produktionen. Kukuk, Marc, Dr., ist Lehrkraft für besondere Aufgaben im Arbeitsbereich Sportsozi‐ ologie an der Universität Paderborn und Studiengangskoordinator des Masterstudien‐ gangs Betriebliches Gesundheitsmanagement. Er lehrt und forscht insbesondere zu sozialer Gesundheit, Migrationsprozessen im Sport, Partizipation in der Sportentwick‐ lungsplanung sowie Spielplätzen. Meier, Heiko, Prof. Dr., leitet den Arbeitsbereich Sportsoziologie an der Universität Paderborn, er lehrt und forscht u. a. zu den Themen Inklusive Sport(vereins)ent‐ wicklung, Sportentwicklungsplanung, Organisationsforschung im Sport, Betriebliches Gesundheitsmanagement. Er ist Mit-Herausgeber der Sport und Gesellschaft sowie Gutachter für nationale und internationale Fachzeitschriften. Michelini, Enrico, PD Dr., arbeitet derzeit als Gastprofessor an der Humboldt Universität Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind Sport im Kontext von Bewe‐ gungsförderung, Migration, sozialen Konflikten und Extremismus. Müller, Katrin, PD Dr., arbeitet an der TU Chemnitz im Arbeitsbereich Sport, Bewegung und Gesundheitsförderung und forscht zu folgenden Arbeitsschwerpunk‐ ten: gesundheitsbezogene Bewegungsförderung unter Beachtung biopsychosozialer Determinanten bei verschiedenen Zielgruppen (Ältere, Patient: innen mit Post-COVID oder chronischen Erkrankungen) in verschiedenen Settings (Kommune, Rehabilitati‐ ons-/ Pflegeeinrichtungen). Mutz, Michael, Prof. Dr., Professor für Sozialwissenschaften des Sports an der Justus-Liebig-Universität Gießen, forscht zur sozialen Ungleichheit der Sportbeteili‐ gung, zu den Effekten des Sports auf Integration und Lebenszufriedenheit und zur gesellschaftlichen Wahrnehmung des Spitzensports. Nobis, Tina, Prof.in Dr. in , leitet den Arbeitsbereich Sportsoziologie an der Bergischen Universität Wuppertal. Sie forscht zu Rassismus und Othering im Sport, Belonging und Sport, Demokratie und Sport sowie zu sozialen Ungleichheiten und Sport. 310 Informationen zu den Autor: innen <?page no="311"?> Rai, Mahima, (sie/ ihr) arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Arbeitsbereich Sportsoziologie an der Bergischen Universität Wuppertal. Ihre Forschungschwer‐ punkte sind Dekolonialität, Intersektionalität, Belonging, Rassismus und Jugend. Riedl, Lars, Dr., ist Lehrkraft für besondere Aufgaben im Arbeitsbereich Sportsoziolo‐ gie an der Universität Paderborn und hat die Fachleitung Sport im B.Sc. Sportökonomie inne. Seine Forschungsschwerpunkte liegen u. a. in den Bereichen Sportpublikum und Fans, Sportentwicklungsplanung, Partizipation, Sportorganisationen. Ruin, Sebastian, Prof. Dr., ist Professor für Bewegungs- und Sportpädagogik an der Universität Graz und forscht zur Bedeutung des Körpers in sportpädagogischen Zusammenhängen sowie zu Diversität im Sport. Schallhorn, Christiana, Prof. Dr., ist Juniorprofessorin für Sportsoziologie an der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz. In ihrer Forschung befasst sie sich mit Fra‐ gestellungen an der Schnittstelle von Medien, Sport und Gesellschaft. Ein besonderer Schwerpunkt liegt auf der medialen Darstellung von Sport und Sportgroßereignissen sowie deren gesellschaftlicher Wirkung. Schlesinger, Torsten, Prof. Dr., leitet den Arbeitsbereich Sport, Bewegung und Gesundheitsförderung an der TU Chemnitz. Seine Arbeits- und Forschungsschwer‐ punkte umfassen die Bereiche Sportentwicklung in Kommunen und Sportvereinen, sozioökonomische Analysen zum individuellen Bewegungs- Sportverhalten unter Berücksichtigung sozialer und struktureller Determinanten sowie Analysen zum Mitgliederhandeln in Sportorganisationen. Schwier, Jürgen, Prof. Dr., lehrt und forscht an der Europa-Universität Flensburg. Von 2000 bis 2009 ist er Professor für sozialwissenschaftliche Grundlagen des Sports an der Justus-Liebig-Universität Gießen gewesen. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Themen aus den Bereichen bewegungsorientierte Jugendkulturen, informeller Sport, Schulsport und medienvermittelte Sportkommunikation. Sobiech, Gabriele, Prof. Dr., arbeitet an der Pädagogischen Hochschule Freiburg. Ihre Schwerpunkte in Forschung und Lehre liegen in der Soziologie des Körpers und des Sports sowie in den Gender Studies. Wagner, Ingo, Prof. Dr., arbeitet als Professor und Lehrstuhlinhaber für Sportwis‐ senschaft an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg. Zuvor war er Lehrstuhlin‐ haber für Sportpädagogik, Sportsoziologie und Gesundheitsbildung an der Universität Freiburg. Ziel seiner Forschung ist, die Zukunft von Bildung durch innovative Per‐ spektiven mitzugestalten. Dabei finden übergreifende Aspekte wie Digitalisierung, Heterogenität, Gender/ Diversity, Organisationsentwicklung und die Prävention von (sexualisierter) Gewalt besondere Berücksichtigung. Wicker, Pamela, Prof. Dr., leitet den Arbeitsbereich ‚Sport und Gesellschaft‘ an der Universität Bielefeld und forscht zu den Themen (1) Sportorganisation und Frauen in Informationen zu den Autor: innen 311 <?page no="312"?> Führungspositionen im Sport, (2) gesellschaftliche Bedeutung und Nachhaltigkeit im Sport sowie (3) Sportpartizipation, Wohlbefinden und Public Health. Wohlfart, Olivia, Dr., ist Sportwissenschaftlerin mit einem Fokus auf die gesellschaft‐ lichen und bildungsbezogenen Dimensionen des Sports. Sie promovierte im Fach Sportmanagement an der Universität Leipzig und war anschließend als Postdoktoran‐ din am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) sowie als Vertretungsprofessorin an der Universität Erfurt tätig. Wulf, Oliver, arbeitet als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Arbeitsbereich Sports‐ oziologie an der Bergischen Universität Wuppertal. Seine Schwerpunkte in der For‐ schungs- und Lehrtätigkeit sind u. a. Kommunale Sportentwicklung, Organisationsent‐ wicklung im Sport, Sportgeschichte und Methoden der empirischen Sozialforschung. Zander, Benjamin, Prof. Dr., arbeitet an der Universität Osnabrück am Institut für Sport- und Bewegungswissenschaften. Er leitet dort den Arbeitsbereich Sport und Gesellschaft und widmet sich der sozialwissenschaftlichen Schulsportforschung (u. a. Rekonstruktion der Schüler: innenperspektive), der sportbezogenen Peerforschung im Kindes- und Jugendalter (u. a. kollektive Orientierungen von Peergroups) und der Sozialisations- und Ungleichheitsforschung im Sport (u. a. Zugang zum Vereinssport von Jugendlichen mit Migrationshintergrund). 312 Informationen zu den Autor: innen <?page no="313"?> Register Aktives Altern-92, 96 Alter-89, 92, 95, 118 biologisches-95 chronologisches-95 soziales-95 Altersbilder-96, 98, 102 Assimilationsansätze-148 Asylsuchende-150 autopoietisch-235 Befragung-54 Beobachtung-55 Bewegungsempfehlungen-67, 98, 101, 176, 179f., 183, 188 Bewegungsmangel-179f. Bildinszenierung-215 Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE)-303 binäre Codes-235 BIPoC-260, 265, 267, 270 bivariate Korrelationen-82 Bottom-up-Prozess-282 Breitensport-18, 182 Bro-Science-204 Chancengleichheit-136 class-132 Datenrepositorien-63 Defizitmodell-92 Demokratiefunktion-28 Depression-91, 177, 249 Deutscher Olympischer Sportbund (DOSB)-19 Differenzdimensionen-122 Differenzen-121 Differenzlinien-121 Disengagement-92 Diskriminierung-58, 137 Diversität-120ff., 268 doing differences-121, 131 Dokumentenanalyse-60 Einsamkeit-78, 90 Eltern-73, 75f., 78ff. Epistemologie-53 Erkenntnisziele von Wissenschaft-51 Erziehungsorientierung-79 eSport-229f., 232, 237 Ethnografie-59 Exklusionsmodelle-119 Experiment-55 Fairness-136 Familie-78 Feldforschung-200 Feldzugänge-61 Feminisierung des Alters-89 Figurationen-165, 169 Figurationssoziologie-42 Fitness-96, 100, 132, 170f., 175, 186, 203f. Fitness-Apps-204 Fitnesssport-138, 171f., 198, 203 Flüchtling-150, 155 Freizeitsport-22, 80 Funktionen der Sportvereine-25 Funktionen des organisierten Breitensports-25 Funktionen des Spitzensports-23 Funktionen des Sports-22 Gegenstandsangemessenheit-60 gender-129, 132 Gender Verification Tests-135 Geschlecht-127, 134, 169f. biologisches-129 soziales-129 Geschlechterverhältnisse-129 <?page no="314"?> Geschlechtszugehörigkeit, konstruktivistische-130 Gesundheit-176f., 182 objektive-177 subjektive-178 Gesundheitsförderung-183, 185 Gesundheitsfunktion-26 Gesundheitsverständnis, biopsychosoziales-177 Grooming-248 Gruppendiskussion-59 Gütekriterien-56, 60 Habitus-72, 133, 167 Healthismus-175 Herkunftsfamilie-79 Heteronormativität-131 Inklusionsmodelle-119 Integration-148, 151ff. Interaktion, körperliche-166 intergenerationale Vererbung-78 interpretative Theorien-38 interpretativ-konstruktivistisches Paradigma-53 Intersektionalität-91, 122, 131, 263 Kausalität-57 Kinder- und Jugendhilfegesetz-80 Kindheit-77 Klassenmodelle-117 Kolonialismus-261 Konfundierung-57 Konzentrationsprobleme-78 Körper-127, 163ff., 168 Körperpraktiken-167 Körpersoziologie-163, 168 Körpertheorien, soziologische-165 Kovariation-57 Kreissportbund-19 Kritischer Rationalismus-50 Kritische Theorie-41 Lagemodelle-118 Landesfachverband-19 Landessportbund-19, 252 Lebensalter-98 Lebenserwartung-89 Lebensführung-74 Lebenslage-74, 134 Lebensraum-79 Lebensspanne-73 Lebensstil-78, 151 Lebensstilmodelle-119 Leib-168 Leistung-201 Leistungssport-134, 201, 246 Macht-165, 169 Machtmissbrauch-249 Makrosoziologie-36 Männlichkeitskonstruktionen-132 Mannschaftssport-266 Medialisierung-213 Mediatisierung-211-214, 217, 220f. Medien-205, 211, 213f. Medienanalyse-60 Medienlogik-214 Mediennutzung-78 Mediensportarten-216 Mesosoziologie-37 Methodenkanon-50 Methodenpluralismus-50 Methodologie-51 MeToo-Bewegung-246 Migration-145-148 Migrationshintergrund-147 Mikroaggressionen-268 Mikrosoziologie-36 Milieumodelle-119 Mixed-Methods-Designs-62 Multimorbidität-91 nachhaltige Entwicklung-296 Nachhaltigkeit-296, 299 314 Register <?page no="315"?> Netzwerkanalyse-63, 279, 290 Normen-128 Ontogenese-179 organisierter Sport-18 Othering-261, 263, 266f., 270 Partizipation-81 pathogenetisch-176 Persönlichkeitsgenese-70 Population-251 (post-)positivistisches Paradigma-53 Prävalenz-251 Prävalenzrate-251 Prävention-183, 185 Primärprävention-184 Sekundärprävention-184 Tertiärprävention-184 Praxistheorie-43 qualitative Methoden-58 qualitatives Interview-59 quantitative Methoden-54 race-132 Racist Stacking-266 Randsportarten-216 Rassismus-122, 259, 261, 263f. Rational Choice Modelle-38 Rationalismus-164 Reliabilität-56f. Repräsentativität-57, 76 Resonanztheorie-204 Risikosport-171 salutogenetisch-176 Sampling-203 Schichtmodelle-117 Schulsport-80, 172, 202, 253 Sekundärprävention-184 Selbstformung-170 Selbstoptimierung-182, 205 sex-129 Sextest-135, 137 sexualisierte Gewalt-246f., 249, 251 Prävention-249, 253 sexualisierte Grenzverletzungen-247 Sexualisierung-135 soziale Medien-77, 205 soziale Ungleichheit-114ff., 120, 132, 183 Sozialisation-70, 75, 80 Sozialisationsforschung-69 Sozialstatus-134 Spitzensport-18 Spitzenverband-19 Sportangebot-26 Sportberichterstattung-215, 265 Sportbeteiligung-79, 113 sportbezogene Sozialisation-73 Sportengagement-76, 78, 91, 98 Sportentwicklungsplanung-280f., 283 integrierte-287 kooperative Ansätze-287 partizipative-287 richtwertbezogene Ansätze-286 verhaltensorientierte Ansätze-287 sportive Handlungsbefähigung-73 Sportkonsum-68 Sportpartizipation-114 Sportstättenentwicklungsplanung-280 Sportsystem-18 Sporttrends-77 Sportverein-20, 76, 79f., 102, 118, 122, 137, 186f., 246 Stadtsportbund-19 Sturzprävention-101 subjektive Gesundheit-99 subjektives Alter-93 Subsidiarität-18 Sustainable Development Goals (SDGs)-297f. Systemtheorie-39, 233, 235 Tertiärprävention-184 theoretische Sättigung-61 Register 315 <?page no="316"?> Trends-77 Trendsport-170, 197ff., 201, 284 Trickle-Down-Effekt-20 Trickle-Up-Effekt-20 UN-Kinderrechtskonvention-80 Validität-57 Verband mit besonderen Aufgaben-20 Vermittlungsmethoden-203 Versportlichung-201 Vorbildeffekte-55 weiß/ Weißsein-260f., 263, 265, 268, 270 Werturteilsstreit-52 X-Games-205 Zivilisierung-165 Zugang zum Sport-113 Zugehörigkeit, ethnische-134 Zwangsmigration-149, 153f. 316 Register <?page no="317"?> Abbildungsverzeichnis Abb. 1.1: Schematische Darstellung der Struktur des (organisierten) Sportsystems in Deutschland; eigene Darstellung. . . . . . . . . . . . 19 Abb. 1.2: Pyramidenmodell des organisierten Sports - wechselseitige Effekte zwischen Spitzen- und Breitensport (Trickle-Down- und Trickle-Up-Effekt); eigene Darstellung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21 Abb. 1.3: Kirchenform des Sports - breites ‚Schiff ‘ ohne Leistungsambitionen, schmaler ‚Turm‘ mit Übergang in den Spitzensport); eigene Darstellung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22 Abb. 2.1: Theoriespektrum der Sportsoziologie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 Abb. 4.1: Beteiligungsmöglichkeiten von Jugendlichen in der Sportgruppe im Jahr 2024 (N > 488). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 81 Abb. 5.1: Zustimmungsgrad zum Thema Gesundheit und körperliche Leistungsfähigkeit im höheren Lebensalter, n= 990-1003 (Mittelwerte). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97 Abb. 12.1: Mediatisierungstreppe (eigene Darstellung in Anlehnung an Dohle et al. (2009)). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 217 Abb. 16.1: Akteure der kommunalen Sportentwicklung. . . . . . . . . . . . . . . . 285 Abb. 17.1: Nachhaltigkeit im Spannungsfeld ökologischer, sozialer und ökonomischer Aspekte. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 297 Abb. 17.2: Die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals - SDGs) der UN (2015). . . . . . . . . . . . . . . . . . 298 <?page no="318"?> Tabellenverzeichnis Tab. 1.1: Überblick über gesellschaftliche Funktionen des Spitzensports und des organisierten Breitensports; eigene Darstellung. . . . . . . . . . . . . 23 Tab. 6.1: Idealtypische Kennzeichnung der unterschiedlichen Sportpräferenzen unterer und oberer Sozialschichten (Nagel, 2003, S.-80). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117 Tab. 10.1: Nationale Empfehlungen für Bewegung und Bewegungsförderung (NEBB) für verschiedene Zielgruppen nach Art der körperlichen Aktivität (in Anlehnung an WHO (2020) sowie Rütten und Pfeiffer (2016) in BMG (2022, S.-11; 2024a, S.-14-15; 2024b, S.-14-15). . . . . . . 181 Tab. 12.1: Merkmale von Mediensportarten und ihre Mediatisierung (stark verkürzte und reduzierte Darstellung nach Horky, 2009a, S.-306). . 216 <?page no="319"?> Grundwissen Sportsoziologie bietet eine fundierte, verständliche und praxisnahe Einführung in zentrale Themen des Sports. Renommierte Expert: innen erläutern grundlegende Theorien und Methoden, beleuchten sportbezogene Sozialisation von jungen und älteren Menschen und zeigen, wie Teilhabe im Sport gelingen kann. Im Fokus stehen zudem aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen: Diversität und soziale Ungleichheit, Migration, Körperbilder und Gesundheit, Rassismus und sexualisierte Gewalt. Auch neue Trendsportarten, eSport und die zunehmende Mediatisierung von Sportereignissen werden anschaulich dargestellt. Den Abschluss bilden zwei zukunftsweisende Kapitel zu Nachhaltigkeit und Sportentwicklungsplanung. Ein besonderer Service: Über 300 Online-Fragen unterstützen beim Vertiefen und Überprüfen des Gelernten. Das unverzichtbare Grundlagenwerk für alle, die Sport aus soziologischer Perspektive verstehen, reflektieren und aktiv mitgestalten wollen. utb+ Das Lehrwerk mit dem digitalen Plus Sportwissenschaft | Soziologie ISBN 978-3-8252-6606-6 Dies ist ein utb-Band aus dem UVK Verlag. utb ist eine Kooperation von Verlagen mit einem gemeinsamen Ziel: Lehr- und Lernmedien für das erfolgreiche Studium zu veröffentlichen. utb.de QR-Code für mehr Infos und Bewertungen zu diesem T itel mit eLearning- Kurs Grundwissen Sportsoziologie Wagner (Hrsg.) Ingo Wagner (Hrsg.) Grundwissen Sportsoziologie 6606-6_Wagner_L_6606_PRINT.indd Alle Seiten 6606-6_Wagner_L_6606_PRINT.indd Alle Seiten 27.04.26 10: 40 27.04.26 10: 40